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Full text of "Massenpsychologie und Ich-Analyse [2. Auflage]"

S I G M. FREUD 

Massenpsychologie 
und Ich -Analyse 







INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



lli . rf .. ^t . - . , . ,_, 



Massenpsychologie 



und 



Ich-Analyse 



von 



. 



Sigm. Freud 



Zweite Auflage 
(6. — 10. Tausend) 










i9 2 3 
Internationaler Psychoanalytischer Verlag 
Leipzig Wien Zürich 



Massenpsychologie und Ich-Analyse 



geworden sind, können den Anspruch erheben, als 
soziale Phänomene gewürdigt zu werden, und stellen 
sich dann in Gegensatz zu gewissen anderen, von uns 
narzißtisch genannten Vorgängen, bei denen die 
Triebbefriedigung sich dem Einfluß anderer Personen 
entzieht oder auf sie verzichtet. Der Gegensatz zwischen 
sozialen und narzißtischen — Bleuler würde vielleicht 
sagen: autistischen — seelischen Akten fällt also 
durchaus innerhalb des Bereichs der Individualpsycho- 
logie und eignet sich nicht dazu, sie von einer Sozial- 
oder Massenpsychologie abzutrennen. • 

In den erwähnten Verhältnissen zu Eltern und 
Geschwistern, zur Geliebten, zum Freunde und zum 
Arzt erfährt der Einzelne immer nur den Einfluß einer 
einzigen oder einer sehr geringen Anzahl von Personen, 
von denen eine jede eine großartige Bedeutung für 
ihn erworben hat. Man hat sich nun gewöhnt, wenn 
man von Sozial- oder Massenpsychologie spricht, von 
diesen Beziehungen abzusehen und die gleichzeitige 
Beeinflussung des Einzelnen durch eine große Anzahl 
von Personen, mit denen er durch irgend etwas ver- 
bunden ist, während sie ihm sonst in vielen Hinsichten 
fremd sein mögen, als Gegenstand der Untersuchung 
abzusondern. Die Massenpsychologie behandelt also 
den einzelnen Menschen als Mitglied eines Stammes, 
eines Volkes, einer Kaste, eines Standes, einer Institu- 
tion oder als Bestandteil eines Menschenhaufens, der 
sich zu einer gewissen Zeit für einen bestimmten Zweck 



/. Einleitung 



zur Masse organisiert. Nach dieser Zerreißung eines 
natürlichen Zusammenhanges lag es dann nahe, die 
Erscheinungen, die sich unter diesen besonderen Be- 
dingungen zeigen, als Äußerungen eines besonderen, 
weiter nicht zurückführbaren Triebes anzusehen, des 
sozialen Triebes — herd instinct, group mind — der 
in anderen Situationen nicht zum Ausdruck kommt. 
Wir dürfen aber wohl den Einwand erheben, es falle 
uns schwer, dem Moment der Zahl eine so große 
Bedeutung einzuräumen, daß es ihm allein möglich 
sein sollte, im menschlichen Seelenleben einen neuen 
und sonst nicht betätigten Trieb zu wecken. Unsere 
Erwartung wird somit auf zwei andere Möglichkeiten 
hingelenkt: daß der soziale Trieb kein ursprünglicher 
und unzerlegbarer sein mag, und daß die Anfänge 
seiner Bildung in einem engeren Kreis, wie etwa in 
dem der Familie, gefunden werden können. 

Die Massenpsychologie, obwohl erst in ihren An- 
fängen befindlich, umfaßt eine noch unübersehbare 
Fülle von Einzelproblemen und stellt dem Untersucher 
ungezählte, derzeit noch nicht einmal gut gesonderte 
Aufgaben. Die bloße Gruppierung der verschiedenen 
Formen von Massenbildung und die Beschreibung der 
von ihnen geäußerten psychischen Phänomene erfordern 
einen großen Aufwand von Beobachtung und Dar- 
stellung und haben bereits eine reichhaltige Literatur 
entstehen lassen. Wer dies schmale Büchlein an dem 
Umfang der Massenpsychologie mißt, wird ohneweiters 



4 



Massenpsychologie und Ich-Analyse 



vermuten dürfen, daß hier nur wenige Punkte des 
ganzen Stoffes behandelt werden sollen. Es werden 
wirklich auch nur einige Fragen sein, an denen die 
Tiefenforschung der Psychoanalyse ein besonderes 
Interesse nimmt. 






II 

LE BON'S SCHILDERUNG DER MASSENSEELE 

Zweckmäßiger als eine Definition voranzustellen 
scheint es, mit einem Hinweis auf das Erscheinungs- 
gebiet zu beginnen und aus diesem einige besonders 
auffällige und charakteristische Tatsachen herauszu- 
greifen, an welche die Untersuchung anknüpfen kann. 
Wir erreichen beides durch einen Auszug aus dem 
mit Recht berühmt gewordenen Buch von Le Bon, 
Psychologie der Massen. 1 

Machen wir uns den Sachverhalt nochmals klar: 
Wenn die Psychologie, welche die Anlagen, Trieb- 
regungen, Motive, Absichten eines einzelnen Menschen 
bis zu seinen Handlungen und in die Beziehungen zu 
seinen Nächsten verfolgt, ihre Aufgabe restlos gelöst 
und alle diese Zusammenhänge durchsichtig gemacht 
hätte, dann fände sie sich plötzlich vor einer neuen 
Aufgabe, die sich ungelöst vor ihr erhebt. Sie müßte 
die überraschende Tatsache erklären, daß dies ihr 
verständlich gewordene Individuum unter einer be- 
stimmten Bedingung ganz anders fühlt, denkt und 

i) Übersetzt von Dr. Rudolf Eisler, zweite Auflage 1912. 






Massenpsychologie und Ich-Analyse 



handelt, als von ihm zu erwarten stand, und diese 
Bedingung ist die Einreihung in eine Menschenmenge, 
welche die Eigenschaft einer „psychologischen Masse" 
erworben hat. Was ist nun eine „Masse", wodurch 
erwirbt sie die Fähigkeit, das Seelenleben des Ein- 
zelnen so entscheidend zu beeinflussen, und worin be- 
steht die seelische Veränderung, die sie dem Ein- 
zelnen aufnötigt? 

Diese drei Fragen zu beantworten, ist die Auf- 
gabe einer theoretischen Massenpsychologie. Man greift 
sie offenbar am besten an, wenn man von der dritten 
ausgeht. Es ist die Beobachtung der veränderten 
Reaktion des Einzelnen, welche der Massenpsycho- 
logie den Stoff liefert; jedem Erklärungsversuch muß 
ja die Beschreibung des zu Erklärenden vorausgehen. 

Ich lasse nun Le Bon zu Worte, kommen. Er 
sagt (S. 13): „An einer psychologischen Masse ist 
das Sonderbarste dies: welcher Art auch die sie 
zusammensetzenden Individuen sein mögen, wie ähn- 
lich oder unähnlich ihre Lebensweise, Beschäftigung, 
ihr Charakter oder ihre Intelligenz ist, durch den 
bloßen Umstand ihrer Umformung zur Masse besitzen 
sie eine Kollektivseele, vermöge deren sie in ganz 
anderer Weise fühlen, denken und handeln, als jedes 
von ihnen für sich fühlen, denken und handeln würde. 
Es gibt Ideen und Gefühle, die nur bei den zu Massen 
verbundenen Individuen auftreten oder sich in Hand- 
lungen umsetzen. Die psychologische Masse ist ein 



IL Le Bon's Schilderting der Massenseele 7 

provisorisches Wesen, das aus heterogenen Elementen 
besteht, die für einen Augenblick sich miteinander 
verbunden haben, genau so wie die Zellen des Orga- 
nismus durch ihre Vereinigung ein neues Wesen mit 
ganz anderen Eigenschaften als denen der einzelnen 
Zellen bilden." 

Indem wir uns die Freiheit nehmen, die Darstellung 
Le Bon's durch unsere Glossen zu unterbrechen, 
geben wir hier der Bemerkung Raum: Wenn die 
Individuen in der Masse zu einer Einheit verbunden 
sind, so muß es wohl etwas geben, was sie aneinander 
bindet, und dies Bindemittel könnte gerade das sein, 
was für die Masse charakteristisch ist. Allein Le Bon 
beantwortet diese Frage nicht, er geht auf die Ver- 
änderung des Individuums in der Masse ein und be- 
schreibt sie in Ausdrücken, welche mit den Grund- 
voraussetzungen unserer Tiefenpsychologie in guter 
Übereinstimmung stehen. 

(S. 14.) „Leicht ist die Feststellung des Maßes 
von Verschiedenheit des einer Masse angehörenden 
vom isolierten Individuum, weniger leicht ist aber die 
Entdeckung der Ursachen dieser Verschiedenheit. 

Um diese Ursachen wenigstens einigermaßen zu 
finden, muß man sich zunächst der von der modernen 
Psychologie gemachten Feststellung erinnern, daß nicht 
bloß im organischen Leben, sondern auch in den intellek- 
tuellen Funktionen die unbewußten Phänomene eine 
überwiegende Rolle spielen. Das bewußte Geistesleben 






8 



A / Tasse7ipsychologie und Ick-Analyse 



stellt nur einen recht geringen Teil neben dem un- 
bewußten Seelenleben dar. Die feinste Analyse, die 
schärfste Beobachtung gelangt nur zu einer kleinen 
Anzahl bewußter Motive des Seelenlebens. Unsere be- 
wußten Akte leiten sich aus einem, besonders durch 
Vererbungseinnüsse geschaffenen, unbewußten Substrat 
her. Dieses enthält die zahllosen Ahnenspuren, aus 
denen sich die Rassenseele konstituiert. Hinter den 
eingestandenen Motiven unserer Handlungen gibt es 
zweifellos die geheimen Gründe, die wir nicht ein- 
gestehen, hinter diesen liegen aber noch geheimere, 
die wir nicht einmal kennen. Die Mehrzahl unserer 
alltäglichen Handlungen ist nur die Wirkung ver- 
borgener, uns entgehender Motive." 

In der Masse, meint Le. Bon, verwischen sich 
die individuellen Erwerbungen der Einzelnen, und da- 
mit verschwindet deren Eigenart. Das rassenmäßige 
Unbewußte tritt hervor, das Heterogene versinkt im 
Homogenen. Wir würden sagen, der psychische Ober- 
bau, der sich bei den Einzelnen so verschiedenartig 
entwickelt hat, wird abgetragen, entkräftet und das 
bei allen gleichartige unbewußte Fundament wird 
bloßgelegt (wirksam gemacht). 

Auf diese Weise käme ein durchschnittlicher 
Charakter der Massenindividuen zustande. Allein Le B o n 
findet, sie zeigen auch neue Eigenschaften, die sie vor- 
her nicht besessen haben, und sucht den Grund dafür 
in drei verschiedenen Momenten. 






II: Le Bon's Schilderung der Massenseele 9 

(S. 15.) „Die erste dieser Ursachen besteht darin, 
daß das Individuum in der Masse schon durch die 
Tatsache der Menge ein Gefühl unüberwindlicher Macht 
erlangt, welches ihm gestattet, Trieben zu fröhnen, 
die es allein notwendig gezügelt hätte. Es wird dies 
nun umso weniger Anlaß haben, als bei der Anonymität 
und demnach auch Unverantwortlichkeit der Masse 
das Verantwortlichkeitsgefühl, welches die Tndividuer 
stets zurückhält, völlig schwindet." 

Wir brauchten von unserem Standpunkt weniger 
Wert auf das Auftauchen neuer Eigenschaften zu legen. 
Es genügte uns zu sagen, das Individuum komme in 
der Masse unter Bedingungen, die ihm gestatten, die 
Verdrängungen seiner unbewußten Triebregungen ab- 
zuwerfen. Die anscheinend neuen Eigenschaften, die 
es dann zeigt, sind eben die Äußerungen dieses Un- 
bewußten, in dem ja alles Böse der Menschenseele in 
der Anlage enthalten ist; das Schwinden des Gewissens 
oder Verantwortlichkeitsgefühls unter diesen Umständen 
macht unserem Verständnis keine Schwierigkeit. Wir 
hatten längst behauptet, der Kern des sogenannten 
Gewissens sei „soziale Angst". 1 



• 



1) Eine gewisse Differenz zwischen der Anschauung Le Bon's 
und der unserigen stellt sich dadurch her, daß sein Begriff 
des Unbewußten nicht ganz mit dem von der Psychoanalyse 
angenommenen zusammenfällt. Das Unbewußte Le Bon's enthält 
vor allem die tiefsten Merkmale der Rassenseele, welche für die 
individuelle Psychoanalyse eigentlich außer Betracht kommt. Wir 



- 






io 



Mdssenpsychologie und Ich-Analyse 



(S. 16.) „Eine zweite Ursache, die Ansteckung, 
trägt ebenso dazu bei, bei den Massen die Äußerung 
spezieller Merkmale und zugleich deren Richtung zu 
bewerkstelligen. Die Ansteckung ist ein leicht zu kon- 
statierendes, aber unerklärliches Phänomen, das man 
den von uns sogleich zu studierenden Phänomenen 
hypnotischer Art zurechnen muß. In der Menge ist 
jedes Gefühl, jede Handlung ansteckend, und zwar 
in so hohem Grade, daß das Individuum sehr leicht 
sein persönliches Interesse dem Gesamtinteresse opfert. 
Es ist dies eine seiner Natur durchaus entgegenge- 
setzte Fähigkeit, deren der Mensch nur als Massen- 
bestandteil fähig ist/' 

Wir werden auf diesen letzten Satz später eine 
wichtige Vermutung begründen. 

(S. 16.) „Eine dritte, und zwar die wichtigste 
Ursache bedingt in den zur Masse vereinigten Indi- 
viduen besondere Eigenschaften, welche denen des 
isolierten Individuums völlig entgegengesetzt sind. 
Ich rede hier von der Suggestibilität, von der 
die erwähnte Ansteckung übrigens nur eine Wir- 
kung ist. 



verkennen zwar nicht, daß der Kern des Ichs, (das Es, wie ich 
es spater genannt habe), dem die „archaische Erbschaft" der 
Menschenseele angehört, unbewußt ist, aber wir sondern außer- 
dem das „unbewußte Verdrängte" ab, welches aus einem Anteil 
dieser Erbschaft hervorgegangen ist. Dieser Begriff des Ver- 
drängten fehlt bei Le Bon. 



//. Le Boris SchÜdei-ung der Massenseele 1 1 

Zum Verständnis dieser Erscheinung gehört die 
Vergegenwärtigung gewisser neuer Entdeckungen der 
Physiologie. Wir wissen jetzt, daß ein Mensch mittels 
mannigfacher Prozeduren in einen solchen Zustand 
versetzt werden kann, daß er nach Verlust seiner 
ganzen bewußten Persönlichkeit allen Suggestionen 
desjenigen gehorcht, der ihn seines Persönlichkeits- 
bewußtseins beraubt hat, und daß er die zu seinem 
Charakter und seinen Gewohnheiten in schärfstem 
Gegensatz stehenden Handlungen begeht. Nun scheinen 
sehr sorgfältige Beobachtungen darzutun, daß ein, eine 
Zeitlang im Schöße einer tätigen Masse eingebettetes 
Individuum in Bälde — , durch Ausströmungen, die 
von ihr ausgehen oder sonst eine unbekannte Ursache 
— sich in einem Sonderzustand befindet, der sich 
sehr der Faszination nähert, die den Hypnotisierten 

unter dem Einfluß des Hypnotisators befällt 

Die bewußte Persönlichkeit ist völlig geschwunden, 
Wille und Unterscheidungsvermögen fehlen, alle Ge- 
fühle und Gedanken sind nach der durch den Hypnoti- 
sator hergestellten Richtung orientiert. 

So ungefähr verhält sich auch der Zustand des 
einer psychologischen Masse angehörenden Individuums. 
Es ist sich seiner Handlungen nicht mehr bewußt. Wie 
beim Hypnotisierten können bei ihm, während zugleich 
gewisse Fähigkeiten aufgehoben sind, andere auf einen 
Grad höchster Stärke gebracht werden. Unter dem 
Einflüsse einer Suggestion wird es sich mit einem 



1 1 



Massenpsychologie und Ich-A?ialyse 



I 



unwiderstehlichen Triebe an die Ausführung bestimmter 
Handlungen machen. Und dieses Ungestüm ist bei 
den Massen noch unwiderstehlicher als beim Hypnoti- 
sierten, weil die für alle Individuen gleiche Suggestion 
durch Gegenseitigkeit anwächst." 

(S. 17.) „Die Hauptmerkmale des in der Masse 
befindlichen Individuums sind demnach: Schwund der 
bewußten Persönlichkeit, Vorherrschaft der unbewußten 
Persönlichkeit, Orientierung der Gedanken und Gefühle 
in derselben Richtung durch Suggestion und An- 
steckung, Tendenz zur unverzüglichen Verwirklichung 
der suggerierten Ideen. Das Individuum ist nicht mehr 
es selbst, es ist ein willenloser Automat geworden." 
Ich habe dieses Zitat so ausführlich wiedergegeben, 
um zu bekräftigen, daß Le Bon den Zustand des 
Individuums in der Masse wirklich für einen hypnoti- 
schen erklärt, nicht etwa ihn bloß mit einem solchen 
vergleicht. Wir beabsichtigen hier keinen Widerspruch, 
wollen nur hervorheben, daß die beiden letzten Ur- 
sachen der Veränderung des Einzelnen in der Masse, 
die Ansteckung und die höhere Suggerierbarkeit, offen- 
bar nicht gleichartig sind, da ja die Ansteckung auch 
eine Äußerung der Suggerierbarkeit sein soll. Auch 
die Wirkungen der beiden Momente scheinen uns im 
Text Le Bon 's nicht scharf geschieden. Vielleicht 
deuten wir seine Äußerung am besten aus, wenn wir 
die Ansteckung auf die Wirkung der einzelnen Mit- 
glieder der Masse aufeinander beziehen, während die 



II. Le Boris Schilderung der Massenseele 13 

mit den Phänomenen der hypnotischen Beeinflussung 
gleichgestellten Suggestionserscheinungen in der Masse 
auf eine andere Quelle hinweisen. Auf welche aber? 
Es muß uns als eine empfindliche Unvollständigkeit 
berühren, daß eines der Hauptstücke dieser An- 
gleichung, nämlich die Person, welche für die Masse 
den Hypnotiseur ersetzt, in der Darstellung Le Bon's 
nicht erwähnt wird. Immerhin unterscheidet er von 
diesem im Dunkeln gelassenen faszinierenden Einfluß 
die ansteckende Wirkung, die die Einzelnen auf ein- 
ander ausüben, durch welche die ursprüngliche Sug- 
gestion verstärkt wird. 

Noch ein wichtiger Gesichtspunkt für die Beur- 
teilung des Massenindividuums : (S. 17.) „Ferner steigt 
durch die bloße Zugehörigkeit zu einer organisierten 
Masse der Mensch mehrere Stufen auf der Leiter der 
Zivilisation herab. In seiner Vereinzelung war er viel- 
leicht ein gebildetes Individuum, ,in der Masse ist er 
ein Barbar, d. h. ein Triebwesen. Er besitzt die 
Spontaneität, die Heftigkeit, die Wildheit und auch 
den Enthusiasmus und Heroismus primitiver Wesen." 
Er verweilt dann noch besonders bei der Herabsetzung 
der intellektuellen Leistung, die der Einzelne durch 
sein Aufgehen in der Masse erfährt. 1 






1) Vergleiche das Schiller'sche Distichon: 
Jeder, sieht man ihn einzeln, ist leidlich klug und verständig; 
Sind sie in corpore, gleich wird euch ein Dummkopf daraus. 



14 Massenpsychologie und Ich-Analyse 



Verlassen wir nun den Einzelnen und wenden wir 
uns zur Beschreibung der Massenseele, wie Le Bon 
sie entwirft. Es ist kein Zug darin, dessen Ableitung 
und Unterbringung dem Psychoanalytiker Schwierig- 
keiten bereiten würde. Le Bon weist uns selbst den 
Weg, indem er auf die Übereinstimmung mit dem 
Seelenleben der Primitiven und der Kinder hinweist. 
(S. 19.) 

Die Masse ist impulsiv, wandelbar und reizbar. 
Sie wird fast ausschließlich vom Unbewußten geleitet. 1 
Die Impulse, denen die Masse gehorcht, können je 
nach Umständen edel oder grausam, heroisch oder 
feige sein, jedenfalls aber sind sie so gebieterisch, 
daß nicht das persönliche, nicht einmal das Interesse 
der Selbsterhaltung zur Geltung kommt. (S. 20.) 
Nichts ist bei ihr vorbedacht. Wenn sie auch die 
Dinge leidenschaftlich begehrt, so doch nie für lange, 
sie ist unfähig zu einem Dauerwillen. Sie verträgt 
keinen Aufschub zwischen ihrem Begehren und der 
Verwirklichung des Begehrten. Sie hat das Gefühl der 
Allmacht, für das Individuum in der Masse schwindet 
der Begriff des Unmöglichen. 2 

Die Masse ist außerordentlich beeinflußbar und leicht- 
gläubig, sie ist kritiklos, das Unwahrscheinliche existiert 



1) Unbewußt wird von Le Bon richtig im Sinne der Des- 
knption gebraucht, wo es nicht allein das „Verdrängte" bedeutet. 

2) Vergleiche Totem und Tabu III., Animismus, Magie und 
Allmacht der Gedanken. 



IL Le Bon's Schilderung der Massensecle 15 

für sie nicht. Sie denkt in Bildern, die einander assoziativ 
hervorrufen, wie sie sich beim Einzelnen in Zuständen 
des freien Phantasierens einstellen, und die von keiner 
verständigen Instanz an der Übereinstimmung mit der 
Wirklichkeit gemessen werden. Die Gefühle der Masse 
sind stets sehr einfach und sehr überschwenglich. Die 
Masse kennt also weder Zweifel noch Ungewißheit. 1 
Sie geht sofort zum Äußersten, der ausgesprochene 
Verdacht wandelt sich bei "ihr sogleich in unumstöß- 
liche Gewißheit, ein Keim von Antipathie wird zum 
wilden Haß. (S. 32.) 2 



1) In der Deutung der Träume, denen wir ja unsere beste 
Kenntnis vom unbewußten Seelenleben verdanken, befolgen wir 
die technische Regel, daß von Zweifel und Unsicherheit in der 
Traumerzählung abgesehen und jedes Element des manifesten 
Traumes als gleich gesichert behandelt wird. Wir leiten Zweifel 
und Unsicherheit von der Einwirkung der Zensur ab, welcher die 
Traumarbeit unterliegt, und nehmen an, daß die primären Traum- 
gedanken Zweifel und Unsicherheit als kritische Leistung nicht 
kennen. Als Inhalte mögen sie natürlich, wie alles andere, in den 
zum Traum führenden Tagesresten vorkommen. (S. Traumdeutung, 
5. Aufl. 191g, S. 386.) 

2) Die nämliche Steigerung aller Gefühlsregungen zum Ex- 
tremen und Maßlosen gehört auch der Affektivität des Kindes an 
und findet sich im Traumleben wieder, wo dank der im Unbe- 
wußten vorherrschenden Isolierung der einzelnen Gefühlsregungen 
ein leiser Ärger vom Tage sich als Todeswunsch gegen die 
schuldige Person zum Ausdruck bringt oder ein Anflug irgend 
einer Versuchung znm Anstoß einer im Traum dargestellten ver- 
brecherischen Handlung wird. Zu dieser Tatsache hat Dr. Hanns 
Sachs die hübsche Bemerkung gemacht: „Was der Traum uns 



t 



16 Masse?ißsychologie und Ich-Analyse 

Selbst zu allen Extremen geneigt, wird die Masse 
auch nur durch übermäßige Reize erregt. Wer auf 
sie wirken will, bedarf keiner logischen Abmessung 
seiner Argumente, er muß in den kräftigsten Bildern 
malen, übertreiben und immer das Gleiche wieder- 
holen. 

Da die Masse betreffs des Wahren oder Falschen 
nicht im Zweifel ist und dabei das Bewußtsein ihrer 
großen Kraft hat, ist sie ebenso intolerant wie auto- 
ritätsgläubig. Sie respektiert die Kraft und läßt sich 
von der Güte, die für sie nur eine Art von Schwäche 
bedeutet, nur mäßig beeinflussen. Was sie von ihren 
Helden verlangt, ist Stärke, selbst Gewalttätigkeit. Sie 
will beherrscht und unterdrückt werden und ihren 
Herrn fürchten. Im Grunde durchaus konservativ, hat 
sie tiefen Abscheu vor allen Neuerungen und Fort- 
schritten und unbegrenzte Ehrfurcht vor der Tradition. 

(S. 37.) 

Um die Sittlichkeit der Massen richtig zu beur- 
teilen, muß man in Betracht ziehen, daß im Beisammen- 
sein der Massenindividuen alle individuellen Hemmungen 
entfallen und alle grausamen, brutalen, destruktiven 
Instinkte, die als Überbleibsel der Urzeit im Einzelnen 



an Beziehungen zur Gegenwart (Realität) kundgetan hat, wollen 
wir dann auch im Bewußtsein aufsuchen und dürfen uns nicht 
wundern, wenn wir das Ungeheuer, das wir unter dem Ver- 
größerungsglas der Analyse gesehen haben, als Infusionstierchen 
wiederfinden." (Traumdeutung, S. 457.) 



