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Full text of "Zur Psychopathologie des Alltagslebens. (Über Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum) [10., weiter vermehrte Auflage]"



5IGM. FREUD 



y^ur Jrsycn.opatnologie 
aes Alltaefsleoeils 



iTEHSTE xrrtAGE 



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i 



ZUR PSYCHOPATHOLOGIE 
DES ALLTAGSLEBENS 



ZUR PSYCHOPATHOLOGIE 
DES ALLTAGSLEBENS 

ÜBER VERGESSEN, VERSPRECHEN, VERGREIFEN, 
ABERGLAUBEN UND IRRTUM 



VON 



Prof Dr. SIGM. FREUD 



Nun ist die Luft von solchem. Spuk so voll. 
Daß niemand weiß, tvie er ihn meiden soll 

Faust, II. Teil, K Akt 



ZEHN T E, 
WEITER VERMEHRTE AUFLAGE 

(18. — 21. TAUSEND) 



1924 

INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

LEIPZIG / WIEN / ZÜRICH 



ä 



Alle Rechte vorLelialten. 
Copyright 1924 by „Internationaler Psychoanalytischer Verlag Ges. m. b. H," Wien 



Von diesem Buche sind folgende autorisierte Übersetzungen erschienen; 

Eine russische von Dr. Medem (1909) 

Eine polnische von Dr. J. Jekels und H. Ivanka (igia) 

Eine englische von Dr. A. BriU (1914) 

Eine holländische von Dr. J. Stärcke (igi61 

Eine spanische von Luis L opez-E alles teros y de Torrea (1922) 

Eine franzosische von Dr. S. Jankelevitch (igag) 

Eine ungarische von Dr. Maria Takdcs (1923! 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Gesell«cliaft für Graphische Industrie, "Wien, IIL, Rüdengasse ii. 



■ ^■■' >J *» .M '*^ - »lg'^^W ^l'lLl- Hr.f ^t *''i LM.Ht. t .% r 



1 



1 

VERGESSEN VON EIGENNAMEN 

Im Jahrgang 1898 der „Monatsschrift für Psychiatrie und 
Neurologie" habe ich unter dem Titel „Zum psychischen Mecha- 
nismus der Vergeßlichkeit" einen kleinen Aufsatz veröffentlicht 
dessen Inhalt ich hier wiederholen und zum Ausgang für weitere 
Erörterungen nehmen werde. Ich habe dort den häufigen Fall 
des zeitweiligen Vergessens von Eigennamen an einem prägnanten 
Beispiel aus meiner Selbstbeobachtung der psychologischen Analyse 
unterzogen und bin zu dem Ergebnis gelangt, daß dieser gewöhn- 
liche und praktisch nicht sehr bedeutsame Einzelvorfall von Ver- 
sagen einer psychischen Funktion — des Erinnerns — eine 
Aufklärung zuläßt, welche weit über die gebräuchliche Ver- 
wertung des Phänomens hinausführt. 

Wenn ich nicht sehr irre, würde ein Psycholog, von dem 
man die Erklärung forderte, wie es zugelie, daß einem so oft 
ein Name nicht einfällt, den man doch zu kennen glaubt, sich 
begnügen zu antworten, daß Eigennamen dem Vergessen leichter 
unterliegen * als andersartiger Gedächtnisinhalt. Er würde die 
plausiblen Gründe für solche Bevorzugung der Eigennamen 
anführen, eine anderweitige Bedingtheit des Vorganges aber nicht 
vermuten. 

Für mich wurde zum Anlaß einer eingehenden Beschäftigung 
mit dem Phänomen des zeitweiligen Namenvergessens die Beob- 



m 



I 



"1" 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



achtung gewisser Einzelheiten, die sich zwar nicht in allen 
Fällen, aber in einzelnen deutlich genug erkennen lassen. In 
solchen Fällen wird nämlich nicht nur vergessen, sondern 
auch falsch erinnert. Dem sich um den entfallenden Namen 
Bemühenden kommen andere — Ersatznamen — zum 
Bewußtsein, die zwar sofort als unrichtig erkannt werden, sich 
aber doch mit großer Zähigkeit immer wieder aufdrängen. Der 
Vorgang, der zur Reproduktion des gesuchten Namens führen 
soll, hat sich gleichsam verschoben und so zu einem 
unrichtigen Ersatz geführt. Meine Voraussetzung ist nun, daß 
diese Verschiebung nicht psychischer Willkür überlassen ist, 
sondern gesetzmäßige und berechenbare Bahnen einhält. Mit 
anderen Worten, ich vermute, daß der oder die Ersatznamen in 
einem aufspürbaren Zusammenhang mit dem gesuchten Namen 
stehen, und hoffe, wenn es mir gelingt, diesen Zusammenhang 
nachzuweisen, dann auch Licht über den Hergang des Namen- 
vergessens zu verbreiten. 

In dem 1898 von mir zur Analyse gewählten Beispiel war es 
der Name des Meisters, welcher im Dom von Orvieto die 
großartigen Fresken von den „letzten Dingen" geschaffen, den 
zu erinnern ich mich vergebens bemühte. Anstatt des gesuchten 
Namens — Signorelli — drängten sich mir zwei andere 
Namen von Malern auf — Botticelli und Boltraffio — , 
die mein Urteil sofort und entschieden als unrichtig abwies. Als 
mir der richtige Name von fremder Seite mitgeteilt wurde, 
erkannte ich ihn sogleich und ohne Schwanken. Die Unter- 
suchung, durch welche Einflüsse und auf welchen Assoziations- 
wegen sich die Reproduktion in solcher Weise — von Signo- 
relli auf Botticelli und Boltraffio — verschoben hatte, 
führte zu folgenden Ergebnissen : 

a) Der Grund für das Entfallen des Namens Signorelli ist 
weder in einer Besonderheit dieses Namens selbst, noch in einem 
psychologischen Charakter des Zusammenhanges zu suchen, in 



/, Vergessen von Rigennamen. 



welchem derselbe eingefügt war. Der vergessene Name war mir 

ebenso vertraut wie der eine der Ersatznamen — Botticelli — 

und ungleich vertrauter als der andere der Ersatznamen — 

Boltraffio — , von dessen Träger ich kaum etwas andei-es anzu- Ja 

geben wüßte, als seine Zugehörigkeit zur mailändischen Schule, 

Der Zusammenhang aber, in dem sich das Namenvergessen 

ereignete, erscheint mir harmlos und führt zu keiner weiteren 

Aufklärung: Ich machte mit einem Fremden eine Wagenfahrt 

von Ragusa in Dalmatien nach einer Station der Herzegowina; 

wir kamen auf das Reisen in Italien zu sprechen, und ich fragte 

meinen Reisegefährten,- ob er schon in Orvieto gewesen und dort 

die berühmten Fresken des *** besichtigt habe. 

b) Das Namenvergessen erklärt sich erst, wenn ich mich an 
das in jener Unterhaltung unmittelbar vorhergehende Thema 
erinnere, und gibt sich als eine Störung des neu auf- 
tauchenden Themas durch das vorhergehende zu 
erkennen. Kurz ehe ich an meinen Reisegefährten die Frage 
stellte, ob er schon in Orvieto gewesen, hatten wir uns über die 
Sitten der in Bosnien und in der Herzegowina 
lebenden Türken unterhalten. Ich hatte ei-zählt, was ich von 
einem unter diesen Leuten praktizierenden Kollegen gehört hatte, 
daß sie sich voll Vertrauen in den Arzt und voll Ergebung in 
das Schicksal zu zeigen pflegen. Wenn man ihnen ankündigen 
muß, daß es für den Kranken keine Hilfe gibt, so antworten 
sie: „Herr, was ist da zu sagen? Ich weiß, wenn er zu retten 
wäre, hättest du ihn gerettet!" ' — Erst in diesen Sätzen finden 
sich die Worte und Namen : Bosnien, Herzegowina, Herr 
vor, welche sich in eine Assoziationsreihe zwischen Signorelli 
— Botticelli und Boltraffio einschalten lassen. 

c) Ich nehme an, daß der Gedankenreihe von den Sitten der 
Türken in Bosnien usw. die Fähigkeit, einen nächsten Gedanken 
zu stören, darum zukam, weil ich ihr meine Aufmerksamkeit 
entzogen hatte, ehe sie noch zu Ende gebracht war. Ich erinnere 



B 



Zur Psychopathologie des Alltagslehens 



mich nämlich, daß ich eine zweite Anekdote erzählen wollte, die 
nahe bei der ersten in meinem Gedächtnis ruhte. Diese Türken 
schätzen den Sexualgenuß über alles und verfallen bei sexuellen 
Störungen in eine Verzweiflung, welche seltsam gegen ihre 
Resignation bei Todesgefahr absticht. Einer der Patienten meines 
Kollegen hatte ihm. einmal gesagt: „Du weißt ja, Herr, wenn 
das nicht mehr geht, dann hat das Leben keinen Wert." Ich 
unterdrückte die Mitteilung dieses charakteristischen Zuges, weil 
ich das Thema nicht in einem Gespräch mit einem Fremden 
berühren wollte. Ich tat aber noch mehrj ich lenkte meine Auf- 
merksamkeit auch von der Fortsetzung der Gedanken ab, die 
sich bei mir an das Thema „Tod und Sexualität" hätten knüpfen 
können. Ich stand damals unter der Nachwirkung einer Nach- 
richt, die ich wenige Wochen vorher während eines kurzen 
Aufenthaltes in : T r a f o i erhalten hatte. Ein Patient, mit dem 
ich mir viele Mühe gegeben, hatte wegen einer unheilbaren 
sexuellen Störung seinem Leben ein Ende gemacht. Ich weiß 
bestimmt, daß mir auf jener Reise in die Herzegowina dieses 
traurige Ereignis und alles, was damit zusammenhängt, nicht zur 
bewußten Erinnerung kam. Aber die Übereinstimmung Trafoi — 
Boltraffio nötigt mich anzunehmen, daß damals diese 
Reminiszenz trotz der absichtlichen Ablenkung meiner Aufmerk- 
samkeit in mir zur Wirksamkeit gebracht worden ist. 

d) Ich kann das Vergessen des Namens Signorelli nicht mehr 
als ein zufälliges Ereignis auffassen. Ich muß den Einfluß eines 
Motivs bei diesem Vorgang anerkennen. Es waren Motive, die 
mich veranlaßten, mich in der Mitteilung meiner Gedanken 
(über die Sitten der Türken usw.) zu unterbrechen, und die mich 
ferner beeinflußten, die daran sich knüpfenden Gedanken, die bis 
zur Nachricht in Trafoi geführt hätten, in mir vom Bewußt- 
werden auszuschließen. Ich wollte also etwas vergessen, ich hatte 
etwas verdrängt. Ich wollte allerdings etwas anderes vergessen 
als den Namen des Meisters von Orvieto j aber dieses andere 



.( 



/. Vergessen von Eigennamen 



brachte es zustande, sich mit dessen Namen in assoziative Ver- 
bindung zu setzen, so daß mein Willensakt das Ziel verfehlte 
und ich das eine wider Willen vergaß, während ich das 
andere mit Absicht vergessen wollte. Die Abneigung, zu 
erinnern, richtete sich gegen den einen Inhaltj die Unfähigkeit, 
zu erinnern, trat an einem anderen hervor. Es wäre offenbar ein 
einfacherer Fall, wenn Abneigung und Unfähigkeit, zu erinnern, 
denselben Inhalt beträfen. — Die Ersatznamen erscheinen mir 
auch nicht mehr so völlig unberechtigt wie vor der Aufklärung j 
sie mahnen mich (nach Art eines Kompromisses) ebensosehr an 
das, was ich vergessen, wie an das, was ich erinnern wollte, und 
zeigen mir, daß meine Absicht, etwas zu vergessen, weder ganz 
gelungen, noch ganz mißglückt ist, 

e) Sehr auffallig ist die Art der Verknüpfung, die sich 
zwischen dem gesuchten Namen und dem verdrängten Thema 
(von Tod und Sexualität usw., in dem die Namen Bosnien, 
Herzegowina, Trafoi voi-kommen) hergestellt hat. Das hier ein- 
geschaltete, aus der Abhandlung des Jahres i8g8 wiederholte 
Schema sucht diese Verknüpfung anschauHch darzustellen. 



] 



Signon ein 



T-ßoJ tdcelll 



i 



t 



Hcr 



zegowina u.fBoJsnierv 



Her/^ was ist da zu, sagen etc. 



u 



I 

Tod und Sexualität 



Itrafßo 




Trafoi 




(Verdrängte Gedanken) 



y 



10 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

Der Name Signorelli ist dabei in zwei Stücke zerlegt worden. 
Das eine Silbenpaar ist in einem der Ersatznamen unverändert 
wiedergekehrt (e 1 1 i), das andere hat durch die Übersetzung 
Signor — Herr mehrfache und verschiedenartige Beziehungen 
zu den im^ verdrängten Thema enthaltenen Namen gewonnen, ist -/. 
aber dadurch für die Reproduktion verloren gegangen. Sein 
Ersatz hat so stattgefunden, als ob eine Verschiebung längs der ^ 
Namenverbindung „Herzegowina und Bosnien" vorgenommen ?. 

worden wäre, ohne Rücksicht auf den Sinn und auf die akustische : , 
Abgrenzung der Silben zu nehmen. Die Namen sind also bei || 
diesem Vorgang ähnlich behandelt worden wie die Schriftbilder 
eines Satzes, der in ein Bilderrätsel (Rebus) umgewandelt werden 
soll. Von dem ganzen Hergang, der anstatt des Namens Signorelli 
auf solchen Wegen die Ersatznamen geschaffen hat, ist dem 
Bewußtsein keine Kunde gegeben worden. Eine Beziehung zwischen 
dem Thema, in dem der Name Signorelli vorkam, und dem 
zeitlich ihm vorangehenden verdrängten Thema, welche über 
diese Wiederkehr gleicher Silben (oder vielmehr Buchstahenfolgen) 
hinausginge, scheint zunächst nicht auffindbar zu sein. 

Es ist vielleicht nicht überflüssig zu bemerken, daß die von 
den Psychologen angenommenen Bedingungen der Reproduktion 
und des Vergessens, die in gewissen Relationen und Dispositionen 
gesucht werden, durch die vorstehende Aufklärung einen Wider- 
spruch nicht erfahren. Wir haben nur für gewisse Fälle zu all 
den längst anerkannten Momenten, die das Vergessen eines 
Namens bewirken können, noch ein Motiv hinzugefügt und 
überdies den Mechanismus »des Fehlerinnems klargelegt. Jene 
Dispositionen sind auch für unseren Fall unentbehrlich, um die 
Möglichkeit zu schaffen, daß das verdrängte Element sich 
assoziativ des gesuchten Namens bemächtige und es mit sich in 
die Verdrängung nehme. Bei einem anderen Namen rriit 
günstigeren Reproduktionsbedingungen wäre dies vielleicht nicht 
geschehen. Es ist ja wahrscheinhch, daß ein unterdrücktes Element 



/. Vergessen von EigenTiamen 1 1 

allemal bestrebt ist, sich irgendwo anders zur Geltung zu bringen, 
diesen Erfolg aber nur dort erreicht, wo ihm geeignete Bedin- 
gungen entgegenkommen. Andere Male gelingt die Unterdrückung 
ohne Funktionsstörung, oder, wie wir mit Recht sagen können, 
ohne Symptome. 

Die Zusammenfassung der Bedingungen für das Vergessen eines 
Namens mit Fehlerinnern ergibt also: i.) eine gewisse Disposition 
zum Vergessen desselben, 3.) einen kurz vorher abgelaufenen 
Unterdrückungsvorgang, g.) die Möglichkeit, eine äußerliche 
Assoziation zwischen dem betreffenden Namen und dem vorher 
unterdrückten Element herzustellen. Letztere Bedingung wird man 
wahrscheinlich nicht sehr hoch veranschlagen müssen, da bei den 
geringen Ansprüchen an die Assoziation eine solche in den aller- 
m.eJsten Fällen durchzusetzen sein dürfte. Eine andere und tiefer 
reichende Frage ist es, ob eine solche äußerliche Assoziation 
wirklich die genügende Bedingung dafür sem kann, daß das 
verdrängte Element die Reproduktion des gesuchten Namens 
störe, ob nicht docli notwendig ein intimerer Zusammenhang der 
beiden Themata erforderlich wird. Bei oberflächlicher Betrachtung 
würde man letztere Forderung abweisen wollen und das zeitliche 
Aneinanderstoßen bei vöUig disparatem Inhalt für genügend halten. 
Bei eingehender Untersuchung findet man aber immer häufiger, 
daß die beiden durch eine äußerfiche Assoziation verknüpften 
Elemente (das verdrängte und das neue) außerdem einen 
inhaltlichen Zusammenhang besitzen, und auch in dem Beispiel 
S i g n o r e 1 1 i läßt sich ein solcher erweisen. 

Der Wert der Einsicht, die wir bei der Analyse des Beispiels 
Sign or eil i gewonnen haben, hängt natürlich davon ab, ob wir 
diesen Fall für ein typisches oder für ein vereinzeltes Vorkommnis 
erklären wollen. Ich muß nun behaupten, daß das Namenvergessen 
mit Fehlerinnern ungemein häufig so zugeht, wie wir es im 
Falle Signorelli aufgelöst haben. Fast allemal, da ich dies 
Phänomen bei mir selbst beobachten konnte, war ich auch 



la 



Tur Psychopathologie des Alltagslehens 



imstande, es mir in der vorerwähnten Weise als durch Ver- 
drängung motiviert zu erldären. Ich muß auch noch einen 
anderen Gesichtspunkt zugunsten der typischen Natur unserer 
Analyse geltend machen. Ich glaube, daß man nicht berechtigt 
ist, die Fälle von Namenvergessen mit Fehlerinnem prinzipiell 
von solchen zu trennen, in denen sich unrichtige Ersatznamen 
nicht eingestellt haben. Diese Ersatznamen kommen in einer 
Anzahl von Fällen spontan; in anderen Fällen, wo sie nicht 
spontan aufgetaucht sind, kann man sie durch Anstrengung der 
Aufmerksamkeit zum Auftauchen zwingen, und sie zeigen dann 
die nämlichen Beziehungen zum verdrängten Element und zum. 
gesuchten Namen, wie wenn sie spontan gekommen wären. Für 
das Bewußtwerden des Ersatznamens scheinen zwei Momente 
maßgebend zu sein, erstens die Bemühung der Aufmerksamkeit, 
zweitens eine innere Bedingung, die am psychischen Material 
haftet. Ich könnte letztere in der größeren oder geringeren 
Leichtigkeit suchen, mit w^elcher sich die benötigte äußerliche 
Assoziation zwischen den beiden Elementen herstellt. Ein guter 
■ Teil der Fälle von Namenvergessen ohne Fehlerinnern schließt 
sich so den Fällen mit Ersatznamenbüdung an, für welche der 
Mechanismus des Beispiels „Signorelh" gih. Ich werde aber 
mich gewiß nicht der Behauptung erkühnen, daß alle Fälle von 
Namenvergessen in die nämliche Gruppe einzureihen seien. Es 
gibt ohne Zweifel Fälle von Namenvergessen, die weit einfacher 
zugehen. Wir werden den Sachverhalt wohl vorsichtig genug 
dargestellt haben, wenn wir aussprechen: Neben dem ein- 
fachen Vergessen von Eigennamen kommt auch 
ein Vergessen vor, welches durch Verdrängung 
motiviert ist. 



n 

VERGESSEN VON FREMDSPRACHIGEN WORTEN 

Der gebräuchliche Sprachschatz unserer eigenen Sprache scheint 
innerhalb der Breite normaler Funktion gegen das Vergessen 
geschützt. Anders steht es bekannüich mit den Vokabeln einer 
fremden Sprache. Die Disposition zum Vergessen derselben ist für 
alle Redeteile vorhanden, und ein erster Grad von Funklions- ^ 

Störung zeigt sich in der Ungleichmäßigkeit unserer Verfügung ^ 

über den fremden Sprachschatz, je nach unserem Allgemein- 
befinden und dem Grade unserer Ermüdung. Dieses Vergessen 
geht in einer Reihe von Fällen nach demselben Mechanismus 
vor sich, den uns das Beispiel „Signorelli" enthüllt hat. Ich 
werde zum Beweise hiefür eine einzige, aber durch wertvolle 
Eigentümlichkeiten ausgezeichnete Analyse mitteilen, die den 
Fall des Vergessens eines nicht substantivischen Wortes aus einem 
lateinischen Zitat betrifft. Man gestatte mir, den kleinen Vorfall 
breit und anschaulich vorzutragen 

Im letzten Sommer erneuerte ich — wiederum auf der 
Ferienreise — die Bekanntschaft eines jungen Mannes von aka- 
demischer Bildung, der, wie ich bald merkte, mit einigen meiner 
psychologischen Publikationen vertraut war. Wir waren im 
Gespräch — ich weiß nicht mehr wie — auf die soziale Lage 
des Volksstammes gekommen, dem wir beide angehören, und er 
der Ehrgeizige, erging sich in Bedauern darüber, daß seine 



Zur Psychopatliologie des Alltagslebens 



Generation, Wm er sich äußerte, zur Verkümmerung bestimmt 
sei, ihre Talente nicht entwickeln und ihre Bedürfhisse nicht 
befriedigen könne. Er schloß seine leidenschafthch bewegte Rede 
mit dem bekannten Vergilschen Vers, in dem die unglückliche 
Dido ihre Rache an Aeneas der Nachwelt überträgt: Exoriare . . ., 
vielmehr er wollte so scUießen, denn er brachte das Zitat nicht 
zustande und suchte eine offenkundige Lücke der Erinnerung 
durch Umstellung von Worten zu verdecken: Exoriar(e) ex 
nostris ossibus ultor! Endlich sagte er geärgert: „Bitte, machen 
Sie nicht ein so spöttisches Gesicht, als pb Sie sich an meiner 
Verlegenheit weiden würden, und helfen Sie mir lieber. An dem 
Vers fehlt etwas. Wie heißt er eigentlich vollständig?" 
Gerne, erwiderte ich und zitierte, wie es richtig lautet: 
Exoriar(e) aliquis nostris ex ossibus ultor! 
„Zu dumm, ein solches Wort zu vergessen. Übrigens von 
Ihnen hört man ja, daß man nichts ohne Grund vergißt. Ich 
wäre doch zu neugierig zu erfahren, wie ich zum Vergessen 
dieses unbestimmten Pronomen aliquis komme. 

Ich nahm diese Herausforderung bereitwilligst an, da ich einen 
Beitrag zu meiner Sammlung erhoffte. Ich sagte also: Das können 
wir gleich haben. Ich muß Sie nur bitten, mir aufrichtig und 
kritiklos alles mitzuteilen, was Ihnen einfällt, wenn Sie ohne 
bestimmte Absicht Ihre Aufmerksanikeit auf das vergessene Wort 
richten \ 

„Gut, da komme ich also auf den lächerlichen Einfall, mir 
das Wort in folgender Art zu zerteilen: a und liquis." 

Was soll das? — „Weiß ich nicht." — Was fällt Ihnen 
weiter dazu ein? — „Das setzt sich so fort: Reliquien — 
Liquidation — Flüssigkeit — Fluid. Wissen Sie )etzt 
schon etwas?" 

Nein, noch lange nicht. Aber fahren Sie fort. 

i) Dies ist der allgemeine Weg, um VorsteUimgselemente, die sich verberge«, 
dem Bewußtsein luzuführen. Vergl. meine „Traumdeutimg" (7. Aufl., S. 71). 



-^J. Vergessen von fremdsprachigen PForten 1 5 

„Ich denke", fohr er höhnisch lachend fort, „an Simon von 
Trient, dessen Reliquien ich vor zwei Jahren in einer Kirche 
in Trient gesehen habe. Ich denke an die Blutbeschuldigung, 
die gerade jetzt wieder gegen die Juden erhoben wird, und an 
die Schrift von Kleinpaul, der in all diesen angebhchen 
Opfern Inkarnationen, sozusagen Neuauflagen des Heilands sieht." 

Der Einfall ist nicht ganz ohne Zusammenhang mit dem 
Thema, über das wir uns unterhielten, ehe Ihnen das latei- 
nische Wort entfiel. 

„Richtig. Ich denke ferner an einen Zeitungsartikel ui einem 
italienischen Journal, den ich kürzhch gelesen. Ich glaube, er 
war überschrieben: Was der hl. Augustinus über die Frauen 
sagt. Was machen Sie damit?" 

Ich warte. 

„Also jetzt kommt etwas, was ganz gewiß außer Zusammen- 
hang mit unserem Thema steht." 

Enthalten Sie sich gefälligst jeder Kritik und — 

„Ich weiß schon. Ich erinnere mich eines prächtigen alten 
. Herrn, den ich vorige Woche auf der Reise getroffen. Ein 
wahres Original. Er sieht aus wie ein großer Raubvogel. Er 
heißt, wenn Sie es wissen wollen, Benedikt." 

Doch wenigstens eine Aneinanderreihung von Heiligen und 
Kirchenvätern: Der heilige Simon, St. Augustinus, St. Bene- 
diktus. Ein Kirchenvater hieß, glaube ich, Origines. Drei 
dieser Namen sind übrigens auch Vornamen wie Paul im 
Namen Kleinpaul. 

„Jetzt fälh mir der heilige Januarius ein und sein Blut- 
wunder — ich finde, das geht mechanisch so weiter." 

Lassen Sie das; der heilige Januarius und der heilige 
Augustinus haben beide mit dem Kalender zu tun. Wollen 
Sie mich nicht an das Blut wunder erinnern? 

„Das werden Sie doch kennen! In einer Kirche zu Neapel 
wird in einer Phiole das Blut des heihgen Januarius aufbewahrt, 



i6 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



. I 



welches durch ein Wunder an einem bestimmten Festtag wieder 
flüssig wird. Das Volk hält viel auf dieses Wunder und wird 
sehr aufgeregt, wenn es sich verzögert, wie es einmal zur Zeit 
einer französischen Okltupation geschah. Da nahm der kom- 
mandierende General — oder irre ich mich? war es Garibaldi? 
— den geistiichen Herrn beiseite und bedeutete ihm mit einer 
sehr verständlichen Gebärde auf die draußen aufgestellten Soldaten, 
er hoffe, das Wunder werde sich sehr bald vollziehen. Und es 
vollzog sich wirklich . . .' 

Nun und weiter? Warum stocken Sie? 

„Jetzt ist mir allerdings etwas eingefallen ... das ist aber zu 
intim für die Mitteilung ... Ich sehe übrigens keinen Zusammen- 
hang und keine Nötigung, es zu erzählen." 

Für den Zusammenhang würde ich sorgen. Ich kann Sie ja 
nicht zwingen zu erzählen, was Ihnen unangenehm ist; dann 
verlangen Sie aber auch nicht von mir zu wissen, auf welchem 
Wege Sie jenes Wort aliquis vergessen haben. 

„Wirklich? Glauben Sie? Also ich habe plötzlich an eine Dame 
gedacht, von der ich leicht eine Nachricht bekommen könnte, 
die uns beiden recht unangenehm wäre." 
Daß ihr die Periode ausgeblieben ist? 
„Wie können Sie das erraten?" 

Das ist nicht mehr schwierig. Sie haben mich genügend darauf 
vorbereitet. Denken Sie an die Kalenderheiligen,, an das 
Flüssigwerden des Blutes zu einem bestimmten 
Tage, denAufruhr, wenn das Ereignis nicht eintritt, 
die deutliche Drohung, daß das Wunder vor sich 
gehen muß, sonst .. . Sie haben ja das Wunder des heiligen 
Januarius zu einer prächtigen Anspielung auf die Periode der 

Frau verarbeitet. 

„Ohne daß ich es gewußt hätte. Und Sie meinen wirklich, 
wegen dieser ängstUchen Erwartung hätte ich das Wörtchen 
aliquis nicht reproduzieren können? 



//. Vergessen von fremdsprachigen Worten 1 7 

Das scheint mir unzweifelhaft. Erinnern Sie sich doch an Ihre 
Zerlegung in a — liquis und an die Assoziationen: Reliquien, 
Liquidation, Flüssigkeit. Soll ich noch den als Kind 
hingeopferten heiligen Simon, auf den Sie von den Reliquien 
her kamen, in den Zusammenhang einflechten? 

„Tun Sie das lieher nicht. Ich hoffe, Sie nehmen diese 
Gedanken, wenn ich sie wirklich gehabt habe, nicht für Ernst. 
Ich will Ihnen dafür gestehen, daß die Dame Italienerin ist, in 
deren Gesellschaft ich auch Neapel besucht habe. Kann das aber 
nicht alles Zufall sein?" 

Ich muß es Ihrer eigenen Beurteilung überlassen, ob Sie sich 
alle diese Zusammenhänge durch die Annahme eines Zufalls 
aufklären können. Ich sage Ihnen aber, jeder ähnliche Fall, den 
Sie analysieren wollen, wird Sie auf ebenso merkwürdige „Zufälle" 
führen ^ 

Ich habe mehrere Gründe, diese kleine Analyse, für deren 
Überlassung ich meinem damaligen Reisegenossen Dank schulde, 
zu schätzen. Erstens, weil mir in diesem Falle gestattet war, aus 
einer Quelle zu schöpfen, die mir sonst versagt ist. Ich bin 
zumeist genötigt, die Beispiele von psychischer Funktionsstörung 
im täghchen Leben, die ich hier zusammenstelle, meiner Selbst- 
beobachtung zu entnehmen. Das weit reichere Material, das mir 
meine neurotischen Patienten liefern, suche ich zu vermeiden, 
weil ich den Einwand fürchten muß, die betreffenden Phänomene 
seien eben Erfolge und Äußerungen der Neurose. Es hat also 
besonderen Wert für meine Zwecke, wenn sich eine nerven- 
gesunde fremde Person zum Objekt einer solchen Untersuchung 

i) Diese kleine Analyse hat viel Aufmerksamkeit in der Literatur gefunden imd 
lebhafte Diskussionen hervorgerufen. E, Bleuler hat gerade an ihr die Glaub- 
würdigkeit psychoanalytischer Deutungen matlieniatisch zu erfassen versucht imd ist 
zum Schluß gelangt, daß sie melir Walirscbeinlichkeitswert hat als Tausende von 
unangefochtenen medizinischen „Erkenntnissen" und daß sie ihre Sonderstellung nur 
dadurch bekommt, daß man noch nicht gewolint ist, in der Wissenschaft mit psycho- 
logischen Walirscheinlichkeiten zu rechnen. (Das autistisch-undisiipHnierte Denken in 
der Medizin und seine Überwindimg. Berlin, 1919). ' 

Freud, IV. - 



i8 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



erbietet. In anderer Hinsicht wird mir diese Analyse bedeutungs- 
voll, indem sie einen Fall von Wortvergessen ohne Ersatzerinnern 
beleuchtet und meinen vorhinein aufgestellten Satz bestätigt, 
daß das Auftauchen oder Ausbleiben von unrichtigen Ersatz- 
erinnerungen eine wesentliche Unterscheidung nicht begründen 
kann.' 

Der Hauptwert des Beispiels aliquis ist aber in einem 
anderen seiner Unterschiede von dem Falle „Signorelli" gelegen. 
Im letzteren Beispiel wird die Reproduktion des Namens gestört 
durch die Nachwirkung eines Gedankenganges, der kurz vorher 
begonnen und abgebrochen wurde, dessen Inhalt aber in keinem 



i) Feinere Beobachtung- schränkt den Gegensatz zwischen der Analyse „Signorelli" 
und der von alUjuis betreffs der Er satzer iiinerungen um einiges ein. Auch hier scheint 
nämlich das Vergessen von einer Ersatzbildung begleitet zu sein. Als ich an meinen 
Partner nachträglich die Frage stellte, ob ihm bei seinen Bemühungen, das fehlende 
Wort To. erinnern, nicht irgend etwas zum Ersatz eingefallen sei, berichtete er, daß 
er zunächst die Versuchung verspürt habe, ein ab in den Vers zu bringen; nostris 
ab ossihus (vielleicht das unverknüpfte Stück von a-liquU) und dann, daß sich ihm 
das exoTiart besonders deutlich und hartnäckig aufgedrängt habe. Als Skeptiker 
setzte er hinzu:' offenbar weil es das erste Wort des Verses war. Als ich ihn hat 
doch auf die Assoziationen von exoriare aus zu achten, gab er mir Exorzismus an. 
Ich kann mir also sehr wohl denken, daß die Verstärkung von exoriare in der 
Reproduktion eigentlich den Wert einer solchen Ersatzbüdung hatte. Dieselbe wäre 
über die Assoziation: Exorzismus von den Namen der Heiligen her erfolgt. 
Indes sind dies Feinheiten, auf die man keinen Wert zu legen braucht. (P. Wilson: 
The imperceptible Obvious, Revista de Psiquiatria, Lima, Januar 1922, betont 
dagegen, daß der Verstärkung von exoriare ein hoher aufklärender Wert zukomme, 
da Exorzismus der beste symbolische Ersatz für den verdrängten Gedanken an die 
Beseitigung des gefürchteten Kindes durch Abortus wäre. Ich kaim diese Berichtigiuig, 
welche die Verbindlichkeit der Analyse nicht schädigt, dankend annehmen.) — Es 
erscheint nun aber wohl möglich, daß das Auftreten irgend einer Art von Ersatz- 
crinnermig ein konstantes, vielleicht auch nur ein charakteristisches und verräte- 
risches Zeichen des tendenziösen, durch Verdrängung motivierten Vergessens ist. 
Diese Ersatzbildung bestände auch dort, wo das Auftauchen unrichtiger Ersatznamen 
ausbleibt, in der Verstärkung eines Elementes, welches dem vergessenen benachbart 
ist. Im Falle „Signorelli" war z. B., solange mir der Name des Malers unzugänglich 
blieb, die visuelle Erinnerung an den Zyklus von Fresken und an sein in der Ecke 
eines Bildes angebrachtes Selbstporträt üb er d e u tli ch, jedenfalls weit intensiver, 
als visuelle Erinnerungs spuren sonst bei mir auftreten. In einem anderen Falle, der 
gleichfalls ia. der Abhandlung von 1898 mitgeteilt ist, hatte ich von der Adresse 
eines mir unbeejuemen Besuches in einer fremden Stadt den Straßennamen 
hoffnungslos vergessen, die Hausnimimer aber wie zum Spott — überdeutlich 
gemerkt, während mir sonst das Erinnern von Zahlen die größte Schwierigkeit 
bereitet. 



//. Fergessen von fremdsprachigen Worten 



19 



deutlichen Zusammenhang mit dem neuen Thema stand, in dem. 
der Name Signorelli enthalten war. Zwischen dem verdrängten 
und dem Thema des vergessenen Namens bestand bloß die 
Beziehung der zeitlichen Kontignität; dieselbe reichte hin, damit 
sich die beiden durch eine äußerliche Assoziation in Verbindung 
setzen konnten". Im. Beispiel aliquis hingegen ist von einem 
solchen unabhängigen verdrängten Thema, welches unmittelbar 
vorher das bewußte Denken beschäftigt hatte und nun als 
Störung nachklänge, nichts zu merken. Die Störung der Repro- 
duktion erfolgt hier aus dem Innern des angeschlagenen Tliemas 
heraus, indem sich unbewußt ein Widerspruch gegen die im 
Zitat dargestellte Wunschidee erhebt. Man muß sich den Hergang 
in folgender Art konstruieren: Der Redner hat bedauert, daß die 
gegenwärtige Generation seines Volkes in ihren Rechten verkürzt 
wird ; eine neue Generation, weissagt er w ie Dido, wird die 
Rache an den Bedrängern übernehmen. Er hat also den Wunsch 
nach Nachkommenschaft ausgesprochen. In diesem Moment fährt 
ihm ein widersprechender Gedanke dazwischen. „Wünschest du 
dir Nachkommenschaft wirklich so lebhaft? Das ist nicht wahr. 
In welche Verlegenheit kämest du, wenn du jetzt die Nachricht 
erhieltest, daß du von der einen Seite, die du kennst, Nach- 
kommen zu erwarten hast? Nein, keine Nachkommenschaft, — 
wiewohl wir sie für die Rache brauchen." Dieser Widerspruch 
bringt sich nun zur Geltung, indem er genau wie im Beispiel 
Signorelli eine äußerhche Assoziation zwischen einem seiner 
Vorstellungselemente und einem Element des beanstandeten 
Wunsches herstellt, und zwar diesmal auf eine höchst gewalt- 
same Weise durch einen gekünstelt erscheinenden Assoziations- 
umweg. Eine zweite wesentliche Übereinstimmung mit dem 

1) Ich möchte für das Fehlen eines inneren Zusammenlianges zwischen den 
beiden Gedankenkreisen im Falle Signorelli nicht mit voller Überzengunff einstehen. 
Bei sorgfältiger Verfolgung der verdrängten Gedanken über das Thema von Tod 
und Sexualleben stoßt man doch auf eine Idee, die sich mit dem Thema der Fresken 
von Orvieto nahe berührt. 



3,0 



Zw Psychopathologie des Alltagslebens 



Beispiel Signorelli ergibt sich daraus, daß der Widerspruch aus 
verdrängten Quellen stammt und von Gedanken ausgeht, welche 
eine Abwendung der Aufmerksamkeit hervorrufen würden. — 
Soviel über die Verschiedenheit und über die innere Verwandt- 
schaft der beiden Paradigmata des Namenvergessens. Wir haben 
einen zweiten Mechanismus des Vergessens kennen gelernt, die 
Störung eines Gedankens durch einen aus dem Verdrängten 
kommenden inneren Widerspruch. Wir werden diesem Vorgang, 
der uns als der leichter verständliche erscheint, im Laufe dieser 
Erörterungen noch wiederholt begegnen. 



ni 

VERGESSEN VON NAMEN UND WORTFOLGEN 

Erfahrungen, wie die eben erwähnte, über den Hergang des 
Vergessens eines Stückes aus einer fremdsprachigen Wortfolge 
können die Wißbegierde rege machen, ob denn das Vergessen 
von Wortfolgen in der Muttersprache eine wesentlich andere 
Aufklärung erfordere. Man pflegt zwar nicht verwundert zu 
sein, wenn man eine auswendig gelernte Formel oder ein 
Gedicht nach einiger Zeit nur ungetreu, mit Abänderungen und 
Lücken reproduzieren kann. Da aber dieses Vergessen das im 
Zusammenhang Erlernte nicht gleichmäßig betrifft, sondern 
wiederum einzelne Stücke daraus loszubröckeln scheint, könnte 
es sich der Mühe verlohnen, einzelne Beispiele von solcher 
fehlerhaft gewordenen Reproduktion analytisch zu untersuchen. 

Ein jüngerer Kollege, der im Gespräche mit mir die Ver- 
mutung äußerte, das Vergessen von Gedichten in der Mutter- 
sprache könnte wohl ähnlich motiviert sein wie das Vergessen 
einzelner Elemente in einer fremdsprachigen Wortfolge, erbot 
sich zugleich zum Untersuchungsobjekt. Ich fragte ihn, an 
welchem Gedichte er die Probe machen wolle, und er wählte 
„Die Braut von Korinth", welches Gedicht er sehr liebe und 
wenigstens strophenweise auswendig zu kennen glaube. Zu 
Beginn der Reproduktion traf sich ihm eine eigentlich auffallige 
Unsicherheit. „Heißt es: ,Von Korinthus nach Athen gezogen*," 



s 



22 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



jEragte er, „oder ,Nach Korinthus von Athen gezogen. Auch 
ich war einen Moment lange schwankend, bis ich lachend 
bemerkte, daß der Titel des Gedichtes „Die Braut von Korinth" 
ja keinen Zweifel darüber lasse, welchen Weg der Jüngling 
ziehe. Die Reproduktion der ersten Strophe ging dann glatt 
oder wenigstens ohne auffällige Verfälschung vor sich. Nach 
der ersten Zeile der zweiten Strophe schien der Kollege eine 
Weile zu suchen j er setzte bald fort und rezitierte also: 

Aber wird er auch willkominen seheinen, 
Jetzt, wo jeder Tag ^was Neues bringt? 
Denn er ist noch Heide mit den Seinen 
Und sie sind Christen und — getauft. 

Ich hatte schon vorher wie befremdet aufgehorcht^ nach dem 
Schlüsse der letzten Zeile waren wir beide einig, daß hier eine Ent- 
stellung stattgefunden habe. Da es uns aber nicht gelang, dieselbe 
zu korrigieren, eilten wir zur Bibliothek, um Goethes Gedichte zur 
Hand zu nehmen, und fanden zu unserer Überraschung, daß die 
zweite Zeile dieser Strophe einen völlig anderen Wortlaut habe, 
der vom Gedächtnis des Kollegen gleichsam herausgeworfen und 
durch etwas anscheinend fremdes ersetzt worden war. Es hieß 
richtig: 

Aher wijd er auch willkommen scheinen, 

Wenn er teuer nicht die Gunst erkauft. 

Auf „erkauft" reimte „getauft und es schien mir sonderbar, 
daß die Konstellation: Heide, Christen und getauft, ihn bei der 
Wiederherstellung des Textes so wenig gefördert hatte. 

Können Sie sich erklären, fragte ich den Kollegen, daß Sie in 
dem Ihnen angebhch so wohl vertrauten Gedichte die Zeile so 
vollständig gestrichen haben, und haben Sie eine Ahnung, aus 
welchem Zusammenhang Sie den Ersatz holen konnten? 

Er war imstande, Aufklärung zu geben, obwohl er es offenbar nicht 
sehr gern tat. „ Die Zeile : Jetzt, wo j eder Tag was Neues bringt, kommt 
mir bekannt vor; ich muß diese Worte vor kurzem mit Bezug auf 



///. P^ergessen von Namen und Wortfolgen 23 

meine Praxis gebraucht haben, mit deren Aufschwung ich, wie Sie 
wissen, gegenwärtig sehr zufrieden bin. Wie dieser Satz aber dahinein 
gehört? Ich wüßte einen Zusammenhang. Die Zeile ,wenn er teuer 
nicht die Gunst erkauft' war mir offenbar nicht angenehm. Es hängt 
das mit einer Bewerbung zusammen, die ein erstes Mal abgeschlagen 
worden ist, und die ich jetzt mit Rücksicht auf meine sehr gebesserte 
materielle Lage zu wiederholen gedenke. Ich kann Ihnen nicht mehr 
sagen, aber es kann mir doch gewiß nicht lieb sein, wenn ich 
jetzt angenommen werde, mich daran zu erinnern, daß eine Art 
von Berechnung damals wie nun den Ausschlag gegeben hat." 
Das erschien mir einleuchtend, auch ohne daß ich die näheren 
Umstände zu wissen brauchte. Aber ich fragte weiter: Wie 
kommen Sie überhaupt dazu, sich und Ihre privaten Verhältnisse 
in den Text der „Braut von Korinth" zu mengen? Bestehen 
vielleicht in Ihrem Falle solche Unterschiede der Religions- 
bekenntnisse, wie sie im Gedichte zur Bedeutung kommen? 

(Keimt ein Glaube neu, 

wird oft Lieb' und Treu 

wie ein böses Unkraut ausgerauft.) 
Ich hatte nicht richtig geraten, aber es war merkwürdig zu 
erfahren, wie die eine wohlgezielte Frage den Mann plötzlich 
hellsehend machte, so daß er mir als Antwort bringen konnte, 
was ihm sicherlich bis dahin selbst unbekannt geblieben war. 
Er sah mich mit einem gequälten und auch unwiUigen Blick 
an, murmelte eine spätere Stelle des Gedichtes vor sich hin: 

Sieh sie an genau * ! 
Morgen ist sie grau. 



1) Der Kollege hat übrigens die schöne Stelle des Gedichtes sowohl in ihrem 
Wortlaut wie nach ihrer Anwendung etwas abgeändert. Das gespenstische Mädchen 
sagt seinem Bräutigam: 

Meine Kette hab' ich dir gegeben; 

Deine Locke nehm' ich mit mir fort. 

Sieh sie an genau! 

Morgen bist du grau. 

Und nur braim erscheinst du wieder dort. 



24 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



und fügte kurz hinzu: Sie ist etwas älter als ich. Um ihm nicht 
noch mehr Pein zu bereiten, brach ich die Erkundigung ab. Die 
Aufklärung erschien mir zureichend. Aber es war gewiß über- 
raschend, daß die Bemühung, eine harmlose Fehlleistung des 
Gedächtnisses auf ihren Grund zurückzuführen, an so fern 
hegende, intime und mit peinlichem Affekt besetzte Angelegen- 
heiten des Untersuchten rühren mußte. 

Ein anderes Beispiel vom Vergessen in der Wortfolge eines 
bekannten Gedichtes will ich nach C. G. Jung' und mit den 
Worten des Autors anführen. 

„Ein Herr will das bekannte Gedicht rezitieren: ,Ein Fichten- 
baum steht einsam usw.^ In der Zeile: ,Ihn schläfert' bleibt er 
rettungslos stecken, er hat ,mit weißer Decke' total vergessen. 
Dieses Vergessen in einem so bekannten Vers schien mir auf- 
fallend, und ich ließ ihn nun reproduzieren, was ihm zu ,mit 
weißer Decke* einfiel. Es entstand folgende Reihe: ,Man denkt 
bei weißer Decke an ein Totentuch — ein Leintuch, mit dem 
man einen Toten zudeckt — (Pause) — jetzt fällt mir ein naher 
Freund ein — sein Bruder ist jüngst ganz plötzlich gestorben — 
er soll an einem Herzschlag gestorben sein — er war eben auch 
sehr korpulent — mein Freund ist auch korpulent und ich 
habe schon gedacht, es könnte ihm auch so gehen — er gibt 
sich wahrscheinlich zu wenig Bewegung — als ich von dem 
Todesfall hörte, ist mir plötzlich angst geworden, es könnte mir 
auch so gehen, da wir in unserer Familie sowieso Neigung zur 
Fettsucht haben, und auch mein Großvater an einem. Herzschlag 
gestorben ist; ich finde mich auch zu korpulent und habe deshalb 
in diesen Tagen mit einer Entfettungskur begonnen.*" 

„Der Herr hat sich also unbewußt sofort mit dem Fichtenbaum 
identißziert," bemerkt Jung, „der vom weißen Leichentuch 
umhüllt ist." 



i) C. G. Jung, Über die Psychologie der Dementia praecox, 1907, Seite 64. 



III- Vergessen von Namen und Wortfolgen ag 



Das nachstehende Beispiel von Vergessen einer Wortfolge, das 
ich meinem Freunde S. Ferenczi in Budapest verdanke, bezieht 
sich, anders als die vorigen, auf eine selbstgeprägte Rede, nicht 
auf einen vom Dichter übernommenen Satz. Es mag uns auch 
den nicht ganz gewöhnlichen Fall vorführen, daß sich das Ver- 
gessen in den Dienst unserer Besonnenheit stellt, wenn ihr die 
Gefahr droht, einem augenblicldichen Gelüste zu erliegen. Die 
Fehlleistung gelangt so zu einer nützlichen Funktion. Wenn wir 
wieder ernüchtert sind, geben wir dann jeHer inneren Strömung 
recht, welche sich vorhin nur durch ein Versagen — ein Ver- 
gessen, eme psychische Impotenz — äußern konnte. 

„In einer Gesellschaft fällt das Wort ,Tout comprendre c'est 
tout pardonner'. Ich bemerke dazu, daß der erste Teil des Satzes 
genügt; das ,Pardonnieren' sei eine Überhebung, man überlasse 
das Gott und den Geistlichen. Ein Anwesender findet diese 
Bemerkung sehr gutj das macht mich verwegen und — wahr- 
scheinlich um die gute Meinung des wohlwollenden Kritikers zu 
sichern — sage ich, daß mir unlängst etwas Besseres eingefallen 
sei. Wie ich es aber erzählen will ~ fällt es mir nicht ein. — 
Ich ziehe mich sofort zurück und schreibe die Deckeinfälle auf. 
— Zuerst kommt der Name des Freundes und der Straße in 
Budapest, die die Zeugen der Geburt jenes (gesuchten) Einfalles 
waren; dann der Name eines anderen Freundes, Max, den wir 
gewöhnlich Maxi nennen. Das führt mich zum Worte Maxime 
und zur Erinnerung, daß es sich damals (wie im eingangs 
erwähnten Falle) um die Abänderung einer bekannten Maxime 
handelte. Seltsamerweise fällt mir dazu nicht eine Maxime, 
sondern folgendes ein: Gott schuf den Menschen nach 
seinem Bilde, und dessen veränderte Fassung: der Mensch 
schuf Gott nach dem seinigen. Daraufhin taucht 
sofort die Erinnerung an das Gesuchte auf: Mein Freund sagte 
damals zu mir in der Andrässystraße : Nichts Menschliches 
ist mir fremd, worauf ich — auf die psychoanalytischen 



r^ 



m 



s6 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



Erfahrungen anspielend — sagte : Du solltest weiter- 
gehen und bekennen, daß dir nichts Tierisches | 
fremd ist." i 

„Nachdem ich aber endlich die Erinnerung an das Gesuchte j 

hatte, konnte ich es in der Gesellschaft, in der ich mich gerade j 
befand, erst recht nicht erzählen. Die junge Gattin des Freundes, ' 

den ich an die Animalität des Unbewußten erinnert hatte, war 
auch unter den Anwesenden, imd ich mußte wissen, daß sie zur 
Kenntnisnahme solcher unerfreulicher Einsichten gar nicht vor- ' 

bereitet war. Durch das Vergessen ist mir eine Reihe unan- 
genehmer Fragen ihrerseits und eine aussichtslose Diskussion 
erspart worden, und gerade das muß das Motiv der jtemporären 
Amnesie' gewesen sein. 

„Es ist interessant, daß sich als Deckeinfall ein Satz einstellte, 
in dem die Gottheit zu einer menschlichen Erfindung degradiert 
wird, während im gesuchten Satze auf das Tierische im Menschen 
hingewiesen wurde. Also die capitis diminutio ist das Gemein- i 
same. Das Ganze ist offenbar nur die Fortsetzung des durch 
das Gespräch angeregten Gedankenganges über das Verstehen und 

Verzeihen.' 

„Daß sich in diesem Falle das Gesuchte so rasch einstellte, 
verdanke ich vielleicht auch dem Umstand, daß ich mich aus 
der Gesellschaft, in der es zensuriert war, sofort in ein menschen- ' 
leeres Zimmer zurückzog." *1 

Ich habe seither zahlreiche andere Analysen in Fällen von 
Vergessen oder fehlerhafter Reproduktion einer Wortfolge ange- 
stellt und bin durch das übereinstimmende Ergebnis dieser Unter- 
suchungen der Annahme geneigt worden, daß der in den 
Beispielen „aliquis" und „Braut von Korinth" nachgewiesene 
Mechanismus des Vergessens fast allgemeine Gültigkeit hat. Es ; 
ist meist nicht sehr bequem, solche Analysen mitzuteilen, da sie i 
wie die vorstehend erwähnten stets zu intimen und für den 
Analysierten peinlichen Dingen hinleiten; ich - werde die Zahl 



4 



* 



III. Vergessen von Namen und Wortfolgen 27 

solcher Beispiele darum auch nicht weiter vermehren. Gemeinsam 
blezht all diesen Fällen ohne Unterschied des Materials, daß das 
Vergessene oder Entstellte auf irgend einem assoziativen Weo-e 
mit einem unbewußten Gedankeninhalt in Verbindung- gebracht 
wird, von welchem die als Vergessen sichtbar gewordene Wirkung 
ausgeht. 

Ich wende mich nun wiederum zu dem Vergessen von Namen, 
wovon wir bisher weder die Kasuistik noch die Motive erschöpfend 
betrachtet haben. Da ich gerade diese Art von Fehlleistung bei 
mir zuzeiten reichlich beobachten kann, bin ich um Beispiele 
hiefür nicht verlegen. Die leisen Migränen, an denen ich noch 
immer leide, pflegen sich Stunden vorher durch Namenvergessen 
anzukündigen, und auf der Höhe des Zustandes, während dessen 
ich die Arbeit aufzugeben nicht genötigt bin, bleiben mir häufig 
alle Eigennamen aus. Nun könnten gerade Fälle wie der meinige 
zu einer prinzipiellen Einwendung gegen unsere analytischen 
Bemühungen Anlaß geben. Soll man aus solchen Beobachtungen 
nicht folgern müssen, daß die Verursachung der Vergeßlichkeit 
imd speziell des Namenvergessens in Zirkulations- und allgemeinen 
Funktionsstörungen des Großhirns gelegen ist, und sich darum 
psychologische Erklärungsversuche für diese Phänomene ersparen? 
Ich meine keineswegs; das hieße den in allen Fällen gleichartigen 
Mechanismus eines Vorgangs mit dessen variabeln und nicht 
notwendig erforderhchen Begünstigungen verwechseln. An Stelle 
einer Auseinandersetzung will ich aber ein Gleichnis zur Erledigung 
des Einwandes bringen. 

Nehmen wir an, ich sei so unvorsichtig gewesen, zur Nacht- 
zeit in einer menschenleeren Gegend der Großstadt spazieren zu 
gehen, werde überfallen und meiner Uhr und Börse beraubt. An 
der nächsten Polizeiwachstelle erstatte ich dann die Meldung mit 
den Worten: Ich bin in dieser und jener Straße gewesen, dort 
haben Einsamkeit und Dunkelheit mir Uhr und Börse 
weggenommen. Obwohl ich in diesen Worten nichts gesagt hätte, 



f 



28 



Zw Psychopathologie des Alltagslebens 



I 



was nicht richtig wäre, liefe ich doch Gefahr, nach dem Wort- 
laut meiner Meldung für nicht ganz richtig im Kopfe gehalten 
zu werden. Der Sachverhalt kann in korrekter Weise nur so 
beschrieben werden, daß, von der Einsamkeit des Ortes begünstigt, 
unter dem Schutze der Dunkelheit unbekannte Täter 
mich meiner Kostbarkeiten beraubt haben. Nun denn, der Sach- 
verhalt beim Namenvergessen braucht kein anderer zu sein; durch 
Ermüdung, Zirkulationsstörung und Intoxikation begünstigt, raubt 
mir eine unbekannte psychische Macht die Verfügung über die 
meinem Gedächtnis zustehenden Eigennamen, dieselbe Macht, 
welche in anderen Fällen dasselbe Versagen des Gedächtnisses 
bei voller Gesundheit und Leistungsfähigkeit zustande bringen 

kann. 

Wenn ich die an mir selbst beobachteten Fälle von Namen- 
vergessen analysiere, so finde ich fast regelmäßig, daß der vor- 
enthaltene Name eine Beziehung zu einem Thema hat, welches 
meine Person nahe angeht, und starke, oft peinliche Affekte in mir 
hervorzurufen vermag. Nach der bequemen und empfehlenswerten 
Übung der Züricher Schule (Bleuler, Jung, Riklin) kann 
ich dasselbe auch in der Form ausdrücken : Der entzogene Name 
habe einen „persönlichen Komplex" in mir gestreift. Die Beziehung 
des Namens zu meiner Person ist eine unerwartete, meist durch 
oberflächliche Assoziation (Wortzweideutigkeit, Gleichklang) ver- 
mittelte^ sie kann allgemein als eine Seitenbeziehung gekenn- 
zeichnet werden. Einige einfache Beispiele werden die Natur 
derselben am besten erläutern: 

1) Ein Patient bittet mich, ihm einen Kurort an der Riviera 
zu empfehlen. Ich weiß einen solchen Ort ganz nahe bei Genua, 
erinnere auch den Namen des deutschen Kollegen, der dort 
praktiziert, aber den Ort selbst kann ich nicht nennen, so gut 
ich ihn auch zu kennen glaube. Es bleibt mir nichts anderes 
übrig, als den Patienten warten zu heißen und mich rasch an 
die Frauen meiner Familie zu wenden. „Wie heißt doch der Ort 



neben Genua, wo Dr. N. seine kleine Anstalt hat, in der die und 
jene Frau so lange in Behandlung war?" „Natürlich, gerade du 
mußtest diesen Namen vergessen. Nervi heißt er." Mit Nerven 
habe ich allerdings genug zu tun. 

a) Ein anderer spricht von einer nahen Sommerfrische und 
behauptet, es gebe dort außer den zwei bekannten ein drittes 
Wirtshaus, an welches sich für ihn eme gewisse Erinnerung 
knüpfe^ den Namen werde er mir sogleich sagen. Ich bestreite 
die Existenz dieses dritten Wirtshauses und berufe mich darauf, 
daß ich sieben Sommer hindurch in Jenem Orte gewohnt habe, 
ihn also besser kennen muß als er. Durch den Widersprucli 
P gereizt, hat er sich aber schon des Namens bemächtigt. Das Gast- 
haus heißt: der Hochwartner. Da muß ich freilich nachgeben, 
ja ich muß bekennen, daß ich sieben Sommer lang in der 
nächsten Nähe dieses von mir verleugneten Wirtshauses gewohnt 
habe. Warum soHte ich hier Namen und Sache vergessen haben ? 
Ich meine, weil der Name gar zu deutlich an den eines Wiener 
Fachkollegen ankhngt, wiederum den „professionellen" Komplex 
in mir anrührt. 

5) Ein andermal, im Begriffe auf dem Bahnhof von Reichen- 
hall eine Fahrkarte zu lösen, will mir der sonst sehr vertraute 
Name der nächsten großen Bahnstation, die ich schon so oft 
passiert habe, nicht einfallen. Ich muß ihn allen Ernstes auf dem 
Fahrplan suchen. Er lautet: Rosen heim. Dann weiß ich aber 
sofort, durch welche Assoziation er mir abhanden gekommen ist. 
Eine Stunde vorher hatte ich meine Schwester in ihrem Wohn- 
orte ganz nahe bei Reichenhall besucht; meine Schwester heißt 
Rosa, also auch ein Rosenheim. Diesen Namen hat mir der 
„Familienkomplex" weggenommen. 

4) Das geradezu räuberische Wirken des „Famihenkomplexes" 
kann ich dann in einer ganzen Anzahl von Beispielen verfolgen. 

Eines Tages kam ein junger Mann in meine Ordination, jüngerer 
Bruder einer Patientin, den ich ungezählte Male gesehen hatte. 



go Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

und dessen Person ich mit dem Vornamen zu bezeichnen gewohnt 
war. Als ich dann von seinem Besuch erzählen wollte, hatte ich 
seinen, wie ich wußte, keineswegs ungewöhnlichen Vornamen 
vergessen und konnte ihn durch keine Hilfe zurückrufen. Ich ging 
dann auf die Straße, um Firmenschilder zu lesen, und erkannte 
den Namen, sowie er mir das erstemal entgegentrat. Die Analyse 
belehrte mich darüber, daß ich zwischen dem Besucher und meinem 
eigenen Bruder eine Parallele gezogen hatte, die in der verdrängten 
Frage gipfeln wollte: Hätte sich mein Bruder im gleichen Falle 
ähnlich oder vielmehr entgegengesetzt benommen? Die äußerliche 
Verbindung zwischen den Gedanken über die fremde und über 
die eigene Familie war durch den Zufall ermöghcht worden, daß 
die Mütter hier und dort den gleichen Vornamen: Amalia tragen. 
Ich verstand dann auch nachträglich die Ersatznamen: Daniel und 
Franz, die sich mir aufgedrängt hatten, ohne mich aufzuklären. 
Es sind dies, wie auch Amalia, Namen aus den Räubern von 
Schiller, an welche sich ein Scherz des Wiener Spaziergängers 
Daniel Spitzer knüpft. 

5) Ein andermal kann ich den Namen eines Patienten nicht I 

fmden, der zu meinen Jugendbeziehungen gehört. Die Analyse ■ 

führt über einen langen Umweg, ehe sie mir den gesuchten Namen 
liefert. Der Patient hatte die Angst geäußeit, das Augenlicht zu ii 
verlieren; dies rief die Erinnerung an einen jungen Mann wach, 
der durch einen Schuß blind geworden war; daran knüpfte sich 
wieder das Bild eines anderen Jünglings, der sich angeschossen 
hatte, und dieser letztere trug denselben Namen wie der erste 
Patient, obwohl er nicht mit ihm verwandt war. Den Namen 
fand ich aber erst, nachdem mir die Übertragung einer ängstlichen 
Erwartung von diesen beiden juvenilen Fällen auf eine Person 
meiner eigenen Familie bewußt geworden war. 

Ein beständiger Strom von „Eigenbeziehung" geht so durch 
mein Denken, von dem ich für gewöhnhch keine Kunde erhalte, 
der sich mir aber durch solches Namenvergessen verrät. Es ist, als 



>? 



■*i 



///■ Vergessen von Namen und Wortfolgen 



31 



wäre ich genötigt, alles, was ich über fremde Personen höre, mit 
der eigenen Person zu vergleichen, als ob meine persönlichen 
Komplexe bei jeder Kenntnisnahme von anderen rege würden. Dies 
kann unmöglich eine individueUe Eigenheit meiner Person sein; 
es muß vielmehr einen Hinweis auf die Art, wie wir überhaupt 
„Anderes" verstehen, enthalten. Ich habe Gründe anzunehmen, 
daß es bei anderen Individuen ganz ähnlich zugeht wie bei mir! 
Das Schönste dieser Art hat mir als eigenes Erlebnis ein Herr 
Lederer berichtet. Er traf auf seiner Hochzeitsreise in Venedig 
mit emem ihm oberflächlich bekannten Herrn zusammen, den er 
semer jungen Frau vorstellen mußte. Da er aber den Namen des 
Fremden vergessen hatte, half er sich das erstemal mit einem 
unverständlichen Gemurmel. Als er dann dem Herrn, wie in 
Venedig unausweichlich, ein zweitesmal begegnete, nahm er iJm 
beiseite und bat ihn, ihm doch aus der Verlegenheit zu helfen, 
indem er ihm seinen Namen sage, den er leider vergessen habe.' 
Die Antwort des Fremden zeugte von überlegener Menschen- 
kenntnis: Ich glaube es gern, daß Sie sich meinen Namen nicht 
gemerkt haben. Ich heiße wie Sie: Lederer! ~ Man kann sich 
einer leicht unangenehmen Empfindung nicht erwehren, wenn 
man seinen eigenen Namen bei einem Fremden wiederfindet. Ich 
verspürte sie unlängst recht deutlich, als sich mir in der ärztlichen 
Sprechstunde ein Herr S. Freud vorstellte. (Übrigens nehme ich 
Notiz von der Versicherung eines meiner Kritiker, daß er sich in 
diesem Punkte entgegengesetzt wie ich verhalte). 

6) Die W^irksamkeit der Eigenbeziehung erkennt man auch in 
folgendem von Jung^ mitgeteilten Beispiel; 

„Ein Herr Y. verliebte sich erfolglos in eine Dame, welche 
bald darauf einen Herrn X. heiratete. Trotzdem nun Herr Y. den 
Herrn X. schon seit geraumer Zeit kennt und sogar in geschäft- 
lichen Verbindungen mit ihm steht, vergißt er immer und immer 



1) Dementia praecox, S. 52. 



n 



^ 



ga Zur Psydiopathologie des Alltagslebens ^^ 

wieder dessen Namen, so daß er sich mehreremal bei anderen 
Leuten danach erkundigen mußte, als er mit Herrn X. korre- 
spondieren woUte." 

Indes ist die Motivierung des Vergessens in diesem Falle durch- 
sichtiger als in den vorigen, welche unter der Konstellation der 
Eigenbeziehung stehen. Das Vergessen scheint hier direkte Folge 
der Abneigung des Herrn Y. gegen seinen glücklicheren Rivalen^ 
er will nichts von ihm wissen 5 „nicht gedacht soll seiner 

werden". 

7) Das Motiv zum Vergessen eines Namens kann auch ein 
feineres sein, in einem sozusagen „sublimierten" Groll gegen 
dessen Träger bestehen. So schreibt ein Fräulein I. v. K. aus 

Budapest : 

„Ich habe mir eine kleine Theorie zurechtgelegt. Ich habe t 
nämlich beobachtet, daß Menschen, die Talent zur Malerei, für 
Musik keinen Sinn haben, und umgekehrt. Vor einiger Zeit ! 
sprach ich hierüber mit jemandem, indem ich sagte : .Meine . j 
Beobachtung hat bisher immer zugetroffen, einen Fall ausge- I 
nommen.' Als ich mich an den Namen dieser Person erinnern 
wollte, hatte ich ihn hoffnungslos vergessen, trotzdem ich wußte, ! 
daß sein Träger einer meiner intimsten Bekannten ist. Als ich 
nach einigen Tagen den Namen zufällig nennen hörte, wtißte 
ich natürlich sofort, daß vom Zerstörer meiner Theorie die ' 
Rede war. Der Groll, den ich unbewußt gegen ihn hegte, 1 
äußerte sich durch das Vergessen seines mir sonst so geläufigen 
Namens." 

8) Auf etwas anderem Wege führte die Eigenbeziehung zum 
Vergessen eines Namens in dem folgenden von Ferenczi mit- 
geteilten Falle, dessen Analyse besonders durch die Aufklärung 
der Ersatzeinfälle (wie Botticelli — Boltrafho zu SignorelU) lehr- 
reich wird. 

„Einer Dame, die etwas von Psychoanalyse gehört hat, wül 
der Name des Psychiaters Jung nicht einfallen." .j 



///. Vergessen, von Namen und Wortfolgen 



35 

„Dafür stellen sich folgende Einfalle ein: Kl. (ein Name) 

Wilde — Nietzsche — Hauptmann." 

„Ich sage ihr den Namen nicht und fordere sie auf, an jeden 
einzelnen Einfall frei zu assoziieren." 

„Bei Kl. denkt sie sofort an Frau KL, und daß sie eine 
gezierte, affektierte Person sei, die aber für ihr Alter sehr gut 
aussehe. ,Sie wird nicht alt.' Als gemeinsamen Oberbegriff von 
Wilde und Nietzsche nennt sie ^Geisteskrankheit' 
Dann sagt sie spöttisch: ,Sie Freud ian er werden so lange die 
Ursachen der Geisteskrankheiten suchen, bis sie selbst geistes- 
krank werden/ Dann: ,Ich kann Wilde und Nietzsche 
nicht ausstehen. Ich verstehe sie nicht. Ich höre, sie waren beide 
homosexuell; Wilde hat sich mit jungen Leuten abgegeben/ 
(Trotzdem sie in diesem Satze den richtigen Namen -- allerdings 
ungarisch — schon ausgesprochen hat, kann sie sich seiner immer 
noch nicht erinnern.)" 

„Zu Hauptmann fällt ihr Halbe, dann Jugend ein, und 
jetzt erst, nachdem ich ihre Auftnerksamkeit auf das Wort Jugend 
lenke, weiß sie, daß sie den Namen Jung gesucht hat." 

„Allerdings hat diese Dame, die im Alter von 59 Jahren den 
Gatten verlor und keine Aussicht hat, sich wieder zu verheiraten, 
Grund genug, der Erinnerung an alles, was an Jugend oder 
Alter gemahnt, auszuweichen. Auffallend ist die rein inhaltliche 
Assoziierung der Deckeinfälle zu dem gesuchten Namen und das 
Fehlen von Klangassoziationen." 

9) Noch anders und sehr fein motiviert ist ein Beispiel 
von Namenvergessen, welches sich der BetreiTende selbst auf- 
geklärt hat: 

„Als ich Prüfung aus Philosophie als Nebengegenstand maclate, 
wurde ich vom Examinator nach der Lehre Epikurs gefraot 
und dann weiter, ob ich wisse, wer dessen Lehre in späteren 
Jahrhunderten wieder aufgenommen habe. Ich antwortete mit 
dem Namen Pierre Gassen di, den ich gerade zwei Tage 

Freud, IV. 




54 Zur Psychopathologie des Alltagslehens 



vorher im Caf^ als Schüler Epikurs hatte nennen hören. Auf 
die erstaunte Frage, woher ich das wisse, gab ich kühn die Ant- 
wort, daß ich mich seit langem für Gasse ndi interessiert habe. 
Daraus ergab sich ein magna cum laude fürs Zeugnis, aber leider 
auch für später eine hartnäckige Neigung, den Namen Gassendi 
zu vergessen. Ich glaube, mein schlechtes Gewissen ist schuld 
daran, wenn ich diesen Namen allen Bemühungen zum Trotz 
jetzt nicht behalten kann. Ich hätte ihn ja auch damals nicht 
wissen sollen." 

WiU man die Intensität der Abneigung gegen die Erinnerung an 
diese Prüfungsepisode bei unserem Gewährsmann richtig würdigen, 
so muß man erfahren haben, wie hoch er seinen Doktortitel 
anschlägt, und für wieviel anderes ihm dieser Ersatz bieten muß. 
lo) Ich schalte hier noch ein Beispiel von Vergessen eines 
Städtenamens ein^ welches vielleicht nicht SO einfach ist wie die 
vorher angeführten, aber jedem mit solchen Untersuchungen 
Vertrauteren glaubwürdig und wertvoll erscheinen wird. Der 
Name einer italienischen Stadt entzieht sich der Erinnerung 
infolge seiner weitgehenden Klangähnlichkeit mit einem weiblichen 
Vornamen, an den sich vielerlei affektvolle, in der Mitteilung 
wohl nicht erschöpfend ausgeführte Erinnerungen knüpfen. 
S. Ferenczi (Budapest), der diesen Fall von Vergessen an sich 
selbst beobachtete, hat ihn behandelt, wie man einen Traum oder 
eine neurotische Idee analysiert, und dies gewiß mit Recht. 

„Ich war heute bei einer befreundeten Familie^ es kamen ober- 
italienische Städte zur Sprache. Da erwähnt jemand, daß diese 
den österreichischen Einfluß noch erkennen lassen. Man zitiert 
einige dieser Städte j auch ich will eine nennen, ihr Name fällt 
mir aber nicht ein, obzwar ich weiß, daß ich dort zwei sehr 
angenehme Tage verlebte, was nicht gut zu Freuds Theorie 
des Vergessens stimmt. — Statt des gesuchten Städtenamens 
drängen sich mir folgende Einfälle auf: Capua — Brescia — 
Der Löwe von Brescia." 



y\ 



III. Vergessen von Namen und Wortfolgen 



35 



„Diesen ,Löwen' sehe ich in Gestalt einer Marmorstatue 
wie gegenständlich vor mir stehen, merke aber sofort, daß er 
weniger dem Löwen auf dem Freiheitsdenkmal zu Brescia (das 
ich nur im Bilde gesehen habe), als jenem anderen marmornen 
Löwen ähnelt, den ich am Grabdenkmal der in den 

Tuilerien gefallenen Schweizer Gar d ist en in Luzern 
gesehen habe, und dessen Reproduktion en miniature auf meinem 
Bücherschrank steht. Endlich fällt mir der gesuchte Name doch 
ein: es ist Verona." 

„Ich weiß auch sofort, wer an dieser Amnesie schuld war. 
Niemand anderer als eine fi-ühere Bedienstete der Familie, beider 
ich gerade zu Gaste war. Sie hieß Veronika, auf ungarisch 
Verona, und war mir wegen ihrer abstoßenden Physiognomie 
wie auch wegen ihrer heiseren, kreischenden Stimm.e 
und unleidlichen Konfidenz (wozu sie sich durch die lange Dienst- 
zeit berechtigt glaubte) sehr antipathisch. Auch die tyrannische Art, 
wie sie seinerzeit die Kinder des Hauses behandelte, war mir unaus- 
stehlich. Nun wußte ich auch, was die Ersatzeinfalle bedeuteten." 
„An Capua assoziiere ich sofort caput mortuum. Ich 

verglich Veronikas Kopf sehr oft mit einem Totenschädel. 

Das ungarische Wort kapzsi (geldgierig) gab sicher auch eine 
Determinierung für die Verschiebung her. Natürlich finde ich auch 
jene viel direkteren Assoziationswege, die Capua und Verona 
als geographische Begriffe und als itaHenische Worte mit gleichem 
Rhythmus miteinander verbinden." 

„Das gleiche gilt von Bresciaj aber auch hier finden sich 
verschlungene Seitenwege der Ideenverknüpfung." 

„Meine Antipathie war seinerzeit so heftig, daß ich Veronika 
förmlich ekelhaft fand und mehreremal mein Erstaunen darüber 
äußerte, daß sie doch ein Liebesleben haben vmd geliebt werden 
konnte j ,sie zu küssen' — sagte ich — ,muß ja einen Brech- 
reiz hervorrufen.' Und doch war sie sicher längst in Beziehung 
zu bringen zur Idee der gefallenen Schweizer Gardisten." 



S" 



^6 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



j 



„Brescia wird, wenigstens hier in Ungarn, nicht mit dem 
Löwen, sondern einem anderen wilden Tier zusammen sehr 
oft genannt. Der bestgehaßte Name in diesem Lande wie auch 
in Oberitalien ist der des Generals Haynau, der kurzweg die 
Hyäne von Brescia genannt wird. Vom gehaßten Tyrannen 
Haynau führt also der eine Gedankenfaden über Brescia zur Stadt 
Verona der andere über die Idee des Totengräbertieres 
mit der heiseren Stimme (der das Auftauchen eines Grab- 
denkmals mitbestimmt) zum Totenschädel und zum unange- 
nehmen Organ der durch mein Unbewußtes so arg beschimpften 
Veronika, die seinerzeit in diesem Hause beinahe so tyi-annisch 
gehaust hat, wie der österreichische General nach den ungarischen 
und italienisclien Freiheitskämpfen.' 

.„An Luzern knüpft sich der Gedanke an den Sommer, den 
Veronika mit ihrer Dienstherrschaft am Vierwaldstätter See in -^ 
der Nähe von Luzern verbrachte j an die ,S c h w e i z e r *■" 

Garde' wiederum die Erinnerung, daß sie nicht nur die Kinder, 
sondern auch die erwachsenen Mitglieder der Familie zu 
tyrannisieren verstand und sich in der Rolle der Garde-Dame 

gefiel." 

„Ich bemerke ausdrücklich, daß diese meine Antipathie gegen 
V. — bewußt — zu den längst überwundenen Dingen gehört. 
Sie hat sich inzwischen äußerlich wie in ihren Manieren sehr 
zu ihrem Vorteil verändert, und ich kann ihr (wozu ich aller- 
dings selten Gelegenheit habe) mit aufrichtiger Freundlichkeit J 
begegnen. Mein Unbewußtes hält, wie gewöhnlich, zäher an den 
Eindrücken fest, es ist ,nachträglich' und nachtragend.' 

