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Full text of "Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre aus den Jahren 1893-1906 [4., unveränderte Auflage]"

Sammlung kleiner Schriften 



zur 



NEUROSENLEHRE 



aus den 



Jahren 1893—1906 



von 



Prof. Dr. Sigm. Freud. 



Vierte, unveränderte Auflage. 




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sr 



LEIPZIG UND WIEN 

FRANZ DEUTICKE 

1922. 



Verlags-Nr. 281-1. 



VERLAG VON FRANZ DEUTICKE IN LEIPZIG UND WIEN 



Bleuler, Prof. Dr. E., Die Psychoanalyse Freuds. Verteidigung und 
kritische Bemerkungen. Preis M 30" — . 

Braun, Prof. Dr. L., Herz und Psyche in ihren Wirkungen aufeinander. 
Preis M 50-—. 

Breuer, Dr. Josef, und Freud, Prof. Dr. Sigm., Studien über Hysterie. 
Vierte Auflage in Vorbereitung. 

Ferenczi, Dr. S., Introjektion und Übertragung. Eine psychoanalytische 
Studie. (Sonderabdruck aus dem Jahrbuch für psychoanalytische und 
psychopathologische Forschungen, I. Band.) Vergriffen. 

Freud, Prof. Dr. Sigm., Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Fünfte, 
unveränderte Auflage. Preis M 32* — . 

Freud, Prof. Dr. Sigm., Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. 

Erste Folge. Aus den Jahren 1893 bis 1906. Vierte Auflage. 
Zweite „ Dritte Auflage. Preis M 120—. 
Dritte ,, Zweite Auflage. Preis M 126— . 

Freud, Prof. Dr. Sigm., Über Psychoanalyse. Fünf Vorlesungen. Sechste 
Auflage. Preis M 16' — . 

Freud, Prof. Dr. Sigm., Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. 

Dritte Auflage. Preis M120- — . 

Freud, Prof. Dr. Sigm., Der Wahn und die Träume in W. Jensens 
„Gradiva". (Schriften zur angewandten Seelenkunde, 1. Heft.) Zweite 
Auflage. Preis M 30-—. 

Freud, Prof. Dr. Sigm., Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da 
Vinci. (Schriften zur angewandten Seelenkunde, 7. Heft.) Zweite 
Auflage. Preis M 20'— . 

Hitschmann, Dr. Eduard, Freuds Neurosenlehre. Nach ihrem gegenwärtigen 
Stande zusammenfassend dargestellt. Neue Auflage in Vorbereitung. 

Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen. 
Herausgegeben von Prof. Dr. E. Bleuler in Zürich und Prof. Dr. 
Sigm. Freud in Wien. Redigiert von C. G. Jung, Privatdozent do. . 
Psychiatrie in Zürich. 

I. Band. 1. Hälfte. 1909. Preis M 84-—. 



I. 


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1909. 


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1910. 


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1911. 


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1912. 


, M 168-—. 


1912. 


, M 48-—. 


1913. 


, M 144-—. 


1913. 


, M 96-—. 






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Sammlung kleiner Schriften 



zur 



NEUROSENLEHRE 



aus den 



Jahren 1893—1906 



von 



Prof. Dr. Sigm. Freud. 



Vierte unveränderte Auflage. 




LEIPZIG UND WIEN 

FRANZ DEUTICKE 

1922. 



' 






Verlags-Nr. 2814. 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



. PAUL GERIN. WIEN I'. 



^ 






Inhaltsverzeichnis. 



Seite 

I. Cbarcot (1893) ...... 1 

IT. Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene 

von Dr. J. .Breuer und Dr. Sigm. Freud (1893) ' 14 

ELL (Quelques considerations pour une etude comparative des para- 

lysies motrices organiques et kysteriques (1893) 30 

IV. Die Abwehr-Neuropsychoseri. Versuch' einer psychologischen 
Theorie der akquirierten Hysterie, vieler Phobien und Zwangs- 
vorstellungen und gewisser halluzinatorischer Psychosen (1894) 45 
V. Über die Berechtigung, von der Neurasthenie einen bestimmten 

Symptomenkomplex als „A-ngstneurose" abzutrennen (1895) 60 
VI. Obsessions et phobies. Lenr meeanisme psychique et leur 

etiologie (1895) 85 

VII. Zur Kritik der „Angstneurose" (1895) 93 

VIII. Weitere Bemerkungen über die Abwehr-Neuropsychosen (1896) 111 

IX. L'herddite" et l'etiologie des Nevroses (1896) 133 

X. Zur Ätiologie der Hysterie (1896) 147 

XL Die Sexualität in der Ätiologie der Neurosen (1898) . . [ .... 178 

XIT. Über Psychotherapie (1905) 201 

XIII. Die Freud sehe psychoanalytische Methode (1904) 213 

XIV. Meinte Ansichten über die Rolle der Sexualität in der Ätiologie 

der Neueosen (1905) 220 



I. 

Charcot 1 ). 



Mit J. M". Charcot, den nach einem glücklichen und 
ruhmvollen Leben am IG. August d. J. ein rascher Tod ohne 
Leiden und Krankheit ereilt, hat die junge Wissenschaft der 
Neurologie ihren größten -Förderer, haben die Neurologen aller 
Länder ihren Lehrmeister, hat Frankreich einen seiner ersten 
Männer allzu früh verloren. Er war erst 68 Jahre alt, seine 
körperliche Kraft wie seine geistige Frische schienen ihn im 
Einklänge mit seinen unverhohlenen Wünschen für jene Lang- 
lebigkeit zu bestimmen, die nicht wenigen Geistesarbeitern dieses 
Jahrhunderts zuteil geworden ist. Die stattlichen neun Bände 
seiner Oeuvres comple-tes, in denen seine Schüler seine Beiträge 
zur Medizin und Neuropathologie gesammelt hatten, dazu die 
Lecons du Mardi, die Jahresberichte seiner Klinik in der Sal- 
pefcriere u. a. m., alle diese Publikationen, die der Wissenschaft 
und seinen Schülern teuer bleiben werden, können uns den 
Mann nicht ersetzen, der noch viel mehr zu geben und zu lehren 
hatte, dessen Person oder dessen Werken noch niemand genaht 
war. ohne von ihnen zu lernen. 

Er hatte eine rechtschaffene menschliche Freude an seinem 
großen Erfolge und pflegte sich gern über seine Anfänge und 
den Weg, den er gegangen, zu äußern. Seine wissenschaftliche 
Neugierde war frühzeitig durch das reiche und damals völlig 
unverstandene Material neuropathologischer Tatsachen erregt 
worden, wie er erzählte, schon als er junger Interne (Sekundar- 
arzt) war. Wenn er damals mit seinem Primararzt die Visite 
auf einer der Abteilungen der Salpetriere (Versorgungshaus für 

l ) „Wiener Medizinische Wochenschrift", Nr. 37, 1893. 
Freud, Neurosenlebre. 1. 4. Auflage 1 



Frauen) machte, durch all die Wildnis von Lähmungen, Zuckungen 
und Krämpfen, für die es vor 40 Jahren keine Namen und kein 
Verständnis gah, pflegte er zu sagen: „Faudrait y retourner et 
y rester" und er hielt Wort. Als er Medecin des höpitaux 
(Primararzt) geworden war, trachtete er alshald in die Salpetrierö 
zu kommen, auf eine jener Abteilungen, die die Nervenkranken 
beherbergten, und einmal dort angelangt, verblieb er auch dort, 
anstatt, wie es den französischen Primarärzten freisteht, im 
regelmäßigen Turnus Spital und Abteilung und damit auch die 
Spezialität zu wechseln. 

So war sein erster Eindruck und der Vorsatz, zu dem er 
geführt hatte, bestimmend für seine gesamte weitere Entwick- 
lung geworden. Die Verfügung über ein großes Material an 
chronisch Nervenkranken gestattete ihm nun, seine eigentümliche 
Begabung zu verwerten. Er war kein Grübler, kein Denker, 
sondern eine künstlerisch begabte Natur, wie er es selbst nannte, 
ein „visuel", ein Seher. Von seiner Ai'beitsweise erzählte er uns 
selbst folgendes: Er pflegte sich die Dinge, die er nicht kannte, 
immer von neuem anzusehen, Tag für Tag den Eindruck zu 
verstärken, bis ihm dann plötzlich das Verständnis derselben 
aufging. Vor seinem geistigen Auge ordnete sich dann das Chaos, 
welches durch die Wiederkehr immer derselben Symptome vor- 
getäuscht wurde; es ergaben sich die neuen Krankheitsbilder, 
gekennzeichnet durch die konstante Verknüpfung gewisser 
Symptom gruppen; die vollständigen und extremen Fälle, die 
„Typen", ließen sich mit Hilfe einer gewissen Art von Schema- 
tisierung hervorheben, und von den Typen aus blickte das Auge 
auf die lange Reihe der abgeschwächten Fälle, der „forme» 
frustes", die von dem oder jenem charakteristischen Merkmal 
des Typus her ins Unbestimmte ausliefen. Er nannte diese Art 
der Geistesarbeit, in der er keinen Gleichen hatte, „Nosographie 
treiben" und war stolz auf sie. Man konnte ihn sagen hören, 
die größte Befriedigung, die ein Mensch erleben könne, sei, 
etwas Neues zu sehen, d. h. es als neu zu erkennen, und in immer 
wiederholten Bemerkungen kam er auf die Schwierigkeit und 
Verdienstlichkeit dieses „Sehens" zurück. Woher es denn komme, 
daß die Menschen in der Medizin immer nur sehen, was sie zu 
sehen bereits gelernt haben, wie wunderbar es sei, daß man 



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plötzlich, neue Dinge — neue Krankheitszustände — sehen könne, 
die doch wahrscheinlich so alt seien wie das Menschengeschlecht, 
und wie er sich selbst sagen müsse, er sehe jetzt manches, was 
er durch 30 Jahre auf seinen Krankenzimmern übersehen habe. 
Welchen Reichtum an Formen die Neuropathologie durch ihn 
gewann, welche Verschärfung und Sicherheit der Diagnose durch 
seine Beobachtungen ermöglicht wurde, braucht man dem Arzte 
nur anzudeuten. Der Schüler aber, der mit ihm einen stunden- 
langen Gang durch die Krankenzimmer der Salpetriere, dieses 
Museums von klinischen Fakten, gemacht hatte, deren Namen 
und Besonderheit größtenteils von ihm seihst herrührten, wurde 
an C u v i e r erinnert, dessen Statue vor dem Jardin des plantes 
den großen Kenner und Beschreiber der Tierwelt, umgeben von 
der Fülle tierischer Gestalten, zeigt, oder er mußte an den 
Mythus von Adam denken, der jenen von Charcot gepriesenen 
intellektuellen Genuß im höchsten Ausmaß erlebt haben mochte, 
als ihm Gott die Lebewesen des Paradieses zur Sonderung und 
Benennung vorführte. 

Charcot wurde auch niemals müde, die Rechte der rein 
klinischen Arbeit, die im Sehen und Ordnen besteht, gegen die 
Übergriffe der theoretischen Medizin zu verteidigen. Wir waren 
einmal eine kleine Schar von Fremden beisammen, die, in der 
deutschen Schulphysiologie auferzogen, ihm durch die Beanstän- 
dung seiner klinischen Neuheiten lästig fielen: „Das kann doch 
nicht sein", wendete ihm einmal einer von uns ein: „das wider- 
spricht ja der Theorie von Young-Helmholt z". Er erwiderte 
nicht: „Um so ärger für die Theorie, die Tatsachen der Klinik 
haben den Vorrang", u. dgl., aber er sagte uns doch, was uns 
einen großen Eindruck machte: „La theorie, c'esfc hon, mais ca 
n'empeche pas d'exister." 

Durch eine ganze. Reihe von Jahren hatte Charcot die 
Professur für pathologische Anatomie in Paris inne, und seine 
neuropathologischen Arbeiten und Vorlesungen, die ihn rasch 
auch im Auslande berühmt machten, betrieb er ohne Auftrag 
als Nebenbeschäftigung; für die Neuropathologie war es aber 
ein Glück, daß derselbe Mann die Leistung zweier Instanzen 
auf sich nehmen konnte, einerseits durch klinische Beobachtung 
die Krankheitsbilder schuf und anderseits beim Typus wie bei 

1* 



der forme fruste die gleiche anatomische Veränderung als Grund- 
lage des Leidens nachwies. Es ist allgemein bekannt, welche 
Erfolge diese anatomisch-klinische Methode Charcots auf dem 
Gebiete der organischen Nervenkrankheiten, der Tabes, multiplen 
Sklerose, der amyotrophischen Lateralsklerose usw. erzielte. Oft 
bedurfte es jahrelangen geduldigen Harrens, ehe bei diesen 
chronischen, nicht direkt zum Tode führenden Affektionen der 
Nachweis der organischen Veränderung gelang, und nur ein 
Siech enkaus, wie die Salpetriere, konnte gestatten, die Kranken 
durch so lange Zeiträume zu verfolgen und zu erhalten. Die 
erste Feststellung dieser Art machte Charcot übrigens, ehe er 
über eine Abteilung verfügen konnte. Der Zufall führte ihm 
während seiner Studienzeit eine Bedienerin zu, die an einem 
eigentümlichen Zittern litt und wegen ihrer Ungeschicklichkeit 
keine Stelle bekommen konnte. Charcot erkannte ihren Zustand 
als die von Duchenne bereits beschriebene „Paralysie chorei- 
forme", von der aber nicht bekannt war, worauf sie beruhe. Er 
behielt die interessante Bedienerin, obwohl sie ihm im Laufe 
der Jahre ein kleines Vermögen an Schüsseln und Tellern kostete, 
und als sie endlich starb, konnte er an ihr nachweisen, daß die 
„Paralysie choreiforme" der klinische Ausdruck der multiplen 
zerebrospinalen Sklerose sei. 

Die pathologische Anatomie hat für die .Neuropathologie 
zweierlei zu leisten: neben dem Nachweis der krankhaften Ver- 
änderung die Feststellung von deren Lokalisation, und wir alle 
wissen, daß in den letzten beiden Dezennien der zweite Teil der 
Aufgabe das größere Interesse gefunden und die größere Förde- 
rung erfahren hat. Charcot hat auch an diesem Werke in her- 
vorragendster Weise mitgearbeitet, wenngleich die bahnbrechenden 
Funde nicht von ihm herrühren. Er folgte zunächst den Spuren 
unseres Landsmannes Tür ck, der, wie es beißt, ziemlich einsam 
in unserer Mitte gelebt und geforscht hat, und als dann die 
beiden großen Neuerungen kamen, die eine neue Epoche für 
unsere Kenntnis der „Lokalisation der Nervenkrankheiten" ein- 
leiteten, die Eeizungsversuche von Hitzig-Fritsch und die 
Markentwicklungsbefunde von Flechsig, hat er in seinen Vor- 
lesungen über die Lokalisation das Meiste und das Beste dazu 
getan, die neuen Lehren mit der Klinik zu vereinigen und für 



5 



"'*"- 



sie fruchtbar zu machen. "Was speziell die Beziehung der Körper- 
muskulatur zur motorischen Zone des menschlichen Großhirns 
betrifft, so erinnere ich daran, wie lange die genauere Art und 
Topik dieser Beziehung in Frage stand (gemeinsame Vertretung 
beider Extremitäten an denselben Stellen — Vertretung der 
oberen Extremität in der vorderen, der unteren in der hinteren 
Zentralwindung, also vertikale Gliederung), bis endlich fort- 
gesetzte klinische Beobachtungen und Reiz- wie Exstirpations- 
versuche am lebenden Menschen bei Gelegenheit chirurgischer 
Eingriffe zugunsten der Ansicht von Charcot und Pitres ent- 
schieden, daß das mittlere Drittel der Zentralwindungen vor- 
wiegend der Armvertretung, das obere Drittel und der mediale 
Anteil der Beinvertretung diene, daß also eine horizontale 
Gliederung in der motorischen Region durchgeführt sei. 

Es würde nicht gelingen, die Bedeutung Charcots für die 
Neuropathologie durch die Aufzählung einzelner Leistungen zu 
erweisen, denn es hat in den letzten zwei Dezennien überhaupt 
nicht viele Themata von einigem Belang gegeben, an deren Auf- 
stellung und Diskussion die Schule der Salpetriere nicht einen 
hervorragenden Anteil gerom:nen hätte. „Die Schule der Sal- 
petriere", das war natürlich Charcot selbst, der mit dem Reich - 
tume seiner Erfahrung, der durchsichtigen Klarheit seiner Dik- 
tion und der Plastik seiner Schilderungen unschwer in jeder 
Schülerarbeit zu erkennen war. Aus dem Kreise von jungen 
Männern, die er so an sich heranzog und zu Teilnehmern seiner 
Forschungen machte, erhoben sich dann einzelne zum Bewußt- 
sein ihrer Individualität, gewannen für sich selbst einen glänzenden 
Namen, und hie und da kam es auch vor, daß einer mit einer 
Behauptung hervortrat, die dem Meister mehr geistreich als 
richtig- erschien und die er in Gesprächen und Vorlesungen 
sarkastisch genug bekämpfte, ohne daß das Verhältnis zu dem 
geliebten Schüler darunter litt. Tatsächlich hinterläßt Charcot 
eine Schar von Schülern, deren geistige Qualität und bisherige 
Leistungen eine Bürgschaft bieten, daß die Pflege der Neuro- 
pathologie in Paris nicht so bald von der Höhe heruntergleiten 
wird, zu der Charcot sie geführt hat. 

Wir haben in Wien wiederholt die Erfahrung machen können, 
daß die geistige Bedeutung eines akademischen Lehrers nicht 



ohne weiteres mit jener direkten persönlichen Beeinflussung der 
Jugend vereinigt sein muß, die sich in der Schöpfung einer 
zahlreichen und bedeutsamen Schule äußert. Wenn Charcot 
in diesem Punkte so viel glücklicher war, so mußte man dies 
den persönlichen Eigenschaften des Mannes zuschreiben, dein 
Zauber, der von seiner Erscheinung und Stimme ausging, der 
liebenswürdigen Offenheit, die sein Benehmen auszeichnete, so- 
bald einmal die gegenseitigen Beziehungen das Stadium der 
ersten Fremdheit überwunden hatten, der Bereitwilligkeit, mit 
der er seinen Schülern alles zur Verfügung stellte, und der 
Treue, die er ihnen durch das Leben hielt. Die Stunden, die 
er auf seinen Krankenzimmern verbrachte, waren Stunden des 
Beisammenseins und des Gedankenanstausches mit seinem ge- 
samten ärztlichen Stab; er schloß sich da niemals ein; der 
jüngste Externe hatte Gelegenheit, ihn bei der Arbeit zu sehen 
und durfte ihn in dieser Arbeit stören, und dieselbe Freiheit 
genossen die Fremden, die in späteren Jahren niemals bei seiner 
Visite fehlten. Endlich, wenn am Abend Madame Charcot ihr 
gastliches Haus einer auserlesenen Gesellschaft öffnete, unter- 
stützt von einer hochbegabten, in der Ähnlichkeit des Vaters 
aufblühenden Tochter, so standen die nie fehlenden Schüler und 
ärztlichen Gehilfen ihres Mannes als ein Teil der Familie den 
Gästen gegenüber. 

Das Jahr 1882 oder 83 brachte die endgültige Gestaltung 
in Charcots Lebens- und Arbeitsbedingungen. Man war zur 
Einsicht gekommen, daß das Wirken dieses Mannes einen Teil 
des Besitzstandes der nationalen Gloire bilde, der nach dem 
unglücklichen Kriege von 1870/71 um so eifersüchtiger behütet 
wurde. Die Regierung, an deren Spitze Charcots alter Freund 
Gambetta stand, schuf für ihn einen Lehrstuhl für Neuro- 
pathologie an der Fakultät, für welchen er der pathologischen 
Anatomie entsagen konnte, und eine Klinik samt wissenschaft- 
lichen Nebeninstituten in der Salpetriere. „Le service de 
M. Charcot" umfaßte jetzt nebst den früheren mit chronisch 
Kranken belegten Räumen mehrere klinische Zimmer, in welche 
auch Männer Aufnahme fanden, eine riesige Ambulanz, die 
Consultation externe, ein histologisches Laboratorium, ein Mu- 
seum, eine elektrotherapeutische, Augen- und Ohren abteilung 



und ein eigenes photographisches Atelier, als ebenso viel An- 
lässe, um ehemalige Assistenten und Schüler in festen Stellungen 
dauernd an die Klinik zu binden. Die zwei Stock hohen, ver- 
wittert aussehenden Gebäude mit den Höfen, die sie umschlossen, 
erinnerten den Fremden auffällig an unser Allgemeines Kranken- 
haus, aber die Ähnlichkeit ging wohl nicht weit genug. „Es ist 
vielleicht nicht schön hier", sagte Charcot, wenn er dem Be- 
sucher seinen Besitz zeigte, „aber man findet Platz für alles, 
was man machen will." 

Charcot stand auf der Höhe des Lebens, als ihm diese 
Fülle von Lehr- und Forschungsmitteln zur Verfügung gestellt 
wurde. Er war ein unermüdlicher Arbeiter, ich glaube, immer 
noch der fleißigste der ganzen Schule. Eine Privatordination, 
zu der sich die Kranken „aus Samarkand und von den An- 
tillen" drängten, vermochte es nicht, ihn seiner Lehrtätigkeit 
oder seinen Forschungen zu entfremden. Sicherlich wandte sich 
dieser Zulauf von Menschen nicht allein an den berühmten For- 
scher, sondern ebensosehr an den großen Arzt und Menschen- 
freund, der immer einen Bescheid zu finden wußte und dort 
ahnte und erriet, wo der gegenwärtige Zustand der Wissenschaft 
ihm niclit gestattete, zu wissen. Man hat ihm vielfach seine 
Therapie zum Vorwurf gemacht, die durch ihren Reichtum an 
Verschreibungen ein rationalistisches Gewissen beleidigen mußte. 
Allein er setzte einfach die örtlich und zeitlich gebräuchlichen 
Methoden fort, ohne sich über deren Wirksamkeit viel zu täu- 
schen. In der therapeutischen Erwartung war er übrigens nicht 
pessimistisch und hat früher und später die Hand dazu geboten, 
neue Behandlungsmethoden an seiner Klinik zu versuchen, deren 
•kurzlebiger Erfolg von anderer Seite her seine Aufklärung fand. 
Als Lehrer war Charcot geradezu fesselnd, jeder seiner Vor- 
träge ein kleines Kunstwerk an Aufbau und Gliederung, form- 
vollendet und in einer Weise eindringlich, daß man den ganzen 
Tag über das gehörte Wort nicht aus seinem Ohr und das de- 
monstrierte Objekt nicht aus dem Sinne bringen konnte. Er 
demonstrierte selten einen einzigen -Kranken, meist eine Reihe 
oder Gegenstücke, die er miteinander verglich. Der Saal, in 
welchem er seine Vorlesungen hielt, war mit einem Bilde ge- 
schmückt, welches den „Bürger" Pinel darstellt, wie er den 




armen Irrsinnigen der Salpetriere die Fesseln abnehmen läßt; 
die Salpetriere, die während der Revolution so viel Schrecken 
gesehen, war doch auch die Stätte dieser humansten aller Um- 
wälzungen gewesen. Meister Charcot selbst machte bei einer- 
solchen Vorlesung einen eigentümlichen Eindruck; er, der sonst 
vor Lebhaftigkeit und Heiterkeit übersprudelte, auf dessen Lippen 
der Witz nicht erstarb, sah dann unter seinem Samtkäppchen 
ernst und feierlich, ja eigentlich gealtert aus, seine Stimme klang- 
uns wie gedämpft, und wir konnten etwa verstehen, wieso übel- 
wollende Fremde dazu kamen, der ganzen Vorlesung den Vor- 
wurf des Theatralischen zumachen. Die so sprachen, waren wohl 
die Formlosigkeit des deutschen klinischen Vortrages gewöhnt 
oder vergaßen daran, daß Charcot nur eine Vorlesung in der 
Woche hielt, die er also sorgfältig vorbereiten konnte. 

Folgte Charcot mit dieser feierlichen Vorlesung, in der 
alles vorbereitet war und alles eintreffen mußte, wahrscheinlich 
einer eingewurzelten Tradition, so empfand er doch auch das 
Bedürfnis, seinen Hörern ein minder verkünsteltes Bild seiner 
Tätigkeit zu geben. Dazu diente ihm die Ambulanz der Klinik, 
die er in den sogenannten Lecons du Mardi persönlich erledigte. 
Da nahm er ihm völlig unbekannte Fälle vor, setzte sich allen 
Wechselfällen des Examens, allen Irrwegen einer ersten Unter- 
suchung aus, warf seine Autorität von sich, um gelegentlich 
einzugestehen, daß dieser Fall keine Diagnose zulasse, daß in 
jenem ihn der Anschein getäuscht habe, und niemals erschien 
er seinen Hörern größer, als nachdem er sich so bemüht hatte, 
durch die eingehendste Rechenschaft über seine Gedankengänge, 
durch die größte Offenheit in seinen Zweifeln und Bedenken 
die Kluft zwischen Lehrer uud Schülern zu verringern. Die Ver«^ 
öffentlichung dieser improvisierten Vorträge aus den Jahren 1887 
und 1888 zunächst in französischer, gegenwärtig auch in deut- 
scher Sprache hat auch den Kreis seiner Bewunderer ins Un- 
gemessene erweitert, und niemals hat ein neuropathologisches 
Werk einen ähnlichen Erfolg im ärztlichen Publikum erzielt 
wie dieses. 

Ungefähr gleichzeitig mit der Errichtung der Klinik und 
dem Zurücktreten der pathologischen Anatomie vollzog sich eine 
Wandlung in Charcots wissenschaftlichen Neigungen, der wir 



die schönsten seiner Arbeiten verdanken. Er erklärte nun, die 
Lehre von den organischen Nervenkrankheiten sei vorderhand 
ziemlich abgeschlossen, und begann sein Interesse fast aus- 
schließlich der Hysterie zuzuwenden, die so mit einem Schlage 
in den Brennpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit gelangte. 
Diese rätselhafteste aller Nervenkrankheiten, für deren Beurtei- 
lung die Arzte noch keinen tauglichen Gesichtspunkt gefunden 
hatten, war gerade damals recht in Mißkredit geraten, der sich 
sowohl auf die Kranken als auf die Ärzte erstreckte, die sich 
mit der Neurose beschäftigten. Es hieß, hei der Hysterie ist 
alles möglich, und den Hysterischen wollte man gar nichts 
glauben. Die Arbeit Charcots gab dem Thema zunächst seine 
"Würde wieder; man gewöhnte sich allmählich das höhnische 
Lächeln ab, auf das die Kranke damals sicher rechnen konnte; 
sie mußte nicht mehr eine Simulantin sein, da Charcot mit 
seiner vollen Autorität für die Echtheit und Objektivität der 
hysterischen Phänomene eintrat. Charcot hatte im kleinen die 
Tat der Befreiung wiederholt, wegen welcher das Bild Pinels 
den Hörsaal der Salpetriere zierte. Nachdem man nun der blin- 
den Furcht entsagt hatte, von den armen Kranken genarrt zu 
werden, welche einer ernsthaften Beschäftigung mit der Neurose 
bisher im Wege gestanden war, konnte es sich fragen, welche 
Art der Bearbeitung auf dem kürzesten Wege zur Lösung des 
Problems führen würde. Für einen ganz unbefangenen Beobachter 
hätte sich folgende Anknüpfung dargeboten: Wenn ich einen 
Menschen in einem Zustande finde, der alle Zeichen eines 
schmerzhaften Affektes an sich trägt, im Weinen, Schreien, Toben, 
so liegt mir der Schluß nahe, einen seelischen Vorgang in diesem 
Menschen zu vermuten, dessen berechtigte Äußerungen jene 
körperlichen Phänomene sind. Der Gesunde wäre dann imstande 
mitzuteilen, welcher Eindruck ihn peinigt, der Hysterische würde 
antworten, er wisse es nicht, und das Problem wäre sofort ge- 
geben, woher es komme, daß der Hysterische einem Affekt 
unterliegt, von dessen Veranlassung er nichts zu wissen behauptet. 
Hält man nun an seinem Schlüsse fest, daß ein entsprechender 
psychischer Vorgang vorhanden sein müsse, und schenkt dabei 
doch der Behauptung des Kranken Glauben, der denselben ver- 
leugnet, sammelt man die vielfachen Anzeichen, aus denen her- 



10 



vorgeht, daß der Kranke sich so benimmt, als wüßte er doch 
darum, forscht man in der Lebensgeschichtc des Kranken nach 
und findet in derselben einen Anlaß, ein Trauma, welches ge- 
eignet ist, gerade solche Affektäußerungen zu erzeugen, so drängt 
dies alles zur Lösung, daß der Kranke sich in einem besonderen 
Seelenzustandc befinde, in dem das Band des Zusammenhanges 
nicht mehr alle Eindrücke oder Erinnerungen an solche um- 
schlinge, in dem es einer Erinnerung möglich sei, ihren Affekt 
durch körperliche Phänomene zu äußern, ohne daß die Gruppe 
der anderen seelischen Vorgänge, das Ich, darum wisse oder- 
hindernd eingreifen könne; und die Erinnerung an die allbe- 
kannte psychologische Verschiedenheit von Schlaf und Wachen 
hätte das Fremdartige dieser Annahme verringern können. Man 
wende nicht ein, daß die Theorie einer Spaltung des Bewußt- 
seins als Lösung des Rätsels der Hysterie viel zu ferne liegt, 
als daß sie sich dem unbefangenen und ungeschulten Beobachter 
aufdrängen könnte. Tatsächlich hatte das Mittelalter doch dies,. 
Lösung gewählt, indem es die Besessenheit durch einen Dämon 
für die Ursache der hysterischen Phänomene erklärte; es hätte 
sich nur darum gehandelt, für die religiöse Terminologie jene» 
dunkeln und abergläubischen Zeit die wissenschaftliche der 

Gegenwart einzusetzen. 

Oharcot betrat nicht diesen Weg zur Aufklärung der 
Hysterie, obwohl er aus den erhaltenen Berichten der Hexen- 
prozesse und der Besessenheit reichlich schöpfte, um zu erweise*^ 
daß die Erscheinungen der Neurose damals dieselben gewesen 
seien wie heute. Er behandelte die Hysterie wie ein anderes 
Thema der Neuropathologie, gab die vollständige Beschreibung 
ihrer Erscheinungen, wies Gesetz und Regel in denselben nach, 
lehrte die Symptome kennen, welche eine Diagnose der Hysterie 
ermöglichen. Die sorgfältigsten Untersuchungen , die von ihm 
und seinen Schülern ausgingen, verbreiteten sich über die Sen- 
sibilitätsstörungen der Hysterie an der Haut und den tiefen 
Teilen, das Verhalten der Sinnesorgane, die Eigentümlichkeiten 
der hysterischen Kontrakturen und Lähmungen, der trophisehen 
Störungen und der Veränderungen des Stoffwechsels. Die mannig, 
fachen Formen des hysterischen Anfalles wurden beschrieben-, 
ein Schema aufgestellt, welches die typische Gestaltung deä 



11 

großen hysterischen Anfalles in vier Stadien schilderte und die 
Zurückführung der gemeinhin beobachteten „kleinen" Anfälle 
auf den Typus gestattete; ebenso die Lage und Häufigkeit der 
sogenannten hysterogenen Zonen, deren Beziehung zu den An- 
fällen studiert usw. Mit all diesen Kenntnissen über die Er- 
scheinung der Hysterie ausgestattet, machte man nun eine Reihe 
überraschender Entdeckungen; man fand die Hysterie beim 
männlichen Geschlechte und besonders bei den Männern der 
Arbeiterklasse mit einer Häufigkeit, die man nicht vermutet 
hatte, man überzeugte sich, daß gewisse Zufälle, die man der 
Alkohol-, der Blei-Intoxikation zugeschrieben hatte, der Hysterie 
angehörten, man war imstande, eine ganze Anzahl von bisher 
unverstanden und isoliert dastehenden Affektionen unter die 
Hysterie zu subsummieren und den Anteil der Hysterie auszu- 
scheiden, wo sich die Neurose mit anderen Affektionen zu kom- 
plexen Bildern vereinigt hatte. Am weittragendsten waren wohl 
die Forschungen über die Nervenerkrankungen nach schweren 
Traumen, die „traumatischen Neurosen", deren Auffassung jetzt 
noch in Diskussion steht, und bei welchen Charcot das Recht 
der Hysterie erfolgreich vertreten hat. 

Nachdem die letzten Ausdehnungen des Begriffes der 
Hysterie so häufig zur Verwerfung ätiologischer Diagnosen ge- 
führt hatten, ergab sich die Notwendigkeit, auf die Ätiologie der 
Hysterie einzugehen. Charcot stellte eine einfache Formel für 
diese auf: als einzige Ursache hat die Heredität zu gelten, die 
Hysterie ist demnach eine Form der Entartung, ein Mitglied 
der „famille nevropathique"; alle anderen ätiologischen Mo- 
mente spielen die Rolle von Gelegenheitsursachen, von „agents 
rovocateurs". 

Der Aufbau dieses großen Gebäudes fand natürlich nicht 
ohne heftigen Widerspruch statt, allein es war der unfruchtbare 
Widerspruch einer alten Generation, die ihre Anschauungen 
nicht verändert wissen wollte; die Jüngeren unter den Neuro- 
pathologen, auch Deutschlands, nahmen Charcots Lehren in 
größerem oder geringerem Ausmaße an. Charcot selbst war 
des Sieges seiner Lehren von der Hysterie vollkommen sicher; 
wollte man ihm einwenden, daß die vier Stadien des Anfalles, 
die Hysterie bei Männern usw., anderswo als in Frankreich nicht 



12 

zu beobachten seien, so wies er darauf hin, wie lange er dies« 
Dinge selbst übersehen habe, und wiederholte, die Hysterie sei 
allerorten und zu allen Zeiten die nämliche. Gegen den Vorwurf, 
daß die Franzosen eine weit nervösere Nation seien als ander»', 
die Hysterie gleichsam eine nationale Unart, war er sehr empfind- 
lich und konnte sich sehr freuen, wenn eine Publikation „über- 
einen Fall von Reflexepilepsie" bei einem preußischen Grenadier 
ihm auf Distanz die Diagnose der Hysterie ermöglichte. 

An einer Stelle seiner Arbeit ging Charcot noch über 
das Niveau seiner sonstigen Behandlung der Hysterie hinaus 
und tat einen Schritt, der ihm für alle Zeiten auch dm Rubra 
des ersten Erklärers der Hysterie sichert. Mit dem Studium de«; 
hysterischen Lähmungen beschäftigt, die nach Traumen entstehen, 
kam er auf den Einfall, diese Lähmungen, die er vorher sorg- 
fältig von den organischen differenziert hatte, künstlich zu repro- 
duzieren, und bediente" sich hierzu hysterischer Patienten, die er- 
durch Hypnotisieren in den Zustand des Somnambulismus ver- 
setzte. Es gelang ihm durch lückenlose Schlußfolge nachzu- 
weisen, daß diese Lähmungen Erfolge von Vorstellungen seien, 
die in Momenten besonderer Disposition das Gehirn des Kranke« 
beherrscht hatten. Damit war zum ersten Male der Mechanismus 
eines hysterischen Phänomens aufgeklärt, und an dieses unver- 
gleichlich schöne Stück klinischer Forschung knüpfte dann sein 
eigener Schüler P. Janet, knüpften Breuer u. a. an, um eine 
Theorie der Neurose zu entwerfen, welche sich mit der Auf- 
fassung des Mittelalters deckt, nachdem sie den „Dämon" der- 
priesterlichen Phantasie durch eine psychologische Formel er- 

setzt hat. 

Charcots Beschäftigung mit den hypnotischen Phänomenen: 
bei Hysterischen gereichte diesem bedeutungsvollen Gebiet von 
bisher vernachlässigten und verachteten Tatsachen zur größten 
Förderung, indem das Gewicht seines Namens dem Zweifol an 
der Realität der hypnotischen Erscheinungen ein- für allemal 
ein Ende machte. Allein der rein psychologische Gegenstand 
vertrug die ausschließlich nosographische Behandlung nicht, die- 
er bei der Schule der Salpetriere fand. Die Beschränkung des. 
Studiums der Hypnose auf die Hysterisehen, die Unterscheidung 
von großem und kleinem Hypnotismus, die Aufstellung dreier- 



13 



Stadien der „großen Hypnose" und deren Kennzeichnung durch 
somatische Phänomene, dies alles unterlag in der Schätzung 
der Zeitgenossen, als Liebaults Schüler Bernheim es unter- 
nahm, die Lehre vom Hypnotismus auf einer umfassenderen 
psychologischen Grundlage aufzubauen und die Suggestion zum 
Kernpunkt der Hypnose zu machen. Nur die Gegner des Hyp- 
notismus, die sich damit zufrieden geben, ihren Mangel an eigener 
Erfahrung durch Berufung auf eine Autorität zu verdecken, 
halten noch an den Aufstellungen Charcots fest und lieben 
es, eine aus seinen letzten Jahren stammende Äußerung zu ver- 
werten, die der Hypnose eine jede Bedeutung als Heilmittel 
abspricht. 

Auch an den ätiologischen Theorien, die Charcot in 
seiner Lehre von der ,.famille nevropathique" vertrat, und die 
er zur Grundlage seiner gesamten Auffassung der Nervenkrank- 
heiten gemacht hatte, wird wohl bald zu rütteln und zu korri- 
gieren sein. Charcot überschätzte die Heredität als Ursache so 
sehr, daß kein Raum für die Erwerbung von Neuropathien Übrig 
blieb, er wies der Syphilis nur einen bescheidenen Platz unter 
den „agents provocateur" an, und er trennte weder für die 
Ätiologie, noch sonst hinreichend scharf die organischen Nerven- 
aft'ektionen von den Neurosen. Es ist unausbleiblich, daß der 
Fortschritt unserer Wissenschaft, indem er unsere Kenntnisse 
vermehrt, auch manches von dem entwertet, was uns Charcot 
gelehrt hat, aber kein Wechsel der Zeiten oder der Meinungen 
wird den Nachruhm des Mannes zu schmälern vermögen, um 
den wir jetzt — in Frankreich und anderwärts — alle trauern. 

Wien, im August 1893. 



IL 
Über den psychischen Mechanismus hysteri- 
scher Phänomene 1 ). 

Von Dr. Josef Breuer und Dr. Sigm. Freud in Wien. 



I. 
Angeregt durch eine zufällige Beobachtung, forschen wir 
seit einer Reihe von Jahren bei den verschiedensten Formen 
und Symptomen der Hysterie nach der Veranlassung, dem Vor- 
gange, welcher das betreffende Phänomen zum ersten Male, oft 
vor vielen Jahren, hervorgerufen hat. In der großen Mehrzahl 
der Fälle gelingt es nicht, durch das einfache, wenn auch noch 
so eingehende Krankenexamen diesen Ausgangspunkt klarzu- 
stellen, teilweise, weil es sich oft um Erlebnisse handelt, deren 
Besprechung den Kranken unangenehm ist, hauptsächlich aber, 
weil sie sich wirklich nicht daran erinnern, den ursächlichen 
Zusammenhang des veranlassenden Vorganges und des patho- 
logischen Phänomens nicht ahnen. Meistens ist es nötig, die 
Kranken zu hypnotisieren und in der Hypnose die Erinnerungen 
jener Zeit, wo das Symptom zum ersten Male auftrat, wachzu- 
rufen; dann gelingt es, jenen Zusammenhang aufs deutlichst,, 
und überzeugendste darzulegen. 

Diese Methode der Untersuchung hat uns in einer großen 
Zahl von Fällen Resultate ergeben, die in theoretischer wie i u 
praktischer Hinsicht wertvoll erscheinen. 




i) „Neurologisches Zentralblatt", 1893, Nr. 1 u. 2. (Auch abgedruckt 
als Einleitung der „Studien über Hysterie«, 1895, in welchen J. Breuer 
und ich die hier dargelegten Anschauungen weiter ausgeführt und durchs 
Krankengeschichten erläutert haben.) 



^ 






15 

In theoretischer Hinsicht, weil sie uns bewiesen haben, 
daß das akzidentelle Moment weit über das bekannte und an- 
erkannte Maß hinaus bestimmend ist für die Pathologie der 
Hysterie. Daß es bei „traumatischer" Hysterie der Unfall ist, 
welcher das Syndrom hervorgerufen hat, ist ja selbstverständ- 
lich, und wenn bei hysterischen Anfällen aus den Außeningen 
der Kranken zu entnehmen ist, daß sie in jedem Anfalle immer 
wieder denselben Vorgang halluzinieren, der die erste Attacke 
hervorgerufen hat, so liegt auch hier der ursächliche Zusammen- 
hang klar zutage. Dunkler ist der Sachverhalt bei den anderen 
Phänomenen. 

Unsere Erfahrungen haben uns aber gezeigt, daß die 
verschiedensten Symptome, welche für spontane, so- 
zusagen idiopathische Leistungen der Hysterie 
gelten, in ebenso stringentem Zusammenhange mit 
dem veranlassenden Trauma stehen, wie die oben 
genannten, in dieser Beziehung durchsichtigen Phä- 
nomene. Wir haben Neuralgien wie Anästhesien der ver- 
schiedensten Art und von oft jahrelanger Dauer, Kontrakturen 
und Lähmungen, hysterische Anfälle und epileptoide Konvul- 
sionen, die alle Beobachter für echte Epilepsie gehalten hatten, 
Petit-mal und ticartige Afl'ektionen, dauerndes Erbrechen und 
Anorexie bis zur Nahrungsverweigerung, die verschiedensten 
Sehstörungen, immer wiederkehrende Gesichtshalluzinationen 
u. dgl. m. auf solche veranlassende Momente zurückführen können. 
Das Mißverhältnis zwischen dem jahrelang dauernden hysteri- 
schen Symptom und der einmaligen Veranlassung ist dasselbe, 
wie wir es bei der traumatischen Neurose regelmäßig zu sehen 
gewohnt sind; ganz häufig sind es Ereignisse aus der Kinder- 
zeit, -die für alle folgenden Jahre ein mehr oder minder schweres 
Krankheitsphänomen hergestellt haben. 

Oft ist der Zusammenhang so klar, daß es vollständig er- 
sichtlich ist, wieso der veranlassende Vorfall eben dieses und 
kein anderes Phänomen erzeugt hat. Dieses ist dann durch die 
Veranlassung in völlig klarer Weise determiniert. So, um das 
banalste Beispiel zu nehmen, wenn ein schmerzlicher Affekt, der 
während des Essens entsteht, aber unterdrückt wird, dann Übel- 
keit und Erbrechen erzeugt, und dieses als hysterisches Erbrechen 



16 

monatelang andauert. — Ein Mädchen, das in qualvoller Angst 
an einem Krankenbette wacht, verfällt in einen Dämmerzustand 
und hat eine schreckhafte Halluzination, während ihr der rechte 
Arm, über der Sessellehne hängend, einschläft; es entwickelt - 
sich daraus eine Parese dieses Armes mit Kontraktur und 
Anästhesie. Sie will beten und findet keine Worte; endlich ge- 
lingt es ihr, ein englisches Kindergebet zu sprechen. Als sich 
später eine schwere, höchst komplizierte Hysterie entwickelt, 
spricht, schreibt und versteht sie nur englisch, während ihr die 
Muttersprache durch 17 2 Jahre unverständlich ist. — Ein 
schwerkrankes Kind ist endlich eingeschlafen, die Mutter spannt 
alle Willenskraft an, um sich ruhig zu verhalten und es nicht 
zu wecken; gerade infolge dieses Vorsatzes macht sie („hysteri- 
scher Gegenwille!") ein schnalzendes Geräusch mit der Zunge. 
Dieses wiederholt sich später bei einer andern Gelegenheit, wobei 
sie sich gleichfalls absolut ruhig verhalten will, und es entwickelt 
sich daraus ein Tic, der als Zungenschnalzon durch viele Jahre 
jede Aufregung begleitet. — Ein hochintelligenter Mann assistiert, 
während seinem Bruder das ankylosierte Hüftgelenk in der Nar- 
kose gestreckt wird. Im Augenblick, wo das Gelenk krachen^ 
nachgibt, empfindet er heftigen Schmerz im eigenen Hüftgelenk, 
der fast ein Jahr andauert u. dgl. m. 

In anderen Fällen ist' der Zusammenhang nicht so einlach; 
es besteht nur eine sozusagen symbolische Beziehung zwischen 
der Veranlassung und dem pathologischen Phänomen, wie clor 
Gesunde sie wohl auch im Traume bildet: wenn etwa zu seeli. 
schem Schmerze sich eine Neuralgie gesellt oder Erbrechen zu 
dem Affekte 'moralischen Ekels. Wir haben Kranke studiert. 
welche von einer solchen Symbolisierung den ausgiebigsten Ge- 
brauch zu machen pflegten. — In noch anderen Fällen i^t eine 
derartige Determination zunächst nicht dem Verständnis offen ; 
hierher gehören gerade die typischen hysterischen Symptome, 
wie Hemianästhesie und Gesichtsfeldeinengung, epileptiform e 
Konvulsionen u. dgl. Die Darlegung unserer Anschauungen iil><>,. 
diese Gruppe müssen wir der ausführlicheren Besprechung deg 
Gegenstandes vorbehalten. 

Solche Beobachtungen scheinen uns die patho, 
gene Analogie der gewöhnlichen Hysterie mit de r 









. 



. 



17 



traumatischen Neurose nachzuweisen und ein'e Aus- 
dehnung des Begriffes der „traumatischen Hysterie" 
zu rechtfertigen. Bei der traumatischen Neurose ist ja nicht 
die geringfügige körperliche Verletzung die wirksame Krankheits- 
ursache, sondern der Schreckaffekt, das psychische Trauma. 
In analoger Weise ergehen sich aus unseren Nachforschungen 
für viele, wenn nicht für die meisten hysterischen Symptome 
Anlässe, die man als psychische Traumen bezeichnen muß. Als 
solches kann jedes Erlebnis wirken, welches die peinlichen Affekte 
des Schreckens, der Angst, der Scham, des psychischen Schmerzes 
hervorruft, und es hängt begreiflicherweise von der Empfindlich- 
keit des betroffenen Menschen (sowie von einer später zu er- 
wähnenden Bedingung) ab, ob das Erlebnis als Trauma zur 
Geltung kommt. Nicht selten finden sich anstatt des einen großen 
Traumas bei der gewöhnlichen Hysterie mehrere Parti altraumen, 
gruppierte Anlässe, die erst in ihrer Summierung traumatische 
Wirkung äußern konnten, und die insofern zusammengehören, 
als sie zum Teil Stücke einer Leidensgeschichte bilden. In noch 
anderen Fällen sind es an sich scheinbar gleichgültige Umstände, 
die durch ihr Zusammentreffen mit dem eigentlich wirksamen 
Ereignis oder mit einem Zeitpunkt besonderer Reizbarkeit eine 
Dignität als Traumen gewonnen haben, die ihnen sonst nicht 
zuzumuten wäre, die sie aber von da an behalten. 

Aber der kausale Zusammenhang des veranlassenden psy- 
chischen Traumas mit dem hysterischen Phänomen ist nicht 
etwa von der Art, daß das Trauma als Agent provocateur das 
Symptom auslösen würde, welches dann, selbständig geworden, 
weiter bestände. Wir müssen vielmehr behaupten, daß das psy- 
chische Trauma respektive die Erinnerung an dasselbe nach 
An eines Fremdkörpers wirkt, welcher noch lange Zeit nach 
seinem Eindringen als gegenwärtig wütendes Agens gelten muß, 
und wir sehen den Beweis hiefür in einem höchst merkwürdigen 
Phänomen, welches zugleich unseren Befunden ein bedeutendes 
praktisches Interesse verschafft. 

Wir fanden nämlich anfangs zu unserer größten Über- 
raschung, daß die einzelnen hysterischen Symptome 
sogleich und ohne Wiederkehr verschwanden, wenn 
es gelungen war, die Erinnerung an den veranlas- 

Frtud, Neurosenlehre I. 4. Auflage. O 



18 



senden Vorgang zu voller Helligkeit /.u «t «n- k e n, 
damit auch den begleitenden Affekt wachzurufen, 
und wenn dann der Kranke den Vorgang in m ., g _ 
HchstausführlicherWeiseschilderte und. len. Alle kt 
Worte gab. Affektloses Erinnern ist fast immer voll.- wirkun gs - 
!„• d r° psychische Prozeß, der ursprünglich abgelaufen war, 
muß so lebhaft als möglich wiederholt, in statum nascendi ge- 
bracht und dann „ausgesprochen" werden. Dabc. treten, wenn 
es sich um Reizerscheinungen bandelt, diese: Krumple. NeuraU 
gien, Halluzinationen -- noch einmal in voller Intensität iiU f 
und schwinden dann für immer. Funktionsausfälle. Lähmungen 
und Anästhesien schwinden ebenso, natürlich ohne dal) ihre 
momentane Steigerung deutlich wäre 1 '. 

Der Verdacht liegt nahe, es handle sich dabei um ei Ue 
unbeabsichtigte Suggestion; der Kranke erwarte, durch die Pro- 
zedur von seinem Leiden befreit zu werden, und diese Erwar- 
tung, nicht das Aussprechen selbst, sei der wirkende Kaktor. 
Allein, dem ist nicht so; die erste Beobachtung dieser Art, bei 
welcher ein höchst verwickelter Fall von Ilyst.-rie auf solche 
Weise analysiert und die gesondert verursachten Symptome auch 
gesondert behoben wurden, stammt aus dem Jahre ISS1, al So 
aus „vorsuggestiver" Zeit, wurde durch spontane Autohxpnosen 
der Kranken ermöglicht und bereitete dem Beobachter d 

größte Überraschung. 

In Umkekrung des Satzes: cessante causa cessat eiiecti, 
dürfen wir wohl aus diesen Beobachtungen schließen: der \ 
anlassende Vorgang wirke in irgend «in er Weise noch nach 

J) Die Möglichkeit einer solchen Thernpi.' haben Delboeuf und Hin et j 
' klar erkannt, wie die beifolgenden Zitate .eigen: DelboeuT. Le inn -''.s^ 
animal, Paris 1889: r On s'expliquerait dos lors comiiu-nt I« um Ur 

aide ä la guerison. I. rcmel 1e sujet da.» Mut ou le .n.,1 _■<■,. .„„mfe, 
et combat par la parole le meme mal, mais renaissant." — Unu-t, 1 , es 
alterations de la personnalite, 1892, p. 243: peut-ue yerrn-t- oa 



qu'en reportant la malade par im artif.ee mental, au moment n 
Symptome a apparu pour la premiere foi», on ren.l «• malad.- plus "nl c 
une Suggestion carative." — In dem interessanten Im.-.he von 1'. .la,». 

»er 



L'automatisme psychologique, Paris 1889, findet sich die lWl.rP.bnng e,,., 
Heilung, welche bei einem hysterischen Mädchen durch Anwendung ei Ucs 
dem unseligen analogen Verfahrens rzielt wurde. 



19 

Jahren fort, nicht indirekt durch Vermittlung einer Kette von 
kausalen Zwischengliedern, sondern unmittelbar als auslösende 
Ursache, wie etwa ein im wachen Bewußtsein erinnerter psychi- 
scher Schmerz noch in später Zeit die Tränensekretion hervor- 
ruft: der Hysterische leide größtenteils an Reminis- 
zenzen 1 ). <* 

IL 

Es erscheint zunächst wunderlich, daß längst vergangene 
Erlebnisse so intensiv wirken sollen, daß die Erinnerungen an 
sie nicht der Usur unterliegen sollen, der wir doch alle unsere 
Erinnerungen verfallen sehen. Vielleicht gewinnen wir durch 
folgende Erwägungen einiges Verständnis für diese Tatsachen. 

Das Verblassen oder Affektloswerden einer Erinnerung 
hängt von mehreren Faktoren ab. Vor allem ist dafür von 
Wichtigkeit, ob auf das affizierende Ereignis energisch 
reagiert wurde oder nicht. "Wir verstehen hier unter Re- 
aktion die ganze Reihe willkürlicher und unwillkürlicher Reflexe, 
in denen sich erfahrungsgemäß die Affekte entladen: vom 
Weinen bis zum Racheakt. Erfolgt diese Reaktion in genügen- 
dem Ausmaße, so schwindet dadurch ein großer Teil des Affektes; 
unsere Sprache bezeugt diese Tatsache der täglichen Beobach- 
tung durch die Ausdrücke „sich austoben, ausweinen" u. dgl. 
Wird die Reaktion unterdrückt, so bleibt der Affekt mit der 
Erinnerung verbunden. Eine Beleidigung, die vergolten ist, wenn 
auch nur durch Worte, wird anders erinnert, als eine, die hin- 
genommen werden mußte. Die Sprache anerkennt auch diesen 
Unterschied in den psychischen und körperlichen Folgen und 
bezeichnet höchst charakteristischerweise eben das schweigend 
erduldete Leiden als „Kränkung". — Die Reaktion des Ge- 
schädigten auf das Trauma hat eigentlich nur dann eine völlig 
„kathartische" Wirkung, wenn sie eine adäquate Reaktion 



l) Wir können im Texte dieser vorläufigen Mitteilung nicht sondern, 
was am Inhalte derselben neu ist, und was sich bei anderen Autoren, wie 
Moebius und Strümpell, findet, die ähnliche Anschauungen für die 
Hysterie vertreten haben. Die größte Annäherung an unsere theoretischen 
und therapeutischen Ausführungen fanden wir in einigen gelegentlich publi- 
zierten Bemerkungen B cnedikts, mit denen wir uns an anderer Stelle be- 
■chäftigen werden. 

2* 



20 



ist, wie die Ruche. Aber in der Sprache findet der Mensch ein 
Surrogat für die Tat, mit dessen Hilfe der Affekt nahezu ebenso 
„abreagiert" werden kann. In anderen Fällen ist das Reden 
eben selbst der adäquate Reflex, als Klage und als AusspracUe 
für die Pein eines Geheimnisses (Beichte!). Wenn solche Re- 
aktion durch Tat, Worte, i« leichtesten Füllen durch Weinen 
nicht erfolgt, so behält die Erinnerung au den Vorfall zunächst 
die affektive Betonung. 

Das „Abreagieren" ist indes nicht die einzige Art der 
Erledigung, welche dem normalen psychischen Mechanismus des 
Gesunden zur Verfügung steht, wenn er ein psychisches Traum.» 
erfahren hat. Die Erinnerung daran tritt, auch wenn sie nie!»* 
abreagiert wurde, in den großen Komplex der Assoziation ein, 
sie rangiert dann neben anderen, vielleicht ihr widersprechende^ 
Erlebnissen, erleidet eine Korrektur durch andere Vorstellung 
Nach einem Unfälle zum Beispiel gesellt sich zu der Erinne- 
rung an die Gefahr und zu der (abgeschwächten) Wiederholung 
des Schreckens die Erinnerung des weiteren Verlaufes, der 
Rettung, das Bewußtsein der jetzigen Sicherheit Die Erinnerung 
an eine Kränkung wird korrigiert durch Richtigstellung der 
Tatsachen, durch Erwägungen der eigenen Würde u. dgl., und 
so gelingt es dem normalen Menschen, durch Leistungen der 
Assoziation den begleitenden Affekt zum Verschwinden zu bringen. 

Dazu tritt dann jenes allgemeine Verwischen der Kin- 
drücke, jenes Abblassen der Erinnerungen, welches wir „ver- 
gessen" nennen und das vor allem die affektiv nicht mehr wirl*^ 
Samen Vorstellungen usuriert. 

Aus unseren Beobachtungen geht nun hervor, daß jene 
Erinnerungen, welche zu Veranlassungen hysterischer Phänomene 
geworden sind, sich in wunderbarer Frische und mit ihrer volle u 
Affektbetonung durch lange Zeit erhalten haben. Wir müssen 
aber als eine weitere auffällige und späterhin verwertbare Ta%» 
sache erwähnen, daß die Kranken nicht etwa über diese Erinne- 
rungen wie über andere ihres Lebens vorfügen. Im Gegenteil^ 
diese Erlebnisse fohlen dem Gedächtnis der Kranken 
in ihtam gewöhnlichen psychischen Zustande völlig 
oder sind nur höchst Bummarisch da,rin vorhanden. 
Erst wenn man die Kranken in der Hypnose befragt, stellen 



I 



L„ 






21 



sich diese Erinnerungen mit der unverminderten Lebhaftigkeit 
frischer Geschehnisse ein. 

So reproduzierte eine unserer Kranken in der Hypnose ein 
halbes Jahr hindurch mit halluzinatorischer Lebhaftigkeit alles, 
was sie an denselben Tagen des vorhergegangenen Jahres (während 
einer akuten Hysterie) erregt hatte; ein ihr unbekanntes Tage- 
buch der Mutter bezeugte die tadellose Richtigkeit der Repro- 
duktion. Eine andefe Kranke durchlebte teils in der Hypnose, 
teils in spontanen Anfällen mit halluzinatorischer Deutlichkeit 
alle Ereignisse einer vor zehn Jahren durchgemachten hysteri- 
schen Psychose, für welche sie bis zum Momente des Wieder-' 
auftauchens größtenteils amnestisch gewesen war. Auch einzelne 
ätiologisch wichtige Erinnerungen von 15 — 25 jährigem Bestand 
erwiesen sich bei ihr von erstaunlicher Intaktheit und sinnlicher 
Stärke und wirkten bei ihrer Wiederkehr mit der vollen Affekt- 
kraft neuer Erlebnisse. 

Den Grund hierfür können wir nur darin suchen, daß 
diese Erinnerungen in allen oben erörterten Beziehungen zur 
Usur eine Ausnahmsstellung einnehmen. Es zeigt sich näm- 
lich, daß diese Erinnerungen Traumen entsprechen, 
welche nicht genügend „abreagiert-' worden sind, und 
bei näherem Eingehen auf die Gründe, welche dieses verhindert 
haben, können wir mindestens zwei Reihen von Bedingungen 
auffinden, unter denen die Reaktion auf das Trauma unter- 
blieben ist. 

Zur ersten Gruppe rechnen wir jene Fälle, in denen die 
Kranken auf psychische Traumen nicht reagiert haben, weil die 
Natur de3 Traumas eine Reaktion ausschloß, wie beim unersetz- 
lich erscheinenden Verlust einer geliebten Person, oder weil die 
sozialen Verhältnisse eine Reaktion unmöglich machten, oder 
weil es sich um Dinge handelte, die der Kranke vergessen 
wollte, die er darum absichtlich aus seinem bewußten Denken 
verdrängte, hemmte und unterdrückte. Gerade solche peinliche 
Dinge findet man dann in der Hypnose als Grundlage hysteri- 
scher Phänomene (hysterische Delirien der Heiligen und Nonnen, 
der enthaltsamen Frauen, der wohlerzogenen Kinder). 

Die zweite Reihe von Bedingungen wird nicht durch den 
Inhalt der Erinnerungen, sondern durch die psychischen Zu- 



22 

stände bestimmt, mit welchen die entsprechenden Erlebnisse 
beim Kranken zusammengetroffen haben. Als Veranlassung hyste- 
rischer Symptome findet man nämlich in der Hypnose, auch 
Vorstellungen, welche, an sich nicht bedeutungsvoll, ihre Er- 
haltung dem Umstände danken, daß sie in schweren lähmenden 
Affekten, wie zum Beispiel Schreck, entstunden sind, oder direkt 
in abnormen psychischen Zuständen wie im hulbhypüotischen 
Dämmerzustand des Wachträumens, in Autohypnosen u. dgl. 
Hier ist es die Natur dieser Zustände, welche eine Reaktion 
auf das Geschehnis unmöglich machte. 

Beiderlei Bedingungen können natürlich auch zusammen- 
treffen und treffen in der Tat oft zusammen. Dies ist der Fall, wenn 
ein an sich wirksames Trauma in einen Zustand von schwerem 
lähmenden Affekt oder von verändertem Bewußtsein fällt; es 
scheint aber so zuzugehen, daß durch das psychische Traum a 
bei vielen Personen einer jener abnormen Zustünde hervor- 
gerufen wird, welcher dann einerseits die Reaktion unmög- 
lich macht. 

Beiden Gruppen von Bedingungen ist aber gemeinsam, 
daß die nicht durch Reaktion erledigten psychischen Traumen 
auch der Erledigung durch assoziative Verarbeitung entbehren 
müssen. h\ der ersten Gruppe ist es der Vorsat/ der Krank« 
welcher an die peinlichen Erlebnisse vergessen will und dieselben 
somit möglichst von der Assoziation ausschließt. In der zweiten 
Gruppe gelingt diese assoziative Verarbeitung darum nicht, weil 
zwischen dem normalen Bewußtseinszustande und den patho- 
logischen, in denen diese Vorstellungen entstanden sind, eii le 
ausgiebige assoziative Verknüpfung nicht besteht. Wir werden 
sofort Anlaß haben, auf diese Verhältnisse weiter einzugehen. 

Man darf also sagon, daß die pathogen -ewo r , 
denen Vorstellungen sich darum so frisch und uffekfe 
kräftig erhalten, weil ihnen die normale Usur durc^ 
Abreagieren und durch Reproduktion in Zustünden 
ungehemmtci- Assoziation versagt ist. 

111. 
Als wir die Bedingungen mitteilten, welche nach unseren 
Erfahrungen dafür maßgebend sind, daß sich aus psychisch j 






- 



23 

Traumen hysterische Phänomene entwickeln, mußten wir bereits 
von abnormen Zuständen des Bewußtseins sprechen, in denen 
solche pathogeue Vorstellungen entstehen, und mußten die Tat- 
sache hervorheben, daß die Erinnerung an das wirksame psy- 
chische Trauma nicht im normalen Gedächtnis des Kranken, 
sondern im Gedächtnis des Hypnotisierten zu finden ist. Je 
mehr wir uns nun mit diesen Phänomenen beschäftigten, desto 
sicherer wurde unsere Überzeugung, jene Spaltung des Be- 
wußtseins, die bei den bekannten klassischen Fällen als 
double conscience eo auffällig ist, bestehe in rudimen- 
tärer Weise bei jeder Hysterie, die Neigung zu dieser 
Dissoziation und damit zum Auftreten abaormer Be- 
■wußtseinszustände, die wir als „hypnoide" zusammen- 
fassen wollen, sei das Grundphänomen dieser Neurose. 
Wir treuen in dieser Anschauung mit Binet und den beiden 
Jan et zusammen, über deren höchst merkwürdige Befunde bei 
Anästhetischen uns übrigens die Erfahrung mangelt. 

Wir möchten also dem oft ausgesprochenen Satze: „Die 
Hypnose ist artefizielle Hysterie" einen andern an die Seite 
stellen: Grundlage und Bedingung der Hysterie ist die Existenz 
von hypnoiden Zuständen. Diese hypnoiden Zustände stimmen 
bei aller Verschiedenheit untereinander und mit der Hypnose in 
dem einen Punkte überein, daß die in ihnen auftauchenden 
Vorstellungen sehr intensiv, aber von dem Assoziativverkehr mit 
dem übrigen Bewußtseinsinhalte abgesperrt sind. Untereinander 
sind diese hypnoiden Zustände assoziierbar und deren Vorstel- 
lungsinhalt mag auf diesem Wege verschieden hohe Grade von 
psychischer Organisation erreichen. Im übrigen dürfte ja die 
»atnr dieser Zustände und der Grad ihrer Abschließung von - 
den übrigen Bewußtseinsvorgängen in ähnlicher Weise variieren, 
wie wir es bei der Hypnose sehen, die sich von leichter Somno- 
lenz bis zum Somnambulismus, von der vollen Erinnerung bis 
zur absoluten Amnesie erstreckt. 

Bestehen solche hypnoide Zustände schon vor der mani- 
festen Erkrankung, so geben sie den Boden ab, auf welchem 
der Affekt die pathogeue Erinnerung mit ihren somatischen 
Folgeerscheinungen ansiedelt. Dies Verhalten entspricht der dis- 
ponierten Hysterie. Es ergibt sich aber aus unseren Beobach- 



24 

tungen, daß ein schweres Trauma (wie das der traumatische! 
Neurose), eine mühevolle Unterdrückung (etwa dcsScvualaffekteai 
auch bei dem sonst freien Menschen eine Abspaltung von Vor- 
Stellungsgruppen bewerkstelligen kann, und dies wäre der Me- 
chanismus der psychisch akquirierten Hysterie. Zwischen dei 
Extremen dieser beiden Formen muß man eine Reihe geltei 
lassen, innerhalb welcher die Leichtigkeit der Dissoziation 
dem betreffenden Individuum und die Afl'ektgrüße des Traumas 
in entgegengesetztem Sinne variieren. 

Wir wissen nichts neues darüber zu sagen, worin die dis- 
ponierenden hypnoiden Zustände begründet sind. Sie entwickeln 
sich oft, sollten wir meinen, aus dem auch bei Gesunden 
häufigen „Tagträumen", zu dem zum Heispiel die weiblicheS 
Handarbeiten so viel Anlaß bieten. Die Krage, weshalb di« 
„pathologischen Assoziationen", die sich in solchen Zuständen 
bilden, so feste sind und die somatischen Vorgänge sc viel stärl 
beeinflussen, als wir es sonst von Vorstellungen gewohnt sin.l, 
fällt zusammen mit dem Problem der Wirksamkeit hypnotisch©^ 
Suggestionen überhaupt. Unsere Erfahrungen bringen hierübe) 
nichts neues, sie beleuchten dagegen den Widerspruch zwischen 
dem Satze: „Hysterie ist eine Psychose", und der Tatsache, 
daß man unter den Hysterischen die geistig klarsten, willen^« 
stärksten, charaktervollsten und kritischesten Menschen linde*] 
kann, in diesen Fällen ist solche Charakteristik richtig für das 
wache Denken des Mensehen, in seinen hypnoiden Zustände*) 
ist er alieniert, wie wir es alle im Traume sind. Ä.ber während 
unsere Traum psychosen unseren Wachzustand nicht beeinflussen" 
ragen die Produkte der hypnoiden Zustände als hysterisch« 
Phänomene ins wache Leben hinein. 

IV. 

Fast die nämlichen Behauptungen, die wir für die hys 
rischen Dauersymptome aufgestellt haben, können wir muh für- 
die hysterischen Anfälle wiederholen. Wir besitzen, wie bekannt» 
eine von Charcot gegebeuo Bchematisohe Beschreibung des 
„großen" hysterischen Anfalles, welcher zufolge ein vollständiger 
Anfall vier Pttasen erkennen läßt, 1. die epileptoide, 2. die der 
großen Bewegungen, 3. die der attitndes passionelles (die hallu- 



^ g 



25 

zinatorische Phase), 4. die des abschließenden Deliriums. Aus 
der Verkürzung und Verlängerung, dem Ausfalle und der Iso- 
lierung der einzelnen Phasen läßt Charcot alle jene Formen 
des hysterischen Anfalles hervorgehen, die man tatsächlich 
häufiger als die vollständige Grande attaque beobachtet. 

Unser Erklärungsversuch knüpft an die dritte Phase, die 
der attitudes passionelles, an. Wo dieselbe ausgeprägt ist, liegt 
in ihr die halluzinatorische Reproduktion einer Erinnerung bloß, 
welche für den Ausbruch der Hysterie bedeutsam war, die Er- 
innerung an das eine große Trauma der xai' e^oxrjv sogenannten 
traumatischen Hysterie oder an eine Eeihe von zusammen- 
gehörigen Partialtraumen, wie sie der gemeinen Hysterie zu- 
grunde liegen.. Oder endlich der Anfall bringt jene Geschehnisse 
wieder, welche durch ihr Zusammentreffen mit einem Moment 
besonderer Disposition zu Traumen erhoben worden sind. 

Es gibt aber auch Anfälle, die anscheinend nur aus moto- 
rischen Phänomenen bestehen, denen eine phase passionelle fehlt. 
Gelingt es bei einem solchen Anfalle von allgemeinen Zuckungen, 
kataleptischer Starre oder bei einer attaque de sommeil sich 
während desselben in Rapport mit dem Kranken zu setzen oder 
noch besser, gelingt es, den Anfall in der Hypnose hervor- 
zurufen, so findet man, daß auch hier die Erinnerung an das 
psychische Trauma oder an eine Reihe von Traumen zugrunde 
liegt, die sich sonst in einer halluzinatorischen Phase auffällig 
macht. Ein kleines Mädchen leidet seit Jahren an Anfällen von 
allgemeinen Krämpfen, die man für epileptische halten könnte 
und auch gehalten hat. Sie wird zum Zweck der Differential- 
diagnose hypnotisiert und verfällt sofort in ihren Anfall. Be- 
ragt: Was siehst du denn jetzt? antwortet sie aber: Der Hund, 
der Hund kommt! Und wirklich ergibt sich, daß der erste An- 
fall dieser Art nach einer Verfolgung durch einen wilden Hund 
aufgetreten war. Der Erfolg der Therapie vervollständigt dann 
die diagnostische Entscheidung. 

Ein Angestellter, der infolge einer Mißhandlung von Seiten 
seines Chefs hysterisch geworden ist, leidet an Anfällen, in 
denen er zusammenstürzt, tobt und wütet, ohne ein Wort zu 
sprechen oder eine Halluzination zu verraten. Der Anfall läßt 
sich in der Hypnose provozieren und der Kranke gibt nun an, 



25 

daß er die Szene wieder durchlebe, wie der Herr ihn auf der 
Straße beschimpft und mit einem Stocke schlügt. Wonige Tage 
später kommt er mit der Klag«- wieder, er habe denselben Anfall 
von neuem gehabt, und diesmal ergibt sich in der Hypnose, 
daß er die Szene durchlebt hat, an die sich eigentlich der Aus- 
bruch der Krankheit knüpfte, die Szene im Gericlitssaale, als 
es ihm nicht gelang, Satisfaktion für die Mißhandlung zu er- 
reichen usw. 

Die Erinnerungen, welche in den hysterischen Antillen 
hervortreten oder in ihnen geweckt werden können, entsprechen 
auch in. allen anderen Stücken den Anlässen, welche sich uns 
als Gründe hysterischer Dauersymptome ergeben haben. Wie 
diese, betreffen sie psychische Traumen, die sich der Erledigung 
durch Abreagieren oder durch assoziative Denkarbeit entzogen 
haben; wie diese, fehlen sie gänzlich oder mit ihren wesent- 
lichen Bestandteilen dem Erinnerungsvermögen des normalen 
Bewußtseins und zeigen sich als zugehörig zu dem Yorsiellungs- 
inhalt hypnoider Bewußtseinszustände mit eingeschränkter Asso- 
ziation. Endlich gestatten sie auch die therapeutische Probe, 
Unsere Beobachtungen haben uns oftmals gelehrt, daß eine 
solche Erinnerung, die bis dahin Anlälle provoziert hatte, dazu 
unfähig wird, wenn man sie in der Hypnose zur Reaktion und 
assoziativen Korrektur bringt. 

Die motorischen Phänomene des hysterischen Anfalles 
lassen sich zum Teil als allgemeine Reaktionsformen des die 
Erinnerung begleitenden Affektes, wie das Zappeln mit allen 
Gliedern, dessen sich bereits der Säugling bedient, zum Teil als 
direkte Ausdrucksbewegungen dieser Erinnerung deuten, zui u 
andern Teil entziehen sie sich ebenso wie die hysterischen; 
Stigmata bei den Dauersymptomen dieser K.iklärung. 

Eine besondere Würdigung des hysterischen Anfalles ergibt 
sich noch, wenn man auf die vorhin angedeutet'' Theorie Bück- 
sicht nimmt, daß hei der Hysterie in hypnoiden Zuständen ent- 
standene Vorstellungsgruppen vorhanden sind, die, vom assozia-, 
tiven Verkehr mit den übrigen ausgeschlossen, aber untereinander 
•assoziierbar, ein mehr oder minder hoch organisiertes Rudiment 
eines zweiten Bewußtseins, einer oondition seconde durstellen. 
Dann entspricht ein hysterisches Dauersymptom einem II 











27 

ragen dieses zweiten Zustandes in die sonst vom normalen 
Bewußtsein beherrschte Körperinnervation; ein hysterischer 
Anfall zeugt aber von einer höheren Organisation dieses zweiten 
Zustandes und bedeutet, wenn er frisch entstanden ist, einen 
Moment, in dem sich dieses Hypnoidbewußtsein der gesamten 
Existenz bemächtigt hat, also einer akuten Hysterie; wenn es 
aber ein wiederkehrender Anfall ist, der eine Erinnerung ent- 
hält, einer Wiederkehr eines solchen. Charcot hat bereits den 
Gedanken ausgesprochen, daß der hysterische Anfall das Rudi- 
ment einer condition seconde sein dürfte. Während des Anfalles 
ist die Herrschaft über die gesamte Körperinnervation auf das 
hypnoide Bewußtsein übergegangen. Das normale Bewußtsein 
ist, wie bekannte Erfahrungen zeigen, dabei. nicht immer völlig 
verdrängt, es kann selbst die motorischen Phänomene des An- 
falles wahrnehmen, während die psychischen Vorgänge desselben 
seiner Kenntnisnahme entgehen. 

Der typische Verlauf einer schweren Hysterie ist bekannt- 
lich der. daß zunächst in hypnoiden Zuständen ein Vorstellungs- 
inhalt gebildet wird, der dann, genügend angewachsen, sich 
während einer Zeit von „akuter Hysterie" der Körperinner- 
vation und der Existenz des Kranken bemächtigt, Dauersymptome 
und Anfälle schafft und dann bis auf Beste abheilt. Kann die 
normale Person die Herrschaft wieder übernehmen, so kehrt 
das, was von jenem hypnoiden Vorstellungsinhalt überlebt hat, 
in hysterischen Anfällen wieder und bringt die Person zeitweise 
wieder in ähnliche Zustände, die selbst wieder beeinflußbar und 
für Traumen aufnahmsfähig sind. Es stellt sich dann häufig 
eine Art von Gleichgewicht zwischen den psychischen Gruppen 
her, die in derselben Person vereinigt sind; Anfall und normales 
Leben gehen nebeneinander her, ohne einander zu beeinflussen. 
Der Anfall kommt dann spontan, wie auch bei uns die Erinne- 
rungen zu kommen pflegen, er kann aber auch provoziert werden, 
wie jede Erinnerung nach den Gesetzen der Assoziation zu er- 
wecken ist. Die Provokation des Anfalles erfolgt entweder durch 
die Reizung einer hysterogenen Zone oder durch ein neues Er- 
lebnis, welches durch Ähnlichkeit an das pathogene Erlebnis 
anklingt. Wir hoffen zeigen zu können, daß zwischen beiden 
anscheinend so verschiedenen Bedingungen ein wesentlicher Unter- 



28 

schied nicht besteht, daß in beiden Fällen an eine hyperästhe- 
tische Erinnerung gerührt wird. In anderen Fällen ist dieses 
Gleichgewicht ein sehr labiles, der Anfall erscheint als Äuße- 
rung des hypnoiden Bewußtseinsrestes, so oft die nurmale Person 
erschöpft und leistungsunfähig wird. Es ist nicht von der Hand 
zu weisen, daß in solchen Fällen auch der Anfall seiner ur« 
sprünglichen Bedeutung entkleidet als inhaltslose motorische 
Reaktion wiederkehren mag. 

