S I G M. FREUD
Massenpsychologie
und Ich -Analyse
INTERNATIONAL
PSYCHOANALYTIC
UNIVERSITY
DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN
lli . rf .. ^t . - . , . ,_,
Massenpsychologie
und
Ich-Analyse
von
.
Sigm. Freud
Zweite Auflage
(6. — 10. Tausend)
i9 2 3
Internationaler Psychoanalytischer Verlag
Leipzig Wien Zürich
Massenpsychologie und Ich-Analyse
geworden sind, können den Anspruch erheben, als
soziale Phänomene gewürdigt zu werden, und stellen
sich dann in Gegensatz zu gewissen anderen, von uns
narzißtisch genannten Vorgängen, bei denen die
Triebbefriedigung sich dem Einfluß anderer Personen
entzieht oder auf sie verzichtet. Der Gegensatz zwischen
sozialen und narzißtischen — Bleuler würde vielleicht
sagen: autistischen — seelischen Akten fällt also
durchaus innerhalb des Bereichs der Individualpsycho-
logie und eignet sich nicht dazu, sie von einer Sozial-
oder Massenpsychologie abzutrennen. •
In den erwähnten Verhältnissen zu Eltern und
Geschwistern, zur Geliebten, zum Freunde und zum
Arzt erfährt der Einzelne immer nur den Einfluß einer
einzigen oder einer sehr geringen Anzahl von Personen,
von denen eine jede eine großartige Bedeutung für
ihn erworben hat. Man hat sich nun gewöhnt, wenn
man von Sozial- oder Massenpsychologie spricht, von
diesen Beziehungen abzusehen und die gleichzeitige
Beeinflussung des Einzelnen durch eine große Anzahl
von Personen, mit denen er durch irgend etwas ver-
bunden ist, während sie ihm sonst in vielen Hinsichten
fremd sein mögen, als Gegenstand der Untersuchung
abzusondern. Die Massenpsychologie behandelt also
den einzelnen Menschen als Mitglied eines Stammes,
eines Volkes, einer Kaste, eines Standes, einer Institu-
tion oder als Bestandteil eines Menschenhaufens, der
sich zu einer gewissen Zeit für einen bestimmten Zweck
/. Einleitung
zur Masse organisiert. Nach dieser Zerreißung eines
natürlichen Zusammenhanges lag es dann nahe, die
Erscheinungen, die sich unter diesen besonderen Be-
dingungen zeigen, als Äußerungen eines besonderen,
weiter nicht zurückführbaren Triebes anzusehen, des
sozialen Triebes — herd instinct, group mind — der
in anderen Situationen nicht zum Ausdruck kommt.
Wir dürfen aber wohl den Einwand erheben, es falle
uns schwer, dem Moment der Zahl eine so große
Bedeutung einzuräumen, daß es ihm allein möglich
sein sollte, im menschlichen Seelenleben einen neuen
und sonst nicht betätigten Trieb zu wecken. Unsere
Erwartung wird somit auf zwei andere Möglichkeiten
hingelenkt: daß der soziale Trieb kein ursprünglicher
und unzerlegbarer sein mag, und daß die Anfänge
seiner Bildung in einem engeren Kreis, wie etwa in
dem der Familie, gefunden werden können.
Die Massenpsychologie, obwohl erst in ihren An-
fängen befindlich, umfaßt eine noch unübersehbare
Fülle von Einzelproblemen und stellt dem Untersucher
ungezählte, derzeit noch nicht einmal gut gesonderte
Aufgaben. Die bloße Gruppierung der verschiedenen
Formen von Massenbildung und die Beschreibung der
von ihnen geäußerten psychischen Phänomene erfordern
einen großen Aufwand von Beobachtung und Dar-
stellung und haben bereits eine reichhaltige Literatur
entstehen lassen. Wer dies schmale Büchlein an dem
Umfang der Massenpsychologie mißt, wird ohneweiters
4
Massenpsychologie und Ich-Analyse
vermuten dürfen, daß hier nur wenige Punkte des
ganzen Stoffes behandelt werden sollen. Es werden
wirklich auch nur einige Fragen sein, an denen die
Tiefenforschung der Psychoanalyse ein besonderes
Interesse nimmt.
II
LE BON'S SCHILDERUNG DER MASSENSEELE
Zweckmäßiger als eine Definition voranzustellen
scheint es, mit einem Hinweis auf das Erscheinungs-
gebiet zu beginnen und aus diesem einige besonders
auffällige und charakteristische Tatsachen herauszu-
greifen, an welche die Untersuchung anknüpfen kann.
Wir erreichen beides durch einen Auszug aus dem
mit Recht berühmt gewordenen Buch von Le Bon,
Psychologie der Massen. 1
Machen wir uns den Sachverhalt nochmals klar:
Wenn die Psychologie, welche die Anlagen, Trieb-
regungen, Motive, Absichten eines einzelnen Menschen
bis zu seinen Handlungen und in die Beziehungen zu
seinen Nächsten verfolgt, ihre Aufgabe restlos gelöst
und alle diese Zusammenhänge durchsichtig gemacht
hätte, dann fände sie sich plötzlich vor einer neuen
Aufgabe, die sich ungelöst vor ihr erhebt. Sie müßte
die überraschende Tatsache erklären, daß dies ihr
verständlich gewordene Individuum unter einer be-
stimmten Bedingung ganz anders fühlt, denkt und
i) Übersetzt von Dr. Rudolf Eisler, zweite Auflage 1912.
Massenpsychologie und Ich-Analyse
handelt, als von ihm zu erwarten stand, und diese
Bedingung ist die Einreihung in eine Menschenmenge,
welche die Eigenschaft einer „psychologischen Masse"
erworben hat. Was ist nun eine „Masse", wodurch
erwirbt sie die Fähigkeit, das Seelenleben des Ein-
zelnen so entscheidend zu beeinflussen, und worin be-
steht die seelische Veränderung, die sie dem Ein-
zelnen aufnötigt?
Diese drei Fragen zu beantworten, ist die Auf-
gabe einer theoretischen Massenpsychologie. Man greift
sie offenbar am besten an, wenn man von der dritten
ausgeht. Es ist die Beobachtung der veränderten
Reaktion des Einzelnen, welche der Massenpsycho-
logie den Stoff liefert; jedem Erklärungsversuch muß
ja die Beschreibung des zu Erklärenden vorausgehen.
Ich lasse nun Le Bon zu Worte, kommen. Er
sagt (S. 13): „An einer psychologischen Masse ist
das Sonderbarste dies: welcher Art auch die sie
zusammensetzenden Individuen sein mögen, wie ähn-
lich oder unähnlich ihre Lebensweise, Beschäftigung,
ihr Charakter oder ihre Intelligenz ist, durch den
bloßen Umstand ihrer Umformung zur Masse besitzen
sie eine Kollektivseele, vermöge deren sie in ganz
anderer Weise fühlen, denken und handeln, als jedes
von ihnen für sich fühlen, denken und handeln würde.
Es gibt Ideen und Gefühle, die nur bei den zu Massen
verbundenen Individuen auftreten oder sich in Hand-
lungen umsetzen. Die psychologische Masse ist ein
IL Le Bon's Schilderting der Massenseele 7
provisorisches Wesen, das aus heterogenen Elementen
besteht, die für einen Augenblick sich miteinander
verbunden haben, genau so wie die Zellen des Orga-
nismus durch ihre Vereinigung ein neues Wesen mit
ganz anderen Eigenschaften als denen der einzelnen
Zellen bilden."
Indem wir uns die Freiheit nehmen, die Darstellung
Le Bon's durch unsere Glossen zu unterbrechen,
geben wir hier der Bemerkung Raum: Wenn die
Individuen in der Masse zu einer Einheit verbunden
sind, so muß es wohl etwas geben, was sie aneinander
bindet, und dies Bindemittel könnte gerade das sein,
was für die Masse charakteristisch ist. Allein Le Bon
beantwortet diese Frage nicht, er geht auf die Ver-
änderung des Individuums in der Masse ein und be-
schreibt sie in Ausdrücken, welche mit den Grund-
voraussetzungen unserer Tiefenpsychologie in guter
Übereinstimmung stehen.
(S. 14.) „Leicht ist die Feststellung des Maßes
von Verschiedenheit des einer Masse angehörenden
vom isolierten Individuum, weniger leicht ist aber die
Entdeckung der Ursachen dieser Verschiedenheit.
Um diese Ursachen wenigstens einigermaßen zu
finden, muß man sich zunächst der von der modernen
Psychologie gemachten Feststellung erinnern, daß nicht
bloß im organischen Leben, sondern auch in den intellek-
tuellen Funktionen die unbewußten Phänomene eine
überwiegende Rolle spielen. Das bewußte Geistesleben
8
A / Tasse7ipsychologie und Ick-Analyse
stellt nur einen recht geringen Teil neben dem un-
bewußten Seelenleben dar. Die feinste Analyse, die
schärfste Beobachtung gelangt nur zu einer kleinen
Anzahl bewußter Motive des Seelenlebens. Unsere be-
wußten Akte leiten sich aus einem, besonders durch
Vererbungseinnüsse geschaffenen, unbewußten Substrat
her. Dieses enthält die zahllosen Ahnenspuren, aus
denen sich die Rassenseele konstituiert. Hinter den
eingestandenen Motiven unserer Handlungen gibt es
zweifellos die geheimen Gründe, die wir nicht ein-
gestehen, hinter diesen liegen aber noch geheimere,
die wir nicht einmal kennen. Die Mehrzahl unserer
alltäglichen Handlungen ist nur die Wirkung ver-
borgener, uns entgehender Motive."
In der Masse, meint Le. Bon, verwischen sich
die individuellen Erwerbungen der Einzelnen, und da-
mit verschwindet deren Eigenart. Das rassenmäßige
Unbewußte tritt hervor, das Heterogene versinkt im
Homogenen. Wir würden sagen, der psychische Ober-
bau, der sich bei den Einzelnen so verschiedenartig
entwickelt hat, wird abgetragen, entkräftet und das
bei allen gleichartige unbewußte Fundament wird
bloßgelegt (wirksam gemacht).
Auf diese Weise käme ein durchschnittlicher
Charakter der Massenindividuen zustande. Allein Le B o n
findet, sie zeigen auch neue Eigenschaften, die sie vor-
her nicht besessen haben, und sucht den Grund dafür
in drei verschiedenen Momenten.
II: Le Bon's Schilderung der Massenseele 9
(S. 15.) „Die erste dieser Ursachen besteht darin,
daß das Individuum in der Masse schon durch die
Tatsache der Menge ein Gefühl unüberwindlicher Macht
erlangt, welches ihm gestattet, Trieben zu fröhnen,
die es allein notwendig gezügelt hätte. Es wird dies
nun umso weniger Anlaß haben, als bei der Anonymität
und demnach auch Unverantwortlichkeit der Masse
das Verantwortlichkeitsgefühl, welches die Tndividuer
stets zurückhält, völlig schwindet."
Wir brauchten von unserem Standpunkt weniger
Wert auf das Auftauchen neuer Eigenschaften zu legen.
Es genügte uns zu sagen, das Individuum komme in
der Masse unter Bedingungen, die ihm gestatten, die
Verdrängungen seiner unbewußten Triebregungen ab-
zuwerfen. Die anscheinend neuen Eigenschaften, die
es dann zeigt, sind eben die Äußerungen dieses Un-
bewußten, in dem ja alles Böse der Menschenseele in
der Anlage enthalten ist; das Schwinden des Gewissens
oder Verantwortlichkeitsgefühls unter diesen Umständen
macht unserem Verständnis keine Schwierigkeit. Wir
hatten längst behauptet, der Kern des sogenannten
Gewissens sei „soziale Angst". 1
•
1) Eine gewisse Differenz zwischen der Anschauung Le Bon's
und der unserigen stellt sich dadurch her, daß sein Begriff
des Unbewußten nicht ganz mit dem von der Psychoanalyse
angenommenen zusammenfällt. Das Unbewußte Le Bon's enthält
vor allem die tiefsten Merkmale der Rassenseele, welche für die
individuelle Psychoanalyse eigentlich außer Betracht kommt. Wir
-
io
Mdssenpsychologie und Ich-Analyse
(S. 16.) „Eine zweite Ursache, die Ansteckung,
trägt ebenso dazu bei, bei den Massen die Äußerung
spezieller Merkmale und zugleich deren Richtung zu
bewerkstelligen. Die Ansteckung ist ein leicht zu kon-
statierendes, aber unerklärliches Phänomen, das man
den von uns sogleich zu studierenden Phänomenen
hypnotischer Art zurechnen muß. In der Menge ist
jedes Gefühl, jede Handlung ansteckend, und zwar
in so hohem Grade, daß das Individuum sehr leicht
sein persönliches Interesse dem Gesamtinteresse opfert.
Es ist dies eine seiner Natur durchaus entgegenge-
setzte Fähigkeit, deren der Mensch nur als Massen-
bestandteil fähig ist/'
Wir werden auf diesen letzten Satz später eine
wichtige Vermutung begründen.
(S. 16.) „Eine dritte, und zwar die wichtigste
Ursache bedingt in den zur Masse vereinigten Indi-
viduen besondere Eigenschaften, welche denen des
isolierten Individuums völlig entgegengesetzt sind.
Ich rede hier von der Suggestibilität, von der
die erwähnte Ansteckung übrigens nur eine Wir-
kung ist.
verkennen zwar nicht, daß der Kern des Ichs, (das Es, wie ich
es spater genannt habe), dem die „archaische Erbschaft" der
Menschenseele angehört, unbewußt ist, aber wir sondern außer-
dem das „unbewußte Verdrängte" ab, welches aus einem Anteil
dieser Erbschaft hervorgegangen ist. Dieser Begriff des Ver-
drängten fehlt bei Le Bon.
//. Le Boris SchÜdei-ung der Massenseele 1 1
Zum Verständnis dieser Erscheinung gehört die
Vergegenwärtigung gewisser neuer Entdeckungen der
Physiologie. Wir wissen jetzt, daß ein Mensch mittels
mannigfacher Prozeduren in einen solchen Zustand
versetzt werden kann, daß er nach Verlust seiner
ganzen bewußten Persönlichkeit allen Suggestionen
desjenigen gehorcht, der ihn seines Persönlichkeits-
bewußtseins beraubt hat, und daß er die zu seinem
Charakter und seinen Gewohnheiten in schärfstem
Gegensatz stehenden Handlungen begeht. Nun scheinen
sehr sorgfältige Beobachtungen darzutun, daß ein, eine
Zeitlang im Schöße einer tätigen Masse eingebettetes
Individuum in Bälde — , durch Ausströmungen, die
von ihr ausgehen oder sonst eine unbekannte Ursache
— sich in einem Sonderzustand befindet, der sich
sehr der Faszination nähert, die den Hypnotisierten
unter dem Einfluß des Hypnotisators befällt
Die bewußte Persönlichkeit ist völlig geschwunden,
Wille und Unterscheidungsvermögen fehlen, alle Ge-
fühle und Gedanken sind nach der durch den Hypnoti-
sator hergestellten Richtung orientiert.
So ungefähr verhält sich auch der Zustand des
einer psychologischen Masse angehörenden Individuums.
Es ist sich seiner Handlungen nicht mehr bewußt. Wie
beim Hypnotisierten können bei ihm, während zugleich
gewisse Fähigkeiten aufgehoben sind, andere auf einen
Grad höchster Stärke gebracht werden. Unter dem
Einflüsse einer Suggestion wird es sich mit einem
1 1
Massenpsychologie und Ich-A?ialyse
I
unwiderstehlichen Triebe an die Ausführung bestimmter
Handlungen machen. Und dieses Ungestüm ist bei
den Massen noch unwiderstehlicher als beim Hypnoti-
sierten, weil die für alle Individuen gleiche Suggestion
durch Gegenseitigkeit anwächst."
(S. 17.) „Die Hauptmerkmale des in der Masse
befindlichen Individuums sind demnach: Schwund der
bewußten Persönlichkeit, Vorherrschaft der unbewußten
Persönlichkeit, Orientierung der Gedanken und Gefühle
in derselben Richtung durch Suggestion und An-
steckung, Tendenz zur unverzüglichen Verwirklichung
der suggerierten Ideen. Das Individuum ist nicht mehr
es selbst, es ist ein willenloser Automat geworden."
Ich habe dieses Zitat so ausführlich wiedergegeben,
um zu bekräftigen, daß Le Bon den Zustand des
Individuums in der Masse wirklich für einen hypnoti-
schen erklärt, nicht etwa ihn bloß mit einem solchen
vergleicht. Wir beabsichtigen hier keinen Widerspruch,
wollen nur hervorheben, daß die beiden letzten Ur-
sachen der Veränderung des Einzelnen in der Masse,
die Ansteckung und die höhere Suggerierbarkeit, offen-
bar nicht gleichartig sind, da ja die Ansteckung auch
eine Äußerung der Suggerierbarkeit sein soll. Auch
die Wirkungen der beiden Momente scheinen uns im
Text Le Bon 's nicht scharf geschieden. Vielleicht
deuten wir seine Äußerung am besten aus, wenn wir
die Ansteckung auf die Wirkung der einzelnen Mit-
glieder der Masse aufeinander beziehen, während die
II. Le Boris Schilderung der Massenseele 13
mit den Phänomenen der hypnotischen Beeinflussung
gleichgestellten Suggestionserscheinungen in der Masse
auf eine andere Quelle hinweisen. Auf welche aber?
Es muß uns als eine empfindliche Unvollständigkeit
berühren, daß eines der Hauptstücke dieser An-
gleichung, nämlich die Person, welche für die Masse
den Hypnotiseur ersetzt, in der Darstellung Le Bon's
nicht erwähnt wird. Immerhin unterscheidet er von
diesem im Dunkeln gelassenen faszinierenden Einfluß
die ansteckende Wirkung, die die Einzelnen auf ein-
ander ausüben, durch welche die ursprüngliche Sug-
gestion verstärkt wird.
Noch ein wichtiger Gesichtspunkt für die Beur-
teilung des Massenindividuums : (S. 17.) „Ferner steigt
durch die bloße Zugehörigkeit zu einer organisierten
Masse der Mensch mehrere Stufen auf der Leiter der
Zivilisation herab. In seiner Vereinzelung war er viel-
leicht ein gebildetes Individuum, ,in der Masse ist er
ein Barbar, d. h. ein Triebwesen. Er besitzt die
Spontaneität, die Heftigkeit, die Wildheit und auch
den Enthusiasmus und Heroismus primitiver Wesen."
Er verweilt dann noch besonders bei der Herabsetzung
der intellektuellen Leistung, die der Einzelne durch
sein Aufgehen in der Masse erfährt. 1
1) Vergleiche das Schiller'sche Distichon:
Jeder, sieht man ihn einzeln, ist leidlich klug und verständig;
Sind sie in corpore, gleich wird euch ein Dummkopf daraus.
14 Massenpsychologie und Ich-Analyse
Verlassen wir nun den Einzelnen und wenden wir
uns zur Beschreibung der Massenseele, wie Le Bon
sie entwirft. Es ist kein Zug darin, dessen Ableitung
und Unterbringung dem Psychoanalytiker Schwierig-
keiten bereiten würde. Le Bon weist uns selbst den
Weg, indem er auf die Übereinstimmung mit dem
Seelenleben der Primitiven und der Kinder hinweist.
(S. 19.)
Die Masse ist impulsiv, wandelbar und reizbar.
Sie wird fast ausschließlich vom Unbewußten geleitet. 1
Die Impulse, denen die Masse gehorcht, können je
nach Umständen edel oder grausam, heroisch oder
feige sein, jedenfalls aber sind sie so gebieterisch,
daß nicht das persönliche, nicht einmal das Interesse
der Selbsterhaltung zur Geltung kommt. (S. 20.)
Nichts ist bei ihr vorbedacht. Wenn sie auch die
Dinge leidenschaftlich begehrt, so doch nie für lange,
sie ist unfähig zu einem Dauerwillen. Sie verträgt
keinen Aufschub zwischen ihrem Begehren und der
Verwirklichung des Begehrten. Sie hat das Gefühl der
Allmacht, für das Individuum in der Masse schwindet
der Begriff des Unmöglichen. 2
Die Masse ist außerordentlich beeinflußbar und leicht-
gläubig, sie ist kritiklos, das Unwahrscheinliche existiert
1) Unbewußt wird von Le Bon richtig im Sinne der Des-
knption gebraucht, wo es nicht allein das „Verdrängte" bedeutet.
2) Vergleiche Totem und Tabu III., Animismus, Magie und
Allmacht der Gedanken.
IL Le Bon's Schilderung der Massensecle 15
für sie nicht. Sie denkt in Bildern, die einander assoziativ
hervorrufen, wie sie sich beim Einzelnen in Zuständen
des freien Phantasierens einstellen, und die von keiner
verständigen Instanz an der Übereinstimmung mit der
Wirklichkeit gemessen werden. Die Gefühle der Masse
sind stets sehr einfach und sehr überschwenglich. Die
Masse kennt also weder Zweifel noch Ungewißheit. 1
Sie geht sofort zum Äußersten, der ausgesprochene
Verdacht wandelt sich bei "ihr sogleich in unumstöß-
liche Gewißheit, ein Keim von Antipathie wird zum
wilden Haß. (S. 32.) 2
1) In der Deutung der Träume, denen wir ja unsere beste
Kenntnis vom unbewußten Seelenleben verdanken, befolgen wir
die technische Regel, daß von Zweifel und Unsicherheit in der
Traumerzählung abgesehen und jedes Element des manifesten
Traumes als gleich gesichert behandelt wird. Wir leiten Zweifel
und Unsicherheit von der Einwirkung der Zensur ab, welcher die
Traumarbeit unterliegt, und nehmen an, daß die primären Traum-
gedanken Zweifel und Unsicherheit als kritische Leistung nicht
kennen. Als Inhalte mögen sie natürlich, wie alles andere, in den
zum Traum führenden Tagesresten vorkommen. (S. Traumdeutung,
5. Aufl. 191g, S. 386.)
2) Die nämliche Steigerung aller Gefühlsregungen zum Ex-
tremen und Maßlosen gehört auch der Affektivität des Kindes an
und findet sich im Traumleben wieder, wo dank der im Unbe-
wußten vorherrschenden Isolierung der einzelnen Gefühlsregungen
ein leiser Ärger vom Tage sich als Todeswunsch gegen die
schuldige Person zum Ausdruck bringt oder ein Anflug irgend
einer Versuchung znm Anstoß einer im Traum dargestellten ver-
brecherischen Handlung wird. Zu dieser Tatsache hat Dr. Hanns
Sachs die hübsche Bemerkung gemacht: „Was der Traum uns
t
16 Masse?ißsychologie und Ich-Analyse
Selbst zu allen Extremen geneigt, wird die Masse
auch nur durch übermäßige Reize erregt. Wer auf
sie wirken will, bedarf keiner logischen Abmessung
seiner Argumente, er muß in den kräftigsten Bildern
malen, übertreiben und immer das Gleiche wieder-
holen.