■ 



//. Le Boris Schilderung der Massenseele 17 

schlummern, zur freien Triebbefriedigung geweckt 
werden. Aber die Massen sind auch unter dem Ein- 
fluß der Suggestion hoher Leistungen von Entsagung, 
Uneigennützigkeit, Hingebung an ein Ideal fähig. 
Während der persönliche Vorteil beim isolierten Indi- 
viduum so ziemlich die einzige Triebfeder ist, ist er 
bei den Massen sehr selten vorherrschend. Man kann 
von einer Versittlichung des Einzelnen durch die Masse 
sprechen (S. 39). Während die intellektuelle Leistung 
der Masse immer tief unter der des Einzelnen steht, 
kann ihr ethisches Verhalten dies Niveau ebenso hoch 
überragen, wie tief darunter herabgehen. 

Ein helles Licht auf die Berechtigung, die Massen- 
seele mit der Seele der Primitiven zu identifizieren, 
werfen einige andere Züge der Le Bon'schen Charak- 
teristik. Bei den Massen können die entgegengesetztesten 
Ideen nebeneinander bestehen und sich miteinander 
vertragen, ohne daß sich aus deren logischem Wider- 
spruch ein Konflikt ergäbe. Dasselbe ist aber im un- 
bewußten Seelenleben der Einzelnen, der Kinder und 
der Neurotiker der Fall, wie die Psychoanalyse längst 
nachgewiesen hat. ' 



1) Beim kleinen Kinde bestehen z. B. ambivalente Gefühls- 
einstellungen gegen die ihm nächsten Personen lange Zeit neben- 
einander, ohne daß die eine die ihr entgegengesetzte in ihrem 
Ausdruck stört. Kommt es dann endlich zum Konflikt zwischen 
den beiden, so wird er oft dadurch erledigt, daß das Kind das 
Objekt wechselt, die eine der ambivalenten Regungen auf ein 

Freud: Massenpsychologie und Ich-Analyse 2 



.. 









i8 Massenpsychologie und I ch-Analyse 

Ferner unterliegt die Masse der wahrhaft magischen 
Macht von Worten, die in der Massenseele die furcht- 
barsten Stürme hervorrufen und sie auch besänftigen 
können (S. 74). „Mit Vernunft und Argumenten kann 
man gegen gewisse Worte und Formeln nicht an- 
kämpfen. Man spricht sie mit Andacht vor den Massen 
aus, und sogleich werden die Mienen respektvoll und 
die Köpfe neigen sich. Von vielen werden sie als 
Naturkräfte oder als übernatürliche Mächte betrachtet." 

Ersatzobjekt verschiebt. Auch aus der Entwicklungsgeschichte 
einer Neurose beim Erwachsenen kann man erfahren, daß eine 
unterdrückte Regung sich häufig lange Zeit in unbewußten oder 
selbst bewußten Phantasien fortsetzt, deren Inhalt natürlich einer 
herrschenden Strebung direkt zuwiderläuft, ohne daß sich aus 
diesem Gegensatz ein Einschreiten des Ichs gegen das von ihm 
Verworfene ergäbe. Die Phantasie wird eine ganze Weile über 
toleriert, bis sich plötzlich einmal, gewöhnlich infolge einer Steige- 
rung der affektiven Besetzung derselben, der Konflikt zwischen 
ihr und dem Ich mit allen seinen Folgen herstellt. 

Im Fortschritt der Entwicklung vom Kinde zum reifen Er- 
wachsenen kommt es überhaupt zu einer immer weiter greifenden 
Integration der Persönlichkeit, zu einer Zusammenfassung der 
einzelnen, unabhängig voneinander in ihr gewachsenen Trieb- 
regungen und Zielstrebungen. Der analoge Vorgang auf dem 
Gebiet des Sexuallebens ist uns als Zusammenfassung aller Sexual- 
triebe zur definitiven Genitalorganisation lange bekannt. (Drei 
Abhandlungen zur Sexualtheorie 1905.) Daß die Vereinheitlichung 
des Ichs übrigens dieselben Störungen erfahren kann wie die der 
Libido, zeigen vielfache, sehr bekannte Beispiele, wie das der 
Naturforscher, die bibelgläubig geblieben sind u. a. Die ver- 
schiedenen Möglichkeiten eines späteren Zerfalls des Ichs bilden 
ein besonderes Kapitel der Psychopathologie. 



. 



7 _ r 



II. Le Bon's Schilderung der Massenseele 19 



(S. 75.) Man braucht sich dabei nur an die Tabu 
der Namen bei den Primitiven, an die magischen 
Kräfte, die sich ihnen an Namen und Worte knüpfen, 
zu erinnern. 1 

Und endlich: Die Massen haben nie den Wahr- 
heitsdurst gekannt. Sie fordern Illusionen, auf die sie 
nicht verzichten können. Das Irreale hat bei ihnen 
stets den Vorrang vor dem Realen, das Unwirkliche 
beeinflußt sie fast ebenso stark wie das Wirkliche. 
Sie haben die sichtliche Tendenz, zwischen beiden, 
keinen Unterschied zu machen (S. 47). 

Diese Vorherrschaft des Phantasielebens und der 
vom unerfüllten Wunsch getragenen Illusion haben 
wir als bestimmend für die Psychologie der Neurosen 
aufgezeigt. Wir fanden, für die Neurotiker gelte nicht 
die gemeine objektive, sondern die psychische Realität. 
Ein hysterisches Symptom gründe sich auf Phantasie 
anstatt auf die Wiederholung wirklichen Erlebens, ein 
zwangsneurotisches Schuldbewußtsein auf die Tatsache 
eines bösen Vorsatzes, der nie zur Ausführung ge- 
kommen. Ja wie im Traum und in der Hypnose, tritt 
in der Seelentätigkeit der Masse die Realitätsprüfung 
zurück gegen die Stärke der affektiv besetzten Wunsch- 
regungen. 

Was Le Bon über die Führer der Massen sagt, 
ist weniger erschöpfend und läßt das Gesetzmäßige 



1) Siehe Totem und Tabu. 






so Massenpsychologie und Ich-Analyse 

nicht so deutlich durchschimmern. Er meint, sobald 
lebende Wesen in einer gewissen Anzahl vereinigt 
sind, einerlei ob eine Herde Tiere oder eine Menschen- 
menge, stellen sie sich instinktiv unter die Autorität 
eines Oberhauptes (S. 86). Die Masse ist eine folg- 
same Herde, die nie ohne Herrn zu leben vermag. 
Sie hat einen solchen Durst zu gehorchen, daß sie 
sich jedem, der sich zu ihrem Herrn ernennt, instinktiv 
unterordnet. 

Kommt so das Bedürfnis der Masse dem Führer 
entgegen, so muß er ihm doch durch persönliche 
Eigenschaften entsprechen. Er muß selbst durch einen 
starken Glauben (an eine Idee) fasziniert sein, um 
Glauben in der Masse zu erwecken, er muß einen 
starken, imponierenden Willen besitzen, den die willen- 
lose Masse von ihm annimmt. Le Bon bespricht dann 
die verschiedenen Arten von Führern und die Mittel, 
durch welche sie auf die Masse wirken. Im ganzen 
läßt er die Führer durch die Ideen zur Bedeutung 
kommen, für die sie selbst fanatisiert sind. 

Diesen Ideen wie den Führern schreibt er über- 
dies eine geheimnisvolle, unwiderstehliche Macht zu, 
die er „Prestige" benennt. Das Prestige ist eine Art 
Herrschaft, die ein Individuum, ein Werk oder eine 
Idee über uns übt. Sie lähmt all unsere Fähigkeit 
zur Kritik und erfüllt uns mit Staunen und Achtung. 
Sie dürfte ein Gefühl hervorrufen, ähnlich wie das 
der Faszination der Hypnose (S. 96). 









L 



77. Le Bon's Schilderung der Masse?iseele 21 

Er unterscheidet erworbenes oder künstliches und 
persönliches Prestige. Das erstere wird bei Personen 
durch Name, Reichtum, Ansehen verliehen, bei An- 
schauungen, Kunstwerken u. dgl. durch Tradition. 
Da es in allen Fällen auf die Vergangenheit zurück- 
greift, wird es für das Verständnis dieses rätselhaften 
Einflusses wenig leisten. Das persönliche Prestige 
haftet an wenigen Personen, die durch dasselbe zu 
Führern werden, und macht, daß ihnen alles wie unter 
der Wirkung eines magnetischen Zaubers gehorcht. 
Doch ist jedes Prestige auch vom Erfolg abhängig 
und geht durch Mißerfolge verloren (S. 105). 

Man gewinnt nicht den Eindruck, daß bei Le Bon 
die Rolle der Führer und die Betonung des Prestige 
in richtigen Einklang mit der so glänzend vorgetragenen 
Schilderung der Massenseele gebracht worden ist. 






III 
rüi 

DES KOLLEKTIVEN SEELENLEBENS 



Wir haben uns der Darstellung von Le Bon als 
Einführung bedient, weil sie in der Betonung des 
unbewußten Seelenlebens so sehr mit unserer eigenen 
Psychologie zusammentrifft. Nun müssen wir aber hin- 
zufügen, daß eigentlich keine der Behauptungen dieses 
Autors etwas Neues bringt. Alles, was er Abträgliches 
und Herabsetzendes über die Äußerungen der Massen- 
seele sagt, ist schon vor ihm ebenso bestimmt und 
ebenso feindselig von anderen gesagt worden, wird 
seit den ältesten Zeiten der Literatur von Denkern, 
Staatsmännern und Dichtern gleichlautend so wieder- 
holt. x Die beiden Sätze, welche die wichtigsten An- 
sichten Le Bon's enthalten, der von der kollektiven 
Hemmung der intellektuellen Leistung und der von 
der Steigerung der Affektivität in der Masse waren 

i) Vergleiche den Text und das Literaturverzeichnis in B. Kras- 
kovic jun., Die Psychologie der Kollektivitäten. Aus dem 
Kroatischen übersetzt von Sie gm und von Posavec. Vukovar 191 5. 



ANDERE WÜRDIGUNGEN 












kurz vorher von Sighele formuliert worden. 1 Im 
Grunde erübrigen als Le Bon eigentümlich nur die 
beiden Gesichtspunkte des Unbewußten und des Ver- 
gleichs mit dem Seelenleben der Primitiven, auch 
diese natürlich oftmals vor ihm berührt. 

Aber noch mehr, die Beschreibung und Würdigung 
der Massenseele, wie Le Bon und die anderen sie 
geben, ist auch keineswegs unangefochten geblieben. 
Kein Zweifel, daß alle die vorhin beschriebenen Phä- 
nomene der Massenseele richtig beobachtet worden 
sind, aber es lassen sich auch andere, geradezu ent- 
gegengesetzt wirkende Äußerungen der Massenbildung 
erkennen, aus denen man dann eine weit höhere Ein- 
schätzung der Massenseele ableiten muß. 

Auch Le Bon war bereit zuzugestehen, daß die 
Sittlichkeit der Masse unter Umständen höher sein 
kann als die der sie zusammensetzenden Einzelnen, 
und daß nur die Gesamtheiten hoher Uneigennützig- 
keit und Hingebung fähig sind. 

(S. 38) „Während der persönliche Vorteil beim 
isolierten Individuum so ziemlich die einzige Triebfeder 
ist, ist er bei den Massen sehr selten vorherrschend.' 1 

Andere machen geltend, daß es überhaupt erst 
die Gesellschaft ist, welche dem Einzelnen die Normen 

1) Siehe Walter Moede, Die Massen- und Sozialpsychologie 
im kritischen Überblick. Zeitschrift für pädagogische Psychologie 
und experimentelle Pädagogik von Meumann und Scheibner, 
XVI, 191 5. 



£4 Massenpsychologie und Ich-Analyse 



der Sittlichkeit vorschreibt, während der Einzelne in 
der Regel irgendwie hinter diesen hohen Ansprüchen 
zurückbleibt. Oder daß in Ausnahmszuständen in einer 
Kollektivität das Phänomen der Begeisterung zustande 
kommt, welches die großartigsten Massenleistungcn er- 
möglicht hat. 

In Betreff der intellektuellen Leistung bleibt zwar 
bestehen, daß die großen Entscheidungen der Denk- 
arbeit, die folgenschweren Entdeckungen und Problem- 
lösungen nur dem Einzelnen, der in der Einsamkeit 
arbeitet, möglich sind. Aber auch die Massenseele ist 
genialer geistiger Schöpfungen fähig, wie vor allem 
die Sprache selbst beweist, sodann das Volkslied, 
Folklore und anderes. Und überdies bleibt es dahin- 
gestellt, wieviel der einzelne Denker oder Dichter den 
Anregungen der Masse, in welcher er lebt, verdankt, 
ob er mehr als der Vollender einer seelischen Arbeit 
ist, an der gleichzeitig die anderen mitgetan haben. 

Angesichts dieser vollkommenen Widersprüche 
scheint es ja, daß die Arbeit der Massenpsychologie 
ergebnislos verlaufen müsse. Allein es ist leicht, einen 
hoffnungsvolleren Ausweg zu linden. Man hat wahr- 
scheinlich als „Massen" sehr verschiedene Bildungen 
zusammengefaßt, die einer Sonderung bedürfen. Die 
Angaben von Sighele, Le Bon und anderen beziehen 
sich auf Massen kurzlebiger Art, die rasch durch ein 
vorübergehendes Interesse aus verschiedenartigen Indi- 
viduen zusammengeballt werden. Es ist unverkennbar, 



III. Andere Würdigungen des kollekt. Seelenlebens 2 5 

daß die Charaktere der revolutionären Massen, be- 
sonders der großen französischen Revolution, ihre 
Schilderungen beeinflußt haben. Die gegensätzlichen 
Behauptungen stammen aus der Würdigung jener 
stabilen Massen oder Vergesellschaftungen, in denen 
die Menschen ihr Leben zubringen, die sich in den 
Institutionen der Gesellschaft verkörpern. Die Massen 
der ersten Art sind den letzteren gleichsam aufgesetzt, 
wie die kurzen, aber hohen Wellen den langen 
Dünungen der See. 

M c Dougall, der in seinem Buch The Group 
Mind 1 von dem nämlichen, oben erwähnten Wider- 
spruch ausgeht, findet die Lösung desselben im Moment 
der Organisation. Im einfachsten Falle, sagt er, besitzt 
die Masse (group) überhaupt keine Organisation ' oder 
eine kaum nennenswerte. Er bezeichnet eine solche 
Masse als einen Haufen (crowd). Doch gesteht er zu, 
daß ein Haufen Menschen nicht leicht zusammen- 
kommt, ohne daß sich in ihm wenigstens die ersten 
Anfänge einer Organisation bildeten, und daß gerade 
an diesen einfachen Massen manche Grundtatsachen 
der Kollektivpsychologie besonders leicht zu erkennen 
sind (S. 22). Damit sich aus den zufällig zusammen- 
gewehten Mitgliedern eines Menschenhaufens etwas 
wie eine Masse im psychologischen Sinne bilde, wird 
als Bedingung erfordert, daß diese Einzelnen etwas 

1) Cambridge, 1920. 






2 6 Massenpsycholo^ie und Ich- Analyse 

miteinander gemein haben, ein gemeinsames Interesse 
an einem Objekt, eine gleichartige Gefühlsrichtung in 
einer gewissen Situation und (ich würde einsetzen: 
infolgedessen) ein gewisses Maß von Fähigkeit, sich 
untereinander zu beeinflussen. (Sovie degree of reci- 
procal influence betzveen the metnbers of the group) 
(S. 23). Je stärker diese Gemeinsamkeiten (this mental 
homogeneity) sind, desto leichter bildet sich aus den 
Einzelnen eine psychologische Masse und desto auf- 
fälliger äußern sich die Kundgebungen einer „Massen- 
seele". 

Das merkwürdigste und zugleich wichtigste Phä- 
nomen der Massenbildung ist nun die bei jedem 
Einzelnen hervorgerufene Steigerung der Affektivität 
(exaltation or intensijication of emotion) (S. 24). Man 
kann sagen, meint M c Dougall, daß die Affekte der 
Menschen kaum unter anderen Bedingungen zu solcher 
Höhe anwachsen, wie es in einer Masse geschehen 
kann, und zwar ist es eine genußreiche Empfindung 
für die Beteiligten, sich so schrankenlos ihren Leiden- 
schaften hinzugeben und dabei in der Masse aufzu- 
gehen, das Gefühl ihrer individuellen Abgrenzung zu 
verlieren. Dies Mitfortgerissenwerden der Individuen 
erklärt M c Dougall aus dem von ihm so genannten 
„principle of direct inducüon of emotion by way of 
the primitive sympathetic respo?ise" (S. 25), d. h. durch 
die uns bereits bekannte Gcfühlsansteckung. Die Tat- 
sache ist die, daß die wahrgenommenen Zeichen eines 



-H 



) 

III Andere Würdis r uns;e?i des kollekt. Seelenlebens 2 7 

Affektzustandes geeignet sind, bei dem Wahrnehmenden 
automatisch denselben Affekt hervorzurufen. Dieser 
automatische Zwang wird umso stärker, an je mehr 
Personen gleichzeitig [derselbe Affekt bemerkbar ist. 
Dann schweigt die Kritik des Einzelnen und er läßt 
sich in denselben Affekt gleiten. Dabei erhöht er aber 
die Erregung der anderen, die auf ihn gewirkt hatten, 
und so steigert sich die Affektladung der Einzelnen 
durch gegenseitige Induktion. Es ist unverkennbar etwas 
wie ein Zwang dabei wirksam, es den anderen gleich- 
zutun, im Einklang mit den Vielen zu bleiben. Die 
gröberen und einfacheren Gefühlsregungen haben die 
größere Aussicht, sich auf solche Weise in einer Masse 
zu verbreiten (S. 39). 

Dieser Mechanismus der Affektsteigerung wird noch 
durch einige andere, von der Masse ausgehende Ein- 
flüsse begünstigt. Die Masse macht dem Einzelnen den 
Eindruck einer unbeschränkten Macht und einer un- 
besiegbaren Gefahr. Sie hat sich für den Augenblick 
an die Stelle der gesamten menschlichen Gesellschaft 
gesetzt, welche die Trägerin der Autorität ist, deren 
Strafen man gefürchtet, der zuliebe man sich so viele 
Hemmungen auferlegt hat. Es ist offenbar gefährlich, 
sich in Widerspruch mit ihr zu setzen, und man ist 
sicher, wenn man dem ringsumher sich zeigenden Bei-' 
spiel folgt, also eventuell sogar „mit den Wölfen heult". 
Im Gehorsam gegen die neue Autorität darf man sein 
früheres „Gewissen" außer Tätigkeit setzen und dabei 



-j 






28 Massenpsychologie und Ich- Analyse 

der Lockung des Lustgewinns nachgeben, den man 
sicherlich durch die Aufhebung seiner Hemmungen 
erzielt. Es ist also im ganzen nicht so merkwürdig, 
wenn wir den Einzelnen in der Masse Dinge tun oder 
gutheißen sehen, von denen er sich unter seinen ge- 
wohnten Lebensbedingungen abgewendet hätte, und 
wir können selbst die Hoffnung fassen, auf diese Weise 
ein Stück der Dunkelheit zu lichten, die man mit dem 
Rätselwort der „Suggestion" zu decken pflegt. 

Dem Satz von der kollektiven Intel ligenzhemmung 
in der Masse widerspricht auch M c Dougall nicht 
(S. 41). Er sagt, die geringeren Intelligenzen ziehen 
die größeren auf ihr Niveau herab. Die letzteren werden 
in ihrer Betätigung gehemmt, weil die Steigerung der 
Affektivität überhaupt ungünstige Bedingungen für 
korrekte geistige Arbeit schafft, ferner weil die Ein- 
zelnen durch die Masse eingeschüchtert sind und ihre 
Denkarbeit nicht -frei ist, und weil bei jedem Einzelnen 
das Bewußtsein der Verantwortlichkeit für seine Leistung 
herabgesetzt wird. 

Das Gesamturteil über die psychische Leistung 
einer einfachen, „unorganisierten" Masse lautet bei 
M c Dougall nicht freundlicher als bei Le Bon. Eine 
solche Masse ist (S. 45): überaus erregbar, impulsiv, 
leidenschaftlich, wankelmütig, inkonsequent, unent- 
schlossen und dabei zum Äußersten bereit in ihren 
Handlungen, zugänglich nur für die gröberen Leiden- 
schaften und einfacheren Gefühle, außerordentlich 



I 



. 



III Andere Würdigungen des kollekt. Seelenlebe?is 29 

suggestibel, leichtsinnig in ihren Überlegungen, heftig in 
ihren Urteilen, aufnahmsfähig nur für die einfachsten 
und unvollkommensten Schlüsse und Argumente, leicht 
zu lenken und zu erschüttern, ohne Selbstbewußtsein, 
Selbstachtung und Verantwortlichkeitsgefühl, aber bereit, 
sich von ihrem Kraftbewußtsein zu allen Untaten fort- 
reißen zu lassen, die wir nur von einer absoluten und 
unverantwortlichen Macht erwarten können. Sie be- 
nimmt sich also eher wie ein ungezogenes Kind oder 
wie ein leidenschaftlicher, nicht beaufsichtigter Wilder 
in einer ihm fremden Situation; in den schlimmsten 
Fällen ist ihr Benehmen eher das eines Rudels von 
wilden Tieren als von menschlichen Wesen. 

Da M c Dougall das Verhalten der hoch organi- 
sierten Massen in Gegensatz zu dem hier Geschilderten 
bringt, werden wir besonders gespannt sein zu er- 
fahren, worin diese Organisation besteht und durch 
welche Momente sie hergestellt wird. Der Autor 
zählt fünf dieser „principal conditions" für die Hebung 
des seelischen Lebens der Masse auf ein höheres 
Niveau auf. 

Die erste grundlegende Bedingung ist ein gewisses 
Maß von Kontinuität im Bestand der Masse. Diese 
kann eine materielle oder eine formale sein, das erste, 
wenn dieselben Personen längere Zeit in der Masse 
verbleiben, das andere, wenn innerhalb der Masse be- 
stimmte Stellungen entwickelt sind, die den einander 
ablösenden Personen angewiesen werden. 






30 Massenpsychologie und Ich-Analyse 

Die zweite, daß sich in dem Einzelnen der Masse 
eine bestimmte Vorstellung von der Natur, der Funktion, 
den Leistungen und Ansprüchen der Masse gebildet 
hat, so daß sich daraus für ihn ein Gefühlsverhältnis 
zum Ganzen der Masse ergeben kann. 

Die dritte, daß die Masse in Beziehung zu anderen, 
ihr ähnlichen, aber doch von ihr in vielen Punkten 
abweichenden Massenbildungen gebracht wird, etwa 
daß sie mit diesen rivalisiert. 

Die vierte, daß die Masse Traditionen, Gebräuche 
und Einrichtungen besitzt, besonders solche, die sich 
auf das Verhältnis ihrer Mitglieder zueinander beziehen. 

Die fünfte, daß es in der Masse eine Gliederung 
gibt, die sich in der Spezialisierung und Differenzie- 
rung der dem Einzelnen zufallenden Leistung ausdrückt. 

Durch die Erfüllung dieser Bedingungen werden 
nach M c Dougall die psychischen Nachteile der Massen- 
bildung aufgehoben. Gegen die kollektive Herabsetzung 
der Intelligenzleistung schützt man sich dadurch, daß 
man die Lösung der intellektuellen Aufgaben der 
Masse entzieht und sie Einzelnen in ihr vorbehält. 

Es scheint uns, daß man die Bedingung, die 
M c Dougall als „Organisation" der Masse bezeichnet 
hat, mit mehr Berechtigung anders beschreiben kann. 
Die Aufgabe besteht darin, der Masse gerade jene 
Eigenschaften zu verschaffen, die für das Individuum 
charakteristisch waren und die bei ihm durch die Massen- 
bildung ausgelöscht wurden. Denn das Individuum 



III. Andere Würdigungen des kollekt. Seelenlebens 3 1 

hatte — außerhalb der primitiven Masse — seine 
Kontinuität, sein Selbstbewußtsein, seine Traditionen 
und Gewohnheiten, seine besondere Arbeitsleistung 
und Einreihung und hielt sich von anderen gesondert, 
mit denen es rivalisierte. Diese Eigenart hatte es durch 
seinen Eintritt in die nicht „organisierte" Masse für 
eine Zeit verloren. Erkennt man so als Ziel, die 
Masse mit den Attributen des Individuums auszu- 
statten, so wird man an eine gehaltreiche Bemerkung 
von W. Trotter 1 gemahnt, der in der Neigung zur 
Massenbildung eine biologische Fortführung der Viel- 
zelligkeit aller höheren Organismen erblickt. 2 



1) Instincts of the Herd in Peace and War. London 1916. 

2) Ich kann im Gegensatz zu einer sonst verständnisvollen 
und scharfsinnigen Kritik von Hans Kelsen (Imago VIII/2, 1922) 
nicht zugeben daß eine solche Ausstattung der „Massenseele" 
mit Organisation eine Hypostasierung derselben, d. h. die Zu- 
erkennung einer Unabhängigkeit von den seelischen Vorgängen 
im Individuum bedeute. 