Es bleibt eine Aufgabe weiterer Untersuchung, welche Be- 
dingungen dafür maßgebend sind, ob eine hysterische Individua- 
lität sich in Anfüllen, in Dauersymptomen oder in einem Ge- 
menge von beiden äußert. 

V. 

Es ist nun verständlich, wieso die hier von uns dargelegte 
Methode der Psychotherapie heilend wirkt. Sit; hebt die 
Wirksamkeit der ursprünglich nicht abreagierton 
Vorstellung dadurch auf, daß sie dem eingeklemm- 
ten Affekte derselben den Ablauf durch die Hede 
gestattet, und bringt sie zur assoziativen Korrek- 
tur, indem sie dieselbe ins normale Bewußtsein 
zieht (in leichter Hypnose) oder durch ärztliche 
Suggestion aufhebt, wie es im Somnambulismus mit 
Amnesie geschieht. 

Wir halten den theurapeutischen Gewinn bei Anwendung 
dieses Verfahrens für einen bedeutenden. Natürlich heilen wi r 
nicht die Hysterie, soweit sie Disposition ist, wir leisten ja nichts 
gegen die Wiederkehr hypnoider Zustände. Auch während des 
produktiven Stadiums einer akuten Hysterie kann unser Vor- 
fahren nicht verhüten, daß die mühsam beseitigten Phänomen* 
alsbald durch neue ersetzt werden. Ist aber dieses akute Stadium 
abgelaufen und erübrigen noch die Reste desselben als hysterisch* 
Dauersymptome und Anfälle, so beseitigt unsere Methode die, 
selben häutig und für immer, weil radikal, und scheint uns hierin 
die Wirksamkeit der direkten suggestiven Aufhebung, wie si Q 
jetzt von den Psychotherapeuten geübt wird, weit zu Übertreffen, 

Wenn wir in der Aufdeckung des psychischen Mechanismus 
hysterischer Phänomene einen Schritt weiter auf der Bahn g e «. 












i - 







29 

macht haben, die zuerst Charcot so erfolgreich mit der Er- 
klärung und experimentellen Nachahmung hysterotraumatischer 
Lähmungen betreten hat. so verhehlen wir uns doch nicht, daß 
damit eben nur der Mechanismus hysterischer Symptome und 
nicht die inneren Ursachen der Hysterie unserer Kenntnis näher 
gerückt worden sind. Wir haben die Ätiologie der Hysterie nur 
gestreift und eigentlich nur die Ursachen der akquirierten Formen, 
die Bedeutung des akzidentellen Momentes für die Neurose be- 
leuchten können. 

Wien, Dezember 1892. 






III. 
Quelques consideratious pour um* etude com- 
parative des paralysies motrices organiquos 
• et hysteriques 1 ). 

Ät Cbarcot, dont j'ai ete Wlcvc en 1S8'> et issf>, a bien 
voulu, ä cettc epoque, mo conticr Iß snin ilo taue 11110 i'-tudo 
comparative des paralysies motrices organiques ei bysh'riqii. 
basee sur les observations de la Salpetriörc, «iui pourrait servir 
a saisir quelques caraoteres geofraux de ,1a aevrose et eonduirej 
a une coneeption sur la nature de cette derniere. De eauses 
accidontelles et personelles m'ont empeebe pendant longtemp* 
d'obeir ä son Inspiration; aussj je ne veux apportor maintenaut 
que quelques resultats de nies lveberebes, laissant ä cote los 
dt'tails necessaires pour une demonstration complete de ra©a 

opiuions. 

I. — II faudra commencer par quelques remarques sur le». 
paralysies motricos organiques. d'ailleurs gt'-imralemcnt admis 
La clinique nerveuse reconnait deux sortes de paralysies motrie -. 
la paralysie pcriphero-xpiiutb- (<m bulbaire) et la paralysic 
brate. Cette distinetion est parfaitement 011 aecord avee I 
donnees do l'anatomie du Systeme nerveux qui nous lmmtrent 
qu'il n'y a que deux Segments sur le parcours des libres motu, 
conduetrices, le premier qui va de la penpberic jusqu'aux cö| 
lules de» corncs anterieures dans la moelle, et le M-et.nd qui \-j 
de lä jusqu'ä l'ecorce cerebrale. La nouvelle bistologie »l u 
Systeme nerveux, fondee sur les travaux de Colgi. rinmün y ( JajalJ 
Kölliker etc., traduit ce i'ait par les inots: „le trajet des tibrQÄ 

l ) Arcliives do Neurologie, No. 77, 1893. 




31 



r 



de conduction motrices est constitue par äenx neuron (unites 
nerveuses cellulo-fibrillaires), qui se rencontren't pour entrer en 
relation au niveau des cellules dites motrices des cornes anteri- 
eures". La difference essentielle de ces deux sortes de paralysies, 
en clinique, est la suivante: La paralysie periphero-spinah est 
wie paralysie detaillec, la paralysie cerdbrale est une paralysie 
en masse. Le type de la premiere est la paralysie faciale dans 
la maladie de Bell, la paralysie dans la poliomydlite aigue de 
l'enfance, etc. Or, dans ces affections, chacque muscle, on pour- 
rait dire chaque fibre musculaire, peut etre paralysee individuelle- 
ment et isoleinent, Cela ne depend que du siege et de l'etendue 
de la lesion nerveuse, et il n'y a pas de regle fixe pour que 
l'un des elements peripheriques echappe k la paralysie, tandis 
que l'autre en sonffre d'une manrerrconstante. 

La paralysie cerebrale, au contraire, est'toujours une affec- 
tion qui attaque une grande partie de la peripherie, uneextre- 
mite, un segment de celle-ci, un appareil moteur complique. 
Jamais eile n'affecte un muscle individuellement, par exemple le 
biceps du bras, le tibial isolement, etc., et s'il y a des excep- 
tions apparentes ä cette regle (le ptosis cortical, par exemple), 
un voit bien qu'il s'agit de muscles qui, ä eux seuls, remplissent 
une fonction de laquelle ils sont Pinstrument unique. 

Dans les paralysies cerebrales des extremites, on peut re- 
marquer que les segments peripheriques souffrent toujours plus 
que les segments rapproches du centre; la main, par exemple, 
est plus paralysee que l'epaule. II n'y a pas, que je sacbe, une 
paralysie cerebrale isolee de l'epaule, la main conservant sa 
motilite", tandis que le contraire est la regle dans les paralysies 
qui ne sont pas completes. 

Dans une etude critique sur l'aphasie, publiee en 1891, 
Zur Auffassung der Äphasien, Wien, 1891, j'ai tächg de montrer 
que la cause de cette difference importante entre la paralysie 
periphero-spinale et la paraljsie cerebrale doit etre cherchöe 
dans la structure du Systeme aierveux. Chaque element de la 
Peripherie correspond a un element dans l'axe gris, qui est, 
comme le dit M. Charcot, son aboutissant nerveux; la ])eripherie 
est pour ainsi dire projectee sur la substance grise de la moelle, 
point pour point, element pour element, J'ai propose de denommer 



32 

la paralysie detaillee periphero-spinale, paralysie ih- projeetion, 
Mais il n'en est pas de meine pour les relations entre les >'U'-~ 
ments de la muello et ceux de l'ecorce. Le nombiv des fibres 
eonduetrices ne suffirait plus pour donner uno seconde projec- 
tion de la peripherie sur l'ecorce. II faut supposer que les fibres 
qui vont de la moelle a l'ecorce ne represontent plus chaeun© 
un seul eleinent peripherique, mais plutöt un groupe de ceux-ci 
et que ineme, d'autre part, un älemenl peripherique peut corre- 
spondre ä plusieurs fibres eonduetrices spino-corticales. ( "es| 
qu'il y a un changenient d'arrangement qui a eu Heu au point 
de connexion entre les deux segmente du Bysteme moteur. 

Alors, je dis la reproduetion de la peripherie dans l'ecorcä 
n'est plus une reproduetion lidi-Je point pur point, n'est plus 
une projeetion veritable; c'est une relation par des fibres, puur 
ainsi dire repräsentatives et je propose, pour la paralysie cere- 
brale, le nom de paralysie de repr&enfation. 

. Naturellement, quand la paralysie do projeetion est totale 
et d'une grande ätendue, eile est aussi une paralysie cn 
et 6on grand caractere distinetif est efface. D'autre part, la 
paralysie cortieale, qui so distingue parmi les paralysies cer& 
brales par sa plus grande aptitude a la dissociation, prösento 
cependant toujours le caractere d'une paralysie par representation, 
Les autres diffeVences entre. les paralysies de projectiojj 
et de representation sont bien connues; je cite parmi elles l'in- 
tegrite' de la nutrition et de la reaction fleetrique qui se rattacho 
ä la" derniere. Bien que tres impurtants dans la elinique, . ••■>. 
signes n'ont pas la portee theorique qu'il faut attribuer au Pre- 
mier caractere difturentiel que nous avons releve", a savoir ; 
paralysie dt'taille'e ou en masse. 

On a assez souvent attribuc a l'bysterio la faculte 
simuler les affections nervouses organiques les plus diverses, 
s'agit de savoir si d'une facon plus preise eile simule les; 
caraetöres des deux sortes de paralysies organiques, s'il y a des 
paralysies hysteriques de projeetion et des paralysies hystöriquea 
de representation, comme dans la Symptomatologie organiqu^ 
Ici, un premier fait important se deiache: l'bysterio ne sinmle 
jamais les paralysies periphero-spinales ou de projeetion; l< 
paralysies bysteriques partagent seulement les earacteres de a 



__. 






33 

paralysies organiques de representation. C'est lä un fait bien 
interessant, puisque la paralysie de Bell, la paralysie radiale, 
etc., sont parmi les affections les plus communes du Systeme 
nerveux. 

II est bon de faire observer ici, de maniere ä eviter toute 
confusion, que je ne traite que de la paralysie hysterique flas- 
que et non de la contracture histerique. II me parait im- 
possible de soumettre la paralysie et la contracture bysteriques 
aux memes regles. Ce n'est que des paralysies bysteriques flas- 
ques qu'on peut soutenir qu'elles n'affectent jamais un seul 
muscle, excepte le cas oü ce muscle est l'instrument unique 
d'une fonction, qu'elles sont toujours des paralysies en masse, 
et qu'elles correspondent sous ce rapport ä la paralysie de 
representation, ou cerebrale organique. En outre, en ce qui 
concerne la nutrition des parties paralysees et leurs reactions 
electriques, la paralysie hysterique presente les memes carac- 
teres que la paralysie cerebrale organique. 

Si la paralysie hysterique se rattacbe ainsi a la paralysie 
cerebrale et particulierement ä la paralysie corticale, qui pre- 
sente une plus grande facilite de dissociation, eile ne manque 
pas de s'en distinguer par des caracteres iniportants. D'abord 
eile n'est pas soumise ä cette regle, constante dans les paraly- 
sies cerebrales organiques, ä savoir que le segment periphe- 
rique est toujours plus affecte' que le segment central. Dans 
l'bysterie, l'epaule ou la cuisse peuvent etre plus paralysees 
que la main ou le pied. Les mouvements peuvent venir dans 
les doigts tandis que le segment central est encore absolument 
inerte. On n'a .pas la moindre difficulte de produire artificiel- 
lement une paralysie isolee de la cuisse, de la jambe etc., et 
on peut assez souvent retrouver, en clinique, ces paralysies 
isolees, en contradiction avec les regles de la paralysie orga- 
nique cerebrale. 

Sous ce rapport important, la paralysie hysterique est pour 
ainsi dire intermediaire entre la paralysie de projection et la 
paralysie de representation organique. Si eile ne possede pas 
tous les caracteres de dissociation et d'isolement propres s\ la 
premiere, eile n'est pas, tant s'en faiit, sujette aux strictes lois 
qui regissent la derniere, la paralysie cerebrale. Ces restrictions 

Freud, Neurosenlehre. I. 4. Auflage. * o 



34 



faites, on peiit soutenir que la paralysie hysteriquo est ausai 
une paralysie de representation, mais d'unc repn'sentation spe- 
ciale dont la charactenstique reste a trouver 1 ). 

II. — Pour avancer dans cette direction je ine propos« 
d'etudier les autres traits distinctifs entre la paralysie hyst^. 
rique et la paralysie corticale, type 1c plus pnrfait de la para- 
lysie cerebrale organique. Le premier de ces caracteres distinctifs 
nous l'avons dejä mentionne\ c'est que la paralysie hysteriqu©^ 
peut etre beaueoup plus dissocie'e, systematisch que la paralysi« 
cebrale. Les symptömes de la paralysie organique sc retrou- 

vent couime morceles dans l'bysWrie. De rhemiplcgic et um 

organique (paralysie des merabres supericur et inferiour et du 
facial inferieur) l'hystene ne reproduit que la paralysie de* 
merabres et dissocie meine assoz souvent, et avec la plus gram 
facilite, la paralysie du bras de celle de la janibe sous form« 
de monoplegies. Du Syndrome de l'aphasie organique, ell< 
reproduit l'aphasie motrice a l'elat d'isoloment, et co qui 
chouse inouie dans l'aphasie organique, eile peut cr<$er 
aphasie totale (motrice et sensitive) pour teile langue, satis 
attaquer le moins du monde la faculte de comprendre e| 
d'articuler teile autre, comme je Tai observe dans quelques 
inödits. Ce meme pouvoir de dissociation so manifeste dans 1, 
paralysies isolees d'un segment de membre avec integrite coifej 
plete des autres parties du meme membre, ou encore dai\ a 
l'abolition complete d'une fonetion (abasie, astasie) avec inli'grit 
d'une autre fonetion executec par les meines organes. < \ 1 
dissociation est d'autant plus !Vai»pante. quam! la foneti, 
respectee est la plus complexe. Dans 1« Symptomatologie org a . 



J ) Cbeinin faisant, je ferai remarquer quo ob caractorc imporiant <j<_ 
la paralysie hysterique de la jambe que M. Cbaroot a relevc d'apres Tod<j_ 
ä savoir que l'hysterique traine la jambe comme une maxie mort. mi li e ^ 
d'executer la circumduetion avecla hauche quo fait rhemiplngique ordinal 
8'explique facilement par la propri6te de la növrose que j'ai mentioi 
Pour l'hemiplegie organique, le partie centrale de l'extromite est toii|o Up% 
un peu indemue, le malade peut remuer la hauche et il «•" faii uiage po«,. 
ce mouvement de circumduetion, qui fait avancor la jambe. Dun« l'hyst^pj^ 
la partie centrale (la hanche) ne jouit pas dt» ce privil^ge, la paralysie ' 
est auasi complete que dans la partie peripherique et en constfqiu-nco, 
jambe doit etre trainee en masie. 



35 

nique, quand il y a affaiblissement inegal de plusieurs fonctions, 
c'est toujours la fonction la plus complexe, celle d'une acqui- 
sition posterieure, qui est la plus atteinte en cons^quence de la 
paralysie. 

La paralysie hysterique presente de plus un autre carac- 
tere qui est comme la signature de la nevrose et qui vient 
s'ajouter au premier. En effet, comme je Tai entendu dire ä 
M. Charcot, l'hysterie est une maladie il manifestations exces- 
sives, ayant une tendance ä produire ses symptömes avec la 
plus grande intensite possible. C'est un caractere qui ne se 
montre pas seulement dans les paralysies, mais aussi dans les 
contractures et les anesthesies. On sait jusqu'ä quel degre de 
distorsion peuvent aller les contractures hystenques, qui sont 
presque sans egales dans la Symptomatologie organique. On 
sait aussi corabien sont frequentes dans l'hysterie les anesthe- 
sies absolues, profondes, dont les lesions organiques ne peu- 
vent reproduire qu'une faible esquisse. II en est de meme pour 
les paralysies. Elles sont souvent on ne peut plus absolues; 
l'aphasique ne profere pas un mot, tandis que l'aphasique 
organique garde presque toujours quelques syllabes, le „oui et 
non", un juron, etc.; le bras paralyse" est absolument inerte, etc. 
Ce caractere est trop bien connu pour y persister longuement. 
Au contraire, on sait que, dans la paralysie organique, la paresie 
e6t toujours plus frequente que la paralysie absolue. 

La paralysie hysterique est donc d'une Kmitation exacte et 
d'une intensite exzessive; eile possede ces deux qualites ä la fois 
et c'est en cela qu'elle contraste le plus avec la paralysie cere- 
brale organique, dans laquelle, d'une maniere constante, ces deux 
caraderes ne s'associent pas. II existe aussi des monoplegies 
dans la Symptomatologie organique, mais celles-ci sont presque 
toujours des monoplegies a potiori et non exactement delimitees. 
Si le bras se trouve paralyse' en consöquenee d'une lesion cor- 
ticale organique, il y a presque toujours aussi atteinte con- 
comitante moindre du facial et de la jambe, et si cette com- 
plication ne se voit plus ä un moment donne, eile a cependant 
bien existe au commencement de l'affection. La monoplegie cor- 
ticale est, ä vrai -dire, toujours une hemiplegie dont teile ou 
teile partie est plus ou moins effacee, mais toujours reconnais- 

3* 



. 



36 

sable. Pour aller plus loin, supposonB que la paralysie n'ait 
affecte - aucune autrc partie, que le bras, quo ce soit une mono- 
plegie corticale pure; alors on voit que lu paralysie est U'une 
intensite moderee. Aussitöt que cette Monoplegie augmentera ea 
intensite", qu'elle doviendra une paralysie absolue, eile perdra 
son caract(>re de Monoplegie pure et s'accoiupagnere de troubles 
moteurs dans la jambo ou la face. Elle nc pettt pas dcrc>i£ r 
absoluc et restöe dtUimitt'e ä In fois. 

C'est ce que la paralysie hysterique peut, au contrair«. 
furt bieu realisor, comine la clinique le montre chaque jour. 
Elle affecte par exemple le bras d'uno facon exelusive, on n'ea 
trouve pas trace dans la jambe ou la face. I)<- plus, au niv<. uu 
du bras, eile est aussi forte qu'une paralysie peut lVtre, et c\ 
la une diflerence frappante avec la paralysie organique, dit- 
ference qui prete grandement ä pensor. 

Naturellcment, il y a des eas de paral,\>ie livsterique da 
lesquels l'intensitd n'est pas oxcessive et ort la dissm-iation n'otVre 
rien de remarquablo. (,'oux-ci, on les reeounait au iiioyen d'autro© 
caracteres; raais ce sont des cas qui no portent pas rempraim^ 
typique de la nevrose et »iui, no pouvant en rien nous n«nseign 0r 
sur sa nature ne preaentent point d'intent au point de vue q^ 
nous oecupe ici. 

Ajoutons quelques remarques d'une importanco secondaij^ 
qui meine depassent un peu les limites de notre sujet. 

Je constaterai d'abord que les parulysies hysteri<| U08 
s'aecompagnent beaueoup plus souvent de troublcs de la ^, x _ 
sibilite quo les paralysics organiques. Kn geiieral, eeux-ci so ö ^ 
plus profonda et plus frequenti dans la nevrose que dans j a 
Symptomatologie organique. Uion de plus roinmun que r ;in . 
esthesie ou l'analgesie hystenque. Qu'on w rappelle par contra 
avec quelle tenacite la sensibilite parsiste en cas d. l.>von 
nerveuse. Si Ton sectionne un nerf prriplierique, l'anesth^sii 
sera nioindre en t'tendue et intensite qu'on no s'y attend. jg^ 
une lesion inflamraatoire attaquo les uerfs spinaux ou les eent roa 
de la moelle, on trouvera tOUJOUTS que la motilite soutTre en 
premier lieu et que la aenaibilitd est epargm'e ou seulem cnt 
affaiblie, car il persiste toujours quelque .part des 'leme nta 
nerveux qui ne sont pas completemcnt detruits. En caa ^ e 






L 



37 



lesion cerebrale, on connait la frequence et la duree de l'herai- 
plegie motrice, tandis que l'hemianesthesie concomitante est 
indistincte, fugace et ne se trouve pas dans tous les cas. II 
n'y a que quelques localisations tout ä fait speciales qui puissent 
produire une affection de la sensibilite" intense et durable (car- 
refour sensitif), et menie ce fait n'est pas exerapt de doutes. 

Cette maniere d'etre de la sensibilite. differente dans les 
lesions organiques et dans l'hysterie, n'est guere explicable 
aujourd'hui. II semble qu'il y ait lä un probleme dont la 
Solution nous renseignerait peut-etre sur la nature intime des 
choses. 

ün autre point qui me parait digne d'etre releve, c'est 
qu'il y a quelques fornies de paralysie cerebrale qui ne se 
trouvent pas realisees dans l'hysterie, pas plus que les paralysies 
periphero-spinales de projection. II faut citer en preinier lieu 
la paralysie du facial inferieur, la manifestation la plus frequente 
d'une affection organique du cerveau et, si je me permets de 
passer dans les paralysies sensorielles pour un monient, l'he"- 
mianopsie laterale homonyme. Je sais que c'est presque une 
gageure que de vouloir affirmer que tel ou tel Symptome ne 
se trouve pas dans l'hysterie, quand les recherches de M. Char- 
cot et de ses eleves y decouvrent, on pourrait dire journelle- 
ment, des symptomes nouveaux qu'on n'avait point soupgonnes 
jusque-lä. Mais il me faut prendre les choses comme elles sont 
actuellement. La paralysie faciale hysterique est fortement 
contest£e par M. Charcot et meme, si on croit ceux qui en 
sont partisans, c'est un phenomene d'une grande rarete. L'h6- 
mianopsie n'a pas encore 6te vue dans l'hysterie et. je pense, 
eile ne le sera jamais. 

Maintenant, d'oü vient-il que les paralysies hysteriques, 
tout en Simulant de pres les paralysies corticales, s'en e"cartent 
par les traits distinctifs que j'ai täche d'6numerer, et quel est 
le caractere general de la representation speciale auquel il faut 
les rattacher? La reponse ä cette question contiendrait une 
bonne et importante partie de la the"orie de la nevrose. 

III. — H n'y a pas le moindre doute sur les conditions 
qui dominent la Symptomatologie de la paralysie cerebrale. Ce 
sont les faits de l'anatomie, la construction du Systeme nerveux. 



38 

la distribution de ses vaisseaux et la relation entre ces deux 
series de faits et les circonstances de la lesion. Nous avons dit 
que le noinbre moindre des fibres qui vont de la moelle au 
cortex en comparaison avec le nombre des fibres qui vont de 
la peripherie ä la moelle, est la base de la difference entre la 
paralysie de projection et celle de representation. De meine, 
chaque detail clinique de la paralysie de representation peut 
trouver son explication dans un detail de la structure cerebrale 
et vice versa nous pouvons deduire la construction du cerveau 
des caracteres cliniques des paralysies. Nous croyons ä un paral- 
lelisme parfait entre ces deux series. 

Ainsi s'il n'y a pas une grande facilite de dissociation 
pour la paralysie cerebrale commune, c'est parce que les fibres 
de conduction niotrices sont trop rapprochees sur une longue 
partie de leur trajet intraceröbral pour etre l<?,s<5es isolenient. 
Si la paralysie corticale montre plus de tendance aux mono- 
plegies, c'est parce que le diametre du faisceau conducteur 
brachial, crural, etc., va en croissant jusqu'ä l'ecorce. Si de 
toutes les paralysies corticales celle de la main est la plus coni- 
ple-te, cela vient, croyons-nous, du fait, que la relation croisee 
entre l'hemisphere et la periphere est plus exclusive pour la 
main que pour toute autre partie du corps. Si le segment 
peripherique d'une extremite souffre plus de la paralysie que 
le segment central, nous supposons que les fibres repräsentatives 
du segment peripherique sont beaucoup plus nombreuses que 
celles du segment central, de sorte que l'influence corticale 
devient plus importante pour le premier qu'elle n'est pour le 
- dernier.Jgi ifes lesions un peu etendues de l'ecorce ne reussissent 
pas a ^rjffiLuire des monoplegies pures, nous en concluons que 
les cemfctes moteurs sur l'ecorce ne sont pas nettement separes 
les Uns des autres par des territoires neutres, ou qu'il y a des 
actions en ( distance (Fernwirkungen) qui anulleraient l'effet 
diune Separation exacte des centres. 

De meme s'il y a dans l'aphasie organique, toujours un 

> '• "melange de troubles de diverses fonctions, ga B'explique par le 

fait que des branches de la meine artere nourrissent tous les 

centres dij langage, ou si l'on accepte l'opinion ßnoncße dans 

mon etude. critique sur l'aphasie, parce qu'il ne s'agit pas de 




* - 



centres separes, mais d'un territoire continu d'association. En 
tout cas, il existe toujours une raison tiree de l'anatomie. 

Les associations reinarquables qu'on observe si sourent 
dans la clinique des paralysies corticales: aphasie motrice et 
hemiplegie droite, alexie et hemianopsie droite, s'expliquent par 
le voisinage des centres leses. L'hemianopsie meme, Symptome 
bien curieux et etranger ä l'esprit non scientifique, ne se com- 
prend que par l'entre-croisement des fibres du uerf optique dans 
le cbiasma; eile en est l'expression clinique, corame tous les 
d eMails des paralysies cerebrales sont l'expression clinique d'un 
fait anatomique. 

Comme il ne peut y avoir qu'une seule anatomie cerebrale 
qui soit la- vraie et comme eile trouve son expression dans les 
caracteres cliniques des paralysies cerebrales, il est evidemment 
impossible que cette anatomie puisse expliquer les traits distinc- 
tifs de la paralysie hysterique. Pour cette raison, il n'est pas 
permis de tirer au sujet de l'anatomie cerebrale des conclusions 
basöes sur la Symptomatologie de ces paralysies. 

Assurement il faut s'adresser ä la nature de la lesion pour 
obtenir cette explication difficile. Dans les paralysies organiques, 
la nature de la lesion joue un röle secondaire, ce sont plutöt 
l'elendue et la localisation de la lesion, qui dans les conditions 
donnees de structure du Systeme nerveux produisent les caracteres 
de la paralysie organique, que nous avons releves. Quelle pour- 
rait etre la nature de la lesion dans la paralysie hysterique, 
qui ä eile seule domine la Situation, independamment de la 
localisation, de l'etendue de la lesion et de l'anatomie du Systeme 
nerveux? 

M. Charcot nous a enseigne assez souvent que c'est une 
lesion corticale mais purement dynamique ou fonctionnelle. 

C'est une these dont on comprend bien le cote negatif. 
Cela equivaut k affirmer qu'on ne trouvera pas de changements 
de tissus appreciab les äl'autopsie; mais ä un point de vue plus 
positif, son Interpretation est loin d'etre ä l'abri de l'equivoque. 
Qu'est-ce donc qu'une lesion dynamique? Je suis bien sür que 
beaucoup de ceux qui lisent les oeuyres de M. Charcot, croient 
que la lesion dynamique est bien une lesion, mais une lesion 
dont on ne retrouve pas la trace dans le cadavre, comme un 






40 

cedeme, une anemie, une hyperemie active. Mais ce sont lä, bien 
qu'elles ne persistent pas necessairem( nt apres la mort, des. 
lesions organiques vraies, qu'elles soient legeres et fugaces. II 
est n<5cessaire que les paralysies produites par les lesions de 
cet ordre, partagent en tout les caracteres de la paralysie 
organique. L'oedeme, l'anemie ne pourraient, plutöt que Ph6- 
morragie et le ramollissement, produire la dissociation et 
l'intensite" des paralysies hysteriques. La seule difference serait 
que la paralysie par l'oedeme, par la constriction vasculaire etc., 
doit etre moins durable que la paralysie par destruction du 
tissu nerveux. Toutes les autres conditions leur sont com- 
munes et l'anatomie du Systeme nerveaux determinera les pro- 
prietes de la paralysie aussi bien dans le cas d'anemie fugace 
que dans le cas d'anemie permanente et definitive. 

Je ne crois pas que ces remarques soient tout ä fait 
gratuites. Si on lit „qu'il doit y avoir une lösion hysterique« 
dans tel ou tel centre, le merae dont la lesion organique pro- 
duirait le Syndrome organique correspondant, si Ton se souvient 
qu'on s'est habitue ä localiser la lesion hysterique dynamique 
de meme maniere que la lösion organique, on est porte ä croire 
que sous 1'expressioD „lesion dynamique" se cache l'idee d'une 
lösion comme l'oedeme, l'anemie, qui, en verite\ sont des affections 
organiques passageres. J'affirme par contre que la lesion des 
paralysies hysteriques doit §tre tout ä fait indöpendante de 
l'anatomie du Systeme nerveux, puisque VhysUrie se comport& 
dans ses paralysies et autres manifcstations comme si Vanatomier 
n'existait pas, ou comme si eile n'en avait nulle connaissanee. 
ün bon nombre des caracteres des paralysies hysteriques- 
justifient en verite cette affirmation. L'hystene est ignorante de 
la distribution des nerfs et c'est pour cette raison qu'elle n& 
simule pas les paralysies periphero-spinales ou de projection; 
eile ne connait pas le chiasma des nerfs optiques et con- 
sequemment eile ne produit pas l'hemianopsie. Elle prend les 
organes dans le sens vulgaire, pupulaire du nom qu'ils portent: 
la jambe est la jambe jusqu'ä Insertion de la hanche, le bras- 
est l'extremite superieure comme eile se dessine sous les vete- 
ments. II n'y a pas de raison pour joindre a la paralysie du 
bras la paralysie de la face. L'hysterique qui ne sait pas parier 



41 

n'a pas de motif pour oublier l'intelligence du langage, puisque 
aphasie motrice et surdite verbale n'ont aucune parente dans 
la notion populaire, etc. Je ne peux que m'associer pleinement 
sur ce point aus vues que M. Janet a avaneees dans les derniers 
numeros des Archives de Neurologie; les paralysies hysteriques 
en donnent la preuve aussi bien que les anesthesies et les sym- 
ptömes psycliiques. 

IV. — Je tächerai enfin de developper comment pourrait 
etre la lesion qui est la cause des paralysies hysteriques. Je ne 
dis pas que je montrerai comment eile est en fait; il s'agit 
seulement d'indiquer la ligne de pensee qui peut conduire ä 
une conception qui ne contredit pas aux proprietes de la para- 
lysie hysterique, en tant qu'elle differe de la paralysie organique 
cerebrale. 

Je prendrai.le mot „lesion fonctionnelle ou dynamique" 
dans son sens propre: „alteration de fonction ou de dynaniisme"; 
alteration d'une propri£te fonctionnelle. Une teile alteration serait 
par exemple une diminution de l'excitabilite" ou d'une qualite 
physiologique qui dans l'etat normal reste constante ou varie 
dans des limites determinees. 

Mais dira-t-on, l'alteration fonctionnelle n'est pas autre chose, 
eile n'est qu'un autre cöte" de l'alteration organique. Supposons 
que le tissu nerveux soit dans un 6tat d'anemie passagere, son 
excitabilite" sera diminuee par cette circonstance, il n'est pas 
possible d'eviter d'envisager les lesions organiques par ce moyen. 
J'essaierai de montrer qu'il peut y avoir alteration fonc- 
tionnelle sans lesion organique concomitante, sans lesion grossiere 
palpable du moins, meme au moyen de l'analyse la plus deli- 
oate. En d'autres termes, je donnerai un exemple approprie 
d'une alteration de fonction primitive; je ne demande pour cela 
que la permission de passer sur le terrain de la psychologie, 
qu'on ne saurait eviter quand on traite de l'hysterie. 

Je dis avec M. Janet, que c'est la conception banale, po- 
pulaire des organes et du corps en general, qui est en jeu dans 
les paralysies hysteriques comme dans les anesthesies, etc. Cette 
conception n'est pas fondee sur une connaissance approfondie 
de Fanatomie nerveuse mais sur nos perceptions tactiles et sur- 
tout visuelles. Si eile determine les caracteres de la paralysie 






42 

bysterique, celle-lä doit bien se montrer ignorante et indepen- 
dante de toute notion de l'anatomie du Systeme nerveux. La 
lesion de la paralysie bysterique sera donc une alteration de la 
conception, de l'idöe de bras, par exemple. Mais de quelle sorte 
est cette alteration ponr produire la paralysie? 

Consideröe psychologiquement, la paralysie du bras con- 
siste dans le fait que la conception du bras ne peut pas entrer 
en association avec les autres idees qui constituent le moi dont 
le corps de l'individu forme une partie importante. La lesion 
serait donc l'aboliiiom. de VaccessibilitS associative de la conception 
du bras. Le bras se comporte comme s'il n'existait pas pour le 
jeu des associations. Assurement si les conditions materielles, 
qui correspondent ä la conception du bras, se trouvent profonde- 
ment alterees, cette conception sera perdue aussi, mai j'ai ä 
montrer qu'elle peut etre inaccessible sans qu'elle soit detruite 
et sans que son substratum materiel (le tissu nerveux de la 
region correspondante de l'ecorce) soit endomniage\ 

Je commencerai par des exemples tirös de la vie sociale. 
On raconte l'bistoire comique d'un sujet loyal qui ne voulut 
plus laver sa main, parce que son souverain l'avait touchee. La 
relation de cette main avec l'idee du roi semble si importante 
ä la vie psychique de l'individu, qu'il se refuse ä faire entrer 
cette main en d'autres relations. Nous obeissons a la meine irn- 
pulsion si nous cassons le verre dans lequel nous avons bu a 
la sante de jeunes maries; les anciennes tribus sauvages brülant 
le cbeval, les armes et meme le femmes du chef mort, avec son 
cadavre, obeissaient ä cette idee que nul ne devait plus le 
toucher apres lui. Le molif de toutes ces actions est bien clair. 
La valeur affective que nous attribuons ä la premiere associa- 
tion d'un objet repugne k la faire entrer en association nou- 
velle avec un autre objet et par suite rend l'idee de cet objet 
inaccessible e l'association. 

Ce n'est pas une simple comparaison, c'est presque la chose 
identique, si nous passons dans le domaine de la psychologie 
des conceptions. Si la conception du bras se trouve engagee 
dans une association d'une grande valeur affective, eile sera in- 
accessible au jeu libre des autres associations. Le bras sera 
paralyse' en proportion de la persistance de cette valeur affective 






- 



43 



ou de sa diminution par des moyens psyckiques appropries. C'est 
la Solution du probleme que nous avons pose, car, dans tous 
le cas de paralysie hysterique, ou trouve que l'organe paralyse 
ou la fon'ction abolie est engage dans une association subconsciente 
qui est munde d'une grande valeur affective, et Von peut montrer 
que le bras devient libre aussilöt que eette valeur affective est 
effacie. Alors la conception du bras esiste dans ie substratum 
materiel, mais eile n'est pas accessible aux associations et im- 
pulsions conscientes parce que tout son affinite associative, pour 
ainsi dire, est saturee dans une association subconsciente avec 
le souvenir de l'evenenient, du trauma, qui a produit cette 
paralysie. 

C'est M. Charcot qui nous a enseigne le premier qu'il faut 
s'adresser ä la psychologie pour l'explication de la nevrose 
hysterique. Nous avons suivi son exemple, Breuer et nioi, dans 
un memoire preliminaire [Über den psychischen Mechanismus 
hysterischer PMnomene, Neurolog. Centralblatt , Nr. 1 und 2, 1893). 
Nous demontrons dans ce memoire que les symptomes perma- 
nents de l'hysterie dite non traumatique s'espliquent (ä part les 
stigmates) par le meme mecanisme que Charcot a reconnu dans 
les paralysies traumatiques. Mais nous donnons aussi la raison 
pour laquelle ces symptomes persistent et-peuvent etre gueris 
par un procede special de psycbotherapie bypnotique. Cbaque 
övönement, cbaque impression psycbique est munie d'une certaine 
valeur affective (Affektbcirag), dont le moi se delivre ou par la 
voie de reaction uiotrice ou par un travail psycbique associatif. 
Si l'individu rie peut ou ne veut s'acquitter du surcroit, le Sou- 
venir de cette impression acquiert l'importance d'un trauma et 
devient la cause de symptomes permanents d'hysterie. L'im- 
possibilite de ri'limination s'impose quand l'inipression reste dans 
le subconscient. Nous avons appele cette tbeorie: Das Abrea- 
gieren der Reixxuiuächse. 

En resume, je pense qu'il est bien en accord avec notre 
vue generale sur l'bysterie, teile que nous l'avons pu former . 
d'apres l'enseignement de M. Charcot, que la lösion dans les 
paralysies bysteriques ne consiste pas en autre chose que dans 
l'inaccessibilite de la conception de l'organe -ou de la fonction 
pour les associations du moi conscient, que cette alteration pure- 



44 

ment fonctionelle (avec integrum de la conception meme) est 
causee par La fixation de cette conception dans une association 
subconsciente avec le souvenir du trauma et que cctte concep- 
tion ne devient pas libre et accessible tant que la valeur affective 
du trauma psycbique n'a pas ete eliminee par la röaction motrice 
adequate ou par le travail psycbique conscient. Mais meme si 
ce mecanisme n'a pas lieu, s'il faut pour la paralysie hyste'rique 
toujours une id<5e autosuggestive directe comme dans les cas 
traumatiques de M. Cbarcot, nous avons reussi ä montrer de 
quelle nature la lesion ou plutöt l'alteration dans la paralysie 
hysterique devrait etre, pour expliquer ses diffcrences avec la 
paralysie organique cerebrale. 



\ 






IV. 
Die Abwehr-Neuro-Psycliosen 1 ). 

Versuch einer psychologischen Theorie der akquirierten Hysterie, 
vieler Phobien und Zwangsvorstellungen und gewisser hallu- 
zinatorischer Psychosen. 



Bei eingehendem Studium mehrerer mit Phobien und 
Zwangsvorstellungen behafteter Nervöser hat sich mir ein Er- 
klärungsversuch dieser Symptome aufgedrängt, der mir dann 
gestattete, die Herkunft solcher krankhafter Vorstellungen in 
neuen, anderen Fällen glücklich zu erraten, und den ich darum 
der Mitteilung und weiteren Prüfung würdig erachte. Gleich- 
zeitig mit dieser „psychologischen Theorie der Phobien 
und Zwangsvorstellungen" ergab sich aus der Beobach- 
tung der Kranken ein Beitrag zur Theorie der Hysterie oder 
vielmehr eine Abänderung derselben, welche einem wichtigen, 
der Hysterie wie den genannten Neurosen gemeinsamen Charakter 
Rechnung zu tragen scheint. Ferner hatte ich Gelegenheit, in 
den psychologischen Mechanismus einer Form von unzweifelhaft 
psychischer Erkrankung Einsicht zu nehmen, und fand dabei, 
daß die von mir versuchte Betrachtungsweise eine einsichtliche 
Verknüpfung zwischen diesen Psychosen und den beiden an- 
geführten Neurosen herstellt. Eine Hilfshypothese, deren ich 
mich in allen drei Fällen bedient habe, werde ich zum Schlüsse 
dieses Aufsatzes hervorheben. 

I. 

Ich beginne mit jener Abänderung, die mir an der Theorie 
der hysterischen Neurose erforderlich scheint: 

*) „Neurologisches Zentralblatt", 1894, Nr. 10 und 11. 






46 

Daß der Symptomkomplex der Hysterie, soweit er bis 
jetzt ein Verständnis zuläßt, die Annahme einer Spaltung des 
Bewußtseins mit Bildung separater psychischer Gruppen recht- 
fertig^ dürfte seit den schönen Arbeiten von P. Janet r 
J. Breuer u. a. bereits zur allgemeinen Anerkennung gelangt 
sein. Weniger geklärt sind die Meinungen über die Herkunft 
dieser Bewußtseinsspaltung und über die Rolle, welche dieser 
Charakter im Gefüge der hysterischen Neurose spielt. 

Nach der Lehre von Jan et 1 } ist die Bewußtseinsspaltung 
ein primärer Zug der hysterischen Veränderung. Sie beruht auf 
einer angeborenen Schwäche der Fähigkeit zur psychischen Syn- 
these, auf der Enge des „Bewußtseinsfeldes" (champ du con- 
science), welche als psychisches Stigma die Degeneration der 
hysterischen Individuen bezeugt. 

Im Gegensatz zur Anschauung Janets, welche mir die 
mannigfaltigsten Einwände zuzulassen scheint, steht jene, die 
J. Breuer in unserer gemeinsamen Mitteilung 2 ) vertreten hat. 
Nach Breuer ist „Grundlage und Bedingung" der Hysterie 
das Vorkommen von eigentümlichen traumartigen Bewußtseins- 
zuständen mit eingeschränkter Assoziationsfähigkeit, für welche 
er den Namen „hypnoide Zustände" vorschlägt. Die Bewußt- 
seinsspaltung ist dann eine sekundäre, erworbene; sie kommt 
dadurch zustande, daß die in hypnoiden Zuständen aufgetauchten. 
Vorstellungen vom assoziativen Verkehr mit dem übrigen Bewußt- 
seinsinhalte abgeschnitten sind. 

Ich kann nun den Nachweis zweier weiterer extremer Former* 
von Hysterie erbringen, bei welchen die Bewußtseinsspaltung 
unmöglich als eine primäre im Sinne von Jan et gedeutet wer- 
den kann. Bei der ersteren dieser Formen gelang es mir wieder- 
holt, zu zeigen, daß die Spaltung des Bewußtseins- 
inhaltes die Folge eines "Willensaktes des Kranken, 
ist, das heißt durch eine Willensanstrengung eingeleitet wird r 
deren Motiv man angeben kann. Ich behaupte damit natürlich 
nicht, daß der Kranke eine Spaltung seines Bewußtseins herbei- 

») Etat mental des hystenques. Paris 1893 und 1894. — Quelques 
definitions recentes de l'hysterie. Aren, de Neurol. 1893. XXXV— VI. 

J ) Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene. Dieses 
Zentralblatt, 1893, Nr. 1 und 2. * 



47 

zuführen beabsichtigt; die Absicht des Kranken ist eine andere, 
sie erreicht aber nicht ihr Ziel, sondern ruft eine Spaltung des 
Bewußtseins hervor. 

Bei der dritten Form der Hysterie, die wir durch psychische 
Analyse von intelligenten Kranken erwiesen haben, spielt die 
Bewußtseinsspaltung nur eine geringfügige, vielleicht überhaupt 
keine Rolle. Es sind dies jene Fälle, in denen bloß die Reaktion 
auf traumatische Reize unterblieben ist, die dann auch durch 
„Abreagieren" 1 ) erledigt und geheilt werden, die reinen Re- 
tentionshysterien. 

Für die Anknüpfung an die Phobien und Zwangsvorstel- 
lungen habe ich es hier nur mit der zweiten Form der Hysterie 
zu tun, die ich aus bald ersichtlichen Gründen als Abwehr- 
hysterie bezeichnen und durch diesen Namen von den Hypnoid- 
und Retentionshysterien sondern will. Ich kann meine Fälle 
von Abwehrhysterie auch vorläufig als „akquirierte" Hysterie auf- 
führen, weil bei ihnen weder von schwerer hereditärer Belastung, 
noch von eigener degenerativer Verkümmerung die Rede war. 

Bei den von mir analysierten Patienten hatte nämlich 
psychische Gesundheit bis zu dem Moment bestanden, in dem 
ein Fall von Unverträglichkeit in ihrem Vorstel- 
lungsleben vorfiel, d. h. bis ein Erlebnis, eine Vorstellung,. 
Empfindung an ihr Ich herantrat, welches einen so peinlichen 
Affekt erweckte, daß die Person beschloß, daran zu vergessen, weil 
sie sich nicht die Kraft zutraute, den "Widerspruch dieser unver- 
träglichen Vorstellung mit ihrem Ich durch Denkarbeit zu lösen. 

Solche unverträgliche Vorstellungen erwachsen bei weib- 
lichen Personen zumeist auf dem Boden des sexualen Erlebens 
und Empfindens, und die Erkrankten erinnern sich auch mit 
aller wünschenswerten Bestimmtheit ihrer Bemühungen zur Ab- 
wehr, ihrer Absicht, das Ding „fortzuschieben", nicht daran zu 
denken, es zu unterdrücken. Hierher gehörige Beispiele aus 
meiner Erfahrung, deren Anzahl ich mühelos vermehren könnte, 
sind etwa: Der Fall eines jungen Mädchens, welches es sich 
verübelt, während der Pflege ihres kranken Vaters an den jungen 
Mann zu denken, der ihr einen leisen erotischen Eindruck ge- 



*) Vgl. unsere gemeinsame Mitteilung. 



r 






48 

macht hat; der Fall einer Erzieherin, die sich in ihren Herrn 
verliebt hatte, und die beschloß, sich diese Neigung aus dem 
Sinne zu schlagen, weil sie ihr mit ihrem Stolze unverträglich 

schien u. dgl. m. 1 ) 

Ich kann nun nicht behaupten, daß die Willensanstrengung, 
etwas derartiges aus seinen Gedanken zu drängen, ein patho- 
logischer Akt ist, auch weiß ich nicht zu sagen, ob und auf 
welche Weise das beabsichtigte Vergessen jenen Personen ge- 
lingt, welche unter denselben psychischen Einwirkungen gesund 
bleiben. Ich weiß nur, daß ein solches „Vergessen" den von mir 
analysierten Patienten nicht gelungen ist, sondern zu verschie- 
denen pathologischen Reaktionen geführt hat, die entweder eine 
Hysterie oder eine Zwangsvorstellung, oder eine halluzinatorische 
Psychose erzeugten. In der Fähigkeit, durch jene Willensanstren- 
gung einen dieser Zustände hervorzurufen, die sämtlich mit 
Bewußtseinsspaltung verbunden sind, ist der Ausdruck einer 
pathologischen Disposition zu sehen, die aber nicht notwendig 
mit persönlicher oder hereditärer „Degeneration" identisch zu 

sein braucht. 

Über den Weg, der von der Willensanstrengung des Pa- 
tienten bis zur Entstehung des neurotischen Symptoms führt, 
habe ich mir eine Meinung gebildet, die sich in den gebräuch- 
lichen psychologischen Abstraktionen etwa so ausdrücken läßt: 
Die Aufgabe, welche sich das abwehrende Ich stellt, die unver- 
trägliche Vorstellung als „non arrivee" zu behandeln, ist für 
dasselbe direkt unlösbar; sowohl die Gedächtnisspur als auch 
der der Vorstellung anhaftende Affekt sind einmal da und nicht 
mehr auszutilgen. Es kommt aber einer ungefähren Lösung 
dieser Aufgabe gleich, wenn es gelingt, aus dieser starken 
Vorstellung eine schwache zu machen, ihr den Affekt, 
die Erregungssumme, mit der sie behaftet ist, zu entreißen. 
Die schwache Vorstellung wird dann so gut wie keine Ansprüche 
an die Assoziationsarbeit zu stellen haben; die von ihr ab- 
getrennte Erregungssumme muß aber einer andern 
Verwendung zugeführt werden. 

») Diese Beispiele sind der noch nicht veröffentlichten ausführlichen 
Arbeit von Breuer und mir über den psychischen Mechanismus der 
Hysterie entnommen. 






_ 



49 



Soweit sind die Vorgänge bei der Hysterie und bei den 
Phobien und Zwangsvorstellungen die gleichen; von nun an 
scheiden sich die Wege. Bei der Hysterie erfolgt die Unschäd- 
lichmachung der unverträglichen Vorstellung dadurch, daß deren 
Erregungssumme ins Körperliche umgesetzt wird, 
wofür ich den Namen der Konversion vorschlagen möchte. 

Die Konversion kann eine totale oder partielle sein und 
erfolgt auf jene motorische oder sensorische Intervention hin, 
die in einem innigen oder mehr lockeren Zusammenhang mit 
dem traumatischen Erlebnis steht. Das Ich hat damit erreicht, 
daß es widerspruchsfrei geworden ist, es hat sich aber dafür 
mit einem Erinnerungssymbol belastet, welches als unlösbare 
motorische Innervation oder als stets wiederkehrende halluzi- 
natorische Sensation nach Art eines Parasiten im Bewußtsein 
haust, und welches bestehen bleibt, bis eine Konversion in 
umgekehrter Richtung stattfindet. Die Gedächtnisspur der 
verdrängten Vorstellung ist darum doch nicht untergegangen, 
sondern bildet von nun an den Kern einer zweiten psychischen 
Gruppe. 

Ich will diese Anschauung von den psycho-physischen 
Vorgängen bei der Hysterie nur noch mit wenigen Worten 
ausführen: Wenn einmal ein solcher Kern für eine hysterische 
Abspaltung in einem „traumatischen Moment" gebildet worden 
ist, so erfolgt dessen Vergrößerung in anderen Momenten, die 
man „auxiliär traumatische" nennen könnte, sobald es 
einem neu anlangenden Eindruck gleicher Art gelingt, die vom 
Willen hergestellte Schranke zu durchbrechen, der geschwächten 
Vorstellung neuen Affekt zuzuführen und für eine Weile die 
assoziative Verknüpf ung beider psychischer Gruppen zu erzwingen, 
bis eine neuerliche Konversion Abwehr schafft. — Der so bei 
der Hysterie erzielte Zustand in der Verteilung der Erregung 
stellt sich dann zumeist als ein labiler heraus; die auf einen 
falschen Weg (in die Körperinnervation) gedrängte Erregung 
gelangt mitunter zur Vorstellung zurück, von der sie abgelöst 
wurde, und nötigt dann die Person zur assoziativen Verarbeitung 
oder zur Erledigung in hysterischen Anfällen, wie der bekannte 
Gegensatz der Anfälle und der Dauersymptome beweist. Die 
Wirkung der kathartischen Methode Breuers besteht darin, 

Freud, Neurosealehre. I. 4 Auflage 4 



*** 



50 

daß sie eine solche Zurückleitung der Erregung aus dem Körper- 
lichen ins Psychische zielbewußt erzeugt, um dann den Ausgleich 
des Widerspruches durch Denkarbeit und die Abfuhr der Er- 
regung durch Sprechen zu erzwingen. 

Wenn die Bewußtseinsspaltung der akquirierten Hysterie 
auf einem Willensakt beruht, so erklärt sich überraschend leicht 
die merkwürdige Tatsache, daß die Hypnose regelmäßig Jas ein- 
geengte Bewußtsein der Hysterischen erweitert und die abge- 
spaltene psychische Gruppe zugänglich macht. Wir kennen, es. 
ja als Eigentümlichkeit aller schlafähnlichen Zustände, daß sie 
jene Verteilung der Erregung aufheben, auf welcher der „Wille" 
der bewußten Persönlichkeit beruht. 

Wir erkennen demnach das für die Hysterie charakteri- 
stische Moment nicht in der Bewußtseinsspaltung, sondern in 
der Fähigkeit zur Konversion und dürfen als ein wich- 
tiges Stück der sonst noch unbekannten Disposition zur Hysterie 
die psycho-physische Eignung zur Verlegung so großer Er- 
regungssummen in die Körperinnervation anführen. 

Diese Eignung schließt an und für sich psychische Ge- 
sundheit nicht aus und führt zur Hysterie nur im Falle eiuer 
psychischen Unverträglichkeit oder einer Aufspeicherung der 
Erregung. Mit dieser Wendung nähern wir, Breuer und ich, 
uns den bekannten Definitionen der Hysterie von Oppen- 
heim 1 ) und Strümpell 2 ) und sind von Jan et abgewichen, 
welcher der Bewußtseinsspaltung eine übergroße Rolle in der 
Charakteristik der Hysterie zuweist 3 ). Die hier gegebene Dar- 

') Oppenheim: Die Hysterie ist ein gesteigerter Ausdruck der Ge- 
mütsbewegung. Der „Ausdruck der Gemütsbewegung" stellt aber jenen Betrag- 
psychischer Erregung dar, der normalerweise eine Konversion erfährt. 

*) Strümpell: Die Störung der Hysterie liegt im Psychophysischen,, 
dort, wo Körperliches und Seelisches miteinander zusammenhängen. 

3 ) Jan et hat im zweiten Abschnitt seines geistvollen Aufsatzes 
„Quelques definitions etc." den Einwand, daß die Bewußtseinsspaltung 
auch den Psychosen und der sogenannten Psychasthenie zukommt, selbst 
behandelt, aber nach meinem Ermessen nicht befriedigend gelöst. Dieser 
Einwand ist es wesentlich, der ihn dazu drängt, die Hysterie für eine 
Degenerationsform zu erklären. Er kann aber die hysterische Bewußtseins- 
spaltung durch keine Charakteristik genügend von der psychotischen u. dgl.. 
sondern. 



r 



51 

Stellung darf den Anspruch erheben, daß sie den Zusammen- 
hang der Konversion mit der hysterischen Bewußtseinsspaltung 

verstehen läßt. 

II. 

Wenn bei einer disponierten Person die Eignung zur Kon- 
version nicht vorhanden ist und doch zur Abwehr einer uner- 
träglichen Vorstellung die Trennung derselben von ihrem Affekt 
vorgenommen wird, dann muß dieser Affekt auf psychi- 
schem Gebiet verbleiben. Die nun geschwächte Vor- 
stellung bleibt abseits von aller Assoziation im Bewußtsein 
übrig, ihr frei gewordener Affekt aber hängt sich an 
andere, an sich nicht unverträgliche Vorstellungen 
an, die durch diese „falsche Verknüpfung" zu Zwangs- 
vorstellungen werden. Dies ist in wenig Worten die 
psychologische Theorie der Zwangsvorstellungen und Phobien, 
von der ich eingangs gesprochen habe. 

Ich werde nun angeben, welche von den Stücken, die in 
dieser Theorie gefordert sind, sich direkt nachweisen lassen, 
welche andere ich ergänzt habe. Direkt nachweisbar ist außer 
dem Endpunkt des Vorganges, eben der Zwangsvorstellung, 
zunächst die Quelle, aus welcher der in falscher Verknüpfung 
befindliche Affekt stammt. In allen von mir analysierten Fällen 
war es das Sexualleben, welches einen peinlichen Affekt 
von genau der nämlichen Beschaffenheit geliefert hatte, wie er 
der Zwangsvorstellung anhing. Es ist theoretisch nicht aus- 
geschlossen, daß dieser Affekt nicht gelegentlich auf anderem 
Gebiete entstehen könnte; ich habe bloß mitzuteilen, daß eine 
andere Herkunft sich mir bisher nicht ergeben hat. Übrigens 
versteht man es leicht, daß gerade das Sexualleben die reich- 
lichsten Anlässe zum Auftauchen unverträglicher Vorstellungen 
mit sich bringt. 

Nachweisbar ist ferner durch die unzweideutigsten Äuße- 
rungen der Kranken die Willensanstrengung, der Versuch zur 
Abwehr, auf den die Theorie Gewicht legt, und wenigstens in 
einer Reihe von Fällen geben die Kranken selbst darüber Auf- 
schluß, .daß die Phobie oder Zwangsvorstellung erst dann auf- 
trat, nachdem die Willensanstrengung scheinbar ihre Absicht 
erreicht hatte. „Mir ist einmal etwas sehr Unangenehmes pas- 

4* 



52 






siert, ich habe mich mit Macht bemüht, es fortzuschieben, 
nicht mehr daran zu denken. Endlich ist es mir gelungen, da 
bekam ich das andere, das ich seither nicht losgeworden bin." 
Mit diesen Worten bestätigte mir eine Patientin die Haupt- 
punkte der hier entwickelten Theorie. 

Nicht alle, die an Zwangsvorstellungen leiden, machen 
sich die Herkunft derselben so klar. In der Regel bekommt 
man, wenn man den Kranken auf die ursprüngliche Vorstellung 
sexueller Natur aufmerksam macht, die Antwort: „Davon kann 
es ja doch nicht kommen. Ich habe ja gar nicht viel daran 
gedacht. Einen Moment war ich erschrocken, dann habe ich 
mich abgelenkt und seither Ruhe davor gehabt." In dieser 
so häufigen Einwendung liegt ein Beweis, daß die Zwangs- 
vorstellung einen Ersatz oder Surrogat der unverträglichen 
sexuellen Vorstellung darstellt und sie im Bewußtsein abge- 
löst hat. 

Zwischen der Willensanstrengung des Patienten, der es 
gelingt, die unannehmbare sexuelle Vorstellung zu verdrängen, 
und dem Auftauchen der Zwangsvorstellung, die, an sich wenig 
intensiv, hier mit unbegreiflich starkem Affekt ausgestattet ist, 
klafft die Lücke, welche die hier entwickelte Theorie ausfüllen 
will. Die Trennung der sexuellen Vorstellung von ihrem Affekt 
und die Verknüpfung des letzteren mit einer anderen, passen- 
den, aber nicht unverträglichen Vorstellung — dies sind Vor- 
gänge, die ohne Bewußtsein geschehen, die man nur supponieren, 
aber durch keine klinisch-psychologische Analyse erweisen kann. 
Vielleicht wäre es richtiger, zu sagen: Dies sind überhaupt 
nicht Vorgänge psychischer Natur, sondern physische Vorgänge, 
deren psychische Folge sich so darstellt, als wäre das durch 
die Redensarten: Trennung der Vorstellung von ihrem Affekt 
und falsche Verknüpfung des letzteren, Ausgedrückte wirklich 
geschehen. 

Neben den Fällen, die ein Nacheinander der sexuellen 
unverträglichen Vorstellung und der Zwangsvorstellung be- 
weisen, findet man eine Reihe anderer, in denen gleichzeitig 
Zwangsvorstellungen und peinlich betonte sexuelle Vorstellungen 
vorhanden sind. Letztere „sexuelle Zwangsvorstellungen" zu 
heißen, geht nicht gut an: es mangelt ihnen ein wesentlicher 



53 

Charakter der Zwangsvorstellungen; sie erweisen sich als voll- 
berechtigt, während die Peinlichkeit der gemeinen Zwangs- 
vorstellungen ein Problem für den Arzt und den Kranken 
bildet. Soweit ich mir in Fälle dieser Art Einsicht verschaffen 
konnte, handelte es sich hier um eine fortgesetzte Abwehr gegen 
beständig neu anlangende sexuelle Vorstellungen, eine Arbeit 
also, die noch nicht zum Abschluß gekommen war. 

Die Kranken verheimlichen häufig ihre Zwangsvorstellungen, 
solange sie sich der sexuellen Abkunft derselben bew.ußt sind. 
Wenn sie darüber klagen, so geben sie zumeist ihrer Ver- 
wunderung darüber Ausdruck," daß sie dem betreffenden Affekt 
unterliegen, daß sie sich ängstigen, bestimmte Impulse haben 
u. dgl. Dem kundigen Arzt dagegen erscheint dieser Affekt 
berechtigt und verständlich; er findet das Auffällige nur in 
der Verknüpfung eines solchen Affektes mit einer hierfür nicht 
würdigen Vorstellung. Der Affekt der Zwangsvorstellung er- 
scheint ihm — mit anderen Worten — als ein dislozierter 
oder transponierter, und wenn er die hier niedergelegten 
Bemerkungen angenommen hat, kann er für eine große Reihe 
von Fällen von Zwangsvorstellung die Rückübersetzung 
ins Sexuelle versuchen. 

Zur sekundären Verknüpfung des frei gewordenen Affektes 
kann jede Vorstellung benutzt werden, die entweder ihrer Natur 
nach mit einem Affekt von solcher Qualität vereinbar ist, 
oder die gewisse. Beziehungen zur unverträglichen hat, denen 
zufolge sie als Surrogat derselben brauchbar erscheint. So zum 
Beispiel wirft sich frei gewordene Angst, deren sexuelle Her- 
kunft nicht erinnert werden soll, auf die gemeinen primären 
Phobien des Menschen vor Tieren, Gewitter, Dunkelheit u. dgl., 
oder auf Dinge, die unverkennbar mit dem Sexuellen in irgend 
einer Art assoziiert sind, auf das Urinieren, die Defäkation, 
auf Beschmutzung und Ansteckung überhaupt. 

Der Vorteil, den das Ich erreicht, indem es zur Abwehr 
den Weg der Transposition des Affektes einschlägt, ist ein 
weit geringerer als bei der hysterischen Konversion psychi- 
scher Erregung in somatische Innervation. Der Affekt, unter 
dem das Ich gelitten hat, bleibt unverändert und unverringert 
nach wie vor, nur daß die unverträgliche Vorstellung nieder- 



r 



54 

gebalten, vom Erinnern ausgeschlossen ist. Die verdrängten Vor- 
stellungen bilden wiederum den Kern einer zweiten psychischen 
Gruppe, die, wie mir scheint, auch ohne Zuhilfenahme der 
Hypnose zugänglich ist. Wenn bei den Phobien und Zwangs- 
vorstellungen die auffälligen Symptome ausbleiben, welche bei 
der Hysterie die Bildung einer unabhängigen psychischen Gruppe 
begleiten, so rührt dies wohl daher, daß im ersteren Falle die 
gesamte Veränderung auf psychischem Gebiete geblieben ist, 
die Beziehung zwischen psychischer Erregung und somatischer 
Innervation keine Änderung erfahren hat. 

Ich will das hier über die Zwangsvorstellungen Gesagte 
durch einige Beispiele erläutern, die wahrscheinlich typischer 
Natur sind: 

1. Ein junges Mädchen leidet an Zwangsvorwürfen. Las 
sie in der Zeitung von Falschmünzern, so kam ihr der Ge- 
danke, 'sie habe auch falsches Geld gemacht; war irgendwo 
von einem unbekannten Täter eine Mordtat geschehen, so fragte 
sie sich ängstlich, ob sie nicht diesen Mord begangen habe. 
Dabei war sie sich der Ungereimtheit dieser Zwangsvorwürfe 
klar bewußt. Eine Zeit lang gewann das Schuldbewußtsein 
solche Macht über sie, daß ihre Kritik erstickt wurde und sie 
sich vor ihren Verwandten und vor dem Arzt anklagte, sie 
habe alle diese Untaten wirklich begangen (Psychose durch ein- 
fache Steigerung — Überwältigungspsychose). Ein scharfes 
Verhör deckte jetzt die Quelle auf, aus der ihr Schuldbewußt- 
sein stammte: Durch eine zufällige wollüstige Empfindung ange- 
regt, hatte sie sich von einer Freundin zur Masturbation ver- 
leiten lassen und betrieb diese seit Jahren mit dem vollen Be- 
wußtsein ihres Unrechtes und untor den heftigsten, aber wie 
gewöhnlich nutzlosen Selbstvorwürfen. Ein Exzeß nach dem 
Besuche eines Balles hatte die Steigerung zur Psychose her- 
vorgerufen. — Das Mädchen heilte nach einigen Monaten Be- 
handlung und strengster Überwachung. 

2. Ein anderes Mädchen litt unter der Furcht, von Harn- 
drang überfallen zu werden und sich nässen zu müssen, seitdem 
ein solcher Drang sie wirklich einmal genötigt hatte, einen 
Konzertsaal während der Aufführung zu verlassen. Diese Phobie 
hatte sie allmählich völlig genuß- und verkehrsunfähig gemacht. 



" 



N 



55 

Sie fühlte sich nur wohl, wenn sie ein Klosett in der Nähe 
wußte, zu dem sie unauffällig gelangen konnte. Ein organisches 
Leiden, welches dieses Mißtrauen in der Beherrschung der Blase 
gerechtfertigt hätte, war ausgeschlossen. Der HarndraDg war 
zu Hause unter ruhigen Verhältnissen und zur Nachtzeit nicht 
vorhanden. Eingehendes Examen wies nach, daß der Harndrang 
zum'ersten Male unter folgenden Verhältnissen aufgetreten war: 
In dem Konzertsaale hatte ein Herr nicht weit von ihr Platz 
genommen, der ihrem Empfinden nicht gleichgültig war. Sie 
hegann an ihn zu denken und sich auszumalen, wie sie als 
seine Frau neben ihm sitzen würde. In dieser erotischen Träu- 
merei bekam sie jene körperliche Empfindung, die man mit der 
Erektion des Mannes vergleichen muß, und die bei ihr — ich 
• weiß nicht, ob allgemein — mit einem leichten Harndrang 

abschloß. Sie erschrak jetzt heftig über die ihr sonst gewohnte 
sexuelle Empfindung, weil sie bei sich beschlossen hatte, diese 
wie jede andere Neigung zu bekämpfen, und im nächsten Moment 
hatte sich der Affekt auf den begleitenden Harndrang über- 
tragen und nötigte sie, nach qualvollem Kampf den Saal zu 
verlassen. Sie war im Leben so prüde, daß sie sich vor allem 
Sexuellen intensiv grauste, und den Gedanken, je zu heiraten, 
nicht fassen konnte; anderseits war sie sexuell so hyperästhe- 
tisch, daß bei jeder erotischen Träumerei, die sie sich gerne 
bestattete, jene wollüstige Empfindung auftrat. Der Harndrang 
hatte die Erektion jedesmal hegleitet, ohne ihr bis zu der Szene 
im Konzertsaal einen Eindruck zu machen. Die Behandlung 
führte zu einer fast vollkommenen Beherrschung der Phobie. 
3. Eine junge Frau, die aus fünfjähriger Ehe nur ein 
Kind hatte, klagte mir über den Zwangsimpuls, sich vom 
Fenster oder Balkon zu stürzen, und über die Furcht, die sie 
beim Anblick eines scharfen Messers ergreife, ihr Kind damit 
zu erstechen. Der eheliche Verkehr, gestand sie zu, werde 
selten und nur mit Vorsicht gegen die Konzeption ausgeübt; 
allein das fehle ihr nicht, sie sei keine sinnliche Natur. Ich 
getraute mich darauf ihr zu sagen, daß sie beim Anblicke eines 
Mannes erotische Vorstellungen bekomme, daß sie darum das 
Vertrauen zu sich verloren habe und sich als eine verworfene 
Person vorkomme, die zu allem fähig sei. Die Rückübersetzung 



56 

der Zwangsvorstellung ins Sexuelle war gelungen; sie gestand 
sofort weinend ihr lange verborgenes eheliches Elend ein und 
teilte später auch peinliche Vorstellungen von unverändert 
sexuellein Charakter mit, so die häufig wiederkehrende Emp- 
findung, als ob sich etwas unter ihre Röcke dränge. 

Ich habe mir derartige Erfahrungen für die Therapie 
zunutze gemacht, um bei Phobien und Zwangsvorstellungen 
trotz alles Sträubens der Kranken die Aufmerksamkeit auf die 
verdrängten sexuellen Vorstellungen zurückzulenken und, wo es 
anging, die Quellen, aus denen dieselben stammten, zu ver- 
stopfen. Ich kann natürlich nicht behaupten, daß alle Phobien 
und Zwangsvorstellungen auf die hier aufgedeckte Weise ent- 
stehen; erstens umfaßt meine Erfahrung eine im Verhältnis zur 
Reichhaltigkeit dieser Neurosen nur beschränkte Anzahl, und 
zweitens weiß ich selbst, daß diese „psychasthenischen" 
Symptome (nach Janets Bezeichnung) nicht alle gleichwertig 
sind 1 ). Es gibt z. B. rein hysterische Phobien. Ich meine aber, 
daß der Mechanismus der Transposition des Affektes bei 
der großen Mehrzahl der Phobien und Zwangsvorstellungen 
nachzuweisen sein wird, und möchte dafür eintreten, diese 
Neurosen, die sich ebenso oft isoliert als mit Hysterie oder 
Neurasthenie kombiniert finden, nicht mit der gemeinen Neur- 
asthenie zusammenzuwerfen, für deren Grnndsymptome ein 
psychischer Mechanismus gar nicht anzunehmen ist. 

III. 

In beiden bisher betrachteten Fällen war die Abwehr der 
unverträglichen Vorstellung durch Trennung derselben von 
ihrem Ali'ekt geschehen; die Vorstellung war, wenngleich ge- 
schwächt und isoliert, dem Bewußtsein verblieben. Es gibt nun 
eine weit energischere und erfolgreichere Art der Abwehr, die 



*) Die Gruppe von typischen Phobien, für welche die Agoraphobie 
Vorbild ist, läßt sich nicht auf den oben entwickelten psychischen Mecha- 
nismus zurückführen, vielmehr weicht der Mechanismus der Agoraphobie 
von dem der echten Zwangsvorstellungen und der auf solche reduzierbaren 
Phobien in einem entscheidenden Punkte ab. Es findet sich hier keine 
verdrängte Vorstellung, von welcher der Angstaffekt abgetrennt wäre. Die 
Angst dieser Phobien hat einen andern Ursprung. 



w 



57 
i 

darin besteht, daß das Ich die unerträgliche Vorstellung mit- 
samt ihrem Affekt verwirft und sich so benimmt, als ob die 
Vorstellung nie an das Ich herangetreten wäre. Allein in 
dem Moment, in dem dies gelungen ist, befindet 
sich die Person in einer Psychose, die man wohl 
nur als „halluzinatorische Verworrenheit" klassi- 
fizieren kann. Ein einziges Beispiel soll diese Behauptung 
erläutern : 

Ein junges Mädchen hat einem Mann eine erste impulsive 
Neigung geschenkt und glaubt fest an seine Gegenliebe. Tat- 
sächlich befindet sie sich im Irrtum; der junge Mann hat ein 
anderes Motiv, ihr Haus aufzusuchen. Die Enttäuschungen 
bleiben auch nicht aus; sie erwehrt sich ihrer zunächst, indem 
sie die entsprechenden Erfahrungen hysterisch konvertiert, er- 
hält so ihren Glauben, daß er eines Tages kommen und um 
sie anhalten werde, fühlt sich aber dabei infolge unvollständiger 
Konversion und beständigen Andranges neuer schmerzlicher 
Eindrücke unglücklich und krank. Sie erwartet ihn endlich in 
höchster Spannung für einen bestimmten Tag, den Tag einer 
Familienfeier. Der Tag verrinnt, ohne daß er gekommen wäre. 
Nachdem alle Züge, mit denen er ankommen könnte, vorüber 
sind, schlägt sie in halluzinatorische Verworrenheit um. Er ist 
angekommen, sie hört seine Stimme im Garten, eilt in Nacht- 
kleidung herunter, ihn zu empfangen. Von da an lebt sie durch 
zwei Monate in einem glücklichen Traum, dessen Inhalt ist: er 
sei da, sei immer um sie, es sei alles so wie vorhin (vor der 
Zeit der mühsam abgewehrten Enttäuschungen). Hysterie und 
Verstimmung sind überwunden; von der ganzen letzten Zeit des 
Zweifels und der Leiden wird während der Krankheit nicht 
gesprochen; sie ist glücklich, solange man sie ungestört läßt, 
und tobt nur dann, wenn eine Maßregel ihrer Umgebung sie 
an etwas hindert, was sie ganz konsequent aus ihrem seligen 
Traum folgern will. Diese seinerzeit unverständliche Psychose 
wurde zehn Jahre später durch eine hypnotische Analyse auf- 
gedeckt. 

Die Tatsache, auf die ich aufmerksam mache, ist die, daß 
der Inhalt einer solchen halluzinatorischen Psychose gera'de 
in der Hervorhebung jener Vorstellung besteht, die 






-58 

durch den Anlaß der Erkrankung bedroht war. Man ist also 
berechtigt zu sagen, daß das Ich durch die Flucht in die 
Psychose die unerträgliche Vorstellung abgewehrt hat; der Vor- 
gang, durch den dies erreicht worden ist, entzieht sich wiederum 
der Selbstwahrnehmung wie der psychologisch-klinischen Analyse. 
Er ist als der Ausdruck einer pathologischen Disposition hö- 
heren Grades anzusehen und läßt sich etwa wie folgt um- 
schreiben: Das Ich reißt sieb von der unerträglichen Vorstellung 
los, diese hängt aber untrennbar mit einem Stück der Realität 
zusammen, und indem das Ich diese Leistung vollbringt, hat 
«s sich auch von der Realität ganz oder teilweise losgelöst. 
Letzteres ist nach meiner Meinung die Bedingung, unter der 
eigenen Vorstellungen halluzinatorische Lebhaftigkeit zuerkannt 
wird, und somit befindet sich die Person nach glücklich ge- 
lungener Abwehr in halluzinatorischer Verworrenheit. 

Ich verfüge mir über sehr wenige Analysen von derartigen 
Psychosen; ich meine aber, es muß sich um einen sehr häufig 
benutzten Typus psychischer Erkrankung handeln, denn die als 
analog aufzufassenden Beispiele der Mutter, die, über den 
Verlust ihres Kindes erkrankt, jetzt unablässig ein Stück 
Holz im Arme wiegt, oder der verschmähten Braut, die seit 
Jahren im Putz ihren Bräutigam erwartet, fehlen in keinem 
Irrenhause. 

Es ist vielleicht nicht überflüssig hervorzuheben, daß die 
drei hier geschilderten Arten der Abwehr und somit die drei 
Formen von Erkrankung, zu denen diese Abwehr führt, an der- 
selben Person vereinigt sein können. Das gleichzeitige Vorkom- 
men von Phobien und hysterischen Symptomen, das in praxi so 
häufig beobachtet wird, gehört ja mit zu den Momenten, die 
eine reinliche Trennung der Hysterie von anderen Neurosea 
erschweren und zur Aufstellung der „gemischten Neurosen" 
nötigen. Die halluzinatorische Verworrenheit zwar verträgt sich 
häufig nicht mit dem Fortbestand der Hysterie, in der Regel 
nicht mit dem der Zwangsvorstellungen. Dafür ist es nichts 
Seltenes, daß eine Abwehrpsychose den Verlauf einer hysteri- 
schen oder gemischten Neurose episodisch durchbricht. 



r 






5'J 

Ich will endlich mit wenigen Worten der Hilfsvorstellun" 
gedenken, deren ich mich in dieser Darstellung der Abwehr- 
neurosen bedient habe. Es ist dies die Vorstellung, daß an den 
psychischen Funktionen etwas zu unterscheiden ist (Affektbetra^, 
Erregungssumme), das alle Eigenschaften einer Quantität hat — 
wenngleich wir kein Mittel besitzen, dieselbe zu messen — etwas, 
das der Vergrößerung, Verminderung, der Verschiebung und der 
Abfuhr fähig ist und sich über die Gedächtnisspuren der Vor- 
stellungen verbreitet, etwa wie eine elektrische Ladung über 
die Oberflächen der Körper. 