Da die Masse betreffs des Wahren oder Falschen
nicht im Zweifel ist und dabei das Bewußtsein ihrer
großen Kraft hat, ist sie ebenso intolerant wie auto-
ritätsgläubig. Sie respektiert die Kraft und läßt sich
von der Güte, die für sie nur eine Art von Schwäche
bedeutet, nur mäßig beeinflussen. Was sie von ihren
Helden verlangt, ist Stärke, selbst Gewalttätigkeit. Sie
will beherrscht und unterdrückt werden und ihren
Herrn fürchten. Im Grunde durchaus konservativ, hat
sie tiefen Abscheu vor allen Neuerungen und Fort-
schritten und unbegrenzte Ehrfurcht vor der Tradition.
(S. 37.)
Um die Sittlichkeit der Massen richtig zu beur-
teilen, muß man in Betracht ziehen, daß im Beisammen-
sein der Massenindividuen alle individuellen Hemmungen
entfallen und alle grausamen, brutalen, destruktiven
Instinkte, die als Überbleibsel der Urzeit im Einzelnen
an Beziehungen zur Gegenwart (Realität) kundgetan hat, wollen
wir dann auch im Bewußtsein aufsuchen und dürfen uns nicht
wundern, wenn wir das Ungeheuer, das wir unter dem Ver-
größerungsglas der Analyse gesehen haben, als Infusionstierchen
wiederfinden." (Traumdeutung, S. 457.)
■
//. Le Boris Schilderung der Massenseele 17
schlummern, zur freien Triebbefriedigung geweckt
werden. Aber die Massen sind auch unter dem Ein-
fluß der Suggestion hoher Leistungen von Entsagung,
Uneigennützigkeit, Hingebung an ein Ideal fähig.
Während der persönliche Vorteil beim isolierten Indi-
viduum so ziemlich die einzige Triebfeder ist, ist er
bei den Massen sehr selten vorherrschend. Man kann
von einer Versittlichung des Einzelnen durch die Masse
sprechen (S. 39). Während die intellektuelle Leistung
der Masse immer tief unter der des Einzelnen steht,
kann ihr ethisches Verhalten dies Niveau ebenso hoch
überragen, wie tief darunter herabgehen.
Ein helles Licht auf die Berechtigung, die Massen-
seele mit der Seele der Primitiven zu identifizieren,
werfen einige andere Züge der Le Bon'schen Charak-
teristik. Bei den Massen können die entgegengesetztesten
Ideen nebeneinander bestehen und sich miteinander
vertragen, ohne daß sich aus deren logischem Wider-
spruch ein Konflikt ergäbe. Dasselbe ist aber im un-
bewußten Seelenleben der Einzelnen, der Kinder und
der Neurotiker der Fall, wie die Psychoanalyse längst
nachgewiesen hat. '
1) Beim kleinen Kinde bestehen z. B. ambivalente Gefühls-
einstellungen gegen die ihm nächsten Personen lange Zeit neben-
einander, ohne daß die eine die ihr entgegengesetzte in ihrem
Ausdruck stört. Kommt es dann endlich zum Konflikt zwischen
den beiden, so wird er oft dadurch erledigt, daß das Kind das
Objekt wechselt, die eine der ambivalenten Regungen auf ein
Freud: Massenpsychologie und Ich-Analyse 2
..
i8 Massenpsychologie und I ch-Analyse
Ferner unterliegt die Masse der wahrhaft magischen
Macht von Worten, die in der Massenseele die furcht-
barsten Stürme hervorrufen und sie auch besänftigen
können (S. 74). „Mit Vernunft und Argumenten kann
man gegen gewisse Worte und Formeln nicht an-
kämpfen. Man spricht sie mit Andacht vor den Massen
aus, und sogleich werden die Mienen respektvoll und
die Köpfe neigen sich. Von vielen werden sie als
Naturkräfte oder als übernatürliche Mächte betrachtet."
Ersatzobjekt verschiebt. Auch aus der Entwicklungsgeschichte
einer Neurose beim Erwachsenen kann man erfahren, daß eine
unterdrückte Regung sich häufig lange Zeit in unbewußten oder
selbst bewußten Phantasien fortsetzt, deren Inhalt natürlich einer
herrschenden Strebung direkt zuwiderläuft, ohne daß sich aus
diesem Gegensatz ein Einschreiten des Ichs gegen das von ihm
Verworfene ergäbe. Die Phantasie wird eine ganze Weile über
toleriert, bis sich plötzlich einmal, gewöhnlich infolge einer Steige-
rung der affektiven Besetzung derselben, der Konflikt zwischen
ihr und dem Ich mit allen seinen Folgen herstellt.
Im Fortschritt der Entwicklung vom Kinde zum reifen Er-
wachsenen kommt es überhaupt zu einer immer weiter greifenden
Integration der Persönlichkeit, zu einer Zusammenfassung der
einzelnen, unabhängig voneinander in ihr gewachsenen Trieb-
regungen und Zielstrebungen. Der analoge Vorgang auf dem
Gebiet des Sexuallebens ist uns als Zusammenfassung aller Sexual-
triebe zur definitiven Genitalorganisation lange bekannt. (Drei
Abhandlungen zur Sexualtheorie 1905.) Daß die Vereinheitlichung
des Ichs übrigens dieselben Störungen erfahren kann wie die der
Libido, zeigen vielfache, sehr bekannte Beispiele, wie das der
Naturforscher, die bibelgläubig geblieben sind u. a. Die ver-
schiedenen Möglichkeiten eines späteren Zerfalls des Ichs bilden
ein besonderes Kapitel der Psychopathologie.
.
7 _ r
II. Le Bon's Schilderung der Massenseele 19
(S. 75.) Man braucht sich dabei nur an die Tabu
der Namen bei den Primitiven, an die magischen
Kräfte, die sich ihnen an Namen und Worte knüpfen,
zu erinnern. 1
Und endlich: Die Massen haben nie den Wahr-
heitsdurst gekannt. Sie fordern Illusionen, auf die sie
nicht verzichten können. Das Irreale hat bei ihnen
stets den Vorrang vor dem Realen, das Unwirkliche
beeinflußt sie fast ebenso stark wie das Wirkliche.
Sie haben die sichtliche Tendenz, zwischen beiden,
keinen Unterschied zu machen (S. 47).
Diese Vorherrschaft des Phantasielebens und der
vom unerfüllten Wunsch getragenen Illusion haben
wir als bestimmend für die Psychologie der Neurosen
aufgezeigt. Wir fanden, für die Neurotiker gelte nicht
die gemeine objektive, sondern die psychische Realität.
Ein hysterisches Symptom gründe sich auf Phantasie
anstatt auf die Wiederholung wirklichen Erlebens, ein
zwangsneurotisches Schuldbewußtsein auf die Tatsache
eines bösen Vorsatzes, der nie zur Ausführung ge-
kommen. Ja wie im Traum und in der Hypnose, tritt
in der Seelentätigkeit der Masse die Realitätsprüfung
zurück gegen die Stärke der affektiv besetzten Wunsch-
regungen.
Was Le Bon über die Führer der Massen sagt,
ist weniger erschöpfend und läßt das Gesetzmäßige
1) Siehe Totem und Tabu.
so Massenpsychologie und Ich-Analyse
nicht so deutlich durchschimmern. Er meint, sobald
lebende Wesen in einer gewissen Anzahl vereinigt
sind, einerlei ob eine Herde Tiere oder eine Menschen-
menge, stellen sie sich instinktiv unter die Autorität
eines Oberhauptes (S. 86). Die Masse ist eine folg-
same Herde, die nie ohne Herrn zu leben vermag.
Sie hat einen solchen Durst zu gehorchen, daß sie
sich jedem, der sich zu ihrem Herrn ernennt, instinktiv
unterordnet.
Kommt so das Bedürfnis der Masse dem Führer
entgegen, so muß er ihm doch durch persönliche
Eigenschaften entsprechen. Er muß selbst durch einen
starken Glauben (an eine Idee) fasziniert sein, um
Glauben in der Masse zu erwecken, er muß einen
starken, imponierenden Willen besitzen, den die willen-
lose Masse von ihm annimmt. Le Bon bespricht dann
die verschiedenen Arten von Führern und die Mittel,
durch welche sie auf die Masse wirken. Im ganzen
läßt er die Führer durch die Ideen zur Bedeutung
kommen, für die sie selbst fanatisiert sind.
Diesen Ideen wie den Führern schreibt er über-
dies eine geheimnisvolle, unwiderstehliche Macht zu,
die er „Prestige" benennt. Das Prestige ist eine Art
Herrschaft, die ein Individuum, ein Werk oder eine
Idee über uns übt. Sie lähmt all unsere Fähigkeit
zur Kritik und erfüllt uns mit Staunen und Achtung.
Sie dürfte ein Gefühl hervorrufen, ähnlich wie das
der Faszination der Hypnose (S. 96).
L
77. Le Bon's Schilderung der Masse?iseele 21
Er unterscheidet erworbenes oder künstliches und
persönliches Prestige. Das erstere wird bei Personen
durch Name, Reichtum, Ansehen verliehen, bei An-
schauungen, Kunstwerken u. dgl. durch Tradition.
Da es in allen Fällen auf die Vergangenheit zurück-
greift, wird es für das Verständnis dieses rätselhaften
Einflusses wenig leisten. Das persönliche Prestige
haftet an wenigen Personen, die durch dasselbe zu
Führern werden, und macht, daß ihnen alles wie unter
der Wirkung eines magnetischen Zaubers gehorcht.
Doch ist jedes Prestige auch vom Erfolg abhängig
und geht durch Mißerfolge verloren (S. 105).
Man gewinnt nicht den Eindruck, daß bei Le Bon
die Rolle der Führer und die Betonung des Prestige
in richtigen Einklang mit der so glänzend vorgetragenen
Schilderung der Massenseele gebracht worden ist.
III
rüi
DES KOLLEKTIVEN SEELENLEBENS
Wir haben uns der Darstellung von Le Bon als
Einführung bedient, weil sie in der Betonung des
unbewußten Seelenlebens so sehr mit unserer eigenen
Psychologie zusammentrifft. Nun müssen wir aber hin-
zufügen, daß eigentlich keine der Behauptungen dieses
Autors etwas Neues bringt. Alles, was er Abträgliches
und Herabsetzendes über die Äußerungen der Massen-
seele sagt, ist schon vor ihm ebenso bestimmt und
ebenso feindselig von anderen gesagt worden, wird
seit den ältesten Zeiten der Literatur von Denkern,
Staatsmännern und Dichtern gleichlautend so wieder-
holt. x Die beiden Sätze, welche die wichtigsten An-
sichten Le Bon's enthalten, der von der kollektiven
Hemmung der intellektuellen Leistung und der von
der Steigerung der Affektivität in der Masse waren
i) Vergleiche den Text und das Literaturverzeichnis in B. Kras-
kovic jun., Die Psychologie der Kollektivitäten. Aus dem
Kroatischen übersetzt von Sie gm und von Posavec. Vukovar 191 5.
ANDERE WÜRDIGUNGEN
kurz vorher von Sighele formuliert worden. 1 Im
Grunde erübrigen als Le Bon eigentümlich nur die
beiden Gesichtspunkte des Unbewußten und des Ver-
gleichs mit dem Seelenleben der Primitiven, auch
diese natürlich oftmals vor ihm berührt.
Aber noch mehr, die Beschreibung und Würdigung
der Massenseele, wie Le Bon und die anderen sie
geben, ist auch keineswegs unangefochten geblieben.
Kein Zweifel, daß alle die vorhin beschriebenen Phä-
nomene der Massenseele richtig beobachtet worden
sind, aber es lassen sich auch andere, geradezu ent-
gegengesetzt wirkende Äußerungen der Massenbildung
erkennen, aus denen man dann eine weit höhere Ein-
schätzung der Massenseele ableiten muß.
Auch Le Bon war bereit zuzugestehen, daß die
Sittlichkeit der Masse unter Umständen höher sein
kann als die der sie zusammensetzenden Einzelnen,
und daß nur die Gesamtheiten hoher Uneigennützig-
keit und Hingebung fähig sind.
(S. 38) „Während der persönliche Vorteil beim
isolierten Individuum so ziemlich die einzige Triebfeder
ist, ist er bei den Massen sehr selten vorherrschend.' 1
Andere machen geltend, daß es überhaupt erst
die Gesellschaft ist, welche dem Einzelnen die Normen
1) Siehe Walter Moede, Die Massen- und Sozialpsychologie
im kritischen Überblick. Zeitschrift für pädagogische Psychologie
und experimentelle Pädagogik von Meumann und Scheibner,
XVI, 191 5.
£4 Massenpsychologie und Ich-Analyse
der Sittlichkeit vorschreibt, während der Einzelne in
der Regel irgendwie hinter diesen hohen Ansprüchen
zurückbleibt. Oder daß in Ausnahmszuständen in einer
Kollektivität das Phänomen der Begeisterung zustande
kommt, welches die großartigsten Massenleistungcn er-
möglicht hat.
In Betreff der intellektuellen Leistung bleibt zwar
bestehen, daß die großen Entscheidungen der Denk-
arbeit, die folgenschweren Entdeckungen und Problem-
lösungen nur dem Einzelnen, der in der Einsamkeit
arbeitet, möglich sind. Aber auch die Massenseele ist
genialer geistiger Schöpfungen fähig, wie vor allem
die Sprache selbst beweist, sodann das Volkslied,
Folklore und anderes. Und überdies bleibt es dahin-
gestellt, wieviel der einzelne Denker oder Dichter den
Anregungen der Masse, in welcher er lebt, verdankt,
ob er mehr als der Vollender einer seelischen Arbeit
ist, an der gleichzeitig die anderen mitgetan haben.
Angesichts dieser vollkommenen Widersprüche
scheint es ja, daß die Arbeit der Massenpsychologie
ergebnislos verlaufen müsse. Allein es ist leicht, einen
hoffnungsvolleren Ausweg zu linden. Man hat wahr-
scheinlich als „Massen" sehr verschiedene Bildungen
zusammengefaßt, die einer Sonderung bedürfen. Die
Angaben von Sighele, Le Bon und anderen beziehen
sich auf Massen kurzlebiger Art, die rasch durch ein
vorübergehendes Interesse aus verschiedenartigen Indi-
viduen zusammengeballt werden. Es ist unverkennbar,
III. Andere Würdigungen des kollekt. Seelenlebens 2 5
daß die Charaktere der revolutionären Massen, be-
sonders der großen französischen Revolution, ihre
Schilderungen beeinflußt haben. Die gegensätzlichen
Behauptungen stammen aus der Würdigung jener
stabilen Massen oder Vergesellschaftungen, in denen
die Menschen ihr Leben zubringen, die sich in den
Institutionen der Gesellschaft verkörpern. Die Massen
der ersten Art sind den letzteren gleichsam aufgesetzt,
wie die kurzen, aber hohen Wellen den langen
Dünungen der See.
M c Dougall, der in seinem Buch The Group
Mind 1 von dem nämlichen, oben erwähnten Wider-
spruch ausgeht, findet die Lösung desselben im Moment
der Organisation. Im einfachsten Falle, sagt er, besitzt
die Masse (group) überhaupt keine Organisation ' oder
eine kaum nennenswerte. Er bezeichnet eine solche
Masse als einen Haufen (crowd). Doch gesteht er zu,
daß ein Haufen Menschen nicht leicht zusammen-
kommt, ohne daß sich in ihm wenigstens die ersten
Anfänge einer Organisation bildeten, und daß gerade
an diesen einfachen Massen manche Grundtatsachen
der Kollektivpsychologie besonders leicht zu erkennen
sind (S. 22). Damit sich aus den zufällig zusammen-
gewehten Mitgliedern eines Menschenhaufens etwas
wie eine Masse im psychologischen Sinne bilde, wird
als Bedingung erfordert, daß diese Einzelnen etwas
1) Cambridge, 1920.
2 6 Massenpsycholo^ie und Ich- Analyse
miteinander gemein haben, ein gemeinsames Interesse
an einem Objekt, eine gleichartige Gefühlsrichtung in
einer gewissen Situation und (ich würde einsetzen:
infolgedessen) ein gewisses Maß von Fähigkeit, sich
untereinander zu beeinflussen. (Sovie degree of reci-
procal influence betzveen the metnbers of the group)
(S. 23). Je stärker diese Gemeinsamkeiten (this mental
homogeneity) sind, desto leichter bildet sich aus den
Einzelnen eine psychologische Masse und desto auf-
fälliger äußern sich die Kundgebungen einer „Massen-
seele".
Das merkwürdigste und zugleich wichtigste Phä-
nomen der Massenbildung ist nun die bei jedem
Einzelnen hervorgerufene Steigerung der Affektivität
(exaltation or intensijication of emotion) (S. 24). Man
kann sagen, meint M c Dougall, daß die Affekte der
Menschen kaum unter anderen Bedingungen zu solcher
Höhe anwachsen, wie es in einer Masse geschehen
kann, und zwar ist es eine genußreiche Empfindung
für die Beteiligten, sich so schrankenlos ihren Leiden-
schaften hinzugeben und dabei in der Masse aufzu-
gehen, das Gefühl ihrer individuellen Abgrenzung zu
verlieren. Dies Mitfortgerissenwerden der Individuen
erklärt M c Dougall aus dem von ihm so genannten
„principle of direct inducüon of emotion by way of
the primitive sympathetic respo?ise" (S. 25), d. h. durch
die uns bereits bekannte Gcfühlsansteckung. Die Tat-
sache ist die, daß die wahrgenommenen Zeichen eines
-H
)
III Andere Würdis r uns;e?i des kollekt. Seelenlebens 2 7
Affektzustandes geeignet sind, bei dem Wahrnehmenden
automatisch denselben Affekt hervorzurufen. Dieser
automatische Zwang wird umso stärker, an je mehr
Personen gleichzeitig [derselbe Affekt bemerkbar ist.
Dann schweigt die Kritik des Einzelnen und er läßt
sich in denselben Affekt gleiten. Dabei erhöht er aber
die Erregung der anderen, die auf ihn gewirkt hatten,
und so steigert sich die Affektladung der Einzelnen
durch gegenseitige Induktion. Es ist unverkennbar etwas
wie ein Zwang dabei wirksam, es den anderen gleich-
zutun, im Einklang mit den Vielen zu bleiben. Die
gröberen und einfacheren Gefühlsregungen haben die
größere Aussicht, sich auf solche Weise in einer Masse
zu verbreiten (S. 39).
Dieser Mechanismus der Affektsteigerung wird noch
durch einige andere, von der Masse ausgehende Ein-
flüsse begünstigt. Die Masse macht dem Einzelnen den
Eindruck einer unbeschränkten Macht und einer un-
besiegbaren Gefahr. Sie hat sich für den Augenblick
an die Stelle der gesamten menschlichen Gesellschaft
gesetzt, welche die Trägerin der Autorität ist, deren
Strafen man gefürchtet, der zuliebe man sich so viele
Hemmungen auferlegt hat. Es ist offenbar gefährlich,
sich in Widerspruch mit ihr zu setzen, und man ist
sicher, wenn man dem ringsumher sich zeigenden Bei-'
spiel folgt, also eventuell sogar „mit den Wölfen heult".
Im Gehorsam gegen die neue Autorität darf man sein
früheres „Gewissen" außer Tätigkeit setzen und dabei
-j
28 Massenpsychologie und Ich- Analyse
der Lockung des Lustgewinns nachgeben, den man
sicherlich durch die Aufhebung seiner Hemmungen
erzielt. Es ist also im ganzen nicht so merkwürdig,
wenn wir den Einzelnen in der Masse Dinge tun oder
gutheißen sehen, von denen er sich unter seinen ge-
wohnten Lebensbedingungen abgewendet hätte, und
wir können selbst die Hoffnung fassen, auf diese Weise
ein Stück der Dunkelheit zu lichten, die man mit dem
Rätselwort der „Suggestion" zu decken pflegt.
Dem Satz von der kollektiven Intel ligenzhemmung
in der Masse widerspricht auch M c Dougall nicht
(S. 41). Er sagt, die geringeren Intelligenzen ziehen
die größeren auf ihr Niveau herab. Die letzteren werden
in ihrer Betätigung gehemmt, weil die Steigerung der
Affektivität überhaupt ungünstige Bedingungen für
korrekte geistige Arbeit schafft, ferner weil die Ein-
zelnen durch die Masse eingeschüchtert sind und ihre
Denkarbeit nicht -frei ist, und weil bei jedem Einzelnen
das Bewußtsein der Verantwortlichkeit für seine Leistung
herabgesetzt wird.
Das Gesamturteil über die psychische Leistung
einer einfachen, „unorganisierten" Masse lautet bei
M c Dougall nicht freundlicher als bei Le Bon. Eine
solche Masse ist (S. 45): überaus erregbar, impulsiv,
leidenschaftlich, wankelmütig, inkonsequent, unent-
schlossen und dabei zum Äußersten bereit in ihren
Handlungen, zugänglich nur für die gröberen Leiden-
schaften und einfacheren Gefühle, außerordentlich
I
.