-^_ 




IV 
SUGGESTION UND LIBIDO 

Wir sind von der Grundtatsache ausgegangen, 
daß ein Einzelner innerhalb einer Masse durch den 
Einfluß derselben eine oft tiefgreifende Veränderung 
seiner seelischen Tätigkeit erfährt. Seine Aflektivität 
wird außerordentlich gesteigert, seine intellektuelle 
Leistung merklich eingeschränkt, beide Vorgänge offen- 
bar in der Richtung einer Angleichung an die anderen 
Massenindividuen; ein Erfolg, der nur durch die Auf- 
hebung der jedem Einzelnen eigentümlichen Trieb- 
hemmungen und durch den Verzicht auf die ihm be- 
sonderen Ausgestaltungen seiner Neigungen erreicht 
werden kann. Wir haben gehört, daß diese oft un- 
erwünschten Wirkungen durch eine höhere „Organi- 
sation" der Massen wenigstens teilweise hintangehalten 
werden, aber der Grundtatsache der Massenpsycho- 
logie, den beiden Sätzen von der Affektsteigerung 
und der Denkhemmung in der primitiven Masse ist da- 
durch nicht widersprochen worden. Unser Interesse geht 
nun dahin, für diese seelische Wandlung des Einzelnen in 
der Masse die psychologische Erklärung zu finden. 



IV. Suggestion und Libido 33 

Rationelle Momente, wie die vorhin erwähnte Ein- 
schüchterung des Einzelnen, also die Aktion seines 
Selbsterhaltungstriebes, decken offenbar die zu be- 
obachtenden Phänomene nicht. Was uns sonst als 
Erklärung von den Autoren über Soziologie und 
Massenpsychologie geboten wird, ist immer das näm- 
liche, wenn auch unter wechselnden Namen: das 
Zauberwort der Suggestion. Bei Tarde hieß sie 
Nachahmung, aber wir müssen einem Autor recht 
geben, der uns vorhält, die Nachahmung falle unter 
den Begriff der Suggestion, sei eben eine Folge der- 
selben. x Bei Le Bon wurde alles Befremdende der 
sozialen Erscheinungen auf zwei Faktoren zurück- 
geführt, auf die gegenseitige Suggestion der Einzelnen 
und das Prestige der Führer. Aber das Prestige äußert 
sich wiederum nur in der Wirkung, Suggestion hervor- 
zurufen. Bei M c Dougall konnten wir einen Moment 
lang den Eindruck empfangen, daß sein Prinzip der 
„primären Affektinduktion" die Annahme der Suggestion 
entbehrlich mache. Aber bei weiterer Überlegung 
müssen wir doch einsehen, daß dies Prinzip nichts 
anderes aussagt, als die bekannten Behauptungen der 
„Nachahmung" oder „Ansteckung", nur unter ent- 
schiedener Betonung des affektiven Moments. Daß 
eine derartige Tendenz in uns besteht, wenn wir ein 



i)Brug-eilles, L'essence du phenomene social: La Suggestion. 
Revue philosophique XXV. 191 3. 

Freud: Massenpsychologie und Ich- Analyse 3 









» 



34 Massenpsychologie und Ich-Analyse 

Zeichen eines Affektzustandes bei einem anderen ge- 
wahren, in denselben Affekt zu verfallen, ist unzweifel- 
haft, aber wie oft widerstehen wir ihr erfolgreich, 
weisen den Affekt ab, reagieren oft in ganz gegen- 
sätzlicher Weise? Warum also geben wir dieser An- 
steckung in der Masse regelmäßig nach? Man wird 
wiederum sagen müssen, es sei der suggestive Ein- 
fluß der Masse, der uns nötigt, dieser Nachahmungs- 
tendenz zu gehorchen, der den Affekt in uns induziert. 
Übrigens kommen wir auch sonst bei M c Dougall 
nicht um die Suggestion herum- wir hören von ihm 
wie von anderen: die Massen zeichnen sich durch 
besondere Suggestibilität aus. 

Man wird so für die Aussage vorbereitet, die 
Suggestion (richtiger die Suggerierbarkeit) sei eben 
ein weiter nicht reduzierbares Urphänomen, eine Grund- 
tatsache des menschlichen Seelenlebens. So hielt es 
auch Bernheim, von dessen erstaunlichen Künsten 
ich im Jahre 1889 Zeuge war. Ich weiß mich aber 
auch damals an eine dumpfe Gegnerschaft gegen diese 
Tyrannei der Suggestion zu erinnern. Wenn ein Kranker, 
der sich nicht gefügig zeigte, angeschrieen wurde : Was 
tun Sie denn? Vous vous contresuggestionnez ! so 
sagte ich mir, das sei offenbares Unrecht und Gewalt- 
tat. Der Mann habe zu Gegensuggestionen gewiß 
ein Recht, wenn man ihn mit Suggestionen zu unter- 
werfen versuche. Mein Widerstand nahm dann später 
die Richtung einer Auflehnung dagegen, daß die 









IV. Suggestion und Libido 35 

Suggestion, die alles erklärte, selbst der Erklärung 
entzogen sein sollte. Ich wiederholte mit Bezug auf sie 
die alte Scherzfrage: 1 

Christoph trug Christum, 
Christus trug die ganze Welt, 
Sag', wo hat Christoph 
Damals hin den Fuß gestellt? 

Christophorus Christum, sed Christus sustulit orbem: 
Constiterit pedibus die ubi Christophorus? 

Wenn ich nun nach etwa 30 jähriger Fernhaltung 
wieder an das Rätsel der Suggestion herantrete, finde 
ich, daß sich nichts daran geändert hat. Von einer 
einzigen Ausnahme, die eben den Einfluß der Psycho- 
analyse bezeugt, darf ich ja bei dieser Behauptung 
absehen. Ich sehe, daß man sich besonders darum 
bemüht, den Begriff der Suggestion korrekt zu formu- 
lieren, also den Gebrauch des Namens konventionell 
festzulegen, 3 und dies ist nicht überflüssig, denn das 
Wort geht einer immer weiteren Verwendung mit 
aufgelockerter Bedeutung entgegen und wird bald jede 
beliebige Beeinflussung bezeichnen wie im Englischen, 
wo „to suggest, Suggestion" unserem „nahelegen", 
unserer „Anregung" entspricht. Aber über das Wesen 
der Suggestion, d. h. über die Bedingungen, unter 



1) Konrad Richter, Der deutsche St. Christoph. Berlin 1896. 
Acta Germanica V, 1. 

2) So M c Dougall im Journal of Neurology and Psycho- 
pathology", Vol. I, No. 1, May 1920: A note on Suggestion. 



ü 



3* 



1 



36 Massenpsychologie und Ich-Analyse 



denen sich Beeinflussungen ohne zureichende logische 
Begründung herstellen, hat sich eine Aufklärung nicht 
ergeben. Ich würde mich der Aufgabe nicht entziehen, 
diese Behauptung durch die Analyse der Literatur 
dieser letzten 30 Jahre zu erhärten, allein ich unter- 
lasse es, weil mir bekannt ist, daß in meiner Nähe 
eine ausführliche Untersuchung vorbereitet wird, welche 
sich eben diese Aufgabe gestellt hat. 

Anstatt dessen werde ich den Versuch machen, 
zur Aufklärung der Massenpsychologie den Begrift 
der Libido zu verwenden, der uns im Studium der 
Psychoneurosen so gute Dienste geleistet hat. 

Libido ist ein Ausdruck aus der Affektivitätslehre. 
Wir heißen so die als quantitative Größe betrachtete 
— wenn auch derzeit nicht meßbare — Energie 
solcher Triebe, welche mit alldem zu tun haben, was 
man als Liebe zusammenfassen kann. Den Kern des 
von uns Liebe Geheißenen bildet natürlich, was man 
gemeinhin Liebe nennt und was die Dichter besingen, 
die Geschlechtsliebe mit dem Ziel der geschlechtlichen 
Vereinigung. Aber wir -trennen davon nicht ab, was 
auch sonst an dem Namen Liebe Anteil hat, einerseits die 
Selbstliebe, andererseits die Eltern- und Kindesliebe, 
die Freundschaft und die allgemeine Menschenliebe, 
auch nicht die Hingebung an konkrete Gegenstände 
und an abstrakte Ideen. Unsere Rechtfertigung liegt 
darin, daß die psychoanalytische Untersuchung uns 
gelehrt hat, alle diese Strebungen seien der Ausdruck 






IV. Suggestion und Libido 37 

der nämlichen Triebregungen, die zwischen den Ge- 
schlechtern zur geschlechtlichen Vereinigung hindrängen, 
in anderen Verhältnissen zwar von diesem sexuellen 
Ziel abgedrängt oder in der Erreichung desselben auf- 
gehalten werden, dabei aber doch immer genug von 
ihrem ursprünglichen Wesen bewahren, um ihre Iden- 
tität kenntlich zu erhalten (Selbstaufopferung, Streben 
nach Annäherung). 

Wir meinen also, daß die Sprache mit dem Wort 
„Liebe" in seinen vielfältigen Anwendungen eine durch- 
aus berechtigte Zusammenfassung geschaffen hat, und 
daß wir nichts Besseres tun können, als dieselbe auch 
unseren wissenschaftlichen Erörterungen und Dar- 
stellungen zugrunde zu legen. Durch diesen Entschluß 
hat die Psychoanalyse einen Sturm von Entrüstung 
entfesselt, als ob sie sich einer frevelhaften Neuerung 
schuldig gemacht hätte. Und doch hat die Psycho- 
analyse mit dieser „erweiterten" Auffassung der Liebe 
nichts Originelles geschaffen. Der „Eros" des Philo- 
sophen Plato zeigt in seiner Herkunft, Leistung und Be- 
ziehung zur Geschlechtsliebe eine vollkommene Deckung 
mit der Liebeskraft, der Libido der Psychoanalyse, wie 
Nachmansohn und Pfister im Einzelnen dargelegt 
haben, 1 und wenn der Apostel Paulus in dem berühmten 
Brief an die Korinther die Liebe über alles andere 

i) Nachmansohn, Freuds Libidotheorie verglichen mit der 
Eroslehre Piatos. Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse, III, 191 5; Pfister, 
ebd. VII, 192 1. 






38 Massenpsychologie und Ich-Analyse 

preist, hat er sie gewiß im nämlichen „erweiterten" 
Sinn verstanden, 1 woraus nur zu lernen ist, daß die 
Menschen ihre großen Denker nicht immer ernst nehmen, 
auch wenn sie sie angeblich sehr bewundern. 

Diese Liebestriebe werden nun in der Psychoanalyse 
a potiori und von ihrer Herkunft her Sexualtriebe 
geheißen. Die Mehrzahl der „Gebildeten" hat diese 
Namengebung als Beleidigung empfunden und sich für 
sie gerächt, indem sie der Psychoanalyse den Vorwurf 
des „Pansexualismus" entgegenschleuderte. Wer die 
Sexualität für etwas die menschliche Natur Beschä- 
mendes und Erniedrigendes hält, dem steht es ja frei, 
sich der vornehmeren Ausdrücke Eros und Erotik zu 
bedienen. Ich hätte es auch selbst von Anfang an so 
tun können und hätte mir dadurch viel Widerspruch 
erspart. Aber ich mochte es nicht, denn ich vermeide 
gern Konzessionen, an die Schwachmütigkeit. Man kann 
nicht wissen, wohin man auf diesem Wege gerät j man 
gibt zuerst in Worten nach und dann allmählich auch 
in der Sache. Ich kann nicht finden, daß irgend ein 
Verdienst daran ist, sich der Sexualität zu schämen; 
das griechische Wort Eros, das den Schimpf lindern 
soll, ist doch schließlich nichts anderes als die Über- 
setzung unseres deutschen Wortes Liebe, und endlich, 
wer warten kann, braucht keine Konzessionen zu machen. 

1) „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, 
und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine 
klingende Schelle," u. ff. 



IV. Suggestion und Libido 39 



Wir werden es also mit der Voraussetzung ver- 
suchen, daß Liebesbeziehungen (indifferent ausgedrückt: 
Gefühlsbindungen) auch das Wesen der Massenseele 
ausmachen. Erinnern wir uns daran, daß von solchen 
bei den Autoren nicht die Rede ist. Was ihnen ent- 
sprechen würde, ist offenbar hinter dem Schirm, der 
spanischen Wand, der Suggestion verborgen. Auf zwei 
flüchtige Gedanken stützen wir zunächst unsere Er- 
wartung. Erstens, daß die Masse offenbar durch irgend 
eine Macht zusammengehalten wird. Welcher Macht 
könnte man aber diese Leistung eher zuschreiben als 
dem Eros, der alles in der Welt zusammenhält? 
Zweitens, daß man den Eindruck empfängt, wenn der 
Einzelne in der Masse seine Eigenart aufgibt und sich 
von den Anderen suggerieren läßt, er tue es, weil 
ein Bedürfnis bei ihm besteht, eher im Einvernehmen 
mit ihnen als im Gegensatz zu ihnen zu sein, also 
vielleicht doch „ihnen zuliebe". 



■i . 



V 
ZWEI KÜNSTLICHE MASSEN: KIRCHE UND HEER 

Aus der Morphologie der Massen rufen wir uns 
ins Gedächtnis, daß man sehr verschiedene Arten von 
Massen und gegensätzliche Richtungen in ihrer Aus- 
bildung unterscheiden kann. Es gibt sehr flüchtige 
Massen und höchst dauerhafte; homogene, die aus 
gleichartigen Individuen bestehen, und nicht homogene; 
natürliche Massen und künstliche, die zu ihrem Zu- 
sammenhalt auch einen äußeren Zwang erfordern; 
primitive Massen und gegliederte, hoch organisierte. 
Aus Gründen aber, in welche die Einsicht noch verhüllt 
ist, möchten wir auf eine Unterscheidung besonderen 
Wert legen, die bei den Autoren eher zu wenig 
beachtet wird; ich meine die von führerlosen Massen 
und von solchen mit Führern. Und recht im Gegensatz 
zur gewohnten Übung soll unsere Untersuchung nicht 
eine relativ einfache Massenbildung zum Ausgangspunkt 
wählen, sondern an hoch organisierten, dauerhaften, 
künstlichen Massen beginnen. Die interessantesten Bei- 
spiele solcher Gebilde sind die Kirche, die Gemeinschaft 
der Gläubigen, und die Armee, das Heer. 



i 



V. Zwei künstliche Massen: Kirche und Heer 4 1 



Kirche und Heer sind künstliche Massen, das heißt, 
es wird ein gewisser äußerer Zwang aufgewendet, 
um sie vor der Auflösung zu bewahren 1 und Ver- 
änderungen in ihrer Struktur hintanzuhalten. Man wird 
in der Regel nicht befragt oder es wird einem nicht 
freigestellt, ob man in eine solche Masse eintreten 
will; der Versuch des Austritts wird gewöhnlich verfolgt 
oder strenge bestraft oder ist an ganz bestimmte Be- 
dingungen geknüpft. Warum diese Vergesellschaftungen 
so besonderer Sicherungen bedürfen, liegt unserem 
Interesse gegenwärtig ganz ferne. Uns zieht nur der 
eine Umstand an, daß man an diesen hochorganisierten, 
in solcher Weise vor dem Zerfall geschützten Massen 
mit großer Deutlichkeit gewisse Verhältnisse erkennt, 
die anderswo weit mehr verdeckt sind. 

In der Kirche — wir können mit Vorteil die 
katholische Kirche zum Muster nehmen — gilt wie im 
Heer, so verschieden beide sonst sein mögen, die 
nämliche Vorspiegelung (Illusion), daß ein Oberhaupt 
da ist — in der katholischen Kirche Christus, in der 
Armee der Feldherr — das alle Einzelnen der Masse 
. mit der gleichen Liebe liebt. An dieser Illusion hängt 
alles j ließe man sie fallen, so zerfielen sofort, soweit 
der äußere Zwang es gestattete, Kirche wie Heer. 
Von Christus wird diese gleiche Liebe ausdrücklich 

1) Die Eigenschaften „stabil" und „künstlich" scheinen bei 
den Massen zusammenzufallen oder wenigstens intim zusammen- 
zuhängen. 






\ 



42 Massenpsycliologie und Ich-Analyse 

ausgesagt : Was ihr getan habt einem unter diesen meinen 
geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. Er steht 
zu den Einzelnen der gläubigen Masse im Verhältnis 
eines gütigen älteren Bruders, ist ihnen ein Vaterersatz. 
Alle Anforderungen an die Einzelnen leiten sich von 
dieser Liebe Christi ab. Ein demokratischer Zug geht, 
durch die Kirche, eben weil vor Christus alle gleich 
sind, alle den gleichen Anteil an seiner Liebe haben. 
Nicht ohne tiefen Grund wird die Gleichartigkeit der 
christlichen Gemeinde mit einer Familie heraufbe- 
schworen und nennen sich die Gläubigen Brüder in 
Christo, d. h. Brüder durch die Liebe, die Christus 
für sie hat. Es ist nicht zu bezweifeln, daß die Bindung 
jedes Einzelnen an Christus auch die Ursache ihrer 
Bindung unter einander ist. Ähnliches gilt für das Heer; 
der Feldherr ist der Vater, der alle seine Soldaten 
gleich liebt, und darum sind sie Kameraden unter- 
einander. Das Heer unterscheidet sich strukturell von 
der Kirche darin, daß es aus einem Stufenbau von 
solchen Massen besteht. Jeder Hauptmann ist gleichsam 
der Feldherr und Vater seiner Abteilung, jeder Unter- 
offizier der seines Zuges. Eine ähnliche Hierarchie ist 
zwar auch in der Kirche ausgebildet, spielt aber in 
ihr nicht dieselbe ökonomische Rolle, da man Christus 
mehr Wissen und Bekümmern um die Einzelnen zu- 
schreiben darf als dem menschlichen Feldherrn. 

Gegen diese Auffassung der libidinösen Struktur 
einer Armee wird man mit Recht einwenden, daß die 






V. Zivei künstliche Massen: Kirche und Heer 43 

Ideen des Vaterlandes, des nationalen Ruhms u. a., 
die für den Zusammenhalt der Armee so bedeutsam 
sind, hier keine Stelle gefunden haben. Die Antwort 
darauf lautet, dies sei ein anderer, nicht mehr so 
einfacher Fall von Massenbindung, und wie die Beispiele 
großer Heerführer, Caesar, Wallenstein, Napoleon, 
zeigen, sind solche Ideen für den Bestand einer Armee 
nicht unentbehrlich. Von dem möglichen Ersatz des 
Führers durch eine führende Idee und den Beziehungen 
zwischen beiden wird später kurz die Rede sein. Die 
Vernachlässigung dieses libidinösen Faktors in der 
Armee, auch dann, wenn er nicht der einzig wirksame 
ist, scheint nicht nur ein theoretischer Mangel, sondern 
auch eine praktische Gefahr. Der preußische Militarismus, 
der ebenso unpsychologisch war wie die deutsche 
Wissenschaft, hat dies vielleicht im großen Weltkrieg 
erfahren müssen. Die Kriegsneurosen, welche die deutsche 
Armee zersetzten, sind ja großenteils als Protest des 
Einzelnen gegen die ihm in der Armee zugemutete 
Rolle erkannt worden, und nach den Mitteilungen von 
E. Simmel 1 darf man behaupten, daß die lieblose 
Behandlung des gemeinen Mannes durch seine Vor- 
gesetzten obenan unter den Motiven der Erkrankung 
stand. Bei besserer Würdigung dieses Libidoanspruches 
hätten wahrscheinlich die phantastischen Versprechungen 
der 14 Punkte des amerikanischen Präsidenten nicht so 

1) Kriegsneurosen und „Psychisches Trauma", München 191 8. 






44 Massenpsychologie und Ich-Analyse 

leicht Glauben gefunden und das großartige Instrument 
wäre den deutschen Kriegskünstlern nicht in der Hand 
zerbrochen. 

Merken wir an, daß in diesen beiden künstlichen 
Massen jeder Einzelne einerseits an den Führer (Christus, 
Feldherrn), andererseits an die anderen Massenindivi- 
duen libidinös gebunden ist. Wie sich diese beiden 
Bindungen zueinander verhalten, ob sie gleichartig und 
gleichwertig sind und wie sie psychologisch zu be- 
schreiben wären, das müssen wir einer späteren Unter- 
suchung vorbehalten. Wir getrauen uns aber jetzt 
schon eines leisen Vorwurfes gegen die Autoren, daß 
sie die Bedeutung des Führers für die Psychologie 
der Masse nicht genügend gewürdigt haben, während 
uns die Wahl des ersten Untersuchungsobjekts in 
eine günstigere Lage gebracht hat. Es will uns scheinen, 
als befänden wir uns auf dem richtigen Weg, der 
die Haupterscheinung der Massenpsychologie, die Un- 
freiheit des Einzelnen in der Masse, aufklären kann. 
Wenn für jeden Einzelnen eine so ausgiebige Gefühls- 
bindung nach zwei Richtungen besteht, so wird es 
uns nicht schwer werden, aus 'diesem Verhältnis die 
beobachtete Veränderung und Einschränkung seiner 
Persönlichkeit abzuleiten. 

Einen Wink ebendahin, das Wesen einer Masse 
bestehe in den in ihr vorhandenen libidinösen Bin- 
dungen, erhalten wir auch in dem Phänomen der 
Panik, welches am besten an militärischen Massen zu 



V. Zwei künstliche Massen: Kirche und Heer 45 

studieren ist. Eine Panik entsteht, wenn eine solche 
Masse sich zersetzt. Ihr Charakter ist, daß kein Befehl 
des Vorgesetzten mehr angehört wird, und daß jeder 
für sich selbst sorgt ohne Rücksicht auf die anderen. 
Die gegenseitigen Bindungen haben aufgehört und eine 
riesengroße, sinnlose Angst wird frei. Natürlich wird 
auch hier wieder der Einwand naheliegen, es sei viel- 
mehr umgekehrt, indem die Angst so groß gewachsen 
sei, daß sie sich über alle Rücksichten und Bindungen 
hinaussetzen konnte. M c Dougall hat sogar (S. 24) 
den Fall der Panik (allerdings der nicht militärischen) 
als Musterbeispiel für die von ihm betonte Affekt- 
steigerung durch Ansteckung (primary induction) ver- 
wertet. Allein diese rationelle Erklärungsweise geht 
hier doch ganz fehl. Es steht eben zur Erklärung, 
warum die Angst so riesengroß geworden ist. Die 
Größe der Gefahr kann nicht beschuldigt werden, denn 
dieselbe Armee, die jetzt der Panik verfällt, kann 
ähnlich große und größere Gefahren tadellos bestanden 
haben, und es gehört geradezu zum Wesen der Panik, 
daß sie nicht im Verhältnis zur drohenden Gefahr 
steht, oft bei den nichtigsten Anlässen ausbricht. 
Wenn der Einzelne in panischer Angst für sich selbst 
zu sorgen unternimmt, so bezeugt er damit die Ein- 
sicht, daß die affektiven Bindungen aufgehört haben, 
die bis dahin die Gefahr für ihn herabsetzten. Nun, 
da er der Gefahr allein entgegensteht, darf er sie 
allerdings höher einschätzen. Es verhält sich also so, 






46 Massenpsychologie und Ich-Analyse 

daß die panische Angst die Lockerung in der libidi- 
nösen Struktur der Masse voraussetzt und in berech- 
tigter Weise auf sie reagiert, nicht umgekehrt, daß 
die Libidobindungen der Masse an der Angst vor 
der Gefahr zugrunde gegangen wären. 

Mit diesen Bemerkungen wird der Behauptung, 
daß die Angst in der Masse durch Induktion (An- 
steckung) ins Ungeheure wachse, keineswegs wider- 
sprochen. Die M c Dougall'sche Auffassung ist durch- 
aus zutreffend für den Fall, daß die Gefahr eine real 
große ist und daß in der Masse keine starken Ge- 
fühlsbindungen bestehen, Bedingungen, die verwirklicht 
werden, wenn z. B. in einem Theater oder Vergnügungs- 
lokal Feuer ausbricht. Der lehrreiche und für unsere 
Zwecke verwertete Fall ist der oben erwähnte, daß 
ein Heereskörper in Panik gerät, wenn die Gefahr 
nicht über das gewohnte und oftmals gut vertragene 
Maß hinaus gesteigert ist. Man wird nicht erwarten 
dürfen, daß der Gebrauch des Wortes „Panik" scharf 
und eindeutig bestimmt sei. Manchmal bezeichnet man 
so jede Massenangst, andere Male auch die Angst 
eines Einzelnen, wenn sie über jedes Maß hinausgeht, 
häufig scheint der Name für den Fall reserviert, daß 
der Angstausbruch durch den Anlaß nicht gerecht- 
fertigt wird. Nehmen wir das Wort „Panik" im Sinne 
der Massenangst, so können wir eine weitgehende 
Analogie behaupten. Die Angst des Individuums wird 
hervorgerufen entweder durch die Größe der Gefahr 






. 






