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Full text of "Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. Zweite Folge [3.Auflage]"

**-- 



Sammlung kleiner Schriften 



zur 



NEUROSENLEHRE 



von 



Prof. Dr. Sigm. Freud 



Zweite Folge 



Dritte Auflage 



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Leipzig und Wien 

FRANZ DEUTICKE 

1921 



Verlags- Nr. JtööJ, 



VERLAG VON [FRANZ DEUTICKE IN LEIPZIG UND WIEN 



J 



Bleuler, Prof. Dr. E., Die Psychoanalyse Freuds. Verteidigung: und 
kritische Bemerkungen. Preis M 8' — . 

Braun, Prof. Dr. L., Herz und Psyche in ihren Wirkungen aufeinander. 

Preis M 20— . 

Breuer, Dr. Josef, und Freud, Prof. Dr. Sigm., Studien über Hysterie. 
Dritte Auflage. Preis M 25" — . 

Ferenczi, Dr. S., Introjektion und Übertragung. Eine psychoanalytische 
Studie. Als Sonderabdruck vergriffen, nur im Jahrbuch für psychoana- 
lytische und psychopathologische Forschungen, I. Band, zu haben. 

Freud, Prof. Dr. Sigm., Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Vierte, 
vermehrte Auflage. Preis M 15* — . 

Freud, Prof. Dr. Sigm., Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. 

I. Sammlung. Aus den Jahren 1893 bis 1906. Dritte Auflage. Preis M 20' — . 
II. „ 3. Auflage. 

III. „ 2. Auflage. 

Freud, Prof. Dr. Sigm., Über Psychoanalyse. FUnf Vorlesungen. 5. Auf- 
lage. Preis M 8" — . 

Freud, Prof. Dr. Sigm., Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. 

Dritte Auflage. 

Freud, Prof. Dr. Sigm., Der Wahn und die Träume in W. Jensens 

„Gradiva". (Schriften zur angewandten Seclenkunde, 1. Heft.) Zweite 
Auflage. Preis M 8'—. 

Freud, Prof. Dr. Sigm., Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da 

Vinci. (Schriften zur angewandten Seelenkunde, 7. Heft.) Zweite 
Auflage. Preis M 7'—. 

Hitschmann, Dr. Eduard, Freuds Neurosenlehre. Nach ihrem gegen- 
wärtigen Stande zusammenfassend dargestellt. Neue Auflage in Vorbereitung. 

Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische For- 
schungen. Herausgegeben von Prof. Dr. E. Bleuler in Zürich und 
Prof. Dr. Sigm. Freud in Wien. Redigiert von C. G. Jung, I'rivat- 
dozent der Psychiatrie in Zürich. 

I. Band. 1. Hälfte. 1909. Preis M 22"— . 



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Sammlung kleiner Schriften 



zur 



NEUROSENLEHRE 



von 



Prof. Dr. Sigm. Freud 



Zweite Folge 
Dritte Auflage 



LEIPZIG UND WIEN 

FRANZ DEUTICKE 

1921 






> 



Verlags-Nr. 2689 



Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht der Übersetzung 

in fremde Sprachen 

Copyright by Franz Deuticke in Leipzig and Wien 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIG 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Buchdruckerei der Manzschen Verlags- und Universitäts-Buchhandlung; in Wien. 






Inhaltsverzeichnis, 



Seite 

I. Bruchstück einer Hysterieanalyse 1 

II. Tatbestandsdiagnostik und Psychoanalyse . 111 

III. Zwangshandlungen und Religionsübung ' - • 122 

IV. Charakter und Analerotik 132 

V. Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität . . . 138 

VI. Allgemeines über den hysterischen Anfall 146 

VII. Zur sexuellen Aufklärung der Kinder 151 

VIII. Über infantile Sexualtheorien 159 

IX. Die „kulturelle" Sexualmoral und die moderne Nervosität .... 175 
X. Der Dichter und das Phantasieren 197 



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I. 
Bruchstück einer Hysterie-Analyse. 1 ) 



Vorwort 

Wenn ich nach längerer Pause daran gehe, meine in den 
Jahren 1895 und 1896 aufgestellten Behauptungen über die 
Pathogenese hysterischer Symptome und die psychischen Vor- 
gänge bei der Hysterie durch ausführliche Mitteilung einer 
Kranken- und Behandlungsgeschichte zu erhärten, so kann ich 
mir dieses Vorwort nicht ersparen, welches mein Tun einerseits 
nach verschiedenen Richtungen rechtfertigen, anderseits die Er- 
wartungen, die es empfangen werden, auf ein billiges Maß 
zurückführen soll. 

Es war sicherlich mißlich, daß ich Forschungsergebnisse, 
und zwar solche von überraschender und wenig einschmeichelnder 
Art, veröffentlichen mußte, denen die Nachprüfung von seiten 
der Fachgenossen notwendigerweise versagt blieb. Es ist aber 
kaum weniger mißlich, wenn ich jetzt beginne, etwas von dem 
Material dem allgemeinen Urteil zugänglich zu machen, aus 
dem ich jene Ergebnisse gewonnen hatte. Ich werde dem Vor- 
wurfe nicht entgehen. Hatte er damals gelautet, daß ich nichts 
von meinen Kranken mitgeteilt, so wird er nun lauten, daß ich 
von meinen Kranken mitgeteilt, was man nicht mitteilen soll. 
Ich hoffe, es werden die nämlichen Personen sein, welche in 
solcher Art den Vorwand für ihren Vorwurf wechseln werden, 
und gebe es von vornherein auf, diesen Kritikern jemals ihren 
Vorwurf zu entreißen. 

l ) Aus Monatschr. für Psychiatrie und Neurologie. Bd. XXVIII, II. 4. 
Herausgegeben von C. Wernicke und Th. Ziehen. 

Freud, Neurosenlehre. II. 3. Aufl. 1 



Die Veröffentlichung meiner Krankengeschichten bleibt für 
mich eine schwer zu lösende Aufgabe, auch wenn ich mich 
um jene einsichtslosen Übelwollenden weiter nicht bekümmere. 
Die Schwierigkeiten sind zum Teil technischer Natur, zum 
andern Teil gehen sie aus dem Wesen der Verhältnisse selbst 
hervor. Wenn es richtig ist, daß die Verursachung der hyste- 
rischen Erkrankungen in den Intimitäten des psycho-sexuellen 
Lebens der Kranken gefunden wird, und daß die hysterischen 
Symptome der Ausdruck ihrer geheimsten verdrängten Wünsche 
sind, so kann die Klarlegung eines Falles von Hysterie nicht 
anders, als diese Intimitäten aufdecken und diese- Geheimnisse 
verraten. Es ist gewiß, daß die Kranken nie gesprochen hätten, 
wenn ihnen die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Verwertung 
ihrer Geständnisse in den Sinn gekommen wäre, und ebenso 
gewiß, daß es ganz vergeblich bliebe, wollte man die Erlaubnis 
zur Veröffentlichung von ihnen selbst erbitten. Zartfühlende, 
wohl auch zaghafte Personen würden unter diesen Umständen 
die Pflicht der ärztlichen Diskretion in den Vordergrund stellen 
und bedauern, der Wissenschaft hierin keine Aufklärungsdiensle 
leisten zu können. Allein ich meine, der Arzt hat nicht nur 
Pflichten gegen den einzelnen Kranken, sondern auch gegen 
die Wissenschaft auf sich genommen. Gegen* die Wissenschaft, 
das heißt im Grunde nichts anderes als gegen die vielen 
anderen Kranken, die an dem Gleichen leiden oder noch leiden 
werden. Die öffentliche Mitteilung dessen, was man über die 
Verursachung und das Gefüge der Hysterie zu wissen glaubt, 
wird zur Pflicht, die Unterlassung zur schimpflichen Feigheit, 
wenn man nur die direkte persönliche Schädigung des einen 
Kranken vermeiden kann. Ich glaube, ich habe alles getan, um 
eine solche Schädigung für meine Patientin auszuschließen. Ich 
habe eine Person ausgesucht, deren Schicksale nicht in Wien, 
sondern in einer fernab gelegenen Kleinstadt spielten, deren 
persönliche Verhältnisse in Wien also so gut wie unbekannt 
sein müssen • ich habe das Geheimnis der Behandlung so sorg- 
fältig von Anfang an gehütet, daß nur ein einziger vollkommen 
vertrauenswürdiger Kollege darum wissen kann, das Mädchen 
sei meine Patientin gewesen; ich habe nach Abschluß der 
Behandlung noch vier Jahre lang mit der Publikation gewartet, 



bis ich von einer Änderung in dem Leben der Patientin hörte, die 
mich annehmen ließ, ihr eigenes Interesse an den hier erzählten 
Begebenheiten und seelischen Vorgängen könnte nun verblaßt 
sein. Es ist selbstverständlich, daß kein Name stehen geblieben 
ist, der einen Leser aus Laienkreisen auf die Spur führen könnte; 
die Publikation in einem streng wissenschaftlichen Fachjournal 
sollte übrigens ein Schutz gegen solche unbefugte Leser sein. 
Ich kann es natürlich nicht verhindern, daß die Patientin selbst 
eine peinliche Empfindung verspüre, wenn ihr die eigene Kranken- 
geschichte durch einen Zufall in die Hände gespielt wird. Sie 
erfährt aber nichts aus ihr, was sie nicht schon weiß, und mag 
sich die Frage vorlegen, wer anders daraus erfahren kann, daß 
es sich um ihre Person handelt. 

Ich weiß, daß es — in dieser Stadt wenigstens — viele Ärzte 
gibt, die — ekelhaft genug — eine solche Krankengeschichte 
nicht als einen Beitrag zur Psychopathologie der Neurose, sondern 
als einen zu ihrer Belustigung bestimmten Schlüsselroman lesen 
wollen. Dieser Gattung von Lesern gebe ich die Versicherung, 
daß alle meine etwa später mitzuteilenden Krankengeschichten 
durch ähnliche Garantien des Geheimnisses vor ihrem Scharfsinn 
behütet sein werden, obwohl meine Verfügung über mein Material 
durch diesen Vorsatz eine ganz außerordentliche Einschränkung 
erfahren muß. 

In dieser einen Krankengeschichte, die ich bisher den 
Einschränkungen der ärztlichen Diskretion und der Ungunst der 
Verhältnisse abringen konnte, werden nun sexuelle Beziehungen 
mit aller Freimütigkeit erörtert, die Organe und Funktionen 
des Geschlechtslebens bei ihren richtigen Namen genannt, und 
der keusche Leser kann sich aus meiner Darstellung die Über- 
zeugung holen, daß ich mich nicht gescheut habe, mit einer 
jugendlichen weiblichen Person über solche Themata in solcher 
Sprache zu verhandeln. Ich soll mich nun wohl auch gegen diesen 
Vorwurf verteidigen? Ich nehme einfach die Rechte des Gynä- 
kologen — oder vielmehr sehr viel bescheidenere als diese — 
für mich in Anspruch und erkläre es als Anzeichen einer perversen 
und fremdartigen Lüsternheit, wenn jemand vermuten sollte, 
solche Gespräche seien ein gutes Mittel zur Aufreizung oder zur 
Befriedigung sexueller Gelüste. Im übrigen verspüre ich die 



Neigung, meinem Urteil hierüber in einigen entlehnten Worten 
Ausdruck zu geben. * 

„Es ist jämmerlich, solchen Verwahrungen und Beteuerungen 
einen Platz in einem wissenschaftlichen Werke einräumen zu 
müssen, aber man mache mir darob keine Vorwürfe, sondern 
klage den Zeitgeist an, durch den wir glücklich dahin gekommen 
sind, daß kein ernstes Buch mehr seines Lebens sicher ist 1 )." 

Ich werde nun mitteilen, auf welche Weise ich für diese 
Krankengeschichte die technischen Schwierigkeiten der Bericht- 
erstattung überwunden habe. Diese Schwierigkeiten sind sehr 
erhebliche für den Arzt, der sechs oder acht solcher psycho- 
therapeutischer Behandlungen täglich durchzuführen hat. und 
während der Sitzung mit dem Kranken selbst, Notizen nicht 
machen darf, weil er das Mißtrauen des Krauken erwecken und 
sicli in der Erfassung des aufzunehmenden Materials stören 
würde. Es ist auch ein für mich noch ungelöstes Problem, wie 
ich eine Behandlungsgeschichte von langer Dauer für die Mit- 
teilung fixieren könnte. In dem hier vorliegenden Falle kamen 
mir zwei Umstände zu Hilfe: erstens, daß die Dauer der Be- 
handlung sich nicht über drei Monate erstreckte; zweitens, daß 
die Aufklärungen sich um zwei — in der Mitte und am Schlüsse 
der Kur erzählte — Träume gruppierten, deren Wortlaut un- 
mittelbar nach -der Sitzung festgelegt wurde, und die einen 
sicheren Anhalt, für das anschließende Gespinst von Deutungen 
und Erinnerungen abgeben konnten. Die Krankengeschichte 
selbst habe ich erst nach Abschluß der Kur aus meinem Ge- 
dächtnisse niedergeschrieben, so lange meine Erinnerung noch 
frisch und durch das Interesse an der Publikation gehoben war. 
Die Niederschrift ist demnach nicht absolut — phonographisch — 
gelreu, aber sie darf auf einen hohen Grad von. Verläßlichkeit 
Anspruch machen. Es ist nichts anderes, was wesentlich wäre, 
in ihr verändert, als etwa an manchen Stellen die Reihenfolge der 
Aufklärungen, was ich dem Zusammenhange zuliebe tat. 

Ich gehe daran, hervorzuheben, was man in diesem Berichte 
finden und was man in ihm vermissen wird. Die Arbeit führte 



"• 



. 



>) Richard Schmidt, Beiträge zur indischen Erotik. 1902. (Im 
Vorwort.) 



ursprünglich den Namen „Traum und Hysterie", weil sie mir 
ganz besonders geeignet schien, zu zeigen, wie sich die Traum- 
deutung in die Behandlungsgeschichte einflicht un"d wie mit 
deren Hilfe die Ausfüllung der Amnesien und die Aufklärung 
der Symptome gewonnen werden kann. Ich habe nicht ohne gute 
Gründe im Jahre 1900 eine mühselige und tief eindringende 
Studie über den Traum meinen beabsichtigten Publikationen zur 
Psychologie der Neurosen vorausgeschickt!), allerdings auch 
aus deren Aufnahme ersehen können, ein wie unzureichendes 
Verständnis derzeit noch die Fachgenossen solchen Bemühungen 
entgegenbringen. In diesem Falle war auch der Einwand nicht 
stichhaltig, daß meine Aufstellungen wegen Zurückhaltung des 
Materiales eine auf Nachprüfung gegründete Überzeugung nicht 
gewinnen lassen, denn seine eigenen Träume kann jedermann 
zur analytischen Untersuchung heranziehen, und die Technik der 
Traumdeutung ist nach den von mir gegebenen Anweisungen 
und Beispielen leicht zu erlernen. Ich muß heute wie damals, 
behaupten, daß die Vertiefung in die Probleme des Traumes 
eine unerläßliche Vorbedingung für das Verständnis der psychi- 
schen Vorgänge bei der Hysterie und den anderen Psychoneurosen 
ist, und daß niemand Aussicht hat, auf diesem Gebiete auch 
nur einige Schritte weit vorzudringen, der sich jene vorbereitende 
Arbeit ersparen will. Da also diese Krankengeschichte die 
Kenntnis der Traumdeutung voraussetzt, wird ihre Lektüre für 
jedermann höchst unbefriedigend ausfallen, bei dem solche 
Voraussetzung nicht zutrifft. Er wird nur Befremden anstatt 
der gesuchten Aufklärung in ihr finden und gewiß geneigt sein, 
die Ursache dieses Befremdens auf den für phantastisch erklarten 
Autor zu projizieren. In Wirklichkeit haftet, solches Befremden 
an den Erscheinungen der Neurose selbst; es wird dort, nur 
durch unsere ärztliche Gewöhnung verdeckt und kommt beim 
Erklärungsversuch wieder zum Vorscheine. Gänzlich zu bannen 
wäre es ja. nur, wenn es gelänge, die Neurose resüos von 
Momenten, die uns bereits bekannt geworden sind, abzuleiten. 
Aber alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß wir im Gegen- 
teile aus dem Studium der Neurose den Antrieb empfangen 



>) Die Traumdeutung. Wien, Fr. Deuticke. 1900, 6. Auil,. 1921. 



- 



6 









werden, sehr vieles Neue anzunehmen, was dann allmählich 
Gegenstand sicherer Erkenntnis werden kann. Das Neue hat 
aber immer Befremden und Widerstand erregt. 

Irrtümlich wäre es, wenn jemand glauben würde, daß 
Träume und deren Deutung in allen Psychoanalysen eine so 
hervorragende Stellung einnehmen wie in diesem Beispiel. 

Erscheint die vorliegende Krankengeschichte betreffs der 
Verwertung der Träume bevorzugt, so ist sie dafür in anderen 
Punkten armseliger ausgefallen, als ich es gewünscht hätte. Ihre 
Mängel hängen aber gerade mit jenen Verhältnissen zusammen, 
denen die Möglichkeit, sie zu publizieren, zu verdanken ist. leb 
sagte schon, daß ich das Material einer Behandlungsgeschichte, 
die sich etwa über ein Jahr erstreckt, nicht zu bewältigen 
wüßte. Diese bloß dreimonatige Geschichte ließ sich übersehen 
und erinnern j ihre Ergebnisse sind aber in mehr als einer 
Hinsicht unvollständig geblieben. Die Behandlung wurde nicht 
bis zum vorgesetzten Ziele fortgeführt, sondern durch den 
Willen der Patientin unterbrochen, als ein gewisser Punkt 
erreicht war. Zu dieser Zeit waren einige Bätsei des Krankheits- 
falles noch gar nicht in Angriff genommen, andere erst unvoll- 
kommen aufgehellt, während die Fortsetzung der Arbeit gewiß 
an allen Punkten bis zur letzten möglichen Aufklärung vor- 
gedrungen wäre. Ich kann also hier nur ein Fragment einer 
Analyse bieten. 

Vielleicht wird ein Leser, der mit der in den „Studien 
über Hysterie" dargelegten Technik der Analyse vertraut ist, 
sich darüber verwundern, daß sich in drei Monaten nicht die 
Möglichkeit fand, wenigstens die in Angriff genommenen Sym- 
ptome zu ihrer letzten Lösung zu bringen. Dies wird aber ver- 
ständlich, wenn ich mitteile, daß seit den „Studien" die psycho: 
analytische Technik eine gründliche Umwälzung erfahren hat. 
" Damals ging die Arbeit von den Symptomen aus und setzte 
sich die Auflösung derselben der Reihe nach zum Ziel. Ich 
habe diese. Technik seither aufgegeben, weil ich sie der feineren 
Struktur der Neurose völlig unangemessen fand. Ich lasse nun 
den Kranken selbst das Thema der täglichen Arbeit bestimmen 
und gehe also von der jeweiligen Oberfläche aus, welche das 
Unbewußte in ihm seiner Aufmerksamkeit entgegenbringt. Dann 












erhalle ich aber, was m einer Symptomlösung zusammengehört, 
zerstückelt, in verschiedene Zusammenhänge verflochten und auf 
weit auseinanderliegende Zeiten verteilt. Trotz dieses schein- 
baren Nachteiles ist die neue Technik der allen weit überlegen, 
ohne Widerspruch die einzig mögliche. 

Angesichts der Unvollständigkeit meiner analytischen Er- 
gebnisse blieb mir nichts übrig, als dem Beispiel jener Forscher 
zu folgen, welche so glücklich sind, die unschätzbaren, wenn 
auch verstümmelten Reste des Altertums aus langer Begraben- 
heit an den Tag zu bringen. Ich habe das Unvollständige nach 
den besten mir von anderen Analysen her bekannten Mustern 
ergänzt, aber ebensowenig wie ein gewissenhafter Archäologe in 
jedem Falle anzugeben versäumt, wo meine Konstruktion an das 
Authentische ansetzt. 

Eine andere Art von Unvollständigkeit habe ich selbst 
mit, Absicht herbeigeführt. Ich habe nämlich die Deutungs- 
arbeit, die an den Einfällen und Mitteilungen der Kranken zu 
• vollziehen war, im allgemeinen nicht dargestellt, sondern bloß 
die Ergebnisse derselben. Die Technik der analytischen Arbeit 
ist also, abgesehen von den Träumen, nur an einigen wenigen 
Stellen enthüllt worden. Es lag mir in dieser Krankengeschichte 
daran, die Determinierung der Symptome und den intimen Auf- 
bau der neurotischen Erkrankung aufzuzeigen; es- hätte nur 
unauflösbare Verwirrung erzeugt, wenn ich gleichzeitig versucht 
hätte, auch die andere Aufgabe zu erfüllen. Zur Begründung 
der technischen, zumeist empirisch gefundenen Regeln müßte 
man wohl das Material aus vielen Behandlungsgeschichten zu- 
sammentragen. Indes möge man sich die Verkürzung durch 
die Zurückhaltung der Technik für diesen Fall nicht besonders 
groß vorstellen. Gerade das schwierigste Stück der technischen 
Arbeit ist bei der Kranken nicht in Frage gekommen, da das 
Moment der „Übertragung", von dem zu Ende der Kranken- 
geschichte die Rede ist, während der kurzen Behandlung nicht 
zur Entfaltung gelangte. 

An einer dritten Art von Unvollständigkeit dieses Berichtes 
tragen weder die Kranke noch der Autor die Schuld. Es ist 
vielmehr selbstverständlich, daß eine einzige Krankengeschichte, 
selbst wenn sie vollständig und keiner Anzweiflung ausgesetzt 






8 

• \ 
wäre, nicht Antwort auf alle Fragen geben kann, die sich aus 

dem Hysterieproblem erheben. Sie kann nicht alle Typen der 
Erkrankung, nicht alle Gestaltungen der inneren Struktur der 
Neurose, nicht alle bei der Hysterie möglichen Arten des Zu- 
sammenhanges zwischen Psychischem und Somatischem kennen 
lehren. Man darf billigerweise von dem einen Fall nicht mehr 
fordern, als er zu gewähren vermag. Auch wird, wer bisher 
nicht an die allgemeine und ausnahmslose Gültigkeit der psycho- 
sexuellen Ätiologie für die Hysterie glauben wollte, diese Über- 
zeugung durch die Kenntnisnahme einer Krankengeschichte kaum 
gewinnen, sondern am besten sein Urleil aufschieben, bis er 
sich durch eigene Arbeit ein Recht auf eine Überzeugung er- 
worben hat. 

I. 

Nachdem ich in meiner 1900 veröffentlichten „Traum- 
deutung" nachgewiesen habe, daß Träume im allgemeinen deut- 
bar sind, und daß sie nach vollendeter Deutungsarbeit sich 
durch tadellos gebildete, an bekannter Stelle in den seelischen 
Zusammenhang einfügbare Gedanken ersetzen lassen, möchte ich 
auf den nachfolgenden Seiten ein Beispiel von jener einzigen 
praktischen Verwendung geben, welche die Kunst des Traum- 
deutens zuzulassen scheint. Ich habe schon, in meinem Buche 1 ) 
erwähnt, auf welche Weise ich an die Traumprobleme geraten 
bin. Ich fand sie auf meinem Wege, während ich Psychoneurosen 
durch ein besonderes Verfahren der Psychotherapie zu heilen 
bemüht war, indem mir die Kranken unter anderen Vorfällen 
aus ihrem Seelenleben auch Träume berichteten, welche nach Ein- 
reihung in den lange ausgesponnenen Zusammenhang zwischen 
Leidenssymptom und pathogener Idee zu verlangen schienen. 
Ich erlernte damals, wie man aus der Sprache des Traumes in 
die ohne weitere Nachhilfe verständliche Ausdrucksweise unserer 
Denksprache übersetzen muß. Diese Kenntnis, darf ich be- 
haupten, ist für den Psychoanalytiker unentbehrlich, denn der 
Traum stellt einen der Wege dar, wie dasjenige psychische 
Material zum Bewußtsein gelangen kann, welches kraft des 
Widerstrebens, das sein Inhalt rege macht, vom Bewußtsein 

J ) Die Traumdeutung, 1900, Fr. Deuticke, Leipzig und Wien, p. 68. — 
6. Aufl., 1921, p. 70. 






9 

abgesperrt, verdrängt und somit pathogen geworden ist. Der 
Traum ist, kürzer gesagt, einer der Umwege zur Umgehung 
der Verdrängung, eines der Hauptmittel der sogenannten in- 
direkten Darstellungsweise im Psychischen. Wie die Traumdeu- 
tung in die Arbeit der Analyse eingreift, soll nun das vorliegende 
Bruchstück aus der Behandlungsgeschichte eines hysterischen 
Mädchens dartun. Es soll mir gleichzeitig Anlaß bieten, von 
meinen Ansichten über die psychischen Vorgänge und über die 
organischen Bedingungen der Hysterie zum ersten Male in nicht 
mehr mißverständlicher Breite einen Anteil öffentlich zu ver- 
treten. Der Breite wegen brauche ich mich wohl nicht mebr 
zu entschuldigen, seitdem es zugegeben wird, daß man nur 
durch liebevollste Vertiefung, aber nicht durch vornehmtuende 
Geringschätzung den großen. Ansprüchen nachkommen kann, 
welche die Hysterie an den Arzt und Forscher stellt. Freilich: 

„Nicht Kunst und Wissenschaft allein, 

Geduld will bei dem Werke sein!" 



Eine lückenlose und abgerundete Krankengeschichte vor- 
anschicken, hieße den Leser von vornherein unter ganz andere 
Bedingungen versetzen, als die des ärztlichen Beobachters waren. 
Was die Angehörigen des Kranken — in meinem Falle der 
Vater des 18jährigen Mädchens — berichten, gibt zumeist ein 
sehr unkenntliches Bild des Krankheitsverlaufes. Ich beginne 
dann zwar die Behandlung mit der Aufforderung, mir die ganze 
Lebens- und Krankheitsgeschichte zu erzählen, aber was ich 
darauf zu hören bekomme, ist zur Orientierung noch immer 
nicht genügend. Diese erste Erzählung ist einem nicht schiff- 
baren Strom vergleichbar, dessen Bett bald durch Felsmassen 
verlegt, bald durch Sandbänke zerteilt' und untief gemacht wird. 
Ich kann mich nur verwundern, wie die glatten und exakten 
Krankengeschichten Hysterischer bei den Autoren entstanden 
sind. In Wirklichkeit sind die Kranken unfähig, derartige 
Berichte über sich zu geben. Sie können zwar über diese oder 
jene Lebenszeit den Arzt ausreichend und zusammenhängend 
informieren, dann folgt aber eine andere Periode, in der ihre 
Auskünfte seicht werden, Lücken und Rätsel lassen, und ein 









10 

andermal steht man wieder vor ganz dunkeln, durch keine 
brauchbare Mitteilung erhellten Zeiten. Die Zusammenhänge, 
auch die scheinbaren, sind meist zerrissen, die Aufeinanderfolge 
verschiedener Begebenheiten unsicher; während der Erzählung 
selbst korrigiert die Kranke wiederholt eine Angabe, ein Datum, 
um dann nach längerem Schwanken etwa wieder auf die erste 
Aussage zurückzugreifen. Die Unfähigkeit der Kranken zur 
geordneten Darstellung ihrer Lebensgeschichte, soweit sie mit 
der Krankheitsgeschichte zusammenfällt, ist nicht nur charakte- 
ristisch für die Neurose*), sie entbehrt auch nicht einer großen 
theoretischen Bedeutsamkeit. Dieser Mangel hat nämlich folgende 
Begründungen: Erstens hält die Kranke einen Teil dessen, was 
ihr wohlbekannt ist und was sie erzählen sollte, bewußt und 
absichtlich aus den noch nicht überwundenen Motiven der 
Scheu und Scham (Diskretion, wenn andere Personen in Be- 
tracht kommen) zurück; dies wäre der Anteil der bewußten 
Unaufrichtigkeit. Zweitens bleibt ein Teil ihres anamnestischen 
Wissens, über welchen die Kranke sonst verfügt, während dieser 
Erzählung aus, ohne daß die Kranke einen Vorsatz auf diese 
Zurückhaltung verwendet: Anteil der unbewußten Unaufrichtig- 
keit. Drittens fehlt es nie an wirklichen Amnesien, Gedächtnis- 
lücken, in welche nicht nur alte, sondern selbst ganz rezente 
Erinnerungen hineingeraten sind, und an Erinnerungsläuschungen, 
welche sekundär zur Ausfüllung dieser Lücken gebildet wurden 2 ). 

x ) Einst übergab mir ein Kollege seine Schwester zur psychothera- 
peutischen Behandlung, die, wie er sagte, seit Jahren erfolglos wegen 
Hysterie (Schmerzen und Gangstörung) behandelt worden sei. Die kurze In- 
formation schien mit der Diagnose gut vereinbar; ich ließ mir in einer ersten 
Stunde von der Kranken selbst ihre Geschichte erzählen. Als diese Erzählung 
trotz der merkwürdigen Begebenheiten, auf die sie anspielte, vollkommen klar 
und ordentlich ausfiel, sagte ich mir, der Fall könne keine Hysterie sein, und 
stellte unmittelbar darauf eine sorgfältige körperliche Untersuchung an. Das 
Ergebnis war die Diagnose einer mäßig vorgeschrittenen Tabes, die dann auch 
durch Hg-Injektionen (Ol. cinereum, von Prof. Lang ausgeführt) eine erheb- 
liche Besserung erfuhr. 

9 ) Amnesien und Erinnerungstäuschungen stehen im komplementären 
Verhältnis zueinander. Wo sich große Erinnerungslücken ergeben, wird 
man auf wenig Erinnerungstäuschungen stoßen. Umgekehrt können letztere 
das Vorhandensein von Amnesien für den ersten Anschein völlig ver- 
decken. 






J* 









11 

Wo die Begebenheiten selbst dein Gedächtnis erhalten geblieben, 
da wird die den Amnesien zugrunde liegende Absicht ebenso 
sicher durch Aufhebung eines Zusammenhanges erreicht, und 
der Zusammenhang wird am sichersten zerrissen, wenn die Zeit- 
folge der Begebenheiten verändert, wird. Letztere erweist sich 
auch stets als der vulnerabelste, der Verdrängung am ehesten 
unterliegende Bestandteil des Erinnerungsschatzes. Manche 
Erinnerungen trifft man sozusagen in einem ersten Stadium der 
Verdrängung, sie zeigen sich mit Zweifel behaftet. Eine gewisse 
Zeit später wäre dieser Zweifel durch Vergessen oder Fehl- 
erinnern ersetzt 1 ). 

Ein solcher Zustand der auf die Krankheitsgeschichte be- 
züglichen Erinnerungen ist das notwendige, theoretisch ge- 
forderte Korrelat der Krankheitssymptome. Im Verlaufe" 
der Behandlung trägt dann der. Kranke nach, was er zurück/ 
gehalten oder was ihm nicht eingefallen ist, obwohl er es immer 
gewußt hat. Die Erinnerungstäuschungen erweisen sich als 
unhaltbar, die Lücken der Erinnerung werden ausgefüllt. Gegen 
Ende der Behandlung erst kann man eine in sich konsequente, 
verständliche und lückenlose Krankengeschichte Überblicken. 
Wenn das praktische Ziel der Behandlung dahin geht, alle 
möglichen Symptome aufzuheben und durch bewußte Gedanken 
zu ersetzen, so kann man als ein anderes, theoretisches Ziel die 
Aufgabe aufstellen, alle Gedächtnisschäden des Kranken zu 
heilen. Die beiden Ziele fallen zusammen; wenn das eine er- 
reicht ist, ist auch das andere gewonnen; der nämliche Weg 
führt zu beiden. 

Aus der Natur der Dinge, welche das Material der Psycho- 
analyse bilden, folgt, daß wir in unseren Krankengeschichten 
den rein menschlichen und sozialen Verhältnissen der Kranken 
ebensoviel "Aufmerksamkeit schuldig sind wie den somatischen 
Daten und den Krankheitssymptomen. Vor allem anderen wird 
sich unser Interesse den Familienverhältnissen der Kranken 
zuwenden, und zwar, wie sich ergeben wird, auch anderer 

l ) Bei zweifelnder Darstellung, lehrt eine durch Erfahrung gewonnene* 
Regel, sehe man von dieser Urteilsiiußerung des Erzählers völlig ab. Bei 
zwischen zwei Gestaltungen schwankender Darstellung halte man eher die erst 
geäußerte für richtig, die zweite für ein Produkt der Verdrängung. 



12 

Beziehungen wegen als nur mit Rücksicht auf die zu erforschende 
Heredität. 

Der Familienkreis der 18jährigen Patientin umfaßte außer 
ihrer Person das Elternpaar und einen um Vj. 2 Jahre älteren 
Bruder. Die dominierende Person war der Vater, sowohl durch 
seine Intelligenz und Charaktereigenschaften wie durch seine 
Lebensumstände, welche das Gerüst für die Kindheit*- und 
Krankengeschichte der Patientin abgeben. Er war zur Zeit, als 
ich das Mädchen in Behandlung nahm, ein Mann in der zweiten 
Hälfte der Vierzigerjahre, von nicht ganz gewöhnlicher Rührig- 
keit und Begabung, Großindustrieller in sehr behäbiger mate- 
rieller Situation. Die Tochter hing an ihm mit besonderer Zärt- 
lichkeit und ihre frühzeitig erwachte Kritik nahm um so stär- 
keren Anstoß am manchen seiner Handlungen und Eigentümlich- 
keiten. 

Diese Zärtlichkeit war überdies durch die vielen und 
schweren Erkrankungen gesteigert worden, denen der Vater seit 
ihrem sechsten Lebensjahr unterlegen war. Damals wurde Beine 
Erkrankung an Tuberkulose der Anlaß zur Übersiedlung der 
Familie in eine kleine, klimatisch begünstigte Stadt unserer süd- 
lichen Provinzen; das Lungenleiden besserte sich daselbst rasch, 
doch blieb der für nötig gehaltenen Schonung zuliebe dieser 
Ort, den ich mit B. bezeichnen werde, für die nächsten zehn 
Jahre ungefähr der vorwiegende Aufenthalt sowohl der Eltern 
wie auch der Kinder. Der Vater war, wenn es ihm gut ging, 
zeitweilig abwesend, um seine Fabriken zu besuchen ; im Hoch- 
sommer wurde ein Höhenkurort aufgesucht. 

Als das Mädchen etwa zehn Jahre alt war, machte eine Netz- 
hautablösung beim Vater eine Dunkelkur notwendig. Bleibende 
Einschränkung des Sehvermögens war die Folge dieses Krank- 
heitszufalles. Die ernsteste Erkrankung ereignete sich etwa zwei 
Jahre später; sie bestand in einem Anfalle von Verworrenheit, 
an den sich Lähmungserscheinungen und leichte psychische 
Störungen anschlössen. Ein Freund des Kranken, dessen Bolle 
uns noch später beschäftigen wird, bewog damals den nur wenig 
Gebesserten, mit seinem Arzte nach Wien zu reisen, um meinen 
Rat einzuholen. Ich schwankte eine Weile, ob ich nicht bei ihm 
eine Taboparalyse annehmen sollte, entschloß mich aber dann 



13 



zur Diagnose diffuser vaskulärer Affektion und ließ, nachdem 
eine spezifische Infektion vor der Ehe vom Kranken zugestanden 
war, eine energische antiluetische Kur vornehmen, infolge deren 
sich alle noch vorhandenen Störungen zurückbildeten. Diesem 
glücklichen Eingreifen verdanke ich wohl, daß mir der Vater 
vier Jahre später seine deutlich neurotisch gewordene Tochter 
vorstellte und nach weiteren zwei Jahren zur psychotherapeu- 
tischen Behandlung übergab. 

Ich hatte unterdes auch eine wenig ältere Schwester des 
Patienten in Wien kennen gelernt, bei der man eine schwere 
Form von Psychoneurose ohne charakteristisch-hysterische Symp- 
tome anerkennen mußte. Diese Frau starb nach einem von einer 
unglücklieben Ehe erfüllten Leben unter den eigentlich nicht 
voll aufgeklärten Erscheinungen eines rapid fortschreitenden 
Marasmus. 

Ein älterer Bruder des Patienten, den ich gelegentlich zu 
Gesichte bekam, war ein hypochondrischer Junggeselle. 

Das Mädchen, das im Alter von 18 Jahren meine Patientin 
wurde, hatte von jeher mit seinen Sympathien auf Seite der 
väterlichen Familie gestanden und, seitdem sie erkrankt war, 
ihr Vorbild in der erwähnten Tante gesehen. Es war auch mir 
nicht zweifelhaft, daß sie sowohl mit ihrer Begabung und in- 
tellektuellen Frühreife als auch mit ihrer Krankheitsveranlagung 
dieser Familie angehörte. Die Mutter habe ich nicht kennen 
gelernt. Nach den Mitteilungen des Vaters und des Mädchens 
mußte ich mir die Vorstellung machen, sie sei eine wenig ge- 
bildete, vor allem aber unkluge Frau, die besonders seit der 
Erkrankung und der ihr folgenden Entfremdung ihres Mannes 
alle ihre Interessen auf die Hauswirtschaft konzentriere und so 
das Bild dessen biete, was man die „Hausfrauenpsychose'- 
nennen kann. Ohne Verständnis für die regeren Interessen ihrer 
Kinder, war sie den ganzen Tag mit Reinmachen und Beinhalten 
der Wohnung, Möbel und Gerätschaften in einem Maße beschäf- 
tigt, welches Gebrauch und Genuß derselben fast unmöglich 
machte. Man kann nicht umhin, diesen Zustand, von dem sich 
Andeutungen häufig genug bei normalen Hausfrauen finden, den 
Formen von Wasch- und anderem Reinlichkeitszwang an die 
Seite zu stellen; doch fehlt es bei solchen Frauen, wie auch 



14 

bei der Mutter unserer Patientin, völlig an der Krankheils- 
erkenntnis und somit an einem wesentlichen Merkmal der 
„Zwangsneurose". Das Verhältnis zwischen Müller und Tochter 
war seit Jahren ein sehr unfreundliches. Die Tochter übersah 
die Mutter, kritisierte sie hart und hatte sich ihrem Einfluß 
völlig entzogen 1 ). 

Der einzige, um l*/ 2 Jahre ältere Bruder des Mädchens 
war ihr in früheren Jahren das Vorbild gewesen, dem ihr Ehr- 
geiz nachgestrebt hatte. Die Beziehungen der beiden Geschwister 
hatten sich in den letzten Jahren gelockert. Der junge Mann 
suchte sich den Familienwirren möglichst zu entziehen; wo er 
Partei nehmen mußte, stand er auf seilen der Multer. So hatte 
die gewöhnliche sexuelle Attraktion Vater und Tochter einer- 
seits, Mutter und Sohn anderseits einander näher gebracht. 



') Ich stehe zwar nicht auf dem Standpunkte: Die einzige Ätiologie 
der Hysterie sei die Heredität, möchte aber gerade mit Hinblick auf einige 
frühere Publikationen (L'heredite et l'etiologio des növroses. Revue neuro- 
logique, IV, 1896, No. 6), in denen ich den obigen Satz bekämpfe, nicht 
den Anschein erwecken, als unterschätzte ich die Heredität in der Ätiologie 
der Hysterie oder hielte sie überhaupt für entbehrlich. Für den Fall unserer 
Patientin ergibt sich eine genügende Krankheitsbelastung aus dem über den 
Vater und dessen Geschwister Mitgeteilten; ja, wer der Anschauung ist, daß 
auch Krankheitszustände wie der der Mutter ohne hereditäre Disposition 
unmöglich sind, wird die Heredität dieses Falles für eine konvergente er- 
klären können. Mir erscheint für die hereditäre oder besser konstitutionelle 
Disposition des Mädchens ein anderes Moment bedeutsamer. Ich habe er- 
wähnt, daß der Vater vor der Ehe Syphilis überstanden hatto. Nun stammt 
ein auffällig großer Prozentsatz meiner psycho -analytisch behandelten 
Kranken von Vätern ab, die an Tabes oder an Paralyse gelitten haben. In- 
folge der Neuheit meines therapeutischen Verfahrens fallen mir nur die 
schwersten Fälle zu, die bereits jahrelang ohne jeglichen Krl'olg behandelt 
worden sind. Tabes oder Paralyse dos Erzeugers darf man als Anhänger 
der Erb-Fournierschen Lehre als Hinweise auf eine stattgehabte luetische 
Infektion aufnehmen, welche in einer Anzahl von Fällon bei diesen Vätern 
auch von mir direkt festgestellt worden ist. In dor letzten Diskussion über 
die Nachkommenschaft Syphilitischer (XIII. Internat, modizin. Kongreß zu 
Paris, 2.-9. August 1900, Referate von Finger, Tarnowsky, Jullion u, a) 
vermisse ich die Erwähnung der Tatsache, zu deren Anerkennung mich 
meine Erfahrung als Neuropathologe drängt, daß Syphilis der Erzeuger als 
Ätiologie für die neuropathischc Konstitution der Kinder sehr wohl in Betracht 
kommt. 



15 



Unsere Patientin, der ich fortan ihren Namen Dora geben 
will, zeigte schon im Alter von acht Jahren nervöse Symptome. 
Sie erkrankte damals an permanenter, anfallsweise sehr ge- 
steigerter Atemnot, die zuerst nach einer kleinen Bergpartie auf- 
trat und darum auf Überanstrengung bezogen wurde. Der Zu- 
stand klang im Laufe eines halben Jahres langsam unter der 
ihr aufgenötigten Ruhe und Schonung ab. Der Hausarzt der 
Familie scheint bei der Diagnose einer rein nervösen Störung 
und beim Ausschluß einer organischen Verursachung der Dyspnoe 
keinen > Moment geschwankt zu haben, aber er hielt offenbar 
solche Diagnose für vereinbar mit der Ätiologie der Überan- 
strengung 1 ). 

Die Kleine machte die gewöhnlichen Kinderinfektions- 
krankheiten ohne bleibende Schädigung durch. Wie sie (in sym- 
bolisierender Absicht!) erzählte, machte gewöhnlich der Bruder 
den Anfang mit der Erkrankung, die er im leichten Grade hatte, 
worauf sie mit schweren Erscheinungen nachfolgte. Gegen das 
Alter von 12 Jahren traten migräneartige halbseitige Kopf- 
schmerzen und Anfälle von nervösem Husten bei ihr auf, anfangs 
jedesmal miteinander, bis sich die beiden Symptome voneinander 
lösten, um eine verschiedene Entwicklung zu erfahren. Die 
Migräne wurde seltener und war mit 16 Jahren überwunden. Die 
Anfälle von Tussis nervosa, zu denen ein gemeiner Katarrh wohl 
den Anstoß gegeben hatte, hielten die ganze Zeit über an. Als 
sie mit 18 Jahren in meine Behandlung kam, hustete sie neuer- 
dings in charakteristischer Weise. Die Anzahl dieser Anfälle war 
nicht festzustellen, die Dauer derselben betrug drei bis fünf 
Wochen, einmal auch mehrere Monate. In der ersten Hälfte 
eines solchen Anfalles war wenigstens in den letzten Jahren 
komplette Stimmlosigkeit das lästigste Symptom gewesen. Die 
Diagnose, daß es sich wieder um Nervosität handle, stand längst 
fest; die mannigfachen gebräuchlichen Behandlungen, auch 
Hydrotherapie und lokale Elektrisierung, blieben ohne Erfolg. 
Das unter diesen Zuständen zum reifen, im Urteil sehr selb- 
ständigen Mädchen herangewachsene Kind gewöhnte sich daran, 



*) Über den wahrscheinlichen Anlaß dieser ersten Erkrankung siehe 
weiter unten. 



1 ) Vgl. über denselben die Analyse des zweiten Traumes. 

2 ) 'Diese Kur und somit meine Einsicht in die Verkettungen der 
Krankengeschichte ist, wie ich bereits mitgeteilt habe, ein Bruchstück ge- 
blieben. Ich kann darum über manche Punkte keinon AufschluU geben 
oder nur Andeutungen und Vermutungen verwerten. Als dieser Brief in 












16 

der Bemühungen der Ärzte zu spotten und zuletzt auf ärztliche 
Hilfe zu verzichten. Sie hatte sich übrigens von jeher gesträubt, 
den Arzt zu Rate zu ziehen, obwohl sie gegen die Person ihres 
Hausarztes keine Abneigung hatte. Jeder Vorschlag, einen neuen 
Arzt zu konsultieren, erregte ihren Widerstand, und auch zu mir 
trieb sie erst das Machtwort des Vaters. 

Ich sah sie zuerst im Frühsommer ihres 16. Jahres mit 
Husten und Heiserkeit behaftet und schlug schon damals eine 
psychische Kur vor, von der dann Abstand genommen wurde, 
als auch dieser länger dauernde Anfall spontan verging. Im 
Winter des nächsten Jahres war sie nach dem Tode ihrer ge- 
liebten Tante in Wien im Hause des Onkels und dessen Töchter 
und erkrankte hier fieberhaft an einem Zustand, der damals 
als Blinddarmentzündung diagnostiziert wurde 1 ). In dem darauf- 
folgenden Herbst verließ die Familie endgültig den Kurort B., 
da die Gesundheit des Vaters dies zu gestatten schien, nahm 
zuerst in dem Orte, wo sich die Fabrik des Vaters befand, und 
kaum ein Jahr später in Wien dauernden Aufenthalt. 

Dora war unterdes zu einem blühenden Mädchen von 
intelligenten und gefälligen Gesichtszügen herangewachsen, das 
ihren Eltern aber schwere Sorge bereitete. Das Hauptzeichen 
ihres Krankseins war Verstimmung und Charaklerveränderung 
geworden. Sie war offenbar weder mit sich noch mit den Ihrigen 
zufrieden, begegnete ihrem Vater unfreundlich und vertrug sich 
gar nicht mehr mit ihrer Mutter, die sie durchaus zur Teil- 
nahme an der Wirtschaft heranziehen wollte. Verkehr suchte 
sie zu vermeiden; soweit die Müdigkeit und Zerstreutheit, über 
die sie klagte, es zuließen, beschäftigte sie sich mit dem An- 
hören van Vorträgen für Damen und trieb ernstere Studien. 
Eines Tages wurden die Eltern in Schreck versetzt durch einen 
Brief, den sie auf oder in dem Schreibtisch des Mädchens fanden, 
in dem sie Abschied von ihnen nahm, weil sie das Leben nicht 
mehr ertragen könne 2 ). Die nicht geringe Einsicht des Vaters 






17 

ließ ihn zwar annehmen, daß kein ernsthafter Selbstmordvor- 
satz das Mädchen beherrsche, aber er blieb erschüttert, und als 
sich eines Tages nach einem geringfügigen Wortwechsel zwischen 
Vater und Tochter bei letzterer ein erster Anfall von Bewußt- 
losigkeit 1 ) einstellte, für den dann auch Amnesie bestand, wurde 
trotz ihres Sträubens bestimmt, daß sie in meine Behandlung 
treten solle. 

Die Krankengeschichte, die ich bisher skizziert, erscheint 
wohl im ganzen nicht milteilenswert. „Petite hysterie" mit den 
allergewöhnlichsten somatischen und psychischen Symptomen: 
Dyspnoe, Tussis nervosa,, Aphonie, etwa noch Migränen, dazu 
Verstimmung, hysterische Unverträglichkeit und ein wahrschein- 
lich nicht ernst gemeintes Taedium vitae. Es sind gewiß in- 
teressantere Krankengeschichten von Hysterischen veröffentlicht 
worden und sehr oft sorgfältiger aufgenommene, denn auch von 
Stigmen der Hauptempfindlichkeit, Gesichtsfeldeinschränkung 
u. dgi. wird man in der Fortsetzung nichts finden. Ich gestatte 
mir bloß die Bemerkung, daß uns alle Sammlungen von selt- 
samen und erstaunlichen Phänomenen bei Hysterie in der Er- 
kenntnis dieser noch immer rätselhaften Erkrankung um nicht, 
vieles gefördert haben. Was uns not tut, ist gerade die Auf- 
klärung der allergewöhnlichsten Fälle und der allerhäuf igsten, 
der typischen Symptome bei ihnen. Ich wäre zufrieden, wenn 
mir die Verhältnisse gestattet hätten, für diesen Fall kleiner 
Hysterie die Aufklärung vollständig zu geben. Nach meinen 
Erfabrungen an anderen Kranken zweifle ich nicht daran, daß 
meine analytischen Mittel dafür ausgereicht hätten. 

Kurz nach der Veröffentlichung meiner „Studien über 
Hysterie" mit Dr. J. Breuer im Jahre 1896 bat ich einen 
hervorragenden Fachgenossen um sein Urteil über die darin 






einer Sitzung zur Sprache kam, fragte das Mädchen wie erstaunt: „Wie 
haben sie den Brief nur gefunden? Er war doch in meinem Schreibtische ein- 
geschlossen." Da sie aber wußte, daß die Eltern diesen Entwurf zu einem Ab- 
schiedsbrief gelesen hatten, so schließe ich, daß sie ihnen denselben selbst in 
die Hände gespielt. 

J ) Ich glaube, daß in diesem Anfalle auch Krämpfe und Delirien zu 
beobachten waren. Da aber die Analyse auch zu diesem Ereignis nicht vor- 
gedrungen ist, verfüge ich über keine gesicherte Erinnerung hierüber. 
Freud, Neurosenlehre. II. 3. Aufl. 2 



18 






vertretene psychologische Theorie der Hysterie. Er antwortete un- 
umwunden, er halte sie für eine unberechtigte .Verallgemeinerung 
von Schlüssen, die für einige wenige Fälle richtig sein mögen. 
Seither habe ich reichlich Fälle von Hysterie gesehen, habe 
mich einige Tage, Wochen oder Jahre mit jedem Falle be- 
schäftigt und in keinem einzigen Falle habe ich jene psychischen 
Bedingungen vermißt, welche die „Studien" postulieren, das 
psychische Trauma, den Konflikt der Affekte und,' wie ich iri 
späteren Publikationen hinzugefügt habe, die Ergriffenheit der 
Sexualsphäre. Man darf bei Dingen, welche durch ihr Be- 
streben, sich zu verbergen, pathogen geworden sind, freilich nicht 
erwarten, daß die Kranken sie dem Arzt entgegentragen werden, 
oder darf sich nicht bei dein ersten „Nein", das sich der 
Forschung entgegensetzt, bescheiden 1 ). 

Bei meiner Patientin Dora dankte ich es dem schon 
mehrmals hervorgehobenen Verständnis des Vaters, daß ich nicht 
selbst nach der Lebensanknüpfung, wenigstens für die letzte 
Gestaltung der Krankheit, zu suchen brauchte. Der Vater be- 
richtete mir, daß er wie seine Familie in. B. intime Freundschaft 
mit einem Ehepaar geschlossen hätten, welches seit mehreren 
Jahren dort ansässig war. Frau K. habe ihn während seiner 
großen Krankheit gepflegt und sich dadurch einen unvergäng- 



l ) Hier ein Beispiel fürs letztere. Einer meiner Wiener Kollegen, dessen 
Überzeugung von der Belanglosigkeit sexueller Momente für die Hysterie 
durch solche Erfahrungen wahrscheinlich sehr gefestigt worden ist, entschloß 
sich, bei einem 14 jährigen Mädchen mit bedrohlichem hysterischen Erbrechen 
zur peinlichen Frage, ob sie vielleicht gar eine Liebesbeziehnng gehabt hätte. 
Das Kind antwortete: Nein, wahrscheinlich mit gut gespieltem Erstaunen, 
und erzählte in seiner respektlosen Weise der Mutter: Denk' Dir, der dumme 
Kerl hat mich gar gefragt, ob ich verliebt bin. Es kam dann in meine Be- 
andlung und enthüllte sich — freilich nicht gleich bei der ersten Unter- 
edung — als eine langjährige Masturbantin mit starkem Fluor albus (der 
viel Bezug auf das Erbrechen hatte), die sich endlich selbst entwöhnt hatte, 
in der Abstinenz aber von dem heftigsten Schuldgefühl gepeinigt wurde, so 
daß sie alle Unfälle, welche die Familie betrafen, als göttliche Strafe für ihre 
Versündigung ansah. Außerdem stand sie unter dem Einflüsse des Romans 
ihrer Tante, deren uneheliche Gravidität (mit zweiter Determination für das 
Erbrechen) ihr angeblich glücklich verheimlicht worden war. Sie galt als ein 
„ganzes Kind", erwies sich aber als eingeweiht in alles Wesentliche der sexu- 
ellen Beziehungen. 



19 

liehen Anspruch auf seine Dankbarkeit erworben. Herr K. sei 
stets sehr liebenswürdig gegen seine Tochter Dora gewesen, 
habe Spaziergänge mit ihr unternommen, wenn er anwesend 
war, ihr kleine Geschenke gemacht, doch hätte niemand etwas 
Arges daran gefunden. Dora habe die zwei kleinen Kinder des 
Ehepaares K. in der sorgsamsten Weise betreut, gleichsam 
Mutterstelle an ihnen vertreten. Als Vater und Tochter mich 
im Sommer vor zwei Jahren aufsuchten, waren sie eben auf der 
Reise zu Herrn und Frau K. begriffen, die Sommeraufenthalt 
an einem unserer Alpenseen genommen hatten. Dora sollte 
mehrere Wochen im Hause K. bleiben, der Vater wollte nach 
wenigen Tagen zurückreisen. Herr K. war in diesen Tagen auch 
anwesend. Als der Vater aber zur Abreise rüstete, erklärte das 
Mädchen plötzlich mit größter Entschiedenheit, sie reise mit, 
und sie hatte es auch so durchgesetzt. Einige Tage später gab 
sie erst die Aufklärung für ihr auffälliges Benehmen, indem sie 
der Mutter zur Weiterbeförderung an den Vater erzählte, Herr 
K. habe auf einem Spaziergang nach einer Seefahrt gewagt, 
ihr einen Liebesantrag zu machen. Der Beschuldigte, beim 
nächsten Zusammentreffen von Vater und Onkel zur Rede ge- 
stellt, leugnete aufs Nachdrücklichste jeden Schritt seinerseits, 
der solche Auslegung verdient hätte, und begann das Mädchen 
zu verdächtigen, das nach der Mitteilung der Frau K. nur für 
sexuelle Dinge Interesse zeige und in ihrem Hause am See selbst 
Mantegazzas „Physiologie der Liebe" und ähnliche Bücher 
gelesen habe. Wahrscheinlich habe sie, durch solche Lektüre 
erhitzt, sich die ganze Szene, von der sie erzählt, „eingebildet". 
„Ich bezweifle nicht," sagte der Vater, „daß dieser Vorfall 
die Schuld an Doras Verstimmung, Gereiztheit und Selbst- 
mordideen trägt. Sie verlangt von mir, daß ich den Verkehr 
mit Herrn und besonders mit Frau K., die sie früher geradezu 
verehrt hat, abbreche. Ich kann das aber nicht, denn erstens 
halte ich selbst die Erzählung Doras von der unsittlichen 
Zumutung des Mannes für eine Phantasie, die sich ihr aufge- 
drängt hat, zweitens bin ich an Frau K. durch ehrliche Freund- 
schaft gebunden und mag ihr nicht wehe tun. Die arme Frau 
ist sehr, unglücklich mit ihrem Manne, von dem \ch übrigens 
nicht die beste Meinung habe; sie war selbst sehr nervenleidend 

2* 



-M_* 



20 



und hat an mir den einzigen Anhalt. Bei meinem Gesund- 
heitszustand brauche ich Ihnen wohl nicht zu versichern, daß 
hinter diesem Verhältnis nichts Unerlaubtes steckt. Wir sind 
zwei arme Menschen, die einander, so gut es gehl, durch freund- 
schaftliche Teilnahme trösten. Daß ich nichts an meiner eigenen 
Frau habe, ist Ihnen bekannt. Dora aber, die meinen harten 
Kopf hat, ist von ihrem Haß gegen die K. nicht abzubringen. 
Ihr letzter Anfall war nach einem Gespräch, in dem sie wiederum 
dieselbe Forderung an mich stellte. Suchen Sie sie jetzt auf 
bessere Wege zu bringen." 

Nicht, ganz im Einklang mit diesen Eröffnungen stand es, 
daß der Vater in anderen Reden die Hauptschuld an dem un- 
erträglichen Wesen seiner Tochter auf die Mutter zu schieben 
suchte, deren Eigenheiten allen das Haus verleideten. Ich halle 
mir aber längst vorgenommen, mein Urleil über den wirklichen 
Sachverhalt aufzuschieben, bis ich auch den anderen Teil ge- 
hört hätte. 

In dem Erlebnis mit Herrn K. in der Liebeswerbung 

und der darauffolgenden Ehrenkränkung — wäre also für 
unsere Patientin Dora das psychische Trauma gegeben, welches 
seinerzeit Breuer und ich als unerläßliche Vorbedingung für 
die Entstehung eines hysterischen Krankheitszustandes hinge- 
stellt haben. Dieser neue Fall zeigt aber auch alle die Schwierig- 
keiten, die mich seither veranlaßt haben, über diese Theorie 
hinaus zu gehen 1 ), vermehrt durch eine neue Schwierigkeit be- 
sonderer Art. Das uns bekannte Trauma der Leidensgeschichte 



*) Ich bin über diese Theorie hinausgegangen, ohne sie aufzugeben, 
d. h. ich erkläre sie heute nicht für unrichtig, sondern für unvollständig. 
Aufgegeben habe ich bloß die Betonung des sogenannten hypnoiden Zu- 
standes, der aus Anlaß des Traumas bei der Krankon auftreten und die 
Begründung für das weitere psychologisch abnorme Geschehen auf sich 
nehmen soll. Wenn es bei gemeinsamer Arbeit gestattet ist, nachträglich 
eine Eigentumsscheidung vorzunehmen, so möchte ich hier doch aussagen, 
daß die Aufstellung der „hypnoiden Zustände", in welcher dann manche 
Referenten den Kern unserer Arbeit erkennen wollten, der ausschließlichen 
Initiative Breuers entsprungen ist. Ich halte es für überflüssig und irre- 
leitend, die Kontinuität des Problems, worin' der psychische Vorgang bei 
der hysterischen Symptombildung bestehe, durch diese Namengebung zu 
unterbrechen. 



21 

ist nämlich, wie so oft in den hysterischen Krankengeschichten, 
untauglich, um die Eigenart der Symptome zu erklären, sie zu 
determinieren; wir würden ebensoviel ode'r ebensowenig vom 
Zusammenhang erfassen, wenn andere Symptome als Tussis 
nervosa, Aphonie, Verstimmung und Taedium vitae der Erfolg 
des Traumas gewesen wären. Nun kommt aber hinzu, daß ein 
Teil dieser Symptome - - der Husten und die Stirn mlosigkeit - 
schon Jahre vor dem Trauma von der Kranken produziert 
worden sind, und daß die ersten Erscheinungen überhaupt der 
Kindheit angehören, da sie in das achte Lebensjahr fallen. Wir 
müssen also, wenn wir die traumatische Theorie nicht aufgeben 
wollen, bis auf die Kindheit zurückgreifen, um dort nach Ein- 
flüssen oder Eindrücken zu suchen, welche analog einem Trauma 
wirken können, und dann ist es recht bemerkenswert, daß mich 
auch die Untersuchung von Fällen, deren erste Symptome nicht 
bereits in der Kindheit einsetzen, zur Verfolgung der Lebens- 
geschichte bis in die ersten Kinderjahre angeregt hat 1 ). 

Nachdem die ersten Schwierigkeiten der Kur überwunden 
waren, machte mir Dora Mitteilung von einem früheren Er- 
lebnisse mit Herrn K., welches sogar besser geeignet war, als 
sexuelles Trauma zu wirken. Sie war damals 14 Jahre alt. 
Herr K. hatte mit ihr und seiner Frau verabredet, daß die 
Damen am Nachmittag in seinen Geschäftsladen auf dem Haupt- 
platz von B. kommen sollten, um von dort aus eine kirchliche 
Feierlichkeit mitanzusehen. Er bewog aber seine Frau, zu 
Hause zu bleiben, entließ die Kommis und war allein, als das 
Mädchen ins Geschäft trat. Als die Zeit der Prozession heran- 
nahte, ersuchte er das Mädchen, ihn bei der Türe, die aus dem 
Laden zur Treppe ins höhere Stockwerk führte, zu erwarten, 
während er die Rollbalken herunterließ. Er kam dann zurück, 
und anstatt durch die offene Türe hinauszugehen, preßte er 
plötzlich das Mädchen an sich und drückte ihm einen Kuß auf 
die Lippen. Das war wohl die Situation, um bei einem 
14jährigen unberührten Mädchen eine deutliche Empfindung 
sexueller Erregtheit hervorzurufen. Dora empfand aber in 

J ) Vgl. meine Abhandlung: Zur Ätiologie der Hysterie. Wiener klinische 
Rundschau. 1896. Nr. 22—26. (Sammlung kl. Schriften zur Neurosenlehre, 
I. Folge, 1906. 3. Aufl. 1920.) 



I 



L-_i 



22 

diesem Moment einen heftigen Ekel, riß sich los und eilte an 
dem Manne vorbei zur Treppe und von dort zum Haustor. Der 
Verkehr mit Herrn K. dauerte nichtsdestoweniger fort; keiner 
von ihnen tat dieser kleinen Szene je Erwähnung, auch will 
sie dieselbe bis zur Beichte in der Kur als Geheimnis bewahrt 
haben. In der nächsten Zeit vermied sie übrigens die Gelegen- 
heil, mit Herrn K. allein zu sein. Das Ehepaar K. hatte da- 
mals einen mehrtägigen Ausflug verabredet, an dem auch Dora 
teilnehmen sollte. Nach dem Kuß im Laden sagte sie ihre 
Beteiligung ab, ohne Gründe anzugeben 1 ). 

In dieser, der Reihe nach zweiten, der Zeit nach früheren 
Szene ist das Benehmen des 14jährigen Kindes bereits ganz 
und voll hysterisch. Jede Person, bei welcher ein Anlaß zur 
sexuellen Erregung überwiegend oder ausschließlich Unlusl- 
gefühle hervorruft, würde ich unbedenklich für eine Hysleriea 
halten, ob sie nun somatische Symptome zu erzeugen fähig sei 
oder nicht. Den Mechanismus dieser Affektverkehrung auf- 
zuklären, bleibt eine der bedeutsamsten, gleichzeitig eine der 
schwierigsten Aufgaben der Neurosenpsychologie. Nach meinem 
eigenen Urteil bin ich noch ein gut Stück Weges von diesem 
Ziel entfernt; im Rahmen dieser Mitteilung werde ich aber 
auch von dem, was ich weiß, nur einen Teil vorbringen können. 

Der Fall unserer Patientin Dora ist durch die Hervor- 
hebung der Affektverkehrung noch nicht genügend charakterisiert ; 
man muß außerdem sagen, hier hat eine Verschiebung der 
Empfindung stattgefunden. Anstatt der Genitalsensation, die 
bei einem gesunden Mädchen unter solchen Umständen 2 ) gewiß 
nicht gefehlt hätte, stellt sich bei ihr die Unlustempfindung ein, 
Welche dem Schleimhauttrakt des Einganges in den Verdauungs- 
kanal zugehört, der Ekel. Gewiß hat auf diese Lokalisation 
die Lippenerregung durch den Kuß Einfluß genommen; ich 
glaube aber auch noch dje Wirkung eines anderen Moments zu 
erkennen 3). 






l ) Einen Beitrag zur Motivierung dieser Absage siehe Seite 24. 

8 ) Die Würdigung dieser Umstände wird durch eine spätere Aufklärung 
erleichtert werden. 

8 ) Akzidentelle Ursachen hatte der Ekel D o r a s bei diesem Kusse 
sicherlich nicht, diese wären unfehlbar erinnert und erwähnt worden. Ich 



23 

Der damals verspürte Ekel ist bei Dora nicht zum blei- 
benden Symptom geworden, auch zur Zeit der Behandlung war 
er nur gleichsam potentiell vorhanden. Sie aß schlecht und 
gestand eine gelinde Abneigung gegen Speisen zu. Dagegen 
hatte jene Szene eine andere Folge zurückgelassen, eine Emp- 
findungshallu/.ination, die von Zeit zu Zeit, auch während 
ihrer Erzählung wieder auftrat. Sie sagte, sie verspüre jetzt 
noch den Druck auf den Oberkörper von jener Umarmung. 
Nach gewissen Regeln der Symptombildung, die mir bekannt 
geworden sind, im Zusammenhalt mit anderen, sonst unerklär- 
lichen Eigentümlichkeiten der Kranken, die z. B. an keinem 
Manne vorbeigehen wollte, den sie in eifrigem oder zärtlichem 
Gespräch mit einer Dame stehen sah, habe ich mir von dem 
Hergang in jener Szene folgende Rekonstruktion geschaffen. Ich 
denke, sie verspürte in der stürmischen Umarmung nicht bloß 
den Kuß auf ihren Lippen, sondern auch das Andrängen des 
erigierten Gliedes gegen ihren Leib. Diese ihr anstößige Wahr- 
nehmung wurde für die Erinnerung beseitigt, verdrängt und 
durch die harmlose Sensation des Druckes am Thorax ersetzt, 
die aus der verdrängten Quelle ihre übergroße Intensität be- 
zieht. Eine neuerliche Verschiebung also vom Unterkörper auf 
den Oberkörper 1 ). Der Zwang in ihrem Benehmen ist hingegen 
so gebildet, als ginge er von der unveränderten Erinnerung aus. 
Sie mag an keinem Manne, den sie in sexueller Erregung 
glaubt, vorbeigehen, weil sie das somatische Zeichen derselben 
nicht wieder sehen will. 

Es ist bemerkenswert, wie hier drei Symptome — der 
Ekel, die Drucksensation am Oberkörper und die Scheu vor 



kenne zufällig Herrn K.; es ist dieselbe Person, die den Vater der Patientin 
zu mir begleitet hat, ein noch jugendlicher Mann von einnehmendem 
Äußern. 

') Solche Verschiebungen weiden nicht etwa zum Zwecke dieser einen 
Erklärung angenommen, sondern ergeben sich für eine große Reihe von Sym- 
ptomen als unabweisbare Forderung. Ich habe seither von einer früher zärtlich 
verliebten Braut, die sich wegen plötzlicher Erkaltung gegen ihren Verlobten, 
die unter schwerer Verstimmung eintrat, an mich wendete, denselben Schreck- 
effekt einer Umarmung (ohne Kuß) vernommen. Hier gelang die Zurückführung 
des Schrecks auf die wahrgenommene, aber fürs Bewußtsein beseitigte Erektion 
des Mannes ohne weitere Schwierigkeit. 






24 



Männern in zärtlichem Gespräch — aus einem Erlebnis her- 
vorgehen, und wie erst die Aufeinanderbeziehung dieser drei 
Zeichen das Verständnis für den Hergang der Symptombildung 
ermöglicht. Der Ekel entspricht dem Verdrängungssymplom 
von der erogenen (durch infantiles Lutschen, wie wir hören 
werden, verwöhnten) Lippenzone. Das Andrängen des erigierten 
Gliedes hat. wahrscheinlich die analoge Veränderung an dem 
entsprechenden weiblichen Organ, der Clitoris, zur Folge ge- 
habt und die Erregung dieser zweiten erogenen Zone ist durch 
Verschiebung auf die gleichzeitige Drucksensation am Thorax 
fixiert worden. Die Scheu vor Männern in möglicherweise sexuell 
erregtem Zustande folgt dem Mechanismus einer Phobie, um sich 
vor einer neuerlichen Wiederbelebung der verdrängten Wahr- 
nehmung zu sichern. 

Um die Möglichkeit dieser Ergänzung darzutun, habe ich 
in der vorsichtigsten Weise bei der Patientin angefragt, ob ihr 
von körperlichen Zeichen der Erregtheit am Leibe des Mannes 
etwas bekannt sei. Die Antwort lautete für heute: ja, für da- 
mals: sie glaube nicht. Ich habe bei dieser Patientin von An- 
fang an die größte Sorgfalt aufgewendet, um ihr keinen neuen 
Wissensstoff aus dem Gebiete des Geschlechtslebens zuzuführen, 
und dies nicht aus Gründen der Gewissenhaftigkeit, sondern 
weil ich meine Voraussetzungen an diesem Falle einer harten 
Probe unterziehen wollte. Ich nannte ein Ding also erst dann 
beim Namen, wenn ihre allzu deutlichen Anspielungen die 
Übersetzung ins Direkte als ein sehr geringfügiges Wagstück 
erscheinen ließen. Ihre prompte und ehrliche Antwort ging 
auch regelmäßig dahin, das sei ihr bereits bekannt, aber das 
Rätsel, woher sie es denn wisse, war durch ihre Erinnerungen 
nicht zu lösen. Die Herkunft all dieser Kenntnisse hatte sie 
vergessen 1 ). 

Wenn ich mir die Szene des Kusses im Laden 
stellen darf, so gelange ich zu folgender Ableitung 
Ekel 2 ). Die Ekelempfindung scheint ja ursprünglich 



so vor- 
für den 
die Re- 



*) Vgl. den zweiten Traum. 

2 ) Hier wie an allen ähnlichen 



Stellen mache man sich nicht auf 
einfache, sondern auf mehrfache Begründung, auf Überdeterminierung 
gefaßt. 



" 



25 

aküon auf den Geruch (später auch auf den Anblick) der 
Exkremente zu sein. An die exkrernen teilen Funktionen können 
die Genitalien und speziell das männliche Glied aber erinnern, 
weil hier das Organ außer der sexuellen auch der Funktion der 
Hainentleerung dient. Ja, diese Verrichtung ist die älter be- 
kannte und die in der vorsexuellen Zeit einzig bekannte. So 
gelangt der Ekel unter die Affektäußerungen des Sexuallebens. 
Es ist das „inter urinas et. faeces nascimur" des Kirchenvaters, 
welches dem Sexualleben anhaftet und aller idealisierenden Be- 
mühung zum Trotze von ihm nicht abzulösen ist. Ich will es 
aber ausdrücklich als meinen Standpunkt, hervorheben, daß ich 
das Problem durch den Nachweis dieses Assoziationsweges nicht 
für gelöst halte. Wenn diese Assoziation wachgerufen werden 
kann, so ist damit noch nicht erklärt, daß sie auch wachge- 
rufen wird. Sie wird es nicht unter normalen Verhältnissen. 
Die Kenntnis der Wege macht die Kenntnis der Kräfte nicht 
überflüssig, welche diese Wege wandeln 1 ). 