III Andere Würdigungen des kollekt. Seelenlebe?is 29
suggestibel, leichtsinnig in ihren Überlegungen, heftig in
ihren Urteilen, aufnahmsfähig nur für die einfachsten
und unvollkommensten Schlüsse und Argumente, leicht
zu lenken und zu erschüttern, ohne Selbstbewußtsein,
Selbstachtung und Verantwortlichkeitsgefühl, aber bereit,
sich von ihrem Kraftbewußtsein zu allen Untaten fort-
reißen zu lassen, die wir nur von einer absoluten und
unverantwortlichen Macht erwarten können. Sie be-
nimmt sich also eher wie ein ungezogenes Kind oder
wie ein leidenschaftlicher, nicht beaufsichtigter Wilder
in einer ihm fremden Situation; in den schlimmsten
Fällen ist ihr Benehmen eher das eines Rudels von
wilden Tieren als von menschlichen Wesen.
Da M c Dougall das Verhalten der hoch organi-
sierten Massen in Gegensatz zu dem hier Geschilderten
bringt, werden wir besonders gespannt sein zu er-
fahren, worin diese Organisation besteht und durch
welche Momente sie hergestellt wird. Der Autor
zählt fünf dieser „principal conditions" für die Hebung
des seelischen Lebens der Masse auf ein höheres
Niveau auf.
Die erste grundlegende Bedingung ist ein gewisses
Maß von Kontinuität im Bestand der Masse. Diese
kann eine materielle oder eine formale sein, das erste,
wenn dieselben Personen längere Zeit in der Masse
verbleiben, das andere, wenn innerhalb der Masse be-
stimmte Stellungen entwickelt sind, die den einander
ablösenden Personen angewiesen werden.
30 Massenpsychologie und Ich-Analyse
Die zweite, daß sich in dem Einzelnen der Masse
eine bestimmte Vorstellung von der Natur, der Funktion,
den Leistungen und Ansprüchen der Masse gebildet
hat, so daß sich daraus für ihn ein Gefühlsverhältnis
zum Ganzen der Masse ergeben kann.
Die dritte, daß die Masse in Beziehung zu anderen,
ihr ähnlichen, aber doch von ihr in vielen Punkten
abweichenden Massenbildungen gebracht wird, etwa
daß sie mit diesen rivalisiert.
Die vierte, daß die Masse Traditionen, Gebräuche
und Einrichtungen besitzt, besonders solche, die sich
auf das Verhältnis ihrer Mitglieder zueinander beziehen.
Die fünfte, daß es in der Masse eine Gliederung
gibt, die sich in der Spezialisierung und Differenzie-
rung der dem Einzelnen zufallenden Leistung ausdrückt.
Durch die Erfüllung dieser Bedingungen werden
nach M c Dougall die psychischen Nachteile der Massen-
bildung aufgehoben. Gegen die kollektive Herabsetzung
der Intelligenzleistung schützt man sich dadurch, daß
man die Lösung der intellektuellen Aufgaben der
Masse entzieht und sie Einzelnen in ihr vorbehält.
Es scheint uns, daß man die Bedingung, die
M c Dougall als „Organisation" der Masse bezeichnet
hat, mit mehr Berechtigung anders beschreiben kann.
Die Aufgabe besteht darin, der Masse gerade jene
Eigenschaften zu verschaffen, die für das Individuum
charakteristisch waren und die bei ihm durch die Massen-
bildung ausgelöscht wurden. Denn das Individuum
III. Andere Würdigungen des kollekt. Seelenlebens 3 1
hatte — außerhalb der primitiven Masse — seine
Kontinuität, sein Selbstbewußtsein, seine Traditionen
und Gewohnheiten, seine besondere Arbeitsleistung
und Einreihung und hielt sich von anderen gesondert,
mit denen es rivalisierte. Diese Eigenart hatte es durch
seinen Eintritt in die nicht „organisierte" Masse für
eine Zeit verloren. Erkennt man so als Ziel, die
Masse mit den Attributen des Individuums auszu-
statten, so wird man an eine gehaltreiche Bemerkung
von W. Trotter 1 gemahnt, der in der Neigung zur
Massenbildung eine biologische Fortführung der Viel-
zelligkeit aller höheren Organismen erblickt. 2
1) Instincts of the Herd in Peace and War. London 1916.
2) Ich kann im Gegensatz zu einer sonst verständnisvollen
und scharfsinnigen Kritik von Hans Kelsen (Imago VIII/2, 1922)
nicht zugeben daß eine solche Ausstattung der „Massenseele"
mit Organisation eine Hypostasierung derselben, d. h. die Zu-
erkennung einer Unabhängigkeit von den seelischen Vorgängen
im Individuum bedeute.
-^_
IV
SUGGESTION UND LIBIDO
Wir sind von der Grundtatsache ausgegangen,
daß ein Einzelner innerhalb einer Masse durch den
Einfluß derselben eine oft tiefgreifende Veränderung
seiner seelischen Tätigkeit erfährt. Seine Aflektivität
wird außerordentlich gesteigert, seine intellektuelle
Leistung merklich eingeschränkt, beide Vorgänge offen-
bar in der Richtung einer Angleichung an die anderen
Massenindividuen; ein Erfolg, der nur durch die Auf-
hebung der jedem Einzelnen eigentümlichen Trieb-
hemmungen und durch den Verzicht auf die ihm be-
sonderen Ausgestaltungen seiner Neigungen erreicht
werden kann. Wir haben gehört, daß diese oft un-
erwünschten Wirkungen durch eine höhere „Organi-
sation" der Massen wenigstens teilweise hintangehalten
werden, aber der Grundtatsache der Massenpsycho-
logie, den beiden Sätzen von der Affektsteigerung
und der Denkhemmung in der primitiven Masse ist da-
durch nicht widersprochen worden. Unser Interesse geht
nun dahin, für diese seelische Wandlung des Einzelnen in
der Masse die psychologische Erklärung zu finden.
IV. Suggestion und Libido 33
Rationelle Momente, wie die vorhin erwähnte Ein-
schüchterung des Einzelnen, also die Aktion seines
Selbsterhaltungstriebes, decken offenbar die zu be-
obachtenden Phänomene nicht. Was uns sonst als
Erklärung von den Autoren über Soziologie und
Massenpsychologie geboten wird, ist immer das näm-
liche, wenn auch unter wechselnden Namen: das
Zauberwort der Suggestion. Bei Tarde hieß sie
Nachahmung, aber wir müssen einem Autor recht
geben, der uns vorhält, die Nachahmung falle unter
den Begriff der Suggestion, sei eben eine Folge der-
selben. x Bei Le Bon wurde alles Befremdende der
sozialen Erscheinungen auf zwei Faktoren zurück-
geführt, auf die gegenseitige Suggestion der Einzelnen
und das Prestige der Führer. Aber das Prestige äußert
sich wiederum nur in der Wirkung, Suggestion hervor-
zurufen. Bei M c Dougall konnten wir einen Moment
lang den Eindruck empfangen, daß sein Prinzip der
„primären Affektinduktion" die Annahme der Suggestion
entbehrlich mache. Aber bei weiterer Überlegung
müssen wir doch einsehen, daß dies Prinzip nichts
anderes aussagt, als die bekannten Behauptungen der
„Nachahmung" oder „Ansteckung", nur unter ent-
schiedener Betonung des affektiven Moments. Daß
eine derartige Tendenz in uns besteht, wenn wir ein
i)Brug-eilles, L'essence du phenomene social: La Suggestion.
Revue philosophique XXV. 191 3.
Freud: Massenpsychologie und Ich- Analyse 3
»
34 Massenpsychologie und Ich-Analyse
Zeichen eines Affektzustandes bei einem anderen ge-
wahren, in denselben Affekt zu verfallen, ist unzweifel-
haft, aber wie oft widerstehen wir ihr erfolgreich,
weisen den Affekt ab, reagieren oft in ganz gegen-
sätzlicher Weise? Warum also geben wir dieser An-
steckung in der Masse regelmäßig nach? Man wird
wiederum sagen müssen, es sei der suggestive Ein-
fluß der Masse, der uns nötigt, dieser Nachahmungs-
tendenz zu gehorchen, der den Affekt in uns induziert.
Übrigens kommen wir auch sonst bei M c Dougall
nicht um die Suggestion herum- wir hören von ihm
wie von anderen: die Massen zeichnen sich durch
besondere Suggestibilität aus.
Man wird so für die Aussage vorbereitet, die
Suggestion (richtiger die Suggerierbarkeit) sei eben
ein weiter nicht reduzierbares Urphänomen, eine Grund-
tatsache des menschlichen Seelenlebens. So hielt es
auch Bernheim, von dessen erstaunlichen Künsten
ich im Jahre 1889 Zeuge war. Ich weiß mich aber
auch damals an eine dumpfe Gegnerschaft gegen diese
Tyrannei der Suggestion zu erinnern. Wenn ein Kranker,
der sich nicht gefügig zeigte, angeschrieen wurde : Was
tun Sie denn? Vous vous contresuggestionnez ! so
sagte ich mir, das sei offenbares Unrecht und Gewalt-
tat. Der Mann habe zu Gegensuggestionen gewiß
ein Recht, wenn man ihn mit Suggestionen zu unter-
werfen versuche. Mein Widerstand nahm dann später
die Richtung einer Auflehnung dagegen, daß die
IV. Suggestion und Libido 35
Suggestion, die alles erklärte, selbst der Erklärung
entzogen sein sollte. Ich wiederholte mit Bezug auf sie
die alte Scherzfrage: 1
Christoph trug Christum,
Christus trug die ganze Welt,
Sag', wo hat Christoph
Damals hin den Fuß gestellt?
Christophorus Christum, sed Christus sustulit orbem:
Constiterit pedibus die ubi Christophorus?
Wenn ich nun nach etwa 30 jähriger Fernhaltung
wieder an das Rätsel der Suggestion herantrete, finde
ich, daß sich nichts daran geändert hat. Von einer
einzigen Ausnahme, die eben den Einfluß der Psycho-
analyse bezeugt, darf ich ja bei dieser Behauptung
absehen. Ich sehe, daß man sich besonders darum
bemüht, den Begriff der Suggestion korrekt zu formu-
lieren, also den Gebrauch des Namens konventionell
festzulegen, 3 und dies ist nicht überflüssig, denn das
Wort geht einer immer weiteren Verwendung mit
aufgelockerter Bedeutung entgegen und wird bald jede
beliebige Beeinflussung bezeichnen wie im Englischen,
wo „to suggest, Suggestion" unserem „nahelegen",
unserer „Anregung" entspricht. Aber über das Wesen
der Suggestion, d. h. über die Bedingungen, unter
1) Konrad Richter, Der deutsche St. Christoph. Berlin 1896.
Acta Germanica V, 1.
2) So M c Dougall im Journal of Neurology and Psycho-
pathology", Vol. I, No. 1, May 1920: A note on Suggestion.
ü
3*
1
36 Massenpsychologie und Ich-Analyse
denen sich Beeinflussungen ohne zureichende logische
Begründung herstellen, hat sich eine Aufklärung nicht
ergeben. Ich würde mich der Aufgabe nicht entziehen,
diese Behauptung durch die Analyse der Literatur
dieser letzten 30 Jahre zu erhärten, allein ich unter-
lasse es, weil mir bekannt ist, daß in meiner Nähe
eine ausführliche Untersuchung vorbereitet wird, welche
sich eben diese Aufgabe gestellt hat.
Anstatt dessen werde ich den Versuch machen,
zur Aufklärung der Massenpsychologie den Begrift
der Libido zu verwenden, der uns im Studium der
Psychoneurosen so gute Dienste geleistet hat.
Libido ist ein Ausdruck aus der Affektivitätslehre.
Wir heißen so die als quantitative Größe betrachtete
— wenn auch derzeit nicht meßbare — Energie
solcher Triebe, welche mit alldem zu tun haben, was
man als Liebe zusammenfassen kann. Den Kern des
von uns Liebe Geheißenen bildet natürlich, was man
gemeinhin Liebe nennt und was die Dichter besingen,
die Geschlechtsliebe mit dem Ziel der geschlechtlichen
Vereinigung. Aber wir -trennen davon nicht ab, was
auch sonst an dem Namen Liebe Anteil hat, einerseits die
Selbstliebe, andererseits die Eltern- und Kindesliebe,
die Freundschaft und die allgemeine Menschenliebe,
auch nicht die Hingebung an konkrete Gegenstände
und an abstrakte Ideen. Unsere Rechtfertigung liegt
darin, daß die psychoanalytische Untersuchung uns
gelehrt hat, alle diese Strebungen seien der Ausdruck
IV. Suggestion und Libido 37
der nämlichen Triebregungen, die zwischen den Ge-
schlechtern zur geschlechtlichen Vereinigung hindrängen,
in anderen Verhältnissen zwar von diesem sexuellen
Ziel abgedrängt oder in der Erreichung desselben auf-
gehalten werden, dabei aber doch immer genug von
ihrem ursprünglichen Wesen bewahren, um ihre Iden-
tität kenntlich zu erhalten (Selbstaufopferung, Streben
nach Annäherung).
Wir meinen also, daß die Sprache mit dem Wort
„Liebe" in seinen vielfältigen Anwendungen eine durch-
aus berechtigte Zusammenfassung geschaffen hat, und
daß wir nichts Besseres tun können, als dieselbe auch
unseren wissenschaftlichen Erörterungen und Dar-
stellungen zugrunde zu legen. Durch diesen Entschluß
hat die Psychoanalyse einen Sturm von Entrüstung
entfesselt, als ob sie sich einer frevelhaften Neuerung
schuldig gemacht hätte. Und doch hat die Psycho-
analyse mit dieser „erweiterten" Auffassung der Liebe
nichts Originelles geschaffen. Der „Eros" des Philo-
sophen Plato zeigt in seiner Herkunft, Leistung und Be-
ziehung zur Geschlechtsliebe eine vollkommene Deckung
mit der Liebeskraft, der Libido der Psychoanalyse, wie
Nachmansohn und Pfister im Einzelnen dargelegt
haben, 1 und wenn der Apostel Paulus in dem berühmten
Brief an die Korinther die Liebe über alles andere
i) Nachmansohn, Freuds Libidotheorie verglichen mit der
Eroslehre Piatos. Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse, III, 191 5; Pfister,
ebd. VII, 192 1.
38 Massenpsychologie und Ich-Analyse
preist, hat er sie gewiß im nämlichen „erweiterten"
Sinn verstanden, 1 woraus nur zu lernen ist, daß die
Menschen ihre großen Denker nicht immer ernst nehmen,
auch wenn sie sie angeblich sehr bewundern.
Diese Liebestriebe werden nun in der Psychoanalyse
a potiori und von ihrer Herkunft her Sexualtriebe
geheißen. Die Mehrzahl der „Gebildeten" hat diese
Namengebung als Beleidigung empfunden und sich für
sie gerächt, indem sie der Psychoanalyse den Vorwurf
des „Pansexualismus" entgegenschleuderte. Wer die
Sexualität für etwas die menschliche Natur Beschä-
mendes und Erniedrigendes hält, dem steht es ja frei,
sich der vornehmeren Ausdrücke Eros und Erotik zu
bedienen. Ich hätte es auch selbst von Anfang an so
tun können und hätte mir dadurch viel Widerspruch
erspart. Aber ich mochte es nicht, denn ich vermeide
gern Konzessionen, an die Schwachmütigkeit. Man kann
nicht wissen, wohin man auf diesem Wege gerät j man
gibt zuerst in Worten nach und dann allmählich auch
in der Sache. Ich kann nicht finden, daß irgend ein
Verdienst daran ist, sich der Sexualität zu schämen;
das griechische Wort Eros, das den Schimpf lindern
soll, ist doch schließlich nichts anderes als die Über-
setzung unseres deutschen Wortes Liebe, und endlich,
wer warten kann, braucht keine Konzessionen zu machen.
1) „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete,
und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine
klingende Schelle," u. ff.
IV. Suggestion und Libido 39
Wir werden es also mit der Voraussetzung ver-
suchen, daß Liebesbeziehungen (indifferent ausgedrückt:
Gefühlsbindungen) auch das Wesen der Massenseele
ausmachen. Erinnern wir uns daran, daß von solchen
bei den Autoren nicht die Rede ist. Was ihnen ent-
sprechen würde, ist offenbar hinter dem Schirm, der
spanischen Wand, der Suggestion verborgen. Auf zwei
flüchtige Gedanken stützen wir zunächst unsere Er-
wartung. Erstens, daß die Masse offenbar durch irgend
eine Macht zusammengehalten wird. Welcher Macht
könnte man aber diese Leistung eher zuschreiben als
dem Eros, der alles in der Welt zusammenhält?
Zweitens, daß man den Eindruck empfängt, wenn der
Einzelne in der Masse seine Eigenart aufgibt und sich
von den Anderen suggerieren läßt, er tue es, weil
ein Bedürfnis bei ihm besteht, eher im Einvernehmen
mit ihnen als im Gegensatz zu ihnen zu sein, also
vielleicht doch „ihnen zuliebe".
■i .
V
ZWEI KÜNSTLICHE MASSEN: KIRCHE UND HEER
Aus der Morphologie der Massen rufen wir uns
ins Gedächtnis, daß man sehr verschiedene Arten von
Massen und gegensätzliche Richtungen in ihrer Aus-
bildung unterscheiden kann. Es gibt sehr flüchtige
Massen und höchst dauerhafte; homogene, die aus
gleichartigen Individuen bestehen, und nicht homogene;
natürliche Massen und künstliche, die zu ihrem Zu-
sammenhalt auch einen äußeren Zwang erfordern;
primitive Massen und gegliederte, hoch organisierte.
Aus Gründen aber, in welche die Einsicht noch verhüllt
ist, möchten wir auf eine Unterscheidung besonderen
Wert legen, die bei den Autoren eher zu wenig
beachtet wird; ich meine die von führerlosen Massen
und von solchen mit Führern. Und recht im Gegensatz
zur gewohnten Übung soll unsere Untersuchung nicht
eine relativ einfache Massenbildung zum Ausgangspunkt
wählen, sondern an hoch organisierten, dauerhaften,
künstlichen Massen beginnen. Die interessantesten Bei-
spiele solcher Gebilde sind die Kirche, die Gemeinschaft
der Gläubigen, und die Armee, das Heer.
i
V. Zwei künstliche Massen: Kirche und Heer 4 1
Kirche und Heer sind künstliche Massen, das heißt,
es wird ein gewisser äußerer Zwang aufgewendet,
um sie vor der Auflösung zu bewahren 1 und Ver-
änderungen in ihrer Struktur hintanzuhalten. Man wird
in der Regel nicht befragt oder es wird einem nicht
freigestellt, ob man in eine solche Masse eintreten
will; der Versuch des Austritts wird gewöhnlich verfolgt
oder strenge bestraft oder ist an ganz bestimmte Be-
dingungen geknüpft. Warum diese Vergesellschaftungen
so besonderer Sicherungen bedürfen, liegt unserem
Interesse gegenwärtig ganz ferne. Uns zieht nur der
eine Umstand an, daß man an diesen hochorganisierten,
in solcher Weise vor dem Zerfall geschützten Massen
mit großer Deutlichkeit gewisse Verhältnisse erkennt,
die anderswo weit mehr verdeckt sind.
In der Kirche — wir können mit Vorteil die
katholische Kirche zum Muster nehmen — gilt wie im
Heer, so verschieden beide sonst sein mögen, die
nämliche Vorspiegelung (Illusion), daß ein Oberhaupt
da ist — in der katholischen Kirche Christus, in der
Armee der Feldherr — das alle Einzelnen der Masse
. mit der gleichen Liebe liebt. An dieser Illusion hängt
alles j ließe man sie fallen, so zerfielen sofort, soweit
der äußere Zwang es gestattete, Kirche wie Heer.
Von Christus wird diese gleiche Liebe ausdrücklich
1) Die Eigenschaften „stabil" und „künstlich" scheinen bei
den Massen zusammenzufallen oder wenigstens intim zusammen-
zuhängen.
\
42 Massenpsycliologie und Ich-Analyse
ausgesagt : Was ihr getan habt einem unter diesen meinen
geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. Er steht
zu den Einzelnen der gläubigen Masse im Verhältnis
eines gütigen älteren Bruders, ist ihnen ein Vaterersatz.
Alle Anforderungen an die Einzelnen leiten sich von
dieser Liebe Christi ab. Ein demokratischer Zug geht,
durch die Kirche, eben weil vor Christus alle gleich
sind, alle den gleichen Anteil an seiner Liebe haben.
Nicht ohne tiefen Grund wird die Gleichartigkeit der
christlichen Gemeinde mit einer Familie heraufbe-
schworen und nennen sich die Gläubigen Brüder in
Christo, d. h. Brüder durch die Liebe, die Christus
für sie hat. Es ist nicht zu bezweifeln, daß die Bindung
jedes Einzelnen an Christus auch die Ursache ihrer
Bindung unter einander ist. Ähnliches gilt für das Heer;
der Feldherr ist der Vater, der alle seine Soldaten
gleich liebt, und darum sind sie Kameraden unter-
einander. Das Heer unterscheidet sich strukturell von
der Kirche darin, daß es aus einem Stufenbau von
solchen Massen besteht. Jeder Hauptmann ist gleichsam
der Feldherr und Vater seiner Abteilung, jeder Unter-
offizier der seines Zuges. Eine ähnliche Hierarchie ist
zwar auch in der Kirche ausgebildet, spielt aber in
ihr nicht dieselbe ökonomische Rolle, da man Christus
mehr Wissen und Bekümmern um die Einzelnen zu-
schreiben darf als dem menschlichen Feldherrn.