V. Zwei künstliche Massen: Kirche und Heer 47 

oder durch das Auflassen von Gefühlsbindungen (Libido- 
besetzungen); der letztere Fall ist der der neurotischen 
Angst (S. Vorlesungen zur Einführung in die Psycho- 
analyse, XXV., 3. Aufl., 1920). Ebenso entsteht die 
Panik durch die Steigerung der Alle betreffenden Ge- 
fahr oder durch das Aufhören der die Masse zusammen- 
haltenden Gefühlsbindungen, und dieser letzte Fall 
ist der neurotischen Angst analog (Vgl. hiezu den 
gedankenreichen, etwas phantastischen Aufsatz von 
Bela v. Felszeghy : Panik und Pankomplex, „Imago", 

VI, 1920). 

Wenn man die Panik wie M c Dougall (1. c.) als 
eine der deutlichsten Leistungen des ,,group mind" 
beschreibt, gelangt man zum Paradoxon, daß sich 
diese Massenseele in einer ihrer auffälligsten Äußerungen 
selbst aufhebt. Es ist kein Zweifel möglich, daß die 
Panik die Zersetzung der Masse bedeutet, sie hat das 
Aufhören aller Rücksichten zur Folge, welche sonst 
die Einzelnen der Masse für einander zeigen. 

Der typische Anlaß für den Ausbruch einer Panik 
ist so ähnlich, wie er in der Nestroy'schen Parodie 
des Hebbel'schen Dramas von Judith und Holofernes 
dargestellt wird. Da schreit ein Krieger: „Der Feld- 
herr hat den Kopf verloren", und darauf ergreifen 
alle Assyrer die Flucht. Der Verlust des Führers in 
irgend einem Sinne, das Irrewerden an ihm bringt 
die Panik bei gleichbleibender Gefahr zum Ausbruch; 
mit der Bindung an den Führer schwinden — in der 



J 



48 Massenpsychologie und Ich-Analyse 

Regel — auch die gegenseitigen Bindungen der 
Massenindividuen. Die Masse zerstiebt wie ein Bolog- 
neser Fläschchen, dem man die Spitze abgebrochen hat. 
Die Zersetzung einer religiösen Masse ist nicht so 
leicht zu beobachten. Vor kurzem geriet mir ein von 
katholischer Seite stammender, vom Bischof von London 
empfohlener englischer Roman in die Hand mit dem 
Titel: „When ü was dark" , der eine solche Möglich- 
keit und ihre Folgen in geschickter und, wie ich 
meine, zutreffender Weise ausmalte. Der Roman er- 
zählt wie aus der Gegenwart, daß es einer Verschwörung 
von Feinden der Person Christi und des christlichen 
Glaubens gelingt, eine Grabkammer in Jerusalem auf- 
finden zu lassen, in deren Inschrift Josef von Arimathäa 
bekennt, daß er aus Gründen der Pietät den Leich- 
nam Christi am dritten Tag nach seiner Beisetzung 
heimlich aus seinem Grab entfernt und hier bestattet 
habe. Damit ist die Auferstehung Christi und seine 
göttliche Natur abgetan und die Folge dieser archäo- 
logischen Entdeckung ist eine Erschütterung der euro- 
päischen Kultur und eine außerordentliche Zunahme 
aller Gewalttaten und Verbrechen, die erst schwindet, 
nachdem das Komplott der Fälscher enthüllt werden 
kann. 

Was bei der hier angenommenen Zersetzung der 
religiösen Masse zum Vorschein kommt, ist nicht Angst, 
für welche der Anlaß fehlt, sondern rücksichtslose 
und feindselige Impulse gegen andere Personen, die 






V. Zwei künstli che Massen: Kirche und Heer 49 

sich bis dahin dank der gleichen Liebe Christi nicht 
äußern konnten. 1 Außerhalb dieser Bindung stehen 
aber auch während des Reiches Christi jene Indivi- 
duen, die nicht zur Glaubensgemeinschaft gehören, 
die ihn nicht lieben und die er nicht liebt; darum 
muß eine Religion, auch wenn sie sich die Religion 
der Liebe heißt, hart und lieblos gegen diejenigen 
sein, die ihr nicht angehören. Im Grunde ist ja jede 
Religion eine solche Religion der Liebe für alle, die 
sie umfaßt, und jeder liegt Grausamkeit und Intoleranz 
gegen die nicht dazugehörigen nahe. Man darf, so 
schwer es einem auch persönlich fällt, den Gläubigen 
daraus keinen zu argen Vorwurf machen; Ungläubige 
und Indifferente haben es in diesem Punkte psycho- 
logisch um so viel leichter. Wenn diese Intoleranz sich 
heute nicht mehr so gewalttätig und grausam kund- 
gibt wie in früheren Jahrhunderten, so wird man dar- 
aus kaum auf eine Milderung in den Sitten der Men- 
schen schließen dürfen. Weit eher ist die Ursache 
davon in der unleugbaren Abschwächung der reli- 
giösen Gefühle und der von ihnen abhängigen libi- 
dinösen Bindungen zu suchen. Wenn eine andere 
Massenbindung an die Stelle der religiösen tritt, wie 
es jetzt der sozialistischen zu gelingen scheint, so wird 
sich dieselbe Intoleranz gegen die Außenstehenden 

1) Vgl. hiezu die Erklärung ähnlicher Phänomene nach dem 
Wegfall der landesväterlichen Autorität bei P. Federn, Die vater- 
lose Gesellschaft, Wien, 1919.' 

Freud: Massenpsychologie und Ich-Analyse a 






50 Massenpsychologie und Ich-Analyse 

ergeben wie im Zeitalter der Religionskämpfe, und wenn 
die Differenzen wissenschaftlicher Anschauungen je 
eine ähnliche Bedeutung für die Massen gewinnen 
könnten, würde sich dasselbe Resultat auch für diese 
Motivierung wiederholen. 












VI 

WEITERE AUFGABEN 
UND ARBEITSRICHTUNGEN 

Wir haben bisher zwei artifizielle Massen unter- 
sucht und gefunden, daß sie von zweierlei Gefühls- 
bindungen beherrscht werden, von denen die eine an 
den Führer — wenigstens für sie — bestimmender 
zu sein scheint als die andere, die der Massenindi- 
viduen aneinander. 

Nun gäbe es in der Morphologie der Massen noch 
viel zu untersuchen und zu beschreiben. Man hätte 
von der Feststellung auszugehen, daß eine bloße 
Menschenmenge noch keine Masse ist, so lange sich 
jene Bindungen in ihr nicht hergestellt haben, hätte 
aber das Zugeständnis zu machen, daß in einer be- 
liebigen Menschenmenge sehr leicht die Tendenz zur 
Bildung einer psychologischen Masse hervortritt. Man 
müßte den verschiedenartigen, mehr oder minder be- 
ständigen Massen, die spontan zustande kommen, Auf- 
merksamkeit schenken, die Bedingungen ihrer Ent- 
stehung und ihres Zerfalls studieren. Vor allem würde 
uns der Unterschied zwischen Massen, die einen Führer 






■" 



52 Massenpsychologie und Ich-Analyse 



haben und führerlosen Massen beschäftigen. Ob nicht 
die Massen mit Führer die ursprünglicheren und voll- 
ständigeren sind, ob in den anderen der Führer nicht 
durch eine Idee, ein Abstraktum ersetzt sein kann, 
wozu ja schon die religiösen Massen mit ihrem unauf- 
zeigbaren Oberhaupt die Überleitung bilden, ob nicht 
eine gemeinsame Tendenz, ein Wunsch, an dem eine 
Vielheit Anteil nehmen kann, den nämlichen Ersatz 
leistet. Dieses Abstrakte könnte sich wiederum mehr 
oder weniger vollkommen in der Person eines gleich- 
sam sekundären Führers verkörpern, und aus der 
Beziehung zwischen Idee und Führer ergäben sich 
interessante Mannigfaltigkeiten. Der Führer oder die 
führende Idee könnten auch sozusagen negativ werden- 
der Haß gegen eine bestimmte Person oder Institution 
könnte ebenso einigend wirken und ähnliche Gefühls- 
bindungen hervorrufen wie die positive Anhänglich- 
keit. Es fragt sich dann auch, ob der Führer für das 
Wesen der Masse wirklich unerläßlich ist u. a. m. 

Aber all diese Fragen, die zum Teil auch in der 
Literatur der Massenpsychologie behandelt sein mögen, 
werden nicht imstande sein, unser Interesse von den 
psychologischen Grundproblemen abzulenken, die uns 
in der Struktur einer Masse geboten werden. Wir 
werden zunächst von einer Überlegung gefesselt, die 
uns auf dem kürzesten Weg den Nachweis verspricht, 
daß es Libidobindungen sind, welche eine Masse 
charakterisieren. 



VI. Weitere Aufgaben und Arbeitsrichtungen 5 3 

Wir halten uns vor, wie sich die Menschen im 
allgemeinen affektiv zueinander verhalten. Nach dem 
berühmten Schopenhauer'schen Gleichnis von den 
frierenden Stachelschweinen verträgt keiner eine allzu 
intime Annäherung des anderen. 1 

Nach dem Zeugnis der Psychoanalyse enthält fast 
jedes intime Gefühlsverhältnis zwischen zwei Personen 
von längerer Dauer — Ehebeziehung, Freundschaft, 
Eltern- und Kindschaft 2 — einen Bodensatz von ab- 
lehnenden, feindseligen Gefühlen, der nur infolge von 
Verdrängung der Wahrnehmung entgeht. Unverhüllter 
ist es, wenn jeder Kompagnon mit seinem Gesellschafter 
hadert, jeder Untergebene gegen seinen Vorgesetzten 
murrt. Dasselbe geschieht dann, wenn die Menschen 
zu größeren Einheiten zusammentreten. Jedesmal, wenn 
sich zwei Familien durch eine Eheschließung verbinden, 

i) „Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich, an einem 
kalten Wintertage, recht nahe zusammen, um durch die gegen- 
seitige Wärme sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald 
empfanden sie die gegenseitigen Stacheln, welches sie dann wieder 
von einander entfernte. Wenn nun das Bedürfnis der Erwärmung 
sie wieder näher zusammenbrachte, wiederholte sich jenes zweite 
Übel, so daß sie zwischen beiden Leiden hin- und hergeworfen 
wurden, bis sie eine mäßige Entfernung herausgefunden hatten, 
in der sie es am besten aushalten konnten." (Parerga und Parali- 
pomena, II. Teil, XXXI., Gleichnisse und Parabeln.) 

2) Vielleicht mit einziger Ausnahme der Beziehung der Mutter 
zum Sohn, die auf Narzißmus gegründet, durch spätere Rivalität 
nicht gestört und durch einen Ansatz zur sexuellen Objektwahl 
verstärkt wird. 



54 Massenpsychologie und Ich- Analyse 

hält sich jede von ihnen für die bessere oder vornehmere 
auf Kosten der anderen. Von zwei benachbarten Städten 
wird jede zur mißgünstigen Konkurrentin der anderen; 
jedes Kantönli sieht geringschätzig auf das andere herab. 
Nächstverwandte Völkerstämme stoßen einander ab, 
der Süddeutsche mag den Norddeutschen nicht leiden, 
der Engländer sagt dem Schotten alles Böse nach, der 
Spanier verachtet den Portugiesen. Daß bei größeren 
Differenzen sich eine schwer zu überwindende Ab- 
neigung ergibt, des Galliers gegen den Germanen, des 
Ariers gegen den Semiten, des Weißen gegen den 
Farbigen, hat aufgehört, uns zu verwundern. 

Wenn sich die Feindseligkeit gegen sonst geliebte 
Personen richtet, bezeichnen wir es als Gefühlambivalenz 
und erklären uns diesen Fall in sicherlich allzu rationeller 
Weise durch die vielfachen Anlässe zu Interessen- 
konflikten, die sich gerade in so intimen Beziehungen 
ergeben. In den unverhüllt hervortretenden Abneigungen 
und Abstoßungen gegen nahestehende Fremde können 
wir den Ausdruck einer Selbstliebe, eines Narzißmus, 
erkennen, der seine Selbstbehauptung anstrebt und sich 
so benimmt, als ob das Vorkommen einer Abweichung 
von seinen individuellen Ausbildungen eine Kritik der- 
selben und eine Aufforderung, sie umzugestalten, mit 
sich brächte. Warum sich eine so große Empfindlich- 
keit gerade auf diese Einzelheiten der Differenzierung 
geworfen haben sollte, wissen wir nicht; es ist aber un- 
verkennbar, daß sich in diesem Verhalten der Menschen 



VI. Weitere Aufgaben und Arbeitsricktzmgen 5 5 



eine Haßbereitschaft, eine Aggressivität kundgibt, deren 
Herkunft unbekannt ist, und der man einen elementaren 
Charakter zusprechen möchte. 1 

Aber all diese Intoleranz schwindet, zeitweilig oder 
dauernd, durch die Massenbildung und in der Masse. 
Solange die Massenbildung anhält oder soweit sie reicht, 
benehmen sich die Individuen als wären sie gleichförmig, 
dulden sie die Eigenart des anderen, stellen sich ihm 
gleich und verspüren kein Gefühl der Abstoßung gegen 
ihn. Eine solche Einschränkung des Narzißmus kann 
nach unseren theoretischen Anschauungen nur durch 
ein Moment erzeugt werden, durch libidinöse Bindung 
an andere Personen. Die Selbstliebe findet nur an der 
Fremdliebe, Liebe zu Objekten, eine Schranke. 3 Man 
wird sofort die Frage aufwerfen, ob nicht die Interessen- 
gemeinschaft an und für sich und ohne jeden libidi- 
nösen Beitrag zur Duldung des anderen und zur 
Rücksichtnahme auf ihn führen muß. Man wird diesem 
Einwand mit dem Bescheid begegnen, daß auf solche 
Weise eine bleibende Einschränkung des Narzißmus 
doch nicht zustande kommt, da diese Toleranz nicht 
länger anhält, als der unmit telbare Vorteil, den man 

1) In einer kürzlich (1920) veröffentlichten Schrift Jenseits 
des Lustprinzips" habe ich versucht, die Polarität vom Lieben 
und Hassen mit einem angenommenen Gegensatz von Lebens- 
und Todestrieben zu verknüpfen, und die Sexualtriebe als die 
reinsten Vertreter der ersteren, der Lebenstriebe, hinzustellen. 

2) S. Zur Einführung des Narzißmus 1914. Sammlung kleiner 
Schriften zur Neurosenlehre, vierte Folge 191 8. 



:"-!. 






56 



Massenpsychologie und Ich-Analyse 



aus der Mitarbeit des anderen zieht. Allein der prakti- 
sche Wert dieser Streitfrage ist geringer, als man 
meinen sollte, denn die Erfahrung hat gezeigt, daß 
sich im Falle der Mitarbeiterschaft regelmäßig libidinöse 
Bindungen zwischen den Kameraden herstellen, welche 
die Beziehung zwischen ihnen über das Vorteilhafte 
hinaus verlängern und fixieren. Es geschieht in den 
sozialen Beziehungen der Menschen dasselbe, was der 
psychoanalytischen Forschung in dem Entwicklungsgang 
der individuellen Libido bekannt geworden ist. Die 
Libido lehnt sich an die Befriedigung der großen Lebens- 
bedürfnisse an und wählt die daran beteiligten Personen 
zu ihren ersten Objekten. Und wie beim Einzelnen, 
so hat auch in der Entwicklung der ganzen Menschheit 
nur die Liebe als Kulturfaktor im Sinne einer Wendung 
vom Egoismus zum Altruismus gewirkt. Und zwar 
sowohl die geschlechtliche Liebe zum Weibe mit all 
den aus ihr fließenden Nötigungen, das zu verschonen, 
was dem Weibe lieb war, als auch die desexualisierte, 
sublimiert homosexuelle Liebe zum anderen Manne, 
die sich an die gemeinsame Arbeit knüpfte. 

Wenn also in der Masse Einschränkungen der narziß- 
tischen Eigenliebe auftreten, die außerhalb derselben 
nicht wirken, so ist dies ein zwingender Hinweis darauf, daß 
das Wesen der Massenbildung in neuartigen libidinösen 
Bindungen der Massenmitglieder aneinander besteht. 

Nun wird aber unser Interesse dringend fragen, 
welcher Art diese Bindungen in der Masse sind. In der 






■ 
I 



■ 



VI. Weitere Auf gaben tind Arbeitsrichtungen 57 

psychoanalytischen Neurosenlehre haben wir uns bisher 
fast ausschließlich mit der Bindung solcher Liebestriebe 
an ihre Objekte beschäftigt, die noch direkte Sexualziele 
verfolgen. Um solche Sexualziele kann es sich in der 
Masse offenbar nicht handeln. Wir haben es hier mit 
Liebestrieben zu tun, die, ohne darum minder energisch 
zu wirken, doch von ihren ursprünglichen Zielen ab- 
gelenkt sind. Nun haben wir bereits im Rahmen der 
gewöhnlichen sexuellen Objektbesetzung Erscheinungen 
bemerkt, die einer Ablenkung des Triebes von seinem 
Sexualziel entsprechen. Wir haben sie als Grade von 
Verliebtheit beschrieben und erkannt, daß sie eine 
gewisse Beeinträchtigung des Ichs mit sich bringen. 
Diesen Erscheinungen der Verliebtheit werden wir jetzt 
eingehendere Aufmerksamkeit zuwenden, in der be- 
gründeten Erwartung, an ihnen Verhältnisse zu finden, 
die sich auf die Bindungen in den Massen übertragen 
lassen. Außerdem möchten wir aber wissen, ob diese 
Art der Objektbesetzung, wie wir sie aus dem Ge- 
schlechtsleben kennen, die einzige Weise der Gefühls- 
bindung an eine andere Person darstellt, oder ob wir 
noch andere solche Mechanismen in Betracht zu ziehen 
haben. Wir erfahren tatsächlich aus der Psychoanalyse, 
daß es noch andere Mechanismen der Gefühlsbindung 
gibt, die sogenannten Identifizierungen, ungenügend 
bekannte, schwer darzustellende Vorgänge, deren Unter- 
suchung uns nun eine gute Weile vom Thema der 
Massenpsychologie fernhalten wird. 



- 



— - 



VII 
DIE IDENTIFIZIERUNG 

Die Identifizierung ist der Psychoanalyse als früheste 
Äußerung einer Gefühlsbindung an eine andere Person 
bekannt. Sie spielt in der Vorgeschichte des Ödipus- 
komplexes eine Rolle. Der kleine Knabe legt ein be- 
sonderes Interesse für seinen Vater an den Tag, er 
möchte so werden und so sein wie er, in allen Stücken 
an seine Stelle treten. Sagen wir ruhig: er nimmt den 
Vater zu seinem Ideal. Dies Verhalten hat nichts mit 
einer passiven oder femininen Einstellung zum Vater 
(und zum Manne überhaupt) zu tun, es ist vielmehr 
exquisit männlich. Es verträgt sich sehr wohl mit dem 
Ödipuskomplex, den es vorbereiten hilft. 

Gleichzeitig mit dieser Identifizierung mit dem Vater 
oder etwas später, hat der Knabe begonnen, eine 
richtige Objektbesetzung der Mutter nach dem An- 
lehnungstypus vorzunehmen. Er zeigt also dann zwei 
psychologisch verschiedene Bindungen, zur Mutter eine 
glatt sexuelle Objektbesetzung, zum Vater eine vor- 
bildliche Identifizierung. Die beiden bestehen eine Weile 
nebeneinander, ohne gegenseitige Beeinflussung oder 






VII. Die Identifizierung 59 



Störung. Infolge der unaufhaltsam fortschreitenden Ver- 
einheitlichung des Seelenlebens treffen sie sich endlich 
und durch dies Zusammenströmen entsteht der normale 
Ödipuskomplex. Der Kleine merkt, daß ihm der Vater 
bei der Mutter im Wege steht; seine Identifizierung 
mit dem Vater nimmt jetzt eine feindselige Tönung an 
und wird mit dem Wunsch identisch, den Vater auch 
bei der Mutter zu ersetzen. Die Identifizierung ist eben 
von Anfang an ambivalent, sie kann sich ebenso zum 
Ausdruck der Zärtlichkeit wie zum Wunsch der Be- 
seitigung wenden. Sie benimmt sich wie ein Abkömmling 
der ersten oralen Phase der Libidoorganisation, in 
welcher man sich das begehrte und geschätzte Objekt 
durch Essen einverleibte und es dabei als solches 
vernichtete. Der Kannibale bleibt bekanntlich auf diesem 
Standpunkt stehen; er hat seine Feinde zum Fressen 
lieb, und er frißt die nicht, die er nicht irgend wie lieb 

haben kann. 1 

Das Schicksal dieser Vateridentifizierung verliert 
man später leicht aus den Augen. Es kann dann 
geschehen, daß der Ödipuskomplex eine Umkeh- 
rung erfährt, daß der Vater in femininer Einstellung 
zum Objekte genommen wird, von dem die direkten 



1) S. „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" und Abraham: 
„Untersuchungen über die früheste prägenitale Entwicklungsstufe 
der Libido." Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IV, 1916, auch in 
dessen „Klinische Beiträge zur Psychoanalyse". Intern. Psychoanalyt. 
Bibliothek, Bd. 10, 1921. 



■ — ■ 



6o Massenpsychologie und Ich-Analyse 






Sexualtriebe ihre Befriedigung erwarten, und dann ist die 
Vateridentifizierung zum Vorläufer der Objektbindung 
an den Vater geworden. Dasselbe gilt mit den ent- 
sprechenden Ersetzungen auch für die kleine Tochter. 

Es ist leicht, den Unterschied einer solchen Vater- 
identifizierung von einer Vaterobjekt wähl in einer Formel 
auszusprechen. Im ersten Falle ist der Vater das, was 
man sein, im zweiten das, was man haben möchte. 
Es ist also der Unterschied, ob die Bindung am Subjekt 
oder am Objekt des Ichs angreift. Die erstere ist darum 
bereits vor jeder sexuellen Objektwahl möglich. Es 
ist weit schwieriger, diese Verschiedenheit metapsycho- 
logisch anschaulich darzustellen. Man erkennt nur, die 
Identifizierung strebt danach, das eigene Ich ähnlich 
zu gestalten wie das andere zum „Vorbild" genommene. 

Aus einem verwickeiteren Zusammenhange lösen 
wir die Identifizierung bei einer neurotischen Symptom- 
bildung. Das kleine Mädchen, an das wir uns jetzt 
halten wollen, bekomme dasselbe Leidenssymptom wie 
seine Mutter, z. B. denselben quälenden Husten. Das 
kann nun auf verschiedenen Wegen zugehen. Entweder 
ist die Identifizierung dieselbe aus dem Ödipuskomplex, 
die ein feindseliges Ersetzenwollen der Mutter bedeutet, 
und das Symptom drückt die Objektliebe zum Vater 
aus; es realisiert die Ersetzung der Mutter unter dem 
Einfluß des Schuldbewußtseins: Du hast die Mutter 
sein wollen, jetzt bist du's wenigstens im Leiden. Das 
ist dann der komplette Mechanismus der hysterischen 



I v 



I 









VII. Die Identißzierung 61 



Symptombildung. Oder aber, das Symptom ist das- 
selbe wie das der geliebten Person (so wie z. B. 
Dora im „Bruchstück einer Hysterieanalyse" den Husten 
des Vaters imitiert); dann können wir den Sachverhalt 
nur so beschreiben, die Identifizierung sei an 
Stelle der Objektwahl getreten, die Objekt- 
wahl sei zur Identifizierung regrediert. Wir 
haben gehört, daß die Identifizierung die früheste und 
ursprünglichste Form der Gefühlsbindung ist; unter 
den Verhältnissen der Symptombildung, also der Ver- 
drängung, und der Herrschaft der Mechanismen des 
Unbewußten kommt es oft vor, daß die Objektwahl 
wieder zur Identifizierung wird, also das Ich die Eigen- 
schaften des Objekts an sich nimmt. Bemerkenswert 
ist es, daß das Ich bei diesen Identifizierungen das 
eine Mal die ungeliebte, das andere Mal aber die 
geliebte Person kopiert. Es muß uns auch auffallen, 
daß beide Male die Identifizierung eine partielle, höchst 
beschränkte ist, nur einen einzigen Zug von der Objekt- 
person entlehnt. 

Es ist ein dritter, besonders häufiger und bedeut- 
samer Fall der Symptombildung, daß die Identifizierung 
vom Objektverhältnis zur kopierten Person ganz ab- 
sieht. Wenn z. B. eines der Mädchen im Pensionat 
einen Brief vom geheim Geliebten bekommen hat, der 
ihre Eifersucht erregt, und auf den sie mit einem 
hysterischen Anfall reagiert, so werden einige ihrer Freun- 
dinnen, die darum wissen, diesen Anfall übernehmen, 



■n^ 



62 Massenpsychologie und Ich-Analyse 



wie wir sagen, auf dem Wege der psychischen Infek- 
tion. Der Mechanismus ist der der Identifizierung auf 
Grund des sich in dieselbe Lage Versetzenkönnens 
oder Versetzen wollens. Die anderen möchten auch ein 
geheimes Liebesverhältnis haben und akzeptieren unter 
dem Einfluß des Schuldbewußtseins auch das damit 
verbundene Leid. Es wäre unrichtig, zu behaupten, sie 
eignen sich das Symptom aus Mitgefühl an. Im Gegen- 
teil, das Mitgefühl entsteht erst aus der Identifizierung, 
und der Beweis hiefür ist, daß sich solche Infektion 
oder Imitation auch unter Umständen herstellt, wo 
noch geringere vorgängige Sympathie zwischen beiden 
anzunehmen ist, als unter Pensionsfreundinnen zu be- 
stehen pflegt. Das eine Ich hat am anderen eine be- 
deutsame Analogie in einem Punkte wahrgenommen, 
in unserem Beispiel in der gleichen Gefühlsbereitschaft, 
es bildet sich daraufhin eine Identifizierung in diesem 
Punkte, und unter dem Einfluß der pathogenen Situation 
verschiebt sich diese Identifizierung zum Symptom, 
welches das eine Ich produziert hat. Die Identifizierung 
durch das Symptom wird so zum Anzeichen für eine 
Deckungsstelle der beiden Ich, die verdrängt gehalten 
werden soll. 

