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Full text of "Totem und Tabu. Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker"

PROF. S. FREUD 

TOTEM UND TABU 



HUGO HELLER & CIE. 
LEIPZIG UND WIEN 



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TOTEM UND TABU 

Einige Übereinstimmungen im 
Seelenleben der Wilden und der Neurotiker 

Von 

Prof. Dr. Sigm. Freud 




1913 

HUGO HELLER & CIE. 

LEIPZIG UND WIEN, I. BAUERNMARKT 3 






Sonderabdruck aus »IMAGO«, Bd. I u. II, 1912/13. 
(Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die 
Geisteswissenschaften, redigiert von Dr. Otto Rank und 
Dr. Hanns Sachs, verlegt von H. Heller & Cie., Wien.) 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



K. ti. K. Hofbuchdrnckerei Karl Froohaska in Tenchon 



VORWORT. 



Die nachstehenden vier Aufsätze, die unter dem Untertitel dieses 
Buches in den beiden ersten Jahrgängen der von mir herausgegebenen 
Zeitschrift „Imago" erschienen sind, entsprechen einem ersten Versuch von 
meiner Seite, Gesichtspunkte und Ergebnisse der Psychoanalyse auf un- 
geklärte Probleme der Völkerpsychologie anzuwenden. Sie enthalten also 
einen methodischen Gegensatz einerseits zu dem groß angelegten Werke 
von W. Wundt, welches die Annahmen und Arbeitsweisen der nicht 
analytischen Psychologie derselben Absicht dienstbar macht, und ander- 
seits zu den Arbeiten der Züricher psychoanalytischen Schule, die um- 
gekehrt Probleme der Individualpsychologie durch Heranziehung von 
völkerpsychologischem Material zu erledigen streben*). Es sei gerne zu- 
gestanden, daß von diesen beiden Seiten die nächste Anregung zu meinen 
eigenen Arbeiten ausgegangen ist. 

Die Mängel dieser letzteren sind mir wohlbekannt. Ich will die- 
jenigen nicht berühren, die von dem Erstlingscharakter dieser Unter- 
suchungen abhängen. Andere aber erfordern ein Wort der Einführung. 
Die vier hier vereinigten Aufsätze machen auf das Interesse eines größeren 
Kreises von Gebildeten Anspruch und können eigentlich doch nur von 
den wenigen verstanden und beurteilt werden, denen die Psychoanalyse 
nach ihrer Eigenart nicht mehr fremd ist. Sie wollen zwischen Ethno- 
logen, Sprachforschern, Folkloristen u. s. w. einerseits und Psychoanalytikern 
anderseits vermitteln und können doch beiden nicht geben, was ihnen 
abgeht: den ersteren eine genügende Einführung in die neue psycho- 
logische Technik, den letzteren eine zureichende Beherrschung des der 
Verarbeitung harrenden Materials. So werden sie sich wohl damit be- 
gnügen müssen, hier wie dort Aufmerksamkeit zu erregen und die Er- 
wartung hervorzurufen, daß ein öfteres Zusammentreffen von beiden 
Seiten nicht ertraglos für die Forschung bleiben kann. 

Die beiden Hauptthemata, welche diesem kleinen Buch den Namen 



*) Jung: Wandlungen und Symbole der Libido, Jahrbuch für psychoanalyt. und 
psychopathologische Forschungen, Bd. IV, 1912; derselbe Autor : Versuch einer Darstellung 
der psychoanalytischen Theorie, ibid. Bd. V, 1913. 



creben der Totem und das Tabu, werden darin nicbt in gleichartiger 
Weise' abgehandelt. Die Analyse des Tabu tritt als durchaus gesicherter, 
das Problem erschöpfender Lösungsversuch auf. Die Untersuchung über 
den Totemismus bescheidet sich zu erklären: Dies ist, was die psycho- 
analytische Betrachtung zur Klärung der Totemprobleme derzeit beibringen 
kann. Dieser Unterschied hängt damit zusammen, daß das Tabu eigentlich 
noch in unserer Mitte fortbesteht; obwohl negativ gefaßt und auf andere 
Inhalte gerichtet, ist es seiner psychologischen Natur nach doch nichts 
anderes als der „kategorische Imperativ« Kant's, der zwangsartig wirken 
will und jede bewußte Motivierung ablehnt. Der Totemismus hingegen 
ist eine unserem heutigen Fühlen entfremdete, in Wirklichkeit längst 
aufgegebene und durch neuere Formen ersetzte religiös-soziale Institution, 
welche nur geringfügige Spuren in Religion, Sitte und Gebrauch des 
Lebens der gegenwärtigen Kulturvölker hinterlassen hat, und selbst bei 
jenen Völkern große Verwandlungen erfahren mußte, welche ihm heute 
noch anhängen. Der soziale und technische Fortschritt der Menschheits- 
geschichte hat dem Tabu weit weniger anhaben können als dem Totem. 
In diesem Buche ist der Versuch gewagt worden, den ursprünglichen 
Sinn des Totemismus aus seinen infantilen Spuren zu erraten, aus den 
Andeutungen, in denen er in der Entwicklung unserer eigenen Kinder 
wieder auftaucht. Die enge Verbindung zwischen Totem und Tabu weist 
die weiteren Wege zu der hier vertretenen Hypothese, und wenn diese 
am Ende recht unwahrscheinlich ausgefallen ist, so ergibt dieser Cha- 
rakter nicht einmal einen Einwand gegen die Möglichkeit, daß sie mehr 
oder weniger nahe an die schwierig zu rekonstruierende Wirklichkeit 
herangerückt sein könnte. 



Rom, im September 1913. 



Inhaltsangabe. 



Seite 

I. Die Inzestscheu 1 

II. Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen ... 17 

HI. Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken 69 

IV. Die infantile Wiederkehr des Toteinismus 92 



I. 
Die Inzestscheu. 

Den Menschen der Vorzeit kennen wir in den Entwieklungsstadien, 
die er durchlaufen hat, durch die unbelebten Denkmäler und Geräte, die 
er uns hinterlassen, durch die Kunde von seiner Kunst, seiner Religion 
und Lebensanschauung, die wir entweder direkt oder auf dem Wege der 
Tradition in Sagen, Mythen und Märchen erhalten haben, durch die 
Überreste seiner Denkweisen in unseren eigenen Sitten und Gebräuchen. 
Außerdem aber ist er noch in gewissem Sinne unser Zeitgenosse ; es leben 
Menschen, von denen wir glauben, daß sie den Primitiven noch sehr 
nahe stehen, viel näher als wir, in denen wir daher die direkten Ab- 
kömmlinge und Vertreter der früheren Menschen erblicken. Wir urteilen 
so über die sogenannten wilden und halbwilden Völker, deren Seelen- 
leben ein besonderes Interesse für uns gewinnt, wenn wir in ihm eine 
gut erhaltene Vorstufe unserer eigenen Entwicklung erkennen dürfen. 

Wenn diese Voraussetzung zutreffend ist, so wird eine Vergleichung 
der „Psychologie der Naturvölker", wie die Völkerkunde sie lehrt, mit 
der Psychologie des Neurotikers, wie sie durch die Psychoanalyse be- 
kannt worden ist, zahlreiche Übereinstimmungen aufweisen müssen, und 
wird uns gestatten, bereits Bekanntes hier und dort in neuem Lichte 

zu sehen. 

Aus äußeren wie aus inneren Gründen wähle ich für diese Ver- 
gleichung jene Völkerstämme, die von den Ethnographen als die zurück- 
gebliebensten, armseligsten Wilden beschrieben worden sind, die Ur- 
einwohner des jüngsten Kontinents, Australien, der uns auch in seiner 
Fauna soviel Archaisches, anderswo Untergegangenes, bewabrt hat. 

Die Ureinwohner Australiens werden als eine besondere Rasse be- 
trachtet die weder physisch noch sprachlich Verwandtschaft mit ihren 
nächsten Nachbarn, den melanesischen, polynesischen und malaiischen 
Völkern erkennen läßt. Sie bauen weder Häuser noch feste Hütten, be- 
arbeiten den Boden nicht, halten keine Haustiere bis auf den Hund, 
kennen nicht einmal die Kunst der Töpferoi. Sie nähren sich ausschließ- 
lich von dem Fleische aller möglichen Tiere, die sie erlegen, und von 

Totem und Tabu. 



I. Die Inzestscheu. 
2 

Wurzeln, die sie graben. Könige oder Häuptlinge sind bei ihnen u „ 
bekannt, die Versammlung der gereiften Männer entscheidet über die 
gemeinsamen Angelegenheiten. Es ist durchaus zweifelhaft, ob man ihnen 
Spuren von Religion in Form der Verehrung höherer Wesen zugestehen 
darf Die Stämme im Innern des Kontinents, die infolge von Wasser- 
armut mit den härtesten Lebensbedingungen zu ringen haben, scheinen 
in allen Stücken primitiver zu sein, als die der Küste nahewohnenden. 
Von diesen armen nackten Kannibalen werden wir gewiß nicht er- 
warten, daß sie im Geschlechtsleben in unserem Sinne sittlich seien^ 
ihren sexuellen Trieben ein hohes Maß von Beschränkung auferlegt 
haben. Und doch erfahren wir, daß sie sich mit ausgesuchtester Sorgfalt 
und peinlichster Strenge die Verhütung inzestuöser Geschlechtsbeziehungen 
zum Ziel gesetzt haben. Ja ihre gesamte soziale Organisation scheint 
dieser Absicht zu dienen oder mit ihrer Erreichung in Beziehung ge- 
bracht worden zu sein. - 
An Stelle aller fehlenden religiösen und sozialen Institutionen rindet 
sich bei den Australiern das System des Totem ismus. Die australi- 
schen Stämme zerfallen in kleinere Sippen oder Clans, von denen sich 
jeder nach seinem Totem benennt. Was ist nun der Totem? In der 
Regel ein Tier, ein eßbares, harmloses oder gefährliches, gefürchtetes, 
seltener eine Pflanze oder eine Naturkraft (Regen, Wasser), welches in 
einem besonderen Verhältnis zu der ganzen Sippe steht. Der Totem ist 
erstens der Stammvater der Sippe, dann aber auch ihr Schutzgeist und 
Helfer, der ihnen Orakel sendet, und wenn er sonst gefährlich ist, seine 
Kinder kennt und verschont. Die Totemgenossen stehen dafür unter der 
heiligen, sich selbstwirkend strafenden Verpflichtung, ihren Totem nicht 
zu töten (vernichten) und sich seines Fleisches (oder des Genusses, den 
er sonst bietet) zu enthalten. Der Totemcharakter haftet nicht an einem 
Einzeltier oder Einzelwesen, sondern an allen Individuen der Gattung. 
Von Zeit zu Zeit werden Feste gefeiert, bei denen die Totemgenossen in 
zeremoniösen Tänzen die Bewegungen und Eigenheiten ihres Totem dar- 
stellen oder nachahmen. , 

Der Totem ist entweder in mütterlicher oder in väterlicher Linie 
erblich; die erstere Art ist möglicherweise überall die ursprüngliche und 
erst später durch die letztere abgelöst worden. Die Zugehörigkeit zum 
Totem ist die Grundlage aller sozialen Verpflichtungen des Australiers, 
setzt sich einerseits über die Stammesangehörigkeit hinaus und drangt 
anderseits die Blutsverwandtschaft zurück. 1 ) 

ifFrlzer, Totemism and Exogamy, Bd. I, p. 53. The totem bond is strenger 

than the bond of blood or family in the modern sense. 



Der Totemiamns. 3 

An Boden und Örtlichkeit ist der Totem nicht gebunden; die 
Totemgenossen wohnen von einander getrennt und mit den Anhängern 
anderer Totem friedlich beisammen. 1 ) 

Und nun müssen wir endlich jener Eigentümlichkeit des totemisti- 
schen Systems gedenken, wegen welcher auch das Interesse des Psycho- 
analytikers sich ihm zuwendet. Fast überall, wo der Totem gilt, besteht 
auch das Gesetz, daß Mitglieder desselben Totem nicht in ge- 
schlechtliche Beziehungen zu einander treten, also auch 

*) Dieser knappste Extrakt des totemistischen Systems kann nicht ohne Er- 
läuterungen und Einschränkungen bleiben: Der Name Totem ist in der Form Totam 
1791 durch den Engländer J. Long von den Rothäuten Nordamerikas übernommen 
worden. Der Gegenstand selbst hat allmählich in der Wissenschaft großes Interesse 
gefunden und eine reichhaltige Literatur hervorgerufen, aus welcher ich als Haupt- 
werke das vierbändige Buch von J. G. Frazer, „Totemism and Exogamy, 1910" und 
Bücher und Schriften von Andrew Lang („The secret of the Totem, 1905") her- 
vorhebe. Das Verdienst, die Bedeutung des Totemismus für die Urgeschichte der 
Menschheit erkannt zu haben, gebührt dem Schotten J. Ferguson Mc Lennan 
(1869—1870). Totemistische Institutionen wurden oder werden heute noch außer bei 
den Australiern bei den Indianern Nordamerikas beobachtet, ferner bei den Völkern 
der ozeanischen Inselwelt, in Ostindien und in einem großen Teil von Afrika. Manche 
sonst schwer zu deutende Spuren und Überbleibsel lassen aber erschließen, daß der 
Totemismus einst auch bei deu arischen und semitischen Urvölkern Europas be- 
standen hat, so daß viele Forscher geneigt sind, eine notwendige und überall durch- 
schrittene Phase der menschlichen Entwicklung in ihm zu erkennen. 

Wie kamen die vorzeitlichen Menschen nur dazu, sich einen Totem beizulegen, 
d. h. die Abstammung von dem oder jenem Tier zur Grundlage ihrer sozialen Ver- 
pflichtungen und, wie wir hören werden, auch ihrer sexuellen Beschränkungen zu 
machen? Es gibt darüber zahlreiche Theorien, deren Übersicht der deutsche Leserin 
Wundts Völkerpsychologie (Bd. II, Mythus und Religion) finden kann, aber keine 
Einigung. Ich verspreche, das Problem des Totemismus demnächst zum Gegenstand 
einer besonderen Studie zumachen, in welcher dessen Lösung durch Anwendung psycho- 
analytischer Denkweise versucht werden soll. (Vgl. die vierte Abhandlung dieses Bandes.) 

Aber nicht nur, daß die Theorie des Totemismus strittig ist, auch die Tat- 
sachen desselben sind kaum in allgemeinen Sätzen auszusprechen, wie oben versucht 
wurde. Es gibt kaum eine Behauptung, zu welcher man nicht Ausnahmen oder 
Widersprüche hinzufügen müßte. Man darf aber nicht vergessen, daß auch die pri- 
mitivsten und konservativsten Völker in gewissem Sinne alte Völker sind und eine 
lange Zeit hinter sich haben, in welcher das Ursprüngliche bei ihnen viel Entwicklung 
und Entstellung erfahren hat. So findet man den Totemismus heute bei den Völkern, 
die ihn noch zeigen, in den mannigfaltigsten Stadien des Verfalls, der Abbröckelung 
des Überganges zu anderen sozialen und religiösen Institutionen oder aber in sta- 
tionären Ausgestaltungen, die sich weit genug von seinem ursprünglichen Wesen ent- 
fernt haben mögen. Die Schwierigkeit liegt dann darin, daß es nicht ganz leicht ist 
zu entscheiden, was an den aktuellen Verhältnissen als getreues Abbild der sinnvollen 
Vergangenheit, was als sekundäre Entstellung derselben gefaßt werden darf. 

1* 






. L Die Inzestscheu. 

4 

einander nicht heiraten dürfen. Das ist die mit dem Totem ver- 
bundene Exogamie. . * 
Dieses streng gehandhabte Verbot ist sehr merkwürdig. Es wird 
durch nichts vorbereitet, was wir vom Begriff oder den Eigenschaften 
des Totem bisher erfahren haben; man versteht also nicht, wie es m das 
System des Totemismus hineingeraten ist. Wir verwundern uns darum 
nicht, wenn manche Forscher geradezu annehmen, die Exogamie habe 
ursprünglich - im Beginn der Zeiten und dem Sinne nach — nichts 
mit dem Totemismus zu tun, sondern sei ihm irgend einmal, als sich 
Heiratsbeschränkungen notwendig erwiesen, ohne tieferen Zusammenhang 
angefügt worden. Wie immer dem sein mag, die Vereinigung von Tote- 
mismus und Exogamie besteht und erweist sich als eine sehr feste. 

Machen wir uns die Bedeutung dieses Verbots durch weitere Er- 
örterungen klar. 

a) Die Übertretung dieses Verbotes wird nicht einer sozusagen 
automatisch eintretenden Bestrafung der Schuldigen überlassen wie bei 
den anderen Toteinverboten (z. B. das Totemtier nicht zu töten), sondern 
wird vom ganzen Stamme aufs energischeste geahndet, als gelte es eine 
die ganze Gemeinschaft bedrohende Gefahr oder eine sie bedrückende 
Schuld abzuwehren. Einige Sätze aus dem Buche von Frazer 1 ) mögen 
zeigen, wie ernst solche Verfehlungen von diesen, nach unserem Maß- 
stabe sonst recht unsittlichen Wilden behandelt werden. 

„In Australia the regulär penalty for sexual intercourse with a 
person of a forbidden clan is death. It matters not whether the woman 
be of the same local group or has been captured in war from another 
tribe; a man of the wrong clan who uses her as his wife is hunted 
down and killed by his clansmen, and so is the woman ; though in some 
cases, if they succeed in eluding capture for a certain time, the offence 
may be condoned. In the Ta-Ta-thi tribe, New South Wales, in the rare 
cases which occur, the man is killed but the woman is only beaten or 
speared, or both, tili she is nearly dead; the reason given for not actu- 
ally killing her being that she was pvobably coerced. Even in casual 
amours the clan prohibitions are strictly observed, any violations of these 
prohibitions „are regarded with the utmost abhorrence and are punished 

by death (Howitt)." 

b) Da dieselbe harte Bestrafung auch gegen flüchtige Liebschatten 
geübt wird, die nicht zur Kindererzeugung geführt haben, so werden 
andere, z. B. praktische Motive des Verbotes unwahrscheinlich. 
"~ i) Frazer, 1. c. Bd. I, p. 54. 



Die Exogamie beim Totemismus. 5 

c) Da der Totem hereditär ist und durch die Heirat nicht verändert 
wird, so lassen sich die Folgen des Verbotes etwa bei mütterlicher Erb- 
lichkeit leicht übersehen. Gehört der Mann z. B. einem Clan mit dem 
Totem Känguruh an und heiratet eine Frau vom Totem Emu, so sind 
die Kinder, Knaben und Mädchen, alle Emu. Einem Sohne dieser Ehe 
wird also durch die Totemregel der inzestuöse Verkehr mit seiner Mutter 
und seinen Schwestern, die Emu sind wie er, unmöglich gemacht. 1 ) 

d) Es bedarf aber nur einer Mahnung, um einzusehen, daß die mit 
dem Totem verbundene Exogamie mehr leistet, also mehr bezweckt, als 
die Verhütung des Inzests mit Mutter und Schwestern. Sie macht dem 
Manne auch die sexuelle Vereinigung mit allen Frauen seiner eigenen 
Sippe unmöglich, also mit einer Anzahl von weiblichen Personen, die 
ihm nicht blutsverwandt sind, indem sie alle diese Frauen wie Bluts- 
verwandte behandelt. Die psychologische Berechtigung dieser großartigen 
Einschränkung, die weit über alles hinausgeht, was sich ihr bei zivili- 
sierten Völkern an die Seite stellen läßt, ist zunächst nicht ersichtlich. 
Man glaubt nur zu verstehen, daß die Rolle des Totem (Tieres) als Ahn- 
herrn dabei sehr ernst genommen wird. Alles, was von dem gleichen 
Totem abstammt, ist blutsverwandt, ist eine Familie und in dieser Fa- 
milie werden die entferntesten Verwandtschaftsgrade als absolutes Hin- 
dernis der sexuellen Vereinigung anerkannt. 

So zeigen uns denn diese Wilden einen ungewohnt hohen Grad 
von Inzestscheu oder Inzestempfindlichkeit, verbunden mit der von uns 
nicht gut verstandenen Eigentümlichkeit, daß sie die reale Blutsverwandt- 
schaft durch die Totem Verwandtschaft ersetzen. Wir dürfen indes diesen 
Gegensatz nicht allzusehr übertreiben und wollen im Gedächtnis behalten, 
daß die Totemverbote den realen Inzest als Spezialfall miteinschließen. 

Auf welche Weise es dabei zum Ersatz der wirklichen Familie durch 
die Totemsippe gekommen, bleibt ein Rätsel, dessen Lösung vielleicht 
mit der Aufklärung des Totem selbst zusammenfällt. Man müßte freilich 
daran denken, daß bei einer gewissen, über die Eheschranken hinaus- 
gehenden Freiheit des Sexualverkehrs die Blutsverwandtschaft und somit 

J ) Dem Vater, der Känguruh ist, wird aber — wenigstens durch dieses Ver- 
bot — der Inzest mit seinen Töchtern, die Emu sind, frei gelassen. Bei väterlicher 
Vererbung des Totem wäre der Vater Känguruh, die Kinder gleichfalls Känguruh, 
dem Vater würde dann der Inzest mit den Töchtern verboten sein, dem Sohne der 
Inzest mit der Mutter freibleiben. Diese Erfolge der Totemverbote ergeben einen Hin- 
weis darauf, daß die mütterliche Vererbung älter ist als die väterliche, denn es liegt 
Grund vor anzunehmen, daß die Totemverbote vor allem gegen die inzestuösen Ge- 
lüste des Sohnes gerichtet sind. 



n I. Die Inzestacheu. 

die Inzestverhütung so unsicher werden, daß man eine andere Fundierung 
des Verbots nicht entbehren kann. Es ist darum nicht überflüssig zu 
bemerken, daß die Sitten der Australier soziale Bedingungen und fest- 
liche Gelegenheiten anerkennen, bei denen das ausschließliche Eheanrecht 
eines Mannes auf ein Weib durchbrochen wird. 

Der Sprachgebrauch dieser australischen Stämme 1 ) weist eine Eigen- 
tümlichkeit auf, welche unzweifelhaft in diesen Zusammenhang gehört. 
Die Verwandtschaftsbezeichnungen nämlich, deren sie sich bedienen, 
fassen nicht die Beziehung zwischen zwei Individuen, sondern zwischen einem 
Individuum und einer Gruppe ins Auge ; sie gehören nach dem Ausdrucke 
L. H. Morgan's dem „klassifizierenden" System an. Das will 
heißen, ein Mann nennt „Vater" nicht nur seinen Erzeuger, sondern auch 
jeden anderen Mann, der nach den Stammessatzungen seine Mutter hätte 
heiraten und so sein Vater hätte werden können; er nennt „Mutter" jede 
andere Frau neben seiner Gebärerin, die ohne Verletzung der Stammes- 
gesetze seine Mutter hätte werden können; er heißt „Brüder", „Schwestern" 
nicht nur die Kinder seiner wirklichen Eltern, sondern auch die Kinder 
all der genannten Personen, die in der elterlichen Gruppenbeziehung zu 
ihm stehen usw. Die Verwandtschaftsnamen, die zwei Australier einander 
geben, deuten also nicht notwendig auf eine Blutsverwandtschaft zwischen 
ihnen hin, wie sie es nach unserem Sprachgebrauche müßten ; sie bezeichnen 
vielmehr soziale als physische Beziehungen. Eine Annäherung an dieses 
klassifikatorische System findet sich bei uns etwa in der Kinderstube, 
wenn das Kind veranlaßt wird, jeden Freund und jede Freundin der 
Eltern als „Onkel" und „Tante" zu begrüßen, oder im übertragenen Sinn, 
wenn wir von „Brüdern in Apoll", „Schwestern in Christo" sprechen. 

Die Erklärung dieses für uns so sehr befremdenden Sprachgebrauchs 
ergibt sich leicht, wenn man ihn als Rest und Anzeichen jener Heirats- 
institution auffaßt, die der Rev. L. Fison „Gruppenehe" genannt 
hat, deren Wesen darin besteht, daß eine gewisse Anzahl von Männern 
eheliche Rechte über eine gewisse Anzahl von Frauen ausübt. Die Kinder 
dieser Gruppenehe würden dann mit Recht einander als Geschwister 
betrachten, obwohl sie nicht alle von derselben Mutter geboren sind und 
alle Männer der Gruppe für ihre Väter halten. 

Obwohl manche Autoren, wie z. B. Westermarck in seiner 
„Geschichte der menschlichen Ehe 2 ), sich den Folgerungen widersetzen, 
welche andere aus der Existenz der Gruppenverwandtschaftsnamen 

x ) Sowie der meisten Totemvölker. 
*) 2. Auflage, 1902. 






Die klassifizierenden Verwandtschaftsnamen. 



gezogen haben, so stimmen doch gerade die besten Kenner der austra- 
lischen Wilden darin überein, daß die klassifikatorischeu Verwandtschafts- 
namen als Überrest aus Zeiten der Gruppenehe zu betrachten sind. Ja, 
nach Spencer und Gillen 1 ) läßt sich eine gewisse Form der Gruppen- 
ehe bei den Stämmen der Urabunna und der Dieri noch als heute 
bestehend feststellen. Die Gruppenehe sei also bei diesen Völkern der 
individuellen Ehe vorausgegangen und nicht geschwunden ohne deutliche 
Spuren in Sprache und Sitten zurückzulassen. 

Ersetzen wir aber die individuelle Ehe durch die Gruppenehe, so 
wird uns das scheinbare Übermaß von Inzestvermeidung, welches wir bei 
denselben Völkern angetroffen haben, begreiflich. Die Totemexogamie, 
das Verbot des sexuellen Verkehrs zwischen Mitgliedern desselben Clans, 
erscheint als das angemessene Mittel zur Verhütung des Gruppeninzests, 
welches dann fixiert wurde und seine Motivierung um lange Zeiten über- 
dauert hat. 

Glauben wir so, die Heiratsbeschränkungen der Wilden Australiens 
in ihrer Motivierung verstanden zu haben, so müssen wir noch erfahren, 
daß die wirklichen Verhältnisse eine weit größere, auf den ersten Anblick 
verwirrende, Kompliziertheit erkennen lassen. Es gibt nämlich nur wenige 
Stämme in Australien, die kein anderes Verbot als die Totemschranke 
zeigen. Die meisten sind derart organisiert, daß sie zunächst in zwei 
Abteilungen zerfallen, die man Heiratsklassen (englisch : Phrathry) genannt 
hat. Jede dieser Heiratsklassen ist exogam und schließt eine Mehrzahl 
von Totemsippen ein. Gewöhnlich teilt sich noch jede Heiratsklasse in 
zwei Unterklassen (Subphrathries), der ganze Stamm also in vier; die 
Unterklassen stehen so zwischen den Phrathrien und den Totemsippen. 

Das typische, recht häufig verwirklichte Schema der Organisation 
eines australischen Stammes sieht also folgendermaßen aus : 



Phrathrien 



a 




d 



A A -A A 

C*.ßY 8 E yj 12.3 *t S 6 



*) The Native Tribes of Central Australia, London 1899. 



8 



I. Die Inzestscheu. 



Die zwölf Totemsippen sind in vier Unterklassen und zwei Klassen 
untergebracht. Alle Abteilungen sind exogam. 1 ) Die Subklasse c bildet 
mit e, die Subklasse d mit j eine exogame Einheit. Der Erfolg, also 
die Tendenz, dieser Einrichtungen ist nicht zweifelhaft; es wird auf 
diesem Wege eine weitere Einschränkung der Heiratswahl und der 
sexuellen Freiheit herbeigeführt. Bestünden nur die zwölf Totemsippen, 
so wäre jedem Mitglied einer Sippe — bei Voraussetzung der gleichen 
Menschenanzahl in jeder Sippe — 11 / l2 aller Frauen des Stammes zur 
Auswahl zugänglich. Die Existenz der beiden Phrathrien beschränkt 
diese Anzahl auf 6 / 12 = x / 2 ; ein Mann vom Totem a) kann nur eine 
Frau der Sippen 1 bis 6 heiraten. Bei Einführung der beiden Unter- 
klassen sinkt die Auswahl auf 8 /i 2 — V4 > e * n Mann vom Totem a) muß 
seine Ehewahl auf die Frauen der Totem 4, 5, 6 beschränken. 

Die historischen Beziehungen der Heiratsklassen — deren bei einigen 
Stämmen bis zu acht vorkommen — zu den Totemsippen sind durchaus 
ungeklärt. Man sieht nur, daß diese Einrichtungen dasselbe erreichen 
wollen wie die Totemexogamie und auch noch mehr anstreben. Aber 
während die Totemexogamie den Eindruck einer heiligen Satzung macht, 
die entstanden ist, man weiß nicht wie, also einer Sitte, scheinen die 
komplizierten Institutionen der Heiratsklassen, ihrer Unterteilungen und 
der daran geknüpften Bedingungen zielbewußter Gesetzgebung zu ent- 
stammen, die vielleicht die Aufgabe der Inzestverhütung neu aufnahm, 
weil der Einfluß des Totem im Nachlassen war. Und während das 
Totemsystem, wie wir wissen, die Grundlage aller anderen sozialen Ver- 
pflichtungen und sittlichen Beschränkungen des Stammes ist, erschöpft 
sich die Bedeutung der Phrathrien im allgemeinen in der durch sie an- 
gestrebten Regelung der Ehewahl. 

In der weiteren Ausbildung des Heiratsklassensystems zeigt sich 
ein Bestreben, über die Verhütung des natürlichen und des Gruppen- 
inzests hinauszugehen und Ehen zwischen entfernteren Gruppenverwandten 
zu verbieten, ähnlich wie es die katholische Kirche tat, indem sie die 
seit jeher für Geschwister geltenden Heiratsverbote auf die Vetteruschaft 
ausdehnte und die geistlichen Verwandtschaftsgrade dazu erfand. 2 ) 

Es würde unserem Interesse wenig dienen, wenn wir in die außer- 
ordentlich verwickelten und ungeklärten Diskussionen über Herkunft und 
Bedeutung der Heiratsklassen, sowie über deren Verhältnis zum Totem 

*) Die Anzahl der Totem ist willkürlich gewählt. 

2 ) Artikel Totemism in Encyclopedia Britannica. Elfte Auflage, 1911. 
(A. Lang). 



Die Heiratsklassen. — Andere Beschränkungen. Q 

tiefer eindringen wollten. Für unsere Zwecke gentigt der Hinweis auf 
die große Sorgfalt, welche die Australier sowie andere wilde Völker 
zur Verhütung des Inzests aufwenden. 1 ) Wir müssen sagen, diese Wilden 
sind selbst inzestempfindlicher als wir. Wahrscheinlich liegt ihnen die 
Versuchung näher, so daß sie eines ausgiebigeren Schutzes gegen dieselbe 
bedürfen. 

Die Inzestscheu dieser Völker begnügt sich aber nicht mit der Auf- 
richtung der beschriebenen Institutionen, welche uns hauptsächlich gegen 
den Gruppeninzest gerichtet scheinen. Wir müssen eine Reihe von 
„Sitten" hinzunehmen, welche den individuellen Verkehr naher Verwandter 
in unserem Sinne behüten, die mit geradezu religiöser Strenge eino e - 
halten werden, und deren Absicht uns kaum zweifelhaft erscheinen kann. 
Man kann diese Sitten oder Sittenverbote „Vermeidungen« (avoidances) 
heißen. Ihre Verbreitung geht weit über die australischen Totemvölker 
hinaus. Ich werde aber auch hier die Leser bitten müssen, mit einem 
fragmentarischen Ausschnitt aus dem reichen Material vorlieb zu nehmen. 

In Melanesien richten sieh solche einschränkende Verbote gegen den 
Verkehr der Knaben mit Mutter und Schwestern. So z. B. verläßt auf 
Lepers Island, einer der Neuhebriden, der Knabe von einem be- 
stimmten Alter an das mütterliche Heim und übersiedelt ins „Klubhaus", 
wo er jetzt regelmäßig schläft und seine Mahlzeiten einnimmt. Er darf 
sein Heim zwar noch besuchen, um dort Nahrung zu verlangen • wenn 
aber seine Schwester zu Hause ist, muß er fortgehen, ehe er gegessen 
hat; ist keine Schwester anwesend, so darf er sich in der Nähe der 
Tür zum Essen niedersetzen. Begegnen sich Bruder und Schwester zu- 
fällig im Freien, so muß sie weglaufen oder sich seitwärts verstecken. 
Wenn der Knabe gewisse Fußspuren im Sande als die seiner Schwester 
erkennt, so wird er ihnen nicht folgen, ebensowenig wie sie den seinigen. Ja 
er wird nicht einmal ihren Namen aussprechen und wird sich hüten, ein 
geläufiges Wort zu gebrauchen, wenn es als Bestandteil in ihrem Namen 
enthalten ist. Diese Vermeidung, die mit der Pubertätszeremonie beginnt, 
wird über das ganze Leben festgehalten. Die Zurückhaltung zwischen 
einer Mutter und ihrem Solin nimmt mit den Jahren zu, ist übrigens 
überwiegend auf Seite der Mutter. Wenn sie ihm etwas zu essen bringt, 
reicht sie es ihm nicht selbst, sondern stellt es vor ihn hin, sie redet 
ihn auch nicht vertraut an, sagt ihm — nach unserem Sprachgebrauch 

2 ) Auf diesen Punkt hat erst kürzlich Stör f er in seiner Studie: „Zur Sonder- 
stellung des Vatermordes. " Schriften zur angewandten Seelenkonde, 12. Heft, Wien 
1911, nachdrücklich aufmerksam gemacht. 



10 



I. Die Inzestscheu. 



— nicht „Du", sondern „Sie". Ähnliche Gebräuche herrschen in Neu- 
kaledonien. Wenn Bruder und Schwester einander begegnen, so 
flüchtet sie ins Gebüsch, und er geht vorüber, ohne den Kopf nach ihr 

zu wenden. 1 ) 

Auf der Gazellen-Halbinsel in Newbritannien darf eine 
Schwester von ihrer Heirat an mit ihrem Bruder nicht mehr sprechen, 
sie spricht auch seinen Namen nicht mehr aus, sondern bezeichnet ihn 
mit einer Umschreibung. 2 ) 

Auf Neumecklenburg werden Vetter und Base (obwohl nicht 
jeder Art) von solchen Beschränkungen getroffen, ebenso aber Bruder 
und Schwester. Sie dürfen sich einander nicht nähern, einander nicht 
die Hand geben, keine Geschenke machen, dürfen aber in der Entfernung 
von einigen Schritten mit einander sprechen. Die Strafe für den Inzest 
mit der Schwester ist der Tod durch Erhängen. 3 ) 

Auf den Fiji-Inseln sind diese Vermeidungsregeln besonders 
strenge; sie betreffen dort nicht nur die blutsverwandte, sondern selbst 
die Gruppenschwester. Um so sonderbarer berührt es uns, wenn wir 
hören, daß diese Wilden heilige Orgien kennen, in denen eben diese ver- 
botenen Verwandtschaftsgrade die geschlechtliche Vereinigung aufsuchen, 
wenn wir es nicht vorziehen, diesen Gegensatz zur Aufklärung des 
Verbots zu verwenden, anstatt uns über ihn zu verwundern. 4 ) 

Unter den Battas auf Sumatra betreffen die Vermeidungsgebote 
allen nahen Verwandtschaftsbeziehungen. Es wäre für einen Batta 
z. B. höchst anstößig, seine eigene Schwester zu einer Abendgesellschaft 
zu begleiten. Ein Battabruder wird sich in Gesellschaft seiner Schwester 
unbehaglich fühlen, selbst wenn noch andere Personen mitanwesend sind. 
Wenn der eine von ihnen ins Haus kommt, so zieht es der andere Teil 
vor wegzugehen. Ein Vater wird auch nicht allein im Hause mit seiner 
Tochter bleiben, ebensowenig wie eine Mutter mit ihrem Sohne. Der 
holländische Missionär, der über diese Sitten berichtet, fügt hinzu, er 
müsse sie leider für sehr wohlbegründet halten. Es wird bei diesem 
Volke ohne weiters angenommen, daß ein Alleinsein eines Mannes mit 
einer Frau zu ungehöriger Intimität führen werde, und da sie vom 
Verkehr naher Blutsverwandter alle möglichen Strafen und üblen Folgen 



l ) E. H. Codrington, „The Melanesians" bei Frazer, „Totemism und Exo- 
gamy", Bd. I., p. 77. 

*) Frazer, 1. c. II. p. 124, nach Kleintitschen: Die Küstenbewohner der 

Gazellen-Halbinsel. 

8 ) Frazer, 1. c. IL, pag. 131, nach P. G. Peckel in Anthropos, 1908. 
*) Frazer, 1. c. IL, pag. 147, nach Rev. L. Fison. 



Die Vermeidungssitten. 



11 



«rwarten, tuen sie recht daran, allen Versuchungen durch solche Verbote 
auszuweichen. l ) 

Bei den Barongos an der Delagoa-Bucht in Afrika gelten 
merkwürdigerweise die strengsten Vorsichten der Schwägerin, der Frau 
des Bruders der eigenen Frau. Wenn ein Mann diese ihm gefährliche 
Person irgendwo begegnet, so weicht er ihr sorgsam aus. Er wagt es 
nicht, aus einer Schüssel mit ihr zu essen, er spricht sie nur zagend 
an, getraut sich nicht in ihre Hütte einzutreten und begrüßt sie nur mit 
zitternder Stimme. 2 ) 

Bei den Akamba (oder Wakamba) in Britisch-Ostafrika herrscht 
ein Gebot der Vermeidung, welches man häufiger anzutreffen erwartet 
hätte. Ein Mädchen muß zwischen ihrer Pubertät und ihrer Verheiratung 
dem eigenen Vater sorgfältig ausweichen. Sie versteckt sich, wenn sie ihn 
auf der Straße begegnet, sie versucht es niemals, sich neben ihn hinzu- 
setzen und benimmt sich so bis zu dem Moment ihrer Verlobung. Von 
der Heirat an ist ihrem Verkehr mit dem Vater kein Hindernis mehr in 
den Weg gelegt. 3 ) 

Die bei weitem verbreitetste, strengste und auch für zivilisierte 
Völker interessanteste Vermeidung ist die, welche den Verkehr zwischen 
einem Manne und seiner Schwiegermutter einschränkt. Sie ist in Au- 
stralien ganz allgemein, ist aber auch bei den melanesischen, polynesischen 
und den Negervölkern Afrikas in Kraft, soweit die Spuren des Totemismus 
und der Gruppenverwandtschaft reichen, und wahrscheinlich noch darüber 
hinaus. Bei manchen dieser Völker bestehen ähnliche Verbote gegen den 
harmlosen Verkehr einer Frau mit ihrem Schwiegervater, doch sind sie 
lange nicht so konstant und so ernsthaft. In vereinzelten Fällen werden 
beide Schwiegereltern Gegenstand der Vermeidung. 

Da wir uns weniger für die ethnographische Verbreitung als für 
den Inhalt und die Absicht der Schwiegermuttervermeidung interessieren, 
werde ich mich auch hier auf die Wiedergabe weniger Beispiele be- 
schränken. 

Auf den Banks-Inseln sind diese Gebote sehr strenge und 
peinlich genau. Ein Mann wird die Nähe seiner Schwiegermutter meiden, 
wie sie die seinige. Wenn sie einander zufällig auf einem Pfade be- 
gegnen, so tritt das Weib zur Seite und wendet ihm den Rücken, bis 
«r vorüber ist, oder er tut das nämliche. 



a ) Frazer, 1. c. IL, pag. 189. 

2 ) Frazer, 1. c. IL, pag. 388, nach Junod. 

a ) Frazer, 1. c. IL, pag. 424. 






12 



I. Die Inzestscheu. 



In Vanna Lava (Port Patt es on) wird ein Mann nicht einmal 
hinter seiner Schwiegermutter am Strande einhergehen, ehe die steigende 
Flut nicht die Spur ihrer Fußtritte im Sande weggeschwemmt hat. Doch 
dürfen sie aus einer gewissen Entfernung mit einander sprechen. Es 
ist ganz ausgeschlossen, daß er je den Namen seiner Schwiegermutter aus- 
spricht oder sie den ihres Schwiegersohnes. 1 ) 

Auf den Salomons-Inseln darf der Mann von seiner Heirat an 
seine Schwiegermutter weder sehen, noch mit ihr sprechen. Wenn er 
ihr begegnet, tut er nicht, als ob er sie kennen würde, sondern läuft, so 
schnell er kann, davon, um sich zu verstecken. 2 ) 

Bei den Zulukaffern verlangt die Sitte, daß ein Mann sich 
seiner Schwiegermutter schäme, daß er alles tue, um ihrer Gesellschaft 
auszuweichen. Er tritt nicht in die Hütte ein, in der sie sich befindet, 
und wenn sie einander begegnen, geht er oder sie bei Seite, etwa, indem 
sie sich hinter einem Busch versteckt, während er seinen Schild vors 
Gesicht hält. Wenn sie einander nicht ausweichen können und das Weib 
nichts anderes hat, um sich zu verhüllen, so bindet sie wenigstens ein 
Grasbüschel um ihren Kopf, damit dem Zeremoniell Genüge getan sei. 
Der Verkehr zwischen ihnen muß entweder durch eine dritte Person be- 
sorgt werden, oder sie dürfen aus einiger Entfernung einander zuschreien, 
wenn sie irgend eine Schranke, z. B. die Einfassung des Kraals zwischen 
sich haben. Keiner von ihnen darf deu Namen des anderen in den Mund 
nehmen. 3 ) 

Bei den Basoga, einem Negerstamme im Quellgebiete des Nils, 
darf ein Mann zu seiner Schwiegermutter nur sprechen, wenn sie in 
einem anderen Räume des Hauses ist und von ihm nicht gesehen wird. 
Dieses Volk verabscheut übrigens den Inzest so sehr, daß es ihn selbst 
bei Haustieren nicht straflos läßt. 4 ) 

Während Absicht und Bedeutung der anderen Vermeidungen zwischen 
nahen Verwandten einem Zweifel nicht unterliegen, so daß sie von allen 
Beobachtern als Schutzmaßregeln gegen den Inzest aufgefaßt werden, 
haben die Verbote, welche den Verkehr mit der Schwiegermutter be- 
treffen, von manchen Seiten eine andere Deutung erfahren. Es erschien 
mit Recht unverständlich, daß alle diese Völker so große Angst vor der 

J ) Frazer, 1. c. IL, päg. 76. 

2 ) Frazer, 1. c. II., pag. 117, nach C. Ribbe: Zwei Jahre unter den Kanni- 
balen der Salomons-Inseln, 1905. 

8 ) Frazer, 1. c. II., pag. 385. 
*) Frazer, 1. c. IL, pag. 461. 









Die Vermeidung der Schwiegermutter. 13 

Versuchung zeigen sollten, die dem Manne in der Gestalt einer älteren 
Frau entgegentritt, welche seine Mutter sein könnte, ohne es wirklich 
zu sein. 1 ) 

Diese Einwendung wurde auch gegen die Auffassung yon Fison 
erhoben, der darauf aufmerksam machte, daß gewisse Heiratsklassen- 
systeme darin eine Lücke zeigen, daß sie die Ehe zwischen einem Manne 
und seiner Schwiegermutter nicht theoretisch unmöglich machen- es 
hätte darum einer besonderen Sicherung gegen diese Möglichkeit bedurft. 

Sir J. Lubbock führt in seinem Werke „Origin of civilisation" 
das Benehmen der Schwiegermutter gegen den Schwiegersohn auf die 
einstige Raubehe (mariage by capture) zurück. „So lange der Frauen- 
raub wirklich bestand, wird auch die Entrüstung der Eltern ernsthaft 
genug gewesen sein. Als von dieser Form der Ehe nur mehr Symbole 
übrig waren, wurde auch die Entrüstung der Eltern symbolisiert, und 
diese Sitte hielt noch an, nachdem ihre Herkunft vergessen war." Es 
wird Crawley leicht zu zeigen, wie wenig dieser Erklärungsversuch die 
Einzelheiten der tatsächlichen Beobachtung deckt. 

E. B. Tylor meint, die Behandlung des Schwiegersohnes vonseiten 
der Schwiegermutter sei nichts anderes als eine Form der „Nichtaner- 
kennung" (cutting) von seiten der Familie der Frau. Der Mann gilt als 
Fremder, und dies so lange, bis das erste Kind geboren wird. Allein 
abgesehen von den Fällen, in denen letztere Bedingung das Verbot nicht 
aufhebt, unterliegt diese Erklärung dem Einwand, daß sie die Orientie- 
rung der Sitte auf das Verhältnis zwischen Schwiegersohn und Schwieger- 
mutter nicht aufhellt, also den geschlechtlichen Faktor übersieht und 
daß sie dem Moment des geradezu heiligen Abscheus nicht Rechnung 
trägt, welcher in den Vermeidungsgeboten zum Ausdrucke kommt. 2 ) 

Eine Zulufrau, die nach der Begründung des Verbots gefragt wurde, 
gab die vom Zartgefühl getragene Antwort: Es ist nicht recht, daß er 
die Brüste sehen soll, die seine Frau gesäugt haben. 3 ) 

Es ist bekannt, daß das Verhältnis zwischen Schwiegersohn und 
Schwiegermutter auch bei den zivilisierten Völkern zu den heikein Seiten 
der Familienorganisation gehört. Es bestehen in der Gesellschaft der 
weißen Völker Europas und Amerikas zwar keine Vermeidungsgebote 
mehr für die beiden, aber es würde oft viel Streit und Unlust ver- 



1 ) V. Crawley: The mystic rose. London, 1902, pag. 405. 

2 ) Crawley, 1. c, pag. 407. 

8 ) Crawley, 1. c, pag. 401, nach Leslie: Among the Zulus and Ama- 
tongas. 1875. 



14 I« Die Inzeatscheu. 

mieden, wenn solche noch als Sitte bestünden und nicht von den ein- 
zelnen Individuen wieder aufgerichtet werden müßten. Manchem Europäer 
mag es als ein Akt hoher Weisheit erscheinen, daß die wilden Völker 
durch ihre Vermeidungsgebote die Herstellung eines Einvernehmens 
zwischen den beiden so nahe verwandt gewordenen Personen von vorn- 
herein ausgeschlossen haben. Es ist kaum zweifelhaft, daß in der psycho- 
logischen Situation von Schwiegermutter und Schwiegersohn etwas ent- 
halten ist, was die Feindseligkeit zwischen ihnen befördert und ihr Zu- 
sammenleben erschwert. Daß der Witz der zivilisierten Völker gerade 
das Schwiegermutterthema so gern zum Objekt nimmt, scheint mir dar- 
auf hinzudeuten, daß die Gefühlsrelationen zwischen den beiden außer- 
dem Komponenten führen, die in scharfem Gegensatz zu einander stehen. 
Ich meine, daß dies Verhältnis eigentlich ein „ambivalentes", aus wider- 
streitenden, zärtlichen und feindseligen Regungen zusammengesetztes ist. 

Ein gewisser Anteil dieser Regungen liegt klar zu Tage : Von seiten 
der Schwiegermutter die Abneigung, auf den Besitz der Tochter zu ver- 
zichten, das Mißtrauen gegen den Fremden, dem sie überantwortet ist, 
die Tendenz, eine herrschende Position zu behaupten, in die sie sich im 
eigenen Hause eingelebt hatte. Von seiten des Mannes die Entschlossen- 
heit, sich keinem fremden Willen mehr unterzuordnen, die Eifersucht 
gegen alle Personen, die vor ihm die Zärtlichkeit seines Weibes besaßen, 
und — last not least — die Abneigung dagegen, sich in der Illusion 
der Sexualüberschätzung stören zu lassen. Eine solche Störung geht wohl 
zumeist von der Person der Schwiegermutter aus, die ihn durch so viele 
gemeinsame Züge an die Tochter mahnt und doch all der Reize der 
Jugend, Schönheit und psychischen Frische entbehrt, welche ihm seine 
Frau wertvoll machen. 

Die Kenntnis versteckter Seelenregungen, welche die psychoanaly- 
tische Untersuchung einzelner Menschen verleiht, gestattet uns, zu diesen 
Motiven noch andere hinzuzufügen. Wo die psychosexuellen Bedürfnisse 
der Frau in der Ehe und im Familienleben befriedigt werden sollen, da 
droht ihr immer die Gefahr der Unbefriedigung durch den frühzeitigen 
Ablauf der ehelichen Beziehung und die Ereignislosigkeit in ihrem Ge- 
fühlsleben. Die alternde Mutter schützt sich davor durch Einfühlung in 
ihre Kinder, Identifizierung mit ihnen, indem sie deren gefühlsbetonte 
Erlebnisse zu den eigenen macht. Man sagt, die Eltern bleiben jung mit 
ihren Kindern; es ist dies in der Tat einer der wertvollsten seelischen 
Gewinste, den Eltern aus ihren Kindern ziehen. Im Falle der Kinder- 
losigkeit entfällt so eine der besten Möglichkeiten, die für die eigene 



Psychoanalytische Auffassung der Vermeidungen. 15 

Ehe erforderliche Resignation zu ertragen. Diese Einfühlung in die 
Tochter geht bei der Mutter leicht so weit, daß sie sich in den von ihr 
geliebten Mann — mitverliebt, was in grellen Fällen infolge des hef- 
tigen seelischen Sträubens gegen diese Gefühlsanlage zu schweren Formen 
neurotischer Erkrankung führt. Eine Tendenz zu solcher Verliebtheit ist 
bei der Schwiegermutter jedenfalls sehr häufig, und entweder diese selbst 
oder die ihr entgegenarbeitende Strebung schließen sich dem Gewühle 
der miteinander ringenden Kräfte in der Seele der Schwiegermutter an. 
Recht häufig wird gerade die unzärtliche, sadistische Komponente der 
Liebeserregung dem Schwiegersohne zugewendet, um die verpönte, zärt- 
liche, um so sicherer zu unterdrücken. 

Für den Mann kompliziert sich das Verhältnis zur Schwiegermutter 
durch ähnliche Regungen, die aber aus anderen Quellen stammen. Der 
Weg der Objektwahl hat ihn regulärerweise über das Bild seiner Mutter 
vielleicht noch seiner Schwester, zu seinem Liebesobjekt geführt; infolge 
der Inzestschranke glitt seine Vorliebe von beiden teueren Personen 
seiner Kindheit ab, um bei einem fremden Objekt nach deren Ebenbild 
zu landen. An Stelle der eigenen Mutter und Mutter seiner Schwester 
sieht er nun die Schwiegermutter treten ; es entwickelt sich eine Tendenz, 
in die vorzeitliche Wahl zurückzusinken, aber dieser widerstrebt alles 
in ihm. Seine Inzestscheu fordert, daß er an die Genealogie seiner 
Liebeswahl nicht erinnert werde ; die Aktualität der Schwiegermutter, die 
er nicht wie die Mutter von jeher gekannt hat, so daß ihr Bild im Un- 
bewußten unverändert bewahrt werden konnte, macht ihm die Ablehnung 
leicht. Ein besonderer Zusatz von Reizbarkeit und Gehässigkeit zur Ge- 
fühlsmischung läßt uns vermuten, daß die Schwiegermutter tatsächlich 
eine Inzestversuchung für den Schwiegersohn darstellt, sowie es anderseits 
nicht selten vorkommt, daß sich ein Mann manifesterweise zunächst in 
seine spätere Schwiegermutter verliebt, ehe seine Neigung auf deren 
Tochter übergeht. 

Ich sehe keine Abhaltung von der Annahme, daß es gerade dieser, 
der inzestuöse Faktor des Verhältnisses ist, welcher die Vermeidung 
zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter bei den Wilden motiviert. 
Wir würden also in der Aufklärung der so streng gehandhabten „Ver- 
meidungen" dieser primitiven Völker die ursprünglich von Fison ge- 
äußerte Meinung bevorzugen, die in diesen Vorschriften wiederum nur 
einen Schutz gegen den möglichen Inzest erblickt. Das nämliche würde 
für alle anderen Vermeidungen zwischen Bluts- oder Heiratsverwandten 
gelten. Nur bliebe der Unterschied, daß im ersteren Falle der Inzest ein 



16 



I. Die Inzeatscheu. 



direkter ist, die Verhütungsabsicht eine bewußte sein könnte ; im anderen 
Falle, der das Schwiegermutterverhältnis mit einscbließt, wäre der Inzest 
eine Phantasieversuchung, ein durch unbewußte Zwischenglieder ver- 
mittelter. 

Wir haben in den vorstehenden Ausführungen wenig Gelegenheit 
gehabt zu zeigen, daß die Tatsachen der Völkerpsychologie durch die An- 
wendung der psychoanalytischen Betrachtung in neuem Verständnis ge- 
sehen werden können, denn die Inzestscheu der Wilden ist längst als 
solche erkannt worden und bedarf keiner weiteren Deutung. Was wir zu 
ihrer Würdigung hinzufügen können, ist die Aussage, sie sei ein ex- 
quisit infantiler Zug und eine auffällige Übereinstimmung mit dem see- 
lischen Leben des Neurotikers. Die Psychoanalyse hat uns gelehrt, daß 
die erste sexuelle Objektwahl des Knaben eine inzestuöse ist, den ver- 
pönten Objekten, Mutter und Schwester, gilt, und hat uns auch die Wege 
kennen gelehrt, auf denen sich der Heranwachsende von der Anziehung 
des Inzests frei macht. Der Neurotiker repräsentiert uns aber regelmäßig 
ein Stück des psychischen Infantilismus, er hat es entweder nicht ver- 
mocht, sich von den kindlichen Verhältnissen der Psychosexualität zu 
befreien, oder er ist zu ihnen zurückgekehrt. (Entwicklungshemmung 
und Regression.) In seinem unbewußten Seelenleben spielen darum noch 
immer oder wiederum die inzestuösen Fixierungen der Libido eine Haupt- 
rolle. Wir sind dahin gekommen, das vom Inzestverlangen beherrschte 
Verhältnis zu den Eltern für den Kernkomplex der Neurose zu er- 
klären. Die Aufdeckung dieser Bedeutung des Inzests für die Neurose 
stößt natürlich auf den allgemeinsten Unglauben der Erwachsenen und 
Normalen; dieselbe Ablehnung wird z. B. auch den Arbeiten von Otto 
Rank entgegentreten, die in immer größerem Ausmaß dartun, wie sehr 
das Inzestthema im Mittelpunkte des dichterischen Interesses steht und 
in ungezählten Variationen und Entstellungen der Poesie den Stoff liefert. 
Wir sind genötigt zu glauben, daß solche Ablehnung vor allem ein Pro- 
dukt der tiefen Abneigung des Menschen gegen seine einstigen, seither 
der Verdrängung verfallenen Inzestwünsche ist. Es ist uns darum nicht 
unwichtig, an den wilden Völkern zeigen zu können, daß sie die zur 
späteren Unbewußtheit bestimmten Inzestwünsche des Menschen noch als 
bedrohlich empfinden und der schärfsten Abwehrmaßregeln für würdig 
halten. 



II. 
Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen. 

Tabu ist ein polynesisches Wort, dessen Übersetzung uns Schwie- 
rigkeiten bereitet, weil wir den damit bezeichneten Begriff nicht mehr 
besitzen. Den alten Römern war er noch geläufig; ihr sacer war das- 
selbe wie das Tabu der Polynesier. Auch das <rps der Griechen, das 
Kodausch der Hebräer muß das nämliche bedeutet haben, was die 
Polynesier durch ihr Tabu, viele Völker in Amerika, Afrika (Madagaskar), 
Nord- und Zentral- Asien durch analoge Bezeichnungen ausdrücken. 

Uns geht die Bedeutung des Tabu nach zwei entgegengesetzten 
Richtungen auseinander. Es heißt uns einerseits : heilig, geweiht, ander- 
seits: unheimlich, gefährlich, verboten, unrein. Der Gegensatz von Tabu 
heißt im Polynesischen 110a = gewöhnlich, allgemein zugänglich. Somit 
haftet am Tabu etwas wie der Begriff einer Reserve, das Tabu äußert 
sich auch wesentlich in Verboten und Einschränkungen. Unsere Zu- 
sammensetzung „heilige Scheu" würde sich oft mit dem Sinn des Tabu 
decken. 

Die Tabubeschränkungen sind etwas anderes als die religiösen oder 
die moralischen Verbote. Sie werden nicht auf das Gebot eines Gottes 
zurückgeführt, sondern verbieten sich eigentlich von selbst; von den 
Moralverboten scheidet sie das Fehlen der Einreihung in ein System, 
welches ganz allgemein Enthaltungen für notwendig erklärt und diese 
Notwendigkeit auch begründet. Die Tabuverbote entbehren jeder Be- 
gründung; sie sind unbekannter Herkunft; für uns unverständlich, er- 
scheinen sie jenen selbstverständlich, die unter ihrer Herrschaft stehen. 

W u n d t x ) nennt das Tabu den ältesten ungeschriebenen Gesetzes- 
kodex der Menschheit. Es wird allgemein angenommen, daß das Tabu 
älter ist als die Götter und in die Zeiten vor jeder Religion zurück- 
reicht. 

Da wir einer unparteiischen Darstellung des Tabu bedürfen, um 
dieses der psychoanalytischen Betrachtung zu unterziehen, lasse ich nun 

*) Völkerpsychologie, IL Band, „Mythus und Religion", 1906, II, p. 308. 

Totem und Tabu. 2 



18 



IL Das Tabu und die Ambivalenz. 



einen Auszug aus dem Artikel „Taboo" der „Encyclopedia Britannica" l ) 
folgen, der den Anthropologen Northcote W. Thomas zum Ver- 
fasser hat. 

