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Full text of "Zur Psychopathologie des Alltagslebens. (Über Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum) [8.Auflage]"

Zur 



Psychopathologie des Alltagslebens 

(über Vergessen, Versprechen, 
Vergreifen, Aberglaube und Irrtum) 



Von 

Prof. Dr. Sigüi. Freud 

in Wieu 



A chto A uflage 



O-^dj. ml 






Nun ist diu LiiH von solclioiii Spnk eo voU, 
HnU ulemniiil w«iQ, nio er ihn melden boII. 
FAitat, n. Teil V. Akt. 



/ 




^. 



^■T. ^ 



19 2 2 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag Ges. m. b. H. 

..Leipzig Wien Zürich 



I. 

VERGESSEN VON EIGENNAMEN. 

Im Jalirgang 189S der Mouatssclirift für Psychiatrie und 
Nturologie habe ich unter dem Titel „Zum psychischen Mechn^ 
nismus der Vergeßlichkeit" einen kleinen Aufsatz veröffent- 
licht, dessen Inhalt ich hier wiederholeu und zum Ausgang für 
weitere Erörterungen nehmen werde. Ich habe dort den h:iu- 
figen Fall des zeitweiligen Vcrgessens von Eigeunameu an 
einem' prägnanten Beispiel aus meiner Selbstljeobachtuug der 
psychologischen Analysa unterzogen und bin icu dorn Ergebnis 
gelangt, daß dieser gowöhnliche und praktisch nicht sehr be- 
deutsame Einzelvorfall von Versagen einer psycliisclieu Funk- 
tion — des Erinnerns — eine Aufklärung zuläßt, welche weit 
über die gebräuchliche Verwcrtiuig des Pliänonions hinansfülirt. 

Wenn ich "nicht sehr irre, würde ein Psycholog, von dem 
man die Erklärung forderte, wie es zugolie, daß einem so oft 
ein Najiie niciit einfällt, den mau doch zu kemien glaubt, 
sich begnügen zu antworten, daß Eigennamen dem Vergossen 
leichter unterliege!! als andersartiger Gedächtuisinluilt. Er 
würde die plausiblen Gründe für solche Bevorzugung der Eigen- 
namen anführen, rine anderweitige Beuiugtlicit des Vorgangs 
aber nicht vermuten. 

Für mich wurde zum AnljLß einer eingciiendeu Beschäfti- 
gimg mit dem Phänomen des zeitweiligen Namenversyessons. 
die Beobachtimg gewisser Einzelheiten, die sich zwar nicht 

Ftend, Pbj'i l)opatliülO|[io de» AlltasslDliBnii. Till. AuS, 1 



I, VERGESSEN VON EIOENNAMENT. 



in -allen l^'ällen, al>cr in oinzolnen doutlicli genug erkennen 
lassen. Xu solchen Fällen wird uäinlicli nicht nur vergessen, 
sondern auch falsch, erianert.. Dem sich um den entfallen- 
den Niiancn üe mühenden kommen andere — E r^atzname ii 
— zum BewuIHsein, die zwai- sofort als uniichtig erkannt 
■werdeUj .sich aber doch mit groiJer Zähigkeit immer wieder 
aufdrängen. ]>er Vorgang, der zur Reproduktion de.s gesuchten 
Naraens führen soll, hat sich gleichsam verschoben und so 
zu einem unrichtigen Ersatx geführt, Meine Voraussetzung ist 
nun, daß diese Verschiebung nicht psychischer Will kür über - 
las &en ist, sondern gesetzmäßige ruid berechenbare Bahnen 
einhält. Mit anderen Worten, ich vermute, daß der oder die 
Ersatznameu in einem aufs]jürl:>ai-en Zusammcnliaag mit dem 
gesuchten Namen stehen, imd hoffe, wenn es njir geHngt, 
diesen Zusammeuhang nachzuweisen, dann auch Licht über 
den Hergang des Namenvergessens zu verbreiten. 

In dem 1898 von mir zur Analyse gewählten Beispiel war 
es der Name des Meisters, welöher im Dom von Orvieto die 
großartigen Fresken von den „letzten Dingen" geschaffen, den 
zu erinnern ich mich vergebens bemühte. Anstatt des ge- 
suchten Namens — Signorelli — drängten sich mir zwei 
andere Namen von Malern auf — Botticelli und Boltraf- 
fio — , die mein Urteil sofort und entschieden als unrichtig 
abwies. Als mir der richtige Name von fremder Seite mitge- 
teilt wurde, erkannte ich ihn sogleich und ohne Schwanken. 
Die Untrer suchung, durch welche Einflü.sse und auf welchen 
As sozia.tions wegen sich die Reproduktion in solcher Weise — 
von Siffnorelli auf Botticelli und Boltraffio — ver- 
schoben hatt-e, führte zu folgenden Ergebnissen : 

a) Iter Grund für das Entfallen des Namens Signorelli 
ist weder iu einer Besonderheit dieses Namens seihst noch in 



eiiiom iisycliologisühon Ohaiukter dos ZusjLiiinienhajiges zti 
sucheiij m welchen derscllio eingefügt. w\u: Dm- vergessene 
Name war mir ebenso veriiüut wie der eine der Ersnlxiiameu 

— Botticelli — und ungleich vertrauter als der andere der 
Ersatznamen — Boltraffio — , von dessen 'J'räger ich kaum 
etwas anderes anzugeben wüßte als seine Zugehörigkeit zur 
mailäiidischen Schule. Der Zusammenbang aber, in dem sich 
das NameTvergessen ereigne te, erscheint, mir harjnlos und 
führt zu keiner weiteren Aufklärung; Ich machte mit einem 
Fremden eine ' Wageuf ahrt von Ragusa. in Dalmatien nach 
einer Station der Herzegowina ; wir kamen auf das Reisen in 
Italien zu sprechen, ^^nd ich fragte aieinen Reisegefährten, ob 
er schon in Orvieto gewesen und dort -die borülimten Fresken 
des *** besichtigt habe. 

b) Das Namenvergessen erklärt sich erst, wemi ich mich an 
das in jener Unterhaltung unmittelbar vorhergehende Thema 
erinnere, xmd gibt sich als eine Störung des neu auftau- 
chenden Themas durch das vorhergehende zu er- 
kennen. Kurz ehe ich ;i.u meinen Reisegefährfen die Frage 
stellte, ob er schon in Orvieto gewesen, liatteu wir uns über 
die Sitten der in Bosnien und in der Herzegowina leben- 
den Türken unterhalten. Ich hatte erzählt, was icK von einem 
unter diesen Leuten praktizierenden Kollegen gehört hatte, 
daß 'sie sich voll Vertrauen in den Arzt und voll Ergebung in 
das Schicksal zu zeigen pflegen. Wi^nn man ilmen ankündigen 
muß, daß OS für den Kranken keine Hilfe gibt, so antworten sie: 
„Herr, was ist da zu sagen? Ich weiß, wennerzu retten wäre, 
hättest du ihn gerettet!" — Erst in diesen Sätzen finden sich 
die Worte und Namen: Bosnien, Herzegowina, Herr vor, 
welche sich in eine Assozialionsreiho zwischen Signorelli 

— Botticelli und Boltraffio einschalten lassen. 

1» 



I, VERGESSEN VON EIGENNAMEN. 



c) Ich nclimc aai, daß der Gedankenreilie von den Sittea der 
Türken in Bosnien nsw. die Fähigkeit, einen nächsten Ge- 
danken VAX stören, darum zukam, weil ich ihr meine Aufmerk- 
samkeit entzogen hatte, ehe sie noch 7Ai Ende gelwncht war. 
Ich erinnere nämlich, daß ich eine zweite Anekdote erzählen 
wollte, die nahe bei der ersten in meinem Gedächtnis ruhte. 
Diese Türken schätzen den Sexnalgenuß über alles und ver- 
fallen bei sexuellen vStörungen in eine Verzweiflung, welche 
seltsam gegen ihre Ee-signation bei Todesgefahr absticht. Einer 
der Pa.tienten meines Kollegen liatte ihm einmal gesagt: „Du 
weißt ja, Herr, w^enn das nicht mehr geht, dami hat das 
lieben keinen Wert." Ich unterdrückte die Mitteilung dieses 
cliarakteris tischen Zu,ges, weil ich das heikle Thema nicht im 
Gespräch mit einem Fremden berühren wollte. Ich tat aber 
noch mehr; ich lenkte meine Aufmerksamkeit auch von der 
Fortsetzung der Gedanken ab, die sich bei mir an da,s Thema 
„Tod und Sexualität" hätten knüpfen können. Ich stand da- 
mals unter der Nachwirkung einer Nachricht, die ich wenige 
Wochen vorher während eines kurzen Aufenthaltes in Traf oi 
erhalten hatte. Ein Patient, mit dem ich mir viele Mühe ge- 
geben, halte wegen einer unheilbaren sexuellen Stönmg seinem 
Leben ein Ende gemacht. Ich weiß bestimmt, daß mir auf 
jener Reise in die Herzegowina dieses traurige Ereignis und 
alles, was damit zusaanmenhängt, nicht zur bewußten Erinne- 
rung kam. Aber die Übereinstimmung Trafoi — Boltraf fio 
nötigt mich anzunehmen, daß damals diese Reminiszenz trotz 
der absichtlichen Ablenkung meiner Aufmerksamkeit in mir 
zur Wirksamkeit gebracht worden ist. 

d) Ich kaim das Vergessen des Namens Signorelli nicht 
mehr als ein zufälliges Ereignis auffassen. Ich muß den Ein- 
fluß eines Motivs Ixii diesem Vorgang anerkennen. Es waren 



I. VERGESSEN VON EIGKNNAMEN. 5 

Motiv«, die mich veranlaßtcn, mich in der Mitteilung meiner 
Gec1anke;i (ül>er die Sitteu der Türken usw.) zu uiiterbreclieii, 
und die mich ferner beeinfluß ton, die daran sicli kuüiifendeii 
Gedanken, die bis zur Nachricht in Trafoi geführt hätten, in 
mir vom Bewußlwerden auszuschließen. Ich wollte also etwas 
vergessen, ich hatte etwas verdrängt. Ich wollte allerdings 
etwas anderes vei'gcssen als den Namen des Meisters von Or- 
vioto ; aber dieses aJidere brachte es zu stände, sich mit dessen 
Namen in assoziative Verbindung zu setzen, so daß mein 
Willensakt das Ziel verfehlte und ich das eine wider Wil- 
len vergiiJ]5, während ich das andere mit Absicht ver- 
gossen wollte. Die Abneigung, zu erinnern, richtete sich gegen 
den einen Inhalt; die Unfähigkeit, zu erinnern, trat an uinem 
anderen hervor. Es wäre offenbar ein einfacherer Fall, wenn 
Abneigung und Unfäliigkeit, zu erinnern, denselben Inhalt be- 
träfen. — Die Ersatznamen erscheinen mir auch nicht mehr 
so völlig unberechtigt wie vor der Aufklärung; sie mahnen 
mich (nach Art eines Kom]iromisses) ebenso sehr an das, was 
ich vergessen, wie an das, was ich erinnern wollte, uad zeigen 
mir, daß meine Absicht, etwas zu vergossen, weder ganz ge- 
lungen, noch ganz mißglückt ist. 

e) Sehr auffällig ist die Art der "Verknüpfung, die sich zwi- 
.schen dem gesuchten Namen und dem verdrängten Tliema (von 
Tod xmd Sexualität usw., in dem die Namen Bosnien, ilerzegu- 
wiua, Trafoi vorkommen) hergestellt hat. Das hier eingeschal- 
tete, aus der Abhandlung des Jahres ISOfi wiederholte Schema 
sucht diese Verknüpfung anschaulich darzustellen. 

Der Name Signorelli ist dabei in zwei Stücke zerlegt wor- 
den. Das eine Silbenpaar ist in einem der ^Ers^itznamen unver- 
'ändcrt wiedergekehrt (elli), das andere hat durch die Über- 
setzung Siguor — Herr mehrfache und verschiedenartige Be- 



6 



I. VERGESSEN VON EIGENNAMEN. 



Ziehungen zu den im verdrängten TlwBma enthaltenen Namen 
gewonnen, ist aber dadurch für die Reproduktion verloren ge- 
gangen. Sein Ersatz hat so stattgefunden, als ob eine Verschie- 
bung längs der Namenverbindung „Herzegowina und Bosnien"' 
vorgenommen wäre, ohne Eücksicht auf den Sinn und auf die 
akustische Abgrenzung der Silben zu nehmen. Die Namen sind 



Signor clli 



(Bo)äiceUi 



(ßojltraffio 



i 



t 



He^isegowina u. (ßo]sni 






snien 



r 



Uerr was ist da ^u sagen etc. 



Trafoi 



— >• Tod und Sexualität 




f Verdrängte Gedanken) 



also bei diesem Vorgang ähnlich behandelt worden wie die 
Schriftbilder eines Satzes, der in ein Bilderrätsel (Eebus) um- 
gewandelt werden soll. Von dem ganzen Hergang, der anstatt 
des Namens Signorelli auf solchen Wegen die Ersatznameu 
geschaffen hat, ist dem BewuOtscin keine Kunde gegeben 
worden. Eine Beziehung zwischen dem Thema, in dem der 
Name Signorelli vorkam, und dem zeitlich ihm vorangehenden 
verdrängten Thema^ welche über diese Wiederkehr gleicher 
Silben (oder vielmehr Euchslabenfolgen) hinausginge, scheint 
zunächst nicht auffindbar zu sein. 



t VERGESSEN VON EIGENNAMEN. 



Es ist viellciclit nicht überflüssig zu bemerkea, daß diu von 
dcu Psycliologen aiigenommeneu Bediuguiigon dor Reproduk- 
tion und des Vergessens, die in gewissen Relationoa und Dis- 
positionen gesucht werden, durch die vorstehende Aufklärung 
einen Widerspruch niclit cVfaJireii. Wir haben nur für gewisse 
Fälle zu all den längst aüerkannteu Momenten, die das Ver- 
gessen eines Namens bewirken können, noch ein Motiv hin- 
zugefügt und überdies den Mechanismus des FGhlterimierns 
■ klai-gelegt._ Jene Dispositionen sind auch für unseren Fall 
üueutbchrlich, um die Möglichkeit zu seluiffen, daß das ver- 
driingtc Element sich assoziativ des gesuchten Namens be- 
mächtige und es mit sich in die Verdrängung nehme. Bei einem 
anderen Namen mit günstigeren Eep rodu k tions beding ui igen 
wäre dies vielleicht ijicht geschehen. Es ist ja wahrscheinlich, 
daJi ein unterdrücktes Element allemal bestrebt ist, sich 
irgendwo anders zur Geltung zu bringen, diesen Erfolg :iber 
nur dort erreicht, wo ihm geeignete Bedingungen entgegen- 
kommen. Andere Male gelingt die Unterdrückung olmc Funk- 
tionssl.örung, oder, wie wir mit Recht sagen können, ohne 
Symptome, 

Die Zusammenfassung der Bedingungen für das V ergessen 
eines Namens nut Fchlerinnern. ergibt also : L^ eine gewisse 
Disposition zum Vergessen desselben, _2. einen kurz vorher 
abgelaufenen Unterdrückungsvorgang, _3^ die Möglichkeit, eine 
äußerliche Assoziation zwischen dem betreffenden Namen 
und dem vorher unterdrückten Element herzustellen. letz- 
tere Bedingung wird man wahrscheinlich nicht sehr hoch 
veranscliiagen müssen, da bei den geringen Ansprüchen an die 
Assoziation eine solche in den allonneisten Fallen diirchzu- 
setzeu sein dürfte. Eine andere uml tiefer reichende Frage 
ist es, ob eine solche äußerliche Assoziation wirklich die ge- 



8, I. VERGESSEN VON FIGENNAMEN. 

nügend© Bedingung dafür sein kann, daß das verdrängte Ele- 
ment die Keproduktion des gesuchten Namens störe, ob nicht 
doch notwendig ein intimerer Zusammenhang der beiden 
Thcma^ta erforderlich wird. Bei oberflächlicher Betrachtung 
würde man Itetatere Pordernng abweisen wollen und das zeit- 
liche Aneinanderstoßen bei völlig disparatem luhait für ge- 
nügend halten. Bei eingchendei' Untersuchung findet man aber 
immer häufiger, daß die beiden durch eine äußerliche Assozia- 
tion verknüpften Elemente (das verdrängte und das neue) 
außerdem einen inhaltlichen Zusammenhang besitzen,. und mich 
in dem Beispiel Signorelli laßt sich ein solcher erweisen. 
Der Wert der Einsicht, die wir bei der Analyse des Bei- 
spiels Signorelli gewonnen haben, hängt natürlich davon 
ab, ob wir diesen Fall für ein typisches' oder für ein yerein- 

. Zeltes Vorkommnis erklären wollen. Ich fnuß nun behauiDten, 
daß das Namen \'erg;essen mit Eehlerlnjiern ungemein häufig 
jß_ zugeht, wie wir es im Falle: Signorelli aufgelöst haben. 

. Fast allemal, da ich dies Phänomen bei mir selbst beobachten 
konnte, war ich auch im stände, es mir in der vorei-wälmten 
Weise als durcli Verdrängung' motiviert zu erklären. Ich muß 
auch noch einen andei-eu Gesichtspunkt zu Gunsten der typi- 
schen Natur \mserer Analyse geltend machen. Ich glaube, 

■ daß man nicht bei-echtigt ist, die Fälle von Nanienv ergessen 
mit Fehlerinuern prinzipiell von solchen zu trennen, in denen 
sich unriclitige Ersatznameu nicht eingestellt haben. Diese 
Ersatznamtm kommen in einer Anzahl von Fällen spontan; 
in anderen Fällen, wo sie nicht spontan aufgetaucht sind, 
kann man sie durch Anstrengung der Aufmerksamkeit zum l 

Auftauchen zwingen, und sie zeigen dann die nämlichen Be- 
_- ziehimgeu zum verdrängten Element und zmn gesuchten Na- 
men, wie wenn sie spontan gekommen wären. Für das Be- 



A 



/ 



I. VERGESSEN VON EIGENNAMEN. 



9 



wußtwerdeu des Ersatznamens scheinen zwei Momente maß- 
gebend zu sein, erstens die Bemühung der Aufmerksamkeit, 
zweitens eine innere Bedingung, die am psychischen Material 
haftet. Icii könnte letztere in der größeren oder geringeren 
Leicbligkeit suchen, mit welcher sieh die benötigte äußorUcho 
Assoziation zwischen den beiden Elementen. hersLcllt. Ein 
guter Teil der ÜTälle von Namenvergessen ohne Fehlerinnern 
schließt sich so den Fällen mit Ersatanamenbildung an, für 
welche der Mechanismus des Beisjüels yjgnorelli gilt. Ich 
werde aber mich gewiß nicht der Beliauptung erkühnen, d;iß 
alle Fälle von Namen\ergessen in die nämliche Gruppe ein- 
zureihen seien. Es gibt ohne Zweifel Fälle von Nainen- 
verge^sen, die weit einfacher Eingehen. Wir werden den Sach- 
verhalt wohl vorsichtig genug dargestellt haben, wenn wir 
aussprechen: Neben dem einfachen Vergossen von 
Eigennamen kommt auch ein Vergossen vor, wel- 
ches durch Verdrängung motiviert ist. 



1 



IT. 
. ' VERGESSEN VON FREMD SPll ACHIGEN WORTEN. 

Der gebräucliliclic Spr:Lclischa,tii, unserer eigenen Sprache 
sclieint imierli;ilb der Breite normaler Funktion gegen das Ver- 
gessen gescliützt. Anders steht es bekanntlich mit den Voka- 
beln einer fremden Sprache. Die Disposition zum Vergessen 
derselben ist für alle Redeteile vorhanden, und ein w'ster Grad 
von Funktionsstörung zeigt sich in der Ungleichmaßigkeit 
imserer Verfügung über den fremden Sprachschatz, je nach 
unserem Allgemeinbefinden und dem Grade unserer Ermüdung. 
Dieses Vergessen geht in einer Reihe von Fällen nach dem- ! 

stlben Mechanismus vor sich, den "uns das Beispiel Signorelli 
enthüllt hat, Ich werde zum Beweise hiofür eine einzige, aber 
durch wertvolle Eigentümlichkeiten ausgezeichnete Analyse 
mitteilen, die den Fall de^ Vergessens eines nicht sub- 
sta.ntivischeu AVortes aus einem lateinischen Zitat betrifft. 
Man gestatte mir, den kleinen Vorfall breit und anschaulich 
voi'zn tragen. 

Im letzten Sommer erneuerte ich — wiederum auf der 
Ferienreise — die Bekanntscha,ft eines jungen Mannes von 
akademischer Bildiuig, der, wie ich bald merkte, mit einigen 
meiner psychologischen Publikationen vertraut war. Wir 
waren im Gespräch — ich weiß niclit mehr wie — auf die 
soziale Lage des ■\'"olksstanime3 gekonmien, dem wir beide ^ 

angehören, und er, der Ehrgeizige, erging sich in Bedauern ^ 



11. VERGESSEN VON FREM])SPUA(!HIGKN WORTEN. }] 



darüber, daß seino Generation, wie er sieb. äuIJerte, zur Ver- 
kümmerung l-M^stiinrat sei, ilire T;i.lcutn nicht entwickeln und 
ihre Bedürfnisse niclii befriedigen könne. Er schloß .seine 
leidenschaftlich bewegte Ecde mit dorn bekannten Vertau- 
schen Vers, in dem die Luiglückliche 1) i d o ihre Tiache an 

Acueas der Nachwelt üterträgt; Exoriare vielmehr er 

wollte so schließen, denn er brachte das Zitat nicht zu stände 
und suchte eine offenknndige Lücke der Erinnerung durch 
Umstellung von Worten zu verdecken : Exoriar(e) ex nostris 
ossibus ultor! Kndlich sagte er geärgert: „üitfce, macheu tüic 
nicht ein so siiottisches Gesicht, als ob Sie sich an meiner Ver- 
legenheit wcideu würden, und helfen Sie mir lieber. An dem 
Vers fehlt etwas. Wie heißt er eigentlich vollständig?" 

Gerne, erwiderte ich und zitierte, wie es richtig lautet: 
Exoriar(e) aliquis nostris ex ossibus ultor! 

„Zu dmnm, ein solches Wort au vergessen. Übrigens von 
Ihnen hört man ja, daß mau nichts ohne Grund vergißt. Ich 
wäre doch zu neugierig zu erfahren, wie ich zum Vergossen 
dieses unbestimmten l\-onoQieu aliquia komme."' 

Ich nahm diese Herausforderung bereitwilligst an, da ieh 
einen Beitrag zu meiner Sammlung erhoffte. Ich sagte also: 
Das können wir gleich haben. Ich muß Sic nur bitten, mir 
aufrichtig und kritiklos alles mitzuteilen, was Ihnen 
einfällt, wenn Sie ohne bestimmte Absicht Ihre Aufmerksam- 
keit auf das vergessene Wort richten*. 

„Gut, da komme ich also auf den länlierlichen Einfall, 
mir flas Wort in folgender Art zu zerteilen: a und liquis." 



* nies ist der allgeiu^iiio Wag, um VorsLelhingsulcmente, die siclj 
verbergen, dem EnwuHLsoiii KOKu(üliTen. Vgl. meine j.Traurndoutniig", p. 69. 
■(5. Aufl., p. 71.) 



12 



li. VERGESSEN VON FREMDSPRACHIGEN TiVORTKN. 



Was soll das? — „Weiß ich nicht." — Was fällt Ihnen 
wuifcer dazu ein? — „Bas setzt sich so fort: Reliquien — 
.Liciuidation — Flüssigkeit — Fluid. Wissen Sic 
jetzt schon etwas?" 

Nein, noch lange nicht. Aber fahren Sie fort. 
„Ich denke", fuhr er höhnisch lachend fort, „an Simon 
von Trient, dessen Reliquien ich vor zwei Jahren in einer 
Kirche in Trient gesehen ha.he. Ich denke au die Bhitheschuldi- 
guug, die gerade jetzt wieder gegen dite Juden erhoben wird, 
imd an die Schrift von Kleinpaul, der in all diesen angeb- 
lichen Opfern Inkarnationen, sozusagen Neuauflagen, des Hei- 
lands sieht." , 

Der Einfall ist nicht ganz ohne Zusammenhang mit dem 
Thema^ über das wir uns unterhielten, ehe Ihnen das latei- 
nische Wort entfiel. 

„Richtig. Ich denke ferner au einen Zeitungsartikel in 
einem italienischen Journal, den ich kürzlich gelesen. Ich 
o-laube er war überschrieben: Was der hl. Augustinus 
über die Frauen sagt. AVas machen Sie damit ?" 
Ich wai'te. 
■ „Also jetzt kommt etwas, was ganz gewiß außer Zu- 
sammenliang mit unserem Thema steht." 

Enthalten Sie sich gefälligst jeder Kritik und — 
„Ich weiß schon. Ich erinneremich eines prächtigen alten 
, Herrn, den ich vcnigo Woche auf der Reise getroffen. Ein 
wahres Original. Er siteht aus wie ein großer Raubvogel. 
Er .heißt, wenn Sie es wissen wollen, Benedikt." 

Doch wenigstens eine Aneinanderreihung von Heiligen 
und Kirchenvätern: Der heilige Simon, St. Augustinus, 
St. Benedikt US. Ein Kirchenvater hieß, glaube ich. 



- II. VERGESSEN VO K FREMDSPRACHIGEN WORTEN. 13 

Origiaes. Drei dieser Namen sind üluigens auch Voruamen 
wie Paul im. Namen Kleinpau]. 

„Jetzt fällt, mir der lieiligo Januar ius oin und sein 
BhitwTindür — ich finde, das geht meclianiseh so weiter," 

' Lassen Sie das; der heilige Januarius und der heilige' 
Augustinus haben beide mit dem Kalender zu tun. AVollen 
Sit! mich nicht an das Blutwundor erinnern? 

,jDas werden Sic doch kennen I In einer Kirche zu Neapel 
wird in einer Phiole das Blut des heiligen Jannarius aufbe- 
wahrt, welches durcli ein Wunder an einem beslimmttni Fest- 
tag wieder flüssig wird.' Kas Volk hält viel auf dieses Wun- 
der und wird sehr aufgeregtj wenn es sich verzögert, wie es 
einmal zur Zeit einer französischen Okkupation geschab. Da 
nahm der kommandierende General — oder irre ich mich? 
war es Garibaldi? — den geistlichen Herrn beiseite und be- 
deutete ihm mit einer sehr verständlichen Gebili-de auf die 
draußen aufgestellten Soldaten, er hoffe, das Wunder werdß 
sich sehr bald vollziehen. Und es vollzog sich wirklich..." 

Nun und weiter? Warum stocken Sie? 

-„Jetzt ist mir allerdings et^va-s eingefallen das ist aber 

zu intim für die Mitteilung Ich sehe übrigens keinen 

Zusammenhang und keine Nötigungj es 2u erzählen." 

Für den Zusammenhang würde ich sorgen. loh k;inn Sie 

ja nicht zwingen zu erzählen, was Ihnen unangenehm ist ; dann 

verlangen Sie aber auch nicht von mir zu wissen, auf welchem "^^M 

Wege Sie jenes Wort „aliquis'" vergessen haben. 

„Wirklich? Glauben Sie? Also ich habe i)lötzlich an oino 
Barne gedacht, von der ioli leicht eine Nachricht bekommen 
könnte, die uns beiden recht unangoneliin wäre." 

Daß ihr die Periode ausgeblielton ist? 

„Wie können Sie das erraten?" 



14 



II. VEHQESSEN VON FSEMDSPßACHIGEN WORTEN. 



Bas ist nicht me}ir schwierig. Sio haheu mich geimgüiid 
diiraul: vorbercntet. Donken Sie au die K^TeuoLerlieiligen, 
an das !Flüssigwcrd-en des Blutes zil-ainQm_ be- 
stimm ton Tage, den Aufruhr, wenn das Ereignis 
nicht eintritt, die deutliche Drohung, daß das 

Wunder vor sich gehen muß, sonst Sie haben ja 

das Wunder des heiligen Januailus zu einer prächtigen An- 
S2:>ielung auf die Periode der Frau verarbeitet. 

,OhnG daß ich es gewußt hätte. Und Sie meinen wirklich, 
wegen dieser ängstlichen Erwartung hätte ich das Wörtcheh 
,aliquis' nicht reproduzieren können?" 

Das scheint mir unzweifelhaft. Erinnern Sie sich doch an 
Ihre Zerlegung in a.~liquis und an die Assoziationen: Re- 
liquien, Liquidation, Flüssigkeit. Soll ich noch den 
als Kind hingeopferten heiligen Simon, auf den Sie von 
den Reliquien her kamen, in den Zusammenhang einflechten! 

,,Tun Sie das lieber nicht. Ich hoffe, Sie nehmen diese 
Gedanken, wenn ich sie wirklich gehabt habe, nicht für Erast. 
Ich will Ihnen dafür gestehen, daß die Dame It-alienerin ist, 
in deren Gesellschaft ich auch Neapel besucht habe. Ka,nn 
das a,ber nicht alles Zufall .sein?" 

Ich nmß es Ihrer eigenen Beurteilung überlassen, ob Sie 
sich alle -diese Zusammenliänge durch die Annahme eines Zu- 
falls aufklären können. Ich sage Ihnen aber, jeder ähnliche 
Fall, den Sie analysieren wollen, wird Sie anf ebenso merk- 
würdige ,, Zufälle" führen. 

' Ich habe mehrere Gründe, diese kleine Analyse, für deren 
Überlassung ich meinem damaligen Reisegenosseu Dank 
schulde, zu schätzen. Erstens, weil mir in diesem Falle ge- 
stattet war, aus einer Quelle zu scliöpfen, die mir sonst ver- 
sagt ist. Ich bin zumeist genötigt, die Beispiele von psychi- 



H. VERGESSEN VON FREMDSPRACHIGEN WORTEN. 



25 



sclmv Fuiiktkiiissiönin^ im lägliolu-u Lobon, du; ich liier zu- 
sainmo 11 stiele, ineiacr Selbstljooliaclituiig zu üatuclimeu. Diis 
weit reitjliere Material, das mir iinsiim neurotischcu l*:i.lioutoii 
liefera, siiolie ich zu vcrmeidca, weil ich den Kiiiwiuid lÜrchten 
muß; die betreffenden I'iiäuomene seien eben Erfolge und 
Äußeningen ■ der Neurose. E.s liat also besonderen AVcrt für 
meine Zwecke, wenn sich eine nervengesuude fremde Person 
zum Objekt einer solchen Untersuclmng erbietet. Ja ajiderer 
Hinsicht wird mir diese Analyse bedeutungsvoll, indem sie 
einen Fall von Wortverg;i3ss(Ui olme Krsatzeiiunern beleuchtet 
und m.einen vorhin aufgestellten Satz bestätigt, daß das Auf- 
tauchen oder Ausbloil)Gn von unrichtigen KrsatKerinnenmgen 
eine' wesentliclie Unterscheidung nicht begründen kann*. 



* Feinere Beobachtung schränkt den Gegensatz zwiscljtm clor Ana- 
lyse: SiEUorelli und der; aliquia betreffs der Ersatzcrinnerungen um 
einiges ein. Auch hier scheint nämlich das Vergessen von einer Ersatz- 
bildung begleiteb zu sein. Als ich an meinen Partner nachträgHoli die Frage 
stellte, ob ihm bei seinen Bemühung^u, das fehlende Wort zu erinnern, 
nicht irgend etwas zum Ersatz eingefallen sei, beriolitete er, daß er zu- 
nächst die Versuchung verspürt habe, ein' ab in den Vers zu bringpii: 
nostris ab ossibus (vielleicht das nnverknüpfte Stück von a-liciuis) und 
dann, daß sich ihm das Exoriare besonders deutlich und linrhiäckip 
aufgedrängt habe. Als Skeptiker setzte er hinzu, offenbar weil es iUls 
erstß Wort des Verses war. Als ich ihn bat, doch auf die Assozia,tioneii 
von Exoriai'D aus zu achten, gab er mir Exorzismus an. Toh kann mir 
also sehr wohl denken, daJ3 die Verstärkung von Exoriare in der Hepru- 
duklion eigentlich den AVert einer solchen Ersatzhildung hatte. Dieselbe 
wäre über die Assoziation: Exorzismus von den Namen der Heiligen 
her erfolgt. Indes sind dies Feinheiten, auf die man keinen Wert zu 
legen braucht. — Es eracheint nun aber wohl miiglicli, daß das Auftreten 
irgend einer Art von Ersatzerinnerung fi" konslanlcs, vielleicht auch nur 
ein charakteriHtisches und vcrräLerisches Zeichen des tendenziösen, durch 
Verdrängung motivierten ^''ergeasens ist. Diese Er.satzbildung bestände 



IG 



IT. VERGESSEN VON FßEMDSPEACHIGEN WORTEN. 



3>er Ilaiiptwert des Beispiels: aliquis ist aber ia einem 
and-urtm seiuer Unterscliiede von dem ÜTal'le : Signorclli ge- 
legen. Im letztei«n Beispiel wird die Reproduktion des Na- 
mens gestört durcli die NachwirkuDg eines Gedanken ganges, 
der kurz vorher begonnen und abgebix>clien wurde, dessen In- 
halt aber in keinem deutliclien Zusammenliaaig mit dem neuen 
Tlinma, stand, in dem, der N'ame Signoi^lli enthaltcu war. 
Zwischen dem verdi'ängten und dem Thema des vergessenen 
Namens bestand bkiß die Beziehung der zeitlichen Kontiguität ; 
dieselbe reichte hin, diiinit sich die beiden durch eine äuIJer- 
licho Assoziation in Verbindung setzen koimten*. .Im Beispiel: 
aliquis hingegen ist von einem solchen unabhängigen ver- 
drängten Thema, welches nmnittelbar vorher das bewußte 
Benken beschäftigt hätte und nun als Stöning nachklänge, 
nichts zu merken. Die Störung der Reproduktion erfolgt hier 
aus dem Innern des angeschlagenen Themas heraus, indem sich 



auch dort, wo das Auftauchen unrichtiger Ersatzuamen ausblc^ibt, in d&r 
Verstärkung eines Elementes, welches dem vergessenen benachbart ist. 
Iin Falle: SignoreUi war 7.. B., solange mir der Namei des Malers unzu- 
gänglich blieb, die visuelle Erinnerung an den Zyklus von Fresken und 
an sein in der Ecke eine.s Bildes angebrachtes Selbstporträt überdeut- 
lich, jedenfalls weit intensiver, als visuelle Eriniieningsspuren sonst bei 
mir auftreten. In einem anderen Falle, der gleichfalls in der Abhandlung 
von iSflS mitgeteilt ist, hatte ich von der Adresse eines mir unbequemoii 
Besuches in einer fremden Stadt den Straßennamen hoffnungalos ver- 
gessen, die Hausnummer aber tFie zum Spott — überdentlich gemerkt, . 
während sonst das Erinnern von Zahlen mir die größte Schwierigkeit 
bereitet. 

* Ich möchte für das Fehlen eines inneren Zusammenhanges zwi- 
schen den beiden Gedankenkreisen im Falle SignoreUi nicht mit voller 
Oberzeugung einstehen. Bei sorgfältiger Verfolgung der verdrängten Ge- 
dnnkeii über das Thema von Tod und Sexualleben stößt man doch auf 
eine Idee, die sich mit dem Thema der Fresken von Orvieto nahe berührt. 






^^C^^B^^9^ 



II. VERGESKEN VON FREMDSPRACHIGEN WORTEN. ]7 

UTibe\vußt eiu Widerspruch gegen die im Zitat dargestellte 
WuTischidec erhebt. Mau umß sieh den Ilorgaiig iu folgoudor 
Art knustruioreu : Der Knducr hat bedauert, d;iß (he gegcu- 
wärtigt! Generation sehies A^olkes iu ihrcu Hechten verkürzt 
wird; ciug neue Generation, wcissiigt er wie Dido, wird die 
Eachc an den Bedi-äiigteu übernehmen. "Rr h.it also den \^'lUlSGh 
nach Niichkommenschaffc JuiKgosproülien. In dieseni Moment 
fährt ihm ein widerspi-echcnder Ged;inkö dazwischen. „Wün- 
schest du dir Nachkommenschaft wirklich so lebhaft? Das 
ist nicht walir. In welche Verlogenheit kämest du, wenn du 
jetat die Nachricht erhieltest, daß du von der einten Seite, die 
du kennst, Nachkommen zu erwai-ten hast? Noin, koino Nacli- 
kommenschaft, — wiewohl wir sie für die Kacho brauchen," 
Dieser Widerspruch bringt sieh nun zur Geltung, indem er ge- 
nau wie im Buisj^iel : Signorclli oino äußerliche Assoziation zwi- 
schen einem seiner VurstoUuagäelemente und eincMu l^lement des 
beon.standeten Wuiisches herstellt, und zwar diesmal auf eiue 
hiich-^t gewaltsame Weise durch eineu gekünstelt erschernenden 
Ass<jziaUnns\iuiwcg. Eiue zweite wesentliche Übei-eiustinimung 
mit dem licispiel Siguorelli ergibt sich daraus, daß der Wider- 
spruch aus verdrängten Quellen stammt und von Gedanken aus- 
geht, welclie eine Abweudimg der Aufmerksamkeit hervorrufen 
würden. — Soviel über die Verschiedenheit und über die iunero 
Verwand tscliaft der beiden Paradigmata des Nanienvergesscns. 
Wir haben einen zweiten MecUanisnms dos Vergossens kennou 
gelernt, die Störung eines Gedankens durch einen a.us dem Ver- 
drängten kommenden inneren Widers i iruch^ Wir werden die- 
sem Vorgang, der uns als der leichter verständliche erscheint, 
im Laufe dieser Erörterungen uoch wiederholt bcgegui'u. 



Fmiid, PnytOioputhöIoRip Hes Alltigsicbon". VIXI, Aufl. 



I 



ni. 

VERGESSEN VON NA2IEN UND WORTFOLGEN. 



Erfa.hnmgcn, -wie die eben erwäbiitc, über eleu Horga,ug des 
Vergessens eines Stückes oms einer rrenidspracliigcn Wortfolge 
Ivöuneii die Wißbegierde rege machen, ob deaü das Vergessen 
von Wortft)lg€n in der lluttorsxjräche eiuc wesentlich andere 
Aufklärung erfordere. 5Ian pflegt"'zwar nicht verwundert zu 
sein, wenn luun eine auswendig gelernte Formel oclcr ein Ge- 
dicht luic^b (äuiger Zeit nnr luigctreu. mit Aliänderimgcn und 
Lücken reproduzieren kanji. Da aber dieses Vergessen das im 
Zusainnionbaug Erlernte nicht gleichniäüig betritt, sondern 
wiederum einzelne Stücke daraus loszubrÖckelu scheint, könnte 
CS sich <ler IFühc verlohnen, einzelne Beispiele von solch<ir 
felxlerhafl gewordenen Kei^roduktion analytisch zu untersuchen. 

ihn jüngerer Kollege, der im Giespräche mit mir die Ver^ 
nuitung äußerte, das Vergessen von Cfedichten in der Mutter- 
spriLcho könnte wohl ähnlich motiviert sein wie chis Vergossen 
einzelner Elemente in einer fremdsprachigen Wortfolge, erbot 
sicji zugleich Kum Untersuchungsobjekt. Ich fragt^i ihn, an 
welchem Gedichte er die Frolx; machen wolle, und er wählte 
„Die Braut von Korinth", welches Gedicht er sehr liebe und 
wenigstens strophenweise auswendig zu kennen glaube. Zu 
Beginn der, Reproduktion iraf sich ihm eine eigentlich auf- 
fäilige rnsichcrheit. „Ihül3t es: ,Von Korinthus nach Athen 



I 

1. 

4' 



^^^^t^^^mß 



111. .VKUGEÖSEN VON NAMEN UNI) WOKTFOUiKN. |f) 

gezogen'," fragte er, „oder ,Nacli KoriiiUm.s von Athon gc- 
zogou'." AucIl ich war einmi Moniont l;i.ngo scliwniikeud. bis 
icli L-Lcliuud bemorkte, dali der Titel dos Godiclitcs „Die Braut 
^■^)Il Koviiitli" ja keinen ZweilVI rl:n-ül>i!r lasse, welohou Wog 
der Jüngling ziolio, !l)io Uqirodnktion der crstoji Strophe ging 
dann glatt oöo.v wenigstons ohne auffällige Verfälschung vor 
sich. Katjh der f;rs(oii Ztülo <\t'v ^:weiteu .Strophe schien der 
Kollego oiue Weile zu suciicn; er- sotKto bnld fort und rc- 
zitierto also : 

Ah<T wird er auch willkommen sclicint.:n, 
Jetzt, wo jeder Tag was Neues bringt? 
Denn er ist noch Heide mit den Seinen 
Und sin sind (-.'hrisLcu und getaiifl-. 

Ich hatte schon vorliei' wi(s l.K'.fi-omdet nnfgolHU-eht ; nach 
dorn Schlüsse der letzten Z(;ile waren wir beide eiijig. daß hiej; 
eine l-JutsteUung stattgefunden hal>e. Da es- uns a,her nicht ge- 
lang, dieselbe zu korrigiorou, eilten wir zur l'.ibliothek, um 
CUiethes Gedielite zur Hand zu nohnien. uad fauHou zu nnscreL- 
Üborj-aschung, d;iß die zweite Zeile dieser Strophe eiueu vüllig 
anderiui 'Wori laut 3iah(\ der V()ni Gediic^lihiis des Kollegen 
gleich-sam Jierausgi^wDrfen und durc^h etwas aiischeiuoütl frem- 
des ersetzt wtu-den w;ir. Es hieLl rifOitig: 

„Al>er wird er aiu'k willkoinmPu scheinen, 
AVonn er teuer nielit die Gunst erkann." 

Aul „erkauft" reimte „getaufl,'', und es sclii.eu mir sundiM-- 
bai-, dat; die Konstcllatinn: Heide, Glirisfceu und getauft, ilm 
bei der "Wiederherstellung des Textes so wonig gefördert hatte. 

Koauen Sic sich erkläreu, fni^to ich deu^ Kollegen, daß 

Sie in dem lluien angeblicli so wohl vertrauten Gedieiite die 
/(älo Sü vollsläudig gestriohon haben, und lial)en Sie eine 



20 



III. VERGESSEN VON NAMEN UND WORTFOLGEN, 



Aliumig, aii3 welclicni Zusammenhang Sie den Ersatz holen 
konnten ? 

Er waa- im stände, Aufklärung zu gcbon, obwohl er es offon- 
bai" nicht sehr gern tat. „Die Zeite : Jetzt, wo jeder Tag was 
Neues bringt, kommt mir bekannt vor ; ich muß diese Worte 
vor Irurzem mit Bezug auf meine Praxis gebraucht haben, mit 
deren Aufschwung ich, wie Sie wissen, gngenwärtig sehr zu- 
frieden bin. Wie dieser Satz aber dahinein gehört? Ich wüßte 
einen Zusammenhang. Die Zeile ,wenn er teuer nicht die, 
Gunst erkauft' war mir offenbar nicht angenehm. Es hängt 
das mit einer Bewerbung zusammen, die ein erstes Mal' abge- 
schlagnen worden ist, und die ich jetzt mit Eücksicht auf 
meine selir gebesserte materielle Lage zu wiederholen ge- 
denke. Ich kann Ihnen nicht mehr sagen, aber es kaiin mir 
doch gewiß nicht lieb sein, wenn ich jetzt angenommen werde, 
mich daran zu erinnern, daß eine Art von Bei'ecluiung damals 
wie nun den Ausschlag gegeben hat." 

Das erschien mir cinleuchleud, auch ohne daß ich die 
näheren Umstände zu wissen brauchte. Aber ich fragte weiter: 
Wie kommen Sie iiberhrtuiit dazu, sich und Ihre privaten Ver- 
hältnisse in den Text der , .Braut von Korintli'' zu mengen? Be- 
stehen vielleicht in Ihrem Falle solche Unterschiede der Re- 
ligionsbekenntnisse, wie sie im Gedichte zur Bedeutung 
kommen 1 

(Keimt ein Glaube neu, 

wird oft Lieb' und Treu 

wie ein böses Unkraut ausgerauft.) 

Ich hatte nicht richtig geraten, aber es war merkwürdig zu 
erfalircn, wie die eine wohlgezielte Frage den Mann plötzlich 
hellsehend machte, so daß er mir als Antwort bringen konnte, 
was ihm sicherlich bis dahin selbst unbekannt geblieben wax. 



III. V EKGESSEN VON NAMEN UND WORTFOLGEN. 21 

Er sah mioli mit einem gequälfcen und auch unwilligen Blick 
an, murmelte eine spätere Stelle des Gedichtes vor sich hin: 

,,Sieh sie an genau * ! 

Morgen ist sie grau." 
und fügte kurz hinzu: Sie ist etwas älter als ich. Um ihm 
nicht noch mehr Pein zu bereiten, brach ich die Erkundigung 
ab. Die Aufklärung erschien mir zureicliend. Aber es war 
gewiß überrascheud, daß die Bemühung, eine harmlose Fehl- 
leistung dos Gedächtnisses auf ihren Grund zurückzuführen, 
iui so fern liegende, intime und mit peinlichem Affekt be- 
setzte Angeltegenheiten des Untorsachten rühren mußte. 

Ein anderes Beispiel vom Vergessen in der Wortfolge 
eines bekannten Gedichtes will ich nach C. G. Jung** und 
mit den Worten dos Autors anführen. 

„Ein Herr will das bekannte Gedicht rezitieren: ,Ein 
Fichtcnba-um steht einsam usw.* In der Zeile: ,iliii schläfert' 
bleibt er rettungslos stecken, er hat ,mit weißer Decke' total 
vergessen. Dieses Vergessen in einem so bekannten Vers schien 
mir auffallend, und ich ließ ihn nun reproduzieren, was ihm 
zu ,mit weißer Decke' einfiel. Es entstand folgende Reihe: 
,Maji denkt bei weißer Declte au ein Totentucli — ein Lein- 



Der Kollege liat übrigens die scliöue Stelle des Gedichtes sowolil 
in ihrcui Wortlaut wie nacii ihrer Anwendung etwas abguiViidert. Das 
gespcnstischn Mädchen sagt seinem Eräutia:im: 

„Meine Kette hab' ich dir gegeben; 

Deine Locke nehm' ich mit mir fort. 

Sieh sie an genau! 

JTorgen bist du grau,' 

Und nur brann orecheinst du wieder dort." 

** O. G. Jung, Ober die r^ychologie der Denjenliiv pifificox. 1907, 
Seite G'J. 



22 



in. VERGESSEN VüX NAMKN UND WOHTFOJ.GKN, 



tuch, mit dem man einen Toten zudeckt — (Pa.iiso) — jetzt 
lallt mir ein naher Freund ein — sein Bruder ist jüngst gunz 
pli'Uzlicli gestorben — er soll an einem Herzschlag gestorben 
sein — er war eben auch sehr korpiüent — mein Freund ist 
auch Ivorpul.'nt und ich habe schon gedacht, es könnte iiini 
auch so gelien : — er giljt sich wahrscheinlich zu wenig Be- 
wegimg — als ich von dem Todesfall hörte, ist mir plötzlich 
angst gowordcii, es könnte mir auch so gehen, da wir in 
miserer Familie -sowieso Is'cigunjj; zur Fettsucht haben, nnd 
auch mein (irnßvaier an einem Herzschlag gestorben ist; 
ich finde micli auch zu korpnlent und Jiate deshalb in diesen 
Tagen mit einer Entfettungskur begonnen.' " 

„Der Herr hat sich also mibewußt sofort mit dem Fichten- 
baiim identifiziert," bemerkt Jung, „der vom weißen Loichen- 
tiich uujhüUt ist." 

Das nachstehinido Beis])iol von Vcrge,ssen einer AYortfulge, 
das ich meinem Freunde S. Feronczi in Budapest verdarulce, 
bezieht sich, andei-s als die vorigen, auf eine selbstgeprägtc 
Kcde, nicht auf einen vom Dichter übernommenen Satz. Es 
mag uns auch den nicht ganz gewöhiilichen Fall vorführen, 
daß sich das Vergessen in' den Dienst unserer Besonnenheit 
stellt, wenn ihr die Gefahr di'oht, einem aiig-enbliekUcheJi 
Gelüste zu erliegen. Die Fi|'hlleistnng gelangt so zu einer 
nützlichen Funktion. AVi'un wir wieder ernüchtert sind, geben 
wir dann jener inneren Strömung Recht, welclie sich vorhin 
nur durch ein Vertagen — ein Vergesöcn,, eine psychische 
Impotenz — äußerji konnte. 

,,In einer G.eselisohaffc fällt das Wort ,Tout comin-endre 
c'.cst toufc pardonnf;r'. Ich }>emerko dazu, daß der erste Teil 
des Satzes genügt; das , Pardonnieren' sei eiiie Überbebung^ 



in. VERGEÖt^EN VON NAMEN UND WOßPrOLGEX. 



2a 



mua übf!ii;issn das Gott und düii GcLstlichou. Ein Ainvesniulor 
findet diese Bemerkung sehr gut; das miiclit mich verwoj^t'u 
mul — wahrscheinlich um die gute iMeimmg dos wohlwolkMi- 
dcn Krilikcrs zu sichern — sngo ich, cla-13 mir iinliiiigst etwiis 

Besseres oingofallen sei. AVie icli es aber örxühlcn will J'iillt 

es mir nickt oin. — Ich ziehe mich sofort zurück und schreibe 
die Dcckeiufiilli^ auf. — Zuerst kommt der Xame des freun- 
des imd der Straße in Budapest, die die Zeugen der Geburt 
jenes (gesuchten) Einfalles waren; 'dauu der JS'ame eines 
anderen Freundes, Max, den wir gewolndich Maxi nennen. 
])as führt micli /um Worle jMaxinie und zur Krimierung, daß 
CS sich damals (wie im eingangs erwähnten Falle) um die 
Abänderung einer taokamiteu Maxime handelte. ScUsamerweise 
fällt mir dazu nicht eine Maxime, son<loru folgendos ein : 
jCrott schuf den Menschen nach seinem Bilde' und 
dessen veränderte Fassung ,der Mensch schuf GuLt naeli 
dem S(,Mulgeu'. Daraufhin laubht sofort die l'h'innel'uiig 
im dfis Gesuchte auf : 

„Mein l'h'eund sagte damals zu mir in der Aiith'iissystraße: 
^Nichts Menschliches ist mir friwnd', worauf icli — 
auf die psychoanalytischen l'Jrfnhrungen anspielend sagte; 
Aiu. solltest weitergehen und b i^ k mnon, daß d i r 
nichts Tierisches fremd isV." 

jjAachdnuiich aber endlieh die Friuntruiig an das Gesuchte 
lialto, konnte ich es in der Gcsellschart, in der- ich mich gerade 
bcrfaud. erst rocht nicld. erzählen. Die jimge Gattin dos Fremi- 
dea, den ich an dio' Aniinalität des Unbewußten eriimert hatte, 
war auch unter den Anwesenden, und i(^h mußte wissen, daß 
sie zur Keuutnisnalimc solcher unerfreulicher Einsichfen gar 
nicht vorbereitet war. Durch da^ Vergessen ist mir eine 
Reihe unaugouehmer Fragen iiirerseits und eine anssiciitsloac 



24 rn. V15RGESSEN VON NAMEN UND WORTFOLGEN. 

Diskussion erspart worden, und gerade das nmß das Motiv 
der jtemporären Amnesie' gewesen sein." 

„Es ist interessant, daß sich als Deckeiufall ein Satz ein- 
stpllte, in dem die Gottheit zu einer mensohhohen Erfindung 
degradiert wird, während im gesuchten Satze auf das Tierische 
im Menschen hingewiesen wurde. Also die Capitis diminutio 
ist das Gemeinsame. Das Ganze ist offenbar nur die Fort- 
setzung des durch das Gespräch angeregten Gedankenganges 
über das Verstehen und* Verzeihen." 

„Daß sich in diesem l''a]le das Gesuchte so rasch ein- 
stellte, verdanke ich vielleicht auch dem Umstand, daJ3 ich 
mich aus der Gesellschaft, in der es zensuriert wai", sofort ia 
ein menschenleeres Zimmer zurückzog." 

Ich habe seither zahlreiche andere Analysen in Fällen von 
Vergessen oder fehlerhafter Reproduktion einer Wortfolge an- 
gestellt und hin durch das übereinstimmende Ergebnis dieser 
Untersuchungen der Annahme geneigt worden, daß der in den 
Beispielen „aliquis" und „Braut von Korinth" nachgewiesene 
Mechanismus d es Vergessens fast allgemeine Gültigkeit hat. 
Es ist meist nicht sehr bequem, solche Analysen mitzuteilen, 
da sie wie die vorstehend erwähnten stets zu intimen und 
für den Analysierten peinlichen Dingen hinleiten; ich werde 
die Zahl solcher Beispiele darum auch nicht weiter vermehren. 
Gemeinsam bleibt all diesen Eällen ohne Unterschied des 
Materials, daß das Vergessene oder Entstellte auf irgend 
einem assoziativen Wege mit einem unbewußten Gedanken- 
inhalt in Verbindung gebracht wird, von welchem die als Ver- 
gessen sichtbar gewordene Wirkmig ausgeht. 

Ich wende mich nun wiederum zu dem Vergessen von Na- 
men, wovon wir bisher weder die Kasuistik noch die Motive er- 
schöpfend betrachtet lialien. Da ich gerade diese Art von Feld- 



kl 



i. 



III, VERGESSEN VON NAMEN UND WORTFOLGEN. 25 

leistuiig bei mir zuzeiten i-eichlicli beobachten kann, bin icb nm 
Beispiele hiefür nicht verlegen. Die leisen Migränen, an deucn 
ich noch immer l'eide, pflegen sich Stunden vorher durch Na- 
menvergessen aai/.ukündig"cn, und auJ: der Hülie des Zuslandes, 
während dessen ich die Arbeit aufzugeben nicht genötigt bin, 
bleiben mir häufig alle Eigennamen aus. Nun kümitcn gerade 
Fälle wie der meinigo ku einer priazijjiellen Einwendung gegen 
imsere analytischen liemühniigen Anlaß geben. Soll maii aus 
solchen Beobachtungen nicht folgern müssen, daß die Verursa- 
chung der Vergeßlichkeit imd speziell des Namonvergessons in 
Zirlailations- und allgemtünen Funktionsstörungen des Groß- 
hirns gelegen ist, und sich darum psychologische Erklärungs- 
versuche für diese Phänomene ersjtaa-en? Ich meine keines- 
wegs; das hieße den In allen Fällen gleichartigen Mechanismus 
ciuc-s Vorgangs mit dessen vaiiabeln und nicht notwendig er- 
forderlichen Begünstigungen verwechseln. An Stelle einer 
Auseinandersetzung will ich aber ein Gleichnis xur Erledi- 
gung des Einwandes bringen. 

Nehmen wir an, ich sei so unvorsichtig gewesen, zur Nacht- 
zeit in einer menschenleeren Gegend der Großstadt spazieren 
zu geheuj werde überfallen und meiner Uhr und Börse beraubt. 
An der nächsten Polizeiwachstellc erstatte ich dann die Mel- 
dung mit den Worten: Ich bin in dieser und jener Straße ge- 
wesen, dort haben Einsamkeit und Dunkelheit mir Uhr 
und Börse weggenommen. Obwohl icb in diesen Worten nichts 
gesagt hätte, was nicht richtig wäre, liefe ich doch Gefahr, 
nach dem Wortlaut meiner Meldung für nicht ganz richtig im 
Kopfe gehalten zu werden. Der Sachverhalt kann in korrekter 
Weise nur so beschrieben werden, daß, von der Einsamkeit des 
Ortes begünstigt, unter dem Schutze der Dunkellieit un- 
bekannte Täter mich meiner Kostbarkeiten beraubt haben. 



26 



III. VKRÖESSEX VON NAMEN UND WORTFoI/iEN. 



Nnu deuii. dcrSachverlinll; heim Namenvej'gi'-sseii braucht küiu 
audei'or zu sein;, durcli Ermüdung. Zirkulaliüusytörung- uud In- 
toxikation begünstigt, raubL mir eine unljokn.mite psychische 
Maclit die "W'ri'ügung über die meinem Gcdäclituis zustehendeii 
Eigennamen, dieselbe flacht, welche in anderen Füllen dasselbe 
A''orsagen des Gedächtnisses bei voller Gesundheit und Lei- 
stungst'äliigkoit zu Staude bringen, kann. 

Wcim ich die ci.n mir selbst beobachtoten Fälle von Namen- 
vergesseii analysiere, so finde ich fast regelruaßig, daß der vor- 
enthaltene Name eine Beziehung zu einem Thema hat, welches 
meine Person nahe angeht, und stnrke, oft peinliche Affekte in 
inir hervorzurufen vermag. Kach der bequemen und empfch- 
liinswerten Übung der Zih'iclicr Schule (Bleuler, Jung,, 
Kikltu) kann ich dasselbe auch in dr-r Form ausdrünkuu : Dei 
entzogene Name halx; einen ..persönlichen Komplex" in mir 
gestreift. Diu Beziehung des Namens zn meiner Person ist eine 
imorwartete, meist durch oberfläcliUclic Assoziation (Wort- 
'zweidcutigkoit, Gleichklang) vermittelte; sie kann allgemein 
als eine SeitenlMJziehung gekennzeichnet \^'crden,. JEinige ein- 
fache Eeisjiielc werden die Xatur derselben am besten er- 
läutern : ' 

a) Kin Patient bittet mich, ihm einen Kurort an der 
Eiviera zu empfehlen. loh weiß einen solchen Ort ganz nnhe . 
bei Gcnna^ orinncro auch den Namen des deutschen Kollegen,-.^ 
der dort praktiziert-, aber den Ort selbst kaun ich nicht nennen, ■, 
so gut ich ihn auch zu kennen glaube, l'^s bleibt mir nichts "-^ 
anderes übrig, als den Patienten warteu zu heißen und mich 
rasch an die Frauen meiner Familie zu wenden. „Wie heißt, 
doch der Ort neben -Genua, wo Dv. N. seine kleine Ansttdthatj 
in der die und jene Frau so lange in Behandlung wai'?" „Natur- 



Hell, rycriuk' du m"u(;!1,<ist diesen Namen ver^jessen. Ncr-vi beißt 
cr.^ Mit Is'orvoa habe ich allerdings genug zu tun, 

h) i'^in .indorcr spricht von einer nahen Sommorfrist-ho und 
bohrmpUt. os gehe dort außer den zwei hekanut(;n ein driltus 
Wirtshaus, an welches sich ruf ihn eine gewisse Krinnerung 
knüpft; den K,ann'U werde er mir soglcieli sagen. Ich bestreite 
diu Existenz -dieses dritten Wirtsha,nses und Ix-rufe mich 
dara.nr, daß ich sieben vSommer hiiichirch in jenem Orte ge- 
wohnt habe, ilui also besser kennen muß als er. Durch den 
Widerspruch gereizt, hat er sich aber schon des Xaniens be- 
mächtigt. Bas Gasthn.iis licißt: d<'r Hoc Ii wartuor. Da 
muß icli freilich nachgeben, ja icli nmü bekeuncn, daß ich 
sieben Sommer lang in der nächsten Nähe dieses von mir ver- 
leugnci,cn Wirtshauses gewolmt linJje. AVnrum sollte ic^li liiei 
Xa,men und Sache vergessen ha-ben? Tr-h meine, w-eil der Na.inc 
gai' zu deutlich an den eines Wiener Fachkollegen ajiklingt, 
wiederum den „pr ofessionelU'n" Komp lex in mir anrührt. 

c) Ein audornuilj im Begriffe auf deui Bahnhof von 11 oi- 
chonhall eine EaJirkarte zu lösen, will mir <ler sonst sehr 
vertrantt! Xauie der nächsten grüßen BalmstiLtimi, die ich schon 
so oft paösiort ha.l<e, nicht einfallen, \^■.h muß ihn ajleu Erustcs 
aui dem Eahrplan suchen. Er lautet: Rose n lu.:ijn. Dann weiß 
ich aber sofort, diirch welche Assuniation rr mir abhanden 
gokomnion ist. Eine Stunde vorher hatte it^ii meine Schwester 
in ihrem WuhnorU' ga.nz nahe hol Ih-ieheuhall hcsadit; meine 
Schwester heißt liosa^ also auch ein Ko-senhciju. Diesen 
Nnmen hat mir der ,/l';i.uiilienkomjiiex" weggenonnnen. 

d) Das geradezu räuberische Wirki'n des „Eamilicn- 
konijdexes" kann ich dann in inner gau/.rii Anzahl von Bei- 
spielen verfoigeu. 



28 



m. VERGESSEN VON NAMEN UND WORTFOLGEN. 



Ein-ea Tages kam ein junger Mann in meine Ordination, 
jüngerer Bruder einer Patientin, den ich, ungezählte Male ge- 
sehen hatte, und dessen Person ich mit dem Yornamen zu be- 
zeichnen gewohnt war. Als ich dann von seinem Besuch er- 
:^ä.hlen wollte, hatte ich seinen, wie ich wui3te, keineswegs uu- 
gewölinlichen Vornamen vergessen und konnte ihn durch keine 
Hilfe zurückrufen. Ich ging dann auf die Straße, nm Firmen- 
schilder zu lesen, und erkannte den Namen, sowie er mir das 
erstemal entgegentrat. Die Analyse twlehrte mich darüber, 
daß ich zwischen dem Besucher und meinem eigenen Bruder 
eine Parallele gezogen hatte, die in der verdrängten Frage 
gipfeln wollte: Hätte sich mein Bruder im gleichen Falle 
ähnlich oder vielmehr entgegengesetzt benommen? Die äußer- 
liche Verbindung zwischen den Gedanken über die fremde und 
über die eigene Familie war durch den Zufall ermöglicht wor- 
dr^n, daß die Mütter hier und dort den gleichen Vornamen: 
Amälia tragen. Ich vorstand dann ß,uch nacliträglicln die Ersatz- 
namen; Daniel und Fraiiz, die sich mir aufgedrängt hatten, 
ohne mich aufzuklären. Es sind dies, wie auch Amalia^ Namen 
aus den Päubem von Schiller, an welche sich ein Scherz 
des Wiener Spaziergängers Daniel Spitzer knüpft. 

e) Ein andermal kann ich den Namen eines Patienten 
nicht finden, der zu meinen Jugendbezi eliungen gehört. Die 
Analyse führt über einen langen Umweg, ehe sie mir den ge- 
suchten Namen liefert. Der Patient. hatte die Angst geäußert, 
das Augenlicht zu verlieren; dies rief die .Erinnerung an einen 
jungen Mann wach, der durch einen Schuß blind geworden war; 
darfin knüpfte sich wieder das Bild eines anderen Jünglings, 
der sich angeschossen hatte, und dieser letztere trug den- 
selben Namen wie der erste Patient, obwohl er niclit mit ihm 
verwandt war. Den Namen fand ich aber erst, naohdfim mir 



in. VERGESSEN VON NAMEN UND WORTFOLGEN. gg 



diu Übertragung einer äugsilichcn Erwartung von diesen beiden 
juvenilen Pällcn anf eine l'orson meiner eiguueu Pamilic be- 
wußt gewoi'don war' 

Ein beständiger Stroui vtin ,,l'i;j:oiiI.iüzieliu i)g'" geht so durch 
mein Denken, von dem ich für gewühidicli keine Kunde er- 
halte, der sich niii" aber durch solches Namenvergessen verrät. 
Es istj als wäre ich genötigt, alles, was ich über fremde Per- 
sonen höre, mit der eigenen Person zu vergleichen, als ob 
meine pei-.sönlichcn Komplexe bei jeder Keiuitnisnahrae von 
anderen rege würden, Dies kann nnmöglich eine individuelle 
Eigenheit meiner Person sein; es muß vielmehr einen Hinweis 
aufdieArtj wie wir überhaupt „Anderes'' verstehen, enthalten. 
Icli habe Gründe anzunehmen, daß es bei anderen Individuen 
ganz ähnlich zugelii wie bei jnir. 

Das Schönste dieser Art hat mir als eigenes Erlebnis ein 
Herr Lederer berichtet. Er traf auf seiner Hochzeitsreise in 
Venedig mit einem ihm obernächlich bekaniiton Herrn zu- 
sammen, den er seiner jungen Frau vorstellen mußte. Da er 
aber den Kamen des 1^'rcmden vergessen hatte, half er sich 
das erstemal mit einem Unverstand heben Gemurmel. Als er 
dann dem Herrn, wie in Venedig nnanswcichlleü, ein zweites- 
nial begegnete, nahm er ihn beiseite und bat ihn, ihm doch 
ans der Verlegenheit zu helfen, indem er ilim seini-'U Namen 
sagOj den er leider vergessen' habe. Die Antwort des Fremden 
zeugte von überlegener Meuscheukeuutnis : Ich glaube es gern, 
daß Sie sich meinen Namen nicht gemerkt haben. Ich heiUe wie 
Sie: Ledererl — Man kann sich einer leicht unaogenchmen 
Empfindung nicht erwehren, wenn mau seinen eigenen Namen 
bei einem Fremden wiederfindet. Ich verspürte sie unlängst 
recht deutlich, als sich mir in der ärztlichen Sprechstunde ein 
Herr S. Freud vorstellte. Übrigens nehme ich Notiz von der 




Versic?ieniiig eines meiner KrilJker, daß er sich in diesera 
Punkte entgegeugasetzfc wie it;Ii verluillc. 

f) DVk) "Wirkfiainkeil der Jüg-eate'/iüimng erkennt man aucli 
iu folgendem, von Jung* mifgeteiliem Beispiel: 

,.]'jin Ilorr Y v<')-liebte sich erfolglos in eine Dtune, welche 
bald darauf oinen Herrn X 'heiratete. Trotzflcin mm Herr. ^ 
dnu Herrn X schon seit geraumer Z(üt ke,niit und sogar iu gG~ 
sohäftlichiin Verbindungen mit ihm steht, vergi(3t er immer 
und ininier wioder dessen Namen, se daß er sich ijiehreremal 
bei anderen I^euten danach erknncligon inußto, als er mit 
Ilf^rrn X korrespondieren wolKo." 

Indes ist die-Motivierimg des Vergessens ixi diesem !Fnllc* 
durchsichtiger als in dcu vorigen, welche unter der "Konstel^ 
hition der !Kigöiil)üy,ieliung- stellen. Bas Vergessen scheint hier 
direkte Folge der Abuoigung des Hi-rrn T gegen seineu glück- 
Uchtvron ]ii'\'Eilen; er will niclits von ilim wissen; „nicht ge- 
dacht soll seiner werden". 

g) Das Motiv zmn Voi-gessen eines Nnmens kann auch eiu 
feineres sein, in einem sozusagen „siiblimierten" Groll gegen. 
dessen Trüger bei5telien. Su schreibt ein J^'räuleiu I. v. K. 
aus Bnda^pest : 

„Ich liabo mir ciae kleine Theoiio zurechlgelegt. Ich 
habe nämlicli beobaohtet, daß Menschen, die Talent zur Ma- 
lerei, für Musik keinen Süni Jialjcn, und umgokohrt. Vor 
einiger Zeit sprach ioJi hierüber. ]nit jemniLdem, indem ich 
sagte : ,jireine Beobachtung luxt "bisher immer zngclrpffen, 
einen Fall ausgenommen.' Als ich mich an den Njuiien dieser 
Person erinnern wollte, liatte ich ihn lioffunngslos vergessen^ 
trotxdem ich wußte, daß sein. Träger einer meiner intimsten 
Bekaimten ■ ist. Als ich nach einigen Tagen den !Namen zu- 



* Dementia. |)raccoX| S. 52. 



fällig nojinoii li<h-I.G, wußte ich natürlich sofnrt, üiiÜ vom 'Acv- 
störcr lueiiiür Theorin die Rede wiir. J)cr (iroll. den icli un- 
bewußt gvgv-iy ihn liegte, iiußurte sich durch <l;i.s Vi-rgcssPii 
seiuüs mir sonst so gfli'uiü^'ou Namens." " 

h) Auf ttwas aiidereiu Wege führte die ÜGigoiibp/ichiinfT 
f^nm Vrrgp.ssen eines Numens in deuL folgernden von l-'erenczi 
natgct^iltua l'^ulic, dessen Analvse hosondcrs durch die Aiil'- 
kliirung d(-r 'JM-satKehiriilli? (wie llotticelli — iJolLnirfio zu 
ISignorrdii) h/hrn-iuli wird. 

„ICiucr Da.me, dlo ct\vn,s von rsycho;m;ilyse gehört liafc, 
will der Name des Psycliialers .Tuiig niclit cinrjiUi'U." 

,, Dafür sLellen riioh foJgejulc KinCülle ein : KI. (.■ i n Nn mo) 
— Wilde - Nietzsche — 1 1 ;i ii p 1 iii ;i n ji." 

..Ich s;ige ilir den Niuiuui iiieJd. und. i'orderü sie aiil". ;i.n 
jeden <iUV/.vAnr,n Einfall fri.ü zu aHsoziicriMi." 

..r-ci Kl. denkt ,sie solVirL anPj'au i\ I.. uiid daß sie eine 
gczierlo, arfcktiertc rnr.snu sei, die ahcr fiu' ihr A her sehr gut 
a.us.se]ie. ,Sio wird iiiclil. all.' Als gemeinsamen Oborbugriff 
von AV ilde und Niet ^.-s che nennt sie ,(| ei s teskrankhci i.'. 
iJaun .sagl, sie sjiött.isch: .Sie FreudiaiuM' wei'den se lOiii^e 
die UrÄaclien d.t'r Geisteskraii,kheiten .suchen, liis sie selbst 
geisteskrank \Vorden.' Dann; .li-h Ivanii Wilde nnd Xictz- 
sclic niehi ausstellen. Ich verstehe sie niclil. leli höre, sie 
waren beide homosexuell; Wilde liat .■^ieh mit jungen I.i-u- 
t<'ii abgegeben.' (Troti^lem sie in diesem Satze den richtigen 
Namen — allerdings ungari.seli -- sehun auwgesprüchcu iiat, 
kann sie sich seiner immer nocli nicht erinnern.)" 

„Zu Hauptmann fällt ilir IFalbe, dann .Tugend ein, 
nnd jetzt erst, nachdem ich ihre Aufmerksamkeit auf das 
Wort Jugend lenke, weiß sie, daß sie deu Nami;n Jung go- 
suchl hat.'" 



33 III. VERGESSEN YON NAMEN UND WORTFOLGEN. 

„Allerdings liat diese Dame, die im Alter von 39 Jalircn 
den Gatten verlor und keine Anssickt hat, sich wieder zu ver- 
hciratt;!!, Grund genug, der Erinnerung an alles', waa an J u- 
gend oder Alter gemahnt, auszuweichen. Auffallend ist dio 
rein inhaltliclie Assoziiermig der Deckciiiiälle zu deni ge- 
suclitcn Na-men und diis Fehlen von Klaugassoxiatiouen." 

i) Xoch anders und sehr fein motiviert ist ein Beispiel 
■ von Wamenvergessen, welches sieh der Betreffende selbst auf- 
geklärt hat: 

„Als ich Prüfung aus Philusophie als Nebengegenstand, 
maohbe, vnu-de ich vom Examinator nach der Lehre Epikurs 
gefragt, und dann weiter, ob ich wisse, wer dessen Lehre in 
späteren J'alir hunder ton wieder aufgenommen habe. Ich ant- 
wortete mit dem Namen. Pierre Gassondi, den ich gerade 
zwei Tage vorher im Cafe als Schüler Epikurs hatte nennen 
hören. Auf die erstaunte Frage, woher ich das wisse, gab ich 
kühn die Antwort, daß ich mich seit langem für Gassendi 
interessiert habe. Daraus ergab sich ein magna cum laude für» 
Zeugnis, aber leider auch für später eine hartnäckige Neigung, 
den Namen Gassendi zu vergessen. Ich glaube, meiu 
schlechtes Gewissen ist schuld daran, wenu ich diesen Namen. 
allen Btimühungen zum Trotz jetzt nicht belialten kann. Ich 
hätte ihn ja auch damals nicht wissen sollen." 

Will man die Intensität der Abneigung gegen die lürinne- 
rung an diese Prüfungsepisode bei unserem Gewährsmann 
richtig würdigen, so muß man erfahren haben, wie hoch er 
seinen Doktortitel anschlägt, und für wieviel anderes ihm 
dieser Ersatz bieten muß. 

- J) Ich schalte hier noch ein Beispiel von Vergessen eines 
Städtenamens ein, welches vielleicht nicht so einfach ist wie 
dio vorher angefübrten, aber jedem mit solchen Untersuchan- 



L 



in. VERGESSKN VON NAMEN UND WORTFOLGEN. 33 



gen Vertrauteren glaubwürdig und wertvoll erscheinen wird. 
Der Name einer italienischen Stadt entzieht sich der Erinne- 
rung infolge seiner weitgehenden Klangähulichkeit mit einem 
weiblichen Vornamen, an den sich vielerlei affektvolle, in der 
Mitteilung wohl nicht erschöpfend ansgeführte Erimiei'uugcn 
knüpfen. S. Ferenczi- (Budapest), der diesen Fall von Ver- 
gessen an sich selbst beobachtete, hat ihn behandelt, wie man 
einen Traum oder eine neurotische Idee analysiert, und dies 
gewiß mit Recht. 

„Ich war heute bei einer befreundeten F.'unilie; es kamen 
oberitalienische Städte zur Sprache. Da erwähnt jemand, daß 
diese den österreichischen Einfluß noch erkennen lasst-n. Man 
zitiert einige dieser Städte; auch ich will eine nennen, ihr 
Name fällt mir aber nicht ein, obzwar ich weiß, daß ich dort 
zwei selir angenehme Tage verlebte, was nicht gut zu JTreuds 
Theorie des Vergessens stimmt. — Statt des gesuchten Städte- 
nameus drangen sich mir folgende Einfälle auf: ,Capua' — 
,Brescia' — ,Der Löwe von Brescia'." 

„Diesen , Löwen' sehe ich in Gestalt einer Marmorstatue 
wie gegcnatäudlich vor mir stehen, merke aber sofort, daß er 
weniger dem Löwen auf dorn Freilieitfideukmal zu Brescia (das 
ich nur im Bilde gesehen habe), als jenem anderen marmorneu 
Löwen ähnelt, den ich am Grabdenkmal der in den Tuile- 
rieh. gefallenen Schweizer Garde in Luzern gesehen 
habe, und dessen Reproduktion en miniature auf meinem 
Bücherschrank steht. Endlich fällt mir der gesuchte Name 
doch ein: es ist .Verona'." 

„Ich weiß auch sofort, wer an dieser Amnesie schuld war. 
Niemand anderer als eine frühere Bedienstete der Familie, bei 
der ich gerade zu Gaste war, Sie hieß Veronika, auf ungOr 
lisch Verona, und wai- fnir wegen ihrer abstoßenden Physio- 

Fri'Uil, l'Bydi'ipFiiliDluKio (Ips AlUasBlabenu. VIll Aiill. 3 



34 IlT. VERGESSEN VON NAMEN UND WORTF OLGEN. 



gnomie wie auch wegsn ihrer heiseren, kreiscliendea 
Stimme und unleidlichen Konfidenz (wozu sie sich durch die 
lange Dienstzeit berechtigt glaubte) sehr antipathisch. Auch 
die tyrannische Art, wie sie seinerz<dt die Kinder des 
Hauses behandelte, war mir unausstehlich. Nun wußte ich 
auch, was die Ersatzeinfälle bedeuteten." 

„An Capua assoziiere ich sofort caput mortuum. Ich 
- verglich Veronikas Kopf sehr oft mit einem Totenschädel. 
— Das ungarische Wort kapzsi (geldgierig) gab sicher auch 
eine Determinierung für die Verschiebung her. JSfjilürlich finde 
ich auch jene viel direkteren Assoziationswege, die Capua und 
Verona als geographische Begriffe und als italienische Worte 
mit gleichem Rhythmus miteinander verbinden." 

„Das gleiche gilt. von Erescia; aber auch hier finden sich 
verschkngene Seitenwege der Ideenvcrknüpfung." 

„Meine Antipathie war seinerzeit so heftig, daß ich Ve- 
ronika, förmlich ekelhaft fand und mehreremal mein Ersta.ancu 
darüber äußerte, daß sie doch oin Liebesleben haben und ge- 
Üebt werden konnte; ,sie zu küssen' — sagte ich — ,muß ja 
einen Brach reiz hervorrufen.' Und doch war sie sicher längst 
in Beziehung zu bringen zur Idee der gefallenen Schweizer 

Garde." 

„B r e s c i a wird, wenigstens hier in Ungarn, nicht mit dem 
Löwen, sondern einem anderen wilden Tier zusammen sehr 
oft genannt. Der bestgehaßte Name in diesem Lande wie auch 
in Oberitalien ist der des Generals Haynau, der kurzweg die 
Hyäne von Broscia genannt wird. Vom gehaßten Tyran- j.^ 

uen Haynau führt also der eine Gedankenfaden über Bresciä 
zur Stadt Verona, der andere über die Idee des' T o t e n g r ä b e r- 
tieres mit der.heiserea Stimme (der das Auftii-uchon 
eines Grabdenkmals mitbestimmt) zum Totenscbädel und 



il 



III- VERGESSEN VON NAMEN UND WORTFOLGEN. 35 

zum unangenehmen Orgaji der durch mein TJnl>Gwußte3 so arg 
beschimpften Veronika^ die seinerzeit in diesem Hause beinahe 
so tyraimisch gehaust hat wie der österreichische General nach 
den ungarischen und itahenischeu Freiheitskämpfen." 

„An LuRern knüpft sich der G-cdanke an den Sommer, 
den Veronika niit ihrer Dienstherrschaft am Vierwaldstätter 
See inderNähe von Luzern verbrachte; an die „Schwei- 
zer Garde" wiederum die Erinnonmg, daß sie nicht nur die 
Kinder, sondern auch die erwachsenen Mitglieder der Fa- 
milie zu tyrannisieren verstand und sich in der Rollo der 
Garde-Dame gefiel." 

,,Ich bemerke ausdrücklich, daß diese meine Antipathie 
gegen V. — bewußt — zu den längst überwundenen Dingen 
gehört. Sie hat sich inzwischen äußerlich wie iu ihren Ma- 
nieren sehr zu ihrem Vorteil verändert, und ich kann ihr 
(wozu ich allerdings selten Gelegenheit habe) mit aufrichtiger 
Freundlichkeit begegnen. Mein Unbewußtes hält, wie ge- 
wöhnlich, zäher an den Eindrücken fest, es ist .nachträglich' 
und nachtragend." 

„Die Tuilerien aiml eine Anspielung auf eine zweite 
Persönlichkeit, eine ältere französische Dame, die die Frauen 
des Hauses bei vielen Anlässen tatsächlich .gardiort' hat, 
und die von groß und klein geachtet — wohl ein wenig auch 
gefürchtet wird. ^Ich war- eine Zeitlang ihr elöve iu fran- 
zösischer Konversation. Zum Worte ,61öve- fällt mir noch ein, 
daß, als ich beim Schwager meines lieutigen Gastgebers in 
Nordböhmen auf Besuch war, ich viel darüber laclicn mußte, 
daß die dortige Landbevölkenmg die Eleven der dortigen 
Forstakademie ,LÖwen' nannte. Auch diese lustige Erinne- 
rung mag nn der Verschiebung von der Hyäne zum Löwen be- 
teiligt gewesen sein." 

' 3» 



-^ 

^ 



^ 



36 



III. VERGESSEN VON NAMEN UND WOßTFOLGEK. 



'k) Auch das naolisteli^nde Beispiel* kaaa zeigen, wie ein 
zurzeit die Person beherrschender Eigenkomplex ein Namen- 
vergesseu an weit abliegender Stelle hervorruft: 

„Zwei Männer, ein älterer und ein jüngerer, die vor sechs 
Mona.ten gemeinsam in Sizilien gereist sind, tauschen Erinne- 
rungen an jene schönen und inhaAtreichen Tage aus. ,Wie hat 
nur der Ort geheißen,' fragt der Jüngere, ,an dem wir über- 
nachtet haben, um die Partie nach Selinunt zu machend Ca,- 
latafimi, nicht wahr?' — Der Älter« weist dies zurück: ,Ge- 
wiß niclit, aber ich habe den Namen ebenfalls vergessen, ob- 
wohl ich mich an. alle Einzelheiten des Aufenthaltes dort sehr 
gut erinnere. Es reicht bei mir hin, daß ich merke, ein anderer 
'habe einen Namen vergessen; sogleich wird auch bei mir das 
Vergessen induziert. Wollen wir den Namen nicht suchen? Mir 
fällt aber kein anderer ein als Caltanisetta^ der doch gewiß 
nicht der richtige ist.' — ,Nein,' sagt der Jüngere, ,der Name 
fängt mit w an oder ea kommt ein w darin vor.' — ,Ein w 
gibt es doch im Italienischen nicht," mahnt der Ältere. — 
,Ich meinte ja auch nur ein v ym^ habe nur w gesagt, weil 
ich's von meiner Muttersprache her so gewohnt bin.' — Der 
Ältere sträubt sich gegen das v. Er meint: ,Ich glaube, ich 
habe iiberliaupt schon viele sizilianische Namen vergessen; 
es wäre an der Zeit, Versuclie zu machen. Wie heißt z. B. der 
hochgelegene Ort, der im Altertum Bnna geheißen hat? — 
Ah, ich weiß schon: Castrogiovanni.' — Im nächsten Mo- 
ment hat der Jüngere auch den verlorenen Namen wiederge- 
funden. Er ruft: Castelvetrano und freut sich, das behaup- 
tete V nachweisen zu können. Der Ältere vermißt noch eine 
Weile das Bekanntheitsgefühl; _nachaem er aber den Namen 
akzeptiert hat, soll er Auskunft darüber geben, weshalb er 

* Zentralblatt; für Psychoanalyse, I, 9, 1911- 



m. VEBßESSEN VON NAMEN UND WORTFOLGEN. 



ihm entfallen war. Er meint: jOffenbar weil die zweite Hälfte 
vetrano an — Veteran anklingt. Ich weiß schon, daß ich 
nicht gern ans Altern denke und in sonderbai-er Wcjise re- 
agiere, wenn ich daran gemaJint werde. So z. B, habe ich un- 
längst einem hochgescliätzton Freund in der merkwürdigsten 
Einkleidung vorgehalten, daß er , längst über die Jalire der 
Jugend hinaus sei', weil dieser früher einmal mitten unter den 
schmeielielhaftesten Äiißenuigeu über mich auch behauptete: 
,Ich sei kein junger Mami mehr.' Daß sich der Widerstand bei 
mir gegen die zweite Hälfte des'Namens Castelvetrano ge- 
richtet hat, geht ja auch daraus hervor, daß der Anlaut des- 
selben in dem Ersatzuamen Oaltanisetta wiedergekehrt 
war.' — ,Und der Name Oaltanisetta selbst?' fragt der 
Jünger^. — ,Der ist mir immer wie eiu Kosenamen für ein 
junges Weib erschienen;' gesteht der Ältere ein." 

„Einige Zeit später setzt er hinzu: ,Der Name für Enna 
war ja auch «in Ersatznajne. Und nun fällt mir a-uf, daß dieser 
mit Hilfe einer Nationalisierung vordringende Namen Castro- 
giovanni genau so an giovane — jung anklingt, wie der 
verlorene Name Castelvetrano an Veteran — alt.'" 

„Der Ältere glaubt so für sein Namen vergessen Rechen- 
schaft gegeben zu haben. Aus welchem Motiv der Jüngere 
zum gleichen Ausfallsphänomen gekommen ■war, wurde nicht 
untersucht." 

Neben den Motiven des Nainenvcrgessens verdient auch 
der Mechanismus desselben unser Interesse. In einer großen 
Reihe von Fällen wird ein Name vergessen, nicht weil er selbst 
solche Motive wachruft, sondern weil er durch Glcichklang und 
Lautähiüichkeit an einen anderen streift, gegen den sich diese 
Motive richten. Man versteht, daß durch solche Lockerung 
der Bedingungen eine außerordentliche Erleichterung für das 



;^sa— —^g^^ I ■!■ T-r-.- .i - ■ ■ ■ ~! 



38 ni. VERGESSEN VON NAMEN UND WO RTITÜLGE N. 



Zustandekommen des Phänomens gescliaffen wird. Öo in den 
folgenden Beispielen: 

l) Ed. Hitschmann (Zwei Fälle von Nameiivergessen. 

Internat. Zeitsclir. f. Psychoanalyse, I, 1913). 

II. „Herr N". will die Buchliandlmigsfirma ,Gilhof er mia. 

Eanschburg' jemandem angeben. Es fällt ihm aber trotz 

allen Nachdenkens nm' der Name Eaiischburg eiii, trotzderu. 

ihm die JTirma, sonst sehr geläufig ist. Mit einer leichten Ui:l~ 

bcifriedigung darüber nach Hause kommend, ist ihm die SacUe 

•wichtig genug, um den anscheinend bereits schlafenden Bruder 

nach der ersten Hälfte des Firmanamens zu fragen. Derselbe 

nennt ihn anstandslos. Darauf fällt Herrn N. sofort zu ,Gil. V 

hofer* das Wort .Gallhof ein. Zum ,Gallhof hatte er einige 

Monate vorher in Gesellschaft eines anziehenden MädcherLs 

eiaen er innerungs reichen Spaziergang gemacht. Das Mädchen 

hatte ihm als Andenken eiueu Gegenstand geschenkt, auf 

dem geschrieben steht: ,Zar lürinnenmg an die schönen Gal U 

hofer Stunden.' In den letzten Tagen vor dem Namenverges-. 

sen wurde dieser Gegenstand, scheinbar zufällig, beim raschen. 

Zuschieben der Lade durch N. stark beschädigt, was er ^^ 

mit dem Sinne von Symptomhandlungen vertraut — nicht ohne 

Schuldgefühl konstatierte. Er war in diesen Tagen in etwas 

ambivalenter Stimmung zu der Dame, die er. zwaj- liebte, doreu 

Ehewunsch er aber zaudernd gegenübei-staud." 

m) Dr. Hanns Sachs: I 

, In einem Gespräche über Genua und seine nächste Umge^ •> 
|.iung will ein junger Manu auch den Ort Pegli.neimen, kann 
den Namen aber erst mit Mühe, durch angestrengtes Nach- 
denken, erinnern. Im Nachhausegehen denkt er au das pein- 
liche Entgleiten dieses ihm sonst vertrauten Namens und wird 
dabei auf das ganz ähnlich klingende Wort Pell geführt. Er 






m. VERGESSEN VON NAMEN UND WORTFOLGEN. 39 

woiß. daß eiae Südsee-Insel so heißt, deren Bewohner ein paar 
merkwürdige Gebräuche bewahrt ha,ben. Er hat darüber vor 
kurzem in einem ethnologischen Werke gelesen und sich da- 
mals vorgenommen, diese Mitteihmgen für eine eigene Hypo- 
these zu verwerten. Donu fällt ihm ein, daß Peli auch der 
Schauplatz eines Romans ist, den er mit Interesse und Ver- 
gnügen gelesen ba.t, nämlich von ,Van Zantens glücklichste 
Zeit' von Laurids Bruun. — Die Gedanken, die ihn an 
diesem Tage fast unaufhörlich beschäftigt hatten, knüpften 
sich an einen Brießj den er am selben Morgen von einer ihm' ' 

sehr teuren Dame erhalten hatte; dieser Brief läßt ihn be- 

■ fürchten, daß er auf ein verabredetes Zusammentreffen werde 
verzichten müssen. Nachdem er den ganzen Tag in übelster 

' Laune zugebracht hatte, war er am Abend mit dem Vorsatz 
ausgegangen, sich nicht länger mit dem ärgerlichen Gedanken 
abzuplagen, sondern die ihm in Aussicht stehende und von 
ihm äußerst hoch geschätzte Geselligkeit möglichst ungetrübt 
zu genießen. Es ist klar, daß durch da^ Wort Pegli sein Vor- 
satz arg gefährdet werden konnte, da dieses mit Peli lautlich ^ 
so eng zusammenliängt; Peli aber, da es durch das etlino- 
logische Interesse die Ich-Beziehung gewonnen hatte, verkör- 
pert nicht nur Van Zantens, sondern auch seine eigene .glück- 
lichste Zeit' und deshalb auch die Befürchtungen und Sorgen, 
die er tagsüber genährt hatte. Es ist charakteristiscli, da(.l 
diese einfache Deutung erst gelang, nachdem ein zweiter Brief 
die Zweifel in eine fröhliche Gc;wißheit baldigen Wieder- 
sehens umgewandelt hatte." 

Erinnert man sich bei diesem Beispiel an das ihm sozus:jgen 
benachbarte, in welchem der Ort Nervi nicht erinnert werden 
kann (S. 26), so sieht man, wie sich der Doppelsinn eines Wortes 
durch die Klangähnlichkeit zweier Worte ersetzen läßt. 



40 



Iir. VKRGESSEN VON WAMKN UND WORTFOLGEN. 



y ^ 



n) Als 1915 der Krieg mit Italien ausbrach, konnte ich aai 
mir die Beobax^htung machen, daß meinem Gedächtnis plötzlich 
eine ganze Anzahl von ^'amen italienischer Örtlichkeiten ent- 
zogen war, über die ich sonst leicht verXügt hatte. Wie so 
viele aadere Deutsche hatte ich es mir zur Gewohnheit gemacht, 
einen Teil der Ferien auf italienischem Boden anzubringen, und 
konnte nicht daran zweifeln, daß dies massenhafte Namenver- 
geasen der Ausdruck der begreiflichen Verfeindung mit Italien 
war, die nun an die Stelle der früheren Vorliebe trat. Neben 
diesem direkt motivierten Namenvergesseu machte sich aber 
auch ein indirektes bemerkbar, welches auf denselben Einfluß 
zurückzuführen war. Ich neigte auch dazu, nicht italienische 
Ortsnamen zu vergessen, und fand bei der Untersuchung dieser 
Vorfälle, daß diese Namen irgendwie durch entfernten Anklang 
mit den verpönten feindlichen zusammenhingen. So quälte ich 
mich eines Tages mit dem Erinnern des mährischen Städte- 
namens Bisenz. Als er mir endlich einfiel,' wußte ich so- 
fort, daß dieses Vergessen aui Rechnung des Pala,zzo Bi- 
senziinOrvietozu setzen sei. In diesem Falazzo befindet 
sich das Hotel Belle Arti, wo ich bei jedem meiner Aufenthalte 
in Orvieto gewohnt hatte. Die liebsten Erinnerungen waren 
na.türlich durch die veränderte Gefühls ein Stellung am stärk- 
sten geschädigt worden. 

Es ist auch zweckmäßig, daß wir uns durch einige Beispiele 
daran mahnen lassen, in den Dienst wie verschiedener Absich- 
ten sich die Fehlleistung des Namenvergessens stellen kann. 
o) A J. Storfer (Zur Psychopathologie des Alltags. 
Internat. Zeitschrift f. ärztl. Psychoanalyse, II, 1914). 



Iir. VERGESSEN VON NAMEN UND WORTFOLGEN. 



41 



1. Namenvergesseii zur Sicherung eines Vorsatz- 

yergessens. 

„Eine Basler Dame wird eines Morgens verständig fi, daß 
ihre Jugendfreundin -Selraa X aus Berlin, die eben auf ihrer 
Hochzeitsreise begriffen ist, auf der Durchreise in Basel ange- 
komroen ist ; die Berliner Preundin soll iiur einen Tag in Basel 
bleiben, und die Basleriu eilt daher sofort ins Hotel. Als die 
Freundinnen auseinandergehen, verabreden sie, nachmittags 
wieder zusajumenzukonimen und bis zur Abreise der Berli- 
nerin beisammen zu bleiben. 

Nachmittags vergißt die Ba^lerin das Eendezvous, Die 
Determination dieses Vergessens ist mir nicht bekannt, doch 
sind ja gerade in dieser Situation (Zusammentreffen mit einer 
eben verheirateten Jugendfreundin) mehrerlei typi- 
sche Konstellationen möglich, die eine Hemmung gegen die 
Wiederholung der Zusammenkunft bedingen können. Das 
Interessante an diesem Falle ist eine fernere Fehlleistung,- 
die eine unbewußte Sicherung der ersten daa-stellt. Zur Zeit, 
da. sie wieder mit der Freundin aus Berlin zusammenkommen 
sollte, befand sich die Baslerin an einem anderen Orte in Ge- 
sellschaft. Es kam auf die vor kurzem erfolgte Heirat der 
Wiener Opernsängerin Kurz die Rede. Die Basier Dame 
äuJJerte sich »in. kritischer Weise (I) über diese Ehe, als sie 
aber den Namen der Sängerin aussprechen wollte, fiel ihr zu 
ihrer größten Verlegenheit der Vorname nicht ein. (Bekannt- 
lich neigb man gerade bei einsilbigen Familiennamen besonders 
daau, den Vornamen mitzunennen.) Die Basler Dame ärgerte 
sich um so mehr über die Gedächtnisscjliwäche, als sie die 
Sängerin Kurz oft singen gehört hatte und der (ganze) 
Name ihr sonst geläufig 'war. Ohne daß vorher jemand anderer 



42 



ni. VEKGESSKN VON NAMEN UND WOKTt'OLGEN. 



den entfallenen Vornamen genannt hätte, nalim das Gespräxili 
eine andere Wendung. 

Am Abend desselben Tages befindet sich unsere Basler 
Dam« in einer mit der nachmittägigen znm Teil identischen. 
Gesellschaft. Es kommt zufällig wieder auf die Ehe der 
Wiener Sängerin die Rede und die Dame neimt ohne jede 
Schwierigkeit den Kamen ,Selma Kurz'.^ Dem folgt anch 
gleich ihr Ausruf: ,Ach, jetzt fällt mir ein: ich habe ganz 
vergessen, daß ich heute nachmittag eine Verabredung mit 
meiner i'reundin Selma hatte.' Ein Blick auf die Uhr aeigte, 
daß die Freundin schon abgereist sein mußte." 

Wir sind vielleicht noch nicht vorbereitet, dieses schöne- 
Beispiel nach all seinen Beziehungen zu würdigen. Einfacher 
ist das nachfolgende, in dem zwar nicht eiii Name, aber ein 
fremdsjjrachliches Wort aus einem in der Situation liegenden 
Motiv vergessen wird. Wir bemerken schon, daJ3 wir dieselben 
Vorgänge behandeln, ob sie sich nun auf Eigemiamen, Vor- 
namen, fremdsprachliche Worte oder Wortfolgen heziehen. 
Hier vergißt ein junger Maim daS' englische Wort für 
Gold, das mit dem deutschen identisch ist, um Anlaß zu 
einer ihm erwünschten Handlimg zu finden. 
p) Hanns Sachs: 

„Ein junger Mann lernt in einer gemeinsamen Pension eine "^ 
Engländerin kennen, die ihm gefällt. Als er sich am ersten 
Abend ihrer Bekanntschaft in ihrer Muttersprache, die er so 
ziemlich beherrscht, mit ihr unterhalt und da.bei das englische 
WorL für ,Gold' verwenden will, fällt ihm trotz angesti-engten 
Suchens das Vokabel nicht ein. Dagegen drängen sich ihm 
als Ersatzworte das französische ,or', das lateinische ,aurum' 
und dafa griechische .chrysos' hartnäckig auf, so daß er nur mit 
Mühe im stände ist, sie abzuweisen, obgleich er bestimmt weiß. 



f 



HI. VERGESSEN VON NAMKN UND WOKTFOLGEN. 