Das aus diesen drei Quellen Gelernte können wir 
dahin zusammenfassen, daß erstens die Identifizierung 
die ursprünglichste Form der Gefühlsbindung an ein 
Objekt ist, zweitens daß sie auf regressivem Wege 
zum Ersatz für eine libidinöse Objektbindung wird, 



VII Die Ideniifiziemng ' 63 



gleichsam durch Introjektion des Objekts ins Ich, und 
daß sie drittens bei jeder neu wahrgenommenen Ge- 
meinsamkeit mit einer Person, die nicht Objekt der 
Sexualtriebe ist, entstehen kann. Je bedeutsamer diese 
Gemeinsamkeit ist, desto erfolgreicher muß diese par- 
tielle Identifizierung werden können und so dem An- 
fang einer neuen Bindung entsprechen. 

Wir ahnen bereits, daß die gegenseitige Bindung 
der Massenindividuen von der Natur einer solchen Identi- 
fizierung durch eine wichtige affektive Gemeinsamkeit 
ist und können vermuten, diese Gemeinsamkeit liege 
in' der Art der Bindung an den Führer. Eine andere 
Ahnung kann uns sagen, daß wir weit davon entfernt 
sind das Problem der Identifizierung erschöpft zu 
haben, daß wir vor dem Vorgang stehen, den die 
Psychologie „Einfühlung" heißt, und der den größten 
Anteil an unserem Verständnis für das Ichfremde an- 
derer Personen hat. Aber wir wollen uns hier auf die 
nächsten affektiven Wirkungen der Identifizierung be- 
schränken und ihre Bedeutung für unser intellektuelles 

Leben beiseite lassen. 

Die psychoanalytische Forschung, die gelegenthch 
auch schon die schwierigeren Probleme der Psychosen 
in Angriff genommen hat, konnte uns auch die Identi- 
fizierung in einigen anderen Fällen aufzeigen, die 
unserem Verständnis nicht ohne weiteres zuganglich 
sind. Ich werde zwei dieser Fälle als Stoff für unsere 
weiteren Überlegungen ausführlich behandeln. 



64 Massenpsychologie und Ich-Analyse 



Die Genese der männlichen Homosexualität ist in 
einer großen Reihe von Fällen die folgende : Der junge 
Mann ist ungewöhnlich lange und intensiv im Sinne 
des Ödipuskomplexes an seine Mutter fixiert gewesen. 
Endlich kommt doch nach vollendeter Pubertät die 
Zeit, die Mutter gegen ein anderes Sexualobjekt zu 
vertauschen. Da geschieht eine plötzliche Wendung; 
der Jüngling verläßt nicht seine Mutter, sondern identi- 
fiziert sich mit ihr, er wandelt sich in sie um und 
sucht jetzt nach Objekten, die ihm sein Ich ersetzen [\ 

können, die er so lieben und pflegen kann, wie er es 
von der Mutter erfahren hatte. Dies ist ein häufiger 
Vorgang, der beliebig oft bestätigt werden kann und 
natürlich ganz unabhängig von jeder Annahme ist, die 
man über die organische Triebkraft und die Motive 
jener plötzlichen Wandlung macht. Auffällig an dieser 
Identifizierung ist ihre Ausgiebigkeit, sie wandelt das I 

Ich in einem höchst wichtigen Stück, im Sexual- 
charakter, nach dem Vorbild des bisherigen Objekts 
um. Dabei wird das Objekt selbst aufgegeben, ob 
durchaus oder nur in dem Sinne, daß es im Unbe- 
wußten erhalten bleibt, steht hier außer Diskussion. 
Die Identifizierung mit dem aufgegebenen oder ver- 
lorenen Objekt zum Ersatz desselben, die Introjektion ..', 
dieses Objekts ins Ich, ist für uns allerdings keine 
Neuheit mehr. Ein solcher Vorgang läßt sich gelegent- 
lich am kleinen Kind unmittelbar beobachten. Kürzlich 
wurde in der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse 



VII. Die Identifizierung ßc 



eine solche Beobachtung veröffentlicht, daß ein Kind, 
das unglücklich über den Verlust eines Kätzchens war, 
frischweg erklärte, es sei jetzt selbst das Kätzchen, 
dem entsprechend auf allen Vieren kroch, nicht am Tische 
essen wollte usw.' 

Ein anderes Beispiel von solcher Introjektion des 
Objekts hat uns die Analyse der Melancholie gegeben, 
welche Affektion ja den realen oder affektiven Ver- 
lust des geliebten Objekts unter ihre auffälligsten Ver- 
anlassungen zählt. Ein Hauptcharakter dieser Fälle ist 
die grausame Selbstherabsetzung des Ichs in Verbindung 
mit schonungsloser Selbstkritik und bitteren Selbst- 
vorwürfen. Analysen haben ergeben, daß diese Ein- 
schätzung und diese Vorwürfe im Grunde dem Objekt 
gelten und die Rache des Ichs an diesem darstellen. 
Der Schatten des Objekts ist auf das Ich gefallen, 
sagte ich an anderer Stelle. 2 Die Introjektion des 
Objekts ist hier von unverkennbarer Deutlichkeit. 

Diese Melancholien zeigen uns aber noch etwas 
anderes, was für unsere späteren Betrachtungen wichtig 
werden kann. Sie zeigen uns das Ich geteilt, in zwei 
Stücke zerfällt, von denen das eine gegen das andere 
wütet. Dies andere Stück ist das durch Introjektion 
veränderte, das das verlorene Objekt einschließt. Aber 



i) Markuszewicz, Beitrag zum autistischen Denken bei 
Kindern. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, VI., 1920. 

2) Trauer und Melancholie. Sammlung kleiner Schriften zur 
Neurosenlehre. IV. Folge, 191 8. 

Freud: Massenpsychologie und Ich-Aualyse 5 



.66 Massenpsychologie und Ich- Analyse 

auch das Stück, das sich so grausam betätigt, ist 
uns nicht unbekannt. Es schließt das Gewissen ein, 
eine kritische Instanz im Ich, die sich auch in nor- 
malen Zeiten dem Ich kritisch gegenübergestellt hat, 
nur niemals so unerbittlich und so ungerecht. Wir 
haben schon bei früheren Anlässen die Annahme 
machen müssen (Narzißmus, Trauer und Melancholie), 
daß sich in unserem Ich eine solche Instanz entwickelt, 
welche sich vom anderen Ich absondern und in Kon- 
flikte mit ihm geraten kann. Wir nannten sie das „Ich- 
ideal" und schrieben ihr an Funktionen die Selbst- 
beobachtung, das moralische Gewissen, die Traumzensur 
und den Haupteinfluß bei der Verdrängung zu. Wir 
sagten, sie sei der Erbe des ursprünglichen Narziß- 
mus, in dem das kindliche Ich sich selbst genügte. 
Allmählich nehme sie aus den Einflüssen der Umgebung 
die Anforderungen auf, die diese an das Ich stelle, 
denen das Ich nicht immer nachkommen könne, so 
daß der Mensch, wo er mit seinem Ich selbst nicht 
zufrieden sein kann, doch seine Befriedigung in dem 
aus dem Ich differenzierten Ichideal finden dürfe. Im 
Beobachtungswahn, stellten wir ferner fest, werde der 
Zerfall dieser Instanz offenkundig und dabei ihre 
Herkunft aus den Einflüssen der Autoritäten, voran 
der Eltern, aufgedeckt. 1 , Wir haben aber nicht ver- 
gessen anzuführen, daß das Maß der Entfernung dieses 

i) Zur Einführung des Narzißmus, 1. c. 



VII Die Identifizierung 67 

Ichideals vom aktuellen Ich für das einzelne Individuum 
sehr variabel ist, und daß bei vielen diese Differenzierung 
innerhalb des Ichs nicht weiter reicht als beim Kinde. 
Ehe wir aber diesen Stoff zum Verständnis der 
libidinösen Organisation einer Masse verwenden können, 
müssen wir einige andere Wechselbeziehungen zwischen 
Objekt und Ich in Betracht ziehen. 1 

1) Wir wissen sehr gut, daß wir mit diesen der Pathologie 
entnommenen Beispielen das Wesen der Identifizierung nicht er- 
schöpft haben und somit am Rätsel der Massenbildung ein Stück 
unangerührt lassen. Hier müßte eine viel gründlichere und mehr 
umfassende psychologische Analyse eingreifen. Von der Identi- 
fizierung führt ein Weg über die Nachahmung zur Einfühlung, 
d. h. zum Verständnis des Mechanismus, durch den uns überhaupt 
eine Stellungnahme zu einem anderen Seelenleben ermöglicht 
wird. Auch an den Äußerungen einer bestehenden Identifizierung 
ist noch vieles aufzuklären. Sie hat unter anderem die Folge, daß 
man die Aggression gegen die Person, mit der man sich identi- 
fiziert hat, einschränkt, sie verschont und ihr Hilfe leistet. Das 
Studium solcher Identifizierungen, wie sie z. B. der Clangemein- 
schaft zugrunde liegen, ergab Robertson Smith das über- 
raschende Resultat, daß sie auf der Anerkennung einer gemein- 
samen Substanz beruhen (Kinship and Marriage, 1885), daher auch 
durch eine gemeinsam genommene Mahlzeit geschaffen werden 
können. Dieser Zug gestattet es, eine solche Identifizierung mit 
der von mir in „Totem und Tabu" konstruierten Urgeschichte 
der menschlichen Familie zu verknüpfen. 



VIII 
VERLIEBTHEIT UND HYPNOSE 

Der Sprachgebrauch bleibt selbst in seinen Launen 
irgend einer Wirklichkeit treu. So nennt er zwar sehr 
mannigfaltige Gefühlsbeziehungen „Liebe", die auch 
wir theoretisch als Liebe zusammenfassen, zweifelt aber 
dann wieder, ob diese Liebe die eigentliche, richtige, 
wahre sei, und deutet so auf eine ganze Stufenleiter 
von Möglichkeiten innerhalb der Liebesphänomene hin. 
Es wird uns auch nicht schwer, dieselbe in der 
Beobachtung aufzufinden. 

In einer Reihe von Fällen ist die Verliebtheit nichts 
anderes als Objektbesetzung von Seiten der Sexual- 
triebe zum Zweck der direkten Sexualbefriedigung, die 
auch mit der Erreichung dieses Zieles erlischt; das ist 
das, was man die gemeine, sinnliche Liebe heißt. Aber 
wie bekannt, bleibt die libidinöse Situation selten so 
einfach. Die Sicherheit, mit der man auf das Wieder- 
erwachen des eben erloschenen Bedürfnisses rechnen 
konnte, muß wohl das nächste Motiv gewesen sein, 
dem Sexualobjekt eine dauernde Besetzung zuzuwenden, 
es auch in den begierdefreien Zwischenzeiten zu „lieben". 



. 



VIII. Verliebtkeit und Hypnose 69 

Aus der sehr merkwürdigen Entwicklungsgeschichte 
des menschlichen Liebeslebens kommt ein zweites 
Moment hinzu. Das Kind hatte in der ersten, mit fünf 
Jahren meist schon abgeschlossenen Phase in einem 
Elternteil ein erstes Liebesobjekt gefunden, auf welches 
sich alle seine Befriedigung heischenden Sexualtriebe 
vereinigt hatten. Die dann eintretende Verdrängung 
erzwang den Verzicht auf die meisten dieser kindlichen 
Sexualziele und hinterließ eine tiefgreifende Modifikation 
des Verhältnisses zu den Eltern. Das Kind blieb ferner- 
hin an die Eltern gebunden, aber mit Trieben, die man 
,, zielgehemmte" nennen muß. Die Gefühle, die es von 
nun an für diese geliebten Personen empfindet, werden 
als „zärtliche" bezeichnet. Es ist bekannt, daß im Un- 
bewußten die früheren „sinnlichen" Strebungen mehr 
oder minder stark erhalten bleiben, so daß die ursprüng- 
liche Vollströmung in gewissem Sinne weiterbesteht. 1 

Mit der Pubertät setzen bekanntlich neue sehr 
intensive Strebungen nach den direkten Sexualzielen 
an. In ungünstigen Fällen bleiben sie als sinnliche 
Strömung von den fortdauernden „zärtlichen" Gefühls- 
richtungen geschieden. Man hat dann das Bild vor sich, 
dessen beide Ansichten von gewissen Richtungen der 
Literatur so gerne idealisiert werden. Der Mann zeigt 
schwärmerische Neigungen zu hochgeachteten Frauen, 
die ihn aber zum Liebesverkehr nicht reizen, und ist 



. 



1) S. Sexualtheorie 1. c. 



JO Massenpsychologie und Ich-Analyse 

nur potent gegen andere Frauen, die er nicht „liebt", 
geringschätzt oder selbst verachtet. 1 Häufiger indes 
gelingt dem Heranwachsenden ein gewisses Maß von 
Synthese der unsinnlichen, himmlischen und der sinn- 
lichen, irdischen Liebe, und ist sein Verhältnis zum 
Sexualobjekt durch das Zusammenwirken von unge- 
hemmten mit zielgehemmten Trieben gekennzeichnet. 
Nach dem Beitrag der zielgehemmten Zärtlichkeitstriebe 
kann man die Höhe der Verliebtheit im Gegensatz 
zum bloß sinnlichen Begehren bemessen. 

Im Rahmen dieser Verliebtheit ist uns von Anfang 
an das Phänomen der Sexualüberschätzung aufgefallen, 
die Tatsache, daß das geliebte Objekt eine gewisse 
Freiheit von der Kritik genießt, daß alle seine Eigen- 
schaften höher eingeschätzt werden als die ungeliebter 
Personen oder als zu einer Zeit, da es nicht geliebt 
wurde. Bei einigermaßen wirksamer Verdrängung oder 
Zurücksetzung der sinnlichen Strebungen kommt die 
Täuschung zustande, daß das Objekt seiner seelischen 
Vorzüge wegen auch sinnlich geliebt wird, während 
umgekehrt erst das sinnliche Wohlgefallen ihm diese 
Vorzüge verliehen haben mag. 

Das Bestreben, welches hier das Urteil fälscht, ist 
das der Idealisierung. Damit ist uns aber die Orien- 
tierung erleichtert; wir erkennen, daß das Objekt so 
behandelt wird wie das eigene Ich, daß also in der 

i) Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens. 
Sammlung, 4. Folge, 191 8. 



VIII. Verliebtheit und Hypnose 71 



Verliebtheit ein größeres Maß narzißtischer Libido auf 
das Objekt überfließt. Bei manchen Formen der Liebes- 
wahl wird es selbst augenfällig, daß das Objekt dazu 
dient, ein eigenes, nicht erreichtes Ichideal zu ersetzen. 
Man liebt es wegen der Vollkommenheiten, die man 
fürs eigene Ich angestrebt hat und die man sich nun 
auf diesem Umweg zur Befriedigung seines Narzißmus 
verschaffen möchte. 

Nehmen Sexualüberschätzung und Verliebtheit noch 
weiter zu, so wird die Deutung des Bildes immer un- 
verkennbarer. Die auf direkte Sexualbefriedigung drän- 
genden Strebungen können nun ganz zurückgedrängt 
werden, wie es z. B. regelmäßig bei der schwärmerischen 
Liebe des Jünglings geschieht; das Ich wird immer an- 
spruchsloser, bescheidener, das Objekt immer groß- 
artiger, wertvoller; es gelangt schließlich in den Besitz 
der & gesamten Selbstliebe des Ichs, so daß dessen Selbst- 
aufopferung zur natürlichen Konsequenz wird. Das Objekt 
hat das Ich sozusagen aufgezehrt. Züge von Demut, 
Einschränkung des Narzißmus, Selbstschädigung sind 
in jedem Falle von Verliebtheit vorhanden; im extremen 
Falle werden sie nur gesteigert und durch das Zurück- 
treten der sinnlichen Ansprüche bleiben sie allein- 
herrschend. 

Dies ist besonders leicht bei unglücklicher, unerfüll- 
barer Liebe der Fall, da bei jeder sexuellen Befrie- 
digung doch die Sexualüberschätzung immer wieder 
eine Herabsetzung erfährt. Gleichzeitig mit dieser 



's 



72 Massenpsychologie und Ich-Analyse 

„Hingabe" des Ichs an das Objekt, die sich von der subli- 
mierten Hingabe an eine abstrakte Idee schon nicht 
mehr unterscheidet, versagen die dem Ichideal zuge- 
teilten Funktionen gänzlich. Es schweigt die Kritik, die 
von dieser Instanz ausgeübt wird; alles was das Objekt 
tut und fordert, ist recht und untadelhatt. Das Gewissen 
findet keine Anwendung auf alles, was zugunsten des 
Objekts geschieht; in der Liebesverblendung wird man 
reuelos zum Verbrecher. Die ganze Situation läßt sich 
restlos in eine Formel zusammenfassen: Das Objekt 
hat sich an die Stelle des Ichideals gesetzt. 
Der Unterschied der Identifizierung von der Ver- 
liebtheit in ihren höchsten Ausbildungen, die man Faszi- 
nation, verliebte Hörigkeit heißt, ist nun leicht zu be- 
schreiben. Im ersteren Falle hat sich das Ich um die 
Eigenschaften des Objekts bereichert, sich dasselbe 
nach Ferenczi's Ausdruck ,,introjiziert"; im zweiten 
Fall ist es verarmt, hat sich dem Objekt hingegeben, 
dasselbe an die Stelle seines wichtigsten Bestandteils 
gesetzt. Indes merkt man bei näherer Erwägung bald, 
daß eine solche Darstellung Gegensätze vorspiegelt, die 
nicht bestehen. Es handelt sich ökonomisch nicht um 
Verarmung oder Bereicherung, man kann auch die 
extreme Verliebtheit so beschreiben, daß das Ich sich 
das Objekt introjiziert habe. Vielleicht trifft eine andere 
Unterscheidung eher das Wesentliche. Im Falle der 
Identifizierung ist das Objekt verloren gegangen oder 
aufgegeben worden; es wird dann im Ich wieder 









\ 









...-. 



VIII. Verliebtheit und Hypnose 73 

aufgerichtet, das Ich verändert sich partiell nach dem 
Vorbild des verlorenen Objekts. Im anderen Falle ist 
das Objekt erhalten geblieben und wird als solches 
von seiten und auf Kosten des Ichs überbesetzt. Aber 
auch hiegegen erhebt sich ein Bedenken. Steht es 
denn fest, daß die Identifizierung das Aufgeben 
der Objektbesetzung voraussetzt, kann es nicht Iden- 
tifizierung bei erhaltenem Objekt geben? Und ehe 
wir uns in die Diskussion dieser heiklen Frage ein- 
lassen, kann uns bereits die Einsicht aufdämmern, daß 
eine andere Alternative das Wesen dieses Sachver- 
halts in sich faßt, nämlich ob das Objekt an die 
Stelle des Ichs oder des Ichideals gesetzt 

wird. 

Von der Verliebtheit ist offenbar kein weiter Schritt 
zur Hypnose. Die Übereinstimmungen beider sind augen- 
fällig. Dieselbe demütige Unterwerfung, Gefügigkeit, 
Kritiklosigkeit gegen den Hypnotiseur wie gegen das 
geliebte Objekt. Dieselbe Aufsaugung der eigenen Ini- 
tiative; kein Zweifel, der Hypnotiseur ist an die Stelle 
des Ichideals getreten. Alle Verhältnisse sind in der 
Hypnose nur noch deutlicher und gesteigerter, so daß 
es zweckmäßiger wäre, die Verliebtheit durch die Hyp- 
nose zu erläutern als umgekehrt. Der Hypnotiseur ist 
das einzige Objekt, kein anderes wird neben ihm be- 
achtet. Daß das Ich traumhaft erlebt, was er fordert 
und behauptet, mahnt uns daran, daß wir verabsäumt 
haben, unter den Funktionen des Ichideals auch die 



74 Massenpsychologie u?id Ich-Analyse 

Ausübung der Realitätsprüfung zu erwähnen. 1 Kein Wun- 
der, daß das Ich eine Wahrnehmung für real hält, wenn 
die sonst mit der Aufgabe der Realitätsprüfung betraute 
psychische Instanz sich für diese Realität einsetzt. Die 
völlige Abwesenheit von Strebungen mit ungehemmten 
Sexualzielen trägt zur extremen Reinheit der Erschei- 
nungen weiteres bei. Die hypnotische Beziehung ist eine 
uneingeschränkte verliebte Hingabe bei Ausschluß sexu- 
eller Befriedigung, während eine solche bei der Ver- 
liebtheit doch nur zeitweilig zurückgeschoben ist und 
als spätere Zielmöglichkeit im Hintergrunde verbleibt. 

Anderseits können wir aber auch sagen, die hyp- 
notische Beziehung sei — wenn dieser Ausdruck ge- 
stattet ist — eine Massenbildung zu zweien. Die Hyp- 
nose ist kein gutes Vergleichsobjekt mit der Massen- 
bildung, weil sie vielmehr mit dieser identisch ist. Sie 
isoliert uns aus dem komplizierten Gefüge der Masse 
ein Element, das Verhalten des Massenindividuums zum 
Führer. Durch diese Einschränkung der Zahl scheidet 
sich die Hypnose von der Massenbildung, wie durch 
den Wegfall der direkt sexuellen Strebungen von der 
Verliebtheit. Sie hält insoferne die Mitte zwischen beiden. 

Es ist interessant zu sehen, daß gerade die ziel- 
gehemmten Sexualstrebungen so dauerhafte Bindungen 

i) S. Metapsychologische Ergänzung- zur Traumlehre. Samm- 
lung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, Vierte Folge, 191 8. — 
Indes scheint ein Zweifel an der Berechtigung dieser Zuteilung, 
der eingehende Diskussion erfordert, zulässig. 















VIII. Verliebtheit und Hypnose 75 

der Menschen aneinander erzielen. Dies versteht sich 
aber leicht aus der Tatsache, daß sie einer vollen Be- 
friedigung nicht fähig sind, während ungehemmte Sexual- 
strebungen durch die Abfuhr bei der Erreichung des 
jedesmaligen Sexualziels eine außerordentliche Her- 
absetzung erfahren. Die sinnliche Liebe ist dazu be- 
stimmt, in der Befriedigung zu erlöschen; um andauern 
zu können, muß sie mit rein zärtlichen, d. h. zielge- 
hemmten Komponenten von Anfang an versetzt sein 
oder eine solche Umsetzung erfahren. 

Die Hypnose würde uns das Rätsel der libidinösen 
Konstitution einer Masse glatt lösen, wenn sie selbst 
nicht noch Züge enthielte, die sich der bisherigen ra- 
tionellen Aufklärung — als Verliebtheit bei Ausschluß 
direkt sexueller Strebungen — entziehen. Es ist noch- 
vieles an ihr als unverstanden, als mystisch anzuerkennen. 
Sie enthält einen Zusatz von Lähmung aus dem Ver- 
hältnis eines Übermächtigen zu einem Ohnmächtigen, 
Hilflosen, was etwa zur Schreckhypnose der Tiere über- 
leitet. Die Art, wie sie erzeugt wird, ihre Beziehung 
zum Schlaf, sind nicht durchsichtig, und die rätselhafte 
Auswahl von Personen, die sich für sie eignen, während 
andere sie gänzlich ablehnen, weist auf ein noch un- 
bekanntes Moment hin, welches in ihr verwirklicht wird, 
und das vielleicht erst die Reinheit der Libidoeinstellungen 
in ihr ermöglicht. Beachtenswert ist auch, daß häufig 
das moralische Gewissen der hypnotisierten Person sich 
selbst bei sonst voller suggestiver Gefügigkeit resistent 







7 6 



Massenpsychologie 2ind Ich-Analyse 



zeigen kann. Aber das mag daher kommen, daß bei 
der Hypnose, wie sie zumeist geübt wird, ein Wissen 
erhalten geblieben sein kann, es handle sich nur um 
ein Spiel, eine unwahre Reproduktion einer anderen, 
weit lebenswichtigeren Situation. 

Durch die bisherigen Erörterungen sind wir aber 
voll darauf vorbereitet, die Formel für die libidinöse 
Konstitution einer Masse anzugeben. Wenigstens einer 
solchen Masse, wie wir sie bisher betrachtet haben, 
die also einen Führer hat und nicht durch allzu viel 
„Organisation" sekundär die Eigenschaften eines In- 
dividuums erwerben konnte. Eine solche primäre 
Masse ist eine Anzahl von Individuen, die ein 
und dasselbe Objekt an die Stelle ihres Ichideals 
gesetzt und sich infolgedessen in ihrem Ich mit- 
einander identifiziert haben. Dies Verhältnis läßt 
eine graphische Darstellung zu: 



Ichideal 



äußeres 
Objekt 




IX 
DER HERDENTRIEB 



Wir werden uns nur kurze Zeit der Illusion freuen, 
durch diese Formel das Rätsel der Masse gelöst zu 
haben. Alsbald muß uns die Mahnung beunruhigen, 
daß wir ja im wesentlichen die Verweisung auf das 
Rätsel der Hypnose angenommen haben, an dem so 
vieles noch unerledigt ist. Und nun zeigt uns ein an- 
derer Einwand den weiteren Weg. 