„Die Tuilerien sind eine Anspielung auf eine zweite 
Persönlichkeit, eine ältere französische Dame, die die Frauen 
des Hauses bei vielen Anlässen tatsächlich ,gardiert* hat, und 
die von groß und klein geachtet — wohl ein wenig auch 
gefürchtet wird. Ich war eine Zeitlang ihr e'leve in fran- 
zösischer Konversation. Zum Worte eleve fällt mir noch ein, 



III. Vergessen von Namen und Wortfolgen 



37 



daß ich, als ich beim Schwager meines heutigen Gastgebers 
in Nordböhmen auf Besuch war, viel darüber lachen mußte 
daß die dortige Landbevölkerung die Eleven der dortigen Forst- 
akademie jLöwen* nannte. Auch diese lustige Erinnerung mag 
an der Verschiebung von der Hyäne zum Löwen beteiligt 
gewesen sein." 

1 1) Auch das nachstehende Beispier kann zeigen, wie ein 
zurzeit die Person beherrschender Eigenkomplex ein Namen- 
vergessen an weit abliegender Stelle hervorruft: 

„Zwei Männer, ein älterer und ein jüngerer, die vor sechs 
Monaten gemeinsam in Sizilien gereist sind, tauschen Erinne- 
rungen an jene schönen und inhaltreichen Tage aus. ,Wie hat 
nur der Ort geheißen,* fragt der Jüngere, ,an dem wir über- 
nachtet haben, um die Partie nach Selinunt zu machen? 
Calatafimi, nicht wahr?* — Der Ältere weist dies zurück: 
,Gewiß nicht, aber ich habe den Namen ebenfalls vergessen, 
obwohl ich mich an alle Einzelheiten des Aufenthaltes dort sehr 
gut erinnere. Es reicht bei mir hin, daß ich merke, ein anderer 
habe einen Namen vergessen; sogleich wird auch bei mir das 
Vergessen induziert. Wollen wir den Namen nicht suchen? Mir 
fällt aber kein anderer ein als Caltanisetta, der doch gewiß 
nicht der richtige ist.' — ,Nein,' sagt der Jüngere, ,der Name 
fängt mit w an oder es kommt ein w darin vor.' — ,Ein w 
gibt es doch im Italienischen nicht,' mahnt der Ältere. — ,Ich 
meinte ja auch nur ein v und habe nur w gesagt, weil ich's 
von meiner Muttersprache her so gewohnt bin.* — Der Ältere 
sträubt sich gegen das v. Er meint: ,Ich glaube, ich habe über- 
haupt schon viele sizilianische Namen vergessen; es wäre an der 
Zeit, Versuche zu machen. Wie heißt z. B. der hochgelegene 
Ort, der im Altertum Enna geheißen hat? — Ah, ich weiß 
schon; Castrogiovanni.' — Im nächsten Moment hat der 

i) ZentraUiIatt für Psychoanalyse, I, g, igii. 



58 ' Zur Psychopathologie des Alltagslehens 



Jüngere auch den verlorenen Namen wiedergefunden. Er ruft : 
Castelvetrano und freut sich, das behauptete v nachweisen 
zu können. Der Ältere vermißt noch eine Weile das Bekannt- 
heitsgefühl; nachdem er aber den Namen akzeptiert hat, soll er 
Auskunft darüber geben, weshalb er ihm entfallen war. Er 
meint: ,Offenbar weil die zweite Hälfte vetrano an — 
Ve t e r a n anklingt. Ich weiß schon, daß ich nicht gern ans 
Altern denke und in sonderbarer Weise reagiere, wenn ich 
daran gemahnt werde. So z. B. habe ich unlängst einem hoch- 
geschätzten Freund in der merkwürdigsten Einkleidung vorge- 
halten, daß er ,längst über die Jahre der Jugend hinaus sei', 
weil dieser früher einmal mitten unter den schmeichelhaftesten 
Äußerungen über mich auch behauptete: ,Ich sei kein junger 
Mann mehr.' Daß sich der Widerstand bei mir gegen die zweite 
Hälfte des Namens Castelvetrano gerichtet hat, geht ja auch 
daraus hervor, daß der Anlaut desselben in dem Ersatznamen 
Caltanisetta wiedergekehrt war.* — ,Und der Name 
Caltanisetta selbst?' fragt der Jüngere. — ,Der ist mir 
immer wie ein Kosenamen für ein junges Weib erschienen/ 
gesteht der Ältere ein." 

„Einige Zeit später setzt er hinzu : ,Der Name für E n n a 
war ja auch ein Ei-satzname. Und nun fällt mir auf, daß dieser 
mit Hilfe einer Rationalisierung vordringende Namen Castro- 
giovanni genau so an g i o v a n e — jung anklingt, wde der 
verlorene Name Castelvetrano an Veteran— alt.' " 

„Der Ältere glaubt so für sein Namenvergessen, Rechenschaft 
gegeben zu haben. Aus welchem Motiv der Jüngere zum gleichen 
Ausfallsphänomen gekommen war, wurde nicht untersucht." 

Neben den Motiven des Namenvergessens verdient auch der 
Mechanismus desselben unser Interesse. In einer großen Reihe 
von Fällen wird ein Name vergessen, nicht weil er selbst solche 
Motive wachruft, sondern weil er durch Gleichklang und Laut- 
ähnlichkeit an einen anderen streift, gegen den sich diese Motive 






III. Fergessen von Namen und Wortfolgen 



39 



richten. Man versteht, daß durch solche Lockerung der Bedin- 
gungen eine außerordenthche Erleichterung für das Zustande- 
kommen des Phänomens geschaffen wird. So in den folgenden 
Beispielen; : 

12) Dr. Ed. Hitschmann; „HerrN. will die Buchhandlungsfirma 
Gilhofer & Ranschburg jemandem angeben. Es fällt 
ihm aber trotz allen Nachdenkens nur der Name Ranschburg ein, 
trotzdem ihm die Firma sonst sehr geläufig ist. Mit einer 
leichten Unbefriedigung darüber nach Hause kommend, ist ihm 
die Sache wichtig genug, um den anscheinend bereits schlafenden 
Bruder nach der ersten Hälfte des Firmanamens zu fragen. Der- 
selbe nennt ihn anstandslos. Darauf fällt Herrn N. sofort zu 
,Gilhofer' das Wort ,Gallhof' ein. Zum ,Gallhof' hatte er einige 
Monate vorher in Gesellschaft eines anziehenden Mädchens 
einen ennnerungsreichen Spaziergang gemacht. Das Mädchen 
hatte ihm als Andenken einen Gegenstand geschenkt, auf dem 
geschrieben steht: ,Zur Erinnerung an die schönen Gallhofer 
Stunden. In den letzten Tagen vor dem^ Namenvergessen wurde 
dieser Gegenstand, scheinbar zufällig, beim raschen Zuschieben 
der Lade durch N. stark beschädigt, was er — mit dem Sinne 
von Symptomhandlungen vertraut — nicht ohne Schuldgefühl 
konstatierte. Er war in diesen Tagen in etwas ambivalenter 
Stimmung zu der Dame, die er zwar liebte, deren Ehewunsch 
er aber zaudernd gegenüberstand." (Internat. Zeitschr. f Psycho- 
analyse I, 1913.) 

13) Dr. Hanns Sachs: „In einem Gespräche über Genua und 
seine nächste Umgebung will ein junger Mann auch den Ort 
P e g 1 i nennen, kann den Namen aber erst mit Mühe, durch 
angestrengtes Nachdenken, erinnern. Im Nachhausegehen denkt 
er an das peinliche Entgleiten dieses ihm sonst vertrauten 
Namens und wird dabei auf das ganz ähnhch khngendo Wort ' 
Peli geführt. Er weiß, daß eine Südsee-Insel so heißt, deren 
Bewohner ein paar merkwürdige Gebräuche bewahrt haben. Er 



40 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

hat darüber vor kurzem in einem ethnologischen Werk gelesen 
und sich damals vorgenommen, diese Mitteilungen für eine 
eigene Hypothese zu verwerten. Dann fällt ihm ein, daß Peli 
auch der Schauplatz eines Romanos ist, den er mit Interesse 
und Vergnügen gelesen hat, nämlich von ,Van Zantens glück- 
lichste Zeit' von Laurids Bruun. — Die Gedanken^ die ihn 
an diesem Tage fast unaufhörlich beschäftigt hatten, knüpften 
sich an einen Brief, den er am selben Morgen von einer ihm 
sehr teuren Dame erhalten hatte; dieser Brief läßt ihn befürchten, 
daß er auf ein verabredetes Zusammentreffen werde verzichten 
müssen. Nachdem er den ganzen Tag in übelster Laune zuge- 
bracht hatte, war er am Abend mit dem Vorsatz ausgegangen, 
sich nicht länger mit dem ärgerlichen Gedanken abzuplagen, 
sondern die ihm in Aussicht stehende und von ihm äußerst hoch 
geschätzte Geselligkeit möglichst ungetiübt zu genießen. Es ist 
klar, daß durch das Wort P e g 1 i sein Vorsatz arg gefährdet 
werden konnte, da dieses mit Peli lautlich so eng zusammen- 
hängt j Peli aber, da es durch das ethnologische Interesse die 
Ich-Beziehung gewonnen hatte, verkörpert nicht nur Van Zantens, 
sondern auch seine eigene ,glücklichste Zeit' und deshalb auch 
die Befürchtungen und Sorgen, die er tagsüber genährt hatte. 
Es ist charakteristisch, daß diese einfache Deutung erst gelang, 
nachdem ein zweiter Brief die Zweifel in eine fröhliche Gewiß- 
heit baldigen Wiedersehens umgewandelt hatte." 

Erinnert man sich bei diesem Beispiel an das ihm 
sozusagen benachbarte, in welchem der Ortsnamen Nervi nicht 
erinnert werden kann (Beispiel i), so sieht man, wie sich der 
Doppelsinn eines Wortes durch die Klangähnlichkeit zweier 
Worte ersetzen läßt. 

14) Als 1915 der Krieg mit Italien ausbrach, konnte ich an 
mir die Beobachtung machen, daß meinem Gedächtnis plötzlich 
eine ganze Anzahl von Namen italienischer Örtlichkeiten entzogen 
war, über die ich sonst leicht verfügt hatte. Wie so viele andere 



hv 



III. Vergessen von Namen und Wortfolgen 



41 



Deutsche hatte ich es mir zur Gewohnheit gemacht, einen Teil 
der Ferien auf itaUenischem Boden zuzubringen, und konnte 
nicht daran zweifeln, daß dies massenhafte Namenvergessen der 
Ausdruck der begreiflichen Verfeindung mit Italien war, die nun 
an die Stelle der früheren Vorliebe trat. Neben diesem direkt 
motiviertei] Namenvergessen machte sich aber auch ein indirektes 
bemerkbar, welches auf denselben Einfluß zurückzuführen war. 
Ich neigte auch dazu, nichtitalienisclie Ortsnamen zu vergessen, 
und fand bei der Untersuchung dieser Vorftille, daß diese Namen 
irgendwie durch entfernten Anklang mit den verpönten feind- 
lichen zusammenhingen. So quälte ich mich eines Tages mit 
dem Erinnern des mährischen Städtenamens B 1 s e n z. Als er mir" 
endlich einfiel, wußte ich sofort, daß dieses Vergessen auf 
Rechnung des Palazzo Bisenzi in Orvieto zu setzen sei. In 
diesem Palazzo befindet sich das Hotel Belle Arli, wo ich bei 
iedem meiner Aufenthalte in Orvieto gewohnt hatte. Die liebsten 
Elrinnerungen waren natürlich durch die veränderte Gefühls- 
einstellung am stärksten geschädigt worden. 

Es ist auch zweckmäßig, daß wir uns durch einige Beispiele 
daran mahnen lassen, in den Dienst wie verschiedener Absichten 
sich die Fehlleistung des Namenvergessens stellen kann. 

ig) A. J. Storfer („Namenvergessen zur Sicherung eines 
Vorsatzvergessens"): „Eine Basler Dame wird eines Morgens 
verständigt, daß ihre Jugendfreundin Selma X. aus Berlin, die 
eben auf ihrer Hochzeitsreise begriffen ist, auf der Durchreise in 
Basel angekommen istj die Berliner Freundin soll nur einen Tag 
in Basel bleiben, und die Baslerin eilt daher sofort ins Hotel. Als 
die Freundinnen auseinandergehen, verabreden sie, nachmittags 
wieder zusammenzukommen und bis zur Abreise der Berlinerin 
beisammen zu bleiben. — Nachmittags vergißt die Baslerin 
das Rendezvous. Die Determination dieses Vergessens ist mir nicht 
bekannt, doch sind ja gerade in dieser Situation (Zusammentreffen 
mit einer eben verheirateten Jugendfreundin) mehrerlei 




43 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

typische Konstellationen niöglichj die eine Hemmung gegen die 
Wiederholung der Zusammenkunft bedingen können. Das Inter- 
essante an diesem Falle ist eine fernere Fehlleistung, die eine 
unbewußte Sicherung der ersten darstellt. Zur Zeit, da sie wieder 
mit der Freundin aus Berlin zusammenkommen sollte, befand sich 
die Baslerin an einem anderen Orte in Gesellschaft. Es kam auf 
die vor kurzem erfolgte Heirat der Wiener Opernsängerin Kurz 
die Rede. Die Basler Dame äußerte sich in kritischer Weise (!) 
über diese Ehe, als sie aber den Namen der Sängerin aussprechen 
wollte, fiel ihr zu ihrer größten Verlegenheit der Vorname 
nicht ein. (Bekanntlich neigt man gerade bei einsilbigen Familien- 
namen besonders dazu, den Vornamen mitzunennen.) Die Basler 
Dame ärgerte sich um so mehr über die Gedächtnisschwäche, als 
sie die Sängerin Kurz oft singen gehört hatte und der (ganze) 
Name ihr sonst geläufig war. Ohne daß vorher jemand anderer 
den entfallenen Vornamen genannt hätte, nahm das Gespräch 
eine andere Wendung. — Am Abeud desselben Tages befindet 
sich unsere Basler Dame in einer mit der nachmittägigen zum 
Teil identischen Gesellschaft. Es kommt zufällig wieder auf die 
Ehe der Wiener Sängerin die Rede und die Dame nennt ohne 
jede Schwierigkeit den Namen ,S e 1 m a Kurz*. Dem folgt auch 
gleich ihr Ausruf: ,Ach, jetzt fällt mir ein: ich habe ganz vergessen 
daß ich heute nachmittag eine Verabredung mit meiner Freundin 
Selma hatte.' Ein Blick auf die Uhr zeigte, daß die Freundin 
schon abgereist sein mußte," (Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, 
II, 1914.) 

Wir sind vielleicht noch nicht vorbereitet, dieses schöne Beispiel 
nach all seineu Beziehungen zu würdigen. Einfacher ist das nach- 
folgende, in dem zwar nicht ein Name, aber ein fremdsprachliches 
Wort aus einem in der Situation liegenden Motiv vergessen wird. 
(Wir bemerken schon, daß wir dieselben Vorgänge behandeln, ob 
sie sich nun auf Eigennamen, Vornamen, fremdsprachliche Worte 
oder Wortfolgen beziehen.) Hier vergißt ein junger Mann das 




III. Vergessen von Namen u^ Wortfolgen 



43 



I englische Wort für Gold, das mit dem deutschen identisch ist, 
um Anlaß zu einer ihm erwünschten Handlung zu finden. 

16) Dr. Hanns Sachs: „Ein junger Mann lernt in einer 
gemeinsamen Pension eine Engländerin kennen, die ihm gefallt. 
Als er sich am ersten Abend ihrer Bekanntschaft in ihrer 
Muttersprache, die er so ziemlich beherrscht, mit ihr unter- 
hält und dabei das englische Wort für ,Gold* verwenden will, 
fallt ihm trotz angestrengten Suchens das Vokabel nicht ein. 
Dagegen drängen sich ihm als Ersatzworte das französische or, 
das lateinische aurum und das griechische chrysos haitnäckig 
auf, so daß er nur mit Mühe imstande ist, sie abzuweisen, 
obgleich er bestimmt weiß, daß sie mit dem gesuchten Worte 
keine Verwandtschaft haben. Er findet schließlich keinen anderen 
Weg, sich verständlich zu machen, als den, einen goldenen 
Ring, "ie^ tliß Dame an der Hand trägt, zu berühren j sehr 
beschämt erfährt er nun von ihr, daß das langgesuchte Wort 
für Gold genau so laute wie das deutsche, nämlich : gold. 
Der hohe Wert einer solchen, durch das Vergessen herbeige- 
führten Berührung liegt nicht bloß in der unanstößigen Befriedi- 
gung des Ergreifungs- oder Berührungstriebes, die ja auch 
bei anderen, von Verliebten eifrig ausgenutzten Anlässen möglich 
ist, sondern noch viel mehr darin, daß sie eine Aufklärung 

^ über die Aussichten der Bewerbung ermöglicht. Das Unbewußte 

el der Dame wird, besonders wenn es dem Gesprächspartner gegen- 
f über sympathisch eingestellt ist, den hinter der harmlosen Maske 
, verborgenen erotischen Zweck des Vergessens erraten; die Art 
_ ' und Weise, wde sie die Berührung aufnimmt und die Moti- 
vierung gelten läßt, kann so ein beiden Teilen unbewußtes, 
aber sehr bedeutungsvolles Mittel der Verständigiang über die 
Chancen des eben begonnenen Flirts werden." 

17) Ich teile noch nach J. Stärcke eine interessante Beobachtung 
von Vergessen und Wiederauffinden eines Eigennamens mit, die 
sich dadurch auszeichnet, daß mit dem Namenvergessen die 



44 "^^^ Psychopathologie des Alltagslebens 



l 



Fälschung der Wortfolge eines Gedichtes wie im Beispiel der 
„Braut von Korinth" verbunden ist. 

„Ein alter Jurist und Sprachgelehrter, Z., erzählt in Gesell- 
schaft, daß er in seiner Studentenzeit in Deutschland einen 
Studenten gekannt hat, der außerordentlich dumm war, und über 
dessen Dummheit er manche Anekdote zu erzählen weiß. Er kann 
sich aber, an den Namen dieses Studenten nicht erinnern, glaubt, 
daß dieser Name mit W anfängt, nimmt dies aber später wieder 
zurück. Er erinnert sich, daß dieser dumme Student später 
Wein Händler geworden ist. Dann erzählt er wieder eine 
Anekdote von der Dummheit desselben Studenten, verwundert 
sich noch einmal darüber, daß sein Name ihm nicht einfallt, 
und sagf dann: ,Er war ein solcher Esel, daß ich noch nicht 
begreife, daß ich ihm mit Wiederholen Lateinisch habe 
eintrichtern können.' Einen Augenblick später erinnert er 
sich, daß der gesuchte Name ausgeht auf ... man. Jetzt fragen 
wir ihn, ob ihm ein anderer Name, der auf man ausgeht 

einfällt, und er sagt: Erdmann. — ,Wer ist denn das?' 

,Das war auch ein Student aus dieser Zeit.* — Seine Tochter 
bemerkt aber, daß es auch einen Professor Erdmann gibt. Bei 
genauerer Erörterung zeigt sich, daß dieser Professor Erdmann 
vor kurzem eine von Z. eingesandte Arbeit nur in verkürzter 
Form in eine von ihm redigierte Zeitschrift hat aufaehmen 
lassen und zum Teil damit nicht einverstanden war, usw., und 
daß Z. das als ziemlich unangenehm empfanden hat. (Überdies 
vernahm ich später, daß Z. in fi-üheren Jahren wohl einmal die 
Aussicht gehabt hat, Professor in demselben Fache zu werden, 
worin jetzt Professor E. doziert, und daß dieser Name also auch 
in dieser Hinsicht vielleicht eine empfindliche Saite berührt.) 

Jetzt fällt ihm plötzlich der Name des dummen Studenten 
ein; Lmdeman! Weil er sich schon früher erinnert hatte, 
daß der Name auf ... man ausgeht, war also Linde noch 
länger verdrängt geblieben. Auf die Frage, was ihm bei Linde 



III, Fergessen von Namen und Wortfolgen 



45 



einfällt, sagt er zuerst: ,Dabei fällt mir gar nichts ein.' Auf mein 
Drängen, daß ihm bei diesem Worte doch wohl etwas einfallen 
wird, sagt er, indem er aufwärts blickt und mit der Hand eine 
Gebärde in der Luft macht: ,Nun ja, eine Linde, das ist ein 
schöner Baum.' Weiter will ihm dabei nichts einfallen. Alle 
schweigen und jedermann verfolgt seine Lektüre und andere 
Beschäftigung, bis Z. einige Augenblicke später in träumerischem 
Tone folgendes zitiert: 

Steht er mit festen 

Gefügigen Knochen 

Auf der Erde, 

So reicht er nicht auf, 

Nur mit der Linde 

Oder der Rebe 

Sich zu vergleichen. 

Ich Stieß einen Triumphschrei aus: ,Da haben wir den Erd- 
mann,* sagte ich. ,Jener Mann, der auf der Erde steht', das ist 
also der Erde-Mann oder E r d m a n n, kann nicht aufreichen, 
sich mit der Linde (Lindeman) oder der Rebe (W e i n- 
häijdler) zu vergleichen. Mit anderen Worten: »jener Lindeman, 
der dumme Student, der später Weinhändler geworden ist, war 
schon ein Esel, aber der E r d m a n n ist ein noch viel größerer 
Esel, kann sich mit diesem Lindeman noch nicht vergleichen.' 
— Eine solche im Unbewußten gehaltene Hohn- oder Sclimäh- 
rede ist etwas sehr Gewöhnliches, darum kam es mir vor, daß 
die Hauptursache des Namenvergessens jetzt wohl gefunden war. 
Ich fragte jetzt, aus welchem Gedichte die zitierten Zeilen 
stammten. Z. sagte, daß es ein Gedicht von Goethe sei, er 
glaubte, daß es anfängt: 

Edel sei der Mensch 

Hilfreich und guti 

und daß weiter auch darin vorkommt: 

Und hebt er sich aufwärts, 

So spielen mit ihm die Winde. 



40 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



Am nächsten Tag suchte ich dieses Gedicht von Goethe auf, 
und es zei^e sich, daß der Fall noch hübscher (aber ' auch 
komphzierter) war, als er erst zu sein schien. 

a) Die ersten zitierten Zeilen lauten (vgl. oben); 

Steht er mit festen 
Markigen Knochen. 
Gefügige Knochen wäre eine ziemlich fremdartige Kom- 
bination. Darauf will ich aber nicht näher eingehen. 

b) Die folgenden Zeilen dieser Strophe lauten (vgl. oben): 

Auf der wohlbegründeten 

Dauernden Erde, 

Reicht er nicht auf, 

Nur mit der Eiche 

Oder der Rebe 

Sich zu vergleichen. 
Es kommt also im ganzen Gedicht keine Linde vor! Der 
Wechsel von Linde statt Eiche hat (in seinem Unbewußten) 
nur stattgefunden, um das Wortspiel ,Erde — Linde— Rebe' zu 
ermöglichen. 

c) Dieses Gedicht heißt: ,Grenzen der Menschheit' und enthält 
eine Vergleichung zwischen der Allmacht der Götter und der 
geringen Macht des Menschen. Das Gedicht, dessen Anfang lautet* 

Edel sei der Mensch, 
Hilfreich und gut! 

ist aber ein anderes Gedicht, das emige Seiten weiter steht. Es 
heißt: ,Das Göttliche', und enthält ebenso Gedanken über Götter 
und Menschen. Weil hierauf nicht näher eingegangen worden 
ist, kann icli höchstens vermuten, daß auch Gedanken über Leben 
und Tod, über das Zeitliche und das Ewige und Über das eigene 
schwache Leben und den künftigen Tod beim Entstehen dieses 
Falles eine Rolle gespielt haben\" 



i) Aus der holländischen Ausgahe dieses Buches unter dem Titel; De invloed 
von ons onbewuste in o„s dagelijksche leven, Amsterdam 19,6, deutsch abgedruckt 
m Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IV 1916 



taü^ 



III. Vergessen von Namen und Wortfolgen 47 

In manchen dieser Beispiele werden alle Feinheiten der psycho- 
analytischen Technik in Anspruch genommen, um ein Namen- 
Tcrgessen aufzuklären. Wer mehr von solcher Arbeit kennen 
lernen will, den verweise ich auf eine Mitteilung von E. Jones 
(London), die aus dem Englischen übersetzt ist\ 

18) Ferenczi hat bemerkt, daß das Namenvergessen auch 
als hysterisches Symptom auftreten kann. Es zeigt dann einen 
Mechanismus, der sich von dem der Fehlleistung weit entfernt. 
Wie diese Unterscheidung gemeint ist, soll aus seiner Mitteilung 
ersichtlich werden: 

„Ich habe jetzt eine Patientin, ein alterndes Fräulein, in 
Behandlung, der auch die gebräuchlichsten und ihr bestbekannten 
Eigennamen nicht einfallen wollen, obwohl sie sonst ein gutes 
Gedächtnis hat. Bei der Analyse stellte sich heraus, daß sie durch 
dieses Symptom ihre Unwissenheit dokumentieren will. Diese 
demonstrative Hervorkehrung ihrer Ignoranz ist aber eigentlich 
ein Vorwurf gegen ihre Eltern, die ihr keine höhere Schulbildung 
zuteil werden ließen. Auch ihr quälender Zwang zum Relne- 
m.achen (,Hausfrauenpsychose') entspringt zum Teil aus derselben 
Quelle. Sie will damit ungefähr sagen: Ihr habt einen Dienst- 
boten aus mir gemacht." 

Ich könnte die Beispiele von Namenvergessen vermehren und 
die Diskussion derselben sehr viel weiter führen, wenn ich nicht 
vermeiden wollte, fast alle Gesichtspunkte, die für spätere Themata 
in Betracht kommen, schon hier beim ersten zu erörtern. Doch 
darf ich mir gestatten, die Ergebnisse der hier mitgeteilten Analysen 
in einigen Sätzen zusammenzufassen: 

Der Mechanismus des Namenvergessens (richtiger: des Entfallens, 
zeitweiligen Vergessens) besteht in der Störung der intendierten 
Reproduktion des Namens durch eine fremde und derzeit nicht 
bewußte Gedankenfolge. Zwischen dem gestörten Namen und dem 

1) Analyse eines Falles von Namen vergessen, Zentralblatt für Psychoanalyse, 
n, 1911- 



'1 



48 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 




Störenden Komplex besteht entweder ein Zusammenhang von 
vornherein, oder ein solcher hat sich, oft auf gekünstelt erschei- 
nenden Wegen, durch oberflächHche (äußerliche) Assoziationen 
hergestellt. 

Unter den störenden Komplexen erweisen sich die der Eigen- 
beziehung (die persönlichen, famihären, beruflichen) als die 
wirksamsten. 

Ein Name, der infolge von Mehrdeutigkeit mehreren Gedanken- 
kreisen (Komplexen) angehört, wird häufig im Zusammenhange 
der emen Gedankenfolge durch seine Zugehörigkeit zum anderen, 
stärkeren Komplex gestört. 

Unter den Motiven dieser Störungen leuchtet die Absicht 
hervor, die Erweckung von Unlust durch Erinnern zu vermeiden. 

Man kann im allgemeinen zwei Hauptfälle des Namen- 
vergessens unterscheiden, wenn der Name selbst an Unangenehmes 
rührt, oder wenn er mit anderem in Verbindung gebracht ist, 
dem solche Wirkung zukäme, so daß Namen um ihrer selbst 
willen oder wegen ihrer näheren oder entfernteren Assoziations- 
beziehungen in der Reproduktion gestört werden können. 

Ein Überblick dieser allgemeinen Sätze läßt uns verstehen daß 
das zeitweilige Namen vergessen als die häufigste unserer Fehl- 
leistungen zur Beobachtung kommt. 

19) Wir sind indes weit davon entfernt, alle Eigentümlich- 
keiten dieses Phänomens verzeichnet zu haben. Ich will noch 
darauf hinweisen, daß das Namenvergessen in hohem Grade 
ansteckend ist. In einem Gespräche zweier Personen reicht es 
oft hin, daß die eine äußere, sie habe diesen oder jenen Namen 
vergessen, um ihn auch bei der zweiten Person entfallen zu 
lassen. Doch steUt sich dort, wo das Vergessen induziert ist, der 
vergessene Name leichter wieder ein. Dieses „kollektive" Vergessen, 
streng genommen ein Phänomen der Massenpsychologie, ist noch 
nicht Gegenstand der analytischen Untersuchung geworden. In 
einem einzigen, aber besonders schöfien Fall hat Th. Reik 



I 



///. Fergessen von Namen und Wortfolgen 



49 



• 



eine gute Erklärung dieses merkwürdigen Vorkommens geben 
können'. 

„In einer kleinen Gesellschaft von Akademikern, in der sich 
auch zwei Studentinnen der Philosophie befanden, sprach man 
von den zahlreichen Fragen, welche der Ursprung des Christen- 
tums der Kulturgeschichte und Religionswissenschaft aufgibt. Die 
eine der jungen Damen, welche sich am Gespräch beteiligte, ' 
erinnerte sich, in einem englischen Roman, den sie kürzlich 
gelesen hatte, ein anziehendes Bild der vielen religiösen Strö- 
mungen, welche jene Zeit bewegten, gefunden zu haben. Sie 
fügte hinzu, in dem Roman werde das ganze Leben Christi von 
der Geburt bis zu seinem Tode geschildert, doch wollte ihr der 
Name der Dichtung nicht einfallen (die visuelle Erinnerung an 
den Umschlag des Buches und an das typographische Bild des 
Titels war überdeutlich). Auch drei von den anwesenden 
Herren behaupteten, den Roman zu kennen, und bemerkten, 
daß auch ihnen sonderbarerweise der Name nicht zur Verfügung 
stehe ..." 

Nur die junge Dame unterzog sich der Analyse zur Aufklärung 
dieses Namenvergessens. Der Titel des Buches lautete: Ben Hur 
(von Lewis Wallace). Ihre Ersatzeinfälle waren: Ecce homo — 
homo sum — quo vadis? gewesen. Das Mädchen verstand selbst, 
daß sie den Namen vergessen, „weil er einen Ausdruck enthält, 
den ich und jedes andere junge Mädchen — noch dazu in 
Gesellschaft junger Leute — nicht gern gebrauchen wird". Diese 
Erklärung fand durch die sehr interessante Analyse eine weitere 
Vertiefung. In dem einmal berührten Zusammenhang hat ja auch 
die Übersetzung von Aomo, Mensch, eine anrüchige Bedeutung. 
Reik schließt nun: Die junge Dame behandelt das Wort so, 
als ob sie sich mit dem Aussprechen jenes verdächtigen Titels 
vor jungen Männern zu den Wünschen bekannt hätte, die sie 

j) Über kollektives Vergessen. Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, VT, igao. 
(Auch in Reik, Der eigene und der fremde Gott, 1923.) 

Freud, IV. , 



5° 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



als ihrer Persönlichkeit nicht gemäß und als peinhch abgewiesen 
hat. Kürzer gesag;t: unbewußt setzt sie das Aussprechen von „Ben 
Hur" einem sexuellen Angebot gleich und ihr Vergessen entspricht 
demnach der Abwehr einer unbewußten Versuchung dieser Art. 
Wir haben Grund zur Annahme, daß ähnlich unbewußte Vor- 
gänge das Vergessen der jungen Männer bedingt haben. Ihr 
Unbewußtes hat das Vergessen des Mädchens in seiner wirklichen 
Bedeutung erfaßt und es . . . gleichsam gedeutet . . . Das Vergessen 
der Männer stellt eine Rücksicht auf solch abweisendes Verhalten 
dar ... Es ist so, als hätte ihnen ihre Gesprächspartnerin durch 
ihre plötzliche Gedächtnisschwäche einen deutlichen Wink gegeben, 
den die Männer unbewußt wohl verstanden hätten. 

Es kommt auch ein fortgesetztes Namenvergessen vor, bei 
dem ganze Ketten von Namen dem Gedächtnis entzogen werden. 
Hascht man, um einen entfallenen Namen wiederzufinden, nach 
anderen, nnit denen jener in fester Verbindung steht, so entfliehen 
nicht selten auch diese neuen als Anhalt aufgesuchten Namen. 
Das Vergessen springt so von einem zum anderen über, wie um 
die Existenz eines nicht leicht zu beseitigenden Hindernisses zu 
beweisen. 






4^^ 



IV 

ÜBER KINDHEITS- UND DECKERINNERUNGEN 

In einer zweiten Abhandlung (1899 in der Monatsschrift für 
Psychiatrie und Neurologie veröffentlicht) habe ich die tendenziöse 
Natur unseres E,rinnerns an unvermuteter Stelle nachweisen 
können. Ich bin von der auffälligen Tatsache ausgegangen, daß 
die frühesten Kindheitserinnerungen einer Person häufig bewahrt 
zu haben scheinen, was gleichgültig und nebensächlich ist, 
während von wichtigen, eindrucksvollen und affektreichen Ein- 
drücken dieser Zeit (häufig, gewiß nicht allgemein!) sich im 
Gedächtnis der Erwachsenen keine Spur vorfindet. Da es bekannt 
ist, daß das Gedächtnis unter den ihm dargebotenen Eindrücken 
eine Auswahl trifft, stände man hier vor der Annahme, daß diese 
Auswahl im. Kindesalter nach ganz anderen Prinzipien vor sich 
geht als zur Zeit der intellektuellen Reife. Eingehende Unter- 
suchung weist aber nach, daß diese ■ Annahme überflüssig ist. Die 
indifferenten Kindheitserinnerungen verdanken ihre Existenz einem 
Verschiebungsvorgang; sie sind der Ersatz in der Reproduktion 
für andere wirklich bedeutsame Eindrücke, deren Erinnerung sich 
durch psychische Analyse aus ihnen entwickeln läßt, deren direkte 
Reproduktion aber durch einen Widerstand gehindert ist. Da sie 
ihre Erhaltung nicht dem eigenen Inhalt, sondern einer assoziativen 
Beziehung ihres Inhalts zu einem anderen, verdrängten, verdanken, 
haben sie auf den Namen „Deckerinnerungen", mit welchen ich 
sie ausgezeichnet habe, begründeten Anspruch. 

+' 



53 



Zur Psychopathologie des Alltagslehens 



Die Mannigfaltigkeiten in den Beziehungen und Bedeutungen 
der Deckerinnerungen habe ich in dem erwähnten Aufsatz nur 
gestreift, keineswegs erschöpft. An dem dort ausführUch analysierten 
Beispiel habe ich eine Besonderheit der zeitlichen Relation 
zwischen der Deckerinnerung und dem durch sie gedeckten Inhalt 
besonders hervorgehoben. Der Inhalt der Deckerinnerung gehörte 
dort nämlich einem der ersten Kinderjahre an, während die durch 
sie im Gedächtnis vertretenen Gedankenerlebnisse, die fast unbe- 
wußt geblieben waren, in späte Jahre des Betreffenden fielen. Ich 
nannte diese Art der Verschiebung eine rückgreifende oder 
rückläufige. Vielleicht noch häufiger begegnet man dem 
entgegengesetzten Verhältnis, daß ein indifferenter Eindruck der 
jüngsten Zeit sich als Deckerinnerung im Gedächtnis festsetzt, 
der diese Auszeichnung nur der Verknüpfung mit einem früheren 
Erlebnis verdankt, gegen dessen direkte Reproduktion sich Wider- 
stände ergeben. Dies wären vorgreifende oder vorgeschobene 
Deckerinnerungen. Das Wesentliche, was das Gedächtnis be- 
kümmert, liegt hier der Zeit nach hinter der Deckerinnerung. 
Endlich wird der dritte noch mögliche Fall nicht vermißt, daß 
die Deckerinnerung nicht nur durch ihren Inhalt, sondern auch 
durch Kontinguität in der Zeit mit dem von ihr gedeckten Ein- 
druck verknüpft ist, also die gleichzeitige oder anstoßende 
Deckerinnerung. 

Ein wie großer Teil unseres Gedächtnisschatzes in die 
Kategorie der Deckerinnerungen gehört und welche Rolle bei 
verschiedenen neurotischen Denkvorgängen diesen zufällt, das 
sind Probleme, in deren Würdigung ich weder dort eingegangen 
bin, noch hier eintreten werde. Es kommt mir nur darauf 
an, die Gleichartigkeit zwischen dem Vergessen von Eigen- 
namen mit Fehlerinnern und der Bildung der Deckerinnerungen 
hervorzuheben. 

Auf den ersten Anblick sind die Verschiedenheiten der beiden 
Phänomene weit auffälliger als ihre etwaigen Analogien. Dort 



F 



IV, über Kindheits~ und Deckerinnerungen 53 

handelt es sich um Eigennamen, hier um komplette Eindrücke, 
um entweder in der Reahtät oder in Gedanken Erlebtes; dort 
um ein manifestes Versagen der Erinnerungsfunktion, hier um 
eine Erinnerungsleistung, die uns befremdend erscheint; dort um 
eine momentane Störung — denn der eben vergessene Name 
kann vorher hundertmal richtig reproduziert worden sein und es 
von morgen an wieder werden — , hier um dauernden Besitz 
ohne Ausfall, denn die indifferenten Kindheitserinnerungen scheinen 
uns durch ein langes Stück unseres Lebens begleiten zu können. 
Das Rätsel scheint in diesen beiden Fällen ganz anders orientiert 
zu sein. Dort ist es das Vergessen, hier das Erhaltensein, was 
unsere wissenschaftliche Neugierde rege macht. Nach einiger 
Vertiefung merkt man, daß trotz der Verschiedenheit im psychischen 
Material und in der Zeitdauer der beiden Phänomene die Über- 
einstimmungen weit überwiegen. Es handelt sich hier wie dort 
um das Fehlgehen des Erinnerns; es wird nicht das vom Gedächtnis 
reproduziert, was korrekterweise reproduziert werden sollte, sondern 
etwas anderes zum Ersatz. Dem Falle des Namenvergessens fehlt 
nicht die Gedächtnisleistung in der Form der Ersatznamen. Der 

Fall der Deckerinnerungsbildung beruht auf dem Vergessen von j 

anderen, wichtigeren Eindrücken. In beiden Fällen gibt uns eine 4H 

intellektuelle Empfindung Kunde von der Einmengung einer 
Störung, nur jedesmal in anderer Form. Beim Namenvergessen 
wissen wir, daß die Ersatznamen falsch sind; bei den Deck- 
erinnerungen verwundern wir uns, daß wir sie überhaupt 
besitzen. Wenn dann die psychologische Analyse nachweist, daß 
die Ersatzbildung in beiden Fällen auf die nämliche Weise durch 
Verschiebung längs einer oberflächlichen Assoziation zustande 
gekommen ist, so tragen gerade die Verschiedenheiten im Material, 
in der Zeitdauer und in der Zentrierung der beiden Phänomene 
dazu bei, unsere Erwartung zu steigern, daß wir etwas Wichtiges 
und Allgemeingültiges aufgefunden haben. Dieses Allgemeine 
würde lauten, daß das Versagen und Irregehen der reproduzierenden 




54 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



Funktion weit häufiger, als wir vermuten, auf die Einmengung 
eines parteiischen Faktors, einer Tendenz hinweist, welche die 
eine Erinnerung begünstigt, während sie einer anderen entgegen- 
zuarbeiten bemüht ist. 

Das Thema der Kindheitserinnerungen erscheint mir so 
bedeutsam und interessant, daß ich ihm noch einige Bemer- 
kungen widmen möchte, die über die bisherigen Gesichtspunkte 
hinausgehen. 

Wie weit zurück in die Kindheit reichen die Erinnerungen ? 
Es sind mir einige Untersuchungen über diese Frage bekannt, so 
von V. et C. Henri' und Potwin'5 dieselben ergeben, dtiß 
große individuelle Verschiedenheiten bei den Untersuchten bestehen, 
indem einzelne ihre erste Erinnerung in den sechsten Lebens- 
monat verlegen, andere von ihrem Leben bis zum vollendeten 
sechsten, ]a achten Lebensjahr nichts wissen. Aber womit hängen 
diese Verschiedenheiten im Verhalten der Kindheitserinnerungen 
zusammen, und welche Bedeutung kommt ihnen zu? Es ist 
offenbar nicht ausreichend, das Material für diese Fragen durch 
Sammelerkundigung herbeizuschaffen j es bedarf dann noch einer 
Bearbeitung desselben, an der die auskunftgebende Person beteiligt 

sein muß. 

Ich meine, wir nehmen die Tatsache der infantilen Amnesie, 
des Ausfalls der Erinnerungen für die ersten Jahre unseres Lebens 
viel zu gleichmütig hin und versäumen es, ein seltsames Rätsel 
in ihr zu finden. Wir vergessen, welch hoher intellektueller 
Leistungen und wie komplizierter Gefühlsregungen ein Kind von 
etwa vier Jahren fähig ist, und sollten uns geradezu verwundem, 
daß das Gedächtnis späterer Jahre von diesen seelischen Vor- 
gängen in der Regel so wenig bewahrt hat, zumal da wir allen 
Grund zur Annahme haben, daß diese selben vergessenen Kindheits- 



1) Entpigte sur les premiers Souvenirs de Venfance. L'ann^e psychologique, 
III, 1897. 

2) Study of early memories. Psycholog. Review, igoi. 



/ 



. 



IV, über Kindheits- und Deckerinnerungen 55 

leistungen nicht etwa spurlos an der Entwicklung der Person 
abgeglitten sind, sondern einen für alle späteren Zeiten bestim- 
menden Einfluß ausgeübt haben. Und trotz dieser unvergleich- 
lichen Wirksamkeit sind sie vergessen worden! Es weist dies auf 
ganz speziell geartete Bedingungen des Erinnerns (im Sinne der 
bewußten Reproduktion) hin, die sich unserer Erkenntnis bisher 
entzogen haben. Es ist sehr wohl möghch, daß das Kindheits- 
vergessen uns den Schlüssel zum Verständnis jener Amnesien 
hefem kann, die nach unseren neueren Erkenntnissen der Bildung 
aller neurotischen Symptome zugrunde liegen. 

Von den erhaltenen Kindheitserinnerungen erscheinen uns 
einige gut begreiflich, andere befremdend oder unverständlich. Es 
ist nicht schwer, einige Irrtümer in betreff beider Arten zu 
berichtigen. Unterzieht man die erhaltenen Erinnerungen eines 
Menschen einer analytischen Prüfung, so kann man leicht fest- 
stellen, daß eine Gewähr für die Richtigkeit derselben nicht 
besteht. Einige der Erinnerungsbilder sind sicherlich gefälscht, 
unvollständig oder zeitlich und räumlich verschoben. Die Angaben 
der untersuchten Personen wie, ihre erste Erinnerung rühre etwa 
aus dem zweiten Lebensjahr her, sind ofi^enbar unverläßlich. Es 
gelingt bald auch Motive zu finden, welche die Entstellung und 
Verschiebung des Erlebten verständlich machen, aber auch 
beweisen, daß nicht einfache Gedächtnisuntreue die Ursache dieser 
Erinnerungsfehler sein kann. Starke Mächte aus der späteren 
Lebenszeit haben die Erinnerungsfähigkeit der Kindheitserlebnisse 
gemodelt, dieselben Mächte wahrscheinlich, an denen es liegt, daß 
wir uns allgemein dem Verständnis unserer Kindheitsjahre so weit 
entfremdet haben. 

Das Erinnern der Erwachsenen geht bekanntlich an verschiedenem 
psychischen Material vor sich. Die einen erinnern in Gesichts- 
bildern, ihre Erinnerungen haben visuellen Charakter; andere 
Individuen können kaum die dürftigsten Umrisse des Erlebten in 
der Erinnerung reproduzieren; man nennt solche Personen Audidfs 



L 



I 



56 '^Air Psychopathologie des Alltagslebens *l 

und Moteu7's im Gegensatz zu den Visuels nach Charcots f 

Vorschlag. Im Träumen verschwinden diese Unterschiede, wir \ 

träumen alle in vorwiegenden Gesichtsbildem. Aber ebenso bildet 
sich diese Entwicklung für die Kindheitserinnerungen zurück j 
diese sind plastisch visuell auch bei jenen Personen, deren späteres 
Erinnern des visuellen Elements entbehren muß. Das visuelle 
Erinnern bewahrt somit den Typus des infantilen Erinnems. Bei 
mir sind die frühesten Kindheitserinnerungen die einzigen von 
visuellem Charakter j es sind geradezu plastisch herausgearbeitete 
Szenen, nur den Darstellungen auf der Bühne vergleichbar. In 
diesen Szenen aus der Kindheit, ob sie sich nun als wahr oder 
als verfälscht erweisen, sieht man regelmäßig auch die eigene 
kindliche Person in ihren Umrissen und mit ihrer Kleidung. 
Dieser Umstand muß Befremden erregen ; erwachsene Visuelle 
sehen nicht mehr ihre Person in ihren Erinnerungen an spätere 
Erlebnisse^ Eis widerspricht auch allen unseren Erfahrungen 
anzunehmen, daß die Aufmerksamkeit des Kindes bei seinen 
Erlebnissen auf sich selbst anstatt ausschließlich auf die äußeren 
Eindrücke gerichtet wäre. Man wird so von verschiedenen Seiten 
her zur Vermutung gedrängt, daß wir in den sogenannten 
frühesten Kindheitserinnerungen nicht die wirkliche Erinnerungs- 
spur, sondern eine spätere Bearbeitung derselben besitzen, eine 
Bearbeitung, welche die Einflüsse mannigfacher späterer psychischer 
Mächte erfahren haben mag. Die „Kindheitserinnerungen" der 
Individuen rücken so ganz allgemein zur Bedeutung von „Deck- 
erinnerungen" vor und gewinnen dabei eine bemerkenswerte 
Analogie mit den in Sagen und Mythen niedergelegten Kindheits- 
erinnerungen der Völker. 

Wer eine Anzahl von Personen mit der Methode der Psycho- 
analyse seelisch untersucht hat, hat bei dieser Arbeit reichlich 
Beispiele von Deckerinnerungen jeder Art gesammelt. Die Mit- 

i) Ich behaupte dies nach einigen voi^ mir eingeholten Erkundigungen. 



IV. über Kindheit^' und DeckerinneTmngen ■ 



57 



teilung dieser Beispiele wird aber gerade durch die vorhin erörterte 
Natur der Beziehungen der Kindheitsei-innerungen zum späteren 
Leben außerordenthch erschwert; um eine Kindheitserinnerung als 
Deckerinnerung würdigen zu lassen, müßte man oft die ganze 
Lebensgeschichte der betreffenden Person zur Darstellung bringen. 
Es ist nur selten, wie im nachstehenden hübschen Beispiel, möglich, 
eine einzelne Kindheitserinnerung aus ihrem Zusammenhang für 
die Mitteilung herauszuheben. 

Ein vierundzwanzigjähriger Mann hat folgendes Bild aus seinem 
fünften Lebensjahr bewahrt. Er sitzt im Garten eines Sommer- 
hauses auf einem Stühlchen neben der Tante, die bemüht ist, 
ihm die Kenntnis der Buchstaben beizubringen. Die Unter- 
scheidung von m und n bereitet ihm Schwierigkeiten und er 
bittet die Tante, ihm doch zu sagen, woran man erkennt, was 
das eine und was das andere ist. Die Tante macht ihn aufmerksam, 
daß das m doch um ein ganzes Stück, um den dritten Strich, 
mehr habe als das n. — Es fand sich kein Anlaß, die Zuver- 
lässigkeit dieser Kindheitserinnerung zu bestreiten; ihre Bedeutung 
hatte sie aber erst später erworben, als sie sich geeignet zeigte, 
die symbolische Vertretung für eine andere Wißbegierde des 
Knaben zu übernehmen. Denn, so wie er damals den Unterschied 
zwischen m und n wissen wollte, so bemühte er sich später, den 
Unterschied zwischen Knaben und Mädchen zu erfahren, und 
wäre gewiß einverstanden gewesen, daß gerade diese Tante seine 
Lehrmeisterin werde. Er fand dann auch heraus, daß der Unter- 
schied ein ähnlicher sei, daß der Bub wiederum ein ganzes 
Stück mehr habe als das Mädchen, und zur Zeit dieser Erkenntnis 
weckte er die Erinnerung an die entsprechende kindliche Wiß- 
begierde. 

Ein anderes Beispiel aus späteren Kindheitsjahren: Ein in seinem 
Liebesleben arg gehemmter Mann, jetzt über vierzig Jahre alt, 
ist das älteste von neun Kindern. Bei der Geburt des jüngsten 
Geschwisterchens war er fünfzehn Jahre, er behauptet aber steif 



68 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

und fest, daß er niemals eine Gravidität der Mutter bemerkt 
hatte. Unter dem Drucke meines Unglaubens stellte sich bei ihm 
die Erinnerung ein, er habe einmal im. Alter von elf oder zwölf 
Jahren gesehen, daß die Mutter sich vor dem Spiegel hastig den 
Rock aufband. Dazu ergänzte er jetzt zwanglos, sie sei von 
der Straße gekommen und von unerwarteten Wehen befallen 
worden. Das Aufbinden des Rockes ist aber eine Deckerinnerung 
für die Entbindung. Der Verwendung solcher „Wortbrücken" 
werden wir in noch anderen Fällen begegnen. 

An einem einzigen Beispiel möchte ich noch zeigen, welchen 
Sinn eine Kindheitserinnerung durch analytische Bearbeitung 
gewinnen kann, die vorher keinen Sinn zu enthalten schien. Als 
ich in meinem dreiundvierzigsten Jahr begann, mein Interesse 
den Resten der Erinnerung an die eigene Kindheit zuzuwenden, 
fiel mir eine Szene auf, die mir seit langem — wie ich meinte, 
seit jeher — von Zeit zu Zeit zum Bewußtsein gekommen war, 
und die nach guten Merkzeichen vor das vollendete dritte Lebens- 
jahr verlegt werden durfte. Ich sah mich fordernd und heulend 
vor einem Kasten stehen, dessen Tür mein um zwanzig Jahre 
älterer Halbbruder geöffnet hielt, und dann trat plötzlich meine 
Mutter, schön und schlank, wie von der Straße zurückkehrend 
ins Zimmer. In diese Worte halte ich die plastisch gesehene 
Szene gefaßt, mit der ich sonst nichts anzufangen wußte. Ob 
mein Bruder den Kasten — in der ersten Übersetzung des Bildes 
hieß es „Schrank" — öffnen oder schließen wollte, warum ich 
dabei weinte, und was die Ankunft der Mutter damit zu tun 
habe, das alles war mir dunkel; ich war versucht mir die 
Erklärung zu geben, daß es sich um die Erinnerung an eine 
Hänselei des älteren Bruders handle, die durch die Mutter unter- 
brochen wurde. Solche Mißverständnisse einer im Gedächtnis 
bewahrten Kindheitsszene sind nichts Seltenes^ man erinnert sich 
einer Situation, aber dieselbe ist nicht zentriert, man weiß nicht, 
auf- welches Element derselben der psychische Akzent zu setzen 



j. 



ist. Analytische Bemühung führte mich zu einer ganz unerwarteten 
Auffassung des Bildes. Ich hatte die Mutter vermißt, war auf 
den Verdacht gekommen, daß sie in diesem Schrank oder Kasten 
eingesperrt sei, und forderte darum den Bruder auf, den Kasten 
aufzusperren. Als er mir willfahrte und ich mich überzeugte, die 
Mutter sei nicht im Kasten, fing ich zu schreien an; dies ist der 
von der Erinnerung festgehaltene Moment, auf den alsbald das 
meine Sorge oder Sehnsucht beschwichtigende Erscheinen der 
Mutter folgte. Wie kam aber das Kind zu der Idee, die abwesende 
Mutter im Kasten zu suchen? Gleichzeitige Träume wiesen dunkel 
auf eine Kinderfrau hin, von welcher noch andere Reminiszenzen 
erhalten waren, wie z. B. daß sie mich gewissenhaft anzuhalten 
pflegte, ihr die kleinen Münzen abzuliefern, die ich als Geschenke 
erhalten hatte, ein Detail, das selbst wieder auf den Wert einer 
Deckerinnerung für Späteres Anspruch machen kann. So beschloß 
ich denn, mir diesmal die Deutungsaufgabe zu erleichtem, und 
meine jetzt alte Mutter nach jener Kinderfrau zu befragen. Ich 
erfuhr allerlei, darunter, daß die kluge, aber unredliche Person 
während des Wochenbettes der Mutter große Hausdiebstähle verübt 
hatte und auf Betreiben meines Halbbruders dem Gerichte über- 
geben worden war. Diese Auskunft gab mir das Verständnis der 
Kinderszene wie durcli eine Art von Erleuchtung. Das plötzliche 
Verschwinden der Kinderfrau war mir nicht gleichgültig gewesen; 
ich hatte mich gerade an diesen Bruder mit der Frage gewendet, 
wo sie sei, wahrscheinlich, weil ich gemerkt hatte, daß ihm eine 
Rolle bei ihrem Verschwinden zukomme, und er hatte aus- 
weichend und wortspielerisch, wie seine Art immer war, 
geantwortet: sie ist „eingekastelt". Diese Antwort verstand ich 
nun nach kindlicher Weise, ließ aber zu fragen ab, weil nichts 
mehr zu erfahren war. Als mir nun kurze Zeit darauf die Mutter 
abging, argwöhnte ich, der schlimme Bruder habe mit ihr dasselbe 
angestellt wie mit der Kinderfrau, und nötigte ihn, mir den 
Kasten zu öffnen. Ich verstehe nun auch, warum in der Über- 



6o 



ZifT Psychopathologie des Alltagslebens 



Setzung der visuellen Kinderszene die Schlankheit der Mutter 
betont ist, die mir als neu wiederhergestellt aufgefallen sein muß. 
Ich bin zweieinhalb Jahre älter als die damals geborene Schwester, 
und als ich drei Jahre alt wurde, fand das Zusammenleben mit 
dem Halbbruder ein Ende'. 



■i-i 



i) Wer sich für das Seelenleben dieser Kinderjahre interessiert, wird leicht die 
tiefere Bedingtheit der an den großen Bruder gestellten Anforderung erraten. Das noch 
nicht dreijährige Kind hat verstanden, daß das letzthin angekommene Schwesterchen 
im Leib der Mutter gewachsen ist. Es ist gar nicht einverstanden mit diesem 
Zuwachs und mißtrauisch hesorgt, daß der Mutterleih noch weitere Kinder bergen 
könnte. Der Schrank oder Kasten ist ihm ein Symbol des Mutterleibes. Es verlangt 
also in diesen Kasten zu schauen und wendet sich hiefür an den großen Bruder, der, 
wie aus anderem Material hervorgeht, an Stelle des Vaters zum Rivalen des Kleinen 
geworden ist. Gegen diesen Bruder richtet sich außer dem begründeten Verdacht, 
daß er die vermißte Kinderfrau „einkasteln" ließ, auch noch der andere, daß er 
irgendwie das kürzlich geborene Kind in den Mutterleib hineinpraktiziert hat. Der 
Affekt der Enttäuschimg, wie der Kasten leer gefunden wird, geht mm von der 
oberflächlichen Motivierung des kindlichen Verlangens aus. Für die tiefere Strebung 
steht er an falscher Stelle. Dagegen ist die hohe Befriedigung über die Schlankheit 
der rückkehrenden Mutter erst aus dieser tieferen Schicht voll verständlich. 



DAS VERSPRECHEN 

Wenn das gebräuchliche Material unserer Rede in der Mutter- 
sprache gegen das Vergessen geschützt erscheint, so unterhegt 
dessen Anwendung um so häufiger einer anderen Störung, die 
als „Versprechen" bekannt ist. Das beim normalen Menschen 
beobachtete Versprechen macht den Eindruck der Vorstufe für 
die unter pathologischen Bedingungen auftretenden sogenannten 
„Paraphasien". 

Ich befinde mich hier ausnahmsweise in der Lage, eine 
Vorarbeit würdigen zu können. Im Jahre 1895 haben Meringer 
und C. Mayer eine Studie über „Versprechen und Verlesen" 
publiziert, deren Gesichtspunkte fernab von den meinigen liegen. 
Der eine der Autoren, der im Texte das Wort führt, ist 
nämlich Sprachforscher und ist von linguistischen Interessen zur 
Untersuchung veranlaßt worden, den Regeln nachzugehen, nach 
denen man sich verspricht. Er hoffte, aus diesen Regeln auf das 
Vorhandensein „eines gewissen geistigen Mechanismus" schließen 
zu können, „in welchem die Laute eines Wortes, eines Satzes, 
und auch die Worte untereinander in ganz eigentümlicher Weise 
verbunden und verknüpft sind' (S. 10). 

Die Autoren gruppieren die von ihnen gesammelten Beispiele 
des „Versprechens" zunächst nach rein deskriptiven Gesichts- 
punkten als V e r t a u s c h u n g e n (z. B. die Milo von Venus 



H 



62 



'Lur Psychopathologie des Alltagslebens 



anstatt Venus von Milo), Vorklänge oder Antizipationen 
(z. B. es war mir auf der Schwest ... auf der Brust so schwer), 
Nachklänge, Postpositionen (z. B. „Ich fordere Sie auf, 
auf das Wohl unseres Chefs aufzustoßen" für anzustoßen), 
Kontaminationen (z. B. „Er setzt sich auf den Hinterkopf" 
aus: „Er setzt sich einen Kopf auf" und: „Er stellt sich auf die 
Hinterbeine"), Substitutionen (z. B. „Ich gebe die Präparate 
in den Briefkasten" statt Brütkasten), zu welchen Hauptkategorien 
noch einige minder wichtige (oder für unsere Zwecke minder 
bedeutsame) hinzugefügt werden. Es macht bei dieser Gruppierung 
keinen Unterschied, ob die Umstellung, Entstellung, Ver- 
schmelzung usw. einzelne Laute des Wortes, Silben oder ganze 
Worte des intendierten Satzes betrifft. 

Zur Erklärung der beobachteten Arten des Versprechens stellt 
Meringer eine verschiedene psychische Wertigkeit der Sprach- 
laute auf. Wenn wir den ersten Laut eines Wortes, das erste 
Wort eines Satzes innervieren, wendet sich der Erregungsvorgäng 
bereits den späteren Lauten, den folgenden Worten, zu, und soweit 
diese Innervationen miteinander gleichzeitig sind, können sie 
einander abändernd beeinflussen. Die Erregung des psychisch 
intensiveren Lautes klingt vor oder hallt nach und stört so den 
minderwertigen Innervationsvorgang. Es handelt sich nun darum 
zu bestimmen, welche die höchstwertigen Laute eines Wortes 
sind. Meringer meint: „Wenn man wissen will, welchem Laute 
eines Wortes die höchste Intensität zukommt, so beobachte man 
sich beim Suchen nach einem vergessenen Wort, z. B. einen 
Namen. Was zuerst wieder ins Bewußtsein kommt, hatte jeden- 
falls die größte Intensität vor dem Vergessen (S. 160). Die hoch- 
wertigen Laute sind also der Anlaut der Wurzelsilbe und der 
Wortanlaut und der oder die betonten Vokale" (S. 162). 

Ich kann nicht umhin, hier einen Widerspruch zu erheben. 
Ob der Anlaut des Namens zu den höchstwertigen Elementen 
des Wortes gehöre oder nicht, es ist gewiß nicht richtig, daß 



r 



=1 



V. Das Versprechen 65 



er im Falle des Wortvergessens zuerst wieder ins Bewußtsein 
tritt; die obige Regel ist also unbrauchbar. Wenn man sich 
bei der Suche nach einem vergessenen Namen beobachtet, so 
wird man verhältnismäßig häufig die Überzeugung äußern 
müssen, er fange mit einem bestimmten Buchstaben an. Diese 
Überzeugung erweist sich nun ebenso oft als unbegründet wie 
als begründet. Ja, ich möchte behaupten, man proklamiert 
in der Mehrzahl der Fälle einen falschen Anlaut. Auch in 
unserem Beispiel „Signorelh" ist bei dem Ersatznamen der 
Anlaut und sind die wesentlichen Silben verloren gegangen j 
gerade das minderwertige Silbenpaar elli ist im Ersatznamen 
Botticelli der Erinnerung wiedergekehrt. Wie wenig die Er- 
satznamen den Anlaut des entfallenen Namens respektieren, 
mag z. B. folgender Fall lehren: 

Eines Tages ist es mir unmöglich, den Namen des kleinen 
Landes zu erinnern, dessen Hauptort Monte Carlo ist. Die 
Ersatznamen für ihn lauten : 

Piemont, Albanien, Montevideo, Colico. 

Für Albanien tritt bald Montenegro ein, und dann iailt 
mir auf, daß die Silbe Mont (Mon ausgesprochen) doch allen 
Ersatznamen bis auf den letzten zukommt. Es wird mir so 
erleichtert, vom Namen des Fürsten Albert aus das vergessene 
Monaco aufzufinden. Colico ahmt die Silbenfolge und Rhythmik 
des vergessenen Namens ungefähr nach. 

Wenn man der Vermutung Raum gibt, daß ein älmlicher 
Mechanismus wie der fürs Namenvergessen nachgewiesene auch 
an den Erscheinungen des Versprechens Anteil haben könne, so 
wird man zu einer tiefer begründeten Beurteilung der Fälle 
von Versprechen geführt. Die Störung in der Rede, welche sich 
als Versprechen kundgibt, kann erstens verursacht sein durch 
den Einfluß eines anderen Bestandteils derselben Rede, also 
durch das Vorklingen oder Nachhallen, oder durch eine zweite 
Fassung innerhalb des Satzes oder des Zusammenhanges, den 



Q. Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



auszusprechen man intendiert — hieher gehören alle oben 
Meringer und Mayer entlehnten Beispiele — : zweitens aber 
könnte die Störung analog dem Vorgang im Falle Signorelli 
zustande kommen durch Einflüsse außerhalb dieses Wortes, 
Satzes oder Zusammenhanges, von Elementen her, die auszu- 
sprechen man nicht intendiert und von deren Erregung man 
erst durch eben die Störung Kenntnis erhält. In der Gleich- 
zeitigkeit der Erregung läge das Gemeinsame, in der Stellung 
innerhalb oder außerhalb desselben Satzes oder Zusammenhanges 
das Unterscheidende für die beiden Entstehungsarten des Versprechens. 
Der Unterschied erscheint zunächst nicht so groß, als er für 
gewisse Folgerungen aus der Symptomatologie des Versprechens 
in Betracht kommt. Es ist aber klar, daß man nur im ersteren 
Falle Aussicht hat, aus den Erscheinungen des Versprechens 
Schlüsse auf einen Mechanismus zu ziehen, der Laute und Worte 
zur gegenseitigen Beeinflussung ihrer Artikulation miteinander 
verknüpft, also Schlüsse, wie sie der Sprachforscher aus dem 
Studium des Versprechens zu gewinnen hoffte. Im Falle der 
Störung durch Einflüsse außerhalb des nämlichen Satzes oder 
Redezusammenhanges würde es sich vor allem darum handeln, 
die störenden Elemente kennen zu lernen, und dann entstünde 
die Frage, ob auch der Mechanismus dieser Störung die zu 
vermutenden Gesetze der Sprachbildung verraten kann. 

Man darf nicht behaupten, daß Meringer und Mayer die 
Möglichkeit der Sprechstörung durch „komplizierte psychische 
Einflüsse", durch Elemente außerhalb desselben Wortes, Satzes 
oder derselben Redefolge übersehen haben. Sie mußten ja bemerken, 
daß die Theorie der psychischen Ungleichwertigkeit der Laute 
streng genommen nur für die Aufldärung der Lautstörungen, 
i sowie der Vor- und Nachklänge ausreicht. Wo sich die Wort- 

Störungen nicht auf Lautstörungen reduzieren lassen, z. B. bei 
den Substitutionen und Kontaminationen von Worten, haben 
auch sie unbedenklich die Ureache des Versprechens außerhalb 



V. Das Versprechen 6 g 



des intendierten Zusammenhanges gesucht und diesen Sachverhalt 
durch schöne Beispiele erwiesen. Ich zitiere folgende Stellen : 

(S. 62.) „Ru. erzählt von Vorgängen, die er in seinem Innern 
für jSchweinereien' erklärt. Er sucht aber nach einer milden Form 
und beginnt ; ,Dann aber sind Tatsachen zum Vorschwein 
gekommen . . .* Mayer und ich waren anwesend und Ru. 
bestätigte, daß er ,Schweinereien^ gedacht hatte. Daß sich dieses 
gedachte Wort bei ,Vorschein' verriet und plötzlich wirksam 
wurde, findet in der Ähnlichkeit der Wörter seine genügende 
Erklärung." 

(S. 75.) „Auch bei den Substitutionen spielen wie bei den 
Kontaminationen und in wahrscheinlich viel höherem Grade die 
jSchwebenden* oder ,vagierenden* Sprachbilder eine gi'oße Rolle. 
Sie sind, wenn auch unter der Schwelle des Bewußtseins, so doch 
noch in wirksamer Nahe, können leicht durch eine Ähnlichkeit 
des zu sprechenden Komplexes herangezogen werden und führen 
dann eine Entgleisung herbei oder kreuzen den Zug der Wörter. 
Die jschwebenden' oder ,vagierenden* Sprachbilder sind, wie 
gesagt, oft die Nachzügler von kürzlich abgelaufenen Sprach- 
prozessen (Nachklänge)." 

(S. 97.) „Eine Entgleisung ist auch durch Ähnlichkeit möglich, 
wenn ein anderes ähnliches Wort nahe unter der Bewußtseins- 
schwelle liegt, ohne daß es gesprochen zu werden 
bestimmt wäre. Das ist der Fall bei den Substitutionen. — 
So hoffe ich, daß man beim Nachprüfen meine Regeln wird 
bestätigen müssen. Aber dazu ist notwendig, dciß man (wenn ein 
anderer spricht) sich Klarheit darüber verschafft, an 
was alles der Sprecher gedacht hat\ Hier ein lehr- 
reicher Fall. Klassendirektor Li. sagte in unserer Gesellschaft: ,Die 
Frau würde mir Furcht ein/agen*. Ich wurde stutzig, denn das 
l schien mii' unerklärlich. Ich erlaube mir, den Sprecher auf 
seinen Fehler ,einZagen* für ,ein;agen' aufmerksam zu machen, 

1^ Von mir hervorgehoben. 

Freud. IV 5 



66 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



P 



■ 
■ 



worauf er sofort antwortete: ,Ja, das kommt daher, weil ich 
dachte: ich wäre nicht in der Lage* usw." 

„Ein anderer Fall. Ich frage R. v. Schid., wie es seinem 
kranken Pferd gehe. Er antwortete: ,Ja, das draut . . . dauert 
vielleicht noch einen Monat.' Das ,draut' mit einem r war mir 
unverständlich, denn das r Yon ,dauert' konnte unmöglich so 
gewirkt haben. Ich machte also R. v. S. aufmerksam, worauf er 
erklärte, er habe gedacht, ,das ist eine traurige Geschichte*. 
Der Sprecher hatte also zwei Antworten im Sinne und diese 
vermengten sich." 

Es ist wohl unverkennbar, wie nahe die Rücksichtnahme auf 
die „vagierenden" Sprachbilder, die unter der Schwelle des 
Bewußtseins stehen und nicht zum Gesprochenwerden bestimmt 
sind, und die Forderung, sich zu erkundigen, an was der Sprecher 
alles gedacht habe, an die Verhältnisse bei unseren „Analysen" 
herankommen. Auch wir suchen unbewußtes Material, und zwar 
auf dem nämlichen Wege, nur daß wir von den Einfällen des 
Befragten bis zur Auffindung des störenden Elements einen längeren 
Weg durch eine komplexe Assoziationsreihe zurückzulegen haben. 

Ich weile noch bei einem anderen interessanten Verhalten, für 
das die Beispiele M er in gor s Zeugnis ablegen. Nach der Einsicht 
des Autors selbst ist es irgend eine Ähnlichkeit eines Wortes im 
intendierten Satze mit einem anderen nicht intendierten, welche 
dem letzteren gestattet, sich durch die Verursachung einer 
Entstellung, Mischbildung, Kompromißbildung (Kontamination) im 
Bewußtsein zur Geltung zu bringen: 

lagen, dauert, Vorschein, 
jagen, traurig, ...seh wein. 

Nun habe ich in meiner Schrift über die „Traumdeutung"* 
dargetan, welchen Anteil die Verdichtungs arbeit an der 
Entstehung des sogenannten manifesten Trauminhalts aus den 

i) Die Traumdeutimg. Leipzig und Wien 1900, 7. Aufl. 192a. 



I 



P 



latenten Traumgedanken hat. Irgend eine Ähnlichkeit der Dinge 
oder der Wortvorstellungen zwischen zwei Elementen des 
unbewußten Materials wird da zum Anlaß genommen, um ein 
Drittes, eine Misch- oder Kompromißvorstellung zu schaffen, 
welche im Trauminhalt ihre beiden Komponenten vertritt, und 
die infolge dieses Ursprungs so häufig mit widersprechenden 
Einzelbestimmungen ausgestattet ist. Die Bildung von Substitutionen 
und Kontaminationen heim Versprechen ist somit ein Beginn 
jener Verdichtungsarbeit, die wir in eifrigster Tätigkeit am Aufbau 
des Traumes beteiligt finden. 

In einem kleinen, für weitere Kreise bestimmten Aufsatz („Neue 
Freie Presse" vom 25. August 1900; „Wie man sich versprechen 
kann") hat Meringer eine besondere praktische Bedeutung für 
gewisse Fälle von Wortvertauschungen in Anspruch genommen, 
für solche nämlich, in denen man ein Wort durch sein Gegenteil 
dem Sinne nach ersetzt. „Man erinnert sich wohl noch der Art, 
wie vor einiger Zeit der Präsident des österreichischen Abgeordneten- 
hauses die Sitzung eröffnete: ,Hohes Haus! Ich konstatiere die 
Anwesenheit von soundsoviel Herren und erkläre somit die Sitzung 
für geschlossen!' Die allgemeine Heiterkeit machte ihn erst 
aufmerksam und er verbesserte den Fehler. Im vorliegenden Falle 
wird die Erklärung wohl diese sein, daß der Präsident sich 
wünschte, er wäre schon in der Lage, die Sitzung, von der 
wenig Gutes zu erwarten stand, zu schließen, aber — eine 
häufige Erscheinung — der Nebengedanke setzte sich wenigstens 
teilweise durch und das Resultat war ,geschlossen' für ,eröffnet', 
also das Gegenteil dessen, was zu sprechen beabsichtigt war. Aber 
vielfältige Beobachtung hat mich belehrt, daß man gegensätzliche 
Worte überhaupt sehr häufig miteinander vertauscht ; sie sind 
eben schon in unserem Sprachbewußtsein assoziiert, liegen hart 
nebeneinander und werden leicht irrtümlich aufgerufen." 

Nicht in allen Fällen von Gegensatzvertauschung wird es so 
leicht, wie hier im Beispiel des Präsidenten, wahrscheinlich zu 



1 



€8 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



machen, daß das Versprechen infolge eines Widerspruchs geschieht, 
der sich im Innern des Redners gegen den geäußerten Satz 
erhebt. Wir haben den analogen Mechanismus in der Analyse 
des Beispiels aliquis gefunden 5 dort äußerte sich der innere Wider- 
spruch im Vergessen eines Wortes anstatt in seiner Ersetzung 
durch das Gegenteil. Wir wollen aber zur Ausgleichung des 
Unterschiedes bemerken, daß das Wörtchen aliquis eines ähnlichen 
Gegensatzes, wie ihn „schließen" und „eröffnen" ergeben, eigentlich 
nicht fähig ist, und daß „eröffnen" als gebräuchlicher Bestandteil 
des Redeschatzes dem Vergessen nicht unterworfen sein kann. 

Zeigen uns die letzten Beispiele von Meringer und Mayer, 
daß die Sprechstörung ebensowohl durch einen Einflviß vor- und 
nachklingender Laute und Worte desselben Satzes entstehen kann, 
die zum Ausgesprochen werden bestimmt sind, wie durch die 
Einwirkung von Worten außerhalb des intendierten Satzes, deren 
Erregung sich sonst nicht verraten hätte, so werden 
wir zunächst erfahren wollen, ob man die beiden Klassen von 
Versprechen scharf sondern und wie man ein Beispiel der einen 
von einem Falle der anderen Klasse unterscheiden kann. An dieser 
Stelle der Erörterung muß man aber der Äußerungen W u n d t s 
gedenken, der in seiner umfassenden Bearbeitung der Entwicklungs- 
gesetze der Sprache (Völkerpsychologie, 1. Band, i. Teil, S. 371 u.ff., 
1900) auch die Erscheinungen des Versprechens behandelt. Was 
bei diesen Erscheinungen und anderen, ihnen verwandten niemals 
fehlt, das sind nach Wundt gewisse psychische Einflüsse. „Dahin 
gehört zunächst als positive Bedingung der ungehemmte Fluß 
der von den gesprochenen Lauten angeregten Laut- und Wort- 
assoziationen. Ihm tritt der Wegfall oder der Nachlaß der 
diesen Lauf hemmenden Wirkungen des Willens und der auch 
hier als Willensfunktion sich betätigenden Aufmerksamkeit als 
negatives Moment zur Seite. Ob jenes Spiel der Assoziation darin 
sich äußert, daß ein kommender Laut antizipiert oder die voraus- 
gegangenen reproduziert, oder ein gewohnheitsmäßig eingeübter 



f. Das Versprechen 69 



zwischen andere eingeschaltet wird, oder endlich darin, daß ganz 
andere Worte, die mit den gesprochenen Lauten in assoziativer 
Beziehung stehen, auf diese herüberwirken — alles dies bezeichnet 
nur Unterschiede in der Richtung und allenfalls in dem Spiel- 
raum der stattfindenden Assoziationen, nicht in der allgemeinen 
Natur derselben. Auch kann es in manchen Fällen zweifelhaft 
sein, welcher Form man eine bestimmte Störung zuzurechnen, 
oder ob man sie nicht mit größerem Rechte nach dem 
Prinzip der Komplikation der Ursachen' auf ein 
Zusammentreffen mehrerer Motive zurückzuführen habe." (S. 580 
und 581.) 

