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Full text of "Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. Dritte Folge"

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Sammlung kleiner Schriften 



zur 



NEUROSENLEHRE 



von 



Prof. Dr. Sigm. Freud. 



Dritte Folge. 




LEIPZIG UND WIEN 

FRANZ DEUTICKE 

1913. 



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Verl:.g8-Kr. 2117 



VERLAG VON FRANZ DEUTICKE IN LEIPZIG UND WIEN. 



i 



\s 



Nachstehende elf Werke, welche als die Dokumente für den Ent- 
wicklungsgang and Iuhalt der Freudachen Lehren anzusehen sind, 
werden, wenn auf einmal bezogen, zum Vorzugspreise von M 42«— 
— K 50«40 (statt M 52*50 = K 63*—) ahgegehen: 

Studien über Hysterie. 

Von Dr. Jos. Breuer und Prof. Dr. Sigm. Freud. 

Zweite Auflage. Preis M V— = K 8-40. 

Sammlang kleiner Schriften zur Neurosenielire. 

Von Prof. Dr. Sigm. Freud. 

I. und II. Reihe. 2. Auflage. Preis ä M 5' — = K 6- — . 

111. Reihe. Preis M T— = K 840. 

Die Traumdeutung. 

Von Prof. Dr. Sigm. Freud. 
Dritte, vermehrte Auflage. Preis M 10-— = TT 12— . 

Der Witz und seine Beziehung' zum Unbewußten. 

Von Prof. Dr. Sigm. Freud. 
Zweite Auflage. Preis M 5-— = K 6- - . 

u Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 

Von Prof. Dr. Sigm. Freud. 
Zweite Auflage. Preis M 2-— = K 240. 

Der Wahn und die Träume in W. Jensens „Gradiva". 

(Schriften zur angewandten Seelenkunde. I. Heft.) 

Von Prof. Dr. Sigm. Frend. 

Zweite Auflage. Preis M 2-50 = K 3—. 

E ine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. 

(Schriften zur angewandten Seelenknnde. Tu. Heft.) 

Von Prof. Dr. Sigm. Freud. 

Preis M 250 = K 3—. 

u Über Psychoanalyse. 

Fünf Vorlesungen, gehalten zur 20jährigen Gründungsfeier 

der Clark University in Worcester Mass. 

Von Prof. Dr. Sigm. Frend. 

Zweite Auflage. Preis M 1-50 — K 1-80. 

r> Zur Psychopathologie des Alltagslebens. 

(Über Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglaube 

nnd Irrtum.) 
Von Prof. Dr. Sigm. Freud. 

Vierte, vermehrte Auflage. Preis M 5-— = K 6- — . 
(Verlag von S. Karger in Berlin.) 







Sammlung- kleiner Schriften 



zur 



NEUROSENLEHRE 















von 



Prof. Dr. Sigm. Freud, 



Dritte Folge. 




LEIPZIG UND WIEN 

FRANZ DEUTICKE 

1913. 



ö- 



I 



Verlags-Nr. 2117. 



Kgl.UuivrBiM.' 
Berlin 



b 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Druck Ton Budolf M. Bohrer in Brunn. 









Inhaltsverzeichnis. 



I. Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben i 

IL Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose 123 

III. Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch be- 
schriebenen Fall von Paranoia (Dementia paranoides) 1 98 

IV. Nachtrag zu dem autobiographisch beschriebenen Falle von 
-Laranoia (Dementia paranoides) 267 

V. Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens 271 

VI. „Über den Gegensinn der Urworte" 280 

VII. Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie ... 288 

VIII. Über „wilde« Psychoanalyse 299 

IX. Über neurotische Erkrankungstypen 306 

X. Die psychogene Sehstörung in psychoanalytischer Auffassung . . 314 









I. 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 



I. Einleitung. 

Die auf den folgenden Blättern darzustellende Kranken- 
und Heilungsgeschickte eines sehr jugendlichen Patienten ent- 
stammt, streng genommen, nicht meiner Beobachtung. Ich habe 
zwar den Plan der Behandlung im ganzen geleitet und auch 
ein einziges Mal in einem Gespräche mit dem Knaben persönlich 
eingegriffen; die Behandlung selbst hat aber der Vater des 
Kleinen durchgeführt, dem ich für die Überlassung seiner No- 
tizen zum Zwecke der Veröffentlichung zu ernstem Danke ver- 
pflichtet bin. Das Verdienst des Vaters reicht aber weiter; ich 
meine, es w,äre einer andern Person überhaupt nicht gelungen, 
das Kind zu solchen Bekenntnissen zu bewegen; die Sachkenntnis, 
vermöge welcher der Vater die Äußerungen seines 5jährigen 
Sohnes zu deuten verstand, hätte sich nicht ersetzen lassen, die 
technischen Schwierigkeiten einer Psychoanalyse in so zartem 
Alter wären unüberwindbar geblieben. Nur die Vereinigung der 
väterlichen und der ärztlichen Autorität in einer Person, das 
Zusammentreffen des zärtlichen Interesses mit dem wissenschaft- 
lichen bei derselben, haben es in diesem einen Falle ermöglicht, 
von der Methode eine Anwendung zu machen, zu welcher sie 
sonst ungeeignet gewesen wäre. 

Der besondere Wert dieser Beobachtung ruht aber in Fol- 
gendem: Der Arzt, der einen erwachsenen Nervösen psycho- 
analytisch behandelt, gelangt durch seine Arbeit des schichtweisen 
Aufdeckens psychischer Bildungen schließlich zu gewissen An- 

Freud, Neurosenlehre. III. 



! 



nahmen über die infantile Sexualität, in deren Komponenten er 
die Triebkräfte aller neurotischen Symptome des späteren Lebens 
gefunden zu haben glaubt. Ich habe diese Annahmen in meinen 
1905 veröffentlichten „Drei Abhandlungen zur Sexual theorie" 
dargelegt; ich weiß, daß sie dem Fernerstehenden ebenso be- 
fremdend erscheinen wie dem Psychoanalytiker unabweisbar. Aber 
auch der Psychoanalytiker darf sich den Wunsch nach einem 
direkteren, auf kürzerem Wege gewonnenen Beweise jener funda- 
mentalen Sätze eingestehen. Sollte es denn unmöglich sein, un- 
mittelbar am Kinde in aller Lebensfrische jene sexuellen Re- 
gungen und Wunschbildungen zu erfahren, die wir beim Gealterten 
mit soviel Mühe aus ihren Verschüttungen ausgraben, von denen 
wir noch überdies behaupten, daß sie konstitutionelles Gemeingut 
aller Menschen sind und sich beim Neurotiker nur verstärkt oder 
verzerrt zeigen? 

In solcher Absicht pflege ich meine Schüler und Freunde 
seit Jahren anzueifern, daß sie Beobachtungen über das zumeist 
geschickt übersehene oder absichtlich verleugnete Sexualleben 
der Kinder sammeln mögen. Unter dem Material, welches infolge 
dieser Aufforderung in meine Hände gelangte, nahmen die fort- 
laufenden Nachrichten über den kleinen Hans bald eine hervor- 
ragende Stelle ein. Seine Eltern, die beide zu meinen nächsten 
Anhängern gehörten, waren übereingekommen, ihr erstes Kind 
mit nicht mehr Zwang zu erziehen, als zur Erhaltung guter Sitte 
unbedingt erforderlich werden sollte, und da das Kind sich zu 
einem heiteren, gutartigen und aufgeweckten Buben entwickelte, 
nahm der Versuch, ihn ohne Einschüchterung aufwachsen und 
sich äußern zu lassen, seinen guten Fortgang. Ich gebe nun die 
Aufzeichnungen des Vaters über den kleinen Hans wieder, wie 
sie mir zugetragen wurden, und werde mich selbstverständlich 
jedes Versuches enthalten, die Naivität und Aufrichtigkeit der 
Kinderstube durch konventionelle Entstellungen zu stören. 

Die ersten Mitteilungen über Hans datieren aus der Zeit, 
da er noch nicht ganz drei Jahre alt war. Er äußerte damals 
durch verschiedene Reden und Fragen ein ganz besonders leb- 
haftes Interesse für den Teil seines Körpers, den er als „Wiwi- 
macher" zu bezeichnen gewohnt war. So richtete er einmal an 
seine Mutter die Frage: 



Haus: „Mama hast du auch einen Wiwimacher?" 

Mama: „Selbstverständlich. Weshalb?" 

Hans: „Ich hab' nur gedacht." 

Im gleichen Alter kommt er einmal in einen Stall und 
sieht, wie eine Kuh gemolken wird. „Schau, aus dem Wiwimacher 
kommt Milch." 

Schon diese ersten Beobachtungen machen die Erwartung 
rege, daß vieles, wenn nicht das meiste, was uns der kleine Hans 
zeigt, sich als typisch für die Sexualentwicklung des Kindes 
herausstellen wird. Ich habe einmal ausgeführt 1 ), daß man nicht 
zu sehr entsetzt zu sein braucht, wenn man bei einem weiblichen 
Wesen die Vorstellung vom Saugen am männlichen Gliede findet. 
Diese anstößige Regung habe eine sehr harmlose Abkunft, da 
sie sich vom Saugen an der Mutterbrust ableitet, wobei das Euter 
der Kuh, — seiner Natur nach eine Mamma, seiner Gestalt und 
Lage nach ein Penis — eine passende Vermittlung übernimmt. 
Die Entdeckung des kleinen Hans bestätigt den letzten Teil 
meiner Aufstellung. 

Sein Interesse für den Wiwimacher ist indes kein bloß 
theoretisches; wie zu vermuten stand, reizt es ihn auch zu Be- 
rührungen des Gliedes. Im Alter von S 1 / 2 Jahren wird er von 
der Mutter, die Hand am Penis, betroffen. Diese droht: „Wenn 
du das machst, lass' ich den Dr. A. kommen, der schneidet dir 
den Wiwimacher ab. Womit wirst du dann Wiwi machen?" 

Hans: „Mit dem Popo." 

Er antwortet noch ohne Schuldbewußtsein, aber er erwirbt 
bei diesem Anlasse den „Kastrationskomplex", den man in den 
Analysen der Neurotiker so oft erschließen muß, während sie 
sich sämtlich gegen die Anerkennung desselben heftig sträuben. 
Über die Bedeutung dieses Elementes der Kindergeschichte wäre 
viel Wichtiges zu sagen. Der „Kastrationskomplex" hat im Mythus 
(und zwar nicht nur im griechischen) auffällige Spuren hinter- 
lassen; ich habe seine Rolle in einer Stelle der „ Traumdeutung u 
(p. 385 der zweiten Auflage) und noch anderwärts gestreift. 

Etwa im gleichen Alter (3V2 Jahre) ruft er in Schönbrunn 

J ) Bruchstück einer Hysterieanalyse, 1905. (Wieder abgedruckt in der 
•Zweiten Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, 1909.) 

1* 



vor dem Löwenkäfige freudig erregt aus: „Ich hab' den Wiwi- 
maclier vom Löwen gesehen." 

Die Tiere verdanken ein gutes Stück der Bedeutung, die 
sie im Mythus und im Märchen haben, der Offenheit, mit der 
sie dem kleinen, wißbegierigen Menschenkinde ihre G-enitalien 
und ihre sexuellen Funktionen zeigen. Die sexuelle Neugierde 
unseres Hans leidet wohl keinen Zweifel, aber sie macht ihn 
auch zum Forscher, gestattet ihm richtige begriffliche Erkenntnisse. 

Er sieht auf dem Bahnhofe, 3 3 / 4 Jahre alt, wie aus einer 
Lokomotive "Wasser ausgelassen wird. „Schau, die Lokomotive 
macht "Wiwi. "Wo hat sie denn den "Wiwimacher?" 

Nach einer "Weile setzt er nachdenklich hinzu: „Ein Hund 
und ein Pferd hat einen "Wiwimacher; ein Tisch und ein Sessel 
nicht." So hat er ein wesentliches Kennzeichen für die Unter- 
scheidung des Lebenden vom Leblosen gewonnen. 

Wißbegierde und sexuelle Neugierde scheinen untrennbar 
voneinander zu sein. Hans' Neugierde erstreckt sich ganz be- 
sonders auf die Eltern. 

Hans, 3 3 / 4 Jahre: „Papa, hast du auch einen Wiwimacher?" 

Vater: „Ja, natürlich." 

Hans: „Aber ich hab' ihn nie gesehen, wenn du dich aus- 
gezogen hast." 

Ein andermal sieht er gespannt zu, wie sich die Mama vor 
dem Schlafengehen entkleidet. Diese fragt: „Was schaust du 

denn so?" 

Hans: „Ich schau' nur, ob du auch einen "Wiwimacher hast?" 

Mama: „Natürlich. Hast du denn das nicht gewußt?" 

Hans: „Nein, ich hab' gedacht, weil du so groß bist, hast 
du einen "Wiwimacher wie ein Pferd." 

Wir wollen uns diese Erwartung des kleinen Hans merken; 
sie wird später zu Bedeutung kommen. 

Das große Ereignis in Hansens Leben ist aber die Geburt 
seiner kleinen Schwester Hanna, als er genau d 1 / 2 Jahre alt war 
[April 1903 bis Oktober 1906]. Sein Benehmen bei diesem An- 
lasse wurde vom Vater unmittelbar notiert: „Früh um 5 Uhr, 
mit dem Beginne der "Wehen, wird Hans' Bett ins Nebenzimmer 
gebracht; hier erwacht er um 7 Uhr und hört das Stöhnen der 



Gebärenden, worauf er fragt: „Was hustet denn die Mama?" 
— Nach einer Pause: „Heut' kommt gewiß der Storch." 

„Man hat ihm natürlich in den letzten Tagen oft gesagt, der 
Storch wird ein Mäderl oder Buberl bringen, und er verbindet das 
ungewohnte Stöhnen ganz richtig mit der Ankunft des Storches." 

„Später wird er in die Küche gebracht; im Vorzimmer 
sieht er die Tasche des Arztes und fragt: „Was ist das?", 
worauf man ihm sagt: „Eine Tasche." Er dann überzeugt: „Heut' 
kommt der Storch." Nach der Entbindung kommt die Hebamme 
in die Küche und Hans hört, wie sie anordnet, man möge einen 
Tee kochen, worauf er sagt: „Aha, weil die Mammi hustet, be- 
kommt sie einen Tee." Er wird dann ins Zimmer gerufen, schaut 
aber nicht auf die Mama, sondern auf die Gefäße mit blutigem 
Wasser, die noch im Zimmer stehen, und bemerkt, auf die 
blutige Leibschüssel deutend, befremdet: „Aber aus meinem 
Wiwimacher kommt kein Blut." 

„Alle seine Aussprüche zeigen, daß er das Ungewöhnliche 
der Situation mit der Ankunft des Storches in Zusammenhang 
bringt. Er macht zu allem, was er sieht, eine sehr mißtrauische, 
gespannte Miene, und zweifellos hat sich das erste Miß- 
trauen gegen den Storch bei ihm festgesetzt." 

„Hans ist auf den neuen Ankömmling sehr eifersüchtig 
und sagt, wenn irgend wer sie lobt, schön findet usw., sofort 
höhnisch: „Aber sie hat noch keine Zähne 1 )." Als er sie nämlich 
zum erstenmal sah, war er sehr überrascht, daß sie nicht sprechen 
kann, und meinte, sie könne nicht sprechen, weil sie keine Zähne 
habe. Er wird in den ersten Tagen selbstverständlich sehr zurück- 
gesetzt und erkrankt plötzlich an Angina. Im Fieber hört man 
ihn sagen: „Aber ich will kein Schwesterl haben!" 

„Nach etwa einem halben Jahre ist die Eifersucht über- 
wunden, uud er wird ein ebenso zärtlicher wie seiner Überlegenheit 
bewußter Bruder 2 )." 

J ) Wiederum ein typisches Verhalten. Ein anderer, nur um zwei Jahre 
älterer Bruder pflegte unter den gleichen Verhältnissen ärgerlich mit dem 
Ausrufe: „zu k(l)ein, zu k(l)ein, u abzuwehren. 

2 ) „Der Storch soll ihn wieder mitnehmen," äußerte ein anderes, 
älteres Kind zum Willkomm des Brüderchens. Vergleiche hierzu, was ich 
in der „Traumdeutung" über die Träume vom Tode teuerer Verwandter 
bemerkt habe (p. 175 ff., 2. Aufl.). 



6 

„Ein wenig später sieht Hans zu, wie man seine ein- 
wöchentliche Schwester badet. Er bemerkt: „Aber ihr Wiwi- 
macher ist noch klein," und setzt wie tröstend hinzu: „Wenn 
sie wachst, wird er schon größer werden 1 )." 

„Im gleichen Alter, zu 3% Jahren, liefert Hans die erste 
Erzählung eines Traumes. „Heute, wie ich geschlafen habe, habe 
ich geglaubt, ich bin in G-munden mit der Mariedl." 

„Mariedl ist die 13jährige Tochter des Hausherrn, die 
oft mit ihm gespielt hat." 



l ) Das nämliche Urteil, in den identischen "Worten ausgedrückt und 
von der gleichen Erwartung gefolgt, würde mir von zwei anderen Knaben 
berichtet, als sie den Leib eines kleinen Schwesterchens zuerst neugierig 
beschauen konnten. Man könnte über diese frühzeitige Verderbnis des kind- 
lichen Intellektes erschrecken. Warum konstatieren diese jugendlichen 
Forscher nicht, was sie wirklich sehen, nämlich, daß kein Wiwimacher vor- 
handen ist? Für unseren kleinen Hans können wir allerdings die volle Auf- 
klärung seiner fehlerhaften Wahrnehmung geben. Wir wissen, er hat sich 
durch sorgfältige Induktion den allgemeinen Satz erworben, daß jedes be- 
lebte Wesen im Gegensätze zum Unbelebten einen Wiwimacher besitzt; die 
Mutter hat ihn in dieser Überzeugung bestärkt, indem sie ihm bejahende 
Auskünfte über solche Personen gab, die sich seiner eigenen Beobachtung 
entzogen. Er ist nun ganz und gar unfähig, seine Errungenschaft wegen der 
einen Beobachtung an der kleinen Schwester wieder aufzugeben. Er urteilt 
also, der Wiwimacher ist auch hier vorhanden, er ist nur noch sehr klein 
aber er wird wachsen, bis er so groß geworden ist wie der eines Pferdes. 

Wir wollen zur Ehrenrettung unseres kleinen Hans ein Weiteres tun. 
Er benimmt sich eigentlich nicht schlechter als ein Philosoph der Wundt- 
schen Schule. Für einen solchen ist das Bewußtsein der nie fehlende Cha- 
rakter des Seelischen, wie für Hans der Wiwimacher das unentbehrliche 
Kennzeichen alles Lebenden. Stößt der Philosoph nun auf seelische Vor- 
gänge, die man erschließen muß, an denen aber wirklich nichts von Be- 
wußtsein wahrzunehmen ist — man weiß nämlich nichts von ihnen und 
kann doch nicht umhin, sie zu erschließen — so sagt er nicht etwa, dies 
seien unbewußte seelische Vorgänge, sondern er heißt sie dunkelbewußte. 
Der Wiwimacher ist noch sehr klein! Und bei diesem Vergleiche ist der 
Vorteil noch auf Seiten unseres kleinen Hans. Denn, wie so häufig bei den 
Sexualforschungen der Kinder, ist auch hier hinter dem Irrtume ein Stück 
richtiger Erkenntnis verborgen. Das kleine Mädchen besitzt allerdings auch 
einen kleinen Wiwimacher, den wir Klitoris heißen, wenn er auch nicht 
wächst, sondern verkümmert bleibt. (Vgl. meine kleine Arbeit „Über infantile 
Sexualtheorien, « Sexualprobleme, 1908; abgedruckt in der zweiten Folge 
der kleinen Schriften zur Neurosenlehre.) 






Wie nun der Vater den Traum der Mutter in seiner Gegen- 
wart erzählt, bemerkt Hans richtigstellend: „Nicht mit der 
Mariedl, ganz allein mit der Mariedl." 

Hierzu ist zu bemerken: „Hans war im Sommer 1906 in 
Gmunden, wo er sich den Tag über mit den Hausherrnkindern 
herumtrieb. Als wir von Gmunden abreisten, glaubten wir, daß 
ihm der Abschied und die Übersiedlung in die Stadt schwer 
fallen würden. Dies war überraschenderweise nicht der Fall. Er 
freute sich offenbar über die Abwechslung und erzählte durch 
mehrere Wochen sehr wonig von Gmunden. Erst nach Ablauf 
von Wochen stiegen öfter lebhaft gefärbte Erinnerungen an die 
in Gmunden verbrachte Zeit in ihm auf. Seit etwa 4 Wochen 
verarbeitet er diese Erinnerungen zu Phantasien. Er phantasiert, 
daß er mit den Kindern Berta, Olga und Fritzl spielt, spricht 
mit ihnen, als ob sie gegenwärtig wären, und ist imstande, sich 
stundenlang so zu unterhalten. Jetzt, wo er eine Schwester be- 
kommen hat und ihn offenbar das Problem des Kinderkriegens 
beschäftigt, nennt er Berta und Olga nur mehr „seine Kinder" 
und fügt einmal hinzu: „Auch meine Kinder, Berta und Olga, 
hat der Storch gebracht." Der Traum, jetzt nach ömonatlicher 
Abwesenheit von Gmunden, ist offenbar als Ausdruck seiner 
Sehnsucht, nach Gmunden zu fahren, zu verstehen." 

So weit der Vater; ich bemerke vorgreifend, daß Hans mit 
der letzten Äußerung über seine Kinder, die der Storch gebracht 
haben soll, einem in ihm steckenden Zweifel laut widerspricht. 

Der Vater hat zum Glück man- 
cherlei notiert, was später zu un- 
geahntem AVerte kommen sollte. „Ich 
zeichne Hans, der in letzter Zeit öfter 
in Schönbrunn war, eine Giraffe. Er 
sagt mir: „Zeichne doch auch den 
Wiwimacher." Ich darauf: „Zeichne 
du ihn selbst dazu." Hierauf fügt er 
an das Bild der Giraffe folgenden 
Strich [die Zeichnung liegt bei], den 
er zuerst kurz zieht und dem er dann 
ein Stück hinzufügt, indem er bemerkt: 
„Der Wiwimacher ist länger." Ig ' 




8 



„Ich gebe mit Hans an einem Pferde vorbei, das 
uriniert. Er sagt: „Das Pferd hat den Wiwimacher unten so 
wie ich." 

„Er sieht zu, wie man seine 3monatliche Schwester badet, 
und sagt bedauernd: „Sie hat einen ganz, ganz kleinen Wiwi- 
macher." 

„Er erhält eine Puppe zum Spielen, die er auskleidet. Er 
schaut sie sorgfältig an und sagt: „Die hat aber einen ganz 
kleinen Wiwimacher." 

Wir wissen bereits, daß es ihm mit dieser Formel 
möglich gemacht ist, seine Entdeckung [vgl. p. 6] aufrecht 
zu halten. 

Jeder Forscher ist in Gefahr, gelegentlich dem Irrtums 
zu verfallen. Ein Trost bleibt es, wenn er, wie unser Hans im 
nächsten Beispiele, nicht allein irrt, sondern sich zur Ent- 
schuldigung auf den Sprachgebrauch berufen kann. Er sieht 
nämlich in seinem Bilderbuche einen Affen und zeigt auf 
dessen aufwärts geringelten Schwanz: „Scha.u, Vatti, der Wiwi- 
macher." 

In seinem Interesse für den Wiwimacher hat er sich ein 
ganz besonderes Spiel ausgedacht. „Im Vorzimmer ist der Abort 
und eine dunkle Holzkammer. Seit einiger Zeit geht Hans in 
die Holzkammer und sagt: „Ich geh' in mein Klosett." Einmal 
schaue ich hinein, um zu sehen, was er in der dunklen Kammer 
macht. Er exhibiert und sagt: „Ich mache Wiwi." Das heißt 
also: er „spielt" Klosett. Der Spielcharakter erhellt nicht nur 
daraus, daß er das Wiwimachen bloß fingiert und nicht etwa 
wirklich ausführt, sondern auch daraus, daß er nicht ins Klosett 
geht, was eigentlich viel einfacher wäre, vielmehr die Holzkammer 
vorzieht, die er „sein Klosett" heißt." 

Wir würden Hans unrecht tun, wenn wir nur die auto- 
erotischen Züge seines Sexuallebens verfolgten. Sein Vater 
hat uns ausführliche Beobachtungen über seine Liebesbe- 
ziehungen zu anderen Kindern mitzuteilen, aus denen sich 
eine „Objektwahl" wie beim Erwachsenen ergibt. Freilich auch 
eine ganz bemerkenswerte Beweglichkeit und polygamische 
Veranlagung. 



„Im Winter (3 3 / 4 Jahre) nehme ich Hans auf den Eislauf- 
platz mit und mache ihn mit den beiden um 10 Jahre 
alten Töchterchen meines Kollegen N. bekannt. Hans setzt sich 
neben sie, die im Gefühle ihres reifen Alters ziemlich verächtlich 
auf den Knirps herabblicken, und schaut sie verehrungsvoll an, 
was ihnen keinen großen Eindruck macht, Hans spricht trotz- 
dem von ihnen nur als „meine Mäderln". „Wo sind denn meine 
Mäderln? Wann kommen denn meine Mäderln?" und quält mich 
zu Hause einige Wochen lang mit der Erage: „Wann geh' ich 
wieder auf den Eisplatz zu meinen Mäderln?" 

Ein 5 jähriger Cousin von Hans ist bei dem nun 4jährigen 
zu Besuch. Hans umarmt ihn fortwährend und sagt einmal bei 
einer solcher zärtlichen Umarmung: „Ich hab' dich aber lieb." 
Es ist dies der erste, aber nicht der letzte Zug von 
Homosexualität, dem wir bei Hans begegnen werden. Unser 
kleiner Hans scheint wirklich ein Ausbund aller Schlechtigkeiten 
zu sein! 

„Wir sind in eine neue Wohnung eingezogen. (Hans ist 
4 Jahre alt.) Von der Küche führt die Tür auf einen Klopf- 
balkon, von wo aus man in eine vis-ä-vis gelegene Hofwohnung 
sieht. Hier hat Hans ein etwa 7— Sjähriges Mäderl entdeckt. 
Er setzt sich nun, um sie zu bewundern, auf die Stufe, die zum 
Klopfbalkon führt, und bleibt dort stundenlang sitzen. Speziell 
um 4 Uhr p. m., wenn das Mäderl aus der Schule kommt, ist 
er nicht im Zimmer zu halten und läßt sich nicht abbringen, 
seinen Beobachtungsposten zu beziehen. Einmal, als das Mäderl 
sich nicht zur gewohnten Stunde beim Fenster zeigt, wird Hans 
ganz unruhig und belästigt die Hausleute mit Fragen: „Wann 
kommt das Mäderl? Wo ist das Mäderl?" usw. Wenn sie dann 
erscheint, ist er ganz selig und wendet den Blick von der 
Wohnung gegenüber nicht mehr ab. Die Heftigkeit, mit der 
diese „Liebe per Distanz" 1 ) auftrat, findet ihre Erklärung darin, 
daß Hans keinen Kameraden und keine Gespielin hat. Zur 
normalen Entwicklung des Kindes gehört offenbar reichlicher 
Verkehr mit anderen Kindern." 



l ) W. Busch: Und die Liebe per Distanz, 

Kurzgesagt, mißfällt mir ganz. 



LO 

„ Dieser wird dann Hans zuteil, als wir kurz darauf (4Y<j Jahre) 
zum »Sommeraufenthalte nach Gmunden übersiedeln. In unserem 
Hause sind seine Spielgefährten die Kinder des Hausherrn: Franzi 
(etwa 12 Jahre), Fritzl (8 Jahre), Olga (7 Jahre), Berta (5 Jahre) 
und überdies die Nachbarkinder: Anna (10 Jahre) und noch 
zwei Mäderl im Alter von 9 und 7 Jahren, deren Namen ich 
nicht mehr weiß. Sein Liebling ist Fritzl, den er oft umarmt 
und seiner Liebe versichert. Er wird einmal gefragt: „Welches 
von den Mäderln hast du denn am liebsten?" Er antwortet: 
„Den Fritzl." Gleichzeitig ist er gegen die Mädchen sehr ag- 
gressiv, männlich, erobernd, umarmt sie und küßt sie ab, was 
sich namentlich Berta ganz gerne gefallen läßt. Als Berta eines 
Abends aus dem Zimmer kommt, umhalst er sie und sagt im 
zärtlichsten Tone: „Berta, du bist aber lieb", was ihn übrigens 
nicht hindert, auch die anderen zu küssen und seiner Liebe zu 
versichern. Auch die etwa 14 Jahre alte Mariedl, ebenfalls eine 
Tochter des Hausherrn, die mit ihm spielt, hat er gerne und 
sagt eines Abends, als er zu Bette gebracht wird: „Die Mariedl 
soll bei mir schlafen." Auf die Antwort: „Das geht nicht," 
sagt er: „So soll sie bei der Mammi oder dem Vatti schlafen." 
Man erwidert ihm: „Auch das geht nicht, die Mariedl muß 
bei ihren Eltern schlafen", und nun entwickelt sich folgender 
Dialog: 

Hans: „So geh' ich halt hinunter zur Mariedl schlafen." 

Mama: „Du willst wirklich von der Mammi weggehen, um 
unten zu schlafen?" 

Hans: „No r früh komm' ich doch wieder herauf zum Kaffee- 
trinken und Auf dieseitegehen. " 

Mama: „Wenn du wirklich von Vatti und Mammi gehen 
willst, so nimm dir deinen Rock und deine Hose und — adieu!" 

„Hans nimmt wirklich seine Kleider und geht zur Treppe, 
um zur Mariedl schlafen zu gehen, wird natürlich zurückgeholt." 

„[Hinter dem Wunsche: „Die Mariedl soll bei uns schlafen", 
steckt der andere: „Die Mariedl, mit der er so gerne beisammen 
ist, soll in unsere Hausgemeinschaft aufgenommen werden. 
Zweifellos sind aber dadurch, daß Vater und Mutter Hans 
wenn auch nicht allzuhäufig, in ihr Bett nahmen, bei diesem 



11 



Beieinanderliegen erotische Gefühle in ihm erweckt worden, und 
der Wunsch, hei der Mariedl zu schlafen, hat auch seinen 
erotischen Sinn. Bei Vater oder Mutter im Bette liegen, ist für 
Hans wie für alle Kinder eine Quelle erotischer Regungen]" 

Unser kleiner Hans hat sich bei der Herausforderung der 
Mutter benommen wie ein rechter Mann, trotz seiner homo- 
sexuellen Anwandlungen. 

„Auch in dem folgenden Falle sagte Hans zur Mammi: 
„Du, ich möcht einmal so gerne mit dem Mäderl schlafen" 
Dieser Fall gibt uns reichlich Gelegenheit zur Unterhaltung, 
denn Hans benimmt sich hier wirklich wie ein Großer, der ver- 
liebt ist. In das Gasthaus, wo wir zu Mittag essen, kommt seit 
einigen Tagen ein etwa Sjähriges hübsches Mädchen, in das 
sich Hans natürlich sofort verliebt Er dreht sich auf seinem 
Sessel tortwahrend um, um nach ihr zu schielen, stellt sich, 
nachdem er gegessen hat, in ihrer Nähe auf, um mit ihr zu 
kokettieren, wird aber feuerrot, wenn man ihn dabei beobachtet 
Wird sein Blick von dem Mäderl erwidert, so schaut er sofort 
verschämt auf die entgegengesetzte Seite. Sein Benehmen ist 
natürlich ein großes Gaudium für alle Gasthausgäste. Jeden 
lag, wenn er ins Gasthaus geführt wird, fragt er: „Glaubst du 
wird das Mäderl heute dort sein?« Wenn sie endlich kommt' 
wird er ganz rot wie ein Erwachsener im gleichen Falle. Ein- 
mal kommt er glückselig zu mir und flüstert mir ins Ohr: „Du 
ich weiß schon, wo das Mäderl wohnt. Dort und dort habe" ich 
gesehen, wie sie die Stiege hinaufgegangen ist." Während er 
sich gegen die Mäderl im Hause aggressiv benimmt, ist er hier 
ein platonisch schmachtender Verehrer. Dies hängt vielleicht 
damit zusammen, daß die Mäderl im Hause Dorfkinder sind, 
diese aber eine kultivierte Dame. Daß er einmal sagt, er möchte 
mit ihr schlafen, ist schon erwähnt worden." 

„Da ich Hans nicht in der bisherigen seelischen Spannung 
lassen will, in die ihn seine Liebe zu dem Mäderl versetzt hat, 
habe ich seine Bekanntschaft mit ihr vermittelt, und das Mäderl 
eingeladen, nachmittags zu ihm in den Garten zu kommen, 
wenn er seinen Nachmittagsschlaf absolviert hat. Hans ist durch 
die Erwartung, daß das Mäderl zu ihm kommen wird, so auf- 
geregt, daß er zum erstenmal am Nachmittage nicht schläft, 



12 



sondern sich unruhig im Bette hin und her wälzt. Die Mama 
fragt ihn: „Warum schläfst du nicht? Denkst du vielleicht an 
das Mäderl?", worauf er beglückt „ja" sagt. Er hat auch, als 
er aus dem Gasthofe nach Hause kam, allen Leuten im Hause 
erzählt: „Du, heute kommt mein Mäderl zu mir," und die 
14jährige Mariedl berichtet, daß er sie fortwährend gefragt hat: 
„Du, glaubst du, daß sie mit mir lieb sein wird? Glaubst du, 
daß sie mir einen Kuß geben wird, wenn ich sie küß?" udgl." 

„Nachmittags regnete es aber und so unterblieb der Be- 
such, worauf sich Hans mit Berta und Olga tröstete." 

Weitere Beobachtungen noch aus der Zeit des Sommer- 
aufenthaltes lassen vermuten, daß sich bei dem Kleinen allerlei 
Neues vorbereitet. 

Hans, 47 4 Jahre. Heute früh wird Hans von seiner Mama 
wie täglich gebadet und nach dem Bade abgetrocknet und ein- 
gepudert. Wie die Mama bei seinem Penis, und zwar vorsichtig, 
um ihn nicht zu berühren, pudert, sagt Hans: „Warum gibst 
du denn nicht den Finger hin?" 

Mama: „Weil das eine Schweinerei ist." 

Hans: „Was ist das? Eine Schweinerei? Warum denn?" 

Mama: „Weil es unanständig ist." 

Hans (lachend): „Aber lustig 1 )!" 

Ein etwa gleichzeitiger Traum unseres Hans kontrastiert 
recht auffällig mit der Dreistigkeit, die er gegen die Mutter ge- 
zeigt hat. Es ist der erste durch Entstellung unkenntliche Traum 
des Kindes. Dem Scharfsinne des Vaters ist es aber gelungen, 
ihm die Lösung abzugewinnen. 

„Hans, 4 1 / 4 Jahre. Traum. Heute früh kommt Hans auf 
und erzählt: „Du, heute nachts habe ich gedacht: Einer sagt: 
Wer will zu mir kommen? Dann sagt jemand: Ich. Dann 
muß er ihn Wiwi machen lassen." 



!) Einen ähnlichen Verfiihrungs versuch berichtete mir eine selbst 
neurotische Mutter, die an die infantile Masturbation nicht glauben wollte, 
von ihrem 3*/ 2 Jahre alten Töchterchen. Sie hatte der Kleinen Unterhöschen 
anfertigen lassen und probierte nun, ob sie nicht im Schritt zu eng seien, 
indem sie mit ihrer Hand an der Innenfläche des Oberschenkels nach auf- 
wärts strich. Die Kleine schloß plötzlich die Beine über die Hand zusammen 
und bat: „Mama, laß die Hand doch da. Das tut so gut." 



13 



„Weitere Fragen stellten klar, daß diesem Trauine alles 
Visuelle fehlt, daß er dem reinen Type auditif angehört. Hans 
spielt seit einigen Tagen mit den Kindern des Hausherrn, dar- 
unter seine Freundin Berta (7 Jahre) und Olga (5 Jahre), 
Gesellschaftsspiele, auch Pfänderauslösen. (A.: "Wem gehört das 
Pfand in meiner Hand? B.: Mir. Dann wird bestimmt, was B. 
zu tun hat.) Diesem Pfänderspiele ist der Traum nachgebildet, 
nur wünscht Hans, daß derjenige, der das Pfand gezogen hat, 
nicht zu den usuellen Küssen oder Ohrfeigen verurteilt werde, 
sondern zum Wiwimachen. oder genauer: jemand muß ihn Wiwi 
machen lassen." 

„Ich lasse mir den Traum noch einmal erzählen; er er- 
zählt ihn mit denselben Worten, nur ersetzt er anstatt: „dann 
sagt jemand" — „dann sagt sie". Diese „sie" ist offenbar Berta 
oder Olga, mit denen er gespielt hat. Der Traum lautet also 
übersetzt: Ich spiele mit den Mäderln Pfänderauslösen. Ich 
frage: Wer will zu mir kommen? Sie (Berta oder Olga) ant- 
Avortet: Ich. Dann muß sie mich Wiwi machen lassen. [Beim 
Urinieren behilflich sein, was Hans offenbar angenehm ist.]" 

„Es ist klar, daß das Wiwimachenlassen, wobei dem Kinde 
die Hose geöffnet und der Penis herausgenommen wird, für Hans 
lustbetont ist. Auf Spaziergängen ist es ja zumeist der Vater, 
der dem Kinde diese Hilfe leistet, was Anlaß zur Fixierung 
homosexueller Neigung auf den Vater gibt." 

„Zwei Tage vorher hat er, wie berichtet, die Mama beim 
Waschen und Einpudern der Genitalgegend gefragt: „Warum 
gibst du nicht den Finger hin?" Gestern, als ich Hans auf die 
Seite gehen ließ, sagte er mir zum erstenmal, ich solle ihn 
hinters Haus führen, damit niemand zuschauen könne, und fügte 
hinzu: „Voriges Jahr, wie ich Wiwi gemacht habe, haben mir 
die Berta und die Olga zugesehen." Ich meine, das heißt, voriges 
Jahr war ihm dieses Zuschauen der Mädchen angenehm, jetzt 
aber nicht mehr. Die Exhibitionslust unterliegt jetzt der Ver- 
drängung. Daß der Wunsch, Berta und Olga mögen ihm beim 
Wiwimachen zuschauen [oder ihn Wiwi machen lassen], jetzt 
im Leben verdrängt wird, ist die Erklärung für dessen Auf- 
treten im Traume, in dem er sich die hübsche Einkleidung 
durch das Pfänderspiel geschaffen hat, — Ich beobachtete 



14 



seither wiederholt, daß er beim Wiwiniachen nicht gesehen 
werden will. 1 ' 

Ich bemerke hierzu nur, daß auch dieser Traum sich der 
Regel fügt, die ich in der „Traumdeutung" [p. 255, 2. Aufl.] 
gegeben habe: Reden, die im Traume vorkommen, stammen 
von gehörten oder selbst gehaltenen Reden der nächstvorigen 
Tage ab. 

Aus der Zeit bald nach der Rückkehr nach Wien hat der 
Vater noch eine Beobachtung fixiert: „Hans (4*/ 2 Jahre) sieht 
wieder zu, wie seine kleine Schwester gebadet wird, und fängt 
an zu lachen. Man fragt ihn: „Warum lachst du?" 

Hans: „Ich lache über den Wiwimacher der Hanna." — 

„Warum?" — „Weil der Wiwimacher so schön ist." 

„Die Antwort ist natürlich eine falsche. Der Wiwimacher 

kam ihm eben komisch vor. Es ist übrigens das erstemal, daß 

er den Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Genitale 

in solcher Weise anerkennt, anstatt ihn zu verleugnen." 



IL Krankengeschichte und Analyse. 

„Geehrter Herr Professor! Ich sende Ihnen wieder ein 
Stückchen Hans, diesmal leider Beiträge zu einer Kranken- , 
geschiente. Wie Sie daraus lesen, hat sich bei ihm in den 
letzten Tagen eine nervöse Störung entwickelt, die mich und 
meine Frau sehr beunruhigt, weil wir kein Mittel zu ihrer Be- 
seitigung finden konnten. Ich erbitte mir die Erlaubnis, Sie 
morgen zu besuchen, habe Ihnen aber .... das ver- 
fügbare Material schriftlich aufgezeichnet.". 

„Sexuelle Übererregung durch Zärtlichkeit der Mutter hat 
wohl den Grund gelegt, aber den Erreger der Störung weiß ich 
nicht anzugeben. Die Furcht, daß ihn auf der Gasse ein 
Pferd beißen werde, scheint irgendwie damit zusammen- 
zuhängen, daß er durch einen großen Penis geschreckt ist — 
den großen Penis des Pferdes hat er, wie Sie aus einer frü- 
heren Aufzeichnung wissen, schon zeitig bemerkt, und er hat 
damals den Schluß gezogen, daß die Mama, weil sie so groß 
ist, einen Wiwimacher haben müsse wie ein Pferd." 






15 

„Brauchbares weiß ich damit nicht anzufangen. Hat er 
irgendwo einen Exhibitionisten gesehen? Oder knüpft das Ganze 
nur an die Mutter an ? Es ist uns nicht angenehm, daß er 
schon jetzt anfängt Bätsei aufzugeben. Abgesehen von der 
Furcht auf die Gasse zu gehen und der abendlichen Verstim- 
mung ist er übrigens ganz der alte, lustig, heiter.« 

Wir wollen uns weder die begreiflichen Sorgen noch die 
ersten Erklärungsversuche des Vaters zu eigen machen, sondern 
zunächst uns das mitgeteilte Material beschauen. Es ist gar 
nicht unsere Aufgabe, einen Krankheitsfall gleich zu „verstehen"- 
dies kann erst später gelingen, wenn wir uns genug Eindrücke 
von ihm geholt haben. Vorläufig lassen wir unser Urteil in 
Schwebe und nehmen alles zu Beobachtende mit gleicher Auf- 
merksamkeit hin. 

Die ersten Mitteilungen aber, die aus den ersten Jänner- 
tagen dieses Jahres, 1908, stammen, lauten: 

„Hans (4 3 / 4 Jahre) kommt morgens weinend auf und sagt 
der Mama auf die Frage, warum er weine: „Wie ich geschlafen 
hab , hab ich gedacht, du bist fort und ich hab' keine Mammi 
zum bchmeicheln (= liebkosen).« 

„Also ein Angsttraum." 

„Etwas Ähnliches habe ich schon im Sommer in Gmunden 
bemerkt. Er wurde abends im Bette meist sehr weich gestimmt 
und machte. einmal die Bemerkung (ungefähr): wenn ich aber 
keine Mammi hab', wenn du fortgehst, oder ähnlich; ich habe 
den Wortlaut nicht in Erinnerung. Wenn er in einer solchen 
elegischen Stimmung war, wurde er leider immer von der Mama 
ms Bett genommen." 

„Etwa am 5. Jänner kam er früh zur Mama ins Bett und 
sagte bei diesem Anlasse: „Weißt du, was Tante M. gesagt 
hat: „Er hat aber ein liebes Pischl*)." [Tante M. hatte vor 
-1 Wochen bei uns gewohnt; sie sah einmal zu, wie meine Frau 
den Knaben badete, und sagte Obiges tatsächlich leise zu meiner 
Frau. Hans hat es gehört und suchte es zu verwerten.]" 

l ) Pischl = Genitale. Liebkosungen der Kindergenitalien in Worten 
d Pl ?ffH UCh T f fcHchkeiten von seiten zärtlicher Verwandter, mitunter auch 
« ^itern selbst, gehören zu den gewöhnlichsten Vorkommnissen, von denen 
aie -fsychoanalysen voll sind. 



16 

„Am 7. Jänner geht er mit dem Kindermädchen wie ge- 
wöhnlich in den Stadtpark, fängt auf der Straße an zu weinen 
und verlangt, daß man mit ihm nach Hause gehe, er wolle mit 
der Mammi „schmeicheln". Zu Hause befragt, weshalb er nicht 
weiter gehen wollte und geweint hat, will er es nicht sagen. 
Bis zum Abend ist er heiter wie gewöhnlich; abends bekommt 
er sichtlich Angst, weint und ist von der Mama nicht fortzu- 
bringen; er will wieder schmeicheln. Dann wird er wieder heiter 

und schläft gut."" 

V„Am 8. Jänner will die Frau selbst mit ihm spazieren 
gehen" um zu sehen, was mit ihm los ist, und zwar nach Schön- 
brunn, wohin er sehr gerne geht. Er fängt wieder an zu weinen, 
will nicht weggehen, fürchtet sich. Schließlich geht er doch, 
hat aber auf der Straße sichtlich Angst. Auf der Rückfahrt 
von Schönbrunn sagt er nach vielem Sträuben zur Mutter: 
Ich hab' mich gefürchtet, daß mich ein Pferd beißen 
wird. (Tatsächlich wurde er in Schönbrunn unruhig, als er ein 
Pferd sah.) Abends soll er wieder einen ähnlichen Anfall be- 
kommen haben wie tags vorher, mit Verlangen zu schmeicheln. 
Man beruhigt ihn. Er sagt weinend: „Ich weiß, ich werde 
morgen wieder spazieren gehen müssen," und später: „Das Pferd 
wird ins Zimmer kommen." 

Am selben Tage fragt ihn die Mama: „Gibst du vielleicht 
die Hand zum Wiwiinacher?" Darauf sagt er: „Ja, jeden Abend, 
wenn ich im Bette bin." Am nächsten Tage, 9. Jänner, wird 
er vor dem Nachmittagsschlaf gewarnt, die Hand zum "Wiwi- 
macher zu geben. Nach dem Aufwachen befragt, sagt er, er hat 
sie doch für kurze Zeit hingegeben." 

Dies wäre also der Anfang der Angst wie der Phobie. Wir 
merken ja, daß wir guten Grund haben, die beiden voneinander 
zu sondern. Das Material erscheint uns übrigens zur Orientie- 
rung vollkommen ausreichend und kein anderer Zeitpunkt ist 
dem Verständnisse so günstig wie ein solches, leider meist ver- 
nachlässigtes oder verschwiegenes Anfangsstadium. Die Störung 
setzt mit ängstlich-zärtlichen Gedanken und dann mit einem 
Angsttraum ein. Inhalt des letzteren: Die Mutter zu verlieren, 
so daß er mit ihr nicht schmeicheln kann. Die Zärtlichkeit für 
die Mutter muß sich also enorm gesteigert haben. Dies das 



7^' 



17 

Grundphänomen des Zustandes. Erinnern wir uns noch zur 
Bestätigung der beiden Verführungsversuche, die er gegen die 
Mutter unternimmt, von denen der erste noch in den Sommer 
fällt, der zweite, knapp vor dem Ausbruche der Straßenangst, 
einfach eine Empfehlung seines Genitales enthält, Diese gestei- 
gerte Zärtlichkeit für die Mutter ist es, die in Angst umschlägt, 
dje, wie wir sagen, der Verdrängung unterliegt. Wir wissen noch 
nicht, woher der Anstoß zur Verdrängung stammt; vielleicht 
erfolgt sie bloß aus der für das Kind nicht zu bewältigenden 
Intensität der Regung, vielleicht wirken andere Mächte, die wir 
noch nicht erkennen, dabei mit. Wir werden es weiterhin er- 
fahren. Diese, verdrängter erotischer Sehnsucht entsprechende 
Angst ist zunächst wie jede Kinderangst objektlos, Angst noch 
und nicht Furcht. Das Kind kann nicht wissen, wovor es sich 
furchtet, und wenn Hans auf dem ersten Spaziergange mit dem 
Mädchen nicht sagen will, wovor er sich fürchtet, so weiß er 
es eben noch nicht. Er sagt, was er weiß, daß ihm die Mama 
auf der Straße fehlt, mit der er schmeicheln kann, und daß er 
nicht von der Mama weg will. Er verrät da in aller Aufrichtig- 
keit den ersten Sinn seiner Abneigung gegen die Straße. 

q M \ v Seme ' / a ZW6i Abenden untereinander vor dem 
Schlafengehen wiederholten, ängstlichen und noch deutlich zart- 
hch getonten Zustände beweisen, daß zu Beginn der Erkrankung 
eine Phobie vor der Straße oder dem Spaziergange oder gar 
vor den Pferden noch gar nicht vorhanden ist. Der abendliche 
Zustand würde dann unerklärlich; wer denkt vor dem Zubett- 
gehen an Straße und Spaziergang? Hingegen ist es vollkommen 
durchsichtig, daß er abends so ängstlich wird, wenn ihn vor 
dem Zubettgehen die Libido, deren Objekt die Mutter ist, und 
deren Ziel etwa sein könnte, bei der Mutter zu schlafen, ver- 
stärkt überfällt. Er hat doch die Erfahrung gemacht, daß die 
Mutter sich durch solche Stimmungen in Gniunden bewegen 
ließ, ihn m ihr Bett zu nehmen, und er möchte dasselbe hier 
in Wien erreichen. Nebenbei vergessen wir nicht daran, daß er 
in Gmunden zeitweise mit der Mutter allein war, da der Vater 
nicht die ganzen Ferien dort verbringen konnte; ferner daß 
sich dort seine Zärtlichkeit auf eine Reihe von Gespielen 
Freunde, Freundinnen, verteilt hatte, die ihm hier abgingen,' 

Freud, Neurosenlehre. III. 2 



18 



so daß die Libido wieder ungeteilt zur Mutter zurückkehren 
konnte. 

Die Angst entspricht also verdrängter Sehnsucht, aber sie 
ist nicht dasselbe wie die Sehnsucht; die Verdrängung steht 
auch für etwas. Die Sehnsucht läßt sich voll in Befriedigung 
verwandeln, wenn man ihr das ersehnte Objekt zuführt; bei der 
Angst nützt diese Therapie nichts mehr, sie bleibt, auch wenn 
die Sehnsucht befriedigt sein könnte, sie ist nicht mehr voll in 
Libido znrückzuverwandeln ; die Libido wird durch irgend etwas 
in der Verdrängung zurückgehalten 1 ). Dies zeigt sich bei Hans 
auf dem nächsten Spaziergange, den die Mutter mit ihm macht. 
Er ist jezt mit der Mutter und hat doch Angst, d. h. ungestillte 
Sehnsucht nach ihr. Freilich, die Angst ist geringer, er läßt 
sich ja doch zum Spaziergange bewegen, während er das Dienst- 
mädchen zum Umkehren gezwungen hat; auch ist die Straße 
nicht der richtige Ort fürs „Schmeicheln", oder was der kleine 
Verliebte sonst möchte. Aber die Angst hat die Probe bestan- 
den und muß jetzt ein Objekt finden. Auf diesem Spaziergange 
äußert er zunächst die Furcht, daß ihn ein Pferd beißen werde. 
Woher das Material dieser Phobie stammt? "Wahrscheinlich 
aus jenen noch unbekannten Komplexen, die zur Verdrängung 
beigetragen haben und die Libido zur Mutter im verdrängten 
Zustand erhalten. Das ist noch ein Rätsel des Falles, dessen 
weitere Entwicklung wir nun verfolgen müssen, um die Lösung 
zu finden. Gewisse Anhaltspunkte, die wahrscheinlich verläßlich 
sind, hat uns der Vater schon gegeben, daß er die Pferde wegen 
ihrer großen Wiwimacher immer mit Interesse beobachtet, daß 
er angenommen, die Mama müsse einen Wiwimacher haben wie 
ein Pferd u. dgl. So könnte man meinen, das Pferd sei nur ein 
Ersatz für die Mama. Aber was soll es heißen, daß Hans am 
Abend die Furcht äußert, das Pferd werde ins Zimmer kom- 
men? Eine dumme Angstidee eines kleinen Kindes, wird man 
sagen. Aber die Neurose sagt nichts Dummes, sowenig wie der 
Traum. Wir schimpfen immer dann, wenn wir nichts verstehen. 
Das heißt, sich die Aufgabe leicht machen. 

1 j Ehrlich gesagt, wir heißen eben eine ängstlich-sehnsüchtige Emp- 
findung von dem Momente an eine pathologische Angst, wenn sie nicht 
mehr durch die Zuführung des ersehnten Objektes aufzuheben ist. 



19 

Voi' dieser Versuchung müssen wir uns noch in einem 
andern Punkte hüten. Hans hat gestanden, daß er sich jede 
Nacht vor dem Einschlafen zu Lustzwecken mit seinem Penis 
beschäftigt. Nun, wird der Praktiker gerne sagen, nun ist alles 
klar. Das Kind masturbiert, daher also die Angst, Gemach! 
Daß das Kind sich masturbatorische Lustgefühle erzeugt, er- 
klärt uns seine Äugst keineswegs, macht sie vielmehr erst recht 
rätselhaft. Angstzustände werden nicht durch Masturbation, 
überhaupt nicht durch Befriedigung hervorgerufen. Nebenbei 
dürfen wir annehmen, daß unser Hans, der jetzt 4 3 / 4 Jahre alt 
ist, sich dieses Vergnügen gewiß schon seit einem Jahre [vgl. 
p. 3] allabendlich gönnt, und werden erfahren, daß er sich 
gerade jetzt im Abgewöhnungskampfe befindet, was zur Verdrän- 
gung und Angstbildung besser paßt. 

Auch für die gute und gewiß sehr besorgte Mutter müssen 
wir Partei nehmen. Der Vater beschuldigt sie, nicht ohne einen 
Schein von Recht, daß sie durch übergroße Zärtlichkeit und 
allzu häufige Bereitwilligkeit, das Kind ins Bett zu nehmen, 
den Ausbruch der Neurose herbeigeführt; wir könnten ihr eben- 
sowohl den Vorwurf machen, daß sie durch ihre energische Ab- 
weisung seiner Werbungen [„das ist eine Schweinerei"] den 
Eintritt der Verdrängung beschleunigt habe. Aber sie spielt eine 
Schicksalsrolle und hat einen schweren Stand. 

Ich verabrede mit dein Vater, daß er dem Knaben sagen 
solle, das mit den Pferden sei eine Dummheit, weiter nichts. 
Die Wahrheit sei, daß er die Mama so gern habe und von ihr 
ins Bett genommen werden wolle. Weil ihn der Wiwimacher 
der Pferde so sehr interessiert habe, darum fürchte er sich 
jetzt vor deu Pferden. Er habe gemerkt, es sei unrecht, sich 
mit dem Wiwimacher, auch mit dem eigenen, so intensiv zu 
beschäftigen, und das sei eine ganz richtige Einsicht. Ferner 
sohlug ich dem Vater vor, den Weg der sexuellen Aufklärung 
zu betreten. Da wir nach der Vorgeschichte des Kleinen anneh- 
men durften, seine Libido hafte am Wunsche, den Wiwimacher 
der Mama zu sehen, so solle er ihm dieses Ziel durch die Mit- 
teilung entziehen, daß die Mama und alle anderen weiblichen 
Wesen, wie er ja von der Hanna wissen könne, — einen Wiwi- 
macher überhaupt nicht besitzen. Letztere Aufklärung sei bei 



20 



passender Gelegenheit im Anschlüsse an irgend eine Frage oder 
Äußerung von Hans zu erteilen. 



Die nächsten Nachrichten über unsern Hans umfassen die 

ft T^ ZU V 7 ' MäFZ - Dle mona ^nge ^use wird 
bald ihre Erklärung finden. 

„Der Aufklärung 1 ) folgt eine ruhigere Zeit, in der Hans 
ohne besondere Schwierigkeit zu bewegen ist, täglich in den 
Stadtpark spazieren zu gehen. Seine Furcht vor Pferden ver- 
wandelt sich mehr und mehr in den Zwang, auf Pferde hinzusehen" 
Er sagt: „Ich muß auf die Pferde sehen und dann fürchte 
ich mich." 

„Nach einer Influenza, die ihn für zwei Wochen ans Bett 
fesselt, verstärkt sich die Phobie wieder so sehr, daß er nicht 
zu bewegen ist auszugehen; höchstens geht er auf den Balkon 
Sonntags fährt er jede Woche mit mir nach Lainz*), weil an 
diesem läge wenig Wagen auf der Straße zu sehen sind, und 
er zur Bahnstation nur einen kurzen Weg hat. In Lainz weigert 
er sich einmal, aus dem Garten heraus spazieren zu gehen, weil 
ein Wagen vor dem Garten steht. Nach einer weiteren Woche 
die er zu Hause bleiben muß, weil ihm die Mandeln geschnitten 
wurden, verstärkt sich die Phobie wieder sehr. Er geht zwar 
auf den Balkon, aber nicht spazieren, d. h. er kehrt, wenn er 
zum Haustor kommt, rasch wieder um." 

„Sonntag, den 1. März entwickelt sich auf dem Wege zum 
Bahnhofe folgendes Gespräch: Ich suche ihm wieder zu er- 
klären, daß Pferde nicht beißen. Er: „Aber weiße Pferde beißen; 
m Gmunden ist ein weißes Pferd, das beißt. Wenn man die 
Finger hinhält, beißt es." (Es fällt mir auf, daß er sagt: die 
Finger anstatt: die Hand.) Er erzählt dann folgende Geschichte, 
die ich hier zusammenhängend wiedergebe: „Wie die Lizzi hat 
wegfahren müssen, ist ein Wagen mit einem weißen Pferde vor 
ihrem Hause gestanden, das das Gepäck auf die Bahn bringen 
BQÜte. jLizz i ist, wie er mir erzählt, ein Mäderl, das in einem 

Frauen!* ^ "*** **** *******'' n ° Ch ^ Über dei1 Wiwimaoher der 
2 ) Vorort von Wien, wo die Großeltern wohnen. 



21 

Nachbarhause wohnte.] Ihr Vater ist nahe beim Pferde gestan- 
den und das Pferd hat den Kopf hingewendet (um ihn zu be- 
rühren), und er hat zur Lizzi gesagt: Gib nicht die Finger 
zum weißen Pferd, sonst beißt es dich". Ich sage darauf: 
„Du, mir scheint, das ist kein Pferd, was du meinst, sondern 
ein Wiwimacher, zu dem man nicht die Hand geben soll." 

Er: „Aber ein "Wiwimacher beißt doch nicht." 

Ich: „Vielleicht doch," worauf er mir lebhaft beweisen 
will, daß es wirklich ein weißes Pferd war 1 )." 

„Am 2. März sage ich ihm, wie er sich wieder fürchtet: 
„Weißt du was? Die Dummheit" — so nennt er seine Phobie — 
„wird schwächer werden, wenn du öfter spazieren gehst. Jetzt 
ist sie so stark, weil du nicht aus dem Hause herausgekommen 
bist, weil du krank warst." 

Er: „0 nein, sie ist so stark, weil ich immer wieder die 
Hand zum Wiwimacher gebe jede Nacht." 

Arzt und Patient, Vater und Sohn, treffen sich also darin, 
der Onanieabgewöhnung die Hauptrolle in der Pathogenese des 
gegenwärtigen Zustandes zuzuschieben. Es fehlt aber auch nicht 
an Anzeichen für die Bedeutung anderer Momente. 

„Am 3. März ist bei uns ein neues Mädchen eingetreten, 
das sein besonderes Wohlgefallen erregt. Da sie ihn beim 
Zimmerreinigen aufsitzen läßt, nennt er sie nur „mein Pferd" 
und hält sie immer am Rock, „Hüoh" rufend. Am 10. März 
etwa sagt er zu diesem Kindermädchen : „Wenn Sie das oder 
das tun, müssen Sie sich ganz ausziehen, auch das Hemd." 
[Er meint, zur Strafe, aber es ist leicht, dahinter den Wunsch 
zu erkennen.] 

Sie: „No, was ist da dran? So werd' ich mir denken, ich 
hab kein Geld auf Kleider." 

Er: „Aber das ist doch eine Schande, da sieht man doch 
den Wiwimacher." 

Die alte Neugierde, auf ein neues Objekt geworfen, und 



') Der Vater hat keinen Grund zu bezweifeln, daß Hans hier eine 
wirkliche Begebenheit erzählt hat. — Die Juckempfindungen an der Eichel 
welche die Kinder zur Berührung veranlassen, werden übrigens in der 
Regel so beschrieben: Es beißt mich. 



22 



wie es den Zeiten der Verdrängung zukommt, mit einer morali- 
sierenden Tendenz verdeckt! 

„Am 13. März früh sage ich zu Haus: „Weißt du, wenn du 
nicht mehr die Hand zum Wiwimacher gibst, wird die Dumm- 
heit schon schwächer werden." 

Hans: „Aber ich geb' die Hand nicht mehr zum Wiwi- 
macher." 

Ich: „Aber du möchtest sie immer gern geben." 

Hans: „Ja, das schon, aber ,möchten' ist nicht ,tun' und 
,tun' ist nicht ,möchten". (!!) 

Ich: „Damit du aber nicht möchtest, bekommst du heute 
einen Sack zum Schlafen." 

„Darauf gehen wir vors Haus. Er fürchtet sich zwar, 
sagt aber, durch die Aussicht auf die Erleichterung des Kampfes 
sichtlich gehoben: „No morgen, wenn ich den Sack haben 
werde, wird die Dummheit weg sein." Er fürchtet sich tatsäch- 
lich vor Pferden viel weniger und läßt Wagen ziemlich ruhig 
vorüberfahren." 

„Am nächsten Sonntag, 15. März, hatte Hans versprochen, 
mit mir nach Lainz zu fahren. Er sträubt sich erst, endlich 
geht er doch mit mir. Auf der Gasse fühlt er sich, da wenige 
Wagen fahren, sichtlich wohl und sagte: „Das ist gescheit, daß 
der liebe Gott das Pferd schon ausgelassen hat." Auf dem 
Wege erkläre ich ihm, daß seine Schwester keinen Wiwimacher 
hat wie er. Mäderl und Frauen haben keinen Wiwimacher. Die 
Mammi hat keinen, die Anna nicht usw." 

Hans: „Hast du einen Wiwimacher ? 

Ich: „Natürlich, was hast du denn geglaubt?" 

Hans: (Nach einer Pause) „Wie machen aber Mäderl 
Wiwij wenn sie keinen Wiwimacher haben?" 

Ich: „Sie haben keinen solchen Wiwimacher wie du. Hast 
du noch nicht gesehen, wenn die Hanna gebadet worden ist?" 

„Den ganzen Tag über ist er sehr lustig, fährt Schlitten 
usw. Erst gegen Abend wird er wieder verstimmt und scheint 
sich vor Pferden zu fürchten." 

„Abends ist der nervöse Anfall und das Bedürfnis nach 
Schmeicheln schwächer als an früheren Tagen. Am nächsten 
Tage wird er von der Mama in die Stadt mitgenommen, hat 



23 



auf der Gasse große Furcht. Tags darauf bleibt er zu Hause 
und ist sehr lustig. Am nächsten Morgen kommt er gegen 
6 Uhr ängstlich auf. Auf die Frage, was er habe, erzählt er: 
„Ich habe den Finger ganz wenig zum Wiwimacher gegeben. 
Da hab' ich die Mammi ganz nackt im Hemde gesehen und 
sie hat den Wiwimacher sehen lassen. Ich hab' der Grete l ), 
meiner Grete, gezeigt, was die Mama macht, und hab' ihr 
meinen Wiwimacher gezeigt. Dann hab' ich die Hand schnell 
vom Wiwimacher weggegeben." Auf meinen Einwand, es kann 
nur heißen: im Hemd oder ganz nackt, sagt Hans: „Sie war 
im Hemd, aber das Hemd war so kurz, daß ich den Wiwimacher 
gesehen hab'." 

Das Ganze ist kein Traum, sondern eine, übrigens einem 
Traume äquivalente Onanierphantasie. Was er die Mama tun 
läßt, dient offenbar zu seiner Rechtfertigung: „Wenn die Mammi 
den Wiwimacher zeigt, darf ich es auch." 

Wir können aus dieser Phantasie zweierlei ersehen, erstens, 
daß der Verweis der Mutter seinerzeit eine starke Wirkung auf 
ihn geübt hat, zweitens, daß die Aufklärung, Frauen hätten 
keinen Wiwimacher, von ihm zunächst nicht akzeptiert wird. 
Er bedauert es, daß es so sein soll, und hält in der Phantasie 
an ihm fest Vielleicht hat er auch seine Gründe, dem Vater 
fürs erste den Glauben zu versagen. 



Wochenbericht desVaters: „Geehrter Herr Professor! 
Anbei folgt die Fortsetzung der Geschichte unseres Hans, ein 
ganz interessantes Stück. Vielleicht werde ich mir erlauben, Sie 
Montag in der Ordination aufzusuchen und womöglich Hans 
mitbringen — vorausgesetzt, daß er geht. Ich hab' ihn heute 
gefragt: „Willst du Montag mit mir zu dem Professor gehen, 
der dir die Dummheit wegnehmen kann?" 

Er: „Nein." 

Ich: „Aber er hat ein sehr schönes Mäderl." — Darauf 
hat er bereitwillig und freudig zugestimmt." 



*) Grete ist eines der Gmuudener Mäderl, von der Hans gerade jetzt 
phantasiert; er spricht und spielt mit ihr. 



24 



f«m i JS a ^^J aak Um daS Sonntagaprogramm zu erwei- 
tem, schlage ich Hans vor, zuerst nach Schönbrunn zu fahren 
und erst imttags von dort nach Lain Z . Er hat also nicht bloß 
den Weg von der Wohnung zur Stadtbahnstation Hauptzollamt 
zu Huß zurückzulegen, sondern auch von der Station Hietzing 
nach Schonbrunn und von dort wieder zur Dampftramwayt 
Station Hietzing, was er auch absolviert, indem er, wenn Pferde 
kommen eiligst wegschaut, da ihm offenbar ängstlich zumute 
ist. Mit dem Wegschauen befolgt er einen Rat der Mama.« 

„In Schönbrunn zeigt er Furcht vor Tieren, die er sonst 
furchtlos angesehen hat. So will er in das Haus, in dem sich 
die Giraffe befindet, absolut nicht hinein, will auch zum Ele- 
fanten nicht, der ihm sonst viel Spaß gemacht hat. Er fürchtet 
sich vor allen großen Tieren, während er sich bei den kleinen 
sehr unterhält. Unter den Vögeln fürchtet er diesmal auch den 
Pelikan was er früher nie getan hat, offenbar auch wegen 
seiner Große." ö 

„Ich sage ihm daraufhin: „Weißt du, warum du dich vor 
den großen Tieren fürchtest? Große Tiere haben einen großen 
Sr ^ fÜ1 * 6St «* «h vor dem großen 

Hans: Aber ich habe noch nie von den großen Tieren 
den Wiwimacher gesehen 1 )." 

großes IC Tiert ber T ° m *""* d ° Ch "* *" ^ ** aUCh eb 

Hans: »Oh, vom Pferd oft. Einmal in Gmunden, wie der 

Wagen vor dem Hanse gestanden ist, einmal vor dem Haupt- 

Ich-. Wie du klein warst, bist dn wahrscheinlich in 
Gmunden in einen Stall gegangen . . « »muon m 

die Pferde nach Haus gekommen sind, bin ich in den Stall 
gegangen. u 

Ich: „- und hast dich wahrscheinlich gefürchtet, wie du 
mmaWen großen Wiwimacher vom Pferde gesehen hast, aber 

W»hJi Da r i 8 V aIsch - V ^gleiche seinen Ausruf beim Löwenkäfig, p. 4. 
Wahrscheinhch beginnendes Vergessen infolge der Verdrängung. 



25 



davor brauchst du dich nicht zu fürchten. Große Tiere haben 
große Wiwimacher, kleine Tiere kleine Wiwiuiacher." 

Hans: „Und alle Menschen haben Wiwimacher, und der 
Wiwimacher wächst mit mir, wenn ich größer werde; er ist ja 
angewachsen." 

„Damit schloß das G-espräch. In den folgenden Tagen 
scheint die Furcht wieder etwas größer; er traut sich kaum vors 
Haustor, wohm man ihn nach dem Essen führt," 

Hansens letzte Trostrede wirft ein Licht auf die Situation 
und gestattet uns, die Behauptungen des Vaters ein weni- zu 
korrigieren. Es ist wahr, daß er bei den großen Tieren Angst 
hat, weil er an deren großen Wiwimacher denken muß, aber 
man kann eigentlich nicht sagen, daß er sich vor dem großen 
Wiw macher selbst fürchtet. Die Vorstellung eines solchen war 
ihm früher entschieden lustbetont, und er versuchte mit allem 
Eifer, sich dessen Anblick zu verschaffen. Dies Vergnügen ist 
ihm seither verleidet worden durch die allgemeine Verkehrun- 
von Lust in Unlust, die - auf noch nicht aufgeklärte Weise - 
seine ganze Sexualforschung betroffen hat, und was uns deut- 
licher ist, durch gewisse Erfahrungen und Erwägungen, die zu 
peinlichen Ergebnissen führten. Aus seiner Tröstung: Der Wiwi- 
macher wächst mit mir, wenn ich größer werde, läßt sich 
schließen, daß er bei seinen Beobachtungen beständig verglichen 
hat und von der Größe seines eigenen Wiwimachers sehr un- 
befriedigt geblieben ist. An diesen Defekt erinnern ihn die 
großen Tiere, die ihm aus diesem Grunde unangenehm sind 
V eil aber der ganze Gedankengang wahrscheinlich nicht klar 
bewußt werden kann, wandelt sich auch diese peinliche Empfin- 
dung in Angst, so daß seine gegenwärtige Angst sich auf der 
ehemaligen Lust wie auf der aktuellen Unlust aufbaut Wenn 
einmal ein Angstzustand hergestellt ist, so zehrt die Angst alle 
anderen Empfindungen auf; mit fortschreitender Verdrängung 
je mehr die schon bewußt gewesenen affekttragenden Vorstel- 
lungen ins Unbewußte rücken, können sich alle Affekte in Angst 
verwandeln. 

Die sonderbare Bemerkung Hansens: „er ist ja angewach- 
sen," läßt im Zusammenhange der Tröstung vieles erraten was 
er nicht aussprechen kann, auch in dieser Analyse nicht' aus- 



26 






gesprochen hat. Ich ergänze da ein Stück nach ineinen Erfah- 
rungen aus den Analysen Erwachsener, aber ich hoffe, die Ein- 
schaltung wird nicht als eine gewaltsame und willkürliche be- 
urteilt werden. „Er ist ja angewachsen": wenn das zum Trutze 
und Tröste gedacht ist, so läßt es an die alte Drohung der 
Mutter denken, sie werde ihm den "Wiwimacher abschneiden 
lassen, wenn er fortfahre, sich mit ihm zu beschäftigen. Diese 
Drohung blieb damals, als er 37a Jahre alt war, wirkungslos. 
Er antwortete ungerührt, dann werde er aber mit dem Popo 
Wiwi machen. Es wäre durchaus das typische Verhalten, wenn 
die Drohung mit der Kastration jetzt nachträglich zur Wir- 
kung käme, und er jetzt, l 1 /^ Jahre später, unter der Angst 
stünde, das teure Stück seines Ichs einzubüßen. Man kann 
solche nachträgliche Wirkungen von Geboten und Drohungen 
in der Kindheit bei anderen Erkrankungsfällen beobachten, wo 
das Intervall ebensoviel Dezennien und mehr umfaßt. Ja, ich 
kenne Fälle, in denen der „nachträgliche Gehorsam" der 
Verdrängung den wesentlichen Anteil an der Determinierung 
der Krankheitssymptome hat. 

Die Aufklärung, die Hans vor kurzem erhalten hat, daß 
Prauen wirklich keinen Wiwimacher haben, kann nur erschüt- 
ternd auf sein Selbstvertrauen und erweckend auf den Kastra- 
tionskomplex gewirkt haben. Darum sträubte er sich auch gegen 
sie, und darum blieb ein therapeutischer Erfolg dieser Mittei- 
lung aus: Soll es also wirklich lebende Wesen geben, die keinen 
Wiwimacher besitzen? Dann wäre es ja nicht mehr so unglaublich 
daß man ihm denWiwimacher -wegnehmen, ihn gleichsam zmnWeibe 
machen könnte 1 )! 

„In der Nacht vom 27. zum 28. überrascht uns Hans da- 
durch, daß er mitten im Dunkel aus seinem Bette aufsteht und 
zu uns ins Bett kommt. Sein Zimmer ist durch ein Kabinett 

*) Ich kann den Zusammenhang nicht so weit unterbrechen \ Jrn 
darzutun, wieviel Typisches an diesen unbewußten Gedankengängen ist die 
ich hier dem kleinen Hans zumute. Der Kastrationskomplex ist die tiefste 
unbewußte Wurzel des Antisemitismus, denn schon in der Kinderstube hört 
der Knabe, daß dem Juden etwas am Penis — er meint, ein Stück des 
Penis — abgeschnitten werde, und dies gibt ihm das Recht, den Juden zu 
verachten. Auch die Überhebung über das Weib hat keine stärkere unbe- 



27 

von unserem Schlafzimmer getrennt. Wir fragen ihn, weshalb- 
ob er sich vielleicht gefürchtet habe. Er sagt: „Nein, ich werde 
es morgen sagen," schläft in unserem Bette ein und wird dann 
in seines zurückgetragen." 

„Am nächsten Tage nehme ich ihn ins Gebet, um zu er- 
fahren, weshalb er in der Nacht zu uns gekommen ist, und es 
entwickelt sich nach einigem Sträuben folgender Dialog, den 
ich sofort stenographisch festlege: 

Er: In der Nacht war eine große und eine zer- 
wutzelte Giraffe im Zimmer, und die große hat ge- 
schrien, weil ich ihr die zerwutzelte weggenommen 
hab'. Dann hat sie aufgehört zu schreien, und dann 
hab' ich mich auf die zerwutzelte Giraffe draufgesetzt." 

Ich, befremdet: „Was? Eine zerwutzelte Giraffe? Wie 
war das?" 

Er: „Ja." (Holt schnell ein Papier, wutzelt es zusammen 
und sagt mir:) „So war sie zerwutzelt. " 

Ich: „Und du hast dich auf die zerwutzelte Giraffe drauf- 
gesetzt? Wie? 

„Er zeigt mir's wieder, setzt sich auf die Erde." 

Ich: „Weshalb bist du ins Zimmer gekommen?" 

Er: „Das weiß ich selber nicht." 

Ich: „Hast du dich gefürchtet?" 

Er: „Nein, bestimmt nicht." 

Ich: „Hast du von den Giraffen geträumt?" 

Er: „Nein, nicht geträumt; ich hab' mir's gedacht — das 
Ganze hab' ich mir gedacht — aufgekommen war ich schon 
früher." 

Ich: „Was soll das heißen: eine zerwutzelte Giraffe? Du 
weißt ja, daß man eine Giraffe nicht zusammendrücken kann 
wie ein Stück Papier." 

wußte Wurzel. Weininger, jener hochbegabte und sexuell gestörte junge 
Philosoph, der nach seinem merkwürdigen Buche „Geschlecht und Cha- 
rakter" sein Leben durch Selbstmord beendigte, hat in einem vielbemerkten 
Kapitel den Juden und das Weib mit der gleichen Feindschaft bedacht 
und mit den nämlichen Schmähungen überhäuft. Weininger stand als 
Neurotiker völlig tBtter der Herrschaft infantiler Komplexe; die Beziehung 
zum Kastrationskomplex ist das dem Juden und dem Weibe dort Ge- 
meinsame. 



28 



Er: „Ich weiß' ja. Ich hab's halt geglaubt. Es gibt's ja 
eh net auf der Welt*). Die zerwutzelte ist ganz gelegen auf 
dem Fußboden, und ich hab' sie weggenommen, mit den Händen 
genommen." 

Ich: „Was, so eine große Giraffe kann man mit den Händen 
nehmen? 

Er: „Die zerwutzelte hab' ich mit der Hand genommen." 

Ich: „Wo war die große unterdessen? 

Er: „Die große ist halt weiter weg gestanden." 

Ich: „Was hast du mit der zerwutzelten gemacht?" 

Er: „Ich hab sie ein bißchen in der Hand gehalten, bis 
die große zu schreien aufgehört hat, und wie die große 'zum 
schreien aufgehört hat, hab ich mich drauf gesetzt." 

Ich: „Weshalb hat die große geschrien?" 

Er: „Weil ich ihr die kleine weggenommen hab'." (Be- 
merkt, daß ich alles notiere, und fragt: „Weshalb schreibst du 
das auf?") 

Ich: „Weil ich es einem Professor schicke, der dir die 
jDummheit' wegnehmen kann." 

Er: „Aha, da hast du's doch auch aufgeschrieben, daß sich 
die Mammi das Hemd ausgezogen hat, und gibst das auch dem 
Professor." 

Ich: „Ja, der wird aber nicht verstehen, wie du glaubst, 
daß man eine Giraffe zerwutzeln kann." 

Er: „Sag' ihm halt, ich weiß es selber nicht, und da wird 
er nicht fragen; wenn er aber fragt, was die verwutzelte Giraffe 
ist, kann er uns ja schreiben, und wir schreiben hin oder schreiben 
wir gleich, ich weiß es selber nicht." 

Ich: „Weshalb bist du aber in der Nacht gekommen?" 

Er: „Das weiß ich nicht." 

Ich: „Sag' mir halt schnell, woran du jetzt denkst." 

Er (humoristisch): „An einen Himbersaft.") 

Ich: „Was noch?" 

Er: „Ein Gewehr zum Totschießen. 2 )" 



Seine 
Wünsche. 



*) Hans sagt es ganz bestimmt in seiner Sprache, es war eine Phantasie. 
) Der Vater versucht hier in seiner Ratlosigkeit, die klassische Technik 
der Psychoanalyse zu üben. Diese führt nicht weit, aber was sie ergibt, kann 
doch im Lichte späterer Eröffnungen sinnvoll werden. 



29 

Ich: „Du hast es gewiß nicht geträumt?" 

Er: „Sicher nicht; nein, ich weiß es ganz bestimmt." 

„Er erzählt weiter: „Die Mammi hat mich so lange ge- 
beten, ich soll ihr sagen, weshalb ich in der Nacht gekommen 
bin. Ich hab's aber nicht sagen wollen, weil ich mich zuerst vor 
der Mammi geschämt hab'." 

Ich: „Weshalb?" 

Er: „Das weiß ich nicht." 

„Tatsächlich hat ihn meine Frau den ganzen Vormittag 
incjuiriert, bis er ihr die Giraffengeschichte erzählt hat." 

Am selben Tage noch findet der Vater die Auflösung der 
Giraffenphantasie. 

„Die große Giraffe bin ich, respektive der große Penis 
(der lange Hals), die zerwutzelte Giraffe meine Frau, respektive 
ihr Glied, was also der Erfolg der Aufklärung ist." 

„Giraffe: vide Ausflug nach Schönbrunn. Übrigens hat er 
ein Bild einer Giraffe und eines Elefanten über seinem Bette 
hängen." 

„Das Ganze ist die Reproduktion einer Szene, die sich 
fast jeden Morgen in den letzten Tagen abgespielt hat. Hans 
kommt in der Früh immer zu uns, und meine Frau kann es 
dann nicht unterlassen, ihn für einige Minuten zu sich ins Bett 
zu nehmen. Daraufhin fange ich immer an sie zu warnen, sie 
möge ihn nicht zu sich nehmen („die große hat geschrien, weil 
ich ihr die zerwutzelte weggenommen hab ? "), und sie erwidert 
hie und da, wohl gereizt, das sei doch ein Unsinn, die eine 
Minute sei doch irrelevant usw. Hans bleibt dann eine kurze 
Zeit bei ihr. („Dann hat die große Giraffe aufgehört zu schreien 
und dann hab' ich mich auf die zerwutzelte Giraffe draufgesetzt ") 
„Die Lösung dieser ins Giraffenleben transponierten Ehe- 
szene ist also: er hat in der Nacht Sehnsucht nach der Mama 
bekommen, nach ihren Liebkosungen, ihrem Gliede, und ist des- 
halb ins Schlafzimmer gekommen. Das Ganze ist die Fortsetzung 
der Pferdefurcht." ö 

Ich weiß der scharfsinnigen Deutung des Vaters nur hinzu- 
zufügen: Das „Draufsetzen" ist wahrscheinlich Hansens Dar- 
stellung des Besitzergreifens. Das Ganze aber ist eine Trutz- 
phantasie, die mit Befriedigung an den Sieg über den väterlichen 



30 



Widerstand anknüpft. „Schrei, soviel du willst, die Mammi nimmt 
mich doch ins Bett und die Mammi gehört mir." Es läßt sich 
also mit Recht hinter ihr erraten, was der Vater vermutet: die 
Angst, daß ihn die Mama nicht mag, weil sich sein Wiwimacher 
mit dem des Vaters nicht messen kann. 

Am nächsten Morgen holt sich der Vater die Bestätigung 
seiner Deutung. 

„Sonntag, 29. März, fahre ich mit Hans nach Lainz. In 
der Tür verabschiede ich mich von meiner Frau scherzhaft: 
„Adieu, große Giraffe." Hans fragt: „"Warum Giraffe?" Darauf 
ich: „Die Mammi ist die große Giraffe," worauf Hans sagt: 
„Nicht wahr, und die Hanna ist die zerwutzelte Giraffe?''' 

„Auf der Bahn erkläre ich ihm die Giraffenphantasie, 
worauf er sagt: Ja, das ist richtig, und wie ich ihm sage, ich 
sei die große Giraffe, der lange Hals habe ihn an einen Wiwi- 
macher erinnert, sagt er: „Die Mammi hat auch einen Hals wie 
eine Giraffe, das hab ich gesehen, wie sie sich den weißen Hals 
gewaschen hat 1 )." 

„Am Montag, 30. März, früh, kommt Hans zu mir und 
sagt: Du, heut hab' ich mir zwei Sachen gedacht. Die erste? 
Ich bin mit dir in Schönbrunn gewesen bei den Schafen, und 
dann sind wir unter den Stricken durchgekrochen, und das haben 
wir dann dem Wachmanne beim Eingange des Gartens gesagt, 
und der hat uns zusammengepackt." Das zweite hat er vergessen." 

„Ich bemerke dazu: Als wir am Sonntag zu den Schafen 
gehen wollten, war dieser Raum durch einen Strick abgesperrt 
so daß wir nicht hingehen konnten. Hans war sehr verwundert 
daß man einen Raum nur mit einem Stricke absperrt, unter 
dem man doch leicht durchschlüpfen kann. Ich sagte ihm an- 
ständige Menschen kriechen nicht unter den Strick. Er meinte 
es ist ja ganz leicht, worauf ich erwiderte, es kann dann ein 
Wachmann kommen, der einen fortführt Am Eingänge von 
Schönbrunn steht ein Leibgardist, von dem ich Hans einmal 
gesagt habe, der arretiert schlimme Binder." 

*) Hans bestätigt nur die Deutung der beiden Giraffen auf Vater und 
Mutter, nicht die sexuelle Symbolik, die in der Giraffe selbst eine Ver- 
tretung des Penis erblicken will. Wahrscheinlich hat diese Symbolik recht, 
aber von Hans kann man wahrlich nicht mehr verlangen. 



31 



„Nach der Rückkehr von dem Besuche bei Ihnen, der 
am selben Tage vorfiel, beichtete Hans noch ein Stückchen 
Gelüste, Verbotenes zu tun. „Du, heut früh hab' ich mir wieder 
etwas gedacht." „Was?" „Ich bin mit dir in der Eisenbahn ge- 
fahren und wir haben ein Fenster zerschlagen und der Wach- 
mann hat uns mitgenommen." 

Die richtige Portsetzung der Giraffenphantasie. Er ahnt, 
daß es verboten ist, sich in den Besitz der Mutter zu setzen; 
er ist auf die Inzestschranke gestoßen. Aber er hält es für ver- 
boten an sich. Bei den verbotenen Streichen, die er in der 
Phantasie ausführt, ist jedesmal der Vater dabei und wird mit 
ihm eingesperrt. Der Vater, meint er, tut doch auch jenes rätsel- 
hafte Verbotene mit der Mutter, das er sich durch etwas Gewalt- 
tätiges wie das Zerschlagen einer Fensterscheibe, durch das 
Eindringen in einen abgeschlossenen Raum, ersetzt. 

An diesem Nachmittage besuchten mich Vater und Sohn 
in meiner ärztlichen Ordination. Ich kannte den drolligen Knirps 
schon und hatte ihn, der in seiner Selbstsicherheit doch so liebens- 
würdig war, jedesmal gern gesehen. Ob er sich meiner erinnerte, 
weiß ich nicht, aber er benahm sich tadellos, wie ein ganz ver- 
nünftiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft. Die Konsul- 
tation war kurz. Der Vater knüpfte daran an, daß trotz aller 
Aufklärungen die Angst vor den Pferden sich noch nicht ge- 
mindert habe. Wir mußten uns auch eingestehen, daß die Be- 
ziehungen zwischen den Pferden, vor denen er sich ängstigte, 
und den aufgedeckten Regungen von Zärtlichkeit für die Mutter 
wenig ausgiebige waren. Details, wie ich sie jetzt erfuhr, daß 
ihn besonders geniere, was die Pferde vor den Augen haben, 
und das Schwarze um deren Mund, ließen sich von dem aus, 
was wir wußten, gewiß nicht erklären. Aber als ich die beiden 
so vor mir sitzen sah und dabei die Schilderung seiner Angst- 
pferde hörte, schoß mir ein weiteres Stück der Auflösung 
durch den Sinn, von dem ich verstand, daß es gerade dem Vater 
entgehen konnte. Ich fragte Hans scherzend, ob seine Pferde 
Augengläser tragen, was er verneinte, dann ob sein Vater Augen- 
gläser trage, was er gegen alle Evidenz wiederum verneinte, ob 
er mit dem Schwarzen um den „Mund" den Schnurrbart meine 
und eröffnete ihm dann, er fürchte sich vor seinem Vater, eben 



32 



weil er die Mutter so lieb habe. Er müsse ja glauben, daß ihm 
der Vater darob böse sei, aber das sei nicht wahr, der Vater 
habe ihn doch gern, er könne ihm furchtlos alles bekennen. 
Lange, ehe er auf der Welt war, hätte ich schon gewußt, daß 
ein kleiner Hans kommen werde, der seine Mutter so lieb hätte 
daß er sich darum vor dem Vater fürchten müßte, und hätte 
es seinem Vater erzählt. „Warum glaubst du denn, daß ich 
böse auf dich bin," unterbrach mich hier der Vater, „habe ich 
dich denn je geschimpft oder geschlagen?" O ja, du hast mich 
geschlagen," verbesserte Hans. „Das ist nicht wahr. Wann denn?" 
„Heute vormittag" mahnte der Kleine, und der Vater erinnerte 
sich, daß Hans ihn ganz unerwartet mit dem Kopfe in den 
Bauch gestoßen, worauf er ihm wie reflektorisch einen Schlag 
mit der Hand gegeben. Es war bemerkenswert, daß er dieses 
Detail nicht in den Zusammenhang der Neurose aufgenommen 
hatte; er verstand es aber jetzt als Ausdruck der feindseligen 
Disposition des Kleinen gegen ihn, vielleicht auch als Äußerung 
des Bedürfnisses, sich dafür eine Bestrafung zu holen 1 ). 

Auf dem Heimgange fragte Hans den Vater: „Spricht 
denn der Professor mit dem lieben Gott, daß er das alles vor- 
her wissen kann?" Ich wäre auf diese Anerkennung aus Kinder- 
mund außerordentlich stolz, wenn ich sie nicht durch meine 
scherzhaften Prahlereien selbst provoziert hätte: Ich erhielt von 
dieser Konsultation an fast täglich Berichte über die Ver- 
änderungen im Befinden des kleinen Patienten. Es stand nicht 
zu erwarten, daß er durch meine Mitteilung mit einem Schlage 
angstfrei werden könnte, aber es zeigte sich, daß ihm nun die 
Möglichkeit gegeben war, seine unbewußten Produktionen vor- 
zubringen und seine Phobie abzuwickeln. Er führte von da an 
ein Programm aus, das ich seinem Vater im vorhinein mitteilen 
konnte. 

„Am 2. April ist die erste wesentliche Besserung 
festzustellen. Während er bisher nie zu bewegen war für 
längere Zeit vors Haustor zu gehen, und immer, wenn Pferde 
kamen, mit allen Zeichen des Schreckens zurück ins Haus rannte 

) Der Knabe wiederholte diese Reaktion gegen den Vater später in 
deutlicherer und vollständigerer Weise, indem er dem Vater zuerst einen 
Schlag auf die Hand gab und dann dieselbe Hand zärtlich küßte. 



33 

bleibt er diesmal eine Stunde vor dem Haustore, auch wenn 
Wagen vorüberfahren, was bei uns ziemlich häufig vorkommt. 
Hie und da läuft er, wenn er von ferne einen "Wagen kommen 
sieht, ins Haus, kehrt jedoch sofort um, als ob er sich anders 
besinnen würde. Es ist jedenfalls nur ein Rest von Angst ver- 
banden und der Fortschritt seit der Aufklärung nicht zu ver- 
kennen." 

„Abends sagt er: „Wenn wir schon vors Haustor gehen, 
werden wir auch in den Stadtpark gehen." 

„Am 3. April kommt er früh zu mir ins Bett, während 
er die letzten Tage nicht mehr gekommen war und sogar stolz 
auf diese Enthaltung schien. Ich frage: „Weshalb bist du denn 
heute gekommen?" 

Hans: „Bis ich mich nicht fürchten werde, werde ich nicht 
mehr kommen." 

Ich: „Du kommst also zu mir, weil du dich fürchtest?" 

Hans: „Wenn ich nicht bei dir bin, fürchte ich mich; wenn 
ich nicht bei dir im Bette bin, da furcht' ich mich. Bis ich mich 
nicht mehr fürchten werde, komme ich nicht mehr." 

Ich: „Du hast mich also gern und dir ist bange, wenn du 
früh in deinem Bette bist, deshalb kommst du zu mir?" 

Hans: „Ja. Warum hast du mir gesagt, ich hab' die 
Mammi gern, und ich furcht' mich deshalb, wenn ich dich 
gern hab'?" 

Der Kleine zeigt hier eine wirklich überlegene Klarheit. 
Er gibt zu erkennen, daß in ihm die Liebe zum Vater mit der 
Feindseligkeit gegen den Vater infolge seiner Nebenbuhlerrolle 
bei der Mutter ringt, und macht dem Vater den Vorwurf, daß 
er ihn bisher auf dieses Kräftespiel, das in Angst auslaufen 
mußte, nicht aufmerksam gemacht hat. Der Vater versteht ihn 
noch nicht ganz, denn er holt sich erst während dieser Unter- 
haltung die Überzeugung von der Feindseligkeit des Kleinen 
gegen ihn, die ich bei unserer Konsultation behauptet hatte. 
Das Folgende, das ich doch unverändert mitteile, ist eigentlich 
bedeutsamer für die Aufklärung des Vaters als für den kleinen 
Patienten. 

„Diesen Einwand habe ich leider nicht sofort nach seiner 
Bedeutung aufgefaßt. Weil Hans die Mutter gerne hat, will er 

Freud, Neuroseiilehre. 111. 3 



34 



mich offenbar weghaben, dann ist er an Vaters Stelle. Dieser 
unterdrückte feindliche Wunsch wird zur Angst um den Vater, 
und er kommt früh zu mir, um zu sehen, ob ich fort bin. Ich 
habe das leider in diesem Momente noch nicht verstanden und 
sage ihm: 

„Wenn du allein bist, ist dir halt bange nach mir und du 
kommst zu mir." 

Hans: „Wenn du weg bist, furcht' ich mich, daß du nicht 
nach Hause kommst." 

Ich: Hab' ich dir denn einmal gedroht, daß ich nicht nach 
Hause komme?" 

Hans: „Du nicht, aber die Mammi. Die Mammi hat mir 
gesagt, daß sie nicht mehr kommt." (Wahrscheinlich war er 
schlimm, und sie hat ihm mit dem Weggehen gedroht.)" 

Ich: „Das hat sie gesagt, weil du schlimm warst," 

Hans: „Ja." 

Ich: „Du fürchtest dich also, ich geh' weg, weil du schlimm 
warst, deshalb kommst du zu mir." 

,.Beim Frühstücke stehe ich vom Tische auf, worauf Hans 
sagt: Vatti, renn mir nicht davon! Daß er „renn" anstatt „lauf" 
sagt, fällt mir auf und ich repliziere: „Oha, du fürchtest dich, 
das Pferd rennt dir davon." Wozu er lacht." 

Wir wissen, daß dieses Stück der Angst Hansens doppelt 
gefügt ist: Angst vor dem Vater und Angst um den Vater. 
Die erstere stammt von der Feindseligkeit gegen den Vater, die 
andere von dem Konflikte der Zärtlichkeit, die hier reaktions- 
weise übertrieben wird, mit der Feindseligkeit. 

Der Vater setzt fort: „Das ist zweifellos der Anfang 
eines wichtigen Stückes. Daß er sich höchstens vors Haus traut 
vom Hause aber nicht weggeht, daß er beim ersten Anfalle der 
Angst auf der Hälfte des Weges umkehrt, ist motiviert durch 
die Furcht, die Eltern nicht zu Hause zu treffen, weil sie weg- 
gegangen sind. Er klebt am Hause aus Liebe zur Mutter, er 
fürchtet sich, daß ich weggehe, aus feindlichen Wünschen gegen 
mich, dann wäre er der Vater." 

„Im Sommer bin ich wiederholt von Gniunden nach Wien 
weggefahren, weil es der Beruf erforderte, dann war er der Vater. 
Ich erinnere daran, daß die Pferdeangst an das Erlebnis in 



3 



K 



G-munden anknüpft, als ein Pferd das Gepäck der Lizzi auf den 
Bahnhof bringen sollte. Der verdrängte Wunsch, ich solle auf 
den Bahnhof fahren, dann ist er mit der Mutter allein („das 
Pferd soll wegfahren"), wird dann zur Angst vor dem Wegfahren 
der Pferde, und tatsächlich versetzt ihn nichts in größere Angst, 
als wenn aus dem unserer Wohnung gegenüberliegenden Hofe 
des Hauptzollamtes ein Wagen wegfährt, Pferde sich in Be- 
wegung setzen." 

„Dieses neue Stück (feindselige Gesinnungen gegen den 
Vater) konnte erst herauskommen, nachdem er weiß, daß ich 
nicht böse bin, weil er die Mama so gerne hat." 

„Nachmittags gehe ich wieder mit ihm vors Haustor; er 
geht wieder vors Haus und bleibt auch daselbst, wenn Wagen 
fahren, nur bei einzelnen Wagen hat er Angst und läuft in den 
Hausflur. Er erklärt mir auch: „Nicht alle weißen Pferde beißen; 
d. h.: durch die Analyse sind bereits einige weiße Pferde als 
,Vatti' erkannt worden, die beißen nicht mehr, allein es bleiben 
noch andere zum Beißen." 

„Die Situation vor unserem Haustore ist folgende: „Gegen- 
über ist das Lagerhaus des Verzehrungssteueramtes mit einer 
Verladungsrampe, wo den ganzen Tag über Wagen vorfahren, 
um Kisten u. dgl. abzuholen. Gegen die Straße sperrt ein Gitter 
diesen Hofraum. Vis-a-vis von unserer Wohnung ist das Einfahrtstor 
des Hofraumes. (Fig. 2.) Ich bemerke schon seit einigen Tagen, 




Lagei^haxis 



"VerladungSTampe 



ffofrcc U/71, N \ 

* -' ' I I ! ' M I ' I I I 1 I I I >•■* I I « | | I | 1 

G M*r Eüitährtt/jT* 

Untere Viaductgasse K 




Fig. 2. 

daß Hans sich besonders fürchtet, wenn Wagen aus dem Hofe 
heraus- oder hineinfahren, wobei sie eine Schwenkung machen 
müssen. Ich habe seinerzeit gefragt, warum er sich so fürchtet 
worauf er sagt: „Ich furcht' mich, daß die Pferde uin- 

8* 



36 



fallen, wenn der Wagen uniwendet (A)." Ebensosehr fürchtet 
er sich, wenn Wagen, die bei der Verladungsrampe stehen, sich 
plötzlich in Bewegung setzen, um fortzufahren (B). Er fürchtet 
sich ferner (C) vor großen Lastpferden mehr als vor kleinen 
Pferden, vor bäuerischen Pferden mehr als vor eleganten (wie 
z. B. Fiaker- )Pf erden. Auch fürchtet er sich mehr, wenn ein 
Wagen schnell vorüberfährt (D), als wenn die Pferde langsam 
dahertrotten. Diese Differenzierungen sind natürlich erst in den 
letzten Tagen deutlich hervorgetreten." 

Ich möchte sagen, infolge der Analyse hat nicht nur der 
Patient, sondern auch seine Phobie mehr Courage bekommen 
und wagt es sich zu zeigen. 

„Am 5. April kommt Hans wieder ins Schlafzimmer und 
wird in sein Bett zurückgeschickt. Ich sage ihm: „Solange du 
früh ins Zimmer kommst, wird die Pferdeangst nicht besser 
werden." Er trotzt aber und antwortet: „Ich werde doch kommen 
auch wenn ich mich fürchte." Er will sich also den Besuch bei 
der Mama nicht verbieten lassen." 

„Nach dem Frühstücke sollen wir hinuntergehen. Hans freut 
sich sehr darauf und plant, anstatt wie gewöhnlich vor dem 
Haustore zu bleiben, über die Gasse in den Hofraum zu gehen, 
wo er oft genug Gassenbuben spielen sah. Ich sage ihm, es 
werde mich freuen, wenn er hinübergehen werde, und benütze 
die Gelegenheit, um zu fragen, weshalb er sich so fürchte, wenn 
die beladenen Wagen sich an der Verladungsrampe in Bewegung 
setzen (B)." 

Hans: „Ich furcht' mich, wenn ich am Wagen steh' und 
der Wagen geschwind wegfahrt, und ich steh' drauf und ich 
will dort auf das Brett gehen (die Verladungsrampe) und ich 
fahre mit dem Wagen weg." 

Ich: „Und wenn der Wagen steht? Dann fürchtest du dich 
nicht? Weshalb nicht?" 

Hans: „Wenn der Wagen steht, geh' ich geschwind auf 
den Wagen und geh auf das Brett." 

„(Hans plant also, über einen Wagen auf die Verladungs- 
rampe zu klettern, und fürchtet sich, daß der Wagen davon- 
fährt, wenn er auf dem Wagen oben ist.)" 



37 
Lagerhaus 



T 



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' 'i » 1 1 ii 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 * i .1 .1 1 1 1 1 1 1 ,i . 



-Vertadungsrampe 



Fig. 8. 

Ich: „Fürchtest du dich vielleicht, daß du nicht mehr nach 
Hause kommst, wenn du mit dem Wagen davonfährst?" 

Hans: w O nein; ich kann ja immer noch zur Mama 
kommen, mit dem Wagen oder mit einem Fiaker. Ich kann 
ihm ja auch die Hausnummer sagen." 

Ich: „Also weshalb fürchtest du dich eigentlich?" 

Hans: „Das weiß ich nicht, der Professor wird's aber 
wissen. Glaubst du, daß er es wissen wird?" 

Ich: „Warum willst du eigentlich hinüber aufs Brett?" 
Hans: „Weil ich noch nie drüben war, und da hab' ich 
so gern wollen dort sein, und weißt du, warum ich hab' wollen 
hingehen? Weil ich hab* wollen Gepäck aufladen und einladen 
und auf dem Gepäcke dort hab' ich wollen herumklettern. Da 
mag ich so gerne herumklettern. Weißt du, von wem ich das 
Herumklettern gelernt habe? Buben haben auf dem Gepäcke 
geklettert und das hab* ich auch gesehen und das will ich 
auch machen." 

„Sein Wunsch ging nicht in Erfüllung, denn wenn Hans 
sich auch wieder vors Haustor getraute, die wenigen Schritte 
über die Gasse in den Hofrauin wecken in ihm zu große Wider- 
stände, weil im Hofe fortwährend Wagen fahren." 

Der Professor weiß auch nur, daß dieses beabsichtigte 
Spiel Hansens mit den beladenen Wagen in eine symbolische, 
ersetzende Beziehung zu einem andern Wunsche geraten sein 
muß, von dem er noch nichts geäußert hat. Aber dieser Wunsch 
ließe sich, wenn es nicht zu kühn schiene, schon jetzt kon- 
struieren. 

„Nachmittags gehen wir wieder vors Haustor und zurück- 
gekehrt frage ich Hans: 



„Vor welchen Pferden fürchtest du dich eigentlich am 
meisten?" 

Hans: „Vor allen." 

Ich: „Das ist nicht wahr." 

Hans: „Am meisten fücht' ich mich vor den Pferden die 
am Munde so etwas haben." 

Ich: „Was meinst du? Das Eisen, das sie im Munde haben?" 

Hans: „Nein, sie haben etwas Schwarzes am Munde (deckt 
seinen Mund mit der Hand zu)." 

Ich: „Was, vielleicht einen Schnurrbart ?" 

Hans (lacht): „0 nein." 

Ich: „Haben das alle?" 

Hans : „Nein, nur einige. " 

Ich: „Was ist das, was sie am Munde haben?" 

Hans: „So etwas Schwarzes." — „Ich glaube, es ist in der 
Realität das dicke Riemenzeug der Lastpferde über der Schnauze." 







Fig. 4. 

„Auch vor einem Möbelwagen furcht' ich mich am meisten." 

Ich: „Warum." 

Hans: „Ich glaub', wenn die Möbelpferde einen schweren 
Wagen ziehen, fallen sie um." 

Ich: „Bei einem kleinen Wagen fürchtest du dich also nicht?" 

Hans: „Nein, bei einem kleinen Wagen und einem Post- 
wagen furcht' ich mich nicht. Auch wenn ein Stellwafen 

kommt, furcht' ich mich am meisten."' 

Ich: „Warum, weil er so groß ist?" 

Hans: „Nein, weil einmal bei so einem Wagen ein Pferd 
umgefallen ist." 

Ich: „Wann?" 



39 

Hans: „Einmal, wie ich mit der Mammi gegangen bin 
trotz der ., Dummheit", wie ich die Weste gekauft hab'." 

„[Dies wird nachträglich von der Mutter bestätigt.]" 

Ich: „Was hast du dir gedacht, wie das Pferd um- 
gefallen ist?" 

Hans: „Das wird jetzt immer sein. Alle Pferde werden 
beim Stellwagen umfallen." 

Ich: „Bei jedem Stellwagen?" 

Hans: „Ja! Und auch beim Möbelwagen. Beim Möbel- 
wagen nicht so oft." 

Ich: „Du hast damals die Dummheit schon gehabt?" 

Hans: „Nein, ich hab' sie erst gekriegt. Wie das Pferd 
vom Möbelwagen umgefallen ist, hab' ich mich so sehr er- 
schrocken, wirklich! Wie ich gegangen bin, hab' ich sie gekriegt." 

Ich: „Die Dummheit war doch, daß du dir gedacht hast, 
ein Pferd wird dich beißen, und jetzt sagst du, du hast dich 
gefürchtet, daß ein Pferd umfallen wird." 

Hans: „Umfallen und beißen wird 1 )." 

Ich: „Weshalb bist du so erschrocken?" 

Hans: „Weil das Pferd mit den Füßen so gemacht hat 
(legt sich auf die Erde hin und macht mir das Zappeln vor). 
Ich hab' mich erschrocken, weil es einen , Krawall' ge- 
macht hat mit den Füßen." 

Ich: „Wo warst du damals mit der Mammi?" 

Hans: „Zuerst am Eislaufplatze, dann im Kaffeehause, 
dann eine Weste kaufen, dann beim Zuckerbäcker mit der 
Mammi und dann nach Hause am Abend; da sind wir durch 
den Stadtpark durchgegangen." 

„(Das alles wird von meiner Frau bestätigt, auch daß 
unmittelbar nachher die Angst ausgebrochen ist)." 

Ich: „War das Pferd tot, wie es umgefallen ist?" 

Hans: „Ja!" 

Ich: „Woher weißt du das?" 



l ) Haus hat recht, so unwahrscheinlich diese Vereinigung auch klingt. 
Der Zusammenhang ist nämlich, wie sich zeigen wird, daß das Pferd 
(der Vater) ihn beißen werde wegen seines Wunsches, daß es (der Vater) 
umfallen möge. 