Gegen diese Auffassung der libidinösen Struktur
einer Armee wird man mit Recht einwenden, daß die
V. Zivei künstliche Massen: Kirche und Heer 43
Ideen des Vaterlandes, des nationalen Ruhms u. a.,
die für den Zusammenhalt der Armee so bedeutsam
sind, hier keine Stelle gefunden haben. Die Antwort
darauf lautet, dies sei ein anderer, nicht mehr so
einfacher Fall von Massenbindung, und wie die Beispiele
großer Heerführer, Caesar, Wallenstein, Napoleon,
zeigen, sind solche Ideen für den Bestand einer Armee
nicht unentbehrlich. Von dem möglichen Ersatz des
Führers durch eine führende Idee und den Beziehungen
zwischen beiden wird später kurz die Rede sein. Die
Vernachlässigung dieses libidinösen Faktors in der
Armee, auch dann, wenn er nicht der einzig wirksame
ist, scheint nicht nur ein theoretischer Mangel, sondern
auch eine praktische Gefahr. Der preußische Militarismus,
der ebenso unpsychologisch war wie die deutsche
Wissenschaft, hat dies vielleicht im großen Weltkrieg
erfahren müssen. Die Kriegsneurosen, welche die deutsche
Armee zersetzten, sind ja großenteils als Protest des
Einzelnen gegen die ihm in der Armee zugemutete
Rolle erkannt worden, und nach den Mitteilungen von
E. Simmel 1 darf man behaupten, daß die lieblose
Behandlung des gemeinen Mannes durch seine Vor-
gesetzten obenan unter den Motiven der Erkrankung
stand. Bei besserer Würdigung dieses Libidoanspruches
hätten wahrscheinlich die phantastischen Versprechungen
der 14 Punkte des amerikanischen Präsidenten nicht so
1) Kriegsneurosen und „Psychisches Trauma", München 191 8.
44 Massenpsychologie und Ich-Analyse
leicht Glauben gefunden und das großartige Instrument
wäre den deutschen Kriegskünstlern nicht in der Hand
zerbrochen.
Merken wir an, daß in diesen beiden künstlichen
Massen jeder Einzelne einerseits an den Führer (Christus,
Feldherrn), andererseits an die anderen Massenindivi-
duen libidinös gebunden ist. Wie sich diese beiden
Bindungen zueinander verhalten, ob sie gleichartig und
gleichwertig sind und wie sie psychologisch zu be-
schreiben wären, das müssen wir einer späteren Unter-
suchung vorbehalten. Wir getrauen uns aber jetzt
schon eines leisen Vorwurfes gegen die Autoren, daß
sie die Bedeutung des Führers für die Psychologie
der Masse nicht genügend gewürdigt haben, während
uns die Wahl des ersten Untersuchungsobjekts in
eine günstigere Lage gebracht hat. Es will uns scheinen,
als befänden wir uns auf dem richtigen Weg, der
die Haupterscheinung der Massenpsychologie, die Un-
freiheit des Einzelnen in der Masse, aufklären kann.
Wenn für jeden Einzelnen eine so ausgiebige Gefühls-
bindung nach zwei Richtungen besteht, so wird es
uns nicht schwer werden, aus 'diesem Verhältnis die
beobachtete Veränderung und Einschränkung seiner
Persönlichkeit abzuleiten.
Einen Wink ebendahin, das Wesen einer Masse
bestehe in den in ihr vorhandenen libidinösen Bin-
dungen, erhalten wir auch in dem Phänomen der
Panik, welches am besten an militärischen Massen zu
V. Zwei künstliche Massen: Kirche und Heer 45
studieren ist. Eine Panik entsteht, wenn eine solche
Masse sich zersetzt. Ihr Charakter ist, daß kein Befehl
des Vorgesetzten mehr angehört wird, und daß jeder
für sich selbst sorgt ohne Rücksicht auf die anderen.
Die gegenseitigen Bindungen haben aufgehört und eine
riesengroße, sinnlose Angst wird frei. Natürlich wird
auch hier wieder der Einwand naheliegen, es sei viel-
mehr umgekehrt, indem die Angst so groß gewachsen
sei, daß sie sich über alle Rücksichten und Bindungen
hinaussetzen konnte. M c Dougall hat sogar (S. 24)
den Fall der Panik (allerdings der nicht militärischen)
als Musterbeispiel für die von ihm betonte Affekt-
steigerung durch Ansteckung (primary induction) ver-
wertet. Allein diese rationelle Erklärungsweise geht
hier doch ganz fehl. Es steht eben zur Erklärung,
warum die Angst so riesengroß geworden ist. Die
Größe der Gefahr kann nicht beschuldigt werden, denn
dieselbe Armee, die jetzt der Panik verfällt, kann
ähnlich große und größere Gefahren tadellos bestanden
haben, und es gehört geradezu zum Wesen der Panik,
daß sie nicht im Verhältnis zur drohenden Gefahr
steht, oft bei den nichtigsten Anlässen ausbricht.
Wenn der Einzelne in panischer Angst für sich selbst
zu sorgen unternimmt, so bezeugt er damit die Ein-
sicht, daß die affektiven Bindungen aufgehört haben,
die bis dahin die Gefahr für ihn herabsetzten. Nun,
da er der Gefahr allein entgegensteht, darf er sie
allerdings höher einschätzen. Es verhält sich also so,
46 Massenpsychologie und Ich-Analyse
daß die panische Angst die Lockerung in der libidi-
nösen Struktur der Masse voraussetzt und in berech-
tigter Weise auf sie reagiert, nicht umgekehrt, daß
die Libidobindungen der Masse an der Angst vor
der Gefahr zugrunde gegangen wären.
Mit diesen Bemerkungen wird der Behauptung,
daß die Angst in der Masse durch Induktion (An-
steckung) ins Ungeheure wachse, keineswegs wider-
sprochen. Die M c Dougall'sche Auffassung ist durch-
aus zutreffend für den Fall, daß die Gefahr eine real
große ist und daß in der Masse keine starken Ge-
fühlsbindungen bestehen, Bedingungen, die verwirklicht
werden, wenn z. B. in einem Theater oder Vergnügungs-
lokal Feuer ausbricht. Der lehrreiche und für unsere
Zwecke verwertete Fall ist der oben erwähnte, daß
ein Heereskörper in Panik gerät, wenn die Gefahr
nicht über das gewohnte und oftmals gut vertragene
Maß hinaus gesteigert ist. Man wird nicht erwarten
dürfen, daß der Gebrauch des Wortes „Panik" scharf
und eindeutig bestimmt sei. Manchmal bezeichnet man
so jede Massenangst, andere Male auch die Angst
eines Einzelnen, wenn sie über jedes Maß hinausgeht,
häufig scheint der Name für den Fall reserviert, daß
der Angstausbruch durch den Anlaß nicht gerecht-
fertigt wird. Nehmen wir das Wort „Panik" im Sinne
der Massenangst, so können wir eine weitgehende
Analogie behaupten. Die Angst des Individuums wird
hervorgerufen entweder durch die Größe der Gefahr
.
V. Zwei künstliche Massen: Kirche und Heer 47
oder durch das Auflassen von Gefühlsbindungen (Libido-
besetzungen); der letztere Fall ist der der neurotischen
Angst (S. Vorlesungen zur Einführung in die Psycho-
analyse, XXV., 3. Aufl., 1920). Ebenso entsteht die
Panik durch die Steigerung der Alle betreffenden Ge-
fahr oder durch das Aufhören der die Masse zusammen-
haltenden Gefühlsbindungen, und dieser letzte Fall
ist der neurotischen Angst analog (Vgl. hiezu den
gedankenreichen, etwas phantastischen Aufsatz von
Bela v. Felszeghy : Panik und Pankomplex, „Imago",
VI, 1920).
Wenn man die Panik wie M c Dougall (1. c.) als
eine der deutlichsten Leistungen des ,,group mind"
beschreibt, gelangt man zum Paradoxon, daß sich
diese Massenseele in einer ihrer auffälligsten Äußerungen
selbst aufhebt. Es ist kein Zweifel möglich, daß die
Panik die Zersetzung der Masse bedeutet, sie hat das
Aufhören aller Rücksichten zur Folge, welche sonst
die Einzelnen der Masse für einander zeigen.
Der typische Anlaß für den Ausbruch einer Panik
ist so ähnlich, wie er in der Nestroy'schen Parodie
des Hebbel'schen Dramas von Judith und Holofernes
dargestellt wird. Da schreit ein Krieger: „Der Feld-
herr hat den Kopf verloren", und darauf ergreifen
alle Assyrer die Flucht. Der Verlust des Führers in
irgend einem Sinne, das Irrewerden an ihm bringt
die Panik bei gleichbleibender Gefahr zum Ausbruch;
mit der Bindung an den Führer schwinden — in der
J
48 Massenpsychologie und Ich-Analyse
Regel — auch die gegenseitigen Bindungen der
Massenindividuen. Die Masse zerstiebt wie ein Bolog-
neser Fläschchen, dem man die Spitze abgebrochen hat.
Die Zersetzung einer religiösen Masse ist nicht so
leicht zu beobachten. Vor kurzem geriet mir ein von
katholischer Seite stammender, vom Bischof von London
empfohlener englischer Roman in die Hand mit dem
Titel: „When ü was dark" , der eine solche Möglich-
keit und ihre Folgen in geschickter und, wie ich
meine, zutreffender Weise ausmalte. Der Roman er-
zählt wie aus der Gegenwart, daß es einer Verschwörung
von Feinden der Person Christi und des christlichen
Glaubens gelingt, eine Grabkammer in Jerusalem auf-
finden zu lassen, in deren Inschrift Josef von Arimathäa
bekennt, daß er aus Gründen der Pietät den Leich-
nam Christi am dritten Tag nach seiner Beisetzung
heimlich aus seinem Grab entfernt und hier bestattet
habe. Damit ist die Auferstehung Christi und seine
göttliche Natur abgetan und die Folge dieser archäo-
logischen Entdeckung ist eine Erschütterung der euro-
päischen Kultur und eine außerordentliche Zunahme
aller Gewalttaten und Verbrechen, die erst schwindet,
nachdem das Komplott der Fälscher enthüllt werden
kann.
Was bei der hier angenommenen Zersetzung der
religiösen Masse zum Vorschein kommt, ist nicht Angst,
für welche der Anlaß fehlt, sondern rücksichtslose
und feindselige Impulse gegen andere Personen, die
V. Zwei künstli che Massen: Kirche und Heer 49
sich bis dahin dank der gleichen Liebe Christi nicht
äußern konnten. 1 Außerhalb dieser Bindung stehen
aber auch während des Reiches Christi jene Indivi-
duen, die nicht zur Glaubensgemeinschaft gehören,
die ihn nicht lieben und die er nicht liebt; darum
muß eine Religion, auch wenn sie sich die Religion
der Liebe heißt, hart und lieblos gegen diejenigen
sein, die ihr nicht angehören. Im Grunde ist ja jede
Religion eine solche Religion der Liebe für alle, die
sie umfaßt, und jeder liegt Grausamkeit und Intoleranz
gegen die nicht dazugehörigen nahe. Man darf, so
schwer es einem auch persönlich fällt, den Gläubigen
daraus keinen zu argen Vorwurf machen; Ungläubige
und Indifferente haben es in diesem Punkte psycho-
logisch um so viel leichter. Wenn diese Intoleranz sich
heute nicht mehr so gewalttätig und grausam kund-
gibt wie in früheren Jahrhunderten, so wird man dar-
aus kaum auf eine Milderung in den Sitten der Men-
schen schließen dürfen. Weit eher ist die Ursache
davon in der unleugbaren Abschwächung der reli-
giösen Gefühle und der von ihnen abhängigen libi-
dinösen Bindungen zu suchen. Wenn eine andere
Massenbindung an die Stelle der religiösen tritt, wie
es jetzt der sozialistischen zu gelingen scheint, so wird
sich dieselbe Intoleranz gegen die Außenstehenden
1) Vgl. hiezu die Erklärung ähnlicher Phänomene nach dem
Wegfall der landesväterlichen Autorität bei P. Federn, Die vater-
lose Gesellschaft, Wien, 1919.'
Freud: Massenpsychologie und Ich-Analyse a
50 Massenpsychologie und Ich-Analyse
ergeben wie im Zeitalter der Religionskämpfe, und wenn
die Differenzen wissenschaftlicher Anschauungen je
eine ähnliche Bedeutung für die Massen gewinnen
könnten, würde sich dasselbe Resultat auch für diese
Motivierung wiederholen.
VI
WEITERE AUFGABEN
UND ARBEITSRICHTUNGEN
Wir haben bisher zwei artifizielle Massen unter-
sucht und gefunden, daß sie von zweierlei Gefühls-
bindungen beherrscht werden, von denen die eine an
den Führer — wenigstens für sie — bestimmender
zu sein scheint als die andere, die der Massenindi-
viduen aneinander.
Nun gäbe es in der Morphologie der Massen noch
viel zu untersuchen und zu beschreiben. Man hätte
von der Feststellung auszugehen, daß eine bloße
Menschenmenge noch keine Masse ist, so lange sich
jene Bindungen in ihr nicht hergestellt haben, hätte
aber das Zugeständnis zu machen, daß in einer be-
liebigen Menschenmenge sehr leicht die Tendenz zur
Bildung einer psychologischen Masse hervortritt. Man
müßte den verschiedenartigen, mehr oder minder be-
ständigen Massen, die spontan zustande kommen, Auf-
merksamkeit schenken, die Bedingungen ihrer Ent-
stehung und ihres Zerfalls studieren. Vor allem würde
uns der Unterschied zwischen Massen, die einen Führer
■"
52 Massenpsychologie und Ich-Analyse
haben und führerlosen Massen beschäftigen. Ob nicht
die Massen mit Führer die ursprünglicheren und voll-
ständigeren sind, ob in den anderen der Führer nicht
durch eine Idee, ein Abstraktum ersetzt sein kann,
wozu ja schon die religiösen Massen mit ihrem unauf-
zeigbaren Oberhaupt die Überleitung bilden, ob nicht
eine gemeinsame Tendenz, ein Wunsch, an dem eine
Vielheit Anteil nehmen kann, den nämlichen Ersatz
leistet. Dieses Abstrakte könnte sich wiederum mehr
oder weniger vollkommen in der Person eines gleich-
sam sekundären Führers verkörpern, und aus der
Beziehung zwischen Idee und Führer ergäben sich
interessante Mannigfaltigkeiten. Der Führer oder die
führende Idee könnten auch sozusagen negativ werden-
der Haß gegen eine bestimmte Person oder Institution
könnte ebenso einigend wirken und ähnliche Gefühls-
bindungen hervorrufen wie die positive Anhänglich-
keit. Es fragt sich dann auch, ob der Führer für das
Wesen der Masse wirklich unerläßlich ist u. a. m.
Aber all diese Fragen, die zum Teil auch in der
Literatur der Massenpsychologie behandelt sein mögen,
werden nicht imstande sein, unser Interesse von den
psychologischen Grundproblemen abzulenken, die uns
in der Struktur einer Masse geboten werden. Wir
werden zunächst von einer Überlegung gefesselt, die
uns auf dem kürzesten Weg den Nachweis verspricht,
daß es Libidobindungen sind, welche eine Masse
charakterisieren.
VI. Weitere Aufgaben und Arbeitsrichtungen 5 3
Wir halten uns vor, wie sich die Menschen im
allgemeinen affektiv zueinander verhalten. Nach dem
berühmten Schopenhauer'schen Gleichnis von den
frierenden Stachelschweinen verträgt keiner eine allzu
intime Annäherung des anderen. 1
Nach dem Zeugnis der Psychoanalyse enthält fast
jedes intime Gefühlsverhältnis zwischen zwei Personen
von längerer Dauer — Ehebeziehung, Freundschaft,
Eltern- und Kindschaft 2 — einen Bodensatz von ab-
lehnenden, feindseligen Gefühlen, der nur infolge von
Verdrängung der Wahrnehmung entgeht. Unverhüllter
ist es, wenn jeder Kompagnon mit seinem Gesellschafter
hadert, jeder Untergebene gegen seinen Vorgesetzten
murrt. Dasselbe geschieht dann, wenn die Menschen
zu größeren Einheiten zusammentreten. Jedesmal, wenn
sich zwei Familien durch eine Eheschließung verbinden,
i) „Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich, an einem
kalten Wintertage, recht nahe zusammen, um durch die gegen-
seitige Wärme sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald
empfanden sie die gegenseitigen Stacheln, welches sie dann wieder
von einander entfernte. Wenn nun das Bedürfnis der Erwärmung
sie wieder näher zusammenbrachte, wiederholte sich jenes zweite
Übel, so daß sie zwischen beiden Leiden hin- und hergeworfen
wurden, bis sie eine mäßige Entfernung herausgefunden hatten,
in der sie es am besten aushalten konnten." (Parerga und Parali-
pomena, II. Teil, XXXI., Gleichnisse und Parabeln.)
2) Vielleicht mit einziger Ausnahme der Beziehung der Mutter
zum Sohn, die auf Narzißmus gegründet, durch spätere Rivalität
nicht gestört und durch einen Ansatz zur sexuellen Objektwahl
verstärkt wird.
54 Massenpsychologie und Ich- Analyse
hält sich jede von ihnen für die bessere oder vornehmere
auf Kosten der anderen. Von zwei benachbarten Städten
wird jede zur mißgünstigen Konkurrentin der anderen;
jedes Kantönli sieht geringschätzig auf das andere herab.
Nächstverwandte Völkerstämme stoßen einander ab,
der Süddeutsche mag den Norddeutschen nicht leiden,
der Engländer sagt dem Schotten alles Böse nach, der
Spanier verachtet den Portugiesen. Daß bei größeren
Differenzen sich eine schwer zu überwindende Ab-
neigung ergibt, des Galliers gegen den Germanen, des
Ariers gegen den Semiten, des Weißen gegen den
Farbigen, hat aufgehört, uns zu verwundern.
Wenn sich die Feindseligkeit gegen sonst geliebte
Personen richtet, bezeichnen wir es als Gefühlambivalenz
und erklären uns diesen Fall in sicherlich allzu rationeller
Weise durch die vielfachen Anlässe zu Interessen-
konflikten, die sich gerade in so intimen Beziehungen
ergeben. In den unverhüllt hervortretenden Abneigungen
und Abstoßungen gegen nahestehende Fremde können
wir den Ausdruck einer Selbstliebe, eines Narzißmus,
erkennen, der seine Selbstbehauptung anstrebt und sich
so benimmt, als ob das Vorkommen einer Abweichung
von seinen individuellen Ausbildungen eine Kritik der-
selben und eine Aufforderung, sie umzugestalten, mit
sich brächte. Warum sich eine so große Empfindlich-
keit gerade auf diese Einzelheiten der Differenzierung
geworfen haben sollte, wissen wir nicht; es ist aber un-
verkennbar, daß sich in diesem Verhalten der Menschen
VI. Weitere Aufgaben und Arbeitsricktzmgen 5 5
eine Haßbereitschaft, eine Aggressivität kundgibt, deren
Herkunft unbekannt ist, und der man einen elementaren
Charakter zusprechen möchte. 1
Aber all diese Intoleranz schwindet, zeitweilig oder
dauernd, durch die Massenbildung und in der Masse.
Solange die Massenbildung anhält oder soweit sie reicht,
benehmen sich die Individuen als wären sie gleichförmig,
dulden sie die Eigenart des anderen, stellen sich ihm
gleich und verspüren kein Gefühl der Abstoßung gegen
ihn. Eine solche Einschränkung des Narzißmus kann
nach unseren theoretischen Anschauungen nur durch
ein Moment erzeugt werden, durch libidinöse Bindung
an andere Personen. Die Selbstliebe findet nur an der
Fremdliebe, Liebe zu Objekten, eine Schranke. 3 Man
wird sofort die Frage aufwerfen, ob nicht die Interessen-
gemeinschaft an und für sich und ohne jeden libidi-
nösen Beitrag zur Duldung des anderen und zur
Rücksichtnahme auf ihn führen muß. Man wird diesem
Einwand mit dem Bescheid begegnen, daß auf solche
Weise eine bleibende Einschränkung des Narzißmus
doch nicht zustande kommt, da diese Toleranz nicht
länger anhält, als der unmit telbare Vorteil, den man
1) In einer kürzlich (1920) veröffentlichten Schrift Jenseits
des Lustprinzips" habe ich versucht, die Polarität vom Lieben
und Hassen mit einem angenommenen Gegensatz von Lebens-
und Todestrieben zu verknüpfen, und die Sexualtriebe als die
reinsten Vertreter der ersteren, der Lebenstriebe, hinzustellen.
2) S. Zur Einführung des Narzißmus 1914. Sammlung kleiner
Schriften zur Neurosenlehre, vierte Folge 191 8.
:"-!.
56
Massenpsychologie und Ich-Analyse
aus der Mitarbeit des anderen zieht. Allein der prakti-
sche Wert dieser Streitfrage ist geringer, als man
meinen sollte, denn die Erfahrung hat gezeigt, daß
sich im Falle der Mitarbeiterschaft regelmäßig libidinöse
Bindungen zwischen den Kameraden herstellen, welche
die Beziehung zwischen ihnen über das Vorteilhafte
hinaus verlängern und fixieren. Es geschieht in den
sozialen Beziehungen der Menschen dasselbe, was der
psychoanalytischen Forschung in dem Entwicklungsgang
der individuellen Libido bekannt geworden ist. Die
Libido lehnt sich an die Befriedigung der großen Lebens-
bedürfnisse an und wählt die daran beteiligten Personen
zu ihren ersten Objekten. Und wie beim Einzelnen,
so hat auch in der Entwicklung der ganzen Menschheit
nur die Liebe als Kulturfaktor im Sinne einer Wendung
vom Egoismus zum Altruismus gewirkt. Und zwar
sowohl die geschlechtliche Liebe zum Weibe mit all
den aus ihr fließenden Nötigungen, das zu verschonen,
was dem Weibe lieb war, als auch die desexualisierte,
sublimiert homosexuelle Liebe zum anderen Manne,
die sich an die gemeinsame Arbeit knüpfte.