Ich halte diese Bemerkungen W u n d t s für vollberechtigt und 
sehr instruktiv. Vielleicht könnte man mit größerer Entschieden- 
heit als W u n d t betonen, daß das positiv begünstigende Moment 
der Sprechfehler — der ungehemmte Fluß der Assoziationen — 
und das negative — der Nachlaß der hemmenden Aufmerksam- 
keit — regelmäßig miteinander zur Wirkung gelangen, so daß 
beide Momente nur zu verschiedenen Bestimmungen des nämlichen 
Vorganges werden. Mit dem Nachlaß der hemmenden Aufmerk- 
samkeit tritt eben der ungehemmte Fluß der Assoziationen in 
Tätigkeit; noch unzweifelhafter ausgedrückt : durch diesen 
Nachlaß. 

Unter den Beispielen von Versprechen, die ich selbst gesammelt, 
finde ich kaum eines, bei dem ich die Sprechstörung einzig und 
allein auf das, was Wundt „ Kontakt wirkung der Laute" nennt, 
zurückführen müßte. Fast regelmäßig entdecke ich überdies einen 
störenden Einfluß von etwas außerhalb der intendierten Rede, 
und das Störende ist entweder ein einzelner, unbewußt gebliebener 
Gedanke, der sich durch das Versprechen kundgibt und oft erst 
durch eingehende Analyse zum Bewußtsein gefördert werden 
kann, oder es ist ein allgemeineres psychisches Motiv, welches 
sich gegen die ganze Rede richtet. 



i) Von mir hervorgehoben. 




70 



Imv Psychopathologie des Alltagslebens 



P 



i) Ich will gegen meine Tochter, die beim Einbeißen in einen 

Apfel ein garstiges Gesiebt geschnitten hat, zitieren: 

Der Affe gar possierlich ist, 
Zumal wenn er vom Apfel frißt. 

Ich beginne aber: Der Apfe . . . Dies scheint eine Kontamination 
von „Affe" und „Apfel" (Kompromißbildung) oder kann auch 
als Antizipation des Torbereiteten „Äpfel" aufgefaßt werden. Der 
genauere Sachverhalt ist aber der: Ich hatte das Zitat schon 
einmal begonnen und mich das erstemal dabei nicht versprochen. 
Ich versprach mich erst bei der Wiederholung, die sich als 
notwendig ergab, weil die Angesprochene, von anderer Seite mit 
Beschlag belegt, nicht zuhörte. Diese Wiederholung, die mit ihr 
verbundene Ungeduld, des Satzes ledig zu werden, muß ich in 
die Motivierung des Sprechfehlers, der sich als eine Verdichtungs- 
leistung darstellt, mit einrechnen. 

2) Meine Tochter sagt: Ich schreibe der Frau Schresinger . . . 
Die Frau heißt S c h 1 e singer. Dieser Sprechfehler hängt wohl 
mit einer Tendenz zur Erleichterung der Artikulation zusammen, 
denn das / ist nach wiederholtem r schwer auszusprechen. Ich 
muß aber hinzufügen, daß sich dieses Versprechen bei meiner 
Tochter ereignete, nachdem ich ihr wenige Minuten zuvor 
„Apfe" anstatt „Affe" vorgesagt hatte. Nun ist das Versprechen 
in hohem Maße ansteckend, ähnlich wie das Namenvergessen, bei 
dem Meringer und Mayer diese Eigentümlichkeit bemerkt 
haben. Einen Grund für diese psychische Kontagiosität weiß ich 
nicht anzugeben. 

5) „ Ich klappe zusammen wie ein Tassenmescher — 
Taschenmesse r", sagt eine Patientin zu Beginn der Behandlungs- 
stunde, die Laute vertauschend, wobei ihr wieder die Artikulations- 
schwierigkeit („Wiener Weiber Wäscherinnen waschen weiße 
Wäsche" — „Fischflosse" und ähnliche Prüfworte) zur Entschuldi- 
gung dienen kann. Auf den Sprechfehler aufmerksam gemacht, 
erwidert sie prompt: „Ja, das ist nur, weil Sie heute ,Ernscht' 



p 



V. Das Versprechen 71 



gesagt haben." Ich hatte sie wirklich mit der Rede empfangen: 
„Heute wird es also Ernst" (weil es die letzte Stunde vor dem 
Urlaub werden sollte) und hatte das „En^st" scherzhaft zu 
„Ernscht" verbreitert. Im Laufe der Stunde verspricht sie sich 
immer wieder von neuem, und ich merke endlich, daß sie mich 
nicht bloß imitiert, sondern daß sie einen besonderen Grund hat, 
im Unbewußten bei dem Worte Ernst als Namen zu verweLlen\ 

4) „Ich bin so verschnupft, ich kann nicht durch die Ase 
natmen — Nase atmen" — passiert derselben Patientin ein 
andermal. Sie weiß sofort, wie sie zu diesem Sprechfehler kommt. 
„Ich steige jeden Tag in der Hasenauerstraße in die 
Tramway, und heute früh ist mir während des Wartens auf den 
Wagen eingefallen, wenn ich eine Französin wäre, w^ürde ich 
Asenauer aussprechen, denn die Franzosen lassen das H im 
Anlaut immer weg." Sie bringt dann eine Reihe von Reminis- 
zenzen an Franzosen, die sie kennen gelernt hat, und langt nach 
weitläufigen Umwegen bei der Erinnerung an, daß sie als vier- 
zehnjähriges Mädchen in dem kleinen Stück „Kurmärker und 
Picarde" die Picarde gespielt und damals gebrochen Deutsch 
gesprochen hat. Die Zufälligkeit, daß in ihrem Logierhaus ein 
Gast aus Paris angekommen ist, hat die ganze Reihe von Erinne- 
rungen wachgerufen. Die Lautvertausch ung ist also Folge der 
Störung durch einen unbewußten Gedanken aus einem ganz 
fremden Zusammenhang, 

g) Ähnlich ist der Mechanismus des Versprechens bei einer 
anderen Patientin, die mitten in der Reproduktion einer längst 
verschollenen Kindererinnerung von ihrem Gedächtnis verlassen 
wird. An welche Körperstelle die vorwitzige und lüsterne Hand 

1 ) Sie stand nämlic}i, wie sich zeigte, unter dem EinfluO von imbewuDtea 
Gedanken über Schwangerschaft und Kinderverhütung. Mit den Worten: „zusammen- 
getlappt wie ein Taschenmesser", welche sie bewußt als Klage vorbrachte, wollte sie 
die Haltung des Kindes im Mutterleibe beschreiben. Das Wort „Ernst" in meiner 
Anrede hatte sie an den Namen (S. Ernst) einer bekamiten Wiener Firma in der 
Kämtnerstrafle gemahnt, welche sich als Verkaufs statte von Schutzmitteln gegen die 
Konzeption zu annoncieren pflegt. 



73 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



des anderen gegriffen hat, will ihr das Gedächtnis nicht mitteilen. 
Sie macht unmittelbar darauf einen Besuch bei einer Freundin 
und unterhält sich mit ihr über Sommerwohnungen. Gefragt, wo 
denn ihr Häuschen in M. gelegen sei, antwortet sie: an der 
Berglende anstatt Berglehne. 

6) Eine andere Patientin, die ich nach Abbruch der Stunde 
frage, wie es ihrem Onkel geht, antwortet: „Ich weiß nicht, ich 
sehe ihn jetzt nur in flagrantC^ Am nächsten Tage beginnt 
sie : „Ich habe mich recht geschämt, Ihnen eine so dumme 
Antwort gegeben zu haben. Sie müssen mich natürhch für eine 
ganz ungebildete Person halten, die beständig Fremdwörter 
verwechselt. Ich wollte sagen: en passant. Wir wußten 
damals noch nicht, woher sie die unrichtig angewendeten Fremd- 
wörter genommen hatte. In derselben Sitzung aber brachte sie 
als Fortsetzung des vortägigen Themas eine Reminiszenz, in welcher 
das Ertappt werden in flagranti die Hauptrolle spielte. Der 
Sprechfehler am Tage vorher hatte also die damals noch nicht 
bewußt gewordene Erinnerung antizipiert. 

7) Gegen eine andere muß ich an einer gewissen Stelle der 
Analyse die Vermutung aussprechen, daß sie sich zu der Zeit, 
von welcher wir eben handeln, ihrer FamiHe geschämt und ihrem 
Vater einen uns noch unbekannten Vorwurf gemacht habe. Sie 

'' erinnert sich nicht daran, erklärt es übrigens für unwahrschein- 
lich. Sie setzt aber das Gespräch mit Bemerkungen über ihre 
Familie fort: „Man muß ihnen das eine lassen; Es sind doch 
besondere Menschen, sie haben alle Geiz — ich wollte sagen 
Geist." Das war auch denn wirklich der Von-i-urf, den sie aus 
ihrem Gedächtnis verdrängt hatte. Daß sich in dem Versprechen 
gerade jene Idee durchdrängt, die man zurückhalten will, ist ein 
häufiges Vorkommnis (vgl. den Fall von Meringer: zum 
Vorschwein gekommen). Der Unterschied liegt nur darin, daß die 
Person bei Meringer etwas zurückhalten will, was ihr bewußt 
ist, während meine Patientin das Zurückgehaltene nicht weiß, 



V, Das Versprechen ^i 



oder wie man auch sagen kann, nicht »weiß, daß sie etwas, und 
was sie zurückhält. 

8) Auf absichtUche Zurückhaltung geht auch das nachstehende 
Beispiel von Versprechen zurück. Ich treffe einmal in den Dolo- 
miten mit zwei Damen zusammen, die als Touristinnen verkleidet 
sind. Ich begleite sie ein Stück weit, und wir besprechen die 
Genüsse, aber auch die Beschwerden der touristischen Lebens- 
weise. Die eine der Damen gibt zu, daß diese Art, den Tag zu 
verbringen, manches Unbequeme hat. „Es ist wahr," sagt sie, 
„daß es gar nicht angenehm ist, wenn man so in der Sonne den 
ganzen Tag marschiert hat und Bluse und Hemd ganz durch- 
geschwitzt sind." In diesem Satze hat sie einmal eine kleine 
Stockung zu überwinden. Dann setzt sie fort: „Wenn man aber 
dann nach Hose kommt und sich umkleiden kann ..." Ich 
meine, es bedurfte keines Examens, um dieses Versprechen 
aufzuklären. Die Dame hatte offenbar die Absicht gehabt, die 
Aufzählung vollständiger zu halten und zu sagen: Bluse, Hemd 
und Hose. Dies dritte Wäschestück zu nennen, unterdrückte sie 
dann aus Gründen der Wohlanständigkeit. Aber im nächsten, 
inhaltlich unabhängigen Satz setzte sich das unterdrückte Wort 
als Verunstaltung des ähnhchen Wortes „nach Hause" wider 
iliren Willen durch. 

9) „Wenn Sie Teppiche kaufen wollen, so gehen Sie nur zu 
Kaufmann in der Matthäusgasse. Ich glaube, ich kann Sie dort 
auch empfehlen," sagt mir eine Dame. Ich wiederhole: „Also 
bei Matthäus . . . bei Kaufmann will ich sagen." Es sieht 
aus wie Folge von Zerstreutheit, wenn ich den einen Namen an 
Stelle des anderen wiederhole. Die Rede der Dame hat mich 
auch wirklich zerstreut gemacht, denn sie hat meine Aufmerk- 
samkeit auf anderes gelenkt, was mir weit wichtiger ist als 
Teppiche. In der Matthäusgasse steht nämlich das Haus, in dem 
meine Frau als Braut gewohnt hatte. Der Eingang des Hauses 
war in einer anderen Gasse, und nun merke ich, daß ich deren 



74 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



Namen vergessen habe und ihn mir erst auf einem Umweg 
bewußt machen muß. Der Name Matthäus, bei dem ich verweile, 
ist mir also ein Ersatzname für den vergessenen Namen der 
Straße. Er eignet sich besser dazu als der Name Kaufmann, denn 
Matthäus ist ausschließlich ein Personenname, was Kaufmann 
nicht ist, und die vergessene Straße heißt auch nach einem 
Personennamen ; Radetzky. 

lo) Folgenden Fall könnte ich ebensogut bei den später zu 
besprechenden „Irrtümern" unterbringen, führe ihn aber hier an, 
weil die Lautbeziehungen, auf Grund deren die Wortersetzung 
erfolgt, ganz besonders deutlich sind. Eine Patientin erzählt mir 
ihren Traum: Ein Kind hat beschlossen, sich durch einen Schlangen- 
biß zu töten. Es führt den Beschluß aus. Sie sieht zu, wie es 
sich in Krämpfen windet usw. Sie soll nun die Tagesanknüpfung 
für diesen Traum finden. Sie erinnert sofort, daß sie gestern 
abends eine populäre Vorlesung über erste Hilfe bei Schlangen- 
bissen mitangehört hat. Wenn ein Erwachsener und ein Kind 
gleichzeitig gebissen worden sind, so soll man zuerst die Wunde 
des Kindes behandeln. Sie erinnert auch, welche Vorschriften für 
die Behandlung der Vortragende gegeben hat. Es käme sehr viel 
darauf an, hatte er auch geäußert, von w^elcher Art man gebissen 
worden ist. Hier unterbreche ich sie und frage: Hat er denn 
nicht gesagt, daß wir nur sehr wenige giftige Arten in unserer 
Gegend haben, und welche die gefürchteten sind? „Ja, er hat die 
Klapperschlange hervorgehoben." Mein Lachen macht sie dann 
aufmerksam, daß sie etwas Unrichtiges gesagt hat. Sie korrigiert 
jetzt aber nicht etwa den Namen, sondern sie nimmt ihre Aussage 
zurück. „Ja so, die kommt ja bei uns nicht vor, er hat von der 
Viper gesprochen. Wie gerate ich nur auf die Klapperschlange?" 
Ich vermutete, durch die Einmengung der Gedanken, die sich 
hinter ihrem Traum verborgen hatten. Der Selbstmord durch 
Schlangenbiß kann kaum etwas anderes sein, als eine Anspielung 
auf die schöne Kleopatra. Die weitgehende Lautähnlichkeit der 



r 



^_^^^ V, Das Versprechen rje 

beiden Worte, die Übereinstimmung in den Buchstaben Kl , , p . . r 
in der nämlichen Reihenfolge und in dem betonten a sind nicht 
zu verkennen. Die gute Beziehung zwischen den Namen Klapper- 
schlange und Kleopatra erzeugt bei ihr eine momentane 
Einschränkung des Urteils, derzufolge sie in der Behauptung, der 
Vortragende habe sein Publikum in Wien in der Behandlung 
von Klapperschlangenbissen unterwiesen, keinen Anstoß nimmt. 
Sie weiß sonst so gut wie ich, daß diese Schlange nicht zur 
Fauna unserer Heimat gehört. Wir wollen es ihr nicht verübeln, 
daß sie an die Versetzung der Klapperschlange nach Ägypten 
ebensowenig Bedenken knüpfte, denn wir sind gewohnt, alles 
Außereuropäische, Exotische zusammenzuwerfen, und ich selbst 
mußte mich einen Moment besinnen, ehe ich die Behaup- 
tung aufstellte, daß die Klapperschlange nur der neuen Welt 
angehört. 

Weitere Bestätigungen ergeben sich bei Fortsetzung der 
Analyse. Die Träumerin hat gestern zum erstenmal die in der 
Nähe ihrer Wohnung aufgestelhe Antoniusgruppe von Straßer 
besichtigt. Dies war also der zweite Traumanlaß (der erste der 
Vortrag über Schlangenbisse). In der Fortsetzung ihres Traumes 
wiegte sie ein Kind in ihren Armen, zu welcher Szene ihr das 
Gretchen einfällt. Weitere Einfälle bringen Reminiszenzen an 
„Arria und Messalina". Das Auftauchen so vieler Namen 
von Theaterstücken in den Traumgedanken läßt bereits vermuten 
daß bei der Träumerin in früheren Jahren eine geheimgehaltene 
Schwärmerei für den Beruf der Schauspielerin bestand. Der Anfang 
des Traumes: „Ein Kind hat beschlossen, sein Leben durch einen 
Schlangenbiß zu enden", bedeutet wirklich nichts anderes als : 
Sie hat sich als Kind vorgenommen, einmal eine berühmte 
Schauspielerin zu werden. Von dem Namen Messalina zweigt 
endlich der Gedankenweg ab, der zu dem wesentlichen Inhalt 
dieses Traumes führt. Gewisse Vorfälle der letzten Zeit haben in 
ihr die Besorgnis erweckt, daß ihr einziger Bruder eine nicht 



70 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



i 



Standesgemäße Ehe mit einer Nicht-A r i e r i n, eine Mesalliance 
eingehen könnte. 

ii) Ein völlig harmloses oder vielleicht uns nicht genügend 
in seinen Motiven aufgeklärtes Beispiel wül ich hier wiedergeben, 
weil es einen durchsichtigen Meclianismus erkennen läßt: ^ 

Ein in Italien reisender Deutscher bedarf eines Riemens, um 
seinen schadhaft gewordenen Koffer zu umschnüren. Das Wörter- 
buch liefert ihm für Riemen das italienische Wort coreggia. 
Dieses Wort werde ich mir leicht merken, meint er, indem ich 
an den Maler (Correggio) denke. Er geht dann in einen 
Laden und verlangt; una ribera. 

Es war ihm anscheinend nicht gelungen, das deutsche Wort 
in seinem Gedächtnis durch das italienische zu ersetzen, aber 
seine Bemühung war doch nicht gänzlich ohne Erfolg geblieben. 
Er wußte, daß er sich an den Namen eines Malers halten müsse, 
und so geriet er nicht auf jenen Malernamen, der an das 
itahenische Wort anklingt, sondern an einen anderen, der sich 
dem deutschen Worte Riemen annähert. Icli hätte dieses Beispiel 
natürlich ebensowohl beim Namenvergessen wie hier beim 
Versprechen unterbringen können. 

Als ich Erfahrungen von Versprechen für die erste Auflage 
dieser Schrift sammelte, ging ich so vor, daß ich alle Fälle, die 
ich beobachten konnte, darunter also auch die minder eindrucks- 
vollen, der Analyse unterzog. Seither haben manche andere sich 
der amüsanten Mühe, Versprechen zu sammeln und zu analysieren, 
unterzogen und mich so in den Stand gesetzt, Auswahl aus einem 
reicheren Material zu schöpfen. 

la) Ein junger Mann sagt zu seiner Schwester: Mit den D. 
bin ich jetzt ganz zerfallen, ich grüße sie nicht mehr. Sie antwoitet: 
Überhaupt eine saubere Lippschaft. Sie wollte sagen: Sipp- 
schaft, aber sie drängte noch zweierlei in dem Sprechirrtum 
zusammen, daß ihr Bruder einst selbst mit der Tochter dieser 
Familie einen Flirt begonnen hatte, und daß es von dieser hieß, 



r 



V. Das Versprechen nn 

sie habe sich in letzter Zeit in eine ernsthafte unerlaubte Lieb- 
schaft eingelassen. 

ig) Ein junger Mann spricht eine Dame auf der Straße mit 
den Worten an: „Wenn Sie gestatten, mein Fräulein, möchte ich 
Sie begleit-digen." Er dachte offenbar, er möchte sie gern 
begleiten, fürchtete aber, sie mit dem Antrag zu beleidigen. 
Daß diese beiden einander widerstreitenden Gefühlsregungen in 
einem Worte — eben dem Versprechen — Ausdruck fanden, 
weist darauf hhi, daß die eigenthchen Absichten des jungen Mannes 
jedenfalls nicht die lautersten vTaren und ihm dieser Dame 
gegenüber selbst beleidigend erscheinen mußten. Während er aber 
gerade dies vor ihr zu verbergen sucht, spielt ihm das Unbewußte 
den Streich, seine eigentliche Absicht zu verraten, wodurch 
er aber andererseits der Dame gleichsam die konventionelle 
Antwort: „Ja, was glauben Sie denn von mir, wie kcTnnen 
Sie mich denn so beleidigen" vorwegnimmt. (Mitgeteilt von 
O. Rank.) 

Eine Anzahl von Beispielen entnehme ich einem Aufsatz von 
W. St ekel aus dem' „Berliner Tageblatt" vom 4. Jänner 1904, 
betitelt „Unbewußte Geständnisse". 

14) „Ein unangenehmes Stück meiner unbewußten Gedanken 
enthüllt das folgende Beispiel. Ich schicke voraus, daß ich in 
meiner Eigenschaft als Arzt niemals auf meinen Erwerb bedacht 
bin und immer nur das Interesse des Kranken im Auge habe, 
was ja eine selbstverständliche Sache ist. Ich befinde mich bei 
einer Kranken, der ich nach schwerer Krankheit in einem 
Rekonvaleszentenstadium meinen ärztlichen Beistand leiste. Wir 
haben schwere Tage und Nächte mitgemacht. Ich bin glücklich, 
sie besser zu finden, male ihr die Wonnen eines Aufenthaltes in 
Abbazia aus und gebrauche dabei den Nachsatz: ,wenn Sie, was 
ich hoffe, das Bett bald nicht verlassen werden — *. Offenbar 
entsprang das einem egoistischen Motiv des Unbewußten, 'diese 
wohlhabende Kranke noch länger behandeln zu dürfen, einem 



y 



78 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



Wunsche, der meinem, wachen Bewußtsein vollkommen fremd ist 
und den ich mit Entrüstung zurückweisen würde.' 

15) Ein anderes Beispiel (W. Stekel). „Meine Frau nimmt 
eine Französin für die Nachmittage auf und will, nachdem man 
sich über die Bedingungen geeinigt hatte, ihre Zeugnisse zurück- 
behalten. Die Französin bittet, sie behalten zu dürfen, mit der 
Motivierung; Je cherche encore pour les apres-midis, pardon, pour 
les avant-midis. Offenbar hatte sie die Absicht, sich noch ander- 
weitig umzusehen und vielleicht bessere Bedingungen zu erhalten 
— eine Absicht, die sie auch ausgeführt hat." 

16) (Dr. Stekel:) „Ich soll einer Frau die Leviten lesen, und 
ihr Mann, auf dessen Bitte das geschieht, steht lauschend hinter 
der Tür. Am Ende meiner Predigt, die einen sichtlichen Eindruck 
gemacht hatte, sagte ich: ,Küss' die Hand, gnädiger Herr!' Dem 
Kundigen hatte ich damit verraten, daß die Worte an die 
Adresse des Herrn gerichtet waren, daß ich sie um seinetwillen 
gesprochen hatte.'* 

17^) Dr. Stekel berichtet von sich selbst, daß er zu einer 
Zeit zwei Patienten aus Triest in Behandlung gehabt habe, die 
er immer verkehrt zu begrüßen pflegte. „ Guten Morgen, Herr Peloni," 
sagte ich zu Askoli, — „Guten Morgen, Herr Askoli," zu Peloni. Er war 
anfangs geneigt, dieser Verwechslung keine tiefere Motivierung zu- 
zuschreiben, sondern sie durch die mehrfachen Gemeinsamkeiten der 
beiden Herren zu erklären. Er ließ sich aber leicht überzeugen, daß die 
Namenvertauschung hier einer Art Prahlerei entsprach, indem er 
durch sie jeden seiner italienischen Patienten wissen lassen konnte, 
er sei nicht der einzige Triestiner, der nach Wien gekommen 
sei, um seinen ärztlichen Rat zu suchen. 

1 8) Dr. Stekel selbst in einer stürmischen Generalversammlung : 
Wir streiten (schreiten) nun zu Punkt 4 der Tagesordnung. 

19) Ein Professor in seiner Antrittsvorlesung: „Ich bin nicht 
geneigt (geeignet), die Verdienste meines sehr geschätzten 
Vorgängers zu schildern." 



V. Das Versprechen nn 



f 



so) Dr. St ekel zu einer Dame, bei welcher er Basedowsche 
Krankheit vermutet: „Sie sind um einen Kropf (Kopf) größer 
als Ihre Schwester." 

3i) Dr. St ekel berichtet: Jemand will das Verhältnis zweier 
Freunde schildern, von denen einer als Jude charakterisiert werden 
soll. Er sagt: Sie lebten zusammen wie Käst er und Pollak. 
Das war durchaus kein Witz, der Redner hatte das Versprechen 
selbst nicht bemerkt und wurde erst von mir darauf aufmerksam 
gemacht. 

22) Gelegentlich ersetzt ein Versprechen eine ausführliche 
Charakteristik. Eine junge Dame, die das Regiment im Hause 
führt, erzählt mir von ihrem leidenden Manne, er sei beim Arzt 
gewesen, um ihn nach der ihm zuträglichen Diät zu befragen. 
Der Arzt habe aber gesagt, darauf käme es nicht an. „Er kann 
essen und trinken was ich will. " 

Die folgenden zwei Beispiele von Th. Reik (Intern. Zeitschr. f. 
Psychoanalyse, III, 191g) stammen aus Situationen, in denen sich 
Versprechen besonders leicht ereignen, weil in ihnen mehr zurück- 
gehalten werden muß, als gesagt werden kann. 

25) Ein Herr spricht einer jungen Dame, deren Gatte kürzlich 
gestorben ist, sein Beileid aus und setzt hinzu: „Sie werden Trost 
finden, indem Sie sich völlig ihren Kindern widwen." Der unter- 
drückte Gedanke wies auf andersartigen Trost hin: eine junge 
schöne Witwe wird bald neue Sexualfreuden genießen. 

24) Derselbe Herr unterhält sich mit derselben Dame in einer 
Abendgesellschaft über die großen Vorbereitungen, welche in Berlin 
zum Osterfeste getroffen werden, und fragt: „Haben Sie heute die 
Auslage bei Wertheim gesehen? Sie ist ganz dekolletiert." Er 
hatte seiner Bewunderung über die Dekolletage der schönen Frau 
nicht laut Ausdruck geben dürfen, und nun setzte sich der verpönte 
Gedanke durch, indem er die Dekoration einer Warenauslage in 
eine Dekolletage verwandelte, wobei das Wort Auslage unbewußt 
doppelsinnig verwendet wurde. 



i 



80 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

Dieselbe Bedingung trifft auch für eine Beobachtung zu, über 
welche Dr. Hanns Sachs ausführliche Rechenschaft zu geben 
versucht: 

25) „Eine Dame erzählt mir von einem gemeinsamen Bekannten, 
er sei, als sie ihn das letztemal sah, so elegant angezogen gewesen j 
wie immer, besonders habe er hervorragend schöne, braune Halb- 
schuhe getragen. Auf meine Frage, wo sie ihn denn getroffen 
habe, berichtete sie: ,Er hat an meiner Haustür geläutet und ich 
hab' ihn durch die heruntergelassenen Rouleaux gesehen. Ich habe 
aber weder geöffnet noch sonst ein Lebenszeichen gegeben, denn 
ich wollte nicht, daß er es erfährt, daß ich schon in der Stadt 
bin.* Ich denke mir beim Zuhören, daß sie mir dabei etwas ver- 
schweigt, am wahrscheinlichsten wohl, daß sie deswegen nicht 
geöffnet habe, weil sie nicht allein und nicht in der Toilette war, 
um Besuche zu empfangen, und frage ein wenig ironisch: ,Also 
durch die geschlossenen Jalousien hindurch haben Sie seine Haus- 
schuhe — seine Halbschuhe bewundern können?' In ^Hausschuhe' 
kommt der von der Äußerung abgehaltene Gedanke an ihr H a u s- 
kleid zum Ausdruck. Das Wort ,Halb' wurde anderseits wieder 
deswegen zu beseitigen versucht, weil gerade in diesem Worte 
der Kern der verpönten Antwort : ,Sie sagen mir nur die halbe 
Wahrheit und verschweigen, daß Sie halb angezogen waren' ent- 
halten ist. Befördert wurde das Versprechen auch dadurch, daß 
wir unmittelbar vorher von dem Eheleben des betreffenden Herrn, 
von seinem ,häuslichen Glück' gesprochen hatten, was wohl die 
Verschiebung auf seine Person mitdeteiminierte. Schließlich muß 
ich gestehen, daß vielleicht mein Neid mitgewirkt hat, wenn ich 
diesen eleganten Herrn in Hausschuhen auf der Straße stehen heß- 

ich selbst habe mir erst vor kurzem braune Halbschuhe gekauft, 

die keineswegs mehr »hervorragend schön' sind." 

Kriegszeiten wie die gegenwärtigen bringen eine Reihe von 

Versprechen hei-vor, deren Verständnis wenig Schwierigkeiten 

macht. 



V. Das Versprechen 81 



26) „Bei welcher Waffe befindet sich Ihr Herr Sohn?" wird 
eine Dame gefragt. Sie antwortet: „Bei den 42er Mört^ern." 

27) Leutnant Henrik Haiman schreibt aus dem Felde: „Ich 
werde aus der Lektüre eines fesselnden Buches herausgerissen, um 
für einen Moment den Aufldärungstelephonisten zu vertreten. Auf 
die Leitungsprobe der Geschützstation reagiere ich mit: Kontrolle 
richtig, Ruhe. Reglementmäßig sollte es lauten: Kontrolle richtig, 
Schluß. Meine Abweichung erklärt sich durch den Ärger über die 
Störung im Lesen." (Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IV, 1916/17.) 

28) Ein Feldwebel instruiert die Mannschaft, ihre Adressen 
genau nach Hause anzugeben, damit die Gesp eckstücke nicht 
verloren gehen. 

29) Das nachstehende, hervorragend schöne und durch seinen 
tieftraurigen Hintergrund bedeutsame Beispiel verdanke ich der 
Mitteilung von Dr. L. C z e s z e r, der während seines Aufenthaltes 
in der neutralen Schweiz zu Kriegszeiten diese Beobachtung gemacht 
und sie erschöpfend analysiert hat. Ich gebe seine Zuschrift mit 
unwesentlichen Auslassungen im folgenden wieder: 

„Ich gestatte mir, einen Fall von ,Versprechen' mitzuteilen, der 
Herrn Professor M. N. in 0. bei einem seiner im eben verflossenen 
Sommersemester abgehaltenen Vorträge über die Psychologie der 
Empfindungen unterlief. Ich muß voraussenden, daß diese Vor- 
lesungen in der Aula der Universität unter großem Zudrang der 
französischen internierten Kriegsgefangenen und im übrigen der meist 
aus entschieden ententefreundlich gesinnten Französisch-Schweizern 
bestehenden Studentenschaft gehalten wurden. In O. wird, wie in 
Frankreich selbst, das Wort boche jetzt allgemein und ausschließlich 
zur Bezeichnung der Deutschen gebraucht. Bei öffentUchen Kund- 
gebungen aber, sowie bei Vorlesungen u. dgl. bestreben sich höhere 
Beamte, Professoren und sonst verantwortliche Personen, aus Neu- 
tralitätsgründen das ominöse Wort zu vermeiden. 

Professor N. nun war gerade im Zuge, die praktische Bedeutung 
der Affekte zu besprechen, und beabsichtigte, ein Beispiel zu zitieren 

Freud, IV. 6 



82 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



für die zielbewußte Ausbeutung eines Affekts, um eine an sich 
uninteressante Muskelarbeit mit Lustgefühlen zu laden und so inten- 
siver zu gestalten. Er erzählte also, natürlich in französischer Sprache, 
die gerade damals von hiesigen Blättern aus einem alldeutschen 
Blatte abgedruckte Geschichte von einem, deutschen Schulmeister, 
der seine Schüler im Garten arbeiten ließ und, um sie zu inten- 
siverer Arbeit anzufeuern, sie aufforderte, sich vorzustellen, daß 
sie statt jeder Erdscholle einen französischen Schädel einschlügen. 
Beim Vortrag seiner Geschichte sagte N. natürlich jedesmal, wo 
von Deutschen die Rede war, ganz korrekt Allemand und nicht 
boche. Doch als es zur Pointe der Geschichte kam, trug er die 
Worte des Schulmeisters folgenderweise vor: Imaginez vous, qu'en 
chaque mache vous ecrasez le cräne d'un Frangais. Also statt motte 
— mache! ' 

Sieht man da nicht ibrnilich, wie der korrekte Gelehrte vom 
Anfang der Erzählung sich zusammennimmt, um ja nicht der 
Gewohnheit und vielleicht auch der Versuchung nachzugeben und 
das sogar durch einen Bundeserlaß ausdrücklich verpönte Wort 
von dem Katheder der Universitätsaula fallen zu lassen ! Und gerade 
im Augenblick, wo er glücklich das letztemal ganz korrekt ,insti- 
titeur allemand gesagt hat und innerlich aufatmend zum unver- 
fänglichen Schlüsse eilt, klammert sich die mühsam zurückgedrängte 
Vokabel an den Gleichklang des Wortes motte und — das Unheil 
ist geschehen. Die Angst vor der poUtischen Taktlosigkeit, vielleicht 
eine zurückgedrängte Lust, das gewohnte und von allen erwartete 
Wort doch zu gebrauchen, sowie der Unwillen des geborenen 
Republikaners und Demokraten gegen jeden Zwang in der freien 
Meinungsäußerung interferieren mit der auf die korrekte Wieder- 
gabe des Beispiels gerichteten Hauptabsicht. Die interferierende 
Tendenz ist dem Redner bekannt und er hat, wie nicht anders 
anzunehmen ist, unmittelbar vor dem Versprechen an sie gedacht. 

Sein Versprechen hat Professor N. nicht bemerkt, wenigstens hat 
er es nicht verbessert, was man doch meist geradezu automatisch 



f. Das Versprechen 83 



tut. Dagegen wurde der Lapsus von der meist französischen Zuhörer- 
schaft mit wahrer Genugtuung aufgenommen und wirkte voll- 
kommen wie ein beabsichtigter Wortwitz. Ich aber folgte diesem 
anscheinend harmlosen Vorgang mit wahrer mnerer Erregung. Denn 
wenn ich mir auch aus naheliegenden Gründen versagen mußte, 
dem Professor die sich nach psychoanalytischer Methode aufdrän- 
genden Fragen zu stellen, so war doch dieses Versprechen für 
mich ein schlagender Beweis für die Richtigkeit Ihrer Lehre von 
der Determinierung der Fehlhandlungen und den tiefen Analogien 
und Zusammenhängen zwischen dem Versprechen und dem Witz." 

50) Unter den betrübenden Eindrücken der Kriegszeit entstand 
auch das Versprechen, welches ein heimgekehrter österreichischer 
Offizier, Oberleutnant T., berichtet: 

„Während mehrerer Monate meiner italienischen Kriegsgefangen- 
schaft waren wir, eine Zahl von soo Offizieren, in einer engen 
Villa untergebracht. In dieser Zeit starb einer unserer Kameraden 
an der Grippe. Der Eindruck, der durch diesen Vorfall hervor- 
gerufen wurde, war naturgemäß ein tiefgehender^ denn die 
Verhältnisse, in denen wir uns befanden, das Fehlen ärztlichen 
Beistands, die Hilflosigkeit unserer damaligen Existenz ließen ein 
Umsichgreifen der Seuche mehr denn wahrscheinlich werden — 
Wir hatten den Toten in einem Kellerraume aufgebahrt. Am 
Abend, als ich mit einem Freunde einen Rundgang um unser 
Haus angetreten hatte, äußerten wir beide den Wunsch, die Leiche 
zu sehen. Mir als dem Voranschreitenden bot sich beim Eintritt 
in den Keller ein Anblick, der mich heftig erschrecken ließj denn 
ich war nicht vorbereitet gewesen, die Bahre so nahe beim Ein- 
ffanff aufgestellt zu finden und aus solcher Nähe in das durch 
spielende Kerzenlichter in Unruhe versetzte Antlitz schauen zu 
müssen. Noch unter diesem nachwirkenden Bilde setzten wir dann 
den Rundgang fort. An einer Stelle, von wo sich dem Auge 'die 
Ansicht des im vollen Mondenscheine schwimmenden Parkes, einer 
hellbestrahlten Wiese und dahintergelegter, leichter Nebelschleier 

6* 



84 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



zeigte, gab ich der damit verknüpften Vorstellung Ausdruck, einen 
Reigen Elfen unter dem Saume der anschließenden Kiefern tanzen 
zu sehen. 

Am folgenden Nachmittag begruben wir den toten Gefährten. 
Der Weg von unserem Kerker bis zum Friedhof des kleinen, 
benachbarten Ortes war für* uns gleicherweise bitter und ent- 
würdigend^ denn halbwüchsige, iohlende Burschen, eine spöttische, 
höhnende Bevölkerung, derbe, schreiende Lärmer hatten diesen 
Anlaß benützt, um unverhohlen ihren von Neugierde und Haß 
gemischten Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Die Empfindung, 
selbst in diesem wehrlosen Zustand nicht ungekränkt bleiben zu 
können, der Abscheu vor der bekundeten Roheit beherrschten 
mich bis zum Abend mit Erbitterung. Zur gleichen Stunde wie 
tagszuvor, in der nämlichen Begleitung begingen wir auch dies- 
mal den Kiesweg rund um das Wohnhaus; und an dem Keller- 
gitter vor überkommend, hinter dem die Leiche gelegen hatte, 
überfiel mich die Erinnerung des Eindrucks, den ihr Anblick in 
mir hinterlassen hatte, An der Stelle, von der sich mir dann 
wiederum der erhellte Park darbot, unter dem gleichen Vollmond- 
lichte, hielt ich an und äußerte zu meinem Begleiter: ,Wir könnten 
uns hier ins Grab — — Gras setzen und eine Serenade 
sinken!* — Erst beim zweiten Versprechen wurde ich auf- 
merksam j das erstemal hatte ich verbessert, ohne des Sinnes im 
Fehler bewußt geworden zu sein. Nun überlegte ich und reihte 
aneinander: ,ins Grab — sinken!' Blitzartig folgten diese Bilder: 
im Mondschein tanzende, schwebende Elfen; der aufgebahrte 
Kamerad, der erweckte -Eindruck; einzelne Szenen vom Begräbnis, 
die Empfindung des gehabten Ekels und der gestörten Trauer; 
Erinnerung an einzelne Gespräche über die aufgetretene Seuche, 
Furchtäußerungen mehrerer Offiziere. Später entsann ich mich 
des Umstandes, daß es der Todestag meines Vaters sei, was für 
mich meines sonst sehr schlechten Datengedächtnisses wegen auf- 
fallend wurde. 



!•■ 




V. Das Versprechen 85 



Beim nachherigen Überdenken wurde mir klar: das Zusammen- 
treffen äußerer Bedingungen zwischen beiden Abenden, die gleiche 
Stunde, Beleuchtung, der nämliche Ort und Begleiter. Ich erinnerte 
mich des Unbehagens, das ich empfunden hatte, als die Besorgnis 
einer Ausbreitung der Grippe erörtert wurde^ aber zugleich auch 
des inneren Verbotes, mich Furcht anwandeln zu lassen. Auch die 
Wortstellung: ,wir könnten ins Grab sinken' wurde mir darauf 
in ihrer Bedeutung bewußt, wie ich auch die Überzeugung gewann, 
nur die zuerst stattgehabte Korrektur von ,Grab' in ,Gras', die 
noch ohne Deutlichkeit geschehen war, habe auch das zweite 
Versprechen: jsingen* in ,sinken* zur Folge gehabt, um dem unter- 
diückten Komplex endgültige Wirkung zu sichern. 

Ich :^ge bei, daß ich zu jener Zeit an beängstigenden Träumen 
litt, in denen ich eine mir sehr nahestehende Angehörige wieder- 
holt krank, einmal selbst tot sah. Ich hatte noch knapp vor meiner 
Gefangennahme die Nachricht erhalten, daß die Grippe gerade in 
der Heimat dieser Angehörigen mit besonderer Heftigkeit wüte, 
hatte ihr auch meine lebhaften Befürchtungen geäußert. Seither 
war ich ohne Verbindung geblieben. Monate später empfing ich 
die Kunde, daß sie zwei Wochen vor dem geschilderten Ereignis 
ein Opfer der Epidemie geworden sei!" 

51) Das nachstehende Beispiel von Versprechen beleuchtet blitz- 
ähnlich einen der schmerzlichen Konflikte, die das Los des Arztes 
sind. Ein wahrscheinlich dem Tode verfallener Mann, dessen 
Diagnose aber noch nicht feststeht, ist nach Wien gekommen, 
um hier die Lösung seines Knotens abzuwarten, und hat einen 
Jugendfreund, der ein bekannter Arzt geworden ist, gebeten, seine 
Behandlung zu übernehmen, worauf dieser nicht ohne Wider- 
streben schließlich einging. Der Kranke soll in einer Heilanstalt 
Aufenthalt nehmen und der Arzt schlägt das Sanatorium. „Hera" 
vor. Das ist doch eine Anstalt nur für bestimmte Zwecke (eine 
Entbindungsanstalt), wendet der Kranke ein. nein, ereifert sich 
der Arzt: In der „Hera" kann man jeden Patienten umbringen 



86 



Zi/r Psychopathologie des Allteigslehens 



— unterbringen, meine ich. Er sträubt sich dann heftig gegen 
die Deutung seines Versprechens. „Du wirst doch nicht glauben, 
daß ich feindselige Impulse gegen dich habe?" Eine Viertelstunde 
später sagte er zu der ihn hinausbegleitenden Dame, die die Pflege 
des Kranken übernommen hat: „Ich kann nichts finden und glaube 
ja noch immer nicht daran. Aber wenn es so sein sollte, bin ich 
für eine tüchtige Dosis Morphium, und dann ist Ruhe." Es kommt 
heraus, daß der Freund ihm die Bedingung gestellt hat, daß er 
seine Leiden durch ein Medikament abkürze, sobald es feststeht, 
daß ihm nicht mehr zu helfen ist. Der Arzt hatte also wirklich 
die Aufgabe übernommen, den Freund umzubringen. 

52) Auf ein ganz besonders lehrreiches Beispiel von Versprechen 
möchte ich nicht verzichten, obwohl es sich nach Angabe meines 
Gewährsmannes vor etwa 20 Jahren zugetragen hat. „Eine Dame 
äußerte einmal in einer Gesellschaft — rnan hört es den Worten 
an, daß sie im Eifer und unter dem Drucke allerlei geheimer 
Regungen zustande gekommen sind: yla, eine Frau muß schön 
sein, wenn sie den Männern gefallen soll. Da hat es ein Mann 
viel besser; wenn er nur seine fünf geraden Glieder hat, mehr 
braucht er nicht!* Dieses Beispiel gestattet uns einen guten Ein- 
blick in den intimen Mechanismus eines Versprechens durch 
Verdichtung oder einer Kontamination (vgl. S. 62). Es 
liegt nahe, anzunehmen, dcü3 hier zwei sinnähnliche Redeweisen 
verschmolzen sind: 

wenn er seine vier geraden Glieder hat 
wenn er seine fünf Sinne beisanunen hat. 

Oder aber das Element gerade ist das Gemeinsame zweier Rede- 
intentionen gewesen, die gelautet haben : 

wenn er nur seine geraden Glieder hat 
alle fünf gerade sein lassen. 

E^ hindert uns auch nichts anzunehmen, daß beide Redensarten, 
die von den fünf Sinnen und die von den geraden fünf mit- 



r 



V, Das Versprechen 87 



gewirkt haben, um in den Satz von den geraden Gliedern zunächst 
eine Zahl und dann die geheimsinnige fünf anstatt der simpeln 
vier einzuführen. Diese Verschmelzung wäre aber gewiß nicht 
erfolgt, wenn sie nicht in der als Versprechen resuhierenden Form 
einen eigenen guten Sinn hätte, den einer zynischen Wahrheit, 
wie sie von einer Frau allerdings nicht ohne Bemäntelung bekannt 
werden darf. — Endlich wollen wir nicht versäumen, aufmerksam 
zu machen, daß die Rede der Dame ihrem Wortlaut nach ebenso- 
wohl einen vortrefflichen Witz wie ein lustiges Versprechen bedeuten 
kann. Es hängt nur davon ab, ob sie diese Worte mit bewußter 
Absicht oder — mit unbewußter Absicht gesprochen hat. Das 
Benehmen der Rednerin in unserem Falle widerlegte allerdings 
die bewußte Absicht und schloß den Witz aus." 

Die Annäherung eines Versprechens an einen Witz kann so 
weit gehen wie in dem von O. Rank mitgeteilten Falle, in dem 
die Urheberin des Versprechens es schließhch selbst als Witz belacht: 

55) „Ein jung verheirateter Ehemann, dem seine um ihr 
mädchenhaftes Aussehen besorgte Frau den häufigen Geschlechts- 
verkehr nur ungern gestaltet, erzählte mir folgende, naclaträglich 
auch ihn und seine Frau höchst belustigende Geschichte: Nach 
einer Nacht, in welcher er das Abstinenzgebot seiner Frau wieder 
einmal übertreten hat, rasiert er sich morgens in ihrem gemein- 
samen Schlafzimmer und benützt dabei — wie schon öfter aus 
Bequemlichkeit — die auf dem Nachtkästchen liegende Puder- 
quaste seiner noch ruhenden Gattin. Die um ihren Teint äußerst 
besorgte Dame hatte ihm auch dies schon mehrmals verwiesen 
und ruft ihm darum geärgert zu: ,Du puderst mich ja schon 
wieder mit deiner Quaste!' Durch des Mannes Gelächter auf ihr 
Versprechen aufmerksam gemacht (sie wollte sagen: du puderst 
dich schon wieder mit meiner Quaste), lacht sie schließlich 
belustigt mit (,pudern' ist ein jedem Wiener geläufiger Ausdruck 
für koitieren, die Quaste als phallisches Symbol kaum zweifelhaft)." 
(hitemat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, I, 1915.) 



88 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

54) An die Absicht eines Witzes könnte man auch in folgendem 
Falle denken ( A. J. S 1 r f e r) : 

Frau B., die an einem Leiden, offenbar psychogenen Ursprungs, 
laboriert, wird wiederholt nahegelegt, den Psychoanalytiker X. zu 
konsultieren. Sie lehnt es stets mit der Bemerkung ab, so eine 
Behandlung sei doch nie etwas Rechtes, der Arzt würde doch 
alles fälschlicherweise auf sexuelle Dinge zurückführen. Schließlich 
ist sie einmal doch bereit, dem Rate Folge zu leisten und sie 
fragt: „Nun gut, wann ordinart also dieser Dr. X.?" 

Die Verwandtschaft zwischen Witz und Versprechen bekundet 
sich auch darin, daß das Versprechen oft nichts anderes ist als 
eine Verkürzung: 

55) Ein junges Mädchen hat nach dem Verlassen der Schule 
den herrschenden Zeitströmungen Rechnung getragen, indem sie 
sich zum Studium der Medizin inskribierte. Nach wenigen Seme- 
stern hatte sie die Medizin mit der Chemie vertauscht. Von dieser 
Schwenkung erzählt sie einige Jahre später in folgender Rede: 
Ich hab' mich ja im allgemeinen beim Sezieren nicht gegi'aust, 
aber wie ich einmal an einer Leiche die Nägel von den Fingern 
abziehen sollte, da habe ich die Lust an der ganzen — Chemie 
verloren. 

56) Ich reihe hier einen anderen Fall von Versprechen an 
dessen Deutung wenig Kunst erfordert. „Der Professor bemüht 
sich in der Anatomie um die Erklärung der Nasenhöhle eines 
bekanntlich sehr schwierigen Abschnittes der Eingeweidelehre. 
Auf seine Frage, ob die Hörer seine Ausführungen erfaßt haben, 
wird ein allgemeines ,Ja' vernehmlich. Darauf bemerkt der 
bekannt selbstbewußte Professor: Ich glaube kaum, denn die 
Leute, welche die Nasenhöhle verstehen, kann man selbst in einer 
Millionenstadt wie Wien an einem Finger, pardon, an den 
Fingern einer Hand wollte ich sagen, abzählen." 

57) Derselbe Anatom ein andermal: „Beim weiblichen Genitale 
hat man trotz vieler Versuchungen — pardon, Versuche..." 



V. Das Versprechen . 89 



58) Herrn Dr. Alf. Robitsek in Wien verdanke ich den 
Hinweis auf zwei von einem altfranzösischen Autor bemerkte 
Fälle von Versprechen, die ich unübersetzt wiedergeben werde. 
Brantome (1527—1614) Vies des Dames galantes, Discours 
second: „Si ay-je cogneu une tres belle et honneste dame de par 
le monde, qui, devisant avec un honneste gentüko/nme de la cour 
des affaires de la guerre durant ces civiles, eile luy dit: ^Tay 
ouy dire que le roy a faiet rompre tous les c. de ce pays la. 
Elle vouloit dire les ponts. Pensez que, venant de coucher d'avec 
son mary, ou songeant a son amant, eile avoit encor ce nom frais 
en la bauche^ et le gentilhomme s'en eschauffer en amours d'elle 
pour ce moty^ 

„Une autre dame que fai cogneue, entretenant une autre 
grand dame plus qu'elle, et luy louant et exaltant ses beautcz, 
eile luy dit apres: ,Non, madame^ce que je vous en dis: ce n'est 
point pour vous adulterer; voulant dire adulater, comme 
eile le rhabilla ainsi: pensez qiCelle songeoit a adulterer."' 

39) ^ gi^^ natürlich auch modernere Beispiele für die Ent- 
stehung sexueller Z'weideutigkeiten durch Versprechen: Frau F. 
erzählt über ihre erste Stunde «in einem Sprachkurs: „Es ist ganz 
interessant, der Lehrer ist ein netter junger Engländer. Er hat 
mir gleich in der ersten Stunde durch die Bluse (korrigiert sich : 
durch die Blume) zu verstehen gegeben, daß er mir lieber 
Einzelunterricht erteilen möchte." (Storfer.) 

Bei dem psychotherapeutischen Verfahren, dessen ich mich zur 
Auflösung und Beseitigung neurotischer Symptome bediene, ist 
sehr häufig die Aufgabe gestellt, aus den wie zufallig vorge- 
brachten Reden und Einfallen des Patienten einen Gedankeninhalt 
aufzuspüren, der zwar sich zu verbergen bemüht ist, aber doch 
nicht umhin kann, sich in mannigfaltigster Weise unabsichtlich 
zu verraten. Dabei leistet oft das Versprechen die weitvollsten 
Dienste, wie ich an den überzeugendsten und anderseits sonder- 
barsten Beispielen daitun könnte. Die Patienten sprechen z. B. 



90 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



V«! 



P 



von ihrer Tante und nennen sie konsequent, ohne das Versprechen 
zu bemerken, „meine Mutter", oder bezeichnen ihren Mann als 
ihren „Bruder". Sie machen mich auf diese Weise aufmerksam, 
daß sie diese Personen miteinander „identifiziert", in eine Reihe 
gebracht haben, welche für ihr Gefühlsleben die Wiederkehr 
desselben Typus bedeutet. Oder: ein junger Mann von 20 Jahren 
stellt sich mir in der Sprechstunde mit den Worten vor: Ich bin 
der Vater des N. N., den Sie behandelt haben. — Pardon, ich 
will sagen, der Bruder 5 er ist ja um vier Jahre älter als ich. Ich 
verstehe, daß er durch dieses Versprechen ausdrücken will, daß 
er wie der Bruder durch die Schuld des Vaters erkrankt sei, wie 
der Bruder Heilung; verlange, daß aber der Vater derjenige ist, 
dem die Heilung am dringlichsten wäre. Andere Male reicht eine 
ungewöhnlich klingende Wortfügung, eine gezwungen erscheinende 
Ausdrucksweise hin, um den Anteil eines verdrängten Gedankens 
an der anders motivierten Rede des Patienten aufzudecken. 

In groben wie in solchen feineren Redestörungen, die sich 
eben noch dem „Versprechen" subsumieren lassen, finde ich also 
nicht den Einfluß von Rontaktwirkungen der Laute, sondern den 
von Gedanken außerhalb der Redeintention , maßgebend für die 
Entstehung des Versprechens und hinreichend zur Aufhellung des 
zustande gekommenen Sprechfehlers. Die Gesetze, nach denen die 
Laute verändernd aufeinander einwirken, möchte ich nicht 
anzweifeln^ sie scheinen mir aber nicht wirksam genug, um für 
sich allein die korrekte Ausführung der Rede zu stören. In den 
Fällen, die ich genauer studiert und durchschaut habe, stellen sie 
bloß den vorgebildeten Mechanismus dar, dessen sich ein femer 
gelegenes psychisches Motiv bequemerweise bedient, ohne sich 
aber an den Machtbereich dieser Beziehungen zu binden. In 
einer großen Reihe von Substitutionen wird beim 
Versprechen von solchen Lautgesetzen völlig abge- 
sehen. Ich befinde mich hiebei in voller Übereinstimmung mit 
W u n d t, der gleichfalls die Bedingungen des Versprechens als 



I 



V. Das Versprechen 91 



zusammengesetzte und weit über die Kontaktwirkungen der Laute 
hinausgehende vermutet. 

Wenn ich diese „entfernteren psychischen Einflüsse" nach 
Wundts Ausdruck für gesichert halte, so weiß ich anderseits 
von keiner Abhaltung um auch zuzugeben, daß bei beschleunigter 
Rede und einigermaßen abgelenkter Aufmerksamkeit die Bedin- 
gungen fürs Versprechen sich leicht auf das von Meringer und 
Mayer bestimmte Maß einschränken können. Bei einem Teile 
der von diesen Autoren gesammelten Beispiele ist wohl eine kom- 
pliziertere Auflösung wahrscheinlicher. Ich greife etwa den vorhin 
angeführten Fall heraus: 

Es war mir auf der Schwest... 

Brust so schwer. 

Geht es hier wohl so einfach zu, daß das schwe das gleich- 
wertige Bru als Vorklang verdrängt? Es ist kaum abzuweisen, 
daß die Laute schwe außerdem durch eine besondere Relation 
zu dieser Vordringlichkeit befähigt werden. Diese könnte dann 
keine andere sein als die Assoziation : Schwester — Bruder, 
etwa noch: Brust der Schwester, die zu anderen Gedanken- 
kreisen hinüberleitet. Dieser hinter der Szene unsichtbare Helfer 
verleiht dem sonst harmlosen schwe die Macht, deren Erfolg 
sich als Sprechfehler äußert. 

Für anderes Versprechen läßt sich annehmen, daß der Anklang 
an obszöne Worte und Bedeutungen das eigentlich Störende ist. 
Die absichtliche Entstellung und Verzerrung der Worte und 
Redensarten, die bei unartigen Menschen so beliebt ist, bezweckt 
nichts anderes, als beim harmlosen Anlaß an das Verpönte zu 
mahnen, und diese Spielerei ist so häufig, daß es nicht wunder- 
bar wäre, wenn sie sich auch unabsichtlich und wider Willen 
durchsetzen sollte. Beispiele wie: Eischeißweibchen für Eiweiß- 
scheibchen, Apopos Fritz für Apropos, Lokuskapitäl für 
Lotuskapitäl usw., vielleicht noch die Alabüsterbflchse (Alabaster 



92 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



büchse) der hl. Magdalena gehören wohl in diese Kategorie'. — 
„Ich fordere Sie auf, auf das Wohl unseres Chefs aufzustoßen," 
ist kaum etwas anderes als eine unabsichtliche Parodie als Nach- 
klang einer beabsichtigten. Wenn ich der Chef wäre, zu dessea 
Feierlichkeit der Festredner diesen Lapsus beigetrcigen hätte, würde 
ich wohl daran denken, wie klug die Römer gehandelt haben, als 
sie den Soldaten des triumphierenden Imperators gestatteten, den 
inneren Einspruch gfigen den Gefeierten in Spottliedern laut 
zu äußern. — Meringer erzählt von sich selbst, daß er zu 
einer Person, die als die älteste der Gesellschaft mit dem ver- 
traulichen Ehrennamen „Senexl" oder „altes Senexl" angesprochen 
wurde, einmal gesagt habe: „Prost, Senex altesl!" Er erschrak 
selbst über diesen Fehler (S. go). Wir können uns vielleicht seinen 
Affekt deuten, wenn wir daran mahnen, wie nahe „Altesl" an 
den Schimpf „alter Esel" kommt. Auf die Verletzung der Ehr- 
furcht vor dem Alter (d. i., auf die Kindheit reduziert: vor dem 
Vater) sind große innere Strafen gesetzt. 



i) Bei einer meiner Patientinnen setzte sich das Versprechen als Symptom so 
lange fort, bis es auf den Kinderstreich, das Wort ruinieren durch uri- 
nieren zu ersetzen, zurückgeführt war. — An die Versuchung, durch den Kunst- 
griff des Versprechens zum freien Gebrauch unanständiger und unerlaubter Worte 
lu kommen, knüpfen sich Abrahams Beobachtungen über Fehlleistungen „mit 
überkompensierender Tendenz" (Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse VIII, 
1922). Eine Patientin mit leichter Neigung, die Anfangssilbe von Eigennamen durch 
Stottern zu verdoppeln, hatte den Namen Protagoras in Protragoras verändert. 
Kurz vorlicr hatte sie anstatt Alexandros — A — alexandros gesagt. Die Erkun- 
digimg ergab, daß sie als Kind besonders gerne die Unart gepflegt hatte die an- 
lautenden Silben a und pa zu wiederholen, eine Spielerei, die nicht selten das 
Stottern der Kinder einleitet. Beim Namen Protagoras verspürte sie nun die Gefahr, 
das r der ersten Silbe auszulassen und Po— potagoras zu sagen. Zum Schutz dagegen 
hielt sie aber dies r krampfhaft fest und schob noch ein weiteres r in die zweite 
Silbe ein. In ähnlicher Weise entstellte sie andere Male die Worte parterre und 
Kondolenz zu partrerre imd K o dolenz, um den in ihrer Assoziation nalieliegen- 
den Worten p a t e r (Vater) und Kondom auszuweichen. Ein anderer Patient 
Abrahams bekannte sich zur Neigung anstatt Angina jedesmal Angora zu 
sagen, sehr walirscheiulich, weil er die Versuchung fürchtete, Angina durch 
Vagina zu ersetzen. Diese Versprechungen kommen also dadurch zustande, daß 
an Stelle der entstellenden eine abwelirende Tendenz die Oberhand behalt, und. 
Abraham macht mit Recht auf die Analogie dieses Vorganges mit der Symptom- 
bildung bei Zwangsneiirosen aufmerksam. 



V^. Das Versprechen ni 



Ich hoffe, die Leser werden den Wertunterschied dieser Deu- 
tungen, die sich durch nichts beweisen lassen, und der Beispiele, 
die ich selbst gesammelt und durch Analysen erläutert habe, nicht 
vernachlässigen. Wenn ich aber im stillen immer noch an der 
Erwartung festhalte, auch die scheinbar einfachen Fälle von Ver- 
sprechen würden sich auf Störung durch eine halb unterdrückte 
Idee außerhalb des intendierten Zusammenhanges zurückführen 
lassen, so verlockt mich dazu eine sehr beachtenswerte Bemerkung 
von Meringer. Dieser Autor sagt, es ist merkwürdig, daß 
niemand sich versprochen haben will. Es gibt sehr gescheite und 
ehrliche Menschen, welche beleidigt sind, wenn man ihnen sagt, 
sie hätten sich versprochen. Ich getraue mich nicht, diese Behaup- 
tung so allgemein zu nehmen, wie sie durch das „niemand" von 
Meringer hingestellt wird. Die Spur Affekt aber, die am Nach- 
weis des Versprechens hängt und offenbar von der Natur des 
Schämens ist, hat ihre Bedeutung. Sie ist gleichzusetzen dem 
Ärger, wenn wir einen vergessenen Namen nicht erinnern, und 
der Verwunderung über die Haltbarkeit einer scheinbar belang- 
losen Erinnerung und weist allemal auf die Beteiligung eines 
Motivs am Zustandekommen der Störung hin. 

Das Verdrehen von Namen entspricht einer Schmähung, wenn 
es absichtlich geschieht, und dürfte in einer ganzen Reihe von 
Fällen, wo es als unabsichtliches Versprechen auftritt, dieselbe 
Bedeutung haben. Jene Person, die nach May ers Bericht einmal 
„ F r e u d e r" sagte anstatt Freud, weil sie kurz darauf den 
Namen „Breuer" vorbrachte (S. 58), ein andermal von einer 
Freuer-Breud sehen Methode (S. 2 8) sprach, war wohl ein 
Fächgenosse und von dieser Methode nicht sonderlich entzückt. 
Einen gewiß nicht anders aufzuklärenden Fall von Namenent- 
stellung werde ich weiter unten beim Verschreiben mitteilen'. 



1) Man kann auch hemerken, daß gerade Aristokraten besonders häufig die Namen 
von Ärzten, die sie konsultiert haben, entstellen, und darf daraus schlieÜen, daß sie 
dieselben innerlich geringschätzen, trotz der Höflichkeit, mit welcher sie ihnen in 



g^ Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

In diesen Fällen mengt sich als störendes Moment eine Kritik 
ein, welche beiseite gelassen werden soll, weil sie gerade in dem 
Zeitpunkt der Intention des Redners nicht entspricht. 

Umgekehrt muß die Namenersetzung, die Aneignung des fremden 
Namens, die Identifizierung mittels des Namenversprechens, eme 
Anerkennung bedeuten, die im Augenblick aus ij-gendwelchen 
Gründen im Hintergrunde verbleiben soll. Ein Erlebnis dieser Art 
erzählt S. Ferenczi aus seinen Schuljahren: 

„In der ersten Gymnasialklasse habe ich (zum erstenmal in 
meinem Leben) öffentlich (d. h. vor der ganzen Klasse) ein Gedicht , 
rezitieren müssen. Ich war gut vorbereitet und war bestürzt, gleich-] 

begegnen pflegen. — Ich zitiere hier einige treffende Bemerkungen über das Namen- 
vergessen ans der englischen Bearbeitung imseres Themas durch Dr. E. Jones, 
damals in Toronto (The Psychopathologie of Everyday Life. American Journal of 
Psychology, Oct. 1911); 

„Wenige Leute können sich einer Anwandlung von Ärger erwehren, wenn sie 
ßnden, daß man ihren Namen vergessen hat, besonders dann, wenn sie von der ■ 
betreifenden Person gehofft oder erwartet hatten, sie würde den Namen behalten 
haben. Sie sagen sich sofort ohne Überlegung, daß die Person den Namen nicht ver- 
gessen hätte, wenn man einen stärkeren Eindruck bei ihr hinterlassen hätte; denn 
der Name ist ein wesentlicher Bestandteil der Persönlichkeit. Anderseits gibt es wenig 
Dinge, die schmeicheUiafter empfunden werden, als wenn man von einer hohen Pei-- 
sönlichkeit, wo man es nicht erwartet hätte, mit seinem Namen angeredet wird, 
Napoleon, ein Meister in der Kunst, Menschen ixx. behandeln, gab während des 
unglücklichen Feldzuges von 1814 eine erstaimlicbe Probe seines Gedächtnisses nach 
dieser Richtung. Als er sich in einer Stadt bei Graonne befand, erinnerte er sich, 
daß er deren Bürgermeister De Bussy et\va 20 Jahre vorher in einem bestimmten 
Regiment kennen gelernt hatte; die Folge war, daß der entzückte De Bussy sich 
seinem Dienst mit schrankenloser Hingebung widmete. Domentsprechend gibt es auch 
kein verläßlicheres Mittel, einen Menschen zu beleidigen, als indem man so tut, als 
liabe mau seinen Namen vergessen; man drückt damit aus, die Person sei einem so 
gleichgültig, daß man sich nicht die Mühe zu nehmen brauche, sich ihren Namen 
zu merken. Dieser Kunstgriff spielt auch in der Literatur eine gewisse Rolle. So 
heißt es in Turgenjews ,Rauch' einmal: , Sie finden Baden noch immer amüsant, 
Herr — Litvinov?' Ralmirov pflegte Liti,'inovs Namen immer zögernd auszusprechen, 
als ob er sich erst auf ihn besinnen müßte. Dadurch, ^vie durch die hochmütige Art, 
wie er seinen Hut beim Gruß lüftete, wollte er Lit^'inov in seinem Stolze kränken." 
An einer anderen Stelle in ,Väter und Söhne' schreibt der Dichter: ,Der Gouver- 
neur lud Kirsanov imd Bazarov zum Balle ein und wiederholte diese Einladung einige 
Minuten später, wobei er sie als Brüder zu betrachten schien und Kisarov ansprach.« 
Hier ergibt das Vergessen der frülieren Einladung, die Irrung in den Namen und die 
Unfähigkeit, die beiden jungen Männer auseinander zu halten, geradezu eine Häufung 
von kränkenden Momenten. Namenentstellung hat dieselbe Bedeutung wie Namen- 
yergessen, es ist ein erster Schritt gegen das Vergessen hin." 



-_i 



f. Das Versprechen qk 



beim Beginne durch eine Lachsalve gestört zu werden. Der Pro- 
fessor erklärte mir dann diesen sonderbaren Empfang: ich sagte 
nämlich den Titel des Gedichtes ,Aus der Ferne' ganz richtig, 
nannte aber als Autor nicht den wirklichen Dichter, sondern — 
mich selber. Der Name des Dichters ist Alexander (Sander) 
Petöfi. Die Gleichheit des Vornamens mit meinem eigenen 
begünstigte die Verwechslung; die eigentliche Ursache derselben 
aber war sicherlich die, daß ich mich damals in meinen geheimen 
Wünschen mit dem gefeierten Dichterhelden identifizierte. Ich 
hegte für ihn auch bewußt eine au Anbetung grenzende Liebe 
und Hochachtung. Natürlich steckt auch der ganze leidige Ambi- 
tionskomplex hinter dieser Fehlleistung." 

Eine ähnliche Identifizierung mittels des vertauschten Namens 
wurde mir von einem jungen Arzt berichtet, der sich zaghaft und 
verehrungsvoll dem berühmten Virchow mit den Worten vor- 
stellte: Dr. Virchow. Der Professor wendete sich erstaunt zu 
ihm und fragte: Ah, heißen Sie auch Virchow? Ich weiß nicht, 
wie der junge Ehrgeizige das Versprechen rechtfertigte, ob er die 
anmutende Ausrede fand, er sei sich so klein neben dem großen 
Namen vorgekommen, daß ihm sein eigener entschwinden mußte, 
oder ob er den Mut hatte zu gestehen, er hoffe auch noch einmal 
ein so großer Mann wie Vi r c h o w zu werden, der Herr Geheim- 
rat möge ihn darum nicht so geringschätzig behandeln. Einer 
dieser beiden Gedanken — oder vielleicht gleichzeitig beide — 
mag den jungen Mann bei seiner Vorstellung in Verwirrung 
gebracht haben. 

Aus höchst persönlichen Motiven muß ich es in der Schwebe 
lassen, ob eine ähnliche Deutung auch auf den nun anzuführenden 
Fall anwendbar ist. Auf dem internationalen Kongreß in Amsterdam 
1907^ war die von mir vertretene Hysterielehre Gegenstand einer 
lebhaften Diskussion. Einer meiner energischesten Gegner soll sich 
in seiner Brandrede gegen mich wiederholt in der Weise ver- 
sprochen haben, daß er sich an meine Stelle setzte und in meinem 



g6 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

Namen sprach. Er sagte z. B.: Breuer und ich haben bekanntlich \ 

nachgewiesen, während er nur beabsichtigen konnte zu sagen : j 

Breuer und Freud. Der Name dieses Gegners zeigt nicht die 
leiseste Klangähnlichkeit mit dem meinigen. Wir werden durch 
dieses Beispiel wie durch viele andere Fälle von Namenvertauschung 
beim Versprechen daran gemahnt, daß das Versprechen jener 
Erleichterung, die ihm der Gleichklang gewährt, völlig entbehren 
und sich nur auf verdeckte inhaltliche Beziehungen gestützt durch- 
setzen kann. 

In anderen und weit bedeutsameren Fällen ist es Selbstkritik, * 
innerer Widerspruch gegen die eigene Äußerung, was zum Ver- - 

sprechen, ja zum Ersatz des Intendierten durch seinen Gegensatz \ 
nötigt. Man merkt dann mit Erstaunen, wie der W^ortlaut einer 
Beteuerung die Absicht derselben aufhebt, und wie der Sprech- 
fehler die innere Unaufrichtigkeit bloßgelegt hat\ Das Versprechen 
wird hier zu einem mimischen Ausdrucksmittel, freilich oftmals 
für den Ausdruck dessen, was man nicht sagen wollte, zu einem 
Mittel des Selbstverrats. So z. B. wenn ein Mann, der in seinen 
Beziehungen zum Weibe den sogenannten normalen Verkehr nicht 
bevorzugt, in ein Gespräch über ein für kokett erklärtes Mädchen 
mit den Worten einfällt: Im Umgang mit mir würde sie sich 
das Koettieren schon abgewöhnen. Kein Zweifel, daß es nur 
das andere Wort koitieren sein kann, dessen Einwirkung auf 
das intendierte kokettieren solche Abänderung zuzuschreiben 
ist. Oder im folgenden FaUe: „Wir haben einen Onkel, der schon 
seit Monaten sehr beleidigt ist, weil wir ihn nie besuchen. Den 
Umzug in eine neue Wohnung nehmen wir zum Anlaß, um nach 
langer Zeit einmal bei ihm zu erscheinen. Er freut sich anscheinend 
sehr mit uns und sagt beim Abschied so recht gefühlvoll: ,Von 
nun an hoffe ich euch noch seltener zu sehen als bisher^" 



z) Durch solches Versprechen brandmarkl i. B. Anzengruberim „G'wissens- 
wurm" den heuchlerischen Erbschleicher. 



V, Das Versprechen A7 



Die zufallige Gunst des Sprachmaterials läßt oft Beispiele von 
Versprechen entstehen, denen die geradezu niederschmetternde 
Wirkung einer Enthüllung oder der volle komische Effekt eines 
Witzes zukommt. 

So in nachstehendem von Dr. R eitler beoliachteten und mit- 
geteilten Falle: 

„jDiesen neuen, reizenden Hut haben Sie wohl sich selbst auf- 
gepatzt?' sagte eine Dame in bewunderndem Tone zu einer 
anderen. — Die Fortsetzung des beabsichtigten Lobes mußte 
nunmehr unterbleiben; denn die im stillen geübte Kritik, der 
Hutaufputz sei eine ,Patzerei', hatte sich denn doch viel zu 
deutlich in dem unliebsamen Versprechen geäußert, als daß irgend- 
welche Phrasen konventioneller Bewunderung noch glaubwürdig 
erschienen wären." 

Milder, aber doch auch unzweideutig ist die Kritik in folgendem 
Beispiel : 

„Eine Dame machte bei einer Bekannten einen Besuch und 
wurde durch die wortreichen, weitschweifigen Erörterungen der 
Betreffenden sehr ungeduldig und müde. Endlich gelang es ihr, 
aufzubrechen, sich zu verabschieden, als sie, von der sie ins Vor- 
zimmer begleitenden Bekannten mit einem neuerlichen Wortschwall 
aufgehalten wurde und nun, schon im Weggehen begriffen, vor 
der Tür stehen und neuerdings zuhören mußte. Endlich unterbrach 
sie sie mit der Frage: ,Sind Sie im Vorzimmer zu Hause?' 
Erst an der erstaunten Miene bemerkte sie ihr Versprechen. Sie 
wollte, durch das lange Stehen im Vorzimmer ermüdet, das 
Gespräch mit der Frage: ,Sind Sie Vormittag zu Hause?' ab- 
brechen und verriet so ihre Ungeduld über den neuerlichen Auf- 
enthalt." 

Einer Mahnung zur Selbstbesinnung entspricht das nächste von 

Dr. Max Graf erlebte Beispiel: 

„In der Generalversammlung des Journalistenvereines ,Concordia* 
hält ein junges, stets geldbedürftiges Mitglied eine heftige Opposi- 

Freud, IV. 7 




98 



Zu/- Psychopathologie des Alltagslebens 



tionsrede und sagt in seiner Erregung: ,Die Herren Vorschuß- 
mitglieder' (anstatt Vorstands- oder Ausschußmitglieder). Die- 
selben haben das Recht, Darlehen zu bewilligen, und auch der 
junge Redner hat ein Darlehensgesuch eingebracht." 

An dem Beispiel „Vorschwein" haben wir gesehen, daß ein 
Versprechen leicht zustande kommt, wenn man sich bemüht hat, 
Schimpfworte zu unterdrücken. Man macht sich dann eben auf 
diesem Wege Luft: 

Ein Photograph, der sich vorgenommen hat, im Verkehr mit 
seinen ungeschickten Angestellten der Zoologie auszuweichen, sagt 
zu einem Lehrling, der eine große, ganz volle Schale ausgießen 
will und dabei natürlich die Hälfte auf den Boden schüttet: „Aber 
Mensch, schöpsen Sie doch zuerst etwas davon ab ! " Und bald 
darauf zu einer Gehilfin, die durch ihre Unvorsichtigkeit ein 
Dutzend wertvoller Platten gefährdet hat, im Fluß einer längeren 
Brandrede: „Aber sind Sie denn so hornverbraunt . . ." 

Das nachstehende Beispiel zeigt einen ernsthaften Fall von Selbst- 
verrat durch Versprechen. Einige Nebenumstände berechtigen seine 
vollständige Wiedergabe aus der Mitteilung von A. A. Brill im 
„Zentralbl. f. Psychoanalyse", II. Jahrg.'. 

„Eines Abends gingen Dr. Frink und ich spazieren und 
besprachen einige Angelegenheiten der New Yorker Psychoanaly- 
tischen Gesellschaft. Wir begegneten einem Kollegen, Herrn Dr. R. 
den ich seit Jahren nicht gesehen hatte, und von dessen Privat- 
leben ich nichts wußte. — Wir freuten uns sehr, uns wieder zu 
U-effen, und gingen auf meine Aufforderung in ein Kaffeehaus, 
wo wir uns zwei Stunden lang angeregt unterhielten. Er schien 
von mir Näheres zu wissen, denn nach der gewöhnlichen Begi-üßung 
erkundigte er sich nach meinem kleinen Kinde und erklärte mir, 
daß er von Zeit zu Zeit über mich von einem gemeinsamexi 
Freunde höre und sich für meine Tätigkeit interessiere, nachdem 



i) Im „Zentralbl. f. Psychoanalyse" irrtümlicherweise E. Jones lu geschrieben. 