Wir dürfen uns sagen, die ausgiebigen affektiven 
Bindungen, die wir in der Masse erkennen, reichen 
voll aus, um einen ihrer Charaktere zu erklären, den 
Mangel an Selbständigkeit und Initiative beim Einzelnen, 
die Gleichartigkeit seiner Reaktion mit der aller an- 
deren, sein Herabsinken zum Massenindividuum sozu- 
sagen! Aber die Masse zeigt, wenn wir sie als Ganzes 
ins Auge fassen, mehr; die Züge von Schwächung der 
intellektuellen Leistung, von Ungehemmtheit der Affek- 
tivität, die Unfähigkeit zur Mäßigung und zum Aufschub, 
die Neigung zur Überschreitung aller Schranken in der 
Gefühlsäußerung und zur vollen Abfuhr derselben in 
Handlung, dies und alles Ähnliche, was wir bei Le Bon 



•v. 



78 Massenpsychologie und Ich-Analyse 



so eindrucksvoll geschildert finden, ergibt ein unver- 
kennbares Bild von Regression der seelischen Tätigkeit 
auf eine frühere Stufe, wie wir sie bei Wilden oder 
bei Kindern zu finden nicht erstaunt sind. Eine solche 
Regression gehört insbesondere zum Wesen der ge- 
meinen Massen, während sie, wie wir gehört haben, 
bei hoch organisierten, künstlichen, weitgehend hintan- 
gehalten werden kann. 

Wir erhalten so den Eindruck eines Zustandes, in 
dem die vereinzelte Gefühlsregung und der persönliche 
intellektuelle Akt des Individuums zu schwach sind, 
um sich allein zur Geltung zu bringen, und durchaus 
auf Bekräftigung durch gleichartige Wiederholung von 
Seiten der anderen warten müssen. Wir werden daran 
erinnert, wieviel von diesen Phänomenen der Abhängig- 
keit zur normalen Konstitution der menschlichen Ge- 
sellschaft gehört, wie wenig Originalität und persön- 
licher Mut sich in ihr findet, wie sehr jeder Einzelne 
durch die Einstellungen einer Massenseele beherrscht 
wird, die sich als Rasseneigentümlichkeiten, Standes- 
vorurteile, öffentliche Meinung u. dgl. kundgeben. Das 
Rätsel des suggestiven Einflusses vergrößert sich für 
uns, wenn wir zugeben, daß ein solcher nicht allein 
vom Führer, sondern auch von jedem Einzelnen aut 
jeden Einzelnen geübt wird, und wir machen uns den 
Vorwurf, daß wir die Beziehung zum Führer einseitig 
herausgehoben, den anderen Faktor der gegenseitigen 
Suggestion aber ungebührend zurückgedrängt haben. 









IX. Der Herdentrieb jg 



Auf solche Weise zur Bescheidenheit gewiesen, 
werden wir geneigt sein, auf eine andere Stimme zu 
horchen, welche uns Erklärung auf einfacheren Grund- 
lagen verspricht. Ich entnehme eine solche dem klugen 
Buch von W. Trotter über den Herdentrieb, an dem 
ich nur bedauere, daß es sich den durch den letzten 
großen Krieg entfesselten Antipathien nicht ganz ent- 
zogen hat. 1 

Trotter leitet die an der Masse beschriebenen 
seelischen Phänomene von einem Herdeninstinkt (gre- 
gariousness) ab, der dem Menschen wie anderen Tier- 
arten angeboren zukommt. Diese Herdenhaftigkeit ist 
biologisch eine Analogie und gleichsam eine Fort- 
führung der Vielzelligkeit, im Sinne der Libidotheorie 
eine weitere Äußerung der von der Libido ausgehenden 
Neigung aller gleichartigen Lebewesen, sich zu immer 
umfassenderen Einheiten zu vereinigen. 3 Der Einzelne 
fühlt sich unvollständig (incomplete), wenn er allein ist. 
Schon die Angst des kleinen Kindes sei eine Äußerung 
dieses Herdeninstinkts. Widerspruch gegen die Herde 
ist soviel wie Trennung von ihr und wird darum angst- 
voll vermieden. Die Herde lehnt aber alles Neue, Un- 
gewohnte ab. Der Herdeninstinkt sei etwas Primäres, 
nicht weiter Zerlegbares (which cannot'be split up). 

i) W. Trott er, Instincts of the Herd in Peace and War. 
London 1916. Zweite Auflage. 

2) Siehe meinen Aufsatz: Jenseits des Lustprinzips. Beiheft II 
zur Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse, VI., 1920. 



8o Massenpsyckologie und Ich-Analyse 






Trotter gibt als die Reihe der von ihm als primär 
angenommenen Triebe (oder Instinkte): den Selbst- 
behauptungs-, Ernährungs-, Geschlechts- und Herden- 
trieb. Der letztere gerate oft in die Lage, sich 
den anderen gegenüberzustellen. Schuldbewußtsein und 
Pflichtgefühl seien die charakteristischen Besitztümer 
eines gregarious animal. Vom Herdeninstinkt läßt 
Trotter auch die verdrängenden Kräfte ausgehen, 
welche die Psychoanalyse im Ich aufgezeigt hat, und 
folgerichtig gleicherweise die Widerstände, auf welche 
der Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung stößt. 
Die Sprache verdanke ihre Bedeutung ihrer Eignung 
zur gegenseitigen Verständigung in der Herde, auf 
ihr beruhe zum großen Teil die Identifizierung der 
Einzelnen miteinander. 

Wie Le Bon vorwiegend die charakteristischen 
flüchtigen Massenbildungen und M c Dougall die 
stabilen Vergesellschaftungen, so hat Trotter die 
allgemeinsten Verbände, in denen der Mensch, dies 
&<ßov jtoXmKÖv lebt, in den Mittelpunkt seines Inter- 
esses gerückt und deren psychologische Begründung 
angegeben. Für Trotter bedarf es aber keiner 
Ableitung des Herdentriebes, da er ihn als primär 
und nicht weiter auflösbar bezeichnet. Seine Be- 
merkung, Boris Sidis leite den. Herdentrieb von 
der Suggestibilität ab, ist zum Glück für ihn über- 
flüssig; es ist eine Erklärung nach bekanntem, unbe- 
friedigendem Muster, und die Umkehr dieses Satzes, 



'\ 



i 



IX. Der Herdentrieb gj 



also daß die Suggestibilität ein Abkömmling des Her- 
deninstinkts sei, erschiene mir bei weitem einleuch- 
tender. 

Aber gegen Trotters Darstellung läßt sich mit 
noch besserem Recht als gegen die anderen einwenden, 
daß sie auf die Rolle des Führers in der Masse zu 
wenig Rücksicht nimmt, während wir doch eher zum 
gegenteiligen Urteil neigen, daß das Wesen der Masse 
bei Vernachlässigung des Führers nicht zu begreifen 
sei. Der Herdeninstinkt läßt überhaupt für den Führer 
keinen Raum, dieser kommt nur so zufällig zur Herde 
hinzu, und im Zusammenhange damit steht, daß von 
diesem Trieb aus auch kein Weg zu einem Gottes- 
bedürfnis führt- es fehlt der Hirt zur Herde. Außer- 
dem aber kann man Trotters Darstellung psy- 
chologisch untergraben, d. h. man kann es zum 
mindesten wahrscheinlich machen, daß der Herden- 
trieb nicht unzerlegbar, nicht in dem Sinne primär 
ist wie der Selbsterhaltungstrieb und der Geschlechts- 
trieb. 

Es ist natürlich nicht leicht, die Ontogenese des 
Herdentriebes zu verfolgen. Die Angst des kleinen 
Kindes, wenn es allein gelassen wird, die Trotter be- 
reits als Äußerung des Triebes in Anspruch nehmen 
will, legt doch eine andere Deutung näher. Sie gilt 
der Mutter, später anderen vertrauten Personen, und 
ist der Ausdruck einer unerfüllten Sehnsucht, mit der 
das Kind noch nichts anderes anzufangen weiß, als sie 

Freud: Massenpsychologie und Ich- Analyse 6 






82 Massenpsychologie und Ich- Analyse 

in Angst zu verwandeln. 1 Die Angst des einsamen kleinen 
Kindes wird auch nicht durch den Anblick eines be- 
liebigen anderen „aus der Herde" beschwichtigt, sondern 
im Gegenteil durch das Hinzukommen eines solchen 
„Fremden" erst hervorgerufen. Dann merkt man beim 
Kinde lange nichts von einem Herdeninstinkt oder 
Massengefühl. Ein solches bildet sich zuerst in der mehr- 
zähligen Kinderstube aus dem Verhältnis der Kinder 
zu den Eltern, und zwar als Reaktion auf den anfäng- 
lichen Neid, mit dem das ältere Kind das jüngere auf- 
nimmt. Das ältere Kind möchte gewiß das nachkom- 
mende eifersüchtig verdrängen, von den Eltern fern- 
halten und es aller Anrechte berauben, aber angesichts 
der Tatsache, daß auch dieses Kind — wie alle spä- 
teren — in gleicher Weise von den Eltern geliebt 
wird, und infolge der Unmöglichkeit, seine feindselige 
Einstellung ohne eigenen Schaden festzuhalten, wird 
es zur Identifizierung mit den anderen Kindern ge- 
zwungen, und es bildet sich in der Kinderschar ein 
Massen- oder Gemeinschaftsgefühl, welches dann in der 
Schule seine weitere Entwicklung erfährt. Die erste 
Forderung dieser Reaktionsbildung ist die nach Ge- 
rechtigkeit, gleicher Behandlung für alle. Es ist be- 
kannt, wie laut und unbestechlich sich dieser Anspruch 
in der Schule äußert. Wenn man schon selbst nicht 

der Bevorzugte sein kann, so soll doch wenigstens keiner 

— ■ 

i) Siehe Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, 
über die Angst. 



IX. Der Herdentrieb 83 



von allen bevorzugt werden. Man könnte diese Um- 
wandlung und Ersetzung der Eifersucht durch ein 
Massengefühl in Kinderstube und Schulzimmer für un- 
wahrscheinlich halten, wenn man nicht den gleichen 
Vorgang später unter anderen Verhältnissen neuerlich 
beobachten würde. Man denke an die Schar von schwär- 
merisch verliebten Frauen und Mädchen, die den Sänger 
oder Pianisten nach seiner Produktion umdrängen. Ge- 
wiß läge es jeder von ihnen nahe, auf die andere 
eifersüchtig zu sein, allein angesichts ihrer Anzahl und 
der damit verbundenen Unmöglichkeit, das Ziel ihrer 
Verliebtheit zu erreichen, verzichten sie darauf, und 
anstatt sich gegenseitig die Haare auszuraufen, handeln 
sie wie eine einheitliche Masse, huldigen dem Gefeier- 
ten in gemeinsamen Aktionen und wären etwa froh, 
sich in seinen Lockenschmuck zu teilen. Sie haben 
sich, ursprünglich Rivalinnen, durch die gleiche Liebe 
zu dem nämlichen Objekt miteinander identifizieren 
können. Wenn eine Triebsituation, wie ja gewöhnlich, 
verschiedener Ausgänge fähig ist, so werden wir uns 
nicht verwundern, daß jener Ausgang zustande kommt, 
mit dem die Möglichkeit einer gewissen Befriedigung 
verbunden ist, während ein anderer, selbst ein näher 
liegender, unterbleibt, weil die realen Verhältnisse ihm 
die Erreichung dieses Zieles versagen. 

Was man dann später in der Gesellschaft als Ge- 
meingeist, esprit de corps usw. wirksam rindet, ver- 
leugnet nicht seine Abkunft vom ursprünglichen Neid. 

6* 









v 



84 Massenpsychologie und Ich-Analyse 

Keiner soll sich hervortun wollen, jeder das gleiche 
sein und haben. Soziale Gerechtigkeit will bedeuten, 
daß man sich selbst vieles versagt, damit auch die 
anderen darauf verzichten müssen, oder was dasselbe 
ist, es nicht fordern können. Diese Gleichheitsforderung 
ist die Wurzel des sozialen Gewissens und des Pflicht- 
gefühls. In unerwarteter Weise enthüllt sie sich in der 
Infektionsangst der Syphilitiker, die wir durch die Psycho- 
analyse verstehen gelernt haben. Die Angst dieser 
Armen entspricht ihrem heftigen Sträuben gegen den 
unbewußten Wunsch, ihre Infektion auf die anderen 
auszubreiten, denn warum sollten sie allein infiziert 
und von so vielem ausgeschlossen sein und die an- 
deren nicht? Auch die schöne Anekdote vom Urteil 
Salomonis hat denselben Kern. Wenn der einen Frau 
das Kind gestorben ist, soll auch die andere kein 
lebendes haben. An diesem Wunsch wird die Verlust- 
trägerin erkannt. 

Das soziale Gefühl ruht also auf der Umwendung 
eines erst feindseligen Gefühls in eine positiv betonte 
Bindung von der Natur einer Identifizierung. Soweit 
wir den Hergang bis jetzt durchschauen können, scheint 
sich diese Umwendung unter dem Einfluß einer ge- 
meinsamen zärtlichen Bindung an eine außer der 
Masse stehende Person zu vollziehen. Unsere Analyse 
der Identifizierung erscheint uns selbst nicht als er- 
schöpfend, aber unserer gegenwärtigen Absicht genügt 
es, wenn wir auf den einen Zug, daß die konsequente 






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IX. Der Herdentrieb 85 



Durchführung der Gleichstellung gefordert wird, zurück- 
kommen. Wir haben bereits bei der Erörterung der 
beiden künstlichen Massen, Kirche und Armee, gehört, 
ihre Voraussetzung sei, daß alle von einem, dem Führer, 
in gleicher Weise geliebt werden. Nun vergessen wir 
aber nicht, daß die Gleichheitsforderung der Masse 
nur für die Einzelnen derselben, nicht für den Führer 
gilt. Alle Einzelnen sollten einander gleich sein, aber 
alle wollen sie von einem beherrscht werden. Viele 
Gleiche, die sich miteinander identifizieren können, und 
ein einziger, ihnen allen Überlegener, das ist die Situation, 
die wir in der lebensfähigen Masse verwirklicht finden. 
Getrauen wir uns also, die Aussage Trotters, der 
Mensch sei ein Herdentier, dahin zu korrigieren, er 
sei vielmehr ein Hordentier, ein Einzelwesen einer 
von einem Oberhaupt angeführten Horde. 






X 

DIE MASSE UND DIE URHORDE 

Im Jahre 1 9 1 2 habe ich die Vermutung von Ch. Darwin 
aufgenommen, daß die Urform der menschlichen Gesell- 
schaft die von einem starken Männchen unumschränkt 
beherrschte Horde war. Ich habe darzulegen versucht, 
daß die Schicksale dieser Horde unzerstörbare Spuren 
in der menschlichen Erbgeschichte hinterlassen haben, 
speziell, daß die Entwicklung des Totemismus, der die 
Anfänge von Religion, Sittlichkeit und sozialer Gliederung 
in sich faßt, mit der gewaltsamen Tötung des Ober- 
hauptes und der Umwandlung der Vaterhorde in eine 
Brüdergemeinde zusammenhängt. 1 Es ist dies zwar nur 
eine Hypothese wie so viele andere, mit denen die 
Prähistoriker das Dunkel der Urzeit aufzuhellen ver- 
suchen — eine „just so story" nannte sie witzig ein 
nicht unliebenswürdiger englischer Kritiker — aber ich 
meine, es ist ehrenvoll für eine solche Hypothese, wenn 
sie sich geeignet zeigt, Zusammenhang und Verständ- 
nis auf immer neuen Gebieten zu schaffen. 



1) Totem und Tabu. 2. Auflage 1920. 



X. Die Masse und die Urhorde 



87 



Die menschlichen Massen zeigen uns wiederum das 
vertraute Bild des überstarken Einzelnen inmitten einer 
Schar von gleichen Genossen, das auch in unserer Vor- 
stellung von der Urhorde enthalten ist. Die Psycho- 
logie dieser Masse, wie wir sie aus den oft erwähnten 
Beschreibungen kennen, — der Schwund der bewußten 
Einzelpersönlichkeit, die Orientierung von Gedanken und 
Gefühlen nach gleichen Richtungen, die Vorherrschaft 
der Affektivität und des unbewußten Seelischen, die 
Tendenz zur unverzüglichen Ausführung auftauchender 
Absichten, — das alles entspricht einem Zustand von 
Regression zu einer primitiven Seelentätigkeit, wie man 
sie gerade der Urhorde zuschreiben möchte. 1 



1) Für die Urhorde muß insbesondere gelten, was wir vor- 
hin in der allgemeinen Charakteristik der Menschen beschrieben 
haben. Der Wille des Einzelnen war zu schwach, er getraute sich 
icht der Tat. Es kamen gar keine anderen Impulse zustande als 
kollektive, es gab nur einen Gemeinwillen, keinen singulären. Die 
Vorstellung wagte es nicht, sich in Willen umzusetzen, wenn sie 
sich nicht durch die Wahrnehmung ihrer allgemeinen Verbreitung 
gestärkt fand. Diese Schwäche der Vorstellung findet ihre Erklärung 
in der Stärke der allen gemeinsamen Gefühlsbindung, aber die 
Gleichartigkeit der Lebensumstände und das Fehlen eines privaten 
Eigentums kommen hinzu, um die Gleichförmigkeit der seelischen 
Akte bei den Einzelnen zu bestimmen. — Auch die exkrementellen 
Bedürfnisse schließen, wie man an Kindern und Soldaten merken 
kann, die Gemeinsamkeit nicht aus. Die einzige mächtige Aus- 
nahme macht der sexuelle Akt, bei dem der Dritte zumindest 
überflüssig, im äußersten Fall zu einem peinlichen Abwarten ver- 
urteilt ist. Über die Reaktion des Sexualbedürfnisses (der Genital- 
befriedigung) gegen das Herdenhafte siehe unten. 



88 Massenpsychologie und Ich- Analyse 

Die Masse erscheint uns so als ein Wiederaufleben 
der Urhorde. So wie der Urmensch in jedem Einzelnen 
virtuell erhalten ist, so kann sich aus einem beliebigen 
Menschenhaufen die Urhorde wieder herstellen; soweit 
die Massenbildung die Menschen habituell beherrscht, 
erkennen wir den Fortbestand der Urhorde in ihr. Wir 
müssen schließen, die Psychologie der Masse sei die älteste 
Menschenpsychologie; was wir unter Vernachlässigung 
aller Massenreste als Individualpsychologie isoliert haben, 
hat sich erst später, allmählich und sozusagen immer 
noch nur partiell aus der alten Massenpsychologie her- 
ausgehoben. Wir werden noch den Versuch wagen, den 
Ausgangspunkt dieser Entwicklung anzugeben. 

Eine nächste Überlegung zeigt uns, in welchem 
Punkt diese Behauptung einer Berichtigung bedarf. Die 
Individualpsychologie muß vielmehr ebenso alt sein wie 
die Massenpsychologie, denn von Anfang gab es zweierlei 
Psychologien, die der Massenindividuen und die des 
Vaters, Oberhauptes, Führers. Die Einzelnen der Masse 
waren so gebunden, wie wir sie heute rinden, aber der 
Vater der Urhorde war frei. Seine intellektuellen Akte 
waren auch in der Vereinzelung stark und unabhängig, 
sein Wille bedurfte nicht der Bekräftigung durch den 
anderer. Wir nehmen konsequenterweise an, daß sein 
Ich wenig libidinös gebunden war, er liebte niemand 
außer sich, und die anderen nur, insoweit sie seinen 
Bedürfnissen dienten. Sein Ich gab nichts Überschüssiges 
an die Objekte ab. 









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X. Die Masse und die Urhorde 89 

Zu Eingang der Menschheitsgeschichte war er der 
Übermensch, den Nietzsche erst von der Zukunft 
erwartete. Noch heute bedürfen die Massenindividuen 
der Vorspiegelung, daß sie in gleicher und gerechter 
Weise vom Führer geliebt werden, aber der Führer 
selbst braucht niemand anderen zu lieben, er darf von 
Herrennatur sein, absolut narzißtisch, aber selbstsicher 
und selbständig. Wir wissen, daß die Liebe den Narziß- 
mus eindämmt und könnten nachweisen, wie sie durch 
diese Wirkung Kulturfaktor geworden ist. 

Der Urvater der Horde war noch nicht unsterb- 
lich, wie er es später durch Vergottung wurde. Wenn 
er starb, mußte er ersetzt werden; an seine Stelle trat 
wahrscheinlich ein jüngster Sohn, der bis dahin Massen- 
individuum gewesen war wie ein anderer. Es muß also 
eine Möglichkeit geben, die Psychologie der Masse in 
Individualpsychologie umzuwandeln, es muß eine Be- 
dingung gefunden werden, unter der sich solche Um- 
wandlung leicht vollzieht, ähnlich wie es den Bienen 
möglich ist, aus einer Larve im Bedarfsfalle eine Königin 
anstatt einer Arbeiterin zu ziehen. Man kann sich da 
nur dies eine vorstellen: Der Urvater hatte seine Söhne 
an der Befriedigung ihrer direkten sexuellen Strebungen 
verhindert; er zwang sie zur Abstinenz und infolge- 
dessen zu den Gefühlsbindungen an ihn und aneinander, 
die aus den Strebungen mit gehemmtem Sexualziel 
hervorgehen konnten. Er zwang sie sozusagen in die 
Massenpsychologie. Seine sexuelle Eifersucht und 






90 Massenpsychologie und Ich-Analyse 

Intoleranz sind in letzter Linie die Ursache der Massen- 
psychologie geworden. 1 

Für den, der sein Nachfolger wurde, war auch die 
Möglichkeit der sexuellen Befriedigung gegeben und damit 
der Austritt aus den Bedingungen der Massenpsycho- 
logie eröffnet. Die Fixierung der Libido an das Weib, 
die Möglichkeit der Befriedigung ohne Aufschub und Auf- 
speicherung machte der Bedeutung zielgehemmter Sexual- 
strebungen ein Ende und ließ den Narzißmus immer zur 
gleichen Höhe ansteigen. Auf diese Beziehung der Liebe 
zur Charakterbildung werden wir in einem Nachtrag 
zurückkommen. 

Heben wir noch als besonders lehrreich hervor, in 
welcher Beziehung zur Konstitution der Urhorde die 
Veranstaltung steht, mittels deren — abgesehen von 
Zwangsmitteln — eine künstliche Masse zusammen- 
gehalten wird. Bei Heer und Kirche haben wir gesehen, 
es ist die Vorspiegelung, daß der Führer alle Einzelnen 
in gleicher und gerechter Weise liebt. Dies ist aber 
geradezu die idealistische Umarbeitung der Verhältnisse 
der Urhorde, in der sich alle Söhne in gleicher Weise 
vom Urvater verfolgt wußten und ihn in gleicher Weise 
fürchteten. Schon die nächste Form der menschlichen 
Sozietät, der totemistische Clan, hat diese Umformung, 



i) Es läßt sich etwa auch annehmen, daß die vertriebenen 
Söhne, vom Vater getrennt, den Fortschritt von der Identifizierung 
miteinander zur homosexuellen Objektliebe machten und so die 
Freiheit gewannen, den Vater zu töten. 






X.. Die Masse und die Urhorde gi 

auf die alle sozialen Pflichten aufgebaut sind, zur Vor- 
aussetzung. Die unverwüstliche Stärke der Familie als 
einer natürlichen Massenbildung beruht darauf, daß 
diese notwendige Voraussetzung der gleichen Liebe 
des Vaters für sie wirklich zutreffen kann. 

Aber wir erwarten noch mehr von der Zurück- 
führung der Masse auf die Urhorde. Sie soll uns auch 
das noch Unverstandene, Geheimnisvolle an der Massen- 
bildung näher bringen, das sich hinter den Rätsel worten 
Hypnose und Suggestion verbirgt. Und ich meine, sie 
kann es auch leisten. Erinnern wir uns daran, daß die 
Hypnose etwas direkt Unheimliches an sich hat; der 
Charakter des Unheimlichen deutet aber auf etwas 
der Verdrängung verfallenes Altes und Wohlvertrautes 
hin. 1 Denken wir daran, wie die Hypnose eingeleitet 
wird. Der Hypnotiseur behauptet im Besitz einer ge- 
heimnisvollen Macht zu sein, die dem Subjekt den eigenen 
Willen raubt, oder, was dasselbe ist, das Subjekt glaubt 
es von ihm. Diese geheimnisvolle Macht — populär 
noch oft als tierischer Magnetismus bezeichnet — muß 
dieselbe sein, welche den Primitiven als Quelle des 
Tabu gilt, dieselbe, die von Königen und Häuptlingen 
ausgeht und die es gefährlich macht, sich ihnen zu 
nähern (Mana). Im Besitz dieser Macht will nun der 
Hypnotiseur sein und wie bringt er sie zur Erscheinung? 
Indem er die Person auffordert, ihm in die Augen zu 

i) Das Unheimliche. Imago, V, 1919. 