43 



daß sie mit dem gesuchten Worte keine Verwandtschaft haben. 
]'> findet schließlich keinen anderen Weg, sich verständlieh 
zu machen, als den, einen goldenen Ring, den die Dame an 
der Hand trägt, zu berühren; sehr beschämt erfahrt er nun 
von ihr, daß das langgesuchte Wort für G'old genau so iauts 
wie daa deutsche, nämlich gold. Der hohe Wert einer solchen, 
durch das Vergessen herbeigeführten Berülirung liegt nicht 
bloß in der unanstößigen Befriedigung des Ergreii'ungs- oder 
Berührungstriebes, die ja auch bei anderen, von Verliebten 
eifrig ausgenutzten Anlässen möglich ist, sondern noch viel 
mehr darin, daß sie eine Aufklärung über die Aussichten der 
Bewerbung ermöglicht. Das Unbewußte der Dame wird, be- 
sonders wenn es dem Gesprächspartner gegenüber sympathisch 
eingestellt ist, den hinter der harmlosen Maske verborgenen 
erotißchen Zweck des Vergessens erraten; die Art und Weise, 
wie sie die Berührung aufnimmt und die Motiviei-ung gelten 
läßt, kann so ein beiden Teilen unbewußtes, aber sehr bedeu- 
tungsvolles Mittel der Verständigung über die Chancen des 
eben begonnenen Flirts werden." 

q) Ich teile noch nach J. Stärcke eine interessante Be- 
obachtung von Vergessen und Wiederauffinden eines Kigou- 
namens mit, die siuli da^durch auszeichnet, daß mit dem Na- 
menvergessen die Fälschung der Wortfolge eines Gedichtes 
wie im Beispiel der „Braut von Korinth" verbunden ist. (Aus 
der holländischen Ausgabe dieses Buches unter dem Titel: 
De invloed van ons onbewuste in ons dagelijksche leven, Am- 
sterdam 191G, deutsch abgedruckt in Intern. Zeitschrift für 
ärztliche Psychoanalyse, IV, 1916.) 



44 



in. VERGESSEN VON NAMEN UND "WOETFOLGEN. 



4. Ein Fall von Namenvergessen und falsch 

Erinnern. 
„Ein alter Jurist und Sprachgelehrtcr, Z., erzählt in Ge- 
sellschaft, daß er in seiner Studentenzeit in Deutschland einen 
Studenten gekannt hat, der außerordentlich dumm war, xmd 
über dessen Dummheit er manche Anekdote zu erzählen weiß. 
Er kann sich aber an den Namen dieses Studenten nicht er- 
innern, glaubt, daß dieser Name mit W anfangt, nimmt dies 
aber später wieder zurück. Er erinnert sich, daß dieser dumme 
Student später Weinhändler geworden ist, Dana erzählt 
er wieder eine Anekdote von der Dummheit desselben Studen- 
ten, verwundert sich noch einmal darüber, daß sein Nam-e 
ihm- nicht einfä,llt, und sagt dann : ,Er war ein solcher Esel, 
daß ich noch nicht begreife, daß ich ihm mit Wiederholen 
Lateinisch habe eintrichtern können.' Einen Augenblick später 
erinnert er sich, daß der gesuchte Name ausgeht auf ... man. 
Jetzt fragen wir ihn, ob ihm ein anderer Name, der auf man 
ausgeht, einfällt, und er sagt: , Erdmann'. — ,Wer ist denn 
das?' — ,Das war auch ein Student aus dieser Zeit.' — Seine 
Tochter bemerkt aber, daß es auch einen Professor Erdmann 
gibt. Bei genauerer Erörterung zeigt sich, daß dieser Pro- 
fessor Erdmann vor kurzem eine von Z. eingesandte Arbeit 
nur in verkürzter Form in eine von ihm redigierte Zeitschrift 
hat aufnehmen lassen und zum Teil damit nicht einverstanden 
wai, usw., und daß Z. das als ziemlich xmangenehm empfunden 
hat. (Überdies vernahm ich später, daß Z. in früheren Jahren 
wohl einmal die Aussicht gehabt hat, Professor in demselben 
Fache zu werden, worin jetzt Professor E. doziert, und daß 
dieser Name also auch in dieser Hinsicht vielleicht eine emp- 
findliche Saite berührt.) 

Jetzt fällt ihm plötzlich der Name des dummen Studenten 



'1 



eia: ,Liiideman!' Weil or sich, schon früher erinnert hatte, 
daß der Name auf ...man ausgeht, war also ,Linde' noch 
länger verdrängt geblieben. Auf die Frage, was ihm hei ,Linde' 
einfällt; sagt er zuerst: , Dabei fällt mir gar nichts ein.' Auf 
mein Drängen, daß ihm bei diesem Worte doch wohl etwas ein- 
fallen wird, sagt er, indem er aufwärts blickt und mit der 
Hand eine Gebärde in der Luft macht: ,Nun ja, eine Linde, 
das ist ein schöner Baum.' Weiter will ihm dabei nichts ein- 
fallen. Alle schweigen und jedermaJin verfolgt seine Lektüre 
und andere Beschäftigung, bis Z. einige Augenblicke später 
in tränmerischem Tone folgendes zitiert: 

, Steht er mit festen 
Gefügigen Knochen 
Auf der Erde, 
So reicht er nicht auf, 
Nur mit der Linde 
Oder der Rebe 
Sich zu vergleichen.' 

Ich stieß eiueu Triumphschrei ans : ,Da haben wir den Erd- 
mann,' sagte ich. , Jener Mann, der ,auf der Erde steht', das 
ist also der Erde-Maim oder Erdmann, kann nicht aufreichen, 
sich mit der Liride (Lindeman) oder der Rebe (Weiix- 
händler) zu vergleichen. Mit anderen Worten: jener Linde- 
man,' der dumme Student, der. später Weinliändler geworden 
ist, war schon ein Esel, aber der Erdmann ist ein noch 
viel größerer Esel, kann sich mit diesem Lindeman noch nicht 
vergleichen.' — Eine solche im Unbewußten gehaltene Hohn- 
oder Schmährede ist etwas sehr Gewöhnliches, darum kam 
es mir vor, daß die Hai^ptursache des Namenvergessens jetzt 
wohl gefunden war. 



46 



in. VEEGESSEN VON NAMEN UND WORTt'OLGEN. 



Ich fragte jetzt, aus welchem Gedichte die zitierten Zeilen 
ßtammtea. Z. sagte, daß es ein Gedicht von Goethe sei, er 
glaubte, daß jes anfängt: , 

Edel sei der Mensch 
Hilfreich und gut ! 

und daß weiter auch darin vorkommt: 

Und hebt er sicli aufwärts, 
So spielen mit ihm die Winde. 

-Am nächsten Tag sxichte ich dieses Gedicht von Goethe 
auf, und es zeigte sich, daß der. Fall noch hübscher (aber auch 
komplizierter) -war, als er erst zu sein schien. 

a) Die ersten zitierten Zeilen lauten (vgl. oben): 

Steht er mit festen 
Markigen Knochen, 

Gefügige Knochen wäre eine ziemlich fremdartige Kom- 
bination. Darauf will ich aber nicht' näher eingehen, 

b) Die folgenden Zeilen dieser Strophe lauten (vgl oben) : 

Auf der wohlbegründoten 

Dauernden Erde, 

Eoicht er nicht auf, 

Nur mit der Eiche 

Oder der Rebe 

Sich zu vergleichen. 
Es kommt also im ganzeu Gedicht keine Linde vor! I>er 
Wechsel von Linde statt Eiche hat (in seinem Unbewußten) nur 
stattgefunden, um das Wortspiel ,Erde — Linde — Rebe' zu er- 
möglichen. 

c) Dieses Gedicht heißt: ^Grenzen der Menschheit' und ent- 
hält eine Vergleichung zwischen der Allmaclit der Götter und 



nt. VEUGESSEN VON NAMEN UND WORTFOLGEN. 



47 



der goringeii Maclit des Mensclicu. ])as Gedickt, desseu An- 
fang lautet; 

Edßl aei der Kenscli, ■ ■ 
Hilfreich iiud. gut ! 

ist aber ein anderes Gfedicht, das einige Seiten weiter steht. 
Es heißt: ,Daä Göttliche', und enthält ebenso Gedaaiken über 
Götter und Menschen. Weil hierauf nicht näher eingegangen 
worden ist, kann ich liöchsteus vermuten, da,ß auch Gedanken 
über Leben und Tod, über das Zeitliche und. das Ewige und 
über das eigene schwache Leben und den künftigen Tod beim 
Entstehen dieses Falles eine Rolle gespielt haben." 

In manchen dieser Beispiele weVden alle Feinheiten der 
psycboanalytisclien Technik in Anspruch genommen, um ein 
Namenvergessen aufzuklären. Wer mehr von solcher Arbeit 
kennen lernen will, den verweise ich auf eine Mitteilung von 
E. Jones (London), die aus dem Englischen übersetzt ist*. 

Ferenczi hat bemerkt, daß das Xamenvergessen auch 
als hysterisches Symptom nuftreten kami. Es zeigt dann 
einen Mechanismus, der sich von dem der Fehlleistung weit 
entfernt. Wie diese Unterscheidung gemeint ist, soll aus 
seiner Mitteilung ersichtlich werden; 

„loh liabe jetzt eine Patientin, ein alterndes Fräulein, in 
Behandlung, der auch die gebräuchlichsten und ihr bestbe- 
kannten Eigennamen nicht einfallen wollen, obwohl sie sonst 
ein gutes Gedächtnis hat. Bei der Analyse stellte sich heraus, 
daß sie durch dieses Symptom ihre Unwissenheit dokamen- 
tiercn will. Diese demonstrative Horvorkehrimg ihrer Ignoi-anz 
ist aber eigentlich ein Vorwurl gegen ihre Eltern, die ihr 

• Analyae eines Falles voq Namen vergessen. Zeulralblatt für Psycho- 
nnalyse, .Tnlirg. H, TlefL 2, 1911. 



48 



TU. VEEGESSEN VON NAMEN UND WORTFOLGEN. 



keine höhere Schulbildung zu teil werden ließen. Auch ihr 
quälender Zwang zum Reinemachen (,Hausfrauenpsychose*) ^i 
entspringt zum Teil aus derselben Quelle. Sie will damit 
ungefähr sagen: Ihr habt einen Dienstboten aus mir gemacht."' ■> 

Ich könnte die Beispiele von Namenvergessen vermehren - 
"und die Diskussion derselben sehr viel weiter führen, wenn ich 
nicht vermeiden wollte, tast alle Gesichtspunkte, die für spä- ', 
tere Themata in Betracht kommen, schon hier beim ersten zu 
erörtern. Doch darf ich mir gestatten, die Ergebnisse der hier 4 
mitgeteilten Analysen in einigen ' Sätzen zusammenzufassen.: 

Der Mechanis mus des Namen vergessens (richtiger: des 
Entfallens, zeitweiligen Vergessens) besteht in der Störung 
der intendierten EepTOduktion des Namens durch eine fremde 
und derzeit nicht bewußte Gedankenfolge. Zwischen dem 
gestörten Namen und dem störenden Komplex besteht ent- 
weder ein Zusammenhang von -vornhei^in, oder ein solcher hat 
sich, oft- auf gekünstelt erscheinenden Wegen, durch ober- 
flächliche (äußerliche) Assoziationen hergestellt. 

Unter d-en störenden Komplexen erweisen sich die der 
Eigenbeziehung (die persönlichen, familiären, beruflichen) als 
die wirlisamsten. 

Ein Name, der infolge von Mehrdeutigkeit mehreren Ge- 
dankenkreisen (Komplexen) angehört, wird häufig im Zu- 
sammenhange der einen G^dankenfolge durch seine Zugehö- 
rigkeit zum anderen, stäi'keren Komplex gestört. 

Unter den Motiven dieser Störungen leuchtet die Absicht 

\ hervor, die Erweckung von Unlust durcli Erinnern zu vermeiden. . 

\ Man kann im allgemeinen zwei Hauptfälle des Namenver- 

I gessens unterscheiden, wenn der Name selbst an Unangenehmes 

l rührt, oder wenn er mit anderem in Verbindung gebracht ist, 

l dem solche Wirkung zukäme, so daß Namen um ihrer selbst 



-i 



1 



nr. VKRGESSKN VON NAMF,N irMD WORTFOT.OKN. 



49 



willen oder wegen ihrer näherem oder entft^rnteren Ässoziations- 
bcxieljungeu in der Keproduktion gestört werden können. 

Ein Überblick dieser allgemeinen Sätze läßt uns verstehen, 
daß das zeitweilige Nainenvergcssen als die häurigste unserer 
Fehlleistungen zur Beobachtung koninit. 

Wir sind indes weit davon entfernt, alle Eigentümlich- 
keiten dieses Phänomens verzeichnet zu haben. Ich will noch 
darauf hinweisen,* daß das Nanienvergessen in holiem Grade 
ansteckend ist. In einem Gresprache zweier Pei-sonen reicht 
PS oft liin, daß die eine äußere, sie habe diesen oder Qenen 
Namen vergessen, um ihn auch bei der zweiten Person ent- 
fallen zu lassen. D-och stellt, sich dort, wo das Vergessen 
induziert ist, der vergessene Name leichter wieder ein. Dies 
„kullektive" Vergessen, streng genommen ein Phänomen der 
Massenpsychologie, ist noch nicht Gegenstand der Analyti- 
.gchen Untersuchung geworden. In einem einzigen, aber be- 
.sonders schonen, Fall hat Th. R e i k eine gute Erklärung 
dieses merkwürdigen Vorkommens geben können *. 

„In einer kleinen Gesellschaft von Akademikern, in der 
sich auch zwei Studentinnen der Pliilosophie befanden, sprach 
man von den zalilreichen Fragen, welche der Ursprung des 
Ohrist-entunis der Kulturgeschichte und Keligionswissenschaft 
aufgibt. Bic eine der jungen Damen, welche sich am Gespräch 
beteiligte, erimierte sich, in einem engUschen Roman, den sie 
kürzlich gelesen hatte, ein anziehendes Bild der vielen reli- 
giösen Strömungen, welche jene Zeit bewegten, gefunden zu 
haben. Sie fügte hinzu, in dem Roman werde das ganze Leben 
Christi von der Geburt bis zu .seinem Tode geschildert, docli 
wollte ihr der Name der' Dichtung nicht einfallen (die visuelle 



*) Th. Reik, Ober kollektivos Vergessen. luteriiat. Zeitschi-il'L für 
PsycliOBDiilyse, VI, 1020. 

Freud, Paychopotliolo^ift iIpb AlItnasTobeng. VUI. *nfl. 4 



r 



r)0 



m. VERGESSEN ^■0N NAMEN UND WORTFOLGEN. 



Erinnerung an d^^n Umsclüag des Buches und an das typogra- 
phische Bild des Titels war überdeutlicli). Auch drei von. 
den anwesenden Herren behaupteten, den Roman zu kennen, 
und bemerkten, daß auch ihnen sonderbarerweise der Najne. 

nicht zur Verfügung stehe." 

Nur die jUTige Dame unterzog sich der Analyse zur Auf- 
klärung dieses Eamenvergesscns. Der Titel des Buches lau- 
tete: Ben Hur (von Lewis Wallace). Ihre Ersatzeinfälle 
waren: Ecce liomo — homo sum — quo vadis7 gewesen.-. _ 
Das Mädchen verstand selbst, daß sie den Kamen vergessen^ 
„weil er einen Ausdruck cuthält, den ich und jedes andere 
junge Mädchen — noch dazu in G-esellschaffc junger Leute — . 
nicht gern gebrauchen wird". Diese Erklärung fand durch,.; 
die sehr interessante Analyse eine weitere Vertiefung. In denx" 
einmal berührten Zusammenhang hat ja auch die Übersetzung 
von homo: Mensch, eine anrüchige Bedeutung. Roifc 
schließt nun: Die junge Dame behandelt das Wort so, alg 
ob sie sich mit dem Aussprechen jenes verdächtigen Tltelg 
vor jungen Mämiem su den Wünschen bekannt liätte, die sie^ 
a.ls ihrer Persönlichkeit nicht gemäß und als peinlich abge- r 
wiesen hat. Kürzer gesagt : unbewußt setzt sie das Aug- 
sprechen von ,,Ben Hur" einem' sexuellen Angebot gleich luid 
ihr Vergessen ent-sprioht demnach der Abwehr einer unbe-- 
wußten Versuchung dieser Art. Wir haben Grund zur An- 
nahme, daß ähnliche unbewußte Vorgänge das Vergessen der 
jungen Männer bedingt haben. Ihr Unbe\vußtes hat das Ver- \ 
gessen des Mädchens in seiner wirklichen Bedeutung erfaßt ^{ 

und es gleichsam gedQutet Das Vergessen der 'j 

Männer stellt eine Rücksicht auf solch abweisendes Verhal- 
ten dar. , .... Es ist so, als hätte ihnen ihre Gesprächs- 
partnerin durch ihre plötzliche Gedächtnisschwäche einen 



III. VERGESSEN VON NAMEN UND WORTFOLGEN'. 



51 



deutlichen Wink gegeben, den die Männer unbewußt wohl ver- 
standen hätten. 

■ Es kommt auch ein fortgreaetzte s Namen vergessen vor, bei 
dem ganae Kettnän von Namen dem Gedächtnis entzogen wer- 
den. Hascht man, um einen entfallenen Namen wiederzul'iu- 
den, nach anderen, mit denen joner in fester Verbindung steht, 
so entfliehen nicht selten auch diese neuen als Anhalt auf- 
gesuchten Namen. Das Vergessen springt so von einem Na- 
men, zum anderen über, wie um die Existenz eines nicht leiclit 
zu beseitigenden Hindernisses zu beweisen. 



IV. 
ÜJ3ER KINDHKITS- UND DECK EEINNERUN GEK. 



In einer zweiten Abhandlung (1899 in der Monatsschrift 
für Psychiatrie und Neurologie veröffentlicht) habe ich die 
tendenziöse Natur unseres Erinnerns an unvermuteter Stelle 
nachweisen können. Ich bin von der (auffälligen Tatsache aus-" 
gegangen, daß die frühesten Kindheitserinnerimgen einer Per- 
son, häufig bewahrt zu haben sclieinen, was gleichgültig und. 
nebensächlich ist, wäJirend von wichtigen, eindrucksvollon." 
und a.ff nktreichen Eindrücken dieser Zeit (häufig, gewiß nicht ^ 
allgemein!) sich im Gedächtnis der Erwachjsenon keine Spar 
■ vorfindet. Da eß bekannt ist, daß das Gedächtnis unter den. 
ihm dargebotenen Eindrücken eine Auswahl trifft, stände maiv; 
hier vor der Annahme, daß diese Auswahl im Kindesalter nach, ^ 
ganz anderen Prinzipien vor sich geht als zur Zeit der intel- 
lektuellen Reife. Eingehende Untersuchung weist aber nach, 
A daß diese Annahme überflüssig ist. Die indifferenten Kind- 
heitscrinnerungen verdanken ihre Existenz einem Verschie— i 
buDgsvorgang; sie sind der Ersatz, in der Eeproduktion für 
andere wirklich bedeutsame Eindrückß, deren Erinnerung sich 
durch psychische Analyse aus ihnen entwickeln läßt, deren. 
direkte Reproduktion aber durch einen Widerstand gehindert. 
\ ist. Da sie ihre Erhaltung nicht dem eigenen Inhalt, sondern 
\ einer assoziativen Beziehung ihres Inhalts zu einem anderen,-- 



IV. ÜBEH KINDHEITS- UND DECKERIKNEBUNGEN. 53 

verdrängteil, verdanken, liabeu sie auf den Namen ,,Deekiiniine- 
rungen^", mit welchem icli sie ausgezeiclinet lia,be, begründeten 
Anspruch. 

Die Maixiiigfaltigkeiten in den Beziehungen und liedeu- 
tungc'u der Decke rinne ningen habe ich in dem erwähnten Änf- 
sata mir gestreift, Iceiueswegs ez-schöpft. An dem dort aus- 
führlich iuialysiiaten Beispiel habe ich eine Bes-onderbeit d er 
zeitlichen Relation zwi5c h<ni der Decke rin ner ung u nd dem 



(h]TcIj^_sie gedeckte n Inhalt besonders hei-vorgehoben. Der 
Inhalt der Deckerinnerung gehörte dort uänüich einem der 
ersten Kinderjahrc an, während die durch sie im Gedächtnis 
vertretoucu Geihuikenerlebnisse, die fast unbewußt geblieben 
waren, in späte Jahre des Betreffenden fielen. Ich nannte diese 
Art der Verschiebung eine rüc kgreif ende oder r ück- 
läufig e. Vielleicht nocli häufiger begegnet man dem ent- 
gi^gengeselzten Verliältniy, daß ein indifferenter Eindruck der 
jüngsten Zeit sicli als Deckerinnerung ini Gredäehtnis fest- 
setzt, der diese Auszeichnung nur der Verknüpfung mit einem 
früheren Erlebnis verdaaikt, gegen dessen direkte Reprodaktion 
sich Widerstände erheben. Dii-s wären vorgreifende oder^ 
V o r ges c h o b e ne Deckerinnerungon . Da-s Wesentliche, was 
das Ocdächtiiis bekümmert, liegt hier der Zeit nach hinter 
der Duckerimierung. Endlich wird der dritte uocli mügliclie 
Fall nicht vermißt, daß die Deckerinnerung nicht nur durch 
iliren Inhalt, sondern auch durcli Kontinguität in der Zeit 
mit dem von ihr gedeckten Kindruck verknüpft ist, also die 
g 1 e i c h z c i tj^g oder a n s t o ß c n de Deckerinnerung. 

Ein wie großer Teil unseres Gedächtnisschatzes in die 
Kategorie der Deijkcrinuerungen goliört, und welche KoUe bei 
verseil icdenen neurotischen Denkvorgäugen diesen zufällt, das 
sind Probleme, in deren Würdigung ich weder dort eingegan- 



54 



IV. ÜBER KINDHEIT^- UND DECKERINNEEUNGEN. 



gen bin, nocli hier eintreten werde. Es kommt mir nur dar- 
auf an, die Gleicliartigkeit zwischen dem Vergessen von Eigen- 
namen mit Fehlerinnern und der Bildung der Deckerinnerungen 
hervorzuheben. 

Auf den ersten Anblick sind die Verschiedenlieiten der 
beiden Phänomene weit auffälliger als ihre etwaigen Analogien. 
Dort handelt es sich um Eigennamen, hier um kornj^lette 
Eindrücke, um entweder in der Realität oder in Gedankea Er- 
lebtes; dort um ein manifestes Versagen der Erinnermigs- 
funktion, hier um eine Erinnei;ungsleistung, die uns- befrena- 
dend erscheint; dort um eine momentane Störung — denn 
der eben vergessene Name kann vorher hundertmal richtig 
reproduziert -worden sein und es von morg-en an wieder wer- 
den — , hier um dauernden Besitz ohne Ausfall, denn die in- 
differenten Kindheitserinnei-uugen scheinen uns durch ein 
langes Stück unseres LfCbens begleiten zu. können. Dos Rätsel 
scheint in diesen beiden Fällen ganz anders orientiert zu sein. J 
Dort ist es das Vergessen, hier das Erhaltensein, was unsere 
wissenschaftliche Neug;ierde rege macht. Nach einiger Ver-., 
Liefung merkt man, daß trotz der Verschiedenheit im psychi- 
schen Material und in der Zeitdauer der beiden Phänomene die ^ 
Übereinstimmungen weit überwiegen. Es handelt sich hier 
wie dort um das Fehlgehen des Erimierns ; es -wird nicht das ^ 
vom Gredächtnis reproduziert, was korrekterweise reproduziert j 
werden sollte, sondern etwas anderes sum Ersatz. Dem Ealle 
des Namenvergessen s fehlt nicht die Gedächtnisleistung in 
der Form der Ersatznamen. Der Fall der Deckerinner ungs- -^ 
bildung beruht auf dem Vergessen von anderen, wichtigeren 
Eindrücken. In beiden Fällen gibt uns eine intellektuelle Emp- 
findung Kunde von der Einmengung einer Störung, nur jedes- ^ 
mal in anderer Form. Beim Namenvergeüsen wissen wir, 



IV. ÜBER KINDHEIT«- UND DECKERINNKRÜNGEN. 55 

äa& die Ersatznamen falsch sind; bei den Deckerinuerimgen 
verwandern wir uns, daJ3 wir sie überhaupt besitzen. Wenn 
dann die psychologische Analyse nachweist, daJ3 die Ersatz- 
bildung in beiden Fällen auf die nämliche Weise durch Ver- 
schiebung längs einer oberflächlichen Assoziation zu stände 
gekommen ist, so tragen gerade die Verschiedenheiten im 
Material, in der Zeitdauer und In der Zentrierung der beiden 
Phänomene dazu bei, unsere Erwartung zu steigern, daß wir 
etwas Wichtiges und Allgemeingültiges aufgefunden haben. 
Dieses Allgemeine würde la.uten, daß das Versagen und Irre- 
gehen der reprodtizierendeu Eunktion weit häufiger, als wir 
vermuten, auf die Einmengung eines pai'teiischen Faktors, einer 
Tendenz hinweist, welche die eine Erinnerung begünstigt, 
während sie einer anderen entgegenzuarbeiten bemüht ist. 

Das Thema der Kindheitserimieruugen erscheint mir sj 
bedeutsam nnd interessant, daß ich ihm noch einige Bcmer- 
fcungen widmen möchte, die über die bisherigen Gesichts- 
punkte hinausgehen. 

Wie weit zurück in die Kindlieit reichen die Erinnerungen? 
VjS sind mir einige Unt-ersuchungen über diese Frage bekannt, 
so von V. et C. Henri* und Fotwin**; dieselben ergeben, 
dali große individuelle Verschiedenheiten bei den Untersuchten 
l^estehou, indem einzelne ihre erste Erinnerung in den sechsten 
Lebensmonat verlegen, andere von ihrem Leben bis zum voll- 
endeten sechsten, ja achten Lebensjahr nichts wissen. Aber 
womit hängen diese Verschiedenheiten im Verhalten der liind- 
heitseriime rangen ■zusammpn, und welche Bedeutung kommt 



• Enqulto sur les ptemiers souveairs de Tenfauce. L'anaöe psyclio- 
logique, III, 1897. 

♦• Study of early memorieH, Psycholog. Review, 1901. 



I 



56 IV. ÜBER KINDHEITS- UND DFXKEEINNEliUNGEN. 

ilinen zu? Es ist offenbar nicht ausreichend, das Material 
für diese Fragen durch Sauimelerkumligimg herbeizuschaffen ; 
es bedarf dann noch einer Bearbeitung desselben, au der die 
auskunftgebende Person beteiligt sein muß. 

Ich meine, -wir nehmen die Tatsache der infaniilen Amnesie, 
des Ausfalls der Erinnerungen für die ersten Jahre unseres 
Lebens viel zu gleichmütig hin und versäumen es, ein selt- 
sames Kätsel iu ihr zu finden. Wir vergessen, welch hoher 
intellektueller Leistungen und wie kompliKit;rter Gefühlsregun- 
gen ein Kind von. etwa vier Jahren fähig ist, und sollten uns 
geradezu verwimdera, daß das Gedächtnis späterer Jalire voü 
diesen seelischen Vorgängen in der Regel so wenig bewabrt | 

hat, zumal da wir allen Grund zur Annahmn haben, daß diese 
selben vergessenen Kindheitsleistungen nicht etwa spurlos an 
der Entwicklung der Person abgeglitten sind, sondern einen 
für alle späteren Zeiten bestimmenden Einfluß ausgeübt haben. | 

Und trotz dieser unvergleichlichen Wirksamkeit sind sie ver- 
gessen worden! Es weist dies auf ganz speziell geai'tete Be- ( 
dingungen des Erinnerns (im Sinne der bewußten Reproduk- 
tion) hin, die sich unserer Erkenntnis bisher entzogen haben. r 
Es ist sehr wohl möglich, daß das Kindheits vergessen uns den 
Schlüssel zum A'erständnis jener Amnesien liefern kann, die * 
nach unseren neueren Erkenntnissen der Bildung aller neuro- 
tischen Symptome zu Grunde liegen. ( 

Von den erhaltenen Kindheitserinnerungen erscheinen Uns 
einige gut begreiflich, andere befremdend oder unverständlich, ^ 

Es ist nicht schwer, einige Irrtümer in betreff beider Arten zu ' 

berichtio'pn. Unterzieht man die erhaltenen Erinnerungen eines 5 

Menschen einer analytischen Prüfung, 30 kann man leicht fest- 
stellen, daß eine Gewälir für die Richtigkeit derselben nicht be- 



V 



IV. ÜJiER KINDHEITS- USD DECKERIN'VTKRUNGEN. 57 

steht. Einige der Eiimierungsbikior sind sicherlich gefälscht,- 
unvollstäudig oder zeitlicli und räumlich verschoben. Die An- 
gaben der untersuchtien Personen wie, ihre erste Erinnerung 
rühre etwa, ans dem zweiten Lebensjahr her, sind offenbar un- 
vLriäßlich. Es gelingt bald auch Motive zu finden, welche die 
Entstellung und Verschiebung des Erlebten verständlicli 
machen, aber auch beweisen, daß ixicht einfache Gedachtuis- 
luitreuc die Ursache dieser Erinnerungsfehler sein kann. Starke 
ärächte aus der späteren Lebenszeit haben die Erinnerunga- 
lahigkeit der Kindheitserlebuisse gemodelt, dieselben Mächte 
wahrscheinlich, an denen es liegt, daß wir uns ailgemeiu dem 
Verständnis unserer Kindheits jähre so -weit entfremdet 

haben. 

Das Erinnern der Erwachsenen geht bekanntlich an ver- 
schiedenem psychischen Material vor sich. Die einen erinueni 
in Gesichtsbildern, ihre Eriimerungen haben visuellen Cha- 
rakter' undei-e Individuen können kaum die dürftigsteu Um- 
risse des Erlebten in der Eriuneruug reproduzieren; maai 
nennt solche Personen „Auditifs'' und „Moteurs" im Gegensatz 
■/,u den „Visuels" nach Charcots Vor-sohlag. Im Träumen 
verschwinden diese Unterschiede, wir träumen alle in vorwie- 
genden Gesichtsbildern. Aber ebenso bildet sich diese Ent- 
wicklung für die Kindheiiseriuneruugen zurück; diese sind 
plastisch visuell auch bei jenen Personen, dei'en späteres Er- 
iuuern des visuellen Elements eutbehren muß. Das visuelle 
Erinnern bewaJirt somit den Typus des infantilen Erinnerns. 
Bei mir sind die frühesten Kiiulheitseriimerungen die einzigen 
von visuellem Charakter; es sind geradezu pla.'^tisch herausge- 
arbeitete Szenen, nur den Darstelluugen auf der Bühne ver- 
gleichbar, in diesen Szenen aus der Kindheit, ob sie sich nun 
als wahr oder aly verfälscht erweisen, sieht mau regelmäßig 



58 IV. ÜBER KINDHEITS- UND DECKEKINN ERÜMGEN. 



aoiob die'eigene kiadliche Persoa in ihren Umrissen imd mit 
ihrer Kleid-ung. Dieser UmsUmd muß ■ Befremden erregen; 
erwachsene Visuelle sehen nicht mehr ihre Person in ilirea 
Erinnerungen an spätere Erlebnisse*/ Es widerspricht auch 
allen unseren Erfahrungen anzunehmen, daß die Aufmerksam- 
keit des Kindes bei seinen Erlebnissen auf sich selbst anstatt 
a.nsschließlich auf die äußeren Endrücke gerichtet wäre. Man 
wird fio von verschiedenen Seiten her zur Vermutung gedrängt, 
daß wir in. den sogena,nnten frühesten Kindheit serinnerungeii 
nicht die wirkliche Erinnei-ungt.spur, sondern eine spätere Be- 
ai-boitung derselben besitzen, eine Bearbeitung, welche die 
Einflüsse mannigfacher späterer psychischer Mächte erfahren 
haben mag. Die „Kindheitserimierungen" der Individuen 
rücken so ganz allgemein zur Bedeutung von „ De ckerinne ran- 
gen" vor und gewinnen dabei eine bemerkenswerte Analogie 
mit den in Öagen und Mythen niedergelegten Kiudheitseriniie- 
rungen der Völker. 

Wer eine Anzahl von Personen mit der Methode der Psycho- 
analyse seelisch untersucht hat, hat bei dieser Arbeit reichlich 
Beispiele von Deckerinnerungen jeder Art gesammelt. Die Mit- 
teilung dieser Beispiele wird aber gerade durch die vorhin er- 
örterte Natur der Bezieliungen der Kindheitserinnerungen zum 
späteren Leben außerordentlich erschwert; um eine Kindheits- 
erinnerung als Deckerimierung würdigen zu lassen, müßte man 
oft die ganze Lebensge schichte der betreffenden Person zur 
Darstellung bringen. Es ist nur selten, wie im nachatehendeu 
hübscheu Beispiel, möglich, eine einzelne Kindheitserinnerong 
aus ihrem Zusammenhang für die Mitteilung herauszuheben. 
Ein 243ähriger Mann hat folgendes Bild aus seinem fünften 



* loh behaupte dies nacti einigeu von mir eingeholten ilrkundigungeu. 



IV. ÜBER KINDHRITS- UND DECKEEINNEEUNGEN. 59 

Lebensjalir bewahrt. Ei" sitzt im Garten eines Sommerhauses 
a,uf einem Stühlchen neben der Tante, 'die bemüht ist, ihm die 
Kenntniß&e der Buchstaben beizubringen. Die Unterscheidung 
von m und n bereitet ihm Schwierigkeiten, und er bittet die 
Tante, ihm doch zu sagen, woran man erkennt, was das eine 
und wa6 das andere ist. Die Tante macht ihn aufmerksam, 
daß das m doch um ein ganzes Stück, um den dritten Strich, 
mehr ha.be als das n. — Es fand sich kein Anlaß, die Zuver- 
lässigkeit dieser Kindheitserinnerung zu bestreiten; ihre Be- 
deutung hatte sie aber erst später erworben, als sie sich ge- 
eignet zeigte, die symbolische Vertretimg, für eine andere Wiß- 
begierde des Knaben zu übernehmen. Denn, so wie er damals 
den Unterschied zwischen m und n wissen wollte, so bemühte 
er sieb später, den Unterschied zwischen Knaben und Mäd- 
chen zu erfahren, und wäre gewiß einverstanden gewesen, daß 
gerade diese Tante seine Lehrmeisterin werde. Er fand dann 
auch heraus, daß der Unterschied ein ähnlicher sei, daß der 
Bub wiederum ein ganzes Stück mehr habe als daß Mädchen, 
und zur Zeit dieser Erkenntnis weckte er- die Erinnerung an 
die entsprechende kindliche Wißbegierde. 

Ein anderes Beispiel aus späteren Kindllei!.^S}ahren: Ein 
in seinem Liebesleben arg gehemmter Mann, jetzt über 
40 Jahre alt, ist das älteste von neun Kindern. Bei der Ge- 
burt des jüngsten Geschwisterchens war er 15 Jahre, er be- 
hauptet aber steif und fest, daß er niemals eine Gravidität 
der Mutter bemerkt hatte. Unter dem Drucke mnines Un- 
o-laubens stellt sich bei ihm die Erinnerung ein, er habe ein- 
mal im Alter von elf od'er zwölf Jahren gesehen, daß die 
Mutter sich vor dem Spiegel hastig den Rock aufband. 
Dazu ergänzt er jetzt zwanglos, sie sei von der Straße ge- 
kommen \uid von uuerwarteten Weiieu befallen worden. Das 



■ 



1 



60 



IV. ÜBER KINDHETTS- UND DFXK ERINNERUNGEN. 



Aufbinden des Rockes ist aber eiae Deckednnerung "für 
die Eatbindung. Der Verwendung solclier ,,WiitlLbrii£keii^^ 
werden wir in noch ajideren Fällen begegnen. 

An .einem einzigen Beispiel möchte ich nocii zeigen, welchca 
Sinn eine Kindheit. sorinnerimg durch analytische Bearbeitung 
o-ewinnen kami, die vorher keinen Sinn zu enthalten schien. 
Als ich in meinem 43. Jalir begann, mein Interesse den Resten 
der Erinnerung an die eigene Kindheit zuzuwenden, fiel mir 
eine Szene auf, die mit seit langem ~ wie ich meinte, seit 
jeher — von Zeit zu Zeit zum Bewußtsein gekommen war, und 
die nach guten Merkzeichen vor das vollendete dritte Lebens- 
jahr verlegt werden durfte. Ich sah mich fordernd und heu- 
lend vor einem Kasten stehen, dessen Tür mein um 20 Jalire 
ält<^rer Halbbruder geöffnet hielt, mid dann trat plötzlich 
meine Mutter, schön und schlank, wie von der Straße zurück- 
kehrend ins Zimmer. In diese Worte hatte ich die plastisch 
gesehene Szene gefaßt, mit der ich sonst nichts anzufangen 
wußte. Ob mein Bruder den Kasten -- in der ersten Über- 
. Setzung des Bildes hieß es „Schrank" — öffnen oder schließen 
wollte, warum ich dabei weinte, und was die Ankunft der 
Mutter damit zu tun habe, das alles war mir dunkel; ich waa- 
versucht, mir die Erklärung zu geben, daß es sich um die 
Erinuerung an eine Hänselei des älteren Bruders handle, die 
durch die Mutter unterbrochen wurde. Solche Mißverständ- 
nisse einer im Gedächtnis bewahrten Kindheitsszene sind 
nicht« Seltenes; man erinnert sich einer Situation, aber die- 
selbe ist nicht zentriert, man weiß nicht, auf welches Element 
derselben der psyehiscbc Akzent zn setzen ist. Analytische 
Eemühuug führte mich zu einer ganz unerwai-teten Auffassung 
des Bildes. Ich hatte die Mutter vermißt, war auf den Ver- 
dacht gekommen, daß sie in diesem Schrank oder Kasten ein- 



\ 



IV. DBKM KTNDHETTS- ITNn DKCKERTNXKRITNGEN.- 



61 



gesperrt sei, und forderte darum den Bruder auf, den Ka^teni 
nufzusperr<^ii. Als er mir willfnhrte und ich mich überzeugte, 
die Mutter ßei niolit im Kasten, fing ich zu schreien au; dies 
ist der von der Erinnerung festgehaltene Moment, auf den 
alsbald da-s meine Sorge oder Sehnsucht beschwichtigende Er- 
scheinen der Mutter folgte. Wie ka.m aber das Kind zu der 
Idee, die abwesende Mutter im Kasten zu suchen? Gleich- 
neitige Träume wiesen dunkel auf eine Kinderfrau hin, von 
welcher noch andere Reminiszenzen erhalten waren, wie z. B. 
daß sie mich gewissenhaft anzuhalten pflegte, ihr die kleinen 
Münzen abzuliefern, die ich als Geschenke erhalieri hatte, 
ein Detail, des selbst wieder auf den Wert einer Dockerinne- 
rung für Späteres Anspruch machen kann. So beschloß ich 
denn, mir diesmal die Deutungsaufgabe zu erleichtern, und 
meine jetzt alte Mutter nach jener Kinderfrau zu befragen. Ich 
erfuhr allerlei, darunter, daß die kluge aber unredliche Person 
während des Wochenbettes der Mutter große Hausdiebstähle 
verübt hatte und auf Betreiben meines Halbbruders dem Ge- 
richte übergeben worden war. Diese Auskunft gab mir das 
Verständnis der Kinderszene wie durch eine Art von Erleuch- 
tung. Das plötzliolie Verschwinden der Kinderfrau war mir 
nicht gleichgültig gewesen; ich hatte mich gerade an diesen 
Bruder mit der Frage gewendet, wo sie sei, wahrscheinlich, 
weil ich gemerkt hatte, daß ihm eine Rolle bei ihrem Ver- 
schwinden zukomme, und er hatte ausweichend und wort- 
spielerisch, wie seine Art immer war, geantwortet ; sie ist 
., eingekastelt". Diese Antwort verstand ich nun nach kind- 
licher Weise, ließ aber zu fragen ab, weil nichts mehr zu er- 
fahren waj. Als mir nun kurze- Zeit darauf die Mutter abging, 
argwölmte ich, der schlimme Bruder habe mit ihr dasselbe an- 
gestellt wie mit der Kinderfrau, und nötigte ihn, mir den 



63 



IV. ÜBER KINDHEITS- UNO DECKERINKERUNGEN. 



Kasten zu öffnen. Ich vorstehe nun auch, wa,rum in der Über- 
setzung der visuellen Kinderszene die Schlankheit der Mutter 
betont ist, die mir als neu wiederheige stellt aufgefallen sein 
muß. Ich bin zweieinhalb Jaiire älter als die damals geborene 
Schwester, und als ich drei Jahre alt wurde, fand das Zn- 
sammenleben mit dem Halbbruder ein Ende. 



-— ^ 



V. 

DAS VERSPRECHEN. 

Wenn das gebräuchliclie Material unserer Rede in der 
Muttersprache gegen das Vergessen geschützt erscheint, so 
unterliegt dessen Anwendung um so häufiger einer anderen 
Störung, die als „Vers^^rechen" bekannt ist. Das beim nor- I 
malen Menschen beobachtete Versprechen macht den Eindruck 
der Vorstufe für die unter pathologischen Bedingungen auf- 
tretenden sogenannten „Paa-aphnsien". 

Ich befinde mich hier ausnaJirasweise in der Lage, eine 
VuraJ-beit würdigen zu können. Tm Jalu-e 1895 haben Merin- 
ger und C. Mayer eine Studie über „Versprechen und Ver- 
lesen" publiziert, deren Gesichtspunkte fernab von den meini- 
gen liegen. Der eine der Autoren, der im Texte das Wort führt, 
ist nämlich Sprachforscher und ist von linguistischen Tnler- 
essen zur Untersuchung veranlaßt worden, den Regelu nach- 
zugeben, nach denen man sich verspricht. Er hoffte, aus 
diesen Regeln auf das Vorhandensein „eines gewissen- gei- 
stigen Mechanismus" schließen zu können, „in welchem die 
Laute eines Wortes, eines Satzes, und auch die Worte unter- 
einander in ganz eigentümlieher Weise verbunden und ver- 
knüpft sind" (S. 10). 

Die Autoren gruppieren die von ihnen gesammelten Bei- 
spiele des „Versprechens" zunächst nach rein deskriptiven Ge- 



64 



V. DAS VERSPEECHEX. 



sichtspTinkieii als Vertauschungen (z. B. die Milo von 
Venus anstatt Venus von Milo), Vorklängo oder Antizi- 
pationen (z. B. es war mir 'auf der Schwest. . . auf der Brust 
so schwer), Nachklänge, Postpositionen (z. B. „Ich 
fordere Sie auf, auf das Wolil imseres Chefs aufzustoßen" 
für anzustoßen), Kontaminationen (z.' B. „Er setzt sich 
auf den Hinterkopf aus : „Er setzt sich einen Kopf auf" und : 
„Er stellt sich auf die Hinterbeine'O, Substitutionen (z.B. 
„Ich gebe die Präparate in den Briefkasten" statt Brütkasten), 
zu welchen Haupt-kategorien noch einige minder wichtige (öder 
für oinaere Zwecke minder bedeutsajiie) hinzugefügt werden. 
Es macht bei dieser Gruppienmg keinen Unterschied, ob die 
Umstellung, Entstellung, Verschmelzung usw. einxelue Laute 
des Wortes, Silben oder ganze Worte des intendierten Satzes 

betrifft. 

Zur Erklärung der beobachteten Arten des Versprechens 
stellt Me ring er eine verschiedene psychische Wertigkeit der 
Sprachlaute auf. Wenn wir den ersten Laut eines Wortes, das 
erste Wort eines Satzes innervieren, wendet sich der Erre- 
gungsvorgang bereits den späteren Lauten, den folgenden Wor- 
ten, ^u, und soweit diese Innervationen mitcinaader gleich- 
zeitig sind, können sie einander abändernd beeinflussen. Die 
Erregung des psychisch intensiveren Lautes klingt vor oder 
hallt nach und stört so den minderwertigen Innervations- 
.Vorgang. Es handelt sich nun darum zu bestirumen, welche 
die höchstwertigen Laute eines Wortes sind. Meringer 
' meint: „Wenn man wissen will, welchem Laute eines Wortes 
die höchste Intensität zukommt, so beobachte man sich beim 
Suchen nach einem vergesseneu Wort, z. B. einem JSlamen. 
Was zuerst wieder ins Bewußtsein kommt, hatte jedenfalls die 
o-rößte Intensität vor dem Vergessen (S. 160). Die hoch- 



V. DAS VERSPRECHEN. 



65 



wertigen Laute sind also der Anlaut der Wurzelsilbe und der 
Wortaalaut und der oder die betonten Vokale" (S. 162). 

Ich kann nicht umbin, bier einen Widersprucb zu erht'l>en. 
Ob der Anlaut des ISTamens zu den böcbatwertigen Klementeu 
des Wortes gehöre oder nicht, es ist gewiß nicht richtig, daJJ 
er im Palle des Wortvei-gessens zuerst wieder ins Bewußtsein 
tritt; die obige Regel ist also unbrauchbar. Wenn niiin sich 
bei der Suche nach einem vergessenen Najnen beobachtet, so 
wird man verhältnismäJJig häufig die Überzeugung äußern 
müssen, er fange mit einem bestimmten Buchstaben au. Diese 
Über2>eugung erweist sich nun ebenso oft als unbegründet wie 
als bügründet. Ja, ich mochte behaupten, man proklaaiiert 
in der Mehrzahl der li'älle einen falschen Anlaut. Auch in 
iiuserem Beisi^iel: Signorelli ist bei dem Ersatznamen der- 
Aulaut und sind die wesentlichen Silben verloren gegangen; 
trei'ade das minderwertige Silbenpaar elli ist im Ersatznajueu 
Botticelli dem Bewußtsein wiedergekehrt. Wie wenig die Er- 
satznamen den Anlaut des entfallenen Namens respektieren, 
mag z. B. folgender Fall lehren; Eines Tages ist es mir unmög- 
lich, den Namen des kleinen Landes zu erinnern, dessen Haupt- 
ort Monte Carlo ist. Die Ersatznamen für ihn lauten: 

Piemont, Albanien, Montevideo, Colico. 
Für Albanien tritt bald Montenegro ein, uud dann fällt mir 
auf, daß die Silbe Mont (Mon ausgesprochen) doch allen Er- 
satznamen bis auf den letzten zukommt. Es wird mir so er- 
leichtert, vom Namen des Fürsten Albert aus das vergessene 
Monaco aufzufinden. Colico ahmt die Silbonfolge und 
Rhythmik des vergessenen Namens ongbfäiir nach. ■ 

Wenn man der Vermutung Raum gibt, daß ein älinlicher 
Mechanismus wie der fürs Namenvergessen nachgewiesene a.uch 
an den Erscheinungen des Versprechens Anteil liaben könne, so 

Freud, PBj'ahopatbologls des AlHageiehew. \Ul. AuS. 5 



66 



V. DAS VERSPRKCHEN. 



wird mau zu einer tiefer bogründeteii Beurteilung der Fälle 
von Versprechen geführt. Die Störung in der Rede, welche sich 
als Versprechen kundgibt, kann erstens verursacht sein durch 
den Einfluß eines anderen Bustandteils derselben Rede, also 
durch das Vorklingen oder Nachhallen, oder durch eine zweite 
Fassung innerhalb des Satzes oder des Zusammenha-uges, den 
auszusprechen man intendiert — hieher gehören alle oben 
Meringer und Mayer entlehnten Beispiele — : zweiten« aber 
könnte die Störung analog dem Vorgang im Falle Signo^ 
relli zu stände kommen durch Einflüsse außerhalb dieses 
Wortes, Satzes oder Zusammenhanges, von Elementen her, 
die auszusprechen man nicht intendiert, und von deren Erre- 
gung man erst durch eben die Störung Kenntnis erhält. In 
der Gleichzeitigkeit der Erregung läge das Gemeinsame, in 
der Stellung innerhalb oder außerhalb desselben Satzes oder 
Ziisammenliangos das Unterscheidende für die beiden Ent- 
stehungsai-ten des Versprechens. Der Unterschied erscheint 
zunächst nicht so groß, als er für gewisse Folgei-ungen :ius 
der Symptomatologie des Versprechens in Betracht kommt. Es 
ist aber klar, daß maix nur im ersteren Falle Aussicht hat, ans 
den Erscheinungen des Versprechens Schlüsse auf einen Me- 
chanisinus zu ziehen, der Laute und Worte zur gegenseitigen 
Beeinflussung ihrer Artikulation miteinander verknüpft, also 
Schlüsse, wie sie der Sprachforscher aus dem Studium des 
Versprechens zu gewinnen hoffte. Im Falle der Störung durch 
Einflüsse außerhalb des näniUchen Satzes oder Reduzusammen- 
bangea würde es sich vor allem darum handeln, die störenden 
Elemente kennen zu lernen, und dann entstände die Frage, ob 
auch der Mechanismus dieser Störung die zu vermutenden 
Gesetze der Sprachbildung verraten kann. 

Man darf nicht behaupten, d^Ji Meringer und Mayer 



V. DAS VERSPRECHEN. 



67 



die ^Möglichkeit der Spreclistönmg durch „komiiÜKicrte psy- 
chische Eiiiflüss<^", durch Elemente? außiirlialb desselben Wor- 
te«, Satzes oder derselben Redefolge übersehen habeu. Sio 
mußten ja bemerken, daß die Theorie der psychischen Uu^Ioicb- 
wertigkeit der LaiJte streng genommen mir für die Aufklärung 
der La.ulstöniugen, sowie der Vor- und Nachklänge ausreicht. 
Wo sich die Wortstöiuugen nicht auf l.autstörungen reduziercu 
lassen, z. B. bei den Substitutionen und Kontnminationeu von 
Worten, haben auch sie uubedenklicli die Ursache des Ver- 
sprechens außerhalb des intendierten Zusammenhanges ge- 
suclit und diesen Sachverhalt durch schöne Beispiele er- 
wifsen. Ich zitiere folgende Stellen : 

(S. 62.) ,,Ru. erzählt von Vorgängen, die er in .seinem In- 
nern für .Schweinereien' erklärt. E^ sucht ab<-'r nach einer 
milden Form und beginnt: ,I);niii al«r sind Tatsachen /.uni 
Vorschwein gekommen...' Mayer und ich uai-en an- 
wesend und Ru. bestätigte, daß er ,.Schweinen'ieir gedieht 
hatte. Daß sich dieses gedachte Wort bei .Vorsclieiu' verriet 
und plötzlich wirksam wurde, findet in der Ähuliclikeit der 
Werter seine genügende i-irklärung." — 

(S. 73.) „Auch bei den Substitutionen spielen wie bei den 
Kontaminationen und in wahrscheinlich viel fiöherem (Trade 
die .schwebenden' oder ,vagiürenden' Siirachbilder eine große 
Rolle. Sie sind, wenn aucli unter der Schwelle dos Bewußt- 
seins, so doch noch in wirksamer Nähe, können leicht durch 
eine Ähnlichkeit des zu sprechenden Komplexes !ieraiigezo"-en 
werden und führen dann eine Entgleisung herbei oder kreuzen 
den Zug der Wörter. Die .schwebenden' oder ,vagierendeir 
Sprachbilder sind, wie gesagt, oft die Nachicügler von kürsi- 
lich abgelaufenen Sprachprozesscu (Nachklänge)."' 

(S. 97.) „Eine Entgleisung ist auch dareh Älinhehk.-ii niög- 

6* 



1 



68 



V. DAS VEESPHECHEN. 



lieh, w^nn ein ajideres ähnliches "Wort nahe unter der Bewußt- 
seinsschwelle liegt, ohne daß es gesprochen zu werden 
bestimmt wäre. Das ist der Fall bei den Substitutionen. 
— So hoffe ich, daß man beim Kachprüfen meine Regeln wird 
bestätigen müssen. Aber daau ist notwendi^g, daß man (wenn 
ein anderer spricht) sich Klarheit darüber verschafft, 
an was alles der Sprecher gedacht hat*. Hier eiu 
lehrreicher Fall. Elassendirektor Li. sagte in unserer Gesell- 
scliaft: ,Die Frau würde mir Furcht einlagen.' Ich wurde 
stutzig, denn das 1 schien mir unerklärlich. Ich erlaube mir, 
den Sprecher auf seinen Fehler ,einlagen' für ,einjagen' auf- 
merksam zu machen, worauf er' sofort antwortete: ,Ja, das 
kommt da.her, weil ich dachte : ich wäre nicht in der Lage' lusw.« 
„Ein anderer Fall. Ich frage R. v. Sohid., wie es seinem 
kranken Pferd gehe. Er antwortete: ,Ja, das draut.. dauert 
vielleicht noch einen Monat.' Das ,draut' mit einem r wax 
mir unverständlich, denn das r von dauert konnte unmöglich 
so gewirkt haben. Ich machte also R. v. S. ' aufmerksam, 
worauf er erklärte, er habe gedacht, ,das ist eine traurig« 
Geßchichte*. Der Sprecher hatte also zwei Antworten im 
Siuno imd diese vermengten sich." 

Es ist. wohl unverkennbar, wie nahe die Rücksichtnahme 
auf die „vagierenden" Sprachbilder, die unter der Schwelle des 
Bewußtseins stehen und nicht zum Gesprochen werden bei- 
stimmt sind, und die Forderung, sich zu erkundigen, an was 
der Sprecher alles gedacht habe, an die Verhältnisse bei 
unseren „Analysen" herankommen. Auch wir suchen unbe- 
wußtem Material, und zwar auf dem nämlichen Wege, nur daß 
wir von den Einfällen des Befragten bis zur Auffindung des 



*■ Ton mir hervorgehoben. 




- V. DAS VERSPRECHEN. gg 




störenden Elements einen längeren Weg durch eine komplexe 
A^soziationsiT-ihe zui'ückzulegeu haben. 

Ich weile noch bei einem anderen interessanten Veihnlteu, 
für daß die Beispiele Meringers Zeugnis ablegen. Nach der 
Einsicht des Autors selbst ist es irgend eine Ähnlichkeit eines 
Worten im intendierten Satae mit einem ancLereu nicht inten- 
dierten, welche dem letzteren gestattet, sich durch die A''enir- 
Siichnng einer Entstellung, Mischbildung, Kumpromißliildung 
(Kontamination) im Bewußtsein zur G-eltnng zu bringen': 
lagen, dauert, Vorschein, 
jagen, traurig, ..schwein. 

ISFim habe ich iu meiner SchriÜt über die „Traumdeutung''* 
dargiitan, welchen Anteil die Verdichtungsarbeit au der 
Entstehung des sogenannten manifesten Trauminhnlts aus den 
latenten Traumgedanken hat. Irgend eine Ähnlichkeit det 
Dinge oder der Wortvorstellungeü-zwischcu zwei Eiementeu 
des unbewußten Materials wird da zum Anlaß gtniomnunj, um 
ein Drittes, eine Misch- oder Komiiromißvorstellung zu schai-- 
fen, welche im Trauminhalt ihre beiden Komponenten ver- 
tritt, und die infolge dieses Urspnings so häufig mit wider- 
sprechenden Ein zelbe Stimmungen ausgestattet ist. Die Bil- 
dung von Substitutionen und Kontaminationen beim Verspre-I 
eben ist somit ein Beginn jener Verdichtungsarbeit, die wir iuj 
eifrigster Tätigkeit am Aufbau des Traumes beteiligt finden.| 

In einem kleinen, für weitere Kreise bestimmten Aulsatz 
.(Neue Ereie Fresse vom 23. Aug. 1900: „Wie man sich verspre- 
chen kajin") hat Meringer eine besondere praktische Bedeu- 
tung für gewisse Eälle von Wortvertauschungen in Anspruch 
genommen, für solche nämlich, in denen man ein Wort durch 



* Dio Traumdeutung. Leipzig imd "Wien, 1900, 5. Aufl. 1919. 



70 



V. DAS VEESPEEOHEN, • 



sein Gegenteil dem Sinne nach ersetzt. „Man erinnert sich 
wo}ü noch der Art, wi« vor einiger Zeit der Präsident d&s 
österreichischen Abgeordnetenhauses die Sit/.ung eröffnete: 
,Hohea Hans! Ich konstatiere die Anwesenlieit von so und 
soviid Herren und erkläre somit die Sitzung für geschlossen T 
Die allgemeine Heiterkeit machte ihn erst aufmerksam und er 
verbesserte den Fehler. Im vorliegenden Falle wird die Kx- 
klärung- wohl diese sein, daß der Präsident sich wünschte, 
er wäre schon in der Lage, die Sitzung, von der wenig Gutes 
zu erwaa-ten stajid, zu schließen, aber — eine häufige Erschei- 
nung — der Nebengedanke setzte sich wenigstens teilweise 
durch, und das Resultat war .geschlossen' für ,eröffnet', also 
das Gegenteil dessen, was zu sprechen beabsichtigt war. Aber 
vielfältige Beobachtung hat mich belehrt, daß man gegen- 



s ätzliche "Worte überhaupt sehr häufig miteinander ver- 
tauscht; sie sind eben schon in unserem Sprachbewußtsein 



assoziiert, liegen hai't nebeneinander und werden leicht irr- 
tümlich aufgerufen." 

Nicht in allen Fällen von Gegensatz vertauschung wird es 
so leiclil, wie hier im Beispiel des Präsidenten, wahrscheinlich 
zu machen, daß das Versprechen infolge eines Widerspruchs ge- 
echielit, der sich im Innern des Redners gegen den geäußerten 
Satz erhebt. Wir haben den analogen Mechanismus in der Aua^ 
lyse des Beispiels: aliquis gefunden; dort äußerte sich der 
innere Widerspruch im Vergessen eines Wortes anstatt in 
seiner Ersetzung durch das Gegenteil. Wir wollen aber zur 
Aiisglf ichung des Unterschiedes bemerken, daß das Wörtchen 
alitjniö eines älmhchen Gegensatzes, wie ihn „schließen" und 
„eröffnen" ergibt, eigentlich nicht fähig ist, und daß „er- 
öffnen'' als gebräuchlicher Bestandteil des Redeschatzes dem 
Vergessen nicht unterworfen sein kann. 



V. DAS VERSPRECHEN. 7^ 



Zoigen uils die letzten Beispiele von Meringer und 
Mayer, daß die Spi^echstÖrung ebensowohl durch einen Kinfhiß 
vor- und nacliklingonder Laute und Worte desselben Satzes 
entstehen kann, die zum Ausgesprochen werden bestimmt sind, 
wie durch die Einwirkung von Worten außerhalb des inten- 
dierten Satzes, deren Erregung sich sonst nicht ver- 
raten hätte, so werden wir zunächst erfahren wollen, ob 
man die beiden Klassen von Versprechen scharf sondern, und 
wie man ein Beispiel der einen von einem Falle der anderen 
Klasse unterscheiden kann. An dieser Stelle der Erörterung 
muß man aber der Äußerungen Wundts gedenken, der in 
seiner eben erscheinenden umfassenden Bearbeitung der Ent- 
wicklungsgesetze der Sprache (Völkei-psychologie, 1. Band, 
1. Teil, S. 371 u. ff, 1900) auch die Erscheinungen des Ver- 
sprechens behandelt. Was bei diesen Erscheinungen und au- 
deren, ihnen verwandten, niemals fehlt, das sind nach Wandt 
gewisse psychische Einflüsse, „Dahin gehört zunäciist als 
positive Bedingung' der ungehemmte Eluß der von den gespro- 
clienen Lauten angeregten Laut- und Wortassoziationen. 
Ihm tritt der Wegfall oder der Nachlaß der diesen Lauf hem- 
menden Wirkungen des Willens und der auch hier als Willens- 
fnnktion sich betätigenden Aufmerksamkeit als negatives Mo- 
ment zur Seite. Ob jenes Spiel der Assoziation darin sich 
äußert, daß ein kommender Laut antizipiert oder die voraus- 
gegangenen reproduziert, oder ein gewohnheitsmäßig einge- 
übter zwischen andere eingeschaltet wird, oder endlich darin, 
daß ganz andere Worte, die mit den gesprochenen Lauten in 
assoziativer Beziehung stehen, auf diese herüberwirken — 
alles dies bezeichnet nur Unterschiede in der Richtung mid 
allenfalls in dem Spielraum der stattfindenden Assoziationen, 
nicht in der allgemeinen Natur derselben. Auch kann es in 



72 



V. DAS VERSPRECHEN. 



Djanchen Fällen zweifelhaft sein, welcher Form man eine be- 
stimmte Störung zuzurechnen, oder ob man sie nicht mit 
größerem Rechte nach dem Prinzip der Komplikation 
der Ursachen* auf ein Zusammentreffen mehrerer Motive 
zu rückziif Uhren ha,be." (S. 380 und 381.) 

Ich halte diese Bemerkun^-eu Wundts für vollberechtigt 
imd sehr instruktiv. Vielleicht könnte man mit größerer But- 
scliiedenlieit als Wundt betonen, daß das positiv begünsti- 
gende Moment der Sprechfebler — der ungehemmte Fluß der 
Assoziationen — und das negative — " der Kachlaß der hem- 
menden Aufmerksamkeit — regelmäßig miteinander zur Wir- 
kung gelangen, so daß beide Momente nur zu verschiedenen Be- 
stimmungen des nämlichen Vorganges werden. Mit dem Nach- 
laß der hemmenden Aufmerksamkeit tritt eben der unge- 
hemmte Fluß der Assoziationen in Tätigkeit; noch unzweifel- 
hafter ausgedrückt: durch diesen Nachlaß.- 

Unter den Beispielen von Versprechen, die ich selbst ge- 
sammelt, finde ich kaum eines, bei dem ich die Sprechstöruug 
einzig und allein auf da«, was Wundt „Kontaktwirkung der 
Laute'^ nennt, zurückführen müßte. Fast regelmäßig entdecke 
ich überdi^ einen störenden Einfluß von etwas außerhalb 
der intendierten Rede, und das Störende ist entweder ein ein- 
zelner, unbewußt gebliebener Gredanlce, der sich durch das Ver- 
sprechen, kundgibt und oft erst durch eingehende Analyse zum 
Bewußtsein gefördert werden kann, oder es ist ein allgemeineres 
psychisches Motiv, welches sich gegen die ganze Rede richtet. 

Beispiel a) : Ich will gegen meine Tochter, die beim Ein- 
beißen in einen Apfel ein gai'Stiges Gesicht geschnitten hat. 
zitieren: 



* Von mir hervorgehoben. 



V. DAS VERSPRECHEN. 73 



Der Affe gar possierlich ist, 
Zumal wenn er vom Apfel frißt. 
Ich beginne ahor: Der A]3fe... Dies scheint eine Kontamina- 
tion von „Affe" und „Apfel" ( Kompromiß bildung) oder kann 
auch als Antizipation des vorbereiteten „Apfel" aufgefaJ3t wer- 
den. Der genauere Sachverhalt ist aber der: Ich hatte das Zitat 
schon einmal begonnen und mich das erstemal dabei nicht ver- 
sprochen. Ich verspi'ach mich erst bei der Wiederholung, die 
sich als notwendig ergab, weil die Angesprochene, von anderer 
Seite mit Beschlag belegt, nicht auhörte. Diese Wiederholung, 
die mit ihr verbundene Ungeduld, des Satzes ledig zu werden, 
muß ich in die Motivierung des Spree hfehlers, der sich als 
eine Verdiohtungsleistuug darstellt, mit einrechnen. 

h) Meine Tochter sagt: Ich schreibe der Frau S ehre sin- 
gor... Die l<'rau heißt Schlesinger. Dieser Sprcchfehler hängt 
wohl mit einer Tendenz zur Erleichterung der Ai-tikulatioii zu- 
sammen, denn das i ist nach wiederholtem r schwer auszu- 
sprechen. Ich muß aber hinzufügen, daß sich dieses Verspre- 
chen bei meiner Tochter ereignete, nachdem ich ihr wenige 
Minuten zuvor „Apfe" anstatt „Affe" vorgesagt hatte. Nun 
ist das Versprechen in hohem Malic ansteckend^ äluilich wie 
das Namenvergessen, bei dem Meringer und Mayer diese 
Eigentümlichkeit bemerkt haben. Einen Grund für diese psy- 
chische Kontagiosität weiß ich nicht anzugeben. 

c) „Ich klappe zusammen wie ein Tassenmeschcr — 
Taschenmesser", sagt eine Patientin zu Beginn der Behand- 
lungsstunde, die Laute vertauschend, wobei ihr wieder die Arti- 
kulationsschwierigkeit („Wiener Weiber Wäschennuen wa- 
schen woiße Wäsche*' — „Fischflosse" und ähnliche Priif- 
worte) zur Entschuldigung dienen kann. Auf den Sprechfehler 
aufmerksam gemacht, erwidert sie prompt: „Ja^ das ist nur, 



74 



V. DAS VERSPEECHEN. 



wnil Sie heute ^Emsclit' gesagt haben." Ich hatte sie wirklich 
mit der Rede empfangen: „Heute wird es also Ernst" (weil 
es die letzte Stunde vor dem Urlaub werden sollte) und hatte 
d;i.^ „Ernst" scherzliaft zu „Eruschf verbreitert. Im Laufe 
clor Stunde verspricht sie sich immer wieder von neuem, und 
ich merke endlich, daß sie mich nicht bloß imitiert, sondern 
daß aic einen besonderen Grund hat, im Unbewußten bei dem 
Worte Ernst als Namen zu verweilen*. 

ä,) „Ich bin so verschnupft, ich kann ni^ht durch die As e 
natmen — Xase atmen" — passiert derselben Patientin ein 
audermjil Sie weiß 'sofort, wie sie zu diesem Sprechfehler 
kommt. „Ich steige jeden Tag in der Hasenauer straße in 
die Trsraway, und heute früh ist mir «^xlareud des Wartens^ auf 
den Wagen eingefallen, wenn ich eine Französin wäre, würde 
ich Asenauer aussprechen, denn die Emnzosen lassen das H 
im Anlaut immer weg." Sio bringt dann eine Reihe von Re- 
miniszenzen an Planlosen, die sie kennen gelernt hat, und 
Lingt nach weitläufigen Umwegen bei der Erinnerung an, daß 
sie als 14iähriges Mädchen in dem kleinen Stück „Kurmärker 
und Picarde" die Picarde gespielt und damals gebrochen 
Deutsch gesprochen hat. Die Zufälligkeit, daß in ihrem Logier- 
haus ein Gast aus Paris angekommen ist, hat die ganze Reihe 
von j^rinnerungen wachgerufen. Die Lautvertauschung ist 



* Sic sLand nämlich, wie sich zeigte, unter dem Einfluß von unbe- 

>vußten Gedanken Über Schwangerschaft und Kinderverhütimg. Mit den 
Worten: „/.uaainraengeklappt wie ein Taschenmesser", welche sie bewußt 
als Klago vorbrachte, wollte sie die Haltung des Kindes im Mutterleibe 
beschreiben. Das Wort „Ernst" in meiner Anrede hatte sie an den Namen 
fS. lirnst) der bekannten Wiener T'irma in der Kärntnerstraße ge mahn t, 
welche sich als Verkauf ss tat Le von Schutzmitteln gegen die Konzeption zu 
annoncieren pflegt. 



V. DAS VERSPBECHEN. 75 



also Folge der StÖJ'ung durch einen unbewußtpu Gedanken aus 
einem ganz fremden Zusammenhang. 

e) Ähnlich ist der Mechanismus des Yerspi'echens bei einer 
anderen Patientin, die mitten, in der Reproduktion einer längst 
verschollenen Kindererinnerung von, ihrem Gedächtnis ver- 
lassen wird. All welche Körperstelle die vorwitzige und lüsterne 
Hand des anderen gegriffen hat, will ihr das Gedächtnis nicht 
mitteilen. Sie macht unmittelbar darauf einen Besuch bei 
einer Freundin und unterhält sich mit ihr über Sommer- 
wohnuno-pn. Gefragt, wo denn ihr Häuschen in M. gelegen sei, 
antwortet sie: an der Bergleride anstatt Berglehne. 

f) Eine andere Patientin, die ich nach Abbruch der Stunde 
frage, wie es ihrem Onkel geht, antwortet : „Ich weiß nicht, ich 
sehe ihn jetzt nur in flagranti." Am nächsten Tage beginnt 
sie: ,.Ich habe mich recht geschämt, Ihnen eine so dumme Ant- 
wort o-cgeben zu haben. Sie müssen mich natürlich für eine 
ganz ungebildete Person halten, die beständig Fremdwörter 
verwecliselt. Ich wollte sagen: en passaut." Wir wußten 
damals noch nicht, woher sie die unrichtig angewendeten, 
Fremdworte genom.men hatte. In derselben Sitzung aber 
brachte sie als Fortsetzung des vortägigen Themas eine Re- 
miniszenz, iu welcher, das Ertapptwerden in. flagranti die 
Hauptrolle spielte. Der Sprechfehler am Tage vorher hatte also 
die damals noch nicht bewußt gewordene !Ei"innerung antizipiert. 

g) Gegen, eine andere muß ich an einer gewissen Stelle der 
Analyse die Vermutung aussprechen, daß sie sich zu der Zeit, 
von welcher wir eben handeln, ihrer Familie geschämt und 
ihrem Vater einen uns noch unbekannten Vorwurf gemacht 
habe. Sie erinnert sich nicht daran, erklärt es übrigens für un- 
■wahrscheinlicli. Sie setzt aber das Gespräch mit Bemerkungen 
über ihre Familie fort: „Man muß ihnen das eine lassen: Es 






76 



V. DAS VEESPRECHEN. 



sind doch besondere Menschen, sie haben alle Geiz — ic' 
wollte sagen Ge 1 s t." Dbä war auch denn wirklich der Vorwurf, 
den öi« aus ihrem Gedächtnis verdrängt hatte. Daß sich in 
dem Versprechen gerade jene Idee durchdrängt, die maji zu- 
rückhalten will, ist ein häufige« Vorkommnis (vgl. den Fall 
von M e r 1 n g r : zum Vorschweiu gekommen). Der Unter- 
schied liegt nur darin, claJ3 die Person bei Meiinger etwa^ 
zurückhalten, will, was ihr bew^ußt ist, während meine Patien- 
tin das Zurückgehaltene nicht weiß, oder wie man auch sagea 
kann, nicht weiß, djiß sie etwas, und was sie zurückhält. 

h) Auf absichtliche Zurückhaltung geht auch das nach- 
stehende Beispiel von Versprechen zurück. Ich treffe einmal in 
den Dolomiten mit zwei Damen zusammen, die als Touristinnen 
verkleidet sind. Ich begleite sie ein Stück weit, und wir be- 
sprechen die Genüsse, aber auch die Beschwerden der touristi- 
schen Lebensweise. Die eine der Damen gibt zu, daß diese Art, 
den Tag zu verbringen, manches Unbequeme hat. Es ist wahr, 
sagt sie, daß es gar nicht angenehm ist, wenn man so in der 
Sonne den ganzen Tag marschiert hat, und Bluse und Hemd 
ganz durchgeschwitzt sind. In diesem Satze hat sie einmal 
eine kleine Stockung zu überwinden. Dann setzt sie fort : 
Wenn man aber dann nach Hose kommt und sich umkleiden 
kann . . . Ich meine, es bedurfte keines Examens, um dieses 
Versprechen aufzuklären. Die Dame hatte offenbar die Absicht 
gehabt, die Aufzählung vollständiger zu halten und zu sagen : 
Bluse. Hemd und Hose. Dies dritte Wäschestück zu nennen, 
unterdrückte sie darm aus Gründen der Wohlaoständigkeit. 
Aber im näclisten, inhaltlich unabhängigen Satz setzte sich 
das unterdrückte Wort als Verunstaltung des ähnlichen Wortes 
,,nach Hause" wider ihren Willen durch. 

i) „Wenn Sie Toppiche kaufen wollen, so gehen Sie nur zu 




V. DAS VERSPRECHEN. ^^ 



Kaufmann in der Matthänsgasse. Ich glaube, ich kann Sie dort 
a,uch empfehlen^'' sagt mir eine Dame. Ich wiederhole : „Also 

bei Matthäus bei Kaufmann will ich sagen." Es sieht 

aus wie Folge von Zcrsti-eutheit, wenn ich den einen Namen 
aa Stelle des anderen wiederhole. Die Rede der Dame hiit 
mich auch wirklich zerstreut gemacht, denn sie hat meine 
Aufmerksamkeit auf anderes gelenkt, was mir weit wichtiger 
ist als Teppiclie, In der Matthäusgasse steht nämlich das 
Hans in dem meine Frau als Bra.ut gewohnt hatte. Der Ein- 
ga.ng des Hauses war in einer anderen Gasse, und nun merke 
ich, daß ich deren Namen vergossen habe und ihn mii' erst auf 
einem Umw'eg bewußt machen muß. Der Name Matthäus, bei 
dem ich verweile, ist mir also ein Ersatzname für den verges- 
senen Namen der Straße. Er eignet sich besser dazu als der 
Name Kaufmann, denn Matthäus ist ausschließlich ein Per- 
sonenname, wag Kaufmann nicht ist, und die vergessene Straße 
heißt auch nach einem Personennamen: Itadetzky. 

/:) Folgenden Fall könnte ich ebensogut bei den später zu 
besprechenden „Irrtümern" unterbringen, führe ihn aber hier 
an weil die Lautbeziehungen, auf Gmnd deren cHl- Wort- 
ersetzung erfolgt, ganz besonders deutlich sind. Eine Pa- 
tientin erzählt mir ihren Traum: Ein Kind hat besclilusseu, 
sich durch einen Schlangenbiß zu töten. Es führt den Be- 
schluß aus. Sie sieht zu, wie es sich in Krämpfen windet usw. 
Sie soll nun die Tagesanknüpfung für diesen Traum üudeu. 
Sie erinnert sofort, daß sie gestern abends eine jxjpnläre Vor- 
lesung' über erste Hilfe bei Schlangenbissen mitangehört hat. 
Wenn ein Erwachsener und ein Kind gleichzeitig gebissen 
worden sind, so soll man zuerst die Wunde des Kindes behan- 
deln. Sie erinnert auch, welche Vorschriften für die Be- 
handlung der Vortragende gegeben hat. Es käme sehr viel 



78 V. DAS VEliSPHECHEN. 



darauf an, hatte er aucli geäußert, von welcher Art man ge- 
bissen worden ist. Hier unterbreche ich sie und frage : Ha-t 
er denn nicht gesagt, daJ3 wir nur sehr wenige giftige Arten 
in unserer Gegend haben, and welche die gefiirchteten sind*? 
„Ja, er hat die Klapperschlange hervorgeholten." Mein La- 
chen macht eie dann aufmerksam, daß sie etwas Unrichtiges 
gesagt hat, Sie korrigiert jetzt aber nicht etwa den Namen, 
sondern sie nimmt ihre Aussage zurück, ,,Ja so, die kommt ja 
bei uns nicht vor, er hat von der Vipoi- gespi-ochen. Wie gerate 
ich nur auf die Klapperschlange?" Ich vermutete, durch die 
Einmengung der Gedanken, die sich hinter ihrem Traum ver- 
borgen hatten. Der Selbstmord durch Schlangenbiß kann kaum 
etwas anderes sein, als eine Anspielung auf die schöne 
Kleopalra. Die weitgehende Lautähnlichkeit der beiden 
Worte, die Übereinstimmung in den Buclistaben Kl..p..i' in 
^v der nämlichen Reihenfolge und in dem betonten a sind nicht 
zu verkennen. Die gute Beziehung zwisch&n den Namen 
Klapperschlange und Kleopatra erzeugt bei ihr eine mo- 
mentane Einscliränkung des Urteils, derznfolge sie in der Be- 
hauptung, .der Vortragende habe sein Publikum in Wien in 
der Behandlung von Klapperschlangenbissen imterwiesen, 
keinen Ajistoß nimmt. Sie weiß sonst so gut wie ich, daß 
diese Schlange nicht zur Eauna unserer Heimat gehört. Wir 
wollen CS ihi: nicht verübeln, daß sie an die Versetzung der 
Klappersciilange nach Ägypten ebensowenig Bedenken knüpfte, 
demi wir sind gewohnt, alles Außereuropäische, Exotische 
zusammenzuwerfen, und ich selbst mxißte mich einen Moment 
besinnen, ehe ich die Behauptimg aufsteirte, daß die Klapper- 
schlange nur der neuen Welt angehört. 

Weitere Bestätigungen ergeben sich bei Fortsetzung der 
Analyse. Die Träumerin hat gestern zum erstenmal die in 



V. DAS VEIföPRECHEN. 79 



der Kähe ihrer Wohnung aufgestellte Antonius gruppe von 
Straßer besichtigt. Dies war also der zweite Trauniniüali 
(der erste der Vortrag über Schlangenbisse). In der l'ort- 
Setzung ihres Traumes wiegte sie ein Kind in ihren Armen, zu 
welcher Szene ihr das Gretchen einfällt. Weitere Einfälle 
bringen Reminiszenzen an „A r r i a und M s s a 1 i n a". Das 
Auftauchen so vieler Namen von Theaterstücken in den Traiun- 
gedanken läßt bereits vermuten, daß bei der Traiuneriii in 
früheren Jahren eine geheim gehaltene Schwärmerei für den 
Beruf der Schauspielerin bestand. Der Anfang des Traumes: 
„Ein Kind hat beschlossen, sein Leben durch einen Schlangrn- 
biß zu enden", bedeutet wirklich nichts anderes als: Sie hat sich 
als Kind vorgenommen, einmal eine berühmte Schans[>ieUTiu 
zu, werden. Von dem Namen Messalina zweigt endlich der 
Gedankenweg ab, der zu dem wesentlichen Inhalt dieses Trau- 
mes führt. Gewisse Vorfalle der letzten Zeit- haben in ihr 
die Besorgnis erweckt, daß ihr einziger Bruder iinue nicht 
standesgemäße Ehe mit einer Nicht- A r i e r i n, eine Mes- 
alliance eingehen könnte. 

l) Ein völlig harmloses oder vielleicht uns nicht genügend 
in seinen Motiven aufgeklärtes Beispiel will ich hier wieder- 
geben, weil es einen durchsichtigen Mechanismus erkennen läiit : 

Ein. in Italien reisender I>eutscher bedarf eines Riement=, 
um seinen schadhaft gewordenen Koffer zu umschnüren. Das 
Wörterbuch liefert ihm für Riemen das italienische Wort 
coreggia. ' Dieses Wort werde ich mir leicht merken, meint 
er, indem ich an den Maler (Correggio) denke.' Er geht 
dann in einen Laden und verlangt: nna ribera. 

Es war ihm anscheinend nicht gelungen, das deutsche Wort 
in seinem Gedächtnis durch das italienische zu ersetzen, aber 
seine Bemühung war doch nicht gänzlich ohne Erfolg ge- 



r 



80 



V. DAS VERSPRECHEN. 



blieben. Er wußte, daß er sich an den Namen eines MaJers 
iialt-en müsse, und so geriet er nicht auf jenen Malemamen, 
der an. das italienische Wort anklingt, sondern au einen 
anderen, der sich dem deutschen Worte Riemen annähert.- 
Ich hätte dieses Beispiel natürlich ebensowohl beim Namen- 
TGFgcssen wie hier beim Versprechen unterbringen können. 

Als ich Erfahrungen von Versprechen für die erste Äuflag-e 
dieser Schrift sammelte, gin^ ich so vor, daß ich alle Fällej die 
ich beobachten konnte, darunter also auch die minder ein- 
drucksvollen, der Analyse unterzog. Seither haben manche 
andere sich der amüsanien Mühe, Versprechen zu sammeln und 
zu analysieren, unterzogen und mich so in den Stand gesetzt, 
Auswahl aus einem reicheren Material zu schöpfen. 

Vi) Ein junger Manu sagt zu seiner Schwester : Mit den D. 
bin ich jetzt ganz zerfallen, ich grüße sie nicht mehr. Sie ant- 
wortet: Überhaupt eine saubere Lippschaft. Sie wollte 
sagen: Sippschaft, aber sie drängte noch zweierlei in dem 
Spreclürrtum zusammen, daß ihr Bruder einst selbst mit der 
Tochter dieser ITamilie einen Flirt begonnen hatte, imd daß 
es von dieser hieß, sie habe sich in letzter Zeit in eine ernst- 
hafte unerlaubte Liebschaft eingelassen. 

n) Ein junger Mann spricht eine Dame auf der Straße mit 
den Worteu an: „Wenn Sie gestatten, mein Fräulein, möchte 
ich Sie be gleit- di gen." Er dacht« offenbar, er möchte sie 
gern begleiten, fürchtete aber, sie mit dem Antrag zu be- 
leidigen. Daß diese beiden einander widerstreitenden Ge- 
fühlsregungen in einem Worte — eben dem Versprechen — 
Ausdruck fanden, weist darauf hin, daß die eigentlichen Ab- 
sichton des jungen Mannes " jedenfalls nicht die lautersten 
waxen und ihm dieser Dame gegenüber selbst beleidigend er- 
scheinen mußten. Während er aber gerade dies vor ihr zu 



V. DAS VERSPEECHEN. ^l 



vcrbergea sucht, spielt ihm das Unbewußte den Streich, seine 
eigentliche Absicht zu verraten, wodurch er aber anderseits 
der Dame gleichsam die koaventionelle Antwort : ' „Ja, was 
glauben Sie denn von mir, wie können Sie mich denn so be- 
leidigen" vorwegnimmt. (Mitgeteilt von O. Rank.) 

o) Eine Anzahl von Beispielen entnehme ich einem Aufsatz 
von W. Stekel aus dem „Berliner Tageblatt" vom 4. Jän- 
ner 1904, betitelt „Unbewußte Geständnisse". 

„Ein unangenehmes Stück meiner unbewußten Gedanken 
enthüllt das folgende Beispiel. Ich schicke voraus, daß ich in 
meiner Eigenschaft als Arzt niemals auf meinen Erwerb be- 
dacht bin und immer nur das Interesse des Kranken im Auge 
habe, was ja eine selbstverständliche Sache ist. Ich befinde 
mich bei einer Kranken, der ich nach schwerer Krankheit in 
einem Eekonvaleszentenstadium meinen ärztlichen Beistand 
leiste. Wir haben, schwere Tage und Nächte mitgemacht. Ich 
bin glücklich, sie besser ^u finden, male ihr die Wonuen eines 
Aufenthaltes in Abbazzia a.us und gebrauche dabei den Nach- 
satz: ,wonn Sie, was ich hoffe, das Bott bald nicht ver- 
lassen werden — '. Offenbar entsprang das einem egoistischen 
Motiv des Unbewußten, diese wohlhabende Kranke noch länger 
behandeln zu dürfen, einem Wunsche, der meinem wachen 
Bewußtsein vollkommen fremd ist und den ich mit Entrüstung 
zurückweisen würde." 

p) Ein anderes Beispiel (W. Stekel). „Meine Frau nimmt 
eine Französin für die Nachmittage auf und will, nachdem man 
sich über die Bedingungen geeinigt hatte, ihre Zeugnisse zu- 
rückbehalten. Die Französin bittet, sie ^behalten zu dürfen, 
mit der Motivierung: Je cherche encore pour les apres-midis, 
pardon, pour les avant-midis. Offenbar hatte sie die Absicht, 
sich noch anderweitig umzusehen und vielleicht bessere Be- 

Fieud, Paycliopathologie des AlItagBlabcna, Till, A«fl. 6 



82 V. DAS VEHSPEECHEN. 



dingungen zu erhalten — eine Absicht, die sie auch, ausge- 
führt hat." 

q) „Ich soll einer Frau die Leviten lesen, und ihr Manu, 
auf dessen Bitte das geschieht, steht lauschend hinter der 
Tür. Am Ende meiner Predigt, die einen sichtlichen Eindruck 
gemacht hatte, sagte ich: ,Küss' die Hand, gnädiger Herr!* 
Dem Kundigen hatte ich damit verraten, daß die Worte laji 
die Adresse des Herrn gerichtet waren, daß ich sie um seinet- 
willen gesprochen hatte." 

r) Dr. Stekel berichtet von sich selbst, daJ3 er zu einer 
Zeit zwei Patienten aus Triest in Behandlung gehabt habe, 
die er immer verkehrt zu begrüßen pflegte. „Guten Morgen, 
Herr Peloni," sagte ich zu Askolij — „Guten Morgen, Herr 
Askoli," zu Peloni. Er war anfaugs geneigt, dieser Vei-wechs- 
hing keine tiefere Motivierung zuzuschreiben, sondern sie durch 
die mehrfachen Gem,einsamkeiten der beiden Herreu zu er- 
klären. Er ließ sich aber leicht überzeugen, daß die Namen- 
verta.uschung hier einer Art Prahlerei entsprach, iudem er 
durch sie jeden seiner italienischen Patienten wissen lassen 
konnte, er sei nicht der einzige Triestiner, der nach Wien 
gekommen sei, um seinen ärztlichen Eat zu suchen. 

s) Dr. Stekel selbst in einer stürmischen Generalver- 
sammlung: Wir streiten (schreiten) nun zu Punkt 4 der 
Tagesordnung. 

t) Ein Professor in seiner Antrittsvorlesung: „Ich bin 
nicht geneigt (geeignet), die Verdienste meines sehr ge- 
echätzten Vorgängers zu schildern." 

u) Dr. Stekel zu einer Dame, bei welcher er Basedowsche 
Krankheit vermutet: „Sie sind um einen Kropf (Kopf) größer 
als Ihre SchweBter." 



V. DAS VERSPRECHEN. 



83 



v) Dr. StekeZ berichtet: Jemand will das Verhältnis 
zweier Frcuude schildern, von denen einer als Jude cliaiukte- 
risiert werden soll. Er sagt: Sie lebten zusammen wie K a s t o r 
und PoUak. Das war dxirchaus kein Witz, der Redner hatte 
das Versprechen selbst nicht bemerkt und ^'urde erst von 
mir darauf aufmerksajn gemacht. 

w) Gelegentlich ersetzt ein Versprechen eine ausfülirliche 
Charakteristik. Eine junge JDame, die das Itegiment im Hause 
führt, erzählt mir von ihrem leidenden Majone, er sei beim 
Arzt gewesen, um ilm nach der ihm zuträglichen Diät zu be- 
fragen. Der Arzt habe aber gesagt, darauf käme es nicht au. 
„Er kann essen und trinken, was ich will." ■ 

Die folgenden zwei Beispiele von Th. Reik (Intematibu. 
Zeitschr. 1 Psychoanalyse, III, 1915) stammen aus Situationen, 
in denen sich. Versprechen besonders leicht ereignen, weil iu 
ihnen mehr zurückgehalten wii"d, als gesagt worden kann. 

x) Ein Herr spricht einer jungen Dame, deren Gatte kürz- 
lich gestorben ist, sein Beileid aus und setzt hinzu: „Sie 
werden Trost finden, indem Sie sich völlig Ihren Kindern 
widwen." Der unterdrückte Gedanke wies auf anders ai'tigcu 
Trost hin: eine junge schöne Witwe wird bald neue Sexual- 
freudeii genießen. 

if) Derselbe Herr unterhält sich mit derselben Dame in 
einer Abendgesellschaft über die großen Vorbereitungen, 
welche in Berlin zum 0.sterfeste getroffen werden, und fragt : 
„Haben Sie heute die Auslage bei Wertheim gesehen? Sie 
ist ganz dekolletiert." Er hatte seiner Bewunderung über 
die DekoUetage der schönen Frau nicht laut Ausdruck geben 
dürfen, und nun setzte sich der verpönte Gedanke durch, indem 
er die Dekoration einer Wai-enauslage in eine DekoUetage ver- 

6* 



84 



V. DAS "^TIRSPEECHEN. 



wandelte, wobei das Wort Auslage unbewußt doppelsinnig vei 
wendet wurde. 

Dieselbe Bedingung trifft auch für eine Beobachtung zu'^ 
über welche Hanns Sachs ausführliche Rechenschaft zi 
geben versucht: 

z) „Eine Dame erzählt mir von einem gemeinsamen 
kannten, er sei, als sie ihn das letztemal sali, so elegant ange-a 
zogen, gewesen wie immer, besonders habe er hervorragend' 
schöne, braune Halbschxüie getragen. Auf meine Frage, wo sie 
ihn denn getroffen habe, berichtete sie: ,Er hat an meiner 
Haustür geläutet und ich hab' ihn durch die heruntergelas- 
senen Rouleaux gesehen. Ich habe aber weder geöffnet noch 
sopst ein Lebenszeichen gegeben, denn ich wollte nicht, daß 
er es erfährt, daß ich schon in der Stadt bin.' Ich denke mir 
beim Zuhören, daß sie mir dabei etwas verschweigt, am wahr- 
scheinlichsten wohl, daß sie deswegen nicht geöffnet ha.be, 
weil sie nicht allein und nicht in der Toilette war, um Besuche 
zu empfangen, und frage ein wenig ironisch: ,Älso durch die 
grschlossenen Jalousien hindurch haben Sie seine Hausschuhe 
— seine Halbschuhe bewundern können*?' In , Hausschuhe' 
kommt der von der Äußerung abgehaltene Gedanke an ihr 
Hauskleid zum Ausdruck, Das Wort ,IIalb' wurde anderseits 
wieder deswegen zu beseitigen versucht, weil gerade in diesem 
Worte der Kern der verpönten Antwort: ,Sie sagen mir nur 
die halbe Wahrlicit und verschweigen, daß Sie halb ange- 
zogen' waren' enthalten ist. Befördert wurde das Versprechen 
,^uch dadurch, daß wir unmittelbar vorher von dem Eheleben 
des betreffenden Herrn, von seinem , häuslichen Glück' gespro- 
chen ha.tten, was wohl die Verschiebung auf seine Person 
mitdeterminierte. Schließlich muß ich gestehen, daß vielleicht 
mein Keid mitgewirkt hat, wenn ich diesen eleganten Herrn 



m 



V. DAS VEHSPRECHEN. 



85 



in Hausschuhen auf der Straße stehen ließ ; ich selbst habe 
mir erst vor kurzem braune Halbschuhe gekauft, die keineswegs 
mehr , hervorragend schön' sind." 

Kriegszeiten wie die gegenwärtigen bringen eine Reihe 
von "Versprechen hervor, deren Verständnis wenig Schwierig- 
keiten macht. 

a) „Bei welcher Waffe befindet sich Ihr Herr Sohn?" wird 
eine Dame gefragt. Sie antwortet: „Bei den 42er llörderu." 

ß) Leutnant Henrik Haiman schreibt aus dem Felde*: 
Ich werde aus der Lektüre eines fesselnden Buches herau^5ge- 
rissen, um für einen Moment den Auf klär ungstelephonis ton zu 
vertreten. Auf die Leitungsprobe der Geschützstation reagiere 
ich mit: Kontrolle richtig, Ruhe. Reglementmiißig sollte 
es lauten: Kontrolle richtig, Schluß. Meine Abweichung er- 
klärt sich durch den Ärger über die Störung im Lesen. 

Y) Ein Feldwebel instruiert die Mannschaft, ihre Adressen 
genau nach Hau-se ajizugeben, damit die Ge s p e c k stücke nicht 
verlorengehen. 

S) Das nachstehende, hervorragend schöne und durch 
seinen tieftraurigen Hintergrund bedeutsame Beispiel verdanke 
ich der Mitteilung von Dr. L. Czeszer, der wahrend seines 
Aufenthaltes in -der neutralen Schweiz zu Kriegszeiten diese 
Beobachtung gemacht und sie erschöpfend analysiert liat. Ich 
gebe seine Zuschrift mit unwesentlichen Auslassungen im 
folgenden wieder : 

„Ich gestatte mir, einen Fall von , Versprechen' mitzuteilen, 
der Herrn Professor M. N. in 0. bei einem seiner im eben ver- 
flossenen Sommersemester abgehalteneu Vorträge über die 
Psychologie der Empfindungen unterlief. Ich muß vorausseu- 

* Intern. Zeitscbr. für Psychoanalyse, IV, l'Jllj/17. 



p 



86 



V. DAS VXRSPRECHES. 



den, daß diese Vorlesungen in der Aula der Universität unter 
großem Zudi-ang der französischen internierten Kriegsgefan- 
genen und im übrigen der meist aus entschieden enten teure und- 
lich gesinnten Französisch-Schweizeru bestehenden Studenten- 
schaft gehalten wurden; In O. wird, wie in Frankreich selbst, 
daß Wort Boche jetzt allgemein und auschlicßlich zur 
Bezeichnung der Deutschen gebraucht. Bei öffentlichen Kund- 
gebungen a.ber, sowie bei Vorlesungen u.dgl. bestreben sich 
höhere Beamte, Professoren und sonst verantwortliche Personen, 
aus Neutralitätsgründen das ominöse Wort zu vermeiden. 

Professor N. nun war gerade im Zuge, die praktische Be- 
deutung der Affekte zu besprechen, und beabsichtigte, ein Bei- 
spiel zu zitieren für die zielbewußte Ausbeutung eines Affekts, 
um eine an sich unintei-essante Muskelarbeit mit Lustgefühlen 
zu laden und so intensiver zu gestalten. Er erzählte also, natür- 
lich in französischer Sprache, die gerade damals von hiesigen 
Blättern aus einem alldeutschen Blattß abgedruckte Geschichte 
von einem deutschen Scbiilmeister, der seine Schüler im Garten 
arbeiten ließ und, um sie zu intensiverer Arbeit anzufeuern, sie 
aufforderte, sich vorzustellen, daß sie statt jeder Erdscholle 
einen französischen Schädel einschlügen. Beim A'"ortrag seiner 
Geschichte sagte N. natürlich jedesmal, wo von Deutschen 
die Rede war, ganz korrekt AUemanä und nicht Boche. Doch 
als es zur Pointe der Geschichte kam, trag er die Worte des 
Schulmeisters folgenderweise vor: Imaginez vous, qu'en chaque 
m c h e vous öcrasez le cräne d'un Fraufais. Also statt 
motte — mochet 

Sieht man da nicht förmlich, wie der korrekte Gelehrte vom 
Anfang der Erzählung sich zusammennimmt, um ja nicht der 
Gewohnheit und vielleicht auch der Versuclimig nachzugeben 
und dajs sogar durch einen Bundeserlaß ausdrücklich verpönte 



V. DAS versprechen; 87 



Wort von dem Katheder der Universitätsaula fallen zu lassen! 
Und gerade im Augenblick, wo er glücMich. das letztemal ganz 
korrekt ,institit.eur allemand' gesagt hat und innerlich auf- 
atmend zum unverfänglichen Schlüsse eilt, klammert sich 
die mühsam zurückgedrängte Vokabel an den Gleichklang des 
Wortes motte und — das Unheil ist geschehen. Die Angst 
vor der politischen Taktlosigkeit, vielleicht eine zurückge- 
drängte Lust, das gewohnte und von allen erwartete Wort 
doch zu gebrauchen, sowie der Unwillen des geborenen Re- 
publikaners und Demokraten gegen jeden Zwang in der freien 
Meinungsäußerung interferieren mit der auf die korrekte 
Wiedergabe des Beispiels gerichteten Hauptabsicht. Die inter- 
ferierende Tendenz ist dem Redner bekannt und er hat, wie 
nicht anders anzunehmen ist, unmittelbar vor dem Verspre- 
chen an sie gedacht. 

Sein Versprechen hat Professor N. nicht bemerkt, wenig- 
stens hat er es nicht verbessert, was man docli meist geradezu 
automatisch tut. Dagegen wurde der Lapsus von der meist 
französischen Zuhörerschaft mit wahrer Genugtuung aufge- 
nommen und wirkte vollkommen wie ein beabsichtigter Wort- 
witz. Ich aber folgte diesem anscheinend harmlosen Vorgimg 
mit wahrer innerer Erregung. Denn wenn ich mir auch aus 
naheliegenden Gründen vorsagen mußte, dem Professor die sich 
nach psychotuialy tische r Methode aufdrängenden Fragen zu 
stellen, so w-ar doch dieses Versprechen für mich ein schlagen- 
der Beweis für die Richtigkeit Ihrer Lehre von der Determinie- 
rung der Fehlhandlungen und den tiefen Analogien und Zu- 
sammenhängen zwischen dem Versprochen und dem Witz." 

s) Unter den betrübenden Findrücken der Kriegszeit ent- 
stand auch das Versprechen, welches ein heimgekehrter öster- 
'reichiicher Offizier, Oblt. T., berichtet: 




II 



88 



V. DAS VEBSPEECHEN. 



») 



j'Währen.d mehrerer Monate meiner italienischen Kriegs- 
gefangenschaft waren wir, eine Zahl von 200 Offizieren, in 
einer engen Villa untergebracht. In dieser Zeit starb einer 
unserer Kameraden aji der Grippe. Der Eindruck, der durch 
diesen Vorfall hervorgerufen wurde, waj- naturgemäß ein tiof- 
gehenderj denn die Verhältnisse, in denen wir ims befanden, 
das Fehlen ärztlichen Beistands, die Hilflosigkeit unserer da- 
maligen Existenz ließen ein Umsichgreifen der Seuche mehr 
denn wahrscheinlich werden. — Wir hatten den Toten in 
einem Kellerraume aufgebahrt. Am Abend, als ich mit einem. 
Freunde einen Rundgang um unser Haus angetreten hatte, 
äußerten wir beide den Wunsch, die Leiche zu sehen. Mir 
als dem Vorauschreitenden bot sich beim Eintritt in den 
Keller ein Anblick, der mich heftig erschreckeu ließ; deün 
ich war nicht vorbereitet gewesen, die Bahre so nahe beim 
Eingang aufgestellt zu finden und aus solcher Nähe in das 
durch Spieleade Kerzenlichter in Unruhe versetzte Antlitz 
schauen zu müssen. Noch unter diesem nachwirkenden Bilde 
setzten wir dann den Rundgang fort. An einer Stelle, von wo 
sich dem Auge die Ansicht des im vollen Mondenscheiue 
schwimmenden Parkes, einer hellbcstrahlten Wiese und da- 
liintcrgelegter, leichter Nebelschleier zeigte, gab ich der da- 
mit verknüpften Vorstellung Ausdruck, einen Reigen Elfen 
unter dem Saume der anschließenden Kiefern tanzen zu sehen. 