Im übrigen fand ich es nicht leicht, die Aufmerksamkeit 
meiner Patientin auf ihren Verkehr mit Herrn K. zu lenken. 
Sie behauptete, mit dieser Person abgeschlossen zu haben. Die 
oberste Schicht all ihrer Einfälle in den Sitzungen, alles was 
ihr leicht bewußt wurde und was sie als bewußt vom Vortag 
erinnerte, bezog sich immer auf den Vater. Es war ganz richtig, 
daß sie dem Vater die Fortsetzung des Verkehres mit Herrn 
und besonders mit Frau K. nicht verzeihen konnte. Ihre Auf- 
fassung dieses Verkehres war allerdings eine andere, als die 
der Vater selbst gehegt wissen wollte. Für sie bestand kein 
Zweifel, daß es ein gewöhnliches Liebesverhältnis sei, das ihren 
Vater an die junge und schöne Frau knüpfe. Nichts was dazu 
beitragen konnte, diesen Satz zu erhärten, war ihrer hierin 



•) An all diesen Erörterungen ist viel Typisches und für Hysterie all- 
gemein Gültiges. Das Thema der Erektion löst einige der interessantesten unter 
den hysterischen Symptomen. Die weibliche Aufmerksamkeit für die durch die 
Kleider wahrnehmbaren Umrisse der männlichen Genitalien wird nach ihrer 
Verdrängung zum Motiv so vieler Fälle von Menschenscheu und Gesellschafts- 
angst. Die breite Verbindung zwischen dem Sexuellen und dem Exkremen- 
tellen, deren pathogene Bedeutung wohl nicht groß genug veranschlagt werden 
kann, dient einer überaus reichlichen Anzahl von hysterischen Phobien zur 
Grundlage. 












— •- 



26 

unerbitterlich scharfen Wahrnehmung entgangen, hier fand sich 
keine Lücke in ihrem Gedächtnisse. Die Bekanntschaft 
mit den K. hatte schon vor der schweren Erkrankung des 
Vaters begonnen; sie wurde aber erst intim, als sich während 
dieser Krankheit die junge Frau förmlich zur Pflegerin auf- 
warf, während die Mutter sich vom Bette des Kranken ferne 
hielt. In dem ersten Sommeraufenthalte nach der Genesung 
ereigneten sich Dinge, die jedermann über die wirkliche Natur 
dieser „Freundschaft" die Augen öffnen mußten. Die beiden 
Familien hatten gemeinsam einen Trakt im Hotel gemietet, 
und da geschah es eines Tages, daß Frau K. erklärte, sie 
könne das Schlafzimmer nicht beibehalten, welches sie bisher 
mit einem ihrer Kinder geteilt hatte, und wenige Tage nachher 
gab ihr Vater sein Schlafzimmer auf und beide bezogen neue 
Zimmer, die Endzimmer, die nur durch den Korridor gelrennt 
waren, während die aufgegebenen Räume solche Garantie gegen 
Störung nicht geboten hatten. Wenn sie dem Vater später 
Vorwürfe wegen der Frau K. machte, so pflegte er zu sagen, 
er begreife diese Feindschaft nicht, die Kinder hätten vielmehr 
allen Grund, der Frau K. dankbar zu sein. Die Mama, an 
welche sie sich dann um Aufklärung dieser dunkeln Rede 
wandte, teilte ihr mit, der Papa sei damals so unglücklich ge- 
wesen, daß er im Walde einen Selbstmord habe verüben wollen; 
Frau K., die es geahnt, sei ihm aber nachgekommen und habe 
ihn durch ihr Bitten bestimmt, sich den Seinigen zu erhalten. 
Sie glaube natürlich nicht daran, man habe wohl die beiden im 
Walde mitsammen gesehen und da habe der Papa dies Märchen 
vom Selbstmord erfunden, um das Rendezvous zu rechtfertigen 1 ). 
Als sie dann nach B. zurückkehrten, war der Papa täglich zu 
bestimmten Stunden bei Frau K., während der Mann im Ge- 
schäft war. Alle Leute hätten darüber gesprochen und sie in 
bezeichnender Weise, danach gefragt. Herr K. selbst habe oft 
gegen ihre Mama bitter geklagt, sie selbst aber mit Anspielungen 
auf den Gegenstand verschont, was sie ihm als Zartgefühl an- 
zurechnen schien. Bei gemeinsamen Spaziergängen wußlen 
Papa und Frau K. es regelmäßig so einzurichten, daß er mit 

') Dies die Anknüpfung für ihre eigene Selbstmordkomödio, die also 
etwa die Sehnsucht nach einer ahnlichen Liebe ausdrückt. 






27 

Frau K. allein blieb. Es war kein Zweifel, daß sie Geld von 
ihm nahm, denn sie machte Ausgaben, die sie unmöglich aus 
eigenen Mitteln oder aus denen ihres Mannes bestreiten konnte. 
Der Papa begann auch, ihr große Geschenke zu machen; um 
diese zu verdecken, wurde er gleichzeitig besonders freigiebig 
gegen die Mutter und gegen sie selbst. (Dora.) Die bis dahin 
kränkliche Frau, die selbst für Monate eine Nervenheilanstalt 
aufsuchen mußte, weil sie nicht gehen konnte, war seither gesund 
und lebensfrisch. 

Auch nachdem sie B. verlassen hatten, setzte sich der 
mehrjährige Verkehr fort, indem der Vater von Zeit zu Zeit 
erklärte, er vertrage das rauhe Klima nicht, müsse etwas für 
sich tun, zu husten und zu klagen begann, bis er plötzlich nach 
B. abgereist war, von wo aus er die heitersten Briefe schrieb. 
All diese Krankheiten waren nur Vorwände, um seine Freundin 
wiederzusehen. Dann hieß es eines Tages, sie übersiedelten 
nach Wien, und sie fing an, einen Zusammenhang zu vermuten. 
Wirklich waren sie kaum drei Wochen in Wien, als sie hörte, K. 
seien gleichfalls nach Wien übersiedelt. Sie befänden sich auch 
gegenwärtig hier und sie träfe den Papa häufig mit Frau K. 
auf der Straße. Auch Herrn K. begegne sie öfters, er blicke 
ihr immer nach und als er sie einmal alleingehend getroffen, 
sei er ihr ein großes Stück weit nachgegangen, um sich zu über- 
zeugen, wohin sie gehe, ob sie nicht etwa ein Rendezvous habe. 

Daß der Papa unaufrichtig sei, einen Zug von Falschheit 
in seinem Charakter habe, nur an seine eigene Befriedigung 
denke und die Gabe besitze, sich die Dinge so zurecht zu legen, 
wie es ihm am besten passe, solche Kritik bekam ich besonders 
in den Tagen zu hören, als der Vater wieder einmal seinen 
Zustand verschlimmert fühlte und für mehrere Wochen nach 
B. abreiste, worauf die scharfsichtige Dora bald ausgekund- 
schaftet hatte, daß auch Frau K. eine Reise nach demselben 
Ziel zum Besuch ihrer Verwandten unternommen hatte 

Ich konnte die Charakteristik des Vaters im allgemeinen 
nicht bestreiten; es war auch leicht zu sehen, mit welchem be- 
sonderen Vorwurf Dora im Rechte war. Wenn sie in erbitterter 
Stimmung war, drängte sich ihr die Auffassung auf, .daß sie 
Herrn K. ausgeliefert worden sei als Preis für seine Duldung 






28 



gegen die Beziehungen zwischen Doras Vater und seiner Frau, 
und man konnte hinter ihrer Zärtlichkeit für den Vater die Wut 
über solche Verwendung ahnen. Zu anderen Zeiten wußte sie 
wohl, daß sie sich mit solchen Reden einer Übertreibung schuldig 
gemacht hatte. Einen förmlichen Pakt, in dem sie als Tausch- 
objekt behandelt worden, hatten die beiden Männer natürlich 
niemals geschlossen; der Vater zumal wäre vor einer solchen 
Zumutung entsetzt zurückgewichen. Aber er gehörte zu jenen 
Männern, die einem Konflikt dadurch die Spitze abzubrechen- 
verstehen, daß sie ihr Urteil über das eine der zum Gegensatze 
gekommenen Themata verfälschen. Auf die Möglichkeit aufmerk- 
sam gemacht, daß einem heranwachsenden Mädchen aus dem 
beständigen und unbeaufsichtigten Verkehr mit dem von seiner 
Frau unbefriedigten Manne Gefahr erwachsen könne, hatte er 
sicherlich geantwortet: Auf seine Tochter könne er sich verlassen, 
der könne ein Mann wie K. nie gefährlich werden, und sein 
Freund selbst sei solcher Absichten unfähig. Oder: Dora sei 
noch ein Kind und werde von K. als Kind behandelt. Es war 
aber in Wirklichkeil so gekommen, daß jeder der beiden Männer 
es vermied, aus dem Benehmen des andern jene Konsequenz 
zu ziehen, welche für seine eigenen Bestrebungen unbequem war.- 
Herr K. durfte Dora alle Tage seiner Anwesenheit ein Jahr 
hindurch Blumen schicken, jede Gelegenheit zu kostbaren Ge- 
schenken benutzen und alle seine freie Zeit in ihrer Gesellschaft 
zubringen, ohne daß ihre Eltern in diesem Benehmen den Cha- 
rakter der Liebes Werbung erkannt hätten. 

Wenn in der psychoanalytischen Behandlung eine korrekt 
begründete und einwandfreie Gedankenreihe aultaucht, so gibt 
es wohl einen Moment der Verlegenheit, für den Arzt, den der 
Kranke zur Frage ausnutzt: „Das ist doch wohl alles wahr und 
richtig? Was wollen Sie daran ändern, wenn ich's Ihnen erzählt 
habe?" Man merkt dann bald, daß solche für die Analyse un- 
angreifbare Gedanken vom Kranken dazu benutzt worden sind, 
um andere zu verdecken, die sich der Kritik und dem Bewußtsein 
entziehen wollen. Eine Reihe von Vorwürfen gegen andere Per- 
sonen läßt eine Reihe von Selbstvorwürfen des gleichen Inhaltes 
vermuten. Man braucht nur jeden einzelnen Vorwurf auf die 
eigene Person des Redners zurückzuwenden. Diese Art, sich 



1 






29 



gegen einen Selbstvorwurf zu verteidigen, indem man den gleichen 
Vorwurf gegen eine andere Person erhebt, hat etwas unleugbar 
Automatisches. Sie findet ihr Vorbild in den „Retourkutschen" 
der Kinder, die unbedenklich zur Antwort geben: „Du bist ein 
Lügner", wenn man sie der Lüge beschuldigt hat. Der Erwachsene 
würde im Bestreben nach Gegenbeschimpfung nach irgend einer 
realen Blöße des Gegners ausschauen und nicht den Hauptwert 
auf die Wiederholung des nämlichen Inhaltes legen. In der Para- 
noia wird diese Projektion des Vorwurfes auf einen anderen 
ohne Inhaltsveränderung und somit ohne Anlehnung an die 
Realität als wahnbildender Vorgang manifest. 

Auch die Vorwürfe Doras gegen ihren Vater waren mit 
Selbslvor würfen durchweg des nämlichen Inhaltes „unterfüttert", 
„doubliert", wie wir im einzelnen zeigen werden: Sie hatte recht 
darin, daß der Vater sich Herrn K.s Benehmen gegen seine 
Tochter nicht klar machen wollte, um nicht in seinem Verhältnis 
zu Frau K. gestört zu werden. Aber sie hatte genau das nämliche 
getan. Sie hatte sich zur Mitschuldigen dieses Verhältnisses ge- 
macht und alle Anzeichen abgewiesen, welche sich für die wahre 
Natur desselben ergaben. Erst seit dem Abenteuer am See datierte 
ihre Klarheit darüber und ihre strengen Anforderungen an den 
Vater. All die Jahre vorher hatte sie dem Verkehr des Vaters mit 
Frau K. jeden möglichen Vorschub geleistet. Sie ging nie zu 
Frau K., wenn sie den Vater dort vermutete. Sie wußte, dann 
würden die Kinder weggeschickt worden sein, richtete ihren Weg 
so ein, daß sie die Kinder antraf, und ging mit ihnen spazieren. Es 
hatte eine Person im Hause gegeben, welche ihr frühzeitig die 
Augen über die Beziehungen des Vaters zur Frau K. öffnen und 
sie zur Parteinahme gegen diese Frau anreizen wollte. Dies war 
ihre letzte Gouvernante, ein älteres, sehr belesenes Mädchen von 
freien Ansichten 1 ). Lehrerin und Schülerin standen eine Weile 
recht gut miteinander, bis Dora sich plötzlich mit ihr verfeindete 



J ) Diese Gouvernante, die alle Bücher über Geschlechtsleben u. dgl. las 
und mit dem Mädchen darüber sprach, sie aber freimütig bat, alles darauf 
Bezügliche vor den Eltern geheim zu halten, weil man ja nicht wissen könne, 
auf welchen Standpunkt die sich stellen würden, — in diesem Mädchen suchte 
ich eine Zeitlang die Quelle für all die geheime Kenntnis Doras, und ich 
ging vielleicht nicht völlig irre. 






30 



und auf ihrer Entlassung bestand. So lange das Fräulein Einfluß 
besaß, benutzte sie ihn dazu, gegen Frau K. zu hetzen. Sie setzte 
der Mama auseinander, daß es mit ihrer Würde unvereinbar sei, 
solche Intimität ihres Mannes mit einer Fremden zu dulden; sie 
machte auch Dora auf alles aufmerksam, was an diesem Ver- 
kehr auffällig war. Ihre Bemühungen waren aber vergebens, 
Dora blieb Frau K. zärtlich zugetan und wollte von keinem Anlaß 
wissen, den Verkehr des, Vaters mit ihr anstößig zu finden. 
Sie gab sich anderseits sehr wohl Rechenschaft über die Motive, 
die ihre Gouvernante bewegten. Blind nach der einen Seite, war 
sie scharfsichtig genug nach der anderen. Sie merkte, daß das 
Fräulein in den Papa verliebt sei. Wenn, der Papa anwesend 
war, schien sie eine ganz andere Person, dann konnte sie amü- 
sant und dienstfertig sein. Zur Zeit, als die Familie in der 
Fabrikstadl weilte und Frau K. außer dem Horizonte war, 
hetzte sie gegen die Mama als die jetzt in Betracht kommende 
Nebenbuhlerin. Das alles nahm ihr Dora noch nicht übel. Er- 
bost wurde sie erst, als sie merkte, daß sie selbst der Gouver- 
nante ganz gleichgültig sei, und daß die ihr erwiesene Liebe tat- 
sächlich dem Papa gelte. Während der Abwesenheit des Papas 
von der Fabrikstadt hatte das Fräulein keine Zeit für sie, 
wollte nicht mit ihr spazieren gehen, interessierte sich nicht für 
ihre Arbeiten. Kaum daß der Papa von B. zurückgekommen 
war, zeigte sie sich wieder zu allen Dienst- und Hilfeleistungen 
bereit. Da ließ sie sie fallen. 

Die Arme hatte ihr mit unerwünschter Klarheit ein Stück 
ihres eigenen Benehmens beleuchtet. Sowie das Fräulein zeit- 
weise gegen Dora, so war Dora gegen die Kinder des Herrn 
K. gewesen. Sie vertrat Mutterstelle an ihnen, unterrichtete sie, 
ging mit ihnen aus, schuf ihnen einen vollen Ersatz für das 
geringe Interesse, das die eigene Mutter ihnen zeigte. Zwischen 
Herrn und Frau K. war oft von Scheidung die Rede gewesen; 
sie kam nicht zustande, weil Herr K., der ein zärtlicher Vater war, 
auf keines der beiden Kinder verzichten wollte. Das gemeinsame 
Interesse an den Kindern war von Anfang an ein Bindemittel des 
Verkehres zwischen Herrn K. und Dora gewesen. Die Beschäf- 
tigung mit den Kindern war für Dora offenbar der Deckmantel, 
der ihr selbst und Fremden etwas anderes verbergen sollte. 



31 

Aus ihrem Benehmen gegen die Kinder, wie es durch das 
Benehmen des Fräuleins gegen sie selbst erläutert wurde, ergab 
sich dieselbe Folgerung wie aus ihrer stillschweigenden Ein- 
willigung in den Verkehr des Vaters mit Frau K., nämlich daß 
sie all die Jahre über in Herrn K. verliebt gewesen war. Als 
ich diese Folgerung aussprach, fand ich keine Zustimmung bei 
ihr. Sie berichtete zwar sofort, daß auch andere Personen, z. B. 
eine Cousine, die eine Weile in B. auf Besuch war, ihr gesagt 
hätten: „Du bist ja ganz vernarrt in den Mann"; sie selbst wollte 
sich aber an diese Gefühle nicht erinnern. Späterhin, als die 
Fülle des auftauchenden Materials ein Ableugnen erschwerte, gab 
sie zu, sie könne Herrn K. in B. geliebt haben, aber seit der 
Szene am See sei das vorüber 1 ). Jedenfalls stand es fest, daß 
der Vorwurf, sich gegen unabweisliche Pflichten taub gemacht 
und sich die Dinge so zurecht gelegt zu haben, wie es der 
eigenen verliebten Regung bequem war, der Vorwurf, den sie 
gegen den Vater erhob, auf ihre eigene Person zurückfiel 2 ). 

Der andere Vorwurf, daß er seine Krankheiten als Vor- 
wände schaffe und als Mittel benütze, deckt wiederum ein ganzes 
Stück ihrer eigenen geheimen Geschichte. Sie klagte eines Tages 
über ein angeblich neues Symptom, schneidende Magenschmerzen, 
und als ich fragte: „Wen kopieren Sie damit?" hatte ich es 
getroffen. Sie hatte am Tage vorher ihre Cousinen, die Töchter 
der verstorbenen Tante, besucht. Die jüngere war Braut ge- 
worden, die ältere war zu diesem Anlaß an Magenschmerzen 
erkrankt und sollte auf den Semmering gebracht werden. Sie 
meinte, das sei bei der Älteren nur Neid, die werde immer 
krank, wenn sie etwas erreichen wolle und jetzt wolle sie eben 
vom Hause weg, um das Glück der Schwester nicht mit anzu- 
sehen 3 ). Ihre eigenen Magenschmerzen sagten aber aus, daß sie 
sich mit der für eine Simulantin erklärten Cousine identifiziere, 



') Vgl. den zweiten Traum. 

-) Hier erhebt sich die Frage: Wenn Dora Herrn K. geliebt, wie be- 
gründet sich ihre Abweisung in der Szene am See oder wenigstens die brutale, 
auf Erbitterung deutende Form dieser Abweisung? Wie konnte ein verliebtes 
Mädchen in der keinesweg plump oder anstößig vorgebrachten Werbung eine 
Beleidigung sehen? 

") Ein alltägliches Vorkommnis zwischen Schwestern. 






32 



sei es, weil sie gleichfalls die Glücklichere um ihre Liehe beneidete, 
oder weil sie im Schicksal der älteren Schwester, der kurz vor- 
her eine Liebesaffäre unglücklich ausgegangen war, das eigene 
gespiegell sah 1 ). Wie nützlich sich Krankheiten verwenden lassen, 
hatte sie aber auch durch die Beobachtung der Frau K. erfahren. 
Herr K. war einen Teil des Jahres aul Reisen; so oft er zurück- 
kam, fand er die Frau leidend, die einen Tag vorher noch, wie 
Dora wußte, wohlauf gewesen war. Dora versland, daß die 
Gegenwart des Mannes krankmachend auf die Frau wirkte, und 
daß dieser das Kranksein willkommen war, um sich den ver- 
haßten ehelichen Pflichten zu entziehen. Eine Bemerkung über 
ihre eigene Abwechslung von Leiden und Gesundheit während 
der ersten in B. verbrachten Mädchenjahre, die sich an dieser 
Stelle plötzlich einfügte, mußte mich auf die Vermutung bringen, 
daß ihre eigenen Zustände in einer ähnlichen Abhängigkeit wie 
die der Frau K. zu betrachten seien. In der Technik der 
Psychoanalyse gilt es nämlich als Regel, daß sich ein innerer, 
aber noch verborgener Zusammenhang durch die Kontiguitäl, die 
zeitliche Nachbarschaft der Einfälle kundtut, genau so wie in der 
Schrift a und b nebeneinander gesetzt, bedeutet, daß daraus die 
Silbe ab gebildet werden soll. Dora hatte eine Unzahl von 
Anfällen von Husten mit Stimmlosigkeit gezeigt; sollte die An- 
wesenheit oder Abwesenheit des Geliebten auf dieses Kommen 
und Schwinden der Krankheitserscheinungen Einfluß geübt 
haben? Wenn dies der Fall war, so mußte sich irgendwo eine 
verräterische Übereinstimmung nachweisen lassen. Ich fragte, 
welches die mittlere Zeitdauer dieser Anfälle gewesen war. Etwa 
drei bis sechs Wochen. Wie lange die Abwesenheiten des Herrn 
K. gedauert' hätten? Sie mußte zugeben, gleichfalls zwischen drei 
und sechs Wochen. Sie demonstrierte also mit ihrem Kranksein 
ihre Liebe für K. wie dessen Frau ihre Abneigung. Nur durfte man 
annehmen, daß sie sich .umgekehrt wie die Frau benommen hätte, 
krank gewesen wäre, wenn er abwesend, und gesund, nachdem 
er zurückgekehrt. Es schien auch wirklich so zu stimmen, wenig- 
stens für eine erste Periode der Anfälle; in späteren Zeilen 
ergab sich ja wohl eine Nötigung, das Zusammentreffen von 

') Welchen weiteren Schluß ich aus den Magenschmerzen zog, wird später 
zur Sprache kommen. 



33 

Krankheitsanfall und Abwesenheit des heimlich geliebten Mannes 
zu verwischen, damit das Geheimnis nicht durch die Konstanz 
desselben verraten würde. Dann blieb wohl «die Zeitdauer des 
Anfalles als Marke seiner ursprünglichen Bedeutung übrig. 

Ich erinnerte mich, seinerzeit auf der Charcotschen 
Klinik gesehen und gehört zu haben, daß bei den Personen mit 
hysterischem Mutismus das Schreiben vikariierend für die 
Sprache eintrat. Sie schrieben geläufiger, rascher und besser 
als andere und als vorhin. Dasselbe war bei Dora der Fall 
gewesen. In den ersten Tagen ihrer Aphonie war ihr „das 
Schreiben immer besonders leicht von der Hand gegangen". 
Diese Eigentümlichkeit erforderte als der Ausdruck einer 
physiologischen Ersatzfunktion, welche sich das Bedürfnis schafft, 
ja eigentlich keine psychologische Aufklärung; es war aber 
bemerkenswert, daß -eine solche doch leicht zu haben war. 
Herr K. schrieb ihr reichlich von der Reise, schickte ihr 
Ansichtskarten; es kam vor, daß sie allein von dem Termine 
seiner Rückkehr unterrichtet war, die Frau von ihm überrascht 
wurde. Daß man mit dem Abwesenden, den man nicht sprechen 
kann, korrespondiert, ist übrigens kaum weniger naheliegend, 
als daß man beim Versagen der Stimme sich durch die Schrift 
zu verständigen sucht. Die Aphonie Doras ließ also folgende 
symbolische Deutung zu: Wenn der Geliebte ferne war, ver- 
zichtete sie auf das Sprechen; es hatte seinen Wert verloren, 
da sie mit ihm nicht sprechen konnte. Dafür bekam das 
Schreiben Bedeutung als das einzige Mittel, sich mit dem Ab- 
wesenden in Verkehr zu setzen. 

Werde ich nun etwa die Behauptung aufstellen, daß in 
allen Fällen von periodisch auftretender Aphonie die Diagnose 
auf die Existenz eines zeitweilig ortsabwesenden Geliebten zu 
stellen sei ? Gewiß ist das nicht meine Absicht. Die Determination 
des Symptoms im Falle Doras ist allzu spezifiziert, als daß 
man an eine häufige Wiederkehr der nämlichen akzidentellen 
Ätiologie denken konnte. Welchen Wert hat' aber dann die 
Aufklärung der Aphonie in unserem Falle? Haben wir uns 
nicht vielmehr durch ein Spiel des Witzes täuschen lassen ?- 
Ich glaube nicht. Man muß sich hierbei an die so häufig 
gestellte Frage erinnern, ob die Symptome der Hysterie psychi- 

t Freud, Neurosenlehre. II. 3. Aufl. 3 












34 

sehen oder somatischen Ursprunges seien, oder wenn das erslere 
zugestanden ist, ob sie notwendig alle psychisch bedingt seien. 
Diese Frage ist, wie so viele andere, an deren Beantwortung 
man die Forscher immer wieder sich erfolglos bemühen sieht, 
eine nicht adäquate. Der wirkliche Sachverhalt ist in ihre 
Alternative nicht eingeschlossen. Soviel ich sehen kann, bedarf 
jedes hysterische Symptom des Beitrages von beiden Seiten. Es 
kann nicht zustande kommen ohne ein gewisses somatisches 
Entgegenkommen, welches von einem normalen oder krank- 
haften Vorgang in oder an einem Organe des Körpers geleistet 
wird. Es kommt nicht öfter als einmal zustande, — und zum 
Charakter des hysterischen Symptoms gehört die Fähigkeit, 
sich zu wiederholen — wenn es nicht eine psychische Bedeutung, 
einen Sinn hat. Diesen Sinn bringt das hysterische Symptom 
nicht mit, er wird ihm verliehen, gleichsam mit ihm verlötet, 
und er kann in jedem Falle ein anderer sein, je nach der Be- 
schaffenheit der nach Ausdruck ringenden unterdrückten Ge- 
danken. Allerdings wirkt eine Beihe von Momenten darauf hin, 
daß die Beziehungen zwischen den unbewußten Gedanken und 
den ihnen als Ausdrucksmittel zu Gebote stehenden somatischen 
Vorgängen sich minder willkürlich gestalten und sich mehreren 
typischen Verknüpfungen annähern. Für die Therapie sind die 
im akzidentellen psychischen Materfal gegebenen Bestimmungen 
die wichtigeren; man löst die Symptome, indem man nach der 
psychischen Bedeutung derselben forscht. Hat man dann abge- 
räumt, was durch Psychoanalyse zu beseitigen ist, so kann man 
sich allerlei, wahrscheinlich zutreffende Gedanken über die soma- 
tischen, in der Begel konstitutionell-organischen Grundlagen der 
Symptome machen. Auch für die Anfälle von Husten und Aphonie 
bei Dora werden wir uns nicht auf die psychoanalytische Deutung 
beschränken, sondern hinter derselben das organische Moment 
nachweisen, von dem das „somalische Entgegenkommen" für 
den Ausdruck der Neigung zu einem zeitweilig abwesenden Ge- 
liebten ausging. Und wenn uns die Verknüpfung zwischen sympto- 
matischem Ausdruck und unbewußtem Gedankeninhall in diesem 
Falle als geschickt und kunstvoll gefertigt imponieren sollte, so 
werden wir gerne hören, daß sie den gleichen Eindruck in jedem 
anderen Falle, bei jedem anderen Beispiel zu erzielen vermag. 









\ 



35 

Ich bin nun darauf vorbereitet zu hören, daß es einen 
recht mäßigen Gewinn bedeutet, wenn wir also, dank der 
Psychoanalyse, das Rätsel der Hysterie nicht mehr in der „be- 
sonderen Labilität der Nervenmoleküle" oder in der Möglich- 
keit, hypnoider Zustände, sondern im „somatischen Entgegen- 
kommen" suchen sollen. 

Gegen diese Bemerkung will ich doch betonen, daß das 
Rätsel so nicht nur um ein Stück zurückgeschoben, sondern 
auch um ein Stück verkleinert ist. Es handelt sich nicht mehr 
um das ganze Rätsel, sondern um jenes Stück desselben, in 
dem der besondere Charakter der Hysterie zum Unterschiede 
von anderen Psychoneurosen enthalten ist. Die psychischen 
Vorgänge bei allen Psychoneurosen sind eine ganze Strecke 
weit die gleichen, dann erst kommt das „somatische Entgegen- 
kommen" in Betracht, welches den unbewußten psychischen 
Vorgängen einen Ausweg ins Körperliche verschafft. Wo dies 
. Moment nicht zu haben ist, wird aus dem ganzen Zustand 
etwas anderes als ein hysterisches Symptom, aber doch wieder 
etwas Verwandtes, eine Phobie etwa oder eine Zwangsidee, 
kurz ein psychisches Symptom. 

Ich kehre zu dem Vorwurf der „Simulation" von Krank- 
heiten zurück, den Dora gegen ihren Vater erhob. Wir merkten 
bald, daß ihm nicht nur Selbstvorwürfe betreffs früherer 
Krankheitszustände, sondern auch solche, die die Gegenwart 
meinten, entsprechen. An dieser Stelle hat der Arzt gewöhnlich 
die Aufgabe, zu erraten und zu ergänzen, was ihm die Analyse 
nur in Andeutungen liefert. Ich mußte die Patientin aufmerksam 
machen, daß ihr jetziges Kranksein gerade so motiviert und 
tendenziös sei wie das von ihr verstandene der Frau K. Es sei 
kein Zweifel, daß sie einen Zweck im Auge habe, den sie durch 
ihre Krankheit zu erreichen hoffe. Dieser aber könne kein 
anderer sein, als den Vater der Frau K. .abwendig zu machen. 
Durch Bitten und Argumente gelänge ihr dies nicht; vielleicht 
hoffe sie es zu erreichen, wenn sie den Vater in Schreck ver- 
setze (siehe den Abschiedsbrief), sein Mitleid wachrufe (durch 
die Anfälle von Ohnmacht), und wenn dies "alles nichts nütze, 
so räche sie sich wenigstens an ihm. Sie wisse wohl, wie sehr 
er an ihr hänge, und daß ihm jedesmal die Tränen in die 

3* 



36 

Augen treten, wenn er nach dem Befinden seiner Tochter gefragt 
werde. Ich sei ganz überzeugt, sie werde sofort gesund sein, wenn 
ihr der Vater erkläre, er bringe ibrer Gesundheit Frau K. zum 
Opfer. Ich hoffe, er werde sich dazu nicht bewegen lassen, denn. 
dann habe sie erfahren, welches Machtmittel sie in Händen 
habe und werde gewiß nicht versäumen, sich ihrer Krankheits- 
möglichkeiten jedes künftige Mal wieder zu bedienen. Wenn 
aber der Vater ihr nicht nachgebe, sei ich ganz gefaßt darauf, 
daß sie nicht so leicht auf ihr Kranksein verzichten werde. ■ 

Ich übergehe die Einzelheiten, aus denen sich ergab, wie 
vollkommen richtig dies alles war, und ziehe es vor, einige all- 
gemeine Bemerkungen über die Rolle der Krankheitsmotive 
bei der Hysterie anzuschließen. Die Motive zum Kranksein 
sind begrifflich scharf zu scheiden von den Krankheilsmöglich- 
keiten, von dem Material, aus dem die Symptome gefertigt 
werden. Sie haben keinen Anteil an der Symptombildung, 
sind auch zu Anfang der Krankheit nicht vorhanden; sie treten 
erst sekundär hinzu, aber erst mit ihrem Auftreten ist die 
Krankheit, voll konstituiert. Man kann auf ihr Vorhandensein 
in jedem Falle rechnen, der ein wirkliches Leiden bedeutet und 
von längerem Bestände ist. Das Symptom ist zuerst dem psychi- 
schen Leben ein unwillkommener Gast, es hat. alles gegen sich 
und" verschwindet darum auch so leicht von selbst, wie es den 
Anschein hat, durch den Einfluß der Zeit. Es hat anfangs keine 
nützliche Verwendung im psychischen Haushalt, aber sehr häufig 
gelangt es sekundär zu einer solchen; irgend eine psychische 
Strömung findet es bequem, sich des Symptoms zu bedienen, 
und damit ist dieses zu einer' S.ekundärfunktion gelangt und 
im Seelenleben wie verankert. Wer den Kranken gesund machen 
will, stößt dann zu seinem Erstaunen auf einen großen Wider- 
stand, der ihn belehrt, daß es dem Kranken mit der Absicht, 
das Leiden aufzugeben, nicht so ganz, so voll ernst ist 1 ). Man 
stelle sich einen Arbeiter, etwa einen Dachdecker, vor, der sich 
zum Krüppel gefallen hat und nun an der Straßenecke bettelnd 
sein Leben fristet. Man komme nun als Wundertäler und ver- 



») Ein Dichter, der allerdings auch Arzt ist, Arthur Schnitzlor, 
hat dieser Erkenntnis in seinem „Paracclsus" sehr richtigen Ausdruck 
gegoben. 



-~ 






37 

spreche ihm, das krumme Bein gerade und gehfähig herzustellen. . 
Ich meine, man darf sich nicht auf den Ausdruck besonderer 
Seligkeil in seiner Miene gefaßt machen. Gewiß fühlte er sich 
äußerst unglücklich, als er die Verletzung erlitt, merkte, er 
werde nie wieder arbeiten können und müsse verhungern oder 
von Almosen leben. Aber seither ist, was ihn zunächst erwerblos 
machte, seine Einnahmsquelle geworden; er lebt von seiner 
Krüppelhafligkeit. Nimmt man ihm die, so macht man ihn 
vielleicht ganz hilflos; er hat sein Handwerk unterdessen ver- 
gessen, seine Arbeitsgewohnheiten verloren, hat sich an den 
Müßiggang, vielleicht auch ans Trinken gewöhnt. 

Die Motive zum Kranksein beginnen sich häufig schon in 
der Kindheit zu regen. Das liebeshungrige Kind, welches die 
Zärtlichkeit der Eltern ungern mit seinen Geschwistern teilt, 
bemerkt, daß diese ihm voll wieder zuströmt, wenn die Eltern 
durch eine Erkrankung in Sorge versetzt werden. Es kennt 
jetzt ein Mittel, die Liebe der Eltern hervorzulocken, und wird 
sich dessen bedienen, sobald ihm das psychische Material zu 
Gebote steht, um Kranksein zu produzieren. Wenn das Kind 
dann Frau geworden und ganz im Widerspruche zu den An- 
forderungen ihrer Kinderzeit mit einem wenig rücksichtsvollen 
Manne verheiratet ist, der ihren Willen unterdrückt, ihre Arbeits- 
kraft schonungslos ausnützt und weder Zärtlichkeit noch Aus- 
gaben an sie wendet, so wird das Kranksein ihre einzige Waffe in 
der Lebensbehauptung. Es verschafft ihr die ersehnte Schonung, 
es zwingt den Mann zu Opfern an Geld und Rücksicht, die er 
der Gesunden nicht gebracht hätte, es nötigt ihn zur vorsichtigen 
Behandlung im Falle der Genesung, denn sonst ist der Rückfall 
bereit. Das anscheinend Objektive, Ungewollte des Krankheits- 
zustandes, für das auch der behandelnde Arzt eintreten muß, 
ermöglicht ihr ohne bewußte Vorwürfe diese zweckmäßige Ver- 
wendung eines Mittels, das sie in den Kinderjahren wirksam 
gefunden hat. 

. Und doch ist dieses Kranksein Werk der Absicht! Die 
Krankheitszustände sind in der Regel für eine gewisse Person 
bestimmt, so daß sie mit deren Entfernung verschwinden. Das 
roheste und banalste Urteil über das Kranksein der Hysterischen, 
das man von ungebildeten Angehörigen und von Wärterinnen 






38 



hören kann, ist in gewissem Sinne richtig. Es ist' wahr, daß die 
gelähmte Bettlägerige aufspringen würde, wenn im Zimmer 
Feuer ausbräche, daß die verwöhnte Frau alle Leiden vergessen 
würde, wenn ein Kind lebensgefährlich erkrankte oder eine 
Katastrophe die Stellung des Hauses bedrohte. Alle, die so 
von den Kranken sprechen, haben recht bis auf den einen 
Punkt, daß sie den psychologischen Unterschied zwischen Be- 
wußtem und Unbewußtem vernachlässigen, was etwa beim Kind 
noch gestattet ist, beim Erwachsenen aber nicht mehr angeht. 
Darum können alle diese Versicherungen, daß es nur am Willen 
liege, und alle Aufmunterungen und Schmähungen der Kranken 
nichts nützen. Man muß erst versuchen, sie selbst auf dem 
Umwege der Analyse von der Existenz ihrer Krankheitsabsicht 
zu überzeugen. 

In der Bekämpfung der Krankheitsmotive liegt bei der 
Hysterie ganz allgemein die Schwäche einer jeden Therapie, 
auch der psychoanalytischen. Das Schicksal hat es hierin 
leichter, es braucht weder die Konstitution noch das pathogene 
Material des Kranken anzugreifen ; es nimmt ein Motiv zum 
Kranksein weg und der Kranke ist zeitweilig, vielleicht seihst 
dauernd von der Krankheit befreit. Wieviel weniger Wunder- 
heilungen und spontanes Verschwinden von Symptomen würden 
wir Ärzte bei der Hysterie gelten lassen, wenn wir häufiger 
Einsicht in d,ie uns verheimlichten Lebensinteressen der Kranken 
bekämen! Hier ist ein Termin abgelaufen, die Bücksicht auf 
eine zweite Person entfallen, eine Situation hat sich durch 
äußeres Geschehen gründlich verändert und das bisher hartnäckige 
Leiden ist mit einem Schlage gehoben, anscheinend spontan, in 
Wahrheit, weil ihm das stärkste Motiv, eine seiner Ver- 
wendungen im Leben, entzogen worden ist. 

Motive, die das Kranksein stützen, wird man wahrschein- 
lich in allen vollcntwickellen Fällen antreffen. Aber es gibt 
Fälle mit rein innerlichen Motiven, wie z. B. Selbstbestrafung, 
also Reue und Buße. Man wird dann die therapeutische Aufgabe 
leichter lösbar finden, als wo die Krankheit in Beziehung zu der 
Erreichung eines äußeren Zieles gesetzt' ist. Dies Ziel war für 
Dora offenbar, den Vater zu erweichen und ihn der Frau K. 
abwendig- zu machen. 



39 

Keine seiner Handlungen schien sie übrigens so sehr erbittert 
zu haben wie seine Bereitwilligkeit, die Szene am See für ein 
Produkt ihrer Phantasie zu halten. Sie geriet außer sich, wenn sie 
daran dachte, sie sollte sich damals etwas eingebildet haben. Ich 
war lange Zeit in Verlegenheit zu erraten, welcher Selbstvorwurf 
sich hinter der leidenschaftlichen Abweisung dieser Erklärung 
verberge. Man war im Rechte, etwas Verborgenes dahinter zu 
vermuten, denn ein Vorwurf, der nicht zutrifft, der beleidigt auch 
nicht nachhaltig. Anderseits kam ich zum Schlüsse, daß die Er- 
zählung Doras durchaus der Wahrheit entsprechen müsse. Nach- 
dem sie nur seine Absicht verstanden, hatte sie ihn nicht ausreden 
lassen, hatte ihm einen Schlag ins Gesicht versetzt und war davon- 
geeilt. Ihr Benehmen erschien dem zurückbleibenden Manne da- 
mals wohl ebenso unverständlich wie uns, denn er mußte längst 
aus unzähligen kleinen Anzeichen geschlossen haben, daß er der 
'Neigung des Mädchens sicher sei. In der Diskussion über den 
zweiten Traum werden wir dann sowohl der Lösung dieses 
Rätsels als auch dem zunächst vergeblich gesuchten Selbstvor- 
wurf begegnen. 

Als die Anklagen gegen den Vater mit ermüdender Monotonie 
wiederkehrten und der Husten dabei fortbestand, mußte ich daran 
denken, daß dies Symptom eine Bedeutung haben könne, die sich 
auf den Vater beziehe. Die Anforderungen, die ich an eine Sym- 
ptomerklärung zu stellen gewohnt bin, waren ohnedies lange 
nicht erfüllt. Nach einer Regel, die ich immer wieder be- 
stätigt gefunden, aber allgemein aufzustellen noch nicht den Mut 
hatte, bedeutet ein Symptom die Darstellung — Realisierung — 
einer Phantasie mit sexuellem Inhalt, also eine sexuelle Situation. 
Ich würde besser sagen, wenigstens eine der Bedeutungen eines 
Symptoms entspricht, der Darstellung einer sexuellen Phantasie, 
während für die anderen Bedeutungen solche Inhaltsbeschränkung 
nicht besteht. Daß ein- Symptom mehr als eine Bedeutung hat, 
gleichzeitig mehreren unbewußten Gedankengängen zur Dar- 
stellung dient, erfährt man nämlich sehr bald, wenn man sich in 
die psychoanalytische Arbeit einläßt. Ich möchte noch hinzu- 
fügen, daß nach meiner Schätzung ein einziger unbewußter Ge- 
dankengang oder Phantasie kaum jemals zur Erzeugung eines 
Symptoms hinreichen wird. 






40 

Die Gelegenheit, dem nervösen Husten eine solche Deutung 
durch eine phantasierte sexuelle Situation zuzuweisen, ergab 
sich sehr bald. Als sie wieder einmal betonte, Frau K. liebe 
den Papa nur, weil er ein vermögender Mann sei, merkte 
ich aus gewissen Nebenumsländen ihres Ausdruckes, die ich hier 
wie das meiste rein Technische der Analysenarbeit übergehe, 
daß sich hinter dem Satze sein Gegenteil verherge: Der Vater 
sei ein unvermögendier Mann. Dies konnte nur sexuell 
gemeint sein, also: Der Vater sei als Mann unvermögend, im- 
potent. Nachdem sie diese Deutung aus bewußter Kenntnis 
bestätigt, hielt ich ihr vor, in welchen Widerspruch sie verfalle, 
wenn sie einerseits daran festhalte, das Verhältnis mit Frau K. 
sei ein gewöhnliches Liebesverhältnis, und anderseits behaupte, 
der Vater sei impotent, also unfähig, ein solches Verhältnis 
auszunützen. Ihre Antwort zeigte, daß sie den Widerspruch 
nicht anzuerkennen brauchte. Es sei ihr wohl bekannt, sagte 
sie, daß es mehr als eine Art der sexuellen Befriedigung gebe. 
Die Quelle dieser Kenntnis war ihr allerdings wieder unauf- 
findbar. Als ich weiter fragte, ob sie die Inanspruchnahme 
anderer Organe als der Genitalien für den sexuellen Verkehr 
meine, bejahte sie, und ich konnte fortsetzen: dann denke sie 
gerade an jene Körperteile, die sich hei ihr in gereiztem Zu- 
stande befänden (Hals, Mundhöhle). Soweit wollte sie freilich 
von ihren Gedanken nichts wissen, aber sie durfle es sich auch 
gar nicht völlig klargemacht haben, wenn das Symptom er- 
möglicht sein sollte. Die Ergänzung war doch unabweisbar, 
daß sie sich mit ihrem stoßweise erfolgenden Husten, der wie 
gewöhnlich einen Kitzel im Halse als Reizanlaß angab, eine 
Situation von sexueller Befriedigung per os zwischen den zwei 
Personen vorstellte, deren Liebesbeziehung sie unausgesetzt be- 
schäftigte. Daß die kürzeste Zeit nach dieser stillschweigend 
hingenommenen Aufklärung der Husten verschwunden war, 
stimmte natürlich recht gut; wir wollten aber nicht zu viel 
Wert auf diese Veränderung legen, weil sie ja schon so oft 
spontan eingetreten war. 

Wenn dieses Stückchen der Analyse bei dem ärztlichen 
Leser, außer dem Unglauben, der ihm ja freisteht, Befremden 
und Grauen erregt haben sollte, so bin ich bereit, diese beiden 







41 

Reaktionen an dieser Stelle auf ihre Berechtigung zu prüfen. 
Das Befremden denke ich mir motiviert durch mein Wagnis, 
mit einem jungen Mädchen — oder überhaupt einem Weib im 
Alter der Geschlechtlichkeit — von so heikein und so abscheu- 
lichen Dingen zu reden. Das Grauen gilt wohl der Möglichkeit, 
daß ein unberührtes Mädchen von derlei Praktiken wissen und 
seine Phantasie mit ihnen beschäftigen könnte. In beiden Punkten 
würde ich zur Mäßigung und Besonnenheit raten. Es liegt 
weder hier noch dort ein Grund zur Entrüstung vor. Man kann 
mit Mädchen und Frauen von allen sexuellen Dingen sprechen, 
ohne ihnen zu schaden und ohne sich in Verdacht zu bringen, 
wenn man erstens eine gewisse Art, es zu tun, annimmt, und 
zweitens, wenn man bei ihnen die Überzeugung erwecken kann, 
daß es unvermeidlich ist. Unter denselben Bedingungen erlaubt 
sich ja auch der Gynäkologe, sie allen möglichen Entblößungen 
zu miterziehen. Die beste Art, von den Dingen zu reden, ist 
die trockene und direkte; sie ist gleichzeitig von der Lüstern- 
heit, mit welcher die nämlichen Themata in der „Gesellschaft" 
behandelt werden und an die Mädchen wie Frauen sehr wohl 
gewöhnt sind, am weitesten entfernt. Ich gebe Organen wie 
Vorgängen ihre technischen Namen und teile dieselben mit, wo 
sie — die Namen — etwa unbekannt sind. „J'appelle un chat 
un chat". Ich habe wohl von ärztlichen und nichtärztlichen 
Personen gehört, welche sich über eine Therapie skandalisieren, 
in der solche Besprechungen vorkommen, und die entweder 
mich oder die Patienten um den Kitzel zu beneiden scheinen, 
der sich nach ihrer Erwartung dabei einstellt. Aber ich kenne 
doch die Wohlanständigkeit dieser Herren zu genau, um mich 
über sie zu erregen. Ich werde der Versuchung, eine Satire 
zu schreiben, aus dem Wege gehen. Nur das eine will ich 
erwähnen, daß ich häufig die Genugtuung erfahre, von einer 
Patientin, der die Offenheit in sexuellen Dingen anfänglich 
nicht leicht geworden, späterhin den Ausruf zu hören: „Nein, 
Ihre Kur ist doch um vieles anständiger als die Gespräche des 
Herrn X.!" 

Von der Unvermeidlichkeit der Berührung sexueller Themata 
muß man überzeugt sein, ehe man eine Hysteriebehandlung 
unternimmt, oder muß bereit sein, sich durch Erfahrungen über- 

• 



42 

zeugen zu lassen. Man sagt sich dann: pour faire une Omelette 
il faul, casser des ceufs. Die Patienten selbst sind leicht zu 
überzeugen; der Gelegenheiten dazu gibt es im Laufe der Be- 
handlung allzu viele. Man braucht sich keinen Vorwurf daraus 
zu machen, daß man Tatsachen des normalen oder abnormen 
Sexuallebens mit ihnen bespricht. Wenn man einigermaßen 
vorsichtig ist, übersetzt man ihnen bloß ins Bewußte, was sie 
im Unbewußten schon wissen, und die ganze Wirkung der Kur 
ruht ja auf der Einsicht, daß die Affektwirkungen einer unbe- 
wußten Idee stärker und, weil unhemmbar, schädlicher sind als 
die einer bewußten. Man läuft niemals Gefahr, ein unerfahrenes 
Mädchen zu verderben; wo auch im Unbewußten keine Kenntnis 
sexueller Vorgänge besteht, da kommt auch kein hysterisches 
Symptom zustande. Wo man Hysterie findet, kann' von „Ge- 
dankenunschuld" im Sinne der Eltern und Erzieher keine Rede 
mehr sein. Bei 10-, 12- und 14jährigen Kindern, Knaben wie 
Mädchen, habe ich mich von der ausnahmslosen Verläßlichkeit 
dieses Satzes überzeugt. 

Was die zweite Gefühlsreaktion betrifft, die sich nicht 
mehr gegen mich, sondern gegen die Patientin, im Falle, daß 
ich recht haben sollte, richtet und den* perversen Charakter von 
deren Phantasien grauenhaft findet, so möchte ich betonen, 
daß solche Leidenschaftlichkeit im Verurteilen dem Arzte nicht 
ansteht. Ich finde es auch unter anderem überflüssig, daß ein 
Arzt, der über die Verirrungen der sexuellen Triebe schreibt, 
jede Gelegenheit benutze, um in den Text den Ausdruck seines 
persönlichen Abscheues vor so widrigen Dingen einzuschalten. 
Hier liegt eine Tatsache vor, an die wir uns, mit Unterdrückung 
unserer Geschmacksrichtungen, hoffentlich gewöhnen werden. 
Was wir die sexuellen Perversionen heißen, die Überschreitungen 
der Sexualfunktion nach Körpergebiet und Sexualobjekt, davon 
muß man ohne Entrüstung reden können. Schon die Unbe- 
stimmtheit der Grenzen für das normal zu nennende Sexual- 
leben bei verschiedenen Rassen und in verschiedenen Zeilepochen 
sollte die Eiferer abkühlen. Wir dürfen doch nicht daran ver- 
gessen, daß die uns widrigste dieser Perversionen, die sinnliche 
Liebe des Mannes für den Mann, bei einem uns so sehr kullur- 
überlegenen Volke wie den Griechen nicht nur geduldet, sondern 



' 



43 

selbst mit wichtigen sozialen Funktionen betraut war. Ein Stück- 
chen weit, bald hier, bald dort, überschreitet jeder von uns die 
fürs Normale gezogenen engen Grenzen in seinem eigenen 
Sexualleben. Die Perversionen sind weder Bestialitäten noch 
Entartungen im pathetischen Sinne des Wortes. Es sind Ent- 
wicklungen von Keimen, die sämtlich in der indifferenzierten 
sexuellen Anlage des Kindes enthalten sind, deren Unterdrückung 
oder Wendung auf höhere asexuelle Ziele — deren S u b 1 i- 
mierung — die Kräfte für eine gute Anzahl unserer Kultur- 
leistungen abzugeben bestimmt ist. Wo also jemand grob und 
manifest pervers geworden ist, da kann man richtiger sagen, 
er sei es geblieben, er stellt ein Stadium einer Entwicklungs- 
hemmung dar. Die Psychoneurotiker sind sämtlich Personen 
mit stark ausgebildeten, aber im Laufe der Entwicklung verdrängt 
und unbewußt gewordenen perversen Neigungen. Ihre unbe- 
wußten Phantasien weisen daher genau den nämlichen Inhalt 
auf wie die aktenmäßigfestgestellten Handlungen der Perversen, 
auch wenn sie die „Psychopathia sexualis" von v. Kraff t-Eb ing, 
der naive Menschen soviel Mitschuld an der Entstehung per- 
verser Neigungen zumessen, nicht gelesen haben. Die Psycho- 
neurosen sind sozusagen das Negativ der Perversionen. Die 
sexuelle Konstitution, in welcher der Ausdruck der Heredität 
milenthalten ist, wirkt bei den Neurotikern zusammen mit akzi- 
dentellen Lebenseinflüssen, welche die Entfaltung der normalen 
Sexualität stören. Die Gewässer, die in dem einen Strombett ein 
Hindernis finden, werden in ältere, zum Verlassen bestimmte 
Stromläufe zurückgestaut. Die Triebkräfte für die Bildung hyste- 
rischer Symptome werden nicht nur von der verdrängten • nor- 
malen Sexualität, sondern auch von den unbewußten perversen 
Regungen beigestellt 1 ). 

Die minder abstoßenden unter den sogenannten sexuellen 
Perversionen erfreuen sich der größten Verbreitung unter unserer 
Bevölkerung, wie jedermann mit Ausnahme des ärztlichen Autors 



*) Diese Sätze über sexuelle Perversionen sind mehrere Jahre vor dem 
ausgezeichneten Buche von J. Bloch (Beiträge zur Ätiologie der Psychopathia 
sexualis. 1902 und 1903) niedergeschrieben worden. Vgl. auch meine in diesem 
Jahre (1905) erschienenen „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie", bei Franz 
Deuticke, Leipzig und Wien (4. Aufl. 1920). 




_H 



I 






44 

über diese Gegenstände weiß. Oder vielmehr der Autor weiß es 
auch; er bemüht sich nur, es zu vergessen in dem Moment, da 
er die Feder zur Hand nimmt, um darüber zu schreiben. Es 
ist also nicht wunderbar, wenn unsere 19jährige Hysterica, die 
von dem Vorkommen eines solchen Sexualverkehrs (des Saugens 
am Gliede) gehört hat, eine solche unbewußte Phantasie ent- 
wickelt und durch die Sensation von Reiz im Halse und durch 
Husten zum Ausdruck bringt. Es wäre auch nicht wunderbar, 
wenn sie ohne äußere Aufklärung zu solcher Phantasie gekommen 
wäre, wie ich es bei anderen Patientinnen mit Sicherheit fest- 
gestellt habe. Die somatische Vorbedingung für solche selb- 
ständige Schöpfung einer Phantasie, die sich dann mit dem Tun 
der Perversen deckt, war nämlich bei ihr durch eine beachtens- 
werte Tatsache gegeben. Sie erinnerte sich sehr wohl, daß sie in 
ihren Kinderjahren eine „Lutscherin" gewesen war. Auch der 
Vater erinnerte sich, daß er's ihr abgewöhnt hatte, als es sich 
bis ins vierte oder fünfte Lebensjahr fortsetzte. Dora selbst hatte 
ein Bild aus ihren Kleinkinderjahren in klarem Gedächtnis, wie 
sie in einem Winkel auf dem Boden saß, an ihrem linken 
Daumen lutschend, während sie dabei mit der rechten Hand 
den ruhig dasitzenden Bruder am Ohrläppchen zupfte. Es ist 
dies die vollständige Art der Selbstbefriedigung durch Lutschen, 
die mir auch andere — später anästhetische und hysterische 
— Patienten berichtet haben. Von einer derselben habe ich eine 
Angabe erhalten, die ein helles "Licht auf die Herkunft, dieser 
sonderbaren Gewohnheit wirft. Die junge Frau, die sich das 
Lutschen überhaupt nie abgewöhnt hatte, sah sich in einer 
Kindererinnerung, angeblich aus der ersten Hälfte des zweiten 
Lebensjahres, an der. Ammenbrust trinken und dabei die Amme 
rhythmisch am Ohrläppchen ziehen. Ich meine, es wird niemand 
bestreiten wollen, daß die Lippen- und Mundschleimhaut für eine 
primäre erogene Zone erklärt werden darf, da sie einen Teil 
dieser Bedeutung noch für den Kuß, der als normal gilt, bei- 
behalten hat. Die frühzeitige ausgiebige Betätigung dieser ero- 
genen Zone ist also die Bedingung für das spätere somatische 
Entgegenkommen von Seiten des mit den Lippen beginnenden 
Schleimhauttraktes. Wenn dann zu einer Zeit, wo das eigent- 
liche Sexualobjekt, das männliche Glied, schon bekannt ist, 









45 

sich Verhältnisse ergeben, welche die Erregung der erhalten ge- 
bliebenen erogenen Mundzone wieder steigern, so gehört kein 
großer Aufwand von schöpferischer Kraft dazu, um an Stelle 
der ursprünglichen Brustwarze und des für sie vikariierenden 
Fingers das - aktuelle Sexualobjekt, den Penis, in die Befriedi- 
gungssituation einzusetzen. So hat diese überaus anstößige 
perverse Phantasie vom Saugen am Penis den harmlosesten 
Ursprung, sie ist die Umarbeitung eines prähistorisch zu nennen- 
den Eindruckes vom Saugen an der Mutter- oder Ammen- 
brust, der gewöhnlich durch den Umgang mit gesäugten Kindern 
wieder belebt worden ist. Meist ha.t dabei das Euter der Kuh 
als passende Mittelvorstellung zwischen Brustwarze und Penis 
Dienste geleistet. 

Die eben besprochene Deutung der Halssymptome Doras 
kann auch noch zu einer anderen Bemerkung Anlaß geben. Man 
kann fragen, wie sich diese phantasierte sexuelle Situation mit 
der anderen Erklärung verträgt, daß das Kommen und Gehen 
der Krankheitserscheinungen die Anwesenheit und Abwesenheit 
des geliebten Mannes nachahmt, also mit Einbeziehung des Be- 
nehmens der Frau den Gedanken ausdrückt: Wenn ich seine 
Frau wäre, würde ich ihn ganz anders lieben, krank sein (vor 
Sehnsucht etwa),, wenn er verreist, und gesund (vor Seligkeit), 
wenn er wieder zu Hause ist. Darauf muß ich nach meinen 
Erfahrungen in der Lösung hysterischer Symptome antworten: 
es ist nicht notwendig, daß sich die verschiedenen Bedeutungen 
eines Symptoms miteinander vertragen, d. h. zu einem Zu- 
sammenhange ergänzen. Es genügt, wenn der Zusammenhang 
durch das Thema hergestellt ist, welches all den verschiedenen 
Phantasien den Ursprung gegeben hat. In unserem Falle ist 
solche Verträglichkeit übrigens nicht ausgeschlossen; die eine 
Bedeutung haftet mehr am Husten, die andere an der Aphonie 
und an dem Verlauf der Zustände; eine feinere Analyse hätte 
wahrscheinlich eine viel weitergehende Vergeistigung des Krank- 
heitsdetails erkennen lassen. Wir haben bereits erfahren, daß 
ein Symptom ganz regelmäßig mehreren Bedeutungen, gleich- 
zeitig entspricht; fügen wir nun hinzu, daß es auch mehreren 
Bedeutungen nacheinander Ausdruck geben kann. Das Sym- 
ptom kann eine seiner Bedeutungen oder seine Hauptbedeutung 






46 

im Laufe der Jahre ändern, oder die leitende Rolle kann von 
einer Bedeutung auf eine andere übergehen. Es ist wie ein 
konservativer Zug im Charakter der Neurose, daß das einmal 
gebildete Symptom womöglich erhallen wird, mag auch der un- 
bewußte Gedanke, der in ihm seinen Ausdruck fand, seine Be- 
deutung, eingebüßt haben. Es ist aber auch leicht, diese Ten- 
denz zur Erhaltung des Symptoms mechanisch zu erklären; die 
Herstellung eines solchen Symptoms ist so schwierig, die Über- 
tragung der rein psychischen Erregung ins Körperliche, was 
ich Konversion genannt habe, an soviel begünstigende Be- 
dingungen gebunden, ein somatisches Entgegenkommen, wie man 
es zur Konversion bedarf, ist so wenig leicht zu haben, daß der 
Drang zur Abfuhr der Erregung aus dem Unbewußten dazu 
führt, sich womöglich mit dem bereits gangbaren Abfuhrweg zu 
begnügen. Viel leichter als die Schöpfung einer neuen Konver- 
sion scheint die Herstellung von Assoziationsbeziehungen 
zwischen einem neuen abfuhrbedürft igen Gedanken und dem 
alten, der diese Bedürftigkeit verloren hat. Auf dem so gebahnten 
Wege strömt die Erregung aus der neuen Erregungsquelle zur 
früheren Ausfuhrstelle hin und das Symptom gleicht, wie das 
Evangelium es ausdrückt, einem alten Schlauch, der mit neuem 
Wein gefüllt ist. Erscheint nach diesen Erörterungen auch der 
somatische Anteil des hysterischen Symptoms als das beständi- 
gere, schwerer ersetzbare, der psychische als das veränderliche, 
leichter zu vertretende Element, so möge man doch aus diesem 
Verhältnis keine Rangordnung zwischen den beiden ableiten 
wollen. Für die psychische Therapie ist allemal der psychische 
Anteil der bedeutsamere. 

Die unablässige Wiederholung derselben Gedanken über 
das Verhältnis ihres Vaters zu Frau K. bot der Analyse bei Dora 
die Gelegenheit zu noch anderer wichtiger Ausbeute. 

Ein solcher Gedankenzug darf ein überstarker, besser ein 
verstärkter, überwertiger im Sinne Wernickes, genannt 
werden. Er erweist sich als krankhaft, trotz seines anscheinend 
korrekten Inhaltes, durch die eine Eigentümlichkeit, daß er trotz 
aller bewußten und willkürlichen Denkbemühungen der Person 
nicht zersetzt und nicht beseitigt werden kann; Mit einem nor- 
malen, noch so intensiven Gedankenzuge wird man endlich 



/ 



' l'U'V.li 



47 

fertig. Dora fühlte ganz richtig, daß ihre Gedanken über den 
Papa eine besondere Beurteilung herausforderten. „Ich kann an 
nichts anderes denken," klagte sie wiederholt. „Mein Bruder sagt 
mir wohl, wir Kinder haben kein Recht, diese Handlungen des 
Papas zu kritisieren. Wir sollen uns darum nicht kümmern und 
uns vielleicht sogar freuen, daß er eine Frau gefunden hat, an 
die er sein Herz hängen kann, da ihn die Mama doch so wenig 
versfehl. Ich sehe das ein und möchte auch so denken wie mein 
Bruder, aber ich kann nicht. Ich kann es ihm nicht verzeihen 1 )." 
Was tut man nun angesichts eines solchen überwertigen 
Gedankens, nachdem man dessen bewußte Begründung sowie 
' die erfolglosen Einwendungen gegen ihn mitangehört hat? Man' 
sagt sich, daß dieser überstarke Gedahkenzug seine 
Verstärkung dem Unbewußten verdankt. Er ist unauf- 
lösbar für die Denkarbeit, entweder weil er selbst mit seiner 
Wurzel bis ins unbewußte, verdrängte Material reicht, oder weil 
sich ein anderer unbewußter Gedanke hinter ihm verbirgt. Letz- 
terer ist dann meist sein direkter Gegensatz. Gegensätze sind 
immer eng miteinander verknüpft und häufig so gepaart, daß 
der eine Gedanke überstark bewußt, sein Widerpart 
aber verdrängt und unbewußt ist. Dieses Verhältnis ist 
ein Erfolg des Verdrängungsvorganges. Die Verdrängung- nämlich 
ist häufig in der Weise bewerkstelligt worden, daß der Gegensatz 
des zu verdrängenden Gedankens übermäßig verstärkt wurde. Ich 
heiße dies Reaktions Verstärkung, und den einen Gedanken, 
der sich im Bewußten überstark behauptet und nach Art eines 
Vorurteiles unzersetzbar zeigt, den Reaktions gedanken. Die 
beiden Gedanken verhalten sich dann zueinander ungefähr wie 
die beiden Nadeln eines astatischen Nadelpaares! Mit einem ge- 
wissen Überschusse an Intensität hält der Reaktionsgedanke den 
anstößigen in der Verdrängung zurück ; er ist aber dadurch selbst 
„gedämpft" und gegen die bewußte Denkarbeit gefeit. Das Be- 
wußtmachen des verdrängten Gegensatzes ist dann der Weg, um 
dem überstarken Gedanken seine Verstärkung zu entziehen. 

») Ein solcher überwertiger Gedanke ist nebst tiefer Verstimmung oft 
das einzige Symptom eines Krankheitszustandes, der gewöhnlich „Melan- 
cholie" genannt wird, sich aber durch Psychoanalyse lösen läßt wie eine 
Hysterie. 



> 



48 

Man darf aus seinen Erwartungen auch den Fall nicht 
ausschließen, daß nicht eine der beiden Begründungen derÜber- 
wertigkeit, sondern eine Konkurrenz von beiden vorliegt. Es 
können auch noch andere Komplikationen vorkommen, die sich 
aber leicht einfügen lassen. 

, Versuchen wir es bei dem Beispiele, das uns Dora bietet, 
zunächst mit der ersten Annahme, daß die Wurzel ihrer zwangs- 
artigen Bekümmerung um das Verhältnis des Vaters zu Frau K. 
ihr selbst unbekannt sei, weil sie im Unbewußten liege. Es ist 
nicht schwierig, diese Wurzel aus den Verhältnissen und Er- 
scheinungen zu erraten. Ihr Benehmen ging offenbar weit über 
die Anteilssphäre der Tochter hinaus, sie fühlte und handelte 
vielmehr wie eine eifersüchtige Frau, wie man es bei ihrer 
Mutter begreiflich gefunden hätte. Mit ihrer Forderung: „Sie 
oder ich", den Szenen, die sie aufführte, und der Selbstmord- 
drohung, die sie durchblicken ließ, setzte sie sich offenbar an 
die Stelle der Mutter. Wenn die ihrem Husten zugrunde liegende 
Phantasie einer sexuellen Situation richtig erraten ist, so trat 
sie in derselben an die Stelle der Frau K. Sie identifizierte sich 
also mit den beiden, jetzt und früher vom Vater geliebten Frauen. 
Der Schluß liegt nahe, daß ihre Neigung in höherem Maße dem 
Vater zugewendet war, als sie wußte oder gern zugegeben hätte, 
daß sie in den Vater verliebt war. 

Solche unbewußte, an ihren abnormen Konsequenzen kennt- 
liche Liebesbeziehungen zwischen Vater und Tochter, Mutter 
und Sohn habe ich als Auffrischung infantiler Empfindungs- 
keime auffassen gelernt. Ich habe an anderer Stelle 1 ) ausgeführt, 
wie frühzeitig .die sexuelle Attraktion sich zwischen Eltern und 
Kindern geltend macht, und gezeigt, daß die Üdipusläbel wahr- 
scheinlich als die dichterische Bearbeitung des Typischen an 
diesen Beziehungen zu verstehen ist. Diese frühzeitige Neigung 
der Tochter zum Vater, des Sohnes zur Mutter, von der sich 
wahrscheinlich bei den meisten Menschen eine deutliche Spur 
findet, muß bei den konstitutionell zur Neurose bestimmten, 
frühreifen und nach Liebe hungrigen Kindern schon anfänglich 



*) In der „Traumdeutung", p. 178 (6. Aufl., p. 181), und in der dritten 
der „Abhandlungen zur Sexualtheorie" (4. Aufl. 1920). 






I 



49 

intensiver angenommen werden. Es kommen dann gewisse hier 
nicht zu besprechende Einflüsse zur Geltung, welche die rudimen- 
täre Liebesregung fixieren oder so verstärken, daß noch in den 
Kinderjahren oder erst zur Zeit der Pubertät etwas aus ihr 
wird, was einer sexuellen Neigung gleichzustellen ist und was, 
wie diese, die Libido für sich in Anspruch nimmt 1 ). Die äußeren 
Verhältnisse bei unserer Patientin sind einer solchen Annahme 
nicht gerade ungünstig. Ihre Anlage hatte sie intmer zum Vater 
hingezogen, seine vielen Erkrankungen mußten ihre Zärtlichkeit 
für ihn steigern; in manchen Krankheilen wurde niemand anders 
als sie von ihm zu den kleinen Leistungen der Krankenpflege 
zugelassen; stolz auf ihre frühzeitig entwickelte Intelligenz hatte 
er sie schon als Kind zu seiner Vertrauten herangezogen. Durch 
das Auftreten von Frau K. war wirklich nicht die Mutter, sondern 
sie aus mehr als einer Stellung verdrängt worden. 

Als ich Dora mitteilte, ich müßte annehmen, daß ihre 
Neigung zum Vater schon frühzeitig den Charakter voller Ver- 
liebtheit besessen habe, gab sie zwar ihre gewöhnliche Antwort: 
„Ich erinnere mich nicht daran," berichtete aber sofort etwas 
Analoges von ihrer 7jährigen Cousine (von Mutterseite), in der 
sie häufig wie eine Spiegelung ihrer eigenen Kindheit zu sehen 
meinte. Die Kleine war wieder einmal Zeugin einer erregten 
Auseinandersetzung zwischen den Eltern gewesen und hatte 
Dora, die darauf zu Besuch kam, ins Ohr geflüstert: „Du kannst 
dir nicht denken, wie ich diese Person (auf die Mutler deutend) ) 
hasse! Und wenn sie einmal stirbt, heirate ich den Papa." Ich 
bin gewohnt, in solchen Einfällen, die etwas zum Inhalte meiner 
Behauptung Stimmendes vorbringen, eine Bestätigung aus dem 
Unbewußten zu sehen. Ein anderes „Ja" läßt sich aus dem 
Unbewußten nicht vernehmen; ein unbewußtes „Nein" gibt es 
überhaupt nicht. 

Diese Verliebtheit in den Vater hatte sich Jahre hindurch 
nicht geäußert; vielmehr war sie mit derselben Frau, die sie 
beim Vater verdrängt hatte, eine lange Zeit im herzlichsten Ein- 
vernehmen gestanden und hatte deren Verhältnis mit dem Vater, 

>) Das hiefür entscheidende Moment ist wohl das frühzeitige Auftreten 
echter Genitalsensationen, sei es spontaner oder durch Verführung und Mastur- 
bation hervorgerufener. (Siehe unten.) 

Freud, Nourosenlehre. II. 3. Aufl. • 












50 

wie wir aus ihren Selbslvorwürfen wissen, noch begünstigt. Diese 
Liebe war also neuerdings aufgefrischt worden, und wenn dies 
der Fall war, dürfen wir fragen, zu welchem Zwecke es geschah ? 
Offenbar als Reaktionssymptorn, um etwas anderes zu unter- 
drücken, was also im Unbewußten noch mächtig war. Wie die 
Dinge lagen, mußte ich in erster Linie daran denken, daß die 
Liebe zu Herrn K. dieses Unterdrückte sei. Ich mußte annehmen, 
ihre Verliebtheit dauere noch fort, habe aber seit der Szene am 
See — aus unbekannten Motiven — ein heftiges Sträuben gegen 
sich, und das Mädchen habe die alte Neigung zum Vater her- 
vorgeholt und verstärkt, um von der ihr peinlich gewordenen 
Liebe ihrer ersten Mädchenjahre in ihrem Bewußtsein nichts 
mehr merken zu müssen. Dann bekam ich auch Einsicht in einen 
Konflikt, der geeignet, war, das Seelenieben des Mädchens zu 
zerrütten. Sie war wohl' einerseits voll Bedauern, den Antrag 
des Mannes zurückgewiesen zu haben, voll Sehnsucht nach seiner 
Person und den kleinen Zeichen seiner Zärtlichkeit; anderseits 
sträubten sich mächtige Motive, unter denen ihr Stolz leicht zu 
erraten war, gegen diese zärtlichen und sehnsüchtigen Regungen. 
So war sie dazu gekommen, sich einzureden, sie sei mit der 
Person des Herrn K. fertig — dies war ihr Gewinn bei diesem 
typischen Verdrängungsvorgange — , und doch mußte sie zum 
Schutze gegen die beständig zum Bewußtsein andrängende Ver- 
liebtheit die infantile Neigung zum Vater anrufen und über- 
treiben. Daß sie dann fast unausgesetzt von eifersüchtiger Er- 
bitterung beherrscht war, schien noch einer weiteren Dcterini- 
nierung fähig 1 ). 

Er widersprach keineswegs meiner Erwartung, daß ich mit 
dieser Darlegung bei Dora den entschiedensten Widerspruch 
hervorrief. Das „Nein", das man vom Patienten hört, nachdem 
man seiner bewußten Wahrnehmung zuerst den verdrängten Ge- 
danken vorgelegt hat, konstatiert bloß die Verdrängung und deren 
Entschiedenheit, mißt gleichsam die Stärke derselben. Wenn man 
dieses Nein nicht als den Ausdruck eines unparteiischen Urteiles, 
dessen der Kranke ja nicht fähig ist, auffaßt, sondern darüber 
hinweggeht und die Arbeit fortsetzt, so stellen sich bald die 



*) Welcher wir auch hegegnen werden. 