Wenn also in der Masse Einschränkungen der narziß-
tischen Eigenliebe auftreten, die außerhalb derselben
nicht wirken, so ist dies ein zwingender Hinweis darauf, daß
das Wesen der Massenbildung in neuartigen libidinösen
Bindungen der Massenmitglieder aneinander besteht.
Nun wird aber unser Interesse dringend fragen,
welcher Art diese Bindungen in der Masse sind. In der
■
I
■
VI. Weitere Auf gaben tind Arbeitsrichtungen 57
psychoanalytischen Neurosenlehre haben wir uns bisher
fast ausschließlich mit der Bindung solcher Liebestriebe
an ihre Objekte beschäftigt, die noch direkte Sexualziele
verfolgen. Um solche Sexualziele kann es sich in der
Masse offenbar nicht handeln. Wir haben es hier mit
Liebestrieben zu tun, die, ohne darum minder energisch
zu wirken, doch von ihren ursprünglichen Zielen ab-
gelenkt sind. Nun haben wir bereits im Rahmen der
gewöhnlichen sexuellen Objektbesetzung Erscheinungen
bemerkt, die einer Ablenkung des Triebes von seinem
Sexualziel entsprechen. Wir haben sie als Grade von
Verliebtheit beschrieben und erkannt, daß sie eine
gewisse Beeinträchtigung des Ichs mit sich bringen.
Diesen Erscheinungen der Verliebtheit werden wir jetzt
eingehendere Aufmerksamkeit zuwenden, in der be-
gründeten Erwartung, an ihnen Verhältnisse zu finden,
die sich auf die Bindungen in den Massen übertragen
lassen. Außerdem möchten wir aber wissen, ob diese
Art der Objektbesetzung, wie wir sie aus dem Ge-
schlechtsleben kennen, die einzige Weise der Gefühls-
bindung an eine andere Person darstellt, oder ob wir
noch andere solche Mechanismen in Betracht zu ziehen
haben. Wir erfahren tatsächlich aus der Psychoanalyse,
daß es noch andere Mechanismen der Gefühlsbindung
gibt, die sogenannten Identifizierungen, ungenügend
bekannte, schwer darzustellende Vorgänge, deren Unter-
suchung uns nun eine gute Weile vom Thema der
Massenpsychologie fernhalten wird.
-
— -
VII
DIE IDENTIFIZIERUNG
Die Identifizierung ist der Psychoanalyse als früheste
Äußerung einer Gefühlsbindung an eine andere Person
bekannt. Sie spielt in der Vorgeschichte des Ödipus-
komplexes eine Rolle. Der kleine Knabe legt ein be-
sonderes Interesse für seinen Vater an den Tag, er
möchte so werden und so sein wie er, in allen Stücken
an seine Stelle treten. Sagen wir ruhig: er nimmt den
Vater zu seinem Ideal. Dies Verhalten hat nichts mit
einer passiven oder femininen Einstellung zum Vater
(und zum Manne überhaupt) zu tun, es ist vielmehr
exquisit männlich. Es verträgt sich sehr wohl mit dem
Ödipuskomplex, den es vorbereiten hilft.
Gleichzeitig mit dieser Identifizierung mit dem Vater
oder etwas später, hat der Knabe begonnen, eine
richtige Objektbesetzung der Mutter nach dem An-
lehnungstypus vorzunehmen. Er zeigt also dann zwei
psychologisch verschiedene Bindungen, zur Mutter eine
glatt sexuelle Objektbesetzung, zum Vater eine vor-
bildliche Identifizierung. Die beiden bestehen eine Weile
nebeneinander, ohne gegenseitige Beeinflussung oder
VII. Die Identifizierung 59
Störung. Infolge der unaufhaltsam fortschreitenden Ver-
einheitlichung des Seelenlebens treffen sie sich endlich
und durch dies Zusammenströmen entsteht der normale
Ödipuskomplex. Der Kleine merkt, daß ihm der Vater
bei der Mutter im Wege steht; seine Identifizierung
mit dem Vater nimmt jetzt eine feindselige Tönung an
und wird mit dem Wunsch identisch, den Vater auch
bei der Mutter zu ersetzen. Die Identifizierung ist eben
von Anfang an ambivalent, sie kann sich ebenso zum
Ausdruck der Zärtlichkeit wie zum Wunsch der Be-
seitigung wenden. Sie benimmt sich wie ein Abkömmling
der ersten oralen Phase der Libidoorganisation, in
welcher man sich das begehrte und geschätzte Objekt
durch Essen einverleibte und es dabei als solches
vernichtete. Der Kannibale bleibt bekanntlich auf diesem
Standpunkt stehen; er hat seine Feinde zum Fressen
lieb, und er frißt die nicht, die er nicht irgend wie lieb
haben kann. 1
Das Schicksal dieser Vateridentifizierung verliert
man später leicht aus den Augen. Es kann dann
geschehen, daß der Ödipuskomplex eine Umkeh-
rung erfährt, daß der Vater in femininer Einstellung
zum Objekte genommen wird, von dem die direkten
1) S. „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" und Abraham:
„Untersuchungen über die früheste prägenitale Entwicklungsstufe
der Libido." Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IV, 1916, auch in
dessen „Klinische Beiträge zur Psychoanalyse". Intern. Psychoanalyt.
Bibliothek, Bd. 10, 1921.
■ — ■
6o Massenpsychologie und Ich-Analyse
Sexualtriebe ihre Befriedigung erwarten, und dann ist die
Vateridentifizierung zum Vorläufer der Objektbindung
an den Vater geworden. Dasselbe gilt mit den ent-
sprechenden Ersetzungen auch für die kleine Tochter.
Es ist leicht, den Unterschied einer solchen Vater-
identifizierung von einer Vaterobjekt wähl in einer Formel
auszusprechen. Im ersten Falle ist der Vater das, was
man sein, im zweiten das, was man haben möchte.
Es ist also der Unterschied, ob die Bindung am Subjekt
oder am Objekt des Ichs angreift. Die erstere ist darum
bereits vor jeder sexuellen Objektwahl möglich. Es
ist weit schwieriger, diese Verschiedenheit metapsycho-
logisch anschaulich darzustellen. Man erkennt nur, die
Identifizierung strebt danach, das eigene Ich ähnlich
zu gestalten wie das andere zum „Vorbild" genommene.
Aus einem verwickeiteren Zusammenhange lösen
wir die Identifizierung bei einer neurotischen Symptom-
bildung. Das kleine Mädchen, an das wir uns jetzt
halten wollen, bekomme dasselbe Leidenssymptom wie
seine Mutter, z. B. denselben quälenden Husten. Das
kann nun auf verschiedenen Wegen zugehen. Entweder
ist die Identifizierung dieselbe aus dem Ödipuskomplex,
die ein feindseliges Ersetzenwollen der Mutter bedeutet,
und das Symptom drückt die Objektliebe zum Vater
aus; es realisiert die Ersetzung der Mutter unter dem
Einfluß des Schuldbewußtseins: Du hast die Mutter
sein wollen, jetzt bist du's wenigstens im Leiden. Das
ist dann der komplette Mechanismus der hysterischen
I v
I
VII. Die Identißzierung 61
Symptombildung. Oder aber, das Symptom ist das-
selbe wie das der geliebten Person (so wie z. B.
Dora im „Bruchstück einer Hysterieanalyse" den Husten
des Vaters imitiert); dann können wir den Sachverhalt
nur so beschreiben, die Identifizierung sei an
Stelle der Objektwahl getreten, die Objekt-
wahl sei zur Identifizierung regrediert. Wir
haben gehört, daß die Identifizierung die früheste und
ursprünglichste Form der Gefühlsbindung ist; unter
den Verhältnissen der Symptombildung, also der Ver-
drängung, und der Herrschaft der Mechanismen des
Unbewußten kommt es oft vor, daß die Objektwahl
wieder zur Identifizierung wird, also das Ich die Eigen-
schaften des Objekts an sich nimmt. Bemerkenswert
ist es, daß das Ich bei diesen Identifizierungen das
eine Mal die ungeliebte, das andere Mal aber die
geliebte Person kopiert. Es muß uns auch auffallen,
daß beide Male die Identifizierung eine partielle, höchst
beschränkte ist, nur einen einzigen Zug von der Objekt-
person entlehnt.
Es ist ein dritter, besonders häufiger und bedeut-
samer Fall der Symptombildung, daß die Identifizierung
vom Objektverhältnis zur kopierten Person ganz ab-
sieht. Wenn z. B. eines der Mädchen im Pensionat
einen Brief vom geheim Geliebten bekommen hat, der
ihre Eifersucht erregt, und auf den sie mit einem
hysterischen Anfall reagiert, so werden einige ihrer Freun-
dinnen, die darum wissen, diesen Anfall übernehmen,
■n^
62 Massenpsychologie und Ich-Analyse
wie wir sagen, auf dem Wege der psychischen Infek-
tion. Der Mechanismus ist der der Identifizierung auf
Grund des sich in dieselbe Lage Versetzenkönnens
oder Versetzen wollens. Die anderen möchten auch ein
geheimes Liebesverhältnis haben und akzeptieren unter
dem Einfluß des Schuldbewußtseins auch das damit
verbundene Leid. Es wäre unrichtig, zu behaupten, sie
eignen sich das Symptom aus Mitgefühl an. Im Gegen-
teil, das Mitgefühl entsteht erst aus der Identifizierung,
und der Beweis hiefür ist, daß sich solche Infektion
oder Imitation auch unter Umständen herstellt, wo
noch geringere vorgängige Sympathie zwischen beiden
anzunehmen ist, als unter Pensionsfreundinnen zu be-
stehen pflegt. Das eine Ich hat am anderen eine be-
deutsame Analogie in einem Punkte wahrgenommen,
in unserem Beispiel in der gleichen Gefühlsbereitschaft,
es bildet sich daraufhin eine Identifizierung in diesem
Punkte, und unter dem Einfluß der pathogenen Situation
verschiebt sich diese Identifizierung zum Symptom,
welches das eine Ich produziert hat. Die Identifizierung
durch das Symptom wird so zum Anzeichen für eine
Deckungsstelle der beiden Ich, die verdrängt gehalten
werden soll.
Das aus diesen drei Quellen Gelernte können wir
dahin zusammenfassen, daß erstens die Identifizierung
die ursprünglichste Form der Gefühlsbindung an ein
Objekt ist, zweitens daß sie auf regressivem Wege
zum Ersatz für eine libidinöse Objektbindung wird,
VII Die Ideniifiziemng ' 63
gleichsam durch Introjektion des Objekts ins Ich, und
daß sie drittens bei jeder neu wahrgenommenen Ge-
meinsamkeit mit einer Person, die nicht Objekt der
Sexualtriebe ist, entstehen kann. Je bedeutsamer diese
Gemeinsamkeit ist, desto erfolgreicher muß diese par-
tielle Identifizierung werden können und so dem An-
fang einer neuen Bindung entsprechen.
Wir ahnen bereits, daß die gegenseitige Bindung
der Massenindividuen von der Natur einer solchen Identi-
fizierung durch eine wichtige affektive Gemeinsamkeit
ist und können vermuten, diese Gemeinsamkeit liege
in' der Art der Bindung an den Führer. Eine andere
Ahnung kann uns sagen, daß wir weit davon entfernt
sind das Problem der Identifizierung erschöpft zu
haben, daß wir vor dem Vorgang stehen, den die
Psychologie „Einfühlung" heißt, und der den größten
Anteil an unserem Verständnis für das Ichfremde an-
derer Personen hat. Aber wir wollen uns hier auf die
nächsten affektiven Wirkungen der Identifizierung be-
schränken und ihre Bedeutung für unser intellektuelles
Leben beiseite lassen.
Die psychoanalytische Forschung, die gelegenthch
auch schon die schwierigeren Probleme der Psychosen
in Angriff genommen hat, konnte uns auch die Identi-
fizierung in einigen anderen Fällen aufzeigen, die
unserem Verständnis nicht ohne weiteres zuganglich
sind. Ich werde zwei dieser Fälle als Stoff für unsere
weiteren Überlegungen ausführlich behandeln.
64 Massenpsychologie und Ich-Analyse
Die Genese der männlichen Homosexualität ist in
einer großen Reihe von Fällen die folgende : Der junge
Mann ist ungewöhnlich lange und intensiv im Sinne
des Ödipuskomplexes an seine Mutter fixiert gewesen.
Endlich kommt doch nach vollendeter Pubertät die
Zeit, die Mutter gegen ein anderes Sexualobjekt zu
vertauschen. Da geschieht eine plötzliche Wendung;
der Jüngling verläßt nicht seine Mutter, sondern identi-
fiziert sich mit ihr, er wandelt sich in sie um und
sucht jetzt nach Objekten, die ihm sein Ich ersetzen [\
können, die er so lieben und pflegen kann, wie er es
von der Mutter erfahren hatte. Dies ist ein häufiger
Vorgang, der beliebig oft bestätigt werden kann und
natürlich ganz unabhängig von jeder Annahme ist, die
man über die organische Triebkraft und die Motive
jener plötzlichen Wandlung macht. Auffällig an dieser
Identifizierung ist ihre Ausgiebigkeit, sie wandelt das I
Ich in einem höchst wichtigen Stück, im Sexual-
charakter, nach dem Vorbild des bisherigen Objekts
um. Dabei wird das Objekt selbst aufgegeben, ob
durchaus oder nur in dem Sinne, daß es im Unbe-
wußten erhalten bleibt, steht hier außer Diskussion.
Die Identifizierung mit dem aufgegebenen oder ver-
lorenen Objekt zum Ersatz desselben, die Introjektion ..',
dieses Objekts ins Ich, ist für uns allerdings keine
Neuheit mehr. Ein solcher Vorgang läßt sich gelegent-
lich am kleinen Kind unmittelbar beobachten. Kürzlich
wurde in der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse
VII. Die Identifizierung ßc
eine solche Beobachtung veröffentlicht, daß ein Kind,
das unglücklich über den Verlust eines Kätzchens war,
frischweg erklärte, es sei jetzt selbst das Kätzchen,
dem entsprechend auf allen Vieren kroch, nicht am Tische
essen wollte usw.'
Ein anderes Beispiel von solcher Introjektion des
Objekts hat uns die Analyse der Melancholie gegeben,
welche Affektion ja den realen oder affektiven Ver-
lust des geliebten Objekts unter ihre auffälligsten Ver-
anlassungen zählt. Ein Hauptcharakter dieser Fälle ist
die grausame Selbstherabsetzung des Ichs in Verbindung
mit schonungsloser Selbstkritik und bitteren Selbst-
vorwürfen. Analysen haben ergeben, daß diese Ein-
schätzung und diese Vorwürfe im Grunde dem Objekt
gelten und die Rache des Ichs an diesem darstellen.
Der Schatten des Objekts ist auf das Ich gefallen,
sagte ich an anderer Stelle. 2 Die Introjektion des
Objekts ist hier von unverkennbarer Deutlichkeit.
Diese Melancholien zeigen uns aber noch etwas
anderes, was für unsere späteren Betrachtungen wichtig
werden kann. Sie zeigen uns das Ich geteilt, in zwei
Stücke zerfällt, von denen das eine gegen das andere
wütet. Dies andere Stück ist das durch Introjektion
veränderte, das das verlorene Objekt einschließt. Aber
i) Markuszewicz, Beitrag zum autistischen Denken bei
Kindern. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, VI., 1920.
2) Trauer und Melancholie. Sammlung kleiner Schriften zur
Neurosenlehre. IV. Folge, 191 8.
Freud: Massenpsychologie und Ich-Aualyse 5
.66 Massenpsychologie und Ich- Analyse
auch das Stück, das sich so grausam betätigt, ist
uns nicht unbekannt. Es schließt das Gewissen ein,
eine kritische Instanz im Ich, die sich auch in nor-
malen Zeiten dem Ich kritisch gegenübergestellt hat,
nur niemals so unerbittlich und so ungerecht. Wir
haben schon bei früheren Anlässen die Annahme
machen müssen (Narzißmus, Trauer und Melancholie),
daß sich in unserem Ich eine solche Instanz entwickelt,
welche sich vom anderen Ich absondern und in Kon-
flikte mit ihm geraten kann. Wir nannten sie das „Ich-
ideal" und schrieben ihr an Funktionen die Selbst-
beobachtung, das moralische Gewissen, die Traumzensur
und den Haupteinfluß bei der Verdrängung zu. Wir
sagten, sie sei der Erbe des ursprünglichen Narziß-
mus, in dem das kindliche Ich sich selbst genügte.
Allmählich nehme sie aus den Einflüssen der Umgebung
die Anforderungen auf, die diese an das Ich stelle,
denen das Ich nicht immer nachkommen könne, so
daß der Mensch, wo er mit seinem Ich selbst nicht
zufrieden sein kann, doch seine Befriedigung in dem
aus dem Ich differenzierten Ichideal finden dürfe. Im
Beobachtungswahn, stellten wir ferner fest, werde der
Zerfall dieser Instanz offenkundig und dabei ihre
Herkunft aus den Einflüssen der Autoritäten, voran
der Eltern, aufgedeckt. 1 , Wir haben aber nicht ver-
gessen anzuführen, daß das Maß der Entfernung dieses
i) Zur Einführung des Narzißmus, 1. c.
VII Die Identifizierung 67
Ichideals vom aktuellen Ich für das einzelne Individuum
sehr variabel ist, und daß bei vielen diese Differenzierung
innerhalb des Ichs nicht weiter reicht als beim Kinde.
Ehe wir aber diesen Stoff zum Verständnis der
libidinösen Organisation einer Masse verwenden können,
müssen wir einige andere Wechselbeziehungen zwischen
Objekt und Ich in Betracht ziehen. 1
1) Wir wissen sehr gut, daß wir mit diesen der Pathologie
entnommenen Beispielen das Wesen der Identifizierung nicht er-
schöpft haben und somit am Rätsel der Massenbildung ein Stück
unangerührt lassen. Hier müßte eine viel gründlichere und mehr
umfassende psychologische Analyse eingreifen. Von der Identi-
fizierung führt ein Weg über die Nachahmung zur Einfühlung,
d. h. zum Verständnis des Mechanismus, durch den uns überhaupt
eine Stellungnahme zu einem anderen Seelenleben ermöglicht
wird. Auch an den Äußerungen einer bestehenden Identifizierung
ist noch vieles aufzuklären. Sie hat unter anderem die Folge, daß
man die Aggression gegen die Person, mit der man sich identi-
fiziert hat, einschränkt, sie verschont und ihr Hilfe leistet. Das
Studium solcher Identifizierungen, wie sie z. B. der Clangemein-
schaft zugrunde liegen, ergab Robertson Smith das über-
raschende Resultat, daß sie auf der Anerkennung einer gemein-
samen Substanz beruhen (Kinship and Marriage, 1885), daher auch
durch eine gemeinsam genommene Mahlzeit geschaffen werden
können. Dieser Zug gestattet es, eine solche Identifizierung mit
der von mir in „Totem und Tabu" konstruierten Urgeschichte
der menschlichen Familie zu verknüpfen.
VIII
VERLIEBTHEIT UND HYPNOSE
Der Sprachgebrauch bleibt selbst in seinen Launen
irgend einer Wirklichkeit treu. So nennt er zwar sehr
mannigfaltige Gefühlsbeziehungen „Liebe", die auch
wir theoretisch als Liebe zusammenfassen, zweifelt aber
dann wieder, ob diese Liebe die eigentliche, richtige,
wahre sei, und deutet so auf eine ganze Stufenleiter
von Möglichkeiten innerhalb der Liebesphänomene hin.
Es wird uns auch nicht schwer, dieselbe in der
Beobachtung aufzufinden.
In einer Reihe von Fällen ist die Verliebtheit nichts
anderes als Objektbesetzung von Seiten der Sexual-
triebe zum Zweck der direkten Sexualbefriedigung, die
auch mit der Erreichung dieses Zieles erlischt; das ist
das, was man die gemeine, sinnliche Liebe heißt. Aber
wie bekannt, bleibt die libidinöse Situation selten so
einfach. Die Sicherheit, mit der man auf das Wieder-
erwachen des eben erloschenen Bedürfnisses rechnen
konnte, muß wohl das nächste Motiv gewesen sein,
dem Sexualobjekt eine dauernde Besetzung zuzuwenden,
es auch in den begierdefreien Zwischenzeiten zu „lieben".
.
VIII. Verliebtkeit und Hypnose 69
Aus der sehr merkwürdigen Entwicklungsgeschichte
des menschlichen Liebeslebens kommt ein zweites
Moment hinzu. Das Kind hatte in der ersten, mit fünf
Jahren meist schon abgeschlossenen Phase in einem
Elternteil ein erstes Liebesobjekt gefunden, auf welches
sich alle seine Befriedigung heischenden Sexualtriebe
vereinigt hatten. Die dann eintretende Verdrängung
erzwang den Verzicht auf die meisten dieser kindlichen
Sexualziele und hinterließ eine tiefgreifende Modifikation
des Verhältnisses zu den Eltern. Das Kind blieb ferner-
hin an die Eltern gebunden, aber mit Trieben, die man
,, zielgehemmte" nennen muß. Die Gefühle, die es von
nun an für diese geliebten Personen empfindet, werden
als „zärtliche" bezeichnet. Es ist bekannt, daß im Un-
bewußten die früheren „sinnlichen" Strebungen mehr
oder minder stark erhalten bleiben, so daß die ursprüng-
liche Vollströmung in gewissem Sinne weiterbesteht. 1
Mit der Pubertät setzen bekanntlich neue sehr
intensive Strebungen nach den direkten Sexualzielen
an. In ungünstigen Fällen bleiben sie als sinnliche
Strömung von den fortdauernden „zärtlichen" Gefühls-
richtungen geschieden. Man hat dann das Bild vor sich,
dessen beide Ansichten von gewissen Richtungen der
Literatur so gerne idealisiert werden. Der Mann zeigt
schwärmerische Neigungen zu hochgeachteten Frauen,
die ihn aber zum Liebesverkehr nicht reizen, und ist
.
1) S. Sexualtheorie 1. c.