Man kann diese Hypothese, die übrigens bereits unserer 
Theorie des „Abreagierens" (Vorläufige Mitteilung 1893) zu- 
grunde liegt, in demselben Sinne verwenden, wie es die Physiker 
mit der Annahme des strömenden elektrischen Eluidums tun. 
Gerechtfertigt ist sie vorläufig durch ihre Brauchbarkeit zur 
Zusammenfassung und Erklärung mannigfaltiger psychischer 
Zustände. 

Wien, Ende Jänner 1S94. 






V. 

Über die Berechtigung, von der Neurasthenie 

einen bestimmten Symptomenkoiiiplex al& 

„Angstneurose" abzutrennen '). 

Es ist schwierig, etwas Allgemeingültiges von der Neur- 
asthenie auszusagen, solange man diesen Krankheitsnamen all 
das bedeuten läßt, wofür Beard ihn gebraucht hat. Die Neuro- 
pathologie, meine ich, kann nur dabei gewinnen, wenn man den 
Versuch macht, von der eigentlichen Neurasthenie alle jene 
neurotischen Störungen abzusondern, deren Symptome einerseits 
untereinander fester verknüpft sind als mit den typischen neur- 
asthenischen Symptomen (dem Kopfdruck, der Spinalirritation, 
der Dyspepsie mit Flatulenz und Obstipation), und die ander- 
seits in ihrer Ätiologie und ihrem Mechanismus wesentliche 
Verschiedenheiten von der typischen neurasthenischen Neurose 
erkennen lassen. Nimmt man diese Absicht an, so wird man 
bald ein ziemlich einförmiges Bild der Neurasthenie gewonnen 
haben. Man wird es dann dahin bringen, schärfer, als es bisher 
gelungen ist, verschiedene Pseudoneurasthenien (das Bild der 
organisch vermittelten nasalen Reflexneurose, die nervösen Stö- 
rungen der Kachexien und der Arteriosklerose, die Vorstadien 
der progressiven Paralyse und mancher Psychosen) von echter 
Neurasthenie zu unterscheiden, ferner werden sich — nach 
Mö bin 8' Vorschlag — manche Status nervosi der hereditär 
Degenerierten abseits stellen lassen, und man wird auch Gründe 
finden, manche Neurosen, die man heute Neurasthenie heißt, 
besonders intermittierender oder periodischer Natur, vielmehr 

i) „Neurologisches Zentralblatt", 1895, Nr. 2. 



61 



i 



der Melancholie zuzurechnen. Die einschneidendste Veränderung 
bahnt man aber an, wenn man sich entschließt, von der Neur- 
asthenie jenen Symptomenkomplex abzutrennen, den ich im 
folgenden beschreiben werde und der die oben aufgestellten 
Bedingungen in besonders zureichender Weise erfüllt. Die 
Symptome dieses Komplexes stehen klinisch einander weit näher 
als den echt neurasthenischen (d. h. sie kommen häufig zusam- 
men vor, vertreten einander im Krankheitsverlauf), und Ätio- 
logie wie Mechanismus dieser Neurose sind grundverschieden 
von der Ätiologie und dem Mechanismus der echten Neurasthenie, 
wie sie uns nach solcher Sonderung erübrigt. 

Ich nenne diesen Symptomenkomplex „Angstneurose", weil 
dessen sämtliche Bestandteile sich um das Hauptsymptom der 
Angst gruppieren lassen, weil jeder einzelne von ihnen eine 
bestimmte Beziehung zur Angst besitzt. Ich glaubte, mit dieser 
Auffassung der Symptome der Angstneurose originell zu sein, 
bis mir ein interessanter Vortrag von E. Heck er 1 ) in die Hände 
fiel, in welchem ich die nämliche Deutung mit aller wünschens- 
werten Klarheit und Vollständigkeit dargelegt fand. Heck er 
löst die von ihm als Äquivalente oder Rudimente des Angst- 
anfalles erkannten Symptome allerdings nicht aus dem Zusammen- 
hange der Neurasthenie, wie ich es beabsichtige; allein dies 
rührt offenbar daher, daß er auf die Verschiedenheit der ätio-. 
logischen Bedingungen hier und dort keine Rücksicht genommen 
hat. Mit der Kenntnis dieser letzteren Differenz entfällt jeder 
Zwang, die Angstsymptome mit demselben Namen wie die echt 
neurasthenischen zu bezeichnen, denn die sonst willkürliche 
Namengebung hat vor allem den Zweck, uns die Aufstellung 
allgemeiner Behauptungen zu erleichtern. 

I. Klinische Symptomatologie der Angstneurose. 

Was ich „Angstneurose" nenne, kommt in vollständiger 
oder rudimentärer Ausbildung, isoliert oder in Kombination mit 



i) E. Hecker: Über larvierte und abortive Angstzustände bei Neur- 
asthenie. Zentralblatt für Nervenheilkunde, Dezember 1893. — Die Angst 
wird geradezu unter den Hauptsymptomen der Neurasthenie angeführt in 
der Studie von Kaan: Der neurasthenische Angstaffekt bei Zwangsvorstel- 
lungen und der primordiale Grübelzwang, Wien, 1893. 



, 



62 

anderen Neurosen zur Beobachtung. Die einigermaßen vollstän- 
digen und dabei isolierten Fälle sind natürlich diejenigen, welche 
den Eindruck, daß die Angstneurose klinische Selbständigkeit 
besitze, besonders unterstützen. In anderen Fällen steht man 
vor der Aufgabe, aus einem Symptomen komplex, welcher einer 
„gemischten Neurose" entspricht, diejenigen herauszuklauben 
und zu sondern, die nicht der Neurasthenie, Hysterie u. dgl., 
sondern der Angstneurose zugehören. 

Das klinische Bild der Angstneurose umfaßt folgende 
Symptome: 

1. Die allgemeine Keizbarkeit. Diese ist ein häufiges 
nervöses Symptom, als solches vielen Status nervosi eigen. Ich 
führe sie hier an, weil sie bei der Angstneurose konstant vor- 
kommt und theoretisch bedeutsam ist. Gesteigerte Reizbarkeit 
deutet ja stets auf Anhäufung von Erregung oder auf Unfähig- 
keit, Anhäufung zu ertragen, also auf absolute oder relative 
Reizanhäufung. Einer besonderen Hervorhebung wert finde ich 
den Ausdruck dieser gesteigerten Reizbarkeit durch eine Ge- 
hörshyperästhesie, eine Überempfindlichkeit gegen Ge- 
räusche, welches Symptom sicherlich durch die mitgeborene 
innige Beziehung zwischen Gehörseindrücken und Erschrecken 
zu erklären ist. Die Gehörshyperästhesie, findet sich häufig als 
Ursache der Schlaflosigkeit, von welcher mehr als eine 
Form zur Angstneurose gehört. 

2. Die ängstliche Erwartung. Ich kann den Zustand» 
den ich meine, nicht besser erläutern, als durch diesen Namen 
und einige beigefügte Beispiele. Eine Frau z. B., die an ängst- 
licher Erwartung leidet, denkt bei jedem Hustenstoße ihres 
katarrhalisch affizierten Mannes an Influenzapneumonie und 
sieht im Geiste seinen Leichenzug vorüberziehen. Wenn sie auf 
dem "Wege nach. Hause zwei Personen vor ihrem Haustor bei- 
sammenstehend sieht, kann sie sich des Gedankens nicht er- 
wehren, daß eines ihrer Kinder aus dem Fenster gestürzt sei; 
wenn sie die Glocke läuten hört, so bringt man ihr eine Trauer- " 
botschaft u. dgl., während doch in allen diesen Fällen kein be- 
sonderer Anlaß zur Verstärkung einer bloßen Möglichkeit vorliegt. 

Die ängstliche Erwartung klingt natürlich stetig ins Nor- 
male ab, umfaßt alles, was man gemeinhin als „Ängstlichkeit,, 



6a 

Neigung zu pessimistischer Auffassung der Dinge" bezeichnet,, 
geht aber so oft als möglich über solche plausible Ängstlichkeit 
hinaus und ißt häufig selbst für den Kranken als eine Art von 
Zwang erkenntlich. Für eine Form der ängstlichen Erwartung, 
nämlich für die in bezug auf die eigene Gesundheit, kann man 
den alten Krankheitsnamen Hypochondrie reservieren. Die 
Hypochondrie geht nicht immer der Höhe der allgemeinen 
ängstlichen Erwartung parallel, sie verlangt als Vorbedingung 
die Existenz von Parästhesien und peinlichen Körperempfin- 
dungen, und so wird die Hypochondrie die Form, welche die 
echten Neurastheniker bevorzugen, sobald sie, was häufig ge- 
schieht, der Angstneurose verfallen. 

Eine weitere Äußerung der ängstlichen Erwartung dürfte ~ 
die bei moralisch empfindlicheren Personen so häufige Neigung 
zur Gewissensangst, zur Skrupulosität und Pedanterie sein, 
die gleichfalls vom Normalen bis zur Steigerung als Zweifel- 
s u c h t variiert. 

Die ängstliche Erwartung ist das Kernsymptom der Neu- 
rose; in ihr liegt auch ein Stück von der Theorie derselben 
frei zutage. Man kann etwa sagen, daß hier ein Quantum 
Angst frei flottierend vorhanden ist, welches bei der Er- 
wartung die Auswahl der Vorstellungen beherrscht und jeder- 
zeit bereit ist, sich mit irgend einem passenden Vorstellungs- 
inhalt zu verbinden. 

3. Es ist dies nicht die einzige Art, wie die fürs Bewußt- 
sein meist latente, aber konstant lauernde Ängstlichkeit sich 
äußern kann. Diese kann vielmehr auch plötzlich ins Bewußt- 
sein hereinbrechen, ohne vom Vorstellungsablauf geweckt zu 
werden, und so einen Angstanfall hervorrufen. Ein solcher 
Angstanfall besteht entweder einzig aus dem Angstgefühle ohne 
jede assoziierte Vorstellung oder mit der naheliegenden Deutung 
der Lebensvernichtung, des „Schlagtreffens", des drohenden 
Wahnsinnes, oder aber dem Angstgefühle ist irgend welche 
Parästhesie beigemengt (ähnlich der hysterischen Aura), oder 
endlich mit der Angstempfindung ist eine Störung irgend einer 
oder mehrerer Körperfunktionen, der Atmung, Herztätigkeit, der 
vasomotorischen Innervation, der Drüsentätigkeit verbunden. Aus 
dieser Kombination hebt der Patient bald das eine, bald das- 






64 

andere Moment besonders hervor, er klagt über „Herzkrampf«, 
„Atemnot", „Schweißausbrüche", „Heißhunger" u. dgl., und in 
seiner Darstellung tritt das Angstgefühl häutig ganz zurück 
oder wird recht unkenntlich als ein „Schlechtwerden", „Un- 
behagen" usw. bezeichnet. 

4. Interessant und diagnostisch bedeutsam ist nun, daß 
das Maß der Mischung dieser Elemente im Angstfalle ungemein 
variiert, und daß nahezu jedes begleitende Symptom den Anfall 
ebensowohl allein konstituieren kann wie die Angst selbst. Es 
gibt demnach rudimentäre Angstanf alle und Äqui- 
valente des Angstanfalles, wahrscheinlich alle von der 
gleichen Bedeutung, die einen großen und bis jetzt wenig ge- 
würdigten Reichtum an Formen zeigen. Das genauere Studium 
dieser larvierten Angstzustände (Hecker) und ihre diagnostische 
Trennung von anderen Anfällen dürfte bald zur notwendigen 
Arbeit für den Neuropathologen werden. 

Ich füge hier nur die Liste der mir bekannten Formen 
des Angstanfalles an: 

o) Mit Störungen der Herztätigkeit, Herzklopfen, mit 
kurzer Arrhythmie, mit länger anhaltender Tachykardie bis zu 
schweren Schwächezuständen des Herzens, deren Unterscheidung 
von organischer Herzaffektion nicht immer leicht ist; Pseudo- 
angina pectoris, ein diagnostisch heikles Gebiet! 

&) Mit Störungen der Atmung, mehrere Formen von 
nervöser Dyspnoe, asthmaartigem Anfalle ... dgl. Ich bebe her- 
vor, daß selbst diese Anfälle nicht immer von kenntlicher Angst 

hegleitet sind. 

c) Anfälle von Schweiß ausbrächen, oft nächtlich. 

d) Anfälle von Zittern und Schütteln, die nur 2u 
leicht mit hysterischen verwechselt werden. 

e) Anfülle von Heißhunger, oft mit Schwindel ver- 
bunden. 

f) Anfallsweise auftretende Diarrhöen. 

g) Anfälle von lokomotorischem Schwindel. 

h) Anfälle von sogenannten Kongestionen, so ziem- 
lich alles, was man vasomotorische Neurasthenie genannt hat 

i) Anfälle von Parästhesien (diese aber selten ohne 
Angst oder ein ähnliches Unbehagen). 






65 



5. Nichts als eine Abart des Angstanfalles ist sehr häufig 
das nächtliche Aufschrecken (Pavor noeturnus der Er- 
wachsenen), gewöhnlich mit Angst, mit Dyspnoe, Schweiß u.dgl. 
verbunden. Diese Störung bedingt eine zweite Form von Schlaf- 
losigkeit im Rahmen der Angstneurose. — Es ist mir übrigens 
unzweifelhaft geworden, daß auch der Pavor noeturnus der 
Kinder eine Form zeigt, die zur Angstneurose gehört. Der hyste- 
rische Anstrich, die Verknüpfung der Angst mit der Reproduk- 
tion eines hierzu geeigneten Erlebnisses oder Traumes, lassen 
den Pavor noeturnus der Kinder als etwas Besonderes er- 
scheinen; er kommt aber auch rein vor, ohne Traum oder wieder- 
kehrende Halluzination. 

6. Eine hervorragende Stellung in der Symptomengruppe 
der Angstneurose nimmt der „Schwindel" ein, der in seinen 
leichtesten Formen hesser als „Taumel" zu bezeichnen ist, in 
schwererer Ausbildung als „Schwindelanfall" mit oder ohne 
Angst zu den folgenschwersten Symptomen der Neurose gebort. 
Der Schwindel der Angstneurose ist Aveder ein Drehschwindel, 
noch läßt er, wie der Me nie re sehe Schwindel, einzelne Ebenen 
und Richtungen hervorheben. Er gehört dem lokomotorischen 
oder koordinatorischen Schwindel an wie der Schwindel bei 
Augenmuskellähmung; er besteht in einem spezifischen Miß- 
behagen, begleitet von den Empfindungen, daß der Boden wogt, 
die Beine versinken, daß es unmöglich ist, sich weiter aufrecht ■ 
zu halten, und dabei sind die Beine bleischwer, zittern oder 
knicken ein. Zum Hinstürzen führt dieser Schwindel nie. Da- 
gegen möchte ich behaupten, daß ein solcher Schwindelanfall 
auch durch einen Anfall von tiefer Ohnmacht vertreten werden 
kann. Andere ohnmachtartige Zustände bei der Angstneurose 
scheinen von einem Herzkollaps abzuhängen. 

Der Schwindelanfall ist nicht selten von der schlimmsten 
. Art von Angst begleitet, häufig mit Herz- und Atemstörungen 
kombiniert. Höhenschwindel, Berg- und Abgrundschwindel finden 
sich nach meinen Beobachtungen gleichfalls bei der Angstneurose 
häufig vor; auch weiß ich nicht, ob man noch berechtigt ist, 
nebenher einen Vertigo a stomacho laeso anzuerkennen. 

7. Auf Grund der chronischen Ängstlichkeit (ängstliche 
Erwartung) einerseits, der Neigung zum Schwindelangstanfalle 

Freud, Nimrosenlehre. I. 4. Auflage. e 







anderseits entwickeln sich zwei Gruppen von typischen Phobien, 
die erste auf die allgemein physiologischen Bedrohungen, . die- 
andere auf die Lokomotion bezüglich. Zur ersten Gruppe ge- 
hören die Angst vor Schlangen, Gewitter, Dunkelheit, Unge- 
ziefer u. dgl. sowie die typische moralische Übcrbedonklichkeit». 
Formen der Zweifelsucht; hier wird die disponible Angst ein- 
fach zur Verstärkung von Abneigungen verwendet, die jedem. 
Menschen instinktiv eingepflanzt sind. Gewöhnlich bildet sich. 
eine zwangsartig wirkende Phobie aber erst dann, wenn eine 
Reminiszenz an ein Erlebnis hinzukommt, bei welchem diese- 
Angst sich äußern konnte, z. B. nachdem der Kranke ein Ge- 
witter im Freien mitgemacht hat. Man tut Unrecht, solche Fälle 
einfach als Fortdauer starker Eindrücke erklären zu 
wollen; was diese Erlebnisse bedeutsam und ihre Erinnerung 
dauerhaft macht, ist doch nur die Angst, die damals hervor- 
treten konnte und heute ebenso hervortreten kann. Mit anderen 
Worten, solche Eindrücke bleiben kräftig nur bei Personen mit. 
„ängstlicher Erwartung". 

Die andere Gruppe enthält die Agoraphobie mit allen 
ihren Nebenarten, sämtliche charakterisiert durch die Beziehung 
auf die Lokomotion. Ein vorausgegangener Schwindelan fall 
findet sich hierbei häufig als Begründung der Phobie; ich glaube- 
nicht, daß man ihn jedesmal postulieren darf. Gelegentlich sieht 
man, daß nach einem ersten Schwindclanfall ohne Angst die 
Lokomotion zwar beständig von der Sensation des Schwindels- 
begleitet wird, aber ohne Einschränkung möglich bleibt, daß 
dieselbe aber unter den Bedingungen des Alleinseins, der engen 
Straße u. dgl. versagt, wenn einmal sich zum Sehwindelaufallö- 
Angst hinzugesellt hat. 

Das Verhältnis dieser Phobien zu den Phobien der Zwangs- 
neurose, deren Mechanismus ich in einem früheren Aufsatze 1 } 
in diesem Blatte aufgedeckt habe, ist folgender Art: Die Über- 
einstimmung liegt darin, daß hier wie dort einem Vorstellung 
zwangsartig wird durch die Verknüpfung mit einem disponiblen 
Affekt. Der Mechanismus der Affektversetzung gilt also 
für beide Arten von Phobien. Bei den Phobien der Angstneurose 



l) Die Abwehrnenropsychosen. Neurol. Zentralbl., 1894, Nr. 10 u. 11. 



67 

ist aber 1. dieser Affekt ein monotoner, stets der der Angst; 
2. stammt er nicht von einer verdrängten Vorstellung her, son- 
dern erweist sich bei psychologischer Analyse als nicht weiter 
reduzierbar, wie er auch durch Psychotherapie nicht 
anfechtbar ist. Der Mechanismus der Substitution gilt 
also für die Phobien der Angstneurose nicht. 

Beiderlei Arten von Phobien (oder Zwangsvorstellungen) 
kommen häufig nebeneinander vor,, obwohl, die atypischen Pho- 
bien, die auf Zwangsvorstellungen beruhen, nicht notwendig auf 
dem Boden der Angstneurose erwachsen müssen. Ein sehr 
häufiger, anscheinend komplizierter Mechanismus stellt sich heraus, 
wenn bei einer ursprünglich einfachen Phobie der Angstneurose 
der Inhalt der Phobie durch eine andere Vorstellung substituiert 
wird, die Substitution also nachträglich zur Phobie hinzukommt. 
Zur Substitution werden am häufigsten die „Schutzmaß- 
regeln" benutzt, die ursprünglich, zur Bekämpfung der Phobie 
versucht worden sind. So entsteht z: B. die Grübelsucht aus 
dem Bestreben, sich den Gegenbeweis zu liefern, daß man nicht 
verrückt ist, wie die hypochondrische Phobie behauptet: das 
Zaudern und Zweifeln, vielmehr Repetieren der Folie de doute 
entspringt dem berechtigten Zweifel in die Sicherheit des eigenen 
Gedankenablaufes, da man sich doch so hartnäckiger Störung 
durch die zwangsartige Vorstellung bewußt ist u. dgl. Man kann 
daher behaupten, daß auch viele Syndrome der Zwangsneurose, 
wie die Folie du doute und ähnliches, klinisch, wenn auch nicht 
begrifflich, der Angstneurose zuzurechnen sind 1 ). 

8. Die Verdauungstätigkeit erfährt bei der Angstneurose nur 
wenige, aller charakteristische Störungen. Sensationen wie Brech- 
neigung und Übligkeiten sind nichts Seltenes, und das Symptom 
des Heißhungers kann allein oder mit anderen (Kongestionen) 
einen rudimentären Angstanfall abgeben; als chronische Ver- 
änderung, analog .der ängstlichen Erwartung, findet man eine 
Neigung zur Diarrhöe, die zu den seltsamsten diagnostischen 
Irrtümern Anlaß gegeben hat. "Wenn ich nicht irre, ist es diese 
Diarrhöe, auf welche Möbius 2 ) unlängst in einem kleinen Auf- 



') Obsessions et phobies. Revue neurologique, 1895. 

*) Möbius: Neuropatbologiscbe Beiträge, 1894, 2. Heft. 

5* 



68 

• 

satze die Aufmerksamkeit gelenkt hat. Ich vermute ferner, 
Fevers reflektorische Diarrhöe, die er von Erkrankungen der 
Prostata ableitet 1 ), ist nichts anderes als diese Diarrhöe der 
Angstneurose. Eine reflektorische Beziehung wird dadurch vor- 
getäuscht, daß in der Ätiologie, der Angstneurose dieselben 
Faktoren ins Spiel kommen, die bei der Entstehung von solchen 
Prostataaffektionen u. dgl. tätig sind. 

Das Verhalten der Magendarmtätigkeit hei der Angst- 
neurose zeigt einen scharfen Gegensatz zu der Beeinflussung; 
derselben Punktion bei der Neurasthenie. Mischfällc zeigen oft 
die bekannte „Abwechslung von Diarrhöe und Verstopfung". 
Der Diarrhöe analog ist der Harndrang der Angstueurose. 

9. Die Parästhesien, die den Schwindel- oder Angst- 
anfall begleiten können, werden dadurch interessant, daß sie 
sich, ähnlieh wie die Sensationen der hysterischen Aura, zu 
einer festen Reihenfolge assoziieren; doch linde ich diese asso- 
ziierten Empfindungen im Gegensatze zu den hysterischen aty- 
pisch und wechselnd. Eine weitere Ähnlichkeit mit der Hysterie 
wird dadurch erzeugt, daß bei der Angstneurose eine Art von 
Konversion 2 ) auf körperliche Sensationen stattfindet, die 
sonst nach Belieben übersehen werden können, •/.. B. auf die 
rheumatischen Muskeln. Eine ganze Anzahl sogenannter Rheu- 
matiker, die übrigens auch als solche nachweisbar sind, leidet 
eigentlich an — Angstneurose. Neben dieser Steigerung der 
Schmerzeruptindlichkeit habe ich bei einer Anzahl von Fällen 
der Angstneurose eine Neigung zu Halluzinationen 
beobachtet, welch letztere sich nicht als hysterische deuten 
ließen. • 

1(1. Mehrere der genannten Symptome, welche den Angst- 
aufall begleiten oder vertreten, kommen auch in chronischer 
Weise vor. Sie sind dann noch weniger leicht kenntlich, da die 
sie begleitende ängstliche Empfindung undeutlicher ausfällt als 
beim Angstanfalle. Dies gilt besonders für die Diarrhöe, den 
Schwindel nud die Parästhesien. Wie der Sehwindelanfall durch 



') Peyer: Die nervösen Affektionen des Darmes. Wiener Klinik, 
Jänner 1893. 

2 ) Freud: Abwekrneuropsvclioacn. 



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69 

einen Ohnmachtsanfall, so kann der chronische Schwindel durch 
die andauernde Empfindung großer Hinfälligkeit, Mattigkeit 
u. dgl. vertreten werden. 

II. Vorkommen und Ätiologie der Angstneurose. 

In manchen Fällen von Angstneurose läßt sich eine Ätio- 
logie überhaupt nicht erkennen. Es ist bemerkenswert, daß in 
solchen Fällen der Nachweis einer schweren hereditären Be- 
lastung selten auf Schwierigkeiten stößt. 

Wo man aber Grund hat, die Neurose für eine erwor- 
bene zu halten, da findet man bei sorgfältigem, dahin zielendem 
Examen als ätiologisch wirksame Momente eine Reihe von 
Schädlichkeiten und Einflüssen aus dem Sexualleben. Die- 
selben scheinen zunächst mannigfaltiger Natur, lassen aber leicht 
den gemeinsamen Charakter herausfinden, der ihre gleichartige 
Wirkung auf das Nervensystem erklärt; sie finden sich ferner 
entweder allein oder neben anderen banalen Schädlichkeiten, 
denen man eine unterstützende Wirkung zuschreiben darf. Diese 
sexuelle Ätiologie der Angstneurose ist so überwiegend häufig 
nachzuweisen, daß ich mich getraue, für die Zwecke dieser 
kurzen Mitteilung die Fälle mit zweifelhafter oder anders- 
artiger Ätiologie beiseite zu lassen. 

Für die genauere Darstellung der ätiologischen Bedingun- 
gen, unter denen die Angstneurose vorkommt, wird es sich 
empfehlen. Männer und Frauen gesondert zu behandeln. Die 
Angstneurose stellt sich bei weiblichen Individuen — nun ab- 
gesehen von deren Disposition — in folgenden Fällen ein: 

a) als virginale Angst oder Angst der Adoles- 
zenten. Eine Anzahl von unzweideutigen Beobachtungen hat 
mir gezeigt, daß ein erstes Zusammentreffen mit dem sexuellen 
Problem^ eine einigermaßen plötzliche Enthüllung des bisher 
Verschleierten, z. B. durch den Anblick eines sexuellen Aktes, 
eine Mitteilung oder Lektüre, bei heranreifenden Mädchen eine 
Angstneurose hervorrufen kann, die fast in typischer Weise mit 
Hysterie kombiniert ist; 

b) als Angst der Neuvermählten. Junge FVauen, die 
bei den ersten Kohabitationen anästhetiseh geblieben sind, ver- 
fallen nicht selten der Angstneurose, die wieder verschwindet, 



i 



70 



nachdem die Anästhesie normaler Empfindlichkeit Platz gemacht 
hat. Da die meisten jungen Frauen bei solcher anfänglicher 
Anästhesie gesund bleiben, bedarf es für das Zustandekommen 
dieser Angst Bedingungen, die ich auch angeben werde; 

c) als Angst der Frauen, deren Männer Ejaculatio praecox 
oder sehr herabgesetzte Potenz zeigen; und 

d) deren Männer den Coitus interruptus oder reservatus 
üben. Diese Fälle gehören zusammen, denn man kann sich bei 
der Analyse einer großen Anzahl von Beispielen leicht über- 
zeugen, daß es nur darauf ankommt, ob die Frau beim Koitus 
zur Befriedigung gelangt oder nicht. Im letzteren Falle ist die 
Bedingung für die Entstehung der Angstneurose gegeben. Da- 
gegen bleibt die Frau von der Neurose verschont, wenn der mit 
Ejaculatio praecox behaftete Mann den Congressus unmittelbar 
darauf mit besserein Erfolge wiederholen kann. Der Congressus 
reservatus mittels -des Kondoms stellt für die Frau keine 
Schädlichkeit dar, wenn sie sehr rasch erregbar und der Mann 
sehr potent ist; im andern Falle steht diese Art des Prä- 
ventivverkehres den andern an Schädlichkeit nicht nach. Der 
Coitus interruptus ist fast regelmäßig eine Schädlichkeit; für die 
Frau wird er es aber nur dann, wenn der Mann ihn rück- 
sichtslos übt, daß heißt den Koitus unterbricht, sobald er der 
Ejakulation nahe ist, ohne sich um den Ablauf der Erregung 
der Frau zu kümmern. Wartet der Mann im Gegenteile die 
Befriedigung der Frau ab, so hat ein solcher Koitus für letztere 
die Bedeutung eines normalen; es erkrankt aber dann der Mann 
an Angstneurose. Ich habe eine große Anzahl von Beobach- 
tungen gesammelt und analysiert, aus denen obige Sätze her- 
vorgehen; , 

e) als Angst der Witwen und absichtlich Absti- 
nenten, nicht selten in typischer Kombination mit Zwangs- 
vorstellungen; 

/) als Angst im Klimakterium während der letzten 
großen Steigerung der sexuellen Bedürftigkeit. 

Die Fälle c), d) und c) enthalten die Bedingungen, unter 
denen die Angstneurose beim weiblichen Geschlecht am häufig- 
sten und am ehesten unabhängig von hereditärer Disposition 
entsteht. An diesen — heilbaren, erworbenen — Fällen von 









71. 

Angstneurose werde ich den Nachweis zu führen versuchen, daß 
die aufgefundene sexuelle Schädlichkeit wirklich das ätiologische 
Moment der Neurose darstellt. Ich will nur vorher auf die 
sexuellen Bedingungen der Angstneurose hei Männern eingehen. 
Hier möchte ich folgende Gruppen aufstellen, die sämtlich ihre 
Analogien hei den Frauen finden. 

a) Angst der absichtlich Abstinenten, häufig mit 
"Symptomen der Abwehr (Zwangsvorstellungen, Hysterie) kom- 
biniert. Die Motive, die für absichtliche Abstinenz maßgebend 
sind, bringen es mit sich, daß eine Anzahl von hereditär Ver- 
anlagten, Sonderlingen u. dgl. zu dieser Kategorie zählt, 

b) Angst der Männer mit frustraner Erregung (während 
des Brautstandes), Personen, die (aus Furcht vor den Folgen 
des sexuellen Verkehres) sich mit Betasten oder 'Beschauen des 
Weibes begnügen. Diese Gruppe von Bedingungen (die übrigens 
unverändert auf das andere Geschlecht zu übertragen ist — 
Brautschaft, Verhältnisse mit sexueller Schonung) liefert die 
reinsten Fälle der Neurose. 

c) Angst der Männer, die Coitus interruptus üben. Wie 
schon bemerkt, schädigt der Coitus interruptus die Frau, wenn 
er ohne Rücksicht auf die Befriedigung der Frau geübt wird; 
er wird aber zur Schädlichkeit für den Mann, wenn dieser, um 
die Befriedigung der Frau zu erzielen, den Coitus willkürlich 
dirigiert, die Ejakulation aufschiebt. Auf solche Weise läßt sich 
verstehen, daß von den Ehepaaren, die im Coitus interruptus 
leben, gewöhnlich nur ein Teil erkrankt. Bei Männern erzeugt 
der Coitus interruptus übrigens nur selten reine Angstneurose, 
meist eine Vermengung derselben mit Neurasthenie. 

d) Angst der Männer im Senium. Es gibt Männer, die 
-wie die Frauen ein Klimakterium zeigen und zur Zeit ihrer ab- 
nehmenden Potenz und steigenden Libido Angstneurose pro- 
duzieren. 

Endlich muß ich noch zwei Fälle anschließen, die für 
beide Geschlechter gelten: 

e) Die Neurastheniker infolge von Masturbation verfallen 
in Angstneurose, sobald sie von ihrer Art der sexuellen Befrie- 
digung ablassen. Diese Personen haben sich besonders unfähig 
gemacht, die Abstinenz zu ertragen. 



72 






Ich bemerke hier als wichtig Ihr das Verständnis der 
Angstneurose, daß eine irgend bemerkenswerte Ausbildung der- 
selben nur bei potent gebliebenen Männern und bei nicht 
anästhetischen Frauen zustande kommt. Bei Neurasthenikern, 
die durch Masturbation bereits schwere Schädigung ihrer Potenz 
erworben haben, fällt die Angstneurose im Falle der Abstinenz 
recht dürftig aus und beschränkt sieh meist auf Hypochondrie 
und leichten chronischen Schwindel. Die Frauen sind ja in 
ihrer Mehrheit als „potent" zu nehmen; eine wirklich impotente» 
d. h. wirklich anästhetische Frau ist gleichfalls der Angstneurose 
wenig zugänglich und erträgt die angeführten Schädlichkeiten 
auffällig gut. 

AVieweit man etwa sonst berechtigt ist, konstante Be- 
ziehungen zwischen einzelnen ätiologischen Momenten und ein- 
zelnen Symptomen aus dem Komplex der Angstneurose anzu- 
nehmen, möchte ich hier noch nicht erörtern. 

f) Die letzte der anzuführenden ätiologischen Bedingungen 
scheint zunächst überhaupt nicht sexueller Natur zu sein. Die 
Angstneurose entsteht, und zwar bei beiden Geschlechtern, auch 
durch das Moment der Überarbeitung, erschöpfender Anstren- 
gung, z. B. nach Nachtwachen. Krankenpflegen und selbst 
nach schweren Krankheiten. 



Der Haupteinwand gegen meine Aufstellung 'einer sexuellen 
Ätiologie der Angstneurose wird wohl dahin lauten: derartige 
abnorme Verhältnisse des Sexuallebens landen sich so überaus 
häufig, daß sie überall zur Hand sein müssen, wo man nach 
ihnen sucht. Ihr Vorkommen in den angeführten Fällen von 
Angstneurose beweise also nicht, daß in ihnen die Ätiologie der 
Neurose aufgedeckt sei. Übrigens sei die Anzahl der Personen, 
die Coitus interruptus u. dgl. treiben, unvergleichlich größer 
als die Anzahl der mit Angstneurose Behafteten, und die über- 
wiegende Menge der ersteren befände sich bei dieser Schädlich- 
keit recht wohl. 

Ich habe darauf zu erwidern, daß man bei der anerkannt 
übergroßen Häutigkeit der Neurosen und der Angstneurose spe- 
ziell ein selten vorkommendes ätiologisches Moment gewiß 



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- . 






73 



nicht erwarten dürfe; ferner daß damit geradezu ein Postulat 
der Pathologie erfüllt sei, wenn sich bei einer ätiologischen 
Untersuchung das ätiologische Moment noch häufiger nachweisen 
lasse als dessen Wirkung, da ja für letztere noch andere Be- 
dingungen (Disposition, Summation der spezifischen Ätiologie, 
Unterstützung durch andere, banale Schädlichkeiten) erfordert 
werden können; ferner, daß die detaillierte Zergliederung ge- 
eigneter Fälle vim Angstneurose die Bedeutung des sexuellen 
Momentes ganz unzweideutig erweist. Ich will mich hier aber 
nur auf das ätiologische Moment des Coitus interruptus und 
auf die Hervorhebung einzelner beweisender Erfahrungen be- 
schränken. 

1. Solange die Angstneurose bei jungen Frauen noch 
nicht konstituiert ist, sondern in Ansätzen hervortritt, die immer 
wieder spontan verschwenden, läßt sich nachweisen, daß jeder 
solche Schub der Neurose auf einen Koitus mit mangelnder 
Befriedigung zurückgeht. Zwei Tage nach dieser Einwirkung, 
bei wenig resistenten Personen am Tage nachher, tritt regel- 
mäßig der Angst- oder Schwindelanfall auf. an den sich andere 
Symptome der Neurose schließen, um — bei seltenerem ehe- 
lichen Verkehr — wieder miteinander abzuklingen. Eine zufällige 
Reise des Mannes, ein Aufenthalt im Gebirge, der mit Trennung 
des Ehepaares verbunden ist, tun gut; die zumeist in erster 
Linie eingeleitete gynäkologische Behandlung nützt dadurch, daß 
während ihrer Dauer der eheliche Verkehr aufgehoben ist. Merk- 
würdigerweise ist der Erfolg der lokalen Behandlung ein vor- 
übergehender, stellt sich die Neurose noch im Gebirge wieder 
ein, sobald der Mann seinerseits in die Ferien tritt u. dgl. Läßt 
man als ein dieser Ätiologie kundiger Arzt bei noch nicht kon- 
stituierter Neurose den Coitus interruptus durch normalen Ver- 
kehr ersetzen, so ergibt sich die therapeutische Probe auf 
die hier aufgestellte Behauptung. Die Angst ist behoben und 
kehrt ohne neuen, ähnlichen Anlaß nicht wieder. 

2. In der Anamnese vieler Fälle von Angstueurose findet 
man bei Männern wie bei Frauen ein auffälliges Schwanken in 
der Intensität der Erscheinungen, ja im Kommen und Gehen 
des ganzen Zustandes. Dieses Jahr war fast ganz gut, das 
nächstfolgende gräßlich u. dgl., einmal fällt die Besserung zu- 



74 

gunsten einer bestimmten Kur aus, die aber beim nächsten An- 
falle ganz im Stieb gelassen bat u. dgl. ra. Erkundigt man sich 
nun nach Anzahl und Reihenfolge der Kinder und stellt diese 
Ehechronik dem eigentümlichen Verlauf der Neurose gegenüber, 
so ergibt sich als einfache Lösung, daß die Perioden von Besse- 
rung oder Wohlbefinden mit den Graviditäten der Frau zusammen- 
fallen, während welcher natürlich der Anlaß für den Präventiv- 
verkehr entfallen war. Dem Manne aber hatte jene Kur, sei es 
beim Pfarrer Kneipp oder in der hydrotherapeutischen Anstalt, 
genützt, nach welcher er seine Frau gravid antraf. 

3. Aus der Anamnese der Kranken ergibt sich häufig, daß 
die Symptome der Angstneurose zu einer bestimmten Zeit die 
einer andern Neurose, etwa der Neurasthenie, abgelöst und sich 
an deren Stelle gesetzt haben. Es läßt sich dann ganz regel- 
mäßig nachweisen, daß kurz vor diesem Wechsel des Bildes ein 
entsprechender Wechsel in der Art der sexuellen Schädigung 
stattgefunden hat. 

Während derartige, nach Belieben zu vermehrende Er- 
fahrungen dem Arzte für eine gewisse Kategorie von Fällen die 
sexuelle Ätiologie geradezu aufdrängen, lassen sich andere Fälle, 
die sonst unverständlich blieben, mittels des Schlüssels der 
sexuellen Ätiologie wenigstens widerspruchslos verstehen und 
einreihen. Es sind dies jene sehr zahlreichen Fälle, in denen 
zwar alles vorhanden ist, was wir bei der vorigen Kategorie ge- 
funden haben, die Erscheinungen der Angstneurose einerseits, 
das spezifische Moment des Coitus interruptus anderseits, wo 
aber noch etwas anderes sich einschiebt, nämlich ein langes 
Intervall zwischen der vermeintlichen Ätiologie und deren Wir- 
kung, und etwa noch ätiologische Momente nicht sexueller Natur. 
Da ist z. B. ein Mann, der auf die Nachricht vom Tode seines 
Vaters einen Herzanfall bekommt und von da an der Angst- 
neurose verfallen ist. Der Fall ist nicht zu vorstehen, denn der 
Mann war bisher nicht nervös; der Tod des hochbejahrten Vaters 
erfolgte keineswegs unter besonderen Umständen, und man wird 
zugeben, daß das normale, erwartete Ableben eines alten Vaters 
nicht zu den Erlebnissen gehört, die einen gesunden Erwach- 
senen krank zu machen pflegen. Vielleicht wird die ätiologische 
Analyse durchsichtiger, wenn ich hinzunehme, daß dieser Mann 



_ 



75 

seit 11 Jahren den Coitus interruptus mit Rücksicht auf seine 
Frau ausübt. Die Erscheinungen sind wenigstens genau die 
nämlichen, wie sie bei anderen Personen nach kurzer derartiger 
sexueller Schädigung und ohne Dazwischenkunft eines anderen 
Traumas auftreten. Ähnlich zu beurteilen ist der Fall einer 
Frau, deren Angstneurose nach dem Verlust eines Kindes aus- 
bricht, oder des Studenten, der in der Vorbereitung zu seiner 
letzten Staatsprüfung durch die Angstneurose gestört wird. Ich 
finde die Wirkung hier wie dort nicht durch die angegebene 
Ätiologie erklärt. Man muß sich nicht beim Studieren „über- 
arbeiten", und eine gesunde Mutter pflegt auf den Verlust eines 
Kindes nur mit normaler Trauer zu reagieren. Vor allem aber 
würde ich erwarten, daß der Student durch Überarbeitung eine 
Zephalasthenie, die Mutter in unserem Beispiele eine Hysterie 
akquirieren sollte. Daß sie beide Angstneurose bekommen, ver- 
anlaßt mich, Wert darauf zu legen, daß die Mutter seit 8 Jahren 
im ehelichen Coitus interruptus lebt, der Student aber seit 
3 Jahren ein warmes Liebesverhältnis mit einem „anständigen" 
Mädchen unterhält, das er nicht schwängern darf. 

Diese Ausführungen laufen auf die Behauptung hinaus, 
daß die spezitische sexuelle Schädlichkeit des Coitus interruptus 
dort, wo sie nicht imstande ist, für sich allein die Angstneurose 
hervorzurufen, doch wenigstens zu ihrer Erwerbung dis- 
poniert. Die Angstneurose bricht dann aus, sobald zur la- 
tenten Wirkung des spezitischen Momentes die Wirkung einer 
andern, banalen Schädlichkeit hinzutritt. Letztere kann das 
spezifische Moment quantitativ vertreten, aber nicht 
qualitativ ersetzen. Das spezifische Moment bleibt stets 
dasjenige, welches die Form der Neurose bestimmt. Ich hoffe, 
diesen Satz für die Ätiologie der Neurose auch im größeren 
Umfang erweisen zu können. 

Ferner ist in den letzten Erörterungen die an sich nicht 
unwahrscheinliche Annahme enthalten, daß eine sexuelle Schäd- 
lichkeit wie der Coitus interruptus sich durch Summ ation 
zur Geltung bringt. Je nach der Disposition des Individuums 
und der sonstigen Belastung von dessen Nervensystem wird es 
kürzere oder längere Zeit brauchen, ehe der Effekt dieser 
Summation sichtbar wird. Die Individuen, welche den Coitus 






76 

interruptus scheinbar ohne Nachteil ertragen, werden in Wirk- 
lichkeit durch denselben zu Störungen dir Angstneurose dispo- 
niert, die irgend einmal spontan oder nach einem banalen, sonst 
unangemessenen Trauma losbrechen können, gerade wie der 
chronische Alkoholiker auf dem Wege der Summation endlich 
eine Zirrhose oder andere Erkrankung entwickelt oder unter 
dem Einfluß eines Fiebers in ein Delirium verfällt. 

III. Ansätze zu einer Theorie der Angstneurose. 

Die nachstehenden Ausführungen beanspruchen nichts als 
den Wert eines ersten, tastenden Versuches, dessen Beurteilung 
die Aufnahme der im vorigen enthaltenen Tatsachen nicht 
beeinflussen sollte. Die Würdigung dieser „Theorie der Angst - 
neurose" wird ferner noch dadurch erschwert, daß sie bloß einem 
Bruchstücke aus einer umfassenderen Darstellung der Neurosen 
entspricht. 

In dem bisher über die Angstneurose Vorgebrachten sind 
bereits einige Anhaltspunkte für einen Einblick in den Mecha- 
nismus dieser Neurose enthalten. Zunächst die Vermutung, es 
dürfte sich um eine Anhäufung von Erregung handeln, sodann 
die überaus wichtige Tatsache, daß die Angst, die den Er- 
scheinungen der Neurose zugrunde liegt, keine psychische 
Ableitung zuläßt. Eine solche wäre z. B. vorhanden, wenn 
sich als Grundlage der Angstneurose ein einmaliger oder wieder- 
holter, berechtigter Schreck fände, der seither die Quelle der 
Bereitschaft zur Angst abgäbe. Allein dies ist nicht der Fall; 
durch einen einmaligen Schreck kann zwar eine Hysterie oder 
eine traumatische Neurose erworben werden, nie aber eine 
Angstneurose. Ich habe, da sich unter den Ursachen der Angst- 
neurose der Coitus interruptus so sehr in den Vordergrund 
drängt, anfangs, gemeint, die Quelle der kontinuierlichen Angst 
könnte in der beim Akte jedesmal sich wiederholenden Furcht 
liegen, die Technik könnte mißglücken und demnach Konzeption 
erfolgen. Ich habe aber gefunden, daß dieser Gemütszustand 
de- Frau oder des Mannes während des (Joitus interruptus für 
die Entstehung der Angstneurose gleichgültig ist, daß die gegen 
die Folgen einer möglichen Konzeption im Grunde gleichgül- 
tigen Frauen der Neurose ebenso ausgesetzt sind wie die vor 



77 

dieser Möglichkeit Schaudernden, und daß es nur darauf an- 
kam, welcher Teil bei dieser sexuellen Technik seine Befriedi- 
gung einbüßte. 

Einen weiteren Anhaltspunkt bietet die noch nicht er- 
wähnte Beobachtung, daß in ganzen Reihen von Fällen die 
Angstneurose mit der deutlichsten Verminderung der sexuellen 
Libido, der psychischen Lust, einhergeht, so daß die Kran- 
ken auf die Eröffnung, ihr Leiden rühre von „ungenügender 
• Befriedigung", regelmäßig antworten: Das sei unmöglich, gerade 
jetzt sei alles Bedürfnis bei ihnen erloschen. Aus all diesen 
Andeutungen, daß es sich um Anhäufung von Erregung handle, 
daß die Angst, welche solcher angehäufter Erregung wahrschein- 
lich entspricht, somatischer Herkunft sei, so daß also somatische 
Erregung angehäuft werde, ferner daß diese somatische Erre- 
gung sexueller Natur sei und daß eine Abnahme der psychi- 
schen Beteiligung an den Sexualvorgängen nebenher gehe — 
Alle diese Andeutungen, sage ich, begünstigen die Erwartung, 
der Mechanismus der Angstneurose sei in der Ab- 
lenkung der somatischen Sexualerregung vom Psy- 
chischen und einer dadurch verursachten abnormen 
Verwendung dieser Erregung zu suchen. 

Man kann sich diese Vorstellung vom Mechanismus der 
Angstneurose klarer machen, wenn man folgende Betrachtung 
über den Sexualvorgang akzeptiert, die sieh zunächst auf den 
Mann bezieht. Im geschlechtsreifen männlichen Organismus 
w ird — wahrscheinlich kontinuierlich — die somatische Sexual- 
erre^ung produziert, die periodisch zu einem Reiz für das psy- 
chische Leben wird. Schalten wir, um unsere Vorstellungen dar- 
über besser zu fixieren, ein, daß diese somatische Sexualerre- 
<mng sich als Druck auf die mit Nervenendigungen versehene 
Wandung der Samenbläschen äußert, so wird diese viszerale 
Erregung zwar kontinuierlich anwachsen, aber erst von einer 
gewissen Höhe an imstande sein, den Widerstand der eingeschal- 
teten Leitung bis zur Hirnrinde zu überwinden und sich als 
psychischer Reiz zu äußern. Dann aber wird die in der Psyche 
vorhandene sexuelle Vorstellungsgruppe mit Energie ausgestattet, 
und es entsteht der psychische Zustand libidinöser Spannung, 
welcher den Drang nach Aufhebung dieser Spannung mit sich 



78 



bringt. Eine solche psychische Entlastung ist nur auf dem Wege 
möglich, den ich als spezifische oder adäquate Aktion be- 
zeichnen will. Diese adäquate Aktion besteht für den männ- 
lichen Sexualtrieb in einem komplizierten spinalen Reflexakt, der 
die Entlastung jener Nervenendigungen zur Folge hat, und in 
allen psychisch zu leistenden Vorbereitungen für die. Auslösung 
dieses Reflexes. Etwas anderes als die adäquate Aktion würde 
nichts fruchten, denn die somatische Sexualerregung setzt sich, 
nachdem sie einmal den Schwellenwert erreicht hat, kontinuier- 
lich in psychische Erregung um; es muß durchaus dasjenige 
geschehen, was die Nervenendigungen von dem auf sie lasten- 
den Druck befreit, somit die ganze derzeit vorhandene soma- 
tische Erregung aufhebt und der subkortikalen Leitung gestattet, 
ihren Widerstand herzustellen. 

Ich werde es mir versagen, kompliziertere Fälle des Sexual- 
vorganges in ähnlicher Weise darzustellen. Ich will nur noch 
die Behauptung aufstellen, daß dieses Schema im wesentlichen 
auch auf die Frau zu übertragen ist, trotz aller das Problem 
verwirrenden, artefiziellen Verzögerung und Verkümmerung des 
weiblichen Geschlechtstriebes. Es ist auch bei der Frau eine 
somatische Sexualerregung anzunehmen und ein Zustand, in 
dem diese Erregung psychischer Reiz wird, Libido und den 
Drang nach der spezifischen Aktion hervorruft, an welche sich 
das Wollustgcfühl knüpft. Nur ist man bei der Frau nicht im- 
stande, anzugeben was etwa der Entspannung der Samenbläs- 
chen hier analog wäre. 

In den Rahmen dieser Darstellung des Sexualvorganges 
läßt sich nun sowohl die Ätiologie der echten Neurasthenie als 
die der Angstneurose eintragen. Neurasthenie entsteht jedesmal 
wenn die adäquate (Aktion) Entlastung durch eine minder 
adäquate ersetzt wird, der normale Koitus unter den günstigsten 
Bedingungen, also durch eine Masturbation oder spontane Pol- 
lution; zur Angstneurose aber führen alle Momente, welche die N 
psychische Verarbeitung d#r somatischen Sexualerregung ver- 
hindern. Die Erscheinungen der Angstneurose kommen zustande, 
indem die von der Psyche "abgelenkte somatische Sexualerregung 
sich subkortikal, in ganz und gar nicht adäquaten Reaktionen 
ausgibt. 



_ 



* 



7S 



Ich will es nun versuchen, die vorhin angegebenen ätio- 
logischen Bedingungen der Angstneurosc daraufhin zu prüfen, 
ob sie den von mir aufgestellten gemeinsamen Charakter erkennen- 
lassen. Als erstes ätiologisches Moment habe ich für den Mann 
die absichtliche Abstinenz angeführt. Abstinenz besteht in der 
Versagung der spezifischen Aktion, die sonst auf die Libido- 
erfolgt. Eine solche Versagung wird zwei Konsequenzen haben 
können, nämlich, daß die somatische Erregung sich anhäuft,, 
und dann zunächst, daß sie auf andere Wege abgelenkt wird, 
auf denen ihr -eher Entladung winkt als auf dem Wege über 
die Psyche. Es wird also die Libido endlich sinken und die 
Erregung subkortikal als Angst sich äußern. Wo die Libido 
nicht verringert wird, oder die somatische Erregung auf kurzem 
Wege in Pollutionen verausgabt wird oder infolge der Zurück- 
drängung wirklich versiegt, da entsteht eben alles andere als 
Angstneurose. Auf solche Weise führt die Abstinenz zur Angst- 
neurose. Die Abstinenz ist- aber auch ' das Wirksame an der 
zweiten ätiologischen Gruppe, der frustranen Erregung. Der 
dritte Fall, der des rücksichtsvollen Coitus reservatus, wirkt da- 
durch, daß er die psychische Bereitschaft für den Sexualablauf 
stört, indem er neben der Bewältigung des Sexualaffektes eine 
andere, ablenkende, psychische Aufgabe einführt. Auch durch 
diese psychische Ablenkung schwindet allmählich die Libido, der 
weitere Verlauf ist .dann derselbe wie im Falle der Abstinenz. 
Die Angst im Senium (Klimakterium der Männer) erfordert eine 
andere Erklärung. Hier läßt die Libido nicht nach; es findet 
aber, wie während des Klimakteriums der Weiber, eine solche 
Steigerung in der Produktion der somatischen Erregung statt, 
daß die Psyche für die Bewältigung derselben sich als relativ 
insuffizient erweist. 

Keine größeren Schwierigkeiten bereitet die Subsumie- 
rung der ätiologischen Bedingungen bei der Frau unter den 
angeführten Gesichtspunkt. Der Fall der virginalen Angst ist. 
besonders klar. Hier sind eben die Vorstellungsgruppen noch 
nicht genug entwickelt, mit denen sich die somatische Sexual- 
erregung verknüpfen soll. Bei der anästhetischen Neuvermählten 
tritt die Angst nur dann auf, wenn die ersten Kohabitationen 
ein genügendes Maß von somatischer Erregung wecken. Wo die* 



80 



lokalen Zeichen solcher Erregtheit (wie spontane lleizempfindung, 
Harndrang u. dgl.) fehlen, da bleibt auch die Angst aus. Der 
Fall der Ejaculatio praecox, des Coitus interruptus, erklärt sich 
ähnlich wie beim Manne dadurch, daß für den psychisch unbe- 
friedigenden Akt. allmählich die Libido schwindet, während die 
dabei wachgerufene Erregung subkortikal ausgegeben wird. Die 
Herstellung einer Entfremdung zwischen dem Somatischen 
und dem Psychischen im Ablauf der Sexualerregung erfolgt beim 
Weibe rascher und ist schwerer zu beseitigen als beim Manne. 
Der Fall der Witwenschaft und der gewollten Abstinenz sowie 
der Fall des Klimakteriums erledigt sich beim Weibe wohl 
ebenso wie beim Manne, doch kommt für den Fall der Absti- 
nenz gewiß noch die absichtliche Verdrängung des sexuellen 
Vorstellungskreises hinzu, zu welcher die mit der Versuchung 
kämpfende abstinente Frau sich häufig entschließen muß, und 
ähnlich mag in der Zeit der Menopause der Abscheu wirken, 
den die alternde Frau gegen die übergroß gewordene Libido 
empfindet. 

Auch die beiden zuletzt angeführten ätiologischen Bedin- 
gungen scheinen sich ohne Schwierigkeit einzuordnen. 

Die Angstneigung der neurasthenisch gewordenen Mastur- 
banten erklärt sich daraus, daß diese Personen so leicht in den 
Zustand der „Abstinenz" geraten, nachdem sie sich so lange ge- 
wöhnt hatten, jeder kleinen Quantität somatischer Erregung 
eine allerdings fehlerhafte Abfuhr zu schaffen. Endlich läßt der 
letzte Fall, die Entstehung der Angstneuroso durch schwere 
Krankheit, Überarbeitung, erschöpfende Krankenpflege u. dgl., 
in Anlehnung an die Wirkungsweise des Coitus interruptus die 
zwanglose Deutung zu, die Psyche werde hier durch Ablenkung 
insuffizient zur Bewältigung der somatischen Sexualerregung, 
einer Aufgabe, die ihr ja kontinuierlich obliegt. Man weiß, wie 
tief unter denselben Bedingungen die Libido sinken kann, und 
man hat hier ein schönes Beispiel einer Neurose, die zwar 
"keine sexuelle Ätiologie, aber doch einen sexuellen 
Mechanismus erkennen läßt. 

Die hier entwickelte Auffassung stellt die Symptome der 
Angstneurose gewissermaßen als Surrogate der unterlassenen 
spezifischen Aktion auf die Sexualerregung dar. Ich erinnere 









81 



zur weiteren Unterstützung derselben daran, daß auch beim 
normalen Koitus die Erregung sich nebstbei als Atembeschleuni- 
gung, Herzklopfen, Schweißausbruch, Kongestion u. dgl. aus- 
gibt. Im entsprechenden Angstanfalle unserer Neurose hat man 
die Dyspnoe, das Herzklopfen u. dgl. des Koitus isoliert und 
gesteigert vor sich. 

Es könnte noch gefragt werden: Warum gerät denn das 
Nervensystem unter solchen Umständen, bei psychischer Unzu- 
länglichkeit zur Bewältigung der Sexualerregung, in den eigen- 
tümlichen Affektzustand der Aoigst? Darauf ist andeutungs- 
weise zu erwidern: Die Psyche gerät in den Affekt der Angst, 
wenn sie sich unfähig fühlt, eine von außen nahende Auf- 
gabe (Gefahr) durch entsprechende Reaktion zu erledigen; sie 
gerät in die Neurose der Angst, wenn sie sich unfähig merkt, 
die endogen entstandene (Sexual-) Erregung auszugleichen. Sie 
benimmt sich also, als projizierte sie diese Erre- 
gung nach außen. Der Affekt und die ihm entsprechende 
Neurose stehen in fester Beziehung zueinander, der erstere ist 
die Reaktion auf eine exogene, die letztere die Reaktion auf die 
analoge endogene Erregung. Der Affekt ist ein rasch vorüber- 
gehender Zustand, die Neurose ein chronischer, weil die exogene 
Erregung wie ein einmaliger Stoß, die endogene wie eine kon- 
stante Kraft wirkt. Das Nervensystem -reagiert in der 
Neurose gegen eine innere Erregungsquelle wie in 
dem entsprechenden Affekt gegen eine analoge 
äußere 

IV. Beziehung zu anderen Neurosen. 
Es erübrigen noch einige Bemerkungen über die Bezie- 
hungen der Angstneurose zu den anderen Neurosen nach Vor- 
kommen und innerer Verwandtschaft. 

Die reinsten Fälle von Angstneurose sind auch meist die 
ausgeprägtesten. Sie finden sich bei potenten jugendlichen Indi- 
viduen, bei einheitlicher Ätiologie und nicht zu langem Bestände 
•des Krankseins. 

Häufiger ist allerdings das gleichzeitige und gemeinsame 
Vorkommen von Angstsymptomen mit solchen der Neurasthenie, 
Hysterie, der Zwangsvorstellungen, der Melancholie. Wollte man 

Freud. Neurosenlelire. I. 4. Auflaj«. 6 






82 

sich durch solche klinische Vermengung abhalten lassen, die 
Angstneurose als eine selbständige Einheit anzuerkennen, so 
müßte man konsequenterweise auch auf die mühsam erworbene 
Trennung von Hysterie und Neurasthenie wieder verzichten. 

Für die Analyse der „gemischten Neurosen" kann ich den 
wichtigen Satz vertreten: Wo sich eine gemischte Neu- 
rose vorfindet, da läßt sich eine Vermengung meh- 
rerer spezifischer Ätiologien nachweisen. 

Eine solche Vielheit ätiologischer Momente, die eine ge- 
mischte Neurose bedingt, kann bloß zufällig zustande kommen, 
etwa indem eine neu hinzutretende Schädlichkeit ihre Wirkungen 
zu denen einer früher vorhandenen addiert; zum Beispiel eine 
Frau, die von jeher Hysterica war, tritt zu einer gewissen Zeit 
ihrer Ehe in den Coitus reservatus ein und erwirbt jetzt zu 
ihrer Hysterie eine Angstneurose; ein Mann, der bisher mastur- 
biert hatte und neurasthenisch wurde, wird Bräutigam, erregt 
sich bei seiner Braut, und jetzt gesellt sich zur Neurasthenie 
eine frische Angstneuro3e hinzu. 

In anderen Fällen ist die Mehrheit ätiologischer Momente 
keine zufällige, sondern das eine derselben hat das andere mit f-. 
zur Wirkung gebracht; zum Beispiel eine Frau, mit welcher ihr 
Mann Coitus reservatus ohne Rücksicht auf ihre Befriedigung 
übt, sieht sich genötigt, die peinliche Erregung nach einem 
solchen Akt durch Masturbation zu beenden; sie zeigt infolge- 
dessen nicht reine Angstneurose, sondern daneben .Symptom.' 
von Neurasthenie; eine zweite Frau wird unter derselben Schäd- 
lichkeit mit lüsternen Bildern zu kämpfen haben, deren sie sich 
erwehren will, und wird auf solche Weise durch den Coitus 
interruptus nebst der Angstneurose Zwangsvorstellungen erwer- 
ben; eine dritte Frau endlich wird infolge des Coitus inter- 
ruptus die Neigung zu ihrem Manne einbüßen, eine andere 
Neigung erwerben, welche sie sorgfältig geheim hält, und wird 
infolgedessen ein Gemenge von Angstneurose und Hysterie zeigen. 

In einer dritten Kategorie von gemischten Neurosen ist 
der Zusammenhang der Symptome ein noch innigerer, indem 
die nämliche ätiologische Bedingung gesetzmäßig und gleich- 
zeitig beide Neurosen hervorruft. So zum Beispiel erzeugt die 
plötzliche sexuelle Aufklärung, die wir bei 'der virginalen Angst 






88 



gefunden haben, immer auch Hysterie; die allermeisten Fälle 
von absichtlicher Abstinenz verknüpfen sich von Anfang an mit 
echten Zwangsvorstellungen; der Coitus interruptus der Männer 
scheint mir niemals reine Angstneurose provozieren zu können, 
sondern stets eine Vermengung derselben mit Neurasthenie u. dgl. 
Es geht aus diesen Erörterungen hervor, daß man die 
ätiologischen Bedingungen des Vorkommens noch unterscheiden 
muß von den spezifischen ätiologischen Momenten der Neurosen. 
Erstere, zum Beispiel der Coitus interruptus, die Masturbation, 
die Abstinenz, sind noch vieldeutig und können ein jedes ver- 
schiedene Neurosen produzieren; erst die aus ihnen abstrahierten 
ätiologischen Momente, wie inadäquate Entlastung, psy- 
chische Unzulänglichkeit, Abwehr mit Substitution, 
haben eine unzweideutige und spezifische Beziehung zur Ätio- 
logie der einzelnen großen Neurosen. 



Ihrem inneren Wesen nach zeigt die Angstneurose die 
interessantesten Übereinstimmungen und Verschiedenheiten gegen 
die anderen großen Neurosen, besonders gegen Neurasthenie 
und Hysterie. Mit der Neurasthenie teilt sie den einen Haupt- 
charakter, daß die Erregungsquelle, der Anlaß zur Störung, 
auf somatischem Gebiete liegt, anstatt wie bei Hysterie und 
Zwangsneurose auf psychischem. Im übrigen läßt sich eher eine 
Art von Gegensätzlichkeit zwischen den Symptomen der Neur- 
asthenie und denen der Angstneurose erkennen, die etwa in den 
Schlagworten: Anhäufung — Verarmung an Erregung, ihren 
Ausdruck fände. Diese Gegensätzlichkeit hindert nicht, daß sich 
die beiden Neurosen miteinander vermengen, zeigt sich aber 
doch darin, daß die extremsten Formen in beiden Fällen auch 
die reinsten sind. 

Mit der Hysterie zeigt die Angstneurose zunächst eine 
Reihe von Übereinstimmungen in der Symptomatologie, deren 
genauere Würdigung noch aussteht. Das Auftreten der Erschei- 
nungen als Dauersymptome oder in Anfällen, die auraartig 
gruppierten Parästhesien, die Hyperästhesien und Druckpunkte, 
die sich bei gewissen Surrogaten des Angstanfalles, bei der 
Dyspnoe und dem Herzanfalle finden, die Steigerung der etwa 






organisch berechtigten Schmerzen (durch Konversion): — diese 
und andere gemeinschaftliche Züge lassen sogar vermuten, daß 
manches, was man der Hysterie zurechnet, mit mehr Fug und 
Kecht zur Angstneurose geschlagen werden dürfte. Geht man 
auf den Mechanismus der beiden Neurosen ein, soweit er sich 
bis jetzt hat durchschauen lassen, so ergeben sich Gesichts- 
punkte, welche die Angstneurose geradezu als das somatische 
Seitenstück zur Hysterie erscheinen lassen. Hier wie dort An- 
häufung von Erregung — worin vielleicht die vorhin geschilderte 
Ähnlichkeit der Symptome gegründet ist — ; hier wie dort eine 
psychische Unzulänglichkeit, der zufolge abnorme 
somatische Vorgänge Zustandekommen. Hier wie dort 
tritt an Stelle einer psychischen Verarbeitung eine Ablenkung 
der Erregung in das Somatische ein; der Unterschied liegt bloß 
darin, daß die Erregung, in deren Verschiebung sich die Neu- 
rose äußert, bei der Angstneurose eine rein somatische (die 
somatische Sexualerregung), bei der Hysterie eine psychische 
(durch Konflikt hervorgerufene) ist. Es kann daher nicht Wunder 
nehmen, daß Hysterie und Angstneurose sich gesetzmäßig mit- 
einander kombinieren, wie bei der „virginalen Angst" oder 
der „sexuellen Hysterie", daß die Hysterie eine Anzahl 
von Symptomen einfach der Angstnenrose entlehnt u. dgl. Diese 
innigen Beziehungen der Angstneurose zur Hysterie geben auch 
ein neues Argument ab, um die Trennung der Angstneurose 
von der Neurasthenie zu fordern; denn verweigert man diese, 
so kann man auch die so mühsam erworbene und für die Theorie 
der Neurosen so unentbehrliche Unterscheidung von Neurasthenie 
und Hysterie nicht mehr aufrecht erhalten. 

Wien, im Dezember 1894. 



VT, 

Obsessions et pliobies. 
Leur möcanisme psychique et leur etiologie 1 ). 



Je commencerai par contester deux assertions, qui se trou- 
vent souvent lvpetees sur le compte des Syndromes: „obsessions 
et phobies". II faut dire: 1° qu'ils ne se rattaehent pas ä la 
neurasthenie propre, puisque les malades atteints de ces sym- 
ptömes sont aussi souvent des neurastheniques que non; 2° qu'il 
n'est pas Justine" de les faire dependre de la degeneration 
mentale, parce qu'ils se trouvent chez de personnes pas plus 
degenerees que la plupart des nevrosiques en general, parce 
qu'ils s'amendent quelquefois et qu'on parvient meme quelque- 
fois ä les guerir 2 ). 

Les obsessions et les pbobies sont des nevroses ä part r 
d'un mecanisme special et d'une etiologie que j'ai reussi ä mettre 
en lumiere dans un certain nombre de cas, et qui, je l'espere,. 
se montreront de meme dans bon nombre de cas nouveaux. 

Quant a la division du sujet je propose d'abord d'ecarter 
une classe d'obsessions intenses, qui ne sont autre chose que des 
Souvenirs, des images non alterees d'evenements importants. Je 
citerai, par exemple, l'obsession de Pascal qui croyait toujours 
voir un abimc ä son cöte gauche, „depuis qu'il avait manque 
d'etre precipite dans la Seine avec son carrosse". Ces obsessions- 



J) Revue neurologique, III, 1895. 

■) Je suis tres content de trouver que les auteurs les plus, recents 
sur notre sujet expriment des opinions voisines de la mienne. Voir: G6- 
1 ine au, Des peurs maladiees ou phobies, 1894, et Hack Tuke, On impera- 
tive ideas, Brain, 1894. 



86 



et phobies, qu'on pourrait nommer traumatiques, se rattachent 
aux symptömes de l'hysterie. 

Ce groupe ä part il faut distinguer: A) les obsessions 
vraies; B) les phobies. La difference essentielle est la suivante. 

II y a dans toute obsession deux choses: 1° une idee qui 
s'impose au malade; 2° un etat emotif associe\ Or, dans la 
classe des phobies, cet etat emotif est toujours l'angoisse, pen- 
dant que dans les obsessions vraies ce peut etre au meme titre 
que l'anxiöte un autre etat emotif, comme le doute, le remords, 
la colere. Je tächerai d'abord d'expliquer le mecanisme psycho- 
logique vraiment remarquable des obsessions vraies, qui est bien 
different de celui des phobies. 



Dans beäucoup d'obsessions vraies, il est bien evident que 
l'gtat emotif est la chose principale, puisque cet etat persiste 
inaltöre pendant que l'idee associee est variee. Par exemple, la 
fille de l'observation I, avait des remords, un peu en raison de 
tout, d'avoir vole, maltraite ses sce-urs, fait de la fausse monnaie, 
etc. Les personnes qui doutent, doutent de beäucoup de choses 
ä la fois ou successivement. C'ost lV'tat emotif qui, dans ces 
cas, reste le meme: 'l'idee change. En d'autres cas l'idee aussi 
semble fixee, comme chez la fille de l'observation IV, qui pour- 
suivait d'une haine incomprehensible les servantes de la maison 
en changeant pourtant de personne. 

Eh bien, une analyse psychologique scrupuleuse de ces 
cas montre que V6tat ömotif, comme tcl, est toujours ju-stifte". La 
fille I, qui a des remords, a de bonnes raisons; les femmes de 
l'observation III qui doutaient de leur resistance contre des 
tentations Bavaient bien pourquoi; la fille de l'observation IV. 
qui detestait les servantes, avait bien le droit de se plaindre. 
etc. Seulement, et c'est dans ces deux caracteres que consiste 
l'empreinte pathologique: 1) l'ctat ömotif s'est iternisc, 2) l'idee 
associöe riest plus l'idöe juste, Mette originale, en rapport avec 
V Ätiologie de Vobsession, eile en est un remplacant, une Substitution. 

La preuve en est qu'on peut toujours trouver dans les ante- 
cedens du malade ä Vorigine de Vobsession, l'idde originale, Sub- 
stitute. Les idees substituees ont des caracteres communs, elles 



87 



correspondent ä des impressions vraiment penibles de la vie 
sexuelle de l'individu que celui-ci s'est efforce d'oublier. H a 
n'ussi seulement a remplacer l'idee biconciliabh par une autre 
idee mal appropriee ä s'associer ä l'etat emotif, qui de son 
cöte est reste le meme. C'est cette mesalliance de l'ötat emotif 
et de l'idee associee qui rend compte du caractere d'absurdite 
propre aus obsessions. Je veux rapporter mes observations, et 
donner une tentative d'explication fheorique comme conclusion. 

Obs. I. — l-"ne fille qui se faisait des reproches,- qu'elle savait ab- 
surdes, d'avoir vole, fait de la fausse monnaie, de s'etre conjuree, etc., selon 
sa lecture journaliere. 

Redressement de la Substitution. — Elle se reprochait 1'onanisme qu'elle 
pratiquait en secret sans pouvoir y renoncer. 

Elle fut guerie par une Observation scrupuleuse qui l'empecha de se 

masturber. 

Obs. II. — Jeune homme, etudiant en medecine, qui souffrait d'une 
Obsession analogue. II se reprochait toutes les actions immorales: d'avoir 
tue sa cousine, deflore sa soeur, incendie - une maison, etc. H parvint jusqu'ä 
la n6cessite de se retourner dans le rue pour voir s'il n'avait pas encore 
tue le dernier passant. 

RedrcssemeJit de la Substitution. — II avait lu, dans un livre quasi- 
mödical, que 1'onanisme, auquel il etait sujet, abimait la morale^et il s'en 

^tait emu. 

Obs. III. — Plusieurs femmes qui se plaignaient de l'obsession de 
se jeter par la fenetre, de blesser leurs enfants avec des couteaux, ciseaux, etc. 

Redressement. — Obsessions de tentations typiques. C'etaient des fem- 
mes qui, pas du tout satisfaites dans le mariage, se debattaient contre les 
desirs et les idees voluptueuses qui les hantaient ä la vue d'autres hommes. 

Obs. IV. — Une fille qui parfaitement saine d'esprit et trea intelli- 
gente montrait une haiin' iucontrölabh contre les servantes de la maison, qus 
s'6tait eVeillee ä l'occasion d'une servante effrontee, et s'etait transmise de- 
puis de fille en fille, jusqu'ä rendre le menage impossible. C'etait un senti- 
ment meld de haine et de degoüt. Elle donnait comme motif que les saletö- 
de ces filles lui gätaient sou idee de l'amour. 

Redressement. — Cette fille avait ete temoin involoutaire d'un rendez, 
vous amoureux de sa mere. Elle s'etait cacbe le visage, bouche les oreilles 
et s'etait donne la plus grande peine pour oublier la scene, qui la d6goütait 
et l'aurait mise dans l'impossibilite de rester avec sa mere qu'elle aimaiti 
tendrement. Elle y rdussit, mais la colere, de ce qu'on lui avait souille 
l'image de l'amour, persista en eile, et cet etat emotif ne tarda pas ä s'as- 
socier l'idöe d'une personne pouvant remplacer la mere. 

Obs. V. die jeune fille s'etait presque completement isolfie en 

consequence de la peur obsedante de l'incontinence des urines. Elle ne 



88 



pouvait plus quitter sa chambre ou recevoir une visite sans avoir urine 
nombre de fois. 

Chez eile et en repos complet la peur n'existait pas. 

Bedressemmt. — O'etait une Obsession de teniation ou de mefiance. 
Elle ne se mefiait pas de sa vessie mais de sa rösistance contre une impul- 
sion amoureuse. L'origine de l'obscssion le montrait bien. Une fois, au 
theatre, eile avait senti ä la vue d'un homme qui lui plaisait une envie 
amoureuse accompagnee (comme toujours dans la pollution spontanee des 
femmes) de l'envie d'uriner. Elle fut obligö ä quitter le thdätre, et de ce. 
moment eile etait en proie ä la peur d'avoir la meme Sensation, mais 
l'envie d'uriner s'ötait substituee ä l'envie amoureuse. Elle guerit com- 
pletement. 

Les observations enumerees, bien qu*elles montrent un 
(legre variable de coniplexite, 'ont ceci de commun, que l'idee 
originale (inconciliable) est substituee par une autre id6e, idee 
remplacante. Dans les observations qui vont suivre maintenant, 
l'idee originale est aussi remplacee mais non par une autre 
idee; eile se trouve substituee par des actes ou irapulsions qui 
ont servi ä l'origine comme soulagemcnts ou procedös protecteurs, 
et qui maintenant se trouvent en association grotesque avec un 
e"tat emotif qui ne leur convient pas mais qui est reste" le 
meme, et aussi justifie qu'a l'orgine. 

Obs. VI. — Obsession d'arithmomanic. — Une femme avait contractu 
le besoin de compter toujours les plancbes du parquet, les marches de 
l'escalier, etc., ce qu'elle faisait dans un (Hat d'angoisse ridicule. 

Jiedressement. — Elle avait commenctf ä compter pour se distiaire 
de ses idees obsedantes (de tentation). Elle y avait r6ussi. mais l'impulsion 
de compter s'etait Substitute ä l'obsession primitive. 

Obs. VII. — Obsession de „Grübelsucht" (folie de speculation). Une 
femme soull'rait d'attaques de cette obscssion, qui ne cessaicnt qu'aux. 
temps de maladie, pour y laisscr la place si des peurs hypocondriaques. Le 
sujet de l'attaque etait ou une partie du corps ou une fonction, par exemple j 
la respiration: Pourquoi faut-il respirer? Si je ne voulais respiror? etc. 

Redrcsscmmt. — Tout d'abord eile avait soufl'ert de peur de devenir 
folle, phobie hypochondriaque assez commune chez les femmes non salis- 
faites par leur mari, comme eile etait. Pour sc garantir t/u'elle n'allait pas 
derenir folle, qu'elle jouissait encore de son intelligencc, eile avait com- 
mence" ä se poser des queBtions, ä s'oecuper de problemes siSrieux. Cela la 
tranquillisait d'abord, mais avec le temps cette habitude de la sp6culation 
se substituait ä la phobie. Depuis plus de quinze ans des pdriodes de peur 
(pathophobie) et de folie de Spekulation alternaient chez eile. 