1 



51 

ersten Beweise ein, daß Nein in solchem Falle das gewünschte 
Ja bedeutet. Sie gab zu, daß Sie Herrn K. nicht in dem Maße 
böse sein könne, wie er es um sie verdient habe. ; Sie erzählte, 
daß sie eines Tages auf der Straße Herrn K. begegnet sei, 









während sie in Begleitung einer Cousine war, die ihn nicht kannte. 
Die Cousine rief plötzlich: „Dora, was ist dir denn? Du bist 
ja totenbleich geworden!" Sie hatte nichts von dieser Verände- 
rung an sich gefühlt, mußte aber von mir hören, daß Mienen- 
spiel und Affektausdruck eher dem Unbewußten gehorchen als 
dem Bewußten und für das erstere verräterisch seien 1 ). Ein 
andermal kam sie nach mehreren Tagen gleichmäßig heiterer 
Stimmung in der bösesten Laune zu mir, für die sie eine Er- 
klärung nicht wußte. Sie sei heute so zuwider, erklärte sie; es 
sei der Geburtstag des Onkels und sie bringe es nicht über 
sich, ihm zu gratulieren; sie wisse nicht, warum. Meine Deutungs- 
kunst war an dem Tage stumpf; ich ließ sie weitersprechen und 
sie erinnerte sich plötzlich, daß heute ja auch Herr K. Ge- 
burtstag habe, was ich nicht versäumte, gegen sie zu verwerten. 
Es war dann auch nicht schwer zu erklären, warum die reichen 
Geschenke zu ihrem eigenen Geburtstage einige Tage vorher ihr 
keine Freude bereitet hatten. Es fehlte das eine Geschenk, das 
von Herrn K., welches ihr offenbar früher das wertvollste ge- 
wesen war. 

Indes hielt sie noch längere Zeit an ihrem Widerspruche 
gegen meine Behauptung fest, bis gegen Ende der Analyse der 
entscheidende Beweis für deren Richtigkeit geliefert wurde. 

Ich muß nun einer weiteren Komplikation gedenken, der 
ich gewiß keinen Raum gönnen würde, sollte ich als Dichter 
einen derartigen Seelenzustand für eine Novelle erfinden, anstatt 
ihn als Arzt zu zergliedern. Das Element, auf das ich jetzt 
hinweisen werde, .kann den schönen, poesiegerechten Konflikt, 
den wir bei Dora annehmen dürfen, nur trüben und ver- 
wischen; es fiele mit Recht der Zensur des Dichters, der ja 
auch vereinfacht und abstrahiert, wo er als Psychologe auftritt, 
zum Opfer. In der Wirklichkeit aber, die ich hier zu schildern 



J ) Vgl.: „Ruhig kann ich euch erscheinen, 
Ruhig gehen sehen." 



4* 



■ < 









52 

bemüht bin, ist. die Komplikation der Motive, die Häufung und 
Zusammensetzung seelischer Regungen, kurz die Überdelermi- 
nierung Regel. Hinter dem überwertigen Gedankenzug, der sich 
mit dem Verhältnis des Vaters zu Frau K. beschäftigte, ver- 
steckte sich nämlich auch eine Eifers ach tsregung, deren Objekt 
diese Frau war — eine Regung also, die nur auf der Neigung 
zum gleichen Geschlecht beruhen konnte. Es ist längst bekannt 
und vielfach hervorgehoben, daß sich bei Knaben und Mädchen 
in den Pubertätsjahren deutliche Anzeichen von der Existenz 
gleichgeschlechtlicher Neigung auch normalerweise beobachten 
lassen. Die schwärmerische Freundschaft für eine Schulkollegin 
mit Schwüren, Küssen, dem Versprechen ewiger Korrespondez 
und mit aller Empfindlichkeit der Eifersucht ist der gewöhnliche 
Vorläufer der ersten intensiveren Verliebtheit in einen Mann. 
Unter günstigen Verhältnissen versiegt die homosexuelle Strömung 
dann oft völlig; wo sich das Glück in der Liebe zum Mann 
nicht einstellt, wird sie oft noch in späteren Jahren von der 
Libido wieder geweckt und bis zu der oder jener Intensität ge- 
steigert. Ist soviel bei Gesunden mühelos festzustellen, so 
werden wir im Anschlüsse an frühere Bemerkungen über die 
bessere Ausbildung der normalen Perversionskeime bei den 
Neurotikern auch eine stärkere homosexuelle Anlage in deren 
Konstitution zu finden erwarten. Es muß wohl so sein, denn 
ich bin noch bei keiner Psychoanalyse eines Mannes oder 
Weibes durchgekommen, ohne eine solche recht bedeutsame 
homosexuelle Strömung zu berücksichtigen. Wo bei hysterischen 
Frauen und Mädchen die dem' Manne gellende sexuelle Libido 
eine energische Unterdrückung erfahren hat, da findet man 
regelmäßig die dem Weibe geltende durch Vikariieren . verstärkt 
und seihst teilweise bewußt. 

Ich werde dieses wichtige und besonders für die Hysterie 
des Mannes zum Verständnis unentbehrliche Thema hier nicht 
weiter behandeln, weil die Analyse Doras zu Ende kam, ehe 
sie (jber diese Verhältnisse bei ihr Licht verbreiten konnte. Ich 
erinnere aber an jene Gouvernante, mit der sie anfangs im in- 
timen Gedankenaustausch lebte, bis sie merkte, daß sie von. 
ihr nicht ihrer eigenen Person, sondern des Vaters wegen ge- 
schätzt und gut behandelt worden sei. Dann zwang sie dieselbe, 




53 

das Haus zu verlassen. Sie verweilte auch auffällig häufig und 
mit besonderer Betonung bei der Erzählung einer anderen Ent- 
fremdung, die ihr selbst rätselhaft vorkam. Mit ihrer zweiten 
Cousine, derselben, die später Braut wurde, hatte sie sich immer 
besonders gut verstanden und allerlei Geheimnisse mit ihr ge- 
teilt. Als nun der Vater zum erstenmal nach dem abgebrochenen 
Besuch am See wieder nach B. fuhr und Dora es natürlich 
ablehnte, ihn zu begleiten, wurde diese Cousine aufgefordert, 
mit dem Vater zu reisen, und nahm es an. Dora fühlte sich 
von da an erkältet gegen sie und verwunderte sich selbst, wie 
gleichgültig sie ihr geworden war, obwohl sie ja zugestand, sie 
könne ihr keinen großen Vorwurf machen. Diese Empfindlich- 
keiten veranlaßten mich zu fragen, welches ihr Verhältnis zu 
Frau K. bis zum Zerwürfnis gewesen war. Ich erfuhr dann, 
daß die junge Frau und das^ kaum erwachsene Mädchen Jahre 
hindurch in der größten Vertraulichkeit gelebt hatten. Wenn 
Dora bei den K. wohnte, teilte sie das Schlafzimmer mit der 
Frau; der Mann wurde ausquartiert. Sie war die Vertraute 
und Beraterin der Frau in allen Schwierigkeiten ihres ehelichen 
Lebens gewesen; es gab nichts, worüber sie nicht gesprochen 
hatten. Medea war ganz zufrieden damit, daß Kreusa die 
beiden Kinder an sich zog; sie tat gewiß auch nichts dazu, 
um den Verkehr des Vaters dieser Kinder mit dem Mädchen 
zu stören. Wie Dora es zustande brachte, den Mann zu 
lieben, über den ihre geliebte Freundin so viel Schlechtes zu 
sagen wußte, ist ein interessantes psychologisches Problem, das 
wohl lösbar wird durch die Einsicht, daß im Unbewußten die 
Gedanken besonders bequem nebeneinander wohnen, auch 
Gegensätze sich ohne Widerstreit vertragen, was ja oft genug 
auch noch im Bewußten so bleibt. 

Wenn Dora von Frau K. erzählte, so lobte sie deren 
„entzückend weißen Körper" in einem Ton, der eher der Ver- 
liebten als der besiegten Rivalin entsprach. Mehr wehmütig 
als bitter teilte sie mir ein andermal mit, sie sei überzeugt, daß 
die Geschenke, die der Papa ihr gebracht, von Frau K. be- 
sorgt worden seien; sie erkenne deren Geschmack. Ein ander- 
mal hob sie hervor, daß ihr offenbar durch die Vermittlung 
von Frau K. Schmuckgegenstände zum Geschenk gemacht 



54 

worden seien, ganz ähnlich wie die, welche sie bei Frau K. 
gesehen und sich damals laut gewünscht habe. Ja, ich muß 
überhaupt sagen, ich hörte nicht ein hartes oder erbostes Wort 
von ihr über die Frau, in der sie doch nach dem Standpunkt 
ihrer überwertigen Gedanken die Urheberin ihres Unglückes 
hätte sehen müssen. Sie benahm sich wie inkonsequent, aber 
die scheinbare Inkonsequenz war eben der Ausdruck einer 
komplizierenden Gefühlsströmung. Denn wie hatte sich die 
schwärmerisch geliebte Freundin gegen sie benommen? Nach- 
dem Dora ihre Beschuldigung gegen Herrn K. vorgebracht 
und dieser vom Vater schriftlich zur Rede gestellt wurde, ant- 
wortete er zuerst mit Beteuerungen seiner Hochachtung und er- 
bot sich nach der Fabrikstadt zu kommen, um alle Mißver- 
ständnisse aufzuklären. Einige Wochen später, als ihn der 
Vater in B. sprach, war von Hochachtung nicht mehr die Rede. 
Er setzte das Mädchen herunter und spielte als Trumpf aus: 
Ein Mädchen, das solche Bücher liest und sich für solche 
Dinge interessiert, das hat keinen Anspruch auf die Achtung 
eines Mannes. Frau K. hatte sie also verraten und angeschwärzt ; 
nur mit ihr hatte sie über Mantegazza und über verfängliche 
Themata gesprochen. Es war wieder derselbe Fall wie mit der 
Gouvernante; auch Frau K. hatte sie nicht um ihrer eigenen 
Person willen geliebt, sondern wegen des Vaters. Frau K. hatte 
sie unbedenklich geopfert, um in ihrem Verhältnis mit. dem 
Vater nicht gestört zu werden. Vielleicht, daß diese Kränkung 
ihr näher ging, pathogen wirksamer war als die andere, mit der sie 
jene verdecken wollte, daß der Vater sie geopfert. Wies nicht 
die eine so hartnäckig festgehaltene Amnesie in betreff der 
Quellen ihrer verfänglichen Kenntnis direkt auf den Gefühls- 
wert der Beschuldigung und demnach auf den Verrat durch 
die Freundin hin? 

Ich glaube also mit der Annahme nicht irre zu gehen, 
daß der überwertige Gedankenzug Do ras, der sich mit dem 
Verhältnis des Vaters zur Frau K. beschäftigte, bestimmt war 
nicht nur zur Unterdrückung der einst bewußt gewesenen Liebe 
zu Herrn K., sondern auch die in tieferem Sinne unbewußte 
Liebe zu Frau K. zu verdecken hatte. Zu letzterer Strömung 
stand er im Verhältnis des direkten Gegensatzes. Sie sagte sich 






r 



55 

unablässig vor, daß der Papa sie dieser Frau geopfert habe, 
demonstrierte geräuschvoll, daß sie ihr den Besitz des Papas 
nicht gönne, und verbarg sich so das Gegenteil, daß sie dem 
Papa die Liebe dieser Frau nicht gönnen konnte und der ge- 
liebten Frau die Enttäuschung über ihren Verrat nicht vergeben 
hatte. Die eifersüchtige Regung des Weibes war im Unbe- 
wußten an eine wie von einem Mann empfundene Eifersucht 
gekoppelt.- Diese männlichen oder, wie man besser sagt, gynä- 
kophilen Gefühlsströmungen sind für das unbewußte Liebes- 
leben der hysterischen Mädchen als typisch zu betrachten. 



II. 

Der erste Traum. 

Als wir gerade Aussicht hatten, einen dunkeln Punkt in 
dem Kindesleben Doras durch das Material, welches sich zur 
Analyse drängte, aufzuhellen, berichtete Dora, sie habe einen 
Traum, den sie in genau der nämlichen Weise schon wiederholt 
geträumt, in einer der letzten Nächte neuerlich gehabt. Ein 
periodisch wiederkehrender Traum war schön dieses Charakters 
wegen besonders geeignet, meine Neugierde zu wecken; im 
Interesse der Behandlung durfte man ja die Einflechtung dieses 
Traumes in den Zusammenhang der Analyse ins Auge fassen. 
Ich beschloß also, diesen Traum besonders sorgfältig zu er- 
forschen. 

L „Traum: „In einem Haus brennt es 1 ), erzählte 
Dora, der Vater steht vor meinem Bett und weckt 
mich auf. Ich kleide mich schnell an. Die Mama 
will noch ihr Schmuckkästchen retten, der Papa 
sagt aber: Ich will nicht, daß ich und meine beiden 
Kinder wegen deines Schmuckkästchens verbrennen. 
Wir eilen herunter, und sowie ich draußen bin, wache 
ich auf." 

Da es ein wiederkehrender Traum ist, frage ich natürlich, 
wann sie ihn zuerst geträumt. — Das weiß sie nicht. Sie er- 
innert sich aber, daß sie den Traum in L. (dem Orte am See, 

!) Es hat nie bei uns einen wirklichen Brand gegeben, antwortete sie 
dann auf meine Erkundigung. 



. 






56 



wo die Szene mit Herrn K. vorfiel) in drei Nächten hinter- 
einander gehabt, dann kam er vor einigen Tagen hier wieder 1 ). 
— Die so hergestellte Verknüpfung des Traumes mit den Er- 
eignissen in L. erhöht natürlich meine Erwartungen in betreff, 
der Traumlösung. Ich möchte aber zunächst den Anlaß für seine 
letzte Wiederkehr erfahren und. fordere darum Dora, die bereits 
durch einige kleine, vorher analysierte Beispiele für die Traum- 
deutung geschult ist, auf, sich den Traum zu zerlegen und mir 
mitzuteilen, was ihr zu ihm einfällt. 

Sie sagt: „Etwas, was aber nicht dazu gehören kann, denn 
es ist ganz frisch, während ich den Traum gewiß schon früher 
gehabt habe." 

Das macht nichts, nur zu; es wird eben das letzte dazu 
Passende sein. 

„Also, der Papa hat in diesen Tagen mit der Mama einen 
Streit gehabt, weil sie nachts das Speisezimmer absperrt. Das 
Zimmer meines Bruders hat nämlich keinen eigenen Ausgang, 
sondern ist nur durchs Speisezimmer zugänglich. Der Papa will 
nicht, daß der Bruder bei Nacht so abgesperrt sein soll. Er hat 
gesagt, das ginge nicht; es könnte doch bei Nacht etwas passieren, 
daß man hinaus muß." 

Das haben Sie nun auf Feuersgefahr bezogen ? . 

„Ja." 

Ich bitte Sie, merken Sie sich Ihre eigenen Ausdrücke 
wohl. Wir werden sie vielleicht brauchen. Sie haben gesagt: 
Daß bei Nacht etwas passieren kann, daß man hinaus 
muß 2 ). 

Dora hat nun aber die Verbindung zwischen dem rezenten 
und den damaligen Anlässen für den Traum gefunden, denn sie 
fährt fort: 



*) Es läßt sich aus dem Inhalt nachweisen, daß der Traum in L. zuerst 
geträumt worden ist. 

s ) Ich greife diese Worte heraus, weil sie mich stutzig machen. Sie 
klingen mir zweideutig. Spricht man nicht mit denselben Worten von ge- 
wissen körperlichen Bedürfnissen? Zweideutige Worte sind aber wie „Wechsel" 
für den Assoziationsverlauf. Stellt man den Wechsel anders, als er im 
Trauminhalt eingestellt erscheint, so kommt man wohl auf das Geleise, auf 
dem sich die gesuchten und noch verborgenen Gedanken hinter dem Traum 
bewegen. 



57 

„Als wir damals in L. ankamen, der Papa und ich, hat 
er die Angst vor einem Brand direkt geäußert. Wir kamen in 
einem heftigen Gewitter an, sahen das kleine Holzhäuschen, 
das keinen Blitzableiter hatte. Da war diese Angst ganz 
natürlich." 

Es liegt mir nun daran, die Beziehung zwischen den Ereig- 
nissen in L. und den damaligen gleichlautenden Träumen zu 
ergründen. Ich frage also: Haben Sie den Traum' in den ersten 
Nächten in L. gehabt oder in den letzten vor Ihrer Abreise, 
also vor oder nach der bekannten Szene im Walde? (Ich weiß 
nämlich, daß die Szene nicht gleich am ersten Tage vorfiel, und 
daß sie nach derselben noch einige Tage in L. verblieb, ohne 
etwas von dem Vorfalle merken zu lassen.) 

Sie antwortet zuerst: Ich weiß nicht. Nach einer Weile: 
Ich glaube doch, nachher. 

Nun wußte ich also, daß der Traum eine Reaktion auf 
jenes Erlebnis war. Warum kehrte er aber dort dreimal wieder? 
Ich fragte weiter: Wie lange sind Sie noch nach der Szene in 
L. geblieben? 

„Noch vier Tage, am fünften bin ich mit dem Papa ab- 
gereist." 

Jetzt bin ich sicher, daß der Traum die unmittelbare 
Wirkung des Erlebnisses mit Herrn K. war. Sie haben ihn 
dort zuerst geträumt, nicht früher. Sie haben die Unsicherheit 
im Erinnern nur hinzugefügt, um sich den Zusammenhang zu 
verwischen 1 ). Es stimmt mir aber noch nicht ganz mit den 
Zahlen. Wenn Sie noch vier Nächte in L. blieben, können Sie 
den Traum viermal wiederholt haben. Vielleicht war es so ? 

Sie widerspricht nicht mehr meiner Behauptung, setzt aber, 
anstatt auf meine Frage zu antworten, fort 2) : „Am Nachmittag 
nach unserer Seefahrt, von der wir, Herr K. und ich, mittags 
zurückkamen, hatte ich mich wie gewöhnlich auf das Sofa im 
Schlafzimmer gelegt, um kurz zu schlafen. Ich erwachte plötzlich 
und sah Herrn K. vor mir stehen ..." 

l ) Vgl. das eingangs Seite 11 über den Zweifel beim Erinnern 
Gesagte. 

s ) Es muß nämlich erst neues Erinnerungsmaterial kommen, ehe die von 
mir gestellte Frage beantwortet werden kann. 



. 



58 

Also wie Sie im Traume den Papa vor Ihrem Bette stehen 
sehen ? 

. „Ja. Ich stellte ihn zur Rede, was er hier zu suchen habe. 
Er gab zur Antwort, er lasse sich nicht abhalten, in sein Schlaf- 
zimmer zu gehen, wann er wolle; übrigens habe er etwas holen 
wollen. Dadurch vorsichtig gemacht, habe ich Frau K. gefragt, 
ob denn kein Schlüssel zum Schlafzimmer existiert, und habe 
mich am nächsten Morgen (am zweiten Tag) zur Toilette einge- 
schlossen. Als ich mich dann nachmittags einschließen wollte, 
um mich wieder aufs Sofa zu legen, fehlte der Schlüssel. Ich 
bin überzeugt, Herr K. hatte ihn beseitigt." 

Das ist also das Thema vom Verschließen, oder Nicht- 
verschließen des Zimmers, das im Traume vorkommt und das 
zufällig auch im frischen Anlaß zum Traum eine Rolle gespielt 
hat 1 ). Sollte der Satz: ich kleide mich schnell an, auch in 
diesen Zusammenhang gehören? 

„Damals nahm ich mir vor, nicht ohne den Papa bei K. zu 
bleiben. An den nächsten Morgen mußte ich fürchten, daß mich 
Herr K. bei der Toilette überrasche, und kleidete mich darum 
immer sehr schnell an. Der Papa wohnte ja im Hotel, und Frau 
K. war immer schon früh weggegangen, um mit dem Papa eine 
Partie zu machen. Herr K. belästigte mich aber nicht wieder." 

. Ich verstehe, Sie faßten am Nachmittag des zweiten Tages 
den Vorsatz, sich diesen Nachstellungen zu entziehen und hatten 
nun in der zweiten, dritten und vierten Nacht nach der Szene 
im Walde Zeit, sich diesen Vorsatz im Schlafe zu wiederholen. 
Daß Sie am nächsten — dritten — Morgen den Schlüssel nicht 
haben würden, um sich beim Ankleiden einzuschließen, wußten 
Sie ja schon am zweiten Nachmittag, also vor dem Traum, und 
konnten sich vornehmen, die Toilette möglichst zu beeilen. Ihr 
Traum kam aber jede Nacht wieder, weil er eben einem Vor- 
satz entsprach. Ein "Vorsatz bleibt so lange bestehen, bis er aus- 
geführt ist. Sie sagten sich gleichsam: ich habe keine Ruhe, 



') Ich vermute, ohne es noch Dora zu sagen, daß dies Element wegen 
einer symbolischen Bedeutung von ihr ergriffen wurde, „Zimmer" im Traum 
wollen recht häufig „Frauenzimmer" vertreten, und ob ein Frauenzimmer 
„offen" oder „verschlossen" ist, kann natürlich nicht gleichgültig sein. Auch 
welcher „Schlüssel" in diesem Falle öffnet, ist wohlbekannt. 



59 

ich kann keinen ruhigen Schlaf finden, bis ich nicht aus diesem 
Hause heraus bin. Umgekehrt erzählen Sie vom Traume: Sowie 
ich draußen bin, wache ich auf. 

Ich unterbreche hier die Mitteilung der Analyse, um dieses 
Stückchen einer Traumdeutung an meinen allgemeinen Sätzen 
über Mechanismus der Traumbildung zu messen. Ich habe in 
meinem Buche 1 ) ausgeführt, jeder Traum sei ein als erfüllt 
dargestellter Wunsch, die Darstellung sei eine verhüllende, wenn 
der Wunsch ein verdrängter, dem Unbewußten angehöriger sei, 
und außer bei den Kinderträumen habe nur der unbewußte oder 
bis ins Unbewußte reichende Wunsch die Kraft, einen Traum 
zu bilden. Ich glaube, die allgemeine Zustimmung wäre mir 
sicherer gewesen, wenn ich mich begnügt hätte, zu behaupten, 
daß jeder Traum einen Sinn habe, der durch eine gewisse 
Deutimgsarbeit aufzudecken sei. Nach vollzogener Deutung könne 
man den Traum durch Gedanken ersetzen, die sich an leicht 
kenntlicher Stelle in das Seelenleben des Wachens einfügen. Ich 
hätte dann fortfahren können, dieser Sinn des Traumes erwiese 
sich als ebenso mannigfaltig wie eben die Gedankengänge des 
Wachens. Es sei das eine Mal ein erfüllter Wunsch, das andere 
Mal eine verwirklichte Befürchtung, dann etwa eine im Schlafe 
fortgesetzte Überlegung, ein Vorsatz (wie bei Doras Traum) 
ein Stück geistigen Produzierens im Schlafe usw. Diese Dar- 
stellung hätte gewiß durch ihre Faßlichkeit bestochen und hätte 
sich auf eine große Anzahl gut gedeuteter Beispiele, wie z. B. auf 
den hier ' analysierten Traum, stützen können. 

Anstatt dessen habe ich eine allgemeine Behauptung auf- 
gestellt, die den Sinn der Träume auf eine einzige Gedanken - 
form, auf die Darstellung von Wünschen einschränkt, und habe 
die allgemeinste Neigung zum Widerspruche wachgerufen. Ich 
muß aber sagen, daß ich weder das Recht noch die Pflicht zu 
besitzen glaubte, einen Vorgang der Psychologie zur größeren 
Annehmlichkeit der Leser zu vereinfachen, wenn er meiner 
Untersuchung eine Komplikation bot, deren Lösung zur Ein- 
heitlichkeit erst an anderer Stelle gefunden werden konnte. Es 



i) Die Traumdeutung, 1900. (6. Aufl. 1921.) 






60 

wird mir darum von besonderem Werte sein zu zeigen, daß die 
scheinbaren Ausnahmen, wie Doras Traum hier, der sich zu- 
nächst als ein in den Schlaf fortgesetzter Tagesvorsatz enthüllt, 
doch die bestrittene Regel neuerdings bekräftigen. 

Wir haben ja noch ein großes Stück des Traumes zu deuten. 
Ich fragte weiter: Was ist es mit dem Schmuckkästchen, das 
die Mama retten will? 

„Die Mama liebt Schmuck sehr und hat viel vom Papa 
bekommen." 

Und Sie ? 

„Ich habe Schmuck früher auch sehr geliebt; seit der 
Krankheit trage ich keinen mehr. — Da gab es damals vor vier 
Jahren (ein Jahr vor dem Traum) einen großen Streit zwischen 
Papa und Mama wegen eines Schmuckes. Die Mama wünschte 
sich etwas Bestimmtes, Tropfen von Perlen im Ohre zu tragen. 
Der Papa liebt aber dergleichen nicht und brachte ihr anstatt der 
Tropfen ein Armband. Sie war wütend und sagte ihm, wenn er 
schon soviel Geld ausgegeben habe, um etwas zu schenken, was 
sie nicht möge, so solle er es nur einer anderen schenken." 

Da werden Sie sich gedacht haben, Sie nähmen es gerne? 

„Ich weiß nicht*); weiß überhaupt nicht, wie die Mama in 
den Traum kommt; sie war doch damals nicht mit in L. 2 )." 

Ich werde es Ihnen später erklären. Fällt Ihnen denn nichts 
anderes zum Schmuckkästchen ein? Bis jetzt haben Sie nur von 
Schmuck und nichts von einem Kästchen gesprochen. 

„Ja, Herr K. hatte mir einige v Zeit vorher ein kostbares 
Schmuckkästchen zum Geschenke gemacht." 

Da war das Gegengeschenk also wohl am Platze. Sie wissen 
vielleicht nicht, daß „Schmuckkästchen" eine beliebte Bezeich- 
nung für dasselbe ist, was sie unlängst mit dem angehängten 
Täschchen angedeutet haben 3), für das weibliche Genitale. 

] ) Ihre damals gewöhnliche Redensart, etwas Verdrängtes anzuerkennen. 

-) Diese Bemerkung, die von gänzlichem Mißverständnisse der ihr sonst 
wohlbekannten Regeln der Traumerklärung zeugt, sowie die zögernde Art 
und die spärliche Ausbeute ihrer Einfälle zum Schmuckkästchen bewiesen mir, 
daß es sich hier um Material handle, das mit großem Nachdrucke verdrängt 
worden sei. 

a ) Über dieses Täschchen siehe weiter unten. ' 



^ 



61 

i\ " 



„Ich wußte, daß Sie das sagen würden 

Das heißt, Sie wußten es. — Der Sinn des Traumes wird 
nun noch deutlicher. Sie sagten sich : Der Mann stellt mir nach, 
er will in mein Zimmer dringen, meinem „Schmuckkästchen" 
droht Gefahr, und wenn da ein Malheur passiert, wird es die 
Schuld des Papas sein. Darum nahen Sie in den Traum eine 
Situation genommen, die das Gegenteil ausdrückt, eine Gefahr, 
aus welcher der Papa Sie rettet. In dieser Region des Traumes 
ist üherhaupt alles ins Gegenteil verwandelt; Sie werden hald 
hören, warum. Das Geheimnis liegt allerdings bei der Mama. 
Wie die Mama dazu kommt? Sie ist, wie Sie wissen, Ihre frühere 
Konkurrentin in der Gunst des Papas. Bei der Begebenheit mit 
dem Armbande wollten Sie • gerne annehmen, was die Mama 
zurückgewiesen hat. Nun lassen Sie uns einmal „annehmen" 
durch „geben", „zurückweisen" durch „verweigern" ersetzen. Das 
heißt dann, Sie waren bereit, dem Papa zu geben, was die Mama 
ihm verweigert, und das, um was es sich handelt, hätte mit 
Schmuck zu tun 2 ). Nun erinnern Sie sich an das Schmuckkäst- 
chen, das Herr K. Ihnen geschenkt hat. Sie haben da den Anfang 
einer parallelen Gedankenreihe, in der wie in der Situation 
des vor Ihrem Bette Stehens Herr K. anstatt des Papas einzu- 
setzen ist. Er hat Ihnen ein Schmuckkästchen geschenkt, Sie 
sollen ihm also Ihr Schmuckkästchen schenken ; darum sprach 
ich vorhin vom „Gegengeschenke". In dieser Gedankenreihe 
wird Ihre Mama durch Frau K. zu ersetzen sein, die doch wohl 
damals anwesend war. Sie sind also bereit, Herrn K. das zu 
schenken, was ihm seine Frau verweigert. Hier haben Sie den 
Gedanken, der mit soviel Anstrengung verdrängt werden muß, 
der die Verwandlung aller Elemente in ihr Gegenteil notwendig 
macht. Wie ich's Ihnen schon vor diesem Traume gesagt habe, 
der Traum bestätigt wieder, daß Sie die alte Liebe zum Papa 
wachrufen, um sich gegen die Liebe zu K. zu schützen' Was 
beweisen aber alle diese Bemühungen? Nicht nur, daß Sie sich 
vor Herrn K. fürchten, noch mehr fürchten Sie sich vor sich 

») Eine sehr häufige Art, eine aus dem Verdrängten auftauchende 
Kenntnis von sich wegzuschieben. 

2 ) Auch für die Tropfen werden wir später eine vom Zusammenhange 
geforderte Deutung anführen können. 



62 



selber, vor Ihrer Versuchung, ihm nachzugeben. Sie bestätigen 
also dadurch, wie intensiv die Liebe zu ihm war 1 ). 

Dieses Stück der Deutung wollte sie natürlich nicht mit- 
machen. 

Mir hatte sich aber auch eine Fortsetzung der Traum- 
deutung ergeben, die ebensowohl für die Anamnese des Falles 
wie für die Theorie des Traumes unentbehrlich schien. Ich ver- 
sprach, dieselbe Dora in der nächsten Sitzung mitzuteilen. 

Ich konnte nämlich den Hinweis nicht, vergessen, der sich 
aus den angemerkten zweideutigen Worten zu ergeben schien 
(daß man hinaus muß, daß bei Nacht ein Malheur 
passieren kann). Dem reihte sich an, daß mir die Aufklärung 
des Traumes unvollständig schien,, solange nicht eine gewisse 
Forderung erfüllt war, die ich zwar nicht allgemein aufstellen 
will, nach deren Erfüllung ich aber mit Vorliebe suche. Ein 
ordentlicher Traum steht gleichsam auf zwei Beinen, von denen 
das eine den wesentlichen aktuellen Anlaß, das andere eine 
folgenschwere Begebenheit der Kinderjahre berührt. Zwischen 
diesen beiden, dem Kindererlebnisse und dem gegenwärtigen, 
stellt der Traum eine Verbindung her, er sucht die Gegenwart 
nach, dem Vorbilde der frühesten Vergangenheit umzugestalten. 
Der Wunsch, der den Traum schafft, kommt ja immer aus der 
Kindheit, er will die Kindheit immer wieder von neuem zur 
Realität erwecken, die Gegenwart nach der Kindheit korrigieren. 
Die Stücke, die sich zu einer Anspielung auf ein Kinderereignis 
zusammensetzen lassen, glaubte ich in dem Trauminhalte bereits 
deutlich zu erkennen. 

Ich begann die Erörterung hierüber mit einem kleinen 
Experimente, das wie gewöhnlich gelang. Auf dem Tische stand 
zufällig ein großer Zündhölzchenbehälter. Ich bat Dora, sich 
doch umzusehen, ob sie auf dem Tische etwas Besonderes sehen 






*) Ich füge noch hinzu: Übrigens muß ich aus dem Wiederauftauchen 
des Traumes in den letzten Tagen schließen, daß Sie dieselbe Situation für 
wiedergekommen erachten, und daß Sie beschlossen haben, aus der Kur, zu 
der ja nur der Papa Sie bringt, wegzubleiben. — Die Folge zeigte, wie richtig 
ich geraten hatte. Meine Deutung streift hier das praktisch wie theoretisch 
höchst bedeutsame Thema der „Übertragung", auf welches einzugehen ich in 
dieser Abhandlung wenig Gelegenheit mehr finden werde. 









63 

könne, das gewöhnlich nicht darauf stände. Sie sah nichts. 
Dann fragte ich, ob. sie wisse, warum man den Kindern verbiete, 
mit Zündhölzchen zu spielen. 

„Ja, wegen der Feuersgefahr. Die Kinder meines Onkels 
spielen so gerne mit Zündhölzchen." 

Nicht allein deswegen. Man warnt sie: „Nicht zündeln" und 
knüpft daran einen gewissen Glauben. 

Sie wußte nichts darüber. — Also man fürchtet, daß sie 
dann das Bett naß machen werden. Dem liegt wohl der Gegen- 
satz von Wasser und Feuer zugrunde. Etwa, daß sie vom 
Feuer träumen und dann versuchen werden, mit Wasser zu 
löschen. Das weiß ich nicht genau zu sagen. Aber ich sehe, daß 
Ihnen der Gegensatz von Wasser und Feuer im Traume aus- 
gezeichnete Dienste leistet. Die Mama will das Schmuckkästchen 
retten, damit es nicht verbrennt, in den Traumgedanken 
kommt es darauf an, daß das „Schmuckkästchen" nicht naß 
wird. Feuer ist aber nicht nur als Gegensatz zu Wasser ver- 
wendet, es dient auch zur direkten Vertretung von Liebe, Ver- 
liebt-, Verbranntsein. Von Feuer geht also das eine Geleise über 
diese symbolische Bedeutung zu den Liebesgedanken, das andere 
führt über den Gegensatz Wasser, nachdem noch die eine Be- 
ziehung zur Liebe, die auch naß macht, abgezweigt hat, anders- 
wohin. Wohin nun? Denken Sie an Ihre Ausdrücke: daß bei Nacht 
ein Malheur passiert, daß man hinaus muß. Bedeutet das 
nicht ein körperliches Bedürfnis, und wenn Sie das Malheur in die 
Kindheit versetzen, kann es ein anderes sein, als daß das Bett naß 
wird ? Was tut man aber, um die Kinder vor dem Bettnässen zu 
hüten ? Nicht wahr, man weckt sie in der Nacht aus dem Schlafe, 
ganz so, wie es im Traume der Papa mit Ihnen tut? 
Dieses wäre also die wirkliche Begebenheit, aus welcher Sie sich 
das Recht nehmen, Herrn K., der Sie aus dem Schlafe weckt, 
durch den Papa zu ersetzen. Ich muß also schließen, daß Sie an 
Bettnässen länger, als es sich sonst bei Kindern erhält, gelitten 
haben. Dasselbe muß bei Ihrem Bruder der Fall gewesen sein. Der 
Papa sagl ja: Ich will nicht, daß meine beiden Kinder . . . 
zugrunde gehen. Der Bruder hat mit der aktuellen Situation 
bei K. sonst nichts zu tun, er war auch nicht nach L. mitge- 
kommen. Was* sagen nun Ihre Erinnerungen dazu? 










64 

„Von mir weiß ich nichts," antwortete sie, „aber der Bruder 
hat bis zum sechsten oder siebenten Jahre das Bett, naß gemacht, 
es ist. ihm auch manchmal am Tage passiert." 

Ich wollte sie eben aufmerksam machen, wieviel leichter 
man sich an derartiges von seinem Bruder als von sich erinnert, 
als sie mit der wiedergewonnenen Erinnerung fortsetzte: „Ja, ich 
habe es auch gehabt, aber erst im siebenten oder achten Jahre 
eine Zeitlang. Es muß arg gewesen sein, denn ich weiß jetzt, daß 
der Doktor um Rat gefragt wurde. Es war bis kurz vor dem 
nervösen Asthma." 

Was sagte der Doktor dazu? 

„Er erklärte es für eine nervöse Schwäche; es werde sich 
schon verlieren, meinte er, und verschrieb stärkende Mittel 1 )." 

Die Traumdeutung schien mir nun vollendet 2 ). Einen 
Nachtrag zum Traume brachte sie noch tags darauf. Sie habe 
vergessen zu erzählen, daß sie nach dem Erwachen jedesmal 
Rauch gerochen. Der Rauch paßte ja wohl zum Feuer, er wies 
auch darauf hin, daß der Traum eine besondere Beziehung zu 
meiner Person habe, denn ich pflegte ihr, wenn sie behauptet 
hatte, da oder dort stecke nichts dahinter, oft entgegenzuhalten; 
„Wo Rauch ist, ist auch Feuer." Sie wandte aber gegen diese 
ausschließlich persönliche Deutung ein, daß Herr K. und der 
Papa leidenschaftliche Raucher seien, wie übrigens auch ich. 
Sie rauchte selbst am See, und Herr K. hatte ihr, ehe er damals 
mit seiner unglücklichen Werbung begann, eine Zigarette gedreht. 
Sie glaube sich auch sicher zu erinnern, daß der Geruch nach 
Rauch nicht erst im letzten, sondern schon in dem dreimaligen 
Träumen in L. aufgetreten sei. Da sie weitere Auskünfte ver- 
weigerte, blieb es mir überlassen, wie ich mir diesen Nachtrag 
in das Gefüge der Traumgedanken eintragen wolle. Als Anhalts- 



') Dieser Arzt war der einzige, zu dem sie Zutrauen zeigte, weil sie 
an dieser Erfahrung gemerkt, er wäre nicht hinter ihr Geheimnis ge- 
kommen. Vor jedem andern, den sie noch nicht einzuschätzen wußte 
empfand sie Angst, die sich jetzt also motiviert, er könne ihr Geheimnis 
erraten. 

2 ) Der Kern des Traumes würde übersetzt etwa so lauten: Die Ver- 
suchung ist so stark. Lieber Papa, schütze Du mich wieder wie in den 
Kinderzeiten, daß mein Bett nicht naß wifd! 



65 

punkt konnte mir dienen, daß die Sensation des Rauches als 
Nachtrag kam, also eine besondere Anstrengung der Verdrän- 
gung hatte überwinden müssen. Demnach gehörte sie wahrschein- 
lich zu dem im Traume am dunkelsten dargestellten und best- 
verdrängten Gedanken, also dem der Versuchung, sich dem Manne 
willig zu erweisen. Sie konnte dann kaum etwas anderes be- 
deuten als die Sehnsucht nach einem Kusse, der beim Raucher 
notwendigerweise nach Rauch schmeckt; ein Kuß war aber 
ein Jahr vorher zwischen den beiden vorgefallen und hätte sich 
sicherlich mehr als einmal wiederholt, wenn das Mädchen da- 
mals der Werbung nachgegeben hätte. Die Versuchungsgedanken 
scheinen so auf die frühere Szene zurückgegriffen und die Er- 
innerung an den Kuß aufgeweckt zu haben, gegen dessen Ver- 
lockung sich die Lutscherin seinerzeit durch den Eckel schützte. 
Nehme ich endlich die Anzeichen zusammen, die eine Über- 
tragung auf mich, weil ich auch Raucher bin, wahrscheinlich 
machen, so komme ich zur Ansicht, daß ihr eines Tages wahr- 
scheinlich während der Sitzung eingefallen, sich einen Kuß von 
mir zu wünschen. Dies war für sie der Anlaß, sich den War- 
nungstraum zu wiederholen und den Vorsatz zu fassen, aus der 
Kur zu gehen. So stimmt es sehr gut zusammen, aber vermöge 
der Eigentümlichkeiten der „Übertragung" entzieht es sich dem 
Beweise. 

Ich könnte nun schwanken, ob ich zuerst die Ausbeute 
dieses Traumes für die Krankengeschichte des Falles iri Angriff 
nehmen oder lieber den aus ihm gegen die Traumtheorie ge- 
wonnenen Einwand erledigen soll. Ich wähle das erstere. 

Es verlohnt sich, auf die Bedeutung des Bettnässens in 
der Vorgeschichte der Neuroliker ausführlich einzugehen. Der 
Übersichtlichkeit zu Liebe beschränke ich mich darauf zu be- 
tonen, daß Doras Fall von Bettnässen nicht der gewöhnliche 
war. Die Störung hatte sich nicht einfach über die fürs Normale 
zugestandene Zeit fortgesetzt, sondern war nach ihrer bestimmten 
Angabe zunächst geschwunden und dann verhältnismäßig spät, 
nach dem sechsten Lebensjahre, wieder aufgetreten. Ein solches 
Bettnässen hat meines Wissens keine wahrscheinlichere Ursache 
als Masturbation, die in der Ätiologie des Bettnässens über- 
haupt eine noch zu gering geschätzte Rolle spielt. Den Kindern 

Freud, Neurosenlehre. II. 3. Aufl. - 





66 

selbst ist nach meiner Erfahrung dieser Zusammenhang sehr 
wohl bekannt gewesen, und alle psychischen Folgen leiten sich 
davon so ab, als ob sie ihn niemals vergessen hätten. Nun be- 
fanden wir uns zur Zeit, als der Traum erzäblL wurde, auf 
einer Linie der Forschung, welche direkt auf ein solches Ein- 
geständnis der Kindermasturbation zulief. Sie hatte eine Weile 
vorher die Frage aufgeworfen, warum denn gerade sie krank 
geworden sei, und hatte, ehe ich eine Antwort gab, die Schuld 
auf den Vater gewälzt. Es waren nicht unbewußte Gedanken, 
sondern bewußte Kenntnis, welche die Begründung übernahm. 
Das Mädchen wußte zu meinem Erstaunen, welcher Natur die 
Krankheit des Vaters gewesen war. Sie hatte nach der Rück- 
kehr des Vaters von meiner Ordination ein Gespräch erlauscht, 
in dem der Name der Krankheit genannt wurde. In noch 
früheren Jahren, zur Zeit der Netzhautablösung, muß ein zu 
Rate gezogener Augenarzt auf die luetische Ätiologie hinge- 
wiesen haben, denn das neugierige und besorgte Mädchen hörte 
damals eine alte Tante zur Mutter sagen: „Er war ja schon 
vor der Ehe krank" und etwas ihr Unverständliches hinzufügen, 
was sie sich später auf unanständige Dinge deutete. 

Der Vater war also durch leichtsinnigen Lebenswandel 
krank geworden, und sie nahm an, daß er ihr das Kranksein 
erblich übertragen habe. Ich hütete mich, ihr zu sagen, daß 
ich, wie erwähnt (Seite 14), gleichfalls die Ansicht vertrete, 
die Nachkommenschaft Luetischer sei zu schweren Neuropsy- 
chosen ganz besonders prädisponiert. Die Fortsetzung dieses den 
Vater anklagenden Gedankenganges ging durch unbewußtes 
Material. Sie identifizierte sich einige Tage lang in kleinen 
Symptomen und Eigentümlichkeiten mit der Mutter, was ihr 
Gelegenheil gab, Hervorragendes in Unausstehlichkeit zu leisten, 
und ließ mich dann erraten, daß sie an einen Aufenthalt in 
Franzensbad denke, das sie in Begleitung der Mutter — ich 
weiß nicht mehr, in welchem Jahre — besucht hatte. Die 
Mutter litt an Schmerzen im Unterleibe und an einem Ausflusse 
— Katarrh — , der eine Franzensbader Kur notwendig machte. 
Es war ihre — wahrscheinlich wieder berechtigte -7- Meinung, 
daß diese Krankheit vom Papa herrühre, der also seine Ge- 
schlechtsaifeklion auf die Mutter übertragen hatte. Es war 



,. 



67 



ganz begreiflich, daß sie bei diesem Schlüsse, wie ein großer 
Teil der Laien überhaupt, Gonorrhoe und Syphilis, erbliche 
und Übertragung durch den Verkehr zusammenwarf. Ihr Ver- 
harren in der Identifizierung nötigte nur fast die Frage auf, 
ob sie denn auch eine Geschlechtskrankheit habe, und nun er- 
fuhr ich, daß sie mit einem Katarrh (Fluor albus) behaftet sei, 
an dessen Beginn sie sich nicht erinnern könne. 

Ich verstand nun, daß hinter dem Gedankengange, "der laut 
den Vater anklagte, wie gewöhnlich eine Selbstbeschuldigung 
verborgen sei, und kam ihr entgegen, indem ich ihr versicherte, 
daß der Fluor der jungen Mädchen in meinen Augen vorzugs- 
weise auf Masturbation deute, und daß ich alle anderen Ur- 
sachen, die gewöhnlich für solch ein Leiden angeführt werden, 
neben der Masturbation in den Hintergrund treten lasse. Sie 
sei also auf dem Wege, ihre Frage, warum gerade sie erkrankt 
sei, durch das Eingeständnis der Masturbation, wahrscheinlich 
in den Kinderjahren, zu beantworten. Sie leugnete entschiedenst, 
sich an etwas Derartiges erinnern zu können. Aber einige Tage 
später führte sie etwas auf, was ich als weitere Annäherung an 
das Geständnis betrachten mußte. Sie hatte an diesem Tage 
nämlich, was weder früher noch später je der Fall war, ein 
Portemonnaietäschchen von der Form, die eben modern wurde, 
umgehängt, und spielte damit, während sie im Liegen sprach,' 
indem sie es öffnete, einen Finger hineinsteckte, es wieder schloß 
usw. Ich sah ihr eine Weile zu und erklärte ihr dann, was 
eine Symptomhandlungi) sei. Symptomhandlungen kenne 
ich jene Verrichtungen, die der Mensch, wie man sagt, auto- 
matisch, unbewußt, ohne darauf zu achten, wie spielend, voll- 
zieht, denen er jede Bedeutung absprechen möchte, und die er 
für gleichgültig und zufällig erklärt, wenn er nach ihnen ge- 
fragt wird. Sorgfältigere Beobachtung zeigt dann, daß solche 
Handlungen, von denen das Bewußtsein nichts weiß oder nichts 
wissen will, unbewußten Gedanken und Impulsen Ausdruck 
geben, somit als zugelassene Äußerungen des Unbewußten wert- 
voll und le hrreich sind. Es gibt zwei Arten des bewußten Ver- 

') Vgl. meine Abhandlung über die Psychopathologie des Alltagslebens 
in der Monatschrift für Psychiatrie und Neurologie, 1901 (als Buch im Verlage 
von S. Karger, 1904. 7. Aufl. 1920, Internat, psychoanalit Verlag) 



u 



68 












haltens gegen die Symptomhandlungen. Kann man sie unauf- 
fällig motivieren, so nimmt man auch Kenntnis von ihnen; 
fehlt ein solcher Vorwand vor dem Bewußten, so merkt man 
in der Regel gar nicht, daß man sie ausführt. Im Falle 
Doras war die Motivierung leicht: „Warum soll ich nicht ein 
solches Täschchen tragen, wie es jetzt modern ist?" Aber eine 
solche Rechtfertigung hebt die Möglichkeit der unbewußten 
Herkunft der betreffenden Handlung nicht auf. Anderseits 
läßt sich diese Herkunft und der Sinn, den man der Handlung 
beilegt, nicht zwingend erweisen. Man muß sich begnügen zu 
konstatieren, daß ein solcher Sinn in den Zusammenhang der 
vorliegenden Situation, in die Tagesordnung des Unbewußten 
ganz ausgezeichnet hineinpaßt. 

Ich werde ein anderes Mal eine Sammlung solcher Sym- 
ptomhandlungen vorlegen, wie man sie bei Gesunden und Ner- 
vösen beobachten kann. Die Deutungen sind manchmal sehr 
leicht. Das zweiblättrige Täschchen Doras ist nichts anderes 
als eine Darstellung des Genitales, und ihr Spielen damit, ihr 
Öffnen und Fingerhineinstecken eine recht ungenierte, aber un- 
verkennbare pantomimische Mitteilung dessen, was sie damit 
tun möchte, die der Masturbation. Vor kurzem ist mir ein 
ähnlicher Fall vorgekommen, der sehr erheiternd wirkte. Eine 
ältere Dame zieht mitten in der Sitzung, angeblich um sich 
durch ein Bonbon anzufeuchten, eine kleine beinerne Dose her- 
vor, bemüht sich sie zu öffnen, und reicht sie dann' mir, damit 
ich mich überzeuge, wie schwer sie aufgeht. Ich äußere mein 
Mißtrauen, daß diese Dose etwas Besonderes bedeuten müsse, 
ich sehe sie heute doch zum ersten Male, obwohl die Eigen- 
tümerin mich schon länger als ein Jahr besucht. Darauf- die 
Dame im Eifer: „Diese Dose trage ich. immer bei mir, ich 
nehme sie überall mit, wohin ich gehe!" Sie beruhigt sich erst, 
nachdem ich sie lachend aufmerksam gemacht, wie gut ihre 
Worte auch zu einer anderen Bedeutung passen. Die Dose — 
box, Ttv&g — ist wie das Täschchen, wie das Schmuckkästchen 
wieder nur eine Vertreterin der Venusmuschel, des weiblichen 

Genitales! 

Es gibt viel solcher Symbolik im Leben, an der wir ge- 
wöhnlich achtlos vorübergehen. Als ich mir die Aufgabe stellte, 






69 

das, was die Menschen verstecken, nicht, durch den Zwang der 
Hypnose, sondern aus dem, was sie sagen und zeigen, ans Licht 
zu bringen, hielt ich die Aufgabe für schwerer, als sie wirklich 
ist. Wer Augen hat zu sehen und Ohren zu .hören, über- 
zeugt sich, daß die Sterblichen kein Geheimnis verbergen 
können. Wessen Lippen schweigen, der schwätzt mit den Finger- 
spitzen ; aus allen Poren dringt ihm der Verrat. Und darum 
ist die Aufgabe, das verborgenste Seelische bewußt zu machen, 
sehr wohl lösbar. 

Doras Symptombehandlung mit dem Täschchen war nicht 
die nächste Vorläuferin des Traumes. Die Sitzung, die uns die 
Traumerzählung brachte, leitete sie durch eine andere Symptom- 
handlung ein. Als ich in das Zimmer trat, in dem sie wartete, 
versteckte sie rasch einen Brief, in dem sie las. Ich fragte 
natürlich, von wem der Brief sei, und sie weigerte sich erst 
es anzugeben. Dann kam etwas heraus, was höchst gleich- 
gültig und ohne Beziehung zu unserer Kur war. Es war ein 
Brief der Großmutter, in dem sie aufgefordert wurde, ihr öfter 
zu schreiben. Ich meine, sie wollte mir nur „Geheimnis" vor- 
spielen und andeuten, daß sie sich jetzt ihr Geheimnis vom 
Arzt entreißen lasse. Ihre ^Abneigung gegen jeden neuen Arzt 
erkläre ich mir nun durch die Angst, er, würde bei der Unter- 
suchung (durch den Katarrh) oder beim Examen (durch die 
Mitteilung des Bettnässens) auf den Grund ihres Leidens 
kommen, die Masturbation bei ihr erraten. Sie sprach dann 
immer sehr geringschätzig von den Ärzten, die sie vorher offen- 
bar überschätzt hatte. 

Anklagen gegen den Vater, daß er sie krank gemacht, 
mit der Selbstanklage dahinter — Fluor albus — Spielen mit 
dem Täschchen — Bettnässen nach dem sechsten Jahre — Ge- 
heimnis, das sie sich von den Ärzten nicht entreißen lassen will : 
ich halte den Indizienbeweis für die kindliche Masturbation für 
lückenlos hergestellt. Ich hatte in diesem Falle die Mastur- 
bation zu ahnen begonnen, als sie mir von den Magenkrämpfen 
der Cousine erzählte (siehe S. 32) und sich dann mit dieser 
identifizierte, indem sie tagelang über die nämlichen schmerz- 
haften Sensationen klagte. Es ist bekannt, wie häufig Magen- 
krämpfe gerade bei Masturbanten auftreten. Nach einer per- 



L 






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70 

sönlichen Mitteilung von W. Fließ sind es gerade solche 
Gastralgien, die durch Kokainisierung der von ihm gefundenen 
„Magen stelle" in der Nase unterbrochen und durch deren 
Ätzung geheilt werden können. Dora bestätigte mir bewußler- 
weise zweierlei, daß sie selbst häufig an Magenkrämpfen ge- 
litten, untl daß sie die Cousine mit guten Gründen für eine 
Masturbantin gehalten habe. Es ist bei den Kranken sehr ge- 
wöhnlich, daß sie einen Zusammenhang bei anderen erkennen, 
dessen Erkenntnis ihnen bei der eigenen Person durch Ge- 
fühlswiderstände unmöglich wird. Sie leugnete auch nicht mehr, 
obwohl sie noch nichts erinnerte. Auch die Zeitbestimmung des 
Bettnässens „bis kurz vor dem Auftreten des nervösen Asthmas" 
halle ich für klinisch verwertbar. Die hysterischen Symptome 
treten fast niemals auf, solange die Kinder masturbieren, son- 
dern erst in der Abstinenz 1 ); sie drücken einen Ersatz für die 
maslurbatorische Befriedigung aus, nach der das Verlangen im 
unbewußten erhalten bleibt, solange nicht andersartige nor- 
malere Befriedigung eintritt, wo diese noch möglich geblieben 
ist. Letztere Bedingung ist die Wende für mögliche Heilung 
der Hysterie durch Ehe und normalen Geschlechtsverkehr. 
Wird die Befriedigung in der Ehe wieder aufgehoben, etwa 
durch Coitus interruptus, psychische Entfremdung u. dgl., so . 
sucht die Libido ihr altes Strombett wieder auf und äußert 
sich wiederum in hysterischen Symptomen. 

Ich möchte gerne noch die sichere Auskunft anfügen, 
wann und durch welchen besonderen Einfluß die Masturbation 
bei Dora unterdrückt wurde, aber die Unvollständigkeit der 
Analyse nötigt mich, hier lückenhaftes Material vorzubringen. 
Wir haben gehört, daß das Bettnässen bis nahe an die erste 
Erkrankung an Dyspnoe heranreichte. Nun war das einzige, 
was sie zur Aufklärung dieses ersten Zustandes anzugeben 
wußte, daß der Papa damals das erstemal nach seiner Bes- 
serung verreist gewesen sei. In diesem erhaltenen Stückchen 
Erinnerung mußte eine Beziehung zur Ätiologie der Dyspnoe 
angedeutet sein. Ich bekam nun durch Symptomhandlungen 

l ) Bei Erwachsenen gilt prinzipiell dasselbe, doch reicht hier auch relative 
Abstinenz, Einschränkung der Masturbation aus, so daß bei heftiger Libido 
Hysterie und Masturbation mitsammen vorkommen können. 






*. 



r 



71 

und andere Anzeichen guten Grund zur Annahme, daß das 
Kind, dessen Schlafzimmer sich neben dem der Eltern befand, 
einen nächtlichen Besuch des Vaters bei seiner Ehefrau belauscht 
und das Keuchen des ohnedies kurzatmigen Mannes beim Koitus 
gehört habe. Die Kinder ahnen in solchen Fällen das Sexuelle 
in dem unheimlichen Geräusche. Die Ausdrucksbewegungen für 
die sexuelle Erregung liegen ja als mitgeborene Mechanismen 
in ihnen bereit. Daß die Dyspnoe und das Herzklopfen der 
Hysterie und Angstneurose nur losgelöste Stücke aus der 
Koitusaktion sind, habe ich vor Jahren bereits ausgeführt, und 
in vielen Fällen, wie dem Doras, konnte ich das Symptom der 
Dyspnoe, des nervösen Asthmas, auf die gleiche Veranlassung, 
auf das Belauschen des sexuellen Verkehres Erwachsener, zurück- 
führen. Unter dem Einflüsse der damals gesetzten Miterregung 
konnte sehr wohl der Umschwung in der Sexualität der Kleinen 
eintreten, welcher die Masturbationsneigung durch die Neigung 
zur Angst ersetzte. Eine Weile später, als der Vater abwesend 
war und das verliebte Kind seiner sehnsüchtig gedachte, wieder- 
holte sie dann den Eindruck als Asthmaanfall. Aus dem in 
der Erinnerung bewahrten Anlasse zu dieser Erkrankung läßt 
sich noch der angstvolle Gedankengang erraten, der den Anfall 
begleitete. Sie bekam ihn zuerst, nachdem sie sich auf einer 
Bergpartie überangestrengt, wahrscheinlich etwas reale Atemnot 
verspürt hatte. Zu dieser trat die Idee, daß dem Vater Berg- 
steigen verboten sei, daß er sich nicht überanstrengen dürfe, 
weil er kurzen Atem habe, dann die Erinnerung, wie sehr er 
sich in der Nacht bei der Mama angestrengt, ob ihm das nicht 
geschadet, habe, dann die Sorge, ob sie sich nicht überangestrengt 
habe bei der gleichfalls zum sexuellen Orgasmus mit etwas 
Dyspnoe führenden Masturbation, und dann die verstärkte 
Wiederkehr dieser Dyspnoe als Symptom. Einen Teil dieses 
Materials konnte ich noch der Analyse entnehmen, den andern 
mußte ich ergänzen. Aus der Konstatierung der Masturbation 
haben wir ja gesehen, daß das Material für ein Thema erst, 
stückweise zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Zu- 
sammenhängen zusammengebracht wird 1 ). 



l ) In ganz ähnlicher Weise wird der Beweis der infantilen Mastur- 
bation auch in anderen Fällen hergestellt. Das Material dafür ist meist 






. 



72 

Es erheben sich nun eine Reihe der gewichtigsten Fragen 
zur Ätiologie der Hysterie, ob man den Fall Doras als typisch 
für die Ätiologie ansehen darf, ob er den einzigen Typus der 
Verursachung darstellt usw. Allein ich tue gewiß recht daran, 
die Beantwortung dieser Fragen erst auf die Mitteilung einer 
größeren Reihe von ähnlich analysierten Fällen warten zu lassen. 
Ich müßte überdies damit beginnen, die Fragestellung zurecht- 
zurücken. Anstatt mich mit Ja oder Nein darüber zu äußern, 
ob die Ätiologie dieses Krankheitsfalles in der kindlichen 
Masturbation zu suchen ist, würde ich zunächst den Begriff der 
Ätiologie bei den Psychoneurosen zu erörtern haben. Der 
Standpunkt, von dem aus ich antworten könnte, würde sich als 
wesentlich verschoben gegen den Standpunkt erweisen, von dem 
aus die Frage an mich gestellt wird. Genug, wenn wir für 
diesen Fall zur Überzeugung gelangen, daß hier Kindermastur- 
bation nachweisbar ist, daß sie nichts Zufälliges und nichts für 
die .Gestaltung des Krankheitsbildes Gleichgültiges sein kann 1 ). 



ähnlicher Natur: Hinweise auf Fluor albus. Bettnässen, Hand zeremoniell 
(Waschzwang) u. dgl. Ob die Gewöhnung von einer Warteperson entdeckt 
worden ist oder nicht, ob ein Abgewöhnungskampf oder ein plötzlicher Um- 
schwung diese Sexualbetätigung zum Ende geführt hat, läßt sich aus der 
Symptomatik des Falles jedesmal mit Sicherheit erraten. Bei Dora war 
die Masturbation unentdeckt geblieben und hatte mit einem Schlage ein 
Endo gefunden (Geheimnis, Angst vor Ärzten — Ersatz durch Dyspnoe). Die 
Kranken bestreiten zwar regelmäßig die Beweiskraft dieser Indizien und dies 
selbst dann, wenn die Erinnerung an den Katarrh oder an die Verwarnung 
der Mutter („das mache dumm; es sei giftig") in bewußter Erinnerung 
geblieben ist. Aber einige Zeit nachher stellt sich auch die so lange ver- 
drängte Erinnerung an dieses Stück des kindlichen Sexuallebens mit Sicher- 
heit, und zwar bei allen Fällen, ein. - Bei einer Patientin mit Zwangs- 
vorstellungen, welche direkte Abkömmlinge der infantilen Masturbation sind, 
erwiesen sich die Züge des sich Verbietens, Bestrafens, wenn sie dies eine 
getan habe, dürfe sie das andere nicht, das Nicht-gestört-werden-dürfen, das 
Pausen-Einschieben zwischen einer Verrichtung (mit den Händen) und einer 
nächsten, das Handewaschen usw. als unverändert erhaltene Stücke der 
Abgewöhnungsarbeit ihrer Pflegeperson. Die Warnung: „Pfui, das ist giftig!" 
war das einzige, was dem Gedächtnisse immer erhalten geblieben war. 
Vgl. hierzu noch meine „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie", 1905. 
(4. Aufl. 1920.) 

x ) Mit der Angewöhnung der Masturbation muß der Bruder in irgend 
welcher Verbindung sein, denn in diesem Zusammenhang erzählte sie mit 









* 




." 



73 

Uns winkt ein weiteres Verständnis der Symptome bei 
Dora* wenn wir die Bedeutung des von ihr eingestandenen 
Fluor albus ins Auge fassen. Das Wort „Katarrh", mit dem 
sie ihre Affektion bezeichnen lernte, als ein ähnliches Leiden der 
Mutter Franzensbad nötig machte, ist wiederum ein „Wechsel", 
welcher der ganzen Reihe von Gedanken über die Krankheits- 
verschuldung des Papas den Zugang zur Äußerung in dem 
Symptom des Hustens öffnete. Dieser Husten, der gewiß ur- 
sprünglich von einem geringfügigen realen Katarrh herstammte, 
war ohnedies Nachahmung des mit Lungenleiden behafteten 
Vaters und konnte ihrem Mitleid und ihrer Sorge für ihn 
Ausdruck geben. Außerdem aber rief er gleichsam in die Welt 
hinaus, was ihr damals vielleicht noch nicht bewußt geworden 
war: „Ich bin die Tochter von Papa. Ich habe einen Katarrh 
wie er. Er hat mich krank gemacht, wie er die Mama krank 
gemacht hat. Von ihm habe ich die bösen Leidenschaften, die 
sich durch Krankheit strafen 1 )." 



dem Nachdrucke, der eine „Deckerinnerung" verrät, daß der Bruder ihr 
regelmäßig alle Ansteckungen zugetragen, die er selbst leicht, sie aber schwer 
durchgemacht. Der Bruder wird auch im Traume vor dem „Zugrundegehen" 
behütet; er hat selbst an Bettnässen gelitten, aber noch vor der Schwester 
damit aufgehört. In gewissem Sinne war es auch eine „Deckerinnerung", 
wenn sie aussprach, bis zu der ersten Krankheit habe sie mit dem Bruder 
Schritt halten können, von da an sei sie im Lernen'gegen ihn zurückgeblieben. 
Als wäre sie bis dahin ein Bub gewesen, dann erst mädchenhaft geworden. 
Sie war wirklich ein wildes Ding, vom „Asthma" an wurde sie still und sittig. 
Diese Erkrankung bildete bei ihr die Grenze zwischen zwei Phasen des 
Geschlechtslebens, von denen die erste männlichen, die spätere weiblichen 
Charakter hatte. 

l ) Die nämliche Rolle spielte das Wort bei dem 12 jährigen Mädchen, 
dessen Krankengeschichte ich auf Seite 18 in einige Zeilen zusammengedrängt 
habe. Ich hatte das Kind mit einer intelligenten Dame, die mir die Dienste 
einer Wärterin leistete, in einer Pension installiert. Die Dame berichtete mir, 
daß die kleine Patientin ihre Gegenwart beim Zubettegehen nicht dulde, und 
daß sie im Bette auffällig huste, wovon tagsüber nichts zu hören war. Der 
Kleinen fiel, als sie über diese Symptome befragt wurde, nur ein, daß ihre 
Großmutter so huste, von der man sage, sie habe einen Katarrh. Es war 
dann klar, daß auch sie einen Katarrh habe, und daß sie bei der abends 
vorgenommenen Reinigung nicht bemerkt werden wolle. Der Katarrh, der 
mittels dieses Wortes von unten nach oben geschoben worden war, zeigte 
sogar eine nicht gewöhnliche Intensität. 



/ 



74 

Wir können nun den Versuch machen, die verschiedenen 
Delerminierungen, die wir für die Anfälle von Husten und 
Heiserkeil gefunden haben, zusammenzustellen. Zu unlerst in 
der Schichtung • ist ein realer, organisch bedingter Hustenreiz 
anzunehmen, das Sandkorn also, um welches das Muscheltier 
die Perle bildet. Dieser Reiz ist fixierbar, weil er eine 
Körperregion betrifft, welche die Bedeutung einer erogenen 
Zone bei dem Mädchen in hohem Grade bewahrt hat. Er ist 
also geeignet dazu, der erregten Libido Ausdruck zu geben. 
Er wird fixiert durch die wahrscheinlich erste psychische 
Umkleidung, die Mitleidsimitation für den kranken Vater und 
dann durch die Selbstvorwürfe wegen des „Katarrhs". Dieselbe 
Symptomgruppe zeigt sich ferner fähig, die Beziehungen zu 
Herrn K. darzustellen, seine Abwesenheit zu bedauern und den 
Wunsch auszudrücken, ihm eine bessere Frau zu sein. Nachdem 
ein Teil der Libido sich wieder dem Vater zugewendet, gewinnt 
das Symptom seine vielleicht letzte Bedeutung zur Darstellung 
des sexuellen Verkehres mit dem Vater in der Identifizierung 
mit Frau K. Ich möchte dafür bürgen, daß diese Reihe keines- 
wegs vollständig ist. Leider ist die unvollständige Analyse nicht 
imstande, dem Wechsel der Bedeutung zeitlich zu folgen, die 
Reihenfolge und die Koexistenz verschiedener Bedeutungen klar- 
zulegen. An eine vollständige darf man diese Forderungen 
stellen. 

Ich darf nun nicht versäumen, auf weitere Beziehungen 
des Genitalkatarrhs zu den hysterischen Symptomen Doras 
einzugehen. Zu Zeiten, als eine psychische Aufklärung der 
Hysterie noch in weiter Ferne lag, hörte ich ältere, erfahrene 
Kollegen behaupten, daß bei den hysterischen Patientinnen mit 
Fluor eine Verschlimmerung des Katarrhs regelmäßig eine 
Verschärfung der hysterischen Leiden, besonders der Eßunlust 
und des Erbrechens nach sich ziehe. Über den Zusammenhang 
war niemand recht klar, aber ich glaube, man neigte zur An- 
schauung der Gynäkologen hin, die bekanntlich einen direkten 
und organisch störenden Einfluß von Genitalaffektionen auf die 
nervösen Funktionen im breitesten Ausmaße annehmen, wobei 
uns die therapeutische Probe- auf die Rechnung zu allermeist 
im Stich läßt. Bei dem heutigen Stande unserer Einsicht 



75 

kann man einen solchen direkten und organischen Einfluß auch 
nicht für ausgeschlossen erklären, aber leichter nachweisbar ist 
jedenfalls dessen psychische Umkleidung. Der Stolz auf die 
Gestaltung der Genitalien ist bei unseren Frauen ein ganz 
besonderes Stück ihrer Eitelkeit; Affektionen derselben, welche 
für geeignet gehalten werden, Abneigung oder selbst Ekel ein- 
zuflößen, wirken in ganz unglaublicher Weise kränkend, das 
Selbstgefühl herabsetzend, maohen reizbar, empfindlich und 
mißtrauisch. Die abnorme Sekretion der Scheidenschleimhaut 
wird als ekelerregend angesehen.- 

Erinnern wir uns, daß bei Dora nach dem Kusse des 
Herrn K. eine lebhafte Ekelempfindung eintrat, und daß wir 
• Grund fanden, uns ihre Erzählung dieser Kußszene dahin zu 
vervollständigen, daß sie den Druck des erigierten Gliedes 
gegen ihren Leib in der Umarmung verspürte. Wir erfahren 
nun ferner, daß dieselbe Gouvernante, welche sie wegen ihrer 
Untreue von sich gestoßen hatte, ihr aus eigener Lebenserfahrung 
vorgetragen hatte, alle Männer seien leichtsinnig und unver- 
läßlich. Für Dora mußte das heißen, alle Männer seien wie 
der Papa. Ihren Vater hielt sie aber für geschlechtskrank, 
h-atte er doch diese Krankheit auf sie und auf die Mutter 
übertragen. Sie konnte sich also vorstellen, alle Männer seien 
geschlechtskrank, und ihr Begriff von Geschlechtskrankheit war 
natürlich nach ihrer einzigen und dazu persönlichen Erfahrung 
gebildet. Geschlechtskrank hieß ihr also mit einem ekelhaften 
Ausflusse behaftet — ob dies nicht eine weitere Motivierung des 
Ekels war, den sie im Moment der Umarmung empfand? 
Dieser auf die Berührung des Mannes übertragene Ekel wäre 
dann ein nach dem erwähnten primitiven Mechanismus (siehe 
Seite 29) projizierter, der sich in letzter Linie auf ihren 
eigenen Fluor bezog. 

Ich vermute, daß es sich hierbei um unbewußte Gedanken- 
gänge handelt, welche über vorgebildete organische Zusammen- 
hänge gezogen sind, etwa wie Blumenfestons über Drahtge- 
winde, so daß man ein andermal andere, Gedanken wege zwischen 
den nämlichen Ausgangs- und Endpunkten eingeschaltet finden 
kann. Doch ist die Kenntnis der im einzelnen wirksam ge- 
wesenen Gedankenverbindungen für die Lösung der Symptome 









76 

von unersetzlichem Werte. Daß wir im Falle Doras zu Ver- 
mutungen und Ergänzungen greifen müssen, ist nur durch den 
vorzeitigen Abbruch der Analyse begründet. Was ich zur Aus- 
füllung der Lücken vorbringe, lehnt sich durchweg an andere, 
gründlicher analysierte Fälle an. 