Hans: „Weil ich's gesehen hab' (lacht). Nein, es war gar 
nicht tot." 

Ich: „Vielleicht hast du dir gedacht, daß es tot ist." 

Hans: „Nein, gewiß nicht. Ich hab's nur im Spasse ge- 
sagt." „(Seine Miene war aber damals ernst.)" 

„Da er müde ist, lasse ich ihn laufen. Er erzählt mir nur 
noch, daß er sich zuerst vor Stellwagenpferden, dann vor allen 
anderen und zuletzt erst vor Möbelwagenpferden gefürchtet habe." 

„Auf dem Eückwege von Lainz noch einige Fragen: 

Ich: „Wie das Stell wagenpf er d gefallen ist, was für Farbe 
hat es gehabt? Weiß, rot, braun, grau?" 

Hans: „Schwarz, beide Pferde waren schwarz." 

Ich: „War es groß oder klein?" 

Hans: „Groß." 

Ich: „Dick oder dünn?" 

Hans: „Dick, sehr groß und dick." 

Ich: „Hast du, wie das Pferd gefallen ist, an den Vatti 
gedacht?" 

Hans: „Vielleicht. Ja. Es ist möglich." 

Der Vater mag an manchen Stellen ohne Erfolg geforscht 
haben; aber es schadet nichts, eine solche Phobie, die man 
gerne nach ihrem neuen Objekte benennen möchte, aus der 
JNahe kennen zu lernen. Wir erfahren so, wie diffus sie eigent- 
lich ist. Sie geht auf Pferde und auf Wagen, darauf, daß Pferde 
fallen, und daß sie beißen, auf Pferde besonderer Beschaffen- 
heit, auf Wagen, die schwer beladen sind. Verraten wir gleich 
daß alle diese Eigentümlichkeiten daher rühren, daß die Angst 
ursprünglich gar nicht den Pferden gut, sondern sekundär auf 
sie transponiert wurde und sich nun an den Stellen des Pferde- 
komplexes fixierte, die sich zu gewissen Übertragungen geeignet 
zeigten. Ein wesentliches Ergebnis der Inquisition des Vaters 
müssen wir besonders anerkennen. Wir haben den aktuellen 
Anlaß erfahren, nach welchem die Phobie ausbrach. Dies war 
als der Knabe ein großes schweres Pferd fallen sah und 
wenigstens eine der Deutungen dieses Eindruckes scheint die 
vom Vater betonte zu sein, daß Hans damals den Wunsch ver- 
spürte, der Vater möge so fallen und - tot sein. Die ernste 
Miene bei der Erzählung galt wohl diesem unbewußten Sinne. 



41 

Ob nicht noch anderer Sinn sich dahinter verbirgt* Und was 
soll das Krawallmachen mit den Beinen bedeuten? 



„Hans spielt seit einiger Zeit im Zimmer Pferd, rennt 
herum, fällt nieder, zappelt mit den Füßen, wiehert. Einmal 
bindet er sich ein Sackerl wie einen Futtersack um. Wiederholt 
Läuft er auf mich zu und beißt mich." 

Er akzeptiert so die letzten Deutungen entschiedener, als 
er es mit Worten kann, natürlich aber mit Rollenvertauschung, 
da das Spiel im Dienste einer Wunschphantasie steht. Also er 
ist das Pferd, er beißt den Yater, übrigens identifiziert er sich 
dabei mit dem Vater. 

„Seit zwei Tagen bemerke ich, daß Hans sich in ent- 
schiedenster Weise gegen mich auflehnt, nicht frech, sondern 
ganz lustig. Ist es, weil er sich vor mir, dem Pferde, nicht 
mehr fürchtet?" 

„6. April. Am Nachmittage mit Hans vor dem Hause. 
Ich frage ihn bei allen Pferden, ob er bei ihnen das „Schwarze 
am Munde" sieht; er verneint es bei allen. Ich frage ihn, wie das 
Schwarze eigentlich ausschaut; er sagt, es ist schwarzes Eisen. 
Meine erste Vermutung, er meine die dicken Lederriemen des Ge- 
schirres bei den Lastpferden, bestätigt sich also nicht. Ich frage, 
ob das „Schwarze" an einen Schnurbart erinnert; er sagt: nur 
durch die Farbe. Was es in Wirklichkeit ist, weiß ich bis jetzt 
also nicht." 

„Die Furcht ist geringer; er wagt sich diesmal schon bis 
zum Nachbarhause, kehrt aber schnell um, wenn er in der Ferne 
Pferdetraben hört. Als ein Wagen bei unserem Haustore vor- 
fährt und hält, gerät er in Angst und läuft ins Haus, da das 
Pferd mit dem Fuße scharrt. Ich frage ihn, weshalb er sich 
fürchte, ob er sich vielleicht ängstige, weil es so gemacht habe 
(stampfe mit dem Fuße auf). Er sagt: „Mach doch keinen 
solchen Krawall mit den Füßen!" Vergleiche dazu die Äußerung 
über das gefallene Stellwagenpferd." 

„Besonders schreckt ihn das Vorüberfahren eines Möbel- 
wagens. Er läuft dann ins Hausinnere. Ich frage ihn gleich- 
gültig: „Sieht so ein Möbelwagen eigentlich nicht wie ein Stell- 



42 



wagen aus?" Er sagt nichts. Ich wiederhole die Frage. Er sagt 
dann: „Na natürlich, sonst würde ich mich nicht so vor einem 
Möbelwagen fürchten." 

„7.- April. Heute frage ich wieder, wie das „Schwarze am 
Munde" der Pferde aussieht. Hans sagt: wie ein Maulkorb. Das 
Merkwürdige ist, daß seit 3 Tagen kein Pferd vorüberkommt, 
an dem er diesen „Maulkorb" konstatieren kann; ich selbst 
habe bei keinem Spaziergange ein solches Pferd gesehen, ob- 
zwar Hans beteuert, daß es solche gebe. Ich vermute, daß ihn 
wirklich eine Art von Kopfzäumung der Pferde — das dicke 
Riemenzeug um den Mund etwa — an einen Schnurrbart er- 
innert hat, und daß mit meiner Andeutung auch diese Furcht 

verschwunden ist." 

... 

„Die Besserung Hansens ist konstant, der Radius seines 
Aktionskreises mit dem Hau störe als Zentrum größer; er unter- 
nimmt sogar das für ihn bisher unmögliche Kunststück, aufs 
Trottoir vis-a-vis hinüberzulaufen. Alle Furcht, die übrig ist, 
hängt mit der Stellwagenszene zusammen, deren Sinn mir aller- 
dings noch nicht klar ist." 

„9. April. Heute früh kommt Hans dazu, wie ich mich 
mit entblößtem Oberkörper wasche." 

Hans: „Vatti, du bist aber schön, so weiß!- 1 

Ich: „Nicht wahr, wie ein weißes Pferd." 

Hans: „Nur der Schnurrbart ist schwarz (fortfahrend). 
Oder ist es vielleicht der schwarze Maulkorb?" 

„Ich erzähle ihm dann, daß ich am Abende vorher beim 
Professor war, und sage: „Der will einiges wissen," worauf 
Hans: „Da bin ich aber neugierig." 

„Ich sage ihm, ich weiß, bei welcher Gelegenheit er mit 
den Füßen Krawall macht. Er unterbricht mich: Nicht wahr 
wenn ich einen „Zürn" habe oder wenn ich Lumpf machen 
soll und lieber spielen will. [Im Zorne hat er allerdings die 
Gewohnheit, mit den Füßen Krawall zu machen, d. h.: aufzu- 
stampfen. — „Lumpf machen" bedeutet auf die große Seite 
gehen. Als Hans klein war, sagte er eines Tages, vom Topfe 
aufstehend: „Schau den Lumpf." (Er meinte: Strumpf wegen 
der Form und der Farbe). Diese Bezeichnung ist geblieben bis 
heute. — In ganz frühen Zeiten, wenn er auf den Topf gesetzt 



43 

werden sollte und sich weigerte, das Spiel stehen zu lassen, 
stampfte er wütend mit den Füßen auf, zappelte und warf sich 
eventuell auch auf den Boden.]" 

„Du zappelst auch mit den Füßen, wenn du Wiwimachen 
sollst und nicht gehen willst, weil du lieber spielen möchtest." 

Er: „Du, ich muß Wiwi machen" — und geht hinaus, 
wohl als Bestätigung." 

Der Vater hatte bei seinem Besuche die Frage an mich 
gerichtet, woran wohl das Zappelu mit den Füßen beim ge- 
fallenen Pferde Hans erinnert haben möchte, und ich hatte 
vorgebracht, daß dies wohl seine eigene Reaktion bei zurück- 
gehaltenem Harndrange gewesen sein könnte. Das bestätigt nun 
Hans durch das Wiederauftreten des Harndranges im Gespräche 
und fügt noch andere Bedeutungen des Krawallmach ens mit 
den Füßen hinzu. 

„Dann gehen wir vors Haustor. Er sagt mir, als ein 
Kohlenwagen kommt: „Du, vor einem Kohlenwagen fürchte ich 
mich auch stark. Ich: „Vielleicht, weil er auch so groß ist wie 
ein Stellwagen." Hans: „Ja, und weil er so schwer beladen ist 
und die Pferde haben soviel zu ziehen und können leicht fallen. 
Wenn ein Wagen leer ist, furcht' ich mich nicht." Tatsächlich 
versetzt ihn, wie schon früher konstatiert, nur Schwerfuhrwerk 
in Angst." 

Bei alledem ist die Situation recht undurchsichtig. Die 
Analyse macht wenig Fortschritte; ihre Darstellung fürchte ich, 
wird dem Leser bald langweilig werden. Indes, es gibt in jeder 
Psychoanalyse solche dunkle Zeiten. Hans begibt sich jetzt bald 
auf ein von uns nicht in Erwartung gezogenes Gebiet. 



„Ich komme nach Hause und spreche mit meiner Frau, 
die verschiedene Einkäufe gemacht hat und sie mir zeigt. Dar- 
unter ist eine gelbe Frauenunterhose. Hans sagt einige Male: 
„Pfui!", wirft sich auf die Erde und spuckt aus. Meine Frau 
sagt, er habe das schon einige Male getan, sowie er die Hose 
gesehen habe." 

„Ich frage: „Warum sagst du pfui?" 
Hans: „Wegen der Hose." 



44 



Ich: „Warum, wegen der Farbe, weil sie gelb ist und an 
Wiwi oder an Lumpf erinnert?" 

Hans: „Lumpf ist ja nicht gelb, er ist weiß oder 
schwarz." — Unmittelbar darauf: „Du, macht man leicht Lumpf, 
wenn man Käse ißt? [Das hatte ich einmal gesagt, als er mich 
fragte, wozu ich Käse esse.]" 

Ich: „Ja." 

Hans: „Deshalb gehst du immer früh gleich Lumpf 
machen? Ich möchte so gerne Käse auf Butterbrot essen." 

„Gestern schon fragte er mich, als er auf der G-asse her- 
umsprang: „Du, nicht wahr, wenn man soviel herumspringt 
macht man leicht Lumpf?" — Seit jeher macht sein Stuhlgang 
Schwierigkeiten, Kindermeth und Klystiere werden häufig ge- 
braucht. Einmal war seine habituelle Verstopfung so stark, daß 
meine Frau Dr. L. um Rat fragte. Dieser meinte, Hans werde 
überfüttert, was ja auch stimmte, und empfahl mäßigere Kost 
was den Zustand auch sofort behob. In der letzten Zeit trat 
Verstopfung wieder häufiger auf." 

„Nach dem Essen sage ich: „Wir werden dem Professor 
wieder schreiben", und er diktierte mir: „Wie ich die gelbe 
Hose gesehen habe, habe ich gesagt: Pfui, da spei' ich, hab' 
mich niedergeworfen, hab' die Augen zugemacht und hab' nicht 
geschaut." 

Ich: „Warum?" 

Hans: „Weil ich die gelbe Hose gesehen habe, und bei 
der schwarzen Hose 1 ) habe ich auch so etwas gemacht. Die 
schwarze ist auch so eine Hose, nur schwarz war sie." [Sich 
unterbrechend.] „Du, ich bin froh; wenn ich dem Professor 
schreiben kann, bin ich immer so froh." 

Ich: „Weshalb hast du pfui gesagt? Hast du dich geekelt?" 

Hans: „Ja, weil ich das gesehen hab'. Ich hab' geglaubt 
ich muß Lumpf machen." 

Ich: „Warum?" 

Hans: „Ich weiß nicht." 

Ich: „Wann hast du die schwarze Hose gesehen?" 



) „Meine Frau ist seit einigen Wochen im Besitze einer schwarzen 
ßeformhose für Radfalirpartien." 



45 

Hans: „Einmal, wie die Anna (unser Mädchen) längst da 
war — bei der Mama — sie hat sie erst vom Kaufen nach 
Hause gebracht," [Diese Angabe wird von meiner Frau bestätigt.]" 

Ich: „Hast du dich auch geekelt?" 

Hans: „Ja." 

Ich: „Hast du die Mammi in einer solchen Hose gesehen?" 

Hans: „Nein." 

Ich: „"Wenn sie sich angezogen hat?" 

Hans: „Die gelbe hab ich' schon einmal gesehen, wie sie 
sie gekauft hat [Widerspruch! "Wie die Mama die gelbe- ge- 
kauft hat, hat er sie zum erstenmal gesehen]. Dis schwarze hat 
sie heute auch an [richtig!], weil icli gesehen hab' wie sie in 
der Früh sie sich ausgezogen hat." 

Ich: „"Was? In der Früh hat sie sich die schwarze Hose 
ausgezogen?" 

Ich: „In der Früh', wie sie weggegangen ist, hat sie sich 
die schwarze Hose ausgezogen, und wie sie gekommen ist, hat 
sie sich noch einmal die schwarze angezogen." 

„Ich frage meine Frau, weil mir dies unsinnig vorkommt. 
Sie sagt auch, das ist gar nicht wahr; sie hat beim Weggehen 
natürlich nicht die Hose gewechselt." 

„Ich frage Hans sofort: „Du hast doch erzählt, die 
Mammi hat sich eine schwarze Hose angezogen, und wie sie 
weggegangen ist, hat sie sie ausgezogen, und wie sie gekommen 
ist, hat sie sie noch einmal angezogen. Die Mammi sagt aber, 
das ist nicht wahr." 

Hans: „Mir scheint, ich hab' vielleicht vergessen, daß sie 
sie nicht ausgezogen hat. (Unwillig.) Laß' mich endlich in Ruh'." 

Zur Erläuterung dieser Hosengeschichte bemerke ich nun: 
Hans heuchelt offenbar, wenn er sich so froh stellt, daß er nun 
über diese Angelegenheit Rede stehen darf. Am Ende wirft er 
die Maske ab und wird grob gegen seinen Vater. Es handelt 
sich um Dinge, die ihm früher viel Lust bereitet haben, und 
deren er sich jetzt nach eingetretener Verdrängung sehr schämt, 
zu ekeln vorgibt. Er lügt geradezu, um dem beobachteten Hosen- 
wechsel der Mama andere Veranlassungen unterzuschieben; in 
"Wirklichkeit gehört das An- und Ausziehen der Hose in den 



46 



„Lmnpf- -Zusammenhang. Der Vater weiß genau, worauf es 
hier ankommt, und was Hans verbergen will. 

„Ich frage meine Frau, ob Hans öfter dabei war, wenn 
sie sich aufs Klosett begab. Sie sagt: Ja, oft, er „penzt" so 
lange, bis sie es ihm erlaubt; das täten alle Kinder." 

Wir wollen uns aber die heute bereits verdrängte Lust, 
die Mama beim Lumpf machen zu sehen, gut merken. 

„Wir gehen vors Haus. Er ist sehr lustig, und wie er 
fortwährend gleichsam als Pferd herumhopst, frage ich: .Du 
wer ist eigentlich ein Stell wagenpferd? Ich, du oder die Mammi?«' 

Hans: (sofort): „Ich, ich bin ein junges Pferd." 

„Als er in der stärksten Angstzeit Pferde springen sah 
Angst hatte und mich fragte, warum sie das täten, sagte ich' 
um ihn zu beruhigen: „Weißt du, das sind junge Pferde, die 
springen halt wie die jungen Buben. Du springst ja auch und 
bist ein Bub." Seither, wenn er Pferde springen sieht, sagt er: 
„Das ist wahr, das sind junge Pferde!" 

„Auf der Treppe frage ich beim Heraufgehen fast ge- 
dankenlos: „Hast du in G-munden mit den Kindern Pferdl 
gespielt?" 

Er: „Ja! (Nachdenklich.) Mir scheint, da hab' ich die 
Dummheit gekriegt." 

Ich: „Wer war das Pferdl?" 

Er: „Ich, und die Berta war der Kutscher." 

Ich: „Bist du vielleicht gefallen, wie du Pferdl warst?" 

Hans: „Nein! Wenn die Berta gesagt hat: Hüh, bin ich 
schnell gelaufen, sogar gerannt 1 ). 

Ich: „Stellwagen habt ihr nie gespielt?" 

Hans: „Nein, gewöhnlichen Wagen und Pferd ohne Wagen 
Wenn das Pferd einen Wagen hat, kann es ja auch ohne 
Wagen gehen und der Wagen kann ja zu Hause sein." 

Ich: „Habt ihr oft Pferdl gespielt?" 

Hans: „Sehr oft. Der Fritzl [wie bekannt auch ein Haus- 
herrnkind] ist auch einmal Pferdl gewesen und der Franzi 
Kutscher, und der Fritzl ist so stark gelaufen und auf einmal 
ist er auf einen Stein getreten und hat geblutet." 

Ich: „Ist er vielleicht gefallen?" 

*) „Er hatte auch ein Pferdchenspiel mit Glöckcken." 



47 

Hans: „Nein, er hat den Fuß in ein "Wasser hinein- 
gegeben und dann hat er sich ein Tuch daraufgegeben 1 )." 

Ich: „Warst du oft Pferd?" 

Hans: „0 ja." 

Ich: „Und da hast du die Dummheit gekriegt." 

Hans: „Weil sie immer gesagt haben: „ wegen dem Pferd" 
und „wegen dem Pferd" [er betont das „wegen"], und so hab' 
ich vielleicht, weil sie so geredet haben '„wegen dem Pferd", 
hab' ich vielleicht die Dummheit gekriegt 2 )." 

Der Vater forscht eine Weile fruchtlos auf anderen Pfaden. 

Ich: „Haben sie was erzählt vom Pferde?" 

Hans: „Ja!" 

Ich: „Was?" 

Hans: „Ich hab's vergessen." 

Ich: „Haben sie vielleicht erzählt vom Wiwimacher?* 

Hans: „0 nein!" 

Ich: „Hast du dich dort schon vor dem Pferde gefürchtet?" 

Hans: „O nein, ich hab' mich gar nicht gefürchtet." 

Ich: „Hat vielleicht die Berta davon gesprochen, daß ein 
Pferd . . ." 

Hans: (unterbrechend) „Wiwi macht? Nein!" 

„Am 10. April knüpfe ich an das gestrige Gespräch an 
und will wissen, was das „wegen dem Pferde" bedeutet habe. 
Hans weiß sich nicht zu erinnern, er weiß nur, daß früh mehrere 
Kinder vor dem Haustore gestanden sind und „wegen dem 
Pferde, wegen dem Pferd" gesagt haben. Er selbst war dabei. 
Wie ich dringender werde, erklärt er, sie hätten gar nicht 
„wegen dem Pferde" gesagt, er habe sich falsch erinnert." 

l ) Siehe darüber später. Der Vater vermutet ganz richtig, daß Fritzl 
damals gefallen ist. 

J ) Ich erläutere, Hans will nicht behaupten, daß er damals die 
Dummheit gekriegt hat, sondern im Zusammenhange damit. Es muß ja 
wohl so zugehen, die Theorie fordert es, daß dasselbe einmal Gegenstand 
einer hohen Lust war, was heute das Objekt der Phobie ist. Und dann er- 
gänze ich für ihn, was das Kind ja nicht zu sagen weiß, daß das Wörtchen 
„wegen" der Ausbreitung der Phobie vom Pferde auf die Wagen [oder 
wie Hans zu hören und zu sprechen gewohnt ist: WägenJ den Weg er- 
öffnet hat. Man darf nie daran vergessen, um wieviel dinglicher das Kind 
die Worte behandelt als der Erwachsene, wie bedeutungsvoll ihm darum 
Wortgleichklänge sind. 



48 



„Ich: „Ihr war't doch auch oft im Stalle, da habt ihr 
gewiß vom Pferde gesprochen." — „Wir haben nicht ge- 
sprochen. — „Wovon habt ihr gesprochen?" — „Von nichts." — 

„Soviel Kinder war't ihr und ihr habt von nichts gesprochen?" 

„Etwas haben wir schon gesprochen, aber nicht vom Pferde." — 
„Was denn?" — „Das weiß ich jetzt nicht mehr." 

„Ich lasse das fallen, weil die Widerstände offenbar zu 
groß sind 1 ), und frage: „Mit der Berta hast du gern gespielt?" 

Er: „Ja, sehr gern, mit der Olga nicht; weißt, was die 
Olga getan hat? Die Grete droben hat mir einmal einen Papier- 
ball geschenkt und die Olga hat ihn ganz zerrissen. Die Berta 
hätt' mir den Ball nie zerrissen. Mit der Berta hab' ich sehr 
gern gespielt." 

Ich: „Hast du gesehen, wie der Wiwimacher von der 
Berta aussieht?" 

Er: „Nein vom Pferde aber, weil ich immer im Stalle 
war, und da hab' ich vom Pferde den Wiwimacher gesehen." 

Ich: „Und da warst du neugierig, wie sieht der Wiwi- 
macher von der Berta und von der Mammi aus?" 

Er: „Ja!" 

„Ich erinnere ihn daran, daß er mir einmal geklagt hat, 
die Mäderl wollen immer zuschauen, wenn er Wiwi macht." 

Er: „Die Berta hat mir auch immer zugeschaut (durchaus 
nicht gekränkt, sondern sehr befriedigt), Öfters. Wo der kleine 
Garten ist, wo die Rettige sind, hab' ich Wiwi gemacht, und 
sie ist vor dem Haustore gestanden und hat hergeschaut." 

Ich: „Und wenn sie Wiwi gemacht hat, hast du zu- 
geschaut?" 

Er: „Sie ist ja aufs Klosett gegangen." 
Ich: „Und du warst neugierig?" 

Er: „Ich war ja im Klosett drinnen, wenn sie drinu war.« 
„(Das stimmt; die Hausleute haben es uns einmal erzählt, 
und ich erinnere mich, wir haben es Hans verboten.)" 
Ich: „Hast du ihr gesagt, du willst hineingehen?" 



*) Es ist da nämlich nichts anderes zu holen als die Wortanknüufung, 
die dem Vater entgeht. Ein gutes Beispiel von den Bedingungen, 'unter 
denen die analytische Bemühung fehlschlägt. 



49 



Er: „Ich bin allein hineingegangen und weil die Berta 
erlaubt hat. Es ist ja keine Schande." 

Ich: „Und du hättest gerne den Wiwimacher gesehen. 1 ' 

Er: „Ja, ich hab' ihn aber nicht gesehen." 

„Ich erinnere ihn an den Gmunder Traum: "Was soll das 
Pfand in meiner Hand usw., und frage: Hast du in Gmunden 
gewünscht, daß dich die Berta Wiwi machen lassen soll?" 

Er: „Gesagt hab' ich ihr nie." 

Ich „Warum hast du's ihr nie gesagt?" 

Er: „Weil ich nicht daran gedenkt hab'. (Sich unter- 
brechend.) "Wenn ich alles dem Professor schreib', wird die 
Dummheit sehr bald vorüber sein, nicht wahr?" 

Ich: „Warum hast du gewünscht, daß die Berta dich 
Wiwi machen lassen soll?" 

Er: „Ich weiß nicht. AVeil sie zugeschaut hat." 

Ich: „Hast du dir gedacht, sie soll die Hand zum Wiwi- 
macher geben?" 

Er: „Ja. (Ablenkend). In Gmunden war's sehr lustig. In 
dem kleinen Garten, wo die Rettige drin sind, ist ein kleiner 
Sandhaufen, dort spiel' ich mit der Schaufel." 

„(Das ist der Garten, wo er immer Wiwi gemacht hat.)" 

Ich: „Hast du iu Gmunden, wenn du im Bette gelegen 
bist, die Hand zum Wiwimacher gegeben?" 

Er: „Nein, noch nicht. In Gmunden hab' ich so gut ge- 
schlafen, daß ich gar nicht daran gedenkt hab'. Nur in der 
— gasse 1 ) und jetzt hab ich's getan." 

Ich: „Die Berta hat aber nie die Hand zu deinem Wiwi- 
macher gegeben?" 

Er: „Sie hat es nie getan, nein, weil ich ihr's nie ge- 
sagt hab'." 

Ich: „Wann hast du dir's denn gewünscht?" 

Er: „Einen Tag halt in Gmunden." 

Ich: „Nur einmal?" 

Er: „Ja, öfters." 

Ich: „Immer wenn du Wiwi gemacht hast, hat sie her- 
geschaut; sie war vielleicht neugierig, wie du Wiwi machen tust." 



1 ) In der früheren Wohnung vor dem Umzüge. 
Freud, Nein oseulehre. III. 



50 



Er: „Vielleicht war sie neugierig, wie mein Wiwimacher 
aussieht." 

Ich: „Du warst aber auch neugierig; nur auf die Berta?" 

Er: „Auf die Berta, auf die Olga." 

Ich: „Auf wen .noch?" 

Er: „Auf niemand andern." 

Ich: „Das ist ja nicht wahr. Auf die Mammi auch." 

Er: „Auf die Mammi schon." 

Ich: „Jetzt bist du doch nicht mehr neugierig. Du weißt 
doch, wie der Wiwimacher der Hanna ausschaut?" 

Er: „Er wird aber wachsen, nicht 1 )?" 

Ich: „Ja gewiß, aber wann er wächst, wird er nicht aus- 
schaun wie deiner." 

Er: „Das weiß ich. Er wird so sein [sc. wie er jetzt ist] 
nur größer." ' 

Ich: „Warst du neugierig in G-munden, wenn die Mama 
sich ausgezogen hat?" 

Er: „Ja, auch bei der Hanna beim Baden hab ich den 
Wiwimacher gesehen." 

Ich: „Bei der Mammi auch?" 
Er: „Nein!" 

Ich: „Du hast dich geekelt, wenn du die Hose von der 
Mammi gesehen hast." 

Er: „Nur wenn ich die schwarze gesehen hab', wenn sie 
sie gekauft hat, dann spei ich, aber wenn sie sich die Hose an- 
zieht oder auszieht, dann spei ich nicht. Dann spei ich, weil 
die schwarze Hose doch schwarz ist wie ein Lumpf 
und die gelbe wie ein Wiwi, und da glaub' ich, ich muß 
Wiwi machen. Wenn die Mammi die Hose trägt, dann seh' 
ich sie nicht, dann hat sie doch die Kleider vor." 

Ich: „Und wenn sie sich die Kleider auszieht?" 

Er: „Dann spei ich nicht. Wenn sie aber neu ist, dann 
sieht sie aus wie ein Lumpf. Wenn sie alt ist, geht die Farbe 
herunter und sie wird schmutzig. Wenn man sie gekauft hat, ist 
sie ganz rein, zu Hause hat man sie schon schmutzig gemacht. 



') Er will die Sicherheit haben, daß sein eigener Wiwimacher 
wachsen wird. 



Wenn sie gekauft ist, ist sie neu, und wenn sie nicht gekauft 
ist, ist sie alt." 

Ich: „Vor der alten ekelt dich also nicht?" 

Er: „Wenn sie alt ist, ist sie ja viel schwärzer als ein 
Lumpf, nicht wahr? Ein bissei schwärzer ist sie 1 ). 

Ich: „Mit der Mamrni warst du oft im Klosett?" 

Er: „Sehr oft." 

Ich: „Da hast du dich geekelt?" 

Er: „Ja . . ., Nein!" 

Ich: „Du bist gerne dabei, wenn die Mammi Wiwi oder 
Lumpf macht?" 

Er: „Sehr gerne." 

Ich: „Warum so gerne?" 

Er: „Das weiß ich nicht." 

Ich: Weil du glaubst, daß du den Wiwimacher sehen wirst." 

Er: „Ja das glaub ich' auch." 

Ich: Warum willst du aber in Lainz nie ins Klosett gehen V" 

„(Er bittet in Lainz immer, ich soll ihn nicht ins Klosett 
führen; er fürchtete sich einmal vor dem Lärme, den das 
herabstürzende Spülwasser macht.)" 

Er: „Vielleicht, weil es einen Krawall macht, wenn man 
herunterzieht." 

Ich: „Da fürchtest du dich." 

Er: „Ja!" 

Ich: „Und in unserem Klosett hier?" 

Er: „Hier nicht. In Lainz erschreck ich, wenn du her- 
unterläßt. Wenn ich drin bin und es geht herunter, dann er- 
schrecke ich auch." 

„Um mir zu zeigen, daß er sich in unserer Wohnung 
nicht fürchte," fordert er mich auf, ins Klosett zu gehen und 
die Wasserpülung in Bewegung zu setzen. Dann erklärt er mir: 

„Zuerst ist ein starker, dann ein lockerer Krawall (wenn 



l ) Unser Hans ringt da mit einem Thema, das er nicht darzustellen 
weiß, und wir haben es schwer, ihn zu verstehen. Vielleicht meint er, daß 
die Hosen die Ekelerinnerung nur dann erwecken, wenn er 8ie für sich 
sieht; sobald sie am Leibe der Mutter sind, bringt er sie nicht mehr mit 
Lumpf oder Wiwi in Zusammenhang, dann interessieren sie ihn in anderer 
Weise. 

4* 



R2 



das Wasser herabstürzt). Wenn es einen starken Krawall 
macht, bleib' ich lieber drin, wenn es einen schwachen macht, 
geh' ich lieber hinaus." 

Ich: „Weil du dich fürchtest?" 

Er: „Weil ich immer so gerne mag einen starken Krawall 
sehen, (korrigiert sich) hören, und da bleib' ich lieber drin, daß 
ich ihn fest hör'." 

Ich: „Woran erinnert dich ein starker Krawall?" 

Er: „Daß ich im Klosett Lumpf machen muß. [Also das-, 
selbe wie die schwarze Hose.] " 

Ich: „Warum?" 

Er: „Ich weiß nicht. Ich weiß es, ein starker Krawall 
hört sich so an, wie wenn man Lumpf macht. Ein großer Kra- 
wall erinnert an Lumpf, ein kleiner an Wiwi [vgl. die schwarze 
und die gelbe Hose]." 

Ich : „Du, hat das Stellwagenpferd nicht dieselbe Farbe 
gehabt wie ein Lumpf?" (Es war nach seiner Angabe schwarz). 

Er (sehr betroffen): „Ja!" 

Ich muß da einige Worte einschalten. Der Vater fragt zu 
viel und forscht nach eigenen Vorsätzen, anstatt den Kleinen 
sich äußern zu lassen. Dadurch wird die Analyse undurchsichtig 
und unsicher. Hans geht seinen eigenen Weg und leistet nichts, 
wenn man ihn von diesem ablocken will. Sein Interesse ist 
jetzt offenbar bei Lumpf und Wiwi, wir wissen nicht, weshalb. 
Die Krawallgeschichte ist so wenig befriedigend aufgeklärt wie 
die mit der gelben und schwarzen Hose. Ich vermute, sein 
scharfes Ohr hat die Verschiedenheit der Geräusche, wenn ein 
Mann oder ein Weib uriniert, sehr wohl bemerkt. Die Analyse 
hat das Material aber etwas künstlich in den Gegensatz der 
beiden Bedürfnisse gepreßt. Dem Leser, der noch selbst keine 
Analyse gemacht hat, kann ich nur den Rat geben, nicht alles 
sogleich verstehen zu wollen, sondern allem, was kommt, eine 
gewisse unparteiische Aufmerksamkeit zu schenken und das 
Weitere abzuwarten. 



„11. April. Heut früh kommt Hans wieder ins Zimmer 
und wird, wie in allen den letzten Tagen, hinausgewiesen." 
„Später erzählt er: „Du, ich hab mir was gedacht: 



„Ich bin in der Badewanne 1 ), da kommt der 
Schlosser und schraubt sie los 2 ). Da nimmt er einen 
großen Bohrer und stoßt mich in den Bauch." 

Der Vater übersetzt sich diese Phantasie. „Ich bin im 
Bette bei der Mama. Da kommt der Papa und treibt mich 
weg. Mit seinem großen Penis verdrängt er mich von der Mama." 

Wir wollen unser Urteil noch aufgeschoben halten. 

„Ferner erzählt er etwas zweites, was ersieh ausgedacht: 
„Wir fahren im Zuge nach G-munden. In der Station ziehen 
wir die Kleider an, werden damit aber nicht fertig und der 
Zug fährt mit uns davon." 

„Später frage ich: „Hast du schon einmal ein Pferd Lumpf 
machen gesehen?" 

Hans: „Ja, sehr oft." 

Ich: „Macht es einen starken Krawall beim Lumpfmachen?" 

Hans: „Ja!" 

Ich: „An was erinnert dich der Krawall?" 

Hans: „Wie wenn der Lumpf in den Topf fällt." 

„Das Stellwagenpferd, das umfällt und Krawall mit den 
Füßen macht, ist wohl — ein Lumpf, der herabfällt und dabei 
G-eräusch macht. Die Furcht vor der Defäkation, die Furcht 
vor schwer beladenen Wagen ist überhaupt gleich der Furcht 
vor schwerbeladenem Bauche." 

Auf diesen Umwegen dämmert dem Vater der richtige 
Sachverhalt. 

- 

„11. April. Hans sagt beim Mittagessen: „Wenn wir nur 
in Gmunden eine Badewanne hätten, damit ich nicht in die 
Badeanstalt gehen muß." Er wurde in Gmunden nämlich, um 
ihn warm zu baden, immer in die nahe gelegene Badeanstalt 
geführt, wogegen er mit heftigem Weinen zu protestieren pflegte. 
Auch in Wien schreit er immer, wenn er zum Baden in die 
große Wanne gesetzt oder gelegt wird. Er muß kniend oder 
stehend gebadet werden." 

Diese Bede Hansens, der nun anfängt, der Analyse durch 
selbständige Äußerungen Nahrung zu geben, stellt die Verbin- 

') „Hans wird von der Mama gebadet." 
2 ) „Um sie in Reparatur zu nehmen." 



54 



düng zwischen seinen beiden letzten Phantasien [vom Schlosser, 
der die Badewanne abschraubt, und von der mißglückten Reise 
nach Gmunden] her. Der Vater hatte mit Recht aus letzterer 
eine Abneigung gegen Gmunden erschlossen. Übrigens wieder 
eine gute Mahnung daran, daß man das aus dem Unbewußten 
Auftauchende nicht mit Hilfe des Vorhergegangenen, sondern 
des Nachkommenden zu verstehen hat. 

„Ich frage ihn, ob und wovor er sich fürchtet." 
Hans: „Weil ich hineinfall'." 

Ich: „Warum hast du dich aber nie gefürchtet, wenn du 
in der kleinen Badewanne gebadet worden bist?" 

Hans: „Da bin ich ja gesessen, da hab' ich mich nicht 
legen können, die war ja zu klein." 

Ich: „Wenn du in Gmunden Schinakel gefahren bist, hast 
du dich nicht gefürchtet, daß du ins Wasser fällst?" 

Hans: „Nein, weil ich mich angehalten hab', und da kann 
ich nicht hineinfallen. Ich furcht' mich nur in der großen Bade- 
wanne, daß ich hineinfall." 

Ich: „Da badet dich doch die Mama. Fürchtest du dich, 
daß dich die Mainmi ins Wasser werfen wird?" 

Hans: „Daß sie die Hände weggeben wird und ich falle 
ins Wasser mit dem Kopf." 

Ich: „Du weißt doch, die Mammi hat dich lieb, sie wird 
doch nicht die Hände weggeben." 

Hans: „Ich hab's halt geglaubt." 
Ich: „Warum?" 

Hans: „Das weiß ich bestimmt nicht," 
Ich: „Vielleicht, weil du schlimm warst und du geglaubt 
hast, daß sie dich nicht mehr gerne hat?" 
Hans: „Ja!" 

Ich: „Wenn du dabei warst, wie die Mammi die Hanna 
gebadet hat, hast du vielleicht gewünscht, sie soll die Hand 
loslassen, damit die Hanna hineinfällt?" 
Hans: „Ja." 
Wir glauben, dies hat der Vater sehr richtig erraten. 



12. April. „Auf der Rückfahrt von Lainz in der zweiten 
Klasse sagt Hans, wie er die schwarzen Lederpolster sieht: 



55 

„Pfui, da spei ich, bei den schwarzen Hosen und den schwarzen 
Pferden spei ich auch, weil ich muß Lumpf machen." 

Ich: „Hast du vielleicht, bei der Mammi etwas Schwarzes 
gesehen, was dich erschreckt hat?" 

Hans: „Ja!" 

Ich: „Was denn?" 

Hans: „Ich weiß nicht. Eine schwarze Bluse oder schwarze 
Strümpfe." 

Ich: „Vielleicht beim Wiwimacher schwarze Haare, wenn 
du neugierig warst und hingeschaut hast." 

Hans (entschuldigend): „Aber den Wiwimacher hab' ich 
nicht gesehen." 

Als er sich wieder einmal fürchtete, wie aus dem Hoftor 
vis-ä-vis ein Wagen fuhr, fragte ich: „Sieht dieses Tor nicht 
aus wie ein Podl?" 

Er: „Und die Pferde sind die Lunipfe!" Seitdem sagt er 
immer, wenn er einen Wagen herausfahren sieht: „Schau, ein 
,Lumpn' kommt". Die Form Lumpfi ist ihm sonst ganz fremd, 
sie klingt wie ein Kosewort. Meine Schwägerin heißt ihr Kind 
immer „Wumpü". 

„Am 13.- April sieht er in der Suppe ein Stück Leber 
und sagt: „Pfui, ein Lumpf." Auch faschiertes Fleisch ißt er 
sichtlich ungern wegen der Form und Farbe, die ihn an einen 
Lumpf erinnern." 

„Abends erzählt meine Frau, Hans sei auf dem Balkon 
gewesen und habe dann gesagt: „Ich hab' gedacht, die Hanna 
ist am Balkon gewesen und ist hinuntergefallen." Ich hatte ihm 
öfter gesagt, er soll, wenn die Hanna auf dem Balkon ist, acht- 
geben, daß sie nicht zu nah ans Geländer kommt, das von einem 
sezessionistischen Schlosser höchst ungeschickt — mit großen 
Öffnungen, die ich erst mit einem Drahtnetz verkleinern lassen 
mußte — konstruiert worden ist. Der verdrängte Wunsch 
Hansens ist sehr durchsichtig. Die Mama fragt ihn, ob es ihm 
lieber wäre, wenn die Hanna 'nicht da wäre, was er bejaht." 

„14. April. Das Thema Hanna steht im Vordergrund. Er 
hatte, wie aus früheren Aufzeichnungen erinnerlich, gegen das 
neugeborene Kind, das ihm einen Teil der Liebe der Eltern 
raubte, eine große Aversion, die auch jetzt noch nicht ganz 



56 



geschwunden und durch übergroße Zärtlichkeit nur zum Teil 
iiberkoinpensiert ist 1 ). Er äußerte sich öfter schon, der Storch 
solle kein Kind mehr bringen, wir sollen ihm Geld geben, daß 
er keines mehr aus der großen Kiste, worin die Kinder sind, 
bringe. (Vgl. die Furcht vor dem Möbelwagen. Sieht nicht ein 
Stellwagen wie eine große Kiste aus?) Die Hanna mache so- 
viel Geschrei, das sei ihm lästig." 

„Einmal sagt er plötzlich: „Kannst du dich erinnern, wie 
die Hanna gekommen ist? Sie ist bei der Mammi im Bette 
gelegen, so lieb und brav." (Dieses Lob hat verdächtig falsch 
geklungen!)" 

„Dann unten vor dem Hause. Es ist abermals ein großer 
Fortschritt zu bemerken. Selbst Lastwagen flößen ihm geringere 
Furcht ein. Einmal ruft er fast freudig: „Da kommt ein Pferd 
mit was Schwarzem am Munde" und ich kann endlich konsta- 
tieren, daß es ein Pferd mit einem Maulkorbe aus Leder ist. 
Hans hat aber gar keine Angst vor diesem Pferde." 

„Einmal schlägt er mit seinem Stocke auf das Pflaster 
und fragt: „Du, ist da ein Mann unten . . . einer, der be- 
graben ist . . ., oder gibt's das nur am Friedhofe?" Ihn be- 
schäftigt also nicht nur das Rätsel des Lebens, sondern auch 
das des Todes." 

„Zurückgekehrt sehe ich eine Kiste im Vorzimmer stehen 
und Hans sagt: „Hanna ist in so einer Kiste nach Gmunden 
mitgefahren. Immer wenn wir nach Gmunden gefahren sind, 
ist sie mitgefahren in der Kiste. Du glaubst mir schon wieder 
nicht? Wirklich, Vatti. Glaub' mir. Wir haben eine große Kiste 
gekriegt und da sind lauter Kinder drin, in der Badewanne 
sitzen sie drin. (In die Kiste ist eine kleine Badewanne einge- 
packt worden.) Ich hab' sie hineingesetzt, wirklich. Ich kann 
mich gut erinnern 2 )." 

Ich: „Was kannst du dich erinnern?" 



1 ) Wenn das Thema „Hanna" das Thema „Lumpf" direkt ablöst, so 
leuchtet uns der Grund dafür endlich ein. Die Hanna ist selbst ein „Lumpf", 
Kinder sind Lumpfe! 

2 ) Er beginnt nun zu phantasieren. Wir erfahren, daß Kiste und 
Badewanne ihm das gleiche bedeuten, Vertretungen des Raumes, in dem 
6ich die Kinder befinden. Beachten wir seine wiederholten Beteuerungen! 



57 

Hans : „Daß die Hanna in der Kiste gefahren ist, weil 
ich's nicht vergessen hab\ Mein Ehrenwort!" 

Ich: „Aber voriges Jahr ist doch die Hanna im Coupe 
mitgefahren." 

Hans: „Aber immer früher ist sie in der Kiste mit- 
gefahren." 

Ich: „Hat die Mammi nicht die Kiste gehabt?" 

Hans: „Ja, die Mammi hat sie gehabt!" 

Ich: „Wo denn?" 

Hans: „Zu Hause am Boden." 

Ich: „Hat sie sie vielleicht mit sich herumgetragen 1 )?" 

Haus: „Nein! Wenn wir jetzt nach Gmunden fahren, wird 
die Hanna auch in der Kiste fahren." 

Ich: „Wie ist sie denn aus der Kiste herausgekommen?" 

Hans: „Mau hat sie herausgenommen." 

Ich: „Die Mammi?" 

Hans: „Ich und die Mammi, dann sind wir in den Wagen 
eingestiegen und die Hanna ist am Pferde geritten und der 
Kutscher hat ? Hüöh' gesagt. Der Kutscher war am Bocke. 
Warst da mit? Die Mammi weiß es sogar. Die Mammi weiß 
es nicht, sie hat es schon wieder vergessen, aber nichts ihr 
sagen!" 

„Ich lasse mir alles wiederholen." 
Hans: „Dann ist die Hanna ausgestiegen." 
Ich: „Sie hat noch gar nicht gehen können." 
Hans: „Wir haben sie dann heruntergehoben." 

Ich: „Wie hat sie denn am Pferde sitzen können, sie hat 
ja voriges Jahr noch gar nicht sitzen können." 

Hans: „O ja, sie hat schon gesessen und hat gerufen 
,Hiiöh' und gepeitscht ,Hüöh, hüöh 1 mit der Peitsche, die ich 
früher gehabt hab'. Das Pferd hat gar keinen Steigbügel ge- 
habt und die Hanna hat geritten; Vatti, aber nicht im Spasse 
vielleicht." 



\) Die Kiste ist natürlich der Mutterleib. Der Vater will Hans an- 
deuten, daß er dies versteht. Auch das Kästchen, in dem die Helden des 
Mythus ausgesetzt werden, von König Saigon von Agade an, ist nichts 
anderes. 



58 



Was soll dieser hartnäckig festgehaltene Unsinn? Oh, es 
ist kein Unsinn, es ist Parodie und Hansens Rache an seinem 
Vater. Es heißt soviel als: Kannst du mir zumuten, daß 
ich glauben soll, der Storch habe die Hanna im Okto- 
ber gebracht, wo ich doch den großen Leib der Mutter 
schon im Sommer, wie wir nach Gmunden gefahren 
sind, bemerkt hab', so kann ich verlangen, daß du 
mir meine Lüge glaubst. Was kann die Behauptung, daß 
die Hanna schon im vorigen Sommer „in der Kiste" nach 
Gmunden mitgefahren ist, anderes bedeuten als sein Wissen 
um die Gravidität der Mutter? Daß er die Wiederholung dieser 
Fahrt in der Kiste für jedes folgende Jahr in Aussicht stellt, 
entspricht einer häufigen Form des Auftauchens eines unbe- 
wußten Gedankens aus der Vergangenheit, oder es hat spezielle 
Gründe und drückt seine Angst aus, eine solche Gravidität zur 
nächsten Sommerreise wiederholt zu sehen. Wir haben jetzt 
auch erfahren, durch welchen Zusammenhang ihm die Reise 
nach Gmunden verleidet war, was seine zweite Phantasie an- 
deutete. 

„Später frage ich ihn, wie die Hanna nach ihrer Geburt 
eigentlich ins Bett der Mama gekommen ist." 

Da kann er nun loslegen und den Vater „frotzeln". 

Hans: „Die Hanna ist halt gekommen. Die Frau Kraus 
(die Hebamme) hat sie ins Bett gelegt. Sie hat ja nicht gehen 
können. Aber der Storch hat sie im Schnabel getragen. Gehen 
hat sie ja nicht können. (In einem Zuge fortfahrend.) Der 
Storch ist bis im Gang gegangen auf der Stiegen und dann 
hat er geklopft und da haben alle geschlafen und er hat den 
richtigen Schlüssel gehabt und hat aufgesperrt und hat die 
Hanna in dein 1 ) Bett gelegt und die Mammi hat geschlafen — 
nein, der Storch hat sie in ihr Bett gelegt. Es war schon 
ganz Nacht, und dann hat sie der Storch ganz ruhig ins Bett 
gelegt, hat gar nicht gestrampelt, und dann hat er sich den 
Hut genommen, und dann ist er wieder weggegangen. Nein, 
Hut hat er nicht gehabt." 



*) Hohn natürlich! Sowie die spätere Bitte, der Mama nichts von 
dem Geheimnis zu verraten. 



59 

-« 

Ich: „Wer hat sich den Hut genommen? Der Doktor 
vielleicht?" 

Hans: „Dann ist der Storch weggegangen, nach Hause 
gegangen und dann hat er angeläutet und alle Leute im Hause 
haben nicht mehr geschlafen. Aber erzähl' das nicht der Mammi 
und der Tini (der Köchin). Das ist Geheimnis!" 

Ich: „Hast du die Hanna gerne?" 

Hans: „0 ja, sehr gerne." 

Ich: „Wäre es dir lieber, wenn die Hanna nicht auf die 
Welt gekommen wäre, oder ist es dir lieber, daß sie auf der 
Welt ist?" 

Hans: „Mir war' lieber, daß sie nicht auf die Welt ge- 
kommen war'." 

Ich: „Warum?" 

Hans: „Wenigstens schreit sie nicht so und ich kann 
das Schreien nicht aushalten." 

Ich: „Du schreist ja selbst." 

Hans: „Die Hanna schreit ja auch." 

Ich: „Warum kannst du es nicht aushalten?" 

Hans: „Weil sie so stark schreit." 

Ich: „Aber sie schreit ja gar nicht." 

Hans: „Wenn man sie am nackten Popo haut, dann 
schreit sie." 

Ich: „Hast du sie einmal gehaut?" 

Hans: „Wenn die Mammi sie auf den Popo ljaut, dann 
schreit sie." 

Ich: „Das hast du nicht gerne?" 

Hans: „Nein . . . Warum? Weil sie so einen Krawall 
macht mit dem Schreien." 

Ich: „Wenn du lieber hättest, daß sie nicht auf der Welt 
war', hast du sie ja gar nicht gern." 

Hanns: „Hm, hm (zustimmend)." 

Ich: „Deshalb hast du gedacht, wenn die Mammi sie 
badet, wenn sie die Hände weggeben möcht', dann möchte sie 
ins Wasser fallen ..." 

Hans (ergänzt): — „und sterben." 

Ich: „Und du wärst dann allein mit der Mammi. Und ein 
braver Bub' wünscht das doch nicht." 



60 



Hans: „Aber denken darf er's." 

Ich: Das ist aber nicht gut." 

Hans: „Wenn er's denken tut, ist es doch gut, damit 
man's dem Professor schreibt 1 )." 

„Später sag' ich ihm: „Weißt du, wenn die Hanna größer 
sein wird und wird sprechen können, wirst du sie schon lieber 
haben." 

Hans: „0 nein. Ich hab' sie ja lieb. Wenn sie im Herbst 
groß sein wird, werd' ich mit ihr ganz allein in den Stadtpark 
gehen und werd' ihr alles erklären." 

„Wie ich mit einer weiteren Aufklärung anfangen will, 
unterbricht er mich, wahrscheinlich, um mir zu erklären, daß 
es nicht so schlimm ist, wenn er der Hanna den Tod wünscht." 

Hans: „Du, sie war doch schon längst auf der Welt, auch 
wie sie noch nicht da war. Beim Storche war sie doch auch 
auf der Welt." 

Ich: „Nein, beim Storche war sie vielleicht doch nicht." 

Hans: „Wer hat sie denn gebracht? Der Storch hat sie 
gehabt." 

Ich: „Woher hat er sie denn gebracht?" 

Hans: „Na, von ihm." 

Ich: „Wo hat er sie denn gehabt?" 

Hans: „In der Kiste, in der Storchenkiste." 

Ich: „Wie sieht denn die Kiste aus?" 

Hans: „Rot. Rot angestrichen." (Blut?) 

Ich: „Wer hat dir's denn gesagt?" 

Hans: „Die Mammi — ich hab' mir's gedacht — im Buche 
steht's." 

Ich: „In welchem Buche?" 

Hans: „Im Bilderbuche." (Ich lasse mir sein erstes Bilder- 
buch bringen. Dort ist ein Storchennest mit Störchen abgebildet 
auf einem roten Kamin. Das ist die Kiste; sonderbarerweise ist 
auf demselben Blatt ein Pferd zu sehen, das beschlagen wird. 
In die Kiste verlegt Hans die Kinder, da er sie im Neste nicht 
findet.) 

Ich: .,Was hat denn der Storch mit ihr gemacht?" 

l ) Wacker, kleiner Hans! Ich wünschte mir bei keinem Erwachsenen 
ein besseres Verständnis der Psychoanalyse. 






61 

Hans: „Dann hat er die Hanna hergebracht. Im Schnabel. 
Weißt, der Storch, der in Schönbrunn ist, der in den Schirm 
beißt." (Reminiszenz an einen kleinen Vorfall in Schönbrunn.) 

Ich: „Hast du gesehen, wie der Storch die Hanua ge- 
bracht hat?" 

Hans: „Du, da hab' ich doch noch geschlafen. In der 
Früh kann kein Storch ein Mäderl oder einen Buben bringen." 

Ich: „Warum?" 

Hans: „Das kann er nicht. Das kann ein Storch nicht. 
Weißt warum? Daß die Leute nicht sehen, und auf einmal, 
wenn früh ist, ist ein Mädel da 1 )." 

Ich: „Du warst aber damals doch neugierig, wie das der 
Storch gemacht hat?" 

Hans: „0 ja!" 

Ich: „Wie hat die Hanna ausgesehen, wie sie gekommen ist?" 

Hans (falsch): „Ganz weiß und lieb. Wie goldig." 

Ich: „Wie du sie aber das erstemal gesehen hast, hat sie 
dir aber nicht gefallen." 
. Hans: „0 sehr!" 

Ich: „Du warst doch überrascht, daß sie so klein ist?" 

Hans: „Ja!" 

Ich: „Wie klein war sie?" 

Hans: „Wie ein junger Storch." 

Ich: „Wie was noch? Wie ein Lumpf vielleicht?" 

Hans: „O nein, ein Lumpf ist viel größer . . . bissei kleiner, 
wie die Hanna wirklich." 

Ich hatte dem Vater vorhergesagt, daß die Phobie des 
Kleinen sich auf die Gedanken und Wünsche aus Anlaß der 
Geburt des Schwesterchens werde zurückführen lassen, aber ich 
hatte versäumt, ihn aufmerksam zu machen, daß ein Kind ein 
„Lumpf" für die infantile Sexualtheorie sei, so daß Hans den 
Exkrementalkomplex passieren werde. Aus dieser meiner Nach- 



l ) Man halte sich über Hansens Inkonsequenz nicht auf. Im vorigen 
Gespräch ist der Unglaube an den Storch aus seinem Unbewußten zum Vor- 
schein gekommen, der mit seiner Erbitterung gegen den geheimtuerischen 
Vater verknüpft war. Jetzt ist er ruhiger geworden und antwortet mit 
offiziellen Gedanken, in denen er sich für die vielen mit der Storchhypo- 
these verbundenen Schwierigkeiten Erklärungen zu recht gemacht hat. 



62 



lässigkeit entsprang die zeitweise Verdunkelung der Kur. Jetzt 
nach erfolgter Klärung versuchte der Vater, Hans über diesen 
wichtigen Punkt ein zweites Mal zu vernehmen. 

„Am nächsten Tage lasse ich mir die gestern erzählte 
Geschichte nochmals wiederholen. Hans erzählt: „Die Hanna 
ist in der großen Kiste nach Gmunden gefahren, und die 
Mammi im Coupe und die Hanna ist im Lastzuge mit der 
Kiste gefahren, und dann, wie wir in Gmunden waren, haben 
ich und die Mammi die Hanna herausgehoben, haben sie aufs 
Pferd gesetzt. Der Kutscher war am Bocke und die Hanna 
hat die vorige (vorjährige) Peitsche gehabt und hat das Pferd 
gepeitscht und hat immer gesagt: ,Hüoh," und das war immer 
lustig, und der Kutscher hat auch gepeitscht. — Der Kutscher 
hat gar nicht gepeitscht, weil die Hanna die Peitsche gehabt 
hat. — Der Kutscher hat die Zügel gehabt — auch die Zügel 
hat die Hanna gehabt (wir sind jedesmal mit einem Wao-en 
von der Bahn zum Hause gefahren; Hans sucht hier Wirklich- 
keit und Phantasie in Übereinstimmung zu bringen). In Gmunden 
haben wir die Hanna, vom Pferde heruntergehoben, und sie ist 
allein über die Stiege gegangen." (Als Hanna voriges Jahr in 
Gmunden war, war sie 8 Monate alt. Ein Jahr früher, worauf 
sich offenbar Hans' Phantasie bezieht, waren bei der Ankunft 
in Gmunden 5 Monate der Gravidität verstrichen.] 

Ich: „Das vorige Jahr war ja die Hanna schon da." 

Hans: „Voriges Jahr ist sie im "Wagen gefahren, aber ein 
Jahr vorher, wie sie bei uns auf der Welt war ..." 

Ich: „Bei uns war sie schon?" 

Hans: „Ja, du bist doch schon immer gekommen, mit mir 
Schinakel zu fahren, und die Anna hat dich bedient." 

Ich: „Das war aber nicht voriges Jahr, da war die Hanna 
noch gar nicht auf der Welt." 

Hans: „Ja da war sie auf der Welt. Wie sie erst in 
der Kiste gefahren ist, hat sie schon laufen können, schon 
,Anna' sagen." (Das kann sie erst seit 4 Monaten.) 

Ich: „Aber da war sie doch noch gar nicht bei uns." 

Hans: „O ja, da war sie doch beim Storche." 

Ich: „Wie alt ist denn die Hanna?" 



63 

Hans: „Sie wird im Herbste 2 Jahre. Die Hanna war 

doch da, du weißt es doch." 

Ich: „Und wann war sie beim Storche in der Storchenkiste?" 
Hans: „Schon lange, bevor sie in der Kiste gefahren ist. 

Schon sehr lange." 

Ich: „Wie lange kann denn die Hanna gehen? Wie sie 
in Gmunden war, hat sie noch nicht gehen können." 

Hans: „Voriges Jahr nicht, sonst schon." 

Ich: „Die Hanna war doch nur einmal in Gmunden." 

Hans: „Nein! Sie war zweimal; ja, das ist richtig. Ich 
kann mich sehr gut erinnern. Prag' nur die Mammi, die wird 
dir's schon sagen." 

Ich: „Das ist doch nicht wahr." 

Hans: „Ja, das ist wahr. Wie sie in Gmunden das 
erstemal war, hat sie gehen und reiten können und 
spater hat man sie tragen müssen. — Nein, später ist sie 
erst geritten und voriges Jahr hat man sie tragen müssen. 

Ich: „Sie geht aber doch erst ganz kurze Zeit. In Gmunden 
hat sie nicht gehen können." 

Hans: „Ja, schreib's nur auf. Ich kann mich ganz gut er- 
innern. — Warum lachst du?" 

Ich: „Weil du ein Schwindler bist, weil du ganz gut weißt, 
daß die Hanna nur einmal in Gmunden war." 

Hans: „Nein, das ist nicht wahr. Das erstemal ist sie auf 
dem Pferde geritten . . . und das zweitemal (wird offenbar 
unsicher)." 

Ich: „War das Pferd vielleicht die Mammi?" 

Hans: „Nein, ein wirkliches Pferd, beim Einspänner." 

Ich: „Wir sind doch immer mit einem Zweispänner 

gefahren." 

Hans: „So war's halt ein Fiaker." 

Ich: „Was hat die Hanna in der Kiste gegessen?" 

Hans: „Man hat ihr ein Butterbrot und Hering und 

Rettig (ein Gmundner Nachtmahl) hineingegeben, und da weil 

die Hanna gefahren ist, hat sie sich das Butterbrot aufgeschmiert 

und hat 50inal gegessen." 

Ich: „Hat die Hanna nicht geschrien?" 
Hans: „Nein!" 



64 



Ich: „Was hat sie denn gemacht?" 
Hans: „Ganz ruhig drin gesessen." 
Ich: „Hat sie nicht gestoßen?" 

Hans: „Nein, sie hat fortwährend gegessen und hat sich 
nicht einmal gerührt. Zwei große Häfen Kaffee hat sie aus- 
getrunken — bis in der Früh war alles weg und den Mist hat 
sie in der Kiste gelassen, die Blätter von den zwei Rettigen 
und ein Messer zum Rettigschneiden ; sie hat alles zusammen- 
geputzt wie ein Has, in einer Minute und sie war fertig. Das 
war eine Hetz'. Ich und die Hanna bin sogar mitgefahren in 
der Kiste, ich hab' in der Kiste geschlafen die ganze Nacht 
(wir sind vor 2 Jahren tatsächlich in der Nacht nach Gmunden 
gefahren) und die Mammi ist im Coupe gefahren. Immer haben 
wir gegessen auch im Wagen, das war eine Gaude. — Sie ist 
gar nicht am Pferde geritten (er ist jetzt unsicher geworden, 
weil er weiß, daß wir im Zweispänner gefahren sind) ... s i e 
ist im Wagen gesessen. Das ist das Richtige, aber ganz allein 
bin ich und die Hanna gefahren ... die Mammi ist auf dem 
Pferde geritten, die Karolin' (unser Mädchen vom vorigen Jahre) 
auf dem andern .... Du. was ich dir da erzähl', ist nicht 
einmal wahr." 

Ich: „Was ist nicht wahr?" 

Hans: „Alles nicht. Du, wir setzen sie und mich in die 
Kiste 1 ) und ich werde in die Kiste Wiwi machen. Ich werd' halt 
in die Hosen Wiwi machen, liegt mir gar nichts dran, ist gar 
keine Schand'. Du, das ist aber kein Spaß, aber lustig ist es schon!" 

„Er erzählt dann die Geschichte, wie der Storch gekommen 
ist, wie gestern, nur nicht, daß er beim Weggehen den Hut 
genommen hat. 

Ich: „Wo hat der Storch den Türschlüssel gehabt?" 

Hans: „In der Tasche." 

Ich: „Wo hat denn der Storch eine Tasche?" 

Hans: „Im Schnabel." 

Ich: „Im Schnabel hat er ihn gehabt! Ich hab' noch keinen 
Storch gesehen, der einen Schlüssel im Schnabel gehabt hat." 

Hans: „Wie hat er denn hineinkommen können? Wie 
kommt denn der Storch von der Tür hinein? Das ist ja nicht 



x ) Die Kiste für das Gmundner Gepäck, die im Vorzimmer steht. 



65 

■■ 

wahr, ich hab' mich nur geirrt, der Storch läutet an und je- 
mand macht auf." 

Ich: „Wie läutet er denn?" 

Hans: „Auf der Glocke." 

Ich: „Wie macht er das?" 

Hans: „Er nimmt den Schnabel und drückt mit dem 
Schnabel an." 

Ich: Und er hat die Tür wieder zugemacht? 

Hans: „Nein, ein Dienstmädchen hat sie zugemacht. Die 
war ja schon auf, die hat ihm aufgemacht und zugemacht." 

Ich: „Wo ist der Storch zu Hause?" 

Hans: „Wo? In der Kiste, wo er die Mäderl hat. In 
Schönbruun vielleicht. " 

Ich: „Ich hab' in Schönbrunn keine Kiste gesehen." 

Hans: „Die wird halt weiter weg sein. — Weißt, wie der 
Storch die Kiste aufmacht? Er nimmt den Schnabel — die 
Kiste hat auch einen Schlüssel — er nimmt den Schnabel und 
eins (eine Schnabelhälfte) läßt er auf und sperrt so auf (de- 
monstriert es mir am Schreibtischschlosse). Das ist ja auch 
ein Henkel." 

Ich: „Ist so ein Mäderl nicht zu schwer für ihn?" 

Hans: „0 nein!" 

Ich: „Du, sieht ein Stellwagen nicht wie eine Storchen- 
kiste aus?" 

Hans: „Ja!" 

Ich: „Und ein Möbelwagen?" 

Hans: „Ein Gsindelwerkwagen (Gsindelwerk: Schimpfwort 
für unartige Kinder) auch." 



„17. April. Gestern hat Hans seinen lange geplanten 
Vorsatz ausgeführt und ist in den Hof vis-ä-vis hinübergegangen. 
Heute wollte er es nicht tun, weil gerade gegenüber dem Ein- 
fahrtstore ein Wagen an der Ausladerampe stand. Er sagte 
mir: „Wenn dort ein Wagen steht, so furcht' ich mich, daß 
ich die Pferde necken werde und sie fallen um und machen 
mit den Füßen Krawall." 

Ich: „Wie neckt man denn Pferde?" 

Frend, Neurosenlehre. III. 5 



66 



Hans: „"Wenn man mit ihnen schimpft, dann neckt man 
sie, wenn man hühü schreit 1 ).'' 

Ich: „Hast du Pferde schon geneckt?" 

Hans: „Ja, schon öfter. Fürchten tu ich mich, daß ich's 
tu, aber wahr ist es nicht." 

Ich: „Hast du schon in G-munden Pferde geneckt?" 

Hans: „Nein!" 

Ich: „Du neckst aber gerne Pferde?" 

Hans: „0 ja, sehr gerne!" 

Ich: „Möchtest du sie gerne peitschen?" 

Hans: „Ja!" 

Ich: „Möchtest du die Pferde so schlagen, wie die Mammi 
die Hanna? Das hast du ja auch gerne." 

Hans: „Den Pferden schadet es ja nichts, wenn man sie 
schlägt. (So hab' ich ihm seinerzeit gesagt, um seine Furcht vor 
dem Peitschen der Pferde zu mäßigen.) Ich hab's einmal wirk- 
lich getan. Ich hab' einmal die Peitsche gehabt und hab' das 
Pferd gepeitscht und es ist umgefallen und hat mit den Füßen 
Krawall gemacht." 

Ich: „Wann?" 

Hans: „In Grinunden." 

Ich: „Ein wirkliches Pferd? Das am Wageu angespannt war?" 

Hans: „Es war außer'm Wagen." 

Ich: „Wo war's denn?" 

Hans: „Ich hab's halt gehalten, daß es nicht davonrennen 
soll." (Das klang natürlich alles unwahrscheinlich.)" 

Ich: „Wo war das?" 

Hans: „Beim Brunnen." 

Ich: „Wer hat's dir erlaubt? Hat's der Kutscher dort 
stehen lassen?" 

Hans: „Halt ein Pferd vom Stalle." 

Ich: „Wie ist es zum Brunnen gekommen?" 

Hans: „Ich hab's hingeführt." 

Ich: „Woher? Aus dem Stalle?" 



J ) „Es hat ihm oft große Furcht eingejagt, wenn Kutscher die 
Pferde schlugen und hü schrien." 



67 

Hans: „Ich hab's herausgeführt, weil ich es hab' wollen 
peitschen." 

Ich: „War im Stalle niemand?" 

Hans: „0 ja, der Loisl (der Kutscher in Ginunden)." 

Ich: „Hat er dir's erlaubt?" 

Hans: „Ich hab' mit ihm lieb geredet und er hat gesagt, 
ich darf es tun." 

Ich: „Was hast du ihm gesagt?" 

Hans: „Ob ich das Pferd nehmen darf und peitschen und 
schreien. Er hat gesagt, ja." 

Ich: „Hast du's viel gepeitscht?" 

Hans: „Was ich dir da erzählt, ist gar nicht wahr." 

Ich: „Was ist davon wahr?" 

Hans: „Nix ist davon wahr, das hab' ich dir nur im 
Spasse erzählt," 

Ich: „Du hast nie ein Pferd aus dem Stalle geführt?" 

Hans: „0 nein!" 

Ich: „Gewünscht hast du dir's." 

Hans: „O, gewünscht schon, gedacht hab' ich mir's." 

Ich: „In G-munden?" 

Hans: „Nein, erst hier. In der Früh hab' ich mir's schon 
gedacht, wie ich ganz angezogen war; nein, in der Früh 
im Bette." 

Ich: „Warum hast du mir's nie erzählt?" 

Hans: „Ich hab' nicht d'ran gedacht." 

Ich: „Du hast dir's gedacht, weil du auf die Straßen ge- 
sehen hast." 

Hans: „Ja!" 

Ich: „Wen möchtest du eigentlich gerne schlagen, die 
Mammi, die Hanna oder mich?" 

Ich: „Die Mammi." 

Ich: „Warum?" 

Hans: „Ich möcht' sie halt schlagen." 

Ich: „Wann hast du gesehen, daß jemand eine Mammi 
schlägt?" 

Hans: „Ich hab's noch nie gesehen, in meinem Leben nie." 

Ich: „Und du möchtest es halt doch machen. Wie möchtest 
du das tun?" 

5* 



68 



Hans: „Mit dem Pracker." (Mit dem Pracker droht die 
Mama öfter ihn zu schlagen.) 

„Für heute mußte ich das Gespräch abbrechen." 

„Auf der Gasse erklärte mir Hans: Stellwagen, Möbel- 
wagen, Kohlenwagen seien Storchkistenwagen." 

Das heißt also: gravide Frauen. Die sadistische Anwandlung 
unmittelbar vorher kann nicht außer Zusammenhang mit unserem 
Thema sein. 









„21. April. Heute früh erzählt Hans, er habe sich gedacht: 
„Ein Zug war in Lainz und ich bin mit der Lainzer Großmama 
nach Hauptzollamt gefahren. Du warst noch nicht herunter von 
der Brücke und der zweite Zug war schon in St. Veit. "Wie 
du heruntergekommen bist, war der Zug schon da und da sind 
wir eingestiegen." 

„[Gestern war Hans in Lainz. Um auf den Einsteigeperron 
zu kommen, muß man über eine Brücke gehen. Von dem Perron 
sieht man die Schienen entlang bis zur Station St. Veit. Die 
Sache ist etwas undeutlich. Ursprünglich hat sich Hans wohl 
gedacht: er ist mit dem ersten Zuge, den ich versäumt habe, 
davongefahren, dann ist aus Unter-St. Veit ein zweiter Zug ge- 
kommen, mit dem ich nachgefahren bin. Ein Stück dieser Aus- 
reißerphantasie hat er entstellt, so daß er schließlich sagt: Wir 
sind beide erst mit dem zweiten Zuge weggefahren." 

„Diese Phantasie steht in Beziehung zu der letzten unge- 
deuteten, die davon handelt, wir hätten in Gmunden zuviel Zeit 
verbraucht, um die Kleider in der Bahn anzuziehen, und der 
Zug wäre davongefahren.]" 

„Nachmittag vor dem Haus. Hans läuft plötzlich ins Haus, 
als ein "Wagen mit zwei Pferden kommt, an dem ich nichts 
Außergewöhnliches bemerken kann. Ich frage ihn was er hat. 
Er sagt: „Ich fürchte mich, weil die Pferde so stolz sind, daß 
sie umfallen." (Die Pferde wurden vom Kutscher scharf am 
Zügel gehalten, so daß sie in kurzem Schritte gingen, die Köpfe 
hochhaltend — sie hatten wirklich einen „stolzen" Gang.)" 

„Ich frage ihn, wer denn eigentlich so stolz sei." 

Er: „Du, wenn ich ins Bett zur Mammi komm." 

Ich: „Du wünschest also, ich soll umfallen? 



Er: „Ja, du sollst als Nackter (er ineint: barfüßig wie 
seinerzeit Fritzl) auf einen Stein anstoßen und da soll Blut 
fließen und wenigstens kann ich mit der Manimi ein bißchen 
allein sein. Wenn du in die Wohnung heraufkommst, kann ich 
geschwind weglaufen von der Manimi, daß du's nicht siehst." 

Ich: „Kannst du dich erinnern, wer sich am Steine ange- 
stoßen hat?" 

Er: „Ja, der Fritzl." 

Ich: Wie der Fritzl hingefallen ist, was hast du dir gedacht 1 )?" 

Er: „Daß du am Steine hinfliegen sollst." 

Ich: „Du möchtest also gerne zur Manimi?" 

Er: „Ja!" 

Ich: „Weshalb schimpf ich denn eigentlich?" 

Er: „Das weiß ich nicht." (!!) 

Ich: „Warum?" 

Er: „AVeil du eifern tust." 

Ich: „Das ist doch nicht wahr!" 

Er: „Ja, das ist wahr, du tust eifern, das weiß ich. Das 
muß wahr sein." 

„Meine Erklärung, daß nur kleine Buben zur Mammi ins 
Bett kommen, große in ihrem eigenen Bette schlafen, hat ihm 
also nicht sehr imponiert." 

„Ich vermute, daß der Wunsch, das Pferd zu „necken", 
i. e. schlagen, anschreien, nicht, wie er angab, auf die Mama, 
sondern auf mich geht. Er hat die Mama wohl nur vorgeschoben, 
weil er mir das andere nicht eingestehen wollte. In den letzten 
Tagen ist er von besonderer Zärtlichkeit gegen mich." 

Mit der Überlegenheit, die man „nachträglich" so leicht 
erwirbt, wollen wir den Vater korrigieren, daß der Wunsch 
Hansens, das Pferd zu „necken", doppelt gefügt ist, zusammen- 
gesetzt aus einem dunkeln, sadistischen Gelüste auf die Mutter 
und einem klaren Rachedrange gegen den Vater. Der letztere 
konnte nicht eher reproduziert werden, als bis im Zusammen- 
hange des Graviditätskomplexes das erstere an die Reihe ge- 
kommen war. Bei der Bildung der Phobie aus den unbewußten 



*) „Fritzl ist also tatsächlich gefallen, was er seinerzeit geleugnet hat." 



70 



Gedanken findet ja eine Verdichtung statt; darum kann der 
Weg der Analyse niemals den Entwicklungsgang der Neurose 
wiederholen. 



„22. April. Heute früh hat sich Hans wieder etwas ge- 
dacht: „Ein Gassenbube ist auf dem Wagerl gefahren und der 
Kondukteur ist gekommen und hat den Buben ganz nackt aus- 
gezogen und bis in der Früh dort stehen lassen und in der 
Früh hat der Bub dem Kondukteur 50.000 Gulden gegeben, 
damit er mit dem Wagerl fahren darf." 

„ [Vis-ä-vis von uns fährt die Nordbahn. Auf einem Stock- 
geleise steht eine Draisine, auf der Hans einmal einen Gassen- 
buben fahren sah, was er auch tun wollte. Ich habe ihm gesagt 
das dürfe man nicht, sonst käme der Kondukteur. Ein zweites' 
Element der Phantasie ist der verdrängte Nacktheitswunsch]« 
Wir merken schon seit einiger Zeit, daß Hansens Phantasie 
„im Zeichen des Verkehres" schafft und konsequenterweise vom 
Pferde, das den Wagen zieht, zur Eisenbahn fortschreitet. So 
gesellt sich ja auch zu jeder Straßenphobie mit der Zeit die 
Eisenbahnangst hinzu. 

„Mittags höre ich, daß Hans den ganzen Vormittag 
mit einer Gummipuppe gespielt habe, die er Grete nannte. 
Er hat durch die Öffnung, in der einmal das kleine 
Blechpfeifchen befestigt war, ein kleines Taschenmes- 
ser hineingesteckt und ihr dann die Eüße voneinander- 
gerissen, um das Messer herausfallen zu lassen. Dem 
Kindermädchen sagte er, zwischen die Füße der Puppe 
zeigend: „Schau, hier ist der Wiwimacher!" 

Ich: „Was hast du denn heute eigentlich mit der Puppe 
gespielt?" tl 

Er: „Ich hab' die Füße auseinandergerissen, weißt warum? 
Weil em Messerl drin war, was die Mammi gehabt hat. Das 
hab' ich hineingegeben, wo der Kopf quietscht, und dann hab' 
ich die Fuß' auseinandergerissen und dort ist es hinausgegangen." 

Ich: „Weshalb hast du die Füße auseinandergerissen ¥ 
Damit du den Wiwimacher sehen kannst?" 

Er: „Er war ja auch zuerst da, da hab ich ihn auch sehen 
können." 



71 



Ich: „Weshalb hast du das Messer hineingegeben? 

Er: „Ich weiß es nicht." 

Ich: „Wie sieht denn das Messerl ans?" 
„Er bringt es mir." 

Ich: „Hast du dir gedacht, es ist vielleicht ein kleines Kind?" 

Er: „Nein, ich hab' mir gar nichts gedacht, aber der Storch 
hat, mir scheint, einmal ein kleines Kind gekriegt — oder wer." 

Ich: „Wann?" 

Er: „Einmal. Ich hab's gehört, oder hab' ich's gar nicht 
gehört, oder hab' ich mich verredet?" 

Ich: „Was heißt verredet?" 

Er: „Es ist nicht wahr." 

Ich: „Alles, was man sagt, ist ein bissei wahr." 

Er: „No ja, ein bißchen." 

Ich (nach einem Übergange): „Wie hast du dir gedacht, 
kommen die Hendl auf die Welt?" 

Er: „Der Storch laßt sie halt wachsen, der Storch laßt 
die Hendl wachsen, — nein, der liebe Gott." 

„Ich erkläre ihm, daß die Hendl Eier legen und aus den 
Eiern wieder Hendl kommen." 

„Hans lacht." 

Ich: „Warum lachst du?" 

Er. „Weil mir's gefallt, was du mir da erzählst." 

„Er sagt, er habe das bereits gesehen." 

Ich: „Wo denn?" 

Hans: „Bei dir!" 

Ich: „Wo hab' ich ein Ei gelegt?" 

Hans: „In Gmunden, ins Gras hast du ein Ei gelegt und 
auf einmal ist ein Hendl außigsprungen. Du hast einmal ein 
Ei gelegt, das weiß ich, das weiß ich ganz bestimmt. Weil mir's 
die Mammi gesagt hat." 

Ich: „Ich werde die Mammi fragen, ob das wahr ist?" 

Hans: „Das ist gar nicht wahr, aber ich hab schon ein- 
mal ein Ei gelegt, da ist ein Hendl außigsprungen." 

Ich: „Wo?" 

Hans: „In Gmunden habe ich mich ins Gras gelegt, nein, 
gekniet und da haben die Kinder gar nicht hergeschaut und 
auf einmal in der Früh hab' ich gesagt: Sucht's, Kinder, gestern 



72 

hab' ich ein Ei gelegt! Und auf einmal haben sie geschaut und 
auf einmal haben sie ein Ei gesehen und aus dem ist ein kleiner 
Hans gekommen. Was lachst du denn? Die Mammi weiß es nicht 
und die Karolin' weiß es nicht, weil niemand zugeschaut hat, 
und auf einmal hab' ich ein Ei gelegt und auf einmal Avar's da. 
"Wirklich. Vatti, wann wächst ein Hendl aus dem Ei? Wenn 
man es stehen läßt? Muß man das essen?" 
„Ich erkläre ihm das." 

Hans: „No ja, lassen's wir bei der Henne, dann wächst 
ein Hendl. Packen wir's in die Kiste und lassen wirs nach 
Gmunden fahren." 

Hans hat die Leitung der Analyse mit einem kühnen 
Griffe an sich gerissen, da die Eltern mit den längst berechtigten 
Aufklärungen zögerten, und in einer glänzenden Symptomhand- 
lung mitgeteilt: „Seht ihr, so stelle ich mir eine Geburt 
vor." Was er dem Dienstmädchen über den Sinn seines Spieles 
mit der Puppe gesagt, war nicht aufrichtig; dem Vater gegen- 
über weist er es direkt ab, daß er nur den Wiwimacher sehen 
wollte. Nachdem ihm der Vater gleichsam als Abschlags- 
zahlung die Entstehung der Hühnchen aus dem Ei erzählt hat, 
vereinigen sich seine Unbefriedigung, sein Mißtrauen und sein 
Besserwissen zu einer herrlichen Persiflage, die sich in seinen 
letzten Worten zu einer deutlichen Anspielung auf die Geburt 
der Schwester steigert. 

Ich: „Was hast du mit der Puppe gespielt?" 

Hans: „Ich hab' ihr Grete gesagt." 

Ich: „Warum?" 

Hans: „Weil ich ihr Grete gesagt hab'." 

Ich: „Wie hast du dich gespielt?" 

Hans: „Ich hab' sie halt so gepflegt wie ein wirkliches 
Kind." 

Ich: „Möchtest du gerne ein kleines Mäderl haben?" 

Hans: „0 ja. Warum nicht? Ich mag eins kriegen, aber 
die Mammi darf keines kriegen, ich mag's nicht." 

„[Er hat sich schon so oft ausgesprochen. Er fürchtet, 
durch ein drittes Kind noch weiter verkürzt zu werden.]" 

Ich: „Es bekommt doch nur eine Frau ein Kind." 

Hans: „Ich krieg' ein Mäderl." 



, 



73 

Ich: „Wo kriegst du es denn her?" 

Hans: „No, vom Storch. Er nimmt das Mäderl her- 
aus und das Mäderl legt auf einmal ein Ei und aus dem Ei 
kommt dann noch eine Hanna heraus, noch eine Hanna. Aus 
der Hanna kommt noch eine Hanna. Nein, es kommt eine 
Hanna heraus." 

Ich: „Du möchtest gerne eine Mäderl haben." 
Hans: „Ja, nächstes Jahr krieg' ich eins, das wird 
auch Hanna heißen." 

Ich: „Warum soll denn die Mammi kein Mäderl be- 
kommen?" 

Hans: „Weil ich einmal ein Mäderl mag." 
Ich: „Du kannst aber kein Mäderl bekommen." 
Hans: „0 ja, ein Bub kriegt ein Mäderl und ein Mäderl 
kriegt einen Buben 1 )." 

Ich: „Ein Bub bekommt keine Kinder. Kinder bekommen 
nur Frauen, Mammis." 

Hans: „Warum denn ich nicht?" 

Ich: „Weil der liebe Gott es so eingerichtet hat." 

Hans: „Warum kriegst denn du keines? O ja, du wirst 
schon eins kriegen, nur warten." 

Ich: „Da kann ich lang warten." 

Hans: „Ich gehör' doch dir." 

Ich: „Aber die Mammi hat dich auf die Welt gebracht. 
Du gehörst dann der Mammi und mir." 

Hans: „Gehört die Hanna mir oder der Mammi?" 

Ich: „Der Mammi." 

Hans: „Nein, mir. Warum denn nicht mir und der 
Mammi?" 

Ich: „Die Hanna gehört mir, der Mammi und dir." 

Hans: „No also!" 

Ein wesentliches Stück fehlt natürlich dem Kinde im Ver- 
ständnisse der Sexualbeziehungen, solange das weibliche Geni- 
tale unentdeckt ist. 



„Am 24. April wird Hans von mir und meiner Frau so 
weit aufgeklärt, daß Kinder in der Mammi wachsen und dann, 

') Wiederum ein Stück infantiler Sexualtheorie mit ungeahntem Sinne. 



74 

was große Schmerzen bereite, mittels Drückens wie ein „Lumpf" 
in die Welt gesetzt werden." 

„Nachmittags sind wir vor dem Haus. Es ist bei ihm eine 
sichtliche Erleichterung eingetreten, er läuft Wagen nach und 
nur der Umstand, daß er sich aus der Nähe des Haupttores 
nicht wegtraut, respektive zu keinem größeren Spaziergänge zu 
bewegen ist, verrät den Rest von Angst." 

„Am 25. April rennt mir Hans mit dem Kopfe in den 
Bauch, was er schon früher einmal getan hat. Ich frage ihn, 
ob er eine Ziege ist." 

„Er sagt: „Ja, ein Wieder (Widder)." — „Wo er einen 
Widder gesehen hat?" 

Er: „In G-niunden, der Fritzl hat einen gehabt." [Der 
Fritzl hat ein kleines, lebendes Schaf zum Spielen gehabt,]" 

Ich: „Von dem Lamperl mußt du mir erzählen, was hat 
es gemacht?" 

Hans: „Du weißt, das Fräulein Mizzi [eine Lehrerin, die 
im Hause wohnte] hat immer die Hanna auf das Lamperl ge- 
setzt, da hat es aber nicht aufstehen können, da hat es nicht 
stoßen können. Wenn man hingeht, stößt es schon, weil es 
Hörner hat. Der Fritzl tut's halt an der Schnur führen und an 
einen Baum anbinden. Er bindet's immer an einen Baum an." 

Ich: „Hat das Lamperl dich gestoßen?" 

Hans: „Hinaufgesprungen ist es auf mich, der Fritzl hat 
mich einmal hingegeben ... ich bin einmal hingegangen und 
hab's nicht gewußt, und auf einmal ist es auf mich hinauf- 
gesprungen. Das war so lustig — erschrocken bin ich nicht." 

„Das ist gewiß unwahr." 

Ich: „Hast dulden "Vatti gern?" 

Hans: „0 ja." 

Ich: „Vielleicht auch nicht?" 

Hans: (spielt mit einem kleinen Pferderl. In diesem 
Momente fällt das Pferdl um. Er schreit: „Das Pferdl ist um- 
gefallen! Siehst du, wie's Krawall macht!") 

Ich: „Etwas ärgert dich am Vatti, daß ihn die Mammi 
gern hat." 

Hans: „Nein." 







75 

Ich: „Weshalb weinst du also immer, wenn die Mammi 
mir einen Kuß gibt? "Weil du eifersüchtig bist." 
Hans: „Das schon." 

Ich: „Du möchtest halt gern der Vatti sein." 
Hans: „0 ja." 

Ich: Was möchtest du denn machen, wenn du der Vatti 
wärst." 

Hans: „Und du der Hans?" 

„Da möcht' ich dich jeden Sonntag nach Lainz fahren, 
nein, auch jeden Wochentag. Wenn ich der Vatti war', war' ich 
gar brav." 

Ich: „Was möchtest du aber mit der Mammi machen?" 

Hans: „Auch nach Lainz mitnehmen." 

Ich: „Was sonst noch?" 

Hans: „Nix." 

Ich: „Weshalb bist du denn eifersüchtig? 

Hans: „Das weiß ich nicht." 

Ich: „In Gmunden warst du auch eifersüchtig?" 

Hans: „In G-munden nicht [das ist nicht wahr). In 
G-munden hab' ich meine Sachen gehabt, einen Garten hab' ich 
in Gmunden gehabt und auch Kinder." 

Ich: „Kannst du dich erinnern, wie die Kuh das Kalberl 
bekommen hat?" 

Hans: „0 ja. Es ist mit einem Wagen hergekommen 
[Das hat man ihm wohl damals in Gmunden gesagt. Auch ein 
Stoß gegen die Storchtheorie] und eine andere Kuh hat es aus 
dem Podl herausgedrückt." [Das ist bereits die Frucht der 
Aufklärung, die er mit der „Wagerltheorie" in Eiuklang 
bringen will.]" 

Ich: „Das ist ja nicht wahr, daß es mit einem Wagerl 
gekommen ist; es ist aus der Kuh gekommen, die im Stalle war." 

„Hans bestreitet es, sagt, er habe den Wagen in der Früh 
gesehen. Ich mache ihn aufmerksam, daß man ihm das wahr- 
scheinlich erzählt hat, daß das Kalberl im Wagen gekommen 

sei. Er gibt es schließlich zu: „Es hat mir's wahrscheinlich die 
Berta gesagt oder nein — oder vielleicht der Hausherr. Er 
war dabei und es war doch Nacht, deshalb ist es doch wahr, 



76 



wie icli's dir sage, oder mir scheint, es bat mir's niemand ge- 
sagt, ich hab' mir's in der Nacht gedacht." 

„Das Kalberl wurde, wenn ich nicht irre, im Wagen weg- 
geführt; daher die Verwechslung." 

Ich: „Warum hast du dir nicht gedacht, der Storch hat's 
gebracht?" 

Hans: „Das hab' ich mir nicht denken wollen." 

Ich: „Aber, daß die Hanna der Storch gebracht hat, hast 
du dir gedacht?" 

Hans: „In der Früh (der Entbindung) hab' ich mir's ge- 
dacht. — Du, Vatti, war der Herr Eeisenbichler (der Haus- 
herr) dabei, wie das Kalberl von der Kuh gekommen ist 1 )?" 

Ich: „Ich weiß nicht. Glaubst du?" 

Hans: „Ich glaub' schon . . . Vatti, hast du schon öfter 
gesehen, wie ein Pferd etwas Schwarzes am Mund hat?" 

Ich: „Ich hab's schon öfter gesehen, auf der Straße in 
Gmunden 2 )." 

Ich: „In Gmunden warst du oft im Bett bei der Mammi?" 

Hans: „Ja." 

Ich: „Und du hast dir gedacht, du bist der Vatti?" 

Hans: „Ja." 

Ich: „Und dann hast du dich vor dem Vatti gefürchtet?" 

Hans: „Du weißt ja alles, ich hab' nichts gewußt." 

Ich: „Wie der Fritzl gefallen ist, hast du dir gedacht, 
wenn der Vatti so fallen möchte, und wie dich das Lamperl 
gestoßen hat, wenn es den Vatti stoßen niöcht,' Kannst du dich 
an das Begräbnis in Gmunden erinnern?" [Das erste Begräbnis, 
das Hans sah. Er erinnert sich öfter daran, eine zweifellose 
Deckerinnerung.] " 

Hans: „Ja, was war da?" 

Ich: „Da hast du gedacht, wenn der Vatti sterben möcht', 
wärst du der Vatti." 



*) Hans, der Grund hat, gegen die Mitteilungen der Erwachsenen 
mißtrauisch zu sein, erwägt hier, ob der Hausherr glaubwürdiger sei als 
der Vater. 

2 ) Der Zusammenhang ist der: Das mit dem Schwarzen am Munde 
der Pferde hat ihm der Vater lange nicht glauben wollen, bis es sich end- 
lich hat verifizieren lassen. 



77 

Hans: „Ja." 

Ich: „Vor welchen Wagen fürchtest du dich eigentlich noch?" 

Hans: „Vor allen." 

Ich: „Das ist doch nicht wahr." 

Hans: „Vor Fiakern, Einspännern nicht. Vor Stellwagen, 
vor Gepäckwagen, aber nur, wenn sie aufgeladen haben, wenn 
sie aber leer sind, nicht. Wenn es ein Pferd ist und voll auf- 
geladen hat, da furcht' ich mich, und wenn's zwei Pferde sind 
und voll aufgeladen haben, da furcht' ich mich nicht." 

Ich: „Vor den Stellwagen fürchtest du dich, Aveil drin so- 
viel Leute sind?" 

Hans: „Weil am Dach soviel Gepäck ist." 

Ich: „Hat die Mammi, wie sie die Hanna bekommen hat, 
nicht auch voll aufgeladen?" 

Hans: „Die Mammi wird wieder voll aufgeladen sein, 
wenn sie wieder einmal eins haben wird, bis wieder eins wachsen 
wird, bis wieder eins drin sein wird." 

Ich: „Das möchtest du halt gern." 

Hans: „Ja." 

Ich: „Du hast gesagt, du willst nicht, daß die Mammi 
noch ein Kind bekommen soll." 

Hans: „So wird sie halt nicht mehr aufgeladen sein. Die 
Mammi hat gesagt, wenn die Mammi keins will, will's der liebe 
Gott auch nicht. Wird die Mammi auch keins wollen, so wird 
sie keins bekommen." [Hans hat natürlich gestern auch gefragt, 
ob in der Mammi noch Kinder sind. Ich habe ihm gesagt, nein, 
wenn der liebe Gott nicht will, wird's in ihr auch nicht wachsen.] 

Hans: „Aber die Mammi hat mir gesagt, wenn sie nicht 
will, wird keins mehr wachsen, und du sagst, wenn der liebe 
Gott nicht will." 

„Ich sagte ihm also, daß es so ist, wie ich gesagt habe, 
worauf er bemerkt: „Du warst doch dabei? Du weißt es gewiß 
besser." — Er stellte also die Mama zur Rede, und die stellte 
die Konkordanz her, indem sie erklärte, wenn sie nicht wolle, 
wolle auch der liebe Gott nicht. 1 )" 



*) Ce que femme veut Dieu veut. Aber Hans hat hier in seinem 
Scharfsinne wieder ein sehr ernsthaftes Problem entdeckt. 



78 



Ich: „Mir scheint, du wünschest doch, die Mammi soll 
ein Kind bekommen?" 

Hans: „Aber haben will ich's nicht." 

Ich: „Aber du wünschest es?" 

Hans: „Wünschen schon." 

Ich: „"Weißt du, warum du es wünschest? Weil du gern 
der Vatti sein niöchst." 

Hans: „Ja . . . Wie ist die Geschieht'?" 

Ich: „Welch Geschieht'?" 

Hans: „Ein Vatti kriegt doch kein Kind, wie ist die Ge- 
schieht' dann, wenn ich gern der Vatti sein möcht'?" 

Ich: „Du möchtest der Vatti sein und mit der Mammi ver- 
heiratet sein, möchtest so groß sein wie ich und einen Schnurrbart 
haben und möchtest, daß die Mammi ein Kind bekommen soll." 

Hans: „Vatti, und bis ich verheiratet sein werde, werde 
ich nur eins kriegen, wenn ich will, wenn ich mit der Mammi 
verheiratet sein werde, und wenn ich kein Kind will, will der 
liebe Gott auch nicht, wenn ich geheiratet hab\" 

Ich: „Möchtest du gern mit der Mammi verheiratet sein?" 

Hans: „0 ja." 

Man merkt es deutlich, wie das Glück in der Phantasie 
noch durch die Unsicherheit über die Rolle des Vaters und die 
Zweifel an der Beherrschung des Kinderkriegens gestört wird. 



„Am Abende desselben Tages sagt Hans, wie er ins Bett 
gelegt wird, zu mir: „Du, weißt du, was ich jetzt mach'? Jetzt 
Sprech' ich noch bis 10 Uhr mit der Grete, die ist bei mir im 
Bett. Immer sind meine Kinder bei mir im Bett. Kannst du 
mir sagen, wie das ist?" — Da er schon sehr schläfrig ist, ver- 
spreche ich ihm, wir werden das morgen aufschreiben, und er 
schläft ein." 

„Aus den früheren Aufzeichnungen ergibt sich, daß Hans 
seit seiner Rückkehr von Gmunden immer von seinen „Kindern" 
phantasiert, er führt mit ihnen Gespräche usw. 1 )" 

1 ) Es ist keine Nötigung, hier bei Hans einen femininen Zu» von 
Sehnsucht nach Kinderhaben anzunehmen. Da er seine beseligenden Er- 
lebnisse als Kind bei der Mutter gehabt hat, wiederholt er diese nun in 
aktiver Eolle, wobei er selbst die Mutter spielen muß. 



79 

„Am 26. April frage ich ihn also, warum er denn immer 
von seinen Kindern spricht." 

Hans: „"Warum? Weil ich so gerne Kinder haben 
mag, aber ich wünsch' niir's nie, haben mag ich sie 
nicht 1 )." 

Ich: „Hast du dir immer vorgestellt, die Berta, die Olga 
usw. sind deine Kinder?" 

Hans: „Ja, der Franzi, der Fritzl und der Paul (sein Ge- 
spiele in Lainz) auch und die Lodi." „Ein fingierter Name. 
Sein Lieblingskind, von dem er am öftesten spricht. — Ich be- 
tone hier, daß die Persönlichkeit der Lodi nicht erst seit 
einigen Tagen, seit dem Datum der letzten Aufklärung (24. April) 
besteht." 

Ich: „Wer ist die Lodi? Ist sie in G-munden?" 

Hans: „Nein." 

Ich: „Gibt's eine Lodi?" 

Hans: „Ja, ich kenn' sie schon." 

Ich: „Welche denn?" 

Hans: „Die da, die ich hab'." 

Ich: „Wie sieht sie denn aus?" 

Hans: „Wie? Schwarze Augen, schwarze Haare ... ich 
hab' sie einmal mit der Mariedl (in Gmunden) getroffen, wie 
ich in die Stadt gegangen bin." 

„Wie ich Näheres wissen will, stellt sich heraus, daß dies 
erfunden ist 2 )." 

Ich: „Du hast also gedacht, du bist die Mammi?" 

Hans: „Ich war auch wirklich die Mammi." 

Ich: „Was hast du denn mit den Kindern gemacht?" 

Hans: „Bei mir hab' ich sie schlafen lassen, Mädeln und 
Buben." 

Ich: „Jeden Tag?" 

*) Der so auffällige Widerspruch ist der zwischen Phantasie und 
Wirklichkeit — wünschen und haben. Er weiß, daß er in Wirklichkeit Kind 
ist, da würden ihn andere Kinder nur stören, in der Phantasie ist er Mutter 
und braucht Kinder, mit denen er die selbst erlebten Zärtlichkeiten wieder- 
holen kann. 

2 ) Es könnte doch sein, daß Hans eine zufällige Begegnung in 
Gmunden zum Ideal erhoben hat, das übrigens in der Parbe von Augen 
und Haaren der Mutter nachgebildet ist. 



80 



Hans: „Na freilich. 11 ' 

Ich: „Hast du mit ihnen gesprochen?" 

Hans: „Wenn alle Kinder nicht ins Bett hineingegangen 
sind, habe ich welche Kinder aufs Sofa gelegt und welche in 
den Kinderwagen gesetzt, wenn noch übrig geblieben sind, hab' 
ich sie am Boden getragen und in die Kiste gelegt, da waren 
noch Kinder und ich hab' sie in die andere Kiste gelegt." 

Ich: „Also die Storchenkinderkisten sind am Boden ge- 
standen?" 

Hans: „Ja." 

Hans: „"Wann hast du die Kinder bekommen? War die 
Hanna schon auf der Welt ? 

Hans: „Ja, schon lange." 

Ich: „Aber von wem hast du dir gedacht, daß du die 
Kinder bekommen?" 

Hans: „No, von mir 1 )." 

Ich: „Damals hast du aber noch gar nicht gewußt, daß 
die Kinder von einem kommen. 

Hans: „Ich hab' mir gedacht, der Storch hat sie gebracht." 

(Offenbar Lüge und Ausflucht 2 .) 

Ich: „G-estern war die G-rete bei dir, aber du weißt doch 
schon, daß ein Bub keine Kinder haben kann." 

Hans: „No ja, ich glaub's aber doch." 

„Ich: „Wie bist du auf den Namen Lodi gekommen? So 
heißt doch kein Mäderl. Vielleicht Lotti?" 

Hans: „O nein, Lodi. Ich weiß nicht, aber ein schöner 
Name ist es doch." 

Ich (scherzend): „Meinst du vielleicht eine Schokolodi?" 

Hans (sofort): „Nein, eine Saffalodi 3 ) . . . ., weil ich so 
gern Wurst essen tu, Salami auch." 

Ich: „Du, sieht eine Saffalodi nicht wie ein Lumpf aus?" 

Hans: „Ja!" 

Ich: „Wie sieht denn ein Lumpf aus?" 



*) Hans kann nickt anders als vom Standpunkte des Autoerotismus 
antworten. 

2 ) Es sind Phantasie-, d. h. Onaniekinder. 

3 ) „Saffaladi = Zervelatwurst. Meine Frau erzählt gern, daß ihre Tante 
immer Soffilodi sagt, das mag er gehört haben." 



81 

Hans: „Schwarz. Weißt (zeigt auf meine Augenbrauen 
und Schnurrbart) wie das und das." 

Ich: „Wie noch? Rund wie eine Saffaladi?" 
Hans: „Ja." 

Ich: „Wenn du am Topf gesessen bist und ein Lumpf 

gekommen ist, hast du dir gedacht, daß du ein Kind bekommst?" 

Hans (lachend): „Ja, in der **gasse schon und auch hier." 

Ich: „Weißt du, wie die Stellwagenpferde umgefallen 
sind? Der Wagen sieht doch wie eine Kinderkiste aus, und 
wenn das schwarze Pferd umgefallen ist, war es so . . ." 

Hans (ergänzend): „Wie wenn man ein Kind bekommt." 

Ich: „Und was hast du dir gedacht, wie es mit den Füßen 
Krawall gemacht hat?" 

Hans: „Na, wenn ich mich nicht will am Topf setzen und 
lieber spielen, dann mach' ich so mit den Füßen Krawall." (Er 
stampft mit den Füßen auf.) 

„Daher interessierte es ihn so sehr, ob man gern oder 
ungern Kinder bekommt." 

„Hans spielt heute fortwährend Gepäckkisten auf- und 
abladen, wünscht sich auch einen Leiterwagen mit solchen Kisten 
als Spielzeug. Im Hofe des Hauptzollamtes gegenüber interes- 
sierte ihn am meisten das Auf- und Abladen der Wagen. Er 
erschrak auch am heftigsten, wenn ein Wagen aufgeladen hatte 
und fortfahren sollte. „Die Pferde werden fallen" 1 ). Die Türen 
des Hauptzollamtsschuppens nannte er „Loch" (das erste, zweite, 
dritte . . . Loch). Jetzt sagt er „Podiloch". 

„Die Angst ist fast gänzlich geschwunden, nur will er in 
der Nähe des Hauses bleiben, um einen Rückzug zu haben, 
wenn er sich fürchten sollte. Er flüchtet aber nie mehr ins 
Haus hinein, bleibt immer auf der Straße. Bekanntlich hat das 
Kranksein damit begonnen, daß er auf dem Spaziergange wei- 
nend umkehrte, und als man ihn ein zweites Mal zwang, spa- 
zieren zu gehen, nur bis zur Stadtbahnstation „Hauptzollamt" 
ging, von der aus man unsere Wohnung noch sieht. Bei der 
Entbindung der Frau war er natürlich von ihr getrennt, und 

*) Heißt man es nicht „niederkommen", wenn eine Frau entbindet? 
Freud, Neurosenlehre. III. 6 



82 

die jetzige Angst, die ihn hindert, [die Nähe des Hauses auf- 
zugeben, ist noch die damalige Sehnsucht." 



„30. April. Da Hans wieder mit seinen imaginären Kin- 
dern spielt, sage ich ihm: „Wieso, leben denn deine Kinder 
noch? Du weißt ja, daß ein Bub keine Kinder bekommen kann." 

Hans: „Das weiß ich. Früher war ich die Mammi, jetzt 
bin ich der Vatti." 

Ich: „Und wer ist die Mammi zu den Kindern?" 

Hans: „No, die Mammi, und du bist der Groß vatti." 

Ich: „Also du möchtest so groß sein wie ich, mit der 
Mammi verheiratet sein, und sie soll dann Kinder bekommen." 

Hans: „Ja, das möcht' ich und die Lainzerin (meine 
Mutter) ist dann die Großmammi." 

Es geht alles gut aus. Der kleine Ödipus hat eine glück- 
lichere Lösung gefunden, als vom Schicksal vorgeschrieben ist. 
Er gönnt seinem Vater, anstatt ihn zu beseitigen, dasselbe 
Glück, das er für sich verlangt; er ernennt ihn zum Großvater 
und verheiratet auch ihn mit der eigenen Mutter. 



„Am 1. Mai kommt Hans mittags zu mir und sagt: „Weißt 
was? Schreiben wir was für den Professor auf." 

Ich: „Was denn?" 

Hans: „Vormittag war ich mit allen meinen Kindern auf 
dem Klosett. Zuerst hab' ich Lumpf gemacht und Wiwi und 
sie haben zugeschaut. Dann hab' ich sie aufs Klosett gesetzt 
und sie haben Wiwi und Lumpf gemacht und ich hab' ihnen 
den Podl mit Papier ausgewischt. Weißt warum? Weil ich so 
gerne Kinder haben möcht', dann möcht' ich ihnen alles tun, 
sie aufs Klosett führen, ihnen den Podl abputzen, halt alles, 
was man mit Kindern tut." 

Es wird nach dem Geständnisse dieser Phantasie wohl 
kaum angehen, die an die exkrementeilen Funktionen geknüpfte 
Lust bei Hans in Abrede zu stellen. 

„Nachmittags wagt er sich zum erstenmal in den Stadt- 
park. Da es 1. Mai ist, fahren wohl weniger Wagen als sonst, 






immerhin genug, die ihn bisher abgeschreckt haben. Er ist sehr 
stolz auf seine Leistung, und ich muß mit ihm nach der Jause 
noch einmal in den Stadtpark gehen. Auf dem Wege treffen 
wir einen Stellwagen, den er mir zeigt: „Schau, einen Storchen- 
kistenwagen!" Wenn er, wie geplant ist, morgen mit mir wieder 
in den Stadtpark geht, kann man die Krankheit wohl als ge- 
heilt ansehen." 

„Am 2. Mai früh kommt Hans: „Du, ich hab' mir heute 
was gedacht." Zuerst hat er's vergessen, später erzählt er unter 
beträchtlichen Widerständen: „Es ist der Installateur ge- 
kommen und hat mir mit einer Zange zuerst den Podl 
weggenommen und hat mir dann einen andern gegeben 
und dann den Wiwimacher. Er hat gesagt: Laß den Podl 
sehen und ich hab' mich umdrehen müssen, und er hat ihn weg- 
genommen und dann hat er gesagt: Laß den Wiwimacher sehen." 

Der Vater erfaßt den Charakter der Wunschphantasie und 
zweifelt keinen Moment an der einzig gestatteten Deutung. 

Ich: „Er hat dir einen größeren Wiwimacher und einen 
größeren Podl gegeben." 

Hans: „Ja." 

Ich: „Wie der Vatti sie hat, weil du gern der Vatti sein 
möchtest?" 

Hans: „Ja, und so einen Schnurrbart wie du uiöcht' ich auch 
haben und solche Haare. " (Deutet auf die Haare an meiner Brust.) 