„Streng genommen umfaßt tabu nur a) den heiligen (oder unreinen) 
Charakter von Personen oder Dingen, h) die Art der Beschränkung, 
welche sich aus diesem Charakter ergibt und c) die Heiligkeit (oder Un- 
reinheit), welche aus der Verletzung dieses Verbotes hervorgeht. Das 
Gegenteil von tabu heißt in Polynesien ,noa', was gewöhnlich' oder 
,gemein l bedeutet . . . 

„In einem weiteren Sinne kann man verschiedene Arten von Tabu 
unterscheiden: 1. Ein natürliches oder direktes Tabu, welches das 
Ergebnis einer geheimnisvollen Kraft (Mana) ist, die an einer Person 
oder Sache haftet; 2. ein mitgeteiltes oder indirektes Tabu, das auch 
von jener Kraft ausgeht, aber entweder a) erworben ist, oder b) von 
einem Priester, Häuptling oder sonst wem übertragen ; endlich 3. ein 
Tabu, das zwischen den beiden anderen die Mitte hält, wenn nämlich 
beide Faktoren in Betracht kommen, wie z. B. bei der Aneignung eines 
Weibes durch einen Mann. Der Name Tabu wird auch auf andere ritu- 
elle Beschränkungen angewendet, aber man sollte alles, was besser re- 
ligiöses Verbot heißen könnte, nicht zum Tabu rechnen." 

„Die Ziele des Tabu sind mannigfacher Art: Direkte Tabu be- 
zwecken a) den Schutz bedeutsamer Personen wie Häuptlinge, Priester 
und Gegenstände u. dgl. gegen mögliche Schädigung; b) die Sicherung 
der Schwachen — Frauen, Kinder und gewöhnlicher Menschen im all- 
gemeinen — gegen das mächtige Mana (die magische Kraft) der Priester 
und Häuptlinge ; c) den Schutz gegen Gefahren, die mit der Berührung 
von Leichen, mit dem Genuß gewisser Speisen usw. verbunden sind; 
d) die Versicherung gegen die Störung wichtiger Lebensakte wie Geburt, 
Männerweihe, Heirat, sexuelle Tätigkeiten; e) den Schutz menschlicher 
Wesen gegen die Macht oder den Zorn von Göttern und Dämonen ; 2 ) 
f) die Behütung Un geborener und kleiner Kinder gegen die mannig- 
fachen Gefahren, die ihnen infolge ihrer besonderen sympathetischen Ab- 
hängigkeit von ihren Eltern drohen, wenn diese z. B. gewisse Dinge tun 
oder Speisen zu sich nehmen, deren Genuß den Kindern besondere Eigen- 
schaften übertragen könnte. Eine andere Verwendung des Tabu ist die 



') Elfte Auflage, 1911. — Daselbst auch die wichtigsten Literaturnachweise. 
■) Diese Verwendung der Tabu kann auch als eine nicht ursprüngliche in diesem 
Zusammenhange beiseite gelassen werden. 



Charakter, Ziele, Quelle des Tabu. jq 

zum Schutz des Eigentums einer Person, seiner Werkzeuge, seines Feldes 
usw. gegen Diebe". 

„Die Strafe für die Übertretung eines Tabu wird wohl ursprüng- 
lich einer inneren, automatisch wirkenden Einrichtung überlassen. Das 
verletzte Tabu rächt sich selbst. Wenn Vorstellungen von Göttern und 
Dämonen hinzukommen, mit denen das Tabu in Beziehung tritt, so wird 
von der Macht der Gottheit eine automatische Bestrafung erwartet. In 
anderen Fällen, wahrscheinlich infolge einer weiteren Entwicklung des 
Begriffes, übernimmt die Gesellschaft die Bestrafung des Verwegenen, 
dessen Vorgehen seine Genossen in Gefahr gebracht hat. So knüpfen 
auch die ersten Strafsysteme der Menschheit an das Tabu an." 

„Wer ein Tabu übertreten hat, der ist dadurch selbst tabu ge- 
worden. Gewisse Gefahren, die aus der Verletzung eines Tabu entstehen 
können durch Bußhandlungen und Reinigungszeremonien beschworen 
werden. " 

„Als die Quelle des Tabu wird eine eigentümliche Zauberkraft an- 
gesehen, die an Personen und Geistern haftet und von ihnen aus durch 
unbelebte Gegenstände hindurch übertragen werden kann. Personen oder 
Dinge, die tabu sind, können mit elektrisch geladenen Gegenständen ver- 
glichen werden; sie sind der Sitz einer furchtbaren Kraft, welche sich 
durch Berührung mitteilt und mit unheilvollen Wirkungen entbunden 
wird wenn der Organismus, der die Entladung hervorruft, zu sehwach 
ist, ihr zu widerstehen. Der Erfolg einer Verletzung des Tabu hängt 
also nicht nur von der Intensität der magischen Kraft ab, die an dem 
Tabu-Objekt haftet, sondern auch von der Stärke des Mana, die sich 
dieser Kraft bei dem Frevler entgegensetzt. So sind z. B. Könige und 
Priester Inhaber einer großartigen Kraft, und es wäre Tod für ihre 
Untertanen, in unmittelbare Berührung mit ihnen zu treten, aber ein 
Minister oder eine andere Person von mehr als gewöhnlichem Mana 
kann ungefährdet mit ihnen verkehren, und diese Mittelspersonen können 
wiederum ihren Untergebenen die Annäherung gestatten, ohne sie in Ge- 
fahr zu bringen. Auch mitgeteilte Tabu hängen in ihrer Bedeutung von 
dem Mana der Person ab, von der sie ausgehen; wenn ein König oder 
Priester ein Tabu auferlegt, ist es wirksamer, als wenn es von einem 
gewöhnlichen Menschen käme." 

Die Übertragbarkeit eines Tabu ist wohl jener Charakter, der dazu 
Veranlassung gegeben hat, seine Beseitigung durch Sühnezeremonien zu 
versuchen. 

2* 






20 



II. Das Tabu und die Ambivalenz. 



Es gibt permanente und zeitweilige Tabu. Priester und Häuptlinge 
sind das erstere, ebenso Tote, und alles, was zu ihnen gehört hat. Zeit- 
weilige Tabu schließen sich an gewisse Zustände an, so an die Men- 
struation und das Kindbett, an den Stand des Kriegers vor und nach 
der Expedition, an die Tätigkeiten des Fischens und Jagens u. dgl. Ein 
allgemeines Tabu kann auch wie das kirchliche Interdikt über einen 
großen Bezirk verhängt werden und dann jahrelang anhalten." 

Wenn ich die Eindrücke meiner Leser richtig abzuschätzen weiß, 
so getraue ich mich jetzt der Behauptung, sie wüßten nach all diesen 
Mitteilungen über das Tabu erst recht nicht, was sie sich darunter vor- 
zustellen haben, und wo sie es in ihrem Denken unterbringen können. 
Dies ist sicherlich die Folge der ungenügenden Information, die sie von 
mir erhalten haben, und des Wegfalls aller Erörterungen über die Be- 
ziehung des Tabu zum Aberglauben, zum Seelenglauben und zur Re- 
ligion. Aber anderseits fürchte ich, eine eingehendere Schilderung dessen, 
was man über das Tabu weiß, hätte noch verwirrender gewirkt, und 
darf versichern, daß die Sachlage in Wirklichkeit recht undurchsichtig 
ist. Es handelt sich also um eine Reihe von Einschränkungen, denen sich 
diese primitiven Völker unterwerfen; dies uud jenes ist verboten, sie 
wissen nicht warum, es fällt ihnen auch nicht ein, danach zu fragen, 
sondern sie unterwerfen sich ihnen wie selbstverständlich und sind 
überzeugt, daß eine Übertretung sich von selbst auf die härteste Weise 
strafen wird. Es liegen zuverlässige Berichte vor, daß die unwissentliche 
Übertretung eines solchen Verbotes sich tatsächlich automatisch gestraft 
hat. Der unschuldige Missetäter, der z. B. von einem ihm verbotenen 
Tier gegessen hat, wird tief deprimiert, erwartet seinen Tod und stirbt 
dann in allem Ernst. Die Verbote betreffen meist Genußfähigkeit, Be- 
wegungs- und Verkehrsfreiheit; sie scheinen in manchen B'ällen sinn- 
reich, sollen offenbar Enthaltungen und Entsagungen bedeuten, in anderen 
Fällen sind sie ihrem Inhalt nach ganz unverständlich, betreffen wertlose 
Kleinigkeiten, scheinen ganz von der Art eines Zeremoniells zu sein. All 
diesen Verboten scheint etwas wie eine Theorie zu Grunde zu liegen, 
als ob die Verbote notwendig wären, weil gewissen Personen und Dingen 
eine gefährliche Kraft zu eigen ist, die sich durch Berührung mit dem 
so geladenen Objekt überträgt, fast wie eine Ansteckung. Es wird auch 
die Quantität dieser gefährlichen Eigenschaft in Betracht gezogen. Der 
eine oder das eine hat mehr davon als der andere und die Gefahr richtet 
sich geradezu nach der Differenz der Ladungen. Das Sonderbarste daran 
ist wohl, daß, wer es zu stände gebracht hat, ein solches Verbot zu 



Die Probleme des Tabu. 21 

übertreten, selbst den Charakter des Verbotenen gewonnen, gleichsam 
die ganze gefährliche Ladung auf sich genommen hat. Diese Kraft haftet 
nun an allen Personen, die etwas Besonderes sind wie Könige, Priester, 
Neugeborene, an allen Ausnahmszuständen wie die körperlichen der 
Menstruation, der Pubertät, der Geburt, an allem Unheimlichen wie 
Krankheit und Tod, und was kraft der Ansteckungs- oder Ausbreitungs- 
fähigkeit damit zusammenhängt. 

„Tabu" heißt aber alles, sowohl die Personen als auch die Örtlich- 
keiten, Gegenstände und die vorübergehenden Zustände, welche Träger 
oder Quelle dieser geheimnisvollen Eigenschaft sind. Tabu heißt auch 
das Verbot, welches sich aus dieser Eigenschaft herleitet, und Tabu heißt 
endlieh seinem Wortsinn nach etwas, was zugleich heilig, über das Ge- 
wöhnliche erhaben wie auch gefährlich, unrein, unheimlich umfaßt. 

In diesem Wort und in dem System, das es bezeichnet, drückt 
sich ein Stück Seelenleben aus, dessen Verständnis uns wirklich nicht 
nahe gerückt erscheint. Vor allem sollte man meinen, daß man sich 
diesem Verständnis nicht nähern könne, ohne auf den für so tiefstehende 
Kulturen charakteristischen Glauben an Geister und Dämonen einzugehen. 

Warum sollen wir überhaupt unser Interesse an das Rätsel des 
Tabu wenden? Ich meine, nicht nur, weil jedes psychologische Problem 
an sich des Versuches einer Lösung wert ist, sondern auch noch aus 
anderen Gründen. Es darf uns ahnen, daß das Tabu der Wilden Poly- 
nesiens doch nicht so weit von uns abliegt, wie wir zuerst glauben 
wollten, daß die Sitten- und Moralverbote, denen wir selbst gehorchen 
in ihrem Wesen eine Verwandtschaft mit diesem primitiven Tabu haben 
könnten, und daß die Aufklärung des Tabu ein Licht auf den dunkeln 
Ursprung unseres eigenen „kategorischen Imperativs" zu werfen ver- 
möchte. 

Wir werden also in besonders erwartungsvoller Spannung auf- 
horchen, wenn ein Forscher wie W. Wundt uns seine Auffassung des 
Tabu mitteilt, zumal da er verspricht, „zu den letzten Wurzeln der 
Tabuvorstellungen zurückzugehen" . *) 

Vom Begriff des Tabu sagt Wundt, daß es „alle die Bräuche um- 
faßt, in denen sich die Scheu vor bestimmten mit den kultischen Vor- 
stellungen zusammenhängenden Objekten oder vor den sich auf diese be- 
ziehenden Handlungen ausdrückt". 2 ) 

Ein andermal: „Verstehen wir darunter (unter dem Tabu), wie es 
dem allgemeinen Sinn des Wortes entspricht, jedes in Brauch und Sitte 

1 ) In der Völkerpsychologie, Band II, Religion und Mythus II p. 300 u. ff. 
») 1. c. p. 237. 



22 



IL Daa Tabu und die Ambivalenz. 



oder in ausdrücklich formulierten Gesetzen niedergelegte Verbot, einen 
Gegenstand zu berühren, zu eigenem Gebrauch in Anspruch zu nehmen 
oder gewisse verpönte Worte zu gebrauchen ....", so gebe es über- 
haupt kein Volk und keine Kulturstufe, die der Schädigung durch das 
Tabu entgegen wäre. 

Wundt führt dann aus, weshalb es ihm zweckmäßiger erscheint, 
die Natur des Tabu an den primitiven Verhältnissen der australischen 
Wilden als in der höheren Kultur der polynesischen Völker zu studieren. 
Bei den Australiern ordnet er die Tabuverbote in drei Klassen, je nach- 
dem sie Tiere, Menschen oder andere Objekte betreffen. Das Tabu der 
Tiere, das wesentlich im Verbot des Tötens und Verzehrens besteht? 
bildet den Kern des Totemismus l ). Das Tabu der zweiten Art, das 
den Menschen zu seinem Objekt hat, ist wesentlich anderen Charakters. 
Es ist von vornherein auf Bedingungen eingeschränkt, die für den 
Tabuierten eine ungewöhnliche Lebenslage herbeiführen. So sind Jüng- 
linge tabu beim Fest der Männerweihe, Frauen während der Menstruation 
und unmittelbar nach der Geburt, neugeborene Kinder, Kranke und vor 
allem die Toten. Auf dem fortwährend gebrauchten Eigentum eines 
Menschen ruht ein dauerndes Tabu für jeden anderen; so auf seinen 
Kleidern, Werkzeugen und Waffen. Zum persönlichsten Eigentum gehört 
in Australien auch der neue Name, den ein Knabe bei seiner Männer- 
weihe erhält, dieser ist tabu und muß geheim gehalten werden. Die Tabu 
der dritten Art, die auf Bäumen, Pflanzen, Häusern, Örtlichkeiten ruhen, 
sind veränderlicher, scheinen nur der Regel zu folgen, daß dem Tabu 
unterworfen wird, was aus irgend welcher Ursache Scheu erregt oder 
unheimlich ist. 

Die Veränderungen, die das Tabu in der reicheren Kultur der Poly- 
nesier und der malaiischen Inselwelt erfährt, muß Wundt selbst für 
nicht sehr tiefgehend erklären. Die stärkere soziale Differenzierung dieser 
Völker macht sich darin geltend, daß Häuptlinge, Könige und Priester 
ein besonders wirksames Tabu ausüben und selbst dem stärksten Zwang 
des Tabu ausgesetzt werden. 

Die eigentlichen Quellen des Tabu liegen aber tiefer als in den 
Interessen der privilegierten Stände; „sie entspringen da, wo die primi- 
tivsten und zugleich dauerndsten menschlichen Triebe ihren Ursprung 
nehmen, in der Furcht vor der Wirkung dämonischer 
Mächte. 2 ) „Ursprünglich nichts anderes als die objektiv gewordene 

*) Vgl. darüber die erste und die letzte Abhandlang dieses Bandes. 
s ) 1. c. p. 307. 



W uii dt über das Tabu und seine Herkunft. 



23 



Furcht vor der in dem tabuierten Gegenstand verborgen gedachten dä- 
monischen Macht, verbietet das Tabu, diese Macht zu reizen, und es 
gebietet, wo es wissentlich oder unwissentlich verletzt worden ist, die 
Rache des Dämons zu beseitigen". 

Allmählich wird dann das Tabu zu einer in sich selbst begründeten 
Macht, die sich vom Dämonismus losgelöst hat. Es wird zum Zwang 
der Sitte und des Herkommens und schließlich des Gesetzes. „Das Gebot 
aber, das unausgesprochen hinter den nach Ort und Zeit mannigfach 
wechselnden Tabuverboten steht, ist ursprünglich das eine: Hüte dich 
vor dem Zorn der Dämonen." 

Wundt lehrt uns also, das Tabu sei ein Ausdruck und Ausfluß 
des Glaubens der primitiven Völker an dämonische Mächte. Später habe 
sich das Tabu von dieser Wurzel losgelöst und sei eine Macht geblieben 
einfach weil es eine solche war, infolge einer Art von psychischer Be- 
harrung; so sei es selbst die Wurzel unserer Sittengebote und unserer 
Gesetze geworden. So wenig nun der erste dieser Sätze zum Widerspruch 
reizen kann, so glaube ich doch dem Eindruck vieler Leser Worte zu 
leihen, wenn ich die Aufklärung Wundts als eine Enttäuschung an- 
spreche. Das heißt wohl nicht, zu den Quellen der Tabuvorstellungen 
heruntergehen oder ihre letzten Wurzeln aufzeigen. Weder die Angst 
noch die Dämonen können in der Psychologie als letzte Dinge gewertet 
werden, die jeder weiteren Zurückführung trotzen. Es wäre anders 
wenn die Dämonen wirklich existierten; aber wir wissen ja, sie sind 
selbst wie die Götter Schöpfungen der Seelenkräfte des Menschen ; sie 
sind von etwas und aus etwas geschaffen worden. 

Über die Doppelbedeutung des Tabu äußert Wundt bedeutsame 
aber nicht ganz klar zu fassende Ansichten. Für die primitiven Anfänge 
des Tabu besteht nach ihm eine Scheidung von heilig und unrein 
noch nicht. Eben darum fehlen hier jene Begriffe überhaupt in der 
Bedeutung, die sie eben erst durch den Gegensatz, in den sie zueinander 
traten, annehmen konnten. Das Tier, der Mensch, der Ort, auf dem ein 
Tabu ruht, sind dämonisch, nicht heilig und darum auch noch nicht in 
dem späteren Sinne unrein. Gerade für diese noch indifferent in der 
Mitte stehende Bedeutung des Dämonischen, das nicht berührt werden 
darf, ist der Ausdruck Tabu wohl geeignet, da er ein Merkmal her- 
vorhebt, das schließlich dem Heiligen wie dem Unreinen für alle Zeiten 
gemeinsam bleibt : die Scheu vor seiner Berührung. In dieser bleibenden 
Gemeinschaft eines wichtigen Merkmals liegt aber zugleich ein Hinweis 
darauf, daß hier zwischen beiden Gebieten eine ursprüngliche Überein- 



24 



II. Das Tabu und die Ambivalenz. 



Stimmung obwaltet, die erst infolge weiterer Bedingungen einer Dif- 
ferenzierung gewichen ist, durch welche sich beide schließlich zu Gegen- 
sätzen entwickelt haben. 

Der dem ursprünglichen Tabu eigene Glaube an eine dämonische 
Macht, die in dem Gegenstand verborgen ist und dessen Berührung oder 
unerlaubte Verwendung durch Verzauberung des Täters rächt, ist eben 
noch ganz und ausschließlich die objektivierte Furcht. Diese hat sich 
noch nicht in die beiden Formen gesondert, die sie auf einer entwickelten 
Stufe annimmt: in die Ehrfurcht und in den Abscheu. 

Wie aber entsteht diese Sonderung? Nach Wundt durch die Ver- 
pflanzung der Tabugebote aus dem Gebiet der Dämonen — in das der 
Göttervorstellungen. Der Gegensatz von heilig und unrein fällt mit der 
Aufeinanderfolge zweier mythologischer Stufen zusammen, von denen die 
frühere nicht vollkommen verschwindet, wenn die folgende erreicht ist, 
sondern in der Form einer niedrigeren und allmählich mit Verachtung 
sich paarenden Wertschätzung fortbesteht. In der Mythologie gilt allge- 
mein das Gesetz, daß eine vorangegangene Stufe eben deshalb, weil sie 
von der höheren überwunden und zurückgedrängt wird, nun neben dieser 
in erniedrigter Form fortbesteht, so daß die Objekte ihrer Verehrung in 
solche des Abscheus sich umwandeln. 1 ) 

Die weiteren Ausführungen Wundts beziehen sich auf das Ver- 
hältnis der Tabu Vorstellungen zur Reinigung und zum Opfer. 



2. 

Wer von der Psychoanalyse, d. h. von der Erforschung des unbe- 
wußten Anteils am individuellen Seelenleben her an das Problem des 
Tabu herantritt, der wird sich nach kurzem Besinnen sagen, daß ihm 
diese Phänomene nicht fremd sind. Er kennt Personen, die sich solche 
Tabuverbote individuell geschaffen haben und sie ebenso strenge befolgen 
wie die Wilden die ihrem Stamm oder ihrer Gesellschaft gemeinsamen. Wenn 
er nicht gewohnt wäre, diese vereinzelten Personen als „Zwangs- 
kranke" zu bezeichnen, würde er den Namen „Tabukrankheit" 
für deren Zustand angemessen finden müssen. Von dieser Zwangskrank- 
heit hat er aber durch die psychoanalytische Untersuchung soviel erfahren, 
die klinische Ätiologie und das Wesentliche des psychologischen Mechanis- 
mus, daß er es sich nicht versagen kann, das hier Gelernte zur Aufklärung 
der entsprechenden völkerpsychologischen Erscheinung zu verwenden. 

i) 1. c. p. 313. 



Tabu und Zwangskrankheit. 25 

Eine Warnung wird bei diesem Versuche angehört werden müssen. 
Die Ähnlichkeit des Tabu mit der Zwangskrankheit mag eine rein äußer- 
liche sein, für die Erscheinungsform der Beiden gelten und sich nicht 
weiter auf deren Wesen erstrecken. Die Natur liebt es, die nämlichen 
Formen in den verschiedensten biologischen Zusammenhängen zu ver- 
wenden, z. B. am Korallenstock wie an der Pflanze, ja darüber hinaus 
an gewissen Kristallen oder bei der Bildung bestimmter chemischer 
Niederschläge. Es wäre offenbar voreilig und wenig aussichtsvoll, durch 
diese Übereinstimmungen, die auf eine Gemeinsamkeit mechanischer Be- 
dingungen zurückgehen, Schlüsse zu begründen, die sich auf innere Ver- 
wandtschaft beziehen. Wir werden dieser Warnung eingedenk bleiben, 
brauchen aber die beabsichtigte Vergleichung dieser Möglichkeit wegen 
nicht zu unterlassen. 

Die nächste und auffälligste Übereinstimmung der Zwangsverbote 
(bei den Nervösen) mit dem Tabu besteht nun darin, daß diese Verbote 
ebenso unmotiviert und in ihrer Herkunft rätselhaft sind. Sie sind 
irgend einmal aufgetreten und müssen nun infolge einer unbezwingbaren 
Angst gehalten werden. Eine äußere Strafandrohung ist überflüssig, weil 
eine innere Sicherheit (ein Gewissen) besteht, die Übertretung werde zu 
einem unerträglichen Unheil führen. Das Äußerste, was die Zwangs- 
kranken mitteilen können, ist die unbestimmte Ahnung, es werde eine 
bestimmte Person ihrer Umgebung durch die Übertretung zu Schaden kom- 
men. Welches diese Schädigung sein soll, wird nicht erkannt, auch 
erhält man diese kümmerliche Auskunft eher bei den später zu bespre- 
chenden Sühne- und Abwehrhandlungen als bei den Verboten selbst. 

Das Haupt- und Kernverbot der Neurose ist wie beim Tabu das 
der Berührung, daher der Name: Berührungsangst, Delire de toucher. 
Das Verbot erstreckt sich nicht nur auf die direkte Berührung mit dem 
Körper, sondern nimmt den Umfang der übertragenen Redensart: in 
Berührung kommen, an. Alles, was die Gedanken auf das Verbotene lenkt, 
eine Gedankenberührung hervorruft, ist ebenso verboten wie der unmittel- 
bare leibliche Kontakt ; dieselbe Ausdehnung findet sich beim Tabu wieder. 

Ein Teil der Verbote ist nach seiner Absicht ohneweiters verständ- 
lich, ein anderer Teil dagegen erscheint uns unbegreiflich, läppisch, sinn- 
los. Wir bezeichnen solche Gebote als „Zeremoniell" und finden, daß 
die Tabugebräuche dieselbe Verschiedenheit erkennen lassen. 

Den Zwangsverboten ist eine großartige Verschiebbarkeit zu eigen, 
sie dehnen sich auf irgend welchen Wegen des Zusammenhanges von 
einem Objekt auf das andere aus und machen auch dieses neue Objekt, 



26 



II. Das Tabu und die Ambivalenz. 



wie eine meiner Kranken treffend sagt, „unmöglich". Die Unmöglich- 
keit hat am Ende die ganze Welt mit Beschlag belegt. Die Zwangs- 
kranken benehmen sich so, als wären die „unmöglichen" Personen und 
Dinge Träger einer gefährlichen Ansteckung, die bereit ist, sich auf alles 
Benachbarte durch Kontakt zu übertragen. Dieselben Ckaraktere der 
Ansteckungsfähigkeit und der Übertragbarkeit haben wir eingangs bei der 
Schilderung der Tabuverbote hervorgehoben. Wir wissen auch, wer ein 
Tabu übertreten hat durch die Berührung von etwas, was tabu ist, der 
wird selbst tabu und niemand darf mit ihm in Berührung treten. 

Ich stelle zwei Beispiele von Übertragung (besser Verschiebung) 
des Verbotes zusammen; das eine aus dem Leben der Maori, das an- 
dere aus meiner Beobachtung an einer zwangskranken Frau. 

„Ein Maorihäuptling wird kein Feuer mit seinem Hauch anfachen, 
denn sein geheiligter Atem würde seine Kraft dem Feuer mitteilen, dieses 
dem Topf, der im Feuer steht, der Topf der Speise, die in ihm gekocht 
wird, die Speise der Person, die von ihr ißt, und so müßte die Person 
sterben, die gegessen von der Speise, die gekocht in dem Topf, der 
gestanden im Feuer, in das geblasen der Häuptling mit seinem heiligen 
und gefährlichen Hauch." 1 ) 

Die Patientin verlangt, daß ein Gebrauchsgegenstand, den ihr Mann 
vom Einkauf nach Hause gebracht, entfernt werde, er würde ihr sonst 
den Raum, in dem sie wohnt, unmöglich machen. Denn sie hat gehört, 
daß dieser Gegenstand in einem Laden gekauft wurde, welcher in der, 
sagen wir: Hirschengasse liegt. Aber Hirsch ist heute der Name einer 
Freundin, welche in einer fernen Stadt lebt, die sie in ihrer Jugend unter 
ihrem Mädchennamen gekannt hat. Diese Freundin ist ihr heute „un- 
möglich", tabu und der hier in Wien gekaufte Gegenstand ist ebenso 
tabu wie die Freundin selbst, mit der sie nicht in Berührung kommen will. 

Die Zwangsverbote bringen großartigen Verzicht und Einschrän- 
kungen des Lebens mit sich wie die Tabuverbote, aber ein Anteil von 
ihnen kann aufgehoben werden durch die Ausführung gewisser Hand- 
lungen, die nun auch geschehen müssen, die Zwangscharakter haben, — 
Zwangshandlungen — und deren Natur als Buße, Sühne, Abwehrmaß- 
regeln und Reinigung keinem Zweifel unterliegt. Die gebräuchlichste 
dieser Zwangshandlungen ist das Abwaschen mit Wasser (Waschzwang). 
Auch ein Teil der Tabuverbote kann so ersetzt, respektive deren Über- 
tretung durch solches „Zeremoniell" gutgemacht werden und die Lustra- 
tion durch Wasser ist auch hier die bevorzugte. 

') Frazer, The golden bough, II., Taboo andthe periteof tbe sonl, 1911, p. 136. 



Übereinstimmungen von Tabu und Zwangsneurose. 27 

Resümieren wir nun, in welchen Punkten sich die Übereinstimmung 
der Tabugebräuche mit den Symptomen der Zwangsneurose am deutlich- 
sten äußert : 1. In der Unmotiviertheit der Gebote, 2. in ihrer Befesti- 
gung durch eine innere Nötigung, 3. in ihrer Versehiebbarkeit und in der 
Ansteckungsgefahr durch das Verbotene, 4. in der Verursachung von 
zeremoniösen Handlungen, Geboten, die von den Verboten ausgehen. 

Die klinische Geschichte wie der psychische Mechanismus der Fälle 
von Zwangskrankheit sind uns aber durch die Psychoanalyse bekannt 
geworden. Erstere lautet für einen typischen Fall von Berührungsangst 
wie folgt : Zu allem Anfang, in ganz früher Kinderzeit, äußerte sich eine 
starke Berührungs 1 u s t, deren Ziel weit spezialisierter war, als man 
geneigt wäre zu erwarten. Dieser Lust trat alsbald von außen ein 
Verbot entgegen, gerade diese Berührung nicht auszuführen. 1 ) Das Verbot 
wurde aufgenommen, denn es konnte sich auf starke innere Kräfte 
stützen ; 2 ) es erwies sich stärker als der Trieb, der sich in der Berührung 
äußern wollte. Aber infolge der primitiven psychischen Konstitution des 
Kindes gelang es dem Verbot, nicht den Trieb aufzuheben. Der Erfolg 
des Verbots war nur, den Trieb — die Berührungslust — zu verdrängen 
und ihn ins Unbewußte zu verbannen. Verbot und Trieb blieben beide 
erhalten; der Trieb, weil er nur verdrängt, nicht aufgehoben war, das 
Verbot, weil mit seinem Aufhören der Trieb zum Bewußtsein und zur 
Ausführung durchgedrungen wäre. Es war eine unerledigte Situation, 
ein psychische Fixierung geschaffen, und aus dem fortdauernden Kon- 
flikt von Verbot und Trieb leitet sich nun alles weitere ab. 

Der Hauptcharakter der psychologischen Konstellation, die so fixiert 
worden ist, liegt in dem, was man das ambivalente Verhalten des 
Individiums gegen das eine Objekt, vielmehr die eine Handlung an ihm, 
heißen könnte. 3 ) Es will diese Handlung — die Berührung — immer 
wieder ausführen, es sieht in ihr den höchsten Genuß, aber es darf sie 
nicht ausführen, es verabscheut sie auch. Der Gegensatz der beiden 
Strömungen ist auf kurzem Wege nicht ausgleichbar, weil sie — wir 
können nur sagen — im Seelenleben so lokalisiert sind, daß sie nicht 
zusammenstoßen können. Das Verbot wird laut bewußt, die fortdauernde 
Berührungslust ist unbewußt, die Person weiß nichts von ihr. Bestünde 
dieses psychologische Moment nicht, so könnte eine Ambivalenz weder 

') Beide, Lust und Verbot, bezogen sich auf die Berührung der eigenen Geni- 
talien. 

*) Auf die Beziehung zu den geliebten Personen, von denen das Verbot gegeben 
wurde. 

8 ) Nach einem trefflichen Ausdruck von Bleuler. 



28 



IL Das Tabu and die Ambivalenz. 



sich so lange erhalten, noch könnte sie zu solchen Folgeerscheinungen 
führen. 

In der klinischen Geschichte des Falles haben wir das Eindringen 
des Verbotes in so frühem Kindesalter als das maßgebende hervorgehoben ; 
für die weitere Gestaltung fällt diese Rolle dem Mechanismus der Ver- 
drängung auf dieser Altersstufe zu. Infolge der stattgehabten Verdrängung, 
die mit einem Vergessen — Amnesie — ■ verbunden ist, bleibt die 
Motivierung des bewußt gewordenen Verbotes unbekannt und müssen 
alle Versuche scheitern, es intellektuell zu zersetzen, da diese den Punkt 
nicht finden, an dem sie angreifen könnten. Das Verbot verdankt seine 
Stärke — seinen Zwangscharakter — gerade der Beziehung zu seinem 
unbewußten Gegenpart, der im Verborgenen ungedämpften Lust, also 
einer innern Notwendigkeit, in welche die bewußte Einsicht fehlt. Die 
Übertragbarkeit und Fortpflanzungsfähigkeit des Verbots spiegelt einen 
Vorgang wieder, der sich mit der unbewußten Lust zuträgt und unter 
den psychologischen Bedingungen des Unbewußten besonders erleichtert 
ist. Die Trieblust verschiebt sich beständig, um der Absperrung, in der 
sie sich befindet, zu entgehen, und sucht Surrogate für das Verbotene — 
Ersatzobjekte und Ersatzhandlungen — zu gewinnen. Darum wandert 
auch das Verbot und dehnt sich auf die neuen Ziele der verpönten Re- 
gung aus. Jeden neuen Vorstoß der verdrängten Libido beantwortet das 
Verbot mit einer neuen Verschärfung. Die gegenseitige Hemmung der 
beiden ringenden Mächte erzeugt ein Bedürfnis nach Abfuhr, nach Ver- 
ringerung der herrschenden Spannung, in welchem man die Motivierung 
der Zwangshandlungen erkennen darf. Diese sind bei der Neurose deut- 
lich Kompromißaktionen, in der einen Ansicht Bezeugungen von Reue, 
Bemühungen zur Sühne und dergleichen, in der anderen aber gleich- 
zeitig Ersatzhandlungen, welche den Trieb für das Verbotene entschä- 
digen. Es ist ein Gesetz der neurotischen Erkrankung, daß diese Zwangs- 
handlungen immer mehr in den Dienst des Triebes treten und immer 
näher an die ursprünglich verbotene Handlung herankommen. 

Unternehmen wir jetzt den Versuch, das Tabu zu behandeln, als 
wäre es von derselben Natur wie ein Zwangsverbot unserer Kranken. 
Wir machen uns dabei von vornherein klar, daß viele der für uns zu 
beobachtenden Tabuverbote sekundärer, verschobener und entstellter Art 
sind, und daß wir zufrieden sein müssen, etwas Licht auf die ursprüng- 
lichsten und bedeutsamsten Tabuverbote zu werfen. Ferner, daß die 
Verschiedenheiten in der Situation des Wilden und des Neurotikers wich- 
tig genug sein dürften, um eine völlige Übereinstimmung auszuschließen, 



Die Ambivalenz. 29 

eine Übertragung von dem einen auf den anderen, die einer Abbildung 
in jedem Punkte gleichkäme, zu verhindern. 

Wir würden dann zunächst sagen, es habe keinen Sinn, die Wilden 
nach der wirklichen Motivierung ihrer Verbote, nach der Genese des 
Tabu zu fragen. Nach unserer Voraussetzung müssen sie unfähig sein 
darüber etwas mitzuteilen, denn diese Motivierung sei ihnen „unbewußt". 
Wir konstruieren die Geschichte des Tabu aber folgendermaßen nach 
dem Vorbild der Zwangsverbote. Die Tabu seien uralte Verbote, einer 
Generation von primitiven Menschen dereinst von außen aufgedrängt, 
d. h. also doch wohl von der früheren Generation ihr gewalttätig ein- 
geschärft. Diese Verbote haben Tätigkeiten betroffen, zu denen eine 
starke Neigung bestand. Die Verbote haben sich nun von Generation zu 
Generation erhalten, vielleicht bloß infolge der Tradition durch elterliche 
und gesellschaftliche Autorität. Vielleicht aber haben sie sich in den 
späteren Generationen bereits „organisiert" als ein Stück ererbten psy- 
chischen Besitzes. Ob es solche „angeborene Ideen" gibt, ob sie allein 
oder im Zusammenwirken mit der Erziehung die Fixierung der Tabu 
bewirkt haben, wer vermöchte es gerade für den in Rede stehenden 
Fall zu entscheiden? Aber aus der Festhaltung der Tabu ginge eines 
hervor, daß die ursprüngliche Lust, jenes Verbotene zu tun, auch noch 
bei den Tabuvölkern fortbesteht. Diese haben also zu ihren Tabuver- 
boten eine ambivalente Einstellung; sie möchten im Unbewußten 
nichts lieber als sie übertreten, aber sie fürchten sich auch davor ; sie fürchten 
sich gerade darum, weil sie es möchten, und die Furcht ist stärker als 
die Lust. Die Lust dazu ist aber bei jeder Einzelperson des Volkes un- 
bewußt wie bei dem Neurotiker. 

Die ältesten und wichtigsten Tabuverbote sind die beiden Grund- 
gesetze des Totemismus: Das Totemtier nicht zu töten und den 
sexuellen Verkehr mit den Totemgenossen des anderen Geschlechts zu 
vermeiden. 

Das müßten also die ältesten und stärksten Gelüste der Menschen 
sein. Wir können das nicht verstehen und können demnach unsere Vor- 
aussetzung nicht an diesen Beispielen prüfen, solange uns Sinn und Ab- 
kunft des totemistischen Systems so völlig unbekannt sind. Aber wer 
die Ergebnisse der psychoanalytischen Erforschung des Einzelmenschen 
kennt, der wird selbst durch den Wortlaut dieser beiden Tabu und durch 
ihr Zusammentreffen an etwas ganz Bestimmtes gemahnt, was die Psy- 



30 H- Das Tabu und die Ambivalenz. 

choanalytiker für den Knotenpunkt des infantilen Wunschlebens und 
dann für den Kern der Neurose erklären. 1 ) 

Die sonstige Mannigfaltigkeit der Tabuerscheinungen, die zu den 
früher mitgeteilten Klassifizierungsversuchen geführt hat, wächst für uns 
auf folgende Art zu einer Einheit zusammen: Grundlage des Tabu ist 
ein verbotenes Tun, zu dem eine starke Neigung im Unbewußten besteht. 

Wir wissen, ohne es zu verstehen, wer das Verbotene tut, das Tabu 
übertritt, wird selbst tabu. Wie bringen wir aber diese Tatsache mit 
der anderen zusammen, daß das Tabu nicht nur an Personen haftet, die 
das Verbotene getan haben, sondern auch an Personen, die sich in be- 
sonderen Zuständen befinden, an diesen Zuständen selbst und an unper- 
sönlichen Dingen? Was kann das für eine gefährliche Eigenschaft sein, 
die immer die nämliche bleibt unter all diesen verschiedenen Bedin- 
gungen? Nur die eine: die Eignung, die Ambivalenz des Menschen an- 
zufachen und ihn in Versuchung zu führen, das Verbot zu übertreten. 

Der Mensch, der ein Tabu übertreten hat, wird selbst tabu, weil 
er die gefährliche Eignung hat, andere zu versuchen, daß sie seinem Bei- 
spiel folgen. Er erweckt Neid ; warum sollte ihm gestattet sein, was anderen 
verboten ist ? Er ist also wirklich ansteckend, insoferne jedes Beispiel 
zur Nachahmung ansteckt, und darum muß er selbst gemieden werden. 

Ein Mensch braucht aber kein Tabu übertreten zu haben und kann 
doch permanent oder zeitweilig tabu sein, weil er sich in einem Zustand 
befindet, welcher die Eignung hat, die verbotenen Gelüste der anderen 
anzuregen, den Ambivalenzkonflikt in ihnen zu wecken. Die meisten 
Ausnahmsstellungen und Ausnahmszustände sind von solcher Art und 
haben diese gefährliche Kraft. Der König oder Häuptling erweckt den 
Neid auf seine Vorrechte; es möchte vielleicht jeder König sein. Der 
Tote, das Neugeborene, die Frau in ihren Leidenszuständen reizen durch 
ihre besondere Hilfslosigkeit, das eben geschlechtsreif gewordene Indivi- 
duum durch den neuen Genuß, den es verspricht. Darum sind alle diese 
Personen und alle diese Zustände tabu, denn der Versuchung darf nicht 
nachgegeben werden. 

Wir verstehen jetzt auch, warum die Manakräfte verschiedener 
Personen sich von einander abziehen, einander teilweise aufheben können. 
Das Tabu eines Königs ist zu stark für seinen Untertan, weil die soziale 
Differenz zwischen ihnen zu groß ist. Aber ein Minister kann etwa den 
unschädlichen Vermittler zwischen ihnen machen. Das heißt aus der 

*) Vgl. meine in diesen Aufsätzen bereits mehrmals angekündigte Studie über 
den Totemismus. 






Die infektiöse Natur des Tabu. qj 

Sprache des Tabu in die der Normalpsychologie übersetzt: Der Untertan, 
der die großartige Versuchung scheut, welche ihm die Berührung mit 
dem König bereitet, kann etwa den Umgang des Beamten vertragen, den 
er nicht so sehr zu beneiden braucht, und dessen Stellung ihm vielleicht 
selbst erreichbar scheint. Der Minister aber kann seinen Neid eegen 
den König durch die Erwägung der Macht ermäßigen, die ihm selbst ein- 
geräumt ist. So sind geringere Differenzen der in Versuchung führenden 
Zauberkraft weniger zu fürchten als besonders große. 

Es ist ebenso klar, wieso die Übertretung gewisser Tabuverbote 
eine soziale Gefahr bedeutet, die von allen Mitgliedern der Gesellschaft 
gestraft oder gesühnt werden muß, wenn sie nicht alle schädigen soll 
Diese Gefahr besteht wirklich, wenn wir die bewußten Regungen 
für die unbewußten Gelüste einsetzen. Sie besteht in der Möglichkeit 
der Nachahmung, in deren Folge die Gesellschaft bald zur Auflösung 
käme. Wenn die anderen die Übertretung nicht ahnden würden, müßten 
sie ja inne werden, daß sie dasselbe tun wollen wie der Übeltäter 

Daß die Berührung beim Tabuverbot eine ähnliche Rolle spielt wie 
beim Deine de toucher, obwohl der geheime Sinn des Verbotes beim 
Tabu unmöglich ein so spezieller sein kann wie bei der Neurose darf 
uns nicht Wunder nehmen. Die Berührung ist der Beginn jeder Bemäch- 
tigung, jedes Versuches, sich eine Person oder Sache dienstbar zu machen 
Wir haben die ansteckende Kraft, die dem Tabu innewohnt, durch 
die Eignung, in Versuchung zu führen, zur Nachahmung anzuregen üb er 
setzt. Dazu scheint es nicht zu stimmen, daß sich die Ansteck 
fähigkeit des Tabu vor allem in der Übertragung auf Gegenstände äüßelT 
die dadurch selbst Trager des Tabu werden. 

Diese Übertragbarkeit des Tabu spiegelt die bei der Neurose nach- 
gewiesene Neigung des unbewußten Triebes wieder, sich auf assoziativen 
Wegen auf immer neue Objekte zu verschieben. Wir werden so auf- 
merksam gemacht, daß der gefährlichen Zauberkraft des „Mana" zweierlei 
realere Fähigkeiten entsprechen, die Eignung, den Menschen an seine 
verbotenen Wünsche zu erinnern, und die scheinbar bedeutsamere, ihn 
zur Übertretung des Verbotes im Dienste dieser Wünsche zu verleiten 
Beide Leistungen treten aber wieder zu einer einzigen zusammen, wenn 
wir annehmen, es läge im Sinne eines primitiven Seelenlebens, daß mit 
der Erweckung der Erinnerung an das verbotene Tun auch die Erweckung 
der Tendenz, es durchzusetzen, verknüpft, sei. Dann fallen Erinnerung 
und Versuchung wieder zusammen. Man muß auch zugestehen wenn 
das Beispiel eines Menschen, der ein Verbot übertreten hat, einen anderen 



Do II. Das Tabu und die Ambivalenz. 

zur gleichen Tat verführt, so hat sich der Ungehorsam gegen das Verbot 
fortgepflanzt wie eine Ansteckung, wie sich das Tabu von einer Person 
auf einen Gegenstand und von diesem auf einen anderen überträgt. 

Wenn die Übertretung eines Tabu gutgemacht werden kann durch 
eine Sühne oder Buße, die ja einen Verzicht auf irgend ein Gut oder 
eine Freiheit bedeuten, so ist hiedurch der Beweis erbracht, daß die Be- 
folgung der Tabu Vorschrift selbst ein Verzicht war auf etwas, was man 
gerne gewünscht hätte. Die Unterlassung des einen Verzichts wird durch 
einen Verzicht an anderer Stelle abgelöst. Für das Tabuzeremoniell 
würden wir hieraus den Schluß ziehen, daß die Buße etwas Ursprüng- 
licheres ist als die Reinigung. 

Fassen wir nun zusammen, welches Verständnis des Tabu sich uns 
aus der Gleichstellung mit dem Zwangsverbot des Neurotikers ergeben 
hat: Das Tabu ist ein uraltes Verbot, von außen (von einer Autorität) 
aufgedrängt und gegen die stärksten Gelüste der Menschen gerichtet. Die 
Lust, es zu übertreten, besteht in deren Unbewußten fort ; die Menschen, 
die dem Tabu gehorchen, haben eine ambivalente Einstellung gegen das 
vom Tabu Betroffene. Die dem Tabu zugeschriebene Zauberkraft führt 
sich auf die Fähigkeit zurück, die Menschen in Versuchung zu führen; 
sie benimmt sich wie eine Ansteckung, weil das Beispiel ansteckend ist, 
und weil sich das verbotene Gelüste im Unbewußten auf anderes 
verschiebt. Die Sühne der Übertretung des Tabu durch einen Verzicht 
erweist, daß der Befolgung des Tabu ein Verzicht zu Grunde liegt. 

3. 

Wir wollen nun wissen, welchen Wert unsere Gleichstellung des 
Tabu mit der Zwangsneurose und die auf Grund dieser Vergleichung 
gegebene Auffassung des Tabu beanspruchen kann. Ein solcher Wert 
liegt offenbar nur vor, wenn unsere Auffassung einen Vorteil bietet, der 
sonst nicht zu haben ist, wenn sie ein besseres Verständnis des Tabu 
gestattet, als uns sonst möglich wird. Wir sind vielleicht geneigt zu be- 
haupten, daß wir diesen Nachweis der Brauchbarkeit im vorstehenden 
bereits erbracht haben ; wir werden aber versuchen müssen, ihn zu ver- 
stärken, indem wir die Erklärung der Tabuverbote und Gebräuche ins 
Einzelne fortsetzen. 

Es steht uns aber auch ein anderer Weg offen. Wir können die 
Untersuchung anstellen, ob nicht ein Teil der Voraussetzungen, die wir 
von der Neurose her auf das Tabu übertragen haben, oder der Folge- 
rungen, zu denen wir dabei gelangt sind, an den Phänomenen des Tabu 
unmittelbar erweisbar ist. Wir müssen uns nur entscheiden, wonach wir 



Genese und Deutung des Tabu. 33 

suchen wollen. Die Behauptung über die Genese des Tabu, es stamme 
von einem uralten Verbote ab, welches dereinst von außen auferlegt 
worden ist, entzieht sich natürlich dem Beweise. Wir werden also eher 
die psychologischen Bedingungen fürs Tabu zu bestätigen suchen, welche 
wir für die Zwangneurose kennen gelernt haben. Wie gelangten wir 
bei der Neurose zur Kenntnis dieser psychologischen Momente? Durch 
das analytische Studium der Symptome, vor allem der Zwangshand- 
lungen, der Abwehrmaßregeln und Zwangsgebote. Wir fanden an ihnen 
die besten Anzeichen für ihre Abstammung von ambivalenten Re- 
gungen oder Tendenzen, wobei sie entweder gleichzeitig dem Wunsch 
wie dem Gegenwunsch entsprechen oder vorwiegend im Dienste der einen 
von den beiden entgegengesetzten Tendenzen stehen. Wenn es uns nun ge- 
länge, auch an den Tabuvorschriften die Ambivalenz, das Walten ent- 
gegengesetzter Tendenzen, aufzuzeigen, oder unter ihnen einige aufzufinden, 
die nach der Art von Zwangshandlungen beiden Strömungen gleichzeitigen 
Ausdruck geben, so wäre die psychologische Übereinstimmung zwischen 
dem Tabu und der Zwangsneurose im nahezu wichtigsten Stücke gesichert. 
Die beiden fundamentalen Tabuverbote sind, wie vorhin erwähnt 
für unsere Analyse durch die Zugehörigkeit zum Totemismus unzugänglich ; 
an anderer Anteil der Tabusatzungen ist sekundärer Abkunft und für 
unsere Absicht nicht verwertbar. Das Tabu ist nämlich bei den ent- 
sprechenden Völkern die allgemeine Form der Gesetzgebung geworden 
und in den Dienst von sozialen Tendenzen getreten, die sicherlich jünger 
sind als das Tabu selbst, wie z. B. die Tabu, die von Häuptlingen und 
Priestern auferlegt werden, um sich Eigentum und Vorrechte zu sichern. 
Doch bleibt uns eine große Gruppe von Vorschriften übrig, an denen 
unsere Untersuchung vorgenommen werden kann ; ich hebe aus dieser 
die Tabu heraus, die sich a) an Feinde, b) an Häuptlinge, c) an 
Tote knüpfen, und werde das zu behandelnde Material der ausgezeich- 
neten Sammlung von J. G. Frazer in seinem großen Werke: „The 
golden bough" entnehmen. 1 ) 

a) Die Behandlung der Feinde. 

Wenn wir geneigt waren, den wilden und halbwilden Völkern un- 
gehemmte und reuelose Grausamkeit gegen ihre Feinde zuzuschreiben, so 
werden wir mit großem Interesse erfahren, daß auch bei ihnen die Tötung 
eines Menschen zur Befolgung einer Reihe von Vorschriften zwingt, 
welche den Tabugebräuchen zugeordnet werden. Diese Vorschriften sind mit 

') Third edition, part IL: Taboo and the perils of the soul. 1911. 

Totem und Tabu. 3 



34 H. Das Tabu und die Ambivalenz. 

Leichtigkeit in vier Gruppen zu bringen; sie fordern 1. Versöhnung des 
getöteten Feindes, 2. Beschränkungen und 8. Sühnehandlungen, Reini- 
gungen des Mörders und 4. gewisse zeremonielle Vornahmen. Wie all- 
gemein oder wie vereinzelt solche Tabugebräuche bei diesen Völkern sein 
mögen, läßt sich einerseits aus unseren unvollständigen Nachrichten nicht 
mit Sicherheit entscheiden, und ist anderseits für unser Interesse an diesen 
Vorkommnissen gleichgiltig. Immerhin darf man annehmen, daß es sich um 
weitverbreitete Gebräuche und nicht um vereinzelte Sonderbarkeiten handelt. 

Die Versöhnungsgebräuche auf der Insel Timor, nachdem 
eine siegreiche Kriegerschar mit den abgeschnittenen Köpfen der be- 
siegten Feinde zurückkehrt, sind darum besonders bedeutsam, weil über- 
dies der Führer der Expedition von schweren Beschränkungen betroffen 
wird (s. u.). „Bei dem feierlichen Einzug der Sieger werden Opfer dar- 
gebracht, um die Seelen der Feinde zu versöhnen; sonst müßte man 
Unheil für die Sieger vorhersehen. Es wird ein Tanz aufgeführt, und 
dabei ein Gesang vorgetragen, in welchem der erschlagene Feind beklagt 
und seine Verzeihung erbeten wird : „Zürne uns nicht, weil wir deinen 
Kopf hier bei uns haben ; wäre uns das Glück nicht hold gewesen, so 
hingen jetzt vielleicht unsere Köpfe in deinem Dorf. Wir haben dir ein 
Opfer gebracht, um dich zu besänftigen. Nun darf dein Geist zufrieden 
sein und uns in Ruhe lassen. Warum bist du unser Feind gewesen? 
Wären wir nicht besser Freunde geblieben? Dann wäre dein Blut nicht 
vergossen und dein Kopf nicht abgeschnitten worden. 1 ) 

Ähnliches findet sich bei den Palu in Celebes; die Gallas opfern 
den Geistern ihrer erschlagenen Feinde, ehe sie ihr Heimatsdorf betreten. 
(Nach P aulit seh ke: Ethnographie Nordostafrikas.) 

Andere Völker haben das Mittel gefunden, um aus ihren früheren 
Feinden nach deren Tod Freunde, Wächter und Beschützer zu machen. 
Es besteht in der zärtlichen Behandlung der abgeschnittenen Köpfe, 
wie manche wilde Stämme Borneos sich deren rühmen. Wenn die 
See-D ayaks von Sarawak von einem Kriegszug einen Kopf nach 
Hause bringen, so wird dieser Monate hindurch mit der ausgesuchtesten 
Liebenswürdigkeit behandelt und mit den zärtlichsten Namen ange- 
sprochen, über die ihre Sprache verfügt. Die besten Bissen von ihren 
Mahlzeiten werden ihm in den Mund gesteckt, Leckerbissen und Zigarren. 
Er wird wiederholt gebeten, seine früheren Freunde zu hassen und seinen 
neuen Wirten seine Liebe zu schenken, da er jetzt einer der ihrigen ist. 

*) Frazer, 1. c, p. 166. 



Die zwiespältige Behandlung der Feinde. 35 

Man würde sehr irre gehen, wenn man an dieser uns gräßlich erschei- 
nenden Behandlung dem Hohn einen Anteil zuschriebe. 1 ) 

Bei mehreren der wilden Stämme Nordamerikas ist die Trauer um 
den erschlagenen und skalpierten Feind den Beobachtern aufgefallen. 
Wenn ein Choctaw einen Feind getötet hatte, so begann für ihn eine 
monatlange Trauer, während welcher er sich schweren Einschränkungen 
unterwarf. Ebenso trauerten die Dacota-Indianer. Wenn die sagen, 
bemerkt ein Gewährsmann, ihre eigenen Toten betrauert hatten, so 
trauerten sie dann um den Feind, als ob er ein Freund gewesen wäre. 2 ) 

Noch ehe wir auf die anderen Klassen von Tabugebräuchen zur 
Behandlung der Feinde eingehen, müssen wir gegen eine naheliegende 
Einwendung Stellung nehmen. Die Motivierung dieser Versöhnungsvor- 
schriften, wird man uns mit Frazer und anderen entgegenhalten, ist 
einfach genug und hat nichts mit einer „Ambivalenz" zu tun. Diese 
Völker werden von abergläubischer Furcht vor den Geistern der Erschla- 
genen beherrscht, einer Furcht, die auch dem klassischen Altertum nicht 
fremd war, die der große britische Dramatiker in den Halluzinationen 
Macbeths und Richards III. auf die Bühne gebracht hat. Aus diesem 
Aberglauben leiten sich folgerichtig alle die Versöhnungsvorschriften ab, 
wie auch die später zu besprechenden Beschränkungen und Sühnungen; 
für diese Auffassung sprechen noch die in der vierten Gruppe vereinigten 
Zeremonien, die keine andere Auslegung zulassen als von Bemühungen 
die den Mördern folgenden Geister der Erschlagenen zu verjagen. 3 ) Zum 
Überfluß gestehen die Wilden ihre Angst vor den Geistern der getöteten 
Feinde direkt ein und führen die besprochenen Tabugebräuche selbst auf 
sie zurück. 

Diese Einwendung ist in der Tat naheliegend, und wenn sie ebenso 
ausreichend wäre, könnten wir uns die Mühe unseres Erklärungsversuches 
gern ersparen. Wir verschieben es auf später, uns mit ihr auseinander- 
zusetzen und stellen ihr zunächst nur die Auffassung entgegen, die sich 
aus den Voraussetzungen der vorigen Erörterungen über das Tabu ab- 
leitet. Wir schließen aus all diesen Vorschriften, daß im Benehmen gegen 
die Feinde noch andere als bloß feindselige Regungen zum Ausdruck 



1 ) Frazer, Adonis, Attis, Osiris, p. 248, 1907.— Nach Hugh Low, Sarawak, 
London 1848. 

2 ) J. 0. Dorsay bei Frazer, Taboo etc., p. 181. 

8 ) Frazer, Tabao, p. 169 u. s. f. p. 174. Diese Zeremonien bestehen in Schlagen 
mit den Schildern, Schreien, Brüllen und Erzeugung von Lärm mit Hilfe von Instru- 
menten usw. 

3* 



i 



36 



II. Das Tabu und die Ambivalenz. 



kommen. Wir erblicken in ihnen Äußerungen der Reue, der Wert- 
schätzung des Feindes, des bösen Gewissens, ihn ums Leben gebracht zu 
haben. Es will uns scheinen, als wäre auch in diesen Wilden das Gebot 
lebendig: Du sollst nicht töten, welches nicht ungestraft verletzt werden 
darf, lange vor jeder Gesetzgebung, die aus den Händen eines Gottes 

empfangen wird. 

Kehren wir nun zu den anderen Klassen von Tabuvorschriften 
zurück. Die Beschränkungen des siegreichen Mörders sind ungemein 
häufig und meist von ernster Art. Auf Timor (vgl. die Versöhnungs- 
gebräuche oben) darf der Führer der Expedition nicht ohneweiteres in 
sein Haus zurückkehren. Es wird für ihn eine besondere Hütte errichtet, 
in welcher er zwei Monate mit der Befolgung verschiedener Reinigungs- 
vorschriften verbringt. In dieser Zeit darf er sein Weib nicht sehen, auch 
sich nicht selbst ernähren, eine andere Person muß ihm das Essen in 
den Mund schieben. 1 ) — Bei einigen Dayak stammen müssen die vom 
erfolgreichen Kriegszug Heimkehrenden einige Tage lang abgesondert 
bleiben und sich gewisser Speisen enthalten, sie dürfen auch kein Eisen 
berühren und bleiben ihren Frauen fern. — In Logea, einer Insel nahe 
bei Neuguinea, schließen sich Männer, die Feinde getötet oder daran 
teilgenommen haben, für eine Woche in ihren Häusern ein. Sie ver- 
meiden jeden Umgang mit ihren Frauen und ihren BVeunden, rühren 
Nahrungsmittel nicht mit ihren Händen an und nähren sich nur von 
Pflanzenkost, die in besonderen Gefäßen für sie gekocht wird. Als Grund 
für diese letzte Beschränkung wird angegeben, daß sie das Blut des Er- 
schlagenen nicht riechen dürfen ; sie würden sonst erkranken und sterben. 
— Bei dem Toaripi- oder Motumotu-Stamm auf Neuguinea darf 
ein Mann, der einen anderen getötet hat, seinem Weib nicht nahe kommen 
und Nahrung nicht mit seinen Fingern berühren. Er wird von anderen 
Personen mit besonderer Nahrung gefüttert. Dies dauert bis zum nächsten 

Neumond. 