* 

Der Traum, durch dessen Analyse wir die vorstehenden 
Aufschlüsse gewonnen haben, entspricht, wie wir fanden, einem 
Vorsatze, den Dora in den Schlaf mitnimmt. Er wird darum 
jede Nacht wiederholt, bis der Vorsatz erfüllt ist, und er tritt 
Jahre später wieder auf, sowie sich ein Anlaß ergibt, einen 
analogen Vorsatz zu fassen. Der Vorsatz läßt sich bewußt 
etwa folgendermaßen aussprechen: Fort aus diesem Hause, in 
dem, wie ich gesehen habe, meiner Jungfräulichkeit Gefahr 
droht; ich reise mit dem Papa ab und morgens bei der Toilette 
will ich meine Vorsichten treffen, nicht überrascht zu werden. 
Diese Gedanken finden ihren deutlichen Ausdruck im Traume; 
sie gehören einer Strömung an, die im Wachleben zum Bewußt- 
sein und zur Herrschaft gelangt ist. Hinter ihnen läßt sich ein 
dunkler vertretener Gedankenzug erraten, welcher der gegen- 
teiligen Strömung entspricht und darum der Unterdrückung 
verfallen ist. Er gipfelt in der Versuchung, sich dem Manne 
zum Danke für die ihr in den letzten Jahren bewiesene Liebe 
und Zärtlichkeit hinzugeben, und ruft vielleicht die Erinnerung 
an den einzigen Kuß auf, den sie bisher von ihm empfangen 
hat. Aber nach der in meiner Traumdeutung entwickelten 
Theorie reichen solche Elemente nicht hin, um einen Traum zu 
bilden. Ein Traum sei kein Vorsatz, der als ausgeführt, sondern 
ein Wunsch, der als erfüllt dargestellt wird, und zwar womöglich 
ein Wunsch aus dem Kinderleben. Wir haben die Verpflichtung zu 
prüfen, ob dieser Satz nicht durch unseren Traum widerlegt wird. 
Der Traum enthält in der Tat infantiles Material, welches 
in keiner auf den ersten Blick ergründbaren Beziehung zum 
Vorsatze steht, das Haus des Herrn K. und die von ihm aus- 
gehende Versuchung zu fliehen. Wozu taucht wohl die Er- 
innerung an das Bettnässen als Kind und an die Mühe auf, die 
sich der Vater damals gab, das Kind rein zu gewöhnen? Man 
kann darauf die Antwort geben, weil es nur mit Hilfe dieses 






77 



Gedankenzuges möglich ist, die intensiven Versuchungsgedanken 
zu unterdrücken und den gegen sie gefaßten Vorsatz zur Herr- 
schaft zu bringen. Das Kind beschließt, mit seinem Vater zu 
flüchten; in Wirklichkeit flüchtet es sich in der Angst, vor dem 
ihm nachstellenden Manne zu seinem Vater; es ruft eine in- 
fantile Neigung zum Vater wach, die es gegen die rezente zu 
dem Fremden schützen soll. An der gegenwärtigen Gefahr ist 
der Vater selbst mitschuldig, der sie wegen eigener Liebes- 
interessen dem fremden Manne ausgeliefert hat. Wie viel schöner 
war es doch, als derselbe Vater niemanden anderen lieber hatte 
als sie und sich anstrengte, sie vor den Gefahren, die sie dar 
mals bedrohten, zu retten. Der infantile und. heute unbewußte 
Wunsch, den Vater an die Stelle des fremden Mannes zu 
setzen, ist eine traumbildende Potenz. Wenn es eine Situation 
gegeben hat, die ähnlich einer der gegenwärtigen sich doch 
durch diese Personenvertretung von ihr unterschied, so wird 
diese zur .Hauptsituation des Trauminhaltes. Es gibt eine solche; 
gerade so wie am Vortage Herr K. stand einst der Vater vor 
ihrem Bette und weckte sie etwa mit einem Kusse, wie vielleicht 
Herr K. beabsichtigt hatte. Der Vorsatz, das Haus zu fliehen, 
ist also nicht an und für sich traumfähig, er wird es dadurch, daß 
sich ihm ein anderer, auf infantile Wünsche gestützter Vorsatz 
beigesellt. Der Wunsch, Herrn K. durch den Vater zu ersetzen, gibt 
die Triebkraft zum Traume ab. Ich erinnere an die Deutung, zu der 
mich der verstärkte, auf das Verhältnis des Vaters zu Frau K. 
bezügliche Gedankenzug nötigte, es sei hier eine infantile Neigung 
zum Vater wachgerufen worden, um die verdrängte Liebe zu 
Herrn K. in der Verdrängung erhalten zu können; diesen Um- 
schwung im Seelenleben der Patientin spiegelt der Traum wieder. 

Über das Verhältnis zwischen den in den Schlaf sich fort- 
setzenden Wachgedanken — den Tagesresten — und dem un- 
bewußten traumbildenden Wunsche habe ich in der „Traum- 
deutung" (p. 329, 6. Aufl. p. 416) einige Bemerkungen nieder- 
gelegt, die ich hier unverändert zitieren werde, denn ich habe 
ihnen nichts hinzuzufügen, und die Analyse dieses Traumes 
von Dora beweist von neuem, daß es sich nicht anders verhält, 

„Ich will zugeben, daß es eine ganze Klasse von Träumen 
gibt, zu denen die Anregung vorwiegend oder selbst aus- 



78 

schließlich aus den Resten des Tageslehens stammt, und ich 
meine, selbst mein Wunsch, endlich einmal Professor extra- 
Ordinarius zu werden 1 ), hätte mich diese Nacht ruhig schlafen 
lassen können, wäre nicht die Sorge um die Gesundheit meines 
Freundes vom Tage her noch rührig gewesen. Aber diese Sorge 
hätte noch keinen Traum gemacht; die Triebkraft, die der 
Traum bedurfte, mußte von einem Wunsche beigesteuert werden ; 
es 'war Sache der Besorgnis, sich einen solchen Wunsch als 
Triebkraft des Traumes zu verschaffen. Um es in einem 
Gleichnisse zu sagen: Es ist sehr wohl möglich, daß ein Tages- 
gedanke die Rolle des Unternehmers für den Traum spielt; 
aber der Unternehmer, der, wie man sagt, die Idee hat und 
den Drang, sie in Tat umzusetzen, kann doch ohne Kapital 
nichts machen; er braucht einen Kapitalisten, der den Aufwand 
bestreitet, und dieser Kapitalist, der den psychischen Aufwand 
für den Traum beistellt, ist allemal und unweigerlich, was 
immer auch der Tagesgedanke sein mag, ein Wunsch aus 
dem Unbewußten." 

Wer die Feinheit in der Struktur solcher Gebilde wie der 
Träume kennen gelernt hat, wird nicht überrascht sein, zu 
finden, daß der Wunsch, der Vater möge die Stelle des ver- 
suchenden Mannes einnehmen, nicht etwa beliebiges Kindheits- 
material zur Erinnerung bringt, sondern gerade solches, das 
auch die intimsten Beziehungen zur Unterdrückung dieser Ver- 
suchung unterhält. Denn wenn Dora sich unfähig fühlt, der 
Liebe zu diesem Manne nachzugeben, wenn es zur Verdrängung 
dieser Liebe anstatt zur Hingebung kommt, so hängt diese 
Entscheidung mit keinem anderen Moment inniger zusammen 
als mit ihrem vorzeitigen Sexualgenusse und'mit dessen Folgen, 
deni Bettnässen, dem Katarrh und dem Ekel. Eine, solche 
Vorgeschichte kann je nach der Summation der konstitutionellen 
Bedingungen zweierlei Verhalten gegen die Liebesanforderung 
in reifer Zeit begründen, entweder die volle widerstandslose, 
ins Perverse greifende Hingebung an die Sexualität oder in der 
Reaktion die Ablehnung derselben unter neurotischer Er- 



J ) Dies bezieht sich auf die Analyse des dort zum Muster genommenen 
Traumes. 







79 

krankung. Konstitution und die Höhe der intellektuellen und 
moralischen Erziehung hatten bei unserer Patientin für das 
letztere den Ausschlag gegeben. 

Ich will noch besonders darauf aufmerksam machen, daß 
wir von der Analyse dieses Traumes aus den Zugang zu Einzel- 
heiten der pathogen wirksamen Erlebnisse gefunden haben, 
die der Erinnerung oder wenigstens der Reproduktion sonst 
nicht zugänglich gewesen waren. Die Erinnerung- an das Bett- 
nässen der Kindheit war, wie sich ergab, bereits verdrängt. 
Die Einzelheiten der Nachstellung von seiten des Herrn K. 
hatte Dora niemals erwähnt, sie waren ihr nicht eingefallen 1 ). 



>) Noch einige Bemerkungen zur Synthese dieses Traumes. Die Traum- 
arbeit nimmt ihren Anfang am Nachmittage des zweiten Tages nach der 
Szene im Walde, nachdem sie bemerkt, daß sie ihr Zimmer nicht mehr ver- 
schließen kann. Da sagt sie sich: Hier droht mir ernste Gefahr, und bildet 
den Vorsatz, nicht allein im Hause zu bleiben, sondern mit dem Papa 
abzureisen. Dieser Vorsatz wird traumbildungsfähig, weil er sich ins Unbe- 
wußte fortzusetzen vermag. Dort entspricht ihm, daß sie die infantile Liebe 
zum Vater als Schutz gegen die aktuelle Versuchung aufruft. Die Wendung, 
die sich dabei in ihr vollzieht, fixiert sich und führt sie auf den Stand- 
punkt, den ihr überwertiger Gedankengang vertritt (Eifersucht gegen 
Frau K. wegen des Vaters, als ob sie in ihn verliebt wäre). Es kämpfen in 
ihr die Versuchung, dem werbenden Manne nachzugeben, und das zusammen- 
gesetzte Sträuben dagegen. Letzteres ist zusammengesetzt aus Motiven der 
Wohlanständigkeit und Besonnenheit, aus feindseligen Regungen infolge 
der Eröffnung der Gouvernante (Eifersucht, gekränkter Stolz, siehe unten) 
und aus einem neurotischen Elemente, dem in ihr vorbereiteten Stücke 
Sexualabneigung, welches auf ihrer Kindergeschichte fußt. Die zum Schutze 
gegen die Versuchung wachgerufene Liebe zum Vater stammt aus dieser 
Kindergeschichte. 

Der Traum verwandelt den im Unbewußten vertieften Vorsatz, sich 
zum Vater zu flüchten, in eine Situation, die den Wunsch, der Vater möge sie 
aus der Gefahr retten, erfüllt zeigt. Dabei ist ein im Wege stehender Gedanke 
beiseite zu schieben, der Vater ist es ja, der sie in diese Gefahr gebracht hat. 
Die hier unterdrückte feindselige Regung (Racheneigung) gegen den Papa 
werden wir als einen der Motoren des zweiten Traumes kennen lernen. 

Nach den Bedingungen der Traumbildung wird die phantasierte Situation 
so gewählt, daß sie eine infantile Situation wiederholt. Ein besonderer 
Triumph ist es, wenn es gelingt, eine rezente, etwa gerade die Situation des 
Traumanlasses, in eine infantile zu verwandeln. Das gelingt hier durch reine 
Zufälligkeit des Materials. So wie Herr K. vor ihrem Lager gestanden und 
sie geweckt, so tat es oft in Kinderjahren der Vater. Ihre ganze Wendung 



80 

i 

III. 
Der zweite Traum. 

Wenige Wochen nach dem ersten fiel der zweite Traum 
vor, mit dessen Erledigung die Analyse abbrach. Er ist nicht 

läßt sich treffend symbolisieren, indem sie in dieser Situation Herrn K. durch 
den Vater ersetzt. 

Der Vater weckte sie aber seinerzeit, damit sie das Bett nicht naß mache. 

Dieses „Naß" wird bestimmend für den weiteren Trauminhalt, in welchen 
es aber nur durch eine entfernte Anspielung und durch seinen Gegensatz ver- 
treten ist. 

Der Gegensatz von „Naß", „Wasser" kann leicht „Feuer", „Brennen", 
sein. Die Zufälligkeit, daß der Vater bei der Ankunft an dem Orte Angst 
vor Feuersgefahr geäußert hat, hilft mit, um zu entscheiden, daß die Gefahr, 
aus welcher der Vater sie rettet, eine Brandgefahr sei. Auf diesen Zufall und 
auf den Gegensatz zu „Naß" stützt sich die gewählte Situation des Traumbildes: 
Es brennt, der Vater steht vor ihrem Bette, um sie zu wecken. Die zufällige 
Äußerung des Vaters gelangte wohl nicht zu dieser Bedeutung im Traum- 
inhalto, wenn sie nicht so vortrefflich zu der siegreichen Gefühlsströmung 
stimmen würde, die in dem Vater durchaus den Helfer und Eetter finden will 
Er hat die Gefahr gleich bei der Ankunft geahnt, er hat recht gehabt! (In 
Wirklichkeit hat er das Mädchen in diese Gefahr gebracht.) 

In den Traumgedanken fällt dem „Naß" infolge leicht herstellbarer 
Beziehungen die Rolle eines Knotenpunktes für mehrere Vorstellungskreise zu. 
„Naß" gehört nicht allein dem Bettnässen an, sondern auch dem Kreise der 
sexuellen Versuchsgedanken, die unterdrückt hinter diesem Trauminhalte stehen. 
Sie weiß, daß es auch ein Naßwerden beim sexuellen Verkehre gibt, ' daß der 
Mann dem Weib etwas Flüssiges in Tropfenform bei der Begattung schenkt. 
Sie weiß, daß gerade darin die Gefahr besteht, daß ihr die Aufgabe gestellt 
wird, das Genitale vor dem Benetztwerden zu hüten. 

Mit „Naß" und „Tropfen" erschließt sich gleichzeitig der andere 
Assoziationskreis, der des ekelhaften Katarrhs, der in ihren reiferen Jahren 
wohl die nämliche beschämende Bedeutung hat wie in der Kinderzeit das 
Bettnässen. „Naß" wird hier gleichbedeutend mit „Verunreinigt". Das Genitale, 
das rein gehalten werden soll, ist ja schon durch den Katarrh verunreinigt, 
übrigens bei der Mama gerade so wie bei ihr (Seite 66). Sie scheint zu 
verstehen, daß die Reinlichkeitssucht der Mama die Reaktion gegen diese 
Verunreinigung ist. 

Beide Kreise treffen in dem einen zusammen: Die Mama hat beides 
vom Papa bekommen, das .sexuelle Naß und den verunreinigenden Fluor. 
Die Eifersucht gegen die Mama ist untrennbar von dem Gedankenkreise der 
hier zum Schutze aufgerufenen infantilen Liebe zum Vater. Aber darstellungs- 
fähig ist dieses Material noch nicht. Läßt sich aber eine Erinnerung finden, 
die mit beiden Kreisen des „Naß" in ähnlich guter Beziehung steht, aber 



81 

so voll durchsichtig zu machen wie der erste, brachte aber eine 
erwünschte Bestätigung einer notwendig gewordenen Annahme 
über den Seelenzustand der Patientin, füllte eine Gedächtnis- 






das Anstößige vermeidet, so wird diese die Vertretung Im Trauminhalte über- 
nehmen können. 

Eine solche findet sich in der Begebenheit von den „Tropfen", die sich 
die Mama als Schmuck gewünscht. Anscheinend ist die Verknüpfung dieser 
Reminiszenz mit den beiden Kreisen des sexuellen Naß und der Verunreinigung 
eine äußerliche, oberflächliche, durch die Worte vermittelt, denn „Tropfen" ist 
als „Wechsel", als zweideutiges Wort verwendet, und „Schmuck" ist so viel als 
„rein", ein etwas gezwungener Gegensatz zu „verunreinigt". In Wirklichkeit 
sind die festesten inhaltlichen Verknüpfungen nachweisbar. Die Erinnerung 
stammt aus dem Material der infantil wurzelnden, aber weit fortgesetzten 
Eifersucht gegen die Mama. Über die beiden Wortbrücken kann alle 
Bedeutung, die an den Vorstellungen vom sexuellen Verkehre zwischen den 
Eltern, von der Fluorerkrankung und von der quälenden Reinmacherei der 
Mama haftet, auf die eine Reminiszenz von den „Schmucktropfen" übergeführt 
werden. 

Doch muß noch eine weitere Verschiebung für den Trauminhalt Platz 
greifen. Nicht das dem ursprünglichen „Naß" nähere „Tropfen", sondern das 
entferntere „Schmuck" gelangt zur Aufnahme in den Traum. Es hätte also 
heißen können, wenn dieses Element in die vorher fixierte Traumsituation 
eingefügt wird: Die Mama will noch ihren Schmuck retten. In der neuen 
Abänderung „Schmuckkästchen" macht sich nun nachträglich der Einfluß von 
Elementen aus dem unterliegenden Kreise der Versuchung durch Herrn K. 
geltend. Schmuck hat ihr Herr K. nicht geschenkt, wohl aber ein „Kästchen" 
dafür, "die Vertretung all der Auszeichnungen und Zärtlichkeiten, für die sie 
jetzt dankbar sein sollte. Und das jetzt entstandene Kompositum „Schmuck- 
kästchen" hat noch einen besonderen vertretenden Wert. Ist „Schmuck- 
kästchen" nicht ein gebräuchliches Bild für das unbefleckte, unversehrte, 
weibliche Genitale? Und anderseits ein harmloses Wort, also vortrefflich 
geeignet, die sexuellen Gedanken hinter dem Traum ebensosehr anzudeuten wie 
zu verstecken? 

So heißt es also im Trauminhalte an zwei Stellen: „Schmuckkästchen 
der Mama", und dies Element ersetzt die Erwähnung der infantilen Eifersucht, 
der Tropfen, also des sexuellen Nassen, der Verunreinigung durch den Fluor 
und anderseits der jetzt aktuellen Versuchungsgedanken, die auf Gegenliebe 
dringen und die bevorstehende — ersehnte und drohende — sexuelle Situation 
ausmalen. Das Element „Schmuckkästchen" ist wie kein anderes ein Ver- 
dichtungs- und Verschiebungsergobnis und ein Kompromiß gegensätzlicher 
Strömungen. Auf seine mehrfache Herkunft — aus infantiler wie aus aktueller 
Quelle — deutet wohl sein zweimaliges Auftreten im Trauminhalte. 

Der Traum ist die Reaktion auf ein friches, erregend wirkendes Er- 
lebnis, welches notwendigerweise die Erinnerung an das einzige analog- 
Freud, Neurosenlehre. II. 3. Aufl. n 



____ 



82 

i 

lücke aus und ließ einen tiefen Einblick in die Entstehung eines 
anderen ihrer Symptome gewinnen. 

Dora erzählte: Ich gehe in einer Stadt, die ich 
nicht kenne, spazieren, sehe Straßen und Plätze, die 



i 



Erlebnis früherer Jahre wecken muß. Dies ist die Szene mit dem Kusse im 
Laden, bei dem der Ekel auftratt. Dieselbe Szene ist aber assoziativ von 
anderswoher zugänglich, von dem Gedankenkreise des Katarrhs (vgl. S. 74) 
und von dem der aktuellen Versuchung aus. Sie liefert also einen eigenen 
Beitrag zum Trauminhalte, der sich der vorgebildeten Situation anpassen 
muß. Es brennt . . . der Kuß hat wohl nach Rauch geschmeckt, sie riecht 
also Rauch im Trauminhalte, der sich hier über das Erwachen fortsetzt. 

In der Analyse dieses Traumes habe ich leider aus Unachtsamkeit 
eine Lücke gelassen. Dem Vater ist die Rede in den Mund gelegt: Ich will 
nicht, daß meine beiden Kinder usw. (hier ist wohl aus- den Traumgedanken 
•einzufügen: an den Folgen der Masturbation) zugrunde gehen. Solche 
'Traumrede ist regelmäßig aus Stücken realer, gehaltener oder gehörter 
Rede zusammengesetzt. Ich hätte mich nach der realen Herkunft dieser Rede 
erkundigen sollen. Das Ergebnis dieser Nachfrage hätte den Aufbau des 
Traumes zwar verwickelter ergeben, aber dabei gewiß auch durchsichtiger er- 
kennen lassen. 

Soll man annehmen, daß dieser Traum damals in L. genau den näm- 
lichen Inhalt gehabt hat wie bei seiner Wiederholung während der Kur? 
Es scheint nicht notwendig. Die Erfahrung zeigt, daß die Menschen häufig 
behaupten, sie hätten denselben Traum gehabt, während sich die einzelnen 
Erscheinungen des wiederkehrenden Traumes durch zahlreiche Details und 
sonst weitgehende Abänderungen unterscheiden. So berichtet eine meiner 
Patientinnen, • sie habe heute wieder ihren stets in gleicher Weise wieder- 
kehrenden Licblingstraum gehabt, daß sie im blauen Meere schwimme, mit 
Genuß die Wogen teile usw. Nähere Nachforschung ergibt, daß auf dem 
gemeinsamen Untergründe das eine Mal dies, das andere Mal jenes Detail 
aufgetragen ist; ja, einmal schwamm sie im Meere, während es gefroren war, 
mitten zwischen Eisbergen. Andere Träume, die sie selbst nicht mehr 
für die nämlichen auszugeben versucht, zeigen sich mit diesen wieder- 
kehrenden innig verknüpft. Sie sieht z. B. nach einer Photographie gleich- 
zeitig das Ober- und das Unterland von Helgoland in realen Dimensionen, 
auf dem Meere ein Schiff, in dem sich zwei Jugendbekannte von ihr be- 
finden usw. 

Sicher ist, daß der j während der Kur vorfallende Traum Doras — 
vielleicht ohne seinen manifesten Inhalt zu ändern — eine neue aktuelle 
Bedeutung gewonnen hatte. Er schloß unter seinen Traumgedanken eine 
Beziehung zu meiner Behandlung ein und entsprach einer Erneuerung des 
damaligen Vorsatzes, sich einer Gefahr zu entziehen. Wenn keine Erinnerungs- 
täuschung von ihrer Seite im Spiele war, als sie behauptete, den Rauch 
nach dem Erwachen schon in L. verspürt zu haben, so ist anzuerkennen, 

\ 



83 

mir fremd sind 1 )- Ich komme dann in ein Haus, wo 
ich wohne, gehe auf mein Zimmer und finde dort 
einen Brief der Mama liegen. Sie schreibt: Da ich 
ohne Wissen der Eltern vom Hause fort, hin, wollte 
sie mir nicht schreiben, daß der Papa erkrankt ist. 
Jetzt ist er gestorben, und wenn Du willst 2 ), .kannst 
Du kommen. Ich gehe nun zum Bahnhofe und frage 
etwa lOOmal: Wo ist der Bahnhof? Ich bekomme 
immer die Antwort: Fünf Minuten. Ich sehe dann einen 
dichten Wald vor mir, in den ich hineingehe, und 
frage dort einen Mann, dem ich begegne. Er sagt 
mir: Noch 2 1 / 2 Stunden 3 ). Er bietet mir an, mich zu 
begleiten. Ich lehne ab und gehe allein. Ich sehe den 
Bahnhof vor mir und kann ihn nicht erreichen. Dabei 
ist das gewöhnliche Angstgefühl, wenn man im Traume 
nicht weiter kommt. Dann bin ich zu Hause, da- 
zwischen muß ich gefahren sein, davon weiß ich aber 
nichts. — Trete in die Portierloge und frage ihn nach 
unserer Wohnung. Das Dienstmädchen öffnet mir 
und antwortet: Die Mama und die anderen sind schon 
auf dem Friedhofe 1 ). 



daß sie meinen Ausspruch: „Wo Rauch ist, da ist Feuer" sehr geschickt 
unter die fertige Traumform gebracht, wo er zur Überdeterminierung des 
letzten Elementes verwendet erscheint. Ein unleugbarer Zufall war - es, daß 
ihr der letzte aktuelle Anlaß, das Verschließen des Speisezimmers von seiten 
der Mutter, wodurch der Bruder in seinem Schlafraume eingeschlossen blieb, 
eine Anknüpfung an die Nachstellung des Herrn K. in L. bracht^, wo ihr 
Entschluß zur Reife kam, als sie ihr Schlafzimmer nicht verschließen konnte. 
Vielleicht kam der Bruder in den damaligen Träumen nicht vor, so daß die 
Rede „meine beiden Kinder" erst nach dem letzten Anlasse in den Trauminhalt 
gelangte. 

') Hierzu der wichtige Nachtrag: Auf einem der Plätze sehe ich 
ein Monument. 

*) Dazu der Nachtrag: Bei diesem Worte stand ein Frage- 
zeichen: willst? 

*) Ein zweites Mal wiederholt sie: 3 Stunden. 

4 ) Dazu in der nächsten Stunde zwei Nachträge: Ich sehe mich 
besonders deutlich die Treppe hinaufgehen, und: Nach ihrer 
Antwort gehe ich, aber gar nicht traurig, auf mein Zimmer und 
lese in einem großen Buche, das auf meinem Schreibtische liegt. 

6* 



84 

Die Deutung dieses Traumes ging nicht ohne Schwierig- 
keiten vor sich. Infolge der eigentümlichen, mit seinem Inhalte 
verknüpften Umstände, unter denen wir abbrachen, ist nicht 
alles geklärt worden, und damit hängt wieder zusammen, daß 
meine Erinnerung die Reihenfolge der Erschließungen nicht 
überall gleich sicher bewahrt hat. Ich schicke noch voraus, 
welches Thema der fortlaufenden Analyse unterlag, als sich der 
Traum .einmengte. Dorawarf seit einiger Zeit selbst Fragen über 
den Zusammenhang ihrer Handlungen mit den zu vermutenden 
Motiven auf. Eine dieser Fragen war: Warum habe ich die ersten 
Tage nach der Szene am See noch darüber geschwiegen? Die 
zweite: Warum habe ich dann plötzlich den Eltern davon erzählt? 
Ich fand es überhaupt noch der Erklärung bedürftig, daß sie sich 
durch die Werbung K.s so schwer gekränkt gefühlt, zumal da mir 
die Einsicht aufzugehen begann, daß die Werbung um Dora auch 
für Herrn K. keinen leichtsinnigen Verführungsversuch bedeutet 
hatte. Daß sie von dem Vorfalle ihre Eltern in Kenntnis gesetzt, 
legte ich als eine Handlung aus, die bereits unter dem Einflüsse 
krankhafter Rachsucht stand. Ein normales Mädchen wird, so 
sollte ich meinen, allein mit solchen Angelegenheiten fertig. 

Ich werde also das Material, welches sich zur Analyse 
dieses Traumes einstellte, in der ziemlich bunten Ordnung, die 
sich in meiner Reproduktion ergibt, vorbringen. 

Sie irrt allein in einer fremden Stadt, sieht 
Straßen und Plätze. Sie versichert, es war gewiß nicht B., 
worauf ich zuerst geraten hatte, sondern eine Stadt, in der sie 
nie gewesen war. Es lag nahe, fortzusetzen: Sie können ja Bilder 
oder Photographien gesehen haben, denen Sie die Traumbilder 
entnehmen. Nach dieser Bemerkung stellte sich der Nachtrag 
von dem Monumente auf einem Platze ein und dann sofort die 
Kenntnis der Quelle.' Sie hatte zu den Weihnachtsfeiertagen ein 
Album mit Stadtansichten aus einem deutschen Kurorte be- 
kommen und dasselbe gerade gestern hervorgesucht, um es den 
Verwandten, die bei ihnen zu Gast waren, zu zeigen. Es lag in 
einer Bilderschachtel, die sich nicht gleich vorfand, und sie 
fragte die Mama: Wo ist die Schachtel? 1 ) Eines der Bilder 

») Im Traume fragt sie: Wo ist der Bahnhof? Aus dieser Annäherung 
zog ich einen Schluß, den ich später entwickeln werde. 



85 

zeigte einen Platz mit einem Monumente. Der Spender aber 
war ein junger Ingenieur, dessen flüchtige Bekanntschaft sie 
einst in der Fabrikstadt gemacht hatte. Der junge Mann hatte 
eine Stellung in Deutschland angenommen, um rascher zur 
Selbständigkeit zu kommen, benützte jede Gelegenheit, um sich 
in Erinnerung zu bringen, und es war leicht zu erraten, daß er 
vorhabe, seinerzeit, wenn sich seine Position gebessert, mit einer 
Werbung um Dora hervorzutreten. Aber das brauchte noch 
Zeit, da hieß es warten. 

Das Umherwandern in einer fremden Stadt war überdeter- 
miniert. Es führte zu einem der Tagesanlässe. Zu den Feier- 
tagen war ein jugendlicher Cousin auf Besuch gekommen, dem 
sie jetzt die Stadt Wien zeigen mußte. Dieser Tagesanlaß war 
freilich ein höchst indifferenter. Der Vetter erinnerte sie aber 
an einen kurzen ersten Aufenthalt in Dresden. Damals wanderte 
sie als Fremde herum, versäumte natürlich nicht die berühmte 
Galerie zu besuchen. Ein anderer Vetter, der mit ihnen war und 
Dresden kannte, wollte den Führer durch die Galerie machen. 
Aber sie wies ihn ab und ging allein, blieb vor den 
Bildern stehen, die ihr gefielen. Vor der Sixtina verweilte sie 
zwei Stunden lang in still träumender Bewunderung. Auf die 
Frage, was ihr an dem Bilde so sehr gefallen, wußte sie nichts 
Klares zu antworten. Endlich sagte sie: Die Madonna. 

Daß diese Einfälle wirklich dem traumbildenden Material 
angehören, ist doch gewiß. Sie schließen Bestandteile ein, die 
wir unverändert im Trauminhalte wiederfinden (sie wies ihn ab 
und ging allem — zwei Stunden). Ich merke bereits, daß „Bilder" 
einem Knotenpunkte in dem Gewebe der Traumgedanken ent- 
sprechen (die Bilder im Album — die Bilder in Dresden). Auch 
das Thema der Madonna, der jungfräulichen Mutter, möchte 
ich für weitere Verfolgung herausgreifen. Vor allem aber sehe 
ich, daß sie sich in diesem ersten Teile des Traumes mit einem 
jungen Manne identifiziert. Er irrt in der Fremde herum, er 
bestrebt sich, ein Ziel zu erreichen, aber er wird hingehalten, 
er braucht Geduld, er muß warten. Wenn sie dabei an den 
Ingenieur dachte, so hätte es gestimmt, daß dieses Ziel der Besitz 
eines Weibes, ihrer eigenen Person, sein sollte. Anstatt dessen 
war es ein — Bahnhof, für den wir allerdings nach dem Ver- 



i j 



86 

hältnisse der Frage im Traume zu der wirklich getanen Frage 
eine Schachtel einsetzen dürfen. Eine Schachtel und ein Weib, 
das geht schon besser zusammen. 

Sie fragt wotil hundertmal ... Das führt zu einer 
anderen, minder indifferenten Veranlassung des Trauines. Gestern 
abends nach der Gesellschaft bat sie der Vater, ihm den Cognac 
zu holen; er schlafe nicht, wenn er nicht vorher Cognac ge- 
trunken. Sie verlangte den Schlüssel zum Speisekasten von der 
Mutter, aber die war in ein Gespräch verwickelt und gab ihr 
keine Antwort, bis sie mit der ungeduldigen Übertreibung heraus- 
fuhr: Jetzt habe ich dich schon hundertmal gefragt, wo der 
Schlüsse] ist. In Wirklichkeit hatte sie die Frage natürlich nur 
etwa fünfmal wiederholt 1 ). 

Wo ist der Schlüssel? scheint mir das männliche Gegen- 
stück zur Frage: Wo ist die Schachtel? (siehe den ersten Traum. 
Seite 58) Es sind also Fragen — nach den Genitalien. 

In derselben Versammlung Verwandter hatte jemand einen 
Trinksprudi auf den Papa gehalten und die Hoffnung ausge- 
sprochen, daß er noch lange in bester Gesundheit usw. Dabei 
hatte es so eigentümlich in den müden Mienen des Vaters ge- 
zuckt, und sie hatte verstanden, welche Gedanken er zu unter- 
drücken hatte. Der arme kranke Mann! Wer konnte wissen, wie 
lange Lebensdauer ihm noch beschieden war. 

Damit sind wir beim Inhalte des Briefes im Traume 
angelangt. Der Vater war gestorben, sie hatte sich eigenmächtig 
vom Haus entfernt. Ich mahnte sie bei dem Briefe im Traume 
sofort an den Abschiedsbrief, den sie den Eltern geschrieben 
oder wenigstens für die Eltern aufgesetzt hatte. Dieser Brief 
war bestimmt, den Vater in Schreck zu versetzen, damit er von 
Frau K. ablasse,, oder wenigstens an ihm Rache zu nehmen,- 
wenn er dazu nichtr zu bewegen sei. .Wir stehen beim Thema 
ihres Todes und beim Tode ihres Vaters (Friedhof später im 
Traume). Gehen wir irre, wenn wir annehmen, daß die Situation, 

!) Im Trauminhalte steht die Zahl fünf bei der Zeitangäbe: 5 Minuten. 
In meinem Buche über die Traumdeutung habe ich an mehreren Beispielen 
gezeigt, wie in den Traumgedanken vorkommende Zahlen vom Traume behandelt 
werden; man findet sie häufig aus ihren Beziehungen gerissen und in neue 
Zusammenhänge eingetragen. 



_ 



87 

welche die Fassade des Traumes bildet, einer Rachephantasie 
gegen den Vater entspricht? Die mitleidigen Gedanken vom 
Tage vorher würden gut dazu stimmen. Die Phantasie aber 
lautete: Sie ginge von Haus weg in die Fremde, und dem Vater 
würde aus Kummer darüber, vor Sehnsucht nach ihr das Herz 
brechen. Dann wäre sie gerächt. Sie verstand ja sehr gut, was 
dem Vater fehlte, der jetzt nicht ohne Cognac schlafen konnte 1 ). 

Wir wollen uns die Rachsucht als ein neues Element 
für eine spätere Synthese der Traumgedanken merken. 

Der Inhalt des Briefes mußte aber weitere Determinierung 
zulassen. Woher stammte der" Zusatz: Wenn Du willst? 

Da fiel ihr der Nachtrag ein, daß hinter dem Worte „willst" 
ein Fragezeichen gestanden hatte, und damit erkannte sie auch 
diese Worte als Zitat aus dem Briefe der Frau K., welcher die 
Einladung nach L. (am See) enthalten hatte. In ganz auffälliger 
Weise stand in diesem Briefe nach der Einschaltung: „wenn 
Du kommen willst?" mitten im Gefüge des Satzes ein Frage-: 
zeichen. 

Da wären wir also wieder bei der Szene am See und bei 
den Rätseln, die sich an sie knüpften. Ich bat sie, mir diese 
Szene einmal ausführlich zu erzählen. Sie brachte zuerst nicht 
viel Neues. Herr K. hatte eine einigermaßen ernsthafte Einleitung 
vorgebracht; sie ließ ihn aber nicht ausreden. Sobald sie nur 
verstanden hatte, um was es sich handle, schlug, sie ihm ins 
Gesicht und eilte davon. Ich wollte wissen, welche Worte er ge- 
braucht; sie erinnerte sich nur an seine Begründung: „Sie wissen, 
ich habe nichts an meiner Frau*)." Sie wollte dann, um nicht 
mehr mit ihm zusammenzutreffen, den Weg nach L. zu Fuß um 
den See machen und fragte einen Mann, der ihr be- 
gegnete, wie weit sie dahin habe. Auf seine Antwort: 
„2V 2 Stunden" gab sie diese Absicht auf und suchte doch 
wieder das Schiff auf, das bald nachher abfuhr. Herr K. war 
auch wieder da, näherte sich ihr, bat sie, ihn zu entschuldigen 

, _ • 

>) Die sexuelle Befriedigung ist unzweifelhaft das beste Schlafmittel, 
sowie Schlaflosigkeit zu allermeist die Folge der Unbefriedigung ist. Der Vater 
schlief nicht, weil ihm der Verkehr mit der geliebten Frau fehlte. Vgl. hierzu 
das unten Folgende: Ich habe nichts an meiner Frau. 

*) Diese Worte werden zur Lösung eines unserer Rätsel führen. 



. 















88 . 

und nichts von dem Vorfalle zu erzählen. Sie gab aber keine 
Antwort. — Ja, der Wald im Traume war ganz ähnlich dem 
Walde am Seeufer, in dem sich die eben von neuem beschriebene 
Szene abgespielt hatte. Genau den nämlichen dichten Wald hatte 
sie aber gestern auf einem Gemälde in der Sezessionsausstellung 
gesehen. Im Hintergrunde des Bildes sah man Nymphen 1 ). 

Jetzt wurde ein Verdacht bei mir zur Gewißheit. Bahn- 
hof 2 ) und Friedhof, an Stelle von weiblichen Genitalien, war 
auffällig genug, hatte aber meine geschärfte Aufmerksamkeit 
auf das ähnlich gebildete „Vorhof" gelenkt, einen anatomischen 
Terminus für eine bestimmte Region der weiblichen Genitalien. 
Aber das konnte ein witziger Irrtum sein. Nun, da die „Nymphen" 
dazu kamen, die man im Hintergrunde des „dichten Waldes" sieht, 
war ein Zweifel nicht mehr gestattet. Das war symbolische Sexual- 
geographie! Nymphen nennt man, wie dem Arzte, aber nicht dem 
Laien bekannt, wie übrigens auch ersterem nicht sehr gebräuchlich, 
die kleinen Labien im Hintergrunde des „dichten Waldes" von 
Schamhaaren.Wer aber solche technische Namen wie „Vorhof" und 
„Nymphen" gebrauchte, der mußte seine Kenntnis aus Büchern 
geschöpft haben, und zwar nicht aus populären, sondern aus ana- 
tomischen Lehrbüchern oder aus einem Konversationslexikon, der 
gewöhnlichen Zuflucht der von sexueller Neugierde verzehrten 
Jugend. Hinter der ersten Situation des Traumes verbarg sich also, 
wenn diese Beutung richtig war, eine Deflorationsphantasie, wie 
ein Mann sich bemüht, ins weibliche Genitale einzudringen 3 ). 

») Hier zum drittenmal: Bild (Städtebilder, Galerie in Dresden), aber 
in weit bedeutsamerer Verknüpfung. Durch das, was man an dem Bilde sieht, 
wird es zum Weibsbilde (Wald, Nymphen). 

2 ) Der „Bahnhof"- dient übrigens dem „Verkehre". Die psychische Um- 
kleidung mancher Eisenbahnangst. 

3 ) Die Deflorationsphantasie ist der zweite Bestandteil dieser Situation. 
Die Hervorhebung der Schwierigkeit im Vorwärtskommen und die im Traume 
empfundene Angst weisen auf die gerne betonte Jungfräulichkeit, die wir 
an anderer Stelle durch die „Sixtina" angedeutet finden. Diese sexuellen 
Gedanken ergeben eine unbewußte Untermalung für die vielleicht nur geheim 
gehaltenen Wünsche, die sich mit dem wartenden Bewerber in Deutschland 
beschäftigen. Als ersten Bestandteil derselben Traumsituation haben wir die 
Bachephantasie kennen gelernt, die beiden decken einander nicht völlig, sondern 
nur partiell; die Spuren eines noch bedeutsameren dritten Gedankenzuges werden 
wir später finden. 



.-.=:— ----+ 



* 



89 

Ich teilte ihr meine Schlüsse mit. Der Eindruck muß 
zwingend gewesen sein, denn es kam sofort ein vergessenes 
Stückchen des Traumes nach: Daß sie ruhig auf ihr 
Zimmer geht und in einem großen Buch ließt, welches 
auf ihrem Schreibtische liegt*). "Der Nachdruck liegt 
hier auf den beiden Details: ruhig und groß bei Buch. Ich 
fragte: War es Lexikonformat? Sie bejahte. Nun lesen Kinder 
über verbotene Materien niemals ruhig im Lexikon nach. Sie 
zittern und bangen dabei und schauen sich ängstlich um, ob 
wohl jemand kommt. Die Eltern sind bei solcher Lektüre sehr 
im Wege. Aber die wunscherfüllende Kraft des Traumes hatte 
die unbehagliche Situation gründlich verbessert. Der Vater war 
tot und die anderen schon auf den Friedhof gefahren. Sie konnte 
ruhig lesen, was ihr beliebte. Sollte das nicht heißen, daß einer 
ihrer Gründe zur Rache auch die Auflehnung gegen den Zwang 
der Eltern war? Wenn der Vater tot war, dann konnte sie lesen 
oder lieben, wie sie wollte. 

Zunächst wollte sie sich nun nicht erinnern, daß sie je im 
Konversationslexikon gelesen, dann gab sie zu, daß eine solche 
Erinnerung in ihr auftauchte, freilich harmlosen Inhaltes. Zur 
Zeit, als die geliebte Tante so schwer krank und ihre Reise 
nach Wien schon beschlossen war, kam von einem anderen 
Onkel ein Brief, sie könnten nicht nach Wien reisen, ein 
Kind, also ein Vetter Doras, sei gefährlich an Blinddarm- 
entzündung erkrankt. Damals las sie im Lexikon nach, welches 
die Symptome einer Blinddarmentzündung seien. Von dem, was 
sie gelesen, erinnert sie noch den charakteristisch lokalisierten 
Schmerz im Leibe. 

Nun erinnerte ich, daß sie kurz nach dem Tode der 
Tante eine angebliche Blinddarmentzündung in Wien durch- 
gemacht. Ich hatte mich bisher nicht getraut, diese Erkrankung 
zu ihren hysterischen Leistungen zu rechnen. Sie erzählte, daß 

*) Ich kann diesen Traum als neuen Beweis für die Richtigkeit einer in 
der Traumdeutung (p. 299 u. ff., 6. Aufl. p. 387) enthaltenen Behauptung ver- 
werten, daß die zuerst vergessenen und nachträglich erinnerten Traumstücke 
stets die für das Verständnis des Traumes wichtigsten sind. Ich ziehe dort 
den Schluß, daß auch das Vergessen der Träume die Erklärung durch den 
innerpsychischen Widerstand fordert. 






90 

sie die ersten Tage hoch gefiebert und denselben Schmerz im 
Unlerleibe verspürt, von dem sie im Lexikon gelesen. Sie habe 
kalte Umschläge bekommen, sie aber nicht vertragen; am zweiten 
Tage sei unter heftigen Schmerzen die seit ihrem Kranksein 
sehr unregelmäßige Periode eingetreten. An Stuhlverstopfung 
habe sie damals konstant gelitten. 

Es ging nicht recht an, diesen Zustand als einen rein 
hysterischen aufzufassen. Wenn auch hysterisches Fieber un- 
zweifelhaft vorkommt, so schien es doch willkürlich, das Fieber 
dieser fraglichen Erkrankung auf Hysterie anstatt auf eine 
organische, damals wirksame Ursache zu beziehen. Ich wollte 
die Spur wieder aufgeben, als sie selbst weiterhalf, indem sie 
den letzten Nachtrag zum Traume brachte: Sie sehe sich be- 
sonders deutlich die Treppe hinaufgehen. 

Dafür verlangte ich natürlich eine besondere Determinierung. 
Ihren wohl nicht ernsthaft gemeinten Einwand, daß sie ja die 
Treppe hinaufgehen müsse, wenn sie in ihre im Stocke gelegene 
Wohnung wolle, konnte ich leicht mit der Bemerkung abweisen, 
wenn sie im Traume von der fremden, Stadt nach Wien reisen 
und dabei die Eisenbahnfahrt übergehen könne, so dürfe sie 
sich auch über die Stufen der Treppe im Traume hinwegsetzen. 
Sie erzählte dann weiter: Nach der Blinddarmentzündung habe 
sie schlecht gehen können, weil sie den rechten Fuß nachgezogen. 
Das sei lange so geblieben, und sie hätte darum besonders 
Treppen gerne vermieden. Noch jetzt bleibe der Fuß manchmal 
zurück. Die Ärzte, die sie auf Verlangen des Vaters konsul- 
tierte, hätten sich über diesen ganz ungewöhnlichen Rest nach 
einer Blinddarmentzündung sehr verwundert, besonders da der 
Schmerz im Leibe nicht wieder aufgetreten sei und keineswegs 
das Nachziehen des Fußes begleite 1 ). 

Das war also ein rechtes hysterisches Symptom. Mochte 
auch das Fieber damals organisch bedingt gewesen sein — 



l ) Zwischen der „Ovarie" benannten Schmerzhaftigkeit im Abdomen und 
der Gehstörung des gleichseitigen Beines ist ein somatischer Zusammenhang 
anzunehmen, der hier bei Dora eine besonders spezialisierte Deutung i. e. 
psychische Überlagerung und Verwertung erfährt. Vgl. die analoge Bemerkung 
bei der Analyse der Hustensymptome und des Zusammenhanges von Katarrh 
und Eßunlust. 



91 

etwa durch eine der so häufigen Influenza-Erkrankungen ohne 
besondere Lokalisation — so war doch sichergestellt, daß sich 
die Neurose des Zufalles bemächtigte, um ihn für eine ihrer 
Äußerungen zu verwerten. Sie hatte sich also eine Krankheit 
angeschafft, über die sie im Lexikon nachgelesen, sich für diese 
Lektüre bestraft und mußte sich sagen, die Strafe konnte un- 
möglich der Lektüre des harmlosen Artikels gelten, sondern 
war durch eine Verschiebung zustande gekommen, nachdem an 
diese Lektüre sich eine andere schuldvollere angeschlossen hatte, 
die siel) heute in der Erinnerung hinler der gleichzeitigen 
harmlosen verbarg 1 ). Vielleicht ließ sich noch erforschen, über 
welche Themata sie damals gelesen hatte. 

Was bedeutete denn der Zustand, der . eine Perityphlitis 
nachahmen wollte? Der Rest der Affektion, das Nachziehen 
eines Beines, der zu einer Perityphlitis so gar nicht stimmte, 
mußte sich besser zu der geheimen, etwa sexuellen Bedeutung 
des Krankheitsbildes schicken und konnte seinerseits, wenn 
man ihn aufklärte, ein Licht auf diese gesuchte Bedeutung 
werfen. Ich versuchte, einen Zugang zu diesem Rätsel zu 
finden. Es waren im Traume Zeiten, vorgekommen ; die Zeit 
ist wahrlich nichts Gleichgültiges bei allem biologischen Ge- 
schehen. Ich fragte also> wann diese Blinddarmentzündung 
sich ereignet, ob früher oder später als die Szene am See. Die 
prompte, alle Schwierigkeiten mit einem Schlage lösende Antwort 
war: neun Monate nachher. Dieser Termin ist wohl charakteris- 
tisch. Die angebliche Blinddarmentzündung hatte also die Phanta- 
sie einer Entbindung realisiert mit den bescheidenen Mitteln, 
die der Patientin zu Gebote standen, den Schmerzen und der 
Periodenblutung 2 ). Sie kannte natürlich die Bedeutung dieses 
Termins und konnte die Wahrscheinlichkeit nicht in Abrede 
stellen, daß sie damals im Lexikon über Schwangerschaft und 
Geburl gelesen. Was war aber mit dem nachgezogenen Beine? 

J ) Ein ganz typisches Beispiel für Entstehung von Symptomen aus An- 
lässen, die anscheinend mit dem Sexuellen nichts zu tun haben. 

*) Ich habe schon angedeutet, daß die meisten hysterischen Symptome, ■ 
wenn sie ihre volle Ausbildung erlangt haben, eine phantasierte Situation des 
Sexuallebens darstellen, also eine Szene des sexuellen Verkehres, eine Schwanger- 
schaft, Entbindung, Wochenbett u. dgl. 






92 

Ich durfte jetzt ein Erraten versuchen. So geht man doch, 
wenn man sich den Fuß übertreten hat. Sie hatte also einen 
„Fehltritt." getan, ganz richtig, wenn sie neun Monate nach der 
Szene am See entbinden konnte. Nur mußte ich eine weitere 
Forderung aufstellen. Man kann — nach meiner Überzeugung 
— solche Symptome nur dann bekommen, wenn man ein in- 
fantiles Vorbild für sie hat. Die Erinnerungen, die man von 
Eindrücken späterer Zeit hat, besitzen, wie ich nach meinen 
bisherigen Erfahrungen strenge festhalten muß, nicht die Kraft, 
sich als Symptome durchzusetzen. Ich wagte kaum zu hoffen, 
daß sie mir das gewünschte Material aus der Kinderzeit liefern 
würde, denn ich kann in Wirklichkeit obigen Satz, an den ich 
gerne glauben möchte, noch nicht allgemein aufstellen. Aber 
hier kam die Bestätigung sofort. Ja, sie hatte sich als Kind 
einmal denselben Fuß übertreten, sie war in B. beim Herunter- 
geben auf der Treppe über eine Stufe gerutscht; der Fuß, 
es war sogar der nämliche, den sie später nachzog, schwoll an, 
mußte bandagiert werden, sie lag einige Wochen ruhig. Es war 
kurze Zeit vor dem nervösen Asthma im achten Lebensjahre. 
Nun galt es, den Nachweis dieser Phantasie zu verwerten: 
Wenn Sie neun Monate nach' der Szene am See eine Entbindung 
durchmachen und dann mit den Folgen des Fehltrittes bis zum 
heutigen Tage herumgehen, so beweist dies, daß Sie im Un- 
bewußten den Ausgang der Szene bedauert haben. Sie haben 
ihn also in Ihrem unbewußten Denken korrigiert. Die Voraus- 
setzung Ihrer Entbindungsphantasie ist ja, daß damals, etwaa 
vorgegangen ist 1 ), daß Sie damals all das erlebt und erfahren 
haben, was Sie später aus dem Lexikon entnehmen mußten. 
Sie sehen, daß Ihre Liebe zu Herrn K. mit jener Szene nicht 
beendet war, daß sie sich, wie ich behauptet habe, bis auf den 
heutigen Tag — allerdings Ihnen unbewußt — fortsetzt. — 
Sie widersprach dem auch nicht mehr 2 ). 



J ) Die Deflorationsp'hantasie findet also ihre Anwendung auf Ifcrrn 
K., und es wird klar, warum dieselbe Region des Trauminhaltes Material 
aus der Szene am See' enthält. (Ablehnung, 2 l / E Stunden, der "Wald, Ein- 
ladung nach L.) 

s ) Einige Nachträge zu den bisherigen Deutungen: Die „Madonna" 
ist offenbar sie selbst, erstens wegen des „Anbeters", der ihr die Bilder gc- 



93 

Diese Arbeiten zur Aufklärung des zweiten Traumes hatten 
zwei Stunden in Anspruch genommen. Als ich nach Schluß der 
zweiten Sitzung meiner Befriedigung über das Erreichte Aus- 
druck gab, antwortete sie geringschätzig: Was ist denn da viel 
herausgekommen? und bereitete mich so auf das Herannahen 
weiterer Enthüllungen vor. 

schickt hat, dann weil sie Herrn K.'s Liebe vor allem durch ihre Mütter- 
lichkeit gegen seine Kinder gewonnen hatte, und endlich, weil sie als Mädchen 
doch schon ein Kind gehabt hat', im direkten Hinweise auf die Entbindungs- 
phantasie. Die „Madonna" ist übrigens eine beliebte Gegenvorstellung, wenn 
ein Mädchen unter dem Drucke sexueller Beschuldigungen steht, was ja auch 
bei Dora zutrifft. Ich bekam von diesem Zusammenhange die erste Ahnung 
als Arzt der psychiatrischen Klinik bei einem Falle von halluzinatorischer Ver- 
worrenheit raschen Ablaufes, der sich als Reaktion auf einen Vorwurf des 
Bräutigams herausstellte. 

Die mütterliche Sehnsucht nach einem Kinde wäre bei Fortsetzung 
der Analyse wahrscheinlich als dunkles aber mächtiges Motiv ihres Handelns 
aufzudecken gewesen. - Die vielen Fragen, die sie in letzter Zeit auf- 
geworfen hatte, erscheinen wie Spätabkömmlinge der Fragen sexueller Wiß- 
begierde, welche sie aus dem Lexikon zu befriedigen gesucht. Es ist an- 
zunehmen, daß sie über Schwangerschaft, Entbindung, Jungfräulichkeit und 
ähnliche Themata nachgelesen. - Eine der Fragen, die in den Zusammen- 
hang der zweiten Tsaumsituation einzufügen sind, hatte sie bei der Repro- 
duktion des Traumes vergessen. Es konnte nur die Frage sein: Wohnt hier 
der Herr ***? oder: Wo wohnt der Herr ***? jEs muß seinen Grund haben, 
daß sie diese scheinbar harmlose Frage vergessen, nachdem sie sie über- 
haupt in den Traum aufgenommen. Ich finde diesen Grund in dem Familien- 
namen selbst, der gleichzeitig Gegenstandsbedeutung hat, und zwar mehr- 
fache, also einem „zweideutigen" Worte gleichgesetzt werden kann. Ich 
kann diesen Namen leider nicht mitteilen, um zu zeigen, wie geschickt er 
verwendet worden ist, um „Zweideutiges/ 1 und „Unanständiges" zu be- 
zeichnen. Es stützt diese Deutung, wenn wir in anderer Region des 
Traumes, wo das Material aus den Erinnerungen an den Tod der Tante 
stammt „Sie sind schon auf den Friedhof gefahren" gleichfalls eine Wort- 
anspielung auf den Name n der Tante finden. In diesen unanständigen 
Worten wäre wohl der Hinweis auf eine zweite mündliche Quelle ge- 
legen, da für sie das Wörterbuch nicht ausreicht. Ich wäre nicht erstaunt 
gewesen zu hören, daß Frau K. selbst, die Verleumderin, diese Quelle war. 
Dora hätte dann gerade sie edelmütig verschont, während sie die anderen 
Personen mit nahezu tückischer Rache verfolgte; hinter der schier unüber- 
sehbaren Reihe von Verschiebungen, die sich so ergeben, könnte man ein 
einfaches Moment, die tief wurzelnde homosexuelle Liebe zu Frau K., 
vermuten. 



94 



Zur drillen Sitzung trat sie mit den Worten an: „Wissen 
Sie Herr Doktor, daß ich heute das letzte Mal hier bin?. 
Ich kann es nicht wissen, da Sie mir nichts davon gesagt haben. 
- Ja ich habe mir vorgenommen, bis Neujahr') halte ich es 
noch aus; länger will ich aber auf die Heilung nicht warten. 
_- Sie wissen, daß Sie die Freiheit, auszutreten, immer haben. 
Heute wollen wir aber noch arbeiten. Wann haben Sie. den 
Entschluß gefaßt? - „Vor 14 Tagen, glaube ich." Das 
klingt ja wie von einem Dienstmädchen, einer Gouvernante, 
14tägige Kündigung. - - „Eine Gouvernante, die gekündigt hat, 
war auch damals hei K., als ich sie in L. am See besuchte. 
— So ? von der haben Sie noch nie erzählt. Bitte, erzählen Sie. 
Es war also ein junges Mädchen im Hause als Gouver- 
nante der Kinder, die ein ganz merkwürdiges Benehmen gegen 
den Herrn zeigte. Sie grüßte ihn nicht, gab ihm keine Antwort, 
reichte ihm nichts bei Tisch, wenn er um etwas bat, kurz, be- 
handelte ihn wie Luft. Er war übrigens auch nicht viel hol- 
licher gegen sie. Einen oder zwei Tage vor der Szene am See 
nahm mich das Mädchen auf.die Seite; sie habe mir etwas mit- 
zuteilen. Sie erzählte mir dann, Herr K. habe sich ihr zu 
einer Zeit, als die Frau gerade für mehrere Wochen abwesend 
war, genähert, sie sehr umworben und sie gebeten, ihm gefalhg 
zu sein; er habe nichts von seiner Frau usw." . . . Das sind 
ja dieselben Worte, die er dann in der Werbung um Sie ge- 
braucht, bei denen Sie ihm den Schlag ins Gesicht gegeben. 
- „Ja. Sie gab ihm nach, aber nach kurzer Zeit kümmerte er 
sich nicht mehr um sie, und sie haßte ihn seitdem." - Und 
diese Gouvernante hatte gekündigt? - „Nein, sie wollte kun- 
digen Sie sagte mir, sie habe sofort, wie sie sich verlassen 
gefühlt den Vorfall ihren Eltern mitgeteilt, die anständige Leute 
sind und irgendwo in Deutschland wohnen. Die Eltern ver- 
langten, daß sie das Haus augenblicklich verlasse, und schrieben 
ihr dann, als sie es nicht tat, sie wollten nichts mehr von dir 
wissen sie dürfe nicht mehr nach Hause zurückkommen. 
Und warum ging sie nicht fort? - „Sie sagte, sie wolle noch 
eine kurze Zeit abwarten, ob sich nichts bei Herrn K. andere. 



i) Es war der 31. Dezember. 



95 

So zu leben, halte sie nicht aus. Wenn sie keine Änderung 
sehe, werde sie kündigen und fortgehen." — Und was ist aus 
dem Mädchen geworden ? — „Ich weiß nur, daß sie fortge- 
gangen ist." — Ein Kind hat sie von dem Abenteuer nicht 
davongetragen? — „Nein." 

Da war also — wie übrigens ganz regelrecht — inmitten 
der Analyse ein Stück tatsächlichen Materials zum Vorscheine 
gekommen, das früher aufgeworfene Probleme lösen half. Ich 
konnte Dora sagen: Jetzt kenne ich das Motiv jenes Schlages, 
mit dem Sie die Werbung beantwortet haben. Es war nicht 
Kränkung über die an Sie gestellte Zumutung, sondern eifer- 
süchtige Rache. Als Ihnen das Fräulein seine Geschichte er- 
zählte, machten Sie noch von Ihrer Kunst Gebrauch, alles bei 
Seite zu schieben, was Ihren Gefühlen nicht paßte. In dem 
Moment, da Herr K. die Worte gebrauchte: Ich habe nichts 
an meiner Frau, die er auch zu dem Fräulein gesagt, wurden 
neue Regungen in Ihnen wachgerufen, und die Wagschale 
kippte um. Sie sagten sich: Er wagt es, mich zu behandeln 
wie eine Gouvernante, eine dienende Person? Diese Hochmuts- 
kränkung zur Eifersucht und zu den bewußten besonnenen Mo- 
tiven hinzu: das war endlich zu viel 1 ). Zum Beweise, wie sehr 
Sie unter dem Eindrucke der Geschichte des Fräuleins stehen, 
halte ich Ihnen die wiederholten Identifizierungen mit ihr im 
Traume und in Ihrem Benehmen vor. Sie sagen es den Eltern, 
was wir bisher nicht verstanden haben, wie das Fräulein es 
den Eltern geschrieben hat. Sie kündigen mir wie eine Gou- 
vernante mit 14tägiger Kündigung. Der Brief im Traume, der 
Ihnen erlaubt, nach Hause zu kommen, ist ein Gegenstück zum 
Briefe der Eltern des Fräuleins, die es ihr verboten hatten. 

„Warum habe ich es dann den Eltern nicht gleich er- 
zählt?" 

Welche Zeit haben Sie denn verstreichen lassen? 
. „Am letzten Juni fiel die Szene vor; am 14. Juli habe 
ich 's der Mutter erzählt." 



>) Es war vielleicht nicht gleichgültig, daß sie dieselbe Klage über 
die Frau, deren Bedeutung sie wohl verstand, auch vom Vater gehört haben 
konnte, wie ich sie aus seinem Munde gehört habe. 






96 

Also wieder 14 Tage, der für eine dienende Person charak- 
teristische Termin! Ihre Frage kann ich jetzt beantworten. Sie 
haben ja das arme Mädchen sehr wohl verstanden. Sie wollte 
nicht gleich fortgehen, weil sie noch hoffte, weil sie erwartete, 
daß Herr K. seine Zärtlichkeit ihr wieder zuwenden würde. 
Das muß also auch Ihr Motiv gewesen sein. Sie warteten den 
Termin ab, um zu sehen, ob er seine Werbung erneuern würde, 
daraus hätten Sie geschlossen, daß es ihm Ernst war, und daß 
er nicht mit Ihnen spielen wollte wie mit der Gouvernante. 

„In den ersten Tagen nach der Abreise schickte er noch 
eine Ansichtskarte 1 )." 

Ja, als aber dann nichts weiter kam, da ließen Sie Ihrer 
Rache freien Lauf. Ich kann mir sogar vorstellen, daß damals 
noch Raum für die Nebenabsicht war, ihn durch die Anklage 
zum Hinreisen nach Ihrem Aufenthalte zu iDewegen. 

„. . .Wie er's ja auch zuerst uns angetragen hat," warf 
sie ein. — Dann wäre Ihre Sehnsucht nach ihm gestillt, worden. 
— hier nickte sie Bestätigung, was ich nicht erwartet hatte — 
und er hätte Ihnen die Genugtuung geben können, die Sie sich 
verlangten. 

■ „Welche Genugtuung?" 

Ich fange nämlich an izu ahnen, daß Sie die Angelegen- 
heit mit Herrn K. viel ernster aufgefaßt haben, als Sie bisher 
verraten wollten. War zwischen den K. nicht oft von Scheidung 
die Rede? 

„Gewiß, zuerst wollte sie nicht der Kinder wegen, und 
jetzt will sie, aber er will nicht mehr." 

Sollten Sie nicht gedacht haben, daß er sich von seiner 
Frau scheiden lassen will, um Sie zu heiraten? Und daß er 
jetzt nicht mehr will, weil er keinen Ersatz hat? Sie waren 
freilich vor zwei Jahren sehr jung, aber Sie haben mir selbst von 
der Mama erzählt, daß sie mit 17 Jahren verlobt war und dann 
zwei Jahre auf ihren Mann gewartet bat. Die Liebesgeschichte 
der Mutter wird gewöhnlich zum Vorbilde für die Tochter. Sie 
wollten also auch auf ihn warten und nahmen an, daß er nur 



*) Dies die Anlehnung für den Ingenieur, der sich hinter dem Ich 
in der ersten Traumsituation verbirgt. 



r^ 



97 

warte, bis Sie reif genug seien, seine Frau zu werden 1 ). Ich 
stelle mir vor, daß es ein ganz ernsthafter Lebensplan bei Ihnen 
war. Sie haben nicht einmal das Recht zu behaupten, daß 
eine solche Absicht bei Herrn K. ausgeschlossen war, und haben 
mir genug von ihm erzählt, was direkt auf eine solche Absicht 
deutet 2 ). Auch sein Benehmen in L. widerspricht dem nicht. 
Sie haben ihn ja nicht ausreden lassen und wissen nicht, was 
er Ihnen sagen wollte. Nebstbei wäre der Plan gar nicht so 
unmöglich auszuführen gewesen. Die Beziehungen des Papa zu 
Frau K., die Sie wahrscheinlich nur darum so lange Zeit unter- 
stützt haben, boten Ihnen die Sicherheit, daß die Einwilligung 
der Frau zur Scheidung zu erreichen wäre, und heim Papa 
setzen Sie durch, was Sie wollen. Ja, wenn die Versuchung in 
L. einen anderen Ausgang genommen hätte, wäre dies für 
alle Teile die einzig mögliche Lösung gewesen. Ich meine auch, 
darum haben Sie den anderen Ausgang so bedauert und ihn 
in der Phantasie, die als Blinddarmentzündung auftrat, korrigiert. 
Es mußte also eine schwere Enttäuschung für Sie sein, als 
anstatt einer erneuten Werbung das Leugnen und die Schmä- 
hungen von Seiten des Herrn K. der Erfolg Ihrer Anklage 
wurden. Sie gestehen zu, daß nichts Sie so sehr in Wut 
bringen kann, als wenn man glaubt, Sie hätten sich die Szene 
am See eingebildet. Ich weiß nun, woran Sie nicht erinnert 
werden wollen, daß Sie sich eingebildet, die Werbung sei ernst- 
haft und Herr K. werde nicht ablassen, bis Sie ihn geheiratet. 
Sie hatte zugehört, ohne wie sonst zu widersprechen. Sie 
schien ergriffen, nahm auf die liebenswürdigste Weise mit 
warmen Wünschen zum Jahreswechsel Abschied und — kam 
nie wieder. Der Vater, der mich noch einige Male besuchte, 
versicherte, sie werde wiederkommen; man merke ihr die Sehn- 
sucht nach der Fortsetzung der Behandlung an. Aber er war 
wohl nie ganz aufrichtig. Er hatte die Kur unterstützt, solange er 
sich Hoffnung machen konnte, ich würde Dora „ausreden", 

») Das Warten, bis man das Ziel erreicht, findet sich im Inhalte der 
ersten Traumsituation; in dieser Phantasie vom Warten auf die Braut sehe ich 
ein Stück der dritten, bereits angekündigten Komponente dieses Traumes. 

*) Besonders eine Rede, mit der er im letzten Jahre des Zusammen- 
lebens in B. das Weihnachtsgeschenk einer Briefschachtel begleitet hatte. 
Freud, Neurosenlehre. EL 3. Aufl. „ 



__— 



98 

daß zwischen ihm und Frau. K. etwas anderes als Freundschaft 
bestehe. Sein Interesse erlosch, als er merkte, daß dieser Erfolg 
nicht in meiner Absicht liege. Ich wußte, daß sie nicht wieder- 
kommen würde. Es war ein unzweifelhafter Racheakt, daß sie 
in so unvermuteter Weise, als meine Erwartungen auf glück- 
liche Beendigung der Kur den höchsten Stand einnahmen, ab- 
brach und diese Hoffnungen vernichtete. Auch ihre Tendenz 
zur Selbstschädigung fand ihre Rechnung bei diesem Vorgehen. 
Wer wie ich die bösesten Dämonen, die unvollkommen gebän- 
digt in einer menschlichen Brust wohnen, aufweckt, um sie zu 
bekämpfen, muß darauf gefaßt sein, daß er in diesem Ringen 
selbst nicht unbeschädigt bleibe. Ob ich das Mädchen bei der 
Behandlung erhalten hätte, wenn ich mich selbst in eine Rolle 
gefunden, den Wert ihres Verbleibens für mich übertrieben und 
ihr ein warmes Interesse bezeigt hätte, das bei aller Milderung 
durch meine Stellung als Arzt doch wie ein Ersatz für die von 
ihr ersehnte Zärtlichkeit ausgefallen wäre? Ich weiß es nicht. 
Da ein Teil der Faktoren, die sich als Widerstand entgegen- 
stellen, in jedem Falle unbekannt bleibt, habe ich es immer ver- 
mieden, Rollen zu spielen, und mich mit anspruchsloserer psycho- 
logischer Kunst begnügt. Bei allem theoretischen Interesse und 
allem ärztlichen Bestreben, zu helfen, halte ich mir doch vor, daß 
der psychischen Beeinflussung notwendig Grenzen gesetzt sind, und 
respektiere als solche den Willen und die Einsicht des Patienten. 
Ich weiß auch nicht, ob Herr K. mehr erreicht hätte, 
wäre ihm verraten worden, daß jener Schlag ins Gesicht keines- 
wegs ein endgültiges „Nein" Do ras bedeutete, sondern der zu- 
letzt geweckten Eifersucht entsprach, während noch die stärksten 
Regungen ihres Seelenlebens für ihn Partei nahmen. Würde er 
dieses erste „Nein" überhört und seine Werbung mit über- 
zeugender Leidenschaft fortgesetzt haben, so hätte der Erfolg 
leicht, sein können, daß die Neigung des Mädchens sich über 
alle inneren Schwierigkeiten hinweggesetzt hätte. Aber ich meine, 
vielleicht ebenso leicht wäre sie nur gereizt worden, ihre Rach- 
sucht um so ausgiebiger an ihm zu befriedigen. Auf welche Seite 
sich in dein Widerstreite der Motive die Entscheidung neigt, ob 
zur Aufhebung oder zur Verstärkung der Verdrängung, das ist 
niemals zu berechnen. Die Unfähigkeit zur Erfüllung der realen 



99 

Liebesforderung ist eine der wesentlichsten Charakterzüge der 
Kenrose; die Kranken sind vom Gegensatze zwischen der Realität 
und der Phantasie beherrscht. Was sie in ihren Phantasien am 
intensivsten ersehnen, davor fliehen sie doch, wenn es ihnen in 
Wirklichkeit entgegentritt, und den Phantasien überlassen sie 
sich am liebsten, wo sie eine Realisierung nicht mehr zu be- 
fürchten brauchen. Die Schranke, welche die Verdrängung auf- 
gerichtet hat, kann allerdings unter dem Anstürme heftiger, real 
veranlagter Erregungen fallen, die Neurose kann noch durch die 
Wirklichkeit überwunden werden. Wir können aber nicht allgemein 
berechnen, bei wem und wodurch diese Heilung möglich wäre 1 ). 



J) Noch einige Bemerkungen über den Aufbau dieses Traumes, der sich 
nicht so gründlich verstehen läßt, daß man seine Synthese versuchen könnte. 
Als ein fassadenartig vorgeschobenes Stück läßt sich die Rachephantasie gegen 
den Vater herausheben: Sie ist eigenmächtig von Hause woggegangen; 
der Vater ist erkrankt, dann gestorben ... Sie geht jetzt nach Hause, 
die anderen sind schon alle auf dem Friedhofe. Sie geht gar nicht traurig 
auf ihr Zimmer und liest ruhig im Lexikon. Darunter zwei Anspielungen auf 
den anderen Racheakt, den sie wirklich ausgeführt, indem sie die Eltern 
einen Abschiedsbrief finden ließ: Der Brief (im Traume von der Mama) und 
die Erwähnung des Leichenbegängnisses der für sie vorbildlichen Tante. — 
Hinter dieser Phantasie verbergen sich die Rachegedanken gegen Herrn K., 
denen sie in ihrem Benehmen gegen mich einen Ausweg geschafft hat. 
Das Dienstmädchen — die Einladung — der Wald — die 2 Stunden 
stammen aus dem Material der Vorgänge in L, Die Erinnerung an die 
Gouvernante und deren Briefverkehr mit ihren Eltern tritt mit dem Element 
ihres Abschiedsbriefes zu dem im Trauminhalte vorfindlichen Brief, der ihr 
nach Hause zu kommen erlaubt, zusammen. Die Ablehnung, sich begleiten 
zu lassen, der Entschluß, allein zu gehen, läßt sich wohl so übersetzen: 
Weil du mich wie . ein Dienstmädchen behandelt hast, lasse ich dich 
stehen, gehe allein meine Wege und heirate nicht. — Durch diese Rache- 
gedanken verdeckt, schimmert an anderen Stellen Material aus zärt- 
lichen Phantasien aus der unbewußt fortgesetzten Leibe zu Herrn K.' durch: 
Ich hätte auf dich gewartet, bis ich deine Frau geworden wäre — die Deflora- 
tion — die Entbindung. — Endlich gehört es dem vierten, am tiefsten ver- 
borgenen Gedankenkreise, dem der Liebe zu Frau K. an, daß die Deflorations- 
phantasie vom Standpunkte des Mannes dargestellt wird (Identifizierung mit 
dem Verehrer, der jetzt in der Fremde weilt), und daß an zwei Stellen die 
deutlichsten Anspielungen auf zweideutige Reden (wohnt hier der Herr 
X. X.) und auf die nicht, mündliche Quelle ihrer sexuellen Kenntnisse (Lexikon) 
enthalten sind. Grausame und sadistische Regungen finden in diesem Traume 



ihre Erfüllung. 



7* 



100 

IV. 
Nachwort. 

Ich habe diese Mitteilung zwar als Bruchstück einer Analyse 
angekündigt; man wird aber gefunden haben, daß sie in viel 
weiterem Umfange unvollständig ist, als sich nach diesem ihrem 
Titel erwarten ließ. Es geziemt sich wohl, daß ich versuche, 
diese keinesfalls zufälligen Auslassungen zu motivieren. 

Eine Reihe von Ergebnissen der Analyse ist weggeblieben, 
weil sie beim Abbruch der Arbeit teils nicht genügend sicher er- 
kannt, teils einer Fortführung bis zu einem allgemeinen Resultat 
bedürftig waren. Andere Male habe ich, wo es mir statthaft schien, 
auf die wahrscheinliche Fortsetzung einzelner Lösungen hinge- 
wiesen. Die keineswegs selbstverständliche Technik, mittels 
welcher man allein dem Rohmaterial von Einfällen des Kranken 
seinen Reingehalt an wertvollen unbewußten Gedanken entziehen 
kann, ist von mir hier durchwegs übergegangen worden, womit 
der Nachteil verbunden bleibt, daß der Leser die Korrektheit 
meines Vorgehens bei diesem Darstellungsprozeß nicht bestätigen 
kann. Ich fand es aber ganz undurchführbar, die Technik einer 
Analyse und die innere Struktur eines Falles von Hysterie in 
einem zu behandeln ; es wäre für mich eine fast unmögliche 
Leistung und für den Leser eine sicher ungenießbare Lektüre 
geworden. Die Technik erfordert durchaus ■ eine abgesonderte 
Darstellung, die durch zahlreiche, den verschiedensten Fällen 
entnommene Beispiele erläutert wird und von dem jedesmaligen 
Ergebnis absehen darf. Auch die psychologischen Voraussetzungen, 
die sich in meinen Beschreibungen psychischer Phänomene ver- 
raten, habe ich hier zu begründen nicht versucht. Eine flüchtige 
Begründung würde nichts leisten; eine ausführliche wäre eine 
Arbeit für sich. Ich kann nur versichern, daß ich, ohne einem 
bestimmten psychologischen System verpflichtet zu sein, an das 
Studium der Phänomene gegangen bin, welche die Beobachtung 
der Psychoneurotiker enthüllt, und daß ich dann meine Meinungen 
um so viel zurechtgerückt habe, bis sie mir geeignet erschienen, 
von dem Zusammenhange des Beobachteten Rechenschaft zu 
geben. Ich setze keinen Stolz darein, die Spekulation vermieden 
zu haben ; das Material für diese Hypothesen ist aber durch die 









101 



ausgedehnteste und mühevollste Beobachtung gewonnen worden. 
Besonders dürfte die Entschiedenheit meines Standpunktes in 
der Frage des Unbewußten Anstoß erregen, indem ich mit 
unbewußten Vorstellungen, Gedankenzügen und Regungen so 
operiere, als ob sie ebenso gute und unzweifelhafte Objekte der 
Psychologie wären wie alles Bewußte; aber ich bin dessen 
sicher, wer dasselbe Erscheinungsgebiet mit der nämlichen Me- 
thode zu erforschen unternimmt, wird nicht umhin können, sich 
trotz alles Abmahnens der Philosophen auf denselben Stand- 
punkt zu stellen. 