„Die Deutung der vor einiger Zeit erzählten Phantasie: 
Der Installateur ist gekommen und hat die Badewanne abge- 
schraubt und hat mir dann einen Bohrer in den Bauch einge- 
setzt, rekapituliert sich demnach: Die große Badewanne be- 
deutet den „Podl", der Bohrer oder Schraubenzieher, wie damals 
scho n gedeu tet, den Wiwimacher 1 ). Es sind identische Phanta- 

J ) Vielleicht daf man hinzusetzen, daß der „Bohrer" nicht ohne Be- 
ziehung auf das Wort „geboren", „Geburt'* gewählt worden ist. Das Kind 
würde so zwischen „gebohrt" und „geboren" keinen Unterschied machen. 
Ich akzeptiere diese mir von einem kundigen Kollegen mitgeteilte Ver- 
mutung, weiß aber nicht zu sagen, ob hier ein tieferer allgemeiner Zu- 
sammenhang oder die Ausnützung eines dem Deutschen eigentümlichen 
Sprachzufalles vorliegt. Auch Prometheus (Pramantha), der Menschen- 
schöpfer, ist etymologisch der „Bohrer". Vgl. Abraham, Traum und Mythus, 
4. Heft der „Schriften zur angewandten Seelenkimde", 1908. 

6* 



84 

sien. Es eröffnet sich auch ein neuer Zugang zu Hansens Furcht 
vor der großen Badewanne, die übrigens auch bereits abgenom- 
men hat. Es ist ihm unlieb, daß sein „Podl" zu klein ist für 
die große Wanne.' - 

In den nächsten Tagen nimmt die Mutter wiederholt das 
Wort, um ihrer Freude über die Herstellung des Kleinen Aus- 
druck zu geben. 



Nachtrag des Vaters eine Woche später; 

„Geehrter Herr Professor ! Ich möchte die Krankengeschichte 
Hansens noch durch folgendes ergänzen: 

„1. Die Remission nach der ersten Aufklärung war nicht 
so vollständig, wie ich sie vielleicht dargestellt habe. Hans 
ging allerdings spazieren, aber nur gezwungen und mit großer 
Angst. Einmal ging er mit mir bis zur Station „Hauptzollamt", 
von wo man noch die Wohnung sieht, und war nicht weiter zu 
bringen." 

„2. ad: Himbeersaft, Schießgewehr. Himbeersaft bekommt 
Hans bei der Verstopfung. Schießen und Scheißen ist eine auch 
ihm geläufige Wortvertauschung." 

„3. Als Hans aus unserem Schlafzimmer in ein eigenes 
Zimmer separiert wurde, war er ungefähr 4 Jahre alt." 

„4. Ein Rest ist noch jetzt da, der sich nicht mehr in 
Furcht, sondern in normalem Fragetrieb äußert. Die Fragen 
beziehen sich meist darauf, woraus die Dinge verfertigt sind 
Tramways, Maschinen usw.), wer die Dinge macht usw. Cha- 
rakteristisch für die meisten Fragen ist, daß Hans fragt, obzwar 
er sich die Antwort bereits selbst gegeben hat. Er will sich 
nur vergewissern. Als er mich einmal mit Fragen zu sehr er- 
müdet hatte und ich ihm sagte: „Glaubst du denn, daß ich dir 
auf alles antworten kann, was du fragst?", meinte er: „No, ich 
hab' geglaubt, weil du das vom Pferd gewußt hast, daß du das 
auch weißt/' 

„5. Von der Krankheit spricht Hans nur mehr historisch: 
„Damals, wie ich die Dummheit gehabt hab'. a 

„6. Der ungelöste Rest ist der, daß Hans sich den Kopf 
zerbricht, was der Vater mit dem Kinde zu tun hat, da doch 
die Mutter das Kind zur Welt bringt. Man kann das aus den 



Fragen schließen, wie: „Nicht wahr, ich gehör' auch dir" 
(Er meint, nicht nur der Mutter.) Das: wieso er mir gehört, 
ist ihm nicht klar. Dagegen habe ich keinen direkten Beweis, 
daß er, wie Sie meinen, einen Koitus der Eltern belauscht 
hätte." 

„7. Bei einer Darstellung müßte vielleicht doch auf die 
Heftigkeit der Angst aufmerksam gemacht werden, da man 
sonst sagen würde: , .Hätte man ihn nur ordentlich durch- 
geprügelt, so wäre er schon spazieren gegangen." 

Ich setze abschließend hinzu: Mit der letzten Phantasie 
Hansens war auch die vom Kastrationskomplex stammende 
Angst überwunden, die peinliche Erwartung ins Beglückende 
gewendet. Ja, der Arzt, Installateur usw. kommt, er nimmt den 
Penis ab, aber nur um einen größeren dafür zu geben. Im 
übrigen mag unser kleiner Forscher nur frühzeitig die Erfahrung 
machen, daß alles Wissen Stückwerk ist, und daß auf jeder 
Stufe ein ungelöster Rest bleibt. 



III. Epikrise. 

Nach drei Richtungen werde ich nun diese Beobachtung 
von der Entwicklung und Lösung einer Phobie bei einem noch 
nicht fünfjährigen Knaben zu prüfen haben: erstens, inwieweit 
sie die Behauptungen unterstützt, die ich in den „Drei Abhand- 
lungen zur Sexualtheorie", 1905, aufgestellt habe; zweitens, was 
sie zum Verständnis der so häufigen Krankheitsform zu leisten 
vermag; drittens, was sich ihr etwa zur Aufklärung des kind- 
lichen Seelenlebens und zur Kritik unserer Er/iehungsabsichten 
abgewinnen läßt. 

I. 

Mein Eindruck geht dahin, daß das Bild des kindlichen 
Sexuallebens, wie es aus der Beobachtung des kleinen Hans 
hervortritt, in sehr guter Übereinstimmung mit der Schilderung 
steht, die ich in meiner Sexualtheorie nach psychoanalytischen 
Untersuchungen an Erwachsenen entworfen habe. Aber ehe ich 
daran gehe, die Einzelheiten dieser Übereinstimmung zu ver- 
folgen, werde ich zwei Einwendungen erledigen müssen, welche 
sich gegen die Verwertung dieser Analyse erheben. Die erste 



86 



lautet: Der kleine Hans sei kein normales Kind, sondern, wie 
die Folge, eben die Erkrankung, lehrt, ein zur Neurose dispo- 
niertes, ein kleiner „Hereditarier", und es sei darum unstatt- 
haft, Schlüsse, die vielleicht für ihn Geltung haben, auf andere, 
normale Kinder zu übertragen. Ich werde diesen Einwand, da 
er den Wert der Beobachtung bloß einschränkt, nicht völlig 
aufhebt, später berücksichtigen. Der zweite und strengere Ein- 
spruch wird behaupten, daß die Analyse eines Kindes durch 
seinen Vater, der, in meinen theoretischen Anschauungen be- 
fangen, mit meinen Vorurteilen behaftet an die Arbeit geht, 
überhaupt eines objektiven Wertes entbehre. Ein Kind sei selbst- 
verständlich in hohem Grade suggerierbar, vielleicht gegen keine 
Person mehr als gegen seinen Vater; es lasse sich alles dem 
Vater zuliebe aufdrängen zum Dank dafür, daß er sich soviel 
mit ihm beschäftige, seine Aussagen hätten keine Beweiskraft 
und seine Produktionen in Einfällen, Phantasien und Träumen 
erfolgten natürlich in der Richtung, nach welcher man es mit 
allen Mitteln gedrängt habe. Kurz, es sei wieder einmal alles 
„Suggestion" und deren Entlarvung beim Bande nur sehr er- 
leichtert im Vergleiche mit dem Erwachsenen. 

Sonderbar; ich weiß mich zu erinnern, als ich mich vor 
22 Jahren in den Streit der wissenschaftlichen Meinungen ein- 
zumengen begann, mit welchem Spotte damals von der älteren 
Generation der Neurologen und Psychiater die Aufstellung der 
Suggestion und ihrer Wirkungen empfangen wurde. Seither hat 
sich die Situation gründlich geändert; der Widerwille ist in 
allzu entgegenkommende Bereitwilligkeit umgeschlagen, und 
dies nicht allein infolge der Wirkung, welche die Arbeiten 
Liöbeaults, Bernheims und ihrer Schüler im Laufe dieser 
Dezennien entfalten mußten, sondern auch, weil unterdes die 
Entdeckung gemacht wurde, welche Denkersparnis mit der An- 
wendung des Schlagwortes „Suggestion" verbunden werden kann. 
Weiß doch niemand und bekümmert sich auch niemand zu 
wissen, was die Suggestion ist, woher sie rührt und wann sie 
sich einstellt; genug, daß man alles im Psychischen Unbequeme 
„Suggestion" heißen darf. 

Ich teile nicht die gegenwärtig beliebte Ansicht, daß Kinder- 
aussagen durchwegs willkürlich und unverläßlich seien. Willkür 



87 



gibt es im Psychischen überhaupt nicht; die Un Verläßlichkeit 
in den Aussagen der Kinder rührt her von der Übermacht 
ihrer Phantasie, wie die Unverläßlichkeit der Aussagen Er- 
wachsener von der Übermacht ihrer Vorurteile. Sonst lügt auch 
das Kind nicht ohne Grund und hat im ganzen mehr Neigung 
zur Wahrheitsliebe als die Großen. Mit einer Verwerfung der 
Angaben unseres kleinen Hans in Bausch und Bogen täte man 
ihm gewiß schweres Unrecht; man kann vielmehr ganz deutlich 
unterscheiden, wo er unter dem Zwange eines Widerstandes 
fälscht oder zurückhält, wo er, selbst unentschieden, dem Vater 
beipflichtet, was man nicht als beweisend gelten lassen muß, 
und wo er, vom Drucke befreit, übersprudelnd mitteilt, was 
seine innere Wahrheit ist, und was er bisher allein gewußt hat. 
Größere Sicherheiten bieten auch die Angaben der Erwachsenen 
nicht. Bedauerlich bleibt, daß keine Darstellung einer Psycho- 
analyse die Eindrücke wiedergeben kann, die man während 
ihrer Ausführung empfängt, daß die endgültige Überzeugung 
nie durchs Lesen, sondern nur durchs Erleben vermittelt werden 
kann. Aber dieser Mangel haftet den Analysen mit Erwachsenen 
in gleichem Maße an. 

Den ldeinen Hans schildern seine Eltern als ein heiteres, 
aufrichtiges Kind, und so dürfte er auch durch die Erziehung 
geworden sein, die ihm die Eltern schenkten, die wesentlich in 
der Unterlassung unserer gebräuchlichen Erziehungssünden be- 
stand. Solange er in fröhlicher Naivität seine Forschungen 
pflegen konnte, ohne Ahnung der aus ihnen bald erwachsenden 
Konflikte, teilte er sich auch rückhaltlos mit, und die Beobach- 
tungen aus der Zeit vor seiner Phobie unterliegen auch keinem 
Zweifel und keiner Beanstandung. In der Zeit der Krankheit 
und während der Analyse beginnen für ihn die Inkongruenzen 
zwischen dem, was er sagt, und dem, was er denkt, zum Teil 
darin begründet, daß sich ihm unbewußtes Material aufdrängt, 
das er nicht mit einem Male zu bewältigen weiß, zum andern 
Teil infolge der inhaltlichen Abhaltungen, die aus seinem Ver- 
hältnisse zu den Eltern stammen. Ich behaupte, daß ich un- 
parteiisch bleibe, wenn ich das Urteil ausspreche, daß auch 
diese Schwierigkeiten nicht größer ausgefallen sind als in soviel 
anderen Analysen mit Erwachsenen. 



88 



Während der Analyse allerdings muß ihm vieles gesagt 
werden, was er selbst nicht zu sagen weiß, müssen ihm Ge- 
danken eingegeben werden, von denen sich noch nichts bei ihm 
gezeigt hat, muß seine Aufmerksamkeit die Einstellung nach 
jenen Richtungen erfahren, von denen her der Vater das Kom- 
mende erwartet. Das schwächt die Beweiskraft der Analyse; 
aber in jeder verfährt man so. Eine Psychoanalyse ist eben 
keine tendenzlose, wissenschaftliche Untersuchung, sondern ein 
therapeutischer Eingriff; sie will an sich nichts beweisen, sondern 
nur etwas ändern. Jedesmal gibt der Arzt in der Psycho- 
analyse dem Patienten die bewußten Erwartungsvorstellungen, 
mit deren Hilfe er imstande sein soll, das Unbewußte zu er- 
kennen und zu erfassen, das eine Mal in reichlicherem, das 
andere in bescheidenerem Ausmaße. Es gibt eben Fälle die 
mehr, und andere, die weniger Nachhilfe brauchen. Ohne solche 
Hilfe kommt niemand aus. Was man etwa bei sich allein zu 
Ende bringen kann, sind leichte Störungen, niemals eine Neu- 
rose, die sich dem Ich wie etwas Fremdes entgegenstellt hat - 
zur Bewältigung eines solchen braucht es den andern, und so- 
weit der andere helfen kann, soweit ist die Neurose heilbar. 
Wenn es im Wesen einer Neurose liegt, sich vom „andern" 
abzuwenden, wie es die Charakteristik der als Dementia praecox 
zusammengefaßten Zustände zu enthalten scheint, so sind eben 
darum diese Zustände für unsere Bemühung unheilbar. Es ist nun 
zugegeben, daß das Kind wegen der geringen Entwicklung seiner 
intellektuellen Systeme einer besonders intensiven Nachhilfe be- 
darf. Aber was der Arzt dem Patienten mitteilt, stammt doch 
selbst wieder aus analytischen Erfahrungen, und es ist wirklich 
beweisend genug, wenn mit dem Aufwände dieser ärztlichen 
Einmengung der Zusammenhang und die Lösung des pathogenen 
Materials erreicht wird. 

Und doch hat unser kleiner Patient auch während der 
Analyse Selbständigkeit genug bewiesen, um ihn von dem Ver- 
dikte der „Suggestion" freisprechen zu können. Seine kindlichen 
Sexualtheorien wendet er auf sein Material an wie alle Kinder, 
ohne dazu eine Anregung zu erhalten. Dieselben sind dem Er- 
wachsenen so überaus ferne gerückt; ja, in diesem Falle hatte 
ich es geradezu versäumt, den Vater darauf vorzubereiten, daß 



89 



der Weg zum Thema der Entbindung für Hans über den 
Exkretionskomplex führen müsse. Was infolge meiner Flüchtig- 
keit zu einer dunkeln Partie der Analyse wurde, ergab dann 
wenigstens ein gutes Zeugnis für die Echtheit und Selbständig- 
keit in Hansens Gedankenarbeit. Er war auf einmal mit dem 
„Lumpf" beschäftigt, ohne daß der angeblich suggierende Vater 
verstehen konnte, wie er dazu kam und was daraus werden 
sollte. Ebensowenig Anteil kann man dem Vater an der Ent- 
wicklung der beiden Phantasien vom Installateur zuschreiben, 
die von dem frühzeitig erworbenen „Kastrationskomplexe" aus- 
gehen. Ich muß hier das Geständnis ablegen, daß ich dem 
Vater die Erwartung dieses Zusammenhanges völlig verschwiegen 
habe, aus theoretischem Interesse, um nur die Beweiskraft eines 
sonst schwer erreichbaren Beleges nicht verkümmern zu lassen. 
Bei weiterer Vertiefung in das Detail der Analyse würden 
sich noch reichlich neue Beweise für die Unabhängigkeit unseres 
Hans von der „Suggestion" ergeben, aber ich breche hier die 
Behandlung des ersten Einwandes ab. Ich weiß, daß ich auch 
durch diese Analyse keinen überzeugen werde, der sich nicht 
überzeugen lassen will, und ich setze die Bearbeitung dieser 
Beobachtung für jene Leser fort, die sich eine Überzeugung 
von der Objektivität des unbewußten pathogenen Materials be- 
reits erworben haben, nicht ohne die angenehme Gewißheit zu 
betonen, daß die Anzahl der letzteren in beständiger Zunahme 
begriffen ist. 



Der erste dem Sexualleben zuzurechnende Zug bei dem 
kleinen Hans ist ein ganz besonders lebhaftes Interesse für 
seinen „Wiwimacher', wie dies Organ nach der kaum minder 
wichtigen seiner beiden Funktionen und nach jener, die in der 
Kinderstube nicht zu umgehen ist, genannt wird. Dieses In- 
teresse macht ihn zum Forscher; er entdeckt so, daß man auf 
Grund des Vorhandenseins oder Fehlens des Wiwimachers 
Lebendes und Lebloses unterscheiden könne. Bei allen Lebe- 
wesen, die er als sich ähnlich beurteilt, setzt er diesen bedeut- 
samen Körperteil voraus, studiert ihn an den großen Tieren, 
vermutet ihn bei beiden Eltern und läßt sich auch durch den 
Augenschein nicht abhalten, ihn bei seiner neugeborenen Schwester 



90 



zu statuieren. Es wäre eine zu gewaltige Erschütterung seiner 
„Weltanschauung", könnte man sagen, wenn er sich entschließen 
sollte, bei einem ihm ähnlichen Wesen auf ihn zu verzichten; 
es wäre so, als würde er ihm selbst entrissen. Eine Drohung 
der Mutter, die nichts weniger als den Verlust des Wiwimachers 
zum Inhalte hat, wird darum wahrscheinlich eiligst zurück- 
gedrängt und darf erst in späteren Zeiten ihre Wirkung äußern. 
Die Einmengung der Mutter war erfolgt, weil er sich durch 
Berührung dieses Gliedes Lustgefühle zu verschaffen liebte; der 
Kleine hat die gewöhnlichste und — normalste Art der auto- 
erotischen Sexualtätigkeit begonnen. 

In einer Weise, die Alf. Adler sehr passend als „Trieb- 
verschränkung" bezeichnet hat 1 ), verknüpft sich die Lust am 
eigenen Geschlechtsgliede mit der Schaulust in ihrer aktiven 
und ihrer passiven Ausbildung. Der Kleine sucht den Wiwi- 
niacher anderer Personen zu Gesicht zu bekommen, er ent- 
wickelt sexuelle Neugierde und liebt es, seinen eigenen zu zeigen. 
Einer seiner Träume aus der ersten Zeit der Verdrängung hat 
den Wunsch zum Inhalte, daß eine seiner kleinen Freundinnen 
ihm beim Wiwimachen behilflich sein, also dieses Anblickes 
teilhaftig werden solle. Der Traum bezeugt so, daß der Wunsch 
bis dahin unverdrängt bestanden hat, sowie spätere Mitteilungen 
bestätigen, daß er seine Befriedigung zu finden pflegte. Die 
aktive Richtung der sexuellen Schaulust verbindet sich bei ihm 
bald mit einem bestimmten Motiv. Wenn er sowohl dem Vater 
wie der Mutter wiederholt sein Bedauern zu erkennen gibt, daß 
er deren Wiwimacher noch nie gesehen habe, so drängt ihn 
dazu wahrscheinlich das Bedürfnis zu vergleichen. Das Ich 
bleibt der Maßstab, mit dem man die Welt ausmißt; durch be- 
ständiges Vergleichen mit der eigenen Person lernt man sie 
verstehen. Hans hat beobachtet, daß die großen Tiere soviel 
größere Wiwimacher haben als er; darum vermutet er das 
gleiche Verhältnis auch bei seinen Eltern und möchte sich da- 
von überzeugen. Die Mama, meint er, hat gewiß einen Wiwi- 
macher ,,wie ein Pferd"'. Er hat dann den Trost bereit, daß 



l ) „Der Aggressionsbetrieb im Leben und in der Neurose". Fort- 
schritte der Mediziu. 1908. Nr. 19. 



91 



der Wiwimacher mit ihm wachsen werde; es ist, als ob der 
Größenwunsch des Kindes sich aufs Genitale geworfen hätte. 

In der Sexualkonstitution des kleinen Hans ist also die 
Genitalzone von vornherein die am intensivsten lustbetonte unter 
den erogenen Zonen. Neben ihr ist nur noch die exkrementeile, 
an die Orifizien der Harn- und Stuhlentleerung geknüpfte Lust 
bei ihm bezeugt. Wenn er in seiner letzten Glücksphantasie, 
mit der sein Krankensein überwunden ist, Kinder hat, die er 
aufs Klosett führt, sie Wiwi machen läßt und ihnen den Podl 
auswischt, kurz, „alles mit ihnen tut, was man mit Kindern tun 
kann", so scheint es unabweisbar anzunehmen, daß diese selben 
Verrichtungen während seiner Kinderpflege eine Quelle der 
Lustempfindung für ihn waren. Diese Lust von erogenen Zonen 
wurde für ihn mit Hilfe der ihn pflegenden Person, der Mutter, 
gewonnen, führt also bereits zur Objektwahl; es bleibt aber 
möglich, daß er in noch früheren Zeiten gewohnt war, sich die- 
selbe autoerotisch zu verschaffen, daß er zu jenen Kindern ge- 
hört hat, die die Exkrete zurückzuhalten lieben, bis ihnen deren 
Entleerung einen Wollustreiz bereiten kann. Ich sage nur, es 
ist möglich, denn es ist in der Analyse nicht klargestellt worden; 
das „Krawallmachen mit den Beinen" [Zappeln], vor dem er 
sich später so sehr fürchtet, deutet nach dieser Kichtung. Eine 
auffällige Betonung, wie bei anderen Kindern so häufig, haben 
diese Lustquellen bei ihm übrigens nicht. Er ist bald rein ge- 
worden, Bettnässen und tägliche Inkontinenz haben keine Rolle 
in seinen ersten Jahren gespielt; von der am Erwachsenen so 
häßlichen Neigung, mit den Exkrementen zu spielen, die am 
Ausgange der psychischen Rückbildungsprozesse wieder aufzu- 
treten pflegt, ist an ihm nichts beobachtet worden. 

Heben wir gleich an dieser Stelle hervor, daß während 
seiner Phobie die Verdrängung dieser beiden bei ihm gut aus- 
gebildeten Komponenten der Sexualtätigkeit unverkennbar ist. 
Er schämt sich, vor anderen zu urinieren, klagt sich an, daß 
er den Pinger zum Wiwimacher gebe, bemüht sich, auch die 
Onanie aufzugeben, und ekelt sich vor „Lumpf", „Wiwi" und 
allem, was, daran erinnert. In der Phantasie von der Kinder- 
pflege nimmt er diese letztere Verdrängung wieder zurück. 

Eine Sexualkonstitution wie die unseres kleinen Hans 



scheint die Disposition zur Entwicklung von Perversionen oder 
ihrem Negativ (beschränken wir uns hier auf die Hysterie) nicht 
zu enthalten. Soviel ich erfahren habe (es ist hier wirklich noch 
Zurückhaltung geboten), zeichnet sich die angeborene Konstitution 
der Hysteriker — bei den Perversen versteht es sich beinahe 
von selbst — durch das Zurücktreten der Genitalzonen gegen 
andere erogene Zonen aus. Eine einzige „Abirrung" des Sexual- 
lebens muß von dieser Regel ausdrücklich ausgenommen werden. 
Bei den später Homosexuellen, die nach meiner Erwartung und 
nach den Beobachtungen von J. Sa dg er alle in der Kindheit 
eine amphigene Phase durchmachen, trifft man auf die näm- 
liche infantile Präponderanz der Genitalzone, speziell des Penis. 
Ja, diese Hochschätzung des männlichen Gliedes wird zum 
Schicksal für die Homosexuellen. Sie wählen das Weib zum 
Sexualobjekt in ihrer Kindheit, solange sie auch beim Weibe 
die Existenz dieses ihnen unentbehrlich dünkenden Körperteiles 
voraussetzen; mit der Überzeugung, daß das Weib sie in diesem 
Punkte getäuscht hat, wird das Weib für sie als Sexualobjekt 
unannehmbar. Sie können den Penis bei der Person, die sie 
zum Sexualverkehre reizen soD, nicht entbehren und fixieren 
ihre Libido im günstigen Falle auf „das Weib mit dem Penis", 
den feminin erscheinenden Jüngling. Die Homosexuellen sind 
also Personen, welche durch die erogene Bedeutung des eigenen 
Genitales gehindert worden sind, bei ihrem Sexualobjekt auf 
diese Übereinstimmung mit der eigenen Person zu verzichten. 
Sie sind in der Entwicklung vom Autoerotismus zur Objektliebe 
an einer Stelle, dem Autoerotismus näher, fixiert geblieben. 

Es ist ganz und gar unzulässig, einen besonderen homo- 
sexuellen Trieb zu unterscheiden; es ist nicht eine Besonderheit 
des Trieblebens, sondern der Objektwahl, die den Homosexuellen 
ausmacht. Ich verweise darauf, was ich in der „Sexualtheorie" 
ausgeführt habe, daß wir uns irrigerweise die Vereinigung von 
Trieb und Objekt im Sexualleben als eine zu innige vorgestellt 
haben. Der Homosexuelle kommt mit seinen — vielleicht nor- 
malen — Trieben von einem, durch eine bestimmte Bedingung 
ausgezeichneten Objekt nicht mehr los; in seiner Kindheit kann 
er sich, weil diese Bedingung überall als selbstverständlich er- 
füllt gilt, benehmen wie unser kleiner Hans, der unterschiedslos 






93 

zärtlich ist mit Buben wie mit Mädchen und gelegentlich seinen 
Freund Fritzl für „sein liebstes Mäderl" erklärt. Hans ist homo- 
sexuell, wie es alle Kinder sein können, ganz im Einklänge mit 
der nicht zu übersehenden Tatsache, daß er nur eine Art von 
Genitale kennt, ein Genitale wie das seinige. 

Die weitere Entwicklung unseres kleinen Erotikers geht 
aber nicht zur Homosexualität, sondern zu einer energischen, 
sich polygam gebärdenden Männlichkeit, die sich je nach ihren 
wechselnden weiblichen Objekten anders zu benehmen weiß, hier 
dreist zugreift und dort sehnsüchtig und verschämt schmachtet. 
In einer Zeit der Armut an anderen Objekten zur Liebe geht 
diese Neigung auf die Mutter zurück, von der her sie sich zu 
anderen gewendet hatte, um bei der Mutter in der Neurose zu 
scheitern. Erst dann erfahren wir, zu welcher Intensität die 
Liebe zur Mutter sich entwickelt und welche Schicksale sie 
durchgemacht hatte. Das Sexualziel, das er bei seinen Ge- 
spielinnen verfolgte, bei ihnen zu schlafen, rührte bereits von 
der Mutter her; es ist in die Worte gefaßt, die es auch im 
reifen Leben beibehalten kann, wenngleich der Inhalt dieser 
Worte eine Bereicherung erfahren wird. Der Knabe hatte auf 
dem gewöhnlichen Wege, von der Kinderpflege aus, den Weg 
zur Objektliebe gefunden und ein neues Lustergebnis war für 
ihn bestimmend geworden, das Schlafen neben der Mutter, aus 
dessen Zusammensetzung wir die Berührungslust der Haut, die 
uns allen konstitutionell eignet, herausheben würden, während 
es nach der uns artefiziell erscheinenden Nomenklatur von Moll 
als Befriedigung des Kontrektationstriebes zu bezeichnen wäre. 

In seinem Verhältnisse zu Vater und Mutter bestätigt 
Hans aufs grellste und greifbarste alles, was ich in der „Traum- 
deutung" und in der „Sexualtheorie" über die Sexualbeziehungen 
der Kinder zu den Eltern behauptet habe. Er ist wirklich ein 
kleiner Odipus, der den Vater „weg", beseitigt haben möchte, 
um mit der schönen Mutter allein zu sein, bei ihr zu schlafen. 
Dieser Wunsch entstand im Somnieraufenthalte, als die Ab- 
wechslungen von Anwesenheit und Abwesenheit des Vaters ihn 
auf die Bedingung hinwiesen, an welche die ersehnte Intimität 
mit der Mutter gebunden war. Er begnügte sich damals mit der 
Fassung, der Vater solle „wegfahren", an welche später die 



94 



Angst, von einem weißen Pferde gebissen zu werden, unmittel- 
bar anknüpfen konnte, dank einem akzidentellen Eindrucke beim 
Wegfahren eines andern Vaters. Er erhob sich später, wahr- 
scheinlich erst in Wien, wo auf Verreisen des Vaters nicht 
mehr zu rechnen war, zum Inhalte, der Vater solle dauernd 
weg, solle „tot" sein. Die aus diesem Todeswunsche gegen den 
Vater entspringende, also normal zu motivierende Angst vor 
dem Vater bildete das größte Hindernis der Analyse, bis sie 
in der Aussprache in meiner Ordination beseitigt wurde 1 ). 

Unser Hans ist aber wahrlich kein Bösewicht, nicht ein- 
mal ein Kind, bei welchem die grausamen und gewalttätigen 
Neigungen der menschlichen Natur um diese Zeit des Lebens 
noch ungehemmt entfaltet sind. Er ist im Gegenteil von un- 
gewöhnlich gutmütigem und zärtlichem Wesen; der Vater hat 
notiert, daß sich die Verwandlung der Aggressionsneigung in 
Mitleiden bei ihm sehr frühzeitig vollzogen hat. Lange von der 
Phobie wurde er unruhig, wenn er im Ringelspiele die Pferde 
schlagen sah, und er blieb nie ungerührt, wenn jemand in seiner 
Gegenwart weinte. An einer Stelle der Analyse kommt in einem 
gewissen Zusammenhange ein unterdrücktes Stück Sadismus bei 
ihm zum Vorschein 2 ); aber es war unterdrückt, und wir werden 
später aus dem Zusammenhange zu erraten haben, wofür es 
steht und was es ersetzen soll. Hans liebt auch den Vater 
innig, gegen den er diese Todeswünsche hegt, und während 
seine Intelligenz den Widerspruch beanständet 3 ), muß er dessen 
tatsächliches Vorhandensein demonstrieren; indem er den Vater 
schlägt und sofort darauf die geschlagene Stelle küßt. Auch 
wir wollen uns hüten, diesen Widerspruch anstößig zu finden; 
aus solchen G-egensatzpaaren ist das Gefühlsleben der Menschen 
überhaupt zusammengesetzt 4 ); ja, es käme vielleicht nicht zur 

i) Die beiden Einfälle Hansens: Himbeersaft und Gewehr zum Tot- 
schießen werden gewiß nicht nur einseitig determiniert gewesen sein. Sie 
haben wahrscheinlich mit dem Hasse gegen den Vater ebensoviel zu tun 
wie mit dem Verstopfungskomplex. Der Vater, der die letztere Zurück" 
fiihrung selbst errät, denkt bei „Himbeersaft" auch an „Blut". 

2 ) Die Pferde schlagen und necken wollen. 

3 ) Vgl. die kritischen Fragen an den Vater p. 33. 

*) „Das macht, ich bin kein ausgeklügelt Buch. 

Ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch." 

C F. Meyer, Huttens letzte Tage. 



95 

Verdrängung und zur Neurose, wenn es anders wäre. Diese 
Gefühlsgegensätze, die dem Erwachsenen gewöhnlich mir in der 
höchsten Liebesleidenschaft gleichzeitg bewußt werden, sonst 
einander zu unterdrücken pflegen, bis es dem einen gelingt das 
andere verdeckt zu halten, finden im Seelenleben des Kindes 
eine ganze Weile über friedlich nebeneinander Raum. 

Die größte Bedeutung für die psych osexuelle Entwicklung 
unseres Knaben hat die Geburt einer kleinen Schwester gehabt, 
als er B 1 / i Jahre alt war. Dieses Ereignis hat seine Beziehungen 
zu den Eltern verschärft, seinem Denken unlösliche Aufgaben 
gestellt, und das Zuschauen bei der Kinderpflege hat dann die 
Erinnerungsspuren seiner eigenen frühesten Lusterlebnisse 
wiederbelebt. Auch dieser Einfluß ist ein typischer; in einer 
unerwartet großen Anzahl von Lebens- und Krankengeschichten 
muß man dieses Aufflammen der sexuellen Lust und der 
sexuellen Wißbegierde, das an die Geburt des nächsten Kindes 
anknüpft, zum Ausgangspunkte nehmen. Hansens Benehmen 
gegen den Ankömmling ist das in der ..Traumdeutung" 1 ) ge- 
schilderte. Im Fieber wenige Tage nachher verrät er, wie wenig 
er mit diesem Zuwachs einverstanden ist. Hier ist die Feind- 
seligkeit das zeitlich Vorangehende, die Zärtlichkeit mag nach- 
folgen 2 ). Die Angst, daß noch ein neues Kind nachkommen 
könne, hat seither eine Stelle in seinem bewußten Denken. In 
der' Neurose ist die bereits unterdrückte Feindseligkeit durch 
eine besondere Angst, die vor der Badewanne, vertreten; in 
der Analyse bringt er den Todeswunsch gegen die Schwester 
unverhohlen zum Ausdrucke, nicht bloß in Anspielungen, die 
der Vater vervollständigen muß. Seine Selbstkritik läßt ihm 
diesen Wunsch nicht so arg erscheinen wie den analogen gegen 
den Vater; aber er hat offenbar . beide Personen in gleicher 
Weise im Unbewußten behandelt, weil sie beide ihm die Mammi 
wegnehmen, ihn im Alleinsein mit ihr stören. 

Dies Ereignis und die mit ihm verknüpften Erweckungen 
haben übrigens seinen Wünschen eine neue Richtung gegeben. 
In der sieghaften Schlußphantasie zieht er dann die Summe 



') p. 177, 2. Aufl. 

2 ) Vgl. seine Vorsätze, wenn die Kleine erst sprechen kann. p. 60. 



96 



aller seiner erotischen Wunschregungen, der aus der autoeroti- 
sclien Phase stammenden und der mit der Objektliebe zusammen- 
hängenden. Er ist mit der schönen Mutter verheiratet und hat 
ungezählte Kinder, die er nach seiner Weise pflegen kann. 

II. 

Hans erkrankt eines Tages an Angst auf der Straße. Er 
kann noch nicht sagen, wovor er sich fürchtet, aber zu Beginn 
seines Angstzustandes verrät er auch dem Vater das Motiv 
seines Krankseins, den Krankheitsgewinn. Er will bei der Mutter 
bleiben, mit ihr schmeicheln; die Erinnerung, daß er auch von 
ihr getrennt war zur Zeit, als das Kind kam, mag, wie der 
Vater meint, zu dieser Sehnsucht beitragen. Bald erweist sich, 
daß diese Angst nicht mehr in Sehnsucht zurückzuübersetzen 
ist, er fürchtet sich auch, wenn die Mutter mit ihm gebt. Unter- 
des erhalten wir Anzeichen von dem, woran sich die zur Angst 
gewordene Libido fixiert hat. Er äußert die ganz spezialisierte 
Furcht, daß ihn ein weißes Pferd beißen wird. 

Wir benennen einen solchen Krankheitszustand eine 
„Phobie" und könnten den Fall unseres Kleinen der Agora- 
phobie zurechnen, wenn diese Affektion nicht dadurch aus- 
gezeichnet wäre, daß die sonst unmögliche Leistung im Räume 
jedesmal durch die Begleitung einer gewissen dazu auserwählten 
Person, im äußersten Falle des Arztes, leicht möglich wird. 
Hansens Phobie hält diese Bedingung nicht ein, sieht bald vom 
Räume ab und nimmt immer deutlicher das Pferd zum Objekte ; 
in den ersten Tagen äußert er auf der Höhe des Angst- 
zustandes die Befürchtung: „Das Pferd wird ins Zimmer kom- 
men", die mir das Verständnis seiner Angst so sehr erleich- 
tert hat. 

Die Stellung der „Phobien" im System der Neurosen ist 
bisher eine unbestimmte gewesen. Sicher scheint, daß man in 
den Phobien nur Syndrome erblicken darf, die verschiedenen 
Neurosen angehören können, ihnen nicht die Bedeutung beson- 
derer Krankheitsprozesse einzuräumen braucht. Für die Phobien 
von der Art wie die unseres kleinen Patienten, die ja die 
häufigsten sind, scheint mir die Bezeichnung „Angsthysterie" 
nicht unzweckmäßig; ich habe sie Herrn Dr. W. Stekel vor- 



geschlagen, als er die Darstellung der nervösen Angstzustände 
unternahm, und ich hoffe, daß sie sich einbürgern wird 1 ). Sie 
rechtfertigt sich durch die vollkommene Übereinstimmung im 
psychischen Mechanismus dieser Phobien mit der Hysterie bis 
auf einen, aber entscheidenden und zur Sonderung geeigneten 
Punkt. Die aus dem pathogenen Material durch die Verdrän- 
gung entbundene Libido wird nämlich nicht konvertiert, aus 
dem Seelischen heraus zu einer körperlichen Innervation ver- 
wendet, sondern wird als Angst frei. In den vorkommenden 
Krankheitsfällen kann sich diese „Angsthysterie" mit der „Kon- 
versionshysterie" in beliebigem Ausmaße vermengen. Es 
gibt auch reine Konversionslrysterie ohne jede Angst sowie 
bloße Angsthysterie, die sich in Angstempfindungen und Phobien 
äußert, ohne Konversionszusatz; ein Fall letzterer Art ist der 
unseres kleinen Hans. 

Die Angsthysterien sind die häufigsten aller psychoneuro- 
tischen Erkrankungen, vor allem aber die zuerst im Leben auf- 
tretenden, es sind geradezu die Neurosen der Kinderzeit. Wenn 
eine Mutter etwa von ihrem Kind erzählt, es sei sehr „nervös" 
so kann man in 9 unter 10 Fällen darauf rechnen, daß das 
Kind irgend eine Art von Angst oder viele Ängstlichkeiten zu- 
gleich hat. Leider ist der feinere Mechanismus dieser so be- 
deutsamen Erkrankungen noch nicht genügend studiert; es ist 
noch nicht festgestellt, ob die Angsthysterie zum Unterschiede 
von der Konversionshysterie und von anderen Neurosen ihre 
Bedingung in konstitutionellen Momenten oder im akzidentellen 
Erleben hat, oder in welcher Vereinigung von beiden sie sie 
findet. Es scheint mir, daß es diejenige neurotische Erkrankung 
ist, welche die geringsten Ansprüche auf eine besondere Kon- 
stitution erhebt und im Zusammenhange damit am leichtesten 
zu jeder Lebenszeit akquiriert werden kann. 

Ein wesentlicher Charakter der Angsthysterien läßt sich 
leicht hervorheben. Die Angsthysterie entwickelt sich immer 
mehr zur „Phobie"; am Ende kann der Kranke angstfrei ge- 
worden sein, aber nur auf Kosten von Hemmungen und Ein- 
schränkungen, denen er sich unterwerfen mußte. Es gibt bei 

l ) W. Stekel. Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung. 1903. 
Fi-eud, Neurosenlehre. III. 7 






98 



der Augsthysterie eine von Anfang an fortgesetzte psychische 
Arbeit, um die frei gewordene Angst wieder psychisch zu bin- 
den, aber diese Arbeit kann weder die Pückverwandlung der 
Angst in Libido herbeiführen noch an dieselben Komplexe an- 
knüpfen, von denen die Libido herrührt. Es bleibt ihr nichts 
anderes übrig, als jeden der möglichen Anlässe zur Angst- 
entwicklung durch einen psychischen Vorbau von der Art einer 
Vorsicht, einer Hemmung, eines Verbotes zu sperren, und diese 
Schutzbauten sind es, die uns als Phobien erscheinen und für 
unsere Wahrnehmung das Wesen der Krankheit ausmachen. 

Man darf sagen, daß die Behandlung der Angsthysterie 
bisher eine rein negative gewesen ist. Die Erfahrung hat ge- 
zeigt, daß es unmöglich, ja, unter Umständen gefährlich ist, die 
Heilung der Phobie auf gewalttätige Art zu erreichen, indem 
man den Kranken in eine Situation bringt, in welcher er die 
Angstentbindung durchmachen muß, nachdem man ihm seine 
Deckung entzogen hat. So läßt man ihn notgedrungen Schutz 
suchen, wo er ihn zu finden glaubt, und bezeugt ihm eine wir- 
kungslose Verachtung wegen seiner „unbegreiflichen Feigheit". 

Für die Eltern unseres kleinen Patienten stand von Be- 
ginn der Erkrankung an fest, daß man ihn weder auslachen 
noch brutalisieren dürfe, sondern den Zugang zu seinen ver- 
drängten Wünschen auf psychoanalytischem Wege suchen müsse. 
Der Erfolg belohnte die außerordentliche Bemühung seines Va- 
ters, dessen Mitteilungen uns Gelegenheit geben werden, in das 
Gefüge einer solchen Phobie einzudringen und den Weg der bei 
ihr vorgenommenen Analyse zu verfolgen. 



Es ist mir nicht unwahrscheinlich, daß die Analyse durch 
ihre Ausdehnung und Ausführlichkeit dem Leser einigermaßen 
undurchsichtig geworden ist. Ich will darum zuerst ihren Ver- 
lauf verkürzt wiederholen mit Weglassung alles störenden Bei- 
werks und Hervorhebung der Ergebnisse, die sich schrittweise 
erkennen lassen. 

Wir erfahren zunächst, daß der Ausbruch des Angst- 
zustandes kein so plötzlicher war, wie es auf den ersten Blick 
erschien. Einige Tage vorher war das Kind aus einem Angst- 



träum erwacht, dessen Inhalt war. die Mama sei weg und er 
habe jetzt keine Mama zum Schmeicheln. Schon dieser Traum 
weist auf einen Veränderungsvorgang von bedenklicher Inten- 
sität. Seine Aufklärung kann nicht lauten, wie bei vielen Angst- 
träumen sonst, daß das Kind aus irgend welchen somatischen 
Quellen im Traume Angst verspürt und diese Angst nun zur 
Erfüllung eines sonst intensiv verdrängten Wunsches aus dem 
Unbewußten benutzt hat [vgl. Traumdeutung p. 358J, sondern es 
ist ein echter Straf- und Verdrängungstraum, bei dem auch die 
Funktion des Traumes fehlschlägt, da das Kind mit Angst aus 
dem Schlaf erwacht. Der eigentliche Vorgang im Unbewußten 
läßt sich leicht rekonstruieren. Das Kind hat von Zärtlichkeiten 
m<'t der Mutter geträumt, bei ihr geschlafen, alle Lust ist in 
Angst und aller Vorstellungsinhalt in sein Gegenteil verwandelt 
worden. Die Verdrängung hat den Sieg über den Traummecha- 
nismus davongetragen. 

Aber die Anfänge dieser psychologischen Situation gehen 
noch weiter zurück. Schon im Sommer gab es ähnliche sehn- 
süchtig-ängstliche Stimmungen, in denen er ähnliches äußerte, 
und die ihm damals den Vorteil brachten, daß ihn die Mutter 
zu sich ins Bett nahm. Seit dieser Zeit etwa dürften wir den 
Bestand einer gesteigerten sexuellen Erregung bei Hans anneh- 
men, deren Objekt die Mutter ist, cteren Intensität sich in zwei 
Verführungsversuchen an der Mutter äußert — der letzte ganz 
kurz vor dem Ausbruche der Angst — , und die sich nebenbei 
in allabendlicher raasturbatorischer Befriedigung entlädt. Ob 
dann der Umschlag dieser Erregung sich spontan vollzieht oder 
infolge der Abweisung der Mutter oder durch die zufällige Er- 
weckung früherer Eindrücke bei der später zu erfahrenden 
„Veranlassung" der Erkrankung, das ist nicht zu entscheiden, 
ist wohl auch gleichgültig, da die drei verschiedenen Fälle 
nicht als Gegensätze aufgefaßt werden können. Die Tatsache 
ist die des Umschlages der sexuellen Erregung in die Angst. 

Von dem Benehmen des Kindes in der ersten Zeit der 
Angst haben wir schon gehört, auch daß der erste Inhalt, den 
es seiner Angst gibt, lautet: Ein Pferd wird es beißen. Hier 
findet nun die erste Einmengung der Therapie statt. Die Eltern 
weisen darauf hin, daß die Angst die Folge der Masturbation 

7* 



100 



sei, und leiten ihn zur Entwöhnung von derselben an. Ich sorge 
dafür, daß die Zärtlichkeit für die Mutter, die er gegen die 
Angst vor den Pferden vertauschen möchte, kräftig vor ihm 
betont werde. Eine geringfügige Besserung nach dieser ersten 
Einflußnahme geht bald in einer Zeit körperlichen Krankseins 
unter. Der Zustand ist unverändert. Bald darauf findet Hans 
die Ableitung der Furcht, daß ihn ein Pferd beißen wird, von 
der Reminiszenz eines Eindruckes in G-munden. Ein fortreisen- 
der Vater warnte damals sein Kind : Gib den Finger nicht zum 
Pferde, sonst wird es dich beißen. Der "Wortlaut, in den er die 
"Warnung des Vaters kleidet, erinnert an die Wortfassung der 
Onanieverwarnung [den Finger hingeben]. Die Eltern scheinen 
so zuerst recht zu behalten, daß Hans sich vor seiner onanisti- 
schen Befriedigung schreckt. Der Zusammenhang ist aber noch 
ein loser und das Pferd scheint zu seiner Schreckensrolle recht 
zufällig geraten zu sein. 

Ich hatte die Vermutung geäußert, daß sein verdrängter 
Wunsch jetzt lauten könnte, er wolle durchaus den Wiwimacher 
der Mutter sehen. Da sein Benehmen gegen ein neu eingetre- 
tenes Hausmädchen dazu stimmt, wird ihm vom Vater die erste 
Aufklärung erteilt: Frauen haben keinen Wiwimacher. Er 
reagiert auf diese erste Hilfeleistung mit der Mitteilung einer 
Phantasie, er habe die Mama gesehen, wie sie ihren Wiwimacher 
berührt habe. Diese Phantasie und eine im Gespräch geäußerte 
Bemerkung, sein Wiwimacher sei doch angewachsen, gestatten 
den ersten Einblick in die unbewußten Gedankengänge des 
Patienten. Er stand wirklich unter dem nachträglichen Eindruck 
der Kastrationsdrohung der Mutter, die l 1 / i Jahre früher vor- 
gefallen war, denn die Phantasie, daß die Mutter das gleiche 
tue, die gewöhnliche „Retourkutsche" beschuldigter Kinder, soll 
ja seiner Entlastung dienen; sie ist eine Schutz- und Abwehr- 
phantasie. Indes müssen wir uns sagen, daß es die Eltern 
waren, welche aus dem in Hans wirksamen pathogenen Material 
das Thema der Beschäftigung mit dem Wiwimacher hervor- 
geholt haben. Er ist ihnen darin gefolgt, hat aber noch nicht 
selbsttätig in die Analyse eingegriffen. Ein therapeutischer Er- 
folg ist nicht zu beobachten. Die Analyse ist weit weg von 
den Pferden, und die Mitteilung, daß Freuen keinen Wiwi- 



101 

macker haben, ist durch ihren Inhalt eher geeignet, seine Be- 
sorgnis um die Erhaltung des eigenen Wiwimachers zu steigern. 
Es ist aber nicht der therapeutische Erfolg, den -wir an 
erster Stelle anstreben, sondern wir wollen den Patienten in 
den Stand setzen, seine unbewußten Wunschregungen bewußt 
zu erfassen. Dies erreichen wir, indem wir auf Grund der An- 
deutungen, die er uns macht, mit Hilfe unserer Deutekunst den 
unbewußten Komplex mit unseren Worten vor sein Bewußt- 
sein bringen. Das Stück Ähnlichkeit zwischen dem, was er ge- 
hört hat, und dem, was er sucht, das sich selbst, trotz aller 
Widerstände, zum Bewußtsein durchdrängen will, setzt ihn in 
den Stand, das Unbewußte zu finden. Der Arzt ist ihm im 
Verständnisse um ein Stück voraus; er kommt auf seinen 
eigenen Wegen nach, bis sie sich am bezeichneten Ziel treffen. 
Anfänger in der Psychoanalyse pflegen diese beiden Momente 
zu verschmelzen und den Zeitpunkt, in dem ihnen ein unbe- 
wußter Komplex des Kranken kenntlich geworden ist, auch für 
den zu halten, in dem der Kranke ihn erfaßt. Sie erwarten zu 
viel, wenn sie mit der Mitteilung dieser Erkenntnis den Kranken 
heilen wollen, während er das Mitgeteilte nur dazu verwenden 
kann, mit dessen Hilfe den unbewußten Komplex in seinem 
Unbewußten, dort wo er verankert ist, aufzufinden. Einen 
ersten Erfolg dieser Art erzielen wir nun bei Hans. Er ist jetzt 
nach der partiellen Bewältigung des Kastrationskomplexes im- 
stande, seine AVunsche auf die Mutter mitzuteilen, und er tut 
dies in noch entstellter Form durch die Phantasie von den 
beiden Giraffen, von denen die eine erfolglos schreit, weil er 
von der andern Besitz ergreift. Die Besitzergreifung stellt er 
unter dem Bilde des Sichdaraufsetzens dar. Der Vater erkennt 
in dieser Phantasie eine Reproduktion einer Szene, die sich 
morgens im Schlafzimmer zwischen den Eltern und dem Kinde 
abgespielt hat, und versäumt nicht, dem Wunsche die ihm noch 
anhaftende Entstellung abzustreifen. Er und die Mutter sind 
die beiden Giraffen. Die Einkleidung in die Giraffenphantasie, 
ist hinreichend determiniert durch den Besuch bei diesen großen 
Tieren in Schönbrunn wenige Tage vorher, durch die Giraffen- 
zeichnung, die der Vater aus früheren Zeiten aufbewahrt hat, 
vielleicht auch durch eine unbewußte Vergleichung, die an den 



BUJnwBffiL 

JÖorhn. 



102 



langen und steifen Hals der Giraffe anknüpft 1 ). "Wir merken, 
daß die Giraffe als großes und durch seinen Wiwimacher 
interessantes Tier ein Konkurrent der Pferde in ihrer Angst- 
rolle hätte werden können, und auch daß Vater und Mutter, 
beide als Giraffen vorgeführt werden, gibt einen vorläufig noch 
nicht verwerteten "Wink für die Deutung der Angstpferde. 

Zwei kleinere Phantasien, die Hans unmittelbar nach der 
Giraffendichtung bringt, daß er in Sohönbrunn sich in einen 
verbotenen Raum drängt, daß er in der Stadtbahn ein Fenster 
zerschlägt, wobei beide Male das Strafbare der Handlung be- 
tont ist und der Vater als Mitschuldiger erscheint, entziehen 
sich leider der Deutung des Vaters. Ihre Mitteilung bringt 
darum auch Hans keinen Nutzen. Aber was so unverstanden 
geblieben ist, das kommt wieder; es ruht nicht, wie ein un- 
erlöster Geist, bis es zur Lösung und Erlösung gekommen ist. 
Das Verständnis der beiden verbrecherischen Phantasien 
bietet uns keine Schwierigkeiten. Sie gehören zum Komplex des 
Besitzergreifens von der Mutter. In dem Kinde ringt es wie 
eine Ahnung von etwas, was er mit der Mutter machen könnte, 
womit die Besitzergreifung vollzogen wäre, und er findet für 
das Unfaßbare gewisse bildliche Vertretungen, denen das Gewalt- 
tätige, Verbotene gemeinsam ist, deren Inhalt uns so merk- 
würdig gut zur verborgenen Wirklichkeit zu stimmen scheint. 
"Wir können nur sagen, es sind symbolische Koitusphantasien, 
und es ist keineswegs nebensächlich, daß der Vater dabei 
mittut: „Ich möchte mit der Mama etwas tun, etwas Verbotenes, 
ich weiß nicht was, aber ich weiß, du tust es auch." 

Die Giraffenphantasie hatte bei mir eine Überzeugung 
verstärkt, die sich bereits bei der Äußerung des kleinen Hans: 
„Das Pferd wird ins Zimmer kommen", geregt hatte, und ich 
fand den Moment geeignet, ihm als ein wesentlich zu postu- 
lierendes Stück seiner unbewußten Regungen mitzuteilen: seine 
Angst vor dem Vater wegen seiner eifersüchtigen und feind- 
seligen "Wünsche gegen ihn. Damit hatte ich ihm teilweise die 
Angst vor den Pferden gedeutet, der Vater mußte das Pferd 
sein, vor dem er sich mit guter innerer Begründung fürchtete. 

) Dazu stimmt die spätere Bewunderung Hansens für den Hals 
seines Vaters. 



103 

Gewisse Einzelheiten, das Schwarze am Munde und das vor 
den Augen [Schnurrbart und Augengläser als Vorrechte des er- 
wachsenen Mannes], vor denen Hans Angst äußerte, schienen 
mir direkt vom Vater auf die Pferde versetzt zu sein. 

Mit dieser Aufklärung hatte ich den wirksamsten Wider- 
stand gegen die Bewußtmachung der unbewußten Gedanken bei 
Hans beseitigt, da ja der Vater selbst die Rolle des Arztes bei 
ihm spielte. Die Höhe des Zustandes war von da an über- 
schritten, das Material floß reichlich, der kleine Patient zeigte 
Mut, die Einzelheiten seiner Phobie mitzuteilen, und griff bald 
selbständig in den Ablauf der Analyse ein 1 ). 

Man erfährt erst jetzt, vor welchen Objekten und Ein- 
drücken Hans Angst hat. Nicht allein vor Pferden und daß 
Pferde ihn beißen, davon wird er bald stille, sondern auch vor 
Wagen, Möbelwagen und Stellwagen, als deren Gemeinsames 
sich alsbald die schwere Belastung herausstellt, vor Pferden, 
die sich in Bewegung setzen, Pferden, die groß und schwer 
aussehen, Pferden, die schnell fahren. Den Sinn dieser Bestim- 
mungen gibt Hans dann selbst an; er hat Angst, daß die Pferde 
umfallen, und macht so alles zum Inhalte seiner Phobie, was 
dies Umfallen der Pferde zu erleichtern scheint. 

Es ist gar nicht selten, daß man den eigentlichen Inhalt 
einer Phobie, den richtigen Wortlaut eines Zwangsimpulses 
u. dgl. erst nach einem Stücke psychoanalytischer Bemühung 
zu hören bekommt. Die Verdrängung hat nicht nur die unbe- 
wußten Komplexe getroffen, sie richtet sich auch noch fort- 
während gegen deren Abkömmlinge und hindert den Kranken 
an der Wahrnehmung seiner Krankheitsprodukte selbst. Man ist 
da in der seltsamen Lage, als Arzt der Krankheit zu Hilfe zu 
kommen, um Aufmerksamkeit für sie zu werben, aber nur wer 
das Wesen der Psychoanalyse völlig verkennt, wird diese Phase 



') Die Angst vor dem Vater spielt noch in den Analysen, die man 
als Arzt mit Fremden vornimmt, eine der bedeutendsten Rollen als Wider- 
stand gegen die Reproduktion des unbewußten pathogenen Materials. Die 
Widerstände sind zum Teil von der Natur der „Motive", zum andern Teil 
ist, wie in diesem Beispiel, ein Stück des unbewußten Materials inhalt- 
lich befähigt, als Hemmung gegen die Reproduktion eines andern Stückes 
zu dienen. 



104 



der Bemühung hervorheben und darob eine Schädigung durch 
die Analyse erwarten. Die "Wahrheit ist, daß die Nürnberger 
keinen henken, den sie nicht zuvor in die Hand bekommen 
haben, und daß es einiger Arbeit bedarf, um der krankhaften 
Bildungen, die man zerstören will, habhaft zu werden. 

Ich erwähnte schon in den die Krankengeschichte beglei- 
tenden Glossen, daß es sehr instruktiv ist, sich so in das Detail 
einer Phobie zu vertiefen und sich den sicheren Eindruck einer 
sekundär hergestellten Beziehung zwischen der Angst und ihren 
Objekten zu holen. Daher das eigentümlich diffuse und dann 
wiederum so streng bedingte Wesen einer Phobie. Das Material 
zu diesen Speziallösungen hat sich unser kleiner Patient offenbar 
aus den Eindrücken geholt, die er infolge der Lage der Woh- 
nung gegenüber dem Hauptzollamte tagsüber vor Augen haben 
kann. Er verrät auch in diesem Zusammenhang eine jetzt durch 
die Angst gehemmte Regung, mit den Ladungen der Wagen, 
dem Gepäcke, den Fässern und Kisten wie die Buben der 
Gasse zu spielen. 

In diesem Stadium der Analyse findet er das an sich 
nicht bedeutsame Erlebnis wieder, welches dem Ausbruche der 
Krankheit unmittelbar vorausgegangen ist, und das wohl als die 
Veranlassung für diesen Ausbruch angesehen werden darf. Er 
ging mit der Mama spazieren und sah ein Stellwagenpferd um- 
fallen und mit den Füßen zappeln. Dies machte auf ihn einen 
großen Eindruck. Er erschrak heftig, meinte, das Pferd sei tot; 
von jetzt ab würden alle Pferde umfallen. Der Vater weist ihn 
darauf hin, daß er bei dem fallenden Pferde an ihn, den Vater, 
gedacht und gewünscht haben muß, er solle so fallen und tot 
sein. Hans sträubt sich nicht gegen diese Deutung; eine Weile 
später akzeptiert er durch ein Spiel, das er aufführt, indem er- 
den Vater beißt, die Identifizierung des Vaters mit dem ge. 
fürchteten Pferde und benimmt sich von da ab frei und 
furchtlos, ja, selbst ein wenig übermütig gegen seinen Vater. 
Die Angst vor Pferden hält aber noch an, und infolge welcher 
Verkettung das fallende Pferd seine unbewußten Wünsche auf- 
gerührt hat, ist uns noch nicht klar. 

Fassen wir zusammen, was sich bisher ergeben hat: Hinter 
der erst geäußerten Angst, das Pferd werde ihn beißen, ist die 






105 

tiefer liegende Angst, die Pferde werden umfallen, aufgedeckt 
worden, und beide, das beißende wie das fallende Pferd, sind 
der Vater, der ihn strafen wird, weil er so böse Wünsche gegen 
ihn hegt. Von der Mutter sind wir unterdes in der Analyse ab- 
gekommen. 

Ganz unerwartet und gewiß ohne Dazutun des Vaters be- 
ginnt nun Hans sich mit dem „Lumpf komplex" zu beschäftigen 
und Ekel vor Dingen zu zeigen, die ihn an die Stuhlentleerung 
erinnern. Der Vater, der hier nur ungern mitgeht, setzt mitten- 
drin die Fortsetzung der Analyse durch, wie er sie leiten 
möchte, und bringt Hans zur Erinnerung eines Erlebnisses in 
Gmunden, dessen Eindruck sich hinter dem des fallenden Stell- 
wagenpferdes verbirgt. Fritzl, sein geliebter Spielgenosse, viel- 
leicht auch sein Konkurrent bei den vielen Gespielinnen, hatte 
im Pferdespiele mit dem Fuße an einen Stein angestoßen, war 
umgefallen und der Fuß hatte geblutet. An diesen Unfall hatte 
das Erlebnis mit dem fallenden Stellwagenpferd erinnert. Es 
ist bemerkenswert, daß Hans, der zurzeit mit anderen Dingen 
beschäftigt ist, das Umfallen Fritzls, das den Zusammenhang 
herstellt, zuerst leugnet, erst in einem späteren Stadium der 
Analyse zugesteht. Für uns mag es aber interessant sein her- 
vorzuheben, wie sich die Verwandlung von Libido in Angst auf 
das Hauptobjekt der Phobie, das Pferd, projiziert. Pferde waren 
ihm die interessantesten großen Tiere, Pferdespiel das liebste 
Spiel mit seinen kindlichen Genossen. Die Vermutung, daß der 
Vater ihm zuerst als Pferd gedient hat, wird durch Erkundi- 
gung beim Vater bestätigt, und so konnte sich bei dem Unfälle 
in Gmunden der Person des Vaters die Fritzls substituieren. 
Nach eingetretenem Verdrängungsumschwunge mußte er sich 
nun vor den Pferden fürchten, an die er vorher soviel Lust 
geknüpft hatte. 

Aber wir sagten schon, daß wir diese letzte bedeutsame 
Aufklärung über die Wirksamkeit des Krankheitsanlasses dem 
Eingreifen des Vaters verdanken. Hans ist bei seinen Lumpf- 
interessen und wir müssen ihm endlich dorthin folgen. Wir er- 
fahren, daß er sich früher der Mutter als Begleiter aufs Klosett 
aufzudrängen pflegte, und daß er dies bei der damaligen Stell- 
vertreterin der Mutter, seiner Freundin Berta, wiederholte, bis 



106 

es bekannt und verboten wurde. Die Lust, bei den Verrichtungen 
einer geliebten Person zuzuschauen, entspricht auch einer „Trieb- 
verschränkung", von der wir bei Hans bereits ein Beispiel be- 
merkt hatten. Endlich geht auch der Vater auf die Lunipf- 
symbolik ein und anerkennt eine Analogie zwischen einem 
schwer beladenen Wagen und einem mit Stuhlmassen belasteten 
Leibe, der Art, wie der "Wagen aus dem Tore hinausfährt, und 
wie man den Stuhl aus dem Leib entläßt u. dgl. 

Die Stellung Hansens in der Analyse hat sich aber gegen 
frühere Stadien wesentlich geändert. Konnte ihm der Vater 
früher voraussagen, was kommen würde, bis Hans, der An- 
deutung folgend, nachgetrabt war, so eilt er jetzt mit sicherem 
Schritte voraus und der Vater hat Mühe ihm zu folgen. Hans 
bringt wie unvermittelt eine neue Phantasie: Der Schlosser oder 
Installateur hat die Badewanne losgeschraubt, in welcher Hans 
sich befindet, und ihm dann mit seinem großen Bohrer in den 
Bauch gestoßen. Von jetzt an hinkt unser Verständnis dem 
Materiale nach. Wir können erst später erraten, daß dies die 
angstentstellte Umarbeitung einer Zeugungsphantasie ist. 
Die große Badewanne, in der Hans im Wasser sitzt, ist der 
Mutterleib; der „Bohrer", der schon dem Vater als ein großer 
Penis kenntlich wird, dankt seine Erwähnung dem Greboren- 
werden. Es klingt natürlich sehr merkwürdig, wenn wir der 
Phantasie die Deutung geben müssen: Mit deinem großen Penis 
hast du mich „gebohrt" [zur Geburt gebracht] und mich in den 
Mutterleib hineingesetzt. Aber vorläufig entgeht die Phantasie 
der Deutung und dient Hans nur als Anknüpfung zur Fort- 
führung seiner Mitteilungen. 

Vor dem Baden in der großen Wanne zeigt Hans eine 
Angst, die wiederum zusammengesetzt ist. Ein Anteil* derselben 
entgeht uns noch, der andere wird durch eine Beziehung zum 
Baden der kleinen Schwester alsbald aufgeklärt. Hans gibt den 
Wunsch zu, daß die Mutter die Kleine beim Baden fallen 
lassen möge, so daß sie sterbe; seine eigene Angst beim Baden 
war die vor der Vergeltung für diesen bösen Wunsch, vor der 
Strafe, daß es ihm so ergehen werde. Er verläßt nun das Thema 
des Lumpfes und übergeht unmittelbar darauf auf das der 
kleinen Schwester. Aber wir können ahnen, was diese Anein- 



107 

anderreihung bedeutet. Nichts anderes, als daß die kleine Hanna 
selbst ein Lumpf ist, daß alle Kinder Lumpfe sind und wie 
Lumpfe geboren werden. Wir verstehen nun, daß alle Möbel-, 
Stellwagen und Lastwagen nur Storchenkistenwagen sind, auch 
nur als symbolische Vertretungen der Gravidität Interesse für 
ihn hatten, und daß er im Umfallen der schweren oder schwer 
belasteten Pferde nichts anderes gesehen haben kann als eine — 
Entbindung, ein Niederkommen. Das fallende Pferd war also 
nicht nur der sterbende Vater, sondern auch die Mutter in der 
Niederkunft. 

Und nun bringt Hans die Überraschung, auf welche wir 
in der Tat nicht vorbereitet waren. Er hat die Gravidität der 
Mutter, die ja mit der Geburt der Kleinen endigte, als er 
37s Jahre war, bemerkt und sich den richtigen Sachverhalt, 
wenigstens nach der Entbindung, konstruiert, wohl ohne ihn zu 
äußern, vielleicht ohne ihn äußern zu können; es war damals 
nur zu beobachten, daß er unmittelbar nach der Entbindung 
sich so sehr skeptisch gegen alle Zeichen, die auf die An- 
wesenheit des Storches deuten sollten, benahm. Aber daß er 
im Unbewußten und ganz im Gegensatze zu seinen 
offiziellen Reden gewußt, woher das Kind kam und wo 
es früher verweilt hatte, das wird durch diese Analyse 
gegen jeden Zweifel sicher dargetan; es ist vielleicht das un- 
erschütterlichste Stück derselben. 

Den zwingenden Beweis dafür erbringt die hartnäckig fest- 
gehaltene, mit soviel Einzelheiten ausgeschmückte Phantasie, 
daß Hanna schon im Sommer vor ihrer Geburt mit ihnen in 
Gmunden war, wie sie hingereist ist und damals soviel mehr 
leisten konnte als ein Jahr später, nach ihrer Geburt. Die 
Frechheit, mit der Hans diese Phantasie vorträgt, die unge- 
zählten tollen Lügen, die er in sie einflicht, sind beileibe nicht 
sinnlos; das alles soll seiner Rache am Vater dienen, dem er 
wegen der Irreführung durch das Storchmärchen grollt. Es ist 
ganz so, als ob er sagen wollte: hast du mich für so dumm ge- 
halten und mir zugemutet zu glauben, daß der Storch die Hanna 
gebracht hat, so kann ich dafür von dir verlangen, daß du 
meine Erfindungen für Wahrheit nimmst. In durchsichtigem 
Zusammenhange mit diesem Racheakte des kleinen Forschers 



108 



an seinem Vater reiht sich nun die Phantasie vom Necken und 
Schlagen der Pferde an. Sie ist wiederum doppelt gefügt, lehnt 
sich einerseits an die Neckerei an, der er eben den Vater 
unterzogen hat, und bringt anderseits jene dunkeln sadistischen 
Gelüste gegen die Mutter wieder, die sich, zuerst von uns noch 
unverstanden, in den Phantasien vom verbotenen Tun geäußert 
hatten. Bewußt gesteht er auch die Lust, die Mamnii zu 
schlagen, ein. 

Nun haben wir nicht mehr viel Rätsel zu erwarten. Eine 
dunkle Phantasie vom Zugversäumen scheint eine Vorläuferin 
der späteren Unterbringung des Vaters bei der Großmutter in 
Lainz zu sein, da sie eine Reise nach Lainz behandelt und die 
Großmutter in ihr vorkommt. Eine andere Phantasie, in der 
ein Bub dem Kondukteur 50.000 fl. gibt, damit er ihn mit dem 
Wagen fahren läßt, klingt fast wie ein Plan, dem Vater, dessen 
Stärke ja zum Teil in seinem Reichtume liegt, die Mutter ab- 
zukaufen. Dann gesteht er den Wunsch, den Vater zu beseitigen, 
und die Begründung desselben, weil er seine Intimität mit der 
Mutter störe, mit einer Offenheit ein, zu welcher er es bisher noch 
nicht gebracht hatte. "Wir dürfen uns nicht verwundern, wenn 
dieselben Wunschregungen im Laufe der Analyse wiederholt 
auftreten; die Monotonie entsteht nämlich erst durch die an- 
geknüpften Deutungen; für Hans sind es nicht bloße Wieder- 
holungen, sondern fortschreitende Entwicklungen von der schüch- 
ternen Andeutung bis zur vollbewußten, von jeder Entstellung 
freien Klarheit. 

Was nun noch folgt, sind solche v^n Hans ausgehende 
Bestätigungen der für unsere Deutung bereits gesicherten analy- 
tischen Ergebnisse. Er zeigt in einer unzweideutigen Symptom- 
liandlung, die er nur vor dem Hausmädchen, nicht vor dem 
Vater, leicht verkleidet, wie er sich eine Geburt vorstellt; aber 
wenn wir genauer zusehen, zeigt er noch mehr, deutet auf etwas 
hin, was in der Analyse nicht mehr zur Sprache kommt. Durch 
die runde Lücke im .Gummileibe einer Puppe steckt er ein 
kleines Messerchen hinein, das der Mama gehört, und läßt es 
wieder herausfallen, indem er ihr die Beine auseinanderreißt. 
Die darauffolgende Aufklärung durch die Eltern, daß Kinder 
tatsächlich im Leibe der Mutter wachsen und wie ein Lumpf 






109 

herausbefördert werden, kommt zu spät; sie kann ihm nichts 
mehr Neues sagen. Durch eine andere, wie zufällig erfolgende 
Symptomhandlung gibt er zu, daß er den Vater tot gewünscht 
hat, indem er ein Pferd, mit dem er spielt, umfallen läßt, d. h. 
umwirft, in dem Momente, da der "Vater von diesem Todes- 
wunsche spricht. Mit Worten bekräftigt er, daß die schwer be- 
ladenen Wagen ihm die Gravidität der Mutter vorstellten, und 
daß das Umfallen des Pferdes so war, wie wenn man ein Kind 
bekommt. Die köstlichste Bestätigung in diesem Zusammen- 
hange, der Beweis, daß Kinder „Lunrpfe" sind, durch die Er- 
findung des Namens „Lodi" für sein Lieblingskind kommt nur 
verspätet zu unserer Kenntnis, denn wir hören, daß er mit 
diesem Wurstkinde schon die längste Zeit gespielt hat 1 ). 

Die beiden abschließenden Phantasien Hansens, mit denen 
seine Herstellung vollkommen wird, haben wir bereits gewürdigt. 
Die eine, vom Installateur, der ihm einen neuen und, wie der 
Vater errät, größeren Wiwimacher ansetzt, ist doch nicht bloß 
die Wiederholung der früheren, die sich mit dem Installateur 
und der Badewanne beschäftigte. Sie ist eine siegreiche Wunsch- 
phantasie und enthält die Überwindung der Kastrationsangst. 
Die zweite Phantasie, die den Wunsch eingesteht, mit der Mutter 
verheiratet zu sein und viele Kinder mit ihr zu haben, erschöpft 
nicht bloß den Inhalt jener unbewußten Komplexe, die sich 
beim Anblicke des fallenden Pferdes gerührt und Angst ent- 
wickelt hatten, — sie korrigiert auch, was an jenen Gedanken 
schlechterdings unannehmbar war, indem sie, anstatt den Vater 
zu töten, ihn durch Erhöhung zur Ehe mit der Großmutter 
unschädlich macht. Mit dieser Phantasie schließen Krankheit 
und Analyse berechtigterweise ab. 



Während der Analyse eines Krankheitsfalles kann man 
einen anschaulichen Eindruck von der Struktur und Entwick- 



x ) Ein zunächst befremdendei- Einfall des genialen Zeichners T. 
T. Heine der auf einem Blatte im Simplizissimus darstellt, wie das Kind 
des Selchermeisters in die Wurstmaschiue gerät und dann als Würstchen 
von den Eltern betrauert, eingesegnet wird und gen Himmel fliegt, findet 
durch die Lodiepisode unserer Analyse seine Zurückführung auf eine in- 
fantile "Wurzel. 



110 



hmg der Neurose nicht gewinnen. Es ist das die Sache einer 
synthetischen Arbeit, der man sich nachher unterziehen muß. 
Wenn wir diese Synthese bei der Phobie unseres kleinen Hans 
unternehmen, so knüpfen wir an die Schilderung seiner Kon- 
stitution, seiner leitenden sexuellen Wünsche und seiner Er- 
lebnisse bis zur Geburt der Schwester an, die wir auf früheren 
Seiten dieser Abhandlung gegeben haben. 

Die Ankunft dieser Schwester brachte ihm mehrerlei, was 
ihn von nun an nicht zur Ruhe kommen ließ. Zunächst ein 
Stück Entbehrung, zu Anfang eine zeitweilige Trennung von der 
Mutter und dann später eine dauernde Verminderung ihrer 
Fürsorge und Aufmerksamkeit, die er mit der Schwester zu 
teilen sich gewöhnen mußte. Zuzweit eine Wiederbelebung seiner 
Lusterlebnisse aus der Kinderpflege, hervorgerufen durch all 
das, was er die Mutter mit der kleinen Schwester vornehmen 
sah. Aus beiden Einflüssen ergab sich eine Steigerung seiner 
erotischen Bedürftigkeit, der es an Befriedigung zu mangeln 
begann. Für den Verlust, den ihm die Schwester gebracht hatte, 
entschädigte er sich durch die Phantasie, daß er selbst Kinder 
habe, und solange er in G-munden mit diesen Kindern wirklich 
spielen konnte, fand seine Zärtlichkeit genügende xlbleitung. 
Aber nach Wien zurückgekehrt, war er wieder einsam, heftete 
alle seine Ansprüche an die Mutter und litt weitere Entbehrung, 
als er mit 4 Jahren aus dem Schlafzimmer der Eltern ver- 
bannt wurde. Seine gesteigerte erotische Erregbarkeit äußerte 
sich nun in Phantasien, welche die Sommergespielen in seine 
Einsamkeit beschworen, und in regelmäßigen autoerotischen Be- 
friedigungen durch masturbatorische Reizung des Genitales. 

Drittens brachte ihm aber die Geburt der Schwester die 
Anregung zu einer Denkarbeit, die einerseits nicht zur Lösung 
zu bringen war, anderseits ihn in Gefühlskonflikte verstrickte. 
Das große Rätsel stellte sich für ihn ein, woher die Kinder 
kommen, das erste Problem vielleicht, dessen Lösung die Geistes- 
kräfte des Kindes in Anspruch nimmt, von dem das Rätsel der 
thebanischen Sphinx wahrscheinlich nur eine Entstellung wieder- 
gibt. Die ihm gebotene Aufklärung, der Storch habe die Hanna 
gebracht, wies er ab. Er hatte doch bemerkt, daß die Mutter 
Monate vor der Geburt der Kleinen einen großen Leib be- 



111 

kommen hatte, daß sie dann zu Bett gelegen, bei der Geburt 
gestöhnt hatte und dann schlank aufgestanden war. Er schloß 
also, die Hanna ist im Leibe der Mutter gewesen und dann 
herausgekommen wie ein „Lumpf". Dieses Gebären konnte er 
sich lustvoll vorstellen, unter Anknüpfung an eigene früheste 
Lustempfindungen beim Stuhlgänge, konnte sich also mit dop- 
pelter Motivierung wünschen, selbst Kinder zu haben, um sie 
mit Lust zu gebären und dann (mit Vergeltungslust gleichsam) 
zu pflegen. In all dem lag nichts, was ihn zu Zweifel oder zu 
Konflikt geführt hätte. 

Aber es war noch etwas anderes da, was ihn stören mußte. 
Der Vater mußte etwas mit der Geburt der kleinen Hanna 
zu tun haben, denn er behauptete, Hanna und er selbst, Hans, 
seien seine Kinder. Er hatte sie aber gewiß nicht in die Welt 
gesetzt, sondern die Mama. Dieser Vater war ihm bei der Mutter 
im Wege. Wenn er da war, konnte er nicht bei der Mutter 
schlafen, und wenn die Mutter Hans ins Bett nehmen wollte, 
schrie der Vater. Hans hatte erfahren, wie gut er's bei Ab- 
wesenheit des Vaters haben könnte, und der Wunsch, den Vater 
zu beseitigen, war nur gerechtfertigt. Nun erhielt diese Feind- 
seligkeit eine Verstärkung. Der Vater hatte ihm die Lüge vom 
Storch erzählt, und es ihm damit unmöglich gemacht, ihn in 
diesen Dingen um Aufklärung zu bitten. Er hinderte ihn nicht 
nur, bei der Mutter im Bette zu sein, sondern vorenthielt ihm 
auch das Wissen, nach dem er strebte. Er benachteiligte ihn 
nach beiden Richtungen, und dies offenbar zu seinem eigenen 
Vorteile. 

Daß er nun diesen selben Vater, den er als Konkurrenten 
hassen mußte, seit jeher geliebt hatte und weiter lieben mußte, 
daß er ihm Vorbild war, sein erster Spielgenosse und gleich- 
falls sein Pfleger aus den ersten Jahren, das ergab den ersten, 
zunächst nicht lösbaren Gefühlskonflikt. Wie Hansens Natur sich 
entwickelt hatte, mußte die Liebe vorläufig die Oberhand be- 
halten und den Haß unterdrücken, ohne ihn aufheben zu 
können, denn er wurde von der Liebe zur Mutter her immer 
von neuem gespeist. 

Der Vater wußte aber nicht nur, woher die Kinder kommen, 
er übte es auch wirklich aus, das, was Hans nur dunkel ahnen 



112 

konnte. Der Wiwimacher mußte etwas damit zu tun haben, 
dessen Erregung all diese Gedanken begleitete, und zwar ein 
großer, größer als Hans seinen fand. Folgte man den Emp- 
findungsandeutungen, die sich da ergaben, so mußte es sich um 
eine Gewalttätigkeit handeln, die man an der Mama verübte, um 
ein Zerschlagen, ein Offnungschaffen, ein Eindringen in einen 
abgeschlossenen Raum, den Impuls dazu konnte das Kind in 
sich verspüren; aber obwohl es auf dem Wege war, von seinen 
Penissensationen aus die Vagina zu postulieren, so konnte es 
doch das Rätsel nicht lösen, denn so etwas, wie der Wiwiinacher 
es brauchte, bestand ja in seiner Kenntnis nicht; vielmehr stand 
der Lösung die Überzeugung im Wege, daß die Mama einen 
Wiwiinacher wie er besitze. Der Lösungsversuch, was man mit 
der Mama anfangen müßte, damit sie Kinder bekomme, ver- 
sank im Unbewußten, und beiderlei aktive Impulse, der feind- 
selige gegen den Vater wie der sadistisch zärtliche gegen die 
Mutter, blieben verwendungslos, der eine infolge der neben dem 
Hasse vorhandenen Liebe, der andere vermöge der Ratlosigkeit, 
die sich aus den infantilen Sexual theorien ergab. 

Nur in dieser Weise vermag ich, auf die Resultate der 
Analyse gestützt, die unbewußten Komplexe und Wunschregungen 
zu konstruieren, deren Verdrängung und Wiedererweckung die 
Phobie des kleinen Hans zum Vorscheine brachte. Ich weiß, 
daß damit dem Denkvermögen eines Kindes zwischen 4 und 
5 Jahren viel zugemutet ist, aber ich lasse mich von dem leiten, 
was wir neu erfahren haben, und halte mich durch die Vor- 
urteile unserer Unwissenheit nicht für gebunden. Vielleicht 
hätte man die Angst vor dem „Krawallmachen mit den Beinen' - ' 
benutzen können, um noch Lücken in unserem Beweisverfahren 
auszufüllen. Hans gab zwar an, es erinnere ihn an das Zappeln 
mit den Beinen, wenn er gezwungen werden sollte, sein Spiel 
zu unterbrechen, um Lumpf zu machen, so daß dieses Element 
der Neurose in Beziehung zu dem Problem gerät, ob die Mama 
gerne oder nur gezwungen Kinder bekomme, aber ich habe 
nicht den Eindruck, daß hierait die volle Aufklärung für das 
„Krawallmachen mit den Beinen" gegeben ist. Meine Vermutung, 
daß sich bei dem Kinde eine Reminiszenz an einen von ihm im 
Schlafzimmer beobachteten sexuellen Verkehr der Eltern geregt 






113 

habe, konnte der Vater nicht bestätigen. Begnügen wir uns also 
mit dem, was wir erfahren haben. 

Durch welchen Einfluß es in der geschilderten Situation 
bei Hans zum Umkippen, zur Verwandlung der libidinösen 
Sehnsucht in Angst gekommen ist, an welchem Ende da die 
Verdrängung eingesetzt hat, das ist schwer zu sagen und könnte 
wohl nur durch die Vergleichung mit mehreren ähnlichen Analysen 
zu entscheiden sein; ob das intellektuelle Unvermögen des Kindes, 
das schwierige Problem der Kinderzeugung zu lösen und die 
durch die Annährung an die Lösung entbundenen aggressiven 
Impulse zu verwerten, den Ausschlag gab oder ein somatisches 
Unvermögen, eine Intoleranz seiner Konstitution gegen die 
regelmäßig geübte masturbatorische Befriediguug, ob die bloße 
Fortdauer der sexuellen Erregung in so hoher Intensität zum 
Umschlage führen mußte, das stelle ich als fraglich hin, bis uns 
weitere Erfahrung zu Hilfe kommt. 

Dem Gelegenheitsanlasse für den Ausbruch der Krank- 
heit zu viel Einfluß zuzuschreiben, verbieten die zeitlichen Ver- 
hältnisse, denn Andeutungen von Ängstlichkeit waren bei Hans 
lange vorher, ehe er das Stellwagenpferd auf der Straße um- 
fallen sah, zu beobachten. 

Immerhin knüpfte die Neurose direkt an dieses akziden- 
telle Erlebnis an und bewahrt die Spur desselben in der Er- 
hebung des Pferdes zum Angstobjekt. Eine „traumatische Kraft" 
kommt diesem Eindrucke an und für sich nicht zu; nur die 
frühere Bedeutung des Pferdes als Gegenstand der Vorliebe 
und des Interesses und die Anknüpfung an das traumatisch ge- 
eignetere Erlebnis in Gmunden, wie Fritzl beim Pferdespiele 
umfiel, sowie der leichte Assoziationsweg von Fritzl zum Vater, 
haben den zulällig beobachteten Unfall mit so großer "Wirksam- 
keit ausgestattet. Ja, wahrscheinlich hätten auch diese Beziehungen 
nicht ausgereicht, wenn nicht dank der Schmiegsamkeit und der 
Vieldeutigkeit der Assoziationsverknüpfungen der gleiche Ein- 
druck sich auch geeignet erwiesen hätte, an den zweiten der im 
Unbewußten bei Hans lauernden Komplexe, an den von der 
Niederkunft der graviden Mutter zu rühren. Von da an war 
der "Weg zur "Wiederkehr des Verdrängten eröffnet, und nun 
wurde er in der "Weise beschritten, daß das pathogene 

Freud, Neurosenlehre. III. • 8 



114 



Material auf den Pferdekomplex umgearbeitet (trans- 
poniert) und die begleitenden Affekte uniform in Angst 
verwandelt erschienen. 

Bemerkenswerterweise mußte sich der nunmehrige Vor- 
stellungsinhalt der Phobie noch eine Entstellung und Ersetzung 
gefallen lassen, ehe das Bewußtsein Kenntnis von ihm nahm. 
Der erste Wortlaut der Angst, den Hans äußerte, war: das 
Pferd wird mich beißen; er rührt aus einer andern Szene in 
Gmunden her, die einerseits Beziehung zum feindseligen Wunsche 
gegen den Vater hat, anderseits an die Onanieverwarnung er- 
innert. Es hat sich da ein ablenkender Einfluß geltend ge- 
macht, der vielleicht von den Eltern ausging; ich bin nicht 
sicher, ob die Berichte über Hans damals sorgfältig genug ab- 
gefaßt wurden, um uns entscheiden zu lassen, ob er seiner 
Angst diesen Ausdruck gegeben, ehe oder erst nachdem 
ihn die Mutter wegen seiner Masturbation zur Rede ge- 
stellt hatte. Im Gegensatze zur Darstellung der Krankenge- 
schichte möchte ich das letztere vermuten. Im übrigen ist 
unverkennbar, daß der feindselige Komplex gegen den Vater 
bei Hans überall den lüsternen gegen die Mutter verdeckt, 
sowie er auch in der Analyse zuerst aufgedeckt und erledigt 
wurde. 

In anderen Krankheitsfällen fände sich weit mehr über 
die Struktur einer Neurose, ihre Entwicklung und Ausbreitung 
zu sagen, aber die Krankheitsgeschichte unseres kleinen Hans 
ist sehr kurz; sie wird alsbald nach ihrem Beginne von der 
Behandlungsgeschichte abgelöst. Wenn die Phobie sich während 
der Behandlung dann weiter zu entwickeln schien, neue Ob- 
jekte und neue Bedingungen in ihren Bereich zog, so war 
der selbst behandelnde Vater natürlich einsichtsvoll genug, 
darin nur ein Zumvorscheinkommen des bereits Fertigen 
und nicht eine Neuproduktion, die man der Behandlung 
zur Last legen könnte, zu erblicken. Auf solche Einsicht darf 
man dann in anderen Fällen von Behandlung nicht immer 
rechnen. 

Ehe ich diese Synthese für beendigt erkläre, muß ich noch 
einen andern Gesichtspunkt würdigen, bei dem wir mitten in 
die Schwierigkeiten der Auffassung neurotischer Zustände ge- 



115 

raten werden. "Wir sehen, wie unser kleiner Patient von einem 
wichtigen Verdrängungsschube befallen wird, der gerade seine 
herrschenden sexuellen Komponenten betrifft 1 ). Er entäußert 
sich der Onanie, er weist mit Ekel von sich, was an Exkremente 
und an Zuschauen bei den Verrichtungen erinnert. Es sind 
aber nicht diese Komponenten, welche beim Krankheitsani asse 
(beim Anblicke des fallenden Pferdes) angeregt werden, und 
die das Material für die Syptome, den Inhalt der Phobie, 
liefern. 

Man hat also da Anlaß, eine prinzipielle Unterscheidung 
aufzustellen. Wahrscheinlich gelangt man zu einem tieferen 
Verständnisse des Krankheitsfalles, wenn man sich jenen anderen 
Komponenten zuwendet, welche die beiden letztgenannten Be- 
dingungen erfüllen. Dies sind bei Hans Regungen, die bereits 
vorher unterdrückt waren und sich, soviel wir erfahren, niemals 
ungehemmt äußern konnten, feindselig-eifersüchtige Gefühle 
gegen den Vater und sadistische, Koitusahnungen entsprechende 
Antriebe gegen die Mutter. In diesen frühzeitigen Unter- 
drückungen liegt vielleicht die Disposition für die spätere Er- 
krankung. Diese aggressiven Neigungen haben bei Hans keinen 
Ausweg gefunden, und sobald sie in einer Zeit der Entbehrung 
und gesteigerten sexuellen Erregung verstärkt hervorbrechen 
wollen, entbrennt jener Kampf, den wir die „Phobie" nennen. 
Während derselben dringt ein Teil der verdrängten Vorstellungen 
als Inhalt der Phobie, entstellt und auf einen andern Komplex 
überschrieben, ins Bewußtsein; aber kein Zweifel, daß dies ein 
kümmerlicher Erfolg ist. Der Sieg verbleibt der Verdrängung, 
die bei dieser Gelegenheit auf andere als die vor- 
dringliche Komponente übergreift. Das ändert nichts 
daran, daß das Wesen des Krankheitszustandes durchaus an 
die Natur der zurückzuweisenden Triebkomponenten gebunden 
bleibt. Absicht und Inhalt der Phobie ist eine weitgehende Ein- 
schränkung der Bewegungsfreiheit, sie ist also eine machtvolle 

*) Der Vater hat sogar beobachtet, daß gleichzeitig mit dieser Ver- 
drängung ein Stück Sublimierung bei ihm eintritt. Er zeigt vom Beginne 
der Ängstlichkeit an ein gesteigertes Interesse für Musik und entwickelt 
seine hereditäre musikalische Begabung. 

8* 



116 



Beaktion gegen die dunkeln Bewegungsinipulse, die sich beson- 
ders gegen die Mutter wenden wollten. Das Pferd war für den 
Knaben immer das Vorbild der Bewegungslust („Ich bin ein 
junges Pferd," sagt Hans im Herumspringen), aber da diese 
Bewegungslust den Koitusimpuls einschließt, wird die Be- 
wegungslust von der Neurose eingeschränkt und das Pferd zum 
Sinnbild des Schreckens erhoben. Es scheint, daß den ver- 
drängten Trieben in der Neurose nichts anderes verbleibt als 
die Ehre, der Angst im Bewußtsein die Vorwände zu liefern. 
Aber so deutlich auch der Sieg der Sexualablehnimg in der 
Phobie ist, so läßt doch die Kompromißnatur der Krankheit 
nicht zu, daß das Verdrängte nichts anderes erreiche. Die 
Phobie vor dem Pferde ist doch wieder ein Hindernis, auf die 
Gasse zu gehen, und kann als Mittel dienen, um bei der ge- 
liebten Mutter im Hause zu bleiben. Darin hat sich also die 
Zärtlichkeit für die Mutter siegreich durchgesetzt; der Liebhaber 
klammert sich infolge der Phobie an sein geliebtes Objekt, aber 
freilich ist nun dafür gesorgt, daß er unschädlich bleibt. In 
diesen beiden Wirkungen offenbart sich die eigentliche Natur 
einer neurotischen Erkrankung. 

Alf. Adler hat kürzlich in einer gedankenreichen Arbeit 1 ), 
der ich vorhin die Bezeichnung Triebverschränkung entnommen 
habe, ausgeführt, daß die Angst durch die Unterdrückung des 
von ihm sogenannten „ Aggressionstriebes " entstehe, und in 
weitumfassender Synthese diesem Triebe die Hauptrolle im Ge- 
schehen, „im Leben und in der Neurose" zugewiesen. "Wenn wir 
zum Schlüsse gelangt sind, daß in unserem Falle von Phobie 
die Angst durch die Verdrängung jener Aggressionsneigungen, 
der feindseligen gegen den Vater und der sadistischen gegen 
die Mutter, zu erklären sei, scheinen wir eine eklatante Bestä- 
tigung für die Anschauung Adlers erbracht zu haben. Und 
doch kann ich derselben, die ich für eine irreführende Verall- 
gemeinerung halte, nicht beipflichten. Ich kann mich nicht ent- 
schließen, einen besonderen Aggressionstrieb neben und gleich- 
berechtigt mit den uns vertrauten Selbsterhaltungs- und Sexual- 
trieben anzunehmen. Es scheint mir, daß Adler einen allge- 



*) S. o. 






117 

meinen und unerläßlichen Charakter aller Triebe, eben das 
„Triebhafte", Drängende in ihnen, was wir als die Fähigkeit, 
der Motilität Anstoß, zu geben, beschreiben können, zu einem 
besonderen Triebe mit Unrecht hypostasiert habe. Von den 
anderen Trieben erübrigte dann nichts anderes als die Bezie- 
hung zu einem Ziele, nachdem ihnen die Beziehung zu den 
Mitteln, dieses Ziel zu erreichen, durch den „Aggressionstrieb" 
abgenommen wird ; trotz all der Unsicherheit und Ungeklärtheit 
unserer Trieblehre, möchte ich vorläufig an der gewohnten Auf- 
fassung festhalten, welche jedem Triebe sein eigenes Vermögen, 
aggressiv zu werden, ohne sich auf ein Objekt zu richten, be- 
läßt, und in den beiden bei unserem Hans zur Verdrängung 
gelangenden Trieben würde ich altbekannte Komponenten der 
sexuellen Libido erkennen. 

in. 

Ehe ich nun in die voraussichtlich kurz gehaltenen Er- 
örterungen eintrete, was aus der Phobie des kleinen Hans all- 
gemein Wertvolles für Kinderleben und Kindererziehung zu 
entnehmen ist, muß ich dem lange aufgesparten Einwände be- 
gegnen, der uns mahnt, daß Hans ein Neurotiker, Hereditarier, 
Degenere" ist, kein normales Kind, von dem aus auf andere 
Kinder übertragen werden darf. Es tut mir lange schon leid, 
daran zu denken, wie alle die Bekenner des „Normalmenschen" 
unseren armen kleinen Hans mißhandeln werden, nachdem 
sie erst erfahren haben, daß ihm tatsächlich hereditäre Be- 
lastung nachgewiesen werden kann. Seiner schönen Mutter, 
die in einem Konflikte ihrer Mädchenzeit neurotisch erkrankte, 
hatte ich damals Hilfe geleistet, und dies war sogar der 
Anfang meiner Beziehungen zu seinen Eltern. Ich getraue 
mich nur ganz schüchtern, einiges zu seinen Gunsten vor- 
zubringen. 

Zunächst, daß Hans nicht das ist, was man sich nach 
der strengen Observanz unter einem degenerierten, zur Nervo- 
sität erblich bestimmten Kinde vorstellen würde, sondern viel- 
mehr ein körperlich wohlgebildeter, heiterer, liebenswürdiger 
und geistig reger Geselle, an dem nicht nur der eigene Vater 



118 

seine Freude haben kann. An seiner sexuellen Frühreife freilich 
ist kein Zweifel, aber es fehlt da viel Vergleichsmaterial zum 
richtigen Urteile. Aus einer Sammeluntersuchung aus amerika- 
nischer Quelle habe ich z. B. ersehen, daß ähnlich frühe 
Objektwahl und Liebesempfinden bei Knaben nicht gar so 
selten angetroffen wird, und aus der Kindergeschichte von 
später als „groß" erkannten Männern weiß man das näm- 
liche, so daß ich meinen möchte, die sexuelle Frühreife sei 
ein selten fehlendes Korrelat der intellektuellen und darum 
bei begabten Kindern häufiger anzutreffen, als man erwarten sollte. 
Ferner mache ich in meiner eingestandenen Parteilichkeit 
für den kleinen Hans geltend, daß er nicht das einzige Kind 
ist, das zu irgend einer Zeit seiner Kinderjahre von Phobien 
befallen wird. Solche Erkrankungen sind bekanntlich ganz 
außerordentlich häufig, auch bei Kindern, deren Erziehung an 
Strenge nichts zu wünschen übrig läßt. Die betreffenden Kinder 
werden später entweder neurotisch, oder sie bleiben gesund. Ihre 
Phobien werden in der Kinderstube niedergeschrien, weil sie 
der Behandlung unzugänglich und gewiß sehr unbequem sind. 
Sie lassen dann im Laufe von Monaten oder Jahren nach, 
heilen anscheinend; welche psychischen Veränderungen eine 
solche Heilung bedingt, welche Charakterveränderungen mit ihr 
verknüpft sind, darein hat niemand Einsicht. Wenn man dann 
einmal einen erwachsenen Neurotiker in psychoanalytische Be- 
handlung nimmt, der, nehmen wir an, erst in reifen Jahren 
manifest erkrankt ist, so erfährt man regelmäßig, daß seine 
Neurose an jene Kinderangst anknüpft, die Fortsetzung der- 
selben darstellt, und daß also eine unausgesetzte, aber auch 
ungestörte psychische Arbeit sich von jenen Kinderkonflikten an 
durchs Leben fortgesponnen hat, ohne Rücksicht darauf, ob 
deren erstes Symptom Bestand hatte oder unter dem Drange 
der Verhältnisse zurückgezogen wurde. Ich meine also, unser 
Hans ist vielleicht nicht stärker erkrankt gewesen als so viele 
andere Kinder, die nicht als „Degenerierte" gebrandmarkt wer- 
den; aber da er ohne Einschüchterung, mit möglichster Scho- 
nung und möglichst geringem Zwang erzogen wurde, hat sich 
seine Angst kühner hervorgewagt. Die Motive des schlechten 
Gewissens und der Furcht vor der Strafe haben ihr gefehlt, 



119 

die sonst gewiß zu ihrer Verkleinerung beitragen. Mir will 
scheinen, wir geben zu viel auf Symptome und kümmern uns zu 
wenig um das, woraus sie hervorgehen. In der Kindererziehung 
gar wollen wir nichts anderes als in Ruhe gelassen werden, 
keine Schwierigkeiten erleben, kurz das brave Kind züchten und 
achten sehr wenig darauf, ob dieser Entwicklungsgang dem 
Kinde auch frommt. Ich könnte mir also vorstellen, daß es 
heilsam für unseren Hans war, diese Phobie produziert zu haben, 
weil sie die Aufmerksamkeit der Eltern auf die unvermeidlichen 
Schwierigkeiten lenkte, welche die Überwindung der angeborenen 
Triebkomponenten in der Kulturerziehung dem Kinde bereiten 
muß, und weil diese seine Störung die Hilfeleistung des Vaters 
nach sich zog. Vielleicht hat er nun vor anderen Kindern das 
voraus, daß er nicht mehr jenen Keim verdrängter Komplexe 
in sich trägt, der fürs spätere Leben jedesmal etwas bedeuten 
muß, der gewiß Charakterverbildung in irgend einem Ausmaße 
mit sich bringt, wenn nicht die Disposition zu einer späteren 
Neurose. Ich bin geneigt, so zu denken, aber ich weiß nicht, 
ob noch viele andere mein Urteil teilen werden, weiß auch 
nicht, ob die Erfahrung mir recht geben wird. 

Ich muß aber fragen, was hat nun bei Hans das Anslicht- 
ziehen der nicht nur von den Kindern verdrängten, sondern 
auch von den Eltern gefürchteten Komplexe geschadet? Hat der 
Kleine nun etwa Ernst gemacht mit seinen Ansprüchen auf die 
Mutter, oder sind an Stelle der bösen Absichten gegen den 
Vater Tätlichkeiten getreten? Sicherlich werden das viele be- 
fürchtet haben, die das Wesen der Psychoanalyse verkennen 
und meinen, man verstärke die bösen Triebe, wenn man sie be- 
wußt mache. Diese Weisen handeln dann nur konsequent, wenn 
sie um Grotteswillen von jeder Beschäftigung mit den bösen 
Dingen abraten, die hinter den Neurosen stecken. Sie vergessen 
dabei allerdings, daß sie Ärzte sind, und geraten in eine fatale 
Ähnlichkeit mit Shakespeares Holzapfel in „Viel Lärmen um 
nichts", der der ausgeschickten Wache gleichfalls den Rat gibt, 
sich von jeder Berührung mit den etwa angetroffenen Dieben, 
Einbrechern recht fernzuhalten. Solches Gesindel sei kein Um- 
gang für ehrliche Leute 1 ). 

l ) Ich kann die verwunderte Frage hier nicht unterdrücken, woher 



120 

Die einzigen Folgen der Analyse sind vielmehr, daß Hans 
gesund wird, sich vor Pferden nicht mehr fürchtet, und daß er 
mit seinem Vater, wie dieser belustigt mitteilt, eher familiär 
verkehrt. Aber was der Vater an Respekt etwa einbüßt, das ge- 
winnt er an Vertrauen zurück: „Ich hab' geglaubt, du weißt 
alles, weil du das vom Pferd gewußt hast." Die Analyse macht 
nämlich den Erfolg der Verdrängung nicht rückgängig; die 
Triebe, die damals unterdrückt wurden, bleiben die unter- 
drückten, aber sie erreicht diesen Erfolg auf anderem "Weg, 
ersetzt den Prozeß der Verdrängung, der ein automatischer 
und exzessiver ist, durch die maß- und zielvolle Bewältigung 
mit Hilfe der höchsten seelischen Instanzen, mit einem 
Worte: sie ersetzt die Verdrängung durch die 
Verurteilung. Sie scheint uns den laug gehegten Beweis 
zu erbringen, daß das Bewußtsein eine biologische Funktion 
hat, daß mit seinem Insspiel treten ein bedeutsamer Vorteil ver- 
bunden ist. 

Hätte ich allein die Verfügung darüber gehabt, so hätte 
ich's gewagt, dem Kinde auch noch die eine Aufklärung zu 
geben, welche ihm von den Eltern vorenthalten wurde. Ich hätte 
seine triebhaften Ahnungen bestätigt, indem ich ihm von der 
Existenz der Vagina und des Koitus erzählt hätte, so den un- 
gelösten Rest um ein weiteres Stück verkleinert und seinem 
Fragedrang ein Ende gemacht. Ich bin überzeugt, er hätte 
weder die Liebe zur Mutter noch sein kindliches Wesen infolge 
dieser Aufklärungen verloren und hätte eingesehen, daß seine 
Beschäftigung mit diesen wichtigen, ja imposanten Dingen 
nun ruhen muß, bis sich sein Wunsch, groß zu werden, erfüllt 
hat. Aber das pädagogische Experiment wurde nicht so weit 
geführt. 

Daß man zwischen „nervösen" und „normalen" Kindern 
und Erwachsenen keine scharfe Grenze ziehen darf, daß „Krank- 



diese Gegner meiner Anschauungen ihr so sicher vorgetragenes "Wissen be- 
ziehen, ob die verdrängten Sexualtriebe eine Rolle in der Ätiologie der 
Neurosen spielen und welche, wenn sie den Patienten den Mund verschließen, 
sobald sie von ihren Komplexen und deren Abkömmlingen zu reden be- 
ginnen? Meine und meiner Anhänger Mitteilungen sind ja dann die ein- 
zige Wissenschaft, die ihnen zugänglich bleibt. 



121 

heit" ein rein praktischer Suinniationsbegriff ist, daß Disposition 
und Erleben zusammentreffen müssen, um die Schwelle für die 
Erreichung dieser Summation überschreiten zu lassen, daß in- 
folgedessen fortwährend viele Individuen aus der Klasse der 
Gesunden in die der nervös Kranken übertreten und eine weit 
geringere Anzahl den Weg auch in umgekehrter Richtung macht, 
das sind Dinge, die so oft gesagt worden sind und soviel An- 
klang gefunden haben, daß ich mit ihrer Behauptung gewiß 
nicht allein stehe. Daß die Erziehung des Kindes einen mäch- 
tigen Einfluß geltend machen kann zugunsten oder Ungunsten 
der bei dieser Summation in Betracht kommenden Krankheits- 
disposition, ist zum mindesten sehr wahrscheinlich, aber was 
die Erziehung anzustreben und wo sie einzugreifen hat, das er- 
scheint noch durchaus fragwürdig. Sie hat sich bisher immer 
nur die Beherrschung, oft richtiger Unterdrückung der Triebe 
zur Aufgabe gestellt; der Erfolg war kein befriedigender und 
dort, wo es gelang, geschah es zum Vorteil einer kleinen Anzahl 
bevorzugter Menschen, von denen Triebunterdrückung nicht ge- 
fordert wird. Man fragte auch nicht danach, auf welchem Wege 
und mit welchen Opfern die Unterdrückung der unbequemen 
Triebe erreicht wurde. Substituiert man dieser Aufgabe eine 
andere, das Individuum mit der geringsten Einbuße an seiner 
Aktivität kulturfähig und sozial verwertbar zu machen, so haben 
die durch die Psychoanalyse gewonnenen Aufklärungen über 
die Herkunft der pathogenen Komplexe und über den Kern 
einer jeden Nervosität eigentlich den Anspruch, vom Erzieher 
als unschätzbare Winke für sein Benehmen gegen das Kind ge- 
würdigt zu werden. Welche praktischen Schlüsse sich hieraus 
ergeben, und inwieweit die Erfahrung die Anwendung der- 
selben innerhalb unserer sozialen Verhältnisse rechtfertigen 
kann, dies überlasse ich anderen zur Erprobung und Ent- 
scheidung. 

Ich kann von der Phobie unseres kleinen Patienten nicht 
Abschied nehmen, ohne die Vermutung auszusprechen, welche 
mir deren zur Heilung führende Analyse besonders wertvoll 
macht. Ich habe aus dieser Analyse, streng genommen, nichts 
Neues erfahren, nichts, was ich nicht schon, oft in weniger deut- 
licher und mehr vermittelter Weise, bei anderen, im reifen Alter 



> 



122 



behandelten Patienten hatte erraten können. Und da die Neu- 
rosen dieser anderen Kranken jedesmal auf die nämlichen in- 
fantilen Komplexe zurückzuführen waren, die sich hinter der 
Phobie Hansens aufdecken ließen, bin ich versucht, für diese 
Kinderneurose eine typische und vorbildliche Bedeutung in 
Anspruch zu nehmen, als ob die Mannigfaltigkeit der neuroti- 
schen Verdrängungserscheinungen und die Reichhaltigkeit des 
pathogenen Materials einer Ableitung von sehr wenigen Pro- 
zessen an den nämlichen Vorstellungskomplexen nicht im Wege 
stünden. 



! 



• 






■ 



IL 

BenierkiiiiRenllbereinenFallvoiiZwaiiosneurose 1 ). 



Die nachstehenden Blätter werden zweierlei enthalten: 
erstens fragmentarische Mitteilungen aus der Krankengeschichte 
eines Falles von Zwangsneurose, welcher nach seiner Dauer, 
seinen Schädigungsfolgen und nach suhjektiver Wertung zu den 
ziemlich schweren gezählt werden konnte, und dessen Behand- 
lung durch etwa ein Jahr zunächst die völlige Herstellung der 
Persönlichkeit und die Aufhebung ihrer Hemmungen erzielte. 
Zweitens aber in Anknüpfung an diesen und in Anlehnung an 
andere früher analysierte Fälle einzelne aphoristische Angaben 
über die Genese und den feineren Mechanismus der seelischen 
Zwangsvorgänge, durch welche meine im Jahre 1896 veröffent- 
lichten ersten Darstellungen weitergeführt werden sollen 2 ). 