Ich unterlasse es, die bei Frazer mitgeteilten Fälle von Beschrän- 
kungen des siegreichen Mörders vollzählig anzuführen, und hebe nur 
noch solche Beispiele hervor, in denen der Tabucharakter besonders auf- 
fällig ist oder die Beschränkung im Verein mit Sühne, Reinigung und 
Zeremoniell auftritt. 

Bei den Monumbos in Deutsch-Neuguinea wird jeder, der einen 
Feind im Kampfe getötet hat, „unrein", wofür dasselbe Wort gebraucht 

J ) Frazer, Taboo, p. 166, nach S. Müller, Reizen en Onderzoekingen in den 
Indischen Archipel, Amsterdam 1857. 



Die Behandlung der Feinde. 37 

wird, das auf Frauen während der Menstruation oder des Wochenbettes 
Anwendung findet. Er darf durch lange Zeit das Klubhaus der Männer 
nicht verlassen, während sich die Mitbewohner seines Dorfes um ihn 
versammeln und seinen Sieg mit Liedern und Tänzen feiern. Er darf 
niemand, nicht einmal seine eigene Frau und seine Kinder berühren ; täte 
er es, so würden sie von Geschwüren befallen werden. Er wird dann 
rein durch Waschungen und anderes Zeremoniell. 

Bei den Natchez in Nordamerika waren junge Krieger, die den 
ersten Skalp erbeutet hatten, durch sechs Monate zur Befolgung gewisser 
Entsagungen genötigt. Sie durften nicht bei ihren Frauen schlafen und 
kein Fleisch essen, erhielten nur Fisch und Maispudding zur Nahrung. 
Wenn ein Choctaw einen Feind getötet und skalpiert hatte, begann 
für ihn eine Trauerzeit von einem Monat, während welcher er sein Haar 
nicht kämmen durfte. Wenn es ihn am Kopf juckte, durfte er sich 
nicht mit der Hand kratzen, sondern bediente sich dazu eines kleinen 
Steckens. 

Wenn ein P i m a-Indianer einen Apachen getötet hatte, so mußte 
er sich schweren Reinigungs- und Sühnezeremonien unterwerfen. Während 
einer sechzehntägigen Fastenzeit durfte er Fleisch und Salz nicht be- 
rühren, auf kein brennendes Feuer schauen, zu keinem Menschen sprechen. 
Er lebte allein im Wald, von einer alten Frau bedient, die ihm spär- 
liche Nahrung brachte, badete oft im nächsten Fluß und trug als 

Zeichen der Trauer — einen Klumpen Lehm auf seinem Haupte. Am 
siebzehnten Tag fand dann die öffentliche Zeremonie der feierlichen Rei- 
nvffung des Mannes und seiner Waffen statt. Da die Pima-Indianer das 
Tabu des Mörders viel ernster nahmen als ihre Feinde und die Sühne 
und Reinigung nicht wie diese bis nach der Beendigung des Feldzuges 
aufzuschieben pflegten, litt ihre Kriegstüchtigkeit sehr unter ihrer sittlichen 
Strenge oder Frömmigkeit, wenn man will. Trotz ihrer außerordentlichen 
Tapferkeit erwiesen sie sich den Amerikanern als unbefriedigende Bundes- 
genossen in ihren Kämpfen gegen die Apachen. 

So interessant die Einzelheiten und Variationen der Sühne- und 
Reinigungszeremonien nach Tötung eines Feindes für eine tiefer eindrin- 
gende Betrachtung auch sein mögen, so breche ich deren Mitteilung doch 
ab, weil sie uns keine neuen Gesichtspunkte eröffnen können. Vielleicht 
führe ich noch an, daß die zeitweilige oder permanente Isolierung des 
berufsmäßigen Henkers, die sich bis in unsere Neuzeit erhalten hat, in 
diesen Zusammenhang gehört. Die Stellung des „Freimannes" in der 



38 n. Das Tabu und die Ambivalenz. 

mittelalterlichen Gesellschaft vermittelt in der Tat eine gute Vorstellung 
von dem „Tabu" der Wilden. 1 ) 

In der gangbaren Erklärung all dieser Versöhnungs-, Beschränkungs-, 
Sühne- und Reinigungsvorschriften werden zwei Prinzipien mit einander 
kombiniert. Die Fortsetzung des Tabu vom Toten her auf alles, was mit 
ihm in Berührung gekommen ist, und die Furcht vor dem Geist des Ge- 
töteten. Auf welche Weise diese beiden Momente miteinander zur Er- 
klärung des Zeremoniells zu kombinieren sind, ob sie als gleichwertig 
aufgefaßt werden sollen, ob das eine das primäre, das andere sekundär 
ist, und welches, das wird nicht gesagt und ist in der Tat nicht leicht 
anzugeben. Demgegenüber betonen wir die Einheitlichkeit unserer Auf- 
fassung, wenn wir all diese Vorschriften aus der Ambivalenz der Gefühls- 
regungen gegen den Feind ableiten. 

b) Das Tabu der Herrscher. 
Das Benehmen primitiver Völker gegen ihre Häuptlinge, Könige 
Priester wird von zwei Grundsätzen regiert, die einander eher zu er- 
gänzen als zu widersprechen scheinen. Man muß sich vor ihnen hüten 
und man muß sie behüten. 2 ) Beides geschieht vermittelst einer Unzahl 
von Tabuvorschriften. Warum man sich vor den Herrschern hüten muß 
ist uns bereits bekannt geworden ; weil sie die Träger jener geheimnis- 
vollen und gefährlichen Zauberkraft sind, die sich wie eine elektrische 
Ladung durch Berührung mitteilt und dem selbst nicht durch eine ähnliche 
Ladung Geschützten Tod und Verderben bringt. Man vermeidet also jede 
mittelbare oder unmittelbare Berührung mit der gefährlichen Heiligkeit und 
hat, wo solche nicht zu vermeiden ist, ein Zeremoniell gefunden, um 
die gefürchteten Folgen abzuwenden. Die Nubas in Ostafrika glauben 
z. B., daß sie sterben müssen, wenn sie das Haus ihres Priesterkönifs 
betreten, daß sie aber dieser Gefahr entgehen, wenn sie beim Eintritt 
die linke Schulter entblößen und den König veranlassen, diese mit seiner 
Hand zu berühren. So trifft das Merkwürdige ein, daß die Berührung 
des Königs das Heil- und Schutzmittel gegen die Gefabren wird, welche 
aus der Berührung des Königs hervorgehen, aber es handelt sich dabei 
wohl um die Heilkraft der absichtlichen, vom König ausgehenden Be- 
rührung im Gegensatz zur Gefahr, daß man ihn berühre, um den Gegen- 
satz der Passivität und der Aktivität gegen den König. 

*) Zu diesen Beispielen s. Frazer, Taboo, p. 165 — 190. „Manslayers tabooed". 
s ) Frazer, Taboo, p. 132, „He must not only be guarded, he must also be 
guarded against". 



Das Tabu der Herrscher. 39 

Wenn es sich um die Heilwirkung der königlichen Berührung 
handelt, brauchen wir die Beispiele nicht bei Wilden zu suchen. Die 
Könige von England haben in Zeiten, die noch nicht weit zurückliegen, 
diese Kraft an der Skrophulose geübt, die darum den Namen: „The 
King's Evil" trug. Königin Elisabeth entsagte diesem Stück ihrer könig- 
lichen Prärogative ebensowenig wie irgend ein anderer ihrer späteren 
Nachfolger. Charles I. soll im Jahre 1633 hundert Kranke auf einen 
Streich geheilt haben. Unter dessen zuchtlosem Sohn Charles II. feierten 
nach der Überwindung der großen englischen Revolution die Königshei- 
lungen bei Skropheln ihre höchste Blüte. 

Dieser König soll im Laufe seiner Regierung bei hunderttausend 
Skrophulose berührt haben. Das Gedränge der Heilungsuchenden pflegte 
bei diesen Gelegenheiten so groß zu sein, daß einmal sechs oder sieben 
von ihnen anstatt der Heilung den Tod durch Erdrücktwerden fanden 
Der skeptische Oranier, Wilhelm III, der nach der Vertreibung der 
Stuarts König von England wurde, weigerte sich des Zaubers; das ein- 
zigemal, als er sich zu einer solchen Berührung herbeiließ, tat er es mit 
denWorten : „Gott gebe Euch eine bessere Gesundheit und mehr Verstand". 1 ) 

Von der fürchterlichen Wirkung der Berührung, in welcher man, ob 
auch unabsichtlich, gegen den König oder das, was zu ihm gehört, aktiv 
wird, mag folgender Bericht Zeugnis ablegen. Ein Häuptling von hohem 
Rang und großer Heiligkeit auf Neuseeland hatte einst die Reste seiner 
Mahlzeit am Wege stehen lassen. Da kam ein Sklave daher, ein junger, 
kräftiger, hungriger Gesell, sah das Zurückgelassene und machte sich 
darüber, um es aufzuessen. Kaum war er fertig worden, da teilte ihm 
ein entsetzter Zuschauer mit, daß es die Mahlzeit des Häuptlings gewesen 
sei, an welcher er sich vergangen habe. Er war ein starker, mutiger 
Krieger gewesen, aber sobald er diese Auskunft vernommen hatte, stürzte 
er zusammen, wurde von gräßlichen Zuckungen befallen und starb gegen 
Sonnenuntergang des nächsten Tages. 2 ) Eine Maorifrau hatte gewisse 
Früchte gegessen und dann erfahren, daß diese von einem mit Tabu be- 
legten Ort herrührten. Sie schrie auf, der Geist des Häuptlings, den sie 
so beleidigt, werde sie gewiß töten. Dies geschah am Nachmittag und 
am nächsten Tag um zwölf Uhr war sie tot. 3 ) Das Feuerzeug eines 
Maori-Häuptlings brachte einmal mehrere Personen ums Leben. Der 
Häuptling hatte es verloren, andere fanden es und bedienten sich seiner, 

») Frazer, The magic art I, p. 368. 

*) Old New Zealand, by a PakehaMaori (London 1884), bei Fraz er, Taboo, p. 135. 

8 ) W. Brown, New Zealand and is Aborigines (London 1845), bei F r a z e r ibid. 



40 H- Das Tabu and die Ambivalenz. 

um ihre Pfeifen anzuzünden. Als sie erfuhren, wessen Eigentum das 
Feuerzeug sei, starben sie alle vor Schrecken. 1 ) 

Es ist nicht zu verwundern, wenn sich das Bedürfnis fühlbar 
machte, so gefährliche Personen wie Häuptlinge und Priester von den 
anderen zu isolieren, eine Mauer um sie aufzuführen, hinter welcher sie 
für die anderen unzugänglich waren. Es mag uns die Erkenntnis däm- 
mern, daß diese ursprünglich aus Tabuvorschriften gefügte Mauer heute 
noch als höfisches Zeremoniell existiert. 

Aber der vielleicht größere Teil dieses Tabu der Herrscher läßt 
sich nicht auf das Bedürfnis des Schutzes vor ihnen zurückführen. Der 
andere Gesichtspunkt in der Behandlung der privilegierten Personen, das 
Bedürfnis, sie selbst vor den ihnen drohenden Gefahren zu schützen, hat 
an der Schaffung der Tabu und somit an der Entstehung der höfischen 
Etikette den deutlichsten Anteil gehabt. 

Die Notwendigkeit, den König vor allen erdenklichen Gefahren zu 
schützen, ergibt sich aus seiner ungeheuren Bedeutung für das Wohl 
und Wehe seiner Untertanen. Streng genommen ist es seine Person, die 
den Lauf der Welt reguliert ; sein Volk hat ihm nicht nur für den Regen 
und Sonnenschein zu danken, der die Früchte der Erde gedeihen läßt 
sondern auch für den Wind, der Schiffe an ihre Küste bringt, und für 
den festen Boden, auf den sie ihre Füße setzen. 8 ) 

Diese Könige der Wilden sind mit einer Machtfülle und einer 
Fähigkeit zu beglücken ausgestattet, die nur Göttern zu eigen ist, und 
an welche auf späteren Stufen der Zivilisation nur die servilsten ihrer 
Höflinge Glauben heucheln werden. 

Es erscheint ein offenbarer Widerspruch, daß Personen von solcher 
Machtvollkommenheit selbst der größten Sorgfalt bedürfen, um vor den 
sie bedrohenden Gefahren beschützt zu werden, aber es ist nicht der 
einzige Wiederspruch, der in der Behandlung königlicher Personen bei 
den Wilden zu Tage tritt. Diese Völker halten es auch für notwendig, 
ihre Könige zu überwachen, daß sie ihre Kräfte im rechten Sinne ver- 
wenden; sie sind ihrer guten Intentionen oder ihrer Gewissenhaftigkeit 
keineswegs sicher. Ein Zug von Mißtrauen mengt sich der Motivierung 
der Tabuvorschriften für den König bei. „Die Idee, daß urzeitliches 
Königstum ein Despotismus ist," sagt Frazer 3 ), „demzufolge das Volk 
nur für seinen Herrscher existiert, ist auf die Monarchien, die wir hier 

*) Frazer, 1. c. 

s ) Frazer, Taboo. The bürden of royalty, p. 7. 

3 )1. c, p. 7. 





Widerspräche in der Behandlung der Herrscher. 41 

im Auge haben, ganz und gar nicht anwendbar. Im Gegenteile, in diesen 
lebt der Herrscher nur für seine Untertanen ; sein Leben hat einen Wert 
nur so lange, als er die Pflichten seiner Stellung erfüllt, den Lauf der 
Natur zum Besten seines Volkes regelt. Sobald er darin nachläßt oder 
versagt, wandeln sich die Sorgfalt, die Hingebung, die religiöse Verehrung, 
deren Gegenstand er bisher im ausgiebigsten Maße war, in Haß und Ver- 
achtung um. Er wird schmählich davon gejagt und mag froh sein, wenn 
er das nackte Leben rettet. Heute noch als Gott verehrt, mag es ihm 
passieren, morgen als Verbrecher erschlagen zu werden. Aber wir haben 
kein Recht, dies veränderte Benehmen seines Volkes als Unbeständigkeit 
oder Widerspruch zu verurteilen, das Volk bleibt vielmehr durchaus kon- 
sequent. Wenn ihr König ihr Gott ist, so denken sie, muß er sich auch 
als ihr Beschützer erweisen ; und wenn er sie nicht beschützen will soll 
er einem anderen, der bereitwilliger ist, den Platz räumen. So lange er 
aber ihren Erwartungen entspricht, kennt ihre Sorgfalt für ihn keine 
Grenzen, und sie nötigen ihn dazu, sich selbst mit der gleichen Fürsorge 
zu behandeln. Ein solcher König lebt wie eingemauert hinter einem 
System von Zeremoniell und Etikette, eingesponnen in ein Netz von Ge- 
bräuchen und Verboten, deren Absicht keineswegs dahin geht seine 
Würde zu erhöhen, noch weniger sein Wohlbehagen zu steigern, sondern 
die einzig und allein bezwecken, ihn vor Schritten zurückzuhalten welche 
die Harmonie der Natur stören und so ihn, sein Volk und das ganze 
Weltall gleichzeitig zu Grunde richten könnten. Diese Vorschriften, weit 
entfernt, seinem Behagen zu dienen, mengen sich in jede seiner Hand- 
lungen, heben seine Freiheit auf und machen ihm das Leben, das sie 
angeblich versichern wollen, zur Bürde und zur Qual." 

Eines der grellsten Beispiele von solcher Fesselung und Lähmung 
eines heiligen Herrschers durch das Tabu-Zeremoniell scheint in der 
Lebensweise des Mikado von Japan in früheren Jahrhunderten erzielt 
worden zu sein. Eine Beschreibung, die jetzt über zweihundert Jahre 
alt ist 1 ), erzählt: „Der Mikado glaubt, daß es seiner Würde und Heilig- 
keit nicht angemessen sei, den Boden mit den Füßen zu berühren ; wenn 
er also irgendwohin gehen will, muß er auf den Schultern von Männern 
hingetragen werden. Es geht aber noch viel weniger an, daß er seine 
heilige Person der freien Luft aussetze, und die Sonne wird der Ehre 
nicht gewürdigt, auf sein Haupt zu scheinen. Allen Teilen seines Körpers 
wird eine so hohe Heiligkeit zugeschrieben, daß weder sein Haupthaar, 
noch sein B art geschoren und seine Nägel nicht geschnitten werden 

') Kämpfer, History of Japan bei Frazer, 1. c., p. 3. 



42 II. Das Tabu und die Ambivalenz. 

dürfen. Damit er aber nicht zu sehr verwahrlose, waschen sie ihn 
nachts, wenn er schläft; sie sagen, was man in diesem Zustand von 
seinem Körper nimmt, kann nur als gestohlen aufgefaßt werden, und ein 
solcher Diebstahl tut seiner Würde und Heiligkeit keinen Eintrag. In 
noch früheren Zeiten mußte er jeden Vormittag einige Stunden lang mit 
der Kaiserkrone auf dem Haupte auf dem Throne sitzen, aber er mußte 
sitzen wie eine Statue, ohne Hände, Füße, Kopf oder Augen zu bewegen ; 
nur so, meinte man, könne er Ruhe und Frieden im Reiche erhalten. 
Wenn er unseligerweise sich nach der einen oder der anderen Seite 
wenden sollte, oder eine Zeitlang den Blick bloß auf einen Teil seines 
Reiches richtete so würden Krieg, Hungersnot, Feuer, Pest oder sonst 
ein großes Unheil hereinbrechen, um das Land zu verheeren." 

Einige der Tabu, denen barbarische Könige unterworfen sind, 
mahnen lebhaft an die Beschränkungen der Mörder. In Shark Point 
bei Kap Padron in Unter-Guinea (Westafrika) lebt ein Priesterkönig, 
Kukulu, allein in einem Wald. Er darf kein Weib berühren, auch sein 
Haus nicht verlassen, ja nicht einmal von seinem Stuhl aufstehen, in 
dem er sitzend schlafen muß. Wenn er sich niederlegte, würde der Wind 
aufhören und die Schiffahrt gestört sein. Seine Funktion ist es, die 
Stürme in Schranken zu halten und im allgemeinen für einen gleich- 
mäßig gesunden Zustand der Atmosphäre zu sorgen. 1 ) Je mächtiger ein 
König von Loango ist, sagt Bastian, desto mehr Tabu muß er be- 
obachten. Auch der Thronfolger ist von Kindheit an an sie gebunden, 
aber sie häufen sich um ihn, während er heranwächst ; im Momente der 
Thronbesteigung ist er von ihnen erstickt. 

Unser Raum gestattet es nicht und unser Interesse erfordert es 
nicht, daß wir in die Beschreibung der an der Königs- oder Priester- 
würde haftenden Tabu weiter eingehen. Führen wir noch an, daß Be- 
schränkungen der freien Bewegung und der Diät die Hauptrolle unter 
ihnen spielen. Wie konservierend aber auf alte Gebräuche der Zu- 
sammenhang mit diesen privilegierten Personen wirkt, mag aus zwei Bei- 
spielen von Tabuzeremoniell hervorgehen, die von zivilisierten Völkern, 
also von weit höheren Kulturstufen, genommen sind. 

Der Flamen Dialis, der Oberpriester des Jupiter im alten Rom, 
hatte eine außerordentlich große Anzahl von Tabugeboten zu beobachten. 
Er durfte nicht reiten, kein Pferd, keine Bewaffneten sehen, keinen Ring 
tragen, der nicht zerbrochen war, keinen Knoten an seinen Gewändern 

*) A. Bastian, „Die deutsche Expedition an der Loangoküste", Jena 1874, 
bei Frazer, 1. c. p. 5. 



Beschränkungen der Priester und Könige. 43 

haben, Weizenmehl und Sauerteig nicht berühren, eine Ziege, einen Hund, 
rohes Fleisch, Bohnen und Efeu nicht einmal beim Namen nennen ; sein 
Haar durfte nur von einem freien Mann mit einem Bronzemesser ge- 
schnitten, seine Haare und Nägelabfälle mußten unter einem glück- 
bringenden Baum vergraben werden; er durfte keinen Toten anrühren, 
nicht unbedeckten Hauptes unter freiem Himmel stehen und dergleichen. 
Seine Frau, die Fl amini ca, hatte überdies ihre eigenen Verbote: Sie 
durfte auf einer gewissen Art von Treppen nicht höher als drei Stufen 
steigen, an gewissen Festtagen ihr Haar nicht kämmen; das Leder ihrer 
Schuhe durfte von keinem Tier genommen werden, das eines natürlichen 
Todes gestorben war, sondern nur von einem geschlachteten oder ge- 
opferten; wenn sie Donner hörte, war sie unrein, bis sie ein Sühnopfer 
dargebracht hatte. 1 ) 

Die alten Könige von Irland waren einer Reihe von höchst sonder- 
baren Beschränkungen unterworfen, von deren Einhaltung aller Segen, 
von deren Übertretung alles Unheil für das Land erwartet wurde. Das 
vollständige Verzeichnis dieser Tabu ist in dem Book of Rights ge- 
geben, dessen älteste handschriftliche Exemplare die Jahreszahlen 1390 
und 1418 tragen. Die Verbote sind äußerst detailliert, betreffen gewisse 
Tätigkeiten an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten; in dieser 
Stadt darf der König nicht an einem gewissen Wochentag weilen jenen 
Fluß nicht um eine genannte Stunde übersetzen, nicht volle neun Ta*e 
auf einer gewissen Ebene lagern u. dg]. 8 ) 

Die Härte der Tabubeschränkungen für die Priesterkönige hat bei vielen 
wilden Völkern eine Folge gehabt, die historisch bedeutsam und für 
unsere Gesichtspunkte besonders interessant ist. Die Priester-Königs- 
würde hörte auf, etwas Begehrenswertes zu sein; wem sie bevorstand 
der wandte oft alle Mittel an, um ihr zu entgehen. So wird es auf 
Cornbodscha, wo es einen Feuer- und einen Wasserkönig gibt, oft 
notwendig, die Nachfolger mit Gewalt zur Annahme der Würde zu 
zwingen. Auf Nine oder Savage Island, einer Koralleninsel 
im Stillen Ozean, kam die Monarchie tatsächlich zu Ende, weil sich 
niemand mehr bereit finden wollte, das verantwortliche und gefährliche 
Amt zu übernehmen. In manchen Teilen von Westafrika wird nach dem 
Tode des Königs ein geheimes Konzil abgehalten, um den Nachfolger zu 
bestimmen. Der, auf welchen die Wahl fällt, wird gepackt, gebunden 
und im Fetischhaus im Gewahrsam gehalten, bis er sich bereit erklärt 



») Frazer, 1. c, p. 13. 
a ) Frazer, 1. c, p. 11. 



4.4. II. Das Tabu und die Ambivalenz. 

hat, die Krone anzunehmen. Gelegentlich findet der präsumtive Thron- 
folger Mittel und Wege, um sich der ihm zugedachten Ehre zu ent- 
ziehen; so wird von einem Häuptling berichtet, daß er Tag und Nacht 
Waffen zu tragen pflegte, um jedem Versuch, ihn auf den Thron zu 
setzen, mit Gewalt zu widerstehen. 1 ) Bei den Negern von Sierra 
Leone ward das Widerstreben gegen die Annahme der Königswürde 
so groß, daß die meisten Stämme genötigt waren, Fremde zu ihren 
Königen zu machen. 

Prazer führt es auf diese Verhältnisse zurück, daß sich in der 
Entwicklung der Geschichte endlich eine Scheidung des ursprünglichen 
Priester -Königstums in eine geistliche und weltliche Macht vollzog. Die 
von der Bürde ihrer Heiligkeit erdrückten Könige wurden unfähig, die 
Herrschaft in realen Dingen auszuüben, und mußten diese geringeren, 
aber tatkräftigen Personen überlassen, welche bereit waren, auf die Ehren 
der Königswürde zu verzichten. Aus diesen erwuchsen dann die welt- 
lichen Herrscher, während die nun praktisch bedeutungslose geistliche 
Oberhoheit den früheren Tabukönigen verblieb. Es ist bekannt, wieweit 
diese Aufstellung in der Geschichte des alten Japans Bestätigung findet. 

Wenn wir nun das Bild der Beziehungen der primitiven Menschen 
zu ihren Herrschern überblicken, so regt sich in uns die Erwartung, daß 
uns der Fortschritt von seiner Beschreibnng zu seinem psychoanalytischen 
Versiändnis nicht schwer fallen wird. Diese Beziehungen sind sehr ver- 
wickelter Natur und nicht frei von Widersprüchen. Man räumt den 
Herrschern große Vorrechte ein, welche sich mit den Tabuverboten der 
anderen geradezu decken. Es sind privilegierte Personen ; sie dürfen 
eben das tun oder genießen, was den übrigen durch das Tabu vorent- 
halten ist. Im Gegensatz zu dieser Freiheit steht aber, daß sie durch 
andere Tabu beschränkt sind, welche auf die gewöhnlichen Individuen 
nicht drücken. Hier ist also ein erster Gegensatz, fast ein Widerspruch, 
zwischen einem Mehr von Freiheit und einem Mehr an Beschränkung 
für dieselben Personen. Man traut ihnen außerordentliche Zauberkräfte 
zu und fürchtet sich deshalb vor der Berührung mit ihren Personen oder 
ihrem Eigentum, während man anderseits von diesen Berührungen die 
wohltätigste Wirkung erwartet. Dies scheint ein zweiter besonders greller 
Widerspruch zu sein; allein wir haben bereits erfahren, daß er nur 
scheinbar ist. Heilend und schützend wirkt die Berührung, die vom 
König selbst in wohlwollender Absicht ausgeht ; gefährlich ist nur die 

') A. Bastian, „Die deutsche Expedition an der Loangokaste" bei Frazer, 
]. c, p. 18. 



Das Tabu der Herrscher. 45 

Berührung, die vom gemeinen Mann am König und am Königlichen 
verübt wird, wahrscheinlich, weil sie an aggressive Tendenzen mahnen 
kann. Ein anderer, nicht so leicht auflösbarer Widerspruch äußert sich 
darin, daß man dem Herrscher eine so große Gewalt über die Vorgänge 
der Natur zuschreibt und sich doch für verpflichtet hält, ihn mit ganz 
besonderer Sorgfalt gegen ihm drohende Gefahren zu beschützen, als ob 
seine eigene Macht, die so vieles kann, nicht auch dies vermöchte. Eine 
weitere Erschwerung des Verhältnisses stellt sich dann her, indem man 
dem Herrscher nicht das Zutrauen entgegenbringt, er werde seine unge- 
heure Macht in der richtigen Weise zum Vorteil der Untertanen wie zu 
seinem eigenen Schutz verwenden wollen; man mißtraut ihm also und 
hält sich für berechtigt, ihn zu überwachen. Allen diesen Absichten der 
Bevormundung des Königs, seinem Schutz vor Gefahren und dem Schutz 
der Untertanen vor der Gefahr, die er ihnen bringt, dient gleichzeitig 
die Tabuetikette, der das Leben des Königs unterworfen wird. 

Es liegt nahe, folgende Erklärung für das komplizierte und wider- 
spruchsvolle Verhältnis der Primitiven zu ihren Herrschern zu geben : 
Aus abergläubischen und anderen Motiven kommen in der Behandlung 
der Könige manigfache Tendenzen zum Ausdruck, von denen jede ohne 
Rücksicht auf die anderen zum Extrem entwickelt wird. Daraus ent- 
stehen dann die Widersprüche, an denen der Intellekt der Wilden 
übrigens so wenig Anstoß nimmt wie der der Höchstzivilisierten, wenn 
es sich nur um Verhältnisse der Religion oder der „Loyalität" handelt. 

Das wäre soweit gut, aber die psychoanalytische Technik wird 
gestatten, tiefer in den Zusammenhang einzudringen und Näheres über 
die Natur dieser manigfaltigen Tendenzen auszusagen. Wenn wir den 
geschilderten Sachverhalt der Analyse unterziehen, gleichsam als ob er 
sich im Symptombild einer Neurose fände, so werden wir zunächst an 
das Übermaß von ängstlicher Sorge anknüpfen, welches als Begründung 
des Tabuzeremoniells ausgegeben wird. Dies Vorkommen einer solchen 
Überzärtlichkeit ist in der Neurose, speziell bei der Zwangsneurose, die 
wir in erster Linie zum Vergleich heranziehen, sehr gewöhnlich. Ihre 
Herkunft ist uns sehr wohl verständlich worden. Sie tritt überall dort 
auf, wo außer der vorherrschenden Zärtlichkeit eine gegensätzliche aber 
unbewußte Strömung von Feindseligkeit besteht, also der typische Fall 
der ambivalenten Gefühlseinstellung realisiert ist. Dann wird die Feind- 
seligkeit überschrieen durch eine übermäßige Steigerung der Zärt- 
lichkeit, die sich als Ängstlichkeit äußert und die zwanghaft wird, weil 
sie sonst ihrer Aufgabe, die unbewußte Gegenströmung in der Verdrän- 



46 II. Das Tabu und die Ambivalenz. 

gung zu erhalten, nicht genügen würde. Jeder Psychoanalytiker hat es 
erfahren, mit welcher Sicherheit die ängstliche Überzärtlichkeit unter den 
unwahrscheinlichsten Verhältnissen, z. B. zwischen Mutter und Kind oder 
bei zärtlichen Eheleuten, diese Auflösung gestattet. Auf die Behandlung 
der privilegierten Personen angewendet, ergäbe sich die Einsicht, daß 
der Verehrung, ja Vergötterung derselben im Unbewußten eine intensive 
feindselige Strömung entgegensteht, daß also hier, wie wir es erwartet 
haben, die Situation der ambivalenten Gefühlseinstellung verwirklicht ist. 
Daß Mißtrauen, welches als Beitrag zur Motivierung der Königstabu un- 
abweisbar erscheint, wäre eine andere direktere Äußerung derselben unbe- 
wußten Feindseligkeit. Ja, wir wären — infolge der Mannigfaltigkeit der 
Endausgänge eines solchen Konfliktes bei verschiedenen Völkern — nicht 
um Beispiele verlegen, in denen uns der Nachweis einer solchen Feind- 
seligkeit noch viel leichter fiele. Die wilden Timm es von Sierra 
Leone, hören wir bei Frazer, 1 ) haben sich das Recht vorbehalten, 
ihren gewählten König am Abend vor seiner Krönung durchzuprügeln, 
und sie bedienen sich dieses konstitutionellen Vorrechtes mit solcher 
Gründlichkeit, daß der unglückliche Herrscher gelegentlich seine Er- 
hebung auf den Thron um nicht lange Zeit überlebt, daher haben es 
sich die Großen des Volkes zur Regel gemacht, wenn sie einen Groll 
gegen einen bestimmten Mann haben, diesen zum König zu wählen. 
Immerhin wird auch in solchen grellen Fällen die Feindseligkeit sich 
nicht als solche bekennen, sondern sich als Zeremoniell gebärden. 

Ein anderes Stück im Verhalten der Primitiven gegen ihre Herrscher 
ruft die Erinnerung an einen Vorgang wach, der, in der Neurose allge- 
mein verbreitet, in dem sogenannten Verfolgungswahn offen zu Tage 
tritt. Es wird hier die Bedeutung einer bestimmten Person außer- 
ordentlich erhöht, ihre Machtvollkommenheit ins Unwahrscheinliche ge- 
steigert, um ihr desto eher die Verantwortlichkeit für alles Peinliche, 
was dem Kranken widerfährt, aufladen zu können. Eigentlich verfahren 
ja die Wilden mit ihren Königen nicht anders, wenn sie ihnen die Macht 
über Regen und Sonnenschein, Wind und Wetter zuschreiben und sie 
dann absetzen oder töten, weil die Natur ihre Erwartungen auf eine 
gute Jagd oder eine reife Ernte enttäuscht hat. Das Vorbild, welches 
der Paranoiker im Verfolgungswahn wiederherstellt, liegt im Verhältnis 
des Kindes zu seinem Vater. Dem Vater kommt eine derartige Macht- 
fülle in der Vorstellung des Sohnes regelmäßig zu, und es zeigt sich, daß 
das Mißtrauen gegen den Vater mit seiner Hochschätzung innig verknüpft 

*) 1. c, p. 18 nacb Zw eifel et Monstier, Voyage aux sources du Niger, 1880. 



Die Ambivalenz der höfischen Etiqaette. 47 

ist. Wenn der Paranoiker eine Person seiner Lebensbeziehungen zu 
seinem „Verfolger" ernennt, so hebt er sie damit in die Väterreihe, bringt 
sie unter die Bedingungen, die ihm gestatten, sie für alles Unglück seiner 
Empfindung verantwortlich zu machen. So mag uns diese zweite Ana- 
logie zwischen dem Wilden und dem Neurotiker die Einsicht ahnen lassen, 
wie vieles im Verhältnis des Wilden zu seinem Herrscher aus der infan- 
tilen Einstellung des Kindes zum Vater hervorgehen mag. 

Den stärksten Anhaltungspunkt für unsere Betrachtungsweise, welche 
die Tabuverbote mit neurotischen Symptomen vergleichen will, finden 
wir aber im Tabuzeremoniell selbst, dessen Bedeutung für die Stellung 
des Königstums vorhin erörtert wurde. Dieses Zeremoniell trägt seinen 
Doppelsinn und seine Herkunft von ambivalenten Tendenzen unverkennbar 
zur Schau, wenn wir nur annehmen wollen, daß es die Wirkungen, die 
es hervorbringt, auch von allem Anfang an beabsichtigt hat. Es zeichnet 
nicht nur die Könige aus und erhebt sie über alle gewöhnlichen Sterb- 
lichen, es macht ihnen auch das Leben zur Qual und zur unerträglichen 
Bürde und zwingt, sie in eine Knechtschaft, die weit ärger ist als die 
ihrer Untertanen. Es erscheint uns so als das richtige Gegenstück zur 
Zwangshandlung der Neurose, in der sich der unterdrückte Trieb und 
der ihn unterdrückende zur gleichzeitigen und gemeinsamen Befriedigung 
treffen. Die Zwangshandlung ist angeblich ein Schutz gegen die ver- 
botene Handlung; wir möchten aber sagen, sie ist eigentlich die 
Wiederholung des Verbotenen. Das „angeblich« wendet sich hier der 
bewußten, das ^eigentlich« der unbewußten Instanz des Seelenlebens zu. So 
ist auch das Tabuzeremoniell der Könige angeblich die höchste Ehrung 
und Sicherung derselben, eigentlich die Strafe für ihre Erhöhung, die 
Rache, welche die Untertanen an ihnen nehmen. Die Erfahrungen, die 
Sancho Pansa bei Cervantes als Gouverneur auf seiner Insel macht, 
haben ihn offenbar diese Auffassung des höfischen Zeremoniells als die 
einzig zutreffende erkennen lassen. Es ist sehr wohl möglich, daß wir 
weitere Zustimmungen zu hören bekämen, wenn wir Könige und Herrscher 
von heute zur Äußerung darüber veranlassen könnten. 

Warum die Gefühlseinstellung gegen die Herrscher einen so mäch- 
tigen unbewußten Beitrag von Feindseligkeit enthalten sollte, ist ein 
sehr interessantes, aber die Grenzen dieser Arbeit überschreitendes Pro- 
blem. Den Hinweis auf den infantilen Vaterkomplex haben wir bereits 
gegeben; fügen wir hinzu, daß die Verfolgung der Vorgeschichte des 
Königtums uns die entscheidenden Aufklärungen bringen müßte. Nach 
Frazers eindrucksvollen, aber nach eigenem Zugeständnis nicht ganz 



43 II- Das Tabu und die Ambivalenz. 

zwingenden Erörterungen waren die ersten Könige Fremde, die nach 
kurzer Herrschaft zum Opfertod bei feierlichen Festen als Repräsentanten 
der Gottheit bestimmt waren. 1 ) Noch die Mythen des Christentums 
wären von der Nachwirkung dieser Entwicklungsgeschichte der Könige 
berührt. 

c) Das Tabu der Toten. 

Wir wissen, daß die Toten mächtige Herrscher sind ; wir werden 
vielleicht erstaunt sein zu erfahren, daß sie als Feinde betrachtet werden. 

Das Tabu der Toten erweist, wenn wir auf dem Boden des Ver- 
gleiches mit der Infektion bleiben dürfen, bei den meisten primitiven 
Völkern eine besondere Virulenz. Es äußert sich zunächst in den Folgen, 
welche die Berührung des Toten nach sich zieht, und in der Behand- 
lung der um den Toten Trauernden. Beiden Maori war jeder, der eine 
Leiche berührt oder an ihrer Grablegung teilgenommen hatte, aufs 
äußerste unrein und nahezu abgeschnitten von allem Verkehr mit seinen 
Mitmenschen, sozusagen boykottiert. Er konnte kein Haus betreten, 
keiner Person oder Sache nahe kommen, ohne sie mit der gleichen Eigen- 
schaft anzustecken. Ja, er durfte nicht einmal Nahrung mit seinen Hän- 
den berühren, diese waren ihm durch ihre Unreinheit geradezu unbrauch- 
bar geworden. Man stellte ihm das Essen auf den Boden hin, und ihm 
blieb nichts übrig, als sich seiner mit den Lippen und den Zähnen, so 
gut es eben ging, zu bemächtigen, während er seine Hände nach dem 
Rücken gebogen hielt. Gelegentlich war es erlaubt, daß eine andere 
Person ihn füttere, die es dann mit ausgestrecktem Arm tat, sorgsam, 
den Unseligen nicht selbst zu berühren, aber diese Hilfsperson war dann 
selbst Einschränkungen unterworfen, die nicht viel weniger drückend 
waren als die eigenen. Es gab wohl in jedem Dorf ein ganz verkom- 
menes, von der Gesellschaft ausgestoßenes Individuum, das in der arm- 
seligsten Weise von spärlichen Almosen lebte. Diesem Wesen war es 
allein gestattet, sich auf Armeslänge dem zu nähern, der die letzte 
Pflicht gegen einen Verstorbenen erfüllt hatte. War aber dann die Zeit 
der Abschließung vorüber, und durfte der durch die Leiche Verunreinigte 
sich wieder unter seine Genossen mengen, so wurde alles Geschirr, dessen 
er sich in der gefährlichen Zeit bedient hatte, zerschlagen, und alles 
Zeug weggeworfen, mit dem er bekleidet gewesen war. 

Die Tabugebräuche nach der körperlichen Berührung von Toten 
sind in ganz Polynesien, Melanesien und in einem Teil von Afrika die 

*) Frazer, „The magic art and tlie evolution of kings". 2 vol. 1911. (The 
golden bough.) 



Das Tabu der Toten. 49 

nämlichen; ihr konstantestes Stück ist das Verbot, Nahrung selbst zu 
berühren, und die sich daraus ergebende Notwendigkeit, von anderen 
gefüttert zu werden. Es ist bemerkenswert, daß in Polynesien oder viel- 
leicht nur in Hawaii 1 ) Priesterkönige während der Ausübung heiliger 
Handlungen derselben Beschränkung unterlagen. Bei den Tabu der Toten 
auf Tonga tritt die Abstufung und allmähliche Aufhebung der Verbote 
durch die eigene Tabukraft sehr deutlich hervor. Wer den Leichnam 
eines toten Häuptlings berührt hatte, war durch zehn Monate unrein; 
wenn er aber selbst ein Häuptling war, nur durch drei, vier oder fünf 
Monate, je nach dem Rang des Verstorbenen; aber wenn es sich um die 
Leiche des vergötterten Oberhäuptlings handelte, wurden selbst die größten 
Häuptlinge durch zehn Monate tabu. Die Wilden glauben fest daran, 
daß, wer solche Tabuvorschriften übertritt, schwer erkranken und sterben 
muß, so fest, daß sie nach der Meinung eines Beobachters noch niemals 
den Versuch gewagt haben, sich vom Gegenteil zu überzeugen. 2 ) 

Im wesentlichen gleichartig, aber für unsere Zwecke interessanter 
sind die Tabubeschränkungen jener Personen, deren Berührung mit den 
Toten in übertragenem Sinne zu verstehen ist, der trauernden Angehö- 
rigen, der Witwer und Witwen. Sehen wir in den bisher erwähnten 
Vorschriften nur den typischen Ausdruck der Virulenz und der Ausbrei- 
tungsfähigkeit des Tabu, so schimmern in den nun mitzuteilenden die 
Motive der Tabu durch, und zwar sowohl die vorgeblichen als auch 
solche, die wir für die tiefliegenden, echten halten dürfen. 

Bei den Shuswap in Britisch-Columbia müssen Witwen 
und Witwer während ihrer Trauerzeit abgesondert leben; sie dürfen 
weder ihren eigenen Körper noch ihren Kopf mit ihren Händen berühren • 
alles Geschirr, dessen sie sich bedienen, ist dem Gebrauche anderer ent- 
zogen. Kein Jäger wird sich der Hütte, in welcher solche Trauernde 
wohnen, nähern wollen, denn das brächte ihm Unglück; wenn der 
Schatten eines Trauernden auf ihn fallen würde, müßte er erkranken. 
Die Trauernden schlafen auf Dornbüschen und umgeben ihr Bett mit 
solchen. Diese letztere Maßregel ist dazu bestimmt, den Geist des Ver- 
storbenen ferne zu halten, und noch deutlicher ist wohl der von anderen 
nordamerikanischen Stämmen berichtete Gebrauch der Witwe, eine Zeit- 
lang nach dem Tode des Mannes ein hosenartiges Kleidungsstück aus 
trockenem Gras zu tragen, um sich unzugänglich für die Annäherung 

l ) ES-azer, Taboo, p. 138 usf. 

*) W. Mariner, „The natives of the Tonga Islands", 1818, bei Frazer 1 c 
p. 140. 

Totem und Tabu. 4 




,-f, II. Das Tabu und die Ambivalenz. 

des Geistes zu machen. So wird uns die Vorstellung nahe gelegt, daß 
die Berührung „im übertragenen Sinne« doch nur als ein körperlicher 
Kontakt verstanden wird, da der Geist des Verstorbenen nicht von seinen 
Angehörigen weicht, nicht abläßt, sie während der Zeit der Trauer zu 

umschweben". r»i-i- 

Bei den Agutainos, die auf Palawan, einer der Philippi- 
nen wohnen, darf eine Witwe ihre Hütte die ersten sieben oder acht 
Tage nach dem Todesfall nicht verlassen, es sei denn zur Nachtzeit, 
wenn sie Begegnungen nicht zu erwarten hat. Wer sie erschaut gerät 
in Gefahr augenblicklich zu sterben, und darum warnt sie selbst vor 
ihrer Annäherung, indem sie bei jedem Schritt mit einem hölzernen Stab 
gesen die Bäume schlägt; diese Bäume aber verdorren. Worin die Gefähr- 
lichkeit einer solchen Witwe bestehen mag, wird uns durch eine andere 
Beobachtung erläutert. Im Mekeobezirk von Briti seh - Neu- 
Guinea wird ein Witwer aller bürgerlichen Rechte verlustig und lebt 
für eine Weile wie ein Ausgestoßener. Er darf keinen Garten bebauen, 
sich nicht öffentlich zeigen, das Dorf und die Straße nicht betreten. Er 
schleicht wie ein wildes Tier im hohen Gras oder im Gebüsch umher, 
und muß sich im Dickicht verstecken, wenn er jemanden, besonders aber 
ein Weib herannahen sieht. Diese letztere Andeutung macht es uns 
leicht, die Gefährlichkeit des Witwers oder der Witwe auf die Gefahr 
der Versuchung zurückzuführen. Der Mann, der sein Weib verloren 
hat, soll dem Begehren nach einem Ersatz ausweichen; die Witwe hat 
mit demselben Wunsch zu kämpfen und mag überdies als herrenlos 
die Begehrlichkeit anderer Männer erwecken. Jede solche Ersatzbefrie- 
digung läuft gegen den Sinn der Trauer ; sie müßte den Zorn des Geistes 

auflodern lassen. 1 ) 

Eines der befremdendsten, aber auch lehrreichsten Tabugebräuche der 
Trauer bei den Primitiven ist das Verbot, den Namen des Verstorbenen 
auszusprechen. Es ist ungemein verbreitet, hat mannigfaltige Ausfüh- 
rungen erfahren und bedeutsame Konsequenzen gehabt. 

Außer bei den Australiern und Polynesiern, welche uns die Tabu- 
gebräuche in ihrer besten Erhaltung zu zeigen pflegen, findet sich dies Ver- 
bot bei so entfernten und einander so fremden Völkern, wie die Samo- 
jeden in Sibirien und die To das in Südindien, die Mongolen der 

») Dieselbe Kranke, deren „Unmöglichkeiten" ich oben (S. 26) mit den Tabu 
zusammengestellt habe, bekannte, daß sie jedesmal in Entrüstung gerate, wenn sie 
einer in Trauer gekleideten Person auf der Straße begegne. Solchen Leuten sollte das 
Ausgehen verboten sein! 



Die Verpönung der Namen Verstorbener. 51 

Bartarei und die Tuaregs der Sahara, die Aino in Japan und die 
Akamba und Nandi in Zentralafrika, die Tinguanen auf denPhi- 
lippinen und die Einwohner der Nik ob arischen Inseln, von Ma- 
dagaskar und Borneo 1 ). Bei einigen dieser Völker gilt das Verbot 
und die aus ihm sich ableitenden Folgen nur für die Zeit der Trauer, 
bei anderen bleibt es permanent, doch scheint es in allen Fällen mit 
der Entfernung vom Zeitpunkt des Todesfalles abzublassen. 

Die Vermeidung des Namens des Verstorbenen wird in der Regel 
außerordentlich strenge gehandhabt. So gilt es bei manchen südameri- 
kanischen Stämmen als die schwerste Beleidigung der Überlebenden, den 
Namen des verstorbenen Angehörigen vor ihnen auszusprechen, und die 
darauf gesetzte Strafe ist nicht geringer als die für eine Mordtat selbst 
festgesetzte. 2 ) Warum die Nennung des Namens so verabscheut werden 
sollte, ist zunächst nicht leicht zu erraten, aber die mit ihr verbundenen 
Gefahren haben eine ganze Reihe von Auskunftsmitteln entstehen lassen, 
die nach verschiedenen Richtungen interessant und bedeutungsvoll sind. 
So sind die Masai in Afrika auf die Ausflucht gekommen, den Namen 
des Verstorbenen unmittelbar nach seinem Tode zu ändern- er darf nun 
ohne Scheu mit dem neuen Namen erwähnt werden, während alle Ver- 
bote an den alten geknüpft bleiben. Es scheint dabei vorausgesetzt, daß 
der Geist seinen neuen Namen nicht kennt und nicht erfahren wird. 
Die australischen Stämme an der Adelaide und der EncounterBay 
sind in ihrer Vorsicht so konsequent, daß nach einem Todesfall alle 
Personen ihre Namen gegen einen anderen vertauschen, welche ebenso 
oder sehr ähnlich geheißen haben wie der Verstorbene. Manchmal wird 
in weiterer Ausdehnung derselben Erwägung die Namensänderung nach 
einem Todesfall bei allen Angehörigen des Verstorbenen vorgenommen, 
ohne Rücksicht auf den Gleichklang der Namen, so bei einigen Stämmen 
in Victoria und in Nordwestamerika. Ja beiden Guaycurus 
in Paraguay pflegte der Häuptling bei so traurigem Anlaß allen Mit- 
gliedern des Stammes neue Namen zu geben, die sie fortan erinnerten, 
als ob sie sie von jeher getragen hätten. 3 ) 

Ferner, wenn der Name des Verstorbenen sich mit der Bezeich- 
nung eines Tieres, Gegenstandes usw. gedeckt hatte, erschien es manchen 
unter den angeführten Völkern notwendig, auch diese Tiere und Objekte 
neu zu benennen, damit man beim Gebrauch dieser Worte nicht an den 

*) Frazer, 1. c. p. 353. 
*) Frazer, 1. c. p. 352 nsf. 

s ) Frazer, 1. c. p. 357 nach einem alten spanischen Beobachter 1732. 

4* 



52 



IL Das Tabu and die Ambivalenz. 



Verstorbenen erinnert werde. Daraus mußte sich eine nie zur Ruhe 
kommende Veränderung des Sprachschatzes ergeben, die den Missionären 
Schwierigkeiten genug bereitete, besonders wo die Namensverpönung eine 
permanente war. In den sieben Jahren, die der Missionär Dobriz- 
hofer bei den Abiponen in Paraguay verbrachte, wurde der Name 
für Jaguar dreimal abgeändert, und die Worte für Krokodil, Dornen und 
Tierschlachten hatten ähnliche Schicksale. 1 ) Die Scheu, einen Namen 
auszusprechen, der einem Verstorbenen angehört hat, dehnt sich aber 
auch nach der Richtung hin aus, daß man alles zu erwähnen vermeidet, 
wobei dieser Verstorbene eine Rolle spielte, und als bedeutsame Folge 
dieses Unterdrückungsprozesses ergibt sich, daß diese Völker keine Tra- 
dition, keine historischen Reminiszenzen haben und einer Erforschung ihrer 
Vorgeschichte die größten Schwierigkeiten in den Weg legen. Bei einer 
Reihe dieser primitiven Völker haben sich aber auch kompensierende 
Gebräuche eingebürgert, um die Namen der Verstorbenen nach einer 
langen Zeit von Trauer wieder zu erwecken, indem man sie an Kinder 
verleiht, die als die Wiedergeburt der Toten betrachtet werden. 

Das Befremdende dieses Namentabu ermäßigt sich, wenn wir daran 
gemahnt werden, daß für die Wilden der Name ein wesentliches Stück 
und ein wichtiger Besitz der Persönlichkeit ist, daß sie dem Wort volle 
Dingbedeutung zuschreiben. Dasselbe tun, wie ich an anderen Orten 
ausgeführt habe, unsere Kinder, die sich darum niemals mit der An- 
nahme einer bedeutungslosen Wortähnlichkeit begnügen, sondern konse- 
quent schließen, wenn zwei Dinge mit gleichklingenden Namen genannt 
werden, so müßte damit eine tiefgehende Übereinstimmung zwischen 
beiden bezeichnet sein. Auch der zivilisierte Erwachsene mag an man- 
chen Besonderheiten seines Benehmens noch erraten, daß er von dem Voll- 
und Wichtignehmen der Eigennamen nicht so weit entfernt ist, wie er 
glaubt, und daß sein Name in einer ganz besonderen Art mit seiner 
Person verwachsen ist. Es stimmt dann hiezu, wenn die psychoanaly- 
tische Praxis vielfachen Anlaß findet, auf die Bedeutung der Namen in 
der unbewußten Denktätigkeit hinzuweisen. 2 ) Die Zwangsneurotiker be- 
nehmen sich dann, wie zu erwarten stand, in betreff der Namen ganz 
wie die Wilden. Sie zeigen die volle „Komplexempfindlichkeit" gegen 
das Aussprechen und Anhören bestimmter Worte und Namen (ähnlich 
wie auch andere Neurotiker), und leiten aus ihrer Behandlung des 
eigenen Namens eine gute Anzahl von oft schweren Hemmungen ab. 

J ) Frazer, 1. c. p. 360. 
*) Stekel, Abraham. 



Die Angst vor den Verstorbenen. 53 

Eine solche Tabukranke, die ich kannte, hatte die Vermeidung angenom- 
men, ihren Namen niederzuschreiben, aus Angst, er könnte in jemandes 
Hand geraten, der damit in den Besitz eines Stückes von ihrer Persön- 
lichkeit gekommen wäre. In der krampfhaften Treue, durch die sie sich 
gegen die Versuchungen ihrer Phantasie schützen mußte, hatte sie sich 
das Gebot geschaffen, „nichts von ihrer Person herzugeben". Dazu 
gehörte zunächst der Name, in weiterer Ausdehnung die Handschrift, und 
darum gab sie schließlich das Schreiben auf. 

So finden wir es nicht mehr auffällig, wenn von den Wilden der 
Name des Toten als ein Stück seiner Person gewertet und zum Gegen- 
stand des den Toten betreffenden Tabu gemacht wird. Auch die Namens- 
nennung des Toten läßt sich auf die Berührung mit ihm zurückführen 
und wir dürfen uns dem umfassenderen Problem zuwenden weshalb 
diese Berührung von so strengem Tabu betroffen ist. 

Die naheliegendste Erklärung würde auf das natürliche Grauen hin- 
weisen, welches der Leichnam und die Veränderungen, die alsbald an 
ihm bemerkt werden, erregt. Daneben müßte man der Trauer um den 
Toten einen Platz einräumen, als Motiv für alles, was sich auf diesen 
Toten bezieht. Allein das Grauen vor dem Leichnam deckt offenbar 
nicht die Einzelheiten der Tabuvorschriften, und die Trauer kann uns 
niemals erklären, daß die Erwähnung des Toten ein schwerer Schimpf 
für dessen Hinterbliebene ist. Die Trauer liebt es vielmehr sich mit 
dem Verstorbenen zu beschäftigen, sein Andenken auszuarbeiten und für 
möglichst lange Zeit zu erhalten. Für die Eigentümlichkeiten der Tabu- 
gebräuche muß etwas anderes als die Trauer verantwortlich gemacht 
werden, was offenbar andere Absichten als diese verfolgt. Gerade die 
Tabu der Namen verraten uns dies noch unbekannte Motiv, und sagten 
es die Gebräuche nicht, so würden wir es aus den Angaben der trau- 
ernden Wilden selbst erfahren. 

Sie machen nämlich kein Hehl daraus, daß sie sich vor der Gegen- 
wart und der Wiederkehr des Geistes der Verstorbenen fürchten; sie 
üben eine Menge von Zeremonien, um ihn fern zu halten, ihn zu ver- 
treiben. 1 ) Seinen Namen auszusprechen, dünkt ihnen eine Beschwörung, 
der seine Gegenwart auf dem Fuße folgen wird. 2 ) Sie tun darum folge- 
richtig alles, um einer solchen Beschwörung und Erweckung aus dem 

*) Als Beispiel eines solchen Bekenntnisses sind bei Frazer, 1. c, p. 353, die 
Tuaregs der Sahara angeführt. 

*) Vielleicht ist hiezn die Bedingung zu fügen: solange noch etwas von seinen 
körperlichen Überresten existiert. Frazer, 1. c, p. 372. 



54 



II. Das Tabu und die Ambivalenz. 



Wege zu gehen. Sie verkleiden sich, damit der Geist sie nicht erkenne, 1 ) 
oder sie entstellen seinen oder den eigenen Namen; sie wüten gegen 
den rücksichtslosen Fremden, der den Geist durch Nennung seines Na- 
mens auf seine Hinterbliebenen hetzt. Es ist unmöglich, der Folgerung 
auszuweichen, daß sie nach Wundts Ausdruck, an der Furcht „vor 
seiner zum Dämon gewordenen Seele" leiden. 2 ) 

Mit dieser Einsicht wären wir bei der Bestätigung der Auffassung 
Wundts angelangt, welche das Wesen des Tabu, wie wir gehört haben, 
in der Angst vor den Dämonen findet. 

Die Voraussetzung dieser Lehre, daß das teuere Familienmitglied 
mit dem Augenblicke seines Todes zum Dämon wird, von dem die Hinter- 
bliebenen nur Feindseliges zu erwarten haben, und gegen dessen böse 
Gelüste sie sich mit allen Mitteln schützen müssen, ist so sonderbar, 
daß man ihr zunächst den Glauben versagen wird. Allein so ziemlich 
alle maßgebenden Autoren sind darin einig, den Primitiven diese Auffas- 
sung zuzuschreiben. Westermarck, der in seinem Werke: „Ursprung 
und Entwicklung der Moralbegriffe dem Tabu, nach meiner Schätzung, 
viel zu wenig Beachtung schenkt, äußert in dem Abschnitt: Verhalten 
oegen Verstorbene direkt : „Überhaupt läßt mich mein Tatsachenmaterial 
den Schluß ziehen, daß die Toten häufiger als Feinde denn als Freunde 
angesehen werden 3 ) und daß Jevons und Grant Allen im Irrtum 
sind mit ihrer Behauptung, man habe früher geglaubt, die Böswilligkeit 
der Toten richte sich in der Regel nur gegen Fremde, während sie für 
Leben und Ergehen ihrer Nachkommen und Clangenossen väterlich besorgt 
seien." 

R. Kleinpaul hat in einem eindrucksvollen Buche die Reste des 
alten Seelenglaubens bei den zivilisierten Völkern zur Darstellung des 
Verhältnisses zwischen den Lebendigen und den Toten verwertet.*) Es 

a ) Auf den Nikobaren. Frazer, 1. c, p. 382. 

2 ) Wundt, Religion und Mythus, II. B., p. 49. 

■) Westermarck, 1. c, II. B., p. 424. In der Anmerkung und in der Fort- 
setzung des Textes die reiche Fülle von bestätigenden, oft sehr charakteristischen 
Zeugnissen, z. B.: Die Maoris glaubten, „daß die nächsten und gehebtesten Verwand- 
ten nach dem Tode ihr Wesen ändern und selbst gegen ihre früheren Lieblinge übel 
gesinnt werden." — Die Australneger glauben, jeder Verstorbene sei lange Zeit bös- 
artig; je enger die Verwandschaft, desto größer die Furcht. Die Zentraleskimo wer- 
den von der Vorstellung beherrscht, daß die Toten erst spät zur Ruhe gelangen, an- 
fänglich aber zu fürchten seien als unheilbrütende Geister, die das Dorf häufig um- 
kreisen, um Krankheit, Tod und anderes Unheil zu verbreiten. (Boas.) 

*) R. Kleinpaul: Die Lebendigen und die Toten im Volksglauben, Religion 
und Sage. 1898. 