92 Massenpsychologie und Ich- Analyse 



i) S. Totem und Tabu, und die dort zitierten Quellen. 



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sehen; er hypnotisiert in typischer Weise durch seinen 
Blick. Gerade der Anblick des Häuptlings ist aber für 
den Primitiven gefährlich und unerträglich, wie später 
der der Gottheit für den Sterblichen. Noch Moses muß 
den Mittelsmann zwischen seinem Volke und Jehova 
machen, da das Volk den Anblick Gottes nicht ertrüge, 
und wenn er von der Gegenwart Gottes zurückkehrt, 
strahlt sein Antlitz, ein Teil des „Mana" hat sich wie 
beim Mittler 1 der Primitiven auf ihn übertragen. 

Man kann die Hypnose allerdings auch auf anderen 
Wegen hervorrufen, was irreführend ist und zu un- 
zulänglichen physiologischen Theorien Anlaß gegeben 
hat, z. B. durch das Fixieren eines glänzenden Gegen- 
standes oder durch das Horchen auf ein monotones 
Geräusch. In Wirklichkeit dienen diese Verfahren nur 
der Ablenkung und Fesselung der bewußten Aufmerk- 
samkeit. Die Situation ist die nämliche, als ob der 
Hypnotiseur der Person gesagt hätte: Nun beschäf- 
tigen Sie sich ausschließlich mit meiner Person, die übrige 
Welt ist ganz uninteressant. Gewiß wäre es technisch 
unzweckmäßig, wenn der Hypnotiseur eine solche Rede 
hielte; das Subjekt würde durch sie aus seiner unbe- 
wußten Einstellung gerissen und zum bewußten Wider- 
spruch aufgereizt werden. Aber während der Hypno- 
tiseur es vermeidet, das bewußte Denken des Subjekts 
auf seine Absichten zu richten, und die Versuchsperson 









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X. Die Masse und die Urhorde 93 



sich in eine Tätigkeit versenkt, bei der ihr die Welt 
uninteressant vorkommen muß, geschieht es, daß sie 
unbewußt wirklich ihre ganze Aufmerksamkeit auf den 
Hypnotiseur konzentriert, sich in die Einstellung des 
Rapports, der Übertragung, zum Hypnotiseur begibt. 
Die indirekten Methoden des Hypnotisierens haben also, 
ähnlich wie manche Techniken des Witzes, den Erfolg, 
gewisse Verteilungen der seelischen Energie, welche 
den Ablauf des unbewußten Vorgangs stören würden, 
hintanzuhalten, und sie führen schließlich zum gleichen 
Ziel wie die direkten Beeinflussungen durch Anstarren 

oder Streichen. 1 

Ferenczi hat richtig herausgefunden, daß sich der 
Hypnotiseur mit dem Schlafgebot, welches oft zur 

i) Die Situation, daß die Person unbewußt auf den Hyp- 
notiseur eingestellt ist, während sie sich bewußt mit gleich- 
bleibenden, uninteressanten Wahrnehmungen beschäftigt, findet 
ein Gegenstück in den Vorkommnissen der psychoanalytischen 
Behandlung, das hier erwähnt zu werden verdient In jeder Analyse 
ereignet es sich mindestens einmal, daß der Patient hartnäckig 
behauptet, jetzt fiele ihm aber ganz bestimmt nichts ein. Seine 
freien Assoziationen stocken und die gewöhnlichen Antriebe, sie 
in Gang zu bringen, schlagen fehl. Durch Drängen erreicht man 
endlich das Eingeständnis, der Patient denke an die Aussicht aus 
dem Fenster des Behandlungsraumes, an die Tapete der Wand, 
die er vor sich sieht, oder an die Gaslampe, die von der Zimmer- 
decke herabhängt. Man weiß dann sofort, daß er sich in die Über- 
tragung begeben hat, von noch unbewußten Gedanken in Anspruch 
genommen wird, die sich auf den Arzt beziehen, und sieht die 
Stockung in den Einfällen des Patienten schwinden, sobald man 
ihm diese Aufklärung gegeben hat. 






94 Massenpsychologie und Ich-Analyse 






Einleitung der Hypnose gegeben wird, an die Stelle der 
Eltern setzt. Er meinte zwei Arten der Hypnose unter- 
scheiden zu sollen, eine schmeichlerisch begütigende, 
die er dem Muttervorbild, und eine drohende, die er 
dem Vater zuschrieb. 1 Nun bedeutet das Gebot zu 
schlafen in der Hypnose auch nichts anderes, als die 
Aufforderung, alles Interesse von der Welt abzuziehen 
und auf die Person des Hypnotiseurs zu konzentrieren; 
es wird auch vom Subjekt so verstanden, denn in dieser 
Abziehung des Interesses von der Außenwelt liegt die 
psychologische Charakteristik des Schlafes und auf ihr 
beruht die Verwandtschaft des Schlafes mit dem hyp- 
notischen Zustand. 

Durch seine Maßnahmen weckt also der Hypnotiseur 
beim Subjekt ein Stück von dessen archaischer Erbschaft, 
die auch den Eltern entgegenkam und im Verhältnis zum 
Vater eine individuelle Wiederbelebung erfuhr, die Vor- 
stellung von einer übermächtigen und gefährlichen Per- 
sönlichkeit, gegen die man sich nur passiv-masochistisch 
einstellen konnte, an die man seinen Willen verlieren 
mußte, und mit der allein zu sein, „ihr unter die Augen 
zu treten" ein bedenkliches Wagnis schien. Nur so etwa 
können wir uns das Verhältnis eines Einzelnen der Ur- 
horde zum Urvater vorstellen. Wie wir aus anderen 
Reaktionen wissen, hat der Einzelne ein variables Maß 
von persönlicher Eignung zur Wiederbelebung solch alter 

i) Ferenczi,Introjektion und Übertragung. Jahrbuch der Psycho- 
analyse, I, 1909. 





















X.. Die Masse und die Urkorde 95 

Situationen bewahrt. Ein Wissen, daß die Hypnose doch 
nur ein Spiel, eine lügenhafte Erneuerung jener alten 
Eindrücke ist, kann aber erhalten bleiben und für den 
Widerstand gegen allzu ernsthafte Konsequenzen der 
hypnotischen Willensaufhebung sorgen. 

Der unheimliche, zwanghafte Charakter der Massen- 
bildung, der sich in ihren Suggestionserscheinungen zeigt, 
kann also wohl mit Recht auf ihre Abkunft von der 
Urhorde zurückgeführt werden. Der Führer der Masse 
ist noch immer der gefürchtete Urvater, die Masse will 
immer noch von unbeschränkter Gewalt beherrscht 
werden, sie ist im höchsten Grade autoritätssüchtig, 
hat nach Le Bon's Ausdruck den Durst nach Unter- 
werfung. Der Urvater ist das Massenideal, das an Stelle 
des Ichideals das Ich beherrscht. Die Hypnose hat ein 
gutes Anrecht auf die Bezeichnung: eine Masse zu zweit; 
für die Suggestion erübrigt die Definition einer Über- 
zeugung, die nicht auf Wahrnehmung und Denkarbeit, 
sondern auf erotische Bindung gegründet ist. 1 



1) Es erscheint mir der Hervorhebung wert, daß wir durch 
die Erörterungen dieses Abschnittes veranlaßt werden, von der 
Bernheim'schen Auffassung der Hypnose auf die naive ältere 
derselben zurückzugreifen. Nach Bern he im sind alle hypnotischen 
Phänomene von dem weiter nicht aufzuklärenden Moment der 
Suggestion abzuleiten. Wir schließen, daß die Suggestion eine 
Teilerscheinung des hypnotischen Zustandes ist, der in einer un- 
bewußt erhaltenen Disposition aus der Urgeschichte der mensch- 
lichen Familie seine gute Begründung hat. 



4 



XI 
EINE STUFE IM ICH 

Wenn man, eingedenk der einander ergänzenden 
Beschreibungen der Autoren über Massenpsychologie, 
das Leben der heutigen Einzelmenschen überblickt, mag 
man vor den Komplikationen, die sich hier zeigen, den 
Mut zu einer zusammenfassenden Darstellung verlieren. 
Jeder Einzelne ist ein Bestandteil von vielen Massen, 
durch Identifizierung vielseitig gebunden, und hat sein 
Ichideal nach den verschiedensten Vorbildern aufgebaut. 
Jeder Einzelne hat so Anteil an vielen Massenseelen, 
an der seiner Rasse, des Standes, der Glaubensgemein- 
schaft, der Staatlichkeit usw. und kann sich darüber 
hinaus zu einem Stückchen Selbständigkeit und Origi- 
nalität erheben. Diese ständigen und dauerhaften Massen- 
bildungen fallen in ihren gleichmäßig anhaltenden Wir- 
kungen der Beobachtung weniger auf als die rasch 
gebildeten, vergänglichen Massen, nach denen Le Bon 
die glänzende psychologische Charakteristik der Massen- 
seele entworfen hat, und in diesen lärmenden, ephe- 
meren, den anderen gleichsam superponierten Massen 
begibt sich eben das Wunder, daß dasjenige, was wir 



XI. Eine Stufe im Ich 97 

eben als die individuelle Ausbildung anerkannt haben, 
spurlos, wenn auch nur zeitweilig untergeht. 

Wir haben dies Wunder so verstanden, daß der 
Einzelne sein Ichideai aufgibt und es gegen das im 
Führer verkörperte Massenideal vertauscht. Das Wunder, 
dürfen wir berichtigend hinzufügen, ist nicht in allen 
Fällen gleich groß. Die Sonderung von Ich und Ich- 
ideal ist bei vielen Individuen nicht weit vorgeschritten, 
die beiden fallen noch leicht zusammen, das Ich hat 
sich oft die frühere narzißtische Selbstgefälligkeit be- 
wahrt. Die Wahl des Führers wird durch dies Verhältnis 
sehr erleichtert. Er braucht oft nur die typischen Eigen- 
schaften dieser Individuen in besonders scharfer und 
reiner Ausprägung zu besitzen und den Eindruck größerer 
Kraft und libidinöser Freiheit zu machen, so kommt 
ihm das Bedürfnis nach einem starken Oberhaupt ent- 
gegen und bekleidet ihn mit der Übermacht, auf die 
er sonst vielleicht keinen Anspruch hätte. Die anderen, 
deren Ichideal sich in seiner Person sonst nicht ohne 
Korrektur verkörpert hätte, werden dann „suggestiv", 
d. h. durch Identifizierung mitgerissen. 

Wir erkennen, was wir zur Aufklärung der libidi- 
nösen Struktur einer Masse beitragen konnten, führt 
sich auf die Unterscheidung des Ichs vom Ichideal und 
auf die dadurch ermöglichte doppelte Art der Bindung 
— Identifizierung und Einsetzung des Objekts an die 
Stelle des Ichideals — zurück. Die Annahme einer 
solchen Stufe im Ich als erster Schritt einer Ichanalyse 

Freud: Massenpsychologie und Ich- Analyse 7 






98 Massenpsychologie und Ich- Analyse 



muß ihre Rechtfertigung allmählich auf den verschie- 
densten Gebieten der Psychologie erweisen. In meiner 
Schrift „Zur Einführung des Narzißmus"' habe ich zu- 
sammengetragen, was sich zunächst von pathologischem 
Material zur Stütze dieser Sonderung verwerten ließ. 
Aber man darf erwarten, daß sich ihre Bedeutung bei 
weiterer Vertiefung in die Psychologie der Psychosen 
als eine viel größere enthüllen wird. Denken wir daran, 
daß das Ich nun in die Beziehung eines Objekts zu 
dem aus ihm entwickelten Ichideal tritt, und daß mög- 
licherweise alle Wechselwirkungen, die wir zwischen 
äußerem Objekt und Gesamt-Ich in der Neurosenlehre 
kennen gelernt haben, auf diesem neuen Schauplatz 
innerhalb des Ichs zur Wiederholung kommen. 

Ich will hier nur einer der von diesem Standpunkt 
aus möglichen Folgerungen nachgehen und damit die 
Erörterung eines Problems fortsetzen, das ich an anderer 
Stelle ungelöst verlassen mußte. 2 Jede der seelischen 
Differenzierungen, die uns bekannt geworden sind, stellt 
eine neue Erschwerung der seelischen Funktion dar, 
steigert deren Labilität und kann der Ausgangspunkt 
eines Versagens der Funktion, einer Erkrankung werden. 
So haben wir mit dem Geborenwerden den Schritt vom 

1) Jahrbuch für Psychoanalyse, VI, 1914. — Sammlung kleiner 
Schriften zur Neurosenlehre, 4. Folge. 

2) Trauer und Melancholie. Internationale Zeitschrift für Psycho- 
analyse, IV, 1916/ 18. — Sammlung kleiner Schriften zur Neurosen- 
lehre, 4. Folge. 

1 







XI. Eine Stufe im Ich 99 

absolut selbstgenügsamen Narzißmus zur Wahrnehmung 
einer veränderlichen Außenwelt und zum Beginn der 
Objektfindung gemacht, und damit ist verknüpft, daß 
wir den neuen Zustand nicht dauernd ertragen, daß 
wir ihn periodisch rückgängig machen und im Schlaf 
zum früheren Zustand der Reizlosigkeit und Objekt- 
vermeidung zurückkehren. Wir folgen dabei allerdings 
einem Wink der Außenwelt, die uns durch den perio- 
dischen Wechsel von Tag und Nacht zeitweilig den 
größten Anteil der auf uns wirkenden Reize entzieht. 
Keiner ähnlichen Einschränkung ist das zweite, für die 
Pathologie bedeutsamere Beispiel unterworfen. Im Laufe 
unserer Entwicklung haben wir eine Sonderung unseres 
seelischen Bestandes in ein kohärentes Ich und ein 
außerhalb dessen gelassenes, unbewußtes Verdrängtes 
vorgenommen, und wir wissen, daß die Stabilität dieser 
Neuerwerbung beständigen Erschütterungen ausgesetzt 
ist. Im Traum und in der Neurose pocht dieses Aus- 
geschlossene um Einlaß an den von Widerständen be- 
wachten Pforten, und in wacher Gesundheit bedienen 
wir uns besonderer Kunstgriffe, um das Verdrängte 
mit Umgehung der Widerstände und unter Lustgewinn 
zeitweilig in unser Ich aufzunehmen. Witz und Humor, 
zum Teil auch das Komische überhaupt, dürfen in 
diesem Licht betrachtet werden. Jedem Kenner der 
Neurosenpsychologie werden ähnliche Beispiele von ge- 
ringerer Tragweite einfallen, aber ich eile zu der be- 
absichtigten Anwendung. 

7* 



IOO Massenpsychologie und Ich-Analyse 

Es wäre gut denkbar, daß auch die Scheidung des 
Ichideals vom Ich nicht dauernd vertragen wird und 
sich zeitweilig zurückbilden muß. Bei allen Verzichten 
und Einschränkungen, die dem Ich auferlegt werden, 
ist der periodische Durchbruch der Verbote Regel, wie 
ja die Institution der Feste zeigt, die ursprünglich 
nichts anderes sind als vom Gesetz gebotene Exzesse 
und dieser Befreiung auch ihren heiteren Charakter 
verdanken. 1 Die Saturnalien der Römer und unser 
heutiger Karneval treffen in diesem wesentlichen Zug 
mit den Festen der Primitiven zusammen, die in Aus- 
schweifungen jeder Art mit Übertretung der sonst 
heiligsten Gebote auszugehen pflegen. Das Ichideal 
umfaßt aber die Summe aller Einschränkungen, denen 
das Ich sich fügen soll, und darum müßte die Ein- 
ziehung des Ideals ein großartiges Fest für das Ich 
sein, das dann wieder einmal mit sich selbst zufrieden 
sein dürfte. 8 

Es kommt immer zu einer Empfindung von Triumph, 
wenn etwas im Ich mit dem Ichideal zusammenfällt. 
Als Ausdruck der Spannung zwischen Ich und Ideal 
kann auch das Schuldgefühl (und Minderwertigkeits- 
gefühl) verstanden werden. 



i) Totem und Tabu. 

2) Trott er läßt die Verdrängung vom Herdentrieb ausgehen. 
Es ist eher eine Übersetzung in eine andere Ausdrucksweise als 
ein Widerspruch, wenn ich in der „Einführung des Narzißmus" 
gesagt habe: die Idealbildung wäre von Seiten des Ichs die Be- 
dingung der Verdrängung. 










XI. Eine Stufe im Ich ioi 



Es gibt bekanntlich Menschen, bei denen das All- 
gemeingefühl der Stimmung in periodischer Weise 
schwankt, von einer übermäßigen Gedrücktheit durch 
einen gewissen Mittelzustand zu einem erhöhten Wohl- 
befinden, und zwar treten diese Schwankungen in sehr 
verschieden großen Amplituden auf, vom eben Merk- 
lichen bis zu jenen Extremen, die als Melancholie und 
Manie höchst qualvoll oder störend in das Leben 
der Betroffenen eingreifen. In typischen Fällen dieser 
zyklischen Verstimmung scheinen äußere Veranlassungen 
keine entscheidende Rolle zu spielen; von inneren 
Motiven findet man bei diesen Kranken nicht mehr 
oder nichts anderes als bei allen anderen. Man hat sich 
deshalb gewöhnt, diese Fälle als nicht psychogene zu 
beurteilen. Von anderen, ganz ähnlichen Fällen zykli- 
scher Verstimmung, die sich aber leicht auf seelische 
Traumen zurückführen, soll später die Rede sein. 

Die Begründung dieser spontanen Stimmungs- 
schwankungen ist also unbekannt; in den Mechanismus 
der Ablösung einer Melancholie durch eine Manie fehlt 
uns die Einsicht. Somit wären dies die Kranken, für 
welche unsere Vermutung Geltung haben könnte, daß 
ihr Ichideal zeitweilig ins Ich aufgelöst wird, nachdem 
es vorher besonders strenge regiert hat. 

Halten wir zur Vermeidung von Unklarheiten fest: 
Auf dem Boden unserer Ichanalyse ist es nicht zweifel- 
haft, daß beim Manischen Ich und Ichideal zusammen- 
geflossen sind, so daß die Person sich in einer durch 






— -j 



102 Massenpsychologie und Ick- Analyse 



keine Selbstkritik gestörten Stimmung von Triumph und 
Selbstbeglücktheit des Wegfalls von Hemmungen, Rück- 
sichten und Selbstvorwürfen erfreuen kann. Es ist minder 
evident, aber doch recht wahrscheinlich, daß das Elend 
des Melancholikers der Ausdruck eines scharfen Zwie- 
spalts zwischen beiden Instanzen des Ichs ist, in dem 
das übermäßig empfindliche Ideal seine Verurteilung 
des Ichs im Kleinheitswahn und in der Selbsterniedrigung 
schonungslos zum Vorschein bringt. In Frage steht nur, 
ob man die Ursache dieser veränderten Beziehungen 
zwischen Ich und Ichideal in den oben postulierten 
periodischen Auflehnungen gegen die neue Institution 
suchen, oder andere Verhältnisse dafür verantwortlich 
machen soll. 

Der Umschlag in Manie ist kein notwendiger Zug 
im Krankheitsbild der melancholischen Depression. Es 
gibt einfache, einmalige und auch periodisch wieder- 
holte Melancholien, welche niemals dieses Schicksal 
haben. Anderseits gibt es Melancholien, bei denen die 
Veranlassung offenbar eine ätiologische Rolle . spielt. 
Es sind die nach dem Verlust eines geliebten Objekts, 
sei es durch den Tod desselben oder infolge von Um- 
ständen, die zum Rückzug der Libido vom Objekt 
genötigt haben. Eine solche psychogene Melancholie 
kann ebensowohl in Manie ausgehen und dieser Zyklus 
mehrmals wiederholt werden wie bei einer anscheinend 
spontanen. Die Verhältnisse sind also ziemlich undurch- 
sichtig, zumal da bisher. nur wenige Formen und Fälle 









XL Eine Stufe im Ich 103 



von Melancholie der psychoanalytischen Untersuchung 
unterzogen worden sind. 1 Wir verstehen bis jetzt nur 
jene plle T i n denen das Obje kL-aufgegeben ft wurde, 

weil es sich - der Liebe u nwürdig gezeigt ^Jiatte. Es 

wird dann durch Identifizierung im Ich wi eder ^aiaf- 
gerichtet und vom Ichideal streng gerichtet. Die Vor- 
würfe und Ägressionen gegen"liäs'tDr5Jelet'"kommen als 
melancholische Selbstvorwürfe zum Vorschein. 3 

Auch an eine solche Melancholie kann sich der Um- 
schlag in Manie anschließen, so daß diese Möglichkeit 
einen von den übrigen Charakteren des Krankheitsbildes 
unabhängigen Zug darstellt. 

Ich sehe indes keine Schwierigkeit, das Moment der 
periodischen Auflehnung des Ichs gegen das Ichideal für 
beide Arten der Melancholien, die psychogenen wie die 
spontanen, in Betracht kommen zu lassen. Bei den spon- 
tanen kann man annehmen, daß das Ichideal zur Entfal- 
tung einer besonderen Strenge neigt, die dann automa- 
tisch seine zeitweilige Aufhebung zur Folge hat. Bei den 
psychogenen würde das Ich zur Auflehnung gereizt durch 
die Mißhandlung von Seiten seines Ideals, die es im Fall 
der Identifizierung mit einem verworfenen Objekt erfährt. 

1) Vgl. Abraham, Ansätze zur psychoanalytischen Erforschung 
und Behandlung des manisch-depressiven Irreseins etc., 1912, in 
„Klinische Beiträge zur Psychoanalyse" 1921. 

2) Genauer gesagt :_sie .verbergen sich hinter den Vorwürfen 
Jgege^daT'eigene T c h, verleihen ihnen die Festigkeit, Zähigkeit 

unÖnäweisbarkeit, durch welche sich die Selbstvorwürje der 
Melancholiker auszeichnen. 



XII 

NACHTRÄGE 

Im Laufe der Untersuchung, die jetzt zu einem 
vorläufigen Abschluß gekommen ist, haben sich uns 
verschiedene Nebenwege eröffnet, die wir zuerst ver- 
mieden haben, auf denen uns aber manche nahe Ein- 
sicht winkte. Einiges von dem so Zurückgestellten wollen 
wir nun nachholen. 

A. Die Unterscheidung von Ichidentifizierung und 
Ichidealersetzung durch das Objekt findet eine inter- 
essante Erläuterung an den zwei großen künstlichen 
Massen, die wir eingangs studiert haben, dem Heer 
und der christlichen Kirche. 

Es ist evident, daß der Soldat seinen Vorgesetzten, 
also eigentlich den Armeeführer, zum Ideal nimmt, 
während er sich mit seinesgleichen identifiziert und 
aus dieser Ichgemeinsamkeit die Verpflichtungen der 
Kameradschaft zur gegenseitigen Hilfeleistung und Güter- 
teilung ableitet. Aber er wird lächerlich, wenn er sich 
mit dem Feldherrn identifizieren will. Der Jäger in 
Wallensteins Lager verspottet darob den Wachtmeister : 
Wie er räuspert und wie er spuckt, 
Das habt ihr ihm glücklich abgeguckt! . . . 



XII. Nachträge 105 



Anders in der katholischen Kirche. Jeder Christ 
liebt Christus als sein Ideal und fühlt sich den anderen 
Christen durch Identifizierung verbunden. Aber die 
Kirche fordert von ihm mehr. Er soll überdies sich mit 
Christus identifizieren und die anderen Christen lieben, 
wie Christus sie geliebt hat. Die Kirche fordert also 
an beiden Stellen die Ergänzung der durch die Massen- 
bildung gegebenen Libidoposition. Die Identifizierung 
soll dort hinzukommen, wo die Objektwahl stattgefunden 
hat, und die Objektliebe dort, wo die Identifizierung 
besteht. Dieses Mehr geht offenbar über die Konsti- 
tution der Masse hinaus. Man kann ein guter Christ 
sein und doch könnte einem die Idee, sich an Christi 
Stelle zu setzen, wie er alle Menschen liebend zu um- 
fassen ferne liegen. Man braucht sich ja nicht als 
schwacher Mensch die Seelengröße und Liebesstärke 
des Heilands zuzutrauen. Aber diese Weiterentwicklung 
der Libidoverteilung in der Masse ist wahrscheinlich 
das Moment, auf welches das Christentum den An- 
spruch gründet, eine höhere Sittlichkeit gewonnen zu 

haben. 

B. Wir sagten, es wäre möglich, die Stelle in der 
seelischen Entwicklung der Menschheit anzugeben, an 
der sich auch für den Einzelnen der Fortschritt von 
der Massen- zur Individualpsychologie vollzog.' 