Eine derartige Inhaltsangabe scheint mir selbst einer Recht- 
fertigung bedürftig, damit man nicht etwa glaube, ich hielte 
diese Art und Weise der Mitteilung für untadelhaft und nach- 
ahmenswert, während ich in Wirklichkeit nur Hemmungen 
äußerlicher und inhaltlicher Natur Rechnung trage und gerne 
mehr gegeben hätte, wenn ich nur dürfte und könnte. Die voll- 
ständige Behandlungsgeschichte kann ich nämlich nicht mit- 
teilen, weil sie ein Eingehen auf die Lebensverhältnisse meines 
Patienten im einzelnen erfordern würde. Die belästigende Auf- 
merksamkeit einer Großstadt, die sich auf meine ärztliche 



*) Jahrbuch f. psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen, Bd. I, 1909. 

2 ) Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre aus den Jahren 1893 
bis 1906, VIII. („Wesen und Mechanismus der Zwangsneurose".) Fr. Deu- 
ticke, 1906. 



124 

Tätigkeit ganz besonders richtet, verbietet mir eine wahrheits- 
getreue Darstellung; Entstellungen aber, mit denen man sich 
sonst zu behelfen pflegt, finde ich immer mehr unzweckmäßig 
und verwerflich. Sind sie geringfügig, so erfüllen sie den Zweck 
nicht, den Patienten vor indiskreter Neugierde zu schützen, und 
gehen sie weiter, so kosten sie zu große Opfer, indem sie das 
Verständnis der gerade an die kleinen Realien des Lebens ge- 
knüpften Zusammenhänge zerstören. Aus diesem letzteren Um- 
stand ergibt sich dann der paradoxe Sachverhalt, daß man weit 
eher die intimsten Geheimnisse eines Patienten der Öffentlich- 
keit preisgeben darf, bei denen er doch unerkannt bleibt, als 
die harmlosesten und banalsten Bestimmungen seiner Person, 
mit denen er allen bekannt ist, und die ihn für alle kenntlich 
machen würden. 

Entschuldige ich so die arge Verkürzung der Kranken- 
und Behandlungsgeschichte, so steht mir für die Beschränkung 
auf einzelne Ergebnisse aus der psychoanalytischen Untersuchung 
der Zwangsneurose eine noch triftigere Aufklärung zu Gebote. 
Ich bekenne, daß es mir bisher noch nicht gelungen ist, das 
komplizierte Gefüge eines schweren Falles von Zwangsneurose 
restlos zu durchschauen, und daß ich es nicht zustande brächte, 
diese analytisch erkannte oder geahnte Struktur durch die Auf- 
lagerungen der Behandlung hindurch anderen in der Wieder- 
gabe der Analyse sichtbar zu machen. Es sind die "Widerstände 
der Kranken und die Formen von deren Äußerung, welche 
letztere Aufgabe so sehr erschweren; aber man muß sagen, daß 
das Verständnis einer Zwangsneurose an und für sich nichts 
leichtes ist, viel schwerer als das eines Falles von Hysterie. 
Eigentlich sollte man das Gegenteil erwarten. Die Mittel, durch 
welche die Zwangsneurose ihre geheimen Gedanken zum Aus- 
druck bringt, die Sprache der Zwangsneurose ist gleichsam nur 
ein Dialekt der hysterischen Sprache, aber ein Dialekt, in 
welchen uns die Einfühlung leichter gelingen müßte, weil er 
dem Ausdrucke unseres bewußten Denkens verwandter ist als 
der hysterische. Er enthält vor allem nicht jenen Sprung aus 
dem Seelischen in die somatische Innervation — die hysterische 
Konversion — , den wir mit unserem Begreifen doch niemals 
mitmachen können. 



125 

Vielleicht trägt auch nur unsere geringere Vertrautheit 
mit der Zwangsneurose die Schuld daran, daß die Wirklichkeit 
jene Erwartung nicht bestätigt. Die Zwangsneurotiker schweren 
Kalibers stellen sich der analytischen Behandlung weit seltener 
als die Hysteriker. Sie dissimulieren auch im Leben ihre Zu- 
stände, so lange es angeht, und kommen zum Arzt häufig erst 
in so vorgeschrittenen Stadien des Leidens, wie sie bei der 
Lungentuberkulose z. B. die Aufnahme in eine Heilstätte aus- 
schließen würden. Ich ziehe aber diesen Vergleich heran, weil 
wir bei den leichten und den schweren, aber frühzeitig be- 
kämpften Fällen der Zwangsneurose, ganz ähnlich wie bei jener 
chronischen Infektionskrankheit, auf eine Reihe glänzender Heil- 
erfolge hinweisen können. 

Unter solchen Umständen bleibt nichts anderes möglich, 
als die Dinge so unvollkommen und so unvollständig mitzu- 
teilen, wie man sie weiß und weiter sagen darf. Die hier ge- 
botenen, mühselig genug zutage geförderten Brocken von Er- 
kenntnis mögen an sich wenig befriedigend wirken, aber die 
Arbeit anderer Untersucher mag an sie anschließen, und der 
gemeinsamen Bemühung kann die Leistung gelingen, die für 
den einzelnen vielleicht zu schwer ist. 

I. Aus der Krankengeschichte. 

Ein jüngerer Mann von akademischer Bildung führt sich 
mit der Angabe ein, er leide an Zwangsvorstellungen schon seit 
seiner Kindheit, besonders stark aber seit vier Jahren. Haupt- 
inhalt seines Leidens seien Befürchtungen, daß zwei Per- 
sonen, die er sehr liebe, etwas geschehe, dem Vater und einer 
Dame, die er verehre. Außerdem verspüre er Zwangsimpulse, 
wie z. B. sich mit einem Rasiermesser den Hals abzuschneiden, 
und produziere Verbote, die sich auch auf gleichgültige Dinge 
beziehen. Er habe durch den Kampf gegen seine Ideen Jahre 
verloren und sei darum im Leben zurückgeblieben. Von den 
versuchten Kuren habe ihm nichts genützt als eine Wasser- 
behandlung in einer Anstalt bei**; diese aber wohl nur darum, 
weil er dort eine Bekanntschaft machte, die zu regelmäßigem 
Sexualverkehr führte. Hier habe er keine solche Gelegenheit, 



126 

verkehre selten und in unregelmäßigen Intervallen. Vor Prosti- 
tuierten empfinde er Ekel. Sein Sexualleben sei überhaupt küm- 
merlich gewesen, Onanie habe nur eine geringe Rolle gespielt, 
im 16. oder 17. Jahre. Seine Potenz sei normal; erster Koitus 
mit 26 Jahren. 

Er macht den Eindruck eines klaren, scharfsinnigen Kopfes. 
Von mir befragt, was ihn veranlasse, die Auskünfte über sein 
Sexualleben in den Vordergrund zu rücken, antwortet er, das 
sei dasjenige, was er von meinen Lehren wisse. Er habe sonst 
nichts von meinen Schriften gelesen, aber vor kurzem beim 
Blättern in einem Buche von mir die Aufklärung sonderbarer 
Wortverknüpfungen gefunden 1 ), die ihn so sehr an seine eigenen 
Denkarbeiten mit seinen Ideen gemahnt hätten, daß er beschlossen 
habe, sich mir anzuvertrauen. 

a) Die Einleitung der Behandlung. 

Nachdem ich am nächsten Tage auf die einzige Bedingung 
der Kur verpflichtet, alles zu sagen, was ihm durch den Kopf 
gehe, auch wenn es ihm unangenehm sei, auch wenn es ihm 
unwichtig, nicht dazu gehörig oder unsinnig erscheine, und 
ihm freigestellt, mit welchem Thema er seine Mitteilungen er- 
öffnen wolle, beginnt er wie folgt 2 ): 

Er habe einen Freund, den er außerordentlich hochstelle. 
Zu dem gehe er immer, wenn ihn ein verbrecherischer Impuls 
plage, und frage ihn, ob er ihn als Verbrecher verachte. Der 
Freund halte ihn aufrecht, indem er ihm versichere, daß er ein 
tadelloser Mensch sei, der sich wahrscheinlich von Jugend auf 
gewöhnt habe, sein Leben unter solchen Gesichtspunkten zu 
betrachten. Einen ähnlichen Einfluß habe früher einmal ein 
anderer auf ihn geübt, ein Student, der 19 Jahre alt war, 
während er 14 oder 15 Jahre war, der Gefallen an ihm fand 

l ) Zur Psychopathologie des Alltagslebens. 2. Aufl. 1907. 

-) Redigiert nach der Niederschrift am Abend des Behandlungstawes 
in möglichster Anlehnung an die erinnerten Reden des Patienten. — Ich 
kann nur davor warnen, die Zeit der Behandlung selbst zur Pixierung des 
Gehörten zu verwenden. Die Ablenkung der Aufmerksamkeit des Arztes 
bringt dem Kranken mehr Schaden, als durch den Gewinn an Reproduk- 
tionstreue in der Krankengeschichte entschuldigt werden kann. 












127 

und sein Selbstgefühl außerordentlich hob, so daß er sich als 
Genie vorkommen durfte. Dieser Student wurde später sein 
Hauslehrer und änderte dann plötzlich sein Benehmen, indem 
er ihn zum Trottel herabsetzte. Er merkte endlich, daß jener 
sich für eine seiner Schwestern interessierte und sich mit ihm 
nur eingelassen habe, um Zutritt ins Haus zu gewinnen. Es 
war dies die erste große Erschütterung seines Lebens. 
Er fährt dann wie unvermittelt fort: 

b) Die infantile Sexualität. 

„Mein Sexualleben hat sehr früh begonnen. Ich erinnere 
mich einer Szene aus meinem 4. bis 5. Jahre (vom G.Jahre an 
ist meine Erinnerung überhaupt vollständig), die mir Jahre 
später klar aufgetaucht ist. Wir hatten eine sehr schöne, junge 
Gouvernante, Fräulein Peter 1 ). Die lag eines Abends leicht 
bekleidet auf dem Sofa und las; ich lag neben ihr und bat sie 
um die Erlaubnis, unter ihre Röcke zu kriechen. Sie erlaubte 
es, wenn ich niemand etwas davon sagen würde. Sie hatte wenig 
an und ich betastete sie an den Genitalien und am Leibe, der 
mir kurios vorkam. Seitdem blieb mir eine brennende, peinigende 
Neugierde, den weiblichen Körper zu sehen. Ich weiß noch, mit 
welcher Spannung ich im Bade, wohin ich noch mit dem Fräu- 
lein und den Schwestern gehen durfte, darauf wartete, bis das 
Fräulein ausgekleidet ins Wasser stieg. Mehr erinnere ich mich 
vom 6. Jahre an. Wir hatten dann ein anderes Fräulein, auch 
jung und schön, die Abszesse am Gesäß hatte, welche sie 
abends auszudrücken pflegte. Ich lauerte auf diesen Moment, 

J ) Der frühere Analytiker Dr. AlfredAdler gedachte einmal in einem 
privaten Vortrag der besonderen Bedeutung, welche den allerersten Mit- 
teilungen der Patienten zukommt. Hier ein Beleg dafür. Die einleitenden 
Worte des Patienten betonen den Einfluß, den Männer auf ihn ausüben, 
die Rolle der homosexuellen Objektwahl in seinem Leben, und lassen gleich 
darauf ein zweites Motiv anklingen, welches später bedeutsam hervortreten 
wird, den Konflikt und Interessengegensatz zwischen Mann und Weib. Auch 
daß er die erste schöne Gouvernante mit ihrem Familiennamen erinnert, 
welcher zufällig einem männlichen Vornamen gleicht, ist in diesen Zu- 
sammenhang aufzunehmen. In Wiener Bürgerkreisen pflegt man eine Gou- 
vernante häufiger bei ihrem Vornamen zu nennen und behält eher diesen 
im Gedächtnis. 



128 



um meine Neugierde zu stillen. Ebenso im Bade, obwohl Fräulein 
Lina zurückhaltender "war als die erste. (Auf eine Zwischen- 
frage: Ich schlief nicht regelmäßig in ihrem Zimmer, meist bei 
den Eltern.) Ich erinnere eine Szene, bei der ich 7 Jahre ge- 
wesen sein muß 1 ). "Wir saßen am Abend, das Fräulein, die 
Köchin, ein anderes Mädchen, ich und mein um l 1 /, Jahre 
jüngerer Bruder beisammen. Ich vernahm plötzlich aus dem 
Gespräche der Mädchen, wie Fräulein Lina sagte: Mit dem 
Kleinen könne man das schon machen, aber der Paul (ich) sei 
zu ungeschickt, er werde gewiß daneben fahren. Ich verstand 
nicht klar, was gemeint war, verstand aber die Zurücksetzung 
und begann zu weinen. Lina tröstete mich und erzählte mir, 
daß ein Mädchen, welches etwas derartiges mit einem ihr an- 
vertrauten Buben gemacht hatte, für mehrere Monat eingesperrt 
worden sei. Ich glaube nicht, daß sie etwas Unrechtes mit mir 
angestellt hat, aber ich nahm mir viel Freiheiten gegen sie 
heraus. Wenn ich zu ihr ins Bett kam, deckte ich sie auf und 
rührte sie an, was sie sich ruhig gefallen ließ. Sie war nicht 
sehr intelligent und offenbar geschlechtlich sehr bedürftig. 
23 Jahre alt, hatte sie schon ein Kind gehabt, dessen Vater 
sie später heiratete, so daß sie heute Frau Hofrat heißt. Ich 
sehe sie noch oft auf der Straße." 

„Ich habe schon mit 6 Jahren an Erektionen gelitten und 
weiß, daß ich einmal zur Mutter ging, um mich darüber zu be- 
klagen. Ich weiß auch, daß ich dabei Bedenken zu überwinden 
hatte, denn ich ahnte den Zusammenhang mit meinen Vorstel- 
lungen und meiner Neugierde und hatte damals eine Zeitlang 
die krankhafte Idee, die Eltern wüßten meine Gedanken, 
was ich mir so erklärte, daß ich sie ausgesprochen, 
ohne es aber selbst zu hören. Ich sehe hierin den Beginn 
meiner Krankheit. Es gab Personen, Mädchen, die mir sehr ge- 
fielen, und die ich mir dringendst nackt zu sehen wünschte. 
Ich hatte aber bei diesen Wünschen ein unheimliches Ge- 
fühl, als müßte etwas geschehen, wenn ich das dächte, 
und ich müßte allerlei tun, um es zu verhindern." 






*) Er gibt später die Wahrscheinlichkeit zu, daß diese Szene 1 bis 
2 Jahre später vorfiel. 



129 



(Als Probe dieser Befürchtungen gibt er auf Befragen an: 
Z. B. mein Vater würde sterben.) „Gedanken an den Tod 
des Vaters haben mich frühzeitig und durch lange Zeit beschäf- 
tigt und sehr traurig gestimmt." 

Ich vernehme bei dieser Gelegenheit mit Erstaunen, daß 
sein Vater, um den sich doch seine heutigen Zwangsbefürch- 
tungen kümmern, schon vor mehreren Jahren gestorben ist. 

Was unser Patient in der ersten Stunde der Behandlung 
aus seinem 6. oder 7. Jahre schildert, ist nicht nur, wie er 
meint, der Beginn der Krankheit, sondern bereits die Krankheit 
selbst. Eine vollständige Zwangsneurose, der kein wesentliches 
Element mehr abgeht, zugleich der Kern und das Vorbild des 
späteren Leidens, der Elementarorganismus gleichsam, dessen 
Studium allein uns das Verhältnis der komplizierten Organisa- 
tion der heutigen Erkrankung vermitteln kann. Wir sehen das 
Kind unter der Herrschaft einer sexuellen Triebkomponente, 
der Schaulust, deren Ergebnis der mit großer Intensität immer 
wieder von neuem auftretende Wunsch ist, weibliche Personen, 
die ihm gefallen, nackt zu sehen. Dieser Wunsch entspricht der 
späteren Zwangsidee; wenn er den Zwangscharakter noch nicht 
hat, so kommt dies daher, daß das Ich sich noch nicht in 
vollen Widerspruch zu ihm gesetzt hat, ihn nicht als fremd ver- 
spürt, doch regt sich bereits von irgendwoher ein Widerspruch 
gegen diesen Wunsch, denn ein peinlicher Affekt begleitet regel- 
mäßig das Auftauchen desselben 1 ). Ein Konflikt ist offenbar in 
dem Seelenleben des kleinen Lüsternen vorhanden; neben dem 
Zwangswunsch steht eine Zwangsbefürchtung innig an den 
Wunsch geknüpft: so oft er so etwas denkt, muß er fürchten, 
es werde etwas Schreckliches geschehen. Dies Schreckliche 
kleidet sich bereits in eine charakteristische Unbestimmtheit, 
die fortan in den Äußerungen der Neurose niemals fehlen wird. 
Doch ist es beim Kinde nicht schwer, das durch solche Unbe- 
stimmtheit Verhüllte aufzufinden. Kann man für irgend eine der 
verschwommenen Allgemeinheiten der Zwangsneurose ein Bei- 
spiel erfahren, so sei man sicher, dies Beispiel ist das Ur- 



*) Es sei daran erinnert, daß man den Versuch gemacht hat, Zwangs- 
vorstellungen ohne Rücksicht auf die Affektivität zu erklären! 



Freud, Neurosonlohre. III. 



9 



130 



sprüngliche und Eigentliche seihst, das durch die Verallgemeine- 
rung versteckt werden sollte. Die Zwangsbefürchtung lautete 
also, ihrem Sinne nach wiederhergestellt: "Wenn ich den 
Wunsch habe, eine Frau nackt zu sehen, muß mein 
Vater sterben. Der peinliche Affekt nimmt deutlich die Fär- 
bung des Unheimlichen, Abergläubischen an und gibt bereits 
Impulsen den Ursprung, etwas zur Abwendung des Unheiles zu 
tun, wie sie sich in den späteren Schutzmaßregeln durch- 
setzen werden. 

Also: ein erotischer Trieb und eine Auflehnung gegen 
ihn, ein (noch nicht zwanghafter) Wunsch und eine (bereits 
zwanghafte) ihr wiederstrebende Befürchtung, ein peinlicher 
Affekt und ein Drang zu Abwehrhandlungen, das Inventar der 
Neurose ist vollzählig. Ja, es ist noch etwas anderes vorhanden, 
eine Art von Delir- oder Wahnbildung sonderbaren Inhalts: 
die Eltern wüßten seine Gedanken, weil er sie ausspreche, ohne 
sie selbst zu hören. Wir werden kaum irregehen, wenn wir in 
diesem kindlichen Erklärungsversuch eine Ahnung jener merk- 
würdigen seelischen Vorgänge vernehmen, die wir unbewußte 
heißen und deren wir zur wissenschaftlichen Aufhellung des 
dunklen Sachverhaltes nicht entraten können. „Ich spreche meine 
Gedanken aus, ohne sie zu hören" klingt wie eine Projektion 
nach außen unserer eigenen Annahme, daß er Gedanken hat, 
ohne etwas von ihnen zu wissen, wie eine endopsychische Wahr- 
nehmung des Verdrängten. 

Wir erkennen es nämlich klar: Diese infantile Elementar- 
neurose hat bereits ihr Problem und ihre scheinbare Absurdität 
wie jede komplizierte Neurose eines Erwachsenen. Was soll es 
heißen, daß der Vater sterben muß, wenn im Kinde jener 
lüsterne Wunsch rege wird? Ist das barer Unsinn, oder gibt es 
Wege, diesen Satz zu verstehen, ihn als notwendiges Ergebnis 
früherer Vorgänge und Voraussetzungen zu erfassen? 

Wenn wir anderswo gewonnene Einsichten auf diesen 
Fall von Kinderneurose anwenden, so müssen wir vermuten, 
daß auch hier, also vor dem 6. Jahre, traumatische Erlebnisse, 
Konflikte und Verdrängungen vorgefallen sind, die selbst der 
Amnesie verfielen, aber als Residuum diesen Inhalt der Zwangs- 
befürchtung zurückgelassen haben. Wir werden späterhin er- 



131 

fahren, wieweit es uns möglich ist, diese vergessenen Erlebnisse 
wieder aufzufinden oder mit einiger Sicherheit zu konstruieren. 
Unterdes wollen wir noch als ein wahrscheinlich nicht gleich- 
gültiges Zusammentreffen betonen, daß die Kindheitsamnesie 
unseres Patienten gerade mit dem 6. Jahre ihr Ende er- 
reicht. 

Einen derartigen Beginn einer chronischen Zwangsneurose 
in der frühen Kindheit mit solch lüsternen Wünschen, an die 
unheimliche Erwartungen und Neigung zu Abwehrhandlungen 
geknüpft sind, kenne ich von mehreren anderen Fällen. Er ist 
absolut typisch, wenn auch wahrscheinlich nicht der einzig mög- 
liche Typus. Noch ein Wort über die sexuellen Früherlebnisse 
des Patienten, ehe wir zum Inhalte der zweiten Sitzung über- 
gehen. Man wird sich kaum sträuben, sie als besonders reich- 
haltig und wirkungsvoll zu bezeichnen. So ist es aber auch in 
den anderen Fällen von Zwangsneurose, die ich analysieren 
konnte. Der Charakter der vorzeitigen sexuellen Aktivität wird 
im Gegensatze zur Hysterie hier niemals vermißt. Die Zwangs- 
neurose läßt viel deutlicher als die Hysterie erkennen, daß die 
Momente, welche die Psychoneurose formen, nicht im aktuellen, 
sondern im infantilen Sexualleben zu suchen sind. Das gegen- 
wärtige Sexualleben der Zwangsneurotiker kann dem oberfläch- 
lichen Erforscher oft völlig normal erscheinen; es bietet häutig 
weit weniger pathogene Momente und Abnormitäten als gerade 
bei unserem Patienten. 



c) Die große Zwangsfoefürchtiing. 

„Ich denke, heute will ich mit dem Erlebnisse- beginnen, 
welches der direkte Anlaß für mich war, Sie aufzusuchen. Es 
war im August während der Waffenübung in**. Ich war vor- 
her elend und hatte mich mit allerlei Zwangsgedanken gequält, 
die aber während der Übung bald zurücktraten. Es hat mich 
interessiert, den Berufsoffizieren zu zeigen, daß man nicht nur 
etwas gelernt hat, sondern auch etwas aushalten kann. Eines 
Tages machten wir einen kleinen Marsch von* aus. Auf der 
Rast verlor ich meinen Zwicker, und obwohl ich ihn leicht 
hätte finden können, wollte ich doch den. Aufbruch nicht ver- 



132 



zögern und verzichtete auf ihn, telegraphierte aber an meinen 
Optiker nach Wien, er solle mir umgehend einen Ersatz schicken. 
Auf derselben Rast nahm ich Platz zwischen zwei Offizieren, 
von denen einer, ein Hauptmann mit tschechischem Namen, für 
mich bedeutungsvoll werden sollte. Ich hatte eine gewisse Angst 
vor dem Manne, denn er liebte offenbar das Grausame. 
Ich will nicht behaupten, daß er schlecht war, aber er war 
während der Offiziersmenage wiederholt für die Einführung der 
Prügelstrafe eingetreten, so daß ich ihm energisch hatte wider- 
sprechen müssen. Auf dieser Rast nun kamen wir ins Gespräch 
und der Hauptmann erzählte, daß er von einer besonders schreck- 
lichen Strafe im Orient gelesen habe " 

Hier unterbricht er sich, steht auf und bittet mich, ihm 
die Schilderung der Details zu erlassen. Ich versichere ihm, daß 
ich selbst gar keine Neigung zur Grausamkeit habe, ihn gewiß 
nicht gerne quälen wolle, daß ich ihm natürlich aber nichts 
schenken könne, worüber ich keine Verfügung habe. Ebensogut 
könne er mich bitten, ihm zwei Kometen zu schenken. Die 
Überwindung von Widerständen sei ein Gebot der Kur, über 
das wir uns unmöglich hinwegsetzen könnten. (Den Begriff 
„Widerstand" hatte ich ihm zu Anfang dieser Stunde vor- 
getragen, als er sagte, er habe vieles in sich zu überwinden, 
wenn er sein Erlebnis mitteilen solle.) Ich fuhr fort: Was ich 
aber tun könnte, um etwas von ihm Angedeutetes voll zu er- 
raten, das solle geschehen. Ob er etwa die Pfählung meine? 

Nein, das nicht, sondern der Verurteilte werde angebunden; — 
er drückte sich so undeutlich aus, daß ich nicht sogleich er- 
raten konnte, in welcher Stellung — über sein Gesäß ein Topf 
gestülpt, in diesen dann Ratten eingelassen, die sich — er 
war wieder aufgestanden und gab alle Zeichen des Grausens 
und Widerstandes von sich — einbohrten." In den After, 
durfte ich ergänzen. 

Bei allen wichtigeren Momenten der Erzählung merkt 
man an ihm einen sehr sonderbar zusammengesetzten Gesichts- 
ausdruck, den ich nur als Grausen vor seiner ihm selbst 
unbekannten Lust auflösen kann. Er fährt mit allen Schwierig- 
keiten fort: „In dem Momente durchzuckte mich die Vor- 
stellung, daß dies mit einer mir teueren Person ge- 






133 

seh ehe 1 )." Auf direktes Befragen gibt er an, daß nicht etwa 
er selbst diese Strafe vollziehe, sondern daß sie unpersönlich 
an ihr vollzogen werde. Nach kurzem Baten weiß ich, daß es 
die von ihm verehrte Dame war, auf die sich jene „Vor- 
stellung" bezog. 

Er unterbricht die Erzählung, um mir zu versichern, wie 
fremd und feindselig sich diese Gedanken ihm gegenüberstellen, 
und mit welch außerordentlicher Raschheit alles in ihm ab- 
läuft, was sich weiter an sie knüpft. Mit der Idee gleichzeitig 
ist auch stets die „Sanktion" da, d. h. die Abwehrmaßregel, 
der er folgen muß, damit sich eine solche Phantasie nicht er- 
fülle. Als der Hauptmann von jener gräßlichen Strafe sprach 
und jene Ideen in ihm aufstiegen, gelang es ihm, sich beider 
noch mit seinen gewöhnlichen Formeln zu erwehren, mit einem 
„aber", das von einer wegwerfenden Handbewegung begleitet ist, 
und mit der Rede „"Was fällt dir denn ein". 

Der Plural machte mich stutzig, sowie er auch dem Leser 
unverständlich geblieben sein wird. "Wir haben ja bisher nur 
von der einen Idee gehört, daß an der Dame die Rattenstrafe 
vollzogen werde. Nun muß er zugestehen, daß gleichzeitig die 
andere Idee in ihm auftauchte, die Strafe treffe auch seinen 
Vater. Da sein Vater vor vielen Jahren gestorben ist, diese 
Zwangsbefürchtung also noch viel unsinniger ist als die erste, 
versuchte sie sich noch eine Weile vor dem Eingeständnis 
zu bergen. 

Am nächsten Abend überreichte ihm derselbe Hauptmann 
ein mit der Post angelangtes Paket und sagte: Der Ober- 
leutnant A. 2 ) hat die Nachnahme für dich ausgelegt. Du mußt 
sie ihm zurückgeben. In dem Paket befand sich der telegraphisch 
bestellte Zwicker. In dem Moment aber gestaltete sich ihm eine 
„Sanktion": Nicht das Geld zurückgeben, sonst geschieht 
das (d. h. die Phantasie von den Ratten verwirkliche sich an 
Vater und Dame). Und nach einem ihm bekannten Typus er- 



') Er sagt: Vorstellung, die stärkere und wichtigere Bezeichnung 
Wunsch respektive Befürchtung ist offenbar durch Zensur gedeckt. 
Die eigentümliche Unbestimmtheit aller seiner Eeden kann ich leider nicht 
wiedergeben. 

2 ) Die Namen sind hier fast indifferent. 



134 



hob sich sofort zur Bekämpfung dieser Sanktion ein Gebot wie 
ein Eidschwur: Du mußt dem Oberleutnant A. die Kronen 
3-80 zurückgeben, was er beinahe halblaut vor sich hinsagte. 
Zwei Tage später hatte die Waffenübung ihr Ende ge- 
funden. Die Zeit bis dahin füllte er mit Bemühungen aus, dem 
Überleutnant A. die kleine Summe zurückzustellen, wogegen 
sich immer mehr Schwierigkeiten anscheinend objektiver Natur 
erhoben. Zunächst versuchte er die Zahlung durch einen andern 
Offizier zu leisten, der zur Post ging, war aber sehr froh, als 
dieser ihm das Geld mit der Erklärung zurückbrachte, er habe 
den Oberleutnant A. nicht auf der Post angetroffen, denn dieser 
Modus der Eiderfüllung befriedigte ihn nicht, weil er dem Wort- 
laute: Du mußt dem Oberleutnant A. das Geld zurückgeben, 
nicht entsprach. Endlich traf er die gesuchte Person A., die 
aber das Geld mit dem Bemerken zurückwies, sie habe nichts 
für ihn ausgelegt, sie habe überhaupt nicht die Post, sondern 
Oberleutnant B. Er war nun sehr betroffen, daß er seinen Eid 
nicht halten könne, weil dessen Voraussetzung falsch sei, und 
klügelte sich sehr sonderbare Auskünfte aus: Er werde mit 
beiden Herren A. und B. zur Post gehen, dort werde A. dem 
Postfräulein Kronen 3"80 geben, das Postfräulein diese dem B, 
und er werde nach dem Wortlaute des Eides dann dem A. die 
Kronen 3"80 zurückgeben. 

Ich werde mich nicht verwundern, wenn das Verständnis 
der Leser an dieser Stelle versagt, denn auch die ausführliche 
Darstellung, die mir der Patient von den äußeren Vorgängen 
dieser Tage und seiner Reaktionen auf sie gab, litt an inneren 
Widersprüchen und klang heillos verworren. Erst bei einer 
dritten Erzählung gelang es, ihn zur Einsicht in diese Unklar- 
heiten zu bringen, und die Erinnerungstäuschungen und Ver- 
schiebungen bloßzulegen, in die er sich begeben hatte. Ich er- 
spare mir die Wiedergabe dieser Details, von denen wir das 
AVesentliche bald nachholen können, und bemerke noch, daß 
er sich am Ende dieser zweiten Sitzung wie betäubt und ver- 
worren benahm. Er sprach mich wiederholt „Herr Hauptmann" 
an, wahrscheinlich, weil ich zu Eingang der Stunde bemerkt 
hatte, ich sei selbst kein Grausamer wie der Hauptmann M. 
und habe nicht die Absicht ihn unnötigerweise zu quälen. 



135 

Ich erhielt von ihm in dieser Stunde nur noch die Auf- 
klärung, daß er von Anfang an, auch bei allen früheren Be- 
fürchtungen, daß seinen Lieben etwas geschehen werde, diese 
Strafen nicht allein in die Zeitlichkeit, sondern auch in die 
Ewigkeit, ins Jenseits verlegt habe. Er war bis zum 14. oder 
15. Jahre sehr gewissenhaft religiös gewesen, von wo an er 
sich bis zu seinem heutigen Ereidenkertum entwickelt hatte. Er 
gleiche den Widerspruch aus, indem er sich sage: Was weißt 
du vom Leben im Jenseits? Was wissen die anderen davon? 
Man kann ja doch nichts wissen, du riskierst ja nichts, also 
tu's. Diese Schlußweise hält der sonst so scharfsinnige Mann 
für einwandfrei und nutzt die Unsicherheit der Vernunft in 
dieser Frage solcher Art zugunsten der überwundenen frommen 
Weltanschauung aus. 

In der dritten Sitzung beendigt er die sehr charakteristische 
Erzählung seiner Bemühungen, den Zwangseid zu erfüllen: Am 
Abende fand die letzte Zusammenkunft der Offiziere vor dem 
Schlüsse der Waffenübung statt. Ihm fiel es zu, für den Toast 
auf „die Herren von der Reserve" zu danken. Er sprach gut, 
aber wie im Schlafwandel, denn im Hintergrunde plagte ihn 
immer sein Eid. Die Nacht war entsetzlich; Argumente und 
Gegenargumente bekämpften einander; Hauptargument war natür- 
lich, daß die Voraussetzung seines Eides, Oberleutnant A. habe 
das Geld für ihn gezahlt, ja nicht zuträfe. Aber er tröstete sich 
damit, daß es ja noch nicht vorüber sei, da A. den morgigen 
Ritt zur Bahnstation P. bis zu einer gewissen Stelle mitmachen 
werde, so daß er Zeit haben werde, ihn um die Gefälligkeit an- 
zusprechen. Er tat es nun nicht, ließ A. abschwenken, gab aber 
doch seinem Burschen den Auftrag, ihm seinen Besuch für den 
Nachmittag anzukündigen. Er selbst gelangte um 7s 10 Uhr vor- 
mittags zum Bahnhofe, legte sein Gepäck ab, machte in der 
kleinen Stadt allerlei Besorgungen und nahm sich vor, darauf 
den Besuch bei A. zu machen. Das Dorf, in dem A. stationiert 
war, lag etwa eine Stunde mit dem Wagen von der Stadt P. 
entfernt. Die Eisenbahnfahrt nach dem Orte, wo sich das Post- 
amt befand, hätte drei Stunden betragen; so meinte er, es würde 
noch gerade gelingen, nach Ausführung seines komplizierten 
Planes den von P. nach Wien abgehenden Abendzug zu er- 






136 



reichen. Die Ideen, die sich bekämpften, lauteten einerseits: es 
sei doch eine Feigheit von ihm, er wolle sich offenbar nur die 
Unbequemlichkeit ersparen, von A. dieses Opfer zn verlangen 
und vor ihm als Narr dazustehen, und setze sich deshalb über 
seinen Eid hinweg; anderseits: es sei im Gegenteile eine Feig- 
heit, wenn er den Eid ausführe, da er sich dadurch nur Ruhe 
vor den Zwangsvorstellungen schaffen wolle. Wenn in einer 
Überlegung die Argumente einander so die Wage hielten, so 
lasse er sich gewöhnlich von zufälligen Ereignissen wie von 
Gottesurteilen treiben. Darum sagte er: Ja, als ein Gepäckträger 
ihn auf dem Bahnhofe fragte: Zum Zug um 10 Uhr, Herr 
Leutnant?, fuhr um 10 Uhr ab und hatte so ein Fait accompli 
geschaffen, das ihn sehr erleichterte. Beim Kondukteur des 
Speisewagens nahm er noch eine Marke für die Table d'hote. 
In der ersten Station fiel ihm plötzlich ein, jetzt könne er noch 
aussteigen, den Gegenzug abwarten, mit diesem nach P. und an 
den Ort, wo Oberleutnant A. sich aufhielt, fahren, mit ihm dann 
die dreistündige Bahnfahrt zum Postamt machen usf. Nur die 
Rücksicht auf die Zusage, die er dem Kellner gegeben, hielt 
ihn von der Ausführung dieser Absicht ab; er gab sie aber nicht 
auf, sondern verschob das Aussteigen auf eine spätere Station. 
So schlug er sich von Station zu Station durch, bis er zu einer 
gelangte, in welcher ihm das Aussteigen unmöglich erschien, 
weil er dort Verwandte hatte, und er beschloß nach Wien durch- 
zufahren, dort seinen Freund aufzusuchen, ihm die Sache vor- 
zutragen und nach dessen Entscheidung noch mit dem Nacht- 
zug nach P. zurückzufahren. Meinem Zweifel, ob das zusammen- 
gegangen wäre, begegnet er mit der Versicherung, er hätte 
zwischen der Ankunft des einen und der Abfahrt des anderen 
Zuges eine halbe Stunde frei gehabt. In Wien angelangt, traf 
er den Freund aber nicht in dem Gasthause, wo er ihn zu 
treffen erwartet hatte, kam erst um 11 Uhr abends in die 
Wohnung seines Freundes und trug ihm noch in der Nacht 
seine Sache vor. Der Freund schlug die Hände zusammen 
daß er noch immer zweifeln könne, ob es eine Zwangs- 
vorstellung gewesen sei, beruhigte ihn für diese Nacht, so 
daß er ausgezeichnet schlief, und ging mit ihm am nächsten 
Vormittag zur Post, um die Kronen 3 -80 — an die Adresse 



137 

des Postamtes, woselbst das Zwickerpaket angekommen war, 
aufzugeben. 

Letztere Mitteilung gab mir den Anhaltspunkt, die Ent- 
stellungen seiner Erzählung zu entwirren. Wenn er, durch den 
Freund zur Besinnung gebracht, die kleine Summe nicht an 
Oberleutnant A. und nicht an Oberleutnant B., sondern ans 
Postamt direkt absandte, so mußte er ja wissen und schon bei 
einer Abreise gewußt haben, daß er niemand anderem als 
dem Postbeamten die Nachnahmegebühr schuldig geblieben 
sei. Es ergab sich wirklich, daß er dies schon vor der Auf- 
forderung des Hauptmannes und vor seinem Eide gewußt hatte, 
denn er erinnerte sich jetzt, daß er einige Stunden vor der 
Begegnung mit dem grausamen Hauptmanne Gelegenheit hatte, 
sich einem andern Hauptmann vorzustellen, der ihm den rich- 
tigen Sachverhalt mitgeteilt hatte. Dieser Offizier erzählte ihm, 
als er seinen Namen hörte, er sei vor kurzem auf dem Postamt 
gewesen und vom Postfräulein befragt worden, ob er einen 
Leutnant H. (eben unseren Patienten) kenne, für den ein Paket 
mit Nachnahme angekommen sei. Er erwiderte verneinend, aber 
das Fräulein meinte, sie habe Zutrauen zu dem unbekannten 
Leutnant und werde unterdes die Gebühr selbst erlegen. Auf diese 
"Weise kam unser Patient in den Besitz des von ihm bestellten 
Zwickers. Der grausame Hauptmann beging einen Irrtum, als er 
bei der Einhändigung des Pakets mahnte, die Kronen 3*80 
dem A. zurückzugeben. Unser Patient mußte wissen, daß dies 
ein Irrtum sei. Trotzdem leistete er den auf diesen Irrtum ge- 
gründeten Schwur, der ihm zur Qual werden mußte. Die Episode 
des andern Hauptmannes und die Existenz des vertrauensvollen 
Postfräuleins hatte er dabei sich und in der Wiedergabe auch 
mir unterschlagen. Ich gebe zu, daß sein Benehmen nach dieser 
Bichtigstellung noch unsinniger und unverständlicher wird 
als vorher. 

Nachdem er seinen Freund verlassen hatte und zu seiner 
Familie zurückgekehrt war, befielen ihn die Zweifel von neuem. 
Die Argumente seines Freundes seien ja keine anderen gewesen 
als seine eigenen, und er täuschte sich nicht darüber, daß die 
zeitweilige Beruhigung nur auf den persönlichen Einfluß des 
Freundes zurückzuführen war. Der Entschluß, einen Arzt auf- 



138 

zusuchen, wurde auf folgende geschickte Art in das Delir ver- 
woben. Er werde sicli von einem Arzte ein Zeugnis ausstellen 
lassen, daß er eines solchen Aktes, wie er ihn mit Oberleutnant A. 
ausgedacht, zu seiner Herstellung bedürfe, und dieser werde 
sich durch das Zeugnis gewiß bewegen lassen, die Kronen 3-80 
von ihm anzunehmen. Der Zufall, der ihm gerade damals ein 
Buch von mir in die Hand spielte, lenkte seine "Wahl auf mich. 
Bei mir war aber von jenem Zeugnis nicht die Rede, er forderte 
sehr verständig nur die Befreiung von seinen Zwangsvorstellungen. 
Viele Monate später tauchte auf der Höhe des "Widerstandes 
wieder einmal die Versuchung auf, doch nach P. zu fahren, 
den Oberleutnant A. aufzusuchen und mit ihm die Komödie 
des Geldzurückgebens aufzuführen. 

d) Die Einführung ins Verständnis der Kur. 

Man erwarte nicht, so bald zu hören, was ich zur Auf- 
hellung dieser sonderbar unsinnigen Zwangsvorstellungen (von 
den Hatten) vorzubringen habe; die richtige psychoanalytische 
Technik heißt den Arzt seine Neugierde unterdrücken und läßt 
dem Patienten die freie Verfügung über die Reihenfolge der 
Themata in der Arbeit. Ich empfing also den Patienten in der 
vierten Sitzung mit der Frage: Wie werden Sie nun fortfahren? 

„Ich habe mich entschlossen, Ihnen mitzuteilen, was ich 
für sehr bedeutsam halte und was mich von Anbeginn an quält." 
Er erzählt nun sehr breit die Krankengeschichte seines Vaters, 
der vor 9 Jahren an Emphysem verstarb. Eines Abends fragte 
er in der Meinung, es sei ein krisenhafter Zustand, den Arzt,' 
wann die Gefahr als beseitigt gelten könnte. Die Antwort lautete: 
Übermorgen abends. Es kam ihm nicht in den Sinn, daß der 
Vater diesen Termin nicht erleben könnte. Er legte sich um 
V 2 12 Uhr nachts für eine Stunde zu Bette, und als er um 
1 Uhr erwachte, hörte er von einem ärztlichen Freunde, der 
Vater sei gestorben. Er machte sich den Vorwurf, daß er beim 
Tode nicht zugegen gewesen sei, der sich verstärkte, als ihm 
die Pflegerin mitteilte, der Vater habe in den letzten Tagen 
einmal seinen Namen genannt und an sie, als sie zu ihm trat, 
die Frage gerichtet: Sind Sie der Paul? Er glaubte bemerkt zu 



139 

haben, daß die Mutter und die Schwestern sich ähnliche Vor- 
würfe machen wollten; sie sprachen aber nicht darüber. Der 
Vorwurf war aber zunächst kein quälender; er realisierte lange 
Zeit die Tatsache seines Todes nicht; es passierte ihm immer 
wieder, daß er sich, wenn er einen guten Witz gebort hatte, 
sagte: Das muß ich dem Vater erzählen. Auch spielte seine 
Phantasie mit dem Vater, so daß er häufig, wenn es an die 
Türe klopfte, meinte: Jetzt kommt der Vater, wenn er ein Zimmer 
betrat, erwartete, den Vater darin zu finden, und wiewohl er 
die Tatsache seines Todes nie vergaß, hatte die Erwartung 
solcher Geistererscheinung nichts Schreckhaftes, sondern etwas 
höchst Erwünschtes für ihn. Erst l 1 /«, Jahre später erwachte 
die Erinnerung an sein Versäumnis und begann ihn entsetzlich 
zu quälen, so daß er sich als Verbrecher behandelte. Veran- 
lassung war der Tod einer angeheirateten Tante und sein Be- 
such im Trauerhause. Von da an fügte er seinem Gedanken- 
gebäude die Fortsetzung ins Jenseits an. Schwere Arbeits- 
unfähigkeit war die nächste Folge dieses Anfalles 1 ). Da er er- 
zählt, nur die Tröstungen seines Freundes hätten ihn damals 
aufrecht gehalten, der diese Vorwürfe immer als arg übertrieben 
zurückgewiesen, bediene ich mich dieses Anlasses, um ihm den 
ersten Einblick in die Voraussetzungen der psychoanalytischen 
Therapie zu geben. Wenn eine Mesalliance zwischen Vor- 
stellungsinhalt und Affekt, also zwischen Größe des Vorwurfes 
und Anlaß des Vorwurfes vorliegt, so würde der Laie sagen, 
der Affekt sei zu groß für den Anlaß, also übertrieben, die aus 
dem Vorwurfe gezogene Folgerung, ein Verbrecher zu sein, sei 
also falsch. Der Arzt sagt im Gegenteile: Nein, der Affekt ist 
berechtigt, das Schuldbewußtsein ist nicht weiter zu kritisieren, 
aber es gehört zu einem andern Inhalte, der nicht bekannt 
(unbewußt) ist und der erst gesucht werden muß. Der bekannte 

J ) Ein Verständnis dieser Einwirkung- ergibt sich später aus der ge- 
naueren Beschreibung des Anlasses. Der verwitwete Onkel hat jammernd 
ausgerufen: „Andere Männer vergönnen sich alles mögliche, und ich habe 
nur für diese Frau gelebt!" Unser Patient nahm an, der Onkel spiele auf 
den Vater an und verdächtige dessen eheliche Treue, und obwohl der 
Onkel diese Deutung seiner Worte aufs entschiedenste bestritt, war deren 
Wirkung nicht mehr aufzuheben. 



140 



Vorstellungsinkalt ist nur durch falsche Verknüpfung an diese 
Stelle geraten. Wir sind aber nicht gewohnt, starke Affekte 
ohne Vorstellungsinhalt in uns zu verspüren, und nehmen daher 
bei fehlendem Inhalt einen irgendwie passenden anderen als Sur- 
rogat auf, etwa wie unsere Polizei, wenn sie den richtigen 
Mörder nicht erwischen kann, einen unrechten an seiner Stelle 
verhaftet. Die Tatsache der falschen Verknüpfung erklärt auch 
allein die Ohnmacht der logischen Arbeit gegen die peinigende 
Vorstellung. Ich schließe dann mit dem Zugeständnisse, daß 
sich aus dieser neuen Auffassung zunächst große Rätsel ab- 
leiten, denn wie solle er seinem Vorwurf, ein Verbrecher gegen 
den Vater zu sein, recht geben, wenn er doch wissen müsse, 
daß er eigentlich nie etwas Verbrecherisches gegen ihn be- 
gangen habe. 

Er zeigt dann in der nächsten Sitzung großes Interesse für 
meine Darlegungen, gestattet sich aber einige Zweifel vorzu- 
bringen: Wie eigentlich die Mitteilung, daß der Vorwurf, das 
Schuldbewußtsein, recht habe, heilend wirken könne? — Nicht 
diese Mitteilung hat die Wirkung, sondern die Auffindung des 
unbekannten Inhaltes, zu dem der Vorwurf gehört. — Ja, ge- 
rade darauf beziehe sich seine Frage. — Ich erläutere meine 
kurzen Angaben über die psychologischen Unterschiede des 
Bewußten vom Unbewußten, über die Usur, der alles Be- 
wußte unterliegt, während das Unbewußte relativ unveränderlich 
ist, durch einen Hinweis auf die in meinem Zimmer aufgestellten 
Antiquitäten. Es seien eigentlich nur Grabfunde, die Verschüt- 
tung habe für sie die Erhaltung bedeutet. Pompeji gehe erst 
jetzt zugrunde, seitdem es aufgedeckt sei. — Ob es eine Garantie 
gebe, fragt er weiter, wie man sich gegen das Gefundene ver- 
halten werde. Der eine, meint er, wohl so, daß er dann den 
Vorwurf überwinde, der andere aber nicht. — Nein, es liege in 
der Natur der Verhältnisse, daß der Affekt dann jedesmal meist 
schon während der Arbeit überwunden werde. Pompeji bestrebe 
man sich eben zu erhalten, solche peinigende Ideen wolle man 
durchaus los werden. Er habe sich gesagt, ein Vorwurf kann 
ja nur durch Verletzung der eigensten persönlichen Sitten- 
gesetze, nicht der äußerlichen, entstehen. (Ich -bestätige, wer 
bloß die verletzt, fühle sich ja oft als Held.) Ein solcher Vor- 



141 

gang sei also nur möglich bei einem Zerfalle der Persön- 
lichkeit, der von Anfang an gegeben sei. Ob er die Einheit 
der Persönlichkeit wiedergewinnen werde? In diesem Falle ge- 
traue er sich vieles zu leisten, vielleicht mehr als andere. — 
Ich darauf: Ich sei mit dieser Spaltung der Persönlichkeit 
durchaus einverstanden, er möge diesen neuen Gegensatz zwischen 
der sittlichen Person und dem Bösen nur mit dem vorigen, dem 
Gegensatze zwischen Bewußtem und Unbewußtem, zusammen- 
löten. Die sittliche Person sei das Bewußte, das Böse un- 
bewußt 1 ). — Er könne sich erinnern, daß er, obwohl er sich 
für eine sittliche Person halte, doch ganz bestimmt in seiner 
Kindheit Dinge getan habe, die von der andern Person aus- 
gegangen seien. Ich meine, er habe da so nebenbei einen Haupt- 
charakter des Unbewußten entdeckt, die Beziehung zum In- 
fantilen. Das Unbewußte sei das Infantile, und zwar jenes 
Stück der Person, das sich damals von ihr abgesondert, die 
weitere Entwicklung nicht mitgemacht habe und darum ver- 
drängt worden sei. Die Abkömmlinge dieses verdrängten Un- 
bewußten seien die Elemente, welche das unwillkürliche Denken 
unterhalten, in dem sein Leiden bestehe. Er könne jetzt noch 
einen Charakter des Unbewußten entdecken; das wolle ich ihm 
gerne überlassen. — Er findet direkt nichts Weiteres, dafür 
äußert er den Zweifel, ob so lange bestehende Veränderungen 
rückgängig zu machen seien. Was wolle man speziell gegen die 
Idee vom Jenseits tun, die doch logisch nicht widerlegt werden 
könne? — Ich bestreite die Schwere seines Falles und die Be- 
deutung seiner Konstruktionen nicht, aber sein Alter sei ein 
sehr günstiges, und günstig sei auch die Intaktheit seiner Persön- 
lichkeit, wobei ich ein anerkennendes Urteil über ihn ausspreche, 
das ihn sichtlich erfreut. 

In der nächsten Sitzung beginnt er, er müsse etwas Tat- 
sächliches aus seiner Kindheit erzählen. Nach 7 Jahren hatte 
er, wie schon erzählt, die Angst, daß die Eltern seine Gedanken 
erraten, die ihm eigentlich durch das weitere Leben verblieben 
sei. Mit 12 Jahren liebte er ein kleines Mädchen, Schwester 
eines Freundes (auf Befragen: nicht sinnlich, er wollte sie nicht 

l ) Das ist alles zwar nur im gröbsten richtig, reicht aber zur Ein- 
führung zunächst hin. 






142 



nackt sehen, sie war zu klein), die aber mit ihm nicht so zärt- 
lich war, wie er es wünschte. Und da kam ihm die Idee, daß 
sie liebevoll mit ihm sein würde, wenn ihn ein Unglück träfe- 
als solches drängte sich ihm der Tod des Vaters auf. Er wies 
diese Idee sofort energisch zurück, wehrt sich auch jetzt gegen 
die Möglichkeit, es könne sich ein „Wunsch" so geäußert haben. 
Es war eben nur eine „Denkverbindung" 1 ). Ich wende ein: 
wenn es kein Wunsch war, wozu das Sträuben? — J a , nur 
wegen des Inhaltes der Vorstellung, daß der Vater sterben 
könne. — Ich: Er behandle diesen Wortlaut wie den einer 
Majestätsbeleidigung, wobei es bekanntlich ebenso bestraft wird, 
wenn jemand sagt: Der Kaiser ist ein Esel, wie wenn er diese 

verpönten Worte einkleidet: Wenn jemand sagt , so 

hat er es mit mir zu tun. Ich könnte ihm ohne weiteres 'den 
Vorstellungsinhalt, gegen den er sich so sträubte, in einen Zu- 
sammenhang bringen, der dies Sträuben ausschließen würde; 
z. B.: Wenn mein Vater stirbt, töte ich mich auf seinem Grabe! 
Er ist erschüttert, ohne seinen Widerspruch aufzugeben, so daß 
ich den Streit mit der Bemerkung abbreche, die Idee vom Tode 
des Vaters sei ja in diesem Falle nicht zum ersten Male auf- 
getreten, sie stamme offenbar von früher her, und wir würden 
ihrer Herkunft einmal nachspüren müssen. — Er erzählt weiter, 
ein zweites Mal sei ihm ein ganz ähnlicher Gedanke blitzähnlich 
em halbes Jahr vor dem Tode des Vaters gekommen. Er. war 
bereits in jene Dame verliebt 2 ), konnte aber wegen materieller 
Hindernisse nicht an eine Verbindung denken. Da habe die 
Idee gelautet: Durch den Tod des Vaters werde er viel- 
leicht so reich werden, daß er sie heiraten könne. In 
seiner Abwehr ging er dann so weit, daß er wünschte, der 
Vater solle gar nichts hinterlassen, damit kein Gewinn diesen 
für ihn entsetzlichen Verlust kompensiere. Ein drittes Mal kam 
dieselbe Idee, aber sehr gemildert, am Tage vor dem Tode des 
Vaters. Er dachte: Ich kann jetzt mein Liebstes verlieren und 
dagegen kam der Widerspruch: Nein, es gibt noch eine andere 

*) Mit solchen Wortabschwächungen gibt sich nicht allein der Zwangs- 
neurotiker zufrieden. 

2 ) Vor zehn Jahren. 



143 

Person, deren Verlust dir noch schmerzlicher wäre 1 ). Er ver- 
wundere sich sehr über diese Gedanken, da er ja ganz sicher 
sei, der Tod des Vaters könne nie Gegenstand seines Wunsches 
gewesen sein, .immer nur einer Befürchtung. — Nach dieser 
mit voller Stärke ausgesprochenen llede halte ich es für zweck- 
mäßig, ihm ein neues Stückchen der Theorie vorzuführen. Die 
Theorie behaupte, daß jede Angst einem ehemaligen, nun ver- 
drängten Wunsch entspreche, so daß man das gerade Gegenteil 
von seiner Beteuerung annehmen müsse. Es stimme dies auch 
zur Forderung, daß das Unbewußte der kontradiktorische Gegen- 
satz des Bewußten sein solle. Er ist sehr bewegt, sehr un- 
gläubig und wundert sich, wie dieser Wunsch bei ihm möglich 
gewesen sein solle, wenn ihm der Vater doch der liebste aller 
Menschen war. Es leide keinen Zweifel, daß er auf jedes per- 
sönliche Glück verzichtet hätte, wenn er dadurch des Vaters 
Leben hätte retten können. Ich antworte, gerade diese intensive 
Liehe sei die Bedingung des verdrängten Hasses. Bei indiffe- 
renten Personen werde es ihm gewiß leicht gelingen, die Motive 
zu einer mäßigen Neigung und ebensolchen Abneigung neben- 
einander zu halten, etwa wenn er Beamter sei und von seinem 
Bureauchef denke, er sei ein angenehmer Vorgesetzter, aber ein 
kleinlicher Jurist und inhumaner Richter. Ähnlich sage doch 
Brutus über Cäsar bei Shakespeare (III, 2): „Weil Cäsar 
mich liebte, wein' ich um ihn; weil er glücklich war, freue ich 
mich; weil er tapfer war, ehr' ich ihn; aber weil er herrsch- 
süchtig war, erschlug ich ihn." Und diese Rede wirke bereits 
befremdend, weil wir uns des Brutus Affektion für Cäsar inten- 
siver vorgestellt haben. Bei einer Person, die ihm näher stehe, 
seiner Frau etwa, werde er das Bestreben nach einer einheit- 
lichen Empfindung haben und darum, wie allgemein menschlich, 
ihre Fehler, die seine Abneigung hervorrufen könnten, vernach- 
lässigen, wie verblendet übersehen. Also gerade die große Liebe 
lasse es nicht zu, daß der Haß (karikiert so bezeichnet), der 
wohl irgend eine Quelle haben müsse, bewußt bleibe. Ein 
Problem sei es allerdings, woher dieser Haß stamme; seine 



l ) Ein Gegensatz zwischen den beiden geliebten Personen, Vater und 
„Dame", ist hier unverkennbar angezeigt. 



144 



Aussagen deuteten selbst auf die Zeit hin, in welcher er ge- 
fürchtet, daß die Eltern seine Gedanken erraten. Anderseits 
könne man auch fragen, warum die große Liebe nicht den 
Haß habe auslöschen können, wie man es so von gegensätz- 
lichen Regungen gewohnt sei. Man könne nur annehmen, daß 
der Haß doch mit einer Quelle, einem Anlaß in einer Verbin- 
dung stehe, die ihn unzerstörbar mache. Also einerseits schütze 
ein solcher Zusammenhang den Haß gegen den Vater vor dem 
Untergange, anderseits hindere die große Liebe ihn am Bewußt- 
werden, so daß ihm eben nur die Existenz im Unbewußten 
übrig bleibe, aus der er sich doch in einzelnen Momenten blitz- 
ähnlich vordrängen könne. 

Er gibt zu, daß dies alles ganz plausibel anzuhören ist, 
hat aber natürlich keine Spur von Überzeugung 1 ). Er möchte 
sich die Frage erlauben, wie es zugehe, daß eine solche Idee 
Pausen machen könne, mit 12 Jahren für einen Moment komme, 
dann mit 20 Jahren wieder und zwei Jahre später von neuem, um 
von da an anzuhalten. Er könne doch nicht glauben, daß inzwischen 
die Feindseligkeit erloschen gewesen sei, und doch habe sich 
in den Pausen nichts von Vorwürfen gezeigt. Ich darauf: Wenn 
jemand so eine Frage stellt, so hat er auch schon die Antwort 
bereit. Man braucht ihn nur weitersprechen zu lassen. Er setzt 
nun in anscheinend lockerem Zusammenhange fort: Er sei der 
beste Freund des Vaters gewesen, wie dieser seiner; bis auf 
wenige Gebiete, auf denen Vater und Sohn einander auszuwei- 
chen pflegen (was meint er wohl?), sei die Intimität zwischen 
ihnen größer gewesen als jetzt mit seinem besten Freunde. Jene 
Dame, um deren wegen er den Vater in der Idee zurückgesetzt, 
habe er zwar sehr geliebt, aber eigentlich sinnliche "Wünsche, 
wie sie seine Kindheit erfüllten, hätten sich in bezug auf sie 
nie geregt; seine sinnlichen Eegungen seien in der Kindheit 



J ) Es ist niemals die Absicht solcher Diskussionen, Überzeugung her- 
vorzurufen. Sie sollen nur die verdrängten Komplexe ins Bewußtsein ein- 
führen, den Streit um sie auf dem Boden bewußter Seelentätigkeit anfachen 
und das Auftauchen neuen Materials aus dem Unbewußten erleichtern. Die 
Überzeugung stellt sich erst nach der Bearbeitung des wiedergewonnenen 
Materials durch den Kranken her, und solange sie schwankend ist, darf 
man das Material als nicht erschöpft beurteilen. 



145 

überhaupt viel stärker gewesen als zur Zeit der Pubertät. — 
Ich meine nun, er habe jetzt die Antwort gegeben, auf die wir 
warteten, und gleichzeitig den dritten großen Charakter des 
Unbewußten aufgefunden. Die Quelle, aus welcher die Feind- 
seligkeit gegen den Vater ihre Unzerstörbarkeit beziehe, sei 
offenbar von der Natur sinnlicher Begierden, dabei habe 
er den Vater irgendwie als störend empfunden. Ein solcher 
Konflikt zwischen Sinnlichkeit und Kindesliebe sei ein durchaus 
typischer. Die Pausen habe es bei ihm gegeben, weil infolge 
der vorzeitigen Explosion seiner Sinnlichkeit zunächst eine so 
erhebliche Dämpfung derselben eingetreten sei. Erst als sich 
wieder intensive verliebte Wünsche bei ihm eingestellt hätten, 
sei diese Feindseligkeit aus der analogen Situation heraus 
wieder aufgetreten. Ich lasse mir übrigens von ihm bestätigen, 
daß ich ihn weder auf das infantile noch auf das sexuelle 
Thema gelenkt habe, sondern daß er selbständig auf beide ge- 
kommen sei. — Er fragt nun weiter, warum er nicht zur Zeit 
der Verliebtheit in die Dame einfach bei sich die Entscheidung 
gefällt, die Störung dieser Liebe durch den Vater könne gegen 
seine Liebe zum Vater nicht in Betracht kommen. — Ich ant- 
wortete: Es ist schwer möglich, jemand in absentia zu erschla- 
gen. Um jene Entscheidung zu ermöglichen, hätte ihm der be- 
anständete Wunsch damals zum ersten Male kommen müssen; 
es war aber ein altverdrängter, gegen den er sich nicht an- 
ders benehmen konnte als vorher, und der darum der Vernich- 
tung entzogen blieb. Der Wunsch (den Vater als Störer zu be- 
seitigen) müßte in Zeiten entstanden sein, in denen die Ver- 
hältnisse ganz anders lagen, etwa daß er den Vater damals 
nicht stärker liebte als die sinnlich begehrte Person, oder daß 
er einer klaren Entscheidung nicht fähig war, also in sehr 
früher Kindheit, vor 6 Jahren, ehe seine kontinuierliche Er- 
innerung einsetzte, und das sei eben für alle Zeiten so ge- 
blieben. — Mit dieser Konstruktion schließt die Erörterung 
vorläufig ab. 

In der nächsten, der siebenten Sitzung, greift er dasselbe 
Thema wieder auf. Er könne nicht glauben, daß er je den 
Wunsch gegen den Vater gehabt habe. Er erinnere sich einer 
Novelle von Sudermann, die ihm einen tiefen Eindruck ge- 
Freud, Neurosenlehre. III 10 



146 

macht, in welcher eine Schwester am Krankenbette der andern 
diesen Todeswunsch gegen sie verspüre, um deren Mann heiraten 
zu können. Sie töte sich dann, weil sie nach solcher Gemein- 
heit nicht verdiene zu leben. Er verstehe das, und es sei ihm 
ganz recht, wenn er an seinen Gedanken zugrunde gehe, denn 
er verdiene es nicht anders 1 ). Ich bemerke, es sei uns wohl 
bekannt, daß den Kranken ihr Leiden eine gewisse Befriedi- 
gung gewähre, so daß sie sich eigentlich alle partiell sträuben, 
gesund zu werden. Er möge nicht aus den Augen verlieren, 
daß eine Behandlung wie die unserige unter beständigem 
Widerstände vor sich gehe; ich werde ihn immer wieder 
daran erinnern. 

Er will jetzt von einer verbrecherischen Handlung sprechen, 
in der er sich nicht erkenne, an die er sich aber ganz bestimmt 
erinnere. Er zitiert ein Wort von Nitzsche: „Das habe ich 
getan," sagt mein Gedächtnis, „das kann ich nicht 
getan haben" — sagt mein Stolz und bleibt unerbitt- 
lich. Endlich — gibt das Gedächtnis nach 2 ). „Darin hat 
also mein Gedächtnis nicht nachgegeben." — Eben weil Sie 
zur Selbstbestrafung aus Ihren Vorwürfen Lust ziehen. — 
„Mit meinem jüngeren Bruder — ich bin ihm jetzt wirklich 
gut, er bereitet mir gerade große Sorge, indem er eine Heirat 
machen will, die ich für einen Unsinn halte; ich hab' schon die 
Idee gehabt, hinzureisen und die Person umzubringen, damit er 
sie nicht heiraten kann — habe ich als Kind viel gerauft. 
Daneben hatten wir einander sehr lieb und waren unzertrenn- 
lich, aber mich beherrschte offenbar Eifersucht, denn er war 
der stärkere, schönere und darum beliebtere." — Sie haben ja 
schon eine solche Eifersuchtszene mit Fräulein Lina mitgeteilt. 
— „Also nach einer solchen Gelegenheit, gewiß vor 8 Jahren, 
denn ich ging noch nicht in die Schule, in die ich mit 8 Jahren 
gekommen bin, tat ich folgendes: Wir hatten Kindergewehre 

') Dies Schuldbewußtsein enthält den offenbarsten Widerspruch gegen 
sein anfängliches Nein, er habe den bösen Wunsch gegen den Vater nie 
gehabt. Es ist ein häufiger Typus in der Reaktion gegen das bekannt ge- 
wordene Verdrängte, daß sich an das erste Nein der Ablehnung alsbald die 
zunächst indirekte Bestätigung anschließt. 

2 ) Jenseits von Grut und Böse, IV, 68. 



' 



147 



von der bekannten Konstruktion; ich lud meines mit dem Lad- 
stock, sagte ihm, er solle in den Lauf hineinschauen, er werde 
etwas sehen, und als er hineinschaute, drückte ich los. Es traf 
ihn auf die Stirne und machte ihm nichts, aber es war meine 
Absicht gewesen, ihm sehr wehe zu tun. Ich war dann ganz 
außer mir, warf mich auf den Boden und fragte mich: Wie 
habe ich das nur tun können? — Aber ich habe es getan." — 
Ich benutze die Gelegenheit, um für meine Sache zu plaidieren. 
Wenn er eine solche, ihm so fremde Tat im Gedächtnis be- 
wahrt habe, so könne er doch nicht die Möglichkeit in Abrede 
stellen, daß in noch früheren Jahren etwas Ahnliches, was er 
heute nicht mehr erinnere, gegen den Vater vorgekommen sei. 
— Er wisse noch von anderen Regungen der Rachsucht gegen 
jene Dame, die er so sehr verehre, und von deren Charakter er 
eine begeisterte Schilderung gibt. Sie könne vielleicht nicht 
leicht lieben, sie spare sich ganz für den einen auf, dem sie 
einmal angehören werde; ihn liebe sie nicht. Als er dessen 
sicher wurde, gestaltete sich ihm eine bewußte Phantasie, er 
werde sehr reich werden, eine andere heiraten und dann mit 
ihr einen Besuch bei der Dame machen, um sie zu kränken. 
Aber da versagte ihm die Phantasie, denn er mußte sich ein- 
gestehen, daß ihm die andere, die Frau, ganz gleichgültig sei, 
seine Gedanken verwirrten sich und am Ende wurde ihm klar, 
daß diese andere sterben solle. Auch in dieser Phantasie findet 
er, wie in dem Anschlag gegen den Bruder, den Charakter der 
Feigheit, der ihm so entsetzlich ist 1 ). — Im weiteren Ge- 
spräche mit ihm mache ich geltend, daß er sich ja logischer- 
weise für ganz unverantwortlich für alle diese Charakterzüge 
erklären müsse, denn all diese verwerflichen Regungen stammten 
aus dem Kinderleben, entsprächen den im Unbewußten fort- 
lebenden Abkömmlingen des Kindercharakters, und er wisse 
doch, daß für das Kind die ethische Verantwortlichkeit nicht 
gelten könne. Aus der Summe der Anlagen des Kindes entstehe 
der ethisch verantwortliche Mensch erst im Laufe der Entwick- 
lung 2 ). Er bezweifelt aber, daß alle seine bösen Regungen von 

*) Was späterhin seine Erklärung finden soll. 

2 ) Ich bringe diese Argumente nur vor, um mir wieder von neuem 
bestätigen zu lassen, wie ohnmächtig sie sind. Ich kann es nicht begreifen, 

10* 



148 



dieser Herkunft sind. Ich verspreche, es ihm im Laufe der Kur 
zu beweisen. 

Er führt noch an, daß sich die Krankheit seit dem Tode 
des Vaters so enorm gesteigert hat, und ich gebe ihm insofern 
recht, als icli die Trauer um den Vater als Hauptquelle der 
Krankheitsintensität anerkenne. Die Trauer hat in der Krank- 
heit gleichsam einen pathologischen Ausdruck gefunden. Während 
eine normale Trauer in 1 bis 2 Jahren ihren Ablauf erreicht, 
ist eine pathologische wie seine in ihrer Dauer unbegrenzt. 

Soweit reicht, was ich aus dieser Krankengeschichte aus- 
führlich und in der Reihenfolge erzählen kann. Es deckt sich 
ungefähr mit der Exposition der über 11 Monate verlaufenden 
Behandlung. 

, e) Einige Zwangsvorstellungen und deren Übersetzung. 

Zwangsvorstellungen erscheinen bekanntlich entweder un- 
motiviert oder unsinnig, ganz wie der Wortlaut unserer nächt- 
lichen Träume, und die nächste Aufgabe, die sie stellen geht 
dahin, ihnen Sinn und Halt im Seelenleben des Individuums 
zu geben, so daß sie verständlich, ja eigentlich selbstversändlich 
werden. Man lasse sich in dieser Aufgabe der Übersetzung 
niemals durch den Anschein der CJnlösbarkeit beirren- die 
tollsten oder absonderlichsten Zwangsideen lassen sich durch 
gebührende Vertiefung lösen. Zu dieser Lösung gelangt man 
aber, wenn man die Zwangsideen in zeitlichen Zusammenbau* 
mit dem Erleben des Patienten bringt, also indem man er! 
forscht, wann die einzelne Zwangsidee zuerst aufgetreten ist 
und unter welchen äußeren Umständen sie sich zu wiederholen 
pflegt. Bei Zwangsideen, die es, wie so häufig, zu keiner Dauer- 
existenz gebracht haben, vereinfacht sich dementsprechend auch 
die Losungsarbeit. Man kann sich leicht überzeugen, daß nach 
der Aufdeckung des Zusammenhanges der Zwangsidee mit dem 
Erleben des Kranken alles andere Rätselhafte und Wissens- 
werte an dem pathologischen Gebilde, seine Bedeutung, der 
Mechanismus seiner Entstehung, seine Abkunft von den maß- 

wenn andere Psychotherapeuten berichten, daß sie mit solchen Waffen die 
Neurosen erfolgreich bekämpfen. 



149 

gebenden psychischen Triebkräften unserer Einsicht leicht zu- 
gänglich wird. 

Ich beginne mit einem besonders durchsichtigen Beispiel 
des bei unserem Patienten so häufigen Selbstmordimpulses, 
welches sich in der Darstellung beinahe von selbst analysiert: 
Er verlor einige Wochen im Studium infolge der Abwesenheit 
meiner Dame, welche abgereist war, um ihre schwer erkrankte 
Großmutter zu pflegen. „Mitten im eifrigsten Studium fiel ihm 
da ein: Das Gebot, sich den ersten möglichen Prüfungstermin 
im Semester zu nehmen, könne man sich ja gefallen lassen. 
Wie aber, wenn dir das Gebot käme, dir den Hals mit dem 
Rasiermesser abzuschneiden ? Er merkte sofort, daß dieses Gebot 
bereits erflossen war, eilte zum Schrank, um das Rasiermesser 
zu holen, da fiel ihm ein: Nein, so einfach ist das nicht. Du 
mußt 1 ) hinreisen und die alte Frau umbringen. Da fiel er vor 
Entsetzen auf den Boden." 

Der Zusammenhang dieser Zwangsidee mit dem Leben ist 
hier im Eingange des Berichtes enthalten. Seine Dame war ab- 
wesend, während er angestrengt für eine Prüfung studierte, um 
die Verbindung mit ihr eher zu ermöglichen. Da überfiel ihn 
während des Studiums die Sehnsucht nach der Abwesenden 
und der Gedanke an den Grund ihrer Abwesenheit. Und nun 
kam etwas, was bei einem normalen Menschen etwa eine un- 
mutige Regung gegen die Großmutter gewesen wäre: Muß die 
alte Frau gerade jetzt krank werden, wo ich mich nach ihr so 
schrecklich sehne! Etwas Ahnliches, aber weit Intensiveres muß 
man nun bei unserem Patienten supponieren, einen unbewußten 
Wutanfall, der sich gleichzeitig mit der Sehnsucht in den 
Ausruf kleiden könnte: Oh, ich möchte hinreisen und die alte 
Frau umbringen, die mich meiner Geliebten beraubt! Darauf 
folgt das Gebot: Bring dich selbst um, als Selbstbestrafung für 
solche Wut- und Mordgelüste, und der ganze Vorgang tritt 
unter heftigstem Affekt in umgekehrter Reihenfolge — das 
Strafgebot voran, am Ende die Erwähnung des strafbaren Ge- 
lüstes — in das Bewußtsein des Zwangskranken. Ich glaube 
nicht, daß dieser Erklärungsversuch gezwungen erscheinen kann 
oder viel hypothetische Elemente aufgenommen hat. 
*) Ich ergänze hier ein: vorher. 



150 



Ein anderer länger anhaltender Impuls zum gleichsam in- 
direkten Selbstmord war nicht so leicht aufzuklären, weil ei- 
serne Beziehung zum Erleben hinter einer der äußerlichen 
Assoziationen, wie sie unserem Bewußtsein so sehr anstößig 
erscheinen, verbergen konnte. Eines Tages kam ihm im Sommer- 
aufenthalte plötzlich die Idee, er sei zu dick, er müsse ab- 
magern. Er begann nun, noch vor der Mehlspeise vom Tische 
aufzustehen, ohne Hut in der Sonnenglut des August auf die 
Straße zu rennen und dann im Laufschritt auf die Berge zu 
steigen, bis er schweißüberströmt Halt machen mußte. Hinter 
dieser Abmagerungssucht kam auch die Selbstmordabsicht ein- 
mal unverhüllt zum Vorschein, als ihm auf einem scharfen Ab- 
hang plötzlich das Gebot laut wurde, da herunterzuspringen, 
was sicherer Tod gewesen wäre. Die Lösung dieses unsinnigen 
Zwangshandelns ergab sich unserem Patienten erst, als ihm 
plötzlich einfiel, zu jener Zeit sei auch die geliebte Dame in 
dem Sommeraufenthalte gewesen, aber in Begleitung eines eng- 
lischen Vetters, der sich sehr um sie bemühte, und auf den er 
sehr eifersüchtig war. Der Vetter" hieß Richard und wurde, wie 
in England allgemein üblich, Dick genannt. Diesen Dick 
wollte er nun umbringen, er war auf ihn viel eifersüchtiger und 
wütender, als er sich eingestehen konnte, und darum legte er 
sich zur Selbstbestraf ung die Pein jener Abmagerungskur auf. 
So verschieden dieser Zwangsimpuls auch vom vorigen direkten 
Selbstmordgebot zu sein scheint, ein bedeutsamer Zug ist den 
beiden gemeinsam, die Entstehung als Reaktion auf eine unge- 
heure, vom Bewußtsein nicht zu erfassende Wut gegen eine 
Person, die als Störerin der Liebe auftritt 1 ). 

Andere Zwangsvorstellungen, wiederum nach der Geliebten 
orientiert, lassen doch anderen Mechanismus und andere Trieb- 

l ) Die Verwendung von Namen und "Worten zur Herstellung der Ver- 
knüpfung zwischen den unbewußten Gedanken (Regungen, Phantasien) und 
den Symptomen geschieht bei der Zwangsneurose lange nicht so häufig 
und so rücksichtslos wie bei Hysterie. Doch habe ich gerade für den 
Namen Richard ein anderes Beispiel bei einem vor langer Zeit analysierten 
Kranken in Erinnerung. Nach einem Zwiste mit seinem Bruder begann er 
zu grübeln, wie er sich seines Reichtums entledigen könne, er wolle nichts 
mehr mit Geld zu tun haben usf. Sein Bruder hieß Richard (richard im 
französischen ein Reicher). 



abkunft erkennen. Zur Zeit der Anwesenheit seiner Dame in 
seinem Sommeraufentlialte produzierte er außer jener Abmage- 
rungssucht eine ganze Reihe von Zwangstätigkeiten, die sich 
wenigstens teilweise direkt auf ihre Person bezogen. Als er ein- 
mal mit ihr auf einem Schiffe fuhr, während ein scharfer Wind 
ging, mußte er sie nötigen, seine Kappe aufzusetzen, weil sich 
bei ihm das Gebot gebildet hatte, es dürfe ihr nichts ge- 
schehen 1 ). Es war eine Art von Schutzzwang, der auch andere 
Blüten trieb. Ein andermal stellte sich bei ihm während eines 
Zusammenseins im Gewitter der Zwang ein, zwischen Blitz und 
Donner bis 40 oder 50 gezählt zu haben, wofür ihm jedes 
Verständnis abging. Am Tage, als sie abreiste, stieß er mit dem 
Fuße gegen einen auf der Straße liegenden Stein und mußte 
ihn nun auf die Seite räumen, weil ihm die Idee kam, in 
einigen Stunden werde ihr "Wagen auf derselben Straße fahren 
und vielleicht an diesem Stein zu Schaden kommen, aber einige 
Minuten später fiel ihm ein, das sei doch ein Unsinn, und er 
mußte nun zurückgehen und den Stein wieder an seine frühere 
Stelle mitten auf der Straße legen. Nach ihrer Abreise bemäch- 
tigte sich seiner ein Verstehzwang, der ihn allen den Seinigen 
unausstehlich machte. Er nötigte sich, jede Silbe, die irgend 
jemand zu ihm sprach, genau zu verstehen, als ob ihm sonst 
ein großer Schatz entginge. So fragte er immer: Was hast du 
jetzt gesagt? Und wenn man es ihm wiederholte, meinte er, es 
habe doch das erste Mal anders gelautet, und blieb unbefriedigt. 
Alle diese Erzeugnisse der Krankheit hängen von einer 
Begebenheit ab, welche damals sein Verhältnis zur Geliebten 
dominierte. Als er sich vor dem Sommer von ihr in Wien ver- 
abschiedete, legte er eine ihrer Reden so aus, als ob sie ihn 
vor der anwesenden Gesellschaft verleugnen wollte, und war 
darüber sehr unglücklich. Im Sommeraufenthalte gab es Ge- 
legenheit zur Aussprache, und da konnte die Dame ihm nach- 
weisen, daß' sie mit jenen von ihm mißverstandenen Worten ihn 
vielmehr vor Lächerlichkeit bewahren wollte. Er war nun 
wiederum sehr glücklich. Den deutlichsten Hinweis auf diesen 
Vorfall enthält der Verstehzwang, der so gebildet ist, als ob er 



*) Zu ergänzen: woran er Sohuld haben könnte. 



152 



sich gesagt hätte: Nach dieser Erfahrung darfst du jetzt nie 
wieder jemanden mißverstehen, wenn du dir überflüssige Pein 
ersparen willst. Aber dieser Vorsatz ist nicht nur von dem einen 
Anlaß her verallgemeinert, er ist auch — vielleicht wegen der 
Abwesenheit der Geliebten - von ihrer hochgeschätzten Person 
auf alle anderen minderwertigen Personen verschoben Der 
Zwang kann auch nicht allein aus der Befriedigung über die 
von ihr empfangene Aufklärung hervorgegangen sein, er muß 
noch etwas anderes ausdrücken, denn er läuft ja in den unbe- 
friedigenden Zweifel an der Wiedergabe des Gehörten aus. 

Die anderen Zwangsgebote leiten auf die Spur dieses 
andern Elementes. Der Schutzzwang kann nichts anderes be- 
deuten als die Reaktion — Reue und Buße — gegen eine 
gegensätzliche, also feindselige Regung, die sich vor der Auf- 
klärung gegen die Geliebte gerichtet hatte. Der Zählzwang beim 
Gewitter deutet sich durch das beigebrachte Material als eine 
Abwehrmaßregel gegen Befürchtungen, welche Lebensgefahr 
bedeuteten. Durch die Analysen der ersterwähnten Zwangsvor- 
stellungen sind wir bereits darauf vorbereitet, die feindseligen 
Regungen unseres Patienten für besonders hefti«- von der Art 
der sinnlosen Wut, zu schätzen, und dann finden wir, daß diese 
Wut gegen die Dame auch nach der Versöhnung ihren Beitrag 
zu den Zwangsbildungen stellt. In der Zweifelsucht, ob er richtig 
gehört, ist der fortwirkende Zweifel dargestellt, ob er wohl dies- 
mal die Geliebte richtig verstanden hat und ihre Worte mit 
Recht als Beweis ihrer zärtlichen Neigung auffassen darf. Der 
Zweifel des Verstehzwanges ist Zweifel an ihrer Liebe. Es tobt 
in unserem Verliebten ein Kampf zwischen Liebe und Haß die 
der gleichen Person gelten, und dieser Kampf wird plastisch 
dargestellt in der zwanghaften, auch symbolisch bedeutsamen 
Handlung, den Stein von dem Wege, den sie befahren soll 
wegzuräumen und dann diese Liebestat wieder rückgängig zu 
machen, den Stein wieder hinzulegen, wo er lag, damit ihr 
Wagen an ihm scheitere und sie zu Schaden komme. Wir ver- 
stehen diesen zweiten Teil der Zwanghandlung nicht richtig, 
wenn wir ihn nur als kritische Abwendung vom krankhaften 
lun auffassen, wofür er sich selbst ausgeben möchte. Daß auch 
er sich unter der Empfindung des Zwanges vollzieht, verrät, 






153 

daß er selbst ein Stück des krankhaften Tuns ist, welches aber 
von dem Gegensatz zum Motiv des ersten Stückes bedingt wird. 
Solche zweizeitige Zwangshandlungen, deren erstes Tempo 
vom zweiten aufgehoben wird, sind ein typisches Vorkommnis 
bei der Zwangsneurose. Sie werden vom Bewußtsein des Kranken 
natürlich mißverstanden und mit einer sekundären Motivierung 
versehen — rationalisiert 1 ). Ihre wirkliche Bedeutung liegt 
aber in der Darstellung des Konfliktes zweier annähernd gleich 
großer gegensätzlicher Regungen, soviel ich bisher erfahren 
konnte, stets des Gegensatzes von Liebe und Haß. Sie bean- 
spruchen ein besonders theoretisches Interesse, weil sie einen 
neuen Typus der Symptombildung erkennen lassen. Anstatt, wie 
es bei Hysterie regelmäßig geschieht, ein Kompromiß zu finden 
welches beiden Gegensätzen in einer Darstellung genügt, zwei 
Fliegen mit einem Schlag trifft*), werden hier die beiden Gegen- 
satze, jeder einzeln, befriedigt, zuerst der eine und dann der 
andere, natürlich nicht ohne daß der Versuch gemacht würde, 
zwischen den beiden einander feindseligen eine Art von logischer 
Verknüpfung — oft mit Beugung aller Logik — herzustellen 3 ). 
Der Konflikt zwischen Liebe und Haß tat sich bei unserem 
Patienten auch durch andere Anzeichen kund. Zur Zeit seiner 
wiedererwachenden Frömmigkeit richtete er sich Gebete ein, 
die allmählich bis zu V/ 2 Stunden in Anspruch nahmen, weil 
sich ihm — ein umgekehrter Bileam — in die frommen Formeln 

1 ) Vgl. Ernest Jones, Rationalisatiou in every-day life. Journal o! 
abnormal psychology, 1908. 

2 ) Vgl. Sammlung usw. zur Neurosenlehre. Zweite Folge 1909. 
V. Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität. 

3 ) Ein anderer Zwangskranker berichtete mir einmal, er sei im Parke 
von Schönbrunn mit dem Fuße auf einen im Wego liegenden Ast gestoßen, 
den er nun in die den Weg begrenzende Hecke schleuderte. Auf dem Heim- 
wege überkam ihn plötzlich die Sorge, in der neuen Lage könnte der jetzt 
vielleicht etwas vorragende Ast zum Anlasse eines Unfalles für jemand 
werden, der nach ihm au derselben Stelle vorbeigehe. Er mußte von der 
Trambahn abspringen, in den Park zurückeilen, die Stelle aufsuchen und 
den Ast in die frühere Lage zurückbringen, obwohl es jedem anderen als 
dem Kranken einleuchten würde, daß die frühere Lage doch für einen Pas- 
santen gefährlicher sein müßte als die neue im Gebüsche. Die zweite feind- 
selige Handlung, die sich als Zwang durchsetzte, hatte sich vor dem Be- 
wußtsein mit der Motivierung der ersten, menschenfreundlichen, geschmückt. 



154 



immer etwas einmengte, was sie ins Gegenteil verkehrte. Sagte 
er z. B. Gott schütze ihn — so gab der böse Geist schnell 
ein: nicht dazu 1 ). Einmal kam ihm dabei die Idee zu fluchen; 
da werde sich doch gewiß ein Widerspruch einschleichen; in 
diesem Einfalle brach sich die ursprüngliche, durch das Gebet 
verdrängte, Intention Bahn. In solcher Bedrängnis fand er den 
Ausweg, die Gebete abzustellen und sie durch eine kurze Formel 
zu ersetzen, die aus den Anfangsbuchstaben oder Anfangssilben 
verschiedener Gebete zusammengebraut war. Diese sprach er 
dann so rasch aus, daß ihm nichts dazwischenfahren konnte. 

Er brachte mir einmal einen Traum, der die Darstellung 
desselben Konfliktes in der Übertragung auf den Arzt enthielt: 
Meine Mutter ist gestorben. Er will kondolieren, fürchtet aber, 
daß er dabei das impertinente Lachen produzieren wird, 
das er schon wiederholt bei Todesfällen gezeigt hat. Er schreibt 
darum lieber eine Karte mit p. c, aber diese Buchstaben ver- 
wandeln sich ihm beim Schreiben in p. f. 2 ). 

Der Widerstreit seiner Gefühle gegen seine Dame war 
zu deutlich, als daß er sich seiner bewußten Wahrnehmung 
gänzlich hätte entziehen können, wenngleich wir aus den Zwangs- 
äußerungen desselben schließen dürfen, daß er für die Tiefe 
seiner negativen Regungen die richtige Schätzung nicht besaß. 
Die Dame hatte seine erste Werbung vor zehn Jahren mit 
einem Nein beantwortet. Seither wechselten Zeiten, in denen er 
sie intensiv zu lieben glaubte, mit anderen, in welchen er gleich- 
gültig gegen sie fühlte, auch in seinem Wissen miteinander ab. 
Wenn er im Laufe der Behandlung einen Schritt tun sollte, 
welcher ihn dem Ziele der Bewerbung näher brachte, so äußerte 
sich sein Widerstand gewöhnlich zuerst in der Überzeugung, er 
habe sie eigentlich gar nicht so lieb, die freilich bald über- 
wunden wurde. Als sie einmal in schwerer Krankheit zu Bette 
lag, was seine äußerste Teilnahme hervorrief, brach bei ihrem 
Anblicke der Wunsch bei ihm durch: so soll sie immer liegen 
bleiben. Er deutete sich diesen Einfall durch das spitzfindige 



') Vergleiche den ähnlichen Mechanismus der bekannten sakrilegischen 
Einfälle der Frommen. 

2 ) Dieser Traum gibt die Aufklärung des so häufigen und als rätsel- 
haft betrachteten Zwangslachens bei Traueranlässen. 



155 

Mißverständnis, er wünsche nur darum ihr beständiges Krank- 
sein, damit er die Angst vor wiederholten Krankheitsaniällen 
los werde, die er nicht ertragen könne 1 )! Gelegentlich be- 
schäftigte er seine Phantasie mit Tagträumen, die er selbst als 
„Rachephantasien" erkannte und deren er sich schämte. Weil 
er meinte, daß sie einen großen Wert auf die soziale Stellung 
eines Bewerbers legen würde, phantasierte er, daß sie einen 
solchen Mann in amtlicher Position geheiratet habe. Er tritt 
nun in dasselbe Amt ein, bringt es dort viel weiter als jener, 
der zu seinem Untergebenen wird. Eines Tages hat dieser Mann 
eine unlautere Handlung begangen. Die Dame fällt ihm zu 
Füßen, beschwört ihn, ihren Mann zu retten. Er verspricht es, 
eröffnet ihr, daß er nur aus Liebe zu ihr in das Amt ein- 
getreten sei, weil er einen solchen Moment vorausgesehen habe. 
Jetzt sei mit der Rettung ihres Mannes seine Mission erfüllt; 
er lege sein Amt nieder. 

In anderen Phantasien, des Inhaltes, daß er ihr einen 
großen Dienst leiste u. dgl. ohne daß sie erfahre, daß er es 
sei, anerkannte er bloß die Zärtlichkeit, ohne den zur Ver- 
drängung der Rachsucht bestimmten Edelmut nach Muster des 
Du masschen Grafen von Monte Christo nach dieser seiner 
Herkunft und Tendenz zu würdigen. Übrigens gestand er zu, 
daß er gelegentlich unter sehr deutlichen Impulsen stehe, der 
von ihm verehrten Dame etwas anzutun. Diese Impulse schwiegen 
meist in ihrer Gegenwart und träten in ihrer Abwesenheit hervor. 

f) Die Krankheitsveraiilassuiig. 

Eines Tages erwähnte unser Patient flüchtig eine Be- 
gebenheit, in welcher ich sofort die Krankheitsveranlassung, 
wenigstens den rezenten Anlaß des noch heute anhaltenden 
Krankheitsausbruches vor etwa 6 Jahren erkennen mußte. Er 
selbst hatte keine Ahnung, daß er etwas Bedeutsames vor- 
gebracht hatte; er konnte sich nicht erinnern, der Begebenheit, 
die er übrigens niemals vergessen hatte, einen Wert beigelegt 
zu haben. Dieses Verhalten fordert eine theoretische Würdi- 
gung heraus. 

l ) Ein Beitrag eines andern Motivs zu diesem Zwangseinfalle ist uiclit 
abzuweisen, des Wunsches, sie wehrlos gegen seine Absichten zu wissen. 



156 



Bei Hysterie ist es Regel, daß die rezenten Anlässe der 
Erkrankung der Amnesie ebenso verfallen wie die infantilen 
Erlebnisse, mit deren Hilfe jene ihre Affektenergie in Symptome 
umsetzen. Wo ein völliges Vergessen unmöglich ist, da wird die 
rezente traumatische Veranlassung doch von der Amnesie an- 
genagt und zum mindesten ihrer bedeutsamsten Bestandteile 
beraubt. Wir sehen in solcher Amnesie den Erweis der statt- 
gehabten Verdrängung. Anders ist es in der Hegel bei der 
Zwangsneurose. Die infantilen Voraussetzungen der Neurose 
mögen einer — oft nur unvollständigen — Amnesie verfallen 
sein; die rezenten Anlässe der Erkrankung finden sich dagegen 
im Gedächtnis erhalten. Die Verdrängung hat sich hier eines 
andern, eigentlich einfacheren Mechanismus bedient; anstatt 
das Trauma zu vergessen, hat sie ihm die Affektbesetzung ent- 
zogen, so daß im Bewußtsein ein indifferenter, für unwesentlich 
erachteter Vorstellungsinhalt erübrigt. Der Unterschied hegt im 
psychischen Geschehen, das wir hinter den Phänomenen kon- 
struieren dürfen; der Erfolg des Vorganges ist fast der näm- 
liche, denn der indifferente Erinnerungsinhalt wird nur selten 
reproduziert und spielt in der Gedankentätigkeit der Person 
keine Rolle. Zur Unterscheidung der beiden Arten der Ver- 
drängung können wir zunächst nur die Versicherung des Patienten 
verwenden, er habe die Empfindung, daß er das eine immer 
gewußt, das andere seit langer Zeit vergessen habe 1 ). 

Es ist darum -kein seltenes Vorkommnis, daß Zwangskranke, 
die an Selbstvorwürfen leiden und ihre Affekte an falsche Ver- 
anlassungen geknüpft haben, dem Arzt auch von den richtigen 
Mitteilung machen, ohne zu ahnen, daß ihre Vorwürfe nur von 
diesen letzteren abgetrennt sind. Sie äußern dabei gelegentlich 

■) Man muß also zugeben, daß es für die Zwangsneurose zweierlei 
Wmm und Kennen gibt, und darf mit dem gleichen Rechte behaupten, 
der Zwangskranke „kenne" seine Traumen, wie er „kenne« sie nicht » 
kennt sie nämlich, insofern er sie nicht vergessen hat, er kennt sie nicht, 
da er nicht ihre Bedeutung erkennt. Es ist im normalen Leben oft auch 
nicht anders. Die Kellner, die den Philosophen Schopenhauer in seinem 
btammgasthaus zu bedienen pflegten, „kannten« ihn in gewissem Sinne zu 
einer Zeit, da er sonst in und außerhalb Frankfurt unbekannt war, aber 
nicht in dem Sinne, den wir heute mit der „Kenntnis« von Schopen- 
hauer verbinden. 



157 

verwundert oder selbst wie prahlerisch: Daraus mache ich mir 
aber gar nichts. So war es auch in dem ersten Falle von Zwangs- 
neurose, der mir vor vielen Jahren das Verständnis des Leidens 
eröffnete. Der Patient, ein Staatsbeamter, der an ungezählten 
Bedenklichkeiten litt, derselbe, von dem ich die Zwangshandlung 
an dem Ast im Schönbrunner Park berichtet habe, fiel mir da- 
durch auf, daß er mir für den Besuch in der Sprechstunde stets 
reine und glatte Papiergulden überreichte. (Wir hatten damals 
in Osterreich noch kein Silbergeld.) Als ich einmal bemerkte, 
man erkenne doch gleich den Staatsbeamten an den nagel- 
neuen Gulden, die er von der Staatskasse beziehe, belehrte er 
mich, die Gulden seien keineswegs neu, sondern in seinem Hause 
gebügelt (geplättet) worden. Er mache sich ein Gewissen dar- 
aus, jemand schmutzige Papiergulden in die Hand zu geben; 
da klebten die gefährlichsten Bakterien daran, die dem Emp- 
fänger Schaden bringen könnten. Mir dämmerte damals bereits 
in unsicherer Ahnung der Zusammenhang der Neurosen mit 
dem Sexualleben, und so wagte ich es, den Patienten ein ander- 
mal zu befragen, wie er es in diesem Punkte hielte. Oh, alles 
in Ordnung, meinte er leichthin, ich leide keinen Mangel. Ich 
spiele in vielen guten Bürgerhäusern die Rolle eines lieben alten 
Onkels und die benutze ich, um mir von Zeit zu Zeit ein junges 
Mädchen für eine Landpartie auszubitten. Ich richte es dann so 
ein, daß wir den Zug versäumen und auf dem Lande über- 
nachten müssen. Ich nehme dann immer zwei Zimmer, ich bin 
sehr nobel; aber wenn das Mädchen zu Bett ist, komme ich zu 
ihr und masturbiere sie mit meinen Fingern. — Ja, fürchten Sie 
denn nicht, daß Sie ihr schaden, wenn Sie mit Ihrer schmutzigen 
Hand in ihren Genitalien herumarbeiten? — Da brauste er aber 
auf: Schaden? Was soll es ihr denn schaden? Keiner hat es 
noch geschadet und jeder war es recht. Einige von ihnen sind 
jetzt schon verheiratet und es hat ihnen nicht geschadet. — Er 
nahm meine Beanstandung sehr übel auf und kam nie wieder. 
Ich konnte mir aber den Kontrast zwischen seiner Bedenklich- 
keit bei den Papiergulden und seiner Rücksichtslosigkeit beim 
Mißbrauch der ihm anvertrauten Mädchen nur durch eine Ver- 
schiebung des Vorwurfsaffekts erklären. Die Tendenz dieser 
Verschiebung war deutlich genug; wenn er den Vorwurf dort 



158 



beließ, wohin er gehörte, so mußte er auf eine sexuelle Be- 
friedigung verzichten, zu der er wahrscheinlich durch starke in- 
fantile Determinanten gedrängt war. Er erzielte also durch die 
Verschiebung einen namhaften Kr an kh ei ts gewinn. 

Auf die Krankheitsveranlassung bei unserem Patienten 
muß ich aber nun ausführlicher eingehen. Seine Mutter war als 
entfernte Verwandte in einer reichen Familie aufgezogen worden, 
die ein großes industrielles Unternehmen betrieb. Sein Vater 
trat gleichzeitig mit der Heirat in den Dienst dieses Unternehmens 
und gelangte so eigentlich infolge seiner Ehewahl zu ziemlichem 
"Wohlstand. Durch Neckereien zwischen den in vortrefflicher 
Ehe lebenden Eltern hatte der Sohn erfahren, daß der Vater 
einem hübschen armen Mädchen aus . bescheidener Familie den 
Hof gemacht hatte, eine Zeitlang bevor er die Mutter kennen 
lernte. Dies die Vorgeschichte. Nach dem Tode des Vaters 
teilte die Mutter eines Tages dem Sohne mit, es sei zwischen 
ihr und ihren reichen Verwandten die Rede von seiner Zukunft 
gewesen, und einer der Vettern haben seine Bereitwilligkeit aus- 
gedrückt, ihm eine seiner Töchter zu geben, wenn er seine 
Studien beendigt habe; die geschäftliche Verbindung mit der 
Firma werde ihm dann auch in seinem Berufe glänzende Aus- 
sichten eröffnen. Dieser Plan der Familie entzündete in ihm 
den Konflikt, ob er seiner armen Geliebten treu bleiben oder 
in die Fußstapfen des Vaters treten und das schöne, reiche, vor- 
nehme Mädchen, das ihm bestimmt worden, zur Frau nehmen 
solle. Und diesen Konflikt, der eigentlich ein solcher zwischen 
seiner Liebe und dem fortwirkenden Willen des Vaters war, löste 
er durch Erkrankung, richtiger gesagt: er entzog sich durch die 
Erkrankung der Aufgabe, ihn in der Realität zu lösen 1 ). 

Der Beweis für diese Auffassung liegt in der Tatsache, daß 
hartnäckige Arbeitsunfähigkeit, die ihn die Beendigung seiner 
Studien um Jahre aufschieben ließ, der Haupterfolg der Er- 
krankung war. Was aber der Erfolg einer Krankheit ist, das 
lag in der Absicht derselben; die anscheinende Krankheitsfolge 
ist in Wirklichkeit die Ursache, das Motiv des Krankwerdens. 

*) Es ist hervorzuheben, daß die Flucht in die Krankheit ihm durch 
die Identifizierung mit dem Vater ermöglicht wurde. Diese gestattete ihm 
die Regression der Affekte auf die Kindheitsreste. 



159 

Meine Aufklärung fand begreiflicherweise bei dem Kranken 
zunächst keine Anerkennung. Er könne sich eine solche Wirkung 
des Heiratsplanes nicht vorstellen, derselbe habe ihm seinerzeit 
nicht den mindesten Bindruck gemacht. Im weiteren Verlaufe 
der Kur mußte er sich aber auf einem eigentümlichen Wege 
von der Richtigkeit meiner Vermutung überzeugen. Er erlebte 
mit Hilfe einer Übertragungsphantasie als neu und gegenwärtig, 
was er aus der Vergangenheit vergessen hatte, oder was nur 
unbewußt bei ihm abgelaufen war. Aus einer dunkeln und 
schwierigen Periode der Behandlungsarbeit ergab sich endlich, 
daß er ein junges Mädchen, welches er einmal auf der Stiege 
meines Hauses angetroffen, zu meiner Tochter erhoben hatte. 
Sie erregte sein Wohlgefallen und er imaginierte, daß ich nur 
darum so liebenswürdig und unerhört geduldig mit ihm sei, weil 
ich ihn zum Schwiegersöhne wünsche, wobei er den Reichtum, 
und die Vornehmheit meines Hauses bis zu dem ihm zum Vor- 
bild passenden Niveau erhöhte. Gegen diese Versuchung stritt 
aber in ihm die unauslöschliche Liebe zu seiner Dame. Nachdem 
wir eine Reihe der schwersten Widerstände und ärgsten Be- 
schimpfungen überwunden hatten, konnte er sich der über- 
zeugenden Wirkung der vollen Analogie zwischen der phanta- 
sierten Übertragung und der damaligen Realität nicht entziehen. 
Ich gebe einen seiner Träume aus dieser Zeit wieder, um den 
Stil seiner Darstellung an einer Probe zu zeigen. Er sieht 
meine Tochter vor sich, aber sie hat zwei Dreckpatzen 
anstatt der Augen. Für jeden, der die Sprache der Träume 
versteht, wird die Übersetzung leicht sein: Er heiratet meine 
Tochter nicht ihrer schönen Augen, sondern ihres 
Geldes wegen. 

g) Der Vaterkomplex und die Lösung der Rattenidee. 

Von der Krankheitsveranlassung reiferer Jahre führte ein 
Eaden zurück in die Kindheit unseres Patienten. Er fand sich 
in einer Situation, wie sie nach seinem Wissen oder Vermuten 
der Vater vor seiner eigenen Eheschließung bestanden hatte, 
und konnte sich mit dem Vater identifizieren. Noch in anderer 
Weise spielte der verstorbene Vater in die rezente Erkrankung 
hinein. Der Krankheitskonfiikt war im Wesen ein Widerstreit 



160 



zwischen dein fortwirkenden "Willen des Vaters und seiner 
eigenen verliebten Neigung. Nehmen wir Rücksicht auf die Mit- 
teilungen, die der Patient in den ersten Stunden der Behand- 
lung gemacht hatte, so können wir die Vermutung nicht ab- 
weisen, daß dieser Widerstreit ein uralter gewesen sei und sich 
schon in den Kinderjahren des Kranken ergeben habe. 

Der Vater unseres Patienten war nach allen Auskünften 
ein ganz vortrefflicher Mann. Er war vor der Heirat Unter- 
offizier gewesen und hatte eine aufrichtige soldatische Art so- 
wie eine Vorliebe für derbe Ausdrücke als Niederschlag aus 
diesem Stücke seines Lebens behalten. Außer den Tugenden, 
die der Leichenstein an jedermann- zu rühmen pflegt, zeichnete 
ihn ein herzlicher Humor und eine gütige Nachsicht gegen 
seine Mitmenschen aus; es steht gewiß nicht im Widerspruche 
mit diesem Charakter, stellt sich vielmehr als Ergänzung zu ihm 
dar, daß er jäh und heftig sein konnte, was den Kindern, so- 
lange sie klein und schlimm waren, gelegentlich zu sehr emp- 
findlichen Züchtigungen verhalf. Als die Kinder heranwuchsen, 
wich er von anderen Vätern darin ab, daß er sich nicht zur 
unantastbaren Autorität emporheben wollte, sondern in gut- 
mütiger Offenheit die kleinen Verfehlungen und Mißgeschicke 
seines Lebens ihrer Mitwissenschaft preisgab. Der Sohn über- 
trieb gewiß nicht, wenn er aussprach, sie hätten miteinander 
verkehrt wie die besten Freunde, bis auf einen einzigen Punkt 
(vgl. S. 144). An diesem einen Punkte mußte es wohl gelegen 
sein, wenn den Kleinen der Gedanke an den Tod des Vaters 
mit ungewöhnlicher und ungebührlicher Intensität beschäftigte 
(S. 129), wenn solche Gedanken im Wortlaute seiner kindlichen 
Zwangsideen auftraten, wenn er sich wünschen konnte, der 
Vater möge sterben, damit ein gewisses Mädchen, durch Mit- 
leid erweicht, zärtlicher gegen ihn werde (S. 142). 