F". Das f^ersprechen 



99 



er darüber in den medizinischen Zeitschriften gelesen hatte, — 
Auf meine Frage, ob er verheiratet sei, gab er eine verneinende 
Auskunft und fügte hinzu: ,Wozu soll ein Mensch wie ich 
heiraten ?'" 

„Beim Verlassen des Kaffeehauses wandte er sich plötzlich an 
mich: ,Ich möchte wissen, was Sie in folgendem Falle tun würden: 
Ich kenne eine Krankenpflegerin, die als Mitschuldige in einen 
Ehescheidungsprozeß verwickelt war. Die Ehefrau klagte ihren 
Mann auf Scheidung und bezeichnete die Pflegerin als Mitschul- 
dige und er bekam die Scheidung\' — Ich unterbrach ihn, ,Sie 
wollen sagen, sie bekam die Scheidung.' — Er verbesserte sofort: 
jNatürlich, s i e bekam die Scheidung,* und erzählte weiter, daß die 
Pflegerin sich derart über den Prozeß und Skandal aufgeregt habe, 
daß sie zu trinken begann, schwer nervös wurde usw., und fragte 
mich um meinen Rat, wie er sie behandeln solle." 

„Sobald ich den Fehler korrigiert hatte, bat ich ihn, ihn zu 
erklären, aber ich bekam die gewöhnlichen erstaunten Antworten; 
ob es nicht eines jeden Menschen gutes Reclit sei, sich zu ver- 
sprechen, daß das nur ein Zufall sei, nichts dahinter zu suchen 
sei usw. Ich erwiderte, daß jedes Fehlsprechen begründet sein 
müsse, und daß ich versucht wäre zu glauben, daß er selbst der 
Held der Geschichte sei, wenn er mir nicht früher mitgeteilt 
hätte, daß er unvermählt sei, denn dann wäre das Versprechen 
durch den Wunsch erklärt, seine Frau und nicht er hätte den 
Prozeß verlieren sollen, damit er nicht (nacli unserem Eherecht) 
Alimente zu zahlen brauche und in der Stadt New York wieder 
heiraten könne. Er lehnte meine Vermutung hartnäckig ab, 
bestärkte sie aber gleichzeitig durch eine übertriebene Affekt- 
reaktion, deutUche Zeichen von Erregung und danach Gelächter. 
Auf meinen Appell, die Wahrheit im Interesse der wissenschaft- 

i) „Nach unseren (amerikanischen) Gesetzen wird die Eliescheidung nur aus- 
gesprochen, wenn bewiesen wird, daß der eine Teil die Ehe gebrochen hat, und 
zwar wird die Scheidung nur dem betrogenen Teile bewilligt." 



lOO 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



liehen Klarstellung zu sagen, bekam ich die Antwort; ,Wenn Sie 
nicht eine Lüge hören wollen, müssen Sie an mein Junggesellen- 
tum glauben, und daher ist Ihre psych oanalj^tische Erklärung durch- 
aus falsch.* — Er fügte noch hinzu, daß solch ein Mensch, der 
jede Kleinigkeit beachte, direkt gefährlich sei. Plötzlich fiel ihm 
ein anderes Rendezvous ein, und er verabschiedete sich." 

„Wir beide, Dr. Frink und ich, waren dennoch von meiner 
Auflösung seines Versprechens überzeugt, und ich beschloß, durch 
Erkundigung den Beweis oder Gegenbeweis zu erhalten. — Einige 
Tage später besuchte ich einen Nachbar, einen alten Freund des 
Dr. R., der mir vollinhaltlich meine Erklärung bestätigen konnte. 
Der Prozeß hatte vor wenigen Wochen stattgefunden und die 
Pflegerin war als Mitschuldige vorgeladen worden. — Dr. R. ist 
jetzt von der Richtigkeit der Freud sehen Mechanismen fest 
überzeugt." 

Der Selbstverrat ist ebenso unzweifelhaft in folgendem von 
O. Rank mitgeteilten Falle: 

„Ein Vater, der keinerlei patriotisches Gefühl besitzt und seine 
Kinder auch von diesem ihm überflüssig erscheinenden Empfinden 
frei erziehen will, tadelt seine Söhne wegen ihrer Teilnahme an 
einer patriotischen Kundgebung und weist ihre Berufung auf das 
gleiche Verhalten des Onkels mit den Worten zurück: »Gerade 
dem sollt ihr nicht nacheifern; der ist ja ein Idiot.* Das über 
diesen ungewohnten Ton des Vaters erstaunte Gesicht der Kinder 
macht ihn aufmerksam, daß er sich versprochen habe, und ent- 
schuldigend bemerkt er; Ich wollte natürlich sagen; Patriot." 

Als Selbstverrat wird auch von der Partnerin des Gesprächs ein 
Versprechen gedeutet, das J. Stärcke (1. c.) berichtet, und zu dem 
er eine treffende, wenn auch die Aufgabe der Deutung über- 
schreitende Bemerkung hinzufügt. 

„Eine Zahnärztin hatte mit ihrer Schwester verabredet, daß sie 
bei ihr einmal nachsehen würde, ob sie zwischen zwei Backen- 
zähnen wohl Kontakt hätte (d. h. ob die Backenzähne mit 



K. Das Versprechen ioi 



ihren Seitenflächen einander berühren, so daß keine Nahrungs- 
reste dazwischen bleiben können). Ihre Schwester beklagte sich 
jetzt darüber, daß sie auf diese Untersuchung so lange warten 
mußte, und sagte im Scherze: ,Jetzt behandelt sie wohl eine 
Kollegin, aber ihre Schwester muß noch immer warten/ — Die 
Zahnärztin untersucht sie jetzt, findet wirklich ein kleines Loch 
in dem. einen Backenzahn und sagt: ,Ich dachte nicht, daß es so 
schlimm war; ich dachte, daß du nur kein Kontant 
hättest... kein Kontakt hättest.* — ,Siehst du wohl,* 
rief ihre Schwester lachend, ,daß es nur wegen deiner Habsucht 
ist, daß du mich soviel länger warten läßt als deine zahlenden 
Patienten?!'" — 

(„Ich darf selbstverständlich meine eigenen Einfälle nicht 'den 
ihrigen hinzufügen oder daraus Schlüsse ziehen, aber beim 
Vernehmen dieser Versprechung ging mein Gedankengang sofort 
dahin, daß diese zwei lieben und geistreichen jungen Frauen 
unverheiratet sind und auch sehr wenig mit jungen Mäimern 
umgehen, und icli fragte mich selbst, ob sie mehr Kontakt mit 
jungen Leuten haben würden, wenn sie mehr Kontant hätten.") 

Den Wert eines Selbstverrates hat auch nachstehendes, von 
Th. Reik (1. c.) mitgeteiltes Versprechen: 

„Ein junges Mädchen sollte einem ihr unsympatliischen jungen 
Manne verlobt werden. Um die beiden jungen Leute einander 
näherzubringen, verabredeten deren Eltern eine Zusammenkunft, 
der auch Braut und Bräutigam in spe beiwohnten. Das junge 
Mädchen besaß Selbstüberwindung genug, ihren Freier, der sich 
sehr galant gegen sie benahm, ihre Abneigung nicht merken zu 
lassen. Doch auf die Frage ihrer Mutter, wie ihr der junge Mann 
gefiele, antwortete sie höflich: ,Gut. Er ist sehr liebenswidrig!'" 

Nicht minder aber ein anderes, das O. Rank als „witziges 
Versprechen" beschreibt. 

„Einer verheirateten Frau, die gern Anekdoten hört und von 
der man behauptet, daß sie auch außerehelichen Werbungen 



102 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



. 



nicht abhold sei, wenn sie durch entsprechende Geschenke unter- 
stützt werden, erzähU ein junger Mann, der sich auch um ihre 
Gunst bewirbt, nicht ohne Absicht die folgende altbekannte 
Geschiclite. Von zw^ei Geschäftsfreunden bemüht sich der eine 
um die Gunst der etwas spröden Frau seines Kompagnons} 
schließlich will sie ihm diese gegen ein Geschenk von tausend 
Gulden gewähren. Als nun ihr Mann verreisen will, borgt sich 
sein Kompagnon von ihm tausend Gulden aus und verspricht sie 
noch am nächsten Tage seiner Frau zurückzustellen. Natürlich 
gibt er dann diesen Betrag als vermeintlichen Liebeslohn der 
Frau, die sich schließlich noch entdeckt glaubt, als ihr zurück- 
gekehrter Mann die tausend Gulden verlangt und zum. Schaden 
noch den Schimpf hat. — Als der junge Mann in der Erzählung 
dieser Geschichte bei der Stelle angelangt war, wo der Verführer 
zum Kompagnon sagt: ,Ich werde das Geld morgen deiner Frau 
zurückgeben', unterbrach ihn seine Zuhörerin mit den viel- 
sagenden Worten: ,Sagen Sie, haben Sie mir das nicht schon — 
zurückgegeben? Ah, pardon, ich wollte sagen — erzählt?* 
— Sie könnte ihre Bereitwilligkeit, sich unter denselben Bedingungen 
hinzugeben, kaum deutlicher kundgeben, ohne sie direkt 
auszusprechen." (Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse,!, 1914,.) 

Einen schönen Fall von solchem Selbstverrat mit harmlosem 
Ausgang berichtet V. Tausk unter dem Titel „Der Glauben der 
Väter": „Da meine Braut Christin war", erzählte Herr A., „und 
nicht zum Judentum übertreten wollte, mußte ich selbst vom 
Judentum zum Christentum übertreten, um heiraten zu können. 
Ich wechselte die Konfession nicht ohne inneren Widerstand, aber 
das Ziel schien mir den Konfessionswechsel zu rechtfertigen, und 
dies um so eher, als ich nur eine äußere Zugehörigkeit zum 
Judentum, keine religiöse Überzeugung, da ich eine solche nicht 
besaß, abzulegen hatte. Ich habe mich trotzdem später immer 
zum Judentum bekannt und wenige meiner Bekannten wissen, 
daß ich getauft bin. Aus dieser Ehe entstammen zwei Söhne, die 



V, Das Versprechen 103 



christlich getauft wurden. Als die Knaben entsprechend hei'an- 
gewachsen waren, erfuhren sie von ihrer jüdischen Abstammung, 
damit sie sich nicht, durch antisemitische Einflüsse der Schule 
bestimmt, aus diesem überflüssigen Grunde gegen den Vater 
kehrten. — Vor einigen Jahren wohnte ich mit den Kindern, 
die damals die Volksschule besuchten, zur Sommerfrische in D. 
bei einer Lehrerfamilie. Als wir eines Tages mit unseren, übrigens 
freundlichen Wirtsleuten bei der Jause saiBen, machte die Frau 
des Hauses, da sie von der jüdischen Herkunft ihrer Sommer- 
partei nichts ahnte, einige recht scharfe Ausfälle gegen die Juden. 
Ich hätte nun tapfer die Situation deklarieren sollen, um meinen 
Söhnen das Beispiel vom ,Mut der Überzeugung* zu geben, 
fürchtete aber die unerquicklichen Auseinandersetzungen, die einem 
solchen Bekenntnis zu folgen pflegen. Außerdem bangte mir 
davor, die gute Unterkunft, die wir gefunden liatten, eventuell 
verlassen zu müssen und mir und meinen Kindern so die ohne- 
hin kurz bemessene Erholungszeit zu verderben, falls unsere 
Wirtsleute ihr Benehmen gegen uns, weil wir Juden waren, in 
unfreundlicher Weise verändern sollten. Da ich jedoch erwarten 
durfte, daß meine Knaben in freimütiger Weise und unbefangen 
die folgenschwere Wahrheit verraten würden, wenn sie noch 
länger dem Gespräche beiwohnten, wollte ich sie aus der Gesell- 
schaft entfernen, indem ich sie in den Garten schickte. ,Geht in 
den Garten, Juden — ,* sagte ich und korrigierte schnell : 
yTungen*. Womit ich also durch eine Fehlleistung meinem , Mut 
der Überzeugung* zum Ausdruck verhalf. Die anderen hatten 
zwar aus diesem Versprechen keine Konsequenzen gezogen, weil 
sie ihm keine Bedeutung zumaßen, ich aber mußte die Lehre 
ziehen, daß der ,Glauben der Väter' sich nicht ungestraft verleugnen 
läßt, wenn man ein Sohn ist und Söhne hat." (Internat. Zeitsclir. 
f. Psychoanalyse, IV. 1916. 

Keineswegs harmlos wirkt folgender Fall von Versprechen, den 
ich nicht mitteilen würde, wenn ihn nicht der Gerichtsbeamte 




104 Z"'' Psychopathologie des Alltagslebens 



selbst während des Verhörs für diese Sammlung aufgezeichnet 
hätte: 

Ein des Einbruchs beschuldigter Volkswehrmann sagt aus: „Ich 
wurde seither aus dieser militärischen D i e b s Stellung noch nicht 
entlassen, gehöre also derzeit noch der Volkswehr an." 

Erheiternd wirkt das Versprechen, wenn es als Mittel benützt 
wird, um während eines Widerspruches zu bestätigen, was dem 
Arzte in der psychoanalytischen Arbeit sehr willkommen sein 
mag. Bei einem meiner Patienten hatte ich einst einen Traum 
zu deuten, in welchem der Name J a u n e r vorkam. Der Träumer 
kannte eme Person dieses Namens, es ließ sich aber nicht finden, 
weshalb diese Person in den Zusammenhang des Traumes 
aufgenommen war, und darum wagte ich die Vermutung, es 
könne bloß wegen des Namens, der an den Schimpf Gauner 
ankhnge, geschehen sein. Der Patient widersprach rasch und 
energisch, versprach sich aber dabei und bestätigte meine 
Vermutung, indem er sich der Ersetzung ein zweitesmal bediente. 
Seine Antwort lautete; „Das erscheint mir doch zu je wagt." 
Als ich ihn auf das Versprechen aufmerksam machte, gab er 
meiner Deutung nach. 

Wenn im ernsthaften Wortstreit ein solches Versprechen, 
welches die Redeabsicht in ihr Gegenteil verkehrt, sich dem 
einen der beiden Streiter ereignet, so setzt es ihn sofort in Nach- 
teil gegen den anderen, der es selten versäumt, sich seiner 
verbesserten Position zu bedienen. 

Es wird dabei klar, daß die Menschen ganz allgemein dem 
Versprechen wie anderen Fehlleistungen dieselbe Deutung geben, 
wie ich sie in diesem Buche vertrete, auch wenn sie sich in der 
Theorie nicht für diese Auffassung einsetzen, und wenn sie für 
ihre eigene Person nicht geneigt sind, auf die mit der Duldung 
der Fehlleistungen verbundene Bequemhchkeit zu verzichten. Die 
Heiterkeit und der Hohn, die solches Fehlgehen der Rede im 
entscheidenden Moment mit Gewißheit hervorrufen, zeugen gegen 



V, Das Versprechen 105 



die angeblich allgemein zugelassene Konvention, ein Versprechen 
sei ein Lapsus linguae und psychologisch bedeutungslos. Es war 
kein geringerer als der deutsche Reichskanzler Fürst B ü 1 o w 
der durch solchen Einspruch die Situation zu retten versuchte, 
als ihm der Wortlaut seiner Verteidigungsrede für seinen 
Kaiser (November 1 907) durch ein Versprechen ins Gegenteil 
umschlug. 

„Was nun die Gegenwart, die neue Zeit Kaiser Wilhelms II., 
angeht, so kann ich nur wiederholen, was ich vor einem Jahre 
gesagt habe, daß es unbillig und ungerecht wäre, von 
einem Ring verantwortlicher Ratgeber um unseren 
Kaiser zu sprechen... (Lebhafte Zurufe: Unverantwortlicher), 
unverantwortlicher Ratgeber zu sprechen. Verzeihen Sie 
den Lapsus Unguae." (Heiterkeit.) 

Indes, der Satz des Fürsten Bülow wai- durch die Häufung 
der Negationen einigermaßen undurchsichtig ausgefallen; die 
Sympathie für den Redner und die Rücksicht auf seine schwierige 
Stellung wirkten dahin, daß dies Versprechen nicht weiter gegen 
ihn ausgenützt wurde. Schlimmer erging es ein Jahr später an 
demselben Orte einem anderen, der zu einer rückhaltlosen 
Kundgebung an den Kaiser auffordern wollte und dabei durch 
ein böses Versprechen an andere in seiner loyalen Brust wohnende 
Gefühle gemahnt wurde; 

„Lattmann (Deutschnational): Wir stellen uns bei der 
Frage der Adresse auf den Boden der Geschäftsordnung 
des Reiclistages. Danach hat der Reichstag das Recht, eine solche 
Adresse an den Kaiser einzureichen. Wir glauben, daß der einheit- 
liche Gedanke und der Wunsch des deutschen Volkes dahin geht, 
eine einheitliche Kundgebung auch in dieser Angelegen- 
heit zu erreichen, und wenn wir das in einer Form tun können, 
die den monarchischen Gefühlen durchaus Rechnung trägt, so 
sollen wir das auch rückgratlos tun. (Stürmische Heiterkeit, 
die minutenlang anhält.) Meine Herren, es hieß nicht rückgrat- 




1 o6 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

los, sondern rückhaltlos (Heiterkeit), und solche rückhaltlose 
Äußerung des Volkes, das wollen wir hoffen, nimmt auch unser 
Kaiser in dieser schweren Zeit entgegen. 

Der „Vorwärts" vom is, November 1908 versäumte es nicht, 
die psychologische Bedeutung dieses Versprechens aufzuzeigen: „Nie 
ist wohl je in einem Parlament von einem Abgeordneten in unfrei- 
williger Selbstbezichtigung seine und der Parlamentsmehrheit 
Haltung gegenüber dem Monarchen so treifend gekennzeichnet 
worden, wie das dem Antisemiten Lattmann gelang, als er am 
zweiten Tage der Interpellation mit feierlichem Pathos in das 
Bekenntnis entgleiste, er und seine Freunde wollten dem Kaiser 
rückgratlos ihre Meinung sagen. — Stürmische Heiterkeit auf 
allen Seiten erstickte die weiteren Worte des Unglücklichen, der 
es noch für notwendig hielt, ausdrücklich entschuldigend zu 
stammeln, er meine eigentlich ,rück haltlos'." 

Ich füge noch ein Beispiel an, in dem das Versprechen den 
gerade unheimlichen Charakter einer Prophezeiung bekam: Im 
Frühjahr 1925 erregte es in der internationalen Finanzwelt großes 
Aufsehen, daß der ganz junge Bankier X., von den „neuen 
Reichen" in W. wohl einer der Neuesten, jedenfalls der Reichste 
und der an Jahren Jüngste, nach kurzem Majoritätskampfe in den 
Besitz der Aktienmajorität der * * * Bank gelangte, was auch zur 
Folge hatte, daß in einer bemerkenswerten Generalversanrunlung 
die alten Leiter dieses Instituts, Finanzleute alten Schlages, nicht 
wiedergewählt wurden und der junge X. Präsident der Bank; 
wurde. In der Abschiedsrede, die dann das Verwaltungsratmitglied 
Dr. Y. für den nicht wiedergewählten alten Präsidenten hielt, fiel 
manchem Zuhörer ein wiederholtes peinliches Versprechen des 
Rednei-s auf. Es sprach immerfort vom dahinscheidenden 
(statt: dem ausscheidenden) Präsidenten. — Es ereignete sich dann, 
daß der nicht wiedergewählte alte Präsident einige Tage nach 
dieser Versammlung starb. Er hatte aber das Alter von 80 Jahren 
überschritten ! (S t o r f e r.) 



V. Das Versprecliert 107 



Ein schönes Beispiel von Versprechen, welches nicht so sehr 
den Verrat des Redners als die Orientierung des außer der Szene 
stehenden Hörers bezweckt, findet sich im Wallenstein (Piccolo- 
mini, I. Aufzug, 5. Auftritt) und zeigt uns, daß der Dichter, 
der sich hier dieses Mittels bedient, Mechanismus und Sinn des 
Versprechens wohl gekannt hat. Max Piccolomini hat in der vor- 
hergehenden Szene aufs leidenschaftlichste für den Herzog Partei 
genommen und dabei von den Segnungen des Friedens geschwärmt, 
die sich ihm auf seiner Reise enthüllt, während er die Tochter 
Wallensteins ins Lager begleitete. Er läßt seinen Vater und den 
Abgesandten des Hofes, Questenberg, in voller Bestürzung zurück. 
Und nun geht der fünfte Auftritt weiter: 

QUESTENBERG; O weh uns! Steht es so? 

Freund, und wir lassen ihn in diesem Wahn 

Dahingehen, rufen ihn nicht gleich 

Zurück, daß wir die Augen auf der Stelle 

Ihm Öffnen? 
OCTAVIO (aus einem tiefen Nachdenken zu sich kommend): 
Mir hat er sie jetzt geöffnet, 

Und mehr erblick' ich, als mich freut. 
QUESTENBERG: Was ist, Freund? 

OCTAVIO: Fluch Über diese Reise I 

QPESTENBERG: Wieso? Was ist es? 
OCTAVIO: Kommen Siel Ich muß 

Sogleich die unglückselige Spur verfolgen, 

Mit meinen Augen sehen — kommen Sie — 

(will ihn fortfi'Jiren). 
QUESTENBERG: Was denn? Wohin? 
OCTAVIO (pressiert): Zu ihrl 

QUESTENBERG: Zu — 
OCTAVIO (korrigiert sich): Zum Herzog! Gehen wir! usw. 

Dies kleine Versprechen „zu ihr" anstatt „zu ihm" soll uns 
verraten, daß der Vater das Motiv der Parteinahme seines Sohnes 
durchschaut hat, während der Höfling klagt: „daß er in lauter 
Rätseln zu ihm rede". 



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108 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

Ein anderes Beispiel von poetischer Verwertung des Versprechens 
hat Otto Rank bei Shakespeare entdeckt. Ich zitiere Ranks 
Mitteilung nach dem Zentralblatt für Psychoanalyse, I, 5: 

„Ein dichterisch überaus fein motiviertes und technisch glänzend 
verwertetes Versprechen, welches wie das von Freud im 
„Wallenstein" aufgezeigte verrät, daß die Dichter Mechanismus 
und Sinn dieser Fehlleistung w^ohl kennen und deren Verständnis 
auch beim Zuhörer voraussetzen, findet sich in Shakespeares 
„Kaufmann von Venedig" (III. Aufzug, o. Szene). Die durch 
den Willen ihres Vaters an die Wahl eines Gatten durch das Los 
gefesselte Porzia ist bisher allen ihren unliebsamen Freiern durch das 
Glück des Zufalls entronnen. Da sie endlich in Bassanio den Bewerber 
gefunden hat, dem, sie wirklich zugetan ist, muß sie fürchten, daß 
auch er das falsche Los ziehen werde. Sie möchte ihm nun am liebsten 
sagen, daß er auch in diesem Fall ihrer Liebe sicher sein könne, ist 
aber durch ihr Gelübde daran gehindert. In diesem inneren Zwiespalt 
läßt sie der Dichter zu dem willkommenen Freier sagen; 

Ich bitt' Euch, wartet; ein, zwei Tage noch. 

Bevor Ihr wagt: denn wählt Ihr falsch, so büße 

Ich Euern Umgang ein; darum verzieht. 

Ein Etwas sagt mir (dochesistnichtLiebe), 

Ich möcht' Euch nicht verlieren ; — — — 

— — — Ich könnt' Euch leiten 

Zur rechten Wahl, dann brach' ich meinen Eid; 

Das will ich nicht; so könnt Ihr mich verfehlen. 

Doch wenn Ihr's tut, macht Ihr mich sündlich wünschen. 

Ich hätt' ihn nur gebrochen. O, der Augen, 

Die mich so übersehn und mich geteilt! 

Halb bin ich Euer, die andre Hälfte Euer — 

Mein wollt ich sagen; doch wenn mein, dann Euer, 

Und so ganz Euer. 

(Nach der ITbersetzimg von Schlegel und T i e c k.) 

Gerade das, was sie ihm also bloß leise andeuten möchte, weil 
sie es eigentlich ihm überhaupt verschweigen sollte, daß sie nämlich 
schon vor der Wahl ganz die Seine sei und ihn liebe, das läßt 



V. Das Versprechen loq 



der Dichter mit bewundernswertem psychologischen Feingefühl in 
dem Versprechen sich offen durchdrängen und weiß durch diesen 
Kunstgriff die unerträgliche Ungewißheit des Liebenden sowie die 
gleichgestimmte Spannung des Zuhörers über den Ausgang der 
Wahl zu beruhigen." 

Bei dem Interesse, welche solche Parteinahme der großen Dichter 
für unsere Auffassung des Versprechens verdient, halte ich es für 
gerechtfertigt, ein drittes solches Beispiel anzuführen, welches 
von E. Jones mitgeteilt worden ist*: 

„Otto Rank macht in einem unlängst publizierten Aufsatz 
auf ein schönes Beispiel aufmerksam, in welchem Shakespeare eine 
seiner Gestalten, die Porzia, ein ,Versprechen' begehen läßt, durch 
welches ihre geheimen Gedanken einem aufmerksamen Hörer 
offenbar werden. Ich habe die Absicht, ein ähnliches Beispiel aus 
,The Egoist', dem Meisterwerke des größten englischen Roman- 
schriftstellers, George Meredith, zu erzählen. Die Handlung des 
Romans ist kurz folgende: Sir Willoughby Patterne, ein von seinem 
Kreise sehr bewunderter Aristokrat, verlobt sich mit einer Miß 
Konstantia Durham. Sie entdeckt in ihm einen intensiven Egoismus 
den er jedoch vor der Welt geschickt verbirgt, und geht, um der 
Heirat zu entrinnen, mit einem Kapitän namens Oxford durch. 
Einige Jahre später verlobt er sich mit einer Miß Klara Middleton. 
Der größte Teil des Buches ist nun mit der ausführlichen 
Beschreibung des :^onfliktes erfüllt, der in Klara Middletons Seele 
entsteht, als sie in ihrem Verlobten denselben hervorstechenden 
Charakterzug entdeckt. Äußere Umstände und ihr Ehrbegriff fesseln 
sie an ihr gegebenes Wort, während ihr Bräutigam ihr immer 
verächtlicher erscheint. Teilweise macht sie Vernon Whitford, 
dessen Vetter und Sekretär (den sie zuletzt auch heiratet), zum 
Vertrauten, Er jedoch hält sich aus Loyalität Patterne gegenüber 
und aus anderen Motiven zurück. 

i) Ein Beispiel von literarischer Verwertung des Versprechens. Zentralbl. f. Psycho- 
analyse, T, 10. 




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110 Zwr Psychopathologie des Alltagslebens 

In einem Monolog über ihren Kummer spricht Klara folgender- 
maßen: jWenn doch ein edler Mann mich sehen könnte, wie ich 
bin, und es nicht zu gering erachtete, mir zu helfen! Oh! befreit 
zu werden aus diesem Kerker von Dornen und Gestrüpp. Ich 
kann mir allein meinen Weg nicht bahnen. Ich bin ein Feigling. 
Ein Fingerzeig^ — ich glaube, er würde mich verändern. Zu einem 
Kameraden könnt' ich fliehn, blutig zerrissen und umbraust von 
Verachtung und Geschrei . . . Konstantia begegnete einem Soldaten. 
Vielleicht betete sie, und ihr Gebet ward erhört. Sie tat nicht 
recht. Aber, oh, wie lieb' ich sie darum. Sein Name war Hai^ry 
Oxford . . . Sie schwankte nicht, sie riß die Ketten, sie ging offen 
zu dem andern über. Tapferes Mädchen wie denkst du über mich? 
Ich aber habe keinen Harry Whitford, ich bin allein.' — — 

Die plötzliche Erkenntnis, daß sie einen anderen Namen für 
Oxford gebraucht habe, traf sie wie ein Faustschlag und über- 
goß sie mit flammender Röte. 

Die Tatsache, daß die Namen beider Männer mit ,ford' endigen, 
erleichtert das Verwechseln der beiden offensichtlich und würde von 
vielen als ein hinreichender Grund dafür angesehen werden. Der 
wahre tieferhegende Grund jedoch ist von dem Dichter klar aus- 
geführt. 

An einer anderen Stelle kommt dasselbe Versprechen wieder vor 
Es folgt ihm jene spontane Unschlüssigkeit und jener plötzliche 
Wechsel des Themas, mit denen uns die Psychoanalyse und Jungs 
Werk über die Assoziationen vertraut machen, und die nur ein- 
treten, wenn ein halbbewußter Komplex berührt wird. Patterne 
-sagt in patronisierendem Tone von Whitford : ,Falscher Alarm ! 
Der gute alte Vernon ist gar nicht imstande, etwas Ungewöhn- 
liches zu tun.^ Klara antwortet: ,Wenn aber nun Oxford — 
Whitford. . . da — Ihre Schwäne kommen gerade den See 



1 



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i) Anmerkung des Übersetzers: Ich wollte ursprünglich das Orginal beckoning of 
M finger mit „leiser Wink" übersetzen, bis mir klar wurde, daß ich durch Lfnter- 
.ßcJilagung des Wortes „Finger" den Satz einer psychologischen Feinheit beraube. 



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V, Das Versprechen wx 



durchsegelnd; wie schön sie aussehen, wenn sie indigniert sind! 
Was ich Sie eben fragen wollte. Männer, die Zeugen einer offen- 
sichtlichen Bewunderung für jemand anderen sind, werden wohl 
natürlicherweise entmutigt?* Sir Willoughby traf eine plötzliche 
Erleuchtung, er richtete sich steif auf. 

Noch an einer anderen Stelle verrät Klara durch ein anderes 
Versprechen ihren geheimen Wunsch nach einer innigeren Ver- 
bindung mit Vernon Whitford. Zu einem Burschen sprechend, sagt 
sie: jSage abends dem Mr. Vernon — sage abends dem Mr. Whit- 
ford .. . uswV" 

Die hier vertretene Auffassung des Versprechens hält übrigens 
der Probe an dem Kleinsten stand. Ich habe wiederholt zeigen 
können, daß die geringfügigsten und naheliegendsten Fälle von 
Redeirrung ihren guten Sinn haben und die nämliche Lösung zu- 
lassen wie die auffälligeren Beispiele. Eine Patientin, die ganz gegen 
meinen Willen, aber mit starkem eigenen Vorsatz einen kurzen 
Ausflug nach Budapest unternimmt, rechtfertigt sich vor mir, sie 
gehe ja nur für drei Tage dahin, verspricht . sich aber und sagt: 
nur für drei Wochen, Sie verrät, daß sie mir zum Trotze lieber 
drei Wochen als drei Tage in jener Gesellschaft bleiben will, die 
ich als unpassend für sie erachte. — Ich soll mich eines Abends 
entschuldigen, daß ich meine Frau nicht vom Theater abgeholt, 
und sage: Ich war zehn Minuten nach lo Uhr beim Theater. 
Man korrigiert mich: Du willst sagen: vor lo Uhr. Natürlich 
wollte ich vor lo Uhr sagen. Nach lo Uhr wäre ja keine Ent- 
schuldigung. Man hatte mir gesagt, auf dem Theaterzettel stehe: 
Ende vor lo Uhr. Als ich beim Theater anlangte, fand ich das 
Vestibül verdunkelt und das Theater entleert. Die Vorstellung war 
eben früher zu Ende gewesen, und meine Frau hatte nicht auf 



i) Andere Beispiele von Versprechen, die nach des Dichters Absicht als sinnvoll 
meist als Selbstverrat, aufgefaßt werden sollen, finden sich bei Shakespeare in 
Richard 11. (IT, al, bei Schiller im Don Carlos (II, 8, Versprechen der Eboli). Es 
wäre gewiß ein leichtes, diese Liste zu vervollständigen. 



112 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



mich gewartet. Als ich auf die Uhr sah, fehlten noch fünf Minuten 
zu 1 o Uhr. Ich nahm mir' aber vor, meinen Fall zu Hause günstiger 
darzustellen und zu sagen, es hätten noch zehn Minuten zur zehnten 
Stunde gefehlt. Leider verdarb mir das Versprechen die Absicht 
und stellte meine Unaufrichtigkeit bloß, indem es mich selbst mehr 
bekennen ließ, als ich zu bekennen hatte. 

Man gelangt von hier aus zu jenen Redestörungen, die nicht 
mehr als Versprechen beschrieben werden, weil sie nicht das ein- 
zelne Wort, sondern Rhythmus und Ausführung der ganzen Rede 
beeinträchtigen, wie z. B. das Stammeln und Stottern der Verlegen- 
heit. Aber hier wie dort ist es der innere Konflikt, der uns durch 
die Störung der Rede verraten wird. Ich glaube wirklich nicht, 
daß jemand sich versprechen w^ürde in der Audienz bei Seiner 
Majestät, in einer ernstgemeinten Liebeswerbung, in einer Ver- 
teidigungsrede um Ehre und Namen vor den Geschworenen, kurz 
in all den Fällen, in denen man ganz dabei ist, wie wir so 
bezeichnend sagen. Selbst bis in die Schätzung des Stils, den ein 
Autor schreibt, dürfen wir und sind wir gewöhnt, das Erklärungs- 
prinzip zu tragen, welches wir bei der Ableitung des einzelnen 
Sprechfehlers nicht entbehren können. Eine klare und unzweideutige 
Schreibweise belehrt uns, daß der Autor hier mit sich einig ist, 
und wo wir gezwungenen und gewundenen Ausdruck finden, der, 
wie so richtig gesagt wird, nach mehr als einem Scheine schielt, 
da können wir den Anteil eines nicht genugsam erledigten, kom- 
plizierenden Gedankens erkennen oder die erstickte Stimme der 
Selbstkritik des Autors heraushören\ 

Seit dem ersten Erscheinen dieses Buches haben fremdsprachige 
Freunde und Kollegen begonnen, dem Versprechen, das sie in den 
Ländern ihrer Zunge beobachten konnten, ihre Aufmerksamkeit 







Ce (ju'on von^it bien 
S'annonce clalrement 
Et Us mots pour U dire 
Arrivent aisement. 



B o i 1 e a u, Art po^tique. 



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V^ Das Versprechen 1 1 g 



zuzuwenden. Sie haben, wie zu erwarten stand, gefunden, daß die 
Gesetze der Fehlleistung vom Sprachmaterial unabhängig sind, und 
haben dieselben Deutungen vorgenommen, die hier an Beispielen 
von Deutsch redenden Personen erläutert wurden. Ich führe nur 
ein Beispiel anstatt ungezählt vieler an: 

Dr. A. A. Brill (New York) berichtet von sich: A friend descri- 
bed to me a nervous patient and wished to know ivhether I could 
benefit Mm. I remarked^ I believe that in time I could remove all his 
Symptoms by psycho-analysis because it is a durable case wishing 
to say „curable^^! (A contribution to the Psychopath ology of 
Everyday Life. Psychotherapy, Vol. III, Nr. i, 1909.) 

Schließlich will ich für diejenigen Leser, die eine gewisse 
Anstrengung nicht scheuen und denen die Psychoanalyse nicht 
fremd ist, ein Beispiel anfügen, aus dem zu ersehen ist, in 
welche seelischen Tiefen auch die Verfolgung eines Versprechens 
führen kann. 

Dr. L- J e k e 1 s berichtet : „ Am 1 1 . Dezember werde ich von 
einer njir befreundeten Dame in polnischer Sprache etwas heraus- 
fordernd und übermütig mit den W^orten apostrophiert: ,Waruni 
habe ich heute gesagt, daß ich zwölf Finger habe?' 
— Sie reproduziert nun über meine Aufforderung die Szene, in 
der die Bemerkung gefallen ist. Sie habe sich angeschickt, mit 
der Tochter auszugehen, um einen Besuch zu machen, habe ihre 
Tochter, eine in Remission befindliche Dementia praecox, auf- 
gefordert, die Bluse zu wechseln, was diese im anstoßenden 
Zimmer auch getan hat. Als die Tochter wieder eintrat, fand sie 
die Mutter mit dem Reinigen der Nägel beschäftigt; und da 
entwickelte sich folgendes Gespräch: 

Tochter: ,Nun siehst du, ich bin schon fertig und du noch 

nicht!' 

Mutter: ,Du hast ja aber auch nur eine Bluse und ich 

zwölf Nägel.* 
Tochter: ,Was?* 

Freud, IV. 8 



1 1 4 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



Mutter (ungeduldig): ,Nun natürlich, ich habe ja doch 
zwölfFinger,' 

Die Frage eines die Erzählung mitanhörenden Kollegen, was 
ihr zu zwölf einfalle, wird ebenso prompt wie bestimmt 
beantwortet : ,Zwölf ist für mich kein Datum (von 
Bedeutung)/ 

Zu Finger wird unter einem leichten Zögern die Assoziation 
geliefert; ,In der Familie meines Mannes kamen sechs Finger an 
den Füßen (im Polnischen gibt es keinen eigenen Ausdruck 
für Zehe) vor. Als unsere Kinder zur Welt kamen, wurden 
sie sofort darauf untersucht, ob sie nicht sechs Finger haben.' 
Aus äußeren Ursachen wurde an diesem Abend die Analyse 
nicht fortgesetzt. 

Am nächsten Morgen, dem 12. Dezember, besucht mich die 
Dame und erzählt mir sichtlich erregt: ,Denken Sie, was mir 
passiert istj seit etwa 20 Jahren gratuliere ich dem alten Onkel 
meines Mannes zu seinem Geburtstag, der heute fälüg ist, schreibe 
ihm immer am n. einen Brief j und diesmal habe ich es ver- 
gessen und mußte soeben telegraphieren.' 

Ich erinnere mich und die Dame, mit welcher Bestimmtheit sie 
am gestrigen Abend die Frage des Kollegen nach der Zahl Zwölf 
die doch eigentlich sehr geeignet war, ihr den Geburtstag in 
Erinnerung zu bringen, abgetan hat mit der Bemerkung, der 
Zwölfte sei für sie kein Datum von Bedeutung. 

Nun gesteht sie, dieser Onkel ihres Mannes sei ein Erbonkel 
auf dessen Erbschaft sie eigentlich immer gerechnet habe, ganz i 
besonders in ihrer jetzigen bedrängten finanziellen Lage. j 

So sei er, respektive sein Tod, ihr sofort in den Sinn gekommen, als : 
ihr vor einigen Tagen eine Bekannte aus Karten prophezeit habe, | 
sie werde viel Geld bekommen. Es schoß ihr sofort durch den | 
Kopf, der Onkel sei der einzige, von dem sie, respektive ihre 1 
Kinder, Geld erhalten könnten; auch erinnerte sie sich bei dieser \ 
Szene augenblicklich, daß schon die Frau dieses Onkels versprochen 



I 
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1 



V, Das Versprechen 115 



habe, die Kinder der Erzählerin testamentarisch zu bedenkenj nun 
ist sie aber ohne Testament gestorben^ vielleicht hat sie ihrem 
Manne den bezüglichen Auftrag gegeben. 

Der Todeswunsch gegen den Onkel muß offenbar sehr intensiv 
aufgetreten sein, wenn sie der ihr prophezeienden Dame gesagt 
hat: ,Sie verleiten die Leute dazu, andere umzubringen.' 

In diesen vier oder fünf Tagen, die zwischen der Prophezeiung 
und dem Geburtstage des Onkels lagen, suchte sie stets in den i 

im Wohnorte des Onkels erscheinenden Blättern die auf seinen -\ 

Tod bezügliche Parte. ; 

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Kein Wunder somit, daß bei so intensivem Wunsche nach - 

seinem Tode, die Tatsache und das Datum seines demnächst zu \ 

feiernden Geburtstages so stark unterdrückt wurden, daß es nicht 
bloß zum Vergessen eines sonst seit Jaliren ausgeführten Vorsatzes . i 

gekommen ist, sondern auch, daß sie nicht einmal durch die Frage 
des Kollegen ins Bewußtsein gebracht wurden. 

In dem Lapsus ,zwÖlf Finger* hat sich nun die unterdrückte 
Zwölf durchgesetzt und hat die Fehlleistung mitbestimmt. 

Ich meine: mitbestimmt, denn die auffällige Assoziation zu 
Finger* läßt uns noch weitere Motivierungen ahnen j sie erklärt 
uns auch, warum der Zwölfer gerade diese so harmlose Redensart 
von den zehn Fingern verfälscht hat. 

Der Einfall lautete: ,In der Familie meines Mannes kamen ^ 

sechs Finger an den Füßen vor.' fl 

Sechs Zehen sind Merkmale einer gewissen Abnormität, somit 
sechs Finger ein abnormes Kind und 

zwölf Finger zwei abnorme Kinder. 

Und tatsächlich traf dies in diesem Falle zu. 

Die in sehr jungem Alter verheiratete Frau hatte als einzige 
Erbschaft nach ihrem Manne, der stets als exzentrischer, abnormer 
Mensch galt und sich nach kurzer Ehe das Leben nahm, zwei 
Kinder, die wiederholt von Ärzten als väterlicherseits schwer 
hereditär belastet und abnorm bezeichnet wurden. 



6* 



] 1 6 Zur Psychopathologie des Alltagslebe?is 

Die ältere Tochter ist nach einem schweren katatonen Anfall 
vor kurzem nach Hause zurückgekehrt; bald nachher erkrankte 
auch die jüngere, in der Pubertät befindliche Tochter an einer 
schweren Neurose. 

Daß die Abnormität der Kinder hier zusamm(;ngestellt wird 
mit dem Sterbewunsche gegen den Onkel und sich mit diesem 
ungleich stärker unterdrückten und psychisch valenteren Element 
verdichtet, läßt uns als zweite Determinierung dieses Versprechens 
den Todeswunsch gegen die abnormen Kinder 
annehmen. 

Die prävalierende Bedeutung des Zwölfers als Sterbewunsch 
erhellt aber schon daraus, daß in der Vorstellung der Erzählenden 
der Geburtstag des Onkels sehr innig assoziiert war mit dem 
Todesbegriffe. Denn ihr Mann hat sich am 15. das Leben 
genommen, also einen Tag nach dem Geburtstag ebendesselben 
Onkels, dessen Frau zu der jungen Witwe gesagt hatte: , Gestern 
gratulierte er noch so herzlich und lieb, — und heute!' 

Femer will ich noch hinzufügen, daß die Dame auch genug 
reale Gründe hatte, den Kindern den Tod zu wünschen, von 
denen sie gar keine Freude erfuhr, sondern nur Kummer 
und arge Einschränkungen ihrer Selbstbestimmung zu leiden 
hatte, und denen ■ zuliebe sie auf jegliches Liebesglück verzichtet 
hatte. 

Auch diesmal war sie außerordentlich bemüht, jeglichen Anlaß 
zur Verstimmung der Tochter, mit der sie zu Besuch ging, zu 
vermeiden; und man kann sich vorstellen, welchen Aufwand an 
Geduld und Selbstverleugnung einer Dementia praecox gegenüber 
dies verlangt, und wie viele Wutregungen dabei unterdrückt 
werden müssen. 

Demzufolge würde der Sinn der Fehlleistung lauten: 
Der Onkel soll sterben, diese abnormen Kinder sollen sterben 
(sozusagen diese ganze abnorme Familie), und ich soll das Geld 
von ihnen haben. 



V, Das Versprechen 117 



Diese Fehlleistung besitzt nach meiner Ansicht mehrere Merk- i 

male einer ungewöhnlichen Struktur, und zwar: 

a) Das Vorhandensein von zwei Determinanten, die in einem 
Element verdichtet sind. 

b) Das Vorhandensein der zwei Determinanten spiegelt sich in 
der Doppelung des Versprechens (zwölf Nägel, zwölf Finger). 

c) Auffällig ist, daß die eine Bedeutung des Zwölfers, nämlich 
die die Abnormität der Kinder ausdrückenden zwölf Finger, eine 
indirekte Darstellung repräsentiert j die psychische Abnormität 
wird hier durch die physische, das Oberste durch das Unterste 
dargestellt"'. 



il Internat. Zeitsclir. f. Psychoanalyse, I, 1915. 



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VI 

VERLESEN UND VERSCHREIBEN 

Daß für die Fehler im Lesen und Schreiben die nämlichen 
Gesichtspunkte und Bemerkungen Geltung haben wie für die 
Sprechfehler, ist bei der inneren Verwandtschaft dieser Funktionen 
nicht zu verwundern. Ich werde mich hier darauf beschränken, 
einige sorgfältig analysierte Beispiele mitzuteilen, und keinen 
Versuch unternehmen, das Ganze der Erscheinungen zu umfassen. 

A) VERLESEN 
i) Ich durchblättere im Kaffeehaus eine Nummer der „Leipziger 
Illustrierten", die ich schräg vor mir halte, und lese als Unter- 
schrift ehies sich über die Seite erstreckenden Bildes: Eine Hoch- 
zeitsfeier in der Odyssee. Aufmerksam geworden und verwundert 
rücke ich mir das Blatt zurecht und korrigiere jetzt: Eine Hoch- 
zeitsfeier an der Ostsee. Wie komme ich zu diesem unsinnigen 
Lesefehler? Meine Gedanken lenken sich sofort auf ein Buch 
von Ruths „Experimentaluntersuchungen über Musikphantome 
usw."', das mich in der letzten Zeit viel beschäftigt hat, weil 
es nahe an die von mir behandelten psychologischen Probleme 
streift. Der Autor verspricht für nächste Zeit ein Werk, welches 
„Analyse und Grundgesetze der Traumphänomene" heißen wird. ' 

Kein Wunder, daß ich, der ich eben eine „Traumdeutung" '• 

veröffentlicht habe, mit größter Spannung diesem Buche entgegen- 

i) Darmstadt 1898 bei H. L. Schlapp. 1 



\ 




VI. Verlesen und Verschreiben 119 

sehe. In der Schrift Ruths über Musikphantome fand icli vorn 
im Inhaltsverzeichnis die Ankündigung des ausführlichen induktiven 
Nachweises, daß die althellenischen Mythen und Sagen ihre 
Hauptwurzeln in Schlummer- und Musikphantomen, in Traum- 
phänomenen und auch in Delirien haben. Ich schlug damals 
sofort im Texte nach, um herauszufinden, ob er auch um die 
Zurückführung der Szene, wie Odysseus vor Nausikaa 
erscheint, auf den gemeinen Nacktheitstraum wisse. Mich hatte 
ein Freund auf die schöne Stelle in G. Kellers „ Grünem 
Heinrich" aufmerksam gemacht, welche diese Episode der Odyssee 
als Objektivierung der Träume des fern von der Heimat irrenden 
Schiffers aufklärt, und ich hatte die Beziehung zum Exhibitions- 
traum der Nacktheit hinzugefügt {j. Aufl., S. 170). Bei Ruths 
entdeckte ich nichts davon. Mich beschäftigen in diesem Falle 
offenbar Prioritätsgedanken. 

q) Wie kam ich dazu, eines Tages aus der Zeitung zu lesen: 
Im Faß durch Europa", anstatt zu Fuß? Diese Auflösung 
bereitete mir lange Zeit Schwierigkeiten. Die nächsten Einfölle 
deuteten allerdings: Es müsse das Faß des Diogenes gemeint sein, 
und in einer Kunstgeschichte hatte ich unlängst etwas über die 
Kunst zur Zeit Alexanders gelesen. Es lag dann nalie, an die 
bekannte Rede Alexanders zu denken; Wenn ich nicht Alexander 
wäre, möchte ich Diogenes sein. Auch schwebte mir etwas von 
einem gewissen Hermann Zeitung vor, der in eine Kiste 
verpackt sich auf Reisen begeben hatte. Aber weiter wollte sich 
der Zusammenhang nicht herstellen, und es gelang mir nicht, 
die Seite in der Kunstgeschichte wieder aufzuschlagen, auf welcher 
mir jene Bemerkung ins Auge gefallen war. Erst Monate später 
fiel mir das beiseite geworfene Rätsel plötzlich wieder ein, und 
diesmal zugleich mit seiner Lösung. Ich erinnerte mich an die 
Bemerkung in einem Zeitungsartikel, was für sonderbare' Arten 
der Beförderung die Leute jetzt wählten, um nach Paris 
zur Weltausstellung zu kommen, und dort war auch, wie ich 




120 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



P 



glaube, scherzhaft mitgeteilt worden, daß irgend ein Herr die 
Absicht habe, sich von einem anderen Herrn in einem Faß nach 
Paris rollen zu lassen. Natürlich hätten diese Leute kein anderes 
Motiv, als durch solche Torheiten Aufsehen zu machen. Hermann 
Zeitung war in der Tat der Name desjenigen Mannes, der für 
solche außergewöhnliche Beförderung das erste Beispiel gegeben 
hatte. Dann fiel mir ein, daß ich einmal einen Patienten 
behandelt, dessen krankhafte Angst vor der Zeitung sich als 
Reaktion gegen den krankhaften Ehrgeiz auflöste, sich gedruckt 
und als berühmt in der Zeitung erwähnt zu sehen. Der mazedonische 
Alexander war gewiß eiiaer der ehrgeizigsten Männer, die je gelebt. 
Er klagte ja, daß er keinen Homer finden werde, der seine 
Taten besinge. Aber wie konnte ich nur nicht daran denken. 
daß ein anderer Alexander mir näher stehe, daß Alexander 
der Name meines jüngeren Bruders ist! Ich fand nun sofort den 
anstößigen und der Verdrängung bedürftigen Gedanken in betreff 
dieses Alexanders und die aktuelle Veranlassung für ihn. Mein 
Bruder ist Sachverständiger in Dingen, die Tarife und Trans- 
porte angehen, und sollte zu einer gewissen Zeit für seine 
Lehrtätigkeit an einer kommerziellen Hochschule den Titel 
Professor erhalten. Für die gleiche Beförderung war ich an 
der Universität seit mehreren Jahren vorgeschlagen, ohne sie 
erreicht zu haben. Unsere Mutter äußerte damals ihr Befremden, 
darüber, daß ihr kleiner Sohn eher Professor werden sollte 
als ihr großer. So stand es zur Zeit, als ich die Lösung für 
jenen Leseirrtum nicht finden konnte. Dann erhoben sich 
Schwierigkeiten auch bei meinem Bruder^ seine Chancen, Professor 
zu werden, fielen noch unter die meinigen. Da aber wurde mir 
plötzlich der Sinn jenes Verlesens offenbar; es war, als liStle die 
Minderung in den Chancen des Bruders ein Hindernis beseitigt. 
Ich hatte mich so benommen, als läse ich die Ernennung des 
Bruders in der Zeitung, und sagte mir dabei: Merkwürdig, daß 
man wegen solcher Dummheiten (wie er sie als Beruf betreibt) 



VI. Ferlesen und Verschreiben 



121 



in der Zeitung stehen (d. h. zum Professor ernannt werden) 
kann! Die Stelle über die hellenistische Kunst im Zeitalter 
Alexanders schlug- ich dann ohne Mühe auf und überzeugte mich 
zu meinem Erstaunen, daß ich während des vorherigen Suchens 
wiederholt auf derselben Seite gelesen und jedesmal wie unter 
der Herrschaft einer negativen Halluzination den betreffenden 
Satz übergangen hatte. Dieser enthielt übrigens gar nichts, was 
mir Aufklärung brachte, was des Vergessens wert gewesen wäre. 
Ich meine, das Symptom des Nichtauffindens im Buche ist nur 
zu meiner Irreführung geschaffen worden. Ich sollte die Fort- 
setzung der Gedankenverknüpfung dort suchen, wo meiner Nach- 
forschung ein Hindernis in den Weg gelegt war, also in irgend 
einer Idee über den mazedonischen Alexander, und sollte so vom 
gleichnamigen Bruder sicherer abgelenkt werden. Dies gelang 
auch vollkommen j ich richtete alle meine Bemühungen darauf, 
die verlorene Stelle in jener Kunstgeschichte wieder aufzufinden. 
Der Doppelsinn des Wortes „Beförderung" ist in diesem 
Falle die Assoziationsbrücke zwischen den zwei Komplexen, dem 
unwichtigen, der durch die Zeitungsnotiz angeregt wird, und dem 
interessanteren, aber anstößigen, der sich hier als Störung des zu 
Lesenden geltend machen darf. Man ersieht aus diesem Beispiel, 
daß es nicht immer leicht wird, Vorkommnisse wie diesen Lese- 
fehler aufzuklären. Gelegentlich ist man auch genötigt, die 
Lösung des Rätsels auf eine günstigere Zeit zu verschieben. Je 
schwieriger sich aber die Lösungsarbeit erweist, desto sicherer darf 
man erwarten, daß der endlich aufgedeckte störende Gedanke von 
unserem bewußten Denken als fremdartig und gegensätzlich 
beurteilt werden wird. 

5) Ich erhalte eines Tages einen Brief aus der Nähe Wiens 
der mir eine erschütternde Nacliricht mitteilt. Ich rufe auch 
sofort meine Frau an und fordere sie zur Teilnahme daran auf 
daß die arme Wilhelm M. so schwer erkrankt und von den 
Ärzten aufgegeben ist. An den Worten, in welche ich mein 




las Zur Psychopathologie des Alltagslebem 



Bedauern kleide, muß aber etwas falsch geklungen haben, denn 
meine Frau wird mißtrauisch, verlangt den Brief zu sehen und 
äußert als ihre Überzeugung, so könne es nicht darin stehen, 
denn niemand nenne eine Frau nach dem Namen des Mannes, 
und überdies sex der Korrespondentin der Vorname der Frau sehr 
wohl bekannt. Ich verteidige meine Behauptung hartnäckig und 
verw^eise auf die so gebräuchlichen Visitkarten, auf denen eine 
Frau sich selbst mit dem Vornamen des Mannes bezeichnet. Ich 
muß endlich den Brief zur Hand nehmen, und wir lesen darin 
tatsächlich „der arme W. M.", ja sogar, was ich ganz übersehen 
hatte: „der arme Dr. W, M.". Mein Versehen bedeutet also einen 
sozusagen krampfhaften Versuch, die traurige Neuigkeit von dem 
Manne auf die Frau zu überwälzen. Der zwischen Artikel, 
Beiwort und Name eingeschobene Titel paßt schlecht zu der 
Forderung, es müßte die Frau gemeint sein. Darum wurde er 
auch beim Lesen beseitigt. Das Motiv dieser Verfälschung war 
aber nicht, daß mir die Frau weniger sympathisch wäre als 
der Mann, sondern das Schicksal des armen Mannes hatte meine 
Besorgnisse um eine andere, mir nahe stehende Person rege 
gemacht, welche eine der mir bekannten Krankheitsbedingungen 
mit diesem Falle gemeinsam hatte, 

4) Ärgerlich und lächerlich ist mir ein Verlesen, dem ich sehr 
häufig unterliege, wenn ich in den Ferien in den Straßen einer 
fremden Stadt spaziere. Ich lese dann jede Ladentafel, die dem 
irgendwie entgegenkommt, als Antiquitäten. Hierin äußert 
sich die Abenteuerlust des Sammlers. 

5) Bleuler erzählt in seinem bedeutsamen Buche „ Affek- 
tivität, Suggestibilität, Paranoia" {1906), S. 121: „Beim Lesen 
hatte ich einmal das intellektuelle Gefühl, zwei Zeilen weiter 
unten meinen Namen zu sehen. Zu meinem Erstaunen finde ich 
nur das Wort ,Blutkörperchen*., Unter vielen Tausenden von mir 
analysierten Verlesungen des peripheren wie des zentralen Gesichts- 
feldes ist dieses der krasseste Fall. Wenn ich etwa meinen Namen 



VI. Verlesen und Verschreiben 125 

zu sehen glaubte, so war das Wort, das dazu Anlaß gab, meinem 
Namen meist viel ähnlicher, in den meisten Fällen mußten 
geradezu alle Buchstaben des Namens in der Nähe vorhanden 
sein, bis mir ein solcher Irrtum begegnen konnte. In diesem Falle 
ließ sich aber der Bezieh ungswahn und die Illusion sehr leicht 
begründen: Was ich gerade las, war das Ende einer Bemerkung 
über eine Art schlechten Stils von wissenschaftlichen Arbeiten, 
von der ich mich nicht frei fühlte." 

6) H. Sachs: „An dem, was die Leute frappiert, geht er in 
seiner Steifleinenheit vorüber. " Dies Wort fiel mir aber 
auf und ich entdeckte bei näherem Hinsehen, daß es Stil- 
feinheit hieß. Die Stelle fand sich in einer überschwenglich 
lobenden Auslassung eines von mir verehrten Autors über einen 
Historiker, der mir unsympathisch ist, weil er das ,Deutsch- 
Professo renhafte* zu stark hervorkelirt." 

7) Über einen Fall von Verlesen im Betriebe der philologischen 
Wissenschaft berichtet Dr. Marceil Eibenschütz im Zentral- 
blatt für Psychoanalyse, I, 5/6. „Ich beschäftige mich mit der 
Überlieferung des ,Buches der Märtyrer', eines mittelhochdeutschen 
]>gen den Werkes, das ich in den ,Deutschen Texten des Mittel- 
alters', herausgegeben von der Preußischen Akademie der Wissen- 
schaften, edieren soll. Über das bisher noch ungedruckte Werk war recht 
wenig bekannt j es bestand eine einzige Abhandlung darüber von J. 
Haupt ,Über das mittelhochdeutsche Buch der Märtyrer', Wiener 
Sitzungsberichte, 1867, 70. Bd., S. 101 ff. — H a u p t legte seiner 
Arbeit nicht eine alte Handschrift zugrunde, sondern eine aus neuerer 
Zeit (XIX. Jahrhundert) stammende Abschrift, der Haupthandschrift 
C (Klosterneuburg), eine Abschrift, die in der Hofbibliothek auf- 
bewahrt wird. Am Ende dieser Abschrift steht folgende Subskription: 

Anno Domini MDCCCL in vigilia exaltadonis sancte crucis ceptus est 
iste liber et in vigilia pasce anni subseijuentis finitus cum. adiutorio 
omnipotentis per me Hartmanum de Krasna Urne temporis ecclesie niwen- 
burgensis custodenu 



1 



124 ^"'" Psychopathologie des Alltagslebens 

Haupt teilt nun in seiner Abhandlung diese Subscriptio mit, in der 
Meinung, daß sie vom Schreiber von C selbst herrühre, und läßt C, 
mit konsequenter Verlesung der römisch geschriebenen Jahreszahl 
i85o,imJahre 1550 geschrieben sein, trotzdem daß er die Subscriptio 
vollständig richtig kopiert hat, trotzdem daß sie in der Abhandlung am 
angeführten Orte vollständig richtig (nämlich MDCCCL) abgedruckt ist. 

Die Mitteilung Haupts bildete für mich eine Quelle von 
Verlegenheiten. Zunächst stand ich als blutjunger Anfänger in 
der gelehrten Wissenschaft ganz unter der Autorität Haupts I 
und las lange Zeit aus der vollkommen klar und richtig gedruckt 
vor mir liegenden Subscriptio wie Haupt 1550 statt 1 850; 
doch in der von mir benutzten Haupthandschrift C war keine 
Spur irgend einer Subscriptio zu finden, es stellte sich ferner 
heraus, daß im ganzen XIV. Jahrhundert zu Klosterneuburg kein 
Mönch namens Hartmann gelebt hatte. Und als endlich der 
Schleier von meinen Augen sank, da hatte ich auch schon den 
ganzen Sachverhalt erraten, und die weiteren Nachforschungen 
bestätigen meine Vermutung; die vielgenannte Subscriptio steht 
nämlich nur in der von Haupt benutzten Abschiift und rührt 
von ihrem Schreiber her, P. Hartman Zeibig, geb. zu Krasna in 
Mähren, Auguslinerchorherr zu Klosterneuburg, der im Jahre 1850 
als Kirchenschatzmeister des Stiftes die Handschrift C abgeschrieben 
und sich am Ende seiner Abschrift in altertümliclier Weise selbst 
nennt. Die mittelalterliche Diktion und die alte Orthographie der 
Subscriptio haben wohl bei dem. Wunsche Haupts, über das 
von ihm behandelte Werk möglichst viel mitteilen zu können, 
also auch die Handschrift C zu datieren, mitgeholfen, daß 
er statt 1850 immer 1550 las. (Motiv der Fehlhandlung.)" 

8) In den „Witzigen und Satirischen Einfällen" von Lichten- 
berg findet sich eine Bemerkung, die wohl einer Beobachtung 
entstammt und fast die ganze Theorie des Verlesens enthält: Er 
las immer Agamemn on statt „angenommen , so sehr hatte 
er den Homer gelesen. 



^/- Verlesen und Veischreiben 125 

In einer übergroßen Anzahl von Fällen ist es nämlich die 
Bereitschaft des Lesers, die den Text verändert und etwas, worauf 
er eingestellt oder womit er beschäftigt ist, in ihn hineinliest. 
Der Text selbst braucht dem Verlesen nur dadurch entgegen- 
zukommen, daß er irgend eine Ähnlichkeit im Wortbild bietet, 
die der Leser in seinem Sinne verändern kann. Flüchtiges Hin- 
schauen, besonders mit unkorrigiertem Auge, erleichtert ohne 
Zweifel die Möglichkeit einer solchen Illusion, ist aber keineswegs 
eine notwendige Bedingung für sie. 

9) Ich glaube, die Kriegszeit, die bei uns allen gewisse feste 
und langanhaltende Präokkupationen schuf, hat keine andere 
Fehlleistung so sehr begünstigt wie gerade das Verlesen. Ich 
konnte eine große Anzahl von solchen Beobachtungen machen, 
von denen ich leider nur einige wenige bewahrt habe. Eines 
Tages gieife ich nach einem der Mittags- oder Abendblätter und 
finde darin groß gedruckt; DerFriede von Gör z. Aber nein, 
es heißt ja nur; Die Feinde vor Görz, Wer gerade zwei 
Söhne als Kämpfer auf diesem Kriegsschauplatze hat, mag sich 
leicht so verlesen. Ein anderer findet in, einem gewissen Zusammen- 
hange eine alte Brotkarte erwähnt, die er bei besserer 
Aufmerksamkeit gegen alte Brokate eintauschen muß. Es ist 
immerhin milleilenswert, daß er sich in einem Hause, wo er oft 
gern gesehener Gast ist, bei der Hausfrau durch die Abtretung 
von Brotkarlen beliebt zu machen pflegt. Ein Ingenieur, dessen 
Ausrüstung der im Tunnel während des Baues herrschenden 
Feuchtigkeit nie lang gewachsen ist, liest zu seinem Erstaunen 
in einer Annonce Gegenstände aus „Schundleder" angepriesen. 
Aber Händler sind selten so aufrichtig; was da zum Kaufe empfohlen 
wird, ist Seehundleder. 

Der Beruf oder die gegenwärtige Situation des Lesers bestimmt 
auch das Ergebnis seines Verlesens. Ein Philologe, der wegen 
seiner letzten trefflichen Arbeiten im Streite mit seinen Fach- 
genossen liegt, liest „Sprachstrategie" anstatt Schach- 




ib6 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



Strategie. Ein Mann, der in einer fremden Stadt spazieren geht, 
gerade um die Stiuade, auf welche seine durch eine Kur hergestellte 
Darmtätigkeit reguliert ist, liest auf einem großen Schilde im 
ersten Stock eines hohen Warenhauses: „Kl osetth aus"; seiner 
Befriedigung darüber mengt sich doch ein Befremden über die 
ungewöhnliche Unterbringung der wohltätigen Anstalt bei. Im 
nächsten Moment ist die Befriedigung doch geschwunden, denn 
die Tafelaufschrift heißt richtiger; Korsetthaus. 

lo) In einer zweiten Gruppe von Fällen ist der Anteil des 
Textes am Verlesen ein bei weitem größerer. Er enthält etwas, 
was die Abwehr des Lesers rege macht, eine ihm peinliche Mit- 
teilung oder Zumutung, und erfährt darum durch das Verlesen 
eine Korrektur im Sinne der Abweisung oder Wunscherfüllung. 
Es ist dann natürlich unabweisbar anzunehmen, daß der Text 
zunächst richtig aufgenommen und beurteilt wurde, ehe er diese 
Korrektur erfuhr, wenngleich das Bewußtsein von dieser ersten 
Lesung nichts erfahren hat. Das Beispiel 5 auf den vorstehenden 
Seiten ist von dieser Artj ein anderes von höchster Aktualität 
teile ich hier nach Dr. M. Eitingon (2. Z. im Kriegsspital inj 
Igl6, Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, 11, 191g) mit. 

„Leutnant X., der sich mit einer kriegstrauraatischen Neurose 
in unserem Spital befindet, liest mir eines Tages den Schlußvers ^ 
der letzten Strophe eines Gedichtes des so früh gefallenen Dichters 
Walter Heymann' in sichtlicher Ergriffenheit folgendermaßen vor : 

Wo _aber steht's geschrieben, frag' ich, daß von allen 
Ich übrig bleiben soll, ein andrer für mich fallen? 
Wer immer von euch fällt, der stirbt gewiß für mich; 
Und ich soll übrig bleiben? warum denn nicht? 

Durch mein Befremden aufmerksam gemacht, liest er dann, 
etwas betreten, richtig: 

Und ich soll übrig bleiben ? warum denn ich? 

i) W. Hey mann: Kriegsgedichle und Feldpostbriefe, p. ii: „Den Ausziehenden.« 



VI. Verlesen und Verschreiben jß. 



Dem Fall X. verdanke ich einigen analytischen Einblick in das 
psychische Material dieser »Traumatischen Neurosen des Krieges*, 
und da war es mir möglich, trotz der unserer Art zu arbeiten 
so wenig günstigen Verhältnisse eines Kriegslazaretts mit starkem 
Belag und wenig Ärzten, ein wenig über die als ,Ursache* hoch- 
bewerteten Granatexplosionen hinauszusehen. 

Es bestanden auch in diesem Falle die schweren Tremores, 
die den ausgesprochenen Fällen dieser Neurosen eine auf den 
ersten Blick frappante Ähnlichkeit verleihen, Ängstlichkeit, Weiner- 
lichkeit, Neigung zu Wutanfällen mit konvulsiven, infantil- 
motorischen Entäußerungen und zu Erbrechen (,bei geringsten 
Aufregungen*). 

Gerade des letzteren Symptoms Psychogeneität, zunächst im 
Dienste sekundären Krankheitsgewinnes, mußte sich jedem auf- 
drängen: Das Erscheinen des Spitalskommandanten, der von Zeit 
zu Zeit die Genesenden sich ansieht, auf der Abteilung, die 
Phrase eines Bekannten auf der Straße: ,Sie schauen ja prächtig 
aus, sind gewiß schon gesund*, genügen zur prompten Auslösung 
eines Brechanfalls. 

,Gesund... wieder einrücken... warum denn ich?...*" ■ 

ii) Andere Fälle von „ Kriegs"- Veriesen hat Dr. Hanns Saclis 
niitgeteilt : 

„Ein naher Bekannter hatte mir wiederholt erklärt, er werde, 
wenn die Reihe an ihn komme, keinen Gebrauch von seiner, 
durch ein Diplom bestätigten Fachausbildung machen, sondern 
auf den dadurch begründeten Anspruch auf entsprechende Ver- 
wendung im Hinterlande verzichten und zum Frontdienst ein- 
rücken. Kurz bevor der Termin wirklich herankam, teilte er mir 
eines Tages in knappster Form, ohne weitere Begründung mit, 
er habe die Nachweise seiner Fachbildung an zuständiger Stelle 
vorgelegt und werde infolgedessen demnächst seine Zuteilung für 
eine industrielle Tätigkeit erhalten. Am nächsten Tage trafen wir 



laS ZiiT Psychopathologie des Alltagslebens 



uns in einem Amtslokal. Ich stand gerade vor einem Pulte und 
schrieb; er trat heran, sah mir eine Weile über die Schulter und 
sagte dann: Ach, das Wort da oben heißt ^Druckbogen' — 
ich habe es für ^Drückeberger' gelesen." (Internat. Zeitschr. 
f. Psychoanalyse, IV. 1916/17.) 

is) „In der Tramway sitzend, dachte ich darüber nach, daß 
manche meiner lugendfreunde, die immer als zart und schwäch- 
lich gegolten hatten, jetzt die all erhärtesten Strapazen zu ertragen 
imstande sind, denen ich ganz bestimmt erliegen würde. Mitten in 
diesem unerfreulichen Gedankenzuge las ich im Vorüberfahren mit 
halber Aufmerksamkeit die großen schwarzen Lettern einer Firma- 
tafel: ,Eisenkonstitution'. Einen Augenblick später fiel mir 
ein, daß dieses Wort für eine Geschäftsaufschrift nicht recht passe; 
mich rasch umdrehend, erhaschte ich noch einen Blick auf die 
Inschrift und sah, daß sie richtig , Eisenkonstruktion' 
lautete". (L. c.) 

15) „In den Abendblättern stand die inzwischen als unrichtig 
erkannte Reuterdepesche, daß Hughes zum Präsidenten der 
Vereinigten Staaten gewählt sei. Anschließend daran erschien ein 
kurzer Lebenslauf des angeblich Gewählten und in diesem stieß 
ich auf die Mitteilung, daß Hughes in Bonn Universitätsstudien 
absolviert habe. Es schien mir sonderbar, daß dieses Umstandes in 
den wochenlangen Zeitungsdebatten, die dem Wahltag Toran- 
gegangen waren, keine Erwähnung geschehen war. Nochm^alige 
Überprüfung ergab denn auch, daß nur von der ,Brown'-Um- 
versität die Rede war. Dieser krasse Fall, bei dem für das 
Zustandekommen des Verlesens eine ziemlich große Gewaltsam- 
keit notwendig war, erklärt sich außer aus der Flüchtigkeit bei 
der Zeitungslektüre vor allem daraus, daß mir die Sympathie 
des neuen Präsidenten für die Mittelmächte als Grundlage 
künftiger guter Beziehungen nicht bloß aus politischen, sondern 
auch darüber hinaus aus persönlichen Gründen wünschenswert 
schien." (L. c.) 



VI, Verlesen wid Verschreiben laq 

B) VERSCHREIBEN 

i) Auf einem Blatte, welches kurze tägliche Aufzeichnungen 
meist von geschäftlichem Interesse enthält, finde ich zu meiner 
Überraschung mitten unter den richtigen Daten des Monats Sep- 
tember eingeschlossen das verschriebene Datum „Donnerstag, den 
£20. Okt.". Es ist nicht schwierig, diese Antizipation aufzuklären, 
und zwar als Ausdruck eines Wunsches. Ich bin wenige Tage 
vorher frisch von der Ferienreise zurückgekehrt und fühle mich 
bereit für ausgiebige ärztliche Beschäftigung, aber die Anzahl der 
Patienten ist noch gering. Bei meiner Ankunft fand ich einen 
Brief von einer Kranken vor, die sich für den 20. Oktober 
ankündigte. Als ich die gleiche Tageszahl im September nieder- 
schrieb, kann ich wohl gedacht haben: Der X. sollte doch schon 
da sein^ wie schade um den vollen Monat! und in diesem 
Gedanken rückte ich das Datum vor. Der störende Gedanke ist 
in diesem Falle kaum ein anstößiger zu nennen 5 dafür weiß ich 
auch sofort die Auflösung des Schreibfehlers, nachdem ich ihn 
erst bemerkt habe. Ein ganz analoges und •ähnlich motiviertes 
Verschreiben wiederhole ich danfl im Herbst des nächsten Jahres. 
— E. Jones hat ähnliche Verschreibungen im Datum studiert 
und sie in den meisten Fällen leicht als motivierte erkannt. 

2) Ich erhalte die Korrektur meines Beitrags zum „Jahresbericht 
für Neurologie und Psychiatrie" und muß natürlich mit besonderer 
Sorgfalt die Autornamen revidieren, die, weil verschiedenen Nationen 
angehörig, dem Setzer die größten Schwierigkeiten zu bereiten 
pflegen. Manchen fremd klingenden Namen finde ich wirklich 
noch zu korrigieren, aber einen einzigen Namen hat merkwürdiger- 
weise der Setzer gegen mein Manuskript verbessert, und zwar 
mit vollem Rechte. Ich hatte nämlich Buckrhard geschrieben, 
während der Setzer Burckhard erriet. Ich hatte die Abhandlung 
eines Geburtshelfers über den Einfluß der Geburt auf die Ent- 
stehung der Kinderlähmungen selbst als verdienstlich gelobt, wüßte 

Freud, IV, 



150 "Lur Psychopathologie des Alltagslebeiis 

auch nichts gegen deren Autor zu sagen, aber den gleichen Namen 
wie er trägt auch ein Schriftsteller in Wien, der mich durch eine 
unverständige Kritik über meine „Traumdeutung" geärgert hat. 
Es ist gerade so, als hätte ich mir bei der Niederschrift des Namens 
Burckhard, der den Geburtshelfer bezeichnete, etwas Arges über 
den anderen B., den Schriftsteller, gedacht, denn Namenverdrehen 
bedeutet häufig genug, wie ich schon beim Versprechen erwähnt 
habe, Schmähung^ 

5) Diese Behauptung wird sehr schön durch eine Selbstbeobach- 
tung von A. J. Storfer bekräftigt, in welcher der Autor mit 
rühmenswerter Offenheit die Motive klarlegt, die ihn den Namen 
eines vermeintUchen Konkurrenten falsch erinnern und dann 
entstellt niederschreiben hießen; 

„Im Dezember 1910 sah ich im Schaufenster einer Züricher 
Buchhandlung das damals neue Buch von Dr. Eduard Hitschmann 
über die Freudsche Neurosenlehre. Ich arbeitete damals gerade am 
Manuskript eines Vortrags, den ich demnächst in einem akademischen 
Verein über die Grundzüge der Freudschen Psychologie halten 
sollte. In der damals schon niedergeschriebenen Einleitung des 
Vortrags hatte ich auf die historische Entwicklung der Freudschen 
Psychologie aus Forschungen auf einem angewandten Gebiete, auf 
gewisse, daraus folgende Schwierigkeiten einer zusammenfassenden 
Darstellung der Grundzüge hingewiesen, und darauf, daß noch 
keine allgemeine Darstellung bestehe. Als ich das Buch (des mir 
bis dahin unbekannten Autors) im Schaufenster sah, dachte ich 
zunächst nicht daran, es zu kaufen. Einige Tage nachher beschloß 
ich aber, es zu tun. Das Buch war nicht mehr im Schaufenster. 
Ich nannte dem Buchhändler das vor kurzem erschienene Buch; 

i) Vgl. etwa die Stelle im „Julius Cäsar", III, 3; 
CINNA. Ehrlich, mein Name ist Ciima. 
BÜRGER. Reißt Um in Stücke ! er ist ein Verschworener. 
CINNA. Ich bin Cinna der Poet! Ich bin nicht Cinna der Verschworene. 
BÜRGER. Es tut nichts ; sein Name ist Cinna, reißt ihm den Namen aus dem 
Herzen und laßt ihn laufen. 