Die Verwandlung der Verstorbenen in Dämonen. 55 

gipfelt auch nach ihm in der Überzeugung, daß die Toten mordlustig 
die Lebendigen nach sich ziehen. Die Toten töten; das Skelet, als 
welches der Tod heute gebildet wird, stellt dar, daß der Tod selbst 
nur ein Toter ist. Nicht eher fühlte sich der Lebendige vor der Nach- 
stellung der Toten sicher, als bis er ein trennendes Wasser zwischen sich 
und ihn gebracht hat. Daher begrub man die Toten gern auf Inseln, 
brachte sie auf die andere Seite eines Flusses ; die Ausdrücke Diesseits 
und Jenseits sind hievon ausgegangen. Eine spätere Milderung hat die 
Böswilligkeit der Toten auf jene Kategorien beschränkt, denen man ein 
besonderes Recht zum Groll einräumen mußte, auf die Ermordeten, die 
ihren Mörder als böse Geister verfolgen, auf die in ungestillter Sehn- 
sucht Gestorbenen wie die Bräute. Aber ursprünglich, meint Klein- 
paul, waren alle Toten Vampyre, alle grollten den Lebenden und trach- 
teten, ihnen zu schaden, sie des Leben zu berauben. Der Leichnam hat 
überhaupt erst den Begriff eines bösen Geistes geliefert. 

Die Annahme, die liebsten Verstorbenen wandelten sich nach dem 
Tode zu Dämonen, läßt offenbar eine weitere Fragestellung zu. Was 
bewog die Primitiven dazu, ihren teueren Toten eine solche Sinnes- 
änderung zuzuschreiben. Warum machten sie sie zu Dämonen ? We Ster- 
in arck glaubt, diese Frage leicht zu beantworten. 1 ) „Da der Tod zu- 
meist für das schlimmste Unglück gehalten wird, das den Menschen 
treffen kann, glaubt man, daß die Abgeschiedenen mit ihrem Schicksal 
äußerst unzufrieden seien. Nach Auffassung der Naturvölker stirbt 
man nur durch Tötung, sei es gewaltsame, sei es durch Zauberei be- 
wirkte und schon deshalb sieht man die Seele als rachsüchtig und reizbar 
an- vermeintlich beneidet sie die Lebenden und sehnt sich nach der Ge- 
sellschaft der alten Angehörigen — es ist daher begreiflich, daß sie 
trachtet, sie durch Krankheiten zu töten, um mit ihnen vereinigt zu 

werden . . . 

. . Eine weitere Erklärung der Bösartigkeit, die man den Seelen 
zuschreibt, liegt in der instinktiven Furcht vor diesen, welche Furcht 
ihrerseits das Ergebnis der Angst vor dem Tode ist." 

Das Studium der psychoneurotischen Störungen weist uns auf eine 
umfassendere Erklärung hin, welche die Westmarcksche miteinschließt. 

Wenn eine Frau ihren Mann, eine Tochter ihre Mutter durch den 
Tod verloren hat, so ereignet es sich nicht selten, daß die Überlebende 
von peinigenden Bedenken, die wir „Zwangsvorwürfe" heißen, befallen 
wird, ob sie nicht selbst durch eine Unvorsichtigkeit oder Nachlässigkeit 

!) 1. c, p. 426. 



5g II. Das Tabu und die Ambivalenz. 

den Tod der geliebten Person verschuldet habe. Keine Erinnerung 
daran, wie sorgfältig sie den Kranken gepflegt, keine sachliche Zurück- 
weisung der behaupteten Verschuldung vermag der Qual ein Ende zu 
machen, die etwa den pathologischen Ausdruck einer Trauer darstellt 
und mit der Zeit langsam abklingt. Die psychoanalytische Untersuchung 
solcher Fälle hat uns die geheimen Triebfedern des Leidens kennen ge- 
lehrt. Wir haben erfahren, daß diese Zwangsvorwürfe in gewissem Sinne 
berechtigt und nur darum gegen Widerlegung und Einspruch gefeit sind. 
Nicht als ob die Trauernde den Tod wirklich verschuldet oder die Ver- 
nachlässigung wirklich begangen hätte, wie es der Zwangsvorwurf be- 
hauptet; aber es war doch etwas in ihr vorhanden, ein ihr selbst un- 
bewußter Wunsch, der mit dem Tode nicht unzufrieden war, und der 
hn herbeigeführt hätte, wenn er im Besitze der Macht gewesen wäre. 
Gegen diesen unbewußten Wunsch reagiert nun der Vorwurf nach dem 
Tode der geliebten Person. Solche im Unbewußten versteckte Feind- 
seligkeit hinter zärtlicher Liebe gibt es nun in fast allen Fällen von 
intensiver Bindung des Gefühls an eine bestimmte Person, es ist der 
klassische Fall, das Vorbild der Ambivalenz menschlicher Gefühlsregungen. 
Von solcher Ambivalenz ist bei einem Menschen bald mehr, bald weniger 
in der Anlage vorgesehen ; normalerweise ist es nicht so viel, daß die 
beschriebenen Zwangsvorwürfe daraus entstehen können. Wo sie aber 
ausgiebig angelegt ist, da wird sie sich gerade im Verhältnis zu den 
aller gelieb testen Personen, da, wo man es am wenigsten erwarten würde 
manifestieren. Die Disposition zur Zwangsneurose, die wir in der Tabu- 
frage so oft zum Vergleich herangezogen haben, denken wir uns durch 
ein besonders hohes Maß solcher ursprünglicher Gefühlsambivalenz aus- 
gezeichnet. 

Wir kennen nun das Moment, welches uns das vermeintliche Dä- 
monentum der frisch verstorbenen Seelen und die Notwendigkeit, sich 
durch die Tabuvorschriften gegen ihre Feindschaft zu schützen, erklären 
kann. Wenn wir annehmen, daß dem Gefühlsleben der Primitiven 
ein ähnlich hohes Maß von Ambivalenz zukomme, wie wir es nach 
den Ergebnissen der Psychoanalyse den Zwangskranken zuschreiben, so- 
wird es verständlich, daß nach dem schmerzlichen Verlust eine ähnliche 
Reaktion gegen die im Unbewußten latente Feindseligkeit notwendig 
wird, wie sie dort durch die Zwangsvorwürfe erwiesen wurde. Diese im 
Unbewußten als Befriedigung über den Todesfall peinlich verspürte Feind- 
seligkeit hat aber beim Primitiven ein anderes Schicksal; sie wird ab- 
gewehrt, indem sie auf das Objekt der Feindseligkeit, auf den Toten, 



Die Dämonen als Projektion der Feindseligkeit gegen die Toten. 57 

verschoben wird. Wir heißen diesen im normalen wie im krankhaften 
Seelenleben häufigen Abwehrvorgang eine Projektion. Der Über- 
lebende leugnet nun, daß er je feindselige Regungen gegen den geliebten 
Verstorbenen gehegt hat ; aber die Seele des Verstorbenen hegt sie jetzt 
und wird sie über die ganze Zeit der Trauer zu betätigen bemüht sein. Der 
Straf- und Reuecharakter dieser Gefühlsreaktion wird sich trotz der ge- 
glückten Abwehr durch Projektion darin äußern, daß man sich fürchtet, 
sich Verzicht auferlegt und sich Einschränkungen unterwirft, die man 
zum Teil als Schutzmaßregeln gegen den feindlichen Dämon verkleidet. 
Wir finden so wiederum, daß das Tabu auf dem Boden einer ambiva- 
lenten Gefühlseinstellung erwachsen ist. Auch das Tabu der Toten rührt 
von dem Gegensatz zwischen dem bewußten Schmerz und der unbewußten 
Befriedigung über den Todesfall her. Bei dieser Herkunft des Grolles der 
Geister ist es selbstverständlich, daß gerade die nächsten und früher ge- 
liebtesten Hinterbliebenen ihn am meisten zu fürchten haben. 

Die Tabuvorschriften benehmen sich auch hier zwiespältig wie die 
neurotischen Symptome. Sie bringen einerseits durch ihren Charakter als 
Einschränkungen die Trauer zum Ausdruck, anderseits aber verraten sie 
sehr deutlich, was sie verbergen wollen, die Feindseligkeit gegen den 
Toten, die jetzt als Notwehr motiviert ist. Einen gewissen Anteil der 
Tabuverbote haben wir als Versuchungsangst verstehen gelernt. Der Tote 
ist wehrlos, das muß zur Befriedigung der feindseligen Gelüste an ihm 
reizen, und dieser Versuchung muß das Verbot entgegengesetzt werden. 
Westermarck hat aber Recht, wenn er für die Auffassung der 
Wilden keinen Unterschied zwischen gewaltsam und natürlich Gestorbenen 
gelten lassen will. Für das unbewußte Denken ist auch der ein Ge- 
mordeter, der eines natürlichen Todes gestorben ist ; die bösen Wünsche 
haben ihn getötet. (Vergl. die nächste Abhandlung dieser Reihe: Ani- 
mismus, Magie und Allmacht der Gedanken.) Wer sich für Herkunft und 
Bedeutung der Träume vom Tode teurer Verwandter (der Eltern und 
Geschwister) interessiert, der wird beim Träumer, beim Kind und beim 
Wilden die volle Übereinstimmung im Verhalten gegen den Toten, ge- 
gründet auf die nämliche Gefühlsambivalenz, feststellen können. 

Wir haben vorhin einer Auffassung von Wundt widersprochen, 
welche das Wesen des Tabu in der Furcht vor den Dämonen findet, 
und doch haben wir soeben der Erklärung zugestimmt, welche das Tabu 
der Toten auf die Furcht vor der zum Dämon gewordenen Seele des 
Verstorbenen zurückführt. Das schiene ein Widerspruch: es wird uns 
aber nicht schwer werden, ihn aufzulösen. Wir haben die Dämonen zwar 



r £, II. Das Tabn und die Ambivalenz. 

angenommen, aber nicht als etwas Letztes und für die Psychologie Un- 
auflösbares gelten lassen. Wir sind gleichsam hinter die Dämonen ge- 
kommen, indem wir sie als Projektionen der feindseligen Gefühle erkennen, 
welche die Überlebenden gegen die Toten hegen. 

Die nach unserer gut begründeten Annahme zwiespältigen — zärt- 
lichen und feindseligen — Gefühle gegen die nun Verstorbenen wollen 
sich zur Zeit des Verlustes beide zur Geltung bringen, als Trauer und 
als Befriedigung. Zwischen diesen beiden Gegensätzen muß es zum Kon- 
flikt kommen, und da der eine Gegensatzpartner, die Feindseligkeit - 
ganz oder zum größeren Anteile -, unbewußt ist, kann der Ausgang 
des Konfliktes nicht in einer Subtraktion der beiden Intensitäten von 
einander mit bewußter Einsetzung des Überschusses bestehen, etwa W1 e 
wenn man einer geliebten Person eine von ihr erlittene Kränkung ver- 
zeiht. Der Prozeß erledigt sich vielmehr durch einen besonderen psychi- 
schen Mechanismus, den man in der Psychoanalyse als Projektion 
zu bezeichnen gewohnt ist. Die Feindseligkeit, von der man nichts weiß 
und auch weiter nichts wissen will, wird aus der inneren Wahrnehmung 
in die Außenwelt geworfen, dabei von der eigenen Person gelöst und 
der anderen zugeschoben. Nicht wir, die Überlebenden, freuen uns jetzt 
darüber, daß wir des Verstorbenen ledig sind ; nein, wir trauern um ihn, 
aber er ist jetzt merkwürdigerweise ein böser Dämon geworden, dem 
unser Unglück Befriedigung bereiten würde, der uns den Tod zu bringen 
sucht. Die Überlebenden müssen sich nun gegen diesen bösen Feind ver- 
teidigen; sie sind von der inneren Bedrückung entlastet, haben sie aber 
nur gegen eine Bedrängnis von außen eingetauscht. 

Es ist nicht abzuweisen, daß dieser Projektionsvorgang, welcher die 
Verstorbenen zu böswilligen Feinden macht, eine Anlehnung an den 
reellen Feindseligkeiten findet, die man von letzteren erinnern und ihnen 
wirklich zum Vorwurf machen kann. Also an ihrer Härte, Herrschsucht, 
Ungerechtigkeit, und was sonst den Hintergrund auch der zärtlichsten 
Verhältnisse unter den Menschen bildet. Aber es kann nicht so einfach 
zugehen, daß uns dieses Moment für sich allein die Projektionsschöpfung 
der Dämonen begreiflich mache. Die Verschuldungen der Verstorbenen 
enthalten gewiß einen Teil der Motivierung für die Feindseligkeit der 
Überlebenden, aber sie wären unwirksam, wenn nicht diese Feindselig- 
keit aus ihnen erfolgt wäre, und der Zeitpunkt ihres Todes wäre gewiß 
der ungeeignetste Anlaß, die Erinnerung an die Vorwürfe zu wecken, 
die man ihnen zu machen berechtigt war. Wir können die unbewußte 
Feindseligkeit als das regelmäßig wirkende und eigentlich treibende 



Die Schöpfung der Dämonen aus den unbewußten feindlichen Gefühlen. 59 

Motiv nicht entbehren. Diese feindselige Strömung gegen die nächsten 
und teuersten Angehörigen konnte zu deren Lebzeiten latent bleiben, 
d. h. sich dem Bewußtsein weder direkt noch indirekt durch irgend eine 
Ersatzbildung verraten. Mit dem Ableben der gleichzeitig geliebten und 
gehaßten Personen war dies nicht mehr möglich, der Konflikt wurde 
akut. Die aus der gesteigerten Zärtlichkeit stammende Trauer wurde 
einerseits unduldsamer gegen die latente Feindseligkeit, anderseits durfte 
sie es nicht zulassen, daß sich aus letzterer nun ein Gefühl der Be- 
friedigung ergebe. Somit kam es zur Verdrängung der unbewußten Feind- 
seligkeit auf dem Wege der Projektion, zur Bildung jenes Zeremoniells, 
in dem die Furcht vor der Bestrafung durch die Dämonen Ausdruck 
findet, und mit dem zeitlichen Ablauf der Trauer verliert auch der Kon- 
flikt an Schärfe, so daß das Tabu dieser Toten sich abschwächen oder 
in Vergessenheit versinken darf. 

4. 

Haben wir so den Boden geklärt, auf dem das überaus lehrreiche 
Tabu der Toten erwachsen ist, so wollen wir nicht versäumen, einige 
Bemerkungen anzuknüpfen, die für das Verständnis des Tabu überhaupt 
bedeutungsvoll werden können. 

Die Projektion der unbewußten Feindseligkeit beim Tabu der Toten 
auf die Dämonen ist nur ein einzelnes Beispiel aus einer Reihe von Vor- 
gängen, denen der größte Einfluß auf die Gestaltung des primitiven 
Seelenlebens zugesprochen werden muß. In dem betrachteten Falle dient 
die Projektion der Erledigung eines Gefühlskonfliktes ; sie findet die näm- 
liche Verwendung in einer großen Anzahl von psychischen Situationen, 
die zur Neurose führen. Aber die Projektion ist nicht für die Abwehr 
geschaffen, sie kommt auch zu stände, wo es keine Konflikte gibt. Die 
Projektion innerer Wahrnehmungen nach außen ist ein primitiver Mecha- 
nismus, dem z. B. auch unsere Sinneswahrnehmungen unterliegen, der 
also an der Gestaltung unserer Außenwelt normalerweise den größten 
Anteil hat. Unter noch nicht genügend festgestellten Bedingungen werden 
innere Wahrnehmungen auch von Gefühls- und Denkvorgängen wie die 
Sinneswahrnehmungen nach außen projiziert, zur Ausgestaltung der 
Außenwelt verwendet, während sie der Innenwelt verbleiben sollten. Es 
hängt dies vielleicht genetisch damit zusammen, daß die Funktion der 
Aufmerksamkeit ursprünglich nicht der Innenwelt, sondern den von der 
Außenwelt zuströmenden Reizen zugewendet war, und von den endo- 
peychischen Vorgängen nur die Nachrichten über Lust- und Unlustent- 



60 



II. Das Tabu und die Ambivalenz. 



Wicklungen empfing. Erst mit der Ausbildung einer abstrakten Denk- 
sprache, durch die Verknüpfung der sinnlichen Reste der Wortvorstel- 
lungen mit inneren Vorgängen, wurden diese selbst allmählich wahr- 
nehmungsfähig. Bis dahin hatten die primitiven Menschen durch Pro- 
jektion innerer Wahrnehmungen nach außen ein Bild der Außenwelt ent- 
wickelt, welches wir nun mit erstarkter Bewußtseinswahrnehmung in 
Psychologie zurückübersetzen müssen. 

Die Projektion der eigenen bösen Regungen in die Dämonen ist 
nur ein Stück eines Systems, welches die „Weltanschauung" der Primi- 
tiven geworden ist und das wir in der nächsten Abhandlung dieser Reihe 
als das „animistische" kennen lernen werden. Wir werden dann die 
psychologischen Charaktere einer solchen Systembildung festzustellen 
haben und unsere Anhaltspunkte in der Analyse jener Systembildungen 
finden, welche uns wiederum die Neurosen entgegenbringen. Wir wollen 
vorläufig nur verraten, daß die sogenannte „sekundäre Bearbeitung" des 
Trauminhaltes das Vorbild für alle diese Systembildungen ist. Vergessen 
wir auch nicht daran, daß es vom Stadium der Systembildung an 
zweierlei Ableitungen für jeden vom Bewußtsein beurteilten Akt gibt, 
die systematische und die reale, aber unbewußte. 1 ) 

Wundt 2 ) bemerkt, daß „unter den Wirkungen, die der Mythus 
allerorten den Dämonen zuschreibt, zunächst die unheilvollen über- 
wiegen, so daß im Glauben der Völker sichtlich die bösen Dämonen älter 
sind als die guten". Es ist nun sehr wohl möglich, daß der Begriff des 
Dämons überhaupt aus der so bedeutsamen Relation zu den Toten ge- 
wonnen wurde. Die diesem Verhältnis innewohnende Ambivalenz hat sich 
dann im weiteren Verlaufe der Menschheitsentwicklung darin geäußert, 
daß sie aus der nämlichen Wurzel zwei völlig entgegengesetzte psychi- 
sche Bildungen hervorgehen ließ: Dämonen- und Gespensterfurcht einer- 
seits, die Ahnenverehrung anderseits. 3 ) Daß die Dämonen stets als die 
Geister kürzlich Verstorbener gefaßt werden, bezeugt wie nichts anderes 
den Einfluß der Trauer auf die Entstehung des Dämonenglaubens. Die 



') Den Projektionsschöpfungen der Primitiven stehen die Personifikationen nahe 
durch welche der Dichter die in ihm ringenden entgegengesetzten Triebregungen als 
gesonderte Individuen aus sich herausstellt. 

*) „Mythus und Religion". IL, S. 129. 

8 ) In den Psychoanalysen neurotischer Personen, die an Gespensterangst leiden 
oder in ihrer Kindheit gelitten haben, fällt es oft nicht schwer, diese Gespenster als 
die Eltern zu entlarven. Vergleiche hiezu auch die „Sexualgespenster" betitelte Mit- 
teilung von P. Haeb erlin (Sexualprobleme, Februar 1912), in welcher es sich um 
eine andere erotisch betonte Person handelt, der Vater aber verstorben war. 






Das Tabu als Ergebnis des Ambivalenzkonfiikts. Ql 

Trauer hat eine ganz bestimmte psychische Aufgabe zu erledigen, sie 
soll die Erinnerungen und Erwartungen der Überlebenden von den Toten 
ablösen. Ist diese Arbeit geschehen, so läßt der Schmerz nach, mit ihm 
die Reue und der Vorwurf und darum auch die Angst vor dem Dämon. 
Dieselben Geister aber, die zunächst als Dämonen gefürchtet wurden, 
gehen nun der freundlicheren Bestimmung entgegen, als Ahnen verehrt 
und zur Hilfeleistung angerufen zu werden. 

Überblickt man das Verhältnis der Überlebenden zu den Toten im 
Wandel der Zeiten, so ist es unverkennbar, daß dessen Ambivalenz außer- 
ordentlich nachgelassen hat. Es gelingt jetzt leicht, die unbewußte, immer 
noch nachweisbare Feindseligkeit gegen die Toten niederzuhalten, ohne 
daß es eines besonderen seelischen Aufwandes hiefür bedürfte. Wo früher 
der befriedigte Haß und die schmerzhafte Zärtlichkeit miteinander ge- 
rungen haben, da erhebt sich heute wie eine Narbenbildung die Pietät 
und fordert das: De mortuis nil nisi bene. Nur die Neurotiker trüben 
noch die Trauer um den Verlust eines ihrer Teuren durch Anfälle von 
Zwangsvorwürfen, welche in der Psychoanalyse die alte ambivalente Ge- 
fühlseinstellung als ihr Geheimnis verraten. Auf welchem Wege diese 
Änderung herbeigeführt wurde, inwieweit sich konstitutionelle Änderung 
und reale Besserung der familiären Beziehungen in deren Verursachung 
teilen, das braucht hier nicht erörtert zu werden. Aber man könnte 
durch dieses Beispiel zur Annahme geführt werden, es sei den Seele n- 
regungen der Primitiven überhaupt ein höheres Maß von 
Ambivalenz zuzugestehen, als bei dem heute lebenden 
Kulturmenschen aufzufinden ist. Mit der Abnahme dieser 
Ambivalenz schwand auch langsam das Tabu, das Kom- 
promißsymptom des Ambivalenzkonfliktes. Von den Neuroti- 
kern, welche genötigt sind, diesen Kampf und das aus ihm hervor- 
gehende Tabu zu reproduzieren, würden wir sagen, daß sie eine archais- 
tische Konstitution als atavistischen Rest mit sich gebracht haben, deren 
Kompensation im Dienste der Kulturanforderung sie nun zu so unge- 
heuerlichem seelischen Aufwand zwingt. 

Wir erinnern uns an dieser Stelle der durch ihre Unklarheit ver- 
wirrenden Auskunft, welche uns W u n d t über die Doppelbedeutung des 
Wortes Tabu : heilig und unrein geboten hat (s. o.). Ursprünglich habe 
das Wort Tabu heilig und unrein noch nicht bedeutet, sondern habe das 
Dämonische bezeichnet, das nicht berührt werden darf, und somit ein 
wichtiges, den beiden extremen Begriffen gemeinsames Merkmal hervor- 
gehoben, doch beweise diese bleibende Gemeinschaft, daß zwischen den 



Q2 II. Das Tabu und die Ambivalenz. 

beiden Gebieten des Heiligen und des Unreinen eine ursprüngliche Über- 
einstimmung obwalte, die erst später einer Differenzierung gewichen sei. 
Im Gegensatze hiezu leiten wir aus unseren Erörterungen muhelos 
ab daß dem Worte Tabu von allem Anfang an die erwähnte Doppel- 
bedeutung zukommt, daß es zur Bezeichnung einer bestimmten Ambi- 
valenz dient und alles dessen, was auf dem Boden dieser Ambivalenz 
erwachsen ist. Tabu ist selbst ein ambivalentes Wort, und nachtrag ich 
meinen wir, man hätte aus dem festgestellten Sinne dieses Wortes allem 
erraten können, was sich als Ergebnis weitläufiger Untersuchung heraus- 
gestellt bat daß das Tabuverbot als das Resultat einer Gefühlsambivalenz 
zu verstehen ist. Das Studium der ältesten Sprachen hat uns belehrt, 
daß es einst viele solche Worte gab, welche Gegensätze in sich faßten, 
in gewissem — wenn auch nicht in ganz dem nämlichen Sinne — wie 
das Wort Tabu ambivalent waren. 1 ) Geringe lautliche Modifikationen des 
gegensinnigen Urwortes haben später dazu gedient, um den beiden hier 
vereinigten Gegensätzen einen gesonderten sprachlichen Ausdruck zu 

c prin fr f*Tl 

Das Wort Tabu hat ein anderes Schicksal gehabt; mit der ab- 
nehmenden Wichtigkeit der von ihm bezeichneten Ambivalenz ist es selbst, 
respektive sind die ihm analogen Worte aus dem Sprachschatz ge- 
schwunden. Ich hoffe, in späterem Zusammenhange wahrscheinlich machen 
zu können, daß sich hinter dem Schicksal dieses Begriffes eine greifbare 
historische Wandlung verbirgt, daß das Wort zuerst an ganz bestimmten 
menschlichen Relationen haftete, denen die große Gefühlsambivalenz eigen 
war, und daß es von hier aus auf andere, analoge Relationen ausgedehnt 

wurde. 

Wenn wir nicht irren, so wirft das Verständnis des Tabu auch ein 
Licht auf die Natur und Entstehung des Gewissens. Man kann ohne 
Dehnung der Begriffe von einem Tabugewissen und von einem Tabu- 
schuldbewußtsein nach Übertretung des Tabu sprechen. Das Tabugewissen 
ist wahrscheinlich die älteste Form, in welcher uns das Phänomen des 
Gewissens entgegentritt. 

Denn was ist „Gewissen"? Nach dem Zeugnis der Sprache gehört 
es zu dem, was man am gewissesten weiß; in manchen Sprachen 
scheidet sich seine Bezeichnung kaum von der des Bewußtseins. 

Gewissen ist die innere Wahrnehmung von der Verwerfung be- 
stimmter in uns bestehender Wunschregungen 5 der Ton liegt aber darauf, 

i) Vgl. mein Referat über Abels „Gegensinn der Urworte" im Jahrbuch für 
psychoanalyt. und psychopathol. Forschungen, Bd. II, 1910. 



Tabu und Gewissen. 63 

daß diese Verwerfung sich auf nichts anderes zu berufen braucht, daß 
sie ihrer selbst gewiß ist. Noch deutlicher wird dies beim Schuldbewußt- 
sein, der Wahrnehmung der inneren Verurteilung solcher Akte, durch 
die wir bestimmte Wunschregungen vollzogen haben. Eine Begründung 
erseheint hier überflüssig; jeder, der ein Gewissen hat, muß die Be- 
rechtigung der Verurteilung, den Vorwurf wegen der vollzogenen Hand- 
lung, in sich verspüren. Diesen nämlichen Charakter zeigt aber das Ver- 
halten der Wilden gegen das Tabu; das Tabu ist ein Gewissensgebot, 
seine Verletzung läßt ein entsetzliches Schuldgefühl entstehen, welches 
ebenso selbstverständlich wie nach seiner Herkunft unbekannt ist. 1 ) 

Also entsteht wahrscheinlich auch das Gewissen auf dem Boden 
einer Gefühlsambivalenz aus ganz bestimmten menschlichen Relationen, 
an denen diese Ambivalenz haftet, und unter den für das Tabu und die 
Zwangsneurose geltend gemachten Bedingungen, daß das eine Glied des 
Gegensatzes unbewußt sei und durch das zwanghaft herrschende andere 
verdrängt erhalten werde. Zu diesem Schlüsse stimmt mehrerlei, was wir 
aus der Analyse der Neurose gelernt haben. Erstens, daß im Charakter 
der Zwangsneurotiker der Zug der peinlichen Gewissenhaftigkeit hervor- 
tritt als Reaktionssymptom gegen die im Unbewußten lauernde Ver- 
suchung, und daß bei Steigerung des Krankseins die höchsten Grade von 
Schuldbewußtsein von ihnen entwickelt werden. Man kann in der Tat 
den Ausspruch wagen, wenn wir nicht an den Zwangskranken die Her- 
kunft des Schuldbewußtseins ergründen können, so haben wir überhaupt 
keine Aussicht, dieselbe je zu erfahren. Die Lösung dieser Aufgabe ge- 
lingt nun beim einzelnen neurotischen Individuum; für die Völker ge- 
trauen wir uns eine ähnliche Lösung zu erschließen. 

Zweitens muß es uns auffallen, daß das Schuldbewußtsein viel von 
der Natur der Angst hat; es kann ohne Bedenken als „Gewissensangst" 
beschrieben werden. Die Angst deutet aber auf unbewußte Quellen hin; 
wir haben aus der Neurosenpsychologie gelernt, daß, wenn Wunsch- 
regungen der Verdrängung unterliegen, deren Libido in Angst ver- 
wandelt wird. Dazu wollen wir erinnern, daß auch beim Schuldbewußt- 
sein etwas unbekannt und unbewußt ist, nämlich die Motivierung der 
Verwerfung. Diesem Unbekannten entspricht der Angstcharakter des 
Schuldbewußtseins. 

*) Es ist eine interessante Parallele, daß das Schuldbewußtsein des Tabu in 
nichts gemindert wird, wenn die Übertretung unwissentlich geschah, (siehe Beispiele 
oben) und daß noch im griechischen Mythus die Verschuldung des Ödipus nicht auf- 
gehoben wird dadurch, daß sie ohne, ja gegen sein Wissen und Wollen erworben 
wurde. 



64 IL Das Tabu und die Ambivalenz. 

Wenn das Tabu sich vorwiegend in Verboten äußert, so ist eine 
Überlegung denkbar, die uns sagt, es sei ganz selbstverständlich und be- 
dürfe keines weitläufigen Beweises aus der Analogie mit der Neurose, 
daß ihm eine positive, begehrende Strömung zu Grunde liege. Denn, 
was niemand zu tun begehrt, das braucht man doch nicht zu verbieten, 
und jedenfalls muß das, was aufs nachdrücklichste verboten wird, doch 
Gegenstand eines Begehrens sein. Wenden wir diesen plausiblen Satz auf 
unsere Primitiven an, so müßten wir schließen, es gehöre zu ihren 
stärksten Versuchungen, ihre Könige und Priester zu töten, Inzest zu 
verüben, ihre Toten zu mißhandeln u. dgl. Das ist nun kaum wahr- 
scheinlich; den entschiedensten Widerspruch erwecken wir aber, wenn 
wir den nämlichen Satz an den Fällen messen, in welchen wir selbst 
die Stimme des Gewissens am deutlichsten zu vernehmen glauben. Wir 
würden dann mit einer nicht zu übertreffenden Sicherheit behaupten, 
daß wir nicht die geringste Versuchung verspüren, eines dieser Gebote 
zu übertreten, z. B. das Gebot: Du sollst nicht morden, und daß wir 
vor der Übertretung desselben nichts anderes verspüren als Abscheu. 

Mißt man dieser Aussage unseres Gewissens die Bedeutung bei, 
die sie beansprucht, so wird einerseits das Verbot überflüssig — das 
Tabu sowohl wie unser Moralverbot — , anderseits bleibt die Tatsache 
des Gewissens unerklärt und die Beziehungen zwischen Gewissen, Tabu 
und Neurose entfallen ; es ist also jener Zustand unseres A r erständnisses 
hergestellt, der auch gegenwärtig besteht, so lange wir nicht psycho- 
analytische Gesichtspunkte auf das Problem anwenden. 

Wenn wir aber der durch Psychoanalyse — an den Träumen Ge- 
sunder — gefundenen Tatsache Rechnung tragen, daß die Versuchung, 
den anderen zu töten, auch bei uns stärker und häufiger ist, als wir 
ahnen, und daß sie psychische Wirkungen äußert, auch wo sie sich un- 
serem Bewußtsein nicht kundgibt, wenn wir ferner in den Zwangs- 
vorschriften gewisser Neurotiker die Sicherungen und Selbstbestrafungen 
gegen den verstärkten Impuls zu morden erkannt haben, dann werden 
wir zu dem vorhin aufgestellten Satz: Wo ein Verbot vorliegt, müßte ein 
Begehren dahinter sein, mit neuer Schätzung zurückkehren. Wir werden 
annehmen, daß dies Begehren, zu morden, tatsächlich im Unbewußten 
vorhanden ist, und daß das Tabu wie das Moralverbot psychologisch 
keineswegs überflüssig ist, vielmehr durch die ambivalente Einstellung 
gegen den Mordimpuls erklärt und gerechtfertigt wird. 

Der eine so häufig als fundamental hervorgehobene Charakter dieses 
Ambivalenzverhältnisses, daß die positive begehrende Strömung eine un- 



Tabu und Gewissen. 65 

bewußte ist, eröffnet einen Ausblick auf weitere Zusammenhänge und 
Erklärungsmöglichkeiten. Die psychischen Vorgänge im Unbewußten sind 
nicht durchwegs mit jenen identisch, die uns aus unserem bewußten 
Seelenleben bekannt sind, sondern genießen gewisse beachtenswerte Frei- 
heiten, die den letzteren entzogen worden sind. Ein unbewußter Impuls 
braucht nicht dort entstanden zu sein, wo wir seine Äußerung finden; 
er kann von ganz anderer Stelle herstammen, sich ursprünglich auf 
andere Personen und Relationen bezogen haben und durch den Mecha- 
nismus der Verschiebung dorthin gelangt sein, wo er uns auffällt. 
Er kann ferner dank der Unzerstörbarkeit und Unkorrigierbarkeit un- 
bewußter Vorgänge aus sehr frühen Zeiten, denen er angemessen war, 
in spätere Zeiten und Verhältnisse hinübergerettet werden, in denen seine 
Äußerungen fremdartig erscheinen müssen. All dies sind nur Andeutungen, 
aber eine sorgfältige Ausführung derselben würde zeigen, wie wichtig sie 
für das Verständnis der Kulturentwicklung werden können. 

Zum Schlüsse dieser Erörterungen wollen wir eine spätere Unter- 
suchungen vorbereitende Bemerkung nicht versäumen. Wenn wir auch 
an der Wesensgleichheit von Tabuverbot und Moralverbot festhalten, so 
wollen wir doch nicht bestreiten, daß eine psychologische Verschieden- 
heit zwischen beiden bestehen muß. Eine Veränderung in den Verhält- 
nissen der grundlegenden Ambivalenz kann allein die Ursache sein, daß 
das Verbot nicht mehr in der Form des Tabu erscheint. 

Wir haben uns bisher in der analytischen Betrachtung der Tabu- 
phänomene von den nachweisbaren Übereinstimmungen mit der Zwangs- 
neurose leiten lassen, aber das Tabu ist doch keine Neurose, sondern 
eine soziale Bildung; somit obliegt uns die Aufgabe, auch daraufhinzu- 
weisen, worin der prinzipielle Unterschied der Neurose von einer Kultur- 
schöpfung wie das Tabu zu suchen ist. 

Ich will hier wiederum eine einzelne Tatsache zum Ausgangspunkt 
nehmen. Von der Übertretung eines Tabu wird bei den Primitiven eine 
Strafe befürchtet, meist eine schwere Erkrankung oder der Tod. Diese 
Strafe droht nun dem, der sich die Übertretung hat zu Schulden kom- 
men lassen. Bei der Zwangsneurose ist dies anders. Wenn der Kranke 
etwas ihm Verbotenes ausführen soll, so fürchtet er die Strafe nicht für 
sich, sondern für eine andere Person, die meist unbestimmt gelassen ist, 
aber durch die Analyse leicht als eine der ihm nächsten und von ihm 
geliebtesten Personen erkannt wird. Der Neurotiker verhält sich also 
hiebei wie altruistisch, der Primitive wie egoistisch. Erst wenn die Tabu- 
übertretung sich am Missetäter nicht spontan gerächt hat, dann erwacht 

Totem und Tabu. 5 



66 



II. Das Tabu und die Ambivalenz. 



bei den Wilden ein kollektives Gefühl, daß sie durch den Frevel alle 
bedroht wären, und sie beeilen sich, die ausgebliebene Bestrafung selbst 
zu vollstrecken. Wir haben es leicht, uns den Mechanismus dieser Soli- 
darität zu erklären. Die Angst vor dem ansteckenden Beispiel, vor der 
Versuchung zur Nachahmung, also vor der Infektionsfähigkeit des Tabu 
ist hier im Spiele. Wenn einer es zu stände gebracht hat, das verdrängte 
Begehren zu befriedigen, so muß sich in allen Gesellschaftsgenossen das 
gleiche Begehren regen; um diese Versuchung niederzuhalten, muß der 
eigentlich Beneidete um die Frucht seines Wagnisses gebracht werden, 
und die Strafe gibt den Vollstreckern nicht selten Gelegenheit, unter der 
Rechtfertigung der Sühne dieselbe frevle Tat auch ihrerseits zu begehen. 
Es ist dies ja eine der Grundlagen der menschlichen Strafordnung, und 
sie hat, wie gewiß richtig, die Gleichartigkeit der verbotenen Regungen 
beim Verbrecher wie bei der rächenden Gesellschaft zur Voraussetzung. 

Die Psychoanalyse bestätigt hier, was die Frommen zu sagen 
pflegen, wir seien alle arge Sünder. Wie soll man nun den unerwarteten 
Edelsinn der Neurose erklären, die nichts für sich und alles für eine 
geliebte Person fürchtet? Die analytische Untersuchung zeigt, daß er 
nicht primär ist. Ursprünglich, d. h. zu Anfang der Erkrankung, galt 
die Strafandrohung wie bei den Wilden der eigenen Person ; man fürchtete 
in jedem Falle für sein eigenes Leben; erst später wurde die Todesangst 
auf eine andere geliebte Person verschoben. Der Vorgang ist einiger- 
maßen kompliziert, aber wir übersehen ihn vollständig. Zu Grunde der 
Verbotbildung liegt regelmäßig eine böse Regung — ein Todeswunsch — 
gegen eine geliebte Person. Diese wird durch ein Verbot verdrängt, das 
Verbot an eine gewisse Handlung geknüpft, welche etwa die feindselige 
gegen die geliebte Person durch Verschiebung vertritt, die Ausführung 
dieser Handlung mit der Todesstrafe bedroht. Aber der Prozeß geht 
weiter, und der ursprüngliche Todeswunsch gegen den geliebten anderen 
ist dann durch die Todesangst um ihn ersetzt. Wenn die Neurose sich 
also so zärtlich altruistisch erweist, so kompensiert sie damit nur 
die ihr zu Grunde liegende gegenteilige Einstellung eines brutalen Ego- 
ismus. Heißen wir die Gefühlsregungen, die durch die Rücksicht auf den 
anderen bestimmt werden und ihn nicht selbst zum Sexualobjekt nehmen, 
soziale, so können wir das Zurücktreten dieser sozialen Faktoren als 
einen später durch Überkompensation verhüllten Grundzug der Neurose 
herausheben. 

Ohne uns bei der Entstehung dieser sozialen Regungen und ihrer 
Beziehung zu den anderen Grundtrieben des Menschen aufzuhalten, 



Beziehung der Neurose zu den Kulturbildungen. Q'J 

wollen wir an einem anderen Beispiel den zweiten Hauptcharakter der 
Neurose zum Vorschein bringen. Das Tabu hat in seiner Erscheinungs- 
form die größte Ähnlichkeit mit der Berührungsangst der Neurotiker, 
dem Delire de toucher. Nun handelt es sich bei dieser Neurose regel- 
mäßig um das Verbot sexueller Berührung, und die Psychoanalyse hat 
ganz allgemein gezeigt, daß die Triebkräfte, welche in der Neurose ab- 
gelenkt und verschoben werden, sexueller Herkunft sind. Beim Tabu hat 
die verbotene Berührung offenbar nicht nur sexuelle Bedeutung, sondern 
vielmehr die allgemeinere des Angreifens, der Bemächtigung, des Geltend- 
machens der eigenen Person. Wenn es verboten ist, den Häuptling oder 
etwas, was mit ihm in Berührung war, selbst zu berühren, so soll damit 
demselben Impuls eine Hemmung angelegt, werden, der sich andere Male 
in der argwöhnischen Überwachung des Häuptlings, ja in seiner körper- 
lichen Mißhandlung vor der Krönung (s. o.) zum Ausdruck bringt. So- 
mit ist das Überwiegen der sexuellen Triebanteile gegen 
diesozialendas für dieNeurose charakteristischeMoment. 
Die sozialen Triebe sind aber selbst durch Zusammentreten von egoisti- 
schen und erotischen Komponenten zu besonderen Einheiten entstanden. 

An dem einen Beispiele von Vergleich des Tabu mit der Zwangs- 
neurose läßt sich bereits erraten, welches das Verhältnis der einzelnen 
Formen von Neurose zu den Kulturbildungen ist, und wodurch das Stu- 
dium der Neurosenpsychologie für das Verständnis der Kulturentwicklung 
wichtig wird. 

Die Neurosen zeigen einerseits auffällige und tiefreichende Überein- 
stimmungen mit den großen sozialen Produktionen der Kunst, der Re- 
ligion und der Philosophie, anderseits erscheinen sie wie Verzerrungen 
derselben. Man könnte den Ausspruch wagen, eine Hysterie sei ein Zerr- 
bild einer Kunstschöpfung, eine Zwangsneurose ein Zerrbild einer Reli- 
gion, ein paranoischer Wahn ein Zerrbild eines philosophischen Systems. 
Diese Abweichung führt sich in letzter Auflösung darauf zurück, daß 
die Neurosen asoziale Bildungen sind; sie suchen mit privaten Mitteln zu 
leisten, was in der Gesellschaft durch kollektive Arbeit entstand. Bei der 
Triebanalyse der Neurosen erfährt man, daß in ihnen die Triebkräfte 
sexueller Herkunft den bestimmenden Einfluß ausüben, während die ent- 
sprechenden Kulturbildungen auf sozialen Trieben ruhen, solchen, die 
aus der Vereinigung egoistischer und sexueller Anteile hervorgegangen 
sind. Das Sexualbedürfnis ist eben nicht im stände, die Menschen in 
ähnlicher Weise wie die Anforderungen der Selbsterhaltung zu einigen; 
die Sexualbefriedigung ist zunächst die Privatsache des Individuums. 



ßg II. Das Tabu und die Ambivalenz. 

Genetisch ergibt sich die asoziale Natur der Neurose aus deren ur- 
sprünglichster Tendenz, sich aus einer unbefriedigenden Realität in eine 
lustvollere Phantasiewelt zu flüchten. In dieser vom Neurotiker ge- 
miedenen realen Welt herrscht die Gesellschaft der Menschen und die 
von ihnen gemeinsam geschaffenen Institutionen ; die Abkehrung von der 
Realität ist gleichzeitig ein Austritt aus der menschlichen Gemeinschaft. 






III. 
Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken. 

1. 

Es ist ein notwendiger Mangel der Arbeiten, welche Gesichtspunkte 
der Psychoanalyse auf Themen der Geisteswissenschaften anwenden 
wollen daß sie dem Leser von beiden zu wenig bieten müssen. Sie be- 
schränken sich darum auf den Charakter von Anregungen, sie machen 
dem Fachmanne Vorschläge, die er bei seiner Arbeit in Erwägung ziehen 
soll. Dieser Mangel wird sich aufs äußerste fühlbar machen in einem 
Aufsatz welcher das ungeheure Gebiet dessen, was man Animismus 
nennt, behandeln will. 1 ) 

Animismus im engeren Sinne heißt die Lehre von den Seelenvor- 
stellungen, im weiteren die von geistigen Wesen überhaupt. Man unter- 
scheidet noch Animatismus, die Lehre von der Belebtheit der uns unbe- 
lebt erscheinenden Natur, und reiht hier den Animalismus und Manismus 
an. Der Name Animismus, früher für ein bestimmtes philosophisches 
System verwendet, scheint seine gegenwärtige Bedeutung durch E. B. T y 1 o r 
erhalten zu haben. 2 ) 

Was zur Aufstellung dieser Namen Anlaß gegeben hat, ist die Ein- 
sicht in die höchst merkwürdige Natur- und Weltauffassung der uns be- 
kannten primitiven Völker, der historischen sowohl wie der jetzt noch 
lebenden. Diese bevölkern die Welt mit einer Unzahl von geistigen 
Wesen, die ihnen wohlwollend oder übelgesinnt sind ; sie schreiben diesen 
Geistern und Dämonen die Verursachung der Naturvorgänge zu und 



*) Die geforderte Zusainmendrängung des Stoffes bringt auch den Verzicht auf 
eingehende Literaturnachweise mit sich. An deren Stelle stehe der Hinweis auf die 
bekannten Werke von Herbert Spencer, J. G. Frazer, A. Lang, E B. Tylor und 
W. Wandt aus denen alle Behauptungen über Animismus und Magie entnommen 
sind. Die Selbständigkeit des Verfassers kann sich nur in der von ihm getroffenen 
Auswahl der Materien sowie der Meinungen kundgeben. 

2 ) E. B Tylor, Primitive Culture. I. Bd., p. 425, 4. Aufl., 1903.— W. Wund t, 
Mythus und Religion, H. Bd., p. 173, 1906. 



70 HL Animismus, Magie and Allmacht der Gedanken. 

halten nicht nur die Tiere und Pflanzen, sondern auch die unbelebten 
Dinge der Welt für durch sie belebt. Ein drittes und vielleicht wich- 
tigstes Stück dieser primitiven „Naturphilosophie" erscheint uns weit 
weniger auffällig, weil wir selbst noch nicht weit genug von ihm ent- 
fernt sind, während wir doch die Existenz der Geister sehr eingeschränkt 
haben und die Naturvorgänge heute durch die Annahme unpersönlicher 
physikalischer Kräfte erklären. Die Primitiven glauben nämlich an eine 
ähnliche „Beseelung" auch der menschlichen Einzelwesen. Die mensch- 
lichen Personen enthalten Seelen, welche ihren Wohnsitz verlassen und 
in andere Menschen einwandern können ; diese Seelen sind die Träger 
der geistigen Tätigkeiten und bis zu einem gewissen Grad von den 
„Leibern" unabhängig. Ursprünglich wurden die Seelen als sehr ähnlich 
den Individuen vorgestellt und erst im Laufe einer langen Entwicklung 
haben sie die Charaktere des Materiellen bis zu einem hohen Grad von 
„Vergeistigung" abgestreift. 1 ) 

Die Mehrzahl der Autoren neigt zu der Annahme, daß diese Seelen- 
vorstellungen der ursprüngliche Kern des animistischen S) r stems sind, 
daß die Geister nur selbständig gewordenen Seelen entsprechen, und daß 
auch die Seelen von Tieren, Pflanzen und Dingen in Analogie mit den 
Menschenseelen gebildet wurden. 

Wie sind die primitiven Menschen zu den eigentümlich dualistischen 
Grundanschauungen gekommen, auf denen dieses animistische System 
ruht? Man meint, durch die Beobachtung der Phänomene des Schlafes 
(mit dem Traum) und des ihm so ähnlichen Todes, und durch die Be- 
mühung, sich diese jeden Einzelnen so nahe angehenden Zustände zu 
erklären. Vor allem müßte das Todesproblem der Ausgangspunkt der 
Theoriebildung geworden sein. Für den Primitiven wäre die Fortdauer 
des Lebens — die Unsterblichkeit — das Selbstverständliche. Die Vor- 
stellung des Todes ist etwas spät und nur zögernd Rezipiertes, sie ist 
ja auch für uns noch inhaltsleer und unvollziehbar. Über den Anteil, 
den andere Beobachtungen und Erfahrungen an der Gestaltung der ani- 
mistischen Grundlehren gehabt haben mögen, die über Traumbilder, 
Schatten, Spiegelbilder u. dgl., haben sehr lebhafte, zu keinem Abschluß 
gelangte Diskussionen stattgefunden. 2 ) 

Wenn der Primitive auf die sein Nachdenken anregenden Phäno- 
mene mit der Bildung der Seelenvorstellungen reagierte und diese dann 

') Wandt. 1. c, IV. Kapitel „Die Seelenvorstellungen". 

*) Vgl. außer bei Wandt und H. Spencer die orientierenden Artikel der En- 
cyclopedia Britannica 1911 (Animism, Mythology usw.). 



Das System des Animismus. 71 

auf die Objekte der Außenwelt übertrug, so wird sein Verhalten dabei 
als durchaus natürlich und weiter nicht rätselhaft beurteilt. Wundt 
äußert angesichts der Tatsache, daß sich die nämlichen animistischen 
Vorstellungen bei den verschiedensten Völkern und zu allen Zeiten über- 
einstimmend gezeigt haben, dieselben „seien das notwendige psychologische 
Erzeugnis des mythenbildenden Bewußtseins und der primitive Animis- 
mus dürfe als der geistige Ausdruck des menschlichen Naturzu- 
standes gelten, insoweit dieser überhaupt für unsere Beobachtung er- 
reichbar ist." 1 ) Die Rechtfertigung der Belebung des Unbelebten hat 
bereits Hume in seiner „Natural History of Religion" gegeben, indem 
er schrieb : „There is an universal tendency among mankind to conceive 
all beings like themselves and to transfer to every object those qualities 
with which they are familiarly acquainted and of which they are inti- 
mately conscious."-) 

Der Animismus ist ein Denksystem, er gibt nicht nur die Erklärung 
eines einzelnen Phänomens, sondern gestattet es, das Ganze der Welt als 
einen einzigen Zusammenhang, aus einem Punkte, zu begreifen. Die 
Menschheit hat, wenn wir den Autoren folgen wollen, drei solcher Denk- 
systeme, drei große Weltanschauungen im Laufe der Zeiten hervorgebracht : 
Die animistische (mythologische), die religiöse und die wissenschaftliche. 
Unter diesen ist die erstgeschaffene, die des Animismus, vielleicht die 
folgerichtigste und erschöpfendste, eine, die das Wesen der Welt restlos 
erklärt. Diese erste Weltanschauung der Menschheit ist nun eine psycho- 
logische Theorie. Es geht über unsere Absicht hinaus zu zeigen, wie 
viel von ihr noch im Leben der Gegenwart nachweisbar ist, entweder 
entwertet in der Form des Aberglaubens, oder lebendig als Grundlage 
unseres Sprechens, Glaubens und Philosophierens. 

Es greift auf jene Stufenfolge der drei Weltanschauungen zurück, 
wenn gesagt wird, daß der Animismus selbst noch keine Religion ist, 
aber die Vorbedingungen enthält, auf denen sich später die Religionen 
aufbauen. Es ist auch augenfällig, daß der Mythus auf animistischen 
Voraussetzungen ruht; die Einzelheiten der Beziehung von Mythus und 
Animismus erscheinen aber als in wesentlichen Punkten ungeklärt. 

2. 

Unsere psychoanalytische Arbeit wird an anderer Stelle einsetzen. 
— Man darf nicht annehmen, daß die Menschen sich aus reiner speku- 



J ) 1. c, p. 154. 

") Bei Tylor, Primitive Culture, I. B., p. 477. 



72 III. Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken. 

lativer Wißbegierde zur Schöpfung ihres ersten Weltsystems aufge- 
schwungen haben. Das praktische Bedürfnis, sich der Welt zu bemäch- 
tigen, muß seinen Anteil an dieser Bemühung haben. Wir sind darum 
nicht erstaunt zu erfahren, daß mit dem animistischen System etwas 
anderes Hand in Hand geht, eine Anweisung, wie man verfahren müsse, 
um der Menschen, Tiere und Dinge, respektive ihrer Geister, Herr zu 
werden. Diese Anweisung, welche unter dem Namen „Zauberei und 
Magie" bekannt ist, will S. Rein ach 1 ) die Strategie des Animismus 
heißen; ich würde es vorziehen, sie mit Hubert und Mauß der Technik 
zu vergleichen. 2 ) 

Kann man Zauberei und Magie begrifflich von einander trennen? 
Es ist möglich, wenn man sich mit einiger Eigenmächtigkeit über die 
Schwankungen des Sprachgebrauches hinwegsetzen will. Dann ist Zau- 
berei im wesentlichen die Kunst, die Geister zu beeinflussen, indem man 
sie behandelt wie unter gleichen Bedingungen die Menschen, also indem 
man sie beschwichtigt, versöhnt, sich geneigt macht, sie einschüchtert, 
ihrer Macht beraubt, sie seinem Willen unterwirft, durch dieselben Mittel, 
die man für lebende Menschen wirksam gefunden hat. Magie ist aber 
etwas anderes; sie sieht im Grunde von den Geistern ab und sie be- 
dient sich besonderer Mittel, nicht der banalen psychologischen Methodik. 
Wir werden leicht erraten, daß die Magie das ursprünglichere und be- 
deutsamere Stück der animistischen Technik ist, denn unter den Mitteln, 
mit denen Geister behandelt werden sollen, befinden sich auch magische, 3 ) 
und die Magie findet ihre Anwendung auch in Fällen, wo die Vergei- 
stigung der Natur, wie uns scheint, nicht durchgeführt worden ist. 

Die Magie muß den mannigfaltigsten Absichten dienen, die Natur- 
vorgänge dem Willen des Menschen unterwerfen, das Individuum gegen 
Feinde und Gefahren schützen und ihm die Macht geben, seine Feinde 
zu schädigen. Die Prinzipien aber, auf deren Voraussetzung das magische 
Tun beruht — oder vielmehr das Prinzip der Magie — ist so augen- 
fällig, daß es von allen Autoren erkannt werden mußte. Man kann es 
am knappsten, wenn man von dem beigefügten Werturteil absieht, mit 
den Worten E. B. Tylors ausdrücken: „mistaking an ideal connexion 

*) Cultes, Mythes et Religions, T. II, Introduction, p. XV, 1909. 

*) Annee sociologique, VII. Bd., 1904. 

8 ) Wenn man einen Geist durch Lärm und Geschrei verscheucht, so ist dies 
eine rein zauberische Handlung ; wenn man ihn zwingt, indem man sich seines Namens 
bemächtigt, so hat man Magie gegen ihn gebraucht. 



. 




Zauberei und Magie. 73 

for a real one". An zwei Gruppen von magischen Handlungen wollen 
wir diesen Charakter erläutern. 

Eine der verbreitetsten magischen Prozeduren, um einem Feind zu 
schaden, besteht darin, sich ein Ebenbild von ihm aus beliebigem Ma- 
terial zu machen. Auf die Ähnlichkeit kommt es dabei wenig an. Man 
kann auch irgend ein Objekt zu seinem Bild „ernennen". Was man dann 
diesem Ebenbild antut, das stößt auch dem gehaßten Urbild zu ; an 
welcher Körperstelle man das erstere verletzt, an derselben erkrankt das 
letztere. Man kann dieselbe magische Technik anstatt in den Dienst 
privater Feindseligkeit auch in den der Frömmigkeit stellen und so 
Göttern gegen böse Dämonen zu Hilfe kommen. Ich zitiere nach 
Frazer 1 ): „Jede Nacht, wenn der Sonnengott Ra (im alten Ägypten) 
zu seinem Heim im glühenden Westen herabstieg, hatte er einen bitteren 
Kampf gegen eine Schar von Dämonen zu bestehen, die ihn unter der 
Führung des Erzfeindes Apepi überfielen. Er kämpfte mit ihnen die 
ganze Nacht und häufig waren die Mächte der Finsternis stark genug, 
noch des Tages dunkle Wolken an den blauen Himmel zu senden, die 
seine Kraft schwächten und sein Licht abhielten. Um dem Gotte beizu- 
stehen, wurde in seinem Tempel zu Theben täglich folgende Zeremonie 
aufgeführt : Es wurde aus Wachs ein Bild seines Feindes Apepi gemacht, 
in der Gestalt eines scheußlichen Krokodils oder einer langgeringelten 
Schlange und der Name des Dämons mit grüner Tinte darauf geschrieben. 
In ein Papyrusgehäuse gehüllt, auf dem eine ähnliche Zeichnung ange- 
bracht war, wurde dann diese Figur mit schwarzem Haar umwickelt, 
vom Priester angespuckt, mit einem Steinmesser bearbeitet und auf den 
Boden geworfen. Dann trat er mit seinem linken Fuß auf sie und end- 
lich verbrannte er sie in einem von gewissen Pflanzen genährten Feuer. 
Nachdem Apepi in solcher Weise beseitigt worden war, geschah mit allen 
Dämonen seines Gefolges das nämliche. Dieser Gottesdienst, bei dem ge- 
wisse Reden hergesagt werden mußten, wurde nicht nur morgens, mit- 
tags und abends wiederholt, sondern auch jederzeit dazwischen, wenn 
ein Sturm wütete, wenn ein heftiger Regenguß niederging oder schwarze 
Wolken die Sonnenscheibe am Himmel verdeckten. Die bösen Feinde 
verspürten die Züchtigung, die ihren Bildern widerfahren war, als ob 
sie sie selbst erlitten hätten ; sie flohen und der Sonnengott triumphierte 
von neuem". 2 ) 



a ) The magic art. II, p. 67. 

s ) Das biblische Verbot, sich ein Bild von irgend etwas Lebendem zu machen, 
entstammte wohl keiner prinzipiellen Ablehnung der bildenden Kunst, sondern sollte 



nt iil. Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken. 