89 



Obs. Villi — Folie du doute. — Plusieurs cas, qui montraient les 
symptömes typiques de cette Obsession, mais qui s'expliquaient bien simple- 
ment. Ces personnes avaient souffert ou souffraieut encore d'obsessions 
diverses, et la conscieuce que l'obsession les avait deiangees dans ioutes 
leurs actions et interrompu maintes fois le cours de leurs pensees provo- 
quait !e doute legitime dans la fidelite de leur memoire. Chacun de nous 
verra cbanceler son assurance et sera oblige de relire une lettre ou de 
refaire un compte si son attention a ete divertie plusieurs fois pendant 
l'execution de l'acte. Le doute est une consequence bien logique de la pre- 
sence des obsessions. - 

Obs. IX. — Folie du doute (hesitation). — La fille de l'obs. IV 6tait 
devenuc extremement tardive dans toutes les actions de la vie ordinaire, 
paiticulierement dans sa toilette. II lui fallait des beures pour nouer les 
cordons de ses souliers ou pour se nettoyer les ongles de mains. Elle don- 
nait comme explication qu'elle ne pouvait faire sa toilette ni pendant que 
les pens^es obsedantes la preoecupaient,. ni immediatement apres; de sorte 
qu'elle s'e'tait aecoutumee ä attendre un temps determine" apres chaque 
retour de l'idce obsedante. 

Obs. X. — Folie du doute, crainle des papiers. — Une jeune femme, 
qui avait souffert des scrupules apres avoir ecrit une lettre, et qui dans 
ce mßme temps ramassait tous les papiers qu'elle voyait, donnait comme 
explication l'aveu d'un amour que jadis eile ne voulait pas confesser. 

A force de se repeter sans cesse le nom de son bien-aime, eile fut 
saisie par Ja peur que ce nom se serait glisse dans sa plume, qu'elle l'aurait 
traeö sur quelque bout de jjapier dans une minute pensive 1 ). 

Obs. XI. — Mysophobie. — Une femme qui se lavait les mains cent 
fois par jour et ne touebait les loquets des portes que du coude. 

Jicdiessement. — C'etait les cas de Lady Macbetb. Les lavages etaient 
symboliques et destines ä substituer la purete physique ä la purete morale 
qu'elle regrettait avoir perdue. Elle se tourmentait de remords pour une 
infid^litc conjugale dont eile avait deeide de ebasser le souvenir. Elle se 
lavait aussi les parties genitales. 

■ 

Quant ä la theorie de cette Substitution, je me con- 
tenterai de repondre k trois questions qui se posent ici: 

1° Comment cette Substitution peut-elle se faire? 

II semble qu'elle est Texpression d'une disposition psy- 
chique speciale. Au moins .rencontre-t-on dans les obsessions 
assez souvent l'heredite similaire, comme dans l'bysterie. Ainsi 
le malade de l'obs. II me racontait que son pere avait souffert 



i) Voir aussi la chanson populaire allcmande: 

Auf jedes weiße Blatt Papier möcbt' icb es schreiben: 

Dein ist mein Herz und soll es ewig, ewig bleiben. 









90 






de symptömes semblables. II me fit connaitre un jour ud cousin 
germain avec obsessions et tic convulsif, et la fille de sa soeur, 
äg<3e de 11 ans, qui montrait dejä des obsessions (probablement 

de remords). 

2° Qucl est le molif de Celle Substitution? 

Je crois qu'en peut l'envisager comrae un acte de defense 
(Abwehr) du moi contre Vidte inconciliablß. Parmi raes malades 
il y en a qui se rappellent l'effort de la volonte pour chasser 
l'idee ou le souvenir penible du rayon de la conscience (V. les 
obs. III, IV, XI). En d'autres cas cette expulsion de l'idee 
inconcili.ble s'est produite d'une maniere inconsciente qui n'a 
pas laisse trace dans la memoire des malades. 

3° Pourquoi l'etat dmotif associä ä Vidöe obsedante 
s'est-ü perpäite, au Heu de s'6vanouir comme les autres ttats 
de notre moi? 

On peut donncr cette reponse en s'adressant il la theorie 
developpce pour la genese des symptömes hysteriques par 
M. Breuer et moi 1 ). Ici je veux seulement reraarquer que, par 
le fait raeme de la Substitution, la disparition de l'etat emotif 
devient impossible. 

II. 

A ces deux groupes d'obsessions vraies s'ajoute la classe 
des „phobies", qu'il faut considerer maintenant. J'ai dejä men- 
tionne la grande diflerence des^obsessions et des phobies; que 
dans les dernieres l'etat emotirest toujours l'anxiete, la peur. 
Je pourrais ajouter que les obse sions sont multiples et plus 
specialisees, les "phobies plutot monotones et typiques. 

Mais ce n'est pas une difference capitale. 

On peut discerner aussi parmi les phobies deux groupes, 
caracterises par l'objet de la peur: 1° phobies communes: peur 
exagdre'e des choses que tout le monde abhorre ou craint un 
peu: la nuit, la solitude, la mort, les maladies, les dangers en 
general, les serpents, etc.: 2° phobies d'oecasion, peur de con- 
ditions speciales^ qui n'inspirent pas la crainte ä l'bomme sain, 
par exemple l'agoraphobie et les autres phobies de la loco- 
motion. II est interessant ä noter que ces dernieres phobies ne 



i) Xewologisches Zentralbkäl, 1893, Nr. 1 und 2. 



91 

sont pas obsedantes comine les obsessions vraies et les phobies 
coinmunes. L'e"tat emotif ici ne parait que dans le cas de ces 
conditions speciales que le malade evite soigneusement. 

Le mecanisme des pbobies est tojit ä fait different de 
celui des obsessions. Ce n'est plus le regne de la Substitution. 
Ici on ne devoile plus par l'analyse psycbique une idee incon- 
ciliable, Substitute. On ne trouve jamais autre cbose que l'ötat 
emotif anxieux, qui par une sorte d'election a fait ressortir 
toutes les idöes propres ä devenir l'objet d'une pbobie. Dans 
le cas de l'agorapbobie, etc., on rencontre souvent le souvenir 
d'une attaque d'angoisse, et en verite ce que redoute le malade 
c'est l'evenement d'une teile attaque dans les conditions speciales 
oü il croit ne pouvoir y ecbapper. / 

L'angoisse de cet etat emotif, qui est au fond des pbobies, 
n'est pas derive" d'un souvenir quelconque; on doit bien se 
demander quelle peut etre la source de cette conditiou puis- 
sante du Systeme uerveux. 

Eb bien j'espere pouvoir demontrer une autre fois qu'il y 
a lieu de constituer une nevrose speciale, la nevrose anxieuse, 
de laquelle cet etat emotif est le Symptome principe!; je 
donnerai l'enumeration de ses symptomes varies, et j'insisterai 
en ce qu'il faut differencier cette növrose de la neurasthenie, 
avec laquelle eile est maintenant confondue. Ainsi les phobies 
fönt nart de la nicrose anxieuse, et elles sont presque toujours 
accompagnees d'autres symptomes de la meme serie. 

La nevrose anxieuse est d'origine sexuelle, eile aussi, autant 
que je puis voir, mais eile ne se rattache pas ä des idees 
tirees de la vie sexuelle: eile n'a pas de mecanisme psycbique, 
h vrai dire. Son etiologie specifique est Paccumulation de la 
tension genösique, provoquee par l'abstinence ou l'irritation 
genesique f rüste (pour donner une formule generale pour 
l'effet du coit reserve, de l'impotence relative du mari, des 
excitations sans satisfaction des fiances, de l'abstinence 
forcee, etc.). 

C'est dans de telles oonditions extremement frequeutes, 
principalement pour la femme dans la societe actuelle, que se 
developpe la nevrose anxieuse, de laquelle les pbobies sont une 
manifestation psycbique. 






92 



Je ferai remarquer, comme conclusion, qu'il peut y avoir 
combinaison de phobie et d'obsession propre, et nieme que c'est 
im evenement trös frequent. On peut trouver qu'il y avait au 
commencement de la maladie une phobie dcveloppue comme Sym- 
ptome de la nevrose anxieuse. L'idöe qui constitue la phobie qui 
s'y trouve associee ä la peur, peut etre substituee par une autre 
idee ou plutöt par le procädd protecteur qui semblait soulager la 
peur. L'obs. VI (folie de la Spekulation) presente un bei exemple 
de cette categorie, phobie doublte d'une Obsession vraic par Sub- 
stitution. 



vir. 

Zur Kritik der j, Angstneurose" 1 )- 



In Nummer 2 des Neurologischen Zentralblattes 
von Mendel 1895 habe ich einen kleinen Aufsatz veröffent- 
licht, in welchem ich den Versuch wage, eine Reihe von nervösen 
Zuständen von der Neurasthenie abzutrennen und unter dem 
Namen „Angstneurose" selbständig zu machen 2 ). Ich ließ mich 
hierzu bewegen durch ein konstantes Zusammentreffen klinischer 
und ätiologischer Charaktere, das ja überhaupt für eine Sonderung 
maßgebend sein darf. Ich fand nämlich, worin mir E. Heck er 8 ) 
zuvorgekommen war, daß die in Eede stehenden neurotischen 
Symptome sich sämtlich zusammenfassen ließen als zum Aus- 
druck der Angst gehörig, und ich konnte aus meinen Bemü- 
hungen um die Ätiologie der Neurosen hinzufügen, daß diese 
Teilstücke des Komplexes „Angstneurose" besondere ätiologische 
Bedingungen erkennen lassen, die der Ätiologie der Neurasthenie 
nahezu gegensätzlich sind. Meine Erfahrungen hatten mich ge- 
lehrt, daß in der Ätiologie der Neurosen (wenigstens der er- 
worben e n Fälle und erwerbbaren Formen) sexuelle Momente 
eine hervorragende und viel zu wenig gewürdigte Holle spielen, 
so daß etwa die Behauptung, „die Ätiologie der Neurosen liege 
in der Sexualität", bei all ihrer notwendigen Unrichtigkeit per 
excessum et defectum doch der Wahrheit näher kommt als die 

1 ) Wiener klinische Rundschau, 1895. 

2 ) "Über die Berechtigung-, von der Neurasthenie einen bestimmten 
Symptomenkomplex als „Angstneurose" abzutrennen, von Dr. Sigm. 
Freud. 

•*) E. Heck er. Über larvierte und abortive Angstzustände bei 
Neurasthenie. Zentralblatt für Nervenheilkunde, Dez. 1893. 



t- • ^ 






94 

anderen, gegenwärtig herrschenden Lehren. Ein weiterer Satz, zu 
dem mich die Erfahrung drängte, ging dahin, daß die verschie- 
denen sexuellen Noxen nicht etwa unterschiedslos in der 
Ätiologie aller Neurosen zu finden seien, sondern daß unver- 
kennbar besondere Beziehungen einzelner Noxen zu einzelnen 
Neurosen beständen. Ich durfte so annehmen, daß ich die 
spezifischen Ursachen der einzelnen Neurosen aufgedeckt 
habe. Ich suchte dann die Besonderheit der sexuellen Noxen, 
welche die Ätiologie der Angstneurose ausmachen, in eine kurze 
Formel zu fassen, und gelangte (in Anlehnung an meine Auf- • 
fassung des Sexualvorganges, 1. c. p. 61) zu dem Satze: Angst- 
neurose schaffe alles, was die somatische Sexualspannung vom 
Psychischen abhalte, an ihrer psychischen Verarbeitung störe. 
Wenn man auf die konkreten Verhältnisse zurückgeht, in denen 
sich dieses Moment zur Geltung bringt, so ergibt sich die Be- . 
hauptung, daß freiwillige oder unfreiwillige Abstinenz, sexueller 
Verkehr mit unvollständiger Befriedigung, Coitus interruptus, 
Ablenkung des psychischen Interesses von der Sexualität u. dgl. m., 
die spezifischen ätiologischen Faktoren der von mir Angstneurose 
genannten Zustände seien. 

Als ich meine hier erwähnte Mitteilung zur Veröffent- 
lichung brachte, täuschte ich mich keineswegs über deren Macht, 
Überzeugung zu erwecken. Zunächst konnte ich mir ja sagen, 
daß ich nur eine knappe, unvollständige, stellenweise sogar 
schwer verständliche Darstellung gegeben hatte, vielleicht gerade 
genügend, um die Erwartung der Leser vorzubereiten. Sonst 
hatte ich kaum Beispiele angeführt und keine Zahlen genannt, 
die Technik der Erhebung der Anamnese nicht gestreift, zur 
Verhütung von Mißverständnissen nichts vorgesorgt, andere als 
die naheliegendsten Einwände nicht berücksichtigt und von der 
Lehre selbst eben nur den Hauptsatz und nicht die Einschrän- 
kungen hervorgehoben. Demnach konnte auch wirklich ein jeder 
sich seine eigene Meinung von der Verbindlichkeit der ganzen 
Aufstellung bilden. Ich konnte aber noch auf eine andere Er- 
schwerung der Zustimmung rechnen. Ich weiß sehr wohl, daß 
ich mit der „sexuellen Ätiologie" der Neurosen nichts Neues 
vorgebracht habe, daß die Unterströmungen in der medizinischen 
Literatur, welche diesen Tatsachen Rechnung getragen, nie aus- 



f 



95 

gegangen sind, und daß die offizielle Medizin der Schulen sie 
eigentlich auch gekannt hat. Allein die letztere hat so getan, als 
wüßte sie nichts davon; sie hat von ihrer Kenntnis keinen 
Gebrauch gemacht, keine Folgerung aus ihr gezogen. Solches 
Verhalten muß wohl eine tiefgehende Begründung haben, etwa 
in einer Art von Scheu, sexuelle Verhältnisse ins Auge zu 
fassen, oder in einer Reaktion gegen ältere, als überwunden 
betrachtete Erklärungsversuche. Jedenfalls mußte man vor- 
bereitet sein, auf Widerstand zu stoßen, wenn man. den Ver- 
such wagte, Anderen etwas glaubwürdig zu machen, was diese 
ohne jede Mühe auch selbst hätten entdecken können. 

Es wäre bei solcher Sachlage vielleicht zweckmäßiger, auf 
kritische Einwendungen nicht eher zu antworten, als bis ich 
mich über das komplizierte Thema selbst ausführlicher geäußert 
und besser verständlich gemacht hätte. Dennoch kann ich den 
Motiven nicht widerstehen, die mich veranlassen, einer Kritik 
meiner Lehre von der Angstneurose aus den letzten Tagen 
auch unverzüglich zu begegnen. -Ich tue dies wegen der Person 
des Autors, L. Löwenfeld in München, des Verfassers der 
„Pathologie und Therapie der Neurasthenie und Hysterie", 
dessen Urteil beim ärztlichen Publikum schwer ins Gewicht 
fallen dürfte, wegen einer mißverständlichen Auffassung, mit 
welcher mich die Darstellung Löwen felds belastet, und weil 
ich von Anfang an den Eindruck bekämpfen möchte, als sei 
meine Lehre gar so mühelos durch die nächstbesten, im Vorbei- 
gehen angebrachten Einwendungen zu widerlegen. 

Löwenfeld 1 ) findet mit sicherem Blick als das Wesent- 
liche meiner Arbeit heraus, daß ich für die Angstsymptome 
eine spezifische und einheitliche Ätiologie sexueller Natur 
behaupte. Ist dies nicht als Tatsache festzustellen, so entfällt 
auch der Hauptgrund für die Abtrennung einer selbständigen 
Angstneurose von der Neurasthenie. Es erübrigt dann allerdings 
eine Schwierigkeit, auf die ich aufmerksam gemacht habe, daß 
nämlich die Angstsymptome so unverkennbare Beziehungen auch 



') L. Löwenfeld. Über die Verknüpfung neurasthenischer und 
hysterischer Symptome in Anfallsform nebst Bemerkungen über die Freud- 
sche Angstneurose. Münchener med. Wochenschr. Nr. 13, 1895. 



M 



96 

zur Hysterie haben, so daß durch die Entscheidung im Sinne 
Löwenfelds die Sonderung von Hysterie und Neurasthenie 
zu Schaden kommt; allein dieser Schwierigkeit wird durch die 
später zu würdigende Berufung auf die Heredität als gemein- 
same Ursache all dieser Neurosen begegnet. 

Durch welche Argumente stützt nun Löwenfeld den 
Einspruch gegen meine Lehre? 

1. Ich habe als wesentlich für das Verständnis der Angst- 
neurose hervorgehoben, daß die' Angst derselben eine psychische 
Ableitung nicht zuläßt, das heißt, daß man die Angstbereit- 
schaft, die den Kern der Neurose bildet, nicht durch einen ein- 
maligen oder wiederholten, psychisch berechtigten Schreckaffekt 
erwerben kann. Durch Schreck entstünde wohl eine Hysterie oder 
traumatische Neurose, aber keine Angstneurose. Es ist diese 
Leugnung, wie man leicht einsieht, nichts anderes als das Gegen- 
stück zu meiner Behauptung positiven Inhalts, die Angst meiner 
Neurose entspreche somatischer und vom Psychischen abge- 
lenkter Sexualspannung, die sich sonst als Libido geltend ge- 
macht hätte. 

Dagegen betont nun Löwenfeld, daß in einer Anzahl 
von Fällen „Angstzustände unmittelbar oder einige Zeit nach 
einem psychischen Shok (bloßem Schreck oder Unfällen, die mit 
Schrecken verbunden waren) auftreten, und daß zum Teil hier- 
bei Verhältnisse bestehen, welche die Mitwirkung sexueller Schäd- 
lichkeiten der angegebenen Art höchst unwahrscheinlich machen". 
Er' teilt als besonders prägnantes Beispiel eine .Krankenbeob- 
achtung (anstatt vieler) in Kürze mit. In diesem Beispiel handelt 
es sich um eine 30jährige, seit vier Jahren verheiratete Frau, 
erblich belastet, die vor einem Jahre eine erste schwierige Ent- 
bindung hatte. Wenige Wochen nach ihrer Niederkunft erschrak 
sie über einen Krankheitsanfall ihres Mannes, lief in ihrer Auf- 
regung im Hemd im kalten Zimmer herum. Von da an krank, 
zuerst mit abendlichen Angstzuständen und Herzklopfen, später 
kamen Anfälle von konvulsivischem Zittern und in weiterer Folge 
Phobien u. dgl.: das Bild einer voll entwickelten Angstneurose. 
„Hier sind die Angstzustände", schließt Löwenfeld, „offenbar 
psychisch abgeleitet, durch den einmaligen Schrecken herbei- 
geführt." 




97 

Ich bezweifle nicht, daß der geehrte Autor über viele ähn- 
liche Fälle verfügt; kann ich doch selbst mit einer großen Reihe 
analoger Beispiele dienen. Wer solche Fälle von Ausbruch der 
Angstneurose nach psychischem Shok. überaus häufige Vor- 
kommnisse, nicht gesehen hätte, dürfte sich nicht anmaßen, in 
Sachen der Angstneurose mitzusprechen. Ich will nur dabei an- 
merken, daß in der Ätiologie solcher Fälle nicht jedesmal 
Schreck oder ängstliche Erwartung nachweisbar sein muß; eine 
beliebige andere Gemütsbewegung tut es auch. Wenn ich rasch 
einige Fälle aus meiner Erinnerung mustere, so fällt mir ein 
Mann von 45 Jahren ein, der den ersten Angstanfall (mit 
Herzkollaps) auf die Nachricht vom Tode «eines betagten Vaters 
bekam; von da an entwickelte sich volle und typische Angst- 
neurose mit Agoraphobie; ferner ein junger Mann, der in die- 
selbe Neurose durch die Erregung über die Zwistigkeiten zwischen 
seiner jungen Frau und seiner Mutter verfiel und nach jedem 
neuen häuslichen Zank neuerdings agoraphobisch wurde; ein 
Student, der, einigermaßen verbummelt, die ersten Angstanfälle 
in einer Periode scharfer Prüfungsarbeit unter dem Sporn 
väterlicher Ungnade produzierte; eine selbst kinderlose Frau, 
■die infolge der Angst um die Gesundheit einer kleinen Nichte 
erkrankte, u. dgl. m. An der Tatsache selbst, die Löwenfeld 
gegen mich verwertet, besteht nicht der leiseste Zweifel. 

Wohl aber an ihrer Deutung. Es fragt sich, soll mau hier 
ohne weiteres auf das post hoc ergo propter hoc eingehen, sich 
jede kritische Verarbeitung des Rohmaterials ersparen? .Man 
kennt ja Beispiele genug dafür, daß die letzte auslösende Ur- 
sache sich vor der kritischen Analyse nicht als causa efficiens 
bewähren konnte. Man denke an das Verhältnis von Trauma 
und Gicht beispielsweise! Die Rolle des Traiimas ist hier, bei 
^ler Provokation eines Gichtanfalles in. dem vom Trauma be- 
troffenen Glied, wahrscheinlich keine andere, als sie iu der 
Ätiologie der Tabes und der Paralyse sein dürfte; nur scheint 
im Beispiel der Gicht bereits für jede Einsicht absurd, daß das 
Trauma die Gicht „verursacht" anstatt provoziert haben sollte. 
Man muß doch nachdenklich werden, wenn man ätiologische 
Momente solcher Art — banale möchte ich sie # nennen — in 
der Ätiologie der mannigfaltigsten Krankheitszustände antrifft. 

Freud, Veurojenlehre. 1.4 Auflage. 7 



98 



\ 



Gemütsbewegung, Schreck ist auch solch ein banales Moment; 
Chorea, Apoplexie, Paralysis agitans und was nicht alles sonst 
kann der Schreck geradeso hervorrufen wie eine Angstneurose: 
Nun darf ich freilich nicht weiter argumentieren, wegen dieser 
Ubiquitüt genügten die banalen Ursachen unseren Anforderun- 
gen nicht, es müßte außerdem spezifische Ursachen geben. 
Das hieße den Satz, den ich erweisen will, vorwegnehmen. Ich 
bin aber berechtigt, folgenderart zu schließen: "Wenn sich die 
nämliche spezifische Ursache in der Ätiologie aller oder der 
allermeisten Fälle von Angstneurose nachweisen läßt, dann 
braucht sich unsere Auffassung nicht dadurch beirren lassen, 
daß der Ausbruch der Krankheit erst nach der Einwirkung des 
einen oder andern banalen Momentes, wie es Gemütsbewegung 
ist, erfolgt. 

So war es nun in meinen Fällen von Angstneurose. Der 
Mann, der — "rätselhafterweise — auf die Nachricht vom 
Tode seines Vaters erkrankte (ich mache diese Randglosse, weil 
dieser Tod nicht unerwartet und nicht unter ungewöhnlichen, 
erschütternden Umständen erfolgte), dieser Mann lebte seit elf 
.Jahren im Coitus interruptus mit seiner Ehefrau, welche er 
meistens zu befriedigen trachtete; der junge Mann, der den. 
Streitigkeiten zwischen seiner Frau und seiner Mutter nicht ge- 
wachsen war, hatte bei seiner jungen Frau von Anfang an das 
Zurückziehen geübt, um sich die Belastung mit Nachkommen- 
schaft zu ersparen; der Student, der sich durch Überarbeitung, 
eine Angstneurose zuzog anstatt der zu erwartenden Cerebras- 
thenie, unterhielt seit drei Jahren ein Verhältnis mit einem 
Mädchen, das er nicht schwängern durfte; die Frau, die, selbst 
kinderlos, über die Krankheit einer Nichte der Angstneurose- 
verfiel, war mit einem impotenten Mann verheiratet und sexuell 
nie befriedigt worden u. dgl. Nicht alle diese Fälle sind 
gleich klar oder für meine These gleich gut beweisend; aber 
wenn ich sie an die sehr beträchtliche Anzahl von Fällen 
anreihe, in denen die Ätiologie nichts anderes als das spezi- 
fische Moment aufweist, fügen sie sich der von mir aufgestellten» 
•>fcehre widerspruchslos ein und gestatten eine Erweiterung: 
unseres ätiologischen Verständnisses über die bisher geltenden 
Grenzen. 









<j9 



| Wenn mir jemand nachweisen will, daß ich in vorstehen- 

der Betrachtung die Bedeutung der banalen ätiologischen 
Momente ungebührlich zurückgesetzt habe, so muß er mir Be- 
obachtungen entgegenhalten, in denen mein spezifisches Moment 
vermißt wird, also Fälle von Entstehung der Angfitneurose nach 
psychischem Shok bei (im ganzen) normaler Vita sexualis. 
Man urteile nun, ob der Fall von Löwen feld diese Bedingung 
erfüllt. Mein geehrter Gegner hat sich diese Anforderung offen- 
bar nicht klar gemacht, sonst würde er uns über die Vita 
sexualis seiner Patientin nicht so völlig im unklaren lassen. Ich 
will es beiseite lassen, daß der Fall der 30jährigen Dame 
offenbar mit einer Hysterie kompliziert ist, an deren psychischer 
Ableitbarkeit ieh am wenigsten zweifle; ich gebe die Angst- 
neurose neben dieser Hysterie natürlich ohne Einspruch zu. 
Aber ehe ich einen Fall für oder gegen die Lehre von der 
sexuellen Ätiologie der Neurosen verwerte, muß ich das sexuelle 
Verhalten der Patientin eingehender als Löwenfeld hier 
studiert haben. Ich werde mich nicht mit dem Schlüsse be- 
gnügen: da die Dame zur Zeit des psychischen Shoks kurz 
nach einer Entbindung war, dürfte der Coitus interruptus im 
letzten Jahre keine Bolle gespielt haben und somit sexuelle 
Noxen hier entfallen. Ich kenne Fälle von Angstneurose bei 
jährlich wiederholter Gravidität, weil (unglaublicherweise) von 
dem befruchtenden Koitus an jeder Verkehr eingestellt wurde, 
so daß die kinderreiche Frau all die Jahre über an Entbehrung 
litt. Es ist keinem Arzte unbekannt, daß Frauen von sehr wenig 
potenten Männern konzipieren, die nicht imstande sind, ihnen 
Befriedigung zu verschaffen, und endlich gibt es, womit gerade 
die Vertreter der Hereditätsätiologie rechnen sollten, Frauen 
genug, die mit einer kongenitalen Angstneurose behaftet sind, 
d. h. die eine solche Vita sexualis mitbringen respektive ohne 
nachweisbare äußere Störung entwickeln, wie man sie sonst 
durch Coitus interruptus und ähnliche Noxen erwirbt. Bei einer 
Anzahl dieser Frauen kann man eine hysterische Erkrankung 
der Jugendjahre eruieren, seit welcher die Vita sexualis gestört 
und eine Ablenkung der Sexualspannung vom Psychischen her- 
gestellt ist. Frauen mit solcher Sexualität sind einer wirklichen 
Befriedigung selbst durch normalen Koitus unfähig und ent- 



.»--- 



100 



wickeln Angstneurose entweder spontan oder nach dem Zutritt 
weiterer wirksamer Momente. Was von alledem mag in dem 
Falle Löwen felds vorgelegen haben? Ich weiß es nicht, aber 
ich wiederhole, gegen mich beweisend ist dieser Fall nur, wenn 
die Dame, die auf einmaligen Schreck mit einer Angstneurose, 
antwortete, sich vorher einer normalen Vita sexualis erfreut hat. 

Wir können unmöglich ätiologische Forschungen aus der 
Anamnese betreiben, wenn wir die Anamnese so hinnehmen, wie 
der Kranke sie gibt, oder uns mit dem begnügen, was er uns 
preisgeben will. Wenn die Syphilidologen die Zurückfükmng 
eines Initialaffektes an den Genitalien auf sexuellen Verkehr 
noch von der Aussage des Patienten abhängen ließen, würden 
sie eine ganz stattliche Anzahl von Schankern bei angeblich 
virginalen Individuen von Erkältung herleiten können, und die 
Gynäkologen fänden kaum Schwierigkeiten, das Wunder der 
Parthenogenesis an ihren unverheirateten Klientinnen zu bestä- 
tigen. Ich hoffe, es wird dereinst durchdringen, daß auch die 
Neuropathologen bei der Erhebung der Anamnese großer Neu- 
rosen von ähnlichen ätiologischen Vorurteilen ausgehen dürfen. 

2. Ferner sagt Löwenfeld, er habe wiederholt Angst- 
zustände auftauchen und verschwinden gesehen, wo eine Ände- 
rung im sexuellen Leben sicher nicht statthatte, dagegen andere 
Faktoren im Spiele waren. 

Ganz dieselbe Erfahrung habe ich auch gemacht, ohne 
daß sie mich beirrt hätte. Auch ich habe die Angstzufälle durch 
psychische Behandlung, Allgemeinbesserung u. dgl. zum Schwin- 
den gebracht. Ich habe natürlich daraus nicht geschlossen, dati 
der Mangel an Behandlung die Ursache der Angstanfälle war. 
Nicht etwa, daß ich L Owen fei d einen derartigen Schluß 
unterschieben wollte; ich will mit obiger* scherzhafter Bemerkung 
nur andeuten, daß die Sachlage leicht kompliziert genug sein 
kann, um den Einwand von Löwenfeld völlig zu entwerten. 
Ich habe es nicht schwer gefunden, die hier vorgebrachte Tat- 
sache mit der Behauptung der spezifischen Ätiologie der Angst- 
neurose zu vereinigen. Man wird mir gerne zugestehen, daß es 
ätiologisch wirksame Momente gibt, die, um ihre Wirkung zu 
üben, in einer gewissen Intensität (oder Quantität) und über 
einen gewissen Zeitraum wirken müssen, die sich also suni- 



101 



1 



mieren; die Alkohol Wirkung ist ein Vorbild für solche Ver- 
ursachung durch Summation. Demnach wird es einen Zeitraum 
geben dürfen, in dem die spezifische Ätiologie in ihrer Arbeit 
begriffen, aber deren Wirkung noch nicht manifest ist. Während 
solcher Zeit ist die Person noch nicht krank, aber sie ist zur 
bestimmten Erkrankung, in unserem Falle zur Angstneurose, 
disponiert, und nun wird der Zutritt einer banalen Noxe die 
Neurose auslösen können, geradeso wie eine weitere Steigerung 
in der Einwirkung der spezifischen Noxe. Man kann dies auch 
so ausdrücken: Es reicht nicht hin, daß das spezifische ätio- 
logische Moment vorhanden ist, es muß auch ein bestimmtes 
Maß davon voll werden, und bei der Erreichung dieser Grenze 
kann eine Quantität spezifischer Noxe durch einen Betrag ba- 
naler Schädlichkeit ersetzt werden. Wird letzterer wieder weg- 
genommen, so befindet man sich unterhalb einer Schwelle; die 
Krankheitserscheinungen treten wieder zurück. Die ganze Therapie 
der Neurosen beruht darauf, daß man die Gesamtbelastung des 
Nervensystems, welcher dieses erliegt, durch sehr verschieden- 
artige Beeinflussungen der ätiologischen Mischung unter die 
Schwelle bringen kann. Auf Fehlen oder Existenz einer spezifi- 
schen Ätiologie ist aus diesen Verhältnissen kein Schluß zu 
ziehen. 

Das sind doch gewiß einwurfsfreie und gesicherte Er- 
wägungen. Wem sie noch nicht genügen, der möge folgendes 
Argument auf sich wirken lassen. Nach der Ansicht Löwen- 
felds und so vieler anderer ist in der Heredität die Ätio- 
logie der Angstzustände. Die Heredität ist nun gewiß einer 
Änderung entzogen; wenn Angstneurose durch Behandlung ge- 
beilt wird, sollte man nun mit Löwen feld schließen dürfen, 
daß die Heredität nicht die Ätiologie enthalten kann. 

Übrigens, ich hätte mir die Verteidigung gegen die beiden 
angeführten Einwände von Löwen feld ersparen können, wenn 
mein geehrter Gegner meiner Arbe.it selbst größere Aufmerksam- 
keit geschenkt hätte. Die beiden Einwendungen sind in meiner 
Arbeit selbst vorgesehen und beantwortet (p. 73 ff.); ich könnte 
die Ausführungen von dort hier nur wiederholen, ich habe mit 
Absicht selbst die nämlichen Krankheitsfälle hier neuerdings 
analysiert. Auch die ätiologischen Formeln, auf die ich eben 









102 



vorhin Wert legte, sind im Texte meiner Abhandlung enthalten. 
Ich will sie hier nochmals wiederholen. Ich behaupte: Es gibt 
für die Angstneurose ein spezifisches ätiologisches 
Moment, welches in seiner Wirkung von banalen 
Schädlichkeiten zwar quantitativ vertreten, aber 
nicht qualitativ ersetzt werden kann. Ferner: Dieses 
spezifische Moment bestimmt vor allem die Form 
der Neurose; ob eine neurotische Erkrankung über- 
haupt zustande kommt, hängt von der Gesamt- 
belastung des Nervensystems (im Verhältnis zu 
dessen Tragfähigkeit) ab. In der Regel sind die Neurosen 
üb er de terminiert, d. h. es wirken in ihrer Ätiologie mehrere 
Faktoren zusammen. 

3. Um die Widerlegung der nächsten Bemerkungen 
Löwen felds brauche ich mich weniger zu bemühen, da die- 
selben einerseits meiner Lehre wenig anhaben, anderseits 
Schwierigkeiten hervorheben, die ich als vorhanden anerkenne. 
Löwenfeld sagt: „Die Freudsche Theorie ist aber ganz und 
gar ungenügend, das Auftreten* und Ausbleiben der Angst- 
anfälle im einzelnen zu erklären. Wenn die Angstzustände, i. e. 
die Erscheinungen der Angstneurose, lediglich durch subkorti- 
kale Aufspeicherung der somatischen Sexualerregung und ab- 
norme Verwendung derselben zustande kommen würden, so 
müßte jeder mit Angstzuständen Behaftete, so lange keine 
Änderungen in seinem sexuellen Leben eintreten, von Zeit zu 
Zeit einen Angstanfall haben, wie der Epileptische seinen Anfall 
von grand und petit mal hat. Dies ist aber, wie die alltägliche 
Erfahrung zeigt, durchaus nicht der Fall. Die Angstanfälle 
treten weit überwiegend nur bei bestimmten Anlässen ein; wenn 
der Patient diese meidet oder durch irgend eine Vorkehrung 
deren Einfluß zu paralysieren weiß, so bleibt er von Angst- 
anfällen verschont, er mag dem Congressus interruptus oder 
der Abstinenz andauernd huldigen oder sich einer normalen 
Vita sexualis erfreuen." 

Darüber ist nun sehr viel zu sagen. Zunächst, daß 
Löwenfeld meiner Theorie eine Folgerung aufnötigt, die sie 
nicht zu akzeptieren braucht. Daß es bei der Aufspeicherung 
der somatischen Sexualerreguug so zugehen müsse wie bei der 






103 



Anhäufung des Reizes zum epileptischen Krämpfe, ist eine allzu 
detaillierte Aufstellung, zu welcher ich keinen Anlaß gegeben 
habe, und ist nicht die einzige, die sich darbietet. Ich brauche 
nur anzunehmen, daß das Nervensystem ein gewisses Maß von 
somatischer Sexualerregung, auch wenn diese von ihrem Ziele 
abgelenkt sei, zu bewältigen vermöge, und daß Störungen nur 
dann entstehen, wenn das Quantum dieser Erregung eine plötz- 
liche Steigerung erfährt, und die Anforderung Löwen felds 
wäre beseitigt. Ich habe mich nicht getraut, meine Theorie 
nach dieser Richtung hin auszubauen, hauptsächlich darum, 
weil ich keine sicheren Stützpunkte auf dem Wege dahin zu 
finden erwartete. Ich will bloß andeuten, daß wir uns die Pro- 
duktion von Sexualspannung nicht unabhängig von ihrer Ver- 
ausgabung vorstellen dürfen, daß im normalen Sexualleben diese 
Produktion bei Anregung durch das Sexualobjekt sich wesent- 
lich anders gestaltet als bei psychischer Ruhe u. dgl. 

Zuzugeben ist, daß die Verhältnisse hier wohl anders 
liegen als bei epileptischer Krampfneigung, und daß sie aus der 
Theorie der Aufspeicherung somatischer Sexualerregung noch 
nicht im Zusammenhange abzuleiten sind. 

Der weiteren Behauptung Löwenfelds, daß die Angst- 
zustände nur bei gewissen Anlässen auftreten, bei deren Ver- 
meidung sie ausbleiben, gleichgültig, welches die Vita sexualis 
des Betreffenden sein mag, ist entgegenzuhalten, daß Löwen- 
feld hierbei offenbar nur die Angst der Phobien im Auge 
hat, wie auch die an die zitierte Stelle geknüpften Beispiele 
zeigen. Von den spontanen Angstanfällen, deren Inhalt Schwindel, 
Herzklopfen, Atemnot, Zittern, Schweiß u. dgl. ist, spricht er 
gar nicht. Das. Auftreten und Ausbleiben dieser Angstanfälle 
zu erklären, scheint meine Theorie aber keineswegs untüchtig. 
In einer ganzen Reihe solcher Fälle von Angstneurose ergibt 
sich nämlich wirklich der Anschein einer Periodizität des Auf^ 
tretens von Angstzuständen ähnlich der bei Epilepsie beobach- 
teten, nur daß hier der Mechanismus dieser Periodizität durch- 
sichtiger wird. Bei näherer Erforschung findet man nämlich mit 
großer Regelmäßigkeit einen aufregenden sexuellen Vorgang auf 
(d. h. einen solchen, der imstande ist, somatische Sexualspan- 
nung zu entbinden), an welchen sich mit Einhaltung eines be- 



104 

I 

stimmten, oft ganz konstanten Zeitintervalles der Angstanfall 
anschließt. Diese Rolle spielen bei abstinenten Frauen die- 
menstruale Erregung, die gleichfalls periodisch wiederkehrenden, 
nächtlichen Pollutionen, vor allem der (in seiner Unvollständig- 
keit schädliche) sexuelle VeYkehr selbst, der diesen seinen "Wir- 
kungen, den Angstanfällen, die eigene Periodizität überträgt. 
Kommen Angstaniälle, welche die gewohnte Periodizität durch- 
brechen, so gelingt es zumeist, sie auf eine Gelegenheitsursache 
von seltenerem und unregelmäßigem Vorkommen zurückzuführen, 
ein vereinzeltes sexuelles Erlebnis, Lektüre, Schaustellung u. dgl. 
Das Intervall, das ich erwähnt habe, beträgt einige Stunden 
bis zu zwei Tagen; es ist dasselbe, mit welchem bei anderen 
Personen auf dieselben Veranlassungen hin die bekannte Sexual- 
migräne auftritt, die ihre sicheren Beziehungen zum Symptomen- 
komplex der Angstneurose hat. 

Daneben gibt es reichlich Fälle, in denen der einzelne 
Angstzustand durch das Hinzutreten eines banalen Momentes, 
durch Aufregung beliebiger Art, provoziert wird. Es gilt also 
für die Ätiologie des einzelnen Angstanfalles dieselbe Vertre- 
tung wie für die Verursachung der ganzen Neurose. Daß die 
Angst der Phobien anderen Bedingungen folgt, ist nicht sehr 
verwunderlich; die Phobien haben ein komplizierteres Gefüge 
als die einfach somatischen Angstanfälle. Bei ihnen ist die 
Angst mit einem bestimmten Vorstellungs- oder Wahrnehmungs- 
inhalt verknüpft, und die Erweckung dieses psychischen Inhaltes 
ist die Hauptbedingung für das Auftreten dieser Angst. Die 
Angst wird dann „entbunden", ähnlich wie z. B. die Sexual- 
spannung durch die Erweckung libidinöser Vorstellungen; aber 
dieser Vorgang ist allerdings in seinem Zusammenhange mit der ;' 
Theorie der Angstneurose noch nicht aufgeklärt. 

Ich sehe nicht ein, weshalb ich streben sollte, Lücken und 
Schwächen meiner Theorie zu verbergen. Die Hauptsache an 
dem Problem der Phobien scheint mir zu sein, daß Phobien 
bei normaler Vita sexualis — d. i. bei Nichterfüllung der 
spezifischen Bedingung von Störung der Vita sexualis im Sinne 
einer Ablenkung des Somatischen vom Psychischen — über- 
haupt nicht zustande kommen. Mag sonst am Mechanis- 
mus der Phobien noch so Vieles dunkel sein, meine Lehre ist 



. - ^— _— 



■i- 






105 

erst widerlegt, wenn man mir Phobien bei normaler Vita sexualis 
oder selbst bei nicht spezifisch bestimmter Störung derselben 
nachweist. 

4. Ich übergehe nun zu einer Bemerkung, die ich meinem 
geehrten Herrn Kritiker nicht unwidersprochen lassen darf. 

Ich hatte in meiner Mitteilung über die Angstneurose 
(]. c. p. 69) geschrieben: 

„In manchen Fällen von Angstneurose läßt sich eine 
Ätiologie überhaupt nicht erkennen. Es ist bemerkenswert, daß 
in solchen Fällen der Nachweis einer schweren hereditären Be- 
lastung selten auf Schwierigkeiten stößt." 

„Wo man aber Grund hat, die Neurose für eine erwor- 
ben e zu halten, da findet man bei sorgfältigem, dahin zielendem 
Examen als ätiologisch wirksame Momente eine Reihe von 
Schädlichkeiten und Einflüssen aus dem Sexualleben . . . . 
Löwenfeld druckt diese Stelle ab lind knüpft an sie folgende 
Glosse: „Als „erworben" scheint demnach F. die Neurose immer 
zu betrachten, wenn Gelegenheitsursachen derselben aufzufin- 
den sind." 

Wenn sich dieser Sinn zwanglos aus meinem Texte ab- 
leiten läßt, so gibt letzterer meinem Gedanken sehr entstellten 
Ausdruck. Ich mache darauf aufmerksam, daß ich vorhin in 
der Wertschätzung der Gelegenheitsursachen mich weit strenger 
als Löwen fei d erwiesen habe. Sollte ich die Meinung meiner 
Sätze selbst erläutern, so würde ich es tun, indem ich nach der 
Bedingung: Wo man aber Grund hat, die Neurose für 
eine erworbene zu halten . . ., einschalte: weil der (im 
vorigen Satz erwähnte) Nachweis hereditärer Be- 
lastung nicht gelingt. Der Sinn ist: Ich halte den Fall 
für einen erworbenen, in dem sich Heredität nicht nachweisen 
läßt. Ich benehme mich dabei wie alle Welt, vielleicht mit dem 
kleinen Unterschiede, daß andere den Fall auch dann für here- 
ditär bedingt erklären, wo Heredität nicht besteht, so daß sie 
die ganze Kategorie erworbener Neurosen übersehen. Die«er 
Unterschied aber läuft zu meinen Gunsten. Ich gestehe jedoch 
zu, daß ich solches Mißverständnis durch die Redewendung im 
ersten Satze: „es läßt sich eine Ätiologie überhaupt nicht er- 
kennen", selbst verschuldet habe. Ich werde sicherlich auch von 



106 



anderer Seite zu hören bekommen, ich schaffe mir mit der 
Suche nach den spezifischen Ursachen der Neurosen überflüssige 
Mühe. Die wirkliche Ätiologie der Angstneurosen wie der Neu- 
rosen überhaupt sei ja bekannt, es sei die Heredität, und zwei 
wirkliche Ursachen könnten nebeneinander nicht bestehen. Die 
ätiologische Rolle der Heredität leugnete ich wohl nicht? Dann 
aber seien alle anderen Ätiologien — Gelegenheitsursachen und 
einander gleichwertig oder gleich minderwertig. 

Ich teile diese Anschauung über die Rolle der Heredität 
nicht, und da ich gerade dieses Thema in meiner kurzen Mit- 
teilung über die Angstneurose am wenigsten gewürdigt habe, 
will ich versuchen, hier etwas vom Unterlassenen nachzuholen 
und den Eindruck zu verwischen, als hätte ich mich bei der 
Abfassung meiner Arbeit nicht um alle zugehörigen -Rätsel- 
fragen gemüht. 

Ich glaube, man ermöglicht sich eine Darstellung der 
wahrscheinlich sehr komplizierten ätiologischen Verhältnisse, die 
in der Pathologie der Neurosen obwalten, wenn man sich fol- 
gende ätiologische Begriffe festlegt: 

a) Bedingung, b) spezifische Ursache, c) kon- 
kurrierende Ursache und, als den vorigen nicht gleich- 
wertigen Terminus, d) Veranlassung oder auslösende 
Ursache. 

Um allen Möglichkeiten zu genügen, nehme man an, es 
handle sich um ätiologische Momente, die einer quantitativen 
Veränderung, also der Steigerung oder Verringerung fähig sind. 

Läßt man sich die Vorstellung einer mehrgliedrigen ätio- 
logischen Gleichung gefallen, die erfüllt sein muß, wenn der 
Effekt zustande kommen soll, so charakterisiert sich als Ver- 
anlassung oder auslösende Ursache diejenige, welche zuletzt 
in die Gleichung eintritt, so daß sie dem Erscheinen des 
Effektes unmittelbar vorhergeht. Nur dieses zeitliche Moment 
macht das Wesen der Veranlassung aus, jede der andersartigen 
Ursachen kann im Einzelfalle auch die Rolle der Veranlassung 
spielen; in derselben ätiologischen Häufung kann diese Rolle 
wechseln. 

Als Bedingungen sind solche Momente zu bezeichnen 
bei deren Abwesenheit der Effekt nie zustande käme, die aber 






, 107 

-für sich allein auch unfähig sind, den Effekt zu erzeugen, sie 
mögen in noch so großem Ausmaße, vorhanden sein. Es fehlt 
•dazu noch die spezifische Ursache. 

Als spezifische Ursache gilt diejenige, die in keinem 
Falle von Verwirklichung des Effektes vermißt wird, und die in 
■entsprechender Quantität oder Intensität auch hinreicht, den 
Effekt zu erzielen, wenn nur noch die Bedingungen erfüllt sind. 
Als konkurrierende Ursachen darf man solche Mo- 
mente auffassen, welche weder jedesmal vorhanden sein müssen, 
noch imstande sind, in beliebigem Ausmaße ihrer Wirkung für 
sich allein den Effekt zu erzeugen, welche aber neben den Be- 
•dingungen und der spezifischen Ursache zur Erfüllung der ätio- 
logischen Gleichung mitwirken. 

Die Besonderheit der konkurrierenden oder Hilfsursachen 
scheint klar; wie unterscheidet man aber Bedingungen und 
-spezifische Ursachen, da sie beide unentbehrlich und doch keines 
von ihnen allein zur Verursachung genügend sind? 

Da scheint denn folgendes Verhalten eine Entscheidung 
zu gestatten. Unter den „notwendigen Ursachen" findet 
man mehrere, die auch in den ätiologischen Gleichungen vieler 
anderer Effekte wiederkehren, daher keine besondere Beziehung 
zum einzelnen Effekte verraten; eine dieser Ursachen aber stellt 
sich den anderen gegenüber, dadurch, daß sie in keiner andern 
oder in sehr wenigen ätiologischen Formeln aufzufinden ist, und 
diese hat den Anspruch, spezifische Ursache des betreffenden 
Effektes zu heißen. Ferner sondern sich Bedingungen und 
spezifische Ursache besonders deutlich in solchen Fällen, in 
denen die Bedingungen den Charakter von lange bestehenden 
und wenig veränderlichen Zuständen haben, die spezifische Ur- 
sache eiriem rezent einwirkenden Faktor entspricht. 

Ich will ein Beispiel für dieses vollständige ätiologische 
Schema versuchen: 

Effekt: Phthisis pulmonum. • 

Bedingung: Disposition, meist hereditär durch Organ- 
beschaffenheiten gegeben. 

Spezifische Ursache: Der Bazillus Kochii. 

Hilfsursachen: Alles Depotenzierende: Gemütsbewe- 
gungen wie Eiterungen oder Erkältungen. 






108 






Das Schema für die Ätiologie der Angstneurose scheint 
mir ähnlich zu lauten: 

Bedingung: Heredität. 

Spezifische Ursache: Ein sexuelles Moment im Sinne- 
einer Ablenkung der Sexualspannung vom Psychischen. 

Hilfs Ursachen: Alle banalen Schädigungen: Gemüts- 
bewegung, Schreck, wie physische Erschöpfung durch Krankheit 
oder Überleistnng. 

Wenn ich diese ätiologische Formel für die Angstneurose 
im einzelnen diskutiere, kann ich noch -folgende Bemerkungen 
hinzufügen: Ob eine besondere persönliche Beschaffenheit (die 
nicht hereditär bezeugt zu sein brauchte) für die Angstneurose 
unbedingt erfordert wird, oder ob jeder normale Mensch durch, 
etwaige quantitative Steigerung des spezitischen Momentes zur 
Angstneurose gebracht werden kann, weiß ich nicht sicher zu 
entscheiden, neige aber sehr zur letzteren Meinung. — Die 
hereditäre Disposition ist die wichtigste Bedingung der Angst- 
neurose, aber keine unentbehrliche, da sie in einer Reihe 
von Grenzfällen vermißt wird. — Das spezifische sexuelle Mo- 
ment wird in der übergroßen Zahl der Fälle mit Sicherheit 
nachgewiesen, in einer Reihe von Fällen (kongenitalen) sondert 
es sich von der Bedingung der Heredität nicht ab, sondern ist 
durch diese miterfüllt, d. h. die Kranken bringen jene Besonder- 
heit der Vita sexualis als Stigma mit (die psychische Unzuläng- 
lichkeit zur Bewältigung der somatischen Sexualspannung), über 
welche sonst der Weg zur Erwerbung der Neurose führt; in 
einer andern Reihe von Grenzfällen ist die spezifische Ursache 
in einer konkurrierenden enthalten, wenn nämlich die besagte 
psychische Unzulänglichkeit durch Erschöpfung u. dgl. zustande 
kommt. Alle diese Fälle bilden fließende Reihen, nicht abgeson- 
derte Kategorien; durch alle zieht sich indes das ähnliche Ver- 
halten im Schicksal der -Sexualspannung, und für die meisten, 
gilt die Sonderung von Bedingung, spezifischer und Hilfsursache, 
konform der oben gegebenen Auflösung der ätiologischen 
Gleichung. 

Ich kann, wenn ich meine Erfahrungen danach befrage, 
ein gegensätzliches Verhalten von hereditärer Disposition und 
spezifischem sexuellem Moment für die Angstneurose nicht auf- 



,,-«.. 



109 



inden. Im Gegenteil, die beiden ätiologischen Faktoren unter- 
stützen und ergänzen einander. Das sexuelle Moment wirkt 
meistens nur bei jenen Personen, die eine hereditäre Be- 
lastung mit dazu bringen; die Heredität allein ist meistens nicht 
imstande, eine Angstneurose zu erzeugen, sondern wartet auf 
das Eintreffen eines genügenden Maßes der spezifischen sexuellen 
Schädlichkeit. Die Konstatierung der Heredität überhebt darum 
nicht der Suche nach einem spezifischen Moment, an dessen 
Auffindung sich übrigens auch alles therapeutische Interesse 
knüpft. Denn was will man therapeutisch mit der Heredität als 
Ätiologie anfangen? Sie hat seit jeher bei dem Kranken be- 
standen und wird bis an dessen Ende weiter bestehen. Sie ist 
an und für sich weder geeignet, das episodische Auftreten einer 
Neurose, noch deren Aufhören durch Behandlung verstehen zu 
lassen. Sie ist nichts als eine Bedingung der Neurose, eine 
unsäglich wichtige zwar, aber doch eine zum Schaden der 
Therapie und des theoretischen Verständnisses überschätzte. Man 
denke nur, um sich durch den Kontrast der Tatsachen über- 
zeugen zu lassen, an die Fälle von familiären Nervenkrankheiten 
(Chorea chronica, Thomsensche Krankheit u. dgl.), in denen 
die Heredität alle ätiologischen Bedingungen in sich vereinigt. 

Ich möchte zum Schlüsse die wenigen Sätze wiederholen, 
durch welche ich in erster Annäherung an die Wirklichkeit die 
gegenseitigen Beziehungen der verschiedenen ätiologischen Fak- 
toren auszudrücken pflege: 

1. Ob überhaupt eine neurotische Erkrankung zu- 
stande kommt, hängt von einem quantitativen Faktor ab, 
von der Gesamtbelastung des Nervensystems im Verhältnis zu 
dessen Resistenzfähigkeit. Alles was diesen Faktor unter einem 
gewissen Schwellenwert halten oder zurückbringen kann, hat 
therapeutische Wirksamkeit, indem es die ätiologische Gleichung 
unerfüllt läßt. 

Was man unter „Gesämtbelastung", was man unter „Ite- 
sistenzfähigkeit" des Nervensystems zu verstehen habe, das ließe 
sich mit Zugrundelegung gewisser Hypothesen über die Nerven- 
funktion wohl deutlicher ausführen. 

2. Welchen Umfang die Neurose erreicht, das hängt in 
erster Linie von dem Maß hereditärer Belastung ab. Die He- 



11U 

redität wirkt wie ein in den Stromkreis eingeschalteter Multi- 
plikator, der den Ausschlag der Nadel um das Vielfache ver- 
größert. 

8, Welche Form aber die Neurose annimmt — den Sinn: 
des Ausschlages — dies bestimmt allein das aus dem Sexual- 
leben stammende spezifische ätiologische Moment. 

Ich hoffe, daß im ganzen, obwohl ich mir der vielen noch-, 
unerledigten Schwierigkeiten des Gegenstandes bewußt bin, meine 
Aufstellung der Angstneurose sich für das Verständnis der 
Neurosen fruchtbarer erweisen wird, als Löwen fei ds Versuch, 
denselben Tatsachen Rechnung zu tragen durch die Konstatie- 
rung „ einer Verknüpf ung neu rastheni scher und hyste- 
rischer Symptome in Anfallsform". 

Wien, anfangs Mai 1895. 



_.. _ 



VIII. 

Weitere Bemerkungen über die Abwehr- 
Neuropsychosen 1 ). 



Als „Abwehr-Neuropsychosen" habe ich 1894 in 
einem kleinen Aufsatze (Neurologisches Zentralblatt, Nr. 10 und 
11) Hysterie, Zwangsvorstellungen sowie gewisse Fälle von. 
akuter halluzinatorischer Verworrenheit zusammengefaßt, weil; 
sich für diese Affektionen der gemeinsame Gesichtspunkt er- 
geben hatte, ihre Symptome entstünden durch den psychischen- 
Mechanismus - der (unbewußten) Abwehr, d. h. bei dem Ver- 
suche, eine unverträgliche Vorstellung zu verdrängen, die in- 
peinlichen Gegensatz zum Ich der Kranken getreten war. An. 
einzelnen Stellen eines seither erschienenen Buches „Studien 
über Hysterie" von Dr. J. Breuer und mir, habe ich dann er- 
läutern und an Krankenbeobachtungen darlegen können, in- 
welchem Sinne dieser psychische Vorgang der „Abwehr" oder 
„ Verdrängung" zu verstehen ist. Ebendaselbst finden sich auch- 
Angaben über die mühselige, aber vollkommen verläßliche Me- 
thode der Psychoanalyse, deren ich mich bei diesen Unter- 
suchungen, die gleichzeitig eine Therapie darstellen, bediene. 
Meine Erfahrungen in den letzten beiden Arbeitsjahren 
haben mich nun in der Neigung bestärkt, die Abwehr zum 
Kernpunkt im psychischen Mechanismus der erwähnten Neurosen 
zu machen, und haben mir anderseits gestattet, der psychologi- 
schen Theorie eine klinische Grundlage zu geben. Ich bin zu 
meiner eigenen Überraschung auf einige einfache, aber eng 
umschriebene Lösungen der Neurosenprobleme gestoßen, über' 






" 



» 






i) „Neurologisches Zentralblatt", 1896, Nr. 10. 



112 

die ich auf den nachfolgenden Seiten vorläufig und in Kürze 
berichten will. Ich kann es mit dieser Art der Mitteilung nicht 
vereinen, den Behauptungen die Beweise anzufügen, deren sie 
bedürfen, hoffe aber, diese Verpflichtung in einer ausführlichen 
Darstellung einlösen zu können. 

1. Die „spezifische" Ätiologie der Hysterie. 

Daß die Symptome der Hysterie erst durch Zurückführung. 
auf „traumatisch" wirksame Erlebnisse verständlich werden, und 
daß diese psychischen Traumen sich auf das Sexualleben be- 
ziehen, ist von Breuer und mir bereits in früheren Veröffent- 
lichungen ausgesprochen worden. Was ich heute als einförmiges 
Ergebnis meiner an 13 Fällen von Hysterie durchgeführten 
Analysen hinzuzufügen habe, betrifft einerseits die Natur dieser 
sexuellen Traumen, anderseits die Lebensperiode, in der sie 
vorfallen. Es reicht für die Verursachung der Hysterie nicht 
hin, daß zu irgend einer Zeit des Lebens ein Erlebnis auftrete, 
welches das Sexualleben irgendwie streift und durch die Ent- 
bindung und Unterdrückung eines peinlichen Affektes pathogen 
wird. Es müssen vielmehr diese sexuellen Traumen der 
frühen Kindheit (der Lebenszeit vor der Pubertät) 
angehören, und ihr Inhalt muß in wirklicher Irri- 
tation der Genitalien (koitusähnlichen Vorgängen) 
bestehen. 

Diese spezifische Bedingung der Hysterie — sexuelle 
Passivität in vorsexuellen Zeiten — fand ich in allen 
analysierten Fällen von Hysterie (darunter 2 Männer) erfüllt. 
Wie sehr die Anforderung an hereditäre Disposition durch solche 
Bedingtheit der akzidentellen ätiologischen Momente verringert 
wird, bedarf nur der Andeutung; ferner eröffnet sich ein Ver- 
ständnis für die ungleich größere Häufigkeit der Hysterie beim 
weiblichen Geschlechte, da dieses auch im Kindesalter eher z U 
sexuellen Angriffen reizt. 

Die nächstliegendsten Einwendungen gegen dieses Resultat 
dürften lauten, daß sexuelle Angriffe gegen kleine Kinder zu 
häufig vorfallen, als daß ihrer Konstatierung ein ätiologischer 
Wert zukäme, oder daß solche Erlebnisse gerade darum Wir- 
kungslos bleiben müssen, weil sie ein sexuell unentwickeltes 



113 



"Wesen betreffen; ferner daß man sich hüten müsse, derlei an- 
gebliche Reminiszenzen den Kranken durchs Examen aufzu- 
drängen, oder an die Romane, die sie selbst erdichten, zu 
glauben. Den letzteren Einwendungen ist die Bitte entgegen- 
zuhalten, daß doch niemand allzu sicher auf diesem dunkeln 
-Gebiete urteilen möge, der sich noch nicht der einzigen Methode 
bedient hat, welche es zu erhellen vermag (der Psychoanalyse 
zur Bewußtmachung des bisher Unbewußten 1 ). Das Wesentliche 
an den ersteren Zweifeln erledigt sich durch die Bemerkung, 
daß ja nicht die Erlebnisse selbst traumatisch wirken, sondern 
-deren Wiederbelebung als Erinnerung, nachdem das Indivi- 
duum in die sexuelle Reifung eingetreten ist. 

Meine 13 Fälle von Hysterie waren durchwegs von schwerer 
Art, alle mit vieljähriger Krankheitsdauer, einige nach längerer 
und erfolgloser Anstaltsbehandlung. Die Kindertraumen, welche 
•die Analyse für diese schweren Fälle aufdeckte, mußten sämt- 
lich als schwere sexuelle Schädigungen bezeichnet werden; ge- 
legentlich waren es geradezu abscheuliche Dinge. Unter den 
Personen, welche sich eines solchen folgenschweren Abusus 
schuldig machten, stehen obenan Kinderfrauen, Gouvernanten 
und andere Dienstboten, denen man allzu sorglos die Kinder 
überläßt, ferner sind in bedauerlicher Häufigkeit lehrende Per- 
sonen vertreten; in 7 von jenen 13 Fällen handelte es sich aber 
auch um schuldlose kindliche Attentäter, meist Brüder, die mit 
ihren um wenig jüngeren Schwestern Jahre hindurch sexuelle 
Beziehungen unterhalten hatten. Der Hergang war wohl jedes- 
mal ähnlich, wie man ihn- in einzelnen Fällen mit Sicherheit 
. verfolgen konnte, daß nämlich der Knabe von einer Person 
weiblichen Geschlechtes mißbraucht worden war, daß dadurch 
in ihm vorzeitig die Libido geweckt wurde, und daß er dann 
einige Jahre später in sexueller Aggression gegen seine Schwester 
genau die nämlichen Prozeduren wiederholte, denen man ihn 
selbst unterzogen hatte. 

Aktive Masturbation muß ich aus der Liste der für 
Hysterie pathogenen sexuellen Schädlichkeiten des frühen Kindes- 

J ) Ich vermute selbst, daß die so häufigen Attentatsdichtühgeü der 
Hysterischen Zwangsdichtungen sind, die. von- der Erinnerungsspur des 
Kindertraumas ausgehen* 

Freud, Neurosenlelire. 1.4. Auflage. 8 



114 

alters ausschließen. Wenn diese doch so häufig neben der 
Hysterie gefunden wird, so rührt dies von dem Umstände her,, 
daß die Masturbation selbst weit häufiger, als man meint, die- 
Folge des Mißbrauches oder der Verführung ist. Gar nicht selten 
erkranken beide Teile des kindlichen Paares später an Abwehr- 
neurosen, der Bruder an Zwangsvorstellungen, die Schwester an 
Hysterie, was natürlich den Anschein einer familiären neuroti- 
schen Disposition ergibt. Diese Pseudoheredität löst sich aber 
mitunter auf überraschende Weise; in einer meiner Beobachtun- 
gen waren Bruder, Schwester und ein etwas älterer Vetter 
krank. Aus der Analyse, die ich mit dem Bruder vornahm, er- 
fuhr ich, daß er an Vorwürfen darüber litt, daß er die Krank- 
heit der Schwester verschuldet; ihn selbst hatte der Vetter ver- 
führt, und von diesem war in der Familie bekannt, daß er das 
Opfer seiner Kinderfrau geworden war. 

Die obere Altersgrenze, bis zu welcher sexuelle Schädi- 
gung in die Ätiologie der Hysterie fällt, kann ich nicht sicher 
angeben; ich zweifle aber, ob sexuelle Passivität nach dem 8. 
bis 10. Jahre Verdrängung ermöglichen kann, wenn sie nicht 
durch vorherige Erlebnisse dazu befähigt wird. Die untere Grenze 
reicht so weit als das Erinnern überhaupt, also bis ins zarte 
Alter \on V-fa oder 2 Jahren! (2 Fälle.) In einer Anzahl meiner 
Fälle ist das sexuelle Trauma (oder die Reihe von Traumen) 
im 3. und 4. Lebensjahre enthalten. Ich würde diesen sonder- 
baren Funden selbst nicht Glauben schenken, wenn sie sich, 
nicht durch die Ausbildung der späteren Neurose volle Ver- 
trauenswürdigkeit verschaffen würden. In jedem Falle ist eine 
Summe von krankhaften Symptomen, Gewohnheiten und Phobien, 
nur durch das Zurückgehen auf jene Kindererlebnisse erklär- 
lich, und das logische Gefüge der neurotischen Äußerungen 
macht eine Ablehnung jener aus dem Kinderleben auftauchen- 
den, getreu bewahrten Erinnerungen unmöglich. Es wäre freilich 
vergebens, diese Kindertraumen einem Hysterischen außerhalb 
der Psychoanalyse abfragen zu wollen; ihre Spur ist niemals 
im bewußten Erinnern, nur in den Krankheitssymptomen auf- 
zufinden. 

Alle die Erlebnisse und Erregungen, welche in der Lebens- 
periode nach der Pubertät den Ausbruch der Hysterie vor- 



115 

"bereiten oder veranlassen, wirken nachweisbar nur dadurch 
daß sie die Erinnerungsspur jener Kindheitstraumen erwecken,' 
welche dann nicht bewußt wird, sondern zur Affekten tbindun" 
und Verdrängung führt. Es steht mit dieser Rolle der späteren 
Traumen in gutem Einklänge, daß sie nicht der strengen Be- 
dingtheit der Kindertraumen unterliegen, sondern nach Intensität 
und ' Beschaffenheit variieren können, von wirklicher sexueller 
Überwältigung bis zu bloßen sexuellen Annäherungen und zur 
Sinneswahrnehmung sexueller Akte bei anderen oder Aufnahme 
von Mitteilungen über geschlechtliche Vorgänge 1 ). 

In meiner ersten Mitteilung über die Abwehrneurosen blieb 
es unaufgeklärt, wieso das Bestreben der bis dahin Gesunden, 
ein solches traumatisches Erlebnis zu vergessen, den Erfolg 
haben könne, die beabsichtigte Verdrängung wirklich zu erzielen 
und damit der Abwehrneurose das Tor zu öffnen. An der Natur 
des Erlebnisses konnte es nicht liegen, da andere Personen trotz 
der gleichen Anlässe gesund blieben. Es konnte also die Hysterie 
nicht aus der Wirkung des Traumas voll erklärt werden; man 
mußte zugestehen, daß die Fähigkeit zur hysterischen Eeaktion 
schon vor dem Trauma bestanden hatte. 

An Stelle dieser unbestimmten hysterischen Disposition 
kann nun ganz oder teilweise die posthume Wirkung des sexuellen 
Kündertraumas treten. Die „Verdrängung" der Erinnerung an 
ein peinliches sexuelles Erlebnis reiferer Jahre gelingt nur 
solchen Personen, bei denen dies Erlebnis die Erinnerungsspur 
eines Kindertraiimas zur Wirkung bringen kann 2 ). 

J ) In einem Aufsatze über die Angstneurose (Neurologisches Zentral- 
blatt, 1895, Nr. 2) erwähnte ich, daß „ein erstes Zusammentreffen mit dem 
sexuellen Problem bei heranreifenden Mädchen eine Angstneurose hervor- 
rufen kann, die in fast typischer Weise mit Hysterie kombiniert ist". Ich 
weiß heute, daß die Gelegenheit, bei welcher solche virginalc Angst 
ausbricht, eben nicht dem ersten Zusammentreffen mit der Sexualität ent- 
spricht, sondern daß bei diesen Personen ein Erlebnis sexueller Passivität 
in den Kinderjahren vorhergegangen ist, dessen Erinnerug bei dem „ersten 
Zusammentreffen" geweckt wird. 

2 ) Eine psychologische Theorie der Verdrängung müßte auch Aus- 
kunft darüber geben, warum nur Vorstellungen sexuellen Inhaltes verdrängt 
werden können. Sie darf von folgenden Andeutungen ausgehen: Das Vor- 
stellen sexuellen Inhaltes erzeugt bekanntlich ähnliche Erregungsvorgänge 

8* 



116 

Zwangsvorstellungen haben gleichfalls ein sexuelles Kinder- 
erlebnis (anderer Natur als bei Hysterie) zur Voraussetzung. 
Die Ätiologie der beiden Abwehr-Neuropsychosen bietet nun 
folgende Beziehung zur Ätiologie der beiden einfachen Neurosen 
Neurasthenie und Angstneurose. Die beiden letzteren Affektionen 
sind unmittelbare "Wirkungen der sexuellen Noxen selbst, -wie 
ich es in einem Aufsatze über die Angstneurose 1895 dargelegt 
habe; die beiden Abwehrneurosen sind mittelbare Folgen sexueller 
Schädlichkeiton, die vor Eintritt der Geschlechtsreife eingewirkt 
haben, nämlich Folgen ' der psychischen Erinnerungsspuren an 
diese Noxen. Die aktuellen Ursachen, welche Neurasthenie und 
Angstneurose erzeugen, spielen häufig gleichzeitig die Bolle von 
erweckenden Ursachen für die Abwehrneurosen; anderseits können 
die spezifischen Ursachen der Abwehrneurose, die Kindertraumen 
gleichzeitig den Grund für die später sich entwickelnde Neur- 
asthenie legen. Endlich ist auch der Fall nicht selten, daß eine 
Neurasthenie oder Angstneurose anstatt durch aktuelle sexuelle 
Schädlichkeiten nur durch fortwirkende Erinnerung an Kinder- 
traumen in ihrem Bestände erhalten wird. 

II. Wesen und Mechanismus der Zwangsneurose. 

In der Ätiologie der Zwangsneurose haben sexuelle Erleb- 
nisse der frühen Kinderzeit dieselbe Bedeutung wie bei Hysterie 

in den Genitalien wie das sexuelle Erleben selbst. Man darf annehmen, daß 
diese somatische Erregung sich in psychische umsetzt. In der Regel ist die 
diesbezügliche Wirkung beim Erlebnisse viel stärker als bei der Erinnerung 
daran. Wenn aber das sexuelle Erlebnis in die Zeit sexueller Unreife fällt 
die Erinnerung daran während oder nach der Reife erweckt wird, dann 
wirkt die Erinnerung ungleich stärker erregend als seinerzeit das Erlebnis 
denn inzwischen hat die Pubertät die Reaktionsfähigkeit des Sexualapparates 
in unvergleichbarem Maße gesteigert. Ein solches umgekehrtes Verhältnis 
zwischen realem Erlebnis und Erinnerung scheint aber die psychologische 
Bedingung einer Verdrängung zu enthalten. Das Sexualleben bietet — durch 
die Verspätung der Pubertätsreife gegen die psychischen Funktionen — die 
einzig vorkommende Möglichkeit für jene Umkehrung der relativen Wirksam- 
keit. Die Kindertraumen wirken nachträglich wi e frische Erleb- 
nisse, dann aber unbewußt. Weitergehende psychologische Erörterungen 
müßte ich auf ein anderes Mal verschieben. — Ich bemerke noch, daß die 
hier in Betracht kommende Zeit der „sexuellen Reifung" nicht mit der 
Pubertät zusammenfällt, sondern vor dieselbe (8. bis 10. Jahr). 






117 

doch handelt es sich hier nicht mehr um sexuelle Passivität, 
sondern um mit Lust ausgeführte Aggressionen und mit Lust 
empfundene Teilnahme an sexuellen Akten, also um sexuelle 
Aktivität. Mit dieser Differenz der ätiologischen Verhältnisse 
hängt es zusammen, daß hei der Zwangsneurose das männliche 
Geschlecht bevorzugt erscheint. 

Ich habe übrigens in all meinen Fällen von Zwangsneurose 
einen Untergrund von hysterischen Symptomen ge- 
funden, die sich auf eine der Lusthandlung vorhergehende 
Szene sexueller Passivität zurückführen ließen. Ich vermute, daß 
dieses Zusammentreffen ein gesetzmäßiges ist, und daß vorzeitige 
sexuelle Aggression stets ein Erlebnis von Verführung voraus- 
setzt. Ich kann aber gerade von der Ätiologie der Zwangs- 
neurose noch keine abgeschlossene Darstellung geben; es macht 
mir nur den Eindruck, als hinge die Entscheidung darüber, ob 
auf Grund der Kindertraumen Hysterie oder Zwangsneurose 
entstehen soll, mit den zeitlichen Verhältnissen der Entwick- 
lung von Libido zusammen. 

Das "Wesen der Zwangsneurose läßt sich «in einer einfachen 
Formel aussprechen: Zwangsvorstellungen sind jedes- 
mal verwandelte, aus der . Verdrängung wieder- 
kehrende Vorwürfe, die sich immer auf eine sexuelle, 
mit Lust ausgeführte Aktion der Kinderzeit bezie- 
hen. Zur Erläuterung dieses Satzes ist es notwendig, den typi- 
schen Verlauf einer Zwangsneurose zu beschreiben. 

In einer ersten Periode — Periode der kindlichen Ln- 
moralität — fallen die Ereignisse vor, welche den Keim der 
späteren Neurose enthalten. Zuerst in frühester Kindheit die 
Erlebnisse sexueller Verführung, welche später die Verdrängung 
ermöglichen, sodann die Aktionen sexueller Aggression gegen 
das andere Geschlecht, welche später als Vorwurfshandlungen 
erscheinen. 

Dieser Periode wird ein Ende bereitet durch den — oft 
selbst verfrühten — Eintritt der sexuellen „Reifung". Nun 
knüpft sich au die Erinnerung jener Lustaktionen ein Vorwurf, 
und der Zusammenhang mit dem initialen Erlebnisse von Pas- 
sivität ermöglicht es — oft erst nach bewußter und erinnerter 
Anstrengung — diesen zu verdrängen und durch ein primäres 



\ 






118 



Abwehrsymptoni zu ersetzen. Gewissenhaftigkeit, Scham, 
Selbstmißtrauen sind solclie Symptome, mit denen die dritte 
Periode, die der scheinbaren Gesundheit, eigentlich der ge- 
lungenen Abwehr beginnt. 

Die nächste Periode, die der Krankheit, ist ausgezeichnet 
durch die Wiederkehr der verdrängten Erinnerungen, 
also durch das Mißglücken der Abwehr, wobei es unentschieden 
bleibt, ob die Erweckung derselben häufiger zufällig und spontan 
oder infolge aktueller sexueller Störungen gleichsam als Neben- 
wirkung derselben erfolgt. Die wiederbelebten Erinnerungen 
und die aus ihnen gebildeten Vorwürfe treten aber niemals 
unverändert ins Bewußtsein ein, sondern was als Zwangs- 
vorstellung und Zwangsaffekt bewußt wird, die pathogene Er- 
innerung für das bewußte Leben substituiert, sind Kompromiß- 
bildungen zwischen den verdrängten und den verdrängenden 
Vorstellungen. 

Um die Vorgänge der Verdrängung, der Wiederkehr des 
Verdrängten und der Bildung der pathologischen Kompromiß- 
vorstellungen anschaulich vind wahrscheinlich zutreffend zu be- 
schreiben, müßte man sich zu ganz bestimmten Annahmen über 
das Substrat des psychischen Geschehens und des Bewußtseins 
entschließen. So lange man dies vermeiden will, muß man sich 
mit folgenden, eher bildlich verstandenen Bemerkungen be- 
scheiden: Es gibt zwei Formen der Zwangsneurose, je nachdem 
allein der Erinnerungsinhalt der Vorwurfshandlung sich den 
Eingang ins Bewußtsein erzwingt oder auch der an sie ge- 
knüpfte Vorwurfsaffekt. Der erstere Fall ist der der typischen 
Zwangsvorstellungen, bei denen der Inhalt die Aufmerksamkeit 
des Kranken auf sich zieht, als Affekt nur eine unbestimmte 
Unlust empfunden wird, während zum Inhalt der Zwangsvorstel- 
lung nur der Affekt des Vorwurfes passen würde. Der Inhalt 
der Zwangsvorstellung ist gegen den der Zwangshandlung im 
Kindesalter in zweifacher Weise entstellt: erstens, indem etwas 
Aktuelles an die Stelle des Vergangenen gesetzt ist, zweitens, 
indem das Sexuelle durch Analoges, nicht Sexuelles substituiert 
wird. Diese beiden Abänderungen sind die Wirkung der immer 
noch in Kraft stehenden Verdrängungsneigung, die wir dem 
„Ich" zuschreiben wollen. Der Einfluß der wiederbelebten patho- 



119 



genen Erinnerung zeigt sich darin, daß der Inhalt der Zwangs- 
vorstellung noch stückweise mit dem Verdrängten identisch ist 
oder sich durch korrekte Gedankenfolge von ihm ableitet. Re- 
konstruiert man mit Hilfe der psychoanalytischen Methode die 
Entstehung einer einzelnen Zwangsvorstellung, so findet man, 
•daß von einem aktuellen Eindrucke aus zwei verschiedene Ge- 
dankengänge angeregt worden sind; der eine davon, der über 
die verdrängte Erinnerung gegangen ist, erweist sich als ebenso 
korrekt logisch gebildet wie der andere, obwohl er bewußtseins- 
unfähig und unkorrigierbar ist. Stimmen die Resultate der beiden 
psychischen Operationen nicht zusammen, so kommt es nicht 
etwa zur logischen Ausgleichung des "Widerspruches zwischen 
beiden, sondern neben dem normalen Denkergebnisse tritt als 
Kompromiß zwischen dem Widerstände und dem pathologischen 
Denkresultate eine absurd erscheinende Zwangsvorstellung ins 
Bewußtsein. Wenn die beiden Gedankengänge den gleichen 
Schluß ergeben, verstärken sie einander, so daß ein ndrmal 
gewonnenes Denkresultat sich nun psychisch wie eine Zwangs- 
vorstellung verhält. Wo immer neurotischer Zwang im 
Psychischen auftritt, rührt er von Verdrängung 
her. Die Zwangsvorstellungen haben sozusagen psychischen 
Zwangskurs nicht wegen ihrer eigenen Geltung, sondern wegen 
der Quelle, aus der sie stammen, oder die zu ihrer Geltung 
■einen Beitrag geliefert hat. 