1) Das hier folgende steht unter dem Einflüsse eines Gedanken- 
austausches mit Otto Rank. (Siehe „Die Don Juan-Gestalt*', Imago, 
VUI. 2. 1922). 



io6 Massenpsychologie und Ich- Analyse 

Dazu müssen wir wieder kurz auf den wissenschaft- 
lichen Mythus vom Vater der Urhorde zurückgreifen. 
Er wurde später zum Weltschöpfer erhöht, mit Recht, 
denn er hatte alle die Söhne erzeugt, welche die erste 
Masse zusammensetzten. Er war das Ideal jedes ein- 
zelnen von ihnen, gleichzeitig gefürchtet und verehrt, 
was für später den Begriff des Tabu ergab. Diese 
Mehrheit faßte sich einmal zusammen, tötete und zer- 
stückelte ihn. Keiner der Massensieger konnte sich an 
seine Stelle setzen, oder wenn es einer tat, erneuerten 
sich die Kämpfe, bis sie einsahen, daß sie alle auf die 
Erbschaft des Vaters verzichten mußten. Sie bildeten 
dann die totemistische Brüdergemeinschaft, alle mit 
gleichem Rechte und durch die Totemverbote gebunden, 
die das Andenken der Mordtat erhalten und sühnen 
sollten. Aber die Unzufriedenheit mit dem Erreichten 
blieb und wurde die Quelle neuer Entwicklungen. All- 
mählich näherten sich die zur Brudermasse Verbundenen 
einer Herstellung des alten Zustandes auf neuem Niveau, 
der Mann wurde wiederum Oberhaupt einer Familie und 
brach die Vorrechte der Frauenherrschaft, die sich in 
der vaterlosen Zeit festgesetzt hatte. Zur Entschädigung 
mag er damals die Muttergottheiten anerkannt haben, 
deren Priester kastriert wurden zur Sicherung der Mutter 
nach dem Beispiel, das der Vater der Urhorde gegeben 
hatte; doch war die neue Familie nur ein Schatten 
der alten, der Väter waren viele und jeder durch die 
Rechte des anderen beschränkt. 



XII Nachträge 107 

Damals mag die sehnsüchtige Entbehrung einen 
Einzelnen bewogen haben, sich von der Masse loszulösen 
und sich in die Rolle des Vaters zu versetzen. Wer 
dies tat, war der erste epische Dichter, der Fortschritt 
wurde in seiner Phantasie vollzogen. Dieser Dichter log 
die Wirklichkeit um im Sinne seiner Sehnsucht. Er 
erfand den heroischen Mythus. Heros war, wer allein 
den Vater erschlagen hatte, der im Mythus noch als 
totemistisches Ungeheuer erschien. Wie der Vater das 
erste Ideal des Knaben gewesen war, so schuf jetzt 
der Dichter im Heros, der den Vater ersetzen will, 
das erste Ichideal. Die Anknüpfung an den Heros bot 
wahrscheinlich der jüngste Sohn, der Liebling der Mutter, 
den sie vor der väterlichen Eifersucht beschützt hatte, 
und der in Urhordenzeiten der Nachfolger des Vaters 
geworden war. In der lügenhaften Umdichtung der 
Urzeit wurde das Weib, das der Kampfpreis und die 
Verlockung des Mordes gewesen war, wahrscheinlich 
zur Verführerin und Anstifterin der Untat. 

Der Heros will die Tat allein vollbracht haben, 
deren sich gewiß nur die Horde als Ganzes getraut 
hatte. Doch hat nach einer Bemerkung von Rank das 
Märchen deutliche Spuren des verleugneten Sachverhalts 
bewahrt. Denn dort kommt es häufig vor, daß der Held, 
der eine schwierige Aufgabe zu lösen hat — meist ein 
jüngster Sohn, nicht selten einer, der sich vor dem 
Vatersurrogat dumm, d. h. ungefährlich gestellt hat — 
diese Aufgabe doch nur mit Hilfe einer Schaf von 






■ 



ioS Massenpsychologie und Ich-Analyse 



kleinen Tieren (Bienen, Ameisen) lösen kann. Dies 
wären die Brüder der Urhorde, wie ja auch in der 
Traumsymbolik Insekten, Ungeziefer die Geschwister 
(verächtlich: als kleine Kinder) bedeuten. Jede der Auf- 
gaben in Mythus und Märchen ist überdies leicht als 
Ersatz der heroischen Tat zu erkennen. 

Der Mythus ist also der Schritt, mit dem der Ein- 
zelne aus der Massenpsychologie austritt. Der erste 
Mythus war sicherlich der psychologische, der Heroen- 
mythus; der erklärende Naturmythus muß weit später 
aufgekommen sein. Der Dichter, der diesen Schritt 
getan und sich so in der Phantasie von der Masse 
gelöst hatte, weiß nach einer weiteren Bemerkung von 
Rank doch in der Wirklichkeit die Rückkehr zu ihr 
zu finden. Denn er geht hin und erzählt dieser Masse 
die Taten seines Helden, die er erfunden. Dieser Held 
ist im Grunde kein anderer als er selbst. Er senkt sich 
somit zur Realität herab und hebt seine Hörer zur 
Phantasie empor. Die Hörer aber verstehen den Dichter, 
sie können sich auf Grund der nämlichen sehnsüchtigen 
Beziehung zum Urvater mit dem Heros identifizieren.' 

Die Lüge des heroischen Mythus gipfelt in der Ver- 
gottung des Heros. Vielleicht war der vergottete Heros 
früher als der Vatergott, der Vorläufer der Wieder- 
kehr des Urvaters als Gottheit. Die Götterreihe liefe 



' 



i) Vgl. Hanns Sachs, Gemeinsame Tagträume, Autoreferat 
eines Vortrags auf dem VI. psychoanalytischen Kongreß im Haag, 
1920. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, VI, 1920. 






XII. Nachträge 109 









dann chronologisch so: Muttergöttin— Heros— Vatergott. 
Aber erst mit der Erhöhung des nie vergessenen Ur- 
vaters erhielt die Gottheit die Züge, die wir noch heute 
an ihr kennen. 1 

C. Wir haben in dieser Abhandlung viel von direkten 
und von zielgehemmten Sexualtrieben gesprochen und 
dürfen hoffen, daß diese Unterscheidung nicht auf großen 
Widerstand stoßen wird. Doch wird eine eingehende 
Erörterung darüber nicht unwillkommen sein, selbst 
wenn sie nur wiederholt, was zum großen Teil bereits 
an früheren Stellen gesagt worden ist. 

Das erste, aber auch beste Beispiel zielgehemmter 
Sexualtriebe hat uns die Libidoentwicklung des Kindes 
kennen gelehrt. Alle die Gefühle, welche das Kind für 
seine Eltern und Pflegepersonen empfindet, setzen sich 
ohne Schranke in die Wünsche fort, welche dem Sexual- 
streben des Kindes Ausdruck geben. Das Kind ver- 
langt von diesen geliebten Personen alle Zärtlichkeiten, 
die ihm bekannt sind, will sie küssen, berühren, be- 
schauen, ist neugierig, ihre Genitalien zu sehen und bei 
ihren intimen Exkretionsverrichtungen anwesend zu sein, 
es verspricht, die Mutter oder Pflegerin zu heiraten, 
was immer es sich darunter vorstellen mag, setzt sich 
vor, dem Vater ein Kind zu gebären usw. Direkte 
Beobachtung sowie die nachträgliche analytische Durch- 

iVIn dieser abgekürzten Darstellung ist auf alles Material 
aus Sage, Mythus, Märchen, Sittengeschichte usw. zur Stütze der 
Konstruktion verzichtet worden. 



T 



no Massenpsychologie und Ich-Analyse 

leuchtung der Kindheitsreste lassen über das unmittel- 
bare Zusammenfließen zärtlicher und eifersüchtiger Ge- 
fühle und sexueller Absichten keinen Zweifel und legen 
uns dar, in wie gründlicher Weise das Kind die geliebte 
Person zum Objekt aller seiner noch nicht richtig zen- 
trierten Sexualbestrebungen macht. (Vgl. Sexualtheorie.) 
Diese erste Liebesgestaltung des Kindes, die typisch 
dem Ödipuskomplex zugeordnet ist, erliegt dann, wie 
bekannt, vom Beginn der Latenzzeit an einem Ver- 
drängungsschub. Was von ihr erübrigt, zeigt sich uns 
als rein zärtliche Gefühlsbindung, die denselben Personen 
gilt, aber nicht mehr als „sexuell" bezeichnet werden 
soll. Die Psychoanalyse, welche die Tiefen des Seelen- 
lebens durchleuchtet, hat es nicht schwer aufzuweisen, 
daß auch die sexuellen Bindungen der ersten Kinder- 
jahre noch fortbestehen, aber verdrängt und unbewußt. 
Sie gibt uns den Mut zu behaupten, daß überall, wo 
wir ein zärtliches Gefühl begegnen, dies der Nachfolger 
einer voll „sinnlichen" Objektbindung an die betreffende 
Person oder ihr Vorbild (ihre Imago) ist. Sie kann uns 
freilich nicht ohne besondere Untersuchung verraten, 
ob diese vorgängige sexuelle Vollströmung in einem 
gegebenen Fall noch als verdrängt besteht oder ob 
sie bereits aufgezehrt ist. Um es noch schärfer zu 
fassen: es steht fest, daß sie als Form und Möglichkeit 
noch vorhanden ist und jederzeit wieder durch Regressoin 
besetzt, aktiviert werden kann; es fragt sich nur und 
ist nicht immer zu entscheiden, welche Besetzung und 



-1 



XII. Nachträge in 



Wirksamkeit sie gegenwärtig noch hat. Man muß sich 
hierbei gleichmäßig vor zwei Fehlerquellen in Acht 
nehmen, vor der Scylla der Unterschätzung des ver- 
drängten Unbewußten, wie vor der Charybdis der 
Neigung, das Normale durchaus mit dem Maß des 
Pathologischen zu messen. 

Der Psychologie, welche die Tiefe des Verdrängten 
nicht durchdringen will oder kann, stellen sich die 
zärtlichen Gefühlsbindungen jedenfalls als Ausdruck von 
Strebuncren dar, die nicht nach dem Sexuellen zielen, 
wenngleich sie aus solchen, die danach gestrebt haben, 
hervorgegangen sind. 1 

Wir sind berechtigt zu sagen, sie sind von diesen 
sexuellen Zielen abgelenkt worden, wenngleich es seine 
Schwierigkeiten hat, in der Darstellung einer solchen 
Zielablenkung den Anforderungen der Metapsychologie 
zu entsprechen. Übrigens halten diese zielgehemmten 
Triebe immer noch einige der ursprünglichen Sexualziele 
fest; auch der zärtlich Anhängliche, auch der Freund, 
der Verehrer sucht die körperliche Nähe und den Anblick 
der nur mehr im „paulinischen" Sinne geliebten Person. 
Wenn wir es wollen, können wir in dieser Zielablenkung 
einen Beginn von Sublimierung der Sexualtriebe an- 
erkennen oder aber die Grenze für letztere noch ferner 
stecken. Die zielgehemmten Sexualtriebe haben vor den 



i) Die feindseligen Gefühle sind gewiß um ein Stück kompli- 
zierter aufgebaut 






1 1 2 Massenpsychologie und Ich- Analyse 

ungehemmten einen großen funktionellen Vorteil. Da sie 
einer eigentlich vollen Befriedigung nicht fähig sind, 
eignen sie sich besonders dazu, dauernde Bindungen zu 
schaffen, während die direkt sexuellen jedesmal durch 
die Befriedigung ihrer Energie verlustig werden und 
auf Erneuerang durch Wiederanhäufung der sexuellen 
Libido warten müssen, wobei inzwischen das Objekt 
gewechselt werden kann. Die gehemmten Triebe sind 
jedes Maßes von Vermengung mit den ungehemmten 
fähig, können sich in sie rück verwandeln, wie sie aus 
ihnen hervorgegangen sind. Es ist bekannt, wie leicht 
sich aus Gefühlsbeziehungen freundschaftlicher Art, auf 
Anerkennung und Bewunderung gegründet, erotische 
Wünsche entwickeln (das Moliere'sche: Embrassez-moi 
pour l'amour du Grec), zwischen Meister und Schülerin, 
Künstler und entzückter Zuhörerin, zumal bei Frauen. 
Ja die Entstehung solcher zuerst absichtsloser Gefühls- 
bindungen gibt direkt einen viel begangenen Weg zur 
sexuellen Objektwahl. In der „Frömmigkeit des Grafen 
von Zinzendorf" hat P fister ein überdeutliches, gewiß 
nicht vereinzeltes Beispiel dafür aufgezeigt, wie nahe 
es liegt, daß auch intensive religiöse Bindung in brünstige 
sexuelle Erregung zurückschlägt. Anderseits ist auch 
die Umwandlung direkter, an sich kurzlebiger, sexueller 
Strebungen in dauernde, bloß zärtliche Bindung etwas 
sehr gewöhnliches und die Konsolidierung einer aus 
verliebter Leidenschaft geschlossenen Ehe beruht zu 
einem großen Teil auf diesem Vorgang. 



XII Nachträge 113 

Es wird uns natürlich nicht verwundern zu hören, 
daß die zielgehemmten Sexualstrebungen sich aus den 
direkt sexuellen dann ergeben, wenn sich der Erreichung 
der Sexualziele innere oder äußere Hindernisse entgegen- 
stellen. Die Verdrängung der Latenzzeit ist ein solches 
inneres — oder besser : innerlich gewordenes — Hindernis. 
Vom Vater der Urhorde haben wir angenommen, daß 
er durch seine sexuelle Intoleranz alle Söhne zur Ab- 
stinenz nötigt und sie so in zielgehemmte Bindungen 
drängt, während er selbst sich freien Sexualgenuß vor- 
behält und somit ungebunden bleibt. Alle Bindungen, 
auf denen die Masse beruht, sind von der Art der 
zielgehemmten Triebe. Damit aber haben wir uns der 
Erörterung eines neuen Themas genähert, welches die 
Beziehung der direkten Sexualtriebe zur Massenbildung 
behandelt. 

D. Wir sind bereits durch die beiden letzten Be- 
merkungen darauf vorbereitet zu finden, daß die direkten 
Sexualstrebungen der Massenbildung ungünstig sind. Es 
hat zwar auch in der Entwicklungsgeschichte der Familie 
Massenbeziehungen der sexuellen Liebe gegeben (die 
Gruppenehe), aber je bedeutungsvoller die Geschlechts- 
liebe für das Ich wurde, je mehr Verliebtheit sie ent- 
wickelte, desto eindringlicher forderte sie die Einschrän- 
kung auf zwei Personen — una cum uno — die durch 
die Natur des Genitalziels vorgezeichnet ist. Die poly- 
gamen Neigungen wurden darauf angewiesen, sich im 
Nacheinander des Objekt wechseis zu befriedigen. 

Freud: Massenpsychologie und Ich- Analyse 8 









H4 Massenpsychologie und Ich-Analyse 



i 



Die beiden zum Zweck der Sexualbefriedigung auf- 
einander angewiesenen Personen demonstrieren gegen 
den Herdentrieb, das Massengefühl, indem sie die Ein- 
samkeit aufsuchen. Je verliebter sie sind,' desto voll- 
kommener genügen sie einander. Die Ablehnung des 
Einflusses der Masse äußert sich als Schamgefühl. Die 
äußerst heftigen Gefühlsregungen der Eifersucht werden 
aufgeboten, um die sexuelle Objektvvahl gegen die Be- 
einträchtigung durch eine Massenbindung zu schützen. 
Nur wenn der zärtliche, also persönliche Faktor der 
Liebesbeziehung völlig hinter den sinnlichen zurücktritt, 
wird der Liebesverkehr eines Paares in Gegenwart 
anderer oder gleichzeitige Sexualakte innerhalb einer 
Gruppe wie bei der Orgie möglich. Damit ist aber eine 
Regression zu einem frühen Zustand der Geschlechts- 
beziehungen gegeben, in dem die Verliebtheit noch 
keine Rolle spielte, die Sexualobjekte einander gleich- 
wertig erachtet wurden, etwa im Sinne von dem bösen 
Wort Bernard Shaw's: Verliebtsein heiße, den Unter- 
schied zwischen einem Weib und einem anderen un- 
gebührlich überschätzen. 

Es sind reichlich Anzeichen dafür vorhanden, daß 
die Verliebtheit erst spät in die Sexualbeziehungen 
zwischen Mann und Weib Eingang fand, so daß auch 
die Gegnerschaft zwischen Geschlechtsliebe und Massen- 
bindung eine spät entwickelte ist. Nun kann es den 
Anschein haben, als ob diese Annahme unverträglich 
mit unserem Mythus von der Urfamilie wäre. Die Brüder- 



XII. Nachträge 1 1 5 



schar soll doch durch die Liebe zu den Müttern und 
Schwestern zum Vatermord getrieben worden sein, und 
es ist schwer, sich diese Liebe anders denn als eine 
ungebrochene, primitive, d. h. als innige Vereinigung 
von zärtlicher und sinnlicher vorzustellen. Allein bei 
weiterer Überlegung löst sich dieser Einwand in eine 
Bestätigung auf. Eine der Reaktionen auf den Vater- 
mord war doch die Einrichtung der totemistischen 
Exogamie, das Verbot jeder sexuellen Beziehung mit 
den von der Kindheit an zärtlich geliebten Frauen der 
Familie. Damit war der Keil zwischen die zärtlichen 
und sinnlichen Regungen des Mannes eingetrieben, der 
heute noch in seinem Liebesleben festsitzt. 1 Infolge dieser 
Exogamie mußten sich die sinnlichen Bedürfnisse der 
Männer mit fremden und ungeliebten Frauen begnügen. 
In den großen künstlichen Massen, Kirche und Heer, 
ist für das Weib als Sexualobjekt kein Platz. Die Liebes- 
beziehung zwischen Mann und Weib bleibt außerhalb 
dieser Organisationen. Auch wo sich Massen bilden, 
die aus Männern und Weibern gemischt sind, spielt 
der Geschlechtsunterschied keine Rolle. Es hat kaum 
einen Sinn zu fragen, ob die Libido, welche die Massen 
zusammenhält, homosexueller oder heterosexueller Natur 
ist, denn sie ist nicht nach den Geschlechtern differenziert 
und sieht insbesondere von den Zielen der Genital- 
organisation der Libido völlig ab. 

1) S. Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens, 
191 2, Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, 4. Folge. 

8* 



■ 






1 1 6 Massenpsychologie und Ich-Analyse 

Die direkten Sexualstrebungen erhalten auch für 
das sonst in der Masse aufgehende Einzelwesen ein 
Stück individueller Betätigung. Wo sie überstark werden, 
zersetzen sie jede Massenbildung. Die katholische Kirche 
hatte die besten Motive, ihren Gläubigen die Ehelosigkeit 
zu empfehlen und ihren Priestern das Zölibat aufzu- 
erlegen, aber die Verliebtheit hat oft auch Geistliche 
zum Austritt aus der Kirche getrieben. In gleicher 
Weise durchbricht die Liebe zum Weibe die Massen- 
bindungen der Rasse, der nationalen Absonderung und 
der sozialen Klassenordnung und vollbringt damit kulturell 
wichtige Leistungen. Es scheint gesichert, daß sich die 
homosexuelle Liebe mit den Massenbindungen weit 
besser verträgt, auch wo sie als ungehemmte Sexual- 
strebung auftritt; eine merkwürdige Tatsache, deren 
Aufklärung weit führen dürfte. 

Die psychoanalytische Untersuchung der Psycho- 
neurosen hat uns gelehrt, daß deren Symptome von 
verdrängten, aber aktiv gebliebenen direkten Sexual- 
strebungen abzuleiten sind. Man kann diese Formel 
vervollständigen, wenn man hinzufügt : oder von solchen 
zielgehemmten, bei denen die Hemmung nicht durch- 
gehends gelungen ist oder einer Rückkehr zum ver- 
drängten Sexualziel den Platz geräumt hat. Diesem 
Verhältnis entspricht, daß die Neurose asozial macht, 
den von ihr Betroffenen aus den habituellen Massen- 
bildungen heraushebt. Man kann sagen, die Neurose 
wirkt in ähnlicher Weise zersetzend auf die Masse wie 



XII Nachträge \ \ 7 



die Verliebtheit. Dafür kann man sehen, daß dort, wo 
ein kräftiger Anstoß zur Massenbildung erfolgt ist, die 
Neurosen zurücktreten und wenigstens für eine Zeit- 
lang schwinden ' können. Man hat auch mit Recht ver- 
sucht, diesen Widerstreit von Neurose und Massen- 
bildung therapeutisch zu verwerten. Auch wer das 
Schwinden der religiösen Illusionen in der heutigen 
Kulturwelt nicht bedauert, wird zugestehen, daß sie 
den durch sie Gebundenen den stärksten Schutz gegen 
die Gefahr der Neurose boten, so lange sie selbst 
noch in Kraft waren. Es ist auch nicht schwer, in all 
den Bindungen an mystisch-religiöse oder philosophisch- 
mystische Sekten und Gemeinschaften den Ausdruck 
von Schiefheilungen mannigfaltiger Neurosen zu er- 
kennen. Das alles hängt mit dem Gegensatz der 
direkten und zielgehemmten Sexualstrebungen zu- 
sammen. 

Sich selbst überlassen ist der Neurotiker genötigt, 
sich die großen Massenbildungen, von denen er aus- 
geschlossen ist, durch seine Symptombildungen zu er- 
setzen. Er schafft sich seine eigene Phantasiewelt, 
seine Religion, sein Wahnsystem und wiederholt so 
die Institutionen der Menschheit in einer Verzerrung, 
welche deutlich den übermächtigen Beitrag der direkten 
Sexualstrebungen bezeugt. 1 



1) S. Totem und Tabu, zu Ende des Abschnitts II: Das 
Tabu und die Ambivalenz. 



1 1 8 Massenpsychologie und Ich- Analyse 

E. Fügen wir zum Schluß eine vergleichende 
Würdigung der Zustände, die uns beschäftigt haben, 
vom Standpunkt der Libidotheorie an, der Verliebt- 
heit, Hypnose, Massenbildung und der' Neurose. 

Die Verliebtheit beruht auf dem gleichzeitigen 
Vorhandensein von direkten und von zielgehemmten 
Sexualstrebungen, wobei das Objekt einen Teil der 
narzißtischen Ichlibido auf sich zieht. Sie hat nur Raum 
für das Ich und das Objekt. 

Die Hypnose teilt mit der Verliebtheit die Ein- 
schränkung auf diese beiden Personen, aber sie be- 
ruht durchaus auf zielgehemmten Sexualstrebungen 
und setzt das Objekt an die Stelle des Ichideals. 

Die Masse vervielfältigt diesen Vorgang, sie stimmt 
mit der Hypnose in der Natur der sie zusammen- 
haltenden Triebe und in der Ersetzung des Ichideals 
durch das Objekt überein, aber sie fügt die Identi- 
fizierung mit anderen Individuen hinzu, die vielleicht 
ursprünglich durch die gleiche Beziehung zum Objekt 
ermöglicht wurde. 

Beide Zustände, Hypnose wie Massenbildung, sind 
Erbniederschläge aus der Phylogenese der mensch- 
lichen Libido, die Hypnose als Disposition, die Masse 
überdies als direktes Überbleibsel. Die Ersetzung der 
direkten Sexualstrebungen durch die zielgehemmten 
befördert bei beiden die Sonderung von Ich und Ich- 
ideal, zu der bei der Verliebtheit schon ein Anfang 
gemacht ist. 



— =*— 












XII Nachträge 1 19 



Die Neurose tritt aus dieser Reihe heraus. Auch 
sie beruht auf einer Eigentümlichkeit der menschlichen 
Libidoentwicklung, auf dem durch die Latenzzeit unter- 
brochenen, doppelten Ansatz der direkten Sexual- 
funktion. (S. Sexualtheorie, 4. Aufl., 1920, S. 96.) 
Insoferne teilt sie mit Hypnose und Massenbildung den 
Charakter einer Regression, welcher der Verliebtheit 
abgeht. Sie tritt überall dort auf, wo der Fortschritt 
von direkten zu zielgehemmten Sexualtrieben nicht 
voll geglückt ist, und entspricht einem Konflikt 
zwischen den ins Ich aufgenommenen Trieben, welche 
eine solche Entwicklung durchgemacht haben, und den 
Anteilen derselben Triebe, welche vom verdrängten 
Unbewußten her — ebenso wie andere völlig ver- 
drängte Triebregungen — nach ihrer direkten Befrie- 
digung streben. Sie ist inhaltlich ungemein reichhaltig, 
da sie alle möglichen Beziehungen zwischen Ich und 
Objekt umfaßt, sowohl die, in denen das Objekt bei- 
behalten als auch andere, in denen es aufgegeben 
oder im Ich selbst aufgerichtet ist, aber ebenso die 
Konfliktbeziehungen zwischen dem Ich und seinem 
Ichideal. 



INHALTSVERZEICHNIS: 

Seilo 

I. Einleitung J 

II. Le Bon's Schilderung der Massenseele 5 

III. Andere Würdigungen des kollektiven Seelenlebens . . 22 

IV. Suggestion und Libido 3 2 

V. Zwei künstliche Massen: Kirche und Heer 40 

VI. Weitere Aufgaben und Arbeitsrichtungen 5 1 

VII. Die Identifizierung 58 

VIII. Verliebtheit und Hypnose 68 

IX. Der Herdentrieb 77 

X. Die Masse und die Urhorde , . 86 

XI. Eine Stufe im Ich Q 6 

XII. Nachträge 10 4 



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