Aus der unübersehbaren Fülle ähnlich begründeter magischer Hand- 
lungen will ich nur noch zweierlei hervorheben, die bei den primitiven 
Völkern jederzeit eine große Rolle gespielt haben und zum Teil im 
Mythus und Kultus höherer Entwicklungsstufen erhalten geblieben sind, 
nämlich die Arten des Regen- und des Fruchtbarkeitszaubers. Man erzeugt 
den Regen auf magischem Wege, indem man ihn imitiert, etwa auch 
noch die ihn erzeugenden Wolken oder den Sturm nachahmt. Es sieht 
aus, als ob man „regnen spielen" wollte. Die japanischen Ainos z. B. 
machen Regen in der Weise, daß ein Teil von ihnen Wasser aus großen 
Sieben ausgießt, während ein anderer eine große Schüssel mit Segel und 
Ruder ausstattet, als ob sie ein Schiff wäre, und sie so um Dorf und 
Gärten herumzieht. Die Fruchtbarkeit des Bodens sicherte man sich aber 
auf magische Weise, indem man ihm das Schauspiel eines menschlichen 
Geschlechtsverkehres zeigte. So pflegen — ein Beispiel anstatt unendlich 
vieler — in manchen Teilen Javas zur Zeit des Herannahens der Reis- 
blüte Bauer und Bäuerin sich nachts auf die Felder zu begeben, um 
durch das Beispiel, das sie ihm geben, den Reis zur Fruchtbarkeit an- 
zuregen. 1 ) Dagegen fürchtete man von verpönten inzestuösen Geschlechts- 
beziehungen, daß sie Mißwuchs und Unfruchtbarkeit des Bodens erzeugen 
würden. 8 ) 

Auch gewisse negative Vorschriften — magische Vorsichten also — 
sind dieser ersten Gruppe einzureihen. Wenn ein Teil der Bewohner eines 
Dayakdorfes auf Wildschweinjagd ausgezogen ist, so dürfen die Zurück- 
gebliebenen unterdes weder Öl noch Wasser mit ihren Händen berühren, 
sonst würden die Jäger weiche Finger bekommen und die Beute aus 
ihren Händen schlüpfen lassen. 3 ) Oder, wenn ein Gilyakjäger im Walde 
dem Wilde nachstellt, so ist es seinen Kindern zu Hause verboten, 
Zeichnungen auf Holz oder im Sand zu machen. Die Pfade im dichten 
Wald könnten sonst so verschlungen werden wie die Linien der Zeich- 
nung, so daß der Jäger den Weg nach Hause nicht findet. 4 ) 

Wenn in diesen letzten wie in so vielen anderen Beispielen magischer 
Wirkung die Entfernung keine Rolle spielt, die Telepathie also als selbst- 
verständlich hingenommen wird, so wird auch uns das Verständnis dieser 
Eigentümlichkeit der Magie keine Schwierigkeit bereiten. 

der von der hebräischen Religion verpönten Magie ein Werkzeug entziehen. Frazer 
1. c, p. 87, Note. 

*) The magic art. U, p. 98. 

s ) Davon ein Nachklang im König Ödipus des Sophokles. 

8 ) The magic art. I, p. 120. 

*) 1. c, p. 122. 



Imitative Magie. 75 

Es unterliegt keinem Zweifel, was an all diesen Beispielen als das 
Wirksame betrachtet wird. Es ist die Ähnlichkeit zwischen der voll- 
zogenen Handlung und dem erwarteten Geschehen. Frazer nennt da- 
rum diese Art der Magie imitative oder homöopathische. Wenn 
ich will, daß es regne, so brauche ich nur etwas zu tun, was wie Regen 
aussieht oder an Regen erinnert. In einer weiteren Phase der Kultur- 
entwicklung wird man anstatt dieses magischen Regenzaubers Bittgänge 
zu einem Gotteshaus veranstalten und den dort wohnenden Heiligen um 
Regen anflehen. Endlich wird man auch diese religiöse Technik auf- 
geben und dafür versuchen, durch welche Einwirkungen auf die Atmo- 
sphäre Regen erzeugt werden kann. 

In einer anderen Gruppe von magischen Handlungen kommt das 
Prinzip der Ähnlichkeit nicht mehr in Betracht, dafür ein anderes, 
welches sich aus den nachstehenden Beispielen leicht ergeben wird. 

Um einem Feinde zu schaden, kann man sich auch eines anderen 
Verfahrens bedienen. Man bemächtigt sich seiner Haare, Nägel, Abfall- 
stoffe oder selbst eines Teiles seiner Kleidung und stellt mit diesen 
Dingen etwas Feindseliges an. Es ist dann gerade so, als hätte man 
sich der Person selbst bemächtigt, und was man den von der Person 
herrührenden Dingen angetan hat, muß ihr selbst widerfahren. Zu den 
wesentlichen Bestandteilen einer Persönlichkeit gehört nach der An- 
schauung der Primitiven ihr Name; wenn man also den Namen einer 
Person oder eines Geistes weiß, hat man eine gewisse Macht über den 
Träger des Namens erworben. Daher die merkwürdigen Vorsichten und 
Beschränkungen im Gebrauche der Namen, die in dem Aufsatz über das 
Tabu gestreift worden sind. 1 ) Die Ähnlichkeit wird in diesen Beispielen 
offenbar ersetzt durch Zusammengehörigkeit. 

Der Kannibalismus der Primitiven leitet seine sublimere Motivierung 
in ähnlicher Weise ab. Indem man Teile vom Leib einer Person durch den 
Akt des Verzehrens in sich aufnimmt, eignet man sich auch die Eigenschaften 
an, welche dieser Person angehört haben. Daraus erfolgen dann Vor- 
sichten und Beschränkungen der Diät unter besonderen Umständen. Eine 
Frau wird in der Gravidität vermeiden, das Fleisch gewisser Tiere zu 
genießen, weil deren unerwünschte Eigenschaften, z. B. die Feigheit, so 
auf das von ihr genährte Kind übergehen könnten. Es macht für die 
magische Wirkung keinen Unterschied, auch wenn der Zusammenhang 
ein bereits aufgehobener ist, oder wenn er überhaupt nur in einmaliger, 
bedeutungsvoller Berührung bestand. So ist z. B. der Glaube an ein 

*) Vgl. S. 50 u. ff. 



7ß III. Animismns, Magie und Allmacht der Gedanken. 

magisches Band, welches das Schicksal einer Wunde mit dem der Waffe 
verknüpft, durch welche sie hervorgerufen wurde, unverändert durch 
Jahrtausende zu verfolgen. Wenn ein Melanesier sich des Bogens be- 
mächtigt hat, durch den er verwundet wurde, so wird er ihn sorgfältig 
an einem kühlen Ort verwahren, um so die Entzündung der Wunde 
niederzuhalten. Ist der Bogen aber im Besitz der Feinde geblieben, so 
wird er gewiß in nächster Nähe eines Feuers aufgehängt werden, damit 
die Wunde nur ja recht entzündet werde und brenne. P 1 i n i u s rät in 
seiner Nat. Hist. XXVIII, wenn man bereut, einen anderen verletzt zu 
haben, solle man auf die Hand spucken, welche die Verletzung verschuldet 
hat; der Schmerz des Verletzten werde dann sofort gelindert. Francis 
Bacon erwähnt in seiner Natural History den allgemein gültigen Glauben, 
daß das Salben einer Waffe, welche eine Wunde geschlagen hat, diese 
Wunde selbst heilt. Die englischen Bauern sollen noch heute nach diesem 
Rezept handeln, und wenn sie sich mit einer Sichel geschnitten haben, 
das Instrument von da an sorgfältig rein halten, damit die Wunde nicht 
in Eiterung gerate. Im Juni des Jahres 1902, berichtete eine lokale eng- 
lische Wochenschrift, stieß sich eine Frau namens Matilda Henry in 
Norwich zufällig einen eisernen Nagel in die Sohle. Ohne die Wunde 
untersuchen zu lassen oder auch nur den Strumpf auszuziehen, hieß sie 
ihre Tochter, den Nagel gut einölen, in der Erwartung, daß ihr dann 
nichts geschehen könne. Sie selbst starb einige Tage später an Wund- 
starrkrampf, 1 ) infolge dieser verschobenen Antisepsis. 

Die Beispiele der letzteren Gruppe erläutern, was Frazer als 
kontagiöse Magie von der imitativen sondert. Was in ihnen als 
wirksam gedacht wird, ist nicht mehr die Ähnlichkeit, sondern der Zu- 
sammenhang im Raum, die Kontiguität, wenigstens die vorgestellte. 
Kontiguität, die Erinnerung an ihr Vorhandensein. Da aber Ähnlichkeit 
und Kontiguität die beiden wesentlichen Prinzipien der Assoziationsvor- 
gänge sind, stellt sich als Erklärung für all die Tollheit der magischen 
Vorschriften wirklich die Herrschaft der Ideenassoziation heraus. Man 
sieht, wie zutreffend sich Tylors oben zitierte Charakteristik der Magie 
erweist: mistaking an ideal connexion for a real one, oder wie es fast 
gleichlautend Frazer ausgedrückt hat: men mistook the order of their 
ideas for the order of nature, and hence imagined that the control which 
they have, or seem to have, over their thoughts, permitted them to exer- 
cise a corresponding control over things. 2 ) 

x ) Frazer, The magic art. I, p. 201—203. 
2 ) The magic art. I, p. 420 ff. 



■ I 



Kontagiöse Magie. 77 

Es wird dann zunächst befremdend wirken, daß diese einleuchtende 
Erklärung der Magie von manchen Autoren als unbefriedigend verworfen 
werden konnte. 1 ) Bei näherer Überlegung muß man aber dem Einwand 
Recht geben, daß die Assoziationstheorie der Magie bloß die "Wege auf- 
klärt, welche die Magie geht, aber nicht deren eigentliches Wesen, 
nämlich nicht das Mißverständnis, welches sie psychologische Gesetze an 
die Stelle natürlicher setzen heißt. Es bedarf hier offenbar eines dyna- 
mischen Moments, aber während die Suche nach einem solchen die 
Kritiker der F r a z e r sehen Lehre in die Irre führt, wird es leicht, eine 
befriedigende Aufklärung der Magie zu geben, wenn man nur die Asso- 
ziationstheorie derselben weiterführen und vertiefen will. 

Betrachten wir zunächst den einfacheren und bedeutsameren Fall 
der imitativen Magie. Nach Frazer kann diese allein geübt werden, 
während die kontagiöse Magie in der Regel die imitative voraussetzt. 2 ) 
Die Motive, welche zur Ausübung der Magie drängen, sind leicht zu er- 
kennen, es sind die Wünsche des Menschen. Wir brauchen nur bloß an- 
zunehmen, daß der primitive Mensch ein großartiges Zutrauen zur Macht 
seiner Wünsche hat. Im Grund muß all das, was er auf magischem 
Wege herstellt, doch nur darum geschehen, weil er es will. So ist an- 
fänglich bloß sein Wunsch das Betonte. 

Für das Kind, welches sich unter analogen psychischen Bedingungen 
befindet, aber motorisch noch nicht leistungsfähig ist, haben wir an 
anderer Stelle die Annahme vertreten, daß es seine Wünsche zunächst 
wirklich halluzinatorisch befriedigt, indem es die befriedigende Situation 
durch die zentrifugalen Erregungen seiner Sinnesorgane herstellen läßt. s ) 
Für den erwachsenen Primitiven ergibt sich ein anderer Weg. An seinem 
Wunsch hängt ein motorischer Impuls, der Wille, und dieser — der 
später im Dienst der Wunschbefriedigung das Antlitz der Erde verändern 
w j r d — wird jetzt dazu verwendet, die Befriedigung darzustellen, so daß 
man sie gleichsam durch motorische Halluzination erleben kann. Eine 
solche Darstellung des befriedigten Wunsches ist dem Spiele der 
Kinder völlig vergleichbar, welches bei diesen die rein sensorische Technik 
der Befriedigung ablöst. Wenn Spiel und imitative Darstellung dem 
Kinde und dem Primitiven genügen, so ist dies nicht ein Zeichen von Be- 
scheidenheit in unserem Sinne oder von Resignation infolge Erkenntnis 

*) Vgl. den Artikel Magic [TS. W. T.) in der 11. Auflage der Encyclopedia 
Britannica. 

*) 1 c, p. 54. 

8 ) Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens. Jahrb. 
f. psychoanalyt. Forschungen, DI. Bd., 1912, p. 2. 



73 IIL Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken. 

ihrer realen Ohnmacht, sondern die wohl verständliche Folge der über- 
wiegenden Wertung ihres Wunsches, des von ihm abhängigen Willens 
und der von ihm eingeschlagenen Wege. Mit der Zeit verschiebt sich 
der psychische Akzent von den Motiven der magischen Handlung auf 
deren Mittel, auf die Handlung selbst. Vielleicht sagen wir richtiger, an 
diesen Mitteln erst wird ihm die Überschätzung seiner psychischen Akte 
evident. Nun hat es den Anschein, als wäre es nichts anderes als die 
magische Handlung, die Kraft ihrer Ähnlichkeit mit dem Gewünschten 
dessen Geschehen erzwingt. Auf der Stufe des animistischen Denkens 
gibt es noch keine Gelegenheit, den wahren Sachverhalt objektiv zu er- 
weisen, wohl aber auf späteren, wenn alle solche Prozeduren noch ge- 
pflegt werden, aber das psychische Phänomen des Zweifels als Ausdruck 
einer Verdrängungsneigung bereits möglich ist. Dann werden die Menschen 
zugeben, daß die Beschwörungen von Geistern nichts leisten, wenn nicht 
der Glaube an sie dabei ist, und daß auch die Zauberkraft des Gebets 
versagt, wenn keine Frömmigkeit dahinter wirkt. 1 ) 

Die Möglichkeit einer auf der Kontiguitätsassoziation beruhenden 
kontagiösen Magie wird uns dann zeigen, daß sich die psychische Wert- 
schätzung vom Wunsch und vom Willen her auf alle psychischen Akte 
die dem Willen zu Gebote stehen, ausgedehnt hat. Es besteht also jetzt 
eine allgemeine Überschätzung der seelischen Vorgänge, d. h. eine Ein- 
stellung zur Welt, welche uns nach unseren Einsichten in die Beziehung 
von Realität und Denken als solche Überschätzung des letzteren erscheinen 
muß. Die Dinge treten gegen deren Vorstellungen zurück; was mit den 
letzteren vorgenommen wird, muß sich auch an den ersteren ereignen, 
Die Relationen, die zwischen den Vorstellungen bestehen, werden auch 
zwischen den Dingen vorausgesetzt. Da das Denken keine Entfernungen 
kennt, das räumlich Entlegenste wie das zeitlich Verschiedenste mit Leich- 
tigkeit in einen Bewußtseinsakt zusammenbringt, wird auch die magische 
Welt sich telepathisch über die räumliche Distanz hinaussetzen und ehemaligen 
Zusammenhang wie gegenwärtigen behandeln. Das Spiegelbild der Innen- 
welt muß im animistischen Zeitalter jenes andere Weltbild, das wir zu 
erkennen glauben, unsichtbar machen. 

Heben wir übrigens hervor, daß die beiden Prinzipien der Asso- 
ziation — Ähnlichkeit und Kontiguität — in der höheren Einheit der 
Berührung zusammentreffen. Kontiguitätsassoziation ist Berührung im 
direkten, Ähnüchkeitsassoziation solche im übertragenen Sinne. Eine von 

2 ) Der König in „Hamlet" (III, 4.): „My words fly up, my thoughts remain 
below; Words without thoughts never to heaven go u . 



Die Allmacht der Gedanken. 79 

uns noch nicht erfaßte Identität im psychischen Vorgang wird wohl durch 
den Gebrauch des nämlichen Wortes für beide Arten der Verknüpfung 
verbürgt. Es ist derselbe Umfang des Begriffes Berührung, der sich bei 
der Analyse des Tabu herausstellte. 1 ) 

Zusammenfassend können wir nun sagen : das Prinzip, welches 
die Magie, die Technik der animistischen Denkweise, regiert, ist das der 
„Allmacht der Gedanken". 

3. 

Die Bezeichnung „Allmacht der Gedanken" habe ich von einem 
hochintelligenten, an Zwangsvorstellungen leidenden Manne angenommen, 
dem es nach seiner Herstellung durch psychoanalytische Behandlung 
möglich geworden ist, auch seine Tüchtigkeit und Verständigkeit zu er- 
weisen. 2 ) Er hatte sich dieses Wort geprägt zur Begründung aller jener 
sonderbaren und unheimlichen Geschehnisse, die ihn wie andere mit 
seinem Leiden Behaftete zu verfolgen schienen. Dachte er eben an eine 
Person, so kam sie ihm auch schon entgegen, als ob er sie beschworen 
hätte; erkundigte er sich plötzlich nach dem Befinden eines lange ver- 
mißten Bekannten, so mußte er hören, daß dieser eben gestorben sei, so 
daß er glauben konnte, jener habe sich ihm telepathisch bemerkbar gemacht; 
stieß er gegen einen Fremden eine nicht einmal ganz ernst gemeinte 
Verwünschung aus, so durfte er erwarten, daß dieser bald darauf starb 
und ihn mit der Verantwortlichkeit für sein Ableben belastete. Von den 
meisten dieser Fälle konnte er mir im Laufe der Behandlung selbst mit- 
teilen wie der täuschende Anschein entstanden war, und was er selbst 
an Veranstaltungen hinzugetan hatte, um sich in seinen abergläubischen 
Erwartungen zu bestärken. 3 ) Alle Zwangskranken sind in solcher Weise, 
meist gegen ihre bessere Einsicht, abergläubisch. 

Der Fortbestand der Allmacht der Gedanken tritt uns bei der 
Zwangsneurose am deutlichsten entgegen, die Ergebnisse dieser primitiven 
Denkweise sind hier dem Bewußtsein am nächsten. Wir müssen uns 
aber davor hüten, darin einen auszeichnenden Charakter dieser Neurose 
zu erblicken, denn die analytische Untersuchung deckt das nämliche bei 



x ) Vgl. die vorige Abhandlung dieser Reihe. 

*) Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose, Jahrb. f. psychoanalyt. u. 
psychopath. Forschungen, I. Bd., 1909. (Sammlang kl. Schriften zur Neurosenlehre, 
Dritte Folge, 1913.) 

3 ) Es scheint, daß wir den Charakter des „Unheimlichen" solchen Eindrücken 
verleihen, welche die Allmacht der Gedanken und die animistische Denkweise über- 
haupt bestätigen wollen, während wir uns bereits im Urteil von ihr abgewendet haben. 



qq in. Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken. 

den anderen Neurosen auf. Bei ihnen allen ist nicht die Realität des 
Erlebens, sondern die des Denkens für die Symptombildung maßgebend. 
Die Neurotiker leben in einer besonderen Welt, in welcher, wie ich es 
an anderer Stelle ausgedrückt habe, nur die „neurotische Währung" gilt, 
d. h. nur das intensiv Gedachte, mit Affekt Vorgestellte ist bei ihnen 
wirksam, dessen Übereinstimmung mit der äußeren Realität aber neben- 
sächlich. Der Hysteriker wiederholt in seinen Anfällen und fixiert durch 
seine Symptome Erlebnisse, die sich nur in seiner Phantasie so zuge- 
tragen haben, allerdings in letzter Auflösung auf wirkliche Ereignisse 
zurückgehen oder aus solchen aufgebaut worden sind. Das Schuld- 
bewußtsein der Neurotiker würde man ebenso schlecht verstehen, wenn 
man es auf reale Missetaten zurückführen wollte. Ein Zwangsneurotiker 
kann von einem Schuldbewußtsein gedrückt sein, das einem Massen- 
mörder wohl anstünde ; er wird sich dabei gegen seine Mitmenschen als 
der rücksichtsvollste und skrupulöseste Genosse benehmen und seit seiner 
Kindheit so benommen haben. Doch ist sein Schuldgefühl begründet; 
es fußt auf den intensiven und häufigen Tod es wünschen, die sich in ihm 
unbewußt gegen seine Mitmenschen regen. Es ist begründet, insoferne 
unbewußte Gedanken und nicht absichtliche Taten in Betracht kommen. 
So erweist sich die Allmacht der Gedanken, die Überschätzung der see- 
lischen Vorgänge gegen die Realität, als unbeschränkt wirksam im Affekt- 
leben des Neurotikers und in allen von diesem ausgehenden Folgen. 
Unterzieht man ihn aber der psychoanalytischen Behandlung, welche das 
bei ihm Unbewußte bewußt macht, so wird er nicht glauben können, 
daß Gedanken frei sind, und wird sich jedesmal fürchten, böse Wünsche 
zu äußern, als ob sie infolge dieser Äußerung in Erfüllung gehen müßten. 
Durch dieses Verhalten wie durch seinen im Leben betätigten Aberglauben 
zeigt er uns aber, wie nahe er dem Wilden steht, der durch seine 
bloßen Gedanken die Außenwelt zu verändern meint. 

Die primären Zwangshandlungen dieser Neurotiker sind eigentlich 
durchaus magischer Natur. Sie sind, wenn nicht Zauber, so doch Gegen- 
zauber, zur Abwehr der Unheilserwartungen bestimmt, mit denen die 
Neurose zu beginnen pflegt. So oft ich das Geheimnis zu durchdringen 
vermochte, zeigte es sich, daß diese Unheilserwartung den Tod zum 
Inhalt hatte. Das Todesproblem steht nach Schopenhauer am 
Eingang jeder Philosophie; wir haben gehört, daß auch die Bildung der 
Seelen Vorstellungen und des Dämonenglaubens, die den Animismus kenn- 
zeichnen, auf den Eindruck zurückgeführt wird, den der Tod auf den 
Menschen macht. Ob diese ersten Zwangs- oder Schutzhandlungen dem 



Die Allmacht in der Zwangsneurose gj 

Prinzip der Ähnlichkeit, respektive des Kontrastes folgen, ist schwer zu 
beurteilen, denn sie werden unter den Bedingungen der Neurose ge- 
wöhnlich durch die Verschiebung auf irgend ein Kleinstes, eine an sich 
höchst geringfügige Aktion entstellt 1 ). Auch die Schutz for mein der 
Zwangsneurose finden ihr Gegenstück in den Zauberformeln der Magie. 
Die Entwicklungsgeschichte der Zwangshandlungen kann man aber be- 
schreiben, indem man hervorhebt, wie sie, vom Sexuellen möglichst weit 
entfernt, als Zauber gegen böse Wünsche beginnen, um als Ersatz für 
verbotenes sexuelles Tun, das sie möglichst getreu nachahmen, zu enden. 

Wenn wir die vorhin erwähnte Entwicklungsgeschichte der mensch- 
lichen Weltanschauungen annehmen, in welcher die animistische 
Phase von der religiösen, diese von der wissenschaftlichen ab- 
gelöst wird, wird es uns nicht schwer, die Schicksale der „Allmacht der 
Gedanken" durch diese Phasen zu verfolgen. Im animistischen Stadium 
schreibt der Mensch sich selbst die Allmacht zu; im religiösen hat er 
sie den Göttern abgetreten, aber nicht ernstlich auf sie verzichtet, denn 
er behält sich vor, die Götter durch mannigfache Beeinflussungen nach 
seinen Wünschen zu lenken. In der wissenschaftlichen Weltanschauung 
ist kein Baum mehr für die Allmacht des Menschen, er hat sich zu seiner 
Kleinheit bekannt und sich resigniert dem Tode wie allen anderen Natur- 
notwendigkeiten unterworfen. Aber in dem Vertrauen auf die Macht des 
Menschengeistes, welcher mit den Gesetzen der Wirklichkeit rechnet, lebt 
ein Stück des primitiven Allmachtglaubens weiter. 

Bei der Rückverfolgung der Entwicklung libidinöser Strebungen im 
Einzelmenschen, von ihrer Gestaltung in der Reife bis zu den ersten An- 
fängen der Kindheit, hat sich zunächst eine wichtige Unterscheidung er- 
geben, die in den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 1905" nieder- 
gelegt ist. Die Äußerungen der sexuellen Triebe sind von Anfang an 
zu erkennen, aber sie richten sich zuerst noch auf kein äußeres Objekt. 
Die einzelnen Triebkomponenten der Sexualität arbeiten jede für sich 
auf Lustgewinn und finden ihre Befriedigung am eigenen Körper. Dies 
Stadium heißt das des Autoer otismus, es wird von dem der Objekt- 
wahl abgelöst. 

Es hat sich bei weiterem Studium als zweckmäßig, ja als unab- 
weisbar gezeigt, zwischen diese beiden Stadien ein drittes einzuschieben, 
oder, wenn man so will, das erste Stadium des Autoerotismus in zwei 
zu zerlegen. In diesem Zwischenstadium, dessen Bedeutsamkeit sich der 



J ) Ein weiteres Motiv für diese Verschiebung auf eine kleinste Aktion wird sich 
aus den nachstehenden Erörterungen ergeben. 

Totom und Tabu. G 



III. Animismns, Magie und Allmacht der Gedanken. 



Forschung immer mehr aufdrängt, haben die vorher vereinzelten Sexual- 
triebe sich bereits zu einer Einheit zusammengesetzt und auch ein Objekt 
gefunden; dies Objekt ist aber kein äußeres, dem Individuum fremdes, 
sondern es ist das eigene, um diese Zeit konstituierte Ich. Mit Rück- 
sicht auf später zu beobachtende pathologische Fixierungen dieses Zu- 
standes heißen wir das neue Stadium das des Narzißmus. Die Person 
verhält sich so, als wäre sie in sich selbst verliebt ; die Ichtriebe und die 
libidinösen Wünsche sind für unsere Analyse noch nicht von einander 
zu sondern. 

Wenngleich uns eine genügend scharfe Charakteristik dieses narziß- 
tischen Stadiums, in welchem die bisher dissoziierten Sexualtriebe zu 
einer Einheit zusammentreten und das Ich als Objekt besetzen, noch 
nicht möglich ist, so ahnen wir doch bereits, daß die narzißtische Organi- 
sation nie mehr völlig aufgegeben wird. Der Mensch bleibt in gewissem 
Maße narzißtisch, auch nachdem er äußere Objekte für seine Libido ge- 
funden hat; die Objektbesetzungen, die er vornimmt, sind gleichsam 
Emanationen der beim Ich verbleibenden Libido und können wieder in 
dieselbe zurückgezogen werden. Die psychologisch so merkwürdigen Zu- 
stände von Verliebtheit, die Normalvorbilder der Psychosen, entsprechen dem 
höchsten Stande dieser Emanationen im Vergleich zum Niveau der Ichliebe. 

Es liegt nun nahe, die von uns aufgefundene Hochschätzung der 
psychischen Aktionen — die wir von unserem Standpunkt aus eine 
Überschätzung heißen — bei den Primitiven und Neurotikern in Bezie- 
hung zum Narzißmus zu bringen und sie als wesentliches Teilstück des- 
selben aufzufassen. Wir würden sagen, das Denken ist bei den Primi- 
tiven noch in hohem Maße sexualisiert, daher rührt der Glaube an 
die Allmacht der Gedanken, die unerschütterliche Zuversicht auf die 
Möglichkeit der Weltbeherrschung und die Unzugänglichkeit gegen 
die leicht zu machenden Erfahrungen, welche den Menschen über 
seine wirkliche Stellung in der Welt belehren könnten. Bei den Neu- 
rotikern ist einerseits ein beträchtliches Stück dieser primitiven Einstel- 
lung konstitutionell verblieben, anderseits wird durch die bei ihnen 
eingetretene Sexualverdrängung eine neuerliche Sexual isierung der Denk- 
vorgänge herbeigeführt. Die psychischen Folgen müssen in beiden Fällen 
dieselben sein, bei ursprünglicher wie bei regressiv erzielter libidinöser 
Überbesetzung des Denkens: intellektueller Narzißmus, Allmacht der 
Gedanken. *) 

') It is almost an axiom with writers on this subject, that a sort of Solipsism 
or Berkleianiam (as Professor Snlly terms it as he finds it in the Child) operatesin 



Der narzißtische Charakter der Allmacht. 83 

Wenn wir im Nachweis der Allmacht der Gedanken bei den Pri- 
mitiven ein Zeugnis für deren Narzißmus erblicken dürfen, so können 
wir den Versuch wagen, die Entwicklungsstufen der menschlichen Welt- 
anschauung mit den Stadien der libidinösen Entwicklung des Einzelnen 
in Vergleich zu ziehen. Es entspricht dann zeitlich wie inhaltlich die 
animistische Phase dem Narzißmus, die religiöse Phase jener Stufe der 
Objektfindung, welche durch die Bindung an die Eltern charakterisiert 
ist, und die wissenschaftliche Phase hat ihr volles Gegenstück in jenem 
Reifezustand des Individuums, welcher auf das Lustprinzip verzichtet hat und 
unter Anpassung an die Realität sein Objekt in der Außenwelt sucht. ') 

Nur auf einem Gebiete ist auch in unserer Kultur die „Allmacht 
der Gedanken" erhalten geblieben, auf dem der Kunst. In der Kunst 
allein kommt es noch vor, daß ein von Wünschen verzehrter Mensch 
etwas der Befriedigung ähnliches macht, und daß dieses Spielen — dank 
der künstlerischen Illusion — Affektwirkungen hervorruft, als wäre es 
etwas Reales. Mit Recht spricht man vom Zauber der Kunst und ver- 
gleicht den Künstler mit einem Zauberer. Aber dieser Vergleich ist viel- 
leicht bedeutsamer, als er zu sein beansprucht. Die Kunst, die gewiß 
nicht als l'art pour l'art begonnen hat, stand ursprünglich im Dienste 
von Tendenzen, die heute zum großen Teil erloschen sind. Unter diesen 
lassen sich mancherlei magische Absichten vermuten. 2 ) 

4. 

Die erste Weltauffassung, welche den Menschen gelang, die des 
Aninismus, war also eine psychologische. Sie bedurfte noch keiner 

the savage to make him refuse to recognise death as a fact." — Mar et t, Pre-ani- 
mistic religion, Folklore, XI. Bd., 1900. p. 178. 

J ) Es soll hier nur angedeutet werden, daß der ursprüngliche Narzißmus des 
Kindes maßgebend für die Auffassung seiner Charakterentwieklung ist und die An- 
nahme eines primitiven Minderwertigkeitsgefühles bei demselben ausschließt. 

s ) S. Rein ach, L'art et la magie in der Sammlung Cultes, Mythes et Reli- 
gions, I. Bd., p. 125 bis 136. — Rein ach meint, die primitiven Künstler, welche 
uns die eingeritzten oder aufgemalten Tierbilder in den Höhlen Frankreichs hinter- 
lassen haben, wollten nicht „Gefallen erregen", sondern „beschwören''. Er erklärt es 
so, daß sich diese Zeichnungen an den dunkelsten und unzugänglichsten Stellen der 
Höhlen befinden, und daß die Darstellungen der gefürchteten Raubtiere unter ihnen 
fehlen. „Les modernes parlent souvent, par hyperbole, de la magie du pinceau ou du 
ciseau d'un grand artiste et, en general, de la magie de l'art. Entendu au sens 
propre, qui est celui d'une contrainte mystique exercöe par la volonte de l'homme 
sur d'autres volontes ou sur les choses, cette expression n' est plus admissible; mais 
nous avons vu qu'elle etait autrefois rigouresement vraie, du moins dans l'opinion 
des artistes" (p. 136). 

6* 






84 



III. Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken. 



Wissenschaft zu ihrer Begründung, denn Wissenschaft setzt erst ein, wenn 
man eingesehen hat, daß man die Welt nicht kennt und darum nach 
Wegen suchen muß, um sie kennen zu lernen. Der Animismus war aber 
dem primitiven Menschen natürlich und .selbstgewiß; er wußte, wie die 
Dinge der Welt sind, nämlich so wie der Mensch sich selbst verspürte. 
Wir sind also darauf vorbereitet, zu finden, daß der primitive Mensch 
Strukturverhältnisse seiner eigenen Psyche in die Außenwelt verlegte 1 ), 
und dürfen anderseits den Versuch machen, was der Animismus von der 
Natur der Dinge lehrt, in die menschliche Seele zurückzuversetzen. 

Die Technik des Animismus, die Magie, zeigt uns am deutlichsten 
und unvermengtest-m die Absicht, den realen Dingen die Gesetze des 
Seelenlebens aufzuzwingen, wobei Geister noch keine Rolle spielen müssen, 
während auch Geister zu Objekten magischer Behandlung genommen 
werden können. Die Vorraussetzungen der Magio sind also ursprüng- 
licher und älter als die Geisterlehre, die den Kern des Animismus 
bildet. Unsere psychoanalytische Betrachtung trifft hier mit einer Lehre 
von R. R. Marett zusammen, welche ein praeanimistisches Stadium 
dem Animismus vorhergehen läßt, dessen Charakter am besten durch den 
Namen Animatismus (Lehre von der allgemeinen Belebtheit) ange- 
deutet wird. Es ist wenig mehr aus der Erfahrung über den Praeanimis- 
mus zu sagen, da man noch kein Volk angetroffen hat, welches der 
Geister Vorstellungen entbehrte. 2 ) 

Während die Magie noch alle Allmacht den Gedanken vorbehält, 
hat der Animismus einen Teil dieser Allmacht den Geistern abgetreten 
und damit den Weg zur Bildung einer Religion eingeschlagen. Was soll 
nun den Primitiven zu dieser ersten Verzichtleistung bewogen haben? 
Kaum die Einsicht in die Unrichtigkeit seiner Voraussetzungen, denn er 
behält ja die magische Technik bei. 

Die Geister und Dämonen sind, wie an anderer Stelle angedeutet 
wurde, nichts als die Projektionen seiner Gefühlsregungen; 3 ) er macht 
seine Affektbesetzungen zu Personen, bevölkert mit ihnen die Welt, und 
findet nun seine inneren seelischen Vorgänge außer seiner wieder, ganz 
ähnlich wie der geistreiche Paranoiker Seh reber, der die Bindungen 

J ) Durch sogenannte endopsychische Wahrnehmung erkannte. 

2 ) R. R. Marett, Pre animistic religion, Folklore, XL Bd., Nr. 2, London 1903. 
— Vgl. Wundt, Mythus und Religion. IL Bd., p. 171 und ff. 

3 ) Wir nehmen an, daß in diesem frühen narzißtischen Stadium Besetzungen 
aus libidinöser und anderen Erregungsquellan vielleicht nooh unanterscheidbar mit- 
einander vereinigt sind. 



Die Projektion seelischer Vorgänge nach außen. &5 

und Lösungen seiner Libido in den Schicksalen der von ihm kombi- 
nierten „Gottesstrahlen" gespiegelt fand. 1 ) 

Wir wollen hier wie bei einem früheren Anlasse 2 ) dem Problem 
ausweichen, woher die Neigung überhaupt rührt, seelische Vorgänge 
nach außen zu projizieren. Der einen Annahme dürfen wir uns aber 
getrauen, daß diese Neigung dort eine Verstärkung erfährt, wo die Pro- 
jektion den Vorteil einer psychischen Erleichterung mit sich bringt. Ein 
solcher Vorteil ist mit Bestimmtheit zu erwarten, wenn die nach All- 
macht strebenden Regungen in Konflikt miteinander geraten sind; dann 
können sie offenbar nicht alle allmächtig werden. Der Krankheitsprozeß 
der Paranoia bedient sich tatsächlich des Mechanismus der Projektion, 
um solche im Seelenleben entstandene Konflikte zu erledigen. Nun ist 
der vorbildliche Fall eines solches Konfliktes der zwischen den beiden 
Gliedern eines Gegensatzpaares, der Fall der ambivalenten Einstellung, 
den wir in der Situation des Trauernden beim Tode eines feuern 
Angehörigen eingehend zergliedert haben. Ein solcher Fall wird uns 
besonders geeignet scheinen, die Schöpfung von Projektionsgebilden zu 
motivieren. Wir treffen hier wiederum mit Meinungen der Autoren 
zusammen, welche die bösen Geister für die erstgeborenen unter den 
Geistern erklären und die Entstehung der Seelenvorstellungen aus 
dem Eindruck des Todes auf die Überlebenden ableiten. Wir machen 
nur den einen Unterschied, daß wir nicht das intellektuelle Problem 
voranstellen, welches der Tod dem Lebenden aufgibt, sondern die zur 
Erforschung treibende Kraft in den Gefühlskonflikt verlegen, in welchen 
diese Situation den Überlebenden stürzt. 

Die erste theoretische Leistung des Menschen — die Schöpfung der 
Geister — würde also aus derselben Quelle entspringen wie die ersten 
sittlichen Beschränkungen, denen er sich unterwirft, die Tabuvorschriften. 
Doch soll die Gleichheit des Ursprungs nichts für die Gleichzeitigkeit 
der Entstehung präjudizieren. Wenn es wirklich die Situation des Über 
lebenden gegen den Toten war, die den primitiven Menschen zuerst nach- 
denklich machte, ihn nötigte einen Teil seiner Allmacht an die Geister 
abzugeben und ein Stück der freien Willkür seines Handelns zu opfern, 
so wären diese Kulturschöpfungen eine erste Anerkennung der 'Avx xr M 
die sich dem menschlichen Narzißmus widersetzt. Der Primitive würde 

^Schreber, Denkwürdigkeiten eines Nerven kr/inken. 1903. — Freud, 
Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen Fall von 
Paranoia, Jahrb. f. psychoanalyt. Forsch., DU. Bd., 1911. (Schriften zur Nenrosenlehre, 
Dritte Folge, 1913.) 

2 ) Vgl. die letztzitierte Abhandlung über Schreber, p. 59. 



86 



III. Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken. 



sich vor der Übermacht des Todes beugen mit derselben Geste, durch 
die er diesen zu verleugnen scheint. 

Wenn wir den Mut zur weiteren Ausbeutung unserer Voraussetzungen 
haben, können wir fragen, welches wesentliche Stück unserer psycho- 
logischen Struktur in der Projektionsschöpfung der Seelen und Geister 
seine Spiegelung und Wiederkehr findet. Es ist dann schwer zu bestreiten, 
daß die primitive Seelenvorstellung, soweit sie auch noch von der spä- 
teren völlig immateriellen Seele absteht, doch im Wesentliehen mit dieser 
zusammentrifft, also Person oder Ding als eine Zweiheit auffaßt, auf 
deren beide Bestandteile die bekannten Eigenschaften und Veränderungen 
des Ganzen verteilt sind. Diese ursprüngliche Dualität — nach einem 
Ausdruck von H. Spencer 1 ) — ist bereits identisch mit jenem Dua- 
lismus, der sich in der uns geläufigen Trennung von Geist und Körper 
kundgibt, und dessen unzerstörbare sprachliche Äußerungen wir z. B. in 
der Beschreibung des Ohnmächtigen oder Rasenden: er sei nicht bei 
sich, erkennen. 2 ) 

Was wir so, ganz ähnlich wie der Primitive, in die äußere Realität 
projizieren, kann kaum etwas anderes sein als die Erkenntnis eines Zu- 
standes, in dem ein Ding den Sinnen und dem Bewußtsein gegeben, 
präsent ist, neben welchem ein anderer besteht, in dem dasselbe 
latent ist, aber wiedererscheinen kann, also die Koexistenz von Wahr- 
nehmen und Erinnern, oder, ins Allgemeine ausgedehnt, die Existenz 
unbewußter Seelen Vorgänge neben den bewußten 3 ), Man könnte 
sagen, der „Geist" einer Person oder eines Dinges reduziere sich in 
letzter Analyse auf deren Fähigkeit erinnert und vorgestellt zu werden, 
wenn sie der Wahrnehmung entzogen sind. 

Man wird nun freilich weder von der primitiven noch von der 
heutigen Vorstellung der „Seele" erwarten dürfen, daß ihre Abgrenzung 
vom anderen Teile die Linien einhalte, welche unsere heutige Wissen- 
schaft zwischen der bewußten und der unbewußten Seelentätigkeit zieht. 
Die animistische Seele vereinigt vielmehr Bestimmungen von beiden 
Seiten in sich. Bare Flüchtigkeit und Beweglichkeit, ihre Fähigkeit, den 
Körper zu verlassen, dauernd oder vorübergehend von einem anderen 
Leibe Besitz zu nehmen, dies sind Charaktere, die unverkennbar an das 



J ) Im I. Band der „Prinzipien der Soziologie". 
s ) H. Spencer, 1. c, p. 179. 



s ) Vgl. meine kleine Schrift : A note on the Unconscious in Paycho-Analysis 
aus den Proceedinga of the Society for Psychical Research, Part LXVI, vol. XXVI, 
London 1912. 



Der Charakter eines „Systems". 87 

Wesen des Bewußtseins erinnern. Aber die Art, wie sie sich hinter der 
persönlichen Erscheinung verborgen hält, mahnt an das Unbewußte; 
die Unveränderlichkeit und Unzerstörbarkeit schreiben wir heute nicht 
mehr den bewußten, sondern den unbewußten Vorgängen zu, und diese 
betrachten wir auch als die eigentlichen Träger der seelischen Tätigkeit. 

Wir sagten vorhin, der Animismus sei ein Denksystem, die erste 
vollständige Theorie der Welt, und wollen nun aus der psychoanalyti- 
schen Auffassung eines solchen Systems gewisse Folgerungen ableiten. 
Die Erfahrung jedes unserer Tage kann uns die Haupteigenschaften des 
Systems" immer von neuem vorführen. Wir träumen in der Nacht 
und haben es erlernt, am Tage den Traum zu deuten. Der Traum kann, 
ohne seine Natur zu verleugnen, wirr und zusammenhangslos erscheinen, 
er kann aber auch im Gegenteil die Ordnung der Eindrücke eines Erleb- 
nisses nachahmen, eine Begebenheit aus der anderen ableiten und ein 
Stück seines Inhaltes auf ein anderes beziehen. Dies scheint ihm besser 
oder schlechter gelungen zu sein, fast niemals gelingt es so vollkommen, 
daß nicht irgendwo eine Absurdität, ein Riß im Gefüge zum Vorschein 
käme. Wenn wir den Traum der Deutung unterziehen, erfahren wir, 
daß die inkonstante und ungleichmäßige Anordung der Traumbestand- 
teile auch etwas für das Verständnis des Traumes recht Unwichtiges ist. 
Das Wesentliche am Traum sind die Traumgedanken, die allerdings sinn- 
reich, zusammenhängend und geordnet sind. Aber deren Ordnung ist 
eine ganz andere als die von uns am manifesten Trauminhalt erinnerte. 
Der Zusammenhang der Traumgedanken ist aufgegeben worden und kann 
dann entweder überhaupt verloren bleiben oder durch den neuen Zu- 
sammenhang des Trauminhalts ersetzt werden. Fast regelmäßig hat, 
außer der Verdichtung der Traumelemente, eine Umordnung derselben 
stattgefunden, die von der frühren Anordnung mehr oder weniger unab- 
hängig ist. Wir sagen abschließend, das, was durch die Traumarbeit 
aus dem Material der Traumgedanken geworden ist, hat eine neue Be- 
einflussung erfahren, die sogenannte „sekundäre Bearbeitung", 
deren Absicht offenbar dahingeht, die aus der Traumarbeit resultierende 
Zusammenhangslosigkeit und Unverständlichkeit zugunsten eines neuen 
Sinnes" zu beseitigen. Dieser neue, durch die sekundäre Bearbeitung 
erzielte Sinn ist nicht mehr der Sinn der Traumgedanken. 

Die sekundäre Bearbeitung des Produktes der Traumarbeit ist ein 
vortreffliches Beispiel für das Wesen und die Ansprüche eines Systems. 
Eine intellektuelle Funktion in uns fordert Vereinheitlichung, Zusammen- 



88 HI. Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken. 

hang und Verständlichkeit von jedem Material der Wahrnehmung oder 
des Denkens, dessen sie sich bemächtigt, und scheut sich nicht, einen unrich- 
tigen Zusammenhang herzustellen, wenn sie infolge besonderer Umstände 
den richtigen nicht erfassen kann. Wir kennen solche Systembildungen nicht 
nur vom Traume, sondern auch von den Phobien, dem Zwangsdenken 
und den Formen des Wahnes. Bei den Wahnerkrankungen (der Para- 
noia) ist die Systembildung das Sinnfälligste, sie beherrscht das Krank- 
heitsbild, sie darf aber auch bei den anderen Formen von Neuro- 
psychosen nicht übersehen werden. In allen Fällen können wir dann nach- 
weisen, daß eine Umordnung des psychischen Materials zu einem 
neuen Ziel stattgefunden hat, oft eine im Grunde recht gewaltsame, 
wenn sie nur unter dem Gesichtspunkt des Systems begreiflich erscheint. 
Es wird dann zum besten Kennzeichen der Systembildung, daß jedes der 
Ergebnisse desselben mindestens zwei Motivierungen aufdecken läßt, eine 
Motivierung aus den Voraussetzungen des Systems — also eventuell eine 
wahnhafte — und eine versteckte, die wir aber als die eigentlich wirk- 
same, reale, anerkennen müssen. 

Zur Erläuterung ein Beispiel aus der Neurose : In der Abhand- 
lung über das Tabu erwähnte ich eine Kranke, deren Zwangsverbote die 
schönsten Übereinstimmungen mit dem Tabu der Maori zeigen. 1 ) Die 
Neurose dieser Frau ist auf ihren Mann gerichtet ; sie gipfelt in der Ab- 
wehr des unbewußten Wunsches nach seinem Tod. Ihre manifeste, sy- 
stematische Phobie gilt aber der Erwähnung des Todes überhaupt, wo- 
bei ihr Mann völlig ausgeschaltet ist und niemals Gegenstand bewußter 
Sorge wird. Eines Tages hört sie den Mann den Auftrag erteilen, seine 
stumpf gewordenen Rasiermesser sollen in einen bestimmten Laden zum 
Schleifen gebracht werden. Von einer eigentümlichen Unruhe getrieben, macht 
sie sich selbst auf den Weg nach diesem Laden und fordert nach ihrer 
Rückkehr von dieser Rekognoszierung von ihrem Manne, er müsse diese 
Messer für alle Zeiten aus dem Wege räumen, denn sie habe entdeckt 
daß neben dem von ihm genannten Laden sich eine Niederlage von Sär- 
gen, Trauerwaren u. dgl. befindet. Die Messer seien durch seine Absicht 
in eine unlösbare Verbindung mit dem Gedanken an den Tod geraten. 
Dies ist nun die systematische Motivierung des Verbotes. Wir dürfen 
sicher sein, daß die Kranke auch ohne die Entdeckung jener Nachbar- 
schaft das Verbot der Rasiermesser nach Hause gebracht hätte. 
Denn es hätte dazu hingereicht, daß sie auf dem Wege nach dem Laden 
einem Leichenwagen, einer Person in Trauerkleidung oder einer Trägerin 

') P- 26. 



Der Charakter eines „Systems". 89 

eines Leichenkranzes begegnete. Das Netz der Bedingungen war weit 
genug ausgespannt, um die Beute in jedem Falle zu fangen ; es lag dann 
an ihr, ob sie es zuziehen wollte oder nicht. Man konnte mit Sicher- 
heit feststellen, daß sie für andere Fälle die Bedingungen des Verbots 
nicht aktivierte. Dann hit-ß es eben, es sei ein „besserer Tag" gewesen. 
Die wirkliche Ursache des Verbots der Rasiermesser war natürlich, wie 
wir mit Leichtigkeit erraten, ihr Sträuben gegen eine Lustbetonung der 
Vorstellung, ihr Mann könne sich mit dem geschärften Rasiermesser den 
Hals abschneiden. 

In ganz ähnlicher Weise vervollständigt und detailliert sich eine 
Gehhemmung, eine Abasie oder Agoraphobie, wenn es diesem Symptom 
einmal gelungen ist, sich zur Vertretung eines unbewußten Wunsches 
und der Abwehr gegen denselben aufzuschwingen. Was sonst noch an 
unbewußten Phantasien und an wirksamen Reminiszenzen in dem Kranken 
vorhanden ist, drängt diesem einmal eröffneten Ausweg zum sympto- 
matischen Ausdruck zu und bringt sich in zweckmäßiger Neuordnung 
im Rahmen der Gehstörung unter. Es wäre also ein vergebliches, eigent- 
lich ein törichtes Beginnen, wenn man das symptomatische Gefüge und 
die Einzelheiten, z. B. einer Agoraphobie aus der Grundvoraussetzung 
derselben verstehen wollte. Alle Konsequenz und Strenge des Zusammen- 
hanges ist doch nur scheinbar. Schärfere Beobachtung kann, wie bei der 
Fassadenbildung des Traumes, die ärgsten Inkonsequenzen und Will- 
kürlichkeiten der Symptombildung aufdecken. Die Einzelheiten einer 
solchen systematischen Phobie entnehmen ihre reale Motivierung ver- 
steckten Determinanten, die mit der Gehhemmung nichts zu tun haben 
müssen, und darum fallen auch die Gestaltungen einer solchen Phobie 
bei verschiedenen Personen so mannigfaltig und so widersprechend aus. 

Suchen wir nun den Rückweg zu dem uns beschäftigenden System 
des Animismus, so schließen wir aus unseren Einsichten über andere 
psychologische Systeme, daß die Motivierung einer einzelnen Sitte oder 
Vorschrift durch den „Aberglauben" auch bei den Primitiven nicht die 
einzige und die eigentliche Motivierung zu sein braucht und uns der 
Verpflichtung nicht überhebt, nach den versteckten Motiven derselben 
zu suchen. Unter der Herrschaft eines animistischen Systems ist es nicht 
anders möglich, als daß jede Vorschrift und jede Tätigkeit eine syste- 
matische Begründung erhalte, welche wir heute eine „abergläubische" 
heißen. „Aberglaube" ist wie „Angst", wie „Traum", wie „Dämon", 
eine der psychologischen Vorläufigkeiten, die vor der psychoanalytischen 



gQ in. Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken. 

Forschung zergangen sind. Kommt man hinter diese, die Erkenntnis wie 
Wandschirme abwehrenden Konstruktionen, so ahnt man, daß dem 
Seelenleben und der Kulturhöhe der Wilden ein Stück verdienter Wür- 
digung bisher vorenthalten wurde. 

Betrachtet man die Triebverdrängung als ein Maß des erreichten 
Kulturniveaus, so muß man zugestehen, daß auch unter dem animisti- 
schen System Fortschritte und Entwicklungen vorgefallen sind, die man 
mit Unrecht ihrer abergläubischen Motivierung wegen geringe schätzt. 
Wenn wir hören, daß Krieger eines wilden Volksstammes sich die größte 
Keuschheit und Reinlichkeit auferlegen, sobald sie sich auf den Kriegs- 
pfad begeben, 1 ) so wird uns die Erklärung nahegelegt, daß sie ihren 
Unrat beseitigen, damit sich der Feind dieses Teiles ihrer Person nicht 
bemächtige, um ihnen auf magische Weise zu schaden, und für ihre Ent- 
haltsamkeit sollen wir analoge abergläubische Motivierungen vermuten. 
Nichtsdestoweniger bleibt die Tatsache des Trieb Verzichtes bestehen, und 
wir verstehen den Fall wohl besser, wenn wir annehmen, daß der wilde 
Krieger sich solche Beschränkungen zur Ausgleichung auferlegt, weil er 
im Begriffe steht, sich die sonst untersagte Befriedigung grausamer und 
feindseliger Regungen im vollen Ausmaße zu gestatten. Dasselbe gilt für 
die zahlreichen Fälle von sexueller Beschränkung, solange man mit 
schwierigen oder verantwortlichen Arbeiten beschäftigt ist. 2 ) Mag sich 
die Begründung dieser Verbote immerhin auf einen magischen Zusammen- 
hang berufen, die fundamentale Vorstellung, durch Verzicht auf Trieb- 
befriedigung größere Kraft zu gewinnen, bleibt doch unverkennbar, und die 
hygienische Wurzel des Verbotes ist neben der magischen Rationalisierung 
derselben nicht zu vernachlässigen. Wenn die Männer eines wilden Volks- 
stammes zur Jagd, zum Fischfang, zum Krieg, zum Einsammeln kost- 
barer Pflanzenstoffe ausgezogen sind, so bleiben ihre Frauen unterdes im 
Hause zahlreichen drückenden Beschränkungen unterworfen, denen von 
den Wilden selbst eine in die Ferne reichende, sympathetische Wirkung 
auf das Gelingen der Expedition zugeschrieben wird. Doch gehört wenig 
Scharfsinn dazu, um zu erraten, daß jenes in die Ferne wirkende Moment kein 
anderes als das Heimwärtsdenken, die Sehnsucht der Abwesenden, ist, und 
daß hinter diesen Einkleidungen die gute psychologische Einsicht steckt, die 
Männer werden ihr Bestes nur dann tun, wenn sie über den Verbleib 
der unbeaufsichtigten Frauen vollauf beruhigt sind. Andere Male wird 
es direkt, ohne magische Motivierung, ausgesprochen, daß die eheliche 

J ) Frazer, Taboo and the perils of the soul, p. 158. 
') Frazer, L c, p. 200. 



Überdeterminierung and Fortschritt im Animismus. 91 

Untreue der Frau die Bemühungen des in verantwortlicher Tätigkeit ab- 
wesenden Mannes zum Scheitern bringt. 

Die unzähligen Tabuvorschriften, denen die Frauen der Wilden 
während ihrer Menstruation unterliegen, werden durch die abergläubische 
Scheu vor dem Blute motiviert und haben in ihr wohl auch eine reale 
Begründung. Aber es wäre unrecht die Möglichkeit zu übersehen, daß 
diese Blutscheu hier auch ästhetischen und hygienischen Absichten dient, 
die sich in allen Fällen mit magischen Motivierungen drapieren müßten. 

Wir täuschen uns wohl nicht darüber, daß wir uns durch solche 
Erklärungsversuche dem Vorwurfe aussetzen, daß wir den heutigen Wilden 
eine Feinheit der seelischen Tätigkeiten zumuten, die weit über die 
Wahrscheinlichkeit hinausgeht. Allein ich meine, es könnte uns mit der 
Psychologie dieser Völker, die auf der animistischen Stufe stehen ge- 
blieben sind, leicht so ergehen wie mit dem Seelenleben des Kindes, das 
wir Erwachsene nicht mehr verstehen, und dessen Reichhaltigkeit und 
Feinfühligkeit wir darum so sehr unterschätzt haben. 

Ich will noch einer Gruppe von bisher unerklärten Tabuvorschriften 
gedenken, weil sie eine dem Psychoanalytiker vertraute Aufklärung zu- 
läßt. Bei vielen wilden Völkern ist es unter verschiedenen Verhältnissen 
verboten, scharfe Waffen und schneidende Instrumente im Hause zu 
halten 1 ). Frazer zitiert einen deutschen Aberglauben, daß man ein 
Messer nicht mit der Schneide nach oben liegen lassen dürfe. Gott und 
die Engel könnten sich daran verletzen. Soll man in diesem Tabu nicht 
die Ahnung gewisser „Symptomhandlungen" erkennen, zu denen die 
scharfe Waffe durch unbewußte böse Regungen gebraucht werden könnte? 



') Frazer, 1. c, p. 237. 



IV. Die infantile Wiederkehr des Totemismus. 

Von der Psychoanalyse, welche zuerst die regelmäßige Überdeter- 
minierung psychischer Akte und Bildungen aufgedeckt hat, braucht man 
nicht zu besorgen, daß sie versucht sein werde, etwas so Kompliziertes 
wie die Religion aus einem einzigen Ursprung abzuleiten. Wenn sie in 
notgedrungener, eigentlich pflichtgemäßer Einseitigkeit eine einzige der 
Quellen dieser Institution zur Anerkennung bringen will, so beansprucht 
sie zunächst für dieselbe die Ausschließlichkeit so wenig wie den ersten 
Rang unter den zusammenwirkenden Momenten. Erst eine Synthese aus 
verschiedenen Gebieten der Forschung kann entscheiden, welche relative 
Bedeutung dem hier zu erörternden Mechanismus in der Genese der 
Religion zuzuteilen ist; eine solche Arbeit überschreitet aber sowohl die 
Mittel als auch die Absicht des Psychoanalytikers. 

1. 

In der ersten Abhandlung dieser Reihe haben wir den Begriff des 
Totemismus kennen gelernt. Wir haben gehört, daß der Totemismus ein 
System ist, welches bei gewissen primitiven Völkern in Australien, Amerika, 
Afrika die Stelle einer Religion vertritt und die Grundlage der sozialen 
Organisation abgibt. Wir wissen, daß der Schotte Mac Lennan 1869 
das allgemeinste Interesse für die bis dahin nur als Kuriosa gewürdigten 
Phänomene des Totemismus in Anspruch nahm, indem er die Vermutung 
aussprach, eine große Anzahl von Sitten und Gebräuchen in verschiedenen 
alten wie modernen Gesellschaften seien als Überreste einer totemisti- 
schen Epoche zu verstehen. Die Wissenschaft hat seither diese Bedeutung 
des Totemismus im vollen Umfange anerkannt. Als eine der letzten 
Äußerungen über diese Frage will ich eine Stelle aus den Elementen der 
Völkerpsychologie von W. Wundt (1912) zitieren: 1 ) „Nehmen wir alles 
dies zusammen, so ergibt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit der Schluß, 
daß die totemistische Kultur überall einmal eine Vorstufe der späteren 
Entwicklungen und eine Übergangsstufe zwischen dem Zustand des pri- 
mitiven Menschen und dem Helden- und Götterzeitalter gebildet hat." 

>) p. 139. 



Ein Code du totemisme. 93 

Die Absiebten der vorliegenden Abbandlungen nötigen uns zu einem 
tieferen Eingeben auf die Charaktere des Totemismus Aus Gründen, 
welcbe später ersichtlich werden sollen, bevorzuge ich hier eine Dar- 
stellung von S. Rein ach, der im Jahre 1900 nachstehenden Code du 
totemisme in zwölf Artikeln, gleichsam einen Katechismus der totemisti- 
schen Religion, entworfen hat: 1 ) 

1. Gewisse Tiere dürfen weder getötet noch gegessen werden, aber 
die Menschen ziehen Individuen dieser Tiergattungen auf und schenken 
ihnen Pflege. 

2. Ein zufällig verstorbenes Tier wird betrauert und unter den 
gleichen Ehrenbezeugungen bestattet wie ein Mitglied des Stammes. 

3. Das Speiseverbot bezieht sich gelegentlich nur auf einen be- 
stimmten Körperteil des Tieres. 

4. Wenn man ein für gewöhnlich verschontes Tier unter dem 
Drange der Notwendigkeit töten muß, so entschuldigt man sich bei ihm 
und sucht die Verletzung des Tabu, den Mord, durch mannigfache Kunst- 
griffe und Ausflüchte abzuschwächen. 

5. Wenn das Tier rituell geopfert wird, wird es feierlich beweint. 

6. Bei gewissen feierlichen Gelegenheiten, religiösen Zeremonien, 
legt man die Haut bestimmter Tiere an. Wo der Totemismus noch be- 
steht, sind dies die Totemtiere. 

7. Stämme und Einzelpersonen legen sich Tiernamen bei, eben die 
der Totemtiere. 

8. Viele Stämme gebrauchen Tierbilder als Wappen und verzieren 
mit ihnen ihre Waffen; Männer malen sich Tierbilder auf den Leib oder 
lassen sich solche durch Tätowierung einritzen. 