Diejenigen Fachgenossen, welche meine Theorie der Hysterie 
für eine rein psychologische gehalten und darum von vornherein 
für unfähig erklärt haben, ein pathologisches Problem zu lösen, 
werden aus dieser Abhandlung wohl entnehmen, daß ihr Vor- 
wurf einen Charakter der Technik ungerechterweise auf die 
Theorie überträgt. Nur die therapeutische Technik ist rein 
psychologisch ; die Theorie versäumt es keineswegs, auf die 
organische Grundlage der Neurose hinzuweisen, wenngleich sie 
dieselbe nicht in einer pathologisch-anatomischen Veränderung 
sucht und die zu erwartende chemische Veränderung als derzeit 
nach unfaßbar durch die Vorläufigkeit der organischen Funktion 
ersetzt. Der Sexualfunktion, in welcher ich die Begründung der 
Hysterie wie der Psychoneurosen überhaupt sehe, wird den 
Charakter eines organischen Faktors wohl niemand absprechen 
wollen. Eine Theorie des Sexuallebens wird, wie ich vermute, 
der Annahme bestimmter, erregend wirkender Sexualstoffe nicht 
entbehren können. Die Intoxikationen und Abstinenzen beim Ge- 
brauch gewisser chronischer Gifte stehen ja unter allen Krank- 
heitsbildern, welche uns die Klinik kennen lehrt, den genuinen 
Psychoneurosen am nächsten. 

Was sich aber über das „somatische Entgegenkommen", 
über die infantilen Keime zur Perversion, über die erogenen 
Zonen und die Anlage zur Bisexualität heute aussagen läßt, 
habe ich in dieser Abhandlung gleichfalls nicht ausgeführt, 
sondern nur die Stellen hervorgehoben, an denen die Analyse 
auf diese organischen Fundamente der Symptome stößt. Mehr 
ließ sich von einem vereinzelten Falle aus nicht tun, auch 
hatte ich die nämlichen Gründe wie oben, eine beiläufige Er- 



' 






102 

örterung dieser Momente zu ' vermeiden. Hier ist reichlicher 
Anlaß zu weiteren, auf eine große Zahl von Analysen gestützten 
Arbeiten gegeben. 

Mit dieser soweit unvollständigen Veröffentlichung wollte 
ich doch zweierlei erreichen. Erstens als Ergänzung zu meinem 
Buche über die Traumdeutung zeigen, wie diese sonst unnütze 
Kunst zur Aufdeckung des Verborgenen und Verdrängten im 
Seelenleben verwendet werden kann; bei der Analyse der beiden 
hier mitgeteilten Träume ist dann auch die Technik des 
Traumdeutens, welche der psychoanalytischen ähnlich ist, be- 
rücksichtigt worden. Zweitens wollte ich Interesse für eine Reihe 
von Verhältnissen erwecken, welche heute der Wissenschaft noch 
völlig unbekannt sind, weil sie sich nur bei Anwendung dieses 
bestimmten Verfahrens entdecken lassen. Von der Komplikation 
der psychischen Vorgänge bei der Hysterie, dem Nebeneinander 
der verschiedenartigsten Regungen, der gegenseitigen Bindung 
der Gegensätze, den Verdrängungen imd Verschiebungen u. a. m. 
hat wohl niemand eine richtige Ahnung haben können. Janetfc 
Hervorhebung der „Idee fixe", die sich in das Symptom umsetzt, 
bedeutet: nichts als eine wahrhaft kümmerliche Schematisierung. 
Man wird sich auch der Vermutung nicht erwehren können, daß 
Erregungen, deren zugehörige Vorstellungen der Bewußtseins- 
fähigkeit ermangeln, , anders aufeinander einwirken, anders 
verlaufen und zu anderen Äußerungen führen als die von uns 
„normal" genannten, deren Vorstellungsinhalt uns bewußt wird. 
Ist man soweit aufgeklärt, so steht dem Verständnis einer 
Therapie nichts mehr im Wege, welche neurotische Symptome 
aufhebt, indem sie Vorstellungen der ersteren Art in normale 
verwandelt. 

Es lag mir auch daran zu zeigen, daß die Sexualität 
nicht bloß als einmal auftretender Deus ex machina irgendwo 
in das Getriebe der für die Hysterie charakteristischen Vor- 
gänge eingreift, sondern daß sie die Triebkraft für jedes ein- 
zelne Symptom und für jede einzelne Äußerung eines Symptoms 
abgibt. Die Krankheitserscheinungen sind, geradezu gesagt, 
die Sexualbetätigung der Kranken. Ein einzelner Fall 
wird niemals imstande sein, einen so allgemeinen Satz zu 
erweisen, aber ich kann es nur immer wieder von neuem wieder- 



103 






holen, weil ich es niemals anders finde, daß die Sexualität der 
Schlüssel zum Problem der Psychoneurosen wie der Neurosen 
überhaupt ist. Wer ihn verschmäht, wird niemals aufzuschließen 
imstande sein. Ich warte noch auf die Untersuchungen, welche 
diesen Satz aufzuheben oder einzuschränken vermögen sollen. 
Was ich bis jetzt dagegen gehört habe, waren Äußerungen 
persönlichen Mißfallens oder Unglaubens, denen es genügt, das 
Wort Charcots entgegenzuhalten: „Qa n'empeche pas- 
d'exister." 

Der Fall, aus dessen Kranken- und Behandlungsgeschichte 
ich hier ein Bruchstück veröffentlicht habe, ist auch nicht 
geeignet, den Wert der psychoanalytischen Therapie ins rechte 
Licht zu setzen. Nicht nur die Kürze der Behandlungsdauer, 
die kaum drei Monate betrug, sondern noch ein anderes dem Falle 
innewohnendes Moment haben es verhindert, daß die Kur mit 
der sonst zu erreichenden, vom Kranken und seinen Angehörigen 
zugestandenen Besserung abschloß, die mehr oder weniger nahe 
an vollkommene Heilung heranreicht. Solche erfreuliche Erfolge 
erzielt man, wo die Krankheitserscheinungen allein durch den 
inneren Konflikt zwischen den auf die Sexualität bezüglichen 
Regungen gehalten werden. Man sieht in diesen Fällen das 
Befinden der Kranken in dem Maße sich bessern, in dem man 
durch Übersetzung des pathogenen Materials in normales zur 
Lösung ihrer psychischen Aufgaben beigetragen hat. Anders 
ist der Verlauf, wo sich die Symptome in den Dienst äußerer 
Motive des Lebens gestellt, haben, wie es auch bei Dora seit 
den letzten zwei Jahren geschehen war. Man ist überrascht 
und könnte leicht irre werden, wenn man erfährt, daß das 
Befinden der Kranken durch die selbst weit vorgeschrittene 
Arbeit nicht merklich Igeändert wird. In Wirklichkeit steht es 
nicht so arg; die Symptome schwinden zwar nicht unter der 
Arbeit, wohl aber ;eine Zeit lang nach derselben, wenn die 
Beziehungen zum Arzte gelöst sind. Der Aufschub der Heilung 
oder Besserung ist wirklich nur durch die Person des Arztes 
verursacht. 

Ich muß etwas weiter ausholen, um diesen Sachverhalt 
verständlich zu machen. Während einer psychoanalytischen 
Kur ist die Neubildung von Symptomen, man darf wohl sagen: 



104 

regelmäßig, sistiert. Die Produktivität der Neurose ist aber 
durchaus nicht erloschen, sondern betätigt sich in der Schöpfung 
einer besonderen Art von meist unbewußten Gedankenbildungen, 
welchen man den Namen „Übertragungen" verleihen kann. 

Was sind die Übertragungen? Es sind Neuauflagen, Nach- 
bildungen von den Regungen und Phantasien, die während 
des Vordringens der Analyse erweckt und bewußt gemacht 
werden sollen, mit einer für die Gattung charakteristischen 
Ersetzung einer früheren Person durch die Person des Arztes. 
Um es anders zu sagen: eine ganze Reihe früherer psychischer 
Erlebnisse wird nicht als vergangen, sondern als aktuelle 
Beziehung zur Person des Arztes wieder lebendig. Es gibt 
solche Übertragungen, die sich im Inhalt von ihrem Vorbilde 
in gar nichts bis auf die Ersetzung unterscheiden. Das sind 
also, um in dem Gleichnisse zu bleiben, einfache Neudrucke, 
unveränderte Neuauflagen. Andere sind kunstvoller gemacht, 
sie haben eine Milderung ihres Inhaltes, eine Sublimierung, 
wie ich sage, erfahren und vermögen selbst bewußt zu werden, 
indem sie sich an irgend eine geschickt verwertete reale Be- 
sonderheit an der Person oder in den Verhältnissen des Arztes 
anlehnen. Das sind also Neubearbeitungen, nicht mehr Neudrucke. 

Wenn man sich in die Theorie der analytischen Technik 
einläßt, kommt man zu der Einsicht, daß die Übertragung etwas 
notwendig Gefordertes ist. Praktisch überzeugt man sich wenig- 
stens, daß man ihr durch keinerlei Mittel ausweichen kann, und 
daß man diese letzte Schöpfung der Krankheit wie alle früheren 
zu bekämpfen hat. Nun ist dieses Stück der Arbeit das bei 
weitem schwierigste. Das Deuten der Träume, das Extrahieren 
der unbewußten Gedanken und Erinnerungen aus den Einfällen 
des Kranken und ähnliche Übersetzungskünste sind leicht zu 
erlernen; dabei liefert immer der Kranke selbst den Text. Die 
Übertragung allein muß man fast selbständig erraten, auf gering- 
fügige Anhaltspunkte hin und ohne sich der Willkür schuldig 
zu machen. Zu umgehen ist sie aber nicht, da sie zur Herstel- 
lung aller Hindernisse verwendet wird, welche das Material der 
Kur unzugänglich machen, und da die Überzeugungsempfindung 
für die Richtigkeit der konstruierten Zusammenhänge beim 
Kranken erst nach Lösung der Übertragung hervorgerufen wird. 













105 

Man wird geneigt sein, es für einen schweren Nachteil des 
ohnehin unbequemen Verfahrens zu halten, daß dasselbe die 
Arbeit des Arztes durch Schöpfung einer neuen Gattung von 
krankhaften psychischen Produkten noch vermehrt, ja, wird viel- 
leicht eine Schädigung des Kranken durch die analytische Kur 
aus der Existenz der Übertragungen ableiten wollen. Beides 
wäre irrig. Die Arbeit des Arztes wird durch die Übertragung 
nicht vermehrt; es kann ihm ja gleichgültig sein, ob er die be- 
treffende Regung des Kranken in Verbindung mit seiner Person 
oder mit einer anderen zu überwinden hat. Die Kur nötigt aber 
auch dem Kranken mit der Übertragung keine neue Leistung 
auf, die er nicht auch sonst vollzogen hätte. Wenn Heilungen 
von Neurosen auch in Anstalten zustande kommen, wo psychisch- 
analytische Behandlung ausgeschlossen ist, wenn man sagen 
konnte, daß die Hysterie nicht durch die Methode, sondern 
durch den Arzt geheilt wird, wenn sich eine Art von blinder 
Abhängigkeit und dauernder Fesselung des Kranken an den 
Arzt zu ergeben pflegt, der ihn durch hypnotische Suggestion 
von seinen Symptomen befreit hat, so ist die wissenschaftliche 
Erklärung für all dies in „Übertragungen" zu sehen, die der 
Kranke regelmäßig auf die Person des Arztes vornimmt. Die 
psychoanalytische Kur schafft die Übertragung nicht, sie deckt 
sie bloß, wie anderes im Seelenleben Verborgene, auf. Der Unter- 
schied äußert sich nur darin, daß der Kranke spontan bloß 
zärtliche und freundschaftliche Übertragungen zu seiner Heilung 
wachruft; wo dies nicht der Fall sein kann, reißt er sich so 
schnell wie möglich unbeeinflußt vom Arzte, der ihm nicht 
„sympathisch" ist, los. In der Psychoanalyse werden hingegen, 
entsprechend einer veränderten Motivenlage, alle Regungen, auch 
die feindseligen, geweckt, durch Bewußtmachen für die Analyse 
verwertet, und dabei wird die Übertragung immer wieder ver- 
nichtet. Die Übertragung, die das größte Hindernis für die 
Psychoanalyse zu werden bestimmt ist, wird zum mächtigsten 
Hilfsmittel derselben, wenn es gelingt, sie jedesmal zu erraten 
und dem Kranken zu übersetzen. 

Ich mußte von der Übertragung sprechen, weil ich die 
Besonderheiten der Analyse Doras nur durch dieses Moment 
aufzuklären vermag. Was den Vorzug derselben ausmacht und 



• 






106 

sie als geeignet für eine erste, einführende Publikation erscheinen 
läßt, ihre besondere Durchsichtigkeit, das hängt mit ihrem 
großen Mangel, welcher zu ihrem vorzeitigen Abbruche führte, 
innig zusammen. Es gelang mir nicht, der Übertragung recht- 
zeitig Herr zu werden; durch die Bereitwilligkeit, mit welcher 
sie mir den einen Teil des pathogenen Materials in der Kur 
zur Verfügung stellte, vergaß ich der Vorsicht, auf die ersten 
Zeichen der Übertragung zu achten, welche sie mit einem an- 
deren, mir unbekannt gebliebenen Teile desselben Materials vor- 
bereitete. Zu Anfang war es klar, daß ich ihr in der Phantasie 
den Väter ersetzte, wie auch bei dem Unterschiede unserer 
Lebensalter nahelag. Sie verglich mich auch immer bewußt mit 
ihm, suchte sich ängstlich zu vergewissern, ob ich auch ganz 
aufrichtig gegen sie sei, denn, der Vater „bevorzuge immer die 
Heimlichkeit und einen krummen Umweg". Als dann der erste 
Traum kam, in dem sie sich warnte, die Kur zu verlassen wie 
seinerzeit das Haus des Herrn K., hätte ich selbst gewarnt 
werden müssen und ihr vorhalten sollen: „Jetzt haben Sie eine 
Übertragung von Herrn K. auf mich gemacht. Haben Sie etwas 
bemerkt, was Sie auf böse Absichten schließen läßt, die denen 
des Herrn K. (direkt oder in irgend einer Sublimierung) ähnlich 
sind, oder ist Ihnen etwas an mir aufgefallen oder von mir be- 
kannt geworden, was Ihre Zuneigung erzwingt, wie ehemals bei 
Herrn K.?" Dann hätte sich ihre Aufmerksamkeit auf irgend 
ein Detail aus unserem Verkehre, an meiner Person oder an 
meinen Verhältnissen gerichtet, hinter dem etwas Analoges, aber 
ungleich Wichtigeres, das Herrn K. betraf, sich verborgen hielt, 
und durch die Lösung dieser Übertragung hätte die Analyse 
den Zugang zu neuem, wahrscheinlich tatsächlichem Material 
der Erinnerung gewonnen. Ich überhörte aber diese erste War- 
nung, meinte, es sei reichlich Zeit, da sich andere Stufen der 
Übertragung nicht einstellten und das Material für die Analyse 
noch nicht versiegte. So wurde ich denn von der Übertragung 
überrascht und wegen des X., in dem ich sie an Herrn K. er- 
innerte, rächte sie sich an mir, wie sie sich an Herrn K. rächen 
wollte, und verließ mich, wie sie sich von ihm getäuscht und ver- 
lassen glaubte. Sie agierte so ein wesentliches Stück ihrer 
Erinnerungen und Phantasien, anstatt es in der Kur zu repro- 



107 



duzieren. Welches dieses X war, kann ich natürlich nicht 
wissen: ich vermute, es bezog sich auf Geld, oder es war Eifer- 
sucht gegen eine andere Patientin, die nach ihrer Heilung im 
Verkehre mit meiner Familie geblieben war. Wo sich die Über- 
tragungen frühzeitig in die Analyse einbeziehen lassen, da wird 
deren Verlauf undurchsichtig und verlangsamt, aber ihr Bestand 
ist gegen plötzliche unwiderstehliche Widerstände besser ge- 
sichert. 

In dem zweiten Traume Doras ist die Übertragung durch 
mehrere deutliche Anspielungen vertreten. Als sie ihn mir er- 
zählte, wußte ich noch nicht, erfuhr es erst zwei Tage später, daß 
wir nur noch zwei Stunden Arbeit vor uns hatten, dieselbe Zeit, 
die sie vor dem Bilde der Sixtinischen Madonna verbracht, und 
die sie auch vermittelst einer Korrektur (zwei Stunden anstatt 
zweieinhalb Stunden) zum Maße des von ihr zurückgelegten Weges 
um den See gemacht hatte. Das Streben und Warten im Traume, 
das sich auf den jungen Mann in Deutschland bezog und von 
ihrem Warten, bis Herr K. sie heiraten könne, herstammte, hatte 
sich schon einige Tage vorher in der Übertragung geäußert: 
Die Kur dauere ihr zu lange, sie werde nicht die Geduld haben, 
so lange zu warten, während sie in den ersten Wochen Einsicht 
genug gezeigt hatte, meine Ankündigung, ihre volle Herstellung 
werde etwa ein Jahr in Anspruch nehmen, ohne solchen Ein- 
spruch anzuhören. Die Ablehnung der Begleitung im Traume, 
sie wolle lieber allein gehen, die gleichfalls aus dem Besuche 
in der Dresdener Galerie herrührte, sollte ich ja an dem hiefür 
bestimmten Tage erfahren. Sie hatte wohl den Sinn: Da alle 
Männer so abscheulich sind, so will ich lieber nicht heiraten. 
Dies meine Rache 1 ). 



!) Je weiter ich mich zeitlich von der Beendigung dieser Analyse 
entferne, desto wahrscheinlicher wird mir, daß mein technischer Fehler in 
folgender Unterlassang bestand: Ich habe es versäumt, rechtzeitig zu er- 
raten und der Kranken mitzuteilen, daß die homosexuelle (gynäkophile) 
Liebesregung für Frau K. die stärkste der unbewußten Strömungen ihres 
Seelenlebens war. Ich hätte erraten müssen, daß keine andere Person als 
Frau K. die Hauptquellc für ihre Kenntnis sexueller Dinge sein konnte, 
dieselbe Person, von der sie dann wegen ihres Interesses an solchen Gegen- 
ständen verklagt worden war. Es war doch zu auffällig, daß sie alles An- 
stößige wußte und niemals wissen wollte, woher sie es wußte. An dieses 



108 

Wo Regungen der Grausamkeit und Motive der Rache, die 
schon im Leben zur Aufrechthaltung der Symptome verwendet 
worden sind, sich während der Kur auf den Arzt übertragen, 
ehe er Zeit gehabt hat, dieselben durch Rückführung auf ihre 
Quellen von seiner Person abzulösen, da darf es nicht Wunder 
nehmen, daß das Befinden der Kranken nicht den Einfluß seiner 
therapeutischen Bemühung zeigt. Denn wodurch könnte die 
Kranke sich wirksamer rächen, als indem sie an ihrer Person 
dartut, wie ohnmächtig und unfähig der Arzt ist? Dennoch bin 
ich geneigt, den therapeutischen Wert auch so fragmentarischer 
Behandlungen, wie die Doras war, nicht gering zu veranschlagen. 

Erst fünf Vierteljahre nach Abschluß der Behandlung und 
dieser Niederschrift erhielt ich Nachricht von dem Befinden 
meiner Patientin und somit von dem Ausgange der Kur. An 
einem nicht ganz gleichgültigen Datum, am 1. April — wir wissen, 
daß Zeiten bei ihr nie bedeutungslos waren — erschien sie bei 
mir, um ihre Geschichte zu beenden und um. neuerdings Hilfe 
zu erbitten: ein Blick auf ihre Miene konnte mir aber verraten, 
daß es ihr mit dieser Bitte nicht Ernst war. Sie war noch vier bis 
fünf Wochen, nachdem sie die Behandlung verlassen, im „Durch- 
einander", wie sie sagte. Dann trat eine große Besserung ein, 
die Anfälle wurden seltener, ihre Stimmung gehoben. Im Mai 
des jetzt vergangenen Jahres starb das eine Kind des Ehe- 
paares K., das immer gekränkelt hatte. Sie nahm diesen Trauer- 
fall zum Anlasse, um den K. einen Kondolenzbesuch zu machen, 
und wurde von ihnen empfangen, als ob in diesen letzten drei 
Jahren nichts vorgefallen wäre. Damals söhnte sie sich mit 
ihnen aus, nahm ihre Rache an ihnen und brachte ihre An- 



Rätsel hätte ich anknüpfen, für diese sonderbare Verdrängung hätte ich 
das Motiv suchen müssen. Der zweite Traum hätte es mir dann verraten. 
Die rücksichtslose Rachsucht, welcher dieser Traum den Ausdruck gab, war 
wie nichts anderes geeignet, die gegensätzliche Strömung zu verdecken, den 
Edelmut, mit dem sie den Verrat der geliebten Freundin verzieh und es allen 
verbarg, daß diese selbst ihr die Eröffnungen gemacht, deren Kenntnis dann 
zu ihrer Verdächtigung verwendet wurde. Ehe ich die Bedeutung der homo- 
sexuellen Strömung bei den Psychoneurotikern erkannt hatte, bin ich oftmals 
in der Behandlung von Fällen stecken geblieben oder in völlige Verwirrung 
geraten. 



109 

gclegenheil zu einem für sie befriedigenden Abschlüsse. Der 
Frau sagte sie : Ich weiß, du hast ein Verhältnis mit dem Papa, . 
und diese leugnete nicht. Den Mann veranlaßte sie, die von 
ihm bestrittene Szene am See zuzugestehen, und brachte diese, 
sie rechtfertigende Nachricht ihrem Vater. Sie hat den Verkehr 
mit der Familie nicht wieder aufgenommen. 

Es ging ihr dann ganz gut bis Mitte Oktober, um welche 
Zeit sich wieder ein Anfall von Stimmlosigkeit einstellte, der 
sechs Wochen lang anhielt. Über diese Mitteilung überrascht, 
frage ich, ob dafür ein Anlaß vorhanden war, und höre, daß 
der Anfall an ein heftiges Erschrecken anschloß. Sie mußte zu- 
sehen, wie jemand von einem Wagen überfahren wurde. Endlich 
rückte sie damit heraus, daß der Unfall keinen anderen als 
Herrn K. betroffen hatte. Sie traf ihn eines Tages auf der Straße ; 
er kam ihr an einer Stelle lebhaften Verkehres entgegen, blieb 
wie verworren vor ihr stehen und ließ sich in der Selbstver- 
gessenheil von einem Wagen niederwerfen 1 ). Sie überzeugte sich 
übrigens, daß er ohne erheblichen Schaden davonkam. Es rege 
sich noch leise in ihr, wenn sie von dem Verhältnisse des Papas 
zu Frau K. reden höre, in welches sie sich sonst nicht mehr 
menge. Sie lebe ihren Studien, gedenke nicht zu heiraten. 

Meine Hilfe suchte sie wegen einer rechtsseitigen Gesichts- 
neuralgie, die jetzt Tag und Nacht anhalte. Seit wann? „Seit 
genau vierzehn Tagen 2 )." — Ich mußte lächeln, da ich ihr 
nachweisen konnte, daß sie vor genau vierzehn Tagen eine mich 
betreffende Nachricht in der Zeitung gelesen, was sie auch be- 
stätigte (1902). 

Die angebliche Gesichtsneuralgie entsprach also einer 
Selbstbestralung, der Reue wegen der Orfeige, die sie damals 
Herrn K. gegeben, und der daraus auf mich bezogenen Rache- 
Übertragung. Welche Art Hilfe sie von mir verlangen wollte, 
weiß ich nicht, aber ich versprach, ihr zu verzeihen, daß sie 
mich um die Befriedigung gebracht, sie weit gründlicher von 
ihrem Leiden zu befreien. 

l ) Ein interessanter Beitrag zu dem in meiner „Psychopathologie des 
Alltagslebens" behandelten indirekten Selbstmordversuche. 

*) Siehe die Bedeutung dieses Termins und dessen Beziehung zum 
Thema der Rache in der Analyse des zweiten Traumes. 



* 






110 

Es sind wiederum Jahre seit dem Besuche bei nur ver- 
gangen. Das Mädchen hat sich seither verheiratet, und zwar mit 
jenem jungen Manne, wenn mich nicht alle Anzeichen trügen, 
den die Einfälle zu Beginn der Analyse des zweiten Traumes 
erwähnten 1 )-. Wie der erste Traum die Abwendung vom geliebten 
Manne zum Vater, also die Flucht aus dem Leben in die 
Krankheil bezeichnete, so verkündete ja dieser zweite Traum, 
daß sie sich vom Vater losreißen werde und dem Leben wieder- 
gewonnen sei. 

') Wie ich später erfuhr, war diese Vermutung irrig. 






IL 



Tatbestandsdiagnostik und Psychoanalyse 1 ). 



Meine Herren! Die wachsende Einsicht in die Unzuverlässig- 
keit der Zeugenaussage, welche doch gegenwärtig die Grundlage 
so vieler Verurteilungen in Streitfällen bildet, hat bei Ihnen allen, 
künftigen Richtern und Verteidigern, das Interesse für ein neues 
Untersuchungsverfahren gesteigert, welches den Angeklagten selbst 
nötigen soll, seine Schuld oder Unschuld durch objektive Zeichen 
zu erweisen. Dieses Verfahren besteht in einem psychologischen 
Experimente und ist auf psychologische Arbeiten begründet; es 
hängt innig mit gewissen Anschauungen zusammen, die in der 
medizinischen Psychologie erst kürzlich zur Geltung gekommen 
sind. Ich weiß, daß Sie damit beschäftigt sind, die Handhabung 
und Tragweite dieser neuen Methode zunächst in Versuchen, die 
man „Phantomübungen" nennen könnte, zu prüfen, und bin 
bereitwillig der Aufforderung Ihres Vorsitzenden, Prof. Löffler, 
gefolgt, Urnen die Beziehungen dieses Verfahrens zur Psycho- 
logie ausführlicher auseinanderzusetzen. 

Ihnen allen ist das Gesellschafts- und Kinderspiel bekannt, 
in dem der eine dem anderen ein beliebiges Wort zuruft, zu 
welchem dieser ein zweites Wort fügen soll, das mit dem ersten 
ein zusammengesetztes Wort ergibt. Z. B. Dampf — Schiff; also 
Dampfschiff. Nichts anderes als eine Modifikation dieses Kinder- 
spieles ist der von der Wundtschen Schule in die Psychologie 
eingeführte Assoziationsversuch, der bloß auf eine Bedingtheit 
jenes Spieles verzichtet hat. Er besteht also darin, daß man 
einer Person ein Wort zuruft — das Reizwort — , worauf sie 

i) Vortrag, gehalten in'Prof. Löfflers Seminar im Juni 1906. — Archiv 
f. Kriminalanthropologie u. Kriminalistik von H. Gross. Bd. 26, 1906. 



112 

möglichst rasch mit einem zweiten Worte antwortet, das ihr 
dazu einfällt, der sogenannten „Reaktion", ohne daß sie in 
der Wahl dieser Reaktion durch irgend etwas beengt worden 
wäre. Die Zeit, die zur Reaktion verbraucht wird, und das Ver- 
hältnis von Reizwort und Reaktion, das sehr mannigfaltig sein 
kann, sind die Gegenstände der Beobachtung. Man kann nun 
nicht, behaupten, daß bei diesen Versuchen zunächst viel heraus- 
gekommen ist. Begreiflich, denn sie waren ohne sichere Frage- 
stellung gemacht, und es fehlte an einer Idee, die auf die Er- 
gebnisse anzuwenden wäre. Sinnvoll und fruchtbar wurden sie 
erst, als Bleuler in Zürich und seine Schüler, insbesondere 
Jung, sich mit solchen „Assoziationsexperimenten" zu beschäf- 
tigen begannen. Werl, erhielten ihre Versuche aber durch die 
Voraussetzung, daß die Reaktion auf das Reizwort nichts Zu- 
fälliges sein könne, sondern durch einen beim Reagierenden 
vorhandenen Vorstellungsinhalt determiniert sein müsse. 

Man hat sich gewöhnt, einen solchen Vorstellungsinhalt, 
der imstande ist die Reaktion auf das Reizwort zu beeinflussen, 
einen „Komplex" zu heißen. Die Beeinflussung geht entweder 
so vor sich, indem das Reizwort den Komplex direkt streift, 
oder indem es letzterem gelingt, sich durch Mittelglieder mit 
dem Reizworte in Verbindung zu setzen. Diese Determinierung 
der Reaktion ist eine sehr merkwürdige Tatsache; Sie können 
die Verwunderung darüber in der Literatur des Gegenstandes 
unverhohlen ausgedrückt finden. Aber an ihrer Richtigkeit ist 
nicht zu zweifeln, denn Sie können in der Regel den beein- 
flussenden Komplex nachweisen und die sonst unverständlichen 
Reaktionen aus ihm verstehen, wenn Sie die reagierende Person 
selbst nach den Gründen ihrer Reaktion befragen. Beispiele wie 
die auf Seite 6 und 8 bis 9 der Jungschen Abhandlung 1 ) sind 
sehr geeignet, uns am Zufalle und an der angeblichen Willkür 
im seelischen Geschehen zweifeln zu machen. 

Nun werfen Sie mit mir einen Blick auf die Vorgeschichte 
des Bleu ler- Jung sehen Gedankens von der Determinierung 
der Reaktion durch den Komplex bei der examinierten Person. 



l ) Jung, Die psychologische Diagnose des Tatbestandes, 1906. (Juristisch- 
psychiatrische Grenzfragen, IV, 2.) 



"~-ir --L9BBM 



113 

Im Jahre 1901 habe ich in einer Abhandlung 1 ) dargetan, daß 
eine ganze Reihe von Aktionen, die man für unmotiviert hielt, 
vielmehr strenge determiniert sind, und um soviel die psychische 
Willkür einschränken geholfen. Ich habe die kleinen Fehl- 
leistungendes Vergessens, Versprechens, Verschreibens, Verlegens 
zum Gegenstande genommen und gezeigt, daß wenn ein Mensch 
sich verspricht, nicht der Zufall, auch nicht allein Artikulations- 
schwierigkeiten und Lautähnlichkeiten dafür verantwortlich zu 
machen sind, sondern daß jedesmal ein störender Vorstellungs- 
inhalt — Komplex — nachweisbar ist, welcher die intendierte 
Rede in seinem Sinne, anscheinend zum Fehler, abändert. Ich 
habe ferner die kleinen, anscheinend absichtslosen und zufälligen 
Handlungen der Menschen, ihr Tändeln, Spielen usw. in Betracht 
gezogen und sie als „Symptomhandlungen" entlarvt, die mit 
einem verborgenen Sinn in Beziehung stehen und diesem einen 
unauffälligen Ausdruck verschaffen sollen. Es hat sich mir ferner 
ergeben, daß man sich nicht einmal einen Vornamen willkürlich 
einfallen lassen kann, der sich nicht als durch einen mächtigen 
Vorstellungskomplex bestimmt erwiese; ja, daß Zahlen, die man 
anscheinend willkürlich wählt, sich auf einen solchen verborgenen 
Komplex zurückführen lassen. Ein Kollege Dr. Alfred 
Adler hat einige Jahre später diese befremdendste meiner 
, Aufstellungen durch einige schöne Beispiele belegen können 2 ). 
Hat man sich nun an solche Auffassung der Bedingtheit im 
psychischen Leben gewphnt, so ergibt sich als eine berechtigte 
Ableitung aus den Resultaten der Psychopathologie des Alltags- 
lebens, daß auch die Einfälle der Person beim Assoziations- 
experimente nicht willkürlich, sondern durch einen in ihr wirk- 
samen Vorstellungsinhalt bedingt sein mögen. 

Nun, meine Herren, kehren wir zum Assoziationsexperi- 
mente zurück! In den bisher betrachteten Fällen war es die 
examinierte Person, die uns über die Herkunft der Reaktionen 
aufklärte, und diese Bedingung macht den Versuch eigentlich 

') Zur Psychopathologie des Alltagslebens. Monatschrift f. Psychiatrie 
und Neurologie, Bd. X. (1904 als Buch erschienen, 7. Aufl., 1920 im Internat, 
psychoanalyt. Verlag in Wien). 

s ) Adler, Drei Psychoanalysen von Zahleneinfällen und obsedierenden 
Zahlen. Psychiatrisch-neurologische Wochenschrift von Bresler, 1905, Nr. 28. 
Freud, Nearosenlehre. II. 3. Aufl. o 






114 

für die Rechtspflege uninteressant. Wie aber, wenn wir die Ver- 
suchsanordnungen abändern, etwa wie man eine Gleichung mit 
mehreren Größen nach der einen oder der anderen auflösen, 
das a oder das b in ihr zum gesuchten x machen kann? Bisher 
war uns Prüfern der Komplex unbekannt, wir prüften mit be- 
liebig gewählten Reizworten, und die Versuchsperson denunzierte 
uns den Komplex, der durch die Reizworte zur Äußerung 
gebracht worden war. Machen wir es nun anders, nehmen wir 
einen uns bekannten Komplex her, reagieren auf ihn mit ab- 
sichtlich gewählten Reiz Worten, wälzen das x auf die Seite der 
reagierenden Person, ist es dann möglich, aus dem Ausfalle 
der Reaktionen zu entscheiden, ob die examinierte Person den 
gewählten Komplex gleichfalls in sich trägt? Sie sehen- ein, 
diese Versuchsanordnung entspricht genau dem Falle des Unter- 
suchungsrichters, der erfahren möchte, ob ein gewisser ihm be- 
kannter Tatbestand auch dem Angeklagten als Täler bekannt 
ist. Es scheint, daß Wertheim er und Klein, zwei Schüler 
des Straf rechtslehrers Hans Groß in Prag, zuerst diese für 
Sie bedeutsame Abänderung der Versuchsordnung vorgenommen 
haben 1 ). 

Sie wissen bereits aus Ihren eigenen Versuchen, daß sich 
bei solcher Fragestellung an den Reaktionen viererlei Anhalts- 
punkte zur Entscheidung der Frage ergeben, ob die examinierte 
Person den Komplex besitzt, auf den Sie mit den Reizworten 
reagieren. Ich will Ihnen dieselben der Reihe nach aufzählen: 
1. Der ungewöhnliche Inhalt der Reaktion, der ja Aufklärung 
fordert. 2. Die Verlängerung der Reaktionszeit, indem es sich 
herausstellt, daß Reizworte, welche den Komplex getroffen haben, 
erst nach deutlicher Verspätung (oft das Mehrfache der sonstigen 
Reaktionszeit) mit der Reaktion beantwortet werden. 3. Der 
Irrtum bei der Reproduktion. Sie wissen, welche merkwürdige 
Tatsache damit gemeint ist. Wenn man eine kurze Zeit nach 
dem Abschlüsse des Versuches mit. einer längeren Reihe von 
Reizwörtern dieselben dem Examinierten nochmals vorlegt, so 
wiederholt er die nämlichen Reaktionen wie beim ersten Male. 
Nur bei denjenigen Reizworten, welche den Komplex direkt 



') Nach Jung, 1. c. 



115 

getroffen haben, ersetzt er die frühere Reaktion leicht durch 
eine andere. 4. Die Tatsache der Perseveration (vielleicht sagten 
wir besser: Nachwirkung). Es kommt nämlich häufig vor, daß 
die Wirkung der Erweckung des Komplexes durch ein ihn be- 
treffendes („kritisches") Reizwort, also z. B. die Verlängerung 
der Reaktionszeit, anhält und noch die Reaktionen auf die 
nächsten nicht kritischen Worte verändert. Wo nun alle oder 
mehrere dieser Anzeichen zusammentreffen, da hat sich der 
uns bekannte Komplex als beim Angerufenen störend vorhanden 
erwiesen. Sie verstehen diese Störung in der Weise, daß der 
beim Angerufenen vorhandene Komplex mit Affekt besetzt und 
befähigt ist, der Aufgabe des Reagierens Aufmerksamkeit zu 
entziehen, finden also in dieser Störimg' einen „psychischen 
Selbstverrat". 

Ich weiß, daß Sie gegenwärtig mit den Chancen und 
Schwierigkeiten dieses Verfahrens, welches den Beschuldigten 
zum objektiven Selbstverrat bringen soll, beschäftigt sind, und 
lenke Ihre Aufmerksamkeit darum auf die Mitteilung, daß ein 
ganz, analoges Aufdeckungsverfahren für verborgenes oder ver- 
heimlichtes Seelisches seit länger als einem Dezennium auf einem 
anderen Gebiete in Übung ist. Es soll meine Aufgabe sein, Ihnen 
die Ähnlichkeit und die Verschiedenheit der Verhältnisse hier 
und dort vorzuführen. 

Dies Gebiet ist ein von dem Ihrigen wohl recht ver- 
schiedenes. Ich meine nämlich die Therapie gewisser „Nerven- 
krankheiten" der sogenannten Psychoneurosen, für i welche Sie 
Hysterie und Zwangsvorstellen als Muster ^nehmen können. Das 
Verfahren heißt dort Psychoanalyse und ist von mir aus dem 
zuerst von J. Breuer 1 ) in Wien geübten „katharti sehen" Heil- 
verfahren entwickelt worden. Um Ihrer Verwunderung zu be- 
gegnen, muß ich eine Analogie zwischen dem Verbrecher und 
dem Hysteriker durchführen. Bei beiden handelt es sich um ein 
Geheimnis, um etwas Verborgenes. Aber, um nicht paradox zu 
werden, muß ich auch gleich den Unterschied hervorheben. Beim 
Verbreche] 1 handelt es sich um ein Geheimnis, das er weiß und 
vor Ihnen verbirgt, beim Hysteriker um ein Geheimnis, das 



i) J. Breuer und S. Freud, Studien über Hysterie, 1895, 3. Aufl., 1916. 






\ 



' ^MHMTCä 



116 

auch er selbst nicht weiß, das sich vor ihm .selbst verbirgt. Wie 
ist das möglich ? Nun, wir wissen durch mühevolle Erforschungen, 
daß alle diese Erkrankungen darauf beruhen, daß solche Per- 
sonen es zustande gebracht haben, gewisse stark affektbeselzte 
Vorstellungen und Erinnerungen und die auf sie gebauten 
Wünsche so zu verdrängen, daß sie in ihrem Denken keine 
Rolle spielen, in ihrem Bewußtsein nicht auftreten und somit 
ihnen selbst geheim bleiben. Aus diesem verdrängten psychischen 
Material, aus diesen „Komplexen" rühren aber die somatischen 
und psychischen Symptome her, welche ganz nach Art eines 
bösen Gewissens die Kranken quälen. Der Unterschied zwischen 
dem Verbrecher und dem Hysteriker ist also in diesem einen 
Punkte fundamental. ' l 

Die Aufgabe des Therapeuten ist aber die nämliche wie die 
des Untersuchungsrichters ; wir sollen das verborgene Psychische ' 
aufdecken und haben zu diesem Zwecke eine Reihe von Detektiv- 
künsten erfunden, von denen uns also jetzt die Herren Juristen 
einige nachahmen werden. 

Es wird Sie für Ihre Arbeit interessieren zu hören, in 
welcher Weise wir Ärzte bei der Psychoanalyse vorgehen. Nach- 
dem der Kranke ein erstes Mal seine Geschichte erzählt hat, 
fordern wir ihn auf, sich ganz seinen Einfällen zu überlassen 
und ohne jeden kritischen Rückhalt vorzubringen, was ihm in 
den Sinn kommt. Wir gehen also von der Voraussetzung aus, 
die er gar nicht teilt, daß diese Einfälle nicht willkürliche, 
sondern durch die Beziehung zu seinem Geheimnisse, seinem 
„Komplex" bestimmt sein werden, sozusagen als Abkömmlinge 
dieses Komplexes aufgefaßt werden können. Sie sehen, es ist 
die nämliche Voraussetzung, mit deren Hilfe Sie die Asso- 
ziationsexperimente deutbar gefunden haben. Der Kranke aber, 
dem man die Befolgung der Regel aufträgt, alle seine Einfälle 
mitzuteilen, scheint nicht imstande zu sein, dies zu tun. Er hält 
doch bald diesen, bald jenen Einfall zurück und bedient sich 
dabei verschiedener Motivierungen, entweder: das sei ganz un- 
wichtig, oder: es gehöre nicht dazu, oder: es sei überhaupt, 
ganz sinnlos. Wir verlangen dann, daß er den Einfall trotz 
dieser Einwendungen mitteile und verfolge; denn gerade die 
sich geltend machende Kritik ist uns ein Beweis für die Zu- 






117 









gehörigkeit des Einfalles zum „Komplex", den wir aufzudecken 
suchen. In solchem Verhalten der Kranken erblicken wir eine 
Äußerung des in ihm vorhandenen „Widerstandes", der uns 
während der ganzen Dauer der Behandlung nicht verläßt. Ich 
will nur kurz andeuten, daß der Begriff des Widerstandes für 
unser Verständnis der Krankheitsgenese wie des Heilungs- 
mechanismus die größte Bedeutung gewonnen hat. 

Eine derartige Kritik der Einfälle beobachten Sie nun bei 
Ihren Versuchen nicht direkt; dafür sind wir bei der Psycho- 
analyse in der Lage, alle Ihnen auffälligen Zeichen eines 
Komplexes zu beobachten. Wenn der Kranke es nicht mehr 
wagt, die ihm gegebene Regel zu verletzen, so merken wir doch, 
daß er zeitweilig in der Reproduktion der Einfälle stockt, 
zögert, Pausen macht. Jede solche Zögerung ist uns eine 
Äußerung des Widerstandes und dient uns als Anzeichen der 
Zugehörigkeit zum „Komplex". Ja, sie ist uns das wichtigste 
Zeichen solcher Bedeutung, ganz wie Ihnen die analoge Ver- 
längerung der Reaktionszeit. Wir sind gewöhnt, die Zögerung 
in diesem Sinne zu deuten, auch wenn der Inhalt des zurück- 
gehaltenen Einfalles gar keinen Anstoß zu bieten scheint, wenn 
der Kranke versichert, er könne sich gar nicht denken, warum 
er zögern sollte, ihn mitzuteilen. Die Pausen, die in' der 
Psychoanalyse vorkommen, sind in der Regel vielmals größer 
als die Verspätungen, die Sie bei den Reaktionsversuchen 
notieren. 

Auch das andere Ihrer Komplexanzeichen, die inhaltliche 
Veränderung der Reaktion, spielt seine Rolle in der Technik 
der Psychoanalyse. Wir pflegen selbst leise Abweichungen von 
der gebräuchlichen Ausdrucksweise bei unseren Kranken ganz 
allgemein als Anzeichen für einen verborgenen Sinn anzusehen 
und setzen uns selbst mit solchen Deutungen gerne für eine 
Weile seinem Spotte aus. Wir lauern bei ihm geradezu auf 
Reden, die ins Zweideutige schillern, und bei denen der ver- 
borgene Sinn durch den harmlosen Ausdruck hindurchschimmert. 
Nicht nur der Kranke, auch Kollegen, die der psychoanalytischen 
Technik und ihrer besonderen Verhältnisse unkundig sind, ver- 
sagen uns da ihren Glauben und werfen uns Witzelei und 
Wortklauberei vor, aber wir behalten fast immer Recht. Es ist 



. 



' 



118 

schließlich nicht schwer zu verstehen, daß ein sorgfällig ge- 
hütetes Geheimnis sich nur durch feine, höchstens durch zwei- 
deutige Andeutungen verrät. Der Kranke gewöhnt sich schließ- 
lich daran, uns in sogenannter „indirekter Darstellung" all das 
zu gehen, was wir zur Aufdeckung des Komplexes benötigen. 

Auf einem beschränkteren Gebiet verwerten wir in der 
Technik der Psychoanalyse das dritte Ihrer Komplexanzeichen, 
den Irrtum, d. h. die Abänderung bei der Reproduktion. Eine 
Aufgabe, die uns häufig gestellt wird, ist die Deutung vcn 
Träumen, das ist die Übersetzung des erinnerten Trauminhaltes 
in dessen verborgenen Sinn. Es kommt dabei vor, daß wir 
unschlüssig sind, an welcher Stelle wir die Aufgabe anfassen 
sollen, und in diesem Falle können wir uns einer empirisch 
gefundenen Regel bedienen, welche uns rät, die Traumerzählung 
wiederholen zu lassen. Der Träumer verändert dabei gewöhn- 
lich seine Ausdrucksweise an manchen Stellen, während er sich 
an anderen getreulich wiederholt. Wir aber klammern uns an 
die Stellen, in denen die Reproduktion durch Abänderung, oft 
auch durch Auslassung, fehlerhaft ist, weil uns diese Untreue 
die Zugehörigkeit zum Komplex verbürgt und den besten Zu- 
gang zum geheimen Sinn des Traumes verspricht 1 ). 

Sie werden nun nicht den Eindruck empfangen, als hätte 
die von mir verfolgte Übereinstimmung ein Ende gefunden, 
wenn ich Ihnen gestehe, daß ein der „Perseveration" ähnliches 
Phänomen in der Psychoanalyse nicht zum Vorschein kommt. 
Dieser scheinbare Unterschied rührt nur von den besonderen 
Bedingungen Ihrer Experimente her. Sie lassen ja der Komplex- 
wirkung eigentlich keine Zeit sich zu entwickeln; kaum daß 
sie begonnen hat, rufen Sie die Aufmerksamkeit des Examinierten 
durch ein neues, wahrscheinlich harmloses Reizwort wieder ab und 
dann können Sie beobachten, daß die Versuchsperson manchmal 
trotz Ihrer Störungen bei der Beschäftigung mit dem Komplex ver- 
harrt. Wir aber vermeiden solche Störungen in der Psychoanalyse, 
wir erhalten den Kranken bei seiner Beschäftigung mit dem Kom- 
plex, und weil bei uns sozusagen alles Perseveration ist, können 
wir dies Phänomen nicht als vereinzeltes Vorkommnis beobachten. 



*) Vgl. meine „Traumdeutung", 1900, 6. Aufl., 1921. 



119 

Wir dürfen die Behauptung aufstellen, daß es uns durch 
Techniken wie die mitgeteilten prinzipiell gelingt, dem Kranken 
das Verdrängte, sein Geheimnis, bewußt zu machen und da- 
durch die psychologische Bedingtheit seiner Leidenssymptome 
aufzuheben. Ehe Sie nun aus diesem Erfolge Schlüsse auf die 
Chancen Ihrer Arbeiten ziehen, wollen wir die Unterschiede in 
der psychologischen Situation hier und dort beleuchten. 

Den Hauptunterschied haben wir schon genannt: Beim 
Neurotiker Geheimnis vor seinem eigenen Bewußtsein, beim 
Verbrecher nur vor Ihnen; beim ersteren ein echtes Nicht- 
wissen, obwohl nicht in jedem Sinne, beim letzteren nur Simu- 
lation des Nichtwissens. Damit ist ein anderer, praktisch wich- 
tiger Unterschied verknüpft. In der Psychoanalyse hilft der 
Kranke mit seiner bewußten Bemühung gegen seinen Wider- 
stand, denn er hat ja einen Nutzen von dem Examen zu er- 
warten, die Heilung; der Verbrecher hingegen arbeitet nicht mit. 
Ihnen, er würde gegen sein ganzes Ich arbeiten. Wie zur Aus- 
gleichung kommt es bei Ihrer Untersuchung nur darauf an, 
daß Sie eine objektive Überzeugung gewinnen, während bei der 
Therapie gefordert wird, daß der Kranke selbst sich die gleiche 
Überzeugung schaffe. Es bleibt aber abzuwarten, welche Er- 
schwerungen oder Abänderungen an Ihrem Verfahren Ihnen der 
Wegfall der Mitarbeiterschaft des Untersuchten bereiten wird. 
Es ist dies auch ein Fall, den Sie sich in Ihren Seminarver- 
suchen niemals herstellen können, denn Ihr Kollege, der sich 
in die Rolle des Beschuldigten fügt, bleibt doch Ihr Mitarbeiter 
und hilft Ihnen trotz seines bewußten Vorsatzes, sich nicht zu 
verraten. 

Wenn Sie auf die Vergleichung der beiden Situationen 
näher eingehen, so ergibt sich Ihnen überhaupt, daß in der 
Psychoanalyse ein einfacherer, ein Spezialfall der Aufgabe, Ver- 
borgenes im Seelenleben aufzudecken, vorliegt, in Ihrer Arbeit 
dagegen ein umfassenderer. Daß es sich bei den Psychoneu- 
rotikern ganz regelmäßig um einen verdrängten sexuellen Komplex 
(im weitesten Sinne genommen) handelt, das kommt als Unter- 
schied für Sie nicht in Betracht. Wohl aber etwas anderes. 
Die Aufgabe der Psychoanalyse lautet ganz uniform für alle 
Fälle, es seien Komplexe aufzudecken, die infolge von Unlust- 



Lm 



120 



gefühlen verdrängt sind und beim Versuch der Einführung ins 
Bewußtsein Anzeichen des Widerstandes von sich gehen. Dieser 
Widerstand ist gleichsam lokalisiert, er entsteht an dem Grenz- 
übergang zwischen Unbewußtem und Bewußtem. In Ihren 
Fallen handelt es sich um einen Widerstand, der ganz aus dem 
Bewußten herrührt. Sie werden diese Ungleichheit nicht ohne 
weiteres vernachlässigen können und erst durch Versuche fest- 
zustellen haben, ob sich der bewußte Widerstand durch ganz 
dieselben Anzeichen verrät wie der unbewußte. Ferner meine 
ich, daß Sie noch nicht sicher sein können, ob Sie Ihre ob- 
jektiven Komplexanzeichen, so wie wir Psychotherapeuten als 
„Widerstand" deuten dürfen. Wenn auch nicht sehr häufig 
bei Verbrechern, so doch bei Ihren Versuchspersonen mag sich 
der Fall ereignen, daß der Komplex, an den Sie streifen ein 
mit Lust betonter ist, und es fragt sich, oh dieser dieselben 
Reaktionen geben wird wie ein mit Unlust betonter. 

Ich möchte 'auch hervorheben, daß Ihr Versuch möglicher- 
weise einer Einmengung unterliegen kann, die in der Psycho- 
analyse wie selbstverständlich entfällt. Sie können nämlich bei 
Ihrer Untersuchung vom Neurotiker irregeführt werden, der so 
reagiert, als ob er schuldig wäre, obwohl er unschuldig ist, 
weil ein in ihm bereitliegendes und lauerndes Schuldbewußtsein 
sich der Beschuldigung des besonderen Falles bemächtigt. Halten 
Sie diesen Fall nicht für eine müßige Erfindung; denken Sie an 
die Kinderstube, in der man ihn häufig genug beobachten kann? 
Es kommt vor, daß ein Kind, dem man eine Untat vorwirft, 
die Schuld mit Entschiedenheit leugnet, dabei aber weint wie 
ein überführter Sünder. Sie werden vielleicht meinen, daß das 
Kind lügt, während es seine Unschuld versichert, aber der Fall 
kann anders liegen. Das Kind hat die eine Untat, die Sie ihm 
zur Last, legen, wirklich nicht verübt, aber dafür eine andere, 
ähnliche, von der Sie nichts wissen und deren Sie ihn nicht 
beschuldigen. Es leugnet also mit Recht seine Schuld — an 
dem einen — , und dabei verrät sich doch sein Schuldbewußtsein 
— wegen des anderen. Der erwachsene Neurotiker verhält sich 
in diesem — wie in vielen anderen Punkten — ganz so wie 
ein Kind; es gibt viele solcher Menschen, und es ist noch frag- 
lich, ob es Ihrer Technik gelingen wird, solche Selbstbeschuldiger 









121 

von den wirklich Schuldigen zu unterscheiden. Endlich noch 
eines: Sie wissen, daß Sie nach ihrer Strafprozeßordnung den 
Angeklagten durch kein Verfahren überrumpeln dürfen. Er wird 
also wissen, daß es sich beim Experiment darum handelt, sich 
nicht zu verraten, und es entsteht die weitere Frage, ob man 
auf dieselben Reaktionen zu rechnen hat, wenn die Aufmerk- 
samkeit dem Komplex zugewendet ist wie bei abgewendeter, 
und wie weit der Vorsatz zu verbergen bei verschiedenen Per- 
sonen in die Reaktionsweise hineinreichen kann. 

Gerade weil die Ihren Untersuchungen unterliegenden Situa- 
tionen so mannigfaltig sind, ist die Psychologie an dem Aus- 
fall derselben lebhaft interessiert, und man möchte Sie bitten, 
an der praktischen Verwertbarkeit derselben ja nicht zu rasch 
zu verzweifeln. Gestatten Sie mir, der ich der praktischen 
Rechtspflege so ferne stehe, noch einen anderen Vorschlag! So 
unentbehrlich Experimente im Seminar zur Vorbereitung und 
Fragestellung sein mögen, so werden Sie doch die gleiche psycho- 
logische Situation wie bei der. Untersuchung Beschuldigter 
im Straffalle hier nie herstellen können. Es bleiben Phantom- 
übungen, auf welche sich die praktische Verwendung im Straf- 
prozeß niemals begründen läßt. Wenn wir auf letztere nicht 
verzichten wollen, so bietet sich folgender Ausweg. Es möge 
Ihnen verstattet, ja zur Pflicht gemacht werden, solche Unter- 
suchungen durch eine Reihe von Jahren an allen realen 
Fällen von Strafbesehuldigung vorzunehmen, ohne daß den 
Ergebnissen derselben ein Einfluß auf die Ent- 
scheidung der richtenden Instanz zugestanden würde. 
Am besten, wenn die letztere überhaupt nicht zur Kenntnis 
Ihrer aus der Untersuchung gezogenen Schlußfolgerung über die 
Schuld des Angeklagten kommt. Nach jahrelanger Sammlung 
und vergleichender Bearbeitung der so gewonnenen Erfahrungen 
müßten wohl alle Zweifel an der Brauchbarkeit dieses psycho- 
logischen Untersuchungsverfahrens gelöst sein. Ich weiß freilich, 
daß die Verwirklichung dieses Vorschlages nicht allein von 
Ihnen und Ihren geschätzten Lehrern abhängt. 



' 






III. 
Zwangshandlungen und Religionsübungen 1 ). 

i 

Ich bin gewiß nicht der erste, dem die Ähnlichkeit der 
sogenannten Zwangshandlungen Nervöser mit den Verrichtungen 
aufgefallen ist, durch welche .der Gläubige seine Frömmigkeit 
bezeugt. Der Käme „Zeremoniell" bürgt mir dafür, mit dem 
man gewisse dieser Zwangshandlungen belegt hat. Doch scheint 
mir diese Ähnlichkeit eine mehr als oberflächliche zu sein, so 
daß man aus einer Einsicht in die Entstehung des neurotischen 
Zeremoniells Analogieschlüsse auf die seelischen Vorgänge des 
religiösen Lebens wagen dürfte. 

Die Leute, die Zwangshandlungen oder Zeremoniell aus- 
üben, gehören nebst jenen, die an Zwangsdenken, Zwangsvor- 
stellungen, Zwangsimpulsen u. dgl. leiden, zu einer besonderen 
klinischen Einheit, für deren Affektion der Name „Zwangsneurose" 
gehräuchlich ist 2 ). Man möge aber nicht versuchen, die Eigen- 
art dieses Leidens aus seinem Namen abzuleiten, denn streng 
genommen haben andersartige krankhafte Seelenerscheinungen 
den gleichen Anspruch auf den sogenannten „Zwangscharakter". 
An Stelle einer Definition muß derzeit noch die Detailkenntnis 
dieser Zustände treten, da es bisher nicht gelungen ist, das 
wahrscheinlich tief liegende Kriterium der Zwangsneurose auf- 
zuzeigen, dessen Vorhandensein man doch in ihren Äußerungen 
allenthalben zu spüren vermeint. 

Das neurotische Zeremoniell besteht in kleinen Ver- 
richtungen, Zutaten, Einschränkungen, Anordnungen, die bei 

>) Zeitschrift für Religionspsychologie, herausgegeben von Bresler und 
Vorbrodt, Bd. I, Heft 1, 1907. 

-) Vgl. Löwenfeld, Die psychischen Zwangserscheinungen, 1904. 



123 

gewissen Handlungen des täglichen Lebens in immer gleicher 
oder gesetzmäßig abgeänderter Weise vollzogen werden. Diese 
Tätigkeiten machen uns den Eindruck von bloßen „Formalitäten" ; 
sie erscheinen uns völlig bedeutungslos. Nicht anders erscheinen 
sie dem Kranken selbst, und doch ist er unfähig, sie zu unter- 
lassen, denn jede Abweichung von dem Zeremoniell straft sich 
durch unerträgliche Angst, die sofort die Nachholung des Unter- 
lassenen erzwingt. Ebenso kleinlich wie die Zeremoniellhandlungen 
selbst sind die Anlässe und Tätigkeiten, welche durch das 
Zeremoniell verziert, erschwert und jedenfalls auch verzögert 
werden, z. B. das Ankleiden und Auskleiden, das Zubette- 
gehen, die Befriedigung der körperlichen Bedürfnisse. Man kann 
die Ausübung eines Zeremoniells beschreiben, indem man es 
gleichsam durch eine Reihe ungeschriebener Gesetze ersetzt, also 
z. B. für das Bettzeremoniell: der Sessel muß in solcher be- 
stimmter Stellung vor dem Bette stehen, auf ihm die Kleider 
in gewisser Ordnung gefaltet liegen; die Bettdecke muß am 
Fußende eingesteckt sein, das Bettuch glatt gestrichen; die 
Polster müssen so und so verteilt liegen, def Körper selbst in 
einer genau bestimmten Lage sein; dann erst darf man ein- 
schlafen. In leichten Fällen sieht das Zeremoniell so der Über- 
treibung einer gewohnten und berechtigten Ordnung gleich. Aber 
die besondere Gewissenhaftigkeit der Ausführung und die Angst 
bei der Unterlassung kennzeichnen das Zeremoniell als „heilige 
Handlung". Störungen derselben werden meist schlecht vertragen ; 
die Öffentlichkeit, die Gegenwart anderer Personen während der 
Vollziehung ist. fast immer ausgeschlossen. 

Zu Zwangshandlungen im weiteren Sinne können alle be- 
liebigen Tätigkeiten werden, wenn sie durch kleine Zutaten 
verziert, durch Pausen und Wiederholungen rhythmiert werden. 
Eine scharfe Abgrenzung des „Zeremoniells" von den „Zwangs- 
handlungen" wird man zu finden nicht erwarten. Meist sind die 
Zwangshandlungen aus Zeremoniell hervorgegangen. Neben diesen 
beiden bilden den Inhalt des Leidens Verbote und Verhinderungen 
(Abulien), die ja eigentlich das Werk der Zwangshandlungen 
nur fortsetzen, indem dem Kranken einiges überhaupt nicht 
erlaubt ist, anderes nur unter Befolgung des vorgeschriebenen 
Zeremoniells. 



r 



124 

Merkwürdig ist, daß Zwang wie Verbote (das eine tun 
müssen, das andere nicht tun dürfen) anfänglich nur die einsamen 
Tätigkeiten der Menschen betreffen und deren soziales Verhalten 
lange Zeit, unbeeinträchtigt lassen; daher können solche Kranke 
ihr Leiden durch viele Jahre als ihre Privatsache behandeln und 
verbergen. Auch leiden viel mehr Personen an solchen Formen 
der Zwangsneurose, als den Ärzten bekannt wird. Das Verbergen 
wird ferner vielen Kranken durch den Umstand erleichtert, daß 
sie sehr wohl imstande' sind, über einen Teil des Tages ihre 
sozialen Pflichten zu erfüllen, nachdem sie eine Anzahl von 
Stunden in melusinenhafter Abgeschiedenheit, ihrem geheimnis- 
vollen Tun gewidmet haben. 

Es ist. leicht einzusehen, worin die Ähnlichkeit des neuroti- 
schen Zeremoniells mit den heiligen Handlungen des religiösen 
Ritus gelegen ist, in der Gewissensangst bei der Unterlassung, 
in der vollen Isolierung von allem anderen Tun (Verbot der 
Störung) und in der Gewissenhaftigkeit der Ausführung im 
kleinen. Aber ebenso augenfällig sind die Unterscheidungen, von 
denen, einige so grell sind, daß sie den Vergleich zu einem 
sakrilegischen werden lassen. Die größere individuelle Mannig- 
faltigkeit der Zeremoniellhandlungen im Gegensatze zurStereotypie 
des Ritus (Gebet, Proskinesis usw.), der Privatcharakter der- 
selben im Gegensatze zur Öffentlichkeit und Gemeinsamkeit der 
Religionsübung; vor allem aber der eine Unterschied, daß die 
kleinen Zutaten des religiösen Zeremoniells sinnvoll und symbo- 
lisch gemeint sind, während die des neurotischen läppisch und 
sinnlos erscheinen. Die Zwangsneurose liefert hier ein halb 
komisches, halb trauriges Zerrbild einer Privatreligion. Indes 
wird gerade dieser einschneidendste Unterschied zwischen neu- 
rotischem und religiösem Zeremoniell beseitigt, wenn man mit 
Hilfe der psychoanalytischen Untersuchungstechnik zum Ver- 
ständnis der Zwangshandlungen durchdringt 1 ). Bei dieser Unter- 
suchung wird der Anschein, als ob Zwangshandlungen läppisch 
und sinnlos wären, gründlich zerstört und die Begründung dieses 
Scheines aufgedeckt. Man erfährt, daß die Zwangshandlungen 
durchwegs und in all ihren Einzelheiten sinnvoll sind, im Dienste 

?) Vgl. Freud, Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. Wien 
1906. (3. Aufl., 1920.) 



i 






125 

von bedeutsamen Interessen der Persönlichkeil stehen und fort- 
wirkende Erlebnisse sowie affektbesetzte Gedanken derselben 
zum Ausdrucke bringen. Sie tun dies in zweierlei Art., entweder 
als direkte oder als symbolische Darstellungen ; sie sind demnach 
entweder historisch oder symbolisch zu deuten. 

Einige Beispiele, die diese Behauptung erläutern sollen, 
darf ich mir hier wohl nicht ersparen. Wer mit den Ergebnissen 
der psychoanalytischen Forschung bei den Psychoneurosen ver- 
traut ist, wird nicht überrascht sein zu hören, daß das durch 
die Zwangshandlungen oder das Zeremoniell Dargestellte sich 
aus dem intimsten, meist aus dem sexuellen Erlpben der Be- 
troffenen ableitet: 

a) Ein Mädchen meiner Beobachtung stand unter dem 
Zwange, nach dem Waschen die Waschschüssel mehrmals herum- 
zuschwenken. Die Bedeutung dieser Zeremoniellhandlung lag 
in dem sprichwörtlichen Satze: Man soll schmutziges Wasser 
nicht ausgießen, ehe man reines hat. Die Handlung war dazu 
bestimmt, ihre geliebte Schwester zu mahnen und zurückzuhalten, 
daß sie sich von ihrem unerfreulichen Manne nicht eher scheiden 
lasse, als bis sie eine Beiziehung zu einem besseren ange- 
knüpft habe. 

b) Eine von ihrem Manne getrennt lebende Frau folgte 
beim Essen dem Zwange, das Beste stehen zu lassen, z. B. von 
einem Stück gebratenen Fleisch nur die Ränder zu genießen. 
Dieser Verzicht erklärte sich durch das Datum seiner Entstehung. 
Er war am Tage aufgetreten, nachdem sie ihrem Manne den 
ehelichen Verkehr gekündigt, d. h. aufs Beste verzichtet hatte. 

c) Dieselbe Patientin konnte eigentlich, nur auf einem 
einzigen Sessel sitzen und konnte sich nur mit Schwierigkeit von 
ihm erheben.- Der Sessel symbolisierte ihr mit Beziehung auf 
bestimmte Details ihres Ehelebens den Mann, dem sie die Treue 
hielt. Sie fand zur Aufklärung ihres Zwanges den Satz: „Man 
trennt sich so schwer' von einem (Manne, Sessel), auf dem man 
einmal gesessen ist." 

d) Sie pflegte eine Zeit hindurch eine besonders auffällige 
und sinnlose Zwangshandlung zu wiederholen. Sie lief dann aus 
ihrem Zimmer in ein anderes, in dessen Mitte ein Tisch stand, 
rückte die auf ihm liegende Tischdecke in gewisser Art zurecht, 



- 



126 

schellte dem Stubenmädchen, das an den Tisch herantreten 
mußte, und entließ sie wieder mit einem gleichgültigen Auftrag. 
Bei den Bemühungen, diesen Zwang aufzuklären, fiel ihr ein, 
daß die betreffende Tischdecke an einer Stelle einen mißfarbigen 
Fleck hatte, und daß sie jedesmal die Decke so legte, daß der 
Fleck dem Stubenmädchen in die Augen fallen mußte. Das 
Ganze war dann eine Reproduktion eines Erlebnisses aus ihrer 
Ehe, welches ihren Gedanken später ein Problem zu lösen ge- 
geben hatte. Ihr Mann war in der Brautnacht von einem nicht 
ungewöhnlichen Mißgeschick befallen worden. Er fand sich 
impotent und „kam viele Male im Laufe der Nacht aus seinem 
Zimmer in ihres gerannt", um den Versuch, ob es nicht doch 
gelänge, zu wiederholen. Am Morgen äußerte er, er müsse sich 
ja vor dem Hotelstubenmädchen schämen, welches die Betten 
in Ordnung bringen werde, ergriff darum ein Fläschchen mit 
roter Tinte und goß dessen Inhalt, über das Bettuch aus, aber 
so ungeschickt, daß der rote Fleck an einer für seine Absicht 
sehr ungeeigneten Stelle zustande kam. Sie spielte also Braut- 
nacht mit jener Zwangshandlung. „Tisch und Bett" machen 
zusammen die Ehe aus. 

e) Wenn sie den Zwang angenommen hatte, die Nummer 
jeder Geldnote zu notieren, ehe sie dieselbe aus ihren Händen 
gab, so war dies gleichfalls historisch aufzuklären. Zur Zeit, als 
sie sich noch mit der Absicht trug, ihren Mann zu verlassen, 
wenn sie einen anderen, vertrauenswürdigeren fände, Ifeß sie 
sich in einem Badeorte die höflichen Bemühungen eines Herrn 
gefallen, über dessen Bereitschaft Ernst zu machen sie doch im 
Zweifel blieb. Eines Tages um Kleingeld verlegen, bat sie ihn, 
ihr ein Fünfkronenstück zu wechseln. Er tat es, steckte das 
große Geldstück ein und äußerte galant, er gedenke sich von 
diesem nie wieder zu trennen, da es durch ihre Hand gegangen 
sei. Bei späterem Beisammensein war sie nun oft in Versuchung, 
ihn aufzufordern, er möge ihr das Fünfkronenstück vorzeigen, 
gleichsam um sich so zu überzeugen, ob sie seinen Huldigungen 
Glauben schenken dürfe. Sie unterließ es aber mit der guten 
Begründung, daß man gleichwertige Münzen nicht voneinander 
unterscheiden könne. Der Zweifel blieb also ungelöst; er hinter- 
ließ ihr den Zwang, die Nummern der Geldnoten, durch welche 






127 

jede einzelne von allen ihr gleichwertigen individuell unter- 
schieden ist, zu notieren. 

Diese wenigen Beispiele, aus der Fülle meiner Erfahrung 
herausgehoben, sollen nur den Satz, daß alles an den Zwangs- 
handlungen sinnvoll und deutbar ist, erläutern. Das Gleiche gilt 
für das eigentliche Zeremoniell, nur daß hier der Beweis um- 
ständlichere Mitteilung erfordern würde. Ich verkenne es keines- 
wegs, wie sehr wir uns bei den Aufklärungen der Zwangs- 
handlungen vom Gedankenkreise der Religion zu entfernen 
scheinen. 

^Es gehört zu den Bedingungen des Krankseins, daß die 
dem Zwange folgende Person ihn ausübe, ohne seine Bedeutung 
— wenigstens. seine Hauptbedeutung — zu kennen. Erst durch 
die Bemühung der psychoanalytischen Therapie wird ihr der 
Sipn der Zwangshandlung und damit die zu ihr treibenden 
Motive bewußt gemacht. Wir sprechen diesen bedeutsamen 
Sachverhalt in den Worten aus, daß die Zwangshandlung un- 
bewußten Motiven und Vorstellungen zum Ausdruck diene. 
Darin scheint nun ein neuerlicher Unterschied gegen die Religions- 
übung zu liegen ; aber man muß daran denken, daß auch der 
einzelne Fromme in der Regel das religiöse Zeremoniell ausübt, 
ohne nach dessen Bedeutung zu fragen, während allerdings der 
Priester und der Forscher mit dem meist symbolischen Sinn des 
Ritus bekannt sein mögen. Die Motive, die zur Religionsübung 
drängen, sind aber allen Gläubigen unbekannt oder werden in 
ihrem Bewußtsein durch vorgeschobene Motive vertreten. 

Die Analyse der Zwangshandlungen hat uns bereits eine 
Art von Einsicht in die Verursachung derselben und in die 
Verkettung der für sie maßgebenden Motive ermöglicht. Man 
kann sagen, der an Zwang und Verboten Leidende benimmt 
sich so, als stehe er unter der Herrschaft eines Schuld- 
bewußtseins, von dem er allerdings nichts weiß, eines un- 
bewußten Schuldbewußtseins also, -wie man es ausdrücken muß 
mit Hinwegsetzung über das Sträuben der hier zusammen- 
treffenden Worte. Dies Schuldbewußtsein hat seine Quelle in 
gewissen frühzeitigen Seelenvorgängen, findet aber eine bestän- 
dige Auffrischung in der bei jedem rezenten Anlaß erneuerten 
Versuchung und läßt anderseits eine immer lauernde Er- 



. 