JO Massenpsychologie und Ich-Analyse
nur potent gegen andere Frauen, die er nicht „liebt",
geringschätzt oder selbst verachtet. 1 Häufiger indes
gelingt dem Heranwachsenden ein gewisses Maß von
Synthese der unsinnlichen, himmlischen und der sinn-
lichen, irdischen Liebe, und ist sein Verhältnis zum
Sexualobjekt durch das Zusammenwirken von unge-
hemmten mit zielgehemmten Trieben gekennzeichnet.
Nach dem Beitrag der zielgehemmten Zärtlichkeitstriebe
kann man die Höhe der Verliebtheit iwie der Selbsterhaltungstrieb und der Geschlechts-
trieb.
Es ist natürlich nicht leicht, die Ontogenese des
Herdentriebes zu verfolgen. Die Angst des kleinen
Kindes, wenn es allein gelassen wird, die Trotter be-
reits als Äußerung des Triebes in Anspruch nehmen
will, legt doch eine andere Deutung näher. Sie gilt
der Mutter, später anderen vertrauten Personen, und
ist der Ausdruck einer unerfüllten Sehnsucht, mit der
das Kind noch nichts anderes anzufangen weiß, als sie
Freud: Massenpsychologie und Ich- Analyse 6
82 Massenpsychologie und Ich- Analyse
in Angst zu verwandeln. 1 Die Angst des einsamen kleinen
Kindes wird auch nicht durch den Anblick eines be-
liebigen anderen „aus der Herde" beschwichtigt, sondern
im Gegenteil durch das Hinzukommen eines solchen
„Fremden" erst hervorgerufen. Dann merkt man beim
Kinde lange nichts von einem Herdeninstinkt oder
Massengefühl. Ein solches bildet sich zuerst in der mehr-
zähligen Kinderstube aus dem Verhältnis der Kinder
zu den Eltern, und zwar als Reaktion auf den anfäng-
lichen Neid, mit dem das ältere Kind das jüngere auf-
nimmt. Das ältere Kind möchte gewiß das nachkom-
mende eifersüchtig verdrängen, von den Eltern fern-
halten und es aller Anrechte berauben, aber angesichts
der Tatsache, daß auch dieses Kind — wie alle spä-
teren — in gleicher Weise von den Eltern geliebt
wird, und infolge der Unmöglichkeit, seine feindselige
Einstellung ohne eigenen Schaden festzuhalten, wird
es zur Identifizierung mit den anderen Kindern ge-
zwungen, und es bildet sich in der Kinderschar ein
Massen- oder Gemeinschaftsgefühl, welches dann in der
Schule seine weitere Entwicklung erfährt. Die erste
Forderung dieser Reaktionsbildung ist die nach Ge-
rechtigkeit, gleicher Behandlung für alle. Es ist be-
kannt, wie laut und unbestechlich sich dieser Anspruch
in der Schule äußert. Wenn man schon selbst nicht
der Bevorzugte sein kann, so soll doch wenigstens keiner
— ■
i) Siehe Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse,
über die Angst.
IX. Der Herdentrieb 83
von allen bevorzugt werden. Man könnte diese Um-
wandlung und Ersetzung der Eifersucht durch ein
Massengefühl in Kinderstube und Schulzimmer für un-
wahrscheinlich halten, wenn man nicht den gleichen
Vorgang später unter anderen Verhältnissen neuerlich
beobachten würde. Man denke an die Schar von schwär-
merisch verliebten Frauen und Mädchen, die den Sänger
oder Pianisten nach seiner Produktion umdrängen. Ge-
wiß läge es jeder von ihnen nahe, auf die andere
eifersüchtig zu sein, allein angesichts ihrer Anzahl und
der damit verbundenen Unmöglichkeit, das Ziel ihrer
Verliebtheit zu erreichen, verzichten sie darauf, und
anstatt sich gegenseitig die Haare auszuraufen, handeln
sie wie eine einheitliche Masse, huldigen dem Gefeier-
ten in gemeinsamen Aktionen und wären etwa froh,
sich in seinen Lockenschmuck zu teilen. Sie haben
sich, ursprünglich Rivalinnen, durch die gleiche Liebe
zu dem nämlichen Objekt miteinander identifizieren
können. Wenn eine Triebsituation, wie ja gewöhnlich,
verschiedener Ausgänge fähig ist, so werden wir uns
nicht verwundern, daß jener Ausgang zustande kommt,
mit dem die Möglichkeit einer gewissen Befriedigung
verbunden ist, während ein anderer, selbst ein näher
liegender, unterbleibt, weil die realen Verhältnisse ihm
die Erreichung dieses Zieles versagen.
Was man dann später in der Gesellschaft als Ge-
meingeist, esprit de corps usw. wirksam rindet, ver-
leugnet nicht seine Abkunft vom ursprünglichen Neid.
6*
v
84 Massenpsychologie und Ich-Analyse
Keiner soll sich hervortun wollen, jeder das gleiche
sein und haben. Soziale Gerechtigkeit will bedeuten,
daß man sich selbst vieles versagt, damit auch die
anderen darauf verzichten müssen, oder was dasselbe
ist, es nicht fordern können. Diese Gleichheitsforderung
ist die Wurzel des sozialen Gewissens und des Pflicht-
gefühls. In unerwarteter Weise enthüllt sie sich in der
Infektionsangst der Syphilitiker, die wir durch die Psycho-
analyse verstehen gelernt haben. Die Angst dieser
Armen entspricht ihrem heftigen Sträuben gegen den
unbewußten Wunsch, ihre Infektion auf die anderen
auszubreiten, denn warum sollten sie allein infiziert
und von so vielem ausgeschlossen sein und die an-
deren nicht? Auch die schöne Anekdote vom Urteil
Salomonis hat denselben Kern. Wenn der einen Frau
das Kind gestorben ist, soll auch die andere kein
lebendes haben. An diesem Wunsch wird die Verlust-
trägerin erkannt.
Das soziale Gefühl ruht also auf der Umwendung
eines erst feindseligen Gefühls in eine positiv betonte
Bindung von der Natur einer Identifizierung. Soweit
wir den Hergang bis jetzt durchschauen können, scheint
sich diese Umwendung unter dem Einfluß einer ge-
meinsamen zärtlichen Bindung an eine außer der
Masse stehende Person zu vollziehen. Unsere Analyse
der Identifizierung erscheint uns selbst nicht als er-
schöpfend, aber unserer gegenwärtigen Absicht genügt
es, wenn wir auf den einen Zug, daß die konsequente
,
l
!
■
IX. Der Herdentrieb 85
Durchführung der Gleichstellung gefordert wird, zurück-
kommen. Wir haben bereits bei der Erörterung der
beiden künstlichen Massen, Kirche und Armee, gehört,
ihre Voraussetzung sei, daß alle von einem, dem Führer,
in gleicher Weise geliebt werden. Nun vergessen wir
aber nicht, daß die Gleichheitsforderung der Masse
nur für die Einzelnen derselben, nicht für den Führer
gilt. Alle Einzelnen sollten einander gleich sein, aber
alle wollen sie von einem beherrscht werden. Viele
Gleiche, die sich miteinander identifizieren können, und
ein einziger, ihnen allen Überlegener, das ist die Situation,
die wir in der lebensfähigen Masse verwirklicht finden.
Getrauen wir uns also, die Aussage Trotters, der
Mensch sei ein Herdentier, dahin zu korrigieren, er
sei vielmehr ein Hordentier, ein Einzelwesen einer
von einem Oberhaupt angeführten Horde.
X
DIE MASSE UND DIE URHORDE
Im Jahre 1 9 1 2 habe ich die Vermutung von Ch. Darwin
aufgenommen, daß die Urform der menschlichen Gesell-
schaft die von einem starken Männchen unumschränkt
beherrschte Horde war. Ich habe darzulegen versucht,
daß die Schicksale dieser Horde unzerstörbare Spuren
in der menschlichen Erbgeschichte hinterlassen haben,
speziell, daß die Entwicklung des Totemismus, der die
Anfänge von Religion, Sittlichkeit und sozialer Gliederung
in sich faßt, mit der gewaltsamen Tötung des Ober-
hauptes und der Umwandlung der Vaterhorde in eine
Brüdergemeinde zusammenhängt. 1 Es ist dies zwar nur
eine Hypothese wie so viele andere, mit denen die
Prähistoriker das Dunkel der Urzeit aufzuhellen ver-
suchen — eine „just so story" nannte sie witzig ein
nicht unliebenswürdiger englischer Kritiker — aber ich
meine, es ist ehrenvoll für eine solche Hypothese, wenn
sie sich geeignet zeigt, Zusammenhang und Verständ-
nis auf immer neuen Gebieten zu schaffen.
1) Totem und Tabu. 2. Auflage 1920.
X. Die Masse und die Urhorde
87
Die menschlichen Massen zeigen uns wiederum das
vertraute Bild des überstarken Einzelnen inmitten einer
Schar von gleichen Genossen, das auch in unserer Vor-
stellung von der Urhorde enthalten ist. Die Psycho-
logie dieser Masse, wie wir sie aus den oft erwähnten
Beschreibungen kennen, — der Schwund der bewußten
Einzelpersönlichkeit, die Orientierung von Gedanken und
Gefühlen nach gleichen Richtungen, die Vorherrschaft
der Affektivität und des unbewußten Seelischen, die
Tendenz zur unverzüglichen Ausführung auftauchender
Absichten, — das alles entspricht einem Zustand von
Regression zu einer primitiven Seelentätigkeit, wie man
sie gerade der Urhorde zuschreiben möchte. 1
1) Für die Urhorde muß insbesondere gelten, was wir vor-
hin in der allgemeinen Charakteristik der Menschen beschrieben
haben. Der Wille des Einzelnen war zu schwach, er getraute sich
icht der Tat. Es kamen gar keine anderen Impulse zustande als
kollektive, es gab nur einen Gemeinwillen, keinen singulären. Die
Vorstellung wagte es nicht, sich in Willen umzusetzen, wenn sie
sich nicht durch die Wahrnehmung ihrer allgemeinen Verbreitung
gestärkt fand. Diese Schwäche der Vorstellung findet ihre Erklärung
in der Stärke der allen gemeinsamen Gefühlsbindung, aber die
Gleichartigkeit der Lebensumstände und das Fehlen eines privaten
Eigentums kommen hinzu, um die Gleichförmigkeit der seelischen
Akte bei den Einzelnen zu bestimmen. — Auch die exkrementellen
Bedürfnisse schließen, wie man an Kindern und Soldaten merken
kann, die Gemeinsamkeit nicht aus. Die einzige mächtige Aus-
nahme macht der sexuelle Akt, bei dem der Dritte zumindest
überflüssig, im äußersten Fall zu einem peinlichen Abwarten ver-
urteilt ist. Über die Reaktion des Sexualbedürfnisses (der Genital-
befriedigung) gegen das Herdenhafte siehe unten.
88 Massenpsychologie und Ich- Analyse
Die Masse erscheint uns so als ein Wiederaufleben
der Urhorde. So wie der Urmensch in jedem Einzelnen
virtuell erhalten ist, so kann sich aus einem beliebigen
Menschenhaufen die Urhorde wieder herstellen; soweit
die Massenbildung die Menschen habituell beherrscht,
erkennen wir den Fortbestand der Urhorde in ihr. Wir
müssen schließen, die Psychologie der Masse sei die älteste
Menschenpsychologie; was wir unter Vernachlässigung
aller Massenreste als Individualpsychologie isoliert haben,
hat sich erst später, allmählich und sozusagen immer
noch nur partiell aus der alten Massenpsychologie her-
ausgehoben. Wir werden noch den Versuch wagen, den
Ausgangspunkt dieser Entwicklung anzugeben.
Eine nächste Überlegung zeigt uns, in welchem
Punkt diese Behauptung einer Berichtigung bedarf. Die
Individualpsychologie muß vielmehr ebenso alt sein wie
die Massenpsychologie, denn von Anfang gab es zweierlei
Psychologien, die der Massenindividuen und die des
Vaters, Oberhauptes, Führers. Die Einzelnen der Masse
waren so gebunden, wie wir sie heute rinden, aber der
Vater der Urhorde war frei. Seine intellektuellen Akte
waren auch in der Vereinzelung stark und unabhängig,
sein Wille bedurfte nicht der Bekräftigung durch den
anderer. Wir nehmen konsequenterweise an, daß sein
Ich wenig libidinös gebunden war, er liebte niemand
außer sich, und die anderen nur, insoweit sie seinen
Bedürfnissen dienten. Sein Ich gab nichts Überschüssiges
an die Objekte ab.
=3"
X. Die Masse und die Urhorde 89
Zu Eingang der Menschheitsgeschichte war er der
Übermensch, den Nietzsche erst von der Zukunft
erwartete. Noch heute bedürfen die Massenindividuen
der Vorspiegelung, daß sie in gleicher und gerechter
Weise vom Führer geliebt werden, aber der Führer
selbst braucht niemand anderen zu lieben, er darf von
Herrennatur sein, absolut narzißtisch, aber selbstsicher
und selbständig. Wir wissen, daß die Liebe den Narziß-
mus eindämmt und könnten nachweisen, wie sie durch
diese Wirkung Kulturfaktor geworden ist.
Der Urvater der Horde war noch nicht unsterb-
lich, wie er es später durch Vergottung wurde. Wenn
er starb, mußte er ersetzt werden; an seine Stelle trat
wahrscheinlich ein jüngster Sohn, der bis dahin Massen-
individuum gewesen war wie ein anderer. Es muß also
eine Möglichkeit geben, die Psychologie der Masse in
Individualpsychologie umzuwandeln, es muß eine Be-
dingung gefunden werden, unter der sich solche Um-
wandlung leicht vollzieht, ähnlich wie es den Bienen
möglich ist, aus einer Larve im Bedarfsfalle eine Königin
anstatt einer Arbeiterin zu ziehen. Man kann sich da
nur dies eine vorstellen: Der Urvater hatte seine Söhne
an der Befriedigung ihrer direkten sexuellen Strebungen
verhindert; er zwang sie zur Abstinenz und infolge-
dessen zu den Gefühlsbindungen an ihn und aneinander,
die aus den Strebungen mit gehemmtem Sexualziel
hervorgehen konnten. Er zwang sie sozusagen in die
Massenpsychologie. Seine sexuelle Eifersucht und
90 Massenpsychologie und Ich-Analyse
Intoleranz sind in letzter Linie die Ursache der Massen-
psychologie geworden. 1
Für den, der sein Nachfolger wurde, war auch die
Möglichkeit der sexuellen Befriedigung gegeben und damit
der Austritt aus den Bedingungen der Massenpsycho-
logie eröffnet. Die Fixierung der Libido an das Weib,
die Möglichkeit der Befriedigung ohne Aufschub und Auf-
speicherung machte der Bedeutung zielgehemmter Sexual-
strebungen ein Ende und ließ den Narzißmus immer zur
gleichen Höhe ansteigen. Auf diese Beziehung der Liebe
zur Charakterbildung werden wir in einem Nachtrag
zurückkommen.
Heben wir noch als besonders lehrreich hervor, in
welcher Beziehung zur Konstitution der Urhorde die
Veranstaltung steht, mittels deren — abgesehen von
Zwangsmitteln — eine künstliche Masse zusammen-
gehalten wird. Bei Heer und Kirche haben wir gesehen,
es ist die Vorspiegelung, daß der Führer alle Einzelnen
in gleicher und gerechter Weise liebt. Dies ist aber
geradezu die idealistische Umarbeitung der Verhältnisse
der Urhorde, in der sich alle Söhne in gleicher Weise
vom Urvater verfolgt wußten und ihn in gleicher Weise
fürchteten. Schon die nächste Form der menschlichen
Sozietät, der totemistische Clan, hat diese Umformung,
i) Es läßt sich etwa auch annehmen, daß die vertriebenen
Söhne, vom Vater getrennt, den Fortschritt von der Identifizierung
miteinander zur homosexuellen Objektliebe machten und so die
Freiheit gewannen, den Vater zu töten.
X.. Die Masse und die Urhorde gi
auf die alle sozialen Pflichten aufgebaut sind, zur Vor-
aussetzung. Die unverwüstliche Stärke der Familie als
einer natürlichen Massenbildung beruht darauf, daß
diese notwendige Voraussetzung der gleichen Liebe
des Vaters für sie wirklich zutreffen kann.
Aber wir erwarten noch mehr von der Zurück-
führung der Masse auf die Urhorde. Sie soll uns auch
das noch Unverstandene, Geheimnisvolle an der Massen-
bildung näher bringen, das sich hinter den Rätsel worten
Hypnose und Suggestion verbirgt. Und ich meine, sie
kann es auch leisten. Erinnern wir uns daran, daß die
Hypnose etwas direkt Unheimliches an sich hat; der
Charakter des Unheimlichen deutet aber auf etwas
der Verdrängung verfallenes Altes und Wohlvertrautes
hin. 1 Denken wir daran, wie die Hypnose eingeleitet
wird. Der Hypnotiseur behauptet im Besitz einer ge-
heimnisvollen Macht zu sein, die dem Subjekt den eigenen
Willen raubt, oder, was dasselbe ist, das Subjekt glaubt
es von ihm. Diese geheimnisvolle Macht — populär
noch oft als tierischer Magnetismus bezeichnet — muß
dieselbe sein, welche den Primitiven als Quelle des
Tabu gilt, dieselbe, die von Königen und Häuptlingen
ausgeht und die es gefährlich macht, sich ihnen zu
nähern (Mana). Im Besitz dieser Macht will nun der
Hypnotiseur sein und wie bringt er sie zur Erscheinung?
Indem er die Person auffordert, ihm in die Augen zu
i) Das Unheimliche. Imago, V, 1919.
92 Massenpsychologie und Ich- Analyse
i) S. Totem und Tabu, und die dort zitierten Quellen.
T
sehen; er hypnotisiert in typischer Weise durch seinen
Blick. Gerade der Anblick des Häuptlings ist aber für
den Primitiven gefährlich und unerträglich, wie später
der der Gottheit für den Sterblichen. Noch Moses muß
den Mittelsmann zwischen seinem Volke und Jehova
machen, da das Volk den Anblick Gottes nicht ertrüge,
und wenn er von der Gegenwart Gottes zurückkehrt,
strahlt sein Antlitz, ein Teil des „Mana" hat sich wie
beim Mittler 1 der Primitiven auf ihn übertragen.
Man kann die Hypnose allerdings auch auf anderen
Wegen hervorrufen, was irreführend ist und zu un-
zulänglichen physiologischen Theorien Anlaß gegeben
hat, z. B. durch das Fixieren eines glänzenden Gegen-
standes oder durch das Horchen auf ein monotones
Geräusch. In Wirklichkeit dienen diese Verfahren nur
der Ablenkung und Fesselung der bewußten Aufmerk-
samkeit. Die Situation ist die nämliche, als ob der
Hypnotiseur der Person gesagt hätte: Nun beschäf-
tigen Sie sich ausschließlich mit meiner Person, die übrige
Welt ist ganz uninteressant. Gewiß wäre es technisch
unzweckmäßig, wenn der Hypnotiseur eine solche Rede
hielte; das Subjekt würde durch sie aus seiner unbe-
wußten Einstellung gerissen und zum bewußten Wider-
spruch aufgereizt werden. Aber während der Hypno-
tiseur es vermeidet, das bewußte Denken des Subjekts
auf seine Absichten zu richten, und die Versuchsperson
l
.
'
X. Die Masse und die Urhorde 93
sich in eine Tätigkeit versenkt, bei der ihr die Welt
uninteressant vorkommen muß, geschieht es, daß sie
unbewußt wirklich ihre ganze Aufmerksamkeit auf den
Hypnotiseur konzentriert, sich in die Einstellung des
Rapports, der Übertragung, zum Hypnotiseur begibt.
Die indirekten Methoden des Hypnotisierens haben also,
ähnlich wie manche Techniken des Witzes, den Erfolg,
gewisse Verteilungen der seelischen Energie, welche
den Ablauf des unbewußten Vorgangs stören würden,
hintanzuhalten, und sie führen schließlich zum gleichen
Ziel wie die direkten Beeinflussungen durch Anstarren
oder Streichen. 1
Ferenczi hat richtig herausgefunden, daß sich der
Hypnotiseur mit dem Schlafgebot, welches oft zur
i) Die Situation, daß die Person unbewußt auf den Hyp-
notiseur eingestellt ist, während sie sich bewußt mit gleich-
bleibenden, uninteressanten Wahrnehmungen beschäftigt, findet
ein Gegenstück in den Vorkommnissen der psychoanalytischen
Behandlung, das hier erwähnt zu werden verdient In jeder Analyse
ereignet es sich mindestens einmal, daß der Patient hartnäckig
behauptet, jetzt fiele ihm aber ganz bestimmt nichts ein. Seine
freien Assoziationen stocken und die gewöhnlichen Antriebe, sie
in Gang zu bringen, schlagen fehl. Durch Drängen erreicht man
endlich das Eingeständnis, der Patient denke an die Aussicht aus
dem Fenster des Behandlungsraumes, an die Tapete der Wand,
die er vor sich sieht, oder an die Gaslampe, die von der Zimmer-
decke herabhängt. Man weiß dann sofort, daß er sich in die Über-
tragung begeben hat, von noch unbewußten Gedanken in Anspruch
genommen wird, die sich auf den Arzt beziehen, und sieht die
Stockung in den Einfällen des Patienten schwinden, sobald man
ihm diese Aufklärung gegeben hat.
94 Massenpsychologie und Ich-Analyse
Einleitung der Hypnose gegeben wird, an die Stelle der
Eltern setzt. Er meinte zwei Arten der Hypnose unter-
scheiden zu sollen, eine schmeichlerisch begütigende,
die er dem Muttervorbild, und eine drohende, die er
dem Vater zuschrieb. 1 Nun bedeutet das Gebot zu
schlafen in der Hypnose auch nichts anderes, als die
Aufforderung, alles Interesse von der Welt abzuziehen
und auf die Person des Hypnotiseurs zu konzentrieren;
es wird auch vom Subjekt so verstanden, denn in dieser
Abziehung des Interesses von der Außenwelt liegt die
psychologische Charakteristik des Schlafes und auf ihr
beruht die Verwandtschaft des Schlafes mit dem hyp-
notischen Zustand.