9. Wenn der Totem zu den gefürchteten und gefährlichen Tieren 
gehört, so wird angenommen, daß er die Mitglieder des nach ihm ge- 
nannten Stammes verschont. 

10. Das Totemtier beschützt und warnt die Angehörigen des 
Stammes. 

11. Das Totemtier kündigt seinen Getreuen die Zukunft an und 
dient ihnen als Führer. 

12. Die Mitglieder eines Totemstammes glauben oft daran, daß sie 
mit dem Totemtier durch das Band gemeinsamer Abstammung ver- 
knüpft sind. 

Man kann diesen Katechismus der Totemreligion erst würdigen, 
wenn man in Betracht zieht, daß Rein ach hier auch alle Anzeichen 

J ) Revue scientifique, Oktober 1900, abgedruckt in des Autors vierbändigem 
Werke Cultes, Mythes et Religions, 1909, T. I, p. 17 ff. 



94 IV. Die infantile Wiederkehr des Totemismus. 

und Resterscheinungen eingetragen hat, aus denen man den einstigen 
Bestand des totemistischen Systems erschließen kann. Eine besondere 
Stellung dieses Autors zum Problem zeigt sich darin, daß er dafür die 
wesentlichen Züge des Totemismus einigermaßen vernachlässigt. Wir 
werden uns überzeugen, daß er von den zwei Hauptsätzen des totemi- 
stischen Katechismus den einen in den Hintergrund gedrängt, den anderen 
völlig übergangen hat. 

Um von den Charakteren des Totemismus ein richtiges Bild zu gewinnen, 
wenden wir uns an einen Autor, welcher dem Thema ein vierbändiges 
Werk gewidmet bat, das die vollständigste Sammlung der hieher ge- 
hörigen Beobachtungen mit der eingehendsten Diskussion der durch sie 
angeregten Probleme verbindet. Wir werden J. G. Frazer, dem 
Verfasser von „Totemism and Exogamy" J ) für Genuß und Belehrung ver- 
pflichtet bleiben, auch wenn die psychoanalytische Untersuchung zu Er- 
gebnissen führen sollte, welche weit von den seinigen abweichen. 8 ) 

') 1910. 

*) Vielleicht tun wir aber vorher gut daran, dem Leser die Schwierigkeiten 
vorzuführen, mit denen Feststellungen auf diesem Gebiete zu kämpfen haben : 

Zunächst; die Personen, welche die Beobachtungen sammeln, sind nicht die- 
selben, welche sie verarbeiten und diskutieren, die ersteren Reisende und Missionäre, die 
letzteren Gelehrte, welche die Objekte ihrer Forschung vielleicht niemals gesehen 
haben. — Die Verständigung mit den Wilden ist nicht leicht. Nicht alle der Be- 
obachter waren mit den Sprachen derselben vertraut, sondern mußten sich der Hilfe 
von Dolmetschern bedienen oder in der Hilfssprache des piggin-english mit den Aus- 
gefragten verkehren. Die Wilden sind nicht mitteilsam über die intimsten Angelegen- 
heiten ihrer Kultur und eröffnen sich nur solchen Fremden, die viele Jahre in ihrer 
Mitte zugebracht haben. Sie geben aus den verschiedenartigsten Motiven (Vgl. 
Frazer, The beginnings of religion and totemism among the Australian aborigines), 
Fortnightly Review, 1905 ; T. and. Ex. I, p. 150) oft falsche oder mißverständliche 
Auskünfte. — Man darf nicht daran vergessen, daß die primitiven Völker keine 
jungen Völker sind, sondern eigentlich ebenso alt wie die zivilisiertesten, und daß 
man kein Recht zur Erwartung hat, sie würden ihre ursprünglichen Ideen und Insti- 
tutionen ohne jede Entwicklung und Entstellung für unsere Kenntnisnahme aufbewahrt 
haben. Es ist vielmehr sicher, daß sich bei den Primitiven tiefgreifende Wandlungen nach 
allen Richtungen vollzogen haben, so daß man niemals ohne Bedenken entscheiden kann, 
was an ihren gegenwärtigen Zuständen und Meinungen nach Art eines Petrefakts die 
ursprüngliche Vergangenheit erhalten hat, und was einer Entstellung und Veränderung 
derselben entspricht. Daher die überreichlichen Streitigkeiten unter den Autoren, 
was an den Eigentümlichkeiten einer primitiven Kultur als primär und was als 
spätere sekundäre Gestaltung aufzufassen sei. Die Feststellung des ursprünglichen 
Zustandes bleibt also jedesmal eine Sache der Konstruktion. — Es ist endlich nicht 
leicht, sich in die Denkungsart der Primitiven einzufühlen. Wir mißverstehen sie 
ebenso leicht wie die Kinder und sind immer geneigt, ihr Tun und Fühlen nach 
unseren eigenen psychischen Konstellationen zu deuten. 



J. G. Frazer über den Totemismus. 



95 



Ein Totem, schrieb Frazer in seinem ersten Aufsatze, 1 ) ist ein 
materielles Objekt, welchem der Wilde einen abergläubischen Respekt 
bezeugt, weil er glaubt, daß zwischen seiner eigenen Person und jedem 
Ding dieser Gattung eine ganz besondere Beziehung besteht. Die Ver- 
bindung zwischen einem Menschen und seinem Totem ist eine wechsel- 
seitige, der Totem beschützt den Menschen und der Mensch beweist seine 
Achtung vor dem Totem auf verschiedene Arten, so z. B. daß er ihn 
nicht tötet, wenn es ein Tier, und nicht abpflückt, wenn es eine 
Pflanze ist. Der Totem unterscheidet sich vom Fetisch darin, daß er nie 
ein Einzelding ist wie dieser, sondern immer eine Gattung, in der Regel 
eine Tier- oder Pflanzenart, seltener eine Klasse von unbelebten Dingen 
und noch seltener von künstlich hergestellten Gegenständen. 

Man kann mindestens drei Arten von Totem unterscheiden : 

1. den Stammestotem, an dem ein ganzer Stamm teil hat, und der 
sich erblich von einer Generation auf die nächste überträgt; 

2. den Geschlechtstotem, der allen männlichen oder allen weiblichen 
Mitgliedern eines Stammes mit Ausschluß des anderen Geschlechts ange- 
hört, und 

3. den individuellen Totem, der einer einzelnen Perzon eignet und 
nicht auf deren Nachkommenschaft übergeht. Die beiden letzten Arten 
von Totem kommen an Bedeutung gegen den Stammestotem nicht in 
Betracht. Es sind, wenn nicht alles täuscht, späte und für das Wesen 
des Totem wenig bedeutsame Bildungen. 

Der Stammestotem (Clantotem) ist Gegenstand der Verehrung einer 
Gruppe von Männern und Frauen, die sich nach dem Totem nennen, 
sich für blutsverwandte Abkömmlinge eines gemeinsamen Ahnen halten 
und durch gemeinsame Pflichten gegeneinander wie durch den Glauben 
an ihren Totem miteinander fest verbunden sind. 

Der Totemismus ist sowohl ein religiöses wie ein soziales System. 
Nach seiner religiösen Seite besteht er in den Beziehungen gegenseitiger 
Achtung und Schonung zwischen einem Menschen und seinem Totem, 
nach seiner sozialen Seite in den Verpflichtungen der Clanmitglieder 
gegeneinander und gegen andere Stämme. In der späteren Geschichte 
des Totemismus zeigen dessen beide Seiten eine Neigung auseinander 
zu gehen; das soziale System überlebt häufig das religiöse und umge- 
kehrt verbleiben Reste von Totemismus in der Religion solcher Länder, 



] ) Totemism, Edinburgh 1887, abgedruckt im ersten Band des großen Werkes 
T. and Ex. 




96 IV. Die infantile Wiederkehr des Totemismus. 

in denen das auf den Totemismus gegründete soziale System verschwunden 
ist. Wie diese beiden Seiten des Totemismus ursprünglich miteinander zu- 
sammenhingen, können wir bei unserer Unkenntnis über dessen Ursprünge 
nicht mit Sicherheit sagen. Doch ergibt sich im ganzen eine starke 
Wahrscheinlichkeit dafür, daß die beiden Seiten des Totemismus zu 
Anfang unzertrennlich voneinander waren. Mit anderen Worten, je 
weiter wir zurückgehen, desto deutlicher zeigt es sich, daß der Stammes- 
angehörige sich zur selben Art zählt wie seinen Totem und sein Ver- 
halten gegen den Totem von dem gegen einen Stammesgenossen nicht 
unterscheidet. 

In der speziellen Beschreibung des Totemismus als eines religiösen 
Systems stellt Frazer voran, daß die Mitglieder eines Stammes sich 
nach ihrem Totem nennen und in der Regel auch glauben, daß 
sie von ihm abstammen. Die Folge dieses Glaubens ist es, daß sie 
das Totemtier nicht jagen, nicht töten und nicht essen und sich jeden 
anderen Gebrauch des Totem versagen, wenn er etwas anderes als ein 
Tier ist. Die Verbote, den Totem nicht zu töten und nicht zu essen, 
sind nicht die einzigen Tabu, die ihn betreffen; manchmal ist es auch 
verboten, ihn zu berühren, ja, ihn anzuschauen; in einer Anzahl von 
Fällen darf der Totem nicht bei seinem richtigen Namen genannt werden. 
Die Übertretung dieser den Totem schützenden Tabugebote straft sich 
automatisch durch schwere Erkrankungen oder Tod. 1 ) 

Exemplare des Totemtieres werden gelegentlich von dem Clan auf- 
gezogen und in der Gefangenschaft gehegt. 8 ) Ein tot aufgefundenes 
Totemtier wird betrauert und bestattet wie ein Clangenosse. Mußte man 
ein Totemtier töten, so geschah es unter einem vorgeschriebenen Rituale 
von Entschuldigungen und Sühnezeremonien. 

Von seinem Totem erwartete der Stamm Schutz und Schonung. 
Wenn er ein gefährliches Tier war (Raubtier. Giftschlange), so setzte man 
voraus, daß er seinen Genossen nichts zu Leide tun würde, und wo sich 
diese Voraussetzung nicht bestätigte, wurde der Beschädigte aus dem 
Stamme ausgestoßen. Eide, meint Frazer, waren ursprünglich Ordalien; 
viele Abstammungs- und Echtheitsproben wurden so dem Totem zur Ent- 
scheidung überlassen. Der Totem hilft in Krankheiten, gibt dem Stamme 
Vorzeichen und Warnungen. Die Erscheinung des Totemtieres in der 



*) Vgl. Die Abhandlung über das Tabu. 

2 ) Wie heute noch die Wölfe im Käfig an der Kapitolsstiege in Rom, die Bären 
im Zwinger von Bern. 



J. G. Frazers Darstellung des Totemismus. 97 

Nähe eines Hauses wurde häufig als Ankündigung eines Todesfalles an- 
gesehen. Der Totem war gekommen, seinen Verwandten zu holen. 1 ) 

Unter verschiedenen bedeutsamen Verhältnissen sucht der Clan- 
genosse seine Verwandtschaft mit dem Totem zu betonen, indem er sich 
ihm äußerlich ähnlich macht, sich in die Haut des Totemtiers hüllt, sich 
das Bild desselben einritzt u. dgl. Bei den feierlichen Gelegenheiten der 
Geburt, der Männerweihe, des Begräbnisses wird diese Identifizierung mit 
dem Totem in Taten und Worten durchgeführt. Tänze, bei denen alle 
Genossen des Stammes sich in ihren Totem verkleiden und wie er gebärden 
dienen mannigfaltigen magischen und religiösen Absichten. Endlich gibt es 
Zeremonien, bei denen das Totemtier in feierlicher Weise getötet wird. 2 ) 

Die soziale Seite des Totemismus prägt sich vor allem in einem 
streng gehaltenen Gebot und in einer großartigen Einschränkung aus. 
Die Mitglieder eines Totemclans sind Brüder und Schwestern, verpflichtet 
einander zu helfen und zu beschützen ; im Falle der Tötung eines Clan- 
genossen durch einen Fremden haftet der ganze Stamm des Täters für 
die Bluttat, und der Clan des Gemordeten fühlt sich solidarisch in der 
Forderung nach Sühne für das vergossene Blut. Die Totembande sind 
stärker als die Familienbande in unserem Sinne; sie fallen mit diesen 
nicht zusammen, da die Übertragung des Totem in der Regel durch 
mütterliche Vererbung geschieht und ursprünglich die väterliche Ver- 
erbung vielleicht überhaupt nicht in Geltung war. 

Die entsprechende Tabubeschränkung aber besteht in dem Verbot 
■daß Mitglieder desselben Totemclans einander nicht heiraten und über- 
haupt nicht in Sexualverkehr miteinander treten dürfen. Dies ist die 
berühmte und rätselhafte, mit dem Totemismus verknüpfte Exo gamie. 
Wir haben ihr die ganze erste Abhandlung dieser Reihe gewidmet und 
brauchen darum hier nur anzuführen, daß sie der verschärften Inzestscheu 
der Primitiven entspringt, daß sie als Sicherung gegen Inzest bei 
Gruppenehe vollkommen verständlich würde, und daß sie zunächst die 
Inzestverhütung für die jüngere Generation besorgt und erst in weiterer 
Ausbildung auch der älteren Generation zum Hindernis wird. 3 ) 

An diese Darstellung des Totemismus bei Frazer, eine der 
frühesten in der Literatur des Gegenstandes, will ich nun einige Auszüge 
aus einer der letzten Zusammenfassungen anschließen. In den 1912 er- 

] ) Also wie die weiße Frau mancher Adelsgeschlechter. 

s ) 1. c. p. 45. — Siehe unten die Erörterung über das Opfer. 

8 ) S. die erste Abhandlung. 

Totem und Tabu. 7 



98 



IV. Die infantile Wiederkehr des Totemismns. 



schienenen Elementen der Völkerpsychologie sagt W. Wundt 1 ): „Das 
Totemtier gilt als Ahnentier der betreffenden Gruppe. ,Totem' ist also 
einerseits Gruppen-, anderseits Abstammungsname, und in letzterer Be- 
ziehung hat dieser Name zugleich eine mythologische Bedeutung. Alle 
diese Verwendungen des Begriffs spielen aber ineinander und die einzelnen 
dieser Bedeutungen können zurücktreten, so daß in manchen Fällen die 
Totems fast zu einer bloßen Nomenklatur der Stammesabteilungen ge- 
worden sind, während in anderen die Vorstellung der Abstammung oder 
aber auch die kultische Bedeutung des Totems im Vordergrund steht . . 
Der Begriff des Totem wird für die Stammesgliederung und 
Stammesorganisation maßgebend. Mit diesen Normen und mit 
ihrer Befestigung im Glauben und Fühlen der Stammesgenossen hängt 
es zusammen, daß man das Totemtier ursprünglich jedenfalls nicht bloß 
als einen Namen für eine Gruppe von Stammesgliedern betrachtete, 
sondern daß das Tier meist als Stammvater der betreffenden Abteilung 
gilt . . . Damit hängt dann zusammen, daß diese Tierahnen einen Kult 
genießen . . . Dieser Tierkult äußert sich ursprünglich, abgesehen von 
bestimmten Zeremonien und zeremoniellen Festen vor allem in dem Ver- 
halten gegenüber dem Totemtier : nicht nur ein einzelnes Tier, sondern 
jeder Repräsentant der gleichen Spezies ist in gewissem Grade ein ge- 
heiligtes Tier, es ist dem Totemgenossen verboten oder nur unter be- 
stimmten Umständen erlaubt, das Fleisch des Totemtieres zu genießen. 
Dem entspricht die in solchem Zusammenhange bedeutsame Gegen- 
erscheinung, daß unter gewissen Bedingungen eine Art von zeremoniellem 
Genuß des Totemfleisches stattfindet ..." 

_. . . Die wichtigste soziale Seite dieser totemistischen Stammes- 
gliederung besteht aber darin, daß mit ihr bestimmte Normen der Sitte 
für den Verkehr der Gruppen untereinander verbunden sind. Unter 
diesen Normen stehen in erster Linie die für den Eheverkehr. So hängt 
diese Stammesgliederung mit einer wichtigen Erscheinung zusammen, die 
zum erstenmal im totemistischen Zeitalter auftritt: mit der Exogamie." 
Wenn wir durch all das hindurch, was späterer Fortbildung oder 
Abschwächung entsprechen mag, zu einer Charakteristik des ursprüng- 
lichen Totemismus gelangen wollen, so ergeben sich uns folgende wesent- 
liche Züge: Die Totem waren ursprünglich nur Tiere, sie 
galten als die Ahnen der einzelnen Stämme. Der Totem 
vererbte sich nur in weiblicher Linie; es war verboten, 
den Totem zu töten (oder zu essen, was für primitive Verhältnisse 
*) p. 116. 



Das Fazit des Totemismus. 



99 



zusammenfällt); es war den Totemgenossen verboten, Sexual- 
verkehr miteinander zu pflegen. 1 ) 

Es darf uns nun auffallen, daß in dem Code du totemisme, den 
Rein ach aufgestellt hat, das eine der Haupttabu, das der Exogamie, 
überhaupt nicht vorkommt, während die Voraussetzung des zweiten, die 
Abstammung vom Totemtier, nur eine beiläufige Erwähnung findet. ' Ich 
habe aber die Darstellung Reinachs, eines um den Gegenstand sehr 
verdienten Autors, ausgewählt, um auf die Meinungsverschiedenheiten 
unter den Autoren vorzubereiten, welche uns nun beschäftigen sollen. 

2. 
Je unabweisbarer die Einsicht auftrat, daß der Totemismus eine 
regelmäßige Phase aller Kulturen gebildet habe, desto dringender wurde 
das Bedürfnis, zu einem Verständnis desselben zu gelangen, die Rätsel 
seines Wesens aufzuhellen. Rätselhaft ist wohl alles am Totemismus- 
die entscheidenden Fragen sind die nach der Herkunft der Totemab- 
stammung, nach der Motivierung der Exogamie (respektive des durch sie 
vertretenen Inzesttabu) und nach der Beziehung zwischen den beiden 
der Totemorganisation und dem Inzestverbot. Das Verständnis sollte in 
einem ein historisches und ein psychologisches sein, Auskunft geben, 
unter welchen Bedingungen sich diese eigentümliche Institution ent- 
wickelt, und welchen seelischen Bedürfnissen der Menschen sie Ausdruck 
gegeben hatte. 

Meine Leser werden nun gewiß erstaunt sein zu hören, von wie 
verschiedenen Gesichtspunkten her die Beantwortung dieser Fragen ver- 
sucht wurde, und wie weit die Meinungen der sachkundigen Forscher 
hierüber auseinandergehen. Es steht so ziemlich alles in Frage, was man 

*) Übereinstimmend mit diesem Text lautet das Fazit des Totemismus, welches 
Frazer in seiner zweiten Arbeit über den Gegenstand (The origin of Totemism, Fort- 
nightly Review 1899) zieht: Thus. Totemism has commonly been treated as a primi- 
tive System both of religion and of society. As a system of religion it embraces the 
mystic union of the savage with bis totem; as a System of society it comprises the 
relations in which men and women of the same totem stand to each other and to the 
members of other totemic groups. And corresponding to these two sides of the 
system are two rough-and-ready tests or canons of Totemism : first, the rule that a 
man may not kill or eat his totem animal or plant, and second, the rule that he 
may not marry or cohabit with a woman of the same totem." (p. 101.) 
Frazer fugt dann hinzu, was uns mitten in die Diskussionen über den Totemismus 
hineinführt: Whether the two sides — the religious and the social — have always 
coexisted or are essentially independent, is a question which has been varionsly ans- 
wered. 

7* 



100 



IV. Die infantile Wiederkehr des Totemismus. 



allgemein über Totemismus und Exogamie behaupten möchte ; auch das 
vorangeschickte, aus einer von Frazer 1887 veröffentlichten Schrift ge- 
schöpfte Bild kann der Kritik nicht entgehen, eine willkürliche Vorliebe 
des Referenten auszudrücken, und würde heute von Frazer selbst, der 
seine Ansichten über den Gegenstand wiederholt geändert hat, beanständet 
werden. 1 ) 

Es ist eine naheliegende Annahme, daß man das Wesen des Tote- 
mismus und der Exogamie am ehesten erfassen könnte, wenn man den 
Ursprüngen der beiden Institutionen näher käme. Dann ist aber für die 
Beurteilung der Sachlage die Bemerkung von Andrew Lang nicht zu 
vergessen, daß auch die primitiven Völker uns diese ursprünglichen 
Formen der Institutionen und die Bedingungen für deren Entstehung nicht 
mehr autbewahrt haben, so daß wir einzig und allein auf Hypothesen 
angewiesen bleiben, um die mangelnde Beobachtung zu ersetzen. 2 ) Unter 
den vorgebrachten Erklärungsversuchen erscheinen einige dem Urteil des 
Psychologen von vornherein als inadäquat. Sie sind allzu rationell und 
nehmen auf den Gefühlscharakter der zu erklärenden Dinge keine 
Rücksicht. Andere ruhen auf Voraussetzungen, denen die Beobachtung 
die Bestätigung versagt; noch andere berufen sich auf ein Material, 
welches besser einer anderen Deutung unterworfen werden sollte. Die 
Widerlegung der verschiedenen Ansiebten hat in der Regel wenig 
Schwierigkeiten ; die Autoren sind wie gewöhnlich in der Kritik, die sie 
aneinander üben, stärker als in ihren eigenen Produktionen. Ein Non 
liquet ist für die meisten der behandelten Punkte das Endergebnis. Es ist 
daher nicht zu verwundern, wenn in der neuesten, hier meist übergangenen 
Literatur des Gegenstandes das unverkennbare Bestreben auftritt, eine 
allgemeine Lösung der totemistischen Probleme als undurchführbar abzu- 
weisen. (So z. B. Golde n weiser im J. of Am. Folk-Lore XXIII, 
1910. Referat in Britannica Year Book 1913.) Ich habe mir gestattet, 



*) Anläßlich einer solchen Sinnesänderung schrieb er den schönen Satz nieder : 
„That my conclusions on these difficult questions are final, I am not so foolish as 
to pretend. I have changed my views repeatedly, and I am resolved to change them 
again with every change of the evidence, for like a chameleon the candid enquirer 
should shift his colours with the shifting colours of the gronnd he treads." Vorrede 
zum I. Band von Totemism and Exogamy. 1910. 

2 ) „By the nature of the case, as the origin of totemism lies far heyond our 
powers of historical examination or of experiment, we must have recourse as regards 
this matter to conjeeture", A. Lang, Secret of the Totem, p. 27. — „Nowhere do 
we See absolutely primitive man, and a totemic System in the making." p- 29. 



Die Herkunft des Totemismus. 101 

bei der Mitteilung dieser einander widerstreitenden Hypothesen von deren 
Zeitfolge abzusehen. 

a) Die Herkunft des Totemismus. 
Die Frage nach der Entstehung des Totemismus läßt sich auch so 
formulieren: Wie kamen primitive Menschen dazu, sich (ihre Stämme) 
nach Tieren, Pflanzen, leblosen Gegenständen zu benennen? 1 ) 

Der Schotte Mac Lennan, der Totemismus und Exogamie für die 
Wissenschaft entdeckte, 2 ) enthielt sich, eine Ansicht über die Entstehung 
des Totemismus zu veröffentlichen. Nach einer Mitteilung von A. Lang 3 ) 
war er eine Zeit lang geneigt, den Totemismus auf die Sitte des Täto- 
wierens zurückzuführen. Die verlautbarten Theorien zur Ableitung des 
Totemismus möchte ich in drei Gruppen bringen als a) nominalistische, 
ß) soziologische, 7) psychologische. 

a) Die nominalistischen Theorien. 

Die Mitteilungen über diese Theorien werden deren Zusammen- 
fassung unter dem von mir gebrachten Titel rechtfertigen. 

Schon Garcilaso de la Vega, ein Abkömmling der peruani- 
schen Inka, der im siebzehnten Jahrhundert die Geschichte seines Volkes 
schrieb, soll, was ihm von totemistischen Phänomenen bekannt war, auf 
das Bedürfnis der Stämme, sich durch Namen von einander zu unter- 
scheiden, zurückgeführt haben. 4 ) Derselbe Gedanke taucht Jahrhunderte 
später in der Ethnology von A. K. Keane auf: die Totem seien aus 
„heraldic badges" (Wappenabzeichen) hervorgegangen, durch die Indi- 
viduen, Familien und Stämme sich von einander unterscheiden wollten. 5 ) 

Max Müller äußerte dieselbe Ansicht über die Bedeutung der 
Totem in seinen Contributions to the Science of Mythology. 6 ) Ein Totem 
sei 1. ein Clanabzeichen, 2. ein Clanname, 3. der Name des Ahnherrn 
des Clan, 4. der Name des vom Clan verehrten Gegenstandes. Später 
J. Pikler 1899: Die Menschen bedurften eines bleibenden, schriftlich 



J ) Wahrscheinlich ursprünglich nur nach Tieren. 

2 ) The Worship of Animals and Plants, Fortnightly Review 1869—1870. — 
Primitive marriage 1865; beide Arbeiten abgedruckt in Studies in ancient History 
1876. 2. ed. 1886. 

») The Secret of the Totem, 1905, p. 34. 

4 ) Nach A. Lang, Secret of the Totem, p. 34. 

s ) Ibid. 

") Nach A. Lang. 



102 



IV. Die infantile Wiederkehr des Totemismus. 



fixierbaren Namens für Gemeinschaften und Individuen .... So ent- 
springt also der Totemismus nicht aus dem religiösen, sondern aus dem 
nüchternen Alltagsbedürfnis der Menschheit. Der Kern des Totemismus, 
die Benennung, ist eine Folge der primitiven Schrifttechnik. Der Cha- 
rakter der Totem ist auch der von leicht darstellbaren Schriftzeichen. 
Wenn die Wilden aber erst den Namen eines Tieres trugen, so leiteten 
sie daraus die Idee einer Verwandtschaft von diesem Tiere ab. 1 ) 

Herbert Spencer 2 ) legte gleichfalls der Namengebung die ent- 
scheidende Bedeutung für die Entstehung des Totemismus bei. Einzelne 
Individuen, führte er aus, hätten durch ihre Eigenschaften herausgefordert, 
sie nach Tieren zu benennen, und seien so zu Ehrennamen oder Spitz- 
namen gekommen, welche sich auf ihre Nachkommen fortsetzten. In- 
folge der Unbestimmtheit und Unverständlichkeit der primitiven Sprachen 
seien diese Namen von den späteren Generationen so aufgefaßt worden, 
als seien sie ein Zeugnis für ihre Abstammung von diesen Tieren selbst. 
Der Totemismus hätte sich so als mißverständliche Ahnenverehrung er- 
geben. 

Ganz ähnlich, obwohl ohne Hervorhebung des Mißverständnisses 
hat Lord Avebury (bekannter unter seinem früheren Namen Sir John 
Lubbock) die Entstehung des Totemismus beurteilt: Wenn wir die 
Tierverehrung erklären wollen, dürfen wir nicht daran vergessen, wie 
häufig die menschlichen Namen von den Tieren entlehnt werden. Die 
Kinder und das Gefolge eines Mannes, der Bär oder Löwe genannt 
wurde, machten daraus natürlich einen Stammesnamen. Daraus ergab 
sich, daß das Tier selbst zu einer gewissen Achtung und endlich Ver- 
ehrung gelangte. 

Einen, wie es scheint, unwiderleglichen Einwand gegen solche 
Zurückführung der Totemnamen auf die Namen von Individuen hat 
Fison vorgebracht. 3 ) Er zeigt an den Verhältnissen von Australien, daß 
der Totem stets das Merkzeichen einer Gruppe von Menschen, nie eines 
einzelnen ist. Wäre es aber anders und der Totem ursprünglich der 
Name eines einzelnen Menschen, so könnte er bei dem System der 
mütterlichen Vererbung nie auf dessen Kinder übergehen. 

') Pikler und Somlö, Der Ursprung des Totemismus. 1901. Die Autoren 
kennzeichnen ihren Erklärungsversuch mit Recht als „Beitrag zur materialistischen 
Geschieh tstheorie" . 

2 ) The origin of animal worship, Fortnightly Review 1870. Prinzipien der 
Soziologie. I. Bd., §§ 169 bis 176. 

3 ) Kamilaroi and Kurmai, p. 165, 1880 (nach A. Lang, Secret etc.). 



Nominalistische Theorien. ]_03 

Die bisher mitgeteilten Theorien sind übrigens in offenkundiger 
Weise unzureichend. Sie erklären etwa die Tatsache der Tiernamen für 
die Stämme der Primitiven, aber niemals die Bedeutung, welche diese 
Namengebung für sie gewonnen hat, das totemistische System. Die be- 
achtenswerteste Theorie dieser Gruppe ist die von A. Lang in seinen 
Büchern Social origins 1903 und The secret of the totem 1905 ent- 
wickelte. Sie macht immer noch die Namengebung zum Kern des Pro- 
blems, aber sie verarbeitet zwei interessante psychologische Momente und 
beansprucht so, das Rätsel des Totemismus der endgültigen Lösung zu- 
geführt zu haben. 

A. Lang meint, es sei zunächst gleichgültig, auf welche Weise 
die Clans zu ihren Tiernamen gekommen seien. Man wolle nur annehmen, 
sie erwachten eines Tages zum Bewußtsein, daß sie solche tragen, und 
wußten sich keine Rechenschaft zu geben, woher. Der Ursprung dieser 
Namen sei vergessen. Dann würden sie versuchen, sich durch Speku- 
lation Auskunft darüber zu schaffen, und bei ihren Überzeugungen von der 
Bedeutung der Namen müßten sie notwendigerweise zu all den Ideen 
kommen, die im totemistischen System enthalten sind. Namen sind für 
die Primitiven — wie für die heutigen Wilden und selbst für unsere 
Kinder 1 ) — nicht etwa etwas Gleichgültiges und Konventionelles, wie 
sie uns etwa erscheinen, sondern etwas Bedeutungsvolles und Wesentliches. 
Der Name eines Menschen ist ein Hauptbestandteil seiner Person, viel- 
leicht ein Stück seiner Seele. Die Gleichnamigkeit mit dem Tiere mußte 
die Primitiven dazu führen, ein geheimnisvolles und bedeutsames Band 
zwischen ihren Personen und dieser Tiergattung anzunehmen. Welches 
Band konnte da anders in Betracht kommen als das der Blutsverwandt- 
schaft? War diese aber infolge der Namensgleichheit einmal angenommen, 
so ergaben sich aus ihr als direkte Folgen des Bluttabu alle Totem- 
vorschriften mit Einschluß der Exogamie. 

„No more than these three things — a group animal name of 
unknown origin ; belief in a transcendental connection between all bearers, 
human and bestial, of the same name; and belief in the blood super- 
stitions — was needed to give rise to all the totemic creeds and prac- 
tices, including exogamy." (Secret of the Totem, p. 126.) 

Längs Erklärung ist sozusagen zweizeitig. Sie leitet das totemisti- 
sche System mit psychologischer Notwendigkeit aus der Tatsache der 
Totemnamen ab unter der Voraussetzung, daß die Herkunft dieser Namen- 
gebung vergessen worden sei. Das andere Stück der Theorie sucht nun 

') Vgl. die Abhandlung über das Tabu, p. 52. 



104 



IV. Die infantile Wiederkehr des Totemismus. 



den Ursprung dieser Namen aufzuklären ; wir werden sehen, daß es von 
ganz anderem Gepräge ist. 

Dies andere Stück der Lang sehen Theorie entfernt sich nicht 
wesentlich von den übrigen, die ich „nominalistisch" genannt habe. Das 
praktische Bedürfnis nach Unterscheidung nötigte die einzelnen Stämme, 
Namen anzunehmen, und darum ließen sie sich die Namen gefallen, die 
jedem Stamm von den anderen gegeben wurden. Dies „naming from 
without" ist die Eigentümlichkeit der Lang sehen Konstruktion. Daß 
die Namen, die so zu stände kamen, von Tieren entlehnt waren, ist nicht 
weiter auffällig und braucht von den Primitiven nicht als Schimpf oder 
Spott empfunden worden zu sein. Übrigens hat Lang die keineswegs 
vereinzelten Fälle aus späteren Epochen der Geschichte herangezogen, in 
denen von außen gegebene, ursprünglich als Spott gemeinte Namen von 
von den so Bezeichneten akzeptiert und bereitwillig getragen wurden 
(Geusen, Whigs und Tories). Die Annahme, daß die Entstehung 
dieser Namen im Laufe der Zeit vergessen wurde, verknüpft dies zweite 
Stück der Lang sehen Theorie mit dem vorhin dargestellten ersten. 

ß) Die soziologischen Theorien. 

S. Rein ach, der den Überbleibseln des totemistischen Systems 
in Kult und Sitte späterer Perioden erfolgreich nachgespürt, aber von 
Anfang an das Moment der Abstammung vom Toteintier gering geschätzt 
hat, äußert einmal ohne Bedenken, der Totemismus scheine ihm nichts 
anderes zu sein als „une hypertrophie de l'instinct social". 1 ) 

Dieselbe Auffassung scheint das neue Werk von E. Durkheim, 
Les formes elementaires de la vie religieuse. Le Systeme totemique en 
Australie, 1912, zu durchziehen. Der Totem ist der sichtbare Repräsen- 
tant der sozialen Religion dieser Völker. Er verkörpert die Gemeinschaft 
welche der eigentliche Gegenstand der Verehrung ist. 

Andere Autoren haben nach näherer Begründung für diese Be- 
teiligung der sozialen Triebe an der Bildung der totemistischen Institu- 
tionen gesucht. So hat A. C. Haddon angenommen, daß jeder primitive 
Stamm ursprünglich von einer besonderen Tier- oder Pflanzenart lebte, 
vielleicht auch mit diesem Nahrungsmittel Handel trieb und ihn anderen 
Stämmen im Austausch zuführte. So konnte es nicht fehlen, daß der 
Stamm den anderen unter dem Namen des Tieres, welches für ihn eine 
so wichtige Rolle spielte, bekannt wurde. Gleichzeitig mußte sich bei 

J ) 1. c. T. I., p. 41. 



Soziologische Theorien. 105 

diesem Stamm eine besondere Vertrautheit mit dem betreffenden Tier 
und eine Art von Iuteresse für dasselbe entwickeln, welches aber auf 
kein anderes psychisches Motiv als auf das elementarste und dringendste 
der menschlichen Bedürfnisse, den Hunger, gegründet war. 1 ) 

Din Einwendungen gegen diese rationalste aller Totemtheorien be- 
sagen, daß ein solcher Zustand der Ernährung bei den Primitiven nirgends 
gefunden werde und wahrscheinlich niemals bestanden habe. Die Wilden 
seien omnivor, und zwar um so mehr, je niedriger sie stehen. Ferner 
sei es nicht zu verstehen, wie aus solcher ausschließlicher Diät sich ein 
fast religiöses Verhältnis zu dem Totem entwickelt haben konnte, das in 
der absoluten Enthaltung von der Vorzugsnahrung gipfelte. 

Die erste der drei Theorien, welche Frazer über die Entstehung 
des Totemismus ausgesprochen, war eine psychologische ; sie wird au 
anderer Stelle berichtet werden. 

Die zweite hier zu besprechende Theorie Frazers entstand unter 
dem Eindruck der bedeutungsvollen Publikation zweier Forscher über 
die Eingebornen von Zentralaustralien. 2 ) 

Spencer und Gillen beschrieben bei einer Gruppe von Stämmen, 
der sogenannten Aruntanation, eine Reihe von eigentümlichen Ein- 
richtungen, Gebräuchen und Ansichten, und Frazer schloß sich ihrem 
Urteile an, daß diese Besonderheiten als Züge eines primären Zustandes 
zu betrachten seien und über den ersten und eigentlichen Sinn des Tote- 
mismus Aufschluß geben können. 

Diese Eigentümlichkeiten sind bei dem Arunta stamm selbst (einem 
Teil der Aruntanation) folgende: 

1. Sie haben die Gliederung in Totemclans, aber der Totem wird 
nicht erblich übertragen, sondern (auf später mitzuteilende Weise) indi- 
viduell bestimmt. 

2. Die Totemclans sind nicht exogam, die Heiratsbeschränkungen 
werden durch eine hoch entwickelte Gliederung in Heiratsklassen her- 
gestellt, welche mit den Totem nichts zu tun haben. 

3. Die Funktion der Totemclans besteht in der Ausführung einer 
Zeremonie, welche auf exquisit magische Weise die Vermehrung des 
eßbaren Totemobjekts bezweckt (diese Zeremonie heißt Intichiuma). 



1 ) Address to the Anthropological Section, British Association, Belfast 1902. Nach 
Frazer 1. c. T. IV., p. 50 u. ff. 

2 ) The native tribes of Central Aastralia von Baldwin Spencer und H. J. 
Gillen, London 1891. 



106 IV. Die infantile Wiederkehr des Totemismus. 

4. Die Arunta haben eine eigenartige Konzeption«- und Wieder- 
geburtstheorie. Sie nehmen an, daß an bestimmten Stellen ihres Landes 
die Geister der Verstorbenen desselben Totem auf ihre Wiedergeburt 
warten und in den Leib der Frauen eindringen, die jene Stellen passieren. 
Wird ein Kind geboren, so gibt die Mutter an, auf welcher Geisterstätte 
sie ihr Kind empfangen zu haben glaubt. Danach wird der Totem des 
Kindes bestimmt. Es wird ferner angenommen, daß die Geister (der Ver- 
storbenen, wie der Wiedergeborenen) an eigentümliche Steinamulette ge- 
bunden sind (Namens Churinga), welche an jenen Stätten gefunden 
werden. 

Zwei Momente scheinen Frazer zum Glauben bewogen zu haben, 
daß man in den Einrichtungen der Arunta die älteste Form des Tote- 
mismus aufgefunden habe. Erstens die Existenz gewisser Mythen, welche 
behaupteten, daß die Ahnen der Arunta sich regelmäßig von ihrem 
Totem genährt und keine anderen Frauen als die aus ihrem eigenen 
Totem geheiratet hätten. Zweitens die anscheinende Zurücksetzung des 
Geschlechtsaktes in ihrer Konzeptionstheorie. Menschen, die noch nicht 
erkannt hatten, daß die Empfängnis die Folge des Geschlechtsverkehrs 
sei, durfte man wohl als die zurückgebliebensten und primitivsten unter 
den heute lebenden ansehen. 

Indem Frazer sich für die Beurteilung des Totemismus an dieln- 
tichiuma Zeremonie hielt, erschien ihm das totemistische System auf einmal 
in gänzlich verändertem Lichte als eine durchwegs praktische Organi- 
sation zur Bestreitung der natürlichsten Bedürfnisse des Menschen (vgl. 
oben Haddon). 1 ) Das System war einfach ein großartiges Stück von 
„cooperative magic". Die Primitiven bildeten sozusagen einen magischen 
Produktions- und Konsumverein. Jeder Totemclan hatte die Aufgabe 
übernommen, für die Reichlichkeit eines gewissen Nahrungsmittels zu 
sorgen. Wenn es sich um nicht eßbare Totem handelte, wie um schäd- 
liche Tiere, um Regen, Wind u. dgl., so war die Pflicht des Totemclan, 
dieses Stück Natur zu beherrschen und dessen Schädlichkeit abzuwehren. 
Die Leistungen eines jeden Clan kamen allen anderen zu gute. Da der 
Clan von seinem Totem nichts oder nur sehr wenig essen durfte so 
beschaffte er dieses wertvolle Gut für die anderen und wurde dafür von 
ihnen mit dein versorgt, was sie selbst als ihre soziale Totempflicht zu 

*) „There is nothing vague or mystical about it, nothing of that metaphysical 
iaze whieil SOme writers love to conjure np over the humble beginnings of human 
specnlation but which is utterly foreign to the simple, sensuous, and concreto modes 
of the savage" (Totemism and Exogamy, L, p. 117). 



Soziologische Theorien. 107 

besorgen hatten. Im Lichte dieser durch die Intichiumazeremonie ver- 
mittelten Auffassung wollte es Frazer scheinen, als wäre man durch 
das Verbot, von seinem Totem zu essen, verblendet worden, die wich- 
tigere Seite des Verhältnisses zu vernachlässigen, nämlich das Gebot, 
möglichst viel von dem eßbaren Totem für den Bedarf der anderen her- 
beizuschaffen. 

Frazer nahm die Tradition der Aruntaan, daß jeder Totemclan 
sich ursprünglich ohne Einschränkung von seinem Totem genährt habe. 
Dann bereitete es Schwierigkeiten, die folgende Entwicklung zu ver- 
stehen, die sich damit begnügte, den Totem für andere zu sichern, 
während man selbst auf seinen Genuß fast verzichtete. Er nahm dann 
an, diese Einschränkung sei keineswegs aus einer Art von religiösem 
Kespekt hervorgegangen, sondern vielleicht aus der Beobachtung, daß 
kein Tier seinesgleichen zu verzehren pflege, so daß dieser Abbruch der 
Identifizierung mit dem Totem der Macht, die man über denselben zu 
erlangen wünschte, Schaden brächte. Oder aus einem Bestreben, sich das 
Wesen geneigt zu machen, indem man es selbst verschonte. Frazer 
verhehlte sich aber die Schwierigkeiten dieser Erklärung nicht 1 ) und 
ebensowenig getraute er sich anzugeben, auf welchem Wege die von den 
Mythen der Arunta behauptete Gewohnheit, innerhalb des Totem zu 
heiraten, sich zur Exogamie gewandelt habe. 

Die auf das Intichiuma gegründete Theorie F r a z e r s steht und 
fällt mit der Anerkennung der primitiven Natur der Arunta Institutionen. 
Es scheint aber unmöglich, diese letztere gegen die von Durkheim 2 ) 
und Lang 3 ) vorgebrachten Einwendungen zu halten. Die Arunta 
scheinen vielmehr die entwickeltsten der australischen Stämme zu sein, 
eher ein Auflösungsstadium als den Beginn des Totemismus zu reprä- 
sentieren. Die Mythen, welche auf Frazer so großen Eindruck gemacht 
haben, weil sie im Gegensatz zu den heute herrschenden Institutionen 
die Freiheit betonen, vom Totem zu essen und innerhalb des Totem zu 
heiraten, würden sich uns leicht als Wunschphantasien erklären, welche 
in die Vergangenheit projiziert sind ähnlich wie der Mythus vom goldenen 
Zeitalter. 

Y) Die psychologischen Theorien. 

Die erste psychologische Theorie Frazer 8, noch vor seiner Be- 
kanntschaft mit den Beobachtungen von Spencer und G i 1 1 e n ge- 

J ) 1. c. p. 120. 

2 ) L'annee sociologique T. I., V., VIII. und an anderen Stellen. S. besonders 
die Abhandlung Sur le totemisme. T.. V., 1901. 



3 



') Social Origins und Secret of tbe Totem. 



108 1^- Die infantile Wiederkehr des Totemismus. 

schaffen, ruhte auf dem Glauben an die „äußerliche Seele". 1 ) Der Totem 
sollte einen sicheren Zufluchtsort für die Seele darstellen, an dem sie 
deponiert wird, um den Gefahren, die sie bedrohen, entzogen zu bleiben. 
Wenn der Primitive seine Seele in seinem Totem untergebracht hatte, so 
war er selbst unverletzlich und natürlich hütete er sich, den Träger 
seiner Seele selbst zu beschädigen. Da er aber nicht wußte, welches In- 
dividuum der Tierart sein Seelenträger war, lag es ihm nahe, die ganze 
Art zu verschonen. Frazer hat diese Ableitung des Totemismus aus 
dem Seelenglauben später selbst aufgegeben. 

Als er mit den Beobachtungen von Spencer und Gillen be- 
kannt wurde, stellte er die andere soziologische Theorie des Totemismus 
auf, welche eben vorhin mitgeteilt wurde, aber er fand dann selbst, daß 
das Motiv, aus dem er den Totemismus abgeleitet, allzu „rationell" sei, 
und daß er dabei eine soziale Organisation vorausgesetzt habe, die allzu 
kompliziert sei, als daß man sie primitiv heißen dürfe. 2 ) Die magischen 
Kooperativgesellschaften erschienen ihm jetzt eher als späte Früchte denn 
als Keime des Totemismus. Er suchte ein einfacheres Moment, einen pri- 
mitiven Aberglauben, hinter diesen Bildungen, um aus ihm die Ent- 
stehung des Totemismus abzuleiten. Dieses ursprüngliche Moment faud 
er dann in der merkwürdigen Konzeptionstheorie der Arunta. 

Die Arunta heben, wie bereits erwähnt, den Zusammenhang der 
Konzeption mit dem Geschlechtsakt auf. Wenn ein Weib sich Mutter 
fühlt, so ist in diesem Augenblick einer der auf Wiedergeburt lauernden 
Geister von der nächstliegenden Geisterstätte in ihren Leib eingedrungen 
und wird von ihr als Kind geboren. Dies Kind hat denselben Totem wie 
alle an der gewissen Stelle lauernden Geister. Diese Konzeptionstheorie 
kann den Totemismus nicht erklären, denn sie setzt den Totem voraus. 
Aber wenn man einen Schritt weiter zurückgehen und annehmen will, 
daß das Weib ursprünglich geglaubt, das Tier, die Pflanze, der Stein, 
das Objekt, welches ihre Phantasie in dem Moment beschäftigte, da sie 
sich zuerst Mutter fühlte, sei wirklich in sie eingedrungen und werde 
dann von ihr in menschlicher Form geboren, dann wäre die Identität 
eines Menschen mit seinem Totem durch den Glauben der Mutter wirklich 
begründet, und alle weiteren Totemgebote (mit Ausschluß der Exogamie) 



») The Golden Bongh IL, p. 332. 

2 ) „It is unlikely that a Community of savages should deliberately parcel out 
the realm of nature into prorinces, assign each province to a particular band of ma- 

gicians, and bid all the bands to work their magic and weave tbeir spells for the 
common good." T. and Ex. IV., p. 57. 




Psychologische Theorien. — Die Arunta. 109 

ließen sich leicht daraus ableiten. Der Mensch würde sich weigern, von 
diesem Tier, dieser Pflanze zu essen, weil er damit gleichsam sich selbst 
essen würde. Er würde sich aber veranlaßt finden, gelegentlich in zere- 
moniöser Weise etwas von seinem Totem zu genießen, weil er dadurch 
seine Identifizierung mit dem Totem, welche das Wesentliche am Tote- 
mismus ist, verstärken könnte. Beobachtungen von W. H. R. Rivers an 
den Eingeborenen der Banksinseln schienen die direkte Identifizierung 
der Menschen mit ihrem Totem auf Grund einer solchen Konzeptions- 
theorie zu erweisen. 1 ) 

Die letzte Quelle des Totemismus wäre also die Unwissenheit der 
Wilden über den Prozeß, wie Menschen und Tiere ihr Geschlecht fort- 
pflanzen. Des besonderen die Unkenntnis der Rolle, welche das Männchen 
bei der Befruchtung spielt. Diese Unkenntnis muß erleichtert werden 
durch das lange Intervall, welches sich zwischen den befruchtenden Akt 
und die Geburt des Kindes (oder das Verspüren der ersten Kindsbewe- 
gungen) einschiebt. Der Totemismus ist daher eine Schöpfung nicht des 
männlichen, sondern des weiblichen Geistes. Die Gelüste (sick fancies) 
des schwangeren Weibes sind die Wurzel desselben. „Anything indeed 
that struck a woman at that mysterious moment of her life when she 
first knows herseif to be a mother might easily be identified by her with 
the child in her womb. Such maternal fancies, so natural and seemingly 
so universal, appear to be the root of totemism." 2 ) 

Der Haupteinwand gegen diese dritte Frazersche Theorie ist der- 
selbe der bereits gegen die zweite, soziologische, vorgebracht wurde. 
Die Arunta scheinen sich von den Anfängen des Totemismus weit weg 
entfernt zu haben. Ihre Verleugnung der Vaterschaft scheint nicht auf 
primitiver Unwissenheit zu beruhen ; sie haben selbst in manchen Stücken 
väterliche Vererbung. Sie scheinen die Vaterschaft einer Art von Spe- 
kulation geopfert zu haben, welche die Ahnengeister zu Ehren bringen 
will. 3 ) Wenn sie den Mythus der unbefleckten Empfängnis durch den 
Geist zur allgemeinen Konzeptionstheorie erheben, darf man ihnen darum 
Unwissenheit über die Bedingungen der Fortpflanzung ebensowenig zu- 
muten, wie den alten Völkern um die Zeit der Entstehung der christ- 
lichen Mythen. 



») T. and Ex. II., p. 89 und IV., p. 59. 

2 ) 1. c. IV., p. 63. 

3 ) „That belief is a philosophy far from primitive." A. Lang, Secret of the 
Totem, p. 192. 



HO IV. Die infantile Wiederkehr des Totemismns. 

Eine andere psychologische Theorie der Herkunft des Totemismus 
hat der Holländer G. A. Wilcken aufgestellt. Sie stellt eine Verknüp- 
fung des Totemismus mit der Seelenwanderung her. „Dasjenige Tier, in 
welches die Seelen der Toten nach allgemeinem Glauben übergingen, 
wurde zum Blutsverwandten, Ahnherrn und als solcher verehrt." Aber 
der Glauben an die Tierwanderung der Seelen mag eher aus dem Tote- 
mismus abgeleitet sein als umgekehrt. 1 ) 

Eine andere Theorie des Totemismus wird von ausgezeichneten 
amerikanischen Ethnologen, Fr. Boas, Hill-Tout u. a., vertreten. Sie 
geht von den Beobachtungen an totemistischen Indianerstämmen aus und 
behauptet, der Totem sei ursprünglich der Schutzgeist eines Ahnen, den 
dieser durch einen Traum erworben und auf seine Nachkommenschaft 
vererbt habe. Wir haben schon früher gehört, welche Schwierigkeiten 
die Ableitung des Totemismus aus der Vererbung von einem einzelnen 
her bietet; überdies sollen die australischen Beobachtungen die Zurück- 
führung des Totem auf den Sehutzgeist keineswegs unterstützen. 2 ) 

Für die letzte der psychologischen Theorien, die von Wundt aus- 
gesprochene, sind die beiden Tatsachen entscheidend geworden, daß 
erstens das ursprüngliche Totemobjekt und das dauernd verbreitetste das 
Tier ist, und daß zweitens unter den Totemtieren wieder die ursprüng- 
lichsten mit Seelentieren zusammenfallen. 3 ) Seelentiere, wie Vögel 
Schlange, Eidechse, Maus eignen sich durch ihre schnelle Beweglichkeit, 
ihren Flug in der Luft, durch andere Überraschung und Grauen er- 
regende Eigenschaften dazu, als die Träger der den Körper verlassenden 
Seele erkannt zu werden. Das Totemtier ist ein Abkömmling der Tier- 
verwandlungen der Hauchseele. So mündet hier für Wundt der Tote- 
mismus unmittelbar in den Seelenglauben oder Animismus ein. 

b) und c) Die Herkunft der Exogamie und ihre Beziehung 

zum Totemismus. 

Ich habe die Theorien des Totemismus mit einiger Ausführlichkeit 
vorgebracht und muß dennoch befürchten, daß ich deren Eindruck durch 
die immerhin notwendige Verkürzung geschadet habe. Inbetreff der 
weiteren Fragen nehme ich mir im Interesse der Leser die Freiheit einer 
noch weitergehenden Zusammendrängung. Die Diskussionen über die 
Exogamie der Totemvölker werden durch die Natur des dabei verwer- 
teten Materials besonders kompliziert und unübersehbar; man könnte 

J ) Frazer, T. and Ex. IV., p. 45 u. ff. 

*) Frazer, 1. c. p. 48. 

8 ) Wundt, Elemente der Völkerpsychologie, p. 190. 



Die Beziehung der Exogamie zum Toteinismus. Hl 

sagen : verworren. Die Ziele dieser Abhandlung gestatten es auch, daß ich 
mich hier auf Hervorhebung einiger Richtlinien beschränke und für eine 
gründlichere Verfolgung des Gegenstandes auf die mehrmals zitierten 
eingehenden Fachschriften verweise. 

Die Stellung eines Autors zu den Problemen der Exogamie ist 
natürlich nicht unabhängig von seiner Parteinahme für diese oder jene 
Totemtheorie. Einige von diesen Erklärungen des Totemismus lassen jede 
Anknüpfung an die Exogamie vermissen, so daß die beiden Institutionen 
glatt auseinanderfallen. So stehen hier zwei Anschauungen einander 
gegenüber, die eine, welche den ursprünglichen Anschein festhalten will, 
die Exogamie sei ein wesentliches Stück des totemistischen Systems, und 
eine andere, welche einen solchen Zusammenhang bestreitet und an ein 
zufälliges Zusammentreffen der beiden Züge ältester Kulturen glaubt. 
Frazer hat in seinen späteren Arbeiten diesen letzteren Standpunkt 
mit Entschiedenheit vertreten. 

„I must request the reader to bear constantly in mind that the two 
institutions of totemism and exogamy are fundamentally distinct in origin 
and nature though they have accidentally crossed and blended in many 
tribes." (T. and Ex., I., Vorrede XII.) 

Er warnt direkt vor der gegenteiligen Ansicht als einer Quelle un- 
endlicher Schwierigkeiten und Mißverständnisse. Im Gegensatz hiezu 
haben andere Autoren den Weg gefunden, die Exogamie als notwendige 
Folge der totemistischen Grundanschauungen zu begreifen. Dur k heim 
hat in seinen Arbeiten 1 ) ausgeführt, wie das an den Totem geknüpfte 
Tabu das Verbot mit sich bringen mußte, ein Weib des nämlichen Totem 
zum geschlechtlichen Verkehr zu gebrauchen. Der Totem ist von dem- 
selben Blut wie der Mensch, und darum verbietet der Blutbann (mit 
Rücksicht auf Defloration und Menstruation) den sexuellen Verkehr mit 
dem Weibe, das demselben Totem angehört. 2 ) A. Lang, der sich hierin 
Durkheim anschließt, meint sogar, es bedürfte nicht des Bluttabu, um 
das Verbot der Frauen des gleichen Stammes zu bewirken. 3 ) Das all- 
gemeine Totemtabu, welches z. B. verbietet, im Schatten des Totem- 
baumes zu sitzen, würde hiefür hingereicht haben. A. Lang verficht 
übrigens auch eine andere Ableitung der Exogamie (s. unten) und läßt 
es zweifelhaft, wie sich diese beiden Erklärungen zueinander verhalten. 



J ) L'annee sociologique 1898 — 1904. 

2 J S. die Kritik der Erörterungen Durkh ei ms bei Frazer. T. and Ex., IV... 
p. 101. 

3 ) Secret etc., p. 125. 



112 IV. Die infantile Wiederkehr des Totemismus. 

Inbetreff der zeitlichen Verhältnisse huldigt die Mehrzahl der 
Autoren der Ansicht, der Totemismus sei die ältere Institution, die Exo- 
gamie später hinzugekommen. 1 ) 

Unter den Theorien, welche die Exogamie unabhängig vom Tote- 
mismus erklären wollen, seien nur einige hervorgehoben, welche die ver- 
schiedenen Einstellungen der Autoren zum Inzestproblem erläutern. 

Mac Lennan 2 ) hatte die Exogamie in geistreicher Weise aus den 
Überresten von Sitten erraten, welche auf den ehemaligen Frauenraub 
hindeuteten. Er nahm nun an, daß es in Urzeiten allgemein gebräuch- 
lich gewesen sei, sich das Weib aus einem fremden Stamm zu holen, 
und die Heirat mit einem Weib aus dem eigenen Stamm sei allmählich 
unerlaubt geworden, weil sie ungewöhnlich war. 8 ) Das Motiv für diese 
Gewohnheit der Exogamie suchte er in einem Frauenmangel jener pri- 
mitiven Stämme, der sich aus dem Gebrauch, die meisten weiblichen 
Kinder bei der Geburt zu töten, ergeben hatte. Wir haben es hier nicht 
mit der Nachprüfung zu tun, ob die tatsächlichen Verhältnisse die An- 
nahmen Mac Lennans bestätigen. Weit mehr interessiert uns das 
Argument, daß es unter den Voraussetzungen des Autors doch unerklärlich 
bliebe, warum sich die männlichen Mitglieder des Stammes auch die we- 
nigen Frauen aus ihrem Blut unzugänglich machen sollten, und die 
Art, wie hier das Inzestproblem gänzlich beiseite gelassen wird.*) 

Im Gegensatz hiezu und offenbar mit mehr Hecht haben andere 
Forscher die Exogamie als eine Institution zur Verhütung des Inzests 
erfaßt. 5 ) 

Überblickt man die allmählich wachsende Komplikation der austra- 
lischen Heiratsbeschränkungen, so kann man nicht anders als der Ansicht 
von Morgan, Frazer, Howitt, Baldwin Spencer 6 ) beistimmen, 
daß diese Einrichtungen das Gepräge zielbewußter Absicht („deliberate 
design" nach Frazer) an sich tragen, und daß sie das erreichen sollten, 
was sie tatsächlich geleistet haben. „In no other way does it seem pos- 
sible to explain in all its details a system at once so complex and so 
regulär". 7 ) 

a ) Z.B. Frazer, 1. c. IV., p. 75: „The totemic clan is a totally different social 
organism from the exogamous claas, and we have good grounds for thinking that it 
is far older". 

2 ) Primitive niarriage 1865. 

8 ) „Improper because it was unusual." 

*) Frazer, 1. c. IV., p. 73 bis 92. 

s ) Vgl. die erste Abhandlung. 

8 ) Morgan, Ancient Soziety 1877. — Frazer, T. and Ex. IV., p. 105 ff. 