Eine zweite. Gestaltung der Zwangsneurose ergibt sich, 
wenn nicht der verdrängte Erinnerungsinhalt, sondern der gleich* 
falls verdrängte Vorwurf eine Vertretung im bewußten psychi- 
schen Leben erzwingt. Der Vorwurfsaffekt kann sich durch einen 
psychischen Zusatz in einen beliebigen andern Unlustaffekt ver- 
wandeln; ist dies geschehen, so steht dem Bewußtwerden des 
substituierenden Affektes, nichts mehr im Wege. So verwandelt 
sich Vorwurf (die sexuelle Aktion im Kindesalter vollführt 
zu haben) mit Leichtigkeit in Scham (wenn ein anderer davon 
erführe), in hypochondrische Angst (vor den körperlich 
schädigenden Folgen jener Vorwurfshandlung), in soziale 
Angst (vor der gesellschaftlichen Ahndung jenes Vergehens) 
in religiöse Angst, in Beachtungswahn (Furcht, daß 
man jene Handlung anderen verrate), in Versuchungsangst 






120 

(berechtigtes Mißtrauen in die eigene moralische Widerstands- 
kraft) u. dgl. Dabei kann der Erinnerungsinhalt der Vorwurfs- 
handlung im Bewußtsein mitvertreten sein oder gänzlich zurück- 
stehen, was die diagnostische Erkennung sehr erschwert. Viele 
Fälle, die man bei oberflächlicher Untersuchung für gemeine 
(neurasthenische) Hypochondrie hält, gehören zu dieser Gruppe 
der Zwangs äff ekte, insbesondere die sogenannte „perio- 
dische Neurasthenie" oder „periodische Melancholie" scheint in 
ungeahnter Häufigkeit sich in Zwangsaffekte und Zwangsvorstel- 
lungen aufzulösen, eine Erkennung, die therapeutisch nicht, 
gleichgültig ist. 

Neben diesen Kompromißsymptomen, welche die Wieder- 
kehr des Verdrängten und somit ein Scheitern der ursprünglich 
erzielten Abwehr bedeuten, bildet die Zwangsneurose eine Reihe 
weiterer Symptome von ganz änderer Herkunft. Das Ich sucht, 
sich nämlich jener Abkömmlinge der initial verdrängten Er- 
innerung zu erwehren und schafft in diesem Abwehrkampfe- 
Symptome, die man als „sekundäre Abwehr" zusammen- 
fassen könnte. Es sind dies durchwegs „Schutzmaßregeln",, 
die bei der Bekämpfung der Zwangsvorstellungen und Zwangs- 
affekte gute Ditnste geleistet haben. Gelingt es diesen Hilfen 
im Abwehrkampfe wirklich, die dem Ich aufgedrängten 
Symptome der Wiederkehr neuerdings zu verdrängen, so über- 
trägt sich der Zwang auf die Schutzmaßregeln selbst und schafft- 
eine dritte Gestaltung der „Zwangsneurose", die Zwangs- 
handlungen. Niemals sind diese primär, niemals ent- 
halten sie etwas anderes als eine Awehr, nie eine Aggression^ 
die psychische Analyse weist von ihnen nach, daß sie — 
trotz ihrer Sonderbarkeit — durch Zurückführung auf die 
Zwangserinnerung, die sie bekämpfen, jedesmal voll aufzuklären 
sind 1 ). 

') Ein Beispiel anstatt vieler: Ein lljähriger Knabe hatte sich fol- 
gendes Zeremoniell vor dem Zubettgehen zwangsartig eingerichtet: Er 
schlief nicht eher ein, als bi9 er seiner Mutter alle Erlebnisse des Tages 
haarklein vorerzählt hatte; auf dem Teppich des Schlafzimmers durfte abends 
kein Papierschnilzelehen und kein anderer Unrat zu finden sein; das Bett- 
maßte ganz an die Wand angerückt werden, drei Stühle davorstehen, die 
Polster in ganz bestimmter Weise liegen. Er selbst mußte, um einzuschlafen, 
zuerst eine gewiäse Anzahl von Malen mit beiden Beinen stoßen und sich 



121 



Die sekundäre Abwehr der Zwangsvorstellungen kann er- 
folgen durch gewaltsame Ablenkung auf andere Gedanken, 
möglichst konträren Inhaltes; daher im Falle des Gelingens der 
Grübelzwang, regelmäßig über abstrakte, übersinnliche 
Dinge, weil die verdrängten Vorstellungen immer sich mit der 
Sinnlichkeit beschäftigten. Oder der Kranke versucht, jeder 
einzelnen Zwangsidee durch logische Arbeit und Berufung auf 
seine bewußten Erinnerungen Herr zu werden; dies führt zum 
Denk- und Prüfungszwange und zur Zweifelsucht. Der 
Vorzug der Wahrnehmung vor der Erinnerung bei diesen Prü- 
fungen veranlaßt den Kranken zuerst und zwingt ihn später, 
alle Objekte, mit denen er in Berührung getreten ist, zu sam- 
meln und aufzubewahren. Die sekundäre Abwehr gegen die 
Zwangsaffekte ergibt eine noch größere Eeihe von Schutzmaß- 
regeln, die der Verwandlung in Zwangshandlungen fähig sind. 
Man kann dieselben nach ihrer Tendenz gruppieren: Maßregeln 
der Buße (lästiges Zeremoniell, Zahlenbeobachtung), der 
Vorbeugung (allerlei Phobien, Aberglauben, Pedanterie, 
Steigerung des Primärsymptoms der Gewissenhaftigkeit), der 
Furcht vor Verrat (Papiersammeln, Menschenscheu), der 
Betäubung (Dipsomanie). Untpr diesen Zwangshandlungen 
und -impulsen spielen die Phobien als Existenzbeschränkungen 
des Kranken die größte Rolle. 



dann auf die Seite legen. — Das klärte sich folgendermaßen auf: Jahre 
vorher hatte es sich zugetragen, daß ein Dienstmädchen, welches den 
schönen Knaben zu Bette bringen sollte, die Gelegenheit benutzte, um sich 
dann über ihn zu legen und ihn sexuell zu mißbrauchen. Als dann später 
einmal diese Erinnerung durch ein rezentes Erlebnis geweckt wurde, gab 
sie sich dem Bewußtsein durch den Zwang zu obigem Zeremoniell kund, 
dessen Sinn leicht zu erraten war und im einzelnen durch die Psychoana- 
lyse festgestellt, wurde: Sessel vor dem Bett und dieses an die Wand ge- 
rückt — damit niemand mehr zum Bett Zugang haben könne; Polster in 
einer gewissen Weise geordnet — damit sie anders geordnet seien als an 
jenem Abend; die Bewegungen mit den Beinen — Wegstoßen der auf ihm 
liegenden Person; Schlafen auf der Seite — weil er bei der Szene auf dem 

Jucken gelegen; die ausführliche Beichte vor der Mutter — weil er diese 
md andere sexuelle Erlebnisse infolge von Verbot der Verführerin ihr ver- 

shwiegen hatte; endlich Reinhaltung des Bodens im Schlafzimmer — weil, 
lies der Hauptvorwurf war, den er bis dabin von der Mutter hatte hin- 
nehmen müssen. 










































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122 

' Es gibt Fälle, in welchen man beobachten kann, wie sich, 
-der Zwang von der Vorstellung oder vom Affekt auf die Maß- 
regel überträgt; andere, in denen der Zwang periodisch zwischen 
dem Wiederkehrsymptome und dem Symptom der sekundären 
Abwehr oszilliert; aber daneben noch Fälle, in denen über- 
haupt keine Zwangsvorstellung gebildet, sondern die verdrängte 
Erinnerung sogleich durch die scheinbar primäre Abwehrmaß- 
regel vertreten wird. Hier. wird mit einem Sprunge jenes Sta-' 
dium erreicht, welches sonst erst nach dem Abwehrkampf den 
Verlauf der Zwangsneurose abschließt.- Schwere Fälle dieser 
Affektion enden mit der Fixierung von Zeremoniellhandlungen, 
allgemeiner Zweifelsucht oder einer durch Phobien bedingten 
.Sonderlingsexistenz. 

Daß die Zwangsvorstellung und alles von ihr Abgeleitete 
keinen Glauben findet, rührt wohl daher, daß bei der ersten 
Verdrängung' das Abwehrsymptom der Gewissenhaftigkeit 
gebildet worden ist, das gleichfalls Zwangsgeltung gewonnen 
hat. Die Sicherheit, in der ganzen Periode der gelungenen 
Abwehr moralisch gelebt zu haben, macht es unmöglich, dem 
Vorwurfe, welchen ja die Zwangsvorstellung involviert, Glauben 
zu schenken. Nur vorübergehend beim Auftreten einer neuen 
Zwangsvorstellung und hie und da bei melancholischen Er- 
schöpfungszuständen des Ichs erzwingen die krankhaften Sym- 
ptome der Wiederkehr auch den Glauben. Der „Zwang" der 
hier beschriebenen psychischen Bildungen hat ganz allgemein 
mit der Anerkennung durch den Glauben nichts zu tun, und 
ist auch mit jenem Moment, das man als „Stärke" oder „Inten- 
sität" einer Vorstellung bezeichnet, nicht zu verwechseln. Sein 
wesentlicher Charakter ist vielmehr die Unauflösbarkeit durch 
die bewußtseinsfähige psychische Tätigkeit, und dieser Charakter 
erfährt keine Änderung, ob nun die Vorstellung, an der der 
Zwang haftet, stärker oder schwächer, intensiver oder geringer 
„beleuchtet", „mit Energie besetzt" u. dgl. wird. 

Ursache dieser Unangreifbarkeit der Zwangsvorstellung oder 
ihrer Derivate ist aber nur ihr Zusammenhang mit der verdrängten 
Erinnerung aus früher Kindheit, denn wenn es gelungen ist, diesen 
"bewußt zu machen, wofür die psychotherapeutischen Methoden 
bereits auszureichen scheinen, dann ist auch der Zwang gelöst. 



123 

III. Analyse eines Falles von chronischer Paranoia. 

Seit längerer Zeit schon liege ich die Vermutung, daß 
.-auch die Paranoia — oder Gruppen von Fällen, die zur Paranoia 
gehören — eine Abwehrpsychose ist, d. h. daß sie wie Hysterie 
und Zwangsvorstellungen hervorgeht aus der Verdrängung pein- 
licher Erinnerungen, und daß ihre Symptome durch den Inhalt 
des Verdrängten in ihrer Form determiniert werden. Eigentüm- 
lich müsse der Paranoia ein besonderer Weg oder Mechanismus 
der Verdrängung sein, etwa wie die Hysterie die Verdrängung 
auf dem Wege der Konversion in die Körperinnervation, 
die Zwangsneurose durch Substitution (Verschiebung längs- 
gewisser assoziativer Kategorien) bewerkstelligt. Ich beobachtete 
mehrere Fälle, die dieser Deutung günstig waren, hatte aber 
keinen gefunden, der sie erwies, bis mir durch die Güte des 
Herrn Dr. J. Breuer vor einigen Monaten ermöglicht wurde, 
•den Fall einer intelligenten 32jährigen Frau, dem man die 
Bezeichnung als chronische Paranoia nicht wird versagen können, 
in therapeutischer Absicht einer Psychoanalyse zu unterziehen. 
Ich berichte schon hier über einige bei dieser Arbeit gewon- 
nene Aufklärungen, weil ich keine Aussicht habe, die Paranoia 
anders als in sehr vereinzelten Beispielen zu studieren, und weil 
ich es für möglich halte, daß diese Bemerkungen einen hierin 
günstiger gestellten Psychiater veranlassen könnten, in der jetzt 
so regen Diskussion über Natur und psychischen Mechanismus 
•der Paranoia das Moment der „Abwehr" zu seinem Bechte zu 
bringen. Natürlich liegt es mir fern, mit der nachstehenden 
einzigen Beobachtung etwas anderes sagen zu wollen, als: dieser 
Fall ist eine Abwehrpsychose, und es dürfte in der Gruppe 
„Paranoia" noch andere geben, die es gleichfalls sind. 

Frau P., 32 Jahre alt, seit 3 Jahren verheiratet, Matter eines 2jäh- 
rigen Kindes, stammt von nicht nervösen Eltern; ihre beiden Geschwister 
kenne ich aber als gleichfalls neurotisch. Es ist zweifelhaft, ob sie nicht 
einmal in der Mitte der 20er Jahre vorübergehend deprimiert und in ihrem 
Urteile beirrt war; in den letzten Jahren war sie gesund und leistungsfähig, 
bis sie i j i Jahr nach der Geburt ihres Kindes die ersten Anzeichen der 
gegenwärtigen Erkrankung erkennen ließ. Sie wurde verschlossen und miß- 
trauisch, zeigte Abneigung gegen den Verkehr mit den Geschwistern ihres 
.Mannes und klagte, daß die Nachbarn in der kleinen Stadt sich anders als 



' 



124 

früher, unhöflich und rücksichtslos gegen sie benähmen. Allmählich steigerten 
sich diese Klagen an Intensität, wenn auch nicht an Bestimmtheit: man 
habe etwas gegen sie, obwohl sie keine Ahnung habe, was es sein könne. 
Aber es sei kein Zweifel, alle — Verwandte wie Freunde — versagten ihr 
die Achtung, täten alles, sie zu kränken. Sie zerbreche sich den Kopf, wo- 
her da6 komme; wisse es nicht. Einige Zeit später klagte sie, daß sie be- 
obachtet werde, man ihre Gedanken errate, alles wisse, was bei ihr im 
Hause vorgehe. Eines Nachmittags kam ihr plötzlich der Gedanke, man 
beobachte sie abends beim Auskleiden. Von nun an wendete sie beim Aus- 
kleiden die kompliziertesten Vorsichtsmaßregeln an, schlüpfte im Dunkeln 
ins Bett und entkleidete sich erat unter der Decke. Da sie jedem Verkehr 
auswich, sich schlecht nährte und sehr verstimmt war, wurde sie im Sommer 
1895 in eine Wasserheilanstalt geschickt. Dort traten neue Symptome auf 
und verstärkten sich schon vorhandene. Schon im Frühjahr hatte sie plötz- 
lich eines Tages, als sie mit ihrem Stubenmädchen allein war, eine Empfin- 
dung im Schöße bekommen und sich dabei gedacht, das Mädchen habe 
jetzt einen unanständigen Gedanken. Diese Empfindung wurde im Sommer 
häufiger, nahezu kontinuierlich, sie spürte ihre Genitalien, „wie man eine 
schwere Hand spürt". Dann fing sie an, Bilder zu sehen, über die sie sich 
entsetzte, Halluzinationen von weiblichen Nacktheiten, besonders einen ent- 
blößten weiblichen Schoß mit Behaarung; gelegentlich auch männliche 
Genitalien. Das Bild des behaarten Schoßes und die Organempfindung im 
Schöße kamen meist gemeinsam. Die Bilder wurden sehr quälend für sie, 
da sie dieselben regelmäßig bekam, wenn sie in Gesellschaft einer Fran 
war und daran die Deutung sich anschloß, sie sehe jetzt die Frau in unan- 
ständigster Blöße, aber im selben Moment habe die Frau dasselbe Bild von 
ihr (!). Gleichzeitig--Wit~ diesen Gesichtshalluzinationen — die nach ihrem 
ersten Auftreten in der Heilanstalt für mehrere Monate wieder verschwan- 
den — fingen Stimmen an, sie zu belästigen, die sie nicht erkannte und 
sich nicht zu erklären wußte. Wenn sie auf der Straße war, hieß es: Das 
ist die Frau P. — Da geht sie. Wo geht sie hin? — Man kommentierte 
jede ihrer Bewegungen und Handlungen, gelegentlich hörte sie Drohungen 
und Vorwürfe. Alle diese Symptome wurden ärger, wenn sie in Gesellschaft 
oder gar auf der Straße war; sie verweigerte darum auszugehen, erklärte 
dann, sie habe Ekel vor dem Essen und kam rasch herunter. • 

Die& erfuhr ich von ihr, als sie im Winter 1895 nach 
Wien in meine Behandlung kam. Ich hahe es ausführlich dar- 
gestellt, um den Eindruck zu erwecken, daß es sich hier wirk- 
lich um eine recht häufige Form von chronischer Paranoia 
handle, zu welchem Urteil die noch später anzuführenden Details 
der Symptome und ihres Verhaltens stimmen werden. Wahn- 
bildungen zur Deutung der Halluziationen verbarg sie mir da- 
mals oder sie waren wirklich noch nicht vorgefallen; ihre In- 



J 



125 



telligenz war unvermindert; als auffällig wurde mir nur berichtet, 
daß sie ihrem in der Nachbarschaft lebenden Bruder wieder- 
holt Rendez-vous gegeben, um ihm etwas anzuvertrauen, ihm 
aber nie etwas mitgeteilt habe. Sie sprach nie über ihre Hallu- 
zinationen und zuletzt auch nicht mehr viel über die Kränkungen 
und Verfolgungen, unter denen sie litt. 

Was ich nun von dieser Kranken zu berichten habe, be- 
trifft die Ätiologie des Falles und den Mechanismus der Hallu- 
zinationen. Ich fand die Ätiologie, als ich ganz wie bei einer 
Hysterie die Breuer sehe Methode zunächst zur Erforschung 
und Beseitigung der Halluzinationen in Anwendung brachte. Ich 
ging dabei von der Voraussetzung aus, es müsse bei dieser 
Paranoia wie bei den zwei anderen mir bekannten Abwehr- 
neurosen unbewußte Gedanken und verdrängte Erinnerungen 
geben, die auf dieselbe Weise, wie dort, ins Bewußtsein zu 
bringen seien, unter Überwindung eines gewissen Widerstandes, 
und die Kranke bestätigte sofort diese Erwartung, indem sie 
sich bei der Analyse ganz wie zum Beispiel eine Hysterica be- 
nahm und unter Aufmerksamkeit auf den Druck meiner Hand 
(vergleiche die „Studien über Hysterie") Gedanken vorbrachte, 
die gehabt zu haben sie sich nicht erinnerte, die sie zunächst 
nicht verstand, und die ihrer Erwartung widersprachen. Es war 
also das Vorkommen bedeutsamer unbewußter Vorstellungen auch 
für einen Fall von Paranoia erwiesen, und ich durfte hoffen, 
auch den Zwang der Paranoia auf Verdrängung zurückzuführen. 
Eigentümlich war nur, daß sie die aus dem Unbewußten stam- 
menden Angaben zumeist wie ihre Stimmen innerlich hörte oder 
halluzinierte. 

"Über die Herkunft der Gesichtshalluzinationen oder wenig- 
stens der lebhaften Bilder erfuhr ich folgendes: Das Bild des. 
weiblichen Schoßes kam fast immer mit der Organempfindung 
im Schöße zusammen, letztere war aber viel konstanter und 
sehr oft ohne das Bild. 

Die ersten Bilder von weiblichen Schößen waren aufge- 
treten in der Wasserheilanstalt, wenige Stunden, nachdem sie 
eine Anzahl von Frauen tatsächlich im Baderaum entblößt ge- 
sehen hatte, erwiesen sich also als einfache Reproduktionen 
eines realen Eindruckes. Man durfte nun voraussetzen, daß diese 



126 



Eindrücke nur darum wiederholt worden seien, weil sich ein 
großes Interesse an sie geknüpft habe. Sie gab die Auskunft, 
sie habe sich damals für jene Frauen geschämt; sie schäme- 
sich selbst, nackt gesehen zu werden, seitdem sie sich erinnere. 
Da ich nun diese Scham für etwas Zwanghaftes ansehen mußte, 
schloß ich nach dem Mechanismus der Abwehr, es müsse hier- 
ein Erlebnis verdrängt worden sein, bei dem sie sich nicht 
geschämt, und forderte sie auf, die Erinnerungen auftauchen zu 
lassen, welche zu dem Thema des Schämens gehörten. Sie re- 
produzierte mir prompt eine Reihe von Szenen vom 17. Jahre 
bis zum 8., in denen sie sich im Bade vor der Mutter, der 
Schwester, dem Arzte ihrer Nacktheit geschämt hatte; die Reihe 
lief aber in eine Szene mit 6 Jahren aus, wo sie sich im 
Kinderzimmer zum Schlafengehen entkleidete, ohne sich vor dem 
anwesenden Bruder zu schämen. Auf mein Befragen kam heraus,, 
daß es solcher Szenen viele gegeben habe, und daß die Ge- 
schwister Jahre hindurch die Gewohnheit geübt hätten, sich 
einander vor dem Schlafengehen nackt zu zeigen. Ich verstand 
nun, was der plötzliche Einfall bedeutet hatte, man beobachte 
sie beim Schlafengehen. Es war ein unverändertes Stück der 
alten Vorwurfserinnerung, und sie holte jetzt an Schämen nach, 
was sie als Kind versäumt hatte. 

Die Vermutung, daß es sich hier um ein Kinderverhältnis 
handle, wie auch in der Ätiologie der Hysterie so häufig, wurde 
durch weitere Fortschritte der Analyse bekräftigt, bei denen- 
sich gleichzeitig Lösungen für einzelne im Bild der Paranoia 
häufig wiederkehrende Details ergaben. Der Anfang ihrer Ver- 
stimmung fiel zusammen mit einem Zwiste zwischen ihrem 
Manne und ihrem Bruder, infolgedessen der letztere ihr Haus 
nicht mehr betrat. Sie hatte diesen Bruder immer sehr geliebt 
und entbehrte ihn um diese Zeit sehr. Sie sprach aber außer- 
dem von einem Moment ihrer Krankengeschichte, in dem ihr 
zuerst „alles klar wurde", das heißt in dem sie zur Überzeugung 
gelangte, daß ihre Vermutung, allgemein mißachtet und mit 
Absicht gekränkt zu werden, Wahrheit sei. Diese Sicherheit 
gewann sie durch den Besuch einer Schwägerin, welche im Ver- 
lauf des Gespräches die Worte fallen ließ: „Wenn mir etwa» 
Derartiges passiert, nehme ich es auf die leichte Achsel!". Fran 



127 

P. nahm diese Äußerung zunächst arglos hin; nachdem aber 
ihr Besuch sie verlassen hatte, kam es ihr vor, als sei in diesen 
"Worten ein Vorwurf für sie enthalten gewesen, als ob sie ge- 
wohnt sei, ernste Dinge leicht zu nehmen, und von dieser 
Stunde an war sie sicher, daß sie ein Opfer der allgemeinen 
Nachrede sei. Als ich sie examinierte, wodurch sie sich berech- 
tigt gefühlt, jene Worte auf sich zu beziehen, antwortete sie, 
der Ton, in dem die Schwägerin gesprochen, habe sie — aller- 
dings nachträglich — davon überzeugt, was doch ein für Para- 
noia charakteristisches Detail ist. Ich zwang sie nun, sich an 
die Reden der Schwägerin vor der angeschuldigten Äußerung 
zu erinnern, und es ergab sich, daß diese erzählt hatte, im 
Vaterhause habe es mit den Brüdern allerlei Schwierigkeiten 
gegeben, und daran die weise Bemerkung geknüpft: „In jeder 
Familie gehe allerlei vor, worüber man gerne eine Decke breite. 
Wenn ihr aber Derartiges passiere, dann nehme sie es leicht." 
Frau P. mußte nun bekennen, daß an diese Sätze vor der 
letzten Äußerung ihre Verstimmung angeknüpft hatte. Da sie 
diese beiden Sätze, die eine Erinnerung an ihr Verhältnis zum 
Bruder wecken konnte, verdrängt hatte und nur den bedeutungs- 
losen letzten Satz behalten, mußte sie die Empfindung, als 
niache ihr die Schwägerin einen Vorwurf, an diesen knüpfen, 
und da der Inhalt desselben keine Anlehnung hierfür bot, warf 
sie sich vom Inhalte auf den Ton, mit dem diese Worte ge- 
sprochen worden waren. Ein wahrscheinlich typischer Beleg 
dafür, daß die Mißdeutungen der Paranoia auf einer Verdrän- 
gung beruhen. 

In überraschender Weise löste sich auch ihr sonderbares- 
Verfahren, ihren Bruder zu Zusammenkünften zu bestellen, bei 
denen sie ihm dann nichts zu sagen hatte. Ihre Erklärung lautete,, 
sie habe gemeint, er müsse ihr Leiden verstehen, wenn sie ihn 
bloß ansehe, da er um die Ursache desselben wisse. Da nun 
dieser Bruder tatsächlich die einzige Person war, die um die 
Ätiologie ihrer Krankheit wissen konnte, ergab sich, daß sie 
nach einem Motiv gehandelt hatte, das sie bewußt zwar 
selbst nicht verstand, das aber vollkommen gerechtfertigt, 
erschien, sobald man ihm einen Sinn aus dem Unbewußten 
unterlegte. 







i 



128 ' 

Es gelang mir dann, sie zur Reproduktion der verschie- 
denen Szenen zu veranlassen, in denen der sexuelle Verkehr mit 
dem Bruder (mindestens vom 6. bis zum 10. Jahre) gegipfelt 
hatte. Während dieser Reproduktionsarbeit sprach die Organ- 
empfindung im Schöße mit, wie es bei der Analyse hysterischer 
Erinnerungsreste regelmäßig beobachtet wird. Das Bild eines 
nackten weiblichen Schoßes (jetzt aber auf kindliche Propor- 
tionen reduziert und ohne Behaarung) stellte sich dabei gleich- 
falls ein oder blieb weg, je nachdem die betreffende Szene bei 
hellem Lichte oder im Dunkeln vorgefallen war. Auch der Eß- 
ekel fand in einem abstoßenden Detail dieser Vorgänge eine 
Erklärung. Nachdem wir die Reihe dieser Szenen durch- 
gemacht hatten, waren die halluzinatorischen Empfindungen 
und Bilder verschwunden, um (wenigstens bis heute) nicht 
wiederzukehren L ). 

Ich hatte also gelernt, daß diese Halluzinationen nichts 
anderes als Stücke aus dem Inhalt der verdrängten Kinder- 
erlebnisse waren, Symptome der Wiederkehr des Verdrängten. 

Nun wandte ich mich an die Analyse der Stimmen. Hier 
war vor allem zu erklären, daß ein so gleichgültiger Inhalt: 
„Hier geht die Frau P." — „Sie sucht jetzt Wohnung« u. dgl. 
von ihr so peinlich empfunden werden konnte; sodann, auf 
welchem Wege gerade diese harmlosen Sätze es dazu brachten, 
durch halluzinatorische Verstärkung ausgezeichnet zu werden. 
Von vornherein war klar, daß diese „Stimmen" nicht hallu- 
zinatorisch reproduzierte Erinnerungen sein konnten wie die 
Bilder und Empfindungen, sondern vielmehr „laut gewordene" 

Gedanken. 

Das erste Mal, als sie Stimmen hörte, geschah es unter 
folgenden Umständen: Sie hatte mit großer Spannung die schöne 
Erzählung von 0. Ludwig, Die Heiterethei, gelesen und 
bemerkt, daß sie bei der Lektüre von aufsteigenden Gedanken 
in Anspruch genommen wurde. Unmittelbar darauf ging sie auf 
der Landstraße spazieren, und nun sagten ihr plötzlich die 

J ) Als späterhin eine Exazerbatiou die ohnehin spärlichen Erfolge der 
Behandlung aufhob, sah sie die anstößigen Bilder fremder Genitalien nicht 
wieder, sondern hatte die Idee, die Fremden sähen ihre Genitalien, sobald 
sie sich hinter ihr befänden. 









129 

Stimmen, als sie an einem Bauernhäuschen vorüberging: So 
hat das Haus der Heiterethei ausgesehen! Da ist der Brunnen 
und da der Strauch! Wie glücklich war sie doch bei all ihrer 
Armut!" Dann wiederholten ihr die Stimmen ganze Abschnitte, 
die sie eben gelesen hatte; aber es blieb unverständlich, warum 
Haus, Strauch und Brunnen der Heiterethei und gerade die 
belang- und beziehungslosesten Stellen der Dichtung sich ihrer 
Aufmerksamkeit mit pathologischer Stärke aufdrängen mußten. 
Indes war die Lösung des Rätsels nicht schwer. Die Analyse 
ergab, daß sie während der Lektüre auch andere Gedanken 
gehabt hatte und durch ganz andere Stellen des Buches an- 
geregt worden war. Gegen dieses Material — Analogien zwi- 
schen dem Paare der Dichtung und ihr und ihrem Manne, 
Erinnerungen an Intimitäten ihres Ehelebens und an Familien- 
geheimnisse — gegen dies alles hatte sich ein verdrängender 
Widerstand erhoben, weil es auf leicht nachweisbaren Gedanken- 
wegen mit ihrer sexuellen Scheu zusammenhing und so in letzter 
Linie auf die Erweckung der alten Kindererlebnisse hinauskam. 
Infolge dieser von der Verdrängung geübten Zensur gewannen 
die harmlosen und idyllischen Stellen, die mit den beanstandeten 
durch Kontrast und auch durch Yizinität verknüpft waren, die 
Verstärkung für das Bewußtsein, die ihnen das Lautwerden er- 
möglichte. Der erste der verdrängten Einfälle bezog sich zum 
Beispiel auf die Nachrede, der die vereinsamt lebende Heldin 
von seiten der Nachbarn ausgesetzt war. Die Analogie mit ihrer 
eigenen Person wurde von ihr leicht gefunden. Auch sie lebte 
in einem kleinen Orte, verkehrte mit niemand Und glaubte sich 
von den Nachbarn mißachtet. Dies Mißtrauen gegen ihre Nach- 
barn hatte seinen wirklichen Grund darin, daß sie anfangs ge- 
nötigt war, sich mit einer kleinen Wohnung zu begnügen, in 
welcher die Schlafzimmerwand, an der die Ehebetten des jungen 
Paares standen, an ein Zimmer der Nachbarn stieß. Mit dem 
Beginn ihrer Ehe erwachte in ihr — offenbar durch unbewußte 
Erweckung ihres Kinderverhältnisses, in dem sie Mann und 
Frau gespielt hatten — eine große sexuelle Scheu; sie besorgte 
beständig, daß die Nachbarn Worte und Geräusche durch die 
trennende Wand vernehmen könnten, und diese Scham verwan- 
delte sich bei ihr in Argwohn gegen die Nachbarn. 

Freud, Neurosenlehre. I. 4. Auflage. 9 









130 

Die Stimmen verdankten also ihre Entstehung der Ver- 
drängung von Gedanken, die in letzter Auflösung eigentlich 
Vorwürfe anläßlich eines dem Kindertrauma analogen Erleb- 
nisses bedeudeten; sie waren demnach Symptome der Wiederkehr 
des Verdrängten, aber gleichzeitig Folgen eines Kompromisses 
zwischen Widerstand des Ich und Macht des Wiederkehrenden, 
der in diesem Falle eine Entstellung bis zur Unkenntlichkeit 
herbeigeführt hatte. In anderen Fällen, in denen ich Stimmen 
bei Frau P. zu analysieren Gelegenheit hatte, war die Entstel- 
lung minder groß; doch hatten die gehörten Worte immer einen 
Charakter von diplomatischer Unbestimmtheit; die kränkende 
Anspielung war meist tief versteckt, der Zusammenhang der 
einzelnen Sätze durch fremdartigen Ausdruck, ungewöhnliche 
Sprachformen u. dgl. verkleidet: Charaktere, die den Gehörs- 
halluzinationen der Paranoiker allgemein eigen sind, und in 
denen ich die Spur der Kompromißentstellung erblicke. Die 
Rede: „Da geht die Frau P., sie sucht Wohnung in der Straße", 
bedeutete zum Beispiel die Drohung, daß sie nie genesen werde, 
denn ich hatte ihr zugesagt, daß sie nach der Behandlung im- 
stande sein werde, in die kleine Stadt, wo ihr Mann beschäftigt 
war, zurückzukehren; sie hatte für einige Monate in Wien pro- 
visorisch Wohnung gemietet. 

In einzelnen Fällen vernahm Frau P. ■ auch deutlichere 
Drohungen, zum Beispiel in betreff der Verwandten ihres Mannes, 
deren zurückhaltender Ausdruck aber immer noch mit der Qual 
kontrastierte, welche ihr solche Stimmen bereiteten. Nach dem, 
was man sonst von Paranoikern weiß, bin ich geneigt, ein all- 
mähliches Erlahmen jenes die Vorwürfe abschwächenden Wider- 
standes anzunehmen, so daß endlich die Abwehr voll mißlingt, 
und der ursprüngliche Vorwurf, das Schimpfwort, welches man 
sich ersparen wollte, in unveränderter Form zurückkehrt. Indes 
weiß ich nicht, ob dies ein konstanter Ablauf ist, ob die Zensur 
der Vorwurfsreden nicht von Anfang an ausbleiben oder bis 
zum Ende ausharren kann. 

Es erübrigt mir nur noch, die an diesem Falle von Paranoia 
gewonnenen Aufklärungen für eine Vergleichung der Paranoia 
mit der Zwangsneurose zu verwerten. Die Verdrängung als Kern 
des psychischen Mechanismus ist hier wie dort nachgewiesen, 






131 

das Verdrängte ist in beiden Fällen ein sexuelles Kindererlebnis. 
.Jeder Zwang rührt auch bei dieser Paranoia von Verdrängung 
her; die Symptome der Paranoia lassen eine ähnliche Klassi- 
fizierung zu, wie sie sich für die Zwangsneurose als berechtigt 
erwiesen hat. Ein Teil der Symptome entspringt wieder der 
primären Abwehr, nämlich alle Wahnideen des Mißtrauens, 
Argwohnes, der Verfolgung durch andere. Bei der Zwangsneurose 
ist der initiale Vorwurf verdrängt worden durch die Bildung 
des primären Abwehrsymptoms: Selbstmißtrauen. Dabei 
ist der Vorwurf als berechtigt anerkannt worden, und zur Aus- 
gleichung schützt nun die Geltung, welche sich die Gewissen- 
haftigkeit im gesunden Intervall erworben hat, davor, dem als 
Zwangsvorstellung wiederkehrenden Vorwurfe Glauben zu schen- 
ken. Bei Paranoia wird der Vorwurf auf einem Wege, den man 
als Projektion bezeichnen kann, verdrängt, indem das Ab- 
wehrsymptom des Mißtrauens gegen andere errichtet wird; 
dabei wird dem Vorwurfe die Anerkennung entzogen, und wie 
zur Vergeltung fehlt es dann an einem Schutze gegen die in 
den Wahnideen wiederkehrenden Vorwürfe. 

Andere Symptome meines Falles von Paranoia sind als 
Symptome der Wiederkehr des Verdrängten zu bezeichnen und 
tragen auch, wie die der Zwangsneurose, die Spuren des Kom- 
promisses an sich, der ihnen allein den Eintritt ins Bewußtsein 
gestattet. So die Wahnidee, beim Auskleiden beobachtet zu 
werden, die visuellen, die Empfindungshalluzinatiohen und das 
Stimmenhören. Nahezu unveränderter, nur durch Auslassung 
unbestimmt gewordener Erinnerungsinhalt findet sich in der 
erwähnten Wahnidee vor. Die Wiederkehr des Verdrängten in 
visuellen Bildern nähert sich eher dem Charakter der Hysterie 
als dem der Zwangsneurose, doch pflegt die Hysterie ihre Er- 
innerungssymbole ohne Modifikation zu wiederholen, während 
die paranoische Erinnerungshalluzination eine Entstellung er- 
fährt, wie sie der Zwangsneurose zukommt; ein analoges mo- 
dernes Bild setzt sich an die Stelle des verdrängten (Schoß 
einer erwachsenen Frau anstatt eines Kindes; daran sogar die 
Behaarung besonders deutlich, weil diese dem ursprünglichen 
Eindruck fehlte). Ganz der Paranoia eigentümlich und in dieser 
Vergleichung weiter nicht zu beleuchten ist der Umstand, daß 

9* 







132 

die verdrängten Vorwürfe als lautgewordene Gedanken wieder- 
kehren, wobei sie sich eine zweifache Entstellung gefallen lassen 
müssen, eine Zensur, die zur Ersetzung durch andere assoziierte 
Gedanken oder zur Verhüllung durch unbestimmte Ausdrucks- 
weise führt, und die Beziehung auf moderne, den alten bloß 
analoge Erlebnisse. 

Die dritte Gruppe der bei Zwangsneurose gefundenen 
Symptome, die Symptome der sekundären Abwehr, kann bei der 
Paranoia nicht als solche vorhanden sein, da sich gegen die 
wiederkehrenden Symptome, die ja Glauben finden, keine Abwehr 
geltend macht. Zum Ersätze hierfür findet sich bei Paranoia 
eine andere Quelle für Symptombildung; die durch das Kom- 
promiß ins Bewußtsein gelangten Wahnideen (Symptome der 
Wiederkehr) stellen Anforderungen an die Denkarbeit des Ich, 
bis daß sie widerspruchsfrei angenommen werden können. Da 
sie selbst unbeeinflußbar wird, muß das Ich sich ihnen anpassen, 
und somit entspricht den Symptomen der sekundären Abwehr 
bei der Zwangsneurose hier die kombinatorische Wahnbildung, 
der Deutungswahn, der in die Ichveränderung aus- 
läuft. Mein Fall war in dieser Hinsicht unvollständig; er zeigte 
damals noch nichts von Deutungsversuchen, die sich erst später 
einstellten. Ich zweifle aber nicht daran, daß man noch ein wich- 
tiges Resultat wird feststellen können, wenn mau die Psycho- 
analyse auch auf dieses Stadium der Paranoia anwendet. Es 
dürfte sich ergeben, daß auch die sogenannte Erinnerungs- 
schwäche der Paranoiker eine tendenziöse, das heißt auf 
Verdrängung beruhende und ihren Absichten dienende ist. Es 
werden nachträglich jene gar nicht pathogenen Erinnerungen 
verdrängt und ersetzt, die mit der Ichveränderung in Wider- 
spruch stehen, welche die Symptome der Wiederkehr gebieterisch 
erfordern. 



IX. 
L'heredite et Fetiologie des Nevroses 1 ). 



Je m'adresse specialement aus disciples de J.-M. Charcot 
pour faire valoir quelques objections contre la theorie etiologique 
des nevroses qui nous a ete transmise par notre maitre. 

On sait quel est le role attribue ä l'heredite nerveuse dans 
cette theorie. Elle est pours les affections nevrosiques la seule 
cause vraie et indispensable, les autres influences ötiologiques 
ne devant aspirer qu'au nom d'agents provocateurs. 

Ainsi le maitre lui-meme et ses^eleves, MM. Guinon, GiÜes 
de la Tourette, Janet et d'autres l'ont enoace pour la grande 
•nevrose, l'hysterie et, je crois, la meme opinion est soutenue en 
France et un peu partout pour les autres nevroses, bien qu'elle 
n'ait pas ete emise d'une maniere aussi soleunelle et decidee 
pour ces etats analogues ä l'hysterie. 

C'est depuis longtemps que j'entretiens quelques soupgons 
dans cette matifere, mais il m'a fallu attendre pour trouver des 
faits d'appui dans l'expörience journaliere du medicin. Main- 
tenant mes objections sont d'un double ordre, arguments de 
faits et arguments tires de la speculation. Je commencerai par 
les preraiers, en _Jes arrangeant selon l'importance que je leur 

concede. 

I. — s) On a parfois juge comme nerveuses et demon- 
stratives d'une tendance ne>ropathique hereditaire, des affections 
qui assez souvent sont etrangeres au domaine de la neuropatho- 
logie et ne dependent pas ngcessairement d'une maladie du 
Systeme nerveux. Ainsi les nevralgies vraies de Ja face et 
nombre des cephalees, qu'on croyait nerveuses, mais qui derivent 






J ) Revue neurologique. IV., 1896. 



134 

plutot des alterations pathologiques post-infectieuses et des 
. suppurations dans le Systeme cavitaire pharyngo-nasal. Je me 
tiens persuade, que les malades en profiteraient si nous aban- 
donnions plus souvent le traitement de ces affections aux chirur- 
giens rhinologistes. 

b) On a accepte comme donnant lieu ä la Charge de tare 
nerveuse hereditaire pour le malade en question toutes les affec- 
tions nerveuses trouvees dans sa famille sans en compter la 
frequence et la gravite. N'est-ce pas que cette maniere de voiY 
semble contenir une Separation nette entre les familles indemnes 
de toute predisposition nerveuse et les familles qui y soient 
sujettes sans borne ni restriction? Et les faits ne plaident-ils 
pas plutot en faveur de l'opinion opposee, savoir qu'il y ait 
des transitions et des degres de disposition nerveuse et qu'au- 
cune famille n'y echappe tout ä fait? 

c) Assurement notre opinion sur le role etiologique de 
l'hörddite dans les maladies nerveuses doit etre le rösultat d'un 
examen impartial statistique et non pas d'une petitio principü. 
Tant que cet examen n'aura pas 6te fait on devrait croire 
l'existence des nevropathies acquises aussi possible que celle 
des nevropathies herSditaires. Mais s'il peut y avoir des nevro- 
pathies acquises par des hommes non predisposes, on ne pourra 
plus nier que les affections nerveuses rencontrees chez les 
parents de notre malade, ne soient en partie de cette origine. 
Alors on ne saura plus les invoquer comme preuves concluantes 
de la disposition hereditaire, qu'on impose au malade ä raison 
de son histoire familiale, puisque le diagnostic retrospectif des 
maladies des ascendants ou des membres absents de la famille 
ne reussit que tres rarement. 

d) Ceux qui se sont attaches ä M. Fournier et ä M. Erb 
concernant le role etiologique de la syphilis dans le tabes 
dorsal et la paralysie progressive, ont appris qu'il faut recon- 
naitre des influences etiologiques puissantes dontla collaboration 
est indispensable pour la pathogenie de certaines maladies, que 
l'he'rödite ä eile seule ne saurait produire. Cependant M. Charcot 
est demeure" jusqu'ä son dernier temps, comme j'ai su par une- 
lettre privee du maitre, en stricte Opposition contre la th<5orie 
de Fournier qui pourtant gagne du terrain de jour en jour. 



m 



135 

e) II n'est pas douteux que certaines nevropathies peuvent 
se developper chez l'homme parfaitement sain et de famille 
irreprochable. C'est ce qu'on observe tous les jours pour la 
nevrasthenie de Beard; si la nevrasthenie se bornait aux gens 
predisposes eile n'aurait jamais gagne l'iinportance et l'etendue 
que nous lui connaissons. 

f) 11 y a dans la pathologie nerveuse, Vh&redite similaire 
et l'heredite dite dissimilaire. Pour la premiere on ne trouvera 
rien ä redire; c'est meme tres remarquable, que dans les affec- 
tions qui dependent de l'heredite similaire (maladie de Thomsen, 
de Friedreich; myopathies, choree de Huntington etc.) on ne 
rencontre jamais la trace d'une autre influence etiologique ac- 
cessoire. Mais l'heredite dissimilaire, beaucoup plus importante 
que l'autre, laisse des lacunes qu'il faudrait combler pour arriver 
ä une Solution satisfaisante des problemes etiologiques. Elle 
consiste dans le fait que les membres de la meme famille se 
montrent visites par les nevropathies les plus diverses, function- 
nelles et organiques, sans qu'on puisse devoiler une loi qui 
dirige la Substitution d'une maladie pour une autre ou l'ordre 
de leur succession a travers les generations. 'A cöte des indi- 
vidus malades il y dans ces familles des personnes qui restent 
saines, et la theorie de l'heredite dissimilaire ne nous dit pas 
pourquoi cette personne Supporte la meme charge h^röditaire 
sans y succomber, ni pourquoi une autre personne malade aura 
choisi, parmi les affections qui constituent la grande famille 
nevropathique, une teile affection nerveuse au Heu d'en avoir 
choisi une autre, l'hysterie au lieu de Pepilepsie, de la vesanie, 
etc. Comme il n'y a pas une fortuite, en pathogenie nerveuse 
pas plus qu'ailleurs, il faut bien conceder que ce n'est pas 
l'heredite qui preside au choix de la nevropathie qui se de- 
velloppera chez le membre d'une famille predisposö, mais qu'il y 
a lieu de soupconner l'existence d'autres influences etiologiques, 
d'une nature moins imcomprehensible, qui meriteraient alors le 
nom d'une etwhgie specifique de teile ou teile affection nerveuse. 
Sauf l'existence de ce facteur etiologique special l'heredite n'au- 
rait pu rien faire; eile se serait pr$t£e ä la production d'une 
autre nevropathie si l'etiologie specifique en question avait 6te 
Bubstitu6e par une influence quelqu'autre. 



136 



II. — On a trop peu recherchä ces causes speciiiques 
et determinautes des nevropathies, l'attention des m^decins 
demeurant dblouie par la grandiose perspective de la condition 
etiologique heröditaire. 

Neanmoins elles meritent bien qu'on les rende l'objet d'une 
etude assidue ; bien que leur puissance pathogenique ne soit en 
general qu'accessoire ä celle de l'heredite", im grand interet 
pratique se rattache ä la connaissance de cette etiologie speci- 
fique qui pretera un acces ä notre travail the>apeutique, tandis 
que la disposition her^ditaire, fix6"e d'avance pour le malade 
des sa naissance, arrete nos efforts en pouvoir inabordable. 

Je me suis engage depuis des annees dans la recherche 
de l'etiologie des grandes n&vroses (etats nerveux fonctionnels 
analogues & l'hystene) et c'est le re"sultat de ces e*tudes que 
je raconterai dans les lignes qui vont suivre. Pout eviter tout 
malentendu possible j'exposerai d'abord deux remarques sur 
la nosographie des nevroses et sur l'etiologie des nevroses en. 
general. 

II m'a fallu commencer mon travail par une innovation 
nosographique. A cöte de l'hysterie j'ai trouve raison de placer 
la nevrose des obsessions (Zwangsneurose) comme affection 
autonome et independante, bien que la plupart des auteurs 
fassent ranger les obsessions parmi les Syndromes constituant 
la degenerescence mentale ou les confondent avec la nevra- 
sthenie. Moi, j'avais appris par l'examen de leur mecanisme 
psychique, que les obsessions sont lie"es ä l'hysterie plus ätroite- 
ment qu'on ne croirait. 

Hysterie et nevrose d'obsessions forment le premier groupe 
des grandes nevroses, que j'ai 6tudiees. Le second contient la 
nevrasthenie de Beard que j'ai decomposee en deux etats fonc- 
tionnels separes par l'etiologie comme par l'aspect symptomatique, 
la n&wasthsnie propre et la nevrose d'angoisse (Angstneurose), 
denomination qui, soit dit en passant, ne me convient pas ä 
moi-meme. J'ai donne" les raisons de cette Separation, que je 
crois ndcessaire, en detail dans un memoire public* en 1895 
{Neurologisches Zentralblatt, n° 10—11). 

Quant k l'etiologie des nevroses, je pense qu'on doit recon- 
naitre en theorie que les influences etiologiques differentes entre 



137 

elles par leur dignite et maniere de relation avec l'effet qujelles 
produisent, se laissent ranger en trois classes: 1) Conditions,. 
qui sont indispensables pour la production de l'affection en 
question, mais qui sont de nature universelle et se recontrent 
aussi bien dans l'etiologie de beaucoup d'autres affections; 
2) Causes concurrentes, qui partagent le caractöre des conditions 
qu'elles fonctionnent dans la causation d'autres affections aussi 
bien que dans celle de l'affection en question, inais qui ne sont 
pas indispensables, pour que cette derniere se produise; 3) Causes 
specifiques, autant indispensables que les conditions, mais de 
nature etroite et qui n'apparaissent que dans l'etiologie de 
l'affection, de laquelle elles sont specifiques. 

Eh bien, dans la Pathogenese des grandes nevroses l'herä- 
dite remplit le röle d'une condition, puissante dans tous les 
cas et meme indispensable dans la plupart des cas. Elle ne 
saurait se passer de la collaboration des causes specifiques, 
mais l'importance de la disposition hereditaire se trouve de- 
montr£e par le fait que les memes causes specifiques agissant 
sur un individu sain ne produiraient aucun effet pathologique 
manifeste pendant que chez une personne predisposee leur 
action fera (Sclore la nevrose, de laquelle le developpement 
en intensite et etendue sera conforme au degre" de cette con- 
dition hereditaire. 

L'action de l'heredite' est donc comparable ä celle du fil 
multiplicateur dans le circuit electrique, qui exagere la deviation 
visible de l'aiguille, mais qui ne pourra pas en determiner la 
direction. 

Dans les relations qui existent entre la condition hdredi- 
taire et les causes specifiques des nevroses il y a encore autre 
chose ä noter. L'experience montre, ce qu'on aurait pu supposer 
d'avance, qu'on ne devrait pas negliger dans ces questions 
d'etiologie les quantites relatives pour ainsi dire des influences 
etiologiques. Mais on n'aurait pas devine" le fait suivant, qui 
Bemble decouler de nies observations, que l'heredite et les causes 
specifiques peuvent se remplacer par le cöte" quantitatif, que le 
meme effet pathologique sera produit par la concurrence d'une 
etiologie specifique tres serieuse avec une disposition mediocre 
ou d'une her^dite - nerveuse chargöe avec une influence specifique 



1 — » 




138 

legere. Alors ce n'est qu'un extreme bien plausible de cette Serie, 
qu'on rencontre aussi des cas de nevroses, oü on cherchera en 
vain im degre appreciable de disposition hereditaire, pourvu que 
ce mänque soit compensö par une puissante influence specifique. 

Oomme causes concurrentes ou accessoires des nevroses, 
ont peut enumerer tous les agents banals rencontres ailleurs: 
emotions morales, epuissement somatique, maladies aigues, 
intoxications, accidents traumatiques, surmenage intellectuel, etc. 
Je tiens ä la proposition qu'aucun d'eux, ni meme le dernier, 
n'entre regulierement ou näcessairement dans l'etiologie des 
nßvroses, et je sais bien qu'enoncer cette opinion c'est se 
mettre en Opposition directe contre une tbeorie consideree comme 
universelle et irreprochable. Depuis que Beard avait declare la 
nevrasthenie etre le fruit de notre civilisation moderne, il n'a 
trouve que des croyants; mais il m'est impossible ä moi 
d'accepter cette opinion. Une etude laborieuse des nevroses m'a 
appris que l'etiologie specifique des nevroses s'est soustraite ä 
la connaissance de Beard. 

Je ne veux pas deprecier l'importance etiologique de ces 
agents banals. Ils sont tres varies, d'une occurrence frequente, 
.et accuses le plus souvent par les malades memes, ils se rendent 
plus evidents que les causes spöcifiques des nevroses, etiologie 
ou cachee ou ignore"e. Ils remplissent assez souvent la fonction 
des agents provocateurs qui rendent manifeste la nevrose jusque- 
lä latente, et un int<§ret pratique se rattacbe ä eux, parce que 
la consideration de ces causes banales peut preter des points 
d'appui ä une tberapie qui ne vise pas la guerison radicale, 
et qui se contente de refouler 1'arYection ä son etat anteneur 

de latence. 

Mais on n'arrive pas ä constater une relation constante 
et etroite entre une de ces causes banales et teile ou autre 
affection nerveuse; l'emotion morale, par exemple, se trouve 
aussi bien dans l'etiologie de l'bysterie, des obsessions, de la 
nevrasthenie, comme dans celle de l'epilepsie, de la maladie de 
Parkinson, du diabMe, et nombre d'autres. 

Les causes concurrentes banales pourront aussi remplacer 
l'etiologie specifique en rapport de quantite, mais jamais la 
substituer completement. II y a nombre de cas oü toutes les 



l 



■ 






..J 



139 

dnfluences etiologiques sont representees par la condition here- 
<iitaire et la cause specifique, les causes banales faisant defaut. 
Dans les autres cas, les facteurs etiologiques indispensables ne 
■suffisent pas par leur quantite ä eux pour faire eclater la 
nevrose, un etat de sante apparente peut etre maintenu pour 
longtemps, qui est en verite un etat de predisposition nevrosique; 
il suffit alors qu'une cause banale surajoute son action, la 
nevrose devient manifeste. Mais il faut bien remarquer, dans 
<le telles conditions, que la nature de l'agent banal survenant 
«st tout ä fait indifferente, emotion, traumatisme, maladie 
infectieuse ou autre; Peffet pathologique ne sera pas modine 
selon cette Variation, la uature de la nevrose sera toujours 
■dominee par la cause specifique preexistante. 

Quelles sont donc ces causes specifiques des nevroses'? 
T3st-ce une seule ou y en a-t-il plusieurs? Et peut-on constater 
une relation etiologique constante entre teile cause et tel effet 
neVrosique, de maniere que chacune des grandes nevroses puisse 
^tre ramende ä une etiologie particuliere"? 

Je veux maintenir, appuye sur un examen laborieux des 
faits, que cette derniere supposition correspond bien ä la realite, 
■que chacune des grandes nevroses enumerees a pour cause 
immddiate un trouble particulier de l'dconomie nerveuse, et que 
<;es modifications pathologiques fonctionnelles reconnaissent comme 
.source commune la vie sexuelle de l'individu, soit desordre 
de la vie sexuelle actuclle, soit eretiements importants de la 
vie passde. 

Ce n'est pas, ä vrai dire, une proposition nouvelle, inouie. 
On a toujours admis les desordres sexuels parmi les causes de 
la nervosa, mais on les a subordonnes ä l'heredite, coordonnös 
äux autres agents provocateurs ; on a restreint leur influence 
etiologique ä un nombre limite des cas observes. Les medecins 
.avaient meme pris l'habitude de ne pas les rechercher si 16 
malade ne les accusait lui-meme. Les caractöres distinctifs de 
ma mani§re de voir sont que j'eleve ces influences sexuelles au 
rang de causes specifiques, que je reconnais leur action dans 
tous les cas de nevrose, enfin que je trouve un parallelisme 
regulier, preuve de relation etiologique particuliere entre la 
nature de l'influence sexuelle et l'espece morbide de la nevrose. 



140 

Je suis bien sür que cette theorie evoquera un orage de- 
contradictions de la part \ des medecins conteniporains. Mais. 
ce n'est pas ici le lieu de donner les documents et les ex- 
periences, qui m'ont hnpose ma conviction, ni d'expliquer le 
vrai sens de l'expression un peu vague „desordres de l'economie 
nerveuse". Ce sera fait, j'espere le plus amplement, dans un 
ouvrage que je prepare sur la matiere. Dans le memoire present. 
je me borne ä enoncer mea resultats. 

La nevrasthenie propre, d'un aspect clinique tres niono- 
f . tone, si Ton a mis ä part la nevrose d'angoisse (fatigue, Sen- 
sation de casque, dyspepsie flatulente, Obstipation, paresthesies- 
spinales, faiblesse sexuelle etc.) ne reconnait comme Ätiologie 
specifique que l'onanisme fimmoder<5) ou les pollutions spontanees. 

C'est l'action prolongee et intensive de cette satisfaction 
sexuelle pernicieuse qui suffit ä elle-meme pour provoquer la 
nevrose ne'vrasthönique ou qui impose ä ce sujet le cachet 
nevrasthenique special manifeste plus tard sous l'influence d'une 
cause occasionelle accessoire. J'ai rencontre aussi des personnes- 
qui presentaient les signes de la Constitution nevrasthenique 
chez lesquels je n'ai pas reussi ä mettre en evidence l'etiologie- 
nommee, mais j'ai constate au moins que chez ces malades la 
fonction sexuelle n'etait jamais developpöe au niveau normal;, 
ils semblaient doues par heritage d'une Constitution sexuelle^ 
analogue ä celle qui chez le nevrasthenique est produite en 
consequence de l'onanisme. 

La nevrose d'angoisse, de laquelle le tableau clinique est 
beaucoup plus riebe (irritabilite, etat d'attente anxieuse, pbobies,. 
attaques d'angoisse completes ou rudimentaires, de peur, de 
vertige, tremblements, sueurs, congestion, dyspnee, tachycardie 
etc.; diarrhöe chronique, vertige chroniqiie de locomotion, hyper- 
esthesie, insomnies etc.) 1 ) est facilement devoilee comme l'effect 
specifique de divers desordres de la vie sexuelle, qui ne man- 
quent pas d'un caractere comniun ä eux tous. L'abstinence 
forc£e, Tirritation genitale fruste (qui n'est pas assouvie par 
l'acte sexuel), le coi't imparfait ou interrompu (qui n'aboutit pas 

1 ) Voir pour la Symptomatologie comme l'etiologie de la neVrose- 
d'angoisae, mon memoire cite plus haut. Neurologisches Zentrdlblait, 1895» 
n° 10—11. 



i 






141 

ä, la jouissance), les efforts sexuels, qui surpassant la capacite 
psychique du sujet etc., tous ces agents, qui sont d'une 
occurrence trop frequente dans la vie moderne, semblent con- 
venir en ce qu'ils troublent lequilibre des fonctions psychiques 
et somatiques dans les actes sexuels, et qu'ils empechent la 
participation psychique necessaire pour delivrer l'econoniie ner- 
veuse de la tension genesique. 

Ces remarques, qui contiennent peut-etre le germe d'une 
explicatioii theorique du mecanisme fonctionnel de la nevrose 
en question, laissent dejä soupgonner, qu'une exposition complete 
et vraiment scientifique de la inatiere ne soit pas possible 
actiiellement et qu'il faudrait avant tout aborder le probleme 
physiologique de la vie sexuelle sous un point de vue nouveau. 

Je finis par dire, que la Pathogenese de la nevrasthönie 
et de la nevrose d'angoisse peut se passer bien de la con- 
eurrence d'une disposition hereditaire. U'est le resultat de 
l'observation de tous les jours; mais si l'höreditö est presente, 
le de"veloppement de la nevrose en subira l'influence fonnidable. 

Pour la deuxieme classe des grandes nevroses, hysterie et 
nevrose d'obsessions, la Solution de la question etiologique est 
d'une simplicite et uniformite surprenante. Je dois nies resultats 
ä l'emploi d'une nouvelle methode de psycho-analyse, au procede 
explorateur de J. Breuer, un peu subtil, mais qu'on ne saurait 
remplacer, tant il s'est montre fertile pour eclaircir les voies 
obscures de l'idöation inconsciente. Au moyen de ce procede — 
qu'il ne faut pas decrire ä cet endroit 1 ) — ou poursuit les 
symptömes hysteriques jusqu'ä leur origine qu'on trouve toutes 
2e6 fois dans un evenement de la vie sexuelle du sujet bien 
approprie pour produire une emotion penible. Allant en arriere 
dans ie passe" du malade, de pas } en pas et tou jours dirige" par 
l'enchainement organique des symptömes, des Souvenirs et des 
pensees eveillös, je suis arrivö enfin au point de depart du 
processus pathologique et il m'a fallu voir, qu'il y avait au 
fond la meine chose dans tous les cas soumis ä l'analyse, 
l'action d'un agent, qu'il faut accepter comme cause specifique 
de Thysterie. 

r ) Voir: J. Breuer und Sigm. Freud. Studien über Hysterie 
Wien, 1895, 2. unveränderte Auflage 1909. 



-J 






.142 

C'est bien un souvenir qui se rapporte ä la vie sexuelle, 
mais qui offre deux caracteres de la derniere importance. 
L'evenement duquel le sujet a garde* le souvenir inconscient 
est une exp&ience pre'coce de rapports sexuels avec Irritation 
veritable des parties genitales, suite d'abus sexuel pratique par 
une autre personne et la periode de la vie qui renfenne cet 
evenement funeste est la premiere jeunesse, les annees jusqu'a 
Tage de 8-10 aus, avant que l'enfant soit arrive ä la maturite 
sexuelle. 

Experietice de passivüe sexuelle avant la puberte: teile est 
donc l'etiologie specifique de l'hysterie. 

Je joindrai sans retard quelques details de faits et quel- 
ques remarques commentaires au resultat enonce, pour combattre 
la mefiance que j'attends. J'ai pu pratiquer la psycho-analyse 
complöte en 13 cas d'hysterie, 3 de ce nombre combinaisons 
vraies d'hysterie avec növrose d'obsessions (je ne.dis pas: 
bysterie avec obsessions). Dans aucun de ces cas ne manquait 
l'evenement caracterise lä-baut; il etait represente ou par un 
attentat brutal commis par une personne adulte oii par une 
seduction moins rapide, et moins repoussante, mais aboutissant 
ä la meme fin. Sept fois sur treize il s'agissait d'une liaison 
infantile des deux cotes, de rapports sexuels entre une petite 
fille et un gar§on un peu plus äge, le plus souvent son fröre, 
et lui-meme victime d'une seduction anterieure. Ces liaisons 
s'etaient continuees quelquefois pendant des annees jusqu'a la 
puberte des petits coupables, le gargon repetant toujours et 
sans innovation sur la petite fille les meines pratiques, qu'il 
avait subi lui-meme de la part d'une servante ou gouvernante, 
et qui pour cause de cette origine etaient souvent de nature 
degoütante. Dans quelques cas il y avait concurrence d'attentat 
et de liaison infantile, ou abus brutal reitörö. 

La date de l'experience pre'coce «Stait variable: en 2 cas 
la serie commencait dans la deuxieme annee (?) du petit etre; 
Tage de preference est dans mes observations la quatrieme ou 
cinquieme annee. C'est peut-etre un peu par accident, mais j'ai 
recu de lä l'impression qu'un evenement de passivite sexuelle 
qui n'arrive qu'aprös l'äge de 8 ä 10 ans, ne pourra plus jeter 
les fondements de la nevrose. 






143 

Comment peut-on rester conraincu de la realite de ces 
confessions d'analyse qui pretendent etre des Souvenirs con- 
serves depuis la premiere enfance, et coniment se munir contre 
l'inclination de mentir et la facilite d'inventionattribuees aux 
hysteriques? Je m'accuserais de credulite blamable moi-meme r 
si je ne disposnis de preuves plus eoncluantes. Mais c'est que 
les malades ne racontent jamais ces histoires spontenement, ni 
ne vont jamais dans le cours d'un traitement offrir au medecin 
tout d'un coup le souvenir complet d'une teile scene. On ne 
reussit ä reveiller la trace psychique de l'evönement sexuel 
precoce que sous la pression la plus energique du procede 
analyseur et contre une resistance enorme, aussi faut-il leur 
arracher le souvenir morceau par niorceau, et pendant qu'il 
s'eveille dans leur conscience, ils deviennent la proie d'une emotion 
difficile ä contrefaire. 

On iinira meme par se convaincre si l'on n'est pas in- 
fluence par la conduite des malades, pourvu qu'on puisse suivre 
en detail le cours d'une psycho-analyse d'hysterie par röfere. 
L'eveneinent precoce en question a laisse une empreinte 
itnp^rissable dans l'histoire du cas, il y est represente par une 
foule de symptomes et de traits particuliers, qu'on ne saurait 
expliquer autrement; il est exige d'une maniöre peremptoire par 
l'encbaineinent subtil mais solide de la structure intrinseque de 
la n^vrose; l'effet therapeutique de l'analyse reste en retard, si 
l'on n'a pas penetre aussi loin; alors on n'a pas d'autre choix 
que de refuter ou de ci*oire le tout ensemble. 

Peut-on comprende, qn'une teile experience sexuelle 
precoce, subie par un individu, duquel le sexe est a peine 
difierencie, devienne la source d'une abnormite psychique 
persistante comme l'hysterie? Et comment s'accorderait une 
teile supposition avec nos idees actuelles sur le mecanisme 
psycbique de cette n£vrose? On peut donner une reponse 
satisfaisante a la premiere question: C'est justement parce que 
le sujet est' infantile, que l'irritation sexuelle precoce produit 
nul ou peu d'eifet a sa date, mais la trace psycbique en est 
conservee. Plus tard, quand ä la puberte se sera developp^e 
la reactivite des organes sexuels ä un niveau presque in- 
commensurable «vec l'etat infantile, il arrive d'une maniere ou 



. 



i 






144 

d'une autre, que cette trace psychique inconsciente se reveille. 
Gräce au changeinent du ä la puberte le souvenir deploiera 
une puissance qui a fait total eraent defaut ä l'evenement lui- 
meme; le souvenir agira comme s'il üait un 6v6nement achtel. 
II y a pour ainsi dire action posthume d'un traimatisme sexuel. 

Autant que je vois, ce reveil du souvenir sexuel apres la 
puberte, l'evenement meme 6tant arrive ä un temps recule" 
avant cette periode, constitue la seule eventualite psycbologique, 
pour que l'action imm^diate d'un souvenir surpasse celle de 
l'evenement actuel. Mais c'est la une constellation anormale, 
qui atteint un cöte faible du mecanisnie psychique et produit 
necessairement un effet psycbique patbologique. 

Je crois comprendre que cette relation inverse entre l' effet 
psychique du souvenir et de l'övänement contieiit la raison pour 
laquelle le souvenir reste inconscient. 

On arrive ainsi ä un probleme psychique tres complexe, 
mais qui düment appröcie promet de jeter un jour, une lumiere 
vive sur les questions les plus delicates de la vie psychique. 

Les idees ici exposees, ayant pour point de depart le resultat 
de la psycho-analyse, qu'on trouve toujours comme cause 
spöcifique de l'hysterie un souvenir d'experience sexuelle precoce, 
ne s'accordent pas avec la theorie psycbologique de la nevrose 
de M. Janet, ni avec une autre, mais elles harmonisent par- 
faitement avec mes propres speculations developpees ailleurs sur 
les „Abwehrneurosen". 

Tous les evenements poste"rieurs ä la puberte, auxquels il 
faut attribuer une influence sur le developpement de la 
nevrose bysterique et sur la formation, de ses symptömes ne 
sont vraiment que des causes concurrentes, „agents provo- 
cateurs" comme disait Charcot, pour qui l'biredite nerveuse 
occupait la place que je reclame pour l'experience sexuelle 
precoce. Ces agents accessoires ne sont pas sujets aux con- 
ditions strictes, qui pösent sur les causes specifiques; l'analyse 
demontre d'une maniere irrefutable qu'ils ne jouissent d'une 
influence pathogene pour Thysterie que par leur faculte d'eveiller 
la trace psychique inconsciente de 1'evenement infantile. C'est 
aussi gräce ä leur connexion avec l'empreinte pathogöne primaire 
et aspires par eile, que leurs Souvenirs deviendront inconscients 






145 

ä. leur tour et pourront aider Paccroissenient d'une activite 
psychique soustraite au pouvoir des fonctions conscientes. 

La nevrose d'obsessions (Zwangsneurose) releve d'une cause 
spe"ciiique tres analogue ä celle de Physterie. On y trouve aussi 
un evenement sexuel precoce, arrive avant Page de la puberte. 
duquel le souvenir devient actif pendant ou apres cette epoque, 
et les inemes remarques et raisonnements exposes ä Poccasion de 
Physterie pourront s'appliquer aus observations de Pautre ne"vrose 
(six cas, dont trois purs). II n'y a qu'une difference qui sembk 
capitale. Nous avons trouv4.au fond de Petiologie hysterique un 
evenement de passivite sexuelle, une experience subie avec in- 
difference ou avec un petit peu de depit ou d'effroi. Dans la 
növrose d'obsessions il s'agit au contraire d'un evenement, qui 
a fait plaisir, d'une aggression sexuelle inspir<§e par le desir 
(en cas de garcon) ou d'une participation ayec jouissance aux 
rapports . sexuels (en cas de petite fille). Les idees obsödantes, 
reconnues par l'analyse dans leur sens intime, reduites pour 
ainsi dire ä leur expression la plus simple ne sont pas autre 
chose que des reprockes, que le sujet s'adresse ä cause de cette 
j&imsmiee sexuelle anticiph, mais des reproches defigures par un 
travail psychique inconscient de transformation et de Substitution. 
Le fait meme, que de telles aggressions sexuelles se 
passent dans un äge aussi tendre, semble denoncer Pinfluence 
d'une s^duction anterieure, de laquelle la precocitei du d&ir 
sexuel soit la consequence. L'analyse vient confirmer ce soupcon, 
dans les cas analyses par moi. On s'explique de cette maniere 
un fait interessant toujours present dans ces cas d'obsessions, la 
complication reguliere du cadre symptomatique par un certain 
nombre de symptömes simplement hysteriques. 

L'importance de l'element actif de la vie sexuelle pour la 
cause des obsessions comme de la passivite sexuelle pour la 
Pathogenese de l'hysterie semble meme devoiler la raison de 
la connexion plus intime de Physterie avec le sexe feminin et 
le la prefeVence des hommes pour la nevrose d'obsessions. 
On rencontre parfois des couples de malades nevrosös, qui 
ont £te" un couple de petits amoureux dans leur premiere jeunesse. 
Phomme soutfrant d'obsessions, la femme d'hysterie; s'il s'agit 
d'un frere et de la sceur on pourra meprendre pour un efiet 

Freud, Neurosenlehre. I. 4. Auflage. IQ 



146 

de l'heredite* nerveuse, ce qui en verite" derive d'experiences 
sexuelles precoces. 

II y a sans doute des cas d'hysterie ou d'obsession purs 
et isoles, indcpendants de nevrasthenie ou nevrose d'angoisse; 
mais ce n'est pas la regle. Plus souvent la psycho-nevrose se 
präsente comme accessoiro aux neVroaes nevrastheniques, eroquee 
par eux et suivant leur decours. C'est parce que les causes 
specifiques des derniers, les desordres actuels de la vie sexuelle, 
agissent en ineme temps comme causes accessoires des psycho- 
nevroses, dont ils eveillent et raniment la cause specifique, le 
sonvenir de l'experience sexuelle precoce. 

Quant ä l'heredite nerveuse, je suis loin de savoir 6valuer 
au juste son influence dans l'etiologie des psycho-nevroses. Je 
concäde que sa presence est indispensable dans les cas graves, 
je doute qu'elle soit necessaire pour les cas lßgers, mais je 
suis concaincu que l'heredite nerveuse ä eile seule ne peut pas 
produire les psycho-nevroses, si leur etiologie specifique, l'irri- 
tation sexuelle precoce, fait defaut. Je vois merae, que la 
question de savoir laquelle des nevroses, hyst^rie ou obsessions, 
se developpera dans un cas donne, n'est pas jugee par l'here- 
dite mais par un caractere special de cet evönenient sexuel de 
la premiere jeunesse. 



X. 



Zur Ätiologie der Hysterie 1 ). 



Meine Herren! Wenn wir daran gehen, uns eine Meinung 
über die Verursachung eines krankhaften Zustandes wie die 
Hysterie zu bilden, betreten wir zunächst den Weg der anamne- 
stischen Forschung, indem wir den Kranken oder dessen Um- 
gebung ins Verhör darüber nehmen, auf welche schädlichen 
Einflüsse sie selbst die Erkrankung an jenen neurotischen 
Symptomen znrückführen. Was wir so in Erfahrung bringen, 
ist selbstverständlich durch alle jene Momente verfälscht, die 
einem Kranken die Erkenntnis des eigenen Zustandes zu ver- 
hüllen pflegen, durch seinen Mangel an wissenschaftlichem Ver- 
ständnis für ätiologische Wirkungen, durch den Fehlschluß des 
post hoc, ergo propter hoc, durch die Unlust, gewisser 
Noxen und Traumen zu gedenken oder ihrer Erwähnung zu 
tun. Wir halten darum bei solcher anamnestischer Forschung 
an dem Vorsatze fest, den Glauben der Kranken nicht ohne 
eingehende kritische Prüfung zu dem unserigen zu machen, nicht 
zuzulassen, daß die Patienten uns unsere wissenschaftliche Mei- 
nung über die Ätiologie der Neurose zurechtmachen. Wenn wir 
einerseits gewisse konstant wiederkehrende Angaben anerkennen, 
wie die, daß der hysterische Zustand eine lang andauernde 
Nachwirkung einer einmal erfolgten Gemütsbewegung sei, so 
haben wir anderseits in die Ätiologie der Hysterie ein Moment 
eingeführt, welches der Kranke selbst niemals vorbringt und nur 
unfern gelten läßt, die hereditäre Veranlagung von seiten der 



i) „Wiener klinische Rundschau", 1896, Nr. 22—26. Ausführung nach 

einem Vortrage im Verein für Psychiatrie und Neurologie in Wien am 

2. Mai 1896. 

10* 



148 



Erzeuger. Sie wissen, daß nach der Meinung der einflußreichen 
Schule Charcots die Heredität allein als wirkliche Ursache 
der Hysterie Anerkennung verdient, während alle anderen 
Schädlichkeiten verschiedenartigster Natur und Intensität nur 
die Rolle von Gelegenheitsursachen, von „Agents provocateur " 
spielen sollen. 

Sie werden mir ohne weiteres zugeben, daß es wünschens- 
wert wäre, es gäbe einen zweiten Weg, zur Ätiologie der Hysterie 
zu gelangen, auf welchem man sich unabhängiger von den An- 
gaben der Kranken wüßte. Der Dermatologe z. B. weiß ein Ge- 
schwür als luetisch zu erkennen nach der Beschaffenheit der 
Ränder, des Belags, des Umrisses, ohne daß ihn der Einspruch 
des Patienten, der eine Infektionsquelle leugnet, daran irre 
machte. Der Gerichtsarzt versteht es, die Verursachung einer 
Verletzung aufzuklären, selbst wenn er auf die Mitteilungen des 
Verletzten verzichten muß. Es besteht nun eine solche Möglich- 
keit, von den Symptomen aus zur Kenntnis der Ursachen vor- 
zudringen, auch für die Hysterie. Das Verhältnis der Methode 
aber, deren man sich hiefür zu bedienen hat, zur älteren Me- 
thode der anamnestischen Erhebung möchte ich Ihnen in einem 
Gleichnisse darstellen, welches einen auf anderem Arbeitsgebiete 
tatsächlich erfolgten Fortschritt zum Inhalt hat. 