FI. Verlesen und Verschreiben 



13» 



als Autor nannte ich. ,Dr. Eduard Hartmann'. Der Buchhändler 
verbesserte: ,Sie meinen wohl Hitschmann', und brachte mir das 
Buch. 

Das unbewußte MotiT der Fehlleistung war naheliegend. Ich 
hatte es mir gewissermaßen zum Verdienst angerechnet, die Grund- 
züge der psychoanalytischen Lehren zusammengefaßt zu haben und 
habe offenbar das Buch Hitschmanns als Minderer meines Verdienstes 
mit Neid und Ärger angesehen. Die Abänderung des Namens sei 
ein Akt der unbewußten Feindseligkeit, sagte ich mir nach der 
»Psychopathologie des Alltagslebens'. Mit dieser Erklärung gab ich 
mich damals zufrieden. 

Einige Wochen später notierte ich mir jene Fehlleistung. Bei 
dieser Gelegenheit warf ich auch die Frage auf, warumi ich 
Eduard Hitschmann gerade in Eduard Hartmann umgeändert 
hatte. Sollte mich bloß die Namensähnliclikeit auf den Namen des 
bekannten Philosophen geführt haben? Meine erste Assoziation 
war die Erinnerung an einen Ausspruch, den ich einmal ron 
Professor Hugo v. Meltzl, einem begeisterten Schopenhauerverehrer, 
gehört hatte und der ungefähr so lautete: ,Eduard v. Hartmann 
ist der verhunzte, der auf seine linke Seite umgestülpte Schopen- 
hauer'. Die affektive Tendenz, durch die das Ersatzgebilde für den 
vergessenen Namen determiniert war, war also: ,Ach, an diesem 
Hitschmann und seiner zuseimmenfassenden Darstellung wird wohl 
nicht viel daran sein; er verhält sich wohl zu Freud wie Hart- 
mann zu Schopenhauer'. 

Ich hatte also diesen Fall eines determinierten Vergessens mit 
Ersatzeinfall niedergeschrieben. 

Nach einem, halben Jahre kam mir das Blatt, auf dem ich die 
Aufzeichnung gemacht hatte, in die Hand. Da bemerkte ich, daß 
ich statt Hitschmann durchwegs Hintschmann geschrieben hatte." 
(Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, II, 1914.). . 

4) Ein anscheinend ernsterer Fall von Verschreiben, den ich 
vielleicht mit ebensoviel Recht dem „Vergreifen" einordnen könnte: 

9* 



153 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

Ich habe die Absicht, mir aus der Postsparkasse die Summe von 
300 Kronen kommen zu lassen, die ich einem zum Kurgebrauch 
abwesenden Verwandten schicken will. Ich bemerke dabei, daß 
mein Konto auf 4380 K lautet und nehme mir vor, es jetzt auf 
die runde Summe von 4000 K herunterzusetzen, die in der nächsten 
Zeit nicht angegriffen werden soll. Nachdem ich den Scheck 
ordnungsmäßig ausgeschrieben und die der Zahl entsprechenden 
Ziffern ausgeschnitten habe, merke ich plötzlich, daß ich nicht 
580 K, wie ich wollte, sondern gerade 458 bestellt habe, und 
erschrecke über die Unzuverlässigkeit meines Tuns. Den Schreck 
erkenne ich bald als unberechtigt; ich bin ja jetzt nicht ärmer 
geworden, als ich vorher war. Aber ich muß eine ganze Weile 
darüber nachsinnen, welcher Einfluß hier meine erste Intention 
gestört hat, ohne sich meinem Bewußtsein anzukündigen. Ich 
gerate zuerst auf falsche Wege, will die beiden Zahlen, 580 und 
458, voneinander abziehen, weiß aber dann nicht, was ich mit 
der Differenz anfangen soll. Endlich zeigt mir ein plötzlicher 
Einfall den wahren Zusammenhang. 458 entspricht ja zehn 
Prozent des ganzen Kontos von 4580 K! 10% Rabatt hat man 
aber beim Buchhändler. Ich besinne mich, daß ich vor wenigen 
Tagen eine Anzahl medizinischer Werke, die ihr Interesse für 
mich verloren haben, ausgesucht, um sie dem Buchhändler gerade 
für 300 K anzubieten. Er fand die Forderung zu hoch und 
versprach, in den nächsten Tagen endgültige Antwort zu sagen. 
Wenn er mein Angebot annimmt, so hat er mir gerade die Summe 
ersetzt, welche ich für den Kranken verausgaben soll. Es ist nicht 
zu verkennen, daß es mir um diese Ausgabe leid tut. Der Affekt 
bei der Wahrnehmung meines Irrtums läßt sich besser verstehen 
als Furcht, durch solche Ausgaben arm zu werden. Aber beides, 
das Bedauern wegen dieser Ausgabe und die an sie geknüpfte 
Verarmungsangst, sind meinem Bewußtsein völlig fremd; ich habe 
das Bedauern nicht verspürt, als ich jene Summe zusagte, und 
fände die Motivierung desselben lächerlich. Ich würde mir eine 



I 



I 



solche Regung wahrscheinlich gar nicht zutrauen, wenn ich nicht 
durch die Übung in Psychoanalysen bei Patienten mit dem Ver- 
drängten im Seelenleben ziemlich vertraut wäre, und wenn icli 
nicht vor einigen Tagen einen Traum gehabt hätte, welcher die 
nämliche Lösung erforderte\ 

g) Nach W. Stekel zitiere ich folgenden Fall, für dessen 
Authentizität ich gleichfalls einstehen kann: „Ein geradezu un- 
glaubliches Beispiel im Verschreiben und Verlesen ist in der Redaktion 
eines verbreiteten Wochenblattes vorgekommen. Die betreffende 
Leitung wurde öffentlich als ,käuflich* bezeichnet^ es galt, einen 
Artikel der Abwehr und Verteidigung zu schreiben. Das geschah 
auch — mit großer Wärme und großem Pathos. Der Chefredakteur 
des Blattes las den Artikel, der Verfasser selbstverständlich mehrmals 
im Manuskript, dann noch im Bürstenabzug, alle waren sehr 
befriedigt. Plötzlich meldet sich der Korrektor und macht auf 
einen kleinen Fehler aufmerksam, der der Aufmerksamkeit aller 
entgangen war. Dort stand es ja deutlich: ,Unsere Leser werden 
uns das Zeugnis ausstellen, daß wir immer in eigennützigster 
Weise für das Wohl der Allgemeinheit eingetreten sind.' Selbst- 
verständlich sollte es uneigennützigster Weise heißen. Aber die 
wahren Gedanken brachen mit elementarer Gewalt durch die 
pathetische Rede." 

6) Einer Leserin des „Pester Lloyd", Frau Kata Levy in 
Budapest, ist kürzlich eine ähnlich unbeabsichtigte Aufrichtigkeit 
in einer Äußerung aufgefallen, die sich das Blatt am 1 1 . Oktober i Q i 8 
aus Wien hatte telegraphieren lassen; 

„Als zweifellos darf auf Grund des absoluten Vertrauens- 
verhältnisses, das wälirend des ganzen Krieges zwischen uns und 
dem deutschen Verbündeten geherrscht hat, vorausgesetzt werden, 
daß die beiden Mächte in jedem Falle zu einer einmütigen Ent- 

i) Es ist dies jener Traum, den ich in einer kurzen Abhandlung: „Über den 
Traum", (Nr. VIII der „Grenifragen des Nerven- und Seelenlebens", hg. von 
Lijwenfeld und Kurella, 1901. — Enthalten in Bd. III dieser Gesamtausgabe) 
aum Paradigma genommen habe. 



ig4 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

Schließung gelangen würden. Es ist überflüssig, noch ausdrücklich * 
zu erwähnen, daß auch in der gegenwärtigen Phase ein reges und 
lückenhaftes Zusamnienarbeiten der verbündeten Diplomatien 
stattfindet." 

Nur wenige Wochen später konnte man sich über dieses „Ver- 
trauensverhältnis" freimütiger äußern, brauchte man nicht mehr 
zum Verschreiben (oder Verdrucken) zu flüchten. 

7) Ein in Europa weilender Amerikaner, der seine Frau in 
schlechtem Einvernehmen verlassen hat, glaubt, daß er sich nun 
mit ihr versöhnen könne, und fordert sie auf, ihm zu einem 
bestimmten Termin über den Ozean nachzukommen: „E^ wäre 
schön," schreibt er, „wenn Du wie ich mit der ,Mauretania* 
fahren könntest. " Das Blatt, auf dem dieser Satz steht, getraut 
er sich dann aber nicht abzuschicken. Er zieht es vor, es neu zu 
schreiben. Denn er will nicht, daß sie die Korrektur bemerke, 
die an dem Namen des Schiffes notwendig geworden war. Er 
hatte nämlich anfönglich „Lusitania" geschrieben. 

Dies Verschreiben bedarf keiner Erläuterung, es ist ohne weiteres 
deutbar. Doch läßt die Gunst des Zufalles noch einiges hinzufügen: 
Seine Frau war vor dem Kriege zum erstenmal nach Europa 
gefahren, nach dem Tode ihrer einzigen Schwester. Wenn ich 
nicht irre, ist die „Mauretania" das überlebende Schwesterschiff 
der während des Krieges versenkten „Lusitania". 

8) Ein Arzt hat ein Kind untersucht und schreibt nun ein 
Rezept für dasselbe nieder, in welchem Alcohol vorkommt. 
Die Mutter belästigt ihn während dieser Tätigkeit mit törichten 
und überflüssigen Fragen. Er nimmt sich innerlich fest 
vor, sich jetzt darüber nicht zu ärgern, führt diesen Vorsatz 
auch durch, hat sich aber während der Störung verschrieben. 
Auf dem Rezept steht anstatt Alcohol zu lesen AchoT. 

g) Der stofflichen Verwandtschaft wegen reihe ich hier einen 
Fall an, den E. Jones von A. A. Brill berichtet. Letzterer 
i) Etwa: Keine Galle. 



VI. Verlesen und Verschreiben 



135 



hatte sich, obwohl sonst völlig abstinent, von , einem Freunde 
verleiten lassen, etwas Wein zu trinken. Am nächsten Morgen 
gab ihm ein heftiger Kopfschmerz Anlaß, diese Nachgiebigkeit zu 
bedauern. Er hatte den Namen einer Patientin niederzuschreiben, 
die Ethel hieß, und schrieb anstatt dessen EthyP. Es kam 
dabei wohl auch in Betracht, daß die betreffende Dame selbst 
mehr zu trinken pflegte, als ihr gut tat. 

Da ein Verschreiben des Arztes beim Rezeptieren eine Bedeutung 
beansprucht, die weit über den sonstigen praktischen Wert der 
Felilleistungen hinausgeht, bediene ich mich des Anlasses, um die 
einzige bis jetzt pubhzierte Analyse von solchem ärztlichen 
Verschreiben ausführlich mitzuteilen : 

1 o) Dr. Ed. Hitschmann (Ein wiederholter Fall von 
Verschreiben bei der Rezeptierung) : „Ein Kollege erzählte mir, 
es sei ihm im Laufe der Jahre mehrmals passiert, daß er 
sich beim Verschreiben eines bestimmten Medikaments für weib- 
hohe Patienten vorgeschrittenen Alters irrte. . Zweimal verschrieb 
er die zehnfache Dosis und mußte nachher, da ihm dies plötzlich 
einfiel, unter größter Angst, der Patientin geschadet zu haben 
und selbst in größte Unannehmlichkeit zu kommen, eiligst die 
Zurückziehung des Rezepts anstreben. Diese sonderbare Symptom- 
handlung verdient durch genauere Darstellung der einzelnen Fälle 
und durch Analyse klargelegt zu werden. 

Erster Fall : Der Arzt verschreibt einer an der Schwelle des 
Greisenalters stehenden armen Frau gegen spastische Obstipation 
zehnfach zu starke Belladonna-Zäpfchen. Er verläßt das Ambulatorium 
und etwa eine Stunde später föUt ihm zu Hause, während er 
Zeitung liest und frühstückt, plötzlich sein L-rtum ein 5 es über- 
iallt ihn Angst, er eilt zunächst ins Ambulatorium zurück, um 
die Adresse der Patientin zu requirieren, und von dort in ihre 
weit entlegene Wohnung. Er findet das alte Weiblein noch mit 
unausgeführtem Rezept, worüber er höchst erfreut und beruhigt 



i) Äthylalkohol. 



136 Z«r Psychopathologie des Alltagslebens 



P 



heimkehrt. Er entschuldigt sich vor sich selbst nicht ohne 
Berechtigung damit, daß ihm der gesprächige Chef der Ambulanz 
während der Rezeptur über die Schulter geschaut und ihn 
gestört hatte. 

Zweiter Fall: Der Arzt muß sich aus seiner Ordination von 
einer koketten und pikant schönen Patientin losreißen, um ein 
älteres Fräulein ärztlich aufzusuchen. Er benützt ein Automobil 
da er nicht viel Zeit für diesen Besuch übrig hat^ denn er soll 
um eine bestimmte Stunde, nahe von ihrer Wohnung, ein 
geliebtes junges Mädchen heimlich treffen. Auch hier ergibt sich 
die Indikation für Belladonna wegen analoger Beschwerden wie 
im ersten Falle. Es wird wieder der Fehler begangen, das 
Medikament zehnfach zu stark zu rezeptieren. Die Patientin bringt 
einiges nicht zum Gegenstand gehörige Interessante vor, der Arzt 
aber verrät Ungeduld, wenn er sie auch mit Worten verleugnet, 
und verläßt die Patientm, so daß er reichlich zurecht zum 
Rendezvous erscheint. Etwa zwölf Stunden nachher, gegen sieben 
Uhr morgens, erwacht der Arztj der Einfall seines Verschreibens 
und Angst treten fast gleichzeitig iu sein Bewußtsein, und er 
sendet rasch zu der Kranken, in der Hoffnung, daß das Medi- 
kament noch nicht aus der Apotheke geholt sei, und bittet um 
Rückstellung des Rezepts, um es zu revidieren. Er erhält jedoch 
das bereits ausgeführte Rezept zurück und begibt sich mit einer 
gewissen stoischen Resignation und dem Optimismus des Erfahrenen 
in die Apotheke, wo ihn der Provisor damit beruhigt, daß er 
selbstverständlich (oder vielleicht auch durch ein Versehen?) das 
Medikament in einer geringeren Dosis verabreicht habe. 

Dritter Fall: Der Arzt will seiner greisen Tante, Schwester 
seiner Mutter, die Mischung von Tinct. belladonnae und Tinct. 
opii in harmloser Dosis verschreiben. Das Rezept wird sofort 
durch das Mädchen in die Apotheke getragen. Ganz kurze Zeit m 

später fällt dem Arzt ein, daß er anstatt tinctura ,e3rtractum' I 

geschrieben habe, und gleich darauf telephoniert der Apotheker, ' 



I 



PI. Ferlesen und Ferschreiben 



157 



über diesen Irrtum intei-pellierend. Der Arzt entschuldigt sich 
mit der erlogenen Ausrede, er hätte das Rezept noch nicht 
vollendet gehabt, es sei ihm durch die unerwartet rasche Weg- 
nehmung des Rezepts vom Tische die Schuld abgenommen. 

Die auffällig gemeinsamen Punkte dieser drei Irrtümer in der 
Verschreibung sind darin gelegen, daß es dem Arzte nur bei 
diesem einen Medikament bisher passiert ist, daß es sich jedesmal 
um eine weibliche Patientin im vorgeschrittenen Alter handelte 
und daß die Dosis immer zu stark war. Bei der kurzen Analyse 
stellte es sich heraus, daß das Verhältnis des Arztes zur Mutter 
von entscheidender Bedeutung sein mußte. Es fiel ihm nämlich 
ein, daß er einmal — und zwar höchstwahrscheinlich vor diesen 
Symptomhandlungen — seiner gleichfalls greisen Mutter dasselbe 1 

Rezept verschrieben hatte, und zwar in der Dosis von 0.05, 
obwohl die gewöhnliche 0.02 ihm geläufiger war, um ihr radikal 
zu helfen, wie er sich dachte. Die Reaktion der zarten Mutter 
auf dieses Medikament war Kopfkongestion und unangenehme 
Trockenheit im Rachen, Sie beklagte sich darüber mit einer halb 
scherzhaften Anspielung auf die gefährUchen Ordinationen, die 
von einem Sohne ausgehen können. Auch sonst hat die Mutter, 
übrigens Arztenstochter, gegen gelegentlich vom ärztlichen Sohne 
empfohlene Medikamente ähnhch ablehnende, halb scherzhafte 
Einwendungen erhoben und vom Vergiften gesprochen. 

Soweit Referent die Beziehungen dieses Sohnes zu seiner Mutter 

^ durchschaut, ist er zwar ein instinktiv liebevolles Kind, aber in J^H 

der geistigen Schätzung der Mutter und im persönlichen Respekt ^^ 

keineswegs übertrieben. Mit dem um ein Jahr jüngeren Bruder ^ 

und der Mutter in gemeinsamem Haushalt lebend, empfindet er 
dieses Zusammensein seit Jahren für seine erotische Freiheit als 
Hemmung, wobei wir allerdings aus psychoanalytischer Erfahrung 
wissen, daß solche Begründungen zum Vorwand für inneres 
Gebundensein gern mißbraucht werden. Der Arzt, akzeptierte die 
Analyse unter ziemlicher Befriedigung über die Aufklärung und 



ig8 Zur Psychopathologie des Alltagslehens 



meinte lächelnd, das Wort Belladonna = schöne Frau könnte 
auch eine erotische Beziehung bedeuten. Er hat das Medikament 
früher gelegentlich auch selbst verwendet." (Internat. Zeitschr. f. 
Psychoanalyse, I, 1915.) 

Ich möchte urteilen, daß solche ernsthafte Fehlleistungen auf 
keinem anderen Wege Zustandekommen als die harmlosen, die 
wir sonst untersuchen. 

1 1) Für ganz besonders harmlos wird man das nachstehende, 
von S. Ferenczi berichtete Verschreiben halten. Man kann es 
als Verdichtungsleistung infolge von Ungeduld deuten (vergl. das 
Versprechen: Der Apfe, S. 70) und wird diese Auffassung 
verteidigen dürfen, bis nicht etwa eine eingehende Analyse des 
Vorfalls ein stärkeres störendes Moment nachgewiesen hätte: 

„Hiezu paßt die Anektode" — schreibe ich einmal in mein 
Notizbuch. Natürlich meinte ich Anekdote, und zwar von 
einem zu Tode verurteilten Zigeuner, der sich die Gnade erbat, 
selber den Baum zu wählen, auf den er gehängt werden soll. 
(Er fand trotz eifrigen Suchens keinen passenden Baum.) 

1 2) Andere Male kann im Gegensatz hiezu der unscheinbarste 
Schreibfehler gefahrlichen geheimen Sinn zum Ausdruck bringen. 
Ein Anonymus berichtet: 

„Ich schließe einen Brief mit den Worten: ,Herzlichste Grüße 
an Ihre Frau Gemahlin und ihren Sohn/ Knapp bevor ich das 
Blatt ins Kuvert stecke, bemerke ich den Irrtum im Anfangs- 
buchstaben bei jihren Sohn' und verbessere ihn. Auf dem Heimweg 
von dem letzten Besuche bei diesem Ehepaar hatte meine 
Begleiterin bemerkt, der Sohn sehe einem Hausfreund frappant 
ähnlich und sei auch sicher sein Kind." 

13) Eine Dame richtet an ihre Schwester einige beglück- 
wünschende Zeilen zum Einzug in deren neue und geräumige 
Wohnung. Eine dabei anwesende Freundin bemerkt, daß die 
Schreiberin eine falsche Adresse auf den Brief gesetzt hat, und 
zwar nicht die der eben verlassenen Wohnung, sondern die der 



Jl 



ersten, längst aufgegebenen, welche die Schwester als eben 
verheiratete Frau bezogen hatte. Sie macht die Schreiberin darauf 
auimerksam. Sie haben recht, muß diese zugeben, aber wie 
komme ich darauf? Warum habe ich das getan? Die Freundin 
meint: WahrscheinUch gönnen Sie ihr die schöne große Wohnung 
nicht, die sie jetzt bekommen soll, während Sie sich selbst im 
Raum beengt fühlen, und versetzen sie darum in die erste 
Wohnung zurück, in der sie es auch nicht besser hatte. — Gewiß 
gönne ich ihr die neue Wohnung nicht, gesteht die andere 
ehrlich zu. Sie setzt dann fort: Wie schade, daß man bei diesen 
Dingen immer so gemein ist! 

14) E. Jones teilt folgendes, ihm von A. A. Brill über- 
lassene Beispiel von Verschreiben mit: Ein Patient richtete an 
Dr. Brill ein Schreiben, in welchem er sich bemühte, seine 
Nervosität auf die Sorge und Erregung über den Geschäftsgang 
während einer Baumwollkrise zurückzuführen. In diesem Schreiben 
hieß es: my trouble is all due to that damned frigid wavej 
there is'nt even any seed. Er meinte mit „wavc^^ natürlich eine 
Welle, Strömung auf dem Geldmarkt; in Wirklichkeit schrieb er 
aber nicht wave, sondern wife. Auf dem Grunde seines Herzens 
ruhten Vorwürfe gegen seine Frau wegen ihrer ehelichen Kälte 
und ihrer Kinderlosigkeit, und er war nicht weit entfernt von 
der Erkenntnis, daß die ihm aufgezwungene Entbehrung einen 
großen Anteil an der Verursachung seines Leidens habe. 

ig) Dr. R. Wagner erzählt von sich im Zentralblatt für 
Psychoanalyse, I, 12: 

„Beim Durchlesen eines alten Kollegienheftes fand ich, daß 
mir in der Geschwindigkeit des Mitschreibens ein kleiner Lapsus 
unterlaufen war. Statt ,E/?ithel* hatte ich nämlich ,Edithel' 
geschrieben. Mit Betonung der ersten Silbe gibt das das 
Diminutivum eines Mädchennamens. Die retrospektive Analyse 
ist einfach genug. Zur Zeit des Verschreibens war die Bekannt- 
schaft zwischen mir und der Trägerin dieses Namens nur eine 



- j 




140 Xur Psychopathologie des Alltagslebens 

ganz oberflächliche, und erst viel später wurde daraus ein intimer 
Verkehr. Das Verschreiben ist also ein hübscher Beweis für den 
Durchbruch der unbewußten Neigung zu einer Zeit, wo ich 
selbst eigentlich davon noch keine Ahnung hatte, und die gewählte 
Form des Diminutivums charakterisiert gleichzeitig die begleitenden 
Gefühle." 

1 6) Frau Dr. v. Hug-Hellmuth: „ Ein Arzt verordnet 
einer Patienjin Levitico- statt L e v i c o wasser. Dieser Irrtum, 
der einem Apotheker willkommenen Anlaß zu abfalligen Bemer- 
kungen gegeben hatte, kann leicht einer milderen Auffassung 
begegnen, wenn man nach den möglichen Beweggründen aus 
dem Unbewußten forscht und ihnen, sind sie auch nur subjektive 
Annahme eines diesem Arzte Fernstehenden, eine gewisse Wahr- 
scheinlichkeit nicht von vornherein abspricht: Dieser Arzt erfreute 
sich, trotzdem er seinen Patienten ihre wenig rationelle Ernährung 
in zienalich derben Worten vorhielt, ihnen sozusagen die 
Leviten las, starken Zuspruchs, so daß sein Wartezimmer vor 
und in der Ordinationsstunde dicht besetzt war, was den Wunsch 
des Arztes rechtfertigte, das Ankleiden der absolvierten Patienten 
naöge sich möglichst rasch, vite, vite vollziehen. Wie ich mich 
richtig zu erinnern glaubte, war seine Gattin aus Frankreicli 
gebürtig, was die etwas kühn scheinende Annahme, daß er sich 
bei seinem Wunsche nach größerer Geschwindigkeit seiner 
Patienten gerade der französischen Sprache bediente, einigermaßen 
rechtfertigt. Übrigens ist es eine bei vielen Personen anzutreffende 
Gewohnheit, solchen Wünschen in fremder Sprache Worte zu 
verleihen, wie mein eigener Vater uns Kinder bei Spaziergängen 
gern durch den Zuruf ,Avanti gioventii^ oder ,Marchez au pas^ 
zur Eile drängte, dagegen wieder ein schon recht bejahrter Arzt, 
bei dem ich als junges Mädchen wegen eines Halsübels in 
Behandlung stand, meine ihm allzu raschen Bewegungen durch 
ein beschwichtigendes ,Pian.o, piano' zu hemmen suchte. So 
erscheint es mir recht gut denkbar, daß auch jener Ai-zt dieser 



VI, Verlesen und Verschreiben lii 

Gewohnheit huldigte; und so ,verschreibt* er Levitico statt 

Levicowasser." (Zentralblatt für Psychoanalyse, II, g.) 

Andere Beispiele aus der Jugenderinnerung der Verfasserin 
ebendaselbst (f r a z ö sisch statt französisch — Verschreiben des 
Namens Karl). ^. 

1 7) Ein Verschreiben, das sich inhaltlich mit einem bekannten 
schlechten Witz deckt, bei dem aber die Witzabsicht sicherlich 
ausgeschlossen war, danke ich der Mitteilung eines Herrn J. G., 
von dem ein anderer Beitrag bereits Erwähnung gefunden hat: 
„Als Patient eines (Lungen-)Sanatoriums erfahre ich zu 
meinem Bedauern, daß bei einem nahen Verwandten dieselbe 
Krankheit konstatiert wurde, die mich zur Aufsuchung einer 
Heilanstalt genötigt hat. In einem Briefe lege ich nun meinem 
Verwandten nahe, zu einem Spezialisten zu gehen, einem bekannten 
Professor, bei dem ich selbst in Behandlung stehe, und von dessen 
medizinischer Autorität ich überzeugt bin, während ich anderseits 
allen Grund habe, seine Unhöflichkeit zu beklagen; denn der 
betreffende Professor hat mir — erst kurze Zeit vorher — die 
Ausstellung eines Zeugnisses verweigert, das für mich von großer 
Wichtigkeit war. In der Antwort auf meinen Brief werde ich 
von meinem Verwandten auf einen Schreibfehler aufmerksam 
gemacht, der midi, da ich seine Ursache augenblicklich erkannte, 
außerordentlich erheiterte. Ich hatte in meinem Schreiben fol- 
genden Passus verwendet: ,... übrigens rate ich Dir, ohne 
Verzögerung Prof. X. zu in sultieren.' Natürlich hatte ich 
konsultieren schreiben wollen. — Es bedarf vielleicht des Hin- 
weises darauf, daß meine Latein- und Französischkenntnisse die 
Erklärung ausschalten, daß es sich um einen aus Unwissenheit 
resultierenden Fehler handelte." 

18) Auslassungen im Schreiben haben natürlich Anspruch auf 
dieselbe Beurteilung wie Verschreibungen. Im Zentralblatt für 
Psychoanalyse, I, 12, hat Dr. jur. B. Dattner ein merkwürdiges 
Beispiel einer „historischen Fehlleistung" mitgeteilt. In einem der 



142 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



Gesetzesartikel über finanzielle Verpflichtungen der beiden Staaten, 
welche in dem Ausgleich zwischen Österreich und Ungarn im 
Jahre 1867 vereinbart wurden, ist das Wort effektiv in der 
ungarischen Übersetzung weggeblieben, und Dattner macht es 
wahrscheinlich, daß die unbewußte^Strömung der ungarischen 
Gesetzesredaktoren, Österreich möglichst wenig Vorteile zuzugestehen, 
an dieser Auslassung beteiligt gewesen sei. 

Wir haben auch allen Grund anzunehmen, daß die so häufigen 
Wiederholungen derselben Worte beim Schreiben und Abschreiben 
— Perseverationen — gleichfalls nicht bedeutungslos sind. Setzt 
der Schreiber dasselbe Wort, das er bereits geschrieben hat, noch 
ein zweites Mal hin, so zeigt er damit wohl, daß er von diesem 
Worte nicht so leicht losgekommen ist, daß er an dieser Stelle 
mehr hätte äußern können, was er aber unterlassen hat, oder 
ähnliches. Die Perseveration beim Abschreiben scheint die Äußerung 
eines „auch, auch ich" zu ersetzen. Ich habe lange gerichts- 
ärztliche Gutachten in der Hand gehabt,' welche Perseverationen 
von Seiten des Abschreibers an besonders ausgezeichneten Stellen 
aufwiesen, und hätte sie gern so gedeutet, als ob der seiner '. 
unpersönlichen Rolle Überdrüssige die Glosse einfügen würde: Ganz, 
mein Fall, oder ganz so wie bei uns. 

19) Es steht ferner nichts im Wege, die Druckfehler als „Ver- 
schreibungen" des Setzers zu behandeln und sie als größtenteils 
motiviert aufzufassen. Eine systematische Sammlung solcher Fehl- 
leistungen, die recht amüsant und lehrreich ausfallen könnte, habe 
ich nicht angelegt. Jones hat in seiner hier mehrfach erwähnten, 
Arbeit den „Misprints" einen besonderen Absatz gewidmet. Auch.] 
die Entstellungen in Telegrammen lassen sich gelegentlich 
Versclireibungen des Telegraphisten verstehen. In den Sommer- 
ferien trifft mich ein Telegramm meines Verlags, dessen Text 
mir unbegreiflich ist. Es lautet: 

„Vorräte erhalten, Ein/ürfung X. dringend." Die Lösung^ 
des Rätsels geht von dem darin erwähnten Namen X. aus. X. ist 



VI. Verlesen und Verschreiben i^^r 



doch der Autor, zu dessen Buch ich eine Einleitung schreiben 
soll. Aus dieser Einleitung ist die Einladung geworden. Dann darf 
ich mich aber erinnern, daß ich vor einigen Tagen eine Vorrede 
zu einem anderen Buch an den Verlag abgeschickt habe, deren 
Eintreffen mir also so bestätigt wird. Der richtige Text hat sehr 
wahrscheinlich so geheißen: * ■ 

„Vorrede erhalten, Einleitung X. dringend." Wir dürfen 
annehmen, daß er einer Bearbeitung durch den Hunger- 
komplex des Telegraphisten zum Opfer gefallen ist, wobei übrigens 
die beiden Hälften des Satzes in innigeren Zusammenhang gebracht 
wurden, als vom Absender beabsichtigt war. Nebstbei ein schönes 
Beispiel von „sekundärer Bearbeitung", wie sie in den meisten 
Träumen nachweisbar ist'. 

H. Silberer erörtert in der Internat. Zeitschrift für Psycho- 
analyse, VIII, 1932, die Möglichkeit „tendenziöser Druckfehler." 
Gelegentlich sind von Anderen Druckfehler angezeigt worden, 
denen man eine Tendenz nicht leiclit streitig machen kann, so von 
Storfer im Zentralblatt für Psychoanalyse, II, 19x4: „Der politische 
Druckfehlerteufel" und ibid. lU, 1915, die kleine Noüz, die ich 
hier abdrucke: 

20) „Ein politischer Druckfehler findet sich in der Nummer 
des ,März' vom 25. April d. J. In einem Briefe aus Argyrokastron 
wurden Äußerungen von Zographos, dem Führer der auf- 
ständischen Epiroten in Albanien (oder wenn man will: dem 
Präsidenten der unabhängigen Regierung des Epü-us) wiedergegeben. 
Unter anderem heißt es: ,Glauben Sie mir; ein autonomer Epirus 
läge im ureigensten Interesse des Fürsten Wied. Auf ihn könnte 
er sich stürzen. . .' Daß die Annahme der Stütze, die ihm die 
Epiroten anbieten, seinen Sturz bedeuten würde, weiß wohl der 
Fürst von Albanien auch ohne jenen fatalen Druckfehler." 

3i) Ich las selbst vor kurzem in einer unserer Wiener Taffcs- 
zeitungen einen Aufsatz „die Bukowina unter rumänischer 

1) Vgl. Traumdeutung, siebente Auflage, 1932, Abschnitt über die Traumarbeit. 



j_-^ Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



Herrschaft", dessen Überschrift man zum mindesten als verfrüht 
erklären durfte, denn damals hatten sich die Rumänen noch nicht 
zu ihrer Feindseligkeit bekannt. Es hätte nach dem Inhalt unzweifel- 
haft russisch anstatt rumänisch heißen müssen, aber auch dem 
Zensor scheint die Zusammenstellung so wenig befremdend gewesen 
zu sein, daß er selbst diesen Druckfehler übersali. 

Es ist schwer, nicht an einen „politischen" Druckfehler zu denken, 
wenn man in dem gedruckten Zirkular der rühmlich bekannten 
(ehemaligen k. k. Hof-) Buchdruckerei Karl Prochaska in Teschen 
folgende orthographische Verschreibung liest: 

„P. T. Durch den Machtspruch der Entente wurde durch die Bestim- 
mung des Olsaflusses als Grenze nicht nur Schlesien, sondern auch 
Teschen in zwei Teile geteilt, von w^elchen einer Polen, der andere 
der Tschecho-Slovakei zufiel. 

In amüsanter Weise mußte sich Th. Fontane einmal gegen 
einen allzu sinnreichen Druckfehler zur Wehre setzen. Er schrieb 
am 29. März 1860 an den Verleger Julius Springer: 

Sehr geehrter Herr! 

Es scheint mir nicht beschieden, meine kleinen Wünsche in 
Erfüllung gehen zu sehen. Ein Einblick in den Korrekturbogen', 
den ich beischließe, wird Ihnen sagen, was ich meine. Auch hat 
man mir nur einen Bogen geschickt, wiewohl ich zwei, aus 
angegebenen Gründen, brauche. Auch die Wiedereinsendung des 
ersten Bogens zu nochmaliger Durchsicht — namentlich der 
englischen Wörter und Sätze halber — ist nicht erfolgt. 
Mir liegt sehr daran. Seite 27 heißt es z. B. im heutigen Korrektur- 
bogen in einer Szene zwischen John Knox und der Königin: 
„worauf Maria aasrief." Solchen fulminanten Sachen gegenüber 



]) Es handelt sich um den Druck des 1860 bei Julius Springer erschienenen 
Buches „Jenseits des Tweed. Bilder und Briefe aus Schottland." 



II 



VI. Verlesen und Verschreiben 145 

will man gern die Beruhigung haben, daß der Fehler auch wirklich 
beseitigt ist. Es ist dies unglückliche „aas" statt „aus" um so 
schlimmer, als kein Zweifel ist, daß sie (die Königin) ihn im 
stillen wirklich so genannt haben wird. Mit bekannter Hochachtung 

Ihr ergebenster Th. Fontane. 

Wundt gibt eine bemerkenswerte Begründung für die leicht 
zu bestätigende Tatsache, daß wir uns leichter verschreiben als 
versprechen (1. c. S. 574). „Im Verlaufe der normalen Rede ist 
fortwährend die Hemmungsfunktion des Willens dahin gerichtet, 
Vorstellungsverlauf und Artikulätionsbewegung miteinander in 
Einklang zu bringen. Wird die den Vorstellungen folgende Aus- 
drucksbeweg-ung durch mechanische Ursachen verlangsamt wie 
beim Schreiben . . . , so treten daher solche Antizipationen besonders 
leicht ein." 

Die Beobachtung der Bedingungen, unter denen das Verlesen 
auftritt, gibt Anlaß zu einem Zweifel, den ich nicht unerwähnt 
lassen möchte, weil er nach meiner Schätzung der Ausgangspunkt 
einer fruchtbaren Untersuchung werden kann. Es ist jedermann 
bekannt, wie häufig beim Vorlesen die Aufmerksamkeit des 
Lesenden den Text verläßt und sich eigenen Gedanken zuwendet. 
Die Folge dieses Abschweifens der Aufmerksamkeit ist nicht 
selten, daß er überhaupt nicht anzugeben weiß, was er gelesen 
hat, wenn man ihn im Vorlesen unterbricht und befragt. Er 
hat dann wie automatisch gelesen, aber er hat fast immer richtig 
vorgelesen. Ich glaube nicht, daß die Lesefehler sich unter solchen 
Bedingungen merklich vermehren. Von einer ganzen Reihe von 
Funktionen sind wir auch gewohnt anzunehmen, daß sie 
automatiscJi, also von kaum bewußter Aufmerksamkeit begleitet, 
am exaktesten vollzogen werden. Daraus scheint zu folgen, daß die 
Aufmerksamkeitsbedingung der Sprech-, Lese- und Schreibfehler 
anders zu bestimmen ist, als sie bei Wundt lautet (Wegfall 
oder Nachlaß der Aufmerksamkeit). Die Beispiele, die wir der 
Analyse xmterzogen haben, gaben uns eigentlich nicht das Recht, 

Freud, IV 






i^^6 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

eine quantitative Verminderung der Aufmerksamkeit anzunehmen; 
wir fanden, was vielleicht nicht ganz dasselbe ist, eine Störung 
der Aufmerksamlceit durch einen fremden, Anspruch erhebenden 

Gedanken. 

* 

Zwischen „Verschreiben" und „Vergessen" darf man den Fall 
einschalten, daß jemand eine Unterschrift anzubringen vergißt. 
Ein nicht unterschriebener Scheck ist soviel wie ein ver-, 
gessener. Für die Bedeutung eines solchen Vergessens will ich 
eine Stelle aus einem Roman anfuhren, die Dr. H. Sachs 
aufgefallen ist: 

„Fin sehr lehrreiches und durchsichtiges Beispiel, mit welcher 
Sicherheit die Dichter den Mechanismus der Fehl- und 
Symptomhandlungen im Sinne der Psychoanalyse zu verwenden 
wissen, enthält der Roman von John Galsworthy: ,The 
Island Pharisees.' Im Mittelpunkte steht das Schwanken eines 
jungen Mannes, der dem reichen Mittelstand angehört, zwischen 
tiefem sozialen Mitgefühl und den gesellschaftlichen Kon- 
ventionen seiner Klasse. Im XXVI. Kapitel wird geschildert, wie 
er auf einen Brief eines jungen Vagabunden reagiert, den er, 
durch seine originelle Lebensauffassung angezogen, einigemal 
unterstützt hatte. Der Brief enthält keine direkte Bitte um Geld, 
aber die Schilderung einer großen Notlage, die keine andere 
Deutung zuläßt. Der Empfänger weist zunächst den Gedanken 
von sich, das Geld an einen Unverbesserlichen wegzuwerfen, 
statt damit wohltätige Anstalten zu unterstützen. ,Eine helfende 
Hand, ein Stück von sich selbst, ein kameradschaftliches Nicken 
einem Mitgeschöpf zu geben, ohne Rücksicht auf einen Anspruch, 
nur weil es ihm eben schlecht ging, welch ein sentimentaler 
Unsinn! Irgendwo muß der Scheidestrich . gezogen werden!' Aber 
während er diese Schlußfolgerung vor sich hinmurmelte, fühlte 
er, wie seine Aufrichtigkeit Einspruch erhob: ,Schwindler! Du 
willst dein Geld behalten, das ist alles!* 




il 



VI. Verlesen und Verschreiben 147 



Er schreibt daraufhin einen freundUchen Brief, der mit den 
Worten endigt: ,Ich schheße einen Scheck bei. Aufrichtig Ihr 
Richard Shelton.' 

,Bevor er noch den Scheck geschrieben hatte, lenkte eine 
Motte, die um die Kerze schwirrte, seine Aufmerksamkeit ab; 
er ging daran, sie zu fangen und im Freien loszulassen, darüber 
vergaß er aber, daß der Scheck nicht in den Brief eingeschlossen 
war.* Der Brief wird auch wirklich, so wie er ist, befördert. 

Das Vergessen ist aber noch feiner motiviert als durch die 
Durchsetzung der scheinbar überwundenen selbstsüchtigen Tendenz, 
sich die Ausgabe zu ersparen. 

Shelton fiihlt sich auf dem Landsitz seiner künftigen 
Schwiegereltern mitten zwischen seiner Braut, ihrer Familie und 
deren Gästen vereinsamt; durch seine Fehlhandlung wird 
angedeutet, daß er sich nach seinem Schützhng sehnt, der durch 
seine Vergangenheit und Lebensauffassung den vollsten Gegen- 
satz zu der ihn umgebenden tadellosen, nach ein und derselben 
Konvention gleichförmig abgestempelten Umgebung bildet. Tat- 
sächlich kom.mi dieser, der ohne die Unterstützung sich auf 
seinem Posten nicht mehr halten kann, einige Tage nachher an, 
um sich Aufklärung über die Gründe der Abwesenheit des 
angekündigten Schecks zu verschaffen." 



10* 



vn 

VERGESSEN VON EINDRÜCKEN UND VORSÄTZEN 

Wenn jemand geneigt sein sollte, den Stand unserer gegen- 
wärtigen Kenntnis vom Seelenleben zu überschätzen, so brauchte 
man ihn nur an die Gedächtnisfunktion zu mahnen, um ihn zur 
Bescheidenheit zu zwingen. Keine psychologische Theorie hat es 
noch vermocht, von dem fundamentalen Phänomen des Erinnems 
und Vergessens im Zusammenhange Rechenschaft zu geben; ja, 
die vollständige Zergliederung dessen, was man tatsächlich beob- 
achten kann, ist noch kaum in Angriff genommen. Vielleicht ist 
uns heute das Vergessen rätselhafter geworden als das Erinnern, 
seitdem uns das Studium des Traumes und pathologischer 
Ereignisse gelehrt hat, daß auch das plötzlich wieder im 
Bewußtsein auftauchen kann, was wir für längst vergessen 
geschätzt haben. 

Wir sind allerdings im Besitze einiger weniger Gesichtspunkte, 
für welche wir allgemeine Anerkennung erwarten. Wir nehmen 
an, daß das Vergessen ein spontaner Vorgang ist, dem man 
einen gewissen zeitlichen Ablauf zuschreiben kann. Wir heben 
hervor, daß beim Vergessen eine gewisse Auswahl unter den 
dargebotenen Eindrücken stattfindet und ebenso unter den 
Einzelheiten eines jeden Eindrucks oder Erlebnisses. Wir kennen 
einige der Bedingungen für die Haltbarkeit im Gedächtnis und 
für die Erweckbarkeit dessen, was sonst vergessen würde. 



Jl 



p 



VII. Fergessen von Eindrücken und Forsätzen 149 

Bei unzähligen Anlässen im täglichen Leben können wir aber 
bemerken, wie unToUständig und unbefriedigend unsere Er- 
kenntnis ist. Man höre zu, wie zwei Personen, die gemeinsam 
äußere Eindrücke empfangen, z. B. eine Reise miteinander 
gemacht haben, eine Zeitlang später ihre Erinnerungen aus- 
tauschen. Was dem einen fest im Gedächtnis geblieben ist, das 
hat der andere oft vergessen, als ob es nicht geschehen wäre, 
und zwar ohne daß man ein Recht zur Behauptung hätte, 
der Eindruck sei für den einen psychisch bedeutsamer gewesen 
als für den anderen. Eine ganze Anzahl der die Auswahl fürs 
Gedächtnis bestimmenden Momente entzieht sich offenbar noch 
unserer Kenntnis. 

In der Absicht, zur Kenntnis der Bedingungen des Vergessens ' 

einen kleinen Beitrag zu liefern, pflege ich die Fälle, in denen 
mir das Vergessen selbst widerfälnt, einer psychologischen Analyse 
^ unterziehen- Ich beschäftige mich in der Regel nur mit einer 
gewissen Gruppe dieser Fälle, mit jenen nämlich, in denen das 
Vergessen mich in Erstaunen setzt, weil ich nach meiner 
Erwartung das Betreffende wissen sollte. Ich will noch bemerken, 
daß ich zur Vergeßlichkeit im allgemeinen (für Erlebtes, nicht 
für Gelerntes!) nicht neige, und daß ich durch eine kurze Periode 
meiner Jugend auch außergewöhnlicher Gedächtnisleistungen nicht 
unfähig war. In meiner Schulknabenzeit war es mir selbstver- 
ständlich, die Seite des Buches, die ich gelesen hatte, auswendig 
liersagen zu können, und kurz vor der Universität war ich 
imstande, populäre Vorträge wissenschaftlichen Inhalts unmittelbar 
nachher fast wortgetreu niederzuschreiben. In der Spannung vor 
dem letzten medizinischen Rigorosum muß ich noch Gebrauch 
von dem Reste dieser Fähigkeit gemacht haben, denn ich 
gab in einigen Gegenständen den Prüfern wie automatisch ! 

Antworten, die sich getreu mit dem Texte des Lehrbuches ^ \ 

deckten, welchen ich doch nur einmal in der größten Hast ] 

durchflogen hatte. ' 



I 



15° 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



Die Verfügung über den Gedächtnisschatz ist seither bei mir immer 
schlechter geworden, doch habe ich mich bis in die letzte Zeit 
hinein überzeugt, daß ich mit Hilfe eines Kunstgriffes weit mehr 
erinnern kann, als ich mir sonst zutraue. Wenn z. B. ein Patient 
in der Sprechstunde sich darauf beruft, daß ich ihn schon eininal 
gesehen habe, und ich mich weder an die Tatsache noch an den 
Zeitpunkt erinnern kann, so helfe ich mir, indem ich rate, das 
heißt mir rasch eine Zahl von Jahren, von der Gegenwart an 
gerechnet, einfallen lasse. Wo Aufschreibungen oder die sichere 
Angabe des Patienten eine Kontrolle meines Einfalls ermöglichen, 
da zeigt es sich, daß ich selten um mehr als ein Halbjahr bei 
über zehn Jahren geirrt habe'. Ähnlich, wenn ich einen entfernteren 
Bekannten treffe, den ich aus Höflichkeit nach seinen kleinen 
Kindern frage. Erzählt er von den Fortschritten derselben, so 
suche ich mir einfallen zu lassen, wie alt das Kind jetzt ist, 
kontrolliere durch die Auskunft des Vaters und gehe höchster^ 
um einen Monat, bei älteren Kindern um ein Vierteljahr fehl, 
obwohl ich nicht angeben kann, welche Anhaltspunkte ich für 
diese Schätzung hatte. Ich bin zuletzt so kühn geworden, daß ich 
meine Schätzung immer spontan vorbringe, und laufe dabei nicht 
Gefahr, den Vater durch die Bloßstellung meiner Unwissenheit 
über seinen Sprößling zu kränken. Ich erweitere so mein bewußtes 
Erinnern durch Anrufen mehies jedenfalls weit reichhaltigeren 
unbewußten Gedächtnisses. 

Ich werde also über a u f f ä 1 1 i g e Beispiele von Vergessen, 
die ich zumeist an mir selbst beobachtet, berichten. Ich unter- 
scheide Vergessen von Eindrücken und Erlebnissen, also von 
Wissen, und Vergessen von Vorsätzen, also Unterlassungen. Das 
einförmige Ergebnis der ganzen Reihe von Beobachtungen kann 
ich voranstellen: In allen Fällen erwies sich das Ver- 
gessen als begründet durch ein Unlustmotiv. 

i) Gewöhnlich pflegen dann im Laufe der Besprechung die EinzelHeiten des 
damaligen ersten Besuches bewußt aufzutauchen. 



VII. Vergessen von Eindrücken und Vorsätzen igi 



A) VERGESSEN VON EINDRÜCKEN UND KENNTNISSEN 

i) In einem Sommer gab mir meine Frau einen an sich 
harmlosen Anlaß zu heftigem Ärger. Wir saßen an der Table 
d'höte einem Herrn aus Wien gegenüber, den ich kannte und 
der sich wohl auch an mich zu erinnern wußte. Ich hatte aber 
meine Gründe, die Bekanntschaft nicht zu erneuern. Meine Frau, 
die nur den ansehnlichen Namen ihres Gegenüber gehört hatte, 
verriet zu sehr, daß sie seinem Gespräch mit den Nachbarn 
zuhörte, denn sie wandte sich von Zeit zu Zeit an mich mit 
Fragen, die den dort gesponnenen Faden aufnahmen. Ich wurde 
ungeduldig und endlich gereizt. Wenige Wochen später führte 
ich bei einer Verwandten Klage über dieses Verhalten meiner 
Frau. Ich war aber nicht imstande, auch nur ein Wort von der 
Unterhaltung jenes Herrn zu erinnern. Da ich sonst eher nach- 
tragend bin und keine Einzelheit eines Vorfalles, der mich 
geärgert hat, vergessen kann, ist meine Amnesie in diesem Falle 
wohl durch Rücksichten auf die Person der Ehefrau motiviert. 
Ähnlich erging es mir erst vor kurzem wieder. Ich wollte mich 
gegen einen intim Bekannten über eine Äußerung meiner Frau 
lustig machen, die erst vor wenigen Stunden gefallen war, fand 
mich aber in diesem Vorsatz durch den bemerkenswerten 
Umstand gehindert, daß ich die betreffende Äußerung spurlos 
vergessen hatte. Ich mußte erst meine Frau bitten, mich an 
dieselbe zu erinnern. Es ist leicht zu verstehen, daß dies mein 
Vergessen analog zu fassen ist der typischen Urteilsstörung^ 
welcher wir unterliegen, wenn es sich um unsere nächsten 
Angehörigen handelt. 

a) Ich hatte es übernommen, einer fremd in Wien ange- 
kommenen Dame eine kleine eiserne Handkassette zur Auf- 
bewahrung ihrer Dokumente und Gelder zu besorgen. Als ich 
mich dazu erbot, schwebte mir mit ungewöhnlicher visueller 
Lebhaftigkeit das Bild einer Auslage in der Inneren Stadt vor, in 



152 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



welcher ich solche Kassen gesehen haben mußte. Ich konnte mich 
zwar an den Namen der Straße nicht erinnern, fühlte mich aber 
sicher, daß ich den Laden auf einem Spaziergang durch die 
Stadt auffinden werde, denn meine Erinnerung sagte mir, daß 
ich unzähligemal an ihm vorübergegangen sei. Zu meinem Ärger 
gelang es mir aber nicht, diese Auslage mit den Kassetten auf- 
zufinden, obwohl ich die Innere Stadt nach allen Richtungen 
durchstreifte. Es blieb mir nichts anderes übrig, meinte ich, als 
mir aus einem Adressenkalender die Kassenfabrikanten herauszu- 
suchen, um dann auf einem zweiten Rundgange die gesuchte 
Auslage zu identifizieren. Es bedurfte aber nicht so viel; unter 
den im Kalender angezeigten Adressen befand sich eine, die sich 
mir sofort als die vergessene enthüllte. Es war richtig, daß ich 
ungezählte Male an dem Auslagefenster vorübergegangen war, 
jedesmal nämlich, wenn ich die Familie M. besucht hatte, die 
seit langen Jahren in dem nämlichen Hause wohnt. Seitdem 
dieser intime Verkehr einer völligen Entfremdung gewichen war» 
pflegte ich, ohne mir von den Gründen Rechenschaft zu gehen, 
auch die Gegend und das Haus zu meiden. Auf jenem Spaziei-- 
gang durch die Stadt hatte ich, als ich die Kassetten in der 
Auslage suchte, jede Straße in der Umgebung begangen, dieser 
einen aber war ich, als ob ein Verbot darauf läge, ausgewichen. 
Das Unlustmotiv, welches in diesem Falle meine Unorientiertheit 
verschuldete, ist greifbar. Der Mechanismus des Vergessens ist 
aber nicht mehr so einfach wie im vorigen Beispiel. Meine 
Abneigung gilt natürlich nicht dem Kassenfabrikanten, sondern 
einem anderen, von dem ich nichts wissen will, und überträgt 
sich von diesem anderen auf die Gelegenheit, wo sie das Vergessen 
zustande bringt. Ganz ähnlich hatte im Falle Burckhard der 
Groll gegen den einen den Schreibfehler im Namen hervor- 
gebracht, wo es sich um den anderen handelte. Was hier die 
Namensgleichheit leistete, die Verknüpfung zwischen zwei im 
Wesen verschiedenen Gedankenkreisen herzustellen, das konnte 



=M 



^./T. Vergessen von Eind rücken und Vorsätzen 153 

im Beispiel von dem Auslagefenster die Kontiguität im Räume, 
die untrennbare Nachbarschaft, ersetzen. Übrigens war dieser 
letztere Fall fester gefügt; es fand sich noch eine zweite inhaltliche 
Verknüpfung vor, denn unter den Gründen der Entfremdung 
mit der im Hause wohnenden Familie hatte das Geld eine 
Rolle gespielt. 

3) Ich werde von dem Bureau B. & R. bestellt, einen ihrer 
Beamten ärztlich zu besuchen. Auf dem Wege zu dessen Wohnung 
beschäftigt mich die Idee, ich müßte schon wiederholt in dem 
Hause gewesen sein, in welchem sich die Firma befindet. Es ist 
mir, als ob mir die Tafel derselben in einem niedrigen Stock- 
werk aufgefallen wäre, während ich in einem höheren einen 
ärztlichen Besuch zu machen hatte. Ich kann mich aber weder 
daran erinnern, welches dieses Haus ist, noch wen ich dort 
besucht habe. Obwohl die ganze Angelegenheit gleichgültig und 
bedeutungslos ist, beschäftige ich mich doch mit ihr und erfahre 
endUch auf dem gewöhnlichen Umweg, indem ich meine Ein- 
fälle dazu sammle, daß sich einen Stock über den Lokalitäten 
der Firma B. & R. die Pension Fischer befindet, in welcher 
ich häufig Patienten besucht habe. Ich kenne jetzt auch das 
Haus, welches die Bureaus und die Pension beherbergt. Rätselhaft 
ist mir noch, welches Motiv bei diesem Vergessen im Spiele 
war. Ich finde nichts für die Erinnerung Anstößiges an der 
Firma selbst oder an Pension Fischer oder an den Patienten, die 
dort wohnten. Ich vermute auch, daß es sich um nichts sehr 
Peinliches handeln kann; sonst wäre es mir kaum gelungen, mich 
des Vergessenen auf einem Umweg wieder zu bemächtigen, ohne, 
wie im vorigen Beispiel, äußere Hilfsmittel heranzuziehen. Es 
fallt mir endlich ein, daß mich eben vorhin, als ich den Weg 
zu dem neuen Patienten antrat, ein Herr auf der Straße gegrüßt 
hat, den ich Mühe hatte zu erkennen. Ich hatte diesen Mann 
vor Monaten in einem anscheinend schweren Zustand gesehen 
und die Diagnose der progressiven Paralyse über ihn verhängt, 



,5^ Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

dann aber gehört, daß er hergestellt sei, so daß mein Urteil 
unrichtig gewesen wäre. Wenn nicht etwa hier eine der Remis- 
sionen vorliegt, die sich auch bei Dementia paralytica finden, so 
daß meine Diagnose doch noch gerechtfertigt wäre! Von dieser 
Begegnung ging der Einfluß aus, der mich an die Nachbarschaft 
der Bureaus von B. & R. vergessen ließ, und mein Interesse, die 
Lösung des Vergessenen zu finden, war von diesem Fall strittiger 
Diagnostik her übertragen. Die assoziative Verknüpfung aber wurde 
bei geringem inneren Zusammenhang — der wider Erwarten 
Genesene war auch Beamter eines großen Bureaus, welches mir 
Kranke zuzuweisen pflegte — durch eine Namensgleichheit 
besorgt. Der Arzt, mit welchem gemeinsam ich den fraglichen 
Paralytiker gesehen hatte, hieß auch Fischer, wie die in dem 
Hause befindliche, vom Vergessen betroffene Pension. 

4) Ein Ding verlegen heißt ja nichts anderes als vergessen, 
wohin man es gelegt hat, und wie die meisten mit Schriften 
und Büchern hantierenden Personen bin ich auf meinem Schreib- 
tisch wohl orientiert und weiß das Gesuchte mit einem Griffe 
hervorzuholen. V^as anderen als Unordnung erscheint, ist für 
mich historisch gewordene Ordnung. Warum habe ich aber 
unlängst einen Bücherkatalog, der mir zugeschickt wurde, so 
verlegt, daß er unauffindbar geblieben ist? Ich hatte doch die 
Absicht, ein Buch, das ich darin angezeigt fand, „Über die Sprache", 
zu bestellen, weil es von einem Autor herrührt, dessen geistreich 
belebten Stil ich Hebe, dessen Einsicht in der Psychologie und 
dessen Kenntnisse in der Kulturhistorie ich zu schätzen weiß. Ich 
meine, gerade darum habe ich den Katalog verlegt. Ich pflege 
nämlich Bücher dieses Autors zur Aufklärung unter meinen 
Bekannten zu verleihen, und vor wenigen Tagen hat mir jemand 
bei der Rückstellung gesagt: „Der Stil erinnert mich ganz an 
den Ihrigen, und auch die Art zu denken ist dieselbe." Der 
Redner wußte nicht, an was er mit dieser Bemerkung rührte. 
Vor Jahren, als ich noch jünger und anschlußbedürftiger war. 



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jl 



VII. Vergessen von Eindrücken und Vorsätzen 155 



hat mir ungefähr das Nämliche ein äherer Kollege gesagt, dem 
ich die Schriften eines bekannten medizinischen Autors ange- 
priesen hatte. „Ganz Ihr Stil und Ihre Art." So beeinflußt hatte 
ich diesem Autor einen um näheren Verkehr werbenden Brief 
geschrieben, wurde aber durch eine kühle Antwort in meine 
Schranken zurückgewiesen. Vielleicht verbergen sich außerdem 
noch frühere abschreckende Erfahrungen hinter dieser letzten, 
denn ich habe den verlegten Katalog nicht wiedergefunden und 
bin durch dieses Vorzeichen wirklich abgehalten worden, das 
angezeigte Buch zu bestellen, obwohl ein wirkliches Hindernis 
durch das Verschwinden des Katalogs nicht geschaffen worden 
ist. Ich habe ja die Namen des Buches und des Autors im 
Gedächtnis behalten\ 

5) Ein anderer Fall von Verlegen verdient wegen der 
Bedingungen, unter denen das Verlegte wiedergefunden wurde, 
unser Interesse. Ein jüngerer Mann erzählt mir: „Es gab vor 
einigen Jahren Mißverständnisse in meiner Ehe, ich fand meine 
Frau zu kühl, und obwohl ich ihre vortrefflichen Eigenschaften 
gern anerkannte, lebten wir ohne Zärtlichkeit nebeneinander. 
Eines Tages brachte sie mir von einem Spaziergang ein Buch 
mit, das sie gekauft hatte, weil es mich interessieren dürfte. Ich 
dankte für dieses Zeichen von , Aufmerksamkeit', versprach das 
Buch zu lesen, legte es mir zurecht und fand es nicht wieder. 
Monate vergingen so, in denen ich mich gelegentlich an dies 
verschollene Buch erinnerte und es auch vergeblich aufzufinden 
versuchte. Etwa ein Iialbes Jahr später erkrankte meine, getrennt 
von uns wohnende, geliebte Mutter. Meine Frau verließ das 
Haus, um ihre Schwiegermutter zu pflegen. Der Zustand der 
Kranken wurde ernst und gab meiner Frau Gelegenheit, sich von 
ihren besten Seiten zu zeigen. Eines Abends komme ich begeistert 
von der Leistung meiner Frau und dankerfüllt gegen sie nach 

1) Für vielerlei Zufälligkeiten, die man seit Th. Vis eher der „Tücke des 
Objekts" zuschreibt, möchte ich ähnliche Erklänuigen vorschlagen. 



156 



T.ur Psychopathologie des Alltagslebens 



Hause. Ich trete zu meinem Schreibtisch, öffne ohne bestimmte 
Absicht, aber wie mit somnambuler Sicherheit, eine bestimmte Lade 
desselben und zu oberst in ihr finde ich das so lange vermißte, 
das verlegte Buch," 

Einen Fall von Verlegen, der in dem letzten Charakter mit 
diesem, zusammentrifft, in der merkwürdigen Sicherheit des 
Wiederfindens, wenn das Motiv des Verlegens erloschen ist, 
erzählt J. Stärcke (1. c). 

6) „Ein junges Mädchen hatte einen Lappen, aus welchem sie 
einen Kragen anfertigen Tvollte, im Zuschneiden verdorben. Nun 
mußte die Näherin kommen und versuchen, es noch zurechtzu- 
bringen. Als die Näherin gekommen war und das Mädchen den 
zerschnittenen Kragen aus der Schublade, in die sie ihn gelegt 
zu haben glaubte, zum Vorschein holen wollte, kannte sie ihn 
nicht finden. Sie warf das Unterste zu oberst, aber sie fand ihn 
nicht. Als sie nun im Zorne sich setzte und sich abfragte, warum 
er plötzlich verschwunden war und ob sie ihn vielleicht nicht 
finden wollte, überlegte sie, daß sie sich natürlich vor der 
Näherin schämte, weil sie etwas so Einfaches wie einen 
Kragen doch noch verdorben hatte. Als sie das bedacht hatte, 
stand sie auf, ging auf einen anderen Schrank zu und brachte 
daraus beim ersten Griff den zerschnittenen Kragen zum 
Vorschein." 

7) Das nachstehende Beispiel von „Verlegen" entspricht einem 
Typus, der jedem Psychoanalytiker bekannt geworden ist. Ich 
darf angeben, der Patient, der dieses Verlegen produzierte, hat 
den Schlüssel dazu selbst gefunden: 

„Ein in psychoanalytischer Behandlung stehender Patient, bei 
dem die sommerliche Unterbrechung der Kur in eine Periode 
des Widerstandes und schlechten Befindens fallt, legt abends beim 
Entkleiden seinen Schlüsselbund, wie er meint, auf den gewohnten 
Platz. Dann erinnert er sich, daß er für die Abreise am nächsten 
Tag, dem letzten der Kur, an dem auch das Honorar fällig 



wird, noch einige Gegenstände aus dem Schreibtisch nehmen 
will, wo er auch das Geld verwahrt hat. Aber die Schlüssel 
sind — verschwunden. Er beginnt seine kleine Wohnung syste- 
matisch, aber in steigender Erregung abzusuchen — ohne 
Erfolg. Da er das ,Verlegen* der Schlüssel als Symptomhandlung, 
also als beabsichtigt, erkennt, weckt er seinen Diener, um mit 
Hilfe einer ,unbefangenen* Person weiterzusuchen. Nach einer 
weiteren Stunde gibt er das Suchen auf und fürchtet, daß er 
die Schlüssel verloren habe. Am nächsten Morgen bestellt er 
beim Fabrikanten der Schreibtischkasse neue Schlüssel, die in 
aller Eile angefertigt werden. Zwei Bekannte, die ihn im Wagen 
nach Hause begleitet haben, wollen sich erinnern, etwas auf den 
Boden klirren gehört zu haben, als er aus dem Wagen stieg. Er 
ist überzeugt, daß ihm die Schlüssel aus der Tasche gefallen 
sind. Abends präsentierte ihm der Diener triumphierend die 
Schlüssel. Sie lagen zwischen einem dicken Buche und einer 
dünnen Broschüre (einer Arbeit eines meiner Schüler), die er 
zur Lektüre für die Ferien mitnehmen wollte, so geschickt hin- 
gelegt, daß niemand sie dort vermutet hätte. Es war ihm dann 
unmöglich, die Lage der Schlüssel so unsichtbar nachzuahmen. 
Die unbewußte Geschicklichkeit, mit der ein Gegenstand infolge 
von geheimen, aber starken Motiven verlegt wird, erinnert ganz 
an die ^somnambule Sicherheit^ Das Motiv war natürlich 
Unmut über die Unterbrechung der Kur und die geheime 
Wut, bei so schlechtem Befinden ein hohes Honorar zahlen zu 



müssen. " 



8) Ein Mann, erzählt A. A. Brill, wurde von seiner Frau 
gedrängt, an einer gesellschaftlichen Veranstaltung teilzunehmen,. ^ 

die ihm im Grunde sehr gleichgültig war. Er gab ihren Bitten 
endlich nach und begann seinen Festanzug aus dem Koffer zu 
nehmen, unterbrach sich aber darin und beschloß, sich zuerst zu 
rasieren. Als er damit fertig geworden war, kehrte er zum 
Koffer zurück, fand ihn aber zugeklappt, und der Schlüssel war 



I 



jeg Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



nicht aufzufinden. Ein Schlosser war nicht aufzutreiben, da es 
Sonntag abend war, und so mußten die beiden sich in der 
Gesellschaft entschuldigen lassen. Als der Koffer am nächsten 
Morgen geöffnet wurde, fand sich der Schlüssel drinnen. Der 
Mann hatte ihn in der Zerstreutheit in den Koffer fallen lassen 
und diesen ins Schloß geworfen. Er gab mir zwar die Ver- 
sicherung, daß er ganz ohne Wissen und Absicht so getan 
habe, aber wir wissen, daß er nicht in die Gesellschaft gehen 
wollte. Das Verlegen des Schlüssels ermangelte also nicht emes 

Motivs. 

E. Jones beobachtete an sich selbst, daß er jedesmal die 
Pfeife zu verlegen pflegte, nachdem er zuviel geraucht hatte und 
sich darum unwohl fühlte. Die Pfeife fand sich dann an allen 
möglichen Stellen, wo sie nicht hingehörte und wo sie für 
gewöhnlich nicht aufbewahrt wurde. 

9) Einen harmlosen Fall mit eingestandener Motivierung 
berichtet Dora Müller: 

Fräulein Erna A. erzählt zwei Tage vor Weihnachten: 
„Denken Sie, gestern abend nahm ich aus memem Pfeffer- 
kuchenpaket und aß^ ich denke dabei, daß ich Fräulein S. (der 
Gesellschafterin ihrer Mutter), wenn sie mir Gutenacht sagen 
komme, davon anbieten müsse; ich hatte keine rechte Lust dazu^ 
nahm mir aber trotzdem vor, es zu tun. Wie sie nachher kam 
und ich nach meinem Tischchen hin die Hand ausstreckte, um 
das Paket zu nehmen, fand ich es dort nicht. Ich suchte danach 
und fand es eingeschlossen in meinem Schranke. Da hatte ich . 
das Paket, ohne es zu wissen, hineingestellt." Eine Analyse war 
überflüssig, die Erzählerin war sich selbst über den Zusammenhang 
klar. Die eben verdrängte Regung, das Gebäck für sich allein 
behalten zu wollen, war gleichwohl in automatischer Handlung 
durchgedrungen, um freilich in diesem Falle durch die nach- 
folgende bewußte Handlung wieder rückgängig gemacht zu werden. 
(Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, III, 1915-) 




^//. Vergessen von Eindrücken und Vorsätzen igg 

lo) H. Sachs schildert, wie er sich einmal durch ein solches 
Verlegen der Verpflichtung zu arbeiten entzogen hat: „Vergangenen 
Sonntag nachmittag schwankte ich eine Weile, ob ich arbeiten 
oder einen Spaziergang mit daranschheßendem Besuche machen 
solle, entschloß mich aber nach einigem Kampfe für das erstere. 
Nach etwa einer Stunde bemerkte ich, daß ich mit meinem 
Papiervorrat zu Ende sei. Ich wußte, daß ich irgendwo in einer 
Lade schon seit Jahren ein Bündel Papier aufbewahrt habe, 
suchte aber danach vergeblich in meinem Schreibtisch und an 
anderen Stellen, wo ich es zu finden vermutete, obgleich ich mir 
große Mühe gab und in allen möglichen alten Büchern, 
Broschüren, Briefsdiaften u. dgL herumwühlte. So sah ich mich 
doch genötigt, die Arbeit einzustellen und fortzugehen. Als ich 
abends nach Hause kam, setzte ich mich auf das Sofa und sah 
in Gedanken, halb abwesend auf den gegenüberstehenden Bücher- 
schrank. Da fiel mir eine Lade in die Augen und ich erinnerte 
daß ich ihren Inhalt schon lange nicht durchgemustert habe. Ich 
ging also hin und öffnete sie. Zu oberst lag eine Ledermappe 
und in dieser unbeschriebenes Papier. Aber erst als ich es heraus- 
genommen hatte und im Begriffe stand, es in der Schreibtisch- 
lade zu verwahren, fiel mir ein, daß dies ja dasselbe Papier sei, 
das ich nachmittags vergeblich gesucht halte. Ich muß hiezu noch 
bemerken, daß ich, obgleich sonst nicht sparsam, mit Papier sehr 
vorsichtig umgehe und jedes verwendbare Restchen aufhebe. Diese 
von einem Triebe gespeiste Gewohnheit war es offenbar, die mich 
zur sofortigen Korrektur des Vergessens veranlaßte, sobald das 
aktuelle Motiv dafür verschwunden war." 

Wenn man die Fälle von Verlegen übersieht, wird es wirklich 
schwer anzunehmen, daß ein Verlegen jemals anders als infolge 
einer unbewußten Absicht erfolgt. 

1 1) Im Sommer des Jahres 1901 erklärte ich einmal einem 
Freunde, mit dem ich damals in regem Gedankenaustausch über 
wissenschaftliche Fragen stand: Diese neurotischen Probleme sind 



i6o Zur Psychopathologie des AlltagsUbens 



nur dann zu löseuj wenn wir uns ganz und voll auf den Boden 
der Annahme einer ursprünglichen Bisexualität des Individuums 
stellen. Ich erhielt zur Antwort: „Das habe ich dir schon vor 
zweieinhalb . Jahren in Er. gesagt, als wir jenen Abendspaziergang 
machten. Du wolltest damals nichts davon hören." Es ist nun 
schmerzlich, so zum Aufgeben seiner Originalität aufgefordert zu 
werden. Ich konnte m.ich an ein solches Gespräch und an diese 
Eröffnung meines Freundes nicht erinnern. Einer von uns beiden 
mußte sich da täuschen; nach dem Prinzip der Frage cui prodest? 
mußte ich das sein. Ich habe im Laufe der nächsten Woche in 
der Tat alles so erinnert, wie mein Freund es in mir erwecken 
wollte; ich weiß selbst, was ich damals zur Antwort gab: Dabei 
halte ich noch nicht, ich will mich darauf nicht einlassen. Aber 
ich bin seither um ein Stück toleranter geworden, wenn ich 
irgendwo in der medizinischen Literatur auf eine der wenigen 
Ideen stoße, mit denen man meinen Namen verknüpfen kann, und 
wenn ich dabei die Erwähnung meines Namens vermisse. 

Ausstellungen an seiner Ehefrau — Freundschaft, die ins 
Gegenteil umgeschlagen hat — Irrtum in ärztlicher Diagnostik 
— Zurückweisung durch Gleichstrebende — Entlehnung von 
Ideen: es ist wohl kaum zufällig, daß eine Anzahl von Beispielen 
des Vergessens, die ohne Auswahl gesammelt w^orden sind, zu 
ihrer Auflösung des Eingehens auf so peinliche Themata bedürfen. 
Ich vermute vielmehr, daß jeder andere, der sein eigenes Ver- 
gessen einer Prüfung nach den Motiven unterziehen will, eine 
ähnliche Musterkarte von Widerwärtigkeiten aufzeichnen können 
wird. Die Neigung zum Vergessen des Unangenehmen scheint 
mir ganz allgemein zu sein 5 die Fähigkeit dazu ist wohl bei den 
verschiedenen Personen verschieden gut ausgebildet. Manches 
Ableugnen, das uns in der ärztlichen Tätigkeit begegnet, ist 
wahrscheinhch auf Vergessen zurückzuführen'. Unsere Auf- 

1) Wenn man sich bei einem Menschen erkundigt, oh er vor zehn oder fünfzehn 
Jahren eine luetische Infektion durchgemacht hat, vergißt man m leicht daran, daß 




VII. Fergessen von Eindrücken und Vorsätzen 161 



fassung eines solchen Vergessens beschränkt den Unterschied 
zwischen dem und jenem Benehmen allerdings auf rein psycho- 
logische Verhältnisse und gestattet uns, in beiden Reafctions weisen 
den Ausdruck desselben Motivs zu sehen. Von all den zahlreichen 
Beispielen der Verleugnung unangenehmer Erinnerungen, die 
ich bei Angehörigen von Kranken gesehen habe, ist mir eines 
als besonders seltsam im Gedächtnis geblieben. Eine Mutter 
informierte mich über die Kinderjahre ihres nervösen, in der 
Pubertät befindlichen Sohnes und erzählte dabei, daß er wie seine 
Geschwister bis in späte Jahre an Bettnässen gelitten habe, was ja 
für eine neurotische Krankengeschichte nicht bedeutungslos ist. 
Einige Wochen später, als sie sich Auskunft über den Stand der 
Behandlung holen wollte, hatte ich Anlaß, sie auf die Zeichen 



der Befragte diesen Krankheit szufall psychisch ganz anders behandelt hat als etwa 
einen akuten Rlieumatismiis. — In den Anamnesen, welche Eltern über ihre neurotisch 
erkrankten Töchter geben, ist der Anteil des Vergessens von dem des Verbergens 
kaum je mit Sicherheit lu sondern, weil alles, was der späteren Verheiratung des 
Mädchens im Wege steht, von den Eltern systematisch beseitigt, d, h. verdrängt 
wird. — Ein Mann, der vor kurzem seine geliebte Prau an einer Lungenaffektion 
verloren, teilt mir nachstehenden Fall von Irreführung der ärztlichen Erkiuidigung 
mit, der nur auf solches Vergessen zuriickführbar ist: „Als die Pleuritis meiner armen 
Frau nach vielen Wochen noch nicht weichen wollte, wurde Dr. P. als Konsiliarius 
berufen. Bei der Aufnahme der Anamnese stellte er die üblichen Fragen, u. a. auch, 
ob in der Familie meiner Frau etwa Limgenkrankheitcn vorgekommen seien. Meine 
Frau verneinte und auch ich erinnerte mich nicht. Bei der Verabschiediuig des Dr. P. 
kommt das Gespräch wie zufällig auf Ausflüge, und meine Prau sagt: Ja, auch bis 
Langersdorf, wo mein armer Bruder begraben liegt, ist eine weite Reise. 
Dieser Bruder war vor etwa fünfzehn Jahren nach mehrjährigem tuberkulösem Leiden 
gestorben. Meine Prau hatte ihn sehr geliebt und mir oft von ihm gesprochen. Ja, es 
fiel mir ein, daß sie seinerzeit, als die Pleuritis festgestellt wiu-de, sehr besorgt war 
und trübsinnig meinte: Auch mein Bruder ist an der Lunge gestorben. 
Nun aber war die Erinnerung daran so sehr verdrängt, dal3 sie auch nach dem vorhin 
angeführten Ausspruch über den Ausflug nach L. keine Veranlassung fand, ihre Aus- 
kunft iiher Erkrankungen in ihrer Familie zu korrigieren. Mir selbst fiel das Ver- 
gessen in demselben Moment wieder ein, wo sie von Langersdorf sprach." — Ein 
völlig analoges Erlebnis erzälilt E. Jones in der hier bereits meltrmals erwälmtea 
Arbeit. Ein Arzt, dessen Frau an einer diagnostisch imklaren Unterleibserkraiikunff 
litt, bemerkte zu ihr wie tröstend; „Es ist doch gut, daß in deiner Familie kein 
Fall von Tuberkulose vorgekommen ist." Die Frau antwortete aufs äußerste über- 
rascht: „Hast du denn vergessen, daß meine Mutter an Tuberkulose gestorben ist 
und daß meine Schwester von ihrer Tuberkulose nicht eher hergestellt wurde, als 
bis die Ärzte sie aufgegeben hatten?" 