Es ist nicht zu bezweifeln, daß auf dem Gebiete der Sexua- 
lität etwas zwischen Vater und Sohn stand, und daß der Vater 
in einen bestimmten Gegensatz zu der frühzeitig erwachten Ero- 
tik des Sohnes geraten war. Mehrere Jahre nach dem Tode 
des Vaters drängte sich dem Sohne, als er zum ersten Male 
die Lustempfindung eines Koitus erfuhr, die Idee auf: das ist 
doch großartig; dafür könnte man seinen Vater ermorden! Dies 



161 

zugleich ein Nachklang und eine Verdeutlichung seiner kind- 
lichen Zwangsideen. Kurz vor seinem Tode hatte der Vater 
übrigens direkt gegen die später dominierende Neigung unseres 
Patienten Stellung genommen. Er merkte, daß er die Gesell- 
schaft jener Dame aufsuche, und riet ihm von ihr mit den 
Worten ab, es sei nicht klug und er werde sich nur blamieren. 
Zu diesen vollkommen gesicherten Anhaltspunkten kommt 
anderes hinzu, wenn wir uns zur Geschichte der onanistischen 
Sexualbetätigung unseres Patienten wenden. Es besteht auf 
diesem Gebiete ein noch nicht verwerteter Gegensatz zwischen 
den Ansichten der Arzte und der Kranken. Letztere sind alle 
darin einig, die Onanie, unter der sie die Pubertätsmasturbation 
verstehen, als Wurzel und Urquell all ihrer Leiden hinzustellen; 
die Arzte wissen im allgemeinen nicht, wie sie darüber denken 
sollen, aber unter dem Eindrucke der Erfahrung, daß auch die 
meisten später Normalen in den Pubertätsj ahren eine Weile onaniert 
haben, neigen sie in ihrer Mehrzahl dazu, die Angaben der 
Kranken als grobe Überschätzungen zu verurteilen. Ich meine, 
daß die Kranken auch hierin eher recht haben als die Arzte. 
Den Kranken dämmert hier eine richtige Einsicht, während die 
Arzte in Gefahr sind, etwas Wesentliches zu übersehen. Es ver- 
hält sich gewiß nicht so, wie die Kranken ihren Satz selbst 
verstehen wollen, daß die fast typisch zu nennende Pubertäts- 
onanie für alle neurotischen Störungen verantwortlich zu machen 
sei. Der Satz bedarf der Deutung. Aber die Onanie der Puber- 
tätsjahre ist in Wirklichkeit nichts anderes als die Auffrischung 
der bisher stets vernachlässigten Onanie der Kinderjahre, welche 
zumeist in den Jahren von 3 bis 4 oder 5 eine Art von Höhe- 
punkt erreicht, und diese ist allerdings der deutlichste Ausdruck 
der sexuellen Konstitution des Kindes, in welcher auch wir die 
Ätiologie der späteren Neurosen suchen. Die Kranken be- 
schuldigen unter solcher Verhüllung also namentlich ihre in- 
fantile Sexualität, und darin haben sie vollauf recht. Das 
Problem der Onanie wird hingegen unlösbar, wenn man die 
Onanie als eine klinische Einheit auffassen will und daran ver- 
gißt, daß sie die Abfuhr der verschiedenartigsten Sexualkom- 
ponenten und der von ihnen gespeisten Phantasien darstellt. Die 
Schädlichkeit der Onanie ist nur zum geringen Anteil eine 

Freud, Neurosenlehre. III. 11 



161 



autonome, durch ihre eigene Natur bedingte. Der Hauptsache 
nach fällt sie mit der pathogenen Bedeutung des Sexuallebens 
überhaupt zusammen. Wenn soviele Individuen die Onanie, d. h. 
ein gewisses Ausmaß dieser Betätigung, ohne Schaden vertragen, 
so lehrt diese Tatsache nichts anderes, als daß bei ihnen die 
sexuelle Konstitution und der Ablauf der Entwicklungsvorgänge 
im Sexualleben die Ausübung der Funktion unter den kultu- 
rellen Bedingungen gestattet hat 1 ), während andere infolge un- 
günstiger Sexualkonstitution oder gestörter Entwicklung an ihrer 
Sexualität erkranken, d. h. die Anforderungen zur Unterdrückung 
und Sublimierung der sexuellen Komponenten nicht ohne Hem- 
mungen und Ersatzbildungen erfüllen können. 

Unser Patient war in seinem Onanieverhalten recht auf- 
fällig; er entwickelte keine Pubertätsonanie und hätte also nach 
gewissen Erwartungen ein Anrecht darauf gehabt, frei von Neu- 
rose zu bleiben. Dagegen trat der Drang zur onanistischen Be- 
tätigung im 21. Jahre bei ihm auf, kurze Zeit nach dem Tode 
des Vaters. Er war sehr beschämt nach jeder Befriedigung 
und schwor ihr bald wieder ab. Von da an trat die Onanie nur 
bei seltenen und sehr merkwürdigen Anlässen wieder auf. „Be- 
sonders schöne Momente, die er erlebte, oder besonders schöne 
Stellen, die er las, riefen sie hervor. So z. B. als er an einem 
schönen Sommernachmittag einen Postillon in der Innern Stadt 
so herrlich blasen hörte, bis ein Wachmann es ihm untersagte, 
weil in der Stadt das Blasen verboten sei! Oder ein andermal, 
als er in Dichtung und Wahrheit las, wie sich der junge 
Goethe in zärtlicher Aufwallung von der Wirkung eines Fluches 
befreite, den eine Eifersüchtige über die ausgesprochen, welche 
nach ihr seine Lippen küssen würde. Lange hatte er sich wie 
abergläubisch durch diesen Fluch abhalten lassen, jetzt aber 
zerriß er die Fessel und küßte sein Lieb herzlich ab." 

Er verwunderte sich nicht wenig, daß er gerade bei solchen 
schönen und erhebenden Anlässen zur Masturbation gedrängt 
worden sei. Ich mußte aber aus diesen beiden Beispielen als 
das Gemeinsame das Verbot und das Sichhinaussetzen über ein 
Gebot herausheben. 



*) Vgl. Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 1905. 



163 

In denselben Zusammenhang gehörte auch sein sonder- 
bares Benehmen zu einer Zeit, da er für eine Prüfung studierte 
und mit der ihm liebgewordenen Phantasie spielte, der Vater 
lebe noch und könne jeden Moment wiederkommen. Er richtete 
es sich damals so ein, daß sein Studium auf die spätesten 
Nachtstunden fiel. Zwischen 12 und 1 Uhr nachts unterbrach 
er sich, öffnete die auf die Hausflur führende Tür, als ob der 
Vater davor stünde, und betrachtete dann, nachdem er zurück- 
gekommen war, im Spiegel des Vorzimmers seinen entblößten 
Penis. Dies tolle Treiben wird unter der Voraussetzung ver- 
ständlich, daß er sich so benahm, als ob er den Besuch des 
Vaters um die Geisterstunde erwartete. Zu seinen Lebzeiten 
war er eher ein fauler Student gewesen, worüber sich der Vater 
oft gekränkt hatte. Nun sollte er Freude an ihm haben, wenn 
er als Geist wiederkam und ihn beim Studieren traf. An dem 
andern Teile seines Tuns konnte der Vater aber unmöglich 
Freude haben; damit trotzte er ihm also und brachte so in 
einer unverstandenen Zwangshandlung die beiden Seiten seines 
Verhältnisses zum Vater nebeneinander zum Ausdrucke, ähn- 
lich wie in der späteren Zwangshandlung vom Steine auf der 
Straße gegen die geliebte Dame. 

Auf diese und ähnliche Anzeichen gestützt, wagte ich die 
Konstruktion, er habe als Kind im Alter vor 6 Jahren irgend 
eine sexuelle Missetat im Zusammenhange mit der Onanie be- 
gangen und sei dafür vom Vater empfindlich gezüchtigt wurden. 
Diese Bestrafung hätte der Onanie allerdings ein Ende gemacht 
aber anderseits einen unauslöschlichen Groll gegen den Vater 
hinterlassen und dessen Holle als Störer des sexuellen Genusses 
für alle Zeiten fixiert. (Vgl. die ähnlichen Vermutungen in einer 
der ersten Sitzungen S. 13ü.) Zu meinem großen Erstaunen 
berichtete nun der Patient, ein solcher Vorfall aus seinen ersten 
Kinderjahren sei ihm von der Mutter wiederholt erzählt worden 
und offenbar darum nicht in Vergessenheit geraten, weil sich 
so merkwürdige Dinge an ihn knüpften. Seine eigene Erinnerung 
wisse allerdings nichts davon. Die Erzählung aber lautete: Als 
er noch sehr klein war — die genauere Zeitbestimmung ließe 
sich noch durch das Zusammentreffen mit der Todeskrankheit 
einer älteren Schwester gewinnen — soll er etwas Arges au- 

11* 



164 

gestellt haben, wofür ihn der Vater prügelte. Da sei der kleine 
Knirps in eine schreckliche Wut geraten und habe noch unter 
den Schlägen den Vater beschimpft. Da er aber noch keine 
Schimpfwörter kannte, habe er ihm alle Namen von Gegen- 
ständen gegeben, die ihm einfielen, und gesagt: du Lampe, du 
Handtuch, du Teller usw. Der Vater hielt erschüttert über diesen 
elementaren Ausbruch im Schlagen inne und äußerte: Der 
Kleine da wird entweder ein großer Mann oder ein großer 
Verbrecher 1 )! Er meint, der Eindruck dieser Szene sei sowohl 
für ihn wie für den Vater ein dauernd wirksamer gewesen. Der 
Vater habe ihn nie wieder geprügelt; er selbst leitet aber ein 
Stück seiner Charakterveränderung von dem Erlebnisse ab. 
Aus Angst vor der Größe seiner Wut sei er von da an feige 
geworden. Er hatte übrigens sein ganzes Leben über schreck- 
liche Angst vor Schlägen und verkroch sich vor Entsetzen und 
Empörung, wenn eines seiner Geschwister geprügelt wurde. 

Eine erneuerte Kachfrage bei der Mutter brachte außer 
der Bestätigung dieser Erzählung die Auskunft, daß er damals 
zwischen 3 und 4 Jahre alt war, und daß er die Strafe ver- 
dient, weil er jemanden gebissen hatte. Näheres erinnerte auch 
die Mutter nicht mehr; sie meinte recht unsicher, die von dem 
Kleinen beschädigte Person möge die Kinderfrau gewesen sein; 
von einem sexuellen Charakter des Deliktes war in ihrer Mit- 
teilung nicht die Rede-). 

*) Die Alternative war unvollständig. An den häufigsten Ausgang- so 
vorzeitiger Leidenschaftlichkeit, an den in Neurose, hatte der Vater nicht 
gedacht. 

2 ) Man hat es in den Psychoanalysen häufig mit solchen Begeben- 
heiten aus den ersten Kinderjahren zu tun, in denen die infantile Sexual- 
tätigkeit zu gipfeln scheint und häufig durch einen Unfall oder eine Be- 
strafung ein katastrophales Ende findet. Sie zeigen sich schattenhaft in 
Träumen an, werden oft so deutlich, daß man sie greifbar zu besitzen ver- 
meint, aber sie entziehen sich doch der endgültigen Klarstellung, und wenn 
man nicht mit besonderer Vorsicht und mit Geschick verfährt, muß man es 
unentschieden lassen, ob eine solche Szene wirklich vorgefallen ist. Auf die 
richtige Spur der Deutung wird man durch die Erkenntnis geführt, daß 
von solchen Szenen mehr als eine Version, oft sehr verschiedenartige, in 
der unbewußten Phantasie des Patienten aufzuspüren sind. Wenn man in 
der Beurteilung der Realität nicht irregehen will, muß man sich vor allem 
daran erinnern, daß die „Kindheitserinnerungen" der Menschen erst in einem 



1(55 

Indem ich die Diskussion dieser Kindheitsszene in die 
Fußnote verweise, führe ich an, daß durch deren Auftauchen 
seine Weigerung, an eine prähistorisch erworbene und später 
latent gewordene Wut gegen den geliebten Vater zu glauben, 
zuerst ins Wanken geriet. Ich hatte nur eine stärkere Wirkung 
erwartet, denn diese Begebenheit war ihm so oft auch vom 
Vater selbst erzählt worden, daß ihre Realität keinem Zweifel 
unterlag. Mit einer Fähigkeit, die Logik zu beugen, welche bei 

späteren Alter (meist zur Zeit der Pubertät) festgestellt und dabei einem 
komplizierten Umarbeitungsprozeß unterzogen werden, welcher der Sa^en- 
bildung eines Volkes über seine Urgeschichte durchaus analog ist. Es läßt 
sich deutlich erkennen, daß der heranwachsende Mensch in diesen Phantasie- 
bildungen über seine erste Kindheit das Andenken an seine autoero- 
tische Betätigung zu verwischen sucht, indem er seine Erinnerungs- 
spuren auf die Stufe der Objektliebe hebt, also wie ein richtiger Geschicht- 
schreiber die Vergangenheit im Lichte der Gegenwart erblicken will. Daher 
die Überfülle von Verführungen und Attentaten in diesen Phantasien, wo 
die Wirklichkeit sich auf autoerotische Betätigung und auf Anregung dazu 
durch Zärtlichkeiten und Strafen beschränkt. Ferner wird man gewahr, daß 
der über seine Kindheit Phantasierende seine Erinnerungen sexual i- 
siert, d. h. daß er banale Erlebnisse mit seiner Sexualbetätigung in Be- 
ziehung bringt, sein Sexualinteresse über sie ausdehnt, wobei er wahr- 
scheinlich den Spuren des wirklich vorhandenen Zusammenhanges nach- 
fährt. Daß es nicht die Absicht dieser Bemerkungen ist, die von mir be- 
hauptete Bedeutung der infantilen Sexualität nachträglich durch die Re- 
duktion auf das Sexualinteresse der Pubertät herabzusetzen, wird mir jeder 
glauben, der die von mir mitgeteilte „Analyse der Phobie eines 5 jährigen 
Knaben" im Gedächtnis hat. Ich beabsichtige nur, technische Anweisungen 
zur Auflösung jener Phantasiebildungen zu geben, welche dazu bestimmt 
sind, das Bild jener infantilen Sexualbetätigung zu verfälschen. 

Nur selten ist man wie bei unserem Patienten in der glücklichen 
Lage, die tatsächliche Grundlage dieser Dichtungen über die Urzeit durch 
das unerschütterliche Zeugnis eines Erwachsenen festzustellen. Immerhin 
läßt die Aussage der Mutter den Weg für mehrfache Möglichkeiten offen. 
Daß sie die sexuelle Natur des Vergehens, für welches das Kind gestraft 
wurde, nicht proklamierte, mag seinen Grund in ihrer eigenen Zensur haben, 
welche bei allen Eltern gerade dieses Element aus der Vergangenheit ihrer 
Kinder auszuschalten bemüht ist. Es ist aber ebenso möglich, daß das Kind 
damals wegen einer banalen Unart uicht sexueller Natur von der Kinder- 
frau oder der Mutter selbst zurechtgewiesen und dann wegen seiner ge- 
walttätigen Reaktion vom Vater gezüchtigt wurde. Die Kinderfrau oder 
eine andere dienende Person wird in solchen Phantasien regelmäßig durch 
die vornehmere der Mutter ersetzt. Wenn man sich in die Deutung der 



166 



den sehr intelligenten Zwangskranken jedesmal höchst be- 
fremdend wirkt, machte er aber immer wieder gegen die Be- 
weiskraft der Erzählung geltend, er erinnere sich doch nicht 
seihst daran. Er mußte sich also die Überzeugung, daß sein 
Verhältnis zum Vater wirklich jene unbewußte Ergänzung er- 
forderte, erst auf dem schmerzhaften "Wege der Übertragung 
erwerben. Es kam bald dazu, daß er mich und die Meinigen 
in Träumen, Tagesphantasien und Einfällen aufs gröblichste 
und unflätigste beschimpfte, während er mir doch mit Absicht 
niemals etwas anderes als die größte Ehrerbietung entgegen- 
brachte. Sein Benehmen während der Mitteilung dieser Be- 
schimpfungen war das eines Verzweifelten. „Wie kommen Herr 
Professor dazu, sich von einem schmierigen, hergelaufenen Kerl 
wie ich so beschimpfen zu lassen? Sie müssen mich hinaus- 
werfen; ich verdiene es nicht besser." Bei diesen Reden pflegte 

diesbezüglichen Träume des Patienten tiefer einließ, fand man die deut- 
lichsten Hinweise auf eine episch zu nenneude Dichtung;, in welcher sexuelle 
Gelüste gegen Mutter und Schwester und der frühzeitige Tod dieser Schwester 
mit jener Züchtigung des kleinen Helden durch den Vater zusammengebracht 
wurden. Es gelang nicht, dieses Gewebe von Phantasieumliiillungen Faden 
für Faden abzuspinnen; gerade der therapeutische Erfolg war hier das 
Hindernis. Der Patient war hergestellt und das Leben forderte von ihm, 
mehrfache, ohnedies zu lange aufgeschobene, Aufgaben in Angriff zu nehmen, 
die mit der Fortsetzung der Kur nicht verträglich waren. Man mache mir 
also aus dieser Lücke in der Analyse keinen Vorwurf. Die wissenschaftliche 
Erforschung durch die Psychoanalyse ist ja heute nur ein Nebenerfolg der 
therapeutischen Bemühung, und darum ist die Ausbeute oft gerade bei 
unglücklich behandelten Fällen am größten. 

Der Inhalt des kindlichen Sexuallebens besteht in der autoerotischen 
Betätigung der vorherrschenden Sexualkomponcnten. in Spuren von Objekt- 
liebe und in der Bildung jenes Konnexes, den man den Kernkomplex 
der Neurosen nennen könnte, der die ersten zärtlichen wie feindseligen 
Regungen gegen Eltern und Geschwister umfaßt, nachdem die "Wißbegierde 
des Kleinen, meist durch die Ankunft eines neuen Geschwisterchens, ge- 
weckt worden ist. Aus der Uniformität dieses Inhaltes und aus der Kon- 
stanz der späteren modifizierenden Einwirkungen erklärt es sich leicht, daß 
im allgemeinen stets die nämlichen Phantasien über die Kindheit gebildet 
werden, gleichgültig wieviel oder wie wenig Beiträge das wirkliche Erleben 
dazu gestellt hat. Es entspricht durchaus dem infantilen Kernkomplex, dr.ß 
der Vater zur Rolle des sexuellen Gegners und des Störers der autoero- 
tischen Sexualbetätigung gelangt, und die Wirklichkeit hat daran zumeist 
einen guten Anteil. 



1G7 

er vom Diwan aufzustehen und im Zimmer herumzulaufen, was 
er zuerst mit Feinfühligkeit motivierte; er bringe es nicht über- 
sieh, so gräßliche Dinge zu sagen, während er behaglich da- 
liege. Er fand aber bald selbst die triftigere Erklärung, daß er 
sich meiner Nähe entziehe, aus Angst von mir geprügelt zu 
werden. Wenn er sitzen blieb, so benahm er sich wie einer, der 
sich in verzweifelter Angst vor maßlosen Züchtigungen schützen 
will; er stützte den Kopf in die Hände, deckte sein Gesicht 
mit dem Arme, lief plötzlich mit schmerzlich verzerrten Zügen 
davon usw. Er erinnerte, daß der Vater jähzornig gewesen war 
und in seiner Heftigkeit manchmal nicht mehr wußte, wieweit 
er gehen durfte. In solcher Schule des Leidens gewann er all- 
mählich die ihm mangelnde Überzeugung, die sich jedem andern 
nicht persönlich Beteiligten wie selbstverständlich ergeben hätte; 
dann war aber auch der Weg zur Auflösung der Rattenvor- 
stellung frei. Eiue Eülle von bisher zurückgehaltenen tatsäch- 
lichen Mitteilungen wurde nun auf der Höhe der Kur zur Her- 
stellung des Zusammenhanges verfügbar. 

In der Darstellung desselben werde ich, wie angekündigt, 
aufs äußerste verkürzen und resümieren. Das erste Rätsel war 
offenbar, weshalb die beiden Reden des technischen Haupt- 
mannes, die Rattenerzählung und die Aufforderung, dem Ober- 
leutnant A. das Geld zurückzugeben, so aufregend auf ihn ge- 
wirkt und so heftige pathologische Reaktionen hervorgerufen 
hatten. Es war anzunehmen, daß hier „Komplexempfindlich- 
keit" vorlag, daß durch jene Reden hyperästhetische Stellen 
seines Unbewußten unsanft berührt worden waren. So war es 
auch; er befand sich, wie jedesmal im militärischen Verhältnisse, 
in einer unbewußten Identifizierung mit dem Vater, der selbst 
durch mehrere Jahre gedient hatte und vieles aus seiner Soldaten- 
zeit zu erzählen pflegte. Nun gestattete der Zufall, der bei der 
Symptombildung mithelfen darf wie der Wortlaut beim Witz, 
daß eines der kleinen xibenteuer des Vaters ein wichtiges 
Element mit der Aufforderung des Hauptmannes gemeinsam 
hatte. Der Vater hatte einmal eine kleine Summe Geldes, über 
die er als Unteroffizier verfügen sollte, im Kartenspiele ver- 
loren (Spielratte) und wäre in arge Bedrängnis gekommen, 
wenn ein Kamerad sie ihm nicht vorgestreckt hätte. Nachdem 



168 



er das Militär verlassen und wohlhabend geworden war, suchte 
er den hilfreichen Kameraden auf, um ihm das Geld zurück- 
zugeben, fand ihn aber nicht mehr. Unser Patient war nicht 
sicher, ob ihm die Rückerstattung überhaupt je gelang; die Er- 
innerung an diese Jugendsünde des Vaters war ihm peinlich, 
da doch sein Unbewußtes von feindseligen Ausstellungen am 
Charakter des Vaters erfüllt war. Die Worte des Hauptmannes: 
Du mußt dem Oberleutnant A. die Kronen 3-80 zurückgeben, 
klangen ihm wie eine Anspielung an jene uneingelöste Schuld 
des Vaters. 

Die Mitteilung aber, daß das Postfräulein in Z. die Nach- 
nahme mit einigen für ihn schmeichelhaften Worten selbst er- 
legt hatte 1 ), verstärkte die Identifizierung mit dem Vater auf 
einem andern Gebiete. Er trug jetzt nach, daß in dem kleinen 
Orte, wo sich auch das Postamt befand, die hübsche Wirts- 
tochter dem schmucken jungen Offizier viel Entgegenkommen 
gezeigt hatte, so daß er sich vornehmen konnte, nach Schluß 
der Manöver dorthin zurückzukommen, um seine Chancen bei 
dem Mädchen zu verfolgen. Nun war ihr in dem Postfräulein 
eine Konkurrentin erstanden; er konnte, wie der Vater in seinem 
Eheroman, schwanken, welcher von beiden er nach dem Ver- 
lassen des Militärdienstes seine Gunst zuwenden sollte. Wir 
merken mit einem Male, daß seine sonderbare Unschlüssigkeit, 
ob er nach Wien reisen oder an den Ort des Postamtes zurück- 
kehren solle, seine beständigen Versuchungen, auf der Reise 
umzukehren (vgl. S. 136), nicht so sinnlos waren, wie sie uns 
zuerst erscheinen mußten. Für sein Bewußtsein war die An- 
ziehung des Ortes Z., an dem sich das Postamt befand, durch 
das Bedürfnis motiviert, den Oberleutnant A. zu sehen und mit 
seiner Hilfe seinen Eid zu erfüllen. In Wirklichkeit war das im 
nämlichen Ort befindliche Postfräulein der Gegenstand seiner 
Sehnsucht und der Oberleutnant nur ein guter Ersatz für sie, 
da er am selben Ort wohnte und selbst den militärischen Post- 

!) Vergessen wir nicht, daß er dies erfahren hatte, ehe der Haupt- 
mann die (unberechtigte) Aufforderung der Rückzahlung an Oberleutnant A. 
an ihn richtete. Es ist dies der für das Verhältnis unentbehrliche Punkt 
durch dessen Unterdrückung er sich die heilloseste Verwirrung bereitete 
und mir eine Zeitlang den Einblick in den Sinn des Ganzen verwehrte. 



169 

dienst versehen hatte. Als er dann hörte, nicht der Ober- 
leutnant A., sondern ein anderer Offizier B. habe an dein Tage 
bei der Post amtiert, zog er auch diesen in seine Kombination 
und konnte sein Schwanken zwischen den beiden ihm gnädig 
gesinnten Mädchen nun in den Delirien mit den beiden Offizieren 
wiederholen. 

Bei der Aufklärung der Wirkungen, welche von der Ratten- 
erzählung des Hauptmannes ausgingen, müssen wir uns enger 
an den Ablauf der Analyse halten. Es ergab sich zunächst eine 
außerordentliche Fülle von assoziativem Material, ohne daß vor- 
läufig die Situation der Zwangsbildung durchsichtiger wurde. 
Die Vorstellung der mit den Ratten vollzogenen Strafe hatte 
eine Anzahl von Trieben gereizt, eine Menge von Erinnerungen 
geweckt, und die Ratten hatten darum in dem kurzen Inter- 
valle zwischen der Erzählung des Hauptmannes und seiner 
Mahnung, das G-eld zurückzugeben, eine Reihe von symbolischen 
Bedeutungen erworben, zu welchen in der Folgezeit immer neue 
hinzutraten. Mein Bericht über all dies kann freilich nur sehr 
unvollständig ausfallen. Die Rattenstrafe rüttelte vor allem die 
Analerotik auf, die in seiner Kindheit eine große Rolle ge- 
spielt hatte und durch jahrelang fortgesetzten Wurmreiz unter- 
halten worden war. Die Ratten kamen so zur Bedeutung: G-eld 1 ), 
welcher Zusammenhang sich durch den Einfall Raten zu 
Ratten anzeigte. Er hatte sich in seinen Zwangsdelirien eine 
förmliche Rattenwährung eingesetzt; z. B. als ich ihm auf Be- 
fragen den Preis einer Behandlungsstunde mitteilte, hieß es bei 
ihm, was ich ein halbes Jahr später erfuhr: Soviel Gulden 
soviel Ratten. In diese Sprache wurde allmählich der ganze 
Komplex der Geldinteressen, die sich an die Erbschaft nach 
dem Vater knüpften, umgesetzt, d. h. alle dahin gehörigen Vor- 
stellungen wurden über diese Wortbrücke Raten — Ratten 
ins Zwanghafte eingetragen und dem Unbewußten unterworfen. 
Diese Geldbedeutung der Ratten stützte sich überdies auf die 
Mahnung des Hauptmannes, den Betrag der Nachnahme zurück- 
zugeben, mit Hilfe der Wortbrücke Spielratte, von der aus 
der Zugang zur Spielverfehlung des Vaters aufzufinden war. 

i ) Vgl. „Charakter und Analerotik" in der Zweiten Folge der Samm- 
lung usw. zur Neurosenielire, 1909. 



170 



Die Ratte war ihm aber auch als Träger gefährlicher In- 
fektionen bekannt und konnte darum als Symbol für die beim 
Militär so berechtigte Angst vor syphilitischer Infektion 
verwendet werden, wohinter allerlei Zweifel an der Lebens- 
führung des Vaters während seiner militärischen Dienstzeit ver- 
steckt waren. In anderem Sinne: Träger der syphilitischen In- 
fektion war der Penis selbst, und so wurde die Ratte zum Ge- 
schlechtsglied, für welche Verwendung sie noch ein anderes An- 
recht geltend inachen konnte. Der Penis, besonders der des 
kleinen Kindes, kann ohne weiteres als Wurm beschrieben 
werden, und in der Erzählung des Hauptmannes wühlten die 
Ratten im After, wie in seinen Kinderjahren die großen Spül- 
würmer. So ruhte die Penisbedeutung der Ratten wiederum auf 
der Analerotik. Die Ratte ist ohnedies ein schmutziges Tier, 
das sich von Exkrementen nährt und in Kanälen lebt, die den 
Abfall führen 1 ). Es ist ziemlich überflüssig anzuführen, welcher 
Ausbreitung das Rattendelirium durch diese neue Bedeutung 
fähig wurde. „Soviel Ratten — soviel Gulden", konnte z. B. als 
eine treffliche Charakteristik eines ihm sehr verhaßten weib- 
lichen Gewerbes gelten. Hingegen ist es wohl nicht gleichgültig, 
daß die Einsetzung des Penis für die Ratte in der Erzählung 
des Hauptmannes eine Situation von Verkehr per anum ergab, 
die ihm in ihrer Beziehung auf Vater und Geliebte besonders 
widerlich erscheinen mußte. Trat diese Situation in der Zwangs- 
androhung wieder auf, welche sich nach der Mahnung des 
Hauptmannes bei ihm gestaltete, so erinnerte dies unverkenn- 
bar an gewisse bei den Südslawen gebräuchliche Plüche, deren 
"Wortlaut man in der von F. S. Krauß herausgegebenen An- 
thropophyteia" nachlesen kann. All dieses Material und noch 
anderes reihte sich übrigens mit dem Deckeinfall Heiraten in 
das Gefüge der Rattendiskussion ein. 

Daß die Erzählung von der Rattenstrafe bei unserem 
Patienten alle vorzeitlich unterdrückten Regungen eigensüchtiger 
und sexueller Grausamkeit in Aufruhr brachte, wird ja durch 

') Wer diese Sprünge der neurotischen Phantasie kopfschüttelnd ab- 
lehnen will, der sei an ähnliche Capriccios erinnert, in denen sich die 
Phantasie der Künstler gelegentlich ergebt, z. B. an die Diableries eroti- 
ques von Le Poitevin. 



171 



seine eigene Schilderung und durch seine Mimik bei der Wieder- 
erzählung bezeugt. Doch fiel trotz all dieses reichen Materials 
so lange kein Licht auf die Bedeutung seiner Zwangsidee, bis 
eines Tages die Ratteninamsell aus Ibsens Klein Eyolf 
auftauchte und die Folgerung unabweisbar machte, in vielen 
Ausgestaltungen seiner Zwangsdelirien bedeuteten die Hatten 
auch Kinder 1 ). Forschte man nach der Entstehung dieser neuen 
Bedeutung, so stieß man sofort auf die ältesten und bedeutsamsten 
Wurzeln. Bei einem Besuche am Grabe des Vaters hatte er 
einmal ein großes Tier, das er für eine Eatte hielt, am Grab- 
hügel vorbeihuschen gesehen 2 ). Er nahm an, sie käme aus dein 
Grabe des Vaters selbst und hätte soeben ihre Mahlzeit von 
seinem Leichnam eingenommen. Von der Vorstellung der Hatte 
bleibt als unzertrennlich, daß sie mit scharfen Zähnen nagt und 
beißt 3 ); die Ratte ist aber nicht etwa ohne Strafe bissig, ge- 
fräßig und schmutzig, sondern sie wird von den Menschen, wie 
er oft mit Grausen gesehen hatte, grausam verfolgt und schonungs- 
los erschlagen. Oft hatte er Mitleid mit solchen armen Ratten 
verspürt. Nun war er selbst so ein ekelhafter, schmutziger, 
kleiner Kerl gewesen, der in der Wut um sich beißen konnte 
und dafür fürchterlich gezüchtigt worden war (vgl. Seite 164). 
Er konnte wirklich sein ganz „natürlich Ebenbild" 4 ) in der 
Ratte finden. Das Schicksal hatte ihm in der Erzählung des 
Hauptmannes sozusagen ein Komplexreizwort zugerufen, und er 
versäumte nicht, mit seiner Zwangsidee darauf zu reagieren. 

Ratten waren also Kinder nach seinen frühesten und 
folgenschwersten Erfahrungen. Und nun brachte er eine Mit- 

*) Ibsens Rattenmamsell ist ja sicherlich von dem sagenhaften Ratten- 
fänger von Hameln abgeleitet, der zuerst die Ratten ins Wasser lockt und 
dann mit denselben Mitteln die Kinder der Stadt auf Nimmerwiederkehr 
verführt. Auch klein Eyolf stürzt sich unter dem Banne der Kattenmamsell 
ins Wasser. Die Ratte erscheint in der Sage überhaupt nicht so sehr als 
ekelhaftes, sondern als unheimliches, man möchte sagen chthonisches Tier, 
und wird zur Darstellung der Seelen Verstorbener verwendet. 

2 ) Eines der auf dem Wiener Zeutralfriedhofe so häufigen Erdwieiel. 

3 ; „Doch dieser Schwelle Zauber zu zerspalten. 
Bedarf ich eines Raitenzahns. 



Noch einen Biß, so ist's geschchn," sagt Mephisto. 
4 ) Auerbachs Keller. 



172 



teilung, die er lange genug aus dem Zusammenhange fern- 
gehalten hatte, die aber jetzt das Interesse, das er für Kinder 
haben mußte, voll aufklärte. Die Dame, die er durch so lange 
Jahre verehrte und zu heiraten sich doch nicht entschließen 
konnte, war infolge einer gynäkologischen Operation, der Ent- 
fernung beider Ovarien, zur Kinderlosigkeit verurteilt; es war 
dies sogar für ihn, der Kinder außerordentlich liebte, der Haupt- 
grund seines Schwankens. 

Erst jetzt wurde es möglich, den unbegreiflichen Vorgang 
bei der Bildung seiner Zwangsidee zu verstehen; mit Zuhilfe- 
nahme der infantilen Sexualtheorien und der Symbolik, die man 
aus der Deutung von Träumen kennt, ließ sich alles sinnreich 
übersetzen. Als der Hauptmann auf der Nachmittagsrast, bei 
der er seinen Zwicker einbüßte, von der Rattenstrafe erzählte, 
packte ihn zuerst nur der grausam lüsterne Charakter der vor- 
gestellten Situation. Aber sofort stellte sich die Verbindung 
mit jener Kinderszene her, in der er selbst gebissen hatte; der 
Hauptmann, der für solche Strafen eintreten konnte, rückte ihm 
an die Stelle des Vaters und zog einen Teil der wiederkehrenden 
Erbitterung auf sich, die sich damals gegen den grausamen 
Vater empört hatte. Die flüchtig auftauchende Idee, es könnte 
einer ihm lieben Person etwas dergleichen geschehen, wäre zu 
übersetzen durch die Wunschregung: Dir sollte man so etwas 
tun, die sich gegen den Erzähler, dahinter aber schon gegen 
den Vater richtete. Als ihm dann l 1 /. Tage später 1 ) der Haupt- 
mann das mit Nachnahme angelangte Paket überreicht und ihn 
mahnt, die 3 Kronen 80 Heller dem Oberleutnant A. zurück- 
zugeben, weiß er bereits, daß der „grausame Vorgesetzte" sich 
irrt, und daß er niemand anderem als dem Postfräulein ver- 
pflichtet ist. Es liegt ihm also nahe, eine höhnische Autwort zu 
bilden wie: Ja freilich, was fällt dir denn ein? oder: Ja 
Schnecken, oder: Ja, einen Schmarren 2 ) werd' ich ihm das Geld 

*) Nicht am nächsten Abend, wie er zuerst erzählte. Es ist ganz un- 
möglich, daß der bestellte Zwicker noch am selben Tage angelangt wäre. 
Er verkürzt diese Zwischenzeit in der Erinnerung, weil in ihr die ent- 
scheidenden Gedankenverbindungen sich herstellten, und weil er die in sie 
fallende Begegnung mit dem Offizier verdrängt, der ihm vom freundlichen 
Benehmen des Postfräuleins erzählte. 

2 ) Wienerisch. 



173 

zurückgeben, Antworten, die er nicht hätte aussprechen müssen. 
Aber aus dem unterdes aufgerührten Vaterkomplex und der 
Erinnerung an jene Infantilszene gestaltet sich ihm die Ant- 
wort: Ja, ich werde dem A. das Geld zurückgeben, wenn mein 
Vater und meine Geliebte Kinder bekommen, oder: So wahr 
mein Vater und die Dame Kinder bekommen können, so ge- 
wiß werde ich ihm das Geld zurückgeben. Also eiue höhnende 
Beteuerung an eiue unerfüllbare absurde Bedingung geknüpft 3 ). 

Aber nun war das Verbrechen begangen, die beiden ihm 
teuersten Personen, Vater und Geliebte, von ihm geschmäht; 
das forderte Strafe, und die Bestrafung bestand in dem Auf- 
erlegen eines unmöglich zu erfüllenden Eides, der den Wort- 
laut des Gehorsams gegen die unberechtigte Mahnung des Vor- 
gesetzten einhielt: Jetzt mußt du wirklich dem A. das 
Geld zurückgeben. Im krampfhaften Gehorsam verdrängte er 
sein besseres "Wissen, daß der Hauptmann seine Mahnung auf 
eine irrige Voraussetzung gründe: „Ja, du mußt dem A. 
das Geld zurückgeben, wie der Stellvertreter des Vaters verlangt 
hat. Der Vater kann nicht irren." Auch die Majestät kann nicht 
irren, und wenn sie einen Untertan mit einem ihm nicht gebüh- 
renden Titel angesprochen hat, so trägt er fortan diesen Titel. 

Von diesem Vorgange gelangt in sein Bewußtsein nur 
undeutliche Kunde, aber die Auflehnung gegen das Gebot des 
Hauptmannes und der Umschlag ins Gegenteil sind auch im 
Bewußtsein vertreten. (Zuerst: Nicht das Geld zurückgeben, 
sonst geschieht das .... [die Rattenstrafe], und dann die Ver- 
wandlung in den gegenteiligen Eidauftrag als Strafe für die 
Auflehnung.) 

Man vergegenwärtige sich noch die Konstellation, in 
welche die Bildung der großen Zwangsidee fiel. Er war durch 
lange Abstinenz sowie durch das freundliche Entgegenkommen, 
auf das der junge Offizier bei den Frauen rechnen darf, libidi- 
nös geworden, war überdies in einer gewissen Entfremdung von 
seiner Dame zur Waffenübung eingerückt. Diese Libidosteigerung 
machte ihn geneigt, den uralten Kampf gegen die Autorität des 
Vaters wieder aufzunehmen, und er getraute sich an sexuelle 

*) Die Absurdität bedeutet also auch in der Sprache des Zwangs- 
denkens Hohn sowie im Traume. Siebe Traumdeutung, Seite 267, 2. Aufl. 1909. 



174 



Befriedigung bei anderen Frauen zu denken. Die Zweifel am 
Andenken des Vaters und die Bedenken gegen den "Wert der 
Geliebten hatten sich gesteigert; in solcher "Verfassung ließ er 
sich zur Schmähung gegen beide hinreißen, und dann bestrafte 
er sich dafür. Er wiederholte damit ein altes Vorbild. Wenn 
er dann nach Schluß der Waffenübung so lange schwankt, ob 
er nach Wien reisen oder bleiben und den Eid erfüllen solle, 
so stellt er damit in einem die beiden Konflikte dar, die ihn 
von jeher bewegt hatten, ob er dem Vater gehorsam und ob er 
der Geliebten treu bleiben solle 1 ). 

Noch ein Wort über die Deutung des Inhaltes der Sanktion: 
sonst wird an den beiden Personen die Rattenstrafe vollzogen. 
Sie ruht auf der Geltung zweier infantiler Sexualtheorien, über 
die ich an anderer Stelle Auskunft gegeben habe 2 ). Die erste 
dieser Theorien geht dahin, daß die Kinder aus dem After 
herauskommen; die zweite schließt konsequent mit der Möglich- 
keit an, daß Männer ebensowohl Kinder kriegen können wie 
Frauen. Nach den technischen Regeln der Traumdeutung kann 
das Aus-dem-Darm-Herauskommen durch seinen Gegensatz: ein 
In-den-Darm-Hineinkriechen (wie bei der Rattenstrafe) dar- 
gestellt werden und umgekehrt. 

Einfachere Lösungen für so schwere Zwangsideen oder 
Lösungen mit anderen Mitteln zu erwarten, ist man wohl nicht 
berechtigt. Mit der Lösung, die sich uns ergab, war das Ratten- 
delirium beseitigt. 

IL 
a) Einige allgemeine Charaktere der ZwangsMldungcn 3 ). 

Meine im Jahre 1896 gegebene Definition der Zwan^s- 
vorstellunge n, sie seien „verwandelte, aus der Verdrängung 

») Es ist vielleicht interessant hervorzuheben, daß der Gehorsam 
ffegen den Vater wiederum mit der Abwendung von der Dame zusammen- 
fällt. Wenn er bleibt und dem A. das Geld zurückgibt, so hat er die Buße 
gegen den Vater erfüllt und gleichzeitig seine Dame gegen die Anziehung 
eines andern Magneten verlassen. Der Sieg in diesem Konflikte verbleibt 
der Dame, allerdings mit Unterstützung der normalen Besinnung. 

2 ) Vgl. „Über infantile Sexualtheorien" in der Zweiten Folge der 
Sammlur" naw. zur Neurosen lehre 1909. 

3 ) Verschiedene der hier und im nächsten Abschnitte behandelten 



175 



wiederkehrende Vorwürfe, die sich immer auf eine sexuelle, mit 
Lust ausgeführte Aktion der Kinderjahre beziehen 1 )", erscheint 
mir heute formal angreifbar, obwohl sie aus den besten Elementen 
zusammengesetzt ist. Sie strebte zu sehr nach Vereinheitlichung 
und nahm sich den Vorgang der Zwangskranken selbst zum 
Muster, welche mit der ihnen eigentümlichen Neigung zur Un- 
bestimmtheit die verschiedenartigsten psychischen Bildungen als 
„Zwangsvorstellungen" zusammenwerfen 2 ). Es ist in der Tat 
korrekter, von „Zwangsdenken" zu sprechen und hervorzuheben, 
daß die Zwangsgebilde den "Wert der verschiedenartigsten psychi- 
schen Akte haben können. Sie lassen sich als Wünsche, Ver- 
suchungen, Impulse, Reflexionen, Zweifel, Gebote und Verbote 
bestimmen. Die Kranken haben im allgemeinen das Bestreben, 
diese Bestimmtheit abzuschwächen und den seines Affektindex 
beraubten Inhalt als Zwangsvorstellung zu führen. Ein Beispiel 
für solche Behandlung eines Wunsches, der zur bloßen „Denk- 
verbindung" herabgesetzt werden sollte, bot uns unser Patient 
in einer der ersten Sitzungen. (S. 142.) 

Man muß auch bald zugestehen, daß bisher nicht einmal 
die Phänomenologie des Zwangsdenkens entsprechend gewürdigt 
werden konnte. In dem sekundären Abwehrkampf, den der 
Kranke gegen die in sein Bewußtsein eingedrungenen „Zwangs- 
vorstellungen" führt, kommen Bildungen zustande, die einer be- 
sonderen Benennung würdig sind. Man denke z. B. an die Ge- 
dankenreihen, die unseren Patienten während seiner Rückfahrt 
von der "Waffenübung beschäftigen. Es, sind nicht rein ver- 



Punkte sind in der Literatur der Zwangsneurose bereits erwähnt worden, 
wie man aus dem gründlichen Hauptwerke über diese Krankheitsform, dem 
1904 veröffentlichten Buch von L. Löwenfeld, Die psychischen Zwangs- 
erscheinungen, ersehen kann. 

') Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, 1S93 bis 1906, S. 118. 

2 ) Dieser'Mangel der Definition wird im Aufsatze selbst verbessert. 
Es heißt darin Seite 119: „Die wiederbelebten Erinnerungen und die aus 
ihnen gebildeten Vorwürfe treten aber niemals unverändert ins Bewußtsein 
ein, sondern was als Zwangsvorstellung und Zwangsaffekt bewußt wird, die 
pathogene Erinnerung für das bewußte Leben substituiert, sind Kom- 
promißbildungen zwischen den verdrängten und den verdrängenden Vor- 
stellungen." In der Definition ist also ein besonderer Akzent anf das Wort 
„verwandelt" zu legen. 




176 

nünftige Erwägungen, die den Zwangsgedanken entgegengesetzt 
werden, sondern gleichsam. Mischlinge zwischen beiden Denkungs- 
arten, sie nehmen gewisse Voraussetzungen des Zwanges, den 
sie bekämpfen, in sich auf und stellen sich (mit den Mitteln 
der Vernunft) auf den Boden des krankhaften Denkens. Ich 
meine, solche Bildungen verdienen den Namen von „Delirien". 
Ein Beispiel, das ich an seine Stelle in der Krankengeschichte 
einzufügen bitte, wird die Unterscheidung klarmachen. Als 
unser Patient sich eine Zeitlang während seines Studiums dem 
beschriebenen tollen Treiben hingegeben hatte, bis in die späte 
Nacht zu arbeiten, dann für den Geist des Vaters die Türe zu 
öffnen, dann seine Genitalien im Spiegel zu beschauen (S. 163), 
suchte er sich mit der Mahnung zurecht zu bringen, was wohl 
der Vater dazu sagen würde, wenn er wirklich noch am Leben 
wäre. Aber dieses Argument hatte keinen Erfolg, solange es 
in dieser vernünftigen Form vorgebracht wurde; der Spuk 
hörte erst auf, nachdem er dieselbe Idee in die Form einer 
deliriösen Drohung gebracht hatte: Wenn er diesen Unsinn noch 
einmal übe, werde dem Vater im Jenseits ein Übel zustoßen. 

Der Wert der sicherlich berechtigten Unterscheidung 
zwischen primärem und sekundärem Abwehrkampf wird in un- 
erwarteter Weise durch die Erkenntnis eingeschränkt, daß die 
Kranken den Wortlaut ihrer eigenen Zwangsvorstel- 
lungen nicht kennen. Es klingt paradox, hat aber seinen 
guten Sinn. Im Verlaufe einer Psychoanalyse wächst nämlich 
nicht nur der Mut des Kranken, sondern gleichsam auch der 
seiner Krankheit; sie getraut sich deutlicherer Äußerungen. 
Um die bildliche Darstellung zu verlassen, es geht wohl so zu 
daß der Kranke, der sich bisher erschreckt von der Wahr- 
nehmung seiner krankhaften Produktionen abgewendet hatte, 
ihnen nun seine Aufmerksamkeit schenkt und sie deutlicher 
und ausführlicher erfährt 1 ). 

Eine schärfere Kenntnis der Zwangsbildungen gewinnt 
man überdies auf zwei besonderen Wegen. Erstens macht man 

l ) Bei manchen Kranken geht die Abwendung ihrer Aufmerksamkeit 
so weit, daß sie den Inhalt einer Zwangsvorstellung überhaupt nicht an- 
geben, eine Zwangshandlung, die sie unzählige Male ausgeführt, nicht be- 
schreiben können. 






177 

die Erfahrung, daß die Träume den eigentlichen Text des 
Zwangsgebotes u. dgl. bringen können, der im Wachen nur ver- 
stümmelt und entstellt, wie in einer verunstalteten Depesche 
bekannt worden ist. Diese Texte treten im Traume als Reden 
auf, entgegen der Eegel, daß Reden im Traume von Reden am 
Tage herrühren 1 ). Zweitens gewinnt man in der analytischen 
Verfolgung einer Krankengeschichte die Überzeugung, daß oft 
mehrere aufeinander folgende, aber im Wortlaute nicht iden- 
tische Zwangsvorstellungen im Grunde doch eine und dieselbe 
sind. Die Zwangsvorstellung ist das erstemal glücklich ab- 
gewiesen worden, sie kehrt nun ein andermal in entstellter Form 
wieder, wird nicht erkannt und kann sich vielleicht gerade in- 
folge ihrer Entstellung im Abwehrkampfe besser behaupten. Die 
ursprüngliche Form aber ist die richtige, die oft ihren Sinn 
ganz unverhüllt erkennen läßt. Hat man eine unverständliche 
Zwangsidee mühselig aufgeklärt, so kann man nicht selten vom 
Kranken hören, daß ein Einfall, "Wunsch, Versuchung wie der 
konstruierte, wirklich vor der Zwangsidee einmal aufgetreten 
ist, aber sich nicht gehalten hat. Die Beispiele hiefür aus der 
Geschichte unseres Patienten würden leider zu umständlich 
ausfallen. 

Die offiziell so bezeichnete „Zwangsvorstellung" trägt also 
in ihrer Entstellung gegen den ursprünglichen Wortlaut die 
Spuren des primären Abwehrkampfes an sich. Ihre Entstellung 
macht sie nun lebensfähig, denn das bewußte Denken ist 
genötigt, sie in ähnlicher Weise mißzuverstehen wie den Traum- 
inhalt, der selbst ein Kompromiß- und Entstellungsprodukt ist 
und vom wachen Denken weiter mißverstanden wird. 

Das Mißverständnis des Bewußten läßt sich nun nicht nur 
an den Zwangsideen selbst, sondern auch an den Produkten 
des sekundären Abwehrkampfes, z. B. an den Schutzformeln 
nachweisen. Hierfür kann ich zwei gute Beispiele bringen. Unser 
Patient gebrauchte als Abwehrformel ein rasch ausgesprochenes 
Aber, von einer abweisenden Handbewegung begleitet. Er 
erzählte dann einmal, diese Formel habe sich in letzter Zeit 
verändert; er sage nicht mehr Aber, sondern Aber. Nach dem 

l ) Vgl. „Traumdeutung", S. 255, 2. Aufl. 
Freud, Neurosealehre III 12 



178 



Grunde dieser Fortentwickhing befragt, gab er an, das stumme c 
der zweiten Silbe gebe ihm keine Sicherheit gegen die gefürchtete 
Einmengung von etwas Fremdem und Gegensätzlichem, und 
darum habe er beschlossen, das e zu akzentuieren. Diese Auf- 
klärung, ganz im Stile der Zwangsneurose gehalten, erwies 
sich doch als unzutreffend, sie konnte höchstens den "Wert einer 
Rationalisierung beanspruchen; in Wirklichkeit war das aber 
eine Angleichung an Abwehr, welchen Terminus er aus den 
theoretischen Gesprächen über die Psychoanalyse kannte. Die 
Kur war also in mißbräulicher und deliriöser Weise zur Ver- 
stärkung einer Abwehrformel verwendet worden. Ein andermal 
sprach er von seinem Hauptzauberwort, das er zum Schutze 
gegen alle Anfechtungen aus den Anfangsbuchstaben aller heil- 
kräftigsten Gebete zusammengesetzt und mit einem angehängten 
„Amen" versehen hatte. Ich kann das Wort selbst nicht 
hierhersetzen aus Gründen, die sich sogleich ergeben werden. 
Denn, als ich es erfuhr, mußte ich bemerken, daß es vielmehr 
ein Anagramm des Namens seiner verehrten Dame war; in 
diesem Namen war ein S enthalten, welches er ans Ende und 
unmittelbar vor das angehängte Amen gesetzt hatte. Er hatte 
also — wir dürfen sagen: seinen Samen mit der Geliebten 
zusammengebracht, d. h. mit ihrer Person in der Vorstellung 
onaniert. Diesen aufdringlichen Zusammenhang hatte er aber 
selbst nicht bemerkt; die Abwehr hatte sich vom Verdrängten 
narren lassen. Übrigens ein gutes Beispiel für den Satz, daß 
mit der Zeit das Abzuwehrende sich regelmäßig Eingang in 
das Verschafft, wodurch es abgewehrt wird. 

Wenn behauptet wird, daß die Zwangsgedanken eine Ent- 
stellung erfahren haben ähnlich wie die Traumgedanken, ehe 
sie zum Trauminhalte werden, so darf uns die Technik dieser 
Entstellung interessieren, und es stünde nichts im Wege, die 
verschiedenen Mittel derselben an einer Reihe von übersetzten 
und verstandenen Zwangsideen darzulegen. Auch hiervon kann 
ich aber unter den Bedingungen dieser Publikation nur einzelne 
Proben geben. Nicht alle Zwangsideen unseres Patienten waren 
so kompliziert gebaut und so schwer aufzuschließen wie die 
große Rattenvorstellung. Bei anderen war eine sehr einfache 
Technik gebraucht worden, die der Entstellung durch Aus- 






179 



lassung — Ellipse — , die beim Witz so vorzügliche Anwendung 
findet, aber auch, hier ihre Schuldigkeit als Schutzmittel gegen 
das Verständnis tat. 

Eine seiner ältesten und beliebtesten Zwangsideen (vom 
Wert einer Mahnung oder Warnung) lautete z. B.: Wenn ich 
die Dame heirate, geschieht dem Vater ein Unglück 
(im Jenseits). Setzen wir die übersprungenen und aus der 
Analyse bekannten Zwischenglieder ein, so lautet der Gedanken- 
gang: Wenn der Vater lebte, so würde er über meinen Vorsatz, 
die Dame zu heiraten, ebenso wütend werden wie damals iu 
der Kinderszene, so daß ich wiederum eine Wut gegen ihn 
bekäme und ihm alles Böse wünschte, was sich kraft der All- 
macht 1 ) meiner Wünsche an ihm erfüllen müßte. 

Oder ein anderer Fall von elliptischer Auflösung, gleich- 
falls einer Warnung oder eines asketischen Verbotes. Er hatte 
eine herzige kleine Nichte, die er sehr liebte. Eines Tages 
bekam er die Idee: Wenn du dir einen Koitus gestattest, 
wird der Ella ein Unglück geschehen (sterben). Mit Ein- 
setzung des Ausgelassenen: Bei jedem Koitus, auch mit einer 
Fremden, mußt du doch daran deuken, daß der Sexualverkehr 
in deiner Ehe nie ein Kind zur Folge haben wird (die Sterilität 
seiner Geliebten). Das wird dir so leid tun, daß du auf die 
kleine Ella neidisch werden und der Schwester das Kind nicht 
gönnen wirst. Diese neidischen Regungen müssen den Tod des 
Kindes zur Folge haben 2 ). 

Die elliptische Entstellungstechnik scheint für die Zwangs- 
neurose typisch zu sein; ich bin ihr auch bei den Zwangsge- 

*) Über diese Allmacht siehe später. 

J ) An die Verwendung der Auslassungstechnik beim Witz will ich 
durch einige Beispiele erinnern, die ich einer Schrift von mir entnehme. 
[Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten, 1905, S. 62.] „In Wien 
lebt ein geistreicher und kampflustiger Schriftsteller, der sich durch die 
Schärfe seiner Invektive wiederholt körperliche Mißhandlungen von Seiten 
der Angegriffenen zugezogen hat. Als einmal eine neue Missetat eines seiner 
habituellen Gegner beredet wurde, äußerte ein Dritter: Wenn der X das 
hört, bekommt er eine Ohrfeige .... Der Widersinn vergeht, wenn 
man in die Lücke einsetzt: Dann schreibt er einen so bissigen 
Artikel gegen den Betreffenden, daß usw." — Dieser elliptische 
Witz zeigt auch inhaltliche Übereinstimmung mit dem obigen ersten 
Beispiel. 

12* 



180 



danken anderer Patienten begegnet. Besonders durchsichtig und 
durch eine gewisse Ähnlichkeit mit der Struktur der Ratten- 
vorstellung interessant war ein Fall von Zweifel bei einer 
wesentlich an Zwangshandlungen leidenden Dame. Sie ging mit 
ihrem Manne in Nürnberg spazieren und ließ sich von ihm in einen 
Laden begleiten, in dem sie verschiedene Gegenstände für ihr 
Kind, darunter auch einen Kamm, einkaufte. Der Mann, dem 
das Wählen zu lange dauerte, gab an, er habe auf dem "Wege 
einige Münzen bei einem Antiquar gesehen, die er erwerben 
wolle; er werde sie nach dem Kaufe aus diesem Laden ab- 
holen. Er blieb aber nach ihrer Schätzung viel zu lange aus. Als 
er wiederkam und auf die Frage, wo er sich aufgehalten, ant- 
wortete: Eben bei jenem Antiquar, bekam sie in demselben 
Momente den quälenden Zweifel, ob sie den fürs Kind ge- 
kauften Kamm nicht vielmehr seit jeher besessen habe. Natürlich 
verstand sie den simpeln Zusammenhang nicht aufzudecken. "Wir 
können gar nicht anders als diesen Zweifel für einen ver- 
schobenen erklären und den vollständigen unbewußten Gedanken 
in folgender Art konstruieren: Wenu es wahr ist, daß du nur 
beim Antiquar warst, wenn ich das glauben soll, dann kann 
ich ebenso glauben, daß ich diesen eben gekauften Kamm 
schon seit Jahren besitze. Also eine höhnische persiflierende 
Gleichstellung, ähnlich wie der Gedanke unseres Patienten; Ja 
so gewiß die Beiden (Vater und Dame) Kinder bekommen 
werden, so gewiß werde ich dem A. das Geld zurückgeben. Bei 
der Dame hing der Zweifel an der ihr unbewußten Eifersucht, 
die sie annehmen ließ, ihr Mann habe das Intervall zu einem 
galanten Besuch benutzt. 

Eine psychologische Würdigung des Zwangsdenkens ver- ' 
suche ich diesmal nicht zu unternehmen. Sie würde außer- 
ordentlich wertvolle Ergebnisse bringen und zur Klärung unserer 
Einsichten in das Wesen des Bewußten und Unbewußten mehr 
leisten als das Studium der Hysterie und der hypnotischen 
Erscheinungen. Es wäre sehr wünschenswert, daß die Philosophen 
und Psychologen, welche vom Hörensagen her oder aus ihren 
konventionellen Definitionen scharfsinnige Lehren über das Un- 
bewußte entwickeln, sich vorher die entscheidenden Eindrücke 
aus den Erscheinungen des Zwangdenkens holten; man könnte 










181 

es beinahe fordern, wenn es nicht soviel mühseliger wäre als 
die ihnen sonst vertrauten Arbeitsweisen. Ich werde hier nur 
noch anführen, daß bei der Zwangsneurose gelegentlich die un- 
bewußten seelischen Vorgänge in reinster, unentstellter Form 
zum Bewußten durchbrechen, daß der Durchbruch von den 
verschiedensten Stadien des unbewußten Denkprozesses her er- 
folgen kann, und daß die Zwangsvorstellungen im Momente 
des Durchbruches meist als längst bestehende Bildungen er- 
kannt werden können. Daher die auffällige Erscheinung, daß 
der Zwangskranke, wenn man mit ihm dem ersten Auftreten 
einer Zwangsidee nachforscht, dieselbe im Laufe der Analyse 
immer weiter nach rückwärts verlegen muß, immer neue erste 
Veranlassungen für sie findet. 

b) Einige psychische Besonderheiten der Zwangskranken. — 
Ihr Verhältnis zur Realität, zum Aberglauben und zum Tod. 

Ich habe hier einige seelische Charaktere der Zwangskranken 
zu behandeln, welche an sich nicht wichtig scheinen, aber auf 
dem "Wege zum Verständnisse von Wichtigerem liegen. Sie 
waren bei meinem Patienten sehr deutlich ausgesprochen, — 
ich weiß aber, daß sie nicht seiner Individualität, sondern 
seinem Leiden zuzurechnen sind und sich in ganz typischer 
Weise bei anderen Zwangskranken wiederfinden. 

Unser Patient war in hohem Grade abergläubisch, und 
dies zwar, obwohl er ein hochgebildeter, aufgeklärter Mann von 
bedeutendem Scharfsinn war und zuzeiten versichern konnte, 
daß er von all dem Plunder nichts für wahr halte. Er war also 
abergläubisch und war es doch nicht und unterschied sich doch 
deutlich von den ungebildeten Abergläubischen, die sich eins 
mit ihrem Glauben fühlen. Er schien zu verstehen, daß sein 
Aberglaube von seinem Zwangsdenken abhing, obwohl er sich 
zuzeiten voll zu ihm bekannte. Ein so widerspruchsvolles und 
schwankendes Benehmen läßt sich am ehesten unter dem 
Gesichtswinkel eines bestimmten Erklärungsversuches erfassen. 
Ich habe nicht gezögert anzunehmen, daß er betreffs dieser 
Dinge zwei verschiedene und entgegengesetzte Überzeugungen 
hatte und nicht etwa eine noch unfertige Meinung. Zwischen 



182 



diesen beiden Meinungen oszillierte er dann in sichtbarster 
Abhängigkeit von seiner sonstigen Stellung zum Zwangsleiden. 
Sowie er eines Zwanges Herr geworden war, belächelte er seine 
Leichtgläubigkeit mit überlegenem Verständnis, und es ereignete 
sich ihm nichts, was ihn hätte erschüttern können, und sobald 
er wieder unter die Herrschaft eines ungelösten Zwanges — oder 
was gleichwertig ist: eines "Widerstandes — gekommen war, 
erlebte er die sonderbarsten Zufälle, welche der gläubigen 
Überzeugung zu Hilfe kamen. 

Sein Aberglaube war immerhin der eines gebildeten Mannes 
und sah von Abgeschmacktheiten, wie die Angst vor dem Freitag, 
vor der Zahl 13 u. dgl., ab. Er glaubte aber an Vorzeichen, an 
prophetische Träume, begegnete beständig jenen Personen, mit 
denen er sich unerklärlicherweise eben beschäftigt hatte, und 
erhielt Briefe von Korrespondenten, die sich ihm nach den 
längsten Pausen plötzlich in geistige Erinnerung gebracht hatten. 
Dabei war er rechtschaffen genug oder vielmehr so weit seiner 
offiziellen Überzeugung getreu, daß er Fälle nicht vergessen 
hatte, in denen die intensivsten Ahnungen zu nichts gekommen 
waren, z. B. einmal als er sich in den Sommeraufenthalt begab, 
die sichere Ahnung, er werde nicht mehr lebend nach Wien 
zurückkehren. Auch gab er zu, daß die größte Mehrzahl der 
Vorzeichen Dinge betrafen, die keine besondere Bedeutung für 
seine Person hatten, und daß, wenn er einem Bekannten be- 
gegnete, an den er sehr lange nicht und gerade wenige Momente 
vorher gedacht hatte, sich zwischen diesem wundersam Erschauten 
und ihm weiter nichts zutrug. Natürlich war er auch nicht 
imstande, es in Abrede zu stellen, daß alles Bedeutsame seines 
Lebens sich ohne Vorzeichen zngetragen hatte, sowie er z. B. 
vom Tode des Vaters ahnungslos überrascht worden war. Aber 
alle solche Argumente änderten an dem Zwiespalt seiner Über- 
zeugungen nichts und erwiesen nur den Zwangscharakter seines 
Aberglaubens, der bereits aus dessen mit dem Widerstand gleich- 
sinnigen Schwankungen zu erschließen war. 

Ich war natürlich nicht in der Lage, alle seine älteren 
Wundergeschichten rationell aufzuklären, aber für das, was 
sich von ähnlichen Dingen während der Zeit der Behandlung 
ereignete, konnte ich ihm nachweisen, daß er selbst beständig 






183 

an der Fabrikation der Wunder beteiligt sei, und welcher Mittel 
er sich dabei bediene. Er arbeitete mit dem indirekten Sehen 
und Lesen, mit Vergessen und vor allem mit G-edächtnistäuschungen. 
Am Ende half er mir selbst die kleinen Taschenspielerkünste 
aufdecken, durch welche jene Wunder gemacht wurden. Als 
interessante infantile Wurzel seines Glaubens an das Eintreffen 
von Ahnungen und von Vorhersagen ergab sich einmal die 
Erinnerung, daß die Mutter so oft, wenn ein Termin gewählt 
werden sollte, gesagt hatte : An dem und dem Tage kann ich 
nicht; da werde ich liegen müssen. Und wirklich lag sie an dem 
angekündigten Tage jedesmal zu Bett! 

Unverkennbar, daß es ihm ein Bedürfnis war, im Erleben 
solche Stützpunkte für seinen Aberglauben zu finden, daß er 
darum die bekannten unerklärlichen Zufälligkeiten des Alltags 
so sehr beachtete und mit dem unbewußten Tun nachhalf, wo 
diese nicht ausreichten. Dies Bedürfnis habe ich bei vielen 
anderen Zwangskranken gefunden und vermute es bei noch 
mehreren. Es scheint mir aus dem psychologischen Charakter 
der Zwangsneurose gut erklärlich. Wie ich vorhin (S. 156) aus- 
einandergesezt, erfolgt bei dieser Störung die Verdrängung nicht 
durch Amnesie, sondern durch Zerreißung von kausalen Zu- 
sammenhängen infolge von Affektenziehung. Eine gewisse 
mahnende Kraft — die ich an anderer Stelle mit einer ent- 
optischen Wahrnehmung verglichen habe 1 ) — scheint nun 
diesen verdrängten Beziehungen zu verbleiben, so daß sie auf 
dem Wege der Projektion in die Außenwelt eingetragen werden 
und dort Zeugnis ablegen für das im Psychischen Unterbliebene. 

Ein anderes den Zwangskranken gemeinsames seelisches 
Bedürfais, das mit dem eben erwähnten eine gewisse Verwandt- 
schaft hat und dessen Verfolgung tief in die Trieberforschung 
führt, ist das nach der Unsicherheit im Leben oder nach dem 
Zweifel. Die Herstellung der Unsicherheit ist eine der Methoden, 
welche die Neurose anwendet, um den Kranken aus der Realität 
zu ziehen und von der Welt zu isolieren, was ja in der Tendenz 
jeder psychoneurotischen Störung liegt. Es ist wiederum über- 
deutlich, wieviel die Kranken dazutun, um einer Sicherheit 



*) Zur Psychopathologie des Alltagslebens, S. 117. 2. Aufl., 1907. 



184 



auszuweichen und in einem Zweifel verharren zu können • ja 
bei einigen findet diese Tendenz einen lebendigen Ausdruck in 
ihrer Abneigung gegen - Uhren, die wenigstens die Zeit- 
bestimmung sichern, und in ihren unbewußt ausgeführten Kunst- 
stückchen, jedes solche den Zweifel ausschließende Instrument 
unschädlich zu machen. Unser Patient hatte eine besondere 
Geschicklichkeit in der Vermeidung von Auskünften entwickelt, 
welche einer Entscheidung in seinem Konflikt förderlich ge- 
wesen wären. So war er über die für die Eheschließung maß- 
gebendsten Verhältnisse seiner Geliebten nicht aufgeklärt, wußte 
angeblich nicht zu sagen, wer die Operation an ihr ausgeführt, 
und ob sie ein- oder doppelseitig gewesen sei. Er wurde dazu 
verhalten, das Vergessene zu erinnern und das Vernachlässigte 
zu erkunden. 

Die Vorliebe der Zwangskranken für die Unsicherheit 
und den Zweifel wird für sie zum Motiv, um ihre Gedanken 
vorzugsweise an jene Themen zu heften, wo die Unsicherheit 
eine allgemein menschliche ist, unser Wissen oder unser Urteil 
durch Notwendigkeit dem Zweifel ausgesetzt bleiben mußte 
Solche Themen sind vor allem: Die Abstammung vom Vater* 
che Lebensdauer, das Leben nach dem Tode und das Gedächtnis, 
dem wir ja Glauben zu schenken pflegen, ohne für seine Ver- 
läßlichkeit die mindeste Gewähr zu besitzen 1 ). 

Der Unsicherheit des Gedächtnisses bedient sich die Zwangs- 
neurose in ausgiebigster Weise zur Symptombildung; welche 
Koile Lebensdauer und Jenseits inhaltlich im Denken der 
Kranken spielen, werden wir bald erfahren. Ich will als passendsten 

') Lichtenberg: „Ob der Mond bewohnt ist, weiß der Aufm* 
ungefähr mit der Zuverlässigkeit, mit der er weiß, wer sein Vater 17 
aber nicht mit der, woher er weiß, wer seine Mutter gewesen ist « - 2 
war ein großer Kulturfortschritt, als die Menschen sich entschlossen, den 
Schluß neben da 8 Zeugnis der Sinne zu stellen und vom Mutterrecht zum 
Vaterrecht überzugehen. - Prähistorische Figuren, in denen eine kleinere 
Gestalt auf dem Kopfe einer größeren sitzt, stellen die Abstammung vom 
Vater dar; die mutterlose Athene entspringt aus dem Haupte des°Zeus 
Noch in unserer Sprache heißt der Zeuge vor Gericht, der etwas beglaubigt' 
nach dem männlichen Anteil am Geschäfte der Fortpflanzung, und acnon 
in den Hieroglyphen wird der Zeuge mit dem Bilde der männlichen 
trenitahen geschrieben. 



185 

Übergang vorher noch jenen Zug des Aberglaubens bei unserem 
Patienten besprechen, dessen Erwähnung an einer früheren 
Stelle (S. 179) gewiß bei mehr als einem Leser Befremden 
erregt haben wird. 

Ich meine die von ihm behauptete Allmacht seiner Ge- 
danken und G-efühle, guten und bösen Wünsche. Die Versuchung, 
diese Idee für einen Wahn zu erklären, welcher das Maß der 
Zwangsneurose überschreitet, ist gewiß nicht gering; allein ich 
habe dieselbe Überzeugung bei einem andern Zwangskranken 
gefunden, der seit langem hergestellt ist und sich normal betätigt, 
und eigentlich benehmen sich alle Zwanksneurotiker so, als ob 
sie diese Überzeugung teilten. Es wird unsere Aufgabe sein, diese 
Überschätzung aufzuklären. Nehmen wir ohneweiters an, daß 
in diesem Glauben ein Stück des alten Kindergrößenwahnes 
ehrlich eingestanden wird, und befragen wir unseren Patienten, 
worauf er seine Überzeugung stützt. Er antwortet mit der Be- 
rufung auf zwei Erlebnisse. Als er zum zweitenmal in jene 
Wasserheilanstalt kam, in welcher er die erste und einzige Be- 
einflussung seines Leidens erfahren hatte, verlangte er das näm- 
liche Zimmer wieder, welches seine Beziehungen zu einer der 
Pflegerinnen durch seine Lage begünstigt hatte. Er erhielt die 
Antwort: das Zimmer sei schon vergeben, ein alter Professor habe 
es bereits bezogen, und er reagiert auf diese, seine Kuraussichten 
sehr herabsetzende Nachricht mit den unfreundlichen Worten: 
Dafür soll ihn aber der Schlag treffen. Vierzehn Tage später 
erwachte er aus dem Schlaf, durch die Vorstellung einer Leiche 
gestört, und am Morgen hörte er, daß den Professor wirklich 
der Schlag getroffen, und daß man ihn etwa um die Zeit seines 
Erwachens aufs Zimmer gebracht habe. Das andere Erlebnis 
betraf ein älteres, sehr liebebedürftiges Mädchen, welches sich 
sehr entgegenkommend gegen ihn benahm und ihn einmal direkt 
befragte, ob er sie nicht lieb haben könne. Er gab eine aus- 
weichende Antwort; wenige Tage nachher hörte er, daß sich 
das Mädchen aus dem Fenster gestürzt habe. Er machte sich 
nun Vorwürfe und sagte sich, es wäre in seiner Macht gelegen, 
sie am Leben zu erhalten, wenn er ihr seine Liebe geschenkt 
hätte. Auf solche Weise gewann er die Überzeugung von der 
Allmacht seiner Liebe und seines Hasses. Ohne die Allmacht 



186 

der Liebe zu leugnen, wollen wir hervorheben, daß es sich in 
beiden Fällen um den Tod handelt, und werden uns der nahe 
liegenden Erklärung anschließen, daß unser Patient wie andere 
Zwangskranke gezwungen ist, die "Wirkung seiner feindseligen 
Gefühle in der Außenwelt zu überschätzen, weil seiner bewußten 
Kenntnis ein großes Stück der innern psychischen Wirkung 
derselben Gefühle entgeht. Seine Liebe — oder vielmehr sein 
Haß — sind wirklich übermächtig; sie schaffen gerade jene 
Zwangsgedanken, deren Herkunft er nicht versteht, und gegen die 
er sich erfolglos wehrt. 

Zum Thema des Todes hatte unser Patient ein ganz be- 
sonderes Verhältnis. Er nahm an allen Todesfällen warmen 
Anteil, beteiligte sich pietätvoll an den Leichenbegängnissen, 
so daß er von den Geschwistern spöttisch der Leichenvogel 
genannt werden konnte; er brachte aber auch in der Phantasie 
beständig Leute um, um herzliche Teilnahme mit den Hinter- 
bliebenen zu äußern. Der Tod einer älteren Schwester, als er 
zwischen 3 und 4 Jahren alt war, spielte in seinen Phantasien 
eine große Rolle und war in die innigste Beziehung zu den 
kindlichen Missetaten jener Jahre gebracht worden. Wir wissen 
ferner, wie frühzeitig der Gedanke an den Tod des Vaters ihn 
beschäftigt hatte, und dürfen seine Erkrankung selbst als Re- 
aktion auf dieses 15 Jahre vorher im Zwange gewünschte 
Ereignis auffassen. Nichts anderes als eine Kompensation für 
diese Todeswünsche gegen den Vater ist die befremdliche Er- 
streckung seiner Zwangsbefürchtungen auf das „Jenseits". Sie 
wurde eingeführt, als die Trauer um den verstorbenen Vater 
1V 2 Jahre später eine Auffrischung erfuhr, und sollte, der 
Realität zum Trotze und dem Wunsche, der sich vorher in 
allerlei Phantasien versucht hatte, zuliebe, den Tod des Vaters 
wieder aufheben. AVir haben den Zusatz „im Jenseits" an mehreren 
Stellen (S. 176, 179) übersetzen gelernt mit den Worten: „wenn 
der Vater noch lebte". 

Aber nicht viel anders als unser Patient benehmen sich 
andere Zwangskranke, denen das Schicksal nicht ein erstes Zu- 
sammentreffen mit dem Phänomen des Todes in so frühen Jahren 
beschieden hat. Ihre Gedanken beschäftigen sich unausgesetzt 
mit der Lebensdauer und der Todesmöglichkeit anderer, ihre 






m 



187 

abergläubischen Neigungen hatten zuerst keinen andern Inhalt 
und haben vielleicht überhaupt keine andere Herkunft. Vor allem 
aber bedürfen sie der Todesmöglichkeit zur Lösung der von 
ihnen ungelöst gelassenen Konflikte. Ihr wesentlicher Charakter 
ist, daß sie der Entscheidung zumal in Liebessachen unfähig 
sind; sie trachten jede Entscheidung hinauszuschieben und im 
Zweifel, für welche Person oder für welche Maßregel gegen 
eine Person sie die Entscheidung treffen sollen, muß das alte 
deutsche Reichsgericht ihr Vorbild werden, dessen Prozesse 
gewöhnlich durch den Tod der streitenden Parteien vor dem 
Richterspruch beendigt wurden. So lauern sie in jedem Lebens- 
konflikt auf den Tod einer für sie bedeutsamen, zumeist einer 
geliebten Person, sei es eines Teiles der Eltern, sei es eines 
Nebenbuhlers oder eines der Liebesobjekte, zwischen denen ihre 
Neigung schwankt. Mit dieser "Würdigung des Todeskomplexes 
bei der Zwangsneurose streifen wir aber bereits an das Trieb- 
leben der Zwaugskranken, das uns nun beschäftigen soll. • 

c) Das Triebleben und die Ableitung von Zwaug und Zweifel. 

Wenn wir zur Kenntnis der psychischen Kräfte gelangen 
wollen, deren Gegenspiel diese Neurose aufgebaut hat, so müssen 
wir auf das zurückgreifen, was wir bei unserem Patienten über 
die Anlässe seiner Erkrankuug im reifen Alter und in der 
Kindheit erfahren haben. Er erkrankte in den zwanziger Jahren, 
als er vor die Versuchung gestellt wurde, ein anderes Mädchen 
als die von ihm längst Geliebte zu heiraten, und entzog sich 
der Entscheidung dieses Konfliktes durch Aufschub aller für 
deren Vorbereitung erforderlichen Tätigkeiten, wozu ihm die 
Neurose die Mittel lieferte. Das Schwanken zwischen der Ge- 
liebten und der andern läßt sich auf den Konflikt zwischen 
dem Einfluß des Vaters und der Liebe zur Dame reduzieren, 
also auf eine Konfliktwahl zwischen Vater und Sexualobjekt, 
wie sie den Erinnerungen und Zwangseinfällen zufolge schon 
in früher Kindheit bestanden hatte. Überdies ist durch sein 
ganzes Leben unverkennbar, daß in bezug auf seine Geliebte 
wie auf seinen Vater ein Widerstreit zwischen Liebe und Haß 
bei ihm bestand. Rachephantasien und Zwangserscheinungeu 



188 

wie der Verstehzwang oder die Hantierung mit dem Steine auf 
der Landstraße bezeugen diesen Zwiespalt in ihm, der bis zu 
einem gewissen Grade normal verständlich war, denn die Ge- 
liebte hatte ihm durch eine erste Abweisung und durch spätere 
Kühle Grund zu feindseligen Gefühlen gegeben. Aber die gleiche 
Zwiespältigkeit der Gefühle beherrschte, wie wir durch die Über- 
setzung seiner Zwangsgedanken erfahren haben, sein Verhältnis- 
zum Vater, und auch der Vater mußte ihm in Kinderzeiten 
Grund zur Feindseligkeit gegeben haben, wie wir fast mit 
Sicherheit feststellen konnten. Sein aus Zärtlichkeit und Feind- 
seligkeit zusammengesetztes Verhältnis zur Geliebten fiel zum 
großen Teile in seine bewußte "Wahrnehmung. Er täuschte sich 
höchstens über das Maß und über den Ausdruck des negativen 
Gefühles, hingegen war die einst intensiv bewußt gewesene 
Feindseligkeit gegen den Vater ihm längst entrückt, und konnte 
nur gegen seinen heftigsten Widerstand ins Bewußtsein zurück- 
gebracht werden. In der Verdrängung des infantilen Hasses 
gegen den Vater erblicken wir jenen Vorgang, welcher alles 
weitere Geschehen in den Rahmen der Neurose zwang. 

Die einzeln bei unserem Patienten aufgezählten Gefühls- 
konflikte sind nicht unabhängig voneinander, sondern paarig, 
miteinander verlötet. Der Haß gegen die Geliebte mußte sich 
zur Anhänglichkeit an cfen Vater summieren und umgekehrt. 
Aber die zwei Konfliktströmungen, die nach dieser Vereinfachung, 
erübrigen, der Gegensatz zwischen dem Vater und der Geliebten 
und der "Widerspruch von Liebe und Haß in jedem einzelnen 
Verhältnisse haben inhaltlich wie genetisch nichts miteinander 
zu schaffen. Der erste der beiden Konflikte entspricht dem 
normalen Schwanken zwischen Mann und "Weib als Objekten 
der Liebeswahl, welches dem Kinde zuerst in der berühmten 
Frage nahe gebracht wird: "Wen hast du lieber, Papa oder 
Mama?, und das ihn dann durchs Leben begleitet trotz aller 
Verschiedenheiten in der Ausbildung der Empfindungsintensitäten 
und in der Fixierung der endgültigen Sexualziele. Nur verliert 
diese Gegensätzlichkeit normalerweise bald den Charakter des 
scharfen "Widerspruches, des unerbittlichen Entweder — oder: 
es wird Raum für die ungleichen Ansprüche beider Teile ge- 
schaffen, obwohl auch beim Normalen jederzeit die "Wertschätzung. 






189 

des einen Geschlechtes durch die Entwertung des anderen ge- 
hoben wird. 

Fremdartiger berührt uns der andere der Konflikte, der 
zwischen Liebe und Haß. Wir wissen, daß beginnende Ver- 
liebtheit häufig als Haß wahrgenommen wird, daß Liebe, der 
die Befriedigung versagt ist, sich leicht zum Teil in Haß um- 
setzt, und hören von den Dichtern, daß in stürmischen Stadien 
der Verliebtheit beide gegensätzliche Gefühle eine Zeitlang 
nebeneinander wie im Wettstreite bestehen können. Aber ein 
chronisches Nebeneinander von Liebe und Haß gegen dieselbe 
Person, beide Gefühle von höchster Intensität, setzt uns in 
Erstaunen. Wir hätten erwartet, daß die große Liebe längst 
den Haß überwunden hätte oder von ihm aufgezehrt worden 
wäre. Wirklich ist ein solcher Fortbestand der Gegensätze nur 
unter besonderen psychologischen Bedingungen und durch Mit- 
wirkung des unbewußten Zustandes möglich. Die Liebe hat 
den Haß nicht auslöschen, sondern nur ins Unbewußte drängen 
können, und im Unbewußten kann er, gegen die Aufhebung 
durch die Bewußtseinswirkung geschützt, sich erhalten und 
selbst wachsen. Die bewußte Liebe pflegt unter diesen Um- 
ständen reaktionsweise zu einer besonders hohen Intensität an- 
zuschwellen, damit sie der ihr konstant auferlegten Arbeit 
gewachsen sei, ihr Gegenspiel in der Verdrängung zurückzu- 
halten. Eine sehr frühzeitig, in den prähistorischen Kindheits- 
jahren erfolgte Scheidung der beiden Gegensätze mit Ver- 
drängung des einen Anteiles, gewöhnlich des Hasses, scheint 
die Bedingung dieser befremdenden Konstellation des Liebes- 
lebens zu sein 1 ). 

Wenn man eine Anzahl von Analysen Zwangskranker 
überschaut, so muß man den Eindruck gewinnen, daß ein solches 
Verhalten von Liebe und Haß wie bei unserem Patienten zu 
den häufigsten, ausgesprochensten und darum wahrscheinlich 
bedeutsamsten Charakteren der Zwangsneurose gehört. Aber so 
verlockend es wäre, das Problem der „Neurosenwahl" auf das 
Triebleben zu beziehen, man hat doch Gründe genug, dieser 
Versuchung aus dem Wege zu gehen, und muß sich sagen, daß 

l ) Vgl. Die Erörterungen hierüber in einer der ersten Sitzungen. 



190 



man bei allen Neurosen die nämlichen unterdrückten Triebe 
als Symptomträger aufdeckt. Der von der Liebe in der Unter- 
drückung des Unbewußten zurückgehaltene Haß spielt doch 
auch eine große Rolle in der Pathogenese der Hysterie und 
der Paranoia. Wir kennen das Wesen der Liebe zu wenig, um 
hier eine bestimmte Entscheidung zu treffen; insbesondere das 
Verhältnis ihres negativen Faktors 1 ) zur sadistischen Kom- 
ponente der Libido ist völlig ungeklärt. Es hat daher etwa den 
Wert einer vorläufigen Auskunft, wenn wir sagen: in den be- 
sprochenen Fällen von unbewußtem Hasse sei die sadistische 
Komponente der Liebe konstitutionell besonders stark ent- 
wickelt gewesen, habe darum eine vorzeitige und allzu gründ- 
liche Unterdrückung erfahren, und nun leiten sich die be- 
obachteten Phänomene der Neurose einerseits von der durch 
Reaktion in die Hohe getriebenen bewußten Zärtlichkeit, ander- 
seits von dem im Unbewußten als Haß fortwirkenden Sa- 
dismus ab. 

Wie immer aber dies merkwürdige Verhalten von Liebe 
und Haß zu verstehen sein mag, sein Vorkommen ist durch die 
Beobachtung an unserem Patienten über jeden Zweifel er- 
haben, und es ist erfreulich zu sehen, wie leicht begreiflich nun 
die rätselhaften Vorgänge der Zwangsneurose durch die Be- 
ziehung auf dieses eine Moment werden. Steht einer intensiven 
Liebe ein fast ebenso starker Haß bindend entgegen, so muß 
die nächste Folge eine partielle Willenslähmung sein, eine Un- 
fähigkeit zur Entschließung in all den Aktionen, für welche die 
Liebe das treibende Motiv sein soll. Aber die Unentschlossenheit 
bleibt nicht lange auf eine Gruppe von Handlungen beschränkt. 
Denn erstens, welche Handlungen eines Liebenden träten nicht 
mit seinem Hauptmotiv in Beziehung? Zweitens kommt dem 
sexuellen Verhalten eine vorbildliche Macht zu, mit der es um- 
formend auf die übrigen Reaktionen eines Menschen wirkt, und 
drittens liegt es im psychologischen Charakter der Zwang- 
neurose, von dem Mechanismus der Verschiebung den aus- 



*) „Ja oft habe ich den Wunsch, ihn nicht mehr unter den Lebenden 
zu sehen. Und doch wenn das je einträfe, ich weiß, ich würde noch viel 
unglücklicher sein, so wehrlos, so ganz wehrlos, bin ich gegen ihn," sagt 
Alkibiadesüber den Sokrates im Symposion (übersetzt von R. Kassner). 



191 

giebigsten Gebrauch zu machen. So breitet sich die Entschluß- 
lähmung allmählich über das gesammte Tun des Menschen 
aus x ). 

Damit ist die Herrschaft von Zwang und Zweifel, 
wie sie uns im Seelenleben der Zwangskranken entgegen- 
treten, gegeben. Der Zweifel entspricht der innern AVahr- 
nehmung der Unentschlossenheit, welche, infolge der Hemmung 
der Liebe durch den Haß, bei jeder beabsichtigten Handlung 
sich des Kranken bemächtigt. Er ist eigentlich ein Zweifel an 
der Liebe, die ja das subjektiv Sicherste sein sollte, der auf 
alles übrige diffundiert und sich vorzugsweise auf das in- 
differenteste Kleinste verschoben hat. AVer an seiner Liebe 
zweifelt, darf, muß doch auch an allem andern, geringeren, 
zweifeln 2 )? 

Es ist derselbe Zweifel, der bei den Schutzmaßregeln zur 
Unsicherheit und zur fortgesetzten Wiederholung führt, um 
diese Unsicherheit zu bannen, der es endlich zustande bringt, 
daß diese Schutzhandlungen ebenso unvollziehbar werden wie 
die ursprünglich gehemmte Liebesentschließung. Ich mußte an- 
fangs meiner Erfahrungen eine andere und 1 allgemeinere Ab- 
leitung der Unsicherheit bei den Zwangskranken annehmen, die 
sich näher an die Norm anzuschließen schien. "Wenn ich z. B. 
während der Abfassung eines Briefes durch Zwischenfragen 
einer andern Person gestört worden bin, so empfinde ich her- 
nach eine berechtigte Unsicherheit, was ich wohl unter dem 
Einflüsse der Störung geschrieben haben mag, und ich bin ge- 
nötigt, zur Sicherheit den Brief, nachdem er fertig geworden 
ist, nochmals durchzulesen. So konnte ich auch meinen, daß 
die Unsicherheit der Zwangskranken, z. B. bei ihren Gebeten, 
daher rühre, daß sich ihnen unaufhörlich unbewußte Phantasien 
als Störer in die Tätigkeit des Betens mengten. Diese Annahme 
war richtig und ist doch leicht mit unserer früheren Behauptung 



x ) Vgl. Die Darstellung durch ein Kleinstes als Witztechnik, 1. c. S.64. 

2 ) Hamlets Liebesverse an Ophelia: 

„Doubt thou the stars are fire; 
Doubt that the sun doth move; 
Doubt truth to be a liar; 
But never .doubt I love.« (II, 2.) 



192 



zu versöhnen. Es trifft zu, daß die Unsicherheit, eine Schutz- 
maßregel vollzogen zu haben, von den störenden unbewußten 
Phantasien herrührt, aber diese Phantasien enthalten eben den 
gegenteiligen Impuls, der gerade durch das Gebet abgewehrt 
werden sollte. Es wird dies einmal überdeutlich bei unserem 
Patienten, indem die Störung nicht unbewußt bleibt, sondern 
sich laut vernehmen läßt. Wenn er beten will: Gott schütze 
sie, so stürzt plötzlich aus dem Unbewußten ein feindseliges: 
nicht dazu heraus, und er hat erraten, daß es der Ansatz zu 
einem Fluche ist. (S. 154.) Bliebe dieses „nicht" stumm, so 
befände auch er sich im Zustande der Unsicherheit und würde 
sein Beten immer mehr verlängern; auf das Lautwerden hin 
hat er endlich das Beten aufgegeben. Ehe er das tat, versuchte 
er wie andere Zwangskranke allerlei Methoden, um die Ein- 
mengung des Gegensatzes hintanzuhalten, die Verkürzung der 
Gebete, das beschleunigte Aussprechen derselben; andere be- 
mühen sich jede solche Schutzaktion sorgfältig von anderem 
zu „isolieren". Aber alle diese Techniken fruchten auf die 
Dauer nichts; hat der liebevolle Impuls in seiner Verschiebung 
auf eine geringfügige Handlung etwas durchführen können, so 
wird ihm der feindselige bald auch dahinfolgen und sein Werk 
wieder aufheben. 

Wenn dann der Zwangskranke die schwache Stelle in der 
Sicherung unseres Seelenlebens, die Unverläßlichkeit des Gedächt- 
nisses, entdeckt hat, so kann er mit ihrer Hilfe den Zweifel auf 
alles ausdehnen, auch auf bereits vollzogene Handlungen die 
noch nicht in Beziehung zum Liebe-Haß-Komplex standen und 
auf die ganze Vergangenheit. Ich erinnere an das Beispiel jener 
Frau, die eben im Laden einen Kamm für ihre kleine Tochter 
gekauft hatte, und nach dem Argwohn an ihrem Mann zu 
zweifeln begann, ob sie ihn nicht vielmehr schon längst besessen : 
Sagt diese Frau nicht direkt: Wenn ich an deiner Liebe zweifeln 
kann (und das ist nur eine Projektion ihres Zweifels an der 
eigenen Liebe zu ihm), so kann ich auch daran, so kann ich 
an allem zweifeln, und gibt so den verborgenen Sinn des neuro- 
tischen Zweifels unserem Verständnisse Preis? 

Der Zwang aber ist ein Versuch zur Kompensation des 
Zweifels und zur Korrektur der unerträglichen Hemmungszustände 



193 

von denen der Zweifel Zeugnis ablegt. Ist es endlich mit Hilfe 
der Verschiebung gelungen, irgendeinen der gehemmten Vor- 
sätze zum Entschluß zu bringen, so muß dieser ausgeführt 
werden; es ist freilich nicht der ursprüngliche mehr, aber die 
dort aufgestaute Energie wird auf die Gelegenheit, an der 
Ersatzhandlung ihre Abfuhr zu finden, nicht mehr verzichten. 
Sie äußert sich also in Geboten und Verboten, indem bald 
der zärtliche, bald der feindliche Impuls diesen Weg zur 
Abfuhr erobert. Die Spannung, wenn das Zwahgsgebot nicht 
ausgeführt werden soll, ist eine unerträgliche und wird als 
höchste Angst wahrgenommen. Aber der Weg selbst zu der 
auf ein Kleinstes verschobenen Ersatzhandhmg wird so heiß 
umstritten, daß diese meist nur als Schutzmaßregel im engsten 
Anschlüsse an einen abzuwehrenden Impuls durchgesetzt 
werden kann. 

Durch eine Art von Regression treten ferner vorbereitende 
Akte an die Stelle der endgültigen Entschließung, das Denken 
ersetzt das Handeln, und irgendeine Gedankenvorstufe der Tat 
setzt sich mit Zwangsgewalt durch anstatt der Ersatzhandlung. 
Je nachdem diese Regression vom Handeln aufs Denken mehr 
oder weniger ausgeprägt ist, nimmt der Fall von Zwangsneurose 
den Charakter des Zwangsdenkens (Zwangsvorstellung) oder 
des Zwangshandelns im engeren' Sinne an. Diese eigentlichen 
Zwangshandlungen werden aber nur dadurch ermöglicht, daß in 
ihnen eine Art Versöhnung der beiden einander bekämpfenden 
Impulse in Kompromißbildungen statt hat. Die Zwangshandlungen 
nähern sich nämlich immer mehr, und je länger das Leiden 
andauert, um so deutlicher, den infantilen Sexualhandlungen 
nach Art der Onanie. So ist es bei dieser Form der Xeurose 
doch zu Liebesakten gekommen, aber nur mit Zuhilfenahme einer 
neuen Regression, nicht mehr zu Akten, die einer Person gelten, 
dem Objekte von Liebe und Haß, sondern zu autoerotischen 
Handlungen wie in der Kindheit. 

Die erstere Regression, die vom Handeln aufs Denken, 
wird durch einen andern an der Entstehung der Neurose be- 
teiligten Faktor begünstigt. Ein fast regelmäßiges Vorkommnis 
in den Geschichten der Zwangskranken ist das frühzeitige Auf- 
treten und die vorzeitige Verdrängung des sexuellen Schau- und 

Freud, Neurosenlehre. 111. J3 



194 

Wißtriebes, der ja auch bei unserem Patienten ein Stück seiner 
infantilen Sexualbetätigung dirigiert 1 ). 

Wir haben der Bedeutung der sadistischen Komponente 
für die Genese der Zwangsneurose bereits gedacht; wo der Wiß- 
trieb in der Konstitution des Zwangskranken überwiegt, da wird 
das Grübeln zum Hauptsymptome der Neurose. Der Denk- 
vorgang selbst wird sexualisiert, indem die sexuelle Lust, die 
sich sonst auf den Inhalt des Denkens bezieht, auf den Denk- 
akt selbst gewendet wird, und die Befriedigung beim Erreichen 
eines Denkerg'ebnisses wird als sexuelle Befriedigung empfunden. 
Diese Beziehung des Wißtriebes zu den Denkvorgängen macht 
ihn besonders geeignet, in den verschiedenen Formen der Zwangs- 
neurose, an denen er Anteil hat, die Energie, die sich ver- 
geblich zur Handlung durchzudringen bemüht, aufs Denken zu 
locken, wo sich die Möglichkeit einer andern Art von Lust- 
befriedigung bietet. So kann sich mit Hilfe des Wißtriebes die 
Ersatzhandlung durch vorbereitende Denkakte weiter ersetzen. 
Der Aufschub im Handeln findet aber bald seinen Ersatz 
durch das Verweilen im Denken, und der ganze Prozeß ist 
schließlich mit Erhaltung all seiner Eigentümlichkeiten auf ein 
neues Gebiet übersetzt, wie die Amerikaner ein Haus zu „moven" 
vermögen. 

Ich würde mich nun getrauen, den lange gesuchten psycho- 
logischen Charakter, der den Produkten der Zwangsneurose das 
„Zwangsartige" verleiht, in Anlehnung an die oben stehenden 
Erörterungen zu bestimmen. Zwanghaft werden solche Denkvor- 
gänge, welche (infolge der Gegensatzhemmung am motorischen 
Ende der Denksysteme) mit einem — qualitativ wie quantitativ 
— sonst nur für das Handeln bestimmten Energieaufwand unter- 
nommen werden, also Gedanken, die regressiv Taten ver- 
treten müssen. Die Annahme wird wohl keinen Widerspruch 
erfahren, daß das Denken sonst aus ökonomischen Gründen mit 
kleineren Energieverschiebungen (wahrscheinlich auf höherem 
Niveau) betrieben wird als das zur Abfuhr und zur Veränderung 
der Außenwelt bestimmte Handeln. 






*) Hiermit hängt wahrscheinlich auch die im Durchschnitt recht große 



intellektuelle Begabung der Zwangskranken zusammen. 



195 

Was als Zwangsgedanke überstark zum Bewußtsein durch- 
gedrungen ist, muß nun gegen die auflösenden Bemühungen 
des bewußten Denkens versichert werden. Wir wissen bereits, 
daß dieser Schutz durch die Entstellung erreicht wird, 
welche der Zwangsgedanke vor seinem Bewußtwerden er- 
fahren hat. Doch ist dies nicht das einzige Mittel. Über- 
dies wird selten versäumt, die einzelne Zwangsidee der Situation 
ihrer Entstehung zu entrücken, in welcher sie trotz der Ent- 
stellung am leichtesten dem Verständnisse zugänglich wäre. In 
dieser Absicht wird einerseits ein Intervall zwischen die 
pathogene Situation und die abf olgendo Zwangsidee ein- 
geschoben, welches die Kausalerforschungen des Bewußten 
irre führt; anderseits wird der Inhalt der Zwangsidee durch 
Verallgemeinerung aus seinen speziellen Beziehungen gelöst. 

Ein Beispiel hierfür gibt unser Patient im „Verstehzwang" 
(S. 151); ein besseres vielleicht eine andere Kranke, die sich 
verbot, irgendwelchen Schmuck zu tragen, obwohl die Veran- 
lassung auf ein einziges Schmuckstück zurückging, um welches 
sie ihre Mutter beneidet hatte, und von dem sie hoffte, es würde 
ihr dereinst durch Erbschaft zufallen. Endlich dient noch zum 
Schutze der Zwangsidee gegen die bewußte Lösungsarbeit der 
unbestimmt oder zweideutig gewählte Wortlaut, wenn man diesen 
von der inhaltlichen Entstellung absondern will. Dieser mißver- 
standene Wortlaut kann nun in die Delirien eingehen und die 
weiteren Fortbildungen oder Ersetzungen des Zwanges werden 
an das Mißverständnis anknüpfen anstatt an den richtigen Text. 
Doch kann man beobachten, daß diese Delirien bestrebt 
sind, immer wieder neue Beziehungen zu dem nicht im Be- 
wußtsein enthaltenen Gehalt und Wortlaut des; Zwanges zu 
gewinnen. 

Einer einzigen Bemerkung wegen möchte ich noch zum 
Triebleben der Zwangsneurose zurückkehren. Unser Patient 
erwies sich auch als ein Ei e eher, der nach seiner Behauptung 
in der Kindheit wie ein Hund jeden Menschen nach dem Geruch 
erkannt hatte, und dem auch heute noch lliechwahrnehmungen 
mehr sagten als anderen 1 ). Ich habe ähnliches auch bei anderen 

*) Ich füge hinzu, (laß in seinen Kinderjahren starke koprophile 
Neigungen gewaltet halten. Dazu die bereits betonte Analerotik. (S. 169.) 

13* 



196 



Neurotikern, Zwangskranken und Hysterikern gefunden und 
gelernt, der Bolle einer seit der Kindheit untergegangenen Riech- 
lust in der Genese der Neurosen Rechnung zu tragen 1 ). Ganz 
allgemein möchte ich die Frage aufwerfen, ob nicht die mit 
der Abkehrung des Menschen vom Erdboden unvermeidlich 
gewordene Verkümmerung des Geruchsinnes und die so her- 
gestellte organische Verdrängung der Riechlust einen guten 
Anteil an seiner Befähigung zu neurotischen Erkrankungen 
haben kann. Es ergäbe sich ein Verständnis dafür, daß 
bei steigender Kultur gerade das Sexualleben die Opfer 
der Verdrängung bringen muß. Wir wissen ja längst, welch 
inniger Zusammhang in der tierischen Organisation zwischen 
dem Sexualtrieb und der Funktion des Riechorgans her- 
gestellt ist. 

Zum Schlüsse dieser Arbeit will ich die Hoffnung aus- 
sprechen, daß meine in jedem Sinne unvollständigen Mittei- 
lungen wenigstens anderen die Anregung bringen mögen, durch 
weitere Vertiefung in das Studium der Zwangsneurose mehr 
zutage zu fördern. Das Charakteristische dieser Neurose, das, 
was sie von der Hysterie unterscheidet, ist meines Erachtens 
nicht im Triebleben, sondern in den psychologischen Verhält- 
nissen zu suchen. Ich kann meinen Patienten nicht verlassen, 
ohne dem Eindrucke Worte zu leihen, daß er gleichsam in drei 
Persönlichkeiten zerfallen war; ich würde sagen: in eine un- 
bewußte und zwei vorbewußte, zwischen denen sein Bewußtsein 
oszillieren konnte. Sein Unbewußtes umschloß die frühzeitig 
unterdrückten, als leidenschaftlich und böse zu bezeichnenden 
Regungen; in seinem Normalzustande war er gut, lebensfroh 
überlegen, klug und aufgeklärt, aber in einer dritten psychischen 
Organisation huldigte er dem Aberglauben und der Askese, so 
daß er zwei Überzeugungen haben und zweierlei "Weltanschau- 
ungen vertreten konnte. Diese vorbewußte Person enthielt vor- 
wiegend die Reaktionsbildungen auf seine verdrängten Wünsche, 
und es war leicht vorherzusehen, daß sie bei weiterem Bestände 
der Krankheit die normale Person aufgezehrt hätte. Ich habe 



J ) Z. B. bei gewissen Formen des Fetischismus. 



197 

jetzt Gelegenheit, eine an schweren Zwangshandlungen leidende 
Dame zu studieren, die in ähnlicher Weise in eine tolerante 
heitere und in eine schwer verdüsterte, asketische Persönlichkeit 
zerfallen ist, die erstere als ihr offizielles Ich vorschiebt, während 
sie von der letzteren beherrscht wird. Beide psychischen Organisa- 
tionen haben Zugang zu ihrem Bewußtsein, und hinter der aske- 
tischen Person ist das ihr völlig unbekannte Unbewußte ihres 
Wesens aufzufinden, bestehend aus uralten, längst verdrängten 
Wunschregungen. 









III. 

Psychoanalytische Bemerkungen über einen auto- 
biographisch beschriebenen Fall von Paranoia 
(Dementia paranoides) 1 ). 



Die analytische Untersuchung der Paranoia bietet uns 
Ärzten, die nicht an öffentlichen Anstalten tätig sind, Schwierig- 
keiten besonderer Natur. Wir können solche Kranke nicht an- 
nehmen oder nicht lange behalten, weil die Aussicht auf 
therapeutischen Erfolg die Bedingung unserer Behandlung ist. 
So trifft es sich also nur ausnahmsweise, daß ich einen tieferen 
Einblick in die Struktur der Paranoia machen kann, sei es, 
daß die Unsicherheit der nicht immer leichten Diagnose den 
Versuch einer Beeinflussung rechtfertigt, sei es, daß ich den 
Bitten der Angehörigen nachgebe und einen solchen Kranken 
trotz der gesicherten Diagnose für eine gewisse Zeit in Be- 
handlung nehme. Ich sehe sonst^ natürlich Paranoiker (und 
Demente) genug und erfahre ron ihnen soviel wie andere 
Psychiater von ihren Fällen, aber das reicht in der Regel nicht 
aus, um analytische Entscheidungen zu treffen. 

Die psychoanalytische Untersuchung der Paranoia wäre 
überhaupt unmöglich, wenn die Kranken nicht die Eigen- 
tümlichkeit besäßen, allerdings in entstellter Form, gerade das 
zu verraten, was die anderen Neurotiker als Geheimnis verbergen. 
Da die Paranoiker nicht zur Überwindung ihrer inneren Wider- 
stände gezwungen werden können und ohnedies nur sagen, was 
sie sagen wollen, darf gerade bei dieser Affektion der schrift- 



l ) Jahrbuch f. psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. Bd. III. 1911. 






jki 



199 

liehe Bericht oder die gedruckte Krankengeschichte als Ersatz 
für die persönliche Bekanntschaft mit dem Kranken eintreten. 
Ich halte es darum nicht für unstatthaft, analytische Deutungen 
an die Krankengeschichte eines Paranoikers (Dementia para- 
noides) zu knüpfen, den ich nie gesehen habe, der aber seine 
Krankengeschichte selbst beschrieben und zur öffentlichen 
Kenntnis durch den Druck gebracht hat. 

Es ist dies der ehemalige sächsische Senatspräsident Dr. 
jur. Daniel Paul Schreber, dessen „Denkwürdigkeiten eines 
Nervenkranken" im Jahre 1903 als Buch erschienen sind und, 
wenn ich recht berichtet bin, ein ziemlich großes Interesse bei den 
Psychiatern erweckt haben. Es ist möglich, daß Dr. Schreber 
heute, noch lebt und sich von seinem 1903 vertretenen Wahn- 
system so weit zurückgezogen hat, daß er diese Bemerkungen 
über sein Buch peinlich empfindet. Soweit er aber die Identität 
seiner heutigen 'Persönlichkeit mit der damaligen noch festhält, 
darf ich mich auf seine eigenen Argumente berufen, die der 
„geistig hochstehende Mann von ungewöhnlich scharfem Verstand 
und scharfer Beobachtungsgabe" 1 ) den Bemühungen, ihn von 
der Publikation abzuhalten, entgegensetzte: „Dabei habe ich 
mir die Bedenken nicht verhehlt, die einer Veröffentlichung ent- 
gegenzustehen scheinen: es handelt sich namentlich um die 
Rücksicht auf einzelne noch lebende Personen. Auf der andern 
Seite bin ich der Meinung, daß es für die Wissenschaft und 
für die Erkenntnis religiöser Wahrheiten von Wert sein könnte, 
wenn noch bei meinen Lebzeiten irgend welche Beobachtungen 
von berufener Seite an meinem Körper und meinen persönlichen 
Schicksalen zu ermöglichen wären. Dieser Erwägung gegenüber 
müssen alle persönlichen Rücksichten schweigen 2 )." An einer 
andern Stelle des Buches spricht er aus, daß er sich entschlossen 
habe, an dem Vorhaben der Veröffentlichung festzuhalten, auch 
wenn sein Arzt Geh. Rat Dr. Flechsig in Leipzig deswegen die 
Anklage gegen ihn erheben würde. Er mutet dabei Flechsig das- 
selbe' zu was ihm selbst jetzt von meiner Seite zugemutet wird: 
„Ich hoffe, daß dann auch bei Geh. Rat Prof. Dr. Flechsig 

i) Diese gewiß nicht unberechtigte Selbstcharakteristik findet sich 
auf S. 35 des Sc hieb er sehen Buches. 

2 ) Vorrede der „Denkwürdigkeiten". 



200 

das wissenschaftliche Interesse an dem Inhalte meiner Denk- 
würdigkeiten etwaige persönliche Empfindlichkeiten zurück- 
drängen würde." 

Wiewohl ich im folgenden alle Stellen der „Denkwürdig- 
keiten", die meine Deutungen stützen, im Wortlaut anführen 
werde, bitte ich doch die Leser dieser Arbeit, sich vorher mit 
dem Buche wenigstens durch einmalige Lektüre vertraut zu 
machen. 

I. Krankengeschichte. 

Dr. Schreber berichtet 1 ): „Ich bin zweimal nervenkrank 
gewesen, beide Male infolge von geistiger Überanstrengung; das 
erstemal (als Landesgerichtsdirektor in Chemnitz) aus Anlaß 
einer Reichstagskandidatur, das zweitemal aus Anlaß der un- 
gewöhnlichen Arbeitslast, die ich beim Antritt des mir neu über- 
tragenen Amtes eines Senatspräsidenten beim Ob'erlandesgericht 
Dresden vorfand." 