Durch seine Maßnahmen weckt also der Hypnotiseur
beim Subjekt ein Stück von dessen archaischer Erbschaft,
die auch den Eltern entgegenkam und im Verhältnis zum
Vater eine individuelle Wiederbelebung erfuhr, die Vor-
stellung von einer übermächtigen und gefährlichen Per-
sönlichkeit, gegen die man sich nur passiv-masochistisch
einstellen konnte, an die man seinen Willen verlieren
mußte, und mit der allein zu sein, „ihr unter die Augen
zu treten" ein bedenkliches Wagnis schien. Nur so etwa
können wir uns das Verhältnis eines Einzelnen der Ur-
horde zum Urvater vorstellen. Wie wir aus anderen
Reaktionen wissen, hat der Einzelne ein variables Maß
von persönlicher Eignung zur Wiederbelebung solch alter
i) Ferenczi,Introjektion und Übertragung. Jahrbuch der Psycho-
analyse, I, 1909.
X.. Die Masse und die Urkorde 95
Situationen bewahrt. Ein Wissen, daß die Hypnose doch
nur ein Spiel, eine lügenhafte Erneuerung jener alten
Eindrücke ist, kann aber erhalten bleiben und für den
Widerstand gegen allzu ernsthafte Konsequenzen der
hypnotischen Willensaufhebung sorgen.
Der unheimliche, zwanghafte Charakter der Massen-
bildung, der sich in ihren Suggestionserscheinungen zeigt,
kann also wohl mit Recht auf ihre Abkunft von der
Urhorde zurückgeführt werden. Der Führer der Masse
ist noch immer der gefürchtete Urvater, die Masse will
immer noch von unbeschränkter Gewalt beherrscht
werden, sie ist im höchsten Grade autoritätssüchtig,
hat nach Le Bon's Ausdruck den Durst nach Unter-
werfung. Der Urvater ist das Massenideal, das an Stelle
des Ichideals das Ich beherrscht. Die Hypnose hat ein
gutes Anrecht auf die Bezeichnung: eine Masse zu zweit;
für die Suggestion erübrigt die Definition einer Über-
zeugung, die nicht auf Wahrnehmung und Denkarbeit,
sondern auf erotische Bindung gegründet ist. 1
1) Es erscheint mir der Hervorhebung wert, daß wir durch
die Erörterungen dieses Abschnittes veranlaßt werden, von der
Bernheim'schen Auffassung der Hypnose auf die naive ältere
derselben zurückzugreifen. Nach Bern he im sind alle hypnotischen
Phänomene von dem weiter nicht aufzuklärenden Moment der
Suggestion abzuleiten. Wir schließen, daß die Suggestion eine
Teilerscheinung des hypnotischen Zustandes ist, der in einer un-
bewußt erhaltenen Disposition aus der Urgeschichte der mensch-
lichen Familie seine gute Begründung hat.
4
XI
EINE STUFE IM ICH
Wenn man, eingedenk der einander ergänzenden
Beschreibungen der Autoren über Massenpsychologie,
das Leben der heutigen Einzelmenschen überblickt, mag
man vor den Komplikationen, die sich hier zeigen, den
Mut zu einer zusammenfassenden Darstellung verlieren.
Jeder Einzelne ist ein Bestandteil von vielen Massen,
durch Identifizierung vielseitig gebunden, und hat sein
Ichideal nach den verschiedensten Vorbildern aufgebaut.
Jeder Einzelne hat so Anteil an vielen Massenseelen,
an der seiner Rasse, des Standes, der Glaubensgemein-
schaft, der Staatlichkeit usw. und kann sich darüber
hinaus zu einem Stückchen Selbständigkeit und Origi-
nalität erheben. Diese ständigen und dauerhaften Massen-
bildungen fallen in ihren gleichmäßig anhaltenden Wir-
kungen der Beobachtung weniger auf als die rasch
gebildeten, vergänglichen Massen, nach denen Le Bon
die glänzende psychologische Charakteristik der Massen-
seele entworfen hat, und in diesen lärmenden, ephe-
meren, den anderen gleichsam superponierten Massen
begibt sich eben das Wunder, daß dasjenige, was wir
XI. Eine Stufe im Ich 97
eben als die individuelle Ausbildung anerkannt haben,
spurlos, wenn auch nur zeitweilig untergeht.
Wir haben dies Wunder so verstanden, daß der
Einzelne sein Ichideai aufgibt und es gegen das im
Führer verkörperte Massenideal vertauscht. Das Wunder,
dürfen wir berichtigend hinzufügen, ist nicht in allen
Fällen gleich groß. Die Sonderung von Ich und Ich-
ideal ist bei vielen Individuen nicht weit vorgeschritten,
die beiden fallen noch leicht zusammen, das Ich hat
sich oft die frühere narzißtische Selbstgefälligkeit be-
wahrt. Die Wahl des Führers wird durch dies Verhältnis
sehr erleichtert. Er braucht oft nur die typischen Eigen-
schaften dieser Individuen in besonders scharfer und
reiner Ausprägung zu besitzen und den Eindruck größerer
Kraft und libidinöser Freiheit zu machen, so kommt
ihm das Bedürfnis nach einem starken Oberhaupt ent-
gegen und bekleidet ihn mit der Übermacht, auf die
er sonst vielleicht keinen Anspruch hätte. Die anderen,
deren Ichideal sich in seiner Person sonst nicht ohne
Korrektur verkörpert hätte, werden dann „suggestiv",
d. h. durch Identifizierung mitgerissen.
Wir erkennen, was wir zur Aufklärung der libidi-
nösen Struktur einer Masse beitragen konnten, führt
sich auf die Unterscheidung des Ichs vom Ichideal und
auf die dadurch ermöglichte doppelte Art der Bindung
— Identifizierung und Einsetzung des Objekts an die
Stelle des Ichideals — zurück. Die Annahme einer
solchen Stufe im Ich als erster Schritt einer Ichanalyse
Freud: Massenpsychologie und Ich- Analyse 7
98 Massenpsychologie und Ich- Analyse
muß ihre Rechtfertigung allmählich auf den verschie-
densten Gebieten der Psychologie erweisen. In meiner
Schrift „Zur Einführung des Narzißmus"' habe ich zu-
sammengetragen, was sich zunächst von pathologischem
Material zur Stütze dieser Sonderung verwerten ließ.
Aber man darf erwarten, daß sich ihre Bedeutung bei
weiterer Vertiefung in die Psychologie der Psychosen
als eine viel größere enthüllen wird. Denken wir daran,
daß das Ich nun in die Beziehung eines Objekts zu
dem aus ihm entwickelten Ichideal tritt, und daß mög-
licherweise alle Wechselwirkungen, die wir zwischen
äußerem Objekt und Gesamt-Ich in der Neurosenlehre
kennen gelernt haben, auf diesem neuen Schauplatz
innerhalb des Ichs zur Wiederholung kommen.
Ich will hier nur einer der von diesem Standpunkt
aus möglichen Folgerungen nachgehen und damit die
Erörterung eines Problems fortsetzen, das ich an anderer
Stelle ungelöst verlassen mußte. 2 Jede der seelischen
Differenzierungen, die uns bekannt geworden sind, stellt
eine neue Erschwerung der seelischen Funktion dar,
steigert deren Labilität und kann der Ausgangspunkt
eines Versagens der Funktion, einer Erkrankung werden.
So haben wir mit dem Geborenwerden den Schritt vom
1) Jahrbuch für Psychoanalyse, VI, 1914. — Sammlung kleiner
Schriften zur Neurosenlehre, 4. Folge.
2) Trauer und Melancholie. Internationale Zeitschrift für Psycho-
analyse, IV, 1916/ 18. — Sammlung kleiner Schriften zur Neurosen-
lehre, 4. Folge.
1
XI. Eine Stufe im Ich 99
absolut selbstgenügsamen Narzißmus zur Wahrnehmung
einer veränderlichen Außenwelt und zum Beginn der
Objektfindung gemacht, und damit ist verknüpft, daß
wir den neuen Zustand nicht dauernd ertragen, daß
wir ihn periodisch rückgängig machen und im Schlaf
zum früheren Zustand der Reizlosigkeit und Objekt-
vermeidung zurückkehren. Wir folgen dabei allerdings
einem Wink der Außenwelt, die uns durch den perio-
dischen Wechsel von Tag und Nacht zeitweilig den
größten Anteil der auf uns wirkenden Reize entzieht.
Keiner ähnlichen Einschränkung ist das zweite, für die
Pathologie bedeutsamere Beispiel unterworfen. Im Laufe
unserer Entwicklung haben wir eine Sonderung unseres
seelischen Bestandes in ein kohärentes Ich und ein
außerhalb dessen gelassenes, unbewußtes Verdrängtes
vorgenommen, und wir wissen, daß die Stabilität dieser
Neuerwerbung beständigen Erschütterungen ausgesetzt
ist. Im Traum und in der Neurose pocht dieses Aus-
geschlossene um Einlaß an den von Widerständen be-
wachten Pforten, und in wacher Gesundheit bedienen
wir uns besonderer Kunstgriffe, um das Verdrängte
mit Umgehung der Widerstände und unter Lustgewinn
zeitweilig in unser Ich aufzunehmen. Witz und Humor,
zum Teil auch das Komische überhaupt, dürfen in
diesem Licht betrachtet werden. Jedem Kenner der
Neurosenpsychologie werden ähnliche Beispiele von ge-
ringerer Tragweite einfallen, aber ich eile zu der be-
absichtigten Anwendung.
7*
IOO Massenpsychologie und Ich-Analyse
Es wäre gut denkbar, daß auch die Scheidung des
Ichideals vom Ich nicht dauernd vertragen wird und
sich zeitweilig zurückbilden muß. Bei allen Verzichten
und Einschränkungen, die dem Ich auferlegt werden,
ist der periodische Durchbruch der Verbote Regel, wie
ja die Institution der Feste zeigt, die ursprünglich
nichts anderes sind als vom Gesetz gebotene Exzesse
und dieser Befreiung auch ihren heiteren Charakter
verdanken. 1 Die Saturnalien der Römer und unser
heutiger Karneval treffen in diesem wesentlichen Zug
mit den Festen der Primitiven zusammen, die in Aus-
schweifungen jeder Art mit Übertretung der sonst
heiligsten Gebote auszugehen pflegen. Das Ichideal
umfaßt aber die Summe aller Einschränkungen, denen
das Ich sich fügen soll, und darum müßte die Ein-
ziehung des Ideals ein großartiges Fest für das Ich
sein, das dann wieder einmal mit sich selbst zufrieden
sein dürfte. 8
Es kommt immer zu einer Empfindung von Triumph,
wenn etwas im Ich mit dem Ichideal zusammenfällt.
Als Ausdruck der Spannung zwischen Ich und Ideal
kann auch das Schuldgefühl (und Minderwertigkeits-
gefühl) verstanden werden.
i) Totem und Tabu.
2) Trott er läßt die Verdrängung vom Herdentrieb ausgehen.
Es ist eher eine Übersetzung in eine andere Ausdrucksweise als
ein Widerspruch, wenn ich in der „Einführung des Narzißmus"
gesagt habe: die Idealbildung wäre von Seiten des Ichs die Be-
dingung der Verdrängung.
XI. Eine Stufe im Ich ioi
Es gibt bekanntlich Menschen, bei denen das All-
gemeingefühl der Stimmung in periodischer Weise
schwankt, von einer übermäßigen Gedrücktheit durch
einen gewissen Mittelzustand zu einem erhöhten Wohl-
befinden, und zwar treten diese Schwankungen in sehr
verschieden großen Amplituden auf, vom eben Merk-
lichen bis zu jenen Extremen, die als Melancholie und
Manie höchst qualvoll oder störend in das Leben
der Betroffenen eingreifen. In typischen Fällen dieser
zyklischen Verstimmung scheinen äußere Veranlassungen
keine entscheidende Rolle zu spielen; von inneren
Motiven findet man bei diesen Kranken nicht mehr
oder nichts anderes als bei allen anderen. Man hat sich
deshalb gewöhnt, diese Fälle als nicht psychogene zu
beurteilen. Von anderen, ganz ähnlichen Fällen zykli-
scher Verstimmung, die sich aber leicht auf seelische
Traumen zurückführen, soll später die Rede sein.
Die Begründung dieser spontanen Stimmungs-
schwankungen ist also unbekannt; in den Mechanismus
der Ablösung einer Melancholie durch eine Manie fehlt
uns die Einsicht. Somit wären dies die Kranken, für
welche unsere Vermutung Geltung haben könnte, daß
ihr Ichideal zeitweilig ins Ich aufgelöst wird, nachdem
es vorher besonders strenge regiert hat.
Halten wir zur Vermeidung von Unklarheiten fest:
Auf dem Boden unserer Ichanalyse ist es nicht zweifel-
haft, daß beim Manischen Ich und Ichideal zusammen-
geflossen sind, so daß die Person sich in einer durch
— -j
102 Massenpsychologie und Ick- Analyse
keine Selbstkritik gestörten Stimmung von Triumph und
Selbstbeglücktheit des Wegfalls von Hemmungen, Rück-
sichten und Selbstvorwürfen erfreuen kann. Es ist minder
evident, aber doch recht wahrscheinlich, daß das Elend
des Melancholikers der Ausdruck eines scharfen Zwie-
spalts zwischen beiden Instanzen des Ichs ist, in dem
das übermäßig empfindliche Ideal seine Verurteilung
des Ichs im Kleinheitswahn und in der Selbsterniedrigung
schonungslos zum Vorschein bringt. In Frage steht nur,
ob man die Ursache dieser veränderten Beziehungen
zwischen Ich und Ichideal in den oben postulierten
periodischen Auflehnungen gegen die neue Institution
suchen, oder andere Verhältnisse dafür verantwortlich
machen soll.
Der Umschlag in Manie ist kein notwendiger Zug
im Krankheitsbild der melancholischen Depression. Es
gibt einfache, einmalige und auch periodisch wieder-
holte Melancholien, welche niemals dieses Schicksal
haben. Anderseits gibt es Melancholien, bei denen die
Veranlassung offenbar eine ätiologische Rolle . spielt.
Es sind die nach dem Verlust eines geliebten Objekts,
sei es durch den Tod desselben oder infolge von Um-
ständen, die zum Rückzug der Libido vom Objekt
genötigt haben. Eine solche psychogene Melancholie
kann ebensowohl in Manie ausgehen und dieser Zyklus
mehrmals wiederholt werden wie bei einer anscheinend
spontanen. Die Verhältnisse sind also ziemlich undurch-
sichtig, zumal da bisher. nur wenige Formen und Fälle
XL Eine Stufe im Ich 103
von Melancholie der psychoanalytischen Untersuchung
unterzogen worden sind. 1 Wir verstehen bis jetzt nur
jene plle T i n denen das Obje kL-aufgegeben ft wurde,
weil es sich - der Liebe u nwürdig gezeigt ^Jiatte. Es
wird dann durch Identifizierung im Ich wi eder ^aiaf-
gerichtet und vom Ichideal streng gerichtet. Die Vor-
würfe und Ägressionen gegen"liäs'tDr5Jelet'"kommen als
melancholische Selbstvorwürfe zum Vorschein. 3
Auch an eine solche Melancholie kann sich der Um-
schlag in Manie anschließen, so daß diese Möglichkeit
einen von den übrigen Charakteren des Krankheitsbildes
unabhängigen Zug darstellt.
Ich sehe indes keine Schwierigkeit, das Moment der
periodischen Auflehnung des Ichs gegen das Ichideal für
beide Arten der Melancholien, die psychogenen wie die
spontanen, in Betracht kommen zu lassen. Bei den spon-
tanen kann man annehmen, daß das Ichideal zur Entfal-
tung einer besonderen Strenge neigt, die dann automa-
tisch seine zeitweilige Aufhebung zur Folge hat. Bei den
psychogenen würde das Ich zur Auflehnung gereizt durch
die Mißhandlung von Seiten seines Ideals, die es im Fall
der Identifizierung mit einem verworfenen Objekt erfährt.
1) Vgl. Abraham, Ansätze zur psychoanalytischen Erforschung
und Behandlung des manisch-depressiven Irreseins etc., 1912, in
„Klinische Beiträge zur Psychoanalyse" 1921.
2) Genauer gesagt :_sie .verbergen sich hinter den Vorwürfen
Jgege^daT'eigene T c h, verleihen ihnen die Festigkeit, Zähigkeit
unÖnäweisbarkeit, durch welche sich die Selbstvorwürje der
Melancholiker auszeichnen.
XII
NACHTRÄGE
Im Laufe der Untersuchung, die jetzt zu einem
vorläufigen Abschluß gekommen ist, haben sich uns
verschiedene Nebenwege eröffnet, die wir zuerst ver-
mieden haben, auf denen uns aber manche nahe Ein-
sicht winkte. Einiges von dem so Zurückgestellten wollen
wir nun nachholen.
A. Die Unterscheidung von Ichidentifizierung und
Ichidealersetzung durch das Objekt findet eine inter-
essante Erläuterung an den zwei großen künstlichen
Massen, die wir eingangs studiert haben, dem Heer
und der christlichen Kirche.
Es ist evident, daß der Soldat seinen Vorgesetzten,
also eigentlich den Armeeführer, zum Ideal nimmt,
während er sich mit seinesgleichen identifiziert und
aus dieser Ichgemeinsamkeit die Verpflichtungen der
Kameradschaft zur gegenseitigen Hilfeleistung und Güter-
teilung ableitet. Aber er wird lächerlich, wenn er sich
mit dem Feldherrn identifizieren will. Der Jäger in
Wallensteins Lager verspottet darob den Wachtmeister :
Wie er räuspert und wie er spuckt,
Das habt ihr ihm glücklich abgeguckt! . . .
XII. Nachträge 105
Anders in der katholischen Kirche. Jeder Christ
liebt Christus als sein Ideal und fühlt sich den anderen
Christen durch Identifizierung verbunden. Aber die
Kirche fordert von ihm mehr. Er soll überdies sich mit
Christus identifizieren und die anderen Christen lieben,
wie Christus sie geliebt hat. Die Kirche fordert also
an beiden Stellen die Ergänzung der durch die Massen-
bildung gegebenen Libidoposition. Die Identifizierung
soll dort hinzukommen, wo die Objektwahl stattgefunden
hat, und die Objektliebe dort, wo die Identifizierung
besteht. Dieses Mehr geht offenbar über die Konsti-
tution der Masse hinaus. Man kann ein guter Christ
sein und doch könnte einem die Idee, sich an Christi
Stelle zu setzen, wie er alle Menschen liebend zu um-
fassen ferne liegen. Man braucht sich ja nicht als
schwacher Mensch die Seelengröße und Liebesstärke
des Heilands zuzutrauen. Aber diese Weiterentwicklung
der Libidoverteilung in der Masse ist wahrscheinlich
das Moment, auf welches das Christentum den An-
spruch gründet, eine höhere Sittlichkeit gewonnen zu
haben.
B. Wir sagten, es wäre möglich, die Stelle in der
seelischen Entwicklung der Menschheit anzugeben, an
der sich auch für den Einzelnen der Fortschritt von
der Massen- zur Individualpsychologie vollzog.'
1) Das hier folgende steht unter dem Einflüsse eines Gedanken-
austausches mit Otto Rank. (Siehe „Die Don Juan-Gestalt*', Imago,
VUI. 2. 1922).
io6 Massenpsychologie und Ich- Analyse
Dazu müssen wir wieder kurz auf den wissenschaft-
lichen Mythus vom Vater der Urhorde zurückgreifen.
Er wurde später zum Weltschöpfer erhöht, mit Recht,
denn er hatte alle die Söhne erzeugt, welche die erste
Masse zusammensetzten. Er war das Ideal jedes ein-
zelnen von ihnen, gleichzeitig gefürchtet und verehrt,
was für später den Begriff des Tabu ergab. Diese
Mehrheit faßte sich einmal zusammen, tötete und zer-
stückelte ihn. Keiner der Massensieger konnte sich an
seine Stelle setzen, oder wenn es einer tat, erneuerten
sich die Kämpfe, bis sie einsahen, daß sie alle auf die
Erbschaft des Vaters verzichten mußten. Sie bildeten
dann die totemistische Brüdergemeinschaft, alle mit
gleichem Rechte und durch die Totemverbote gebunden,
die das Andenken der Mordtat erhalten und sühnen
sollten. Aber die Unzufriedenheit mit dem Erreichten
blieb und wurde die Quelle neuer Entwicklungen. All-
mählich näherten sich die zur Brudermasse Verbundenen
einer Herstellung des alten Zustandes auf neuem Niveau,
der Mann wurde wiederum Oberhaupt einer Familie und
brach die Vorrechte der Frauenherrschaft, die sich in
der vaterlosen Zeit festgesetzt hatte. Zur Entschädigung
mag er damals die Muttergottheiten anerkannt haben,
deren Priester kastriert wurden zur Sicherung der Mutter
nach dem Beispiel, das der Vater der Urhorde gegeben
hatte; doch war die neue Familie nur ein Schatten
der alten, der Väter waren viele und jeder durch die
Rechte des anderen beschränkt.
XII Nachträge 107
Damals mag die sehnsüchtige Entbehrung einen
Einzelnen bewogen haben, sich von der Masse loszulösen
und sich in die Rolle des Vaters zu versetzen. Wer
dies tat, war der erste epische Dichter, der Fortschritt
wurde in seiner Phantasie vollzogen. Dieser Dichter log
die Wirklichkeit um im Sinne seiner Sehnsucht. Er
erfand den heroischen Mythus. Heros war, wer allein
den Vater erschlagen hatte, der im Mythus noch als
totemistisches Ungeheuer erschien. Wie der Vater das
erste Ideal des Knaben gewesen war, so schuf jetzt
der Dichter im Heros, der den Vater ersetzen will,
das erste Ichideal. Die Anknüpfung an den Heros bot
wahrscheinlich der jüngste Sohn, der Liebling der Mutter,
den sie vor der väterlichen Eifersucht beschützt hatte,
und der in Urhordenzeiten der Nachfolger des Vaters
geworden war. In der lügenhaften Umdichtung der
Urzeit wurde das Weib, das der Kampfpreis und die
Verlockung des Mordes gewesen war, wahrscheinlich
zur Verführerin und Anstifterin der Untat.