Freud, IV. 

. 11 



JOS Zar Psychopathologie des Alltagslebens 



P 



konstitutioneller Krankheitsveranlagung bei dem jungen Manne 
aufmerksam zu machen, und berief mich hiebei auf das ana- 
mnestisch erhobene Bettnässen. Zu meinem Erstaunen bestritt sie 
die Tatsache sowohl für dies als auch^ für die anderen Kinder, 
fragte mich, woher ich das wissen könne, und hörte endlich von 
mir, daß sie selbst es mir vor kurzer Zeit erzählt habe, was also 
von ihr vergessen worden war'. 

Man findet also auch bei gesunden, nicht neurotischen 
Menschen reichlich Anzeichen dafür, daß si ch der Erinnerung 
an peinliche Eindrücke, der Vorstellung peinlicher Gedanken, ein 
Widerstand entgegensetzt^ Die volle Bedeutung dieser Tatsache 

i) In den Tagen, während ich mit der Niederschrift dieser Seiten beschäftigt 
war, ist mir folgender, fast unglauhlicher Fall von Vergessen widerfahren: Ich 
revidiere am i, Jänner mein ärztliches Buch, um meine Honorarrechnungen aus-, 
senden zu können, stoße dahei im Juni auf den Namen M . . . 1 und kann mich an 
eine %\x ihni gehörige Person nicht erinnern. Mein Befremden wächst, indem ich 
beim Weiterblättem bemerke, daQ ich den Fall in einem Sanatorium behandelt, unel 
daD ich ihn durch Wochen täglich besucht habe. Einen Kranken, mit dem man sich 
luiter solchen Bedingungen beschäftigt, vergißt man als Arit nicht nach kaum sechs 
Monaten. Sollte es ein Mann, ein Paralytiker, ein Fall ohne Interesse gewesen sein, 
frage ich mich? Endlich bei dem Vermerk über das empfangene Honorar kommt 
mir all die Kenntnis wieder, die sich der Erinnerung entliehen wollte. M - . . 1 war 
ein vierzehnjähriges Mädchen gewesen, der merkwürdigste Fall meiner letzten Jahre, 
welcher mir eine Lehre hinterlassen, die ich kaum je vergessen werde, und dessen 
Ausgang mir die peinlichsten Stunden bereitet hat. Das Kind erkrankte Em unzwei- 
deutiger Hysterie, die sich auch unter meinen Händen rasch und gründlich besserte. 
Nach dieser Besserung wurde mir das Kind von den Eltern entzogen; es klagte 
noch über abdominale Schmerzen, denen die Hauptrolle im Symptombild der Hysterie 
zugefallen war. Zwei Monate später war es an Sarkom der Unterleibsdrüsen 
gestorben. Die Hysterie, zu der das Kind nebstbei prädisponiert war, hatte die 
Tumorbildung zur provozierenden Ursache genommen und ich hatte, von den 
lärmenden, aber harmlosen Erscheinungen der Hysterie gefesselt, vielleicht die ersten 
Anzeichen der schleichenden und unheilvollen Erkrankung übersehen. 

2) A. Pick hat kürzlich (Zur Psychologie des Vergessens bei Geistes- und 
Nervenkranken, Archiv für Kriminal- Anthropologie und Kriminalistik von H. Groß) 
eine Reihe von Autoren zusammengestellt, die den Einfluß affektiver Faktoren auf 
das Gedächtnis würdigen und — mehr oder minder deutlich — den Beitrag aner- 
kennen, den das Abwehrbestreben gegen Unlust zum Vergessen leistet. Keiner von 
uns allen hat aber das Phänomen und seine psychologische Begründung so 
erschöpfend und zugleich so eindrucksvoll darstellen können wie Nietzsche in 
einem seiner Aphorismen (Jenseits von Gut und Böse, II. Hauptstück, 68): „Dai 
habe ich getan, sagt mein ,G e d ächtn i s'. Das kann ich nicht getan 
haben, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich — gibt 
das Gedächtnis nach." 



F 



VII. Vergessen von Eindrücken und Vorsätzen 163 

läßt sich aber erst ermessen, wenn man in die Psychologie 
neurotischer Personen eingeht. Man ist genötigt, ein solches 
elementares Abwehrbestreben gegen Vorstellungen, 
welche Unlustempfindungen erwecken können, ein Bestreben, das 
sich nur dem Fluchtreflex bei Schmerzreizen an die Seite stellen 
läßt, zu einem der Hauptpfeiler des Mechanismus zu machen, 
welcher die hysterischen Symptome trägt. Man möge gegen die 
Annahme einer solchen Abwehrtendenz nicht einwenden, daß wir 
es im Gegenteil häufig genug unmöglich finden, peinliche 
Erinnerungen, die uns verfolgen, los zu werden und peinliche 
Affektregungen wie Reue, Gewissensvorwürfe zu verscheuchen. 
Es wird ja nicht behauptet, daß diese Abwehrtendenz sich überall 
durchzusetzen vermag, daß sie nicht im Spiele der psychischen 
Kräfte auf Faktoren stoßen kann, welche zu anderen Zwecken 
das Entgegengesetzte anstreben und ihr zum Trotze zustande 
bringen. Als das architektonische Prinzip des 
seelischen Apparates läßt sich die Schichtung, der 
Aufbau aus einander überlagernden Instanzen 
erraten, und es ist sehr wohl möglich, daß dies Abwehr- 
bestreben einer niedrigen psychischen Instanz angehört, von 
höheren Instanzen aber gehemmt wird. Es spricht jedenfalls für 
die Existenz und Mächtigkeit dieser Tendenz zur Abwehr, wenn 
wir Vorgänge wie die in unseren Beispielen von Vergessen auf 
sie zurückführen können. Wir sehen, daß manches um seiner 
selbst willen vergessen w^ird; wo dies nicht möglich ist, 
verschiebt die Abwehrtendenz ihr Ziel und bringt wenigstens 
etwas anderes, minder Bedeutsames, zum Vergessen, was 
in assoziative Verknüpfung mit dem eigentlich Anstößigen 

geraten ist. 

Der hier entwickelte Gesichtspunkt, daß peinliche Erinnerungen 
mit besonderer Leichtigkeit dem motivierten Vergessen verfallen, 
verdiente auf mehrere Gebiete bezogen zu werden, in denen er 
heute noch keine oder eine zu geringe Beachtung gefunden hat. 

II' 



P 



164 Zwr Psychopathologie des Alltagslehem 

So erscheint er mir noch immer nicht genügend scharf betont 
bei der Würdigung von Zeugenaussagen vor Gericht^ wobei 
man offenbar der Beeidung des Zeugen einen allzu großen 
purifizierenden Einfluß auf dessen psychisches Kräftespiel zutraut. 
Daß man bei der Entstehung der Traditionen und der Sagen- 
geschichte eines Volkes einem solchen Motiv, das dem National- 
gefühl Peinliche aus der Erinnerung auszumerzen, Rechnung 
tragen muß, wird allgemein zugestanden. Vielleicht würde sich 
bei genauerer Verfolgung eine vollständige Analogie herausstellen 
zwischen der Art, wie Völkertraditionen und wie die Kindheits- 
erinnerungen des einzelnen Individuums gebildet werden. Der 
große Darwin hat aus seiner Einsicht in dies Unlustmotiv 
des Vergessens eine „goldene Regel" für den wissenschaftlichen 
Arbeiter gezogen^ 

Ganz ähnlich wie beim Na m^env ergessen kann auch beim Ver- 
gessen von Eindrücken Fehlerinnern eintreten, das dort, wo es 
Glauben findet, als Erinnerungstäuschung bezeichnet wird. Die 
Erinnerungstäuschung in pathologischen Fällen — in der Paranoia 
spielt sie geradezu die Rolle eines konstituierenden Moments bei 
der Wahnbildung — hat eine ausgedehnte Literatur wachgerufen, 
in welcher ich durchgängig den Hinweis auf eine Motivierung 
derselben vermisse. Da auch dieses Thema der Neurosenpsychologie 



1) Vgl. Hans Groß, Kriminalpsychologie, 1898. 

2) Emest Jones verweist auf folgende Stelle in der Autobiographie Darwins, 
welche seine wissenschaftliche Ehrlichkeit und seinen psychologischen Scharfsinn 
Überzeugend widerspiegelt: 

„I had, during many years, followed a golden mit, nianely, that whenever a puhlished 
fact, a new Observation or tbought came across me, whick was opposed to my gencral results, 
to inake a memorandum of it whithout fall and at once; for 1 had found by esperience 
that such facts and tlwuglits ivere far more apt to escape from the memory tJian favourabl« 
on^s." — Viele Jahre hindurch befolgte ich eine goldene Regel. Fand ich nämlich 
eine veröffentlichte Tatsache, eine neue Beobachtung oder einen Gedanken, welcher 
einem meiner allgemeinen Ergebnisse widersprach, so notierte ich denselben sofort 
möglichst wortgetreu. Denn die Erfahrung liatte mich gelehrt, daß solche Tat- 
sachen und Erfahrungen dem Gedächtnisse leichter entschwinden als die uns 
genehmen." 



VII. Fergesseil von Eindrücken und Vorsätzen 165 

angehört, entzieht es sich in unserem Zusammenhange der 
Behandlung. Ich werde dafür ein sonderbares Beispiel einer 
eigenen Erinnerungstäuschung mitteilen, bei dem die Moti- 
vierung durch unbewußtes verdrängtes Material und die Art 
und "Weise der Verknüpfung mit demselben deutlich genug 
kenntlich werden. 

Als ich die späteren Abschnitte meines Buches über Traum- 
deutung schrieb, befand ich mich in einer Sommerfrische ohne 
Zugang zu Bibliotheken und Nachschlagebüchern und war genötigt, 
mit Vorbehalt späterer Korrektur, allerlei Beziehungen und Zitate 
aus dem Gedächtnis in das Manuskript einzutragen. Beim Abschnitt 
über das Tagträumen fiel mir die ausgezeichnete Figur des armen 
Buchhalters im „Nabab" von Alph. Daudet ein, mit welcher 
der Dichter wahrscheinlich seine eigene Träumerei geschildert 
hat. Ich glaubte mich an eine der Phantasien, die dieser Mann 
— Mr. Jocelyn nannte ich ihn — auf seinen Spaziergängen 
durch die Straßen von Paris ausbrütet, deutlich zu erirmern und 
begann sie aus dem Gedächtnis zu reproduzieren. Wie also Herr 
Jocelyn auf der Straße sich kühn einem durchgehenden Pferde 
entgegen wirft, es zum Stehen bringt, der Wagenschlag sich 
öffnet, eine hohe Persönlichkeit dem Coup^ entsteigt, Herrn 
Jocelyn die Hand drückt und ihm sagt: „Sie sind mein 
Retter, Ihnen verdanke ich mein Leben. Was kann ich für 
Sie tun?" 

Etwaige Ungenauigkeiten in der Wiedergabe dieser Phantasie, 
tröstete ich mich, würden sich leicht zu Hause verbessern lassen, 
wenn ich das Buch zur Hand nähme. Als ich dann aber den 
„N a b a b" durchblätterte, um die druckbereite Stelle meines 
Manuskripts zu vergleichen, fand ich zu meiner größten Beschämung 
und Bestürzung nichts von einer solchen Träumerei des Herrn 
Jocelyn darin, ja der arme Buchhalter trug gar nicht diesen 
Namen, sondern hieß Mr. Joyeuse. Dieser zweite Irrtum gab 
dann bald den Schlüssel zur Klärung des ersten, der Erinnerungs- 



j ' 



i66 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



Täuschung. Joyeux (wovon der Name die feminine Form dar- 
stellt): so und nicht anders müßte ich meinen eigenen Namen: 
Freud ins Französische übersetzen. Woher konnte also die 
fälschlich erinnerte Phantasie sein, die ich Daudet zugeschrieben 
hatte? Sie konnte nur ein eigenes Produkt sein, ein Tagtraum, 
den ich selbst gemacht und der mir nicht bewußt geworden, 
oder der mir einst bewußt gewesen, und den ich seither 
gründlich vergessen habe. Vielleicht daß ich ihn selbst in Paris 
gemacht, wo ich oft genug einsam und voll Sehnsucht durch 
die Straßen spaziert bin, eines Helfers und Protektors sehr 
bedürftig, bis Meister C h a r c o t mich dann in seinen Verkehr 
zog. Den Dichter des „Nabab" habe ich dann wiederholt im 
Hause Charcots gesehen^ 

Ein anderer Fall von Erinnerungstäuschung, der sich 
befriedigend aufklären ließ, mahnt an die später zu besprechende 
fausse rdconnaissance: Ich hatte einem meiner Patienten, einem 
ehrgeizigen und befähigten Manne, erzählt, daß ein junger Student 
sich kürzlich durch eine interessante Arbeit „Der Künstler, Ver- 



i) Vor einiger Zeit wurde mir aus dem Kreise meiner Leser ein Bändchen der 
Jugendbibliothek von Fr, Hoffmann zugeschickt, in dem eine solche Rettungs- 
szene, wie ich sie in Paris phantasiert, ausführlich erzählt wird. Die Übereinstimmung 
erstreckt sich bis auf einzelne, nicht ganz gewöhnliche Ausdrücke, die hier wie dort 
vorkommen. Die Vermutung, daß ich in frühen Knabenjahren diese Jugendschrift 
wirklich gelesen habe, läßt sich nicht gut abweisen. Die Schülerbihliothek unseres 
Gymnasiums enlhielt die Hoffmannsche Sammlung und war imimer bereit, sie den 
Schülern an Stelle jeder anderen geistigen Nahrung anzubieten. Die Phantasie, die 
ich mit 43 Jahren als die Produktion eines anderen zu erinnern glaubte und dann 
als eigene Leistimg aus dem 29. Lebensjahr erkennen mußte, mag also leicht die 
getreue Reproduktion eines im Alter zwischen 11 und ig aufgenommenen Eindrucks 
gewesen sein. Die Rettungsphantasie, die ich dem stellenlosen Buchhalter im „Nabab" 
angedichtet, soll ja nur der Phantasie der eigenen Rettung den Weg bahnen, die 
Sehnsuclit nach einen Gönner und Beschützer dem Stolz erträglich machen. Es wird 
dann keinem Seelenkenner befremdlich sein zu hören, daß ich selbst in meinem 
bewußten Leben der Vorstellung, von der Gunst eines Protektors abhängig zu sein, 
das größte Widerstreben entgegengebracht und die wenigen realen Situationen, in 
denen sich etwas ähnliches ereignete, schlecht vertragen habe. Die tiefere Bedeutung 
der Phantasien mit solchem Inhalt und eine naliezu erschöijfende Erklärung ihrer 
Eigentümlichkeiten hat Abraham in einer Arbeit, „Vaterrettimg und Vatermord 
in den neurotischen Phantasiegebilden", 1922 (Internationale Zeitschrift für Psycho- 
analyse, VIII^ zutage gefordert. 



VII. Vergessen von Eindrücken und Vorsätzen 167 

such einer Sexualpsychologie" in den Kreis meiner Schüler ein- 
geführt habe. Als diese Schrift eineinviertel Jahr später gedruckt 
vorlag, behauptete mein Patient, sich mit Sicherheit daran erinnern 
zu können, daß er die Ankündigung derselben bereits vor meiner 
ersten Mitteilung (einen Monat oder ein halbes Jahr vorher) 
irgendwo, etwa in einer Buchhändleranzeige, gelesen habe. Es sei 
ihm diese Notiz auch damals gleich in den Sinn gekommen und 
er konstatierte überdies, daß der Autor den Titel verändert habe, 
da es nicht mehr „Versuch", sondern „Ansätze zu einer Sexual- 
psychologie" heiße. Sorgfältige Erkundigung beim Autor und 
Vergleichung aller Zeitangaben zeigten indes, daß mein Patient 
etwas Unmöghches erinnern wollte. Von jener Schrift war 
nirgends eine Anzeige vor dem Drucke erschienen, am wenigsten 
aber eineinviertel Jahr vor ihrer Drucklegung. Als ich eine 
Deutung dieser Erinnerungstäuschung unterließ, brachte derselbe 
Mann eine gleichwertige Erneuerung derselben zustande. Er meinte, 
vor kurzem eine Schrift über „Agoraphobie" in dem Auslage- 
fenster einer Buchhandlung bemerkt zu haben, und suchte derselben 
nun durch Nachforschung in allen Verlagskatalogen habhaft zu 
werden. Ich konnte ihn dann aufklären, warum diese Bemühung 
erfolglos bleiben mußte. Die Schrift über Agoraphobie bestand 
erst in seiner Phantasie als unbewußter Vorsatz und sollte von 
ihm selbst abgefaßt werden. Sein Ehrgeiz, es jenem jungen Manne 
gleichzutun und durch eine solche wissenschaftliche Arbeit zum 
Schüler zu werden, hatte ihn zu jener ersten wie zur wieder- 
holten Erinnerungstäuschung geführt. Er besann sich dann auch, 
daß die Buchhändleranzeige, welche ihm zu diesem falschen 
Erkennen gedient hatte, sich auf ein Werk, betitelt: „Genesis, 
das Gesetz der Zeugung", bezog. Die von ihm erwähnte 
Abänderung des Titels kam aber auf meine Rechnung, denn 
ich wußte mich selbst zu erinnern, daß ich diese Ungenauigkeit 
in der Wiedergabe des Titels, „Versuch" anstatt „Ansätze" 
begangen hatte. 



i68 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



B) DAS VERGESSEN VON VORSÄTZEN 

Keine andere Gruppe von Phänomenen eignet sich besser zum 
Beweis der These, daß die Geringfügigkeit der Aufmerksamkeit 
für sich allein nicht hinreiche, die Fehlleistung zu erklären, als 
die des Vergessens von Vorsätzen. Ein Vorsatz ist ein Impuls zur 
Handlung, der bereits Billigung gefunden hat, dessen Ausführung 
aber auf einen geeigneten Zeitpunkt verschoben wurde. Nun kann 
in dem so geschaffenen Intervall allerdings eine derartige Ver- 
änderung in den Motiven eintreten, daß der Vorsatz nicht zur 
Ausführung gelangt, aber dann wird er nicht vergessen, sondern 
revidiert und aufgehoben. Das Vergessen von Vorsätzen, dem wii- 
alltäglich und in allen möglichen Situationen unterliegen, pflegen 
wir uns nicht durch eine Neuerung in der Motivengleichung zu 
erklären, sondern lassen es gemeinhin unerklärt, oder wu: suchen 
eine psychologische Erklärung in der Annahme, gegen die Zeit 
der Ausführung hin habe sich die erforderliche Aufmerksamkeit 
für die Handlung nicht mehr bereit gefunden, die doch für das 
Zustandekommen des Vorsatzes unerläßHche Bedingung war, damals 
also für die nämliche Handlung zur Verfügung stand. Die 
Beobachtung unseres normalen Verhaltens gegen Vorsätze läßt 
uns diesen Erldärungsversuch als willkürlich abweisen. Wenn ich 
des Morgens einen Vorsatz fasse, der abends ausgeführt werden 
soU, so kann ich im Laufe des Tages einigemal an ihn gemahnt 
werden. Er braucht aber tagsüber überhaupt nicht mehr bewußt 
zu werden. Wenn sich die Zeit der Ausführung näheit, fälh er 
mir plötzlich ein und veranlaßt mich, die zur vorgesetzten 
Handlung nötigen Vorbereitungen zu treffen. Wenn ich auf einen 
Spaziergang einen Brief mitnehme, welcher noch befördert werden 
soll, so brauche ich ihn als normales und nicht nervöses Individuum 
kemeswegs die ganze Strecke über in der Hand zu tragen und 
unterdessen nach einem Briefkasten auszuspähen, in den ich ihn 
werfe, sondern ich pflege ihn m die Tasche zu stecken, meiner 



VII. Vergessen von Eindrücken und Vorsätzen 169 



Wege zu gehen, meine Gedanken frei schweifen zu lassen, und 
ich rechne darauf, daß einer der nächsten Briefkasten meine 
Aufmerksamkeit erregen und mich veranlassen wird, in die 
Tasche zu greifen und den Brief hervorzuziehen. Das normale 
Verhalten beim gefaßten Vorsatz deckt sich vollkommen mit dem 
experimentell zu erzeugenden Benehmen von Personen, denen 
man eine sogenannte „posthypnotische Suggestion auf lange Sicht" 
m der Hypnose eingegeben hat'. Man ist gewöhnt, das Phänomen 
in folgender Alt zu beschreiben; Der suggerierte Vorsatz schlummert 
in den betreffenden Personen, bis die Zeit seiner Ausführung 
herannaht. Dann wacht er auf und treibt zur Handlung. 

In zweierlei Lebenslagen gibt sich auch der Laie Rechenschaft 
davon, daß das Vergessen in bezug auf Vorsätze keineswegs den 
Anspruch erheben darf, als ein nicht weiter zurückführbares 
Elementarphänomen zu gehen, sondern zum Schluß auf unein- 
gestandene Motive berechtigt. Ich meine: im Liebesverhältnis und 
in der Militärabhängigkeit. Ein Liebhaber, der das Rendezvous 
versäumt hat, wird sich vergeblich bei seiner Dame entschuldigen, 
er habe leider ganz vergessen. Sie wird nicht versäumen, ihm 
zu antworten; „Vor einem Jahre hättest du es nicht vergessen. 
Es liegt dir eben nichts mehr an mir." Selbst wenn er nach 
der oben erwähnten psychologischen Erklärung griffe und sein 
Vergessen durch gehäufte Geschäfte entschuldigen wollte, würde 
er nur erreichen, daß die Dame — so scharfsichtig geworden 
wie der Ai-zt in der Psychoanalyse — zur Antwort gäbe; „Wie 
merkwürdig, daß sich solche geschäftliche Störungen früher nicht 
ereignet haben." Gewiß will auch die Dame die Möglichkeit des 
Vergessens nicht in Abrede stellen; sie meint nur, und nicht mit 
Unrecht, aus dem unabsichtlichen Vergessen sei ungefähr der 
nämliche Schluß auf ein gewisses Nichtwollen zu ziehen wie 
aus der bewußten Ausflucht. ■ 



1) Vgl. Beruh ei m, Neue Studien über Hypiiotismus, Suggestion und Psycho- 
therapie, 189z. ' 



170 



Zur Psychopathologie des Alltagslehens 



Ähnlich wird im militärischen Dienstverhältnis der Unterschied 
zwischen der Unterlassung durch Vergessen und der infolge von 
Absicht prinzipiell, und zwar mit Recht, vernachlässigt. Der 
Soldat darf nichts vergessen, was der militärische Dienst von 
ihm fordert. Wenn er es doch vergißt, obwohl ihm die Forderung 
bekannt ist, so geht dies so zu, daß sich den Motiven, die auf 
ErfüUun g der militärischen Ford erung dringen, andere Gegen- 
motive entgegenstellen. Der Einjährige etwa, der sich beim 
Rapport entschuldigen wollte, er habe vergessen, seine Knöpfe 
blank zu putzen, ist der Strafe sicher. Aber diese Strafe ist 
geringfügig zu nennen im Vergleich zu jener, der er sich aus- 
setzte, wenn er das Motiv seiner Unterlassung sich und seinen 
Vorgesetzten eingestehen würde: „Der elende Gamaschendienst 
ist mir ganz zuwider." Wegen dieser Strafersparnis, aus ökonomischen 
Gründen gleichsam, bedient er sich des Vergessens als Ausrede, 
oder es kommt als Kompromiß zustande. 

Frauendienst wie Militärdienst erheben den Anspruch, daß 
alles zu ihnen gehörige dem Vergessen entrückt sein müsse, und 
erwecken so die Meinung, Vergessen sei zulässig bei unwichtigen 
Dingen, während es bei wichtigen Dingen ein Anzeichen davon 
sei, daß man sie wie unwichtige behandeln wolle, ihnen also die 
Wichtigkeit abspreclie\ Der Gesichtspunkt der psychischen Wert- 
schätzung ist hier in der Tat nicht abzuweisen. Kein Mensch 
vergißt Handlungen auszuführen, die ihm selbst wichtig erscheinen, 
ohne sich dem Verdachte geistiger Störung auszusetzen. Unsere 
Untersuchung kann sich also nur auf das Vergessen Ton mehr 
oder minder nebensächlichen Vorsätzen erstrecken; für ganz undj 



1) In dem Schauspiel „Cäsar und Kleopatra" von B. Shaw quält sich der von 
Ägypten scheidende Cäsar eine Weile mit der Idee, er habe noch etwas vorgehabt, 
was er jetzt vergessen. Endlich stellt sich heraus, was Cäsar vergessen hatte: von" 
Kleopatra AbscMed zu nehmen! Durch diesen kleinen Zug soll veranschaulicht' 
werden — übrigens im vollen Gegensatz zur historischen Wahrheit — wie wenig, 
sich Cäsar aus der kleinen ägyptischen Prinzessin gemacht hatte. (Mach E. JouetJ 
1. c, S. 488.') 



F 



VIT. Vergessen von Eindrücken und Vorsätzen 171 

gar gleichgültig werden wir keinen Vorsatz erachten, denn in 
diesem Falle wäre er wohl gewiß nicht gefaßt worden. 

Ich habe nun wie bei den früheren Funktionsstörungen die 
bei mir selbst beobachteten Fälle von Unterlassung durch Ver- 
gessen gesammelt und aufzuklären gesucht und hiebei ganz 
allgemein gefunden, daß sie auf Einmengung unbekannter und 
un eingestandener Motive — oder, wie man sagen kann, auf einen 
Gegenwillen — zurückzuführen waren. In einer Reihe 
dieser Fälle befand ich mich in einer dem Dienstverhältnisse 
ähnlichen Lage, unter einem Zwange, gegen welchen ich es 
nicht ganz aufgegeben hatte, mich zu sträuben, so daß ich durch 
, Vergessen gegen ihn demonstrierte. Dazu gehört, daß ich besonders 
leicht vergesse, zu Geburtstagen, Jubiläen, HochzeitsfeJem und 
Standeserhöhungen zu gratulieren. Ich nehme es mir immer 
wieder vor und überzeuge mich immer mehr, daß es mir nicht 
gelingen will. Ich bin jetzt im Begriffe, darauf zu verzichten, und 
den Motiven, die sich sträuben, mit Bewußtsein recht zu geben. 
In einem Übergangsstadium habe ich einen Freund, der mich 
bat, auch für ihn ein Glückwunschtelegramm zum bestimmten 
Termin zu besorgen, vorher gesagt, ich würde an beide vergessen, 
und es war nicht zu verwundern, daß die Prophezeiung wahr 
wurde. Eis hängt nämlich mit schmerzlichen Lebenserfahrungen 
zusammen, daß ich nicht imstande bin, Anteilnahme zu äußern, 
wo diese Äußerung notwendigerweise übertrieben ausfallen muß, 
da für den geringen Betrag meiner Ergriffenheit der entsprechende 
Ausdruck nicht zulässig ist. Seitdem ich erkannt, daß ich oft 
vorgebliche Sympathie hei anderen für echte genommen habe, 
befinde ich mich in einer Auflehnung gegen diese Konventionen 
der Mitgefühlsbezeigung, deren soziale Nützlichkeit ich andererseits 
einsehe. Kondolenzen bei Todesfällen sind von dieser zwie- 
spältigen Behandlung ausgenommen; wenn ich mich zu ihnen 
entschlossen habe, versäume ich sie auch nicht. Wo meine 
Gefühlsbetätigung mit gesellschaftlicher Pflicht nichts mehr zu 



-^ 



172 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



tun hat, da findet sie ihren Ausdruck auch niemals durch Ver- 
gessen gehemmt. 

Von einem solchen Vergessen, in dem der zunächst untw-; 
drückte Vorsatz als „Gegenwille" durchbrach und eine unerquickliche 
Situation zur Folge hatte, berichtet Oberleutnant T. aus der Kriegs- 
gefangenschaft : „Der Rangälteste eines Lagers kriegsgefangener 
Offiziere wird von einem seiner Kameraden beleidigt. Er will, um^ 
Weiterungen zu entgehen, von dem einzigen ihm zur Verfügung 
stehenden Gewaltmittel Gebrauch machen und letzteren entfernen 
und in ein anderes Lager versetzen lassen. Erst über Anraten 
mehrerer Freunde entschließt er .sich, gegen seinen geheimen 
Wunsch, hieven Abstand zu nehmen und den Ehrenweg, der 
aber vielerlei Unannehmlichkeiten im Gefolge haben mußte, gleich 
zu beschreiten. — Am nämlichen Vormittag hat dieser Kommandant 
die Liste der Offiziere unter Kontrolle eines Wachorganes vorzu- 
lesen. Fehler waren ihm, der seine Gefährten schon durch längere 
Zeit kannte, darin bisher nicht unterlaufen. Heute überliest er 
den Namen seines Beleidigers, so daß dieser, als alle Kameraden 
bereits abgetreten waren, allein am Platze zurückbleiben muß, 
bis sich der Irrtum geklärt hat. Der übersehene Name stand in 
voller Deutlichkeit in der Mitte eines Blattes. — Dieser Vorfall 
wurde von der einen Seite als beabsichtigte Kränkung ausgelegt^ 
von der anderen als peinlicher und zur Fehldeutung geeigneter 
Zufall angesehen. Doch gewann der Urheber späterhin, nach 
Kenntnisnahme von Freuds ,Psychopathologie* ein richtiges Urteil 
des Stattgefundenen." 

Ähnlich erklären sich durch den Widerstreit einer konven- 
tionellen Pflicht und einer nicht eingestandenen inneren Schätzung 
die Fälle, in denen man Handlungen auszuführen vergißt, die 
man einem anderen zu seinen Gunsten auszufüliren versprochen 
hat. Hier trifft es dann regelmäßig zu, daß nur der Gönner an die 
entschuldigende Kraft des Vergessens glaubt, während der Bitt- 
steller sich ohne Zweifel die richtige Antwort gibt: Er hat kein 



l^II. Vergessen von Eindrücken und Vorsätzen 173 



Interesse daran, sonst hatte er es nicht vergessen. Es gibt Menschen 
die man als allgemein vergeßlich bezeichnet und darum in 
ähnlicher Weise als entschuldigt gelten läßt wie etwa den Kurz- 
sichtigen, wenn er auf der Straße nicht grüßt*. Diese Personen 
vergessen alle kleinen Versprechungen, die sie gegeben, lassen alle 
Aufträge unausgeführt, die sie empfangen haben, erweisen sich 
also in kleinen Dingen als unverläßlich und erheben dabei die 
Forderung, daß man ihnen diese kleineren Verstöße nicht übel- 
nehmen, d. h. nicht durch ihren Charakter erklären, sondern auf 
organische Eigentümlichkeit zurückführen sollet Ich gehöre selbst 
nicht zu diesen Leuten und habe keine Gelegenheit gehabt, die 
Handlungen einer solchen Person zu analysieren, um durch die 
Auswahl des Vergessens die Motivierung desselben aufzudecken. 
Ich kann mich aber der Vermutung per analogiam nicht erwehren, 
daß hier ein ungewöhnlich großes Maß von nicht eingestandener 
Geringschätzung des anderen das Motiv ist, welches das kon- 
stitutionelle Moment für seine Zwecke ausbeutet^ 



1) Frauen sind mit ihrem feineren Verständnis für unbewußte seelische Vorgänge 
in der Regel eher geneigt, es als Beleidigung anzusehen, wenn man sie auf der 
Straße nicht erkennt, also nicht grüßt, als an die nächstliegenden Erklärungen t.u 
denken, daß der Säumige kurzsichtig sei oder in Gedanken versunken sie nicht 
bemerkt habe. Sie schließen, man hätte sie schon bemerkt, wenn man sich „etwas 
aus ihnen machen würde". 

2) S. Ferenczi berichtet von sich, daß er selbst ein „Zerstreuter" gewesen ist 
und seinen Bekannten durch die Häufigkeit und Sonderbarkeit seiner Fehlliandlungen 
auffällig war. Die Zeichen dieser „Zerstreutheit" sind aber fast völlig geschwunden, 
seitdem er die psychoanalytische Behandlung von Kranken zu üben begann und sich 
genötigt sah, auch der Analyse seines eigenen Ichs Aufmerksamkeil zuzuwenden. Man 
verzichtet, meint er, auf die Fehlhan dlimgen, wenn man seine eigene Verantwort- 
lichkeit um so vieles auszudehnen lernt. Er hält dalier mit Recht die Zerstreutheit 
für einen Zustand, der von unbewußten Komplexen abhängig und durch die Psycho- 
analyse heilbar ist. Eines Tages aber stand er unter dem Selbstvorwurfe, bei einem 
Patienten einen Kunstfehler in der Psychoanalyse begangen zu haben. An diesem 
Tage stellten sich alle seine früheren „Zerstreutheiten" wieder ein. Er stolperte 
mehrmals im Gehen auf der Straße (Darstellung jenes faui pas in der Behandlung) 
vergaß seine Brieftasche zu Hause, wollte auf der Trambahn einen Kreuzer weniger 
zahlen, hatte seine Kleidungsstücke nicht ordentlich zugeknöpft u. dgl. 

3) E. Jones bemerkt hiezu: Often the resistance is of a general order^ Thus a busy 
man Jorgtts to post letters enliusted I0 kirn — to bis slight annoyance — by his wife, just 
(M he may „/orgel" to carry out her sliopping arders. 



174 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



Bei anderen Fällen sind die Motive des Vergessens weniger 
leicht aufzufinden und erregen, wenn gefunden, ein größeres 
Befremden. So merkte ich in früheren Jahren, daß ich bei einer 
größeren Anzahl von Krankenbesuchen nie einen anderen Be- 
such vergesse als den bei einem Gratispatienten oder bei einem 
Kollegen. Aus Beschämung hierüber hatte ich mir angewöhnt, 1 
die Besuche des Tages schon am Morgen als Vorsatz zu notieren. 
Ich weiß nicht, ob andere Ärzte auf dem nämlichen Wege zu 
der gleichen Übung gekommen sind. Aber man gewinnt so eine 1 
Ahnung davon, was den sogenannten Neurastheniker veranlaßt, 
die Mitteilungen, die er dem Arzt machen will, auf dem 
berüchtigten „Zettel" zu notieren. Angeblich fehlt es ihm an 
Zutrauen zur Reproduktionsleistung seines Gedächtnisses. Das ist 
gewiß richtig, aber die Szene geht zumeist so vor sich: Der 
Kranke hat seine verschiedenen Beschwerden und Aniragen höchst 
, langatmig vorgebracht. Nachdem er fertig geworden ist, macht 
er einen Moment Pause, darauf zieht er den Zettel hervor und, 
sagt entschuldigend: Ich habe mir etwas aufgeschrieben, weil ich 
mir so gar nichts merke. In der Regel findet er auf dem Zettel 
nichts Neues, Er wiederholt jeden Punkt und beantwortet ihn 
selbst: Ja, danach habe ich schon gefragt. Er demonstriert mit 
dem Zettel wahrscheinlich nur eines seiner Symptome, die 
Häufigkeit, mit der seine Vorsätze durch Einmengung dunkler \ 
Motive gestört werden. 

Ich rühre femer an Leiden, an welchen auch der größere Teili 
der mir bekannten Gesunden krankt, wenn ich zugestehe, daß. 
ich besonders in früheren Jahren sehr leicht und für lange' 
Zeit vergessen habe, entlehnte Bücher zurückzugeben, oder daß; 
es mir besonders leicht begegnet ist, Zahlungen durch Vergessen] 
aufzuschieben. Unlängst verließ ich eines Morgens die Tabak-' 
trafik, in welcher ich meinen täglichen Zigarreneinkauf gemacht] 
hatte, ohne ihn zu bezahlen. Es war eine höchst harmlose Unter-j 
lassung, denn ich bin dort bekannt und konnte daher erwarten,] 



VII. Vergessen von Eindrücken und Vorsätzen 175 

am nächsten Tag an die Schuld gemahnt zu werden. Aber die 
kleine Versäumnis, der Versuch, Schulden zu machen, steht gewiß 
nicht außer Zusammenhang mit den Budgeterwägungen, die mich 
den Vortag über beschäftigt hatten. In Bezug auf das Thema von 
Geld und Besitz lassen sich die Spuren eines zwiespältigen Ver- 
haltens auch bei den meisten sogenannt anständigen Menschen 
leicht nachweisen. Die primitive Gier des Säuglings, der sich 
aller Objekte zu bemächtigen sucht (um sie zum Munde zu 
führen), zeigt sich vielleicht allgemein als nur unvollständig durch 
Kultur und Erziehung überwunden'. 

Ich fürchte, ich bin mit allen bisherigen Beispielen einfach 
banal geworden. Es kann mir aber doch nur recht sein, wenn 
ich auf Dinge stoße, die jedermann bekannt sind, und die jeder 
in der nämlichen Weise versteht, da ich bloß vorhabe, das 
Alltägliche zu sammeln und wissenschaftlich zu verwerten. Ich 
sehe nicht ein, weshalb der Weisheit, die Niederschlag der 
gemeinen Lebenserfahrung ist, die Aufnahme unter die Erwerbungen 

i) Der Einheit des Themas luUebe darf ich hier die gewählte Einteilung durch- 
brechen und dem oben Gesagten snschließon, daß in bezug auf Geldsachen das 
Gedächtnis der Menschen eine besondere Parteilichkeit zeigt, Erinnerungstäuschimgen, 
etwas bereits bezahlt xu. haben, sind, wie ich von mir selbst weiß, oft sehr hart- 
nackig. Wo der gewinnsüchtigen Absicht abseits von den großen Interessen der 
Lehensfülirung und daher eigentlich zum Scherz freier Lauf gelassen wird wie beim 
Kartenspiel, neigen die ehrlichsten Männer zu Irrtümern, Erinnerungs- und Rechen- 
fehlem und finden sich selbst, ohne recht zu wissen wie, in kleine Betrügereien 
verwickelt. Auf solchen Freiheiten beruht zum Teil der psychisch erfrischende 
Charakter des Spieles. Das Sprichwort, daß man beim Spiel den Charakter des 
Menschen erkennt, ist zuzugeben, wenn man dabei nicht den manifesten Charakter 
im Auge hat. — Wenn es unabsichtliche Rechenfehler bei Zählkellnern noch gibt, 
so unterliegen sie offenbar derselben Beurteilung. — Im Kaufmann stände kann man 
häuÜg eine gewisse ZÖgerung in der Verausgabung von Geldsummen, bei der 
Bezahlung von Rechnungen u. dgl, beobachten, die dem Eigner keinen Gewinn 
bringt, sondern nur psychologisch zu verstehen ist als eine Äußerung des Gegen- 
willens, Geld von sich zu tun. — B r i 11 bemerkt hierüber mit epigrammatischer 
Schärfe: IVe are rnore apt to mislqy Ittters conlaining hüls than chfcks. — Mit deji 
intimsten und am wenigsten klar gewordenen Regungen hängt es zusammen, wenn 
gerade Frauen eine besondere Unlust zeigen, den Arzt zu honorieren, Sie haben 
gewöhnlich ilir Portemomiaie vergessen, können darum in der Ordination nicht 
zalilen, vergessen dann regelmäßig, das Honorar vom Hause aus zu schichen, mid 
setzen es so diurch, daß man sie umsonst — „nni ihrer schönen Augen willen" — 
behandelt hat. Sie zalilen gleichsam mit ihrem Anblick. 



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176 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



der Wissenschaft versagt sein sollte. Nicht die Verschiedenheit 
der Objekte, sondern die strengere Methode bei der Feststellung 
und das Streben nach weitreichendem Zusammenhang machen 
den wesentlichen Charakter der wissenschaftlichen Arbeit aus. 

Für die Vorsätze von einigem Belang haben wir allgemein 
gefunden, daß sie dann vergessen werden, wenn sich dunkle 
Motive gegen sie erheben. Bei noch weniger wichtigen Vorsätzen 
erkennt man als zweiten Mechanismus des Vergessens, daß ein 
Gegenwille sich von wo anders her auf den Vorsatz überträgt, 
nachdem zwischen jenem anderen und dem Inhalt des Vorsatzes 
eine äußerliche Assoziation hergestellt worden ist. Hiezu gehört 
folgendes Beispiel: Ich lege Wert auf schönes Löschpapier und 
nehme mir vor, auf meinem heutigen Nachmittags weg in die 
Innere Stadt neues einzukaufen. Aber an vier aufeinander- 
folgenden Tagen vergesse ich es, bis ich mich befrage, welchen 
Grund diese Unterlassung hat. Ich finde ihn dann leicht, nachdem 
ich mich besonnen habe, daß ich zwar „Löschpapier" zu 
schreiben, aber „Fließpapier" zu sagen gewohnt bin. „Fließ" ist 
der Name eines Freundes in Berlin, der mir in den nämlichen 
Tagen Anlaß zu einem quälenden, besorgten Gedanken gegeben 
hatte. Diesen Gedanken kann ich nicht los werden, aber die 
Abwehmeigung (vgl. oben S. 165) äußert sich, indem sie sich 
mittels der Wortgleichheit auf den indifferenten und darum 
wenig resistenten Vorsatz überträgt. 

Direkter Gegenwille und entferntere Motivierung treffen in 
folgendem Falle von Aufschub zusammen: In der Sammlung 
„Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens" hatte ich eine 
kurze Abhandlung über den Traum geschrieben, welche den 
Inhalt meiner „Traumdeutung" resümiert. Bergmann in 
Wiesbaden sendet eine Korrektur und bittet um umgehende 
Erledigung, weil er das Heft noch vor Weihnachten ausgeben 
will. Ich mache die Korrektur noch in der Nacht und lege sie 
auf meinen Schreibtisch, um sie am nächsten Morgen mitzunehmen. 



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» 



P^TI. Fergessen von Eindrücken und Vorsätzen 177 

Am Morgen vergesse ifch daran, erinnere mich erst nachmittags 
beim Anblick des Kreuzbandes auf meinem Schreibtisch. Ebenso 
vergesse ich die Korrektur am Nachmittag, am Abend und am 
nächsten Morgen, bis ich mich aufraffe und am Nachmittag des zweiten 
Tages die Korrektur zu einem Briefkasten trage, verwundert, was 
der Grund dieser Verzögerung sein mag. Ich will sie offenbar nicht 
absenden, aber ich finde nicht, warum. Auf demselben Spazier- 
gang trete ich aber bei meinem Wiener Verleger, der auch das 
Traumbuch publiziert hat, ein, mache eine Bestellung und sage 
dann, wie von einem plötzlichen Einfall getrieben : „Sie wissen 
doch, daß ich den ,Traum' ein zweites Mal geschrieben habe?" 
— jjAh, da würde ich doch bitten." — „Beruhigen Sie sich, 
nur ein kurzer Aufsatz tür die Löwenfeld-Ku rellasche 
Sammlung." E^ war ihm aber doch nicht recht; er besorgte, der 
Vortrag würde dem. Absatz des Buches schaden. Ich widersprach 
und fragte endlich: „Wenn ich mich früher an Sie gewendet 
hätte, würden Sie mir die Publikation untersagt haben?" — 
jjNein, das keineswegs." Ich glaube selbst, daß ich in meinem 
vollen Recht gehandelt und nichts anderes getan habe, als was 
allgemein üblich ist; doch scheint es mir gewiß, daß ein ähnliches 
Bedenken, wie es der Verleger äußerte, das Motiv meiner 
Zögerung war, die Korrektur abzusenden. Dies Bedenken geht 
auf eine frühere Gelegeaheit zurück, bei welcher ein anderer 
Verleger Schwierigkeiten erhob, als ich, wie unvermeidlich, einige 
Blätter Text aus einer früheren, in anderem Verlage erschienenen 
Arbeit über zerebrale Kinderlähmung unverändert in die 
Bearbeitung desselben Themas im Handbuch von Nothnagel 
hin übernahm. Dort findet aber der Vorwurf abermals keine 
Anerkennung; ich hatte auch damals meinen ersten Verleger 
(identisch mit dem der „Traumdeutung") loyal von meiner 
Absicht verständigt. Wenn aber diese Erinnerungsreihe noch 
"weiter zurückgeht, so rückt sie mir einen noch früheren Anlaß 
vor, den einer Übersetzung aus dem Französischen, bei welchem 

Freud, IV. la 




1^8 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

ich wirklich die bei einer Pubhkation in Betracht kommenden 
Eigentumsrechte verletzt habe. Ich hatte dem übersetzten Text 
Anmerkungen beigefügt, ohne füi- diese Anmerkungen die 
Erlaubnis des Autors nachgesucht zu haben, und habe einige 
Jahre später Grund zur Annahme bekommen, daß der Autor mit 
dieser Eigenmächtigkeit unzufrieden war. 

Es gibt ein Sprichwort, welches die populäre Kenntnis verrät, daß 
das Vergessen von Vorsätzen nichts Zufälliges ist. „Was man ein- 
mal zu tun vergessen hat, das vergißt man dann noch öfter." 

Ja, man kann sich mitunter des Eindrucks nicht erwehren, 
dciß alles, was man über das Vergessen und die Fehlhandlungen 
überhaupt sagen kann, den Menschen ohnedies wie etwas Selbst- 
verständliches bekannt ist. Wunderbar genug, daß es doch 
notwendig ist, ihnen dies so Wohlbekannte vors Bewußtsein zu 
rücken! Wie oft habe ich sagen gehört: Gib mir diesen Auftrag 
nicht, ich werde gewiß an ihn vergessen. Das Eintreffen dieser 
Vorhersagung hatte dann sicherlich nichts Mystisches an sich. 
Der so sprach, verspürte in sich den Vorsatz, den Auftrag nicht 
auszuführen, und weigerte sich nur, sich zu ihm zu bekennen. 

Das Vergessen von Vorsätzen erfährt übrigens eine gute 
Beleuchtung durch etwas, was man als „Fassen von falschen 
Vorsätzen" bezeichnen könnte. Ich hatte einmal einem jungen 
Autor versprochen, ein Referat über sein kleines Opus zu 
schreiben, schob es aber wegen innerer, mir nicht unbekannter 
Widerstände auf, bis ich mich eines Tages durch sein Drängen 
bewegen ließ zu versprechen, daß es noch am selben Abend 
geschehen werde. Ich hatte auch die ernste Absicht, so zu tun, 
aber ich hatte vergessen, daß die Abfassung eines unaufschieb- 
baren Gutachtens für den nämlichen Abend angesetzt war. 
Nachdem ich so meinen Vorsatz als falsch erkannt hatte, 
gab ich den Kampf gegen meine Widerstände auf und sagte 
dem Autor ab. 



Vlü 

DAS VERGREIFEN 

Der oben erwähnten Arbeit von Meringer und Mayer 
entnehme ich noch die Stelle (S. 98): 

„Die Sprechfehler stehen nicht ganz allein da. Sie entsprechen 
den Fehlern, die bei anderen Tätigkeiten der Menschen sich 
oft einstellen und ziemlich töricht ,Vergeßlichkeiten' genannt 
werden." 

Ich bin also keinesfalls der erste, der Sinn und Absicht 
hinter den kleinen Funktionsstörungen des täglichen Lebens 
Gesunder vermutet'. 

Wenn die Fehler beim Sprechen, das ja eine motorische 
Leistung ist, eine solche Auffassung zugelassen haben, so liegt es 
nahe, auf die Fehler unserer sonstigen motorischen Verrichtungen 
die nämhche Erwartung zu übertragen. Ich habe hier zwei 
Gruppen von Fällen gebildet; alle die Fälle, in denen der 
Fehleffekt das Wesentliche scheint, also die Abirrung von der 
Intention, bezeichne ich als „Vergreifen", die anderen, in 
denen eher die ganze Handlung unzweckmäßig erscheint, benenne 
ich „Symptom- und Zufallshandlungen". Die Scheidung 
ist aber wiederum nicht reinlich durchzuführen; wir kommen ja 
wohl zur Einsicht, daß alle in dieser Abhandlung gebrauchten 

i) Eine zweite PuLlikation Meringers hat mir später gezeigt, wie sehr 
ich diesem Autor unrecht tat, als ich ihm solches Verständnis zumutete. 



la- 



i8o 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



Einteilungen nur deskriptiv bedeutsame sind und der inneren 
Einheit des Erscheinungsgebietes widersprechen. 

Das psychologische Verständnis des „Vergreifens" erfahrt 
offenbar keine besondere Förderung, wenn wir es der Ataxie 
und speziell der „kortikalen Ataxie" subsumieren. Versuchen wir 
lieber, die einzelnen Beispiele auf ihre jeweiligen Bedingungen 
zurückzuführen. Ich werde wiederum Selbstbeobachtungen hiezu 
verwenden, zu denen sich die Anlässe bei mir nicht besonders 
häufig finden. 

q) In früheren Jahren, als ich Hausbesuche bei Patienten noch 
häufiger machte als gegenwärtig, geschah es mir oft, daß ich, 
vor der Tür, an die ich anklopfen oder anläuten sollte, angekommen, 
die Schlüssel meiner eigenen Wohnung aus der Tasche zog, um 
— sie dann fast beschämt wieder einzustecken. Wenn ich mir 
zusammenstelle, bei welchen Patienten dies der Fall war, so 
muß ich annehmen, die Fehlhandlung — Schlüssel herausziehen 
anstatt läuten — bedeutete eine Huldigung für das Haus, wo 
ich in diesen Mißgriff verfiel. Sie war äquivalent dem Gedanken: 
„Hier bin ich wie zu Hause," denn sie trug sich nur zu, wo 
ich den Kranken liebgewonnen hatte. (An meiner eigenen 
Wohnungstür läute ich natürlich niemals.) 

Die Fehlhandiung war also eine symbolische Darstellung eines 
doch eigentlich nicht für ernsthafte, bewußte Annahme bestimmten 
Gedankens, denn in der Realität weiß der Nervenarzt genau, 
daß der Kranke ihm nur so lange anhänglich bleibt, als er noch 
Vorteil von ihm erwartet, und daß er selbst nur zum Zwecice 
der psychischen Hilfeleistung ein übermäßig warmes hiteresse für 
seine Patienten bei sich gewähren läßt. 

Daß das sinnvoll fehlerhafte Hantieren mit dem Schlüssel 
keineswegs eine Besonderheit meiner Person ist, geht aus zahl- 
reichen Selbstbeobachtungen anderer hervor. 

Eine fast identische Wiederholung meiner Erfahrungen beschreibt 
A. Mae der (Contrib. k la Psychopathologie de la vie quotidienne. 




VIII. Das Vergreifen i 8 1 



Arch. de Psycho!., VI, 1906): II est arrivi a chacun de sortir 
son trousseauy en arrivant ä la porte d'un ami particulUrement 
eher, de se surprendre pour ainsi dire, en train d'ouvrir avec sa 
de comme chez soi. Cest un retard, puisqu'il faut sonner malgre 
toutf mais c'est une preuve qu'on se sent — ou qu'on voudrait 
se sentir — comme chez soi, auprhs de cet ami. 

E. Jones (1. c, p. 509): The use of keys is a fertile source 
of occurrences of this kind of which two ezamples may be given. 
If I am disturbed in the m.idst of some engrossing werk at harne 
by having to go to the hospital to carry out some routine work, 
I am very apt to find myself trying to open the door of my 
laboratory there with the key of my desk at home, although the 
two keys are quite unlike euch other. The mistake unconsciously 
demonstrates where I would rather be at the moment. 

Some years ago I was acting in a subordinate position at a 
certain institution, the front door of which was kept locked, so 
that it was necessary to ring for admission. On several occas- 
sioTis I found myself making serious attempts to open the door 
with my house key. Each one of the permanent visiting staff, 
of which I aspired to be a tnember, was provided with a key 
to avoid the trouble of having to wait at the door. My mistakes 
thus expressed my desire to be on a similar footing, and to be 
quite „at home" there. 

Ähnlich berichtet Dr. Hanns Sachs: Ich trage stets zwei 
Schlüssel bei mir, von denen der eine die Tür zur Kanzlei, der 
andere die zu meiner Wohnung öffnet. Leicht verwechselbar 
sind sie durchaus nicht, da der Kanzleischlüssel mindestens 
dreimal so groß ist wie der Wohnungsschlüssel. Überdies trage 
ich den ersteren in der Hosentasche, den anderen in der Weste. 
Trotzdem geschah es öfters, daß ich vor der Tür stehend bemerkte, 
daß ich auf der Treppe den falschen Schlüssel vorbereitet hatte. 
Ich beschloß, einen statistischen Versuch zu machen j da ich ja 
täglich ungefähr in derselben Gemütsverfassung vor den beiden 



l82 



Zur Psychopathologie des AlltagsUbem 



Türen stehe, mußte auch die Verwechslung der beiden Schlüssel, 
wenn anders sie psychisch determiniert sein sollte, eine regel- 
mäßige Tendenz zeigen. Die Beobachtung bei späteren Fällen 
ergab dann, daß ich regelmäßig den Wohnungsschlüssel vor der 
Kanzleitür herausnahm, nur ein einziges Mal war das Umgekehrte 
der Fall: ich kam ermüdet nach Hause, wo, wie ich wußte, ein 
Gast meiner wartete. Vor der Tür machte Ich einen Versuch, 
' sie HHt dem natürlich viel zu großen Kanzleischlüssel aufzu- 
sperren. 

b) In einem bestimmten Hause, wo ich seit sechs Jahren 
zweimal täglich zu festgesetzten Zeiten vor einer Tür im zweiten 
Stock auf Einlaß warte, ist es mir während dieses langen Zeit- 
raumes zweimal (mit einem kurzen hitervall) geschehen, daß ich 
um einen Stock höher gegangen bin, also mich „verstiegen" 
habe. Das eine Mal befand ich mich in einem ehrgeizigen Tag- 
traum, der mich „höher und immer höher steigen" ließ. Ich 
überhörte damals sogar, daß sich die fragliche Tür geöffnet hatte, 
als ich den Fuß auf die ersten Stufen des dritten Stockwerks 
setzte. Das andere Mal ging ich wiederum „in Gedanken versunken" 
zu w^eit; als ich es bemerkte, umkehrte und die mich beherrschende 
Phantasie zu erhaschen suchte, fand ich, daß ich mich über 
eine (phantasierte) Kritik meiner Schriften ärgerte, in welcher 
mir der Vorwurf gemacht wurde, daß ich immer „zu weit 
g^nge", und in die ich nun den wenig respektvollen Ausdruck, 
„verstiegen" einzusetzen hatte. 

c) Auf meinem Schreibtisch liegen seit vielen Jahren neben-' 
einander ein Reflexhammer und eine Stimmgabel. Eines Tages' 
eile ich nach Schluß der Sprechstunde fort, weil ich einen' 
bestimmten Stadtbahnzug erreichen will, stecke bei vollem Tages- 
licht anstatt des Hammers die Stimmgabel in die Rocktasche und , 
werde durch die Schwere des die Tasche herabziehenden Gegen- 
standes auf meinen Mißgriff aufmerksam gemacht. Wer sich 
über so kleine Vorkommnisse Gedanken zu machen nicht gewohnt - 



VIIT. Das {^ergreifen 185 



ist, wird ohne Zweifel den Fehlgriff durch die Eile des Moments 
erklären und entschuldigen. Ich habe es trotzdem vorgezogen, 
mir die Frage zu stellen, warum ich eigentlich die Stimmgabel 
anstatt des Hammers genommen. Die Eilfertigkeit hätte eben- 
sowohl ein Motiv sein können, den Griff richtig auszuführen, 
um nicht Zeit mit der Korrektur zu versäumen. 

Wer hat zuletzt nach der Stimmgabel gegriffen? lautet die 
Frage, die sich mir da aufdrängt. Das war vor wenigen Tagen 
ein idiotisches Kind, bei dem ich die Aufmerksamkeit auf 
Sinneseindrücke prüfte, und das durch die Stimmgabel so gefesselt 
wurde, daß ich sie ihm nur schwer entreißen konnte. Soll das 
also heißen, ich sei ein Idiot? Allerdings scheint es so, denn der 
nächste Einfall, der sich an Hammer assoziiert, lautet „Cham er" 
(hebräisch: Esel). 

Was soll aber dieses Geschimpfe? Man muß hier die Situation 
befragen. Ich eile zu einer Konsultation in einem Orte an der 
Westbahnstrecke, zu einer Kranken, die nach der brieflich mitge- 
teilten Anamnese vor Monaten vom Balkon herabgestürzt ist 
und seither nicht gehen kann. Der Arzt, der mich einlädt, 
schreibt, er wisse trotzdem nicht, ob es sich um Rückenmarks- 
verletzung oder um traumatische Neurose — Hysterie — handle. 
Da soll ich nun entscheiden. Da wäre also eine Mahnung am 
Platze, in der heiklen Differentialdiagnose besonders vorsichtig 
zu sein. Die Kollegen meinen ohnedies, man diagnostiziere viel 
zu leichtsinnig Hysterie, wo es sich um ernstere Dinge handle. 
Aber die Beschimpfung ist noch nicht gerechtfertigt! Ja, es 
kommt hinzu, daß die kleine Bahnstation der nämliche Ort ist, 
an dem ich vor Jahren einen jungen Mann gesehen, der seit 
einer Gemütsbewegung nicht ordentlich gehen konnte. Ich 
diagnostizierte damals Hysterie und nahm den Kranken später in 
psychische Behandlung, und dann stellte es sich heraus, daß ich 
freilich nicht unrichtig diagnostiziert hatte, aber auch nicht 
richtig. Eine ganze Anzahl der Symptome des Kranken war 



184 



Tait Psychopathologie des Alltagslebens 



hysterisch gewesen, und diese schwanden auch prompt im Laufe 
der Behandlung. Aber hinter diesen wurde nun ein für die 
Therapie unantastbarer Rest sichtbar, der sich nur auf eine 
muhiple Sklerose beziehen heß. Die den Kranken nach mir 
sahen, hatten es leicht, die organische Affektion zu erkennen j ich 
hätte kaum anders vorgehen und anders urteilen können, aber 
der Eindruck war doch der eines schweren Irrtums; das Ver- 
sprechen der Heilung, das ich ihm gegeben hatte, war natürlich 
nicht zu halten. Der Mißgriff nach der Stimmgabel anstatt nach 
dem Hammer ließ sich also so in Worte übersetzen: Du Trottel, 
du Esel, nimm dich diesmal zusammen, daß du nicht wieder 
eine Hysterie diagnostizierst, wo eine unheilbare Krankheit 
vorliegt, wie bei dem armen Mann an demselben Ort vor 
Jahren! Und zum Glück für diese kleine Analyse, wenn auch 
zum Unglück für meine Stimmung, war dieser selbe Mann mit 
schwerer spastischer Lähmung wenige Tage vorher und einen 
Tag nach dem idiotischen Kind in meiner Sprechstunde gewesen. 
Man merkt, es ist diesmal die Stimme der Selbstkritik, die 
sich durch das Fehlgreifen vernehmlich macht. Zu solcher Ver- 
wendung als Selbstvorwurf ist der Fehlgriff ganz besonders geeignet. 
Der Mißgriff hier will den Mißgriff, den man anderswo begangen j 
hat, darstellen. 

d) Selbstverständlich kann das Fehlgreifen auch einer ganzen ] 
Reihe anderer dunkler Absichten dienen. Hier ein erstes Beispiel: ' 
Es kommt sehr selten vor, daß ich etwas zerschlage. Ich bin nicht 
besonders geschickt, aber infolge der anatomischen Integrität 
meiner Nervmuskelapparate sind Gründe für so ungeschickte 
Bewegungen mit unerwünschtem Erfolge bei mir offenbar nicht 
gegeben. Ich weiß also kein Objekt in meinem Hause zu erinnern, 
dessengleichen ich je zerschlagen hätte. Ich war durch die Enge 
in meinem Studierzimmer oft genötigt, in den unbequemsten 
Stellungen mit einer Anzahl von antiken Ton- und Steinsachen, 
von denen ich eine kleine Sammlung habe, zu hantieren, so daß 



'^ 1 



d 



VIII. Das Vergreifen 185 



' 



» 



Zuschauer die Besorgnis ausdrückten, ich würde etwas herunter- 
schleudem und zerschlagen. Es ist aber niemals geschehen. Warum 
habe ich also einmal den marmornen Deckel meines einfachen 
Tintengefäßes zu Boden geworfen, so daß er zerbrach ? 

Mein Tintenzeug besteht aus einer Platte von Untersberger 
Marmor, die für die Aufnahme des gläsernen Tintenfäßchens 
ausgehöhlt istj das Tintenfaß trägt einen Deckel mit Knopf aus 
demselben Stein. Ein Kranz von Bronzestatuetten und Terrakotta- 
figürchen ist hinter diesem Tintenzeug aufgestellt. Ich setze mich 
an den Tisch, um zu schreiben, mache mit der Hand, welche 
den Federstiel hält, eine merkwürdig ungeschickte, ausfahrende 
Bewegung und werfe so den Deckel des Tintenfasses, der bereits 
auf dem Tische lag, zu Boden. Die Erklärung ist nicht schwer 
zu finden. Einige Stunden vorher war meine Schwester im 
Zimmer gewesen, um sich einige neue Erwerbungen anzusehen. 
Sie fand sie sehr schön und äußerte dann: „Jetzt sieht dein 
Schreiblisch wirklich hübsch aus, nur das Tintenzeug paßt nicht 
dazu. Du mußt ein schöneres haben." Ich begleitete die Schwester 
hinaus und kam erst nach Stunden zurück. Dann aber habe ich, 
wie es scheint, an dem verurteilten Tintenzeug die Exekution 
vollzogen. Schloß ich etwa aus den Worten der Schwester, daß 
sie sich vorgenommen habe, mich zur nächsten festlichen 
Gelegenheit mit einem schöneren Tintenzeug zu beschenken, 
und zerschlug das unschöne alte, um sie zur Verwirklichung 
ihrer angedeuteten Absicht zu nötigen? Wenn dem, so ist, so war 
nieine schleudernde Bewegung nur scheinbar ungeschickt j in 
Wirklichkeit war sie höchst geschickt und zielbewußt und ver- 
stand es, allen wertvolleren, in der Nahe befindlichen Objekten 
schonend auszuweichen. 

Ich glaube wirklich, daß man diese Beurteilung für eine ganze 
Reihe von anscheinend zufällig ungesclückten Bewegungen 
annehmen muß. Es ist richtig, daß diese etwas Gewaltsames, 
Schleuderndes, wie Spastisch- Ataktisches zur Schau tragen, aber 



i86 "Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



sie erweisen sich als von einer Intention beherrscht und treffen 
ihr Ziel mit einer Sicherheit, die man den bewußt willkürlichen 
Bewegungen nicht allgemein nachrühmen kann. Beide Charaktere, 
die Gewaltsamkeit wie die Treffsicherheit, haben sie übrigens mit 
den motorischen Äußerungen der hysterischen Neurose und zum 
Teile auch mit den motorischen Leistungen des Somnambulismus 
gemeinsam, w^as wohl hier wie dort auf die nämliche unbekannte 
Modifikation des Innervations Vorganges hinweist.' 

Auch eine von Frau Lou Andreas-Salome mitgeteilte 
Selbstbeobachtung kann überzeugend dartun, wie eine hartnäckig 
festgehaltene „Ungeschicklichkeit" in sehr geschickter Weise 
uneingestandenen Absichten dient. 

„Genau von der Zeit an, wo die Milch seltene und kostbare 
Ware geworden w^ar, geschah es mir, zu meinem ständigen 
Schrecken und Ärgernis, sie beständig überkochen zu lassen. 
Umsonst mühte ich mich, dessen Herr zu werden, obwohl ich 
durchaus nicht sagen kann, daß ich mich bei sonstigen Gelegen- 
heiten zerstreut oder unachtsam bewiesen hätte. Eher hätte das 
Ursache gehabt nach dem Tode meines lieben weißen Terriers 
(der so bereclitigterweise wie nur je ein Mensch ,Freund* 
[russisch Drujok] hieß). Aber — siehe da! — niemals seitdem 
ist die Milch auch nur um ein Tröpfchen übergekocht. Mein 
nächster Gedanke darüber lautete: ,Wie gut ist das, da das auf 
Herdplatte oder Fußboden sich Ergießende nun nicht einmal 
Verwändung fände!' — Und gleichzeitig sah ich meinen ,Freund* 
vor mir, wie er gespannt dasaß, die Kochprozedur zu beobachten: 
den Kopf etwas schiefgeneigt und mit dem Schwanzende schon 
erwartungsvoll wedelnd, — mit getroster Sicherheit des sich voll- 
ziehenden prächtigen Unglücks gewärtig. Damit war freilich alles 
klar, und auch dies: daß er mir noch mehr lieb gewesen war, 
als ich selbst wußte." 

Es ist mir in den letzten Jahren, seitdem ich solche Beob- 
achtungen sammle, noch einigemal geschehen, daß ich Gegen- 



p 



VIII. Das Vergreifen 187 



Stände von gewissem Werte zerschlagen oder zerbrochen habe, 
aber die Untersuchung dieser Fälle hat mich überzeugt, daß es 
niemals ein Erfolg des Zufalls oder meiner absichtslosen Unge- 
schicklichkeit -war. So habe ich eines Morgens, als ich im Bade- 
kostüm, die Füße mit Strohpantoffeln bekleidet, durch ein Zimmer 
ging, einem plötzhchen Impuls folgend, einen der Pantoffel vom 
Fuß weg gegen die Wand geschleudert, so daß er eine hübsche 
kleine Venus von Marmor von ihrer Konsole herunterholte. 
Während sie in Stücke ging, zitierte ich ganz ungerührt die 
Verse von Busch: 

Ach I die Venus ist perdü — 
Klickeradoms 1 — von Medici I 

Dieses tolle Treiben und meine Ruhe bei dem Schaden finden 
ihre Aufklärung in der damaligen Situation. Wir hatten eine 
Schwerkranke in der Famihe, an deren Genesung ich im stillen 
bereits verzweifelt hatte. An jenem Morgen hatte ich von einer 
großen Besserung erfahren; ich weiß, daß ich mir gesagt hatte: 
also bleibt sie doch am Leben. Dann diente mein Anfall von 
Zerstörungswut zum Ausdruck einer dankbaren Stimmung gegen 
das Schicksal und gestattete mir, eine „Opferhandlung" zu 
vollziehen, gleichsam als hätte ich gelobt, wenn sie gesund wird, 
bringe ich dies oder jenes zum Opfer! Daß ich für dieses Opfer 
die Venus von Medici ausgesucht, sollte gewiß nichts anderes als 
eine galante Huldigung für die Genesende sein; unbegreiflich 
bleibt mir aber auch diesmal, daß ich so rasch entschlossen, so 
geschickt gezielt und kein anderes der in so großer Nähe 
befindlichen Objekte getroffen habe. 

Ein anderes Zerbrechen, für das ich mich wiederum des der 
Hand entfahrenden Federstieles bedient habe, hatte gleichfalls die 
Bedeutung eines Opfers, aber diesmal eines Bittopfers zur 
Abwendung. Ich hatte mir einmal darin gefallen, einem treuen 
und verdienten Freunde einen Vorwurf zu machen, der sich auf 
die Deutung gewisser Zeichen aus seinem Unbewußten, auf nichts 



i88 Zur Psychopathologie des Alltagslehens 

anderes, stützte. Er nahm es übel auf und schrieb mir einen 
Brief, in dem er mich bat, meine Freunde nicht psychoanalytisch 
zu behandeln. Ich mußte ihm recht geben und beschwichtigte 
ihn durch meine Antwort. Während ich diesen Brief schrieb, 
hatte ich m^eine neueste Erwerbung, ein prächtig glasiertes 
ägyptisches Figürchen, vor mir stehen. Ich zerschlug es auf die 
beschriebene Weise und wußte dann sofort, daß ich dies Unheil 
angerichtet, um ein größeres abzuwenden. Zum Glück ließ sich 
beides — die Freundschaft wie die Figur — so kitten, daß man 
den Sprung nicht merken würde. 

Ein drittes Zerbrechen stand in weniger ernsthaftem Zusammen- 
hang; es war nur. eine maskierte „Exekution", um den Ausdruck 
von Th. Vis eher („Auch einer") zu gebrauchen, an einem 
Objekt, das sich meines Gefallens nicht mehr erfreute. Ich hatte 
eine Zeitlang einen Stock mit Sübergriff getragen; als die dünne 
Silberplatte einmal ohne mein Verschulden beschädigt worden 
war, wurde sie schlecht repariert. Bald nachdem der Stock zurück- 
gekommen war, benützte ich den GrifiF, um im Übermut nach 
dem Beine eines meiner Kleinen zu angeln. Dabei brach er 
natürlich entzwei und ich war von ihm befreit. 

Der Gleichmut, mit dem man in all diesen Fällen den ent- 
standenen Schaden aufnimmt, darf wohl als Beweis für das 
Bestehen einer unbewußten Absicht bei der Ausfuhrung in 
Anspruch genommen werden. 

Gelegentlich stößt man, wenn man den Begründungen einer so 
geringfügigen Fehlleistung nachforscht, wie es das Zerbrechen 
eines Gegenstandes ist, auf Zusammenhänge, die tief in die Vor- 
geschichte eines Menschen hineinführen und überdies an der 
gegenwärtigen Situation desselben haften. Nachstehende Analyse 
von L. Jekels soll hiefür ein Beispiel geben. 

„Ein Arzt befindet sich im Besitze einer, wenn auch nicht 
kostbaren, so doch sehr hübschen irdenen Blumenvase. Dieselbe 
wurde ihm seinerzeit nebst vielen anderen, darunter auch kost- 



II 



VIIl. Das Fergreifen 189 



-- 1 

1 



baren Gegenständen von einer (verheirateten) Patientin geschenkt. 
Als bei derselben die Psychose manifest wurde, hat er all die 
Geschenke den Angehörigen der Patientin zurückerstattet — bis 
auf eine weit weniger kostspielige Vase, von der er sich nicht 
trennen konnte, angeblich wegen ihrer Schönheit. Doch kostete 
diese Unterschlagung den sonst so skrupulösen Menschen einen 
gewissen inneren Kampf, war er sich doch der Ungehörigkeit 
dieser Handlung vollkommen bewußt und half sich bloß über 
seine Gewissensbisse mit dem Vorhalt hinweg, die Vase habe 
eigentlich keinen Materialwert, sei schwerer einzupacken usw. — 
Als er nun einige Monate später im Begriffe war, den ihm streitig 
gemachten Restbetrag für die Behandlung dieser Patientin durch 
einen Rechtsanwalt reklamieren und eintreiben zu lassen, meldeten 
sich die Selbfitvor würfe wieder; flüchtig ' befiel ihn auch die 
Anest die vermeintliche Unterschlagung könnte von den Ange- 
hörigen entdeckt und ihm im Strafverfahren entgegengehalten 
werden. Besonders jedoch das erste Moment war eine Weile 
hindurch SO stark, daß er schon daran dachte, auf eine etwa 
hundertmal höhere Forderung zu verzichten — quasi als 
Entschädigung für den unterschlagenen Gegenstand — er über- 
wand jedoch alsbald diesen Gedanken, indem er ihn als absurd 
beiseite schob. 

Während dieser Stimmung passiert es ihm nun, daß er, der 
sonst außerordentlich selten etwas zerbricht und seinen Muskel- 
apparat gut beherrscht, beim Erneuern des Wassers in der Vase 
dieselbe durch eine organisch mit dieser Handlung gar nicht 
zusammenhängende, sonderbar ,un geschickte' Bewegung vom 
Tische wirft, so daß sie etwa in fünf oder sechs größere Stücke 
zerbricht. Und dies, nachdem er am Abend zuvor, nur nach 
vorherigem starken Zögern, sich entschlossen hatte, gerade diese 
Vase blumengefüllt vor die geladenen Gäste auf den Tisch des 
Speisezimmers zu stellen, und nachdem er knapp vor dem. Zer- 
brechen an sie gedacht, sie in seinem Wohnzimmer angstvoll 



igo Zur Psychopathologie des Alttagslebens 

vermißt und eigenhändig aus dem anderen Zimmer geholt hat! 
Als er nun nach der anfänglichen Bestürzung die Stücke auf- 
sammelt, und gerade als er durch Zusammenpassen derselbeu 
konstatiert, es werde noch möglich sein, die Vase fast lückenlos 1 
zu rekonstruieren, da — gleiten ihm die zwei oder drei 
größeren Bruchstücke aus den Händen; sie zerstieben in 
tausend Splitter und mit ihnen auch jegliche Hoffnung auf 

diese Vase. 

Fraglos hatte diese Fehlleistung die aktuelle Tendenz, dem 
Arzte das Verfolgen seines Rechtes zu ermöglichen, indem I 
dieselbe das beseitigte, was er zurückbehalten hatte und was ihn 
einigermaßen behinderte, das zu verlangen, was man ihm zurück- 
behalten hatte. 

Doch außer dieser direkten, besitzt für jeden Psychoanalytiker 
diese Fehlleistung noch eine weitere, ungleich tiefere und wichtigere, 
symbolische Determinierung ^ ist doch Vase ein unzweifelhaftes 
Symbol der Frau. 