128 

wartungsangst, Unheilserwartung, entstehen, die durch den 
Begriff der Bestrafung an die innere Wahrnehmung der 
Versuchung geknüpft ist. Zu Beginn der Zeremoniellbildung 
wird dem Kranken noch bewußt, daß er dies oder jenes tun 
müsse, sonst werde Unheil geschehen, und in der Regel wird 
die Art des zu erwartenden Unheils noch seinem Bewußtsein 
genannt. Der jedesmal nachweisbare Zusammenhang zwischen 
dem Anlasse, bei dem die Erwartungsangst auftritt, und dem 
Inhalte, mit dem sie droht, ist dem Kranken bereits verhüllt. 
Das Zeremoniell beginnt so als Abwehr- oder Versiche- 
rungshandlung, Schutzmaßregel. 

'• Dem Schuldbewußtsein der Zwangsneurotiker entspricht 
die Beteuerung der Frommen, sie wüßten, daß sie im Herzen 
arge Sünder seien; den Wert von Abwehr- und Schutzmaßregeln 
scheinen die frommen Übungen (Gebete, Anrufungen usw.) zu 
haben, mit denen sie jede Tätigkeit des Tages und zumal jede 
außergewöhnliche Unternehmung einleiten. 

Einen tieferen Einblick in den Mechanismus der Zwangs- 
neurose gewinnt man, wenn man die ihr zugrundeliegende erste 
Tatsache in Würdigung zieht: diese ist allemal die Verdrän- 
gung einer Triebregung (einer Komponente des Sexual- 
triebes), welche in der Konstitution der Person enthalten war, 
im kindlichen Leben derselben sich eine Weile äußern durfte 
und darauf der Unterdrückung verfiel. Eine spezielle, auf die 
Ziele dieses Triebes gerichtete Gewissenhaftigkeit wird bei 
der Verdrängung desselben geschaffen, aber diese psychische 
Reaktionsbildung fühlt sich nicht sicher, sondern von dem im 
Unbewußten lauernden Triebe beständig bedroht. Der Einfluß 
des verdrängten Triebes wird als Versuchung . empfunden, beim 
Prozeß der Verdrängung selbst entsteht die Angst, die sich als 
Erwartungsangst der Zukunft bemächtigt. Der Verdrängungs- 
prozeß, der zur Zwangsneurose führt, ist als ein unvollkommen 

.gelungener zu bezeichnen, der immer mehr zu mißlingen droht. 
Er ist daher einem nicht abzuschließenden Konflikt zu ver- 
gleichen; es werden immer neue psychische Anstrengungen er- 

, fordert, um dem konstanten Andrängen des Triebes das Gleich- 
gewicht zu halten. Die Zeremoniell- und Zwangshandlungen ent- 
stehen so teils zur Abwehr der Versuchung, teils zum Schutze 






129 

gegen das erwartete Unheil. Gegen die Versuchung scheinen die 
Schutzhandlungen bald nicht auszureichen; es treten dann die 
Verbote auf, welche die Situation der Versuchung ferne legen 
sollen. Verbote ersetzen Zwangshandlungen, wie man sieht, ebenso 
wie eine Phobie einen hysterischen Anfall zu ersparen bestimmt 
ist. Anderseits stellt das Zeremoniell die Summe der Bedingungen 
dar, unter denen anderes, noch nicht absolut Verbotenes erlaubt 
ist, ganz ähnlich wie das kirchliche Ehezeremoniell dem Frommen 
die Gestattung des sonst sündhaften Sexualgenusses bedeutet. 
Zum Charakter der Zwangsneurose wie aller ähnlichen Affek- 
tionen gehört noch, daß ihre Äußerungen (Symptome, darunter 
auch die Zwangshandlungen) die Bedingung eines Kompromisses 
zwischen den streitenden seelischen Mächten erfüllen. Sie bringen 
also auch immer etwas von der Lust wieder, die sie zu ver- 
hüten bestimmt sind, dienen dem verdrängten Triebe nicht 
minder als den ihn verdrängenden Instanzen. Ja, mit dem 
Fortschritte der Krankheit nähern s^ch die ursprünglich eher 
die Abwehr besorgenden Handlungen immer mehr den ver- 
pönten Aktionen an, durch welche sich der Trieb in der Kind- 
heit äußern durfte. 

Von diesen Verhältnissen wäre etwa folgendes auch auf 
dem Gebiete des religiösen Lebens wiederzufinden. Auch der 
Religionsbildung scheint die Unterdrückung, der Verzicht auf 
gewisse Triebregungen zugrunde zu liegen ; es sind aber nicht 
wie bei der Neurose ausschließlich sexuelle Komponenten, sondern 
eigensüchtige, sozialschädliche Triebe, denen übrigens ein sexueller 
Beitrag meist nicht versagt ist. Das Schuldbewußtsein in der 
Folge der nicht erlöschenden Versuchung, die Erwartungsangst 
als Angst vor göttlichen Strafen sind uns ja auf religiösem Ge- 
biete früher bekannt worden als auf dem der Neurose. Vielleicht 
wegen der beigemengten sexuellen Komponenten, vielleicht in- 
folge allgemeiner Eigenschaften der Triebe erweist -sich die 
Triebunterdrückimg auch im religiösen Leben als eine unzu- 
reichende und nicht abschließbare. Volle Rückfälle in die Sünde 
sind beim Frommen sogar häufiger als beim Neurotiker und be- 
gründen eine neue Art von religiösen Betätigungen, die Buß- 
handlungen, zu denen man in der Zwangsneurose die Gegen- 
stücke findet. 

Freud, Neurosenlehre. II. 3. Aufl. ( , 






130 

Einen eigentümlichen und entwürdigenden Charakter der 
Zwangsneurose sahen wir darin, daß das Zeremoniell sich an 
kleine Handlungen des täglichen Lebens anschließt und sich in 
läppischen Vorschriften und Einschränkungen derselben äußert. 
Man versteht diesen auffälligen Zug in der Gestaltung des 
Krankheitsbildes erst, wenn man erfährt, daß der Mechanismus 
der psychischen Verschiebung, den ich zuerst bei der Traum- 
bildung 1 ) aufgefunden, die seelischen Vorgänge der Zwangs- 
neurose beherrscht. In den wenigen Beispielen von Zwangshand- 
lungen ist bereits ersichtlich, wie durch eine Verschiebung vom 
Eigentlichen, Bedeutsamen, auf ein ersetzendes Kleines, vom 
Mann auf den Sessel z. B., die Symbolik und das Detail der 
Ausführung Zustandekommen. Diese Neigung zur Verschiebung 
ist es, die das Bild der Krankheitserscheinungen immer weiter 
abändert und es endlich dahin bringt, das scheinbar Gering- 
fügigste zum Wichtigsten und Dringendsten zu machen. Es ist 
nicht zu verkennen, daß auf dem religiösen Gebiete eine ähn- 
liche Neigung zur Verschiebung des psychischen Wertes, und 
zwar in gleichem Sinne, besteht, so daß allmählich das kleinliche 
Zeremoniell der Religionsübung zum Wesentlichen wird, welches 
deren Gedankeninhalt beiseite gedrängt hat. Darum unterliegen 
die Religionen auch ruckweise einsetzenden Reformen, welche 
das ursprüngliche Wertverhältnis herzustellen bemüht sind. 

Der Kompromißcharakter der Zwangshandlungen als neuro- 
tischer Symptome wird an dem entsprechenden religiösen Tun 
am wenigsten deutlich zu erkennen sein. Und doch wird man 
auch an diesen Zug der Neurose gemahnt, wenn man erinnert, 
wie häufig alle Handlungen; welche die Religion verpönt — Äuße- 
rungen der von der Religion unterdrückten Triebe — gerade im 
Namen und angeblich zugunsten der Religion vollführt werden. 

Nach diesen Übereinstimmungen und Analogien könnte man 
sich getrauen, die Zwangsneurose als pathologisches Gegen- 
stück zur Religionsbildung aufzufassen, die Neurose als eine 
individuelle Religiosität, die Religion als eine universelle Zwangs- 
neurose zu bezeichnen. Die wesentlichste Übereinstimmung läge 
in dem zugrundeliegenden Verzicht auf die Betätigung von 



») Vgl. Freud, Die Traumdeutung, 1900, G. Aufl., 1921. 



131 

konstitutionell gegebenen Trieben; der entscheidendste Unter- 
schied in der' Natur dieser Triebe, die bei der Neurose aus- 
schließlich sexueller, bei der Religion egoistischer Herkunft sind. 
Ein fortschreitender Verzicht auf konstitutionelle Triebe, 
deren Betätigung dem Ich primäre Lust gewähren könnte, scheint 
eine der Grundlagen der. menschlichen Kulturentwicklung zu 
sein. Ein Stück dieser Triebverdrängung wird von den Religionen 
geleistet, indem sie den einzelnen seine Trieblust der Gottheit 
zum Opfer bringen lassen. „Die Rache ist mein", spricht der 
Herr. An der Entwicklung der alten Religionen glaubt man zu 
erkennen, daß vieles, worauf der Mensch als „Frevel" verzichtet 
hatte, dem Gotte abgetreten und noch im Namen des Gottes 
erlaubt war, sp daß die Überlassung an die Gottheit der Weg 
war, auf welchem sich der Mensch von der Herrschaft böser, 
sozialschädlicher Triebe befreite. Es ist darum wohl kein Zufall, 
daß den alten Göttern alle menschlichen Eigenschaften — mit 
den aus ihnen folgenden Missetaten — in uneingeschränktem 
Maße zugeschrieben wurden, und kein Widerspruch, daß es doch 
nicht erlaubt war, die eigenen Frevel durch das göttliche Beispiel 
zu rechtfertigen. 



9* 



IV. 

Charakter und Analerotik 1 ). 



Unter den Personen, denen man durch psychoanalytische 
Bemühung Hilfe zu leisten sucht, begegnet man eigentlich recht 
häufig einem Typus, der durch das Zusammentreffen bestimmter 
Charaktereigenschaften ausgezeichnet ist, während das Verhalten 
einer gewissen Körperfunktion und der an ihr beteiligten Organe 
in der Kindheit dieser Personen die Aufmerksamkeit auf sich 
zieht. Ich weiß heute nicht mehr anzugeben, aus welchen ein- 
zelnen Veranlassungen mir der Eindruck erwuchs, daß zwischen 
jenem Charakter und diesem Organverhalten ein organischer 
Zusammenhang bestehe, aber ich kann versichern, daß theore- 
tische Erwartung keinen Anteil an diesem Eindrucke hatte. 

Infolge gehäufter Erfahrung hat sich der Glaube an solchen 
Zusammenhang bei mir so sehr verstärkt, daß ich von ihm Mit- 
teilung zu machen wage. 

Die Personen, die ich beschreiben will, fallen dadurch auf, 
daß sie in regelmäßiger Vereinigung die nachstehenden drei 
Eigenschaften zeigen: sie sind besonders ordentlich, spar- 
sam und eigensinnig. Jedes dieser Worte deckt eigentlich 
eine kleine Gruppe oder Reihe von miteinander verwandten 
Charakterzügen. „Ordentlich" begreift sowohl die körperliche 
Sauberkeit als auch Gewissenhaftigkeit in kleinen Pflichterfül- 
lungen und Verläßlichkeit; das Gegenteil davon wäre: unordent- 
lich, nachlässig. Die Sparsamkeit kann bis zum Geize gesteigert 
erscheinen ; der Eigensinn geht in Trotz über, an den sich leicht 



l ) Psychiatrisch-Neurologische Wochencshrift, redigiert von Dr. Joh. 
Bresler, Lublinitz (Schlesien), IX. Jahrg., Nr. 52, 1908. 



133 

Neigung zur Wut und Rachsucht knüpfen. Die beiden letzteren 
Eigenschaften — Sparsamkeit und Eigensinn — hängen fester 
miteinander als mit dem ersten, dem „ordentlich", zusammen; 
sie sind auch das konstantere Stück des ganzen Komplexes, 
doch erscheint es mir unabweisbar, daß irgendwie alle drei zu- 
sammengehören. 

Aus der Kleinkindergeschichte dieser Personen erfährt man 
leicht, daß sie verhältnismäßig lange dazu gebraucht haben, bis 
sie der infantilen Incontinentia alvi Herr geworden sind, und 
daß sie vereinzeltes Mißglücken dieser Funktion noch in späteren 
Kinderjahren zu beklagen hatten. Sie scheinen zu jenen Säug- 
lingen gehört zu haben, die sich weigern, den Darm zu ent- 
leeren, wenn sie auf den Topf gesetzt werden, weil sie aus der 
Defäkalion einen Lustnebengewinn beziehen 1 ); denn sie geben 
an, daß es ihnen noch in etwas späteren Jahren Vergnügen be- 
reitet hat, den Stuhl zurückzuhalten, und erinnern, wenngleich 
eher und leichter von ihren Geschwistern als von der eigenen 
Person, allerlei unziemliche Beschäftigungen mit dem zu Tage 
geförderten Kote. Wir schließen aus diesen Anzeichen auf eine 
überdeutliche erogene Betonung der Afterzone in der von ihnen 
mitgebrachten Sexualkonstitution ; da sich aber nach abgelaufener 
Kindheit bei diesen Personen nichts mehr von diesen Schwächen 
und Eigenheiten auffinden läßt, müssen wir annehmen, daß die 
Analzone ihre erogene Bedeutung im Laufe der Entwicklung 
eingebüßt hat, und vermuten dann, daß die Konstanz jener 
Trias von Eigenschaften in ihrem Charakter mit der Aufzehrung 
der Analerotik in Verbindung gebracht werden darf. 

Ich weiß, daß man sich nicht getraut, an einen Sachver- 
halt zu glauben, solange er unbegreiflich erscheint, der Er- 
klärung nicht irgend eine Anknüpfung bietet. Wenigstens das 
Grundlegende desselben können wir nun unserem Verständnisse 
mit Hilfe der Voraussetzungen näher bringen, die in den „Drei 
Abhandlungen zur Sexualtheorie" 1905 dargelegt sind. Ich suche 
dort zu zeigen, daß der Sexualtrieb des Menschen hoch zu- 
sammengesetzt ist, aus Beiträgen zahlreicher Komponenten und 
Partiallriebe entsteht. Wesentliche Beiträge zur „Sexualerregung" 



») Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. II, p. 41, 1905. (4. Aufl. 1920.) 



134 



) 



leisten die peripherischen Erregungen gewisser ausgezeichneter 
Körperstellen (Genitalien, Mund, After, Blasenausgang), welche 
den Namen „erogene Zonen" verdienen. Die von diesen Stellen 
her eintreffenden Erregungsgrößen erfahren aber nicht alle und 
nicht zu jeder Lebenszeit das gleiche Schicksal. Allgemein ge- 
sprochen kommt nur ein Teil von ihnen dem Sexualleben zu- 
gute; ein anderer Teil wird von den sexuellen Zielen abgelenkt 
und auf andere Ziele gewendet, ein Prozeß, der den Namen 
„Sublimierung" verdient. Um die Lebenszeit, welche als „sexuelle 
Latenzperiode" bezeichnet werden darf, vom vollendeten fünften 
Jahre bis zu den ersten Äußerungen der Pubertät, (ums elfte 
Jahr) werden sogar auf Kosten dieser von erogenen Zonen ge- 
lieferten Erregungen im Seelenleben Reaktionsbildungen, Gegen- 
mächte, geschaffen wie Scham, Ekel und Moral, die sich gleich- 
wie Dämme der späteren Betätigung der Sexualtriebe entgegen- 
setzen. Da nun die Analerotik zu jenen Komponenten des 
Triebes gehört, die im Laufe der Entwicklung und im Sinne 
unserer heutigen Kulturerziehung für sexuelle Zwecke unver- 
wendbar werden, läge es nahe, in den bei ehemaligen Anal- 
erotikern so häufig hervortretenden Charaktereigenschaften — 
Ordentlichkeit, Sparsamkeit und Eigensinn — die nächsten und 
konstantesten Ergebnisse der Sublimierung der Analerotik zu 
erkennen 1 ). 



>) Da gerade die Bemerkungen über die Analerotik des Säuglings in den 
„Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" bei unverständigen Lesern besonderen 
Anstoß erregt haben, gestatte ich mir an dieser Stelle die Einschaltung 
einer Beobachtung, die ich einem sehr intelligenten Patienten verdanke: 
„Ein Bekannter, der die Abhandlung über „Sexualtheorie" gelesen hat, spricht 
über das Buch, erkennt es vollkommen an, nur eine Stelle darin sei 
ihm — obwohl er auch diese inhaltlich natürlich billige und begreife, so 
grotesk und komisch vorgekommen, daß er sich hingesetzt und eine Viertel- 
stunde darüber gelacht habe. Diese Stelle lautet: „Es ist eines der besten 
Vorzeichen späterer Absonderlichkeit oder Nervosität, wenn ein Säugling sich 
hartnäckig weigert, den Darm zu entleeren, wenn er auf den Topf gesetzt 
wird, also wenn es dem Pfleger beliebt, sondern diese Funktion seinem 
eigenen Belieben vorbehält. Es kommt ihm natürlich nicht darauf an, sein 
Lager schmutzig zu machen; er sorgt nur, daß ihm der Lustnebengewinn bei 
der Defäkation nicht entgehe." Die Vorstellung dieses auf dem Topfe 
sitzenden Säuglings, der überlege, ob er sich eine derartige Einschränkung 
seiner persönlichen Willensfreiheit gefallen lassen solle, und der außerdem 



135 

Die innere Notwendigkeit dieses Zusammenhanges ist mir 
natürlich selbst nicht durchsichtig, doch kann ich einiges an- 
führen, was als Hilfe für ein Verständnis desselben verwertet, 
werden kann. Die Sauberkeit, Ordentlichkeit, Verläßlichkeit 
macht ganz den Eindruck einer Reaktionsbildung gegen das 
Interesse am Unsauberen, Störenden, nicht zum Körper ge- 
hörigen („Dirt is matter in the wrong place")- Den Eigen- 
sinn mit dem Defäkationsinteresse in Beziehung zu bringen, 
scheint keine leichte Aufgabe, doch mag man sich daran er- 
innern, daß schon der Säugling sich beim Absetzen des Stuhles 
eigenwillig benehmen kann. (s. o.), und daß schmerzhafte Reize 
auf die mit der erogenen Afterzone verknüpfte Gesäßhaut all- 
gemein der Erziehung dazu dienen, den Eigensinn des Kindes 
zu brechen, es gefügig zu machen. Zum Ausdrucke des Trotzes 
und der trotzenden . Verhöhnung wird bei- uns immer noch wie 
in alter Zeit eine Aufforderung verwendet, die die Liebkosung 
der Afterzone zum Inhalte hat, also eigentlich eine von der 



sorge, daß ihm der Lustgewinn bei der Defäkation nicht entgehe, habe 
seine ausgiebige Heiterkeit erregt. — Etwa zwanzig Minuten später, bei der 
Jause, beginnt mein Bekannter plötzlich gänzlich unvermittelt: „Du, mir fällt 
da gerade, weil ich den Kakao vor mir sehe, eine Idee ein, die ich als 
Kind immer gehabt habe. Da habe ich mir immer vorgestellt, ich bin der 
Kakaofabrikant Van Houten (er sprach „Van Hauten" aus), und ich habe 
ein großartiges Geheimnis zur Bereitung dieses Kakaos, und nun bemühen 
sich alle Leute, mir dieses weltbeglückende Geheimnis zu entreißen, das ich 
sorgsam hüte. Warum ich gerade auf Van Houten verfallen bin, weiß ich 
nicht. Wahrscheinlich hat mir seine Reklame am meisten imponiert.' 
Lachend, und ohne noch eigentlich so recht eine tiefere Absicht damit zu 
verbinden, meinte ich: „Wann haut'n die Mutter?!" Erst eine Weile 
später erkannte ich, daß mein Wortwitz tatsächlich den Schlüssel zu dieser 
ganzen, plötzlich aufgetauchten Kindheitserinnerung enthielt, die ich nun 
als glänzendes Beispiel einer Deckphantasie begriff, welche unter Beibehaltung 
des eigentlich Tatsächlichen (Nahrungsprozeß) und auf Grund phonetischer 
Assoziationen („Kakao", „Wann haut'n-") das Schuldbewußtsein durch 
eine komplette Umwertung des Erinncrungsinhaltes beruhigt. (Verlegung 
von rückwärts nach vorne, Nahrungsabgabe wird zur Nahrungsaufnahme, 
der beschämende und zu verdeckende Inhalt zum weltbeglückenden Geheim- 
nisse.) Interessant war mir, wie hier auf eine Abwehr hin, die freilich die 
mildere Form formaler Beanstandung annahm, dem Betreffenden ohne seinen 
Willen eine Viertelstunde später der schlagendste Beweis aus dem eigenen 
Unbewußten heraufgereicht wurde." 



136 



Verdrängung betroffene Zärtlichkeit bezeichnet. Die Entblößung 
des Hintern stellt die Abschwächung dieser Rede zur Geste 
dar; in Goethes Götz von Berlichjngen finden sich beide, 
Rede wie Geste, an passendster Stelle als Ausdruck des Trotzes 
angebracht. 

Am ausgiebigsten erscheinen die Beziehungen, welche sich 
zwischen den anscheinend so disparaten Komplexen des Geld- 
interesses und der Defäkation ergeben. Jedem Arzte, der die 
Psychoanalyse geübt hat, ist es wohl bekannt geworden, daß 
sich auf diesem Wege die hartnäckigsten und langdauerndsten 
sogenannten habituellen Stuhl Verstopfungen Nervöser beseitigen 
lassen. Das Erstaunen hierüber wird durch die Erinnerung ge- 
mäßigt, daß diese Funktion sich ähnlich gefügig auch gegen 
die hypnotische Suggestion erwiesen hat. In der Psychoanalyse 
erzielt man diese Wirkung aber nur dann, wenn man den Geld- 
komplex der Betreffenden berührt und sie veranlaßt, denselben 
mit all seinen Beziehungen zum Bewußtsein zu bringen. Man 
könnte meinen, daß die Neurose hierbei nur einem Winke des 
Sprachgebrauches folgt, der eine Person, die das Geld allzu 
ängstlich zurückhält, „schmutzig" oder „filzig" (englisch: 
filthy = seh mutzig) nennt. Allein dieses wäre eine allzu ober- 
flächliche Würdigung. In Wahrheit ist überall, wo die archaische 
Denkweise herrschend war oder geblieben ist, in den alten 
Kulturen, im Mythus, Märchen, Aberglauben, im unbewußten 
Denken, im Traume und in der Neurose das Geld in innigste 
Beziehungen zum Drecke gebracht. Es ist bekannt, daß das 
Gold, welches der Teufel seinen Buhlen schenkt, sich nach 
seinem Weggehen in Dreck- verwandelt, und der Teufel ist doch 
gewiß nichts anderes als die Personifikation des verdrängten 
unbewußten Trieblebens 1 ). Bekannt ist ferner der Aberglaube, 
der die Auffindung von Schätzen mit der Defäkation zusammen- 
bringt, und jedermann vertraut ist die Figur des „Dukaten- 
scheißers". Ja, schon in der altbabylonischen Lehre ist Gold 

der Kot der Hölle, Mammon = ilu manman 2 ). Wenn also die 

i * 

J ) Vgl. die hysterische Besessenheit und die dämonischen Epidemien. 

2 ) Jeremias, Das Alte Testament im Lichte des alten 
Orients, 2. Aufl., 1906, p. 216, und Babylonisches im Neuen 
Testament, 1906, p. 96, „Mamon (Mammon) ist babylonisch man-man, ein 



I 






137 






Neurose dem Sprachgebrauehe folgt, so nimmt sie hier wie 
anderwärts die Worte in ihrem ursprünglichen bedeutungsvollen 
Sinne, und wo sie ein Wort bildlich darzustellen scheint, stellt 
sie in der Regel nur die alte Bedeutung des Wortes wieder her. 

Es ist möglich, daß der | Gegensatz zwischen dem Wert- 
vollsten, das der Mensch kennen gelernt hat, und dem Wert- 
losesten, das er als Abfall („refuse") von sich wirft, zu dieser 
bedingten Identifizierung von Gold und Kot geführt hat. 

Im Denken der Neurose kommt dieser Gleichstellung wohl 
noch ein anderer Umstand zu Hilfe. Das ursprünglich erotische 
Interesse an der Defäkation ist, wie wir ja wissen, zum Er- 
löschen in reiferen Jahren bestimmt; in diesen Jahren tritt das 
Interesse am Gelde als ein neues auf, welches der Kindheit 
noch gefehlt hat; dadurch wird es erleichtert, daß die frühere 
Strebung, die ihr Ziel zu verlieren im Begriffe ist, auf das neu 
auftauchende Ziel übergeleitet wird. 

Wenn den hier behaupteten Beziehungen zwischen der 
Analerotik und jener Trias von Charaktereigenschaften etwas 
Tatsächliches zugrunde liegt, so wird man keine besondere Aus- 
prägung des „Analcharakters" bei Personen erwarten dürfen, 
die sich die erogene Eignung der Analzone für das reife Leben 
bewahrt haben, wie z. B. gewisse Homosexuelle. Wenn ich nicht 
sehr irre, befindet sich die Erfahrung zumeist, in guter Über- 
einstimmung mit diesem Schlüsse. 

Man müßte überhaupt in Erwägung ziehen, ob nicht auch 
andere Charakterkomplexe ihre Zugehörigkeit zu den Erregungen 
von bestimmten erogenen Zonen erkennen lassen. Ich kenne bis 
jetzt nur noch den unmäßigen „brennenden" Ehrgeiz der 
einstigen Enuretiker. Für die Bildung des endgültigen Charakters 
aus den konstitutiven Trieben läßt sich allerdings eine Formel 
angeben: Die bleibenden Charakterzüge sind entweder unver- 
änderte Fortsetzungen der ursprünglichen Triebe, Sublimierungen 
derselben oder Reaktionsbildungen gegen dieselben. 



Beiname Nergals, des Gottes der Unterwelt. Das Gold ist nach orientalischem 
Mythus, der in die Sagen und Märchen der Völker übergegangen ist, Dreck 
der Hölle, siehe Monotheistische Strömungen innerhalb der bab. 
Rel., S. 16, Anm. 1. 



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V. 












Hysterische Phantasien und ihre Beziehung 
zur Bisexualität 1 ). 



Allgemein bekannt sind die Wahndichtungen der Paranoiker, 
welche die Größe und die Leiden des eigenen Ichs zum Inhalt 
haben und in ganz typischen, fast monotonen Formen auftreten. 
Durch zahlreiche Mitteilungen sind uns ferner- die sonderbaren 
Veranstaltungen bekannt geworden, unter denen gewisse Perverse 
ihre sexuelle Befriedigung — in der Idee . oder Realität — in 
Szene setzen. Dagegen dürfte es manchen wie eine Neuheit 
klingen, zu erfahren, daß ganz analoge psychische Bildungen 
bei allen Psychoneurosen, speziell bei Hysterie, regelmäßig vor- 
kommen, und daß diese — die sogenannten hysterischen Phan- 
tasien — wichtige Beziehungen zur Verursachung der neuroti- 
schen Symptome erkennen lassen. 

Gemeinsame Quelle und normales Vorbild all dieser phan- 
tastischen Schöpfungen sind die sogenannten Tagträume der 
Jugend, die in der Literatur bereits eine gewisse, obwohl noch 
nicht zureichende, Beachtung gefunden haben 2 ). Bei beiden Ge- 
schlechtern vielleicht, gleich häufig, scheinen sie bei Mädchen, 
und Frauen durchweg erotischer, bei Männern erotischer oder 
ehrgeizi ger Natur zu sein. Doch' darf man die Bedeutung des 

*) Zeitschrift für Sexualwissenschaft, herausgegeben von Hirschfeld, 
I, 1908. 

■) Vgl. Breuer und Freud, Studien über Hysterie, 1895. (3. Aufl. 1916.) 

— P. Janet, Nevroses et id6es fixes, I. (Les rgveries subconscientes.) 1898. 

— Havelock Ellis, Geschlechtstrieb und Schamgefühl (deutsch von Kötscher). 
1900. - Freud, Traumdeutung, 1900, 6. Aufl., 1921. - A. Pick, Über 
pathologische Träumerei und ihre Beziehungen zur Hysterie, Jahrbuch für 
Psychiatrie und Neurologie, XIV, 1896. 






139 

erotischen Momentes auch hei Männern nicht in die zweite Linie 
rücken wollen; hei näherem Eingehen in den Tagtraum des 
Mannes ergibt sich gewöhnlich, daß all diese Heldentaten nur 
verrichtet, alle Erfolge nur errungen werden, um einem Weib 
zu gefallen und von ihr anderen Männern vorgezogen zu werden 1 ). 
Diese Phantasien sind Wunschbefriedigungen, aus der Entbehrung 
und der Sehnsucht hervorgegangen; sie führen den Namen 
„Tagträume" mit Recht, denn sie geben den Schlüssel zum Ver- 
ständnis der nächtlichen Träume, in denen nichts anderes als 
solche komplizierte, entstellte und von der bewußten psychischen 
Instanz mißverstandene Tagesphantasien den Kern der Traum- 
bildung herstellen 2 ). 

Diese Tagträume werden mit großem Interesse besetzt, 
sorgfältig gepflegt und meist sehr schamhaft behütet, als ob sie 
zu den intimsten Gütern der Persönlichkeit zählten. Auf der 
■ Straße erkennt man aber leicht den im Tagtraum Begriffenen 
an einem plötzlichen, wie abwesenden Lächeln, am Selbstgespräch 
oder an der laufartigen Beschleunigung des Ganges, womit er 
den Höhepunkt der erträumten Situation bezeichnet. — Alle 
hysterischen Anfälle, die ich bisher untersuchen konnte, erwiesen 
sich nun als solche unwillkürlich hereinbrechende Tagträume. 
Die Beobachtung läßt nämlich keinen Zweifel darüber, daß es 
solche Phantasien ebensowohl unbewußt gibt wie bewußt, und 
sobald dieselben zu unbewußten geworden sind, können, sie auch 
pathogen werden, d. h. sich in Symptomen und Anfällen aus- 
drücken. Unter günstigen Umständen kann man eine solche 
unbewußte Phantasie noch mit dem Bewußtsein erhaschen. Eine 
meiner Patientinnen, die ich auf ihre Phantasien aufmerksam 
gemacht hatte, erzählte mir, sie habe sich einmal auf der Straße 
plötzlich in Tränen gefunden, und bei raschem Besinnen, worüber 
sie eigentlich weine, sei sie der Phantasie habhaft geworden, 
daß sie mit einem stadtbekannten (ihr. aber persönlich un- 
bekannten) Klaviervirtuosen ein zärtliches Verhältnis einge- 
gangen sei, ein Kind von ihm bekommen habe (sie war kinder- 
los), und dann mit dem Kinde von ihm im Elend verlassen 



1 ) Ähnlich urteilt hierüber H. Ellis, 1. c, p. 185. 

2 ) Vgl. Freud, Traumdeutung, 6. Aufl., p. 336 u. f., 1921. 






140 

worden sei. An dieser Stelle des Romanes brachen ihre 
Tränen aus. 

Die unbewußten Phantasien sind entweder von jeher un- 
bewußt gewesen, im Unbewußten gebildet worden oder, was 
der häufigere Fall ist, sie waren einmal bewußte Phantasien, 
Taglräume, und sind dann mit Absicht vergessen worden, durch 
die „Verdrängung" ins Unbewußte geraten. Ihr Inhalt ist dann 
entweder der nämliche geblieben oder er hat Abänderungen 
erfahren, so daß die jetzt unbewußte Phantasie einen Abkömmling 
der einst bewußten darstellt. Die unbewußte Phantasie steht nun 
in einer sehr wichtigen Beziehung zum Sexualleben der Person; 
sie ist nämlich identisch mit der Phantasie, welche derselben 
während einer Periode- von Masturbation zur sexuellen Be- 
friedigung gedient, hat. Der masturbatorische (im weitesten Sinne: 
onanistische) Akt setzte sich damals aus zwei Stücken zusammen, 
aus der Hervorrufung der Phantasie und aus der aktiven Leistung 
zur Selbstbefriedigung auf der Höhe derselben. Diese Zusammen- 
setzung ist bekanntlich selbst eine Verlötung 1 ). Ursprünglich 
war die Aktion eine rein autoerotische Vornahme zur Lust- 
gewinnimg von einer bestimmten, exogen zu nennenden Körper- 
stelle. Später verschmolz diese Aktion mit einer Wunschvorstellung 
aus dem Kreise der Objektliebe und diente zur teilweisen 
Realisierung der Situation, in welcher diese Phantasie gipfelte. 
Wenn dann die Person auf diese Art der maslurbatorisch- 
phantastischen Befriedigung verzichtet, so wird die Aktion unter- 
lassen, die Phantasie aber wird aus einer bewußten zu einer 
unbewußten. Tritt keine andere Weise der sexuellen Befriedigung 
ein, verbleibt die Person in der Abstinenz und gelingt es ihr 
nicht, ihre Libido zu sublimieren, d. h. die sexuelle Erregung 
auf ein höheres Ziel abzulenken, so ist jetzt die Bedingung 
dafür gegeben, daß die unbewußte Phantasie aufgefrischt werde, 
wuchere und sich mit der gauzen Macht des Liebesbedürfnisses 
wenigstens in einem Stück ihres Inhaltes als Krankheitssymptom 
durchsetze. 

Für eine ganze Reihe von hysterischen Symptomen sind 
solcher Art; die unbewußten Phantasien die nächsten psychischen 

*) Vgl. Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 1905. (4. Aufl., 1921). 






■ 



141 

Vorstufen. Die hysterischen Symptome sind nichts anderes als 
die durch „Konversion" zur Darstellung gebrachten unbewußten 
Phantasien, und insofern es somatische Symptome sind, werden sie 
häufig genug aus dem Kreise der nämlichen Sexualempfindungen 
und motorischen Innervationen entnommen, welche ursprünglich 
die damals noch bewußte Phantasie begleitet haben. Auf diese 
Weise wird die Onanieentwöhnung eigentlich rückgängig ge- 
macht und das Endziel des ganzen pathologischen Vorganges, 
die Herstellung der seinerzeitigen primären Sexualbefriedigung, 
wird dabei zwar niemals vollkommen, aber immer in einer Art 
von Annäherung erreicht. 

Das Interesse desjenigen, der die Hysterie studiert, wendet 
sich alsbald von den Symptomen derselben ab und den Phan- 
tasien zu, aus welchen erstere hervorgehen. Die Technik der 
Psychoanalyse gestattet es, von den Symptomen aus diese un- 
bewußten Phantasien zunächst zu erraten und dann im Kranken 
bewußt werden zu lassen. Auf diesem Wege ist nun gefunden 
worden, daß die unbewußten Phantasien der Hysteriker den be- 
wußt durchgeführten Befriedigungssituationen der Perversen in- 
haltlich völlig entsprechen, und wenn man um Beispiele solcher 
Art verlegen ist, braucht man sich nur an die welthistorischen 
Veranstaltungen der römischen Cäsaren zu erinnern, deren Tollheit 
natürlich nur durch die uneingeschränkte Machtfülle der Phan- 
tasiebildner bedingt ist. Die Wahnbildungen der Paranoiker sind 
ebensolche, aber unmittelbar bewußt gewordene Phantasien, die 
von der masochistisch-sadistischen Komponente des Sexualtriebes 
getragen werden und gleichfalls ingewissen unbewußten Phantasien 
der Hysterischen ihre vollen Gegenstücke finden können. Bekannt 
ist übrigens der auch praktisch bedeutsame Fall, daß Hysteriker 
ihre Phantasien nicht als Symptome, sondern in bewußter Reali- 
sierung zum Ausdrucke bringen und somit Attentate, Mißhand- 
lungen, sexuelle Aggressionen fingieren und in Szene setzen. 

Alles, was man über die Sexualität der Psychoneurotiker 
erfahren kann, wird auf diesem Wege, der psychoanalytischen 
Untersuchung, der von den aufdringlichen Symptomen zu den 
verborgenen unbewußten Phantasien, führt, ermittelt, darunter 
also auch das Faktum, dessen Mitteilung in den Vordergrund 
dieser kleinen vorläufigen Veröffentlichung gerückt werden soll. 



142 

Wahrscheinlich infolge der Schwierigkeiten, die dem Be- 
1 streben der unbewußten Phantasien, sich Ausdruck zu ver- 

schaffen, im Wege stehen, ist das Verhältnis der Phantasien zu 
den Symptomen kein einfaches, sondern ein mehrfach kom- 
pliziertes 1 ). In der Regel, d. h. bei voller Entwicklung und 
nach längerem Bestände der Neurose, entspricht ein Symptom 
nicht einer einzigen unbewußten Phantasie, sondern einer Mehr- 
zahl von solchen, und zwar nicht in willkürlicher Weise, 
sondern in gesetzmäßiger Zusammensetzung. Zu Beginn des 
Krankheitsfalles werden wohl nicht alle diese Komplikationen 
entwickelt sein. 

Dem allgemeinen Interesse zuliebe überschreite ich hier 
den Zusammenhang dieser Mitteilung und füge eine Reihe von 
Formeln ein, die sich bemühen, das Wesen der hysterischen 
Symptome fortschreitend zu erschöpfen. Sie widersprechen 
einander nicht, sondern entsprechen teils vollständigeren und 
schärferen Fassungen, teils der Anwendung verschiedener 
Gesichtspunkte. 

1. Das hysterische Symptom ist das Erinnerungssymbol 
gewisser wirksamer (traumatischer) Eindrücke und Erlebnisse. 

2. Das hysterische Symptom ist der durch „Konversion" 
erzeugte Ersatz für die assoziative Wiederkehr dieser trauma- 
tischen Erlebnisse. 

3. Das hysterische Symptom ist — wie auch andere psy- 
chische Bildungen — Ausdruck einer Wunscherfüllung. 

4. Das hysterische Symptom ist die Realisierung einer der 
Wunscherfüllung dienenden, unbewußten Phantasie. 

5. Das hysterische Symptom dient der sexuellen Befriedi- 
gung und stellt einen Teil des Sexuallebens der Person dar 
(entsprechend einer der Komponenten ihres Sexualtriebes). 

6. Das hysterische Symptom entspricht der Wiederkehr 
einer Weise der Sexualbefriedigung, die im infantilen Leben 
real gewesen und seither verdrängt worden ist. 

7. Das hysterische Symptom entsteht als Kompromiß aus 
zwei gegensätzlichen Affekt- oder Triebregungen, von denen die 

J ) Das nämliche gilt für die Beziehung zwischen den „latenten" Traum- 
gedanken und den Elementen des „manifesten" Trauminhaltes. S. den Ab- 
schnitt über die „Traumarbeit" in des Verf. „Traumdeutung". 



143 



eine einen Partialtrieb oder eine Komponente der Sexual- 
konstitution zum Ausdrucke zu bringen, die andere dieselbe zu 
unterdrücken bemüht ist. 

8. Das hysterisefhe Symptom kann die Vertretung ver- 
schiedener unbewußter, nicht sexueller Regungen übernehmen, 
einer sexuellen Bedeutung aber nicht entbehren. 

Unter diesen verschiedenen Bestimmungen ist es die 
siebente, welche das, Wesen des hysterischen Symptoms als 
Realisierung einer unbewußten Phantasie am erschöpfendsten 
zum Ausdrucke bringt, und mit der achten die Bedeutung des 
sexuellen Momentes in richtiger Weise würdigt. Manche der 
vorhergehenden Formeln sind als Vorstufen in dieser Formel 
enthalten. 

Infolge dieses Verhältnisses zwischen Symptomen und 
Phantasien gelingt/ es unschwer, von der Psychoanalyse der 
Symptome zur Kenntnis der das Individuum beherrschenden 
Komponenten des Sexualtriebes zu gelangen, wie ich es in den 
„Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" ausgeführt habe. Diese 
Untersuchung ergibt aber für manche Fälle ein unerwartetes 
Resultat. Sie zeigt, daß für viele Symptome die Auflösung 
durch eine unbewußte sexuelle Phantasie, oder durch eine Reihe 
von Phantasien, von denen eine, die bedeutsamste und ursprüng- 
lichste, sexueller Natur ist, nicht genügt, sondern daß man zur 
Lösung des Symptomes zweier sexueller Phantasien bedarf, von 
denen die eine männlichen, die andere weiblichen Charakter 
hat, so daß eine dieser Phantasien einer homosexuellen Regung 
entspringt. Der in Formel 7 ausgesprochene Satz wird durch 
diese Neuheit nicht berührt, so daß ein hysterisches Symptom 
notwendigerweise einem Kompromiß zwischen einer libidinösen 
und einer Verdrängungsregung entspricht, nebstbei aber einer 
Vereinigung zweier libidinöser Phantasien von entgegengesetztem 
Geschlechtscharakter entsprechen kann. 

Ich enthalte mich, Beispiele für diesen Satz zu geben. 
Die Erfahrung hat mich gelehrt, daß kurze, zu einem Extrakt 
zusammengedrängte Analysen niemals den beweisenden Eindruck 
machen können, wegen dessen man sie herangezogen hat. Die 
Mitteilung voll analysierter Krankheitsfälle muß aber für einen 
anderen Ort aufgespart werden. 



144 



Ich begnüge mich also damit, den Satz aufzustellen und 
seine Bedeutung zu erläutern: 

9. Ein hysterisches Symptom ist der Ausdruck einerseits 
einer männlichen, anderseits einer weiblichen, unbewußten 
sexuellen Phantasie.. 

Ich bemerke ausdrücklich, daß ich diesem Satze eine ähn- 
liche Allgemeingültigkeit nicht zusprechen, kann, wie ich sie für 
die anderen Formeln in Anspruch genommen habe. Er trifft, 
soviel ich sehen kann, weder für alle Symptome eines Falles, 
noch für alle Fälle zu. Es ist im Gegenteile nicht schwer, 
Fälle aufzuzeigen, bei denen die entgegengesetztgeschlechtlichen 
Regungen gesonderten symptomatischen Ausdruck gefunden 
haben, so daß sich die Symptome der Hetero- und der Homo- 
sexualität so scharf voneinander scheiden lassen, wie die hinter 
ihnen verborgenen Phantasien. Doch ist das in der neunten 
Formel behauptete Verhältnis häufig genug, und wo es sich 
findet, bedeutsam genug, um eine besondere Hervorhebung zu 
verdienen. Es scheint mir die höchste Stufe der Kompliziertheit, 
zu der sich die Determinierimg eines hysterischen Symptoms 
erheben kann, zu bedeuten, und ist also nur bei langem Bestände 
einer Neurose und bei großer Organisationsarbeit innerhalb der- 
selben zu erwarten 1 ). 

Die in immerhin zahlreichen Fällen nachweisbare bisexuelle 
Bedeutung hysterischer Symptome ist gewiß ein interessanter 
Beleg für die von mir aufgestellte Behauptung 2 ), daß die sup- 
ponierte bisexuelle Anlage des Menschen sich bei den Psycho- 
neurotikern durch Psychoanalyse besonders deutlich erkennen 
läßt. Ein durchaus analoger Vorgang aus dem nämlichen Ge- 
biete ist es, wenn der Masturbant in seinen bewußten Phan- 
tasien sich sowohl in den Mann, als auch in das Weib der 
vorgestellten Situation einzufühlen versucht, und weitere Gegen- 
stücke zeigen gewisse hysterische Anfälle, in denen die Kranke 
gleichzeitig beide Rollen der zugrunde liegenden sexuellen Phan- 



l ) J. Sadger, der kürzlich den in Rede stehenden Satz durch eigene 
Psychoanalysen selbständig aufgefunden hat (Die Bedeutung der psycho- 
analytischen Methode nach Freud, Zentralbl. f. Nerv. u. Psych., Nr. 229, 1907) 
tritt allerdings für dessen allgemeine Gültigkeit ein. 

ä ) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, I. (4. Aufl., 1921.) 



s 



145 



tasie spielt, also z. B., wie in einem Falle meiner Beobachtung 
mit der einen Hand das Gewand an den Leib preßt (als Weib) 
mit der anderen es abzureißen sucht (als Mann). Diese wider 
spruchsvolle Gleichzeitigkeit bedingt zum guten Teile die Un 
Verständlichkeit der doch sonst im Anfalle so plastisch darge 
stellten Situation und eignet sich also vortrefflich zur Ver 
hüllung der wirksamen unbewußten Phantasie. 

Bei der psychoanalytischen Behandlung ist es sehr wichtig, 
daß man auf die bisexuelle Bedeutung eines Symptoms vor- 
bereitet sei. Man braucht sich dann nicht zu verwundern und 
nicht irre zu werden, wenn ein Symptom anscheinend unge- 
mindert fortbesteht, obwohl man die eine seiner sexuellen Be- 
deutungen bereits gelöst hat. Es stützt sich dann noch auf die 
vielleicht nicht vermutete entgegengesetzt geschlechtliche. Auch 
kann man bei der Behandlung solcher Fälle beobachten, wie 
der Kranke sich der Bequemlichkeit bedient, während der Analyse 
der einen sexuellen Bedeutung mit seinen Einfällen fortwährend 
in das Gebiet der kont raren Bedeutung, wie auf ein benachbartes 
Geleise, auszuweichen. 



Freud, Keurosenlehre. n. 3. Aufl. 



10 



VI. 



Allgemeines über den hysterischen Anfall 1 ). 



Ä. Wenn man eine Hysterika, deren Leiden sich in An^ 
fällen äußert, der Psychoanalyse unterzieht, so überzeugt man 
sich leicht, daß diese Anfälle nichts anderes sind als ins Moto- 
rische übersetzte, auf die Motilität projizierte, pantomimisch 
dargestellte Phantasien. Unbewußte Phantasien zwar, aber sonst 
von derselben Art, wie man sie in den Tagträumen unmittelbar 
erfassen, aus den nächtlichen Träumen durch Deutung entwickeln 
kann. Häufig ersetzt ein Traum einen Anfall, noch häufiger er- 
läutert er ihn, indem die nämliche Phantasie zu verschieden- 
artigem Ausdrucke im Traume wie im Anfalle gelangt. Man 
sollte nun erwarten, durch die Anschauung des Anfalles zur 
Kenntnis der in ihm dargestellten Phantasie zu kommen; allein 
dies gelingt nur selten. In der Regel hat die pantomimische 
Darstellung der Phantasie unter dem Einflüsse der Zensur ganz 
analoge Entstellungen wie die halluzinatorische des Traumes 
erfahren, so daß die eine wie die andere zunächst für das 
eigene Bewußtsein wie für das Verständnis des Zuschauers un- 
durchsichtig geworden ist. Der hysterische Anfall bedarf also 
der gleichen deutenden Bearbeitung, wie wir sie mit den nächt- 
lichen Träumen vornehmen. Aber nicht nur die Mächte, von 
denen die Entstellung ausgeht, und die Absicht dieser Ent- 
stellung, auch die Technik derselben ist die nämliche, die uns 
durch die Traumdeutung bekannt geworden ist. 

1. Der Anfall wird dadurch unverständlich, daß er in 
demselbe n Material gleichzeitig mehrere Phantasien zur Dar- 

x ) Aus Zeitschrift f. Psychotherapie und mediz. Psychologie, heraus- 
gegeben von A. Moll, I. Jahrg., 1909. 



147 

Stellung bringt, also durch Verdichtung. Die Gemeinsamen 
der beiden (oder mehreren) Phantasien bilden wie im Traume 
den Kern der Darstellung. Die so zur Deckung gebrachten 
Phantasien sind oft von ganz verschiedener Art, z. B. ein rezenter 
Wunsch und die, Wiederbelebung eines infantilen Eindruckes; 
dieselben Innervationen dienen dann beiden Absichten, oft in 
der geschicktesten Weise. Hysteriker, die sich der Verdichtung 
im großen Ausmaße bedienen, finden etwa mit einer einzigen 
Anfallsform ihr Auslangen; andere drücken eine Mehrheit von 
pathogenen Phantasien auch durch Vervielfältigung der Anfalls- 
formen aus. 

2. Der Anfall wird dadurch undurchsichtig, daß die Kranke 
die Tätigkeiten beider in der Phantasie auftretenden Personen 
auszuführen unternimmt, also durch mehrfache Identifi- 
zierung. Vgl. etwa das Beispiel, welches ich in dem Aufsatze 
„Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität" 
in Hirschfelds Zeitschrift für Sexualwissenschaft, Bd. I, Nr. 1, 
erwähnt habe, in dem die Kranke mit. der einen Hand (als 
Mann) das Kleid herunterreißt, während sie es mit der anderen 
(als Weib) an den Leib preßt. 

3. Ganz außerordentlich entstellend wirkt die antago- 
nistische Verkehrung der Innervationen, welche der in 
der Traumarbeit üblichen Verwandlung eines Elementes in sein 
Gegenteil analog ist, z. B. wenn im Anfall eine Umarmung 
dadurch dargestellt wird, daß die Arme krampfhaft nach rück- 
wärts gezogen werden, bis sich die Hände über der Wirbelsäule 
begegnen. — Möglicherweise ist der bekannte Are de cercle der 
großen hysterischen Attacke nichts anderes als eine solche 
energische Verleugnung einer für den sexuellen Verkehr geeig- 
neten Körperstellung durch antagonistische Innervation. 

4. Kaum minder verwirrend und irreführend wirkt dann 
die Umkehrung in der Zeitfolge innerhalb der darge- 
stellten Phantasie, was wiederum sein volles Gegenstück in 
manchen Träumen findet, die mit dem Ende der Handlung 
beginnen, um dann mit deren Anfang zu schließen. So z. B. 
wenn die Verführungsphantasie einer Hysterika zum Inhalte hat, 
wie sie lesend in einem Parke sitzt, das Kleid ein wenig ge- 
hoben, so daß der Fuß sichtbar wird, ein Herr sich ihr nähert, 

10* 



148 






der sie anspricht, sie dann mit ihm an einen anderen Ort geht 
und dort zärtlich mit ihm verkehrt, und sie diese Phantasie im 
Anfalle derart spielt, daß sie mit dem Krampfstadium beginnt, 
welches dem Koitus entspricht, dann aufsteht, in ein anderes 
Zimmer geht, sich dort hinsetzt, um zu lesen und dann auf 
eine imaginäre Anrede Antwort gibt. 

Die beiden letztangeführten Entstellungen können uns die 
Intensität der Widerstände ahnen lassen, denen das Verdrängte 
noch bei seinem Durchbruche im hysterischen Anfalle Rechnung 
tragen muß. 

B. Das Auftreten der hysterischen Anfälle folgt leicht- 
verständlichen Gesetzen. Da der verdrängte Komplex aus Libid'o- 
besetzung und Vorstellungsinhalt (Phantasie) besteht, kann der 
Anfall wachgerufen werden: 1. assoziativ, wenn der (genügend 
besetzte) Komplexinhalt durch eine Anknüpfung des bewußten 
Lebens angespielt wird, 2. orga.nisch, wenn aus inneren so- 
matischen Gründen und durch psychische Beeinflussung von 
außen die Libidobesetzung über ein gewisses Maß steigt, 3. im 
Dienste der primären Tendenz, als Ausdruck der „Flucht 
in die Krankheit", wenn die Wirklichkeit peinlich oder schreck- 
haft wird, also zur Tröstung, 4. im Dienste der sekundären 
Tendenzen, mit denen sich das Kranksein verbündet hat, so- 
bald durch die Produktion des Anfalles ein dem Kranken nütz- 
licher Zweck erreicht werden kann. Im letzteren Falle ist der 
Anfall für gewisse Personen berechnet, kann für sie zeitlich 
verschoben werden und macht den Eindruck bewußter Simulation. 

C. Die Erforschung der Kindergeschichte Hysterischer 
lehrt, daß der hysterische Anfall zum Ersätze einer ehemals 
geübten und seither aufgegebenen autoerotischen Befriedi- 
gung bestimmt ist. In einer großen Zahl von Fällen kehrt diese 
Befriedigung (die Masturbation durch Berührung oder Schenkel- 
druck, die Zungenbewegung u. dgl.) auch im Anfalle selbst unter ? 
Abwendung des Bewußtseins wieder. Das Auftreten des Anfalles 
durch Libidosteigerung und im Dienste der primären Tendenz 
als Tröstung wiederholt auch genau die Bedingungen, unter 
denen diese autoerotische Befriedigung seinerzeit vom Kranken 
mit Absicht aufgesucht wurde. Die Anamnese des Kranken er- 
gibt folgende Stadien: a) autoerotische Befriedigung ohne Vor- 







149 

Stellungsinhalt, b) die nämliche im Anschlüsse an eine Phantasie, 
welche in die Befriedigungsaktion ausläuft, c) Verzicht auf die 
Aktion mit Beibehaltung der Phantasie, d) Verdrängung dieser 
Phantasie, die sich dann, entweder unverändert oder modifiziert 
und neuen Lebenseindrücken angepaßt, im hysterischen Anfalle 
durchsetzt und e) eventuell selbst die ihr zugehörige, angeblich 
abgewöhnte Befriedigungsaktion wiederbringt. Ein typischer 
Zyklus von infantiler Sexualbetätigung — Verdrängung — Miß- 
glücken der Verdrängung und Wiederkehr des Verdrängten. 
Der unwillkürliche Harnabgang darf gewiß nicht für un- 
vereinbar mit der Diagnose des hysterischen Anfalles gehalten 
werden; er wiederholt bloß die infantile Form der stürmischen 
Pollution. Übrigens kann man auch den Zungenbiß bei unzweifel- 
hafter Hysterie antreffen ; er wiederspricht der Hysterie sowenig 
wie dem Liebesspiele ; sein Auftreten im Anfalle wird erleichtert, 
wenn die Kranke durch ärztliche Erkundigung auf die differential- 
diagnostischen Schwierigkeiten aufmerksam gemacht worden ist. 
Selbstbeschädigung im hysterischen Anfalle kann (häufiger bei 
Männern) vorkommen, wo sie einen Unfall des kindlichen Lebens 
(z. B. den Erfolg einer Rauferei) wiederholt. 

Der Bewußtseinsverlust, die Absence des hysterischen An- 
falles geht aus jenem flüchtigen, aber unverkennbaren Bewußt- 
seinsentgange hervor, der auf der Höhe einer jeden intensiven 
Sexualbefriedigung (auch der autoerotischen) zu verspüren ist. 
Bei der Entstehung hysterischer Absencen aus den Pollutions- 
anwandlungen junger weiblicher Individuen ist diese Entwick- 
lung am sichersten zu verfolgen. Die sogenannten hypnoiden 
Zustände, die Absencen während der Träumerei, die bei Hyste- 
rischen so häufig sind, lassen die gleiche Herkunft erkennen. 
Der Mechanismus dieser Absencen ist ein relativ einfacher. 
Zunächst, wird alle Aufmerksamkeit auf den Ablauf des Be- 
friedigungsvorganges eingestellt, und mit dem Eintritte der 
Befriedigung wird diese ganze Aufmerksamkeitsbesetzung plötz- 
lich aufgehoben, so daß eine momentane Bewußtseinsleere 
entsteht. Diese sozusagen physiologische Bewußtseinslücke ' 
wird dann im Dienste der Verdrängung erweitert, bis sie 
all das aufnehmen kann, was die verdrängende Instanz von 
sich weist. 



' 



150 



-D. Die Einrichtung, welche der verdrängten Libido den 
Weg zur motorischen Abfuhr im Anfalle weist, ist der bei jeder- 
mann, auch beim Weibe, bereitgehaltene Reflexmechanismus der 
Koitusaktion, den wir bei schrankenloser Hingabe an die Sexual- 
tätigkeit manifest werden sehen. Schon die Alten sagten, der 
Koitus sei eine „kleine Epilepsie". Wir dürfen abändern: Der 
hysterische Krampfanfall ist ein Koitusäquivalent. Die Analogie 
mit dem epileptischen Anfalle hilft uns wenig, da dessen Genese 
doch unverstandener ist als die des hysterischen. 

Im ganzen setzt der hysterische Anfall, wie die Hysterie 
überhaupt, beim Weibe ein Stück Sexualbetätigung wieder ein, 
das in den Kinderjahren bestanden hatte und damals exquisit 
männlichen Charakter erkennen ließ. Man kann es häufig be- 
obachten, daß gerade Mädchen, die bis in die Jahre der Vor- 
pubertät bubenhaftes Wesen und Neigungen zeigten, von der 
Pubertät an hysterisch werden. In einer ganzen Reihe von Fällen 
entspricht die hysterische Neurose nur einer exzessiven Aus- 
prägung jenes typischen Verdrängungsschubes, welcher durch 
Wegschaffung der männlichen Sexualität das Weib entstehen 
läßt. (Vgl.: Drei Abhandlungen über Sexuallheorie, 1905.) 



vir. 



Zur sexuellen Aufklärung der Kinder 1 ). 



Offener Brief an Dr. M. Fürst. 



Geehrter Herr Kollege! 

Wenn Sie von mir eine Äußerung über die „sexuelle Auf- 
klärung der Kinder" verlangen, so nehme ich an, daß Sie keine 
regelrechte und förmliche Abhandlung mit Berücksichtigung der 
ganzen, über Gebühr angewachsenen Literatur erwarten, sondern 
das selbständige Urteil eines einzelnen Arztes hören wollen, dem 
seine Berufstätigkeit besondere Anregung geboten hat, sich mit 
den sexuellen Problemen zu beschäftigen. Ich weiß, daß Sie 
meine wissenschaftlichen Bemühungen mit Interesse verfolgt 
haben und mich nicht wie viele andere Kollegen darum ohne 
Prüfung abweisen, weil ich in der psychosexuellen Konstitution 
und m Schädlichkeiten des Sexuallebens die wichtigsten Ursachen 
der so häufigen neurotischen Erkrankungen erblicke; auch meine 
„Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie", in denen ich die Zu- 
sammensetzung des Geschlechtstriebes und die Störungen in der 
Entwicklung des Geschlechtstriebes zur Sexualfunktion darlege, 
haben kürzlich eine freundliche Erwähnung in Ihrer Zeitschrift 
gefunden. 

Ich soll Ihnen also die Fragen beantworten, ob man den 
Kindern überhaupt Aufklärungen über die Tatsachen des Ge- 
schlechtslebens geben darf, in welchem Alter dies geschehen 
kann und in welcher Weise. Nehmen Sie nun gleich zu Anfang 
mein Geständnis entgegen, daß ich eine Diskussion über den 
zweiten un d dritten Punkt ganz begreiflich finde, daß es aber 

*) Aus „Soziale Medizin und Hygiene", Bd. II 1907. 



152 



für meine Einsicht völlig unfaßbar ist, wie der erste dieser Frage- 
punkte ein Gegenstand von Meinungsverschiedenheit werden 
konnte. Was will man denn erreichen, wenn man den Kindern 
— oder sagen wir der Jugend — solche Aufklärungen ober das 
menschliche Geschlechtslehen vorenthält? Fürchtet man, ihr 
Interesse für diese Dinge vorzeitig zu wecken, ehe es sich in 
ihnen seihst regt? Hofft man, durch solche Verhehlung den 
Geschlechtstrieb überhaupt zurückzuhalten bis zur Zeit, da er 
in die ihm von der bürgerlichen Gesellschaftsordnung allein 
geöffneten Bahnen einlenken kann? Meint man, daß die Kinder 
für die Tatsachen und Rätsel des Geschlechtslebens kein Inter- 
esse oder kein Verständnis zeigten, wenn, sie nicht von fremder 
Seite darauf hingewiesen würden? Hält man es für möglich, 
daß ihnen die Kenntnis, welche man ihnen versagt, nicht auf 
anderen Wegen zugeführt wird? Oder verfolgt man wirklich 
und ernsthaft die Absicht, daß sie späterhin alles Geschlecht- 
liche als etwas Niedriges und Verabscheuenswertes beurteilen 
mögen, von dem ihre Eltern und Erzieher sie so lange als mög- 
lich fernhalten wollten? 

Ich weiß wirklich nicht, in welcher dieser Absichten ich 
das Motiv für das tatsächlich geübte Verstecken des Sexuellen 
vor den Kindern erblicken soll; ich weiß nur, daß sie alle gleich 
töricht sind, und daß es mir schwer fällt, sie durch ernsthafte 
Widerlegungen auszuzeichnen. Ich erinnere mich aber, daß ich 
in den Familienbriefen des großen Denkers und Menschenfreundes 
Multatuli einige Zeilen gefunden habe, die als Antwort mehr 
als bloß genügen können 1 ). 

„Im allgemeinen werden einzelne Dinge nach meinem 
Gefühl zu sehr umschleiert. Man tut recht, die Phantasie der 
Kinder reinzuhalten, aber diese Reinheit wird nicht bewahrt 
durch Unwissenheit. Ich glaube eher, daß das Verdecken von 
etwas den Knaben und das Mädchen um so mehr die Wahrheit 
argwöhnen läßt. Man spürt, aus Neugierde Dingen nach, die 
uns, wenn sie uns ohne viel Umstände mitgeteilt würden, wenig 
oder kein Interesse einflößen würden. Wäre diese Unwissen- 
heit noch zu bewahren, so könnte ich mich damit versöhnen, 



') Multatuli-Briefe, herausgegeben von W. Spohr, 1906, Bd. I, S. 26. 



^y 



153 

aber das ist nicht möglich; das Kind kommt in Berührung mit 
anderen Kindern, es bekommt Bücher in die Hände, die es zum 
Nachdenken bringen ; gerade die Geheimtuerei, womit das dennoch 
Begriffene von den Eltern behandelt wird, erhöht das Verlangen, 
mehr zu wissen. Dieses ^Verlangen, nur zum Teil, nur heimlich 
befriedigt, erhitzt das Herz und verdirbt die Phantasie, das Kind 
sündigt bereits, und die Eltern meinen noch, daß es nicht weiß, 
was Sünde ist." 

Ich weiß nicht, was man hierüber Besseres sagen könnte, 
aber vielleicht läßt sich einiges hinzufügen. Es ist gewiß nichts 
anderes als die gewohnte Prüderie und das eigene schlechte 
Gewissen in Sachen der Sexualität, was die Erwachsenen zur 
„Geheimtuerei" vor den Kindern veranlaßt; aber möglicher- 
weise wirJtt da auch ein Stück theoretischer Unwissenheit mit, 
dem man durch die Aufklärung der Erwachsenen entgegentreten 
kann. Man meint nämlich, daß den Kindern der Geschlechts- 
trieb fehle und sich erst zur Pubertätszeit mit der Reife der 
Geschlechtsorgane bei ihnen einstelle. Das ist ein grober, für 
die Kenntnis wie für die Praxis folgenschwerer Irrtum. Es ist 
so leicht, ihn durch die Beobachtung zu korrigieren, daß man 
sich verwundern muß, wie er überhaupt entstehen konnte. In 
Wahrheit bringt das Neugeborene Sexualität mit auf die Welt, 
gewisse Sexualempfindungen begleiten seine Entwicklung durch 
die Säuglings- und Kinderzeiten, und die wenigsten Kinder 
dürften sexuellen Betätigungen und Empfindungen vor ihrer 
Pubertät entgehen. Wer die ausführliche Darlegung dieser Be- 
hauptungen kennen lernen will, möge sie in meinen erwähnten 
„Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Wien 1905" aufsuchen. 
Er wird dort erfahren, daß die eigentlichen Reproduktionsorgane 
nicht die einzigen Körperteile sind, welche sexuelle Lust- 
empfindungen vermitteln, und daß die Natur es recht zwingend 
so eingerichtet hat, daß selbst Reizungen der Genitalien während 
der Kinderzeit unvermeidlich sind. Man bezeichnet diese Lebens- 
zeit, in welcher durch die Erregung verschiedener Hautstellen 
(erogener Zonen), durch die Betätigung gewisser biologischer 
Triebe und als Miterregung bei vielen affektiven Zuständen ein 
gewisser Betrag von sicher sexueller Lust erzeugt wird, mit 
einem von Havelock Ellis eingeführten Ausdrucke als die 



¥ 



154 

Periode des Autoerotismus. Die Pubertät leistet nichts 
anderes, als daß sie unter allen lusterzeugenden Zonen und 
Quellen den Genitalien das Primat verschafft und dadurch die 
Erotik in den Dienst der Fortpflanzungsfunktion zwingt, ein 
Prozeß, der natürlich gewissen Hemmungen unterliegen kann 
und sich bei vielen Personen, den späteren Perversen und 
Neurotikern, nur in unvollkommener Weise vollzieht. Anderseits 
ist das Kind der meisten psychischen Leistungen des Liebes- 
lebens (der Zärtlichkeit, der Hingebung, der Eifersucht) lange 
vor erreichter Pubertät fähig, und oft genug stellt sich auch der 
Durchbruch dieser seelischen Zustände zu den körperlichen 
Empfindungen der Sexualerregung her, so daß das Kind über 
die Zusammengehörigkeit der beiden nicht im Zweifel bleiben 
kann. Kurz gesagt, das Kind ist lange vor der Pubertät ein bis 
auf die Fortpflanzungsfähigkeit fertiges Liebeswesen, und man 
darf es aussprechen, daß man ihm mit jener „Geheimtuerei" nur 
die Fähigkeit zur intellektuellen Bewältigung solcher Leistungen 
vorenthält, für die es psychisch vorbereitet und somatisch ein- 
gestellt ist. 

Das intellektuelle Interesse des Kindes für die Rätsel des 
Geschlechtslebens, seine sexuelle Wißbegierde äußert sich denn 
auch zu einer unvermutet frühen Lebenszeit. Es muß wohl so 
zugehen, daß die Eltern für dieses Interesse des Kindes wie 
mit Blindheit geschlagen sind oder sich sofort bemühen, es zu 
ersticken, falls sie es nicht übersehen können, wenn Beobachtungen 
wie die nun mitzuteilende nicht häufiger gemacht werden können. 
Ich kenne da einen prächtigen Jungen von jetzt vier Jahren, 
dessen verständige Eltern darauf verzichten, ein Stück der Ent- 
wicklung des Kindes gewaltsam zu unterdrücken. Der kleine 
Herbert, der sicherlich keinem verführenden Einflüsse von seiten 
einer Warteperson unterlegen ist, zeigt schon seit einiger Zeit 
das lebhafteste Interesse für jenes Stück seines Körpers, das er 
als „Wiwimacher" zu bezeichnen pflegt. Schon mit drei Jahren 
hat er die Mutter gefragt: „Mama, hast du auch einen Wiwi- 
macher?'-' Worauf die Mama geantwortet: „Natürlich, was hast 
du denn gedacht?" Dieselbe Frage hat er zu wiederholten Malen 
an den Vater gerichtet. Im selben Alter zuerst in einen Stall 
geführt, hat er beim Melken einer Kuh zugeschaut und dann 






155 

verwundert ausgerufen: „Schau, aus dem Wiwimacher kommt 
Milch." Mit 3 3 / 4 Jahren ist er auf dem Wege, durch seine 
Beobachtungen selbständig richtige Kategorien zu entdecken. 
Es sieht, wie aus einer Lokomotive Wasser ausgelassen wird, 
und sagt: „Schau, die Lokomotive macht Wiwi; wo hat sie denn 
den Wiwimacher?" Später setzt, er nachdenklich hinzu: „Ein 
Hund und ein Pferd hat einen Wiwimacher; ein Tisch und ein 
Sessel nicht." Vor kurzem hat er zugesehen, wie man sein ein- 
wöchentliches Schwesterchen badet, und dabei bemerkt: „Aber 
ihr Wiwimacher ist noch klein. Wenn sie wächst, wird er schon 
größer werden." (Dieselbe Stellung zum Problem der Geschlechts- 
unterschiede ist mir auch von anderen Knaben gleichen Alters 
berichtet worden.) Ich möchte ausdrücklich bestreiten, daß der 
kleine Herbert ein sinnliches oder gar ein pathologisch veran- 
lagtes Kind sei; ich meine nur, er ist nicht eingeschüchtert 
worden, wird nicht vom Schuldbewußtsein geplagt und gibt 
darum arglos von seinen Denkvorgängen Kunde. 

Das zweite große Problem, welches dem Denken der Kinder 
— wohl erst in etwas späteren Jahren — Aufgaben stellt, ist 
die Frage nach der Herkunft der Kinder, die zumeist an die 
unerwünschte Erscheinung eines neuen kleinen Bruders oder 
Schwesterchens anknüpft. Es ist dies die älteste und die 
brennendste Frage der jungen Menschheit; wer Mythen und 
Überlieferungen zu deuten versteht, kann sie aus dem Bätsei 
heraushören, welches die thebäische Sphinx dem Ödipus aufgibt. 
Durch die in der Kinderstube gebräuchlichen Antworten wird 
der ehrliche Forschertrieb des Kindes verletzt, , meist auch dessen 
Vertrauen zu seinen Eltern zum ersten Mal erschüttert; von 
da an beginnt es zumeist, den Erwachsenen zu mißtrauen und 
seine intimsten Interessen vor ihnen geheimzuhalten. Ein kleines 
Dokument mag zeigen, wie quälend sich gerade diese Wißbegierde 
oft bei älteren Kindern gestaltet, der Brief eines mutterlosen, 
U ] / 2 jährigen Mädchens, welches über das Problem mit seiner 
jüngeren Schwester spekuliert hat: 

„Liebe Tante Mali!" 

„Ich bitte Dich, sei so gut und schreibe' mir, wie Du die 
Christel oder den Paul bekommen hast. Du mußt es ja wissen, 



156 

da Du verheiratet bist. Wir haben uns nämlich gestern abend 
darüber gestritten und wünschen die Wahrheit zu wissen. Wir 
haben ja sonst niemanden, den wir fragen könnten. Wann 
kommt Ihr denn nach Salzburg? Weißt Du, liebe Tante Mali, 
wir können halt nicht begreifen, wie der Storch die Kinder 
bringt. Trudel hat geglaubt, der Storch bringt sie im Hemde. 
Dann möchten wir auch wissen, ob er sie aus dem Teiche 
nimmt und warum man die Kinder nie im Teich sieht. Ich 
bitte Dich, sag' mir auch, wieso man vorher weiß, wann man 
sie bekommt. Schreibe mir darüber ausführlich Antwort. 

Mit tausend Grüßen und Küssen von uns allen 

Deine neugierige Lilli." 

t 

Ich glaube nicht, daß dieser rührende Brief den beiden 
Schwestern die geforderte Aufklärung brachte. Die Schreiberin 
ist später an jener Neurose erkrankt, die sich von unbeant- 
worteten unbewußten Fragen ableitet, an Zwangsgrübelsucht. 

Ich glaube nicht, daß nur ein einziger Grund vorliegt, um 
Kindern die Aufklärung, nach der ihre Wißbegierde verlangt, 
zu verweigern. Freilich, wenn es die Absicht der Erzieher ist, 
die Fähigkeit der Kinder zum selbständigen Denken möglichst 
frühzeitig zugunsten der so hoch geschätzten „Bravheit" zu 
ersticken, so kann dies nicht besser als durch Irreführung auf 
sexuellem und durch Einschüchterung auf religiösem Gebiete 
versucht werden. Die stärkeren Naturen widerstehen allerdings 
diesen Beeinflussungen und werden zu Rebellen gegen die elter- 
liche und später gegen jede andere Autorität. Erhalten die 
Kinder jene Aufklärungen nicht, um die sie sich an Ältere 
gewendet haben, so quälen sie sich im Geheimen mit dem 
Problem weiter und bringen Lösungsversuche zustande, in denen 
das geahnte Richtige auf die merkwürdigste Weise mit grotesk 
Unrichtigem vermengt ist, oder sie flüstern einander Mitteilungen 
zu, in welchen zufolge des Schuldbewußtseins der jugendlichen 
Forscher dem Sexualleben das Gepräge des Gräßlichen und 
Ekelhaften aufgedrückt wird. Diese kindlichen Sexualtheorien 
wären wohl einer Sammlung und Würdigung wert. Meist haben 
die Kinder von diesem Zeitpunkte an die einzig richtige Stellung 



157 

zu den Fragen des Geschlechtes verloren, und viele unter ihnen 
finden sie überhaupt nicht wieder. 