Nehmen Sie an, ein reisender Forscher käme in eine wenig 
bekannte Gegend, in welcher ein Trümmerfeld mit Mauerresten, 
Bruchstücken von Säulen, von Tafeln mit verwischten und un- 
lesbaren Schriftzeichen sein Interesse erweckte. Er kann sich 
damit begnügen zu beschauen, was frei zutage liegt, dann die 
in der Nähe hausenden, etwa halbbarbarischen Einwohner aus- 
fragen, was ihnen die Tradition über die Geschichte und Be- 
deutung jener monumentalen Reste kundgegeben hat, ihre Aus- 
künfte aufzeichnen und — Weiterreisen. Er kann aber auch 
anders vorgehen; er kann Hacken, Schaufeln und Späten mit- 
gebracht haben, die Anwohner für die Arbeit mit diesen Werk- 
zeugen bestimmen, mit ihnen das Trümmerfeld in Angriff neh- 
men, den Schutt wegschaffen und von den sichtbaren Resten 
aus das -Vergrabene aufdecken. Lohnt der Erfolg seine Arbeit, 
so erläutern die Funde sich selbst; die Mauerreste gehören zur 
Umwallung eines Palastes oder Schatzhauses, aus den Säulen- 



r 



149 

trümmern ergänzt sich ein Tempel, die zahlreich gefundenen, 
im glücklichen Falle bilinguen Inschriften enthüllen ein Alphabet 
und eine Sprache, und deren Entzifferung und Übersetzung 
ergibt ungeahnte Aufschlüsse über die Ereignisse der Vorzeit, 
zu deren Gedächtnis jene Monumente erbaut worden sind. 
S a x a loquuntur! 

Will man in annähernd ähnlicher Weise die Symptome 
einer Hysterie als Zeugen für die Entstehungsgeschichte der 
Krankheit laut werden lassen, so muß man an die bedeutsame 
Entdeckung J. Breuers anknüpfen, daß die Symptome 
derHysterie (die Stigmata beiseite) ihre Determinie- 
rung von gewissen traumatisch wirksamen Erleb- 
nissen des Kranken herleiten, als deren Erinne- 
rungssymbole sie im psychischen Leben desselben 
reproduziert werden. Man muß sein Verfahren — oder 
ein im Wesen gleichartiges — anwenden, um die Aufmerksam- 
keit des Kranken vom Symptom aus auf die Szene zurück- 
leiten, in welcher und durch welche das Symptom entstanden 
ist, und man beseitigt nach seiner Anweisung dieses Symptom, 
indem man bei der Reproduktion der traumatischen Szene eine 
nachträgliche Korrektur des damaligen psychischen Ablaufes 
durchsetzt. 

Es liegt heute meiner Absicht völlig ferne, die schwierige 
Technik dieses therapeutischen Verfahrens oder die dabei ge- 
wonnenen psychologischen Aufklärungen zu behandeln. Ich 
mußte nur an dieser Stelle anknüpfen,, weil die nach Breuer 
vorgenommenen Analysen gleichzeitig den Zugang zu den Ur- 
sachen der Hysterie zu eröffnen scheinen. Wenn wir eine größere 
Reihe von Symptomen bei zahlreichen Personen dieser Analyse 
unterziehen, so werden wir ja zur Kenntnis einer entsprechend 
großen Reihe von traumatisch wirksamen Szenen geleitet werden. 
In diesen Erlebnissen sind die wirksamen Ursachen der Hysterie 
zur Geltung gekommen; wir dürfen also hoffen, aus dem Stu- 
dium der traumatischen Szenen zu erfahren, welche Einflüsse 
hysterische Symptome erzeugen und auf welche Weise. 

Diese Erwartung trifft zu, notwendigerweise, da ja die 
Sätze von Breuer sich bei der Prüfung an zahlreicheren Fällen 
als richtig erweisen. Aber der Weg von den Symptomen der 









150 

Hysterie zu deren Ätiologie ist langwieriger und führt über 
andere Verbindungen, als man sich vorgestellt hätte. 

Wir wollen uns nämlich klar machen, daß die Zurück- 
führung eines hysterisphen Symptoms auf eine traumatische 
Szene nur dann einen Gewinn für unser Verständnis mit sich 
bringt, wenn diese Szene zweien Bedingungen genügt, wenn sie 
die betreffende determinierende Eignung besitzt, und 
wenn ihr die nötige traumatische Kraft zuerkannt werden 
muß. Ein Beispiel anstatt jeder Worterklärung! Es handle sich 
um das Symptom des hysterischen Erbrechens ; dann glauben 
wir dessen Verursachung (bis auf einen gewissen Rest) durch- 
schauen zu können, wenn die Analyse das Symptom auf ein 
Erlebnis zurückführt, welches berechtigterweise ein 
hohes Maß von Ekel erzeugt hat, wie etwa der Anblick 
eines verwesenden menschlichen Leichnams. Ergibt die Analyse 
anstatt dessen, daß das Erbrechen von einem großen Schreck, 
z. B. bei ' einem Eisenbahnunfall, herrührt, so wird man sich 
unbefriedigt fragen müssen, wieso denn der Schreck gerade zum 
Erbrechen geführt hat. Es fehlt dieser Ableitung an der Eig- 
nung zur Determinierung. Ein anderer Fall von un- 
genügender Aufklärung liegt vor, wenn das Erbrechen etwa von 
dem Genuß einer Erucht herrühren soll, die eine faule Stelle 
zeigte. Dann ist zwar das Erbrechen durch den Ekel deter- 
miniert, aber man versteht nicht, wie der Ekel in diesem Falle' 
so mächtig werden konnte, sich durch ein hysterisches Symptom 
zu verewigen; es mangelt diesem Erlebnisse an traumati- 
scher Kraft. 

Sehen wir nun nach, inwieweit die durch die Analyse auf- 
gedeckten traumatischen Szenen der Hysterie bei einer größeren 
Anzahl von, Symptomen und Fällen den beiden erwähnten An- 
sprüchen genügen. Hier stoßen wir auf die erste große Ent- 
täuschung ! Es trifft zwar einige Male zu, -daß die traumatische 
Szene, in welcher das Symptom entstanden ist, wirklich beides, 
die determinierende Eignung und die traumatische Kraft, be- 
sitzt, deren wir zum Verständnis des Symptoms bedürfen. Aber 
weit häufiger, unvergleichlich häufiger, finden wir eine der drei 
übrigen Möglichkeiten verwirklicht, die dem Verständnisse so 
ungünstig sind: die Szene, auf welche wir durch die Analyse 



151 



geleitet werden, in welcher das Symptom zuerst aufgetreten ist, 
erscheint uns entweder ungeeignet zur Determinierung des 
Symptoms, indem ihr Inhalt zur Beschaffenheit des Symptoms 
keine Beziehung .zeigt; oder das angeblich- traumatische Er- 
lebnis, dem es an inhaltlicher Beziehung nicht fehlt, erweist 
sich als ein normalerweise harmloser, für gewöhnlich wirkungs- 
unfähiger Eindruck; oder endlich die „traumatische Szene" 
macht uns nach beiden Bichtungen irre; sie erscheint ebenso 
harmlos wie ohne Beziehung zur Eigenart des hysterischen 
Symptoms. jfe 

(Ich bemerke hier nebenbei, daß Bjeuers Auffassung 
von der Entstehung hysterischer Symptonfe durch die Auf- 
findung traumatischer Szenen, die an sich bedeutungslosen Er- 
lebnissen entsprechen, nicht geBtört worden ist. Breuer nahm 
nämlich — im Anschlüsse an Charcot — an, daß auch ein 
harmloses Erlebnis zum Trauma erhoben werden und deter- 
minierende Kraft entfalten kann, wenn es die Person in einer 
besonderen psychischen Verfassung, im sogenannten hypnoi- 
den Zustand, betrifft. Allein ich finde, daß zur Voraus- 
setzung solcher hypnoider Zustände oftmals jeder Anhalt fehlt. 
Entscheidend bleibt, daß die Lehre von den hypnoiden Zu- 
ständen nichts zur Lösung der anderen Schwierigkeiten leistet, 
daß nämlich den traumatischen Szenen so häufig die deter- 
minierende Eignung abgeht.) 

Fügen Sie hinzu, meine Herren, daß diese erste Ent- 
täuschung beim Verfolg der Breuer sehen Methode unmittelbar 
durch eine andere eingeholt wird, die man besonders als Arzt 
schmerzlich empfinden muß. Zurückführungen solcher Art, wie 
wir sie geschildert haben, die unserem Verständnis betreffs der 
Detenninierung und der traumatischen Wirksamkeit nicht ge- 
nügen, bringen auch keinen therapeutischen Gewinn; der Kranke 
hat seine Symptome ungeändert behalten, trotz des ersten Er- 
gebnisses, das uns die Analyse geliefert hat. Sie mögen ver- 
stehen, wie groß dann die Versuchung wird, auf eine Fort- 
setzung der ohnedies mühseligen Arbeit zu verzichten. 

Vielleicht aber bedarf es nur eines neuen Einfalles, um 
uns aus der Klemme zu helfen und zu wertvollen Resultaten 
zu führen! Der Einfall ist folgender: Wir wissen ja durch 



» 



152 



Breuer, daß die hysterischen Symptome zu lösen sind, wenn 
wir von ihnen aus den Weg zur Erinnerung eines traumatischen 
Erlebnisses finden können. Wenn nun die aufgefundene Er- 
innerung unseren- Erwartungen nicht entspricht, vielleicht ist 
derselbe Weg ein Stück weiter zu verfolgen, vielleicht verbirgt 
sich hinter der ersten traumatischen Szene die Erinnerung an 
eine zweite, die unseren Ansprüchen besser genügt, und deren 
Reproduktion mehr therapeutische Wirkung entfaltet, so daß 
die erstgefundene Szene nur die Bedeutung eines Bindegliedes 
in der Assoziationsverkettung hat? Und vielleicht wiederholt 
sich dieses Verhältnis, die Einschiebung unwirksamer Szenen als 
notwendiger Übergänge bei der Reproduktion mehrmals, bis man 
vom hysterischen Symptom aus endlich zur eigentlich traumatisch 
wirksamen, in jeder Hinsicht, therapeutisch wie analytisch, be- 
friedigenden. Szene gelangt? Nun, meine Herren, diese Ver- 
mutung ist richtig. Wo die erstaufgefundene Szene unbefriedi- 
gend ist, sagen wir dem Kranken, dieses Erlebnis erkläre nichts, 
es müsse sich aber hinter ihm ein bedeutsameres, früheres Er- 
lebnis verbergen, und lenken seine Aufmerksamkeit nach der- 
selben Technik auf den Assoziationsfaden, welcher beide Er- 
innerungen, die aufgefundene und die aufzufindende verknüpft 1 ). 
Die Fortsetzung der Analyse führt dann jedesmal zur Repro- 
duktion neuer Szenen von den erwarteten Charakteren. Wenn 
ich z. B. den vorhip ausgewählten Fall von hysterischem Er- 
brechen wieder aufnehme, den die Analyse zunächst auf einen 
Schreck bei einem Eisenbahnunfall zurückgeführt hat, welcher 
der determinierenden Eignung entbehrt, so erfahre ich aus weiter- 
gehender Analyse, daß dieser Unfall die Erinnerung an einen 
andern, früher vorgekommenen, geweckt hat, den der Kranke 
zwar nicht selbst erlebte, der ihm aber Gelegenheit zu dem 
Grauen und Ekel erregenden Anblick eines Leichnams bot. Es 
ist, als ob das Zusammenwirken beider Szenen die Erfüllung 
unserer Postulate ermöglichte, indem das eine Erlebnis durch, 



') Es bleibt dabei absichtlich außer Erörterung, von welchem Rang 
die Assoziation der beiden Erinnerungen ist (ob durch Gleichzeitigkeit, 
kausaler Art, nach inhaltlicher Ähnlichkeit usw.), und auf welche psycho- 
logische Charakteristik die einzelnen „Erinnerungen" (bewußte oder un- 
bewußte) Anspruch haben. 



153 

den Schreck die traumatische Kraft, das andere durch seinen 
Inhalt die determinierende Wirkung beistellt. Der andere Fall 
daß das Erbrechen auf den Genuß eines Apfels zurückgeführt 
wird, an dem sich eine faule Stelle findet, wird durch die 
Analyse etwa in folgender Weise ergänzt: Der faulende Apfel 
erinnert an ein früheres Erlebnis, an das Sammeln abgefallener 
Apfel in einem Garten, wobei der Kranke zufällig auf einen 
ekelhaften Tierkadaver stieß. 

Ich will auf diese Beispiele nicht mehr zurückkommen, 
denn ich muß das Geständnis ablegen, daß sie keinem Falle 
meiner Erfahrung entstammen, daß sie von mir erfunden sind; 
höchstwahrscheinlich sind sie auch schlecht erfunden; derartige 
Auflösungen hysterischer Symptome halte ich selbst für un- 
möglich. Aber der Zwange Beispiele zu fingieren, erwächst mir 
aus mehreren Momenten, von denen ich eines unmittelbar an- 
führen kann. Die wirklichen Beispiele sind alle unvergleichlich 
komplizierter; eine einzige ausführliche Mitteilung würde diese 
Vortragsstunde ausfüllen. Die Assoziationskette besteht immer 
aus mehr als zwei Gliedern, die traumatischen Szenen bilden 
nicht etwa einfache, perlschnurartige Beihen, sondern verzweigte, 
stammbaumartige Zusammenhänge, indem bei einem neuen Er- 
lebnis zwei und mehr frühere als Erinnerungen zur Wirkuno- 
kommen; kurz, die Auflösung eines einzelnen Symptoms mit- 
teilen, fällt eigentlich zusammen mit der Aufgabe, eine Kranken- 
geschichte vollständig darzustellen. 

Wir wollen es nun aber nicht versäumen, den einen Satz 
nachdrücklich hervorzuheben, den die analytische Arbeit längs 
dieser Erinnerungsketten unerwarteterweise gegeben hat. Wir 
haben erfahren, daß kein hysterisches Symptom aus 
einem realen Erlebnisse allein hervorgehen kann,, 
sondern daß alle Male die assoziativ geweckte Er- 
innerung an frühere' Erlebnisse zur Verursachung 
des Symptoms mitwirkt. Wenn dieser Satz — wie ich 
meine — ohne Ausnahme richtig ist, so bezeichnet er uns 
aber auch das Fundament, auf dem eine psychologische Theorie 
der Hysterie aufzubauen ist. 

Sie könnten meinen, jene seltenen Fälle, in welchen die 
Analyse das Symptom sofort auf eine traumatische Szene von 



154 

guter determinierender Eignung und traumatischer Kraft zurück- 
führt und es durch solche Zurückführung gleichzeitig wegschafft, 
wie dies in Breuers Krankengeschichte der Anna 0. geschil- 
dert wird, seien doch mächtige Einwände gegen die allgemeine 
Geltung des eben aufgestellten Satzes. Das sieht in der Tat so 
aus; allein ich muß sie versichern, ich habe die triftigsten 
Gründe, anzunehmen, daß selbst in diesen Fällen eine Verket- 
tung .wirksamer Erinnerungen vorliegt, die weit hinter die erste 
traximatische Szene zurückreicht, wenngleich die Reproduk- 
tion der letzteren allein die Aufhebung des Symptoms zur Folge 
haben kann. 

Ich meine, es ist wirklich überraschend, daß hysterische 
Symptome nur unter Mitwirkung von Erinnerungen entstehen 
können, zumal wenn man erwägt, daß diese Erinnerungen nach 
allen Aussagen der Kranken ihnen im Momente, da das Symptom 
zuerst auftrat, nicht zum Bewußtsein gekommen waren. Hier 
ist Stoff für sehr viel Nachdenken gegeben, aber diese Probleme 
sollen uns für jetzt nicht verlocken, unsere Richtung nach der 
Ätiologie der Hysterie zu verlassen. "Wir müssen uns vielmehr 
fragen: Wohin gelangen wir, wenn wir den Ketten assoziierter 
Erinnerungen folgen, welche die Analyse uns aufdeckt? Wie 
weit reichen sie? Haben sie irgendwo ein natürliches Ende? 
Führen sie uns etwa zu Erlebnissen, die irgendwie gleichartig 
sind, dem Inhalte oder der Lebenszeit nach, so daß wir in 
diesen überall gleichartigen Faktoren die gesuchte Ätiologie der 
Hysterie erblicken könnten? 

Meine bisherige Erfahrung gestattet mir bereits, * diese 
Fragen zu beantworten. Wenn man von einem Falle ausgeht, 
der mehrere Symptome bietet, so gelangt man mittels der Ana- 
lyse von jedem Symptom aus zu einer Reihe von Erlebnissen, 
deren Erinnerungen in der Assoziation miteinander verkettet 
sind. Die einzelnen Erinnerungsketten verlaufen zunächst distinkt 
voneinander nach rückwärts, sind aber, wie bereits erwähnt, 
verzweigt; von einer Szene aus sind gleichzeitig zwei oder mehr 
Erinnerungen erreicht, von denen nun Seitenketten ausgehen, 
deren einzelne Glieder wieder mit Gliedern der Hauptkette 
assoziativ verknüpft sein mögen. Der Vergleich mit dem Stamm- 
baum einer Familie, deren Mitglieder auch untereinander ge- 



155 



™~ 



heiratet haben, paßt hier wirklich nicht übel. Andere Komplika- 
tionen der Verkettung ergeben sich daraus, daß eine einzelne 
Szene in derselben Kette mehrmals erweckt werden kann, so 
daß sie zu einer späteren Szene mehrfache Beziehungen hat, 
eine direkte Verknüpfung mit ihr aufweist und eine durch Mittel- 
glieder hergestellte. Kurz, der Zusammenhang ist keineswegs ein 
einfacher und die Aufdeckung der Szenen in umgekehrter chrono- 
logischer Folge (die eben den Vergleich mit der Aufgrabung 
eines geschichteten Trümmerfeldes rechtfertigt) trägt zum rasche- 
ren Verständnis des Herganges gewiß nichts bei. 

Neue Verwicklungen ergeben sich, wenn man die Analyse 
weiter fortsetzt. Die Assoziationsketten für die einzelnen Sym-. 
ptonie beginnen dann in Beziehung zueinander zu treten; die 
Stammbäume verflechten sich. Bei einem gewissen Erlebnis der 
Erinnerungskette, z. B. für das Erbrechen, ist außer den rück- 
läufigen Gliedern dieser Kette eine Erinnerung aus einer andern 
Kette erweckt worden, die ein anderes Symptom, etwa Kopf- 
schmerz, begründet. Jenes Erlebnis gehört darum beiden Reihen 
an, es stellt also einen Knotenpunkt dar, wie deren in jeder 
Analyse mehrere aufzufinden sind. Sein klinisches Korrelat 
mag etwa sein, daß von einer gewissen Zeit an die beiden 
Symptome zusammen' auftreten, symbiotisch, eigentlich ohne 
innere Abhängigkeit voneinander. Knotenpunkte anderer 
Art findet man noch weiter rückwärts. Dort konvergieren die 
einzelnen Assoziationsketten; es finden sich Erlebnisse, von 
denen zwei oder mehrere Symptome ausgegangen sind. An das 
eine Detail der Szene hat die eine Kette, an ein anderes Detail 
die zweite Kette angeknüpft. 

Das wichtigste Ergebnis aber, auf welches man bei solcher 
konsequenten Verfolgung der Analyse stößt, ist dieses: Von 
welchem Fall und von welchem Symptom immer man seinen 
Ausgang genommen hat, endlich gelangt man unfehlbar 
auf das Gebiet des sexuellen Erlebens. Hiermit wäre 
also zuerst eine ätiologische Bedingung hysterischer Symptome 
aufgedeckt. 

Ich kann nach früheren Erfahrungen voraussehen, daß 
gerade gegen diesen Satz oder gegen die Allgemeingültigkeit 
dieses Satzes Ihr Widerspruch, meine Herren, gerichtet sein wird. 



156 

Ich sage vielleicht besser: Ihre Widerspruchsneigung, denn es 
stehen wohl noch keinem von Ihnen Untersuchungen zu Gebote, 
die, mit demselben Verfahren angestellt, ein anderes Resultat 
ergeben hätten. Zur Streitsache selbst will ich nur bemerken, 
daß die Auszeichnung des sexuellen Momentes in der Ätiologie 
der Hysterie bei mir mindestens keiner vorgefaßten Meinung 
entstammt.^ Die beiden Forscher, als deren Zögling ich meine 
Arbeiten über Hysterie begonnen habe. Charcot wie Breuer,- 
standen einer derartigen Voraussetzung ferue, ja sie brachten 
ihr eine persönliche Abneigung entgegen, von der ich anfangs 
meinen Anteil übernahm. Erst die mühseligsten Detailunter- 
- suchungen haben mich, und zwar langsam genug, zu der Meinung 
bekehrt, die ich heute vertrete. Wenn Sie meine Behauptung, 
die Ätiologie auch der Hysterie läge im Sexualleben, der strengsten 
Prüfung unterziehen, so erweist sie sich als vertretbar durch 
die Angabe, daß ich in etwa 18 Fällen von Hysterie diesen 
Zusammenhang für jedes einzelne Symptom erkennen und, wo 
es die Verhältnisse gestatteten, durch den therapeutischen Erfolg 
bekräftigen konnte. Sie können mir dann freilich einwenden, 
die 19. und die 20. Analyse werden vielleicht eine Ableitung 
hysterischer Symptome auch aus anderen Quellen kennen lehren 
und damit die Gültigkeit der sexuellen Ätiologie von der All- 
gemeinheit auf 80% einschränken. "Wir wollen es gerne ab- 
warten, aber da jene 18 Fälle gleichzeitig alle sind, an denen 
ich die Arbeit der Analyse unternehmen konnte, und da niemand 
diese Fälle mir zum Gefallen ausgesucht hat, werden Sie es 
begreiflich finden, daß ich jene Erwartung nicht teile, sondern 
bereit bin, mit meinem Glauben über die Beweiskraft meiner 
bisherigen Erfahrungen hinauszugehen. Dazu bewegt mich übrigens 
noch ein anderes Motiv von einstweilen bloß subjektiver Geltung. 
In dem einzigen Erklärungsversuch für den physiologischen und 
psychischen Mechanismus der Hysterie, den ich mir- zur Zu- 
sammenfassung meiner Beobachtungen gestalten konnte, ist mir 
die Einmengung sexueller Triebkräfte zur unentbehrlichen Voraus- 
setzung geworden. 

Also man gelangt endlich, nachdem die Erinnerungsketten 
konvergiert haben, auf sexuelles Gebiet und zu einigen wenigen 
Erlebnissen, die zumeist in die nämliche Lebensperiode, in das 



157 



Alter der Pubertät fallen. Aus diesen Erlebnissen soll man 
<lie Ätiologie der Hysterie entnehmen und durch sie die Ent- 
stehung hysterischer Symptome verstehen lernen. Hier erlebt 
man. aber eine neue und schwerwiegende Enttäuschung! Die 
mit soviel Mühe aufgefundenen, aus allem Erinnerungsmaterial 
■extrahierten, anscheinend letzten traumatischen Erlebnisse haben 
zwar die beiden Charaktere: Sexualität und Pubertätszeit gemein, 
«ind aber sonst so sehr disparat und ungleichwertig. 
In einigen Fällen handelt es sich wohl um Erlebnisse, die wir 
.als schwere Traumen anerkennen müssen, um einen Versuch 
■der Vergewaltigung, der dem unreifen Mädchen mit einem Schlage 
•die ganze Brutalität der Geschlechtslust enthüllt, um eine un- 
freiwillige Zeugenschaft bei sexuellen Akten der Eltern, die in 
Einem ungeahntes Häßliches aufdeckt und das kindliche wie das 
-moralische Gefühl verletzt u. dgl. In anderen Fällen sind diese 
Erlebnisse von erstaunlicher Geringfügigkeit. Eine meiner 
Patientinneu zeigte zugrunde ihrer Neurose das Erlebnis, daß 
-ein ihr befreundeter Knabe zärtlich ihre Hand streichelte und 
ein andermal seinen Unterschenkel an ihr Kleid drängte, während 
•sie nebeneinander bei Tische saßen, wobei noch seine Miene 
■sie erraten ließ, es handle sich um etwas Unerlaubtes. Bei einer 
andern jungen Dame hatte gar das Anhören einer Scherzfrage, 
-die eine obszöne Beantwortung ahnen ließ, hingereicht, den 
ersten Angstanfall hervorzurufen und damit die Erkrankung zu 
eröffnen. Solche Ergebnisse sind offenbar einem Verständnis für 
die Verursachung hysterischer Symptome nicht günstig. Wenn 
es ebensowohl schwere wie geringfügige Erlebnisse, ebensowohl 
Erfahrungen am eigenen Leib wie visuelle Eindrücke und durch 
das Gehör empfangene Mitteilungen sind, die sich als die letzten 
Traumen der Hysterie erkennen lassen, so kann man etwa die 
Deutung versuchen, die Hysterischen seien besonders geartete 
Menschenkinder — wahrscheinlich infolge erblicher Veranlagung 
oder degenerativer Verkümmerung — bei denen die Scheu vor 
der Sexualität, die im Pubertätsalter normalerweise eine gewisse 
Rolle spielt, ins' Pathologische gesteigert und dauernd fest- 
gehalten wird; gewissermaßen Personen, die den Anforderungen 
der Sexualität psychisch nicht Geuüge leisten können. Man 
vernachlässigt bei dieser Aufstellung allerdings die Hysterie der 



' 



158 

Männer; aber auch, wenn es derartige grobe Einwände nicbt 
gäbe, wäre die Versuchung kaum sehr groß, bei dieser Lösung 
stehen zu bleiben. Man verspürt hier nur zu deutlich die 
intellektuelle Empfindung des Halbverstandenen, Unklaren und 
Unzureichenden. 

Zum Glück für unsere Aufklärung zeigen einzelne der 
sexuellen Pubertätserlebnisse eine weitere Unzulänglichkeit, die 
geeignet ist, zur Fortsetzung der analytischen Arbeit anzuregen. 
Es kommt nämlich vor, daß auch diese Erlebnisse der determi- 
nierenden Eignung entbehren, wenngleich dies hier viel seltener 
ist als bei den traumatischen Szenen aus späterer Lebenszeit 
So z. B. hätten sich bei den beiden Patientinnen, die ich vorhin 
als Fälle mit eigentlich harmlosen Pubertätserlebnissen angeführt, 
habe, im Gefolge dieser Erlebnisse eigentümliche schmerzhafte 
Empfindungen in den Genitalien eingestellt, die sich als Haupt- 
symptome der Neurose fortgesetzt hatten, deren Determinierung 
weder aus den Pubertätsszenen noch aus späteren abzuleiten war,. 
die aber sicherlich nicht zu den normalen Organempfindungen 
oder zu den Zeichen sexueller Aufregung gehörten. "Wie nahe 
lag es nun, sich hier zu sagen, man müsse die Determinierung 
dieser Symptome in noch anderen, noch weiter zurückreichenden 
Erlebnissen suchen, man müsse hier zum zweiten Male jenem 
rettenden Einfall folgen, der uns vorhin von den ersten trauma- 
tischen Szenen zu den Erinnerungsketten hinter ihnen geleitet? 
Man kommt damit freilich in die Zeit der ersten Kindheit, die- 
Zeit vor der Entwicklung des sexuellen Lebens, womit ein 
Verzicht auf die sexuelle Ätiologie verbunden scheint. Aber 
hat man nicht ein Recht, anzunehmen, daß es auch dem Kindes- 
alter an leisen sexuellen Erregungen nicht gebricht, ja, daß 
vielleicht die spätere sexuelle Entwicklung durch Kindererlebnisse 
in entscheidender Weise beeinflußt wird? Schädigungen, die 
das un ausgebildete Organ, die in Entwicklung begriffene Funktion, 
treffen, verursachen ja so häufig schwerere und nachhaltigere 
Wirkungen, als sie im reiferen Alter entfalten könnten. Vielleicht 
liegen der abnormen Reaktion gegen sexuelle Eindrücke, durch 
welche uns die Hysterischeu in der Pubertätszeit überraschen, 
ganz allgemein solche sexuelle Erlebnisse der Kindheit zugrunde, 
die dann von gleichförmiger und bedeutsamer Art sein müßten? - 



L_ 



^—. 



159- 

Man gewänne so eine Aussicht, als frühzeitig erworben auf- 
zuklären, was man bisher einer durch die Heredität doch nicht 
verständlichen Prädisposition zur Last legen mußte. Und da 
infantile Erlebnisse sexuellen Inhaltes doch nur durch ihre 
Erinnerungsspuren eine psychische Wirkung äußern könnten, 
wäre dies nicht eine willkommene Ergänzung zu jenem Ergebnis 
der Analyse, daß hysterische Symptome immer nur 
unter der Mitwirkung von Erinnerungen entstehen?' 

IL 
Sie erraten es wohl, meine Herren, daß ich jenen letzten 
Gedankengang nicht so weit ausgesponnen hätte, wenn ich Sie 
nicht darauf vorbereiten wollte, daß er allein es ist, der uns 
nach so vielen Verzögerungen zum Ziele führen wird. "Wir 
stehen nämlich wirklich am Ende unserer langwierigen und 
beschwerlichen analytischen Arbeit und finden hier alle bisher 
festgehaltenen Ansprüche und Erwartungen erfüllt. Wenn wir 
die Ausdauer haben, mit der Analyse bis in die frühe Kindheit 
vorzudringen, so weit zurück nur das Erinnerungsvermögen eines 
Menschen reichen kann, so veranlassen wir in allen Fällen den 
Kranken zur Reproduktion von Erlebnissen, die infolge ihrer Be- 
sonderheiten sowie ihrer Beziehungen zu den späteren Krankheits- 
symptomen als die gesuchte Ätiologie der Neurose betrachtet 
•werden müssen. Diese infantilen Erlebnisse sind wiederum 
sexuellen Inhalts, aber weit gleichförmigerer Art als die 
letztgefundenen Pubertätsszenen ; es handelt sich bei ihnen nicht 
mehr um die Erweckung des sexuellen Themas durch einen 
beliebigen Sinneseindruck, sondern um sexuelle Erfahrungen am 
eigenen Leib, um geschlechtlichen Verkehr (im weiteren 
Sinne). Siegestehen mir zu, daß die Bedeutsamkeit solcher 
Szenen keiner weiteren Begründung bedarf; fügen Sie nun noch 
hinzu, daß Sie in den Details derselben jedesmal die deter- 
minierenden Momente auffinden können, die Sie etwa in den 
anderen, später erfolgten und früher reproduzierten Szenen 
noch vermißt hätten. 

Ich stelle also die Behauptung auf, zugrunde jedes Falles 
von Hysterie befinden sich — durch die analytische Arbeit 
reproduzierbar, trotz des Dezennien umfassenden Zeitintervalles 






160 

— ein oder mehrere Erlebnisse von vorzeitiger 
sexueller Erfahrung, die der frühesten Jugend angehören. 
Ich halte dies für eine wichtige Enthüllung, für die Auffindung 
eines caput Nili der Neuropathologie, aber ich weiß kaum, 
wo anzuknüpfen, um die Erörterung dieser Verhältnisse fort- 
zuführen. Soll ich mein aus den Analysen gewonnenes tatsächliches 
Material vor Ihnen ausbreiten, oder soll ich nicht lieber vorerst 
der Masse von Einwänden und Zweifeln zu begegnen suchen, 
die jetzt von Ihrer Aufmerksamkeit Besitz ergriffen haben, wie 
ich wohl mit Recht vermuten darf? Ich wähle das letztere; 
vielleicht können wir dann um so ruhiger beim Tatsächlichen 
verweilen : * 

a) Wer der psychologischen Auffassung der Hysterie über- 
haupt feindlich entgegensteht,- die Hoffnung nicht aufgeben möchte r 
daß es einst gelingen wird, ihre Symptome auf „feinere anato- 
mische Veränderungen" zurückzuführen, und die Einsicht ab- 
gewiesen hat, daß die materiellen Grundlagen der hysterischen 
Veränderungen nicht anders als gleichartig sein können mit 
jenen unserer normalen Seelenvorgänge, der wird selbstverständ- 
lich für die Ergebnisse unserer Analysen kein Vertrauen übrig 
haben; die prinzipielle Verschiedenheit seiner Voraussetzungen 
von den unserigen entbindet uns aber auch der Verpflichtung, 
ihn in einer Einzelfrage zu überzeugen. 

Aber auch ein anderer, der sich minder abweisend gegen 
die psychologischen Theorien der Hysterie verhält, wird an- 
gesichts unserer analytischen Ergebnisse die Frage aufzuwerfen 
versucht sein, welche Sicherheit die Anwendung der Psycho- 
analyse mit sich bringt, ob es denn nicht sehr wohl möglich 
sei, daß entweder der Arzt solche Szenen als angebliche Er- 
innerung dem gefälligen Kranken aufdrängt, oder daß der 
Kranke ihm absichtliche Erfindungen und freie Phantasien vor- 
trägt, die j ener für echt annimmt. Nun, ich habe darauf zu er- 
widern, die allgemeinen Bedenken gegen die Verläßlichkeit der 
psychoanalytischen Methode können erst gewürdigt und beseitigt 
werden, wenn eine vollständige Darstellung ihrer Technik und 
ihrer Resultate vorliegen wird; die Bedenken gegen die Echt- 
heit der infantilen Sexualszenen aber kann man bereits heute 
durch mehr als ein Argument entkräften. Zunächst ist das Be- 



L 






161 



nehmen der Kranken, während sie diese infantilen Erlebnisse 
reproduzieren, nach allen Richtungen hin unvereinbar mit der 
Annahme, die Szenen seien etwas anderes als peinlich empfun- 
dene und höchst ungern erinnerte Realität. Die Kranken wissen 
vor Anwendung der Analyse nichts von diesen Szenen, sie 
pflegen sich zu empören, wenn man ihnen etwa das Auftauchen 
derselben ankündigt; sie können nur durch den stärksten Zwang 
der Behandlung bewogen werden, sich in deren Reproduktion 
einzulassen, sie leiden unter den heftigsten Sensationen, deren 
' sie sich schämen und die sie zu verbergen trachten, während 
sie sich diese infantilen Erlebnisse ins Bewußtsein rufen, und 
noch, nachdem sie dieselben in so überzeugender Weise wieder 
durchgemacht haben, versuchen sie es, ihnen den Glauben zu 
versagen, indem sie betonen, daß sich hierfür nicht wie bei an- 
derm Vergessenem ein Erinnerungsgefühl eingestellt hat. 

Letzteres Verhalten scheint nun absolut beweiskräftig zu 
sein. Wozu sollten die Kranken mich so entschieden ihres Un- 
glaubens versichern, wenn sie aus irgend einem Motiv die ' 
Dinge, die sie entwerten wollen, selbst erfunden haben? 

Daß der Arzt dem Kranken derartige Reminiszenzen auf- 
dränge, ihn zu ihrer Vorstellung und Wiedergabe suggeriere, ist 
■weniger bequem zu widerlegen, erscheint mir aber ebenso un- 
haltbar. Mir ist es noch nie gelungen, einem Kranken eine 
Szene, die ich erwartete, derart aufzudrängen, daß er sie mit 
allen zu ihr gehörigen Empfindungen zu durchleben schien; 
•vielleicht treffen es andere besser. 

Es gibt aber noch eine ganze Reihe anderer Bürgschaften 
für die Realität der infantilen Sexualszenen. Zunächst deren 
üniformität in gewissen Einzelheiten, wie sie sich aus den 
gleichartig wiederkehrenden Voraussetzungen dieser Erlebnisse 
ergeben muß, während man sonst geheime Verabredungen zwi- 
schen den einzelnen Kranken für glaubhaft halten müßte. So- 
dann, daß die Kranken gelegentlich wie harmlos Vorgänge be- 
schreiben, deren Bedeutung sie offenbar nicht verstehen, weil 
sie sonst entsetzt sein müßten, oder daß sie, ohne Wert darauf 
zu legen, Einzelheiten berühren, die, nur ein Lebenserfahrener 
kennt und als feine Charakterzüge des Realen zu schätzen 
versteht. 

Freud, Neurosenlehre. I. 4. Auflag«. H 









162 

/ 

Verstärken solche Vorkommnisse den Eindruck, daß die 
Kranken wirklich erlebt haben müssen, was sie unter, dem 
Zwang "der Analyse als Szene aus der Kindheit reproduzieren, 
so entspringt ein anderer und mächtigerer Beweis hierfür aus 
der Beziehung der Infantilszenen zum Inhalt der ganzen übrigen 
Krankengeschichte. Wie bei den Zusammenlegbildern der Kinder 
sich nach mancherlei Probieren schließlich eine absolute Sicher- 
heit herausstellt, welches Stück in die freigelassene Lücke ge- 
hört — weil nur dieses eine gleichzeitig das Bild ergänzt und 
sich mit seinen unregelmäßigen Zacken zwischen die Zacken der 
anderen so einpassen läßt, daß kein freier Raum bleibt und kein 
Übereinanderschieben notwendig wird — , so erweisen sich die 
Infantilszenen inhaltlich als unabweisbare Ergänzungen für das 
assoziative und logische Gefüge der Neurose, nach deren Ein- 
fügung erst der Hergang verständlich — man möchte oftmals 
sagen: selbstverständlich — wird. 

Daß auch der therapeutische Beweis für die Echtheit der 
Infantilszenen in einer Reihe von Fällen zu erbringen ist, füge 
ich hinzu, ohne diesen in den Vordergrund drängen zu wollen. 
Es gibt Fälle, in denen ein vollständiger oder partieller Heil- 
erfolg zu erreichen ist, ohne daß man bis zu den Infantilerleb- 
nissen herabsteigen muß; andere, in welchen jeder Erfolg aus- 
bleibt, ehe die Analyse ihr natürliches Ende mit der Aufdeckung 
der frühesten Traumen gefunden hat. Ich meine, im ersteren 
Falle sei man vor Rezidiven nicht gesichert; ich erwarte, daß 
eine vollständige Psychoanalyse die radikale Heilung einer 
Hysterie bedeutet. Indes, greifen wir hier den Lehren der Er- 
fahrung nicht vor! 

Es gäbe noch einen, einen wirklich unantastbaren Beweis 
für die Echtheit der sexuellen Kindererlebnisso, wenn nämlich 
die Angaben der einen Person in der Analyse durch die Mit- 
teilung einer andern Person in oder außerhalb einer Behand- 
lung bestätigt würden. Diese beiden Personen müßten in ihrer 
Kindheit an demselben Erlebnis Anteil genommen haben, etwa 
in einem sexuellen Verhältnis zueinander gestanden sein. Solche 
Kinderverhältnisse sind, wie Sie gleich hören werden, gar nicht 
selten; es kommt auch häufig genug vor, daß beide Beteiligte 
später an Neurosen erkranken, und doch, meine ich, ist es ein 






L 



163 

Glücksfall, daß mir eine solche objektive Bestätigung unter 
18 Fällen zweimal gelungen ist. Einmal war es der gesund ge- 
bliebene Bruder, der mir unaufgefordert zwar nicht die frühesten 
Sexualerlebnisse mit seiner kranken Schwester, aber wenigstens 
solche Szenen aus ihrer späteren Kindheit und die Tatsache 
von weiter zurückreichenden sexuellen Beziehungen bekräftigte. 
Ein andermal traf es sich, daß zwei in Behandlung stehende 
Frauen als Kinder mit der nämlichen männlichen Person sexuell 
verkehrt hatten, wobei einzelne Szenen ä trois zustande gekom- 
men waren. Ein gewisses Symptom, das sich von diesen Kinder- 
erlebnissen ableitete, war, als Zeuge dieser Gemeinschaft, in 
beiden Fällen zur Ausbildung gelangt. 

b) Sexuelle Erfahrungen der Kindheit, die in Reizungen 
der Genitalien, koitusähnlichen Handlungen usw. bestehen, sollen 
also in letzter Analyse als jene Traumen anerkannt werden, 
von denen die hysterische Reaktion gegen Pubertätserlebnisse 
und die Entwicklung hysterischer Symptome ausgeht Gegen 
diesen Ausspruch werden sicherlich von verschiedenen Seiten 
zwei zueinander gegensätzliche Einwendungen erhoben werden. 
Die einen werden sagen, derartige sexuelle Mißbräuche, an 
Kindern verübt oder von Kindern untereinander, kämen zu 
selten vor, als daß man mit ihnen die Bedingtheit einer so 
häufigen Neurose wie der Hysterie decken könnte; andere werden 
vielleicht geltend machen, dergleichen Erlebnisse seien im Gegen- 
teil sehr häufig, allzu häufig, als daß man ihrer Feststellung 
eine ätiologische Bedeutung zusprechen könnte. Sie werden 
ferner anführen, daß es bei einiger Umfrage leicht fällt, Per- 
sonen aufzufinden, die sich an Szenen von sexueller Verführung 
und sexuellem Mißbrauche in ihren Kinderjahren erinnern, und 
die doch niemals hysterisch gewesen sind. Endlich werden wir 
als schwerwiegendes Argument zu hören bekommen, daß in den 
niederen Schichten der Bevölkerung die Hysterie gewiß nicht 
häufiger vorkommt als in den höchsten, während doch alles 
dafür spricht, daß das Gebot der sexuellen Schonung des 
Kindesalters an den Proletarierkindern ungleich häufiger über- 
treten wird. 

Beginnen wir unsere Verteidigung mit dem leichteren Teil 
der Aufgabe. Es scheint mir sicher, daß unsere Kinder weit 

11* 



164 

häufiger sexuellen Angriffen ausgesetzt sind, als man nach der 
geringen, von den Eltern hierauf verwendeten Fürsorge erwarten 
sollte. Bei den ersten Erkundigungen, was über dieses Thema 
bekannt sei, erfuhr ich von Kollegen, daß mehrere Publikationen 
von Kinderärzten vorliegen, welche die Häufigkeit sexueller 
Praktiken selbst an Säuglingen von Seiten der Ammen und 
Kinderfrauen anklagen, und aus den letzten Wochen ist mir 
eine von Dr. Stekel in Wien herrührende Studie in die Hand 
geraten, welche sich mit dem „Koitus im Kindesalter" 
beschäftigt (Wiener medizinische Blätter, 18. April 1896). Ich 
habe nicht- Zeit gehabt, andere literarische Zeugnisse zu sam- 
meln, aber selbst wenn diese sich nur vereinzelt fänden, dürfte 
man erwarten, daß mit der Steigerung der Aufmerksamkeit für 
dieses Thema sehr bald die große Häufigkeit von sexuellen Er- 
lebnissen und sexueller Betätigung im Kindesalter bestätigt 
werden wird. 

Schließlich sind die Ergebnisse meiner Analyse imstande, 
für sich selbst zu sprechen. In sämtlichen 18 Fällen (von reiner 
Hysterie und Hysterie mit Zwangsvorstellungen kombiniert 
6 Männer und 12 Frauen) bin ich, wie erwähnt, zur Kenntnis 
solcher sexueller Erlebnisse des Kindesalters gelangt. Ich kann 
meine Fälle in drei Gruppen bringen, je nach der Herkunft 
der sexuellen Reizung. In der ersten Gruppe handelt es sich 
um Attentate, einmaligen oder doch vereinzelten Mißbrauch 
meist weiblicher Kinder von seiten erwachsener, fremder Indi- 
viduen (die dabei groben, mechanischen Insult zu vermeiden 
verstanden), wobei die Einwilligung der Kinder nicht in Frage 
kam und als nächste Folge des Erlebnisses der Schreck über- 
wog. Eine zweite Gruppe bilden jene weit zahlreicheren Fälle 
in denen eine das Kind wartende erwachsene Person — Kinder- 
mädchen, Kindsfrau, Gouvernante, Lehrer, leider auch allzu- 
häufig ein naher Verwandter — das Kind in den sexuellen Ver- 
kehr einführte und ein — auch nach der seelischen Richtung 
ausgebildetes — förmliches Liebesverhältnis, oft durch Jahre, 
mit ihm unterhielt. In die dritte Gruppe endlich gehören die 
eigentlichen Kinderverhältnisse, sexuelle Beziehungen zwischen 
zwei Kindern verschiedenen Geschlechtes, zumeist zwischen Ge- 
schwistern, die oft über die Pubertät hinaus fortgesetzt werden, 



165 

und die nachhaltigsten Folgen für das betreffende Paar mit 
sich bringen. In den meisten meiner Fälle ergab sich kombi- 
nierte Wirkung von zwei oder mehreren solcher Ätiologien; in 
einzelnen war die Häufung der sexuellen Erlebnisse von ver- 
schiedenen Seiten her geradezu erstaunlich. Sie verstehen aber 
diese Eigentümlichkeit meiner Beobachtungen leicht, wenn Sie 
in Betracht ziehen, daß ich durchweg Fälle von schwerer neu- 
rotischer Erkrankung, die mit Existenzunfähigkeit drohte, zu - 
behandeln hatte. 

Wo ein Verhältnis zwischen zwei Kindern vorlag, gelang 
nun einige Male der Nachweis, daß der Knabe — der auch 
hier die aggressive Rolle spielt -*- vorher von einer erwachsenen 
weiblichen Person verführt worden war, und daß er dann unter 
dem Drucke seiner vorzeitig geweckten Libido und infolge des 
Erinnerungszwanges an dem kleinen Mädchen genau die näm- 
lichen Praktiken zu wiederholen suchte, die er bei der Er- 
wachsenen gelernt hatte, ohne daß er selbständig eine Modifika- 
tion in der Art der sexuellen Betätigung vorgenommen hätte. 

Ich bin daher geneigt, anzunehmen, daß ohne vorherige 
Verführung Kinder den Weg zu Akten sexueller Aggression 
nicht zu finden vermögen. Der Grund zur Neurose würde dem- 
nach im Kindesalter immer von seiten Erwachseher gelegt, und 
die Kinder selbst übertragen einander die Disposition, später 
an Hysterie zu erkranken. Ich bitte, verweilen Sie noch einen 
Moment bei der besonderen Häufigkeit sexueller Beziehungen 
im Kindesalter gerade zwischen Geschwistern und Vettern in- 
folge der Gelegenheit zu häufigem Beisammensein, stellen Sie 
sich vor, daß 10 oder 15 Jahre später in dieser Familie mehrere 
Individuen der jungen Generation krank gefunden werden, und 
fragen Sie sich, ob dieses familiäre Auftreten der Neurose nicht 
geeignet ist, zur Annahme einer erblichen Disposition zu ver- 
leiten, wo doch nur eine Pseudoheredität vorliegt und in 
Wirklichkeit eine Übertragung, eine Infektion in der Kindheit 
stattgefunden hat. 

Nun wenden wir uns zu dem andern Einwand, welcher 
gerade auf der zugestandenen Häufigkeit infantiler Sexual- 
erlebnisse und auf der Erfahrung fußt, daß viele Personen sich 
an solche Szenen erinnern, die nicht hysterisch geworden sind. 



166 

Dagegen sagen wir zunächst, daß die übergroße Häufigkeit eines 
ätiologischen Momentes unmöglich zum Vorwurf gegen dessen 
ätiologische Bedeutung verwendet werden kann. Ist der Tuberkel- 
bazillus nicht allgegenwärtig und wird von weit mehr Menschen 
eingeatmet, als sich an Tuberkulose erkrankt zeigen? Und wird 
seine ätiologische Bedeutung durch die Tatsache geschädigt, daß 
er offenbar der Mitwirkung anderer Faktoren bedarf, um die 
Tuberkulose, seinen spezifischen Effekt hervorzurufen? Es reicht 
für seine Würdigung als spezifische Ätiologie aus, daß Tuber- 
kulose nicht möglich ist ohne seine Mitwirkung. Das gleiche 
gilt wohl auch für unser Problem, Es stört nicht, wenn viele 
Menschen infantile Sexualszenen erleben ohne hysterisch zu 
werden; wenn nur alle, die hysterisch werden, solche Szenen 
erlebt haben. Der Kreis des Vorkommens eines ätiologischen 
Faktors darf gerne ausgedehnter sein als der seines Effektes, 
nur nicht enger. Es erkranken nicht alle an Blattern, die einen 
Blatternkranken berühren oder ihm nahe kommen, und doch 
ist Übertragung von einem Blatternkranken fast die einzige 
uns bekannte Ätiologie der Erkrankung. 

Freilich, wenn infantile Betätigung der Sexualität ein fast 
allgemeines Vorkommnis wäre, dann fiele auf deren Nachweis 
in allen Fällen kein Gewicht. Aber erstens wäre eine derartige 
Behauptung sicherlich eine arge Übertreibung, und zweitens 
ruht der ätiologische Anspruch der ' infantilen Szenen nicht 
allein auf der Beständigkeit ihres Vorkommens in der Anamnese 
der Hysterischen, sondern vor allem auf dem Nachweis der 
assoziativen und logischen Bande zwischen ihnen und den 
hysterischen Symptomen, der Ihnen aus einer vollständig mit- 
geteilten Krankengeschichte sonnenklar einleuchten würde. 

"WelcheB mögen die anderen Momente sein, deren die 
„spezifische Ätiologie" der Hysterie noch bedarf, um die Neu- 
rose wirklich zu produzieren ? Dies, meine Herren, ist eigentlich 
ein Thema für sich, das ich zu behandeln nicht vorhabe; ich 
brauche heute bloß die Kontaktstelle aufzuzeigen, an welcher 
die beiden Teilstücke des Themas — spezifische und Hilfs- 
ätiologie — ineinander greifen. Es wird wohl eine ziemliche 
Anzahl von Faktoren in Betracht kommen, die erbliche und 
persönliche Konstitution, die innere Bedeutsamkeit der infantilen 



, 167 



Sexualerlebnisse, vor allem deren Häufung; ein kurzes Ver- 
hältnis mit einem fremden, später gleichgültigen Knaben wird 
an Wirksamkeit zurückstehen gegen mehrjährige, innige, sexuelle 
Beziehungen zum eigenen Bruder. Es sind in der Ätiologie der 
Neurosen quantitative Bedingungen ebensowohl bedeutsam wie 
qualitative; es sind Schwellenwerte zu überschreiten, wenn die 
Krankheit manifest werden soll. Ich halte die obige ätiologische 
Reihe übrigens selbst nicht für vollzählig und das Rätsel, warum 
die Hysterie in den niederen Ständen nicht häufiger ist, durch 
sie noch nicht erledigt. (Erinnern Sie sich übrigens, welche 
überraschend große Verbreitung Charcot für die männliche 
Hysterie des Arbeiterstandes behauptete.) Ich darf Sie aber 
auch daran mahnen, daß ich selbst vor wenigen Jahren auf ein 
bisher wenig gewürdigtes Moment hingewiesen habe, für welches 
ich die Hauptrolle in der Hervorrufung der Hysterie nach der 
Pubertät in Anspruch nehme. Ich habe damals ausgeführt, daß 
sich der Ausbruch der Hysterie fast regelmäßig auf einen 
psychischen Konflikt zurückführen läßt, indem eine unver- 
trägliche Vorstellung die Abwehr des Ich rege mache und zur 
Verdrängung auffordere. Unter welchen Verhältnissen dieses 
Abwehrbestreben den pathologischen Effekt hat, die dem Ich 
peinliche Erinnerung wirklich ins Unbewußte zu drängen und 
an ihrer Statt ein hysterisches Symptom zu schaffen, das konnte 
ich damals nicht angeben. Ich ergänze es heute: Die Abwehr 
erreicht dann ihre Absicht, die unverträgliche Vor- 
stellung aus dem Bewußtsein zu drängen, wenn bei 
der betreffenden, bis dahin gesunden Person infan-, 
tile Sexualszenen als unbewußte Erinnerungen vor- 
handen sind, und wenn die zu verdrängende Vorstel- 
lung in logischen oder assoziativen Zusammenhang mit 
einem solchen infantilen Erlebnis gebrachtwerden kann. 

Da das Abwehrbestreben des Ich von der gesamten 
moralischen und intellektuellen Ausbildung der Person abhängt, 
sind wir nun nicht mehr ohne jedes Verständnis für die Tat- 
sache, daß die Hysterie beim niederen Volk so viel seltener ist, 
als ihre spezifische Ätiologie gestatten würde. 

Meine Herren, kehren wir noch einmal zurück 7.11 jener 
letzten Gruppe von Einwänden, deren Beantwortung uns so 



168 

weit geführt hat. Wir haben gehört und anerkannt, daß es 
zahlreiche Personen gibt, die infantile Sexualerlebnisse sehr 
deutlich erinnern, und die doch nicht hysterisch sind. Dieser 
Einwand ist ganz ohne Gewicht, er wird uns aber Anlaß zu 
einer wertvollen Bemerkung bieten. Personen dieser Art dürfen 
nach unserem Verständnis der Neurose gar nicht hysterisch 
sein, oder wenigstens nicht hysterisch infolge der Szenen, die 
sie bewußt erinnern. Bei unseren Kranken sind diese Erinne- 
rungen niemals bewußt; wir heilen sie aber von ihrer Hysterie, 
indem wir ihnen die unbewußten Erinnerungen der Infantil- 
szenen in bewußte verwandeln. An der Tatsache, daß sie solche- 
Erlebnisse gehabt haben, konnten und brauchten wir nichts zu 
ändern. Sie ersehen daraus, daß es auf die Existenz der in- 
fantilen Sexualerlebnisse allein nicht ankommt, sondern, daß- 
eine psychologische Bedingung noch dabei ist. Diese Szenen 
müssen als unbewußte Erinnerungen vorhanden sein; nur 
so lange und insofern sie unbewußt sind, können sie hysterische 
Symptome erzeugen und unterhalten. Wovon es aber abhängt, ob- 
diese Erlebnisse bewußte oder unbewußte Erinnerungen ergeben, 
ob die Bedingung hierfür im Inhalt der Erlebnisse, in der Zeit, 
zu der sie vorfallen, oder in späteren Einflüssen liegt, dies ist- 
ein neues Problem, dem wir behutsam aus dem Wege gehen 
wollen. Lassen Sie sich bloß daran mahnen, daß uns die Analyse 
als erstes Resultat den Satz gebracht hat: Die hysterischen 
Symptome sind Abkömmlinge unbewußt wirkender 
Erinnerungen. 

c) Wenn wir daran festhalten, infantile Sexualerlebnisse- 
seien die Grundbedingung, sozusagen die Disposition der 
Hysterie, sie erzeugen die hysterischen Symptome aber nicht 
unmittelbar, sondern bleiben zunächst wirkungslos und wirken 
pathogen erst später, wenn sie im Alter nach der Pubertät als 
unbewußte Erinnerungen geweckt werden, so haben wir uns mit 
den zahlreichen Beobachtungen auseinanderzusetzen, welche das 
Auftreten hysterischer Erkrankung bereits im Kindesalter und 
vor der Pubertät erweisen. Indes löst sich die Schwierigkeit- 
wieder, wenn wir die aus den Analysen gewonnenen Daten 
über die zeitliehen Umstände der infantilen Sexualerlebnisse 
näher betrachten. Man erfährt dann, daß in unseren schweren 






169 

Fällen die Bildung hysterischer Symptome nicht etwa aus- 
nahmsweise, sondern eher regelmäßig mit. dem 8. Jahr be- 
ginnt, und daß die Sexualerlebnisse, die keine unmittelbare 
Wirkung äußern, jedesmal weiter zurückreichen, ins 3., 4., selbst 
ins 2. Lebensjahr. Da in keinem einzigen Fall die Kette der 
wirksamen Erlebnisse mit dem 8. Jahr abbricht, muß ich an- 
nehmen, daß diese Lebensperiode, in welcher der 'Wachstums- 
schub der zweiten Dentition erfolgt, für die Hysterie eine Grenze 
bildet, von welcher an ihre Verursachung unmöglich wird. Wer 
nicht frühere Sexualerlebnisse hat, kann von da an nicht mehr 
zur Hysterie disponiert werden; wer solche hat, kann nun bereits 
hysterische Symptome entwickeln. Das vereinzelte Vorkommen 
von Hysterie auch jenseits dieser Altersgrenze (vor 8 Jahren) 
ließe sich noch als Erscheinung der Frühreife deuten. Die 
Existenz dieser Grenze hängt sehr wahrscheinlich mit Ent- 
wicklungsvorgängen im Sexualsystem zusammen. Verfrühung 
der somatischen Sexualentwicklung kommt häufig zur Beob- 
achtung, und es ist selbst denkbar, daß sie durch vorzeitige 
sexuelle Beizung befördert werden kann. 

Man gewinnt so einen Hinweis darauf, daß ein gewisser 
infantiler Zustand der psychischen Funktionen wie des Sexual- 
systems erforderlich ist, damit eine in diese Periode fallende 
sexuelle Erfahrung später als Erinnerung pathogene Wirkung 
entfalte. Ich getraue mich indes noch nicht, über die Natur 
dieses psychischen Infantilismus und über seine zeitliche Be- 
grenzung Näheres auszusagen. 

d) Eine weitere Einwendung könnte etwa daran Anstoß 
nehmen, daß die Erinnerung der infantilen Sexualerlebnisse so 
großartige pathogene Wirkung äußern soll, während das Erleben 
derselben selbst wirkungslos geblieben ist. Wir sind ja in der 
Tat nicht daran gewöhnt, daß von einem Erinnerungsbild Kräfte 
ausgehen, welche dem realen Eindruck gefehlt haben. Sie be- 
merken hier übrigens, mit welcher Konsequenz bei der Hysterie 
der Satz durchgeführt ist, daß Symptome nur aus Erinnerungen 
hervorgehen können. Alle die späteren Szenen, bei denen die 
Symptome entstehen, sind nicht die wirksamen, und die eigent- 
lich wirksamen Erlebnisse erzeugen zunächst keinen Eifekt. Wir 
stehen aber hier vor einem Problem, welches wir mit gutem 






170 



Recht von unserem Thema sondern können. Man fühlt sich 
freilich zu einer Synthese aufgefordert, wenn man die Reihe 
von auffälligen Bedingungen überdenkt, zu deren Kenntnis wir 
gelangt sind: daß, um ein hysterisches Symptom zu bilden, ein 
Abwehrbestreben gegen eine peinliche Vorstellung vorhanden 
sein muß; daß diese eine logische oder assoziative Verknüpfung 
aufweisen muß mit einer unbewußten Erinnerung durch zahl- 
reiche oder wenige Mittelglieder, die in diesem Moment gleich- 
falls unbewußt bleiben; daß jene unbewußte Erinnerung nur 
sexuellen Inhalts sein kann; daß sie ein Erlebnis zum Inhalt hat, 
welches sich in einer gewissen infantilen Lebensperiode zuge- 
tragen hat; und man kann nicht umhin, sich zu fragen, wie es 
zugeht, daß diese Erinnerung an ein seinerzeit harmloses Er- 
lebnis posthum die abnorme Wirkung äußert, einen psychischen 
Vorgang wie das Abwehren zu einem pathologischen Resultat 
zu leiten, während sie selbst dabei unbewußt bleibt? 

Man wird sich aber sagen müssen, dies sei ein rein 
psychologisches Problem, dessen Lösung vielleicht bestimmte 
Annahmen über die normalen psychischen Vorgänge und über 
die Rolle des Bewußtseins dabei notwendig macht, das aber 
einstweilen ungelöst bleiben kann, ohne unsere bisher gewonnene 
Einsicht in die Ätiologie der hysterischen Phänomene zu ent- 
werten. 

III. 

Meine Herren, das Problem, dessen Ansätze ich soeben 
formuliert habe, betrifft den Mechanismus der hysterischen 
Symptombildung. Wir sind aber genötigt, die Verursachung 
dieser Symptome darzustellen, ohne diesen Mechanismus in 
Betracht zu ziehen, was eine unvermeidliche Einbuße an 
Abrundung und Durchsichtigkeit unserer Erörterung mit sich 
bringt. Kehren wir zur Rolle der infantilen Sexualszenen zurück. 
Ich fürchte, ich könnte Sie zur Überschätzung von deren 
symptomenbildender Kraft verleitet haben. Ich betone darum 
nochmals, daß jeder Fall von Hysterie Symptome aufweist, 
deren Determinierung nicht aus infantilen, sondern aus späteren, 
oft aus rezenten Erlebnissen herstammt. Ein anderer Anteil der 
Symptome geht freilich auf die allerfrühesten Erlebnisse zurück, 
ist gleichsam vom ältesten Adel. Dahin gehören vor allem die 






_. . _J 



171 

so zahlreichen und mannigfaltigen Sensationen und Parästhesien 
an den Genitalien und anderen Körperstellen, die einfach dem 
Empfindungsinhalt der Infantilszenen in halluzinatorischer Re- 
produktion, oft auch in schmerzhafter Verstärkung, entsprechen 
Eine andere Reihe überaus gemeiner hysterischer Phänomene, 
der schmerzhafte Harndrang, die Sensation bei der Defäkation, 
Störungen der Darmtätigkeit, das Würgen und Erbrechen, 
Magenbeschwerden und Speiseekel, gab sich in meinen Analysen 
gleichfalls — und zwar mit überraschender Regelmäßigkeit — 
als Derivat derselben Kindererlebnisse zu erkennen und erklärte 
sich mühelos aus konstanten Eigentümlichkeiten derselben. Die 
infantilen Sexualszenen sind nämlich arge Zumutungen für das 
Gefühl eines sexuell normalen Menschen; sie enthalten alle 
Ausschreitungen, die von Wüstlingen und Impotenten bekannt 
sind, bei denen Mundhöhle und Darmausgang mißbräuchlich zu 
sexueller Verwendung gelangen. Die Verwunderung hierüber 
weicht beim Arzte alsbald einem völligen Verständnis. Von 
Personen, die kein Bedenken tragen, ihre sexuellen Bedürfnisse 
an Kindern zu befriedigen, kann man nicht erwarten, daß sie 
an Nuancen in der Weise dieser Befriedigung Anstoß nehmen, 
und die dem Kindesalter anhaftende sexuelle Impotenz drängt 
unausbleiblich zu denselben Surrogathandlungen, zu denen sich 
der Erwachsene im Falle erworbener Impotenz erniedrigt. Alle 
die seltsamen Bedingungen, unter denen das ungleiche Paar 
sein Liebesverhältnis fortführt: der Erwachsene, der sich seinem 
Anteil an der gegenseitigen Abhängigkeit nicht entziehen kann, 
wie sie aus einer sexuellen Beziehung notwendig hervorgeht, der 
dabei doch mit aller Autorität und dem Rechte der Züchtigung 
ausgerüstet ist und zur ungehemmten Befriedigung seiner 
Launen die eine Rolle mit der andern vertauscht; das Kind, 
dieser Willkür in seiner Hilflosigkeit preisgegeben, vorzeitig zu 
allen Empfindlichkeiten erweckt und allen Enttäuschungen aus- 
gesetzt, häufig in der Ausübung der ihm zugewiesenen sexuellen 
Leistungen durch seine unvollkommene Beherrschung der natür- 
lichen Bedürfnisse unterbrochen — alle diese grotesken und 
doch tragischen Mißverhältnisse prägen sich in der ferneren 
Entwicklung des Individuums und seiner Neurose in einer Un- 
zahl von Dauereffekten aus, die der eingehendsten Verfolgung 



172 

würdig wären. Wo sich das Verhältnis zwischen zwei Kindern 
abspielt, bleibt der Charakter der Sexualszenen doch der näm- 
liche abstoßende, da ja jedes Kinderverhältnis eine voraus- 
gegangene Verführung des einen Kindes durch einen Erwach- 
senen postuliert. Die psychischen Folgen eines solchen Kinder- 
verhältnisses sind ganz außerordentlich tiefgreifende; die beiden 
Personen bleiben für ihre ganze Lebenszeit durch ein unsicht- 
bares Band miteinander verknüpft. 

Gelegentlich sind es Nebenumstände dieser infantilen 
Sexualszenen, welche in späteren Jahren zu determinierender 
Macht für die Symptome der Neurose gelangen. So hat in 
eiuem meiner Fälle der Umstand, daß das Kind abgerichtet 
wurde, mit seinem Fuß die Genitalien der Erwachsenen zu 
erregen, hingereicht, um Jahre hindurch die neurotische Auf- 
merksamkeit auf die Beine und deren Funktion zu fixieren und 
schließlich eine hysterische Paraplegie zu erzeugen. In einem 
andern Falle wäre es rätselhaft geblieben, warum die Kranke 
in ihren Angstanfällen, die gewisse Tagesstunden bevorzugten, 
gerade eine einzige von ihren zahlreichen Schwestern zu ihrer 
Beruhigung nicht von ihrer Seite lassen wollte, wenn die Ana- 
lyse nicht ergeben hätte, daß der Attentäter seinerzeit sich bei 
jedem dieser Besuche erkundigt hatte, ob diese Schwester zu 
Hause sei, von der er eine Störung befürchten mußte. 

Es kommt vor, daß die determinierende Kraft der Infantil- 
szenen sich so sehr verbirgt, daß sie bei oberflächlicher Analyse 
übersehen werden muß. Man vermeint dann, man habe die 
Erklärung eines gewissen Symptoms im Inhalt einer der späteren 
Szenen gefunden und stößt im Verlaufe der Arbeit auf denselben 
Inhalt in einer der Infantilszenen, so daß man sich schließlich 
sagen muß, die spätere Szene verdanke ihre Kraft, Symptome 
zu determinieren, doch nur ihrer Übereinstimmung mit der 
früheren. Ich will darum die spätere Szene nicht als bedeutungs- 
los hinstellen; wenn ich die Aufgabe hätte, die Kegeln der 
hysterischen Symptombildung vor Ihnen zu erörtern, würde ich 
als eine dieser Regeln anerkennen müssen, daß zum Symptom 
jene Vorstellung auserwählt wird, zu deren Hebung mehrere 
Momente zusammenwirken, die von verschiedenen Seiten her 
gleichzeitig geweckt wird, was ich an anderer Stelle durch den 



■ 



173 



Satz auszudrücken versucht habe: Die hysterischen Symptome 
seien überdeterrainiert. 

Noch eines, meine Herren; ich habe zwar vorhin das Ver- 
hältnis der rezenten Ätiologie zur infantilen als ein besonderes 
"Thema beiseite gerückt; aber ich kann doch den Gegenstand 
nicht verlassen, ohne diesen Vorsatz durch wenigstens eine 
Bemerkung zu übertreten. Sie gestehen mir zu, es ist vor allem 
-eine Tatsache, die uns am psychologischen Verständnis der 
hysterischen Phänomene irre werden läßt, die uns zu warnen 
-scheint, psychische Akte bei Hysterischen und bei Normalen 
mit gleichem Maß zu messen. Es ist dies das Mißverständnis 
zwischen psychisch erregendem Reiz und psychischer Reaktion, 
•das wir bei den Hysterischen antreffen, welches wir durch die 
Annahme einer allgemeinen abnormen Reizbarkeit zu decken 
-suchen und häufig physiologisch zu erklären bemüht sind, als 
ob gewisse, der Übertragung dienende Hirnorgane sich bei den 
Kranken in einem besonderen chemischen Zustande befänden, 
•etwa wie die Spinalzentren des Stryelimnfroscb.es, oder sich dem 
Einflüsse höherer hemmender Zentren entzogen hätten, wie im 
vivisektorischen Tierexperiment Beide Auffassungen mögen hier 
und dort zur Erklärung der hysterischen Phänomene voll- 
berechtigt sein; das stelle ich nicht in Abrede. Aber der Haupt- 
Anteil des Phänomens, der abnormen, übergroßen, hysterischen 
Reaktion auf psychische Reize läßt eine andere Erklärung zu, 
die durch zahllose Beispiele aus den Analysen gestützt wird. 
Und diese Erklärung lautet: Die Reaktion derHysterischen 
ist eine nur scheinbar übertriebene; sie muß uns so 
erscheinen, weil wirnur einen kleinen Teil der Motive 
kennen, aus denen sie erfolgt. 

In Wirklichkeit ist diese Reaktion proportional dem 
.erregenden Reiz, also normal und psychologisch verständlich. 
"Wir sehen dies sofort ein, wenn die Analyse zu den manifesten, 
.dem Kranken bewußten Motiven jene anderen Motive hinzu- 
gefügt hat, die gewirkt haben, ohne daß der Kranke um sie 
-wußte, die er uns also nicht mitteilen konnte. 

Ich könnte Stunden damit ausfüllen, Ihnen diesen wichtigen 
.gatz für den ganzen Umfang der psychischen Tätigkeit bei 
Hysterischen zu erweisen, muß mich aber hier auf wenige Bei- 






174 

spiele beschränken. Sie erinnern sich an die so häufige see- 
lische „Empfindlichkeit" der Hysterischen, die sie auf die 
leiseste Andeutung einer Geringschätzung reagieren läßt, als 
seien sie tödlich beleidigt worden. Was würden Sie nun denken, 
wenn Sie eine solche hochgradige Verletzbarkeit bei gering- 
fügigen Anlässen zwischen zwei gesunden Menschen, etwa Ehe- 
gatten, beobachten würden? Sie würden gewiß den Schluß 
ziehen, die eheliche Szene, der Sie beigewohnt, sei nicht allein 
das Ergebnis des letzten kleinlichen Anlasses, sondern da habe 
sich durch lange Zeit Zündstoff angehäuft, der nun in seiner 
ganzen Masse durch den letzten Anstoß zur Explosion gebracht 
worden sei. 

Bitte, übertragen Sie denselben Gedankengang auf die 
Hysterischen. Nicht die letzte, an sich minimale Kränkung ist 
es, die den Weinkrampf, den Ausbruch von Verzweiflung, den 
Selbstmordversuch erzeugt, mit Mißachtung des Satzes von der 
Proportionalität des Effektes und der Ursache, sondern diese 
kleine aktuelle Kränkung hat die Erinnerungen so vieler und 
intensiverer früherer Kränkungen geweckt und zur Wirkung 
gebracht, hinter denen allen noch die Erinnerung an eine schwere, 
nie verwundene Kränkung im Kindesalter steckt. Oder: wenn 
ein junges Mädchen sich die entsetzlichsten Vorwürfe macht, 
weil sie geduldet, daß ein Knabe zärtlich im geheimen über 
ihre Hand gestrichen, und von da ab der Neurose verfällt, so 
können Sie zwar dem Rätsel mit dem Urteil begegnen, das sei 
eine abnorme, exzentrisch angelegte, hypersensitive Person ; aber 
Sie werden anders denken, wenn Ihnen die Analyse zeigt, daß 
jene Berührung an eine andere, ähnliche erinnerte, die in sehr 
früher Jugend vorfiel und die ein Stück aus einem minder harmlosen 
Ganzen war, so daß eigentlich die Vorwürfe jenem alten Anlaß 
gelten. Schließlich ist das Rätsel der hysterogenen Punkte auch 
kein anderes; wenn Sie die eine ausgezeichnete Stelle berühren, 
tun Sie etwas, was Sie nicht beabsichtigt haben; Sie wecken 
eine Erinnerung auf, die einen Krampfanfall aiiszulösen vermag, 
und da Sie von diesem psychischen Mittelglied nichts wissen, 
beziehen Sie den Anfall als Wirkung direkt auf Ihre Berührung 
als Ursache. Die Kranken befinden sich in derselben Unwissenheit 
und verfallen darum in ähnliche Irrtümer, sie stellen beständig 



■ 



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175 



„falsche Verknüpfungen" her zwischen dem letztbewußten Anlaß 
und dem von so viel Mitgliedern abhängigen Effekt. Ist es 
dem Arzte aber möglich geworden, zur Erklärung einer hysterischen 
Reaktion die bewußten und die unbewußten Motive zusammen- 
zufassen, so muß er diese scheinbar übermäßige Reaktion fast 
immer als eine angemessene, nur in der Form abnorme anerkennen. 
Sie werden nun gegen diese Rechtfertigung der hysterischen 
Reaktion auf psychische Reize mit Recht einwenden, sie sei 
doch keine normale, denn warum benehmen die Gesunden sich 
anders; warum wirken bei ihnen nicht alle längst verflossenen 
Erregungen neuerdings mit, wenn eine neue Erregung aktuell 
ist? Es. macht ja den Eindruck, als blieben bei den Hysterischen 
alle alten Erlebnisse wirkungskräftig, auf die schon so oft, und 
zwar in stürmischer Weise reagiert wurde, als seien diese Personen 
unfähig, psychische Reize zu erledigen. Richtig, meine Herren, 
etwas Derartiges muß man tatsächlich als wahr annehmen. Vergessen 
Sie nicht, daß die alten Erlebnisse der Hysterischen bei einem 
aktuellen Anlasse als unbewußteErinnerungen ihre "Wirkung 
äußern. Es scheint, als ob die Schwierigkeit der Erledigung, 
die Unmöglichkeit, einen aktuellen Eindruck in eine machtlose 
Erinnerung zu verwandeln, gerade an dem Charakter des psychisch 
Unbewußten hinge. Sie sehen, der Rest des Problems ist wiederum 
Psychologie, und zwar Psychologie von einer Art, für welche 
uns die Philosophen wenig Vorarbeit geleistet haben. 

Auf diese Psychologie, die für unsere Bedürfnisse erst zu 
erschaffen ist — auf die zukünftige Neurosenpsychologie — 
muß ich Sie auch verweisen, wenn ich Ihnen zum Schluß eine 
Mitteilung mache, von der Sie zunächst eine Störung unseres 
beginnenden Verständnisses für die Ätiologie der Hysterie besorgen 
•werden. Ich muß es nämlich aussprechen, daß die ätiologische 
Rolle der infantilen Sexualerlebnisse nicht auf das Gebiet der 
Hysterie eingeschränkt ist, sondern in gleicher Weise für die 
merkwürdige Neurose der Zwangsvorstellungen, ja vielleicht auch 
für die Formen der chronischen Paranoia und andere funktionelle 
Psychosen Geltung hat. Ich drücke mich hierbei minder bestimmt 
aus, weil die Anzahl meiner Analysen von Zwangsneurosen noch 
weit hinter der von Hysterien zurücksteht; von Paranoia habe 
ich gar nur eine einzige ausreichende und einige fragmentarische 




176 

Analysen zur Verfügung. Aber was ich da gefunden, schien mir 
verläßlich und hat mich mit sicheren Erwartungen für andere 
Fälle erfüllt. Sie erinnern sich vielleicht, daß ich für die Zusammen- 
fassung von Hysterie und Zwangsvorstellungen unter dem Titel 
„Abwehrneurosen" bereits früher eingetreten bin, ehe mir 
noch die Gemeinsamkeit der infantilen Ätiologie bekannt war. 
Nun muß ich hinzufügen — was man freilich nicht allgemein 
zu erwarten braucht — , daß meine Fälle von Zwangsvorstellung 
sämtlich einen Untergrund yon hysterischen Symptomen, meist 
Sensationen und Schmerzen, erkennen ließen, die sich gerade 
anf die ältesten Kindererlebnisse zurückleiteten. Worin liegt nun 
die Entscheidung, ob aus den unbewußt gebliebenen infantilen 
Sexualszenen später Hysterie oder Zwangsneurose oder gar Para- 
noia hervorgehen soll, wenn sich die anderen pathogenen 
Momente hinzugesellt haben? Diese Vermehrung unserer Erkennt- 
nisse scheint ja dem ätiologischen "Wert dieser Szenen Eintrag zu 
tun, indem sie die Spezifität der ätiologischen Relation aufhebt. 