Der Held dieser kleinen Geschichte hatte seine schöne, junge 
und heißgeliebte Frau auf tragische Weise verloren; er verfiel in 
eine Neurose, deren Grundnote war, er sei an dem Unglück schuld 
(,er habe eine schöne Vase zerbrochen'). Auch fand er kein Ver- 
hältnis mehr zu den Frauen und hatte Abneigung vor der Ehe und 
vor dauernden Liebesbeziehungen, die im Unbewußten als Untreue 
gegen seine verstorbene Frau gewertet, im Bewußten aber damit 
rationalisiert wurden, er bringe den Frauen Unglück, es könnte i 
sich eine seinetwegen töten usw. (Da durfte er natürlich die 
Vase nicht dauernd behalten!) 

Bei seiner starken Libido ist es nun nicht verwunderlich, daß 
ihm als die adäquatesten die ihrer Natur nach doch passageren 
Beziehungen zu verheirateten Frauen vorschwebten (daher Zurück- 
halten der Vase eines anderen). 

Eine schöne Bestätigung für diese Symbolik findet sich in 
nachstehenden zwei Momenten; Infolge der Neurose unterzog er 



b^ 



VIII. Das Verg)-eifen i g ] 

sich der psychoanalytischen Behandlung. Im Verlaufe der Sitzung, 
in der er von dem Zerbrechen der ,irdenen' Vase erzählte, kam 
er "viel später wieder einmal auf sein Verhältnis zu den Frauen 
zu sprechen und meinte, er sei bis zur Unsinnigkeit anspruchs- 
voll; so verlange er z. B. von den Frauen ,unirdische Schönheit*. 
Doch eine sehr deutliche Betonung, daß er noch an seiner (ver- 
storbenen i. e. unirdischen) Frau hänge und von ,irdischer 
Schönheit' nichts wissen wolle; daher das Zerbrechen der ,irdenen' 
(irdischen) Vase. 

Und genau zur Zeit, als er in der Übertragung die Phantasie 
bildete, die Tochter seines Arztes zu heiraten, — da verehrte er 
demselben eine — Vase, quasi als Andeutung, nach welcher 
Richtung ihm die Revanche erwünscht wäre. 

Voraussichtlich läßt sich die symbolische Bedeutung der Fehl- 
leistung noch mannigfaltig variieren, z. B. die Vase nicht füllen 
wollen usw. Interessanter erscheint mir jedoch die Erwägung, 
daß das Vorhandensein von mehreren, mindestens zweien, wahr- 
scheinlich auch getrennt aus dem Vor- und Unbewußten wirksamen 
]\lotiven, sich in der Doppelung der Fehlleistung — Umstoßen 
und Entgleiten der Vase — widerspiegelt'." 

e) Das Fallenlassen von Objekten, Umwerfen, Zerschlagen der- 
selben scheint sehr häufig zum Ausdruck unbewußter Gedanken- 
gänge verwendet zu werden, wie man gelegentlich durch Analyse 
beweisen kann, häufiger aber aus den abergläubisch oder scherzhaft 
daran geknüpften Deutungen im Volksmunde erraten möchte. Es 
ist bekannt, welche Deutungen sich an das Ausschütten von Salz, 
Umwerfen eines Weinglases, Steckenbleiben eines zu Boden gefallenen 
Messers u. dgl. knüpfen. Welches Anrecht auf Beachtung solche 
abergläubische Deutungen haben, werde ich erst an späterer Stelle 
erörtern; hieher gehört nur die Bemerkung, daß die einzelne 
ungeschickte Verrichtung keineswegs einen konstanten Sinn hat, 

i) Internat. Zeitschrift für Psychoanalyse, I, 1915. 



192 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



sondern je nach Umständen sich dieser oder jener Absicht als 
Darstellungsmittel bietet. 

Vor kurzem gab es in meinem Hause eine Zeit, in der 
ungewöhnlich viel Glas und Porzellangeschirr zerbrochen wurde; 
ich selbst trug mehreres zum Schaden bei. Allein die kleine 
psychische Endemie war leicht aufzuklären 5 es waren die Tage 
voi" der Vermählung meiner ältesten Tochter. Bei solchen Feiern 
pflegte man sonst mit Absicht ein Gerät zu zerbrechen und 
ein glückbringendes Wort dazu zu sagen. Diese Sitte mag die 
Bedeutung eines Opfers und noch anderen symbolischen Sinn 
haben. 

Wenn dienende Personen zerbrechliche Gegenstände durch 
Fallenlassen vernichten, so wird man an eine psychologische 
Erklärung hiefür zwar nicht in erster Linie denken, doch ist 
auch dabei ein Beitrag dunkler Motive nicht unwahrscheinlich. 
Nichts liegt dem Ungebildeten ferner als die Schätzung der 
Kunst und der Kunstwerke. Eine dumpfe Feindseligkeit gegen 
deren Erzeugnisse beherrscht unser dienendes Volk, zumal wenn 
die Gegenstände, deren Wert sie nicht einsehen, eine Quelle 
von Arbeitsanforderung für sie werden. Leute von derselben 
Bildungsstufe und Herkunft zeichnen sich dagegen in wissen- 
schaftlichen Instituten oft durch große Geschicklichkeit und 
Verläßlichkeit in der Handhabung heikler Objekte aus, wenn 
sie erst begonnen haben, sich mit ihrem Herrn zu identifizieren 
und sich zum wesentlichen Personal des Instituts zu rechnen. 

Ich schalte hier die Mitteilung eines jungen Technikers ein, 
welche Einblick in den Mechanismus einer Sachbeschädigung" 
gestattet. 

„Vor einiger Zeit arbeitete ich mit mehreren Kollegen im 
Laboratorium der Hochschule an einer Reihe komplizierter 
Elastizitätsversuche, eine Arbeit, die wir freiwillig übernommen 
hatten, die aber begann, mehr Zeit zu beanspruchen, als wir 
erwartet hatten. Als ich eines Tages wieder mit meinem 



VIII. Das Vergreifen 195 



. 



Kollegen F. ins Laboratorium ging, äußerte dieser, wie unangenehm 
es ihm gerade heute sei, so viel Zeit zu verlieren, er hätte zu 
Hause so viel anderes zu tun^ ich konnte ihm nur beistimmen 
und äußerte noch halb scherzhaft, auf einen Vorfall der vergangenen 
Woche anspielend: ^Hoffentlich wird wieder die Maschine versagen, 
so daß wir die Arbeit abbrechen und früher weggehen können!' 
^ Bei der Arbeitsteilung trifft es sich, daß Kollege F. das Ventil 
der Presse zu steuern bekommt, d. h. er hat die Druckflüssigkeit 
aus dem Akkumulator durch vorsichtiges Öffnen des Ventils 
langsam in den Zylinder der hydraulischen Presse einzulassen 5 
der Leiter des Versuches steht beim Manometer und ruft, wenn 
der richtige Druck erreicht ist, ein lautes ,Halt'. Auf dieses 
Kommando faßt F. das Ventil und dreht es mit aller Kraft — 
nach links (alle Ventile werden ausnahmslos nach rechts 
geschlossen!). Dadurch wird plötzlich der volle Druck des 
Akkumulators in der Presse wirksam, worauf die Rohrleitung 
nicht eingerichtet ist, so daß sofort eme Rohrverbindung platzt 
^ ein ganz harmloser Maschinendefekt, der uns jedoch zwingt, 
für heute die Arbeit einzustellen und nach Hause zu gehen. — 
Charakteristisch ist übrigens, daß einige Zeit nachher, als 
wir diesen Vorfall besprachen, Freund F. sich an meine von 
mir mit Sicherheit erinnerte Äußerung absolut nicht erinnern 

wolhe." 

Sich selbst fallen lassen, einen Fehltritt machen, ausgleiten, 
braucht gleichfalls nicht immer als rein zufälliges Fehlschlagen 
motorischer Aktion gedeutet zu werden. Der sprachliche Doppel- 
sinn dieser Ausdrücke weist bereits auf die Art von verhaltenen 
Phantasien hin, die sich durch solches Aufgeben des Körper- 
gleichgewichtes darstellen können. Ich erinnere mich an eine 
Anzahl von leichteren nervösen Erkrankungen bei Frauen und 
Mädchen, die nach einem Falle ohne Verletzung aufgetreten 
waren und als traumatische Hysterie zufolge des Schrecks beim 
Falle aufgefaßt wurden. Ich bekam schon damals den Eindruck, 

Freud, IV ^3 



V 



^ 



1 



194 



Zur Psychopathologie des Alllagslehens 



als ob die Dinge anders zusammenhingen, als wäre das Fallen 
bereits eine Veranstaltung der Neurose und ein Ausdruck derselben 
unbewußten Phantasien sexuellen Inhalts gewesen, die man 
als die bewegenden Kräfte hinter den Symptomen vermuten 
darf. Sollte dasselbe nicht auch ein Sprichwort sagen wollen 
welches lautet: „Wenn eine Jungfrau fällt, fällt sie auf den 
Rücken?" 

Zum Vergreifen kann man auch den Fall rechnen, daß 
jemand einem Bettler anstatt einer Kupfer- oder kleinen Silber- 
münze ein Goldstück gibt. Die Auflösung solcher Fehlgriffe ist 
leicht^ es sind Opferhandlungen, bestimmt, das Schicksal zu 
erweichen, Unheil abzuwehren u. dgl. Hat man die zärtliche 
Mutter oder Tante unmittelbar vor dem Spaziergang, auf dem 
sie sich so widerwiUig großmütig erzeigt, eine Besorgnis über 
die Gesundheit eines Kindes äußern gehört, so kann man an 
dem Sinne des angeblich unhebsamen Zufalls nicht mehr zweifeln. 
Auf solche Art ermöglichen unsere Fehlleistungen die Ausübung 
aller jener frommen und abergläubischen Gebräuche, die wegen 
des Sträubens unserer ungläubig gewordenen Vernunft das Licht 
des Bewußtseins scheuen müssen. 

f) Daß zufällige Aktionen eigentlich absichtliche sind, wird 

auf keinem anderen Gebiete eher Glauben finden als auf dem 

der sexuellen Betätigung, wo die Grenze zwischen beiderlei 

Arten sich wirklich zu verwischen scheint. Daß eine scheinbar 

ungeschickte Bewegung höchst raffiniert zu sexuellen Zwecken 

ausgenützt werden kann, davon habe ich vor einigen Jahren an 

mir selbst ein schönes Beispiel erlebt. Ich traf in einem 

befreundeten Hause ein als Gast angelangtes junges Mädchen, 

welches ein längst für erloschen gehaltenes Wohlgefallen bei mir 

erregte und mich darum heiter, gesprächig und zuvorkommend 

stimmte. Ich habe damals auch nachgeforscht, auf welchen Bahnen 

dies zuging; ein Jahr vorher hatte dasselbe Mädchen mich kühl 

gelassen. Als nun der Onkel des Mädchens, ein sehr alter Herr, 



4 



I 



ins Zimmer trat, sprangen wir beide auf, um ihm einen in der 
Ecke stehenden Stuhl zu bringen. Sie war behender als ich 
wohl auch dem Objekt naher^ so hatte sie sich zuerst des Sessels 
bemächtigt und trug ihn mit der Lehne nach rückwärts, beide 
Hände auf die Sesselränder gelegt, vor sich hin. Indem ich später 
hinzutrat und den Anspruch, den Sessel zu tragen, doch nicht 
aufgab, stand ich plötzlich dicht hinter ihr, hatte beide Arme 
von rückwärts um sie geschlungen, und meine Hände trafen 
sich einen Moment lang vor ihrem Schoß. Ich löste natürlich 
die Situation ebenso rasch, als sie entstanden war. Es schien auch 
keinem aufzufallen, wie geschickt ich diese ungeschickte Bewegung 
ausgebeutet hatte. 

Gelegentlich habe ich mir auch sagen müssen, daß das 
ärgerliche, ungeschickte Ausweichen auf der Straße, wobei man 
durch einige Sekunden hin und her, aber doch stets nach der 
nämlichen Seite wie der oder die andere, Schritte macht, bis 
endlich beide voreinander stehen bleiben, daß auch dieses „den 
Weg Vertreten" ein unartig provozierendes Benehmen früherer 
Jahre wiederholt und sexuelle Absichten unter der Maske der 
Ungeschicklichkeit verfolgt. Aus meinen Psychoanalysen Neurotischer 
weiß ich, daß die sogenannte Naivität junger Leute und Kinder 
häufig nur solch eine Maske ist, um das Unanständige unbeirrt 
durch Genieren aussprechen oder tun zu können. 

Ganz ähnliche Beobachtungen hat W. S t e k e 1 von seiner 
eigenen Person mitgeteilt: „Ich trete in ein Haus ein und reiche 
der Dame des Hauses meine Rechte. Merkwürdigerweise löse 
ich dabei die Schleife, die ihr ' loses Morgenkleid zusammenhält. 
Ich bin mir keiner unehrbaren Absicht bewußt, und doch habe 
ich diese ungeschickte Bewegung mit der Geschicklichkeit eines 
Eskamoteurs vollbracht." 

Ich habe schon wiederholt Proben dafür geben können, daß 
die Dichter Fehlleistungen ebenso als sinnvoll und motiviert 
auffassen, wie wir es hier vertreten. Es wird uns darum nicht 

13- 



k 



196 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



verwundern, an einem neuen Beispiel zu ersehen, wie ein Dichter 
auch eine ungeschickte Bewegung bedeutungsvoll macht und zum 
Vorzeichen späterer Begebenheiten werden läßt. 

In Theodor Fontanes Roman: „L'Adultera" heißt es (Bd. H, 
S. G4 der Gesammelten Werke, Verlag S. Fischer): „. . . und 
Melanie sprang auf und warf ihrem Gatten, wie zur Begrüßung, 
einen der großen Bälle zu. Aber sie hatte nicht richtig gezielt,] 
der Ball ging seitwärts und Rubehn fing ihn auf." Bei dei 
Heimkehr von dem Ausfluge, der diese kleine Episode gebracht 
hat, findet ein Gespräch zwischen Melanie und Rubehn statt, de 
die erste Andeutung einer keimenden Neigung verrät. Dies« 
Neigung wächst zur Leidenschaft, so daß Melanie schließlichl 
ihren Gatten verläßt, um dem geliebten Manne ganz anzugehören. 
(Mitgeteilt von H. Sachs.) 

g-) Die Effekte, die durch das Fehlgreifen normaler Menschen 
Zustandekommen, sind in der Regel von harmlosester Art. Gerade 
darum wird sich ein besonderes Interesse an die Frage knüpfen, 
ob Fehlgriffe von erheblicher Tragweite, die von bedeutsamen 
Folgen begleitet sein können, wie zum Beispiel die des Arzt^ 
oder Apothekers, nach irgendeiner Richtung unter unsere Gesichts- 
punkte fallen. 

Da ich sehr selten in die Lage komme, ärztliche Eingriffe 
vorzunehmen, habe ich nur über ein Beispiel von ärztlichem 
Vergreifen aus eigener Erfahrung zu berichten. Bei einer sehr 
alten Dame, die ich seit Jahren zweimal täghch besuche, 
beschränkt sich meine ärztliche Tätigkeit beim Morgenbesuch 
auf zwei Akte: ich träufle ihr ein paar Tropfen Augenwasser ins 
Auge und gebe ihr eine Morphiuminjektion. Zwei Fläschchen, 
ein blaues für das Kollyrium und ein weißes für die Morphin- 
lösung, sin d regelmäßig vorbereitet. Während der beiden Ver- 
richtungen beschäftigen sich meine Gedanken wohl meist mit 
etwas anderem^ das hat sich eben schon so oft wiederholt, daß 
die Aufmerksamkeit sich wie ft-ei benimmt. Eines Morgens 




M 



VIII. Das Vergreifen 197 



bemerkte ich, daß der Automat falsch gearbeitet hatte, das 
Tropfröhrchen hatte ins weiße anstatt ins blaue Fläschchen 
eingetaucht und nicht ICollyrium, sondern Morphin ins Auge 
geträufelt. Ich erschrak heftig und beruhigte mich dann durch die 
Überlegung, daß einige Tropfen einer zweiprozentigen Morphin- 
lösung auch im Bindehautsack kein Unheil anzurichten vermögen. 
Die Schreckempfindung war offenbar anderswoher abzuleiten. l 

Bei dem Versuche, den kleinen Fehlgriff zu analysieren, fiel [ 

mir zunächst die Phrase ein: „sich an der Alten vergreifen", v 

die den kurzen Weg zur Lösung weisen konnte. Ich stand unter j 

dem Eindruck eines Traumes, den mir am Abend vorher ein : 

junger Mann erzählt hatte, dessen Inhalt sich nur auf den 
sexuellen Verkehr mit der eigenen Mutter deuten ließ*. Die | 

Sonderbarkeit, daß die Sage keinen Anstoß an dem Alter der | 

Königin Jokaste nimmt, schien mir gut zu dem Ergebnis zu j 

stimmen, daß es sich bei der Verliebtheit in die eigene Mutter ( 

niemals um deren gegenwärtige Person handelt, sondern um ihr ( 

jugendhches Erinnerungsbild aus den Kinderiahren. Solche In- ; 

fcongruenzen stellen sich immer heraus, wo eine zwischen zwei 
Zeiten schwankende Phantasie bewußt gemacht und dadurch an 
eine bestimmte Zeit gebunden wird. In Gedanken solcher Art 
versunken, kam ich zu meiner über neunzigjährigen Patientin, 
und ich muß wohl auf dem Wege gewesen sein, den allgemein 
menschlichen Charakter der Ödipusfabel als das Korrelat des 
Verhängnisses, das sich in den Orakeln äußert, zu erfassen, denn 
ich vergriff mich dann „bei oder an der Alten". Indes dies 
Vergreifen war wiederum harmlos; ich hatte von den beiden 
möglichen Irrtümern, die Morphinlösung fürs Auge zu verwenden 
oder das Augenwasser zur Injektion zu nehmen, den bei weitem 
harmloseren gewählt. Es bleibt immer noch die Frage, ob man 

1) Des Ö dipustr aume s, wie ich ihn lu nennen pflege, weil er den 

Schlüssel zum Verständnis der Sage von König Ödipus enthält. Im Text des 

Sophokles ist die Beziehung auf einen solchen Traum der Jokaste in den Mund 
gelegt. (Vgl. „Traumdeutung", S. 182, VII. Aufl., S. 183.) 



k 



ig^ Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



bei Fehlgriffen, die schweren Schaden stiften können, in ähnlicher] 
Weise wie bei den hier behandelten eine unbewußte Absicht in"; 
Erwägung ziehen darf. 

Hier läßt mich denn, wie zu erwarten steht, das Material im 
Stiche, und ich bleibe auf Vermutungen und Schlüsse angewiesen. 
Es ist bekannt, daß bei den schwereren Fällen von Psychoneurose- 
Selbstbeschädigungen gelegentlich als Krankheitssymptome auf-^ 
treten, und daß der Ausgang des psychischen Konflikts in Selbst-] 
mord bei ihnen niemals auszuschließen ist. Ich habe nun erfahren j 
und kann es durch gut aufgeklärte Beispiele belegen, daß viele scheinbar' 
zufällige Schädigungen, die solche Kranke treffen, eigentlich Selbst-j 
Beschädigungen sind, indem eine beständig lauernde Tendenz zui 
Selbstbestrafung, die sich sonst als Selbstvorwurf äußert, oder ihren 
Beitrag zur Symptombildung stellt, eine zufällig gebotene äußere 
Situation geschickt ausnützt, oder ihr etwa noch bis zur Erreichung des 
gewünschten schädigenden Effekts nachhilft. Solche Vorkommnisse 
sind auch bei mittelschweren Fällen keineswegs selten, und sie 
verraten den Anteil der unbewußten Absicht durch eine Reihe 
von besonderen Zügen, zum Beispiel durch die auffallige Fassung, 
welche die Kranken bei dem angebhchen Unglücksfalle bewahrend 

Aus meiner ärztlichen Erfahrung will ich anstatt vieler nur 
ein einziges Beispiel ausführlich berichten: Eine junge Frau bricht 
sich bei einem Wagenunfall die Knochen des einen Unterschenkels, 
so daß sie für Wochen bettlägerig vrird, fällt dabei durch den 
Mangel an Schmerzensäußerungen und die Ruhe auf, mit der 
sie ihr Ungemach erträgt. Dieser Unfall leitet eine lange und 
schwere neurotische Erkrankung ein, von der sie endlich durch 
Psychoanalyse hergestellt wird. In der Behandlung erfahre ich 



i) Die SelbstbescliädigTong, die nicht auf volle Selbstvernichtung hinzielt, hat in 
unserem gegenwärtigen Kniturzustand überhaupt keine andere Wahl, als sich hinter 
der Zufälligkeit zu verbergen, oder sich durch Simulation einer spontanen Erkrankung 
durchzusetzen. Früher einmal war sie ein gebräuchliches Zeichen der Trauer; zu 
anderen Zeiten konnte sie Tendenzen der Frömmigkeit und Weltentsagung Ausdruck 
geben. 



VI II. Das Vergreifen igg 



die Nebenumstände des Unfalls sowie gewisse Ereignisse, die ihm 
vorausgegangen waren. Die junge Frau befand sich mit ihrem 
sehr eifersüchtigen Manne auf dem Gute einer verheirateten 
Schwester in Gesellschaft ihrer zahlreichen übrigen Geschwister 
und deren Männer und Frauen. Eines Abends gab sie in diesem 
intimen Kreise eine Vorstellung in einer ihrer Künste, sie tanzte 
kunstgerecht Cancan unter großem Beifall der Verwandten, aber 
zur geringen Befriedigung ihres Mannes, der ihr nachher 
zuzischelte: Du hast dich wieder benommen wie eine Dirne. Das 
Wort trafj wir wollen es dahingestellt sein lassen, ob gerade 
wegen der Tanzproduktion. Sie schlief die Nacht unruhig, am 
nächsten Vormittag begehrte sie eine Ausfahrt zu machen. Aber 
sie wählte die Pferde selbst, refüsierte das eine Paar und verlangte . 
ein anderes. Die jüngste Schwester wollte ihren Säugling mit 
seiner Amme im Wagen mitfahren lassen; dem widersetzte sie 
sich energisch. Auf der Fahrt zeigte sie sich nervös, mahnte den 
Kutscher, daß die Pferde scheu würden, und als die unruhigen 
Tiere wirklich einen Augenblick Schwierigkeiten machten, sprang 
sie im Schrecken aus dem Wagen und brach sich den Fuß, 
während die im Wagen Verbliebenen heil davonkamen. Kann 
man nach der Aufdeckung dieser Einzelheiten kaum mehr 
bezweifeln, daß dieser Unfall eigentlich eine Veranstaltung war, 
so wollen wir doch nicht versäumen, die Geschicklichkeit zu 
bewundem, welche den Zufall nötigte, die Strafe so passend für 
die Schuld auszuteilen. Denn nun war ihr das Cancantanzen für 
längere Zeit unmöglich gemacht. 

Von eigenen Selbstbeschädigungen weiß ich in ruhigen Zeiten 
wenig zu berichten, aber ich finde mich solcher unter außer- 
ordentlichen Bedingungen nicht unfähig. Wenn eines der Mitglieder 
meiner Familie sich beklagt, jetzt habe es sich auf die Zunge 
gebissen, die Finger gequetscht usw., so erfolgt anstatt der 
erhofften Teilnahme von meiner Seite die Frage: Wozu hast du 
das getan? Aber ich habe mir selbst aufs schmerzhafteste den 



I 



200 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



Daumen eingeklemmt, nachdem ein jugendlicher Patient in der 
Behandlungsstunde die (natürlich nicht ernsthaft zu nehmende) 
Absicht bekannt hatte, meine älteste Tochter zu heiraten, während 
ich wußte, daß sie sich gerade im Sanatorium in äußerster 
Lebensgefahr befand. 

Einer meiner Knaben, dessen lebhaftes Temperament der 
Krankenpflege Schwierigkeiten zu bereiten pflegte, hatte eines 
Morgens einen Zornanfall gehabt, weil man ihm zugemutet 
hatte, den Vormittag im Bette zuzubringen, und gedroht sich 
umzubringen, wie es ihm aus der Zeitung bekannt geworden 
war. Abends zeigte er mir eine Beule, die er sich durch 
Anstoßen an die Türklinke an der Seite des Brustkorbes zugezogen 
hatte. Auf meine ironische Frage, wozu er das getan und was 
er damit gewollt habe, antwortete das elfjährige Kind wie 
erleuchtet: Das war mein Selbstmordversuch, mit dem ich in der 
Früh gedroht habe. Ich glaube übrigens nicht, daß meine 
Anschauungen über die Selbstbeschädigung meinen Kindern damals 
zugänglich waren. 

Wer an das Vorkommen von halb absichtlicher Selbstbeschädigung 

— wenn der ungeschickte Ausdruck gestattet ist — glaubt, der 
wird dadurch vorbereitet, anzunehmen, daß es außer dem bewußt 
absichtlichen Selbstmord auch halb absichtliche Selbstvemichtung 

— mit unbewußter Absicht — gibt, die eine Lebensbedrohung 
geschickt auszunützen und sie als zufällige Verunglückung zu 
maskieren weiß. Eine solche braucht keineswegs selten zu sein. 
Denn die Tendenz zur Selbstvemichtung ist bei sehr viel mehr 
Menschen in einer gewissen Stärke vorhanden, als bei denen sie 
sich durchsetzt; die Selbstbeschädigungen sind in der Regel ein 
Kompromiß zwischen diesem Trieb und den ihm noch entgegen- 
wirkenden Kräften, und auch wo es wirklich zum Selbstmord 
kommt, da ist die Neigung dazu eine lange Zeit vorher in 
geringerer Stärke oder als unbewußte und unterdrückte Tendenz 
vorhanden gewesen. 



Auch die bewußte Selbstmordabsicht wählt ihre Zeit, Mittel 
und Gelegenheit; es ist ganz im Einklang damit, wenn die 
mibewußte einen Anlaß abwartet, der einen Teil der Verursachung 
auf sich nehmen und sie durch Inanspruchnahme der Abwehr- 
kräfte der Person von ihrer Bedrückung frei machen kann'. Es 
sind keineswegs müßige Erwägungen, die ich da vorbringe; mir 
ist mehr als ein Fall von anscheinend zufälligem Verunglücken 
(zu Pferde oder aus dem Wagen) bekannt geworden, dessen 
nähere Umstände den Verdacht auf unbewußt zugelassenen Selbst- 
mord^echtfertigen. Da stürzt z. B. während eines Offiziers Wett- 
rennens ein Offizier vom Pferde und verletzt sich so schwer, daß 
er mehrere Tage nachher erliegt. Sein Benehmen, nachdem er zu 
sich gekommen, ist in manchen Stücken auffällig. Noch bemerkens- 
werter ist sein Benehmen vorher gewesen. Er ist tief verstimmt 
durch den Tod seiner geliebten Mutler, wird von Weinkrämpfen 
in der Gesellschaft seiner Kameraden befallen, er äußert Lebens- 
überdruß gegen seine vertrauten Freunde, will den Dienst 
quittieren, um an einem Kriege in Afrika Anteil zu nehmen, 
der ihn sonst nicht berührt^; früher em schneidiger Reiter, weicht 
er jetzt dem Reiten aus, wo es nur möghch ist. Vor dem WeU- 

1) Der Fall ist dann schließlich kein anderer als der des sexuellen Attentats auf 
eine Frau, bei dem der An^iff des Mannes nicht durch die voUe Muskelkraft des 
Weibes abgewehrt werden kann, weil ihm ein Teil der »mbewuBten Regungen der 
Angegriffenen fördernd entgegenkommt. Man sagt ja wohl, eme solche Situation 
lähme die Kräfte der Frau; man braucht dann nur noch die Grunde für diese 
Lähmung hinzuzufügen. Insofern ist der geistreiche Richterspmch des Sancho 
Pansa den er als Gouverneur auf seiner Insel fallt, psychologisch ungerecht (Don 
Ouiiote,'n. Teil, Kap. XLV). Eine Frau lerrt einen Mann vor den Richter der sie 
angeblich gewaltsam ihrer Ehre berauht hat. Sancho entscliädigt sie durch die volle 
Geldbörse, die er dem Angeklagten abnimmt, und gibt diesem nach dem Abgange 
der Frau die Erlaubnis, ihr nachzueilen und ihr die Börse wieder xu entreißen. Sie 
kommen beide ringend wieder, und die Frau rühmt sich, daß der Bösewicht nicht 
imstande gewesen sei, sich der Börse lu bemächtigen. Darauf Sancho: „Hättest du 
deine Ehre halb so ernsthaft verteidigt wie diese Börse, so hätte sie dir der Mann 
nicht rauben können." 

2) Daß die Situation des Schlachtfeldes eine solche ist, wie sie der bewußten 
Selbstmordabsicht entgegenkommt, die doch den direkten Weg scheut, ist einleuchtend. 
Vgl. im „Wallenstein" die Worte des schwedischen Hauptmannes über den Tod des 
Max Piccolomini : „Man sagt, er wollte sterben," 



202 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

rennen endlich, dem er sich nicht entziehen kann, äußert er eine 
trübe Ahnung^ wir werden uns bei unserer Auffassung nicht 
mehr verwundem, daß diese Ahnung recht behielt. Man wird 
mir entgegenhalten, es sei ja ohne weiteres verständlich, daß ein 
Mensch in solch nervöser Depression das Tier nicht zu meistern 
versteht wie in gesunden Tagen. Ich bin ganz einverstanden; nur 
möchte ich den Mechanismus dieser motorischen Hemmung durch 
die „Nervosität" in der hier betonten Selbstvernichtungsabsicht 
suchen. 

S. Ferenczi in Budapest hat mir die Analyse eines Ä'alles 
von angeblich zufälliger Schußverletzung, den er für einen 
unbewußten Selbstmordversuch erklärt, zur Veröffentlichung über- 
lassen. Ich kann mich mit seiner Auffassung nur einverstanden 
erklären; 

„J. Ad., ssjähriger Tischlergeselle, suchte mich am 18. Jänner 
1908 auf. Er wollte von mir erfahren, ob die Kugel, die ihm 
am 20. März 1907 in die linke Schläfe eindrang, operativ entfernt 
werden könne oder müsse. Von zeitweise auftretenden, nicht allzu 
heftigen Kopfschmerzen abgesehen, fühlt er sich ganz gesund, 
auch die objektive Untersuchung ergibt außer der charakteristischen, 
pulvergeschwärzten Schußnarbe an der linken Schläfe gar nichts, 
so daß ich die Operation widerrate. Über die Umstände des Falles 
befragt, erklärt er, sich zufällig verletzt zu haben. Er spielte mit j 

dem Revolver des Bruders, glaubte, daß er nicht geladen fl 
ist, drückte ihn mit der hnken Hand an die linke Schläfe (er 
ist nicht Linkshänder), legte den Finger an den Hahn, und der 
Schuß ging los. Drei Patronen waren in der sechs- 
läufigen Schußwaffe. Ich frage ihn: wie er auf die Idee 
kam, den Revolver zu sich zu nehmen. Er erwidert, daß es zur 
Zeit seiner Assentierung war; den Abend zuvor nahm er die 
Waffe ins Wirtshaus mit, weil er Schlägereien befürchtete. Bei 
der Musterung wurde er wegen Krampfadem für untauglich 
erklärt, worüber er sich sehr schämte. Er ging nach Hause, 



VIII. Das Vergreifen 



203 



spielte mit dem Revolver, hatte aber nicht die Absicht, sicli 
wehe zu tun; da kam es zum Unfall. Auf die weitere Frage, 
wie er sonst mit seinem Schicksal zufrieden gewesen sei, antwortete 
er mit einem Seufzer und erzählte seine Liebesgeschichte mit 
einem Mädchen, das ihn auch liebte und ihn trotzdem, verließ; sie 
wanderte rein aus Geldgier nach Amerika aus. Er wollte ihr 
nach, doch die Eltern hinderten ihn daran. Seine Geliebte reiste 
am so. Jänner 1907, also zwei Monate vor dem Unglücksfalle, 
ab. Trotz all dieser Verdachtsmomente beharrte der Patient dabei, 
daß der Schuß ein ,Unfall' war. Ich aber bin fest überzeugt, daß 
die Nachlässigkeit, sich von der Ladung der Waffe vor dem 
Spielen nicht überzeugt zu haben, wie auch die Selbstbeschädigung 
psychisch bestimmt war. Er war noch ganz unter dem depri- 
mierenden Eindruck der unglücklichen Liebschaft und wollte 
offenbar beim Militär ,vergessen*. Als ihm auch diese Hoffnung 
genommen wurde, kam es zum Spiele mit der Schußwaffe, das 
heißt zum unbewußten Selbstmordversuch. Daß er den Revolver 
nicht in der rechten, sondern dn der linken Hand hielt, spricht 
entschieden dafür, daß er wirklich nur ,spielte', d. h. bewußt 
keinen Selbstmord begehen wollte." 

Eine andere, mir vom Beobachter überJassene Analyse einer 
anscheinend zufalligen Selbstbeschädigung bringt das Sprichwort: 
„Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein" in Erinnerung. 

„Frau X., aus g-utem bürgerlichen Milieu, ist verheiratet und 
hat drei Kinder. Sie ist zwar nervös, brauchte aber nie eine 
energische Behandlung, da sie dem Leben doch genügend gewachsen 
ist. Eines Tages zog sie sich in folgender Weise eine momentan 
ziemlich imponierende, aber vorübergehende Entstellung ihres 
Gesichtes zu. In einer Straße, welche zurecht gemacht wurde, 
stolperte sie über einen Steinhaufen und kam mit dem Gesichte 
in Berührung mit einer Hausmauer. Das ganze Gesicht war 
geschrammt, die Augenlider wurden blau und ödematös, und da 
sie Angst bekam, es möchte mit ihren Augen etwas passieren, 



«■■ 



304 Zur Psychopathologie des Alltagslehem 



ließ sie den Arzt rufen. Nachdem sie deswegen beruhigt war, 
fragte ich: ,Aber warum sind Sie eigentlich so gefallen?' Sie 
erwiderte, daß sie gerade zuvor ihren Mann, der seit einigen 
Monaten eine Gelenksaffektion hatte, wodurch er schlecht zu 
Fuß war, gewarnt hatte, in dieser Straße gut aufzupassen, und 
sie hatte ja schon öfters die Erfahrung gemacht, daß in derartigen 
Fällen merkwürdigerweise ihr selber dasjenige passierte, wovor 
sie eine andere Person gewarnt hatte. 

Ich war mit dieser Determinierung ihres Unfalles nicht zufrieden 
und fragte, ob sie nicht vielleicht etwas mehr zu erzählen wüßte. 
Ja, gerade vor dem Unfall hatte sie in einem Laden von der 
entgegengesetzten Seite der Straße ein hübsches Bild gesehen, 
das sie sich ganz plötzlich als Schmuck für die Kinderstube 
wünschte und darum sofort kaufen wollte: da ging sie geradeaus 
auf den Laden zu, ohne auf die Straße zu achten, stolperte über 
den Steinhaufen und fiel mit ihrem Gesichte gegen die Haus- 
mauer, ohne auch nur den leisesten Versuch zu machen, sich 
mit den Händen zu schützen. Der Vorsatz, das Bild zu kaufen, 
war gleich vergessen, und sie ging eiligst nach Hause. — ,Aber 
warum haben Sie nicht besser zugeschaut?' fragte ich. — ■ ,Ja,* 
antwortete sie, ,65 war vielleicht doch eine Strafe! Wegen der 
Geschichte, welche ich Ihnen schon im Vertrauen erzählt habe.* 
— ,Hat diese Geschichte Sie dann noch immer so gequält?' — 
yJa — nachher habe ich es sehr bedauert, mich selbst boshaft, 
verbrecherisch und unmoralisch gefunden, aber ich w^ar damals 
fast verrückt vor Nervosität.' 

Es hatte sich um einen Abortus gehandelt, welchen sie mit 
Einverständnis ihres Mannes, da sie beide wegen ihrer pekuniären 
Verhältnisse von mehr Kindersegen verschont bleiben wollten, von 
einer Kurpfuscherin hatte einleiten und von einem Spezialarzt 
zu Ende bringen lassen. 

jÖfters mache ich mir den Vorwurf: aber du hast doch dein 
Kind töten lassen, und ich hatte Angst, daß so etwas doch nicht 



ohne Strafe bleiben könnte. Jetzt, da Sie mir versichert haben, 

daß mit den Augen nichts Schlimmes vorliegt, bin ich ganz i 

beruhigt: ich bin nun sowieso schon genügend gestraft.' I 

Dieser Unfall war also eine Selbstbestrafung einerseits, um für 
ihre Untat zu büßen, andererseits aber, um einer vielleicht viel 
größeren unbekannten Strafe, vor welcher sie monatelang fort- j 

während Angst hatte, zu entgehen. In dem Augenblick, als sie j 

auf den Laden losstürzte, um sich das Bild zu kaufen, war die . j 

Erinnerung an die ganze Geschichte mit all ihren Befürchtungen, j 

welche sich schon während der Warnung ihres Mannes in ihrem | 

Unbewußten ziemlich stark regte, überwältigend geworden und '. 

hätte vielleicht in einem etwa derartigen Wortlaut Ausdruck j 

finden können; Aber wofür brauchst du einen Schmuck für die * 

Kinderstube, du hast dein Kmd umbringen lassen! Du bist eine ; 

Mörderin! Die große Strafe naht ganz gewiß! 

Dieser Gedanke wurde nicht bewußt, aber statt dessen benützte 
sie in diesem, ich möchte sagen, psychologischen Moment die jl 

Situation, um den Steinhaufen, der ihr dafür geeignet schien, in .; 

unauffälliger Weise für die Selbstbestrafung zu verwenden; des- ;! 

wegen streckte sie beim Fallen auch nicht einmal die Hände [i 

aus und darum kam es auch nicht zu einem heftigen Erschrecken. 
Die zweite, wahrschemlich geringere Determinierung ihres Unfalles j 

ist wohl die Selbstbestrafung wegen des unbewußten 
Beseitigungswunsches gegen ihren, allerdings in dieser Affäre mit- 
schuldigen Mann. Dieser Wunsch hatte sich durch die vollkommen 
überflüssige Warnung verraten, in der Straße mit dem Steinhaufen 
ja gut aufzupassen, da der Mann, eben weil er schlecht zu Fuß 
war, sehr vorsichtig ging'.' ^^ 

i)VanEinden, Selbstbestrafung wegen Abortus. (Zentralbl. f. Psychoanalyse 
II/iE.) ~ Ein Korrespondent schreibt zum Thema der „Selbstbestrafung durch Fehl- 
leistungen" : Wenn man darauf achtet, wie sich die Leute auf der Straße benehmen, 
hat man Gelegenheit zu konstatieren, wie oft den Mimnem, die — wie schon üblich 
— den vorübergehenden Frauen nachschauen, ein kleiner Unfall passiert. Bald ver- 
staucht einer — auf ebener Erde — den Fuß, bald rennt er eine Laterne an oder 
verletzt sich auf andere Art. 



ao6 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



Wenn man die näheren Umstände des Falles erwägt, wird 
man auch geneigt sein, J. Stärcke (1. c.) recht zu geben, wenn 
er eine anscheinend zufällige Selbstbeschädigung durch Verbrennung 
als „Opferhandlung" auffaßt : 

„Eine Dame, deren Schwiegersohn nach Deutschland abreisen 
mußte, um dort in Militärdienst zu gehen, verbrühte sich den 
Fuß unter folgenden Umständen. Ihre Tochter erwartete bald die 
Niederkunft, und die Gedanken an die Kriegsgefahren stimmten 
selbstverständlich die ganze Familie nicht sehr munter. Am Tage 
vor der Abreise hatte sie ihren Schwiegersohn und ihre Tochter 
zum Essen eingeladen. Sie bereitete selber in der Küche das 
Essen, nachdem sie zuerst, sonderbar genug, ihre hohen Schnür- 
stiefel mit Platlfußsohlen, auf denen sie bequem gehen kann und 
die sie auch zu Hause gewöhnlich tragt, mit einem Paar zu 
großer, oben offener Pantoffeln ihres Mannes vertauscht hatte. 
Als sie eine große Pfanne kochender Suppe vom Feuer nahm, 
ließ sie diese fallen und verbrühte sich dadurch ziemlich ernst 
einen Fuß, zumal den Fußrücken, der vom offenen Pantoffel 
nicht geschützt wurde. — Selbstverständlich wurde dieser Unfall 
von jedermann auf Rechnung ihrer begreiflichen »Nervosität' 
geschrieben. Die ersten Tage nach diesem Brandopfer war sie mit 
heißen Gegenständen sehr vorsichtig, wodurch sie aber nicht 
gehindert wurde, sich wenige Tage später den einen Puls mit 
heißer Brühe zu verbrühen\ 



i) In einer sehr großen Aniahl solcher Fälle von L' n fall sbe Schädigung oder Tötung 
bleibt die Auffassimg zweifelhaft. Der Fernerstehende wird keinen Anlaß finden, im 
Unfall etwas anderes als einen Zufall zu sehen, während eine dem Verunglückten 
nahestehende und mit intimen Einzelheiten bekannte Person Gründe hat, die unbe- 
wußte Absicht hinter dem Zufall zu vermuten. Welcher Art diese Kenntnis sein soll 
und auf was für Nebe mim stände es dabei ankommt, davon gibt der nachstehende 
Bericht eines jungen Mannes, dessen Braut auf der Straße üherfalixen worden, ein 
gutes Beispiel; 

„Im September vorigen Jahres lernte ich ein Fräulein Z. kennen, Alter 34, Jahre. 
Sie lebte in wohlhabenden Verhältnissen, war vor dem Kriege verlobt gewesen, der 
Bräutigam jedoch als aktiver Offizier 1916 gefallen. Wir lernten einander kennen 
imd lieben, zunächst ohne den Gedanken einer Heirat, da die Umstände, namentlich 
der Altersunterschied — ich selbst war 27 Jahre — es beiderseitig nicht zuzulassen 



Wenn so ein Wüten gegen die eigene Integrität und das 
eigene Leben hinter anscheinend zufälliger Ungeschicklichkeit und 
motorischer Unzulänglichkeit verborgen sein kann, so braucht 
man keinen großen Schritt mehr zu tun, um die Übertragung 
der nämlichen Auffassung auf Fehlgriffe möglich zu finden, welche 
Leben und Gesundheit anderer ernstlich in Gefahr bringen. Was 
ich an Belegen für die Triftigkeit dieser Auffassung vorbringen 
kann, ist der Erfahrung an Neurotikern entnommen, deckt sich 
also nicht völlig mit dem Erfordernis. Ich werde über einen Fall 
berichten, in dem mich nicht eigentlich ein Fehlgriff, sondern, 
was man eher eine Symptom- oder Zufallshandlung nennen 
kann, auf die Spur brachte, welche dann die Lösung des Konflikts 
bei dem Patienten ermöglichte. Ich übernahm es einmal, die Ehe 
eines sehr intelligenten Mannes zu bessern, dessen Mißhelligkeiten 
mit seiner ihn zärtlich liebenden jungen Frau sich gewiß auf 
reale Begründungen berufen konnten, aber, wie er selbst zugab, 
durch diese nicht voll erklärt wurden. Er beschäftigte sich unab- 

scKienen. Da wir in der gleichen Straße uns gegenüber wohnten und wir täglich 
xusammen waren, nahm der Verkehr im Laufe der Zeit intime Formen an. Damit 
rückte der Gedanlce einer ehelichen Verbindimg näher, und ich stimmte ihm 
schließlich seihst zu. Zu Ostern d. J. war die Verlobung geplant; Fräulein Z. beab- 
sichtigte jedoch vorher eine Reise zu ihren Verwandten in M. zu unternehmen, die 
durch einen infolge des Kapp-Putsches hervorgerufenen Eisenbahnerstreik plötzlich 
verhindert wurde. Die trüben Aussichten, die sich für die weitere Zukunft durch den 
Sieg der Arbeiterschaft und dessen Folgen zu eröffnen schienen, machten sich kiu^e 
Zeit auch in unserer Stimmung, besonders aber bei Fräulein Z., die auch sonst recht 
wechselnden Stimmungen unterworfen war, geltend, da sie neue Hindernisse für 
unsere Zukimft zu sehen glaubte. Am Samstag, dem 20. Mars, jedoch befand sie sich 
in ausnehmend froher Gemütsverfassung, ein Umstand, der mich geradezu über- 
raschte und mitriß, so daß wir alles in den rosigsten Farben zu sehen glaubten. Wir 
hatten einige Tage vorher davon gesprochen, gelegentlich gemeinsam tut Kirche zu 
gehen, ohne jedoch eine bestimmte Zeit festzusetzen. Am folgenden Morgen, Sonntag 
den 21. März, um 9 Uhr 15 iVIinuten, rief sie mich telephonisch an, ich möchte sie 
gleich zum Kirchgang abholen, was ich ihr indes abschlug, da ich nicht rechtzeitig 
hätte fertig werden können und überdies Arbeiten erledigen wollte. Fräulein Z. war 
merklich enttäuscht, machte sich dann allein auf den Weg, traf auf der Treppe ihres 
Hauses einen Bekannten, mit dem zusammen sie den kurzen Weg durch die Tauen- 
zienstraße bis zur Rankestraße ging, in bester Stimmung, ohne daß sie irgendetwas 
über tmser Gespräch äußerte. Der Herr verabschiedete sich mit einem Scherzwort 
— Fräulein Z. hatte nur den an dieser Stelle verbreiterten und klar übersehbaren 
Damm zu überschreiten — da wurde sie dicht am Bürgersteig von einer Pferde- 



PBB^PB 



ao8 T'Vr Psychopathologie des Alltagslebens 



lässig mit dem Gedanken der Scheidung, den er dann wieder 

verwarf, weil er seine beiden kleinen Kinder zärtlich liebte. 

Trotzdem kam er immer wieder auf den Vorsatz zurück und 

versuchte dabei kein Mittel, um sich die Situation erträglich zu 

gestaUen. Solches Nichtfertigwerden mit einem Konflikt gilt mir 

als Beweis dafür, daß sich unbewußte und verdrängte Motive zur 

Verstärkung der miteinander streitenden bewußten bereit gefunden 

haben und ich unternehme es in solchen Fällen, den Konflikt 

durch psychische Analyse zu beenden. Der Mann erzählte mir 

eines Tages von einem kleinen Vorfall, der ihn aufs äußerste 

erschreckt hatte. Er „hetzte" mit seinem älteren Kinde, dem 

weitaus geUebteren, hob es hoch und heß es nieder und einmal 

an solcher Stelle und so hoch, daß das Kind mit dem Scheitel 

fast an den schwer herabhängenden Gasluster angestoßen wäre. 

Fast, aber doch eigenthch nicht oder gerade eben noch! Dem 

Kinde war nichts geschehen, aber es wurde vor Schreck schwindlig. 

Der Vater blieb entsetzt mit dem Kinde im Arme stehen, die 

droschke überfahren CLeberquetschung, die einige Stunden später den Tod herbei- 
führte). — Die Stelle haben wir früher Hunderte von Malen begangen; Fräulein Z. 
war iüjeraus vorsichtig, hat mich selbst sehr oft vor Unvorsichtigkeiten aurück- 
gehalten, an diesem Morgen fuhren fast überhaupt keine Fuhrwerke, die StraJ3en- 
bahnen, Omnibusse usw. streikten — gerade um diese Zeit herrschte fast absolute 
Ruhe, die Droschke mußte sie, wenn nicht sehen, unbedingt hören ! — Alle Welt 
glaubt an einen ,Zufall' — mein erster Gedanke war: Das ist iinmöglich — von 
einer Absicht kann allerdings auch keine Rede sein. Ich versuchte eine psychologische , 
Erklärung. Nach längerer Zeit glaubte ich sie in Ihrer ,Psychopathologie des Alltags- !^f 
lebens' gefunden zu haben. Zumal Fräulein Z. bisweilen eine gewisse Neigung zum 
Selbstmord äußerte, ja, auch mich dazu zu veranlasseu suchte, Gedanken, die ich 
ihr oft genug ausgeredet habe; z. B. begann sie noch zwei Tage vorher nach der 
Rückkehr von einem Spaziergang äußerlich ganz unmotiviert von ihrem Tode und 
Erbschaftsregulierungen zu sprechen; letztere hat sie übrigens nicht vorgenommen! 
Ein Zeichen, daß diese Äußerungen bestimmt auf keine Absicht zurückzuführen sind. 
Wenn ich mein unmaßgebliches Urteil darüber aussprechen darf, so wäre es das, 
daß ich in diesem Unglück nicht einen Zufall, auch keine Wirkung einer Beivußt- 
seinstrübung, sondern eine in unbewußter Absicht ausgeführte absichtliche Selbst- 
vemichtung sehe, die als zufällige Verunglückung maskiert war. Bestärkt werde ich 
in dieser Auffassung durch Ätißerungen von Fräulein Z. gegenüber ihren Verwandten, 
sowohl früher, als sie mich noch nicht kannte, als auch später, wie auch mir gegen- 
über bis in die letzten Tage hinein — aUes aufzufassen als eine Wirkung des Ver- 
lustes ihres früheren Bräutigams, den nichts in ihren Augen zu ersetzen imstande 



VIII, Das Vergreifen 20g 

Mutter bekam, einen hysterischen Anfall. Die besondere Geschicfc- 
lichlceit dieser unvorsichtigen Bewegung, die Heftigkeit der Reaktion 
bei den Eltern legten es mir nahe, in dieser Zufälligkeit eine 
Symptomhandlung zu suchen, welche eine böse Absicht gegen 
das geliebte Kind zum Ausdruck bringen sollte. Den Widerspruch 
gegen die aktuelle Zärtlichkeit dieses Vaters zu seinem Kinde 
konnte ich aufheben, wenn ich den Impuls zur Schädigung in 
die Zeit zurückverlegte, da dieses Kind das einzige und so klein 
gewesen war, daß sich der Vater noch nicht zärtlich für dasselbe 
zu interessieren brauchte. Dann hatte ich es leicht anzunehmen, 
daß der von seiner Frau wenig befriedigte Mann damals den 
Gedanken gehabt oder den Vorsatz gefaßt: Wenn dieses kleine 
Wesen, an dem mir gar nichts hegt, stirbt, dann bin ich frei 
und kann mich von der Frau scheiden lassen. Ein Wunsch nach 
dem Tode dieses jetzt so geliebten Wesens mußte also unbewußt 
weiterbestehen. Von hier ab war der Weg zur unbewußten 
Fixierung dieses Wunsches leicht zu finden. Eine mächtige Deter- 
minierung ergab sich wirklich aus der Kindheitserinnerung des 
Patienten, daß der Tod eines kleines Bruders, den die Mutter 
der Nachlässigkeit des Vaters zur Last legte, zu heftigen Aus- 
einandersetzungen zwischen den Eltern mit Scheidungsandrohung 
geführt hatte. Der weitere Verlauf der Ehe meines Patienten 
bestätigte meine Kombination auch durch den therapeutischen 

Erfolg. 

J. Stärcke (1. c.) hat ein Beispiel dafür gegeben, daß Dichter 
kein Bedenken tragen, ein Vergreifen an die Stelle einer absicht- 
lichen Handlung zu setzen und es somit zur Quelle der schwersten 
Konsequenzen zu machen: 

In einer der Skizzen von Heyermans' komnit ein Beispiel 
von Vergreifen oder, genauer gesagt. Fehlgreifen vor, das vom 
Autor als dramatisches Motiv angewandt wird. 

i) Hermann Heyermans, Schetsen von Samuel FaLkland, t8. Eundel, Amster- 
dam, H. J. W. Becht, 1914. 

Freud, IV H 



210 



Zmt- Psychopathologie des Alltagslebens 



Es ist die Skizze ,Tom und Teddie'. — Von einem Taucher- 
paar — das in einem Spezialitätentheater auftritt, längere Zeit 
unterm Wasser bleibt und dort Kunststücke ausführt in einem, 
eisernen Bassin mit gläsernen Wänden — hält die Frau es seit 
kurzem mit einem anderen Mann, einem Dresseur. Der Mann- 
Taucher hat sie gerade vor der Vorstellung zusammen im 
Anldeidezimmer ertappt. Stille Szene, drohende Blicke und 
der Taucher sagt: ,Nachher!' — Die Vorstellung fängt an. — 
Der Taucher wird das schwierigste Kunststück machen, 
er bleibt ,zwei und eine halbe Minute in einer hermetisch 
geschlossenen Kiste unterm Wasser*. — Sie hatten dieses 
Kunststück schon öfters gemacht, die Kiste wurde geschlossen, 
und jTeddie zeigt dem Publikum, das auf seinen Uhren die Zeit 
kontrollierte, den Schlüssel'. Sie Heß auch absichtlich den 
Schlüssel ein paarmal ins Bassin fallen und tauchte dann eilig 
danach, um nicht zu spät zu sein, wenn der Koffer geöffnet 
werden mußte. 

An diesem Abend des 51. Jänner wurde Tom wie gewöhnlich 
von den kleinen Fingern des munter-frischen Weibchens einge- 
sperrt. Er lächelte hinter dem Guckloch — ■ sie spielte mit dem 
Schlüssel und wartete auf sein warnendes Zeichen. Zwischen den 
Kulissen stand der Dresseur mit seinem tadellosen Frack, seiner 
weißen Krawatte, seiner Reitpeitsche. Um ihre Aufmerksamkeit 
auf sich zu ziehen, pfiff er ganz kurz, der Dritte. Sie schaute 
hin, lachte und mit der ungeschickten Gebärde von jemand, dessen 
Aufmerksamkeit abgelenkt wird, warf sie den Schlüssel so wild 
in die Höhe, daß er genau zwei Minuten zwanzig Sekunden, 
gut gezählt, neben das Bassin, zwischen dem das Fußgestell 
verdeckenden Flaggentuch fiel. Keiner hatte es gesehen.. Keiner 
konnte es sehen. Vom Saal aus gesehen, war die optische 
Täuschung so, daß jedermann den Schlüssel ins Wasser gleiten 
sah — und keiner der Theaterhelfer merkte es, weil das Flaggeu- 
tuch den Laut milderte. 



Lachend, ohne zu zaudern, kletterte Teddie über den Rand des 
Bassins. Lachend — er hieh es wohl aus — kam sie die Leiter 
herunter. Lachend verschwand sie unter dem Fußgestell, um 
dort zu suchen, und als sie den Schlüssel nicht sofort fand, 
bückte sie sich mit einer Mimik zum Stehlen, mit einem Aus- 
druck auf ihrem Gesichte, als ob sie sagte : ,0 iemine, wie das 
doch lästig ist!' an der Vorderseite des Flaggentuches. 

Unterdessen machte Tom seine drolligen Grimassen hinter 
dem Guckloch, wie wenn auch er unruhig würde. Man sah das 
Weiß seines falschen Gebisses, das Kauen seiner Lippen unter 
dem Fiachsschnurrbart, die komischen Atemblasen, die man auch 
beim Apfelessen gesehen hatte. Man sah das Grabsen und 
Wühlen seiner bleichen Knöchelfmger und man lachte, so wie 
man diesen Abend schon öfter gelacht hatte. 

Zwei Minuten und achtundfüufzig Sekunden... 

Drei Minuten sieben Sekunden . . . zwölf Sekunden . . . 

Bravo ! Bravo ! Bravo ! . . . 

Da entstand eine Bestürzung im Saale und ein Scharren mit 
den Füßen, weil auch die Knechte und der Dresseur zu suchen 
anfingen und der Vorhang fiel, bevor der Deckel aufgehoben war. 

Sechs englische Tänzerinnen traten auf — dann der Mann 
mit den Ponys, Hunden und Affen. Und so weiter. 

Erst am nächsten Morgen vernahm das Publikum, daß em 
Unglück geschehen war, daß Teddie als Witwe auf der Welt 

zurückblieb . . . 

Aus dem Zitierten geht hervor, wie vorzüglich dieser Künstler 
selber das Wesen der Symptomhandlung verstanden haben muß, 
um uns so treffend die tiefere Ursache der tödlichen Unge- 
schicklichkeit vorzuführen." 



i+" 



IX 

SYMPTOM- UND ZUFALLSHANDLUNGEN 

Die bisher -beschriebenen Handlungen, in denen wir die Aus- 
führung einer unbewußten Absicht erkannten, traten als Störungen 
anderer beabsichtigter Handlungen auf und deckten sich mit dem 
Vorwand der Ungeschicklichkeit. Die Zufallshandlungen, von denen 
jetzt die Rede sein soll, unterscheiden sich von denen des Ver- 
greifens nur dadurch, daß sie die Anlehnung an eine bewußte 
Intention verschmähen und also des Vorwandes nicht bedürfen. 
Sie treten für sich auf und werden zugelassen, weil man Zweck 
und Absicht bei ihnen nicht vermutet. Man führt sie aus, „ohne 
sich etwas hei ihnen zu denken", nur „rein zufällig", „wie um 
die Hände zu beschäftigen", und man rechnet darauf, daß solche 
Auskunft der Nachforschung nach der Bedeutung der Handlung 
ein Ende bereiten wird. Um sich dieser Ausnahmsstellung 
erfreuen zu können, müssen diese Handlungen, die nicht mehr 
die Entschuldigung der Ungeschicklichkeit in Anspruch nehmen, 
bestimmte Bedingungen erfüllen; sie müssen unauffällig und 
ihre Effekte müssen geringfügig sein. 

Ich habe eine große Anzahl solcher Zufallshandlungen bei mir 
und anderen gesammelt, und meine nach gründlicher Unter- 
suchung der einzelnen Beispiele, daß sie eher den Namen von 
Symptomhandlungen verdienen. Sie bringen etwas zum 
Ausdruck, was der Täter selbst nicht in ihnen vermutet und was 
er in der Regel nicht mitzuteilen, sondern für sich zu behalten 



.^-At 



IX. Symptom- utid Xufalhhandlungen aij 



beabsichtigt. Sie spielen also ganz so wie alle anderen bisher 
betrachteten Phänomene die Rolle von Symptomen. 

Die reichste Ausbeute an solchen Zufalls- oder Symptom- 
handlungen erhält man allerdings bei der psychoanalytischen 
Behandlung der Neurotiker. Ich kann es mir nicht versagen, an 
zwei Beispielen dieser Herkunft zu zeigen, wie weit und wie fein 
die Determinierung dieser unscheinbaren Vorkommnisse durch 
unbewußte Gedanken getrieben ist. Die Grenze der Symptom- 
handlungen gegen das Vergi-eifen ist so wenig scharf, daß ich 
diese Beispiele auch im vorigen Abschnitt hätte unterbringen 

können. 

i) Eine junge Frau erzählt als Einfall während der Sitzung, 
daß sie sich gestern beim Nägelschneiden „ins Fleisch geschnitten, 
während sie das feine Häutchen im Nagelbett abzutragen bemüht 
war". Das ist so wenig interessant, daß man sich verwundert 
fragt, wozu es überhaupt ermnert und erwähnt wird, und auf 
die Vermutung gerät, man habe es mit einer Symptomhandlung 
zu tun. Es war auch wirklich der Ringfinger, an dem das kleine 
Ungeschick vorfiel, der Finger, an dem man den Ehering trägt. 
Es war überdies ihr Hochzeitstag, was der Verletzung des feinen 
Häutchens einen ganz bestimmten, leicht zu erratenden Sinn 
verleiht. Sie erzählt auch gleichzeitig einen Traum, der auf die 
Ungeschicklichkeit ihres Mannes und auf ihre Anästhesie als Frau 
anspielt. Warum war es aber der Ringfinger der linken Hand, 
an dem sie sich verletzte, da man doch den Ehering an der 
rechten Hand trägt? Ihr Mann ist Jurist, „Doktor der Rechte", 
und ihre geheime Neigung hatte als Mädchen einem Arzt, 
(scherzhaft: „Doktor der Linke") gehört. Eine Ehe zur linken 
Hand hat auch ihre bestimmte Bedeutung. 

2) Eine unverheiratete junge Dame erzählt: „Ich habe gestern 
ganz unabsichtlich eine Hundertguldennote in zwei Stücke 
gerissen und die Hälfte davon einer mich besuchenden Dame 
gegeben. Soll das auch eine Symptomhandlung sein?" Die ge- 




214 2"^ Psychopathologie des Alltagslebens 

nauere Erforschung deckt folgende Einzelheiten auf. Die Hundert- 
guldennote: Sie widmet einen Teil ihrer Zeit und ihres Ver- 
mögens wohltätigen Werken. Gemeinsam mit einer anderen 
Dame sorgt sie für die Erziehung eines verwaisten Kindes. Die 
hundert Gulden sind der ihr zugeschickte Beitrag jener Dame, den 
sie in ein Kuvert einschloß und vorläufig auf ihren Schreibtisch 
niederlegte. 

Die Besucherin war eine angesehene Dame, der sie bei einer 
anderen Wohltätigkeitsaktion beisteht. Diese Dame wollte eine 
Reihe Namen von Personen notieren, an die man sich um Unter- 
stützung wenden könnte. Es fehlte an Papier, da griff meine 
Patientin nach dem Kuvert auf ihrem Schreibtisch und riß es, 
ohne sich an seinen Inhalt zu besinnen, in zwei Stücke, von 
denen sie eines selbst behielt, um ein Duplikat der Namenliste 
zu haben, das andere ihrer Besucherin übergab. Man bemerke die 
Harmlosigkeit dieses unzweckmäßigen Vorgehens. Eine Hundert- 
guldennote erleidet bekanntlich keine Einbuße an ihrem Werte, 
wenn sie zerrissen wird, falls sie sich aus den Rißstücken voll- 
ständig zusammensetzen läßt. Daß die Dame das Stück Papier 
nicht wegwerfen würde, war durch die Wichtigkeit der darauf 
stehenden Namen verbürgt, und ebenso litt es keinen Zweifel, 
daß sie den wertvollen Inhalt zurückstellen würde, sobald sie ihn 
bemerkt hätte. 

Welchem unbewußten Gedanken sollte aber diese Zufalls- 
handlung, die sich durch ein Vergessen ermöglichte, Ausdruck 
geben? Die besuchende Dame hatte eine ganz bestimmte Be- 
ziehung zu unserer Kur. Es war dieselbe, die mich seinerzeit dem 
leidenden Mädchen als Arzt empfohlen, und wenn ich nicht irre, 
hält sich meine Patientin zum Danke für diesen Rat verpflichtet. 
Soll die halbierte Hundertguldennote etwa ein Honorar für diese 
Vermittlung darstellen? Das bliebe noch recht befremdlich. 
_ . Es kommt aber anderes Material hinzu. Eines Tages vorher 
hatte eine Vermittlerin ganz anderer Art bei einer Verwandten 



IX. Symptom- und "Lufallshandlungen 



215 



aneefragtj ob das gnädige Fräulein wohl die Bekanntschaft eines 
gewissen Herrn machen wolle, und am Morgen, einige Stunden 
vor dem Besuche der Dame, war der Werbebrief des Freiers 
eingetroffen, der viel Anlaß zur Heiterkeit gegeben hatte. Als 
nun die Dame das Gespräch mit einer Erkundigung nach dem 
Befinden meiner Patientin eröffnete, konnte diese wohl gedacht 
haben: „Den richtigen Arzt hast du mir zwar empfohlen, wenn 
du mir aber zum richtigen Manne (und dahinter: zu einem 
Kinde) verhelfen könntest, wäre ich dir doch dankbarer." Von 
diesem verdrängt gehaltenen Gedanken aus flössen ihr die beiden 
Vermittlerinnen in eins zusammen, und sie überreichte der 
Besucherin das Honorar, das ihre Phantasie der anderen zu geben 
bereit war. Völhg verbindlich wird diese Lösung, wenn ich hinzu- 
füge, daß ich ihr erst am Abend vorher von solchen Zufalls- 
oder Symptomhandlungen erzähh hatte. Sie bediente sich dann 
der nächsten Gelegenheit, um etwas Analoges zu produzieren. 

Eine Gruppierung der so überaus häufigen Zufalls- und 
Symptomhandlungen könnte man vornehmen, je nachdem sie 
gewohnheitsmäßig, regelmäßig unter gewissen Umständen oder 
vereinzelt erfolgen. Die ersteren (wie das Spielen mit der Uhr- 
kette, das Zwirbeln am Barte usw.), die fast zur Charakteristik 
der betreffenden Personen dienen können, streifen an die mannig- 
faltigen Tickbewegungen und verdienen wohl im Zusammenhange 
mit letzteren behandelt zu werden. Zur zweiten Gruppe rechne 
ich das Spielen, wenn man einen Stock, das Kritzeln, wenn man 
einen Bleistift in der Hand hält, das Klimpern mit Münzen in 
der Tasche, das Kneten von Teig und anderen plastischen Stoffen, 
allerlei Hantierungen an seiner Gewandung u. dgl. mehr. Unter 
diesen spielenden Beschäftigungen verbergen sich während der 
psychischen Behandlung regelmäßig Sinn und Bedeutung, denen 
ein anderer Ausdruck versagt ist. Gewöhnlich weiß die betreffende 
Person nichts davon, daß sie dergleichen tut, oder daß sie gewisse 
Modifikationen an ihrem gewöhnlichen Tändeln vorgenommen 



ai6 Zur Psychopathologie des Aütagslehens 



hat, und sie übersieht und überhört auch die Effekte dieser Hand- 
lungen. Sie hört z. B. das Geräusch nicht, das sie beim Klimpern 
mit Geldstücken hervorbringt, und benimmt sich -wie erstaunt 
und ungläubig, wenn man sie darauf aufmerksam macht. Ebenso 
ist alles, was man, oft ohne es zu merken, mit seinen Kleidern 
vornimmt, bedeutungsvoll und der Beachtung des Arztes wert. 
Jede Veränderung des gewohnten Aufzugs, jede kleine Nach- 
lässigkeit, wie etwa ein nicht schließender Knopf, jede Spur von 
Entblößung will etwas besagen, was der Eigentümer der Kleidung 
nicht direkt sagen will, meist gar nicht zu sagen weiß. Die 
Deutungen dieser kleinen Zufallshandlungen sowie die Beweise 
für diese Deutungen ergeben sich jedesmal mit zureichender 
Sicherheit aus den Begleitumständen während der Sitzung, aus 
dem eben behandelten Thema und aus den Einfällen, die sich 
einstellen, wenn man die Aufmerksamkeit auf die anscheinende 
Zufälligkeit lenkt. Wegen dieses Zusammenhanges unterlasse ich 
es, meine Behauptungen durch Mitteilung von Beispielen mit 
Analyse zu unterstützen 5 ich erwähne diese Dinge aber, weil ich 
glaube, daß sie bei normalen Menschen dieselbe Bedeutung haben 
wie bei meinen Patienten. 

Ich kann es mir nicht versagei;, an wenigstens einem Beispiel 
zu zeigen, wie innig eine gewohnheitsmäßig ausgeführte Symbol- 
handlung mit dem Intimsten und Wichtigsten im Leben eines 
Gesunden verknüpft sein kann': 

„Wie Professor Freud uns gelehrt hat, spielt die Symbolik 
im kindlichen Leben des Normalen eine größere Rolle, als man 
nach früheren psychoanalytischen Erfahrungen erwartete: im Hin- 
blick darauf mag die folgende kurze Analyse von einigem Interesse 
sein, insbesondere wegen ihrer medizinischen Ausblicke. 

Ein Arzt stieß bei der Wiedereinrichtung seiner Möbel in einem 
neuen Heim auf em ,einfaches' hölzernes Stethoskop. Nachdem 
er einen Augenblick nachgedacht hatte, wo er es denn eigentlich 

1 U o n e s, Beitrag zur Symbolik im Alltag. (Zentralblatt fiir Psychoanalyse, I, 5, 191 1). 



IX, Symptom- UTid Zufallshandlungen S17 

unterbringen solle, fühlte er sich gedrängt, es seitlich auf seinen 
Schreibtisch zu stellen, und zwar so, daß es genau zwischen 
seinem Stuhl und dem, worin seine Patienten zu sitzen pflegten, 
zu stehen kam. Die Handlung als solche war aus zwei Gründen 
ein wenig seltsam. Erstens braucht er überhaupt nicht oft ein 
Stethoskop (er ist nämlich Neurologe), und sobald er eines nötig 
hat, benützt er ein doppeltes für beide Ohren. Zweitens waren 
alle seine medizinischen Apparate und Instrumente in Schubkästen 
untergebracht, mit alleiniger Ausnahme dieses einen. Gleichwohl 
dachte er nicht mehr an die Sache, bis ihn eines Tages eine 
Patientin, die noch nie ein ,einfaches' Stethoskop gesehen hatte, 
fragte, was das sei. Er sagte es ihr, und sie fragte, warum er 
es gerade hieher gestellt habe, worauf er schlagfertig erwiderte, 
daß dieser Platz ebensogut wäre wie jeder andere. Dies machte 
ihn jedoch stutzig und er begann nachzudenken, ob dieser Handlung 
nicht irgendeine unbewußte Motivierung zugrunde liege und, ver- 
traut mit der psychoanalytischen Methode, beschloß er, die Sache zu 

erforschen. 

Als erste Erinnerung fiel ihm die Tatsache ein, daß als Student 
der Medizin die Gewohnheit seines Spitalarztes auf ihn Eindruck 
gemacht hatte, der immerwährend ein einfaches Stethoskop bei 
seinen Besuchen in den Krankensälen in der Hand gehalten hatte, 
obgleich er es niemals benützte. Er hatte diesen Arzt sehr 
bewundert und war ihm außerordentlich zugetan. Später, als er 
selbst die Spitalpraxis ausübte, nahm er die gleiche Gewohnheit 
an und hätte sich unbehaglich gefühlt, wenn er durch ein Ver- 
sehen sein Zimmer verlassen hätte, ohne das Instrument m der 
Hand zu schwingen. Die Nutzlosigkeit dieser Gewohnheit zeigte 
sich jedoch nicht nur in der Tatsache, daß das einzige Stethoskop, 
welches er in Wirklichkeit benutzte, eines für beide Ohren war, 
das er in der Tasche trug, sondern auch darin, daß sie fort- 
gesetzt wurde, als er auf der chirurgischen Abteilung war und 
überhaupt kein Stethoskop mehr brauchte. Die Bedeutung dieser 



ai8 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

Beobachtungen wird sogleich klar, wenn wir auf die phallische 
Natur dieser symbolischen Handlung hinweisen. 

Als nächstes erinnerte er die Tatsache, daß ihn als kleinen 
Jungen die Gewohnheit seines Hausarztes frappiert hatte, ein 
einfaches Stethoskop im Innern seines Hutes zu tragen; er fand 
es interessant, daß der Doktor sein Hauptinstrument immer zur 
Hand habe, wenn er Patienten besuchen ging, und daß er nur 
den Hut (d. i. einen Teil seiner Kleidung) abzunehmen und ,es 
herauszuziehen' hatte. Er war als kleines Kind diesem Arzte 
überaus anhänglich gewesen und konnte kürzlich durch Selbst- 
analyse aufdecken, daß er im Alter von dreieinhalb Jahren eine 
doppelte Phantasie in betreff der Geburt einer jüngeren Schwester 
gehabt hatte: nämlich, daß sie das Kind war erstens von ihm 
selbst und seiner Mutter, zweitens vom Doktor und ihm selbst. 
In dieser Phantasie spielte er also sowohl die männliche wie die 
weibliche Rolle. Er erinnerte ferner, im Alter von sechs Jahren 
von demselben Arzt untersucht worden zu sein, und entsinnt 
sich deutlich der wollüstigen Empfindung, als er den Kopf des 
Doktors, der ihm das Stethoskop an die Brust drückte, in seiner, 
Nähe fühlte, sowie der rhytlunisch hin- und hergehenden Atmungs- 
bewegung. Im Alter von drei Jahren hatte er ein chronisches 
Brustübel gehabt und mußte wiederholt untersucht worden sein, 
wenn er das auch tatsächlich nicht mehr erinnern konnte. 

Im Alter von acht Jahren machte die Mitteilung eines älteren 
Knaben Eindruck auf ihn, der ihm sagte, es sei Sitte des Arztes, 
mit seinen Patientinnen zu Bette zu gehen. Es gab sicherlich in 
Wahrheit einen Grund zu diesem Gerüchte und auf alle Fälle 
waren die Frauen der Nachbarschaft, einschließlich seiner eigenen 
Mutter, dem jungen und netten Arzte sehr zugetan. Der Ana- 
lysierte selbst hatte bei verschiedenen Gelegenheiten sexuelle Ver- 
suchungen in bezug auf seine Patientinnen erfahren, hatte sich 
zweimal in solche verliebt und schließlich eine geheiratet. Es ist 
kaum zweifelhaft, daß seine unbewußte Identifizierung mit dem. 



IX. SymptOTTi- und "Lufallshandlungen aig 

Doktor der hauptsächlichste Grund war, der ihn bewog, den Beruf 
des Mediziners zu ergreifen. Aus anderen Analysen läßt sich 
vermuten, daß dies sicherlich das häufigste Motiv ist (obgleich es 
schwer ist zu bestimmen, wie häufig). Im vorliegenden Falle war es 
zweifach bedingt: erstens durch die bei mehreren Gelegenheiten 
erwiesene Überlegenheit des Arztes dem Vater gegenüber, auf den 
der Sohn sehr eifersüchtig war, und zweitens durch des Doktors 
Kenntnis verbotener Dinge und Gelegenheiten zu sexueller Be- 
friedigung. 

Dann kam ein bereits anderwärts veröffentlichter Traum^ von 
deutlich homosexuell-masochistischer Natur, in welchem ein Mann, 
der eine Ersatzfigur des Arztes ist, den Träumer mit einem 
Schwert" angriff. Das Schwert erinnerte ihn an eine Geschichte 
in der Völsung-Nibelungen-Sage, wo Sigurd ein bloßes Schwert 
zwischen sich und die schlafende Brünhilde legt. Die gleiche 
Geschichte kommt in der Arihus-Sage vor, die unser Mann eben- 
falls genau kennt. 