Es scheint, daß die überwiegende Mehrheit männlicher 
und weiblicher Autoren, welche über die sexuelle Aufklärung 
der Jugend geschrieben haben, sich im bejahenden Sinn ent- 
scheiden. Aber aus dem Ungeschick der meisten Vorschläge, 
wann und wie dies zu geschehen hat, ist man versucht zu 
schließen, daß dies Zugeständnis den Betreffenden nicht leicht 
geworden ist. Ganz vereinzelt steht nach meiner Literatur- 
kennlnis jener reizende Aufklärungsbrief da, den eine Frau 
Emma Eckstein an ihren etwa zehnjährigen Sohn zu schreiben 
vorgibt 1 ). Wie man es sonst macht, daß man den Kindern 
die längste Zeit jede Kenntnis des Sexuellen vorenthält, um 
ihnen dann einmal in schwülstig-feierlichen Worten eine auch 
nur halb aufrichtige Eröffnung zu schenken, die überdies meist 
zu spät kommt, das ist offenbar nicht ganz das Richtige. Die 
meisten Beantwortungen der Frage: „Wie sag's ich meinem 
Kinde?" machen mir wenigstens einen so kläglichen Eindruck, 
daß icb vorziehen würde, wenn die Eltern sich überhaupt nicht 
um die Aufklärung bekümmern würden. Es kommt vielmehr 
darauf an, daß die Kinder niemals auf die Idee geraten, man 
wolle ihnen aus den Tatsachen des Geschlechtslebens eher ein 
Geheimnis machen als aus anderem, was ihrem Verständnisse 
noch nicht zugänglich ist. Und um dies zu erzielen, ist es 
erforderlich, daß das Geschlechtliche von allem Anfange an 
gleich wie anderes Wissenswerte behandelt werde. Vor allem 
ist es Aufgabe der Schule, der Erwähnung des Geschlechtlichen 
nicht auszuweichen, die großen Tatsachen der Fortpflanzung beim 
Unterricht« über die Tierwelt in ihre Bedeutung einzusetzen 
und sogleich zu betonen, daß der Mensch alles Wesentliche 
seiner Organisation mit den höheren Tieren teilt. Wenn dann 
das Haus nicht auf Denkabschreckung hinarbeitet, wird es sich 
wohl öfter ereignen, was ich einmal in einer Kinderstube belauscht 
habe, daß ein Knabe seinem jüngeren Schwesterchen vorhält: 
„Aber wie kannst Du denken, daß der Storch die kleinen 
Kinder bringt. Du weißt ja, daß der Mensch ein Säugetier 



*) E.Eckstein. Die Sexualfrage in der Erziehung des Kindes. 1904. 



158 

ist, und glaubst Du denn, daß der Storch den anderen Säuge- 
tieren die Jungen bringt?" Die Neugierde des Kindes wird 
dann nie einen hohen Grad erreichen, wenn sie auf jeder Stufe 
des Lernens die entsprechende Befriedigung findet. Die Auf- 
klärung über die spezifisch menschlichen Verhältnisse des 
Geschlechtslebens und der Hinweis auf die soziale Bedeutung 
desselben hätte sich dann am Schlüsse des Volksschulunterrichtes 
(und vor Eintritt in die Mittelschule), also nicht nach dem 
Alter von zehn Jahren, anzuschließen. Endlich würde sich der 
Zeitpunkt der Konfirmation wie kein anderer dazu eignen, dem 
bereits über alles Körperliche aufgeklärten Kinde die sittlichen 
Verpflichtungen, welche an die Ausübung des Triebes geknüpft 
sind, darzulegen. Eine solche stufenweise fortschreitende und 
eigentlich zu keiner Zeit unterbrochene Aufklärung über das 
Geschlechtsleben, zu welcher die Schule die Initiative ergreift, 
erscheint mir als die einzige, welche der Entwicklung des 
Kindes Rechnung trägt und darum die vorhandene Gefahr 
glücklich vermeidet. 

Ich halte es für den bedeutsamsten Fortschritt in der 
Kindererziehung, daß der französische Staat an Stelle des 
Katechismus ein Elementarbuch eingeführt, hat, welches dem 
Kinde die ersten Kenntnisse seiner staatsbürgerlichen Stellung 
und der ihm dereinst zufallenden ethischen Pflichten vermittelt. 
Aber dieser Elementarunterricht ist in arger Weise unvollständig, 
wenn er nicht das Gebiet des Geschlechtslebens, mit umschließt. 
Hier ist die Lücke, deren Ausfüllung Erzieher und Reformer 
in Angriff nehmen sollten! In Staaten, welche die Kinder- 
erziehung ganz oder teilweise in den Händen der Geistlichkeit 
belassen haben, darf man allerdings solche Forderung nicht 
erheben. Der Geistliche wird die Wesensgleichheit von Mensch 
und Tier nie zugeben, da er auf die unsterbliche Seele nicht 
verzichten kann, die er braucht, um die Moralforderung zu 
begründen. So bewährt es sich denn wieder einmal, wie unklug 
es ist, einem zerlumpten Rock einen einzigen seidenen Lappen 
aufzunähen, wie unmöglich es ist, eine vereinzelte Reform durch- 
zuführen, ohne an den Grundlagen des Systems zu ändern! 



VIII. 



Über infantile Sexualtheorien 1 ). 



Das Material, auf welches die nachstehende Zusammen- 
stellung sich stützt, stammt aus mehreren Quellen. Erstens aus 
der unmittelbaren Beobachtung der Äußerungen und des Treibens 
der Kinder, zweitens aus den Mitteilungen erwachsener Neuro- 
tiker, die während einer psychoanalytischen Behandlung erzählen, 
was sie von ihrer Kinderzeit bewußt in Erinnerung haben, 
und zum dritten Anteile aus den Schlüssen, Konstruktionen 
und ins Bewußte übersetzten unbewußten Erinnerungen, die sich 
aus den Psychoanalysen mit Neurotikern ergeben. 

Daß die erste dieser drei Quellen nicht für sich allein 
alles Wissenswerte geliefert hat, begründet sich durch das Ver- 
halten der Erwachsenen gegen das kindliche Sexualleben. Man 
mutet den Kindern keine Sexualtätigkeit zu, gibt sich darum 
keine Mühe, eine solche zu beobachten, und unterdrückt ander- 
seits die Äußerungen derselben, die der Aufmerksamkeit würdig 
wären. Die Gelegenheit, aus dieser lautersten und ergiebigsten 
Quelle zu schöpfen, ist daher eine recht eingeschränkte. Was 
aus den unbeeinflußten Mitteilungen Erwachsener über ihre be- 
wußten Kindheitserinnerungen stammt, unterliegt höchstens der 
Einwendung der möglichen Verfälschung in der Rückschau, wird 
aber außerdem nach dem Gesichtspunkte zu werten sein, daß 
die Gewährspersonen später neurotisch geworden sind. Das Mate- 
rial der dritten Herkunft wird allen Anfechtungen unterliegen, 
die man gegen die Verläßlichkeit der Psychoanalyse und die 
Sicherheit der aus ihr gezogenen Schlüsse ins Feld zu führen 

') Aus Sexualprobleme, Der Zeitschrift „Mutterschutz" neue Folge. 
4. Jahrg. 1908. 



160 

pflegt; die Rechtfertigung dieses Urteiles kann also hier nicht 
versucht werden; ich will nur versichern, daß derjenige, welcher 
die psychoanalytische Technik kennt und ausübt, ein weitgehen- 
des Zutrauen zu ihren Ergehnissen gewinnt. 

Für die Vollständigkeit meiner Resultate kann ich nicht 
einstehen, bloß für die Sorgfalt, mit der ich mich um ihre Ge- 
winnung bemüht habe. 

Eine schwierige Frage bleibt es, zu entscheiden, inwieweit 
man das, was hier von den Kindern im allgemeinen berichtet 
wird, von allen Kindern, d. h. von jedem einzelnen Kinde, vor- 
aussetzen darf. Erziehungsdruck und verschiedene Intensität des 
Sexualtriebes werden gewiß große individuelle Schwankungen 
im Sexualverhallen des Kindes ermöglichen, vor allem «las zeit- 
liche Auftreten des kindlichen Sexunlinlercsses 1 indussen. Ich 

habe darum meine Darstellung nicht nach aufeinanderfolgenden 
Kmdheitsepochen gegliedert, sondern in einem zusammengefaßt, 
was bei verschiedenen Kindern bald früher bald später zur Gel- 
tung kommt. Es ist meine Überzeugung, daß sich doch kein 
Kind - kein vollsinniges wenigstens oder gär geistig begabtes 
- der Beschäftigung mit den sexuellen Problemen in den 
Jahren vor der Pubertät entziehen kann. 

Ich denke nicht groß von dem Einwurfe, daß die Neu- 
rotiker eine besondere, durch degencralive Anlage ausgezeichnete 
Menschenklasse sind, aus deren Kinderlehen auf die Kindh.it 
anderer zu schließen untersagt sein müßte. Die Neurot iker sind 
Menschen wie andere auch, von den normalen nicht scharf ab- 
zugrenzen, in ihrer Kindheit nicht, immer leicht von denjenigen, 
die später gesund bleiben, zu unterscheiden. Es ist eines der wert- 
vollsten Ergebnisse unserer psychoanalytischen Untersuchungen, 
daß ihre Neurosen keinen besonderen, ihnen eigentümlich 
und allein zukommenden psychischen Inhalt haben, sondern 
daß sie, wie C. G. Jung es ausdrückt, an denselben Komplexen 
erkranken, mit. denen auch wir Gesunde kämpfen. Der Unler- 
schied ist nur der, daß die Gesunden diese Komplexe zu be- 
wältigen wissen ohne groben, praktisch nachweisbaren Schaden, 
während den Nervösen die Unterdrückung dieser Komplexe nur 
um den Preis von kostspieligen Krsalzbildungen gelingt, also 
praktisch mißlingt. Nervöse und Normale stehen einander in 



161 

der Kindheit natürlich noch viel näher als im späteren Leben, 
so daß ich einen methodischen Fehler nicht darin erblicken 
kann, die Mitteilungen von Neurotikern über ihre Kindheit zu 
Analogieschlüssen über das normale Kindheitsleben zu ver- 
werten. Da aber die späteren Neurotiker sehr häufig einen be- 
sonders starken Geschlechtstrieb und eine Neigung zur Früh- 
reife, vorzeitiger Äußerung desselben, in ihrer Konstitution mit- 
bringen, werden sie uns vieles von der infantilen Sexualbetäli- 
gung greller und deutlicher erkennen lassen, als unserer ohnedies 
stumpfen Beobachtungsgabe an anderen Kindern möglich wäre. 
Der wirkliche Wert dieser von erwachsenen Neurotikern her- 
rührenden Mitteilungen wird sich allerdings erst abschätzen 
lassen, wenn man nach dem Vorgange von Havelock Ellis 
auch die Kindheitserinnerungen erwachsener Gesunder der 
Sammlung gewürdigt haben wird. 

Infolge der Ungunst äußerer wie innerer Verhältnisse 
haben die nachstehenden Mitteilungen vorwiegend nur auf die 
Sexualentwicklung des einen Geschlechtes, des männlichen 
nämlich, Bezug. Der Wert einer Sammlung aber, wie ich sie 
hier versuche, braucht kein bloß deskriptiver zu sein. Die Kenntnis 
der infantilen Sexualtheorien, wie sie sich im kindlichen Denken 
gestalten, kann nach verschiedenen Richtungen interessant sein, 
überraschenderweise auch für das Verständnis der Mythen und 
Märchen. Unentbehrlich bleibt sie aber für die Auffassung der 
Neurosen selbst, innerhalb deren diese kindlichen Theorien noch 
in Geltung sind und einen bestimmenden Einfluß auf die Ge- 
staltung der Symptome gewinnen. 



Wenn wir unter Verzicht auf unsere Leiblichkeit als bloß 
denkende Wesen, etwa von einem anderen Planeten her, die 
Dinge dieser Erde frisch ins Auge fassen könnten, so würde 
vielleicht nichts anderes unserer Aufmerksamkeit mehr auffallen 
als die Existenz zweier Geschlechter unter den Menschen, die 
einander sonst so ähnlich, doch durch die äußerlichsten An- 
zeichen ihre Verschiedenheit betonen. Es scheint nun nicht, daß 
auch die Kinder diese Grundtatsache zum Ausgange ihrer, For- 
schungen über sexuelle Probleme wählen. Da sie Vater und 

Froud, Neuroseulehre. II. 3. Aufl. jj 



162 

Mutter kennen, soweit sie sich ihres Lebens erinnern, nehmen 
sie deren Vorhandensein als eine weiter nicht zu untersuchende 
Realität hin, und ebenso verhält sich der Knabe gegen ein 
Schwesterchen, von dem er nur durch eine geringe Altersdifferenz 
von ein oder zwei Jahren getrennt ist. Der Wissensdrang der 
Kinder erwacht hier überhaupt nicht spontan, etwa infolge eines 
eingeborenen Kausalitätsbedürfnisses, sondern unter dem Stachel 
der sie beherrschenden eigensüchtigen Triebe, wenn sie — etwa 
nach Vollendung des zweiten Lebensjahres - - von der Ankunft 
eines neuen Kindes betroffen werden. Diejenigen Kinder, deren 
Kinderstube nicht im Hause selbst eine solche Einquartierung 
empfängt, sind dann noch imstande, sich nach ihren Bcobach- 
tungen in anderen Häusern in diese Situation zu versetzen. Der. 
selbst erfahrene oder mit Hecht befürchtete Entgang an Für- 
sorge von seilen der Eltern, die Ahnung, allen Besitz von nun 
an für alle Zeiten mit dem Neuankömmlinge teilen zu müssen, 
wirken erweckend auf das Gefühlsleben des Kindes und ver- 
schärfend auf seine Denkfähigkeit. Das ältere Kind äußert un- 
verhohlene Feindseligkeit gegen den Konkurrenten, die sich in 
unliebenswürdiger Beurteilung desselben, in Wünschen, daß 
„der Storch ihn wieder mitnehmen möge" u. dgl. Luft macht 
und gelegentlich selbst zu kleinen Attentaten auf das hilflos 
in der Wiege Daliegende führt. Eine größere Altersdifferenz 
schwächt den Ausdruck dieser primären Feindseligkeit in der ' 
Regel ab; ebenso kann in etwas späteren Jahren, wenn Ge- 
schwister ausbleiben, der Wunsch nach einem Gespielen, wie 
das Kind ihn anderswo beobachten konnte, die Oberhand 
erhalten. 

Unter der Anregung dieser Gefühle und Sorben kommt 
das Kind nun zur Beschäftigung mit dem ersten, großartigen 
Problem des Lebens und stellt sich die Frage, woher die 
Kinder kommen, die wohl zuerst lautet, woher dieses einzelne 
Störende Kind gekommen ist. Den Nachklang dieser ersten 
Rälselfragc glaubt man in unbestimmt vielen Rätseln des Mythus 
und der Sage zu vernehmen; die Frage selbst ist, wie alles 
Forschen, ein Produkt der Lebensnot, als ob dem Denken die 
Aufgabe gestellt würde, das Wiedereintreffen so gefürchleter 
Ereignisse zu verhüten. Nehmen wir indes au, daß sich das 



\ 



163 

Denken des Kindes alsbald von seiner Anregung frei macht 
und als selbständiger Forschertrieb weiter arbeilet. Wo das 
Kind nicht bereits zu sehr eingeschüchtert ist, schlägt es früher 
oder später den nächsten Weg ein, Antwort von seinen Eltern 
und Pflegepersonen, die ihm die Quelle des Wissens bedeuten 
zu verlangen. Dieser Weg geht aber fehl. Das Kind erhält ent- 
weder ausweichende Antwort oder einen Verweis für seine Wiß- 
begierde oder wird mit jener mythologisch bedeutsamen Aus- 
kunft abgefertigt, die in deutschen Landen lautet: Der Storch 
bringe die Kinder, die er aus dem Wasser hole. Ich habe Grund 
anzunehmen, daß weit mehr Kinder, als die Eltern ahnen, mit 
dieser Losung unzufrieden sind und ihr energische Zweifel ent- 
gegensetzen, die nun nicht immer offen eingestanden werden. 
Ich weiß von einem dreijährigen Knaben, der nach erhaltener 
Aufklarung zum Schrecken seiner Kinderfrau vermißt wurde 
imd sich am Ufer des großen Schloßteiches wiederfand, wohin 
er geeilt war, um die Kinder im Wasser zu beobachten, von 
einem anderen, der seinem Unglauben keine andere als die zag- 
hafte Aussprache gestatten konnte, er wisse es besser, nicht der 
Storch bringe die Kinder, sondern der -Fischreiher. Es scheint 
mir aus vielen Mitteilungen hervorzugehen, daß die Kinder der 
Storchtheorie den Glauben verweigern, von dieser ersten Täu- 
schung und Abweisung an aber ein Mißtrauen gegen die Er- 
wachsenen^ sich nähren, die Ahnung von etwas Verbotenem 
gewinnen, das ihnen von den „Großen" vorenthalten wird, und 
darum ihre weiteren Forschungen mit Geheimnis verhüllen. Sie 
haben dabei aber auch den ersten Anlaß eines „psychischen 
Konfliktes ' erlebt, indem Meinungen, für die sie eine triebartige 
Bevorzugung empfinden, die aber den Großen nicht „recht" sind 
in Gegensatz zu anderen geraten, die durch die Autorität der 
Großen" gehalten werden, ohne ihnen selbst genehm zu sein. 
Aus diesem psychischen Konflikte kann bald eine „psychische 
Spaltung" werden ; die eine Meinung, mit der die Bravheit, aber 
auch die Sistierung des Nachdenkens verbunden ist, wird zur 
herrschenden bewußten; die andere, für die die Forscherarbeit 
unterdes neue Beweise erbracht hat, die nicht gelten sollen 
zur unterdrückten, „unbewußten". Der Kemkomplex der Neu- 
rose findet sich auf diese Weise konstituiert. 

11* 



164 

• 

Ich habe kürzlich durch die Analyse eines fünfjährigen 
Knaben, die dessen Vater mit ihm angestellt, und mir dann zur 
Veröffentlichung überlassen hat, den unwiderleglichen Nachweis 
für eine Einsicht erhalten, auf deren Spur mich die Psycho- 
analysen Erwachsener längst geführt hatten. Ich weiß jetzt, 
daß die Graviditätsveränderung der Mutter den scharfen Augen 
des Kindes nicht entgeht, und daß dieses sehr wohl imstande 
ist, eine Weile nachher den richtigen Zusammenhang zwischen 
der Leibeszunahme der Mutter und dem Erscheinen des Kindes 
herzustellen. In dem erwähnten Falle war der Knabe 2 l / 2 Jahre 
alt, als seine Schwester geboren wurde, und 4 3 / 4 , als er 
sein besseres Wissen durch die unverkennbarsten Anspielungen 
erraten ließ. Diese frühzeitige Erkenntnis wird aber - immer 
geheim gehalten und später im Zusammenhange mit den weiteren 
Schicksalen der kindlichen Sexualforschung verdrängt und ver- 
gessen. 

Die „Storchfabel" gehört also nicht zu den infantilen 
Sexualtheorien; es ist im Gegenteile die Beobachtung der Tiere, 
die ihr Sexualleben so wenig verhüllen, und denen sich das 
Kind so verwandt fühlt, die den Unglauben des Kindes bestärkt. 
Mit der Erkenntnis, das Kind wachse im Leihe der Mutter, 
die das Kind noch selbständig erwirbt, wäre es auf dem richtigen 
Wege, das Problem, an dem es zuerst seine Denkkraft erprobt, 
zu lösen. Im weiteren Fortschreiten wird es aber gehemmt 
durch eine Unwissenheit, die sich nicht ersetzen läßt, und durch 
falsche Theorien, welche der Zustand der eigenen Sexualität 
ihm aufdrängt. , . 

Diese falschen Sexuallheorien, die ich nun erörtern werde, 
haben alle einen sehr merkwürdigen Charakter. Obwohl sie in 
grotesker Weise fehlgehen, enthalten sie doch, jede von ihnen, 
ein Stück echter Wahrheit, in dieser Zusammensetzung analog 
den „genial" geheißenen Lösungsversuehen Erwachsener an den 
für den Menschenverstand überschwierigen Wellpioblemen. Das 
Richtige und Triftige an diesen Theorien erklärt, sich durch 
deren Abkunft von den Komponenten des Sexualtriebes, die 
sich bereits im kindlichen Organismus regen; denn nicht 
psychische Willkür oder zufällige Eindrücke haben diese An- 
nahmen entstehen lassen, sondern die Notwendigkeiten der 



165 

psychosexuellen Konstitution, und darum können wir von 
typischen Sexualtheorien der Kinder sprechen, darum finden 
wir die nämlichen irrigen Meinungen bei allen Kindern, deren 
Sexualleben uns zugänglich wird. 

Die erste dieser Theorien knüpft an die Vernachlässigimg 
der Geschlechtsunterschiede an, die wir eingangs als kenn- 
zeichnend für das Kind hervorgehoben haben. Sie besteht darin, 
allen Menschen, auch den weiblichen Personen, 
einen Penis zuzusprechen, wie ihn der Knabe vom eigenen 
Körper kennt. Gerade in jener Sexualkonstitution, die wir als 
die „normale" anerkennen müssen, ist der Penis schon in der 
Kindheit die leitende erogene Zone, das hauptsächlichste auto- 
erotische Sexualohjekt, und seine Wertschätzung spiegelt sich 
logisch in dem Unvermögen, eine dem Ich ähnliche Persönlichkeit 
ohne diesen wesentlichen Bestandteil vorzustellen. Wenn der 
kleine Knabe das Genitale eines Schwesterchens zu Gesicht 
bekommt, so zeigen seine Äußerungen, daß sein Vorurteil 
bereits stark genug ist, um die Wahrnehmung zu beugen; er 
konstatiert nicht etwa das Fehlen des Gliedes, sondern sagt 
regelmäßig, wie tröstend und vermittelnd: der ... ist aber 
noch klein; nun wenn sie größer wird, wird er schon wachsen. 
Die Vorstellung des Weibes mit dem Penis kehrt noch spät 
in den Träumen des Erwachsenen wieder; in nächtlicher 
sexueller Erregung wirft er ein Weib nieder, entblößt es und, 
bereitet sich zum Koitus, um dann beim Anblick des wohl- 
ausgebildet en Gliedes an Stelle der weiblichen Genitalien den 
Traum und die Erregung abzubrechen. Die zahlreichen Herm- 
aphroditen des klassischen Altertums geben diese einst allgemeine 
infantile Vorstellung getreulich wieder; man kann beobachten, 
daß sie auf die meisten normalen Menschen nicht verletzend 
wirkt, während die wirklich von der Natur zugelassenen herm- 
aphroditischen Bildungen der Genitalien fast immer den größten 
Abscheu erregen. 

Wenn sich diese Vorstellung des Weibes mit dem Penis 
bei dem Kinde „fixiert", allen Einflüssen des späteren Lebens 
widersteht, und den Mann unfähig macht, bei seinem Sexualobjekt 
auf den Penis zu verzichten, so muß ein solches Individuum bei 
sonst normalem Sexualleben ein Homosexueller werden, seine 



166 



Sexualobjekte unter den Männern suchen, die durch andere 
somalische und seelische Charaktere ans Weih erinnern Das 
wirkliche Weih, wie es später erkai.nl wird, bleibt als Sexual- 
Objekt unmöglich für ihn, da es des wesentlichen sexuellen 
Reizes entbehrt, ja im Zusammenhange mit einem anderen Ein- 
druck des Kinderlebens kann es zum Abscheu für ihn werden 
Das hauptsächlich von der Peniserregung beherrschte Kind hat 
sich gewöhnlich durch Reizung desselben mit. der Hand Lust ge- 
schafft, ist von den Eltern oder Wartepersonen dabei ertappt und 
mit der Drohung, man werde ihm das Glied abschneiden ß e- 
schreekt worden. Die Wirkung dieser „Kaslrationsdrohung" ist 
im nebligen Verhältnisse zur Schätzung dieses Körperteiles eine 
ganz außerordentlich tiefgreifende und nachhaltige. Sagen und 
Mythen zeugen von dem Aufruhr des kindlichen Gefühlslebens, 
von dem Entsetzen, das sich an den Kastralinnskomplex knüpft 
der dann später auch entsprechend widerwillig vom Bewußtsein 
erinnert wird. An diese Drohung mahnt nun das später wahr- 
genommene, als verstümmelt aufgefaßte Genitale des Weibes 
und darum erweckt es beim Homosexuellen Grausen anstatt 
Lust. An dieser Reaktion kann nichts mehr geändert werden 
wenn der Homosexuelle von der Wissenschaft erfährt, daß die 
kindliche Annahme, auch die Frau besitze einen Penis, doch 
nicht so irre geht. Die Anatomie hat die Klitoris innerhalb 
der weiblichen Schamspalte als das dem Penis homologe Organ 
erkannt, und die Physiologie der Sexualvorgänge hat hinzufügen 
können, daß dieser kleine und nicht mehr wachsende Penis sich 
in der Kindheil des Weibes tatsächlich wie ein echter und 
rechter Penis benimmt, daß er zum Sitz von Erregungen wird 
die zu semer Berührung veranlassen, daß seine Reizbarkeit der 
bexualbefät.gung des kleinen Mädchens männlichen Charakter 
verleiht, und daß es eines Vordräugungsschubes in den Puberläls- 
jahren bedarf, um durch llinwegräu.nung dieser männlichen 
Sexualität das Weib entstehen zu lassen. Wie nun viele Frauen 
>" ihrer Sexualfunktion daran verkümmern, daß diese Kliloris- 
erregbarkeit hartnäckig festgehalten wird, so daß sie im Koilus- 
verkehr anästhetisch bleiben, oder daß die Verdrängung zu über- 
mäßig erfolgt, so daß ihre Wirkung durch hysterische Ersalz- 
bildung teilweise aufgehoben wird; dies alles gibt der infantilen 



167 



Sexualtheorie, das Wefib besitze wie der Mann einen Penis 
nicht unrecht. ' 

An dem kleinen Mädchen kann man mit Leichtigkeit 
beobachten, daß es die Schätzung des Bruders durchaus teilt 
Ls entwickelt ein großes Interesse für diesen Körperteil beim 
Knaben, das aber alsbald vom Neide kommandiert wird. Es fühlt 
sich benachteiligt, es macht Versuche, in solcher Stellung zu 
urinieren, wie es dem Knaben durch den Besitz des großen 
Pems ermöglicht wird, und wenn es den Wunsch äußert- Ich 
mochte lieber ein Buh sein, so wissen wir, welchem Mangel 
dieser Wunsch abhelfen soll. 

Wenn das Kind den Andeutungen folgen könnte, die von 
der Erregung des Penis ausgehen, so würde es der Lösung 
seines Problems um ein Stück näher rücken. Daß das Kind 
im Leibe der Mutter wächst, ist offenbar nicht genug Erklärung 
Wie kommt es hinein? Was gibt den Anstoß zu seiner Ent- 
wicklung? Daß der Vater etwas damit zu tun hat, ist wahr- 
scheinlich; er erklärt ja, das Kind sei auch sein Kind*)- 
Anderseits hat der Penis gewiß auch seinen Anteil an diesen 
nicht zu erratenden Vorgängen, er bezeugt es durch seine Mit- 
erregung bei all dieser Gedankenarbeit. Mit dieser Erregung 
sind Antriebe verbunden, die das Kind sich nicht zu deuten 
weiß, dunkle Impulse zu gewaltsamem Tun, zum Eindringen, 
Zerschlagen, irgendwo ein Loch aufreißen. Aber wenn das 
Kind so auf dem besten W r ege scheint, die Existenz der Scheide 
zu postulieren und dem Penis des Vaters ein solches Eindringen 
bei der Mutter zuzuschreiben als jenen Akt, durch den das 
Kind im Leibe der Mutter entsteht, so bricht an dieser Stelle 
doch die Forschung ratlos ab, denn ihr steht die Theorie im 
Wege, daß die Mutter einen Penis besitzt wie ein Mann und 
die Existenz des Hohlraumes, der den Penis aufnimmt, bleibt 
für das Kind unentdeckt. Daß die Erfolglosigkeit der Denk- 
bemuhung dann ihre Verwerfung und ihr Vergessen erleichtert, 
wird man gern annehmen. Dieses Grübeln und Zweifeln wird 
aber vorbildlich für alle spätere Denkarbeit an Problemen und 
der erste M ißerfolg wirkt für alle Zeiten lähmend fort. 

l ) Vgl. hiezu die Analyse des 5jährigen Knaben im Jahrbuch für psycho- 
analytische und psychopathologische Forschungen. 1. Halbbd. 1909. 



168 

Die Unkenntnis der Vagina ermöglicht dem Kinde auch 
die Überzeugung von der zweiten seiner Sexualthcorien. Wenn 
das Kind im Leibe der Mutter- wächst und aus diesem entfernt 
wird, so kann dies nur auf dem einzig möglichen Wege der 
Darmöffnimg geschehen. Das Kind muß entleert werden 
wie ein Exkrement, ein Stuhlgang. Wenn dieselbe Frage 
in späteren Kinderjahren Gegenstand des einsamen Nachdenkens 
oder der Besprechung zwischen zwei Kindern wird, so stellen 
sich wohl die Auskünfte ein, das Kind komme aus dem. sich 
öffnenden Nabel, oder der Bauch werde aufgeschnitten und das 
Kind herausgenommen, wie es dem Wolfe im Märchen von 
Rotkäppchen geschieht. Diese Theorien werden laut ausge- 
sprochen und später auch bewußt erinnert; sie enthalten nichts 
Anstößiges mehr. Dieselben Kinder haben dann völlig vergessen, 
daß sie in früheren Jahren an eine andere Geschlechtstheorie 
glaubten, welcher gegenwärtig die seither eingetretene Ver- 
drängung der analen Sexualkomponenle im Wege steht. Damals 
war der Stuhlgang etwas, wovon in der Kinderstube ohne 
Scheu gesprochen werden durfte, das Kind stand seinen konsti- 
tutionellen koprophilen Neigungen noch nicht so ferne; es war 
keine Degradation, so zur Welt zu kommen wie ein Haufen 
Kot, den der Ekel noch nicht verdammt hatte. Die Kloaken- 
theorie, die für so viele Tiere ja zu Hecht besteht, war die 
natürlichste und die einzige, die sich dem Kinde als wahr- 
scheinlich aufdrängen konnte. 

Dann war es aber nur konsequent, daß das Kind das 
schmerzliche Vorrecht des Weibes, Kinder zu gebären, niclit 
gellen ließ. Wenn die Kinder durch den After geboren werden, 
so kann der Mann ebenso gut gebären wie das Weib. Der Knabe 
kann also auch phantasieren, daß er selbst Kinder bekommt, 
ohne daß wir ihn darum femininer Neigungen zu beschuldigen 
brauchen. Er betätigt dabei nur seine noch regsame Analerotik. 

Wenn sich die Kloakentheorie der Gebart im Bewußtsein 
Späterer Kinderjahre erhält, was gelegentlich vorkommt, so bringt 
sie auch eine allerdings nicht mehr ursprüngliche Lösung der 
Frage nach der Entstehung der Kinder mit sich. Es ist dann 
wie im Märchen. Man ißt etwas Bestimmtes und davon bekommt 
man ein Kind. Die Geisteskranke belebt diese infantile Geburts- 



169 

theorie dann wieder. Die Maniaka etwa führt den besuchenden 
Arzt zu einem Häufchen Kot, das sie in einer Ecke ihrer Zelle 
abgesetzt hat, und sagt ihm lachend: Das ist das Kind, das ich 
heute geboren habe. 

Die dritte der typischen Sexualtheorien ergibt sich den 
Kindern, wenn sie durch irgend eine der häuslichen Zufällig- 
keiten zu Zeugen des elterlichen Sexualverkehres werden, über 
den sie dann doch nur sehr unvollständige Wahrnehmungen 
machen können. Welches Stück desselben dann immer in ihre 
Beobachtung fällt, ob die gegenseitige Lage der beiden Personen 
oder die Geräusche oder gewisse Nebenumstände, sie gelangen 
in allen Fällen zur nämlichen, wir können sagen sadistischen 
Auffassung des Koitus, sehen in ihm etwas, was der stärkere 
Teil dem schwächeren mit Gewalt antut, und vergleichen ihn, 
zumal die Knaben, mit einer Rauferei, wie sie sie aus ihrem 
Kinderverkehr kennen, und die ja auch der Beimengung sexueller 
Erregung nicht ermangelt. Ich habe nicht feststellen können, 
daß die Kinder diesen von ihnen beobachteten Vorgang zwischen 
den Eltern als das zur Lösung des Kinderproblems erforderliche 
Stück agnoszieren würden; öfter hatte es den Anschein, als 
würde diese Beziehung von den Kindern gerade darum verkannt, 
weil sie dem Liebesakte solche Deutung ins Gewalttätige ge- 
geben haben. Aber diese Auffassung macht selbst den Eindruck 
einer Wiederkehr jenes dunkeln Impulses zur grausamen Be- 
tätigung, der sich beim ersten Nachdenken über das Rätsel, 
woher die Kinder kommen, an die Peniserregung knüpfte. Es 
ist auch die Möglichkeit nicht abzuleugnen, daß jener frühzeitige 
sadistische Impuls, der den Koitus beinahe hätte erraten lassen, 
selbst unter dem Einflüsse dunkelster Erinnerungen an den 
Verkehr der Eltern aufgetreten ist, für die das Kind, als es 
noch in den ersten Lebensjahren das Schlafzimmer der Eltern 
teilte, das Material aufgenommen hatte, ohne es damals zu ver- 
werten 1 ). 

Die sadistrsche Theorie des Koitus, die in ihrer Isoliert- 
heit zur Irreführung wird, wo sie hätte Betätigung bringen 

') In dem 1794 veröffentlichten, autobiographischen Buche „Monsieur 
Nicolas" bestätigt Restif de la Brdtonne dieses sadistische Mißverständnis 
des Koitus in der Erzählung eines Eindruckes aus seinem vierten Lebensjahre. 



170 



können, ist wiederum der Ausdruck einer der angeborenen 
sexuellen Komponenten, die bei dem einzelnen Kinde mehr oder 
minder stark ausgeprägt sein mag, und sie bat daher ein Stück- 
weit recht, errät zum Teil das Wesen des Geschlechtsaktes und 
den „Kampf der Geschlechter", der ihm vorhergeht. Nicht selten 
ist das Kind auch in der Lage, diese seine Auffassung durch 
akzidentelle Wahrnehmungen zu stützen, die es zum Teil richtig 
zum andern wieder falsch, ja gegensätzlich erfaßt. In vielen Ehen 
sträubt sich die Frau wirklich regelmäßig gegen die eheliche 
Umarmung, die ihr keine Lust und die Gefahr neuer Schwanger- 
schaft bringt, und so mag die Mutter dem für schlafend ge- 
haltenen (oder sich schlafend stellenden) Kinde einen Eindruck 
bieten, der gar nicht anders denn als ein Wehren gegen eine 
Gewalttat gedeutet werden kann. Andere Male noch gibt die 
ganze Ehe dem aufmerksamen Kinde das Schauspiel eines unaus- 
gesetzten, in lauten Worten und unfreundlichen Gebärden sich 
äußernden Streites, wo dann das Kind sich nicht zu wundern 
braucht, daß dieser Streit sich auch in die Nacht fortsetzt und 
endlich durch dieselben Methoden ausgetragen wird, die das 
Kind im Verkehre mit .seinen Geschwistern oder Spielgenossen 
zu gebrauchen gewöhnt ist. 

Als eine Bestätigung seiner Auffassung sieht das Kind 
es aber auch an, wenn es Blutspuren im Bett oder an der 
Wasche der Mutter entdeckt. Diese sind ihm ein Beweis dafür 
daß in der Nacht wieder ein solcher Überfall des Vaters auf 
die Mutter stattgefunden hat, während wir dieselbe frische Blut- 
spur lieber als Anzeichen einer Pause im sexuellen Verkehre 
,,,,,,U '" werden. Manche sonst unerklärlich,. „BlutSCheu" der 
Nervösen findet durch diesen Zusammenhang ihr«. Aufklärimg. 
Der Irrtum des Kindes deckt wiederum ein Stückchen Wahrheit ; 
unter gewissen, bekannten Verhältnissen wird die Blutspur aller- 
dings als Zeichen des eingeleiteten sexuellen Verkehrs gewürdigt. 

In loserem Zusammenhange mit dem unlösbaren Problem, 
woher die Kinder kommen, beschäftig!, sich das Kind mit der 
Frage, was das Wesen und der Inhalt des Zustandes sei, den 
man „Verheiratetsein " heißt, und beantwortet diese Frage ver- 
schieden, je nach dem Zusammentreffen von zufälligen Wahr- 
nehmungen bei den Eltern mit den eigenen noch lustbetonten 






171 

Trieben. Nur daß es sich vom Verheiratetsein Lustbefriedigung 
verspricht und ein Hinwegsetzen über die Scham vermutet, 
Scheint allen diesen Beantwortungen gemeinsam. Die Auffassung, 
die ich' am häufigsten gefunden habe, lautet, daß „man vor 
einander uriniert"; eine Abänderung, die so klingt, als ob' 
sie symbolisch ein Mehrwissen andeuten wollte: daß der Mann 
in den Topf der Frau uriniert. Andere Male wird der 
Sinn des Heiratens darin verlegt: daß man einander den 
Popo zeigt (ohne sich zu schämen). In einem Falle, in dem 
es der Erziehung gelungen war, die Sexualerfahrung besonders 
lange aufzuschieben, kam das 14jährige und bereits menstruierte 
Mädchen über Anregung der Lektüre auf die Idee, das Ver- 
heiratetsein bestehe in einer „Mischung des Blutes", und 
da die eigene Schwester noch nicht die Periode hatte, versuchte 
die Lüsterne ein Attentat auf eine Besucherin, welche gestanden 
hatte, eben zu menstruieren, um sie zu dieser „Blutvermischung" 
zu nötigen. 

Die infantilen Meinungen über das Wesen der Ehe, die 
nicht selten von der bewußten Erinnerung festgehalten werden, 
haben für die Symptomatik späterer neurotischer Erkrankung 
große Bedeutung. Sie schaffen sich zunächst Ausdruck in 
Kinderspielen, in denen man das miteinander tut, was das ' 
Verheiratelsein ausmacht, und dann später einmal kann sich der 
Wunsch verheiratet zu sein die infantile Ausdrucksform wählen, 
um in einer zunächst unkenntlichen Phobie oder einem ent- 
sprechenden Symptom aufzutreten 1 ). 

Es wären dies die wichtigsten der typischen, in frühen 
Kindheitsjahren und spontan, nur unter dem Einflüsse der sexu- 
ellen Triebkomponenten produzierten Sexualtheorien des Kindes. 
Ich weiß, daß ich weder die Vollständigkeit des Materials noch 
die Herstellung des lückenlosen Zusammenhanges mit dem 
sonstigen Kinderleben erreicht habe. Einzelne Nachträge kann 
ich hier noch anfügen, die sonst jeder Kundige vermißt hätte. 
So z. B. die bedeutsame Theorie, daß man ein Kind durch 
einen Kuß bekommt, die wie selbstverständlich die Vorherrschaft 



*) Die für die spätere Neurose bedeutsamsten Kinderspiele sind das 
„Doktorspiel" und „Papa- und Mama"-Spielen. i 






172 



der erogenen Mundzonc verrät. Nach meiner Erfahrung ist diese 
Theorie ausschließlich feminin und wird als pathogen manchmal 
bei Madchen angetroffen, bei denen die Sexualforschung in der 
Kindheit die stärksten Hemmungen erfahren hat. Eine meiner 
latient.nnen gelangte durch eine zufällige Wahrnehmung zur 
Theorie der „Couvade", die bekanntlich bei manchen Völkern 
allgemeine Sitte ist und wahrscheinlich die Absicht hat, dem 
me völlig zu besiegenden Zweifel an der Paternität zu wider- 
sprechen. Da ein etwas sonderbarer Onkel nach der Geburt 
seines Kindes tagelang zu Hause blieb und die Besucher im 
Schlafrock empfing, schloß sie, daß bei einer Geburt beide 
Litern beteiligt seien und zu Bette gehen müßten. 

Um das zehnte oder elfte Lebensjahr Irin die sexuelle 
Mitteilung an die Kinder heran. Ein Kind, welches in un- 
geheminleren sozialen Verhältnissen aufgewachsen ist oder sonst 
glücklichere Gelegenheit zur Beobachtung gefunden hat, teilt 
anderen mit was es weiß, weil es sich dabei reif und überlegen 

£*fl£ Vr* Wa ,\ dieKi " d - 80 fahren, >t meist L 
Rurige, d. h. es wird ihnen die Existenz der Vagina und deren 
Bestimmung verraten, aber sonst sind diese Aufklärungen, die 
sie ■voneinander entlehnen, nicht selten mit Falschem vermengt 

MST , der f teren infaJlUIen S ^^orien behaftet 
Vo standig und zur Losung des uralten Problems ausreichend 
sin. sie fast nie. Wie früher die Unkenntnis der Vagina so 
binden ; Jetzt che des Samens die Einsicht in den Zulm.en 
hang. Das Kind kann nicht erraten, daß aus dem männlichen 
Geschlechtsg hed noch eine andere Substanz entleert wird als 
der Harn und gelegentlich zeigt sich ein „unschuldiges" Mädchen" 
Doch in der Brautdacht entrüstet darüber, daß der Mann „in 
sie hmemurmiere". An diese Mitteilungen in Jen Jahren ,1er 
Vorpubertal schließt sich nun ein neuer Aufschwung der kind- 
lichen Sexualforschung ; aber die Theorien, welche dje Kinder 
jetzt schaffen, haben nicht mehr das typische und ursprüngliche 
Gepräge das für die frühkindlichen, primären charakteristisch 
*m; solange d.e infantilen Sexualkomponenten ungehemmt und 
unverwan.tolt ihren Ausdruck in Theorien durchsetzen konnten 
Die späteren Denkbemühungen zur Lösung der sexuellen Rätsel 
schienen nur die Sammlung nicht zu verlohnen, sie können auch 



173 

auf pathogene Bedeutung wenig Anspruch mehr erheben. Ihre 
Mannigfaltigkeit ist natürlich in erster Linie von der Natur der 
erhaltenen Aufklärung abhängig; ihre Bedeutung liegt vielmehr 
darin, daß sie die unbewußt gewordenen Spuren jener ersten 
Periode des sexuellen Interesses wieder erwecken, so daß nicht 
selten masturbatorische Sexualbetätigung und ein Stück der 
Gefühlsablösung von den Eltern an. sie anknüpft. Darunter das 
verdammende Urteil der Erzieher, daß solche Aufklärung in 
diesen Jahren die Kinder „verderbe". 

Einige wenige Beispiele mögen zeigen, welche Elemente 
oft in diese späten Grübeleien der Kinder über das Sexualleben 
eingehen. Ein Mädchen hat von i den Schulkolleginnen gehört, 
daß der Mann der Frau e|iri Ei gibt, welches sie in ihrem Leihe 
ausbrütet. Ein Knabe, -der auch vom Ei gehört hat, identifiziert 
dieses „Ei" mit dem vulgär ebenso benannten Hoden und zer- 
bricht sich den Kopf darüber, wie denn der Inhalt des Hoden- 
sackes sich immer wieder erneuern, kann. Die Aufklärungen 
reichen selten so weit, um wesentliche Unsicherheiten über die 
Geschlechlsvorgänge zu verhüten. So können Mädchen zur Er- 
wartung kommen, der Geschlechtsverkehr finde nur ein einziges- 
mal statt, dauere aber da sehr lange, 24 Stunden, und von 
diesem einen Male kämen der Reihe nach- alle Kinder. Man 
sollte meinen, dieses Kind habe Kenntnis von dem Fortpflanzungs- 
vorgang bei gewissen Insekten gewonnen; aber diese Vermutung 
bestätigt sich nicht, die Theorie erscheint als eine selbständige 
Schöpfung. Andere Mädchen übersehen die Tragzeit, das Leben 
im Mutlerleibe, und nehmen an, daß das Kind unmittelbar nach 
der Nacht des ersten Verkehres zum Vorschein komme. Marcell 
Prevost hat diesen Jungmädchenirrtum in einer der „Lettres 
de femmes" zu einer lustigen Geschichte verarbeitet. Schwer 
zu erschöpfen und vielleicht im allgemeinen nicht uninteressant 
ist das Thema dieser späten Sexualforschung der Kinder 
oder auf der kindlichen Stufe zurückgehaltenen Adoleszenten, 
aber es liegt meinem Interesse ferner, und ich muß nur noch 
hervorheben, daß dabei von den Kindern viel Unrechtes 
zutage gefördert wird, was dazu bestimmt ist, älterer, besserer 
aber unbewußt gewordener und verdrängter Erkenntnis zu wider- 
sprechen. - 






174 



Auch die Art, wie die Kinder sich gegen die ihnen zu- 
gehenden Mitteilungen verhallen, hat jhre Bedeutung. Bei 
manchen ist die Sexualverdrängung soweit, gediehen, daß sie 
nichts anhören wollen, und diesen gelingt es auch, bis in späte 
Jahre unwissend zu bleiben, scheinbar unwissend wenigstens, 
bis in der Psychoanalyse der Neurotischen das aus früher 
Kindheit stammende Wissen zum Vorschein kommt. Ich weiß 
auch von zwei Knaben zwischen 10 und 13 Jahren, welche die 
sexuelle Aufklärung zwar anhörten, aber dem Gewährsmann© 
die ablehnende Antwort gaben: Es ist möglich, daß dein Vater 
und andere Leute so etwas tun, aber von meinem Vater weiß 
ich es gewiß, daß er es nie tun würde. Wie mannigfaltig immer 
dieses spätere Benehmen der Kinder gegen die Befriedigung 
der sexuellen Wißbegierde sein mag, für ihre ersten Kinder- 
jahre dürfen wir ein durchaus gleichförmiges Verhalten an- 
nehmen und glauben, daß sie damals alle aufs eifrigste bestrebt 
waren zu erfahren, was die Eltern miteinander tun, woraus 
dann die Kinder werden. 



IX. 



Die „kulturelle" Sexualmoral und die moderne 

Nervosität 1 ). 



In seiner kürzlich veröffentlichten Sexualethik 2 ) ver- 
weilt v. Ehrenfels bei der Unterscheidung der „natürlichen" 
und der „kulturellen" Sexualmoral. Als natürliche Sexual- 
moral sei diejenige zu verstehen, unter deren Herrschaft ein 
Menschenstamm sich andauernd bei Gesundheit, und Lebens- 
tüchtigkeit zu erhalten vermag, als kulturelle diejenige, deren 
Befolgung die Menschen vielmehr zu intensiver und produktiver 
Kulturarbeit anspornt. Dieser Gegensatz werde am besteh durch 
die Gegenüberstellung von konstitutivem und kulturellem 
Besitz eines Volkes erläutert. Indem ich für die weitere Würdi- 
gung dieses bedeutsamen Gedankenganges auf die Schrift von 
v. Ehrenfels selbst verweise, will ich aus ihr nur soviel heraus- 
heben, als es für die Anknüpfung meines eigenen Beitrages 
bedarf. 

Die Vermutung liegt nahe, daß unter der Herrschaft einer 
kulturellen Sexualmoral Gesundheit und Lebenstüchtigkeit der 
einzelnen Menschen Beeinträchtigungen ausgesetzt sein können, 
und daß endlich diese Schädigung der Individuen durch die 
ihnen auferlegten Opfer einen so hohen Grad erreiche, daß auf 
diesem Umwege auch das kulturelle Endziel in Gefahr geriete, 
v. Ehrenfels weist auch wirklich der 'unsere gegenwärtige 

*) Aus „Sexual-Probleme", der Zeitschrift „Mutterschutz" neue Folge. 
4. Jahrg., 1908. 

2 ) Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens, herausgegeben von 
L. Löwenfeld, LVI., Wiesbaden 1907. 






176 

abendländische Gesellschaft beherrschenden Sexualmoral eine 
Reihe von Schäden nach, für die er sie verantwortlich machen 
muß, und obwohl er ihre hohe Eignung zur Förderung der 
Kultur voll anerkannt, gelangt er dazu, sie als reformbedürftig 
zu verurteilen. Für die uns beherrschende kulturelle Sexualmoral 
sei charakteristisch die Übertragung femininer Anforderungen 
auf das Geschlechtsleben des Mannes und die Verpönung eines 
jeden Sexualverkehres mit Ausnahme des ehelich-monogamen. 
Die Rücksicht auf die natürliche Verschiedenheil, der Geschlechter 
nötige dann allerdings dazu, Vergehungen des Mannes minder 
rigoros zu ahnden und somit tatsächlich eine doppelte Moral 
für den Mann zuzulassen. Eine Gesellschaft aber, die sich auf 
diese doppelte Moral einläßt, kann es in „Wahrheitsliebe, Ehr- 
lichkeit und Humanität" 1 ) nicht über ein bestimmtes, eng be- 
grenztes Maß hinausbringen, muß ihre Mitglieder zur Ver- 
hüllung der Wahrheit, zur Schönfärberei, zum Selbslbetruge wie 
zum Betrügen anderer anleiten. Noch schädlicher wirkt die 
kulturelle Sexualmoral, indem sie durch die Verherrlichung der 
Monogamie den Faktor der virilen Auslese lahmlegt, durch 
dessen Einfluß allein eine Verbesserung der Konstitution zu 
gewinnen sei, da die vitale Auslese bei den Kulturvölkern 
durch Humanität und Hygiene auf ein Minimum herabgedrückt 
werde 2 ). 

Unter den der kulturellen Sexualmoral zur Last gelegten 
Schädigungen vermißt nun der Arzt die eine, deren Bedeutung 
hier ausführlich erörtert werden soll. Ich meine die auf sie 
zurückzuführende Förderung der modernen, d. b. in unserer 
gegenwärtigen Gesellschaft sich rasch ausbreitenden Nervosität. 
Gelegentlich macht ein nervös Kranker selbst den Arzt auf den 
in der Verursachung des Leidens zu beachtenden Gegensatz 
von Konstitution und Kulturanforderung aufmerksam, indem er 
äußert: „Wir in unserer Familie sind alle nervös geworden, 
weil wir etwas Besseres sein wollten, als wir nach unserer Her- 
kunft sein können." Auch wird der Arzt häufig genug durch 
die Beobachtung nachdenklich gemacht, daß gerade die Nach- 
kommen so lcher Väter der Nervosität verfallen, die, aus ein- 

*) Sexualethik, p. 32 ff. 
') 1. c. p. 35. 






177 

fachen und gesunden ländlichen Verhältnissen stammend, Ab- 
kömmlinge roher aber kräftiger Familien, als Eroberer in die 
Großstadt kommen und ihre Kinder in einem kurzen Zeitraum 
auf ein kulturell hohes Niveau sich erheben lassen. Vor allem 
aber haben die Nervenärzte selbst laut den Zusammenhang der 
„wachsenden Nervosität" mit dem modernen Kulturleben prokla- 
miert. Worin sie die Begründung dieser Abhängigkeit suchen, 
soll durch einige Auszüge aus Äußerungen hervorragender Be- 
obachter dargetan werden. 

W. Erb*): „Die ursprünglich gestellte Frage lautet nun, 
dahin, ob die Ihnen vorgeführten Ursachen der Nervosität in 
unserem modernen Dasein in so gesteigertem Maße gegeben 
sind, daß sie eine erhebliche Zunahme derselben erklärlich 
machen — und diese Frage darf wohl unbedenklich bejaht 
werden, wie ein flüchtiger Blick auf unser modernes Leben und 
seine Gestaltung zeigen wird." 

„Schon aus einer Reihe allgemeiner Tatsachen geht dies 
deutlich hervor^ die außerordentlichen Errungenschaften der 
Neuzeit, die Entdeckungen und Erfindungen auf allen Gebieten, 
die Erhaltung des Fortschrittes gegenüber der wachsenden Kon- 
kurrenz sind nur erworben worden durch große geistige Arbeit 
und können nur mit solcher erhalten werden. Die Ansprüche 
an die Leistungsfähigkeit des einzelnen im Kampfe ums Dasein 
sind erheblich gestiegen, und nur mit Aufbietung all seiner 
geistigen Kräfte kann er sie befriedigen; zugleich sind die Be- 
dürfnisse des einzelnen, die Ansprüche an Lebensgenuß in allen 
Kreisen gewachsen, ein unerhörter Luxus hat sich auf Be- 
völkerungsschichten ausgebreitet, die früher davon ganz unbe- 
rührt waren; die Religionslosigkeit, die Unzufriedenheit und Be- 
gehrlichkeit haben in weiten Volkskreisen zugenommen; durch 
den ins Ungemessene gesteigerten Verkehr, durch die welt- 
umspannenden Drahtnetze des Telegraphen und Telephons haben 
sich die Verhältnisse in Handel und Wandel total verändert- 
alles geht in Hast und Aufregung vor sich, die Nacht wird 
zum Reisen, der Tag für die Geschäfte benützt, selbst, die 
„Erholungsreisen" werden zu Strapazen für das Nervensystem- 



l ) Über die wachsende Nervosität unserer Zeit. 1893. 
Freud, Neurosenlehre. II. 3. Aufl. 



12 






178 

große politische, industrielle, finanzielle Krisen tragen ihre 
Aufregung in viel weitere Bevölkerungskreise als früher; ganz 
allgemein ist die Anteilnahme am politischen Lehen geworden! 
politische, religiöse, soziale Kämpfe, das Parteitreiben, die Wahl- 
agitationen, das ins Maßlose gesteigerte Vereinswesen erh.l/.en 
die Köpfe und zwingen die Geister zu immer neuen Anstren- 
gungen und rauben die Zeit zur Erholung, Schlaf und Kühe; 
das Lehen in den großen Städten ist immer raffinierter und 
unruhiger geworden. Die erschlafften Nerven suchen ihre Er- 
holung in gesteigerten Reizen, in stark gewürzten Genüssen, 
um dadurch noch mehr zu ermüden; die moderne Literatur be- 
schäftigt sich vorwiegend mit den bedenklichsten Problemen, die 
alle Leidenschaften aufwühlen, die Sinnlichkeit und Genußsucht. 
die Verachtung aller ethischen Grundsätze und aller dea e 
fördern; sie bringt pathologische Gestalten, psychopatlnsch- 
sexuclle, revolutionäre und andere Probleme vor den Geis des 
Lesers- unser Ohr wird von einer in großen Dosen verabreichten, 
aufdringlichen und lärmenden Musik erregt, und überreizt, die 
Theater nehmen alle Sinne mit ihren aufregenden Darstellungen 
gefangen- auch die bildenden Künste wenden sich mit Vorliebe 
dem Abstoßenden, Häßlichen und Aufregenden zu und scheuen 
sich nicht, auch das Gräßlichste, was die Wirklichkeit bietet, 
in abstoßender Realität vor unser Auge zu stellen." 

So zeigt dies allgemeine Bild schon eine Reihe von Ge- 
fahren in unserer modernen Kulturentwicklung ; es mag im ein- 
zelnen noch durch einige Züge vervollständigt werden!" 

Binswangeri): „Man hat speziell die Neurasthenie als 
eine durchaus moderne Krankheit bezeichnet, und Board, dem 
mx zuerst eine übersichtliche Darstellung derselben verdanke... 
glaubte, daß er eine neue, speziell auf amerikanischem Hoden 
erwachsene Nervenkrankheit entdeckt habe; Diese Annahme 
war natürlich eine irrige; wohl aber kenn/.ei, hnel die iatsaelic, 
daß zuerst ein amerikanischer Arzt die eigeuarl.gon Zuge 
dieser Krankheit auf Grund einer reichen Erfahrung erlassen 
und festhallen konnte, die nahen Beziehungen, welche das 
moderne heben, das ungezügelte Hasten und Jagen nach Geld 



>) Di« Pathologie und Therapie der Neurasthenie. 18%. 






179 

und Besitz, die ungeheuren Fortschritte, auf technischem Gebiete, 
welche alle zeitlichen und räumlichen Hindernisse des Verkehrs- 
lebens illusorisch gemacht haben, zu dieser Krankheit aufweisen." 

v. Krafft-Ebingi): „Die Lebensweise unzähliger Kultur- 
menschen weist heutzutage eine Fülle von antihygienischen 
Momenten auf, die es ohne weiteres begreifen lassen, daß die 
■Nervosität in fataler Weise um sich greift, denn diese schäd- 
lichen Momente wirken zunächst und zumeist aufs Gehirn. In 
den politischen und sozialen, speziell den merkantilen, indu- 
striellen, agrarischen Verhältnissen der Kulturnationen haben 
sich eben im Laufe der letzten Jahrzehnte Änderungen voll- 
zogen, die Beruf, bürgerliche Stellung, Besitz gewaltig umge- 
ändert haben, und zwar auf Kosten des Nervensystems, das ge- 
steigerten sozialen und wirtschaftlichen Anforderungen durch 
vermehrte Verausgabung an Spannkraft bei vielfach ungenügen- 
der Erholung gerecht werden muß." 

Ich habe an diesen — und vielen anderen ähnlich klin- 
genden — Lehren auszusetzen, nicht daß sie irrtümlich sind, 
sondern daß sie sich unzulänglich erweisen, die Einzelheiten 
in der Erscheinung der nervösen Störungen aufzuklären, und 
daß sie gerade das bedeutsamste der ätiologisch wirksamen 
Momente außer acht lassen. Sieht man von den unbestimmteren 
Arten, „nervös" zu sein, ab und faßt die eigentlichen Formen 
des nervösen Krankseins ins Auge, so reduziert sich der 
schädigende Einfluß der Kultur im wesentlichen auf die schäd- 
liche Unterdrückung des Sexuallebens der Kulturvölker (oder • 
Schichten) durch die bei ihnen herrschende „kulturelle" Sexual- 
moral. \ 

Den Beweis für diese Behauptung habe ich in einer Reihe 
fachmännischer Arbeiten zu erbringen gesucht-'); er kann hier 
nicht wiederholt werden, doch will ich die wichtigsten Argumente 
aus meinen Untersuchungen auch an dieser Stelle anführen. 

Geschärfte klinische Beobachtung gibt uns das Recht, von 
den nervösen Krankheitszuständen zwei Gruppen zu unter- 
scheiden, die eigentlichen Neurosen und die Psychoneu- 

J ) Nervosität und neurasthenische Zustände, 1895, p. 11. (In Noth- 
nagels Handbuch der spez. Pathologie und Therapie.) 

«) Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. Wien 1906. (3. Aufl., 1920.) 

12* 



•- 



J 



180 

rosen. Bei der ersteren scheinen die Störungen (Symptome), 
mögen sie sich in den körperliehen oder m den seelischen 
Übungen äußern, toxischer Natur ZU sein: sie W**J 
sich ganz ähnlich wie die Erscheinungen he. übergroßer Zuruni 
oder hei Entbehrung gewisser Nervengifte. Diese Neurose^ 
meist als Neurasthenie zusarmnengefaßt können -nun, ohne 
daß die Mithilfe einer erblichen Belastung erforderlich wäre, 
durch gewisse schädliche Einflüsse des Stoalleböns erzeug! 
worden, und zwar korrespondier, die Form der Erkrankung 
mit der Art dieser Schädlichkeiten, so daß man oft genug das 
klinische Bild ohne weiteres zum Rückschluß auf die besondere 
sexuelle Ätiologie verwenden kann. Eine sohl..- regelmäßige 
Entsprechung wird aher zwischen der Form der nervösen Er, 
krankung und den anderen schädigenden kullurcmflüssen, welche 
die Autoren als krankmachend anklagen, durchaus vermißt 
Man darf also den sexuellen Kaktor für den wesentlichen ... 
der Verursachung der eigentlichen Neurosen erklären. 

Bei den Psychoneurosen ist der hereditäre Einfluß be- 
deutsamer, die Verursachung minder durchsichtig. Em eigen- 
tümliches Untersuchungsverfahren, .las als Psychoanalyse be- 
kann! ist, hat. aher geslaiiel /... erkennen, daß «he Symptome 
dieser Leiden (der Hysterie, Zwangsneurose usw., psychogen 
sind von der Wirksamkeit Unbewußter ( verdrängter) VOT- 

steliungskomplexe ahhängen. Dieselbe Methode hal uns aber 

auch diese unbewußten Komplexe kennen gelehrt und uns ge- 
zeigt, daß sie, ga../ allgemein gesprochen, sexuellen Inhalt 
haben; sie entspringen den Sexualhedürfnissen unbefriedigter 
Menschen .„.l s.ellen für sie eine am von Brsatebefriedigung 
dar. Somit müssen wir in allen Momenten, welch,- das Sexual 
leben schädigen, seine Betätigung unterdrücken, seine Äieie 
verschieben, pathogen Eiktorcn auch der l'sychoneurosen er- 

Der Wert, de, theoretischen Unterscheidung /wischen den 

toxischen und den psychogenen Neurosen wird natürlich durch 

die Tatsache nicht beeinträchtigt, daß an den n.e.s en ne.voscn 

Personen Störungen von beiderlei Herkunft Zlf beobachten s.i «I 

Wer nun mit mir bereit ist, die atiolbgie der NervosiULI 

allem in schädigenden Einwirkungen auf das Sexualleben 



vor 



181 



zu suchen, -der wird auch den nachstellenden Erörterungen folgen 
wollen, welche das Thema der wachsenden Nervosität in einen 
allgemeineren Zusammenhang einzufügen bestimmt sind 

Unsere Kultur ist ganz allgemein auf der Unterdrückung 
von Trieben aufgebaut. Jeder einzelne hat ein Stück seines 
Besitzes, seiner Machtvollkommenheit, der aggressiven und vin- 
( hkativen Neigungen seiner Persönlichkeit abgetreten; aus diesen 
Beitragen ist der gemeinsame Kulturbesitz an materiellen und 
ideellen Gütern entstanden. Außer der Lebensnot sind es wohl 
die aus der Erolik abgeleiteten Familiengefühle, welche die 
einzelnen Individuen zu diesem Verzichte bewogen haben. Der 
Verzicht ist ein im Laufe der Kulturentwicklung progressiver 
gewesen; die einzelnen Fortschritte desselben wurden von der 
Religion sanktioniert; das Stück "Triebbefriedigung, auf das man 
verzichtet hatte, wurde der Gottheit zum Opfer gebracht; das 
so erworbene Gemeingut für „heilig" erklärt. Wer kraft seiner 
unbeugsamen Konstitution diese Triebunterdrückung nicht mit- 
machen kann, steht der Gesellschaft als „Verbrecher" als 
„outlaw" gegenüber, insofern nicht seine soziale Position und 
seme hervorragenden Fähigkeiten ihm gestatten, sich in ihr als 
großer Mann, als „Held" durchzusetzen. 

Der Sexualtrieb - - oder richtiger gesagt: die Sexualtriebe 
denn eine analytische Untersuchung lehrt, daß der Sexualtrieb 
aus vielen Komponenten, Partialtrieben, zusammengesetzt ist - 
ist beim Menschen wahrscheinlich starker ausgebildet als 
bei den meisten höheren Tieren und jedenfalls stetiger da er ' 
die Periodizität fast völlig überwunden hat, an die er 'sich bei 
den Tieren gebunden zeigt. Er stellt der Kulturarbeit außer- 
ordentlich große Kraftmengen zur Verfügung, und dies zwar 
infolge der bei ihm besonders ausgeprägten Eigentümlichkeit 
bob Ziel verschieben zu können, ohne wesentlich an Intensität 
abzunehmen Man nennt diese Fähigkeit, das ursprünglich 
sexuelle Ziel gegen ein anderes, nicht mehr sexuelles, aber 
psychisch mit .hm verwandtes, zu vertauschen, die Fähigkeit 
zur bublnmerung. Im Gegensatze zu dieser Verschiebbar- 
keit, in welcher sein kultureller Wert besteht, kommt beim 
Sexualtrieb auch besonders hartnäckige Fixierung vor, durch 
die er »»verwertbar wird und gelegentlich zu den sogenannten 






182 

Abnormitäten entartet. Die ursprüngliche Stärke des Sexual- 
triebes ist wahrscheinlich bei den einzelnen Individuen ver- 
schieden groß; sicherlich' schwankend ist der von ihm zur Suh 
limierung geeignete Betrag. Wir stellen uns vor, daß es zu- 
nächst durch die mitgebrachte Organisation entschieden ist, ein 
wie großer Anteil des Sexualtriebes sich* beim einzelnen als 
sublimierbar und verwertbar erweisen wird; außerdem gelingt 
es den Einflüssen des Lebens und der intellektuellen Beein- 
flussung des seelischen Apparates einen weiteren Anteil zur 
Sublimierung zu bringen. Ins Unbegrenzte fortzusetzen ist dieser 
Verschiebungsprozeß aber sicherlich nicht, so wenig wie die 
Umsetzung der Wärme in mechanische Arbeit bei unseren 
Maschinen. Ein gewisses Maß direkter sexueller Befriedigung 
scheint für die allermeisten Organisationen unerläßlich, und die 
Versagung dieses individuell variablen Maßes straft sich durch 
Erscheinungen, die wir infolge ihrer Funklionsscbädl.chke.l. und 
ihres subjektiven Unlustcharakters zum Kranksein rechnen 
müssen. 

Weitere Ausblicke eröffnen sich, wenn wir die Tatsache 
in Betracht ziehen, daß der Sexualtrieb des Menseben ursprüng- 
lich gar nicht den Zwecken der Fortpflanzung dient, sondern 
bestimmte Arten der Luslgewinnung zum Ziele bat 1 ). Er äußert 
sich so in der Kindheit des Menschen, wo er sein Ziel der 
Lustgewinnung nicht nur an den Genitalien, sondern Wich an 
anderen Körperstellen (erogenen Zonen) erreicht und darum 
von anderen als diesen bequemen Objekten absehen darf. Wir 
heißen dieses Stadium das des Autoerotismus und weisen 
der Erziehung die Aufgabe, es einzuschränken, zu. weil das 
Verweilen bei demselben den Sexualtrieb für später im beherrsch- 
bar und unverwertbar machen würde. Die Entwicklung des 
Sexualtriebes geht dann vom Autoerotismus zur Ohjeklliebe und 
von der Autonomieder erogenen Zonen zur Unterordnung der 
selben unter, das Primat der in den Dienst, der Fortpflanzung 
gestellten Genitalien. Während dieser Entwicklung wird ein 
Anteil der vom eigenen Körper gelieferten Sexualerre<mng als 
unbrauchbar für die Fortpflanzungsfunktion gehemmt und im 



') Drei Abhandlungen zur Sexualthoorie. Wie» 1905. (4. Aufl., 1920.) 



183 

günstigen Falle der Sublimierung zugeführt. Die für die Kultur- 
arbeit verwertbaren Kräfte werden so zum großen Teile durch 
die Unterdrückung der sogenannt perversen Anteile der Sexual- 
erregung gewonnen. 

Mi! Bezug auf diese Entwicklungsgeschichte des Sexual- 
triebes könnte man also drei Kulturstufen unterscheiden: Eine 
erste, auf welcher die Betätigung des Sexualtriebes auch über 
die Ziele der Fortpflanzung hinaus frei ist; eine zweite, auf 
welcher alles am Sexualtrieb unterdrückt ist bis auf das/ was 
der Fortpflanzung dient, und eine dritte, auf welcher nur die 
legitime Fortpflanzung als Sexualziel zugelassen wird. Dieser 
dritten Stufe entspricht unsere gegenwärtige „kulturelle" Sexual- 
moral. 

Nimmt man die zweite dieser Stufen zum Niveau, so muß 
man zunächst konstatieren, daß eine Anzahl von Personen aus 
Gründen der Organisation den Anforderungen derselben nicht 
genügt. Bei ganzen Reihen von Individuen hat sich die er- 
wähnte Entwicklung des Sexualtriebes vom Autoerotismus zur 
Objektliebe mit dem Ziel der Vereinigung der Genitalien nicht 
korrekt und nicht genug durchgreifend vollzogen, und aus diesen 
Entwicklungsstörungen ergeben sich zweierlei schädliche Ab- 
weichungen von der normalen, d. h. kulturförderlichen Sexualität, 
die sich zueinander nahezu wie positiv und negativ verhalten. 
Es sind dies zunächst — abgesehen von den Personen mit. über- 
starkem und unhemmbarem Sexualtrieb überhaupt — die ver- 
schiedenen (lattungen der Perversen, bei denen eine infantile 
Fixierung auf ein vorläufiges Sexualziel das Primat der Fort- 
pflanzungsfunktion aufgehalten hat, und die Homosexuellen 
oder Invertierten, bei denen auf noch nicht ganz aufgeklärte 
Weise das Sexualziel vom entgegengesetzten Geschlecht abgelenkt 
worden ist. Wenn die Schädlichkeit dieser beiden Arten von 
Entwicklungsstörung geringer ausfällt, als man hätte erwarten 
können, so ist diese Erleichterung gerade auf die komplexe 
Zusammensetzung des Sexualtriebes zurückzuführen, welche auch 
dann noeb eine brauchbare Endgestaltung des Sexuallebens er- 
möglicbt, wenn ein oder mehrere Komponenten des Triebes sich 
von der Entwicklung ausgeschlossen haben. Die Konstitution 
der von der Inversion Betroffenen, der Homosexuellen, zeichnet 



184 

sich sogar häufig durch eine besondere Eignung des Sexual- 
triebes zur kulturellen S'uhliinicrung aus. 

Stärkere und zumal exklusive Ausbildungen der Inver- 
sionen und der Homosexualität machen allerdings deren Träger 
sozial unbrauchbar und unglücklich, so daß selbst die Kultur- 
anforderungen der zweiten Stufe als eine Quelle des Leideiis 
für einen gewissen Anteil der Menschheit anerkannt werden 
müssen. Das Schicksal dieser konstitutiv von den anderen ab- 
weichenden Personen ist ein mehrfaches» je nachdem sie einen 
absolut starken oder schwächeren Geschlechtstrieb mitbekommen 
haben. Im letzteren Falle, bei allgemein schwachem Sexualtrieb, 
gelingt den Perversen die völlige Unterdrückung jener Neigungen, 
welche sie in Konflikt mit der Möralforderüng ihrer Kultur* 
stufe bringen. Aber dies bleibt auch, ideell betrachtet, die einzige 
Leistung, die ihnen gelingt, denn für diese Unterdrückung ihrer 
sexuellen Triebe verbrauchen sie die Kräfte, die sie sonst an 
die Kulturarbeit wenden würden. Sie sind gleichsam in sich 
gehemmt und nach außen gelähm I. I'.s trifft für sie zu, was wir 
später von der Abstinenz der Männer und Frauen, die auf der 
dritten Kulturstufe gefordert wird, wiederholen werden. 