Am folgenden Nachmittag begruben wir den toten Ge- 
fährten. Der Weg von unserem Kerker bis zum Friedhof des 
kleinen, benachbarten Ortes war für uns gleicherweise bitter 
und entwürdigend; denn halbwüchsige, johlende Burschen, 
eine spöttische, höhnende Bevölkerung, derbe, schreiende 
Lärmer hatten diesen Anlaß benützt, um unverhohlen ihren von 
' Neugierde und Haß gemischten Gefühlen Ausdruck zu ver-* 



V. DAS VERSPRECHEN. 



89 



leihen. Die Empfindung, siehst in diesem wclirloscn Zustand 
nicht ungokräukt bleiben zu kümicu, der Abscheu vor der be- 
kundeten Hoheit bchorrschteu mich bis zum Alxsud mit Er- 
bitterung, Zur gloiclieri Stunde wie tagazuvor, in der näm- 
lichen Begleitung begingen wir auch diesmal den Kiesweg 
rund um diis WohnhLLUs; und au dem Kollergitttir vorübi^r- 
kommcnd, hinter dem die Leiche gelegen Latte, überfiel mich 
die Erinnerung des Eindrucks, den ihr Anblick in mir hinter- 
lassen hatte. An der Stellu, von der sich mir dann wiederum 
der erhellto Park darbot, unter dem gleichen Vollmond lichte, 
hielt ich an und äußerte zu meinem Begleiter ; ,Wir könnten 
uns hier ins Grab — — Gras setzen und eine Serenade 
sinken!' — Erst beim zweituu Vers]irechen wurde ich auf- 
merksam ; das erstemal hatte ich verbessert, ohne des Sinnes _ 
im Fehler bewußt geworden zu sein. Nun überlegte ich tmd 
reihte aueiuimdcr: ,ius Grab ~ sinken!' Blilzartig folgtnn 
di^sc Bilder: im Mondscheiu tanzende, ^fchweln-nUe Elfen; 
der aufgebahrte Kamerad, der erweckte Eindruck; einzelne 
Szenen vom Begräbnis, die J'hnpriiidung des gehabten Ekels 
und der gestörtou Trauer; Erinnerung au einzelne Gespräche 
über die aufgetretene Seuche, FurchtäuBerungcu mehrerer 
Offiziere. Später entsann ich micl» des Umstandes. daU es der 
Todestag meines Vaters sei, was für mich meines sonst sehr 
schlechten Datengcdächtuissos wegen auffallend wurde. 

Beim uachherigcn Überdenken wurde mir klar: das Zu- 
sammentreffen äußerer Bedingungen zwischen beiden Ablu- 
den, die gleiche Stunde, Beleuchtung, der nämliche Ort und 
Begleiter. Ich erimiertt; mich des Unbehagens, das ich emp- 
funden hatte, als die Besorgnis einer Ausbreitung der Griijpe 
erörtert wurde ; aber zugleich auch des imieren Verbotes, mich 
Furcht anwandeln zu lassen. Auch die WorLstellung: ,wir 



90 



V. DAS VERSPEECHEN. 



könnten ins Grab sinken' wurde mir darauf in ihrer Bedeu- 
tung be^vnßt, wie ich auch die Überzeugung gewann, nur die 
zuerst stattgehabte Korrektur von ,Grab' in ,Gras', die noch 
ohne Deutlichkeit gescliehen wax, habe auch das zweite, Ver- 
apreoben: jSingei? in-,sinken' zur Polgo gehabt, um dem unter- 
drückten Komplex endgültige Wirkung zu sichern. 

Ich füge bei, daß ich zu jener Zeit an beängstigenden 
Träumen litt, in denen ich eine mir sehr nahestehende An- 
gehörige wiederholt krank, einmal selbst tot sah. Ich hatte 
noch knapp vor meiner Gefangennahme die Nachricht er- 
halten, daß die Grippe gerade in der Heimat dieser Angehö- 
rigen mit besonderer Heftigkeit wüte, hatte ihr auch meine 
lebhaften Befürchtungen geäußert. Seither war ich ohne Ver- 
bindung geblieben, Monate später empfing ich die Kimde, daß 
sie zwei Wochen vor dem geschilderten Ereignis ein Opfer 
der Epidemie geworden sei ! — " 

Das nachstehende Beispiel von Versprechen beleuchtet 
blitzähnlich einen der schmerzlichen Konflikte, die das Los 
desi Arztes sind. Ein wahrscheinlich dem Tode verfallener 
Mann, dessen Diagnose aber noch nicht feststeht, ist nach 
Wien gekommen, um hier die Lösung seines Knotens abzu- 
warten, und hat einen Jugendfreund, der ein bekannter Arzt ge- 
worden ist, gebeten, seine Behandlung zu übernehmen, wor- 
auf dieser nicht ohne Widerstreben schließlicli einging. Der 
Kranke soll in einer Heilanstalt Aufenthalt nehmen und der 
Arzt Schlägt das Saaiatorium „Hera" vor. Das ist doch eine 
Anstalt nur für bestimmte Zwecke (eine Entbindungsanstalt), 
wendet der Kranke ein. O nein, ereifert sich der Arzt : In 
der „Hera" kann man jeden Patienten umbringen — unter- 
bringen, meine ich. Er sträubt sich dann heftig gegen die 
Deutung seines Versprechens. „Du wirst doch nicht glauben. 



d 



V.. DAS VERSPRECHEN. 91 



claJ3 ipli feiadselige Impulse gegen dich habe?" Eine Viertel- 
stunde später sagt er zu der ihn hinausbegleitenden Dame, 
die die Pflege des Kranken übernommen hat: „Ich kann 
aiclitÄ finden und glaube ja noch immer nicht daran. Aber 
wenn es so sein sollte, bin ich für eine tüchtige Dosis Mor- 
phi-ura, und dann ist Ruhe." Es kommt heraus, daß der Preund 
ihm die Bedingung gestellt hat, daß er seine Leiden durch 
ein Mctlikament abkürze, sobald es feststeht, daß ihm nicht 
mehr zu helfen ist. Der Arzt hatte also mrklich die Aufgabe 
übernommen, den Treund umzubringen. 

7,) Auf ein ganz besonders lehrreiches Beispiel von Verspre- 
chen möchte ich nicht verzichten, obwohl es sich nach Angabe 
meines Gewährsmannes vor etwa 20 Jahren zugetragen hat. 
„Eine Dame äußerte einmal in einer Gesellschaft — man hört 
es den Worten an, daß sie im EiXcr und unter dem Drucke aller- 
lei geheimer Kegungen zu stände gekommen sind: Ja, eine 
Erau muß schön sein, wenn sie den Männern gefallen soll. Da 
hat OS ein Mann viel besser; wenn er nur seine fünf geraden 
Glieder hat, mehr braucht er nicht F Dieses Beispiel gestattet 
uns einen guten Einblick in den intimen Mechanismus eines 
A''erspreclions durch Verdichtung oder einer Kontamina- 
tion (vgl. S. 64), Es liegt nahe, anzunehmen, daß hier zwei 
sinnähnliche Redeweisen vorschmolzen sind: 

wenn er seine vier geraden Glieder hat 
wenn er seine fünf Sinne beisammen hat. 
Oder aber das Element gerade ist das Gemeinsame zweier 
Eedeintentionen gewesen, die gelautet haben: 
■ wenn er nur seine geraden Glieder hat 
alle fünf gerade sein lassen. 
Es hindert uns auch nichts anzunehmen, daß beide Redens- 
arten, die von den fünf Sinnen und die von den geraden fünf 



92 



V. DAS VERSPRECHEN. 



mitge-n-irkt haben, um in den Satz von den geraden Gliedern 
zunächst eine Zahl und dann die gehei ms innige fünf anstatt 
der 'Simpeln vier einzuführen. Diese Verschmelzung wäre aber 
gewiß nicht erfolgt, wenn sie nicht in der als Versprechen re- 
sultierenden Torrn einen eigenen guten Sinn hätte, den einer 
zynischen Wahrheit, wie sie von einer Frau allerdings, nicht 
ohne Bemäntelung bekannt werden darf. ■ — Endlich wollen 
wir nicht versäumen, aufmerksam zu machen, daJJ die Rede 
der Dame ihrem Wortlaut nach ebensowohl einen vortreff- 
lichen Witz wie ein lustiges VerspVechen bedeuten kann. Es 
hängt nur davon ab, ob sie diese Worte mit bewußter Absicht 
oder — mit unbewußter Absicht gesprochen hat. Das Be- 
nehmen der Redneriu in unserem Falle widerlegte allerdings 
die bewußte Absicht und schloß den Witz aus." 

Die Annäherung eines Versprechens an einen Witz kann so 
weit gehen wie in dem von O. Rank mitgeteilten Falle, in dem 
die Urheberin des Vereprechens es schließlich selbst als Witz 
belacht (Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, I, 1913): 

0) ,,Ein jung verheirateter Ehemaim, dem seine um. ihr 
niäydchcnhaftes Ausselien besorgte Frau den häufigen Ge- 
schlechtsverkehr nur ungern gestattet, erzählt mir folgende, 
nachträglich auch ihn und seine Frau höchst belustigende Ge- 
schichte: Nach einer Nacht, in. welcher er das Abstinenz- 
gebot seiner Frau wieder einmal übertreten hat, rasiert er sich 
morgens in ihrem gemeinsamen Schlafzimmer und benützt da- 
bei — wie schon öfter aus Bequemlichkeit — die auf demt 
Nachtkä^tchen liegende Fuderquaste seiner noch ruhenden 
Gattin. Die um ihren Teint äußerst besorgte Dame hatte ihm 
auch dies schon mehrmals verwiesen und ruft ihm darum ge- 
ärgert zu: ,Du puderst mich ja schon wieder mit deiner 
Quaste!' Durch des Mannes Gelächter auf ihr Versprechen auf- 



V. DAS VERÖPEECHEN. 93 



merksain gemacli-t (sie wollte sngen: flu pudorst dich schon 
wieder mit meiaer Quaste), lacht sie schließlich belustigt mit 
(,pudera' ist ein jedem Wiener geläufiger Ausdruck für koitie- 
ren, die Quaste als phallisches Symbol ka,um zweifelhaft)." 

Die Verwandtschaft zwischen Witz und Versprechen be- 
kundet sich auch darin, daß das Versi^recken oft nichts anderes 
ist als eine Verkürzung : 

t) Ein junges Mädchen hat nach dem Verlassen der Schule 
den herrspheuden ZeitstrÖmimgen Rechnung gefcragon, indem 
sie sieb zum Studium der Medizin inskribierte. Nach wenigen 
Semesbem hatte sie die Medizin mit der Chemie vertauscht. 
Von dieser Schwenkung erzählt sie einige Jahre später in 
folgender Rede : Ich hab' mich ja im allgemeinen beim Sezieren 
niclit gegraust, aber wie ich einmal an einer Leiche die Niigel 
von den Fingern abzielien sollte, da habe ich die Lust an 
der ganzen Chemie verloren. 

x) Ich reihe hier einen anderen Fall von Versprechen nii, 
dessen Deutung wenig Kunst erfordert. „Der Professor bemülil 
sich in der Anatomie um die Erklärung der Nasenhöhle, eines 
bekanntlich sehr schwierigen Abschnittes der Eingeweidelehre. 
Auf seine Frage, ob die Hörer seine Ausfükrungeu erfaßt haben, 
wird ein allgemeines ,Ja' vernehmlich. Darauf bemerkt der 
bekannt selbstbewußte Professor: Ich glaube kaum, denn die 
Leute, welche die Nasenliöhle verstehen, kann man selbst in 
einer Millionenstadt wie Wien an einem Finger, pardou, 
an den Fingern einer Hand wollte ich sagen, abzählen." 

>.) Derselbe Anatom ein andermal: „Beim weiblichen 
Genitale hat mau trotz vieler Versuchungen — pardou, 
Versuche...'' 

fi) Herrn Dr. All Robitsck in Wien verdanke ich den 
Hinweis auf zwei von einem altfranzösischen Au^or bemerkte 



94 



V. DAS VEBSPEECHEN. 



FäU« von Versprechen, die icli unübersetzt wiedergobei 
werde 

Braatöme (1527 — 1614) Vies des Dames galaates, Dis- 
cours second: „Si ay-je cogiieu une tres belle et hoimeste dame 
de pai' le monde, qui, devisant avec un lionneste gentilhomme 
de la cour des affaires de la guerre durant ces' civiles, eile luy 
dit : ,iT'ay ouy dire que le roy a faiet rompre tous les c . . . de 
ce pays lä-, Elle vouloit dire les ponts. Pensez que, venaitt 
de coucher d'avec son maiy, ou songeanfc ä, sou amant, eile 
avoit encor ce noiri frais en la bouche; et le gentilhomme 
e'en eschauffer en amours d'elle pour ce mot,'" 

„Une autre dajne que j'ai cogneue, entreteuant une autre 
grand dame plus qu'elle, et luy louanfc et exaltanfc ses beautez, 
eile luy dit aprös : ,Non, madame, ce qua je vous en dis : ce n'est 
point pour vous adult^rer; voulaut dire adulater, oomme 
eile le rhabilla aiasi : pensez qu'elle song'eoit ä adulterer.' " 

Bei dem psychotherapeutischen Verfaliren, dessen jcbi mich 
zur Auflösung uad Beseitigung neurotischer Sj^mptome bediene, 
ist sehr häufig die Auf gäbe, gest-ellt, aus den wie zufällig vor- 
gebrachten Reden und Einfällen des Patienten einen Gcdanken- 
inhält aufzuspüren, der zwar sich zu verbergen bemüht ist, 
aber doch nicht umhin kamt, sich in mannigfaltigster Weise 
unabsichtlich zu verraten. Dabei leistet -oft das Versprechen 
die wertvollsten Dienste, wie ich an den überzeugendsten und 
anderseits sonderbarsten Beispielen dartun könnte. Die Pa- 
tienten sprechen z. B, von ihrer Tante und nennen sie konse- 
quent, ohne das Vorsprechen zu bemerken, „meine Mutter", oder 
bezeichnen ihren Mann als ihren „Bruder". Sie machen mich 
auf diese AVeise aufmerksam, daß sie diese Personen mitein- 
ander „identifiziert", in eine ßeihe gebracht haben, welche für 






V. DAS VEESPEECHEN. 



95 



ihr GefüliLslebeu die Wiedorkelir desselben Typus bedeutet. 
Oder: ein junger Maain von 20 Jahren stellt sich mir in der 
Sprechstuade mit den Worten vor: Ich bin der Vater des 
N. N., den sie behandelt haben. — Pardon, ich will sagen, der 
Bruder; er ist ja um vier Jahre älter als ich. Ich verstehe, 
daß er durch dieses Yersprechea ausdi-ücken will, daß er wie 
der Bruder durch die Schuld des Va.ters erkrankt sei, wie der 
Bnider Heilung verlange, daß aber der Vater derjenige ist, dem 
die Heilung am dringlichsten wäre. Andere Male reicht eine 
ungewöhnlich klingende Wortfügung, eine gezwungen erschei- 
nende Aus drucks weise hin, um den Anteil eines verdrängten 
Gredankens an der anders motivierten Rede des Patienten 
aufzudecken. 

In groben -wie in solche.n ferneren Redestörungen, die sic^ 
eben noch dem „Versi^rechen" subsumieren lassen, finde icli 
also nicht den Einfluß von Kontakt Wirkungen der Laute, son- 
dern den von Gedanken außerhalb der Redeiatention maß- 
gcl^end für die Entstehung des Versprechens und hinreichend 
zur Aufhellung des au stände gekommenen Sprechfehlers. Die 
Gesetze, nach denen die Laute verändernd aufeinander ein- 
wirken^ möchte ich nicht anzweifeln; sie scheinen mir aber 
nicht wirksam genug, um für sich allein die korrekte Ausfüh- 
rung der Rede zu stören. In den Fällen, die ich genauer stu- 
diert und durchschaut habe, stellen sie bloß den vorgebildeten 
Mechanismus dar, dessen sich ein ferner gelegenes psychisches 
Motiv bequemerweise bedient, ohne sich aber an den Macht- 
bereich dieser Beziehungen zu binden. In einer großen 
Reihe von Substitutionen wird beim Versprechen 
von solchen Lautgesetzen völlig abgesehen. Ich 
befinde mich hiebei in voller Übereinstimmung mit Wundt, 
der gleichfalls die Bedingungen des Versprechens als zu- 



96 



V. DAS VERSPEECHEN. 



sammengosctzfce und weit über die Kontektwirkungen der 
Laute hinaiisgolieride vermutet. 

Wenn ich diese „entfernteren psychischen Einflüsse" nach 
Wundts Ausdruck für gesichert halte, so. weiß ich anderseits 
von keiner Abhaltung um auch zuzugeben, daß bei beschleu- 
nigter Rede und einigermaßen abgelenkter Aufmerksamkeit die 
Bedingungen fürs Versprechen sich leicht auf das von M e- 
ringer und Mayer bestimmte Maß- einschränken können. 
Boi einem Teile der von diesen Autoren gesammelten Beispiele 
ist wohl eine kompliziertere Auflösung wahrscheinlicher. Ich 
greife etwa, den vorhin angeführten Fall heraus : 

Es war mir auf der S ch w e s t . . . 

Brust so schwer. . 

Geht es hier wohl so einfach zu, da£ das schwe das gleich- 
wertio-e Bru als Vörklang verdrängt? 'Kb ist kaum abzuweisen, 
daß die Laute schwe außerdem durch i^ine besondere Relation 
zu dieser VordringUchkeit befähigt werden. Diese könnte dann 
'keine andere sein als die Assoziation: tSch wester — Bru- 
der, etwa noch; Brust der Schwester, die zu anderen Ge- 
dankenkreisen hinüberleitet. Dieser hinter der Szene unsicht- 
bare Helfer verleiht dem sonst harmlosen schwe die Macht, 
dereii Erfolg sich als Sprechfchler äußert. 

l^ür anderes Versprechen läßt sich aimehmen, daß der An- 
klang an obszöne Worte und Bedeutungen das eigentlich Stö- 
rende ist. Die absichtliche Entstelhuig und Verzerrung der 
Worte ;md RedenBarteji, die bei unartigen Menschen so beliebt 
ist, bezweckt nichts' anderes, als beim harmlosen Anlaß an das 
Verpönte zu mahnen, und diese Spielerei ist so häufig, daß es 
nicht wunderbar wäre, wenn sie sich auch unabsichtlich und 
wider Willen durchsetzen sollte. Beispiele wie : Eischeiß- 



1 



V. DAS VFESPKECHEN. 97 



Weibchen für Ei weißscheibchen, Apopos Fritz für 
Apropos, Lok US kapital für Lotuskap itäl usw., \ir'l- 
leicUt noch die Alabüsterbachse (Alabasterbüchsc) der lil. Mag- 
dalena- gehören wohl in diese Kategorie*. — „Ich fordere Sie 
auf, auf das Wohl unseres Chefs auf zustoiSen,'"' ist kaum 
etwas anderes als eine uiia.bsichtliGh,e Parodie als Nachklang 
eiuer beabäiclitigbou. Wenn ich der Chef wäre, zu dessen 
Feierlichkeit der Festredner diesen Lapsus beigetragen hätte, 
würde ich wohl daa-an denl;on, wie klug die Römer gehandelt 
haben, als sie den Soldateu des triumphierenden Imperators 
gestatteten, den inneren Einspruch gegen den Gefeierten in 
Spottliedern laut zu äußern. — Meringer erzählt von sich 
selbst, daß er zu einer Person, die als die älteste der Gesell- 
schaft mit dem vertraulichen Ehrennamen „Senexl'' oder „altes 
Senexl" angfisprochen vpurde, einmal gesagt habe : „Prost, 
Senex altesl!" Er erschraJi: selbst über diesen Fehler (ß. ÖO). 
Wir können uns vielleicht seinen Affekt deuten, wenn wir 
daran mahnen, wie nalie „Altes!" an den Schimpf „alter 
Esel'" kommt. Auf die Verletzung der Ehrfiu-cht vor dem 
Alter (d. i., auf die Kindheit reduziert : vor dem Vater) sind 
große innere Strafen gesetzt. 

Ich hoffe, die Leser werden den Wertunterschied dieser 
Deutungen, die. sich durch nichts beweisen lassen, und der Bei- 
spiele, die ich selbst gesammelt und durch Analysen erläutert 
habe, nicht vernachlässigen, Wenn ich aber im stillen immer 
noch an der Erwartung festhalte, auch die scheinbar einfachen 
Fälle von Versprechen würden sich auf Störung durch eine halb 
unterdrückte Idee außerhalb des intendierten Zusammen- 



* Bei einer meiner Pabieutinnea setzte sich das Versprechett als Sym- 
ptom so lange fort, bis ea auf den Tvinderstreich, das Wort ruinieren. 
durch urinieren zu ersetzen, zurückgeführt war. 

Freud, PBrchopHtholOffle (Im AlltagBlabcng. VIII. Aufl. 7 



98 



y. DAS VERSPEECHEN. 



banges zurückführen lassen, so verlockt mich dazu eine sehr 
beachtenswerte Bemerkung von Meringer. Dieser Autor sa^t, 
Gß ist merkwürdig, daJi niemand sich versprochen haben wäll. 
■ Es gibt sehr gescheite und ehrliche Menschen, welche beleidigt 
sind, wenn man ihnen sagt, sie hätten sich versprochen. Ich 
getraue mich nicht, diese Behauptung so allgemein zu nehmen, 
wie Sic durch das „niemaJid" von Meringe r hingestellt wird. 
I Die Spur Affekt aber, die am Nachweis des Versprechens hängt 
imd offenbar von der Natur des Schämens ist, hat ihre Bedeu. 
tung. Sie ist gleichzusetzen dem Ärger, wenn wir einen ver- 
gessenen Namen nicht erimiern, und der Verwunderung über 
die Haltbarkeit einer scheinbar belanglosen Erimieruug und 
weist allemal auf die Beteiligung eines Motivs am Zustande- 
kommen der Störung hin. 

Das Verdrehen von ■Namen entspricht einer Schmähung, 
wenn es absichtlich geschieht, und dürfte in einer ganzen Reihe 
von Fällen, wo es als unabsichtliches Versprechen auftritt, die- 
selbe Bedeutung haben. Jene Person, die nach Mayers Bericht 
einmal „Freuder" sagte anstatt Freud, weil sie kurz darauf 
den Namen „Breuer" vorbrachte (S. 38), ein andermal von 
einer Freuer-Breudschcn Methode (S. 28) sprach, war 
wohl ein l'achgenosse und von dieser Methode nicht sonder- 
lich -entzückt. Einen gewiß nieht anders aufzuklärenden Fall 
von Namenentstellung werde ich weiter unten beim. Verschrei- 
ben mitteilen*. 



* Man kann auch bemerken, daß gerade Aristokraten besondors häufig 
die Namen von Ärztin, die sie konsultiert haben, entstellen, und darf 
daraus scliließen, daß sie dieselben innerlich gering schätzen, trotz der 
Höflichkeit, mit wL-lcher sie ihnen zu begegnen pflegen. — Ich zitiere 
hier einige treffende Bemerkungen über das Namen vergessen aus der eng- 
lischen Bearbeitung unseres Themas durch Prof. B. Jones, damals in 



V. DAß VERSPRECHEN. 



99 



lu cUcsr'n Fällen mengt, sich als stömndes Moment eine 
Kritik ^,-in, welche bei&eite gelassen werden soll, weil sie gerade 
in dem Zeitpunkt der Intention des Redners nicht ent-spricht. 

Umgekehrt muß die Najiienersetznng, die Aupignuug des 
fremden Niunens, die Identifiziening: mittels des Namen- 
versprechens, eine Anerkennmig bedeuten, die im Augenblick 
aus irgend welchen Gründen im Hintergründe verbleiben soll 
Ein Erlebnis dieser Art erzählt S. Perenczi aus seinen 
•Schuljahren: 

„In der ersten Gymnasialklasse habe ich (zum erstenmal 
in meinem Leben) öffentlich (d. h. vor der gajizen Klasse) ein 
Gedicht rezitieren uiüsscn. Ich wai- gut vorbereitet und war be- 
stürzt, gleich beim Beginne durch eine Lachsalve gestört zu 
werden. Der Professor erklärte mir dann diesen sonderbaren 
Kmpfahg: ich sagte nämlich den Titel des Gedichtes ,Aus der 

Toronto (The Psycliopathology of Everyd;iy Life. America» J. oE Psvi-li.>- 
logy Oct. 1911): 

„Wenige Leute können sicli einer Anwandlung von Äv-cv cnvehron 
wenn sie findeu, daß man ihren Namen vergessen hat, boaDuders^danu 
wena sie von der betreffenden Person gehofft odor erwartet hatten, sie 
würde deji Namen beJialten haben. Sie sagen sich sofort ohne Überlegung, 
daß die Person den Namen nicht vergessen hätte, wenn man einen stär- 
keren Eindruck bcn ihr Iiinterlaasen hätte; denn der Name ist ein wesent- 
lieber BeBt-andteil der Persönlichkeit. Anderseits gibt es wenig Dinge die 
fii-hmeichelhaftcr empfunden werden, als wenn man von einer hohen Per- 
sönlichkeil., wo man es nicht erwartet hätte, mit seinem Namen angeredet 
wird. Napoleon, ein Meister in der Kunst, Menschen zu behandeln, gab 
während des unglücklichen Feldzuges von 1814 eine erstaunliche Probe 
seines Gedächtnisses nach dieser Richtung. Als er sich in einer Stadt 
bei Graonne befand, erinnert.? er sich, daß er deren Bürgermeister 
De Biissy etwa 20 Jahre vorher in einem bestimmten Regiment keunem 
gelernt hatte; die Folge war, daß der entzückte De Bussy sicIi seinem 
Dienst mit schrankenloser Hingebung widmete. Dementsprechi'ud gibt es 

7* 



100 



V. DAS VERSPRECHEN. 



Feme' ganz richtig, nannte aber als Autor nicht den wirklichen 
Dichter, sondern — mich selber. Der Name des Dichters ist 
Alexander (Sändor) Petöfi. Die Gleichheit des Vornamens 
mit meinem eigenen begünstigte die Verwechslung; die eigent- 
liche Ursache derselben aber war sicherhch die, daß ich mich, 
damals in meinen geheimen Wünschen mit dem gefeierten 
Dichterhelden identifizierte. Ich hegte für ihn auch bewußt 
eine an AnbetTmg grenzende Liebe und Hochachtung. Natür- 
lich steckt auch der ganze leidige Ambitionskomplex hinter 

dieser Fehlleistung." 

Eine ähnliche Identifizierung mittels des vertauschten Na- 
mens wurde mir von einem jungen Arzt berichtet, der sich zag- 
haft und verehrungsvoll dem berühmten Virchow mit den 
Werten vorstellte: Dr. Virchow. Der Professor wendete sich 
ersta,unt zu ihm und fragte: Ah, heißen Sie auch Virchow? 



auch kein verläßlicheres Mittel, eiaen Mensehen zu beleidigen, als indem 
man so tut, als habe maa seinen Namen vergessen; maa drückt damit 
aus, die Person sei einem so gleichgültig, daß man sich nicht die Mühe 
zu nehmen brauche, sich ihren Namen zu merken. Dieser Kunstgriff spielt 
auch in der I^iteratur eine gewisse ßoUe. So heißt es in T u r g en j e w s 
lliiuch* einmal: ,Sie finden Baden noch immer amüsaat, Herr — LitvinovT' 
Batmirov pflegte Litvinovs Namen immer zögernd auszusprechen, als 
ob er sich erst auf ihn besinnen müßte. Dadurch, wie durch die hoch- 
mütige Art, vde er seinen Hut beim Gruß lüfbete, wollte er Litvinov in 
seinem Scoize kräaken." An einer anderen Stelle in „Väter und Söhne- 
schreibt der Dichter: „Der Gouverneur lud Kirsanov und Eaaarov zum 
Ballo ein und wiederholte diese Einliulung einige Minuten später, wobei 
er sie als Brüder zu betrachten schien und Kisarov ansprach." Hier er- 
gibt das Vergessen der früheren Einladung, die Irrung in den Namen uud 
die Unfähigkeil, die beiden jungen Mämier auseinander zu halten, geradezu 
eine Häufung von kränkenden Momenten. Namenentatellung hat dieselbe 
Bedeutung wie Namen vergessen, es ist ein erster Schritt gegen das Ver- 
gessen hin." 



V. DAS VEKSPKECHEN. 



101 




Ich weiß uicht, wie der juuge Ehrgeizige das Versprechen recht- 
fertigte, ob er die aamuteade Ausrede faiid, er sei sich so klein 
lieben dem großen Kamen voi'gekommnn, daß ihm sein eigener 
entschAvinden mußte, oder ob er den Mut hatte zu gi-steheu, er 
hoffe auch nocli einmal ein so großer Mann wie Virchow xu 
■werden, der Herr G-eheinuat möge ihn darum nicht so gering- 
schätzig behandeln. Einer dieser beiden Gedanken — oder viel- 
leicht gleiclizeitig beide — mag den jungen Maim bei seiner 
Vorstellung in Verwirrung gebracht haben. 

Aus höchst persönlichen Motiven muß ich es in der Schwebe 
lassen, ob eine ähnliclie Deutung auch auf den nun anzu- 
führenden Fall anwendbar ist. Auf dem internationalen Kon- 
greß in Amsterdam 1907 wai' die von mir vertretene Hysterie- 
lehre Gegenstand einer lebhaften Diskussion. Einer meiner 
ouergischesten Gegner soll sich in seiner Brandrede gegen mich 
wiederholt in der Weise versprochen haben, diiii er sicli an 
meine Stelle setzte und in meinem Nainoui sprach. Er sagte 
z, B. : Breuer uud ich haben bekamitlich nachgewiesen, 
während er nur zu sagen beabsichtigen Iconnte: Breuer mid 
Freud. Der Name dieses Gegners zeigt nicht die leisesie 
Jiljingälmlichkeit mit dem meinigen. Wir werden durch dieses 
Beispiel wie durch viele aadere Fälle von Namenvertauschung 
beim Versprechen dai-an gemahnt, daJ3 das Versprechen jener 
Erleichterung, die ihm der Gleichklang gewährt, völlig ent- 
behren und sich, nur auf verdeckte inhaltlLcho Beziehungen 
gestützt durchsetzen kann. 

In anderen und weit bedeutsameren Fällen ist es.Selbst- 
kriiik, innerer Widerspruch gegen die eigene Äußerung, was 
zum Versprechen, ja zum Ersatz des Intendierten durch seineu 
Gegensatz nötigt. Man merkt dann mit Erstaunen, wie der 
WortlaiUt einer Beteuerung die Absicht derseÜjen aufhebt, und 



102 



V. DAS VEBSPBECHEN. 



■^■ic der Spreclifehler die innere Uliaufrichtigkeit bloßgelegt] 
hat*. Das Versprechen wird hier zu einem mimischen Aus-ij 
drucksmittel, freilich oftmals für den. Ausdruck dessen, we 
man nicht sagen wollte, zu einem Mittel des Selbstverrates.j 
So -L. Vi. weim ein Mann, der in seinen Beziehungen zum Weibel 
den sogenannten normalen Verkehr nicht bevorzugt, in ein* 
Üeßpräch über ein für kokett erklärtes Mädchen mit den 
Worten ■ einfällt : Im Umgaaig mit jiiir würdß sie sich das 
Koettieren schon abgewöhnen. Kein Zweifel, daß es nur 
das andere Wort koitieren sein kaom, dessen Einwirkung 
auf das intondiürte kokettieren solche Abändenmg zuzu- 
schreiben ist. Oder im folgenden Falle : „Wir haben einen 
Onkel, der schon seit Monaten sehr beleidigt ist, weil wir ihn 
nie besuchen. Den Umzug in eine neue Wohnung nelimeu 
wir zum Anlaß, um nacli langer Zeit einmal bei ihm zu er- 
scheinen. ' Er freut sich ansclieiiiend sehr .mit uns und. sngt 
beim Abschied' so recht gefühlvoll: ,Von nun an hoffe ich 
euch noch seltener zu sehen als bisher.''' 

Die zufällige G-unst des Si^raohmaterials läßt oft Beispiele 
von Versprechen entstehen, denen die geradezu niederschmet- 
ternde Wirkung einer Enthüllung oder der volle komische 
Effekt eines Witzes zukommt. 

So in nachstehendem von Dr. Reit 1er beobachteten und 
mitgeteilten Falle : 

, „Diesen neuen, reizenden Hut haben Sie wohl sich selbst 
aufgepatzt?' sagte eine Dame in bewunderndem Tone zu einer 
aadereu." 

„Die Fortsetzung des I>eabsichtigten Lobes mußte nun- 
mehr unterbleiben ; denn die im stillen geübte Kritik, der Hut- 

* Durcli solches Versprechen brandmarkt z. E. Anzengr u b e r im 
„G' Wissens wurm" den heuchlerischen Erbschleicher. 



V. DAS VlüKSPliECHEN. 



103 



aufputz sei eine , Patzerei', hatte sicli deim doch viel zu deut- 
lich in dem unlicLisamen Versprechen geäußert, als daß irgend 
welche Phrasea konventioneller Bewundenmg noch glaub- 
würdig crscliieaen wären."' 

Milder, a.l>er doch auch unzweideutig ist die Kritik in 
folgendem Beispiel/: 

„Eiu.0 Dame machte bei einer Bekannten einen Besuch 
und wurde durcli die wortreichen, weit-s eh weif igen Erörterun- 
gen der ßctreffendüu sehr uii^-eduldig und müde. Bndlich 
gelang es ilir, aufzubrechen, sich zu verabschieden, als sie, 
von der sie ins Yorzimmer begleitenden Bekannten mit einem 
neuerlichen Wortschwall aufgehalten wurde und nun, schon 
im Weggehen begriffen, vor der Tür stehen und neuerdings 
zuhören mußte. Endlich unterbrach sie sie mit der Frage: ,Siud 
Sie im A"" o r z i m m e r zu Hause V Erst nu der erstaunten 
Miene bemerkte sie ihr Versprechen. Sie wollte, durch das 
lange Stehen im Vorzimmer ermüdet, das Gespräch mit 
der Trage: .Sind Sic Vormittag zu Hause'?' abbrechen und 
verriet so ihre Ungeduld über den neuerlichen Aufenthalt." 

■ Einer Malmung zur Selbstbesinnung enlspriclit das nächste 
von Br, Max Graf erlebte Beisj^iel: 

„lu. der Generalversammlung des Journalistenvereines 
,Concordia' hält ein junges, stets geldbedürftiges Mitglied eine 
heftige Oppositionsrede und sagt in seiner Erregung: ,Die 
Herren Vorsohußmitglieder' (anstatt Vor sta-nds- oder 
Aus s chußmilgliediT). Dieselben haben das Rocht, Darlehen 
zu bewilligen, und auch der junge Redner hat ein Darlehens- 
gcsuch eingebracht.'" 

An dem Beispiel ,, Vorschwein" haben wir gesehen, daß 
ein Versprechen leicht zu stände kommt, wenn mau sich be- 



^ 



104 



V. DAS VEKSPßECHESr. 



müht hat, Seh impf worte zu unterdrücken. Man macht sich 
dami eben auf diesem Wege Luft: 

Ein Photograph, der sich vorgenommen hat, im Verkehr 
mit seinen ungeschickten Angestellten der Zoologie atiszu^ 
weichen, .sa^t zu einem Lehrling, der eine große, ganz volle 
Schale ausgießen will und dabei natürlich die Hälfte auf den 
Boden schüttet: „ Aber M e n s c h, schöpsen Sie doch zu- 
erst «twas davon ab!" Und bald darauf zu einer Gehilfin, 
die durch ihre Unvorsichtigkeit ein Dutzend wertvolteT-P^latten 
gefährdet hat, im Fluß einer längeren Brandi-ede : „Aber sind 
Sie denn so h o r n v e r b r a n n t . . ." 

Das nachstehende Beispiel zeigt einen ernsthaften Pall von 
Selbstverrat durch Versprechen. Einige Nebenumstände be- 
rechtigen seine vollständige Wiedergabe ans der Mitteilung von 
'A. A. Brill im Zentralbl. f. rsychoanalyse, II. Jahi-g., 1*. 

I 

„Eines Abends gingen Dr. Trink und ich spaziin-en und be- 
spinchen einige Angelegenheiten der New Yorker Psyohoaualy- 
tiachen Gesellschaft. Wir begegneten einem Kollegen, Herrn 
Dr. R., den ich seit Jahren nicht gesehen hatte, und von dessen 
Privatleben ich nichts wußte. — Wir freuten mis sehr, uns 
wieder ku treffen, und gingen auf meine Aufforderung in ein 
Kaffeehaus, wo wir uns zwei Stunden laug augeregt unter- 
hielten. Er schien von mir Näheres zu wissen, denn nach 
der gewöhnlichen Begrüßung erkundigte er sich nach meinem 
kleinen Kinde und erklärte mir, daß er von Zeit zu Zr-it über 
mich von einem gemeinsamen Eremide höre und sich für 
meine Tätigkeit interessiere, nachdem er daxül>er in den medi- 
zinischen Zeitschriften gelesen hatte. — Auf meine Präge, 
ob er verheiratet sei, gab er eine verneinende Auskunft und 
fügte hinzu: ,Wozn soll ein Mensch wie ich äieiraten?'" 

* Im Zentralbl. für Psych, irrtümlicherweise E, Jones zugeschrieben. 



V. DAS VERSPRECHEN. 



105 



„Beim Vcrlasscii des Kaffeoliauses wiuidfce er sich plötzlich 
an mich: ,Ich möchte wissen, was Sie iu lolgeadem Talle tun 
■würden; Ich ken]ie eine Krankeiipflogcriii, die als Mitficluil- 
dige in einen Ehescheidungsprozeß verwickelt war. Die Ehe- 
frau klagte ihren Mnnu a.uf Scheidung und bezeichnete die 
Fflf^gerin als Mitschuldige uml er bekam die Scheidung*.' — 
Ich unterbrach ihn. ,Sie wollen sagen, sie bekam die Schei- 
dung.' — Er verbessei'fce sofort; ,Natürlich, .si c bekam die 
Scheidung,' und erzählte weiter, daJ3 die Pflegerin sich der- 
art über den Prozeß und Skandal aufgeregt liabe, daß aie zu 
trinken begann, schwer nervös wurde; usw., und fragte mich 
um meinen Rat, wie er sie behandeln solle," 

,, Sobald ich den Eehler korrigiert hatte, bat ich ihu, ihn zu 
erklären, aber ich bekam die gewolmlichon erstauaten Ant- 
worten: ob es nicht eines jeden Menschen gutes Recht sei, 
sich zu versprechen, daß das nur ein Zufall sei, nichts dahinter 
zu suchen sei usw. Ich erwiderte, daJJ jedes I'ehlspi'oclien be- 
griiudet sein müsse, and dall ich versticht wäre zu glauben, 
daJJ er selbst der Held der Geschichte sei, wenn er mir nicht 
frülier mitgeteilt hätte, daJ5 er unvermählt sei, denii daim wäre 
das Versprechen durch den Wunsch erklärt, seine Frau und 
nicht er hätte den Prozeß verlieren sollen, damit er nicht 
(nach unserem Eherecht) Alimente zu zaJilen brauche und in 
der Stadt New York wieder heiraten könne. Er lehnte meine 
Vermutung hartnäckig ab, bestärkte sie aber gleichzeitig durch 
eine übertriebene Affektrcaktion, deutliche Zeichen von Erre- 
gung und danach Gelächter. Auf meinen Appell, die Wahrheit 
im Interesse der wis.sen.schaftlichen Klarstellung zu sagen, 

* „Nach uQsercji Gesetzen wird die Ehescheidung nur ausgesprochen, 
-.venn bewieaert wird, daß der eine Teil die Ehe gebrochen hat, un^ zwax 
wird die Scheidung nur dem betrogenen Teile bewilligt." 



106 



V. DAS VERSPEECHEN'. 



bekam icli die Antwort: ,WerLn Sie nicht eine Lüge hören 
■wollen, müsaen> Sie an mein Junggesellen tum glauben, und da- 
her ist Ihre psyclioanaly tische Erklärung durchaus falsch.' 
,Er fügte noch hinzu, daß solch ein Mensch, der jede Kleinig- 
keit beachte, direkt gefährlich sei. Plötzlich fiel ihm ein 
anderes Reudczvous ein, und er vei-abschiedt^te sich." 

,,Wir beide, Br. Frink und ich, waren dennoch von meiner 
Auflösung seines Versprechens überzeugt, und ich beschloß, 
durch Erkundigung den Beweis oder Gegenbeweis zu erhalten, 

Einige Tage später besuchte ich einen Nachbar, einen alten 

Preund des Dr. R., der mir vollinhaltlich meine Erklärung 
bestätigen konnte. Der Prozeß hatte vor wenigen Wochen, 
stattgefunden und die Pflegerin waj als I\Iitschuldige vorge- 
laden worden. — Dr. R ist jetzt von der Richtigkeit der 
Treudschen Mechanismen fest überzeugt." 

Der Selbstverrat ist ebenso unzweifelhaft in folgendem 
von O. Rank mitgeteilten Falle: 

„Ein "Vater, der keinerlei patriotisches Gefühl besitzt, und 
seine Kinder auch von diesem ihm übei-flüssig erscheinenden. 
Empfinden ■ frei erziehen will, tadelt seine Söhne wegen ihrer 
Teilnahme an einer patriotischen Kundgebung und weist ihre 
Berufmig auf das gleiche Verhalten des Onkels mit den Worten 
zurück: ,Gerade dem sollt ihr nicht nacheifern; der ist ja 
ein Idiot.' Das über diesen uugewohnten Ton des Vaters 
erstaunte Gesicht der Kinder macht ihn a-ufmerksain, da,ß 
er sich versprochen habe, und entschuldigend bemerkt er: 
Ich wollte natürlich sagen: Patriot." 

Als Selbstverrat wird auch von der Partnerin des Gesprächs 
ein Versprechen gedeutet, das J,' Starcke (1. c.) berichtet, und 
zu dem er eine treffende, wenn auch die Aufgabe der Deutung 
überschreitende Bemerkung hinzufügt. 



■' 



V. DAS VEHSPKECHEN. jq-j 

„Eiuo Zahnärztin hatte mit ihrer Schwester verabredet, 
daß sie bei ihr eimnal nachsehen würde, ob sie zwischen zwei 
Backenzähnen wohl Kontakt hätte (d. li. ob die Backenzähne 
mit ihren Seitenflächen einander berüiiren, so daß keine Nah- 
mui^Äieste dazwischen bleiben können). Ihre Schwester be- 
klagte sich jetzt dai'übor, daß sie auf diese Untersuchung so 
laitge warten mußte, und sagte im Scherze : , Jetzt behandelt 
sie wohl eine Kollegin, aber ihre Schwester muß noch immer 
warton.' — Die Zahnärztin untersucht sie jetzt, findet wirklich 
ein kleines Loch in d-em einen ßaokeuzuhn, und sagt: ,lcli 
dachte nicht, daJ3 es so schlimm wax; ich dachte, daß du nur 
kein Kouta.iit hättest.... kein Kontakt hattest.' — 
, Siehst du wohl,' rief ihre Schwester lachend, ,daß es nur w'ogen 
deiner Hal:>sucht ist, daß du micli soviel länger wartcu laßl 
als deine zalilenden ratienten?!'" — 

,,(Ich darf selbstverständlich meine eigenen Einfälle nicht 
den ihrigen hinzufügen oder daraus Schlüsse ziehen, aber beim 
Vernehmen dieser Versprochung ging mein Gedankengang so- 
fort dahin, daß diese zwei lieben und gcislreichcn jungen 
Frauen unvex'heiratet sind und auch sehr wenig mit jungen 
Männern umgehen, und ich fragte mich selbst, ob sie mehr 
Kontakt mit juugen Leuten haben würdon, wenn sie mehr 
Kontant hätten.)'" 

Den Wert eines Selbstverrates hat auch nachstehendes, 
von Th. Reik (I.e.) mitgeteiltes Versprechen: 

„Ein junges Mädchen sollte einem ihr unsympathischen 
jungen Manne verlobt werden. Um die beideji jungen Leute eiu- 
aaider näherzubringt-n, verabredeten dei-en Eltern eine Zu- 
sammenkunft, der auch Braut imd Bräutigam in spe bei- 
wohnten. Dtis junge Mädchen besaß Selbstüberwindung genug, 



■^1 



X08 V. DAS VEKSPKECHEN. 



ihren Freier, der sioli sehr galant gegen sie benaiim, iUre Ab- 
neigung nicht merken zu lassen. Doch auf die Frage ihrer 
Muttc-r, wie ihr der junge Mann gefiele, antwortete sie höf- 
lich : ,Gut. Er ist sehr liebenswidrig!'" 

Nicht minder aber ein anderes, das 0. Rank (Internat. 
Zeit-schrift für Psychoanalyse) als „witziges Versi)rechen" bo- 
schreibt. 

„Einer verheirateten Frau, die gern Anekdoten hört und 
von der man behauptet, daß sie auch außerehelichen Werbun- 
gen nicht abhold sei, wenn sie durcli entsprechende Geschenke 
unterätüzt werden, erzählt ein junger Maim, der sich auch um 
ihre Gunst bewirbt, nicht ohne Absicht folgende altbekannte 
Geschichte. Von zwei Geschäftsfreunden bemüht sich der 
eine um die Gunst der etwas spröden Frau seines Kompagnons ; 
schließlich will sie ihm diese gegen ein Geschenk von 1000 Gul- 
den gewähren. Als nun ihr Maim ven-eisen will, borgt sich 
sein Kompagnon von ihm 1000 Gulden aus und verspricht, sie 
noch am nächsten Tage seiner Frau zurückzns (eilen. Natür- 
lich gibt er dann diesen Betrag als vermeintlichen Liebeslohn, 
der Frau, die sich schließlich noch entdeckt glaubt, als ihr 
zurückgeli:ehrter Manu die 1000 Gulden verlangt, mid zum 
Schaden noch den Schimpf hat. — Als der junge Manu in 
der Erzählung dieser Geschichte bei der Stelle angebingt war, 
wo der Verfühi-er zum Kompagnon sag-fc: ,lGh werde das Gold 
morgen deiner Frau zurückgeben', unterbrach ihn seine 
Zuhörorin mit den vielsagenden Worten ; , Sagen Sie, habeu 
Sie mir das nicht schon — zurückgegeben? Ah, paidon, 
ich wollte eagi'm — erzählt?' ~ Sie könnte ihre Bereitwillig- 
keit, sich unter denselben Bedingungen hinzugeben, kaum 
deutlicher kundgeben, ohne sie direkt auszuspreclien" 

Einen schönen Fall von solchem Selbstverrat mit härm- 



V. DAS VEESPEECHEN'. ^qq 



losem Ausgang berichtet Y. Tausk (Internat. Zeitschr. für 
Psycboa.nalysti, IV, 1916) unter nachstellendem Titel: 

„Der Glauben der Väter." 

,.Da. meine Braut Christin war", erzählte Herr A., „und 
nicht zum Judentum übertreten wollte, mußte ich selbst vom 
Judentum zum Christentum übertreten, um heiraten zu kön- 
neu. Ich wechselte die Konfession nicht ohne inneren Wider- 
stand, aber das Ziel schien mir den Konfessionswechsel zu. 
reclitfertigen, und dies um so eher, als ich nur eine äußere 
Zugehörigkeit zum Judentum, keine religiöse Überzeugung, da 
ich eine solche nicht besaJJ, abzulegen hatte. Ich habe mich 
trotzdem später immer zum Judentum bekannt, und wenige 
meiner Eekanüten wssen, daß ich getauft bin. 

Aus dieser Ehe entstammen zwei Söhne, die christlich ge- 
tauft wurden. Als die Knaben entsprechend herangewachsen 
waren, erfuhren sie von ihrer jüdischen Abstammimg, damit sie 
sich nicht, durch antisemitische Einflüsse der Schule bestimmt, 
aus diesem überflüssigen G-runde gegen den Vater kehrten. 

Vor einigen Jahren wohnte ich mit den Kindern, die da- 
mals die Volksschule besuchten, zur Sommerfrißche in D. bei 
einer Lebrerfmuilie. Als wir eines Tages mit unseren, übrigens 
freundlichen. Wirtsleuten bei der Jause saßen, machte die 

Frau des Hauses, da sie von der jüdischen Herkunft ihrer 

• 
Sommerpartei nichts ahnte, einige recht scharfe Ausfälle gegen 

die Juden. Ich hätte nun tapfer die Situation deklarieren 
soUerL um meinen Söhnen das Beispiel vom .Mut der Über- 
zeugung' zu geben, fürchtete aber die unerquicklichen Aus- 
einandersetzungeu, die einem solchen Bekenntnis zu folgen 
pflegen. Außerdem bangte mir davor, die gute Unterkunft, 
die wir gefunden hatten, eventuell verlassen zu müssen und 



IIQ V. DAS VERSPRECHEN. 



mir und meinen Kindern so die olniehin knrz bemessene Er- 
hol\mgszcit zu verderben, falls unsere Wirtslentc ihr Benehmen 
gegen uns, weil wir Juden waren, in unfreundlicher Weise 
verändern sollten. 

Da. ich jedoch erworten durfte, daß meine Knaben in 
freimütiger Weise und unbefangen die folgenschwere Wahr- 
heit verraten würden, wenn sie noch länger dem Gespräche 
beiwohnten, wollte ich sie aus der Gresellschaft entfernen, in- 
dem ich sie in den Garten schickte. 

,Geht in den Garten, Juden — ' sagte ich und korrigierte 
schnell: ,Jungen'. Womit ich also durch eine Fehlleistung 
meinem ,Mut der Überzeugung' zum Ausdruck verhalf. Die 
anderen hatten zwar aus diesem Versprechen keine Konse- 
quenzen gezogen, weil sie ihm keine Be-deutung zumaUen, ich 
aber mußte die Lehre ziehen, daß der , Glauben der Väter' 
sich nicht ungestraft verleugnen läßt, wenn man ein Sohn 
ist und Söhne hat." 

Keineswegs harmlos wirkt folgender Fall von Verspre- 
chen, den ich nicht mitteilen würde, wenn ihn nicht der 
Gerichtsbeamte selbst während des Verhörs für diese Saram- 
liuig aufgezeichnet hätte ; 

Ein des Einbruchs beschuldigter Volks wehraiann sagt aus-: 
Ich wurde seither aus dieser militärischen Diebs Stellung 
nocli nicht entlassen, gehöre also derzeit noch der Yolks- 
wehr an. 

Erheiternd wirkt das Versprechen, wenn es als Mittel be- 
nützt wird, um während eines Widerspruches zu bestätigen, 
was dem Arzte in der psychoanalytischen Arbeit sehr will- 
kommen sein mag. Bei einem meiner Patienten hatte ich einst 
einen Traum zu deuten, in welchem der Name Jauner vorkam. 
Der Träumer kannte eine Person dieses Namens, es ließ sich 



1 



r 



V. DAä VEHSPHECHBN. 



111 



aber nicht finden, weshalb diese Person in den Zusa-mmenlianw 
des- Traumes aufgenommen war, und dainam waj^Co ich die 
Vermutung, es könne bloß wegen des Namens, der an deu 
Schimpf Gauner anklinge, geschehen sein. Der Patient 
widersprach ra«oh nnd energischj versprach sich aber dabei 
und bestätigte meine Vermutxmg, indem er sich der Ersetzung 
fiin ziwcitesmal bediente. Seine Antwort lautete; Das er- 
scheint mir doch zu jewagt. Als ich ihn auf das Ver- 
sprechen aufmerksam machte, gab er meiner Deutung uach. 

"Wenn im ernsthaften Wortstreit ein solches Versprechen, 
welclit^s die Redeahsicht in ilir Geg<'nteil verkehrt, sich dem 
einen der beiden Streiter ereignet, so setzt es ihn sofort in 
Nachteil gegen den anderen, der es selten versäumt, sich 
seiner verbesserten Position zu bedienen. 

Es wird dabei klar, daß die Menschen ganz allgemeiu dem 
Verspreclien wie anderen Fehlleistungen dieselbe Deutmig 
geben, wie ich sie in diesem Buche vertrete, auch wenn sie 
sich in der Theorie nicht für diese Auffassung einsetzen, und 
wenn sie für ihre eigene Person nicht geneigt sind, auf die 
mit der Duldung der Fehlleistungen verbundene ßequemlicli- 
keit zu verzichten. Die Heiterkeit und der Hohn, die solohos I 
Fehlgehen der Rede im entscheidenden Moment mit Gewißheit 
hervorrufen, zeugen gegen die angeblich allgemein zugelassene 
Konvention, ein Versprechen sei ein Lapsus linguae und psycho- 
logisch bedeutungslos. Es war kein geringei"er als der deut- 
sche lleichskanzlcr Fürst B ü 1 o w, der durch solchen Einsprucli 
die Situa.tion zu retten versuchte, als ihm der Wortlaut seiner 
Verteidigungsrede für seinen Kaiser (Nov. 1907) durch ein 
Versprechen ins GegenteiJ umschlug. 

„Was nun die Gegenwart, die neue Zeit Kaiser Wil- 
helms IL, angeht, so kann ich nur wiederholen, was ich vor 



k 



112 



V. D^ VER9PEECHEN, 



einem Jalu-e gesagt habe, daß es u n b i 1 1 i g und u n g e r e c li 
wäre von eiuem Eing verantwortlicher Rat-- 

gebor um unseren Kaiser zu sprechen (Lebhafte 

Zurufe: Unverantwortlicher), unverantwortlicher Eat- 
geber zu sprecheu. Vemeihen Sie den Lapsus linguae." (Hei- 
terkeit.) 

Indes, der Satz des Fürsten Bülow war durch die Häufung 
der Nega:tionen einigermaßen undurchsichtig ausgefallen; die 
Sympathie für den Redner und die Rücksicht auf seine schwie- 
rige Stellung wirkten dahin, daß dies Versprechen nicht weiter 
gegen ihn ausgenützt wurde. Sohlin-imer erging es ein Jahr 
später an demselben Orte einem anderen, der zu einer rück- 
haltlosen Kundgebung aa den Kaiser auffordern wollte und 
dabei durch ein böseß Versprechen an andere in seiner loyaien 
Brust wohnende Gefühle gemahnt mirde: 

„Lattmann (Dtscli.-nat.) : Wir stellen uns bei der li'rnge 
der Adresse auf den Böden der Geschäftsordnung des 
Reichstags. Danach hat der Reichstag djis Recht, eine solche 
Adresse an den Kaiser einzureichen. Wir glauben, daß der ein- 
heitliche Gedanke und der Wunsch des deutschen Volkes daliin 
geht, eine einheitliche Kundgebung auch in dieser Aa- 
gelegenlieit zu erreichen, und wenn wir das in eine/ Form tun 
können, die den monarchischen Gefühlen durchaus Rechnung 
trägt, 50 sollen wir das auch rückgratlos tun. (Stürmische 
Heiterkeit, die minutenlang anliält.) Meine Herren, es hieß 
nicht rückgratlos, sondern rückhaltlos (Heiterkeit), und 
solche rückhaltlose Äußerung des Volkes, das wollen wir hoffen, 
nimmt auch unser Kaiser in dieser schweren Zeit entgegen." 

Der ,, Vorwärts'' vom 12. November 1908 versäumte es 
nicht, die psychologische Bedeutung dieses Versprechens -auf- 
zuzeigen: 






V. DAS VEE8PEECBEK. H^ 



„Eückgratlos vor dem K aiser tlxron." 

„Nie ist wohl je ia einem I*arlament von einem Abgeord- 
neten in unfrei williger Sülbstbexichtigung seine und der Parla^ 
montemehrheit Haltung gegenüber dem Monarchen so treffend 
gekenuzoichnet worden, wie das dem Antisemiten Lattmann 
gelang, als er am zweiten Tage der InterjaeUation mit feier- 
lichem Patlios in das Bekenntnis entgleiste, er und seine 
Freunde wollten dorn Kaiser rückgratlos ihre Meinung^ 
sagen. ^ 

Stürmische Heiterkeit auf allen Seiten erstickte die wei- 
teren Worte des Unglücklichen, der es noch für notwendig hielt, 
ausdrücklich entschuldigend zu stammeln, er meiue eigentlich 
, rückhaltlos'." 

Ein schönes Beispiel von A^ersprechen, welches nicht so 
sehr den Verrat des Redners als die Orientierung des außer der 
Szene stehenden Hörers bezweckt, findet sich im Wal le li- 
ste i n (PJcoolomini, I. Aufzug, 5. Auftritt) und zeigt uns, daß 
der Dichter, der sich hier dieses Mittels, bedient, Mechanismas 
und Sinn dos A'ersprechens wohl gekannt hat. Max Piccolo- 
mini hat in der vorhergehenden Szene aufs leidenschaftlichste 
für den Herzog Partei genommen und dabei von den Segnungen 
des Friedens geschwärmt, die sicli ihm auf seiner Heise ent- 
hüllt, während er die Tochter Walleusteius ins Lager beglei- 
tete. Er läßt seinen Vater und den Abgesandten des Hofes, 
Questenberg, in voller Bestürzung zurück. Und nuu geht der 
füuft-<^ Auftritt weiter: 

Questenberg: weh uns! Steht es so? 

Freund, und wir lassen ihn in diesem Wahn 

Dahingehen, rufen ihn uicht gleich 

Zuirnck, daß wir die Augen auf der Stelle 

Ihm öffnen? 

T^rend, Psych opalhoIoEle des AUfagslebena . VHI, AiiH. 8 



]^]^4 ^- ^^ VERSPRECHEN. 



üctavio (aus oiiieiu tiefen Nachdenken zu sich kommend) : 

31 ir hat er sie jetzt geöffnet^, 
Und mohr prhlick' ich, als nach freut. 

Qucstenberg : Was ist Freund? 

Octav'io: Pluch über diese l^eisel 

Questenborg: Wic;so'? Was ist es? 

Octavio : Kommen Sic ! Ich mliß. 

Sogleich die ungliieksnlige Spnr verfolgen, 
Mit meinen Äugen sehen — kommen Sie — 

(will ihn fortführon). 

Questenborg: Was denn? Wohin? 

Octaviü (pressiert) : Zu ilir !■ 

Questcnberg : Zu — 

I 

Octavio (korrigiert sich): ZumlhTzog! Gehen wir ! usw. 

Dies kleine Versprechen: Zu itir anstatt: Zu ihm soll uns 
verraten, daß der Vater das Motiv der Parteinahme seines 
Sohnes durchschaut hat, während der Höfling klagt: „daß 
er in lauter Eätseln zu ihm rede". 

Ein anderes Beispiel von poetischer Verwertuilg des Ver- 
sprechens hat Otto Kank l3ei~^Shake8pear e entdeckt. 
Ich zitiere Ranks Mitteilung- nach dem^ Zentralblatt für 
Psychoanalyse. I, 3 : 

.,Kin dichterisch überaus fein motiviertes und technisch 
glänzend verwertetes. Versprechen, welches wie da,s von 
Freud im Wa'llenstein aufgezeigte (Zur Psychopathologie 
des Alltagslebens, 2. Aufl., S. 48) verrät, daß die Dichter Me- 
chanismus und Sinn dieser Folilleistimg wohl kennen und deren 
Ver-ständnis auch beim Zuhörer voraussetzen, findet sich in 
Shakespeares „Kaufmann von Venedig" (III. Aufzug. 
2. Szene). Die durch den Willen ihres Vaters an die Wahl 



L 



V. DAS VERSPRECHEN. j^- 



eines Gatten durch das Los gefesselte j'orzia ist bisher allou 
ihren unliebsamen Fj-^ierii durch das Glück des Zulalls ent- 
ronnen. TXi sie endlich in Bassanio di-n Bewerber gefunden 
hat, dem sie wirklich zug<^tan ist, muß sie fürchten, daß a.ucli 
er das falsche Los niolien werde. Sie möchte ihm nun aiu 
liebsten sagen, daß er auch in diesem Fall ilirer Liebe sicher 
sein küimc, ist aber durch ihr Gelübde daran gelündert. In 
diesem inneren Zwiespalt läßt sie der Dichter zu iU-m ;\iJi- 
kummenf:>n Freier sagen: 

■ Ich bitt' Euch, wartet ; ein, zwei Tage noch, 
Bevor Ihr wagt: denn wählt Ihr ialsoh, so büße 
Ich Euern Umgang ein; darum verzieht. 
Ein Etwas sagt mir (doch es ist nicht Liebe), 

Ich möcht' Euch nicht verlieren; 

' Ich könnt' Euch leiten 

Zur rechten Wahl, dann brach' icli meinen Eid; 
D:iü will ich nicht; so könnt Ihr mich verfehlen. 
Doch weim Ihr'ß tut, macht Ihr micli sündlich wünschen. 
Ich hätt' ihn nur gebrochen. O, der Augen 
Die mich so übersuhn und mich geteilt! 
Halb bin ich Euer, die andre HäUte Euer -^ 
Mein w'ollt ich sagen; doch weim mein, daun Euur, 
Und so ganz Euer. 

(Nach der Obersetzuiiff von S o h 1 c g e 1 und T i e « k.) 

G-erade das, was sie ihm also bloß leise andeuten möchte, wnil ., 
sie es eigentlich ihm überhaupt verschweigen sollte, daß sie 
nämlich schon vor der Wahl ganz 'die Seine sei und ihu liebe 
das läßt der Dichter mit bewundernswertem psychologischen 
FeiugeXühl in dem Versprechen sich offen durchdrängen und 
weiß durcJx diesen Kunstgriffe die unerträgliche Ungewißheit 

s* 



llf^ V. DAS VERSPRECHEN. 



* 



des Liebenden sowie die gleichgestimmte Spannung des Zu- 
hörers über den Ausgajig der Wahl zu beruhigen." 

Bei dem Interesse, welche solche Partpinahrae der großen 
Dichter für unsere Auffassung des Versprechens verdient, halte 
ich es für gerechtfertigt, ein drittes solches Beispiel anzu- 
führ^en, welches von E. Jones mitgeteilt worden ist*: 

„Otto Rank macht in einem miläng,st publizierten Auf- 
satz** auf ein schönes Beispiel aufmerlsÄn.m, in welchem Shake- 
speare eine seiner Gestalten, die Porzia, ein ,Versprechen' be- 
gehen läßt, durch welches ihre geheimen Gedanken einem auf- 
merksamen Hörer offeiibar werden. Ich habe die Absicht, ein 
ähnliches Beispiel aus ,The Egoist', dem Meisterwerke dos 
größten englischen Romanschriftstellers, George Meredith, 
zu erzählen. Die Handlung des Eomans ist kurz folgende: 
Sir Willoughby Patteme, . ein von seinem Kreise sehr bewun- 
derter Aristokrat, verlobt sich mit einer Miß Konstantia 
Durham. Sie ent<ieckt in ihm einen intensiven Egoismus, den 
er jedoch vor der Welt geschickt verbirgt, und geht, um der 
PItirat zu entrinnen, 'mit. einem Kapitän namens Oxford durch. 
Einige Jahre später verlobt er sich mit einer Miß Klara 
Middleton. Der größte Teil des Buches ist nun mit der a,us- 
fiibrlichon Beschreibung des Konfliktes erfüllt, der in. Klara 
Middletons Seele entsteht, als sie in ihrem Verlobten denselben 
hervorstechenden Charakterzug entdeckt. Äußere Umstände 
und ihr Ehrbegriff fesseln sie an ihr gegebenes Wort, wäh- 
. rencl ihr Bräutigam ihr immer verächtlicher erscheint. Teil- 
wci£e macht sie Vernon Whitford, dessen Vetter und Sekretär 
(den sie zuletzt auch heiratet), zum Vertrauten. Er jedoch 

• Eiu Beispiel von literarischer Verwertuftg Öes A'erspreohens. Zou- 
tralblatt für Psychoanalyse, I, 10. " ^ . 

** ZentraJ-bl. für Psych., I, Heft 3, S. 109. 





V. DAS VEESPßECHEN. 



117 



hält sicVi a.ns Loyalität Patteme gegenüber und aus anderen 
Motiven, zurück. 

In einem Monolog über ihren Kummer spricht Klara fol- 
gendermaßen : ,Wenn doch ein odler Mann mich sehen könnte, 
wie ich bin, und 6S nicht zu gering erachtete, mir zu helfen! 
Oh I befreit zu werden aus diesem Kerker von Dornen und Ge- 
strüpp. Ich kann mir allein meinen Weg nicht bahnen. Ich bin 
ein Feigling, üiu Fingerzeig* — ich glaube, er würde mich 
vorändern. Zu einem Kameraden könnt' ich fliehn, blutig zer- 
rissen, und umbra.nst von Verachtung und Geschrei . . , Kon- 
stantia begegnete einem Soldaten. A'ielloicht betete sie, und ihr 
Gebet ward erhört. Sie tat nicht recht. Aber, oh, wie lieb' ich 

sie darum. Sein Name war Plai'ry Oxford Sie schwankte 

nicht, sie riß die Ketten, sie ging offen zu dem andern über. 
Tapfere.s Miidclien, wie denkst du über mich? Ich aber habe 
keinen Harry Whitford, ich bin allein.' — — 

Die plötzliche Erkenntnis, daJ5 sie einou anderen Nameu 
für Oxford gebraucht habe, traf sie wie ein Faust schlag 
und übergoß sie mit flammender Röte. 

Die Tatsache, daß die Namen beider Männer mit ,ford* 
endigen, erleichtert das Verwechseln dor beiden offensicht- 
lich und würde von vielen als ein hinreichender Grund dafür 
angesehen werden. Der wahre tieferliegende Grund jedoch 
ist von. dem Dichter klar ausgeführt. 

An einer anderen Stelle kommt dasselbe Versprechen.' 
wieder vor. Es folgt ihm jeue spontane Unschlüssigkoit und 
jener plötzliche Wechsel des Themas, mit denen uns die 



♦ Anmerkung des Übersetzei'a : Ich wollLt; uraprüngiich das Original 
„beckoniDt; of a finger" mit „leiser Wink" übersetzen, bis mir klar wurde, 
daß ich durch Unterschlagung das Wortes „Finger" den Satz eiuor pa^ciio- 
logischen Feinheit beraube. 



]18 



V. DAS VERSPRECHEN. 



Paychoanaiy&o und Jungs Werk über die Assoziationen vcr- 
travit maxihen, und die nur eintreten, wenn ein halbbevRißter 
Komplex berührt wird. Patterne sagt in patronisierendem Tone 
vonWhitford: ,ralsclier Alarm! Der gute alte Vernon ist gar 
nicht im st-ande, etwas Ungewölmlinlies au tun.' Klara antwor- 
tet: .Wenn aber nun Oxford — Whi,tford... da — Ihre 
Schwäne kemmen gerade den See durchsegelnd; wie schön 
sie aussehen, wenn sie indigniert sind! Was ich Sie el>en 
fragen wollte. Männer, die Zeugen einer offensichtlichen Be- 
wunderung für jemand anderen sind, werden wohl natürlicher- 
weise entmutigt 1' Sir Willoughby traf eine plötzliche Er- 
leuchtung, er richtete sich steif aiif. 

Noch an einer anderen Stelle verrät Klara durch ein 
anderes Versi^rechen iliren geheimen Wunsch nach einer inni- 
geren Verbindung mit Vernon Whitford. Zu einem Burschen 
sprechend, sagt sie: ,Sage abends dem Mr. Vernon — sage 
abendß dem Mr. Whitfoixl usw.'*" 

Die hier vertretene Auffassung des Versprechens hä,lt übri- 
gens der Probe an dem Kleinsten stand. Ich habe wiedeiiholt 
zingen köunen, daß die geringfügigsten und naheUegendsten 
Pälle von Eedeirning ihren guten Sinn haben und die iLäjnliche 
Lösung zulassen wie die auffälligeren Beispiele. Eine Patientin, 
die ganz, gegen meinen Willen, aber mit starkerd eigenen Vor- 
satz einen kurzen Ausflug nach Budapest unternimtnt, recht- 
fertigt sich vor mir, sie gelie ja- nur- für drei Tage dahin, 
verspricht sich aber und sagt: nur für drei Wochen. Sie 



* Andere Beispiele von Versprechen, die nach des Dichters Ahsicht 
als siüiivoll, meiat als Selbstverrat, aufgefaßt werden sollen, finden sich 
bei Shakespeare in Hichard II. (II, 2), bei Soliiller im Don Carlos 
(II, S, Versprechen der Eboli). Es wäre gewiß ein leichtes, diese Liste zu 
vervollstandigeiu 



V. DAS VEKSPRECHEN. 



119 



¥ 



verrät, cLiJä sie mir zum Trotze lieber drei Wocbea als drei 
Tage ia jener Gesellschaft bleiben will, die ich als unpassend 
für sie erachte. — Ich soll mich eines Abends entschuldigen^ 
diiß ich niciue Frau nicht vom Theater abgeholt, und sage: 
loh war zehn Minuten nach 10 Uhr beim Theater. Man kor- 
rigiert 'mich : Du willst sagen: vor 10 Uhr. Katürlicti wollte 
ich vor 10 Uhr sagen. Nach 10 Uhr wäi-eja keine Entschul- 
' digung. Man liatte mir gesagt, auf dem Theaterzettel stehe : 
Knde vor 10 Uhr. Als ich beim Theater anlangte, fand ich 
d;is Vestibül verdunkelt xmä das Theater entleert. Die Vor- 
stellung war eben früher zu Ende gewesen, und mein«.' Frau 
ha.tte nicht auf mich gewartet. Als ich auf die Uhr sah, 
fehlten noch füul" Minuten ku 10 U!ir. Ich nahm mir aber 
vor, meinen Fall zu Haiise günstiger darzustellen uud v.u sagen, 
es hätten noch zehn Minuten zur zehnten Stunde gefehlt. 
Leider verdarb mir das Versprechen die Absicht und stellte 
meine Unaufrichtigkeit bloß, indem es mich seihst melir be- 
kennen ließ, als ich zu bekennen hatte. 

Man gelangt von hier aus zu jenen RedestÖrungen, die nicht 
mehr als Versprechen beschrieben werden, weil sie nicht das 
einzelne Wort, sondern Rhythmus und Ausführung der ganzen 
Rüde beeinträchtigen, wie z. B. das Stamnioln und Stottern der 
Vralngenheit. Aber hier wie dort ist es der innere Konflikt, der 
uns durch die Störung der Rede verraten wird. Ich glaube 
wirklich nicht, daß jemand sich versprechen würde in der 
Audienz bei Ssiner Majestät, in einer ernstgemeinten Liebcs- 
werbungj in einer Verteidigungsrede um Ehre und Nameii ■\'or 
den Geschworenen, kurz in all den Fällen, in denen man ganz 
dabei ist, wie wir so bezeichnend sagen. Selbst bis in die 
Schätzung des Stils, den ein Autor schreibt, dürfen wir und 
sind wir gewöhnt, das Erklürungsprinzip zu tragen, welches 



120 



V. DAS VEßSPBECHE3Sr. 



v,'iT bei der Ableitung des einzelnen Sprachfehlers nicht ent- 
behren können. Eine klaxe und unzweideutige Schreibweise 
belehrt uns, daß der Autor hier mit sich einig ist, \md wo wir 
gezwungenen und gewundenen Ausdruck finden, der, wie so 
richtig gesagt wird, nach mehr als einem Scheine schielt, da ^ 
können wir den Anteil eines nicht genugsam erledigten, kom- 
plizierenden Gedankens erkennen oder die erstickte Stimme 
der Selbstkritik des Autors heraushören*. 

Seit dem ersten Erscheinen dieses Buches haben fremd- 
sprachige Freunde und Kollegen begonnen, dem Versprechen, 
das sie in den Ländern ihrer Zange beobachten konnten, ihre 
Aufmerksamkeit zuzuwenden. Sie haben, wie zu erwarten 
stand, gefunden, daß die Gesetze der Fehlleistung vom Sprach- 
material unabhängig sind, und haben dieselben Deutungen 
vorgenommen, die hier an Beispielen von Deutsch redenden 
Personen erläutert wurden. Ich fülire nur ein Beispiel anstatt 
ungezählter vieler an: 

Dr. A. A. Brill (New York) berichtet von sich: A fricnd 
described to me a nervous patient and wished to kuow whether 
I could benefit him. I remarked, I believe that in time I could 
remove all his Symptoms by psycho-analysis because it is a 
durable case wishing to say „curable'M (A contribution to 
the Psychopathology of Everyday Life aus Psychotherapy vol. 

III, Nr. 1, 1909.) 

Schließlich will ich für diejenigen Le^er, die eine gewisse 
Anstrengung nicht scheuen imd denen die Psychoanalyse nicht 
fremd ist, ein Beispiel anfügen, aus dem zu ersehen ist, in 



Ce qu'on congoit bien 
S'annoiice claireuiGnt 
Et les mofcs pour le dira 
An'ivent aiseinenb. 



Boiloii«, Art poötique. 



w 



V. DAS VEUSPRECHßN. ^21 



welche seelischen Tiefen auch die Verfolgung eines Verspre- 
chens führen kann. 

L. Jekcls (Intern. Zeitschr. für Psychoanalyse, I, 1913). 

„Am 11. Dozi^mber werde ich von. einer mir befreundeten 
Dame in polnischer Spraxihe etwas herausfordernd und über- 
mütig mit den Worten apostrophiert: , Warum habe ich 
heute gesagt, dali ich zwölf Finger habe?' 

Sie reproduziert min über meine Aufforderung die Szene, in 
der die Bemerkung gefallen ist. Sie habe sich angeschickt, mit 
der Tochter auszugehen, um einen Besuch zu machen, habe ihre 
Tochter, eine in Remission befindliche Dementia praecox, auf- 
gefordert, die Bluse zu wechseln, was diese im anstoßenden 
Zimmer auch getan hat. Als die Tochter wieder eintrat, fand 
sie die Mutter mit dem Reinigen der Nägel beschäftigt; und 
da entwickelte sich folgendes Gespräch : 

Tochter: jNo siehst du, ich bin schon fertig and du noch 
nicht!' 

Mutter: ,Du hast ja aber auch nur eine Bluse und ich 
awölfKägel. 

Tochter: ,Was]' 

Mutter (ungeduldig): .No natürlich, ich habe ja doch 
zwölf Finger.' 

Die Frage eines die Erzählung mitanhöreuden Kollegen, 
was ihr zu zwölf einfalle, wird ebenso prompt wie bestimmt 
beantwortet: , Zwölf ist für mich kein Datum (von 
Bedeutung).' 

Zu Finger wird unter einem leichten Zögern die Assoziar 
tion geliefert : ,ln. der Familie meines Mannes kamen sechs 
Finger an den Füßen (im Polnischen gibt es keinen eigenen 
Ausdruck tut Zehe) vor. Als unsere Kinder zur Welt kamen, 
wurden sie sofort darauf untersucht, ob sie nicht sechs Fin- 



122 



■V. DAS VERSPRECHEN. 



ger hoben/ Aus äuß'eren Ursachea wurde an diesem Abend 
die Analyse nicht fortgesetzt. 

Am nächsten Morgen, dem 12, Dezember, besucht mich die 
Dame und erzählt mir sichtlich erregt: , Denken Sie, wasmir 
pa.ssiert ist; seit etwa 20 Jahren gratuliere ich dem aiten 
Onkel meines Mannes zu seinem Geburtstag, der heute fällig 
ist, schreibe ihm immer am 11. einen Brief; und diesmal 
habe ich es vergessen und mußte soeben telegraphieren.' 

Ich erinnere mich und die Dame, mit welcher Uestimmtlieit 
Sic ßjn gestrigen Abend die Frage des Kollegen nach den zwölf; 
die doch eigentlich sehr geeignet war, ihr den Geburtstag in 
Erinnerung zu bringen, abgetan hat mit der Bemerkung, der 
Zwölfte sei für sie kein Datum von Bedeutung. 

Nun gesteht sie, dieser Onkel ihres Maimes sei ein Erb- 
onkel, auf dessen Erbschaft sie eigentlich immer gerechnet 
habe, ganz besonders in ihrer jetzigen bedrängten fhiauziellen 

Lage. 

So sei er, resi>ektive sein Tod, ihr sofort in den Sinn ge- 
kommen, als ihr vor einigen Tagen eine Bekannte aus Karten 
prophezeit habe, sie werde viel Geld bekommen. Es schoß ihr 
sofort durch den Kopf, der Onkel sei der einzige, von dem sie, 
respektive ihre Kinder. Geld erhalten kömiten; auch erinnerte 
sie sich bei dieser Szene augenblicklich, daß schon die Frau 
dieses Onkels versprochen ha.be,, die Kinder der Erzälilerin 
testamentarisch zu bedenken; mm ist sie aber ohne Testiv 
ment gp-storben; vielleicht hat sie ihrem Manne den bezüg- 
lichen Auftrag gogeben. 

Der Todes wünsch gegen den, Onkel muß offenbar sehr in- 
tensiv aufgetreten sein, wenn sie der ihr prophezeienden Dame 
gesagt hat: ,Sie verleiten die Leute dazu, andere umzubringen.* 

In diesen vier oder fünf Tagen, die zwischen der Prophe- 



I 

I 



V. DAS VEKSl'ltECHEN. jgg 



zoiiing und iJem Greburlstag-o des Onkels lagen, suchte sie stets 
ia den im Wolmoi-t€ des OnkeXs erscheinenden Elättuni die 
auf seinen Tod bezügliche Parte. 

Kein Wunder somit, da£ bei so intensivem Wunsche nach 
seinem Tode, die Tatsache und das Datum seines demnächst zu 
feiernden Geburtstages so stark unterdrückt wurden, daß es 
nicht bloß zum Vergessen eijies sonst seit Jahren ausgeführten 
Vorisatzes gekommen ist, sondern auch, daß sie nicht einmal 
durch die Trage des lioUegen Ins Bewußtsein gebracht wurdt-n. 

Indem Lapsus jZwölf Finger' hat sich nnn die unterdrückte 
Zwölf durchgesetzt und liat die Fehlleistung niitlx-stimmt. 

Ich meine mitbetstimmt, denn die auffällige Assoziation zu 
, Finger' liißt uns noch weitere Motivierungen ahnen; sie er- 
klärt uns auoh, warum der Zwölfer gerade diese so liarmlose 
licdcusart von den zehn Fingern verfälscht ha,t. • 

Der Finfall lautete : ,In der Familie meines Mannes kamen 
seclis Fingi'r an den Füßen vor.* 

Seclis Zehen sind Merkmale einer gewissen Abnormität, 
somit sechs Finger ein abnormes Kind und 

zwölf Finger zwei abnoi-me Kinder, 

Und tatsächlich trüf dies in diesem Falle zu. 

Die in sehr- jungem Alter verheiratete Frau hatte als ein- 
zige Erbschaft nach ihrem Manne, der stets als exzentrischer, 
abnormer Mensoli g;i.lt und sich nach kurzer Ehe das Leben 
nahm, zwei Kinder, die wiederholt von Ärzten als väterlicher- 
seits schwer hereditär l>elastet und abnorm bezeiclmet wurden. 

Die ältere Tochl-er ist nach einem schweren katatonen An- 
fall vor kurzem nach Hause zurückgekehrt; bald nachher er- 
krankte auch die jüngere, in der Pubertät befindliche Tochter 
an einer schweren Neurose, 

Daß die Abnormität der Kinder hier zusammengestellt wird 



124 



Y. DAS VERSPEECHEN. 



mit dem Stcrbewunsche gegen clen Onkel und sich mit diesem 
■ungleich stärker imterdrückt«n und psychisch valentereu Ele- 
ment verdichtet, läßt un,s als zweite Determinleruiig dieses 
Versprechens den Todeswuusch gegen die abnormen 
Kinder annehmen. 

Die prävalierende Bedeutung des Zwölfers als Sterbe- 
■ wnnsch erliellt aber schon daraus, daß in der Vorstellung 
der Erzählenden der Geburtstag des Onkels sehr innig assoziiert 
war mit dem Todesbogriffe. Denn ihr Mann liat sich am 
13. das Loben genommen, also einen Tag nach dem Geburtstag 
ebendesselben Onkels, dessen Trau tax der jungen Witwe ge- 
sagt hatte: ,Gestern gratulierte er noch so herzlich und lieb, 

— und heute!' 

Ferner will ich noch hinzufügen, daß die Dame auch genug 
reale Gründe hatte, den Kindern den Tod zu wünschen, von, 
denen sie gar keine Freude erfuhr, sondern nm- Kummer und 
arge Einschränkungen ihrer Selbstbestimmung zu leiden hatte, 
nnd denen zuliebe sie auf jegliches Liebesglück verzichtet 

hatte. 

Auch diesmal war sie außerordentlich bemüht, jeglichen 
Anlaß zur Verstimmung der Tochter, mit der sie zu Besuch 
ging, zu vermeiden; und mau kami sich vorstellen, welchen 
Aufwand an Geduld und Selbstverleugnung' bei einer Dementia 
praecox dies A-erlangt, und wie viele AVutregungen dabei unter- 
drückt werden müssen. 

Demzufolge würde der Sinn der Fehlleistung lauten : 

Der Onlcel soll sterben, diese abnormen Kinder sollen 
sterben (sozusagen diese ganze abnorme Familie), und ich soll 
das Geld von ihnen haben. 

Diese Fehlleistung besitzt nach meiner Ansicht mehrere 
Merkmale einer ungewöhnlichen Struktui', und zwar: 



V. DAS VERSPRECHEN. 125 



1. Das Vorhaaden sein von zwei Determinanten, die ia 
einem Element verdichtet sind. 

2. Das Vorhandensein der zwei Determinanten spiegelt 
sich in der Doppelung des Versprechens (zwölf Nägel, zwölf 
Finger). 

3. Auffällig ifit, daJ3 die eine Bedeutung des Zwölfers, näm- 
lich die die Abnormität der Kinder ausdrückenden zwölf Fin- 
ger, eine indirekte Darstellung repräsentiert ; die psychische 
Abnormität wird hier durch die physische, das Oberste duich 
das Unterste dargestellt." 



vr. 

VERLESEN UND VERSCHREIBEN. 



Doß für die Feliler im Lesen und Schreiben die nämlichnn 
Gesichtspunkte und Bemorkuugen Geltung ha.be)i wie für die 
Sprachfehler, ist bei der inneren Verwandtscliafb dieser ]?uuk- 
tionen nicht zu verwundern. Ich weixle mich hier darauf be- 
schränk-en, einige sorg-Jaltig analysierte Beispiele mitzuteilen, 
und keinen Versuch unternehoien, das Ganze der Erscheiuuu- 
g'en 'ZU umfassen. 

^.Verlesen, 

o) Ich durchblättere im Kaffeehaus eine Nummer der 
„Leipziger Illustrierten", die ich schräg vor mir halte, und 
lese als Unterschrift eines sich über die Seite erstreckenden 
Bildes: Eine Hochzeitsfeier in der Odyssee, Aufmerksam 
geworden und verwundert rücke ich mir das Blatt zurecht und 
korrigiere jetzt: Eine Hochseitsfeier an der Ostsee. Wie 
komme ich zu diesem unsinnigen Lesefehler? Meine Gedanken 
lenken sich sofort auf ein Buch von Ruths „Kxperimental- 
untersuchungen über Musikphantome usw."', das mich in der 
letzten Zeit viel beschä.ftigt ha.t, weil es nahe an die von mir 
behandelten psychologischen Probleme streift. Der Autor 
verspi'ioht für nächste Zeit ein Werk, welches „Analyse und 
Grundgesetze der Traumphänomene" heißen wii'd. Kein Wun- 
der, daß ich, der ich eben eine „Traumdeutung" veröffentlicht 



p 





VI. VERLESEN UND VERSCHREIBEN. 127 

habe, mit größter Spannung diesßm Buche euigegenselic. In 
der Schrift Kuths über Musikphantome fand ich vorn im 
Inhaltsverzcicluiis die Ankündigung des ausführlichen induk- 
tiven Nachweises, daß die althellenischen Mythen und SngL'ii 
ihre Ha.uptwurzcln in Schlummer- und Miisikphantiimen, in 
Traumphänomenen und auch in Delirien luiben. Icli schlug 
daoijaks sofort im Texte nach, um herauszufinden, ob er auch 
um die Zurückführung der Szene, wie Odysseus vor X a u s i- 
kaa erscheint, auf diiu gemeinen Nacktheitstraiim wisse. Mich 
hatte ein Freund auf , die schöne Stelle in G-. Kellers „Grüm^n 
Hcinj-ich" aufmerksam gemacht, welche diese Episode <h>r 
Odyssee als Objektivierung der Träume des fern von der Hin- 
mat -irrenden Schiffers aufklärt, und icli hatte die Bezieliuug 
zum Exhibitionstraum der Nacktheit hinzugefügt (5. Aufl., 
S. 170). Bei Kutha entdeckte ich nichts davon. Mich be- 
schäftigen in diesem Falle offenbar Priorität sgedanken. 

h) Wie kam ich dazu, eines Tages aus der Zeitung zu l^en: 
„Im Faß durch Europa", anstatt zu Fuß? Diese Aufli^sung 
bereitete mir lange Keit Schwierigkeiten. Die nächsten Ein- 
fälle deuteten allerdings: Es müsse das Faß des Diogenes ge- 
meint sein, und in einer Knustgeschichte hatte ich unlängst 
etwas über die Kunst zur Zeit Alexanders gelesen. Es lag dauü 
nahe, an die bekannte Rede Alexanders zu denken: Wenn ich 
nicht Alexander wäre, möchte ich Diogenes sein. Auch 
.schwebte mir etwas voa einem gewissen Hermann Zeitung 
vor, der in eine Kiste verpackt sich auf Beisen begeben hatte. 
Aber weiter wollte sich der Zusammenliang nicht herstellen, 
und es gelang mir niclit, die Seite in der Kunstgeschichte 
wied-ör aufzusciilagen, auf welcher mir jene liemcrkuug ins 
Auge gefallen war. iCrst Mojiate später fiel mir dns beiseite 
geworfene Rätsel plötzlich wieder ein, und diesmal zugleich 



J28 VI. VERLESEX UND VEESCHREIBEN. 



mit aeiaer Lösung. Ich erinnerte mich an die Bemerkung in 
eiuem Zeitungsartikel, was für sonderbare Arten der Beför- 
derung die Leute jetzt wählten, um nach Paris zur Weltaus- 
eteUung zu kommen, und dort war auch, wie ich glaube, scherz- 
haft mitgeteilt worden, daß irgend ein Herr die Aljsicht habe, 
sich von einem anderen Herrn in einem Taß nach Paris rollen 
au lassen. Natürlich hätten diese Leute kein anderes Motiv, 
als durch solche Tqrheiten Aufsehen zu machen. Hermann 
Zeitung war in der Tat der Name desjenigen Mannes, der 
für solche außergewöhnliche Beförderung das erste Beispiel 
gegeben hatte. Dann fiel mir ein, daß ich einmal einen Pa- 
tienten behandelt, dessen krankhafte Angst vor der Zeitung 
sich als Reaktion gegen den krankhaften Ehrgeiz a.uflöste, 
sich gedruckt und als berühmt in der Zeitung erwähnt zu 
sehen. Der mazedonische Alexander war gewiß einer der ehr- 
geizigsten Manner, die je gelebt. Er klagte ja, daß er keinen 
Homer finden werde, der seine Taten besinge. Aber wie 
konnte ich nur nicht daran denken, daß ein anderer Ale- 
xander mir näher stehe, daß Alexander der Name meines 
jüngeren Bruders ist ! Ich fand nun sofort den anstößigen und 
der Verdrängung bedürftigen Gedanken in betreff dieses Ale- 
xanders und die aktuelle Veranlassung für ihn. Mein Bruder 
ist Sachverständiger in Dingen, die Tarife imd Transporte 
angehen, und sollte zu einer gewissen Zeit für seine Lehrtätig- 
keit an einer kommerziellen Hochschule den Titel Professor 
erhalten. Für die gleiche Beförderung war ich an der 
Universität seit mehreren Jaliren vorgeschlagen, ohne sie er- 
reicht zu haben. Unsere Mutter äußerte damals ihr Befrem- 
den darüber, daß ihr kleiner Sohn eher Professor werden sollte 
als ihr großer. So stand es zur Zeit, als ich die Losung für 
jenen Leseirrtum nicht finden konnte. Dann erhoben sich 



i 



Vr. VERLESEN UND VERSCHREIBEW. 



129 



Seil wiorigkei teil auch bei meinem Bruder; seine Chancen, Pro- 
fessor zu werden, fielen noch unter die meiuigen. Da aber 
wurde mir plötzlich der Sinn jenes Vcrleseas offenbar; es war, 
als hätte die Minderung in den Chancen des Bruders ein 
Hindernis beseitigt. loh hatte mich so benommen, als läse ich 
die Ernennung dvs Bruders in der Zeitung, und sagte mir 
dabei : Merkwürdig, daß man wegen solcher Dummheiten (wie 
er sie als Beruf betreibt) in der Zeitung stehen (d. li. aum 
Professor ernannt werden) kann! Die Stelle über die helleni- 
stische Kunst im Zeitalter Alesanders schlug ich dann ohne 
Mühe auf und überzeugte mich zu meinem Erstaunen, daß ich 
während des vorherigen Suchens wiederholt auf derselben 
Seite gelosen und jedesmal wie unter der Herrschaft einer 
negativen Halluzination den betreffenden Satz übergangen, 
hatte. Dieser enthielt übrigens gar nichts, was mir Aufklä- 
rung brachte, was dos Yorgessens wert gewesen wäre. Ich 
meine, das Symptom des Nichtaniffindcns im Buche ist nur zu 
meiner Irreführung geschaffen worden. Ich sollte die Fort- 
setzung der Gedankenverknüpfung dort suchen, wo meiner 
Nachforschung ein Hinderais in den Weg gelegt war, also in 
irgend einer Idee über den makedonischen Alexander, mid sollte 
so vom gleiclmamigon Bruder sicherer abgelenkt werden. Dies 
gelang auch vollkommen; ich richtete alle meine Bemühungen 
darauf, die verlorene Stelle in jener Kunstgeschichte wieder 
aufzufinden. 

Der Doppelsinn des Wortes „Beförderung" ist in diesem 
Falle die Assoziationsbrücke zwischen den zwei Komplexen, 
dem unwichtigen, der durch die Zeitungsnotiz angeregt wird, 
mid dem interessanteren, aber anstößigen, der sich hier als Stö- 
rung des zu Lesenden geltend machen darf. Man ersieht aus 
diesem Beispiel, daß es nicht immer leicht wird, Vorkomm- 

Freud, Paychopatliologlo dos Alltjfreltbeni!. YIIT. Aiifi. 9 



V 



J30 ' VI. VERLESEN UND YEItöCHRElBEN. 

niasc -wie diesen Lescfoliler aufzuklären . Gelegentlich ist man 
auch genötigt, die Lösung des Rätsels auf eine günstigere Zeit 
au verschieben. Je schwieriger sich aber die Lösungsarbcit er- 
weist, desto aiohorer daxf man erwarten, daß der endlich auf- 
gedeckte störende Gedanke von unserem bewußten Denken als 
fremdartig und gegensätzlich beurteilt werden wird. 

c) Ich erhalte eines Tages einen Brief aus der Nähe Wiens, 
der mir eine erschütternde Nachricht mitteilt. Ich rufe auch, 
sofort 'meine Trau an und fordere sie zur Teilnahme dajran' auf, 
daß die arme Wilhelm M. so schwer erkrankt und von den 
Ärzten aufgegeben ist. An den Worten, in welche ich mein Be- 
dauern kleide, muß aber etwas falsch geklungen haben, denn 
meine Frau wird mißtrauisch, verlangt den Brief zu sehen und 
äußert als ihre Überzeugung, so könne es nicht darin stehen, 
dorm niemand nenne eine Frau nach dem Namen des llannes, 
und überdies sei der Korrespondentin der Vorname der Frau 
■ sehr wohl bekannt. Ich verteidige meine Behauptung hart- 
näckig und verweise auf die so gebräuchlichen Visitkarten, auf 
denen eine Frau sich selbst mit dem Vornamen des Mannes be- 
zeichnet. Ich muß endlich den Brief zur Hand nehmen, und 
wir lesen darin tatsächlich „der arme W. M.", ja sogar, was 
ich ganz übersehen hatte: „der arme Dr. W. M.". Mein Ver- 
sehen bedeutet also einen sozusagen krampfhaften Versuchl, 
die tranrige Neuigkeit von dem Manne auf die Frau zu über- 
wälzon. Der zwischen Artikel, Beiwort und Name eingescho- 
bene Titel paßt schlecht zu der Fordcrang, es müßte die Frau 
•verneint sein Darum wurde er auch beim Lesen beseitigt. 
Das Motiv dieser Verfälschung war aber nicht, daß mir die 
Frau weniger sympathisch wäre als der Mann, sondern das 
Schicksal des armen Mannes hatte meine Besorgnisse um eine 
andere, mir nalio stehende Terson rege gemacht, welche eine 



; . 



- VI. VERLESEN UND VEKSCHEETBEy. ' ]31 

der mir bekannten Krajikhoitsbedingiuigen mit diesem. Tallc 
gemeinsam hatte. 

d) Ärgerlich und lächerlicli ist mir ein Verlesen, dem icÜ 
sehip- häufig unterliege, wenn ich in d-en Perien in den Straßen 
einer fremden Stadt spaziere. Ich lese dann jede Ladentafel, 
die dem irgendwie entgegenkommt, als Antiquitäten. Hierin 
äußert sich die AbeiLteuerlust des Sammlers. 

e) Bleuler erzählt in seinem, bedeutsamen Buche ,,Affck- 
tivität, Suggestibilität, Paranoia" (1906), S. 121 : „Beim Lesen 
ba.tte ich einmal das intellektuelle G-efühl, zwei Zeilen weiter 
unten meinen Najuen zu sehen. Zu meinem. Erstaunen finde ich 
nur das Wort ,Blutkö:-perchen'. Unter vielen Tausenden von 
mir analysierten Verlesungen des peripheren wie des zentralen 
Gesichtsfeldes ist dieses der krasseste Fall. Wenn ich etwa 
meinen Namen zu sehen glaubte, so war daa Wort, das dazu 
Anlaß gab, meist viel äimliclier meinem Namen, in den meisten 
l'älkn mußten geradezu alle Buclistaben des Namens in der 
Nähe vorha.nden sein, bis mir ein solcher Irrtum begegnen 
konnte. lu diesem Falle ließ sich aber der Beziehungswahn ,und 
die Illusion sehr leicht begründen : Was ich gerade las, war das 
Ende einer Bemerkung über eine Art schlechten Stils von wis- 
senschaftlichen Arbeiten, von der ich mich nicht frei fühlte." 

f) H. Sachs: „An dem, was die Leute frappiert, geht 
er in seiner Steifleine nheit vorüber." Dies Wort fiel mir 
aber auf \md ich entdeckte bei näherem Hinsehen, daß es Stil- 
feinheit hieß. Die Stelle fand sich in einer überschwenglich 
lobenden Auslassung eines von mir verehrten Autors über einen 
Historiker, der mir uusym^jathisch ist, weil er das , Deutsch- 
Professor enhafte' zu stark hervorkeihrt." 

g) Über einen Fall von Verlesen im Betriebe der pliilologi- 
Bulten Wissenschaft berichtet Dr. Marceil Eibenschütz im 

9* 



13a 



Vr. VERLESEN UND VEKSCHEEIBEN. 