Ich bin noch nicht in der Lage, meine Herren, eine ver- 
läßliche Antwort auf diese Frage zu geben. Die Anzahl meiner 
analysierten Fälle, die Mannigfaltigkeit der Bedingungen in 
ihnen, ist nicht groß genug hierfür. Ich merke bis jetzt, daß die 
Zwangsvorstellungen bei der Analyse regelmäßig als verkappte 
und verwandelte Vorwürfe wegen sexueller Aggressionen 
imKindesalter zu entlarven sind, daß sie darum beiMännern 
häufiger gefunden werden als bei Frauen, und häufiger bei ihnen 
sich entwickeln als Hysterie. Ich könnte daraus schließen, daß 
der Charakter der Infantilszenen, ob sie mit Lust oder nur passiv 
erlebt werden, einen bestimmenden Einfluß auf die Auswahl, der 
späteren Neurose hat, aber ich möchte auch den Einfluß des 
Alters, in dem diese Kinderaktionen vorfallen, und anderer 
Momente nicht unterschätzen. Hierüber muß erst die Diskussion 
weiterer Analysen Aufschluß geben; wenn es aber klar sein 
wird, welche Momente die Entscheidung zwischen den möglichen 
Formen der Abwehrneuropsychosen beherrschen, wird es wiederum 
ein rein psychologisches Problem sein, kraft welches Mechanismus 
die einzelne Form gestaltet wird. 

Ich bin nun zum Ende meiner heutigen Erörterungen 
gelangt. Auf Widerspruch und Unglauben gefaßt, möchte ich 



_-J 



■ 



177 

meiner Sache nur noch eine Befürwortung mit auf den Weg 
geben. Wie immer Sie meine Resultate aufnehmen mögen, ich 
darf Sie bitten, dieselben nicht für die Frucht wohlfeiler Spekulation 
zu halten. Sie ruhen auf mühseliger Einzelerforschung der Kranken, 
die bei den meisten Fällen hundert Arbeitsstunden und darüber 
Terweilt hat. Wichtiger noch als ihre Würdigung der Ergebnisse 
ist mir Ihre Aufmerksamkeit für das Verfahren, dessen ich mich 
bedient habe, das neuartig, schwierig zu handhaben und doch 
unersetzlich für wissenschaftliche und therapeutische Zwecke ist. 
Sie sehen wohl ein, man kann den Ergebnissen, zu denen diese 
modifizierte Breuersche Methode führt, nicht gut widersprechen, 
wenn man die Methode beiseite läßt und sich nur der gewohnten 
Methode des Krankenexamens bedient. Es wäre ähnlich, als 
wollte man die Funde der histologischen Technik mit der Berufung 
auf die makroskopische Untersuchung widerlegen. Indem die 
neue Forschungsmethode den Zugang zu einem neuen Element 
des psychischen Geschehens, zu den unbewußt gebliebenen, nach 
Breuers Ausdruck „bewußtseinsunfähigen" Denkvorgängen 
breit eröffnet, winkt sie uns mit der Hoffnung eines neuen, besseren 
Verständnisses aller funktionellen psychischen Störungen. Ich 
kann es nicht glauben, daß die Psychiatrie es noch lange auf- 
schieben wird, .sich dieses neuen Weges zur Erkenntnis zu 
bedienen. 



Freud, Ke:irocenl»tirc J- * Auflage. 12 



XI. 

Die Sexualität in der Ätiologie der Neurosen 1 ). 



Durch eingehende Untersuchungen bin ich in den letzten 
Jahren zur Erkenntnis gelangt, daß Momente aus dem Sexual- 
leben die nächsten und praktisch bedeutsamsten Ursachen eines 
jeden Falles von neurotischer Erkrankung darstellen. Diese 
Lehre ist nicht völlig neu; eine gewisse Bedeutung ist den 
sexuellen Momenten in der Ätiologie der Neurosen von jeher 
und von allen Autoren eingeräumt worden; für manche Unter- 
strömungen in der Medizin ist die Heilung von „Sexualbeschwer- 
den" und von „Nervenschwäche" immer in einem einzigen Ver- 
sprechen vereint gewesen. Es wird also nicht schwer halten, 
dieser Lehre die Originalität zu bestreiten, wenn man einmal 
darauf verzichtet haben wird, ihre Triftigkeit zu leugnen. 

In einigen kürzeren Aufsätzen, die in den letzten Jahren 
im „Neurologischen Zentralblatt", in der „Revue neurologique" 
und m der „Wiener klinischen Rundschau" erschienen sind, 
habe ich versucht, das Material und die Gesichtspunkte anzu- 
deuten, welche der Lehre von der „sexuellen Ätiologie der 
Neurosen" eine wissenschaftliche Stütze bieten. Eine ausführliche 
Darstellung steht noch aus, und zwar wesentlich darum, weil 
man bei der Bemühung, den als tatsächlich erkannten Zusammen- 
hang aufzuklären, zu immer neuen Problemen gelangt, für deren 
Lösung es an Vorarbeiten fehlt. Keineswegs verfrüht erscheint 
mir aber der Versuch, das Interesse des praktischen Arztes auf 
die von mir behaupteten Verhältnisse zu lenken, damit er sich 
in einem von der Richtigkeit dieser Behauptungen und von den 

') Wiener klinische Rundschau, 1898, Nr. 2, 4, 5 und 7. 



179 

"Vorteilen überzeuge, welche er für sein ärztliches Handeln aus 
ihrer Erkenntnis ableiten kann. 

Ich weiß, daß es an Bemühungen nicht fehlen wird, den 
.Arzt durch ethisch gefärbte Argumente von der Verfolgung 
dieses Gegenstandes abzuhalten. Wer sich bei seinen Kranken 
überzeugen will, ob ihre Neurosen wirklich mit ihrem Sexual- 
leben zusammenhängen, der kann es nicht vermeiden, sich bei 
ihnen nach ihrem Sexualleben zu erkundigen und auf wahr- 
heitsgetreue Aufklärung über dasselbe zu dringen. Darin soll 
aber die Gefahr für den einzelnen wie für die Gesellschaft 
liegen. Der Arzt, höre ich sagen, hat kein Recht, sich in die 
sexuellen Geheimnisse seiner Patienten einzudrängen, ihre 
Schamhaftigkeit — besonders der weiblichen Personen — durch 
solches Examen gröblich zu verletzen. Seine ungeschickte Hand 
kann nur Familienglück zerstören, bei jugendlichen Personen 
die- Unschuld beleidigen und der Autorität der Eltern vor- 
greifen; bei Erwachsenen wird er unbequeme Mitwisserschaft 
erwerben und sein eigenes Verhältnis zu seinen Kranken zer- 
stören. Es sei also seine ethische Pflicht, der ganzen sexuellen 
Angelegenheit ferne zu bleiben. 

Man darf wohl antworten: Das ist die Äußerung einer 
des Arztes unwürdigen Prüderie, die mit schlechten Argumenten 
ihre Blöße mangelhaft verdeckt. Wenn Momente aus dem- 
Sexualleben wirklich als Krankheitsursachen zu erkennen sind, 
so fällt die Ermittlung und Besprechung dieser Momente eben 
hierdurch ohne weiteres Bedenken in den Pflichtenkreis des Arztes. 
pie Verletzung der Schamhaftigkeit, die er sich dabei zuschul- 
den kommen läßt, ist keine andere und keine ärgere, sollte man 
meinen, als wenn er, um eine örtliche Affektion zu heilen, auf 
der Inspektion der weiblichen Genitalien besteht, zu welcher 
Forderung ihn die Schule selbst verpflichtet. Von älteren Frauen, 
die ihre Jugendjahre in der Provinz zugebracht haben, hört ' 
man oft noch erzählen, daß sie einst .durch übermäßige Genital- 
blutungen bis zur Erschöpfung heruntergekommen waren, weil 
sie sich nicht entschließen konnten, einem Arzte den Anblick 
ihrer Nacktheit zu gestatten. Der erziehliche Einfluß, der von 
den Ärzten auf das Publikum geübt wird, hat es im Lauf einer 
Generation dahin gebracht, daß bei unseren jungen Frauen 

12* 















180 

solches Sträuben nur höchst selten vorkommt. Wo es sich träfe 
würde es als unverständige Prüderie, als Scham am unrechten 
Orte verdammt werden. Leben wir denn in der Türkei, würde 
der Ehemann fragen, wo die kranke Frau dem Arzte nur den 
Arm durch ein Loch in der Mauer zeigen darf?! 

Es ist nicht richtig, daß das Examen und die Mitwisser- 
schaft in sexuellen Dingen dem Arzt eine gefährliche Macht- 
fülle gegen seine Patienten verschafft. Derselbe Einwand konnte 
sich mit mehr Berechtigung seinerzeit gegen die Anwendung 
der Narkose richten, durch welche der Kranke seines Bewußt- 
seins und seiner Willensbestimmung beraubt, und es in die 
Hand des Arztes gelegt wird, ob und wann er sie wieder er- 
langen soll. Doch ist uns heute die Karkose unentbehrlich ge- 
worden, weil sie dem ärztlichen Bestreben, zu helfen, dienlich 
ist wie nichts anderes, und der Arzt hat die Verantwortlichkeit 
für die Narkose unter seine anderen ernsten Verpflichtungen 
aufgenommen. 

Der Arzt kann in allen Fällen Schaden stiften, wenn er 
ungeschickt oder gewissenlos ist, in anderen Fällen nicht mehr 
und nicht minder, als bei der Forschung nach dem Sexual- 
leben seiner Patienten. Freilich, wer in einem schätzenswerten 
Ansätze zur Selbsterkenntnis sich nicht das Taktgefühl, den 
Ernst und die Verschwiegenheit zutraut, deren er für das Examen 
der Neurotiker bedarf, wer von sich weiß, daß Enthüllungen 
aus dem Sexualleben lüsternen Kitzel anstatt wissenschaftlichen 
Interesses bei ihm hervorrufen werden, der tut recht daran, 
dem Thema der Ätiologie der Neurosen fernzubleiben. Wir 
verlangen nur noch, daß er sich auch von der Behandlung der 
Nervösen fernhalte. 

Es ist auch nicht richtig, daß die Kranken einer Erfor- 
schung ihres Sexuallebens unüberwindliche Hindernisse entgegen- 
setzen.- Erwachsene pflegen sich nach kurzem Zögern mit den 
Worten zurechtzurücken: Ich bin doch beim Arzte; dem darf 
man alles sagen. Zahlreiche Frauen, die an der Aufgabe, ihre 
sexuellen Gefühle zu verbergen, schwer genug durchs Leben zu 
tragen haben, finden sich erleichtert, wenn sie beim Arzte 
merken, daß hier keine andere Rücksicht über die ihrer Hei- 
lung gesetzt ist, und danken es ihm, daß sie sich auch einmal 



k 



181 



in sexuellen Dingen rein menschlich gebärden dürfen. Eine 
dunkle Kenntnis der vorwaltenden Bedeutung sexueller Momente 
für die Entstehung der Nervosität, wie ich sie für die Wissen- 
schaft neu zu gewinnen suche, scheint im Bewußtsein der Laien 
Oberhaupt nie untergegangen zu sein. Wie oft erlebt man 
Szenen wie die folgende: Man hat ein Ehepaar vor sich, von 
dem ein Teil an Neurose leidet. Nach vielen Einleitungen und 
^Entschuldigungen, daß es für den Arzt, der in solchen Fällen 
helfen will, konventionelle Schranken nicht geben darf u. dgl., 
teilt man den beiden mit, man vermute, der Grund der Krank- 
heit liege in der unnatürlichen und schädlichen Art des sexuellen 
Verkehres, die sie seit der letzten Entbindung der Frau gewählt 
haben dürften. Die Arzte pflegen sich um diese Verhältnisse in 
der Regel nicht zu kümmern, allein das sei nur verwerflich, 
•wenn auch die Kranken nicht gerne davon hören usw. Dann 
stößt der eine Teil den andern an und sagt: Siehst du, ich 
habe es dir gleich gesagt, das wird mich krank machen. Und 
der andere antwortet: Ich hab' mir's ja auch gedacht, aber was 
soll man tun? 

Unter gewissen anderen Umständen, etwa bei jungen Mäd- 
chen, die ja systematisch zur Verhehlung ihres Sexuallebens er- 
zogen werden, wird man sich mit einem recht bescheidenen 
Maße von aufrichtigem Entgegenkommen begnügen müssen. Es 
fällt aber hier ins Gewicht, daß der kundige Arzt seinen Kranken 
nicht unvorbereitet entgegentritt und in der Regel nicht Auf- 
klärung, sondern bloß Bestätigung seiner Vermutungen von ihnen 
zu fordern hat. Wer meinen Anweisungen folgen will, wie man 
sich die Morphologie der Neurosen zurechtzulegen und ins 
Ätiologische zu übersetzen hat, dem brauchen die Kranken nur 
•wenig Geständnisse mehr zu machen. In der nur allzu bereit- 
willig gegebenen Schilderung ihrer Krankheitssymptome haben 
sie ihm meist die Kenntnis der dahinter verborgenen sexuellen 
Faktoren mitverraten. 

Es wäre von großem Vorteile, wenn die Kranken besser 
•wüßten, mit welcher Sicherheit dem Arzte die Deutung ihrer 
neurotischen Beschwerden und der Rückschluß von ihnen auf 
die wirksame sexuelle Ätiologie nunmehr möglich ist. Es wäre 
sicherlich ein Antrieb für sie, auf die Heimlichkeit von dem 






182 

Augenblicke an zu verzichten, da sie sich entschlossen haben, 
für ihr Leiden um Hilfe zu bitten. "Wir haben aber alle ein 
Interesse daran, daß auch in sexuellen Dingen ein höherer Grad 
von Aufrichtigkeit unter den Menschen Pflicht werde, als er 
bis jetzt verlangt wird. Die sexuelle Sittlichkeit kann dabei nur 
gewinnen. Gegenwärtig sind wir in Sachen der Sexualität samt 
und sonders Heuchler, Kranke wie Gesunde. Es wird uns nur 
zugute kommen, wenn im Gefolge der allgemeinen Aufrichtig- 
keit ein gewisses Maß von Duldung in sexuellen Dingen zur 
Geltung gelangt. 

Der Arzt hat gewöhnlich ein sehr geringes Interesse an 
manchen der Fragen, welche unter den Neuropathologen in 
betreff der Neurosen diskutiert werden, etwa ob man Hysterie 
und Neurasthenie strenge zu sondern berechtigt ist, ob man eine 
Hystero-Neurasthenie daneben unterscheiden darf, ob man das 
Zwangsvorstellen zur Neurasthenie rechnen oder als besondere 
Neurose anerkennen soll u. dgl. m. Wirklich dürfen auch solche 
Distinktionen dem Arzte gleichgültig sein, so lange sich an die 
getroffene Entscheidung weiter nichts knüpft," keine tiefere Ein- 
sicht und kein Fingerzeig für die Therapie, so lange der Kranke 
in allen Fällen in die Wasserheilanstalt geschickt wird, oder zu 
hören bekommt — daß ihm nichts fehlt. Anders aber, wenn 
man unsere Gesichtspunkte über die ursächlichen Beziehungen 
zwischen der Sexualität und den Neurosen annimmt. Dann er- 
wacht ein neues Interesse für die Symptomatologie der einzelnen 
neurotischen Fälle, und es gelangt zur praktischen Wichtigkeit, 
daß man das komplizierte Bild richtig in seine Komponenten 
zu zerlegen und diese richtig zu benennen verstehe. Die Morpho- 
logie der Neurosen ist nämlich mit geringer Mühe in Ätiologie 
zu übersetzen, und aus der Erkenntnis dieser leiten sich, wie 
selbstverständlich, neue therapeutische Anweisungen ab. 

Die bedeutsame Entscheidung nun, die jedesmal durch 
sorgfältige Würdigung der Symptome sicher getroffen werden 
kann, geht dahin, ob der Fall die Charaktere einer Neurasthenie 
oder einer Psychoneurose (Hysterie, Zwangsvorstellen) an sich 
trägt. (Es kommen ungemein häufig Mischfälle vor, in denen 
Zeichen der Neurasthenie mit denen einer Psychoneurose ver- 
einigt sind; wir wollen aber deren Würdigung für später auf- 



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183 

sparen.) Nur bei den Neurasthenien hat das Examen der Kranken 
den Erfolg, die ätiologischen Momente aus dem Sexualleben 
aufzudecken; dieselben sind dem Kranken, wie natürlich, be- 
kannt und gehören der Gegenwart, richtiger der Lebenszeit seit 
der Geschlechtsreife an (wenngleich auch diese Abgrenzung 
nicht alle Fälle einzuschließen gestattet). Bei den Psycho - 
neurosen leistet ein solches Examen wenig; es verschafft uns 
etwa die Kenntnis von Momenten, die man als Veranlassungen 
anerkennen muß, und die mit dem Sexualleben zusammenhängen 
oder auch nicht; im ersteren Falle zeigen sie sich dann nicht 
von anderer Art als die ätiologischen Momente der Neurasthenie, 
lassen also eine spezifische Beziehung zur Verursachung der 
Psychoneurose durchaus vermissen. Und doch liegt auch die 
Ätiologie der Psychoneurosen in jedem Falle wiederum im 
Sexuellen. Auf einem merkwürdigen Umwege, von dem später 
die Hede sein wird, kann man zur Kenntnis dieser Ätiologie 
gelangen iind begreiflich finden, daß der Kranke uns von ihr 
nichts zu sagen wußte. Die Ereignisse und Einwirkungen näm- 
lich, welche jeder Psychoneurose zugrunde liegen, gehören nicht 
der Aktualität an, sondern einer längst vergangenen, sozusagen 
prähistorischen Lebensepoche, der frühen Kindheit, und darum 
sind sie auch dem Kranken nicht bekannt. Er hat sie — in 
einem bestimmten Sinne nur ■ — vergessen. 

Sexuelle Ätiologie also in allen Fällen von Neurose; aber 
bei den Neurasthenien solche von aktueller Art, bei den Psycho- 
neurosen Momente infantiler Natur; dies ist der erste große 
Gegensatz in der Ätiologie der Neurosen. Ein zweiter ergibt 
sich, wenn man einem Unterschiede in der Symptomatik der 
Neurasthenie selbst Rechnung trägt. Hier finden sich einerseits 
Fälle, in denen sich gewisse für die Neurasthenie charakteristische 
Beschwerden in den Vordergrund drängen : Der Kopf druck, die 
Ermüdbarkeit, die Dyspepsie, die Stuhlverstopfung, die Spinal- 
irritation usf. Id. anderen Fällen treten diese Zeichen zurück, 
und das Krankheitsbild setzt sich aus anderen Symptomen zu- 
sammen, die sämtlich eine Beziehung zum Kemsymptom, der 
„ Angst" , erkennen lassen (freie Ängstlichkeit, Unruhe, Erwartungs- 
angst, komplette, rudimentäre und supplementäre Angstanfälle, 
lokomotorischer Schwindel, Agoraphobie, Schlaflosigkeit, Schmerz- 



184 

> 

Steigerung usw.). Ich habe dem ersten Typus von Neurasthenie 
seinen Namen belassen, den zweiten aber als „Angstneurose" 
ausgezeichnet, und diese Scheidung an anderem Orte begründet, 
woselbst auch der Tatsache des in der Regel gemeinsamen 
Vorkommens beider Neurosen Rechnung getragen wird. Für 
unsere Zwecke genügt die Hervorhebung, daß der symptomati- 
schen Verschiedenheit beider Formen ein Unterschied der Ätio- 
logie parallel geht. Die Neurasthenie läßt sich jedesmal auf 
einen Zustand des Nervensystems zurückführen, wie er durch 
exzessive Masturbation erworben wird oder durch gehäufte Pol- 
lutionen spontan entsteht; bei der Angstneurose findet man 
regelmäßig sexuelle Einflüsse, denen das Moment der Zurück- 
haltung oder der unvollkommenen Befriedigung gemeinsam ist, 
wie: Coitus interruptus, Abstinenz bei lebhafter Libido, so- 
genannte frustrane Erregung u. dgl. In dem kleinen Aufsatze, 
welcher die Angstneurose einzuführen bemüht war, habe ich die 
Formel ausgesprochen, die Angst sei überhaupt eine von ihrer 
Verwendung abgelenkte Libido. 

Wo in einem Falle Symptome der Neurasthenie und der 
Augstneurose vereinigt sind, also ein Mischfall vorliegt, da 
hält man sich an den empirisch gefundenen Satz, daß einer 
Vermengung von Neurosen ein Zusammenwirken von mehreren 
ätiologischen Momenten entspricht, und wird seine Erwartung 
jedesmal bestätigt finden. Wie oft diese ätiologischen Momente 
durch den Zusammenhang der sexuellen Vorgänge organisch 
miteinander verknüpft sind, z. B. Coitus interruptus oder un- 
genügende Potenz des Mannes mit der Masturbation, dies wäre 
einer Ausführung im einzelnen wohl würdig. 

Wenn man den vorliegenden Fall von neur asthenischer 
Neurose sicher diagnostiziert und dessen Symptome richtig 
gruppiert hat, so darf man sich die Symptomatik in Ätiologie 
übersetzen und dann von den Kranken dreist die Bekräftigung 
seiner Vermutungen verlangen. Anfänglicher Widerspruch darf 
einen nicht irre machen; man besteht fest auf dem, was man 
erschlossen hat, und besiegt endlich jeden Widerstand dadurch, 
daß man die Unerschütterlichkeit seiner Überzeugung betont. 
Man erfährt dabei allerlei aus dem Sexualleben der Menschen, 
womit sich ein nützliches und lehrreiches Buch füllen ließe, 



185 



lernt es auch nach jeder Richtung hin bedauern, daß die Sexual- 
wissenschaft heutzutage noch als unehrlich gilt. Da kleinere 
.Abweichungen von einer normalen vita sexualis viel zu häufig 
sind, als daß man ihrer Auffindung Wert beilegen dürfte, wird 
man hei seinen neurotisch Kranken nur schwere und lange Zeit 
fortgesetzte Abnormität des Sexuallebens als Aufklärung gelten 
lassen; daß man aber durch sein Drängen einen Kranken, der 
psychisch normal ist, veranlassen könnte, sich selbst fälschlich 
sexueller Vergehen zu bezichtigen, das darf man getrost als eine 
imaginäre Gefahr vernachlässigen. 

Verfährt man in dieser Weise mit seinen Kranken, so er- 
wirbt man sich auch die Überzeugung, daß es für die Lehre 
von der sexuellen Ätiologie der Neurasthenie negative Fälle 
nicht gibt. Bei mir wenigstens ist diese Überzeugung so sicher 
geworden, daß ich auch den negativen Ausfall des Examens 
diagnostisch verwertet habe, nämlich um mir zu sagen, daß 
solche Fälle keine Neurasthenie sein können. So kam ich mehr- 
mals dazu, eine progressive Paralyse anstatt einer Neurasthenie 
anzunehmen, weil es mir nicht gelungen war, die nach meiner 
Lehre erforderliche ausgiebige Masturbation nachzuweisen, und 
der Verlauf dieser Fälle gab mir nachträglich Recht. Ein ander- 
mal, wo der Kranke, bei Abwesenheit deutlicher organischer 
Veränderungen, über Kopfdruck, Kopfschmerzen und Dyspepsie 
klagte und meinen sexuellen Verdächtigungen mit Aufrichtigkeit 
und überlegener Sicherheit begegnete, fiel es mir ein, eine la- 
tente Eiterung in einer der Nebenhöhlen der Nase zu vermuten, 
und ein spezialistisch geschulter Kollege bestätigte diesen aus 
dem sexuell negativen Examen gezogenen Schluß, indem er den 
Kranken durch Entleerung von fötidem Eiter aus einer High- 
morshöhle von seinen Beschwerden befreite. 

Der Anschein, als ob es dennoch „negative Fälle" gäbe, 
kann auch auf andere Weise entstehen. Das Examen weist mit- 
unter ein normales Sexualleben bei Personen nach, deren Neu- 
rose einer Neurasthenie oder einer Angstneurose für oberfläch- 
liche Beobachtung wirklich genug ähnlich sieht Tiefer eindrin- 
gende Untersuchung deckt aber dann regelmäßig den wahren 
Sachverhalt auf. Hinter solchen Fällen, die man für Neurasthenie 
gehalten hat, steckt eine Psychoneurose, eine Hysterie oder 



V 






186 

• 

Zwangsneurose. Die Hysterie insbesondere, die so viele orga- 
nische Affektionen nachahmt, kann mit Leichtigkeit eine der 
aktuellen Neurosen vortäuschen, indem sie deren Symptome zu 
hysterischen erhebt. Solch e Hysterien in der Form der Neurasthenie 
sind nicht einmal sehr selten. Es ist aber keine wohlfeile Auskunft, 
wenn man für die Neurasthenien mit sexuell negativer Auskunft . 
auf die Psychoneurosen rekurriert; man kann den Nachweis hier- 
für führen auf jenem Wege, der allein eine Hysterie untrüglich 
entlarvt, auf dem Wege der später zu erwähnenden Psychoanalyse. 
Vielleicht wird nun mancher, der gerne bereit ist, der 
sexuellen Ätiologie bei seinen neurasthenisch Kranken Rechnung 
zu tragen, es doch als eine Einseitigkeit rügen, wenn er nicht 
aufgefordert wird, auch den anderen Momenten, die als Ursachen 
der Neurasthenie bei den Autoren allgemein erwähnt sind, seine 
Aufmerksamkeit zu schenken. Es fällt mir nun nicht ein, die 
sexuelle Ätiologie bei den Neurosen jeder anderen zu substituieren, 
so daß ich deren Wirksamkeit für aufgehoben erklären würde. 
Das wäre ein Mißverständnis. Ich meine vielmehr, zu all den 
bekannten und wahrscheinlich mit Recht anerkannten ätiologi- 
schen Momenten der Autoren für die Entstehung der Neurasthenie 
kommen die sexuellen, die bisher nicht hinreichend gewürdigt 
worden sind, noch hinzu. Diese verdienen aber, nach meiner 
Schätzung, daß man ihnen in der ätiologischen Reihe eine 
besondere Stellung anweise. Denn sie allein werden in keinem 
Falle von Neurasthenie vermißt, sie allein vermögen es, die 
Neurose ohne weitere Beihilfe zu erzeugen, so daß diese anderen 
Momente zur Rolle einer Hilfs- und Supplementärätiologie herab- 
gedrückt scheinen; sie allein gestatten dem Arzte, sichere 
Beziehungen zwischen ihrer Mannigfaltigkeit und der Vielheit 
der Krankheitsbilder zu erkennen. Wenn ich dagegen die Fälle 
zusammenstelle, die angeblich durch Überarbeitung, G-emüts- 
aufregung, nach einem Typhus u. dgl. neurasthenisch geworden 
sind, so zeigen sie mir in den Symptomen nichts Gemeinsames, ich 
wüßte aus der Art der Ätiologie keine Erwartung in betreff der 
Symptome zu bilden, wie umgekehrt aus dem Krankheitsbilde 
nicht auf die einwirkende Ätiologie zu schließen. 

Die sexuellen Ursachen sind auch jene, welche, dem Arzte 
am ehesten einen Anhalt für sein therapeutisches Wirken bieten. 






J 



187 

Die Heredität ist unzweifelhaft ein bedeutsamer Faktor, wo sie 
sich findet; sie gestattet, daß ein großer Krankheitseffekt zu- 
stande kommt, wo sich sonst nur ein sehr geringer ergeben 
hätte. Allein die Heredität ist der Beeinflussung des Arztes 
unzugänglich; ein jeder bringt seine hereditären Krankheits- 
neigungen mit sich; wir können nichts mehr daran ändern. Auch 
dürfen wir nicht vergessen, daß wir gerade in der Ätiologie 
der Neurasthenien der Heredität den ersten Rang notwendig 
versagen müssen. Die Neurasthenie (in beiden Formen) gehört 
zu den Affektionen, die jeder erblich Unbelastete bequem 
erwerben kann. Wäre es anders, so wäre ja die riesige Zunahme 
der Neurasthenie undenkbar, über welche alle Autoren klagen. 
Was die Zivilisation betrifft, . zu deren Sündenregister man oft 
die Verursachung der Neurasthenie zu schreiben pflegt, so mögen 
auch hierin die Autoren Recht haben (wiewohl wahrscheinlich 
auf ganz anderen Wegen, als sie vermeinen); aber der Zustand 
unserer Zivilisation ist gleichfalls für den einzelnen etwas 
Unabänderliches; übrigens erklärt dieses Moment bei seiner 
Allgemeingültigkeit für die Mitglieder derselben Gesellschaft 
niemals die Tatsache der Auswahl bei der Erkrankung. Der 
nicht neurasthenische Arzt steht ja unter demselben Einflüsse 
der angeblich unheilvollen Zivilisation wie der neurasthenische 
Kranke, den er behandeln soll. — Die Bedeutung erschöpfender 
Einflüsse bleibt mit der oben gegebenen Einschränkung bestehen. 
Aber mit dem Momente der „Überarbeitung«, das die Ärzte so 
gerne ihren Patienten als Ursache ihrer Neurose gelten lassen, 
wird übermäßig viel Mißbrauch getrieben. Es ist ganz richtig, 
daß jeder, der sich durch sexuelle Schädlichkeiten zur Neur- 
asthenie disponiert hat, die intellektuelle Arbeit und die 
psychischen Mühen des Lebens schlecht verträgt, aber niemals 
wird jemand durch Arbeit oder durch Aufregung allein neurotisch. 
Geistige Arbeit ist eher ein Schutzmittel gegen neurasthenische 
Erkrankung; gerade die ausdauerndsten intellektuellen Arbeiter 
bleiben von der Neurasthenie verschont, und was die Neur- 
astheniker als „krankmachende Überarbeitung" anklagen, das 
verdient in der Regel weder der Qualität noch dem Ausmaße 
nach als „geistige Arbeit" anerkannt zu werden. Die Ärzte 
werden sich wohl gewöhnen müssen, dem Beamten, der sich in 



188 

seinem Bureau „überangestrengt", oder der Haustrau, der ihr 
Hauswesen zu schwer geworden ist, die Aufklärung zu geben, 
daß sie nicht erkrankt sind, weil sie versucht haben, ihre für 
ein zivilisiertes Gehirn eigentlich leichten Pflichten zu erfüllen, 
sondern weil sie während dessen ihr Sexualleben gröblich ver- 
nachlässigt und verdorben haben. 

Nur die sexuelle Ätiologie ermöglicht uns ferner das Ver- 
ständnis aller Einzelheiten der Krankengeschichten bei Neur- 
asthenikern, der rätselhaften Besserungen mitten im Krankheits- 
verlaufe und der ebenso unbegreiflichen Verschlimmerungen, die 
von Ärzten und Kranken dann gewöhnlich mit der eingeschlagenen 
Therapie in Beziehung gebracht werden. In meiner mehr als 
200 Fälle umfassenden Sammlung- ist z. B die Geschichte eines 
Mannes verzeichnet, der, nachdem ihm die hausärztliche Be- 
handlung nichts genützt hatte, zu Pfarrer Kneipp ging und 
von dieser Kur an ein Jahr von außerordentlicher Besserung 
mitten in seinen Leiden zu verzeichnen hatte. Als aber ein Jahr 
später die Beschwerden sich wieder verstärkten und er neuerdings 
Hilfe in Wörishofen suchte, bl'ieb der Erfolg dieser zweiten Kur 
aus. Em Blick in die Familienchronik dieses Patienten löst das 
zweifache Rätsel auf: 67 2 Monate nach der ersten Rückkehr 
aus Wörishofen wurde dem Kranken von seiner Frau ein Kind 
geboren; er hatte sie also zu Beginn einer noch unerkannten 
Gravidität verlassen und durfte nach seiner Wiederkunft natür- 
lichen Verkehr mit ihr pflegen. Als nach Ablauf dieser für ihn. 
heilsamen Zeit seine Neurose durch neuerlichen Coitus inter- 
ruptus wieder angefacht war, mußte sich die zweite Kur erfolglos 
erweisen, da jene oben erwähnte Gravidität die letzte blieb. 

Ein ähnlicher Fall, in dem gleichfalls eine unerwartete 
Einwirkung der Therapie zu erklären war, gestaltete sich noch 
lehrreicher, indem er eine rätselhafte Abwechslung in den 
Symptomen der Neurose enthielt. Ein jugendlicher Nervöser 
war von seinem Arzte in eine wohlgeleitete Wasserheilanstalt 
wegen typischer Neurasthenie geschickt worden. Dort besserte 
sich sein Zustand anfänglich immer mehr, so daß alle Aussicht 
vorhanden war, den Patienten als dankbaren Anhänger der 
Hydrotherapie zu entlassen. Da trat in der sechsten Woche ein 
Umschlag ein; der Kranke „vertrug das Wasser nicht mehr", 



189 

wurde immer nervöser und verließ endlich nach zwei weiteren 
Wochen ungeheilt und unzufrieden die Anstalt. Als er sich bei 
mir über diesen Trug der Therapie beklagte, erkundigte ich 
mich ein wenig nach den Symptomen, die ihn mitten in der 
Kur befallen hatten. Merkwürdigerweise hatte sich darin ein 
Wandel vollzogen. Er war mit Kopfdruck, Müdigkeit und 
Dyspepsie in die Anstalt gegangen; was ihn in der Behandlung 
gestört hatte,- waren: Aufgeregtheit, Anfälle von Beklemmung, 
Schwindel im Gehen und Schlafstörung gewesen. Nun konnte 
ich dem Kranken sagen: „Sie tun der Hydrotherapie Unrecht. 
Sie sind, wie Sie selbst sehr wohl gewußt haben, infolge von 
lange fortgesetzter Masturbation erkrankt. In der Anstalt haben 
Sie die Art der Befriedigung aufgegeben und sich darum rasch 
erholt. Als Sie sich aber wohl fühlten, haben Sie unklugerweise 
Beziehungen zu einer Dame, nehmen wir an, einer Mitpatientin, 
gesucht, die nur zur Aufregung ohne normale Befriedigung 
führen konnten. Die schönen Spaziergänge in der Nähe der 
Anstalt gaben Ihnen gute Gelegenheit dazu. An diesem Ver- 
hältnisse sind Sie von neuem erkrankt, nicht an einer plötzlich 
aufgetretenen Intoleranz gegen die Hydrotherapie. Aus Ihrem 
gegenwärtigen Befinden schließe ich übrigens, daß Sie dasselbe 
Verhältnis auch in der Stadt fortsetzen." Ich kann versichern, 
daß der Kranke mich dann Punkt für Punkt bestätigt hat. 

Die gegenwärtige Therapie der Neurasthenie, wie sie wohl 
am günstigsten in den Wasserheilanstalten geübt wird, setzt 
sich das Ziel, die Besserung des nervösen Zustandes durch zwei 
Momente: Schonung und Stärkung des Patienten zu erreichen. 
Ich wüßte nichts anderes gegen diese Therapie vorzubringen, 
als daß sie den sexuellen Bedingungen des Falles keine Rechnung 
trägt. Nach meiner Erfahrung ist es höchst wünschenswert, daß 
die ärztlichen Leiter solcher Anstalten sich genügend klar 
machen, daß sie es nicht mit Opfern der Zivilisation oder der 
Heredität, sondern — sit venia verbo — mit Sexualitätskrüppeln 
zu tun haben. Sie würden sich dann einerseits ihre Erfolge wie 
ihre Mißerfolge leichter erklären, anderseits aber neue Erfolge 
erzielen, die bis jetzt dem Zufalle oder dem unbeeinflußten 
Verhalten des Kranken anheimgegeben sind. Wenn man eine 
ängstlich-neurasthenische Frau von ihrem Hause weg in die 



190 

Wasserheilanstalt schickt, sie dort, aller Pflichten ledig, baden, 
turnen und sich reichlich ernähren läßt, so wird man gewiß 
geneigt sein, die oft glänzende Besserung, die so in einigen 
Wochen oder Monaten erreicht wird, auf Rechnung der Ruhe, 
welche die Kranke genossen hat, und der Stärkung, die ihr die 
Hydrotherapie gebracht hat, zu setzen. Das mag so sein; man 
übersieht aber dabei, daß mit der Entfernung vom Hause für 
die Patientin auch eine Unterbrechung des ehelichen Verkehres 
gegeben ist, und daß erst diese zeitweilige Ausschaltung der 
krankmachenden Ursache ihr die Möglichkeit gibt, sich bei 
zweckmäßiger Therapie zu erholen. Die Vernachlässigung dieses 
ätiologischen Gesichtspunktes rächt sich nachräglich, indem der 
scheinbar so befriedigende Heilerfolg sich als sehr flüchtig 
erweist. Kurze Zeit, nachdem der Patient in seine Lebens- 
verhältnisse zurückgekehrt ist, stellen sich die Symptome des 
Leidens . wieder ein und nötigen ihn, entweder immer von Zeit 
zu Zeit einen Teil seiner Existenz unproduktiv in solchen 
Anstalten zu verbringen, oder veranlassen ihn, seine Hoffnungen 
auf Heilung anderswohin zu richten. Es ist also klar, daß die 
therapeutischen Aufgaben bei der Neurasthenie nicht in den 
Wasserheilanstalten, sondern innerhalb der Lebensverhältnisse 
der Kranken in Angriff zu nehmen sind. 

Bei anderen Fällen kann unsere ätiologische Lehre dem 
Anstaltsarzte Aufklärung über die Quelle von Mißerfolgen geben, 
die sich noch in der Anstalt selbst ereignen, und ihm nahe- 
legen, wie solche zu vermeiden sind. Die Masturbation ist bei 
erwachsenen Mädchen und reifen Männern weit häufiger, als 
man anzunehmen pflegt, und wirkt als Schädlichkeit nicht nur 
durch die Erzeugung der neurasthenischen Symptome, sondern 
auch, indem sie die Kranken unter dem Drucke eines als 
schändlich empfundenen Geheimnisses erhält. Der Arzt, der 
nicht gewohnt ist, Neurasthenie in Masturbation zu übersetzen, 
gibt sich für den Krankheitszustand Rechenschaft, indem er sich 
auf ein Schlagwort, wie Anämie, Unterernährung, Überarbeitung 
usw. bezieht, und erwartet nun bei Anwendung der dagegen 
ausgearbeiteten Therapie die Heilung seines Kranken. Zu seinem 
Erstaunen wechseln aber beim Kranken Zeiten von Besserung 
mit anderen ab, in denen unter schwerer Verstimmung alle 



_. 






a 









191 

Symptome sich verschlimmern. Der Ausgang einer solchen 
Behandlung ist im allgemeinen zweifelhaft.. Wüßte der Arzt 
daß der Kranke die ganze Zeit über mit seiner sexuellen An- 
gewöhnung kämpft, daß er in Verzweiflung verfallen ist, weil 
er ihr wieder einmal unterliegen mußte, verstünde er, dem 
Kranken sein Geheimnis abzunehmen, dessen Schwere in seinen 
Augen zu entwerten, und ihn bei seinem Abgewöhnungskampfe 
zu unterstützen, so würde der Erfolg der therapeutischen Be- 
mühung hierdurch wohl gesichert. 

Die Abgewöhnung der Masturbation ist nur eine der 
neuen therapeutischen Aufgaben, welche dem Arzte aus der 
Berücksichtigung der sexuellen Ätiologie erwachsen, und diese 
Aufgabe gerade scheint wie jede andere Abgewöhnung nur in * 
einer Krankenanstalt und unter beständiger Aufsicht des Arztes 
lösbar. Sich selbst überlassen, pflegt der Masturbant bei jeder 
verstimmenden Einwirkung auf die ihm bequeme Befriedigung 
zurückzugreifen. Die ärztliche Behandlung kann sich hier°kein 
anderes Ziel stecken, als den wieder gekräftigten Neurastheniker 
dem normalen Geschlechtsverkehre zuzuführen, denn das einmal 
geweckte und durch eine geraume Zeit befriedigte Sexualbedürfnis 
läßt sich nicht mehr zum Schweigen bringen, sondern bloß auf 
ein anderes Objekt verschieben. Eine ganz analoge Bemerkung 
gilt übrigens auch für alle anderen Abstinenzkuren, die so lange 
nur scheinbar gelingen werden, so lange sich der Arzt damit 
begnügt, dem Kranken das narkotische Mittel zu entziehen, ohne 
sich um die Quelle zu kümmern, aus welcher das imperative 
Bedürfnis nach einem solchen entspringt. „Gewöhnung" ist eine 
bloße Redensart, ohne aufklärenden Wert; nicht jedermann, der 
eine Zeitlang Morphin, Kokain, Chloralhydrat u. dgl. zunehmen 
Gelegenheit hat, erwirbt hierdurch die „Sucht" nach diesen 
Dingen. Genauere Untersuchung weist in der Eegel nach, daß 

diese Narkotika zum Ersätze — direkt oder auf Umwegen 

des. mangelnden Sexualgenusses bestimmt sind, und wo sich 
normales Sexualleben nicht mehr herstellen läßt, da darf man 
den Rückfall des Entwöhnten mit Sicherheit erwarten. 

Die andere Aufgabe wird dem Arzte durch die Ätiologie 
der Angstneurose gestellt und besteht darin, den Kranken 
zum Verlassen aller schädlichen Arten des Sexualverkehres und 



192 

zur Aufnahme normaler sexueller Beziehungen zu veranlassen. 
Wie begreiflich, fällt diese Pflicht vor allem dem ärztlichen 
Vertrauensmanne des Kranken, dem Hausarzte, zu, der seine 
Klienten schwer schädigt, wenn er sich zu vornehm hält, um in 
diese Sphäre einzugreifen. 

Da es sich hierbei zumeist um Ehepaare handelt, stößt 
das Bemühen des Arztes alsbald mit den malthusianischen 
Tendenzen, die Anzahl der Konzeptionen in der Ebe einzu- 
schränken, zusammen. Es scheint mir unzweifelhaft, daß 
diese Vorsätze in unserem Mittelstande immer mehr an Aus- 
breitung gewinnen; ich bin Ehepaaren begegnet, die schon 
nach dem ersten Kinde die Verhütung der Konzeption durch- 
zuführen begannen, und anderen, deren sexueller Verkehr 
von der Hochzeitsnacht an diesem Vorsatze Rechnung tragen 
wollte. Das Problem des Malthusianismus ist weitläufig und 
kompliziert; ich habe nicht die Absicht, es hier erschöpfend 
zu behandeln, wie es für die Therapie der Neurosen eigent- 
lich erforderlich wäre. Ich gedenke nur zu erörtern, welche 
Stellung der Arzt, der die sexuelle Ätiologie der Neurosen 
anerkennt, zu diesem Problem am besten einnehmen kann. 

Das Verkehrteste ist es offenbar, wenn er dasselbe — 
unter welchen Vorwänden immer — ignorieren will. "Was 
notwendig ist, kann nicht, unter meiner ärztlichen Würde 
sein, und es ist notwendig, einem Ehepaare, das an die Ein- 
schränkung der Kiuderzeugung denkt, mit ärztlichem Rate bei- 
zustehen, wenn man nicht einen Teil oder beide der Neurose 
aussetzen will. Es läßt sich nicht bestreiten, daß malthusianische 
Vorkehrungen irgend einmal in einer Ebe zur Notwendigkeit 
werden, und theoretisch wäre es einer der größten Triumphe 
der Menschheit, eine der fühlbarsten Befreiungen vom Natur- 
zwange, dem unser Geschlecht unterworfen ist, wenn es gelänge, 
den verantwortlichen Akt der Kinderzeugung zu einer will- 
kürlichen und beabsichtigten Handlung zu erheben, und ihn von 
der Verquickung mit der notwendigen Befriedigung eines natür- 
lichen Bedürfnisses loszulösen. 

Der einsichtsvolle Arzt wird es also auf sich nehmen, zu 
entscheiden, unter welchen Verhältnissen die Anwendung von 
Maßregeln zur Verhütung der Konzeption gerechtfertigt ist, und 






193 

wird die schädlichen unter diesen Hilfsmitteln von den harm- 
losen zu sondern haben. Schädlich ist alles, was das Zustande- 
kommen der Befriedigung hindert; bekanntlich besitzen wir 
aber derzeit kein Schutzmittel gegen die Konzeption, welches 
allen berechtigten Anforderungen genügen würde, d. h. sicher, 
bequem ist, der Lustempfindung beim Koitus nicht Eintrag tut 
und das Feingefühl der Frau nicht verletzt. Hier ist den Ärzten 
eine praktische Aufgabe gestellt, an deren Lösung sie ihre 
Kräfte dankbringend setzen können. "Wer jene Lücke in unserer 
.ärztlichen Technik ausfüllt, der hat Unzähligen den Lebens- 
genuß erhalten und die Gesundheit bewahrt, freilich dabei auch 
eine tief einschneidende Veränderung in unseren gesellschaftlichen 
Zuständen angebahnt. 

Hiermit sind die Anregungen nicht erschöpft, die aus der 
Erkenntnis einer sexuellen Ätiologie der Neurosen fließen. Die 
Hauptleistung, die uns zugunsten der Neurastheniker möglich 
ist, fällt in die Prophylaxis. Wenn die Masturbation die Ursache 
der Neurasthenie in der Jugend ist und späterhin durch die von 
ihr geschaffene Verminderung der Potenz auch zur ätiologischen 
Bedeutung für die Angstneurose gelangt, so ist die Verhütung 
der Masturbation bei beiden Geschlechtern eine Aufgabe, die 
mehr Beachtung verdient, als sie bis jetzt gefunden hat. Über- 
denkt man alle die feineren und gröberen Schädigungen, die 
von der angeblich immer mehr um sich greifenden Neurasthenie 
ausgehen, so erkennt man geradezu ein Volksinteresse darin, 
■daß die Männer mit voller Potenz in den Sexualver- 
kehr eintreten. In Sachen der Prophylaxis aber ist der ein- 
zelne ziemlich ohnmächtig. Die Gesamtheit muß ein Interesse 
an dem Gegenstande gewinnen und ihre Zustimmung zur 
Schöpfung von gemeingültigen Einrichtungen geben. Vorläufig 
6ind wir von einem solchen Zustande, der Abhilfe versprechen 
würde, noch weit entfernt, und darum kann man mit Recht 
auch unsere Zivilisation für die Verbreitung der Neurasthenie 
verantwortlich machen. Es müßte sich vieles ändern. Der Wider- 
stand einer Generation von Ärzten muß gebrochen werden, die 
sich nicht mehr an ihre eigene Jugend erinnern können; der 
Hochmut der Väter ist zu überwinden, die vor ihren Kindern 
eicht gerne auf das Niveau der Menschlichkeit herabsteigen 

Freud, Nenroseulehre. I. 4. Auflage. 13 



194 



• 



wollen, die unverständige Verschämtheit der Mütter zu be- 
kämpfen, denen es jetzt regelmäßig als unerforschliche, aber 
unverdiente Schicksalsfügung erscheint, daß „gerade ihre Kinder 
nervös geworden .sind". Vor allem aber muß in der öffentlichen 
Meinung Raum geschaffen werden für die Diskussion der Pro- 
bleme des Sexuallebens; man muß von diesen reden können, 
ohne für einen Ruhestörer oder für einen Spekulanten auf 
niedrige Instinkte erklärt zu werden. Und somit verbliebe auch 
hiev genügend Arbeit für ein nächstes Jahrhundert, in dem 
unsere Zivilisation es verstehen soll, sich mit den Ansprüchen 
unserer Sexualität zu vertragen! 

Der Wert einer richtigen diagnostischen Scheidung der 
Psychoneurosen von der Neurasthenie bezeigt sich auch darin,, 
daß die ersteren eine andere praktische Würdigung und be- 
sondere therapeutische Maßnahmen erfordern. Die Psychoneu- 
rosen .treten unter zweierlei Bedingungen auf, entweder selb- 
ständig oder im Gefolge der Aktualneurosen (Neurasthenie 
und Angstneurose). Im letzteren Falle hat man es mit einem 
neuen, übrigens sehr häufigen Typus von gemischten Neurosen 
zu tun. Die Ätiologie der Aktualneurose ist zur Hilfsätiologie 
der Psychoneurose geworden; es ergibt sich ein Krankheitsbild, 
in dem etwa die Angstneurose vorherrscht, das aber sonst 
Züge der echten Neurasthenie, der Hysterie und der Zwangs- 
neurose enthält. Man tut nicht gut, angesichts einer solchen 
Vermengung etwa auf eine Sonderung der einzelnen neuro- 
tischen Krankheitsbilder zu verzichten, da es doch nicht schwer- 
ist, sich den Fall in folgender Weise zurechtzulegen: Wie die 
vorwiegende Ausbildung der Angstneurose beweist, ist hier die 
Erkrankung unter dem ätiologischen Einfluß einer aktuellen 
sexuellen Schädlichkeit entstanden. Das betreffende Individuum 
war aber außerdem zu einer oder mehreren Psychoneurosen, 
durch eine besondere Ätiologie disponiert und wäre irgend 
einmal spontan oder bei Hinzutritt eines andern schwächenden. 
Momentes an Psychoneurose erkrankt. Nun ist die noch fehlende 
Hilfsätiologie für die Psychoneurose durch die aktuelle Ätiologie 
der Angstneurose hinzugefügt worden. 

Für solche Fälle hat sich mit Recht die therapeutische 
Übung eingebürgert, von der psychoneurotischen Komponente 



195 



im Krankheitsbilde abzusehen und ausschließlich die Aktual- 
neurose zu behandeln. Es gelingt in sehr vielen Fällen, auch 
der mitgerissenen Neurose Herr zu werden, wenn man der 
Neurasthenie zweckmäßig entgegentritt. Eine andere Beurteilung 
erfordern aber jene Fälle von Psychoneurose, die, sei es spontan, 
auftreten oder nach dem Ablaufe einer aus Neurasthenie und 
Psychoneurose gemengten Erkrankung als selbständig übrig 
bleiben. "Wenn ich von „spontanem" Auftreten einer Psycho- 
neurose gesprochen habe, so meine ich damit nicht etwa, daß 
man bei anamnestischer Nachforschung jedes ätiologische Moment 
vermißt. Dies kann wohl der Fall sein, man kann aber auch 
auf ein indifferentes Moment, eine Gemütsbewegung, Schwächung 
durch somatische Erkrankung u. dgl. hingewiesen werden. Doch 
muß man für alle diese Fälle festhalten, daß die eigentliche 
Ätiologie der Psychoneurosen nicht in diesen Veranlassungen 
liegt, sondern der gewöhnlichen "Weise anamnestischer Erhebung 
unfaßbar bleibt 

Wie bekannt, ist es diese Lücke, welche man versucht 
hat, durch die Annahme einer besonderen neuropathischen 
Disposition auszufüllen, deren Existenz einer Therapie solcher 
Krankheitszustände freilich nicht viel Aussicht auf Erfolg übrig 
ließe. Die neuropathische Disposition selbst wird als Zeichen 
einer allgemeinen Degeneration aufgefaßt, und somit gelangt 
dieses bequeme Kunstwort zu einer überreichlichen Verwendung 
gegen die armen Kranken, denen zu helfen die Ärzte recht 
ohnmächtig sind. Zum Glück steht es anders. Die neuropathische 
Disposition existiert wohl, aber ich muß bestreiten, daß sie zur 
Erzeugung der Psychoneurose hinreicht. Ich muß ferner be- 
streiten, daß das Zusammentreffen von neuropathischer Dispo- 
sition und veranlassenden Ursachen des späteren Lebens eine 
ausreichende Ätiologie der Psychoneurosen darstellt. Man ist in 
der Zurückführung der Krankheitsschicksale des einzelnen auf 
die Erlebnisse seiner Ahnen zu weit gegangen und hat daran 
vergessen, daß zwischen der Empfängnis und der Eeife des 
Individuums ein langer und bedeutsamer Lebensabschnitt lie»t 
die Kindheit, in welcher die Keime' zu späterer Erkrankung 
erworben werden können. So ist es tatsächlich bei der Psycho- 
neurose. Ihre wirkliche Ätiologie ist zu finden in Erlebnissen 

13* 



• 



196 

der Kindheit, und zwar wiederum — und ausschließlich — in 
Eindrücken, die das sexuelle Lebeu betreffen. Man tut Unrecht 
daran, das Sexualleben der Kinder völlig zu vernachlässigen; sie 
sind, so viel ich erfahren habe, aller psychischen und vieler soma- 
tischen Sexualleistungen fähig. So wenig die -äußeren Genitalien 
und die beiden Keimdrüsen den ganzen Geschlechtsapparat des 
Menschen darstellen, ebensowenig beginnt sein Geschlechtsleben 
erst mit der Pubertät, wie es der groben Beobachtung erscheinen 
mag. Es ist aber richtig, daß die Organisation und Entwicklung 
der Spezies Mensch eine ausgiebigere sexuelle Betätigung im 
Kindesalter zu vermeiden strebt; es scheint, daß die sexuellen 
Triebkräfte beim Menschen aufgespeichert werden sollen, um 
dann bei ihrer Entfesselung zur Zeit der Pubertät großen 
kulturellen Zwecken zu dienen. (Wilh. Fließ.) Aus einem der- 
artigen Zusammenhange läßt sich etwa verstehen, warum sexuelle 
Erlebnisse des Kindesalters pathogen wirken müssen. Sie ent- 
falten ihre Wirkung aber nur zum geringsten Maße zur Zeit, 
da sie vorfallen; weit bedeutsamer ist ihre nachträgliche 
Wirkung, die erst in späteren Perioden der Reifung eintreten 
kann. Diese nachträgliche Wirkung geht, wie nicht anders 
möglich, von den psychischen Spuren aus, welche die infantilen 
Sexualerlebnisse zurückgelassen haben. In dem Intervall zwischen 
dem Erleben dieser Eindrücke und deren Reproduktion (viel- 
mehr dem Erstarken der von ihnen ausgehenden libidinösen 
Impulse) hat nicht nur der somatische Sexualapparat, sondern 
auch der psychische Apparat eine bedeutsame Ausgestaltung 
erfahren, und darum erfolgt auf die Einwirkung jener früheren 
sexuellen Erlebnisse nun eine abnorme psychische Reaktion, es 
•entstehen psychopathologische Bildungen. 

In diesen Einleitungen konnte ich nur die Hauptmomente 
anführen, auf welche sich die Theorie der Psychoneurosen 
stützt: die Nachträglichkeit, den infantilen Zustand des Ge- 
schlechtsapparates und des Seeleninstrumentes. Um ein wirk-' 
liches Verständnis des Entstehungsmechanismus der Psycho- 
neurosen zu erzielen, brauchte es breiterer Ausführungen; vor 
allem wäre es unvermeidlich, gewisse Annahmen über die Zu- 
sammensetzung und die Arbeitsweise des psychischen Apparates, 
die mir neu scheinen, als glaubwürdig hinzustellen. In einem 



197 



Buche über „Traumdeutung", das ich gegenwärtig vorbereite, 
werde ich die Gelegenheit finden, jene Fundamente einer Neu- 
rosenpsychologie zu berühren. Der Traum gehört nämlich in 
dieselbe Reihe psychopathologischer Bildungen, wie die hy- 
sterische fixe Idee, die . Zwangsvorstellung und die Wahnidee. 
Da die Erscheinungen der Psychoneurosen vermittels der 
Nachträglichkeit von unbewußten psychischen Spuren aus ent- 
stehen, werden sie der Psychotherapie zugänglich, die allerdings 
hier andere "Wege einschlagen muß als den bis jetzt einzig 
begangenen der Suggestion mit oder ohne Hypnose. Auf der 
von J. Breuer angegebenen „kath artischen" Methode fußend, 
habe ich in den letzten Jahren ein therapeutisches Verfahren 
nahezu ausgearbeitet, welches ich das „psychoanalytische" heißen 
will, und dem ich zahlreiche Erfolge verdanke, während ich 
hoffen darf, seine "Wirksamkeit noch erheblich zu steigern. In 
den 1895 veröffentlichten Studien über Hysterie (mit J. 
Breuer) sind die ersten Mitteilungen über Technik und Trag- 
weite der Methode gegeben worden. Seither hat sich manches, 
wie ich behaupten darf, zum Besseren daran geändert. Während 
wir damals bescheiden aussagten, daß wir nur die Beseitigung 
von hysterischen S) r mptomen, nicht die Heilung der Hysterie 
selbst in Angriff nehmen könnten, hat sich mir seither diese 
Unterscheidung als inhaltslos herausgestellt, also die Aussicht 
auf wirkliche Heilung der Hysterie und Zwangsvorstellungen 
ergeben. Es hat mich darum recht lebhaft interessiert, in den 
Publikationen von Fachgenossen zu lesen: In diesem Falle habe 
das sinnreiche, von Breuer und Freud ersonnene Verfahren 
versagt, oder: Die Methode habe nicht gehalten, was sie zu 
versprechen schien. Ich hatte dabei etwa die" Empfindungen 
eines Menschen, der in der Zeitung seine Todesanzeige findet, 
sich aber dabei in seinem Besserwissen beruhigt fühlen darf. 
Das Verfahren ist nämlich so schwierig, daß es durchaus er- 
lernt werden muß, und ich kann mich nicht besinnen, daß es 
einer meiner Kritiker von mir hätte erlernen wollen, glaube 
auch nicht, daß sie sich, ähnlich wie ich, genug intensiv damit 
beschäftigt haben, um es selbständig auffinden zu können. Die 
Bemerkungen in den Studien über Hysterie sind vollkommen 
unzureichend, um einem Leser die Beherrschung dieser Technik 












198 

zu ermöglichen, streben solche vollständige Unterweisung auch 
keineswegs an. 

Die psychoanalytische Therapie ist derzeit nicht allgemein 
anwendbar; ich kenne für sie folgende Einschränkungen: Sie 
erfordert ein gewisses Maß von Reife und Einsicht beim Kranken, 
taugt daher nicht für kindliche Personen oder für erwachsene 
Schwachsinnige und Ungebildete. Sie scheitert bei allzu be- 
tagten Personen daran, daß sie bei ihnen, dem angehäuften 
Material entsprechend, allzuviel Zeit in Anspruch nehmen würde, 
so daß man bis zur Beendigung der Kur in einen Lebens- 
abschnitt geraten würde, für welchen auf nervöse Gesundheit 
nicht mehr Wert gelegt wird. Endlich ist sie nur dann mög- 
lich, wenn der Kranke einen psychischen Normalzustand hat, 
von dem aus sich das pathologische Material bewältigen läßt. 
Während einer hysterischen Verworrenheit, einer eingeschalteten 
Manie oder Melancholie ist mit den Mitteln der Psychoanaly83 
nichts zu leisten. Man kann solche Fälle dem Verfahren noch 
unterziehen, nachdem man mit den gewöhnlichen Maßregeln 
die Beruhigung der stürmischen Erscheinungen herbeigeführt 
hat. In der Praxis werden überhaupt die chronischen Fälle von 
Psychoneurosen besser der Methode Stand halten, als die Fälle 
mit akuten Krisen, bei denen das Hauptgewicht naturgemäß 
auf die Raschheit der Erledigung fällt, Daher geben auch die 
hysterischen Phobien und die verschiedenen Formen der Zwangs- 
neurose das günstigste Arbeitsgebiet für diese neue Therapie. 
Daß die Methode in diese Schranken gebannt ist, erklärt 
sich zum guten Teil aus den Verhältnissen, unter denen ich 
sie ausarbeiten mußte. Mein Material sind eben chronisch Ner- 
vöse der gebildeteren Stände. Ich halte es für sehr wohl mög- 
lich, daß sich ergänzende Verfahren für kindliche Personen und 
für das Publikum, welches in den Spitälern Hilfe sucht, aus- 
bilden lassen. Ich muß auch anführen, daß ich meine Therapie 
bisher ausschließlich an schweren Fällen von Hysterie und 
Zwangsneurose erprobt habe; wie es sich bei jenen leichten 
Erkrankungsfällen gestalten würde, die man bei einer indifferenten 
Behandlung von wenigen Monaten in wenigstens scheinbare 
Genesung ausgehen sieht, weiß ich nicht anzugeben. Wie be- 
greiflich, durfte eine neue Therapie, die vielfache Opfer erfor- 



__ 



199 












■dert, nur auf solche Kranke rechnen, die bereits die anerkannten 
Heilmethoden ohne Erfolg versucht hatten, oder deren Zustände 
den Schluß berechtigten, sie hätten von diesen angeblich be- 
-quemeren und kürzeren Heilverfahren nichts zu erwarten. So 
mußte ich mit •einein unvollkommenen Instrumente sogleich die 
schwersten Aufgaben in Angriff nehmen; die Probe ist um so 
beweiskräftiger ausgefallen. 

Die wesentlichen Schwierigkeiten, die sich jetzt noch der 
psychoanalytischen Heilmethode entgegensetzen, liegen nicht an 
ihr selbst, sondern in dem Mangel an Verständnis für das 
Wesen der Psychoneurosen bei Ärzten und Laien. Es ist nur 
das notwendige Korrelat zu dieser vollen Unwissenheit, wenn 
sich die Arzte für berechtigt halten, den Kranken durch die 
unzutreffendsten Versicherungen zu trösten oder zu therapeuti- 
schen Maßnahmen zu veranlassen. „Kommen Sie für sechs 
Wochen in meine Anstalt und Sie werden Ihre Symptome 
(Reiseangst, Zwangsvorstellungen usw.) verloren haben." Tat- 
sächlich ist die Anstalt unentbehrlich für die Beruhigung akuter 
Zufälle im Verlaufe einer Psychoneurose durch Ablenkung, 
Pflege und Schonung; zur Beseitigung chronischer Zustände 
leistet sie — nichts, und zwar die vornehmen, angeblich wissen- 
schaftlich geleiteten Sanatorien ebensowenig wie die gemeinen 
Wasserheilanstalten. 

Es wäre würdiger und dem Kranken, der sich doch schließ- 
lich mit seinen Beschwerden abfinden muß, zuträglicher, wenn 
der Arzt die Wahrheit sprechen würde, wie er sie alle Tage 
kennen lernt: Die Psychoneurosen sind als Genus keineswegs 
leichte Erkrankungen. Wenn eine Hysterie anfängt, kann nie- 
mand vorher wissen, wann sie ein Ende nehmen wird. Man 
tröstet sich meist vergeblich mit der Prophezeiung: Eines Tages 
wird sie plötzlich vorüber sein. Die Heilung erweist sich häufig 
genug als ein bloßes Übereinkommen zur gegenseitigen Duldung 
zwischen dem Gesunden und dem Kranken im Patienten oder 
erfolgt auf dem Wege der Umwandlung eines Symptoms in 
eine Phobie. Die mühsam beschwichtigte Hysterie des Mädchens 
lebt nach kurzer Unterbrechung durch das junge Eheglück in 
der Hysterie der Ehefrau wieder auf, nur daß jetzt eine andere 
Person als früher, der Ehemann, durch sein Interesse veranlaßt 



200 



wird, über den Erkrankungsfall zu schweigen. Wo es nicht zu 
manifester Existenzunfähigkeit infolge von Krankheit kommt, 
da fehlt doch fast nie die Einbuße an aller »freien Entfaltung 
der Seelenkräfte. Zwangsvorstellungen kehren das ganze Leben 
hindurch wieder; Phobien und andere Willensainschränkungen 
sind für jede Therapie bisher unbeeinflußbar gewesen. Das alles 
wird dem Laien vorenthalten, und darum ist der Vater einer 
hysterischen Tochter entsetzt, wenn er z. B. einer einjährigen 
Behandlung seines Kindes zustimmen soll, wo doch die Krank- 
heit etwa erst einige Monate gedauert hat. Der Laie ist sozusagen 
von der Überflüssigkeit all dieser Psychoneurosen tief innerlich 
überzeugt, er bringt darum dem Krankheitsverlaufe keine Geduld 
und der Therapie keine Opferbereitschaft entgegen. Wenn er sich 
angesichts eines Typhus,' der drei Wochen anhält, eines Bein- 
bruches, der zur Heilung sechs Monate beansprucht, verständiger 
benimmt, wenn ihm die Fortsetzung orthopädischer Maßnahmen 
durch mehrere Jahre einsichtlich erscheint, sobald sich die ersten 
Spuren einer Rückgratsverkrümmung bei seinem Kinde zeigen, 
so rührt dieser Unterschied von dem besseren Verständnis der 
Arzte her, die ihr Wissen in ehrlicher Mitteilung dem Laien 
übertragen. Die Aufrichtigkeit der Ärzte und die Gefügigkeit 
der Laien wird' sich auch für die Psychoneurosen herstellen, 
wenn erst die Einsicht in das Wesen dieser Affektionen ärzt- 
liches Gemeingut geworden ist. Die psychotherapeutische Radikal- 
behandlung derselben wird wohl immer eine besondere Schulung, 
erfordern und mit der Ausübung anderer ärztlicher Tätigkeit 
unverträglich sein. Dafür winkt dieser, in der Zukunft wohl 
zahlreichen Klasse von Ärzten Gelegenheit zu rühmlichen 
Leistungen und eine befriedigende Einsicht in das Seelenleben 
der Menschen. 



-*"*- 















XII. 

Über Psychotherapie 1 ). 




Meine Herren! Es sind ungefähr acht Jahre her, seitdem 
ich über Aufforderung Ihres betrauerten Vorsitzenden Professor 
v. K e d e r in Ihrem Kreise über das Thema der Hysterie spre- 
chen durfte. Ich hatte kurz zuvor (1895) in Gemeinschaft mit 
Dr. Josef Breuer die „Studien über Hysterie" veröffentlicht 
und den Versuch unternommen, auf Grund der neuen Erkenntnis, 
welche wir diesem Forscher verdanken, eine neuartige Behand- 
lungsweise der Neurose einzuführen. Erfreulicherweise, darf ich 
sagen, haben die Bemühungen unserer „Studien" Erfolg gehabt; 
die in ihnen vertretenen Ideen von der Wirkungsweise psychi- 
scher Traumen durch Zurückhaltung von Affekt und die Auf- 
fassung der hysterischen Symptome als Erfolge einer aus dem 
Seelischen ins Körperliche versetzten Erregung, Ideen, für 
welche wir die Termini „Abreagieren" und „Konversion" ge- 
schaffen hatten, sind heute allgemein bekannt und verstanden. 
Es gibt — wenigstens in deutschen Landen — keine Darstellung 
der Hysterie, die ihnen nicht bis zu einem gewissen Grade 
Rechnung tragen würde, und keinen Fachgenossen, der nicht 
zum mindesten ein Stück weit mit dieser Lehre ginge. Und doch 
mögen diese Sätze und diese Termini, solange sie noch frisch 
waren, befremdend genug geklungen haben! 

Ich kann nicht dasselbe von dem therapeutischen Verfahren 
sagen, das gleichzeitig mit unserer Lehre den Fachgenossen 
vorgeschlagen wurde. Dasselbe kämpft noch heute um seine 
Anerkennung. Man mag spezielle Gründe dafür anrufen. Die 



J ) Wiener Medizinische Presse, 1905, Nr. 1. (Vortrag, gehalten im 
Wiener mediz. Doktorenkollegium am 12. Dezember 1904.) 






202 

Technik des Verfahrens war damals noch unausgebildet; ich 
vermochte es nicht, dem ärztlichen Leser des Buches jene An- 
weisungen zu geben, welche ihn befähigt hätten, eine derartige 
Behandlung vollständig durchzuführen. Aber gewiß wirken auch 
•Gründe allgemeiner Natur mit. Vielen Ärzten erscheint noch 
heute die Psychotherapie als ein Produkt des modernen Mysti- 
zismus und im Vergleiche mit unseren physikalisch-chemischen 
Heilmitteln, deren Anwendung auf physiologische Einsichten 
gegründet ist, als geradezu unwissenschaftlich, des Interesses 
■eines Naturforschers unwürdig. Gestatten Sie mir nun, vor 
Ihnen die Sache der Psychotherapie zu führen und hervorzuheben, 
Avas an dieser Verurteilung als Unrecht oder Irrtum bezeichnet 
■werden kann. 

Lassen Sie mich also fürs erste daran mahnen, daß die 
Psychotherapie kein modernes Heilverfahren ist. Im Gegenteil, 
■sie ist die älteste Therapie, deren sich die Medizin bedient hat. 
In dem lehrreichen "Werke von Löwenfeld (Lehrbuch der ge- 
samten Psychotherapie) können Sie nachlesen, welches die Me- 
thoden der primitiven und der antiken Medizin waren. Sie 
■werden dieselben zum größten Teil der Psychotherapie zuordnen 
müssen; man versetzte die Kranken zum Zwecke der Heilung 
in den Zustand der „gläubigen Erwartung", der uns heute noch 
•das nämliche leistet. Auch nachdem die Ärzte andere Heil- 
mittel aufgefunden haben, sind psychotherapeutische Bestre- 
bungen der einen oder der anderen Art in der Medizin niemals 
untergegangen. 

Fürs zweite mache ich Sie darauf aufmerksam, daß wir 
Ärzte auf die Psychotherapie schon darum nicht verzichten 
können, weil eine andere beim Heilungsvorgang sehr in Betracht 
kommende Partei — nämlich die Kranken — nicht die Absicht 
hat, auf sie zu verzichten. Sie wissen, welche Aufklärungen wir 
hierüber der Schule von Nancy (Lieb au lt, Bern he im) ver- 
danken. Ein von der psychischen Disposition der Kranken ab- 
hängiger Faktor tritt, ohne daß wir es beabsichtigen, zur Wir- 
kung eines jeden vom Arzte eingeleiteten Heilverfahrens hinzu, 
meist im begünstigenden, oft auch im hemmenden Sinne. Wir 
i haben für diese Tatsache das Wort „Suggestion" anzuwenden 
gelernt, und Moebius hat uns gelehrt, daß die Unverläßüch- 



203 









"keit. die wir an so manchen unserer Heilmethoden beklageu, 
gerade auf die störende Einwirkung dieses übermächtigen Mo. 
mentes zurückzuführen ist. Wir Arzte, Sie alle, treiben also 
beständig Psychotherapie, auch wo Sie es nicht wissen und 
nicht beabsichtigen; nur hat es einen Nachteil, daß Sie den 
psychischen Faktor in Ihrer Einwirkung auf den Kranken so 
ganz dem Kranken überlassen. Er wird auf diese Weise un- 
kontrollierbar, undosierbar, der Steigerung unfähig. Ist es dann 
nicht ein berechtigtes Streben des Arztes, sich dieses Faktors 
zu bemächtigen, sich' seiner mit Absicht zu bedienen, ihn zu 
lenken und zu verstärken? Nichts anderes als dies ist es, was 
die wissenschaftliche Psychotherapie Ihnen zumutet. , 

Zu dritt, meine Herren Kollegen, will ich Sie auf die alt- 
bekannte Erfahrung verweisen, daß gewisse Leiden und ganz 
besonders die Psychoneurosen, seelischen Einflüssen weit zu- 
gänglicher sind als jeder anderen Medikation. Es ist keine 
moderne Rede, sondern ein Ausspruch alter Arzte, daß diese 
Krankheiten nicht das Medikament heilt, sondern der Arzt, d. h. 
wohl die Persönlichkeit des Arztes, insofern er psychischen Ein- 
fluß durch sie ausübt. Ich weiß wohl, meine Herren Kollegen» 
daß bei Ihnen jene Anschauung sehr beliebt ist, welcher der 
Ästhetiker Vi sc her in seiner Faustparodie (Faust, der Tragödie 
III. Teil) klassischen Ausdruck geliehen hat: 

„Ich weiß, das Physikalische 
Wirkt öfters aufs Moralische." 

Aber sollte es nicht adäquater sein und häufiger zutreffen, 
daß man aufs Moralische eines Menschen mit moralischen, d h. 
psychischen Mitteln einwirken kann? 

Es gibt viele Arten und Wege der Psychotherapie. Alle 
sind gut, die zum Ziel der Heilung führen. Unsere gewöhnliche 
Tröstung: Es wird schon wieder gut werden! mit der wir den 
Kranken gegenüber so freigebig sind, entspricht einer der 
psychotherapeutischen Methoden; nur sind wir bei tieferer Ein- 
sicht in das Wesen der Neurosen nicht genötigt gewesen, uns 
auf die Tröstung einzuschränken. Wir haben die Technik der 
hypnotischen Suggestion, der Psychotherapie durch Ablenkung, 
durch Übung, durch Hervorrufung zweckdienlicher Affekte ent- 
wickelt. Ich verachte keine derselben und würde sie alle unter 






204 



geeigneten Bedingungen ausüben. Wenn ich in Wirklichkeit mich 
auf ein einziges Heilverfahren beschränkt habe, auf die von 
Breuer „kathar tisch" genannte Methode, die ich lieber die 
„analytische" heiße, so sind bloß subjektive Motive für mich 
maßgebend gewesen. Infolge meines Anteiles an der Aufstellung 
dieser Therapie fühle ich die persönliche Verpflichtung, mich 
ihrer Erforschung und dem Ausbau ihrer Technik zu widmen. 
Ich darf behaupten, die analytische Methode der Psychotherapie 
ist diejenige, welche am eindringlichsten wirkt, am weitesten 
trägt, durch welche man die ausgiebigste Veränderung des 
Kranken erzielt. Wenn ich für einen Moment den therapeuti- 
schen Standpunkt verlasse, kann ich für sie geltend machen, 
daß sie die interessanteste ist, uns allein etwas über die Ent- 
stehung und den Zusammenhang der Krankheitserscheinungen 
lehrt. Infolge der Einsichten in den Mechanismus des seelischen 
Krankseins, die sie uns eröffnet, könnte sie allein imstande 
sein, über sich selbst hinauszuführen und uns den Weg zu noch 
anderen Arten therapeutischer Beeinflussung zu weisen. 