Bei intensiverem, aber perversem Sexuallrieh sind zwei 
Fälle des Ausganges möglich. Der erste, weiter nicht zu be- 
trachtende, ist der, daß- die Betroffenen pervers "bleiben und 
die Konsequenzen ihrer Abweichung vom Kulturniveau zu tragen 
haben. Der zweite Fall ist bei weitem interessanter, — er besteh! 
darin, daß unter dem Einflüsse der Erziehung und der sozialen 
Anforderungen allerdings eine Unterdrückung der perversen 
Triebe erreicht wird, aber eine Art von Unterdrückung, die 
eigentlich keine solche ist, die besser als ein Mißglücken der 
Unterdrückung bezeichnet werden kann. Die geheinmlen Sexual- 
triebe äußern sich dann zwar nicht als solche: darin besieht. 
der Frfolg - , aber sie äußern sich auf andere Weisen, die Im 
das Individuum genau ebenso schädlich sind und es für die 
Gesellschaft ebenso unbrauchbar machen wie die unveränderte 
Befriedigung jener unterdrückten Triebe: darin liegt dann der 
Mißerfolg des Prozesses, der auf die Dauer den Frfolg mehr 
als bloß aufwiegt. Die Krsal/.erscheinungen, die hier infolge der 
Triebunlerdrückung auftreten, machen das aus, was wir als 



185 



Nervosität, spezieller als Psychoneurosen (siehe eingangs) be- 
schreiben. Die Neurotiker sind jene Klasse von Menschen, die 
es bei widerstrebender Organisation unter dein Einflüsse der 
Kulturanforderungen zu einer nur scheinbaren und immer mehr 
mißglückenden Unterdrückung ihrer Triebe bringen, und die 
darum ihre Mitarbeiterschaft an den Kulturvverken nur mit 
großem Kräfleaufwand, unter innerer Verarmung, aufrecht er- 
halten oder zeitweise als Kranke aussetzen müssen. Die Neurosen 
aber habe ich als das „Negativ" der Perversionen bezeichnet, 
weil sich bei ihnen die perversen Regungen nach der Ver- 
drängung aus dem Unbewußten des Seelischen äußern, weil sie 
dieselben Neigungen wie die positiv Perversen im „verdrängten" 
Zustand enthalten. 

Die Erfahrung lehrt, daß es für die meisten Menschen 
eine «lien/e inht, über die hinaus ihre Konstitution der Kultur- 
anforderung nicht folgen kann. Alle, die edler sein wollen, 
als ihre Konstitution es ihnen gestattet, verfallen der Neurose; 
sie hätten sich wohler befunden, wenn es ihnen möglich ge- 
blieben wari'. schlechter zu sein. Die Einsicht, daß Perversion 
lind Neuro» sieb wie positiv und negativ zueinander verhalten, 
findet oft eine unzweideutige Bekräftigung durch Beobachtung 
innerhalb der nämlichen (ieneration. Recht häufig ist von Ge- 
schwistern der Bruder ein sexuell Perverser, die Schwester, die 
mii dem schwächeren Sexualtrieb als Weib ausgestattet ist, eine 
\«in«'tika, deren Symptome aber dieselben Neigungen ausdrücken 
wie die Perversionen des sexuell aktiveren Bruders, und dem- 
entsprechend sind überhaupt in vielen Familien die Männer 
n«-sund, aber in sozial unerwünschtem Maße unmoralisch, die 
Fram ii edel und überverfeinert, aber - - schwer nervös. 

Es ist eine der offenkundigen sozialen Ungerechtigkeiten, 
wenn der kulturelle Standard von allen Personen die nämliche 
Führung des Sexuallebens fordert, die den einen dank ihrer 
Organisation mühelos gelingt; während sie den anderen die 
schwersten psychischen Opfer auferlegt, eine Ungerechtigkeit 
freilich, die zumeist durch Nichtbefolgung der Moralvorschriften 
vereiteli wird. 

Wir haben unseren Betrachtungen bisher die Forderung 
der zweiten, ron uns Bupponierten, Kulturstufe zugrunde gelegt, 



■r 



186 

derzufolge jede sogenannte perverse Sexualbetätigung verpönt, 
der normal genannte Sexualverkehr hingegen frei gelassen wird. 
Wir haben gefunden, daß auch bei dieser Verteilung von sexu- 
eller Freiheit und Einschränkung eine Anzahl von Individuen 
als pervers beiseite geschoben, eine andere, die sich bemühen, 
nicht pervers zu sein, während sie es konstitutiv sein sollten, 
in die Nervosität gedrängt wird. Es ist nun leicht, den Erfolg 
vorherzusagen, der sich einstellen wird, wenn man die Sexual- 
freiheit weiter einschränkt und die Kulliirfoidcrung auf das 
Niveau der dritten Stufe erhöht, ;ilso jede andere Sexualbeläti- 
gung als die in legitimer Ehe verpönt. Die Zahl der Starken, 
die sich in offenen Gegensatz zur Kullurfordcrung stellen, wird 
in außerordentlichem Maße vermehrt werden, und ebenso die 
Zahl der Schwächeren, die sich in ihrem Konflikte zwischen 
dem Drängen der kulturellen Einflüsse und dem Widerstände 
ihrer Konstitution in neurotisches Kranksein — flüchten. 

Setzen wir uns vor, drei hier entspringende Fragen zu be- 
antworten: 1. welche Aufgabe die Kullurfordcrung der dritten 
Stufe an den einzelnen stellt, 2. ob die zugelassene legitime 
Sexualbefriedigung eine annehmbare Entschädigung für den 
sonstigen Verzicht zu bieten vermag, 3. in welchen] Verhältnisse 
die etwaigen Schädigungen durch diesen Verzicht zu dessen 
kulturellen Ausnützungen stehen. 

Die Beantwortung der ersten Frage rührt, an ein oftmals 
behandeltes, hier nicht zu erschöpfendes Prpblem, das fler sexu- 
ellen Abstinenz. Was unsere dritte Kulturstufe von dem ein- 
zelnen fordert, ist die Abstinenz bis zur Ehe für beide Ge- 
schlechter, die lebenslange Abstinenz für alle solche, die keine 
legitime Ehe eingehen. Die allen Autoritäten genehme Behauptung, 
die sexuelle Abstinenz sei nicht schädlich und nicht gar schwer 
durchzuführen, ist vielfach auch von Ärzten vertreten worden. 
Man darf sagen, die Aufgabe der Bewältigung einer so mäch- 
tigen Regung wie des Sexualtriebes, anders als auf dem Wege 
der Befriedigung, ist eine, die alle Kräfte eines Menschen in 
Anspruch nehmen kann. Die Bewältigung durch Suhlimierung, 
durch Ablenkung der sexuellen Triebkräfte vom sexuellen Ziele 
weg auf höhere kulturelle Ziele gelingt einer Minderzahl, und 
wohl auch dieser nur zeitweilig, am wenigsten leicht in der 






187 

Lebenszeit feuriger Jugendkraft. Die meisten anderen werden 
neurotisch oder kommen sonst zu Schaden. Die Erfahrung zeigt, 
daß die Mehrzahl der unsere Gesellschaft zusammensetzenden 
Personen der Aufgabe der Abstinenz konstitutionell nicht ge- 
wachsen ist. Wer auch bei milderer Sexualeinschränkung er- 
krankt wäre, erkrankt unter den Anforderungen unserer heutigen 
kulturellen Sexualmoral um so eher und um so intensiver, denn 
gegen die Bedrohung des normalen Sexualstrebens durch fehler- 
hafte Anlagen und Entwicklungsstörungen kennen wir keine 
bessere Sicherung als die Sexualbefriedigung selbst. Je mehr 
jemand zur Neurose disponiert ist, desto schlechter verträgt er 
die Abstinenz; die Partialtriebe, die sich der normalen Ent- 
wicklung im oben niedergelegten Sinne entzogen haben, sind 
nämlich auch gleichzeitig um soviel unhemmharer geworden. 
Aber auch diejenigen, welche bei den Anforderungen der zweiten 
Kulturstufe gesund geblieben wären, werden nun in großer An- 
zahl der Neurose zugeführt. Denn der psychische Wert der 
Sexualbefriedigung erhöht sich mit ihrer Versagung; die ge- 
staute Libido wird nun in den Stand gesetzt, irgendeine der 
selten fehlenden schwächeren Stellen im Aufbau der Vita sexu- 
alis auszuspüren, um dort zur neurotischen Ersatzbefriedigung 
i„ Form krankhafter Symptome durchzubrechen. Wer in die 
Bedingtheil nervöser Erkrankung einzudringen versteht, ver- 
schafft sich bald die Überzeugung, daß die Zunahme der nervösen 
Erkrankungen in unserer Gesellschaft von der Steigerung der 
sexuellen Einschränkung herrührt. 

Wir rücken dann der Frage näher, ob nicht dpr Sexual- 
\, rkehr in legitimer Ehe eine volle Entschädigung für die Ein- 
schränkung vor der Ehe bieten kann. Das Material zur ver- 
neinenden Beantwortung dieser Frage drängt sich da so reichlich 
auf, dafi uns die knappste Fassung zur Pflicht wird. Wir er- 
innern vor allem daran, daß unsere kulturelle Sexualmoral auch 
,l,.,i Mxuellcn Verkehr in der Ehe selbst beschränkt, indem sie 
den Eheleuten den Zwang auferlegt, sich mit einer meist sehr 
geringen Ansah] von Kinderzeugungen zu begnügen. Infolge 
dieser RückMChf gibt es befriedigenden Sexualverkehr in der 
Ehe mir durch einige Jahre, natürlich noch mit Abzug der zur 
Schonung der Frau aus hygienischen Gründen erforderten Zeiten. 



188 

Nach diesen drei, vier oder fünf Jahren versagl die Ehe, inso- 
fern sie die Befriedigung der sexuellen Bedürfnisse versprochen 
hat; denn alle Mittel, die sich bisher zur Verhütung der Kon- 
zeption ergehen haben, verkümmern den sexuellen Genuß, Störet) 
die feinere Empfindlichkeit beider Teile oder wirken selbsl 
direkt, krankmachend; mit. der Angst vor den Folgen des G« 
schlechtsverkehres schwindet /.weist die körperliche Zärtlichkeit 
der Ehegatten füreinander, in weilerer Eolge meist auch die 
seelische Zuneigung, die bestimmt war, das labe der anfäng- 
lichen stürmischen Leidenschaft zu übernehmen. Unter der 
seelischen Enttäuschung und körperlichen Entbehruijg, die so 
das Schicksal der meisten Ehen wird, finden sich beide Teile 
auf den früheren Zustand vor der Ehe zurückversetzt, nur um 
eine Illusion verarmt und von neuem auf ihre Festigkeit, den 
Sexualtrieb zu beherrschen und abzulenken, angewiesen. Es soll 
nicht untersucht werden, inwieweit diese Aufgabe nun dem Manne 
im reiferen Lebensalter gelingl ; erfahrungsgemäß bedien! er sich 
nun recht häufig des Stückes Sexmilfreiheil, welches ihm auch 

von der strengsten Sexualordnung, wenngleich nur stillschweigend 

und widerwillig, eingeräumt wird; die für den Mann in unserer 
Gesellschaft geltende „doppelte" SexualmoraJ ist das beste Ein- 
geständnis, daß die Gesellschaft selbsl, welche die Vorschriften 
erlassen hat, nicht an deren Durchführbarkeil glauht Die Er- 
fahrung zeigt aber auch, daß die Frauen, denen als den eigent- 
lichen Trägerinnen der Sexualinteressen des Menschen die Gabe 
der Sublimierung des Triebes nur in geringem Maße zugeteilt 
ist, denen als Ersatz des Sexualobjektes zwar der Säugling, 
aber nicht das heranwachsende Kind genügt, daß die Frauen, 
sage ich, unter den Enttäuschungen der Khe an schweren und 
das Leben dauernd trübenden Neurosen erkranken. Die Ehe 
hat unter den heutigen kulturellen Bedingungen längsl aufr 
gehört, das Aliheilmitte] gegen die nervösen Leiden «les Weihes 
zu sein; und wenn wir Arzte auch noch immer in solchen Fällen 
zu ihr raten, so wissen wir doch, daß im Gegenteil ein Mädchen 
recht gesund sein muß, um die Ehe zu „vertragen", und raten 
unseren männlichen Klienten dringend ab, ein bereits vor der 
Ehe nervöses Mädchen zur Frau zu nehmen. Das Heilmittel 
gegen die aus der Ehe entspringende Nervosität wäre vielmehr 



189 

die eheliche Untreue ; je strenger eine Frau erzogen ist, je ernst- 
hafter sie sich der Kulturforderung unterworfen hat, desto mehr 
fürchtet sie aher diesen Ausweg, und im Konflikte zwischen 
ihren Begierden und ihrem Pflichtgefühl sucht sie ihre Zuflucht 
wiederum — in der Neurose. Nichts anderes schützt ihre Tugend 
so sicher wie die Krankheit. Der eheliche Zustand, auf den der 
Sexualtrieb des Kulturmenschen während seiner Jugend ver- 
tröstet wurde, kann also die Anforderungen seiner eigenen 
Lebenszeit nicht decken; es ist keine Rede davon, daß er für 
den früheren Verzicht entschädigen könnte. 

Auch wer. diese Schädigungen durch die kulturelle Sexual- 
moral zugibt, kann zur Beantwortung unserer dritten Frage 
geltend machen, daß der kulturelle Gewinn aus der soweit ge- 
triebenen Sexualeinschränkung diese Leiden, die in schwerer 
Ausprägung doch nur eine Minderheit, betreffen, wahrscheinlich 
mein als bloß aufwiegt. Ich erkläre mich für unfähig, Gewinn 
und Verlos! liier richtig gegeneinander abzuwägen, aber zur 
Einschätzung der Verlustseite könnte ich noch allerlei anführen. 
Auf das vorhin gestreifte Thema der Abstinenz zurückgreifend, 
muß ich behaupten, daß die Abstinenz noch andere Schädi- 
gungen bringt als die der Neurosen, und daß diese Neurosen 
meist nicht nach ihrer vollen Bedeutung veranschlagt werden. 
Die Verzögerung der Sexualentwicklung und Sexualbetäti- 
gung, welche unsere Erziehung und Kultur anstrebt, ist zunächst 
gewiß unschädlich; sie wird zur Notwendigkeit, wenn man in 
Betracht zieht, in wie späten Jahren erst die jungen Leute ge- 
bildete* Stände zu selbständiger Geltung und zum Erwerb- zu- 
gelassen werden. Man wird hier übrigens an den intimen Zu- 
sammenhang aller unserer kulturellen Institutionen und an die 
Schwierigkeit gemahnt, ein Stück derselben ohne Rücksicht auf' 
( |,,s Gange abzuändern. Die Abstinenz weit über das 20. Jahr 
hinaus ist aber für den jungen Mann nicht mehr unbedenklich 
und führt zu anderen Schädigungen, auch wo sie nicht zur 
Nervosität führt. Man sagt zwar, der Kampf mit dem mächtigen 
Triebe und die dabei erforderliche Betonung aller ethischen und 
ästhetischen Mächte im Seelenieben „stähle" den Charakter, 
and dies ist für einige besonders günstig organisierte Naturen 
richtig; zuzugeben ist auch, daß die in unserer Zeit so aus- 







^a 



190 

geprägte Differenzierung der individuellen Charaktere erst mit 
der Sexualeinschränkung möglich geworden iat Aber in der 

weitaus größeren Mehrheit der Fälle zehrt der Kampf gcgon 
die Sinnlichkeit die verfügbare Energie des Charakters auf und 
dies gerade zu einer Zeit, in welcher der juiige, Mann all seiner 
Kräfte bedarf, um sich seinen Anteil und Platz in der Gesell- 
schaft /.u erobern. Das Verhältnis zwischen mögliche* Subü- 
mierung und nötwendiger sexueller Betätigung schwankt natür- 
lich sehr für die einzelnen Individuen uhd sogar für die ver- 
schiedenen Berufsarten. Ein abstinenter Künstler ist kaum rech! 
möglich, ein abstinenter junger lielebrler gewiß keine Seltenheit 
Der letztere kann durch Knlhallsamkeit freie Kräfte für sein 
Studium gewinnen, heim ersleren wird wahrscheinlich seine 
künstlerische Leistung durch sein sexuelles Erleben mächtig an- 
geregt werden. Im allgemeinen babe icp nicht den Eindruck 
gewonnen, daß die sexuelle Abstinenz energische, selbständige 
Männer der Tat oder originelle Denker, kühne Befreier und 
Reformer heranbilden helfe, weit häufiger brave Schwächlinge, 
' welche später in die große Masse eintauchen, die den von starken 
Individuen gegehenen Impulsen widerstrebend zu folgen pflegt 
Daß der Sexualtrieb im ganzen sich eigenwillig und un- 
gefügig benimmt, kommt auch in den Ergebnissen der Ab 
stinenzbemühung zum Ausdruck. Die folturerziehung strebe 
etwa nur seine zeitweilige Unterdrückung bis zur Eheschließung 
an und beabsichtige ihn dann Er« zu lassen, um sich seiner zu 
bedienen. Aber gegen <\<-\i Trieb gelingen die extremen lieein- 
flussungen leichler noch als die Mäßigungen die I ulcrdrückung 
ist sehr oft zu weit gegangen und bat das unerwünschte Et* 
sultat. ergehen, daß der Sexualtrieb Dach Beinei Freilassung 
dauernd gesehädigl erscheint. Darum ist ofl volle Abstinenz. 

während der Jugendzeit nicht die beste Vorbereitung für die 
Ehe heim jungen Manne. Die Frauen ahnen dies, und ziehen 
unter ihren Bewerbern diejenigen v«»r. die sich schon bei an 
deren Frauen als Männer bewährt haben. Ganz besonders greif 
bar sind die Schädigungen, welch«' durch die streune Forderung 
der Abstinenz bis zur Ehe am Wesen der Frau hervorgerufen 
werden. Die Erziehung oinm.i die Aufgabe, die Sinnlichkeit 
des Mädchens bis zu seine Verehelichung ZU unterdrück. -n. 







191 

offenbar nicht leicht, denn sie arbeitet mit den schärfsten 
Mitteln. Sie untersagt nicht nur den sexuellen Verkehr, setzt 
hohe Prämien auf die Erhaltung der sexuellen Unschuld, sondern 
sie entzieht das reifende weibliche Individuum auch der Ver- 
suchung, indem sie es in Unwissenheit über alles Tatsäch- 
liche der ihm bestimmten Rolle erhält und keine Liebesregung, 
die nicht zur Ehe führen kann, bei ihm duldet. Der Erfolg ist, 
daß die Mädchen, wenn ihnen das Verlieben plötzlich von den 
elterlichen Autoritäten gestattet wird, die psychische Leistung 
nicht zustande bringen und ihrer eigenen Gefühle unsicher in 
die Ehe gehen. Infolge der künstlichen Verzögerung der Liebes- 
funktion bereiten sie dem Manne, der all sein Begehren für 
sie aufgespart hat, nur Enttäuschungen; mit ihren seelischen 
Gefühlen hängen sie noch den Eltern an, deren Autorität die 
Sexualunterdrückung bei ihnen geschaffen hat, und im körper- 
lichen Verhalten zeigen sie sich frigid, was jeden höherwertigen 
Sexualgenuß beim Manne verhindert. Ich weiß nicht, ob der 
Typus der anästhetischen Frau auch außerhalb der Kultur- 
erziehung vorkommt, halte es aber für wahrscheinlich. Jedenfalls 
wird er durch die Erziehung geradezu gezüchtet, und diese 
Frauen, die ohne Lust empfangen, zeigen dann wenig Bereite 
willigkeil, des öfteren mit Schmerzen zu gebären. So werden 
durch die Vorbereitung zur Ehe die Zwecke der Ehe selbst 
vereitelt : wenn dann die Entwicklungsverzögerung hei der Frau 
Überwunden ist und auf der Höhe ihrer weiblichen Existenz die 
volle Liebesfähigkeit bei ihr erwacht, ist ihr Verhältnis zum 
Ehemanne längst verdorben; es bleibt ihr als Lohn für ihre 
bi&beägC Gefügigkeit die Wahl zwischen ungestilltem Sehnen, 
Untreue oder Neurose. 

Das sexuelle Verhalten eines Menschen ist oft vorbild- 
lich für seine ganze sonstige Reaktionsweise in der Welt. Wer 
als Mann sein Sexualobjekt energisch erobert, dem trauen wir 
ähnliche rücksichtslose Energie auch in der Verfolgung anderer 
Ziele zu. Wer hingegen auf die Befriedigung seiner starken 
Sexuellen Triebe aus allerlei Rücksichten verzichtet, der wird 
sich auch anderwärts im Leben eher konziliant und resigniert 
als tatkräftig benehmen. Eine spezielle Anwendung, dieses Satzes 
von der Vorbildlichkeit des Sexuallebens für andere Funktions- 



, 






192 

ausübung kann man leicht am ganzen Geschlechte der Frauen 
konstatieren. Die Erziehung versagt ihnen die intellektuelle 
Beschäftigung mit. den Sexualproblemen, für die sie doch die 
- größte Wißbegierde mitbringen, schreckt sie mit der Verur- 
teilung, daß solche Wißbegierde unweiblich und Zeichen sündiger 
Veranlagung sei. Damit sind sie vom Denken überhaupt ab- 
geschreckt, wird das Wissen für sie entwertet. Das üenkverbot 
greift über die sexuelle Sphäre hinaus, zum Teil infolge der 
unvermeidlichen Zusammenhänge, zum Teil automatisch, ganz 
ähnlich wie das religiöse Denkverbot bei Männern, das loyale 
bei braven Untertanen. Ich glaube nicht, daß der biologische 
Gegensatz zwischen intellektueller Arbeit und Gesehlechtstätig- 
keit den „physiologischen Schwachsinn" der Frau erklärt, wie 
Moebius es in seiner vielfach widersprochenen Schrift dar- 
getan hat. Dagegen meine ich, daß die unzweifelhafte Tatsache 
der intellektuellen Inferiorität so vieler Frauen auf die zur' 
Sexualunterdrückung erforderliche Denkhemmung zurückzu- 
führen ist. 

Man unterscheidet viel zu wenig strenge, wenn man die 
Frage der Abstinenz behandelt, zwei Formen derselben, die 
Enthaltung von jeder Sexualbetätigung überhaupt und- die Ent- 
haltung vom sexuellen Verkehre mit dem anderen Geschlechte. 
Vielen Personen, die sich der gelungenen Abstinenz rühmen, 
ist dieselbe nur mit Hilfe der Masturbation und ähnlicher Be- 
friedigungen möglich geworden, die an die autoerotischen Sexual- 
tätigkeiten der frühen Kindheit anknüpfen. Aber gerade dieser 
Beziehung wegen sind diese Ersatzmittel zur sexuellen Be- 
friedigung keineswegs harmlos; sie disponieren zu den zahl- 
reichen Formen von Neurosen und Psychosen, für welche die 
Rückbildung des Sexuallebens zu seinen infantilen Formen die 
Bedingung ist. Die Masturbation entspricht auch keineswegs 
den idealen Anforderungen der kulturellen Sexualmoral und 
treibt darum die jungen Menschen in die nämlichen Konflikte 
mit dem Erziehungsideale, denen sie durch die Abstinenz ent- 
gehen wollten. Sie verdirbt ferner den Charakter durch Ver- 
wöhnung auf mehr als eine Weise, erstens, indem sie be- 
deutsame Ziele mühelos, auf bequemen Wegen, anstatt durch 
energische Kraftanspannung erreichen lehrt, also nach dem 



193 

Prinzipe der sexuellen Vorbildlichkeit, und zweitens in- 
dem sie in den die Befriedigung begleitenden Phantasien das 
Sexualobjekt zu einer Vorzüglichkeit erhebt, die in der Realität 
nicht leicht wiedergefunden wird. Konnte doch ein geistreicher 
Schriftsteller (K. Kraus in der Wiener „Fackel"), den Spieß 
umdrehend, die Wahrheit in dem Cynismus aussprechen: Der 
Koitus ist nur ein ungenügendes Surrogat für die Onanie! 

Die Strenge der Kulturforderung und die Schwierigkeit 
der Abstmenzaufgabe haben zusammengewirkt, um die Ver- 
meidung der Vereinigung der Genitalien verschiedener Ge- 
schlechter zum Kerne der Abstinenz zu machen und andere 
Arten der sexuellen Betätigung zu begünstigen, die sozusagen 
einem Halbgehorsame gleichkommen. Seitdem der normale Sexual- 
verkehr von der Moral - - und wegen der Infektionsmöglich- 
keiten auch von der Hygiene — so unerbittlich verfolgt wird, 
haben die sogenannten perversen Arten des Verkehres zwischen 
beiden Geschlechtern, bei denen andere Körperstellen die Rolle 
der Genitalien übernehmen, an sozialer Bedeutung unzweifelhaft 
zugenommen. Diese Betätigungen können aber nicht so harm- 
los beurteilt werden wie analoge Überschreitungen im Liebes- 
verkehre, sie sind ethisch verwerflich, da sie die Liebesbeziehungen 
zweier Menschen aus einer ernsten Sache zu einem bequemen 
Spiele ohne Gefahr und ohne seelische Beteiligung herabwürdigen. 
Als weitere Folge der Erschwerung des normalen Sexuallebens 
ist die Ausbreitung homosexueller Befriedigung anzuführen; zu 
all denen, die schon nach ihrer Organisation Homosexuelle sind 
oder in der Kindheit dazu wurden, kommt noch die große An- 
zahl jener hinzu, bei denen in reiferen Jahren wegen der Ab- 
sperrung des Hauptstromes der Libido der homosexuelle Seiten- 
arm breit geöffnet wird. 

Alle diese unvermeidlichen und unbeabsichtigten Kon- 
sequenzen der Abstinenzforderung treffen in dem einen Gemein- 
samen zusammen, daß sie die Vorbereitung für die Ehe gründ- 
lich verderben, die doch nach der Absicht der kulturellen 
Sexualmoral die alleinige Erbin der sexuellen Strebungen werden 
sollte. Alle die Männer, die infolge masturbatorischer oder 
perverser Sexualübung ihre Libido auf andere als die normalen 
Situationen und Bedingungen der Befriedigung eingestellt haben 

Freud, Ncuroseulchre. 11. 3. Aufl. 



194 






entwickeln in der Ehe eine verminderte Potenz. Auch die 
Frauen, denen es nur durch ähnliche Hilfen möglich blieb, 
ihre Jungfräulichkeit zu bewahren, zeigen sich in der Ehe für 
den normalen Verkehr anästhetisch. Die mit herabgesetzter 
Liebesfähigkeit beider Teile "begonnene Ehe verfällt dem Auf- 
lösungsprozesse nur noch rascher als eine andere. Infolge der 
geringen Potenz des Mannes wird die Frau nicht befriedigt, 
bleibt auch dann anästhetisch, wenn ihre aus der Erziehung 
mi (gebrachte Disposition zur Frigidität' durch machtiges sexuelles 
Erleben überwindbar gewesen wäre. Ein solches Paar findet 
auch die Kmderverhülung schwieriger als ein gesundes, da die 
geschwächte Potenz des Mannes die Anwendung der Verhütungs- 
mittel schlecht verträgt. In solcher Ratlosigkeit wird der sexuelle 
Verkehr als die Quelle aller Verlegenheiten bald aufgegeben 
und damit die Grundlage des Ehelebens verlassen. 

Ich fordere alle Kundigen auf zu bestätigen, daß ich nicht 
übertreibe, sondern Verhältnisse schildere, die ebenso arg in » 

beliebiger Häufigkeit zu beobachten sind. Es ist wirklich für 
den Uneingeweihten ganz unglaublich, wie selten sich normale 
Potenz beim Manne und wie häufig sich Frigidität bei der 
weiblichen Hälfte der Ehepaare findet, die unter der Herrschaft 
unserer kulturellen Sexualmoral stehen, mit welchen Ent- 
sagungen, oft für beide Teile, die Ehe verbunden ist und worauf N 
das Eheleben, das so sehnsüchtig erstrebte Glück, sich ein- 
schränkt. Daß unter diesen Verhältnissen der Ausgang in 
Nervosität der nächstliegende ist, habe ich schon ausgeführt; 
ich will aber noch hinzusetzen, in welcher Weise eine solche 
Ehe auf die in ihr entsprungenen — einzigen oder wenig zahl- 
reichen — Kinder fortwirkt. Es kommt da der Anschein einer 
erblichen Übertragung zustande, der sich bei schärferem Zu- 
sehen in die Wirkung mächtiger infantiler Eindrücke auflöst. 
Die von ihrem Manne unbefriedigte neurotische Frau ist als 
Mutter überzärtlich und überängstlich gegen das Kind, auf das 
sie ihr Liebesbedürfnis überträgt, und weckt in demselben die 
sexuelle Frühreife. Das schlechte Einverständnis zwischen den 
Eltern reizt dann das Gefühlsleben des Kindes auf, läßt es im 
zartesten Alter Liebe, Haß und Eifersucht intensiv empfinden. 
Die strenge Erziehung, die keinerlei Betätigung des so früh 






195 

geweckten Sexuallebens duldet, stellt die unterdrückende Macht 
bei, und dieser Konflikt in diesem Alter enthält alles, was es 
zur Verursachung der lebenslangen Nervosität bedarf. 

Ich komme nun auf meine frühere Behauptung zurück, 
daß man bei der Beurteilung, der Neurosen zumeist nicht deren 
volle Bedeutung in Betracht zieht. Ich meine damit nicht die 
Unterschätzung dieser Zustände, die sich in leichtsinnigem Bei- 
seiteschieben von Seiten der Angehörigen und in großtuerischen 
Versicherungen von Seiten der Ärzte äußert, einige Wochen 
Kaltwasserkur oder einige Monate Ruhe und Erholung könnten 
den Zustand beseitigen. Das sind nur. mehr Meinungen von 
ganz unwissenden Ärzten und Laien, zumeist nur Reden, dazu 
bestimmt, den Leidenden einen kurzlebigen Trost zu bieten. Es 
ist vielmehr bekannt, daß eine chronische Neurose, auch wenn 
sie die Existenzfähigkeit nicht völlig aufhebt, eine schwere 
Lebensbelastung des Individuums vorstellt, etwa im Range einer 
Tuberkulose oder eines Herzfehlers. Auch könnte man sich 
damit abfinden, wenn die neurotischen Erkrankungen etwa nur 
eine Anzahl von immerhin schwächeren Individuen von der 
Kulturarbeit ausschließen und den anderen die Teilnahme daran 
um den Preis von bloß subjektiven Beschwerden gestatten 
würden. Ich möchte vielmehr auf den Gesichtspunkt aufmerk- 
sam machen, daß die Neurose, soweit sie reicht und bei wem 
immer sie sich findet, die Kulturabsicht zu vereiteln weiß und 
somit eigentlich die Arbeit der unterdrückten kulturfeindlichen 
Seelenkräfte besorgt, so daß die Gesellschaft nicht einen mit 
Opfern erkauften Gewinn, sondern gar keinen Gewinn ver- 
zeichnen darf, wenn sie die Gefügigkeit gegen ihre weitgehenden 
Vorschriften mit der Zunahme der Nervosität bezahlt. Gehen 
wir z. B. auf den so häufigen Fall einer Frau ein, die ihren 
Mann nicht liebt, weil sie nach den Bedingungen ihrer Ehe- 
schließung und den Erfahrungen ihres Ehelebens % ihn zu lieben 
keinen Grund hat, die ihren Mann aber durchaus lieben möchte, 
weil dies allein dem Ideal der Ehe, zu dem sie erzogen wurde, 
entspricht. Sie wird dann alle Regungen in sich unterdrücken, 
die der Wahrheit Ausdruck geben wollen und ihrem Ideal- 
bestreben widersprechen, und wird besondere Mühe aufwenden, 
eine liebevolle, zärtliche und sorgsame Gattin zu spielen, Neu- 

13* 



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.-— -- -,.^ . 



M 






196 

rotische Erkrankung wird die Folge dieser Selbstunterdrückung 
sein, und diese Neurose wird binnen kurzer 'Zeit an dem unge- 
liebten Manne Rache genommen haben und bei ihm genau so- 
viel Unbefriedigung und Sorge hervorrufen, als sich nur aus 
dem Eingeständnisse des wahren Sachverhaltes ergeben hätte. 
Dieses Beispiel ist für die Leistungen der Neurose geradezu 
typisch. Ein ähnliches Mißlingen der Kompensation beobachtet 
man auch nach der Unterdrückung anderer nicht direkt sexueller, 
kulturfeindlicher Regungen. Wer z. B. in der gewaltsamen 
Unterdrückung einer konstitutionellen' Neigung zur Härte und 
Grausamkeit ein Überguter geworden ist, dem wird häufig 
dabei soviel an Energie entzogen, daß er nicht alles ausführt, 
was seinen Kompensationsregungen entspricht, und im ganzen 
doch eher weniger an Gutem leistet, als er ohne Unterdrückung 
zustande gebracht hätte. 

Nehmen wir noch hinzu, daß mit der Einschränkung der 
sexuellen Betätigung bei einem Volke ganz allgemein eine Zu- 
nahme der Lebensängstlichkeit und der Todesangst einhergeht, 
welche die Genußfähigkeit der einzelnen stört und ihre Bereit- 
willigkeit, für irgend welche Ziele den Tod auf sich zu nehmen, 
aufhebt, welche sich in der verminderten Neigung zur Kinder- 
zeugung äußert, und dieses Volk oder diese Gruppe von 
Menschen vom Anteile an der Zukunft ausschließt, so darf man 
wohl die Frage auf werfen, ob unsere „kulturelle" Sexualmoral 
der Opfer wert ist, welche sie uns auferlegt, zumal, wenn man 
sich vom Hedonismus nicht genug frei gemacht hat, um nicht 
ein gewisses Maß von individueller Glücksbefriedigung unter 
die Ziele unserer Kulturentwicklung aufzunehmen. Es ist ge- 
wiß nicht Sache des Arztes, selbst mit Reformvorschlägen her- 
vorzutreten; ich meinte aber, ich könnte die Dringlichkeit 
solcher unterstützen, wenn .ich die v. Ehrenfelssche Dar- 
stellung der Schädigungen durch unsere „kulturelle" Sexual- 
moral um den Hinweis auf deren Bedeutung für die Aus- 
breitung der modernen Nervosität erweitere. 






X. 



Der Dichter und das Phantasieren'). 



Uns Laien hat es immer mächtig gereizt, zu wissen, wo- 
her diese merkwürdige Persönlichkeit, der Dichter, seine Stoffe 
nimmt — etwa im Sinne der Frage, die jener Kardinal an 
den Ariosto richtete --, und wie er es zustande bringt, uns 
mit ihnen so zu ergreifen, Erregungen in uns hervorzurufen, 
deren wir uns vielleicht nicht einmal für fähig gehalten hätten! 
Unser Interesse hiefür wird nur gesteigert durch den Umstand, 
daß der Dichter selbst, wenn wir ihn befragen; uns keine oder 
keine befriedigende Auskunft gibt, und wird gar nicht gestört 
durch unser Wissen, daß die beste Einsicht in die Bedingungen 
der dichterischen Stoffwahl und in das Wesen der poetischen 
Gestaltungskunst nichts dazu beitragen würde, uns selbst zu 
Dichtern zu machen. 

Wenn wir wenigstens bei uns oder bei unsergleichen eine 
dem Dichten irgendwie verwandte Tätigkeit auffinden könnten! 
Die Untersuchung derselben ließe uns hoffen, eine erste Auf- 
klärung über das Schaffen des Dichters zu gewinnen. Und 
wirklich, dafür ist Aussicht vorhanden; — die Dichter selbst 
lieben es ja, den Abstand zwischen ihrer Eigenart und allgemein 
menschlichem Wesen zu verringern; sie versichern uns so häufig, 
daß in jedem Menschen ein Dichter stecke, und daß der letzte' 
Dichter erst mit dem letzten Menschen sterben werde. 

Sollten wir die ersten Spuren dichterischer Betätigung 
nicht schon beim Kinde suchen? Die liebste und intensivste 
Beschäftigung des Kindes ist das Spiel. Vielleicht dürfen wir 

l ) Aus „Neue Revue", I. Jahrg., 1908. 



■■ . 



198 

sagen: Jedes spielende Kind benimmt sich wie ein Dichter, in- 
dem es sich eine eigene Welt erschafft oder, richtiger gesagt, 
die Dinge seiner Welt in eine neue, ihm gefällige Ordnung, 
versetzt. Es wäre dann unrecht zu meinen, es nähme diese Welt 
nicht ernst; im Gegenteile, es nimmt sein Spiel sehr ernst, es 
verwendet große Affektbeträge darauf. Der Gegensatz zu Spiel 
ist nicht Ernst, sondern — Wirklichkeit. Das Kind unterscheidet 
seine Spielwelt sehr wohl, trotz aller Affektbesetzung, von der 
Wirklichkeit und lehnt seine imaginierten Objekte und Verhält- 
nisse gerne an greifbare und sichtbare Dinge der wirklichen 
Welt an. Nichts anderes als diese Anlehnung unterscheidet das 
„SpieleVi" des Kindes noch vom „Phantasieren". 

Der Dichter tut nun dasselbe wie das spielende Kind; er 
erschaff I. eine Phantasiewelt, die er sehr ernst nimmt, d. h. mit 
großen Affektbelrägen ausstattet, während er sie von der Wirk- 
lichkeit scharf sondert. Und die Sprache hat diese Verwandt- 
schaft von Kinderspiel und poetischem Schaffen festgehalten, 
indem sie solche Veranstaltungen des Dichters, welche der An- 
lehnung an greifbare Objekte bedürfen, welche der Darstellung 
fähig sind, als Spiele: Lustspiel, Trauerspiel, und die 
Person, welche sie darstellt, als Schauspieler bezeichnet. Aus 
der Unwirklichkeit der dichterischen Welt ergeben sich aber 
sehr wichtige Folgen für die künstlerische Technik, denn vieles, 
was als real nicht Genuß bereiten könnte, kann dies doch im 
Spiele der Phantasie, viele an sich eigentlich peinliche Er- 
regungen können für den Hörer und Zuschauer des Dichters zur 
Quelle der Lust werden. 

Verweilen wir einer andern Beziehung wegen noch einen 
Augenblick bei dem Gegensatze von Wirklichkeit und Spiel! 
Wenn das Kind herangewachsen ist und aufgehört hat zu spielen, 
wenn es sich durch Jahrzehnte seelisch bemüht hat, die Wirk- 
lichkeiten des Lebens mit dem erforderlichen Ernste zu erfassen, 
so kann es eines Tages in eine seelische Disposition geraten, 
welche den Gegensatz zwischen Spiel und Wirklichkeit wieder 
aufhebt. Der Erwachsene kann sich darauf besinnen, mit welchem 
hohen Ernst er einst seine Kinderspiele betrieb, und indem er 
nun seine vorgeblich ernsten Beschäftigungen jenen Kinder- 
spielen gleichstellt, wirft er die allzu schwere Bedrückung durch 






199 

das Leben ab und erringt sich den hohen Lustgewinn des 
Humors. 

Der Heranwachsende hört also auf zu spielen, er verzichtet 
scheinbar auf den Lustgewinn, den er aus dem Spiele bezog. 
Aber wer das Seelenleben des Menschen kennt, der weiß, daß 
ihm kaum etwas anderes so schwer wird wie der Verzicht auf 
einmal gekannte Lus.t. Eigentlich können wir auf nichts ver- 
nichten, wir vertauschen nur eines mit dem andern; was ein 
Verzicht zu sein scheint, ist in Wirklichkeit eine Ersatz- oder 
Surrogatbildung. So gibt auch der Heranwachsende, wenn er 
aufhört zu spielen, nichts anderes auf als die Anlehnung an 
reale Objekte; anstatt zu spielen phantasiert er jetzt. Er 
baut sich Luftschlösser, schafft das, was man Tagträume nennt. 
Ich glaube, daß die meisten Menschen zu Zeiten ihres Lebens 
Phantasien bilden. Es ist das eine Tatsache, die man lange 
Zeit übersehen und deren Bedeutung man darum nicht genug 
gewürdigt hat. 

Das Phantasieren der Menschen ist weniger leicht zu be- 
obachten als das Spielen der Kinder. Das Kind spielt zwar 
auch allein, oder es bildet mit anderen Kindern ein geschlossenes 
psychisches System zum Zwecke des Spieles, aber wenn es auch 
den Erwachsenen nichts vorspielt, so verbirgt es doch sein .Spielen 
nicht vor ihnen. Der Erwachsene aber schämt sich seiner Phan- 
tasien und versteckt sie vor anderen, er hegt sie als seine 
eigensten Intimitäten, er würde in der Regel lieber seine Ver- 
gehungen eingestehen als seine Phantasien mitteilen. Es mag 
vorkommen, daß er sich darum für den einzigen hält, der solche 
Phantasien bildet, und von der allgemeinen Verbreitung ganz 
ähnlicher Schöpfungen bei anderen nichts ahnt. Dies verschiedene 
Verhalten des Spielenden und des Phantasierenden findet seine 
gute Begründung in den Motiven der beiden einander doch fort- 
setzenden Tätigkeiten. 

Das Spielen des Kindes wurde von Wünschen dirigiert, 
eigentlich von dem einen Wunsche, der das Kind erziehen hilft, 
vom Wunsche: groß und erwachsen zu sein. Es spielt immer 
„groß sein", imitiert im Spiele, was ihm vom Leben der Großen 
bekannt geworden ist. Es hat nun keinen Grund, diesen Wunsch 
zu verbergen. Anders der Erwachsene; dieser weiß einerseits, 












200 

daß man von ihm erwartet, nicht mehr zu spielen oder zu phanta- 
sieren, sondern in der wirklichen' Welt zu handeln, und ander- 
seits sind unter den seine Phantasien erzeugenden Wünschen 
manche, die es überhaupt zu verbergen nottut; darum schämt 
er sich seines Phantasierens als kindisch und als unerlaubt. 

Sie werden fragen, woher man denn über das Phantasieren 
der Menschen so genau Bescheid wisse, wenn es von ihnen mit 
soviel Geheimtun verhüllt wird. Nun, es gibt eine Gattung 
von. Menschen, denen zwar nicht ein Gott, aber eine strenge 
Göttin — die Notwendigkeit — den Auftrag erteilt hat, zu 
sagen, was sie leiden und woran sie sich erfreuen. Es sind dies 
die Nervösen, die dem Arzte, von dem sie Herstellung durch 
psychische Behandlung erwarten, auch ihre Phantasien einge- 
stehen müssen ; aus dieser Quelle stammt unsere beste Kenntnis, 
und wir sind dann zu der wohl begründeten Vermutung gelangt, 
daß unsere Kranken uns nichts anderes mitteilen, als was wir 
auch von den Gesunden erfahren könnten. 

Gehen wir daran, einige der Charaktere des Phantasierens 
kennen zu lernen. Man darf sagen, der Glückliche phantasiert 
nie, nur der Unbefriedigte. Unbefriedigte Wünsche sind die 
Triebkräfte der Phantasien, und jede einzelne Phantasie ist eine 
Wunscherfüllung, eine Korrektur der unbefriedigenden Wirk- 
lichkeit. Die treibenden Wünsche sind verschieden je nach 
Geschlecht, Charakter und Lebensverhältnissen der phantasieren- 
den Persönlichkeil; sie lassen sich aber ohne Zwang nach zwei 
Hauplrichtungen gruppieren. Es sind entweder ehrgeizige 
Wünsche, welche der Erhöhung der Persönlichkeit, dienen, oder 
erotische. Beim jungen Weibe herrschen die erotischen Wünsche 
fast ausschließend, denn sein Ehrgeiz wird in der Regel vom 
Liebesstreben aufgezehrt; beim jungen Manne sind neben den 
erotischen die eigensüchtigen und ehrgeizigen Wünsche vor- 
dringlich genug. Doch wollen wir nicht den Gegensatz beider 
Richtungen, sondern vielmehr deren häufige Vereinigung be- 
tonen; wie in vielen Altarbildern in einer Ecke das Bildnis des 
Stifters sichtbar ist, so können wir an den meisten ehrgeizigen 
Phantasien in irgend einem Winkel die Dame entdecken, für die 
der Phantast all diese Heldentaten vollführt, der er alle Erfolge 
zu Füßen legt. Sie sehen, hier liegen genug starke Motive zum 









_ 



I 



201 

Verbergen vor; dem wohlerzogenen Weibe wird ja überhaupt 
nur ein Minimum von erotischer Bedürftigkeit zugebilligt, und 
der junge Mann soll das Übermaß von Selbstgefühl, welches er 
aus der Verwöhnung der Kindheit mitbringt, zum Zwecke der 
Einordnung in die an ähnlich anspruchsvollen Individuen so 
reiche Gesellschaft unterdrücken lernen. 

Die Produkte dieser phantasierenden Tätigkeit, die ein- 
zelnen Phantasien, Luftschlösser oder Tagträume dürfen wir uns 
nicht als starr und unveränderlich vorstellen. Sie schmiegen 
sich vielmehr den wechselnden Lebenseindrücken an, verändern 
sich mit jeder Schwankung der Lebenslage, empfangen von 
jedem wirksamen, neuen Eindrucke eine sogenannte „Zeitmarke". 
Das Verhältnis der Phantasie zur Zeit ist überhaupt sehr be- 
deutsam. Man darf sagen: eine Phantasie schwebt gleichsam 
zwischen drei Zeiten, den drei Zeitmomenten unseres Vorstellens. 
Die seelische Arbeit knüpft an einen aktuellen Eindruck, einen 
Anlaß in der Gegenwart an, der imstande war, einen der großen 
Wünsche der Person zu wecken, greift von da aus auf die 
Erinnerung eines früheren, meist infantilen, Erlebnisses zurück, 
in dem jener Wunsch erfüllt war, und schafft nun eine a,uf die 
Zukunft bezogene Situation, welche sich als die Erfüllung jenes 
Wunsches darstellt, eben den Tagtraum oder die Phantasie, die 
nun die Spuren ihrer Herkunft vom Anlasse und von der Er- 
innerung an sich trägt. Also Vergangenes, Gegenwärtiges, Zu- 
künftiges wie an der Schnur des durchlaufenden Wunsches an- 
einandergereiht. 

Das banalste Beispiel mag Ihnen meine Aufstellung er- 
läutern. Nehmen Sie den Fall eines armen und verwaisten 
Jünglings an, welchem Sie die Adresse eines Arbeitgebers ge- 
nannt haben, bei dem er vielleicht eine Anstellung finden kann. 
Auf dem Wege dahin mag er sich in einem Tagtraum ergehen, 
wie er angemessen aus seiner Situation entspringt. Der Inhalt 
dieser Phantasie wird etwa sein, daß er dort angenommen wird, 
seinem neuen Chef gefällt, sich im Geschäfte unentbehrlich macht, 
in die Familie des Herrn gezogen wird, das reizende Töchter- 
chen des Hauses heiratet und dann selbst als Mitbesitzer wie 
später als Nachfolger das Geschäft leitet. Und dabei hat sich 
der Träumer, ersetzt, was er in der glücklichen Kindheit be- 



^ 



■■i 



202 



sessen: das schützende Haus, die liebenden Eltern und die 
ersten Objekte seiner zärtlichen Neigung. Sie sehen an solchem 
Beispiele, wie der Wunsch einen Anlaß der Gegenwart benutzt, 
um sich nach dem Muster der Vergangenheit ein Zukunftsbild 
zu entwerfen. 

Es wäre noch vielerlei über die Phantasien zu sagen; ich 
will mich aber auf die knappsten Andeutungen beschränken. 
Das Überwuchern und Übermächtigwerden der Phantasien 
stellt die Bedingungen für den Verfall in Neurose oder Psychose 
her; die Phantasien sind auch die nächsten seelischen Vor- 
stufen der Leidenssymptome, über welche unsere Kranken klagen. 
Hier zweigt ein breiter Seitenweg zur Pathologie ab. 

Nicht übergehen kann ich aber die Beziehung der Phan- 
tasien zum Traume. Auch unsere nächtlichen Träume sind 
nichts anderes als solche Phantasien, wie wir durch die Deutung 
der Träume evident machen können 1 ). Die Sprache hat in ihrer 
unübertrefflichen Weisheit die Frage nach dem Wesen der 
Träume längst entschieden, indem sie die luftigen Schöpfungen 
Phantasierender auch „Tagträume" nennen ließ. Wenn^trotz 
dieses Fingerzeiges der Sinn unserer Träume uns zumeist un- 
deutlich bleibt, so rührt dies von dem einen Umstände her, 
daß nächtlicherweise auch solche Wünsche in uns rege werden, 
deren wir uns schämen, und die wir vor uns selbst verbergen 
müssen, die eben darum verdrängt, ins Unbewußte geschoben 
wurden. Solchen verdrängten Wünschen und ihren Abkömm- 
lingen kann nun kein anderer, als ein arg entstellter Ausdruck 
gegönnt werden. Nachdem die Aufklärung der Traumentstel- 
hing der wissenschaftlichen Arbeit gelungen war, fiel es nicht, 
mehr schwer zu erkennen, daß die nächtlichen Träume eben- 
solche Wunscherfüllungen sind wie die Tagträume, die uns allen 
so wohl bekannten Phantasien. 

Soviel von den Phantasien, und nun zum Dichter! Dürfen 
wir wirklich den Versuch machen, den Dichter mit dem „Träumer 
am hellichten Tag", seine Schöpfungen mit Tagträumen zu ver- 
gleichen? Da drängt sich wohl eine erste Unterscheidung auf; 
wir müssen die Dichter, die fertige Stoffe übernehmen, wie die 



*) Vgl, des Verf. „Traumdeutung". Wien 1900. (6. Aufl. 1921.) 



203 

alten Epiker und Tragiker, sondern von jenen, die ihre Stoffe 
frei zu schaffen scheinen. Halten wir uns an die letzteren und 
suchen wir für unsere Vergleichung nicht gerade jene Dichter 
aus, die von der Kritik am höchsten geschätzt werden, sondern 
die anspruchsloseren Erzähler von Romanen, Novellen und Ge- 
schichten, die dafür die zahlreichsten und eifrigsten S^eser und 
Leserinnen finden. An den Schöpfungen dieser Erzähler muß 
uns vor allem ein Zug auffällig werden; sie alle haben einen 
Helden, der im Mittelpunkte des Interesses steht, für den der 
Dichter unsere. Sympathie mit allen Mitteln zu gewinnen sucht, 
und den er wie mit einer besonderen Vorsehung zu beschützen 
scheint. Wenn ich am Ende eines Romankapitels den Helden 
bewußtlos, aus schweren Wunden blutend verlassen habe, so 
bin ich sicher, ihn zu Beginn des nächsten in sorgsamster Pflege 
und auf dem Wege der Herstellung zu finden, und wenn der 
erste Band mit dem Untergange des Schiffes im Seesturme ge- 
endigt hat, auf dem unser Held sich befand, so bin ich sicher, 
zu Anfang des zweiten Bandes von seiner wunderbaren Rettung 
zu lesen, ohne die der Roman ja keinen Fortgang hätte. Das v 

Gefühl der Sicherheit, mit dem ich den Helden durch seine 
gefährlichen Schicksale begleite, ist das nämliche, mit dem ein 
wirklicher Held sich ins Wasser stürzt, um einen Ertrinkenden 
zu retten, oder sich dem feindlichen Feuer aussetzt, um eine 
Batterie zu stürmen, jenes eigentliche Heldengefühl, dem einer 
unserer besten Dichter den köstlichen Ausdruck geschenkt hat: 
„Es kann dir nix g'schehen" 1 ). Ich meine aber, an diesem 
verräterischen Merkmal der Unverletzlichkeit erkennt man ohne 
Mühe — Seine Majestät das Ich, den Helden aller Tagträume 
wie aller Romane. 

Noch andere typische Züge dieser egozentrischen Er- 
zählungen deuten auf die gleiche Verwandtschaft hin. Wenn sich 
stets alle Frauen des Romans in den Helden verlieben, so ist 
das kaum als Wirklichkeitsschilderung aufzufassen, aber leicht 
als notwendiger Bestand des Tagtraumes zu verstehen. Ebenso 
wenn die anderen Personen des Romans sich scharf in gute 
und böse scheiden, unter Verzicht auf die in der Realität zu 



*) Anzengruber. 



204 



beobachtende Buntheit menschlicher Charaktere; die „guten" 
sind eben die Helfer, die „bösen" aber die Feinde und Kon- 
kurrenten des zum Helden gewordenen Ichs. 

Wir verkennen nun keineswegs, daß sehr viele dichterische 
Schöpfungen sich von dem Vorbilde des naiven Tagtraumes weit 
entfernt halten, aber ich kann doch die Vermutung nicht unter- 
drücken, daß auch die extremsten Abweichungen durch eine 
lückenlose Reihe von Übergängen mit diesem Modelle in Be- 
ziehung gesetzt werden könnten. Noch in vielen der sogenannten 
psychologischen Romane ist mir aufgefallen, daß nur eine Person, 
wiederum der Held, von innen geschildert wird ; in ihrer Seele 
sitzt gleichsam der Dichter und schaut die anderen Personen 
von außen an, Der psychologische Roman verdankt im ganzen 
wohl seine Besonderheit der Neigung des' modernen Dichters, 
sein Ich durch Selbstbeobachtung in Partial-Ichs zu zerspalten 
und demzufolge die Konfliktströmungen seines Seelenlebens in. 
mehreren Helden zu personifizieren. In einem ganz besonderen 
Gegensatze zum Typus des Tagtrauines scheinen die Romane zu 
stehen, die man als „exzentrische" bezeichnen könnte, in denen 
die als Held eingeführte Person die geringste tätige Rolle 
spielt, vielmehr wie ein Zuschauer die Taten und Leiden der 
anderen an sich vorüberziehen sieht. Solcher Art sind mehrere 
der späteren Romane Zolas. Doch muß ich bemerken, daß 
die psychologische Analyse nicht dichtender, in manchen Stücken 
von der sogenannten Norm abweichender Individuen uns analoge 
Variationen der Tagträume kennen gelehrt hat, in denen sich 
das Ich mit der Rolle des Zuschauers bescheidet. 

Wenn unsere Gleichstellung des Dichters mit dem Tag- 
träumer, der poetischen Schöpfung mit dem Tagtraum, wertvoll 
werden soll, so muß sie sich vor allem in irgend einer Art 
fruchtbar erweisen. Versuchen wir etwa, unseren vorhin auf- 
gestellten Satz von der Beziehung der Phantasie zu den drei 
Zeilen und zum durchlaufenden Wunsche auf die Werke der 
Dichter anzuwenden und die Beziehungen zwischen dem Leben 
des Dichters und seinen Schöpfungen mit dessen Hilfe zu 
studieren. Man hat in der Regel nicht gewußt, mit welchen 
Erwartungsvorstellungen man an dieses Problem herangehen 
soll; häufig hat man sich diese Beziehung viel zu einfach vor- 



205 



• 



gestellt. Von der an den Phantasien gewonnenen Einsicht her 
müßten wir folgenden Sachverhalt erwarten: Ein starkes aktuelles 
Erlebnis weckt im Dichter die Erinnerung an ein früheres, meist 
der Kindheit angehöriges Erlebnis auf, von welchem nun der 
Wunsch ausgeht, der sich in der Dichtung seine- Erfüllung 
schafft; die Dichtung selbst läßt sowohl Elemente des frischen 
Anlasses als auch der alten Erinnerung erkennen. 

Erschrecken Sie nicht über die Kompliziertheit dieser 
Formel; ich vermute, daß sie sich in Wirklichkeit als ein zu 
dürftiges Schema erweisen wird, aber eine erste Annäherung 
an den realen Sachverhalt könnte doch in ihr enthalten sein, 
und nach einigen Versuchen, die ich unternommen habe, sollte 
ich meinen, daß .eine solche Betrachtungsweise dichterischer 
Produktionen nicht unfruchtbar ausfallen kann. Sie vergessen 
nicht, daß die vielleicht befremdende Betonung der Kindheits- 
erinnerung im Leben des Dichters sich in letzter Linie von der 
Voraussetzung ableitet, daß die Dichtung wie der Tagtraum 
Fortsetzung und Ersatz des einstigen kindlichen Spielens ist. 

Versäumen wir nicht, auf jene Klasse von Dichtungen 
zurückzugreifen, in denen wir nicht freie Schöpfungen, sondern 
Bearbeitungen fertiger und bekannter Stoffe erblicken müssen.. 
Auch dabei verbleibt dem Dichter ein Stück Selbständigkeit, 
das sich in der Auswahl des Stoffes und in der oft weitgehenden 
Abänderung desselben äußern darf. Soweit die Stoffe aber ge- 
geben sind, entstammen sie dem Volksschatze an Mythen, Sagen 
und Märchen. Die Untersuchung dieser völkerpsychologischen 
Bildungen ist nun keineswegs abgeschlossen, aber es ist z. B. 
von den Mythen durchaus wahrscheinlich, daß sie den entstellten 
Überresten von Wunschphantasien ganzer Nationen, den Säkular- 
träumen der jungen Menschheit, entsprechen. 

Sie werden sagen, daß ich Ihnen von den Phantasien weit 
mehr erzählt habe als vom Dichter, den ich doch im Titel 
meines Vortrages vorangestellt. Ich weiß das und versuche es 
durch den Hinweis auf den heutigen Stand unserer Erkenntnis 
zu entschuldigen. Ich konnte Ihnen nur Anregungen und Auf- 
forderungen bringen, die von dem Studium der Phantasien her 
auf das Problem der dichterischen Stoff wähl übergreifen. Das 
andere Problem, mit welchen Mitteln der Dichter bei uns die 






206 

Affektwirkungen erziele, die er durch seine Schöpfungen hervor- 
ruft, haben wir überhaupt noch nicht berührt. Ich möchte 
Ihnen wenigstens noch zeigen, welcher Weg von unseren Kr 
örterungen über die Phantasien zu den Problemen der poetischen 
Effekte führt. 

Sie erinnern sich, wir sagten, daß der Tagträumer seine 
Phantasien vor anderen sorgfältig verbirgt, weil er G runde verspürt, 
sich ihrer zu schämen. Ich füge nun hinzu, seihst wenn er sie uns 
mitteilen würde, könnte er uns durch solche Knlhüllung keine 
Lust bereiten. Wir werden von solchen Phantasien, wenn wir sie 
erfahren, abgestoßen oder bleiben höchstens kiiliU gegen sie. 
Wenn aber der Dichter uns seine Spiele vorspielt oder uns das 
erzählt, was wir für seine persönlichen TagUäumo zu erklären 
geneigt, sind, so empfinden wir höbe, wahrscheinlich aus vielen 
Quellen zusammenfließende Lust. Wie der Dichter «las zustande 
bringt, das ist sein eigenstes Geheimnis; in der Technik der 
Überwindung jener Abstoßung, die gewiß mit den Schranken zu 
tun hat, welche sich zwischen jedem einzelnen Ich und den 
anderen erheben, liegt, die eigentliche Ars poetica. Zweierlei 
Mittel dieser Technik können wir erraten: Der Dichter mildert 
den Charakter des egoistischen Taglraunies durch Abänderungen 
und Verhüllungen und besticht, uns durch rein formalen, d. h. 
ästhetischen Lustgewinn, den er uns in der Darstellung seiner 
Phantasien bietet. Man nennt einen solchen Lustgewinn, der 
uns geboten wird, um mit ihm die Entbindung größerer Lust 
aus tiefer reichenden psychischen Quellen zu ermöglichen, eine 
Verlockungsprämie oder eine Vorlusl. Ich hin der Meinung, 
daß alle ästhetische Lust, die uns der Dichter verschafft, den 
Charakter solcher Vorlust trägt, und daß der eigentliche Genuß 
des Dichtwerkes aus der Befreiung von Spannungen in unserer 
Seele hervorgeht. Vielleicht trägt es sogar zu diesem Kihdge 
nicht wenig bei, daß uns der Dichter in den Stand setzt, unsere 
eigenen Phantasien nunmehr ohne jeden Vorwurf und ohne 
Schämen zu genießen. Hier stünden wir nun am Eingange neuer, 
interessanter und verwickelter Untersuchungen, ahm-, wenigstens 
für diesmaL.-am Ende unserer Erörterungen. 



. 



VERLAC. VON 1 RANZ DI-CTICKI- IN LEIPZIG UND WIEN 

Jahrbuch der Psychoanalyse, i Dr. Sigm. Freud 

in WU Karl Abraham and Dt. Eduard 

H [tscbmi lalyt. und 

irchopaÜl I lfd. Preis M 44'—. 

Jung, Doz. i 'i Der Inhalt der Psychose. Akademischer Vortrag, 

Jänner 1908. Zweite, 
durch einen Kack ebienen als 3. Heft 

d< i rar angewandten M ■">"—. 

jung, im ii Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des 

Einzelnen. ( v brbneb hoaaalyt. u. psycho- 

patholog. i riffenrNor noch 

schimgen zu haben. 

Jung, Do«. Dr. i Jur, C. <"■., Ober Konflikte der kindlichen Seele, 

(g m Jährt lalytjsche und psychopa\ho- 

: M 4"—. 

jung, D Wandlungen und Symbole der Libido. 

i;, •• A,s Sonderabdruck 

VCIt ,,,., i III, I. Hälfte, und Band IV, 1. Hälfte, 

rschungen zu haben. 

j ungj I)oz . | ... Versuch einer Darstellung der psycho- 

analytischen Theorie. lUtn m New Yülk im 

September 1912. '• ; un Jahrbuch fttr psychoanalytische 

Fora 
Kaplan i ürundzQge der Psychoanalyse. Preis M 20—. 
I P i.,„ i so, Psychoanalytische Probleme. Pres M 1.6—. 
Kaplan, Leo, Hypnotismus, Animlamus und Psychoanalyse. Historisch. 

R Psychotherapeutische Zeitfragen. 1-i. linelwechsel mit Dr. 
I , * , .. ., .. p atrie in Zürich. Preis M 4—. 

' d ü,, er da8 Traumproblem. Nach einem am Kongresse der 

,.' chen V« '- -München, Sep- 

i Lhrbucb Für psychoanalytische 
V. Band.) l'.vis Ml-. 

Pfennig R (irundrüge der Fließschen Periodenrechnung. Preis M iß - 

,.,',,,,„ Oskar, Die psychologische Enträtselung der religiösen 

Glossolalle. (So m Jahrbuch filr psychoanalytische 

,nul psycho] M! l '"' ; -' :? "' iS M 10 '~- 

... , , | ,',. Oskar. Analytische Untersuchungen über die Psychologie 
des Hasses und der Versöhnung. (Sonderabdruck aus dem Jahrbuch 
lm . pgychoanalyds I «pathologisch« sdungen, II. Band.) 

Vr| Xur mein- im Jahrbuche zu haben. 

Rank, Otto; Das Inzest-Motiv in Dichtung und Sage. Grundzüge einer 
Psychologie des dichtcrisebea Schaffens. Preis M 4S— . 



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Schriften zur angewandten Seelenkunde. Herausgegeben von Prof. Dr. 

Sigi • eüd in " :i 

[.Hefi V/ahn u ' i W m Jensens „Gradiva". Von Prof. 

'•' ■ '■ /ien. Zwe . finge. Preis M. S-— . 
II. ,. Wü\ iherfß ung und Symbolik im Märchen. Eine Studie von 
Dr. Franz . i ! '■ lii V -griff . Neuaufl; e in Vorbereitung, 
fit. w foAa/f .. »r Psychose. . Jung. Zweite Auflage. \ er- 

griffen, h'e dritte Auflaj .■ i ; außerhalb des Rahmens der 
„Schriften zur angewandten Seelenkunde" erschienen. 
IV. 3> Trm .: r ..' Jythus. Eine Studie dpi* Völkerpsychologie, /on 
i r, Ka . aliam. Vergriffen. Neuauflage in V< rl ■ ■• itung. 
V „ 0er Mythus von der Geburt des Heiden. Versuch einer psych« - 

logischen Mythendeutung. Von Ott«-, kank. Vergriffen. 
VI. n Aus dem Liebesleben Nikolaus Lenaus* Von Dr. J. Sa dg er, 

Nervenarzt; in Wien. Preis i> I. 10* — , 
VIT. n Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. Von Prof, 

Dr. Sigrn. Freud in Wien. Zweite Auflage. Preis AI 7* — . 
VIII* „ Die Frömmigkeit des Grafen Ludwig von Zinzendorf. Von Dr. 

Oskar Pfister, Pfarrer in Zürich. Preis M 15'—. 
IX. „ Richard Wagner im „Fliegenden Holländer''. Ein eitrag z, Psycho- 
logie künstlerischen Schaffens. Von Dr. Max Graf Vergriffen, 
X. „ Das Problem des Hamlet und der Ödipus-Komplex. Von Dr. E t 
Jones. Übersetzt von Paul Tauäig. Vergriffen, Neuauflage 
in Vorbereitung. 
XL „ Giovanni Segantini. Ein psychoanalytischer Versuch. Von Dr. 
Kart Abraham, Arzt in Berlin. Mit 2 Beilagen, 'ergriffen. 
XII. , f Zur Sonderet dlung des Vatermordes. Eine rechtsgeschichtliche 

u. völkerpsychologische Studie. Von A. Storfer. Preis M.5- — . 

XIII. „ Die Lohengrinsage* Ein Beitrag zu ihrer Motivgestaltung und 

Deutung. Von Otto Rank. Preis M 16" — . 

XIV, n Der Alptraum in seiner Beziehung zu gewissen Formen des 

mittelalterlichen Aberglaubens. Von Prof. Dr. Eraest Jones, 
Deutsch von Dr, li. :i, Sachs, Preis M 16 — . 
XV. n Aus dem Seelenleben des /(indes. Eine psych« analytis :'•-.■ Studie. 

Von Dr. !'I. Hug-He-llmuth, 2 Auflage. Preis M V)'—. 
XVI. „ Über Nachtwandeln und Mondsucht. Eine medizinis« h-literarisch 

Studie. Von Dr,J.Sadg< r, Nervenarzt in Wien. Preis TM 15" — . 
XVII. „ Jakob Boehme, Ein pathographischer Beitrag zur Psychologie 

der Mystik. Von Dr. A. ! ielholz in Königsfclden. Preis M 8' — . 
XV1TI. „ Friedrich Hebbel. Ein psych« an; ischer Versiu h. on Dr. f. 

Sadger in Wien. Preis M ;;•'•• — . 

Steiner, Dr. Maximilian, Die psychischen Störungen der männlichen 
Potenz. Ihre Tragweite und ihre Behandlung, Zweite Auflage. Mit 
einem Vorwort von Ihm", Dr. Sigm. .Freud. 1 reis M r — . 

Swoboda, Dr, IL Studien zur Grundlegung der Psychologie. Preis M 8 — . 
Swoboda, Doz. Dr. Hermann, Harmonia animae. Preis M 5' — , 



Buchdrucker^ Carl Fromme. G.m.b.H., Wien V. 



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C VON FRANZ DEüTICKE IN LEIPZIG UND WIEN 

Schrif I angewandl -le. Hera« Dr. 

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in W. Jensens- ..Gradiva". Von Prof. 
finge. Preis M. 8'— 
II Symbolik im Märehen. Eine Studi 

■'■ ■.':■■■ . i n Vorher 

iir. „ Inhah '. Jung. Zweite / ufl ige. \ er- 

■ rille Aufl.tj ■ i ; an ' rhalb .. :s Rahm i 
ang wandten .-'■ elenkunde" «schienen. 
I .. Trat ur.d f )u . Eine ! ■ udi ie. Vi n 

i r. Karl . ai;am. Vergriffen. Neuauflage in Vor •eätung, 
V „ Der Mythus von der Geburt des Helden. Versuch ein 

logischen Mylltendeutung, Von Otto Rank. Vergriffen. 
VL „ Aus dorn Liebesleben Nikolaus Lenaus. Von Dr. |. Sa 

Nervenarzt in Wien. Preis AI l(j' — . 
VII. „ Eine Kindheitserinnertwg des Leonardo da Vinci. Von ] 

Dr. Stgm. Freud in Wien. Zweite Auflage. Preis M - 
VIII. „ Die Frömmigkeit des Grafen Ludwig von Zinzendorf. Von I 
äkar Pfister, Pfarrer in Zürich. Preis .\l 15- — . 
IX. „ Richard Wagner im „Fliegenden Holländer". Hin i in 

ie künstlerischen Schaffens. Von Dr. Maj Graf, i 
X. „ Das Problem des Hamlet und der Ödipus-Komplex. Von 1 

Jones, übersetzt von Paul lausig. Vergriffen. Neuauflage 
in Vorbereitung 

XI, „ Giovanni Segantini. Ein psychoanalytischer Versuch. \ o 

Karl Abraham, Arzt in Berlin. Mit 2 Beilagen. 

XII. „ Zur Sonderstellung des Vatermordes. Eine r fliehe 

u. völkerpsychologische Studie. >'on A, itorfer reis M 5' — . 

XIII. „ Die Lohengrinsage. Ein Beitrag zu ihrer und 

Deutung. Von Otto Rank. Preis M 16' — . 

XIV. „ Der Alptraum in seiner Beziehung zu gewissen Formen des 

mittelalterlichen Aberglaubens, ir'on Prof. Dr. Ernest Jones, 
Deutsch von Dr. \l. II. Sachs, 'rei M 16*—. 
X\". „ Aus dem Seelenleben des Kindes. Eine psycln : nalyti 

Von Dr. H. Hng- [ellmuth. Auflage. Preis M 19" — . 
XVI. „ Ober Nachtwandeln und Mondsucht. Eine m :düinisch-lil xarisi h 
Studie. Von Dr.J.Sadgi r, Nervenarzt in Wien. Preis al 15' — 

XVII. „ Jakob Bi ■ ■ ■ h in ..:. Ein palhographischer Beitrag zur Psychologie 

der Mystik. Von Dr. A.\ ielholz in König feld 

XVIII. „ Friedrich Hebbel. Ein psychoanalytischer ersuch. 

Sa djre r in Wien, I i : •- -. 

Steiner, Dr. Maximilian, Die psychischen Störungen der männlichen 
Potenz. Ihre Tragweite und ihre Behandlung, 
einem Vorwort von Prof. Dr. Sigm. Freud 1 reis .'■ .--. 

Swoboda, Dr, II. Studien zur Grundlegung der Psychologie. Prei6 Ms-. 

Swoboda, Doz. Dr. Hermann, Harmonia anitnae. Preis M 5'—. 

Buchiiruckcrci Carl Fromme, 0. m.b.H., Wien V. 



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Sammlung kleiner Schriften 



zur 



NEUROSENLEHRE 



Prof. Dr. Sigm. Freud 



Zweite Folge 



Dritte Auflage 



Leipzig und Wien 
FRANZ DEÜTICKE 

1921 






VerLgu-Nr. &*J. 



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