Zeatralbl. für Psychoanalyse, I, 5/6. „Icli beschäftige mich mit 
der Überliorerung das , Buches der Märtyrer', eines mittelhoch- 
deutschen LegendcuwcrkeSj das ich in den , Deutschen Texten 
des MittelaJ-ters', herausgegeben von der Preußischeu Akademie 
der Wisseaschaften, edieren soll. Über das bisher noch mige- 
druckte Werk war. recht -wenig bekannt; es bestand eine ein- 
zige Abhandlung darüber Von J. Haupt ,Über das mittelhoch- 
deutsche Buch der Märtyrer', Wiener Sitzungsberichte, 1867, 
70. Ed., S. 101 ff. — Haupt legte seiner Arbeit nicht, eine 
alte Handschrift zu Grunde, sondern eine aus neuerer Zeit 
(19. Jahrhundert) .stammende Abschrift der Haupthandschrift 
C (Kloßterneuburg), eine Abschrift, die in der Hofbibliothek 
aufbewahrt wird. Am Ende dieser Abschrift steht folgende 
Subskription: ' 

Anno Bomini MDCCCL in Tigilia oxaltacionis sancte cracis 
ccptus est iste liber et in vigilia. pasce aani subsequentis 
finitus cum adiutorio omuipotentis per me Hartmanum de 
Krasna tunc temporis ecclesie niwenburgimsis custodem. 
Haupt teilt nun jn seiner Abhandlung dioße Subscriptio 
mit, in der Meinung, daß sie vom Schreiber von C selbst her- 
rühre, und läßt Oj mit konsequenter Verlesung der römisch ge- 
schriebenen Jahreszahl 1850, im Jahre 1350 geschrieben sein, 
trotzdem daß er die Subscriptio vollständig richtig kopiert hat, 
•trotzdem daß sie in der Abhandlung am aaigefübrten Orte voll- 
ständig richtig (nämlich MDCCCL) abgedruckt ist. 

Die Mitttllung Haupts bildete für mich eine Quelle von 
Verlegenlieiten. Zunächst stand ich als blutjunger Anfänger in 
der gelehrten Wissenschaft ganz unter der Autorität Haupts 
und las lauge Zeit aus der vollkommen klar und richtig gedruckt 
vor mir liegenden Subscriptio wie Haupt 1350 statt 1850; 
doch in der von mir benutzten Haupthandschrift C war keine 



VI. VERLESEN UND VERSCHREIBEN. 133 

Spur irgeucl einer Subscriptio zu finden, es stellte sich feiiiGr 
heraus, daß im ganzen 14. Jalirlmndert zu iZlostomeuburg kein 
Mönch namens HaJ'tmann gelebt hatte. Und als endlich der 
Schleier von meinen Augen saiik, da hatte ich auch schon den 
ganzen Sachverhalt erraten, und die weiteren Nachforschungen 
bestäiigon meine V-ermutung: die vielgenannte Subscriptio 
steht n<ämlich nur in der von Haupt benutzten Abschrift und 
rührt von ihrem Schi-eibor her, P. Hartman Zeibig, geb. zu 
• Krasna in Mähren, Äugustinerchorherr zu Kiosterncuburg, der 
im Jahre 1850 als Kirchenschatzmeister des Stiftes die Hand- 
schrift C a,bgeschrieben und sich am Ende seiner Abschrift 
in altertümlicher AVcisc selbst nennt. Die mittelalterUclic 
Diktion und die alte Ortliographio der Subscriptio haben wohl 
bei dem Wuns'ohe Haupts, über das von ihm behandelte 
Werk möglichst viel mitteilen zu können, also a.uch die Hand- 
schrift G zu datieren, mitgeholfen, dali er immer statt 
1850 1350 las. (Motiv der Fehlliai;dluiig.)" 

h) la den „Witzigen und Satirischen Einfällen" von 
Lichtenberg findet sich eine Bemerkimg, die wohl einer Be- 
obachtung entstammt und fast die ganze Tlicorie des Verleseus 
enthält: Er las immer Agamemnon statt ,, angenommen", 
so sehr hatte er den Homer gelesen. 

In einer ilbergroß-CU-Änzah l von E ällen ist es nämlich die 
'-' Bereitschaft des Lesers, die den Text yerändert und etw as, 
w orauf e r__ f>;Tio-f^.t;tj>in-, n rl^ i- womit er beschäfti gt^ ist , in ihn 
hineinliest . Der Text selbst braucht dem Verlesen mir datlurch 
entgegen zukommen, daJJ er irgend eine Ähnlichkeit im Wort- 
bild bietet, die der Leser in seinem Sinne veräudern kaim. 
Elüchtiges Hinschaueu, besonders mit uukorrigiertem Auge, 
Qrleichtert ohne Zweifel die Möglichkeit einer solchen Illusion, 
ist aber keineswegs eine notwendige Bedingung für sie. 



j^34 "VI. VERLESEN UND VEESCHREIBEN. 

i) Ich glaube^ic Kriegszeit, die bei ims allen gewisse feste 
i]n.d laaganlialteiide Prilokkuimtionen schafft, hat keine andere 
FehlleistTing so sehr begünstigt wie gerade das Verlesen. Ich 
konnte eine große Anzahl Ton solchen Beobachtungen machen, 
von denen ich leider nur einige wenige bewahrt habe. Eines 
Tage.s greife ich nach einem der Mittags- oder Abendblätter und 
finde darin groß gedruckt: Der Friede von Grörz. Aber 
nein, es heißt ja nur; Die Feinde vor Görz. Wer gerade 
zwei Söhne als Kämpfer auf diesem Kriegsschauplätze hat, mag 
sich leicht so verlesen. Ein anderer findet in einem gewissen 
Zusammenhange eine alte Brotkarte erwähnt, die er bei 
besserer Aufmerksamkeit gegen alte Brokate eintauschen 
muß. Es ist immerhin mitteilenswert, daß er sich in einem 
Hause, wo er oft gern gesehener Gast ist, bei der Hausfrau 
durch die Abtretung von Brotkarten beliebt zu machen pflegt. 
Ein Ingenieur, dessen Ausrüstung der im Tuimel während des 
Baues herrschenden Feuchtigkeit nie lang gewachsen ist, liest zu. 
seinem Erstaunen in einer Annonce Gegenstände aus „Schund- 
ledeir" angepriesen. Aber Händler sind selten so aufrichtig; 
was da zum Kaufe empfohlen wird, ist Seehundleder. 

Der Beruf oder die gegenwärtige Situation des Lesers be- 
stimmt auch das Ergebnis seines Verlesens. Ein Philologe, der 
wegen seiner letzten trefflichen Arbeiten im Streite mit seinen 
Facligcnossen liegt, liest „Sprach Strategie" anstatt 
Schachstratogie. Ein Mann, der in einer fremden Stadt 
spazieren geht, gerade um die Stunde, auf welche seine durch 
eine Kur hergestellte Darmtätigkeit reguliert ist, liest aui 
einem großen Schilde im ersten Stock eines hohen Waren- 
hauses: „Klosethaus"; seiner Befriedigung darüber mengt 
sich doch ein Befremden über die ungewöhnliche Unterbrin- 
gung der wohltätigen Anstalt bei. Im nächsten Moment ist 



t 
VI. VERLESEN UND VERSCHREIBEN. 135 

die Befriedigung doch gesckwnaiidcn, denn die Taielaufschrift 
heißt richtiger ; K o r s e t h a u s, 

j) lu einer zweiten Gruppe von Pällen ist der Anteil des 
Textes am Verlesen ein bei weitem größerer. i]r enthält etwas, 
wa,s die Abwehr des Losers rege macht, eine ihm peinliche Mit- 
teilung oder Zumutung, und erfahrt dai'uni durch das Verlesen 
eine Korrektur im Sinne der Abweisung oder Wunscherlullimg. 
Es ist dann natürlich unabweisbar' anzunehmen, daß der Text 
zunäclist richtig aufgenommen und beurteilt wui'de, ehe er diese 
Korrektur erfuhr, wenngleich das Bewußtsein von dieser ersten 
Lesung nichts erfahren hat. Das Beispiel c auf den vorstehen- 
den Seiton ist von dieser Art ; ein anderes von höclister Aktuali- 
tät teile ich hier nach Dr. M. Eitingon (z. Z. im' Kriegssjiital 
in Igln, Internat. Zcitschr.i f. Psychoanalyse, II, 1915) mit. 

„Leutnant X., der sich mit einer kriegst raun uitischen Neu- 
rose in unserem Spital befindet, liest mir eines Tages den 
Schlußvers der letzten Strophe eines Godiclitcs des so früh 
gefallenen Dichters Walter Heymann* in sichtlicher Er- 
griffenheit folgendermaJ3en vor: 

jWo aber steht's geschrieben, frag' ich, daß von allen 
Ich übrig bleiben, soll, ein andrer für mich fallen? 
Wer immer von euch fällt, der ytirbt gewiß für niicli; 
Und ich soll übrig bleiben ? w:irum demn nicht'/' 

Durch mein Befremden auL'merlifiaui gemacht, liest er dann, 

etwas betreten, richtig : 

,Und ich soll übrig bleiben? warum denn ich?' 

Dem Fall X. verdanke ich einigen analytischen Einblick in 

das psychische Material dieser , Traumati schon Neurosen des 



* "W. Heymann: Kriegsgodichte und Ecldpostbriefe, p. 11: „Don 
Aiisziehendeu," 



136 ^L VERLESEN UND VERSCHKEIKEN. 



Krieges', und da war es mir möglich; trotz der unserer Art zu 
axbeitcn so wenig günstigeu Verhältnisse eines Kriegslazaretts 
mit starkem Belag und wenig Ärzten, ein %venig über die als 
, Ursache' hochbewerteten Granatexplosionen hiuiins zusehen. 

Es bestanden auch in diesem Falle die schweren Tremores, 
die den ausgesprochenen Fällen dieser Neurosen eine auf den 
ersten Blick frappante Ähnlichkeit verleihen, Ängstlichkeit, 
Weinerlichkeit, Neigung zu Wutajifällen mit konvulsiven, in- 
fantilmotorischen Entäußerungen und zu Erbrechen (,bei ge- 
ringsten Aufregungen'). 

Gerade des letzteren Symptoms Psychogeneität, zunächst 
im Dienste sekundären Kranklieitsgewinnes, mußte sich jedem 
aufdrängen : Das Erscheinen des Spit-alskommandanteu, der 
von Zeit au Zeit die Genesenden sich ansieht, auf der Ab- 
teilung, die Phrase eines Bekannten auf der Straße: ,Sie 
sclia,uen ja prächtig aus, sind gewiß schon gesund,' genügen 
zur prompten Auslösung eines Brechanfalls. 

jGesund... wieder einrücken... warum denn ich?...**' 

Ic) Andere Fälle von „Kriegs"- Verlesen hat Dr. Hanns 

i 

Sachs (Wien) in der Internat. Zeitschrift für Psychoanalyse, 
IV, 1916/17, mitgeteilt: 

L 

„Ein naher Bekannter hatte mir wiederliolt erklärt, er 
werde, wenn die Eeihe aja ihn komme, keinen Gebrauch von 
seiner, durch ein Diplom bestätigten Fachausbildung macheu, 
sondern auf den dadurch begründeten Anspruch auf entspre- 
chende Verwendung im Hinterlande verzichten und zum Front- 
dienst einrücken. Kurz bevor der Termin wirklich herankam, 
teilte er mir eines Tages in knappster Form, ohne weitere Be- 
' gründung mit, er habe die Nachweise seiner Fachbildung an 



1 
VI. VERLESEN UND VKKSCHREIBEN. J37 



zußtändigcr Stellß vorgelegt und werde infolgedessen dem- 
nächst seine Zuteilung für eine industrielle Tätigkeit erhalten. 
Am näclLSten Tage trafen wir uns in einem Amtslokal. Ich 
stand gerade vor einem Pulte und schrieb ; er trat heran, sali 
mir öine Weile über die Schulter und sagte dann : Ach, das 
Wort da, obon heißt , Druckbogen' — ich habe es für 
.Prückeberger' geleaen." 

II. 

„In der Tramway sitzend, dachte ich darüber nach, daß 
manche meiner Jugendfreundo, die immer als zart und 
schwiichlich gegolten hatten, jetzt die allei'hä.r testen Stra- 
pazen zu ertragen im .stände sind, denen ich ganz bestimmt er- 
liegen würde. Mitten in diesem unerfreulichen Gedankenzugo 
las ich im Vorüberfahren mit halber Aufmerksamkeit die großen 
schwaj-zcn Lettern einer Pirmataf el : jEiseukonstitution'. 
Einen Augenblick später fiel mir ein, daJ3 dieses Wort für eine 
Geschäft sauf Schrift jiicht recht passe ; mich rasch umdrehend, 
erhaschte ich noch einen Blick auf die Inschrift und sah, daß 
sie richtig , Eisenkonstruktion' laute." 

III. 

„In den Abendblättern stand die inzwischen als unrichtig 
erkannte Reuterdeposche, daJ3 Hughes zum Präsidenten der 
A''ereinigtcn Staaten gewählt sei. Anschließend daran erschien 
ein kurzer Lebenslauf des angeblich Gewählten vmd in diesem 
stieß ich auf die Mitteilung, daß Hughes in Bonn Univer- 
sitätsstudien absolviert habe. Es schien mir sonderbar, daß 
dieses Umstandes in den wochenlangen Zeitungsdebatten, die 
dem Wahltag vorangegangen waren, keine Erwähnung ge- 
schehen war. Nochmalige Überprüfung ergab denn auch, daß 



138 



VI. VERLTü^EN UND VERSCHREIBEN. 



nur' von der ,Bro wn'-Universität die Itede war. Dieser krasse 
Fall, bei dem für das Zustandekommen des Verlesciis eine 
ziemlich große Gewaltsamkeit notwendig war, erklärt sich 
außer aus der Flüchtigkeit bei der Zeitungslektüre vor allem 
daraus, daß mir die Sympathie dea neuen Präsidenten für die 
Mittelmächte als Grundlage künftiger guter Beziehungen nicht 
bloß aus politisclion, sondern auch darüber hinaus aus per- 
sönlichen Gründen wüuschenswert schien." 

B. Verschreiben. 

a) Auf einem Blatte, welches kurze tägliche Aufzeiclmun- 
geu meist von geschäftlichem Interesse enthält, finde ich zu 
meiucr Überraschung mitten unter den richtigen Daten des 
Monats Septemljer eingeschlossen das verschriebene Datum 
„Donnerstag, den 20. Okt.". Es ist nicht scliwierig, diese Anti- 
zipation aufzuklären, und zwar als Ausdruck eines Wunsches. 
Ich bin wenige Tage vorher frisch von der Ferienreise zurück- 
gekehrt und fühle mich l>ereit für ausgiebige ärztliche Beschäf- 
tigung, aber die Anzahl der Patienten ist noch gering. Bei 
meiner Ankunft fand ich einen Brief von einer Kranken vor, 
die sich für den 20. k t o b e r ankündigte. Als ich die gleiclie 
Tageszahl im September niederschrieb, kann ich wohl gedacht 
haben: Die X. sollte doch schon da sein; wie schade um 
den vollen Mona.t! und in diesem Gedanken rückte ich das 
Datum vor. Der störende Gedanke ist in diesem Falle kaum 
ein anstößiger zu nennen ; dafür weiß ich auch sofort die Auf- 
lösung des Schreibfehlers, nachdem ich ihn erst bemerkt 
ha.be. Ein ganz analoges und ähnhch motiviertes Verschreiben 
wiederhole ich daim im Herbst des nächsten Jalires. — 
E. Jones hat ähnliche Verschreibuugen im Datum studiert 
und cic in den meisten Fällen leicht als motivierte erkannt. 



Jl 



VI. VERLESEN UND ViCRSCHEEIBEK. 



139 



h) Icli erlialte die Korrektur meines Beitrags zum Jalires^ 
boricht für Neurologie und Föychiatrio und muß natürlich mit 
besonderer Sorgfalt die Autornamen revidieren, die, weil ver- 
schiedenon Nationen aageliörig, dorn Setzer die größten 
Schwierigkeiten zu bereiten pflegen. Hauchen fremd klingen- 
den Najnen finde ich wirklich noch zu korrigieren, aber einen 
einzigen Namen hat merkwürdigerweise der Setzer gegen 
mein Manuskript verbessert, und zwar mit vollem llechte. Ich 
hatte nämlich Buckrhard geschrieben, während der Setzer 
Burckhard erriet. Ich hatte die Abhandlung eines Geburts- 
helfers über den Einfluß der Geburt auf die Entstehmig der 
Kinderlähmungen selbst als verdienstlich gelobt, wüßte auch 
nichts gegen deren Autor zu sagen, aber den gleichen Namen 
wie er trägt auch ein Schriftsteller in "Wien, der mich durch 
eine unverstäudige Kritik über meine „Traumdeutung" ge- 
ärgert hat. Es ist gerade so, als hatte ich mir bei der Nieder- 
schrift des Namens Burckhard, der den Geburtshelfer be- 
zeichnete, etwas Arges über den anderen B., den Schriftsteller, 
gedacht, denn Namenverdrelien bedeutet häufig gciiug, wie 
ich schon beim Versjirechen erwähnt habe, Schmähung*. 

c) Diese Behauptung wird sehr schön durch eine Selbst- 
beobachtung A'on A. J. Storfer bekräftigt, in welcher der 
Autor mit rühmenswcrier Offenheit die Motive klarlegt, die 



• Vgl. etwa die Stelle im Julius Cäsar, III, 3: 

C'inna. Ehrlich, mein Name ist (Jiniia. 

Bürger. Keiflt ihn in Stücke 1 ec ist ein Verschworoner. 

Cinna. Ich bin Cinna der Poetl loh bin nicht Ciana der Ver- 
schworene. 

Bürger. Es tut nichts; sein Name iat Cinna, reißt ihm den Namen 
ans dem Herzen und laßt ihn laufen. 



^ 



140 



VI. VERLESEN UND VEESCHEEIBES. 



ib.li den Namen eines vermeintlichen Konkurrenten falsch er- 
iunom und dann entstellt niederschreiben hießen (Internat. 
Äeitächrift für Psycliüanalyse, II, 1914). 



„Eine hartnäckige Namenverunglimpfung. 

Im Dezember 1910 sah ich im Schaufeaster einer Züricher 
Buchhandlung das dara!i.ls neue Euch von Dr. Eduard Hitsch- 
mann über die Erendsche Neurosenlehre, Ich arbeitete damals 
gerade am Manuskript eines Vortrags, den ich demnächst iu 
einem akademischen Verein über die Grundzüge der !Freud- 
schcn Psychologie halten sollte. In der dajiials schon nieder- 
geschriebenen Einleitung des Vortrags hatte ich auf die histo- 
rische Entwicklung der Ereudschen Psychologie aus Eor- 
Rohuugen auf einem angewandten Gebiete, auf gewisse, daraus 
folgende Scliwierigkeiten einer zusammenfassenden Darstel- 
lung der Grundzüge hingewiesen, und darauf, daß noch keine 
allgemeine Darstellung bestehe. Als ich das Buch (dos mir 
bis daJiia unbekannten Autors) im Schaufeuster sah, dachte 
ich zunächst nicht daran, es zu kaufen. Einige Tage nachher 
beschloß ich aber, es zu tun. Das Buch war nicht mehr im 
Scha.ufenster. Ich nannte dem Buchhändler das vor kurzem 
erschienene Euch; als Antor nannte ich ,Dr. Eduard Hart- 
man n'. Der Buchhändler verbesserte : ,Sie meinen wohl 
Hits oh mann', und brachte mir das Buch. 

Das unbewußte Motiv der EeliUeistuug war naheliegend. 
Ich hatte es mir gewissermaßen zum Verdienst angerechnet, die 
Grundzüge der psychoanalytischen Lehren zusammengefaßt zu 
ba.ben und habe offenbar das Buch Hitschmanns als Minderer 
meines Verdienstes mit Neid und Ärger angesehen. Die Abände- 
rung des Nanifos sei ein Akt der unbewußten Feindseligkeit. 




VJ. VERLESEN UND VERSCHREIBEN. 



141 



.sagte icli mir nach der , Psychopathologie des Alltags'. Mit 
dieser Erklärung gab icli mich damals zufrieden. 

Einige Wooheii später notierte ich mir jene Fehlleistung. 
Bei dieser Gelegenheit warj: ich auch die Frage auf, warum ich 
Eduajd Hitschmann gerade in Eduard Hartmanu umgeändert 
hatte. Sollte mich bloß die Naaiensähulichkoit auf den Namen 
des bekannten Philosophen geführt haben? Meine erste Asso- 
ziation war die Erinnerung an einen Aiisspruch, den ich eiumnj 
von Professor Hugo Meltzl, einem begeisterten Schopcuhauer- 
vcrehrer, gehört hatte und der ungefähr so lautete: , Eduard 
V. HartiTiann ist der verhunzte, der auf seine linke Seite umge- 
stülpte Schopenhauer'. Die affektive Tendenz, durch die das 
Ersatzgebilde für den vergessenen Namon cletermiuicrt war, 
war also: ,Acb, an diesem Hitsclimnnn und seiner zusammen- 
fassenden Dai'stellung wird wohl nicht viel daran sein; er ver- 
hält sich wohl zu Freud wie Hartmann zu Schopenhauer.' 

leb liatte also diesen Fall eines düterminiertea Vergesseas 
mit Ersatzeinfall niedergeschrieben. 

Nach einem halben Jahre kam mir das Blatt, auf dem 
ich die Aufzeichnung gemacht hatte, in die H:ind. Da be- 
merkte ich, daß ich statt Hitschniann durchwegs Hin t seh-* 
maam geschrieben hatte." 

d) Ein anscheinend ernsterer Fall von Verschreiben, den ich 
vielleicht mit ebensoviel Recht dem „Vergreifen" einordnen 
könnte: Ich habe die Absicht, mir aus der Postsparkasse die 
Summe von 300 Kronen kommen zu lassen, die ich einem zum 
Kurgebrauch abwesenden Verwandten schicken will. Ich be- 
mexke dabei, daß mein Konto auf 4380 K lautet und nehme mir 
vor, es jetzt auf die runde Summe von 4000 K lieruuterzusetzeu, 
die in der nächsten Zeit nicht angegriffen werden soll. Nacli- 
dem ich den Scheck ordnungsmäßig ausgeschrieben und die 



der Zahl euteprechenden Ziffern ausgosclinitten habe, merke 
ich plötzlich, daß ich nicht 380 K, -n-ie ich wollte, sondern 
geradü 438 bestellt habe, und erschrecke über die Unzuver- 
läÄsigkeit meines Tuns. Den Schreck erkenne ich bald als 
nnberechtigt; ich bin ja jetzt nicht ärmer geworden, aia ich 
vorher war. Aber ich muß eine ganze Weile darüber nach- 
ainnon, welcher Einfluß hier meine erste Intention gestört 
hat, ohne sich meinem Bewußtsein anzukündigen. Ich gerate 
zuerst auf falsche Wege, will die beiden Zahlen, 380 and 43S, 
voneinander abziehen, weiß aber dann nicht, was ich mit der 
Differenz anfangen soll. Endlich zeigt mir ein plötzlicher Ein- 
fall den wahren Zusammenhang. 438 entspricht ja zehn 
Prozent de« ganzen Kontos von 4380 K! IQo/o lUbatt hat 
man aber beim Buchhändler. Ich be.sinne mich, daß ich 
vor wenigen Tagen eine Anzahl medizinischer Werke, die ihr 
Interesse für mich verloren haben, ausgesucht, um sie dem 
Buchhändler gerade für 300 K anzubieten. Er fand die For- 
derung zu hoch und versprach, in den nächsten Tagen end- 
gültige Antwort zu sagen. Wenn er mein Angebot annimmt, 
so hat er mir gerade die Summe ersetzt, welche ich für den. 
Kranken verausgaben soll. Es ist nicht zu verkemien, daß es 
mir um diese Ausgabe leid tut. Der Affekt bei der Wahrneh- 
mung meines Irrtums läßt sich besser verstehen als Furcht, 
durch solche Ausgaben arm zu werden. Aber beides, das Be- 
dauern wegen dicker Ausgabe und die an sie geknüpfte Ver- 
armungsaiigst, sind meinem Bewußtsein völlig fremd; ich habe 
das Bedauern nicht verspürt, als ich jene Summe zusagte, und 
fände die Motivierung desselben lächerlich. Ich würde mir 
eine solche Eegung walirscheinlich gar nicht zutrauen, wenn 
ich nicht durch die Übung in Psychoanalysen bei Patienten 
mit dem Verdrängten im Seelenleben ziemlich vertraut wäre, 



VI. VEKLESEN UND VERSCHREIBEN. ^43 



und wenn ich nicht vor einigen Tagen einen Traum gehabt 
hätte, welcher 'die nämliche Lösung erforderte*. 

e) Nach W. Stokel zitiere ich folgenden Fall, für dessen 
Authentizität icli glcichfa,lls einstehen kajin: ,,Eiu geradezu un- 
glaubliches Beispiel im Verschreiben und Verlesen ist in der 
Redaktion eines verbreiteten Wochenblattes vorgekommen. Die 
betreffende Leitung wurde öffentlich als jkäuflich' bezeichnet; 
CS galt, einen Artikel der Abwehr und Verteidigung zu schrei- 
ben. Dafi geschah auch — mit großer Wärme und großem 
Pa.thos. Der Chefredakteur des Blattes las den Artikel, der 
Verfasser selbstverständlich mehrmals im Manuskript, dann 
uocli im Bürstenabzug, alle waren sehr befriedigt. Plötzlicli 
meldet sich der Korrektor uad macht auf einen kleinen Fehler 
aufmerksam, der der Aufmerksamkeit aller entgangen war. 
Dort stand es ja deutlich: Unsere Leser werden uns da-s 
Zeugnis ausstellen, daß wir immer in eigeunütaigster 
Weise für das Wohl der Allgemeinheit eingetreten sind. Selbst- 
verständlich sollte es uneigennützigster Weise heißen. 
Aber die wahren Gedanken brachen mit elementarer Gewalt 
durch die pathetische Rede." 

f) Einer Leserin des „Fester Lloyd", Frau Rata Levy in 
Buda.pest, ist kürzlich eine ähnlich unbeabsichtigte Aufrichtig- 
keit in einer Äußerung aufgefallen, die sich das Blatt am 
11. Oktober 1918 aus Wien hatte telegraphieren lassen: 

„Als zweifellos darf auf Grund des absoluten Vertrauens- 
verhältnisses, das während des ganzen Krieges zwischen uns 
und dem deutschen Verbündeten geherrscht hat, vorausgesetzt 

* Es ist dies jener Traum, den ich in einer kurzen Abhandlung; 
„Über den Traum", Nr. VIII der „Gren?;fragen des Nerven- und Seelen- 
lebens", herausgegeben von Löweufcld und Kurella, 1901, zum 
Paradigma genommen habe. 



144 



VT VERLESEN UND VERSCHREIBEN. 



/ 






werden, daß die beiden Machte in jedem Falle zu einer ein- 
mütigen EatscliUeßung gelangen würden. Es ist überflüssig, 
noch ausdi-ücklich zu erwähnen, daß auch in der gegen- 
wärtigen Phase ein reges und lückenhaftes Zusammen.- 
axbciten der verbündeten Diplomatien stattfindet." 

Nur wenige Wochen später konnte man sich über dieses 
„Vcrtra.uens Verhältnis" freimütiger äußern, brauchte man nicht 
mehr zum Verschreiben, (oder Verdrucken) zu flüchten. 

g) Ein in Europa weilender Amerikaner, der seine Frau in 
schlechtem Einvernehmen verlassen hat, glaubt, daß er sich 
nun mit ihr versöhnen könne, und fordert sie auf, ihm zu einem 
bestimmten Termin über den Ozean nachzukommen : „Es wäre 
schön," schreibt er, ,,wenn Du wie ich mit der Mauretania 
fahren könntest." Das Blatt, auf dem dieser Satz steht, getraut 
er sich dann aber nicht abzuschicken. Er zieht es vor, e^ neu 
zu schreiben. Denn er will nicht, daß sie die Korrektur bemerke, 
die an dem Namen des Schiffes notwendig geworden war. Er 
hatte nämlich anfänglich Lusitania geschrieben. 

Dies Verschreiben bedarf keiner Erläuterung, es ist ohne 
weiteres deutbar. Doch läßt die Gunst des Zufalls noch einiges 
hinzufügen: Seine Frau war vor dem Kriege zum erstenmal 
nach Europa gefahren, nach dem Tode ihrer einzigen Schwester. 
Weirn ich nicht irre, ist die Mauretania das überlebende 
Schwesterschiff der während des Krieges versenkten Lusi- 
tania, 

h) Ein Arzt hat ein Kind untersucht und schreibt nun ein 
Rezept für dasselbe nieder, in welchem Alcohol vorkommt. 
Die Mutter belästigt ihn während dieser Tätigkeit mit törich- 
ten und überflüssigen Fragen. Er nimmt sich innerlich fest 
vor, sich jetzt darüber nicht zu ärgern, führt diesen Vorsatz 



VI. VERIiESEN UND A'ERSCHßEIBEN. 



145 



auch durch, hat, sich aber während der Störung verschrieben. 
Auf dem Rezept steht anstatt Alcohol zu iQscn Achol*. 

Der stofflichen. Verwandtsoliaft wogon reihe ich hier einrn 
lall an, den E. Jones von A. A. Brill berichtet. Letzterer 
hatte sich, obwohl sonst völlig abstinent, von einem Freunde 
verleiten lassen, etwas Wein zu trinken. Am nächsten Mor- 
gen gab ihm ein heftiger Kopfschmerz Anlaß, diese Nachgiebig- 
keit zu bodanern. Er hatte den Namen einer Patientin nieder- 
zuschreiben, die Et hei hießj tukI schrieb anstatt dessen 
Ethyl**. Es kam dabei wohl auch in Betracht, daß die be- 
treffende Dame selbst mehr zu trinkcu pflegte, als ihr gut tat. 

Da. ein Verschreiben des Arztes beim Rezeptieren eine Be- 
deutung beansprucht, die weit über den sonstigen praktipchen 
Wert der Eehlleistungen liinaiisgeht, bediene ich mich des An- 
lasses, um die einzige bis jetzt publizierte Analyse von solchem 
ärztlichen Verschreiben ausfüln-lich mitzuteilen (Internatio- 
nale Zeitschrift für Psychoanalyse, I, 1013). 



Ein wiederholter Fall von Ver sc li reiben bei der 

Rezept iernng. 

Von Dr. Ed. Hitschmann. 
„Ein Kollege erzähJte mir, es sei ihm im Laufe der Jahrn 
mehrmals passiert, daß er sich beim Verschreiben eines be- 
stimmten Medikaments für weibliche Paiienteu vorgeschrit- 
tenen Alters irrte. Zweimal verschrieb or die zehnfache l>isis 
und raußtL' uacliher, da ihm dies plötzlich einfiel, unter größter 
Angst, der Patientiu geschadet zu haben und selbst in größte 
Unannehmlichkeit zu kommen, eiligst die Zurückziehung des 
Rezepts anstreben. Diese sonderbare Symptomhand luug ver- 

* Etwa: Keine Gälte. 
** Äthylalkohol. 
Pi«ud, Ps}-o1iopatho1nt;io des Alltagelubcna. VUI. AuH. XO 



I 



J46 VL VEELE=iEN UND VEBSCHREIBEN. 

cUent durch genauere Dju-sbelltmg der einzelnen Fälle und 
durch Analyse klargelegt zu werden. 

1. Fall: Der Arzt verschreibt einer an der Schwelle des 
Greiseiialters stehenden armen Frau gegen si^astische Obstipa- | 
iion. zehnfach zu starke Belladonna-Zäpfchen. Er verläßt das \ 
Ambulatorium und etwa eine Stunde später fällt ihm zu Hause, 
während er Zeitung liest und frühstückt, plötzlich sein Irrtum 

ein; es überfällt ihn Angst, er eilt zunächst ins Ambulato- 
rium zurück, um die Adresse der Patientin zu requirieren, und 
von dort in ihre weit entlegene Wohnung. Er findet das alte 
Weiblcin noch mit unausgeführtem Rezept, worüber er höchst 
erfreut und beruhigt heimkehrt. Er entschuldigt sich vor 
sich selbst nicht ohne Berechtigung damit, daß ihm der ge- 
sprächige Chef der Ambulanz während der Rezeptur über die 
Schulter geschaut und ihn gestört hatte. 

2. Fall : Der Arzt muß sich aus seiner Ordination von einer 
koketten und pikant schönen Patientin losreißen, um ein älteres 
Fräulein ärztlich aufzusuchen. Er benützt ein Automobil, da 
er nicht viel Zeit für dieson Besuch übrig hat; denn er aoll 
um eine bestimmte Stunde, nahe von ihrer Wohnung, ein ge- 
liebtes junges Slädchen heimlich treffen. Auch hier ergibt 
sich die Indikation für Belladonna wegen analoger Beschwer- 
den wie im ersten Falle. Es wird wieder der Fehler begangen, 
das Medikament zehnfach zu stark zu rezeptieren. Bie Pa- 
tientin bringt einiges nicht zum Gegenstand gehörige Inter- 
essante vor, der Arzt aber verrät Ungeduld, wenn er sie auch 
mit Worten verleugnet, und verläßt die Patientin, so daß er 
reichlich zurecht zum Rendezvous erscheint. Etwa zwölf 
Stunden nachher, gegen sieben Uhr morgens, erwacht der 
Arzt' der Einfall seines Verschreibens und Angst treten fast 
gleichzeitig in sein Bewußtsein, und er sendet rasch zu der 



■^^. VERLESEN UND VERSCHJiEIBEN. 



147 



Krnnken, in der Hoffnung, daß d;i.s Medikament norOi nicht ans 
der Ä23otbeko geholt sei, und bittet um Rückstellung des Re- 
zept-s, um es zu revidieren. Er erhält jedoch das bereits aus- 
geführte Rezept zurück und begibt sich mit einer gewissen 
stoischen Resignation und dem Optimismus des ErJnhrcnen 
in die Apotheke, wo ihn der Provisor daouit beruhigt, daß er 
selbstverständlich (oder vicUciclit auch durch ein V^ersehen?) 
das McdÜi-amont in einer geringeren Dosis verabreicht habe. 

3. S'all: Der Arzt will seiner greisen Tante, Schwester 
seiner Mutter, die Mischung von Tiuct, belladonnae und Tinct. 
opii in harmloser Dosis verschreiben. Das R<,'zepb wird so- 
fort durch eins Mädchen in die Apotheke getragen. Ganz kurze 
Zeit später fällt dem Arzt ein, daß er anstatt tinctura ^ex- 
tractum' geschrieben habe, und gleich darauf tolephoniort der 
Apotheker, über diesen Irrtum interpellierend. Der Arzt ent- 
schuldigt sich mit der erlogenen Ausrode, er hätte das Re- 
zept noch nicht vollendet gehabt, es sei ihm durch die un- 
erwartet rasche Wegnehmung des Rezepts vom Tisclio die 
Scbuld abgenommen. 

Die auffällig gemeinsamen Punkte dieser drei Irrtümer in 
der Vcrschreibung sind darin gelegen, daß es dem Arzte nur bei 
diesem einen Medikament bisher pausiert ist, daß es sich 
jedesmal um eine weibliche Patientin im vorgeschrittenen 
Alter handelte xmd daß die Dosis immer zu stark war. Bei 
der kurzen Analyse stellte es sich heraus, daß das Verhältnis 
des Arztes zur Mutter von entscheidender Bedeutung sein 
mußte. Es fiel ihm nämlich ein, daJJ er einmal — und zwar 
hÖclistwalirscheinlicli vor diesen Symptomhandluugcn — 
seiner gleichfalls greisen Mutter dasselbe Rezcjit verschrieben 
hatte, und zwar in der Dosis von 0"03, obwohl die gewöhnliche 
002 ihm geläufiger wai', um ihr radikal zu helfen, wie er sioh 

10» 



148 VI. VERLESEN UND VERSCHREIBEN. 



dachte. Die Rea-ktioa der zarten Mutter auf dieses Medikament 
wai- Kopfkongestion und uuangeuelime Trockenlieit im da- 
chen. Sie beklagte sicli darüber mit einer halb scherzhaften 
Anspielung auf die gefährlichen Ordinationen, die von einem 
Sohne a.usgelien können. Auch sonst hat die Mutter, übrigens 
Arztenstochter, gegen gelegentlich vom ärztlichen Sohne emp- 
fohlene Medikamente ähnlich ablehnende, halb scherzhafte Ein- 
wendungen erhoben und vom Vergiften gesprochen. 

Soweit Referent die Beziehungen dieses Sohnes zu seiner 
Mutter durchschaut, ist er zwar ein instinktiv liebevolles Kind, 
aber in der geistigen Schätzung der Mutter und im persön- 
lichen Eespekt keineswegs übertrieben. Mit dem um ein Jahr 
jüngeren Bruder und der Mutter in gemeinsamem Haushalt 
lebend, empfindet er dieses Zusammenseiu seit Jahren für 
seine erotische Freiheit als Hemmung, wobei wir allerdings 
aus psychoanalytischer Erfahnmg wissen, daß solche Begrün- 
dungen zum Vorwand für iimeres Gebundensein gern miß- 
braucht werden. Der Arzt akzeptierte die Analyse unter ziem- 
licher Befriedigung über die Aufklärung und meinte lächelnd, 
das Wort BoUadonna = schöne I'rau könnte auch eine ero- 
tische Beziehung bedeuten. Er hat das Medikament früher 
gelegentlich auch selbst verwendet." 

Ich möchte urteilen, daJJ solche ernsthafte Fehlleistungen 
auf keinem anderen Wege zu stände kommen als die härm- 
losen, die wir sonst untersuchen. 

i) Pur ganz besonders harmlos wird man das nachstehende, 
von S. Ferenczi berichtete Verschreiben halten. Maa kann 
es als Verdichtungsleistung infolge von Ungeduld deuten (vgl. 
das Versprochen: Der Apfe, S.73) und wird diese Auffassung 
verteidigen dürfen, bis nicht etwa eine eingehende Analyse des 
.Vorfajls ein stäi-keres störendos Moment uuchge wiesen hätte: 



VL VEl^LESE^f UND VERSCHREIBEN. ]4Q 

„Hiezu paßt die Ancktode" — schreibe ich einmal 
in mein Notizbuch. Natürlich meinte ich Anekdote, und 
zwai' von einem zu Tode verurteilten Jiligeuner, der sich die 
Gnade crbatj selber den Baum zu wählen, auf den er gehängt 
werden soll. (Er fand trotz eifrigen Sucliens keinen jüas- 
senden Baum.) 

j) Andere Male kann im Gegensatz hiczu der uuschetn- 
baorste Schreibfehler gefährlichen geheimen Sinn zum Aus- 
druck bringen. Ein Anonymus berichtet : 

„Ich schließe einen Brief mit den Worten: ,Herzliclisto 
Grüße an Ihre B'rau Gemahlin und ihren Sohn.' Knapp bevor 
ich das Blatt ins Kuvert stecke, bemerke ich den Irrtum im 
Anfangsbuchstaben bei ,ihren Sohn' und verbessere ihn. Auf 
dem Heimweg von dem letzten Besuche bei diesem Ehepaar 
hatte meine Begleiterin bemerkt, der Sohn sehe einem Haus- 
freund fiuppant ähnlich und sei auch sicher sein Kind." 

h) Eine Dame richtet an ihre Schwester einige beglück- 
wünschende Zieilen zum Einzug in deren neue und geräumige 
Wohnung. Eine dabei anwesende Freundin bemerkt, daß die 
tjchreiborin eine falsche Adresse auf den Brief gesetzt hat, und 
zwar nicht die der eben verlassenen Wohnung, sondern die der 
ersten^ laugst anfgegebenen, welche die Schwester als eben ver- 
heiratete Frau bezogen hatte. Sie macht die Schreiberin darauf 
aufmerksam, Sie haben Recht, muß diese zugeben, aber wie 
komme ich darauf? Warum liahe ich das getaai? Die Freundin 
meint : Wahrscheinlich gönnen Sie ihr die schöne große Woh- 
nung nicht, die sie jetzt bekommen soll, während Sie sich 
selbst im Baum beengt fühlen, und versetzen sie darum in die 
erste Wohnung zurück, in der sie es auch nicht besser hatte. 
— Gewiß gömie icli ihr die neue Wohnung nicht, gesteht die 



^^Q VI. VERLESEN UND VERSCnRElBEN. 



andere ehrlich zu. Sie setzt dann fort: Wie schade, daJ3 man 
bei diesen DiDgon immer so gemein ist! 

Z; E. Jones teilt folgendes, ihm von Ä. A. BriU über- 
laasene Beispiel vom Verschreiben mit: Ein Patient richtete an 
Dr. BriU ein Schreiben, in welchem er sich bemühte, seine 
Nervosität auf die Sorge und Erregung nUr den Geschäfts- 
<rang während einer BaumwollkrLse zurückznfühi-en. In diesem 
Schreiben hieß es: my trouble is all due t^ that damned 
frigid wave ; there is'nt even any seed. Er meinte mit „wave" 
natürlich eine Welle, Strömung auf dem Geldmarkt; in Wirk- 
lichkeit 6chrieb er a.ber nicht wave, sondern wife. Auf dem 
Grunde seines Herzens ruhten Vorwürfe gegen seine Frau, 
wegen ihrer ehelichen Kälto und ihrer Kinderlosigkeit, und 
er wai- nicht weit entfernt von der Erkenntnis, daß die ihm 
aufgezwungene Entbehrung einen großen Anteil an der Ver- 
ursachung seines Leidens habe. 
■ m) Dr. R. Wagner erzählt von sich im Zentralblatt für 

Psychoanalyse, I, 12: 

„Beim Durchlesen eines alten Kollegiouheftes fand ich, daß 
mir "in der Geschwindigkeit des Mitschreibens ein kleiner 
Lapsus unterlaufen war. Statt ^EpitlieV hatte ich nämlich 
,Edither geschrieben. Mit Betonung der ersten Silbe gibt 
das das Diminutivum eines Mädchennamens. Die retrospektive 
Analyse ist einfach genug. Zur Zeit des Verschreibens war 
die Bekanntschaft zwischen mir und der Trägeria dieses Na- 
mens nur eine ganz oberflächliche, und erst viel später wurde 
daa-aus ein intimer Verkehr. Da^ Verschreiben ist also ein 
hübscher Beweis für den Durchbruch der unbewußten Neigung 
zu einer Zeit, wo ich selbst eigentlich davon noch keine 
Ahnung hatte, und die gewählte Form des Diminutivnms 
charakterisiert gleichzeitig die begleitenden Gefühle." 



' 



VI. VERLESEN UND VERSCHREIBEN. 



151 



7i) Frau Dr. v. Hug-Hellmutli, Beiträge zum Kapitel 
„Verschreibeaund Verlesen", Zentralbl. f. Psychoana]yse, II, ö: 

„Ein Arzt verordnet einer Patientin Levitioo- statt 
Levioowasser. Dieser Irrtum, der einem Apotheker will- 
kommenen AnlaJ3 zu abfälligen Bemerkungen gegeben hatte, 
kann leicht einer mildoreu Auffassung begegnen, wenn man 
nach den möglichen Beweggründen aus dem Unbewußten 
forscht und ihnen, sind sie auch nur subjektive Annalime eines 
diesem Arzte Femstehenden, eine gewisse Walirscheinliclikeit 
nicht von vomlierein abspricht: Dieser Arzt erfreute sich, 
trotzdem er seinen Patienten ihre wenig rationelle Krnährnng 
in ziemlich derlicn Worten- vorhielt, ihnen sozusagen die Le- 
viten las, starken Zuspruchs, so d:iß sein Waxtezimmer vor 
und in der Ordinationsstunde diclit besetzt war, wfts den 
Wunsch des Arztes rechtfertigte, das Ankleiden der absol- 
vierten Patienten möge sich möglichst rasch, vite, vitc voll- 
ziehen. Wie ich mich richtig zu erinnern glaubte, war seine 
Gattin, aus Fi-ankreich gebürtig, was die etwas kühn scheinende 
Annahme, daß er sich bei seinem Wunsche nach größerer Ge- 
schwindigkeit seiner Patienten gerade der französischen 
Sprache bediente, einigermaßen rechtfertigt. Übrigens ist es 
eine bei vielen Personen anzutreffende Gewohnheit, solcli 
Wünschen in fremder Sprache Worte zu verleihen, wie mein 
eigener Vater uns Kinder bei Sijaziergäugen gern durch den 
Zuruf ,A^ anti giovontü' oder ,5Iarchüi au i>as' zur Eile drängte, 
dagegen wieder ein sclion recht bejahrter Arzt, bei dem ich als 
junges Mädchen wegen eines Halsübels in Behandlung stand, 
meine ihm allzu raschen Bewegungen durch ein beschwich- 
tigendes , Piano, piano' zu hemmen suchte. So erscheint es mir 
recht gut denkbar, daß auch jener Arzt dieser Gewohnheit hul- 
digte ; und so ,verschreibt' er Levitioo- — statt Levicowasser." 



152 ' ^^- VERLESEN tJND VERSCHREIBEN". 

Andere Beispiele aus der Jiigenderinnerung der Verfas- 
sorin ebendaselbst (frazösisch statt frajizösisch — A''ersclirei- 
ben des Namens Karl). 

o) Ein Vorschreiben, das sieb inhaltlich mit einem he- 
kiinnten schlechten Witz deckt, bei dem aber die Witzabsicht 
sicherlich ausgeschlossen war, danke ich der Mitteilung eines | 

Herrn J. G., von dem ein anderer Beitrag bereits Erwähnung 

gefunden hat: - |l 

„Als Patient eines (Lungen-) Sanatoriums erfahre ich zu 
meinem Bedauern, daß bei einem nahen Verwandten dieselbe 
Krankheit konstatiert wurde, die mich zur Aufsuchimg einer 
Heilanstalt genötigt hat. 

In einem Briefe lege ich nun meinem Verwandten nahe, 
zu ein^m Spezialisten zu gehen, einem bekannten Professor, 
bei dem ich selbst in Behandlung stehe, und von dessen 
raedizinisclier Autorität ich überzeugt bin, während ich ander- 
seits allen Grund habe, seine Unhöfliclikeit zu beklagen ; denn 
der betreffende Professor hat mir — erst kurze Zeit vorher — 
die Ausstellung eines Zeugnisses verweigert, das für mich von 
großer Wichtigkeit war 

In der Antwort auf meinen Brief werde ich von meinem 
Verwandten auf einen Schreibfehler aufmerksam gemacht, der 
mich, da, ich seine Ursache augenblicklich erkaimte, außer- 
ordentlich erheiterte. 

Ich hatte in meinem Schreiben folgenden Passus ver- 
wendet : 

, übrigens rate ich Dir, ohne Verzögerung Prof. X. zu 

insultieren.' Natürlich hatte ich konsultieren schreiben 
wollen. ' 

Es bedarf vielleicht des Hinweises darauf, daß meine 
Latein- und Franzüsischkenntnissc die Erklärung ausschalten. 



VI. VERLESEN UND VERSCHREIBEN. 153 



claJ3 es sich um ciaeii aus Unvvisseuheit resultierenden Fehler 
handelte." 

Auslassungen im Schreiben haben natürlich Anspruch auf 
dirsclbe Beurteilung wie Versclireibmigen. Im Zentralblatt für 
Psychoanalyse, I, 12, hat Jur. Dr. B. Dattner ein merkwür- 
diges Beispiel einer „historisclion i^ehlleistung" mitgeteilt. In 
einem der Gresetzesartikel über finanzielle Verpflichtungen der 
beiden Staaten, welche in dem Ausgleich zwischen, Österreich 
und Ungarn im Jahre 1867 vereinbart wurden, ist das Wort 
effektiv in der ungarischen Übersetzung weggeblieben, xmd 
Dattner macht es wahrscheinlich, daß die uubewußte 8irö- 
mung der ungarischen Gesetzesredaktoren, Osterreich mög- 
lichst wenig Aburteile zuzugestehen, an dieser Auslassung be- 
teiligt gewesen sei. 

■\Vir haben auch allen Crrund anzunehmen, daß die so häu- 
figen Wiederholungen ders-elben Worte beim Schroiben und Ab- 
schreiben — Perseverationen — gleichfalls nicht bedeutungs- 
los sind. Setzt der Schreiber dasselbe Wort, das er bereits 
geschrieben hat, noch ein zweites Mal hin, so zeigt er damit 
wohl, daß er von diesem Worte nicht so leicht losgekommen ist, 
daß er an dieser Stelle mehr hätte äußern können, was er 
aber unt-orlassen h;i.t, oder ähuliches. Die Perseveration beim 
Abscbrcibcu sclieint die Äußerung eines „auch, auch ich" zu 
ersotnen. Ich ha.be lange gcrichtsäriitliche Gutachten in der 
Hand gehabt, welche Perseverationen von selten des Abschrei- 
bers an besonders ausgezeichneten Stellen aufwiesen, mid hätte 
sie gern so gedeutet, als ob der seiner unixirsönlichen Eollc 
Überdrüssige die Glosse einfügen würde: Ganz mein Pall, 
oder ganz so wie bei uns. 

Es steht ferner nichts im Wege, die Druckfehler als „Ver- 
schreibungen" des Setzers zu behandeln und sie als größtenteils 



n 



154 



VI. VERLESEN UND VERSCHREIBEN. 



motmert aufzufassen. Eine systematische Sammlung solcher 
Fehlleistungen, die recht amüsant und lehrreich ausfallen 
könntej hJLbe ich nicht angelegt. Jones hat in seiner hier 
mehrfach erwähnten Arbeit den „Misprints" einen besonderen 
Absa,ta gewidmet. Auch die Entstellungen in Telegrammen 
lassen sich gelegentlich als Verschruibungen des Telcgraphisten 
versteheru In den Sommerferien trifft mich ein Telegramm 
meines Verlages, dessen Text mir unbegreiflich ist. Es lautet : 

„Vorräte erhalten, Einladung X. dringend." 
Die Lösung des Eätsels geht von dem darin erwälmtcn Na- 
men X. a.us. X. ist doch der Autor, zu dessen Buch ich eine 
Einleitung schreiben soll. Aus dieser Einleitung ist die 
Einladung geworden. Dann darf ich mich aber erinnern, daß 
ich vor einigen Tagen eine Vorrede zu einem aaideren Buch' 
an den Verlag abgeschickt habe, deren Eintreffen mir also 
so bestätigt wird. Der richtige Test hat sehr waiirscheinlicb 
ßo geheißen: 

„Vorrede erhalten, Einleitung X. dringend." 
Wir dürfen annehracu, daß er einer Bearbeitung durch den 
Hungerkomplex des Telcgraphisten zum Opfer gefallen ist, 
wobei übrigens die beiden Hälften des Satzes in innigeren Zu- 
saiumenliang gebracht wurden, als vom Absender beabsichtigt 
war. Nebstbei ein schönes Beispiel von „sekundärer Bear- 
beituno-", wie sie in den meisten Träumen nachweisbar ist*. 

Gelegentlich sind von Anderen Druckfehler aufgezeigt wor- 
den, denen man eine Tendenz nicht leicht streitig machen 
kann, so von Storfer (im Zentralblatt für Psychoanalyse, II, 
1914: „Der politische Druckfehlerteufel") und ibid. III, 1915, 
die kleine Notiz, die ich hier abdrucke; 

* Vgl. Traumdeutung, fünfte Auflage, 1919, Abschnitt über die 
Traumarbeit, «. 



VI. VEKLE^EN UKD VEKSCHHEiBEN. 



155 



„Ein politischer Druckfehler 

findet sich in der Nummer des ,März' vom 25. April d. J. Tn 
einem Briefe ans Argyrokastron werden Äußerungen von Z o- 
^raphos, dem !Pührer der aufständischen Epiroten in Al- 
banien (oder wenn man will; dem Präsidenten der unabhän- 
gigen Eegicvving des Epirus) wiedergegeben. XI. a. licißt es : 
, Glauben Sic mir; ein autonomer Epirus läge im ureigensten 
Interesse des Fürsten Wied. Auf ihn könnte er sich stür- 
zen.,.' Daß die Annahme der Stütze, die ihm die Ej^iroten 
anbieten, seinen Sturz bedeuten würde, weiß wohl der Fürst 
von Albanien auch ohne jenen fatalen Druckfehler." (Mitge- 
teilt von A. J. Storfcr.) 

Ich las selbst vor kurzem in einer unserer Wiener Tages- 
zeitungen einen Aufsatz „die Bukowina unter rumänischer 
Horrscbaft", dessen Überschrift man zum mindesten als ver- 
früht erklären durfte, denn damals hatten sich die Rumänen 
nocli nicht zu ihrer Feindseligkeit bekannt. 10s hätte nach 
dem Inhalt unzweifelhaft russisch anstatt rumänisch heißen 
müssen, aber auch dem Zensor scheint die Zusammenstellung 
so wenig befremdend gewesen zu sein, daß er selbst diesen 
Druckfehler übersah. 

W u nd t gibt eine bemerkenswerte Begründung für die 
leicht zu bestätigende Tatsache, daß wir uns leichter ver- 
schreiben als versprechen (1. c. S. 37-1). „Im Verlaufe der 
normalen Rede ist fortwährend die Hemmungsfunktion des 
Willens daliin gerichtet, Vorstellungs verlauf und Artikula- 
tionsbewegung miteinander iu Einklang zu bringen. Wird die 
den Vorstellaugcn folgende Äusdrucksbcwegung durch mecha- 
nische Ursachen verlangsamt wie beim Schreiben . . . , so treten 
daher solche Antizipationen besonders leicht ein." 

Die Beobachtung der Bedingungen, unter denen das Ver- 



156 



VI. VERLESEN UND VERSCHREIBEN. 



lesen auftritt, gibt Anlaß zu einem Zweifel, den ich nicht un- 
erwähnt lassen möchte, weil er nach meiner Schätzung der 
Ausgangspunkt einer fruchtbaren Untersuchung werden kann. 
Es ist jedermann bekannt, wie häufig beim Vorlesen die 
Aufmerksamkeit des Lesenden den Text verläßt und sich 
eigenen Gedanken zuwendet. Die Folge dieses Abschweifens 
der Aufmerksamkeit ist nicht selten, daß er überhaupt nicht 
anzugeben weiß, waa er gelesen hat, wenn maa ihn im Vor- 
lesen unterbricht und befragt. Er hat dann wie automatisch 
gelesen, aber er hat fast immer richtig vorgelesen. Ich glaube 
nicht, daß die Lesefehler sich unter solchen Bedingungen 
merklich vermehren. Von einer ganzen Reihe von IFunktionen 
sind wir auch gewohnt anzimehmen, daß sie automatisch, also 
von kaum bewußter Aufmerksamkeit begleitet, am exaktesten 
vollzoo-cn werden. Dai-aus scheint zu folgen, daß die Auf- 
merksamkeitsbedingung der Sprech-, Lese- und Schreibfehler 
anders zu bestimmen ist, als sie bei Wundt lautet (Wegfall 
oder Nachlaß der Aufmerksamkeit). Die Beispiele, die wir 
der Analyse unterzogen haben, gaben uns eigentlich nicht das 
Reell t, eine quantitative Verminderung der Aufmerksamkeit 
anzunehmen; wir fanden, was vielleicht nicht ganz dasselbe 
ist, eine Störung der Aufmerksamkeit diu-ch einen fremden, 
Anspruch erhebenden Gredanken*. 

* Zwischen „Verschreiben" und „Vergessen" darf man den Fall ein- 
schalten, daß jemiind eine Unf erschrif t anzubringen vergißt. Ein nicht 
unterschriebener Scheck ist soviel wie ein vergessenor. Fih: die Bedeutung 
eines solchen Vciyessena will ich eine Stelle aus einem Roman anführen, 
die Dr. H, Sachs anfgRfalleu ist: 

„Ein sehr lehrreiclies und durclisichtigea Beispiel, mit welcher 
Sicherheit die Dichter den Mechanismus der Fehl- und Symptom handlungen 
im Sinne der Psychoanalyse zu verwenden wissen, enthält der Roman von 
Jülm GalBworthy: ,The Island Pharisees.* Im Jiittelpunkte steht das 



VI. VERLESEN UND VERSCHHEIBEN. 



157 



Scliwanken eines jungen Mannes, d.i:r dem rGichen Mittelstand angehört, 
zwiRcIicu tiefem sozialen Mitgefühl uud den gesellschaftlichen Konven- 
tionen seiner Klasse. Im XXVI. Kapitel wird geacliildort, wie er auf 
einen Brief eines jungen Va.gabunden reagiert, den er, durch seine origi- 
nelle Lcbensaulfassung angezogen, einigemal unterstützt hatte. Der Brief 
enthält keine direkte Bitte um Geld, aber die Schilderung einer großen 
Notlage, die keine andere Deutung auläßt. Der Empfänger weist zunächst 
den Gedanken von sich, das Geld an einen Unverbesserlichen wegzuwerfen, 
slatt damit wohltätige Anstalten zu unterstützen. ,Eiiio helfende Hand, 
ein Stück von sich selbst, ein kameradschaftliches Nicken einem Jlit- 
geschöpf zu geben, ohne llüoksicht auf einen Aixspnich, nur weil es ihm 
eben schlecht ging, welch e-in sentimentaler Unsinnl Irgendwo muß der 
Scheidestrich gezogen werden 1' Aber während er diese SchluDfoIgorung 
vor sich hinmurmelte, fühlte er, wie seine Aufrichtigkeit Einspruch erhob: 
.Schwindler! Du willst dein Geld behulten, das ist alles!'" 

Er schreibt daraufhin einen freundlichen Brief, der mit den Worten 
endigt: „Ich schließe einen Scheck bei. Aufrichtig Ihr Richard S hol ton." 

„Bevor er noch den Scheck geschrieben hatte, lenkte eine Motte^ 
die um die Kerze schwirrte, seine Aufmerksamkeit ab; er ging daran, sie 
zu fangen und im Freien loszulassen, darüber verga.ß er aber, daß der 
Scheck nicht in den Brief eingeschlossen war." Der Brief wird nuch 
wirklich, so wie er ist, befördert. - 

Das Vergessen ist alier noch feiner moliviert als durch die Durch- 
eetKUDg der scheinbar überwundenen selbstsüchtigen Tendenz, sich die 
Ausgabe zu ersparen. 

Shelton fühlt sich auf dem Landsitz seiner künftigen Schwieger- 
eltern mitten zwischen seiner Braut, ihrer Familie und deren Gästen ver- 
einsamt; durch seine Fehlhandlung wird angedeutet, daß er sich nach 
seinem Schützling sehnt, der durch seine Vergangenheit uud Lebens- 
auffassung den vollsten Gegensatz zu der ihn umgebenden tadellosen, nach 
ein und derselben Konvention gleichförmig abgestempelten Umgebung 
bildet. Tatsächlich kommt dieser, der ohne die Unterstützung sich auf 
seinem Posten nicht mehr halten kann, einige Tage nachher an, um sich 
Aufklärung über die Gründe der Abwesenheit des iiiigekündiglen Scliecks 
zu verschaffen." 



ll.ißS, 



r 



VII. 
VERGESSEN VON EINDRÜCKEN UND VORSÄTZEN. 

Wenn jemand geneigt sein sollte, den Stand unserer gegen- 
wärtigen Kenntnis vom Seelenleben zu überschätzen, so 
bra,uclite man ihn nur an die Gedächtnisfunktion zu mahnen, 
um ihn zur Bescheidenheit zu zwingen. Keine psychologische 
Theorie hat es noch vermocht, von dem fundamentalen Phä- 
nomen des Erinnems und A^ergessens im Zusammenhange Re- 
chenschaft zu geben; ja, die vollständige Zergliederung dessen, 
was man als tatsächlich beobachten kann, ist noch kaum in 
An^^riff genommen. Yiclleioht ist uns heute das Vergessen 
rätselhafter geworden als das Erinnern, seitdem uns das Stu- 
dium des Traumes und pathologischer Ereignisse gelehrt hat, 
daß auch das plötzlich wieder im Bewußtsein auftauchen kann, 
was wir für längst vergessen geschätzt haben. 

Wir sind allerdings im Besitze einiger weniger Gesichts- 
punkte, für welche wir allgemeine Anerkennung erwarten. Wir 
nehmen an, daß das Vergessen ein spontaner Vorgang ist, dem 
man einen gewissen zeitlichen Ablauf zuschreiben kann. Wir 
heben hervor, daß beim Vergessen eine gewisse Auswahl unter 
den dargebotenen Eindrücken stattfindet und ebenso unter den 
Einzeliiclien eines jeden Eindrucks oder Erlebnisses. Wir kennen 
einige der Bedingungen für die Haltbarkeit im Gedächtnis nnd 
für die Erweckbarkeit dessen, was sonst vergessen würde. Bei 
unzähligen Anlässen im täglichen Leben können wir aber be- 



YII. VERGESSEN VOK EINDRÜCKEN UND VOKSÄTZEN. 159 

laerlien, wie unvollständig und unbefriodigend unsere Erkennt- 
nis ist. Man höre zu, v,-ie zwei Personunj die gerne in sajn äußere 
Eindrücke empfangou, z. B. eine Reise miteinander gemacht 
ihaben, eine Zeitlang später ihre Erinnerungen austauschen. Was 
dem einen fest im Gedächtnis gebliebeu ist, das hat der andere 
oft vergessen, als ob es nicht geschehen wäre, und zwarohne daß 
man ein Recht zur Eehanptung hätte, der Eindruck sei für den 
einen psychisch bedeutsamer gewesen als für den anderen. Eine 
ganze Anzahl der die Auswahl fürs Gedächtnis bestimmenden 
Momente cutzieht sich offenbar noch unserer Kenntnis. 

In der Absicht, zur Kenntnis der Eedingangen des Ver- 
gessens einen kleinen Beitrag zu liefern, pflege ich die Fälle, 
in denen mir das Vergessen selbst widerfährf, einer psychologi- 
schen Analyse zu unterziehen. Ich beschäftige mich in der Regel 
nur mit einer gewissen Grup^iie dieser Eälle, mit jenen nämlich, 
in denen das Vergessen mich in Erstaunen setzt, weil ich nach 
meiner Erwartung das Betreffende wissen sollte. Ich will noch 
bemerken, daß ich zur Vergeßlichkeit im allgemeinen (für Er- 
lebtes, niclit für Gelerntes!) nicht neige, und daß ich durch 
eine kurze Periode meiner Jugend auch außergewöhnlicher Ge- 
dächtnislcistungen nicht unfällig war. In meiner Schulknaben- 
zeit war es mir selbstverständlich, die Seite des Buches, die ich 
gelesen hatte, auswendig hersagen zu können, und kurz vor der 
Universität war ich im stände, populäre Vorträge wissenschaft- 
lichen Inhalts unmittelbar nachher fast wortgetreu niederzu- 
schreiben. In der Spannung vor dem letzten medizinischen 
Rigorosum muß ich noch Gebra.ucli von dem Reste dieser Fähig- 
keit gemacht haben, denn ich gab in einigen Gegenständen den 
Prüfern wie automatisch Antworten, die sich geti'eu mit dem 
Texte des Lehrbuches deckten, welchen ich doch nur einmal in 
der größten Hast durchflogen hatte. 



160 "VIT- VERGESSEN VON EINDHUCKES UND VORSÄTZEN. 

Die Verfügung über den Gedächtnis schätz ist seither bei 
mir immer sohlechter geworden, doch habe ich mich bis in die 
letzte Zeit hinein überzeugt, daß ich mit Hilfe eines Kunst- 
griffes weit mehr erinnern kaJin, als ich mir sonst zutraue. 
"Wenn z. B. ciu Pa,trent in der Sprechstunde sich darauf beruft, 
daß ich ihn schon einmal gesehen habe, und ich mich weder aji 
die Tatsache noch an den Zeitpunkt erinnern kann, so helfe ich 
mir, indem ich rate, d. h. mir rasch eine Zahl von Jahren; von 
der Gegenwart an gerechnet, einfallen lasse. Wo Aufschrei- 
bungen oder die sichere Angabe des Patienten eine Kontrollo 
meines Einfalls ermöglichen, da zeigt es sich, daß ich selten 
um mehr als ein Halbjahr bei über zehn Jahren geirrt habe*. 
Ähnlich, wenn ich einen entfernteren Bekannten treffe, den 
ich aus Höflichkeit nach seinen kleinen Kindern frage. Erzählt 
er von den Fortschritten derselben, so suche ich mir einfallen 
zu la.ssen, wie alt das Kind jetzt ist, kontrolliere durch die Aus- 
kunft des Vaters und gehe höchstens um einen Monat, bei 
älteren Kindern um ein Vierteljalir fehl, obwohl ich nicht an- 
geben kann, welche Anhaltspunkte ich für diese Schätzung 
hatte. Ich bin zuletzt so küiui geworden, daß ich meine Schät- 
zimg immer spontan vorbringe, und laufe dabei nicht Gefahr, 
den Vater durch die Bloßstellung meiner Unwissenheit über 
seinen Sprößling zu kränken. Ich erweitere so mein be\vußtes 
Erinnern durch Anrufen meines jedenfalls weit reichhaltigeren 
unbewußten Gedächtnisses. 

Ich werde also über auffällige Beispiele von Vergessen, 
die ich zumeist an mir selbst beobachtet, berichten. Ich unter- 
scheide Vergessen von Eindrücken und Erlebnissen, also von 
Wissen, und Vergessen von Vorsätzen, also Unterlassungen. Das 

* Gewöhnlich pflegen dann im Laufe der Besprechung cUe Einüel- 
hciten des damaligen ersteu Besuches bewußt aufzulaucUen, 



_Vn. VERGESSEN VON EINDRÜCKEN UND VOHSÄTZEN. 161 



oinförmige Ergebnis der ganzen Koihe von Beobachtungen kann 
ich voranstellen: In allen Fällen erwies sich das Vor- 
geäsen als begründet dumh ein Uulustmotiv. 

Ä. Vergossen von Eindriieken und Kenntnissen. 

a) Im Sommer gab mir meine Frau einen au sicli harmlosen 
Anlaß zu heftigem Ärger. Wir salkm an der Table d'höte uintjui 
Herrn aus Wien gegenüber, don ich k;umte, imd d(>r sich wohl 
auch an mich zu erinnern wußte. Ich hatte aber meine Gründe, 
die Bekanntschaft nicht zu erneuern. Meine Prau, die nur den 
ansehnlichen Namen ihres Gegenüber gehört hatte, verriet zu 
sehr, daß sie seinem Gespräch mit den Nachbiirn zuhörte, denn 
sie wandte sich von Zeit zu Zeit an mich mit Fragen, die den 
dort gesponnenen Faden aufnahmen. Ich ^\-urde ungeduldig und 
endlich gereizt. Wenige Wochen Sjiäter führte ich b(?i einer Ver- 
wandten Klage über dieses Verhalten meiner Frau. Icli war aber 
nicht im sümde, auch nur ein Wort von dor ünterlialtung jenes 
Herrn zu erinnern. Da ich sonstehcrnachtragjend bin und keine 
Kiazelheit eines Vorfalls, der nücli geäi-gerf iiat, vergessen 
kann, ist meine Amnesie in diesem Falle wohl durch Rück- 
sichten auf diePerson der Ehefrau motiviert. Ähnlich ert^iu"- es 
mir erst vor kurzem wieder. Icli wollte mieli gegen einen intim 
bekannten über eine Äußerung meiner Frau lustig machon, die 
erst vor wenigen Stunden gefallen war, fand mich a.ljer in 
diesem Vorsatz durch den. Isemcrkens werten Umstand gehin- 
dert, daJJ ich die betreffende Äußerung spurlos vergessen hatte. 
Ich mußte erst meine Frau bitton, mich an dieselbe zu erinnern. 
Es ist leicJit zu verstehen, daß dies mein Vergessen analog zu 
fassen ist der typischen Urteils Störung, welcher wir unter- 
liegen, wenn es sich um unsere nächsten Angehörigen haJidelt. 
h) Ich hatte es übernommen, einer fremd in Wien ange- 

Fiond, PgyohoiJiillioIoifie de« AlllugaloliBnii, Vlll. AuH. 11 



■ 



fxs^ 



102 Vrr. VERGESSEN TON EINDBÜCKEN UND VORSÄTZEN. 



kommpnon Dame eiae kleine eiserne Handkassette zur Aufbe- 
wahi-ung ihrer Dokuramte und Gelder zu besorgen. Als ich micli 
dazu f'ilx)!., schwebte mir mil iingewöliniiclier visueller Leb- 
lia.il igkeit das Bild einer Aiislage in der Innci-en Stadt vor, iu 
welcher ich solche Ka&sen gesehen haben mußte. Ich konnte 
niich zwar ;ta den Niimeu der StraJJe nicht erinnern, fühlte 
mich aber sicher, daß ich den Laden auf einem Spaziergang 
durch die Stadt auffinden werde, denn meine Erinnerung sagte 
mir, daß ich unzähligemal aa ihm vorübergegangen sei. Zu 
meinem Ärger gelang es mir aber nicht, diese Auslage mit den 
Kassetten aufzufinden, obwohl ich die Innere Stadt nach allen 
Kichtungcn durchstreifte. Es blieb mir nichts anderes übrig, 
meinte ich, als mir aus einem Adressenkalender die Kassen- 
fabrikaJiten herauszusuchen, um dann auf einem zweiten Rund- 
gang die gesuchte Auslaf^ zu identifizieren. Es bedurfte aber 
nicht soviel; imter den im Kalender angezeigten Adressen be- 
fiind sich eine, die sich mir sofort als die vergessene enthüllte. 
Es war richtig, daß ich ungezählte :Malo an dem Auslagefenster 
voinibero-egaiigou war, jedesmal nämlich, wenn ich die Fa^ 
milie M. besucht hatte, die seit langen Jaliren in dem näm- 
lichen Hause wohnt. Seitdem dieser intime Verkelir einer völ- 
ligen Entfremdung gewichen war, pflegte ich, ohne mir von 
den Gründen EechenscliaEt zu geben, auch die Gegend und 
<VäS Haus zu meiden. Auf jenem Spaziergang durch die Stadt 
hatte ich, als ich die Kassetten in der Auslage suchte, jede 
Straße in der Umgebung begaageu, dieser einen aljer war ich, 
als ob ein Verbot darauf läge, ausgewichen. Das Unlustmotiv, 
welches in diesem Falle meine üuorientiertheit verschuldete, 
ist greifbar. Der Mechanismus des Vergessens ist aber nicht 
mehr so einlach wie iiu vorigen Beispiel. Meine Abneigung 
gilt natürlich nicht dem Kasst^nfabrikanten, sondern einem 



' 



VII. VERGESSEN VON EINDRÜCKEN UND VOKSÄTZEN. 



163 



anderen, von dorn ich nichts wissen will, und überträgt sich 
von. diesem anderen auf die Gelegenheit, wo sie das Vergessen 
zu Staude bringt. Ganz ähnlich hatte ira FiUle Burckhard 
der Groll gegen den einen den Schreibfehler im Namen hervor- 
gebracht, wo es sich um den anderen handelte. Was hier die 
Namcnsgleichheit leistete, die Verknüpfung zwischen zwei im 
Wojsen verschiedenen Gedankenkreisen herzustellen, das konnte 
im Beispiel von dem Auslagefenster die Kontiguität im Kaume, 
die untrennbare Nachbnr-schafb, ersetzen. Übrigens war dieser 
letzte fall fester gefügt; es fand sich noch eine zweite inlialt- 
liche ^''erknüpfuug vor, denn unter den Gründen der Entfrem- 
dung mit der im Hause wohnenden Familie hatte das Geld 
eine llolle gespielt. 

c) Ich werde von. dem Bureau B. k. R bestellt, einen ihrer 
Beamten ärztlich zu besuchen. Auf dem Wege zu dessen Woh- 
nung beschäftigt mich die Idee, ich müßte schon wiederholt iu 
dem lia,uße gewesen sciuj in welchem sich die Finna befindet. 
Ka ist mir, als ob mir die Tafel derselben in einem niedrigen 
Stockwerk aufgefallen wäre, während ich in einem höheren 
einen ärztlichen Besuch zu machen hatte. Ich kann mich aber 
weder dai'an erinnern, welches dieses Haus ist, noch wen ich 
dort besucht habe. Obwohl die ganze Angelegenheit gleich- 
gültig 'Und. bedeutungslos ist, beschäftip:e ich mich doch mit 
ihr «nd erfahrt^ endlicli auf dem gewöhnlichen Umweg, indem 
ich meine Einfälle dazu sammle, daü sich einen Stock über 
den. Lokalitäten der Firma B. k. R. die Pension Fisclier be- 
findet, in welcher ich häufig Patienten besucht habe. Ich 
kenne jetzt auch das Haus, welches die Bureaus und die Pen- 
sion beherbergt. Eät.selhaft ist mir noch, welches Motiv bei 
diesem Vergossen im Si^iele war. Ich finde niclits für die Er- 
innerung Anstößiges an der Firma selbst oder au Pension 

11* 



164 VH. VERGESSEN VON EINDRÜCKEN UND V ORSÄTZEN-. 



Fischer oder an den Patienten, die dort wohnten. Ich vermute 
auch, daß es sich um nichts sehr Peinliches handeln kann; 
sonst wäre es mir kaum gelungen, mich des Vergessenen 
auf einem Umweg wieder zu bemächtigen, ohne, wie im vorigen 
Beispiel, äußere Hilfsmittel herauzuzieh<n. Es fällt mir endlich 
ein, daß mich eben vurliin, ;lIs ich den Weg m dem neuen Pa- 
tienten antrat, ein Herr auf der Straße grgrüßt hat, den ich 
Mühe hatte zu erkemien. Ich hatte diesen Mann vor Monaten 
in einem ajischeiuend schweren Ziiüt/ind gesehen und die 
Diagnose der progressiven Paralyse ül>er ihn verhängt, dann 
aber gehört, daß er hergestellt sei, so daß mein Urteil imrichtig 
gewesen wäre. "Wenn nicht etwa hier eine der Kemissiouen vor- 
liegt, die sich auch bei Dementia paralytica finden, so daß 
meine Diagnose doch noch gerechtfertigt wärel Von dieser 
Bfo-ognung ging der Einfluß aus, der mich an die Nachljarschaft 
' der Bureaus von B. & R. vei"gessen ließ, und mein Interesse, die 
Lösung des Vergessenen zu finden, war von diesem Fall strit- 
tiger Diagnostik her übertragen. Die assoziative Verknüpfung 
aber wurde bei geringem inneren Zusammenhang — der wider 
Erwarten Genesene war auch Beamter eines großen Bureaus, 
welches mir Kranke zuzuweisen pflegte — durch eine Namens- 
gleichbeit besorgt. Der Arzt, mit welchem gemeinsam ich den 
fraglichen Panilyliker gesehen hatte, hieß auch Fischer, wie 
die in dem Hanse befindliche, vom Vergessen betroffene Pension. 
d) Fin Ding vorlegen heißt ja nichts anderes als ver- 
»■essen, wohin man es gelegt hat, und wiedie meisten mit Schrif- 
ten imd Büchern hantierenden Personen bin ich auf meinem 
Schreibtisch wohl orientiert und weiß das Gesuchte mit einem 
Griffe hervorzuholen. Was anderen als Unordnung erscheint, 
ist für mich historisch gewordene Ordnung. Warum habe ich 
aber unlängst einen Bücherkatalog, der mir zugeschickt wurde, 



VII. VEHGEJjSEiN VOi\ EINDKÜCKEN UND VOHSÄTZEN. IQF, 

SO verlegt, daß er unauffindbar geblieben ist? Ich hatte doch 
die Absicht, üin Buch, das ich darin angezeigt fand, „Über die 
Sprache", zu bestellen, weil es von einem Autor herrührt, dess*fu 
geistreich ^belebten Stil ich liebe, dessen Einsicht in der 
Psychologie und dessen Kenntnisse in der Kulturhistorie ich zu 
schätzen weiß. Ich meine, gerade dai'um habe ich den Katalog 
verlegt. Ich pflege nämlich Bücher dieses Autors zur Auf- 
klärung unter meinen Bcicaanten zu verleihen, und vor wenigen 
Tagen hat mir jemand bei der Rückstellung gesagt: .,Der Stil 
erinnert mich ganz an den Ihrigen, und auch die Art zu denken 
ist dieselbe." Der Redner wußte nicht, an was er mit dieser 
Bemerkung rührte. Vor Jalireu, als ich noch jünger und an- 
schlußbedürftiger war, hat mir ungofälir das Näjnliche ein 
älterer Kolloge gesagt, dem ich die Schriften eines bekiuuiton 
medizinischen Autors augepricscu hatte. „Ganz Ihr Stil und 
Ihre Art." So beeinflußt hatte ich diesem Autor einen iim 
näheren Verkehr werbenden Brief geschrieben, wurde aber 
durch eine kühlt; Antwort iu meine Schranken zurückgewiesen. 
Vielleicht verl:»ergen sich außerdem noch frühere abschreckende 
lUrfahrungeu hinter dieser letzten, denn ich habe den verlegten 
Katalog nicht wiedergefunden und bin durch dieses Voraeichen 
wirklich abgelialten worden, das angezeigte Buch zu bestellen, 
obwohl ein wirkliches Hindernis durch das Verschwinden des 
Katalogs nicht geschaffen worden ist. Ich habe ja die Namou 
dea B\iches und des Autors im Gedächtnis behalten *. 

"< e) Ein anderer Fall von Verlegen verdien! wci^on der Be- 
dingungen, unter denen das Verlegte wiedergefunden wurde, 
unser Interesse. Ein jüngerer Mann erzählt mir: „Es gab vor 
einigen Jahren Mißverständuissü in m(;iner Khe, ich fand meine 

* Für vielerlei ZufiilligkeiLon, die man seit Th. Vis eher der „Tiioko 
des Objekts'- zuschreibl, möchLu iuh ähnliche Erkliu-ungcu vorachhitjcn. 



166 Vn. VERGESSEN TON EINDRÜCKEN UND VORSÄTZEN. 




M 



Fra,u zu kühl, und obwohl ich ihre vortrefflichen Eigenschaften 
gern aaerkannte, lebten wir ohne Zärtlichkeit nebeneinander. 
Eines Tages brachte sie mir von einem Spaziergang ein Buch 
mit, das sie gekauft hatte, weil es mich interessieren dürfte. 
Ich dankte für dieses Zeichen von , Aufmerksamkeit', versprach 
das Buch zu lesen, legte es mir aurecht und fand es nicht wie- 
der. Monate vergingen so, in denen ich mich gelegentlich au 
dies verschollene Buch erinnerte und es auch vergeblich auf- 
zufinden versuchte. Etwa ein halbes Jahr später erkrankte 
meine, getrennt von uns wohnende, geliebte Mutter. Meine Trau 
verließ das Haus, um ihre Schwiegennutter zu pflegen. Der 
Zustand der Kranken wurde ernst und gab meiner Frau Ge- 
legenheit, sich von ihren besten Seiten zu zeigen. Eines Abends 
komme ich begeistert von der Leistung meiner Frau und dank- 
erfüllt gegen sie nach Hause. Ich trete zu meinem Schreibtisch, 
öffne ohne bestimmte Absicht, aber wie mit somnambuler 
Sicherheit, eine bestimmte Lade desselben mid zu oberst iu 
ihr finde ich das so lange vermißte, das verlegte Buch." 

Einen Fall von Verlegen, der in dem letzten Charakter mit 
diesem zitsammentrifft, in der merkwürdigen Sicherheit des 
Wicdcrfindens, wenn das Motiv des Verlegens erloschen ist, 

erzählt J. Stärcke (1. c). 

, Ein junges Mädchen hatte einen Lappen, aus welchem sie 
einen Kragen anfertigen wollte, im Zuschneiden verdorben. Nun 
mußte die Näherin kommen und versuchen, es noch zui-echtzu- 
bringen. Als die Näherin gekommen war und das Mädchen den 
zerschnittenen Kragen aus der Schublade, in die sie ihn gelegt 
zu haben glaubte, zum Vorschein holen wollte, konnte sie ihn 
nicht finden. Sie warf das Unterste zu oberst, aber sie fand ihn 
nicht. Als sie nun im Zorne sich setzte uud sich abfragte, warum 
er plötzlich verschwunden war und ob sie ihn vielleicht nicht 



VII. VERGESSEN VON EINDKÜCKEX UND VOKSÄTZEN. lg? 



finden wollte, üburlegte siu, dali sie sich luitürlirl) v<u- der 
Näherin schaiute, weil sie etwas so ^linfarhos wie oineuKragua 
doch nocJi verdorben halte. Ab sie das luedacht hatte, stjuid sio 
auf, ging auf einen anderen Schnuik zu und bi-achte daraus 
beim ersten Griff den zerschnittenen Kragen zum Vorschein." 

f) Das nachstehende Beispiel von „Verlegen" entspriclit 
einem Typus, der jedem Psychoaoialytiker bekannt geworden 
ist. Ich darf angeben, der Patient, der dieses Verlegen produ- 
zierte, hat den Schlüssel dazu selbst gefunden : 

„Ein in psychoanalytischer Behandlung stehender Patient, 
bei dem die somnierliclie Unterbrechung der Kur in eine Pe- 
riode des Widerstandes und schlechten Befindens fällt, legt 
a.beuds beim Entkleiden seinen Sclilüsselbund, wie er meint, 
aiuf den gewohnten Platz. Dann erinnert er sich, daß er für die 
Abreise am nächsten Tag, dem letzten der Km-, an dem auch 
das Honorar fällig wird, noch einige Gegenstände aus dem 
Schreibtisch nehmen will, wo er auch das Geld verwahrt hat. 
Aber die Schlüssel sind — verschwunden. Er beginnt seine 
kleine Wohnung systematisch, aber in steigender Erregung ab- 
zusuchen — ohne Erfolg. I>a er tjas , Verlegen' der Schlüssel 
als Symptomlinndlung, also als beabsichtigt, erkennt, weckt 
er seinen Diener, um mit Hilfe einer ,unbe fangen i-n' Person 
weiterzusuchcn. Nach einer weiteren Stunde gibt er das Suchen 
auf und fürchtet, daß er die Schlüssel verloren habe. Am 
nächsten Murgen bestellt er beim Fabrikanten der Sehi-eihtisch- 
kasse neue Schlüssel, die in aller Eile angefertigt werden. 
Zwei Bekannte, die ilni im Wagen nach Hanse begleitet haben, 
wollen sich erinnern, etwas auf den Boden klirren gehört zu 
habtjn, als er aus dem Wagen stieg. Er ist überzeugt, daß 
ihm die Schlüssel aus der Tasche gefallen sind. Abends präsen- 
tierte ihm der Diener triumphierend die Schlüssel. Sie lagen 



\/ 



168 



VII. VEEG-ESSKN VON EINDRÜCKEN UND VORSÄTZEN. 



zwischen «inem dicken Buche und einer dünnen Broschüre 
(einer Arbeit eines meiner Schüler), die er zur Lektüre für die 
Ferien mitnehmen wollte, so geschickt hingelegt, daß niemand 
sie dort vermutet hätte. Es war ihm daoin unmöglich, die Lage 
der Schlüssel so unsichtbar nachzuahmen. Din unbewußte Ge- 
schicklichkeit, mit der ein Gegenstand infolge von geheimien 
aber starken Motiven verlegt wird, erinnert ganz an die , som- 
nambule Sicherheit'. Das Motiv war natürlich Unmut über 
die Unterbrechung der Kur und die geheime Wut, bei so 
schlechtem Befinden ein hohes Honorar zalilen zu müssen." 

\ g) Ein Manu, erzählt A. A. Brill, wurde von seiner Frau 
gedrängt, an einer gesellschaftlichen Vei-anstaltung teilzuneh- 
men, die ihm im Grimde sehr gleichgültig war. Er gab ihren 
Bitten endlich nach und begann seinen Festa.nzug aus dem 
Koffer zu nehmen, imterbrach sich aber darin und beschloß 
sich zuerst zu rasieren. Als er damit fertig geworden war, 
kehrte er üum Koffer zurück, fand ihn aber zugeklappt, imd 
der Schlüssel wai' nicht aufzufinden. Ein Schlosser war nicht 
aufzutreiben, da es Sonntag abends war, und so mußten die 
beiden sich in der Gesellschaft entschuldigen lassen. Als der 
Koffer am nächsten Morgen geöffnet \viirdej fand sich der 
Schlüssel drinnen. Der Mann hatte ihn in der Zerstreutheit 
in den Koffer fallen lassen und diesen ins Schloß geworfen. 
Er gab mir zwar die Versicherung, daß er gauz ohne Wissen 
, imd Absicht so getan habe, aber wir wissen, daJ3 er nicht in 
die Gesellschaft gfhen wollte. Das Verlegen des Schlüssel.-? 
ermangelte also nicht eines Motivs. 

>v E. Jones beobachtete au sich selbst, daß er jedesmal die 
Pfeife zu verlegen pflegte, nachdem er zuviel geraucht hatte 
und sich dai'uni unwohl fühlte. Die Pfeife fand sich dann an 



VII. VEKfiESSEN VON EINDHÜCKEN UND VOKSÄTZEN. 1(J9 



allen möglichen Stollerij wo sie nicht liingehürlo imd wo sie 
für gewöhnlich nicht aufbewahrt wurde. 

h) Einen harmlosen Fall mit eingestandener j\Iuti\ierung ^ 

berichtet Dora Müller (Internationale Zeitschrift für Psycho- 
analyse, III, 1915). 

1. Fräulein Erna A. erzahlt zwei Tage vor Weihnachten: 

„Denken Sie, gestern abends naiiin ich aus meinem Pfeffer- 
kucbenpaiket und aß ; ich denke dabei, daß ich Fräulein S. (der 
Gesellscli afterin ihrer Mutter), wenn sie mir Gutenacht sagen 
komme, da.von anbieten müsse, ich hatte keine rechte Lust 
dazu, nahm mir aber trotzdem vor, es zu tun. Wie' sie nachher 
kam und ich nach meinem Tischchen hin die Hand ausstreckte, 
um das Paket zu nehmen, fand ich es dort nicht. Ich suchte 
danach und fand es eingeschlossen in meinem Schranke. Da 
hatte ich das Paket ohne ^ zu wissen hineingestellt." Eine 
Analyse war überflüssig, die Erzählerin war sich selbst über 
den Zusammenhang klar. Die oben verdrängte Eegung, das 
Gebäck für sich allein behalten zu wollen, war gleichwohl in 
automatischer Handlung dm"chgednmgeu, um freilich in diesem 
Falle durch dio nachfolgende bewußte Handlung wieder rück- 
gängig gemacht zu werden. 

i) li. Sachs schildert, wie or sich einmal durch t-in solches V. 

Verlegen der Verpflichtung zu arbeiten entzogen hat. 

„Vergangenen Sonntag nachmiltags schwankte ich eine 
Wolle, ob ich arbeiten oder einen Spaziergang mit daranschlic- 
ßendem Besuche machen solle, entschloß mich aber nach 
einigem Kampfe f-ür das erstere. Nach etwa einer Stunde be- 
merkte ich, daß ich mit meinem PajDiervorrat zu Ende sei. Ich 
wüßt«, daß ich irgendwo in einer Lade schon seit Jalii-en ein 
Bündel Papier aufbewahrt habe, suchte aber danach vcrgeblicli 
in meinem Schreibtisch und an anderen Stellen, wo ich es zu 



>'• 



X70 Vit. VERGESSEN VON EINDKÜCK EM ÜKD VORSÄTZEN. 

finden vernmtctts obgleioli ich mir große Mühe gab und in 
allen ujöglicheii alten Bücheru, Broschüren, BrieX'scliaften 
13. dgl. hcrumwühlU'. So sah ich micli doch genötigt, die Ar- 
beit einzustellen und fortzugehen. Als ich 'abends nach Hause 
kam, setzte ich mich auf das (Sofa und sah in Gedajikcii, halb 
abwesend auf den gegenüberstehenden Bücherschraaik. Da 
fiel mir eine l^ade in die Augen und ich erinnerte, daß ich. 
ihren Inhalt «chon lange nicht durchgemustert habe. Ich 
ging also hin und öffnete sie. Zu oberst hig eine Ledormappe 
und in dieser unbeschriebenes I^apier. Aber erst als ich es 
herausgenommen hatte und im Begriffe stand, es in der 
Schreibtischladc zu verwahren, fiel mir ein, daß dies ja das- 
selbe Fa.pier sei, das ick nachmittags vergeblich gesucht hatte. 
Ich muß hiezu noch bemerken, daß ick, obgleich sonst nicht 
sparsam, mit Papier sehr vorsicftig umgehe und jedes ver- 
wendbare Restchen aufhebe. Diese von einem Triebe gespeiste 
Gewohnheit war es offenbar, die mich zur sofortigen Korrek- 
tur des Vergessens veranlaßte, sobald Ö3J> aktuelle Motiv daiür 

verschwunden war.*" 

Wenn man die Fälle von Verlegen übersieht, wii-d es wirk- 
lich schwe^anzunehni^^daß_emj^^ 
infolge einer unbewußten Absic ht erfolgt . 

JjT^r^mmw des' Jah^s 1901 erklärte ich einmal einem 

Freunde, mit dem ich damals in regem Gedankenaustausch über 
wissenschaftliche Fragen stand: Diese neurotischen Probleme 
sind nur dann zu lösen, wenn wir uns ganz und voll auf den 
Hoden der Annahme einer ursprünglichen Bisexualität des Indi- 
viduums stellen. Ich erhielt zur Antwort; „Das habe ich dir 
schon vor zweieinhalb Jahren in Er. gesagt, als wir jenen 
Abendspaziergang machten. Du wolltest damals nichts davon 
hören." Es ist nun schmerzlich, so zum Aufgeben seiner 



1 



N 



VII. VKKGEtiSEN VON EINDKÜCKEN UND VOUSÄTZEN. 171 



Originalität aufgefordert zu werden. Ich könnt,? mich an ein 
solches Gespräch und an diese Eröffnung meines Freundes 
niciit erinnern. Einer von uns beiden mußte sich da täuschen; 
nach dem Prinxip der Frage eui prodcat? mußte ich das sein. 
Ich habe im Tjaufc der nächsten Woche in der Tat alles so 
erinnert, wie mein Freund os in mir erwecken wollte; icli weiß 
selbst, was ich damals zur Antwort gab : Dal)c;i lialto ich noch 
nicht, ich will mich darauf nicht einhisäen. Aber ich bin seit- 
her um ein Stück toleranter geworden, wenn ich irgendwo in 
der medizinischen Literatur auf eine der wenigen Ideen stoße, 
mit denen man meinen Namen verknüpfen kann, und wenn ich 
dabei die Krwähnung meines Namens vermisse. 

Aussfeilungen an seiner Ehefrau — Freundschaft, die ins 
Gegenteil umgeschlagen hat — Irrtum in ärztlicher Diagnostik 
— Zurückwoisung durch Gleichstrebendo — Entlehnung von 
Ideen: es ist wohl kaum znfäUig, daß eine Anzahl von Bei- 
spielen dos Vergessens, die olme Auswahl gesammelt worden 
sind, zu ihrer Auflösung des Eingehens auf so peinliche The- 
mata, bedürfen. Ich vermute vielmehr, daß jeder andere, der 
sein eigenes Vergessen einer Prüfuug nach den Motiven unter- 
ziehen will, eine ähnliche Musterkartu von Widerwärtigkeiten 
aufzeichnen können wird. Die Ne igung zum Vergessen des Un- 
angenehmen s cheint mir ganz allgemein zu sein; die Fähigkeit 
dazu ist wohl bei den verschiedenen Personen verschieden gut 
ausgebildet. Manches Ableugnen, das uns in der ärztlichen 
Tätigkeit begegnet, ist wahrscheinlich auf Vergessen zu- 
rückzuführen*. Unsere Auffassung eines solchen Vcrgesscus 



♦ Wenn man sich bei einem Menschen iji'kundigt, ob.or vor 10 oder 
l.*; Jahren eine luetische Infektion du rciligic macht hat, vorgißb man zu leioht 
daraUj daß der Befragte diesen Eraukheitsziifall psychisuh ganz, anders 
Lt'liaudelt liat als etwa oinun akuten Illicuuiu,tiämiiä. — In den Auumnosen, 



172 ^11- VEKGiSSEN VON EINDRÜCKEN UND VOKÖÄTZEN. 

beschränkt don Unterschied zwischen dem und ienein Bcach- 
men allerdings auf rein psychologische Verhältnisse und ge- 
stattet uns, in beiden Reaktion s weisen den Ausdruck desselben 



\vclch9 Eltern über ihre neurotiHCii erkra,iikten Töchter geben, ist der 
Allteil des Vcrgessens von dem des Verbergens kaum je mit Sicherheit 
zu sondern, weil alles, was der späteren Verheiratung des JMädchens im 
Wege steht, von den Eltern systematisch beseitigt, d. h. verdriLngt wird. 

Eiü Mann, der vor kiu'zem seine geliebte Frau an einer Lungenaffektion 

verloren, teilt mir nachstehenden Fall von Irreführung der ärztlichen Er- 
kundigung mit, der nur auf solches Vergessen zurückführbar ist: „Als 
die Pleuritis meiner armen Frau nach vielen, ^Vochen noch niclit weichen 
wollte, wurde Dr. P. als Konsiliarius berufen. Bei der Aufnahme der 
Anamnese stellte er die üblichen Fragen, a. a. auch, ob in der Familie 
meiqor Frau etwa Lungenkrankheiten vorgekommen seien. Meine Frau 
verneinte und auch ich erinnerte mich nicht. Bei der Verabschiedung 
des Dr. P. kommt das Gespräch wie zufällig auf Ausflüge, und meine 
Frau sagt: Ja, auch bis Langersdorf, wo mein armer Bruder be- 
graben liegt, ist eine weite Reise. Dieser Bruder war vor etwa 15 
.rahrcn nach mehrjährigem tuberkulösen Leiden gestoriwn. Meine Frau 
hatte ihn sehr geliebt und mir oft von ihm gesprochen. Ja, es fiel mir 
ein, dall sie seinerzeit, als die Pleuritis festgestellt wurde, sehr besorgt 
war und trübsinnig meinte ; Audi mein Bruder ist an der Lunge 
geBtorlien. Nun aber war die Erinnerung daiun so sehr verdrängt, daJ3 
sie auch nach dem vorhin angeführten Au.^gpnich über den .\usflug nach 
L. keine Veranlassung fand, ilire .Auskunft über Erkrankungen in ihrer 
Familie zu korrigieren. Mir selbst fiel das Vergessen in demselben Moment 
wieder ein, wo sie von Langersdorf sprach." — Ein völlig analoges Er- 
lebnis erzählt E. Jones in der hier bereits mehrmals erwähnten Arbeit, 
Ein Arzt, dessen Frav an einer diagnostisch unklaren Unterleibs er krankung 
litt, bemerkte zu iiir wie tröstend; „Es ist doch gut, daß in deiner Fa- 
milie kein Fall von Tuberkulose vorgekommen ist." Die Frau antwortete 
aufs äußerste überrascht: „Hast du denn vergessen, daß meine Mutter an 
Tuberkulose gestorben ist, und dfiß meine Schwester von ihrer Tuber- 
kulose nicht eher hergestellt wurde, als bis die Ärzte sie aufgegeben 
haltend" 



1 



M 



vir. VERGESSEN VOS EINDRÜCKEN UND VOllSÄTZEN. I73 



Motivs ZU sehen. Von all den zahlreichen Beispielen der Ver- 
leugnung unangenehmer ErinnerungeUj die ich bei Angehörigen 
von Kranken gesehen habe, ist mir eines als besonders seltsam 
im Gedächtnis geblieben. Eine Mutter informierte mich über 
die Kinderjahro ihres nei' venls.ru nken, in der Pul>ertät befind- 
lichen Sohnes und erzählte dabei, daß er wie seine Gi\schwifi!ti_'r 
bis iu späte JaJirc an Bettunssen gelitten habe, was ja für eine 
neurotische Krankengeschiclite nicht bedeutungslos ist. Einige 
Wochen später, als sie sich Auskunft über den Stand der Be- 
fiandluiig holen \v<illte, hatte ich Anlaß, sie auf die Zeichen 
konstitu tioneller Krankheits Veranlagung bei dem j imgen 
Manne aufmerksam zu machen, und berief mich hiebei auf das 
anamnestisch erhobene Bettnässen. Zu meinem Erstaunen be- 
stritt sie die Tatsache sowohl für dies als aucli für die anderen 
Kinder, fragle niicli, woher ich das wissen könne, und hörte 
endlich von mir, daJJ sie selbst es mir vor kurzer Zeit erzählt 
habe, was also von ihr vergessen worden war*. 