7 ) Frazer, 1. c. p. 106. 



Die Herkunft der Exogamie. ]_]_3 

Es ist interessant hervorzuheben, daß die ersten der durch die Ein- 
führung von Heiratsklassen erzeugten Beschränkungen die Sexualfreiheit 
der jüngeren Generation, also den Inzest von Geschwistern und von 
Söhnen mit ihrer Mutter trafen, während der Inzest zwischen Vater und 
Tochter erst durch weitergehende Maßregeln aufgehoben wurde. 

Die Zurückführung der exogamischen Sexualbeschränkungen auf 
gesetzgeberische Absicht leistet aber nichts für das Verständnis des Mo- 
tivs, welches diese Institutionen geschaffen hat. Woher stammt in letzter 
Auflösung die Inzestscheu, welche als die Wurzel der Exogamie erkannt 
werden muß? Es ist offenbar nicht genügend, sich zur Erklärung der 
Inzestscheu auf eine instinktive Abneigung gegen sexuellen Verkehr unter 
Blutsverwandten, d. h. also auf die Tatsache der Inzestscheu zu berufen, 
wenn die soziale Erfahrung nachweist, daß der Inzest diesem Instinkt 
zum Trotz kein seltenes Vorkommnis selbst in unserer heutigen Gesell- 
schaft ist, und wenn die historische Erfahrung Fälle kennen lehrt, in 
denen die inzestuöse Ehe bevorzugten Personen zur Vorschrift gemacht 
wurde. 

Westermarck 1 ) machte zur Erklärung der Inzestscheu geltend 
„daß zwischen Personen, die von Kindheit an beisammen leben, eine ange- 
borene Abneigung gegen den Geschlechtsverkehr herrscht, und daß 
dieses Gefühl, da diese Personen in der Regel blutsverwandt sind, in 
Sitte und Gesetz einen natürlichen Ausdruck findet durch den Abscheu 
vor dem Geschlechtsumgang unter nahen Verwandten." Havelock 
E 1 1 i s bestritt zwar den triebhaften Charakter dieser Abneigung in seinen 
„Studies in the psychology of sex", trat aber sonst im wesentlichen der- 
selben Erklärung bei, indem er äußerte: „das normale Unterbleiben des 
Zutagetretens des Paarungstriebes dort, wo es sich um Brüder und 
Schwestern oder um von Kindheit auf beisammenlebende Mädchen und 
Knaben handelt, ist eine rein negative Erscheinung, welche daher kommt, daß 
unter jenen Umständen die den Paarungstrieb erweckenden Vorbedin- 
gungen durchaus fehlen müssen . . . Zwischen Personen, die von Kind- 
heit zusammen aufgewachsen sind, hat die Gewöhnung alle sinnlichen 
Reize des Sehens, des Hörens und der Berührung abgestumpft, in die 
Bahn einer ruhigen Zuneigung gelenkt und ihrer Macht beraubt, die zur 
Erzeugung geschlechtlicher Tumeszenz erforderliche nötige erethistische 
Erregung hervorzurufen. " 



*) Ursprung und Entwicklung der Moralbegriffe. II. Die Ehe. 1909. Dort auch 
die Verteidigung des Autors gegen ihm bekannt gewordene Einwendungen. 
Totem und Tabu. 8 



H4: IV. Die infantile Wiederkehr des Totemismus. 

Es erscheint mir sehr merkwürdig, daß Weste rmarck diese an- 
geborene Abneigung gegen den Geschlechtsverkehr mit Personen, mit 
denen man die Kindheit geteilt hat, gleichzeitig als psychische Repräsen- 
tanz der biologischen Tatsache ansieht, daß Inzucht eine Schädigung der 
Gattung bedeutet. Ein derartiger biologischer Instinkt würde in seiner 
psychologischen Äußerung kaum so weit irregehen, daß er anstatt der 
für die Fortpflanzung schädlichen Blutsverwandten die in dieser Hinsicht 
ganz harmlosen Haus- und Herdgenossen träfe. Ich kann es mir aber 
auch nicht versagen, die ganz ausgezeichnete Kritik mitzuteilen, welche 
Frazer der Behauptung von Weste rmarck entgegenstellt. Frazer 
findet es unbegreiflich, daß das sexuelle Empfinden sich heute so gar 
nicht gegen den Verkehr mit Herdgenossen sträubt, während die Inzestscheu, 
die nur ein Abkömmling von diesem Sträuben sein soll, gegenwärtig so 
übermächtig angewachsen ist. Tiefer dringen aber andere Bemerkungen 
Frazers, die ich unverkürzt hieher setze, weil sie im Wesen mit den 
in meinem Aufsatz über das Tabu entwickelten Argumenten zusammen- 
treffen. 

„Es ist nicht leicht einzusehen, warum ein tief wurzelnder mensch- 
licher Instinkt die Verstärkung durch ein Gesetz benötigen sollte. Es 
gibt kein Gesetz, welches den Menschen befiehlt zu essen und zu trinken, 
oder ihnen verbietet, ihre Hände ins Feuer zu stecken. Die Mensehen 
essen und trinken und halten ihre Hände vom Feuer weg, instinkt- 
gemäß, aus Angst vor natürlichen und nicht vor gesetzlichen Strafen, 
die sie sich durch Beleidigung dieser Triebe zuziehen würden. Das 
Gesetz verbietet dem Menschen nur, was sie unter dem Drängen ihrer 
Triebe ausführen könnten. Was die Natur selbst verbietet und bestraft, 
das braucht nicht erst das Gesetz zu verbieten und zu strafen. Wir 
dürfen daher auch ruhig annehmen, daß Verbrechen, die durch ein Gesetz 
verboten werden, Verbrechen sind, die viele Menschen aus natürlichen 
Neigungen gerne begehen würden. Wenn es keine solche Neigung gäbe, 
kämen keine solchen Verbrechen vor, und wenn solche Verbrechen nicht 
begangen würden, wozu brauchte man sie zu verbieten? Anstatt also 
aus dem gesetzlichen Verbot des Inzests zu schließen, daß eine natür- 
liche Abneigung gegen den Inzest besteht, sollten wir eher den Schluß 
ziehen, daß ein natürlicher Instinkt zum Inzest treibt, und daß, wenn 
das Gesetz diesen Trieb wie andere natürliche Triebe unterdrückt, dies 
seinen Grund in der Einsicht zivilisierter Menschen hat, daß die Befrie- 
digung dieser natürlichen Triebe der Gesellschaft Schaden bringt." 1 ) 

1 1. c p. 97. 



Inzestscheu and Inzucht. H5 

Ich kann dieser kostbaren Argumentation Frazers noch hinzu- 
fügen, daß die Erfahrungen der Psychoanalyse die Annahme einer ange- 
borenen Abneigung gegen den Inzestverkehr vollends unmöglich machen. 
Sie haben im Gegenteile gelehrt, daß die ersten sexuellen Regungen des 
jugendlichen Menschen regelmäßig inzestuöser Natur sind, und daß solche 
verdrängte Regungen als Triebkräfte der späteren Neurosen eine kaum 
zu überschätzende Rolle spielen. 

Die Auffassung der Inzestscheu als eines angeborenen Instinktes 
muß also fallen gelassen werden. Nicht besser steht es um eine andere 
Ableitung des Inzestverbotes, welche sich zahlreicher Anhänger erfreut 
um die Annahme, daß die primitiven Völker frühzeitig bemerkt haben 
mit welchen Gefahren die Inzucht ihr Geschlecht bedrohe, und daß 
sie darum in bewußter Absicht das Inzestverbot erlassen hätten. 
Die Einwendungen gegen diesen Erklärungsversuch drängen einander. 1 ) 
Nicht nur, daß das Inzestverbot älter sein muß als alle Haustierwirt- 
schaft, an welcher der Mensch Erfahrungen über die Wirkung der 
Inzucht auf die Eigenschaften der Rasse machen konnte, sondern die 
schädlichen Folgen der Inzucht sind auch heute noch nicht über jeden 
Zweifel sichergestellt und beim Menschen nur schwer nachweisbar. Ferner 
macht alles, was wir über die heutigen Wilden wissen, es sehr unwahr- 
scheinlich, daß die Gedanken ihrer entferntesten Ahnen bereits mit der Ver- 
hütung von Schäden für ihre spätere Nachkommenschaft beschäftigt waren. 
Es klingt fast lächerlich, wenn man diesen ohne jeden Vorbedacht leben- 
den Menschenkindern hygienische und eugenische Motive zumuten will 
wie sie noch kaum in unserer heutigen Kultur Berücksichtigung gefun- 
den haben. 2 ) 

Endlich wird man auch geltend machen müssen, daß das aus prak- 
tisch hygienischen Motiven gegebene Verbot der Inzucht als eines die 
Rasse schwächenden Momentes ganz unangemessen erscheint, um den 
tiefen Abscheu zu erklären, welcher sich in unserer Gesellschaft gegen 
den Inzest erhebt. Wie ich an anderer Stelle dargetan habe 3 ), erscheint 
diese Inzestscheu bei den heute lebenden primitiven Völkern eher noch 
reger und stärker als bei den zivilisierten. 

Während man erwarten konnte, auch für die Ableitung der Inzest- 
scheu die Wahl zu haben zwischen soziologischen, biologischen und 

') Vgl. Durkheim, La prohibition de l'Inceste. L'annee sociologique. L, 1896/97. 
! ) Ch. Darwin meint von den Wilden: „they are not likely to reflect on 
distant evils to their progeny." 

8 ) Vgl. die erste Abhandlung. 

8* 



1 -. g IV. Die infantile Wiederkehr des Totemismus. 

psychologischen Erklärungsmöglichkeiten, wobei noch die psychologischen 
Motive vielleicht als Repräsentanz von biologischen Mächten zu würdigen 
wären, sieht man sich am Ende der Untersuchung genötigt, dem resig- 
nierten Ausspruch Frazers beizutreten: Wir kennen die Herkunft der 
Tnzestscheu nicht und wissen selbst nicht, worauf wir raten sollen. Keine der 
bisher vorgebrachten Lösungen des Rätsels erscheint uns befriedigend. 1 ) 
Ich muß noch eines Versuches erwähnen, die Entstehung der 
Inzestscheu zu erklären, welcher von ganz anderer Art ist als die bisher 
betrachteten. Man könnte ihn als eine historische Ableitung bezeichnen. 
Dieser Versuch knüpft an eine Hypothese von Ch. Darwin über 
den sozialen Urzustand des Menschen an. Darwin schloß aus den 
Lebensgewohnheiten der höheren Affen, daß auch der Mensch ursprüng- 
lich in kleinen Horden gelebt habe, innerhalb welcher die Eifersucht 
des ältesten und stärksten Männchens die sexuelle Promiskuität verhin- 
derte. Wir können in der Tat, nach dem was wir von der Eifersucht 
aller männlichen Säugetiere wissen, von denen viele mit speziellen 
Waffen zum Kämpfen mit ihren Nebenbuhlern bewaffnet sind, schließen, 
daß allgemeine Vermischung der Geschlechter im Naturzustande äußerst 
unwahrscheinlich ist . . . Wenn wir daher im Strome der Zeit weit 
genug zurückblicken und nach den sozialen Gewohnheiten des Menschen, 
wie er jetzt existiert, schließen, ist die wahrscheinlichste Ansicht die, 
daß der Mensch ursprünglich in kleinen Gesellschaften lebte, jeder Mann 
mit einer Frau oder, hatte er die Macht, mit mehreren, welche er eifer- 
süchtig gegen alle anderen Männer verteidigte. Oder er mag kein soziales 
Tier gewesen sein und doch mit mehreren Frauen für sich allein gelebt 
haben wie der Gorilla; denn alle Eingeborenen stimmen darin überein, 
daß nur ein erwachsenes Männchen in einer Gruppe zu sehen ist. Wächst 
das junge Männchen heran, so findet ein Kampf um die Herrschaft statt 
und der Stärkste setzt sich dann, indem er die anderen getötet oder 
vertrieben hat, als Oberhaupt der Gesellschaft fest (Dr. S avage in 
Boston Journal of Natur. Hist. V., 1845-1847). Die jüngeren Männ- 
chen, welche hiedurch ausgestoßen sind und nun herumwandern, werden 
auch, wenn sie zuletzt beim Finden einer Gattin erfolgreich sind, die zu 
enge Inzucht innerhalb der Glieder einer und derselben Familie verhüten." 2 ) 

') „Thus the ultimate origin of exogamy and with it tue law of incest — 
since exogamy was devised to prevent incest — remains a problem nearly as dark as 
ever." T. and Ex. L, q. 165. 

2 ) Abstammung des Menschen, übersetzt von V. Ca ms, IL Bd., Kap. 20, 

p. 341. 



Die Darwinsche ürhorde. — Die Theorie Atkinson's. \\7 

Atkinson 1 ) scheint zuerst erkannt haben, daß diese Verhältnisse 
der Darwinschen ürhorde die Exogamie der jungen Männer praktisch 
durchsetzen mußten. Jeder dieser Vertriebenen konnte eine ähnliche 
Horde gründen, in welcher dasselbe Verbot des Geschlechtsverkehrs dank 
der Eifersucht des Oberhaupts galt, und im Laufe der Zeit würde sich 
aus diesen Zuständen die jetzt als Gesetz bewußte Regel ergeben haben : 
Kein Sexualverkehr mit den Herdgenossen. Nach Einsetzung des Tote- 
mismus hätte sich die Regel in die andere Form gewandelt : Kein Sexual- 
verkehr innerhalb des Totem. 

A. Lang 2 ) hat sich dieser Erklärung der Exogamie angeschlossen. 
Er vertritt aber in demselben Buche die andere (Durkheimsche) 
Theorie, welche die Exogamie als Konsequenz aus den Totemgesetzen 
hervorgehen läßt. Es ist nicht ganz einfach, die beiden Auffassungen 
miteinander zu vereinigen ; im ersten Falle hätte die Exogamie vor dem 
Totemismus bestanden, im zweiten wäre sie eine Folge desselben. 3 ) 

3. 

Einen einzigen Lichtstrahl wirft die psychoanalytische Erfahrung in 
dieses Dunkel. 

Das Verhältnis des Kindes zum Tiere hat viel Ähnlichkeit mit dem 
des Primitiven zum Tiere. Das Kind zeigt noch keine Spur von jenem 
Hochmut, welcher dann den erwachsenen Kulturmenschen bewegt, seine 
eigene Natur durch eine scharfe Grenzlinie von allem anderen Anima- 
lischen abzusetzen. Es gesteht dem Tiere ohne Bedenken die volle Eben- 
bürtigkeit zu; im ungehemmten Bekennen zu seinen Bedürfnissen fühlt 



*) Primal Law, London 1903 (mit A. Lang, Social Origins). 

*) Secret of the Totem, p. 114, 143. 

3 ) „If it be granted that exogamy existed in practice, on the lines of Mr. Dar- 
wins theory, before the totem beliefs lent to the practice a sacred sanction, our 
task is relatively easy. The first practical rnle would be that of the jealous Sire 
„No males to touch the females in my camp", with expolsion of adolescent sons. In 
efflux of time that rule, become habitual, woald be, „No marriage within 
the local group". Next let the local groups receive names, such as Ernas, Crows, Opos- 
sums, Snipes, and the rnle becomes, „No Marriage within the local group of animal 
name ; no Snipe to marry a Snipe". Bat, if the primal groups were not exogamous, 
they would become so, as soon as totemic myths and tabus were developed out of the 
animal, vegetable, and other names of small local groups." Secret of the Totem 
p. 143. (Die Hervorhebung in der Mitte dieser Stelle ist mein Werk.) — In seiner 
letzten Äußerung über den Gegenstand (Folklore, Dezember 1911) teilt k. Lang, 
übrigens mit, daß er die Ableitung der Exogamie aus dem „general totemic" Tabu 
aufgegeben habe. 



j^g IV. Die infantile Wiederkehr des Totemismus. 

es sich wohl dem Tiere verwandter als dem ihm wahrscheinlich rätsel- 
haften Erwachsenen. 

In diesem ausgezeichneten Einverständnis zwischen Kind und Tier 
tritt nicht selten eine merkwürdige Störung auf. Das Kind beginnt 
plötzlich eine bestimmte Tierart zu fürchten und sich vor der Berührung 
oder dem Anblick aller einzelnen dieser Art zu schützen. Es stellt sich 
das klinische Bild einer Tierphobie her, eine der häufigsten unter den 
psychoneurotischen Erkrankungen dieses Alters und vielleicht die früheste 
Form solcher Erkrankung. Die Phobie betrifft in der Regel Tiere, für 
welche das Kind bis dahin ein besonders lebhaftes Interesse gezeigt hatte, 
sie hat mit dem Einzeltier nichts zu tun. Die Auswahl unter den Tieren, 
welche Objekte der Phobie werden können, ist unter städtischen Bedin- 
gungen nicht groß. Es sind Pferde, Hunde, Katzen, seltener Vögel, auf- 
fällig häufig kleinste Tiere wie Käfer und Schmetterlinge. Manchmal 
werden Tiere, die dem Kind nur aus Bilderbuch und Märchenerzählung 
bekannt worden sind, Objekte der unsinnigen und unmäßigen Angst, 
welche sich bei diesen Phobien zeigt; selten gelingt es einmal die Wege 
zu erfahren, auf denen sich eine ungewöhnliche Wahl des Angsttieres 
vollzogen hat. So verdanke ich K. Abraham die Mitteilung eines 
Falles, in welchem ein Kind seine Angst vor Wespen selbst durch die 
Angabe aufklärte, die Farbe und Streifung des Wespenleibes hätte es an 
den Tiger denken lassen, vor dem es sich nach allem Gehörten fürchten 
durfte. 

Die Tierphobien der Kinder sind noch nicht Gegenstand aufmerk- 
merksamer analytischer Untersuchung geworden, obwohl sie es im hohen 
Grade verdienen. Die Schwierigkeiten der Analyse mit Kindern in so 
zartem Alter sind wohl das Motiv der Unterlassung gewesen. Man kann 
daher nicht behaupten, daß man den allgemeinen Sinn dieser Erkran- 
kungen kennt, und ich meine selbst, daß er sich nicht als einheitlich 
herausstellen dürfte. Aber einige Fälle von solchen auf größere Tiere 
gerichteten Phobien haben sich der Analyse zugänglich erwiesen und so 
dem Untersucher ihr Geheimnis verraten. Es war in jedem Falle das 
nämliche: die Angst galt im Grunde dem Vater, wenn die untersuchten 
Kinder Knaben waren, und war nur auf das Tier verschoben worden. 

Jeder in der Psychoanalyse Erfahrene hat gewiß solche Fälle ge- 
sehen und von ihnen den nämlichen Eindruck empfangen. Doch kann ich 
mich nur auf wenige ausführliche Publikationen darüber berufen. Es ist 
dies ein Zufall der Literatur, aus welchem nicht geschlossen werden sollte, 
daß wir unsere Behauptung überhaupt nur auf vereinzelte Beobachtungen 



üie Tierphobien der Kinder. 119 

stützen können. Ich erwähne z. B. einen Autor, welcher sich verständnis- 
voll mit den Neurosen des Kindesalters beschäftigt hat, M. Wulff 
(Odessa). Er erzählt im Zusammenhange der Krankengeschichte eines 
neunjährigen Knaben, daß dieser mit vier Jahren an einer Hundephobie 
gelitten hat. „Als er auf der Straße einen Hund vorbeilaufen sah, weinte 
er und schrie : ,Lieber Hund, fasse mich nicht, ich will artig sein.' Unter 
,artig sein' meinte er: ,nicht mehr Geige spielen' (onanieren)". 1 ) 

Derselbe Autor resümiert später: „ Seine Hundephobie ist eigentlich 
die auf die Hunde verschobene Angst vor dem Vater, denn seine sonder- 
bare Äußerung : ,Hund, ich will artig sein' — d. h. nicht masturbieren — 
bezieht sich doch eigentlich auf den Vater, der die Masturbation verboten 
hat." In einer Anmerkung setzt er dann hinzu, was sich eben so völlig 
mit meiner Erfahrung deckt und gleichzeitig die Reichlichkeit solcher 
Erfahrungen bezeugt : „Solche Phobien (Pferdephobien, Hundephobien, 
Katzen, Hühner und andere Haustiere) sind, glaube ich, im Kindesalter 
mindestens ebenso verbreitet wie der Pavor nocturnus und lassen sich 
in der Analyse fast immer als eine Verschiebung der Angst von einem 
der Eltern auf die Tiere entpuppen. Ob die so verbreitete Mäuse- und 
Rattenphobie denselben Mechanismus hat, möchte ich nicht behaupten." 

Im ersten Band des Jahrbuches für psychoanalytische und psycho- 
pathologische Forschungen teilte ich die „Analyse der Phobie eines 
fünfj ährigen Knaben" mit, welche mir der Vater des kleinen Patien- 
ten zur Verfügung gestellt hatte. Es war eine Angst vor Pferden, in deren 
Konsequenz der Knabe sich weigerte, auf die Straße zu gehen. Er äußerte 
die Befürchtung, das Pferd werde ins Zimmer kommen, werde ihn beißen. 
Es erwies sich, daß dies die Strafe für seinen Wunsch sein sollte, daß 
das Pferd umfallen (sterben) möge. Nachdem man den Knaben durch 
Zusicherungen die Angst vor dem Vater benommen hatte, ergab es sich, 
daß er gegen Wünsche ankämpfte, die das Wegsein (Abreisen, Sterben) 
des Vaters zum Inhalt hatten. Er empfand den Vater, wie er überdeutlich 
zu erkennen gab, als Konkurrenten in der Gunst der Mutter, auf welche 
seine keimenden Sexualwünsche in dunkeln Ahnungen gerichtet waren. 
Er befand sich also in jener typischen Einstellung des männlichen Kindes 
zu den Eltern, welche wir als den „Ödipuskomplex" bezeichnen, und in 
der wir den Kernkomplex der Neurosen überhaupt erkennen. Was wir 
neu aus der Analyse des „kleinen Hans" erfahren, ist die für den Totemis- 

J ) M.Wulff, Beitrage zur infantilen Sexualität. Zentralblatt f. Psychoanalyse 
1912, IL, Nr. 1, p. 15 ff. 



120 rv* Die infantile Wiederkehr des Totemismus. 

mus wertvolle Tatsache, daß das Kind unter solchen Bedingungen einen 
Anteil seiner Gefühle von dem Vater weg auf ein Tier verschiebt. 

Die Analyse weist die inhaltlich bedeutsamen wie die zufälligen 
Assoziationswege nach, auf welchen eine solche Verschiebung vor sich 
geht. Sie läßt auch die Motive derselben erraten. Der aus der Neben- 
buhlerschaft bei der Mutter hervorgehende Haß kann sich im Seelenleben 
des Knaben nicht ungehemmt ausbreiten, er hat mit der seit jeher be- 
stehenden Zärtlichkeit und Bewunderung für dieselbe Person zu kämpfen, 
das Kind befindet sich in doppelsinniger — ambivalenter — Gefühls- 
einstellung gegen den Vater und schafft sich Erleichterung in diesem 
Ambivalenzkonflikt, wenn es seine feindseligen und ängstlichen Gefühle 
auf ein Vatersurrogat verschiebt. Die Verschiebung kann den Konflikt 
allerdings nicht in der Weise erledigen, daß sie eine glatte Scheidung der 
zärtlichen von den feindseligen Gefühlen herstellt. Der Konflikt setzt 
sich vielmehr auf das Verschiebungsobjekt fort, die Ambivalenz greift auf 
dieses letztere über. Es ist unverkennbar, daß der kleine Hans den 
Pferden nicht nur Angst, sondern auch Respekt und Interesse ent- 
gegenbringt. Sowie sich seine Angst ermäßigt hat, identifiziert er sich 
selbst mit dem gefürchteten Tier, springt als Pferd herum und beißt nun 
seinerseits den Vater. 1 ) In einem anderen Auflösungsstadium der Phobie 
macht es ihm nichts, die Eltern mit anderen großen Tieren zu identi- 
fizieren. 2 ) 

Man darf den Eindruck aussprechen, daß in diesen Tierphobien der 
Kinder gewisse Züge des Totemismus in negativer Ausprägung wieder- 
kehren. Wir verdanken aber S. Ferenczi die vereinzelt schöne Beobach- 
tung eines Falles, den man nur als positiven Totemismus bei einem Kinde 
bezeichnen kann. 3 ) Bei dem kleinen Arpäd, von dem Ferenczi be- 
richtet, erwachen die totemistischen Interessen allerdings nicht direkt im 
Zusammenhang des Ödipuskomplexes, sondern auf Grund der narzißtischen 
Voraussetzung desselben, der Kastrationsangst. Wer 'aber die Geschichte 
des kleinen Hans aufmerksam durchsieht, wird auch in dieser die reich- 
lichsten Zeugnisse dafür finden, daß der Vater als der Besitzer des großen 
Genitales bewundert und als der Bedroher des eigenen Genitales gefürchtet 
wird. Im Ödipus- wie im Kastrationskomplex spielt der Vater die nämliche 
Rolle, die des gefürchteten Gegners der infantilen Sexualinteressen, Die 

J ) 1. c p. 37. 

2 ) Die Giraffenphantasie p. 24. 

3 ) S. Ferenczi, Ein kleiner Hahnemann. Intern. Zeitschr. f. ärztliche Psycho- 
analyse 1913, L, Nr. 3. 



Positiver Totemismus bei einem Kinde. 121 

Kastration und ihr Ersatz durch die Blendung ist die von ihm drohende 
Strafe. 1 ) 

Als der kleine Arpäd zweieinhalb Jahre alt war, versuchte er ein- 
mal in einem Sommeraufenthalte ins Gefiügelhaus zu urinieren, wobei 
ihn ein Huhn ins Glied biß oder nach seinem Glied schnappte. Als er 
ein Jahr später an denselben Ort zurückkehrte, wurde er selbst zum 
Huhn, er interessierte sich nur mehr für das Geflügelhaus und alles, was 
darin vorging, und gab seine menschliche Sprache gegen Gackern und 
Krähen auf. Zur Zeit der Beobachtung (fünf Jahre) sprach er wieder 
aber beschäftigte sich auch in der Rede ausschließlich nur mit Hühnern und 
anderem Geflügel. Er spielte mit keinem anderen Spielzeug, sang nur 
Lieder, in denen etwas vom Federvieh vorkam. Sein Benehmen gegen 
sein Totemtier war exquisit ambivalent, übermäßiges Hassen und Lieben. 
Am liebsten spielte er Hühnerschlachten. „Das Sehlachten des Feder- 
viehs ist ihm überhaupt ein Fest. Er ist im stände, stundenlang um die 
Tierleichen erregt herumzutanzen." Aber dann küßte und streichelte er 
das geschlachtete Tier, reinigte und liebkoste die von ihm selbst miß- 
handelten Ebenbilder von Hühnern. 

Der kleine Arpäd sorgte selbst dafür, daß der Sinn seines sonder- 
baren Treibens nicht verborgen bleiben konnte. Er übersetzte gelegentlich 
seine Wünsche aus der totemistischen Ausdrucksweise zurück in die des 
Alltagslebens. „Mein Vaterist der Hahn", sagte er einmal. „Jetzt bin ich klein, 
jetzt bin ich ein Küchlein. Wenn ich größer werde, bin ich ein Huhn. Wenn ich 
noch größer werde, bin ich ein Hahn." Ein andermal wünschte er sich 
plötzlich eine „eingemachte Mutter" zu essen (nach der Analogie des ein- 
gemachten Huhnes). Er war sehr freigebig mit deutlichen Kastrations- 
androhungen gegen andere, wie er sie wegen onanistischer Beschäftigung 
mit seinem Gliede selbst erfahren hatte. 

Über die Quelle seines Interesses für das Treiben im Hühnerhof 
blieb nach Ferenczi kein Zweifel: „Der rege Sexualverkehr zwischen 
Hahn und Henne, das Eierlegen und das Herauskriechen der jungen Brut" 
befriedigten seine sexuelle Wißbegierde, die eigentlich dem menschlichen 
Familienleben galt. Nach dem Vorbild des Hühnerlebens hatte er seine 
Objektwünsche geformt, wenn er einmal der Nachbarin sagte: „Ich werde 
Sie heiraten und Ihre Schwester und meine drei Cousinen und die Köchin, 
nein, statt der Köchin lieber die Mutter." 

*) Über den Ersatz der Kastration durch die auch im Ödipusmythus enthaltene 
Blendung vergleiche die Mitteilungen von Reitler, Ferenczi, Rank und Eder in 
Intern. Zeitschr. f. ärztl. Psychoanalyse 1913, I., Nr. 2. 



122 IV. Die infantile Wiederkehr des Totemisinus. 

Wir werden an späterer Stelle die Würdigung dieser Beobachtung 
vervollständigen können; heben wir jetzt nur als wertvolle Übereinstim- 
mungen mit dem Totemismus zwei Züge hervor : Die volle Identifizierung 
mit dem Totemtier 1 ) und die ambivalente Gefühlseinstellung gegen das- 
selbe. Wir halten uns nach diesen Beobachtungen für berechtigt, in die 
Formel des Totemismus — für den Mann — den Vater an Stelle des 
Totemtieres einzusetzen. Wir merken dann, daß wir damit keinen neuen 
oder besonders kühnen Schritt getan haben. Die Primitiven sagen es 
ja selbst und bezeichnen, so weit noch heute das totemistische System 
in Kraft besteht, den Totem als ihren Ahnherrn und Urvater. Wir haben 
nur eine Aussage dieser Völker wörtlich genommen, mit welcher die 
Ethnologen wenig anzufangen wußten, und die sie darum gorne in den 
Hintergrund gerückt haben. Die Psychoanalyse mahnt uns, im Gegenteile 
gerade diesen Punkt hervorzusuchen und an ihn den Erklärungsversuch des 
Totemismus zu knüpfen. 2 ) 

Das erste Ergebnis unserer Ersetzung ist sehr merkwürdig. Wenn 
das Totemtier der Vater ist, dann fallen die beiden Hauptgebote des 
Totemismus, die beiden Tabuvorschriften, die seinen Kern ausmachen, 
den Totem nicht zu töten und kein Weib, das dem Totem angehört, 
sexuell zu gebrauchen, inhaltlich zusammen mit den beiden Verbrechen 
des ödipus, der seinen Vater tötete und seine Mutter zum Weibe nahm, 
und mit den beiden Urwünschen des Kindes, deren ungenügende Ver- 
drängung oder deren Wiedererweckung den Kern vielleicht aller Psycho- 
neurosen bildet. Sollte diese Gleichung mehr als ein irreleitendes Spiel 
des Zufalls sein, so müßte sie uns gestatten, ein Licht auf die Entstehung 
des Totemismus in unvordenklichen Zeiten zu werfen. Mit anderen 
Worten, es müßte uns gelingen wahrscheinlich zu machen, daß das 
totemistische System sich aus den Bedingungen des Ödipuskomplexes 
ergeben hat wie die Tierphobie des „kleinen Hans" und die Geflügel- 
perversion des „kleinen Arpad". Um dieser Möglichkeit nachzugehen, 
werden wir im folgenden eine Eigentümlichkeit des totemistischen Systems 
oder, wie wir sagen können, der Totemreligion studieren, welche bisher 
kaum Erwähnung finden konnte. 

*) In welcher nach Frazer das Wesentliche des Totemismus gegeben ist: 
„Totemism is an identification of a man with his totem." T. and Ex., IV., p. 5. 

2 ) 0. Rank verdanke ich die Mitteilung eines Falles von Hundephobie bei 
einem intelligenten jnngen Manne, dessen Erklärung, wie er zu seinem Leiden gekommen 
sei, merklich an die oben (p. 106) erwähnte Totemtheorie der Arunta anklingt. Er 
meinte von seinem Vater erfahren zu haben, daß seine Mutter während der Schwanger- 
schaft mit ihm einmal vor einem Hunde erschrocken sei. 



*. 



Das Totemtier ist ein Vaterersatz. 123 

4. 

Der im Jahre 1894 verstorbene W. Robertson Smith, Physiker, 
Philologe, Bibelkritiker und Altertumsforscher, ein ebenso vielseitiger wie 
scharfsichtiger und freidenkender Mann, sprach in seinem 1889 ver- 
öffentlichten Werke über die Religion der Semiten 1 ) die Annahme aus, 
daß eine eigentümliche Zeremonie, die sogenannte Totemmahlzeit 
von allem Anfang an einen integrierenden Bestandteil des totemistischen 
Systems gebildet habe. Zur Stütze dieser Vermutung stand ihm damals 
nur eine einzige, aus dem fünften Jahrhundert n. Chr. überlieferte Be- 
schreibung eines solchen Aktes zu Gebote, aber er verstand es, die An- 
nahme durch die Analyse des Opferwesens bei den alten Semiten zu 
einem hohen Grad von Wahrscheinlichkeit zu erheben. Da das Opfer 
eine göttliche Person voraussetzt, handelt es sich hiebei um den Rück- 
schluß von einer höheren Phase des religiösen Ritus auf die niedrigste 
des Totemismus. 

Ich will nun versuchen, aus dem ausgezeichneten Buch von Ro- 
bertson Smith die für unser Interesse entscheidenden Sätze über 
Ursprung und Bedeutung des Opferritus herauszuheben unter Weglassung 
aller oft so reizvollen Details und mit konsequenter Hintansetzung aller 
späteren Entwicklungen. Es ist ganz ausgeschlossen, in einem solchen 
Auszug dem Leser etwas von der Luzidität oder von der Beweiskraft 
der Darstellung im Original zu übermitteln. 

Robertson Smith führt, aus, daß das Opfer am Altar das 

wesentliche Stück im Ritus der alten Religion gewesen ist. Es spielt in 

allen Religionen die nämliche Rolle, so daß man seine Entstehung auf 

sehr allgemeine und überall gleichartig wirkende Ursachenzurückführen muß. 

Das Opfer — die heilige Handlung xgit'sSoxyjv (sacrificium Eepoopffa) 

bedeutete aber ursprünglich etwas anderes, als was spätere Zeiten 

darunter verstanden: die Darbringung an die Gottheit, um sie zu ver- 
söhnen oder sich geneigt zu machen. (Von dem Nebensinn der Selbst- 
entäußerung ging dann die profane Verwendung des Wortes aus). Das 
Opfer war nachweisbar zuerst nichts anderes als „an act of social 
fellowship between the deity and his worshippers", ein 
Akt der Geselligkeit, eine Kommunion der Gläubigen mit ihrem Gotte. 
Als Opfer wurden dargebracht eßbare und trinkbare Dinge-, dasselbe, 
wovon der Mensch sich nährte, Fleisch, Zerealien, Früchte, Wein und Öl, 



*) W. Robertson Smith, The religion of the Semites. Second Edition, Lon- 
don 1907. 



224 IV. Die infantile Wiederkehr des Totemismus. 

das opferte er auch seinem Gotte. Nur inbezug auf das Opferfleisch 
bestanden Einschränkungen und Abweichungen. Von den Tieropfern speist 
der Gott gemeinsam mit seinen Anbetern, die vegetabilischen Opfer sind 
ihm allein überlassen. Es ist kein Zweifel, daß die Tieropfer die älteren 
sind und einmal die einzigen waren. Die vegetabilischen Opfer sind aus 
der Darbringung der Erstlinge aller Früchte hervorgegangen und ent- 
sprechen einem Tribut an den Herrn des Bodens und des Landes. Das 
Tieropfer ist aber älter als der Ackerbau. 

Es ist aus sprachlichen Überresten gewiß, daß der dem Gott be- 
stimmte Anteil des Opfers zuerst als seine wirkliche Nahrung angesehen 
wurde. Mit der fortschreitenden Dematerialisierung des göttlichen Wesens 
wurde diese Vorstellung anstößig; man wich ihr aus, indem man den 
flüssigen Anteil der Mahlzeit allein der Gottheit zuwies. Später gestattete 
der Gebrauch des Feuers, welcher das Opferfleisch auf dem Altar in 
Rauch aufgehen ließ, eine Zurichtung der menschlichen Nahrungsmittel, 
durch welche sie dem göttlichen Wesen angemessener wurden. Die Sub- 
stanz des Trinkopfers war ursprünglich das Blut der Opfertiere; Wein 
wurde später der Ersatz des Blutes. Der Wein galt den Alten als 
das „Blut der Bebe", wie ihn unsere Dichter jetzt noch heißen. 

Die älteste Form des Opfers, älter als der Gebrauch des Feuers 
und die Kenntnis des Ackerbaues, war also das Tieropfer, dessen Fleisch 
und Blut der Gott und seine Anbeter gemeinsam genossen. Es war 
wesentlich, daß jeder der Teilnehmer seinen Anteil an der Mahlzeit erhalte. 

Ein solches Opfer war eine öffentliche Zeremonie, das Fest eines 
ganzen Clan. Die Religion war überhaupt eine allgemeine Angelegenheit, 
die religiöse Pflicht ein Stück der sozialen Verpflichtung. Opfer und 
Festlichkeit fallen bei allen Völkern zusammen, jedes Opfer bringt ein 
Fest mit sich und kein Fest kann ohne Opfer gefeiert werden. Das 
Opferfest war eine Gelegenheit der freudigen Erhebung über die eigenen 
Interessen, der Betonung der Zusammengehörigkeit untereinander und mit 
der Gottheit. 

Die ethische Macht der öffentlichen Opfermahlzeit ruhte auf uralten 
Vorstellungen über die Bedeutung des gemeinsamen Essens und Trinkens. 
Mit einem anderen zu essen und zu trinken, war gleichzeitig ein Symbol 
und eine Bekräftigung von sozialer Gemeinschaft und von Übernahme 
gegenseitiger Verpflichtungen ; die Opfermahlzeit brachte zum direkten 
Ausdruck, daß der Gott und seine Anbeter Commensalen sind, aber 
damit waren alle ihre anderen Beziehungen gegeben. Gebräuche, die 
noch heute unter den Arabern der Wüste in Kraft sind, beweisen, daß 



Robertson Smith über den ersten Sinn des Opfers. 125 

das Bindende an der gemeinsamen Mahlzeit nicht ein religiöses Moment 
ist, sondern der Akt des Essens selbst. Wer den kleinsten Bissen mit 
einem solchen Beduinen geteilt oder einen Schluck von seiner Milch ge- 
trunken hat, der braucht ihn nicht mehr als Feind zu fürchten, sondern 
darf seines Schutzes und seiner Hilfe sicher sein. Allerdings nicht für 
ewige Zeiten; streng genommen, nur für so lange, als der gemeinsam 
genossene Stoff der Annahme nach in seinem Körper verbleibt. So 
realistisch wird das Band der Vereinigung aufgefaßt ; es bedarf der Wieder- 
holung, um es zu verstärken und dauerhaft zu machen. 

Warum wird aber dem gemeinsamen Essen und Trinken diese bin- 
dende Kraft zugeschrieben? In den primitivsten Gesellschaften gibt es 
nur ein Band, welches unbedingt und ausnahmslos einigt, das der Stammes- 
gemeinschaft (Kinship). Die Mitglieder dieser Gemeinschaft treten soli- 
darisch für einander ein, ein Kin ist eine Gruppe von Personen, deren 
Leben solcherart zu einer physischen Einheit verbunden sind, daß man 
sie wie Stücke eines gemeinsamen Lebens betrachten kann. Es heißt 
dann beim Mord eines einzelnen aus dem Kin nicht: das Blut dieses 
und jenes ist vergossen worden, sondern unser Blut ist vergossen worden. 
Die hebräische Phrase, mit welcher die Stammesverwandtschaft anerkannt 
wird, lautet : Du bist mein Bein und mein Fleisch. Kinship bedeutet also 
einen Anteil haben an einer gemeinsamen Substanz. Es ist dann natür- 
lich, daß sie nicht nur auf die Tatsache gegründet wird, daß man einen 
Teil von der Substanz seiner Mutter ist, von der man geboren und mit 
deren Milch man genährt wurde, sondern daß auch die Nahrung, die man 
späterhin genießt und durch die man seinen Körper erneuert, Kinship 
erwerben und bestärken kann. Teilte man die Mahlzeit mit seinem Gotte, 
so drückte es die Überzeugung aus, daß man von einem Stoff mit ihm 
sei und wen man als Fremden erkannte, mit dem teilte man keine 
Mahlzeit. 

Die Opfermahlzeit war also ursprünglich ein Festmahl von Stamm- 
verwandten, dem Gesetze folgend, daß nur Stammverwandte miteinander 
essen. In unserer Gesellschaft einigt die Mahlzeit die Mitglieder der 
Familie, aber mit der Familie hat die Opfermahlzeit nichts zu tun. 
Kinship ist älter als Familienleben ; die ältesten uns bekannten Familien 
umfassen regelmäßig Personen, die verschiedenen Verwandtschaftsverbänden 
angehören. Die Männer heiraten Frauen, aus fremden Clans, die Kinder 
erben den Clan der Mutter; es besteht keine Stammesverwandtschaft 
zwischen dem Manne und den übrigen Familienmitgliedern. In einer 
solchen Familie gibt es keine gemeinsame Mahlzeit. Die Wilden essen 



126 IV.' Die infantile Wiederkehr des Totemismus. 

noch heute abseits und allein, und die religiösen Speiseverbote des 
Totemismus machen ihnen oft die Eßgemeinschaft mit ihren Frauen und 
Kindern unmöglich. 

Wenden wir uns nun zum Opfertier. Es gab, wie wir gehört, 
keine Stammeszusammenkunft ohne Tieropfer, aber — was nun bedeutsam 
ist — auch kein Schlachten eines Tieres außer für solche feierliche Ge- 
legenheit. Man nährte sich ohne Bedenken von Früchten, Wild und 
von der Milch der Haustiere, aber religiöse Skrupel machten es dem 
einzelnen unmöglich, ein Haustier für seinen eigenen Gebrauch zu töten. 
Es leidet nicht den leisesten Zweifel, sagt Rober tsonSmith, daß jedes 
Opfer ursprünglich Clanopfer war, und daß das T ö t e n e i n e s S c h 1 a c ht- 
opfers ursprünglich zu jenen Handlungen gehörte, diedem einzelnen 
verboten sind und nur dann gerechtfertigt werden, wenn 
der ganze Stamm die Verantwortlichkeit mit übernimmt. Es 
gibt bei den Primitiven nur eine Klasse von Handlungen, für welche 
diese Charakteristik zutrifft, nämlich Handlungen, welche an die Heilig- 
keit des dem Stamme gemeinsamen Blutes rühren. Ein Leben, welches 
kein einzelner wegnehmen darf, und das nur durch die Zustimmung unter der 
Teilnahme aller Clangenossen geopfert werden kann, steht auf derselben 
Stufe wie das Leben der Stammesgenossen selbst. Die Regel, daß jeder 
Gast der Opfermahlzeit vom Fleisch des Opfertieres genießen müsse, hat 
denselben Sinn wie die Vorschrift, daß die Exekution an einem schuldigen 
Stammesgenossen von dem ganzen Stamm zu vollziehen sei. Mit anderen 
Worten: Das Opfertier wurde behandelt wie ein Stammverwandter, die 
opfernde Gemeinde, ihr Gott und das Opfertier waren 
eines Blutes, Mitglieder eines Clan. 

Robertson Smith identifiziert auf Grund einer reichen Evidenz 
das Opfertier mit dem alten Totemtier. Es gab im späteren Altertum 
zwei Arten von Opfern, solche von Haustieren, die auch für gewöhnlich 
gegessen wurden, und ungewöhnliche Opfer von Tieren, die als unrein 
verboten waren. Die nähere Erforschung zeigt dann, daß diese unreinen 
Tiere heilige Tiere waren, daß sie den Göttern als Opfer dargebracht 
wurden, denen sie heilig waren, daß diese Tiere ursprünglich identisch 
waren mit den Göttern selbst, und daß die Gläubigen in irgend einer 
Weise beim Opfer ihre Blutsverwandtschaft mit dem Tiere und dem 
Gotte betonten. Für noch frühere Zeiten entfällt aber dieser Unterschied 
zwischen gewöhnlichen und „mystischen" Opfern. Alle Tiere sind ur- 
sprünglich heilig, ihr Fleisch ist verboten und darf nur bei feierlichen 
Gelegenheiten unter Teilnahme des ganzen Stammes genossen werden. 



Die Heiligkeit des Opfertieres. 127 

Das Schlachten des Tieres kommt dem Vergießen von Stammesblut gleich 
und muß unter den nämlichen Vorsichten und Sicherungen gegen Vor- 
wurf geschehen. 

Die Zähmung von Haustieren und das Emporkommen der Viehzucht 
scheint überall dem reinen und strengen Totemismus der Urzeit ein 
Ende bereitet zu haben. 1 ) Aber was in der nun „pastoralen" Religion 
den Haustieren an Heiligkeit verblieb, ist deutlich genug, um den ur- 
sprünglichen Totemcharakter derselben erkennen zu lassen. Noch in 
späten klassischen Zeiten schrieb der Ritus an schiedenen Orten dem 
Opferer vor, nach vollzogenem Opfer die Flucht zu ergreifen, wie um 
sich einer Ahndung zu entziehen. In Griechenland muß die Idee, daß 
die Tötung eines Ochsen eigentlich ein Verbrechen sei, einst allgemein 
geherrscht haben. An dem athenischen Fest der Bouphonien wurde nach 
dem Opfer ein förmlicher Prozeß eingeleitet, bei dem alle Beteiligten zum 
Verhör kamen. Endlich einigte man sich, die Schuld an der Mordtat auf 
das Messer abzuwälzen, welches dann ins Meer geworfen wurde. 

Trotz der Scheu, welche das Leben des heiligen Tieres als eines 
Stammesgenossen schützt, wird es zur Notwendigkeit, ein solches Tier 
von Zeit zu Zeit in feierlicher Gemeinschaft zu töten und Fleisch und 
Blut desselben unter die Clangenossen zu verteilen. Das Motiv, welches 
diese Tat gebietet, gibt den tiefsten Sinn des Opferwesens preis. Wir 
haben gehört, daß in späteren Zeiten jedes gemeinsame Essen, die Teil- 
nahme an der nämlichen Substanz, welche in ihre Körper eindringt, ein 
heiliges Band zwischen den Commensalen herstellt; in ältesten Zeiten 
scheint diese Bedeutung nur der Teilnahme an der Substanz eines 
heiligen Opfers zuzukommen. Das heilige Mysterium des Opfer- 
todes rechtfertigt sich, indem nur auf diesem Wege das 
heilige Band hergestellt werden kann, welches die Teil- 
nehmer untereinander und mit ihrem Gotte einigt. 2 ) 

Dieses Band ist nichts anderes als das Leben des Opfertieres, 
welches in seinem Fleisch und seinem Blute wohnt und durch die Opfer- 
mahlzeit allen Teilnehmern mitgeteilt wird. Eine solche Vorstellung liegt 
allen Blutbündnissen zu Grunde, durch die sich noch in späten 
Zeiten Menschen gegeneinander verpflichten. Die durchaus realistische 



*) „The inference is that the domestication to which totesmism invariably 
leads (when there are any animals capable of domestication) is fatal to totemism." 
Jevons, An introduction to the history of religion 1911, fifth edition, p. 120. 

2 ) 1. c. p. 113. 



128 IV- Die infantile Wiederkehr des Totemismus. 

Auffassung der Blutsgemeinschaft als Identität der Substanz läßt die 
Notwendigkeit verstehen, sie von Zeit zu Zeit durch den physischen 
Prozeß der Opfermahlzeit zu erneuern. 

Brechen wir hier die Mitteilung der Gedankengänge von Robert- 
son Smith ab, um ihren Kern in gedrängtester Kürze zu resümieren: 
Als die Idee des Privateigentums aufkam, wurde das Opfer als eine Gabe 
an die Gottheit, als eine Übertragung aus dem Eigentum des Menschen 
in das des Gottes aufgefaßt. Allein diese Deutung ließ alle Eigentüm- 
lichkeiten des Opferrituals unaufgeklärt. In ältesten Zeiten war das 
Opfertier selbst heilig, sein Leben unverletzlich gewesen; es konnte nur 
unter der Teilnahme und Mitschuld des ganzen Stammes und in Gegen- 
wart des Gottes genommen werden, um die heilige Substanz zu liefern, 
durch deren Genuß die Clangenossen sich ihrer stofflichen Identität 
untereinander und mit der Gottheit versicherten. Das Opfer war ein 
Sakrament, das Opfertier selbst ein Stammesgenosse. Es war in Wirk- 
lichkeit das alte Totemtier, der primitive Gott selbst, durch dessen 
Tötung und Verzehrung die Clangenossen ihre Gottähnlichkeit auffrischten 
und versicherten. 

Aus dieser Analyse des Opferwesens zog Robertson Smith den 
Schluß, daß die periodische Tötung und Aufzehrung des Totem in Zeiten 
vor der Verehrung anthropomorpher Gottheiten ein be- 
deutsames Stück der Totemreligion gewesen sei. Das Zeremoniell einer 
solchen Totemmahlzeit, meinte er, sei uns in der Beschreibung eines 
Opfers aus späteren Zeiten erhalten. Der hl. Nil TM berichtet von einer 
Opfersitte der Beduinen in der sinaitischen Wüste um das Ende des 
vierten Jahrhunderts nach Christi Geburt. Das Opfer, ein Kamel, wurde 
gebunden auf einen rohen Altar von Steinen gelegt; der Anführer des 
Stammes ließ die Teilnehmer dreimal unter Gesängen um den Altar 
herumgehen, brachte dem Tiere die erste Wunde bei und trank gierig 
das hervorquellende Blut; dann stürzte sich die ganze Gemeinde auf das 
Opfer, hieb mit den Schwertern Stücke des zuckenden Fleisches los und 
verzehrte sie roh in solcher Hast, daß in der kurzen Zwischenzeit 
zwischen dem Aufgang des Morgensterns, dem dieses Opfer galt, 
und dem Erblassen des Gestirns vor den Sonnenstrahlen alles vom Opfer- 
tier, Leib, Knochen, Haut, Fleisch und Eingeweide vertilgt war. Dieser 
barbarische, von höchster Altertümlichkeit zeugende Ritus war allen Be- 
weismitteln nach kein vereinzelter Gebrauch, sondern die allgemeine 
ursprüngliche Form des Totemopfers, die in späterer Zeit die ver- 
schiedensten Abschwächungen erfuhr. 



Die Totemmahlzeit nach Robertson Smith. 129 

Viele Autoren haben sich geweigert, der Konzeption der Totem- 
mahlzeit Gewicht beizulegen, weil sie durch die direkte Beobachtung 
auf der Stufe des Totemismus nicht erhärtet werden konnte. Robert- 
son Smith hat noch selbst auf die Beispiele hingewiesen, in denen 
die sakramentale Bedeutung der Opfer gesichert scheint, z. B. bei den 
Menschenopfern der Azteken, und auf andere, welche an die Bedingungen 
der Totemmahlzeit erinnern, die Bärenopfer des Bärenstammes der 
Ouataouaks in Amerika und die Bärenfeste der Ainos in Japan. 
Frazer hat diese und ähnliche Fälle in den beiden letzterschienenen 
Abteilungen seines großen Werkes ausführlich mitgeteilt. ') Ein Indianer- 
stamm in Kalifornien, der einen großen Raubvogel (Bussard) verehrt, 
tötet diesen in feierlicher Zeremonie einmal im Jahre, worauf er betrauert 
und seine Haut mit den Federn aufbewahrt wird. Die Zuniindianer 
in Neumexiko verfahren ebenso mit ihrer heiligen Schildkröte. 

In den Intichiuma Zeremonien der zentralaustralischen Stämme ist 
ein Zug beobachtet worden, welcher zu den Voraussetzungen von 
Robertson Smith vortrefflich stimmt. Jeder Stamm, der für die 
Vermehrung seines Totem, dessen Genuß ihm doch selbst verwehrt ist, 
Magie treibt, ist gehalten, bei der Zeremonie etwas von seinem Totem 
selbst zu genießen, ehe derselbe den anderen Stämmen zugänglich wird. 
Das schönste Beispiel für den sakramentalen Genuß des sonst verbotenen 
Totem soll sich nach Frazer bei den Bini in Westafrika in Verbindung 
iriit dem Begräbniszeremoniell dieser Stämme finden. 2 ) 

Wir aber wollen Robertson Smith in der Annahme folgen 
daß die sakramentale Tötung und gemeinsame Aufzehrung des sonst 
verbotenen Totemtieres ein bedeutungsvoller Zug der Totemreligion ge- 
wesen sei. 3 ) 

5. 

Stellen wir uns nun die Szene einer solchen Totemmahlzeit vor 
und statten sie noch mit einigen wahrscheinlichen Zügen aus, die bisher 
nicht gewürdigt werden konnten. Der Clan, der sein Totemtier bei 
feierlichem Anlasse auf grausame Art tötet und es roh verzehrt, Blut, 

*) The Golden Bough, Part V, Spirits of the com and of the wild ; 1912, in 
den Abschnitten : Eating the God und Killing the divine animal. 

2 ) Frazer, T. and Ex. T. II, p. 590. 

3 ) Die von verschiedenen Autoren (Marillier, Hubert und Mauss u. a.) 
gegen diese Theorie des Opfers vorgebrachten Einwendungen sind mir nicht unbekannt 
geblieben, haben aber den Eindruck der Lehren von Robertson Smith im wesent- 
lichen nicht beeinträchtigt. 

Totem and Tabu. 4 



-i 3Q IV. Die infantile Wiederkehr des Totemismus. 

Fleisch und Knochen; dabei sind die Stammesgenossen in die Ähnlichkeit 
der Totem verkleidet, imitieren es in Lauten und Bewegungen, als ob 
sie seine und ihre Identität betonen wollten. Es ist das Bewußtsein 
dabei, daß man eine jedem einzelnen verbotene Handlung ausführt, die 
nur durch die Teilnahme aller gerechtfertigt werden kann ; es darf sich 
auch keiner von der Tötung und der Mahlzeit ausschließen. Nach der 
Tat wird das hingemordete Tier beweint und beklagt. Die Totenklage 
ist eine zwangsmäßige, durch die Furcht vor einer drohenden Vergeltung 
erzwungene, ihre Hauptabsicht geht dahin, wie Robertson Smith bei 
einer analogen Gelegenheit bemerkt, die Verantwortlichkeit für die 
Tötung von sich abzuwälzen. 1 ) 

Aber nach dieser Trauer folgt die lauteste Festfreude, die Ent- 
fesselung aller Triebe und Gestattung aller Befriedigungen. Die Einsicht 
in das Wesen des Festes fällt uns hier ohne jede Mühe zu. 

Ein Fest ist ein gestatteter, vielmehr ein gebotener Exzeß, ein 
feierlicher Durchbruch eines Verbots. Nicht weil die Menschen infolge 
irgendeiner Vorschrift froh gestimmt sind, begehen sie die Ausschreitungen, 
sondern der Exzeß liegt im Wesen des Festes; die festliche Stimmung 
wird durch die Freigebung des sonst Verbotenen erzeugt. 

Was soll aber die Einleitung zu dieser Festesfreude, die Trauer über 
den Tod des Totemtieres? Wenn man sich über die Tötung des Totem, 
die sonst versagt ist, freut, warum trauert man auch über sie? 

Wir haben gehört, daß sich die Clangenossen durch den Genuß des 
Totem heiligen, in ihrer Identifizierung mit ihm und untereinander 
bestärken. Daß sie das heilige Leben, dessen Träger die Substanz des 
Totem ist, in sich aufgenommen haben, könnte ja die festliche Stimmung 
und alles, was aus ihr folgt, erklären. 

Die Psychoanalyse hat uns verraten, daß das Totemtier wirklich 
der Ersatz des Vaters ist, und dazu stimmte wohl der Widerspruch, daß 
es sonst verboten ist, es zu töten, und daß seine Tötung zur Festlichkeit 
wird, daß man das Tier tötet und es doch betrauert. Die ambivalente 
Gefühlseinstellung, welche den Vaterkomplex heute noch bei unseren 
Kindern auszeichnet und sich so oft ins Leben der Erwachsenen fortsetzt, 
würde sich auch auf den Vatersatz des Totemtiers erstrecken. 

Allein, wenn man die von der Psychoanalyse gegebene Übersetzung 
des Totem mit der Tatsache der Totemmahlzeit und der Darwinschen 
Hypothese über den Urzustand der menschlichen Gesellschaft zusammen- 

*) Religion of the Semites, 2nd edition 1907, p. 412. 



Entstellung der Männerverbände aus der Urhorde. i P1 

hält ergibt sich die Möglichkeit eines tieferen Verständnisses, der Aus- 
blick auf eine Hypothese, die phantastisch erscheinen mag, aber den 
Vorted bietet eine unvermutete Einheit zwischen bisher gesonderten 
Kernen von Phänomenen herzustellen. 

Die Darwinsche Urhorde hat natürlich keinen Raum für die 
Anfange des Totemismus. Ein gewalttätiger, eifersüchtiger Vater der 
alle Weibchen für sich behält und die heranwachsenden Sohne vT 
ü-eibt, nichts weiter. Dieser Urzustand der Gesellschaft ist nirgends 
Gegenstand der Beobachtung geworden. Was wir als primitivste Orga- 
nisation finden, was noch heute bei gewissen Stämmen in Kraft besteht 
das sind Männerverbände, die aus gleichberechtigten Mitgliedern 
b stehen und den Einschränkungen des totemistischen Systems unter- 
hegen, dabei mutterliche Erblichkeit. Kann das eine aus dem anderen 
hervorgegangen sein und auf welchem Wege war es möglich? 