Die erste Erkrankung trat im Herbste 1884 hervor und 
war Ende 1885 vollkommen geheilt. "Flechsig, auf dessen 
Klinik der Patient damals 6 Monate verbrachte, bezeichnete 
in einem später abgegebenen „Formulargutachten" den Zustand 
als einen Anfall schwerer Hypochondrie. Dr. Schreber ver- 
sichert, daß diese Krankheit „ohne jede an das Gebiet des 
übersinnlichen anstreifenden Zwischenfälle" verlief 2 ). 

über die Vorgeschichte und die näheren Lebensumstände 
des Patienten geben weder seine Niederschriften noch die ihr 
angefügten Gutachten der Ärzte genügende Auskunft. Ich wäre 
nicht einmal in der Lage, sein Alter zur Zeit der Erkrankuno- 
anzugeber,, wiewohl die vor der zweiten Erkrankung erreichte 
hohe Stellung im Justizdienst eine gewisse untere Grenze 
sichert. Wir erfahren, daß Dr. Schreber zur Zeit der „Hypo- 
chondrie" bereits lange verheiratet war. Er schreibt:" „Fast 
noch inniger wurde der Dank von meiner Frau empfunden, 
die in Professor Flechsig geradezu denjenigen verehrte, der 
ihr ihren Mann wiedergeschenkt habe und aus diesem Grunde 
sein Bildnis jahrelang auf ihrem Arbeitstische stehen hatte." 

') Denkwürdigkeiten, S. 34. 
2 ) Denkwürdigkeiten, S. 35. 






201 

(S. 36.) Und ebenda: „Nach der Genesung von meiner ersten 
Krankheit habe ich acht, im ganzen recht glückliche, auch 
an äußeren Ehren reiche und nur durch die mehrmalige "Ver- 
eitlung der Hoffnung auf Kindersegen zeitweilig getrübte Jahre 
mit meiner Frau verlebt." 

Im Juni 1893 wurde ihm seine bevorstehende Ernennung 
zum Senatspräsidenten angezeigt; er trat sein Amt am 1. Oktober 
desselben Jahres an. In die Zwischenzeit 1 ) fallen einige Träume, 
denen Bedeutung beizulegen er erst später veranlaßt wurde. Es 
träumte ihm einige Male, daß seine frühere Nervenkrankheit 
zurückgekehrt war, worüber er sich im Traume ebenso un- 
glücklich fühlte, wie nach dem Erwachen glücklich, daß es 
eben nur ein Traum gewesen war. Ferner hatte er einmal gegen 
Morgen in einem Zustande zwischen Schlafen und Wachen „die 
Vorstellung, daß es doch eigentlich recht schön sein müsse, ein 
Weib zu sein, das dem Beischlaf unterliege" (S. 36), eine Vor- 
stellung, die er bei vollem Bewußtsein mit großer Entrüstung 
zurückgewiesen hätte. 

Die zweite Erkrankung setzte Ende Oktober 1893 mit 
quälender Schlaflosigkeit ein, die ihn die Flechsigsche Klinik 
von neuem aufsuchen ließ, wo sich aber sein Zustand rasch 
verschlechterte. Die weitere Entwicklung derselben schildert ein 
späteres Gutachten, welches von dem Direktor der Anstalt 
Sonnenstein abgegeben wurde (S. 380): „Im Beginn seines 
dortigen Aufenthaltes 2 ) äußerte er mehr hypochondrische Ideen, 
klagte, daß er an Hirnerweichung leide, bald sterben müsse, 
p. p., doch mischten sich schon Verfolgungsideen iu das 
Krankheitsbild, und zwar auf Grund von Sinnestäuschungen, 
die anfangs allerdings mehr vereinzelt aufzutreten schienen, 
während gleichzeitig hochgradige Hyperästhesie, große Empfind- 
lichkeit gegen Licht und Geräusch sich geltend machte. Später 
häuften sich die Gesichts- und Gehörstäuschungen und be- 
herrschten in Verbindung mit Gemeingefühlsstörungen sein 
ganzes Empfinden und Denken, er hielt sich für tot und an- 
gefault, für pestkrank, wähnte, daß an seinem Körper allerhand 

*) Also noch vor der Einwirkung der von ihm beschuldigten Über- 
arbeitung in seiner neuen Stellung. 

2 ) Auf der Leipziger Klinik bei Prof. Flechsig. 



202 

abscheuliche Manipulationen vorgenommen würden, und machte, 
•wie er sich selbst noch jetzt ausspricht, entsetzlichere Dinge 
durch, als jemand geahnt, und zwar um eines heiligen Zweckes 
•willen. Die krankhaften Eingebungen nahmen den Kranken so 
sehr in Anspruch, daß er, für jeden andern Eindruck unzu- 
gänglich, stundenlang völlig starr und unbeweglich da saß 
(halluzinatorischer Stupor), anderseits quälten sie ihn derartig, 
daß er sich den Tod herbeiwünschte, im Bade wiederholt 
Ertränkungsversuche machte und das „für ihn bestimmte 
Zyankalium" verlangte. Allmählich nahmen die Wahnideen 
den Charakter des Mystischen, Religiösen an, er verkehrte direkt 
mit Gott, die Teufel trieben ihr Spiel mit ihm, er sah .Wunder- 
erscheinungen', hörte »heilige Musik' und glaubte schließlich 
sogar in einer andern Welt zu weilen." 

Fügen wir hinzu, daß er verschiedene Personen, von denen 
er sich verfolgt und beeinträchtigt glaubte, vor allen seinen 
früheren Arzt Flechsig beschimpfte, ihn „Seelenmörder" nannte 
und ungezählte Male „kleiner Flechsig", das erste Wort 
scharf betonend, ausrief (S. 383). In die Anstalt Sonnenstein 
bei Pirna war er aus Leipzig nach kurzem Zwischenaufenthalt 
im Juni 1894 gekommen und verblieb dort bis zur endgültigen 
Gestaltung seines Zustandes. Im Laufe der nächsten Jahre ver- 
änderte sich das Krankheitsbild in einer Weise, die wir am 
besten mit den Worten des Anstaltsdirektors Dr. Weber be- 
schreiben werden: 

„Ohne noch weiter auf die Einzelheiten des Krankheits- 
verlaufes einzugehen, sei nur darauf hingewiesen, wie in der 
Folge aus der anfänglichen akuteren, das gesamte psychische 
Geschehen unmittelbar in Mitleidenschaft ziehenden Psychose, 
die als halluzinatorischer Wahnsinn zu bezeichnen war, immer 
entschiedener das paranoische Krankheitsbild sich hervorhob, 
sozusagen herauskristallisierte, das man gegenwärtig vor sich 
hat" (S. 385). Er hatte nämlich einerseits ein kunstvolles Wahn- 
gebäude entwickelt, welches den größten Anspruch auf unser 
Interesse hat, anderseits hatte sich seine Persönlichkeit rekon- 
struiert und sich den Aufgaben des Lebens bis auf einzelne 
Störungen gewachsen gezeigt. 

Dr. Weber berichtet über ihn im Gutachten von 1899: 



F 

203 

„So erscheint zurzeit Herr Senatspräsident Dr. Schreber, 
abgesehen von den selbst für den flüchtigen Beobachter un- 
mittelbar als krankhaft sich aufdrängenden psychomotorischen 
Symptomen, weder verwirrt, noch psychisch gehemmt, noch in 
seiner Intelligenz merklich beeinträchtigt — , er ist besonnen, sein 
Gedächtnis vorzüglich, er verfügt über ein erhebliches Maß von 
Wissen, nicht nur in juristischen Dingen, sondern auch auf 
vielen anderen Gebieten und vermag es in geordnetem Gedanken- 
gange wiederzugeben, er hat Interesse für die Vorgänge in 
Politik, Wissenschaft und Kunst usw. und beschäftigt sich fort- 
gesetzt mit ihnen . . ., und wird in den angedeuteten .Richtungen 
dem von seinem Gesamtzustande nicht näher unterrichteten 
Beobachter kaum viel Auffälliges erkennen lassen. Bei alledem 
ist der Patient von krankhaft bedingten Vorstellungen erfüllt, 
die sich zu einem vollständigem System geschlossen haben, mehr 
oder weniger fixiert sind und einer Korrektur durch objektive 
Auffassung und Beurteilung der tatsächlichen Verhältnisse nicht 
zugänglich erscheinen." (S. 386.) 

Der so weit veränderte Kranke hielt sich selbst für existenz- 
fähig und unternahm zweckmäßige Schritte, um die Aufhebung 
seiner Kuratel und die Entlassung aus der Anstalt durchzusetzen. 
Dr. Weber widerstrebte diesen Wünschen und gab Gutachten 
im entgegengesetzten Sinne ab; doch kann er nicht umhin, das 
Wesen und Benehmen des Patienten im Gutachten von 1900 
in folgender anerkennender Weise zu schildern: „Der Unter- 
zeichnete hat seit 3 /.i Jahren bei Einnahme der täglichen Mahl- 
zeiten am Familientisch ausgiebigste Gelegenheit gehabt, mit 
Herrn Präsidenten Schreber über alle möglichen Gegenstände 
sich zu unterhalten. Welche Dinge nun auch — von seinen 
Wahnideen natürlich abgesehen — zur Sprache gekommen sind, 
mochten sie Vorgänge im Bereiche der Staatsverwaltung und 
Justiz, der Politik, der Kunst und Literatur, des gesellschaft- 
lichen Lebens oder was sonst berühren, überall bekundete Dr. 
Schreber reges Interesse, eingehende Kenntnisse, gutes Ge- 
dächtnis und zutreffendes Urteil und auch in ethischer Be- 
ziehung eine Auffassung, der nur beigetreten werden konnte. 
Ebenso zeigte er sich in leichter Plauderei mit den anwesenden 
Damen nett und liebenswürdig und bei humoristischer Behandlung 



204 



mancher Dinge immer taktvoll und dezent, niemals hat er in 
die harmlose Tischunterhaltung die Erörterung von Angelegen- 
heiten hineingezogen, die nicht dort, sondern bei der ärztlichen 
Visite zu erledigen gewesen wären." (S. 397.) Selbst in eine 
geschäftliche, die Interessen der ganzen Familie berührende 
Angelegenheit hatte er damals in fachgemäßer und zweckent- 
sprechender Weise eingegriffen (S. 401, 510). 

In den wiederholten Eingaben an das Gericht, mittels 
deren Dr. Schreber um seine Befreiung kämpfte, verleugnete 
er durchaus nicht seinen Wahn und machte kein Hehl aus 
seiner Absicht, die „Denkwürdigkeiten" der Öffentlichkeit zu 
übergeben. Er betonte vielmehr den Wert seiner Gedanken- 
gänge für das religiöse Leben und deren Unzersetzbarkeit durch 
die heutige Wissenschaft; gleichzeitig berief er sich aber auch 
auf die absolute Harmlosigkeit (S. 430) all jener Handlungen, 
zu denen er sich durch den Inhalt des Wahnes genötigt 
wußte. Der Scharfsinn und die logische Treffsicherheit des als 
Paranoiker Erkannten führten denn auch zum Triumph. Im 
Juli 1902 wurde die über Dr. Schreber verhängte Ent- 
mündigung aufgehoben; im nächsten Jahr erschienen die 
„Denkwürdigkeiten eines Geisteskranken" als Buch, allerdings 
zensuriert und um manches wertvolle Stück ihres Inhaltes 
geschmälert. 

In der Entscheidung, welche Dr. Schreber die Freiheit 
wiedergab, ist der Inhalt seines Wahnsystems in wenigen 
Sätzen zusammengefaßt: „Er halte sich für berufen, die Welt 
zu erlösen und ihr die verloren gegangene Seligkeit wiederzu- 
bringen. Das könne er aber nur, wenn er sich zuvor aus einem 
Manne zu einem Weibe verwandelt habe." (S. 475.) 

Eine ausführlichere Darstellung des Wahnes in seiner 
endgültigen Gestaltung können wir dem 1899 vom Anstaltsarzte 
Dr. Weber erstatteten Gutachten entnehmen: „Das Wahnsystem 
des Patienten gipfelt darin, daß er berufen sei, die Welt zu 
erlösen und der Menschheit die verloren gegangene Seligkeit 
wiederzubringen. Er sei, so behauptet er, zu dieser Aufgabe 
gekommen durch unmittelbar göttliche Eingebungen, ähnlich 
wie dies von den Propheten gelehrt wird; gerade aufgeregtere 
Nerven, wie es die seinigen lange Zeit hindurch gewesen seien, 






205 

hätten nämlich die Eigenschaft, anziehend auf Gott zu wirken, 
es handle sich dabei aber um Dinge, die sich entweder gar 
nicht oder doch nur sehr schwer in menschlicher Sprache aus- 
drücken lassen, weil sie außerhalb aller menschlichen Erfahrung 
lägen und eben nur ihm offenbart seien. Das wesentlichste bei 
seiner erlösenden Mission sei, daß zunächst seine Verwandlung 
zum Weibe zu erfolgen habe. Nicht etwa, daß er sich zum 
Weibe verwandeln wolle, es handle sich vielmehr um ein in 
der Weltordnung begründetes ,Muß', dem er schlechterdings 
nicht entgehen könne, wenn es ihm persönlich auch viel lieber 
gewesen wäre, in seiner ehrenvollen männlichen Lebensstellnng 
zu verbleiben, das Jenseits sei aber nun für ihn und die ganze 
übrige Menschheit nicht anders wieder zu erobern als durch 
eine ihm vielleicht erst nach Ablauf vieler Jahre oder Jahr- 
zehnte bevorstehende Verwandlung in ein Weib im Wege gött- 
licher Wunder. Er sei, das stehe für ihn fest, der ausschließende 
Gegenstand göttlicher Wunder, somit der merkwürdigste Mensch, 
der je auf Erden gelebt habe, seit Jahren, in jeder Stunde und 
jeder Minute erfahre er diese Wunder an seinem Leib, erhalte 
sie auch durch die Stimmen, die mit ibm sprächen, bestätigt. 
Er habe in den ersten Jahren seiner Krankheit Zerstörungen 
an einzelnen Organen seines Körpers erfahren, die jedem andern 
Menschen längst den Tod hätten bringen müssen, habe lange 
Zeit gelebt ohne Magen, ohne Därme, fast ohne Lungen, mit 
zerrissener Speiseröhre, ohne Blase, mit zerschmetterten Hippen- 
knochen, habe seinen Kehlkopf manchmal zum Teil mit auf- 
gegessen usf., göttliche Wunder (,Strahlen ( ) aber hätten das 
Zerstörte immer wieder hergestellt und er sei daher, solange 
er ein Mann bleibe, überhaupt nicht sterblich. Jene bedrohlichen 
Erscheinungen seien nun längst verschwunden, dafür sei in den 
Vordergrund getreten seine ,Weiblichkeit', wobei es sich um 
einen Entwicklungsprozeß handle, der wahrscheinlich noch Jahr- 
zehnte, wenn nicht Jahrhunderte zu seiner Vollendung bean- 
spruche und dessen Ende schwerlich einer der jetzt lebenden 
Menschen erleben werde. Er habe das Gefühl, daß bereits 
massenhafte ,weibliche Nerven.' in seinen Körper übergegangen 
seien, aus denen durch unmittelbare Befruchtung Gottes neue 
Menschen hervorgehen würden. Erst dann werde er wohl eines 



206 

natürlichen Todes sterben können und sich wie alle anderen 
Menschen die Seligkeit wieder erworben haben. Einstweilen 
sprächen nicht nur die Sonne, sondern auch die Bäume und 
die Vögel, die so etwas wie »verwunderte Reste früherer Menschen- 
seelen' seien, in menschlichen Lauten zu ihm und überall 
geschähen Wunderdinge um ihn her." (S. 386.) 

Das Interesse des praktischen Psychiaters an solchen 
Wahnbildungen ist in der Regel erschöpft, wenn er die Leistung 
des Wahnes festgestellt und seinen Einfluß auf die Lebensführung 
des Kranken beurteilt hat; seine Verwunderung ist nicht der 
Anfang seines Verständnisses. Der Psychoanalytiker bringt 
von seiner Kenntnis der Psychoneurosen her die Vermutung 
mit, daß auch so absonderliche, so weit von dem gewohnten 
Denken der Menschen abweichende Gedankenbildungen aus den 
allgemeinsten und begreiflichsten Regungen des Seelenlebens 
hervorgegangen sind, und möchte die Motive wie die Wege 
dieser Umbildung kennen lernen. In dieser Absicht wird er sich 
gerne in die Entwicklungsgeschichte wie in die Einzelheiten 
des Wahnes vertiefen. 

a) Als die beiden Hauptpunkte werden vom ärztlichen 
Begutachter die Erlöserrolle und die Verwandlung zum 
Weibe hervorgehoben. Der Erlöserwahn ist eine uns vertraute 
Phantasie, er bildet so häufig den Kern der religiösen Paranoia. 
Der Zusatz, daß die Erlösung durch die Verwandlung des 
Mannes in ein Weib erfolgen müsse, ist ungewöhnlich und an 
sich befremdend, da er sich weit von dem historischen Mythos 
entfernt, den die Phantasie des Kranken reproduzieren will. Es 
liegt nahe, mit dem ärztlichen Gutachten anzunehmen, daß der 
Ehrgeiz, den Erlöser zu spielen, das treibende dieses Wahn- 
komplexes sei, wobei die Entmannung nur die Bedeutung 
eines Mittels zu diesem Zweck in Anspruch nehmen könne. 
Mag sich dies auch in der endgültigen Gestaltung des Wahnes 
so darstellen, so wird uns doch durch das Studium der „Denk- 
würdigkeiten" eine ganz andere Auffassung aufgenötigt. Wir 
erfahren, daß die Verwandlung in ein Weib (Entmannung) der 
primäre Wahn war, daß sie zunächst als ein Akt schwerer 
Beeinträchtigung und Verfolgung beurteilt wurde, und daß sie 
erst sekundär in Beziehung zur Erlöserrolle trat. Auch wird 



207 

es unzweifelhaft, daß sie zuerst zum Zwecke sexuellen Miß- 
brauches und nicht im Dienste höherer Absichten erfolgen sollte. 
Formal ausgedrückt, ein sexueller Verfolgungswahn hat sich bei 
dem Patienten nachträglich zum religiösen Größenwahn um- 
gebildet. Als Verfolger galt zuerst der behandelnde Arzt Prof. 
Flechsig, später trat Gott selbst an dessen Stelle. 

Ich setze die beweisenden Stellen aus den „Denkwürdigkeiten" 
ungekürzt hierher (S. 56): „Auf diese "Weise wurde ein gegen 
mich gerichtetes Komplott fertig (etwa im März oder Aprii 1894), 
welches dahin ging, nach einmal erkannter oder angenommener 
Unteilbarkeit meiner Nervenkrankheit mich einem Menschen in 
der Weise auszuliefern, daß meine Seele demselben überlassen, 
mein Körper aber — in mißverständlicher Auffassung der oben 
bezeichneten, der "Weltcrdnung zugrunde liegenden Tendenz — 
in einen weiblichen Körper verwandelt, als solcher dem be- 
treffenden Menschen 1 ) zum geschlechtlichen Mißbrauch über- 
lassen und dann einfach ,liegen gelassen', also wohl der Verwesung 
anheimgegeben werden sollte." 

(S. 59): „Dabei war es vom menschlichen Gesichtspunkte 
aus, der mich damals noch vorzugsweise beherrschte, wohl 
durchaus natürlich, daß ich meinen eigentlichen Feind immer 
nur in Professor Flechsig oder dessen Seele erblickte (später 
kam noch die v. W. sehe Seele hinzu, worüber weiter unten 
das Nähere) und Gottes Allmacht als meine natürliche Bundes- 
genossin betrachtete, die ich nur dem Professor Flechsig 
gegenüber in einer Notlage wähnte und deshalb mit allen 
erdenklichen Mitteln bis zur Selbstaufopferung unterstützen zu 
müssen glaubte. Daß Gott selbst der Mitwisser, wenn nicht gar 
der Anstifter des auf den an mir zu verübenden Seelenmord 
und die Preisgabe meines Körpers als weibliche Dirne gerichteten 
Planes gewesen sei, ist ein Gedanke, der sich mir erst sehr 
viel später aufgedrängt hat, ja zum Teil, wie ich sagen darf, 
mir erst während der Niederschrift des gegenwärtigen Aufsatzes 
zu klarem Bewußtsein gekommen ist.'- 



') Es gellt aus dem Zusmmeuhange dieser und anderer Stellen hervor, 
daß der betreffende Mensch, von dem der Mißbrauch geübt werden sollte, 
kein anderer als Flechsig ist (vgl. unten). 



208 



r 



(S. 61): „Alle auf Verübung eines Seelenmords, auf Ent- 
mannung zu weltordnungswidrigen Zwecken 31 ) (d. h. zur 
Befriedigung der geschlechtlichen Begierde eines Menschen) und 
später auf Zerstörung meines Verstandes gerichteten Versuche 
sind gescheitert. Ich gehe aus dem anscheinend so ungleichen 
Kampfe eines einzelnen schwachen Menschen mit Gott selbst, 
wenn schon nach manchen bitteren Leiden und Entbehrungen! 
als Sieger hervor, weil die Weltordnung auf meiner Seite' 
steht." 

In der Anmerkung 34 ) wird dann die spätere Umgestaltung 
des Entmannungswahnes und des Verhältnisses zu Gott ange- 
kündigt: „Daß eine Entmannung zu einem anderen — welt- 
ordnungsmäßigen Zweck im Bereich der Möglichkeit liegt, 
ja sogar vielleicht die wahrscheinliche Lösung dss Konfliktes 
enthält, wird später noch angeführt werden." 

Diese Äußerungen sind entscheinend für die Auffassung 
des Entmannungswahnes und somit für das Verständnis des 
Falles überhaupt. Fügen wir hinzu, daß die „Stimmen", die 
der Patient hörte, die Umwandlung in ein Weib nie anders 
denn als eine sexuelle Schmach behandelten, wegen welcher sie 
den Kranken höhnen durften. „Gottesstrahlen 1 ) glaubten mich 
nicht selten mit Rücksicht auf die angeblich bevorstehende Ent- 
mannung als, Miss Schreber' verhöhnen zu dürfen." (S 127.) — 

„Das will ein Senatspräsident gewesen sein, der sich f 2 ) 

läßt." — „Schämen Sie sich denn nicht vor Ihrer Frau Gemahlin?" 
Die primäre Natur der Entmannungsphantasie und ihre 
anfängliche Unabhängigkeit von der Erlöseridee wird ferner 
durch die eingangs erwähnte, im Halbschlaf aufgetretene „Vor- 
stellung" bezeugt, daß es schön sein müsse, ein Weib zu" sein 
das dem Beischlaf unterliege (S. 36). Diese Phantasie war in 
der Inkubationszeit der Erkrankung, noch vor der Einwirkung 
der Uberbürdung in Dresden bewußt worden. 



') Die „Gottesstrahlen" sind, wie sich ergeben wird, identisch mit 
den in der „Grundsprache" redenden Stimmen. 

2 ) Diese Auslassung sowie alle anderen Eigentümlichkeiten der 
Schreibweise kopiere ich nach den „Denkwürdigkeiten". Ich selbst wüßte 
kern Motiv, in ernster Sache so schamhaft zu sein. 



209 

Der Monat November 1895 wird von Schreber selbst 
als die Zeit hingestellt, in welcher sich der Zusammenhang der 
Entmannungsphantasie mit der Erlöseridee herstellte und solcher 
Art eine Versöhnung mit der ersteren angebahnt wurde. „Nun- 
mehr aber wurde mir unzweifelhaft bewußt, daß die Weltordnung 
die Entmannung, möchte sie mir persönlich zusagen oder nicht, 
gebieterisch verlange und daß mir daher aus Vernunftgründen 
gar nichts anderes übrig bleibe, als mich mit dem Gedanken der 
Verwandlung in ein Weib zu befreunden. Als weitere Folge 
der Entmannung konnte natürlich nur eine Befruchtung durch 
göttliche Strahlen zum Zwecke der Erschaffung neuer Menschen 
in Betracht kommen." (S. 177.) 

Die Verwandlung in ein Weib war das Punctum saliens, 
der erste Keim der Wahnbildung gewesen; sie erwies sich auch 
als das einzige Stück, welches die Herstellung überdauerte, und 
als das einzige, das im wirklichen Handeln des Genesenen 
seinen Platz zu »behaupten wußte. „Das Einzige, was in den 
Augen anderer Menschen als etwas Unvernünftiges gelten kann, 
ist der auch von den Herren Sachverständigen berührte Um- 
stand, daß ich zuweilen mit etwas weiblichem Zierat (Bändern, 
unechten Ketten u. dgl.) bei halb entblößtem Oberkörper vor 
dem Spiegel stehend oder sonst angetroffen werde. Es geschieht 
dies übrigens nur im Alleinsein, niemals, wenigstens soweit 
ich es vermeiden kann, zu Angesicht anderer Personen." (S. 429.) 
Diese Spielereien gestand der Herr Senatspräsident zu einer 
Zeit ein (Juli 1901), da er für seine wiedergewonnene praktische 
Gesundheit den treffenden Ausdruck fand: „Jetzt weiß ich 
längst, daß die Personen, die ich vor mir sehe, nicht »flüchtig 
hingemachte Männer', sondern wirkliche Menschen sind, und 
daß ich mich daher ihnen gegenüber so zu verhalten habe, wie 
ein vernünftiger Mensch im Verkehr mit anderen Menschen zu 
tun pflegt." (S. 409.) Im Gegensatz zu dieser Betätigung der 
Entmannungsphantasie hat der Kranke für die Anerkennung 
seiner Erlösermission nie etwas anderes unternommen als eben 
die Veröffentlichung seiner „Denkwürdigkeiten". 

b) Das Verhältnis unseres Kranken zu Gott ist so sonder- 
bar und von einander widersprechenden Bestimmungen erfüllt, 
daß ein gutes Stück Zuversicht dazu gehört, wenn man an der 

Freud, Neurosenlehre. III. 14 



210 



Erwartung festhält, daß in diesem „Wahnsinn" doch „Methode" 
zu finden sei. Wir müssen uns nun mit Hilfe der Äußerungen 
in den Denkwürdigkeiten über das theologisch-psychologische 
System des Dr. Schreber genauere Orientierung schaffen und 
seine Ansichten über die Nerven, die Seligkeit, die gött- 
liche Hierarchie und die Eigenschaften Gottes in ihrem 
scheinbaren (wahnhaften) Zusammenhange darlegen. In allen 
Stücken der Theorie fällt die merkwürdige Mischimg von 
Plattem und Geistreichem, von geborgten und orginellen Ele- 
menten auf. 

Die menschliche Seele ist in den Nerven des Körpers 
enthalten, die als Gebilde von außerordentlicher Feinheit — 
den feinsten Zwirnfäden vergleichbar — vorzustellen sind. 
Einige dieser Nerven sind nur zur Aufnahme sinnlicher Wahr- 
nehmungen geeignet, andere (die Verstandesnerven) leisten 
alles Psychische, wobei das Verhältnis stattfindet, daß jeder 
einzelne Verstandesnerv die gesamte geistige Indivi- 
dualität des Menschen repräsentiert und die größere 
oder geringere Zahl der vorhandenen Verstandesnerven nur von 
Einfluß ist auf die Zeitdauer, während deren die Eindrücke 
festgehalten werden können 1 ). 

Während die Menschen aus Körper und Nerven bestehen, 
ist Gott von vornherein nur Nerv. Die Gottesnerven sind je- 
doch nicht wie im menschlichen Körper in beschränkter Zahl 
vorhanden, sondern unendlich oder ewig. Sie besitzen alle 
Eigenschaften der menschlichen Nerven in enorm gesteigertem 
Maße. In ihrer Fähigkeit zu schaffen, d. h. sich umzusetzen in 
alle möglichen Dinge der erschaffenen Welt, heißen sie Strahlen. 



l ) In der Anmerkung zu (lieser von Schreber unterstrichenen Lehre 
wird deren Brauchbarkeit zur Erklärung der Erblichkeit betont. „Der 
männliche Samen enthält einen Nerv des Vaters und vereinigt sich mit 
einem aus dem Leib der Mutter entnommenen Nerven zu einer neuent- 
stehenden Einheit." (S. 7). Es ist also hier ein Charakter, den wir dem 
Spermatozoon zuschreiben müssen, auf die Nerven übertragen worden und 
dadurch die Herkunft der Schreber sehen „Nerven" aus dem sexuellen 
Vorstellungskreis wahrscheinlich gemacht. In den „Denkwürdigkeiten" trifft 
es sich nicht so selten, daß eine beiläufige Anmerkung zu einer wahn- 
haften Lehre den erwünschten Hinweis auf die Genese und somit auf die 
Bedeutung des Wahnes enthält. 



211 

Zwischen Gott und dem gestirnten Himmel oder der Sonne 
besteht eine innige Beziehung 1 ). 

Nach dem Schöpfungswerk zog sich Gott in ungeheuere 
Entfernung zurück (S. 11, 252) und überließ die Welt im all- 
gemeinen ihren Gesetzen. Er beschränkte sich darauf, die Seelen 
Verstorbener zu sich heraufzuziehen. Nur ausnahmsweise mochte 
er sich mit einzelnen hochbegabten Menschen in Verbindung 
setzen 8 ) oder mit einem Wunder in die Geschicke der Welt 
eingreifen. Ein regelmäßiger Verkehr Gottes mit Menschen- 
seelen findet nach der Weltordnung erst nach dem Tode statt 3 ). 
Wenn ein Mensch gestorben ist, so werden seine Seelenteile 
(Nerven) einem Läuterungsverfahren unterworfen, um endlich 
als „Vorhöfe des Himmels" Gott selbst wieder angegliedert zu 
werden. Es entsteht so ein ewiger Kreislauf der Dinge, welcher 
der Weltordnimg zugrunde liegt (S. 19). Indem Gott etwas 
schafft, entäußert er sich eines Teiles seiner selbst, gibt einem 
Teile seiner Nerven eine veränderte Gestalt. Der scheinbar hier- 
durch entstehende Verlust wird wiederum ersetzt, wenn nach 
Jahrhunderten und Jahrtausenden die selig gewordenen Nerven 
verstorbener Menschen als „Vorhöfe des Himmels" ihm wieder 
zuwachsen. 

Die durch den Läuterungsprozeß gereinigten Seelen be- 
finden sich im Genüsse der Seligkeit 1 ). „Sie haben unterdes 
ihr Selbstbewußtsein abgeschwächt und sind mit anderen Seelen 
zu höheren Einheiten zusammengeschmolzen. Bedeutsame Seelen, 
wie die eines Goethe, Bismarck u. a., haben ihr Identitäts- 
bewußtsein vielleicht noch durch Jahrhunderte zu bewahren, bis 
sie selbst in höheren Seelenkomplexen (wie „Jchovastrahlen" 
für das alte Judentum. „Zoroasterstrahlen" für das Persertum) 

*) Über diese siebe weiter unten: Sonne. — Die Gleichstellung (oder 
vielmehr Verdichtung) von Nerven und Strahlen könnte leicht deren lineare 
Erscheinung zum Gemeinsamen genommen haben. — Die Strahlen-Nerven 
sind übrigens ebenso schöpferisch wie die Samenfäden-Nerven. 

2 ) Das wird in der „Grundsprache" (s. u.) als „Nervenanhang bei 
ihnen nehmen" bezeichnet. 

a ) Welche Einwürfe gegen Gott sich hieran knüpfen, werden wir 
später erfahren. 

4 ) Diese besteht wesentlich in einem Wollustgefühl (s. u.). 

14* 



212 

aufgellen können. Während der Läuterung lernen die Seelen 
die von Gott selbst gesprochene Sprache, die sogenannte Grund- 
sprache', ein „etwas altertümliches, aber immerhin kraftvolles 
Deutsch, das sich namentlich durch einen großen Reichtum an 
Euphemismen auszeichnete". (S. 13.) *) 

Gott selbst ist kein einfaches Wesen. „Über den .Vor- 
höfen des Himmels' schwebte Gott selbst, dem im Gegensatze 
zu diesen ,vorderen Gottesreichen' auch die Bezeichnung der 
,hinteren Gottesreiche' gegeben wurde. Die hinteren Gottes- 
reiche unterlagen (und unterliegen noch jetzt) einer eigentüm- 
lichen Zweiteilung, nach der ein niederer Gott (Ariman) und 
ein oberer Gott (Ormuzd) unterschieden wurde." (S. 19.) Über 
die nähere Bedeutung dieser Zweiteilung weiß Schreber nichts 
anderes zu sagen, als daß der niedere Gott sich vorzugsweise 
den Völkern brünetter Rasse (den Semiten) und der obere den 
blonden Völkern (Ariern) zugeneigt hat. Doch wird man von 
menschlicher Erkenntnis in solchen Höhen auch nicht mehr 
fordern dürfen. Immerhin erfahren wir noch, „daß der niedere 
und der obere Gott ungeachtet der in gewisser Beziehung vor- 
handenen Einheit von Gottes Allmacht doch als verschiedene 
Wesen aufgefaßt werden müssen, die, ein jedes von ihnen, auch 
im Verhältnis untereinander, ihren besonderen Egoismus 
und ihren besonderen Selbsterhaltungstrieb haben und sich daher 
immer wechselseitig vorzuschieben trachten." (S. 140.) Die beiden 
göttlichen Wesen benahmen sich auch während des akuten 
Krankheitstadiums in ganz verschiedener Weise gegen den un- 
glücklichen Schreber 2 ). 

Der Senatspräsident Schreber war in gesunden Tagen 
ein Zweifler in religösen Dingen gewesen (S. 29, 64); er hatte 
sich zu einem festen Glauben an die Existenz eines persön- 

*) Es war dem Patienten ein einziges Mal während seiner Krankheit 
vergönnt, Gottes Allmacht in ihrer vollständigen Reinheit vor seinem 
geistigen Auge zu sehen. Gott äußerte damals das in der Grundsprache ganz 
geläufige, kraftvolle, aber nicht freundlich klingende Wort: Luder! (S. 136). 

2 ) Eine Anmerkung S. 20 läßt erraten, daß eine Stelle in Byrons 
Manfred für die Wahl der persischen Gottesnamen den Ausschlag gegeben 
hat. Wir werden dem Einflüsse dieser Dichtung noch ein anderes Mal 
begegnen. 



213 

liehen Gottes nicht aufzuschwingen vermocht. Ja, er zieht aus 
dieser Tatsache seiner Vorgeschichte ein Argument, um die 
volle Realität seines Wahnes zu stützen 1 ). "Wer aber das Fol- 
gende über die Charaktereigenschaften des Schreberschen 
Gottes erfährt, wird sagen müssen, daß die durch die paranoische 
Erkrankung erzeugte Umwandlung keine sehr gründliche war, 
und daß in dem nunmehrigen Erlöser noch viel vom vormaligen 
Zweifler übrig gebliehen ist. 

Die Weltordnung hat nämlich eine Lücke, infolge deren 
die Existenz Gottes selbst gefährdet erscheint. Vermöge eines 
nicht näher aufzuklärenden Zusammenhanges üben die Nerven 
lebender Menschen, namentlich im Zustand einer hoch- 
gradigen Erregung, eine derartige Anziehung auf die Gottes- 
nerven aus, daß Gott nicht wieder von ihnen loskommen kann, 
also in seiner eigenen Existenz bedroht ist (S. 11). Dieser 
außerordentlich seltene Fall ereignete sich nun bei Schreber 
und hatte die größten Leiden für ihn zur Folge. Gottes Selbst- 
erhaltungstrieb wurde dadurch rege gemacht (S. 30) und es 
ergab sich, daß Gott von der Vollkommenheit, die ihm die 
Religionen beilegen, weit entfernt ist. Durch das ganze Buch 
Schrebers zieht sich die bittere Anklage, daß Gott, nur an den 
Verkehr mit Verstorbenen gewöhnt, den lebenden Menschen 
nicht versteht. 

(S. 56): „Dabei waltet nun aber ein fundamentales Miß- 
verständnis ob, welches sich seitdem wie ein roter Faden durch 
mein ganzes Leben hindurchzieht und welches eben darauf be- 
ruht, daß Gott nach der Weltordnung den lebenden 
Menschen eigentlich nicht kannte und nicht zu kennen 
brauchte, sondern weltordnungsgemäß nur mit Leichen zu ver- 
kehren hatte." — (S. 141): „Daß . . . ., muß nach meiner 



*) „Daß bei mir bloße Sinnestäuschungen vorliegen sollen, erscheint 
mir schon von vornherein psychologisch undenkbar. Denn die Sinnestäuschung, 
mit Gott oder abgeschiedenen Seelen in Verkehr zu stehen, kann doch füg- 
lich nur in solchen Menschen entstehen, die in ihren krankhaft erregten 
Nervenzustand bereits einen sicheren Glauben an Gott und an die Un- 
sterblichkeit der Seele mitgebracht haben. Dies ist aber bei mir, nach 
dem im Eingang dieses Kapitels Erwähnten gar nicht der Fall 
gewesen." (S. 79.) 



214 



Überzeugung wiederum damit in Zusammenhang gebracht werden, 
daß Gott mit dem lebenden Menschen sozusagen nicht umzu- 
gehen wußte, sondern nur den Verkehr mit Leichen oder allen- 
falls mit dem im Schlafe daliegenden (träumenden) Menschen 
gewöhnt war." — (S. 246): „Incredibile scriptu, möchte ich 
selbst hinzufügen, und doch ist alles tatsächlich wahr, so wenig 
andere Menschen den Gedanken einer so totalen Unfähigkeit 
Gottes, den lebenden Menschen richtig zu beurteilen, werden 
fassen können, und so langer Zeit es auch für mich bedurft 
hat, um mich an diesen Gedanken nach den unzähligen, hier- 
über gemachten Beobachtungen zu gewöhnen." 

Allein infolge dieses Mißverständnisses Gottes für den 
lebenden Menschen konnte es geschehen, daß Gott selbst der 
Anstifter des gegen Schreber gerichteten Komplottes wurde, 
daß Gott ihn für blödsinnig hielt und ihm die beschwerlichsten 
Prüfungen auferlegte (S. 264). Er unterwarf sich einem höchst 
lästigen „Denkzwange", um dieser Verurteilung zu entgehen. 
(S. 206): „Bei jeder Einstellung meiner Denktätigkeit erachtet 
Gott augenblicklich meine geistigen Fähigkeiten für erloschen, 
die von ihm erhoffte Zerstörung des Verstandes (den Blöd- 
sinn) für eingetreten und damit die Möglichkeit des Rückzuges 
für gegeben." 

Eine besonders heftige Empörung wird durch das Be- 
nehmen Gottes in der Sache des Entleerungs- oder Seh . . .- 
dranges hervorgerufen. Die Stelle ist so charakteristisch, daß 
ich sie ganz zitieren will. Zu ihrem Verständnis schicke ich 
voraus, daß sowohl die Wunder als auch die Stimmen von 
Gott (d. h. von den göttlichen Strahlen) ausgehen. 

(S. 225): „"Wegen ihrer charakteristischen Bedeutung muß 
ich der eben erwähnten Frage „Warum seh. ... Sie denn 
nicht?" noch einige Bemerkungen widmen, so wenig dezent auch 
das Thema ist, das ich dabei zu berühren genötigt bin. Wie 
alles andere an meinem Körper, wird nämlich auch das Aus- 
leerungsbedürfnis durch Wunder hervorgerufen; es geschieht 
dies, indem der Kot in den Därmen vorwärts (manchmal auch 
wieder rückwärts) gedrängt wird und wenn infolge geschehener 
Ausleerungen genügendes Material nicht mehr vorhanden ist, 
wenigstens die noch vorhandenen geringen Reste des Darm- 






215 

inlialtes auf ineine Gesäßöffnung geschmiert werden. Es handelt 
sich dabei um ein Wunder des oberen Gottes, das an jedem 
Tage mindestens mehrere Dutzende von Malen wiederholt wird. 
Damit verbindet sich die für Menschen geradezu unbegreifliche 
und nur aus der völligen Unbekanntschaft Gottes mit dem 
lebenden Menschen als Organismus erklärliche Vorstellung, daß 
das „Seh ..." gewissermaßen das letzte sei, d. h. mit dem 
Anwundern des Seh . . dranges das Ziel der Zerstörung des 
Verstandes erreicht und die Möglichkeit eines endgültigen 
Rückzuges der Strahlen gegeben sei. Wie mir scheint, muß man, 
um der Entstehung dieser Vorstellung auf den Grund zu gehen, 
an das Vorliegen eines Mißverständnisses in betreff der sym- 
bolischen Bedeutung' des Ausleerungsaktes denken, daß nämlich 
derjenige, der zu göttlichen Strahlen in ein dem meinigen ent- 
sprechendes Verhältnis gekommen ist, gewissermaßen berechtigt 
sei, auf alle AVeit zu seh . . ." 

„Zugleich äußert sich dabei aber auch die ganze Perfidie 1 ) 
der Politik, die mir gegenüber verfolgt wird. Nahezu jedesmal, 
wenn man mir das Ausleerungshedürfnis wundert, schickt man — 
indem man die Nerven des betreffenden Menschen dazu an- 
regt — irgend eine andere Person meiner Umgebung auf den 
Abtritt, um mich am Ausleeren zu verhindern; es ist dies eine 
Erscheinung, die ich seit Jahren in so unzähligen (Tausenden 
von) Malen und so regelmäßig beobachtet habe, daß jeder Ge- 
danke an einen Zufall ausgeschlossen ist. Mir selbst gegenüber 
wird dann aber auf die Frage: „Warum seh. . . Sie denn nicht?" 
mit der famosen Antwort fortgefahren: „Weil ich dumm bin 
so etwa." Die Feder sträubt sich fast dagegen, den formidabeln 
Unsinn niederzuschreiben, daß Gott in der Tat in seiner auf 
Unkenntnis der Menschennatur beruhenden Verblendung so weit 
geht, anzunehmen, es könne einen Menschen geben, der — was 
doch jedes Tier zu tun vermag — vor Dummheit nicht seh . . . 
könne. Wenn ich dann im Fall eines Bedürfnisses wirklich aus- 
leere — wozu ich mich, da ich den Abtritt fast stets besetzt 
finde, in der Regel eines Eimers bediene — , so ist dies jedes- 

l ) Eine Anmerkung bemüht sich hier, das harte Wort „Perfidie" zu 
mildern, indem auf eine der noch KU erwähnenden Rechtfertigungen Gottes 
verwiesen wird. 



216 



mal mit einer überaus kräftigen Entwicklung der Seelenwollust 
verbunden. Die Befreiung von dem Drucke, der durch den in 
den Därmen vorhandenen Kot verursacht wird, hat nämlich für 
die Wollustnerven ein intensives Wohlbehagen zur Folge; das 
gleiche ist auch beim Pissen der Fall. Aus diesem Grunde 
sind noch stets und ohne jede Ausnahme beim Ausleeren und 
Pissen alle Strahlen vereinigt gewesen; aus eben diesem Grunde 
sucht man auch stets, wenn ich mich zu diesen natürlichen 
Funktionen anschicke, den Ausleerungs- und Pißdrang, wenn 
auch meist vergeblich, wieder zurückzuwundem" 1 ). 

Der sonderbare Gott Schrebers ist auch nicht imstande, 
etwas aus der Erfahrung zu lernen. (S. 186): „Aus der so 
gewonnenen Erfahrung eine Lehre für die Zukunft zu ziehen, 
scheint vermöge irgend welcher, in dem Wesen Gottes liegender 
Eigenschaften eine Unmöglichkeit zu sein." Er kann daher 
dieselben quälenden Proben, Wunder und Stimmenäußerungen 
Jahre hindurch ohne Abänderung wiederholen, bis er dem 
Verfolgten zum Gespötte werden muß. 

(S. 333): „Daraus ergibt sich, daß Gott fast in allem, 
wss mir gegenüber geschieht, nachdem die Wunder ihre frühere 
furchtbare Wirkung zum größten Teil eingebüßt haben, mir 
überwiegend lächerlich oder kindisch erscheint. Daraus folgt 
für mein Verhalten, daß ich häufig durch die Notwehr ge- 
zwungen bin, nach Befinden auch in lauten Worten den Gottes- 
spötter zu spielen; . . . s )." 

Diese Kritik Gottes und Auflehnung gegen Gott begegnet 
bei S ehre b er indes einer energischen Gegenströmung, welcher 
an zahlreichen Stellen Ausdruck gegeben wird. (S. 333): „Auf 
das allerentschiedenste habe ich aber auch hier zu betonen, 
daß es sich dabei nur um eine Episode handelt, die, wie ich 



') Dies Eingeständnis der Exkretionslust, die wir als eine der auto* 
erotischen Komponenten der infantilen Sexualität kennen gelernt haben 
möge man mit den Äußerungen des kleinen Hans in der „Analyse der 
Phobie eines 5jährigen Knaben" (Jahrb. f. psychoanalyt. und psychopathol. 
Forschungen, Bd. I, 1909, S. 74) zusammenhalten. 

2 ) Auch in der „Grundsprache" war Gott nicht immer der schimpfende 
Teil, sondern gelegentlich auch der beschimpfte, z. B. „Ei verflucht, das 
sagt sich schwer, daß der liebe Gott sich f... läßt" (S. 194). 



217 

hoffe, spätestens mit meinem Ableben ihre Endschaft erreichen 
wird, daß daher das Recht, Gottes zu spotten, nur mir, nicht 
aber anderen Menschen zusteht. Für andere Menschen bleibt 
Gott der allmächtige Schöpfer des Himmels und der Erde, der 
Urgrund aller Dinge und das Heil ihrer Zukunft, dem — 
mögen auch einzelne der herkömmlichen religiösen Torstellungen 
einer Berichtigung bedürfen — Anbetung und höchste Ver- 
ehrung gebührt." 

Es wird darum zu wiederholten Malen eine Rechtfertigung 
Gottes wegen seines Benehmens gegen den Patienten versucht, 
die, ebenso spitzfindig wie alle Theodiceen, bald in der all- 
gemeinen Natur der Seelen, bald in der Nötigung Gottes sich 
selbst zu erhalten und in dem irreführenden Einflüsse der 
Flechsigschen Seele die Erklärung findet (S. 60 u. ff., S. 160). 
Im ganzen aber wird die Krankheit als ein Kampf des Menschen 
Schreber gegen Gott aufgefaßt, in welchem der schwache 
Mensch Sieger bleibt, weil er die Weltordnung auf seiner 
Seite hat (S. 61.) 

Aus den ärztlichen Gutachten hätte man leicht schließen 
können, daß man es bei Schreber mit der landläufigen Form 
der Erlösungsphantasie zu tun habe. Der Betreffende sei Gottes 
Sohn, dazu bestimmt, die AVeit aus ihrem Elend oder vor dem 
ihr drohenden Untergang zu retten usw. Ich habe es daher 
nicht unterlassen, die Besonderheiten des Schreb ersehen Ver- 
hältnisses zu Gott ausführlich darzustellen. Die Bedeutung, welche 
diesem Verhältnisse für die übrige Menschheit zukommt, wird 
in den Denkwürdigkeiten nur selten und erst zu Ende der 
Wahnbildung erwähnt. Sie besteht wesentlich darin, daß kein 
Verstorbener selig werden kann, solange seine Person die Haupt- 
masse der Gottesstrahlen durch ihre Anziehungskraft absorbiert 
(S. 32). Auch die unverhüllte Identifizierung mit Jesus Christus 
kommt erst sehr spät zum Vorscheine (S. 338, 431). 

Es wird kein Erklärungsversuch des Falles Schreber 
Aussicht auf Richtigkeit haben, der nicht dieser Besonder- 
heiten seiner Gottesvorstellung, dieser Mischung von Zügen der 
Verehrung und der Auflehnung, Rechnung trägt. Wir wenden 
uns nun einem andern, in inniger Beziehung zu Gott stehenden 
Thema, dem der Seligkeit, zu. 



218 



Die Seligkeit ist auch bei Schieber „das jenseitige 
Leben", zu dem die Menschenseele durch die Läuterung nach 
dem Tod erhoben wird. Er beschreibt sie als einen Zustand 
ununterbrochenen G-enießens, verbunden mit der Anschauung 
Gottes. Das ist nun wenig originell, aber dafür werden wir 
durch die Unterscheidung überrascht, die Schreber zwischen 
einer männlichen und einer weiblichen Seligkeit macht. (S. 18): 
„Die männliche Seligkeit stand höher als die weibliche Selig- 
keit, weichere letztere vorzugsweise in einem ununterbrochenen 
Wollustgefühle bestanden zu haben scheint 1 )." Andere Stellen 
verkünden das Zusammenfallen von Seligkeit und Wollust in 
deutlicherer Sprache und ohne Bezug auf den Geschlechts- 
unterschied, so wie auch von dem Bestandteile der Seligkeit, 
der Anschauung Gottes ist, weiter nicht gehandelt wird. Sa 
z. B. (S. 51): „ . . . mit der Natur der Gottesnerven, vermöge 
deren die Seligkeit . . ., wenn auch nicht ausschließlich, so doch 
mindestens zugleich eine hoch gesteigerte Wollustempfindung ist". 
Und (S. 281): „Die Wollust darf als ein Stück Seligkeit auf- 
gefaßt werden, das dem Menschen und anderen lebenden 
Geschöpfen gewissermaßen im voraus verliehen ist," so daß die 
himmlische Seligkeit wesentlich als Steigerung und Fortsetzung 
der irdischen Sinneslust zu verstehen wäre! 

Diese Auffassung der Seligkeit ist keineswegs ein aus den 
ersten Stadien der Krankheit stammendes, später als unver- 
träglich eliminiertes Stück des S ehr eb ersehen Wahnes. Noch 
in der „Berufungsbegründung" (Juli 1901) hebt der Kranke als 
eine seiner großen Einsichten hervor, „daß die Wollust nun 
einmal in einer — für andere Menschen bisher nicht erkennbar 
gewordenen — nahen Beziehung zu der Seligkeit der abge- 
schiedenen Geister steht" 2 ). 

Ja, wir werden hören, daß diese „nahe Beziehung" der 
Fels ist, auf welchem der Kranke die Hoffnung einer endlichen 
Versöhnung mit Gott und eines Aufhörens seiner Leiden gebaut 

*) Es liegt doch ganz im Sinne der Wunscherfüllung vom Leben im 
Jenseits, daß man dort endlich des Geschlechtsunterschiedes ledig wird. 
„Und jene himmlischen Gestalten 

sie fragen nicht nach Mann und Weib." (Mignon.) 

2 ) Über den möglichen Tief sinn dieses S ch reb ersehen Fundes vgl. unten. 






219 

hat. Die Strahlen Gottes verlieren ihre feindselige Gesinnung, 
sobald sie versichert sind, mit Seelenwollust in seinem Körper 
aufzugehen (S. 133); Gott selbst verlangt danach, die Wollust 
bei ihm zu finden (S. 283) und droht mit dem Rückzuge seiner 
Strahlen, wenn er in der Pflege der Wollust nachläßt und Gott 
das Verlangte nicht bieten kann. (S. 320.) 

Diese überraschende Sexualisierung "der himmlischen SeHg- 
keit macht uns den Eindruck, als ob Schrebers Seligkeits- 
begriff durch die Verdichtung der zwei Hauptbedeutungen des 
deutschen "Wortes: verstorben und sinnlich glücklich ent- 
standen wäre 1 ). Wir werden in ihr aber auch den Anlaß finden, 
das Verhältnis unseres Patienten zur Erotik überhaupt, zu den 
Fragen des sexuellen Genießens, der Prüfung zu unterziehen, 
denn wir Psychoanalytiker huldigen bis jetzt der Meinung, daß 
die "Wurzeln jeder nervösen und psychischen Erkrankung vor- 
zugsweise im Sexualleben zu finden seien, und zwar die einen 
von uns nur aus Gründen der Erfahrung, die anderen überdies 
noch infolge theoretischer Erwägungen. 

Nach den bisher gegebenen Proben des Schreberschen 
Wahnes ist die Befürchtung, gerade diese paranoide Erkrankung 
könnte sich als der so lange gesuchte „negative Eall" heraus- 
stellen, in dem die Sexualität eine allzu geringe Rolle spiele, 
ohneweiters abzuweisen. Schreber selbst äußert sich ungezählte 
Male in solcher Art, als ob er ein Anhänger unseres Vorurteiles 
wäre. Er nennt „Nervosität" und erotische Verfehlung stets in 
einem Atem, als ob die beiden nicht voneinander zu trennen 
wären 2 ). 



'■) „Mein seliger Vater" und der Text der Arie aus dem Don Juan: 
„Ja, dein zu sein auf ewig, 
wie selig werd' ich sein." 
als extreme Vertreter der beiden Bedeutungen. Es kann aber auch nicht ohne 
Sinn sein, daß unsere Sprache dasselbe Wort für so verschiedene Situationen 
verwendet. 

2 ) (S. 52): „Wenn auf irgend einem Weltkörper sittliche Fäulnis 
(„wollüstige Ausschweifungen") oder vielleicht auch Nervosität die 
ganze Menschheit derart ergriffen hatten 1 * — dann meint Schreber, in 
Anlehnung an die biblischen Berichte von Sodom und Gomorrba, von der 
Sündflut usw., könnte es zu einer Weltkatastrophe gekommen sein. — 
(S. 91.) „... habe Furcht und Schrecken unter den Menschen verbreitet. 



220 



Vor seiner Erkrankung war der Senatspräsident Sek reber 
ein sittenstrenger Mann gewesen. (S. 281): „Es wird wenige 
Menschen geben" — behauptet er, und ich sehe keine Berechtigung, 
ihm zu mißtrauen — , „die in so strengen sittlichen Grund- 
sätzen aufgewachsen sind wie ich und die sich ihr ganzes Leben 
hindurch, namentlich auch in geschlechtlicher Beziehung, eine 
diesen Grundsätzen entsprechende Zurückhaltung in dem Maße 
auferlegt haben, wie ich es von mir behaupten darf." Nach dem 
schweren Seelenkampfe, der sich nach außen durch die Er- 
scheinungen der Krankheit kundgab, hatte sich das Verhältnis 
zur Erotik verändert. Er war zur Einsicht gekommen, daß die 
Pflege der Wollust eine Pflicht für ihn sei, deren Erfüllung allein 
den schweren in ihm, wie er meinte, um ihn, ausgebrochenen 
Konflikt beenden könne. Die Wollust wahr, wie ihm die Stimmen 
versicherten, „gottesfürchtig" geworden (S. 285), und er bedauert 
nur, daß er nicht imstande sei, sich den ganzen Tag über der 
Pflege der Wollust zu widmen 1 ). (S. 285). 

Das also war das Fazit der Krankheitsveränderung bei 
Schreber nach den beiden Hauptrithtungen seines Wahnes. 
Er war vorher ein zur sexuellen Askese Geneigter und ein 
Zweifler an Gott gewesen, er war nach Ablauf der Krankheit 
ein Gottesgläubiger und der Wollust Beflissener. Aber wie sein 
wiedergewonnener Gottesglaube von absonderlicher Art war, 
so zeigte auch das Stück Sexualgenießen, das er sich erobert 
hatte, einen ganz ungewöhnlichen Charakter. Es war nicht 
mehr männliche Sexualfreiheit, sondern weibliches Sexual- 

die Grundlagen der Religion zerstört und das Umsichgreifen einer all- 
gemeinen Nervosität und Unsittlichkeit verursacht, in deren Folo-e 

dann verheerende Seuchen üher die Menschheit hereino-ebrochen seien." 

(S. 163): „Als „Höllenfürst" galt daher wahrscheinlich den Seelen die un- 
heimliche Macht, die aus einem sittlichen Verfall der Menschheit oder 
aus allgemeiner Nervenüberreizung infolge von Überkultur als 
eine gottfeindliche sich entwickeln konnte." 

J ) Im Zusammerhange des Wahnes heißt es (S. 179): Die Anziehung 
verlor jedoch ihre Schrecken für die betreffenden Nerven, wenn und so 
weit sie beim Eingehen in meinem Körper das Gefühl der Seelenwollust 
antrafen, an dem sie ihrerseits teilnahmen. Sie fanden dann für die ver- 
loren gegangene himmlische Seligkeit, die wohl ebenfalls in einem wollust- 
artigen Genießen bestand, einen ganz oder mindestens annähernd gleichwertigen 
Ersatz in meinem Körper wieder." 



_ 



221 

gefühl, er stellte sich feminin gegen Gott ein, fühlte sich als 
Gottes "Weib 1 ). 

Kein anderes Stück seines Wahnes wird von dem Kranken 
so ausführlich, man könnte sagen, so aufdringlich behandelt, 
wie die von ihm behauptete Verwandlung in ein Weib. Die von 
ihm aufgesogenen Nerven haben in seinem Körper den Charakter 
weiblicher Wollustnerven angenommen und demselben auch 
sonst ein mehr oder weniger weibliches Gepräge, insbesondere 
seiner Haut die dem weiblichen Geschlecht eigentümliche 
Weichheit verliehen (S. 87). Er fühlt diese Nerven, wenn er 
einen leisen Druck mit der Hand an einer beliebigen Körper- 
stelle ausübt, als Gebilde von faden- oder strangartiger Be- 
schaffenheit unter der Hautoberfläche, dieselben sind namentlich 
an der Brust, da wo beim AVeibe der Busen ist, vorhanden 
(S. 277). „Durch einen auf diese Gebilde auszuübenden Druck 
vermag ich mir. namentlich wenn ich an etwas Weibliches 
denke, eine der weiblichen entsprechende Wollustempfindung 
zu verschaffen." Er weiß sicher, daß diese Gebilde nach ihrer 
Herkunft weiter nichts sind als ehemalige Gottesnerven, die 
doch durch ihren Übergang in seinen Körper ihre Eigenschaft 
als Nerven kaum eingebüßt haben können (S. 279). Er ist im- 
stande, sich und den Strahlen durch „Zeichnen" (visuelles Vor- 
stellen) den Eindruck zu verschaffen, daß sein Körper mit weib- 
lichen Brüsten und weiblichem Geschlechtsteil ausgestattet sei. 
(S. 233): „Das Zeichnen eines weiblichen Hinteren an meinen 
Körper — honny soit qm mal y pense — ist mir so zur 
Gewohnheit geworden, daß ich dies beim Bücken jedesmal fast 
unwillkürlich tue." Er will es „kühn behaupten, daß jeder, der 



*) Anmerkung zu S. 4 der Vorrede: „Etwas der Empfängnis Jesu 
Christi von Seiten einer unbefleckten Jungfrau — d. h. von einer solchen, 
die niemals Umgang mit einem Manne gepflogen hat — Ahnliches ist in 
meinem eigenen Leibe vorgegangen. Ich habe (und zwar zu der Zeit, als 
ich noch in der Flechsigschen Anstalt war) zu zwei verschiedenen Malen 
bereits einen, wenn auch etwas mangelhaft entwickelten weiblichen Ge- 
schlechtsteil gehabt und in meinem Leibe hüpfende Bewegungen, wie sie 
den ersten Lebensregungen des menschlichen Embryo entsprechen, empfun- 
den: Durch göttliches Wunder waren dem männlichen Samen entsprechende 
Gottesnerven in meinen Leib geworfen worden ; es hatte also eine Befruchtung 
stattgefunden." 



222 



mich mit entblößtem oberen Teile des Rumpfes vor dem Spiegel 
sehen würde — zumal wenn die Illusion durch etwas weib- 
lichen Aufputz unterstützt wird — , den unzweifelhaften Eindruck 
eines weiblichen Oberkörpers empfangen würde" (S. 280). 
Er fordert die ärztliche Untersuchung heraus, um feststellen zu 
lassen, daß sein ganzer Körper vom Scheitel bis zur Sohle mit 
Wollustnerven durchsetzt ist, was nach seiner Meinung nur 
beim weiblichen Körper der Fall ist, während beim Manne, 
soviel ihm bekannt ist, Wollustnerven nur am Geschlechts- 
teile und in unmittelbarer Nähe desselben sich befinden (S. 274). 
Die Seelenwollust, die sich durch diese Anhäufung der Nerven 
in seinem Körper entwickelt hat, ist so stark, daß es nament- 
lich beim Liegen im Bette nur eines geringen Aufwandes von 
Einbildungskraft bedarf, um sich ein sinnliches Behagen zu 
schaffen, das eine ziemlich deutliche Vorahnung von dem weib- 
lichen Geschlechtsgenusse beim Beischlafe gewährt (S. 269). 

Erinnern wir uns des Traumes, welcher in der Inkubations- 
zeit der Erkrankung, noch vor der Übersiedlung nach Dresden, 
vorfiel, so wird es über jeden Zweifel evident, daß der Wahn 
der Verwandlung in ein Weib nichts anderes ist als die 
Realisierung jenes Trauminhaltes. Gegen diesen Traum hatte 
er sich damals mit männlicher Empörung gesträubt und ebenso 
wehrte er sich anfänglich gegen dessen Erfüllung während der 
Krankheit, sah die Wandlung zum Weib als eine Schmach an, 
die in feindseliger Absicht über ihn verhängt werden sollte. 
Aber es kam ein Zeitpunkt (November 1895), in dem er sich 
mit dieser Wandlung zu versöhnen begann und sie mit höheren 
Absichten Gottes in Verbindung brachte. (S. 177 und 178): „Ich 
habe seitdem die Pflege der Weiblichkeit mit vollem Bewußtsein 
auf meine Fahne geschrieben." 

Er kam dann zur sicheren Überzeugung, daß Gott 
selbst zu seiner eigenen Befriedigung die Weiblichkeit von ihm 
verlange. 

(S. 281). „Sobald ich aber — wenn ich mich so aus- 
drücken darf — mit Gott allein bin, ist es eine Notwendigkeit 
für mich, mit allen erdenklichen Mitteln sowie mit dem vollen 
Aufgebote meiner Verstandeskräfte, insbesondere meiner Ein- 
bildungskraft, dahin zu wirken, daß die göttlichen Strahlen von 



223 

mir möglichst fortwährend — oder da dies der Mensch einfach 
nicht kann — wenigstens zu gewissen Tageszeiten den Ein- 
druck eines in wollüstigen Empfindungen schwelgenden "Weibes 
empfangen." 

(S. 283): „Auf der andern Seite verlangt Gott ein den 
weltordnungsmäßigen Daseinsbedingungen der Seelen entspre- 
chendes beständiges Genießen; es ist meine Aufgabe, ihm 
dasselbe, ... in der Form ausgiebigster Entwicklung der 
Seelenwollust -zu bieten, soweit dabei für mich etwas von 
sinnlichem Genüsse abfällt, bin ich berechtigt, denselben als 
eine kleine Entschädigung für das Übermaß der Leiden und 
Entbehrungen, das mir seit Jahren auferlegt ist, mitzu- 
nehmen; . . ." 

(S. 284): „... ich glaube sogar nach den gewonnenen 
Eindrücken die Ansicht aussprechen zu dürfen, daß Gott niemals 
zu einer Rückzugsaktion vorschreiten würde, wodurch mein 
körperliches Wohlbefinden jedesmal zunächst erheblich ver- 
schlechtert wird, sondern ohne jedes Widerstreben und in dauern- 
der Gleichmäßigkeit der Anziehung folgen würde, wenn es mir 
möglich wäre, immer das in geschlechtlicher Umarmung mit 
mir selbst daliegende Weib zu spielen, meinen Blick immer 
auf weiblichen Wesen ruhen zu lassen, immer weibliche Bilder 
zu besehen iisw." 

Die beiden Hauptstücke des Schreberschen AVahnes, die 
Wandlung zum Weibe und die bevorzugte Beziehung zu Gott 
sind in seinem System durch die feminine Einstellung gegen Gott 
verknüpft. Es wird eine unabweisbare Aufgabe für uns, eine 
wesentliche genetische Beziehung zwischen diesen beiden 
Stücken nachzuweisen, sonst wären wir mit unseren Erläuterungen 
zu Schrebers Wahn in die lächerliche Rolle geraten, die Kant 
in dem berühmten Gleichnis der Kritik der reinen Vernunft als 
die des Mannes beschreibt, der das Sieb unterhält, während 
ein anderer den Bock melkt. 

IL Deutungsversuche. 

Von zwei Seiten her könnte man den Versuch machen, 
zum Verständnis dieser paranoischen Krankengeschichte vor- 



224 



zudringen, die bekannten Komplexe und Triebkräfte des Seelen- 
lebens in ihr aufzudecken. Von den wahnhaften Äußerungen 
des Kranken selbst und von den Anlässen seiner Erkrankung. 
Der erste Weg erschiene verlockend, seitdem C. Gr. Jung 
uns das glänzende Beispiel der Deutung eines ungleich schwereren 
Falles von Dementia praecox, mit vom Normalen ungleich 
weiter abliegenden ■Symptomäußerungen gegeben hat 1 ). Auch 
die hohe Intelligenz und Mitteilsamkeit des Kranken scheint 
uns die Lösung der Aufgabe auf diesem Wege zu erleichtern. 
Gar nicht so selten drückt er uns den Schlüssel selbst in die 
Hand, indem er zu einem wahnhaften Satz eine Erläuterung, 
ein Zitat oder Beispiel, wie beiläufig, hinzugefügt oder eine 
ihm selbst auftauchende Ähnlichkeit ausdrücklich bestreitet. 
Man braucht dann nur im letzten Falle die negative Ein- 
kleidung wegzulassen, wie man es in der psychoanalytischen 
Technik zu tun gewohnt ist, das Beispiel für das Eigentliche, 
das Zitat oder die Bestätigung für die Quelle zu nehmen, und 
befindet sich im Besitze der gesuchten Übersetzung aus der 
paranoischen Ausdrucksweise ins Normale. Ein Beleg für diese 
Technik verdient vielleicht eine ausführlichere Darstellung. 
Schreber beklagt sich über die Belästigung durch die so- 
genannten „gewunderten Vögel" oder „sprechenden Vögel", 
denen er eine Reihe recht auffalliger Eigenschaften zuschreibt. 
(S. 208 — 214.) Sie sind nach seiner Überzeugung aus Besten 
ehemaliger „Vorhöfe des Himmels", also selig gewesener Menschen- 
seelen, gebildet und mit Leichengift beladen auf ihn gehetzt 
worden. Sie sind in de:i Stand versetzt, „sinnlos ausweudi«- 
gelernte Redensarten" herzusagen, die ihnen „eingebläut" worden 
sind. Jedesmal, wenn sie das ihnen aufgepackte Leichengift bei 
ihm abgelagert, d. h. „die ihnen gewissermaßen eingebläuten 
Phrasen abgeleiert haben", gehen sie mit den Worten „Ver- 
fluchter Kerl" oder „Ei verflucht" einigermaßen in seiner Seele 
auf, den einzigen Worten, deren sie im Ausdruck einer echten 
Empfindung überhaupt noch fähig sind. Den Sinn der von 
ihnen- gesprochenen Worte verstehen sie nicht, haben aber eine 
natürliche Empfänglichkeit für den G-leichklang der Laute, der 



*) C. G. Jung, Über die Psychologie der Dementia praecox. 1907. 



J. 



225 

kein vollständiger zu sein braucht. Es verschlägt daher für sie 
wenig, ob man sagt: 

„Santiago" oder „Karthago", 
„Chinesentuni" oder „Jesum Christuni", 
„Abendrot" oder „Atemnot", 
„Ariman" oder „Ackermau" usw. (S. 210.) 
"Während mau diese Schilderung liest, kann man sich des 
Einfalles nicht erwehren, daß mit ihr junge Mädchen gemeint 
sein müssen, die man in kritischer Stimmung gerne mit Gänsen 
vergleicht, denen man ungalanterweise ein „Vogelgehirn" zu- 
schreibt, von denen man behauptet, daß sie nichts zu reden 
wissen als eingelernte Phrasen, und die ihre Unbildung durch 
die Verwechslung ähnlich klingender Fremdwörter verraten. 
Das „Verfluchter Kerl", mit dem es ihnen allein Ernst ist, 
wäre dann der Triumph des jungen Mannes, der ihnen zu 
imponieren verstanden hat. Und siehe da, einige Seiten später 
(S. 214) stößt man auf die Sätze Seh rebers, welche eine 
solche Deutung sicherstellen. „Einer großen Anzahl der übrigen 
Vogelseelen habe ich scherzweise zur Unterscheidung Mädchen- 
namen beigelegt, da sie sich sämtlich nach ihrer Neugier, ihrem 
Hange zur Wollust usw. am ersten mit kleinen Mädchen ver- 
gleichen lassen. Diese Mädchennamen sind dann zum Teil auch 
von den Gottesstrahlen aufgegriffen und zur Bezeichnung der 
betreffenden Vogelseelen beibehalten worden." Aus dieser mühe- 
losen Deutung der „gewunderten Vögel" entnimmt man dann 
einen "Wink fürs Verständnis der rätselhaften „Vorhöfe des 
Himmels". 

Ich verkenne nicht, daß es eines guten Stückes Takt und 
Zurückhaltung jedesmal bedarf, wenn man die typischen Fälle 
der Deutung in der psychoanalytischen Arbeit verläßt, und daß 
der Hörer oder Leser nur so weit mitgeht, als die von ihm 
gewonnene Vertrautheit mit der analytischen Technik ihm ge- 
stattet. Man hat also allen Grund vorzusorgen, daß nicht dem 
gesteigerten Aufwand von Scharfsinn ein gemindertes Maß von 
Sicherheit und Glaubwürdigkeit parallel gehe. Es liegt dann 
in der Natur der Sache, daß der eine Arbeiter die Vorsicht, 
der andere die Kühnheit übertreiben wird. Die richtigen 
Grenzen der Berechtigung zur Deutung wird man erst nach 

Freud, Neurosenlelire. III. 15 



226 



vielerlei Versuchen und besserer Bekanntschaft mit dem Gegen- 
stand abstecken können. Bei der Bearbeitung des Falles 
Schreber wird mir die Zurückhaltung durch den Umstand 
vorgeschrieben, daß die Widerstände gegen die Publikation der 
Denkwürdigkeiten doch den Erfolg gehabt haben, einen beträcht- 
lichen Anteil des Materials und wahrscheinlich den für das Ver- 
ständnis bedeutsamsten unserer Kenntnis zu entziehen 1 ). So 
z. B. schließt das Kapitel III des Buches, das mit der viel- 
versprechenden Ankündigung begonnen hat: „Ich behandle nun 
zunächst einige Vorkommnisse an anderen Mitgliedern 
meiner Familie, die denkbarerweise in Beziehung zu dem vor- 
ausgesetzten Seelenmorde stehen könnten, und die jedenfalls 
alle ein mehr oder weniger rätselhaftes, nach sonstigen mensch- 
lichen Erfahrungen schwer zu erklärendes Gepräge an sich 
tragen" (S. 33) unmittelbar darauf mit dem Satze: Der weitere 
Inhalt des Kapitels kommt als zur Veröffentlichung ungeeignet 
für den Druck in Wegfall. Ich werde also zufrieden sein müssen, 
wenn es mir gelingt, gerade den Kern der Wahnbildung mit 
einiger Sicherheit auf seine Herkunft aus bekannten mensch- 
lichen Motiven zurückzuführen. 

Ich werde in dieser Absicht ein Stückchen der Kranken- 
geschichte nachtragen, welches in den Gutachten nicht ent- 
S2)rechcnd gewürdigt wird, obwohl der Kranke selbst alles dazu 
getan hat, es in den Vordergrund zu drängen. Ich meine das 
Verhältnis (Sohrebers zu seinem ersten Arzte, dem Geheirnrate 
Prof. Flechsig in Leipzig. 

Wir wissen bereits, daß der Fall Schrebers zu Anfang 

*) Gutachten des Dr. Weber (S. 402): „Überblickt man den Inhalt 
seiner Schrift, berücksichtigt man die Fülle der Indiskretionen, die in bezua 
auf ihn und andere in ihr enthalten sind, die ungenierte Ausmalung 
der bedenklichsten und ästhetisch geradezu unmöglichen Situationen und 
Vorgänge, die Verwendung der anstößigsten Kraftausdrücke usw., so 
würde man es ganz unverständlich finden, daß ein Mann, der sich sonst 
durch Takt und Feingefühl ausgezeichnet hat, eine ihn vor der Öffentlich- 
keit so schwer kompromittierende Handlung beabsichtigen könne, wenn 
eben nicht usw." — Von einer Krankengeschichte, die die gestörte 
Menschlichkeit und deren Ringen nach Wiederherstellung schildern soll, 
wird man eben nicht fordern dürfen, daß sie „diskret" und „ästhetisch" 
ansprechend sei. 



227 

das Gepräge des Verfolgungswahnes an sich trug, welches erst 
von dem Wendepunkte der Krankheit an (der „Versöhnung") 
verwischt wurde. Die Verfolgungen werden dann immer er- 
träglicher, der weltordnungsmäßige Zweck der angedrohten 
Entmannung drängt das Schmachvolle derselben zurück. Der 
Urheber aller Verfolgungen aber ist Flechsig und er bleibt ihr 
Anstifter über den ganzen Verlauf der Krankheit 1 ). 

Was nun eigentlich die Untat Flechsigs und welches 
seine Motive dabei waren, das wird von dem Kranken mit jener 
charakteristischen Unbestimmtheit und Unfaßbarkeit erzählt, 
welche als Kennzeichen einer besonders intensiven Wahnbildungs- 
arbeit angesehen werden dürfen, wenn es gestattet ist, die 
Paranoia nach dem Vorbilde des um so viel besser bekannten 
Traumes zu beurteilen. Flechsig hat an dem Kranken einen 
„Seelenmord" begangen oder versucht, ein Akt, der etwa den 
Bemühungen des Teufels und der Dämonen, sich einer Seele 
zu bemächtigen, gleichzustellen ist und der vielleicht in Vor- 
gängen zwischen längst verstorbenen Mitgliedern der Familien 
Flechsig und Schreber vorgebildet war 2 ). Gerne möchte man 
über den Sinn dieses Seelenmordes mehr erfahren, aber hier 
versagen wiederum in tendenziöser Weise die Quellen (S. 28): 
„Worin das eigentliche Wesen des Seelenmordes und sozusagen 
die Technik desselben besteht, vermag ich außer dem im obigen 
Angedeuteten nicht zu sagen. Hinzuzufügen wäre nur noch etwa 
(folgt eine Stelle, die sich zur Veröffentlichung nicht eignet)." 
Infolge dieser Auslassung bleibt es für uns undurchsichtig, was 
unter dem „Seelenmord" gemeint ist. Den einzigen Hinweis, 
welcher der Zensur entgangen ist, werden wir an anderer Stelle 
erwähnen. 



J ) Vorrede S. VIII: „Noch jetzt wird mir an jedem Tage Ihr Name 
von den mit mir redenden Stimmen in stets wiederkehrenden Zusammen- 
hängen insbesondere als Urheber jener Schädigungen zu Hunderten von 
Malen zugerufen, obwohl die persönlichen Beziehungen, die eine Zeitlang 
zwischen uns bestanden haben, für mich längst in den Hintergrund getreten 
sind und ich selbst daher schwerlich irgendwelchen Anlaß hätte, mich Ihrer 
immer von neuem, insbesondere mit irgend welcher grollenden Empfindung 
zu erinnern. 1 ' 

2 ) S. 22 und ff. 

15* 



228 



Wie dem immer sei, es erfolgte bald eine weitere Ent- 
wicklung des "Wahnes, welche das Verhältnis des Kranken zu 
Gott betraf, ohne das zu Flechsig zu ändern. Hatte er bisher 
seinen eigentlichen Feind nur in Flechsig (oder vielmehr in 
dessen Seele) erblickt und Gottes Allmacht als seine Bundes- 
genossin betrachtet, so konnte er dann den Gedanken nicht ab- 
weisen, daß Gott selbst der Mitwisser, wenn nicht gar Anstifter 
des gegen ihn gerichteten Planes sei. (S. 59.) Flechsig aber 
blieb der erste Verführer, dessen Einfluß Gott unterlegen war. 
(S. 60.) Er hatte es verstanden, sich mit seiner ganzen Seele 
oder einem Teile derselben zum Himmel aufzuschwingen und 
sich damit selbst — ohne Tod und vorgängige Reinigung — zum 
„Strahlenführer" zu machen. (S. 56.) ') Diese Rolle behielt die 
Flechsigsche Seele bei, auch nachdem der Kranke die Leipziger 
Klinik mit der Piersonschen Anstalt vertauscht hatte. Der 
Einfluß der neuen Umgebung zeigte sich dann darin, daß zu 
ihr die Seele des Oberwärters, in dem der Kranke einen ehe- 
maligen Hausgenossen erkannte, als v. W.sche Seele hinzu- 
trat 2 ). Die Flechsig sehe Seele führte dann die „Seelenteilung" 
ein, die große Dimensionen annahm. Zu einer gewissen Zeit 
gab es 40 bis 60 solcher Abspaltungen, der Flechsigschen 
Seele; zwei größere Seelenteile wurden der „obere Flechsig'-' 
und der „mittlere Flechsig" genannt. (S. 111.) Ebenso ver- 
hielt sich die v. W.sche Seele (die des Oberwärters). Dabei 
wirkte es zuweilen sehr drollig, wie die beiden Seelen sich 
trotz ihrer Bundesgenossenschaft befehdeten, der Adelsstolz der 

*) Nach einer andern bedeutungsvollen, aber bald abgewieseneu 
Version hatte sich Prof. Flechsig entweder zu Weißenburg im Elsaß oder 
im Polizeigefängnis zu Leipzig erschossen. Patient sah seinen Leichenzu-r 
der sich aber nicht in der Richtung bewegte, die mau nach der La*e der 
Universitätsklinik zum Friedhof erwarten sollte. Andere Male erschien 
ihm Flechsig m Begleitung eines Schutzmannes oder in der Unter- 
haltung mit seiner Frau, deren Zeuge er im Wege des Nervenanhanges 
wurde, und wobei sich Prof. Flechsig seiner Frau gegenüber „Gott 
Flechsig" nannte, so daß diese geneigt war, ihn für verrückt zu halten. 
(S. 82.) 

2 ) Von diesem v. W. sagten ihm die Stimmen, er habe bei einer 
Enquete vorsätzlich oder fahrlässigerweise unwahre Dinge über ihn aus- 
gesagt, namentlich ihn der Onanie beschuldigt; zur Strafe sei ihm jetzt die 
Bedienung des Patienten auferlegt worden. (S. 108.) 



. 



229 

einen und der Professorendünkel der anderen sich gegenseitig 
abstießen. (S. 113.) In den ersten Wochen seines endgültigen 
Aufenthaltes auf dem Sonnenstein (Sommer 1894) trat die Seele 
des neuen Arztes Dr. Weber in Aktion, und bald darauf kam 
jener Umschwung in der Entwicklung des Wahnes, den wir als 
die „Versöhnung" kennen gelernt haben. 

Während des späteren Aufenthaltes auf dem Sonnen- 
stein, als Gott den Kranken besser zu würdigen begann, kam 
eine Razzia unter den lästiger weise vervielfältigten Seelen zu- 
stande, infolge deren die Flechsigsche Seele nur in ein oder 
zwei Gestalten, die v. W.sche in einziger Gestalt übrig blieb. 
Die letztere verschwand bald völlig; die Flechsigscheu 
Seelenteile, die langsam ihre Intelligenz wie ihre Macht ein- 
büßten, wurden dann als der „hintere Flechsig" und als 
die ,.Je-nun -Partei" bezeichnet. Daß die Flechsigsche Seele 
ihre Bedeutung bis zum Ende beibehielt, wissen wir aus der 
Vorrede, dem „offenen Brief an Herrn Geh. Rat Prof. Dr. 
Flechsig". 

Dieses merkwürdige Schriftstück drückt die sichere Über- 
zeugung aus, daß der ihn beeinflussende Arzt auch selbst 
die gleichen Visionen gehabt und dieselben Aufschlüsse über 
übersinnliche Dinge erhalten habe wie der Kranke, und stellt 
die Verwahrung voran, daß dem Autor der Denkwürdigkeiten 
die Absicht eines Angriffes auf die Ehre des Arztes ferne- 
liege. Dasselbe wird in den Eingaben des Kranken (S. 343, 
445) mit Ernst und Nachdruck wiederholt; man sieht, er 
bemüht sich, die „Seele Flechsig" vou dem Lebenden 
dieses Namens, den wahnhaften von dem leibhaften Flechsig 
zu trennen 1 ). 

Aus dem Studium einer Reihe von Fällen des Verfolgungs- 
wahnes habe ich und haben andere den Eindruck empfangen, 
die Relation des Kranken zu seinem Verfolger sei durch eine 



*) „Ich habe demnach auch als möglich anzuerkennen, daß alles 
was in den ersten Abschnitten meiner Denkwürdigkeiten über Vorgänge 
berichtet worden ist, die mit dem Nameu Flechsig in Verbindung stehen, 
nur auf die von dem lebenden Menschen zu unterscheidende Seele Flechsig 
sich bezieht, deren besondere Existenz zwar gewiß, auf natürlichem Wege 
•aber nicht zu erklären ist." (S. 342.) 



230 



einfache Formel aufzulösen 1 ). Die Person, welcher der Wahn 
so große Macht und Einfluß zuschreibt, in deren Hand alle 
Fäden des Komplotts zusammenlaufen, sei, wenn sie bestimmt 
genannt wird, die nämliche, der vor der Erkrankung eine ähn- 
lich große Bedeutung für das Gefühlsleben der Patienten zu- 
kam, oder eine leicht kenntliche Ersatzperson derselben. Die 
Gefühlsbedeutung wird als äußerliche Macht projiziert, der Ge- 
fühlston ins Gegenteil verkehrt; der jetzt wegen seiner Ver- 
folgung Gehaßte und Gefürchtete sei ein einstiger Geliebter 
und Verehrter. Die vom "Wahne statuierte Verfolgung diene 
vor allem dazu, die Gefühlsverwandlung im Kranken zu recht- 
fertigen. 

"Wenden wir uns mit diesem Gesichtspunkte zu den Be- 
ziehungen, die zwischen dem Patienten und seinem Arzte und 
Verfolger Flechsig früher bestanden hatten. Wir wissen bereits, 
daß Schreber in den Jahren 1884 und 1885 eine erste nervöse 
Erkrankung durchmachte, „die ohne jede an das Gebiet des 
Übersinnlichen anstreifenden Zwischenfälle" (S. 35) verlief. 
Während dieses als „Hypochondrie" bezeichneten Zustandes, 
der anscheinend die Grenzen einer Neurose einhielt, war Flechsig 
der Arzt des Kranken. Schreber brachte damals 6 Monate in 
der Leipziger Universitätsklinik zu. Man erfährt, daß der 
Wiederhergestellte seinen Arzt in guter Erinnerung behielt. 
„Die Hauptsache war, daß ich schließlich (nach einer längeren 
Rekonvaleszenzreise) geheilt wurde, und ich konnte daher da- 
mals nur von Gefühlen lebhaften Dankes gegen Prof. Flechsig 
erfüllt sein, denen ich auch durch einen späteren Besuch und 
ein nach meinem Dafürhalten angemessenes Honorar noch be- 
sonderen Ausdruck gegeben habe." Es ist richtig, daß Schreber 
in den „Denkwürdigkeiten" die Lobpreisung der ersten Be- 
handlung Flechsigs nicht ohne einige Verklausulierungen vor- 
bringt, aber dies mag sich leicht aus der nun zum Gegensätze 
veränderten Einstellung verstehen lassen. Auf die ursprüngliche 

*) Vgl. K. Abraham, Die psyohosexuellen Differenzen der Hysterie 
und der Dementia praecox. Zentralblatt f. Nervenh. u. Psychiatrie. Juli- 
heft 1908. — In dieser Arbeit räumt mir der gewissenhafte Autor einen 
aus unserem Briefverkehr stammenden Einfluß auf die Entwicklung seiner 
Ansichten ein. 



231 

Wärme der Empfindung für den erfolgreichen Arzt läßt die 
Bemerkung schließen, welche die angeführte Äußerung Seh rebers 
fortsetzt. „Fast noch inniger wurde der Dank von meiner Frau 
empfunden, die in Prof. Flechsig geradezu denjenigen ver- 
ehrte, der ihr ihren Mann wiedergeschenkt habe und aus diesem 
Grunde sein Bildnis jahrelang auf ihrem Arbeitstische stehen 
hatte" (S. 36). 

Da uns der Einblick in die Verursachung der ersten Er- 
krankung verwehrt ist, deren Verständnis für die Aufklärung 
der schweren zweiten Krankheit gewiß unentbehrlich wäre, 
müssen wir jetzt aufs Geratewohl in einen uns unbekannten 
Zusammenhang hineingreifen. Wir wissen, in der Inkubations- 
zeit der Krankheit (zwischen seiner Ernennung und seinem 
Amtsantritt, Juni bis Oktober 1893) fielen wiederholt Träume 
des Inhalts vor, daß die frühere Nervenkrankheit wiedergekehrt 
sei. Ferner trat einmal in einem Zustande von Halbschlaf die 
Empfindung auf, es müsse doch schön sein, ein Weib zu sein, 
das dem Beischlaf unterliege. Bringen wir diese Träume und 
diese Phantasievorstellung, die bei Schreber in nächster Kon- 
tiguität mitgeteilt werden, auch in inhaltlichen Zusammenhang, 
so dürfen wir schließen, mit der Erinnerung an die Krankheit 
wurde auch die an den Arzt geweckt und die feminine Ein- 
stellung der Phantasie galt von Anfang an dem Arzte. Oder 
vielleicht hatte der Traum, die Krankheit sei wiedergekehrt, 
überhaupt den Sinn einer Sehnsucht: Ich möchte Flechsig 
wieder einmal sehen. Unsere Unwissenheit über den psychischen 
Gehalt der ersten Krankheit läßt uns da nicht weiter kommen. 
Vielleicht war von diesem Zustande eine zärtliche Anhänglich- 
keit an den Arzt übrig geblieben, die jetzt — aus unbekannten 
Gründen — eine Verstärkung zur Höhe einer erotischen Zu- 
neigung gewann. Es stellte sich sofort eine entrüstete Abweisung 
der noch unpersönlich gehaltenen femininen Phantasie — ein 
richtiger „männlicher Protest" nach dem Ausdrucke, aber nicht 
im Sinne Alf. Adlers 1 ) — ein; aber in der nun bald aus- 






J ) Adler, Der psychische Hermaphroditismus im Leben und in der 
Neurose. Fortschritte der Medizin 1910, Nr. 10. — Nach Adler ist der 
männliche Protest an der Entstehung des Symptoms beteiligt, im hier be- 
sprochenen Falle protestiert die Person gegen das fertige Symptom. 



232 



brechenden schweren Psychose setzte sich die feminine Phan- 
tasie unaufhaltsam durch, und man braucht die paranoische 
Unbestimmtheit der Schreberschen Ausdrucksweise nur um 
weniges zu korrigieren, um zu erraten, daß der Kranke einen 
sexuellen Mißbrauch von Seiten des Arztes selbst befürchtete. 
Ein Vorstoß homosexueller Libido war also die Veranlassung 
dieser Erkrankung, das Objekt derselben war wahrscheinlich 
von Anfang an der Arzt Flechsig, und das Sträuben gegen 
diese libidinöse Regung erzeugte den Konflikt, aus dem die 
Krankheitserscheinungen entsprangen. 

Ich mache vor einer Flut von Anwürfen und Einwendungen 
einen Augenblick halt. Wer die heutige Psychiatrie kennt, 
darf sich auf Arges gefaßt machen. 

Ist es nicht eine unverantwortliche Leichtfertigkeit, In- 
diskretion und Verleumdung, einen ethisch so hochstehenden 
Mann wie den Senatspräsidenten a. D. Schreber der Homo- 
sexualität zu bezichtigen? Nein, der Kranke hat seine Phantasie 
der Verwandlung in ein Weib selbst der Mitwelt kundgegeben 
und sich aus Interessen höherer Einsicht über persönliche Emp- 
findlichkeiten hinweggesetzt. Er hat uns also selbst das Recht 
gegeben, uns mit dieser Phantasie zu beschäftigen, und unsere 
Übersetzung in die medizinischen Kunstworte hat dem Inhalte 
derselben nicht das mindeste hinzugefügt. — Ja, aber das tat 
er als Kranker; sein Wahn, in ein Weib verwandelt zu werden, 
war eine krankhafte Idee. — Das haben wir nicht vergessen. 
Wir haben es auch nur mit der Bedeutung und der Herkunft 
dieser krankhaften Idee zu tun. Wir berufen uns auf seine 
eigene Unterscheidung zwischen dem Menschen Flechsig und 
der „Flechsig-Seele". Wir werfen ihm überhaupt nichts vor, 
weder daß er homosexaelb Regungen hatte, noch daß er sich 
bestrebte, sie zu verdrängen. Die Psychiater sollten endlich von 
diesem Kranken lernen, wenn er sich in all seinem Wahn be- 
müht, die Welt des Unbewußten nicht mit der Welt der Realität 
zu verwechseln. 

Aber es wird an keiner Stelle ausdrücklich gesagt, daß 
die gefürchtete Verwandlung in ein Weib zum Vorteile Flechsi°-s 
erfolgen solle? — Das ist richtig und es ist nicht schwer zu 
verstehen, daß in den für die Öffentlichkeit bestimmten Denk- 






233 



Würdigkeiten, die den Menseben „Flechsig" nicht beleidigen 
wollten, eine so grelle Beschuldigung vermieden wird. Die durch 
solche Rücksicht hervorgerufene Milderung des Ausdruckes 
reicht aber nicht so weit, daß sie den eigentlichen Sinn der 
Anklage verdecken könnte. Man darf behaupten, es ist doch 
auch ausdrücklich gesagt, z. B. in folgender Stelle (S. 56): 
„Auf diese Weise wurde ein gegen mich gerichtetes Komplott 
fertig (etwa im März oder April 1894), welches dahin ging, 
nach einmal erkannter oder angenommener Unheilbarkeit meiner 
Nervenkrankheit mich einem Menschen in der AVeise aus- 
zuliefern, daß meine Seele demselben überlassen, mein Körper 
aber, .... in einen weiblichen Körper verwandelt, als solcher 
dem betreffenden Menschen zum geschlechtlichen Mißbrauch 
überlassen .... werden sollte 1 )." Es ist überflüssig zu bemerken, 
daß keine andere Einzelperson je genannt wird, die man an die 
Stelle Flechsigs treten lassen könnte. Zu Ende des Aufent- 
haltes in der Leipziger Klinik taucht die Befürchtung auf, daß 
er zum Zwecke geschlechtlichen Mißbrauches „den Wärtern 
vorgeworfen werden sollte" (S. 98). Die in der weiteren Ent- 
wicklung des Wahnes ohne Scheu bekannte feminine Ein- 
stellung gegen Gott löscht dann wohl den letzten Zweifel an 
der ursprünglich dem Arzte zugedachten Rolle aus. Der andere 
der gegen Flechsig erhobenen Vorwürfe hallt überlaut durch 
das Buch. Er habe Seelenmord an ihm versucht. Wir wissen 
bereits, daß der Tatbestand dieses Verbrechens dem Krauken 
selbst unklar ist, daß er aber mit diskreten Dingen in Beziehung 
steht, die man von der Veröffentlichung ausschließen muß, 
(Kapitel III). Ein einziger Faden führt hier weiter. Der Seelen- 
mord wird durch die Anlehnung an den Sageninhalt von 
Goethes „Faust", Lord Byrons „Manfred", Webers „Freischütz" 
usw. erläutert (S. 22) und unter diesen Beispielen wird eines 
auch an anderer Stelle hervorgehoben. Bei der Besprechung 
der Spaltung Gottes in zwei Personen werden „der niedere" 
und der „obere" Gott von Schreber mit Ariman und Ormuzd 
identifiziert (S. 19) und etwas später steht die beiläufige Be- 
merkung: „Der Name Ariman kommt übrigens auch z. B. in 



*) Diese Hervorhebungen habe ich angebracht. 



234 



' 



Lord Byrons „Maufred" in Zusammenhang mit einem Seelen- 
mord vor" (S. 20). In der so ausgezeichneten Dichtung findet 
sich kaum etwas, was man dem Seelenpakt im „Faust" an die 
Seite stellen könnte, auch den Ausdruck „Seelenmord" suchte 
ich dort vergeblich, wohl aber ist der Kern und das Geheimnis 
des Gedichtes ein — Geschwisterinzest. Hier reißt der kurze 
Faden wieder ab *). 

Indem wir uns vorbehalten, auf weitere Einwendungen im 
Verlaufe dieser Arbeit zurückzukommen, wollen wir uns nun 
für berechtigt erklären, an einem Ausbruch einer homosexuellen 
Regung als Grundlage der Erkrankung Schrebers festzuhalten. 
Zu dieser Annahme stimmt ein beachtenswertes, sonst nicht zu 
erklärendes Detail der Krankengeschichte. Ein weiterer und 
für den Verlauf entscheidender „Nervensturz" trat bei dem 
Kranken ein, während seine Frau einen kurzen Urlaub zu 
ihrer eigenen Erholung nahm. Sie hatte bis dahin täglich 
mehrere Stunden bei ihm verbracht und die Mittagsmahlzeiten 
mit ihm eingenommen. Als sie nach viertägiger Abwesenheit 
zurückkam, traf sie ihn aufs traurigste verändert, so daß er 
selbst sie nicht mehr zu sehen wünschte. „Entscheidend für 
meinen geistigen Zusammenbruch war namentlich eine Nacht, 
in welcher ich eine ganz ungewöhnliche Anzahl von Pollutionen 
(wohl ein halbes Dutzend) in dieser einen Nacht hatte." (S. 44.) 
Wir verstehen es wohl, daß bloß von der Anwesenheit der 

l ) Zur Erhärtung der obenstehenden Behauptung: Manfred sagt dem 
Dämon, der ihn aus dem Leben holen will (Schlußszene): 

„. . . my past power 
was purchased by no compact with tliy crew." 
Es wird also dem Seelenpakte direkt widersprochen. Dieser Irrtum Schiebers 
ist wahrscheinlich nicht tendenzlos. — Es lag übrigens nahe, diesen Inhalt 
des Manfred mit der wiederholt behaupteten inzestuösen Beziehung des 
Dichters zu seiner Halbschwester in Zusammenhang zu bringen, und es 
bleibt auffällig, daß das andere Drama Byrons, der großartige Caiü, in 
der Urfamilie spielt, in welcher der Inzest unter Geschwistern vorwurfsfrei 
bleiben muß. — Auch wollen wir das Thema des Seelenmordes nicht ver- 
lassen, ohne noch folgender Stelle zu gedenken (S. 23): „wobei in früherer 
Zeit Flechsig als Urheber des Seelenmords genannt wurde, während man 
jetzt schon seit längerer Zeit in beabsichtigter Umkehr des Verhältnisses 
mich selbst als denjenigen, der Seelenmord getrieben habe, .darstellen' 
will, « 






235 



Frau schützende Einflüsse gegen die Anziehung der ihn um- 
gebenden Männer ausgingen, und wenn wir zugeben, daß ein 
Pollutionsvorgang bei einem Erwachsenen nicht ohne seelische 
Mitbeteiligung erfolgen kann, werden wir zu den Pollutionen 
jener Nacht unbewußt gebliebene homosexuelle Phantasien 
ergänzen. 

Warum dieser Ausbruch homosexueller Libido den Patienten 
gerade zu jener Zeit, in der Situation zwischen der Ernennung 
und der Übersiedlung traf, das können wir ohne genauere 
Kenntnis seiner Lebensgeschichte nicht erraten. Im allgemeinen 
schwankt der Mensch sein Leben lang zwischen heterosexuellem 
und homosexuellem Fühlen, und Vertagung oder Enttäuschung 
von der einen Seite pflegt ihn zur andern hinüberzudrängen. 
Von diesen Momenten ist uns bei Schreber nichts bekannt; 
wir wollen aber nicht versäumen, auf einen somatischen Faktor 
aufmerksam zu machen, der sehr wohl in Betracht kommen 
könnte. Dr. Schreber war zur Zeit dieser Erkrankung 51 Jahre 
alt, er befand sich in jener für das Sexualleben kritischen 
Lebenszeit, in welcher nach vorheriger Steigerung die sexuelle 
Funktion des Weibes eine eingreifende Rückbildung erfährt, 
von deren Bedeutsamkeit aber auch der Mann nicht ausgenommen 
zu sein scheint; es gibt auch für den Mann ein „Klimakterium" 
mit den abfolgenden Krankheitsdispositionen 1 ). 

Ich kann es mir denken, wie mißlich die Annahme er- 
scheinen muß, daß eine Empfindung von Sympathie für einen 
Arzt bei einem Manne acht Jahre später 2 ) plötzlich verstärkt 
hervorbrechen und zum Anlaß einer so schweren Seelenstörung 
werden kann. Ich meine aber, wir haben nicht das Recht, eine 
solche Annahme, wenn sie uns sonst empfohlen wird, ihrer 
inneren Uuwahrscheinlichkeit wegen fallen zu lassen, anstatt zu 
versuchen, wieweit man mit ihrer Durchführung kommt. Diese Un- 

x ) Ich verdanke die Kenntnis des Alters Schrebers bei seiner Er- 
krankung einer freundlichen Mitteilung von seiten seiner Verwandten, die 
Herr Dr. Stegmann in Dresden für mich eingeholt hat. In dieser Ab- 
handlung ist aber sonst nichts anderes verwertet, als was aus dem Text der 
„Denkwürdigkeiten" selbst hervorgeht. 

2 ) Das Intervall zwischen der ersten und der zweiten Erkrankung 
Schrebers. 



236 



Wahrscheinlichkeit mag eine vorläufige sein und daher rühren, 
daß die fragliche Annahme noch in keinen Zusammenhang ein- 
gereiht ist, daß sie die erste Annahme ist, mit welcher wir an 
das Problem herantreten. Wer sein Urteil nicht in der Schwebe 
zu halten versteht und unsere Annahme durchaus unerträglich 
findet, dem können wir leicht eine Möglichkeit zeigen, durch 
welche dieselbe ihren befremdenden Charakter verliert. Die 
Sympathieempfindung für den Arzt kann leicht einem „Über- 
tragungsvorgang" entstammen, durch welchen eine Gefühls- 
besetzung beim Kranken von einer für ihn bedeutsamen Person 
auf die eigentlich indifferente des Arztes verlegt wird, so daß 
der Arzt zum Ersatzmann, zum Surrogat, für einen dem Kranken 
weit näher Stehenden erwählt erscheint. Konkreter gesprochen, 
der Kranke ist durch den Arzt an das Wesen seines Bruders 
oder seines Vaters erinnert worden, hat seinen Bruder oder 
Vater in ihm wiedergefunden, und dann hat es unter gewissen 
Bedingungen nichts Befremdendes mehr, wenn die Sehnsucht 
nach dieser Ersatzperson bei ihm wieder auftritt und mit einer 
Heftigkeit wirkt, die sich nur aus ihrer Herkunft und ursprüng- 
lichen Bedeutung verstehen läßt. 

Im Interesse dieses Erklärungsversuches mußte es mir 
wissenswert erscheinen, ob der Vater des Patienten zur Zeit 
seiner Erkrankung noch am Leben war, ob er einen Bruder ge- 
habt, und ob dieser zur gleichen Zeit ein Lebender oder ein 
„Seliger" war. Ich war also befriedigt, als ich nach langem 
Suchen in den Denkwürdigkeiten endlich auf eine Stelle stieß, 
in welcher der Kranke diese Unsicherheit durch die Worte 
behebt (S. 442): „Das Andenken meines Vaters und meines 
Bruders .... ist mir so heilig wie usw." Beide waren also zur 
Zeit der zweiten Erkrankung (vielleicht auch der ersten?) schon 
verstorben. 

Ich denke, wir sträuben uns nicht weiter gegen die An- 
nahme, daß der Anlaß der Erkrankung das Auftreten einer 
femininen (passiv homosexuellen) Wunschphantasie war, Avelche 
die Person des Arztes zu ihrem Objekte genommen hatte. Gegen 
dieselbe erhob sich von seiten der Persönlichkeit Schrebers 
ein intensiver Widerstand, und der Abwehrkampf, der vielleicht 
ebensowohl in anderen Formen sich hätte vollziehen können, 



237 

wählte aus uns unbekannten Gründen die Form des Verfolgungs- 
wahnes. Der Ersehnte wurde jetzt zum Verfolger, der Inhalt 
der Wunschphantasie zum Inhalte der Verfolgung. Wir vermuten, 
daß diese schematische Auffassung sich auch bei anderen Fällen 
von Verfolgungswahn als durchführbar erweisen wird. Was aber 
den Fall Schreber vor anderen auszeichnet, das ist die Ent- 
wicklung, die er nimmt, und die Verwandlung, der er im Laufe 
dieser Entwicklung unterliegt. 

Die eine dieser Wandlungen besteht in der Ersetzung 
Flechsigs durch die höhere Person Gottes; sie scheint zunächst 
eine Verschärfung des Konfliktes, eine Steigerung der unerträg- 
lichen Verfolgung zu bedeuten, aber es zeigt sich bald, daß sie 
die zweite Wandlung und mit ihr die Lösung des Konfliktes 
vorbereitet. Wenn es unmöglich war, sich mit der Rolle der 
Aveiblichen Dirne gegen den Arzt zu befreunden, so stößt die 
Aufgabe, Gott selbst die Wollust zu bieten, die er sucht, nicht 
auf den gleichen Widerstand des Ichs. Die Entmannung ist 
kein Schimpf mehr, sie wird „weltordnungsgemäß", tritt in einen 
großen kosmischen Zusammenhang ein, dient den Zwecken 
einer Neuschöpfung der untergegangenen Menschenwelt. „Neue 
Menschen aus S ehr eb erschein Geist" werden in dem sich ver- 
folgt Wähnenden ihren Ahnen verehren. Somit ist ein Ausweg 
gefunden, der beide streitenden Teile befriedigt. Das Ich ist 
durch den Größenwahn entschädigt, die feminine Wunsch- 
phantasie «aber ist durchgedrungen, akzeptabel geworden. Kampf 
und Krankheit können aufhören. Nur daß die unterdes erstarkte 
Rücksicht auf die Wirklichkeii dazu nötigt, die Lösung aus der 
Gegenwart in die ferne Zukunft zu verschieben, sich mit einer 
sozusagen assymptotischen Wunscherfüllung zu begnügen 1 ). Die 
Verwandlung in ein Weib wird voraussichtlich irgend einmal 
eintreten; bis dahin wird die Person des Dr. Schreber un- 
zerstörbar bleiben. 

In den Lehrbüchern der Psychiatrie ist häufig die Rede 
von einer Entwicklung des Größenwahnes aus dem Verfolgungs- 

*) „Nur als Möglichkeiten, die hierbei in Betracht kämen, erwähne 
ich eine doch noch etwa zu vollziehende Entmannung mit der Wirkung 
daß im Wege göttlicher Befruchtung eine Nachkommenschaft aus meinem 
Schoß hervorginge," heißt es gegen Ende des Buches, S. 290. 



238 



wahn, die auf folgende Art vor sich gehen soll: Der Kranke, 
der primär vom Wahne befallen worden ist, Gegenstand der 
Verfolgung von Seiten der stärksten Mächte zu sein, fühlt das 
Bedürfnis, sich diese Verfolgung zu erklären, und gerät so auf 
die Annahme, er sei selbst eine großartige Persönlichkeit, einer 
solchen Verfolgung würdig. Die Auslösung des Größenwahnes 
wird somit einem Vorgange zugeschrieben, den wir nach einem 
guten Wort von E. Jones „Rationalisierung" heißen. Wir 
halten es aber für ein ganz und gar unpsychologisches Vorgehen, 
einer Rationalisierung so stark affektive Konsequenzen zuzu- 
trauen, und wollen unsere Meinung daher scharf sondern von 
der aus den Lehrbüchern zitierten. Wir behaupten zunächst 
nicht, die Quelle des Größenwahnes zu kennen. 