* In den Tagen, während ich mit cIlt Niederschrift dieser Süiteu 
beschäftigL war, ist mir folgemler, tust uiiylauMiciier Fall von Vergessen 
widerfahren: Ich revidiere am 1. Jänner mein ärztliches Bucli, um meiiii; 
Honorarrechmuigen aussenden zu können, stoüe dabei im Juni auf den 
Namen M . . . 1 und kaim mich mi eino y.n ihm geliürigo Person nicht er- 
innern. Jloin Refremden wächst, iadem ich beim Weiterbiiltlera bomerki?, 
daß ich den Fall iu einem Sanii.Loriu in behandelt, und daß ich ihn durch 
Wochen täglich besucht habe. Eincu Kronkeu, mit dem man sich unter 
solchen Bedingungen bcsohäfiigt, vei'gißt man als Arzt nicht nach kaum 
seclia Monaten, Sollte es ein Mann^ ein Paralytiker, ein Fall ohne Interesse 
gewesen sein, frage ioh miohl Endlich bei dem Vermerk über das emp- 
^fangene Honorar kommt mir all die Kenntnis wieder, die sich der Er-, 
innerung entziehen wollte, M...1 war i;in üjährigcs Mädclien gewesen, 
der merkwürdigste Pall meiner letzten Jahre, welcher mir eine r>ehro 
hinterlassenj diu ich kaum je vergessen werde, und dessen Ausgang mir 
diu peiuHc'listcn Stunden bereitet hat. Das Kiud erkrankte au unzwcideii- 



114- VII. TEEGESSEX VON ElNDRtCKEN UN D VORSÄTZEK. 



Man findet also auch bei gesunden, nicht neurotiso-hen 
ISrenschen reichlich Anzeichen dafür, daß sich der Erimieinmg 
an peinhciie -Eindrücke, der Vorstellung pninlicher Geda^iken, 
ein Widerstand entgegensetzt*. Die volle Bedeutung dieser 
Tatsache läßt sich aber erst ermessen, wenn man in die Psycho- 
logie neurotischer Personen eingeht. Man i^t genötigt, ein 
solche?^ elementares Abwehrbestreben gegen Vorstel- 
lungen, welche Unlustempfindungen erwecken können, ein Be- 
streben, das sich uur dem Fluchtreflex bei Schmerzreiaen an 
die Seite stellen läJit, zu einem der Hanptpfeiler des Mecha^ 
nismus zu machen, welcher die hysterischen Symptome trägt. 
Man möge gegen die Annahme einer solchen Abwehrtendenz 

biger Hysterie, die sich auch Tiuter meinen Händen rasch und ^ündHcJi 
besserte. Nach dieser Besserung wurde mir das Kind von den Eltern 
ents^ogen; es klagte noch über abdominale Schmerzen,, denen die Haupt- 
rolle im SympLombild der Hysterie zugefallen wnx. Zwei Monate später 
war es an Sarkom der Unterleibsdrusen gestorben. Die Hysterie, KU der 
da^ Kind nebstbei prädisponiert war, hatte die Turaorbildung zur provo- 
zierenden Ursache genommen, und ich hatt«. von den lärmenden, aber 
haTmloscn Erscheinungen der Hysterie gefesselt, vielleicht die ersten An- 
zeichen der schleichenden und unheilvollen Erkrankung übersehen. 

• A. Pick hat kürzlich (Zur Psychologie des Vergessens bei Crcistea- 
und Nervenkranken, Archiv für Kriminal-Anthropologie und KriminaJislik 
von H. Groß) eine Beihe von Autoren zusammengestellt, die den Einiluß 
■ affektiver Faktoren auf das Gedächtnis würdigen nn<l - mehr oder minder 
deutlich — den Beitrag anerkennen, den das Abwehrbestreben ge^en, Un- 
lust vMm Vergessen leistet. Keiner von uns allen hat aber das PhÜJiomeu 
«nd seine psychologische Begründung so er.-^chöpfend und zugleich so 
eindrucksvoll darstellen können wie Nietzsche in einem seiner Apho- 
rismen (Jenseits von Gut und Böse, IL Hauptatück, 68): „Das habe ich 
getan, sagt mei n- ,Ge däc h tni s'. Das kann ich nicht ge- 
tan haben, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. 
Endlich — gibt das Gedächtnis nach." 



VIT. VERGESSEN VON EINDRÜCKEN UND VORSÄTZEN. 17j> 



nicht cinweiid-Pn, daß wir es im Gegenteil häufig genug un- 
jnöglicli finden, peinliche Eriunerungeu, die uns verfolgen, los 
zu worden und j)einliche Affeklrognngon wie l^uo, Crcwisscns- 
vorwürfc zu vcrsclieuchen. Es wird ja niciit bi'linnpLet, dnlS 
diesi; Abwohrtendonz sich überall durchzusetezn vermag, daß 
sie iiichl im Spiele der psycliischen Kräfte auf Paktoren stoßen 
kanii, welche zu anderen Zwecken das Entgegengesetzte an- 
streben und ihr zum Trotze zu stände bringen. Als das n.rciii- 
tektonische Prinzip des seelischen Apparats 
läßt sich die Schichtung, der Äufba.u aus einander 
überlagernden Instanzen erraten, un<i es ist sehr wohl 
möglich, daß dies Abwehrbestreben einer niedrigen psychi- 
schen Instanz angehört, von hölieren Instanzen aber gohenmit 
wird. Es spricht jedenfalls für die Existenz und MachtigkeiL 
dieser Tendenz zur Abwehr, wenn w^ir Vorgänge wie die in 
Tjneeren Beispielen von Vergessen auf sie zurückführen können. 
Wir sehen, daß manchoä um seiner selbst willen vergessen 
wird; wo dies nicht möglich ist, verschiebt die Abwehrteudcnz 
ihr Ziel und bringt wenigstens etwas anderes, minder Bedeut- 
sames, zum Vergessen, was in assoziative Verknüpfung mit 
dem eigentlich Au,stößigen geraten ist. 

Der hier entiväckelte Geai£]its.punki,_«3&!lLpeinlii;lie Erinne- 
rungen mit bes onderer LcichtigkeiJ^de^ motivierten Vcrgessou 
verfallen; verdiente auf mehrere Gebiete bezogen zu werden, in 
denen er heute noch keine oder eine zu geringe Beachtmig ge- 
funden hat. So erscheint er mir noch immer nicht genügend 
scharf betont bei der Würdigung von Zeugenaussagen vor Gre- 
rieht*, wobei man offenbar der unter Eidstellung des Zeugen 
einen allzu großen pur ifi zierenden Einfluß auf dessen psychi- 
sches Kräftespiol zutraut. Daß man bei der Entstehung der 

• Vgl. ]laii8 GrnU, Kriminalpayohologie, 189Ö. 



176 vir. VERGESSEN VOX EINDRÜCKEN UND VORSÄTZEN. 



Traditionen und der Sagengescliichte eines Volkes einem' 
solchen Motiv, das dem Nationalgnfühl Peinliche aus der Er- 
innerung auszumerzen, Rechnung- tragen muß, wird allgemein 
zugestanden. Vielleicht würde sich bei gena-uerer Verfolgmi^ 
ein© vüUsländige Analogie herausstellen zwischen der Art, 
wie Völkertraditionen und ^^io die Kiiidheitseriimeniugcn des 
einzelmui Individuums gebildet werden. Der große Darwin 
hat aus seiner Einsicht in dies IJnlustmotiv des Vergessens eine 
„goldene Regel" für den wissenschaftlichen Arbeiter gezogen*. 
Gaaz ähnlich wie beim Namenvergessen kann auch beim 
Vergessen von Eindrücken Fehlorinneru eintreten, das dort, wo 
es Glauben findet, als Erimierungstäuschung bezeichnet wird. 
Die Erinnerungstäuschung in pathologischen Fallen — in der 
Paranoia spielt sie geradezu die Rolle eines konstituierenden 
Moments bei der Wahnbildung — hat eine ausgedehnte Lite- 
ratur wachgerufen, in welcher ich durchgängig den Hinweis 
auf eine Motivierung derselben vermisse. Da auch dieses 

* Darwin über das Vergessen. In der Autobiographie Da.r- 
w i n s findet sich folgende Stelle, wejclie seine wissenschaftliche Ehr- 
lichkeit und seinen psychologischen Scharfsinn überzeugend widerspiegelt: 

„T had, duriug many years, followed a golden rule, aamely, that 
whenever a publislied fact, a new obser^^ation or thought came across me, 
whicii wafl opposed to my general results, to niake a memorandum of it 
whithoub fail and at once; for I liad found by experience fchat such facts 
and thoughts were far more apt to escaxie from the mcmory than favourable 
ones." Ernest Jones. 

„Viele Jahre hindurch befolgte ich eine goldene Regel. Fand ich 
nämlich einu veröffentlichte Tatsache, eine neue Beobachtung oder einen 
Gedanken, welcher einem meiner allgemeinen Ergebnisse widersprach, so 
notierte ich denselben sofort möglichst wortgetreu. Denn die Erfahrung 
hatte mich gelehrt, daß solche Tatsachen und Erfahrungen dem Gedäclit- 
nissö leichter entschwinden als die uns geuehmeu," (Übersetzung des Zeu- 
Inüblatt für Psychoanalyse.) 



J 



Vn. VERGESSEN VON EINDKÜCKEN UND VORSitZEN. 177 

Thema der Neurosenpsycliologic nugehört, entzieht es sich 
in Tiii£erem Zusammeiüiauge der Behandlung. Ich werde dafür 
eia sonderbares Beisi^iel einer eigenen. Erinneniugstäuschnog 
mitteilen, bei dem die Motivierung durch unbew-üßtes ver- 
drängtes Material und die Art und Weise der Verknüpfung mit 
demselben deutlich genug kenntlich werden. 

Als ich die späteren Abschnitte meines Buches über Tranm- 
deutung schrieb, befand ich mich in einer Sommerfrische ohne 
Zugaaig zu. Bibliotheken vnd Nachßchlag'cbüchem und wai' ge- 
nötigt, mit Vorbehalt späterer Korrektur, allerlei Beziehungen 
und Zitate aus dem Oredächtnis in daa Manuskript einzutragen. 
Beim Abschnitt über das Tagträumen fiel mir die ausge- 
zeichnete Figur des armen Buchhalters im ,,Nahab" von 
Alph. Daudet ein, mit welcher der Dichter wahrsciieinlich 
seine eigene Träumerei geschildert hat. Ich glaubte mich an 
eine der Phantasien, die dieser Manu — ^h: Jocelyu nannte ich 
ihn — auf seineu Spaziergängen durch die Straßen von Paris 
aiisbrütct, deutlich zu erinnern und begaim sie aus dem Ge- 
dächtnis zu reproduzieren. Wie also Hen- Jocelyn auf der Straße 
sich kühn einem durchgehenden Pferde entgegeuwirft, es zum 
Stehen bringt, der Wagenschlag sich öffnet, eine hohe Per- 
sönlichkeit dem Ooupö entsteigt, Herrn Jocelyn die Hand 
drückt und ihm sagt: „Sie sind mein Retter, Ihnen verdanke 
ich mein Leben. Was kaim ich für Sie tun?" 

■ Etwaige Ungenauigkciton in der Wiedergabe dieser Phan- 
tasie, tröstete ich mich, würden sich leicht zu Hause verbessern 
lassen, wenn ich das Buch zur Hand nähme. Als ich dann aber 
den „Nabab" durchblätterte, um die druckbereite Stelle 
meines Manuskripts zu vergleichen, fand ich zu meiner größten 
Beschämung und Bestürzung nichts von einer solchen Träu- 
merei des Herrn Jocelyn darin, ja der arme Buchhalter trug 

Freud, Fsjclio Pathologie des Alllagelebeiie, Till, AuS. 12 



178 "^^^ VERGESSEN VOK EINDBÜCKEN UND VORSÄTZEN. 



gar nicht diesen Namen, sondern hieß Mr. Joyeuse. Dieser 
zweite Irrtum gab dajin bald den Schlüssel zur Klärimg des 
ersten, der Erinneruugstäuschuug. Joyeux (wovon der Name 
die feminine Form darstellt) : so und nicht anders müßte ick 
meinen eigenen Namen: Freud ins Französische übersetzen. 
Woher konnte also die fälschlich erinnerte rhaiitasie sein, die 
ich Daudet zugeschrieben hatte? Sie konnte nur ein eigenes 
Produkt sein, ein Tagtraum, den ich selbst gemacht und der 
mir nicht bewnßt geworden, oder der mir einst bewußt ge- 
wesen, und den ich seither gründlich vergessen habe. Viel- 
leicht daß ich ihn selbst in Paris gemacht, wo ich oft geuug- 
oinsam und voll Sehnsucht durch die Straßen spaziert bin, 
eines Helfers und Protektors sehr bedürftig, bis Meister Char- 
cofc mich daim in seinen Verkehr zog. Den Dichter des 
„Nabab" habe ich dann wiederholt im Hause Charcots ge- 
sehen. Das Ärgerliche an der Sache ist nur, daß ich kaum 
irgend einem ajideren Vorsti^llungskreise so feindselig gegen- 
überstehe wie dem des Protegiertwerdens. Was man in unserem 
A^aterlande davon si^ht, verdirbt einem alle Lust daran, und 
meinem Charakter sagt die Situation dt-s Protektionskindes 
überhaupt wenig zu. Ich habe immer ungewöhnlich viel Nei- 
gung dazu verspiirt, „selbst der brave Mann zu sein". Und 
gerade ich mußte dann an solche, übrigens nie erfüllte, Tag- 
träume gemahnt werden. Außerdem ist der Vorfall auch ein 
gutes Beispiel dafür, wie die zurückgehaltene — in der Paranoia 
siegreich liervorbrechcude — Beziehung zum eigenen Ich uns 
in der objektiven Erliissung der Dinge stört und verwirrt. 

Ein anderer Fall von Erinnerungstüuscluuig, der sich be- 
friedigend aufklären Heß, mahnt an die später zu besprechende 
, fausst.' roconnaissance" : Ich hatte einem meiner Patienten, 
einem ehrgeizigen und Iwfähigten Manne, erzählt, daß ein 



VII. VüEGEÖSEN VON EINDUPCKKN UND VORSÄTZKy. 17g 

juug-er Student sich küralich durch eine interessante Arbeit 
„Der Künstler, Versucli einer Sexnalpsychologie'* iu den Kreis 
meiner Schüler eingeführt habe. Als diese Schrift eineinvicrtel 
Jahr später gedruckt vorlag, beliaiiptete mein Pu.tienf, sich 
mit Sicherheit dai-an erinnern zu können, daß er die Ankün- 
digung derselben bereits vor meiner ersten Mitteilung (einen 
Monat oder ein halbes Jahr vorher) irgendwo, etwa in einer 
Buchhäudleranzeige, gelesen habe. Es sei ihm diese Kotiz auch 
damals gleich in den Sinn gekommen und er konstatierte übor- 

' dies, daß der Autor den Titel verändert habe, da es nicht mehr 
..Versuch", sondern „Ansätze zu oiner Sexnalpsychologie" heiße. 
Sorgfältige Erkundigung beim Autor und Vorglcichung aller 
Zeitangnl>en zeigten indes, daß mein Patient etwas Unmög- 
liches erinnern wollte. Von jener Scliriffe war nirgends eine 
Anzeige vor dem Drucke erschienen, am wenigstciu aber ein- 
einviertel Jahr vor ihrer Drucklegung, Als ich eine Deutung 
dieser Erinucrungstäusclnmg unierlicß, lirachte derselbe Mann 
eine gleichwertige Erneuerung derselbcu zu stände. Er meinte, 
vor kurzem eine Schrift über ,, Agoraphobie" iu dem Ausla,ge- 
frnsLer einer Buchhandlung bemerkt zu haben, und suchte der- 
selben nun durch Nachforschung in allen Verlugskata logen 
liabhaft zu worden. Ich konnte ihn dann aufklären, warum 
diese Bemühung erfolglos bleiben mußte. Die Schrift über 
Agoi-aphobie bestand erst iu seiuer Phantasie als unbewußter 
Vorsatz und sollte von ihm selbst abgefaßt werden. Sein Ehr- 
geiz, es jenem jungen !)Ianne gleichzutim und durch eine solche 
wissenschaftliche Arbeit zum Schüler zu werden, hatte iiin zu 
jener ersten wie zur wiederholten Erinneruugstäuschuug ge- 
führt. Er besann, sich dann auch, daß die Bnchhändleran zeige, 
welche ihm zu diesem falschen Ei'konuea gedient hatte, sich 

auf ein Werk, betitelt; „Genesis, das Gesetz der Zeugmig", 



^ 



180 VJI. VERGESSEN VON EINDEÜCEEN UND VORSÄTZEN. 



bezog. Die von ihm erwähnte Abändemug^des Titels kam aber 
auf meine Rechnung, denn ich wußte mich selbst zu erinnern, 
daß ich diese Ungenauigkeit in der Wiedergabe des Titels 
„Y ersuch — ajLStatt: Ansätze" begangen hatte. 

JJ. Daß ^' ergessen von Vorsätzen. 

Keine andere Gruppe von Phänomenen eignet sich besser 
zum Beweis der These^jgg Jie aeringfügigkeit der ^Anfmer k- 
samkeit für sich allein nicliUmu-eicli e, die IFehlle istunq zu er- 



Jlä^ "als" die des Vergessene von Vorsätzen. Ein Vorsatz ist 
ein Impuls zur Handlung, der bereits Billigung gefunden hat, 
dessen Ausführung aber auf einen geeigneten Zeitpunkt ver- 
schoben ^vurde. Nun kann in dem so geschaffenen Intervall 
allerdings eine derartige Veränderung in den Motiven ein- 
treten, daJ3 der Vorsatz nicht zur Ausführung gelangt, aber 
dann wird er nicht vergessen, sondern revidiert und aufge- 
hoben. Das Vergossen von Vorsätzen, dem wir alltäglich und iu 
allen möglichen Situationen unterliegen, pflegen wir uns nicht 
durch eine Neuerung in der Motivengleichung zu erklären, 
sondern lassen es gemeinhin unerklärt, oder wir suchen eine 
psychologische Erklärung in der Annahme, gegen die Zeit der 
Ausführung hin habe sich die erforderliche Aufmerksamkeit 
für die -Handlung nicht mehr bereit gefunden, die doch für 
das Zustandekommen des Vorsatzes unerläßliche Bedingung 
war, damals also für die nämliche Handlung zur Verfügung 
stand. Die Beobachtung unseres nornuileu Verhaltens gegen 
Vorsätze läßt uns diesen Erklärungsversuch als willkürUch 
abweisen. Wenn ich des Morgens einen Vorsatz fasse, der 
abends ausgeführt werden soll, so kann ich im Laufe des 
Tages einigemal an ihn gemiulmt werden. Er braucht aber 
tagsüber überhaupt nicht mehr bewußt zu w-erden. Wenn 



vn VERGESSEN TOX KlN DliÜCKEN UND VORSÄTZEN. Igl 

sich die Zeit der Ausfülxrung uäliert, fällt er mir plützlich ein 
und veranlaßt inich, die zur vorgesetzten Handlung nötigen 
Vorbereitungen zu treffen. Wenn ich auf einen Spaziergang 
einen Brief mitnehme, welcher noch befördert werden soll, so 
brauche ich ihn als normales und nicht nervöses Individuum 
keineswegs die ganze Strecke über in der Hajid zu tragen und 
ujiterdessen nach einem Biiefkasten auszuspälien, in den ich 
ihn werfe, sondern ich pflege ihn in die Tasche zu stecken, 
meiner Wege zu gehen, meine Gedanken frei schweifen zu 
lassen, und ich rechne daiuuf, daß einer der nächsten Brief- 
kästen meine Aufmerksamkeit erregen und mich veranlassen 
•wird, in die Tasche zu greifen und den Brief hervorzuziehen. 
Das normale Verhalten beim gefaßten Vorsatz deckt sich voll- 
kommen mit dem experimentell zu erzeugenden Benehmen von 
Personen, denen man eine sogenannte „pdsthypno tische Sug- 
gestion auf lange Sicht" in der Hypnose eingegeben hat *. Man 
ist gewöhnt, das Phänomen in folgender Art zu beschreiben: 
Der suggerierte Vorsatz schlummert in den betreffenden Per- 
sonen, bis die Zeit seiner Ausführung herannaht. Dann wacht 
er auf und treibt zur Handlung. 

In zweierlei Lebenslagen gibt sich' auch der Laie Rechen- 
schaft davon, daß das Vergessen in bezug auf Vorsätze keines- 
wegs den Anspruch erheben darf, als ein nicht weiter zurück- 
führbares Elcmentarphänomen zu gelten, sondern zum Sclilnß 
auf, une ingestandene Motive berechtigt. Ich meine : im Liebes- 
verhältnis und in der Militärabhängigkeit. Ein Liebhabei-, der 
das Rendezvous versäumt hat, wird sich vergeblich bei seiner 
Etemc entschuldigen, er habe leider ganz vergessen. Sie wird 
nicht versäumen, ihm zu antworten: „Vor einem Jahre hättest 

* Vgl. Eernheiui, Neue Studien über Hjpuoiismu^, Siiggestiou uud 
Fsjcholherapie, 1892. 



X82 VII. VERGESSEN VON EINDRÜCKEN UND VORSÄTZEN. 



du CS nicht vergossen. Es liegt dir eben nichts mehr an mir,'^ 

Selbst wenn er nach der oben erwähnten psychologischen llr- 

klämng griffe und sein Vergessen durch gehäufte Geschäfte 

entschuldigen wollte, würde er nur erreichen, daß die Dame 

_ so scharfsichtig geworden wie der Arzt in der Psycho- 

"^alysf, _ zur Antwort gäbe: „Wie merkwürdig, daß sicli 

solche geschäftliche Störungen früher nicht ereignet haben." 

Gewiß will auch die Dame die Möglichkeit des Vorgessens 

nicht in Abrede stellen; sie meint nur, uud nicht mit Unrecht, 

aus dem unabsichtlichen Vergessen sei ungefähr der nämliche 

Schluß auf ein gewisses Nichtwollen zu ziehen wie aus der 

bewußten Ausflucht. 

Ähnlich wird im militärischen Dienstverhältnis der Unter- 
schied zwischen der Unterlassung durch Vergessen und der in- 
folge von Absicht prinzipiell, und zwar mit Recht, vernach- 
lässigt. Der Soldat darf an nichts vergessen, was der mili- 
tiiiischo Dienst von ihm fordert. Wenn er doch daran vorgißt, 
obwohl ihm die Forderung bekannt ist, so geht dies so zu, daß 
sich den Motiven, die auf Erfüllung der militärischen Forde- 
rung dringen, andere Gegenmotive entgegenstellen. Der Ein- 
jährige etwa^ der sich beim Rapport entschuldigen wollte, er 
habe vergessen, seine Knöpfe blank zu putzen, ist der Strafe 
sicher. Aber diese Strafe ist geringfügig zu nennen im Ver- 
gleiche zu jener, der er sich aussetzte, wenn er das Motiv seiner 
Unterlassung sich und seinen Vorgesetzten eingestehen würde: 
„Der elende Gamaschendienst ist mir ganz zuwider." Wegen 
dieser Straforsparnis, aus ökonomischen Gründen gleichsam, 
bedient er sich des Vergessens als Ausrede, oder es kommt 
als Kompromiß zu stände. 

Frauendienst wie Militärdienst erheben den Anspruch, daß 
alles zu ihnen gehörige dem Vergessen entrückt sein müsse, 



vir." VERtiEHSEN VON EINDKÜCKEN UND VORSÄTZEN. 1 R3 



und erwecken so die Meinung, Yorgessen sri zulässig bei iin- 
wichtigoii DingGu, während es bei wiclitigen Dingcu ein An- 
zoichen davon sei, daß man sie wie unwichtige behandeln 
wolle, ilmen also die AVichtigkcit abspreche*. Der Gesichts- 
punkt der psychischen Wertschätzung ist hier in der Tat nicht 
abzuweisen. Kein Mensch vergißt Handlungen auszufüliren, 
die ihm selbst wichtig erscheinen, ohne sich dem A^'ordachte 
geistiger Störung auszusetzen. Unsei-e Untersuchung kann sich 
also nur auf das A'ergessen von melir oder minder nebensäch- 
lichen Vorsätzen erstrecken; für ganz und gai- gleichgültig 
werden wir keinen Vorsatz erachten, demi in diesr'ni F;ille wäre 
er wohl gewiß nicht gefaüt worden. 

Ich habe nun wie bei den früheren Funktionsstörnngen die 
bei mir selbst beobachteten Fälle von Unterlassung durch Ver- 
gessen gesammelt und aufzuklaren gesucht und hicbei ganz all- 
gemein gefunden, daß sie auf Finme ngun^ unbekannter und un- 
«ingest^indencr Moti ve — oder, wie man sa^en kann^ auf einea 
Gogenwillen — znriick/.ufülij^ waren. In einer Keihe dieser 
Falle befand ich mich in einer dem Dienstverhältnisse ähn- 
lichen Lage, unter einem Zwange, gegen welchen ich es nicbt 
ganz aufgegeben hatte, mich zu sträuben, so daß ich durch Ver- 
gessen gegen ihn demonstrierte. Dazu gehört, daß ich beson- 
ders leicht vergesse, zu Geburtstagen, Jubiläen, Hochzeils- 
feicrn und Stande serhöhungen zu gratulieren. Ich nehme es 

* In dem Scliausjjiel -„Cäsar und Kleopatiu" von E. S li ;t w qiiillL 
sich der von Ägypten sclicidendc Cäsar eine Weile mit der Idee, er habe 
noch etwas vorgehabt, wae er jetzt vergessen. Endlich stellt sich heraus, 
woran Cäsar vergessen hatte: von Kleo]")atra Abschied zu nehmen! Durch 
diesen kleinen Zug soll veranschaulicht werden — übrigens im vollen 
Gegensatz zur historischen Wahrheit — , wie wenig sich Cäsar aus dor 
kleinen ägyptischen rrinzessiu gemacht liatie. 

(Nach E. Jones 1. c, S. 488.) 



Ig4 VII. VERGESSEN VON EISDRÜCKEX UND VORSÄTZEN. 



< 



mir immer wieder vor und überzeuge micli immer mehr, daß es 
mir nicht gelingen will. Ich bin jetzt im Begriffe, darauf zu 
verzichten, und den Motiven, die sich sträuben, mit Bewußt- 
sem recht zu geben. In einem Übergangs-stadium habe ich 
einen Trcund, der mich bat, auch für ilm ein Glückwunsch- 
telegramm zum bestimmten Termin zu besorgen, vorher gesagt, 
ich würde an beide vergessen, und es war nicht zu verwun- 
dern, daß die Prophezeiimg wahr wurde. Es hängt nämlich mit 
schmerzlichen Lebenserfahrungen zusammen,- daß ich nicht 
im .Stande bin, Anteilnahme zu äußern, wo diese Äußerung 
notwendigerweise übertrieben ausfallen muß, da für den ge- 
ringen Betrag meiner Ergriffenheit der entsprechende Aus- 
druck nicht zulä,ssig ist. Seitdem ich erkajmt, daß ich oft vor- 
gebliche Sympathie bei anderen für echte genommen habe, be- 
finde ich mich in einer Auflehnung gegen diese Konventioueu 
der Mitgefühlsbezcigung, dereu soziale Nützlichkeit ich ander- 
seits einsehe. Kondolenzen bei Todesfällen sind von dieser 
zwiespältigen Behandlung ausgenommen; wenn ich mich zu 
ihnen entschlossen habe, versä,ume ich sie auch nicht. Wo 
meine Gefühlsbetätigung mit gesellschaftlicher Pflicht nichts 
roehr zu tun Hat, da findet sie ihren Ausdruck auch niemals 
durch Vergessen gehemmt. 

Von einem solchen Vergessen, in dem der zunächst unter- 
drückte Vorsatz als „Gegenwille" durchbrach und eine un- 
erquickliche Situation zur Folge hatte, berichtet Oblt. T. 
aus der Kriegsgefangenschaft. 

„Ein Fall von ,Übersehen'. 
„Der Rangälteste eines Lagers kriegsgef an gener Offiziere 
wird von einem seiner Kameraden beleidigt. Er will, um Wei- 
terungen zu entgehen, von dem einzigen ihm zur Verfügung 



VII. VERGESSEN VON EINDRÜCKEN UND VORSITZEN. 135 

stehenden Gewaltmittel Gebrauch machen und letzteren ent- 
fernen und in ein anderes Lager versetzen lassen. Erst über 
Ani-aten mehrerer Frenjide entschließt er sich, gegen seinen 
geheimen "Wunscli, hievon Abstand zu nehmen und den Ehren- 
weg, der aber vielerlei Unannehmlichkeiten im Gefolge haben 
mußte, gleich zu beschi-eitcn. 

Am nämlichen Vormittag hat dieser Kommandant die 
Liste der Offiziere unter Kontrolle eines Wachorgaus vorzu- 
lesen. Fehler waren ihm, der seine Gefälirten schon durcli 
längere Zeit kannte, darin bisher nicht unterlaufen. Heute 
überliest er den Namen seines Beleidigers, so daß dieser, als 
alle Kameraden bereits abgetreten waren, allein am Platze 
zurückbleiben muß, bis sich der Irrtum geklärt hat. Der 
übersehene Name stand in voller Deutlichkeit in der Mitte 
eines Blattes. 

Dieser Vorfall wurde von der einen Seite als beabsichtigte 
Kränkung ausgelegt; von der anderen als peinlicher und zur 
Febldeutung geeigneter Zufall angesehen,. Doch gewann der 
Urheber späterhin, nach Kenntnisnahme von Freuds , Psycho- 
pathologie* ein richtiges Urteil des Stattgefundenen." 

Ähnlich erklären sich durch den Widerstreit einer konven- 
tionellen Pflicht und einer nicht eingestandenen inneren Schät- 
zung die Fälle, in denen man Handlungen auszuführen vergißt, 
die man einem anderen zu seinen Gunsten auszuführen verspro- 
chen hat. Hier trifft es dann regehnäßig zu, daß mir der Gönner 
an die entschuldigende Kraft des Vergessens glaubt, während 
der Bittsteller sich ohne Zweifel die richtige Antwort gibt: Er 
hat kein Interesse daran, sonst hätte er es nicht vergessen. Es 
gibt Menschen^ die man als allgemein vergeßlich bezeichueti 
und darum in ähnlicher Weise als entschuldigt gelten läßt wie 



186 



VII. VEK'lEÖriEN v6n EINDRÜCKEN UND VOEÖÄTZEN. 



etwa den Kurzsichtigon, wenn er auf der Straße nicht grüßt*. 
Diese Personen vergessen alle kleinen Versprechungen, die sie 
gegeben, lassen alle Aufträge unausgeführt, die sie empfangen 
haben, erweisen sich also in kleinen Dingen als unverläßlich 
imd erheben dabei die Forderung, daß man ihnen diese klei- 
neren Verstöße nicht üljelnehmen, d. h. nicht durch ihren 
Cliarakter erklären, sondern auf organische Eigentümlichkeit 
zurückführen solle**. Ich gehöre selbst nicht zu diesen Leuten 
und habe keine Gelegenheit gehabt, die Handlungen einer 
solchen Person zu analysieren, um durch die Auswahl des 
Vergessens die Motivierung desselben aufzudecken. Ich kann 

* Trauen sind mit ihrem feineren Verständnis für unbewußte seelische 
Vorgänge in der Regel- eher geneigt, es als Beleidigung anzusehen, wenn 
man sie auf der Suüül- nicht erkennt, also nicht grüßt, als an die nUchsi- 
iicenden Erklärungen zu' denken, daß der Säumige kui-zsichtig sei oder 
in Gediinken versunken sie nieht bemerkt habe. Sie sclilielien, man hätie 
sie schon bemerkt, wenn man sich „etwas aus ihnen machen würde". 

*" S. Ferenczi berichtet von sich, daß er selbst ein „Zerstreuter" 
gewesen ist und seinen Bekannten durch die Häufigkeit und Sonderbarkeit 
seiner Fehlhandhmgen auffällig war. Die Zeiclien dieser „Zerstreut hoil- 
8lnd aber fast völlig geschwunden, seitdem er die psychoanalytische Be- 
handlung von Kranken zu üben begann und sich genötigt sah, auch der 
Aniilyse seines eigenen Ichs Aufmerksamkeit zuzuwenden. Man verzichtet, 
uu'int er, auf die Fehl band iungen, wenn man seine eigene Verantwort- 
lichkeit um so vieles auszudehnen lernt. Er halt daher mit Recht die 
Zer.slrcuthciJ für einen Zustand, der von unbewallteii_ Komplcxcn abhän- 
gig und durch di e PsychoäjTalyse heilb ar ist. Eines Tages aber stand er 
unter dem Selbstvor würfe, bei einem Patienten einen Kuiistfehlor in der 
Psychoanalyse begangen zu haben. An diesem Tage stellten sich alle 
seine früheren „Zerstreutheiten" udeder ein. Er stolperte mehrinais im 
Gellen auf der Straße CWarstellung jenes „faux pas" in der Behandlung), 
vergäll seine Brieftasche zu Hause, wollte auf der Trambahn einen Kreuzer 
weniger zahlen, hatte seine Kleid uugsstücke nicht ordentlich zugeknöpft 
u. dgl. 



I 



VII, VEKG ESSEN VON KINDHÜCKEN UND VORSÄTZEN. ]87 

micli aber der Vennutixng per aiiylogiam nicht erwehren, daß 
hier ein ungewöhnlich großes Maß von nicht eingestandener 
(reringschätzung des Anderen das Motiv ist, welches das kon- 
stitutionelle Moment für seine Zwecke ausbeutet *. 

Bei anderen Fällen sind die Motive des Vergesseas wenip:or 
leicht aufzufinden mid erregen, wenn gefunden, ein größi-ros 
liefremden. So inorkte ich in früheren Jalireu, daJ3 ich bei 
einer größeren Anzahl von Krankenbesuchen nie an oinou 
anderen Böslich vergesse als bei einem Gratisjiatientcn oder bei 
einoro Kollegen. Aus Beschämung hierüber hatte ich mir an- 
gewöhnt, die Besuche des Tages schon am Morgen als A'orsatz 
zu notieren. Ich weiß nicht, ob andere Ärzte auf dem nämlichen 
Wege zu der gleichen Übung gekommen sind. Aber man ge- 
winnt so eine Ahnung davon, was den sogenannten Neurasthe- 
niker veranlaßt, die Mitteilungen, die er dem Arzt machen will. 
auf dem berüchtigten „Zettel" zu notieren. Angeblich fohlt es 
ihm an Zutrauen zur Ttoproduktionsleistung seines Ciedächt- 
uisscs. Das ist gewiß richtig, aber die Szene geht zumeist so 
vor sich : Der Kranke hat seine ver.schiedenon Beschwcrdcu 
und Anfragen höchst langatmig vorgebracht, Nachdem er 
fertig geworden ist. macht er einen Moment Pause, darauf zieht 
er den Zottel hei-vor und sagt entschuldigend: Ich liabe mir 
etwas aufgeschrieben, weil ich mir so gar nichts merke. lu di-r 
Reo-cl findet er auf dem Zettel nichts Neues. Er wiederholt 
jeden Punkt und beantwortet ihu selbst: Ja, danach habe ich 
schon gefragt. Er demonstriert mit dem Zettel walirscheiiilich 
nur eines seiner Symptome, die Häufigkeit, mit der seine Vor- 
sätze durch Einmengung dunkler Motive gestört werden. 

w E. Jones bemerkt hiezu: Often the lesistance is oE a genoi-Eil nnler. 
Tlius a busy man forgets to post lolters entnisted to him — to liis sligUt 
annoyance — by liis wife, just as he Luay ,,forget" to carry out her Shop- 
ping Orders, 




X83 ■PII- VEEaESSEN TON EINDRUCKEN UND VOEdÄTZüN. 



Ich rühre femer an Leiden, an welchen auch der größere 
Teil der mir bekannten Gresianden krankt, wenn ich zugestehe, 
da.ß ich besonders in frülierea Jalü-en sehr leicht und für lauge 
Zeit vergessen ha,be, entlehnte Bücher zurückzugeben, oder daß 
es mir besonders leicht begegnet ist, Zahlungen durch Ver- 
gessen aufzuschieten. Unlängst verließ ich eines Morgens die 
Tabaktrafik, in welcher ich meinen täghchen Zigarreneiukauf 
gemacht hatte, ohne ihn zu bezahlen. Es war eine höchst harm- 
lose Unterlassung, denn ich bin dort bekannt und konnte daher 
erwarten, am nächsten Tag aa die Schuld gema,lint sa werden. 
Aber die kleine Versäumnis, der Versuch, Schulden zu machen, 
steht gewiß nicht außer Zusammenhajig mit den Budgeterwä^ 
gungen, die mich den Vortag über beschäftigt hatten. In bezug 
auf das Thema von Geld und Besitz lassen sich die Spuren 
eines zwiespältigen Verhaltens auch bei den meisten soge- 
nannten anständigen Menschen leicht nachweisen. Die pri- 
mitive Gier des Säuglings, der sich aller Objekte zu bemäch- 
tigen sucht (um sie zum Munde zu führen), zeigt sich viel- 
leicht allgemein als nur unvollständig durch Kultur und Er- 
ziehung überwunden*. 



* Der Einlieit des Themas zuliebe darf ich hier dia gewählte Ein- 
tßilung durchbrechen und dem oben Gesagten anschließen, daß in bezug 
auf Geldsachen das Gedächtnis der Menschen eine besondere Parteilichheit 
zeigt. Erinnerungstäuschungen, etwas bereits bezahlt zu haben, sind, wie 
ich von mir selbst weiß, oft sehr hartnackig. Wo der gewinnsüchtigen 
Absicht abaeits von den großen Interessen der Lebensführung, und daher 
eigentlich zum Scherz, freier Lauf gelassen wird wie beim Kartenspiel, 
neigen die ehrlichsten Jlänner zu Irrtümern, Erinnerungs- und Reclien- 
fehlera und finden sich selbst, ohne rcclit zu wissen wie, in kleine Be- 
trügereien verwickelt. Auf solchen Freiheiten beruht nicht zum mindesten 
der psycliisch erfrischende Charakter des Spieles. Das Sprichwort, daß 
man beim Spiel den Charakter des Menschen erkennt, ist zuzugeben, 



VII. VERGESSEN VON EINDRÜCKEN UND VORSÄTZEN. 



189 



Ich fürchte, ich bin mit allen bisherigen Beispielen einfach 
banal geworden. Es kann mir aber doch nur recht sein, wenn 
ich auf Ding'e stoße, die jedermajin bekannt sind, und die jeder 
in der nämlichen Weise versteht, da. ich bloß vorha.be, das 
AUtiigliche zu sammeln und wissenschaftlich zu verwerten. 
Ich sehe nicht ein, weshalb der Weisheit, die Niederschlag der 
gemeinen I^benserfahrung ist, die Aufnahme unter die Erwer- 
bungen der Wissenschaft versagt sein sollte. Nicht die Ver- 
schit'dcnhoifc der Objekte, sondern die strengere Methode bei 
der Feststell\ing und das Streben nach weitreichendem Zu- 
sammenhang machen den wesentlichen Chai-akter der wissea- 
schaitlichen Arbeit aus. , 

Tür die Vorsätze von einigem Belaug haben wir allgemeai 
gefunden, daJ3 sie dann vergessen werden, wenn sich dunkle Mo- 
tive gegen sie erheben. Bei noch weniger w^ichtigen Vorsätzen 
erkennt man als zweiten Mechanismus des Tergessens. daß ein 
Gegonwille sich von wo anders her auf den Vorsatz überträgt, 
nachdem zwischen jenem anderen und dem Inhalt des Vorsa.tzes 

wenQ mau liinzufügen will: den unterdrückten Charakter, — Wenn es un- 
absiclitlichi,- Rechenfehler bei Zahlkellnern noch gibt, so unterliegen sie 
offenbar derselben Beurteilung. — Im Kaufmanns tan de kann man häufig 
eine gewisse Zögcrnng in der Verausgabung von Geldsummen, bei der 
Bezahlung von Rechnungen u. dgl. beobachten, die dem Eigner keinpu 
Gewinn bringt, sondern nur psychologisch zu verstehen igt als eine Äuße- 
rung des Gegenwillens, Geld von sich zu tun. — Brill bemerkt hierüber 
mit epigrammatischer Schä.rfe: We are more apt to mislay lettwä oon- 
taining bills tban checka. — Mit den intimsten und am wenigsten klar 
gewordenen Regungen hängt es zusammen, wenn gerade Frauen otuö be- 
sondere Unlust xeigen, den Arzt zu honorieren. Sie haben gewölmlich 
ihr Portemonnaie vergessen, können darum in der Ordination nicht zalden, 
vergessen dann regelmäßig, das Honorar vom Hause aus zu schicken, und 
setzen es so durch, daß man sie umsonst — „um ihrer scliönen Augen 
willen" — behandelt hat. Sie zahlen gleichsam mit ihrem Anblick, 



4 



190 Vn. VEEGESSEN V ON EiNDRÜCKEN UND VORSÄTZEN. 

eine äußerliche Assoziation hergestellt worden ist. Hiezu ge- 
hört folgendes Beispiel : Ich lege Wert auf schönes Löschpapier 
und nehme mir vor, auf meinem heutigen Nachmittags weg 
in die Imiere Stadt neues einzukaufen. Aber an vier aufein- 
anderfolgenden Tagen vergesse ich daran, bis ich mich befrage^ 
welchen Grund diese Unterlassung hat. Ich finde ihn dann 
leicht, nachdem ich mich besonnen habe, daß ich zwar „Lösch- 
papier" zu schreiben, aber „Fließpapier" zu sagen gewohnt 
bin. „Fließ" ist der Xame eines Freundes in Berlin, der mir 
in den nämlichen Tagen Anlaß zu einem quälenden, besorgten 
GedEinken gegeben hatte. Diesen Gedanken kann ich nicht los 
werden, a.ljcr die Abwehmeigung (vgl. S. 174) äußert sich, 
indem sie sich mittels der Wortgleichlieit auf den indifferenten 
imd dai-um wenig resistenten Vorsatz überträgt. 

Direkter Gegenwille und entferntere Motivierung treffen in 
folgendem Falle von Aufschub zusammen: In der Sammlung 
„Grenzfragen des Kerven- und Seelenleben .s" hatte ich eine 
kurze Abhandlung über den Traum geschrieben, welche den 
Inhalt meiner „Traumdeutung"- resümiert. Bergmirnn in 
Wiesbaden sendet eine Korrektur und bittet um umgehende 
Erledigung, weil er das Heft noch vor Weihnachten ausgeben 
will. Ich mache die Korrektur noch in der Nacht und lege sie 
auf memen Schreibtisch, um sie am nächsten ilorgen mitzu- 
nehmen. Am Morgen vergesse ich daran, erinnere mich erst 
nachmittags beim Anblick des Kreuzbandes auf meinem 
Schreibtisch. Ebenso vergesse ich die Korrektur am Nach- 
mittag, am Abend und am nächsten Morgen, bis ich mich auf- 
raffe und am Nachmittag des zweiten Tages die Korrektur zu 
einem Briefkasten trage, verwundert, was der Grund dieser 
Verzögerung sein mag. Ich will sie offenbar nicht absenden, 
aber ich finde nicht, warum. Auf demselben Spaziergang trete 



VII. VERGESSEN VON EINDKÜCKEN UND VORSÄTZEN. 191 



ich abez' bei meinem Wieuer Verleger, der auch das Traumbuch 
publiziert hat, ein, mache eine Bestellung und sage dajin, wie 
von einem lalötzlicheii Einfall getrieben : „Sic wissen doch, 
daß ich don , Traum' ein zweites Mal geschrieben habe?" — 
„Abj da würde ich doch bitten." — „Beruhigen Sie sich, uur 
ein kurzer Aufsatz für die Löwenf eld-Ivurellasche Samm- 
lung." Es war ihm aber doch nicht recht; er besorgte, der 
Vortrag würde dem Absatz dos Buches schaden. Ich wider- 
sprach und fragte endlich : „Weim. ich mich früher an Sie ge- 
wendet hätte, würden. Sie mir die Publikation uuter.sagfc 
haben?" — „Nein, das keineswegs." Ich glaube selbst, daß 
ich iu meinem vollen Recht gehandelt und nichts anderes 
getan habe, als was allgemein üblich ist; doch, scheint es mir 
gewiß, daß ein ähnliches Bedenken, wie es der Verleger äußerte, 
das Motiv meiner Zögcrung war, die Korrektur abzusenden. 
Dies Bodenken geht auf eine frühere Gelogenlieit zurück, bei 
wclclicr ein anderer Verleger Schwierigkeiten erhob, als ich, 
wie unvermeidlich, einige Blätter Text 4,us eiucr früheren, in 
anderem A''erlage erschienenen Arbeit über zerebrale Kinder- 
lähmung unverändert in die Bearbeitung desselben Themas im 
Handbuch von Nothnagel hinübernahm. Dort findot aber 
der Vorwurf abermals keine Anerkennung; ich hatte auch da- 
mals meinen ersten Verleger (^identisch mit dem der „Traum- 
deutung") loyal von meiner Absicht verständigt. Wenn aber 
diese Erinnerungsreihe noch weiter zurückgeht, so rückt sie mir 
einen noch früheren Anlaß vor, den einer Übersetzung aus dem 
FraJizösischon, bei welchem ich wirklich die bei einer Publika- 
tion in Betracht kommenden Eigentumsrechte verletzt habe. 
Ich halte dem- übersetzten Text Anmerkungen beigefügt, ohne 
für diese Anmerkungen di'^ Erlaubnis des Autors nachgesucht 
zu haben, und habe einige Jahre später Grund zur Annahme 



192 Vn. VERGESSEN VON EINDRÜCKEN UND VORSÄTZEN. 



bekommen, daß der Autor mit dieser EigenmäcMigkeit unzu- 
frieden war. 

Es gibt ein Sprichwort, welches die populäre Kenntnip 
verrät, daß das Vergessen von Vorsätzen nichts Zufälliges ist. 
„Was maa einmal zu tun vergessen hat, das vergißt man 
dann noch öfter." 

Ja., man kann sich mitunter des Eindrucks nicht erwehren, 
daß alles, was man über das Vergessen imd die Fehlhandlungen 
überhaupt sagen kann, den Menschen ohnedies wie etwas Selbst- 
verständliches bekannt ist. Wunderbar genug, daß es doch not- 
wendig ist, ihnen dies so Wohlbekannte vors Bewußtsein zu 
rücken 1 Wie oft habe ich sagen gehört: Gib mir diesen Auf- 
trag nicht, ich werde gewiß au ihn vergessen. Das Eintreffen 
dieser Vorhersagung hatte dann sicherlich nichts Mystisches aoi 
sich. Der so sprach, verspürte in sich den Vorsatz, den Auf- 
trag nicht auszuführen, und weigerte sich nur, sich zu ihm 

zu bekennen. 

Das Vergessen von Vorsätzen erfährt übrigens eine gute Be- 
leuchtung durch etwas, was man als ..Fassen von falschen Vor- 
sätzen" bezeichnen könnte. Ich hatte einmal einem jungen 
Autor versprochen, ein Referat über sein kleines Opus zu 
schreiben, schob es aber wegen innerer, mir nicht unbekannter 
Widerstände auf, bis ich mich eines Tages durch sein Drängen 
bewegen ließ zu versprechen, daß es noch am selben Abend ge- 
schehen werde. Ich hatte auch die ernste Absicht, so zu tun, 
a.ber ich hatte vergessen, daß die Abfassung eines unaufschieb- 
baren Gutachtens für den nämlichen Abend angesetzt war. 
Nachdem ich so meinen Vorsatz als falsch erkannt hatte, 
gab ich den Kampf gegen meine Widerstände auf und sagte 
dem Autor ab. 



VIII. 

DAS VERGREIFEN. 



Der oben erwähnten Arbeit von. Meringer und Mayer 
'entnehme ich noch die Stelle (S. 98) : 

„Die Sprechfohler stehen nicht ganz allein da. Sie ent- 
sprechen den rehlern, die bei anderen Tätigkeiten den Men- 
sclien sich oft einstellen luid ziemlich töricht ,Vergeßlicli- 
keilen' genannt werden." 

Ich bin also keinesfalls der erste, der Siün und Absicht 
hinter den kleinen Funktionsstörungen dos täglichen Lebens 
Gesunder vermutet*. 

Wenn die Fehler beim Sprechen, das ja eine motorische 
Leistung ist, eine solche Auffassung zugelassen haben, so liegt 
es nahe, auf die Fehler unserer sonstigen motorischen Ver- 
richtungen- die näonlicho Erwartung zu übertragen. Ich habe 
hier zwei Gruppen von Fällen gebildet; alle die Fälle, in denen 
der Fehleffckt das Wesentliche scheint, also die Abh-ruiig von 
der Intention, bezeichne ich als „Vergreifen" die andereu, 
in denen eher die ganze Handlung unzweckmäßig erscheint, 
benenne ich „Symptom- und Zufallshandlungen". Die 
Scheidung ist aber wiederum nicht reinlich durchzuführen; wir 

• Eine zweite Publikation Meringers hat mir später gezeigt, wie 
sehr ich diesem Autor unrecht tat, als iuli ihm solchem Verstänihiia zu- 
mutete. 

Fieud, Psychopath Ol OD Ic des All (anhieb uns. VIII. Äiifl. I3 



594 VIIT. DAS VERGREIFEN. 



kommen ja wohl zur Eiiisiclit. daß alle iu dieser Abhandlung 
gebra.iicliton Kinteihmgen nur deskriptiv bedeutsame sind uad 
der inneren Einheit des Erscheinungsgebietes widersprechen. 
Das psycholl )glsche Verständnis des „"\' ergreif ens'^ erfährt 
offenhai- iveine besondere Förderung, wemi wir es der Ataxie 
und speziell der „kortikalen Ataxie" subsumieren, Versuchen 
wir lieber, die einzelnen Beispiele auf ihre jeweiligen Bedin- 
gungen zurückzuführen. Ich werde wiederum Selbstbeob- 
achtungen hiezu verwenden, au denen sich die Anlässe bei mir 
nicht besonders häufig finden. 

a) In frülieren Jahren, als ich Hausbesuche bei Patienten 
noch häufiger machte als gegenwärtig, geschah es mir oft, daJJ 
ich, vor der Tür, an die ich anklopfen oder läuten sollte, ange- 
kommen, die Schlüssel meiner eigenen Wohnung aus der Tasche 
'/og, um — sie dann fast beschämt wieder einzustecken. Wenn 
ich mir zusammenstelle, bei welchen Patienten dies der Fall 
war, so muß ich annehmen, die Fehlhandlung — Schlüssel 
herausziehen anstatt läuten — bedeutete eine Huldigung für 
das Haus, wo ich in diesen Mißgriff verfiel. Sie war äquivalent 
dorn Geda.nken: „Hier bia ich wie zu Hause", denn sie trug sich 
nur zu, wo ich den Kranken liebgewonnen hatte. (An meiner 
eigenen Wohnungstür läutete ich natürlich niemals.) 

Die Fehlliandlung war also eine symbolische Dai-steHung 
eines doch eigentlich nicht für ernsthafte, -bewußte Annahme 
bestimmten Gedankens, demi iü der Realität weiß der Kerven- 
nvzt genau, daß der Kranke ihm nur so lange anhängUch bleibt, 
als er noch Vorteil von ihm erwartet, und daß er selbst nur zum 
Z^vecko der psychischen Hilfeleistung ein übermäßig warmes 
Interesse für seine Patienten bei sich gewähren läßt. 

Piiß das F^innvoll fehlerhafte Ha,utieren mit dem Schlüssel 



VIII. DAS VKRGKEIFEN. 



195 



keines wfgs (>ino BosouclRi-heit meiner Person ist, geht aus 
zalilreiclien Selbstbeobaclituiigftn anderer hervor. 

Eine iast identische Wiedei-holung meiner Erfahrungen be- 
schreibt A. Maeder (Contiib. ä la Psychopathologie de la vio 
quotiflionne, Arch. de Psycho!., VI, 1906) : II est ai-xiv6 ä. chacun 
de sortir son troussean, en amvant k la porte d'uu ami pEuti- 
culiferement eher, de se eurprendre pour ainsi dire, cn train 
d'ouvrir avec sa cl6 commo chez soi. C'est un retard, puisqu'il 
faut sonner raalgre tont, mais o'cst uae preuve qn'on se senfc 
— ou qu'ou voudrait se sontir — comme chez soi, aupr^s de 
cet ami. 

E. Jones (1. c, p. 509) : The iise of keys is a fertile sourco 
of occiirrences^ of this kind of which two examples may be 
given. If I am disturbed in the midsfc of some cngrossing 
work ai honie by having to go to the hospital to carry out 
somc- routinü work, I am very apt to find myself trying to opea 
the door of my laboratory there with the key of my desk 
ab home, altliough the two keys are quite unlike each othor. 
The mistake nnconsciously demonstratos wliere I would rather 
be at the moment. 

Some years ago I was acling in a snbordinate position at a 
certain Institution, the front door of which was kept locked, so 
that it was necessary to ring for admission. On several occaa- 
.sions I found myself making serious attt^mpts to open the door 
with my house key, Each one of the permanent visiting staff, 
of which I aspired to be a niember, was provlded with a key 
to avoid the troublc of having to wait at the door. !My mistakes 
tlius expressed my desire to be on a similar footiag, and to 
be quite ,,a.t home" there. 

Ähnlich berichtet Ur. Hanns Sachs (Wien): Ich trage 
stets zwei Schlüssel bei mir, von denen der eine die Tür zur 

18» 



196 



ynr. das vergeeifen. 



Kauzlei, der andere die zu meiner Wohmuig öffuefc. Leicht 
verwechselbax sind sie durchaus nicht, da der Kanzloischlüssel 
mindestens dreimal so groß ist wie der Wohnungsschlüssel. 
Überdies trage ich den ersteren in der Hosentasche, den anderen- 
in der Weste. Trotzdem geschah es öfters, daß ich vor der' 
Tür stehend bemerkte, daß ich auf der Treppe den falschen. 
Schlüssel vorbereitet hatte. Ich beschloß, einen statistischen 
Versuch zu machen; da. ich ja täglich ungefähr in derselben 
Gemütsverfassung vor den beiden Türen stehe, mußte auch die 
Verwechslung der beiden Schlüssel, wenn anders sie psychisch 
determiniert sein sollte, eine regelmäßige Tendenz zeigen. Die 
Eeobaohtung bei späteren Fällen ergab dann, daß ich regel- 
mäßig den Wohnungsschlüssel vor der Kanzleitür herausnahm, 
nur ein einziges Mal war das Umgekehrte der Fall: ich kam 
ermüdet nach Hanse, wo, wie ich wußte, ein Gast moiner war- 
tete. Vor der Tür machte ich einen Versuch, sie mit dem 
naLürlich viel zu großen Kanzleischlüssel aufzusperren. 

h) In einem bestimmten Hause, wo ich seit sechs Jahren 
zweimal täglich zu festgesetzten Zeiten vor einer Tür im 
zweiten Stock auf Einlaß warte, ist es mir während dieses 
langen Zeitraumes zweimal (mit einem kurzen Intervall) ge- 
schehen, daß ich um einen Stock höher gegangen bin, also mich 
,, verstiegen" habe. Das eine Mal befand ich mich in einem 
ehrgeizigen Tagtraum, der mich „höher und immer höher stei- 
gen" ließ. Ich überhörte damals sogar, daß sich die fragliche 
Tür geöffnet hatte, ab ich den Fuß auf die ersten Stufen des 
dritten Stockwerks setzte. Das andere Mal ging ich wiederum 
„in Gedanken, versunken" zu weit; als ich es bemerkte, um- 
kehrte imd die mich beherrschende Phantasie zu erhaschen 
suchte, fand ich, daß ich mich über eine (phantasierte) Kritik 
meiner Schriften ärgerte, in welcher mir der Vorwurf ge- 



Vm. DAS VERGREIFEN. 



197 



macht wurde, daß icli immeri „zu weit ginge", und in die ich 
nun den wenig respektvollen Ausdruck „verstiegen" ein- 
zusetzen hatte, 

c) Auf meinem Schreibtisch liegen seit vielen Jahren ueben- 
cinander ein Reflexhammer und eine Stimmgabel, Eines Tages 
eile ich nach Schluß der Sprechstunde fort, weil ich einen be- 
stimmten Stadtbahni^ug eiToichen will, stecke bei vollem Tages- 
licht anstatt des Hammers die Stimmgabel in die Rocktasche- 
und werde durch die Schwere des die Tasche herabziehenden 
Gegenstandes a.uf meinen Mißgriff aufmerksam gemacht. Wer 
sich über so kleine Vorkomumisse Gedajiken zu machen nicht 
gewohnt ist, wird ohne Zweifel den Fehlgriff durch die Eile 
des Moments erklären und entschuldigen. Ich habe es trotzdem 
vorgezogen, mir die Frage zu stellen, warum ich eigentlich die 
Stimmgabel anstatt des Hammers genommen. Die Eilfertigkeit 
hätte ebensowohl ein Motiv sein können, den Griff richtig aus- 
zuführen, ura nicht Zeit mit der Korrciktur zu versäumen. 

Wer hat zuletzt nach der Stimmgabel gegriffen? lautet die 
Frage, die sich mir da aufdrängt. Das war vor wenigen Tagen 
ein idiotisches Kind, bei dem ich die Aufmerksamkeit auf 
Sinneseindrücke prüfte, und das durch die Stimmgabel so ge- 
fesselt wurde, daß ich sie ihm nur schwer entreißen konnte. 
Soll das also heißen, ich sei ein Idiot? Allerdings scheint 
es so, denn der nächste Einfall, der sich au Hammer asso- 
ziiert, lautet „Chamer" (hebräisch: Esel). 

Was Süll aber dieses Geschimpfe? Man muß hier die Sitna- 
lion befragen. Ich eile zu einer Konsultation in einem Orte an 
der Westbahnstrecke, zu einer Kranken, die nach der brieflich 
mitgeteilten Anamnese vor Monaten vom Balkon herabgestürzt 
ist und seither nicht gehen kaan. Der Ai-zt, der mich einlädt, 
schreibt, er wisse trotzdem nicht, ob es sich um Kückenmarks- 



jgg vm. DAS VEHGEEIPEN. 



Verletzung oder um traumatische Ncutoso — Hysterie — 
handle. Da soll ich nun entscheiden. Da wäre also eine Mah- 
nung anj Platze, iu der heiklen Differentialdiagnose besonders 
vorsichtig zu sein. Die Kollegen meinen ohnedies, man diagno- 
stiziere viel zu leichtsinnig Hj'sterie, wo es sich um ernstere 
Dinge handle. Aber die Eeschimpfung ist noch nicht gerecht- 
fertigt! Ja, es kommt hinzu, daß die kleine Bahnstation der 
nämliche Ort ist, an dem ich vor JaJiren einen jungen Manu 
gesehen, der seit einer Gemütsbewegung nicht ordeutlich gehen 
konnte. leb diagnostizierte damals Hysterie und nahm den 
Kranken später in psychische Behandlung, und dann stellte es 
sich heraus, daß ich freilich nicht unrichtig diagnostiziert 
hatte, aber auch nicht richtig. Eine ganze Anzahl der Sym- 
ptome des Kranken war hysterisch gewesen, und diese schwan- 
den auch prompt im Laufe der Behandlimg. Aber hinter diesen 
wurde nun ein fäf die Therapie unantastbarer Rest sichtbar, 
der sieb nur auf eine multiple Sklerose beziehen ließ. Die den 
Kranken nach mir sahen, hatten es leicht, die organische Af- 
fektion zu erkennen; ich hätte kaum anders vorgehen und 
anders urteilen können, aber der Eindruck war doch der eines 
schweren Irrtums; das Versprechen der Heihmg. das ich ihm 
gegeben hatte, war natürlich nicht zu halten. Der Mißgriff 
nach der Stimmgabel anstatt nach dem Hammer ließ sich also 
so in Worte übersetzen : Du Trottel, du Esel, nimm dich dies- 
mal zusammen, daß du nicht wieder eine Hysterie diagnosti- 
Kierst, wo eine unheilbare Krankheit vorhegt, wie bei dem 
armen Maini au demselben Ort vor Jahren! Und zum Glück 
für diese kleine Analyse, wenn a.uch zum Unglück für meine 
Ötiinmimg, war dieser selbe Manu mit schwerer spastischer 
liähmnng wenige Tage verlier und einen Tag nach dem idio- 
tischen Kind in meiner Sprechstunde gewesen. 



VIII. DÄÖ VERGRKIFEN. 199 

Man merkt, os ist diesmal diu Stimmr der SolbstkriLik, dio 
sich durch das Fehlgreifen vernehmlich macht. _Zu solcher Ver- 
wendung als Selbstvorwurf ist der Fehlgriff ganz besonders 



goeigiieJi-. Der Mißgriff hier will den, Mißgriff, den mau 
aaiderswo bcgiuigen hat, darstellen. 

d) Selbstverständlich kann das Fehlgreifen auch einer 
o-auzcn Reihe anderer dunkler Absicliten dienen. Hier ein erstes 
Beispiel: Es kommt sehr solten vor, daß ich etwas zerschlage. 
Ich bin nicht besonders geschickt, aber iufolge dor nuatouii- 
schon Tutogriiät meiner ]S'ervm"usk(,'lapparate sind tiründe für 
so ungeschickte Tkiwegungen mit unerwünschtem Erfolge bi-i 
mir offenbar nicht gegeben. Ich weiß also kein Objekt in 
meinem Hause zu erinnern, deasengleichen ich je zerschlagen 
hätte. Ich war durch die Enge in meinem Studierzimmer oft 
gcnöügt, in den unbequemsten Stellungen mit einer Anzahl von 
antiken Ton- und Steinsachen, von denen ich eine kleine Snmni- 
lung habe, zn hantieren, so daß Zuschauer die Besorgnis aus- 
drückten, ich würde etwas heruntcrschleudcrn mid zerschlügen. 
Ks ist aber niemals geschehen. AViinnu . liabo ich also cinuial 
den marmornen Deckel meines einfachen 'l'iiili'ngefäßes zu 
Boden geworfen, so daJi er zerbrach? 

MuJn Tintenzeug besieht aus einer Platte vnu Unfcersborger 
Marmor, die füi" die Aufnahme des gläsernen Tinten fiUichouü 
ausgehöhlt ist; das Tintenfaß trägt eini-'n Deckel mit Knopf 
aus demselben Stein. Kin Kranz von Bixjnzestatin.'tteu »uul 
Terrakottafigürchen ist hinter diesem Tintenzeug aufgestellt. 
Ich setze mich au den Tisch, um zu sclireibeu, maehe mit di'r 
Hand, welche den Federstiel liält, eini; merkwürdig unge- 
selLickle, ausfahrende Bewegung und werfe so den Deckel des 
Tinten L'asses, der bereits auf dem Tische lag, zu Boden. Die 
J-'rkläruug ist nicht schwer zu finden.- JiJinige Stunden vorher 



yoo 



Vm. DAS VERGREIFEN. 



waiT meine Schwester im Zimmer gewesen, um sicli einige neue 
Erwerbungen anzusehen. Sie fand sie sehr schön und äußerte 
dann: „Jetzt sieht dein Schreibtisch wirklich hübsch aus, 
nnr das Tintenzeug paßt nicht dazu. Du mußt ein schöneres 
haben." Ich begleite die Schwester hina^^s und kam erst nach 
Stunden zu-rück. Dann aber habe ich, wie es scheint, an. dem 
verurteilten Tiutenzcug die Exekution vollzogen. Schloß ich 
etwa, aus den Worten der Schwester, daß sie sich vorgenommen 
habe, mich zur nächst^en festlichen Gelegenheit mit einem 
schöneren Tiutenzeug zu beschenken, imd zerschlug das un- 
schöne alte, um sie zur Verwirklichung ihrer angedeuteten 
Absicht zu nötigen? Wenn dem so ist, so war meine schlen- 
dernde Bewegung nur scheinbar ungeschickt; in Wirklich- 
keit war sie höchst geschickt und zielbewußt und verstand es, 
allen wertvolleren, in der Nähe befindlichen Objekten scho- 
nend auszuweichen. 

Ich gla.ul>e wirklich, daß man diese Beurteilung für eine 
ganze Reihe von anscheinend zufällig ungeschickten Bewe- 
gungen annehmen muß. Es ist richtig, daß- diese etwas Ge- 
waltsames, Schleuderndes, wie Spastisch-Ataktisches zur 
Schau tragen, aber sie erweisen sich als von einer Intention be- 
herrscht und treffen ihr Ziel mit einer Sicherheit, die man 
den bewußt willkürlichen Bewegungen nicht allgemein nach- 
rühmen kann. Beide Charaktere, die Gewaltsamkeit wie die 
Treffsicherlieit, ha.ben sie übrigens mit den motorischen Äuße- 
rungün der hysterischen Neurose und zum Teile auch mit den 
mot>orischen Leistungen des Somnambulismus gemeinsam, was 
was wohl hier wie dort auf die nämliche unbekannte Modifi- 
kation" düs Innervation svorgaDges hinweist. 

Auch eine von Erau Lou Andreas-Salom6 mitgeteilte 
Selbstbeobachtung kaim überzeugend dartun, wie eine hai't- 



VIII. DAS VEEGKEU'EN. 201 

näckig festtJoliaUoiie „llDgeschicklichkeit'' in sthr geschickter 
Weise u nein gestandenen Absichten dient. 

„Genau vo^ der Zeit an, wo die Milch seltene und kost- 
baje Ware geworden war, geschah, es mir, ku meinem ständigen 
Schrecken und Ärgernis, sie bestandig überkochen zu laßseu. 
Unisonsi. mühte ich mich, dessen Herr zu werden, obwohl ich 
durchaus nicht sagen kaun, daß ich mich bei soüstigen Gele- 
genheiten zerstreut oder unachtsam bewiesen hätte. Eher hätte 
das Ursache goliabt nach dem Tode meines lieben weißen Ter- 
riers (der so berechtig terwei sc wie niu- je ein Mensch ,Freuud' 
[russisch Dmiok] hieß). Aber — siehe da ! — niemals seitdem 
ist die Milch auch nur um ein Tröpfchen überkocht. Mein 
nächster Gedanke darüber lautete: ,Wie gut ist das, da das 
auf Herdplatte oder Fußboden sich Ergießende nun nicht ein- 
mal Verwendung fände!' — Und gleichzeilig sah ich meiueu 
, Freund' vor mir, wie er gespäaint da^aß, die KochprozeduT 
zu Imobacht+ui: den Kopf etwas schief geneigt und mit dem 
Schwänzende schon erwartungsvoll wedelnd, — mit getroster 
Sicherheit des siuli vollzieheudcu prächtigen Unglücks ge- 
wärtig. Damit wai' freilich alles klar, und auch dies : daß er 
mir noch mehr lieb gewesen war, als ich selbst wußte." 

Es ist mir in den letzten Jahren, seitdem ich solche Be- 
obachtungen sajumle, noch einigemal geschehen, daß iel» Gegen- 
stände von gewissem Werte zerschlagen oder zerbi-ochen habe, 
aber die Untersuchung dieser Fälle hat mich über?.eugt, daß es 
niemals ein Erfolg des Zufalls oder meiner absiclilslosou Un- 
geschicklichkeit war. So habe ich eines Morgens, als ich im 
Badekostüm, die Füße mit Strohpantoffeln bekleidet, durch ein 
Zimmer ging, einem plölzliclien Impuls folgend, einen der Pan- 
toffel vom Fuß weg gegen die Wand geschleudert, so daß er 
eine hübsche kleine Veims von Marmor ^'on ihrer Kuusoie her- 



f 



202 



VIII. DAS VEUGHEIKEN. 



unterholte. Während sie in Stücke ging, zitierte ich ganz 
ungerührt die Verse von. Busch: 

Achl die Venus ist perdü, — 
Klickeradoms ! — von Medici ! 

Dieses tolle Treiben und meine Ruhe bei dem Schaden 
finden iljre Aufklärung in der damaligen Situation. Wir hatten 
eine schwer Kranke in der Familie, au deren Genesung ich im 
stillen bereits verzweifelt hatte. An jenem Morgen hatte ich 
von einer großen Besserung erfahren; ich weiß, dalJ ich mir 
gesagt hatte: also bleibt sie doch am Leben. Dann diente mein 
Anfall von Zerstörungswut zum Ausdruck einer dankbaren 
Stimmung gegen das Schicksal und gestattete mir, eine 
„Opf crhandlung" zu volkiehen, gleiclisam als hätte ich 
gelobt, wenn sie gesund wird, bringe ich dies oder jenes zum 
Üpfer ! Daß ich für dieses Opfer die Venus von Medici ausge- 
sucht, sollte gewiß nichts anderes als eine galante Huldigung 
für die Genesende sein; unbegreiflich bleibt mir aber auch 
diesmal, daß ich so rasch entschlossen, so geschickt gezielt 
und kein and<:res der in so großer Nahe befindliclien Objekte 
getroffen liabe. 

Ein tuideres Zerbrüclien, für das ich mich wiederum des der 
Hand entfahrenden Federstiels fjedient habe, hatte gleichfalls 
die Bedeutung eines Opfers, aber diesmal eines Bittopfers 
zur Abwendung. Ich liatte mir einmal darin gefallen, einem 
treuen und verdienten Freunde einen Vorwurf zu machen, der 
sicli auf die Deutung gewisser Zeiclieu aus seinem Unbe- 
wußten, auf nichts anderes, stützte. Er nahm es übel auf und 
schrieb mir einen Brief, in dem er mich bat, meine Freunde 
nicht psychoanalytisch zu behandeln. Ich mußte ihm recht 
geben und beschwichtigte ihn durch meine Antwort. Wälirend 



Vni. DAS VEKGREU'EN. 



203 



ich diesen Brief schrieb, hatte icli mGÜie neueste Erwerbung', 
ein. prächtig glasiertes ägyptisches Figürchen, vor mir stehe». 
Ich zerschhig es auf die beschriebene Weise und wußte daini 
sofort, claB nch dies Unheil angerichtet, um ein größeres abzu- 
wenden. Zum Glück ließ sich beides — die Freunds chaXt wie die 
Figur — so leimen, daß man den Sprung nicht merken würde. 
Ein drittes Zerbi-echen stand in weniger ernsthaftem Zu- 
sammenhang; es war nur eine maskierte ,, Exekution'", um den 
Ausdruck von Th. Vi scher („Auch einer") zu gebrauchen, an 
einem Objekt, das sich meines Gefälles nicht melir erfreute. 
Ich hatte eine Zeitlang einen >Stock mit Silbergriff getragen; 
als die dünne Silberplalte einmal ohne mein Verschulden bo- 
schäxiigt worden .war, wurde sie schlecht repariert. Bald 
nachdem der Stock zurückgekommen war, benützte ich den 
Griff, uui im Übermut nach dem Beine eines meiner Kleaieu zu 
angeln. Dabei brac-Ji er natürlich entzwei und ich war von 

ihm befreit. 

Der Gleichmut, mit dem man in nU diesen Fällen den ent- 
standenen Schaden aufnimnit, dai-f wohl als Beweis für da^ 
Bestehen einer unbewußten Absicht bei der Ausführung in 
Anspruch genommen werden. 

Gelegentlich stößt man, wenn man den Begründungen einer 
PO geringfügigen Fehlleistmig nachforscht, ^\'ic es das Zer- 
brechen eines Gegenstandes ist, auf Zusammenhänge, die tief 
in die Vorgescliiohto eines Menschen hineinführen und über- 
dies an der gegenwärtigen Situation desselben haften. Nach- 
stehende Analyse von L. Jekols (Internat. Zeitschr. f. l'sycho- 
ajialyse, I, 1913) soll hiel'üi- ein Beispiel geben. 

^Eiii Arzt befindet sich irn Besitze einer, wenn auch nicht 
kostbaren, so doch sehr hübschen irdenen Blumenvase. Die- 
selbe wurde ihm seinerzeit nebst vielen anderen, darunter auch 



204 



VUI. DAS VERGREIFEN. 



11/ 
E.1 



kostbaren, Gegunständen von einor (verheirateten) Patientin 
goschonkt. Als bei derselben die Psychose raanifest wurde, hat 
«r all die Geschenke den Angehörigen der Patientin zurück- 
erstattet -- bis auf eine weit weniger kostspielige Vase, von der 
or sich nicht ti-enncn konnte, angeblich wegen ilirür Schönheit. 

Doch kostete- diese Unterschlagung den sonst so skru- 
pulösen Menschen einen gewissen inneren Kampf, war er sich 
(loch der Ungehörigkeit dieser Handlung vollkommen bewußt 
\ind half sich bloß über seine Gewissensbisse mit dem Vorhalt 
hinweg, die Vase habe eigentlich keinen Materialwert, sei 
Hchworer einzupacken usw. 

Als fr nun einige Monate später im Begriffe war, den ihm 
streitig gemachton Restbetrag für die Behandlung dieser Pa- 
tientin durch einen Eechtsanwalt reklamieren und eintreiben 
7M lassen, meldeten sich die Selbst vor würfe wieder: flQcht.i<v 
befiel ihn auch die Angst, die vermeintliche Unterschlagung 
könnte; von den Angehörigen" entdeckt und ilim im Stra-f- 
vcTlahren ent^gen gehalten werden. 

Besonders jedoch das erste Moment war eine WoÜc hiu- 
flnrch 80 stark, daQ er schon daran dachte, auf eine etwa 
liuiKlertmal hölinre Forderung zu verzichten — quasi als Ent- 
Hcliädigung für den unterschlagenen Gegenstajid — , er über- 
wand jedoch alsbald diesen Gedanken, indem er ihn als absurd 
beiseite schob. 

"Während dieser Stimmung passiert es ihm nun, daß er, der 
sonst außerordentlich selten etwas zerbricht und seinen ilnskel- 
apparal: gut bolierrsclit, beim Erneuern des Wassers in der Vase 
cUeselbo dtirch eine organisch mit dieser Handlung gar nicht 
znsajnnienhängonde, sonderbar , ungeschickte' Bewegung, voni 
Tische wirft, so daU sie etwa in fünf oder sechs größere Stücke 
zerbriclit. Und dies, nachdem er am Abend zuvor, nur nach 



VUI. DAS VERGREIFEN. 



205 



vorherigem slai'ken Zögxjrn, sich entschlasseu hatte, gerade 
diese Vaso blumeugefüUt vor die geladenen Gäste auf den 
Tisch des Speisezimmers za stellen, und nachdem er knapp 
vor dem Zerbrechen an sie gedacht, sie in seinem Wohnzimmer 
angstvoll vermißt mid eigenhändig aus dem anderen Zimmer 
geholt hat 1 

Als er nun nach der anfänglichen Bestürzung die Stücke 
nufsammelt, und gerade als er durch Zusammenpassen der- 
selben konstatiert, es werde noch möglich sein, die Vase fast 
lückenlos zu rekonstruieren, da — gleiten ihm die zwei oder 
drei größeren Bruchstücke aus den Händen; sie zerstieben 
in tausend Splitter und mit ilmen auch jegliche Hoffnung 
auf diese Vase. 

Fraglos 'hatte diese I'ehlleistung die. aktuelle Tendenz, 
dem Arzte das Verfolgen seines Rechtes zu ermöglichen, in- 
dem dieselbe das beseitigte, was er zurückbehalten liatte und 
was ihn einigermaßen behinderte, das zu verliuigeu, was maü 
ihm zurückbehalten hatt'O. 

Doch außer dieser direkten, besitzt für jeden Payeho- 
aoalytiker diese Fehlleistung noch eine weitere, ungleicli tie- 
fere und wichtigere, symbolische Determinicrung; ist doch 
■Mt^asc ein unzweifelhaf tes Symbol der Fra u. 

Der Held dieser kleinen Geschichte hatte seine schone, 
junge und heißgeliebte Frau auf tragische Weise verloren; er 
verfiel in eine Neui'ose, deren Grundnote waa-, er sei an dem 
Unglück tschuld (,er habe eine schöne Vase zerbrochen'). 

Auch fand er kein Verhältnis mehr zu den Frauen luid hatte 
Abneigung vor der Ehe und vor dauernden Liebesbeziehungeu, 
die im Unbewußten als Untreue gegen seine verstorbene Frau 
gewertot, im Bewußten aber damit rationalisiert wurde, er bringe 



20fi VIII. DAS VEKGBEIFEN. 



don Frauen Unglück, os köniife sich eine seiuetwegcu töten usw. 
(Da durfte er natürlich die Vase nicht dauernd behalten !) 

Bei ■seiner starken Libido ist es nun nicht verwunderlich; 
daß ihm als die adäquatesten die ihrer Natur nach doch 
passageren Beziehungen zu verheirateten Frauen vorschwebten 
(daher Zuiückhalten der Vase eines anderen), 

Binc schöne Bestätigung für diese Symbolik findet sich in 
nachsiehenden zwei Momenten: Infolge der Neurose unterzocr 
er sich der psychoanalytischen Behandlung. 

Im Verlaufe der Sitzung, in der er von dem Zerbrechen der 
.irdenen* Vase erzählte, kam er viel später wieder einmal auf 
sein Verhältnis zu den Frauen zu sprechen und meinte, er sei 
bis zur Uusinnigkoit aaspruchsvoU; so verlange er z. B. von den 
Fra.uen »unirdische Schönheit'. Doch eine sehr deutliche Be- 
tonung, daß er noch an seiner (verstorbenen i. e. unirdischen) 
Frau hänge und von , irdischer Schönheit' nichts wissen wolle; 
daher das Zerbreclien der , irdenen' (irdischen) Vase. 

Und genau zur Zeit, als er in der Übertragung die Phantasie 
bildete, die Tochter seines Arztes zu heiraten, — da verehrte er 
demselben eine ~ Vase, quasi als Andeutung, nach welcher 
Richtung ilini die Revanche erwünscht wäre. 

VoraiiHsiehtlich läßt sich die symbolische Bedeutung der 
Fehlleistung noch niaunigfaltig variieren, z.B. die Vase nicht 
füllen wnllrn usw. Interessanter erscheint mir jedoch die Er- 
wägung, daß das Vorhandensein von mehreren, mindestens 
zweien, walirscheinli<-li auch getrennt aus dem Vor- und Unbe- 
wußtx^n wirk.samcn Motiven, sich in der Doppelung der Fehl- 

ieislunf.' " Um-ttoften und Kntgleiten der Vase — widerspiegelt." 
e) IMs Fallenlassen von Objekten. Umwerfen, Zerschlagen 
derselben .scheint sehr häufig zum Ausdrack unbewußter Ge- 
dankinigänge verwendet zu werden, wie man gelegentlich durch 



VTII. DAS VERGREIFEN. 



207 



Analyse beweisen kann, häufiger aber a.us den abergläubisch 
oder scherzhaft dara.n. geknüpften Deiitungen im Volksmunde 
erraten möchte. Es ist bekaant, welche Deutungen sich an das 
Au.sschütten von Salz, Umwerfen eines Weinglases, Stecken- 
bleiben, eines zu Boden gefalleneu Messers, u.dgl. knüpfen. 
Welches Anrecht auf Beachtung solche abergläubische Deu- 
tungen liaben, werde ich erst an späterer Stelle erörtern ; 
hieher gehört nur die Bemerkung, daß die einzelne unge- 
schickte Verrichtung keineswegs einen konstanten Sinn hat, 
sondern je nach Umständen sich dieser oder jener Absiclit 
als Barstellungsmittel bietet. 

Vor kurzem gab es in meinem Hause eine Zeit, in der un- 
gewöhnlich viel Glas und Per zel langes cliirr zerbrochen wurde; 
ich selbst trug mehreres zum Schaden bei. Allein die kleine 
psychische l'lndemie war leicht aufzuklären; es ■waren die 
Tage vor der Vermählung meiner ältesten Tochter. Bei solchen 
Feiern pflegte man sonst mit Absicht ein Grerät zu zerbrechen 
und ein glückbringendes Wort dazu zu sagen. Diese Sitte 
mag die Bedeutung eines Opfers und noch anderen symboli- 
schen Sinn haben. 

Wenn dienende Personen zerbrechliche Gegenstände durch 
Fallenlassen vernichten, so wird man an eine psychologische 
Erklärung hiefür gewiß nicht in erster Linie denken, doch ist 
auch dabei ein Beitrag dunkler Motive nicht uuwalirschein- 
licli. Nichts liegt dem Ungebildeten ferner a.ls die Schätzung 
der Kunst und der Kunstwerke. Eine dumpfe Feindseligkeit 
gegen deren Erzeugnisse beherrscht unser dienendes Volk, zu- 
mal wenn die Gi?gen stände, deren Wert sie nicht einsehen, 
eine Quelle von Arbeitsan forde rung für sjie werden. Leute von 
derselben Bildungsstufe und Herkunft zeichnen sich dagegen 
in wissen.seliaftlichßu Instituten oft durch große Geschick- 



208 



Vin. DAS VEKGßElFEN. 



liclikuil und Vf-rläßlichkeit iu der Handlxabuug heikler Objekte 
aus, wenn sie erst begonnen haben, sich mit ihrem Herrn zu 
identifizieren und sich miin wesentÜcheu Personal des Insti- 
tuts zu rechnen. 

Ich schalte hier die Mitteihmg eines jungen Technikers 
i'w, welche Einblick in den Mechanismus einer Sachbescliä- 
digmig gestattet. 

„Vor einiger Zeit arbeitete ich mit mehrerön Kollegen ira 
Tjalx)ratorium d^r Hochschule an einer Eeihe komplizierter 
JOlastizitätsversuche, eine Arbeit, die wir freiwillig übernom- 
men hatten, dio aber begann, mehr Zeit zu beanspruchen, als 
wir erwartet hatten. Als ich eines Tages wieder mit meinem 
Kollegon F. ins Laiwratorium ging, äußerte dieser, wie un- 
ajigenehra ea ihm gerade heute sei, so viel Zeit zu verlieren, 
rr hätte zu Hause so viel anderes zu tun; ich konnte ihm 
nur beistimmen und äußerte noch halb scherzhaft, auf einen 
Vorfall der vergangenen Woche anspielend: , Hoffentlich wird 
wieder die Maachino vftrsagon, so daß wir die Arbeit abbreclien 
und früher weggehen körmnni' 

lici der Arbeitsteilung trifft es sich, daß Kollege F. das 
Ventil der Presse zu steuern bekommt, d. h. er hat die Druck- 
i*lüs8igkrit aus dem Akkumulator durch vorsichtiges Offnen 
des Ventils langsam in den Zylinder der hydraulischen Presse 
oinzulassf;n; der Letter des Versuches steht beim Manometer 
und ruft, woun der richtige Druck erreicht ist, ein lautes ,HaIt'. 
Auf ditjscs Kommando faßt F. das Ventil und dreht es mit aller 
KraXt — nach links (alle Ventile werden ausnahmslos nach 
r«clits gcschUiasen !). Dadurch wird plötzlich der volle Druck 
des Akkumulators in der Presse wirksam, worauf die Rohr- 
^Ipitung uiclit eingerichtet ist, so daß sofort eine Rohrverbin- 
duug pla.tzt — ein ganz harmloser ilaschincudefekt, der uns 



VIII. DAS VEBGREIFEN. 



209 



jtKloch zwingt, für heute die Arbeit einzustellen und nach 
Hause zu gehen. 

Clifiraktei'istiscU ist üln-jgons, daß einige Ziiit luichhor, als 
wir diesen Vorfall besprachen, l'reund F. sich an meine von 
mir mit Sicherheit erinnerte Äußerung absolut nicht eriiiueru 
wollte.** 

Sich selbst fallen lassen, einen I'ehltritt machen, aus- 
gleiten, brauolit gleichfalls niclit immer als rein zufälliges 
Fehlschlagen motorischer Aktion gedeutet zu werden. Der 
spraßbliche Doppelsinn dieser Ausdrücke weist bereits auf 
die Art von verJialtenen Phantasien hin, die sich durch solches 
Anheben des Körperghüchgewichtcs dai'stcllon können. Ich 
erinnere mich an eine Anzahl von leichteren nervösen Erkran- 
kungen bei Frauen und Mädchen, die nach einem Falle ohne 
Verletzung aufgetreten waren und als traumatische Hysterii.' 
zufolge des Schrecks beim Falle aufgefaßt wurden. Ich bekaju 
.schon dajuals den Eindruck, als ob die Dinge ujidcrs zusammen- 
hingen, als wäre das Fallen bereits eine Veranstaltung der 
Neurost; und ein Ausdi-uok derselben unbewußten Pliantnsieu 
sexuellen Inhalts gewesen, die man als die bewegenden Kräfte 
hinter den Symptomen vermuten darf. Sollte dasselbe nicht 
a.uch ein Sprichwort sagen wollen, welches, lautet: „Wenn 
eine Jungfrau fällt, fällt sie auf deu Rücken?'' 

Zum Vergreifen kann maji auch den Fall rechnen, daß 
jemand einem Bettler anstatt einer Kupfer- oder kleinen Silber- 
münze ein Goldstück gibt. Die Auflösung solcher Fehlgriffe 
ist leicht; es sind Opferhand langen, bestimmt, das Schicksal 
zu erweichen, Unheil abzuwehren n. dgl. Hat man die zärt- 
liche Mutter oder Taute unmittelbar vor dem Spa^iiergniig, auf 
dem sie sich so widerwillig gi-oßniütig erzeigt, eine Jiesorgnia 

freaA, PayoLupatlinloglD du A.ilta^slebi-ni, Till. Aufl. 14 



210 



Vm. DAB VERGEEIPEN. 



über die Gesundheit eines Kindes iiiißerii geliörfc, so kaim man 
:iu dem Sinne des angeblich unliebsamon Zufalls nicht m<'hr 
zwfiffhi. Auf solclie Art ermöglichen uusom Fnhlk-isfcimgo» 
die AusiUnnig aller jener frommon und .'diorgläubisplion Gr- 
bräuahf, die wegen des Sträubens iniserer imj^läubig ge- 
wordenon Vernunft das Licht des Bewußtseins ^cheueu 
müssen. 

f) IlaJi :(ufäHig<- Aktionen eigentlich absichtlicli sind, wird 
Q.uf keinem aJidoren Gebiete eher Glauben finden als auf dem 
der sexuellen Betätigung, wo die Grenze zwischen beiderlei 
Art.en sich wirklich zu verwischen scheint. Daß eine scheinbar 
ungeschickte Bewegung höchst raffiniert zu se.\uellen Zwek- 
kcu a.usg( nützt werden kann, davon habe ich vor einigen 
Jiihi-en ;in mir selbst ein schönes Ür-ispiel erlebt. Ich traf in 
einem Ijefroundeteu Hause ein als Gast angelangtes junges 
Mädchen, welches fun Iäiig.-it für erloschen gehaltenes Wohl- 
g('fall<:n bei mir erregte und mich darum heiter, gespraciiig 
und zuvorkommend stimmte. Ich habe damals auch nachge- 
forscht, auf W(!lchen Bahnen dies zuging; ein Jahr vorher 
halte daiMtellxj Müdohen mich kühl gelassen. Als nun der Onkel 
des Miidchena, ein sehr alter Herr, ins Zimmer trat, sprangen 
wir beide auf, um ihm einen in der Ecke stehenden Stuhl zu 
bringen. Sie war behender als icli, wohl auch dem Objekt 
niiher; so hatte sie sich zuerst des Se.«isela bemächtigt und 
trug ihn mit der Lehne* nach rückwärts, beide Hände auf die 
K<'sselränder gelegt, vorsieh hin. Indem ich später hinzutrat 
und den Ansjirnch, den Sessel zu tragen, doch nicht aufgab. 
Ht.'uid ich plötzlich dicht hinter ihr, hatte beide Arme von 
rückwiirls um sie geschlungen, und die Hände trafen sich 
einen Moment lang vor ihrem Schoß. Irlt Kiste natürlich die 
Situation ebenso rasch, als sie entst^'indeu war. Ks schien auch 




VIU. DAS VREGKEIPEN. 211 

ikcineni au fziif allen, wie geschickt ich diese mif^oscliickte Bewe- 
gung ausgebeutet liatte. 

< Hilcgeutlich habe ich mir auch sagen müssen, daß das 
ärgerhch**, ungeschickte Auawcicheu auf der StraiJe, wobei 
man durch einige Sekunden hin und her, aber doch stets nach 
der nämlichen Seite wie der oder die andere, Schritte macht, 
bis endlich beide vor einander stehen bleiben, daß auch dieses 
„den Weg Vertreten" ein. unartig provozierendes Benehmen 
früherer Jahre wiederholt nnd sexnelle Absichten unter der 
Maske der Ungeschicklichkeit verfolgt. Aus meinen Psycho- 
ajialysen Neurotischer weiß ich, daß die sogenannte Naivität 
junger Leute und Kinder häufig nur solch eine Maske ißt, um 
das Unanständige unbeirrt durch Genieren aussprechen oder 
tun zu können. 

Gan7 älniliche Bcohachtungcn hat W. St ekel von seiner 
eigenen Person, mitgeteilt : „Ich trete in ein Haus ein und reiche 
der Daane des Hauses meine Rechte. Merkwürdigerweise lose 
ich dabei die Schleife, die ihr loses Morgenkleid zusammen- 
hält. Ich bin mir keiner unehrbaren Abstellt bewußt, luid 
doch habe ich diese ungeschickte Bewegung mit der Geschick- 
lichkeit eines Kskamoteurs vollbracht." 

Ich habe schon wiederholt Proben dafür geben können, daQ 
dir nichter Fehlleistungen ebenso als sinnvoll und motiviert 
auffassen, wie wir es hier vertreten. Es wird ims darum nicht 
verwundern, an einem neuen Beispiel zu ersehen, wie ein 
Dichter auch eine ungeschickte Bewegung bedeutungsvoll 
macht und zum Vorzeichen spaterer Begebenlieiten werden läJSt. 

In Theodor Fontanes Roman: „T/Adultera" heißt es 
(Bd. IT, S. Gl der gesammelten Werke, Verlag S. Fischer): 
„...und Melanie sprang auf und warf ihrem Gatten, wir zur 
Begrüßung, einen der großen Bälle 7.n. Abnr sie hatte nicht 

14* 



212 



Vni. DAS VERGKEIFEN. 



ridhtijr gozioU, dor B:lU g-ing siütwärls und Kiibelm fing ihn 
auf." Jk'i Aar irinmkohr von dem Ansflnge, der diese klnine 
Kpi^odo gfbmcht liat, findet fin r;c3präch 7.\vis<*.lien Mcl;iiii(' 
und llubnhn fltiitt, dns die erste Andeutung einer keiuicudun 
Neigung verrat. Diese N'eijrung wächst zur I^ideusciiaft, so 
daü Melanie schlieBlit;li ihnin Gatten verläßt, lun dem geliebton 
Miiimc ganz anzugehören. (JMitjreteilt von H. Sachs.) 

g) Die Effekte, die durch das Pelilgreifen normaler Jfen- 
sehen zu stände kommen, siud in dor Regel von harmlcsester 
Art. Gerade darum wird sich ein besonderes Interesse au die 
Frage knüiifen, ob Fehlgriffe von erheblicher Tragweite, die 
von bedeutsamen Folgen begleitet seiu kömien. wie z. B. die 
des Arztes oder Afothekers, nach irgend einer Riclitung unter 
unsere Gesichtspunkte fallen. 

Da, icJi selir selten in die Lage kon^me, ärztliche Eingriffe 
vorzunehmen, habe ich nur über ein Beispiel von ärztlichem 
Vorgreifen aus eigoner ?'rfahnin*r zu berichten. Bei einer selir 
alten Dame, die ich seit Jahren zweimal täglich besuche, be- 
selininkt sich meine ärztliche Tiitigkeil beim Moigrenbesuch o.uf 
zwei Akte: ich träufle ihr ein [jaax Trnpfen Augenwasser ins 
Auge und gebe ihr eine Morphiuminjektion. Zwei Fläschchen, 
ein hla.uc3 für das Kollyrium nnd ein weißes für die Mnrphin- 
lÖRuiig, sind regelmüßig vorl>ereitet. Während der lieiden Ver- 
rieJitungen beschäftigen sich meine Gedanken wohl meist mit 
etwas anderem; d.-ts liat sich eb-n schon so oft wiederholt, daß 
dii; Aufmerksamkeit sich wie frei benimmt. Eines Jlorgeu.? be- 
merkte icli, daß der Automat falseli gearbeitet hatte, d;is Ti-opf- 
WWirctu'U Iiatte ins weiße anstatt ins bki-ue Fläschchen einge- 
taucht und nicht Kollyrium, sondern Mor])liin ins Auge ge- 
träufeil,. Teil er-iichrak heftig und iienihigte mich dünn durch 
die ÜberUigung, daü einige Trojifen einer zweiprozeuligou 



VIU. DAS VEKGREI1''EN. 



2 LS 



Morpliiiilöyuug jluüIi im ]>iiidoIiautöiiok koin Uniii'il anziinchleu 
vermögen. Die Schreclipuipiinduug- waa- offculiar audcrswolier 

a.büuk'ilcn. 

l^ei dcmVersuclie, den klciuou rehlgiit't zu a.ualysii-rni, liel 
iuir zuuächsfc die Piuaso ein : „sich aai der Alten vergreifen", die 
den kurzen Weg zur Losung weisen konnte. Ich stand unter 
dem Eindruck eines Traumes, den mir am Abend vorher ein 
junger Mann erzählt, hatte, dessen Inhalt sich nur auf den 
sexuilkn Verkehr onit der eigenen Muttor deuten ließ*. Die 
Sondirliarkcit, daß die Snge 'keinen Anstoß aai dem Älter der 
Küiiigiu Jokaste aiiuimt, schien mir gut zu dem Ergebnis zu 
stinunen, daß es sich b.ei der Verliebtheit in die eigene Muttoi- 
niemals um dei-en gegenwärtige Person handelt, sondern um ihr 
jugendliches Erinnerungsbild aus den Kinderjahron. Solche In- 
küugruenzeu stellen sich immer heraus, wo eine zwischeu zwei 
Zeiten schwankende Phantasie bewußt geuuicht und da^lurch an 
ciue büötiinmte Zeit gebunden Avird. In üedankeu solcher Art 
v<TSunken, Icam ich zu meiner über neunzigjährigen Patientin, 
und ich muß wohl auf dem Wege gewesen sein, den allgemein 
meiLschlichen Charakter der Odipusfabel als (\i\s Korrelat des 
VerliiUignisses, daß sich in den Orakeln äußert, zu erfasstm, 
denn ich vergriff mich dann „bei oder an der Alton". Indes 
dies Vergreifen war wiederum harmlos; ich hatte von den 
heiden möglichen Irrtümern, die Morphinlösung fürs Auge zu 
verwenden oder da? Augonwassor zur Injektion zu nehmen, 
den bei weitem harmloseren gewählt. Es bleibt immer noch 
die Frage, ob man bei Fehlgriffen, die schweren Öchndrn 



* DfcB öclipusLrau mes, wiu ich iliii zu iinmoii pflPg«^, weil er 
den Sohiiissel zum Verslündnis der Sage von König Ödipus enthüll. Im 
Text des Sophokles ist die Beziehung auf einen aolchen Traum der Jokasto 
in den Mund gelegt. (Vgl; „Traumdeutung", S. L62, V. Auli.» Ö. IbiJ.J 



214 vuf. DAS vt:K(;utai''KN. 



stiften können, in älmlicher Weise wie bei den hier behau- 
delton eine unbcwnüte Absielit in Erwägung zielien darf. 

liier liiÜt mich denn, wie zu erwarten steht, das M:vteriaJ im 
Stiche, und ich bloilx; auf VermutuiigCQ und Aunäherungeu au- 
guwieson. Es ist bekannt, daß bei den schwereren Fällen von 
l'Hychonc\irt)sc Selbst Ix-schädigungen gelegentlich als Krank- 
heitssyniptnnic auftreten, und daü der Ausgang dos psychisclicn 
Konflikts in Selbstmord bei ihnen niemals auszuschließen ist. 
Ich hülx; nun erfahren und werde es eines Tages durch gut 
aufgeklärte Bcis|>ielc Ijclegen. daß viele scheinbar zufallige 
SchJidigiiiigcn, die solche Kranke treffen, eigentlich Sclbst- 
beHchiUliguiigeii sind, indem eine bestäjidig lauernde Tendenz 
zur Sfllötlx-strafung, die sich sonst als Sclbstvorwnrf äußert, 
oder ihren Beitrag zur Syni|»tombildung stellt, eine zufällig 
gebotene äußere Situation ge.>jchickt ausnützt, oder ihr etwa 
nocli bis zur Erreichung de-s gewünschten schädigenden Effekts 
nachhilft. Solche Vorkommnis.se sind auch bei mitt^lschwcren 
Eiillen kȟnesweg8 selten, und sie verraten den Anteil der un- 
bewußten Absicht durch eiuc Reilie vuu besonderen Zügen, 
z. U. durch die auffällige Fassung, welche die Kranken bei 
dem ajigeblichen Unglücksfalle bewahren*. 