Der Heros will die Tat allein vollbracht haben,
deren sich gewiß nur die Horde als Ganzes getraut
hatte. Doch hat nach einer Bemerkung von Rank das
Märchen deutliche Spuren des verleugneten Sachverhalts
bewahrt. Denn dort kommt es häufig vor, daß der Held,
der eine schwierige Aufgabe zu lösen hat — meist ein
jüngster Sohn, nicht selten einer, der sich vor dem
Vatersurrogat dumm, d. h. ungefährlich gestellt hat —
diese Aufgabe doch nur mit Hilfe einer Schaf von
■
ioS Massenpsychologie und Ich-Analyse
kleinen Tieren (Bienen, Ameisen) lösen kann. Dies
wären die Brüder der Urhorde, wie ja auch in der
Traumsymbolik Insekten, Ungeziefer die Geschwister
(verächtlich: als kleine Kinder) bedeuten. Jede der Auf-
gaben in Mythus und Märchen ist überdies leicht als
Ersatz der heroischen Tat zu erkennen.
Der Mythus ist also der Schritt, mit dem der Ein-
zelne aus der Massenpsychologie austritt. Der erste
Mythus war sicherlich der psychologische, der Heroen-
mythus; der erklärende Naturmythus muß weit später
aufgekommen sein. Der Dichter, der diesen Schritt
getan und sich so in der Phantasie von der Masse
gelöst hatte, weiß nach einer weiteren Bemerkung von
Rank doch in der Wirklichkeit die Rückkehr zu ihr
zu finden. Denn er geht hin und erzählt dieser Masse
die Taten seines Helden, die er erfunden. Dieser Held
ist im Grunde kein anderer als er selbst. Er senkt sich
somit zur Realität herab und hebt seine Hörer zur
Phantasie empor. Die Hörer aber verstehen den Dichter,
sie können sich auf Grund der nämlichen sehnsüchtigen
Beziehung zum Urvater mit dem Heros identifizieren.'
Die Lüge des heroischen Mythus gipfelt in der Ver-
gottung des Heros. Vielleicht war der vergottete Heros
früher als der Vatergott, der Vorläufer der Wieder-
kehr des Urvaters als Gottheit. Die Götterreihe liefe
'
i) Vgl. Hanns Sachs, Gemeinsame Tagträume, Autoreferat
eines Vortrags auf dem VI. psychoanalytischen Kongreß im Haag,
1920. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, VI, 1920.
XII. Nachträge 109
dann chronologisch so: Muttergöttin— Heros— Vatergott.
Aber erst mit der Erhöhung des nie vergessenen Ur-
vaters erhielt die Gottheit die Züge, die wir noch heute
an ihr kennen. 1
C. Wir haben in dieser Abhandlung viel von direkten
und von zielgehemmten Sexualtrieben gesprochen und
dürfen hoffen, daß diese Unterscheidung nicht auf großen
Widerstand stoßen wird. Doch wird eine eingehende
Erörterung darüber nicht unwillkommen sein, selbst
wenn sie nur wiederholt, was zum großen Teil bereits
an früheren Stellen gesagt worden ist.
Das erste, aber auch beste Beispiel zielgehemmter
Sexualtriebe hat uns die Libidoentwicklung des Kindes
kennen gelehrt. Alle die Gefühle, welche das Kind für
seine Eltern und Pflegepersonen empfindet, setzen sich
ohne Schranke in die Wünsche fort, welche dem Sexual-
streben des Kindes Ausdruck geben. Das Kind ver-
langt von diesen geliebten Personen alle Zärtlichkeiten,
die ihm bekannt sind, will sie küssen, berühren, be-
schauen, ist neugierig, ihre Genitalien zu sehen und bei
ihren intimen Exkretionsverrichtungen anwesend zu sein,
es verspricht, die Mutter oder Pflegerin zu heiraten,
was immer es sich darunter vorstellen mag, setzt sich
vor, dem Vater ein Kind zu gebären usw. Direkte
Beobachtung sowie die nachträgliche analytische Durch-
iVIn dieser abgekürzten Darstellung ist auf alles Material
aus Sage, Mythus, Märchen, Sittengeschichte usw. zur Stütze der
Konstruktion verzichtet worden.
T
no Massenpsychologie und Ich-Analyse
leuchtung der Kindheitsreste lassen über das unmittel-
bare Zusammenfließen zärtlicher und eifersüchtiger Ge-
fühle und sexueller Absichten keinen Zweifel und legen
uns dar, in wie gründlicher Weise das Kind die geliebte
Person zum Objekt aller seiner noch nicht richtig zen-
trierten Sexualbestrebungen macht. (Vgl. Sexualtheorie.)
Diese erste Liebesgestaltung des Kindes, die typisch
dem Ödipuskomplex zugeordnet ist, erliegt dann, wie
bekannt, vom Beginn der Latenzzeit an einem Ver-
drängungsschub. Was von ihr erübrigt, zeigt sich uns
als rein zärtliche Gefühlsbindung, die denselben Personen
gilt, aber nicht mehr als „sexuell" bezeichnet werden
soll. Die Psychoanalyse, welche die Tiefen des Seelen-
lebens durchleuchtet, hat es nicht schwer aufzuweisen,
daß auch die sexuellen Bindungen der ersten Kinder-
jahre noch fortbestehen, aber verdrängt und unbewußt.
Sie gibt uns den Mut zu behaupten, daß überall, wo
wir ein zärtliches Gefühl begegnen, dies der Nachfolger
einer voll „sinnlichen" Objektbindung an die betreffende
Person oder ihr Vorbild (ihre Imago) ist. Sie kann uns
freilich nicht ohne besondere Untersuchung verraten,
ob diese vorgängige sexuelle Vollströmung in einem
gegebenen Fall noch als verdrängt besteht oder ob
sie bereits aufgezehrt ist. Um es noch schärfer zu
fassen: es steht fest, daß sie als Form und Möglichkeit
noch vorhanden ist und jederzeit wieder durch Regressoin
besetzt, aktiviert werden kann; es fragt sich nur und
ist nicht immer zu entscheiden, welche Besetzung und
-1
XII. Nachträge in
Wirksamkeit sie gegenwärtig noch hat. Man muß sich
hierbei gleichmäßig vor zwei Fehlerquellen in Acht
nehmen, vor der Scylla der Unterschätzung des ver-
drängten Unbewußten, wie vor der Charybdis der
Neigung, das Normale durchaus mit dem Maß des
Pathologischen zu messen.
Der Psychologie, welche die Tiefe des Verdrängten
nicht durchdringen will oder kann, stellen sich die
zärtlichen Gefühlsbindungen jedenfalls als Ausdruck von
Strebuncren dar, die nicht nach dem Sexuellen zielen,
wenngleich sie aus solchen, die danach gestrebt haben,
hervorgegangen sind. 1
Wir sind berechtigt zu sagen, sie sind von diesen
sexuellen Zielen abgelenkt worden, wenngleich es seine
Schwierigkeiten hat, in der Darstellung einer solchen
Zielablenkung den Anforderungen der Metapsychologie
zu entsprechen. Übrigens halten diese zielgehemmten
Triebe immer noch einige der ursprünglichen Sexualziele
fest; auch der zärtlich Anhängliche, auch der Freund,
der Verehrer sucht die körperliche Nähe und den Anblick
der nur mehr im „paulinischen" Sinne geliebten Person.
Wenn wir es wollen, können wir in dieser Zielablenkung
einen Beginn von Sublimierung der Sexualtriebe an-
erkennen oder aber die Grenze für letztere noch ferner
stecken. Die zielgehemmten Sexualtriebe haben vor den
i) Die feindseligen Gefühle sind gewiß um ein Stück kompli-
zierter aufgebaut
1 1 2 Massenpsychologie und Ich- Analyse
ungehemmten einen großen funktionellen Vorteil. Da sie
einer eigentlich vollen Befriedigung nicht fähig sind,
eignen sie sich besonders dazu, dauernde Bindungen zu
schaffen, während die direkt sexuellen jedesmal durch
die Befriedigung ihrer Energie verlustig werden und
auf Erneuerang durch Wiederanhäufung der sexuellen
Libido warten müssen, wobei inzwischen das Objekt
gewechselt werden kann. Die gehemmten Triebe sind
jedes Maßes von Vermengung mit den ungehemmten
fähig, können sich in sie rück verwandeln, wie sie aus
ihnen hervorgegangen sind. Es ist bekannt, wie leicht
sich aus Gefühlsbeziehungen freundschaftlicher Art, auf
Anerkennung und Bewunderung gegründet, erotische
Wünsche entwickeln (das Moliere'sche: Embrassez-moi
pour l'amour du Grec), zwischen Meister und Schülerin,
Künstler und entzückter Zuhörerin, zumal bei Frauen.
Ja die Entstehung solcher zuerst absichtsloser Gefühls-
bindungen gibt direkt einen viel begangenen Weg zur
sexuellen Objektwahl. In der „Frömmigkeit des Grafen
von Zinzendorf" hat P fister ein überdeutliches, gewiß
nicht vereinzeltes Beispiel dafür aufgezeigt, wie nahe
es liegt, daß auch intensive religiöse Bindung in brünstige
sexuelle Erregung zurückschlägt. Anderseits ist auch
die Umwandlung direkter, an sich kurzlebiger, sexueller
Strebungen in dauernde, bloß zärtliche Bindung etwas
sehr gewöhnliches und die Konsolidierung einer aus
verliebter Leidenschaft geschlossenen Ehe beruht zu
einem großen Teil auf diesem Vorgang.
XII Nachträge 113
Es wird uns natürlich nicht verwundern zu hören,
daß die zielgehemmten Sexualstrebungen sich aus den
direkt sexuellen dann ergeben, wenn sich der Erreichung
der Sexualziele innere oder äußere Hindernisse entgegen-
stellen. Die Verdrängung der Latenzzeit ist ein solches
inneres — oder besser : innerlich gewordenes — Hindernis.
Vom Vater der Urhorde haben wir angenommen, daß
er durch seine sexuelle Intoleranz alle Söhne zur Ab-
stinenz nötigt und sie so in zielgehemmte Bindungen
drängt, während er selbst sich freien Sexualgenuß vor-
behält und somit ungebunden bleibt. Alle Bindungen,
auf denen die Masse beruht, sind von der Art der
zielgehemmten Triebe. Damit aber haben wir uns der
Erörterung eines neuen Themas genähert, welches die
Beziehung der direkten Sexualtriebe zur Massenbildung
behandelt.
D. Wir sind bereits durch die beiden letzten Be-
merkungen darauf vorbereitet zu finden, daß die direkten
Sexualstrebungen der Massenbildung ungünstig sind. Es
hat zwar auch in der Entwicklungsgeschichte der Familie
Massenbeziehungen der sexuellen Liebe gegeben (die
Gruppenehe), aber je bedeutungsvoller die Geschlechts-
liebe für das Ich wurde, je mehr Verliebtheit sie ent-
wickelte, desto eindringlicher forderte sie die Einschrän-
kung auf zwei Personen — una cum uno — die durch
die Natur des Genitalziels vorgezeichnet ist. Die poly-
gamen Neigungen wurden darauf angewiesen, sich im
Nacheinander des Objekt wechseis zu befriedigen.
Freud: Massenpsychologie und Ich- Analyse 8
H4 Massenpsychologie und Ich-Analyse
i
Die beiden zum Zweck der Sexualbefriedigung auf-
einander angewiesenen Personen demonstrieren gegen
den Herdentrieb, das Massengefühl, indem sie die Ein-
samkeit aufsuchen. Je verliebter sie sind,' desto voll-
kommener genügen sie einander. Die Ablehnung des
Einflusses der Masse äußert sich als Schamgefühl. Die
äußerst heftigen Gefühlsregungen der Eifersucht werden
aufgeboten, um die sexuelle Objektvvahl gegen die Be-
einträchtigung durch eine Massenbindung zu schützen.
Nur wenn der zärtliche, also persönliche Faktor der
Liebesbeziehung völlig hinter den sinnlichen zurücktritt,
wird der Liebesverkehr eines Paares in Gegenwart
anderer oder gleichzeitige Sexualakte innerhalb einer
Gruppe wie bei der Orgie möglich. Damit ist aber eine
Regression zu einem frühen Zustand der Geschlechts-
beziehungen gegeben, in dem die Verliebtheit noch
keine Rolle spielte, die Sexualobjekte einander gleich-
wertig erachtet wurden, etwa im Sinne von dem bösen
Wort Bernard Shaw's: Verliebtsein heiße, den Unter-
schied zwischen einem Weib und einem anderen un-
gebührlich überschätzen.
Es sind reichlich Anzeichen dafür vorhanden, daß
die Verliebtheit erst spät in die Sexualbeziehungen
zwischen Mann und Weib Eingang fand, so daß auch
die Gegnerschaft zwischen Geschlechtsliebe und Massen-
bindung eine spät entwickelte ist. Nun kann es den
Anschein haben, als ob diese Annahme unverträglich
mit unserem Mythus von der Urfamilie wäre. Die Brüder-
XII. Nachträge 1 1 5
schar soll doch durch die Liebe zu den Müttern und
Schwestern zum Vatermord getrieben worden sein, und
es ist schwer, sich diese Liebe anders denn als eine
ungebrochene, primitive, d. h. als innige Vereinigung
von zärtlicher und sinnlicher vorzustellen. Allein bei
weiterer Überlegung löst sich dieser Einwand in eine
Bestätigung auf. Eine der Reaktionen auf den Vater-
mord war doch die Einrichtung der totemistischen
Exogamie, das Verbot jeder sexuellen Beziehung mit
den von der Kindheit an zärtlich geliebten Frauen der
Familie. Damit war der Keil zwischen die zärtlichen
und sinnlichen Regungen des Mannes eingetrieben, der
heute noch in seinem Liebesleben festsitzt. 1 Infolge dieser
Exogamie mußten sich die sinnlichen Bedürfnisse der
Männer mit fremden und ungeliebten Frauen begnügen.
In den großen künstlichen Massen, Kirche und Heer,
ist für das Weib als Sexualobjekt kein Platz. Die Liebes-
beziehung zwischen Mann und Weib bleibt außerhalb
dieser Organisationen. Auch wo sich Massen bilden,
die aus Männern und Weibern gemischt sind, spielt
der Geschlechtsunterschied keine Rolle. Es hat kaum
einen Sinn zu fragen, ob die Libido, welche die Massen
zusammenhält, homosexueller oder heterosexueller Natur
ist, denn sie ist nicht nach den Geschlechtern differenziert
und sieht insbesondere von den Zielen der Genital-
organisation der Libido völlig ab.
1) S. Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens,
191 2, Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, 4. Folge.
8*
■
1 1 6 Massenpsychologie und Ich-Analyse
Die direkten Sexualstrebungen erhalten auch für
das sonst in der Masse aufgehende Einzelwesen ein
Stück individueller Betätigung. Wo sie überstark werden,
zersetzen sie jede Massenbildung. Die katholische Kirche
hatte die besten Motive, ihren Gläubigen die Ehelosigkeit
zu empfehlen und ihren Priestern das Zölibat aufzu-
erlegen, aber die Verliebtheit hat oft auch Geistliche
zum Austritt aus der Kirche getrieben. In gleicher
Weise durchbricht die Liebe zum Weibe die Massen-
bindungen der Rasse, der nationalen Absonderung und
der sozialen Klassenordnung und vollbringt damit kulturell
wichtige Leistungen. Es scheint gesichert, daß sich die
homosexuelle Liebe mit den Massenbindungen weit
besser verträgt, auch wo sie als ungehemmte Sexual-
strebung auftritt; eine merkwürdige Tatsache, deren
Aufklärung weit führen dürfte.
Die psychoanalytische Untersuchung der Psycho-
neurosen hat uns gelehrt, daß deren Symptome von
verdrängten, aber aktiv gebliebenen direkten Sexual-
strebungen abzuleiten sind. Man kann diese Formel
vervollständigen, wenn man hinzufügt : oder von solchen
zielgehemmten, bei denen die Hemmung nicht durch-
gehends gelungen ist oder einer Rückkehr zum ver-
drängten Sexualziel den Platz geräumt hat. Diesem
Verhältnis entspricht, daß die Neurose asozial macht,
den von ihr Betroffenen aus den habituellen Massen-
bildungen heraushebt. Man kann sagen, die Neurose
wirkt in ähnlicher Weise zersetzend auf die Masse wie
XII Nachträge \ \ 7
die Verliebtheit. Dafür kann man sehen, daß dort, wo
ein kräftiger Anstoß zur Massenbildung erfolgt ist, die
Neurosen zurücktreten und wenigstens für eine Zeit-
lang schwinden ' können. Man hat auch mit Recht ver-
sucht, diesen Widerstreit von Neurose und Massen-
bildung therapeutisch zu verwerten. Auch wer das
Schwinden der religiösen Illusionen in der heutigen
Kulturwelt nicht bedauert, wird zugestehen, daß sie
den durch sie Gebundenen den stärksten Schutz gegen
die Gefahr der Neurose boten, so lange sie selbst
noch in Kraft waren. Es ist auch nicht schwer, in all
den Bindungen an mystisch-religiöse oder philosophisch-
mystische Sekten und Gemeinschaften den Ausdruck
von Schiefheilungen mannigfaltiger Neurosen zu er-
kennen. Das alles hängt mit dem Gegensatz der
direkten und zielgehemmten Sexualstrebungen zu-
sammen.
Sich selbst überlassen ist der Neurotiker genötigt,
sich die großen Massenbildungen, von denen er aus-
geschlossen ist, durch seine Symptombildungen zu er-
setzen. Er schafft sich seine eigene Phantasiewelt,
seine Religion, sein Wahnsystem und wiederholt so
die Institutionen der Menschheit in einer Verzerrung,
welche deutlich den übermächtigen Beitrag der direkten
Sexualstrebungen bezeugt. 1
1) S. Totem und Tabu, zu Ende des Abschnitts II: Das
Tabu und die Ambivalenz.
1 1 8 Massenpsychologie und Ich- Analyse
E. Fügen wir zum Schluß eine vergleichende
Würdigung der Zustände, die uns beschäftigt haben,
vom Standpunkt der Libidotheorie an, der Verliebt-
heit, Hypnose, Massenbildung und der' Neurose.
Die Verliebtheit beruht auf dem gleichzeitigen
Vorhandensein von direkten und von zielgehemmten
Sexualstrebungen, wobei das Objekt einen Teil der
narzißtischen Ichlibido auf sich zieht. Sie hat nur Raum
für das Ich und das Objekt.
Die Hypnose teilt mit der Verliebtheit die Ein-
schränkung auf diese beiden Personen, aber sie be-
ruht durchaus auf zielgehemmten Sexualstrebungen
und setzt das Objekt an die Stelle des Ichideals.
Die Masse vervielfältigt diesen Vorgang, sie stimmt
mit der Hypnose in der Natur der sie zusammen-
haltenden Triebe und in der Ersetzung des Ichideals
durch das Objekt überein, aber sie fügt die Identi-
fizierung mit anderen Individuen hinzu, die vielleicht
ursprünglich durch die gleiche Beziehung zum Objekt
ermöglicht wurde.
Beide Zustände, Hypnose wie Massenbildung, sind
Erbniederschläge aus der Phylogenese der mensch-
lichen Libido, die Hypnose als Disposition, die Masse
überdies als direktes Überbleibsel. Die Ersetzung der
direkten Sexualstrebungen durch die zielgehemmten
befördert bei beiden die Sonderung von Ich und Ich-
ideal, zu der bei der Verliebtheit schon ein Anfang
gemacht ist.
— =*—
XII Nachträge 1 19
Die Neurose tritt aus dieser Reihe heraus. Auch
sie beruht auf einer Eigentümlichkeit der menschlichen
Libidoentwicklung, auf dem durch die Latenzzeit unter-
brochenen, doppelten Ansatz der direkten Sexual-
funktion. (S. Sexualtheorie, 4. Aufl., 1920, S. 96.)
Insoferne teilt sie mit Hypnose und Massenbildung den
Charakter einer Regression, welcher der Verliebtheit
abgeht. Sie tritt überall dort auf, wo der Fortschritt
von direkten zu zielgehemmten Sexualtrieben nicht
voll geglückt ist, und entspricht einem Konflikt
zwischen den ins Ich aufgenommenen Trieben, welche
eine solche Entwicklung durchgemacht haben, und den
Anteilen derselben Triebe, welche vom verdrängten
Unbewußten her — ebenso wie andere völlig ver-
drängte Triebregungen — nach ihrer direkten Befrie-
digung streben. Sie ist inhaltlich ungemein reichhaltig,
da sie alle möglichen Beziehungen zwischen Ich und
Objekt umfaßt, sowohl die, in denen das Objekt bei-
behalten als auch andere, in denen es aufgegeben
oder im Ich selbst aufgerichtet ist, aber ebenso die
Konfliktbeziehungen zwischen dem Ich und seinem
Ichideal.
INHALTSVERZEICHNIS:
Seilo
I. Einleitung J
II. Le Bon's Schilderung der Massenseele 5
III. Andere Würdigungen des kollektiven Seelenlebens . . 22
IV. Suggestion und Libido 3 2
V. Zwei künstliche Massen: Kirche und Heer 40
VI. Weitere Aufgaben und Arbeitsrichtungen 5 1
VII. Die Identifizierung 58
VIII. Verliebtheit und Hypnose 68
IX. Der Herdentrieb 77
X. Die Masse und die Urhorde , . 86
XI. Eine Stufe im Ich Q 6
XII. Nachträge 10 4
w