Wenn wir nun zum Falle Schreber zurückkehren, müssen 
wir gestehen, daß die Durchleuchtung der Wandlung in seinem 
Wahn ganz außerordentliche Schwierigkeiten bietet. Auf welchen 
Wegen und mit welchen Mitteln vollzieht sich der Aufstieg von 
riech sig zu Gott? Woher bezieht er den Größenwahn, der in 
so glücklicher Weise eine Versöhnung mit der Verfolgung er- 
möglicht, analytisch ausgedrückt, die Annahme der zu ver- 
drängenden Wunschphantasie gestattet? Die Denkwürdigkeiten 
geben uns hier zunächst einen Anhaltspunkt, indem sie uns 
zeigen, daß für den Kranken „Flechsig" und „Gott" in einer 
Reihe liegen. Eine Phantasie läßt ihn ein Gespräch Flechsigs 
mit seiner Frau belauschen, in dem dieser sich als „Gott 
Flechsig" vorstellt und darob von ihr für verrückt gehalten 
wird (S. 82), ferner aber werden wir auf folgenden Zug der 
S ehr eb ersehen Wahnbildung aufmerksam. Wie der Verfolger 
sich, wenn wir das Ganze des Wahnes überblicken, in Flechsig 
und Gott zerlegt, so spaltet sich Flechsig selbst später in 
zwei Persönlichkeiten, in den „oberen" und den „mittleren" 
Flechsig und Gott in den „niederen" und den „oberen" Gott. 
Bei Flechsig geht die Zerlegung in späten Stadien der Krank- 
heit noch weiter (S. 193). Eine solche Zerlegung ist für die 
Paranoia recht charakteristisch. Die Paranoia zerlegt sowie die 
Hysterie verdichtet. Oder vielmehr die Paranoia bringt die in 
der unbewußten Phantasie vorgenommenen Verdichtungen und 
Identifizierungen wieder zur Auflösung. Daß diese Zerlegung 






239 

bei Schreber mehrmals wiederholt wird, ist nach C. G. Jung 1 ) 
Ausdruck der Bedeutsamkeit der betreffenden Person. Alle 
diese Spaltungen Flechsigs und Gottes in mehrere Personen 
bedeuten also das nämliche wie die Zerteilung des Verfolgers 
in Flechsig und Gott. Es sind Doublierungen desselben 
bedeutsamen Verhältnisses, wie sie 0. Rank in den Mythen- 
bildungen erkannt hat-). Für die Deutung all dieser Einzel- 
züge erübrigt uns aber der Hinweis auf die Zerlegung des 
Verfolgers in Flechsig und Gott und die Auffassung dieser 
Zerlegung als paranoide Reaktion auf eine vorhanden gewesene 
Identifizierung der beiden oder ihre Zugehörigkeit zur nämlichen 
Reihe. Wenn der Verfolger Flechsig einstmals eine geliebte 
Person war, so ist Gott auch nur die Wiederkehr einer andern 
ähnlich geliebten, aber wahrscheinlich bedeutsameren. 

Setzen wir diesen berechtigt scheinenden Gedankengang 
fort, so müssen wir uns sagen, diese andere Person kann niemand 
anderer als der Vater sein, womit ja Flechsig um so deut- 
licher in die Rolle des (hoffentlich älteren) 8 ) Bruders gedrängt 
wird. Die Wurzel jener femininen Phantasie, die soviel Wider- 
streben beim Kranken entfesselte, wäre also die zu erotischer 
Verstärkung gelangte Sehnsucht nach Vater und Bruder ge- 
wesen, von denen die letztere durch Übertragung auf den Arzt 
Flechsig überging, während mit ihrer Zurückführung auf die 
erstere ein Ausgleich des Kampfes erzielt wurde. 

Soll uns die Einführung des Vaters in den Schreberschen 



») C. G. Jung, Ein Beitrag zur Psychologie des Gerüchtes. Zentral- 
blatt für Psychoanalyse Nr. 3, 1910. Es ist wahrscheinlich richtig, wenn 
Jung fortfährt, daß diese Zerlegung, der allgemeinen Tendenz der Schizo- 
phrenie entsprechend, eine analytisch depotenzierende ist, welche das Zu- 
standekommen zu starker Eindrücke verhindern soll. Die Rede einer 
seiner Patientinnen: „Ah, sind Sie auch ein Dr. J., heute morgen war schon 
einer bei mir, der sich für Dr. J. ausgah," ist aber zu übersetzen durch 
ein Geständnis: Jetzt erinnern Sie mich wieder an einen andern aus der 
Reihe meiner Übertragungen als bei Ihrem vorigen Besuch. 

2 ) 0. Rank, Der Mythus von der Geburt der Helden. Schriften zur 
angewandten Seelenkunde Nr. V, 1909. 

3 ) Es ist hierüber aus den Denkwürdigkeiten kein Aufschluß zu 
gewinnen. 



240 

• 

Wahn gerechtfertigt erscheinen, so muß sie unserem Verständnis 
Nutzen bringen und uus unbegreifliche Einzelheiten des Wahnes 
aufklären helfen. Wir erinnern uns ja, welche sonderbaren Züge 
wir an dem S ehr eb ersehen GTott und an Schrebers Verhältnis 
zu seinem Gott fanden. Es war die merkwürdigste Vermengung 
von blasphemischer Kritik und rebellischer Auflehnung mit ver- 
ehrungsvoller Ergebenheit. Gott, der dem verführenden Einfluß 
Flechsigs unterlag, war nicht fähig, etwas aus der Erfahrung 
zu lernen, kannte den lebenden Menschen nicht, weil er nur 
mit Leichen umzugehen verstand, und äußerte seine Macht in 
einer Reihe von Wundern, die auffällig genug, dabei aber 
insipid und läppisch waren. 

Nun war der Vater des Senatspräsidenten Dr. Schreber 
kein unbedeutender Mensch gewesen. Es war der Dr. Daniel 
Gottlieb Moritz Schreber, dessen Andenken heute noch 
von den besonders in Sachsen zahlreichen Schreber-Ver einen 
festgehalten wird, ein — Arzt, dessen Bemühungen um die 
harmonische Ausbildung der Jugend, um das Zusammenwirken 
von Familien- und Schülererziehung, um die Verwendung der 
Körperpflege und Körperarbeit zur Hebung der Gesundheit 
nachhaltige Wirkung auf die Zeitgenossen geübt haben 1 ). Von 
seinem Ruf als Begründer der Heilgymnastik in Deutschland 
zeugen noch die zahlreichen Auflagen, in denen seine „Ärztliche 
Zimmergymnastik" in unseren Kreisen verbreitet ist. 

Ein solcher Vater war gewiß nicht ungeeignet dazu, in 
der zärtlichen Erinnerung des Sohnes, dem er so früh durch 
den Tod entzogen wurde, zum Gotte verklärt zu werden. Für 
unser Gefühl besteht zwar eine unausfüllbare Kluft zwischen 
der Persönlichkeit Gottes und der irgend eines, auch des hervor- 
ragendsten Menschen. Aber wir müssen daran denken, daß dies 

l ) Ich verdanke der gütigen Zusendung meines Zollegen Dr. Steg- 
mann in Dresden die Einsicht in eine Nummer einer Zeitschrift, die sich 
„Der Freund der Schreber-Vereine" betitelt. Es sind in ihr (II. Jahr- 
gang, Heft X) zur einhundertjährigen Wiederkehr des Geburtstages Dr. 
Schrebers biographische Daten über das Leben des gefeierten Mannes 
gegeben. Dr. Schreber sen. wurde 1808 geboren und starb 1861, nur 53 
Jahre alt. Ich weiß aus der früher erwähnten Quelle, daß unser Patient 
damals 19 Jahre alt war. 



241 

nicht immer so war. Den alten Völkern standen ihre Götter 
menschlich näher. Bei den Römern wurde der verstorbene Im- 
perator regelrecht deifiziert. Der nüchterne und tüchtige Ves- 
pasianus sagte bei seinem ersten Krankheitsanfall: Weh mir, 
ich glaube, ich werde ein Gott 1 ). 

Die infantile Einstellung des Knaben zu seinem Vater ist 
uns genau bekannt; sie enthält die nämliche Vereinigung von 
verehrungsvoller Unterwerfung und rebellischer Auflehnung, die 
wir im Verhältnisse Schrebers zu seinem Gott gefunden haben, 
sie ist das unverkennbare, getreulich kopierte Vorbild dieses 
letzteren. Daß aber der Vater Schrebers ein Arzt, und zwar 
ein hochangesehener und gewiß von seinen Patienten verehrter 
Ai'zt war, erklärt uns die auffälligsten Charakterzüge, die Seh re- 
ber an seinem Gotte kritisch hervorhebt. Kann es einen stärkeren 
Ausdruck des Hohnes auf einen solchen Arzt geben, als wenn 
man von ihm behauptet, daß er vom lebenden Menschen nichts 
versteht und nur mit Leichen umzugehen weiß? Es gehört ge- 
wiß zum Wesen Gottes, daß er Wunder tut, aber auch ein 
Arzt tut Wunder, wie ihm seine enthusiastischen Klienten nach- 
sagen, er vollbringt wunderbare Heilungen. Wenn dann gerade 
diese Wunder, zu denen die Hypochondrie des Kranken das 
Material geliefert hat, so unglaubwürdig, absurd und teilweise 
läppisch ausfallen, so werden wir an die Behauptung der „Traum- 
deutung" gemahnt, daß die Absurdität im Traume Spott und 
Hohn ausdrücke 8 ). Sie dient also denselben Darstellungszwecken 
bei der Paranoia. Für andere Vorwürfe, z. B. den, daß Gott 
aus Erfahrung nichts lerne, liegt die Auffassung nahe, daß wir 
es mit dem Mechanismus der infantilen „Retourkutsche" zu tun 
haben 8 ), der einen empfangenen Vorwurf unverändert auf den 
Absender zurückwendet, ähnlich wie die S. 23 erwähnten Stimmen 



») Suetouius' Kaiserbiographien, Kap; 23. Diese Vergottung nahm 
mit 0. Julius Caesar ihren Anfang. Augustus nannte sich in seinen In- 
schriften „Divi filius". 

2 ) Traumdeutung, 2. Auflage, S. 267. 

3 ) Einer solchen Eevanche sieht es außerordentlich ähnlich, wenn 
der Kranke sich eines Tages den Satz aufzeichnet: „Jeder Versuch einer 
erzieherischen Wirkung nach außen muß als aussichtslos auf- 
gegeben werden" (S. 188). Der Unerziehbare ist Gott. 

Freud, Neurosenlehre. III. 16 



242 



vermuten lassen, daß die gegen Flechsig erhobene Anschul- 
digung des „Seelenmordes" ursprünglich eine Selbstanklage war 1 ). 
Durch diese Brauchbarkeit des väterlichen Berufes zur 
Aufklärung der besonderen Eigenschaften des Sehr eb ersehen 
Gottes kühn gemacht, können wir es nun wagen, die merk- 
würdige Gliederung des göttlichen Wesens durch eine Deutung 
zu erläutern. Die Gotteswelt besteht bekanntlich aus den vor- 
deren G-ottesreichen", die auch „Vorhöfe des Himmels" ge- 
nannt werden und die abgeschiedenen Menschenseelen enthalten, 
und aus dem „niederen" und „oberen" Gott, die zusammen 
„hintere Gottesreiche" heißen (S. 19). Wenn wir auch darauf 
gefaßt sind, eine hier vorliegende Verdichtung nicht auflösen zu 
können, so wollen wir doch den früher gewonnenen Fingerzeig, 
daß die „gewunderten", als Mädchen entlarvten Vögel von den 
Vorhöfen des Himmels abgeleitet werden, dazu verwenden, um 
die vorderen Gottesreiche und Vorhöfe des Himmels als 
Symbolik für die Weiblichkeit, die hinteren Gottesreiche als 
eine solche für die Männlichkeit in Anspruch zu nehmen. Wüßte 
man sicher, daß der verstorbene Bruder Schrebers ein älterer 
war, so dürfte man die Zerlegung Gottes in den niederen und 
oberen Gott als den Ausdruck der Erinnerung ansehen, daß 
nach dem frühen Tode des Vaters der ältere Bruder die Stel- 
lung des Vaters übernahm. 

Endlich will ich in diesem Zusammenhange der Sonne 
gedenken, die ja durch ihre „Strahlen" zu so großer Bedeutung 
für den Ausdruck des Wahnes geworden ist. Schreber hat 
zur Sonne ein ganz besonderes Verhältnis. Sie spricht mit ihm 
in menschlichen Worten und gibt sich ihm damit als belebtes 
Wesen oder als Organ eines noch hinter ihr stehenden höheren 
Wesens zu erkennen (S. 9). Aus einem ärztlichen Gutachten 
erfahren wir, daß er sie „geradezu brüllend mit Droh- und 
Schimpfworten anschreit" (S. 382) 2 ), daß er ihr zuruft, sie 
müsse sich vor ihm verkriechen. Er teilt selbst mit, daß die 



*) „Während man jetzt schon seit längerer Zeit in beabsichtigter 
Umkehr des Verhältnisses mich selbst als denjenigen, der Seelenmord ge- 
trieben habe, ,darstellen' will," usw. 

2 ) „Die Sonne ist eine Hure" (S. 384). 






243 



Sonne vor ihm erbleicht 1 ). Der Anteil, den sie an seinem Schick- 
sale hat, gibt sich dadurch kund, daß sie wichtige. Veränderungen 
ihres Aussehens zeigt, sobald bei ihm Änderungen im Gange 
sind, z. B. in den ersten "Wochen seines Aufenthaltes auf dem 
Sonnenstein (S. 135). Die Deutung dies Sonnenmythus macht 
uns Schreber leicht. Er identifiziert die Sonne geradezu mit 
Gott, bald mit dem niederen Gott (Ariman) 2 ), bald mit dem 
oberen (S. 137): „An dem darauffolgenden Tage .... sah ich 
den oberen Gott (Ormuzd) diesmal nicht mit meinem geistigen 
Auge, sondern mit meinem leiblichen Auge. Es war die 
Sonne, aber nicht die Sonne in ihrer gewöhnlichen, allen 
Menschen bekannten Erscheinung, sondern usw." Es ist also 
nur folgerichtig, wenn er sie nicht anders als Gott selbst be- 
handelt. 

Ich bin für die Eintönigkeit der psychoanalytischen 
Lösungen nicht verantwortlich, wenn ich geltend mache, daß 
die Sonne nichts anderes ist als wiederum ein sublimiertes 
Symbol des Vaters. Die Symbolik setzt sich hier über das 
grammatikalische Geschlecht hinaus; wenigstens im Deutschen, 
denn in den meisten anderen Sprachen ist die Sonne ein Mas- 
kulinum. Jhr "Widerpart in dieser Spiegelung des Elternpaares 
ist die allgemein so bezeichnete „Mutter Erde". In der psycho- 
analytischen Auflösung pathogener Phantasien bei Neurotikern 
findet man oft genug die Bestätigung für diesen Satz. Auf die 
Beziehung zu kosmischen Mythen will ich nur mit diesem einen 
Wort verweisen. Einer meiner Patienten, der seinen Vater früh 
verloren hatte und in allem Großen und Erhabenen der Natur 
wiederzufinden suchte, machte es mir wahrscheinlich, daß der 
Hymnus Nietzsches „Vor Sonnenaufgang" der gleichen Sehn- 



1 ) (S. 139, Anmerkung): „Übrigens gewährt mir auch jetzt noch die 
Sonne zum Teil ein anderes Bild, als ich in den Zeiten vor meiner Krank- 
heit von ihr hatte. Ihre Strahlen erbleichen vor mir, wenn -ich gegen die- 
selbe gewendet laut spreche. Ich kann ruhig in die Sonne sehen und werde 
davon nur in sehr bescheidenem Maße geblendet, während in gesunden 
Tagen bei mir, wie wohl bei anderen Menschen, ein minutenlanges Hin- 
einsehen in die Sonne gar nicht möglich gewesen wäre." 

2 ) (S. 88): „Dieser wird jetzt (seit Juli 1894) von den zu mir redenden 
Stimmen mit der Sonne geradezu identifiziert," 

16* 



244 

sucht Ausdruck gebe 1 ). Ein anderer, der in seiner Neurose nach 
dem Tode des Vaters den ersten Angst- und Schwindclanfall 
bekam, als ihn die Sonne während der Gartenarbeit mit dem 
Spaten beschien, vortrat selbständig die Deutung, er habe sich 
geängstigt, weil ihm der Vater zugeschaut, wie er mit einem 
scharfen Instrument die Mutter bearbeitete. Als ich nüchternen 
Einspruch wagte, machte er seine Auflassung durch die Mit- 
teilung plausibler, or habe den Vater schon bei Lebzeiten mit 
der Sonne verglichen, allerdings damals in parodierender Ab- 
sicht. So oft er gefragt worden sei, wohin sein Vater in diesem 
Sommer gehe, habe er die Antwort mit den tönenden Worten 
des „Prologs im Himmel" gegeben: 

„Und seine vorgeschriebene Reise, 
Vollendet er mit Donnergimg." 

Der Vater pflegte jedes Jahr auf ärztlichen K.it den Kurort 
Marienbad zu besuchen. Bei diesem Kranken hatte sich die in- 
fantile Einstellung gegen den Vaterzweizcitig durchgesetzt. Solange 
der Vater lebte, volle Auflehnung und offenes Zerwürfnis; unmittel- 
bar nach seinem Tode eine Neurose, die sich auf sklavische Unter- 
werfung und nachträglichen Gehorsam gegen den Vater gründete. 
Wir befinden uns also auch im falle Schreber auf dem 
wuhlvertrauteii Boden des Vaterkomploxes-'). Wenn sich dem 
Kranken der Kampf mit Flechsig als ein Konflikt mit Gott 
enthüllt, so müssen wir diesen in einen infantilen Konflikt mit 
dem geliebten Vater übersetzen, dessen uns unbekannte Einzel- 
heiten den Inhalt des Wahnes bestimmt haben. Es fohlt nichts 
von dem Material, das sonst durch die Analyse in solchen 
Fällen aufgedeckt wird, alles ist durch irgend welche An- 
deutungen vertreten. Der Vater erscheint in diesen Einder- 
erlebnissen als der Störer der vom Kinde gesuchten, meist 
autoerotischen Befriedigung, die in der Phantasie später oft 
durch eine minder ruhmlose ersetzt wird 8 ). Im Ausgang des 

') „Also sprach Zarnthiistra." Dritter Teil. — Auch Nietzsche 
hatte seinen Vater nur als Kind gekannt. 

2 ) Wie auch die „feminine Wunschphnntasic" Schiebers nur eine 
der typischen Gestaltungen dos infantilen Kernlounplexos ist. 

s ) Vgl. die Bemerkungen zur Analyse des „llatteninanno»". Dieses 
Jahrbuch I, 1909, S. 393 (X. 164 dieses Bandes). 









245 

Schreberschen Wahnes feiert die infantile Sexualstrebung einen 
großartigen Triumph; die Wollust wird gottes fürchtig, Gott 
selbst (der Vater) läßt nicht ab, sie von dem Kranken zu 
fordern. Die gefürchtetste Drohung des Vaters, die der Kastration, 
hat der zuerst bekämpften und dann akzeptierten Wunsch- 
phantasie der Verwandlung in ein Weib geradezu den Stoff 
geliehen. Der Hinweis auf eine Verschuldung, die durch die 
Ersatzbildung „Seelenmord" gedeckt wird, ist überdeutlich. Der 
Oberwärter wird mit jenem Hausgenossen v. W. identisch ge- 
funden, der ihn nach Angabe der Stimmen fälschlich der Onanie 
beschuldigt hat (S. 108). Die Stimmen sagen, gleichsam in der 
Begründung der Kastrationsdrohung (S. 127): „Sie sollen näm- 
lich als wollüstigen Ausschweifungen ergeben dargestellt 
werden 1 )." Endlich ist der Denkzwang (S. 47), dem sich der 
Kranke unterwirft, weil er annimmt, Gott werde glauben, er 
sei blödsinnig geworden, und sich von ihm zurückziehen, wenn 
er einen Moment zu denken aussetze, die uns auch anderswoher 
bekannte Reaktion gegen die Drohung oder Befürchtung, man 
werde durch sexuelle Betätigung, speziell durch Onanie, den 
Verstand verlieren 2 ). Bei der Unsumme hypochondrischer Wahn- 
ideen 8 ), die der Kranke entwickelt, ist vielleicht kein großer 
Wert darauf zu legen, daß sich einige derselben mit den hypo- 
chondrischen Befürchtungen der Onanisten wörtlich decken 4 ). 



•) Die Systeme des „DarBtellens und Aufschreibens " (S. 126) deuten 
in Verbindung mit den „geprüften Seelen" auf Schulerlebnisse hin. 

J) (S. 206): „Daß dies das erstrebte Ziel sei, wurde früher ganz offen 
in der vom oberen Gott ausgehenden, unzählige Male von mir gehörton 
PbraM .Wir wollen Ihnen den Verstand zerstören' eingestanden." 

s ) Ich will es nicht unterlassen hier zu bemerken, daß ich eine 
Theorie der Paranoia erst dann für vertrauenswert halten werde, wenn 
es ihr gelungen ist, die fast regelmäßigen hypochondrischen Begleit- 
symptome in ihren Zusammenhang einzufügen. Es scheint mir, daß der 
Hypochondrie dieselbe Stellung zur Paranoia zukommt wie der Angstneu- 
rose zur Hysteii«'. 

*) (S. 154): „Man versuchte mir daher das Rückenmark auszupumpen, 
was durch sogenannte .kleine Männer, die man mir in die Füße setzte, ge- 
schah. Über diese ,kleiuen Männer«, die mit der bereits in Kap. VI be- 
sprochenen Erscheinung einige Verwandtschaft zeigten, werde ich später 
noch Weiteres mitteilen; in der Regel waren es je zwei, ,ein kleiner Flechsig' 



246 



"Wer in der Deutung dreister wäre als ich oder durch 
Beziehungen zur Familie Seh rebers mehr von Personen, Milieu 
und kleinen Vorfällen wüßte, dem müßte es ein leichtes sein, 
ungezählte Einzelheiten des Schreberschen Wahnes auf ihre 
Quellen zurückzuführen und somit in ihrer Bedeutung zu er- 
kennen, und dies trotz der Zensur, der die „Denkwürdigkeiten" 
unterlegen sind. Wir müssen uns notgedrungen mit einer so schatten- 
haften Skizzierung des infantilen Materials begnügen, in welchem 
die paranoische Erkrankung den aktuellen Konflikt dargestellt hat. 

Zur Begründung jenes um die feminine Wunschphantasie 
ausgebrochenen Konfliktes darf ich vielleicht noch ein Wort 
hinzufügen. Wir wissen, daß wir die Aufgabe haben, das Her- 
vortreten einer Wunschphantasie mit einer Versagung, einer 
Entbehrung im realen Leben in Zusammenhang zu bringen. 
Nun gesteht uns Schreber eine solche Entbehrung ein. Seine 
sonst als glücklich geschilderte Ehe brachte ihm nicht den 
Kindersegen, vor allem nicht den Sohn, der ihn für den Ver- 
lust von Vater und Bruder getröstet hätte, auf den die un- 
befriedigte homosexuelle Zärtlichkeit hätte abströmen können 1 ). 
Sein Geschlecht drohte auszusterben und es scheint, daß er 
stolz genug war auf seine Abstammung und Familie (S. 24). 
„Die Flechsigs und die Schrebers gehörten nämlich beide, 
wie der Ausdruck lautete, ,dem höchsten himmlischen Adel' 
an. Die Schrebers führten insbesondere den Titel Mark- 
grafen von Tuscien und Tasmanien', entsprechend einer Ge- 
wohnheit der Seelen, sich, einer Art persönlicher Eitelkeit fol- 
gend, mit etwas hochtrabenden irdischen Titeln zu schmücken 2 )." 

und ein ,kleiner v. W.', deren Stimme ich auch in meinen Füßen ver- 
nahm." — v. W. ist der nämliche, von dem die Onaniebcschuldiguno- aus- 
ging. Die „kleinen Männer" bezeichnet Schreber selbst als eine der 
merkwürdigsten und in gewisser Beziehung rätselhaftesten Erscheinungen 
(S. 157). Es scheint, daß sie einer Verdichtung von Kindern und — Sper- 
matozoon entsprungen sind. 

*) (S. 36): „Nach der Genesung von meiner ersten Krankheit habe 
ich acht, im ganzen recht glückliche, auch an äußeren Ehren reiche und 
nur durch die mehrmalige Vereitelung der Hoffnung auf Kindersegen zeit- 
weilig getrübte Jahre mit meiner Frau verlebt." 

2 ) Im Anschluß an diese Äußerung, die den liebenswürdigen Spott 
gesunder Tage im Wahne bewahrt hat, verfolgt er die Beziehungen zwischen 



247 

Der große Napoleon ließ sieb, wiewohl erst nach schweren 
inneren Kämpfen, von seiner Josefine scheiden, weil sie die 
Dynastie nicht fortsetzen konnte 1 ); Dr. Schreber mochte die 
Phantasie gebildet haben, wenn er ein Weib wäre, würde er 
das Kinderbekommen besser treffen, und fand so den Weg, sich 
in die feminine Einstellung zum Vater in den ersten Kinder- 
jahren zurück zu versetzen. Der später immer weiter in die Zu- 
kunft geschobene Wahn, daß die Welt durch seine Entmannung 
mit „neuen Menschen aus Schreberschem Geist" (S. 288) be- 
völkert würde, war also auch zur Abhilfe seiner Kinderlosigkeit 
bestimmt. Wenn die „kleinen Männer'', die Schreber selbst 
so rätselhaft findet, Kinder sind, so finden wir es durchaus ver- 
ständlich, daß sie auf seinem Kopfe in großer Anzahl ver- 
sammelt stehen (S. 158); es sind ja wirklich die „Kinder seines 
Geistes". (Vgl. die Bemerkung über die Darstellung der Ab- 
stammung vom Vater und über die Geburt der Athene in 
der Krankengeschichte des „Rattenmannes". Dieses Jahrbuch 
I, S. 410, S. 184 dieses Bandes). 

III. Über den paranoischen Mechanismus. 

Wir haben bisher den den Fall Schreber beherrschenden 
Yaterkoniplex und die zentrale Wunschphantasie der Erkrankung 
behandelt. An alledem ist nichts für die Kranich eits form der 
Paranoia Charakteristisches, nichts, was wir nicht bei anderen 
Fällen von Neurose finden könnten und auch wirklich gefunden 
haben. Die Eigenart der Paranoia (oder der paranoiden Demenz) 
müssen wir in etwas anderes verlegen, in die besondere Er- 
scheinungsform der Symptome, und für diese wird unsere Er- 
wartung nicht die Komplexe, sondern den Mechanismus der 

den Familien Flechsig und Schreber in frühere Jahrhunderte zurück, 
wie ein Bräutigam, der nicht begreifen kann, wie er so lange Jahre ohne 
Beziehung zur Geliebten leben konnte, ihre Bekanntschaft durchaus schon 
in früheren Zeiten gemacht haben will. 

*) In dieser Hinsicht ist eine Verwahrung des Patienten gegen An- 
gaben des ärztlichen Gutachtens erwähnenswert (S. 486): „Ich habe niemals 
mit dem Gedanken einer Scheidung gespielt oder Gleichgültigkeit gegen 
das Fortbestehen des ehelichen Bandes zu erkennen gegeben, wie man nach 
der Ausdrucksweise des Gutachtens, ,ich sei alsbald mit der Andeutung bei 
der Hand, daß meine Frau sich scheiden lassen könne', annehmen möchte." 



248 



Symptombildung oder den der Verdrängung verantwortlich 
machen. Wir würden sagen, der paranoische Charakter liegt 
darin, daß zur Abwehr einer homosexuellen Wunschphantasie 
gerade mit einem Verfolgungswahn von solcher Art reagiert wird. 
Um so bedeutungsvoller ist es, wenn wir durch die Er- 
fahrung gemahnt werden, gerade der homosexuellen Wunsch- 
phantasie eine innigere, vielleicht eine, konstante Beziehung zur 
Krankheitsform zuzusprechen. Meiner eigenen Erfahrung hier- 
über mißtrauend, habe ich in den letzten Jahren mit meinen 
Freunden C. G. Jung in Zürich und S. Ferenczi in Buda- 
pest eine Anzahl von Fällen paranoider Erkrankung aus deren 
Beobachtung auf diesen einen Punkt hin untersucht. Es waren 
Männer wie Frauen, deren Krankengeschichten uns als Unter- 
suchungsmaterial vorlagen, verschieden durch Basse, Beruf und 
sozialen Rang, und wir sahen mit Überraschung, wie deutlich 
in all diesen Fällen die Abwehr des homosexuellen Wunsches 
im Mittelpunkte des Krankheitskonfliktes zu erkennen war, wie 
sie alle an der Bewältigung ihrer unbewußt verstärkten Homo- 
sexualität gescheitert waren 1 ). Es entsprach gewiß nicht unserer 
Erwartung. Gerade bei der Paranoia ist die sexuelle Ätiologie 
keineswegs evident, dagegen drängen sich soziale Kränkungen 
und Zurücksetzungen, besonders für den Mann, in der Ver- 
ursachung der Paranoia auffällig hervor. Es wird nun aber nur 
geringe Vertiefung erfordert, um an diesen sozialen Schädigungen 
die Beteiligung der homosexuellen Komponente des Gefühls- 
lebens als das eigentlich Wirksame zu erkennen. So lange die 
normale Betätigung den Einblick in die Tiefen des Seelen- 
lebens verwehrt, darf man es ja bezweifeln, daß die Gefühls- 
beziehungen eines Individuums zu seinen Nebenmenschen im 
sozialen Leben faktisch oder genetisch mit der Erotik etwas zu 
schaffen haben. Der Wahn deckt diese Beziehungen regelmäßig 
auf und führt das soziale Gefühl bis auf seine Wurzel im grob- 
sinnlichen erotischen Wunsch zurück. Auch Dr. Schreber, 
dessen Wahn in einer unmöglich zu verkennenden homosexuellen 

*) Eine weitere Bestätigung findet sich in der Analyse des Paranoiden 
J. B.vonA. Maeder (Psychologische Untersuchungen an Dementia praecox- 
Kvanken. Dieses Jahrbuch II. B., 1910). Ich bedauere, daß ich diese Arbeit 
zur Zeit der Abfassung der meinigen noch nicht lesen konnte. 



249 

Wunschphantasie gipfelt, hatte in den Zeiten der Gesund- 
heit — allen Berichten zufolge — kein Anzeichen von Homo- 
sexualität im vulgären Sinne geboten. 

Ich meine, es ist weder überflüssig noch unberechtigt, 
wenn ich zu zeigen versuche, daß unser heutiges, durch Psycho- 
analyse gewonnenes Verständnis der Seelenvorgänge uns bereits 
das Verständnis für die Rolle des homosexuellen Wunsches bei 
der Erkrankung an Paranoia vermitteln kann. Untersuchungen 
der letzten Zeit 1 ) haben uns auf ein Stadium in der Ent- 
wicklungsgeschichte der Libido aufmerksam gemacht, welches 
auf dem Wege vom Autoerotismus zur Objektliebe durch- 
schritten wird 2 ). Man hat es als Narzissismus bezeichnet; ich 
ziehe den vielleicht minder korrekten, aber kürzeren und weniger 
übelklingenden Namen Narzißmus vor. Es besteht darin, daß 
das in der Entwicklung begriffene Individuum, welches seine 
autoerotisch arbeitenden Sexualtriebe zu einer Einheit zusammen- 
faßt, um ein Liebesobjekt zu gewinnen, zunächst sich selbst, 
seinen eigenen Körper zum Liebesobjekt nimmt, ehe es von 
diesem zur Objektwahl einer fremden Person übergeht. Eine 
solche zwischen Autoerotismus und Objektwahl vermittelnde 
Phase ist vielleicht normalerweise unerläßlich; es scheint, daß 
viele Personen ungewöhnlich lange in ihr aufgehalten werden, 
und daß von diesem Zustande viel für spätere Entwicklungs- 
stufen erübrigt, An diesem zum Liebesobjekt genommenen Selbst 
können bereits die Genitalien die Hauptsache sein. Der weitere 
Weg führt zur Wahl eines Objektes mit ähnlichen Genitalien, 
also über die homosexuelle Objektwahl, zur Heterosexualität. 
Wir nehmen an, daß die später manifest Homosexuellen sich 
von der Anforderung der den eigenen gleichen Genitalien beim 
Objekt nie frei gemacht haben, wobei den kindlichen Sexual- 
theorien, die beiden Geschlechtern zunächst die gleichen Geni- 
talien zuschreiben, ein erheblicher Einfluß zukommt. 



') J. Sa dg er, Ein Fall von multipler Perversion mit hysterischen 
Absenzen. Dieses Jahrbuch II. B., 1910. — Freud, Eine Kindheits- 
erinnerung des Leonardo da Vinci. Schriften zur angewandten Seelenkunde, 
Heft VH, 1910. 

2 ) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 2. Auflage, 1910. 



250 



Nach der Erreichung der heterosexuellen Objektwahl 
werden die homosexuellen Strebungen nicht etwa aufgehoben 
oder eingestellt, sondern bloß vom Sexualzicl abgedrängt und 
neuen Verwendungen zugeführt, Sie treten nun mit Anteilen 
der Ichtriebe zusammen, um mit ihnen als „angelehnte" Kom- 
ponenten die sozialen Triebe zu konstituieren, und stellen so den 
Beitrag der Erotik zur Freundschaft, Kameradschaft, zum Ge- 
meinsinn und zur allgemeinen Menschenliebe dar. Wie groß 
diese Beiträge aus erotischer Quelle mit Hemmung des Sexual- 
zieles eigentlich sind, würde man aus den normalen sozialen 
Beziehungen der Menschen kaum erraten. Es gehört aber in 
den gleichen Zusammenhang, daß gerade manifest Homosexuelle 
und unter ihnen wieder solche, die der sinnlichen Betätigung 
widerstreben, sich durch besonders intensive Beteiligung an den 
allgemeinen, an den durch Sublimierung der Erotik hervor- 
gegangenen Interessen der Menschheit auszeichnen. 

Ich habe in den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" 
die Ansicht ausgesprochen, daß jede Entwicklungsstufe der 
Psychosexualität eine Möglichkeit der „Fixierung" und somit 
eine Dispositionsstelle ergibt. Personen, welche nicht völlig vom 
Stadium des Narzißmus losgekommen sind, also dort eine 
Fixierung besitzen, die als Krankheitsdisposition wirken kann, 
sind der Gefahr ausgesetzt, daß eine Hochflut von Libido, die 
keinen andern Ablauf findet, ihre sozialen Triebe der Sexuali- 
sierung unterzieht und somit ihre in der Entwicklung gewonnenen 
Sublimierungen rückgängig macht. Zu einem solchen Erfolg 
kann alles führen, was eine rückläufige Strömung der Libido 
(„Regression") hervorruft, sowohl auf der einen Seite eine 
kollaterale Verstärkung durch Enttäuschung beim Weibe, eine 
direkte Bückstauung durch Mißglücken in den sozialen Be- 
ziehungen zum Manne — beides Fälle der „Versagung" — , als 
auch eine allgemeine Libidosteigerung, die zu gewaltig ist, als 
daß sie auf den bereits eröffneten Wegen Erledigung finden 
könnte, und die darum an der schwachen Stelle des Baues den 
Damm durchbricht. Da wir in unseren Analysen finden, daß 
die Paranoiker sich einer solchen Sexualisierung ihrer 
sozialen Triebbesetzungen zu erwehren suchen, werden 
wir zur Annahme gedrängt, daß die schwache Stelle ihrer 






251 

Entwicklung in dem Stück zwischen Autoerotisnms, Narzißmus 
und Homosexualität zu suchen ist, daß dort ihre, vielleicht 
noch genauer zu bestimmende, Krankheitsdisposition liegt. Eine 
ähnliche Disposition müßten wir der Dementia praecox Krae- 
pelins oder Schizophrenie (nach Bleuler) zuschreiben, und 
hoffen im weiteren Anhaltspunkte zu gewinnen, um die Unter- 
schiede in Form und Ausgang der beiden Affektionen durch 
entsprechende Verschiedenheiten der disponierenden Fixierung 
zu begründen. 

Wenn wir so die Zumutung der homosexuellen Wunsch- 
phantasie, den Mann zu lieben, für den Kern des Konfliktes 
bei der Paranoia des Mannes halten, so werden wir doch gewiß 
nicht daran vergessen, daß die Sicherung einer so wichtigen 
Annahme die Untersuchung einer großen Anzahl aller Formen 
von paranoischer Erkrankung zur Voraussetzung haben müßte. 
Wir müssen also darauf vorbereitet sein, unsere Behauptung 
eventuell auf einen einzigen Typus der Paranoia einzuschränken. 
Immerhin bleibt es merkwürdig, daß die bekannten Haupt- 
formen der Paranoia alle als Widersprüche gegen den einen 
Satz: Ich (ein Mann) liebe ihn (einen Mann) dargestellt werden 
können, ja, daß sie alle möglichen Formulierungen dieses Wider- 
spruches erschöpfen. 

Dem Satze: Ich liebe ihn (den Mann) widerspricht a) der 
Verfolgungswahn, indem er laut proklamiert: 

Ich liebe ihn nicht — ich hasse ihn ja. Dieser Wider- 
spruch, der im Unbewußten 1 ) nicht anders lauten könnte, kann 
aber beim Paranoiker nicht in dieser Form bewußt werden. 
Der Mechanismus der Symptombildung bei der Paranoia fordert, 
daß die innere Wahrnehmung, das Gefühl, durch eine Wahr- 
nehmung von außen ersetzt werde. Somit verwandelt sich der 
Satz: Ich hasse ihn ja, durch Projektion in den andern: Er 
haßt (verfolgt) mich, was mich dann berechtigen wird, ihn zu 
hassen. Das treibende unbewußte Gefühl erscheint so als Fol- 
gerung aus einer äußern Wahrnehmung: 

Ich liebe ihn ja nicht — ich hasse ihn ja — weil er 
mich verfolgt. 



In seiner „grundsprachlichen" .Fassung nach Sclireber. 



252 






Die Beobachtung läßt keinen Zweifel darüber, daß der 
Verfolger kein anderer ist als der einst Geliebte. 

b) Einen andern Angriffspunkt für den Widerspruch nimmt 
die Erotomanie auf, die ohne diese Auffassung ganz unver- 
ständlich bliebe. 

Ich liebe nicht ihn — ich liebe ja sie. 

Und der nämliche Zwang zur Projektion nötigt dem Satz 
die Verwandlung auf: Ich merke, daß sie mich liebt. 

Ich liebe nicht ihn — ich liebe ja sie — weil sie mich 
liebt. Viele Fälle von Erotomanie könnten den Eindruck von 
übertriebenen oder verzerrten heterosexuellen Fixierungen ohne 
andersartige Begründung machen, wenn man nicht aufmerksam 
würde, daß alle diese Verliebtheiten nicht mit der internen Wahr- 
nehmung des Liebens, sondern der von außen kommenden des 
Geliebtwerdens einsetzen. Bei dieser Form der Paranoia kann 
aber auch der Mittelsatz: Ich liebe sie, bewußt werden, weil 
sein Widerspruch zum ersten Satz kein kontradiktorischer, kein 
so unverträglicher ist wie der zwischen Lieben und Hassen. Es 
bleibt ja immerhin möglich, neben ihm auch sie zu lieben. Auf 
diese Art kann es geschehen, daß der Projektionsersatz sie 
liebt mich wieder gegen das „grundsprachliche" ich liebe ja 
sie zurücktritt. 

c) Die dritte noch mögliche Art des Widerspruches wäre 
jetzt der Eifersuchtswahn, den wir in charakteristischen Forme"n 
bei Mann und Weib studieren können. 

a) Der Eifersuchtswahn des Alkoholikers. Die Rolle des 
Alkohols bei dieser Affektion ist uns nach allen Richtungen 
verständlich. Wir wissen, daß dies Genußmittel Hemmungen 
aufhebt und Sublimierungen rückgängig macht. Der Mann wird 
nicht selten durch die Enttäuschung beim Weibe zum Alkohol 
getrieben, das heißt aber in der Regel, er begibt sich ins Wirts- 
haus und in die Gesellschaft der Männer, die ihm die in seinem 
Heim beim Weibe vermißte Gefühlsbefriedigung gewährt. Werden 
nun diese Männer Objekte einer stärkeren libidinösen Besetzung 
in seinem Unbewußten, so erwehrt er sich derselben durch die 
dritte Art des Widerspruches: 

Nicht ich liebe den Mann — sie liebt ihn ja, und ver- 
dächtigt die Frau mit all den Männern, die er zu lieben versucht ist. 



253 

Die Projektionsentstellung muß hier entfallen, weil mit 
dem Wechsel des liebenden .Subjekts der Vorgang ohnedies aus 
dem Ich herausgeworfen ist. Daß die Frau die Männer liebt, 
bleibt eine Angelegenheit der äußern Wahrnehmung; daß man 
selbst nicht liebt, sondern haßt, daß man nicht diese, sondern 
jene Person liebt, das sind allerdings Tatsachen der innern 
Wahrnehmung. 

ß) Ganz analog stellt sich die eifersüchtige Paranoia der 

Frauen her. 

Nicht ich liebe die Frauen — sondern er liebt sie. 
Die Eifersüchtige verdächtigt den Mann mit all den Frauen, 
die ihr selbst gefallen, infolge ihres überstark gewordenen, 
disponierenden Narzißmus und ihrer Homosexualität. In der 
Auswahl der dem Manne zugeschobenen Liebesobjekte offenbart 
sich unverkennbar der Einfluß der Lebenszeit, in welcher die 
Fixierung erfolgte; es sind häufig alte, zur realen Liebe un- 
geeignete Personen, Auffrischungen der Pflegerinnen, Dienerinnen, 
Freundinnen ihrer Kindheit oder direkt ihrer konkurrierenden 
Schwestern. 

Man sollte nun glauben, ein aus drei G-liedern bestehen- 
der Satz, wie: Ich liebe ihn, ließe nur drei Arten des 
Widerspruches zu. Der Eifersuchtswahn widerspricht dem 
Subjekt, der Verfolgungswahn dem Verbum, die Erotomanie 
dem Objekt. Allein, es ist wirklich noch eine vierte Art 
des Widerspruches möglich, die Gesamtablehnung des ganzen 
Satzes : 

Ich liebe überhaupt nicht und niemand, und dieser 
Satz scheint psychologisch äquivalent, da man doch mit 
seiner Libido irgendwohin muß, mit dem Satze: Ich liebe 
nur mich. Diese Art des Widerspruches ergäbe uns also 
den Größenwahn, den wir als eine Sexualüberschätzung 
des eigenen Ichs auffassen und so der bekannten Überschätzung 
des Liebesobjektes an die Seite stellen können 1 ). 

Es wird nicht ohne Bedeutung für andere Stücke der 
Paranoialehre bleiben, daß ein Zusatz von Größenwahn bei 
den meisten anderen Formen paranoischer Erkrankung zu kon- 

l ) Drei Abbandlungen zur Sexualtheorie. 2. Auflage, 1910, S. 18. — 
Dieselbe Auffassung und Formel bei Abraham (1. c.) und Maeder (1. c). 



254 



statieren ist. Wir haben ja das Recht anzunehmen, daß der 
Größenwahn überhaupt infantil ist, und daß er in der späteren 
Entwicklung der Gesellschaft zum Opfer gebracht wird, so wie 
er durch keinen andern Einfluß so intensiv unterdrückt wird 
wie durch eine das Individuum mächtig ergreifende Ver- 
liebtheit. 

„Demi wo die Lieb' erwachet, stirbt 

das Ich, der finstere Despot." 
(DschelaledinRumi, übersetzt von Kückert; zitiert nach Kuhlen- 
becks Einleitung zum V.Band der Werke von Giordano Bruno.) 

Nach diesen Erörterungen über die unerwartete Bedeutung 
der homosexuellen Wunschphantasie für die Paranoia kehren 
wir zu jenen beiden Momenten zurück, in welche wir das Cha- 
rakteristische dieser Erkrankungsform von vornherein verlegen 
wollten: zum Mechanismus der Symptombildung und zu dem 
der Verdrängung. 

Wir haben zunächst gewiß kein Eecht anzunehmen, daß 
diese beiden Mechanismen identisch seien, daß die Symptom- 
bildung auf demselben Wege vor sich gehe wie die Verdrängung 
etwa indem der nämliche Weg dabei in entgegengesetzter Richtung 
beschritten werde. Eine solche Identität ist auch keineswegs sehr 
wahrscheinlich; doch wollen wir uns jeder Aussage hierüber vor 
der Untersuchung enthalten. 

An der Symptombildung bei Paranoia ist vor allem jener 
Zug auffällig, der die Benennung Projektion verdient. Eine 
innere Wahrnehmung wird unterdrückt und zum Ersatz für sie 
kommt ihr Inhalt, nachdem er eine gewisse Entstellung erfahren 
hat, als Wahrnehmung von außen zum Bewußtsein. Die Entstellung 
besteht beim Verfolgungswahn in einer Affektverwandlung; was 
als Liebe innen hätte verspürt werden sollen, wird als Haß von 
außen wahrgenommen. Man wäre versucht, diesen merkwürdigen 
Vorgang als das Bedeutsamste der Paranoia und als absolut 
pathognomonisch für dieselbe hinzustellen, wenn man nicht 
rechtzeitig daran erinnert würde, daß 1. die Projektion nicht 
bei allen Formen von Paranoia die gleiche Rolle spielt, und 
2. daß sie nicht nur bei Paranoia, sondern auch unter anderen 
Verhältnissen im Seelenleben vorkommt, ja, daß ihr ein regel- 



255 

mäßiger Anteil an unserer Einstellung zur Außenwelt zu- 
gewiesen ist. Wenn wir die Ursachen gewisser Sinnesempfindungen 
nicht wie die anderer in uns selbst suchen, sondern sie nach 
außen verlegen, so verdient auch dieser normale Vorgang den 
Namen einer Projektion. So aufmerksam geworden, daß es sich 
beim Verständnis der Projektion um allgemeinere psychologische 
Probleme handelt, entschließen wir uns, das Studium der Pro- 
jektion, und damit des Mechanismus der paranoischen Symptom- 
bildung überhaupt, für einen andern Zusammenhang aufzu- 
sparen, und wenden uns der Frage zu, welche Vorstellungen 
wir uns über den Mechanismus der Verdrängung bei der 
Paranoia zu bilden vermögen. Ich schicke voraus, daß wir 
zur Rechtfertigung unseres vorläufigen Verzichtes finden 
werden, die Art des Verdrängungsvorganges hänge weit inniger 
mit der Entwicklungsgeschichte der Libido und der in ihr 
gegebenen Disposition zusammen als die Art der Symptom- 
bildung. 

Wir haben in der Psychoanalytik die pathologischen 
Phänomene ganz allgemein aus der Verdrängung hervorgehen 
lassen. Fassen wir das „ Verdrängung" Benannte schärfer ins Auge, 
so linden wir Anlaß, den Vorgang in drei Phasen zu zerlegen, 
die eine gute begriffliche Sonderung gestatten. 

1. Die erste Phase besteht in der Fixierung, dem Vor- 
läufer und der Bedingung einer jeden „Verdrängung". Die 
Tatsache der Fixierung kann dahin ausgesprochen werden, daß 
ein Trieb oder Triebanteil die als normal vorhergesehene Ent- 
wicklung nicht mitmacht und infolge dieser Entwicklungs- 
hemmung in einem infantileren Stadium verbleibt. Die betreffende 
libidinöse Strömung verhält sich zu den späteren psychischen 
Bildungen wie eine dem System des Unbewußten angehörige, 
wie eine verdrängte. Wir sagten schon, daß in solchen Fixierungen 
der Triebe die Disposition für die spätere Erkrankung liege, und 
können hinzufügen, die Determinierung vor allem für den Aus- 
fall der dritten Phase der Verdrängung. 

2. Die zweite Phase der Verdrängung ist die eigentliche 
Verdrängung, die wir bisher vorzugsweise im Auge gehabt 
haben. Sie geht von den höher entwickelten bewußtseinsfähigen 
Systemen des Ichs aus und kann eigentlich als ein „Nach- 



256 



drängen" beschrieben werden. Sie macht den Eindruck eines 
wesentlich aktiven Vorganges, während sich die Fixierung als 
ein eigentlich passives Zurückbleiben darstellt. Der Verdrängung 
unterliegen entweder die psychischen Abkömmlinge jener primär 
zurückgebliebenen Triebe, wenn es durch deren Erstarkung zum 
Konflikt zwischen ihnen und dem Ich (oder den ichgerechten 
Trieben) gekommen ist, oder solche psychische Strebungen, 
gegen welche sich aus anderen Gründen eine starke Abneigung 
erhebt. Diese Abneigung würde aber nicht die Verdrängung 
zur Folge haben, wenn sich nicht zwischen den unliebsamen, 
zu verdrängenden Strebungen und den bereits verdrängten 
eine Verknüpfung herstellen würde. Wo dies der Fall ist, 
^irken die Abstoßung der bewußten und die Anziehung der un- 
bewußten Systeme gleichsinnig für das Gelingen der Verdrängung. 
Die beiden hier gesonderten Fälle mögen in Wirklichkeit 
weniger scharf geschieden sein und sich nur durch ein Mehr 
oder Minder an Beitrag von selten der primär verdrängten Triebe 
unterscheiden. 

3. Als dritte, für die pathologischen Phänomene bedeut- 
samste Phase ist die des Mißlingens der Verdrängung, des Durch- 
bruches, der Wiederkehr des Verdrängten anzuführen. 
Dieser Durchbrach erfolgt von der Stelle der Fixierung her 
und hat eine Regression der Libidoentwicklung bis zu dieser 
Stelle zum Inhalte. 

Die Mannigfaltigkeiten der Fixierung haben wir bereits 
erwähnt; es sind ihrer so viele als Stufen in der Entwicklung 
der Libido. Wir müssen auf andere Mannigfaltigkeiten in den 
Mechanismen der eigentlichen Verdrängung und in denen des 
Durchbruches (oder der Symptombildung) vorbereitet sein und 
dürfen wohl bereits jetzt vermuten, daß wir nicht alle diese 
Mannigfaltigkeiten allein auf die Entwicklungsgeschichte der 
Libido werden zurückführen können. 

Es ist leicht zu erraten, daß wir mit diesen Erörterungen 
das Problem der Neurosenwahl streifen, welches indes nicht 
ohne Vorarbeiten anderer Art in Angriff genommen werden 
kann. Erinnern wir uns jetzt, daß wir die Fixierung bereits be- 
handelt, die Symptombildung zurückgestellt haben, und be- 
schränken wir uns auf die Frage, ob sich aus der Analyse des 



257 

Falles Schreber ein Hinweis auf den bei der Paranoia vor- 
waltenden Mechanismus der (eigentlichen) Verdrängung ge- 
winnen läßt. 

Auf der Höhe der Krankheit bildete sich bei Schreber 
unter dem Einfluß von Visionen von „zum Teil grausiger Natur, 
zum Teil aber wiederum von unbeschreiblicher Großartigkeit" 
(S. 73) die Überzeugung einer großen Katastrophe, eines Welt- 
unterganges. Stimmen sagten ihm, jetzt sei das Werk einer 
14.000jährigen Vergangenheit verloren (S. 71), der Erde sei 
nur noch die Dauer von 212 Jahren beschieden; in der letzten 
Zeit seines Aufenthaltes in der Flechsigschen Anstalt hielt 
er diesen Zeitraum für bereits abgelaufen. Er selbst war der 
„einzige noch übrig gebliebene wirkliche Mensch", und die 
wenigen menschlichen Gestalten, die er noch sah, den Arzt, 
die Wärter und Patienten, erklärte er als „hingewunderte flüchtig 
hingemachte Männer". Zeitweilig brach sich auch die reziproke 
Strömung Bahn; es wurde ihm ein Zeitungsblatt vorgelegt, in 
dem seine eigene Todesnachricht zu lesen war (S. 81), er war 
selbst in einer zweiten, minderwertigen Gestalt vorhanden und 
in dieser eines Tages sanft verschieden (S. 73). Aber die Ge- 
staltung des Wahnes, die das Ich festhielt und die Welt opferte, 
erwies sich als die bei weitem stärkere. Über die Verursachung 
dieser Katastrophe machte er sich verschiedene Vorstellungen; 
er dachte bald an eine Vereisung durch Zurückziehen der Sonne, 
bald an eine Zerstörung durch Erdbeben, wobei er als „Geister- 
seher" zu einer ähnlichen Urheberrolle gelangte wie ein anderer 
Geisterseher angeblich beim Erdbeben von Lissabon im Jahre 
1755 (S. 91). Oder aber Flechsig war der Schuldige, indem 
er durch seine Zauberkünste Furcht und Schrecken unter den 
Menschen verbreitet, die Grundlagen der Religion zerstört und 
das Umsichgreifen einer allgemeinen Nervosität und Unsittlichkeit 
verursacht hatte, in deren Folge dann verheerende Seuchen 
über die Menschen hereingebrochen seien (S. 91). Jedenfalls 
war der Weltuntergang die Folge des zwischen ihm und Flech- 
sig ausgebrochenen Konfliktes oder, wie sich die Ätiologie in 
der zweiten Phase des Wahnes darstellte, seiner unlösbar ge- 
wordenen Verbindung mit Gott, also der notwendige Erfolg 
seiner Erkrankung. Jahre später, als Dr. Schreber in die 

Freud, Neurosanlehre. in. ll 



258 



menschliche Gemeinschaft zurückgekehrt war und an den in 
seine Hände zurückgelangten Büchern, Musikalien und sonstigen 
Gebrauchsgegenständen nichts entdecken konnte, was mit der 
Annahme einer großen zeitlichen Kluft in der Geschichte 
der Menschheit verträglich wäre, gab er zu, daß seine Auffassung 

nicht mehr aufrecht zu halten sei. (S. 85) „ kann ich mich 

der Anerkennung nicht entziehen, daß äußerlich betrachtet 
alles beim alten geblieben ist, Ob nicht gleichwohl eine 
tiefgreifende innere Veränderung sich vollzogen hat, 
wird weiter unten besprochen werden". Er konnte nicht daran 
zweifeln, daß die "Welt während seiner Erkrankung unter- 
gegangen war, und die er jetzt vor sich sah, war doch nicht 
die nämliche! 

Eine solche Weltkatastrophe während des stürmischen 
Stadiums der Paranoia ist auch in anderen Krankengeschichten 
nicht selten 1 ). Auf dem Boden unserer Auffassung von der 
Libidobesetzung wird uns, wenn wir uns von der Wertung der 
anderen Menschen als „flüchtig hingemachter Männer" leiten 
lassen, die Erklärung dieser Katastrophen nicht schwer 2 ). Der 
Kranke hat den Personen seiner Umgebung und der Außen- 
welt überhaupt die Libidobesetzung entzogen, die ihnen bisher 
zugewendet war; damit ist alles für ihn gleichgültig und be- 
ziehungslos geworden und muß durch eine sekundäre Rationali- 
sierung als „hingewundert, flüchtig hingemacht" erklärt werden. 
Der Weltuntergang ist die Projektion dieser innerlichen 
Katastrophe; seine subjektive Welt ist untergegangen, seitdem 
er ihre seine Lieb entzogen hat 3 ). 

') Eine anders motivierte Art des „Weltunterganges" kommt auf 
der Höhe der Liebesekstase zustande (Wagners Tristan und Isolde) 1 hier 
saugt nicht das Ich, sondern das eine Objekt alle der Außenwelt geschenkten 
Besetzungen auf. 

2 ) Vgl. Abraham, Die psychosexuellen Differenzen der Hysterie 
und der Dementia praecox. Zentralbl. f. Nervenh. und Psych., 1908. — 
Jung, Zur Psychologie der Dementia praecox, 1907. — In der kurzen Ar- 
beit von Abraham sind fast alle wesentlichen Gesichtspunkte dieser Studie 
über den Fall Schreber enthalten. 

3 ) Vielleicht nicht nur die Libidobesetzung, sondern das Interesse 
überhaupt, also auch die vom Ich ausgehenden Besetzungen. Siehe weiter 
unten die Diskussion dieser Frage. 







259 

Nach dem Fluche, mit dem Faust sich von der AVeit los- 
sagt, singt der Geisterchor: 

Weh! Weh! 

Du hast sie zerstört, 

die schöne Welt, 

mit mächtiger Faust; 

sie stürzt, sie zerfällt! 

Ein Halbgott hat sie zerschlagen! 



Mächtiger 

der Erdensöhne. 

Prächtiger 

baue sie wieder, 

in deinem Busen baue sie auf! 



Und der Paranoiker baut sie wieder auf, nicht prächtiger 
zwar, aber wenigstens so, daß er wieder in ihr leben kann. Er 
baut sie auf durch die Arbeit seines Wahnes. Was wir für 
die Krankheitsproduktion halten, die Wahnbildung 
ist in Wirklichkeit der Heilungsversuch, die Rekon- 
struktion. Diese gelingt nach der Katastrophe mehr oder 
minder gut, niemals völlig; eine „tiefgreifende innere Verände- 
rung" nach den Worten Seh rebers hat sich mit der Welt 
vollzogen. Aber der Mensch hat eine Beziehung zu den Personen 
und Dingen der Welt wiedergewonnen, oft eine sehr intensive, 
wenn sie auch feindlich sein mag, die früher erwartungsvoll 
zärtlich war. Wir werden also sagen: der eigentliche Ver- 
drängungsvorgang besteht in einer Ablösung der Libido von 
vorher geliebten Personen — und Dingen. Er vollzieht sich 
stumm; wir erhalten keine Kunde von ihm, sind genötigt, ihn 
aus den nachfolgenden Vorgängen zu erschließen. Was sich uns 
lärmend bemerkbar macht, das ist der Heilungsvorgang, der 
die Verdrängung rückgängig macht und die Libido wieder zu 
den von ihr verlassenen Personen zurückführt. Er vollzieht sieh 
bei der Paranoia auf dem Wege der Projektion. Es war nicht 
richtig zu sagen, die innerlich unterdrückte Empfindung werde 
nach außen projiziert; wir sehen vielmehr ein, daß das innerlich 

17* 



260 

Aufgehobene von außen wiederkehrt. Die gründliche Unter- 
suchung des Prozesses der Projektion, die wir auf ein anderes 
Mal verschoben haben, wird uns hierüber die letzte Sicherheit 
bringen. 

Nun aber wollen wir nicht unzufrieden sein, daß uns die 
neugewonnene Einsicht zu einer Reihe von weiteren Diskussionen 
nötigt. 

1. Die nächste Erwägung sagt uns, daß eine Ablösung 
der Libido weder ausschließlich bei der Paranoia vorkommen 
noch dort, wo sie sonst vorkommt, so unheilvolle Folgen haben 
kann. Es ist sehr wohl möglich, daß die Ablösung der Libido 
der wesentliche und regelmäßige Mechanismus einer jeden Ver- 
drängung ist; wir wissen nichts darüber, solange nicht die 
anderen Verdrängungsaffektionen einer analogen Untersuchung 
unterzogen worden sind. Es ist sicher, daß wir im normalen 
Seelenleben (und nicht nur in der Trauer) beständig solche 
Loslösungen der Libido von Personen oder anderen Objekten 
vollziehen, ohne dabei zu erkranken. Wenn Faust sich von der 
"Welt mit jenen Verfluchungen lossagt, so resultiert daraus keine 
Paranoia oder andere Neurose, sondern eine besondere psychische 
Gesamtstimmung. Die Libidolösung an und für sich kann also 
nicht das Pathogene bei der Paranoia sein, es bedarf eines bc 
sonderen Charakters, der die paranoische Ablösung der Libido 
von anderen Arten des nämlichen Vorganges unterscheiden 
kann. Es ist nicht schwer, einen solchen Charakter in Vorschlag 
zu bringen. Welches ist die weitere Verwendung der durch die 
Lösung frei gewordenen Libido? Normalerweise suchen wir so- 
fort einen Ersatz für die aufgehobene Anheftung; bis dieser 
Ersatz geglückt ist, erhalten wir die freie Libido in der Psyche 
schwebend, wo sie Spannnungen ergibt und die Stimmung be- 
einflußt; in der Hysterie verwandelt sich der befreite Libido- 
betrag in körperliche Innervationen oder in Angst. Bei der 
Paranoia aber haben wir ein klinisches Anzeichen dafür, daß 
die dem Objekt entzogene Libido einer besonderen Verwendung 
zugeführt wird. Wir erinnern uns daran, daß die meisten Fälle von 
Paranoia ein Stück Größenwahn zeigen, und daß der Größenwahn 
für sich allein eine Paranoia konstituieren kann. Daraus wollen 
wir schließen, daß die frei gewordene Libido bei der Paranoia 



261 

zum Ich geschlagen, zur Ichvergrößerung verwendet wird. Da- 
mit ist das aus der Entwicklung der Libido bekannte Stadium 
des Narzißmus wieder erreicht, in welchem das eigene Ich das 
einzige Sexualobjekt war. Dieser klinischen Aussage wegen 
nehmen wir an, daß die Paranoischen eine Fixierung im 
Narzißmus mitgebracht haben, und sprechen wir aus, daß der 
Rückschritt von der sublimierten Homosexualität bis 
zum Narzißmus den Betrag der für die Paranoia charakteri- 
stischen Regression angibt. 

2. Eine gleichfalls naheliegende Einwendung kann sich 
auf die Krankengeschichte Seh rebers (wie auf viele andere) 
stützen, indem sie geltend macht, daß der Verfolgungswahn 
(gegen Flechsig) unverkennbar früher auftritt als die Phan- 
tasie des Weltunterganges, so daß die angebliche Wiederkehr 
des Verdrängten der Verdrängung selbst vorherginge, was offen- 
bar widersinnig ist, Diesem Einwand zuliebe müssen wir von 
der allgemeinsten Betrachtung zur Einzelwürdigung der gewiß 
sehr viel komplizierteren realen Verhältnisse herabsteigen. Die 
Möglichkeit muß zugegeben werden, daß eine solche Ablösung 
der Libido ebensowohl eine partielle, ein Zurückziehen von 
einem einzelnen Komplex, wie eine allgemeine sein kann. Die 
partielle Lösung dürfte die bei weitem häufigere sein und die- 
jenige, die die allgemeine einleitet, weil sie ja durch die Ein- 
flüsse des Lebens zunächst allein motiviert wird. Es kann dann 
bei der partiellen Lösung bleiben oder dieselbe zu einer all- 
gemeinen vervollständigt werden, die sich durch den Größen- 
wahn auffällig kundgibt. Im Falle Schrebers mag die Ab- 
lösung der Libido von der Person Flechsigs immerhin das 
Primäre gewesen sein; ihr folgt alsbald der Wahn nach, welcher 
die Libido wieder zu Flechsig (mit negativem Vorzeichen als 
Marke der stattgehabten Verdrängung) zurückführt und so das 
Werk der Verdrängung aufhebt. Nun bricht der Verdrängungs- 
kampf von neuem los, bedient sich aber diesmal stärkerer 
Mittel; in dem Maße, als das umstrittene Objekt das wichtigste 
in der Außenwelt wird, einerseits alle Libido an sich ziehen 
will, anderseits alle Widerstände gegen sich mobil macht, wird 
der Kampf ums einzelne Objekt mit einer allgemeinen Schlacht 
vergleichbar, in deren Verlauf sich der Sieg der Verdrängung 



262 

durch die Überzeugung ausdrückt, die Welt sei untergegangen 
und das Selbst allein übrig geblieben. Überblickt man die 
kunstvollen Konstruktionen, welche der "Wahn Schrebers auf 
religiösem Boden aufbaut (die Hierarchie Gottes — die ge- 
prüften Seelen — ■ die Vorhöfe des Himmels — den niederen 
und den oberen Gott), so kann man rückschließend ermessen, 
welcher Reichtum von Sublimierungcn durch die Katastrophe 
der allgemeinen Libidoablösung zum Einsturz gebracht worden war. 
3. Eine dritte Überlegung, die sich auf den Boden der 
hier entwickelten Anschauungen stellt, wirft die Frage auf, ob 
wir die allgemeine Ablösung der Libido von der Außenwelt als 
genügend wirksam annehmen sollen, um aus ihr den „Welt- 
untergang" zu erklären, ob nicht in diesem Falle die fest- 
gehaltenen Ichbesetzungen hinreichen müßten, um den Rapport 
mit der Außenwelt aufrecht zu halten. Man müßte dann ent- 
weder das, was wir Libidobesetzung (Interesse aus erotischen 
Quellen) heißen, mit dem Interesse überhaupt zusammenfallen 
lassen oder die Möglichkeit in Betracht ziehen, daß eine aus- 
giebige Störung in der Unterbringung der Libido auch eine ent- 
sprechende Störung in den Ichbewegungen induzieren kann. Nun 
sind dies Probleme, zu deren Beantwortung wir noch ganz hilflos 
und ungeschickt sind. Könnten wir von einer gesicherten Trieb- 
lehre ausgehen, so stünde es anders. Aber in Wahrheit ver- 
fügen wir über nichts dergleichen. Wir fassen den Trieb als 
den Grenzbegriff des Somatischen gegen das Seelische, sehen 
in ihm den psychischen Repräsentanten organischer Mächte und 
nehmen die populäre Unterscheidung von Ichtrieben und Sexual- 
trieb an, die uns mit der biologischen Doppelstellung des 
Einzelwesens, welche seine eigene Erhaltung wie die der Gat- 
tung anstrebt, übereinzustimmen scheint. Aber alles Weitere sind 
Konstruktionen, die wir aufstellen und auch bereitwillig wieder 
fallen lassen, um uns in dem Gewirre der dunkleren seelischen Vor- 
gänge zu orientieren, und wir erwarten gerade von psychoana- 
lytischen Untersuchungen über krankhafte Seelenvorgänge, daß sie 
uns gewisse Entscheidungen in den Fragen der Trieblehre auf- 
nötigen werden. Bei der Jugend und Vereinzelung solcher Unter- 
suchungen kann diese Erwartung noch nicht Erfüllung gefunden 
haben. Die Möglichkeit von Rückwirkungen der Libidostörungen 






263 

auf die Ichbesetzungen wird man so wenig von der Hand weisen 
dürfen wie die Umkehrung davon, die sekundäre oder induzierte 
Störung der Libidovorgänge durch abnorme Veränderungen im 
Ich. Ja, es ist wahrscheinlich, daß Vorgänge dieser Art den 
unterscheidenden Charakter der Psychose ausmachen. Was hie- 
von für die Paranoia in Betracht kommt, wird sich gegenwärtig 
nicht angeben lassen. Ich möchte nur einen einzigen Gesichts- 
punkt hervorheben. Man kann nicht behaupten, daß der Para- 
noiker sein Interesse von der Außenwelt völlig zurückgezogen 
hat, auch nicht auf der Höhe der Verdrängung, wie man es 
etwa von gewissen anderen Formen von halluzinatorischen 
Psychosen beschreiben muß (Meynerts Amentia). Er nimmt 
die Außenwelt wahr, er gibt sich Rechenschaft über ihre Ver- 
änderungen, wird durch ihren Eindruck zu Erklärungsleistungen 
angeregt (die „flüchtig hingemachten" Männer), und darum 
halte ich es für weitaus wahrscheinlicher, daß seine veränderte 
Relation zur Welt allein oder vorwiegend durch den Ausfall 
des Libidointeresses zu erklären ist. 

4. Bei den nahen Beziehungen der Paranoia zur Dementia 
praecox kann man der Frage nicht ausweichen, wie eine solche 
Auffassung der ersteren Affektion auf die der letzteren zurück- 
wirken muß. Ich halte es für einen wohlberechtigten Schritt 
Kraepelins, vieles, was man vorher Paranoia geheißen hat, 
mit der Katatonie und anderen Formen zu einer neuen klini- 
schen Einheit zu verschmelzen, für welche der Name Dementia 
praecox allerdings besonders ungeschickt gewählt ist. Auch 
gegen die Bleuler sehe Bezeichnung des gleichen Formenkreises 
als Schizophrenie wäre einzuwenden, daß der Name nur dann 
gut brauchbar erscheint, wenn man sich an seine Wortbedeutung 
nicht erinnert. Er ist sonst allzu präjudizierlich, indem er einen * 
theoretisch postulierten Charakter zur Benennung, verwendet, 
überdies einen solchen, welcher der Affektion nicht ausschließend 
zukommt und im Lichte anderer Anschauungen nicht für den 
wesentlichen erklärt werden kann. Es ist aber im ganzen nicht 
sehr wichtig, wie man Krankheitsbilder benennt. Wesentlicher 
erschiene es mir, die Paranoia als selbständigen klinischen 
Typus aufrecht zu halten, auch wenn ihr Bild noch so häufig 
durch schizophrene Züge kompliziert wird, denn vom Stand- 



264 

punkte der Libidotheorie ließe sie sich durch eine andere Lokali- 
sation der disponierenden Fixierung und einen andern Mecha- 
nismus der "Wiederkehr (Symptombildung) von der Dementia 
praecox sondern, mit welcher sie den Hauptcharakter der eigent- 
lichen Verdrängung, die Libidoablösung mit Regression zum 
Ich gemeinsam hätte. Ich hielte es für das zweckmäßigste, wenn 
man die Dementia praecox mit dem Namen Paraphrenie be- 
legen wollte, welcher an sich unbestimmten Inhalts ihre Be- 
ziehungen zu der unabänderlich benannten Paranoia zum Aus- 
druck bringt und überdies an die in ihr aufgegangene Hebe- 
phrenie erinnert. Es käme dabei nicht in Betracht, daß dieser 
Name bereits früher für anderes vorgeschlagen wurde, da sich 
diese anderen Verwendungen nicht durchgesetzt haben. 

Daß bei der Dementia praecox der Charakter der Ab- 
kehr der Libido von der Außenwelt ganz besonders deutlich 
ist, hat Abraham (1. c.) auf sehr eindringliche Weise ausein- 
andergesetzt. Aus diesem Charakter erschließen wir die Ver- 
drängung durch Libidoablösung. Die Phase der stürmischen 
Halluzinationen fassen wir auch hier als eine des Kampfes der 
Verdrängung und einem Heilungsversuch, der die Libido wieder 
zu ihren Objekten bringen will. In den Delirien und motori- 
schen Stereotypien der Krankheit hat Jung mit außerordent- 
lichem analytischem Scharfsinn die krampfhaft festgehaltenen 
Reste der einstigen Objektbesetzungen erkannt. Dieser vom Be- 
obachter für die Krankheit selbst gehaltene Heilungsversuch be- 
dient sich aber nicht wie bei Paranoia der Projektion, sondern 
des halluzinatorischen (hysterischen) Mechanismus. Dies ist der 
eine der großen Unterschiede von der Paranoia; er ist einer 
genetischen Aufklärung von anderer Seite her fähig. Der Aus- 
gang der Dementia praecox, wo die Affektion nicht allzusehr 
partiell bleibt, bringt den zweiten Unterschied. Er ist im all- 
gemeinen ungünstiger als der der Paranoia; der Sieg bleibt 
nicht wie bei letzterer der Rekonstruktion, sondern der Ver- 
drängung. Die Regression geht nicht nur bis zum Narzißmus, 
der sich in Größenwahn äußert, sondern bis zur vollen Auf- 
lassung der Objektliebe und Rückkehr zum infantilen Auto- 
erotismus. Die disponierende Fixierung muß also weiter zu- 
rückliegen als die ner Paranoia, im Beginn der Entwicklung, 






265 



die vom Autoerotismus zur Objektliebe strebt, enthalten sein. 
Es ist auch keineswegs wahrscheinlich, daß die homosexuellen 
Anstöße, die wir bei der Paranoia so häufig, vielleicht regel- 
mäßig finden, in der Ätiologie der weit uneingeschränkteren 
Dementia praecox eine ähnlich bedeutsame Rolle spielen. 

Unsere Annahmen über die disponierenden Fixierungen 
bei Paranoia und Paraphrenie machen es ohne weiteres ver- 
ständlich, daß ein Fall mit paranoischen Symptomen beginnen 
und sich doch zur Demenz entwickeln kann, daß paranoide und 
schizophrene Erscheinungen sich in jedem Ausmaße kombinieren, 
daß ein Krankheitsbild wie das Seh rebers zustande kommen 
kann, welches den Namen einer paranoiden Demenz verdient, 
durch das Hervortreten der Wunschphantasie und der Hallu- 
zinationen dem paraphrenen, durch den Anlaß, den Projektions- 
mechanismus und den Ausgang dem paranoischen Charakter 
Rechnung trägt. Es können ja in der Entwicklung mehrere 
Fixierungen zurückgelassen worden sein und der Reihe nach 
den Durchbruch der abgedrängten Libido gestatten, etwa die 
später erworbene zuerst und im weiteren Verlaufe der Krank- 
heit dann die ursprüngliche, dem Ausgangspunkt näher liegende. 
Man möchte gerne wissen, welchen Bedingungen dieser Fall die 
relativ günstige Erledigung verdankt, denn man wird sich nicht 
gerne entschließen, etwas so Zufälliges wie die „Versetzungs- 
besserung", die mit dem Verlassen der Fl echsig sehen An- 
stalt eintrat 1 ), allein für den Ausgang verantwortlich zu machen. 
Aber unsere unzulängliche Kenntnis der intimen Zusammen- 
hänge in dieser Krankengeschichte macht die Antwort auf diese 
interessante Frage unmöglich. Als Vermutung könnte man hin- 
stellen, daß die wesentlich positive Tönung des Vaterkomplexes, 
das in der Realität späterer Jahre wahrscheinlich ungetrübte 
Verhältnis zu einem vortrefflichen Vater, die Versöhnung mit 
der homosexuellen Phantasie und damit den heilungsartigen 
Ablauf ermöglicht hat. 

Da ich weder die Kritik fürchte noch die Selbstkritik 
scheue, habe ich kein Motiv, die Erwähnung einer Ähnlichkeit 
zu vermeiden, die vielleicht unsere Libidotheorie im Urteile 

') Vgl. Riklin, Über Versetzungsbesserungen. Psychiatrisch-neurolo- 
gische Wochenschrift 1905, Nr. 16—18. 



266 



vieler Leser schädigen wird. Die durch Verdichtung von Sonnen- 
strahlen, Nervenfasern und Samenfäden komponierten „Grottes- 
strahlen" Schrebers sind eigentlich nichts anderes als die 
dinglich dargestellten, nach außen projizierten Libidobesetzungen 
und verleihen seinem "Wahn eine auffällige Übereinstimmung 
mit unserer Theorie. Daß die Welt untergehen muß, weil das 
Ich des Kranken alle Strahlen an sich zieht, daß er später 
während des Rekonstruktionsvorganges ängstlich besorgt sein 
muß, daß Gott nicht die Strahlenverbindung mit ihm löse, diese 
und manche andere Einzelheiten der Schreberschen Wahn- 
bildung klingen fast wie endopsychische Wahrnehmungen der 
Vorgänge, deren Annahme ich hier einem Verständnis der 
Paranoia zugrunde gelegt habe. Ich kann aber das Zeugnis 
eines Freundes und Fachmannes dafür vorbringen, daß ich die 
Theorie der Paranoia entwickelt habe, ehe mir der Inhalt des 
Schreberschen Buches bekannt war. Es bleibt der Zukunft 
überlassen zu entscheiden, ob in der Theorie mehr Wahn ent- 
halten ist, als ich möchte, oder in dem Wahn mehr Wahrheit, 
als andere heute glaublich finden. 

Endlich möchte ich diese Arbeit, die doch wiederum nur 
ein Bruchstück eines größeren Zusammenhanges darstellt, nicht 
beschließen, ohne einen Ausblick auf die beiden Hauptsätze zu 
geben, auf deren Erweis die Libidotheorie der Neurosen und 
Psychosen hinsteuert, daß die Neurosen im wesentlichen aus 
dem Konflikte des Ichs mit dem Sexualtrieb hervorgehen, und 
daß ihre Formen die Abdrücke der Entwicklungsgeschichte der 
Libido — und des Ichs bewahren. 






IV 



Nachtrag zu dem autobiographisch beschriebenen 
Falle von Paranoia (Dementia paranoides) 1 ). 



In der Behandlung der Krankengeschichte des Senats- 
präsidenten Sehr eher 2 ) habe ich mich mit Absicht auf ein 
Mindestmaß von Deutung eingeschränkt und darf darauf ver- 
trauen, daß jeder psychoanalytisch geschulte Leser aus dem 
mitgeteilten Material mehr entnommen haben wird, als ich aus- 
drücklich ausspreche, daß es ihm nicht schwer gefallen ist, die 
Fäden des Zusammenhanges enger anzuziehen und Schluß- 
folgerungen zu erreichen, die ich bloß andeute. Ein freundlicher 
Zufall, der die Aufmerksamkeit anderer Autoren des gleichen 
Bandes auf die Schrebersche Selbstbiographie gelenkt hat, 
läßt auch erraten, wieviel noch aus dem symbolischen Gehalt 
der Phantasien und Wahnideen des geistreichen Paranoikers zu 
schöpfen ist 3 ). 

Eine zufällige Bereicherung meiner Kenntnisse seit der 
Veröffentlichung meiner Arbeit über Schreber hat mich nun 
in den Stand gesetzt, eine seiner wahnhaften Behauptungen 

1 ) Jahrbuch f. psychoanalyt. u. psych opathol. Forschungen, Bd. III, 1911. 

2 ) Siehe den Aufsatz im ersten Halbband dieses Jahrbuches, Bd. III, 
auf Grundlage der „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken". 

3 ) Vgl. Jung, Wandlungen und Symbole der Libido, ebenda S. 164 
und 207, Spielrein, Über den psychischen Inhalt eines Falles von 
4Schizophrenie usw., S. 350. 



268 



besser zu würdigen und als mythologisch beziehungsreich zu 
erkennen. Auf Seite 243 erwähne ich das besondere Verhältnis 
des Kranken zur Sonne, die ich für ein sublimiertes „Vater- 
symbol" erklären mußte. Die Sonne spricht mit ihm in mensch- 
lichen Worten und gibt sich ihm so als ein belebtes Wesen zu 
erkennen. Er pflegte sie zu beschimpfen, mit Drohworten anzu- 
schreien; er versichert auch, daß ihre Strahlen vor ihm erblei- 
chen, wenn er gegen sie gewendet laut spricht. Nach seiner 
„Genesung" rühmt er sich, daß er ruhig in die Sonne sehen 
kann und davon nur in sehr bescheidenem Maße geblendet 
wird, was natürlich früher nicht möglich gewesen wäre. (Anmer- 
kung auf S. 139 des Schreberschen Buches.) 

An dieses wahnhafte Vorrecht, ungeblendet in die Sonne 
schauen zu können, knüpft nun das mythologische Interesse an. 
Man liest bei S. Reinach 1 ) (nach Keller, Tiere des Alter- 
tums), daß die alten Naturforscher dieses Vermögen allein den 
Adlern zugestanden, die als Bewohner der höchsten Luft- 
schichten zum Himmel, zur Sonue und zum Blitze in besonders 
innige Beziehung gebracht wurden 2 ). Dieselben Quellen be- 
richten aber auch, daß der Adler seine Jungen einer Probe 
unterzieht, ehe er sie als legitim anerkennt. Wenn sie es nicht 
zustande bringen, in die Sonne zu schauen, ohne zu blinzeln, 
werden sie aus dem Nest geworfen. 

Über die Bedeutung dieses Tiermythus kann kein Zweifel 
sein. Gewiß wird hier den Tieren nur zugeschrieben, was bei 
den Menschen geheiligter Gebrauch ist. Was der Adler mit 
seinen Jungen anstellt, ist ein Ordale, eine Abkunftsprobe, wie 
sie von den verschiedensten Völkern aus alten Zeiten berichtet 
wird. So vertrauten die am Rhein wohnenden Kelten ihre Neu- 
geborenen den Fluten des Stromes an, um sich zu überzeugen, 
ob sie wirklich ihres Blutes wären. Der Stamm der Psyllen 
im heutigen Tripolis, der sich der Abkunft von Schlangen 
rühmte, setzte seine Kinder der Berührung solcher Schlangen 
aus; die rechtmäßig Geborenen wurden entweder nicht gebissen 



!) Cultes, Mythes et Keligions, T. III, 1908, p. 80. 

2 ) An den höchsten Stellen der Tempel waren Bilder von Adlern 
angebracht, um als „magische" Blitzahleiter zu wirken. (S. Reinach, 1. c.) 



269 

oder erholten sich rasch von den Folgen des Bisses 1 ). Die 
Voraussetzung dieser Erprobungen führt tief in die toteniisti- 
sche Denkweise primitiver Völker hinein. Der Totem — das 
Tier oder die animistisch gedachte Naturmacht, von der der 
Stamm seine Abkunft herleitet — verschont die Angehörigen 
dieses Stammes als seine Kinder, wie er selbst von ihnen als 
Stammvater verehrt und eventuell verschont wird. "Wir sind 
hier bei Dingen angelangt, die mir berufen erscheinen, ein 
psychoanalytisches Verständnis für die Ursprünge der Religion 
zu ermöglichen. 

Der Adler, der seine Jungen in die Sonne schauen läßt 
und verlangt, daß sie von ihrem Lichte nicht geblendet werden, 
benimmt sich also wie ein Abkömmling der Sonne, der seine 
Kinder der Ahnenprobe unterwirft. Und wenn Schreber sich 
rühmt, daß er ungestraft und ungeblendet in die Sonne schauen 
kann, hat er den mythologischen Ausdruck für seine Kindes- 
beziehung zur Sonne wiedergefunden, hat uns von neuem be- 
stätigt, wenn wir seine Sonne als ein Symbol des Vaters auf- 
fassen. Erinnern wir uns daran, daß Schreber in seiner 
Krankheit seinen Familienstolz frei äußert („Die Schrebers 
gehören dem höchsten himmlischen Adel an 2 )"), daß wir ein 
menschliches Motiv für seine Erkrankung an einer femininen 
"Wunschphantasie in seiner Kinderlosigkeit gefunden haben, so 
wird uns der Zusammenhang seines wahnhaften Vorrechtes mit 
den Grundlagen seines Krankseins deutlich genug. 

Dieser kleine Nachtrag zur Analyse eines Paranoiden mag 
dartun, wie wohlbegründet die Behauptung Jungs ist, daß die 
mythenbildenden Kräfte der Menschheit nicht erloschen sind, 
sondern heute noch in den Neurosen dieselben psychischen 
Produkte erzeugen wie in den ältesten Zeiten. Ich möchte eine 
früher gemachte Andeutung 3 ) wieder aufnehmen, indem ich 
ausspreche, daß für die religionsbildenden Kräfte dasselbe gilt. 
Und ich meine, es wird bald an der Zeit sein, einen Satz, den 



!) Siehe Literaturnachweise bei Reinach 1. c, T. III und T. I, p. 74. 

2 ) Denkwürdigkeiten, S. 24. - „Adel" gehört zu „Adler". 

3 ) Zwangshandlungen und Religionsübung. 1907. 



270 



wir Psychoanalytiker schon vor langem ausgesprochen haben, 
zu erweitern, zu seinem individuellen, ontogenetisch verstandenen 
Inhalt die anthropologische, phylogenetisch zu fassende Ergän- 
zung hinzuzufügen. Wir haben gesagt: Im Traume und in der 
Neurose finden wir das Kind wieder mit den Eigentümlich- 
keiten seiner Denkweisen und seines Affektlebens. Wir werden 
ergänzen: auch den wilden, den primitiven Menschen, wie 
er sich uns im Lichte der Altertumswissenschaft und der Völker- 
forschung zeigt. 



V. 



Formulierungen über die zwei Prinzipien 
des psychischen Geschehens 1 ). 



Wir haben seit langem gemerkt, daß jede Neurose die 
Folge, also wahrscheinlich die Tendenz, habe den Kranken aus 
dem realen Leben herauszudrängen, ihn der Wirklichkeit zu 
entfremden. Eine derartige Tatsache konnte auch der Beobach- 
tung P. Janets nicht entgehen; er sprach von einem Verluste 
„de la fonction du rdel" als von einem besonderen Charakter 
der Neurotiker,- ohne aber den Zusammenhang dieser Störung 
mit den Grundbedingungen der Neurose aufzudecken 2 ). 

Die Einführung des Verdrängungsprozesses in die Genese 
der Neurose hat uns gestattet, in diesen Zusammenhang Ein- 
sicht zu nehmen. Der Neurotiker wendet sich von der Wirklich- 
keit ab, weil er sie — ihr Ganzes oder Stücke derselben — 
unerträglich findet. Den extremsten Typus dieser Abwendung 
von der Realität zeigen uns gewisse Fälle von halluzinatorischer 
Psychose, in denen jenes Ereignis verleugnet werden soll, wel- 
ches den Wahnsinn hervorgerufen hat (Griesinger). Eigentlich 
tut aber jeder Neurotiker mit einem Stückchen der Realität 
das gleiche 3 ). Es erwächst uns nun die Aufgabe, die Beziehung 

l ) Jahrbuch f. psychoanalyt. u.psychopathol. Forschungen, Bd. III, 1911. 
a ) P. Jan et, Les Ndvroses. 1909. Bibliotheque de Philosophie 

scientifique. 

3 ) Eine merkwürdig klare Ahnung dieser Verursachung hat kürzlich 
Otto Rank in einer Stelle Schopenhauers aufgezeigt. (Die Welt als 
Wille und Vorstellung, 2. Band. Siehe Zentralblatt für Psychoanalyse, 
Heft 1/2, 1910.) 






272 



des Neurotikers und des Menschen überhaupt zur Realität auf 
ihre Entwicklung zu untersuchen und so die psychologische Be- 
deutung der realen Außenwelt in das Gefüge unserer Lehren 
aufzunehmen. 

Wir haben uns in der auf Psychoanalyse begründeten 
Psychologie gewöhnt, die unbewußten seelischen Vorgänge zum 
Ausgang zu nehmen, deren Eigentümlichkeiten uns durch die 
Analyse bekannt worden sind. Wir halten diese für die älteren, 
primären, für Überreste aus einer Entwicklungsphase, in welcher 
sie die einzige Art von seelischen Vorgängen waren. Die oberste 
Tendenz, welcher diese primären Vorgänge gehorchen, ist leicht 
zu erkennen; sie wird als das Lust-Unlust-Prinzip (oder kürzer 
als das Lustprinzip) bezeichnet. Diese Vorgänge streben da- 
nach, Lust zu gewinnen; von solchen Akten, welche Unlust 
erregen können, zieht sich die psychische Tätigkeit zurück 
(Verdrängung). Unser nächtliches Träumen, unsere Wachtendenz, 
uns von peinlichen Eindrücken loszureißen, sind Reste von der 
Herrschaft dieses Prinzips und Beweise für dessen Mächtigkeit. 

Ich greife auf Gedankengänge zurück, die ich an anderer 
Stelle (im allgemeinen Abschnitt der Traumdeutung) entwickelt 
habe, wenn ich supponiere, daß der psychische Ruhezustand 
anfänglich durch die gebieterischen Forderungen der inneren 
Bedürfnisse gestört wurde. In diesem Falle wurde das Gedachte 
(Gewünschte) einfach halluzinatorisch gesetzt, wie es heute noch 
allnächtlich mit unseren Traumgedanken geschieht 1 ). Erst das 
Ausbleiben der erwarteten Befriedigung, die Enttäuschung, hatte 
zur Folge, daß dieser Versuch der Befriedigung auf halluzina- 
torischem Wege aufgegeben wurde. Anstatt seiner mußte sich 
der psychische Apparat entschließen, die realen Verhältnisse 
der Außenwelt vorzustellen und die reale Veränderung anzu- 
streben. Damit war ein neues Prinzip der seelischen Tätigkeit 
eingeführt; es wurde nicht mehr vorgestellt, was angenehm, son- 
dern was real war, auch wenn es unangenehm sein sollte 2 ). 

J ) Der Schlafzustand kann das Ebenbild des Seelenlebens vor der 
Anerkennung der Realität wiederbringen, weil er die absichtliche Verleug- 
nung derselben (Schlafwunsch) zur Voraussetzung nimmt. 

2 ) Ich will versuchen, die obige schematische Darstellung durch 
einige Ausführungen zu ergänzen: Es wird mit Recht eingewendet werden, 



273 

Diese Einsetzung des Realitätsprinzips erwies sich als ein 
folgenschwerer Schritt. 

1. Zunächst machten die neuen Anforderungen eine Reihe 
von Adaptierungen des psychischen Apparates nötig, die wir 
infolge von ungenügender oder unsicherer Einsicht nur ganz 
beiläufig aufführen können. 

Die erhöhte Bedeutung der äußeren Realität hob auch 
die Bedeutung der jener Außenwelt zugewendeten Sinnesorgane 
und des an sie geknüpften Bewußtseins, welches außer den 
bisher allein interessanten Lust- und Unlustqualitäten die 
Sinnesqualitäten auffassen lernte. Es wurde eine besondere 
Funktion eingerichtet, welche die Außenwelt periodisch abzu- 
suchen hatte, damit die Daten derselben im vorhinein bekannt 
wären, wenn sich ein unaufschiebbares inneres Bedürfnis ein- 
stellte, die Aufmerksamkeit. Diese Tätigkeit geht den Sinnes- 
eindrücken entgegen, anstatt ihr Auftreten abzuwarten. Wahr- 
scheinlich wurde gleichzeitig damit ein System von Merken 

daß eine solche Organisation, die dem Lustprinzip frönt und die Realität 
der Außenwelt vernachlässigt, sich nicht die kürzeste Zeit am Lehen er- 
halten könnte, so daß sie überhaupt nicht hätte entstehen können. Die Ver- 
wendung einer derartigen Fiktion rechtfertigt sich aber durch die Bemer- 
kung, daß der Säugling, wenn man nur die Mutterpüego hinzunimmt, ein 
solches psychisches System nahezu realisiert. Er halluziniert wahrscheinlich 
die Erfüllung seiner inneren Bedürfnisse, verrät seine Unlust bei steigen- 
dem Heiz und ausbleibender Befriedigung durch die motorische Abfuhr des 
Schreiens und Zappeins und erlebt darauf die halluzinierte Befriedigung. 
Er erlernt es später als Kind, diese Abfuhräußerungen absichtlich als 
Ausdrucksmittel zu gebrauchen. Da die Säuglingspflege das Vorbild der 
späteren Kinderfürsorge ist, kann die Herrschaft des Lustprinzips eigentlich 
erst mit der vollen psychischen Ablösung von den Eltern ein Ende nehmen. 
— Ein schönes Beispiel eines von den Reizen der Außenwelt abgeschlos- 
senen psychischen Systems, welches selbst seine Ernährungsbedürfnisse 
autistisch (nach einem Worte Bleulers) befriedigen kann, gibt das mit 
seinem Nahrungsvorrat in die Eischale eingeschlossene Vogelei, für das sich 
die Mutterpflege auf die Wärmezufuhr einschränkt. — Ich werde es nicht 
als Korrektur, sondern nur als Erweiterung des in Rede stehenden Schemas 
ansehen wenn man für das nach dem Lustprinzip lebende System Einrich- 
tungen forciert, mittels deren es sich den Reizen der Realität entziehen 
kann. Diese Einrichtungen sind nur das Korrelat der „Verdrängung", welche 
innere Unlustreize so behandelt, als ob sie äußere wären, sie also zur 
Außenwelt schlägt. 

Freud, Xeurosenlelire. III. *° 



274 



eingesetzt, welches die Ergebnisse dieser periodischen Bewußt- 
seinstätigkeit zu deponieren hatte, ein Teil von dem, was wir 
Gedächtnis heißen. 

An Stelle der Verdrängung, welche einen Teil der auf- 
tauchenden Vorstellungen als unlusterzeugend von der Besetzung 
ausschloß, trat die unparteiische Urteilsfällung, welche ent- 
scheiden sollte, ob eine bestimmte Vorstellung wahr oder falsch, 
d. h. im Einklang mit der Realität sei oder nicht, und durch 
Vergleichung mit den Erinnerungsspuren der Realität darüber 
entschied. 

Die motorische Abfuhr, die während der Herrschaft des 
Lustprinzips zur Entlastung des seelischen Apparates von Reiz- 
zuwächsen gedient hatte und dieser Aufgabe durch ins Innere 
des Körpers gesandte Innervationen (Mimik, Affektäußerungen) 
nachgekommen war, erhielt jetzt eine neue Funktion, indem sie 
zur zweckmäßigen Veränderung der Realität verwendet wurde. 
Sie wandelte sich zum Handeln. 

Die notwendig gewordene Aufhaltung der motorischen 
Abfuhr (des Handelns) wurde durch den Denkprozeß besorgt, 
welcher sich aus dem Vorstellen herausbildete. Das Denken 
wurde mit Eigenschaften ausgestattet, welche dem seelischen 
Apparat das Ertragen der erhöhten Reizspannung während des 
Aufschubes der Abfuhr ermöglichten. Es ist im wesentlichen ein 
Probehandeln mit Verschiebung kleinerer Besetzungsquantitäten, 
unter geringer Verausgabung (Abfuhr) derselben. Dazu war eine 
Überführung der frei verschiebbaren Besetzungen in gebundene 
erforderlich, und eine solche wurde mittels einer Niveauerhö- 
hung des ganzen Besetzungsvorganges erreicht. Das Denken 
war wahrscheinlich ursprünglich unbewußt, insoweit es sich 
über das bloße Vorstellen erhob und sich den Relationen der 
Objekteindrücke zuwendete, und erhielt weitere für das Bewußt- 
sein wahrnehmbare Qualitäten erst durch die Bindung an die 
Wortreste. 

2. Eine allgemeine Tendenz unseres seelischen Apparates, 
die man auf das ökonomische Prinzip der Aufwandersparnis 
zurückführen kann, scheint sich in der Zähigkeit des Festhal- 
tens an den zur Verfügung stehenden Lustquellen und in der 
Schwierigkeit des Verzichtes auf dieselben zu äußern. Mit der 



275 

Einsetzung des Realitätsprinzips wurde eine Art Denktätigkeit 
abgespalten, die von der Realitätsprüfung frei gehalten und 
allein dem Lustprinzip unterworfen blieb 1 ). Es ist dies das 
Phantasieren, welches bereits mit dem Spielen der Kinder 
beginnt und später als Tagträumen fortgesetzt die Anlehnung 
an reale Objekte aufgibt. 

3. Die Ablösung des Lustprinzips durch das Realitäts- 
prinzip mit den aus ihr hervorgehenden psychischen Folgen, die 
hier in einer schematisierenden Darstellung in einen einzigen 
Satz gebannt ist, vollzieht sich in Wirklichkeit nicht auf einmal 
und nicht gleichzeitig auf der ganzen Linie. Während aber diese 
Entwicklung an den Ichtrieben vor sich geht, lösen sich die 
Sexualtriebe in sehr bedeutsamer Weise von ihnen ab. Die 
Sexualtriebe benehmen sich zunächst autoerotisch, sie finden 
ihre Befriedigung am eigenen Leib und gelangen daher nicht 
in die Situation der Versagung, welche die Einsetzung des 
Realitätsprinzips erzwungen hat. Wenn dann später bei ihnen 
der Prozeß der Objektfindung beginnt, erfährt er alsbald eine 
lange Unterbrechung durch die Latenzzeit, welche die Sexual- 
entwicklung bis zur Pubertät verzögert. Diese beiden Momente — 
Autoerotismus und Latenzperiode — haben zur Folge, daß der 
Sexualtrieb in seiner psychischen Ausbildung aufgehalten wird 
und weit länger unter der Herrschaft des Lustprinzips verbleibt, 
welcher er sich bei vielen Personen überhaupt niemals zu ent- 
ziehen vermag. 

Infolge dieser Verhältnisse stellt sich eine nähere Beziehung 
her zwischen dem Sexualtrieb und der Phantasie einerseits, den 
Ichtrieben und den Bewußtseinstätigkeiten anderseits. Diese Be- 
ziehung tritt uns bei Gesunden wie Neurotikern als eine sehr 
innige entgegen, wenngleich sie durch diese Erwägungen aus 
der genetischen Psychologie als eine sekundäre erkannt wird. 
Der fortwirkende Autoerotismus macht es möglich, daß die 
leichtere momentane und phantastische Befriedigung am Sexual- 
objekte so lange an Stelle der realen, aber Mühe und Aufschub 

J ) Ähnlich wie eine Nation, deren Reichtum auf der Ausbeutung ihrer 
Bodenschätze beruht, doch ein bestimmtes Gebiet reserviert, das im Ur- 
zustände belassen und von den Veränderungen der Kultur verschont werden 
soll (Yellowstoncpark). 

18* 



276 

erfordernden, festgehalten wird. Die Verdrängung bleibt im 
Reiche des Phantasierens allmächtig; sie bringt es zustande, 
Vorstellungen in statu nascendi, ehe sie dem Bewußtsein auf- 
fallen können, zu hemmen, wenn deren Besetzung zur Unlust- 
entbindung Anlaß geben kann. Dies ist die schwache Stelle 
unserer psychischen Organisation, die dazu benutzt werden 
kann, um bereits rationell gewordene Denkvorgänge wieder unter 
die Herrschaft des Lustprinzips zu bringen. Ein wesentliches 
Stück der psychischen Disposition zur Neurose ist demnach 
durch die verspätete Erziehung des Sexualtriebes zur Beachtung 
der Realität und des weiteren durch die Bedingungen, welche 
diese Verspätung ermöglichen, gegeben. 

4. Wie das Lust-Ich nichts anderes kann als wünschen, 
nach Lustgewinn arbeiten und der Unlust ausweichen, so braucht 
das Real-Ich nichts anderes zu tun als nach Nutzen streben 
und sich gegen Schaden sichern 1 ). In Wirklichkeit bedeutet die 
Ersetzung des Lustprinzips durch das Realitätsprinzip keine 
Absetzung des Lustprinzips, sondern nur eine Sicherung des- 
selben. Eine momentane, in ihren Folgen unsichere Lust wird 
aufgegeben, aber nur darum, um auf dem neuen Wege eine 
später kommende, gesicherte zu gewinnen. Doch ist der endo- 
psychische Eindruck dieser Ersetzung ein so mächtiger gewesen, 
daß er sich in einem besonderen religiösen Mythus spiegelt. 
Die Lehre von der Belohnung im Jenseits für den — freiwil- 
ligen oder aufgezwungenen — Verzicht auf irdische Lüste ist 
nichts anderes als die mythische Projektion dieser psychischen 
Umwälzung. Die Religionen haben in konsequenter Verfolgung 
dieses Vorbildes den absoluten Lustverzicht im Leben gegen 
Versprechen einer Entschädigung in einem künftigen Dasein 
durchsetzen können; eine Überwindung des Lustprinzips haben 
sie auf diesem Wege nicht erreicht. Am ehesten gelingt diese 
Überwindung der Wissenschaft, die aber auch intellektuelle 
Lust während der Arbeit bietet und endlichen praktischen Ge- 
winn verspricht. 

l ) Den Vorzug des Real-Ichs vor dem Lust-Ich drückt Bernard 
Shaw treffend in den Worten aus: To be able to choose the line of grea- 
test advantage instead of yielding in the direction of the least resistance. 
(Man and Superman. A comedy and a philosophy.) 



( 



277 

5. Die Erziehung kann ohne weitere Bedenken als An- 
regung zur Überwindung des Lustprinzips, zur Ersetzung des- 
selben durch das Realitätsprinzip beschrieben werden; sie will 
also jenem das Ich betreffenden Entwicklungsprozeß eine Nach- 
hilfe bieten, bedient sich zu diesem Zwecke der Liebesprämien 
von seiten der Erzieher und schlägt darum fehl, wenn das ver- 
wöhnte Kind glaubt, daß es diese Liebe ohnedies besitzt und 
ihrer unter keinen Umständen verlustig werden kann. 

6. Die Kunst bringt auf einem eigentümlichen Weg eine 
Versöhnung der beiden Prinzipien zustande. Der Künstler ist 
ursprünglich ein Mensch, welcher sich von der Realität ab- 
wendet, weil er sich mit dem von ihr zunächst geforderten Ver- 
zicht auf Triebbefriedigung nicht befreunden kann, und seine 
erotischen und ehrgeizigen Wünsche im Phantasieleben gewähren 
läßt. Er findet aber den Rückweg aus dieser Phantasiewelt zur 
Realität, indem er dank besonderer Begabungen seine Phanta- 
sien zu einer neuen Art von Wirklichkeiten gestaltet, die von 
den Menschen als wertvolle Abbilder der Realität zur Geltung 
zugelassen werden. Es wird so auf eine gewisse Weise wirklich 
der Held, König, Schöpfer, Liebling, der er werden wollte, ohne 
den gewaltigen Umweg über die wirkliche Veränderung der 
Außenwelt einzuschlagen. Er kann dies aber nur darum errei- 
chen, weil die anderen Menschen die nämliche Unzufriedenheit 
mit dem real erforderlichen Verzicht verspüren wie er selbst, 
weil diese bei der Ersetzung des Lustprinzips durch das Rea- 
litätsprinzip resultierende Unzufriedenheit selbst ein Stück der 

Realität ist 1 ). 

7. Während das Ich die Umwandlung von Lust-Ich zum 
Real-Ich durchmacht, erfahren die Sexualtriebe jene Verände- 
rungen, die sie vom anfänglichen Autoerotismus durch verschie- 
dene Zwischenphasen zur Objektliebe im Dienste der Fort- 
pflanzungsfunktion führen. Wenn es richtig ist, daß jede Stufe 
dieser beiden Entwicklungsgänge zum Sitz einer Disposition für 
spätere neurotische Erkrankung werden kann, liegt es nahe, die 
Entscheidung über die Form der späteren Erkrankung (die 
Neurosen wähl) davon abhängig zu machen, in welcher Phase 



*) Vgl. Ähnliches bei 0. ßank, Der Künstler, Wien 1907. 



278 



der Ich- und der Libidoentwicklung die disponierende Ent- 
wicklungshemmung eingetroffen ist. Die noch nicht studierten 
zeitlichen Charaktere der beiden Entwicklungen, deren mögliche 
Verschiebung gegeneinander, kommen so zu unvermuteter Be- 
deutung. 

8. Der befremdendste Charakter der unbewußten (ver- 
drängten) Vorgänge, an den sich jeder Untersucher nur mit 
großer Selbstüberwindung gewöhnt, ergibt sich daraus, daß bei 
ihnen die Realitätsprüfung nichts gilt, die Denkrealität gleich- 
gesetzt wird der äußern "Wirklichkeit, der Wunsch der Erfüllung, 
dem Ereignis, wie es sich aus der Herrschaft des alten Lust- 
prinzips ohneweiters ableitet. Darum wird es auch so schwer, 
unbewußte Phantasien von unbewußt gewordenen Erinnerungen 
zu unterscheiden. Man lasse sich aber nie dazu verleiten, die 
Realitätswertung in die verdrängten psychischen Bildungen ein- 
zutragen und etwa Phantasien darum für die Symptombildung 
gering zu schätzen, weil sie eben keine Wirklichkeiten sind, oder 
ein neurotisches Schuldgefühl anderswoher abzuleiten, weil sich 
kein wirklich ausgeführtes Verbrechen nachweisen läßt. Man hat 
die Verpflichtung, sich jener Währung zu bedienen, die in dem 
Lande, das man durchforscht, eben die herrschende ist, in un- 
serem Falle der neurotischen Währung. Man versuche z. B. 
einen Traum wie den folgenden zu lösen. Ein Mann, der einst 
seinen Vater während seiner langen und qualvollen Todeskrank- 
heit gepflegt, berichtet, daß er in den nächsten Monaten nach 
dessen Ableben wiederholt geträumt habe: der Vater sei 
wieder am Leben und er spreche mit ihm wie sonst. 
Dabei habe er es aber äußerst schmerzlich empfun- 
den, daß der Vater doch schon gestorben war und es 
nur nicht wußte. Kein anderer Weg führt zum Verständnis 
des widersinnig klingenden Traumes, als die Anfügung „nach 
seinem Wunsch" oder „infolge seines Wunsches" nach den 
Worten, „daß der Vater doch gestorben war" und der Zusatz, 
„daß er es wünschte", zu den letzten Worten. Der Traum- 
gedanke lautet dann: Es sei eine schmerzliche Erinnerung für 
ihn, daß er dem Vater den Tod (als Erlösung) wünschen mußte, 
als er noch lebte, und wie schrecklich, wenn der Vater dies ge- 
ahnt hätte. Es handelt sich dann um den bekannten Fall der 



279 



Selbstvorwürfe nach dem Verlust einer geliebten Person, und 
der Vorwurf greift in diesem Beispiel auf die infantile Bedeu- 
tung des Todeswunsches gegen den Vater zurück. 