Aus meiner ärztlichen Erfahrung will ich anstatt vieler nur 
ein einziges Beispiel ausfübrlich berichten: Eine junge Frau 
bricht »ich Ik-'I einem Wagennnfall die Knochen des einen Unter- 
schenkels, so daß sie für Wochen bettlägerig wird, fällt dabei 



• Diö SclbsttM'Hchädigting, die nicht auf volle Selbst Vernichtung hm- 
xioll, hftl in unNi-i -III •^uj^'eiin-rkrttj^cii KnUurzu^tand überlmut't keine andere 
Willi!, als ti'u-\i liiüter der Zufiilligkeit xu verbergen, odtr sich durch Simu- 
Jaiiim einer Hponlanru ii^rkrankun); durchzusetjcn. Früher einmal war sie 
oin gebriiui'hlichPN Ztiphea der Trnuer; xu anderen Zeiten konnie sie Ideen 
der Vrüiniuigkcit und Wclteatnugung Ausdruck geben. 



Vni. DAS VERGREIFEN. 215 

durcli den Maiigol an Schmer zonsäußerungen und die Ruhe auf, 
mit der sie ihr Ungciiiach erträgt. Dieser Unfall leitet eine 
lange und schweife neurotische Erkrankung ein, von der sie end- 
lich durch Psychoanalyse hergestellt wird. In der Behandlung 
erfahre ich die Nebenumstände des Unfalls sowie gewisse Ein- 
drücke, die ihm voraaisgegangeu sind. I>ie junge Frau befand 
sich mit ihrem sehr eifersüchtigen Maaiue auf dorn Gute einer 
verheirateten Schwester in Gesellschaft ihrer zahlreichen 
ül)rigeu Geschwister und deren Mämier und Frauen. Eines 
Alxmd« gab sie in diesem intimen Kreise eine Vorstellung in 
einer ihrer Künste, sie ta.nKto kunstgerecht Cancan unter 
oToßem Beifall der Verwandten, aber zur geringen -Befriedi- 
o-ung ihres Mannes, der ihr nachher zuzischelte: Du hast dich 
wieder Ijenommen wie eine Dirne. Das Wort trai ; wir wollen 
es dahingestellt sein lassen, ob gei-ade wegen der Tnnzpi-oduk- 
tiou. Sie sehlief die Nacht unruhig, am nächsten Vormittag 
begeiirte sie eine Ausfalirt zu matihen. Aber sie wälilte die 
Pferde selbst, refüsiertc das eine Taar und verhuigte ein 
aüdert\'i. Die jüngste Schwester wollte ihren Säugling mit 
seiner Anmie im Wageu mitfahren lassen; dem widersetzte sie 
sich energisch. Auf der Fahrt zeigte sie sich nervös, mahnte 
d<:u Kul-sclicr, daß die Pferde scheu würden, und als diu un- 
niliigen Tiere wirklich einen Augenblick SchwierigkeiU-'u 
machten, sprang sie im Selueokcn aus dem Wagen und brach 
sich den Fuß, während die im Wagen Verbliebenen heil davon- 
kamen. Kann man nach der Aufdeckung dieser Einzelheiten 
kaum mehr bezweifeln, daß dieser Unfall eigentlich, eine Ver- 
anstaltung war. so wollen wir doch nicht verBäunicn, die Ge- 
schicklichkeit zu bewundern, welche den Zufall nötigte, die 
Strafe so passend für die Schuld auszuteilen. Denn nun war 
ihr daß Cancantanzen für längere Zeit unmöglich gemacht. 



2IB 



Vin. DAS VEBGREIPEN. 



Von eigenen Sf'U>stl>e8chädigUTigen weiß ich in nihi<rnn 
Zeiten woniff zu bpricliten, aber ich finde mich solcher untor 
luißcrordoiitliuhen Bedingungen nicht unfähig. Wenn eines der 
Mil'gliedor meiner F:iinilie sich Iwklagt. jetzt habe es sich auf 
die Zung<^ p*?bisseu. die Fingor gequetscht usw., so erfolgt an- 
siaM. dor erhofften Teilnahme von meiner Seite die Frage: 
Wozu ha-st du tliis getaji 1 Aber ich liahe mir solbst aufs 
flohmr izhaf tfißt« den Y>u iimeu eingeklemmt, nachdem ein 
jngf^ndliehor Patient in der IVhandlungsstunde die (natürlich 
nicht ernsthaft zu nehmende) Absicht bekannt hatte, meine 
älteste Tochter zu heiraten, während ich wußte, daß sie sich 
grrade im Sanatorium in äußf-rster Lebensgefahr befand. 

"Riner meiner Knaben, dessen lebhaftes Temperament der 
Krajiken pflöge Schwierigkeiien zu bereiten pflegte, hatte eines 
^Tiirgeiis einen Zornanfnll geliabt. weil man ilim zugemutet 
linite, den Vormittag im Rett* zuzobringen. und gedroht sich 
umziibringrii. wie es ihm ans der Zeitung bekannt gewordon 
war. Al)ends zoigte er mir eine Beule, die er sich durch An- 
stoßen an die Türklinke an der Seite des Bnistknrbs zugezogen 
liatfc. Auf meine ironische Frage, wozu er das getan und 
wna er damit gewollt habe, antwortete das 11jährige Kind 
wie erleuehl+'t: Das war mein Selbstmordversuch, mit dem 
ich in der Früh gedroht habe. Ich glaube übrigens nicht, daß 
meine An.sehauungen über die Seibatbeschädigung meiuen Kin- 
dern damals zugänglich waren. 

Wer an das Vorkommen von halb absichtlicher Snlhst- 
beschädigung — wenn der ungesehickte Ausdruck gestattet ist 
— gla-ubt, der wird dadurch vorbereitet, anzunehmen. daJ3 es 
außerdem l>e«^lßt absichtlichen Selbstmord auch halb absicht- 
liche Selbstvertiiphtung — mit unbewußter Absicht — gibt, die 
eine I.röbensbedrohung geschickt auszunützen imd sie als zu- 



Vin. DAS VEHGKEIFEN. 217 



fällig*? Vonmglückung zu masldercii weiß. Eine solche brauclit 
keineswegs selten zu sein. Denn die Tendenz zur Selbstvernicli- 
tung ist bei sehr viel melir Menschen in einer gewisst^n Stärke 
vorhanden, als bei denen sie sich dui-clisetzt; die Snlbstbescha- 
digmigen sind in der Kegel ein Kompromiß zwischen diesem 
Trieb und den ihm noch entgegen wirkenden Kräften, und auch 
wo es wirklich zum Selbstmord kommt, da ist die Neigung 
dazu eine lange Zeit vorher in geringerer Stärke oder als un- 
bewußte und unterdrückte Tendenz vorlxauden gewesen. 

Auch die bewußte Selbstmordabsicht wälilt ihre Zeit, 
Mittel und Gelegenheit; es ist ganz im Einklang damit, wenn 
die unbewußte einen Anlaß abwartet, der einen Teil der Ver- 
ursachung auf sich nehmen und sie durch Inanspnichnalime 
der Abwehrkräfte der Person von ihrer Bedrückung frei machen 
kann*. Es sind keineswegs müßige Erwägungen, die ich da 
vurbringe; mir ist mehr als ein iTall von anscheinend zufäl- 

* Der Pall ist dann scbließlicli kein anderer als d.M- dG3 acxiu'llon 
Atlentate auf eine Prau, bei dem der An-iiff des Mannes nicht duroli di- 
volle Wiiakclkraft des Weibes abgewelirt werden kann, weil ilim ein TdÜ 
dBr uubewnläteii llefrangen der An>,^egriffeiien fördernd enl-egenkoiuiiit. 
Man sagt ja wohl, eine solche Situation lähme die KrUiU: dor l^raii; 
man. braucht, dann nur noch die Gründe für diese Lähmung hiiunzulugeoi. 
Insofern isb der geistreiche Richterspruch des Sanoho Tansa, den or 
al6 Geuverneur auf seiner Inael fälU, psyohologisoU ungerecht (Don Q..ijolü, 
II Teil, Kap. XLV). Eine Frau aerrb einen Mann vor den Iltohter, der 
6ie angeblich gewaJtsani ihrer Ehre beraubt hat,. Sancho entschädigt 
sie durch die volle Geldbörse, die er dem ÄQgeklngLen abnimmt, und 
gibt diesem nach dem Abgänge der Frau die Erlaubnis, ihr mchxncilen 
„nd ihr diu Börse wi^-der zu entreillen. Sie kommen h-üde ringend wieder, 
und di'3 Frau rühmt sich, daü der Bösewicht nicht, im stände gewesen 
sei, sich der Börso zu bemächtigen. Darauf Sancho: ..Hattest du dein« 
Ehr« halb so ernsthaft verteidigt wie diese Börse, so hatte sie die der 
Mann nicht rauben können." 



218 



Vin. DAS VERGREIFEN. 



ligciri Vüiniugliicken (zu Pferde oder ans dem' Wagen) bekannt 
güwurdcn, dessen nähere Umstände den Verdacht auf unbe- 
wußt zugelassenen Selbstmord rechtfertigen. Da stürzt z.B. 
während eines Olfizierswettreimens ein Offizier vom Pferde 
uaid verletzt sich so schwer, daß er mehrere Tage nachher er- 
liegt. Sein Benehmen, nachdem er zu sich gekommeu, ist in 
manchen Stücken auffällig. Noch bemerkenswerter ist sein 
Benelunen vorher gewesen. Er ist tief verstimmt durch den 
Tod Steiner geliebten Mutter, wird von Weinkrämpfen in der 
(T«öellschaft seiner Kamei'adeu befallen, er äußert Lebensüber- 
druß gegen seinei vertiuuten Freunde, will den Dieust quit- 
tieren, um aji einem Kriege in Afrilca Anteil zu nehmen, der ihn 
sonst nicht berührt*; früher ein schneidiger Reiter, weicht 
<T jfizt dem Reiten aus, wo es mir möglich ist. Vor dem Wett- 
reunoii endlicli, dem er sich nicht entziehen kjuin, äußert er eine 
trübe Ahnung; wir werden uns bei unserer Auffassung nicht 
mehr verwundern, daß diese AljiumgKecht behielt. Man wird 
mir cuigegcnhalten, es sei ja oline weiteres verständlich, daß 
ein Mousch in solch nervöser Depression cUls Tier nicht zu 
meistern versteht wie in gcsiuiden Tagen. Ich bin ganz ein- 
verstanden; nur- möchte ich den Moclianismus dieser moto- 
risehen llenunung durch die „Nervosität" in der hier betonten 
Selbstveniichtungsabsicht suchen. 

iS. Ferenczi in Budajwsst hat mir die Analyse eines 
Falles von augeblich zufälliger Schußverletzmig, den er für 
einen unbewußten Selbstmordversuch erklärt, zur ^'^eröffent- 



• Daß din Situation des ScIi lach tf eitles eine solch« ist, wie sie der 
bewußten Sulbatmordabsiciit cutgegenkommt, die doch den direkten Weg 
scheut. isL einleuehtenct. Vgl. im „Wallenstein" die Worte des achwe- 
dieuhen Hüiiptmannos über den Tod des llas Piccolomini: „Man sagt, 
er wollte sterben." 



Vm. DAS VEEGBEIFEN. 



219 



lichung überlassen. Icli kann mich mit seiner Aiirfassung 
nur einvers Landen erkläxen; 

„J. Ad., 22iäliriger Tisclilei-r>,^e seile, suchte mich am 18. Jän- 
n-er 190S anf. Er wollte von mir erfahren,' ob die Kugel, die 
ihm am 20. März 1907 in die linke Schläfe eindrang, operativ 
entfernt werden könne oder müsse. Von zeitweise a^iif tretenden, 
nicht allzu heftigen Kopfsohmerzen abgesehen, fühlt er sich 
ganz gesund, anch die objektive Untersuchnng ergibt außer 
der clinTakterislischcn, pulvergeschwärzten Schußnarbe an der 
linken Schläfe gar nichts, so daß ich die Operation widerrate. 
Über die Umstände des .Falles befragt, erklärt er, sich zufällig 
verletzt zu haben. Er spielte mit dem H-evolver des Bruders, 
glaubte, daß er nicht geladen ist, drückte ihn mit der 
linken Hand an die linke Schläfe (er ist nicht Linkshänder), 
legte den I"inger an den Halm, imd der, Schuß ging los. Orei 
Patronen waren in der sechsläufigen Schußwaffe. 
Ich frage ihn : wie er auf die Idee kam, den Eovolver zu sich 
zu nehmen. Er erwidert, daß es zur Zeit seiner Assentierung 
war ; den Abend zuvor nahm er die Waffe ins Wirtshaus mit, 
weil er Schlägereien befürchtete. Bei der Mustenmg wurde 
er wegen Krampfadern für untauglich erklärt, worüber er sich 
sehr schämte. Er ging nach Hause, spielte mit dem Kevolver, 
hatte; aber nicht die Absiclit, sich wehe zu tun; da kam es 
zum Unfall. Auf die weitere If'ra^ge, wie er sonst mit seinem 
Schicksal zufrieden gewesen sei, antwortete er mit einem 
Seufzer und erzählte seine Liebesgeschichte mit einem Mäd- 
chen, das ihn auch liebte und ihn trotzdem verließ ; sie wan- 
derte rein aus G-eldgier nach Amerika aus. Er wollte ihr nach, 
doch die Eltern hinderten ihn daran. Seine Geliebte reiste am 
20. .Tänner 1907, aj.50 zwei Monate vor dem Unglücksfalle, ab. 
Trotz all dieser Vei-dachtsmümeute behai-rte der Patient da- 



220 



Vm. DAS VERGREIFEN. 



In^i, daß (\pT Schuß ein , Unfall* war. Ich aber bin fest über- 
Kniigt, daJi die NacliHUaigkoit, sich von der Ladung der W.'iffo 
vur dem Spielen iiiclil, überzeugt zu haJx^n, wie auch die Selbst- 
U-hcbädiguiig jtsychisch bestimmt war. Er war noch ganz unter 
dem dejjrimien'uden Kiudruck der unglücklichen T.iebschalt 
und wollte offenbar beim Militär , vergessen*. Als ihm auch 
dii-Hc Hoffnung gnnomnu-u wurde, kam es zum Spiele mit der 
SchuüwiLffc, d. h. zum unbewußten Selbstmordversuch. Daß 
er den Itevolver nicht in der rechten, sondern in der linken 
Ihind hielt, spricht entschieden dafür, daß er wiiklich nur 
jSjiirlto', cl. h. bewußt kr-inen Selbstmord begehen wollte" 

Kine anrierc, mir vom üeobachter überlassene Analyse 
r»iiHir ariflclieinend zufälligen S^-lbstbeschädigimg brin^rt das 
Sprichwort in Erimierung: „Wer anderen eine fJrube gräbt, 
fällt selbst hirimn"*. 

1' raii X aus gut4'm bürfrorlichen Milieu ist verheirat-ct und 
hiil drei Kinder. Sie ist zwar nervös, aljer braui;hte nie eine 
energische IV-liajidlung, da sie dem Leben doch genügend ge- 
wacliRcn itit. KiufS Tages zog sie sich iu folgender M'eise eine 
iDOtuentan zif^ralich imi-ouierende, al>er vorülxTgehi^ndo Ent- 
«(f'IIiing ihres Gesichtes zu. 

In einer StraÜe, welche znrocht gemacht wurde, stolperte 
sie über einen Steinhaufen und kam mit dem Gesichte in Be- 
riilirung mit einer Hausmauer. Das ganze Gesicht war ge- 
Bcbramnit die Augonlidor wurden blau und öclrmatös, imd da 
sie Angst bekam, es möchte mit ihren Augen etwas passieren, 
lii'ü sie deo Arzt rufen. N:ichdeuj sie deswegen beruhigt war, 
fragte ich- .Aber wanim sind Sie eigentlich so gefallen i' Sie 

• SollMtbcxW^u^K wegen Abortan von Dr. .f. E. G. vau IJiade"- 
IlMit OlolUiu<\). ZoDtmlblatt für Pajclioamiys«. II, 12. 



VUL das VEKÖKEIFEN, 



221 



•erwiderLe, daß sie gerade zuvor ihren Mann, der seit einigen 
Moiia.ten eine Gelenksaffcktioii Iwitte, wodurch er scUlccliL zu 
Fa\i war. gewarnt hatte, in dieser Straße gut aufzuijaesen, und 
sie hatte ja schon öl^ters die Erfalu-ung gemacht, daß in der- 
artigen 1-ällen merkwürdigerweise ihr selber dasjenige pas- | 
sierte, wogegen siu eine andere Person gewai-ut hatte. 

Ich war mit dieser Detcrminicning ihres tJnl'alls nicht zu- 
frieden und fi-agte, ob sie nicht violleiclit etwas mclir zu er- 
zählen wußte. Ja, gerade vor dem Unfall hatte sie in einem 
Lriden vnn der entgegengesetzten Seite der Straße ein hübsches 
Bild gfselien, das sie sich gtuiz plötxlieh als Suhmuck für die 
Kinderstube wünschte und darum sofort kaufen wollte: da 
<'ing sie geradeaus auf den Laden zu, ohne auf die Straße zu 
achten, stolperte über den Steinhaufen und fiel mit ihrem 
Gesichte gegen die Hausmauer, ohne auch nur den leisesten 
Versuch zu machen, sich mit den Händen zu schützen. Der 
Vorsatz, das Bild zu kaufen, war gleich vergessen, und sie 
ging eiligst nacli Hause. 

Aber warum haben Sie nicht besser zugeschaut?* 
fragte ich, 

Ja^' antwortete sie, ,es war vielleicht doch eine Strafe! 
Wegen der Geschichte, welche ich Ihnen schon im Vertrauen 
crzälilt hal>e.' .Hat diese Gescliichte Sie dann noch iumior ho 
gcquältf 

,Ja " nachher habe ich es sehr bedauert, mich selbst bos- 
haft, verbrecherisch und unmoralisch gefmiden, aber ich \vn,r 
damnls ffist verrückt vor Nervosität.' 

Es ha.tte sich um einen Abortus geha.ndelt, welchen sie mit 
Kinverständuis ihres Mannes, da sie beide wegen ihrer ])oku- 
iiiarcn Veriiiiltnisse voji mehr Kindersegen verschont bleilxni 



, 



222 VUL DAS VERGREIFEN. 



wollU;]i, von oiner Kiui)fn8cherin hatte einleit-cii und von 
einem .S|K'-/ialri rzt hatte zu I-inde briugen lassen. 

,Ofiors mache icli mir don Vorwurf: aber du hast doch dein 
Kiud löten hissen, und ich iiatte Angst, daß so etwas doch nicht 
oliUG yiraiü bleiben köimte. Jetzt, da Sie mir versichert haben, 
daJJ mit den Aiignn nichts Sclüimmes vorliegt, bin ich gaaz be- 
riihifjt: ich bin nun sowieso schon genügend gestraft.' 

Dieser Unfall war also eine Selbstbestrafuiig einerseits, um 
für ihre Untat zu büßen, anderseits aber, um einer vielleicht 
viel größeren unbekaanten Strafe, vor welciier sie monatelang 
fortwährend Angst hatte, zu entgehen.. 

In dein .\iigfiu blick, a.ls sie auf den leiden losstürzte, ura 
sich da« Bild zu kaufen, war die Erinjieruiig au die ganze Gre- 
pehichte niil all ihren Befürchtungen, welche sich schon wäh- 
rend der Warnmig ihres Afaimes iu ihrem ünl^evaißten ziemlich 
st.ark regte, überwältigend geworden und hätte viidleicht in 
einem etwa derartigen Wortlaut Ausdruck finden köanen: 

Al>er wofür brauchst du einen Schmuck für die Kinder- 
stube, du haut dein Kind umbringen lassen! Du bist eine 
Mörderini Die große Strafe naht ganz gewiß! 

Dieser Gcdajikc wurde nicht bewußt, aber statt dessen be- 
nützt-e sie in diesem, ich niöcht-e sagen psychologischen JIo- 
meut di(t SitiULtion, um den Steiüliauf.m. der ihr dafür geeignet 
H(^hieu, in unauffnlliger Weise für die Selbstbestraf im g zu ver- 
Wfndi»n; deswegen streckte sie beim Fallen auch nicht einmal 
die Hän<h' aiLs und darum kam es auch nicht zu einem heftifeu 
Krsehrneken. Die zweite, waJirscheinlich geringere Determinie- 
nuig ilin>« Unfalls ist wohl die Selbstbcstrafung wegen des 
unbewußten ßoseitigungswuusches gegen ihren, allerdings 
in (U<:Ker Affäre mil«ehuldigi-n Alarm. Dieser Wunsch hatte sich 
durch die vfjllknmmen überflüs.'iige Warnung verraten, iu der 



Vm. DAS VEEGHEIFEN. 



223 



Stra.ßo mit, dem .Stoiuliaufen ja, giifc a;ufxixij)a,=tson, da der M.i.fin/ 
ebcm woil er sclilechfc ku Fuß war, s<^hr voisicJiiie trin<r*" 

Wenn man cli© Jiäheveii llinsÜLiido des i-'üUcs orwäliut, 
wird man anoli gmcigt seiu, J. ,Sl,ärk<( (1. c.) recht,, zu geben, 
wenn er eine ausclicineud zufällig-.^ SelUstbesohÜAlij^im^ dui'ch 
Verbreamnng als ,,Opferhandluug" aul'faJJt. 

jEine Dame, deren Schwiegersohn luicU Deuischland ab- 
reisen mnßtü, iini dort in Militärdicaist zu gehen, verbrühte 
sich den Fuß unter folgenden Umstä.n<len. Ihre Tochter er- 
wartete bald die Niederkunft, und die (ieda.nkeu a,n die Kriegs- 
gefabren stin^mten selbstverständlich die ganze Familie nicht 
sehr munter. Am Tage vor der Abreise hatte sie ihren 
Schwi^er^sohn und ihre Tochter zum Fsseii eingeladen. Sie 
bereitete selber in der Küche das Essen, nachdem sie zuerst, 
sonderbar genug, ihre hohen Schnürst ieiel mit Plattfußsolilen, 
auf denen sie bequem gelien. kann, und die sie auch zu Hause 
gewöhnlich trägt, mit einem Paai- zu 'großer, oben offener Pjui- 
toffeln ihres Maanes vertauscht hatte. Als sie eine große 
Pfanne kochender Suppe vom Feuer nahm, ließ sie diese fallen 
und verbrühte sich dadurch ziemlich ernst einen Fuß, zumal 
den Fußrücken, der vom offenen Pajitoffel uiclit geschützt 
wurde. — Selbstverständlich wurde dieser Unfall von jeder- 
mann auf Eeclinung ihrer begreiflichen , Nervosität' geschrie- 
ben. Die ersten Tage nach diesem Brajulopfer war sie mit 
heißen Gegenständen sehr vorsichtig, wodurch sie aber nicht 



• Ein Korrespon<3<^nt sclireibt zum Thema der „Solbstbes trafung durch 
rebllcistHü^en": Wenn mau darjiuf achtet, wie sich die Loiilo auf ilor 
Straße benehmen, hat man Gelegenheit zii Itou-statieron, wie oft ilon Jlfiii- 
nerii, ttif- — wie schon üblich — den vorübergehenden Frauen nachsuhaiicu. 
ein kleiner lliifall passiert. Bald versUiucht einer — juif ebener Erde ■ 
den Fuß, bald rennt er eine Laterne an oder verletzt sich auf aiidero Art. 



224 



VIII. DAS VERÖRKIPEN. 



gehindert, wurde, sich wenige Tnp;e später den einou Puls mit 
ht:i(.Hti- Brühe zu vorbrühen/' 

Winin ^n idn Wülcn gegen die eigene Integrität und das 
cigoiio Lo-I>on iiinter ajisch<^inend zufällicrer Ungeschicklichkeit 
und motorischer Unzulänglichkeit vi-rborgen sein kann, so 
br.'iuchl iM.in keinen großen Schritt mehr zu tun, um die Ober- 
tragimg der näraliciicn Auffassung auf Fehlgriffe niö<rlicli zu 
finden, welche Leben und Gesundluit anderer ernstlich in 
Gefahr bringen. Was ich an Celegea für die Triftigkeit dieser 
Auffassung vorbjingeu kanu, ist der Erfahrung an Neurotikern 
nilnommfcn. deckt sich also nicht völlig mit dem Erfordernis. 
Ich werde über einen Fall l>crichten, in dem mich nicht 
eigentlich ei« Fehlgriff, sondern, was man eher eine Symptom- 
oder Ziifallsli:uidlung nennen kann, auf die Spur brachte, 
Wflche dann die Lösung des Konflikts bei dem l'atieutcn er- 
nuiglichtc. Ich iil)emahm es einmal, die Ehe eines sehr 
intclUgfrnten Mannes au bessern, dessen iliühclligkeitcn mit 
seiner ihn zärtlich liebenden jungen Frau sich gewiß auf reale 
I'egrüiidimgen benifen konntfin, al>er, wie er selbst zugab, durch 
diese nicht voll erklärt wurden. Er beschäitigte sich unab- 
IfisKig mit dem Gedanken der Scheiduog, den er dann wieder 
verwarf, wr-il er seine beiden keinen Kinder zärtlich liebte. 
'JVotzdem kam er immer wieder auf den Vorsatz zurück imd ver- 
suchte dabei kein Mittel, um sich die Situation erträglich zu 
gcst-ii.lten. Solches Xichtfertigworden mit einem Konflikt gilt 
mir als Beweis dafür, daü sich unbewußte tmd verdrängte Mo- 
tive zur Verstärkung der miteinander streitenden bewußten be- 
reit gefunden haben, und ich untemelime es in solchen Fällen, 
den Konflikt durch psychische Analyse zu beenden. Der Mann 
erziihlte mir eines Tages von einem kleinen Vorfall, der ihn aufs 
äußerste erschreckt hatte. Er „hetzte" mit s<*inem älteren 



Vm. DAS VERGREIFEN. 



325 



Kinde, dem wei Ulis gellebteren. Iioh es hoch und ließ es nioder 
und einmal an solcher iStelle und su hoch, dnß das Kind mit 
di'm ScLt'itel fast an dr;n scliwer heriibliilugcnden Giusluster 
angestoßon wa,re. l-'ast, aber docli nigentli(^h nicht oder gerade 
eben noch! Dem Kinde war nichts gosohehon, aber es wurde 
vor Schreck schwindlig. Per Vater blieb entsotzt mit dem 
Kind<! im Arme stehen, die Afutter bekam rinen hysterischen 
Anfall. Die besondere Greschicktichkeit dieser luivoraichtio-en 
Bewegung, die Heftigkeit der Keaiction bei den l'Uteru legten 
es mir nahe, in dieser Zufälligkeit, eine Sym]it<(mlj.'uidlung zu 
stachen, welche eine böse Al)sicht gegen ila.s geliebt« Kind zum 
Ausdriick bringen sollte. Den Widerspruch gegen die aktuelle 
Zärtlichkeit dieses Vaters zu .seinem Kinde koimte ich auf- 
heben, wemi ich den Impuls zur Sohädigmig in die Zeit znrürk- 
vcrlegtc, da. dies«;s Kind das einzige und so klein gewesen war, 
daß sich der Vat^er noch nicht zärtlich für das.selbo zu inter- 
essieren brauchte. Daan hatte ich ch leicht anzunehmen, dail 
der von seiner Fran wenig befriedigte Mnjm d;i.nials den be- 
danken gehabt oder den. Versatz gefaßt: Wenn dieses kleine 
Wesen, an dem mir garnichts liegt, stirbt, daim bin ich fi-ei 
und kann mich von der Fra.u scheiden hi,sscD, Ein Wmisch nneh 
dem Tode dieses jetzt so geliebten Wesens mußt« also unbewußt 
weiterbestehen. Von hier ab war der Weg zur unbewußten Fi- 
xierung dieses Wunsches leicht au finden, l'hno mäelitige Deter- 
minierung ergab sicli wirklich aus tler .Kindiioitserinnerung des 
Patienten, daß der Tod <'ines kLoiaon IJrudors. den die Mutter 
der Naclüässigkeit des Vaters zur Last legte, zu heftigen Aus- 
ciuander.setzungeu zwischen. . den Eltern mit Spheiduugs- 
nndrohung geführt hatte. Der weitere Verlauf der Klio meines 
l'atienten bestätigte meine Kombinn.tion uucb durch den 
therapeutischen Erfolg. 

Preiiit, Pnytilingiatholo^io (IcB A>ilU){a1el)EriH. Vili. AiiS, ^5 



g2G Vm. DAß VERGREIFEN. 



J. Stärcke (1- c) ^^^ ein Beispiel dafür gegeben, daß 
Dichter kein Bedonkon tragen, ein Vergreifen an die Stelle 
einer absichtlichen Handlung zu setzen xmd es somit zur 
Queilo der schwersten Konsequenzen zu machen: 

„Jn einer der Skizzen von Heyermans* kommt ein Bei- 
spiel von Vergreifen oder, genauer gesagt, Fehlgreifen vor, 
da.s vom Autor als dramatisches Motiv angewandt wird. 

Ks ist dio Skizze ,Tom und Teddie'. — Von einem Taucher- 
pjinr — das in ^'^ineni Spezialiiiltentheator anftritt, längere 7jeit 
iiiilenn Wasser bleil)t und dort Kiinslsiiicke ausführt in einem 
cÜFerneii B.'ussin mi(. glfuscmen Wänden — luilf, die Frau es seit 
kurzem mit einem anderen Mann, einem Dresseur. Der Alnnn- 
TnncluT hat sie gerade vor di-r Vorstellung zusiunmen im An- 
kli'idezimuicr erfa.ppt. Stille Szene, drohende Blicke und der 
Tüiichcr sagt: . N':i clüier I' — Die Vorstellung fängt nn. — 0er 
laudier wird das schwierigste Kunststück machen, er bleibt 
»zwei und eine hallx; Mimite in einer hermetisch geschlossenen 
Kiste untcmi Wasser'. — Sie hatten dieses Kunststück schon 
öfters gemacht, die Kiste wurde dann gesclilossen, und .Teddie 
zeigt dem Publikum, das auf seinen ühren die Zeit kontrollierte, 
den Schlüssel'. Sie ließ auch absichtlich den Sclilüssel ein 
paarmal ins Bassin fallen und tanchte dann eilig danach, nm 
nicht zu spät zu sein, wenn der Koffer geöffnet werden mußte. 

An diesem Abend des 31. Jänner wurde Tom wie gewöhn- 
licl) von den kleinen Fingern des munter-frischen Weibchens 
eingfisi^rrt. Er lächelte hinter dem Guckloch — sie spielte mit 
dem Schlüssel mid wartete auf sein warnendes Zeichen. Zwi- 
schen den Kulissen stand der Dresseur mit seinem tadellosen 
l^'rack, seiner weißen Krawatte, seiner Reitpeitsche. Um ihre 

* Hermann Ileyormans, Schetsen i-an Samuel FiUkland, 18. Buo- 
^el, AQisterdam, H. J. W. Becht, 1914. 



Viri. DAS VERGREIFEN. 



227 



Aufmerksamkeit auf sich 7A\ ziehen, pfiff er ganz kurz, der 
Dritte, yio schaute hin, lachte und mit der ungeschickten Ge- 
bärde von jcmaad, dessen Aufmerksamk^nt al>gi.aeukt wird, wnrf 
sie den Sclilüssel so wild in die Höhe, daJJ er genau zwei Mi- 
nuten zwaaizig Sekunden, g;ut gezählt, neben das Bassin, zwi- 
schen dem das Fußgestell verdeckenden Flaggentuch fiel. 
Keiner hatte es gesehen. Keiner konnte es sehen. Vom Saal 
aus gesehen, war die optische Täiischuug so, daß jedermaan 
den Schlüssel ins Wasser gleiten sah — und keiner der Tlu-ater- 
liolfer merkte es, weil das Flaggentuch den Laut milderte. 

Lachend, ohne au zaudern, kletterte Tcddie über den Rii,nd 
des Bassins. Lachend — er hielt es wohl aus — k;tm sie die 
Leiter henmter. Lachend verschwand sie unter dem Fußgestell, 
um dort zu suchen, und als sie den Schlüssel nicht sofort fand, 
bückte sie sich mit einer Mimik zum Stehlen, mit einem Aus- 
druck auf ihrem Gesiclite, als ob sie saugte : ,0 jemine, wie daß 
doch lästig ist!' an der Vorderseite des Flaggen tue he s. 

Unterdessen machte Tom, seine drolligen Grimassen hinter 
dem Guokloch, wie wenn auch er unruhig würde. Man sah das 
■\\'ciß seines falschen Gebisses, das Kauen seiner Lippen unter 
dem Flaßhssclmurrbart, die komischen Atcmblascu, die niaji 
auch beim Apfelessen gesehen hatte. Man sah das Grabsen 
und Wühlen seiner bleichen Kuöchelfinger imd man lachte 
so wie man diesen Abend schon öfter gelacht hatte. 
Zwei Minuten und achtundfünfzig Sekunden... 
Drei Minuten sieben Sekunden . . . zwölf Sekunden ... * 
Era.vo ! Bravo ! Bravo I . . . 

Da entstand eine Bestürzung im Saale un4 ein Scharren 
mit den Füßen, weil auch die Knechte und der Dresseur zu 
suchen anfingen und der Vorliang fiel, bevor tler Deckel auf- 



gehoben war. 



16" 



^ 



288 



Vm. DAS VERGREIFEN. 



S-^dis eiiglis,;htj Tänzeriimou tral«ü auf - daim der iraiui 
"»ii. .Inn Po„ys, Hundou und Affon. Und so we[M;r. 

Krat n.n nächsten Morgon vernaJ.in das Publikiiu.. daU ein 
Unplüok K-^soheheu war, daü Tcddie als Witwe aid der Woit 
zurüukblicb..." 

Aus doin Zitierten geht her^-or, wie vorzüglich dieser 
Kun«.,l.r ..olber das Wesen der Symptomhandlung v.rst^den 
l>ah.n nn.ü, un. uns so troffcud die tiufere Ursache der 
t<Klhcheu Ungeschicklichkeit vorzuführen " 



.J 



IX. 

SYMPTOM- UND ZÜFALLSHANDLÜNGKN. 

. "'<- Mslier besohriebeneii Ha-udluiigen, tn doMn «-ir cUe 
*;:«ül.r„„g ,i„„, „„|,,„,„,jt,„ Absicht e,-kam.tcn, traten ate 
'''"ysen audorer l^absiohtiiftcr Handlungen an£ n.Kl decktt.u 
''* »il a«n Vorwa,,a der ün««ehicklie)iteit. Die Znfa 1- 
7dlu,>ge„ von denen jet.t die Me soi.i soll, nater.eUcuen 

'* vou douon des Vergreifcns nnr dadurola, dal3 sie die An- 
, '>■* .-m oino bewr,Bt. Intention versolnnähen und also des 

'"«■^«dos nicht bedürfen. Sie treten für .ich auf und «o, den 
'"««»^en, weil ma. Zweck und Absicht bei ihnen n.cht vei- 
7'«;''- Ma. führt s.e ans, „ohne sich etwas Ix. . n.en .u 
';^''"«". nur „rein .ufaUig'-, „wie um die »nde - •^"-^'^ 

"^«"■■. ^d ,.a. reebnet darauf, daB solche Auskunft der Nach 

';*».« naoh d.r Bedoutu.>s .1er Handlung en. End b 

'^> Wird, ün, sich dieser Ansnal^nsstellung erfre^.^ - 

''"»»^■n, mü=„„ ....„ „.,„„„„.en. die nicht mehr die l.nt 



,.."="' Wird. Um sich dieser Ausnalmissteiiuut, . 
^';^-. müssen diese Handta.gen, die nicht mehr d.e^n 

.^"'-'■^nng der Ungeschickliehkeit in Anspruch -*»"';; 
;"'""'te Bodiugungcn erfüllen; sie müssen unauttall g 

" 'lite läjfckte müssen geringfügig seni. 
„ . I»l> hal. eine große Anzahl solcher Z"f-"^'-f "/ ™^,. 
:;V'«d anderen gebammelt, und meine nach .■■»-"- ^f/l 
l'-'^'-'-g der einzelnen Beispiele, daß sie eher den ^am^^ 
'^"'l.tombandlungen verdienen. Sie bringen et.as . 



tjl 



2;jü 



IX. aYMnOM. UND ZUFALLSHANDLUNOEN. 






il 



Alpdruck, was der Täter selbst nicht in ihnen vorniiilet und 
was er in der Ri^el nicht mitzuteilen, sondern für sich zu bc- 
hail^n ln*:ibsi<ait»gt. Sio spielen also ganz so wie alle imderen 
bialu-i- betrachteten Phänomene die Rolle von Symptomeu. 

Die reichste Ausljeute an solchen Zufalk- oder Svmptom- 
luiiidlungon erhält man allerdiugs bei der psvchoanal'vliacheu 
Behandlung der Neurotiker. Ich k:m,. es mir nicht versagen, 
f"i 7.wei Beispielen dieser Herkunft zu zeigen, wie ^veit und 
wie ff,i„ au- neNrmiiiienmg dieser unscheinbaren Vorkomni- 
nm«« durch unlx>wnßt* Gedaiiken getrieben ist. Die Grenze 
der Symptoialijuidlungon gegen da.s VergK-ife« ist so wenig 
scharf, daß ich diese Beispiele auch im vorigen Abschnitt 
iiutto unLerbringon können. 

a) Kine junge IVa« er^hlt als Kinfall wähnend der Sitzung, 
flaß stc sich gestern U-im NägeUchneiden „i.^ Fleisch ge- 
«.'Imitten, während sie da3 fei,M^ Häutcheu im Kagelbett abzu- 
tragen I>onmht war". Das ist so wenig interessant, daß man 
Mch verwundert fragt, wozu es überhaupt erinnert und er- 
wähnt wird, un.l auf die Vernmtuug gerät, man luibe es mit 
euior Byn.pt«mlu.ndlung zu tun. Ks war auch wirklich der 
"i"pfn.ger, an de„. das kleine Ung^chick vorfiel, der Finger. 
un dorn man den Khering trägt. Ks war überdies ihr Hoch- 
7.eilHtag, w.u. der Vorlet7.,mg des feinen Iliiutchens einen gm... 
I>e8timmt«n, leicht zu erratenden Sinn verleiht. Sie erzählt 
nu<,h gl.iehy^itig einen Tran^^ der auf die Ungeschicklich- 
keil lhn.^ Miumes und .auf ihre Anästhesie als Fr-^i ;u,spielt. 
Warum w:tr ..3 aber der Hingfinger der linken »and, :m d«ü.. 
Sie s.cl. verlet/k- da .nan doch den Khering au der r-eht^i. 
"and tragt? Ihr M:um ist .Jnhst ,.I)uktor dor Ii,.chte% und 
ihre geheime Neigung haXte als MiUlchen einem Arzt (sehe«- 



IX. SYMPTOM- UN» ZUFALLSHANDLUNGEN. 



231 



J|^|t- >,I>oktor der Linke") gehört. Eine Ehe zur linken Hand 

auch ihre bestimmte Bedeutung. 

^) Eine unverheiratete junge Dame erzählt; „Ich ha e ge 
;;"^" ^^^v, unabsichfclicli eine Hundertguldennote m .jei 
^'^J'-- gerissen uud die Hälfte davon einer mich besuchenden 
^^^ gegeben. Soll da,s auch eine SymptonihaBdlung sein. 
^:^ genauere Erfor^dmng deckt folgende Einzelheiten aul. 
l'' Il^ndertguldennote: Sie widmet einen Teil ihrer Zeit und 
"'^ Vern.x ......_., .,.„.!,.» f^meinsam mit einer 



-^'-it^uuiennüte: aie wiamcu i^i-i^-" 
„ _, »-mog«,^ .vohltatige^ Werken. Gomcinsam mit en 
;';^«» Do^e ,o,gt sie für die Brrielmug eines vcrwai. en 
f;»-'-. Die .00 Gilden .i„d der ihr .ugesehick«= Bo.U.g 
f^";' °^-. d«>> sie in ein Kuvert einschloß und vorl.ul.g 

ilircn Schreibtisch niederlegte. . . 

^, ^ Di*' Besncheria war eine »gesehene Dame, der s,e )« 
7«^«> Wo.ütätigkeits.J.Uon taisteht. Dieae D'^»'; «""^;; . 
''t*^ Ifamen von Ferson3n notieren, ^ die m.n sich «.uUnte 
^'^>% wenden könnte. Es fehlte an Papier, ^ S"« - 
'^"^"«u nach dem Kuvert auf ihrem Sch«.bUsch und ■ 

• »»»^ sich an seinen Inhalt .u besinnen, in « «'-^ ■ 
7" ■ä^«. sie eines selbst behielt, «m ein Duphkat de. ^a»o. 
'*^ - haben, das andere ihrer Besucherin übe.gaU M» 
>-k^ die Har:n,esigkcit dieses un.weckm.ageu V«g -- 
: °» au„,«.tg,,,,„ J,, ,,!,;,,, ^kanntlich keine Em, ße 
i;;;-^ W«te, «...n Sie zerrissen wird, falls --"/;;!, 
^'^'cken vollständig 7.u,?nmmGiisetzen läiit- ' ^^rjcU- 

;:^ Papier nicht wegwerfen -^:.7;;;::l..ow.nig 
^y' der darauf stehenden Namen verbürgt, n-d 
1'^;^ ^-ineu Zweifel, da. sie den wertvollen J-h-ü. .- 

^'■'^ Würde, sol>ald sie ihn bemerkt liaite. ^^_^^^ ^^^^^^^j^_ 
, ^^^IcUom unl)ewußten Gedanken sollte a>" ' .^^,\vnck 
*^"^^"-g, die sich durch ein Vergessen e.-öghchtc. Au. 



232 



IX. SYMPTOM- UND ZUPALLSHAN'DUJN'GEN. 



geben? Dio bfsuchende Damo hatte eine ganz bestimmle Tii:- 
zieJiuiig zu mis«^ri(r Kur, ]0s war dieselbe, die niicb seinerzeit 
dem ieidoni^ii'ii Mädrln^u als Arzt empfohlbn, un<l wenn icb 
uicUt irnr, hält sieb nioirie Patientin zum Danke für diesen 
Rat vtrrpflinliti't. Soll die halbierte Hunderlguldennote etwa 
i-iu Tf(»ni)rar für dicso Verinitlbuig darstellen? Das bliebe 
noch recht befrenidlir^h. 

Es kuninil ;tl>t;r aadcn-s Material liin/.n. Kines Tages vorher 
hiitte eine Vi-iinitl)crin ganz anderer Art l>ei einer Verwandten 
angefragt, vU d.'i.s gnädige Fräulein wold die Bekanntschaft 
eiuf-s gtjwigsi'ii Herrn iiiacheu wolle, und am Morgen, ^.'inige 
Sluiiden vor dem Bi'.-iuche der Dame, war dt-r M'erbebrief des 
i'reiers eingetroffern, der viel Anlaß zur IFeitprlceit gegeben 
huiUi. Als nun diu Dame das Gespräch mit einer Ihkundigung 
nach dem Befinden moiiu^r l*;itientin eröffnete, konnte diese 
wohl gedaolil li;dien : .,l>eii rielitigen Arzt hast du mir zwar 
entpfuidi n. wenn du mir aber xum rinlitigen Manne (und da- 
hinU-r: zu einem Kinde) verhelfen könntest, wäre ich dir doch 
d;i,nklianT." Von diesem verdrängt gehaltenen Oedajiken aus 
J'l<>ssen ihr die bei<h;n Vennil llerinnen in eins zusammen, und 
sie ülKirreie.lile der l^esneherin d;i8 Honorar, das ihre Phantasie 
der audoien zu geben bereit war. \'.illig verbindlich wird diese 
Köbiuig, wenn icli hinzufüge, dalJ ich ihr erst am Abend vorher 
von solchen Zufalls- oder Syniptondiandliingen erzählt hatte. 
Sie btdiente .-licli rlann der n;i(;listen Gelegenheit, um etwas 
Anainges zu jiroduziereu. 

Kine Uni|ii>i(;iuiig der «o üb^-raus häufigen Znf;iIIs- und 
.S_vni|(Unuhandlungen könnte man vornehmen, je nachdem sie 
gewohnlioilsmäUig, regelmäliig unter gewissen Umständen, 
oder vereinzelt erfolgen. Die ersteren (wie das Spielen mit 
der L'hrkclte, das üwirbchi am B.une usw.), die fast zur Cha- 



IX. lÜMPTOM- UND ZL'PALLSHANDLUNGEN. 



233 



ra.ktcristik der betreffenden Personen dienen können, streifen 
an die nianniglaltigoii Ti kbe wc.Epingen und verdienen wolil im 
ZusaniuiunhaJige mit letzteren belumdelt zu werden. Zur 
zweiten Gru]>pe rechne ich das Spielen, wenn man einen Stock, 
das Kritteln, wimiu iiuan einen Bleistift in der Hand liält, dua 
KlimT)ern mit Münzen in der Tasche, das Kneten von Teig" und 
anderen plastischen Stoffen, allerlei üjintierungeii an seiner 
Gewandung n. dgl, lut'hr. Unter diesen spielenden üeöchüfli- 
gungen verlwrgün sich während der psychischen Behandlung 
n-o^lniäßig Sinn und Bedeutung, denen ein anderer Ausdruck 
vi/rsagt ist. Gewöhnlich weiß die betreffende Person nichts 
davon, daß sie dergleichen tut, oder daS sie gewisse Modifika^ 
tionen aji ihrem gewöhnlichen Tnndoln vorgenoumieu hat, 
und sie ül)orsieht und üherliört auch die liffekte dieser Haiid- 
lun^vn: Sie hört /-. ' B, das Geräiirioh nicht, das sie beim 
Klimpern mit Geldstücken hervorbringt, und benimmt sieh wie 
erstannl und ungläubig, wenn man sie darauf aufmerksa^m 
nuicht. J'Ibeuso ist alles, yma man, oft ohne es nu merken, mit 
seinen Kleidern vorninjmt, bodentAUigsvoU mid der Beachtimg 
des Ar/tes wert. Jede Vern.nderung des gewohnten Aufzugs, 
itde kleine Xachlässigkeit, wie etwa ein nicht schließender 
ICnopf, jede Spur von J'^ntblößuug will etw:LS besagen, was der 
l-hi^rnlünu-r der Kleidung nicht direkt Siigen will, meist gar 
nicht YAi sagen weiß. Die Deutungen dieser kleinen Xurulls- 
handlungen sowie die Beweise für diese Dv.>utungen ergeben sich 
jedesniijl mit zureichender SicJierhcit aus den Bogh'itimiötäu- 
den wilhri'ud der Sitzung, ans dem el>en lieliandelten Tiu;ma 
und aus den Einfällen, die sich einstellen, wenn man die Auf- 
merksamkeit auf die anscheinende Zufälligkeit lenkt. Wegen 
dieses Zusanmieuhanges unterlasse ich es, meine Beliunplim- 
gen durcli -Mitteilung von Beispielen mit Analyse zu unter- 



234 



IX. SYMPTOM- UNU ZUFALI^iHANnLUiNtiPN. 



slütÄen; ich erwähne diese Dinge aber, weil ich glaube, daß 
sin bei normalen Menschen dieselbe Bedeutung haben wie bei 
uifineu Patienten. 

leb kann es mir uicht versagen, an wenigstens einem Bei- 
spiel zu zrigen, wie innig eine gewohnheitsgemäß ausgeführte 
Symbolliandhuig mit dem Intimsten und Wichtigsten im Le- 
inen eines G-t'SundtJii verknüirft sein kann*: 

,,Mi«.' Professor Preud uns gelehrt hat, spielt die Sym- 
lx)lik im kindlichen Leben des Xormulen eine größere Rolle, 
als man nach früheren psychoanalytischen Erfahrungen er- 
wnrlote: im Hinblick darauf mrig- die folgende kui"ze Analyse 
von einiguiu liitere.sse sein, insbesondere wegen ihrer medizi- 
nischen Ausblicke. 

Ein Arzt stioO bei der Wiedereinrichtuug seiner !Möbel in 
einem neuen Iloim auf ein ,einfaches' hölzernes Stethoskop. 
Nachdom er einen AugenbKck nachgedacht hatte, wo er es 
denn eigoutlich unterbringen solle, fühlte er sich gedrängt, es 
soitlioh auf seinen Sclireibtisch zu stellen, und zwar so, daß es 
genau zwischen stnnem Stuhl und dem, worin seine Patienten 
zu sitzen pflegten, zu stetien kam. Die Handlung als solche 
war au.s zwei Gründen ein wenig seltsam. Erstens braucht er 
iilH;rhau]»t niclit oft ein Stethoskop (er ist nämlich Xeurologe), 
und sobald er eines nötig hat, benützt er ein doppeltes für beide 
Olircn. Zweitens waren alle seine medizinisrhen Apparate und 
Iustrunu;nte in Schubkästen niUergcbracht, mit alleiniger Aus- 
nahuK! dif\s<;s einen, Gleichwuhl «.lachte er niclit meli.i" au die 
Such«', bis ihn eines Tages eine Patientin, die uocJi nie ein 
,eiiifiiches' Kbethosk»jp g<>.sf;heu Iiatte, fragte, wa* das sei. Er 

* Beitrat' ^u^ Symbolik im Alltjig von Kruf-st Jon*?.'*, Torontu. Aus 
dem ■E»(:Ii(i(--lien ülic-rscUt vuii Oltu llmik, Wien. Zentralblati für fsjcbo- 
aanlyhii, 1, 3, l'JU. 



]X. SYMPTOM- UND ZUFALLSHANDLüNGEN. 235 

sagt« es ihr, und sie fragte, warum er es gerade hieher gestellt 
habe, worauf er schla^gfertig erwiderte, daß dieser Platu cbenno- 
.gut wäre wie jeder andere. Dies machte ihn jedoch stutzig 
und er begann nachzudenken, ob dieser Handlvmg nicht irgend 
eine unbewußte Motivieinang zu Grunde liege, und vertraut 
mit der psychoanalytischen Methode beschloß ei-, die Sache 
zu erforschen. 

Als erste Erinnerung fiel ilim die Tatsache ein, daß als 
Student der Medizin die Gewohnheit seines Spitalarztes auf ihn 
Eindruck gemacht hatte, der immerwährend ein einfaches 
StethoskoiJ bei seinen Besuchen in den Krankensälen in der 
Ifaaid gehalten hatte, obgleich er es niemals benützte. Er liattc 
diesen Arzt sehr bewundert und war ihm ;iußorordenf lieh xu- 
getan. Später, als er seibat die Spitalpraxis ausübte, nalini er 
die gleiche Gewolmhcit au und hätte sich unbehaglich gefühlt, 
wenn er durch ein Verseheu sein Zimmer verlassen hätte, ohne 
das Instmmout ia der Hajid zu schwingen. Die Nutzlosigkeit 
dieser Gewohnheit zeigte sich jedoch nicht nur in der Tat- 
sache, daß das einzige Stethoskop, welches er in Wirkliclikeit 
benutzte, eines für beide Ohren war, d;LS er in der Tasche trug, 
sondern auch darin, daß sie fortgesetzt wurde, als er auf der 
chirurgischen Abteilung war und überhaupt keiu Stethoskop 
mehr brauchte. Die Bedeutung dieser Beobachtungen wird 
sogleich klar, wenn wir a^uf die phallische Natur dieser sym- 
bolischen Handlung hinweisen. 

Als flachstes ei-innerte er die Tatsache, daß iliu als kh^luon 
Jungt-n die Gewohnheit seines Hn.usarztes frappiert lia.tte, oiii 
einfaches Stethoskop im Tunern seines Hutes zu tragen; er fand 
es iuteressaJit, daß der Doktor sein Haujitiustrument innuericur 
Hand habe, wenn er Patienten besuchen ging, und daü er iinr 
den Hut (d.i. eijien Teil seiner Kleidung) abzunehmen und ,es 



236 



IX. SYMPTOM- VSO ZUPÄLLSHANDLUNGEN". 



herauszuziehen' hatte. Er war als kleines Kind diesem Arzte 
ülx^raus anhänglich gewesen und konnte kürzlich durch Selbst- 
analyse aufdecken, daß er im Alter von dreieinhalb Jahren eine 
düppoll« Phantasie in betreff der Geburt einer jüngeren Schwe- 
ster gthabt hatte ; nämlich, daß sie das Kind war erstens von 
ihm seihst und seiner Mutter, zweitens vom Doktor und ihm 
selbst. In dieser Phantasie spielte er also sow*ohl die männliche 
wie die weibliche Rolle. Er erinnerte ferner, im Alter von 
seclis Jahren von demselben Arzt untersucht worden zu sein, 
und entsinnt sich deutlich der wollü-stigen Empfindung, als 
er den Kopf des Doktors, der ihm das Stethoskop an die 
ürust drückte, in seiner Nähe fühlte, sowie der rhythmisch 
hin« und hergehenden Atmungsbewegung. Im Alter von drei 
Jahren hatte er ein chronisches Brustübel gehabt und mußte 
wiederholt imtersucht worden sein, wenn er das auch tat- 
sächlich nicht mehr erinnern konnte. 

Im Alter von acht Jahren machte die Mitteilung eines 
älteren Knaben Kiiidruck auf ihn, der ihm sagte, es sei Sitte 
des Arztes, mit seinen Patientinnen zu Bette zu gehen. Es gab 
siclierlich in Wahrheit einen Grund zu diesem Gerüchte, und 
a.uf alle Fälle waren die Frauen der Nachbarschaft, einschließ- 
lich seiner eigenen Mutter, dem jungen und netten Arzte sehr 
zugetan. Der Analysierte selbst hatte bei verschiedenen Ge- 
legenheiten sexuelle Versuchungen in bezug auf seine Paticn- 
tiuuen erfahren,' hätte sich zweimal in solche verliebt luid 
schließlich eine geheiratet. Es ist kaum zweifelhaft, daß seine 
unbewußte Identifizierung mit dem Doktor der hauptsäch- 
lichste Grund war, der ilin bewog, den Beruf des Mediziners 
zu ergreifen. Aus anderen Analysen läßt sich vermuten, daß 
dies siclierlich das häufigste Jfotiv ist (obgleich es schwer ist 
zu bestimmen, wie häufig). Im vorliegenden Falle war es 




IX. SYJIPTOM- UND Zl'FALLSHANDLUNGBN. 237 



zweifach bedingt: crsteus durch die hei mehreren Gelegen- 
heiten erwieseno Ubeiiegeiiheii des Aiv.les dorn Va.1j:r gegen- 
über, auf den der Sohn sclir eifersüchtig \va,r. und zweitens 
durch des Doktors Kenntnis vorljotener J^inge inid Gelf^geu- 
heiten zu sexueller Befriedigung. 

Dann kam ein bereits anderwärts veröffentlichter Traum* 
von deutlich homosfixueU-masochistischer Natur, in welchem 
ein Mann, der eine Ersaizfigur des Arztes ist, den Träumer mit 
einem , Schwert' angriff. Das Schwert erinnerte ihn an eiue 
Geschichte in der VÖlsuug-Nibelungen-Sage, wo Sigurd ein 
bloßes Schwert zwischen sich und die schlafende Brünliilde 
legt. Die gleiche G-eschichte kommt in drr Arthns-Sage vor, 
die unser Mann eljenfalls genau kennt. 

Der Sinn der »Symptouüiandlung wird nun klar. Der Arzt 
hatte das einfache Stethoskop zwischtni sich uud seine Patien- 
tionen gestellt, genau so wie Sigurd sein Scliwert zwischen sich 
und dio t'rau legte, die er nicht berüliron durfte. Die Handlung 
war eine Kompromißbilclung; sie diente zweierlei Regungen: 
in seiner Einbildung dem unterdrückten AVunscho nachzugeben, 
mit irgend einer reizenden Patientin in sexuelle iie/.ieliungen 
zu treten, ihn aber zugleich zu erinnern, daß dieser Wunsch 
nicht verwirklicht werden konnbe. Es war sozusagen ein 
Zauber gegen dio Anfechtungen der Versuchung. 

Ich möchte hinzufügen, daß auf den Knaben die StoUo aus 
Lord LyttoÄs Richelieu großen Eindruck machte: 

,Beneath the rnle of mcn entirely great 
The pen is mightier thah the sword'**, 



* Freiid's Tlieory of DreamB", Arueriuiin .lourii. of Psyclinl., ,\prii 

191U, p. 301, Nr. 7. 

*■■'■ Vgl. ülilli;im3 „1 wour my pen as otliors do their sword". 



238 IX. SlfMPTOll- UND ZüFALIÄHANDLUNGEN. 



daJ3 er ein fnichtbarer Schriftsteller geworden ist und eiue 
niißergo\yöliiilich große Füllfeder benützt. Als ich ihn frngte, 
wozu "or dieö nütig habe, eru-iderte er charakteristischerweisc: 
Jch liabe soviol aussei drücken.' 

Diese Analyse mahnt uns wieder einmal daran, welch weit- 
Tcichoude l-Unblicke in das Seelenleben uns die ,harmloseu' xind 
.sinnlosen' Handlungen gewähren, und wie frühzeitig im Leben 
die Tendenz zur Syrabolisiening entwickelt ist.'* 

Ich kajin noch etwa aus meiner psychotherapeutischen Kr- 
fnhrung oinen Fall erzählen, in dem die mit einem Klumpea 
Brotkrume sjtielendc Hajid eine beredte Aussage ablegte. Mein 
Pa.tient war ein noch nicht l.^jähriger, seit fast zwei Jnhren 
scliwer hysterischer Knalle, den ich endlich in psychoanaly- 
tischo Bcliandlung nahm, nachdem ein längerer Aufenthalt in 
einer Wasserheilanstalt sich erfolglos erwiesen hatte. Er mußte 
nach meiner Voraussetzung sexuelle Erfahrungen gemacht 
haben und seiner Altersstufe entsprechend von sexuellen Frar 
g<'n gcquLllt sein; ich hütete mich aber, ihm mit Aufklärungen 
zu liilfe zu kommen, weil ich wieder einmal eiue Probe auf 
meine Voraussetzungen anstellen wollte. Ich durfte also neu- 
gierig sein, auf welcliem Wege sich das Gesuchte bei ihm an- 
deuten würde. Da fiel es mir auf, daß er eines Tages iro-end 
etwaö zwischen den Fingern der rechten Hand rollte, damit 
in die Tasche fuhr, dort weiter spielte, es wieder hervorzog usw. 
Icli fragte niclit, was er in der Hand habe; ej- zeigte es mir 
al»er, indem er plötzlich die Hand öffnete. Es war Brotkrume 
die zu vÄnrjtn Klumpen zusammengeknetet war. In der nächsten 
Sitzung brachte er wieder einen solchen Khimpen mit, formte 
alwr aus ihm, während wir das Gespräch führten, mit uuglaub- 
liclicr Ilascliheit und bei gi'schlossenen Augen Figuren, die 
mein Interesse erregten. Es waren unzweifelhaft Jränuchcn 





IX. SYMPTOM- UND ZUFALL8HÄNDLUNGEN. 2S9 

mit Kopf, zwei Armen, zwei Beinen, wie die rohesten prähisto- 
risclien Idole, und einem !Fortsatz zwischen beiden Beinen, 
den er in eine lange Spitze auszog. Kaum daß dieser gefertigt 
war, .knetete er daa Männchen wieder z-usammou; später ließ 
er es bestehen, zog aber einen ebensolchen Fortsatz nai der 
llückenfläohe .und au ajidoren Stellen aus, um die Bedeutung 
des ersten an verhüllen. Ich wollte ihm zeigen, wie ich ihn 
vorstanden ha.ttc, ihm aber dabei die Ausfluclit benehmen, dnß 
er sich Iwi dieser menschenformenden Tätigkeit nichts gedaclit 
habe. In dieser Absiclit fragte ich ihn plötzlich, ob er sich au 
die Geschiclite jenes römiselien I^öuigs erinnere, der dem AI)- 
ge.sandteu seines Sohnes eine pajitx>mi mische Antwort im 
Ga-rten gegolK^i. Der Knabe wollte sich nicht an das erinnern, 
wae er doch vor so viel kürzei-er Zeit als ich gelernt liahcn 
maßte, ^r fragte, ob das die Geschichte yon dem Sklaven sei, 
auf dessen glattrasierten Schädel man die Antwort geschriebeu 
habe. 'Nein, das gehört in die griechische Geschichte, sagte 
Ich und erzählte: Der König Tarqmnius-Snporl)us hatte seinen 
Sohn Sextus veranlaßt, sich in eine feindliche latiniaclie Stadt 
einzuschleichen. Der Solm, der sich unterdes Anhang in dieser 
Stadt verschafft hatte, sclückte einen Boten an den König mit 
der Frage, was nun weiter geschehen solle. Der König ga.b 
keine Antwort, .sondern ging in seinen Garten, ließ sich dort 
die Frage wiederholen und schlug schweigend die größten und 
sch("msten Mohnköpfe ab. Dem Boten blieb niclits übrig als 
dieses dem Sextus zu berichten, der den Vater verstajid und 
es sich angelegen sein ließ, die angeselieusten Bürger der 
Stadt durclL Mord zu beseitigen. _, 

Wälirend ich redete, hielt der Knabe iu seinem Kneten iuno, 
und als ich mich anschickte zu erzählen, was der König in 
seinem Garten tat, sciiou bei den Worten „schhig schwoigeud", 



240 



IX. SYMPTOM- VÜD ZITFALLSHAN'DLUNGEN. 



lititfcc er mit oiiior IjJitzsclmclIeu Bowegiing spinnra .\TäniiHicii 
doii Kojjf abgerissen. Er halte micii also ver.stajirtpii und gi.-- 
mejkt, daß or von mir vcrstaJidcu wordea war. Ich kouut*^ 
ihn nun (lirokt. Ijcfragni, gab ihm die Ausküuffce, um die es 
ihm zu tuu war, und wir liatten bimien kurzem der Neurose 
ein Endo gcuuLcIit. 

üio Symptomhandluugi^i). die man in fast unerschöpflicher 
lltäclihaUigkeit bni Gfsuudeu wie bei Kranken beobuclitcu 
kann, verdienen unser Interesse aus mehr als einem Grunde, 
Dem Arzte dienen sie oft als wertvolle Winke zur Orientierung 
in nouou oder ihm wenig bekannten Verhältnissen, dem Men- 
schonbeobaclitor verraten sie oft alles, und mitunter selbst 
m<ilir, als er zu wissen wünscht. Wer mit ilirer "Würdigung 
vertraut ist. darf sich gelegentlich wie der König Salonio vor- 
kommen, der nach der orientalischen Sage die Sprache der 
Tiero verstand. Eines Tages sollte ich einen mir fremden 
Jungen Mann im Hause seiner Mutter ärztlich untersuchen. 
Als er mii- entgegentrat, fiel mir ein großer Eiweißfleek, konnt- 
lioli an seinen oigentümlich starren Iländern, auf seiner Hose 
a.nf. Der junge Mimn entschuldigte sich nach kurzer Verlegen- 
heit, er lialje sich heiser gefühlt und darum ein rohes Ei gr- 
tnmken,, von dem wahrscheinlich etwas schlüpfriges, Eiweiß 
auf seine Kleidung herabgi- rönnen sei, und konnte zur BestÜ- 
tigiiug auf die Eierschale hinweisen, die noch auf einem Tl-I- 
Icrchen im Zimmer zu .sehen war. Somit war der suspekte ITleck 
in harmloser Weise aufgeklärt; als aber die Mutter uns alh'in 
gelnssen hatt«, dankte ich ihm, daß er mir die DiügQo.se so 
s<'hr crjeichtert ha,tK?, und nahm ohne weiteres sein Gestäudui.s, 
(laß er unter den Beschwerden der Sfiisturbafion leide, zur 
Grundinge unserer Unterhaltung, Ein anderes Mal maclite ich 
einen Besuch bei einer ebenso reichen wie geizigen und när- 



IX. SYMPl'051- UND ZHFALLSHANDLTJNGEN. 2^1 



rischeii Daane, die dem Arzte die Aufgabe zu stellen pflegte, 
sich durch ein Heer von Klagen durchzuarbeiten, ehe man zur 
simpchi Begründung ihrer Zustände gelangte. Als ich eintrat, 
saJ3 sie bei einem Tischchen damit beschäftigt, Silbergulden 
in Häufchen zu schichten, und wälirend sie sich erhob, warf 
sie einige der Geldstücke zu Boden. Ich half ihr beim Auf- 
kla.uben derselben, unterbrach sie bald in der Schilderung ihres 
Elends und fragte : Hat Sie also der vornehme Schwiegersohn 
um soviel Greld gebracht? Sie a.ntwortete mit erbitterter Ver- 
neinung, um die kürzeste Zeit nachher die klägliche Geschichte 
von der Aufregung über die Verschwendung des Schwieger- 
sohnes zu erzählen, hat mich aber allerdings seither nicht 
wieder gerufen. Ich kann nicht I^ehaupten, daß man sich 
immer Preunde unt^r denen wirbt, denen man die Bedeutung 
ihrer Sympt<jmliaiidlung;en mitteilt. 

Ein anderes „Eingeständnis durch Fehlhandlung*' berichtet 
Dr. J. E. 0. van Emden (Haag): „Beim Zalileu in einem 
kleinen Restaurant in Berlin behauptete der Kellner, daß der 
Preis einer bestimmten Speise — des Krieges wegen — um 
10 Pfennig erhöht worden war; meine Bemerkung, warum da-s 
auf der Preisliste nicht angezeigt worden war, beantwortete er 
mit der Erwiderung, daß dies offenbar eine Unterlassung sein 
müßte, daß es aber gewiß; so war I Beim Einstecken des Be- 
trages war er ungeschickt und ließ ein Zehnpfemiigstück 
srerade für mich auf den Tisch niederfallen ! I 

jJetzt weiß ich aber sicher, dafJ Sie mir zuviel gerechnet 
haben, wollen Sie, daß ich mich au der Ka£se erkundige?' 

, Bitte, gestatten Sie . . . einen Moment . . .' und fort war 
er schon. 

Selbstverständlich gönnte ich ihm den Eückzug und, nach- 
dem er zwei Minuten später sich entschuldigte, unbegreiflicher- 

Frand, Pa^cliopatliologie d«t( AlltAgsUbflna. ViU, Aufl. 16 



242 



IX. SYMPTOM- UND Z0FÄLL3HANDHINGEN. 



weise mit einer anderen Speise im IiTtum gewesen zu sciu, die 
zehn iTennige als Belohnung für seineu Beitrag zur Psycho- 
pathologie des Alltagslebens," 

Wer seine Nebemnenschen während des Essens beohachteu 
will, wird die schönsten und lehrreiclisten Symptonihandlungen 
an ihnen feststeliuu können. 

So erzählt Dr. Hanns Sachs: 

„Ich war zufällig zugegen, als ein älteres Ehepaar meiner 
Verwandtschaft das Abendessen einnahm. Die Dame war 
magenleidend und mußte sehr strenge Diät halten. Dem Manne 
war eben ein Braten vorgesetzt worden, und er bat seine Frau, die 
sich an dieser Speise nicht bebeiligen durfte, um den Senf. Die 
Flau öffnete den Schrank, griff hinein und stellte vor ihren 
Manu das Fläschchen mit ilureu Magentropfen auf den Tisch, 
/'-wischen dem faßförmigen Senfglase und dem kleinen Tropf- 
fläschchen bestand natürlich keine Ähnlichkeit, aus der der 
Mißgriff erklärt werden konnte; trotzdem bemerkte die Trau 
ihre Verwechslung erst, ids der Gatte sie lachcud darauf auf- 
merksam machte. 

T>er Sinn der Symptx)mhajidlung l:)edarf keiner Erklärung." 

Ein köstliches Beispiel dieser Art, das vom Beobachter 
sehr geschickt ausgebeutet wurde, verdanke ich Dr. Beruh. 
r)a.ttiier (Wien): 

„Ich sitze mit meinem Kollegen von der Philosophie, 
Dr. H., im Eestaurant beim Mittagessen. Er erzählt von den 
Unbilden der Brobekandidatur, erwäJmt nebenbei, daß er vor 
der Beendigung seiner Studien beim Gesandten resp, bevoU- 
niächtipten außerordentlichen Minister von Chile als Sekretär 
imtcrgt^kommen war, ,D;uin ^^-^^^^Q ^jj^j. ^^j. uj^ister versetzt 
und dorn neu antretenden habe ich micli nicht vorgestellt.' 
Und während er diesen letzten Satz ausspriclit, führt er ein 



IX. SYMPTOM- UND ZUFALLÖHANDLUN'GEN. " 243 

Stück Tort-e zum Mimde, läßt es aber, wie aus Ungcscliicklicli- 
fceit, vom Mosser herabfallen. Ich erfasse sofort deu geheimen 
Sinn dioser Symptomhandliuig und werie dem mit der Psycho- 
ajialyse nicht vortrauten Kollegen, wie von ungefähr ein: ,Da 
haben Sie aber einen fetten Bissen fallen lassen.*' Er aber merkt 
nicht, daß sich meine Worte ebensogiit auf seine Syraptom- 
handlung bezichen können, und wiederholt mit einer sonderbar 
anmutenden, überraschenden Lebhaftigkeit, so als hatte ich 
ilim förmlich das Wort aus dem Munde genommen, gerade dio- 
.^eiben Worte, die ich ausgesprochen. : , Ja, das war wirklich ein 
fetter Bissen, den ich fallen gelassen habe* imd erleichtert sich 
dann durcli eine erschöpfende Darstellung seiner üngoschick- 
liclikeit, die ihn um diese gut tezahlte Stellung gebracht hat. 

Der Sinn der symbolischen Symptomhandlung erleuchtet 
sich, wenn man ins Auge faßt, daß der Kollege Skrupel emp- 
fand, mir, der ilim ziemlich ferne steht, von seiner prekären 
materiellen Situation zu erzählen, daß sich dann der vordrän- 
gende Gedanke in eine Symptomhandiung kleidete, die sym- 
boliscb ausdrückt, was häti/c verliorgen werden sollen, und so- 
mit dem Sprecher aus dem Unbewußten Erleichterung rJchuf." 

Wie simireich sich ein scheinbar nicht beabsichtigtes Weg- 
nehmen oder Mitnehmen herausstellen kann, mögen folgende 
Beispiele zeigen. 

1. Dr. B. Dattner: ,,Ein Kollege stattet seiner veiehiten 
Jugtndfreundin das erstemal nach ihrer Eheschließung einen 
Besuch ab. Er erzählt mir von dieser Visite und drückt mir 
sein Erstaunen darüber aus, daß es ihm nicht gelimgen sei, 
sich nur ganz kurze Zeit, wie er es vor hatte, bei ihr zu ver- 
weilen. Dann aber berichtet er von einer sonderbaren Fehl- 
leistung, die ihm dort zugestoßen sei. 

Der Mann seiner Freundin, der am G-espräcIie teilgenom- 



244 



IX. SYMPTOM- UND ZUFALLSHASDLUNGEN. 



men habe, hätte eine Züudhölzcheuschaclit«! gesucht, die ganz 
bestimmt bei seiaer Ankunft auf der Tischplatte gelegen sei. 
Auch der Kollege habe seine Taschen durchsucht, ob er ,sie' 
nicht zufällig ,eingesteckt' habe, doch vergebens. Geraume 
^it danach habe er ,sie' tatsächlich in seiner Tasche ejit- 
deckt, wobei ihm aufgefallen sei, daß nur ein einziges Zünd- 
hölzchen in der Schachtel gelegeu wai. 

Ein paar Tage später bestätigt ein Traum, der die 
Schachtelsymbolik aufdringlich zeigt und sich mit der Jugend- 
freundin beschäftigt, meine Erklärung, daß der Kollege mit 
seiner Symptomhandlung Prioritätsrechte reklamieren imd die 
Ausscliließlichkeit seines Besitzes (nur ein Zündhölzchen drin- 
nen) dajstollcu wollt«." 

2. Dr. Hanns Sachs: 

„Unser Mädchen ißt eine bestimmte Torte besonders gern. 
An dieser Tatsache ist kein Zweifel möglich, denn es ist die 
einzige Si>eise, die sie ausnalimslos gut zubereitet. Eines Sonn- 
tage brachte sie ims eben diese Torte, stellt« sie aiif der Kre- 
denz ab, naJim die beim vorigen Gang benützten Teller und 
Bestecke und häufte sie auf die Tasse, auf der sie die Torte 
hereingetragen hatte ; auf (he Spitze dieses Haufens placierte 
sifi dann wieder die Torte, anstatt sie nna vorzusetzen, und ver- 
schwand damit, in die Küche. Wir meinten zuerst, sie habe an 
der Torte irgt.-ud etwas zu verbessern gefunden, da sie aber 
nicht wieder erschien, läutete meine Frau und fragte: , Betty, 
was ist denn mit der Torte los?' Darauf das Mädchen ohne 
Verständnis: ,Wie90?' Wir mußten sie erst darüber aufkläien, 
daß sie die Torte wieder mitgenommen habe; sie hatte sie 
aufgeladen, hinausgetragen und meder abgestellt, ,ohne es 
zu bemerken'. 

Am nächsten Tage, als wir uns daran machten, den Kest 




IX. SYMPTOM- UND ZUI -ALLSHANDLUNGEN. 245 

dieser Torte zu verzehren, bemerkte meine Frau, daß nicht 
weniger vorhanden war, als wir am Vortag übrig gelassen 
hatten, daJ3 also das Mädchen das ihr gebührende Stück der 
Liebliiigsspeise verschmäht hatte. Auf die Trage, warum sie 
nichts von der Torte gegessen habe, antwortete sie leicht ver- 
legen, sie habe keine Lust gehabt. 

Die infantile EinsLellimg ist beide Male sehr deutlich ; erst 
die kindliche MaJälosigkeit, die das Ziel der Wünsche mit 
niemandem teilen will, dann die ebenso kindliche Reaktion mit 
Trotz : wemi ihr es mir nicht gönnt, so behaltet es für euch, 
ich will jetzt gar nichts haben." — 

Die Zufalls- oder Symptomhandlungen, die sich iu Ehe- 
sachen ereignen, haben oft die ernsteste Bedeutung und könn- 
ten den, der sich um die Psychologie des Unbewußten nicht 
bekümmern will, zura Glauben an Vorzeichen nötigen. Es ist 
kein guter Anfang, wenn eine junge Frau auf der Hochzeitsreise 
ihren Ehering verliert, doch war er meist nur verlegt und wird 
bald wiedergcfxmden. - - Ich kenne eine jetzt von ihrem Manne 
geschiedene Dame, die bei" der Verwaltung ihres Vermögens 
Dokumente 'häufig mit ihrem Mädchemiamen unterzeichnet hat, 
viele Jahre vorher, ehe sie diesen wirklich wieder aimahm. — 
■Einst war ich als Gast bei einem jung verheirateten Paare und 
hörte die juuge Frau lachend ihr letztes Erlebnis erzählen, wie 
sie am Tage nach der Rückkehr von der Reise wieder ihre 
ledige 'Schwester aufgesucht hätte, um mit ihi-, wie in frülieren 
Zeiten, 'Einkäufe zu machen, während der Ehemann seinen 
Geschäften nachging. Plötzlich sei ihr ein Herr auf der anderen 
Seite der StraJJe aufgefallen, und sie liabe ihre Schwester an- 
stoßend gerufen: Schau, dort geht ja der Herr L. Sie hatte 
vergessen, daß dieser Herr seit einigen Wochen ihr Ehegemalil 
war. Mich überlief es kalt bei dieser Erzählung, aber ich ge- 



246 



IX. SYMPTOM- LND ZL'FALLöHANDLUNGEN. 



traute mich der Folgerung nicht. Die kleine Geschichte fiel 
mir -erst Jajire später wieder ein, naclidem diese Ehe den un- 
glücklicljsfcen Ausgang genommen hatte. 

Den l>eachtens werten, in französischer Sprache veröffent- 
lichten Arbeiten von A. Maeder* in Zürich entnehme ich 
folgende Beoliaclitung, die ebensowohl einen Platz beim „Ver- 
gCBsen" verdient hatte : 

..Ij'ne dajuc nous racontait r6cemnient qu'elle avait oubiiü 
d'cssayer ea robe de noce et s'en souvint la veille du mariage 
ähuit lieuros du soir, lacouturieredesesperait de voir sa clicute. 
Ce detail suffit ä montrer que la fiancee ne se seutait pas 
ires heureuse de portor nne robe d'^jxjuse, eile chorchait 
ä oublii-r cette represeutaiion p6mble. Elle c^t aujourd'hui .... 
divorcce.*' 

Von der großen Schauspielerin Eleonora Du so eraahltc 
mir ein Freund, der auf Zeichen achten gelernt hat, sie bringe 
in einer, ihrer Rollen eine Symptomhaudlung an, die so reclit 
zeige, aus welcher Tiefe sie ihr Spiel heraufhole. Es ist ein 
IChcbnichsdrama ; sie iiat eben eine Auseinandersetzung mit 
ihrem M;inne gehabt und steht nun in Gedanken abseits, ehe 
sich ihr der Versucher nähert. In diesem kurzen Intervall 
spielt sie mit dem Ehering an ihrem Finger, zieJit ihn ab, nm 
ihn wieder anzustecken, und zieht ihn wieder ab. Sie ist nun 
reif für den anderen. 

Hier schließt an, was Th. Reik (Internat. Zeitschrift für 
Psycboanalyae, 111, 1015) von anderen Symptomhaudlungeu 
mit Ringen erzählt, 

„Wir kenneu die Symptomhandluugen, welche Eheleute 
auslühren, indem sie den Trauring abziehen und wieder an- 

* Alph. Miieder, Cuntribatiuus i la psycboijatljologie de la vie 
ijuotidieniie, Arcliives des Psychologie, T. VI, lyOÜ. 



IX. SYMPTOM- UND ZUFALLSHANDLUNGfiN. 247 

sU'cken. Eine Ileihe äluiliclior SymiJtomhaiicIluugea produzierte 
mein Kollege M. Er hatte von einem von ihm geliebten Mäd- 
chen einen Ring zum Geschenk erhalten, mit dem Bemerken, 
CT dürfe ilin nicht verlieren, sonst wisse sie, diiÜ er sie iiich(, 
mehr lieb habe. Er entfaltete in der Folgezeit eine erhöhte Bc- 
sorguis, er küimte den Ring verlieren. Hatte er ihn zeitweilig, 
z. B. beim Waschen abgelegt, so wnr er regelmäßig verlegt, 
so daß es oft langen Suchons bedurfte, um ilni wieder zu er- 
lang^^n. Wenn er einen Brief in den Postkasten warf, konnte er 
die leise Angst nicht unterdi-ücken, der Ring könnt« von den 
Rändern des Briefliasiens abgozogen werden. Einmal hantierte 
er wirklich so ungeschickt, daß der Ring in den Kasten fiel. 
Der Brief, den er bei dieser G-elegenheit absandte, war ein Ab- 
schiedsschreiben an eine frühere Geliebte von ihm gewesen, 
und er fülilte sich ihr geg-enül>er schuldig. Gleichzeitig er- 
wachte in ihm Sehnsucht nach dieser Trau, welche mit seiner 
N'oigung zu seinem jetzigen Liebesobjekt in Konflikt kam," 

An dem Thema des , .Ringes" kann man sich wieder einmal 
den Eindruck holen, wie schwer es für den Psychoanalytiker ist, 
etwa^s Neues zu finden, was nicht ein Dichter vor ihm gewußt 
hätte. In Fontanes Rtunan „Vor dem Sturm" sagt Justizrat 
Turganj während eines Pfändersjiieles : „Wollen Sie es glau- 
ben, meine Damen, daß sich die tiefsten Geheinmisse der Natur 
in der Abgälte der Pfänder offenbaren." Unter den Beisjneleu, 
mit denen er seine Behauptung erhärtet, verdient eines unser 
Ijesondcres Interesse: Ich entsinne mich einer im Embonpoint- 
alter stehenden Professorenfrau, die mal auf mal ihren Trau- 
ring als Pfand vom Finger z.og. Erlassen Sie mir, Ihnen das 
eheliche Glück des Hauses zu schildern. "_ Er setzt dann fort: 
„In derselben Gesellschaft befand sich ein Herr, der nicht 
müde wurde, sein englisches Taschenmesser, zehn Klingen 



248 



IX. SYMPTOM- UND ZUFALLSHANDLUNGEN. 




mil; Korkzieher uud Feuerslalil, in den Schoß der Dame zu 
deponieren, bis daa Klingenmonstnini. nach Zerreißung meh- 
rerer Seidenkleider, t-ndlich vor dem allgemeinen Eutrüstungs- 
schrei verscUwand,'' 

Es wird uns nicht wundernehmen, daß ein Objekt von so 
reicher symbolischer Bedeutnng wie ein Ring auch dann zu 
sinnreichen Pelilhandlungen verwendet wird, wenn es nicht 
als Ehe- oder Verlobungsriug die erotische Bindung bezeichnet. 
Dr. M. Kardos hat mir nachstehendes Beispiel eines der- 
artigen Vorkommnisses znr Verfügung gestellt ; 

„Eine Fehl h Lind lung als Bekenntnis. 

Vor mehreren Jaliren hat sich mir ein um vieles jüngerer 
IMaim angeschlossen, der meine geistigen Bestrebungen teilt 
und zu mir etwa im Verhältnis cin.es Schülers zu seinem 
ijchrer steht. Ich habe ihm zu einer bestimmten Gelegenheit 
einen Ring geschenkt, und dieser hat ihm schon mehreremul 
Gelegenheit zu SjTUptom- resp. Fehllxandlungen gegeben, so- 
bald in unseren Beziehungen irgend etwas seine Slißbilligimg 
gefunden hatte. Vor kurzem wußte er mir folgenden, besonders 
hübschen und durchsichtigen Fall zu berichten : Er war von 
einer einmal wöchentlich stattfindenden Zusammenkunft, bei 
der er mich regelmäßig zu sehen uud zu sprechen pflegte, 
unter irgend einem Vorwand ausgeblieben, da ihm eine Ver- 
abredung mit einer jungen Dame wünschensT\-erter erschienen 
war. Am darauffolgenden Vormittag bemerkte er, aber erst 
als er scliun hingst das Haus verlassen hatte, daß er den Ring 
nicht am Finger trage. Er beunruhigte sich darüber nicht 
weiter, da er annalim, er habe ihn daheim auf dem' Nachtkäst- 
chen, wo er ihn joden Alx-nd hinlegte, vergossen und werde ihn 
beim Nachhausekommcn dort finden. Er sah auch gleich nach 



IX. SYMPTOM- UND ZU FALLS HANDLUNGEN. 



249 



der Heimkehr nach ihm, aber vergeblich, und bcgami nun, 
ebenso erfolglos, das Zimmer zu durchsuchen. Endlich fiel ihm 
ein, da>ß der Ring — wie übrigens schon seit mehr als einem 
Jahre — auf dorn Nachtkästchen neben einem kleinen Messer- 
chen gelegen sei, das er in der Westentasche zu ti-ageu gewohnt 
war; so verfiel er auf die Vermutung, er könnte ,aus Zerstreut- 
heit* "den Ring mit dem Messer eingesteckt haben. Er griff also 
in die Tasche und fand dort wirklich den gesuchten Ring. 

,Der Ehering in der Westentasche' ist die sprichwörtliche 
Aufbewahrung sart für den Ring, wenn der Mann die Frau, von 
der er ihn empfangen hat, zu betrügen beabsichtigt. Sein 
Schuldgefühl hat ihn also Kiinächst znr Selbstbestrafung (,I>u 
verdienst es nicht mehr, diesen Ring zu tragen*), in zweiter 
Linie 'Zu dem Eingeständnis seiner Untreue vcraahiiit, aller- 
dings bloß in der Form einer FeUlhandlung, die keinen Zeugen 
liatte. Erst auf dem Umweg über den Bericht davon — ■ der 
alloi'dings voraussehbar war ■ — kam es zum Eingeständnis der 
begangenen kleineu , Untreue'." — 

Ich weiß auch von einem älteren Herrn, der ein sehr junges 
Mädchen zur Frau nahm imd die Hochzeit-snacht anstatt ab- 
zureisen in einem Hotel der Großstadt zuzubringen gedachte. 
Ka,um im Hotel angelangt, merkte er mit Schrecken, daß er 
seine Brieftasche, in der sich die ganze für die Hochzeitsreise 
bestimmte Grcldsumme befand, vermisse, also verlegt oder ver- 
loren habe. Es gelang noch, den Diener telephonisch zu er- 
reichen, der das Vermißte in dem a,bg(ilegten Rock des Hoch- 
zeiters auffand und dem Harrenden, der so ohne Vermögen 
in die Ehe gegaiigen war, ins Hotel brachte. Er konnte also 
am nächsten Morgen die Reise mit seiner jungen Frau an- 
treten ; in der Nacht selbst war er, wie seine Befürchtung 
voraiisgeselien hatte, „unvermögend" gebliL'ben. — 



i 



250 '^ SYMPTOM- ÜXD ZÜFALLtiH AK ÖLUNGEN. 

Es ist tröstlicli zu dejikon, daß das „Vt^rlieren" der Men- 
schen in ungeahnter Ausdehnung Symptoinhandlnng und so- 
mit wenigstens einer geheimen Absicht des Verlustträgers will- 
k(»minen ist. Es ist oft uur ein Ausdi'uck der geringen Schät- 
zung des verlorenen Gegenstandes oder einer geheimen Ab- 
neigung gegen dcusellxju oder gegen die Person, von der er 
herstammt, oder die Verlustneigung hat sich auf diesen Gt;- 
g<;nstoiicl durch symbolische Gedankenverbindung von anderen 
und bedeutsameren Objekt(?n her übertragen. Das Verlieren 
wcrtvoUur Dingo dient mannigfachen Kegimgen zum Ausdiniok, 
ee soll entweder einen verdrängten Gedaaiken symbolisch dar- 
sti-Ucu, also eine Malmmig wiederholen, die man gern über- 
hÖrt-'u möchte, oder es soll — und dies vor allem anderen — 
den dunklen Schicksalsniächten — Opfer bringen, deren Dii^ust 
auch unlycr uns noch nicht erloschen ist*. 



* Hier noch ciue klciue Saiiunltmg mauitigfaJtiger Sympfoiuhaudliiii- 
Ken bei Gesunden und Ncurotikern; Eio älterer Kollege, der nicht geni 
im Kartenspiel verliert, hat eines Abends eine größere Terlustauuim© klag- 
los, aLi-r in elften tümlicli veriialtener Stimmung ausgezahlt. Nach seiucm 
Wcggeliou wird entdeckt, daS er «o ziemlich alles, was er bei äjch trägt, 
auf öL-incm Tlatz zuriickgelasßen hat: Brille, Zigarrentasche und Sacktuch. 
Das fordert wohl die Obersetzung: Ihr Banbcr, ilir habt mich d:i. schöu 
tiUBgeplünderl . — Kiu Mann, der an gelegentlich auftretender' sexueller 
Impotenz leidet, welche ia der Innigkeit seiner Kinderhu/iehuugcn zur 
Mutter Iwgründet ist, berichtet, daß er gewohnt ist, Schriften und Auf- 
zeichnungen aiit einem S, dem Anfangsbuchstaben des Xamens seiner 
Mutter, zu verlieren. Er verträgt es nicht, daü Briefe vom Hause auf 
seinem Schreibtisch in Berührung mit rinderen anheiligen Briefschaften 

geraten, und ist darum genötigt, erster» ge:iondert aufzubewahren. 

Eine junge Damo reißt plötzlich die Tür des Behandlungszimmers auf, 
in dem eich noch ihre Vorgängerin befindet. Sie entschuldigt sich mit 
„Gedankenlosigkeit**; es ergibt sich bald, daJ3 sie die Neugierde demon- 
alrlert, hat, weluhe sie seinerzeit ins Schlafzimmer der Eltern dringen 



IX. SYMPTOM- UND 2UFALLSliANDLUNGE>\ 



251 



Zur Erläuterung dieser Sätze über das Verlieren nur einige 

Beispiele : 

Ur. B. Dattner. „Ein Kollege berichtet mir, daß er seineu 
Fenkala Stift, den er bereits über zwei 'Jahre besessen habe und 



ließ. — Mädclien, die auf ihre schönen Haare stolz sind, wissen so ge- 
schickt mit Kamm und Haurnibdelii umÄngehen, daß sich ihueii mitten 
im Gef.ri"ä<ih die Haare lösen. — Manche Jlilnniir zeratreucn während der 
Behandlung (in Hegender Stellung) Kleingeld aus der Hosentasche und 
honorieren so die Arbeit der EehaJidlungsstundo je nauh ihrer Schätaung. 
~ Wer beim Arzt einen inifcgebrachben Gegenstand wie Zwicker, Hand- 
schuhe, Täschchen vergißt, deutet damit an,, daß er sich nicht losreißen 
kann und gern bald wiederkommen möchte. E. Jones sagt : Ouo can 
almost meaöure tbc "'suceeas witli wldcli a physician is practisiug psyobo- 
therapy, for insfcajicc by tlie size of th© coliection oZ umbrellas, hand- 
kcrcliii'fs, pnrses, and so on, that ho could make in a montb. — Die 
kleinsten gewohnbeitsmäßigen und mit minimaler Aufmerksamkeit aus- 
geführten Yemchtungen, wie daa Aufziehen der Uhr vor dem gohlafen- 
gchen, daa Auslösclien des Lichtes vor dem Verlassen des Zimmers u. q., 
Bind gelegentlich Störungen unterworfen, welche den EinllutJ dur unbe- 
wußtea Komplexe auf die augeblich stärksten „Gewohnheiten" unverkenn- 
bar demonstrieren. JMaeder erzählt in der Zeitscbi'ift „Coenobium" von 
einem Spitalarzte, der sich eines Abends einer wichtigen Angelegenheit 
w'egen entschloß, in die Stadt zu gehen, obwohl er Uiensl, hatte und das 
[Spital nicht hätte verlassen sollen. Mä er zurückkam, bemerkte er zu 
seinem Erstaunen Licht in sciuoiQ Zimmer. Er hatle, wjis ihm früher 
nie geschehen war, vergessen, bei seinem Weggehen dunkel zu machen. 
Er besann sicli aber bald auf das Motiv dieses Vergessens. Der im Hau.se 
wolmendc Spitaidircktor mußte ja aus dem Licht im Zimmer eeiues In- 
terne den Schluß ziehen, daß dieser im Hause sei. — Ein mit Sorgen 
überbürdeter und gelegentlich Verstimmungen unterworfener Mann ver- 
sicherte mir, daß er regelmäßig am Morgen seine Uhr abgelaufen findr, 
wenn ihm am Abend vorher das Leben gar au hart und unfreundlich er> 
ecliienen sei. Er druckt also durch die Unterlassung, die Ulir aufzu- 
ziehen, symbolisch aus, daß ihm nichts damn gelegen sei, den näAshaten 
Tag zu erleben. — Ein anderer, mir persönlich unbekannt, tohreibt; „Von 



252 



IS. Sl'MPTOM- UND ZI" FALLSHANDLUNGEN. 



cler ihm seiner Vorzüge wegen sehr wertvoll geworden sei, ■un- 
vermutet verloren habe. Die Analyse ergab folgenden Tat- 
bestand : Am Tage vorher hatte der Kollege von seinem Schwa- 
ger einen empfindlich unangenehmen Brief erhalten, dessen 
Schlußsatz folgendermaßen lautete : ,Tch habe vorläufi"- weder 

einem bartcn Schicksal Sachlage betroffen, erschien mir daß Leben so hart 
vind nnfrcundlich, daß ich mir einbildete, keine genügende Kraft zu fin- 
den, uni den nücbston Tag durchznleben, und da bemerkte ich, daß ich 
faat täglich meine Uhr aufzuziehen vergaß, was ich früher niemals nnter- 
Ueß und es vor dem Niederlegen regelmäßig fast mechanisch unbewußt 
tut. Nur Bellen erinnerte ich mich daran, wenn ich am folgenden 
Tilge etwas Wichtiges oder mein Interesse besonders Fesselndes vor hatte. 
Sollte auch dies eine Sj-mptomhandlung sein? Tch konnte mir dies gar 
nicht erklären." — Wer sich, wie Jung (Obef die Psychologie der 
Dcmcnlia praecox, 1907, S. 62) oder Maeder (üne voie nouvelle en 
pflychologic — Freud et son ecole, „Coenobium", Lugano 1909) die Mühe 
nehmen will, auf die Melodien ru achten, welche maTi , ohne es zn beab- 
sichtigen, oft ohne ca zu merken, vor sich bin trällert, wird die -Beziehung 
des Texte» zu einem die Fersen beschäftigenden Thema wohl regelmäßig 
aufdecken können. 

Auch die feinere Deleraünierung des Gedankenausdruckes in Bede 
oder Schrift verdiente eine sorgfältige Beachtung. Man glaubt doch im 
allgemeinen die Wahl zu haben, in welche Worte man seine Gedanken' 
einkleiden oder durch welches Bild man sie verkleiden soll. Nähere Beob- 
achtung zeigt, daß andere Rücksichten über diese Wahl entscheiden, und 
daß in der Form des Gedankens ein tieferer, oft nicht beabsichtigter Sinn 
durchschimmert.. Die Bilder und Redensarten, deren sich eine Person 
vorzugsweise bedient, sind für ihre Eeurteiinng meist nicht gleichgulti" 
und andero erweisen eich oft als Anspielung auf ein Thema, welches der- 
zeit im Hintergründe gehalten wird, aber den Sprecher mächtig ergriffen 
hat. Ich h6rt(> jemand zu einer gewissen Zeit wiederholt In theoretischen 
Gespräoheu die Redensart gebrauchen: „Wenn einem plötzlich etwas durch 
den Kopf schießt", aber ich wußte, daß er vor kurzem die Nachricht er- 
halten hatte, seinem Solin sei die Feldkappe, die er auf dem Kopfe trug, 
von vorn nach hinten durch ein russisches Projektil durchschossen worden. 



IX. SYMPTOM- UND ZUFALT^UANDLUNGEN. 



253 



Lust noch. Zeit, Deinen Leiclitsiim und Deine Faulheit zu 
imtei-stützen.' Der Affekt, der sich au diesen Brief kuüpfte, 
war so mächtig, daß der Kollege j^rompt am nächsten Tage den 
PenkaJa, ein Geschenk dieses Schwagers, opferte, um 
durch dessen Gnade nicht allzusehr beschwert zu sein." 

Eine mir bekannte Dame hat sich, wie begreiflich, wnJirend 
der Trauer um ihre alte Mutter des TheaterbesuclK-s enthalten. 
Es fehlen jetzt nur noch wenige Tage bis zum Ablauf des 
Trauerjahres, und sie läßt sich durch das Zureden ihrer Be- 
ka.nnten bewegen, eine Theaterkarte für eine besonders inter- 
essante Vorstellung au nehmen. Vor dem Theater angelangt, 
macht sie die Entdeckung, daß sie die Karte verloren hat. Sie 
meint später, daß sie dieselbe mit der Tramwaykarbe weg- 
geworfen hat, als sie aus dem Wagen ausstieg. Dieselbe Dame 
rühmt sich, nie etwas, aus Unaohtsamkeit zu verlieren. 