In bezug auf diese kathartische oder analytische Methode 
der Psychotherapie gestatten Sie mir nun, einige Irrtümer zu 
verbessern und einige Aufklärungen zu geben. 

a) Ich merke, daß diese Methode sehr häufig mit der 
hypnotischen Suggestivbehandlung verwechselt wird, merke es 
daran, daß verhältnismäßig häufig auch Kollegen, deren Vertrauens- 
mann ich sonst nicht bin, Kranke zu mir schicken, refraktäre 
Kranke natürlich, mit dem Auftrage, ich solle sie hypnotisieren. 
Nun habe ich seit etwa 8 Jahren keine Hypnose mehr zu Zwecken 
der Therapie ausgeübt (vereinzelte Versuche ausgenommen) und 
pflege solche Sendungen mit dem Rate, wer auf die Hypnose 
baut, möge sie selbst machen, zu retournieren. In Wahrheit 
besteht zwischen der suggestiven Technik und der analytischen 
der größtmögliche Gegensatz, jener Gegensatz, den der große 
Leonardo da Vinci für die Künste in die Formeln per via 
di porre und per via di levare gefaßt hat. Die Malerei, sagt 
Leonardo, arbeitet per via di porre; sie setzt nämlich Farben- 
häufchen hin, wo sie früher nicht waren, auf die nicht farbige 
Leinwand; die Skulptur dagegen geht per via di levare vor, sie 
nimmt nämlich vom Stein soviel weg, als die Oberfläche der 



205 



in ilira enthaltenen Statue noch bedeckt. Ganz ähnlich, meine 
Herren, sucht die Suggestivtechnik per via di porre zu wirken, 
sie kümmert sich nicht um Herkunft, Kraft und Bedeutung der 
Krankheitssymptome, sondern legt etwas auf, die Suggestion 
nämlich, wovon sie erwartet, daß es stark genug sein wird, die 
pathogene Idee an der Äußerung zu hindern. Die analytische 
Therapie dagegen will nicht auflegen, nichts Neues einführen, 
sondern wegnehmen, herausschaffen, und zu diesem Zwecke 
bekümmert sie sich um die Genese der krankhaften Symptome 
nnd den psychischen Zusammenhang der pathogenen Idee, deren 
Wegschaffung ihr Ziel ist. Auf diesem Wege der Forschung 
hat sie unserem Verständnis so bedeutende Förderung gebracht. 
Ich habe die Suggestionstechnik und mit ihr die Hypnose so 
frühzeitig aufgegeben, weil ich daran verzweifelte, die Suggestion 
so stark und so haltbar zu machen, wie es für die dauernde 
Heilung notwendig wäre. In allen schweren Fällen sah ich die 
darauf gelegte Suggestion wieder abbröckeln, und dann war das 
Kranksein oder ein dasselbe Ersetzendes wieder da. Außerdem 
mache ich dieser Technik den Vorwurf, daß sie uns die Einsicht 
in das psychische Kräftespiel verhüllt, z. B. uns den Wider- 
stand nicht erkennen läßt, mit dem die Kranken an ihrer Krankheit 
festhalten, mit dem sie sich also auch gegen die Genesung 
sträuben, und der doch allein das Verständnis ihres Benehmens 
im Leben ermöglicht. 

b) Es scheint mir der Irrtum unter den Kollegen weit 
verbreitet zu sein, daß die Technik der Forschung nach den 
Krankheitsanlässen und die Beseitigung der Erscheinungen durch 
diese Erforschung leicht und selbstverständlich sei. Ich schließe 
dies daraus, daß noch keiner von den vielen, die sich für meine 
Therapie interessieren und sichere Urteile über dieselbe von sich 
geben, mich je gefragt hat, wie ich es eigentlich mache. Das 
kann doch nur den einzigen Grund haben, daß sie meinen, es 
sei nichts zu fragen, es verstehe sich ganz von selbst. Auch höre 
ich mitunter mit Erstaunen, daß auf dieser oder jener Abteilung 
eines Spitals ein junger Arzt von seinem Chef den Auftrag 
erhalten hat, bei einer Hysterischen eine „Psychoanalyse" zu 
unternehmen. Ich bin überzeugt, man würde ihm nicht einen 
exstirpierten Tumor zur Untersuchung überlassen, ohne sich 



I 






206 

vorher versichert zu haben, daß er mit der histologischen Technik 
vertraut ist. Ebenso erreicht mich die Nachricht, dieser oder 
jener Kollege richte sich Sprechstunden mit einem Patienten 
ein, um eine psychische Kur mit ihm zu machen, während ich 
sicher bin, daß er die Technik einer solchen Kur nicht kennt. 
Er muß also erwarten, daß ihm der Kranke seine Geheimnisse 
entgegenbringen wird, oder sucht das Heil in irgend einer Art 
von Beichte oder Anvertrauen. Es würde mich nicht wu&dern, 
wenn der so behandelte Kranke dabei eher zu Schaden als- 
zum Vorteil käme. Das seelische Instrument ist nämlich nicht 
gar leicht zu spielen. Ich muß bei solchen Anlässen an die 
Rede eines weltberühmten Neurotikers denken, der freilich nie 
in der Behandlung eines Arztes gestanden, der nur in der 
Phantasie eines Dichters gelebt hat. Ich meine den Prinzen 
Hamlet von Dänemark. Der König hat die beiden Höflinge 
Rosenkranz und Güldenstern über ihn geschickt, um ihn 
auszuforschen, ihm das Geheimnis seiner Verstimmung zu entreißen. 
Er wehrt sie ab; da werden Flöten auf die Bühne gebracht. 
Hamlet nimmt eine Flöte und bittet den einen seiner Quäler, 
auf ihr zu spielen, es sei so leicht wie lügen. Der Höfling' 
weigert sich, denn er kennt keinen Griff, und da er zu dem 
Versuch des Flötenspiels nicht zu bewegen ist, bricht Hamlet 
endlich los: „Nun seht ihr, welch ein nichtswürdiges Din^ ihr 
aus mir macht? Ihr wollt auf mir spielen; ihr wollt in das Herz 
meines Geheimnisses dringen; ihr wollt mich von meiner tiefsten 
Note bis zum Gipfel meiner Stimme hinauf prüfen, und in 
diesem kleinen Instrument hier ist viel Musik, eine vortreffliche 
Stimme, dennoch könnt ihr es nicht zum Sprechen bringen» 
Wetter, denkt ihr, daß ich leichter zu spielen bin als 
eine Flöte? Nennt mich was für ein Instrument ihr 
wollt, ihr könnt mich zwar verstimmen, aber nicht auf 
mir spielen" (III. Akt, 2). 

c) Sie werden aus gewissen meiner Bemerkungen erraten 
haben, daß der anatytischen Kur manche Eigenschaften anhaften, 
die sie von dem Ideal einer Therapie ferne halten. Tuto, cito, 
iucunde; das Forschen und Suchen deutet nicht eben auf 
Raschheit des Erfolges, und die Erwähnung des Widerstandes 
bereitet Sie auf die Erwartung von Unannehmlichkeiten vor. 



'■'■ ■- - - '■'"-'-* __ ^ .„früh 



**. 



207 



Gewiß, die psychoanalytische Behandlung stellt an den Kranken 
wie an den Arzt hohe Ansprüche; von ersterem verlangt sie 
das Opfer voller Aufrichtigkeit, gestaltet sich für ihn zeitraubend 
und daher auch kostspielig; für den Arzt ist sie gleichfalls zeit- 
raubend und wegen der Technik, die er zu erlernen und auszuüben 
hat, ziemlich mühselig. Ich finde es auch selbst ganz berechtigt, 
daß man bequemere Heilmethoden in Anwendung bringt, solange- 
man eben die Aussicht hat, mit diesen letzteren etwas zu erreichen. 
Auf diesen Punkt kommt es allein an; erzielt man mit dem 
mühevolleren und langwierigeren Verfahren erheblich mehr als 
mit dem kurzen und leichten, so ist das erstere trotz alledem 
gerechtfertigt. Denken Sie, meine Herren, um wieviel die Finsen- 
therapie des Lupus unbequemer und kostspieliger ist als das 
früher gebräuchliche Ätzen und Schaben, und doch bedeutet e& 
einen großen Fortschritt, bloß weil es mehr leistet; es heilt 
nämlich den Lupus radikal. Nun will ich den Vergleich nicht 
gerade durchsetzen; aber ein ähnliches Vorrecht darf doeh die 
psychoanalytische Methode für sich in Anspruch nehmen. In 
Wirklichkeit habe ich meine therapeutische Methode nur an 
schweren und schwersten Fällen ausarbeiten und versuchen können ;_ 
mein Material waren zuerst nur Kranke, die alles erfolglos ver- 
sucht und durch Jahre in Anstalten geweilt hatten. Ich habe 
kaum Erfahrung genug gesammelt, um Ihnen sagen zu können, 
wie sich meine Therapie bei jenen leichteren, 'episodisch auf- 
tretenden Erkrankungen verhält, die wir unter den verschieden- 
artigsten Einflüssen und auch spontan abheilen sehen. Die 
psychoanalytische Therapie ist an dauernd existenzunfähigen 
Kranken und für solche geschaffen worden, und ihr Triumph 
ist es, daß sie eine befriedigende Anzahl von solchen dauernd 
existenzfähig macht. Gegen diesen Erfolg erscheint dann aller 
Aufwand geringfügig. Wir können uns nicht verhehlen, daß wir 
vor dem Kranken zu verleugnen pflegen, daß eine schwere Neurose 
in ihrer Bedeutung für das ihr unterworfene Individuum hinter keiner 
Kachexie, keinem der gefürchteten Allgemeinleiden zurücksteht. 
d) Die Indikationen und Gegenanzeigen dieser Behandlung 
sind infolge der vielen praktischen Beschränkungen, die meine 
Tätigkeit betroffen haben, kaum endgültig anzugeben. Indes will 
ich versuchen, einige Punkte mit Ihnen zu erörtern: 



208 

1. Man übersehe nicht über die Krankheit den sonstigen 
Wert einer Person und weise Kranke zurück, welche nicht einen 
gewissen Bildungsgrad und einen einigermaßen verläßlichen Cha- 
rakter besitzen. Man darf nicht vergessen, daß es auch Gesunde 
gibt, die nichts taugen, und daß man nur allzu leicht geneigt ist, bei 
solchen minderwertigen Personen alles, was sie existenzunfähig 
macht, auf die Krankheit zu schieben, wenn sie irgend einen 
Anflug von Neurose zeigen. Ich stehe auf dem Standpunkt, daß 
die Neurose ihren Träger keineswegs zum Degenere stempelt, daß 
sie sich aber häufig genug mit den Erscheinungen der Degeneration 
vergesellschaftet an demselben Individuum findet. Die analytische 
Psychotherapie ist nun kein Verfahren zur Behandlung der 
neuropathischen Degeneration, sie findet im Gegenteil an der- 
selben ihre Schranke. Sie ist auch bei Personen nicht anwendbar, 
die sich nicht selbst durch ihre Leiden zur Therapie gedrängt 
fühlen, sondern sich einer solchen nur infolge des Machtgebotes 
ihrer Angehörigen unterziehen. Die Eigenschaft, auf die es für 
die Brauchbarkeit zur psychoanalytischen Behandlung ankommt, 
die Erziehbar keit, werden wir noch von einem andern Gesichts- 
punkte würdigen müssen. 

2. Wenn man sicher gehen will, beschränke man seine 
Auswahl auf Personen, die einen Normalzustand haben, da man 
sich im psychoanalytischen Verfahren von diesem aus des Krank- 
haften bemächtigt. Psychosen, Zustände von Verworrenheit und 
tiefgreifender (ich möchte sagen: toxischer) Verstimmung sind 
also für die Psychoanalyse, wenigstens wie sie bis jetzt ausgeübt 
wird, ungeeignet. Ich halte es für durchaus nicht ausgeschlossen, 
daß man bei geeigneter Abänderung des Verfahrens sich über 
diese Gegenindikation hinaussetzen und so eine Psychotherapie 
der Psychosen in Angriff nehmen könne. 

3. Das Alter der Kranken spielt bei der Auswahl zur 
psychoanalytischen Behandlung insofern eine Rolle, als bei 
Personen nahe an oder über 50 Jahre einerseits die Plastizität 
der seelischen Vorgänge zu fehlen pflegt, auf welche die Therapie 
rechnet — alte Leute sind nicht mehr erziehbar — und als 
anderseits das Material, welches durchzuarbeiten ist, die Be- 
handlungsdauer ins Unabsehbare verlängert Die Altersgrenze 
nach unten ist nur individuell zu bestimmen; jugendliche 



M. - -- „__ 



209 



Personen noch vor der Pubertät sind oft ausgezeichnet zu 
beeinflussen. 

4. Man wird nicht zur Psychoanalyse greifen, wenn es sich 
um die rasche Beseitigung drohender Erscheinungen handelt, 
also z. B. bei einer hysterischen Anorexie. 

Sie werden nun den Eindruck gewonnen haben, daß das 
Anwendungsgebiet der analytischen Psychotherapie ein sehr 
beschränktes ist, da Sie eigentlich nichts anderes als Gegen- 
anzeigen von mir gehört haben. Nichtsdestoweniger bleiben Fälle 
und Krankheitsformen genug übrig, an denen diese Therapie 
sich erproben kann, alle chronischen Formen von Hysterie mit 
Resterscheinungen, das große Gebiet der Zwangszustände und 
Abulien u. dgl. 

Erfreulich ist es, daß man gerade den wertvollsten und 
sonst höchstentwickelten Personen auf solche Weise am ehesten 
Hilfe bringen kann. Wo aber mit der analytischen Psycho- 
therapie nur wenig auszurichten war, da, darf man getrost be- 
haupten, hätte irgend welche andere Behandlung sicherlich gar 
nichts zustande gebracht. 

e) Sie werden mich gewiß fragen wollen, wie es bei 
Anwendung der Psychoanalyse mit der Möglichkeit, Schaden zu 
stiften, bestellt ist. Ich kann Ihnen darauf erwidern, wenn Sie 
nur billig urteilen wollen, diesem Verfahren dasselbe kritische 
Wohlwollen entgegenbringen, das Sie für unsere anderen thera- 
peutischen Methoden bereit haben, so werden Sie meiner Meinung 
zustimmen müssen, daß bei einer mit Verständnis geleiteten 
analytischen Kur ein Schaden für den Kranken nicht zu be- 
fürchten ist. Anders wird vielleicht urteilen, wer als Laie gewohnt 
ist, alles, was sich in einem Krankheitsfalle begibt, der Behandlung 
zur Last zu legen. Es ist ja nicht lange her, daß unseren 
Wasserheilanstalten ein ähnliches Vorurteil entgegenstand. So 
mancher, dem man riet, eine solche Anstalt aufzusuchen, wurde 
bedenklich, weil er einen Bekannten gehabt hatte, der als Nervöser 
in die Anstalt kam und dort verrückt wurde. Es handelte sich, 
-wie Sie erraten, um Fälle von beginnender allgemeiner Paralyse, 
■die man im Anfangsstadium noch in einer Wasserheilanstalt 
unterbringen konnte, und die dort ihren unaufhaltsamen Verlauf 
bis zur manifesten Geistesstörung genommen hatten; für die 

Freud, Neuroseiüelire. I. 4. Auflage. 14 



210 



Laien war das Wasser Schuld und Urheber dieser traurigen 
Veränderung. Wo es sich um neuartige Beeinflussungen handelt, 
halten sich auch Ärzte nicht immer von solchen Urteilsfehlern 
frei. Ich erinnere mich, einmal bei einer Frau den Versuch mit 
Psychotherapie gemacht zu haben, bei der ein gutes Stück ihrer 
Existenz in der Abwechslung von Manie und Melancholie ver- 
flossen war. Ich übernahm sie zu Ende einer Melancholie; es 
schien zwei Wochen lang gut zu gehen; in der dritten standen 
wir bereits zu Beginn der neuen Manie. Es war dies sicherlich 
eine spontane Veränderung des Krankheitsbildes, denn zwei 
Wochen sind keine Zeit, in welcher die analytische Psycho- 
therapie irgend etwas zu leisten unternehmen kann, aber' der 
hervorragende — jest schon verstorbene — Arzt, der mit mir 
die Kranke zu sehen bekam, konnte sich doch nicht der Be- 
merkung enthalten, daß an dieser „Verschlechterung" die Psycho- 
therapie Schuld sein dürfte. Ich bin ganz überzeugt, daß er sich 
unter anderen Bedingungen kritischer erwiesen hätte. 

f) Zum Schlüsse, meine Herren Kollegen, muß ich mir 
sagen, es geht doch nicht an, Ihre Aufmerksamkeit so lange 
zugunsten der analytischen Psychotherapie in Anspruch 'zu 
nehmen, ohne Ihnen zu sagen, worin diese Behandlung besteht, 
und worauf sie sich gründet. Ich kann es zwar, da ich kurz 
sein muß, nur mit einer Andeutung tun. Diese Therapie ist also 

auf die Einsicht gegründet, daß unbewußte Vorstellungen 

besser: die Unbewußtheit gewisser seelischer Vorgänge — die 
nächste Ursache der krankhaften Symptome ist. Eine solche 
Überzeugung vertreten wir gemeinsam mit der französischen 
Schule (Jan et), die übrigens in arger Schematisierung das 
hysterische Symptom auf die unbewußte Idee fixe zurückführt. 
Fürchten Sie nun nicht, daß wir dabei zu tief in die dunkelste 
Philosophie hineingeraten werden. Unser Unbewußtes ist nicht 
ganz dasselbe wie das der Philosophen, und überdies wollen die 
meisten Philosophen vom „unbewußten Psychischen" nichts 
wissem Stellen Sie sich aber auf unseren Standpunkt, so werden 
Sie einsehen, daß die Übersetzung dieses Unbewußten im Seelen- 
leben der Kranken in ein Bewußtes den Erfolg haben muß, 
deren Abweichung vom Normalen zu korrigieren und den Zwang 
aufzuheben, unter dem ihr Seelenleben steht. Denn der bewußte 



211 



Wille reicht so weit als die bewußten psychischen Vorgänge, 
und jeder psychische Zwang ist durch das Unbewußte begründet. 
Sie brauchen auch niemals zu fürchten, daß der Kranke unter 
der Erschütterung Schaden nehme, welche der Eintritt des 
Unbewußten in sein Bewußtsein mit sich bringt, denn Sie 
können es sich theoretisch zurechtlegen, daß die somatische und 
affektive Wirkung der bewußt gewordenen Regung niemals so 
groß werden kann wie die der unbewußten. Wir beherrschen 
alle unsere Regungen doch nur dadurch, daß wir unsere höchsten 
mit Bewußtsein verbundenen Seelenleistungen auf sie wenden. 
Sie können aber auch einen anderen Gesichtspunkt für 
das Verständnis der psychoanalytischen Behandlung wählen. 
Die Aufdeckung und Übersetzung des Unbewußten geht unter 
beständigem Widerstand von seiten der ( Kranken vor sich. 
Das Auftauchen dieses Unbewußten ist mit Unlust verbunden, 
und wegen dieser Unlust wird es von ihm immer wieder zurück- 
gewiesen. In diesen Konflikt im Seelenleben des Kranken greifen 
Sie nun ein; gelingt es Ihnen, den Kranken dazu' zu bringen, 
daß er aus Motiven besserer Einsicht etwas akzeptiert, was er 
zufolge der automatischen Unlustregulierung bisher zurück- 
gewiesen (verdrängt) hat, so haben Sie ein Stück Erziehungs- 
arbeit an ihm geleistet. Es ist ja schon Erziehung, wenn Sie 
einen Menschen, der nicht gern früh morgens das Bett verläßt, 
dazu bewegen, es doch zu tun. Als eine solche Nacherziehung 
zur Überwindung innerer Widerstände können Sie nun 
die psychoanalytische Behandlung ganz allgemein auffassen. In 
keinem Punkte aber ist solche Nacherziehung bei den Nervösen 
mehr vonnöten als betreffs des seelischen Elementes in ihrem 
Sexualleben. Nirgends haben ja Kultur und Erziehung so großen 
Schaden gestiftet wie gerade hier, und hier sind auch, wie Ihnen 
die Erfahrung zeigen wird, die beherrschbaren Ätiologien der 
Neurosen zu finden; das andere ätiologische Element, der 
konstitutionelle Beitrag, ist uns ja als etwas Unabänderliches 
gegeben. Hieraus erwächst aber eine wichtige an den Arzt zu 
stellende Anforderung. Er muß nicht nur selbst ein integrer 
Charakter sein — „das Moralische versteht sich ja von selbst", 
wie die Hauptperson in Th. Vischers „Auch Einer" zu sagen 
pflegt — ; er muß auch für seine eigene Person die Mischung 



212 



von Lüsternheit und Prüderie überwunden haben, mit welcher 
leider so viele andere den sexuellen Problemen entgegenzutreten 
gewohnt sind. 

Hier ist vielleicht der Platz für eine weitere Bemerkung. 
Ich weiß, daß meine Betonung der Rolle des Sexuellen für die 
Entstehung der Psychoneurosen in weiteren Kreisen bekannt 
geworden ist. Ich weiß aber auch, daß Einschränkungen und 
nähere Bestimmungen beim großen Publikum wenig nützen; die 
Menge hat für wenig Baum in ihrem Gedächtnis und behält 
von einer Behauptung doch nur den rohen Kern, schafft sich 
ein leicht zu merkendes Extrem. Es mag auch manchen Ärzten 
so ergangen sein, daß ihnen als Inhalt meiner Lehre vorschwebt, 
ich führe die Neurosen in letzter Linie auf sexuelle Entbehrung 
zurück. An dieser fehlt es nicht unter den Lebensbedingungen 
unserer Gesellschaft. Wie nahe mag es nun bei solcher Vor- 
aussetzung liegen, den mühseligen Umweg über die psychische 
Kur zu vermeiden und direkt die Heilung anzustreben, indem 
man die sexuelle Betätigung als Heilmittel.emptiehlt? Ich weiß 
nun nicht, was mich bewegen könnte, diese Folgerung zu unter- 
drücken, wenn sie berechtigt wäre. Die Sache liegt aber anders. 
Die sexuelle Bedürftigkeit und Entbehrung, das ist bloß der 
eine Faktor, der beim Mechanismus der Neurose ins Spiel tritt - 
bestünde er allein, so würde nicht Krankheit, sondern Aus- 
schweifung die Folge sein. Der andere, ebenso unerläßliche 
Faktor, an den man allzu bereitwillig vergißt, ist die Sexual- 
abneigung der Neurotiker, ihre Unfähigkeit zum Lieben, jener 
psychische Zug, den ich „Verdrängung" genannt habe. Erst aus 
dem Konflikt zwischen beiden Strebungen geht die neurotische 
Erkrankung hervor, und darum kann der Bat der sexuellen 
Betätigung bei den Psychoneurosen eigentlich nur selten als 
guter Rat bezeichnet werden. 

Lassen Sie mich mit dieser abwehrenden Bemerkung 
schließen. Wir wollen hoffen, daß Ihr von jedem feindseligen 
Vorurteil gereinigtes Interesse für die Psychotherapie uns darin 
unterstützen wird, auch in der Behandlung der schweren Fälle 
von Psychoneurosen Erfreuliches zu leisten. 



L 



■ —m. ■ ■ - - -U-t-^^.^. 



XIII. 

Die Freudsche psychoanalytische Methode 1 )- 



„Die eigentümliche Methode der Psychotherapie, die 
Freud ausübt und als Psychoanalyse bezeichnet, ist aus dem 
sogenannten kathartischen Verfahren hervorgegangen, über wel- 
ches er seinerzeit in den „Studien über Hysterie" 1895 in 
Gemeinschaft mit J. Breuer berichtet hat. Die kathartische 
Therapie war eine Erfindung Breuers, der mit ihrer Hilfe 
zuerst etwa ein Dezennium vorher eine hysterische Kranke her- 
gestellt und dabei Einsicht in die Pathogenese ihrer Symptome 
gewonnen hatte. Infolge einer persönlichen Anregung Breuers 
nahm dann Freud das Verfahren wieder auf und erprobte es 
an einer größeren Anzahl von Kranken. 

Das kathartische Verfahren setzte voraus, daß der Patient 
hypnotisierbar sei und beruhte auf der Erweiterung des Bewußt- 
seins, die in der Hypnose eintritt. Es setzte sich die Beseiti- 
gung der Krankheitssymptome zum Ziele und erreichte dies, 
indem es den Patienten sich in den psychischen Zustand zurück- 
versetzen ließ, in welchem das Symptom zum ersten Male auf- 
getreten war. Es tauchten dann bei dem hypnotisierten Kranken 
Erinnerungen, Gedanken und Impulse auf. die in seinem Be- 
wußtsein bisher ausgefallen waren, und wenn er diese seine 
seelischen Vorgänge unter intensiven Affektäußerungen dem 
Arzte mitgeteilt hatte, war das Symptom überwunden, die 
Wiederkehr desselben aufgehoben. Diese regelmäßig zu wieder- 
holende Erfahrung erläuterten die beiden Autoren in ihrer ge- 
meinsamen Arbeit dahin, daß das Symptom an Stelle von 
unterdrückten und nicht zum Bewußtsein gelangten psychischen 

*) Aus: Löwenfeld, Psychische Zwangserscheinungen, 1904. 



214 

Vorgängen stehe, also eine Umwandlung (..Konversion") der 
letzteren darstelle. Die therapeutische Wirksamkeit ihres Ver- 
fahrens erklärten sie sich aus der Abfuhr des bis dahin' gleich- 
sam „eingeklemmten" Affektes, der an den unterdrückten seeli- 
schen Aktionen gehaftet hatte („Abreagieren"). Das einfache 
Schema des therapeutischen Eingriffes komplizierte sich aber 
nahezu alle Male, indem sich zeigte, daß nicht ein einzelner 
(„traumatischer") Eindruck, sondern meist eine schwer zu über- 
sehende Reihe von solchen ■ an der Entstehung des Symptoms 
beteiligt sei. 

Der Hauptcharakter der kathartischen Methode, der sie 
im Gegensatz zu allen anderen Verfahren der Psychotherapie 
setzt, liegt also darin, daß bei ihr die therapeutische Wirksam- 
keit nicht einem suggestiven Verbot des Arztes übertragen wird. 
Sie erwartet vielmehr, daß die Symptome von selbst verschwin- 
den werden, wenn es dem Eingriff, der sich auf gewisse Voraus- 
setzungen über den psychischen Mechanismns beruft, gelungen 
ist, seelische Vorgänge zu einem andern als dem bisherigen 
Verlaufe zu bringen, der in die Symptombildung einge- 
mündet hat. 

> Die Abändeiimgen, welche Freud an dem kathartischen 
Verfahren Breuers vornahm, waren zunächst Änderungen 
der Technik; diese brachten aber neue Ergebnisse und haben 
in weiterer Folge zu einer andersartigen, wiewohl der früheren 
nicht widersprechenden, Auffassung der therapeutischen Arbeit 
genötigt. 

Hatte die kathartische Methode bereits auf die Suggestion 
verzichtet, so unternahm Freud den weiteren Schritt, auch die 
Hypnose aufzugeben. Er behandelt gegenwärtig seine Kranken, 
indem er sie ohne andersartige Beeinflussung eine bequeme 
Rückenlage auf einem Ruhebett einnehmen läßt, während er 
selbst ihrem Anblick entzogen auf einem Stuhle hinter ihnen 
sitzt. Auch den Verschluß der Augen forciert er von ihnen 
nicht und vermeidet jede Berührung sowie jede andere Proze- 
dur, die an Hypnose mahnen könnte. Eine solche Sitzung ver- 
läuft also wie ein Gespräch zwischen zwei gleich wachen Per- 
sonen, von denen die eine sich jede Muskelanstrengung und 
jeden ablenkenden Sinneseindruck erspart, die sie in der Kon- 



^^^^^.^ 



215 



zentration ihrer Aufmerksamkeit auf ihre eigene seelische Tätig- 
keit stören könnten. 

Da das Hypnotisiertwerden, trotz aller Geschicklichkeit des 
Arztes, bekanntlich in der Willkür des Patienten liegt, und eine 
große Anzahl neurotischer Personen durch kein Verfahren in 
Hypnose zu versetzen ist, so war durch den Verzicht auf die 
Hypnose die Anwendbarkeit des Verfahrens auf eine unein- 
geschränkte Anzahl von Kranken gesichert. Anderseits fiel die 
Erweiterung des Bewtißtseins weg, welche dem Arzt gerade 
jenes psychische Material an Erinnerungen und Vorstellungen 
geliefert hatte, mit dessen Hilfe sich die Umsetzung der Sym- 
ptome und die Befreiung der Affekte vollziehen ließ. Wenn für 
diesen Ausfall kein Ersatz zu schaffen war, konnte auch von 
einer therapeutischen Einwirkung keine Rede sein. 

Einen solchen völlig ausreichenden Ersatz fand nun Freud 
in den Einfällen der Kranken, d. h. in den ungewollten, meist 
als störend empfundenen und darum unter gewöhnlichen Ver- 
hältnissen beseitigten Gedanken, die den Zusammenhang einer 
beabsichtigten Darstellung zu durchkreuzen pflegen. Um sich 
dieser Einfälle zu bemächtigen, fordert er die Kranken auf, sich 
in ihren Mitteilungen gehen zu lassen, „wie man es etwa in 
einem Gespräche tut, bei welchem man aus dem Hundertsten 
in das Tausendste gerät". Er schä/ft ihnen, ehe er sie zur de- 
taillierten Erzählung ihrer Krankengeschichte auffordert, ein, 
alles mit zu sagen, was ihnen dabei durch den Kopf geht, auch 
wenn sie meinen, es sei unwichtig, oder es gehöre nicht dazu, 
oder es sei unsinnig. Mit besonderem Nachdrucke aber wird von 
ihnen verlangt, daß sie keinen Gedanken oder Einfall darum 
von der Mitteilung ausschließen, weil ihnen diese Mitteilung 
beschämend oder peinlich ist. Bei den Bemühungen, dieses 
Material an sonst vernachlässigten Einfällen zu sammeln, machte 
nun Freud die Beobachtungen, die für seine ganze Auffassuug 
bestimmend geworden sind. Schon bei der Erzählung der Kranken- 
geschichte stellen sich bei den Kranken Lücken der Erinnerung 
heraus, sei es, daß tatsächliche Vorgänge vergessen worden, sei 
es, daß zeitliche Beziehungen verwirrt oder Kausalzusammen- 
hänge zerrissen worden sind, so daß sich unbegreifliche Effekte 
ergeben. Ohne Amnesie irgend einer Art gibt es keine neuro- 



216 



tische Krankengeschichte. Drängt man den Erzählenden, diese 
Lücken seines Gedächtnisses durch angestrengte Arbeit der 
Aufmerksamkeit auszufüllen, so merkt man, daß die hierzu sich 
einstellenden Einfälle von ihm mit allen Mitteln der Kritik 
zurückgedrängt werden, bis er endlich das direkte Unbehagen 
verspürt, wenn sich die Erinnerung wirklich eingestellt hat. 
Aus dieser Erfahrung schließt Freud, daß» die Amnesien das 
Ergebnis eines Vorganges sind, den er Verdrängung heißt, 
und als dessen Motiv er Unlustgefühle erkennt. Die psychischen 
Kräfte, welche diese Verdrängung herbeigeführt haben, meint 
er in dem Widerstand, der sich gegen die Wiederherstellung 
erhebt, zu verspüren. 

Das Moment des Widerstandes ist eines der Fundamente 
seiner Theorie geworden. Die sonst unter allerlei Vorwänden 
(wie sie die obige Formel aufzählt) beseitigten Einfälle be- 
trachtet er aber als Abkömmlinge der verdrängten psychischen 
Gebilde (Gedanken und Regungen), als Entstellungen derselben 
infolge des gegen ihre Reproduktion bestehenden Widerstandes. 

Je größer der Widerstand, desto ausgiebiger diese Ent- 
steilung. In dieser Beziehung der unbeabsichtigten Einfälle zum 
verdrängten psychischen Material ruht nun ihr Wert für die 
therapeutische Technik. Wenn man ein Verfahren besitzt, wel- 
ches ermöglicht, von den Einfällen aus zu dem Verdrängten,, 
von den Entstellungen zum Entstellten zu gelangen, so kann 
man auch ohne Hypnose das früher Unbewußte im Seelenleben 
dem Bewußtsein zugänglich machen. 

Freud hat 'darauf eine Deutungskunst ausgebildet, 
welcher diese Leistung zufällt, die gleichsam aus den Erzen 
der unbeabsichtigten Einfälle den Metallgehalt an verdrängten 
Gedanken darstellen soll. Objekt dieser Deutungsarbeit sind 
nicht allein die Einfälle der Kranken, sondern auch seine 
Träume, die den direktesten Zugang zur Kenntnis des Un- 
bewußten eröffnen, seine unbeabsichtigten, wie planlosen Hand- 
lungen (Symptomhandlungen) und die Irrungen seiner Leistungen 
im Alltagsleben (Versprechen, Vergreifen u. dgl.). Die Details 
dieser Deutungs- oder Übersetzungstechnik sind von Freud 
noch nicht veröffentlicht worden. Es sind nach seinen Andeu- 
tungen eine Reihe von empirisch gewonnenen Regeln, wie aus- 



- ■ 



— 



217 



den Einiällen das unbewußte Material ssu konstruieren ist, An- 
weisungen, wie man es zu verstehen habe, wenn die Einfälle 
des Patienten versagen, und Erfahrungen über die wichtigsten 
typischen Widerstände, die sich im Laufe einer solchen Behand- 
lung einstellen. Ein umfangreiches Buch über „Traumdeutung", 
1900 von Freud publiziert, ist als Vorläufer einer solchen Ein- 
führung in die Technik anzusehen. 

Man könnte aus diesen Andeutungen über die Technik 
der psychoanalytischen Methode schließen, daß deren Erfinder 
sich überflüssige Mühe verursacht und Unrecht getan hat, das 
wenig komplizierte hypnotische Verfahren zu verlassen. Aber 
einerseits ist die Technik der Psychoanalyse viel leichter aus- 
zuüben, wenn man sie einmal erlernt hat, als es bei einer Be- 
schreibung den Anschein hat, anderseits führt kein anderer 
Weg zum Ziele, und darum ist der mühselige Weg noch der 
kürzeste. Der Hypnose ist vorzuwerfen, daß sie den Widerstand 
verdeckt und dadurch dem Arzt den Einblick in das Spiel der 
psychischen Kräfte verwehrt hat. Sie räumt aber mit dem 
Widerstände nicht auf, sondern weicht ihm nur aus und ergibt 
dagegen nur unvollständige Auskünfte und nur vorübergehende 

Erfolge. 

Die Aufgabe, welche die psychoanalytische Methode zu 
lösen bestrebt ist, läßt sich in verschiedenen Formeln aus- 
drücken, die aber ihrem Wesen nach äquivalent sind. Man kann 
sagen: Aufgabe der Kur sei, die Amnesien aufzuheben. Wenn 
alle Erinnerungslücken ausgefüllt, alle rätselhaften Effekte des- 
psychischen Lebens aufgeklärt sind, ist der Fortbestand, ja eine 
Neubildung des Leidens unmöglich gemacht. Man kann die 
Bedingung anders fassen: es seien alle Verdrängungen rück- 
gängig zu machen; der psychische Zustand ist dann derselbe, 
in dem alle Amnesien ausgefüllt sind. Weittragender ist eine 
andere Fassung: es handle sich darum, das Unbewußte dem 
Bewußtsein zugänglich zu machen, was durch Überwindung der 
Widerstände geschieht. Man darf aber dabei nicht vergessen, 
daß ein solcher Idealzustand auch beim normalen Menschen 
nicht- besteht, und daß man nur selten in die Lage kommen 
kann, die Behandlung annähernd so weit zu treiben. So wie 
Gesundheit und Krankheit nicht prinzipiell geschieden, sondern 









t 318 

nur durch eine praktisch bestimmbare Summationsgrenze ge- 
sondert sind, so wird man sich auch nie etwas anderes zum 
Ziel der Behandlung setzen als die praktische Genesung des 
Kranken, die Herstellung seiner Leistungs- und Genußfähigkeit. 
Bei unvollständiger Kur oder unvollkommenem Erfolge der- 
selben erreicht man vor allem eine bedeutende Hebung des 
psychischen Allgemeinzustandes, während die Symptome, aber 
mit geminderter Bedeutung für den Kranken, fortbestehen 
können, ohne ihn zu einem Kranken zu stempeln. 

Das therapeutische Verfahren bleibt, von geringen Mo- 
difikationen abgesehen, das nämliche für alle Symptombilder 
der vielgestaltigen Hysterie und ebenso für alle Ausbildungen 
der Zwangsneurose. Von einer unbeschränkten Anwendbarkeit 
desselben ist aber keine Eede. Die Natur der psychoanaly- 
tischen Methode schafft Indikationen und Gegenanzeigen so- 
wohl von Seiten der zu behandelnden Personen, als auch 
mit Rücksicht auf das Krankheitsbild. Am günstigsten für 
die Psychoanalyse sind die chronischen Fälle von Psycho- 
neurosen mit ' wenig stürmischen oder gefahrdrohenden Sym- 
ptomen, also zunächst alle Arten der Zwangsneurose, Zwangs- 
denken und Zwäugshandeln, und Fälle von Hysterie, in denen 
Phobien und Abulien die Hauptrolle spielen, weiterhin aber 
auch alle somatischen Ausprägungen der Hysterie, insoferne 
nicht, wie bei der Anorexie, rasche Beseitigung der Symptome 
_ zur Hauptaufgabe des Arztes wird. Bei akuten Fällen von 
Hysterie wird man den Eintritt eines ruhigeren Stadiums abzu- 
warten haben: in allen Fällen, bei denen die ' nervöse Er- 
schöpfung obenan steht, wird man ein Verfahren vermeiden, 
welches selbst Anstrengung erfordert, nur langsame Fortschritte 
zeitigt und auf die Fortdauer der Symptome eine Zeitlang keine 
Rücksicht nehmen kann. 

An die Person, die man mit Vorteil der Psychoanalyse 
unterziehen soll, sind mehrfache Forderungen zu stellen. Sie 
muß erstens eines psychischen Normalzustandes fähig sein; in 
Zeiten der Verworrenheit oder melancholischer Depression 
ist auch bei einer Hysterie nichts auszurichten. Man darf 
ferner ein gewisses Maß natürlicher Intelligenz und ethischer 
Entwicklung fordern; bei wertlosen Personen läßt den Arzt 



•im ii- 



219 



bald das Interesse im Stiche, welches ihn zur Vertiefung in 
das Seelenleben des Kranken befähigt. Ausgeprägte Charakter- 
verbildungen, Züge von wirklich degenerativer Konstitution 
äußern sich bei der Kur als Quelle von kaum zu überwindenden 
Widerständen. Insoweit setzt überhaupt die Konstitution eine 
Grenze für die Heilbarkeit durch Psychotherapie. Auch eine 
Altersstufe in der Nähe des fünften Dezenniums schafft un- 
günstige Bedingungen für die Psychoanalyse. Die Masse des 
psychischen Materials ist dann nicht mehr zu bewältigen die 
zur Herstellung erforderliche Zeit wird zu lang, und die 
Fähigkeit, psychische Vorgänge rückgängig zu machen, beginnt 
zu erlahmen. 

Trotz aller dieser Einschränkungen ist die Anzahl der 
für die Psychoanalyse geeigneten Personen eine außerordentlich 
große, und die Erweiterung unseres therapeutischen Könnens 
durch dieses Verfahren nach den Behauptungen Freuds eine 
sehr beträchtliche. Freud beansprucht lange Zeiträume, V«, Jahr 
bis 3 Jahre für eine wirksame Behandlung; er gibt aber die 
Auskunft, daß er bisher infolge verschiedener leicht zu erratender 
Umstände meist nur in die Lage gekommen ist, seine Behandlung 
an sehr schweren Fällen zu erproben, Personen mit vieljähriger 
Krankheitsdauer und völliger Leistungsunfähigkeit, die, durch 
alle Behandlungen getäuscht, gleichsam eine letzte Zuflucht bei 
seinem neuen und viel angezweifelten Verfahren gesucht haben 
In Fällen leichterer Erkrankung dürfte sic'i die Behandlungs- 
dauer sehr verkürzen und ein außerordentlicher Gewinn an 
Vorbeugung für die Zukunft erzielen lassen." 



XIV. 

Meine Ansichten über die Bolle der Sexualität 
in der Ätiologie der Neurosen '). 



„Ich bin der Meinung, daß man meine Theorie über 
die ätiologische Bedeutung des sexuellen Momentes für die 
Neurosen am besten würdigt, wenn man ihrer Entwicklung 
nachgeht. Ich habe nämlich keineswegs das Bestreben, abzu- 
leugnen, daß sie eine Entwicklung durchgemacht und siclr 
während derselben verändert hat. Die Fachgenossen könnten 
in diesem Zugeständnis die Gewähr finden, daß diese Theorie 
nichts anderes ist, als der Niederschlag fortgesetzter und ver- 
tiefter Erfahrungen. Was im Gegensatze hierzu der Spekulation 
entsprungen ist, das kann allerdings leicht mit einem Schlage 
vollständig und dann unveränderlich auftreten. 

Die Theorie' bezog sich ursprünglich bloß auf die als 
„Neurasthenie" zusammengefaßten Krankheitsbilder, unter denen 
mir zwei, gelegentlich auch rein auftretende Typen, auffielen,, 
die ich als „eigentliche Neurasthenie" und als „Angst- 
neurose" beschrieben habe. Es war ja immer bekannt, daß 
sexuelle Momente in der Verursachung dieser Formen eine Rolle 
spielen können, aber man fand dieselben wedar regelmäßig 
wirksam, noch dachte man daran, ihnen einen Vorrang vor anderen 
ätiologischen Einflüssen einzuräumen. Ich wurde zunächst von 
der Häufigkeit grober Störungen in der Vita sexualis der Nervösen 
überrascht; je mehr ich darauf ausging, solche Störungen zu 
suchen, wobei ich mir vorhielt, daß die Menschen alle in sexuellen 
Dingen die "Wahrheit verhehlen, und je geschickter ich wurde, 

*) A.us: Löwenfeld „Sexualleben und Nervenleiden", IV. Aufl., 1906. 



221 

das Examen trotz einer anfänglichen Verneinung fortzusetzen, 
desto regelmäßiger ließen sich solche krankmachende Momente 
aus dem Sexualleben auffinden, bis mir zu drfren Allgemeinheit 
wenig zu fehlen schien. Man mußte aber von vornherein auf 
ein ähnlich häufiges Vorkommen sexueller Unregelmäßigkeiten 
unter dem Drucke der sozialen Verhältnisse in unserer Gesell- 
schaft gefaßt sein, und konnte im Zweifel bleiben, welches Maß 
von Abweichung von der normalen Sexualfunktion als Krankheits- 
ursache betrachtet werden dürfe. Ich konnte daher auf den 
regelmäßigen Nachweis sexueller Noxen nur weniger Wert legen 
als auf eine zweite Erfahrung, die mir eindeutiger erschien. Es 
ergab sich, daß die Form der Erkrankung, ob Neurasthenie oder 
Angstneurose, eine konstante Beziehung zur Art der sexuellen 
Schädlichkeit zeige. In den typischen Fällen der Neurasthenie 
war regelmäßig Masturbation oder gehäufte Pollutionen, bei der 
Angstneurose waren Faktoren wie der Coitus interruptus, die 
„frustrane Erregung" u. a. nachweisbar, an denen das Moment 
der ungenügenden Abfuhr der erzeugten Libido das Gemeinsame 
schien. Erst seit dieser leicht zu machenden und beliebig oft zu 
bestätigenden Erfahrung hatte ich den Mut, für die sexuellen 
Einflüsse eine bevorzugte Stellung in der Ätiologie der Neurosen 
zu beanspruchen. Es kam hinzu, daß bei den so häufigen Misch- 
formen von Neurasthenie und Angstneurose auch die Vermengung 
der für die beiden Formen angenommenen Ätiologien aufzuzeigen 
war und daß eine solche Zweiteilung in der Erscheinungsform 
der Neurose zu dem polaren Charakter der Sexualität (männlich 
und weiblich) gut zu stimmen schien. 

Zur gleichen Zeit, während ich der Sexualität diese Be- 
deutung für die Entstehung der einfachen Neurosen zuwies 1 ), 
huldigte ich noch in betreff der Psychoneurosen (Hysterie 
und Zwangsvorstellungen) einer rein psychologischen Theorie, 
in welcher das sexuelle Moment nicht anders als andere 
emotionelle Quellen in Betracht kam. Ich hatte im Verein 
mit J . Breuer und im Anschluß an Beobachtungen, die er 
gut ein Dezennium vorher an einer hysterischen Kranken gemacht 

v ) Über die Berechtigung, von der Neurasthenie einen bestimmten 
8ymptomenkomplex als „Angstneurose" abzutrennen. Neurol. Zentral- 
blatt, 1895. 



222 

hatte, den Mechanismus der Entstehung hysterischer Symptome 
mittels des Erweckens von Erinnerungen im hypnotischen Zu- 
stande studiert, und wir waren zu Aufschlüssen gelangt, welche 
gestatteten, die Brücke von der traumatischen Hysterie Charcots 
zur gemeinen, nicht traumatischen, zu schlagen 1 ). Wir waren 
zur Auffassung gelangt, daß die hysterischen Symptome Dauer- 
wirkungen von psychischen Traumen sind, deren zugehörige 
Affektgröße durch besondere Bedingungen von bewußter Be- 
arbeitung abgedrängt worden ist und sich darum einen abnormen 
Weg in die Körperinnervation gebahnt hat. Die Termini „ein- 
geklemmter Affekt", „Konversion" und „Abreagieren" 
fassen das Kennzeichnende dieser Anschauung zusammen. 

Bei den . nahen Beziehungen der Psychoneurosen zu den 
einfachen Neurosen, die ja so weit gehen, daß dem Ungeübten 
die diagnostische Unterscheidung nicht immer leicht fällt, konnte 
es aber nicht ausbleiben, daß die für das eine Gebiet gewonnene 
Erkenntnis auch für das andere Platz griff. Überdies führte, 
von solcher Beeinflussung abgesehen, auch die Vertiefung in den 
psychischen Mechanismus der hysterischen Symptome zu dem 
gleichen Ergebnis. Wenn man nämlich bei dem von Breuer 
und mir eingesetzten „kathar tischen" Verfahren den psychischen 
Traumen, von denen sich die hysterischen Symptome ableiteten, 
immer weiter nachspürte, gelangte man endlich zu Erlebnissen, 
welche der Kindheit des Kranken angehörten und sein Sexual- 
leben betrafen, und zwar auch in solchen Fällen, in denen eine 
banale Emotion nicht sexueller Natur den Ausbruch der Krankheit 
veranlaßt hatte. Ohne diese sexuellen Traumen der Kinderzeit 
in Betracht zu ziehen, konnte man weder die Symptome aufklären, 
deren Determinierung verständlich finden, noch deren Wiederkehr 
verhüten. Somit schien die unvergleichliche Bedeutung sexueller 
Erlebnisse für die Ätiologie der Psychoneurosen als unzweifelhaft 
festgestellt, und diese Tatsache ist auch bis heute einer der 
Grundpfeiler der Theorie geblieben. 

Wenn man diese Theorie so darstellt, die Ursache der 
lebenslangen hysterischen Neurose liege in den meist an sich 
geringfügigen sexuellen Erlebnissen, der frühen Kinderzeit, so 



• 



') Studien über Hysterie, 1905. 






223 



mag sie allerdings befremdend genug klingen. Nimmt man aber 
auf die hysterische Entwicklung der Lehre Rücksicht, verlegt den 
Hauptinhalt derselben in den Satz, die Hysterie sei der Ausdruck 
eines besonderen Verhaltens der Sexualfunktion des Individuums, 
und dieses Verhalten werde bereits durch die ersten in der 
Kindheit einwirkenden Einflüsse und Erlebnisse maßgebend 
bestimmt, so sind wir zwar um ein Paradoxon ärmer, aber um 
ein Motiv bereichert worden, den bisher arg vernachlässigten, 
höchst bedeutsamen Nachwirkungen der Kindheitseindrücke über- 
haupt unsere Aufmerksamkeit zu schenken. 

Indem ich mir vorbehalte, die Frage, ob man in den sexuellen 
Kindererlebnissen die Ätiologie der Hysterie (und Zwangsneurose) 
sehen dürfe, weiter unten gründlicher zu behandeln, kehre ich 
zu der Gestaltung der Theorie zurück, welche diese in einigen 
kleinen, vorläufigen Publikationen der Jahre 1895 und 1896 
angenommen hat 1 ). Die Hervorhebung der angenommenen ätio- 
logischen Momente gestattete damals, die gemeinen Neurosen als 
Erkrankungen mit aktueller Ätiologie den Psychoneurosen gegen- 
überzustellen, deren Ätiologie vor allem in den sexuellen Erleb- 
nissen der Vorzeit zu suchen war. Die Lehre gipfelte in dem 
Satze: Bei normaler Vita sexualis ist eine Neurose unmöglich. 

Wenn ich auch diese Sätze noch heute nicht für unrichtig 
halte, so ist es doch nicht zu verwundern, daß ich in zehn Jahren 
fortgesetzter Bemühung um die Erkenntnis dieser Verhältnisse 
über meinen damaligen Standpunkt ein gutes Stück weit hinaus- 
gekommen bin ixnd mich heute in der Lage glaube, die UnVoll- 
ständigkeit, die Verschiebungen und die Mißverständnisse, an 
denen die Lehre damals litt, durch eingehendere Erfahrung zu 
korrigieren. Ein Zufall des damals noch spärlichen Materials 
hatte mir eine unverhältnismäßig große Anzahl von Fällen zu- 
geführt, in deren Kindergeschichte die sexuelle Verführung durch 
Erwachsene oder andere ältere Kinder die Hauptrolle spielte. 
Ich überschätzte die Häufigkeit dieser (sonst nicht anzuzweifelnden) 
Vorkommnisse, überdies da ich zu jener Zeit nicht imstande 
war, die Erinnerungstäuschungen der Hysterischen über ihre 

') Weitere Bemerkungen über die Abwehr - Neuropsychosen, Neuro 1. 
Zentralblatt. 1896. — Zar Ätiologie der Hysterie, Wiener klinische Rund- 
schau, 1896. 



224 

Kindheit von den Spuren der wirklichen Vorgänge sieber zu 
unterscheiden, während ich seitdem gelernt habe, so manche 
Verführungsphantasie als Abwehrversuch gegen die Erinnerung 
der eigenen sexuellen Betätigung (Kindermasturbation) aufzulösen. 
Mit dieser Aufklärung entfiel die Betonung des „traumatischen" 
Elementes an den sexuellen Kindererlebnissen, und es blieb die 
Einsicht übrig, daß die infantile Sexualbetätigung (ob spontan 
oder provoziert) dem späteren Sexualleben nach der Reife 
die Richtung vorschreibt. Dieselbe Aufklärung, die ja den 
bedeutsamsten meiner anfänglichen Irrtümer korrigierte, mußte 
auch die Auffassung vom Mechanismus der hysterischen Symptome 
verändern. Dieselben erschienen nun nicht mehr als direkte Ab- 
kömmlinge der verdrängten Erinnerungen an sexuelle Kindheits- 
erlebnisse, sondern zwischen die Symptome und die infantilen 
Eindrücke schoben sich nun die (meist in den Pubertätsjahren 
produzierten) Phantasien (Erinnerungsdichtungen) der Kranken 
ein, die auf der einen Seite sich aus. und über den Kindheits- 
erinnerungen aufbauten, auf der andern sich unmittelbar in die 
Symptome umsetzten. Erst mit der Einführung des Elementes 
der hysterischen Phantasien wurde das Gefüge der Neurose und 
deren Beziehung zum Leben der Kranken durchsichtig; auch 
ergab sich eine wirklich überraschende Analogie zwischen diesen 
unbewußten Phantasien der Hysteriker und den als "Wahn bewußt 
gewordenen Dichtungen bei der Paranoia. 

Nach dieser Korrektur waren die „infantilen Sexual- 
traumen" in gewissem Sinne durch den „Infantilismus der 
Sexualität" ersetzt. Eine zweite Abänderung der ursprünglichen 
Theorie lag nicht ferne. Mit der angenommenen Häufigkeit der 
Verführung in der Kindheit entfiel auch die übergroße Betonung 
der akzidentellen Beeinflussung der Sexualität, welcher ich 
bei der Verursachung des Krankseins die Hauptrolle zuschieben 
wollte, ohne darum konstitutionelle und hereditäre Momente zu 
leugnen. Ich hatte sogar gehofft, das Problem der Neurosenwahl, 
die Entscheidung darüber, welcher Form von Psychoneurose 
der Kranke verfallen solle, durch die Einzelheiten der sexuellen 
Kindererlebnisse zu lösen, und damals — wenn auch mit Zurück- 
haltung — gemeint, daß passives Verhalten bei diesen Szenen 
die spezifische Disposition zur Hysterie, aktives dagegen die für 



225 



die Zwangsneurose ergebe. Auf diese Auffassung mußte ich 
später völlig Verzicht leisten, wenngleich manches Tatsächliche 
den geahnten Zusammenhang zwischen Passivität und Hysterie, 
Aktivität und Zwangsneurose in irgend einer Weise aufrecht zu 
halten gebietet. Mit dem Rücktritt der akzidentellen Einflüsse 
des Erlebens mußten die Momente der Konstitution und Here- 
dität wieder die Oberhand behaupten, aber mit dem Unterschiede 
gegen die sonst herrschende Anschauung, daß bei mir die 
„sexuelle Konstitution" an die Stelle der allgemeinen neuro- 
pathischen Disposition trat. In meinen jüngst erschienenen 
„Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" (1905) habe ich den 
Versuch gemacht, die Mannigfaltigkeiten dieser sexuellen Kon- 
stitution sowie die Zusammengesetztheit des Sexualtriebes über- 
haupt und dessen Herkunft aus verschiedenen Beitragsquellen 
im Organismus zu schildern. 

Immer noch im Zusammenhange mit der veränderten Auf- 
fassung der „sexuellen Kindertraumen" entwickelte sich nun die 
Theorie nach einer Richtung weiter, die schon in den Veröffent- 
lichungen der Jahre 1894 — 96 angezeigt worden war. Ich hatte 
bereits damals, und noch ehe die Sexualität in die ihr gebührende 
Stellung in der Ätiologie eingesetzt war, als Bedingung für die 
pathugene Wirksamkeit eines Erlebnisses angegeben, daß dieses 
dem Ich unerträglich erscheinen und ein Bestreben zur Abwehr 
hervorrufen müsse l ). Auf diese Abwehr hatte ich die psychische 
Spaltung — oder wie man damals sagte: die Bewußtseins- 
spaltung — der Hysterie zurückgeführt. Gelang die Abwehr, 
so war das unerträgliche Erlebnis mit seinen Affektfolgen aus 
dem Bewußtsein und der Erinnerung des Ichs vertrieben; unter 
gewissen Verhältnissen entfaltete aber das Vertriebene als ein 
nun Unbewußtes seine Wirksamkeit und kehrte mittels der 
Symptome und der an ihnen haftenden Affekte ins Bewußtsein 
zurück, so daß die Erkrankuug einem Mißglücken der Abwehr 
entsprach. Diese Auffassung hatte das Verdienst, auf das Spiel 
der psychischen Kräfte einzugehen und somit die seelischen 
Vorgänge der Hysterie den normalen anzunähern, anstatt die 

• i) Die Abwehr-Neuropsychosen. Versuch einer psychologischen Theorie 
der akquirierten Hysterie, vieler Phobien und Zwangsvorstellungen und 
gewisser halluzinatorischer Psychosen. Neurol. Zentralblatt, 1894. 

Freud, N«uro«snUhre. I 4 Auflage. 15 



226 



Charakteristik der Neurose in eine rätselhafte und weiter nicht 
analysierbare Störung zu verlegen. 

Als nun weitere Erkundigungen bei normal gebliebenen 
Personen das unerwartete Ergebnis lieferten, daß deren sexuelle 
Kindergeschichte sich nicht wesentlich von dem Kinderleben 
der Neurotiker zu unterscheiden brauche, daß speziell die Rolle 
der Verführung bei ersteren die gleiche sei, traten die akzidentellen 
Einflüsse noch mehr gegen den der „Verdrängung" (wie ich 
anstatt „Abwehr" zu sagen begann) zurück. Es kam also nicht 
darauf an, was ein Individuum in seiner Kindbeit an sexuellen 
Erregungen erfahren hatte, sondern vor allem auf seine Reaktion 
gegen diese Erlebnisse, ob es diese Eindrücke mit der „Ver- 
drängung" beantwortet habe oder nicht. Bei spontaner infantiler 
Sexualbetätigung ließ sich zeigen, daß dieselbe häufig im Laufe 
der Entwicklung durch einen Akt der Verdrängung abgebrochen 
wurde. Das geschlechtsreife neurotische Individuum brachte so 
ein Stück „Sexualverdrängung" regelmäßig aus seiner Kindheit 
mit, das bei den Anforderungen des realen Lebens zur Äußerung 
kam, und die Psychoanalysen Hysterischer zeigten, daß ihre 
Erkrankung ein Erfolg des Konfliktes zwischen der Libido und 
der Sexualverdrängung sei und daß ihre Symptome den Wert 
von Kompromissen zwischen beiden seelischen Strömungen haben. 

Ohne eine ausführliche Erörterung meiner Vorstellungen 
von der Verdrängung könnte ich diesen Teil der Theorie nicht 
weiter aufklären. Es genüge, hier auf meine „Drei Abhandlungen 
zur Sexualtheorie" (1905) hinzuweisen, wo ich auf die somatischen 
Vorgänge, in denen das Wesen der Sexualität zu suchen ist, 
ein allerdings erst spärliches Licht zu werfen versucht habe. 
Ich habe dort ausgeführt, daß die konstitutionelle sexuelle An- 
lage des Kindes eine ungleich buntere ist, als man erwarten 
konnte, daß sie „polymorph pervers" genannt zu werden verdient, 
und daß aus dieser Anlage durch Verdrängung gewisser Kom- 
ponenten das sogenannte normale Verhalten der Sexual funktion 
hervorgeht. Ich konnte durch den Hinweis auf die infantilen 
Charaktere der Sexualität eine einfache Verknüpfung zwischen 
Gesundheit, Perversion und Neurose herstellen. Die Norm ergab 
sich aus der Verdrängung gewisser Partialtriebe und Komponenten 
der infantilen Anlagen und der Unterordnung der übrigen unter das 



227 



Primat der Genitalzonen im Dienste der Fortpflanzungsfunktion; 
die Perversionen entsprachen Störungen dieser Zusammen- 
fassung durch die übermächtige zwangsartige Entwicklung ein- 
zelner dieser Partialtriehe, und die Neurose führte sich auf eine 
zu weitgehende Verdrängung der libidinösen Strebungen zurück. 
Da fast alle perversen Triebe der infantilen Anlage als symptom- 
bildende Kräfte bei der Neurose nachweisbar sind, sich aber 
bei ihr im Zustande der Verdrängung befinden, konnte ich die 
Neurose als das „Negativ" der Perversion bezeichnen. 

Ich halte es der Hervorhebung wert, daß meine Anschauungen 
über die Ätiologie der Psychoneurosen bei allen Wandlungen doch 
zwei Gesichtspunkte nie verleugnet oder verlassen haben, die 
Schätzung der Sexualität und des Infantilismus. Sonst 
sind an die Stelle akzidenteller Einflüsse konstitutionelle Momente, 
für die rein psychologisch gemeinte „Abwehr" ist die organische 
„Sexualverdrängung" eingetreten. Sollte nun jemand fragen, 
wo ein zwingender Beweis für die behauptete ätiologische Be- 
deutung sexueller Faktoren bei den Psychoneurosen zu finden 
•sei, da man doch diese Erkrankungen auf die banalsten Gemüts- 
bewegungen und selbst auf somatische Anlässe hin ausbrechen 
sieht, auf eine spezifische Ätiologie in Gestalt besonderer Kinder- 
erlebnisse verzichten muß, so nenne ich die psychoanalytische 
Erforschung der Neurotiker als die Quelle, aus welcher die 
bestrittene Überzeugung zufließt. Man erfährt, wenn man sich 
dieser unersetzlichen Untersuchungsmethode bedient, daß die 
Symptome die Sexualbetätigung der Kranken dar- 
stellen, die ganze oder eine partielle, aus den Quellen normaler 
oder perverser Partialtriebe der Sexualität. Nicht nur, daß 
ein guter Teil der hysterischen Symptomatologie direkt aus den 
Äußerungen der sexuellen Erregtheit herstammt, nicht nur, daß 
eine Reihe von erogenen Zonen in der Neurose in Verstärkung 
infantiler Eigenschaften sich zur Bedeutung von Genitalien 
erhebt; die kompliziertesten Symptome selbst enthüllen sich als 
die konvertierten Darstellungen von Phantasien, welche eine 
sexuelle Situation zum Inhalte haben. Wer die Sprache der 
Hysterie zu deuten versteht, kann vernehmen, daß die Neurose 
nur von der verdrängten Sexualität der Kranken handelt! Man 
wolle mir die Sexualfunktion in ihrem richtigen, durch die infantile 

15* 



228 

Anlage umschriebenen Umfange verstehen. Wo eine banale 
Emotion zur Verursachung der Erkrankung gerechnet werden 
muß, weist die Analyse regelmäßig nach, daß die nicht fehlende 
sexuelle Komponente des traumatischen Erlebnisses die pathogene 
Wirkung ausgeübt hat. , 

Wir sind unversehens von der Frage nach der Ver- | 

ursachung der Psychoneurosen zum Problem ihres Wesens vor- 
gedrungen. AVill man dem Rechnung tragen, was man durch 
die Psychoanalyse erfahren hat, so kann man nur sagen, das 
Wesen dieser Erkrankungen liege in Störungen der Sexual- 
vorgänge, jener Vorgänge im Organismus, welche die Bildung 
und Verwendung der geschlechtlichen Libido bestimmen. Es ist 
kaum zu vermeiden, daß man sich diese Vorgänge in letzter 
Linie als chemische vorstelle, so daß man in den sogenannten 
aktuellen Neurosen die somatischen, in den Psychoneurosen 
außerdem noch die psychischen Wirkungen der Störungen im 
Sexualstoffwechsel erkennen dürfte. Die Ähnlichkeit der Neurosen 
mit den Intoxikation s- und Abstinenzerscheinungen nach gewissen 
Alkaloiden, mit dem Morbus Basedow i und Morbus Addisoni 
drängt sich ohne weiteres klinisch auf, und sowie man diese beiden 
letzteren Erkrankungen nicht mehr als „Nervenkrankheiten 
beschreiben darf, so werden. wohl auch bald die echten „Neu- 
rosen" ihrer Namengebung zum Trotze aus dieser Klasse entfernt 
werden müssen. 

Zur Ätiologie der Neurosen gehört dann alles, was 
schädigend auf die der Sexualfunktion dienenden Vorgänge ein- 
wirken kann. In erster Linie also die Noxen, welche die Sexual- 
funktion selbst betreffen, insoferne diese von der mit Kultur und 
Erziehung veränderlichen Sexualkonstitution als Schädlichkeiten 
angenommen werden. In zweiter Linie stehen alle andersartigen 
Noxen und Traumen, welche sekundär durch Allgemeinschädigung 
des Organismus die Sexualvorgänge in demselben zu schädigen 
vermögen. Man vergesse aber nicht, daß das ätiologische Problem 
bei den Neurosen mindestens ebenso kompliziert ist wie sons 
bei der Krankheitsverursachung. Eine einzige pathogene Ein- 
wirkung ist fast niemals hinreichend; zu allermeist wird eine 
Mehrheit von ätiologischen Momenten erfordert, die einander 
unterstützen, die man also nicht in Gegensatz zu einander 



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, der Zustand des neurotischen 
bringen dart Dafür ist auch ^ to ^ ge9dlie de„. 

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Sexualvorgange im UI ° 

Wien, Juni 19° 5 - 









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VERLAG VON FRANZ DEUTICKE IN LEIPZIG UND WIEN 

Jahrbuch der Psychoanalyse. Herausgegeben von Prof. Dr. Sigm. Freud 
in Wien. Redigiert von Dr. Karl Abraham in Berlin und Dr. Eduard 
Hit seh mann in Wien. Neue Folge des Jahrbuches für psychoanalyt. und 
Psychopath. Forschungen. VI. Band. 1914. Mit einer Tafel. Preis M 168- — , 
Jung, Doz. Dr. C. G„ Der Inhalt der Psychose. Akademischer Vortrag, 
gehalten im Rathause der Stadt Zürich am 16. Jänner 1908. Zweite, 
durch einen Nachtrag ergänzte Auflage. (Zuerst erschienen als 3. Heft 
der „Schriften zur angewandten Seelenkunde".) Preis M 18' — . 
Jung, Doz. Dr. C. G., Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des 
Einzelnen. (Sonderabdruck aus dem Jahrbuch für psychoanalyt. u. psycho- 
patholog. Forschungen. I. Band.) Als Separatabdruck vergriffen. Nur noch 
in Band I, 2. Hälfte, des Jahrb. für psychoanalyt. Forschungen zu haben. 
Jung, Doz. Dr. med. et jur. C. G., Über Konflikte der kindlichen Seele. 
(Sonderabdruck aus dem Jahrbuch für psychoanalytische und psycho- 
pathologische Forschungen, II. Band.) Zweite Auflage. Preis M 15' — . 
Jung, Doz. Dr. med. et jur. C. G., Wandlungen und Symbole der Libido. 
Beiträge zur Entwicklungsgeschichte des Denkens. Als Sonderabdruck 
vergriffen. Nur noch in Band III, 1. Hälfte, und Band IV, 1. Hälfte, 
des Jahrbuches für psychoanalytische Forschungen zu haben. 
Jung, Doz. Dr. med. et jur. C. G, Versuch einer Darstellung der psycho- 
analytischen Theorie. Neun Vorlesungen, gehalten in New .York im 
September 1912. Vergriffen. Nur noch im Jahrbuch für psychoana- 
lytische Forschung V. Bd. zu haben. 
Kaplan, Leo, Gründzüge der Psychoanalyse. Preis M 72- — . 
Kaplan, Leo, Psychoanalytische Probleme. Preis M 60- — . 
Kaplan, Leo, Hypnotismus, Animismus und Psychoanalyse. Historisch- 
kritische Versuche. Preis M 90-—. 
Loy, Dr. R., Psychotherapeutische Zeitfragen. Ein Briefwechsel mit Dr. 

C. G. Jung, Privatdozenten der Psychiatrie in Zürich. Preis M 15' — . 
Maeder, Dr. A.. Über das Traumproblem. Nach einem am Kongresse' der 
Psychoanalytischen Vereinigung gehaltenen Vortrage, München, Sep- 
tember 1913. (Sonderabdruck aus dem Jahrbuch für psychoanalytische 
und psychopathologische Forschungen, V. Band.) Preis M 15- . 
Pfennig R., Grundzüge der Fließschen Periodenrechnung. Preis M CO-—. 
Pfister, Dr. Oskar, Die psychologische Enträtselung der religiösen 
Glossolalie. (Sonderabdruck aus dem Jahrbuch für psychoanalytische 
und psychopathologische Forschungen, III. Band.) Preis M 36'— . 
Pfister, Dr. Oskar, Analytische Untersuchungen über die Psychologie 
des Hasses und der Versöhnung. (Sonderabdruck aus dem Jahrbuch 
für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, II. Band.) 
Vergriffen als Sonderabdruck. Nur mehr im Jahrbuche zu haben 
Rank, Otto, Das Inzest-Motiv in Dichtung und Sage. Grundzüge einer 
Psychologie des dichterischen Schaffens. Preis M 180'— . 



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VERLAG VON FRANZ DEUTICKE IN LEIPZIG UND WIEN 

Schriften zur angewandten Seelenkunde. Herausgegeben von Prof. Dr. 
Sigm. Freud in Wien. 

I. Heft. Der Wahn und die Träume in W. Jensens „Gradiva" . VonProf . 
Dr. Sigm. Freud in Wien. Zweite Auflage. Preis M 30* — . 
Wunscherfüllung und Symbolik im Märchen. Eine Studie von 
Dr. Franz Riklin. Vergriffen. Neuauflage in Vorbereitung. 
Inhalt der Psychose. Von Dr. Jung. Zweite Auflage. Ver- 
griffen. Die dritte Auflage ist außerhalb des Rahmens der 
,, Schriften zur angewandten Seelenkunde" erschienen. 
Traum und Mythus. Eine Studie der Völkerpsychologie. Von 
Dr. Karl Abraham. Vergriffen. Neuauflage in Vorbereitung. 
Der Mythus von der Geburt des Helden. Versuch einer psycho- 
logischen Mythendeutung. Zweite, wesentlich erweiterte 
Auflage. Von Otto Rank. Preis M 64'—. 
Aus dem Liebesleben Nikolaus Lenaus. Von Dr. J. Sadger, 
Nervenarzt in Wien. Vergriffen. Neuauflage in Vorbereitung. 
Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. Von Prof. 
Dr. Sigm. Freud in Wien. Zweite *\uflage. Preis M 20* — . 
Die Frömmigkeit des Grafen Ludwig von Zinzendorf, Von Dr. 
Oskar Pf ister, Pfarrer in Zürich. Preis M 54* — . 
Richard Wagner im „Fliegenden Holländer". Ein Beitrag zur 
Psychologie künstlerischen Schaffens. Von Dr. Max Graf. 
Vergriffen. 

Das Problem des Hamlet und der Ödipus- Komplex. Von Dr. 
E. Jones. Übersetzt von Paul Tausig. Vergriffen. Neu- 
auflage in Vorbereitung. 

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Karl Abraham, Arzt in Berlin, Mit 2 Beilagen. Vergriffen. 
Zur Sonderstellung des Vatermordes. Eine rechtsgeschicht- 
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Preis M 18*—, 

Die Lohengrinsage. Ein Beitrag zu ihrer Motivgestaltung und 
Deutung. Von Otto Rank. Preis M 60*-—. 
Der Alptraum in seiner Beziehung zu gewissen Formen des 
mittelalterlichen Aberglaubens. Von Prof. Dr. Ernest Jones. 
Deutsch von Dr. E, H. Sachs. Preis M 60—. 
„ Aus dem Seelenleben des Kindes. Eine psychoanalytische 
Studie. Von Dr. H. Hu g- Hellmuth. Zweite Auflage. 

Preis M 60*—. 
„ Über Nachtwandeln und Mondsucht. Eine medizinisch- 
literarische Studie. Von Dr. J. Sadger, Nervenarzt in Wien. 

Preis M 54' — . 

Jakob Boehme. Ein pathographischer Beitrag zur Psycho- 

logie der Mystik. Von Dr. A. Kielholz in Königsfelden. 

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Friedrich Hebbel. Ein psychoanalytischer Versuch. Von 

Dr. J. Sadger in Wien. Preis M 100'—. 

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Potenz. 



einem Vorwort von Prof. Dr. Sigm. Freud. Preis M 3u— . 
Swoboda, Dr. H., Studien zur Grundlegung der Psychologie. Preis M 30— . 
Swoboda, Doz. Dr. Hermann, Harmonia animae. Preis M 18* — . 

Für Österreich gelten besondere Kronenpreise. — Preisänderungen vorbehalten. 



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VERLAG VON FRANZ DEUTICKE IN LEIPZIG UND WIEN 

Schriften zur angewandten Seelenkunde. Herausgegeben von Prof. Dr. 
Sigm. Freud in Wien. 

I. Heft. Der Wahn und die Träume in W. Jensens „Gradiva" . VonProf . 
Dr. Sigm. Freud in Wien, Zweite Auflage. Preis M 30- — . 
Wunscherfüllung und Symbolik im Märchen. Eine Studie von 
Dr. Franz Riklin. Vergriffen. Neuauflage in Vorbereitung. 
Inhalt der Psychose, Von Dr. Jung. Zweite Auflage. Ver- 
griffen, Die dritte Auflage ist außerhalb des Rahmens der 
„Schriften zur angewandten Seelenkunde" erschienen. 
Traum und Mythus. Eine Studie der Völkerpsychologie. Von 
Dr. Karl Abraham. Vergriffen. Neuauflage in Vorbereitung. 
Der Mythus von der Geburt des Helden. Versuch einer psycho- 
logischen Mythendeutung. Zweite, wesentlich erweiterte 
Auflage. Von Otto Rank. Preis M 64*—. 
Aus dem Liebesleben Nikolaus Lenaus. Von Dr. J. Sadger, 
Nervenarzt in Wien, Vergriffen. Neuauflage in Vorbereitung. 
Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. Von Prof. 
Dr. Sigm. Freud in Wien. Zweite Auflage. Preis M 20' — . 
Die Frömmigkeit des Grafen Ludwig von Zinzendorf. Von Dr. 
Oskar Pfister, Pfarrer in Zürich. Preis M 54* — . 
Richard Wagner im „Fliegenden Holländer". Ein Beitrag zur 
Psychologie künstlerischen Schaffens. Von Dr. Max Graf* 
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Das Problem des Hamlet und der Ödipus- Komplex. Von Dr. 
E. Jones. Übersetzt von Paul Tausig. Vergriffen. Neu- 
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Aus dem Seelenleben des Kindes. Eine psychoanalytische 
Studie. Von Dr. H. Hu g- Hellmuth. Zweite Auflage. 

Preis M 60*—. 

Über Nachtwandeln und Mondsucht. Eine medizinisch- 

literarische Studie. Von Dr. J. Sadger, Nervenarzt in Wien. 

Preis M 54' — . 

Jakob Boehme. Ein pathographischer Beitrag zur Psycho- 
logie der Mystik. Von Dr. A. Kielholz in Königsfelden. 

Preis M 24'—. 

Friedrich Hebbel. Ein psychoanalytischer Versuch. Von 

Dr. J. Sadger in Wien. Preis M 100-— . 



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XIII. 
XIV. 



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Maximilian, Die psychischen Störungen der männlichen 

Ihre Tragweite und ihre Behandlung. Zweite Auflage. Mit 



einem Vorwort von Prof. Dr. Sigm. Freud. Preis M 30* — . 
Swoboda, Dr. H., Studien zur Grundlegung der Psychologie. Preis M 30— . 
Swoboda, Doz. Dr. Hermann, Harmonia animae. Preis M 18—. 

Für Österreich gelten besondere Kronenpreise. — Preisanderungen vorbehalten. 




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Sammlung kleiner Schriften 



zur 



NEUROSENLEHRE 



aus den 



Jahren 1893—1906 



von 



Prof. Dr. Sigm. Freud 



Vierte, unveränderte Auflage. 




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LEIPZIG UND WIEN 

FRANZ DEUTICKE 



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Verlags-Nr. 281-1. 



Draek v*u P»u. Gtrin, tf i«, D , Zlrkusf um 15. 






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