Die Mängel dieses kleinen, mehr vorbereitenden als aus- 
führenden Aufsatzes sind vielleicht nur zum geringen Anteil 
entschuldigt, wenn ich sie für unvermeidlich ausgebe. In den 
wenigen Sätzen über die psychischen Folgen der Adaptierung 
an das Realitätsprinzip mußte ich Meinungen andeuten, die ich 
lieber noch zurückgehalten hätte, und deren Rechtfertigung 
gewiß keine kleine Mühe kosten wird. Doch will ich hoffen, 
daß es wohlwollenden Lesern nicht entgehen wird, wo auch in 
dieser Arbeit die Herrschaft des Realitätsprinzips beginnt. 






VI. 

„über den Gegensinn der Urworte." 1 ) 

Referat über die gleichnamige Broschüre von Kar] Abel, 1884. 



In meiner „Traumdeutung« habe ich als unverstandenes 
Ergebnis der analytischen Bemühung eine Behauptung auf- 
gestellt, die ich nun zu Eingang dieses Referates wiederholen 
werde 2 ): 

„Höchst auffällig ist das Verhalten des Traumes gegen 
die Kategorie von Gegensatz und Widerspruch. Dieser 
wird schlechtweg vernachlässigt. Das „Nein" scheint für den 
Traum nicht zu existieren. Gegensätze werden mit besonderer 
Vorliebe zu einer Einheit zusammengezogen oder in einem 
dargestellt. Der Traum nimmt sich ja auch die Freiheit, ein 
beliebiges Element durch seinen Wunschgegensatz darzustellen, 
so daß man zunächst von keiuem eines Gegenteils fähigen 
Elemente weiß, ob es in den Traumgedanken positiv oder negativ 
enthalten ist." 

Die Traumdeuter des Altertums scheinen von der Vor- 
aussetzimg, daß ein Ding im Traume sein Gegenteil bedeuten 
könne, den * ausgiebigsten Gebrauch gemacht zu haben. Ge- 
legentlich ist diese Möglichkeit auch von modernen Traum- 
forschern, insofern sie dem Traume überhaupt Sinn und Deut- 

*) Jahrbuch für psychoanalyt. und psychopathol. Forschungen. 
Bd. II, 1910. ° ' 

2 ) Zweite Auflage, pag. 232, im Abschnitte VI: Die Traumarbeit. 






^ 



281 

barkeit zugestanden haben, erkannt 1 ). Ich glaube auch keinen 
Widerspruch hervorzurufen, wenn ich annehme, daß alle die- 
jenigen die oben zitierte Behauptung bestätigt gefunden haben, 
welche mir auf den Weg einer wissenschaftlichen Traumdeutung 
gefolgt sind. 

Zum Verständnisse der sonderbaren Neigung der Traum- 
arbeit, von der Verneinung abzusehen und durch dasselbe Dar- 
stellungsmittel Gegensätzliches zum Ausdrucke zu bringen, bin 
ich erst durch die zufällige Lektüre einer Arbeit des Sprach- 
forschers K. Abel gelangt, welche, 1884 als selbständige 
Broschüre veröffentlicht, im nächsten Jahre auch unter die 
„Sprachwissenschaftlichen Abhandlungen" des Verfassers auf- 
genommen worden ist. Das Interesse des Gegenstandes wird es 
rechtfertigen, wenn ich die entscheidenden Stellen der Ab eischen 
Abhandlung nach ihrem vollen Wortlaute (wenn auch mit Weg- 
lassung der meisten Beispiele) hier anführe. Wir erhalten nämlich 
die erstaunliche Aufklärung, daß die angegebene Praxis der 
Traumarbeit sich mit einer Eigentümlichkeit der ältesten uns 
bekannten Sprachen deckt. 

Nachdem Abel das Alter der ägyptischen Sprache 
hervorgehoben, die lange Zeiten vor den ersten hierogly- 
phischen Inschriften entwickelt worden sein muß, fährt er fort 
(pag. 4): 

„In der ägyptischen Sprache nun, dieser einzigen Reliquie 
einer primitiven Welt, findet sich eine ziemliche Anzahl von 
Worten mit zwei Bedeutungen, deren eine das gerade Gegen- 
teil der andern besagt. Man denke sich, wenn man solch augen- 
scheinlichen Unsinn zu denken vermag, daß das Wort .stark' 
in der deutschen Sprache sowohl ,stark* als , schwach' bedeute; 
daß das Nomen ,Licht' in Berlin gebraucht werde, um sowohl 
,Licht' als ^Dunkelheit' zu bezeichnen; daß ein Müuchener Bürger 
das Bier ,Bier' nannte, während ein anderer dasselbe Wort 
anwendete, wenn er vom Wasser spräche, und man hat die er- 
staunliche Praxis, welcher sich die alten Ägypter in ihrer Sprache 
gewohnheitsmäßig hinzugeben pflegten. Wem kann man es ver- 



') Siehe z. B. G. H. v. Schubert, Die Symbolik des Traumes, vierte 
Auflage, 1862, Kap. 2. Die Sprache des Traumes. 



282 



argen; wenn er dazu ungläubig den Kopf schüttelt? " 

(Beispiele.) 

(Pag. 7): „Angesichts dieser und vieler ähnlicher Fälle 
antithetischer Bedeutung (siehe Anhang) kann es keinem 
Zweifel unterliegen, daß es in einer Sprache wenigstens eine 
Fülle von "Worten gegeben hat, welche ein Ding und das 
Gegenteil dieses Dinges gleichzeitig bezeichneten. Wie er- 
staunlich es sei, wir stehen vor der Tatsache und haben damit 
zu rechnen." 

Der Autor weist nun die Erklärung dieses Sachverhaltes 
durch zufälligen Gleichlaut ab und verwahrt sich mit gleicher 
Entschiedenheit gegen die Zurückführung desselben auf den 
Tiefstand der ägyptischen Geistesentwicklung: 

(Pag. 9): „Nun war aber Ägypten nichts weniger als eine 
Heimat des Unsinnes. Es war im Gegenteil eine der frühesten 
Entwicklungs statten der menschlichen Vernunft ... Es kannte 
eine reine und würdevolle Moral und hatte einen großen Teil 
der zehn Gebote formuliert, als diejenigen Völker, welchen die 
heutige Zivilisation gehört, blutdürstigen Idolen Menschenopfer 
zu schlachten pflegten. Ein Volk, welches die Fackel der Ge- 
rechtigkeit und Kultur in so dunkeln Zeiten entzündete, kann 
doch in seinem alltäglichen Reden und Denken nicht geradezu 
stupid gewesen sein . . . Wer Glas machen und ungeheure Blöcke 
maschinenmäßig zu heben und zu bewegen vermochte, muß 
doch mindestens Vernunft genug gehabt haben, um ein Ding 
nicht für sich selbst und gleichzeitig für sein Gegenteil anzu- 
sehen. Wie vereinen wir es nun damit, daß die Ägypter sich 
eine so sonderbare kontradiktorische Sprache gestatteten? . . . 
daß sie überhaupt den feindlichsten Gedanken ein und denselben 
lautlichen Träger zu geben und das, was sich gegenseitig am 
stärksten opponierte, in einer Art unlöslicher Union zu verbinden 
pflegten?" 

Vor jedem Versuche einer Erklärung muß noch einer 
Steigerung dieses unbegreiflichen Verfahrens der ägyptischen 
Sprache gedacht werden. „Von allen Exzentrizitäten des ägypti- 
schen Lexikons ist es vielleicht die außerordentlichste, daß es, 
außer den Worten, die entgegengesetzte Bedeutungen in sich 



283 

vereinen, andere zusammengesetzte Worte besitzt, in denen zwei 
Vokabeln von entgegengesetzter Bedeutung zu einem Kompositum 
vereint werden, welches die Bedeutung nur eines von seinen 
beiden konstituierenden Gliedern besitzt. Es gibt also in 
dieser außerordentlichen Sprache nicht allein "Worte, die sowohl 
»stark* als .schwach' oder sowohl .befehlen' als ,gehorchen' 
besagen; es gibt auch Komposita wie „altjung", „fernnah", 

„bindentrennen", „außeninnen" ( ), die trotz ihrer, das 

Verschiedenste einschließenden Zusammensetzung das erste nur 
„jung", das zweite nur „nah", das dritte nur „verbinden", das 
vierte nur „innen" bedeuten. . . . Man hat also bei diesen zu- 
sammengesetzten Worten begriffliche Widersprüche geradezu 
absichtlich vereint, nicht um einen dritten Begriff zu schaffen, 
wie im Chinesischen mitunter geschieht, sondern nur, um durch 
das Kompositum die Bedeutung eines seiner kontradiktori- 
schen Glieder, das allein dasselbe bedeutet haben würde, aus- 
zudrücken " 

Indes ist das Rätsel leichter gelöst, als es scheinen will. 
Unsere Begriffe entstehen durch Vergleichung. „Wäre es immer 
hell, so würden wir zwischen hell und dunkel nicht unterschei- 
den und demgemäß weder den Begriff noch das Wort der 

Helligkeit haben können " „Es ist offenbar, alles auf 

diesem Planeten ist relativ und hat unabhängige Existenz, nur 
insofern es in seinen Beziehungen zu und von anderen Dingen 

unterschieden wird " „Da jeder Begriff somit der 

Zwilling seines Gegensatzes ist, wie konnte er zuerst gedacht, 
wie konnte er anderen, die ihn zu denken versuchten, mitgeteilt 
werden, wenn nicht durch die Messung an seinem Gegen- 
satz? " (pag. 15): „Da man den Begriff der Stärke 

nicht konzipieren konnte, außer im Gegensatze zur Schwäche, 
SO enthielt das Wort, welches „stark" besagte, eine gleichzeitige 
Erinnerung an „schwach", als durch welche es erst zum Dasein 
gelangte. Dieses Wort bezeichnete in Wahrheit weder „stark" 
noch „schwach", sondern das Verhältnis zwischen beiden und 

den Unterschied beider, welcher beide gleichmäßig erschuf u 

„Der Mensch hat eben seine ältesten und einfachsten Begriffe 
nicht anders erringen können als im Gegensatze zu ihrem 
Gegensatz, und erst allmählich die beiden Seiten der Antithese 



284: 

sondern und die eine ohne bewußte Messung an der andern 
denken gelernt." 

Da die Sprache nicht nur zum Ausdruck der eigenen Ge- 
danken, sondern wesentlich zur Mitteilung derselben an andere 
dient, kann man die Frage aufwerfen, auf welche Weise hat 
der „Urägypter" dem Neb enmen sehen zu erkennen gegeben, 
„welche Seite des Zwitterbegriffes er jedesmal meinte". In der 
Schrift geschah dies mit Hilfe der sogenannten „determinativen" 
Bilder, Avelche, hinter die Buchstabenzeichen gesetzt, den Sinn 
derselben angegeben und selbst nicht zur Aussprache bestimmt 
sind. (pag. 18): „Wenn das ägyptische Wort ken „stark" be- 
deuten soll, steht hinter seinem alphabetisch geschriebenen Laut 
das Bild eines aufrechten, bewaffneten Mannes; wenn dasselbe 
Wort „schwach" auszudrücken hat, folgt den Buchstaben, die 
den Laut darstellen, das Bild eines hockenden, lässigen Men- 
schen. In ähnlicher Weise werden die meisten anderen zweideu- 
tigen Worte von erklärenden Bildern begleitet." In der Sprache 
diente nach Abels Meinung die Geste dazu, dem gesprochenen 
Worte das gewünschte Vorzeichen zu geben. 

Die „ältesten Wurzeln" sind es, nach Abel, an denen die 
Erscheinung des antithetischen Doppelsinnes beobachtet wird. 
Im weiteren Verlaufe der Sprachentwicklung schwand nun diese 
Zweideutigkeit, und im Altägyptischen wenigstens lassen sich 
alle Übergänge bis zur Eindeutigkeit des modernen Sprach- 
schatzes verfolgen. „Die ursjjrünglich doppel sinnigen Worte 
legen sich in der späteren Sprache in je zwei einsinnige aus- 
einander, indem jeder der beiden entgegengesetzten Sinne je 
eine lautliche „Ermäßigung" (Modifikation) derselben Wurzel 
für sich allein okkupiert." So z. B. spaltet sich schon im 
Hieroglyphischen selbst ken („starkschwach") in ken „stark" 
und kan „schwach". „Mit anderen Worten, die Begriffe, die 
nur antithetisch gefunden werden konnten, werden dem mensen- 
lichen Geiste im Laufe der Zeit genügend angeübt, um jedem 
ihrer beiden Teile eine selbständige Existenz zu ermöglichen 
und jedem somit seinen separaten lautlichen Vertreter zu ver- 
schaffen." 

Der fürs Ägyptische leicht zu führende Nachweis kontra- 
diktorischer Urbedeutungen läßt sich nach Abel auch auf die 



285 

semitischen und indoeuropäischen Sprachen ausdehnen. „Wie 
weit dieses in anderen Sprachfaniilien geschehen kann, bleibt 
abzuwarten; denn obschon der Gegensinn ursprünglich den 
Denkenden jeder Rasse gegenwärtig gewesen sein muß, so 
braucht derselbe nicht überall in den Bedeutungen erkennbar 
geworden oder erhalten zu sein." 

Abel hebt ferner hervor, daß der Philosoph Bain diesen 
Doppelsinn der Worte, wie es scheint, ohne Kenntnis der tat- 
sächlichen Phänomene aus rein theoretischen Gründen als eine 
logische Notwendigkeit gefordert hat. Die betreffende Stelle 
(Logic I, 54) beginnt mit den Sätzen: 

„The essential Relativity of all knowledge. thought or 
consciousness caunot but show itself in language. If everything 
that we can know is viewed as a transition from something 
eise, every experience must have two sides; and either every 
name must have a double meaning, or eise for every meaning 
there must be two naines." 

Aus dem „Anhang von Beispielen des ägyptischen, indo- 
germanischen und arabischen Gegensinnes" hebe ich einige 
Fälle hervor, die auch uns Sprachunkundigen Eindruck 
machen können: Im Lateinischen heißt altus hoch und tief, 1 
sacer heilig und verflucht, wo also noch der volle Gegensinn 
ohne Modifikation des Wortlautes besteht. Die phonetische Ab- 
änderung zur Sonderung der Gegensätze wird belegt durch 
Beispiele wie clamare schreien — clam leise, still; siecus 
trocken — suecus Saft. Im Deutschen bedeutet „Boden" 
heute noch das Oberste wie das Unterste im Haus. Unserem 
bös (schlecht) entspricht ein bass (gut), im Altsächsischen bat 
(gut) gegen englisch bad (schlecht); im Englischen to lock 
(schließen) gegen deutsch Lücke, Loch. Deutsch kleben — 
englisch to cleave (spalten); deutsch Stumm — Stimme usw. 
So käme vielleicht noch die vielbelachte Ableitung lucus a 
non lucendo zu einem guten Sinn. 

In seiner Abhandlung über den „Ursprung der Sprache'' 
(1. c, pag. 305) macht Abel noch auf andere Spuren alter 
Denkmüheu aufmerksam. Der Engländer sagt noch heute, um 
„ohne" auszudrücken, „-without", also „mitohne" und ebenso 
der Ostpreuße. „With" selbst, das heute unserem „mit" ent- 



286 

spricht, hat ursprünglich sowohl „mit" als auch „ohne" geheißen, 
wie noch aus „withdraw" (fortgehen), „Avithhold" (entziehen) 
zu erkennen ist. Dieselbe Wandlung erkennen wir in dem deut- 
schen „wider" (gegen) und „wieder" (zusammen mit). 

Für den Vergleich mit der Traumarbeit hat noch eine 
andere, höchst sonderbare Eigentümlichkeit der altägyptischen 
Sprache Bedeutung. „Im Ägyptischen können die "Worte — wir 
wollen zunächst sagen, scheinbar — sowohl Laut wie Sinn 
umdrehen. Angenommen, das deutsche Wort gut wäre ägyp- 
tisch, so könnte es neben gut auch schlecht bedeuten, neben 
gut auch tug lauten. Von solchen Lautumdrehungen, die zu 
zahlreich sind, um durch Zufälligkeit erklärt zu werden, kann 
man auch reichliche Beispiele aus den arischen und semitischen 
Sprachen beibringen. Wenn man sich zunächst aufs Germani- 
sche beschränkt, merke man: Topf— pot, boat— tub, wait — 
täuwen, hurry— Ruhe, care— reck, Balken— klobe, club. 
Zieht man die anderen indogermanischen Sprachen mit in Be- 
tracht, so wächst die Zahl der dazugehörigen Fälle entspre- 
chend, z. B.: capere — packen, ren — Niere, the leaf 
(Blatt) — folium, dum-a dv/xog — Sansc. medh, müdha, 
Mut, Rauchen — Russ. Kur-iti, kreischen — to shriekusw." 

Das Phänomen der Lautumdrehung sucht Abel aus 
einer Doppelung, Reduplikation der Wurzel zu erklären. Hier 
würden wir eine Schwierigkeit empfinden, dem Sprachforscher 
zu folgen. Wir erinnern uns daran, wie gerne die Kinder mit 
der Umkehrung des Wortlautes spielen, und wie häufig sich die 
Traumarbeit der Umkehrung ihres Darstellungsmaterials zu ver- 
schiedenen Zwecken bedient. (Hier sind es nicht mehr Buch- 
staben, sondern Bilder, deren Reihenfolge verkehrt wird.) Wir 
würden also eher geneigt sein, die Lautumdrehung auf ein tiefer 
greifendes Moment zurückzuführen 1 ). 

In der Übereinstimmung zwischen der eingangs hervor- 
gehobenen Eigentümlichkeit der Traumarbeit und der von dem 



*) Über das Phänomen der Lautumdrehung (Metathesis), welches zur 
Traumarbeit vielleicht noch innigere Beziehungen hat als der Gegensinn 
(Antithese), vgl. noch W. Meyer- Rinteln in: Kölnische Zeitung vom 
7. März 1909. 



287 



Sprachforscher aufgedeckten Praxis der ältesten Sprachen dürfen 
wir eine Bestätigung unserer Auffassung vom regressiven, archai- 
schen Charakter des G-edankenausdruckes im Traume erblicken. 
Und als unabweisbare Vermutung drängt sich uns Psychiatern 
auf, daß wir die Sprache des Traumes besser verstehen und 
leichter übersetzen würden, wenn wir von der Entwicklung der 
Sprache mehr wüßten 1 ). 



J ) Es liegt auch nahe anzunehmen, daß der ursprüngliche Gegensinn 
der Worte den vorgebildeten Mechanismus darstellt, der von dem Verspre- 
chen zum Gegenteile im Dienste mannigfacher Tendenzen ausgenützt wird. 



VII. 

Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen 

Therapie. 1 ) 

(Vortrag, gehalten auf dem zweiten Privatkongreß der Psychoanalytiker 

zu Nürnberg 1910.) 



Meine Herren! Da uns heute vorwiegend praktische Ziele 
zusammengeführt haben, werde auch ich ein praktisches Thema 
zum Gegenstand meines einführenden Vortrages wählen, nicht 
Ihr wissenschaftliches, sondern Ihr ärztliches Interesse anrufen. 
Ich halte mir vor, wie Sie wohl die Erfolge unserer Therapie 
beurteilen, und nehme an, daß die meisten von Ihnen die beiden 
Phasen der Anfängerschaft bereits durchgemacht haben, die 
des Entzückens über die ungeahnte Steigerung unserer thera- 
peutischen Leistung und die der Depression über die Größe 
der Schwierigkeiten, die unseren Bemühungen im Wege stehen. 
Aber an welcher Stelle dieses Entwicklungsganges sich die ein- 
zelnen von Ihnen auch befinden mögen, ich habe heute vor, 
Ihnen zu zeigen, daß wir mit unseren Hilfsmitteln zur Be- 
kämpfung der Neurosen keineswegs zu Ende sind, und daß wir von 
der näheren Zukunft noch eine erhebliche Besserung unserer 
therapeutischen Chancen erwarten dürfen. 

Von drei Seiten her, meine ich, wird uns die Verstärkung 
kommen: 

1. durch innern Fortschritt, 

2. durch Zuwachs an Autorität, 

3. durch die Allgemeinwirkung unserer Arbeit. 

l ) Zentralblatt für Psychoanalyse, Bd. I, 1910. 



289 

Ad 1. Unter „innerem Fortschritt" verstehe ich den 
Fortschritt a) in unserem analytischen Wissen, &) in unserer 
Technik. 

«) Zum Fortschritt unseres Wissens: Wir wissen natür- 
lich lange noch nicht alles, was wir zum Verständnis des Un- 
bewußten bei unseren Kranken brauchen. Nun ist es klar, daß 
jeder Fortschritt unseres Wissens einen Machtzuwachs für unsere 
Therapie bedeutet. Solange wir nichts verstanden haben, haben 
wir auch nichts ausgerichtet; je mehr wir verstehen lernen, 
desto mehr werden wir leisten. In ihren Anfängen war die 
psychoanalytische Kur unerbittlich und erschöpfend. Der Patient 
mußte alles selbst sagen und die Tätigkeit des Arztes bestand 
darin, ihn unausgesetzt zu drängen. Heute sieht es freundlicher 
aus. Die Kur besteht aus zwei Stücken, aus dem, was der Arzt 
errät und dem Kranken sagt, und aus der Verarbeitung dessen, 
was er gehört hat, von Seiten des Kranken. Der Mechanismus 
unserer Hilfeleistung ist ja leicht zu verstehen; wir geben dem 
Kranken die bewußte Erwartungsvorstellung, nach deren Ähn- 
lichkeit er die verdrängte unbewußte bei sich auffindet. Das 
ist die intellektuelle Hilfe, die ihm die Überwindung der Wider- 
stände zwischen Bewußtem und Unbewußtem erleichtert. Ich 
bemerke Ihnen nebenbei, es ist nicht der einzige Mechanismus, 
der in der analytischen Kur verwendet wird; Sie kennen ja 
alle den weit kräftigeren, der in der Verwendung der „Über- 
tragung" liegt. Ich werde mich bemühen, alle diese für das 
Verständnis der Kur wichtigen Verhältnisse demnächst in einer 
„Allgemeinen Methodik der Psychoanalyse" zu behandeln. Auch 
brauche ich bei Ihnen den Einwand nicht zurückzuweisen, daß 
in der heutigen Praxis der Kur die Beweiskraft für die Richtig- 
keit unserer Voraussetzungen verdunkelt wird; Sie vergessen 
nicht, daß diese Beweise anderswo zu rinden sind, und daß ein 
therapeutischer Eingriff nicht so geführt werden kann wie eine 
theoretische Untersuchung. 

Lassen Sie mich nun einige Gebiete streifen, auf denen 
wir Neues zu lernen haben und wirklich täglich Neues erfahren. 
Da ist vor allem das der Symbolik im Traum und im Unbe- 
wußten. Ein hart bestrittenes Thema, wie Sie wissen! Es ist 
kein geringes Verdienst unseres Kollegen W. Stekel, daß er 

19 

Freud, Neurosenlehre. III 



290 



unbekümmert um den Einspruch all der Gegner sich in das 
Studium der Traumsymbole begeben hat. Da ist wirklich noch 
viel zu lernen; meine 1899 niedergeschriebene „Traumdeutung« 
erwartet vom Studium der Symbolik wichtige Ergänzungen. 

Über eines dieser -neuerkannten Symbole möchte ich Ihnen 
einige Worte sagen: Vor einiger Zeit wurde es mir bekannt, 
daß ein uns ferner stehender Psychologe sich an einen von uns' 
mit der Bemerkung gewendet, wir überschätzten doch gewiß die 
geheime sexuelle Bedeutung der Träume. Sein häufigster Traum 
sei, eine Stiege hinauf zu steigen, und da sei doch gewiß nichts 
Sexuelles dahinter. Durch diesen Einwand aufmerksam gemacht 
haben wir dem Vorkommen von Stiegen, Treppen, Leitern im 
Traume Aufmerksamkeit geschenkt und konnten bald feststellen 
daß die Stiege (und was ihr analog ist) ein sicheres Koitus- 
symbol darstellt. Die Grundlage der Vergleichung ist nicht 
schwer aufzuwinden; in rhythmischen Absätzen, unter zunehmender 
Atemnot kommt man auf eine Höhe und kann dann in ein 
paar raschen Sprüngen wieder unten sein. So findet sich der 
Rhythmus des Koitus im Stiegensteigen wieder. Vergessen wir 
nicht den Sprachgebrauch heranzuziehen. Er zeigt uns daß 
das „Steigen" ohne weiteres als Ersatzbezeichnung der sexuellen 
Aktion gebraucht wird. Man pflegt zu sagen, der Mann ist ein 
„Steiger", „nachsteigen". Im Französischen heißt die Stufe der 
Treppe: la marche; „un vieux marcheur" deckt sich »anz m ^ 
unserem „ein alter Steiger". Das Traummaterial, aus dem diese 
neu erkannten Symbole stammen, wird Ihnen seinerzeit von dem 
Komitee zur Sammelforschung über Symbolik, welches wir ein- 
setzen sollen, vorgelegt werden. Über ein anderes interessantes 
Symbol, das des „Rettens" und dessen Bedeutungswandel werden 
Sie im zweiten Band unseres Jahrbuches Angaben finden. Aber 
ich muß hier abbrechen, sonst komme ich nicht zu den anderen 
Punkten. 

Jeder einzelne von Ihnen wird sich aus seiner Erfahrung 
überzeugen, wie ganz anders er einem neuen Falle gegenüber- 
steht, wenn er erst das Gefüge einiger typischer Krankheitsfälle 
durchschaut hat. Nehmen Sie nun an, daß wir das Gesetz- 
mäßige im Aufbau der verschiedenen Formen von Neurosen 
in ähnlicher Weise in knappe Formeln gebannt hätten, wie es 



291 

uns bis jetzt für die hysterische Symptombildung gelungen ist, 
wie gesichert würde dadurch unser prognostisches Urteil. Ja, 
wie der Geburtshelfer durch die Inspektion der Placenta 
erfährt, ob sie vollständig ausgestoßen wurde, oder ob noch 
schädliche Reste zurückgeblieben sind, so würden wir un- 
abhängig vom Erfolg und jeweiligen Befinden des Krauken 
sagen können, ob uns die Arbeit endgültig gelungen ist, oder 
ob wir auf Bückfälle und neuerliche Erkrankung gefaßt sein 

müssen. 

/;) Ich eile zu den Neuerungen auf dem Gebiete der 
Technik, wo wirklich das meiste noch seiner definitiven Fest- 
stellung harrt, und vieles eben jetzt klar zu werden beginnt, 
Die psychoanalytische Technik setzt sich jetzt zweierlei Ziele, 
dem Arzt Mühe zu ersparen und dem Kranken den uneinge- 
schränktesten Zugang zu seinem Unbewußten zu eröffnen. Sie 
wissen, in unserer Technik hat eine prinzipielle Wandlung statt- 
gefunden. Zur Zeit der kathartischen Kur setzten wir uns die 
Aufklärung der Symptome zum Ziel, dann wandten wir uns 
von den Symptomen ab und setzten die Aufdeckung der „Kom- 
plexe" — nach dem unentbehrlich gewordenen Wort von 
Jung — als Ziel an die Stelle; jetzt richten wir aber die Arbeit 
direkt auf die Auffindung und Überwindung der „Widerstände" 
und vertrauen mit Recht darauf, daß die Komplexe sich mühe- 
los ergeben werden, sowie die Widerstände erkannt und be- 
seitigt sind. Bei manchem von Ihnen hat sich seither das Be- 
dürfnis gezeigt, diese Widerstände übersehen und klassifizieren 
zu können. Ich bitte Sie nun, an Ihrem Material nachzuprüfen, 
ob Sie folgende Zusammenfassung bestätigen können: Bei 
männlichen Patienten scheinen die bedeutsamsten Kurwider- 
stände vom Yaterkomplex auszugehen und sich in Furcht vor 
dem Vater, Trotz gegen den Vater und Unglauben gegen den 
Vater aufzulösen. 

Andere Neuerungen der Technik betreffen die Person des 
Arztes selbst. Wir sind auf die „Gegenübertragung" aufmerk- 
sam geworden, die sich beim Arzt durch den Einfluß des Patienten 
auf das unbewußte Fühlen des Arztes einstellt, und sind nicht 
weit davon, die Forderung zu erheben, daß der Arzt diese 
Gegenübertragung in sich erkennen und bewältigen müsse. Wir 

19* 



292 

haben, seitdem eine größere Anzahl von Personen die Psycho- 
analyse üben und ihre Erfahrungen untereinander austauschen, 
bemerkt, daß jeder Psychoanalytiker nur so weit kommt, als seine 
eigenen Komplexe und inneren Widerstände es gestatten, und 
verlangen daher, daß er seine Tätigkeit mit einer Selbstanalyse 
beginne, und diese, während er seine Erfahrungen an Kranken 
macht, fortlaufend vertiefe. "Wer in einer solchen Selbstanalyse 
nichts zustande bringt, mag sich die Fähigkeit, Kranke analy- 
tisch zu behandeln, ohne weiteres absprechen. 

AVir nähern uns jetzt auch der Einsicht, daß die analy- 
tische Technik je nach der Krankheitsform und je nach den 
beim Patienten vorherrschenden Trieben gewisse Modifikationen 
erfahren muß. Von der Therapie der Konversionshysterie sind 
wir ja ausgegangen; bei der Angsthysterie (den Phobien) müssen 
wir unser Vorgehen etwas ändern. Diese Kranken können näm- 
lich das für die Auflösung der Phobie entscheidende Material 
nicht bringen, solange sie sich durch die Einhaltung der phobi- 
schen Bedingung geschützt fühlen. Daß sie von Anfang der 
Kur an auf die Schutzvorrichtung verzichten und unter den 
Bedingungen der Angst arbeiten, erreicht man natürlich nicht. 
Man muß ihnen also so lange Hilfe durch Übersetzung ihres 
Unbewußten zuführen, bis sie sich entschließen können, auf den 
Schutz der Phobie zu verzichten und sich einer, nun sehr ge- 
mäßigten, Angst aussetzen. Haben sie das getan, so wird jetzt 
erst das Material zugänglich, dessen Beherrschung zur Lösung 
der Phobie führt.. Andere Modifikationen der Technik, die mir 
noch nicht spruchreif scheinen, werden in der Behandlung der 
Zwangsneurosen erforderlich sein. Ganz bedeutsame, noch nicht 
geklärte, Fragen tauchen in diesem Zusammenhange auf, inwie- 
weit den bekämpften Trieben des Kranken ein Stück Befriedi- 
gung während der Kur zu gestatten ist, und welchen Unter- 
schied es dabei macht, ob diese Triebe aktiver (sadistischer) 
oder passiver (masochistischer) Natur sind. 

Ich hoffe, Sie werden den Eindruck erhalten haben, daß 
wenn wir all das wüßten, was uns jetzt erst ahnt, und alle Ver- 
besserungen der Technik durchgeführt haben werden, zu denen 
uns die vertiefte Erfahrung an unseren Kranken führen muß, 
daß unser ärztliches Handeln dann eine Präzision und Erfolg- 



293 



Sicherheit erreichen wird, die nicht auf allen ärztlichen Spezial- 
gebieten vorhanden sind. 

Ad 2. Ich sagte, wir hätten viel zu erwarten durch den 
Zuwachs an Autorität, der uns im Laufe der Zeit zufallen muß. 
Über die Bedeutung der Autorität brauche ich Ihnen nicht viel 
zu sagen. Die wenigsten Kulturmenschen sind fähig, ohne An- 
lehnung an andere zu existieren oder auch nur ein selbständiges 
Urteil zu fällen. Die Autoritätssucht und innere Haltlosigkeit 
der Menschen können Sie sich nicht arg genug vorstellen. Die 
außerordentliche Vermehrung der Neurosen seit der Entkräftung 
der Religionen mag Ihnen einen Maßstab dafür geben. Die 
Verarmung des Ich durcl den großen Verdräugungsaufwand, 
den die Kultur von jedem Individuum fordert, mag eine der 
hauptsächlichsten Ursachen dieses Zustandes sein. 

Diese Autorität und die enorme von ihr ausgehende Sug- 
gestion war bisher gegen uns. Alle unsere therapeutischen Er- 
folge sind gegen diese Suggestion erzielt worden; es ist zu ver- 
wundern, daß unter solchen Verhältnissen überhaupt Erfolge 
zu gewinnen waren. Ich will mich nicht so weit gehen lassen, 
Ihnen die Annehmlichkeiten jener Zeiten, da ich allein die 
Psychoanalyse vertrat, zu schildern. Ich weiß, die Kranken, 
denen ich die Versicherung gab, ich wüßte ihnen dauernde Ab- 
hilfe ihrer Leiden zu bringen, sahen sich in meiner bescheidenen 
Umgebung um, dachten an meinen geringen Ruf und litel und 
betrachteten mich wie etwa einen Besitzer eines unfehlbaren Ge- 
winnsystems an dem Orte einer Spielbank, gegen den man ein- 
wendet, wenn der Mensch das kann, so muß er anders aus- 
sehen. Es war auch wirklich nicht bequem, psychische Opera- 
tionen auszuführen, während der Kollege, der die Pflicht der 
Assistenz gehabt hätte, sich ein besonderes* Vergnügen daraus 
machte, ins Operationsfeld zu spucken, und die Angehörigen den 
Operateur bedrohten, sobald es Blut oder unruhige Bewegungen 
bei der Kranken gab. Eine Operation darf doch Reaktions- 
erscheinungen machen; in der Chirurgie sind wir längst daran 
gewöhnt Man glaubte mir einfach nicht, wie man heute 
noch uns allen wenig glaubt; unter solchen Bedingungen mußte 
mancher Eingriff mißlingen. Um die Vermehrung unserer thera- 
peutischen Chancen zu ermessen, wenn sich das allgemeine Ver- 



294 

trauen uns zuwendet, denken Sie an die Stellung des Frauen- 
arztes in der Türkei und im Abendlande. Alles, was dort der 
Frauenarzt tun darf, ist, an dem Arm, der ihm durch ein Loch 
in der "Wand entgegengestreckt wird, den Puls zu fühlen. Einer 
solchen ünzugänglichkeit des Objektes entspricht auch die ärzt- 
liche Leistung; unsere Gegner im Abendlande wollen uns eine 
ungefähr ähnliche Verfügung über das Seelische unserer Krauken 
gestatten. Seitdem aber die Suggestion der Gesellschaft die 
kranke Frau zum Gynäkologen drängt, ist dieser der Helfer 
und Retter der Frau geworden. Sagen Sie nun nicht, wenn uns 
die Autorität der Gesellschaft zu Hilfe kommt und unsere Er- 
folge so sehr steigert, so wird dies niehts für die Richtigkeit 
unserer Voraussetzungen beweisen. Die Suggestion kann angeb- 
lich alles und unsere Erfolge werden dann Erfolge der Sug- 
gestion sein und nicht der Psychoanalyse. Die Suggestion der 
Gesellschaft kommt doch jetzt den "Wasser-, Diät- und elektri- 
schen Kuren bei Nervösen entgegen, ohne daß es diesen Maß- 
nahmen gelingt, die Neurosen zu bezwingen. Es wird sich 
zeigen, ob die psychoanalytischen Behandlungen mehr zu leisten 
vermögen. 

Nun muß ich aber Ihre Erwartungen allerdings wieder 
dämpfen. Die Gesellschaft wird sich nicht beeilen, uns Autori- 
tät einzuräumen. Sie muß sich im Widerstände gegen uns be- 
finden, denn wir verhalten uns kritisch gegen sie; wir weisen 
ihr nach, daß sie an der Verursachung der Neurosen selbst 
einen großen Anteil hat. Wie wir den einzelnen durch die Auf- 
deckung des in ihm Verdrängten zu unserem Feinde machen 
so kann auch die Gesellschaft die rücksichtslose Bloßlegung 
ihrer Schäden und Unzulänglichkeiten nicht mit sympathischem 
Entgegenkommen beantworten; weil wir Illusionen zerstören, 
wirft man uns vor, daß wir die Ideale in Gefahr bringen. So' 
scheint es also, daß die Bedingung, von der ich eine so große 
Förderung unserer therapeutischen Chancen erwarte, niemals 
eintreten wird. Und doch ist die Situation nicht so trostlos, 
wie man jetzt meinen sollte. So mächtig auch die Affekte und 
die Interessen der Menschen sein mögen, das Intellektuelle ist 
doch auch eine Macht. Nicht gerade diejenige, welche sich 
zuerst Geltung verschafft, aber um so sicherer am Ende. Die 



295 












% 



einschneidendsten Wahrheiten werden endlich gehört und aner- 
kannt, nachdem die durch sie verletzten Interessen und die 
durch sie geweckten Affekte sich ausgetobt haben. Es ist bis- 
her noch immer so gegangen, und die unerwünschten Wahr- 
heiten, die wir Psychoanalytiker der Welt zu sagen haben, 
werden dasselbe Schicksal finden. Nur wird es nicht sehr rasch 
geschehen; wir müssen warten können. 

Ad 3. Endlich muß ich Ihnen erklären, was ich unter 
der „Allgemeinwirkung" unserer Arbeit verstehe, und wie ich 
dazu komme, Hoffnungen auf diese zu setzen. Es liegt da eiue 
sehr merkwürdige therapeutische Konstellation vor, die sich in 
gleicher Weise vielleicht nirgendwo wiederfindet, die Ihnen 
auch zunächst befremdlich erscheinen wird, bis Sie etwas längst 
Vertrautes in ihr erkennen werden. Sie wissen doch, die Psycko- 
neurosen sind entstellte Ersatzbefriedigungen von Trieben, deren 
Existenz man vor sich selbst und vor den anderen verleugnen 
muß. Ihre Existenzfähigkeit ruht auf dieser Entstellung und 
Verkennung. Mit der Lösung des Rätsels, das sie bieten, und 
der Annahme dieser Lösung durch die Kranken werden diese 
Krankheitszustände existenzunfähig. Es gibt kaum etwas Ahn- 
liches in der Medizin; in den Märchen hören Sie von bösen 
Geistern, deren Macht gebrochen ist, sobald man ihnen ihren 
geheim gehaltenen Namen sagen kann. 

Nun setzen sie an die Stelle des einzelnen Kranken die 
ganze an den Neurosen krankende, aus kranken und gesunden 
Personen bestehende Gesellschaft, an Stelle der Annahme der 
Lösung dort die allgemeine Anerkennung hier, so wird Ihnen 
eine kurze Überlegung zeigen, daß diese Ersetzung am Er- 
gebnis nichts zu ändern vermag. Der Erfolg, den die Therapie 
beim einzelnen haben kann, muß auch bei der Masse eintreten. 
Die Kranken können ihre verschiedenen Neurosen, ihre ängst- 
liche Überzärtlichkeit, die den Haß verbergen soll, ihre Agora- 
phobie, die von ihrem enttäuschten Ehrgeiz erzählt, ihre Zwangs- 
handlungen, die Vorwürfe wegen und Sicherungen gegen böse 
Vorsätze darstellen, nicht bekannt werden lassen, wenn allen 
Angehörigen und Fremden, vor denen sie ihre Seelenvorgänge 
verbergen wollen, der allgemeine Sinn der Symptome bekannt 
ist, und wenn sie selbst wissen, daß sie in den Kraukheits- 



296 



erscheinungen nichts produzieren, was die anderen nicht sofort 
zu deuten verstehen. Die Wirkung wird sich aber nicht auf 
das — übrigens häufig undurchführbare — Verbergen der 
Symptome beschränken; denn durch dieses Verbergenmüssen 
wird das Kranksein unverwendbar. Die Mitteilung des Geheim- 
nisses hat die „ätiologische Gleichung", aus welcher die Neu- 
rosen hervorgehen, an ihrem heikelsten Punkte angegriffen, sie 
hat den Kraukheitsgewinn illusorisch gemacht, und darum kann 
nichts anderes als die Einstellung der Krankheitsproduktion 
die endliche Folge der durch die Indiskretion des Arztes ver- 
änderten Sachlage sein. 

Erscheint Ihnen diese Hoffnung utopisch, so lassen Sie 
sich daran erinnern, daß Beseitigung neurotischer Phänomene 
auf diesem Wege wirklich bereits vorgekommen ist, wenngleich 
in ganz vereinzelten Fällen. Denken Sie daran, wie häufig in 
früheren Zeiten die Halluzination der heiligen Jungfrau bei 
Bauerumädchen war. Solange eine solche Erscheinung einen 
großen Zulauf von Gläubigen, etwa noch die Erbauung einer 
Kapelle am Gnadenorte zur Folge hatte, war der visionäre Zu- 
stand dieser Mädchen einer Beeinflussung unzugänglich. Heute 
hat seihst die Geistlichkeit ihre Stellung zu diesen Erscheinungen 
verändert; sie gestattet, daß der Gendarm und der Arzt die 
Visionärin besuchen, und seitdem erscheint die Jungfrau nur 
sehr selten. Oder gestatten Sie, daß ich dieselben Vorgänge, 
die ich vorhin in die Zukunft verlegt habe, an einer analogen, 
aber erniedrigten und darum leichter übersehbaren Situation 
mit Ihnen studiere. Nehmen Sie an, ein aus Herren und Damen 
der guten Gesellschaft bestehender Kreis habe einen Tages- 
ausflug nach einem im Grünen gelegenen Wirtshause verabredet. 
Die Damen haben miteinander ausgemacht, wenn eine von ihnen 
ein natürliches Bedürfnis befriedigen wolle, so werde sie laut 
sagen: sie gehe jetzt Blumen pflücken; ein Boshafter sei aber 
hinter dieses Geheimnis gekommen und habe auf das gedruckte 
und an die Teilnehmer verschickte Programm setzen lassen: 
Wenn die Damen auf die Seite gehen wollen, mögen sie sagen, 
sie gehen Blumen pflücken. Natürlich wird keine der Damen 
mehr sich dieser Verblümung bedienen wollen, und ebenso er- 
schwert werden ähnliche neu verabredete Formeln sein. Was 



297 

Iwird die Folge sein? Die Damen werden sich ohne Scheu zu 
ihren natürlichen Bedürfnissen bekennen, und keiner der Herren 
wird daran Anstoß nehmen. Zehren wir zu unserem ernst- 
hafteren Falle zurück. So und so viele Menschen haben sich in 
Lebenskonflikten, deren Lösung ihnen allzu schwierig wurde, in 
die Neurose geflüchtet und dabei einen unverkennbaren, wenn 
auch auf die Dauer allzu kostspieligen Krankheitsgcwiim er- 
zielt. Was werden diese Menschen tun müssen, wenn ihnen die 
Flucht in die Krankheit durch die indiskreten Aufklärungen 
der Psychoanalyse versperrt wird? Sie werden ehrlich sein 
müssen, sich zu den in ihnen rege gewordenen Trieben be- 
kennen, im Konflikt standhalten, werden kämpfen oder ver- 
zichten, und die Toleranz der Gesellschaft, die sich im Gefolge 
der psychoanalytischen Aufklärung unabwendbar einstellt, wird 
ihnen zu Hilfe kommen. 

Erinnern wir uns aber, daß man dem Leben nicht als 
fanatischer Hygieniker oder Therapeut entgegentreten darf. Ge- 
stehen wir uns ein, daß diese ideale Verhütung der neurotischen 
Erkrankungen nicht allen einzelnen zum Vorteil gereichen wird. 
Eine gute Anzahl derer, die sich heute in die Krankheit flüchten, 
würde unter den von uns angenommenen Bedingungen den 
Konflikt nicht bestehen, sondern rasch zugrunde gehen oder 
ein Unheil anstiften, welches größer ist als ihre eigene neu- 
rotische Erkrankung. Die Neurosen haben eben ihre biologische 
Funktion als Schutzvorrichtung und ihre soziale Berechtigung; 
ihr „Krankheitsgewinn" ist nicht immer ein rein subjektiver. 
Wer von Ihnen hat nicht schon einmal hinter die Verursachung 
einer Neurose geblickt, die er als den mildesten Ausgang unter 
allen Möglichkeiten der Situation gelten lassen mußte? Und 
soll man wirklich gerade der Ausrottung der Neurosen so 
schwere Opfer bringen, wenn doch die Welt voll ist von an- 
derem unabwendbarem Elend? 

Sollen wir also unsere Bemühungen zur Aufklärung über 
den geheimen Sinn der Neurotik als im letzten Grunde ge- 
fährlich für den einzelnen und schädlich für den Betrieb der 
Gesellschaft aufgeben, darauf verzichten, aus einem Stück wissen- 
schaftlicher Erkenntnis die praktische Folgerung zu ziehen? 
Nein, ich meine, unsere Pflicht geht doch nach der anderen 



298 



Richtung. Der Krankheitsgewinn der Neurosen ist doch im 
ganzen und am Ende eine Schädigung für die einzelnen wie 
für die Gesellschaft. Das Unglück, das sich infolge unserer 
Aufklärungsarbeit ergeben kann, wird doch nur einzelne be- 
treffen. Die Umkehr zu einem wahrheitsgemäßeren und würdi- 
geren Zustand der Gesellschaft wird mit diesen Opfern nicht 
zu teuer erkauft sein. Vor allem aber: alle die Energien, die 
sich heute in der Produktion neurotischer Symptome im Dienste 
einer von der Wirklichkeit isolierten Phantasiewelt verzehren, 
werden, wenn sie schon nicht dem Leben zugute kommen 
können, doch den Schrei nach jenen Veränderungen in unserer 
Kultur verstärken helfen, in denen wir allein das Heil für die 
Nachkommenden erblicken können. 

So möchte ich Sie denn mit der Versicherung entlassen, 
daß Sie m mehr als einem Sinne Ihre Pflicht tun, wenn Sie 
Ihre Kranken psychoanalytisch behandeln. Sie arbeiten nicht 
nur im Dienste der Wissenschaft, indem Sie die einzige und 
nie wiederkehrende Gelegenheit ausnützen, die Geheimnisse der 
Neurosen zu durchschauen; Sie geben nicht nur Ihrem Kranken 
die wirksamste Behandlung gegen seine Leiden, die uns heute 
zu Gebote steht; Sie leisten auch Ihren Beitrag zu jener Auf- 
klärung der Masse, von der wir die gründlichste Prophylaxe der 
neurotischen Erkrankungen auf dem Umwege über die gesell- 
schaftliche Autorität erwarten. 



VIII. 

Über „wilde" Psychoanalyse. 1 ) 



Vor einigen Tagen erschien in meiner Sprechstunde in 
Begleitung einer schützenden Freundin eine ältere Dame, die 
über Angstzustände klagte. Sie war in der zweiten Hälfte der 
"Vierzigerjahre, ziemlich gut erhalten, hatte offenbar mit ihrer 
Weiblichkeit noch nicht abgeschlossen. Anlaß des Ausbruches 
der Zustände war die Scheidung von ihrem letzten Manne; die 
Angst hatte aber nach ihrer Angabe eine erhebliche Steigerung 
erfahren, seitdem sie einen jungen Arzt in ihrer Vorstadt kon- 
sultiert hatte; denn dieser hatte ihr auseinandergesetzt, daß die 
Ursache ihrer Angst ihre sexuelle Bedürftigkeit sei. Sie könne 
den Verkehr mit dem Manne nicht entbehren, und darum gebe 
es für sie nur drei Wege zur Gesundheit, entweder sie kehre 
zu ihrem Manne zurück, oder sie nehme einen Liebhaber, oder 
sie befriedige sich selbst. Seitdem sei sie überzeugt, daß sie 
unheilbar sei, denn zu ihrem Manne zurück wolle sie nicht, und 
die beiden anderen Mittel widerstreben ihrer Moral und ihrer 
Religiosität. Zu mir aber sei sie gekommen, weil der Arzt ihr 
gesagt habe, das sei eine neue Einsicht, die man mir verdanke, 
und sie solle sich nur von mir die Bestätigung holen, daß es 
so sei und nicht anders. Die Freundin, eine noch ältere, ver- 
kümmert und ungesund aussehende Frau, beschwor mich dann, 
der Patientin zu versichern, daß sich der Arzt geirrt habe. Es 
könne doch nicht so sein, denn sie selbst sei seit langen Jahren 
Witwe und doch anständig geblieben, ohne an Angst zu leiden. 
Ich will nicht bei der schwierigen Situation verweilen, in 
die ich durch diesen Besuch versetzt wurde, sondern das Ver- 

*) Zentralblatt für Psychoanalyse, Bd. I, 1910. 



300 

halten des Kollegen beleuchten, der diese Kranke zu mir ge- 
schickt hatte. Vorher will ich einer Verwahrung gedenken, die 
vielleicht — oder hoffentlich — nicht überflüssig ist. Lang- 
jährige Erfahrung hat mich gelehrt — wie sie's auch jeden 
anderen lehren könnte — nicht leichthin als wahr anzunehmen, 
was Patienten, insbesondere Nervöse, von ihrem Arzt erzählen. 
Der Nervenarzt wird nicht nur bei jeder Art von Behandlung- 
leicht das Objekt, nach dem mannigfache feindselige Regungen 
des Patienten zielen; er muß es sich auch manchmal gefallen 
lassen, durch eine Art von Projektion die Verantwortung für 
die geheimen verdrängten Wünsche des Nervösen zu überneh- 
men. Es ist dann eine traurige, aber bezeichnende Tatsache, daß 
solche Anwürfe nirgendwo leichter Glauben finden als bei an- 
deren Ärzten. 

Ich habe also das Recht zu hoffen, daß die Dame in 
meiner Sprechstunde mir einen tendenziös entstellten Bericht 
von den Äußerungen ihres Arztes gegeben hat, und daß ich. 
ein Unrecht an ihm, der mir persönlich unbekannt ist, begehe, 
wenn ich meine Bemerkungen über „wilde" Psychoanalyse ge- 
rade an diesen Fall anknüpfe. Aber ich halte dadurch vielleicht 
andere ab, an ihren Kranken unrecht zu tun. 

Nehmen wir also an, daß der Arzt genau so gesprochen 
hat, wie mir die Patientin berichtete. 

Es wird dann jeder leicht zu seiner Kritik vorbringen, 
daß ein Arzt, wenn er es für notwendig hält, mit einer Frau 
über das Thema der Sexualität zu verhandeln, dies mit Takt 
und Schonung tun müsse. Aber diese Anforderungen fallen mit 
der Befolgung gewisser technischer Vorschriften der Psycho- 
analyse zusammen, und überdies hätte der Arzt eine Reihe von 
wissenschaftlichen Lehren der Psychoanalyse verkannt oder 
mißverstanden und dadurch gezeigt, wie wenig weit er zum 
Verständnis von deren Wesen und Absichten vorgedrungen ist. 

Beginnen wir mit den letzteren, den wissenschaftlichen 
Irrtümern. Die Ratschläge des Arztes lassen klar erkennen, in 
welchem Sinne er das „Sexualleben" erfaßt. Im populären näm- 
lich, wobei unter sexuellen Bedürfnissen nichts anderes ver- 
standen wird als das Bedürfnis nach dem Koitus oder analogen, 
den Orgasmus und die Entleerung der Geschlechtsstoffe bewir- 



■ 



301 



kenden Vornahmen. Es kann aber dem Arzt nicht unbekannt 
geblieben sein, daß man der Psychoanalyse den Vorwurf zu 
machen pflegt, sie dehne den Begriff des Sexuellen weit über 
den gebräuchlichen Umfang aus. Die Tatsache ist richtig; ob 
sie als Vorwurf verwendet werden darf, soll hier nicht erörtert 
werden. Der Begriff des Sexuellen umfaßt in der Psychoanalyse 
weit mehr; er geht nach unten wie nach oben über den popu- 
lären Sinn hinaus. Diese Erweiterung rechtfertigt sich gene- 
tisch; wir rechnen zum „Sexualleben« auch alle Betätigungen 
zärtlicher Gefühle, die aus der Quelle der primitiven sexuellen 
Regungen hervorgegangen sind, auch wenn diese Regungen 
eine Hemmung ihres ursprünglich sexuellen Zieles erfahren oder 
dieses Ziel gegen ein anderes, nicht mehr sexuelles, vertauscht 
haben Wir sprechen darum auch lieber von Psycho Sexua- 
lität, legen so Wert darauf, daß man den seelischen Faktor 
des Sexuallehens nicht übersehe und nicht unterschätze. Wir 
gebrauchen das Wort Sexualität in demselben uu ***** 
|Le wie die deutsche Sprache das Wort „lieben". Wir wn.sen 
auT längst, daß seelische Unbefriedigung mi aUen ihren 
Folgen bestehen kann, wo es an normalem Sexualverkehr nicht 
mangelt, und halten uns als Therapeuten immer vor, daß von 
den unbefriedigten Sexualstrebungen, deren Ersatzbefriedigungen 
in der Form nervöser Symptome wir bekämpfen, oft nur ein 
geringes Maß durch den Koitus oder andere Sexualakte abzu- 

^ Wer diese Auffassung der Psychosexualität nicht teilt, hat 
kein Recht, sich auf die Lehrsätze der ^^T^ J 
rufen, in denen von der ätiologischen Bedeutung der Sexualität 
gehandelt wird. Er hat sich durch die ausschließliche Betonung 
des somatischen Faktors am Sexuellen das Problem gewiß sein 
vereinfacht, aber er mag für sein Vorgehen allein die \ erant- 

wortung tragen. 

Aus den Ratschlägen des Arztes leuchtet noch em zweites 

und ebenso arges Mißverständnis hervor. 

Es ist richtig, daß die Psychoanalyse angibt, sexuelle Un- 
befriedigung sei die Ursache der nervösen Leiden. Aber sagt 
sie nicht noch mehr? Will man als zu kompliziert beiseite 
lassen, daß sie lehrt, die nervösen Symptome entspringen aus- 



302 



einem Konflikt zwischen zwei Mächten, einer (meist übergroß 
gewordenen) Libido und einer allzu strengen Sexualablehnung 
oder Verdrängung? Wer auf diesen zweiten Faktor, dem wirklich 
nicht der zweite Hang angewiesen wurde, nicht vergißt, wird 
nie glauben können, daß Sexualbefriedigung an sich ein all- 
gemein verläßliches Heilmittel gegen die Beschwerden der Ner- 
vösen sei. Ein guter Teil dieser Menschen ist ja der Befriedi- 
gung unter den gegebenen Umständen oder überhaupt nicht 
fähig. Wären sie dazu fähig, hätten sie nicht ihre inneren 
Widerstände, so würde die Stärke des Triebes ihnen den Weg 
zur Befriedigung weisen, auch wenn der Arzt nicht dazu raten 
würde. Was soll also ein solcher Rat, wie ihn der Arzt angeb- 
lich jener Dame erteilt hat? 

Selbst wenn er sich wissenschaftlich rechtfertigen läßt ist 
er unausführbar für sie. Wenn sie keine inneren Widerstände 
gegen die Onanie oder gegen ein Liebesverhältnis hätte, würde 
sie ja längst zu einem von diesen Mitteln gegriffen haben. Oder 
meint der Arzt, eine Frau von über 40 Jahren wisse nichts 
davon, daß man sich einen Liebhaber nehmen kann, oder über- 
schätzt er seinen Einfluß so sehr, daß er meint, ohne ärztliches 
Gutheißen würde sie sich nie zu einem solchen Schritt ent- 
schließen können? 

Das scheint alles sehr klar, und doch ist zuzugeben, daß 
es ein Moment gibt, welches die Urteilsfällung oft erschwert. 
Manche der nervösen Zustände, die sogenannten Aktual- 
neurosen wie die typische Neurasthenie und die reine Angst- 
neurose, hängen offenbar von dem somatischen Faktor des 
Sexuallebens ab, während wir über die Rolle des psychischen 
Faktors und der Verdrängung bei ihnen noch keine gesicherte 
Vorstellung haben. In solchen Fällen ist es dem Arzte nahe- 
gelegt, eine aktuelle Therapie, eine Veränderung der somatischen 
sexuellen Betätigung, zunächst ins Auge zu fassen, und er tut 
dies mit vollem Recht, wenn seine Diagnose richtig war. Die 
Dame, die den jungen Arzt konsultierte, klagte vor allem über 
Angstzustände, und da nahm er wahrscheinlich an, sie leide an 
Angstneurose, und hielt sich für berechtigt, ihr eine somati- 
sche Therapie zu empfehlen. Wiederum ein bequemes Mißver- 
ständnis! Wer an Angst leidet, hat darum nicht notwendig eine 






~n 



303 



Angstneurose; diese Diagnose ist nicht aus dem Namen abzu- 
leiten; man muß wissen, welche Erscheinungen eine Angst- 
neurose ausmachen, und sie von anderen, auch durch Angst 
manifestierten Krankheitszuständen unterscheiden. Die in Rede 
stehende Dame litt nach meinem Eindruck an einer Angst- 
hysterie, und der ganze, aber auch voll zureichende Wert 
solcher nosograpkischer Unterscheidungen liegt darin, daß sie 
auf eine andere Ätiologie und andere Therapie hinweisen. Wer 
die Möglichkeit einer solchen Angsthysterie ins Auge gefaßt 
hätte, der wäre der Vernachlässigung der psychischen Faktoren, 
wie sie in den Alternativratschlägen des Arztes hervortritt, 
nicht verfallen. 

Merkwürdig genug, in dieser therapeutischen Alternative 
des angeblichen Psychoanalytikers bleibt kein Raum — für die 
Psychoanalyse. Diese Frau soll von ihrer Angst nur genesen 
können, wenn sie zu ihrem Manne zurückkehrt oder sich auf 
dem Wege der Onanie oder bei einem Liebhaber befriedigt. 
Und wo hätte die analytische Behandlung einzutreten, in der 
wir das Hauptmittel bei Angstzuständen erblicken? 

Somit wären wir zu den technischen Verfehlungen gelangt, 
die wir in dem Vorgehen des Arztes im angenommenen Falle 
erkennen. Es ist eine längst überwundene, am oberflächlichen 
Anschein haftende Auffassung, daß der Kranke infolge einer 
Art von Unwissenheit leide, und wenn man diese Unwissenheit 
durch Mitteilung (über die ursächlichen Zusammenhänge seiner 
Krankheit mit seinem Leben, über seine Kindheitserlebnisse 
usw.) aufhebe, müsse er gesund werden. Nicht dies Nichtwissen 
an sich ist das pathogene Moment, sondern die Begründung 
des Nichtwissens in inneren Widerständen, welche das 
Nichtwissen zuerst hervorgerufen haben und es jetzt noch unter- 
halten. In der Bekämpfung dieser Widerstände liegt die Auf- 
gabe der Therapie. Die Mitteilung dessen, was der Kranke 
nicht weiß, weil er es verdrängt hat, ist nur eine der notwen- 
digen Vorbereitungen für die Therapie. Wäre das Wissen des 
Unbewußten für den Kranken so wichtig wie der in der Psycho- 
analyse Unerfahrene glaubt, so müßte es zur Heilung hinreichen, 
wenn der Kranke Vorlesungen anhört oder Bücher liest. Diese 
Maßnahmen haben aber ebensoviel Einfluß auf die nervösen 



i 
• I 



304 

Leidenssyinptome wie die Verteilung von Menukarten zur Zeit 
einer Hungersnot auf den Hunger. Der Vergleich ist sogar 
über seine erste Verwendung hinaus brauchbar, denn die Mit- 
teilung des Unbewußten an den Kranken hat regelmäßig die 
Folge, daß der Konflikt in ihm verschärft wird und die Be- 
schwerden sich steigern. 

Da die Psychoanalyse aber eine solche Mitteilung nicht 
entbehren kann, schreibt sie vor, daß sie nicht eher zu erfolgen 
habe, als bis zwei Bedingungen erfüllt sind. Erstens bis der 
Kranke durch Vorbereitung selbst in die Nähe des von ihm 
Verdrängten gekommen ist, und zweitens, bis er sich so weit an 
den Arzt attachiert hat (Übertragung), daß ihm die Gefühls- 
beziehung zum Arzt die neuerliche Flucht unmöglich macht. 

Erst durch die Erfüllung dieser Bedingungen wird es 
möglich, die "Widerstände, welche zur Verdrängung und zum 
Nichtwissen geführt haben, zu erkennen und ihrer Herr zu 
werden. Ein psychoanalytischer Eingriff setzt also durchaus 
einen längeren Kontakt mit dem Kranken voraus, und Ver- 
suche, den Kranken durch die brüske Mitteilung seiner vom 
Arzt erratenen Geheimnisse beim ersten Besuch in der Sprech- 
stunde zu überrumpeln, sind technisch verwerflich und strafen 
sich meist dadurch, daß sie dem Arzt die herzliche Feindschaft 
des Kranken zuziehen und jede weitere Beeinflussung abschneiden. 

Ganz abgesehen davon, daß man manchmal falsch rät und 
niemals imstande ist, alles zu erraten. Durch diese bestimmten 
technischen Vorschriften ersetzt die Psychoanalyse die Forderung 
des unfaßbaren „ärztlichen Taktes", in dem eine besondere Be- 
gabung gesucht wird. 

Es reicht also für den Arzt nicht hin, einige der Ergeb- 
nisse der Psychoanalyse zu kennen; man muß sich auch mit 
ihrer Technik vertraut gemacht haben, wenn man sein ärzt- 
liches Handeln durch die psychoanalytischen Gesichtspunkte 
leiten lassen will. Diese Technik ist heute noch nicht aus Bü- 
chern zu erlernen und gewiß nur mit großen Opfern an Zeit, 
Mühe und Erfolg selbst zu finden. Man erlernt sie wie andere 
ärztliche Techniken bei denen, die sie bereits beherrschen. Es 
ist darum gewiß für die Beurteilung des Falles, an den ich 
diese Bemerkungen knüpfe, nicht gleichgültig, daß ich den Arzt, 



i 



305 

der solche Ratschläge gegeben haben soll, nicht kenne und 
seinen Namen nie gehört habe. 

Es ist weder mir noch meinen Freunden und Mitarbeitern 
angenehm, in solcher Weise den Anspruch auf die Ausübung 
einer ärztlichen Technik zu monopolisieren. Aber angesichts der 
Gefahren, die die vorherzusehende Übung einer „wilden - ' Psycho- 
analyse für die Kranken und für die Sache der Psychoanalyse 
mit sich bringt, blieb uns nichts anderes übrig. "Wir haben im 
Frühjahr 1910 einen internationalen psychoanalytischen Verein 
gegründet, dessen Mitglieder sich durch Namensveröffentlichung 
zu ihm bekennen, um die Verantwortung für das Tun aller 
jener ablehnen zu können, die nicht zu uns gehören und ihr 
ärztliches Vorgehen „Psychoanalyse" heißen. Denn in Wahrheit 
schaden solche wilde Analytiker doch der Sache mehr als dem 
einzelnen Kranken. Ich habe es häufig erlebt, daß ein so un- 
geschicktes Vorgehen, wenn es zuerst eine Verschlimmerung im 
Befinden des Kranken machte, ihm am Ende doch zum Heile 
gereicht hat. Nicht immer, aber doch oftmals. Nachdem er lange 
genug auf den Arzt geschimpft hat und sich weit genug von seiner 
Beeinflussung weiß, lassen dann seine Symptome nach, oder er 
entschließt sich zu einem Schritt, welcher auf dem Wege zur 
Heilung liegt. Die endliche Besserung ist dann ^von selbst" 
eingetreten oder wird der höchst indifferenten Behandlung eines 
Arztes zugeschrieben, an den sich der Kranke später gewendet 
hat. Für den Fall der Dame, deren Anklage gegen den Arzt 
wir gehört haben, möchte ich meinen, der wilde Psychoanalytiker 
habe doch mehr für seine Patientin getan als irgend eine hoch- 
angesehene Autorität, die ihr erzählt hätte, daß sie an einer 
„vasomotorischen Neurose" leide. Er hat ihren Blick auf die 
wirkliche Begründung ihres Leidens oder in dessen Nähe ge- 
zwungen, und dieser Eingriff wird trotz alles Sträubens der 
Patientin nicht ohne günstige Folgen bleiben. Aber er hat sich 
selbst geschädigt und die Vorurteile steigern geholfen, welche 
sich infolge begreiflicher Affektwiderstände bei den Kranken 
gegen die Tätigkeit des Psychoanalytikers erheben. Und dies 
kann vermieden werden. 



90 
Freud, Naurosenlehre. III. 



IX. 

Über neurotische Erkrankungstypen 1 ). 



In den nachstehenden Sätzen soll auf Grund empirisch 
gewonnener Eindrücke dargestellt werden, welche Veränderungen 
der Bedingungen dafür maßgebend sind, daß hei den hiezu 
Disponierten eine neurotische Erkrankung zum Ausbruch komme. 
Es handelt sich also um die Frage der Krankheitsveranlassun- 
gen; von den Krankheitsformen wird wenig die Rede sein. Von 
anderen Zusammenstellungen der Erkrankungsanlässe wird sich 
diese durch den einen Charakter unterscheiden, daß sie die auf- 
zuzählenden Veränderungen sämtlich auf die Libido des Indivi- 
duums bezieht. Die Schicksale der Libido erkannten wir ja 
durch die Psychoanalyse als entscheidend für nervöse Gesund- 
heit oder Krankheit. Auch über den Begriff der Disposition ist 
in diesem Zusammenhange kein Wort zu verlieren. Gerade die 
psychoanalytische Forschung hat uns ermöglicht, die neurotische 
Disposition in der Entwicklungsgeschichte der Libido nachzu- 
weisen und die in ihr wirksamen Faktoren auf mitgeborene 
Varietäten der sexuellen Konstitution und in der frühen Kind- 
heit erlebte Einwirkungen der Außenwelt zurückzuführen. 

a) Der nächstliegende, am leichtesten auffindbare und am 
besten verständliche Anlaß "zur neurotischen Erkrankung liegt 
in jenem äußeren Moment vor, welches allgemein als die Ver- 
sagung beschrieben werden kann. Das Individuum war gesund, 
solange seine Liebesbedürftigkeit durch ein reales Objekt der 
Außenwelt befriedigt wurde; es wird neurotisch, sobald ihm 
dieses Objekt entzogen wird, ohne daß sich ein Ersatz dafür 
findet. Glück fällt hier mit Gesundheit, Unglück mit Neurose 

l ) Zentralblatt für Psychoanalyse, Bd. II, 1912. 



^ 









307 

zusammen. Die Heilung fällt dem Schicksal, welches für die 
verlorene Befriedigungsmö'glichkeit einen Ersatz schenken kann, 
leichter als dem Arzte. 

Für diesen Typus, an dem wohl die Mehrzahl der Men- 
schen Anteil hat, beginnt die Erkrankungsmöglichkeit also erst 
mit der Abstinenz, woraus man ermessen kann, wie bedeutungs- 
voll die kulturellen Einschränkungen der zugänglichen Befriedi- 
gung für die Veranlassung der Neurosen sein mögen. Die Ver- 
sagung wirkt dadurch pathogen, daß sie die Libido aufstaut 
und nun das Individuum auf die Probe stellt, wie lange es 
diese Steigerung der psychischen Spannung ertragen, und welche 
Wege es einschlagen wird, sich ihrer zu entledigen. Es gibt 
nur zwei Möglichkeiten, sich bei anhaltender realer Versagung 
der Befriedigung gesund zu erhalten, erstens, indem man die 
psychische Spannung in tatkräftige Energie umsetzt, welche der 
Außenwelt zugewendet bleibt und endlich eine reale Befriedi- 
gung der Libido von ihr erzwingt, und zweitens, indem man 
auf die libidinöse Befriedigung verzichtet, die aufgestaute Libido 
sublimiert und zur Erreichung von Zielen verwendet, die nicht 
mehr erotische sind und der Versagung entgehen. Daß beide 
Möglichkeiten in den Schicksalen der Menschen zur Verwirkli- 
chung kommen, beweist uns, daß Unglück nicht mit Neurose 
zusammentällt, und daß die Versagung nicht allein über Gesund- 
heit oder Erkrankung der Betroffenen entscheidet. Die Wirkung 
der Versagung liegt zunächst darin, daß sie die bis dahin un- 
wirksamen dispositionellen Momente zur Geltung bringt. 

Wo diese in genügend starker Ausbildung vorhanden sind, 
besteht die Gefahr, daß die Libido introvertiert werde 1 ). Sie 
wendet sich von der Realität ab, welche durch die hartnäckige 
Versagung an Wert für das Individuum verloren hat, wendet 
sich dem Phantasieleben zu, in welchem sie neue Wunsch- 
bildungen schafft und die Spuren früherer, vergessener Wunsch- 
bildungen wiederbelebt. Infolge des innigen Zusammenhanges 
der Phantasietätigkeit mit dem in jedem Individuum vorhandenen 
infantilen, verdrängten und unbewußt gewordenen Material und 
dank der Ausnahmsstellung gegen die Realitätsprüfung, die dem 



l ) Nach einem von C. G. Jung eingeführten Terminus. 

20" 






308 

Phantasieleben eingeräumt ist 1 ), kann die Libido nun weiter 
rückläufig werden, auf dem Wege der Regression infantile 
Bahnen auffinden und ihnen entsprechende Ziele anstreben. 
Wenn diese Strebungen, die mit dem aktuellen Zustand der 
Individualität unverträglich sind, genug Intensität erworben 
haben, muß es zum Konflikt zwischen ihnen und dem andern 
Anteil der Persönlichkeit kommen, welcher in Relation zur 
Realität geblieben ist. Dieser Konflikt wird durch Symptom- 
bildungen gelöst und geht in manifeste Erkrankung aus. Daß 
der ganze Prozeß von der realen Versagung ausgegangen ist, 
spiegelt sich in dem Ergebnis wider, daß die Symptome, mit 
denen der Boden der Realität wieder erreicht wird, Ersatz- 
befriedigungen darstellen. 

b) Der zweite Typus der Erkrankungsveranlassung ist 
keineswegs so augenfällig wie der erste und konnte wirklich 
erst durch eindringende analytische Studien im Anschluß an 
die Komplexlehre der Züricher Schule aufgedeckt werden 2 ). 
Das Individuum erkrankt hier nicht infolge einer Veränderung 
in der Außenwelt, welche an die Stelle der Befriedigung die 
Versagung gesetzt hat, sondern infolge einer inneren Bemühung, 
um sich die in der Realität zugängliche Befriedigung zu holen. 
Es erkrankt an dem Versuch, sich der Realität anzupassen und 
die Realforderung zu erfüllen, wobei es auf unüberwindliche 
innere Schwierigkeiten stößt. 

Es empfiehlt sich, die beiden Erkrankungstypen scharf 
gegeneinander abzusetzen, schärfer, als es die Beobachtung zu- 
meist gestattet. Beim ersten Typus drängt sich eine Verände- 
rung in der Außenwelt vor, beim zweiten fällt der Akzent auf 
eine innere Veränderung. Nach dem ersten Typus erkrankt man 
an einem Erlebnis, nach dem zweiten an einem Entwicklungs- 
vorgang. Im ersten Falle wird die Aufgabe gestellt, auf Be- 
friedigung zu verzichten, und das Individuum erkrankt an seiner 
Widerstandsunfähigkeit; im zweiten Falle lautet die Aufgabe, 
eine Art d er Befriedigung gegen eine andere zu vertauschen, 

J ) Vgl. meine „Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychi- 
schen Geschehens". Jahrb. f. Psychoanalyse. Bd. III. 

3 ) Vgl. Jung, Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des ein- 
zelnen. Jahrb. f. Psychoanalyse I, 1909. 






309 



und die Person scheitert an ihrer Starrheit. Im zweiten Falle 
ist der Konflikt zwischen dem Bestreben, so zu verharren, wie 
man ist, und dem andern, sich nach neuen Absichten und 
neuen Realforderungen zu verändern, von vorneherein gegeben; 
im früheren Falle stellt er sich erst her, nachdem die gestaute 
Libido andere, und zwar unverträgliche Befriedigungsmöglich- 
keiten erwählt hat. Die Rolle des Konfliktes und der vorherigen 
Fixierung der Libido sind beim zweiten Typus ungleich augen- 
fälliger als beim ersten, bei dem sich solche unbrauchbare 
Fixierungen eventuell erst infolge der äußeren Versagung her- 
stellen mögen. 

Ein junger Mann, der seine Libido bisher durch Phanta- 
sien mit Ausgang in Masturbation befriedigt hatte und nun 
dieses dem Autoerotismus nahestehende Regime mit der realen 
Objektwahl vertauschen will, ein Mädchen, das seine ganze 
Zärtlichkeit dem Vater oder Bruder geschenkt hatte und nun 
für einen um sie werbenden Mann die bisher unbewußten, in- 
zestuösen Libidowünsche bewußt werden lassen soll, eine Frau, 
die auf ihre polygamen Neigungen und Prostitutionsphantasien 
verzichten möchte, um ihrem Mann eine treue Gefährtin und 
ihrem Kind eine tadellose Mutter zu werden: diese alle erkran- 
ken an den lobenswertesten Bestrebungen, wenn die früheren 
Fixierungen ihrer Libido stark genug sind, um sich einer Ver- 
schiebung zu widersetzen, wofür wiederum die Faktoren der 
Disposition, konstitutionelle Anlage und infantiles Erleben, ent- 
scheidend werden. Sie erleben alle sozusagen das Schicksal des 
Bäumleins im Grimmschen Märchen, das andere Blätter haben 
gewollt; vom hygienischen Standpunkt, der hier freilich nicht 
allein in Betracht kommt, könnte man ihnen nur wünschen, 
daß sie weiterhin so unentwickelt, so minderwertig und nichts- 
nutzig geblieben wären, wie sie es vor ihrer Erkrankung waren. 
Die Veränderung, welche die Kranken anstreben, aber nur un- 
vollkommen oder gar nicht zustande bringen, hat regelmäßig 
den Wert eines Fortschrittes im Sinne des realen Lebens. An- 
ders, wenn man mit ethischem Maßstabe mißt; man sieht die 
Menschen ebenso oft erkranken, wenn sie ein Ideal abstreifen, 
als wenn sie es erreichen wollen. 

Ungeachtet der sehr deutlichen Verschiedenheiten der 



310 



beiden beschriebenen Erkrankungstypen, treffen sie doch im 
wesentlichen zusammen und lassen sich unschwer zu einer Ein- 
heit zusammenfassen. Die Erkrankung an Versagung fällt auch 
unter den Gesichtspunkt der Unfähigkeit zur Anpassung an die 
Realität, nämlich an den einen Fall, daß die Realität die Be- 
friedigung der Libido versagt. Die Erkrankung unter den Be- 
dingungen des zweiten Typus führt ohne weiteres zu einem 
Sonderfall der Versagung. Es ist hiebei zwar nicht je^e Art 
der Befriedigung von der Realität versagt, wohl aber gerade 
die eine, welche das Individuum für die ihm einzig mögliche 
erklärt, und die Versagung geht nicht direkt von der Außen- 
welt, sondern primär von gewissen Strebungen des Ichs aus 
aber die Versagung bleibt das Gemeinsame und Übergeordnete. 
Infolge des Konfliktes, der beim zweiten Typus sofort einsetzt, 
werden beide Arten der Befriedigung, die gewohnte wie die an- 
gestrebte, gleichmäßig gehemmt; es kommt zur Libidostauung 
mit den von ihr ablaufenden Folgen wie im ersten Falle. Die 
psychischen Vorgänge auf dem Wege zur Symptombildung sind 
beim zweiten Typus eher übersichtlicher als beim ersten, da die 
pathogenen Fixierungen der Libido hier nicht erst herzustellen 
waren, sondern während der Gesundheit in Kraft bestanden 
hatten. Ein gewisses Maß von Introversion der Libido war 
meist schon vorhanden; ein Stück der Regression zum Infantilen 
wird dadurch erspart, daß die Entwicklung noch nicht den 
ganzen Weg zurückgelegt hatte. 

c) Wie eine Übertreibung des zweiten Typus, der Erkran- 
kung an der Realforderung, erscheint der nächste Typus, den 
ich als Erkrankung durch Entwicklungshemmung beschrei- 
ben will. Ein theoretischer Anspruch, ihn abzusondern, lä^e 
nicht vor, wohl aber ein praktischer, da es sich um Personen 
handelt, die erkranken, sobald sie das unverantwortliche Kindes- 
alter überschreiten, und somit niemals eine Phase von Gesund- 
heit, d. h. von im ganzen uneingeschränkter Leistungs- und 
Genußfähigkeit erreicht haben. Das Wesentliche des disponieren- 
den Prozesses liegt in diesen Fällen klar zutage. Die Libido 
hat die infantilen Fixierungen niemals verlassen, die Realforde- 
rung tritt niclit plötzlich einmal an das ganz oder zum Teil 
gereifte Individuum heran, sondern wird durch den Tatbestand 



311 

des Älterwerdens selbst gegeben, indem sie sieb, selbstverständ- 
licherweise mit dem Alter des Individuums kontinuierlich än- 
dert. Der Konflikt tritt gegen die Unzulänglichkeit zurück, doch 
müssen wir nach allen unseren sonstigen Einsichten ein Be- 
streben, die Kindheitsfixierungen zu überwinden, auch hier sta- 
tuieren, sonst könnte niemals Neurose, sondern nur stationärer 
Infantilismus der Ausgang des Prozesses sein. 

d) Wie der dritte Typus uns die disponierende Bedingung 
fast isoliert vorgeführt hatte, so macht uns der nun folgende 
vierte auf ein anderes Moment aufmerksam, dessen "Wirksamkeit 
in allen Fällen in Betracht kommt und gerade darum leicht in 
einer theoretischen Erörterung übersehen werden konnte. Wir 
sehen nämlich Individuen erkranken, die bisher gesund gewesen 
waren, an die kein neues Erlebnis herangetreten ist, deren Re- 
lation zur Außenwelt keine Änderung erfahren hat, so daß ihre 
Erkrankung den Eindruck des Spontanen machen muß. Nähere 
Betrachtung solcher Fälle zeigt uns indes, daß sich in ihnen 
doch eine Veränderung vollzogen hat, die wir als höchst bedeut- 
sam für die Krankheitsverursachung einschätzen müssen. Infolge 
des Erreichens eines gewissen Lebensabschnittes und im An- 
schlüsse an gesetzmäßige biologische Vorgänge hat die Quan- 
tität der Libido in ihrem seelischen Haushalt eine Steigerung 
erfahren, welche für sich allein hinreicht, das Gleichgewicht der 
Gesundheit umzuwerfen und die Bedingungen der Neurose her- 
zustellen. Wie bekannt, sind solche eher plötzliche Libidosteige- 
rungen mit der Pubertät und der Menopause, mit dem Erreichen 
gewisser Jahreszahlen bei Frauen, regelmäßig verbunden; bei 
manchen Menschen mögen sie sich überdies in noch unbekannten 
Periodizitäten äußern. Die Libidostauung ist hier das primäre 
Moment, sie wird pathogen infolge der relativen Versagung 
von Seiten der Außenwelt, die einem geringeren Libidoanspruch 
die Befriedigung noch gestattet hätte. Die unbefriedigte und 
gestaute Libido kann wieder die Wege zur Regression eröffnen 
und dieselben Konflikte anfachen, die wir für den Fall der ab- 
soluten äußeren Versagung festgestellt haben. Wir werden auf 
solche Weise daran gemahnt, daß wir das quantitative Moment 
bei keiner Überlegung über Krankheitsveranlassung außer acht 
lassen dürfen. Alle anderen Faktoren, die Versagung, Fixierung. 



312 



Entwicklungshemmung, bleiben wirkungslos, insofern sie nickt 
ein gewisses Maß der Libido betreffen und eine Libidostauung 
von bestimmter Höhe hervorrufen. Dieses Maß von Libido, das 
uns für eine pathogene Wirkung unentbehrlich dünkt, ist für 
uns freilich nicht meßbar; wir können es nur postulieren, nach- 
dem der Krankheitserfolg eingetreten ist. Nur nach einer Rich- 
tung dürfen wir es enger bestimmen; wir dürfen annehmen, 
daß es sich nicht um eine absolute Quantität handelt, sondern 
um das Verhältnis des wirksamen Libidobetrages zu jener 
Quantität von Libido, welche das einzelne Ich bewältigen, d. h. 
in Spannung erhalten, sublimieren oder direkt verwenden kann. 
Daher wird eine relative Steigerung der Libidoquantität die- 
selben "Wirkungen haben können wie eine absolute. Eine Schwä- 
chung des Ichs durch organische Krankheit oder durch beson- 
dere Inanspruchnahme seiner Energie wird imstande sein, Neurosen 
zum Vorschein kommen zu lassen, die sonst trotz aller Dispo- 
sition latent geblieben wären. 

Die Bedeutung, welche wir der Libidoquantität für die 
Krankheitsverursachung zugestehen müssen, stimmt in wünschens- 
werter "Weise zu zwei Hauptsätzen der Neurosenlehre, die sich 
aus der Psychoanalyse ergeben haben. Erstens zu dem Satze, 
daß die Neurosen aus dem Konflikt zwischen dem Ich und der 
Libido entspringen, zweitens zu der Einsicht, daß keine quali- 
tative Verschiedenheit zwischen den Bedingungen der Gesund- 
heit und denen der Neurose bestehe, daß die Gesunden vielmehr 
mit denselben Aufgaben der Bewältigung der Libido zu kämpfen 
haben, nur daß es ihnen besser gelungen ist. 

Es erübrigt noch, einige Worte über das Verhältnis dieser 
Typen zur Erfahrung zu sagen. Wenn ich die Anzahl von 
Kranken überblicke, mit deren Analyse ich gerade jetzt be- 
schäftigt bin, so muß ich feststellen, daß keiner von ihnen einen 
der vier Erkrankung«typen rein realisiert. Ich finde vielmehr 
bei jedem ein Stück der Versagung wirksam neben einem Anteil 
von Unfähigkeit, sich der Realforderung anzupassen; der Ge- 
sichtspunkt der Entwicklungshemmung, die ja mit der Starrheit 
der Fixierungen zusammenfällt, kommt bei allen in Betracht, 
und die Bedeutung der Libidoquantität dürfen wir, wie oben 
ausgeführt, niemals vernachlässigen. Ja, ich erfahre, daß bei 






313 

mehreren unter diesen Kranken die Krankheit in Schüben zum 
Vorschein gekommen ist, zwischen welchen Intervalle von Ge- 
sundheit lagen, und daß jeder dieser Schübe sich auf einen 
andern Typus von Veranlassung zurückführen läßt. Die Auf- 
stellung dieser vier Typen hat also keinen hohen theoretischen 
"Wert; es sind bloß verschiedene "Wege zur Herstellung einer 
gewissen pathogenen Konstellation im seelischen Haushalt, 
nämlich [der Libidostauung, welcher sich das Ich mit seinen 
Mitteln nicht ohne Schaden erwehren kann. Die Situation selbst 
wird aber nur pathogen infolge eines quantitativen Momentes; 
sie ist nicht etwa eine Neuheit für das Seelenleben und durch das 
Eindringen einer sogenannten „Krankheitsursache" geschaffen. 
Eine gewisse praktische Bedeutung werden wir den Er- 
krankungstypen gerne zugestehen. Sie sind in einzelnen Fällen 
auch rein zu beobachten; auf den dritten und vierten Typus 
wären wir nicht aufmerksam geworden, wenn sie nicht die ein- 
zigen Veranlassungen der Erkrankung für manche Individuen 
enthielten. Der erste Typus hält uns den außerordentlich mäch- 
tigen Einfluß der Außenwelt vor Augen, der zweite den nicht 
minder bedeutsamen der Eigenart des Individuums, welche sich 
diesem Einflüsse widersetzt. Die Pathologie konnte dem Problem 
der Krankheitsveranlassung bei den Neurosen nicht gerecht 
werden, solange sie sich bloß um die Entscheidung be- 
mühte, ob diese Affektionen endogener oder exogener 
Natur seien. Allen Erfahrungen, welche auf die Bedeutung der 
Abstinenz (im weitesten Sinne) als Veranlassung hinweisen, 
mußte sie immer den Einwand entgegensetzen, andere Personen 
vertrügen dieselben Schicksale, ohne zu erkranken. Wollte sie 
aber die Eigenart des Individuums als das für Krankheit und 
Gesundheit Wesentliche betonen, so mußte sie sich die Vorhal- 
tung gefallen lassen, daß Personen mit solcher Eigenart die 
längste Zeit über gesund bleiben können, so lange ihnen nur 
gestattet ist, diese Eigenart zu bewahren. Die Psychoanalyse 
hat uns gemahnt, den unfruchtbaren Gegensatz von äußeren und 
inneren Momenten, von Schicksal und Konstitution, aufzugeben, und 
hat uns gelehrt, die Verursachung der neurotischen Erkrankung 
regelmäßig in einer bestimmten psychischen Situation zu finden, 
welche auf verschiedenen Wegen hergestellt werden kann. 












X. 



Die psychogene Sehstörung in psycho- 
analytischer Auffassung 1 ). 



Meine Herren Kollegen! Ich möchte Ihnen an dem Bei- 
spiel der psychogenen Sehstörung zeigen, welche Veränderungen 
unsere Auffassung von der Genese solcher Leiden unter dem 
Einflüsse der psychoanalytischen Untersuchungsmethode erfahren 
hat. Sie wissen, man nimmt die hysterische Blindheit als den 
Typus einer psychogenen Sehstörung an. Die Genese einer 
solchen glaubt man nach den Untersuchungen der französischen 
Schule eines Charcot, Janet, Binet zu kennen. Man ist ja 
imstande, eine solche Blindheit experimentell zu erzeugen, wenn 
man eine des Somnambulismus fähige Person zur Verfügung 
hat. Versetzt man diese in tiefe Hypnose und suggeriert ihr die 
Vorstellung, sie sehe mit dem einen Auge nichts, so benimmt 
sie sich tatsächlich wie eine auf diesem Auge Erblindete, wie 
eine Hysterika mit spontan entwickelter Sehstörung. Man darf 
also den Mechanismus der spontanen hysterischen Sehstörung 
nach dem Vorbild der suggerierten hypnotischen konstruieren. 
Bei der Hysterika entsteht die Vorstellung, blind zu sein, nicht 
aus der Eingebung des Hypnotiseurs, sondern spontan, wie man 
sagt, durch Autosuggestion, und diese Vorstellung ist in beiden 
Fällen so stark, daß sie sich in "Wirklichkeit umsetzt, ganz 
ähnlich wie eine suggerierte Halluzination, Lähmung u. dgl. 

Das klingt ja vollkommen verläßlich und muß jeden be- 
friedigen, der sich über die vielen, hinter den Begriffen Hypnose, 

>) Ärztliche Standeszeitung, Wien, 1910. Festnummer für Prof. 
L. Königstein. 



i 






* 



315 

Suggestion und Autosuggestion versteckten Rätselhaftigkeiten 
hinwegsetzen kann. Insbesondere die Autosuggestion gibt An- 
laß zu weiteren Fragen. Wann, unter "welchen Bedingungen 
wird eine Vorstellung so stark, daß sie sich wie eine Suggestion 
benehmen und ohne weiteres in Wirklichkeit umsetzen kann? Ein- 
gehendere Untersuchungen kabeu da gelehrt, daß man diese 
Frage nicht beantworten kann, ohne den Begriff des „Un- 
bewußten" zu Hilfe zu nehmen. Viele Philosophen sträuben sich 
gegen die Annahme eines solchen seelischen Unbewußten, weil 
sie sich um die Phänomene nicht gekümmert haben, die zu 
seiner Aufstellung nötigen. Den Psychopathologen ist es unver- 
meidlich geworden, mit unbewußten seelischen Vorgängen, un- 
bewußten Vorstellungen u. dgl. zu arbeiten. 

Sinnreiche Versuche haben gezeigt, daß die hysterisch 
Blinden doch in gewissem Sinne sehen, wenn auch nicht im 
vollen Sinne. Die Erregungen des blinden Auges können doch 
gewisse psychische Folgen haben, z. B. Affekte hervorrufen, ob- 
gleich sie nicht bewußt werden. Die hysterisch Blinden sind 
also nur fürs Bewußtsein blind, im Unbewußten sind sie sehend. 
Es sind gerade Erfahrungen dieser Art, die uns zur Sonderung 
von bewußten und unbewußten seelischen Vorgängen nötigen. 
Wie kommt es, daß sie die unbewußte „Autosuggestion", blind 
zu sein, entwickeln, während sie doch im Unbewußten sehen? 

Auf diese weitere Frage antwortet die Forschung der 
Franzosen mit der Erklärung, daß bei den zur Hysterie dis- 
ponierten Kranken von vornherein eine Neigung zur Disso- 
ziation — zur Auflösung des Zusammenhanges im seelischen 
Geschehen — bestehe, in deren Folge manche unbewußte 
Vorgänge sich nicht zum Bewußten fortsetzen. Lassen wir nun 
den AVert dieses Erklärungsversuches für das Verständnis der 
behandelten Erscheinungen ganz außer Betracht und wenden 
wir uns einem andern Gesichtspunkte zu. Sie sehen doch ein, 
meine Herren, daß die anfänglich betonte Identität der hysteri- 
schen Blindheit mit der durch Suggestion hervorgerufenen wieder 
aufgegeben ist. Die Hysterischen sind nicht infolge der auto- 
suggestiven Vorstellung, daß sie nicht sehen, blind, sondern in- 
folge der Dissoziation zwischen unbewußten und bewußten Pro- 
zessen im Sehakt; ihre Vorstellung, nicht zu sehen, ist der 



316 

berechtigte Ausdruck des psychischen Sachverhaltes und nicht 
die Ursache desselben. 

Meine Herren! Wenn Sie der vorstehenden Darstellung 
Unklarheit zum Vorwurf machen, so wird es mir nicht leicht 
werden, sie zu verteidigen. Ich habe versucht, Ihnen eine Synthese 
aus den Ansichten verschiedener Forscher zu gehen und dabei 
wahrscheinlich die Zusammenhänge zu straff angezogen. Ich 
wollte die Begriffe, denen man das Verständnis der psychogenen 
Störungen unterworfen hat: die Entstehung aus übermächtigen 
Ideen, die Unterscheidung bewußter von unbewußten seelischen 
Vorgängen und die Annahme der seelischen Dissoziation, zu 
einer einheitlichen Komposition verdichten, und dies konnte mir 
ebensowenig gelingen, wie es den französischen Autoren, an 
ihrer Spitze P. Jan et, gelungen ist. Verzeihen Sie mir also 
nebst der Unklarheit auch die Untreue meiner Darstellung und 
lassen Sie sich erzählen, wie uns die Psychoanalyse zu einer in 
sich besser gefestigten und wahrscheinlich lebenswahreren Auf- 
fassung der psychogenen Sehstörungen geführt hat. 

Die Psychoanalye akzeptiert ebenfalls die Annahmen der 
Dissoziation und des Unbewußten, setzt sie aber in eine andere 
Beziehung zueinander. Sie ist eine dynamische Auffassung, die 
das seelische Leben auf ein Spiel von einander fördernden und 
hemmenden Kräften zurückführt. AVenn in einem Falle eine 
Gruppe von Vorstellungen im Unbewußten verbleibt, so schließt 
sie nicht auf eine konstitutionelle Unfähigkeit zur Synthese, die 
sich gerade in dieser Dissoziation kundgibt, sondern behauptet, 
daß ein aktives Sträuben anderer Vorstellungsgruppen die Iso- 
lierung und Unbewußtheit der einen Gruppe verursacht hat. 
Den Prozeß, der ein solches Schicksal für die eine Gruppe her- 
beiführt, heißt sie „Verdrängung" und erkennt in ihm etwas 
Analoges, wie es auf logischem Gebiete die Urteilsverwerfung 
ist. Sie weist nach, daß solche Verdrängungen eine außerordent- 
lich wichtige Rolle in unserem Seelenleben spielen, daß sie 
dem Individuum auch häufig mißlingen können, und daß das 
Mißlingen der Verdrängung die Vorbedingung der Symptom- 
bildung ist. 

Wenn also die psychogene Sehstörung, wie wir gelernt 
haben, darauf beruht, daß gewisse, an das Sehen geknüpfte 



•' 
317 

Vorstellungen vom Bewußtsein abgetrennt bleiben, so muß die 
psychoanalytische Denkweise annehmen, diese Vorstellungen seien 
in einen Gegensatz zu anderen stärkeren getreten, für die wir 
den jeweilig anders zusammengesetzten Sammelbegriff des „Ichs" 
verwenden, und seien darum in die Verdrängung geraten. Woher 
soll aber ein solcher, zur Verdrängung auffordernder Gegensatz 
zwischen dem Ich und einzelnen Vorstellungsgruppen rühren? 
Sie merken wohl, daß diese Fragestellung vor der Psychoanalyse 
nicht möglich war, denn vorher wußte man nichts vom psychi- 
schen Konflikt und von der Verdrängung. Unsere Unter- 
suchungen haben uns nun in den Stand gesetzt, die verlangte 
Antwort zu geben. Wir sind auf die Bedeutung der Triebe 
für das Vorstellungsleben aufmerksam geworden; wir haben er- 
fahren, daß sich jeder Trieb durch die Belebung der zu seinen 
Zielen passenden Vorstellungen zur Geltung zu bringen sucht. 
Diese Triebe vertragen sich nicht immer miteinander; sie ge- 
raten häufig in einen Konflikt der Interessen; die Gegensätze 
der Vorstellungen sind nur der Ausdruck der Kämpfe zwischen 
den einzelnen Trieben. Von ganz besonderer Bedeutung für 
unsern Erklärungsversuch ist der unleugbare Gegensatz zwischen 
den Trieben, welche der Sexualität, der Gewinnung sexueller 
Lust dienen, und den anderen, welche die Selbsterhaltung des 
Individuums zum Ziele haben, den Ichtrieben. Als „Hunger" 
oder als „Liebe" können wir nach den Worten des Dichters 
alle in unserer Seele wirkenden organischen Triebe klassifizieren. 
Wir haben den „Sexualtrieb" von seinen ersten Äußerungen 
beim Kinde bis zur Erreichung der als „normal" bezeichneten 
Endgestaltung verfolgt und gefunden, daß er aus zahlreichen 
„Partialtrieben" zusammengesetzt ist, die an den Erregungen 
von Körperregionen haften; wir haben eingesehen, daß diese 
Einzeltriebe eine komplizierte Entwicklung durchmachen müssen, 
ehe sie sich in zweckmäßiger Weise den Zielen der Fortpflanzung 
einordnen können. Die psychologische Beleuchtung unserer 
Kulturentwicklung hat uns gelehrt, daß die Kultur wesentlich 
auf Kosten der sexuellen Partialtriebe entsteht, daß diese unter- 
drückt, eingeschränkt, umgebildet, auf höhere Ziele gelenkt 
werden müssen, um die kulturellen seelischen Konstruktionen her- 
zustellen. Als wertvolles Ergebnis dieser Untersuchungen konnten 






318 

wir erkennen, was uns die Kollegen noch nicht glauben wollen, 
daß die als „Neurosen" bezeichneten Leiden der Menschen auf 
die mannigfachen Weisen des Mißglückens dieser Umbildungs- 
vorgänge an den sexuellen Partialtrieben zurückzuführen sind. 
Das „Ich" fühlt sich durch die Ansprüche der sexuellen Triebe 
bedroht und erwehrt sich ihrer durch Verdrängungen, die aber 
nicht immer den erwünschten Erfolg haben, sondern bedrohliche 
Ersatzbildungen des Verdrängten und lästige Reaktionsbildungen 
des Ichs zur Folge haben. Aus diesen beiden Klassen von 
Phänomenen setzt sich zusammen, was wir die Symptome der 
Neurosen heißen. 

Wir sind von unserer Aufgabe anscheinend weit abge- 
schweift, haben aber dabei die Verknüpfung der neurotischen 
Krankheitszustände mit unserem gesamten Geistesleben ge- 
streift. Gehen wir jetzt zu unserem engeren Problem zurück. 
Den sexuellen wie den Ichtrieben stehen im allgemeinen die 
nämlichen Organe und Organsysteme zur Verfügung. Die sexuelle 
Lust ist nicht bloß an die Funktion der Genitalien geknüpft; 
der Mund dient dem Küssen ebensowohl wie dem Essen und 
der sprachlichen Mitteilung, die Augen nehmen nicht nur die 
für die Lebenserhaltung wichtigen Veränderungen der Außen- 
welt wahr, sondern auch die Eigenschaften der Objekte, durch 
welche diese zu Objekten der Liebeswahl erhoben werden, ihre 
„Reize". Es bewahrheitet sich nun, daß es für niemand leicht 
wird, zweien Herren zugleich zu dienen. In je innigere Be- 
ziehung ein Organ mit solch doppelseitiger Funktion zu dem 
einen der großen Triebe tritt, desto mehr verweigert es sich 
dem andern. Dies Prinzip muß zu pathologischen Konsequenzen 
führen, wenn sich die beiden Grundtriebe entzweit haben, wenn 
von seiten des Ichs eine Verdrängung gegen den betreffenden 
sexuellen Partialtrieb unterhalten wird. Die Anwendung auf 
das Auge und das Sehen ergibt sich leicht. Wenn der sexuelle 
Partialtrieb, der sich des Schauens bedient, die sexuelle Schau- 
lust, wegen seiner übergroßen Ansprüche die Gegenwehr der 
Ichtriebe auf sich gezogen hat, so daß die Vorstellungen, in 
denen sich sein Streben ausdrückt, der Verdrängung verfallen 
und vom Bewußtwerden abgehalten werden, so ist damit die 
Beziehung des Auge3 und des Sehens zum Ich und zum Be- 



319 

wußtsein überhaupt gestört. Das Ich hat seine Herrschaft über 
das Organ verloren, welches sich nun ganz dem verdrängten 
sexuellen Trieb zur Verfügung stellt. Es macht den Eindruck, 
als ginge die Verdrängung von Seiten des Ichs zu weit, als 
schüttete sie das Kind mit dem Bade aus, indem das Ich jetzt 
überhaupt nichts mehr sehen will, seitdem sich die sexuellen 
Interessen im Sehen so sehr vorgedrängt haben. Zutreffender 
. ist aber wohl die andere Darstellung, welche die Aktivität nach 
der Seite der verdrängten Schaulust verlegt. Es ist die Bache, 
die Entschädigung des verdrängten Triebes, daß er, von weiterer 
psychischer Entfaltuug abgehalten, seine Herrschaft über das 
. ihm dienende Organ nun zu steigern vermag. Der Verlust der be- 
wußten Herrschaft über das Organ ist die schädliche Ersatzbildung 
für die mißglückte Verdrängung, die nur um diesen Preis er- 
möglicht war. 

Deutlicher noch als am Auge ist diese Beziehung des 
zweifach in Anspruch genommenen Organs zum bewußten Ich 
und zur verdrängten Sexualität an den motorischen Organen 
ersichtlich, wenn z. B. die Hand hysterisch gelähmt wird, die 
eine " sexuelle Aggression ausführen wollte, und nach deren 
Hemmung nichts anderes mehr tun kann, gleichsam als be- 
stünde sie eigensinnig auf der Ausführung der einen verdrängten 
Innervation, oder wenn die Finger von Personen, welcher der 
Masturbation entsagt haben, sich weigern, das feine Bewegungs- 
spiel, welches am Klavier oder an der Violine erfordert wird, 
zu erlernen. Für das Auge pflegen wir die dunkeln psychischen 
Vorgänge bei der Verdrängung der sexuellen Schaulust und bei 
der Entstehung der psychogenen Sehstörung so zu übersetzen, 
als erhöbe sich in dem Individuum eine strafende Stimme, 
welche sagte: „Weil du dein Sehorgan zu böser Sinneslust miß- 
brauchen wolltest, geschieht es dir ganz recht, wenn du über- 
haupt nichts mehr siehst," und die so den Ausgang des Pro- 
zesses billigte. Es liegt dann die Idee der Talion darin, und 
unsere Erklärung der psychogenen Sehstörung ist eigentlich mit 
jener zusammengefallen, die von der Sage, dem Mythus, der 
Legende dargeboten wird. In der schönen Sage von der Lady 

Godiva verbergen sich alle Einwohner der Städtchens lütte 
ihren verschlossenen Fenstern, um der Dame der Aufgabe, bei 



320 

hellem Tageslichte nackt durch die Straßen zu reiten, zu er- 
leichtern. Der einzige, der durch die Fensterläden nach der ent- 
blößten Schönheit späht, wird gestraft, indem er erblindet. Es ist 
dies übrigens nicht das einzige Beispiel, welches uns ahnen läßt, daß 
der Neurotik auch den Schlüssel zur Mythologie in sich birgt. 
Meine Herren, man macht der Psychoanalyse mit Unrecht 
den Vorwurf, daß sie zu rein psychologischen Theorien der 
krankhaften Vorgänge führe. Schon die Betonung der pathogenen 
Solle der Sexualität, die doch gewiß kein ausschließlich psychi- 
scher Faktor ist, sollte sie gegen diesen Vorwurf schützen. Die 
Psychoanalyse vergißt niemals, daß das Seelische auf dem 
Organischen ruht, wenngleich ihre Arbeit es nur bis zu dieser 
Grundlage und nicht darüber hinaus verfolgen kann. So ist die 
Psychoanalyse auch bereit zuzugeben, ja zu postulieren, daß 
nicht alle funktionellen Sehstörungen psychogen sein können, 
wie die durch Verdrängung der erotischen Schaulust hervor- 
gerufenen. "Wenn ein Organ, welches beiderlei Trieben dient, 
seine erogene Solle steigert, so ist ganz allgemein zu erwarten, 
daß dies nicht ohne Veränderungen der Erregbarkeit und der 
Innervation abgehen wird, die sich bei der Funktion des Organs 
im Dienste des Ichs als Störungen kundgeben werden. Ja, wenn 
wir sehen, daß ein Organ, welches sonst der Sinneswahrnehmung 
dient, sich bei Erhöhung seiner erogenen Solle geradezu wie 
ein Genitale gebärdet, werden wir auch toxische Veränderungen 
in demselben nicht für unwahrscheinlich halten. Für beide 
Arten von Funktionsstörungen infolge der gesteigerten erogenen 
Bedeutung, die physiologischen, wie die toxischen Ursprungs, 
wird man, in Ermangelung eines besseren, den alten, unpas- 
senden Namen „neurotische" Störungen beibehalten müssen. Die 
neurotischen Störungen des Sehens verhalten sich zu den 
psychogenen wie ganz allgemein die Aktualneurosen zu den 
Psychoneurosen; psychogene Sehstörungen werden wohl kaum 
jemals ohne neurotische vorkommen können, wohl aber letztere 
ohne jene. Leider sind diese „neurotischen" Symptome heute 
noch sehr wenig gewürdigt und verstanden, denn der Psycho- 
analyse sind sie nicht unmittelbar zugänglich und die anderen 
Untersuchungsweisen haben den Gesichtspunkt der Sexualität 
außer acht gelassen. 






? 



321 

Von der Psychoanalyse zweigt noch ein anderer, in die 
organische Forschung reichender Gedankengang ab. Man kann 
sich die Frage vorlegen, ob die durch die Lebensemnüsse er- 
zeugte Unterdrückung sexueller Partialtriebe für sich aUein 
hinreicht, die Funktionsstörungen der Organe hervorzurufen, 
oder ob nicht besondere konstitutionelle Verhältnisse vorliegen 
mußten, welche erst die Organe zur Übertreibung ihrer erogenen 
Rolle veranlassen und dadurch die Verdrängung der Triebe 
provozieren. In diesen Verhältnissen müßte man den konstitu- 
tionellen Anteil der Disposition zur Erkrankung an psychogenen 
und neurotischen Störungen erblicken. Es ist dies jenes Moment, 
welches ich bei der Hysterie vorläufig als „somatisches Ent- 
gegenkommen" der Organe bezeichnet habe. 



Proud, Neurosenlehre. III. 



21 




































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Druck von Rudolf M. Rohrer in Brunn. 



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