Maa darf also annehmen, daß auch ein anderer 
Fall von Verlieren, den sie erlebte, nicht ohne gute Motivie- 
rung war. 

In einem Kurorte angekommen, entschließt sie sich, eine 
Pension zu besuchen, in dar sie ein früheres Mal gewohnt 
hatte. Sic wird dort als alte Bek^nnte aufgenommen, be- 
wixtt't und erfährt, als sie bezalilen will, daß sie sich als 
Gast zu betrachten habe, was ihr nicht ganz recht ist. Es 
wird ihr zugestanden, daß sie etwas für das servierende Mäd- 
chen zurücklassen darf, und sie öffnet ihre Börse, um einen 
Markschein auf den Tisch zu legen. Am Abend bringt ihr der 
Diener der Pension einen Fiuifjnarkschoin, der sich unter dem 
Tisch gefunden und nach der Meinmig der Pensionsinhaberin 
dem Fräulein gehören dürfte. Den hatte sie also ;ius der 
Börse fallen lassen, als sie ihr das Tnakgeld für das Mäd- 



2H 



IX SYMPTOM- UND ZUP ALLSHANDLUNGEN. 



chfin entuahiu. WahrsclieinlicL wollte sie dooh ihre Zeche 
bezalileu. 

Ott,(j Rank hat in einer längeren Mittfilnug (Das Verlieren 
als SyniptomliancUung, Zentralbl. für Psychoanalyse, I, 10/11) 
die diesem Akte zu Grunde liegende Opferstimmung und dessen 
tiefer reichende Motivierungen mit Hilfe von Traumanalysen 
dnrclisichtig gi.-macht. (Ändere Mitteilungen desselben Inhalts 
im Zcntralblatt für Psychoanalyse, II, und Internat. Zeit- 
sclirift für Psychoanalyse, I, 1913.) Interessant ist es dann, 
wenn er hinzufügt, daÜ manchmal nicht nur das Verlieren, 
sondern auch das Finden von Gegenständen determiniert er- 
sclicint. In welchem Sinne dies zu verstehen ist, mag aus 
seiner Beobachtung, die ich hieher setze, hervorgehen. Es ist 
klnr, daß beim Verlieren das Objekt bereits gegeben ist, das 
l>eim rinden erst gesucht werden maß (Internat. Zeitschr. für 
Psychoajialyse, III, 19iö>. 

„Kin materiell von seinen Eltern abhängiges junges Mäd- 
ehen will sich ein biUiges Schmuckstück kaufen. Sie fragt im 
■ Laden nach dem Preise des ihr zusagenden Objekts, erfährt 
a.ber zu ihrem ßetrüben, daß es mehr kostet, als ihre Er.spaj-- 
nisse betragen. Und doch sind es nur zwei Kronen, deren 
Fehlen ihr diese kleine Freude verwehrt. In gedrückter Stim- 
mung schlendert sie durch die abendlich belebten Straßen der 
Stadt nach Hause. Auf einem der stärkst frequentierten Plätze 
wird sie plötzlich — obwohl sie ihrer Angabe mich tief in Ge- 
dajiken versunken war — auf ein am Boden liegendes kleines 
Blättchfn aufmerksam, das sie eben achtlos passiert hatte. 
Sio wendet sich um, hebt es atif und bemerkt zu ihrem Er- 
staamen, daß es ein zusammengefalteter Zweikronenschein ist. 
Sie denkt sich : das iiat mir das Schicksal zugeschickt, damit 
ich mir den Schmuck kaufen kann, uud macht erfreut Kehrt, 



IX. SYMPTOM- UND ZUFÄLT.SHANDLUNGEN. 



255 



um diesem Winke zu fol^ii. Im selben Moment aber sagt 
sie sicli, sie dürfe das doch nicht tun, wftil das gefundcuo 
Geld ein Glücksgeld ist, das man nicht ausgeben daiü. 

Das Stückchen Analyse, das zum Verständnis dieser ,Zu- 
fallsliandhmg' gehört, darf man wohl auch ohne persönliche 
Auskunft der Betroffenen a,us der gegebenen Situation er- 
schließen. Unter den Gedanken, die das Mädchen beim Nach- 
lianscgehen beschäftigten, wird sich wohl der ihrer Armut 
u;id materiellen Einschränkung im Vordergrunde befunden 
ha.ben, und zwar, wie wir vermuten dürfen, im Sinne der 
wimscherfiUlenden Aufhebung ihrer drückenden Verhältnisse. 
Die Idee, wie man auf leichteste Weise zu diesem fehlenden 
Geldbetrag kommen könnte, wird ihrem auf Befriedigung ihres 
bescheidenen Wmisches gerichteten Interesse kaum fernge- 
blieben sein und ihr die einfachste Losung des Findens nahe- 
gebracht haben. Solcherart war ihr Unbewußtes (oder Vor- 
bewußtes) anf , Finden' eingestellt, selbst wenn der Gedanke 
daran ihr — wegen anderweitiger Inanspruchnahme ihrer Auf- 
merksamkeit (,in Gedanken versunken') — nicht voll bewußt 
geworden sein sollte. Ja., wir dürfen auf Grund ähnlicher 
analysierter Fälle geradezu behaupten, daß die unbewußte 
,Such-I3ereitschaft' viel eher zum Erfolg zu führen vermag als 
die bewußt gelenkte Aufmerksamkeit. Sonst wäre es auch 
kaum erklärlich, wieso gerade diese eine Person von den vielen 
Hunderten Vorübergehenden, noch dazu imter den erschwe- 
renden Umständen der ungünstigen Abendbeleuchtung und 
der dichtgedräng'ten Menge, den für sie selbst überraschenden 
Fund machen konnte. In welch starkem Ausmaß diese uu- 
oder voTbe\vußte Bereitschaft tatsäcldich bestand, zeigt die 
sonderbare Tatsache, daß das Mädchen noch nach diesem 
Funde, also nachdem die Einstellung bereits überflüssig ge- 



256 



IX. SYMPTOM- UND ZUFALLS HANDLUNGEN. 



worden und gewiß sclion der bewiißten Aufmerksamkeit ent- 
zogen war, auf ihrem weiteren Heimweg au einer dunklen und 
einsamen Stelle einer Vorstfidtstraße ein Taschentuch fand." 

Man muß sagen , daß gerade solche Symptomhand langen 
oft den beaten Zugang zur Erkenntnis des intimen See len- 
lebens der Menschen gestatten. 

Von den vereinzelten Ziilallshandlungen will ich ein Bei- 
spiel mitteilen, welches auch ohne Analyse eine tiefere Deu- 
tmj^^ zuließ, daa die Bedingungen trefflich erläutert, unter 
df-ncn solche Symptome vollkommen unauffällig produziert 
werden können, und an das sich eine praktisch Ijedeutsame 
Bemerkung anknüpfen läßt. Auf einer Sommerreise traf es 
sich, daß ich einige Tage an einem gewissen Orte auf die An- 
kunft meines Reisegefährten zu waxten hatte. Ich machte 
»mterdcs die Bekanntschaft eines jungen Mannes, der sich 
gleich i'alls einsam zu fühlen schion und sich bereitwillig mir 
aaischloß. Da wir in df-mselben Hotel wohnten, fügte es sich 
leicht, daJ3 wir alle Malilzeiten gemeinsam einnahmen imd 
Spaziergänge nüleinauder machten. Am ^Cachmitta*' des 
dritten Tages teilte er mir plötzlich mit, daß er heute abends 
seine mit dem Eilzuge einlangende Frau erwarte. Mein psycho- 
logisclies Interesse wurde nun rege, denn es war mir an meinem 
G<'S( lischaf ter bereits am Vormittag aufgefallen, daß er meinen 
Vorschlag? zu einer größeren Partie zurückgewiesen und auf 
unserem kleinen Spaziergang ciuen gewissen Weg als zu steil 
und gpfährlich nicht hatte begehen wollen. Auf dem Naeh- 
mittagsspaziergang behauptete er plötzlich, ich müßte doch 
hungrig sein, ich sollte doch ja nicht seinetwegen die Abend- 
mahlzeit aufschieben, er werde erst nach der Ankunft seiner 
Fia.u mit ihr zu Abend essen. Ich verstand den Wink und 
setzte mich an den Tisch, während er auf den Bahnhof ging. 



IX. SYMITOM- UND ZüFALLSHANDLUKGEN. 



257 



.•Vni uächstcn Morgen traXcii wir uns in der Vorhnlle des Ho- 
tels. Er stellte mich seiner Frau vor und fügte hinzu: Sie 
werden douli mit uns das Frülistück nolmien? luh hatte noch 
eine kleine Besorgung in der nächsten Straße vor und ver- 
sicherte, ich würde bald nachkommen. Als ich dann in deu 
Frühst iickssaal. trat, sali ich, daß das Paar an einem kleinen 

K'_ Fenstertisch Pla.tz genommen hatte, auf dessen einer Seite sie 
beide saßnn. Auf der Gegenseite befand sieh nur ein Sessel, 
aber über dessen Lehne hing der große und schwere Juoden- 

-^ ^mantel des Mannes herab, den Platz verdeckend. Ich verstand 

- sehr wohl den Simi cheser gewiß nicht absichtliclien, aber 
dai-um um so ausdrucksvolleren Liigerung. Ks hieJi ; Für dich 
ist hier kein Platz, du l)ist jetzt überflüssig. Der Mann be- 
merkte es nicht, daJJ ich vor dem Tische stehen blieb, ohue 
mich zu setzen, wohl aber die. Dame, die iliren Mann sofort 
anstieß und ilun zuflüsterte: Du hast ja dem Herrn den 

■■'- 'Pla.tz verlegt. 

Bei diesem wie bei anderen ähnlichen Ergeluiisson habe ich 
mir gesagt, daß die unnlisichtlieh ausgeführten Handlungün 
unvermeidli(^h zur Quelle von Mißverständnissen im mensch- 
lichen "\'orkehr werden müssen. Der Täter, der von einer mit 
ihnen verknüpften Absieht nichts weiß, rechnet sich dieselbi-n 
nicht an und hält sich nicht verantwortlich für sie. Der 
andere hingegen erkennt, indem er regelmäßig auc|i solche 
Handlungen seines Partners zu Schlüssen über dessen Absicliten 
und Gesinnungen verwertet, mehr von den psychischen Vor- 
gängen des Fremden,. als dieser selbst zuzugeben bereit ist 
um.1 mitgeteilt zu haben glaubt. Letzterer aber entrüstet sich, 
wenn ihm diese aus seinen Symptomhandlnngen gezogenen 
Scblüss<- vorgehalten werden^ ei-kläi-fc sie für grundlos, da ihm 
das Bewußtsein für die Absicht bei der AusfüluLing felUt, und 

Freud, rByulioputhoIogic C%s A^tIlgBlebcD^. VIlI. AnB, 17 



258 IX. SYMPTOM- UND ZUPALLSHANDLUNCEN. 



1 

f. 



klagt über Mißvcisüimluis von selten des anderen. Genau bo- 
seheu berulit ein solches Mißverständnis auf einem Zufein- und 
Zuviflvcrstehen. Je „nervöser'' zwei Menschen sind, desto eher 
werden sie ninajider Anlaß zu Entaweiungon bieten, deren Be- 
gründung jeder für seine eigene Person ebenso bestimmt leug- 
net, wie er sie für die Person des anderen als gesichert an- 
nimmt. Und dies ist wohl die Strafe für die innere Unaufrich- 
ti^keit, daß die Menschen, unter den Verwänden des Ver- 
gcssens, Vergreifens und der Unabsichtlichkpit Regungen den 
Ausdruck gestatten, die sie besser sich und anderen einge- 
stehen würden, wenn sie sie schon nicht beherrschen können. 
Man'kami in der Tat ganz allgemein behaupten, daß jedermann 
fortwährend psychische Analyse an seinen Nebenmenschen be- 
treibt und diese infolgedessen besser kennen lernt als jeder ein- 
zelne sich selbst. Der Weg zur Befolgung der Malinmig ^vfiBt 
gsaoTÖv führt durch das Studium seiner eig^enen,_scheinh^ ]]aTT=~~ 
f älligen Handlungen nnd Unterlassungen^ 

Von all den TMchtoni, die sich golegentlich über die kleinen 
Syniptomhnndbuigen und Fehlleistungen geäußert oder sich 
ihrer bedient haben, hat keiner deren geheime Natur mit 
solcher Klarhrüt erkannt und dem Sachverhalt eine so un- 
heimliche Belebung gegeben wie Strindberg, de88<?n Genie 
Ix^i solcher Erkenntnis allerdings durch tiefgehende psychische 
Abnormität unterstützt wurde. 

Dr. Karl Weiß (Wien) hat auf folgende Stelle aus einem 
seiner Werke aufmerksam, gemacht. (Int-ernat. Zeitschrift für 
Psychoanalyse, I, 1913, S. 268): 

■ ,,Nach einer Weile kam der Graf \virklich und er trat ruhig 
an Esther heran, als habe er sie zu einem Stelldichein bestellt. 

— Hast du lange gewartet? fragte er mit seiner ge- 
dämpften Stimme. 




IX. SYMPTOM- UND ZüFALLSHANDLUNGEN. 



259 



— Sechs Moimte, wie du weißt, auiworfcete Esther; aber 
du hast mich heute gesehen? 

— Ja, eheii im' Straßenbahnwagen ; und icli sah dir in die 
Augen, da.ß,ich mit dir zu sprechen glaubte. 

— Es ist viel , geschehen' seit dem letztenmal. 

— Ja^ und ich gla.ubto, es sei zwischen uns ans. 
^ Wieso? 

— Alle Kleinigkeiten, dir ich von dir bekommen habe, 
gingen entzwei, und zwar auf eine okkulte Weise. Aber das 
ist eine alte Wahrnehmmig. 

— Was du sagst! Jetzt erinnere ich mich an eine gajize 
Menge Fälle, die ich für Zufälle hielt. Ich bekam einmal ein 

it'r. Pincene/- von meiner Gi-oßmutter, während wir gute Freunde 
waren. 'Es war aus geschliffenem Bergkristall und ausgi^- 
zeichnet bei den Obduktionen, ein wahres Wunderwerk, das 
ich sorgfältig hütete. Eines Tages brach ich mit der Alt»ü, 
und sie wurde auf mich böse. 

Da geschah es bei der nächsten Obduktion, daß die Gläser 
ohne Ursache herausfielen. Ich glaubte, es sei ganz einfach 
entzwei ; schickte es zur Ecpai-atTir. Nein, es fuhr fort, seineu 
Dienst zu verweigern; wurde in eine Scliublado gelegt und ist 
fortgekommen. 

— Was du sagst I Wie eigentümlich, daß das, was die' 
Augen betrifft, ajn empfindlichsten ist. Ich hatte ein Doppel- 
glas von einem Freunde bekommen; das paßte für meine 
Augen so gut, daß der Gebrauch ein Genuß für mich war. Der 
Freund und ich wurden Unfreunde. Du weißt, dazu kommt es, 
ohne sichtbare Ursache ; es scheint einem, als dürfe man 
nicht einig sein. Als ich das Operngla-s 'das nächste Mal be- 
nutzen wollte, konnte ich nicht klar sehen. Der Schenkel war 
zu kurz und ich sah zwei Bilder. Ich brauche dir nicht zu 

17* 



2(U) IX. SYMFrOM- UND ZUFALUS HASDLUXGEy. 

sagen, cUiß sich w^i^r der Schenkel verkürzt noch dor Ab- 
stand der Augen vergrößert hatte! Es war ein Wunder, das 
alle Tage gcscliieht uud das schlechte BeoTiacbter niclit mer- 
ken. Die Erklärung? Die psychische Kraft des Hasses 
ist wohl größer, als wir glauben. — Übrigens der Ring, 
den. ich von dir bekommen habe, hat den Stein verloren — und 
liißL sich nicht repaxirren, läßt sich nicht. Willst du dich jetzt 
von mir trennen?... (,Die gotischen Zimmer', S. 238 f.)" 

Auch auf dem Gebiete der Symptomhandlungeu muß die 
psychoanalytische Eeobaclilung den Dichteru die Priorität 
nbtreten. Sie kann uur wiederholen, was diese Längst gesagt 
hüben. Herr Wilh, S t r o ß macht mich auf naL-hstehende 
SteUe in dem bekannten humoristischen Roman Tristram 
Shaudy von Lawrence Sterne aufmerksam (VI. Teil, 
V. Kapitel): 

, „und OS wundert mich keineswegs, daß Gregoriiis von 
Küzianzum, als er am Julian die schnelLm uud mistet^en Ge- 
bärden wahrnahm, voraus sagte, daß er eines Tages abtrünnig 
werden würrlc; — oder daß St. Ambro-sius seinen Amanuensem, 
wegen einer unanständigen Bewegung mit dem Kopfe, der ilim 
wie ein Drcsnliflngi?! hin uud her giug, wegjagte. — Oder daß 
Democritus gleich merkte, daJ3 Protagoras ein Gelehrter wäre, 
weil er ihn ein Bündel Reisholz binden und die dünnsten 
Reiser in die Mitte legen sah. — Es gibt tausend unbemerkte 
Offniuigen, fuhr mein Vater fort, durch welche ein scharfes 
Auge auf einmal die Seele cat^lecken kann; imd ich behaupte, 
füpt-e or hinzu, daß ein vernünftiger ^lann nicht seinen Hut 
niederlegen kann, wenn er in ein Zimmer kommt, — oder 
aufnehmen, wenn er hinaus geht, oder es entwischt ihm 
etwas, dns ihn verrät." 




X. 

IliUTÜMER. 



Dift Irrtümer des Gedächhiisses sind vom Versrosspu mit 
rehlerinneni mir durch den einen Zug im ter schieden, daß der 
Irrtum (da^ r-ehlerinnem) niclifc als solcher erkannt wird, 
soudi-rn Glauben findet. Der Gebrauch des Ausdrucke ,, Irr- 
tum'" .scheint aber noch an einer ajideren Bedingung zu hängen. 
Wir .sprechen von ,,In-en" anstatt von ,, falsch Erinnern", wo 
in dem zu reproduzierenden psychischen Material der Cha- 
rakter -der objektiven EealitÜt hervorgehoben werdou soll, wo 
also etwas anderes erinnert werden soll als eine Tatsache 
unseres eigenen psychischen Lebens, vielmehr etw.os, was der 
Bestätigung oder Widerlegung durch die Krinnei-ung anderer 
zugänglich ist. Den Gegensatz zum Gedächtnisirrlnm in 
diesem Sinne bildet die Unwissenheit. 

In meinem Buche ,,Die Traumdeutung'' (1900)* hnbe ich 
mich eiuer Reihe von Verfälschungen an geschichtlichem und 
überhaupt tatsächlichem Material schuldig gemacht, auf die 
ich nach dem Erscheinen des Buches mit Verwuudenmg auf- 
merksam geworden bin. Ich habe bei näherer Prüfung der- 
selben gefunden, daß sie nicht meiner Unwissenheit ent- 
sprungen sind, sondern sich a.uf Irrtümer des Gedächtnisses 
zurückleiten, welche sich durch Analyse aufklären lassen. 

* 5. Au£l. 1919. 



262 X- iertOmer, 



a) Auf S. 266 bezeichne ich als den Greburtsort Schillers 
die Stadt Marburg, deren Name in der Steiermark wieder- 
kehrt. Der Irrtum findet sich In der Analyse eines Traumes 
während einer Nachtreise, aus dem ich durch den vom Kon- 
dukteur ausgerufenen Stationsnamen Marburg geweckt 
wurde. Im Trauminhalt wird nach eiucra Buche von Schiller 
gefi-agt. Nuu ist Schiller nicht in der Universitätsstadt 
Marburg, sondern in dem schwäbischen Marbach geboren. 
Ich behaupte auch, daß ich dies immer gewußt habe. 

h) Auf S. 135 wird Hannibals Vater Hasdruhal ge- 
nannt. Dieser Irrtum war mir besonders ärgerlich, hat micl» 
a.ber in der Auffassung solcher IiTtümer am meisten bestärkt. 
In der Geschichte der Barkiden dürften wenige der Leser des 
Buches besser Bescheid wissen als der Verfasser, der diesen 
Fehler niederschrieb imd ihn bei drei Korrekturen übersah. 
Der Vater Honnibals hieß Hamilkar Barkas, Hasdru- 
hal war der Name von Hannibals Bruder, übrigens auch 
der seines Schwagers und Vorgängers im Kommando. 

c) Auf S. 177 und S. 370 behaupte ich, daß Zeus seinen 
Vater Kronos entmannt und ihn vom Throne stürzt. Diesen 
Greuel lia.be icli aber irrtümlich um eine Generation vorge- 
schoben; die griechische Mythologie läßt ihn von Krouos an 
seinem Vater Uran es verüben*. 

Wie ist es nun zu erklären, daJJ mein Gedäx;htnis in diesen 
Punkten Ungetreues lieferte, während es mir sonst, wie sich 
Ixiser des Buches überzeugen können, das entlegenste und unge- 
bräuchlichste Material zur Verfügimg stellte? Und ferner, daß 




* Koin voller Irrtum! Die orphisclie Version des Mythus ließ die 
KuLmannuug au Kionos von seinem Sohm: Zeus wiederholt wordeu. (Ro- 
H u h r, Lexikon der Mythologio.) 



X. IRHTÜMER. 2(Vd 



ich bei drei sorgfältig durchgeführten Korrekturen wie mit 
Blindheit geschlagen an diesen Irrtüuiem vorbeiging? 

Goethe hat von Lichtenberg gesagt: Wo er einen 
SpaJ3 macht, liegt ein Problem verborgen. Ähnlich kann man 
über die hier angefühi"ten Stellen meines Buches behaupten : 
Wo ein Irrtum vorliegt, da, steckt eine Verdrängung daliiuter. 
Richtiger gesagt: eine Unauf rieht igkeit, eine Entstellung, die 
schließlich auf Verdrängtem fußt. Ich bin bei der Analyse der 
dort mitgeteilten Träume durch die bloße Natur der Themata, 
a-uf welche sich die Traumgedanken beziehen, genötigt ge- 
wesen, einerseits die Analyse irgendwo vor ihrer Abrundung ab- 
zubrechen, laud^rseits einer indiskreten lüinzelheit durch leise 
Entstellung die Schärfe zu benehmen. Ich konnte nicht anders 
und hatte auch keine andere WaJil, wenn ich überliaupt Bei- 
spiele xmd Belege vorbringen wollte; meine Zwangslage leitete 
sich mit Notwendigkeit aus der Eigenschaft der Träume ab, 
Verdrängtem, d.h. Bewußtseinsuufäliigem Ausdimck zu geben, 
Es dürfte trotzdem genug übrig geblieben sein, woran emp- 
findlichere Seelen Anstoß genommen haben. Die Entstellung 
oder Yerschweigung der mir selbst noch bekaimteu fortsetzen- 
den Gedanlccn ha.t sich nun nicht spurlos durchführen lassen. 
Was ich unterdrücken wollte, hat sich oftmals wider meinen 
Willen den Zugang in das voa mir Aufgenommene erkämpft 
und ist darin als von mir unbemerkter Irrtum zum Vorschein 
gekommen. lu allen drei hervorgehobeneu Beispielen liegt 
übrigens das uämliche Thema nu Grunde; die Irrtümer sind 
Abkömmlinge verdrängter Gedanken, die sich mit meinem ver- 
storbenen- Vater beschäftigen. 

ad a. Wer den auf S. 266 analysierten Traum durchliest, 
wird teils unverhüllt erfahren, teils aus Andeutungen erraten 
können, diüi ich bei Gedanken abgebrochen habe, die eine uii- 



264 



X. iretCmer. 



freundliche I^ritik am Vater «juthaltcn hallen. In der Furt- 
setzung dieses Zuges von Gedanken und Erimieruiigen liegt nun 
eine ärgerliche Geschichte, in welcher Bücher eine Rolle 
sjneleu, und ein Geschäftsfreund des Vaters, der den Namen 
.\Farbtirg führt, denselben Namen, durch dessen Ausruf in der 
gleichuiimigen Siidbahustation ich aus dem Scldafo geweckt 
wTirdo. Diesen Herrn Marburg wnllte ich bei der Analyse mir 
und den Lesern unterschhigen; er rächte sich dadurch, daß er 
sich dort einmengte, wo er nicht hingehört, und den Namen 
des Gcburt-sorLes Schillers aus ilarbach iu ilarburir 
verändnrte. 

ad b. Der Irriuin Hasdrubal anstatt Hamilkar, der 
Nam« des Bruders an Stelle des Namens des Vaters, ereignete 
sich gerade in einem Zusammenhange, der von den Hannibal- 
phantasieu meiner Gymnasiasten jähre und von meiner Unzu- 
friedenheit mit dem Benehmen des Vaters gegen die „Feinde 
unseres Volkes*' liandelt. Ich hätte fortsetzen und erzäJilen 
können, wie mein Verhältnis zum Vater durch eiucn Besuch in 
iMigland verändert wurde, der mich die Bekanntschaft meines 
dort lebenden Halbbruders aus früherer Ehe des Vaters machen 
ließ. j\Ieiu Bruder hat einen ältesten Sohn, der mir gleichaltrig 
ist; die Phantasien, wie anders es geworden wäi-e, wenn ich 
nicht als Sohn des Vaters, sondern des Bruders zur "Welt ge- 
kommen wäre, fanden also kein Hindernis an den Altersrelatio- 
neu. Diese unterdrückten Phantasien fälschten nun an der 
Stelle, wo ich in der Analyse abbrach, den Text meines Bu- 
ches, indem sie mich nötigten, den Namen des Bruders für 
den des Vaters zu setzen. 

ad c. Dem Einfluß der Erinnening an diesen selben Bruder 
schreibe icli es zu, daß ich die mythologischen Greuel der grie- 
chischen Götterwelt um eine Generation vorgeschoben habe. 



X, IRRTUM EK. 265 



^'oll den ilaJimingeu ties Bruders' ist mir länge Zeit eiue im Go- 
däclituis geblieben: „Vergiß nicht in bezug auf Lebensführung 
ciues,'' hatte er mir güsii,gt, „daß du nicht der zweiten, sondern 
eigentlich der dritten Generation vom Vater aus angehörst." 
Unser Vy.tor hatte sicli in späteren Jahren wieder verheirat-et 
und war um so vieles älter, als seine Kinder zweiter Ehe. Ich 
Ijegehe den besprochenen Irrtixm im Buche gerade dort, wo icli 
von der Pietät zwischen Eitern und Kindern liandle. 

Es ist auch einigemal vorgekommen, daß Freunde und Pa- 
tienten, deren Träume ich bericiitete, oder auf die ich in den 
Traumanalysen anspielte, micii aufmerksaaii machten, die Um- 
stände der gemeinsam erlebten Begeljeuheit seieu von mir un- 
genau erzählt worden. Ba-s wili-eu nun wiederum historische 
Irrtümer. Ich habe die einzelnen Fälle nach der Richtigstelliuig 
nachgeprüft und mieli gleichfalls überzeugt, daß meine Erimie- 
rung des Sachlichen nur dort ungetreu war, wo ich in der Ana- 
lyse etwas mit Absicht entstellt oder verhehlt hatte. Auch hier 
wieder ein unbemerkter Irrtum als Ersatz für eine 
absichtliche Verschweigung oder Verdrängung. 

Von diesen Irrtümern, die der Verdrängung entspringen, 
heben sich scharf andere ab, die auf wirklicher Unwissenheit 
beruhen, ßo war es z, B. Unwissenheit, wenn ich auf einem 
Ausflug in der Wachau deu Aufenthalt des Revolutionärs 
Fischhof berührt zu lia.ben glaubte. Die beiden Orte haben 
nur den Namen gemein; das Emmersdorf Fisohhofs liegt 
in Kärnten. Ich wußte es aber nicht anders. 

Noch ein beschämender und lehrreicher Irrtum, ein Beispiel 
von temporärer Ignoranz, wenn man so sagen darf. Ein Pa- 
tient mahnte mich eines Tages, ihm die zwei versprochenen 
Bücher über Venedig mitzugeben, aus denen er sich für seine 
Osterreise vorbereiten wollte. Ich habt! sie bereit gelegt, er* 



266 



X. IKRTÜMEE. 



widerte ich, und ging in das Bibliofrhekszimmer, um sie zu 
holen. In Wahrheit hatte ich aber vergessen, sie herauszu- 
suchen, denn ich war mit der Reise meines Patienten, in der 
ich eine unnötige Störung der Behandlimg und eine materielle 
Schädigung des Arztes erblickte, nicht recht einverstanden. 
Ich halte also in der Bibliothek rasche Umschau nach den 
beiden Büchern, die ich ins Auge gefaJJt hatte. „Venedig als 
Kunststätte" ist das eine; außerdem aber muß ich noch ein 
historisches Werk in einer ähnlichen Sammlung besitzen. 
Riclitig, da ist os : „Die Alediceer'", ich nehme es und bringe es 
dem Wartenden, um dann beschämt den Irrtum einzugestehen. 
Ich weiß doch wirklich, daiJ die Medial nichts mit Venedig zu 
tun haben, aber es erschien mir für eine kurze Weile gar nicht 
mirichtig. Nun muß ich Gerechtigkeit übeu ; da ich dem Pa- 
tienten 60 häufig seine eigenen Symptomloandlungen vorge- 
halten habe, kann ich meine Autorität vor ihm nur retten, 
wenn ich ehrlich werde und ihm die geheim gehaltenen Mo- 
tive meiner Abneigung gegen seine Reise kundgebe. 

Man darf ganz allgemein erstaunt sein, daß der WahrJieits-' 
drang der Menschen soviel stärker ist, als man ihn für gewöhn- 
lich einschätzt. Vielleicht ist es übrigens eine Folge meiner 
Beschäftigung mit der Psyohoaualyse, daß ich kaum mehr 
lügen kann. So oft ich eine EntstelUmg versuche, unterliege 
ich einer Irrung oder anderen Fehlleistung, durch die sich 
meine Unaufrichtigkeit wie in diesem und den vorstehenden 
Bfuspielen verrät. 

Der Mochajüsmus des Irrtums scheint der lockerste uuter 
allen Fehlleistungen, d.h. das Vorkommen des Irrtums zeigt 
ganz allgemein an, daß die betreffende seelische Tätigkeit mit 
irgend einem störenden Einfluß zu kämpfen hatte, ohne daß 
die Art de« Irrtums durch die Qualität der im Dunkeln o-e- 



X. lEETÜirER. 



267 



bliebenen störenden Idee deteiminiert wäre. Wir tragen indes 
aai dieser Stelle nach, daß bei ^'ielen einfachen Fällen von Ver- 
sprechen und Verschreibon derselbt: Tatbestand anzunehmen 
ist. Jedesmal, wenn wir uns versprochen oder verschreiben, 
dürfen wir eine Störung durch seelische Vorgänge außerhalb 
der Intention erschließen, aber es ist zuzugeben, daß das Ver- 
sprechen und Verschreiben oftmals den Gresctzen der Ähnlich- 
keit, der Bequemlichkeit oder der Neigung zur Beschleunigung 
folgt, ohne daß es dem Störenden gelungen wäre, ein Stück 
seines eigenen Charakters in dem beim Versprechen oder Ver- 
sohreiben resultierenden Fehler durchzusetzen. Das Entgegen- 
kommen des sprachlichen Materials ermöglicht erst die Deter- 
minierung des Fehlers und setzt derselben auch die Grenze. 

Um nicht ausschließlich eigene Irrtümer anzuführen, will 
ich noch einige Beispiele mitteilen, die allerdings ebensowohl 
beim Versprechen und Vergreifen, hätten eingereiht werden 
können, was aber bei der Gleichwertigkeit all dieser Weisen 
von Fehlleistung bedeutungslos zu nennen ist. 

a) Ich habe einem Patienten untersagt, die Geliebte, mit 
der er selbst brechen möchte, telephonisch anzurufen, da jedes 
Gespräch den Abgewöhnungskampf von neuem entfacht. Kr 
soll ihr seine letzte Meinung schreiben, wiewohl es Schwierig- 
keiten hat, ilir Briefe zux,ustellen. Er besucht mich nun um 
1 Uhr, um mir zu sagen, daß er einen Weg gefunden hat, der 
diese Scliwierigkeiten umgeht, fragt auch unter anderem, ob 
er sich auf meine ärztliche Autorität berufen darf. Um 2 Uhr 
ist er mit der Abfassung des Absagebriefes beschäftigt, unter- 
bricht sich plötzlich, sagt der dabei anwesenden Mutter: Jetzt 
habe ich vergessen, den Professor zu fragen, ob ich iu dem 
Briefe seinen Naonen nennen darf, eilt zum Telephon, läßt sich 
verbinden und ruft die Frage ins Rohr; Bitte, ist der Herr 



268 



S. IRRTÜMER. 



Professor schon nach dem Speisen zu sprechen? Als Antwort 
tönt ihm ein ersLauutes „Adolf, bist du verrückt geworden?" 
entgegen, und zwar von der nämlichen Stinime, die er nach 
nieinctti Gebote nicht mehr hätte hören sollen. Er halte sich 
bloß „geirrt" und ajiölatt der I^fummer des Arztes die der 
Cii'liebteu angegeben. 

h) Eine junge Dame soll einen Besuch bei einer kürzlich 
vorhoirateten Kreundin in der Habsbu rgcrgasse machen. Sie 
gpriclit davon während des Familientisches, sagt aber irrtüm- 
licherweise, sie müsse in die Babenbergcrgasse geheu. An- 
dere bei Tische Anwesende machen sie lachend auf den vou ihr 
nicht bemerkten Irrtum — oder Versprechen, wenn man so 
lieber will — aufmerksam. Zwei Tage vorher ist nämlich iu 
Wien die Republik ansgnrufen worden, das Schwarzgelb ist ver- 
schwunden und hat den Farben der alten Ostmark : rot — weiß 

rot Platz gemacht die Habsburger sind abgetan; die Sprecherin 
hat diese Ersetzung in die Adresse der Freundin eingetragen. Es 
gibt übrigens in Wien eine sehr bekannte Babcnbergerstraße, 
aber kein Wiener würde von ihr als „Gasse" reden. 

c) In einer Sommerfrische hat der Schullchrer, ein ganz 
armer, aber stattlicher junger Mann, der Tochter eines Villen- 
besitzers ans der Großstadt so lange den Hof gemacht, bis das 
Mädchen sicli leidenschaftlich iu ihn verliebt und auch ihre 
Familie bewogen hat, die Heirat trotz der bestehenden Sl^ndes- 
und Rassenuntorschiede guLzulu'ißen. Da sclireibt der Lehrer 
eines Tages seinem Bruder einen Brief, in dem es heißt: Schön 
ist das Dirndl ja gar nicht, aber recht lieb uud soweit wär's gut. 
Ob ich mich aber werd' entschließen können, eine Jüdin zu 
heiraten, das kann ich dir noch nicht sagen. Dieser Brief gerät 
in die Hände der Braut und macht dem Verlöbnis ein Ende, 
während der Bruder sich gleichzeitig über die an ihn gericli- 



X. IRRTÜMER. 



269 



teten Liebesbeteuerunj^cn zu ver^vundern hat. Mein Gewälirs- 
mann vorsiclierte mir, daß hier Irrtum und nicht eine schlaue 
Veranstaltung vorlag. Mir ist aiuch ein anderer Fall bekannt 
geworden, in dem eine Dame, die, mit ihrem alten Arzt unzu- 
frieden, ihm doch niclit offen absagen wollte, diesen Zweck 
mittels einer Briefverwechslniig erreichte, und wenigstens hier 
kann ich dafür einstehen, daß der Irrtum und nicht die be- 
wußte List sich des bekannten Lustspielmotivs bedient hat. 

d) Brill erzählt von einer Dame, die sich bei ihm nach 
dem Befinden einer gemeinsamen Bekannten erkundigte, wobei 
sie dieselbe irrtümlich bei ihrem Mädchennamen nannte. Auf- 
merksam gemacht, mußte sie zugestehen, daß sie den Mauu 
dieser Dame nicht möge und mit der Heirat derselben sehr 
unzufrieden gewesen sei. 

e) Ein Fall von L'rtum, der auch als „Versprechen" be- 
schrieben werden kann: Ein junger Vater begibt sich zum 
Standesbeamten, nm seine zweitgeborene Tochter auzutneldeu. 
Befragt, wie das Kind heißen soll, antwortete er: Hanna, muß 
sich aber von dem Beaioteu sagen lassen: Sie haben ja schon 
ein Kind dieses Namens. Wir werden den Schluß ziehen, da£ 
diese zweite Tochter nicht so ganz willkommen war wie seiner- 
zeit die erste. ■ 

f) Ich füge hier einige andere Beobachtungen \on Namen- 
verwechshmgen an, die natürlich mit ebensoviel Recht in 
anderen Abschnitten dieses Buches uutergelu-acht worden 

wären. 

Eine Dame ist Mutter von drei Töchtern, von denen zwei 
, längst verlieiratet sind, während die jüngste noch ihr Schick- 
sal erwai'tet. Kino befreundete Dame hat bei den beiden 
Hochzeiten das nämliche Gresohenk gemacht, eine kostbare 
siUxjrne Teegaruitur. So oft nun von diesem Gerät die Sprache 



270 



X. IKHTÜMER. 



ist, nemit die Muttor irrliimlinhcrwoise die dritte Tochter als 
Jiefiitzorin. Es ist offenbar, daß dieser Irrtum den Wunsch 
der Mutter aussitricht, auch die letzte Tochter verheiratet zu 
wissen. Sie setzt dabei voraiiSj daß sie dasselbe Hoolizeils- 
gesehenk erlialton würde. 

Ebenso leicht deutbar sind die häufigen Fälle, in denen 
eine Mutter die Kamen ihrer Töchter, Söhne oder Schwicger- 
sölme verwechselt. 

Ein hübsches Beispiel von hartnäckiger Namensvertau- 
schuug, das sich leicbb erklärt, entnehme ich der Selbst- 
beobaclitung eines Herrn J. G. während seines Aufenthaltes 
in einer Heilanstalt : 

„An der Table d'hote (des Sanatoritims) gebrauche ich im 
Laufe eines mich wenig interessierenden und in ganz konven- 
tionellem Ton geführten Gpspräclis mit meiner Tischuach- 
barin eine Phrase von besonderer Liebenswürdigkeit. Das 
etwas ältliche Mädchen konnte nicht umhin zu bemerken, daß 
es sonst nicht meine Art sei, ihr gegenüber so liebenswürdig 
und galant 7.u sein — eine Entgegnimg, die einerseits ein 
gewisse« liodaucm und mehr noch eine deutliche Spitze gegen 
ein uns beiden bekanntes Eräulein enthielt, dem ich größere 
Aufmerksa.mkeit 7>u schenken pflegte. 

Ich verstelle natürlich augenblicklich. Im Laufe unseres 
weiteren Grespräches muß ich mich nun. was mir imgeraein pein- 
lich ist, von meiner iS'achbarin wiederholt darauf aufmerksam 
machen lassen, daß ich sie mit dem Namen jenes Fräuleins 
angesprochen habe, das sie nicht mit Unrecht als ihre glück- 
lichere Nebenbuhlerin ajisali," 

g) Als ,, Irrtum" will ich auch eine Begebenheit mit ernst- 
haftem Hintergrund erzählen, die mir von einem nahe betei- 
ligton Zeugen berichtet wurde. Eine Dame hat den Abend mit 



X. IRRTÜMER. ■ 



271 



ihrein Manne und in Gesellschaft von zwei Fremden im Freien 
zugebracht. Einer dieser beiden Fremden ist ilir intimer 
Freund; wovon a.ber die anderen nichts wissen und nichts 
wissen dürfen. Die Freunde begleiten das Ehepaar bis vor die 
Hanstür. Während man auf das öffnen der Tür wai'tet, wird 
Abschied genommen. Die Dame verneigt sich gegen den Frem- 
den, reicht ihm die Hand und spricht einige verbindlielie Worte. 
Dann greift sie nach dem Arm ihres heimlich Geliebten, wendet 
sich zu ihrem Manne und will ilin in gleicher Weise verab- 
schieden. Der Manu gelit auf die Situation ein, zieht den 
Hut nnd sagt überhöflich: Küss' die Hand, gnädige Frau. Die 
erschi'ockene Frau läßt den Arm des Geliebten falircn und 
hat noch Zeit, ehe der Hausmeister erscheint, zu seufzen: 
Nein, so etwas soll einem passieren ! Der Mann geliörtc zu 
jenen Eheherren, die eine Untreue ihrer Frau außerhnlb jeder 
Möglichkeit verlegen wollen. Er hatte wiederliolt geschworen, 
in einem solchen Falle würde mehr als ein Leben in Gefahr 
sein. Er hatte also die stärksten imieren Abhaltungen, um 
die Herausforderung, die in dieser Irrung lag, zu bemerken. 

h) Eine Irrung eines meiner Patienten, die durch eine 
Wiederholung zum Gegensinn besonders lehrreich wird: Der 
überbedenkliche junge Mann hat sich nach langwierigen in- 
neren Kämpfen dazu gebracht, dem Mädchen, das ilui seit 
langem liebt wie er sie, die Zusage der Ehe zu geben. Er be- 
o-leitet die ihm Verlobte nach Hause, verabschiedet sicli von 
ihr, steigt überglücklich in einen Tramwaywagcn und verlangt 
von der Schaifnerin — zwei Falirkarten. Ftwa ein lialbes 
Jahr später ist ^r bereits verheiratet, kann sich aber noch nicht 
recht in sein Eheglück finden. Er zweifelt, ob er recht getan 
hat z« heiraten, verniilJt frühere freundschaftliche Beziehun- 
gen, hat an den Schwiegereltern allerlei auszusetzen. Eines 



272 



X. IRin'ÜMER. 



Abends holt er seine junge Frau vom Hause ihrer Eltern-ab, 
steigt mit ihr in den Wagen der Straßenbahn und begnügt sich 
damit, der Schaffuerin eine einzige Karte abzuverlaiigoa. 
i) Wie man cineu ungern unterdrückten Wuuscli vermittels 
eines „Irrtums" befriedigen kann, davon erzählt Maeder (No- 
vfUes contributions etc., Arch. de Psych., VI, 1908) ein' hüb- 
sches Beispiel. Ein Kollege möchte einen dienstfreien Tag so 
recht ungestört genießen; er soll aljer einen Besuch in Liizerii 
machen, auf den er sich nicht fi'euca kann, und beschließt 
nacli längerer Überlegung, dodi hinzufaliren. Um sich zu zer- 
streuen, liest er auf der Fahrt Zürich-Art h-Goldau die Tages- 
Mitungou, wechselt in letzterer Station den Zug mid setzt 
sfine Lektüre fort. In der Portsetxuiig der Fahrt entdeckt ihm 
d.'um der kontrollierende Schaffner, daß er in einen falschen 
Zug eingestiegen ist, nämlich in den, der von Golden nach 
Zürich zurückfährt, wälirend er ein Hülat nach Luzern ge- 
nommen hatte. 

j) Einen analogen, wenngleich nicht voll geglückten Ver- 
such, einem unterdrückten Wunsch durch den nämlichen Me- 
chanismus der Irrung zum Ausdruck zu verhelfen, berichtet 
Dr.V.Tausk imt«r der Überschrift „Falsche Fahrtrich- 
tung" (Intern. Zcitschr. für ärztl. Psychoanaly.-^e, IV, 19lü/i7). 
„Ich wiu- aus dem Felde auf Urlaub nach Wien gekommen. 
Kiu altoi I'atient hatte von meiner Anwesenheit Kenntnis be- 
kommen uJid ließ mich bitten, daß ich ihn besuche da er 
krank zu Bette lag. Ich leistete der Bitte Folge und ver- 
briichte zwei Stunden bei ihm. Beim Abschied fragte der 
Kranke, wa« er schuldig sei. * 

,Ich bin auf Urlaub hier und ordiniere jetzt nicht,' ant- 
wortete ich. , Nehmen Sie meinen Besuch als einen Freund- 
schaftsdienst,' 



X, IRUTÜJIEB. 



273 



Der Kranke stützte, da er wohl das JOinpfindeii halte, or 
ha^be keiu Kecht, eine berufliche Leistung als aneiitgeltlichen 
Freuadschaftsdionst, in Anspruch zu nehmen. Aber er lii;li sicli 
meine Antwort schließlich gefallen, in der von der Lust im 
der Gflderspurung diktierten respektvollen Meinung, diiß \v-U 
als Psychoanalytiker sieher richtig handeln werde. 

Mir selbst stiegen schon wenige Augenblicke später Be- 
denken über die Aufrichtigkeit meiner Noblesse auf, und, von 
Zweifeln — die kaum eine zweideutige Ltisung zuließen — er- 
füllt, bestieg ich die elektrische StraBeubahnliuie X. Nuch 
einer kurzen Fahrt hatte ich auf die Linie Y umzusteigen. Wäh- 
rend ich an der Umsteigestelle wartete, vergaß ich die Honorar- 
angolegeiiheit und beschäftigte mich mit den Kraukheiis- 
symptomen meines I*atientun. Indem kam der von mir erwiir- 
tctc Wagen und icli stieg ein. Aber bei der uäehslen Halte- 
stelle mußte ich wieder aussteigen. Ich wnr nämlich statt in 
einen Y-Wagen versehentlich und ohne e« zu merken in einen 
X-Wagen eingestiegen und fuhr in der Kichtung, ans der ich 
eben gekommen war. wieder zurück, in der Rielitung zum Pa- 
tienten, von dem ich kein Honorar annehmen wollte. Mein 
U u bewußtes aber wollte s i c ii das Honorar 
holen." ' 

k) Ein sehr ähnliches Kunststück wie im Beispiel i ist mir 
selbst einmal gelungen, loh hntte meinem gestrengen ältesten 
Bruder zugesagt, ihm in diesem Sommer den längst fälligen 
Besuch in einem- englischen Seebad abzustatten, mid dabei die 
Verpflichtung übernommen, da diu Zeit drängte, auf dem kiir- 
aesten Wege ohne Aufenthalt zu reisen. Ich bat um einen Tag 
Aufschub für Holland, aber er meinte, das könnte ich für die 
Uückrcisc aufsparen. Ich fuhr also von München über Köln 
nach Rotterdam — Hook of Holland, von wo das tichift' um 

Kieud, PaychcipatliDbiglD des Alllil){Ueb<^uB VIII. AuQ. }8 



274 



X. ir^RTtTiER. 



Mitternacht nach Harwich iil>crsetzt. In Köln haito ich Wagen- 
wechscl; ich vorließ meinen Zug. um in den Eilzug nacli 
Rotterdam umzustoigon. aber der war nicht zu eutderken. Ich 
fragil verschiedene Balinbedicnstete, wurde von einem Balin- 
sLcig a.uf den anderen geschickt, geriet in eine übertriebene 
Verzweiflung und konnte mir bald berechnen, dnß ich wahrend 
dieses erfolglosen Suchens den Anschluß versäumt liaben 
dürltc. Nachdem mir dieses bestätigt worden war, überlegte 
ich, ob ich in Köln übernachten sollte, wofür nuter anderem 
auch die Pietät sprach, da nach einer alten Familientradition 
meine Ahnen einst bei einer Judenverfolgung aus dieser Stadt 
geflüchtet waren; Ich entschloß mich aber anders, fuhr mit 
einem späteren Zug nach Rotterdam, wo ich in tiefer Nacht- 
zeit ankam, und war nun genötigt, einen Tag in Holland zu- 
zubringen. Dieser Tag brachte mir die Erfüllung eines längst 
gehegten Wunsches; ich konnte die herrlichen Rembrandt- 
bildor im Haag und im Reichsmuseum zu Amsterdam sehen, 
lürsi am nächsten Vormittag, als ich wälireud der Eisenliahn- 
fajirt in England meine Eiadrücke sammeln konnte, tauchte 
mir die unzweifelliafte Erimierung auf, daß ich auf dem Balm- 
hüfe in Köln wenige Schritte von der Stelle, wo ich a-ust'o- 
stiegen war, auf dem nämlichen BaJmsteig eine große Tafel 
Rotterdam — Hook of Holland gesellen hatte. Dort wartete der 
Zug, in dem ich die Reise hätte fortsetzen sollen. Man müßte 
es als unbegrcifliclie „Verblendung'- bezeichnen, daß ich trotz 
dieser guten Anleitung weggeeilt und den Zug anderswo ge- 
sucht hatte, wenn mau nicht annehmen wollte, daß es eben 
mein Vorsatz war, gegen die Vorschrift meines Bruders die 
Rcmbrandtbilder schon auf der Hinreise zu bewundern. .-Vlies 
übrige, meine gut gespielte Ratlosigkeit, das Auftauchen der 
IiictätvoUen Absicljt, in Köln zu ül)ernachteu. war nur Vor- 



X. lEKTÜMEli. 



275 



anstaltung. um mir meinen Vorsatz zu verbergen, bis er sich 
vollkommen durchgesetzt hatte. 

l) Eine ebensolche, durch „Vergeßlichkeit" hergestellte 
Venuist-altimg. um einen Wunsch zu eriüUen, auf deu luaa an- 
geblich verzichtet hat, berichtet J. Stärcke von aeiner 
eigenen Person. (1. c.) 

„Ich mußte einmal in einem Dorfe einen Vortrag mit Liciit- 
bildern halten. Dieser Vortrag war aber um eine Woche ver- 
schoben. Ich hatte den Brief hinsichtlich dieses Aufschubs be- 
antwortet und das geänderte Datum in meinem Notizbuch 
notiert. Ich wäi'c gern schon nachmittags na^h diesem Dorfe 
gi'gaugen, damit ich die Zeit hätte, um einem mir bekanuten 
Schriftsteller, der dort wohnt, einen Besuch abzustatten. Zu 
meinem Bedauern konnte ich aber zurzeit keinen Nachmittag 
dafür frei machen. Nur ungern gab ich diesen Besuch auf. 

Als nun der Abend des ^^ortrags da war, machte ick mich, 
mit einer Tasche voll Laternenbilder, in größter Eile zum Balin- 
hof auf. Ich mußte einen Taxi nehmen, um den Zug noch zu er- 
reichen (es passiert mir öfters, daß ich so lange zögere, daß ich 
einen Taxi nehmen muß, um den Zug noch zu erreichen !), An 
Ort und Stelle gekommen, war ich einigermaßen erstauntj'daß 
keiner am Bahnhof wai-, um mich abzuholen (wie es bei Vor- 
trägen in kleineren Orten Gewohnheit ist). Plötzlich fiel mir 
ein, daß der Vortrag- um eine Woche verschoben war, und daß 
ich jetzt am ursprünglich festgestellten Datum eiue vergeb- 
liche Reise gemacht hatte. Nachdem ich meine Vergeßlich- 
keit herzinnig verwünscht liatte, überlegte ich, ob ich mit dem 
nächstfolgenden Zug wieder nach Hause zurückkehren sollte. 
Bei näherer Überlegung dachte ich aber daran, dali ich jetzt 
eine schöne Grelegenheit hatte, um deu gewünschten Besuch 
zu machen, was ich denn auch tat. Erst unterwegs fiel mir 

18* 




27ß 



X. IRRTÜMER. 



ein, daß mein unerfüllter Wunsch, für diesen Besuch gohörig 
Zeit zu habc^n, das Komplott hübsch vorbereitet hatte. Diis 
.Schleppen mit der schweren Tasche voll Laternen! »ildor und das 
Eilen, um d<'ii Zug zu erreichenj koiiuten ausgezeicliuet dazu 
dienen, die unbewußte Absicht desto besser zu vürbergeu." . 

Mau wird vielleicht nicht geneigt sein, die Klasse von Irr- 
tümern, für die ich hier die Aufklärung gebe, für sehr zahlreich 
oder besoudors bedeutungsvoll zu halten. Ich gebe aber zu be- 
denken, ob man nicht Grund hat, die gleichen Gesichtspuukle 
;iucii auf die Beurteilung der ungleich wichtigeren Urteiln- 
irrtümer der Meuschun im Leben xmd in der Wisaenschat't 
auszudehnen. Nur den auserlesensten und ausgeglichensten 
Geistern scheint es möglich zu sein, das Bild der wahrgenom- 
menen äuJJeren Realität vor der Verzerrung zu bewahren, die 
es sonst beim Durchgang durcli die psychische ludividualiLiit 
des WaJirnehmeuden erfährt. 



XI. 
KOMBINIERTE FEHLLEISTUNGEN. 



Zwei der letzterwälmten Beispiele, mein Irrtum, der die 
Mediceer nach "Venedig bringt, und der des jungen Mannes, der 
ein telephonisches Gespräch mit seiner Geliebten dem Ver- 
bote abzutrotzen weiß, haben eigentlich eine ungenaue Be- 
schreibung gefunden und 8tellc]i sich bei sorgfältiger Be- 
trj^cbtung als Vereinigung eines Vergessens mit einem Irrtum 
dax. Dieselbe Vereinigung kann ich noch deutlicher au einigen 
audcren Beispielen aufzeigen. 

a) Ein Freund teilt mir folgendes Erlebnis mit: .,Ich habe 
vor einigen Jahren die Wahl in den Ausschuß einer bestimmten 
literarischen Vereinigung angeuommeü, weil ich vermutete, die 
Gesellschaft könnte mir einmal behilflich aein, eine Auffüh- 
rung meines Dramas durchzusetzen, und nahm regelmäßig, 
wenn auch ohne viel Interesse, an den Jeden Freitag stati fin- 
denden Sitzungen teil. Vor einigen Monaten erhielt icb nun 
die Zusicherung einer Aufführung am Theater in F., und seit- 
her passierte es mir regelmäßig, daß ich an die Sit/.ungou jenes 
Vereines vergaß. Als ich Ihre Schrift über diese Dinge la-s. 
schämte ich mich meines Vergessens, machte mir Vorwürfe, 
eä sei doch eine Gemeinheitj daß ich jetzt ausbleibt;, nach- 
dem ich die Leute nicht mehr brauche, und beschloß, uäciiston 
Freitag gewiß nicht zu vergessen. Ich erinnerte mich an diesen 
Vorsat/, immer wieder, bis ich ihn ausführte und vor der Tür 



278 



XI. KOMBINIEKTE Fi-IHLLEISTUNGEX. 



d€S Sitzungssaales stand. Zu meinem Erstaunen war sie ge- 
scblüssen, die Sitzung war schon vorüber; ich hatte inieh 
näinlicli im Tage geirrt; es war schon Samstag!'' 

h) Das näcliste Beispiel ist eine Kombination einer Sym- 
ptomhandhing mit einem Verlegen; es ist auf entfernteren 
Uniwcgtn, aber aus guter Quelle zu mir gelangt. 

Eine Damo reist mit ihrem Schwager, einem berühmten 
Künstler, nach Roui. Der Besucher wird von den in Rom leben- 
den Deutschen sehr gefeiert und erhält unter anderem eine gol- 
dene Medaille antiker Herkunft zum Geschenke. Die Dame 
kränkt sich darüber, daß ihr Schwager daa schöne Stück nicht 
genug zu schätzen weiß. Nachdem sie, von ihrer Scliwester ab- 
gelöst, wieder zu Hause angelangt ist, entdeckt sie beim Aus- 
packen, daß sie die Medaille — sie weiß nicht wie — mitge- 
nommen hat. Sie teilt es sofort dem Schwager brieflich mit 
und kündigt ihm an, daß sie das Entfülirte am nächsten Tage 
nach Born zurücksclücken wird. Am nächsten Tage aber ist 
die Medaille so goschickt verlegt, daß sie unauffindbar und 
unabsendbai- ist, und dann dämmert der Dame, was ihre „Zer- 
streuthoiV' bedeute, nämlich, daß sie das Stück für sich seibat 
behalten wolle. 

c) Einige Fälle, in denen sicli die Fehlhajidlung hartnäckig 
wiederholt und dabei auch ihre Mittel wechselt: 

Jones (I.e., S. 483); Aus ihm unbekannten Motiven hatte 
er einst einen Brief mehrere Tage auf seinem Schreibtisch 
liegen lassen, ohne ihn aufzugeben. Eudlich entschloß er sich 
daau, aber er erhielt ihn vom „Doad letter office'' zurück, demi 
er hatte vergessen, die Adresse zu schreiben, is'achdem er ihn 
adressiert hatte, bj-achte er ihn wieder zur Post, aber diesmal 
ohne Briefmarke, Die Abneigung dagegen, den Brief über- 
iia.upt abauscndcn, konnte er dann nicht mehr übersehen. 



,v 



XI. KOMBINIERTE FEHLLEISTUNGEN. 



279 



Sehr GiudrucksvoU schildert die vergeblichtiu Bemühungen, 
eine Haaidlung gegen einen inneren WidersteJid durohzuselzea, 
eine kleine Mitteilnug von Dr. Kaxl Weiß (Wien) über einen 
FaU von A''ergesscn. (Zentralbl, für Psychoa,iialyse, il, 9.) „Wie 
konsequent sich das Unbewußte durchzusetzen weiß, wenn es 
ein Motiv hat, einen Vorsatz nicht zur Ausiührung gelangen 
zu lassen, und wie schwer es ist, sich gegen diese Tendeuz zu 
sichern, dafür bietet der folgende Vorfall einen Beleg, iilin 
Bekannter ersucht mich, ilim ein Buch zu leihen und es ihm am 
nächsten Tage mitzubringen. Ich sage sogleich zu, empfinde 
aber ein lebhaftes Unluslgefühl, das ich mir zunächst nicht 
erklären kann. Spater wird es mir klar: der Betreffende 
schuldet mir seit Jahren eine Summe Geldes, an deren Be- 
zahlung er anscheinend nicht denkt. Ich denke niolit weiter 
an die Sache, erinnere mich ihrer aber am nächsten Vormittag 
mit dem gleichen Unlustgefühl und sage mir sol'orL; .Dein 
Unbewußtes wird darauf hinarbeiten, daß du das Buch ver- 
gißt. Du willst aber nicht ungefällig sein und wirst deshalb 
alles tun, um nicht zu vergessen.' Ich komme nach Hauae, 
packe das Buch in Papier und lege es neben mich auf doa 
Schreibtisch, au dem. ich Briefe schreibe. 

Isach einiger Zeit gehe ich fort; nach wenigen Schritten »3r- 
innere lob mich, daJi ich die Briefe, die ich zur Post mitnehmen 
wollte, auf dem Schreibtisch liegen gelassen habe. (Beiläufig 
bemerkt wai' einer darunter, in dem ich einer Person, die mich 
in einer bestimmten Angelegenheit fördern sollte, etwas un- 
angenehmes schreiben mußte.) Ich kehre um, hole die Briefe 
und gehe wieder weg. In der Elektrischen fällt mir ein, daJi 
ich meiner IPrau versprochen habe, ihr einen Einkauf zu be- 
sorgen, und ich bin recht befriedigt bei dem Gedanken, daß es 
nur ein kleines Päckchen sein wird. Hier stellt sich olötzli.'h 



280 



XI. KUMblNlKKTE FliHLLEIäTUNGEN; 



die A&SDziatiou Päckchen — Hiirh her uucl jetzt merke ich, d;iÜ 
ich das Buch nicht bei mir habe. Ich hatte es also nicht nur 
daa erstemal, als ich fortging, vergessen, sondern auch koti- 
stquent, übersclicn, als ich die Hriefe holte, neben denen es lag." 

Dai^ Nämliche in einer eingehend analysierten Beobnch- 
tnug- von Otto Rank (Zontralbl. für Psychoanalyse, 11, 5): 

„Ein peinlich ordentlicher und pedantisch gt^nauer Manu 
berichtet das folgende, für ihn ganz außergewöhnliche Er- 
lebnis. Eines Nachmitlags, als er auf der StraJJe nach der Zeit 
s<*beu will, bemerkt er, daß er seine Uhr zu Hause vergessen 
hat, was seiner Erinnerung nach noch nie vorgekommen war. 
Da er für den Abend eine pünktliche "Verabredung liat und 
niclit mehr die Zeit findet, vorher seine Uhr zu holen, benütxto 
er den Besuch bei einer befreundeten Dame, um sich ihre Uhr 
, für den Abend auszuleihen; dies war um so eher angängig, als 
er die Dame infolge einer früheren Verabredung am nächsten 
^'ornlittag zu besuchen hatte und bei dieser Gelegenheit die 
Uhr zurückzustellen versprach. Zu seinem Erstaunen merkt er 
aber, als er tags darauf der Besitzerin die entlehnte Uhr über- 
reichen will, daJ3 er nun diese zu Hause vergaß; seine eigene 
Uhr hatte er diesmal zu sich gesteckt. Er nahm sich nun fest 
vor, die Damouuhr noch am Nachmittag zurückzustellen, und 
führte den Vorsatz auch aus. Als er aber beim Wc.rirehen nach 
der Zeit sehen will, hat er zu seinem maßlosen Ärger und Er- 
sta.unen wieder die eigene Uhr verge.saen. Diese Wiederholung 
der Ffhlloistung liam dem sonst so ordnungsliebenden Manne 
derart pathologiscli vor, daß er gern ihre psychologische Mo- 
(ivierung gekaant hätte, die sich auch prompt auf die psycho- 
analytische Fragestellung ergab, ob er an dem kritischen Tage 
des ersten Vergessens irgend etwas Unangenehmes erlebt habe, 
und in welchem Zusammenhange dies geschehen sei. Er er- 



XI. KOMHINIEKTE FEHLLEISTUNGEN. 281 



zählt darauf sogleich, daß er nach dem Mittagessen, kurz bovor 
er wegging und die Ulir vergaß, ein Gespräch mit seiner Mutler 
geliabt hatte, die ihm erzählte» ein leichtsinniger Verwaiidtor, 
der ihm schon viel Kummer und Ueldopfer verursaclit hatte, 
hätte seine Uhr versetzt; da sie aber zu Hause gebrüht werde, 
ließe er ihn bitten, ihm das Geld zur Auslösung zu geben. Piesc 
fast erzwungene Art des Geldleihens hatte unseren Mann sehr 
pcinlicl) iKirührt und ihni all die Unauiichmlichkeiteu wii:di;r in 
Erinnerung gebracht, die ihm dieser Verwandte seit vielen 
Jaliren bereitet hatte. Seine Symptomhandlung erweist sich 
demnach als mehrfach determiniert: erstens gibt sie einem 
Gedajiken gange Ausdruck, der etwa besagt, ich lasse mir das 
Geld nicht auf diese Weise abpressen, und wenn eine Uhr ge- 
braucht wird, so lasse ich eben meine eigene zu Hause ; da. er 
sie jedoch a.bends zur Einhaltung eines Rendezvous braucht, 
kann sich diese Absicht nur auf luibewußLem Wege, in Form 
einer Symptomhandlung, durchsetzen; zweitens besagt das 
Vergessen soviel als: die ewigen Geldopfer für diesen" Tauge- 
nichts werden mich noch gänzlich zu Grunde richien, so daß ich 
alles werde hergeben müssen. Obwohl mm der Ärger über diese 
Mitteilung nach Angabe dos Mannes nur ein momentaner ge- 
wesen war, zeigt doch die Wiederholung der gleichen Sym- 
ptombandlnng, daß er im Unbewußten intensiv weiterwirkl, 
etwa wie weun das Bewußtsein sagen würde: Diese Geschichte 
geht mir nicht aus dem Kopfe*. Daß dann das gleiche Scliick- 
sal einmal auch die entlehnte Damenuhr betrifft, wird uns 
nach dieser Einstellung des Unbewußten nicht wnndernelHuen. 
Doch begünstigen vielleicht noch spezielle Motive diese Übcr- 

• Dieses Weiterwirken im UabewuUteii äußert sicli einmal in Form 
eines Traumes, welcher der Fßhlhaiidluog folgt, ein andermal in der Wie- 
derholung derselben oder in der Unterlassung einer Korrektur. 



282 



Xr. KOMBIKIEBTE FEHLLEISTUNGEN. 



tragung auf die , unschuldige' Damenuhr. Das nächstliegende 
Motiv ist wohl, daß er sie vermutlich gern als Ersatz seiner 
eigenen, aufgeopferten Uhr behalten hätte und sie darum am 
nächsten Tage zurückzugeben vergißt; auch hätte er die Uhr 
vielloichi gern als Andenken an die Dame besessen. Femer 
bietet ihm das Vergessen der Damenuhr Gelegenheit, die ver- 
ehrte Dame ein zweites Mal zu besuchen ; er hatte sie ja des 
Morgens einer anderen Sactie wegen aufsuchen müssen und 
scheint mit dem Vergessen der ühr gleichsam anzudeuten, 
daß ihm dieser schou längere Zeit vorher bestimmte Besuch 
zu schade sei, um ihn noch nebenbei zur Rückgabe der ühr zu 
benutzen. Auch spricht das zweimalige Vergessen der eigenen 
und die dadurch ermöglichte Rückstellung der fremden Uhr 
daXür, daß unser Manu es mibe wußter weise zu vermeiden sucht. 
I>eido Uhren gleichzeitig zu trafen. Er trachtet offenbar, diesen 
Anschein dos Überflusses zu vermeiden, der in zu auffälligem 
Gegensatz zu dem Mangel düs Verwandten stünde; anderseits 
aber weiß er damit seiner anscheinlichen Heiratsabsicht der 
Dame gegenüber mit der Selbstmahnung zu begegnen, daß er 
seiner Familie (Mutter) gegenüber unlösbare Verpflichtungen 
liabe. Ein weiterer Grund für das Vergessen einer Damenuhr 
mag endHch darin zu suchen sein, daß er sich am Abend zuvor 
als Junggeselle vor seinen Bekannten geniert hatte, auf die 
Damenuhr zu sehen, was er nur verstohlen tat, und daß er, um 
die Wiederholung dieser peinlichen Situation zu vermeiden, die 
Uhr nicht mehr zu sich stecken mochte. Da er sie aber ander- 
sciU zurückzustellen hatte, so resultiert auch hier die unbe- 
wußt vollzogene Symptom h and lung, die eich als Kompromiß- 
.bildung zwischen widerstreitenden Gefülilsregungen und als* 
teuer erkaufter Sieg der unbewußten Instanz erweist.' 
Einige Beobachtungen von J. Stärcke (I.e.). 



XI. KOMBINIERTE FEHLLEISTUNGEN. 



283 



1. Verlegen — Zerbrechen — Vergessen — als 
Ausdruck eines zurückgedrängten Gegen willens. 

„Von einer Sammlung Illustrationen für eine wissfnsebalt- 
liche Arbeit sollte ich eines Tages meinem Brudor einige leihen, 
welche er als Lichtbilder bei einem Vortrag benutzen wollte. 
Obgleich ich einen Augenblick den Gedanken verspürte, da-ß ich 
die ßeproduktionen, die ich mit vieler Mühe gesammelt hatte, 
lieber in keiner Weise vorgeführt oder publiziert sah, bevor ich 
das selbst machen konnte, versprach ich ihm, die Negative der 
gewünschten Bilder aufzusuchen und Latornenbilder davon an- 
zufertigen. — Diese Negative konnte ich aber nicht finden. 
Ben ganzen Stai:)el Schachteln voll Negative, die sich auf 
diesen Gegenstand bezogen, sali ich durch, gut zweihundert 
Negative nahm ich eines nach dem anderen in die Hand, aber 
die Negative, die ich suchte, waren niclit dabei. Ich vermutete 
wohl, daß ich meinem Bruder diese Bilder eigentlich nicht zu 
gönnen schien. Nachdem ich mir diesen abgünstigen Gedan- 
ken bewußt gemacht und bestritten hatte, bomerktc ich, daß 
ich die oberste Schachtel dos Stapels zur Seite gesetzt und 
diese nicht durchsucht hatte, und diese Schachtel enthielt die 
gesucliten Negative. Auf dem Deckel dieser Schachtel sta,ud 
eine kurze Aufzeichnung betreffs des Inhalts, und wahrschein- 
lich hatte ich das mit einem flüchtigen Blick gesehen, bevor 
ich diese Schachtel zur Seite setzte. 

Der abgünstige Gedanke schien indessen noch nicht ganz 
hesieo-t, denn es geschah noch allerlei, bevor die Lichtbilder 
verschickt waren. Eine von den Laternenplatte u drückte ich 
kaputt, während ich diese in der Hand hatte und die Glasseite 
reinputzte (so zerbreche ich sonst nie eine Laternenplatte). Als 
ich von dieser Platte ein neues Exemplar angeCcrtigt hattej 
fiel es mir aus der Haad, und nur dadurch, daß ich den Fuß 



284 



XL KOMBINIERTE FEHLLEISTU\GEy. 



vorsLrockte und es darauf auffing-, zerbrach es nicht. Als ich 
die La.temenplatten montierte, fiel der ganze Haufen noch ein- 
uKil auf den Boden, glückliclierweise ohne daß daliei etwas 
zerbracli. Und schließlich dauerte es noch mehrere Ta^e, 
bevor ich sie wirklich emballierte und versandte, da ich mir 
dieses jeden Tag von neuem vornahm und dieses Vornehmen 
jedesmal wieder. vergaJJ.'* 

2. Wiederholtes Vergessen — Vergreifen bei 
d e r c u d li c h c n A u s f ü h r u u g, 

„Eines Tages mußte ich einem Bekannten eine Postkarte 
senden, aber verecliob es während mehrerer Tage immer wieder, 
wobei ich ein starkes Vermuten hatte, daß folg-;ndes die Ur- 
sache davon war: In einem Briefe liatte er mir mitgeteilt, daß 
im Laufe jener Woche mich jemand besuchen wollte, auf 
dessen Besuch ich nicht sehr erpicht war. Als diese Woche 
vorüber war und die Aussicht des ungewüuschten Besuches 
sehr gering geworden war, schrieb ick endlich die Postkarte, 
worin ich mitteilte, \v;tnn ich zu sprechen sein würde. Als ich 
diese Postkarte sclirieb, wollte ich anfangs hinzufügen, dnß 
ich wegen ,druk werk" (= emsige, angestrengte oder überhäufte 
Arbeit) am Schreiben behindert gewesen war. aber ich schrieb 
das am Ende nicht, weil diese gewöhuhche Ausrede doch von 
keinem vernünftigen Menschen mehr geglaubt wird, üb diese 
kleine ünwahrlioit sich doch äußern mußte, weiß ich nicht, 
aber als ich die Postkarte in den Briefkasten warf, warf ich 
sie irrtümlicliurweise in die untere Öffnung des Kastens,; 
.Drukwerk' (= Drucksaclien)." 

3. Vergessen und Irrtum. 

„Ein Mädchen geht eines Morgens, da das Wetter sehr 
schön ist, nach dem ,Ryksmuseum', um dort Gipsabgüsse zu 
zeichnen. Obgleich sie bei diesem scliöneu Wetter lieber spa- 



XI. KOMBINIERTE FEHLLEISTUNGEN 



285 



zieren gehen möcbtc, eiiUühloß si<j sich, doch mal emsig zu 
sein und zu »eichuen. Sie muß zuerst Zeiclienpapier kaufen. 
Sie geht zum Laden (ungefähr zehn Minuten vom Museum;, 
kauft Bleistifte und andere Zeichengeräte, aber vergißt eben 
da^ Zeichenpapier zu kaufen, geht dann zum Museum, und 
als sie auf ihrem Stühlchen sitzt, fertig, um anzufangen, da 
hat sie noch kein Papier, so daß sie von neuem zu dem Laden 
gehen muß. Nachdem sie Papier geholt hat, fängt sie wirklich 
an zu zeichnen, geht mit der Arbeit gut vorwärts \md hört nach 
einio-er Zeit vom Turme des Museums eine große Zahl Glocken- 
schläge. Sie denkt: .Daa wird schon 12 Uhr sein', tu-beitet 
noch fort, bis die Turniglocke Viertelstunde sinelt (,das ist 
Viertel nach zwölf, denkt sie), packt jetzt ihre Zeichengeräte 
ein und entschließt sich, durch den ,Vondelpark' zum Hause 
ihrer Schwester zu spazieren, um dort Kaffee zu trinken 
(= hell, zweite Mahlzeit), Beim Suasso-Museum sieiit sie zu 
ilirem Staunen, daß es statt halb eins erst zwölf Uhr ist! — 
Das lockende schöne Wetter hatte ihren Fleiß hinters Licht 
geführt und dadurch hatte sie, als die Turmglocke um halb 12 
zwölf scblug. nicht daran gedacht, daß eine Turmglocke auch 
mit der halben Stunde schlägt.'" 

Wie schon einige der vorstehenden Beobachlungen zeigen, 
k;uin die unbewußt störende Tendenz ihre Absicht auch er- 
reichen, indem sie dieselbe Art der l''ehlleistu(ig hartnäckig 
wiederholt. Ich entnehme ein amüsantes Beisjuel hicfür einem 
Büchlein „Frank Wedekind und das Theater", das im 
Müuchencr Drei Masken- Verlag erschienen ist. muß aber die 
Verantwortung für das in Mark Twainschcr Manier er- 
zäblte Geschichtchen dem Autor dos Buches überlassen. 

^ Im Wedekinds Einakter ,]>ie Zensur' fällt an der ernste- 
sten Stelle des Stückes der Ausspruch: ,Die Furcht vor 



286 



XI. KOlIßlNXEETE FEHLLEISTUNGEN. 



dem Tode ist oin Denkf olilc-r.' D<ir Autor, dem die Stellu 
am Herzen lag, bat auf der Probe den Darsteller, vor dem 
Worte , Denkfehler' eine kleine Pause zu machen. Am Abend — 
der Darsteller ging ganz in seiner Rolle auf, beobaclitete auch 
die Pause genau, sagte aber unwillkürlich in feierlichstem 
Tono: ,Di<i Furcht vor dem Tode ist ein Druckfehler.* Der 
Autor versicherte dem Künstler nach Schluß der Vorstellung 
auf seine Präge, daß er nicht das geringste auszusetzen habe, 
nur heiße ©s au der betreffenden Stelle nicht: die Furcht vor 
dem Tode sei ein Druckfehler, sondern ein Denkfehler. 

Als ,Die Zensur' am folgenden Abr_-nd wiederholt wurde, 
sagte der Darsteller an der bewußten Stelle, und zwai- wieder 
in feierlichstem Tone: ,Di(! Furcht vor dem Tode ist ein - 
Denkzettel.' Wodckind spendete dem Schauspieler wieder 
uneingeschränktes Lob, aber bemerkte nur nebenbei, daß es 
nicht heiße, die Furcht vor dem Tode sei ein Denkzettel, son- 
dern ein Denkfehler. 

Am nächsten Abend wurde wieder ,Die Zensur' gespielt und 
der Daj-steller, mit dem sich der Autor inzwischen befreundet 
und Kunstanschauungen ausgetauscht hatte, san-te als die 
•Stelle kam, mit der feierlichsten Miene von der Welt: .Die 
Furcht vor dem Tode ist ein — Druckzettel.* 

Der Künstler erhielt dps Autors rückhaltlose Anerken- 
nung, der Eiuakter wurde auch uoch oft wiederholt, aber 
den Bnjyriff .Denkfehler' hielt der Autor nun ein für allemal 
für endgültig erledigt,'^ 

Rank hat auch den sehr interessanten Bcziehunt^eu von 
„Fehlleistung und Traum'" (Zentralbl. für Psyclioannl. ebenda. 
Internat. Zeilschr. für Psychoanal., III, 1915) Aufmerksamkeit 
geschenkt, denen man aber nicht ohne eingehende Analyse dos 
Traumes folgen kann, welcher sich an die Fehlhandlung an- 



T 



^■■^ 



XI. KOMBINIERTE FEHLLEIÜTUKGEN. 287 



schließt. Ich träumte oinmal in einum. läng-eren Zusammen- 
hange, daß icli mein Portemonnaie verloren. Am Morgen ver- 
mißte icli OR wirklich beim Ankleiden; ich hatte vergessen, 
es beim Auskleiden vor der Tranmiiaclit aus der Hoäeutaeclie 
zu nehmen und an seinen gewohnten Platz zu legen. Dieses 
Vergessen war mir also nicht mibek;innt, es sollte wahrschein- 
lich einem unbewußten Gedanken Ausdnick geben, der für 
das Aui^treten im Trauminhalt vorbereitet wai'. 

■ Ich will nicht behaupten, daß solche Fälle von kombhiicrton 
Fehllcistnng^on etwas Neues lehren können, was nicht schon aus 
den Einzelfällen zu ersehen wäre, aber dieser JTormenweclisol 
der Fclilleistung bei Erhaltung desselben Erfolges gibt docli 
den plastischen Eindriick eines Willens, der nach einem be- 
stimmten Ziele strebt, und widerspricht in ungleich energi- 
scherer Weise der Auffassung, daß die Fehlleistung etwas 
Zufälliges und der Deutung nicht Bedürftiges sei. Es darf uns 
auch auffallen, daß es in diesen Beispielen einem bewußten 
Vorsatz so gründlich mißlingt, den Erfolg der Fehlleistung 
hinlanzuhalten. Mein Freund setzt es doch nicht durch, die 
Vcx'e ins Sitzung zu besuchen, und die Dame findet sich außer 
stände, sich von der Medaille zu trennen. Jenes Unbekannte, 
das sich gegen diese ' Vorsätze sträubt, findet einen anderen 
Ausweg, nachdem ihm der erste Weg versperrt wird. Zur 
Überwindung des unbekannten Motivs ist nämlich noch etwas 
ajideres als der bewußte Gegenvorsatz erforderlicli ; es brauchte 
eine psychische Arbeit, welche das Unbekaimte dem Bewußt- 
sein bekannt macht. 



XII. 

DKTERMINISMüS. — ZUFALLS- UND ÄBERGLAUBEJf. 

— GESICHTSPUNKTE. 

Als (las allgcineine Ergebnis der vorstehenden Einzoicrörte- 
ningoii kann man folgende Einsicht hinstollon: Gewisse Un- 
zulänglichkeiten unserer psychischen Leistun- 
gen — deren gemoinsaniLT Charakter sogleich näher bestimmt 
werden soll — und gewisse absichtslos erscheinende 
Verrichtungen erweisen sich, wenn mau das Ver- 
fahren der psychoanalytische]] Untersuchung auf 
sii: anwendet, als wohimoti viert und durch dem 
Bewußtsein unbekannte Motive determiniert. 

Um in die Klasse der so zu erklärenden Phänomene ein- 
gereiht zu werden, muß eine psychische Pehlleistuno- fol- 
genden Bedingungen genügen. 

a) Sie darf nicht über ein gewisses älaß hinausgehen, wel- 
ches von unserer Schätzung festgesetzt ist und durch den Aus- 
druck „innerHalb der Breite des, Normalen" bezeichnet wird. 

h) Sic nmß den Charakter der momentanen und zeitwei- 
ligen Sförimg an sich tragen. AVir müssen die nämliche Lei- 
stung vorher knrrekn;r ausgeführt haben oder uns jederzeit 
zutrauen, sie korrekter auszuführen. Wenn wir von anderer 
Seite korrigiert werden, müssen wir die Richtigkeit der Kor- 



XII. DETERMINIS MUS. - ZUFALL«- U. ABEKGLAUBEN KlU 289 

roktiir und die Unhchtigkoit unseres eigniit^i ])sychisohfn Vor- 
ganges sofort erkcnneni. 

c) Wfiin wir die Fehlleistung überlmnpt wahrnehmen, 
-dürfen wir von einer Motivierung derselben nichts in uns ver- 
spüren, sondern müssen versucht sein, sie durcli „Unaufmerk- 
samkeit" zu erklären odor als „Zufälligkeit'' liinznstellen. 

Es. verbleiben somit in dieser Gruppe die Fälle ^■on Ver- 
gessen und die Irrtümer bei besserem Wissen, das Verspre- 
chen, Verlesen, Versehroibon, Vergreifen und die sogenannten 
Zu falls handlangen. 

Die gleiche Zusammensetzung mit der Vorsilbe vor deutet 
für die meisten dieser Phänomene die innere Gleichartigkeit 
sprachlicli an. A^ die Aulklarung dieser so bestimmten psvchi- 
schen Vorgänge linüpft. aijer eine Reihe von Benierkimgeu an, 
die zum Teile ein weitergehendes Interesse erwecken dürfen. 

I. Inden^ wir einen Teil unserer psychi.-sohen Leistungen als 
unauf klärbar durch Zielvorstrlbmgeu preisgeben, verkennen 
wir den Umfang der Botcrminierung im Sci'ienleben. ])iesell>e 
reicht hier und noch aui' anderen Gebieten weitur. als wi7"es ' 
vermuten. Ich habe im Jalire 1900 in einom Aufsatz des 
Uitcraturhistorikers E. M. Meyer in der „Zeit" ausgefülirt 
und an Beispielen erlüutert, gefunden, daß es unmöglich ist, 
al:)Sichtlicli und willkürlich einen Un.simi zu koinponierL-n. 
Seit längerer Zeit weiß ich, daß man es nicht zu stände bringt, 
sich eine Zahl nach freiem Belieben einfallen 7.\\ hissen, ebenso- 
wenig wie etwa einen Namen. Untersucht man die scheinbar 
willkürlich gebildete, etwa niehrstellige, wie im Sclierz oder 
Übermut ansgesprochene Z;üil, so erweist sich deren strenge 
Doierminierung. die man wirklich nicht für möglich gehalten 
hätte. Ich will nun zunächst ein Beispiel oiües willkürlich 
gewählten Vornamens kurz erörtern und dann ein analo<'cs 

Fr^uii, Pgychopatlioloßlo den Alitags] obens. VIU, Aufl. 19 




290 XII- DiSTERMINISMUS. — ZUFALLS- U. AÜEHGLIUBEN ETC. 

Ueispiel einer , .gedankenlos liiiiirovvoi-feneu" Zalil aiisfülulichcr 
analysieren. 

et) Im pH-griffe, di • Krankengeschichte einer mviDer Ta- 
tieuiinnpii für die Publikation herz^urichten, erwäge ich, 
welchen Voruaiueu ich ihi- in der Arbeit geben soll. Die Aus- 
wahl scheint sehr' groß; gewiß schließen sich einige Namen 
von vornherein aus, in ersl-er Linie der echte Name, sodann die 
Namen meiner eigenen Famiüenaügehörigen, an denen ich An- 
stoß nehmen würde, etwa, noch andere Frauennameu von Ije- 
sonders seltsamem Klang; im übrigen aber brauchte ich um 
einen solchen JJamen nicht verlegen zu sein. Mau sollte er- 
wajten und ich erwarte selbst, daß sich mir eiue ganze Schai- 
weiblicher Namen zur Verfügung si eilen wird. Anstatt dessen 
taucht ein einzelner auf, kein zweiter neben ilim, der Xanie 
Dora. Ich fnige nach seiner Deturniiuierung. Wer heiiit deun 
nnr sonst Dora/ Ungläubig möchte icJi den nächsten Einfall 
zurückweisen, der lautet, daß das Kindermädchen meiner 
Schwester so heißt. Aber ich besitze so viel Selbstzucht odtT 
Übung im Analysieren, daß ich den Einfall festhalte und 
ueiterspinne. Da fällt mir auch sofort eine kleine ßeo-ebenheit 
des vorigen Abends ein, welche die gesuchte Determinierun-' 
bringt. Ich sali auf dem Tische im Speisezimmer iueiner 
Schwester einen JJrief liegen mit der Aufschrift: ,.An Fräulein 
Rosa W." ICrst-aunt frage ich, wer so heißt, und werde be- 
lehrt, daJi die vermeintliche Dora eigentlich Kosa heißt und 
diesen ihren Nauien beim Eintritt ins Haus ablegen mußte, weil 
meine Scliwcster den Ruf ,,Rosa'' auch auf ihre eigene Person 
beziehen kann. Ich sagte bedauernd: Die armen L«ute, nicht 
einmal ihren Namen können sie beibeJjalten ! Wie ich mich 
jetzt besiime, wurde ich danu für einen Moment still und be- 
gann au allerlei erustliafte Dinge zu deukeii, die ins unklare 



XU. ÜET E ltMINISMUS: - ZUFALLS- U. AE EHGLAüBEN El'C. 291 

verliefen, die ich mir jetxt aber leicht bewußt machen konnte. 
Ais ich dann am nächsten Tag nach einem Namen für eine 
Ferson suchte, die ihren eigenen nicht, beibehalten 
durfte, fiel mir kein anderer aJs „Dora^* ein. Die Ausschließ- 
_ lichkeit beruht liier auf fester iuiialtlicher Vcrknüpfun^s t^eun 
-in der Geschichte moiner Patientin rührte ein auiili für den 
Verlanf der Kur entscheidender Einfl.ilä von der im fremden 
Hans dienenden Person, von einer Crouvemante, her. 

Diese kleine Begebenheit fand Ja.hre spater eine unerwar- 
tete Fortsetzung. Als ich eiunaal die längst veröffentlichte 
Krankengeschichte des nun Dora gon;mnt«D Mädchens in 
meinei- Vorlesung besprach, fiel mir ein, daJ3 ja eine meiner 
beiden Hörerinnen den gleichen Namen Dora, den ich in den 
verschiedensten Verknüpfungen so oft auszusprechen hatte, 
trage, und ich wandte mich an die iunge Kollegin, die mir 
auch persönlich bekaimt war, mit der Entschuldigung, ich 
hätte wirklich nicht daran geda.cht, daJ3 sie auch so heiße, sei 
aljer gern bereit, den Namen in der Vorlesung durch einen 
n-ndcrcn zu ersetzen. Ich hatte nun die Aufgabp, rasch einen 
linderen zu wählen, und überlegte dabei, jetzt dürfe ich nur 
nicht auf den Vornamen der anderen Hörerin kommen und so 
den psychoanaly lisch bereits geschulten Kollegen ein schlech- 
tes Beispiel geben. Icli wai- also sehr zufrieden, als mir zum 
Ersätze für Dora der Name Erna einfiel, dessen ich mich 
nun im Vortrag bediente. Nach der Vorlesung fragte ich mich 
woher wohl der Name Erna stammen möge, und mußte laclien 
als ich morkte, daJi die ^gefürchtete Möglichkeit sich bei der 
Walil des Ersatznamens demaoch, wenigstens teilweise, durch- 
gesetzt liatte. Die andere Dame hieß mit ihrem Pamiliennameu 
Lucerna, wovon Erna ein Stück ist. 

ß) In einem Briefe au einen Freund kündigte ich ihm an 

19« 



292 XII. DEl-EBMlNISMUti. - ZUFALLS- U. ABERGLAUBEN ETC 



daß ich jetzt die Korrekturen der Traumdeutung abgcschlosijen 
iia,be und uichts mehr an dem Wt-rke ändern will, „möge ns 
auch 2467 I-'ehler enthalten". Ich versuche sofort, mir diese 
Zahl aufzukläri-u und füge die kleine Analyse noch als Nach- 
schrift dorn Briefe im. Am besten xiticre ich jetzt, wie ich 
damals geschricl^n, als ich mich auf frischer Tat ertappte : 

„Noch nusch einen Beitrag anr Psychopathologie des AU- 
tagalcbeus. Du findest im Briefe die Zahl 2467 als üliermütige 
Willkürschätzung der Fehler, die sich im Tniumbuch finden 
werden. Es soll heißen ; irgend eine große ZaJil. und da stellt 
sich diese ein. Nun gibt es a ber nichts Willkürliches, ün- 
dc terminiertes im Psychischen" . "Du wirst also auch mit Recht 
erwai-ten, daß daä Unbewußte sich beeilt hat, die Zahl zu 
determinieren, die von dem Bewußten freigelassen wurde. Nun 
hatte ich gerade vorher in der Zeitung gelesen, daß ein GoueraJ 
K. M. als Peldzeugmeister in den Ruhestaiid getreten ist. Du 
mußt wissen, der Mann interessiert mich. Während ich als 
militüräizt licher Eleve diente, kam er einmal, damals Oberst, 
i:i den Krankeusland und -sagte zuni Arzte: ,Sie müssen mich 
aber in acht Tagen gesund machen, demi icli habe etwas zu 
arbeiten, worauf der Kaiser wartot.' Damals nahm ich mir 
vor, die Laufbahn des Mannes zu verfolgen, und siehe dx 
heute (1809) ist er am Ende derselben, Feldzeugmeister und 
schon im Ruhestaudo. Ich wollte ausrechmjn, iu welcher Zeit 
er diesen Weg zurückgelegt, und nahm an, daß ich ihn 18H2 
im Spital gesehen. Das wären also 17 Jahre, Ich erzähle 
meiner Frau davon imd sie U-merkt : .Da müßtest du also auch 
schon im Ruhestand sein?' Und ich protestiere: Davor be- 
wahre mich Gott. Nach diesem Gespräche setze ich mich an 
den Tisch um Dir zu schreiben. Der frühere Gedankengang 
setzt sich aber fort und mit gutem Recht. Es war falsch ge-' 



i 



Xn. DETEKM INISMUS. ~ ZUFALLS- U. ABERGLAUBEN ETC. 293 



f-/ 



rechnet; ich habe eiuen feston Punkt dnfür in meiner Kr- 
irmerimg. ifeine Großjährij^keit, meinen 24. Geburtstag also, 
habe ich im ^Miliiiirarrest gefeiert (weil ich mich eigenmächtig 
absentiert hatte). Das war also 1880; es sind 19 JaJire licr. 
Da hast Du nun die Zahl 24 iu 2467 ! Nimm mm meine Alters- 
zahl 4:3 und gib 24 Jalire hinzu, so bokonimst Du die fi7 1 Diis 
lieiüt a.uf die I'rage, ob icli auch in den RuJiestand treten will, 
habe ich mir im Wunsche noch 24 Jahre Arbeit zugelegt. Offenbar 
bin ich gekränkt darüber, daJ3 ich es in dem Intervall, durch 
das ich den Oberst M. verfolgt, selbst nicht weit gebracht 
habe, und doch wie in einer Art von Triumph darüber, daß er 
jetzt schon fertig ist, während ich noch alles vor mir habe. 
Da darf man mit Recht sagen, daß nicht einmal die absichts- 
los hingeworfene Zahl 2467 ihrer Determiiiierung aus dem ün- 
bc-wußt-en entbehrt." 

Stdt diesem ersten Beisjiiel von AufkläruiLg einer scheinbar 
willkürlich gewählten Zahl ha-te ich den ghäehen Versuch 
vielmals mit dem nämlichen Erfolge wiederholt; aber die 
meisten Fälle sind so sehr intimen Inhalts, dn.ß sie sich der 
Mitteilung entziehen. 

Gerade darum aber will ich es nicht versäumen, eine sehr 
interessante Analyse eine.'^ ,,Znlileneiufalls" hier atizufügeu, 
welche Dr, Alfred Adler (Wien) von einem ihm bekannten 
„durchaus gL'.sunden" Gewährsmann erliielt*; A. schn-ihl mir; 
,, Gestern abonds habe ich mich über die ,Fsychopathülogie des 
Alltags' hergemacht und ich hätt-e das Buch gleich ausgelesen, 
wenn mich nicht ein merkwürdiger Zwischenfall gehindert 
hätte. AJs ich nämlich las, daß jede Zahl, die wir scheinbar 
gaaiz W'illkürlich ins Bewußtsein rufen, einen bestimmten Sinu 

* Alfr. Adler, Drei Psychoanalysen von Zahleneinf allen und obse- 
dierendeii Zalilen. Tsycb.-Neur. Wochensclir,, Xr. 28, 1905. 



294 J^II- DKTERMINISMl'Ö. — ZUFALLS- U. ABERGLAUBEN ETC. 

hat, bcstüiloß ich, eincu Versuch zu machen. Es fiol iniv die 
ZaliL ]7;M oiu. Nun überstürzteu sich folgende Eiii- 
fäUii: 1734:17 = 102; 102:17 = 6. Daiiu 7X'rreiße ich die 
Zahl in 1 7 und 34. Ich bin 34 .Tahrß alt. Ich betrax^hte, wie 
ich Ih neu, glaubeich, einmal gesagt habe, das 34. Jahr als das 
letzte Jiig;ondjahr. und ich habe mich dariiman meinem letzten 
Geburtstag' siihr miserabel gefühlt. Am Knde meines 17. Jahres 
begüun für mich eine sehr sciiöne imd inberessaute Periode 
nii'iner Entwicklung;. Ich teile moiii Leben in Abschnitte von 
17 Jahren. Was haben nun die DiWsioncn zu bedeuten! Es 
füllt mir 7Ai dci- Zahl 102 "ein. daß die Xnmmor 102 der 
Rirclamschen ITniversalljibliotliek d;us Kotze bue sehe Stüfk 
,M«nschenhaJJ und lleue' enthält." 

,,Mein geg-cnwärtiger psychischer Zustand ist Menschen- 
haß und Reue. Nr. 6 der Ü.-B. (ich weiß eine ganze Menge 
Nujumcru auswendig) ist Müiiners , Schuld*. Mich quält in 
ein(!ni fort der Gedanke, daß ich durch meine Schuld nicht 
geworden bin, waa ich nach meinen Fähigkeiten hätte werden 
können. Weiter fälli. mir ein, daß Nr. 34 der U.-ß. eine Er- 
zählung desselben Müllner, betitelt ,Der Kaliber', enthält. 
Ich sseri-eiße da.s Wort in ,Ka-libor*; weitors fällt mir ein, daJi 
OS die Worte ,Aii' und ,Kali' entlxält. Das erüinert mich daran, 
daJ3 ich ciniual mit meinem (sechsjäUrigon) Soline AU Reime 
machte, ich forderte ihn auf, einen Reim axii Ali zu suchen. 
Ks fiel ilim keiner uin und ich sagte ihm. als er einen vou 
mir wollte: ,Ali reinigt den Mund mit hyi>ermangan saurem 
Kali". Wir lacliten viel und Ali war selir lieb. In den letzten 
Tag<^n Uiußte ich mit Vertlruß konstatieren, daß er ,ka (kein) 
lieber Ali sei'." 

,,Ich fragte mich nun: Wa^ ist Nr. 17 der U.-B. ?, konnte 
es aber nicht herausbringen. Ich habe es aber frülier ganz be- 



Xir. DETERMINISMUS. — ZUPAI.LS- U. ABERGLAUBEN ETC. 295 

stimmt gewußt, nehme also an, daß ich diose I^;i,lil vergessen 
wollte. Alles Nachsinjieii blieb umsonst. Ich wollte weiter 
If.sen, las abc*r nur mechauisch, ohne ein Wort za verstehen, 
da mich 'die 17 quälte. Ich löschte das Ijicht aus und suchte 
wfiiter. Schließlich fiel mir ein, daß Nr. 17 ein Stück von 
Shakespeai'ti sein muß. Welches aber? Es fällt mir ein: Hcro 
und T^ander. Offenbar ein blödsinniger Versuch meines Wil- 
]eii.s. mich abzulenken. Ich stehe endlich auf und suche den 
Katalog, der U.-B. Nr. 17 ist , Macbeth'. Zu meiner Verblüf- 
fung muß ich konstatieren, daß ich von dem. Stücke fast ga.r 
nichts weiß, trotzdem es mich nicht weniger beschäftigt hat als 
andere Dramen Shakespeai'es. Es iällfc mir niu- niu: Mörder, 
Liuly Macl:)etb,, Hcxni, , Schön iyi liäßlich'. luid daß ich seiner- 
Äoit Schillers Macbethbearbeitung sehr sr-iiön gofundon liabe. 
Zweifellos habe ich also das Stück vergossen wollen. Noch 
fällt mir ein, daß 17 und 34 durch 17 dividiert 1 und 2 ergibt. 
Nr. 1 und 2 der U.-B, ist Groothqs jlt'aust'. Ich habe früher 
sehr viel Faustisches in mir gefunden." 

* Wir müssen bedauern, dnB die Diskretion des Arztes uns 
keinen Einblick in die Bedeutung dieser It^ihe von Einfällen ge- 
gönnt hat. Adler bemerkt, daß dem Maune die Synthese 
seiner Auseinandersetzungen nicht gelungen ist. Dieselben 
würden uns auch kaum mitteilensvvert erschienen sein, wenn 
in deren Eortsetzung nicht etwas aufträte, was uns den 
Schlü.S'sel zum Verständnis der Zahl 1734 und der ganzen Ein- 
fallsreiiic in die Hand spielte. 