Die Berufung auf die Feier der Totemmahlzeit gestattet uns eine 
Antwort zu geben: Eines Tages*) taten sich die ausgetriebenen BruTe 
zusammen, erschlugen und verzehrten den Vater »«/ . + 7 

Vaterhorde ein Ende. Vereint wao+L 2 a , f S ° der 

dem einzelnen unmöglich 2 kbef w är l^f™ zustande > ™ 
fortschritt die H,,^I k eDen Wdre - Vielleicht hatte ein Kultur- 

S2Äf .5Ä Ti -2 7? ihnen das Gefühl der 

den kannibale/wi den se lh!t ^n Röteten «^ ^zehrten, ist für 
gewiß das JSI^S^^ **!*?» *— ~ 
schar gewesen. Nnn setzten !T^Ti ein88 Jede " aUS der ßröder " 

mit ihm durch, iSÄT IT**" deS VerZehrenS die Wentifizierung 

Totemmahlzeit vielleicht das eH ^^f^f"- Stä ' ke «• Ä 
holung und di G^X,t f^l^^^T die Wiedei - 
mit welcher so vieles seil TT dflnk l wflr ^ MI ' -brecherischen Tat, 

die sittlichen Fi! T ^ nahm> d ' G S ° ZlaIen O^kationen, 

aie sittlichen Einschränkungen und die Religion.*) 

Um, von der Voraussetzung absehend, diese Folgen glaubwürdig 
zu nnden^ braucht man nur anzunehmen, daß die sich zusammenrottende 

') Zu dieser Darstellung, die sonst mißverständlich würde, bitte ich die Schluß 
Sätze der nachfolgenden Anmerkung als Korrektiv hinzunehmen. 

s ) Die ungeheuerlich erscheinende Annahme der Überwältigung und Tötun» des 
tyrannischen Vaters durch die Vereinigung der ausgetriebenen Söhne hat sich auch 
Atkinson als direkte Folgerung aus den Verhältnissen der Darwinschen Urhorde 
ergeben. „A youthful band of brothers living together in forced celibacy, or at most 
m polyandrous relation with some Single female captive. A horde as yet weak in 
their irapubescence they are, but they woald, when strength was gained with time 
inevitably wrench by comhined attacks renewed again and again, both wife and life 



9* 



132 



IV. Die infantile Wiederkehr des Totemismus. 



Brüderschar von denselben einander widersprechenden Gefühlen gegen 
d n Vater beherrscht war, die wir als Inhalt der Ambivalenz des \ater- 
tZvCL bei jedem unserer Kinder und unserer Neurotiker nachweisen 
Snnen Sie haßten den Vater, der ihrem Machtbedürmsund ton 
sexuellen Ansprüchen so mächtig im Wege stand ab er sie hebten i and be- 
wunderten ihn auch. Nachdem sie ihn beseitigt, ton Haß befn d gt 
und ihren Wunsch nach Identifizierung mit ihm durchgesetzt hatten 
mußten sich die dabei überwältigten zärtlichen Regungen zur G ltung 
bringen ') Es geschah in der Form der Reue, es entstand ein Schuld- 
b wußtsein, w,.ches hier mit der gemeinsam empfundenen Reue zusammen- 
fällt Der Tote wurde nun stärker, als der Lebende gewesen war; all 
dies' wie wir es noch heute an Menschenschicksalen sehen. VUs er 
früher durch seine Existenz verhindert hatte, das verboten sie sich jetzt 
frotn the pate mal tyrant' (Primal Law, p. 220-221). Atkinson der übrigens sein 
Le. n in Neu-Caledonien verbrachte nnd ungewöhnliche Gelegenheit zum Studium 
der geborenen hatte, beruft sich auch darauf, daß die von D.rw.n «PP«^ 
ZusrLcTe der Orhorde bei wilden Rinder- und Pferdeherden leicht zu beobachten 
sind und re, einzig zur Tötung des Vatertieres führen^ Er nimmt dann weiter an, 
Iß nacn d r Beseitigung des Vaters ein Zerfall der Horde durch den erb.tterten 
Kampf der »egreic ,en Söhne untereinander eintritt. Auf diese We.se käme eine neue 
Or-anwatioa Ter Gesellschaft niemals zustande : „an ever recurrmg violent success.on to 
the solitarv paternal tyrant by sons, whose parrioidal band, were so ,oo„ 
ag ain clenched in fratricidal »trife« ( P - 228). Atkinson, dem die Winke 
der Psychoanalyse nicht zu Gebote standen, und dem die Studien von Robertson 
Smith nicht bekannt waren, findet einen minder gewaltsamen Übergang von der 
Drhorde zur nä hsten sozialen Stufe, auf welcher zahlreiche Männer m fr.edhcher 
Gemeinschaft zusammenleben. Er läßt es die Mutterhebe durchsetzen, daß anfangs 
nur die jungen, später auch andere Söhne in der Horde verbieten, wofür diese 
Geduldeten das quelle Vorrecht des Vaters in Form der von ,hnen geübten Ent- 
sa-'un« neuen Mut er und Schwestern anerkennen. 

° Soviel über die höchst bemerkenswerte Theorie von Atkinson, ihre Über- 
einstimmung mit der hier vorgetrageneu im wesentlichen Punkte und ihre Ab- 
weichung davon, welche den Verzicht auf den Zusammenhang mit so vielem anderen 

mit sich bringt ,.,,,,. , r, ™„„ 

Die Unbestimmtheit, die zeitliche Verkürzung und inhaltliche Zusammen- 

drän-u.. - der An 4 ab,.n in meinen obenstehenden Ausführungen darf ich als eine durch 
die Natur des «iegenstnndes geforderte Enthaltung hinstellen. Es wäre ebenso un- 
sinnig in dieser Materie Exaktheit anzustreben, wie es unbillig wäre, Sicherheiten 

"'Toie^er n.uen Gefühlseinstellung mußte auch zugute kommen, daß die 
Tat keinem de, Täter die volle Befriedigung bringen konnte. Sie war in gewisser 
Hinsicht vergeblieh geschehen. Keiner der Söhne konnte ja seinen ™P*^" 
Wunsch durchsetzen; die Stelle des Vaters einzunehmen. Der Mißerfolg ist aber, wie 
wir bissen, der moralischen Reaktbn weit günstiger als die Befragung. 



Das Schuldbewußtsein und der nachträgliche Gehorsam. 133 

selbst in der psychischen Situation des uns aus den Psychoanalysen so 
wohl bekannten „nachträglichen Gehorsams". Sie widerriefen 
ihre Tat, indem sie die Tötung des Vaterersatzes, des Totem, für unerlaubt 
erklärten, und verzichteten auf deren Früchte, indem sie sich die frei- 
gewordenen Frauen versagten. So schufen sie aus dem Schuld bewußt- 
sein des Sohnes die beiden fundamentalen Tabu des Totemismus, die 
eben darum mit den beiden verdrängten Wünschen des Ödipuskomplexes 
übereinstimmen mußten. Wer dawiderhandelte, machte sich der beiden 
einzigen Verbrechen schuldig, welche die primitive Gesellschaft be- 
kümmerten. 1 ) 

Die beiden Tabu des Totemismus, mit denen die Sittlichkeit der 
Menschen beginnt, sind psychologisch nicht gleichwertig. Nur das eine, 
die Schonung des Totemtieres, ruht ganz auf Gefühlsmotiven; der Vater 
war ja beseitigt, in der Realität war nichts mehr gutzumachen. Das 
andere aber, das Inzestverbot., hatte auch eine starke praktische Be- 
gründung. Das sexuelle Bedürfnis einigt die Männer nicht, sondern ent- 
zweit sie. Hatten sich die Brüder verbündet, um den Vater zu über- 
wältigen, so war jeder des anderen Nebenbuhler bei den Frauen. Jeder 
hätte sie wie der Vater alle für sich haben wollen, und in dem Kampfe 
aller gegen alle wäre die neue Organisation zu Grunde gegangen. Es 
war auch kein Überstarker mehr da, der die Rolle des Vaters mit Erfolg 
hätte aufnehmen können. Somit blieb den Brüdern, wenn sie miteinan- 
der leben wollten, nichts übrig, als — vielleicht nach Überwindung schwerer 
Zwischenfälle — das Inzestverbot aufzurichten, mit welchem sie alle zugleich 
auf die von ihnen begehrten Frauen verzichteten, um deren wegen sie doch 
in erster Linie den Vater beseitigt hatten. Sie retteten so die Organisation, 
welche sie stark gemacht hatte, und die auf homosexuellen Gefühlen und Be- 
tätigungen ruhen konnte, welche sich in der Zeit der Vertreibung bei ihnen 
eingestellt haben mochten. Vielleicht war es auch diese Situation, welche den 
Keim zu den von Bachofen erkannten Institutionen des M utterrechts 
legte, bis dieses von der patriarchalischen Familienordnung abgelöst wurde. 
An das andere Tabu, welches das Leben des Totemtieres beschützt, 
knüpft hingegen der Anspruch des Totemismus an, als erster Versuch 
einer Religion gewertet zu werden. Bot sich dem Empfinden der Söhne 
das Tier als natürlicher und nächstliegender Ersatz der Vaters, so fand 
in der ihnen zwanghaft gebotenen Behandlung 1 desselben doch noch mehr 

*) „Murder and incest, or offences of a like kind against ths sacred law of blood 
are in primitive society the only crimes of which the Community as such takes cogni- 
sance ..." Religion of the Semites, p. 419. 



^34 IV. Die infantile Wiederkehr des Totemismus. 

Ausdruck als das Bedürfnis, ihre Reue zur Darstellung zu bringen. Es 
konnte mit dem Vatersurrogat der Versuck gemacht werden, das 
brennende Schuldgefühl zu beschwichtigen, eine Art von Aussöhnung mit 
dem Vater zu bewerkstelligen. Das totemistische System war gleichsam 
ein Vertrag mit dem Vater, in dem der letztere all das zusagte, was die 
kindliche Phantasie vom Vater erwarten durfte, Schutz, Fürsorge und 
Schonung, wogegen man sich verpflichtete, sein Leben zu ehren, d. h. die 
Tat an ihm nicht zu wiederholen, durch die der wirkliche Vater zu 
Grunde gegangen war. Es lag auch ein Rechfertigungversuch im Totem- 
ismus. „Hätte der Vater uns behandelt wie der Totem, wir wären nie 
in die Versuchung gekommen, ihn zu töten." So verhalf der Totemismus 
dazu, die Verhältnisse zu beschönigen und das Ereignis vergessen zu 
machen, dem er seine Entstehung verdankte. 

Es wurden hiebei Züge geschaffen, die fortan für den Charakter 
jeder Religion bestimmend blieben. Die Totemreligion war aus dem 
Schuldbewußtsein der Söhne hervorgegangen als Versuch, dies Gefühl zu 
beschwichtigen und den beleidigten Vater durch nachträglichen Gehorsam 
zu versöhnen. Alle späteren Religionen erweisen sich als Lösungs- 
versuche desselben Problems, variabel je nach dem kulturellen Zustand, 
in dem sie unternommen werden, und nach den Wegen, die sie ein- 
schlagen, aber es sind alle gleichzielende Reaktionen auf dieselbe große 
Begebenheit, mit der die Kultur begonnen hat, und die seitdem die 
Menschheit nicht zur Ruhe kommen läßt. 

Auch ein anderer Charakter, den die Religion treu bewahrt hat, 
ist damals schon im Totemismus hervorgetreten. Die Ambivalenz- 
spannung war wohl zu groß, um durch irgendeine Veranstaltung ausge- 
glichen zu werden, oder die psychologischen Bedingungen sind der Er- 
ledigung dieser Gefühlsgegensätze überhaupt nicht günstig. Man merkt 
jedenfalls, daß die dem Vaterkomplex anhaftende Ambivalenz sich auch 
in den Totemismus und in die Religionen überhaupt fortsetzt. Die Re- 
ligion des Totem umfaßt nicht nur die Äußerungen der Reue und die 
Versuche der Versöhnung, sondern dient auch der Erinnerung an den 
Triumph über den Vater. Die Befriedigung darüber läßt das Erinnerungs- 
fest der Totemmahlzeit einsetzen, bei dem die Einschränkungen des nach, 
träglichen Gehorsams wegfallen, macht es zur Pflicht, das Verbrechen 
des Vatermordes in der Opferung des Totemtieres immer wieder von 
neuem zu wiederholen, so oft der festgehaltene Erwerb jener Tat, die 
Aneignung der Eigenschaften des Vaters, infolge der verändernden Ein- 
flüsse des Lebens zu entschwinden droht. Wir werden nicht überrascht 



Der Totemismus als Religion. X3b 

sein, zu finden, daß auch der Anteil des Sohnestrotzes, oft in den merk- 
würdigsten Verkleidungen und Umwendungen, in späteren Religions- 
bildungen wieder auftaucht. 

Verfolgen wir in Religion und sittlicher Vorschrift, die im Totemismus 
noch wenig scharf gesondert sind, bisher die Folgen der in Reue ver- 
wandelten zärtlichen Strömung gegen den Vater, so wollen wir doch 
nicht übersehen, daß im wesentlichen die Tendenzen, welche zum Vater- 
mord gedrängt haben, den Sieg behalten. Die sozialen Brudergefühle, 
auf denen die große Umwälzung ruht, bewahren von nun an über lange 
Zeiten den tiefgehendsten Einfluß auf die Entwicklung der Gesellschaft. 
Sie schaffen sich Ausdruck in der Heiligung des gemeinsamen Blutes, in 
der Betonung der Solidarität aller Leben desselben Clans. Indem die 
Brüder sich einander so das Leben zusichern, sprechen sie aus, daß 
niemand von ihnen vom anderen behandelt werden dürfe, wie der Vater 
von ihnen allen gemeinsam. Sie schließen eine Wiederholung des Vater- 
schicksals aus. Zum religiös begründeten Verbot, den Totem zu töten, 
kommt nun das sozial begründete Verbot des Brudermordes hinzu. Es 
wird dann noch lange währen, bis das Gebot die Einschränkung auf den 
Stammesgenossen abstreifen und den einfachen Wortlaut annehmen wird : 
Du sollst nicht morden. Zunächst ist an Stelle der Vaterhorde der 
Brüderclan getreten, welcher sich durch das Blutband versichert hat. 
Die Gesellschaft ruht jetzt auf der Mitschuld an dem gemeinsam verübten 
Verbrechen, die Religion auf dem Schuldbewußtsein und der Reue darüber, 
die Sittlichkeit teils auf den Notwendigkeiten dieser Gesellschaft, zum 
anderen Teil auf den vom Schuldbewußtsein geforderten Bußen. 

Im Gegensatz zu den neueren und in Anlehnung an die älteren 
Auffassungen des totemistischen Systems heißt uns also die Psychoanalyse 
einen innigen Zusammenhang und gleichzeitigen Ursprung von Totemismus 
und Exogamie vertreten. 

6. 
Ich stehe unter der Einwirkung einer großen Anzahl von starken 
Motiven, die mich vom Versuche zurückhalten werden, die weitere Ent- 
wicklung der Religionen von ihrem Beginn im Totemismus an bis zu 
ihrem heutigen Stande zu schildern. Ich will nur zwei Fäden hindurch 
verfolgen, wo ich sie im Gewebe besonders deutlich auftauchen sehe: 
Das Motiv des Totemopfers und das Verhältnis des Sohnes zum Vater. 1 ) 

*) Vgl. die zum Teil von abweichenden Gesichtspunkten beherrschte Arbeit von 
C. G. Jung, Wandlungen und Symbole der Libido. Jahrbuch von Bleuler -Freud. 
IV., 1912. 



■jqq IV. Die infantile Wiederkehr des Totemismus. 

Robertson Smith hat uns belehrt, daß die alte Totemmahlzeit 
in der ursprünglichen Form des Opfers wiederkehrt. Der Sinn der 
Handlung ist derselbe: Die Heiligung durch die Teilnahme an der ge- 
meinsamen Mahlzeit; auch das Schuldbewußtsein ist dabei geblieben, 
welches nur durch die Solidarität aller Teilnehmer beschwichtigt werden 
kann. Neu hinzugekommen ist die Stammesgottheit, in deren gedachter 
Gegenwart das Opfer stattfindet, die an dem Mahle teilnimmt wie ein 
Stammesgenosse, und mit der man sich durch den Genuß am Opfer 
identifiziert. Wie kommt der Gott in die ihm ursprünglich fremde 

Situation? 

Die Antwort könnte lauten, es sei unterdes — unbekannt woher 
— die Gottesidee aufgetaucht, habe sich das ganze religiöse Leben unter- 
worfen, und wie alles andere, was bestehen bleiben wollte, hätte auch 
die Totemmahlzeit den Anschluß an das neue System gewinnen müssen. 
Allein die psychoanalytische Erforschung des einzelnen Menschen lehrt 
mit einer ganz besonderen Nachdrücklichkeit, daß für jeden der Gott nach 
dem Vater gebildet ist, daß sein persönliches Verhältnis zu Gott von 
seinem Verhältnis zum leiblichen Vater abhängt, mit ihm schwankt und 
sich verwandelt, und daß Gott im Grunde nichts anderes ist als ein er- 
höhter Vater. Die Psychoanalyse rät auch hier wie im Falle des Totem- 
ismus, den Gläubigen Glauben zu schenken, die Gott Vater nennen, wie 
sie den Totem Ahnherrn genannt haben. Wenn die Psychoanalyse irgend- 
welche Beachtung verdient, so muß, unbeschadet aller anderen Ursprünge 
und Bedeutungen Gottes, auf welche die Psychoanalyse kein Licht werfen 
kann, der Vateranteil an der Gottesidee ein sehr gewichtiger sein. Dann 
wäre aber in der Situation des primitiven Opfers der Vater zweimal 
vertreten, einmal als Gott und dann als das Totemopfertier, und bei 
allem Bescheiden mit der geringen Mannigfaltigkeit der psychoanalytischen 
Lösungen müssen wir fragen, ob das möglich ist und welchen Sinn es 
haben kann. 

Wir wissen, daß mehrfache Beziehungen zwischen dem Gott und 
dem heiligen Tier (Totem, Opfertier) bestehen: 1. Jedem Gott ist ge- 
wöhnlich ein Tier heilig, nicht selten selbst mehrere; 2. in gewissen, 
besonders heiligen^Opfern, den „mystischen" wurde dem Gotte gerade 
das ihm geheiligte Tier zum Opfer dargebracht; 1 ) 3. der Gott wurde 
häufig in der Gestalt eines Tieres verehrt oder, anders gesehen, Tiere 
genossen göttliche Verehrung lange nach dem Zeitalter des Totemismus; 
4. in den Mythen verwandelt sich der Gott häufig in ein Tier, oft in das 
*) Robertson Smith, Religion of the Semites. 



Gott und Totem. jg n 

ihm geheiligte. So läge die Annahme nahe, daß der Gott selbst das 
Totemtier wäre, sich auf einer späteren Stufe des religiösen Fühlens aus 
dem Totemtier entwickelt hätte. Aller weiteren Diskussion überhebt uns 
aber die Erwägung, daß der Totem selbst nichts anderes ist als ein 
Vaterersatz. So mag er die erste Form des Vaterersatzes sein, der Gott 
aber eine spätere, in welcher der Vater seine menschliche Gestalt wieder- 
gewonnen. Eine solche Neuschöpfung aus der Wurzel aller Religions- 
bildung, der Vatersehns ucht, konnte möglich werden, wenn sich im 
Laufe der Zeiten am Verhältnis zum Vater — und vielleicht auch zum 
Tiere — Wesentliches geändert hatte. 

Solche Veränderungen lassen sich leicht erraten, auch wenn man 
von dem Beginn einer psychischen Entfremdung von dem Tier und von 
der Zersetzung des Totemismus durch die Domestikation absehen will. 1 ) 
In der durch die Beseitigung des Vaters hergestellten Situation lag ein 
Moment, welches im Laufe der Zeit eine außerordentliche Steigerung der 
Vatersehnsucht erzeugen mußte. Die Brüder, welche sich zur Tötung des 
Vaters zusammengetan hatten, waren ja jeder für sich vom Wunsche 
beseelt gewesen, dem Vater gleich zu werden, und hatten diesem Wunsche 
durch Einverleibung von Teilen seines Ersatzes in der Totemmahlzeit 
Ausdruck gegeben. Dieser Wunsch mußte infolge des Druckes, welchen 
die Bande des Brüderclan auf jeden Teilnehmer übten, unerfüllt bleiben. 
Es konnte und durfte niemand mehr die Machtvollkommenheit des Vaters 
erreichen, nach der sie doch alle gestrebt hatten. Somit konnte im Laufe 
langer Zeiten die Erbitterung gegen den Vater, die zur Tat gedrängt 
hatte, nachlassen, die Sehnsucht nach ihm wachsen, und es konnte ein 
Ideal entstehen, welches die Machtfülle und Unbeschränktheit des einst 
bekämpften Urvaters und die Bereitwilligkeit, sich ihm zu unterwerfen, 
zum Inhalt hatte. Die ursprüngliche demokratische Gleichstellung aller 
einzelnen Stammesgenossen war infolge einschneidender kultureller Ver- 
änderungen nicht mehr festzuhalten ; somit zeigte sich eine Geneigtheit, 
in Anlehnung an die Verehrung einzelner Menschen, die sich vor anderen 
hervorgetan hatten, das alte Vaterideal in der Schöpfung von Göttern 
wieder zu beleben. Daß ein Mensch zum Gott wird und daß ein Gott 
stirbt, was uns heute als empörende Zumutung erscheint, war ja noch 
für das Vorstellungsvermögen des klassischen Altertums keineswegs an- 
stößig. 2 ) Die Erhöhung des einst gemordeten Vaters zum Gott, von dem 

*) S. 0. p. 127. 

2 ) „To us moderns for whom tue breach which divides the human and the 
divine has deepened into an impassible gulf such mimicry may appear impious, bat 
it was otherwise with the ancients. To their thinking gods and men were akin, for 



i go IV. Die infantile Wiederkehr des Totemisnius. 

nun der Stamm seine Herkunft ableitete, war aber ein weit ernsthafterer 
Sübneversuch als seinerzeit der Vertrag mit dem Totem. 

Wo sich in dieser Entwicklung die Stelle für die großen Mutter- 
gottheiten findet, die vielleicht allgemein den Vatergöttern vorher- 
gegangen sind, weiß ich nicht anzugeben. Sicher scheint aber, daß die 
Wandlung im Verhältnis zum Vater sich nicht auf das religiöse Gebiet 
beschränkte, sondern folgerichtig auf die andere durch die Beseitigung 
des Vaters beeinflußte Seite des menschlichen Lebens, auf die soziale 
Organisation, Übergriff. Mit der Einsetzung der Vatergottheiten wandelte 
sich die vaterlose Gesellschaft allmählich in die patriarchalisch geordnete 
um. Die Familie war eine Wiederherstellung der einstigen Urhorde und 
gab den Vätern auch ein großes Stück ihrer früheren Rechte wieder. 
Es gab jetzt wieder Väter, aber die sozialen Errungenschaften des Brüder- 
clan waren nicht aufgegeben worden, und der faktische Abstand der 
neuen Familienväter vom unumschränkten Urvater der Horde war groß 
genug, um die Fortdauer des religiösen Bedürfnisses, die Erhaltung der 
ungestillten Vatersehnsucht, zu versichern. 

In der Opferszene vor dem Stammesgott ist also der Vater wirk- 
lich zweimal enthalten, als Gott und als Totemopfertier. Aber bei dem 
Versuch, diese Situation zu verstehen, werden wir uns vor Deutungen 
in acht nehmen, welche sie in flächenhafter Auffassung wie eine 
Allegorie übersetzen wollen und dabei der historischen Schichtung ver- 
gessen. Die zweifache Anwesenheit des Vaters entspricht den zwei ein- 
ander zeitlich ablösenden Bedeutungen der Szene. Die ambivalente Ein- 
stellung gegen den Vater hat hier plastischen Ausdruck gefunden und 
ebenso der Sieg der zärtlichen Gefühlsregungen des Sohnes über seine 
feindseligen. Die Szene der Überwältigung des Vaters, seiner größten Er- 
niedrigung, ist hier zum Material für eine Darstellung seines höchsten 
Triumphes geworden. Die Bedeutung, die das Opfer ganz allgemein ge- 
wonnen hat, liegt eben darin, daß es dem Vater die Genugtuung für die 
an ihm verübte Schmach in derselben Handlung bietet, welche die 
Erinnerung an diese Untat fortsetzt. 

In weiterer Folge verliert das Tier seine Heiligkeit und das Opfer 
die Beziehung zur Totemfeier; es wird zu einer einfachen Darbringung 
an die Gottheit, zu einer Selbstentäußerung zu Gunsten des Gottes. 
Gott selbst ist jetzt so hoch über den Menschen erhaben, daß man mit 

many families traced ther descent from a divinity, and the deification of a man pro- 
bably seemed as litÜe extraordinary to them as the canonisation of a saint seeras 
to a modern catholic." Frazer, Golden Bough I. The magic art and the evolution 
of kings. IL, p. 177. 




Das Opfer vor Gott. — Die Wiedereinsetzung des Vaters. 13 g 

ihm nur durch die Vermittlung des Priesters verkehren kann. Gleich- 
zeitig kennt die soziale Ordnung göttergleiche Könige, welche das patri- 
archalische System auf den Staat übertragen. Wir müssen sagen, die 
Rache des gestürzten und wiedereingesetzten Vaters ist eine harte ge- 
worden, die Herrschaft der Autorität steht auf ihrer Höhe. Die unter- 
worfenen Söhne haben das neue Verhältnis dazu benützt, um ihr Schuld- 
bewußtsein noch weiter zu entlasten. Das Opfer, wie es jetzt ist fällt 
ganz aus ihrer Verantwortlichkeit heraus. Gott selbst hat es verlangt 
und angeordnet. Zu dieser Phase gehören Mythen, in welchen der Gott 
selbst das Tier tötet, das ihm heilig ist, das er eigentlich selbst ist. Dies 
ist die äußerste Verläugnung der großen Untat, mit welcher die Gesell- 
schaft und das Schuldbewußtsein begann. Eine zweite Bedeutung dieser 
letzteren Opferdarstellung ist nicht zu verkennen. Sie drückt die Be- 
friedigung darüber aus, daß man den früheren Vaterersatz zu Gunsten 
der höheren Gottesvorstellung verlassen hat. Die flach allegorische Über- 
setzung der Szene fällt hier ungefähr mit ihrer psychoanalytischen 
Deutung zusammen. Jene lautet : Es werde dargestellt, daß der Gott den 
tierischen Anteil seines Wesens überwindet. 1 ) 

Es wäre indes irrig, wenn man glauben wollte, in diesen Zeiten 
der erneuerten Vaterautorität, seien die feindseligen Regungen, welche 
dem Vaterkomplex zugehöreu, völlig verstummt. Aus den ersten Phasen 
der Herrschaft der beiden neuen Vaterersatzbildungen, der Götter und 
der Könige, kennen wir vielmehr die energischesten Äußerungen jener 
Ambivalenz, welche für die Religion charakteristisch bleibt. 

Frazer hat in seinem großen Werk „The Golden Bough" die 
Vermutung ausgesprochen, daß die ersten Könige der lateinischen Stämme 
Fremde waren, welche die Rolle einer Gottheit spielten und in dieser 
Rolle an einem bestimmten Festtage feierlich hingerichtet wurden. Die 
jährliche Opferung (Variante: Selbstopferung) eines Gottes scheint ein 
wesentlicher Zug der semitischen Religionen gewesen zu sein. Das 
Zeremoniell der Menschenopfer an den verschiedensten Stellen der be- 
wohnten Erde läßt wenig Zweifel darüber, daß diese Menschen als Re- 
präsentanten der Gottheit ihr Ende fanden, und in der Ersetzung des 

J ) Die Überwindung einer Göttergeneration durch eine andere in den Mytho- 
logien bedeutet bekanntlich den historischen Vorgang der Ersetzung eines religiösen 
Systems durch ein neues, sei es infolge von Eroberung durch ein Fremdvolk oder 
auf dem Wege psychologischer Entwicklung. Im letzteren Falle nähert sich der Mythus 
den „funktionalen Phänomenen" im Sinne von H. Silberer Daß der das Tier tötende 
Gott ein Libidosymbol ist, wie C. G. Jung (1. c) behauptet, setzt einen anderen Begriff 
der Libido als den bisher verwendeten voraus und erscheint mir überhaupt fragwürdig. 



•, 4Q IV. Die infantile Wiederkehr des Totemismus. 

lebenden Menschen durch eine leblose Nachahmung (Puppe) läßt sich 
dieser Opfergebrauch noch in späte Zeiten verfolgen. Das theanthropische 
Gottesopfer, welches ich hier leider nicht mit der gleichen Vertiefung 
wie das Tieropfer behandeln kann, wirft ein helles Licht nach rück- 
wärts auf den Sinn der älteren Opferformen. Es bekennt mit kaum zu 
überbietender Aufrichtigkeit, daß das Objekt der Opferhandlung immer 
das nämliche war, dasselbe, was nun als Gott verehrt wird, der Vater 
also. Die Frage nach dem Verhältnis von Tier- und Menschenopfer findet 
jetzt eine einfache Lösung. Das ursprüngliche Tieropfer war bereits ein 
Ersatz für ein Menschenopfer, für die feierliche Tötung des Vaters, und als 
der Vaterersatz seine menschliche Gestalt wieder erhielt, konnte sich das 
Tieropfer auch wieder in das Menschenopfer verwandeln. 

So hatte sich die Erinnerung an jene erste große Opfertat als unzer- 
störbar erwiesen, trotz aller Bemühungen, sie zu vergessen, und gerade 
als man sich von ihren Motiven am weitesten entfernen wollte, mußte 
in der Form des Gottesopfers ihre unentstellte Wiederholung zu Tage 
treten. Welche Entwicklungen des religiösen Denkens als Rationali- 
sierungen diese Wiederkehr ermöglicht haben, brauche ich an dieser 
Stelle nicht auszuführen. Robertson Smith, dem ja unsere Zurück- 
führung des Opfers auf jenes große Ereignis der menschlichen Ur- 
geschichte ferne liegt, gibt an, daß die Zeremonien jener Feste, mit denen 
die alten Semiten den Tod einer Gottheit feierten, als „commemo- 
ration of a mythical tragedy" ausgelegt wurden, und daß die 
Klage dabei nicht den Charakter einer spontanen Teilnahme hatte, son- 
dern etwas Zwangsmäßiges, von der Furcht vor dem göttlichen Zorn 
Gebotenes an sich trug. 1 ) Wir glauben zu erkennen, daß diese Aus- 
legung im Rechte war, und daß die Gefühle der Feiernden m der zu 
Grunde liegenden Situation ihre gute Aufklärung fanden. 

Nehmen wir es nun als Tatsache hin, daß auch in der weiteren 
Entwicklung der Religionen die beiden treibenden Faktoren, das Schuld- 
bewußtsein des Sohnes und der Sohnestrotz, niemals erlöschen. Jeder 
Lösungsversuch des religiösen Problems, jede Art der Versöhnung der 
beiden widerstreitenden seelischen Mächte wird allmählich hinfällig, 
wahrscheinlich unter dem kombinierten Einfluß von kulturellen Ände- 
rungen, historischen Ereignissen und inneren psychischen Wandlungen. 

») Religion of the Semites, p. 412-413. „The mourning is not a spontaneous 
expression of sympathy with the divine tragedy but obligatory and enforced by fear 
of supernataral anger. And a chief object of the mourners is to disclaim res- 
ponsibility for thegods death - a point which has already come before us 
in connection with theanthropic sacrifices, such as the „oxmurder at Athens". 



Die Ersetzung der Vatergottheiten durch Sohnesgötter. 141 

Mit immer größerer Deutlichkeit tritt das Bestreben des Sohnes 
hervor, sich an die Stelle des Vatergottes zu setzen. Mit der Einführung 
des Ackerbaues hebt sich die Bedeutung des Sohnes in der patriarchali- 
schen Familie. Er getraut sich neuer Äußerungen seiner inzestuösen 
Libido, die in der Bearbeitung der Mutter Erde eine symbolische Be- 
friedigung findet. Es entstehen die Göttergestalten des Attis, Adonis, 
Tammuz u. a., Vegetationsgeister und zugleieh jugendliche Gottheiten, 
welche die Liebesgunst mütterlicher Gottheiten genießen, den Mutter- 
inzest dem Vater zum Trotze durchsetzen. Allein das Schuldbewußtsein, 
welches durch diese Schöpfungen nicht beschwichtigt ist, drückt sich in 
den Mythen aus, die diesen jugendlichen Geliebten der Muttergöttinnen 
ein kurzes Leben und eine Bestrafung durch Entmannung oder durch 
den Zorn des Vatergottes in Tierform bescheiden. Adonis wird durch 
den Eber getötet, das heilige Tier der Aphrodite ; Attis, der Geliebte der 
Kybele, stirbt an Entmannung. l ) Die Beweinung und die Freude über 
die Auferstehung dieser Götter ist in das Rituale einer anderen Sohnes- 
gottheit übergegangen, welche zu dauernderem Erfolge bestimmt war. 

Als das Christentum seinen Einzug in die antike Welt begann, traf 
es auf die Konkurrenz der Mithrasreligion, und es war für eine Weile 
zweifelhaft, welcher Gottheit der Sieg zufallen würde. 

Die lichtumfiossene Gestalt des persischen Götterjünglings ist doch 
unserem Verständnis dunkel geblieben. Vielleicht darf man aus den Dar- 
stellungen der Stiertötungen durch Mithras schließen, daß er jenen Sohn 
vorstellte, der die Opferung des Vaters allein vollzog und somit die 
Brüder von der sie drückenden Mitschuld an der Tat erlöste. Es gab 
einen anderen Weg zur Beschwichtigung dieses Schuldbewußtseins und 
diesen beschritt erst Christus. Er ging hin und opferte sein eigenes 
Leben und dadurch erlöste er die Brüderschar von der Erbsünde. 

*) Die Kastrationsangst spielt eine außerordentlich große Rolle in der Störung 
des Verhältnisses zum Vater bei unseren jugendlichen Neurotikern. Aus der schönen 
Beobachtung von Ferenczi haben wir ersehen, wieder Knabe seinen Totem indem 
Tier erkennt, welches nach seinem kleinen Gliede schnappt. Wenn unsere Kinder von 
der rituellen Beschneidung erfahren, stellen sie dieselbe der Kastration gleich. Die 
völkerpsychologische Parallele zu diesem Verhalten der Kinder ist meines Wissens 
noch nicht ausgeführt worden. Die in der Urzeit und bei primitiven Völkern so 
häufige Beschneidung gehört dem Zeitpunkt der Männerweihe an, wo sie ihre Be- 
deutung finden muß, und ist erst sekundär in frühere Lebenszeiten zurückgeschoben 
worden. Es ist überaus interessant, daß die Beschneidung bei den Primitiven mit 
Haarabschneiden und Zahnausschlagen kombiniert oder durch sie ersetzt ist, und daß 
unsere Kinder, die von diesem Sachverhalt nichts wissen können, in ihren Angst- 
reaktionen diese beiden Operationen wirklich wie Äquivalente der Kastration be- 
handeln. 



149 IV. Die infantile Wiederkehr des Totemisinus. 

Die Lehre von der Erbsünde ist orphischer Herkunft; sie wurde 
in den Mysterien erhalten und drang von da aus in die Philosophen- 
schulen des griechischen Alterturas ein. 1 ) Die Menschen waren die Nach- 
kommen von Titanen, welche den jungen Dionysos-Zagreus getötet und 
zerstückelt hatten ; die Last dieses Verbrechens drückte auf sie. In einem 
Fragment von Anaximander wird gesagt, daß die Einheit der Welt 
durch ein urzeitliches Verbrechen zerstört worden sei, und daß alles, 
was daraus hervorgegangen, die Strafe dafür weiter tragen muß. 2 ) Er- 
innert die Tat der Titanen durch die Züge der Zusammenrottung, der 
Tötung und Zerreißung deutlich genug an das von St. Nilus beschrie- 
bene Totemopfer, — wie übrigens viele andere Mythen des Altertums 
z. B. der Tod des Orpheus selbst — so stört uns hier doch die Ab- 
weichung, daß die Mordtat an einem jugendlichen Gotte vollzogen wird. 
Im christlichen Mythus ist die Erbsünde des Menschen unzweifel- 
haft eine Versündigung gegen Gottvater. Wenn nun Christus die Menschen 
von dem Druck der Erbsünde erlöst, indem er sein eigenes Leben opfert, 
so zwingt er uns zu dem Schluß, daß diese Sünde eine Mordtat war. 
Nach dem im menschlichen Fühlen tiefgewurzelten Gesetz der Talion 
kann ein Mord nur durch die Opferung eines anderen Lebens gesühnt 
werden; die Selbstaufopferung weist auf eine Blutschuld zurück. 3 ) Und 
wenn dieses Opfer des eigenen Lebens die Versöhnung mit Gottvater 
herbeiführt, so kann das zu sühnende Verbrechen kein anderes als der 
Mord am Vater gewesen sein. 

So bekennt sich denn in der christlichen Lehre die Menschheit am 
unverhülltesten zu der schuldvollen Tat der Urzeit, weil sie nun im 
Opfertod des einen Sohnes die ausgiebigste Sühne für sie gefunden hat. 
Die Versöhnung mit dem Vater ist um so gründlicher, weil gleichzeitig 
mit diesem Opfer der volle Verzicht auf das Weib erfolgt, um dessen 
Willen man sich gegen den Vater empört hatte. Aber nun fordert auch 
das psychologische Verhängnis der Ambivalenz seine Rechte. Mit der 
gleichen Tat, welche dem Vater die größtmögliche Sühne bietet, erreicht 
auch der Sohn das Ziel seiner Wünsche gegen den Vater. Er wird selbst 
zum Gott neben, eigentlich an Stelle des Vaters. Die Sohnesreligion löst 
die Vaterreligion ab. Zum Zeichen dieser Ersetzung wird die alte Totem- 
mahlzeit als Kommunion wieder belebt, in welcher nun die Brüderschar 



J ) Rein ach, Cultes, Mythes et Religions, IL, p. 75 ff. 
*) „Une sorte de peche proethnique" 1. c, p. 76. 

a ) Die Selbstmordinipulse unserer Neurotiker erweisen sich regelmäßig als Selbst- 
bestrafungen für Todeswünsche, die gegen andere gerichtet sind. 



Das Zeugnis der Erbsünde. 143 

vom Fleisch und Blut des Sohnes, nicht mehr des Vaters, genießt, sich 
durch diesen Genuß heiligt und mit ihm identifiziert. Unser Blick ver- 
folgt durch die Länge der Zeiten die Identität der Totemmahlzeit mit 
dem Tieropfer, dem theanthropischen Menschenopfer und mit der christ- 
lichen Eucharistie und erkennt in all diesen Feierlichkeiten die Nach- 
wirkung jenes Verbrechens, welches die Menschen so sehr bedrückte, 
und auf das sie doch so stolz sein mußten. Die christliche Kommunion 
ist aber im Grunde eine neuerliche Beseitigung des Vaters, eine Wieder- 
holung der zu sühnenden Tat. Wir merken, wie berechtigt der Satz von 
Frazer ist, daß „the Christian communion has absorbed within itself 
a sacrament which is doubtless far older than Christianity". 1 ) 

7. 

Ein Vorgang wie die Beseitigung des Urvaters durch die Brüder- 
schar mußte unvertilgbare Spuren in der Geschichte der Menschheit 
hinterlassen und sich in desto zahlreicheren Ersatzbildungen zum Aus- 
druck bringen, je weniger er selbst erinnert werden sollte. 2 ) Ich gehe 
der Versuchung aus dem Wege, diese Spuren in der Mythologie, wo sie 
nicht schwer zu finden sind, nachzuweisen und wende mich einem 
anderen Gebiete zu, indem ich einem Fingerzeig von S. Reinach in 
einer inhaltsreichen Abhandlung über den Tod des Orpheus folge. 8 ) 

In der Geschichte der griechischen Kunst gibt es eine Situation, 
welche auffällige Ähnlichkeiten und nicht minder tiefgehende Verschie- 

') Eating the God, p. 51 Niemand, der mit der Literatur des Gegen- 
standes vertraut ist, wird annehmen, daß die Zurückführung der christlichen Kom- 
munion auf die Totemmahlzeit eine Idee des Schreibers dieses Aufsatzes sei. 

2 ) Ariel im „Sturm": 

Füll fathom five thy father lies: 
Of bis bones are coral made; 
Those are pearls that were his eyes; 
Nothing of him that doth fade 
But doth suffer a sea-change 
Into something rieh and stränge. 
In der schönen Übersetzung von Schlegel: 

Fünf Faden tief liegt Vater dein. 
Sein Gebein wird zu Korallen, 
Perlen sind die Augen sein. 
Nichts an ihm, das soll verfallen, 
Das nicht wandelt Meeres-Hut 
In ein reich und seltnes Gut. 

3 ) La Mort d'Orphee in dem hier oft zitierten Buche: Cultes, Mythes et 
Religions. T. II, p. 100 ff. 






144 IV. Die infantile Wiederkehr des Totemismus. 

denheiten mit der von Kobertson Smith erkannten Szene der Totem- 
mahlzeit zeigt. Es ist die Situation der ältesten griechischen Tragödie. 
Eine Schar von Personen, alle gleich benannt und gleich gekleidet, um- 
steht einen einzigen, von dessen Reden und Handeln sie alle abhängig 
sind: es ist der Chor und der ursprünglich einzige Heldendarsteller! 
Spätere Entwicklungen brachten einen zweiten und dritten Schauspieler 
um Gegenspieler und Abspaltungen des Helden darzustellen, aber der 
Charakter des Helden wie sein Verhältnis zum Chor blieben unverändert. 
Der Held der Tragödie mußte leiden; dies ist noch heute der wesent- 
liche Inhalt einer Tragödie. Er hatte die sogenannte „tragische Schuld« 
auf sich geladen, die nicht immer leicht zu begründen ist ; sie ist oft 
keine Schuld im Sinne des bürgerlichen Lebens. Zumeist bestand sie in 
der Auflehnung gegen eine göttliche oder menschliche Autorität, und der 
Chor begleitete den Helden mit seinen sympathischen Gefühlen, suchte 
ihn zurückzuhalten, zu warnen, zu mäßigen und beklagte ihn, nachdem 
er für sein kühnes Unternehmen die als verdient hingestellte Bestrafung 
gefunden hatte. 

Warum muß aber der Held der Tragödie leiden und was bedeutet 
seine „tragische" Schuld? Wir wollen die Diskussion durch rasche Be- 
antwortung abschneiden. Er muß leiden, weil er der Urvater, der Held 
jener großen urzeitlichen Tragödie ist, die hier eine tendenziöse Wieder- 
holung findet, und die tragische Schuld ist jene, die er auf sich nehmen 
muß, um den Chor von seiner Schuld zu entlasten. Die Szene auf der 
Bühne ist durch zweckmäßige Entstellung, man könnte sagen : im Dienste 
raffinierter Heuchelei, aus der historischen Szene hervorgegangen In 
jener alten Wirklichkeit waren es gerade die Chorgenossen, die das Leiden 
des Helden verursachten ; hier aber erschöpfen sie sich in Teilnahme und 
Bedauern, und der Held ist selbst an seinem Leiden Schuld. Das auf ihn 
gewälzte Verbrechen, die Überhebung und Auflehnung gegen eine große 
Autorität, ist genau dasselbe, was in Wirklichkeit die Genossen des 
Chors, die Brüderschar, bedrückt. So wird der tragische Held - noch 
wider seinen Willen — zum Erlöser des Chors gemacht. 

Waren speziell in der griechischen Tragödie die Leiden des gött- 
lichen Bockes Dionysos und die Klage des mit ihm sich identifizierenden 
Gefolges von Böcken der Inhalt der Aufführung, so wird es leicht ver- 
ständlich, daß das bereits erloschene Drama sich im Mittelalter an der 
Passion Christi neu entzündete. 

So möchte ich denn zum Schlüsse dieser mit äußerster Verkürzung 
geführten Untersuchung das Ergebnis aussprechen, daß im Ödipuskomplex 



Der tragische Held als Ersatz des Urvaters. 145 

die Anfänge von Religion, Sittlichkeit, Gesellschaft und Kunst zusammen- 
treffen, in voller Übereinstimmung mit der Feststellung der Psycho- 
analyse, daß dieser Komplex den Kern aller Neurosen bildet, so weit sie 
bis jetzt unserem Verständnis nachgegeben haben. Es erscheint mir als 
eine große Überraschung, daß auch diese Probleme des Völkerseelenlebens 
eine Auflösung von einem einzigen konkreten Punkte her, wie es das 
Verhältnis zum Vater ist, gestatten sollten. Vielleicht ist selbst ein anderes 
psychologisches Problem in diesen Zusammenhang einzubeziehen. Wir 
haben so oft Gelegenheit gehabt, die Gefühlsambivalenz im eigentlichen 
Sinne, also das Zusammentreffen von Liebe und Haß gegen dasselbe Ob- 
jekt, an der Wurzel wichtiger Kulturbildungen aufzuzeigen. Wir wissen 
nichts über die Herkunft dieser Ambivalenz. Man kann die Annahme 
machen, daß sie ein fundamentales Phänomen unseres Gefühlslebens sei. 
Aber auch die andere Möglichkeit scheint mir wohl beachtenswert, daß 
sie, dem Gefühlsleben ursprünglich fremd, von der Menschheit an dem 
Vaterkomplex 1 ) erworben wurde, wo die psychoanalytische Erforschung 
des Einzelmenschen heute noch ihre stärkste Ausprägung nachweist. 2 ) 

Bevor ich nun abschließe, muß ich der Bemerkung Raum geben, 
daß der hohe Grad von Konvergenz zu einem umfassenden Zusammen- 
hange, den wir in diesen Ausführungen erreicht haben, uns nicht gegen 
die Unsicherheiten unserer Voraussetzungen und die Schwierigkeiten 
unserer Resultate verblenden kann. Von den letzteren will ich nur noch 
zwei behandeln, die sich manchem Leser aufgedrängt haben dürften. 

Es kann zunächst niemandem entgangen sein, daß wir überall die 
Annahme einer Massenpsyche zu Grunde legen, in welcher sich die 
seelischen Vorgänge vollziehen wie im Seelenleben eines einzelnen. Wir 
lassen vor allem das Schuldbewußtsein wegen einer Tat über viele Jahr- 
tausende fortleben und in Generationen wirksam bleiben, welche von 

1 ) Respektive Elternkomplex. 

2 ) Der Mißverständnisse gewöhnt, halte ich es nicht für üherflüssig, ausdrücklich 
hervorzuheben, daß die hier gegebenen Zurückfiihrangen an die komplexe Natur der 
abzuleitenden Phänomene keineswegs vergessen haben, und daß sie nur den Anspruch 
erheben, zu den bereits bekannten oder noch anerkannten Ursprüngen der Religion, 
Sittlichkeit und der Gesellschaft ein neues Moment hinzufügen, welches sich aus der 
Berücksichtigung der psychoanalytischen Anforderungen ergibt. Die Synthese zu einem 
Ganzen der Erklärung muß ich anderen überlassen. Es geht aber diesmal aus der 
Natur dieses neuen Beitrages hervor, daß er in einer solchen Synthese keine andere 
als die zentrale Rolle spielen könnte, wenngleich die Überwindung von großen affek- 
tiven Widerständen erfordert werden dürfte, ehe man ihm eine solche Bedeutung 
zugesteht. 

Totem und Tabu. 10 



146 IV. Die infantile Wiederkehr des Toteinisinus. 

dieser Tat nichts wissen konnten. Wir lassen einen Gefühlsprozeß, wie 
er bei Generationen von Söhnen entstehen konnte, die von ihrem Vater 
mißhandelt wurden, sich auf neue Generationen fortsetzen, welche einer 
solchen Behandlung gerade durch die Beseitigung des Vaters entzogen 
worden waren. Dies scheinen allerdings schwerwiegende Bedenken, und 
jede andere Erklärung scheint den Vorzug zu verdienen, welche solche 
Voraussetzungen vermeiden kann. 

Allein eine weitere Erwägung zeigt, daß wir die Verantwortlichkeit 
für solche Kühnheit nicht allein zu tragen haben. Ohne die Annahme 
einer Massenpsyche, einer Kontinuität im Gefühlsleben der Menschen, 
welche gestattet, sich über die Unterbrechungen der seelischen Akte durch 
das Vergehen der Individuen hinwegzusetzen, kann die Völkerpsychologie 
überhaupt nicht bestehen. Setzten sich die psychischen Prozesse der 
einen Generation nicht auf die nächste fort, müßte jede ihre Einstellung 
zum Leben neu erwerben, so gäbe es auf diesem Gebiet keinen Fort- 
schritt und so gut wie keine Entwicklung. Es erheben sich nun zwei 
neue Fragen, wieviel man der psychischen Kontinuität innerhalb der 
Generationsreihen zutrauen kann, und welcher Mittel und Wege sich die 
eine Generation bedient, um ihre psychischen Zustände auf die nächste 
zu übertragen. Ich werde " nicht behaupten, daß diese Probleme weit 
genug geklärt sind, oder daß die direkte Mitteilung und Tradition, an 
die man zunächst denkt, für das Erfordernis hinreichen. Im allgemeinen 
kümmert sich die Völkerpsychologie wenig darum, auf welche Weise 
die verlangte Kontinuität im Seelenleben der einander ablösenden Gene- 
ration hergestellt wird. Ein Teil der Aufgabe scheint durch die Vererbung 
psychischer Dispositionen besorgt, zu werden, welche aber doch gewisser 
Anstöße im individuellen Leben bedürfen, um zur Wirksamkeit zu er- 
wachen. Es mag dies der Sinn des Dichterwortes sein: Was du ererbt 
von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen. Das Problem er- 
schiene noch schwieriger, wenn wir zugestehen könnten, daß es seelische 
Regungen gibt, welche so spurlos unterdrückt werden können, daß sie 
keine Resterscheinungen zurücklassen. Allein solche gibt es nicht Die 
stärkste Unterdrückung muß Raum lassen für entstellte Ersatzregungen 
und aus .hnen folgende Reaktionen. Dann dürfen wir aber annehmen, 
daß keine Generation im stände ist, bedeutsamere seelische Vorgänge vor 
der nächsten zu verbergen. Die Psychoanalyse hat uns nämlich gelehrt, 
daß jeder Mensch in seiner unbewußten Geistestätigkeit einen Apparat 
besitzt, der ihm gestattet, die Reaktionen anderer Menschen zu deuten, 
d. h. die Entstellungen wieder rückgängig zu machen, welche der andere 



Einwendungen und Schwierigkeiten. 147 

an dem Ausdruck seiner Gefühlsregungen vorgenommen hat. Auf diesem 
Wege des unbewußten Verständnisses all der Sitten, Zeremonien und 
Satzungen, welche das ursprüngliche Verhältnis zum Urvater zurück- 
gelassen hatte, mag auch den späteren Generationen die Übernahme 
jener Gefühlserbschaft gelungen sein. 

Ein anderes Bedenken dürfte gerade von Seiten der analytischen 
Denkweise erhoben werden. 

"Wir haben die ersten Moralvorschriften und sittlichen Beschränkungen 
der primitiven Gesellschaft als Reaktion auf eine Tat aufgefaßt, welche 
ihren Urhebern den Begriff des Verbrechens gab. Sie bereuten diese Tat 
und beschlossen, daß sie nicht mehr wiederholt werden solle, und daß 
ihre Ausführung keinen Gewinn gebracht haben dürfe. Dies schöpferische 
Schuldbewußtsein ist nun unter uns nicht erloschen. Wir finden es bei 
den Neurotikern in asozialer Weise wirkend, um neue Moralvorschriften, 
fortgesetzte Einschränkungen zu produzieren, als Sühne für die be- 
gangenen und als Vorsicht gegen neu zu begehende Untaten. 1 ) Wenn 
wir aber bei diesen Neurotikern nach den Taten forschen, welche solche 
Reaktionen wachgerufen haben, so werden wir enttäuscht. Wir finden 
nicht Taten, sondern nur Impulse, Gefühlsregungen, welche nach dem 
Bösen verlangen, aber von der Ausführung abgehalten worden sind. Dem 
Schuldbewußtsein der Neurotiker liegen nur psychische Realitäten zu 
Grunde nicht faktische. Die Neurose ist dadurch charakterisiert, daß sie 
die psychische Realität über die faktische setzt, auf Gedanken ebenso 
ernsthaft reagiert wie die Normalen nur auf Wirklichkeiten. 

Kann es sich bei den Primitiven nicht ähnlich verhalten haben? 
Wir sind berechtigt, ihnen eine außerordentliche Überschätzung ihrer 
psychischen Akte als Teilerscheinung ihrer narzißtischen Organisation 
zuzuschreiben. 2 ) Demnach könnten die bloßen Impulse von Feindselig- 
keit gegen den Vater, die Existenz der Wunschphantasie, ihn zu töten 
und zu verzehren, hingereicht haben, um jene moralische Reaktion zu 
erzeugen, die Totemismus und Tabu geschaffen hat. Man würde so der 
Notwendigkeit entgehen, den Beginn unseres kulturellen Besitzes, auf den 
wir mit Recht so stolz sind, auf ein gräßliches, alle unsere Gefühle be- 
leidigendes Verbrechen zurückzuführen. Die kausale, von jenem Anfang 
bis in unsere Gegenwart reichende Verknüpfung litte dabei keinen 
Schaden, denn die psychische Realität wäre bedeutsam genug, um alle 
diese Folgen zu tragen. Man wird dagegen einwenden, daß ja eine Ver- 

J ) Vgl. den zweiten Aufsatz dieser Reihe über das Tabu. 
2 ) Siehe den Aufsatz über Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken. 

10* 



. 



..o IV. Die infantile Wiederkehr des Totemismns. 

änderung der Gesellschaft von der Form der Vaterhorde zu der des 
Brüderclan wirklich vorgefallen ist. Dies ist ein starkes Argument, aber 
doch nicht entscheidend. Die Veränderung könnte auf minder gewaltsame 
Weise erreicht worden sein und doch die Bedingung für das Hervor- 
treten der moralischen Reaktion enthalten haben. Solange der Druck 
des Urvaters sich fühlbar machte, waren die feindseligen Gefühle gegen 
ihn berechtigt, und die Reue über sie mußte einen anderen Zeitpunkt 
abwarten. Ebensowenig ist der zweite Einwand stichhaltig, daß alles, 
was sich aus der ambivalenten Relation zum Vater ableitet, Tabu und 
Opfervorschrift, den Charakter des höchstens Ernstes und der vollsten Rea- 
lität an sich trägt. Auch das Zeremoniell und die Hemmungen der 
Zwangsneurotiker zeigen diesen Charakter und gehen doch nur auf psy- 
chische Realität, auf Vorsatz und nicht auf Ausführungen zurück. Wir 
müssen uns hüten, aus unserer nüchternen Welt, die voll ist von 
materiellen Werten, die Geringsehätzung des bloß Gedachten und Ge- 
wünschten in die nur innerlich reiche Welt des Primitiven und des Neu- 
rotikers einzutragen. 

Wir stehen hier vor einer Entscheidung, die uns wirklich nicht 
leicht gemacht ist. Beginnen wir aber mit dem Bekenntnis, daß der 
Unterschied, der Anderen fundamental erscheinen kann, für unser Urteil 
nicht das Wesentliche des Gegenstandes trifft. Wenn für den Primitiven 
Wünsche und Impulse den vollen Wert von Tatsachen haben, so ist es 
an uns, solcher Auffassung verständnisvoll zu folgen, anstatt sie nach 
unserem Maßstab zu korrigieren. Dann aber wollen wir das Vorbild der 
Neurose, das uns in diesen Zweifel gebracht hat, selbst schärfer ins Auge 
fassen. Es ist nicht richtig, daß die Zwangsneurotiker, welche heute 
unter dem Drucke einer Übermoral stehen, sich nur gegen die psychische 
Realität von Versuchungen verteidigen und wegen bloß verspürter Impulse 
bestrafen. Es ist auch ein Stück historischer Realität dabei; in ihrer 
Kindheit hatten diese Menschen nichts anderes als die bösen Impulse, 
und insoweit sie in der Ohnmacht des Kindes es konnten, haben sie 
diese Impulse auch in Handlungen umgesetzt. Jeder von diesen Über- 
guten hatte in der Kindheit seine böse Zeit, eine perverse Phase als Vor- 
läufer und Voraussetzung der späteren übermoralischen. Die Analogie der 
Primitiven mit den Neurotikern wird also viel gründlicher hergestellt, 
wenn wir annehmen, daß auch bei den ersteren die psychische Realität, 
an deren Gestaltung kein Zweifel ist, anfänglich mit der faktischen 
Realität zusammenfiel, daß die Primitiven das wirklich getan haben, was 
sie nach allen Zeugnissen zu tun beabsichtigten. 



Historische oder psychische Realität. ^49 

Allzuweit dürfen wir unser Urteil über die Primitiven auch nicht 
durch die Analogie mit den Neurotikern beeinflussen lassen. Es sind 
auch die Unterschiede in Rechnung zu ziehen. Gewiß sind bei beiden 
Wilden wie Neurotikern, die scharfen Scheidungen zwischen Denken und 
Tun, wie wir sie ziehen, nicht vorhanden. Allein der Neurotiker ist 
vor allem im Handeln gehemmt, bei ihm ist der Gedanke der volle Ersatz 
für die Tat. Der Primitive ist ungehemmt, der Gedanke setzt sich ohne 
weiteres in Tat um, die Tat ist ihm sozusagen eher ein Ersatz des Ge- 
dankens, und darum meine ich, ohne selbst für die letzte Sicherheit der 
Entscheidung einzutreten, man darf in dem Falle, den wir diskutieren 
wohl annehmen : Im Anfang war die Tat. 



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PROF. S. FREUD 

TOTEM UND TABU 






HUGO HELLER & CIE. 
LEIPZIG UND WIEN 



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