., Heute früh hatte ich freilich ein Erlebnis, das sehr für die 
Richtigkeit der Ereudscheu Auffassung spricht. Meine Frau, 
diL' ich beim Aufstehen des Nachts aufgeweckt luitte, fragte 
mich, was ich denn mit dem KatJilog der U.-B. gewollt hätte. 
Ich erzählte ihr die Geschichte. Sie fand, dtiß alles Ra.bulistik 



296 -^"- KEI'EIÜIINISMUS. — ZUfALUi- C. ABERGLAUBEN' ETC. 



sei, nur — sehr iateresäaut — r den Macbetli, gegen den ich mich 
so sehr gewehrt hatte, ließ sie gelten. Sie sagte, ihr falle gia 
nichts ein, wenn sie sich eine Zahl denke. Ich antwortet«: 
, Machen' wir eine Prol>e.' Sie nannte die Zahl 117. Ich er- 
widerte dii.raiir sofort: ,!7 ist eine Beziehung auf das, was 
ich dir iTzählt iial>e, ferner habe ich dir gestern gesagt : wenn 
eiur Frau im 82. Jalirc steht und ein Mann im 35., so ist das 
ein argoK Mißverhältnis.' Icli frozzle seit ein paar Tagen 
meine Fj-au mit der Bt-hauptimg. daß sie ein altes Mütierchon 
von 82 Jahren sei. 82 -f 35 = 1 1 7." 

Der Maan, der seine eigene Zahl nicht zu determinieren 
wußte, fand also sofort die Anflösmig, als seine Frau ihm eine 
angeblich wiliUiirlicli gewählte Zahl namitc. In Wirkli^'hkeit 
Iiatte die Frau sehr wolil auf^ef:ißt, aus welcliom Komplex die 
Zahl ihres Mannes stammle, und wäJilte die eigene Zalil aus 
dem uämliclion Knmidex, der gewiß beiden Personen gemein- 
sam war, da CS sich in ihm um das Altersverhältnis der beiden 
handelte. Wir haU?u es nun leicht, den Zahleneinfall des 
Mannes zu üh.rsetzen. Er spricht, wie Adler andeutet, einen 
unterdrücklcn Wunsch des M;ijines aus, der voll entwickelt 
lauten würde: ,,Zii einem Manne von 34 Jahren, wie ich einer 
bin, paßt nur eine Frau von 17 Jahren.'- 

Damii man nirhl :iUzu geringschätzig von solchen ,. Spiele- 
reien" denken möge, will ich hinzufügen, was ich kürzlich von 
Dr. Adler erfalireu lialje, daß ein Jahr nach Veröffentlichung 
dieser Analyse der Mann von seiner Frau ge.sehieden war*. 

* Zur Aurklarung des „Ma<;beth" in Hr. 17 der U.-B. teilt mir Adler 
mit, cbiü der Iletrerfeudo io seinem 17. Lebensjahr einer ajiarchistischaQ 
Cesol iHfliaft bcigeLreten war, die sich den Königsniord Kum Ziel gesetzt 
liatft. Durum verfiel wohl der Inlialt des Macl«th .\om Vergessen. Za 
juncr Zeit erfanrl dio näiuliclie Person eine Geheioisclirifi, in der die 
liuclistabeii durch Zahlen ersetzt waren. 



^U. DE l EiaaNIS MUS. - ZUFALLS- U. ABEKCLAUBEN ETC 2\}1 



Ähnliche Aufklürungcii gibt, Adler für die Entstehiin"- 
obscttierender Zahlen. Auch die Walü sogeiianulor .,Liol)linga- 
zahiefi" ist nicht ohne Beziehung auf daslx)beu der hetrcffcndea 
Person und entbehrt nicht eines gewissen psycliologi. sehen 
Interesses. 3i;in Herr, der sich zu der besonderen Vorliebe für 
die Zahlen 17 und 19 bekannte, wußte nach kui-zeui Besinueu 
anKiigelien. daß er mit 17 Jahren in die langersehnte akade- 
mische Prciheit, auf die Universität, gekommen, und daß er 
mit 19 Jahren seine erste groüe Keiee und bald darauf seinen 
ersten wissenschaftlichen Fund gemacht. Die Fixierun* 
dieser Vorliebe erfolgte aber zwei Lustren sj-äter, als die 
gleichen Zahlen 'zur Bedeutung für sein Liebeslebeu gelangten. 
— Ja, selbst Zahlen, die man anscheinend willkürlich iu ge- 
wissem Zusammenhange besonders häufig goi)raucht, lassen 
sich duroll die Analyse auf unerwarteten Sinn zurückführen. 
So fiel es einem meiner Patienten eines Tages auf, daJ3 er im 
Unmut besonders gern zu sagen pflegte : Das habe ich dir scheu 
17- bis 3Gmal gesagt, und er fragte sich, ^b es auch dafür eine 
Motivierung gebe. "Fs fiel ihm alsbald ein, daß er an einem 
27. ilonatstag geboren sei, sein jüngerer Bruder aber an eiueni 
26., und daJ3-er Grund habe, darüber zu klagen, daß da.^ Schick- 
sal ihm so viel von den Gütern des Lebens geraubt, um sie 
dicßem jüngeren Bruder zuzuwenden. Diese Parteilichkeit des 
Schicksals stellte er also dar, indem er von seinem Geburts- 
datum zehn abzog und diese zum Datum des Bruders hinzu- 
fügte. „Ich bin der Ältere uad dennoch so veikürzt worden.*' 

Ich will bei den Analysen von Zahlcinfällen länger ver- 
weilen, denn i ch kenne keine anderen^Kinzelbeobachtungen. die 
so "schlagend die Existenz von hoch zu sammenge setztcii Denk- 
vorgängen erweisen würden, von denen das Bewußtsein doch 
keine Kunde hat, und anderseits kein besseres Beispiel von 



298 XII. DETKKM INISMUS. - ZUPALU- U. ÄBEEGLAL"BE\ ETC. 



Aniilysen, bei dem-n die häufig angcscluildigtre Mitarbeit des 
Arztes (dir Suggestion) so sicher außer Betraclit kommt. 
Ich werde duher die Analyse eines Zalileneiuf alles eines ilieiuer 
Patienten (mit seiner Zustimmung) hier mitteilen, von dem 
ich nur anzugeben brauche, daß er das jüngste Kind einer 
hingen Kinderreihe ist, und daß er den bewunderten Vater in 
jungen JaJiren verloren liat. In besonders heiterer Stimmung 
läßt er sich die Zahl 426718 einfallen und stellt sich die Frage: 
„Also was fällt mir dazu ein? Zunächst ein Witz, den ich 
gehört habe : ,Wcnn man einen Sclmupfen ärztlich behandelt, 
dauert er 42 Ta^ge, wenn mau ihn aber unbehandelt läßt — 
G Wochen.* Da« cnispricht den ersten Ziffern der Zahl 
42=6x7. in der Stockung, die sich bei ihm nach dieser 
erfctcn Lösung einstellt, mache ich ihn aufmerksam, daJ3 die 
von ilmi gewählte, sechsstellige Zahl alle ersten Ziffern ent- 
halte bis auf 3 und ;j. N'nii findet er sofort die Fortsetzmig 
der Deutung. „Wir sind 7 Geschwister, ich der jüngste. 
3 entspricht in der' Kiiiderreihe der Schwester A.. 5 dem 
Brudci- L., das waren meine beiden Feinde. Ich pflegte als 
Kind jeden Abeud zu Gott zu beten, daß er diese meiae beiden 
Quälgeister aus dorn Leben abberufen solle. Fs scheint mir inuii, 
d;iJJ ich mii- hier diesen Wunsch selbst erfülle; 3 und 5, der 

böse Bruder und die geiudJto Schwester sind ül>ergano-en." 

Wenn die Zahl also Ihre Geschwisterreihe bedeutet, was soll 
das 18 am Kiuie? Sie waren doch nur 7. — ^Jch habe oft ge- 
dacht, wenn der Vater noch länger gelebt halte, so wäre ich 
nicht das jüngste Kind geblieben. Wenn noch 1 gekommen 
wärCj so wä.rcu wir 8 gewesen, und ich hätte ein kleineres Kind 
hinter mir gehabt, gegen das ich den Älteren gespielt hätte." 
Somit war die Zahl aufgeklärt, aber es lag uns noch ob, 
den Zusammenhang zwischen dem ersten Stück der Deutung 



, 's _ 



XII. DETERMINISMUS. ~ ZUFALLS- U. ÄBKKGLAÜBEN ETC. 299 

imd den folf^-enden li-erzuslellen. Das er^ab sich sohr Ifiolit .-ins 
der für die letzten Zahlen benötigten Bßrlinguug: Wenn der 
Vater noch länger gelebt hätte. 42=6X7 bedeutete den Hohn 
gegen die Äratc. die dem Vator nicht hatten helfen können, 
drückte also in dit-eer Form den Wunsch nach dorn Fortleben 
des Vaters aus. Die ganze Zahl entsprach eigeutlic^li der Er- 
füllung seiner beiden infanlilen Wünsclie in betreff s«>ines Für 
milirnkreises. die l)eiden bÖ.wu Geschwister sollten sterben, 
und ein kleines ücschwisterchen hinter ihnen nEichkounuL'n. 
oder auf den kürzesten Ausdruck gübr.'Lcht: WL-rni doch liebrr 
die beideu gestorben wären anstatt des geliebten A'"aters!* 

Kin kleines Beispiel aus meiner Kurrespondeuz. Ein Tole- 
graplienclirektor in T^. schreibt, sein 18"/i.Jähriger Sohn, der 
Mfdixiu stucliercn wolle, besuhäftige sich schon jetzt mit der 
Psychopathologie des Alltags und suclio seine Eliern von dfr 
Richligkeit meiner Aufstellungen au überzeugen. It-h g.-bc 
einen der von ihm angestellten Vei'suche wieder, ohne mich 
über die dai'an geknüpfti; Diskusaion zu .'iuÜurn. 

„Mein Sohn uuterliillt sieh mit meiner Fran über den 90- 
gpjiannten Zufidl und erläutert ihr, dali sie kein Ijied, keine 
Zahl nennen könne, die ihr wirklich nur .ziUailig' einfielen. 
Es oi]tsi)innt sich folgende Unterliall uug : 

Sohn : Nenne mir irgbnd eine Zahl. 

Mutter: 79. 

Sühn: Was fällt dir dabei ein? 

^lütter: Ich denke an den scliöaen flut, den ich "gestern 
besichtigte, 

Solm: Was kostete er? 

Mutter: 15b M. 



* Zur Vereinfachuug habe ich einige nicht minder yut j^asseiule 
Zwischeneiniälie des Patienten weggeliusseu. 



.SOO Xir. DETEEinNISMUS. — ZUFALJ-S- U. ABKKGLAUBEN ETC. 

Rnlm: Dil IuiIh-h wir ps : ]58:2~70. Dil' war (3cr Hui 
zu t-f'tiL'r und du hast gtjwiß g^idnclit : ,W(;uu er halb soviel 
kostete, würd*^ icli ihn kanfou.' 

Gegen dies*' Ausfidiruugüii moiuos Sohnea t'rht)h ich zu- 
nächst den Einwajid, daß Damen im allgemeinen niclit be- 
sonders rechneten und dnJS sich auch Mutter gewiß uiclit klar 
gcuiaeht habe, 79 sei die iliiirte von 158. Also sv(,z{> seine 
Theorie die iinmorliin unwalirscheinlioho Taisaehe voruAis, dnß 
da« Unterbewußtsein besser rechne als das normale Bewußt- 
sein. , Durchaus nicht,' erhielt ich zur Antwort; ,?;ugef:reben, daß 
Mutter die Rechnung 156:2 = 79 nicht gemacht hat, sie k:iuu 
aber recht gut diese Gleichung gclcgcntUcli gesellen haben; 
ja. sie kann im Traume sich iuit dem llul/e beschäftigt imd 
dabei sich khir gemacht haben, wie teuer er wjli-e, wenn e'r 
nur die Hälft<3 kostete,''' 

Eine andere Zahh'ujuialyse eutnelmie ich Jones (1. c, 
p. 478). Ein HeiT seiner Hekajuilschaft ließ sich die /.idil 086 
einfallen und fordertt.' ihn dann heraus, sie mit irgend etwa.s, 
was er slcli denke, in Zusnmmenhang zu bringen, „Dio nächste 
Assoziation der Versuchsperson wai" die Erinnernug an einen 
längst vergesscueu Scherx, Am heißi'sten Tage des Jahres vor 
sechs Jalireü hatte eine Zeitung dio Notiz gebracht, da« 
Thermometer zeige S)8li0 FiiJirenlu'il;, offenbar eine groteske 
Übert rtibung von 98-6, dem wirklichen Thermomoterstaud I 
Wir saßen während dii'ser Untorhaltniig vor einem starken 
B'euer im Kamin, voü dem er sich wegrückte, und er bt^nerkte 
wajirseheinlieli mit B-echt, daß die große llitüe ihn aul' dii.'se 
Erinnerung geijr;u;ht halw?. Ich gab niieh al>er nicht so leicht 
zufrieden und verlajigt« «u wi.ssen, wieso gerade diese Erinne- 
rung bei ihm so Test gehaftet Iiabe. Er er/.illtlt^', er habe über 
diesen Scherz so fürciiterlieh gelaciit und sich jedesmal von 



I 



Xil. DCTKKMISI&MUS. — Zl"FALL&- ü. ABEHG!.ArBEN ETC. ;-J01 

Di-iiiui iilxjr ilm uuiü^iurt, so oft or ihm \vii_drr eint^efalleu aei. 
I">:i ich alwr den Scherz nicht besonders srut finden k'^^nt•c, 
wurd«" nn'ino Erwartung eines p*-hcimt:u Sinnes dahinter nur 
noch verstärkt. Sein luit-hster Gedanke war. daß die Vorstel- 
lung dei" Wiirnio ilini immer so\iel bedeutet habe. Wäi-me sei 
<]us Wiehtigslo in der Welt, die Quelle allea Lebens usw. 
Kin<' sulohe Schwärmerei eines sonst recht nüchternen jungen 
Miuincs mußte naclidonklioh stimmen; ich bat ihn, mit seinen 
Aspozintionen fürt zufahren. Sein nächster Einfall ging auf 
(li*n KniH^hfaug einer Fabrik, den er von seinem Schlafzimmer 
aii5^ sehen konnte. Kr pflegte oft des Abt*nds auf den Ilauch 
umi da« F<:uer zu stiureu. der aus ihm hervorging, und dabei 
über tlie bekla (je ns werte A'ergtnidung von Energie nachzu- 
denken. Wärme. Fi-uer, die Quelle aiies Lebens, die Vergeu- 
dung von Energie aus einer hoheu hohlen Röhre — es war 
nicht s<^hwer. aus diesen Assoziationen zu erraten, daß die 
Vorstelhnig Wärme und Feuer bei ihm mit der Vorstellung 
von liielHi verknüpfi \v:uTn. wie es im symlxilischen Denken 
geuöhnlicti i>\. und daß ein starker Mnstiirlwitionskoniplex 
»einen /«ilileneinfall molivii-rt habe. Es blieb ihm nichts übrig, 
als meine Vermutung zu Iwstätigeu.'' 

Wer Mich von der Art, wie das Material der /ialüon ini un- 
bewußten TK-nken venirlH'itet wird, einen guten Kindi'uck holen 
will, den verweim- ich auf C. ii. Jungs Aufsatz „Ein Beitrag 
zur Kenntnis des Znhlentraumes" (Zentralbl. für Psychoanalyse. 
1, ll»l*J) and auf einen anderen von E. Jones „Unconscious 
mjiuii'ul.'ilions of numlMTs" (ibd. II. 5. 1912). 

in eigenen Analysen dieser Art ist mir zweierlei besonders 
aurfäUig: Erstens die geradezu sonmanibule Sicherheit, mit 
<h'r ich auf da« mii^imbekaiinte Ziel losgehe, m ich in einen 
rechnon<h^n Oedajikengajig versenke, der dann plötzIicE'Tr^ 



302 XII. DETICHMIN ISMUS. - ZUFALIÄ- ü. ABERGLAUBEN ETC. 



der gesuchten Zahl aJigclangt ist, und die Ras clihcit, mit der 
sich die gaaiae Xacharlx^it vollzieht; zweitens aber der Üm- 
s(;ijid, daßdie Zahlen meinna imbewußteu Denken so bereit- 
willig zu r Ye rfiii.nmii'- ^fohon. wä hrend ic h ein sohlechtfrBech- 
ner bin u nd die gr<ißteii Schwierigkeiten habe, mir Jahres- 
zahlen, Hausnummern und dergloiclien bewußt zu m<Tken. 
Ich finde übrigens in diesen unbewußten Gedaukenoperntionen 
mit 'Anhlf.n oine Neigung zum Aborglauben, deren Herkunft mir 
laJige Ziüt fremd geblieben ist*). 

• Hon- Rudolf Schneider in .Münclien hat eine int«ressanlo TCiuwon- 
dung ge^on dio BeweiBkraft solcher Zahlerumalysen erholen. (R. Schnei- 
der, Zu Freuds anolytisclier Uiiteranchung des Zahleneinfsills. Internat. 
Znitschr. für Psychoanalyse, 1920, Heft 1.) Er frrifE gegebene Zalden nuf, 
z. B. oine solche, die ihm in einem aafgeschlagi.ncn f.;e.sohichlHwerke zu- 
erst in dif! Aiigi-n fiel, oder er legte einer anderen Person eine von ihm 
aiispewiihlte Z.-ilil vor und sah nun zu, ob sirh auch zu dieser aufgedrän'-lun 
Zahl anaclieüiend detcrmioierendf^ Einfälle einstellten. Das war mm wirk- 
lich der Fall; in dem einen ihn selbst betreffenden Beispiet, das er mit- 
teilt, ergaben die Einfälle eine ebenso reichliche und sinnvolle Determi- 
nicrunp wie in unseren AnaJyaen von spontan aiifgeteuchten Zahlen, wäli- 
rond doch dii! Zahl im Vorbuche Schneiders aU von außen gegeben einer 
llotermjniorunf,' nicht bedürfte. In einem zweiten Versuch, mit einer 
fremden Person machte er sich die Aufgabe offfnbar zu leicht, dL-nii er 
gab ihr die Zahl 2 auf, deren Determiniorung durch irfrcnd welonesMateriaJ 
bei jodc-i'uiani! «gelingen inuU. 

R. Schnoider schÜellt nun aus seinen Erfahruiip-en zweierlei 
erstens ,,daH Psycliische besitze zu Zaliieu dieselben AssoniaiionsmÖL'Iich- 
keiten wie zu Begriffen'", zweitens, das Auftauchen determinierender Ein- 
fälle zu spontanen Zahleneinfällen Ireweisc nichts für die Herkunft dieser 
Zahlen aus den in ihror „Änaly.'c" gefundenen Gedanken. Dio erstero 
Folgerung ist nun unzweifelhaft richtig. Man kann zu einer gegebenen 
Zahl ebenso leicht etwas Passendes ajssoxiiereo wie zu einem zugerufeneui 
Wort, ja vielleicht noch leichter, da die Verknüpfbarkeit der wenigen 
Zahlzeichen eine besonders große ist. Man befindet sich dami einfach in der 



XII. ÜET ER MINISMUS. - ZUFALLS- U. ABKKGLAUBEN ETC. 303 



Es wird ims nicht üljürraächeu yj\ üudou, dnß nicht nur 
Zahlen, sondi^rn auch Worteiiifälle anderer Art sich der 
analytisclien üutersuchnng regehnaßig als guL determiniert 
erweisen. 

Kill hübsche!^ Beis})iel von Herloituiig eines obsedicrenden, 
d. h. verfolgenden Wort es findet sicii bei Jung (Diagnost. Asso- 
ziationsstadien. IV, S. 215). „Kine Bamo erzälilte mir, daß ihr 



Situation des sogenannten Assoziationsesperimeüts, das voa der B 1 c u- 
ler-Jungschen Scliulo nach den mamiigfiiltigsLen Hichtuageii atudiort 
worden ist. In dieser Situation wird der Einfall (Reaktion) durch das 
gegeljene "Worl (Reizwort) det-erminiert. Diese Reaktion köuute aber noch 
von Hohr verscliiedener Art sein und die Jung sehen ^'ersuche haben 
gezeigt, daß auch die weitere Unterscheidung uicht dem „Zufall" üljcr- 
lassen isl, sondern daß unbe\vußte „Komplexe" sich an der Determinierung 
beteiligen, wenn sie durch das Reizwort angerührt worden sind. 

Di« zweite Folgerung Schneiders geht zu weit. Aus der Tatsache, 
daß zu gegebenen Zahlen (oder Worten) passende Finfüile auftauchen, 
'ergibt sich nichts für die Ableitung spontan auftiuiuhendur Zahlen (oder 
WorlrO), was niebt schon vor Kenntnis dieser Tatsache in Betracht zu 
ziehen war. Diese Einfälle (Worte oder Zahfen) könnten iiudeter minien 
sein oder durch die Gedanken detorminitirt, die sich in der Analyse ergeben, 
oder durch andere Gedanken, die sich in der Analyse uicht verraten haben, 
in welchem Falle uns die Analy.se irregeführt hätte. Man muß sich nur 
von dem Eindnick frei machen, daJ3 dies Problem für Zahlen anders liege 
als für Worteinfälle. Eine kritische Untersuchung des Probloma und so- 
mit eine Rechtfertigung der psychoanalytischen Einfallsteohnik liegt 
nicht in der AbBicht dieses Uuches. In der analytischen Pi-asia geht mau 
von der Voraussetzung aus, daß die zweite der erwähnten Möglichkeiten 
Antreffend und in der Melirzahl der Fälle verwertbar ist. Die Unter- 
suchungen eines Fxperiiiienlalpsychologen haben gelehrt, daß sio die bei 
weitem wabrsclieinlich.^tc ist. (PojipBlreu ter.) (Vgl. übrigens hiezu 
die beachtenswerten Ausführungen Bleulers in seinem Buch ; Das 
autistisch-undisziplinierte Denken usw., 1919, Abschnitt 0: Von den 
Wahrscheinlichkeiten der psychologischen Erkenntnis.) 



304 3iII. DETEEMINISMUS. — ZUFALLS- L'. ABERGLAUBEN ETC. 



seil, eiuigoii Taigen beständig das Wort .Taganrog" im Mimde 
liogc. uliiic daß sie eine Idee habe, woher «las komme, leb frag:t* 
die Dame nach den affektbotonten Kreigiiissou und verdrängten 
Wünschen dt-r Jüiigstvergaugenheit. Xach einigem Zögern er- 
zählte sie mir. daß sie sehr gern einen .Morgenrock' hätte, 
ihr Maam al)i-'r nicht das gewünschte Interesse dafür htibe. 
»Morgenrock : Tag-an-rock', man sieht die partielle Simi- xmd 
Klangvorwaiidt-scliaft. Dir- Determination der russischen Form 
kommt dalior, daß ungefähr zu gleicher Zeit die Dame eine 
rcrsünlichkoir aus Taganrog kennen gelernt haUe." 

Dr. E. Ilitschmann verdanke ich die Auflösung eines 
anderen Falles, in dem sich ein \'ers wiederholt in einer be- 
stimmten ürtliclikeit als Einfall aufdrängle, ohne tliiB dessen 
Herkimfl und Beziehungen ersichtlich gewesen wären. 

„Erzählung des Dr. jur. IC: Ich fuhr vor seclxs Jahren 
von Biurritz nach Sau Scijaslian, Die Ei senbalm streckt' fülut 
über den liiciassoafluß, der hier die Grenze zwischen Fnmk- 
reich und Spanien bildet. Auf der Krücke hat man eiuen 
schüuen Blick, auf der einen Seite über oiu weites Tal und die 
Pyrenäen, auf der audcren Seite weithin über dii^ Jleor. Es 
war <;iri schöner, heller Sommertag. alles war erfüUi von Sonne 
und Licht, ich war auf einer Ferienreise, freute niicli nach 
Spunieu zu kommen ~ da fielen mir die Verse ein: ,Aber frei 
ist strhou die Seele, sehwebet in dem Meer von Licht.' 

Ich erinnere mich, daß ich damals darüber naohcfachle, 
woher diese Verse seien, und mich dessen nicht entsinnen 
konnte; nach dem Rhythmus mußten die Worte aus einem 
Gediclite stanmien, welches aber meiner Erinnerung vollständig 
entfallen war. Ich glaube später, dii mir die Verse wieder- 
holt in den Sinn kamen, noch mehrere Leute danach gefragl 
zu haben, ohne etwas erfahren zu köinien. 



XII. DETERMINISMUS. — ZUFALLS- U. ABEKGLAUBEN ETC. 305 



Im Vorjahre iuhr ich, von einer spanischen Reise ziiiiick- 
kehiend, auf derselben Bahnstrecke. Es war stockfinstere 
Kacht und es regnete. Ich sah zum Fenster hinaus, um zu 
sehen, ob wir schon in der Grenzstation ankamen, und be- 
merkte, daß wir auf der Bidassoabriicke waren, öofort kamen 
mir die oben angeführten Verse wieder ins Gedächtuis, \md 
wieder konnte ich mich ihrer Herkunft nicht erinnern. 

Mehrere Monate nachher kamen mir zu Hause die Uhlaud- 
schcn Gedichte ^n die Hand. Ich öffnete den Band und mein 
Blick fiel auf die Verse : ,Aber frei ist schon die Seele, schwebet 
in dem Moer von Licht', die den Schluß eines Gedichtes: ,Der 
Waller' bilden. Ich las das Gedicht und erinnerte mich mm 
ganz dunkel, es einmal vor vielen Jahren gokaiuit zu haben. 
Der Schauplatz der Handlung ist in Spanien, uud dies schien 
mir die einzige Beziehung der zitierten Verse zu der von mir 
beschriebenen Stelle der Eisenbaimstreckc zu bilden. Ich ^vtu' 
von meiner Entdeckung nur halb boi'ricdigt und blätterte 
mechanisch in dem Buche weiter. Die Verse ,Aber frei ist 
schon- usw.' standen als die letzten auf einer Seite. Beim Um- 
blättern fand ich auf der nächsten Seite ein Gedieht mit tler 
Überschrift ; ,Die Bidassoabriicke.' 

loh bemerke noch, daß mir der Inhalt dieses letzteren Ge- 
dichtes fast noch fremder schien als der des ersten, und daß 
seine ersten Verse lanten; ,Auf der Bidassoabriicke steht ein 
Heiliger altersgrau, segnet rechts die span'schen Berge, segnet 
»links den fräuk'schen Gau."' 

II. Diese I-Iinsicht in die Determiuieruug scheinixu" will- 
kürlich gewählter Xamen und Zahlen kann vielleicht /Air Klä^ 
rung eines anderen Problems beitragen. Gegen die Annahme 
eines durchgehenden psychischen Determinismus berufen sich 
bekanntlich viele Personen auf ein besonderes Überzeugungs- 

i^'teud, Paychopatliolnitie de» AlllugalobcnB. TiU. AuLI. 30 



306 ^1^- DETEKMINI:^ilUS. — ZUFALLfi- U. ABEBGLALBEN ETC. 



gefühl für die Existenz eines freien Willens. Dieses Über- 
iMiiiguiigsgcfühl Ijesteht und weicht, auch dem Glauben an den 
Detxjnuinisiims nicht. Ks muß wie alle normalen Gefülile durch 
irgend etwaa berechtigt sein. Es äußert sich aber, soviel ich 
beobachten kann, nicht bei den großen und wichtigen Willens- 
cntscheidiingen; bei diesen Gelegenheiten liat m;ui vielmehr 
die llmpfiiKhing des psychischen Zwanges und l>eruft sich gern 
auf sie („Hier atehe ich, ich kann nicht anders"). Hingegen 
möolito man gerade bei den belanglosen, indifferenten Ent- 
.scIUioßungen versichern, daß man ebensowohl anders hätte 
handeln können, daß uiaji aus freiem, nicht moiiviortem Willen 
gehandelt hat. Nach unseren Analysen braucht maji nun da-s 
Recht des Cl>crzeugungsgpfüliles vom freien Wilku nicht zu 
bestreiten. Fülirt man die Unterscheidung der Motivierung 
aus dorn Bewußten von der Motivierung aus dem Cnt>ewußten 
ein, so berichtet uns das Gberzeuguiigsgefühl, daß die bewußte 
Motivienmg sich nicht auf alle unsere motorischen Entschei- 
dungen erstreckt. Minima non curat praetor. Was aber so 
von fler einen Seite frei gelassen wird, das empfängt -seine 
Motivicnmg von anderer Seite, aus dem Unbewußten, und so 
ist die Deterniinierung im l'sychischen doch lückenlos durcli- 

geführl *. 

• Dieao Anschauungen über die atrengi; Deieruiiniemng anscheinend 
willkürlicher psychisciiffr Aktionen haben bereits reiche Frücbte für die 
l'aychologic — vielleicht auch für die Rechtspflege — getragen, Bleuler 
und Jung liaben in diesiüin Sinne die Reaktionen beim sogcuannteu 
AHKoziutionsoxpcrltucnt verständlich gomscht, bei dem die untersuchte 
Vcrfion auf ein ihr zugerufenes Wort mit ciaem ihr dazu einfallenden ant- 
wortet (KeizwQrt-Heaklion), und die dabei verlaufene Zeit gemessen wird 
(ReiiktionszciL). Jung hat in seinen „Diagnoslischen Assoziationsstudien 
1906" gezeigt, welch feines Reagens für psychische Zu-stände wir in dem 
so gedeuteten Assoziationsexperiment besitzen. Zwei Schüler des Straf- 



XU. DETEKMINISMU8. - ZUFALLä- U. ÄBEKGLAUBEN KTC. 3Ü7 



Ili. Wenngleich, dem bewußten Donken (Ue Kenntnis von 
der Motivierung der bespix)clieaen rehlleistimgen nach der 
ganü^u Sachhig:c abgehen muß, so wäre es doch erw-finsohts 
einen psychologischen Beweis für deren Existenz, aufziifindcii ; 
ja es ist aus Gründen, die sich bei näherer Kenntnis des Un- 
bewußten ergeben, wahrscheinlich, daß solche Beweise irgend- 
wo aojffiudbar sind. Es lassen sich wirklich auf zwei Gebieten 
Phänomene nachweisen, welche einer unbewußten und darum 
verschobeneu Kenntnis von dieser MotiA'iciiuig zu entsprechen 
scheinen : 

a) Es ist ein a,uffälliger und allgemein bemerkter Zug im 
Verhalten der Paranoiker, daJJ sie den kleinen, sonst von uns 
vernachlässigten Details im Benohmien der anderen diu größte 
Bedeutung beilegen, dießell>en ausdeuten und zur Grundlage 
w^eitgehender Schlüsse maclien. Der letzte Paitinoikor z. B., den 
ich gesehen habe, schloß aul ein allgemeines Einverständnis in 
seiner Umgebung, weil die Leute bei seiner Abreise auf dem 
Bahnhof eine gewi&se Bewegung mit der einen Hand gemacht 
hatten. Ein anderer hat die Art notiert, wie die Leute auf der 
Straße gehen, mit den Sj^azierstöcken fuchteln u. dgl.*. 

Die Kategorie des Zuiälligen, der Motivierung nicht Be- 
dürftigen, w^clche der Normale für einen Teil seiner eigenen 
psychischen T-^eistungen und Fehlleistungen gelten läßt, ver- 
wirft der Pai-anoikcr also in der Anwendung auf die psyclii- 



rechtslehrer-« H. Groß in Pra^, Wertheiinar und Klein, habea aus 
diesen Experimenten eine Teclmik zur „Tatbeatauds-DiagnoMiik" in atruf- 
rechtUcheii rällen entwickelt, deren Priifimg gegenwärtig Tsjchologen und 
Juristen beschäftigt. ' 

* Von anderen Gesichtspunkten ausgehend, hat maai diese Beur- 
teilung unwesentlicher und zufälliger ÄuUeruugen bei anderon zum „Be- 
ziehungswahn" gerechnet. 

20* 



308 



XII. DETEEMINISMCS. - ZItfALLS- V. ABERGLAUBEN ETC. 



sehen Äußerungen der anderen. Alles, was er an den anderen 
I>emflrkt, ist i>edeutimg:svoll, alles ist deutbar. Wie kommt er 
nur dii.zv.1 Er projiziert wahrscheinlich in das Seelenleben der 
anderen, was im eigenen unbewußt vorhanden ist, hier wie in 
so vielen ähnlichen Fällen. In der Paranoia dränj^t sich eben 
so vielerlei zum Bewußtsein durch, was wir bei Xormalen und 
Nonrotikcrn erst durch die Psychoanalyse als im Unbewußten 
vorhanden nachweisen*. Der Paranoiker hat also hierin in 
gewissem Sinne Recht, er erkennt etwas, wa.s dem Normalen 
ojitfreht. er sieht scharfer als das normale Denkvermögen, aber 
die Ver.'sehiebnng des so erkannten Sachverhaltes auf andere 
macht JM'ino Erkenntnis wertlos. Die Rechtfertigung der ein- 
zelnen paninoischen Deutungen wird man dann hoffentlich 
von mir nicht erwarten. Das Stück Berechtigung aber, welclies 
wir der Paranoia bei dieser Auffassung der Zufallshandlungen 
zugestehen, wird uns das psychologische Verständnis der Über- 
zeugung erleichtern, welche sich l)eira. Paranoiker an alle diese 
Deutungen geknüpft liat. Es ist eben etwas Wahres 
daran; auch unsere nicht als krankhaft zu bezeichnenden 
Urteilsirrtümer erwerben das ihnen zugehörige tberzeugnngs- 
gefülil auf keine andere Art. Dies Gefühl ist für ein gewisses 
Stück des irrtümlichen Gedankenganges oder für die Quelle, 
aus der er stnmmt, berechtigt und wird dann von uns auf 
den übrigen Ziusammenhang ausgedehnt. 

h) Ein anderer Hinweis auf die unbewußte und verschobene 



• Die dnrcli Analyse be\vußt zu machenden Phantasien der Hyste- 
riker von sexuellen und grausamen Mißhandlungen decken .sich z, B. ge- 
legentlich Ms ins Eiazetne mit den Klagen verfolgter Paraooiker. Es ist 
bemerkenswert, aber nicht unverständlich, wenn der identische Inhalt uns 
auch als Realität in dea Veranstaltungen Perverser zur Befriedigung ihrer 
Gelüato entgegonlritt. 



:;il. DETEKMINIÖMUS. — ZUFALLS- U. ABERGLAUBEN Kl-C. 309 



Kenntnis dt;r Mütiviening bei Zufalls- imd Felilleistungen f iudet 
sich in den Phärmmenen des Aberglaubens, Ich will meine Mei- 
nung diirch die Diskussion des kleinen Erlebnisses klailegen, 
welches für mich der Ausgaoigspunkt dieser Überlcg\ingen waj. 
Von den Ferien zurückgekehrt, richten sich meine Ge- 
danken alsbald auf die Kranken, die mich in dem ucii begin- 
nenden Arbeitsja.hre beschäftigen sollen. Mein erster Weg 
gilt einer sehr alten, Dame,, bei der ich (siehe oben) seit Jaliren 
die nämlichen ärztlichen Manipulationen zweimal täglich vor- 
nehme. Wegen dieser (xleichförmigkeit lialwn sich imbewuJJte 
Gedanken sehr hä\ifig auf dem Wege zu der Ki-ankon und wäh- 
rend der Beschäftigung mit ihr Ausdruck verschafft. Sie ist 
ülx-r 90 Jahre alt; e& liegt also na,he, sich bei liegimi eines 
jeden Jahres zu fragen, wie lange sie wohl noch zu leben hat. 
An dem Tag:e, wovon ich erzähle, habe icli Eile, nehme also 
einen Wagon, der mich vor ihr Haus führen soll. Jeder der 
Kutscher auT dem Wagen stand]ila.fcz vor meinem Hause kennt 
die Adresse der alten Frau, denn jeder hat mich schon oftmajs 
dalün geführt. Heute ereignete es sicli nun. daJä der Kutscher 
niclit vor ihrem Hause, sondern vor dem gleichheziff orten in 
t einer nahegelegenen und wirklich ähnlich aussehenden raraJl-l- 
sträße Halt macht. Icli merke den Irrtum und werfe* ihn dem 
Kutscher vor, der sich entschuldigt. Hat das nun etwas zu 
bedeuten, dali ich vor ein Haus gefülirt weixle, in dem ich die 
alte Dame nicht vorfinde? Für mich gewiß nicht, aber wenn 
ich abergläubisch wäre, würde ich in dieser Begebenheit 
ein A^orzeichen erblicken, einen Fingerzeig des Scliicksals, thiJ3 
dies Jahr das letzte für die alte Frau sein wird. Itecht vielo 
Vorzeichen, welche die Geschichte aufbewahrt hat, sind iu 
keiner besseren Symbolik begründet gewesen. Ich erkläi-e aller- 
dijigs den Vorfall für eine Zufälligkeit ohne weiteren Sinn. 



310 -^ilL DETEKMlNieirUS. — ZUFALLS- U. ABERGLAITIEN ETC. 



Gaoz auders läge der Fall, wenn ich den Weg zu Fuß ge- 
macht und daim in „Gedanken", in der „Zerstreutheit" vor das 
Haus der TaraUelstraße anstatt vors richtige gekommen wäre. 
lJa3 würde ich für keinen Zufall erklären, sondern für eine der 
IJeutung bedürft i;4:e Handluug mit unbewaßt er Absicht. Diesem 
„Vergehen'" müßte ich wahrscheialich die Deutung geben, 
daJi ich die alte Dame bald nicht mehr anzutreffen erwarte. 

Ich unterscheide mich also von einem Abergläubischen in 
folgendem: 

Ich glaube niclit, daß ein En-ignis, an dessen Zustandc- 
konuneii mein Seelenleben unbeteiligt ist, mir etwas Verborgenes 
über die zukünftige Gestaltung der Realität lehren kann; ich 
glüiUbe al>er, daß eine imbeabsichtigte Äußening meiner eif^enen 
Seeleutätigkeit mir allerdings etwas Verborgenes enthüllt, was 
wiederuui nur meinem Seelenleben augeliort; ich g laube awar an 
fiuüeren (realen) Zufall, aber nicht an inner e (psychische) Zu- 
_fämgkeit. Der Abergiä-u bische umgekehrt; er weiß niclits von 
der Motivieniug winer zufälligim Handlungen und Fehlleistun- 
gen, er glaubt, daß es iisycbische Zufälligkeiten gibt; dafür ist 
er geneigt, dem äußeren Zufall eine Bedeutung zuzuschreiben, 
die sich im realen Geschehen äußern wird, im Zufall ein Aus- 
drucksinittel für etwas draußen ihm \'erborgenes zu sehen. 
Die Unlcrschiedc zwischen mir und dem Al^wrgläubi scheu sind 
zwei: ersLens projiziert er eine ilotivieruug nach außen, die 
ich innen suche ; zweitens deutet er den Zufall durch ein Ge- 
schehen, den ich auf einen Gedanken zurückführe. Aber das 
Ver)>orgBne bei ihm entspricht dem Unbewußten bei mir, und 
der Zwang, den Zufall nicht als Zufall gelten zu las.seu, son- 
dern ihn zu deuten, ist ims beiden gemeinsam. 

Ich nehme nun an. daß diese bewußte Unkenntnis und un- 
bewußte Kcnulnis von der Motivierung der psychischen Zu- 



.\]I. DKTEKMINISMUiS. — ZUFALLS- U. ÄHERGLÄUüEN ETC. 3U 



fäUigkeiten eine der psycliisolieu Wuraeln des Aberglaubens 
ist. Weil d^r Abergläubische von der Motivierung der cigeuen 
zufälligen Handlungen nichts weiß, mid weil die TüisacUe 
dieser Motivierung nach einem Platze in seinei' ^Uierkennimg 
drängt, ist er genötigt, sie durch Verschiebung iu der Außen- 
welt imterzubringen. Besteht ein solchor Zusiunmenhang, so 
wird er kaum auf diesen einzelnen Fall beschränkt sein. Ich 
glaube in der Tat, daß ein großes Stück der mythologiöchen 
Welt-auff;i9sung. die weit bis in die modernsten Religionom 
hinein reicht, nichts anderes ist als in die Außenwelt 
projizierte Psychologie. Die dunkle Erkenntnis (sozu- 
sagen: endopsychlsche Wahrnelinumg) i>sychischcr Faktoren 
und Verhältnisse* des Unbewußten spiegelt sicli — es ist 
schwer, es anders zu sagen, die Anitlogie mit der Paa-auoia muß 
hier xu Hilfe genommen werden — in der Konstruktion einer 
übersinnlichen Kealität, welche von der Wissenschaft 
in Psy cliolügii' des Unbewußten zuriiokverwaadelt wor- 
den soll. Man kömat^^ sich getrauen, die Mythen vom Paradies 
und Sündenfall, von Gott, vom Guten imd Bösnn, von der Un- 
sterblichkeit u. (dgl. in solchor Weise aufzulösen, die Meta- 
physik in Metapsychologio umzAisetjien. Die Kluft zwi- 
schen der Verschiebung des Parajioikers und der des Abergläu- 
bischen ist /minder groß, als sie auf den erstea.^Blick erscheint. 
Als die Menschen zu denken begannen, waren sie bekanntlich 
genötigt, die Außenwelt anthropomorphisch in eine Vielheit 
von Persönlichkeiten aiach ihrem Gleichnis aufzulösen ; die 
Zufälligkeiten, die isic abergläubisch deuteten, waren :ilso 
Handlungen, Äußei-ungen von Personen, und sie haben sich 
demnach genau so benommen wie die Pai"auoiii.er, welche aus 
den unscheinbaren Anzeichen, die ihnen die anderen geben, 

* Die natürlich nichts vom OJiarakter einer Erkeuntuis hat. 



312 XII. DETERMINISMUS. — ZUFALLS- U. ABEEGLAUBEN ETC. 

Sclilüssc ziehen, und ^vie cüe Gesunden alle, welche mit Recht 
die zufälligen und unbeabsichtigten Handlungen ihrer Neben- 
meusclicn zur Grundlage der Schätzung ihres Charakters 
machen. Der Aberglaube erscheint nur so sehr deplaciert in 
unserer modernen, naturwissenschaftlichen, aber noch keines- 
wegs abgerundeten Weltanschauung; in der Weltanschauung 
vorwisscnseluiftlicher Zeiten und Völker war er berechtio't 
und konsequent. 

Der Römer, der eine wichtige Unternehmung aufgab, wenn 
ihni ein widriger Vogelflug begegnete, war- also relativ im 
Recht; er handelte konsequent nach seinen Voraussetzungen. 
Wenn er aber von der Unternehmung abstand, weil er aii der 
Schwelle seiner Tür gestolpert war („Un Romain retournerait"), 
so war er uns Ungläubigen auch absolut überlegen, ein bes- 
serer Seelen kundiger, als wir uns zu sein, bemühen. Denn dieses 
Stolpern mußte ihm die Existenz eines Zweifels, einer Gegen- 
strömung in seinem Innern beweisen, deren Kraft sich im 
Slomeut der Ausführung von der Kraft seiner Intention ab- 
ziehen konnte. Des vollen Erfolges ist man nämlich nur daim 
sicher, wenn alle Seelenkräfte einig dem gewünschten Ziel ent- 
gegen strctx'n. Wie antwortet Schillers TelL der so lange ge- 
zaudert, den Apfel vom Haupte seines Knaben zu schieJJen, auf 
die Frnge des Vogts, wozu er den zweiten Pfeil eingesteckt? 

„Mit diesem Pfeil durchbuhrt' ich — Euch, 
Wenn ich mein liebes Kind getroffen hätte, 
Und Euer — wahrlich — hätt' ich nicht gefehlt," 

IV. Wer die Gelegenheit gehabt hat, die verborgenen 
Seolcnreguugen der Menschen mit dem Mittel der Psycho- 
iinalysc zu studieren, der kann auch über die Qualität der un- 
bewußten Motive, die sich im Aberglauben ausdrücken, einio-es 



XH. DETERMINISMUS. — ZUFALLiS- U. ABERGLAUBEN ETC. 313 

, Neue sagen. Am deutlichsten erkennt maii bei den oft sHir 
intelligente Uj mit Zwangsdenken und Zwangszustäuden be- 
liaf(/eten Kervösen, daJJ der Aberglaube aus tmtordriirkt4-n 
fei ndaeligeu im d grausamen Regungen lier^'oijg clit. Abrrghuibo 
ist zum großen Teile Unheilserwaj'tmig, und wer anderen häufig 
Böses gewünscht, aber infolge der Erziehung zur üüLc solche 
Wünsche ins Unbewußte verdrängt hat, dem wird es beson- 
ders nalic liegen, die Strafe für solches unbewußte Büse als 
ein ihm drohendes Unheil von außen zu erwai'ten. 

Wenn wir zugeben, daß wir die* Psychologie des Aber- 
glaubens mit diesen Bemerkungen keineswegs erschöpft haben, 
so werden wir auf der anderen Seite die Frage wenigstens 
streifen müssen, ob duim reale Wursiehi des Aberglaubens 
durcha.us zu bestreiten seien, ob es gewiß keine Aluiungen, pi-o- 
phetische Träume, telcijathischc Erfahrungou, Äußerungt-n 
übersinnlicher Kraft« u. dgl. gi.^be. Ich bin nun weit davon 
entfernt, diese Phänomene überall so kurzer Hand aburteilen 
zu wollen, über welche so viele eingehende Bt.K)bachtiiugeii 
selbst intellektuell hervorragender Männer vorliegen, und die 
am besten die Objekte weiterer Untersuchungen bilden sollen. 
Es ist dann sogar &u hoffen, daß ein Teil dieser Beoba<^htungf'ii 
durch unsere beginnende Erkemilnis der unbewußten seelischen 
Vorgänge zur Aufklärung gelaixgüu wird, ohne uns zu gruud- 
stürzentien Abänderungen unsprer heutigen Anschauungen zu 
nötigen. Weim nocli andere, wie z. W. die von den Öpiritiston 
bchanpfeten Phänomene, erweisbai' wei^den sollten, so wertleu 
wir eben die von der neuen Erfahrung geforderten Modil'ika/- 
tionen unserer „Gresetze" vornohmeu, ohne an dem Zusammen- 
hang der "Dinge in der Welt irre au werden. 

Im Eahmen dieser Auseinandersetzungen kann ich die nun 
aufgeworfenen Fragen nicht anders als subjektiv, d. i. nach 



\ 



814 XII. DEI'EKMINIBMIJS. — ZVFAlAJi- U. ABEKGLÄUBEN ETC.^ 



meiner persöulicheu Erfaiirang, beantwortcu. Ich muß leider 
bekeunen, daJ3 ich, zu jenen unwürdigen IndiWduen gehöre, vor 
denen die Geister ihre Tätigkeit einstellen und das Übersinn- 
liche entweicht, Sü daJJ icli niemals in die Lage gekommen bin, 
selbst etwas zum Wunderglauben Anregendes zu erleben. Ich 
halx; wie alle Menschen Ahnimgen gehabt und Unheil er- 
fnjiren, aber die beiden wichen einander aus, so daß auf die 
Ahnungen nichts folgte, und das Unheil unangekündigt über 
mich kam. Zur Zeit, als ich, ein junger Manu, allein in einer 
fremden St-adt lebte, habe ich oft genug meinen Namen plötz- 
licli von einer miverkennbaren, teuren Stimme rufen hören, und 
mir dann den Zeitmomeut der Halluxiuation notiert, um mich 
besorgt bei den Dalieim gebliebenen zu erkundigen, was um 
jene Zeit vorgefallen. Es war nichts. Zum Ersatz dafür habe 
ich später imgerührt und ahnungslos mit meinen Kranken ge- 
arbeitet, während mein Kind einer Verblutung zu erliegen 
drohte. Es hat auch keine der Ahnungen, von denen mir Pa- 
tienten berichtet liaben, meine Anerkennung als reales Phä- 
unmcD erwerben können. 

Der Glaube an prophetische Träume zählt viele Anluiug.-r, 
weil er sich dara.uf stützen kann, daß manches sich wirklich 
in der Zukunft so gestaltet, wie es der Wunsch im Traume vor- 
her konstruiert hat. Allein daran ist wenig zu verwundern, mid 
zwischen dem Traum und der Erfüllung lassen sich in der 
liegel noch weitgehende Abweichungen nachweisen, welche 
die Gläubigkeit der Träumer zu vernachlässigen ]iebt. Ein 
scliönea Beispiel eines mit Kecht prophetisch zu nennenden 
Tra.umefi bot mir einmal eine intelligente und wahriieitsliebende 
Patientin zur genauen Analyse. Sie erzählte, daJj sie einmal ge- 
träumt, sie treffe ihren früheren Freund imd Hausarzt vor 
einem bestimmten Laden einer gewissen Straße, und als sie 



XII. DETERMINISMUS. - ZUPALI^- U. ABERftLAUBEX ETC. Sljj 



am näclist-eii Morgen ia die innere Stadt ging, traf sie ihn wirk- 
licli an der im Traume genannten Stelle. Ich bemerke, daß 
dieses -^^Tinderbare Zusammentreffen seine Bedeutung diircli 
kein nachfolgendes Erlebnis erwies, also nicht aus dem Zu- 
künftigen zu rechtfertigen war. 

Das sorgfältige Examen stellte fest, daß kein Beweis dafür 
vorliege, die Barne habe den Traum bereits am Morgen mach der 
Tra.umnacht, also vor dem Spaziergang und der Begegnung er- 
innert. Sie konnte nichts gegen eine Darstellung des Saeh- 
verhaltes einwenden, die der Begebenheit alles Wunderbare 
nimmt und nur ein interessantes psychologisclies Problem übrig 
läßt. Sie ist eines Vormittags durch die gewisse Sti-aße ge- 
gangen, hat vor dem einen Laden ihren aiten Hausarzt be- 
gegnet und nun bei seinem Anblick die Über7,eugmig bekommen, 
daJ3 sif- die letzte Naeht von diesem Zusammentreffen an der 
nämlichen Stelle geträumt habe. Die Anjilyse konnte dann 
mit großer Wahrscheinlichkeit audcuten, wie sie zu dieser 
Überzeugung gekommen war, welcher mau ja na-ch allgemeinen 
Kegeln ein gewisses Anrecht auf Glaubwürdigkeit nicht vi'r- 
sagen darf. Ein Zus;immeutreffen am besLimmten Orte nach 
vorheriger Erwartung, das ist ja der Tatbestand eines Rendez- 
vous. D<r alte Hausarzt rief die Erinnerung an alte Zeiten 
in ihr wach, in denen Zusammen künfte mit einer dritten, 
auch dem Arzt befreundeten Person für sie bedeutungsvoll ge- 
wesen waren, Mit diesem Herrn war sie seitdem in Verkehr 
geblieben und hatte am Tage vor dem angeblicheu Traum ver- 
geblich auf ihn gewartet. Könnte ich die hier vorliogendeu 
Beziehungen ausführlicher mitteilen, so wäre es mir leicht 
zu zeigen, daß die Illusion des prophetischen Traunies beim 
Anblick des Ereundes aus früherer Zeit äquivalent ist etwa 
folgender Kode: „Ach," Herr Doktor, Sie erinnern mich jetzt 



316 XII, DETERMINISMriS. — ZUFALLS- U. ABERGI AUßEN ETC. 

an vergangene Zeiten, in denen ich niemals vergeblich auf 
N. zu warten brauchte, wenn wir eine Zusammenkunft bestellt 
hatten." 

A'tiü jenem bekainiten „merkwürdigen Zusammentreffen", 
daJJ maji einer Person begegnet, mit welcher man sicli gerade in 
Gedanken beschäftigt hat, habe ich bei mir selbst ein einfaches 
und leicht zu deutendes Beispiel beobachtet, welches wahr- 
scheinlich ein gutes Vorbild für ähnliciie A'orfälle ist. Wenige 
Tage, nachdem mir der Titel eines Professors verliehen worden 
wjir, der in monarchisch eingerichteten Staaten selbst viel 
Autorität verleiht, lenkten während eines Spazierganges durch 
die innere Stadt meino fJedanken i>lötzlich in eine kindische 
Rochei^hantasie ein, die sich gegen ein gewisses Elterni^aar 
richtete. Diese hatten mich einige Monate vorher zu ilirem 
Töchterchen gerufen, bei dem sich eine interessante Zwangs- 
erschninung im Anschluß an einen Traum eingestellt hatte. 
Ich brachte dem Falle, dessen Genese ich zu durchschaucu 
glaub! e, ein großes Interesse entgegen; meine Behandlung 
wurde aber von (Jen Eltern abgelohnt und mir zu verstehen 
gegeljen, daJJ man sich an eine ausländi.sche Autorität, die 
mittels Hypnotismus lieile, zu wenden gedenke. Ich phania- 
siorte nun, daß die Eltern nach dem völligen Mißglücken dieses 
Versuches mich bäten, mit meiner Behandlung einzusetzen, 
sie hätten jetzt volles Vertrauen zu mir usw. Ich aber ant- 
wortete : Jas jetzt, nachdem ich auch Professor geworden bin, 
hal>eu Sie Vertrauen. Der Titel hat an meinen Fälligkeiten 
weiter nichts geändert; wenn Sie mich als Dozenten nicht 
brauclien konnten, kömieu Sie mich auch als Professor ent- 
l>ehren. — An dieser Stelle wurde meine Phanta-sie durch den 
lauten Gruß „Habe die Ehre, Herr Professor" unterbrochen, 
und als ich aufscliaule, ging das nämliche Elternpaar an mir 



XII. DETEItMINIÖBlUÖ. — ZUFALLS- U. ABKRGLAUBEN ETC. 317 

vorüber, aii dem ich soeben durch die Abweisung ihres Aner- 
bietens Rache genommen hatte. Die nächste Überlegung zor- 
slörbe den Anschein des Wunderbaren. Ich ging auf einer 
geraden und breiten, fast menschenleeren Straße jenem Paar 
entgegen, hatte bei einein flüchtigen Aufschauen, vielleiclit 
zwanzig Schritte von ihnen entfernt, ilire stattlichen Persöu- 
lichkeitcn erblickt und erkaimt, diese Walirnehmung aber — 
nach dem Muster einer negativen Holluzinatioa — aus jenen 
(Jefühlsmotiven beseitigt, die sich dann in der anscheinend 
spontan auftauchenden Phantasie zur Greltung brachteu. 

Eine andere „Auflösung einer scheinbaren Vorahnung*' be- 
richte ich nach Otto Rank (Zeritralbl. f. Psychoanal., 11. ;">) : 

„Vor einiger Zeit erlebte ich selbst eine seltsame Variation 
jenes , merkwürdigen Zusammentreffens', wobei man einer Per- 
son begegnet, mit welcher man sich gerade in G<?daukoii be- 
schäftigt hat (Alltag, 2, S. 120). Ich gehe unmittelbar vor 
Weihnachten in die österreichisch -Ungarische Bank, um mir 
zehn neue Silberkronen zu Go.schenkz wecken oinzuweclisehi. 
In ehrgeizigen Phantasien versunken, die an den Gegensatz 
meiner geringen Barschaft zu den im Bnnkgebäude aufgcstai>el- 
fcen Goldmassen anknüpfen, biege ich in die schmale Bankgasse 
ein, wo die Bank gelegen ist. Vor dem Tor sehe ich ein Aufco- 
moliil stehen und viele I^eute aus- und eingehen. Ich denke 
mir. die Beamten werden gerade für meine i)aar Kronen Zeit 
haben; ich werde es jedenfalls rasch abmachen, die zu wech- 
selnde Gfildnote hinlegen uud sagen; Bitte, geben Sie mir 
Gold! — Sogleich bemerke ich meinen Irrtum — ich sollte 
ja Silber verlangen — uud erwache aus meinen PhaiiLajiiea. 
Ich befinde mich nur iioch wenige Schritte vom Eingiuig ent- 
fernt und sehe einen jungen Mann mir entgegenkommen, der 
mir bekannt vorkommt, den ich jedoch wegen meiner Kurz- 



318 XU. DETEKMINIÖMUS. - ZUFALLS- U. ABEKGLAUBEN ETC. 



sichtigkeit noch nicht mit Sicherheit zu erkennen venna^. 
Wie er näher kommt, erkenne ich in ihm einen Schulkollegen 
meines Bruders, namens Gold, von dessen Bruder, einem 
bekannten Schriftsteller, ich zu Beginn meiner literarischen 
Laufhahn weitgclicnde Forderung erwartet liatto. Sie blieb 
jedoch aus und mit ihr auch der erhoffte materielle Krfolg, mit 
dem sich meine Phantasie auf dem Wege zur Bajik beschäftigt 
hatte. Ich muß also, in meine Phantaaien versunken, das Her- 
aima.hen des Herni Gold unbewußt apperzipiert haben, was sich 
meinem von materiellen Erfolgen träumenden Bewußtsein In 
der Form darstellte, daß ich beschloß, am Kassenschalter Gold 
— statt des minderwertigen Silbers — zu verlajigen. Ander- 
seits sclieint aber auch die paradoxe Tatsache, daß mein Un- 
bewußtes ein Objekt wahrzunehmen im stände ist, welches 
meinem Auge erst später erkennbar wird, zum Teil aus der 
Komplcxbereitschaft (Bleuler) erklärlich, die ja aufs Mate- 
rielle eingestellt war imd meine Schritte gegen mein besseres 
Wissen von Anfang an nach jenem Gebäude gelenkt hatte, wo 
nur die Gold- uncl Papiergeld Verwechslung stattfindet." 

In die Kategorie des Wunderbaren und Unheimlichen ge- 
hört auch jene eigentümliche Empfindung, die man in manchen 
Momenten und Situationen verspürt, als ob man genau das 
nämliche sclion einmal erlebt hätte, sich in derselben Lage 
schon einmal befunden hätte, olme daß es je dem Bemühen ge- 
lingt, das frühere, das sich so anzeigt, deutlich zu erinueni. 
Ich weiß, daß ich bloß dem lockeren Sprachgebrauch folge, 
wenn icli das, was sich in solchen Momenten in einem reo-t, 
eine Empfindung heiße; es handelt sich wohl um ein Urteil ' 
und zwar ein Erkemiungsurteil, aber diese Fälle haben doch 
einen ganz eigentümlichen Charakter, und daß man sich nie- 
mals an das Gesuchte erinnert, darf nicht beiseite gelassen 



XII. DETERMINISMUS. - ZUFALLS- U. ABKROLAUBEN ETC, 319 



werden. Ich weiß nicht, ob dies Phänomen des „De ja, vu" im 
Ernst zum Erweis einer früheren psychischen Existenz dos 
Einzelwesens herangezogen worden ist; wohl aber haben die 
Psychologen ihm ihr Interesse zugewendet und die Lösung des 
Rätsels auf den mannigfaltigsten spekulativen Wegen ange- 
ptrßbt. Keiner der beigebrachten Erklärungsversuche scheint 
mir richtig zu sein, weil in keinem etwaa anderes als die Be- 
gleiterscheinungen imd begünstigenden Bedingungen des Phä- 
nomens in Betracht gezogen wird. Jene psychischen Vor- 
gängCj welche nach meinen Beobachtungen allein für die Er- 
klärung des „Dejä. ru" verantwortlich sind, die unbewußten 
Phantasien nämlich, werden ja heute noch von den Psychologen 
allgemein vernachlässigt. 

Ich meine, man tut Unrecht, die Empfindung des schon oiu- 
maJ Erlebthabens als eine Illusion zu bezeichnen. Es wird 
vielmehr in solchen Momenten wirklicli an etwas gerührt, was 
man bereit* einmal erlebt liat, nur kann dies letztere niclit 
bewußt oriniiert wei-den, weil es niemals bewußt war. Die 
Kmpfindnng des ,,Dejä vu" entspricht, kurz gesagt, der Erinne- 
rung au eine unbewußte Phantasie. Es gibt unbewußte Phan- 
tasien (oder Tagträume), wie es bewußte solche Schöpfungen 
gibt, die ein jeder aus seiner eigenen Erfahrung kennt. 

Ich weiß, daß der G-egenstand der eiugehentisten Behand- 
lung würdig wäre, will aber hier nur die Analyse eines einzigen 
Falles von „Dejä, vu" anführen, in dem sich die Empfindung 
durch besondere Intensität und Ausdauer auszeiclinete. Eine 
jetzt 37jährigc Dame behauptet, daß sie sicli aufs schärfste 
erinnere, im Alter von zwölfeinha.lb Jahren habe sie einen 
ersten Besuch bei Schulfroundinncn auf dem Lande gemacht, 
und als sie in den Garten eintrat, sofort die Empfindung ge- 
habt, hier sei sie schon einmal gewesen; diese Empfindung 



1 



320 XII. DETERMINISMUS. — Z UFALLS- U. ABERGLAUBEN KTC. 

habe sicli, als sie die "Wohnräume betrat, wiederholt, so da£ 
sie vorher zu wissen glaubte, welcher Raum der nächste sein 
würdo, welche Aussicht man von ihm aus haben werde usw. 
Es ist aber ganz ausgeschlossen und durch ihre Erkundigung 
i bei den Eltern widerlegt, daJ3 dieses Bekanntheitsgefühl in 

einem früheren Besuch des Hauses und Gartens, etwa in ihrer 
ersten Kindheit, seine Quelle haben könnte. Die Dame, die das 
berichtete, suchte nach keiner psychologischen Erklärung, son- 
dern sah in dem Auftreten dieser Empfindung einen prophe- 
tischen Hinweis auf die Bedeutung, welche eben diese Freun- 
dinnen später für ihr Gefühlsleben gewannen. Die Erwägimo: 
der Umstände, unter denen das Phänomen bei ihr auftrat, zeigt 
tins aber den Weg zu einer anderen Auffassung. Als sie den 
Besuch unternahm, wußte sie, daß diese Mädchen einen ein- 
zigen, schwerkranken Bioider hatten. Sie bekam ihn bei dem 
Besuch auch zu Gesichte, fand ihn sehr schlecht aussehend und 

j, dachte sich, daß or bald sterben werde. Nun war ihr eigener 

einziger Bruder einige Monat^e vorher an Diphtherie gefährlich 
erkrankt gewesen; während seiner Krankheit hatte sie vom 
Klternliause entfernt wochenlang bei einer Verwandten ge- 
wohnt. Sie glaubt, daß der Bruder diesen Landbesuch mit- 
machte, meint sogar, es sei sein erster größerer Ausflug nach 
der Krankheit gewesen; doch ist ihre Erinnerung in diesen 
Punkten merkwürdig unbestimmt, während alle anderen De- 
tails, und besonders das Kleid, das sie an jenem Tag trug, ihr 
überdeutlich vor Augen stehen. Dem Kundigen wird es nicht 
schwer fallen, aus diesen Anzeichen zu schließen, daß die Er- 
wartung, ihr Bruder werde sterben, bei dem Mädchen damals 
eine große Rolle gespielt liatte und entweder nie bewußt ge- 

I ! worden oder nach dem glücklichen Ausgang der Krankheit 

energischer Verdrängung verfallen war. Im anderen Fallr 



il 



IM 



hätte sie ein anderes Kleid, nämlich Trauerkleiduug. trn.gen 
müssen. Bei den Premidinnen fand sie nun die analoge SituH'- 
tiou vor, den einzigen Bruder in Gefahr bald zu sterben, wie 
es auch kurz darauf T^-irklich eintraf. Sie hätte bewußt er- 
innern s-ollen, daß sie diese Situation vor wenigen Monaten 
selbst durchlebt hatte; anstatt dies zu erinnern, was durch die 
Verdrä.ngung verhindert war, übertrug sie das Erinnerungs- 
gefühl auf die Lokalitäten, Garten und Haus, und verfiel der 
„fansse reconnaissance", daß sie das alles genau ebenso schon 
einmal gesehen habe. Aus der Tatsache der Vcrdi'änguug dürfen 
wir schließen, daß die seinerzeitige Erwartung, ihr Bruder 
werde sterben, nicht weit entferat vom Charakter einer 
Wunschphantasie gewesen war. Sie wäre dann das einzige 
Kind geblieben. In ihrer späteren Neurose litt sie in inten- 
sivster Weise unter der Angst, ihre Eltern zu verlieren, hinter 
welcher die Analyse wie gewöhnlich den unbewußten AVunsch 
des gleichen Inhalts aufdecken konnte. 

Meine eigenen flüchtigen Erlebnisse von ,,D6iä vu*' habe 
ich mir in ähnlicher Weise aus der Gefühlskonstellation des 
Moments ableiten können. ,,Las wäre wieder ein Anlaß, jene 
(inibewußte und unbekannte) Phantasie zu wecken, die sich 
damals und damals als Wunsch zur Verbesserung der Situa^ 
tiou iii mir gebildet hat"*. 

V. Als ich unlängst Gelegenheit hatte, einem philosophisch 



* Diese Erklärung des „Deji vu" ist bisher nur von einem eiQüigen 
Eeobacljtei- gewürdigt worden. Dr. Fereuczi, deMi die dritte Auflage 
dieses Euclies so viel wertvolle Beiträge verdankt, .schreibt mir hierüber: 
„Ich habe mich sowohl bei mir als auch bei anderen davon übei7:eugt, 
darß das unerklärljclie Buknnntheicsgcfühl iiiif unbewußte Phantasien zu- 
rückzuführen ist, an die man in einer aktuellen Situation unbewußt er- 
innert wird Bei einem meiner Patienten ging es anscheinend anders, 
Preud, Psych öpatholo ff io des AlUngsleljeiiB, VIU. Aiiö. 21 



L 



399 XII. DETERMINISMUS. — ZUFALLS- U. AltERGI^UBEy ETC. 



gebildeten Kollegen einige Boispiele von Nanicnvergcssen mit 
Analyse vorzutragen, beeilte er sich zu erwidern : Das ist sehr 
schön, aber bei mir geht das Namenvergessen ajiders zu. So 
leicht darf man es sich offenbar nicht ma^^hen; ick glaube 
iiiclit. daJ3 mein Kollege je vorher an eine Analyse bei Xamen- 
vürgesaen gedacht hatte; er konnte auch nicht sagen, wie 
anders es bei ihm zugehe. Aber seine Bemerkung berührt doch 
ein Problem, welches viele in den Vordergrund zu stellen ge- 
neigt sein werden. Trifft die hier gegebene Auflösung der 
Fehl- und Zufallshaudlungen allgemein zu oder nur vereinzelt, 
und wenn letzleres, welches sind die Bedingungen, unter denen 
sie zur l^rklärung der a,uch anderswie ermöglichten Phänomene 
Jieraugezogen werden darf? Bei der Bcantwortmig dieser Frage 
lassen mioh meine Erfahrungen im Stiche. Icli kann nur da- 
von abmahnen, den aufgezeigton Zusammenbang für selten 
zu halten, denn so oft ich bei mir selbst nnd bei meinen Pa- 
tienten die Probe angestellt, hat er sich wie in den mitgeteilten 
Beispielen sicher nachweisen lassen, oder haben sich wenigstens 
gute Gründe, ihn zu vermuten, ergeben. Es ist nicht 7.11 vor- 
wimderu, wenn es nicht alle Male gelingt, den verborgenen Sinn 
der Symptomhandlung zu finden, da die Größe der inneren 
Widerstände, die sich der Lösung widersetzen, als entscheiden- 
der Faktor in Betracht kommt. Mau ist a.uch nicht im stände, 
bei sich selbst oder bei den Patienten jeden einzelnen Traum 



in Wirklichkeit aber ganz analog zu. Dieses Gefühl kehrte bei ihm sehr 
oft wieder, erwieg sich aber regelmäßig als voq einem vergessenen 
(verdrängten) Traumstüok der vergan°:enen Xacht herrührend. Es 
eclieint also, daß das ,DejJl vu' nicht nur von Tagträamen, soii'lern auch 
von nächtlichen Träumen abstammen kaxm." — (Ich habe später erfahren, 
cJaß Grasset 190i eine Erklärung des Phänomens gegeben hat. welche 
der meinigen sehr nahe kommt.) 



Xn. GESICHTSPUNKTE. 



323 



[ 



zn deulcn; es genügt, um die Allgemeingültigkeit der Theorie 
zu bestätigen, wenn man nur ein Stück weit in den verdecklea 
Zusa.iümcnhang einzudringen verm;ig. Der Traum, der sich 
beim Versuche, ihn am Tage nachher zu lösen, refraktär zeigt, 
läßt sich oft eine Woche oder einen Monat später seia Geheim- 
nis entreißen, wenn eine unterdes erfolgte rcaJc Veränderung 
die miteinander streitenden psychischen Wertigkeiten herab- 
gesetzt hat. Das nämliche gilt für die Lösung der Fehl- uud 
Symptomhandlungen; das Beispiel von Verlesen „Im Faß durch 
Europa'- auf Seit« 12G hat mir die Grelegonhcit gegeixm zu 
zeigen, wie ein anfänglich unlösbares Symptom der Analyse 
zugänglich wird, wenn das reale Interesse an den ver- 
drängten Gredankon nachgelassen hat. Sola.nge die MögUcli- 
keit bestand, daß mein Bi-uder den beneideten Titel vor mii- 
erhalte, widerstand das genannte Verlesen allen wiederholten 
Bemühungen der Analyse; nachdem es sich herausgestellt 
hatte, daß diese Bevorzugung unwahrscheinlich sei, klärte sich 
mir plötzlich der Weg, der zur Auflösmig desselben führte. 
Es wäre also unrichtig, von all den Fällen, welche der Aiialyse 
widerstehen, zu behaupten, sie seien durch einen andereu als 
den hier aufgedeckten psychischen Mechauismus entstanden; 
es brauchte für diese Anualmie noch andere als negative l^e- 
weise. Auch die bei Gesunden wahrscheinlich allgemein vor- 
h^ändeue Bereitwilligkeit, au eine andere Erklärung der Eehl- 
ond Symptomhandlungeh zu glauben, "ist jeder Beweiskiait 
bar; sie ist, wie selbstverständlich, eine Äußerung derselben 
seelischen Kräfte, die das Geheimnis hergestellt haben und 
die sich darum auch für dessen Bewahrung einsetzen, ge«ou 
dessen Aufhellung aber sträuben, 

Auf der anderen Seite dürfen wir nicht übersehen, daß die 
verdrängten GJ^dauken und Regungen aich den Ausdruck in 

21* 



524 3Cn. DETEKMIKIÖJIUS. — ZUFALIÄ- U. ABKRGLaUBEN ETC. 

Syiiiptom- und Fehlhandlungen ju nicht selbständig schaffen. 
IMe technische Möglichkeit für solches Ausgleiten der Inner- 
vationen muß uiiabhängig von ihnen gegeben sein; diese -wird 
dann von der Absicht des Verdrängten, zur bewußten Gcllnng 
zu kommen, gern ausgenützt. Welche Struktur- imd I'unktious- 
rclationcn es sind, die sich solcher Absicht zur Verfügung 
sf^Ueu, dafi haben für den Fall der sprachlichen Fehlknstung 
eingehende Untersuchungen der Philosophen und Philologen 
festKUstcllen sich bemüht. Unterscheiden wir so au den Be- 
dingungen der Fehl- und Symptomhandlung das unbewußte 
liotiv von den ilim entgegenkommenden physiologischen nnd 
psychophysischen Kelationen, so bleibt die Frage offen, ob es 
innerhall) der Breite der Gresundheit noch andere Momente 
gibt, welche, wie das unlK-wußte Motiv und an Stelle desselben, 
auf dem Wege dieser Kelationen die Fehl- und Symptom- 
handhingeu zu erzeugen vermögen. Es ist nicht meine Auf- 
gabe, diese Frage au beantworten. 

Es liegt übrigens auch nicht in meiner Absicht, die Ver- 
schiedenheiten zwischen der psychoanalytischen und der land- 
liiiiligen Auffassung der Fehlleistungen, die ja groß genug sind, 
noch zu übertreiben. I(;!i möchte vielmehr auf Fälle hinweisen, 
in denen diese Unterschiede viel von ihrer Schärfe einijüiien. Zu 
den einfachsten und unauffälligsten Beispielen des Verspre- 
chens und Verse hreibens, bei denen etwa nnr Worte zusammen- 
gezogen oder Worte und Buchstaben ausgelassen werden, ent- 
fallen die komplizierteren Deutungen. Vom Standpunkt der 
Psychoanalyse muß man behaupten, daß in diesen Fällen sich 
irgend eine Störung der Intention angezeigt hat, kauu aber 
nicht aaigeben, woher die Störung stammte und was sie beab- 
sichtigte. Sie braclite eben nichts anderes zu stände, als ihr 
Vorhandensein zu bekunden. In denselben Füllen sieht man 



XII. GESICHTSPUNKTE. 395 






dann auch die von uns nie bestrittenen Begtlnstigiingeu der 
Fehlleistung durch lautliche Wertverhältnisse und nahe- 
liegende psychologische Assoziationen iu Wirksamkeit treten. 
Eä ist aber eino billige wissenschaftliche Forderung, daß man 
solche rudimentäre Fälle von Versprochen oder Verschreiben 
nach den besser ausgeprägten beurteile, deren Untersuchung 
so unzweideutige Aufschlüsse über die Verursachung der Fehl- 
leistung ergibt. 

VI. Seit den Erörterungen über clas^ Versprechen haben wir 
uns begnügt zu beweisen. daJ3 die FeliUeistuugen. eine ver- 
borgene Motivierung haben, und mis mit dem Hilfsmittel der 
rs3'choanalyse den Weg zur Kenntnis dieser Motivierung ge- 
bahnt. Die allgemeine Natur und die Besonderheiten der in 
den Fehlleistungen zum Ausdruck gebrachten psychischen Fak- 
toren haben v>-ir bisher fast ohne Berücksichtigung gelassen, 
jedenfalls noch nicht versucht, dieselben näher zu bestimmen 
uud auf ihre Gesetzmäßigkeit zu prüfen. Wir werden auch jetzt 
keine gründliche Erledigung des Gegenstaaides versuchen, denn 
die ersten Schritte werden uns' bald belehrt haben, daß mau in 
dieses Gebiet besser von aaiderer Seite eiuzudringea vermag. 
I\lan kann sich hier mehrere Fragen vorlegen, die ich wenig- * 
stens anführen und in ihrem Umfang umschreiben will. 1. Wel- 
ches Inhalts und welcher Herkunft sind die Gedanken uud Re- 
gungen, die sich durch die Fehl- und Zufallshandhingen an- 
deuten? 2. Welches sind-die Bedingungen. dafür, daß ein Ge- 
danke oder eine Regung genötigt und in den Stand gesetzt 
werde, sich dieser Vorfälle als Ausdrucksmittel ?u bedieuou,'? 
3, Uassen sich konstante und eindeutige Beziehuagou zwiscIn-Ji 
der Art der Fehlleistungen und den Qualitäten des durch sie 
zum Ausdruck Gebrachten nachweisen?- 

Ich beginne damit, einiges Material zur Beantwortung der 



aai) XII, DKTEl{>UM^Mirs. — ZUKALLS- ü. ABERGrAüBEN ETC. 

^clzLen Trage zusaium(-n/.utragen. Bei der Erörterung der Bei- 
spiele von Versprechen haben wir es für nötig gefunden, üljer 
den luliaJl der intendierten Rede hiuauszugeiicu, imd liaben die 
Ursache der Redestörung außerhalb der Intoution suchen 
müssen. Dieselbe lag dann in einer Keihe von Fällt-u nahe und 
war den» BewuÜtBoin des Sprechenden bekannt. lu den schein- 
bar einfachsten und durchsichtigsten Beispielen war es eine 
gk-ichborechtigt klingende, andere Fassung desselben GediUi- 
kens, die dessen Ausdruck störte, ohne daü^mau hätte angeben 
können, waa-uni die eine unterlegen, die andere durchgedrungen 
war (KonTJiminationen von Meringer und Player). In einer 
zweiten Gnip]>e von Fällen war das Unterliegen der einen Fas- 
sung motiviert durch eine Bücksicht, die sich aber nicht stark 
genug zur völligen Zurückhaltung erwies („zum Vorschwein 
gekommen*'). Auch die zurückgehaltene Fassung war klar be- 
wußt. Von der drilten Grujipc erst kauu man oline Einschrän- 
kung behaupten, daiJ hier der störende Gedanke von dem inten- 
dioru-n verschieden war, und kann hier eine, wie es scheint, 
wesentlich© Unterscheidung aufstellen. Der störende Gedanke 
iet entweder mit dum gestörten durch Gedankenassoziationen 
verbunden (Störung durch inneren Widerspruch), oder er ist 
ihm wcscnsfromd. und durch eine befremdende äußerliche 
A.ssü/-ialioa ist gerade da.s gestörte Wort mit dem störenden Ge- 
d.'tulifn. dor oft unbewußt ist, verknüpft. In den Beispielen, 
die ich aus meinen PsycIioanalysen-gL-bracht habe, steht die 
ganze Kedo untnr dem Einfluß gleichzeitig aktiv gewoxdeuer, 
aber völlig unbewußter Gedanken, die sich entweder durcli die 
Störung -selbst vi-rrateu (Klapperschlange — Kleopatra) 
oder einen indirekten Einfluß äußern, indem sie ermöglichen, 
daß die einzelnen Teile der bewußt intendierten Rede emauder 
lören (AäC uatuteu: wo Hu usenauerstniße, Remiuiszen- 



XII, ÜESK^HTSPUNKTE. 327 




zeu aai eino I'ranzösiu dahinter stehen). Die KurückgehaltcneD 
oder unbewußten Gedanken, von denen die Spreclistörung ;ius- 
gehtj sind von der~ mannigfaltigsten Herkunft. Eine AUgenicin- 
heit enthüllt uns diese Überschau also nach keiner Richtung. 

Die vergleichende Prüfung der Beispiele von Verlesen uir] 
Verschreiben führt zu den nämlichon Ergebnissen. Einzehie 
Fälle scheinen wie beim Versprechen einer weiter nicht moli- 
vierben Verdi chtnngs arbeit ihr Entstehen zu danken (z. U. : der 
Apfe). Man möchte aber gern erfahren, ob nicht doch beson- 
dere Bedingungen erfüllt sein müssen, damit eine solche Ver- 
dichtung, die in der Traumarbeit regelrecht, in unserem wachen 
Denken fehlerhaft- ist, Platz greife, und bekommt hierüber aus 
den Beispielen selbst keinen Aufschluß. Ich würde es aber ab- 
lehnen, hieraus den Schluß zu 'ziehen, es gebe keine solchen Be- 
dingungen als etwa den Nachlaß der bewußten Aufmerksam- 
keit, da ich von anderswoher weiß, daß sich gerade autonia.- 
tische Verrichtungen diirch Korrektheit und VerUißlichkoit aus- 
zeichnen. Ich möchte eher betonen, daß hier, wie so häufig in 
der Biologie, die normalen oder dem Normalen angenäherten 
■\>rhältuisse ungünstigere Objekte der Forschung sind als die 
pathologischen. Was bei der Erklärung dieser leichtesten Stö- 
rungen dunkel bleibt, wird nach meiner Erwartung durch die 
Aufklärung schwererer Störungen Licht cmiifangen. 

Auch beim Verlesen und Verschreiben fehlt es nicht an, Bei- 
spielen, welche eine entferntere und kompliziertere Motivierung 
erkennen lassen. ,,Im Faß durch 'Europa'' ist eine Lesestörung. 

-die sich durch den Einfluß eines entlegenen, wesensfremden Ge- 
dankens aufklärt, welcher einer verdrängten Regung von Kifor- 

' sucht und Ehrgeiz entspringt, und den „Wechsel'" des W'ortes 
„Beförderung'' zur Verknüpfung mit dem gleichgülti<'-en 



328 Xn. DETEilMlNISMUS. — ZUFALLS- U. ABERGLAUBEN ETC. 

\incl harmlos™ Thema, das gelesen wurde, benützt. Im Falle 
Uiirckhard ist der Name selbst ein solcher „Wnc-hsel". 

Es isl niivorkenubar, daß die Stönmgen der Sprechfuuk- 
tioncn leichter zu stände kommen und weniger Anforderungen 
nii die störf^ndon Kräfte stellen als die anderer psychischer 
Ix-istiinf^cn, 

Auf anderem Boden steht man bei der Prüfung des Ver- 
gesseus im eigentlichen Sinne, d. h. des Vergessens von vergau- 
goiion Krli-liiiisscn (das ^'ergessen von Eigennamen und Fremd- 
worteii, wie in den Al)scimittea I mad II, könnte man als „Ent- 
f.'illcu", das von Vorsätzen als „Unterlassen" von diesem Ver- 
gessen sensu strictiori absondern). Die Grundbedingungen des 
nonnalen Vorgangs beim Vergossen sind unbekannt*. 3Ian wird 
auph daran gemaJnit, daß nicht alles vergessen ist, was man da- 
für hiilr. Unsern Erklärung lia.t es hier nur mit jenen Fällen 
211 tun, in denen das Vergessen bei uns ein Befremden erweckt, 
insofern es die Regel vorletzt, daß Unwichtiges vergessen, 
Wichlige.s aber vom Gedächtnis bowalirt wird. Die Analyse der 
j;ci.spieli/ von Vergessen, die uns nach einer besonderen Auf- 

* Ober dpn ilechanisnuis des eigenlHchea Vergessens kann ich etwa 
(olfrcnde Andeutungen geben : D;is Erinnern ngsuiaterial unterliegt im all- 
yomeineii zwei Kinfliisaen, der VerdicUtnng und der Entstellung. Die Ent- 
»((.■Iluny ist; das Werk der im Seelenleben Uerrscheaden Tendenzen uml 
wendot. sich vnr nlk-m gegen die affektwirksajn gebliebenen Eriiinerungs- 
ppiircn, die sich gegen die Verdichtung resistenter i^erhalten. Die indiffe- 
rent gewordenen Spuren verfallen dem VerdichLungs Vorgang ohne Gegen- 
wehr, docli knun man beobachten, dafl überdies EnLslellungsteBdenzou sich 
nii dein indit'l'uriniim 3Iateria,l sättigen, weltdie dort, wo sie sich äußern 
n-nntcn, unbefriedigt geblieben sind. Da diese Prozesse der Verdichtung 
iirul Entstellung sieh über lange Zeiten binziebcn, während welcher alle 
frischen Erlebnisse auf die Umgestaltung des Gedächtnisinlialtes einwirken, 
meinoa wir, es sei die Zeit, welche die Erinnerungen unsicher und un- 



XU, GESICHTriPUXKTK. ijog 



klänmg zu verlangen scheiuen, ergibt als Motiv dos Vergesseus 
jedesmal eine Unlust, etwas zu erimiern, was peinliche Empfin- 
dungen erwecken kann. Wir gelaiigen zur Vei-mutuag, daß 
dieses Motiv im psychischen Leben sich ganz allgemein zu 
äußern strebt, aber durch andere gegenwirkeude Kräfte verhin- 
dert wird, sich irgendwie i-egolmäßig dxu'chznsetzeu. Umfang 
und Bedeutung dieser Erinnenmgsnnlnst gegen peinliche Ein- 
drücke scheinen der sorgfältigsten psychologischen Prüfung 
wert zu sein; auch. die li'ra^e, welche besonderen Bediuguugeu 
das allgemein angestrebte Vergcsscil in einzelnen Fällen ormög- 
lichcn, ist aus diesem weiteren Zusammenliange nicht zu lösen. 
Beim Vergossen von Vorsätzen tritt ein anderes Moment in 
don Vordergrund; der beim Verdrängen dos peinlich zu Er- 
innnrnden nur veiTUTitete Konflikt wird hier greifbai-, und mau 
erkennt bei der Analyse der Beispiele regelmäßig einen Gegcu- 
willen, der sich dem Vorsatz widersetzt, ohne ihn aufzuliebca. 
Wie bei früher besprochenen Fehlleistxmgen erkennt man auch 
hier zwei Typen des psychischen Vorgangs; der GegenwiUe 
kehrt sich entweder direkt gegen den Vorsatz (bei Alisichten 



deutlicli macht. Sehr wahrscheinlich ist beim Vürgesseu von einer direkten 
Funktion der Zeit üborliaupt nicht die Rede. — An den verdra.iijjtaii 
Erinneriingsspuren kann man konstatieren, daß sie durch die ÜingsLc Zeit^ 
daiioi" keine Veränderungen erfahren haben. Das Unbewußte ist überlULupt 
zeitlos, Der wichtigste und auch befremdendste Charakter der psychischen 
Fixierung' ist der, daß alle Eindrücke einerseits in der nämlichen Art 
erlialten sind, wie sie aufgenommen wurden, und überdies noch in all den 
Fonuen, die sie bei den weiteren Entwicklnng'on angenommen haben, oin 
Verhältnis, welches sitb durch keinen Vergleich aus einer anderen Sphüxe 
erläutern läßt. Der Theorie zufolge iieße sich also jeder frühere /Zustand 
des Geda.chtmsin}ialtes wieder für die Erinnerung herstellen, auch wenn 
deWen Elemente alle ursprünglichen Boüiehungcn laugst gegen uouero 
einKetauscht haben. 



*rvw 



331) XII. DETERMLNISMUS. — ZUFALLS- U. ÄUERGLADBEN ETC. 

von einiKom üolaiig), oder er ist dem VorsatK selbst wesens- 
fremd und stellt seine Verbindimg mit ihm durch eine äuJJer- 
liche Assoziation her (bei fast indiffcj-enten Vorsätzen). 

Derselbe Konflikt beherrscht die Phäjiomcnc des Ver- 
grcifens. Der Impuls, der sich in der Störung der Handluaor 
äuJJcrt, ist häufig ein Gegenimpuls, doch noch Öfter ein ühnr- 
liaupl fremder, der nur die Gelegenheit benützt, sich bei der 
Ausführung der Handlung durch eine Störung derselben zum 
Ausdruck zu bringen. Bie Fälle, in denen die StÖi-ung durch 
einen inneren Widerspruch erfolgt, sind die bedeutsameren 
und betroffen auch die wichtigeren Verrichtungen. 

Der innere Konflikt tritt dann, bei den Zufalls- oder 
SymplomhandUingeu immer mehr zurück. Diese vom Bewußt- 
sein gering ge-sehätzteii oder ganz übersehenen motorischen 
Äußerungen dienen so mannigfachen unbewußten oder zurück- 
g*-ha.ltenon Regungen zum Ausdmck; sie stellen meist J'lmn- 
tasicn wler Wünsche syml>olisch dar. 

Zur ersten Frage, welcher Herkunft die Gedajiken und Ro- 
gung('n seien, die sich in den Fehlleistimgen zum Ausdruck 
bringen, läßt sich sagen, daß in einer Reihe von Fällen die 
Herkunft der störenden Gedanken von unterdrückten Regimgen 
des Seolenlelx^ns leicht nachzuweisen ist. Egoistische, eifer- 
süchtige, feindselige Gefühle und Impulse, auf denen der 
Druck der moralischen Einziehung lastet, bedienen sich bei 
Gesund<in nicht selten des Weges der Fehlleistungen, um ihre 
unleugbar vorhandene, aber von höheren seelischen Instanzen 
nicht anerkannte Macht irgendwie zu äußern. Das Gewähren- 
lassen dieser Fehl- und Zufallshandlungen entspricht zum 
guten Teile einer bequemen Duldung des Unmoralischen. Unter 
diesen unterdrückfyen Regungen spielen die mannigfachen 
sexuellen Strömungen keine geringfügige Rolle. Es ist ein 



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XTI. GESICHTSPUNKTE. 



331 



Zufall des Materials, wenn gerade sie so selten unter den durch 
die Analyse aufgedeckten Gedanken in meinen Beisi^ielen er- 
scheinen. Da ich vorwiegend Beisi^iele aus meinem eigenen 
Seelenlelien der Analyse unterzogen habe, so war die Auswahl 
von \-oriiherein iDarteiisch und auf den- Ausschluß deö Sexuellen 
gerichtet. Andere IFale scheinen es höchst liaa-mlose Einwon- 
diuigen und Rücksichten zu sein, ans denen die störenden, 
Grt'dankon entspringen. 

Wir stehen nun vor der Beantwortung der zweiten Frage, 
welche psychologischen Bedingungen dafür gelten, daß ein Ge- 
danke seinen Ausdruck nicht in voller Form, sondern in gleich- 
sam parasitärer, als Modifikation und Störung eines anderen 
suchen müsse. Es liegt nach den auffälligst<in Beispielen von" 
Fehlhandlung nah^, diese Bedingungen in einer Beziehung zur 
Bewnßtseiusfähigkeit zu suchen, in dem mehr oder minder ent- 
scliieden ausgeprägten Charakter des ,, Verdrängten". Aber die 
. Verfolgung durch die Reihe äer Beispiele löst dicsL'u Charakter 
^ in imnifr mehr verschwommene Andeutungen auf. Die Nei- 
gung, über etwas als zeitraubend hinwegzukommen, — die Er- 
wägung, daJä der betreffende Gedanke nicht eigentlich zur 
intendierten Sache gehört, — scheinen als Motive für die 
Zurückdrängung eines Gedankens, der dann auf den Ausdruck- 
durch Störung eines anderen angewiesen ist, dieselbe Rollo zu 
spielen wie die moralische Verurteilung einer imbotmäßigen 
Gtlühlsrogiuig oder die Abkunft von völlig unbewußten G<j- 
dankauzügen. Eine Einsicht in die allgemeine Natur der Be- 
dingtheit von Fehl- und Zufalls leistungen läßt sich auf diese 
Weise nicht gewinnen. Einer einzigen bedeutsamen Tatsache 
wird man bei diesen Untersuchungen habhaiMi; je harmloser die 
Motivierung der, Fehlleistung ist, je weniger ;iiistüßig und 
darum weniger bewußtseinsunfähig der Gedanke ist, der sicJi 



332 -^11- DETERMINISMUS. — ZUFALLS- U. ABERGLAUBEN ETC. 

iu ihr zum Ausdruck bringt, desto leichter wird auch die Auf- 
lüeung des Pliänomcns, wenn man ihm seine Aufmerksamkeit 
zugewendet hat; die leichtesten Fälle des Versprechens werden 
sofort bemerkt und spontan korrigiert. Wo es sich um Motivie- 
rung durch wirklich verdrängte Regungen handelt, da. bedarf 
es zur Lösmig einer sorgfältigen Analyse, die selbst zeitweise 
auf Schwierigkeiten stoßen oder mißlingen kann. 

Es ist also wohl berechtigt, das Ergebnis dieser letzten. 
Untersucliimg als einen Hinweis darauf zu nehmen, daß die 
bffricdigcnde Aufklärung für die psychologischen Bedingungen 
der Fehl- und Zufallshandlmigen auf einem anderen Wege 
and von anderer Seite her zu gewinnen ist. ■ Bor nax;hsich- 
"tige Leser möge daher in diesen Auseinandersetzungen den 
Nachweis der Bruchflächen sehen, an denen dieses Thema 
ziemlich künstlich aus einem größeren Zusammenhange heraus- 
gelöst wurde. 

VII. Einige Worte sollen zum mindesten die Richtung nach 
diesem weiteren ZusammenhaJigc andeuten. Der Mechaaismus 
der Fehl- und Zufallshaudlungen, wie wir ihn durch die An- 
wendung der Analyse kennen gelernt halben, zeigt in den wesent- 
liclisten Punkten eine Übereinstimmung mit dem Mechanismus 
- der Traumbildung, den ich iu dem Abschnitt „Trauniarbcit" 
meines Buches über die Traumdeutung auseinandergesetzt 
habe. Die Verdichtungen und Kompromißbildungon (Konta- 
minationen) findet man hier wie dort; die Situation ist die 
nämliche, daß unbewußte Gedanken sich auf ungewöhillicheu 
Wegen, über äußere Assoziationen, als Modifikation von 
anderen Gedanken zum Ausdruck bringen. Die Ungereimt- 
heiten, Absurditäten und Irrtümer des Tramninhalts, denen zu- 
folge der Traum kaum als Produkt psychischer Leistimg aii- 
crliannt wird, entstehen auf dieselbe Weise, freilich mit freierer 



XII. GESICHTSPUNKTE. 



333 



Ijeuutzuug" der vorlia iideneu Mittel, wie die gomeiucn Fehler 
unseres Alltagslebens; hier wie dort löst sich der An- 
schein inkorrekter Funktion durch die eigeatüm- 
liclie luterferonz zweier oder melirerer korrekter 
Leistungen. Aus diesem Zusammentreffen ist eiu wich- 
tiger Schluß zu ziehen : Di^ eigentümliche Arbeitsweise, deren 
auffälligste Leistung wir im Trauminlialt erkennen, darf niclit 
auf den Schlaf zustand des Seelenlebens zurückgeführt werden, 
wenn wir in den Fehlhandluugen so reichliche Zeugnisse für 
ihre Wirksamkeit während des wachen Lebens besitzen. Der- 
selbe Zusammenhang verbietet uns auch, tiefgreifenden Zer- 
fall der Seelentätigkeit, krankhafte Zustände der Funktion als 
die Bedingung dieser uns abnorm und fremdartig er.scheinendeu 
psychischen Vorgänge anzusehen*. 

Die richtige Beurteilung der souderbai'eu psychischen Ar- 
beit, welche die Fehlleistung wie die Traumbilder entstehen 
läßt, wird uns erst ermöglicht, wenn wir erfahren haben, daß 
die psychoncurotischen Symptome, speziell die psychisclu'U Bil- 
dungen der Hysterio und der Zwangsneurose, in ihrem Mecha- 
nismus alle wesentlichen Züge dieser Arbeitsweise wiederholen. 
An dieser Stelle schlösse sich also die Fortsetzung uiisorei' 
Untersuchungen an. Für uns hat es aber noch ein besonderes 
Interesse, die Fehl-, Zufalls- und Symptomhandlungeu in dem 
Lichte dieser letzten Analogie zu betrachten. Wenn wir sie- 
den Leistungen der Psychoneurosen, den neurotischen Sym- 
ptomen, gleichstellen, gewinnen zwei oft wieclerkehrondc Be- 
hauptungen, daß die Grenze zwischen nervöser Noiiu und 
Abnormität eine fließende, und daß wir alle ein wenig nervös 
seien, Sinn und Uutcrlage. Man kann sich 'vor aller ärztlichen 
Erfahrung verschiedene Typen von solcher bloß angedeuteter 

* Vgl. Uiezu „Tiuumaeutuug'^ S. 3G2. (Ü. Aufl., S. 449.) 



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334 XII. DETERMINISMUS. — ZUF ALLS- U. ABERGLAUBEN ETC. 

Nervosität — von formes frustes der Neurodfu — kouätruieren : 
Fälle, in denen nur wenige Symptome, oder diese selten oder 
nicht heftig auftreten, die Abschwächung also in die Zahl, in 
die Intensität, in die zeitliche Ausbreitung der krajifchaiten 
Erscheinungen verlegen; vielleicht würde man aber gerade 
den Typus nicht erraten, welcher als der hänfigste den Über- 
gang zwischen Gesundheit und Krankheit zu vermitteln scheint. 
Der uns vorliegende Typus, dessen Ivrankhcitsäußerungen die 
Fehl- und Symptomhandlungen sind, zeichnet sich nämlich 
dadurch aus, daß die Symptome in die mindest -wichtigen 
psychischen Leistungen verlegt sind, während alles, was 
höheren psychischen "Wert beanspruchen kann, frei von Stö- 
rung vor sich geht. Die gegenteilige Unterbringung der Sym- 
ptome, ihr Hervortreten an den wichtigsten individuellen und 
sozialen Leistungen, so daß sie Nahrinigfeaufnahme und SesuaJ- 
vorkchr, Berufsarbeit imd Geselligkeit zu stören vermögen, 
kommt den schworen Fällen von Neurose zu und charakterisiert 
diese besser ala etwa die Mannigfaltigkeit oder die Lebhaftig- 
keit der Krankheitsänßei-ungeu. 

Der gemeinsame Charakter aber der leichtesten wie der. 
schwersten Fälle, an dem auch die Fehl- und Zufallshandlun- 
geu Anteil halben, liegt in der ßü c kf ührbar keit der 
Phänomene auf unvollkommen unterdrücktes 
3)sychisches Material, das, vom Bewußtsein ab- 
gedrängt, doch nicht jeder Fähigkeit, sich zu 
äußer njberaubtwordenist. 



ii.-nj.m