Der Sinn der Sypmtomhandlung wird nun klar. Der Arzt hatte 
das einfache Stethoskop zwischen sich und seine Patientinnen 
gestellt, genau so wie Sigurd sein Schwert zwischen sich und die 
Frau legte, die er nicht berühren durfte. Die Handlung war eine 
Kompromißbildung ^ sie diente zweierlei Regungen : in seiner Ein- 
bildung dem unterdrückten Wunsche nachzugeben, mit irgend- 
einer reizenden Patientin in sexuelle Beziehungen zu treten, ihn 
aber zugleich zu ermnern, daß dieser Wunsch nicht verwirklicht 
werden konnte. Es war sozusagen ein Zauber gegen die An- 
. fechtungen der Versuchung. 

Ich möchte hinzufügen, daß auf den Knaben die Stelle aus 
Lord Lyttons ,Richelieu' großen Eindruck machte: 
,Beneath the rule oj men entirely great 
The pen is migktier than the sword'^, 

i) „Freuds Theory of Dreams", American Joiixn. ofPsychol., April 1910, p. 501, Nr. 7. 
a) Vgl. Oldhams „I wear my pen as others do iheir sworä,"'. 



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aao Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

daß er ein fruchtbarer Schriftsteller geworden ist und eine außer- 
gewöhnlich große Füllfeder benützt. Als ich ihn fragte, wozu er 
dies nötig habe, erwiderte er charakleristischerweise: ,Ich habe 
soviel auszudrücken.* 

Diese Analyse mahnt uns wieder einmal daran, welch w^eit- 
reichende Einblicke in das Seelenleben uns die ,harmlosen* und 
jSinnlosen' Handlungen gewähren, und wie frühzeitig im Leben 
die Tendenz zur Symbolisierung entwickelt ist." 

Ich kann noch etwa aus meiner psychotherapeutischen 
Erfahrung einen Fall erzählen, in dem die mit einem Klumpen 
Brotkrume spielende Hand eine beredte Aussage ablegte. Mein Patient 
war ein noch nicht 13 jähriger, seit fast zwei Jahren schwer hysteri- 
scher Knabe, den ich endlich in psychoanalytische Behandlung 
nahm, nachdem ein längerer Aufenthalt in einer Wasserheilanstalt 
sich erfolglos erwiesen hatte. Er mußte nach meiner Voraus- 
setzung sexuelle Erfahrungen gemacht haben und seiner Alters- 
stufe entsprechend von sexuellen Fragen gequält sein; ich hütete 
mich aber, ihm mit Aufklärungen zu Hilfe zu kommen, weil 
ich wieder einmal eine Probe auf meine Voraussetzungen anstellen 
wollte. Ich durfte also neugierig sein, auf welchem Wege sich 
das Gesuchte bei ihm andeuten würde. Da fiel es mir auf, daß 
er eines Tages irgend etwas zwischen den Fingern der rechten 
Hand rollte, damit in die Tasche fuhr, dort weiter spielte, es 
wieder hervorzog usw. Ich fragte nicht, was er in der Hand habe; er 
zeigte es mir aber, indem er plötzlich die Hand öffnete. Es war 
Brotkrume, die zu einem Klumpen zusammen geknetet war. In 
der nächsten Sitzung brachte er wieder einen solchen Klumpen 
mit, formte aber aus ihm, während wir das Gespräch führten, 
mit unglaublicher Raschheit und bei geschlossenen Augen Figuren, 
die mein Interesse erregten. Es waren unzweifelhaft Männchen 
mit Kopf, zwei Armen, zwei Beinen, wie die rohesten prähisto- 
rischen Idole, und einen Fortsatz zwischen beiden Beinen, den er 
in eine lange Spitze auszog. Kaum daß dieser fertig war, knetete 



( 



IX. Symptom- und Zufallshandlungen 321 

er das Männchen wieder zusammen; später ließ er es bestehen, 
zog aber einen ebensolchen Fortsatz an der Rückenfläche und an 
anderen Stellen aus, um die Bedeutung des ersten zu verhüllen. 
Ich wollte ihm zeigen, wie ich ihn verstanden hatte, ihm aber 
dabei die Ausflucht benehmen, daß er sich bei dieser menschen- 
formenden Tätigkeit nichts gedacht habe. In dieser Absicht fragte 
ich ihn plötzlich, ob er sich an die Geschichte jenes römischen 
Königs erinnere, der dem Abgesandten seines Sohnes eine panlo- 
mimische Antwort im Galten gegeben. Der Knabe wollte sich 
nicht an das erinnern, was er doch vor so viel kürzerer Zeit als 
ich gelernt haben mußte. Er fragte, ob das die Geschichte von 
dem Sklaven sei, auf dessen glattrasierten Schädel man die Ant- 
wort geschrieben habe. Nein, das gehört in die griechische 
Geschichte, sagte ich und erzählte: Der König Tarquinius Superbus 
hatte seinen Sohn Sextus veranlaßt, sich in eine feindliche 
latinische Stadt einzuschleichen. Der Sohn, der sich unterdes 
Anhang in dieser Stadt verschafft hatte, schickte einen Boten an den 
König mit der Frage, was nun weiter geschehen solle. Der König 
gab keine Antwort, sondern ging in seinen Garten, ließ sich dort 
die Frage wiederholen und schlug schweigend die größten und 
schönsten Mohnköpfe ab. Dem Boten bheb nichts übrig, als dieses 
dem Sextus zu berichten, der den Vater verstand und es sich 
angelegen sein ließ, die angesehensten Bürger der Stadt durch 

Mord zu beseitigen. 

Während ich redete, hieh der Knabe in seinem Kneten inne, 
und als ich mich anschickte zu erzählen, was der König in seinem 
Garten tat, schon bei den Worten „schlug schweigend", hatte er 
mit einer blitzschnellen Bewegung seinem Männchen den Kopf 
abgerissen. Er hatte mich also verstanden und gemerkt, daß 
er von mir verstanden worden war. Ich konnte ihn nun 
direkt befragen, gab ihm die Auskünfte, um die es ihm zu 
tun war, und wir hatten binnen kurzem der Neurose ein 
Ende gemacht. 



I 



323 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



Die Symptomhandlungen, die man in fast unerschöpflicher 
Reichhaltigkeit bei Gesunden wie bei Kranken beobachten kann, 
verdienen unser Interesse aus mehr als einem Grunde. Dem Arzt 
dienen sie oft als wertvolle Winke zur Orientierung in neuen 
oder ihm wenig bekannten Verhältnissen, dem Menschenbeobachter 
verraten sie oft alles, und mitunter selbst mehr, als er zu vvissen 
wünscht. Wer mit ihrer Würdigung vertraut ist, darf sich 
gelegentlich wie der König Salomo vorkommen, der nach der 
orientalischen Sage die Sprache der Tiere verstand. Eines Tages 
sollte ich einen mir fremden jungen Mann im Hause seiner 
Mutter ärztlich untersuchen. Als er mir entgegentrat, fiel mir ein 
großer Eiweißfleck, kenntlich an seinen eigentümlich starren 
Rändern, auf seiner Hose auf. Der junge Mann entschuldigte sich 
nach kurzer Verlegenheit, er habe sich heiser gefühlt und darum 
ein rohes Ei getrunken, von dem wahrscheinlich etwas schlüpf- 
riges Eiweiß auf seine Kleidung herabgeronnen sei, und konnte ^|p 
zur Bestätigung auf die Eierschale hinweisen, die noch auf einem 
Tellerchen ' im Zimmer zu sehen war. Somit war der suspekte 
Fleck in harmloser Weise aufgeklärt; als aber die Mutter uns 
allein gelassen hatte, dankte ich ihm, daß er mir die Diagnose 
so sehr erleichtert habe, und nahm ohne weiteres sein Geständnis, 
daß er unter den Beschwerden der Masturbation leide, zur Grund- 
lage unserer Unterhaltung. Ein anderes Mal machte ich einen 
Besuch bei einer ebenso reichen wie geizigen und närrischen 
Dame, die dem Arzte die Aufgabe zu stellen pflegte, sich durch 
ein Heer von Klagen durchzuarbeiten, ehe man zur simplen 
Begründung ihrer Zustände gelangte. Als ich eintrat, saß sie bei 
einem Tischchen damit beschäftigt, Silbergulden in Häufchen zu 
schichten, und während sie sich erhob, warf sie einige der Geld- 
stücke zu Boden. Ich half ihr beim Aufklauben derselben, unter- 
brach sie bald in der Schilderung ihres Elends und fragte: Hat 
sie also der vornehme Schwiegersohn um so viel Geld gebracht? 
Sie antwortete mit erbitterter Verneinung, um die kürzeste Zeit 



IX, Symptom- und Xufalhhandlungen 235 

nachher die klägliche Geschichte von der Aufregung über die Ver- 
schwendung des Schwiegersohnes zu erzählen, liat mich aber 
allerdings seither nicht wieder gerufen. Ich kann nicht behaupten, 
daß man sich immer Freunde unter denen wirbt, denen man die 
Bedeutung ihrer Symptomhandlungen mitteilt. 

Ein anderes „Eingeständnis durch Fehlhandlung" berichtet 
Dr. J. E. G. van Emden (Haag) : „ Beim Zahlen in einem 
kleinen Restaurant in Berlin behauptete der Kellner, daß der 
Preis einer bestimmten Speise — des Krieges wegen — um 
10 Pfennig erhöht worden war; meine Bemerkung, warum das 
auf der Preisliste nicht angezeigt worden war, beantwortete er 
mit der Erwiderung, daß dies offenbar eine Unterlassung sein 
müßte, daß es aber gewiß so war) Beim Einstecken des Betrages 
war er ungeschickt und ließ ein Zehnpfennigstück gerade für 
mich auf den Tisch niederfallen ! ! 

,Jetzt weiß ich aber sicher, daß Sie mir zuviel gerechnet haben, 
wollen Sie, daß ich mich an der Kasse erkundige?* 

,Bitte, gestatten Sie ... einen Moment . . .* und fort war 

er schon. 

Selbstverständlich gönnte ich ihm den Rückzug und, nachdem 
er zwei Minuten später sich entschuldigte, unbegrein icherweise 
mit einer anderen Speise im Irrtum gewesen zu sein, die zehn 
Pfennige als Belohnung für seinen Beitrag zur Psychopathologie 
des Alltagslebens." 

Wer seine Nebenmenschen während des Essens beobachten 
will, wird die schönsten und lehrreichsten Symptomhandlungen 
an ihnen feststellen können. 

So erzählt Dr. Hanns Sachs: 

„Ich war zufällig zugegen, als ein älteres Ehepaar meiner 
Verwandtschaft das Abendessen einnahm. Die Dame war magen- 
leidend und mußte sehr strenge Diät halten. Dem Manne war 
eben ein Braten vorgesetzt worden, und er bat seine Frau, 
die sich an dieser Speise nicht beteiligen durfte, um den Senf. 



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Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



Die Frau öffnete den Schrank, griff hinein und stellte vor ihren 
Mann das Fläschchen mit ihren Magentropfeii auf den Tisch. 
Zwischen dem faßförmigen Senfglase und dem kleinen Tropf- 
fläschchen bestand natürlich keine Ähnlichkeit, aus der der Miß- 
griff erklärt werden konnte; trotzdem bemerkte die Frau ihre 
Verwechslung erst, als der Gatte sie lachend darauf aufmerksam 
machte. Der Sinn der Symptomhandlung bedarf keiner Erklärung." 
Ein köstliches Beispiel dieser Art, das vom Beobachter sehr 
geschickt ausgebeutet wurde, verdanke ich Dr. Bernh. Dattner 

(Wien): 

„Ich sitze mit meinem Kollegen von der Philosophie, Dr. H., 
im Restaurant beim Mittagessen. Er erzählt von den Unbilden 
der Probekandidatur, erwähnt nebenbei, daß er vor der Beendigung 
seiner Studien beim Gesandten, resp. bevollmächtigen außerordent- 
lichen Minister von Chile als Sekretär untergekommen war. 
,Dann wurde aber der Minister versetzt und dem neu antretenden 
habe ich mich nicht vorgestellt.' Und während er diesen letzten 
Satz ausspricht, führt er ein Stück Torte zum Munde, läßt es 
aber, wie aus Ungeschicklichkeit, vom Messer herabfallen. Ich 
erfasse sofort den geheimen Sinn dieser Symptomhandlung und 
werfe dem mit der Psychoanalyse nicht vertrauten Kollegen wie 
von ungefähr ein: ,Da haben Sie aber einen fetten Bissen fallen 
lassen." Er aber merkt nicht, daß sich meine Worte ebensogut 
auf seine Symptomhandlung beziehen können, und wiederhole 
mit einer sonderbar anmutenden, überraschenden Lebhaftigkeit, 
so als hätte ich ihm förmlich das Wort aus dem Munde genommen, 
gerade dieselben Worte, die ich ausgesprochen: ,Ja, das war 
wirklich ein fetter Bissen, den ich fallen gelassen habe* und 
erleichtert sich dann durch eine erschöpfende Darstellung seiner 
Ungeschicklichkeit, die ihn um diese gut bezahlte Stellung 

gebracht hat. 

Der Sinn der symbolischen Symptomhandlung erleuchtet sich j 
wenn man ins Auge faßt, daß der Kollege Skrupel empfand, mir, 



JX. Symptom- und ZufaÜshandlungen 225 

der ihm ziemlich ferne steht, von seiner prekären materiellen 
Situation zu erzählen, daß sich dann der vordrängende Gedanke 
in eine Symptomhandlung kleidete, die symbolisch ausdrückt, was 
hätte verborgen werden sollen, und somit dem Sprecher aus dem 
Unbewußten Erleichterung schuf.' 

Wie sinnreich sich ein scheinbar nicht beabsichtigtes Weg- 
nehmen oder Mitnehmen herausstellen kann, mögen folgende 
Beispiele zeigen. 

Dr. B. Dattner: „Ein Kollege stattet seiner verehrten Jugend- 
freundin das erstemal nach ihrer EheschUeßung einen Besuch ab. 
Er erzählt mir von dieser Visite und drückt mir sein Erstaunen 
darüber aus, daß es ihm nicht gelungen sei, nur ganz kurze 
Zeit, wie er es vor hatte, bei ihr zu verweilen. Dann aber 
berichtet er von einer sonderbaren Fehlleistung, die ihm dort 
zugestoßen sei. Der Mann seiner Freundin, der am Gespräche 
teilgenommen habe, hätte eine Zündhölzchenschachtel gesucht, die 
ganz bestimmt bei seiner Ankunft auf der Tischplatte gelegen sei. 
Auch der Kollege habe seine Taschen durchsucht, ob er ,sie 
nicht zufällig ,eingesteckt* habe, doch vergebens. Geraume Zeit 
danach habe er ,sie* tatsächlich in seiner Tasche entdeckt, wobei 
ihm aufgefallen sei, daß nur ein einziges Zündhölzchen in der 
Schachtel gelegen war. — Ein paar Tage später bestätigt ein 
Traum der die Schachtelsymbolik aufdringlich zeigt und sich mit 
der Jugendfreundin beschäftigt, meine Erklärung, daß der Kollege 
mit seiner Symptomhandlung Prioritätsrechte reklamieren und die 
Ausschließlichkeit seines Besitzes (nur ein Zündhölzchen drinnen) 

darstellen wollte." 

Dr. Hanns Sachs: „Unser Mädchen ißt eine bestimmte Torte 
besonders gern. An dieser Tatsache ist kein Zweifel möglich, denn 
es ist die einzige Speise, die sie ausnahmslos gut zubereitet. Eines 
Sonntags brachte sie uns eben diese Torte, stellte sie auf der 
Kredenz ab, nahm die beim vorigen Gang benützten Teller und 
Bestecke und häufte sie auf die Tasse, auf der sie die Torte 

Freod. IT. 15 



;1 



236 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



\ 



1 



hereingetragen hatte; auf die Spitze dieses Haufens placierte sie 
dann wieder die Torte, anstatt sie uns vorzusetzen, und verschwand 
damit in die Küche. "Wir meinten zuerst, sie habe an der Torte 
irgend etwas zu verbessern gefunden, da sie aber nicht wieder 
erschien, läutete meine Frau und fragte: ,ßetty, was ist denn mit ^ 

der Torte los?' Darauf das Mädchen ohne Verständnis: ,Wieso?' ."^ 

Wir mußten sie erst darüber aufklären, daß sie die Torte wieder , |j 

mitgenommen habe; sie hatte sie aufgeladen, hinausgetragen und 
wieder abgestellt, ,ohne es zu bemerken*. — Am nächsten Tage, 
als wir uns daran machten, den Rest dieser Torte zu verzehren, 
bemerkte meine Frau, daß nicht weniger vorhanden war, als wir 
am Vortag übrig gelassen hatten, daß also das Mädchen das ihr 
gebührende Stück der Lieblingsspeise verschmäht hatte. Auf die 
Frage, warum sie nichts von der Torte gegessen habe, antwortete 
sie leicht verlegen, sie habe keine Lust gehabt. — Die infantile 
Einstellung ist beide Male sehr deutlich; erst die kindliche Maß- 
losigkeit, die das Ziel der Wünsche mit niemandem teilen will, 
dann die ebenso kindliche Reaktion mit Trotz: wenn ihr es mir 
nicht gönnt, so behaltet es für euch, ich will jetzt gar nichts 
haben." 

Die Zufalls- oder Symptomhandlungen, die sich in Ehesachen 
ereignen, haben oft die ernsteste Bedeutung und könnten den, 
der sich um die Psychologie des Unbewußten nicht bekümmern 
will, zum Glauben an Vorzeichen nötigen. Es ist kein guter 
Anfang, wenn eine junge Frau auf der Hochzeitsreise ihren Ehe- 
ring verliert, doch war er meist nur verlegt und wird bald 
wiedergefunden. — Ich kenne eine jetzt von ihrem Manne 
geschiedene Dame, die bei der Verwaltung ihres Vermögens 
Dokumente häufig mit ihrem Mädchennamen unterzeichnet hat, 
viele Jahre vorher, ehe sie diesen wirklich wieder annahm. — 
Einst war ich als Gast bei einem jung verheirateten Paare und 
hörte die )unge Frau lachend ihr letztes Erlebnis erzählen, wie 
sie am Tage nach der Rückkehr von der Reise wieder ihre ledige 



IX. Symptom- und Zufallshandlungen 227 



Schwester aufgesucht hätte, um mit ihr, wie in früheren Zeiten, 
Einkäufe zu machen, während der Ehemann seinen Geschäften 
nachging. PlötzUch sei ihr ein Herr auf der anderen Seite der 
Straße aufgefallen, und sie habe ihre Schwester anstoßend gerufen; 
Schau, dort geht ja der Herr L. Sie hatte vergessen, daß dieser 
Herr seit einigen Wochen ihr Ehegemahl war. Mich überlief es 
kalt bei dieser Erzählung, aber ich getraute mich der Folgerung 
nicht. Die kleine Geschichte fiel mir erst Jahre später wieder ein, 
nachdem diese Ehe den unglücldichsten Ausgang genommen hatte. 
Den beachtenswerten, in französischer Sprache veröffentlichten 
Arbeiten von A. Maeder' in Zürich entnehme ich folgende 
Beobachtung, die ebensowohl einen Platz beim „Vergessen" 

verdient hätte: 

Une dame nous racontait recemment qu'elle avait oublie 
d'essayer sa rohe de noce et s'en souvint la veille du mariage h 
huit heures du soir, la couturiere desesperait de voir sa diente. 
Ce detail sufßt h montrer que la fiancee ne se sentait pas trh 
heureuse de porter une rohe d'epouse, eÜe cherchait ä oublier 
cette representation penible. Elle est aujourd^hui . . . divorcee.^ 

Von der großen Schauspielerin Eleonora Düse erzählte mir 
ein Freund, der auf Zeichen achten gelernt hat, sie bringe in 
einer ihrer Rollen eine Symptomhandlung an, die so recht zeige, 
aus welcher Tiefe sie ihr Spiel heraufhole. Es ist ein Ehe- 
bruchsdrama; sie hat eben eine Auseinandersetzung mit ihrem 
Manne gehabt und steht nun in Gedanken abseits, ehe sich 
ihr der Versucher nähert. In diesem kurzen Intervall spielt sie 
mit dem Ehering an ihrem Finger, zieht ihn ab, um ihn wieder 
anzustecken, und zieht ihn wieder ab. Sie ist nun reif für den 

anderen. 

Hier schließt an, was Th. Eeik von anderen Symptomhand- 
lungen mit Ringen erzählt. 

i) Alph. Mae der, Contributions ä la Psychopathologie de la vie ({uotidicime, 
Archives des Psychologie, T. VI, 1906. 

'5' 



228 Zur PsyckopaTholoß:ie des Alltagslebens 



„Wir kennen die Symptomhandlungen, welche Eheleute aus- 
führen, indem sie den Trauring abziehen und wieder anstecken. 
Eine Reihe ähnlicher Symptorahandlungen produzierte mein 
Kollege M. Er hatte von einem von ihm geliebten Mädchen 
einen Ring zum Geschenk erhalten, mit dem Bemerken, er dürfe 
ihn nicht verlieren, sonst wisse sie, daß er sie nicht mehr lieb 
habe. Er entfaltete in der Folgezeit eine erhöhte Besorgnis, er 
könnte den Ring verlieren. Hatte er ihn zeitweilig, z. B. beim 
Waschen abgelegt, so war er regelmäßig verlegt, so daß es oft 
langen Suchens bedurfte, um ihn wieder zu erlangen. Wenn er 
einen Brief in den Postkasten warf, konnte er die leise Angst 
nicht unterdrücken, der Ring könnte von den Rändern des 
Briefkastens abgezogen werden. Einmal hantierte er wirklich so 
ungeschickt, daß der Ring in den Kasten fiel. Der Brief, den er 
bei dieser Gelegenheit absandte, war ein Abschiedsschreiben an 
eine frühere Geliebte von ihm gewesen, und er fühlte sich ihr 
gegenüber schuldig. Gleichzeitig erwachte in ihm Sehnsucht nach 
dieser Frau, welche mit seiner Neigung zu seinem jetzigen Liebes- 
objekt in Konflikt kam. " (Internat. Zeitschrift f. Psychoanalyse, 
III, 191g.) 

An dem Thema des „Ringes" kann man sich wieder einmal 
den Eindruck holen, wie schwer es für den Psychoanalytiker ist, 
etwas Neues zu finden, was nicht ein Dichter vor ihm gewußt 
hätte. In Fontanes Roman „Vor dem Sturm" sagt Justizrat 
Turgany während eines Pfänderspieles: „Wollen Sie es glauben, 
meine Damen, daß sich die tiefsten Geheimnisse der Natur in 
der Abgabe der Pfänder offenbaren." Unter den Beispielen, mit 
denen er seine Behauptung erhärtet, verdient eines unser 
besonderes Interesse; „Ich entsinne mich einer im Embonpointalter 
stehenden Professorenfrau, die mal auf mal ihren Trauring als 
Pfand vom Finger zog. Erlassen Sie mir, Ihnen das eheliche 
Glück des Hauses zu schildern." Er setzt dann fort: „In derselben 
Gesellschaft befand sich ein Herr, der nicht müde wurde, sein 



J 



IX. Symptom- und Zufallshandlungen 22g 



englisches Taschenmesser, zehn Klingen mit Korkzieher und 
Feuerstahl, in den Schoß der Dame zu deponieren, bis das 
Klingenmonstrum, nach Zerreißung mehrerer Seidenkleider, endlich 
vor dem allgemeinen Entrüstungsschrei verschwand." 

Es wird uns nicht wundernehmen, daß ein Obiekt von so 
reicher symbolischer Bedeutung wie ein Ring auch dann zu 
sinnreichen Fehlhan dlungen verwendet wird, wenn es nicht als 
Ehe- oder Verlobungsring die erotische Bindung bezeichnet. 
Dr. M. Kardos hat mir nachstehendes Beispiel eines derartigen 
Vorkommnisses zur Verfügung gestellt: 

„Vor mehreren Jahren hat sich mir ein um vieles jüngerer 
Mann angeschlossen, der meine geistigen Bestrebungen teilt und zu 
mir etwa im Verhältnis eines Schülers zu seinem Lehrer steht. 
Ich habe ihm zu einer bestimmten Gelegenheit einen Ring 
geschenkt, und dieser hat ihm schon mehreremal Gelegenheit zu 
Symptom-, resp. Fehlhandlungen gegeben, sobald in unseren 
Beziehungen irgend etwas seine Mißbilligung gefunden hatte. Vor 
kurzem wußte er mir folgenden, besonders hübschen und durch- 
sichtigen Fall zu berichten: Er war von einer einmal wöchentlich 
stattfindenden Zusammenkunft, bei der er mich regelmäßig zu sehen 
und zu sprechen pflegte, unter irgendeinem Vorwand ausgeblieben, 
da ihm eine Verabredung mit einer jungen Dame wünschens- 
werter erschienen war. Am darauffolgenden Vormittag bemerkte 
er, aber erst, als er schon längst das Haus verlassen hatte, daß 
er den Ring nicht am Finger trage. Er beunruhigte sich darüber 
nicht weiter, da er annahm, er habe ihn daheim auf dem Nacht- 
kästchen wo er ihn jeden Abend hinlegte, vergessen und werde 
ihn beim Nachhausekommen dort finden. Er sah auch gleich 
nach der Heimkehr nach ihm, aber vergeblich, und begann nun, 
ebenso erfolglos, das Zimmer zu durchsuchen. Endlich fiel ihm 
ein, daß der Ring — wie übrigens schon seit mehr als einem 
Jahre — auf dem Nachtkästchen neben einem kleinen Messerchen 
gelegen sei, das er in der Westentasche zu tragen gewohnt war; 



1 



L 



350 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



SO verfiel er auf die Vermutung, er könnte ,aus Zerstreutheit* 
den Ring mit dem Messer eingesteckt haben. Er griff also in 
die Tasche und fand dort wirklich den gesuchten Ring. — ,Der 
Ehering in der Westentasche' ist die sprichwörthche Aufbewahrungs- 
art für den Ring, wenn der Mann die Frau, von der er ihn 
empfangen hat, zu betrügen beabsichtigt. Sein Schuldgefühl hat 
ihn also zunächst zur Selbstbestrafung (,Du verdienst es nicht 
mehr, diesen Ring zu tragen'), in zweiter Linie zu dem Ein- 
geständnis seiner Untreue veranlaßt, allerdings bloß in der Form 
einer Fehlhandlung, die keinen Zeugen hatte. Erst auf dem 
Umweg über den Bericht davon — der allerdings voraussehbar 
war — kam es zum Eingeständnis der begangenen kleinen 

,Untreue'." 

Ich weiß auch von einem älteren Herrn, der ein sehr junges 
Mädchen zur Frau nahm und die Hochzeitsnacht anstatt abzureisen 
in einem Hotel der Großstadt zuzubringen gedachte. Kaum im 
Hotel angelangt, merkte er mit Schrecken, daß er seine Brief- 
tasche, in der sich die ganze für die Hochzeitsreise bestimmte 
Geldsumme befand, vermisse, also verlegt oder verloren habe. Es 
gelang noch, den Diener telephonisch zu erreichen, der das 
Vermißte in dem abgelegten Rock des Hochzeiters auffand und 
dem Harrenden, der so ohne Vermögen in die Ehe gegangen 
war, ins Hotel brachte. Er konnte also am nächsten Morgen die 
Reise mit seiner jungen Frau antreten; in der Nacht selbst war 
er, wie seine Befürchtung vorausgesehen hatte, „unvermögend" 
geblieben. 

Es ist tröstlich zu denken, daß das „Verlieren" der Menschen 
in ungeahnter Ausdehnung Symptomhandlung und somit wenigstens 
einer geheimen Absicht des Verlustträgers willkommen ist. Es 
ist oft nur ein Ausdruck der geringen Schätzung des verlorenen 
Gegenstandes oder einer geheimen Abneigung gegen denselben 
oder gegen die Person, von der er herstammt, oder die Verlust- 
neigung hat sich auf diesen Gegenstand durch symbolische Gedanken- 



IX. Symptom- und Xufalhhandlungen 251 

Verbindung von anderen und bedeutsameren Objekten her über- 
tragen. Das Verlieren wertvoller Dinge dient mannigfachen 
Regungen zum Ausdruck, es soll entweder einen verdrängten 
Gedanken symbolisch darstellen, also eine Mahnung wiederholen, 
die man gern überhören möchte, oder es soll — und dies vor 
allem anderen — den dunklen Schicksalsmächten — Opfer bringen, 
deren Dienst auch unter uns noch nicht erloschen ist. 

Zur Erläuterung dieser Sätze über das Verlieren nur einige 
Beispiele : 

Dr. B. Dattner: „Ein Kollege berichtet mir, daß er seinen 
Penkalastift, den er bereits über zwei Jahre besessen habe und 
der ihm seiner Vorzüge wegen sehr wertvoll geworden sei, 
unvermutet verloren habe. Die Analyse ergab folgenden Tatbestand : 
Am Tage vorher hatte der Kollege von seinem Schwager einen 
empfindlich unangenehmen Brief erhalten, dessen Schlußsatz 
folgendermaßen lautete: ,Ich habe vorläufig weder Lust noch Zeit, 
Deinen Leichtsinn und Deine Faulheit zu unterstützen.' Der Affekt, 
der sich an diesen Brief knüpfte, war so mächtig, daß der Kollege 
prompt am nächsten Tage den Penkala, ein Geschenk dieses 
Schwagers, opferte, um durch dessen Gnade nicht allzusehr 

beschwert zu sein." 

Eine mir bekannte Dame hat sich, wie begreiflich, während 
der Trauer um ihre alte Mutter des Theaterbesuches enthalten. 
Es fehlen jetzt nur noch wenige Tage bis zum Ablauf des Trauer- 
jahres, und sie läßt sich durch das Zureden ihrer Bekannten be- 
wegen, eine Theaterkarte für eine besonders interessante Vorstellung 
zu nehmen. Vor dem Theater angelangt, macht sie die Entdeckung, 
daß sie die Karte verloren hat. Sie meint später, daß sie die- 
selbe mit der Tramwaykarte weggeworfen hatte, als sie aus dem 
Wagen ausstieg. Dieselbe Dame rühmt sich, nie etwas aus 
Unachtsamkeit zu verlieren. 

Man darf also annehmen, daß auch ein anderer Fall von Ver- 
lieren, den sie erlebte, nicht ohne gute Motivierung war. 



«52 Zmt Psychopathologie des Alltagslebens 



In einem Kurorte angekommen, entschließt sie sich, eine Pension 
zu besuchen, in der sie ein früheres Mal gewohnt hatte. Sie wrird 
dort als alte Bekannte aufgenommen, bewirtet und erfährt, als sie 
bezahlen will, daß sie sich als Gast zu betrachten habe, was ihr 
nicht ganz recht ist. Es wird ihr zugestanden, daß sie etwas für 
das servierende Mädchen zurücklassen darf, und sie öffiaet ihre 
Börse, um einen Markschein auf den Tisch zu legen. Am Abend 
bringt ihr der Diener der Pension einen Fünfinarkschein, der sich. 
unter dem Tisch gefunden und nach der Meinung der Pensions- 
inhaberin dem Fräulein gehören dürfte. Den hatte sie also aus 
der Börse fallen lassen, als sie ihr das Trinkgeld für das Mädchen 
entnahm. Wahrscheinlich wollte sie doch ihre Zeche bezahlen. 

Otto Rank hat in einer längeren Mitteilung^ die diesem 
Akte zugrunde hegende Opferstimmung und dessen tiefer 
reichende Motivierungen mit Hilfe von Traumanalysen durchsichtig 
gemacht.' Interessant ist es dann, wenn er hinzufügt, daß manch- 
mal nicht nur das Verlieren, sondern auch das Finden von 
Gegenständen determiniert erscheint. In welchem Sinne dies zu 
verstehen ist, mag aus seiner Beobachtung, die ich hieher setze, 
hervorgehen. Es ist klar, daß beim VerUeren das Objekt bereits 
gegeben ist, das beim Finden erst gesucht werden muß. 

„Ein materiell von seinen Eltern abhängiges junges Mädchen 
will sich ein billiges Schmuckstück kaufen. Sie fragt im Laden 
nach dem Preise des ihr zusagenden Objekts, erfährt aber zu 
ihrem Betrüben, daß es mehr kostet, als ihre Ersparnisse betragen. 
Und doch sind es nur zwei Kronen, deren Fehlen ihr diese kleine 
Freude verwehrt. In gedrückter Stimmung schlendert sie durch 
die abendlich belebten Straßen der Stadt nach Hause. Auf 
einem der stärkst frequentierten Plätze wird sie plötzlich — obwohl 
sie ihrer Angabe nach tief in Gedanken versunken war — auf 

i) Das Verlieren als Symptomhandluiig, Zentralbl. für Psychoanalyse I, lo/ii. 
2) Andere Mitteilungen desselben Inhalts im Zentralbktt für PsycKoanalyse, II, 
und Internat. Zeitschrift für Psychoanalyse, I, 1913. 



ein am Boden liegendes kleines Blättchen aufmerksam, das sie 
eben achtlos passiert hatte. Sie wendet sich um, hebt es auf und 
bemerkt* zu ihrem Erstaunen, daß es ein zusammengefalteter 
Zweikronenschein ist. Sie denkt sich: das hat mir das Schicksal 
zugeschickt, damit ich mir den Schmuck kaufen kann, und macht 
erfreut Kehrt, um diesem Winke zu folgen. Im selben Moment 
aber sagt sie sich, sie dürfe das doch nicht tun, weil das 
gefundene Geld ein Glücksgeld ist, das man nicht ausgeben darf. 
Das Stückchen Analyse, das zum Verständnis dieser ,Zufalls- 
handlung' gehört, darf man wohl auch ohne persönliche Auskunft 
der Betroffenen aus der gegebenen Situation erschließen. Unter 
den Gedanken, die das Mädchen beim Nachhausegehen beschäftigten, 
wird sich wohl der ihrer Armut und materiellen Einschränkung 
im Vordergrunde befunden haben, und zwar, wie wir vermuten 
dürfen, im Sinne der wunscherfüllenden Aufhebung ihrer 
drückenden Verhältnisse. Die Idee, wie man auf leichteste Weise 
zu diesem fehlenden Geldbetrag kommen könnte, wird ihrem auf 
Befriedigung ihres bescheidenen Wunsches gerichteten Interesse 
kaum ferngeblieben sein und ihr die einfachste Lösung des 
Findens nahegebracht haben. Solcherart war ihr Unbewußtes 
(oder Vorbewußtes) auf ,Finden* eingestellt, selbst wenn der 
Gedanke daran ihr — wegen anderweitiger Inanspruchnahme ihrer 
Aufmerksamkeit (,in Gedanken versunken*) — nicht voll bewußt 
geworden sein sollte. Ja wir dürfen auf Grund ähnlicher analy- 
sierter Fälle geradezu behaupten, daß die unbewußte ,Such- 
Bereitschaft* viel eher zum Erfolg zu führen vermag als die 
bewußt gelenkte Aufmerksamkeit. Sonst wäre es auch kaum 
erklärlich, wieso gerade diese eine Person von den vielen Hunderten 
Vorübergehenden, noch dazu unter den erschwerenden Umständen 
der ungünstigen Abendbeleuchtung und der dichtgedrängten Menge, 
den für sie selbst überraschenden Fund machen konnte. In welch 
starkem Ausmaß diese un- oder vorbewußte Bereitschaft tatsächlich 
bestand, zeigt die sonderbare Tatsache, daß das Mädchen noch 



334 



Zur Psychopathologie des Alltagslehens 



nach diesem Funde, also nachdem die Einstellung bereits über- 
flüssig geworden und gewiß schon der bewußten Aufmerksamkeit 
entzogen war, auf ihrem weiteren Heimweg an einer "dunklen 
und einsamen Stelle einer Vorstadtstraße ein Taschentuch fand."' 

Man muß sagen, daß gerade solche Symptomhandlungen oft 
den besten Zugang zur Erkenntnis des intimen Seelenlebens der 
Menschen gestatten. 

Von den vereinzelten Zufallshandlungen will ich ein Beispiel 
mitteilen, welches auch ohne Analyse eine tiefere Deutung zuließ, 
das die Bedingungen trefflich erläutert, unter denen solche Symptome 
vollkommen unauffällig produziert werden können, und an das 
sich eine praktisch bedeutsame Bemerkung anknüpfen läßt. Auf 
einer Sommerreise traf es sich, das ich einige Tage an einem 
gewissen Orte auf die Ankunft meines Reisegefährten zu warten 
hatte. Ich machte unterdes die Bekanntschaft eines jungen Mannes 
der sich gleichfalls einsam zu fühlen schien und sich bereitwillig 
mir anschloß. Da wir in demselben Hotel wohnten, fügte es sich 
leicht, daß wir alle Mahlzeiten gemeinsam einnahmen und Spazier- 
gänge miteinander machten. Am Nachmittag des dritten Tages 
teilte er mir plötzlich mit, daß er heute abend seine mit dem 
Eilzuge einlangende Frau erwarte. Mein psychologisches Interesse 
wurde nun rege, denn es war mir an meinem Gesellschafter 
bereits am Vormittag aufgefallen, daß er meinen Vorschlag zu 
einer größeren Partie zurückgewiesen und auf unserem kleinen 
Spaziergang einen gewissen Weg als zu steil und gefährlich nicht 
hatte begehen wollen. Auf dem Nachmittagsspaziergang behauptete 
er plötzlich, ich müßte doch hungrig sein, ich sollte doch ja 
nicht seinetwegen die Abendmahlzeit aufschieben, er werde erst 
nach der Ankunft seiner Frau mit ihr zu Abend essen. Ich 
verstand den Wink und setzte mich an den Tisch, während er 
auf den Bahnhof ging. Am nächsten Morgen trafen wir uns in 
der Vorhalle des Hotels. Er stellte mich seiner Frau vor und 

i) Internat. Zeitschrift für Psychoanalyse, III, 191/. 



IX, Symptom- und Zufalhhandlungen 235 



fügte hinzu: Sie werden doch mit uns das Frühstück nehmen? 
Ich hatte noch eine kleine Besorgung in der nächsten Straße vor 
und versicherte, ich würde bald nachkommen. Als ich dann in 
den Frühstuckssaal trat, sah ich, daß das Paar an einem kleinen 
Fenstertisch Platz genommen hatte, auf dessen einer Seite sie 
beide saßen. Auf der Gegenseile befand sich nur ein Sessel, aber 
über dessen Lehne hing der große und schwere Lodenmantel des 
Mannes herab, den Platz verdeckend. Ich verstand sehr wohl den 
Sinn dieser gewiß nicht absichtlichen, aber darum um so ausdruclcs- 
vüUeren Lagerung. Es hieß: Für .dich ist hier kein Platz, du bist 
jetzt überflüssig. Der Mann bemerkte es nicht, daß ich vor dem 
Tische stehen blieb, ohne mich zu setzen, wohl aber die Dame, 
die ihren Mann sofort anstieß und ihm zuflüsterte: Du hast ja 
dem Herrn den Platz verlegt. 

Bei diesem wie bei anderen ähnlichen Ergebnissen habe ich 
mir gesagt, daß die unabsichtlich ausgeführten Handlungen unver- 
meidlich zur Quelle von Mißverständnissen im menschlichen 
Verkehr werden müssen. Der Täter, der von einer mit ihnen 
verknüpften Absicht nichts weiß, rechnet sich dieselben nicht an 
und hält sich nicht verantwortlich für sie. Der andere hingegen 
erkennt, indem er regelmäßig auch solche Handlungen seines 
Partners zu Schlüssen über dessen Absichten und Gesinnungen 
verwertet, mehr von den psychischen Vorgängen des Fremden, als 
dieser selbst zuzugeben bereit ist und mitgeteilt zu haben glaubt. 
Letzterer aber entrüstet sich, wenn ihm diese aus seinen Symptom- 
handlungen gezogenen Schlüsse vorgehalten werden, erklärt sie 
für grundlos, da ihm das Bewußtsein für die Absicht bei der 
Ausführung fehlt, und klagt über Mißverständnis von selten des 
anderen. Genau besehen beruht ein solches Mißverständnis auf 
einem Zufein- und Zuviel verstehen. Je „nervöser" zwei Menschen 
sind desto eher werden sie einander Anlaß zu Entzweiungen 
bieten, deren Begründung jeder für seme eigene Person ebenso 
bestimmt leugnet, wie er sie für die Person des anderen als 



agS Tmt Psychopathologie des Alltagslebens 

gesichert annimmt. Und dies ist wohl die Strafe für die innere 
Unaufrichtigkeit, daß die Menschen unter den Vorwänden des 
Vergessens, Vergreifens und der Unabsichtlichkeit Regungen den Aus- 
druck gestatten, die sie besser sich und anderen eingestehen würden, 
wenn sie sie schon nicht beherrschen können. Man kann in der Tat 
ganz allgemein behaupten, daß jedermann fortwährend psychische 
Analyse an seinen Nebenmenschen betreibt und diese infolgedessen 
besser kennen lernt als jeder einzelne sich selbst. Der Weg zur 
Befolgung der Mahnung yvööt aeautiv führt durch das Studium 
seiner eigenen, scheinbar zufälligen Handlungen und Unterlassungen. 

Von all den Dichtem, die sich gelegentlich über die kleinen 
Symptom handlungen und Fehlleistungen geäußert oder sich ihrer 
bedient haben, hat keiner deren geheime Natur mit solcher 
Klarheit erkannt und dem Sachverhalt eine so unheimliche 
Belebung gegeben wie Strindberg, dessen Genie bei solcher 
Erkenntnis allerdings durch tiefgehende psychische Abnormität 
unterstützt wurde. Dr. Karl Weiß (Wien) hat auf folgende Stelle 
aus einem seiner Werke aufmerksam gemacht (Internat. Zeitschrift 
für Psychoanalyse, I, 1915, S. 268): 

„Nach einer Weile kam der Graf wirklich und er trat ruhig 
an Esther heran, als habe er sie zu einem Stelldichein bestellt, 

— Hast du lange gewartet? fragte er mit seiner gedämpften 
Stimme. 

— Sechs Monate, wie du weißt, antwortete Elstherj aber du 
hast mich heute gesehen? 

— Ja, eben im Straßenbahnwagen j und ich sah dir in die 
Augen, daß ich mit dir zu sprechen glaubte. 

— Es ist viel ,geschehen' seit dem letztenmal. 

— Ja, und ich glaubte, es sei zwischen uns aus. 

— Wieso? 

— Alle Kleinigkeiten, die ich von dir bekommen habe, gingen 
entzwei, und zwar auf eine okkulte Weise. Aber das ist eine alte 
Wahrnehmung. 



.\ 



—- ..'..rfi i.Hi 



IX. Symptom- und Zufallshandlungen ^57 



Was du sagst! Jetzt erinnere ich mich an eine ganze 

Menge Fälle, die ich für Zufälle hielt. Ich bekam einmal ein 
Pincenez von meiner Großmutter, während wir gute Freunde 
waren. Es war aus geschliffenem Bergkristall und ausgezeichnet 
bei den Obduktionen, ein wahres Wunderwerk, das ich sorgfältig 
hütete. Eines Tages brach ich mit der Alten und sie wurde 

auf mich böse. 

Da geschah es bei der nächsten Obduktion, daß die Gläser 
ohne Ursache herausfielen. Ich glaubte, es sei ganz einfach 
entzwei; schickte es zur Reparatur. Nein, es fuhr fort, seinen 
Dienst zu verweigern; wurde in eine Schublade gelegt und ist 

fortgekommen. 

— Was du sagst! Wie eigentümlich, daß das, was die Augen 
betrifft, am empfindlichsten ist. Ich hatte ein Doppelglas von 
einem Freunde bekommen; das paßte für meine Augen so gut, 
daß der Gebrauch ein Genuß für mich war. Der Freund und 
ich wurden Unfreunde. Du weißt, dazu kommt es, ohne sichtbare 
Ursache; es scheint einem, als dürfe man nicht einig sem. Als 
ich das Opernglas das nächste Mal benutzen wollte, konnte ich 
nicht klar sehen. Der Schenkel war zu kurz und ich sah zwei 
Bilder. Ich brauche dir nicht zu sagen, daß sich weder der 
Schenkel verkürzt noch der Abstand der Augen vergrößert hatte! 
Es war ein Wunder, das alle Tage geschieht und das schlechte 
Beobachter nicht merken. Die Erklärung? Die psychische 
Kraft des Hasses ist wohl größer, als wir glauben. 
— Übrigens der Ring, den ich von dir bekommen habe, hat 
den Stein verloren — und läßt sich nicht reparieren, läßt sich 
nicht. Willst du dich jetzt von mir trennen? . . . (,Die gotischen 
Zimmer', S. 258 f.)" 

Auch auf dem Gebiete der Symptomhandlungen muß die 
psychoanalytische Beobachtung den Dichtern die Priorität abtreten. 
Sie kann nur wiederholen, was diese längst gesagt haben. Herr 
Wilh. Streß macht mich auf nachstehende Stelle in dem bekannten 



33® ZzW Psychopathologie des Alltagslebens 



humoristischen Roman Tristram Shandy von Lawrence 
Sterne aufmerksam (VI. Teil, V. Kapitel); 

„und es wundert mich keineswegs, daß Gregorius Yon Nazianzum, 
als er am Julian die schnellen und unsteten Gebärden wahrnahm, 
voraussagte, daß" er eines Tages abtrünnig werden würde; — 
oder daß St. Ambrosius seinen Amanuensem, wegen einer unan- 
ständigen Bewegung mit dem Kopfe, der ihm wie ein Dresch- 
flegel hin und her ging, wegjagte. — Oder daß Deraocritus gleich 
merkte, daß Protagoras ein Gelehrter wäre, weil er ihn ein Bündel 
Reisholz binden und die dünnsten Reiser in die Mitte legen sah. 
— Es gibt tausend unbemerkte Öffnungen, fuhr mein Vater fort, 
durch welche ein scharfes Auge auf einmal die Seele entdecken 
kann; und ich behaupte, fügte er hinzu, daß ein vernünftiger 
Mann nicht seinen Hut niederlegen kann, wenn er in ein Zimmer 
kommt — oder aufnehmen, wenn er hinaus geht, oder es entwischt 
ihm etwas, das ihn verrät." 

Hier noch eine kleine Sammlung mannigfaltiger Symptom- 
handlungen bei Gesunden und Neurotikem: 

Ein älterer Kollege, der nicht gern im Kartenspiel verliert, hat 
eines Abends eine größere Verlustsumme klaglos, aber in eigen- 
tümlich verhaltener Stimmung ausgezahlt. Nach seinem VVeggehen 
wird entdeckt, daß er so ziemlich alles, was er bei sich träet, 
auf seinem Platz zurückgelassen hat: Brille, Zigarrentasche und 
Sacktuch. Das fordert wohl die Übersetzung: Ihr Räuber, ihr 
habt mich da schön ausgeplündert. 

Ein Mann, der an gelegentlich auftretender sexueller Impotenz 
leidet, welche in der Innigkeit seiner Kinderbeziehungen zur 
Mutter begründet ist, berichtet, daß er gewohnt ist, Schriften 
und Aufzeichnungen mit einem S, dem Anfangsbuchstaben des 
Namens seiner Mutter, zu verzieren. Er verträgt es nicht, daß 
Briefe vom Hause auf seinem Schreibtisch in Berührung mit 
anderen unheiligen Briefschaften geraten, und ist darum genötigt, 
erstere gesondert aufzubewahren. 



IX. Symptom- und Zufallshajidlungen 259 






Eine junge Dame reißt plötzlich die Tür des Behandlungs- 
zimmers auf, in dem sich noch ihre Vorgängerin befindet. Sie 
entschuldigt sich mit „Gedankenlosigkeit"; es ergibt sich bald, 
daß sie die Neugierde demonstriert hat, welche sie seinerzeit ins 
Schlafzimmer der Eltern dringen ließ. 

Mädchen, die auf ihre schönen Haare stolz sind, wissen so 
geschickt mit Kamm und Haarnadeln umzugehen, daß sich ihnen 
mitten im Gespräch die Haare lösen. 

Manche Männer zerstreuen während der Behandlung (in 
liegender Stellung) Kleingeld aus der Hosentasche und 
honorieren so die Arbeit der Behandlungsstunde je nach ihrer 
Schätzung. 

Wer bei einem Arzt einen mitgebrachten Gegenstand, wie ^ 
Zwicker, Handschuhe, Täschchen vergißt, deutet damit an, daß 
er sich nicht losreißen kann und gern bald wiederkommen 
möchte. E. Jones sagt : One can almost measure the success ivith 
ivhich a physician is practising psychotherapy, for instance by 
the size of the collection of umbrellas, handkerchiefs, purses, and 
so on, that he could make in a month. 

Die kleinsten gewohnheitsmäßigen und mit minimaler Auf- 
merksamkeit ausgeführten Verrichtungen, wie das Aufziehen der 
Uhr vor dem Schlafengehen, das Auslöschen des Lichtes vor dem 
Verlassen des Zimmers u. a., sind gelegentlich Störungen unter- 
worfen, welche den Einfluß der unbewußten Komplexe auf die 
angeblich stärksten „Gewohnheiten" unverkennbar demonstrieren. 
M a e d e r erzählt in der Zeitschrift „Coenobium" von einem 
Spitalarzte, der sich eines Abends einer wichtigen Angelegenheit 
wegen entschloß, in die Stadt zu gehen, obwohl er Dienst hatte 
und das Spital nicht hätte verlassen sollen. Als er zurückkam, 
bemerkte er zu seinem Erstaunen Licht in seinem Zimmer. Er 
hatte, was ihm früher nie geschehen war, vergessen, bei seinem 
Weggehen dunkel zu machen. Er besann sich aber bald auf das 

Motiv dieses Vergessens. Der im Hause wohnende Spitaldirektor 



240 



Zwr Psychopathologie des Alltagslebens 



mußte ja aus dem Lichte im Zimmer seines Internen den Schluß 
ziehen, daß dieser im Hause sei. 

Ein mit Sorgen überbürdeter und gelegentlich Verstimmungen 
unterworfener Mann versicherte mir, daß er regelmäßig am 
Morgen seine Uhr abgelaufen finde, wenn ihm am Abend vorher 
das Leben gar zu hart und unfreundlich erschienen sei. Er drückt 
also durch die Unterlassung, die Uhr aufzuziehen, symbolisch 
aus, daß ihm nichts daran gelegen sei, den nächsten Tag zu 
erleben. 

Ein anderer, mir persönlich unbekannt, schreibt: „Von einem 
harten Schicksalsschlage betroffen, erschien mir das Leben so hart 
und unfreundlich, daß ich mir einbildete, keine genügende Kraft 
zu finden, um den nächsten Tag durchzuleben, und da bemerkte 
ich, daß ich fast täglich meine Uhr aufzuziehen vergaß, was ich 
fi-üher niemals unterließ und es vor dem Niederlegen regelmäßig 
fast mechanisch unbewußt tat. Nur selten erinnerte ich mich 
daran, wenn ich am folgenden Tage etwas Wichtiges oder 
mein Interesse besonders Fesselndes vor hatte. Sollte auch dies 
eine Symptomhandlung sein ? Ich konnte mir dies gar nicht 
erklären." 

Wer sich, wie Jung (Über die Psychologie der Dementia 
praecox, 1 907, S. 62) oder M a e d er (Une voie nouvelle en 
Psychologie — Freud et son ^ole, „Coenobium", Lugano 1909) 
die Mühe nehmen will, auf die Melodien zu achten, welche 
man, ohne es zu beabsichtigen, oft ohne es zu merken, vor sich 
hin trällert, wird die Beziehung des Textes zu einem die Person 
beschäftigenden Thema wohl regelmäßig aufdecken können. 

Auch die feinere Determinierung des Gedankenausdruckes in 
Rede oder Schrift verdiente eine sorgfaltige Beachtung. Man glaubt 
doch im allgemeinen die Wahl zu haben, in welche Worte man 
seine Gedanken einkleiden oder durch welches Bild man sie 
verkleiden soll. Nähere Beobachtung zeigt, daß andere Rücksichten 
über diese Wahl entscheiden, und daß in der Form des Gedankens 



r 



IX. Symptom- und Zufalhhandlungen 241 

ein tieferer, oft nicht beabsichtigter Sinn durchschimmert. Die 
Bilder und Redensarten, deren sich eine Person vorzugsweise 
bedient, sind für ihre Beurteilung meist nicht gleichgültig, und 
andere erweisen sich oft als Anspielung auf ein Thema, welches 
derzeit im Hintergrunde gehalten wird, aber den Sprecher mächtig 
ergriffen hat. Ich hörte jemand zu einer gewissen Zeit wiederholt 
in theoretischen Gesprächen die Redensart gebrauchen : „Wenn 
einem plötzlich etwas durch den Kopf schießt", aber ich wußte, 
daß er vor kurzem die Nachricht erhalten hatte, seinem Sohn 
sei die Feldkappe, die er auf dem Kopfe trug, von vorn nach 
hinten durch ein russisches Projektil durchschossen worden. 



Pretid, IV. tS 



t __ 



X 
IRRTÜMER 

Die Irrtümer des Gedächtnisses sind vom Vergessen mit Fehl- 
erinnern nur durch den einen Zug unterschieden, daß der Irrtum 
(das Fehlerinnern) nicht als solcher erkannt wird, sondern Glauben 
findet. Der Gebrauch des Ausdrucks „Irrtum" scheint aber noch 
an einer anderen Bedingung zu hängen. Wir sprechen von „Irren" 
anstatt von „falsch Erinnern", wo in dem zu reproduzierenden 
psychischen Material der Charakter der objektiven Realität hervor- 
gehoben werden soll, wo also etwas anderes erinnert werden soll 
als eine Tatsache unseres eigenen psychischen Lebens, vielmehr 
etwas, was der Bestätigung oder Widerlegung durch die Erinnerung 
anderer zugänglich ist. Den Gegensatz zum Gedächtnisirrtum in. 
diesem Sinne bildet die Unwissenheit. 

In meinem Buche „Die Traumdeutung" (1900)* habe ich mich 
einer Reihe von Verfälschungen an geschichtlichem und überhaupt 
tatsächlichem Material schuldig gemacht, auf die ich nach dem Er- 
scheinen des Buches mit Verwunderung aufmerksam geworden bin. 
Ich habe bei näherer Prüfung derselben gefunden, daß sie nicht 
meiner Unwissenheit entsprungen sind, sondern sich auf Irrtümer des 
Gedächtnisses zurückleiten, welche sich durch Analyse aufklären 
lassen. 

i) Auf S. s66 (der ersten Auflage) bezeichne ich als den Geburts- 
ort Schillers die Stadt Marburg, deren Name in der Steier- 

1) 7. Auflage, 1922. 




l 



I 



mark wiederkehrt. Der Irrtum findet sich in der Analyse eines 

Traumes während einer Nachtreise, aus dem ich durch den vom ; ' 

Kondukteur ausgerufenen Stationsnamen Marburg geweckt 

wurde. Im Trauminhalt wird nach einem Buche von Schiller I 

gefragt. Nun ist Schiller nicht in der Universitätsstadt Marburg, 

sondern in dem schwäbischen Marbach geboren. Ich behaupte 

auch, daß ich dies immer gewußt habe. 

q) Auf S. 155 wird Hannibals Vater Hasdrubal genannt. 
Dieser Irrtum war mir besonders ärgerlich, hat mich aber in der 
Auffassung solcher Irrtümer am meisten bestärkt. In der Geschichte 
der Barkiden dürften wenige der Leser des Buches besser Bescheid 
wissen als der Verfasser, der diesen Fehler niederschrieb und ihn 
bei drei Korrekturen Übersah. Der Vater Hannibals hieß Hamilkar 
Barkas — Hasdrubal war der Name von Hannibals 
Bruder, übrigens auch der seines Schwagers und Vorgängers im 
Kommando. 

3) Auf S. 177 und S. 570 behaupte ich, daß Zeus seinen 
Vater Kronos entmannt und ihn vom Throne stürzt. Diesen Greuel 
habe ich aber irrtümlich um eine Generation vorgeschoben; die 
griechische Mythologie läßt ihn von Kronos an seinem Vater 
Uranos verüben.' 

Wie ist es nun zu erklären, daß mein Gedächtnis in diesen 
Punkten Ungetreues lieferte, während es mir sonst, wie sich 
Leser des Buches überzeugen können, das entlegenste und unge- 
bräuchlichste Material zur Verfügung stellte ? Und ferner, daß 
ich bei drei sorgfältig durchgeführten Korrekturen wie mit 
Blindheit geschlagen an diesen Irrtümern vorbeiging? 

Goethe hat von Lichtenberg gesagt: Wo er einen Spaß 
macht, Hegt ein Problem verborgen. Ahnlich kann man über die 
hier angeführten Stellen meines Buches behaupten: Wo ein Irrtum 

1) Kein voller Irrtum! Die orphische Version des Mythus ließ die Entmannung 
an Kronos von seinem Sohne Zeus wiederholt werden. ^R o s c h e r, Lexikon der 
Mythologie.) 

16" 



'1 



°4-4 7.ur Psychopat hologie des Alltagslebens 

vorließ, da steckt eine Verdrängung dahinter. Richtiger gesagt: 
eine Unaufrichtigkeit, eine Entstellung, die schließlich auf Ver- 
drängtem fußt. Ich bin bei der Analyse der dort mitgeteUten 
Träume durch die bloße Natur der Themata, auf welche sich 
die Traumgedanken beziehen, genötigt gewesen, einerseits die 
Analyse irgendwo vor ihrer Abrundung abzubrechen, anderseits -j 
emer mdiskreten Einzelheit durch leise Entstellung die Schärfe zu 
benehmen. Ich konnte nicht anders und hatte auch keine andere 
Wahl, wenn ich überhaupt Beispiele und Belege vorbringen 
wollte; meine Zwangslage leitete sich mit Notwendigkeit aus 
der Eigenschaft der Träume ab, Verdrängtem, d. h. Bewußtseins 
unfähigem Ausdruck zu geben. Es dürfte trotzdem genug übrig 
geblieben sein, woran empfindhchere Seelen Anstoß genommen 
haben. Die Entstellung oder Verschweigung der mir selbst noch 
bekannten fortsetzenden Gedanken hat sich nun nicht spurlos 
durchführen lassen. Was ich unterdrücken wollte, hat sich oftmals 
wider meinen WUlen den Zugang in das von mir Aufgenommene 
erkämpft und ist darin als von mir unbemerkter Irrtum zum 
Vorschein gekommen. In allen drei hervorgehobenen Beispielen 
liegt Übrigens das nämliche Thema zugrunde^ die Irrtümer sind 
Abkömmlinge verdrängter Gedanken, die sich mit meinem ver- 
storbenen Vater beschäftigen. 

ad i) Wer den auf S. 266 analysierten Traum durchliest, wird 
teils unverhüllt erfahren, teils aus Andeutungen erraten könne 
daß ich bei Gedanken abgebrochen habe, die eine unfreundliche 
Kritik am Vater enthalten hätten. In der Fortsetzung dieses 
Zuges von Gedanken und Erinnerungen liegt nun eine ärgerliche 
Geschichte, in welcher Bücher eine Rolle spielen, und ein 
Geschäftsfreund des Vaters, der den Namen Marburg führt, 
denselben Namen, durch dessen Ausruf in der gleichnamigen Süd- 
bahnstation ich aus dem Schlafe geweckt wurde. Diesen Herrn 
Marburg wollte ich bei der Analyse mir und den Lesern unter- 
schlagenj er rächte sich dadurch, daß er sich dort einmengte, wo 



X, Irrtumer 245 

er nicht hingehört, und den Namen des Geburtsortes Schülers 
aus Marbach in Marburg veränderte. 

ad 3) Der Irrtum Hasdrubal anstatt Hamilkar, der Name 
des Bruders an Stelle des Namens des Vaters, ereignete sich 
gerade in einem Zusammenhange, der von den Hannibalphantasien 
meiner Gymnasiastenjahre und von meiner Unzufriedenheit mit 
dem Benehmen des Vaters gegen die „Feinde unseres Volkes" 
handelt. Ich hätte fortsetzen und erzählen können, wie mein 
Verhältnis zum Vater durch einen Besuch in England verändert 
wurde, der mich die Bekanntschaft meines dort lebenden Halb- 
bruders aus früherer Ehe des Vaters machen ließ. Mein Bruder 
hat einen ältesten Sohn, der mir gleichaltrig ist; die Phantasien, 
wie anders es geworden wäre, wenn ich nicht als Sohn des 
Vaters, sondern des Bruders zur Welt gekommen wäre, fanden 
also kein Hindernis an den Altersrelationen. Diese unterdrückten 
Phantasien fälschten nun an der Stelle, wo ich in der Analyse 
abbrach, den Text meines Buches, indem sie mich nötigten, den 
Namen des Bruders für den des Vaters zu setzen. 

ad 5) Dem Einfluß der Erinnerung an diesen selben Bruder 
schreibe ich es zu, daß ich die mythologischen Greuel der 
griechischen Götterwelt um eine Generation vorgeschoben habe. 
Von den Mahnungen des Bruders ist mir lange Zeit eine im 
Gedächtnis geblieben: „Vergiß nicht in Bezug auf Lebensführung 
eines," hatte er mir gesagt, „daß du nicht der zweiten, sondern 
eigentlich der dritten Generation vom Vater aus angehörst. 
Unser Vater hatte sich in späteren Jahren wieder verheiratet und 
war so um vieles älter als seine Kinder zweiter Ehe. Ich begehe 
den besprochenen Irrtum im Buche gerade dort, wo ich von der 
Pietät zwischen Eltern und Kindern handle. 

Es ist auch einigemal vorgekommen, daß Freunde und Patienten, 
deren Träume ich berichtete, oder auf die ich in den Traum- 
analysen anspielte, mich aufmerksam machten, die Umstände der 
gemeinsam erlebten Begebenheiten seien von mir ungenau erzählt 




246 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



worden. Das wären nun wiederum historische Irrtümer. Ich habe 
die einzelnen Fälle nach der Richtigstellung nachgeprüft und mich 
gleichfalls überzeugt, daß meine Erinnerung des Sachlichen nur 
dort ungetreu war, wo ich in der Analyse etwas mit Absicht 
entstellt oder verhehlt hatte. Auch hier wieder ein unbe- 
merkter Irrtum als Ersatz für eine absichtliche 
Verschweigung oder Verdrängung. 

Von diesen Irrtümern, die der Verdrängung entspringen, heben 
sich scharf andere ab, die auf wirklicher Unwissenheit beruhen. 
So war es z. B. Unwissenheit, wenn ich auf einem Ausflug in 
die Wachau den Aufenthalt des Revolutionärs Fischhof 
berührt zu haben glaubte. Die beiden Orte haben nur den Namen 
gemein^ das Emmersdorf Fischhofs hegt in Kärnten. Ich 
wußte es aber nicht anders. 

4) Noch ein beschämender und lehrreicher Irrtum, ein Beispiel 
von temporärer Ignoranz, wenn man so sagen darf. Ein Patient 
mahnte mich eines Tages, ihm die zwei versprochenen Bücher 
über Venedig mitzugeben, aus denen er sich für seine Osterreise 
vorbereiten wollte. Ich habe sie bereit gelegt, erwiderte ich, und 
ging in das Bibliothekszimmer, um sie zu holen. In Wahrheit 
hatte ich aber vergessen, sie herauszusuchen, denn ich war mit 
der Reise meines Patienten, in der ich eine unnötige Störung 
der Behandlung und eine materielle Schädigung des Arztes erblickte, 
nicht recht einverstanden. Ich halte also in der Bibliothek rasche 
Umschau nach den beiden Büchern, die ich ins Auge gefaßt hatte. 
„Venedig als Kunststätte" ist das eine; außerdem aber muß ich 
noch ein historisches Werk in einer ähnlichen Sammlung besitzen. 
Richtig, da ist es: „Die Mediceer", ich nehme es und bringe es 
dem Wartenden, um dann beschämt den Irrtum einzugestehen. 
Ich weiß doch wirklich, daß die Medici nichts mit Venedig zu 
tun haben, aber es erschien mir für eine kurze Weile gar nicht 
unriclitig. Nun muß ich Gerechtigkeit üben; da ich dem Patienten 
so häufig seine eigenen Symptomhandlungen vorgehalten habe, 



X. Irrtümer 247 



kann ich meine Autorität vor ihm nur retten, wenn ich ehrlich 
■werde und ihm die geheim gehaltenen Motive meiner Abneigung 
gegen seine Reise kundgebe. 

Man darf ganz allgemein erstaunt sein, daß der Wahrheitsdrang 
der Menschen soviel stärker ist, als man ihn für gewöhnlich 
einschätzt. Vielleicht ist es übrigens eine Folge meiner Beschäftigung 
mit der Psychoanalyse, daß ich kaum mehr lügen kann. So oft 
ich eine Entstellung versuche, unterliege ich einer Irrung oder 
anderen Fehlleistung, durch die sich meine Unaufrichtigkeit wie 
in diesem und den vorstehenden Beispielen verrät. 

Der Mechanismus des Irrtums scheint der lockerste unter allen 
Fehlleistungen, das heißt das Vorkommen des Irrtums zeigt ganz 
allgemein an, daß die betreffende seelische Tätigkeit mit irgend 
einem störenden Einfluß zu kämpfen hatte, ohne daß die Art des 
Irrtums durch die Qualität der im Dunkeln gebliebenen störenden 
Idee determiniert wäre. Wir tragen indes an dieser Stelle nach, 
daß bei vielen einfachen Fällen von Versprechen und Verschreiben 
derselbe Tatbestand anzunehmen ist. Jedesmal, wenn wir uns 
versprechen oder verschreiben, dürfen wir eine Störung durch 
seelische Vorgänge außerhalb der Intention erschließen, aber es 
ist zuzugeben, daß das Versprechen und Verschreiben oftmals den 
Gesetzen der Ähnlichkeit, der Bequemhchkeit oder der Neigung 
zur Beschleunigung folgt, ohne daß es dem Störenden gelungen 
■wäre, ein Stück seines eigenen Charakters in dem beim 
Versprechen oder Verschreiben resultierenden Fehler durch- 
zusetzen. Das Entgegenkommen des sprachlichen Materials ermöglicht 
erst die Determmierung des Fehlers und setzt derselben auch die 

Grenze. 

Um nicht ausschließlich eigene Irrtümer anzuführen, will ich 
noch einige Beispiele mitteilen, die allerdings ebensowohl beim 
Versprechen und Vergreifen hätten eingereiht werden können, 
was aber bei der Gleichwertigkeit all dieser Weisen von Fehl- 
leistung bedeutungslos zu nennen ist. 



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1 



mt. _ .»ia^-- 



248 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



5) Ich habe «inem Patienten untersagt, die GeHebte, mit der 
er selbst brechen möchte, telephonisch anzurufen, da jedes Gespräch 
den Abgewöhn ungskampf von neuem -entfacht. Er soll ihr seiiK 
letzte Meinung schreiben, wiewohl es SchTvierigkeiten hat, ihr 
Briefe zuzustellen. Er besucht mich nun um 1 Uhr, um mir zu 
sagen, daß er einen Weg gefunden hat, der diese Schwierigkeiten 
umgeht, fragt auch unter and.erem, ob er äch auf meine ärztliche 
Autorität berufen darf. Um 2 Uhr ist er mit der Abfassung des 
Absagebriefes beschäftigt, unterbricht sich plötzlich, sagt der dabei 
anwesenden Mutter: Jetzt habe ich vergessen, den Pmfessor zm 
fragen, ob ich in dem Briefe seineu Namen nennen darf, eilt zum 
Telephon, läßt sich verbinden und ruft die Frage ins Rohr: Bitte 
ist der Herr Professor schon nach dem Speisen zu sprechen? Als 
Antwort tönt ihm ^n erstauntes „Adolf, bist du verrückt 
gewonien?" entgegen, ujid zwar von der nämlichen Stimme, die 
er nach meinem Gebote nicht mehr hätte hören soJlen. Er hatte 
fiich bloß „geirrt" und anstatt der Nummer des Arztes die der 
Geliebtea angegeben. 

6) Eine junge Dame soll einen Besuch bei einer kürzlich 
verheirateten Freundin in der Habsb urger gasse machen. .Sie 
spricht davon während des Faraüientisches, sagt aber irrtümlicher- 
weise, sie müsse in die ßabenberge r gasse gehen. Andere hei 
Tische Anwesende machen äe lachend auf den Ton ihr nicht 
bemerkten Irrtum — oder Versprechen, wenn maa so heber will 
— aufmerksam. Zwei Tage vorher ist nämUch in Wien [die 
Repubhi ausgerufen worden, das Schwarzgelb ist verschwunden 
und hat den Farben der alten Ostmark: rot-weiß-rot Platz 
gemacht, die Habsburger sind abgetan ^ die Sprecherin hat diese 
Ersetzung in die Adresse der Freundm eingetragen. Es gibt übrigens 
m Wien eine sehr bekannte BabenbergerstraiS^ aber kein Wiener 
würde von ihr als „Gasse" reden. 

7) In einer Sommerfrische hat der Schulle3irer, ein ganz armer, 
aber stattlicher junger Mann, der Tochter eijaes Villenbesitzers 



X. Irrtümer 249 



aus der Großstadt so lange den Hof gemacht, bis das Mädchen 
sich leidenschaftlich in ihn verliebt und auch ihre Familie 
bewogen hat, die Heirat trotz der bestehenden Standes- und Rassen- 
unterschiede gutzuheißen. Da schreibt der Lehrer eines Tages 
seinem Bruder einen Brief, in dem es heißt: „Schön ist das Dirndl 
ja gar nicht, aber recht lieb und soweit wär's gut. Ob ich mich 
aber werd' entschließen können, eine Jüdin zu heiraten, das kann 
ich dir noch nicht sagen". Dieser Brief gerät in die Hände der 
Braut und macht dem Verlöbnis ein Ende, während der Bruder 
sich gleichzeitig über die an ihn gerichteten Liebesbeteuerungen 
zu verwundern hat. Mein Gewährsmann versicherte mir, daß hier 
Irrtum und nicht eine schlaue Veranstahung vorlag. Mir ist auch 
ein anderer Fall bekannt geworden, in dem eine Dame, die, mit 
ihrem sdten Arzt unzufrieden, ihm doch nicht offen absagen 
wollte diesen Zweck mittels einer Briefverwechslung erreichte, und 
wenigstens hier kann ich dafür einstehen, daß der Irrtum und nicht 
die bewußte List sich des bekannten Lustspielmotivs bedient hat. 

8) Brili erzählt von einer Dame, die sich bei ihm nach 
dem Befinden einer gemeinsamen Bekannten erkundigte, wobei 
sie dieselbe irrtümlich bei ihrem Mädchennamen nannte. Auf- 
m.erksam gemacht, mußte sie zugestehen, daß sie den Mann 
dieser Dame nicht möge und mit der Heirat derselben sehr 
unzufrieden gewesen sei. 

9) Ein Fall von Irrtum, der auch als „Versprechen" beschrieben 
werden kann: Ein junger Vater begibt sich zum Standesbeamten, 
um. seine zweitgeborene Tochter anzum^elden. Befragt, wie das 
Kind heißen soll, antwortete er; Hanna, muß sich aber von dem 
Beamten sagen lassen: Sie haben ja schon ein Kind dieses Namens. 
Wir werden den Schluß ziehen, daß diese zweite Tochter nicht 
so ganz willkommen war wie seinerzeit die erste. 

10) Ich füge hier einige andere Beobachtungen von Namen- 
verwechslungen an, die natürlich mit ebensoviel Recht in anderen 
Abschnitten dieses Buches untergebracht worden wären. 



35» 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



Eine Dame ist Mutter von drei Töchtern, von denen zwei 
längst verheiratet sind, während die jüngste noch ihr Schicksal 
erwartet. Eine befreundete Dame hat bei den beiden Hochzeiten 
das nämliche Geschenk gemacht, eine kostbare silberne Teegarnitur. 
So oft nun von diesem Gerät die Sprache ist, nennt die Mutter 
irrtümlicherweise die dritte Tochter als Besitzerin. Es ist offenbar, 
daß dieser Irrtum den Wunsch der Mutter ausspricht, auch die 
letzte Tochter verheiratet zu wissen. Sie setzt dabei voraus, daO 
sie dasselbe Hochzeitsgeschenk erhalten würde. 

Ebenso leicht deutbar sind die häufigen Fälle, in denen eine 
Mutter die Namen ihrer Töchter, Söhne oder Schwiegersöhne 
verwechselt. 

ii) Ein hübsches Beispiel von hartnäckiger Namensvertauschung, 
das sich leicht erklärt, entnehme ich der Selbstbeobachtung eines 
Herrn J. G. während seines Aufenthaltes in einer Heilanstalt: 

„An der Table d'hote (des Sanatoriums) gebrauche ich im 
Laufe eines mich wenig interessierenden und in ganz konven- 
tionellem Ton geführten Gespräches mit meiner Tischnachbarin 
eine Phrase von besonderer Liebenswürdigkeit. Das etwas ältliche 
Mädchen konnte nicht umhin zu bemerken, daß es sonst nicht 
meine Art sei, ihr gegenüber so liebenswürdig und galant zu 
sein — eine Entgegnung, die einerseits ein gewisses Bedauern 
und mehr noch eine deutliche Spitze gegen ein uns beiden 
bekanntes Fräulein enthielt, dem ich größere Aufmerksamkeit zu 
schenken pflegte. Ich versiehe natürlich augenblicklich. Im Laufe 
unseres weiteren Gespräches muß ich mich nun, was mir ungemein 
peinlich ist, von meiner Nachbarin wiederholt darauf aufmerksam 
machen lassen, daß ich sie mit dem Namen jenes Fräuleins 
angesprochen habe, das sie nicht mit Unrecht als ihre glückhchere 
Nebenbuhlerin ansah." 

lo) Als „Irrtum" will ich auch eine Begebenheit mit ernst- 
haftem Hintergrund erzählen, die mir von einem nahe beteiligten 
Zeugen berichtet wurde. Eine Dame hat den Abend mit ihrem 



asÄSfi 



^ 



X. Irrtümer 251 



Manne und in Gesellschaft von zwei Fremden im Freien zugebracht. 
Einer dieser beiden Fremden ist ihr intimer Freund, wovon, aber 
die anderen nichts wissen und nichts wissen dürfen. Die Freunde 
begleiten das Ehepaar bis vor die Haustür. Während man auf 
das Öffnen der Tür wartet, wird Abschied genommen. Die Dame 
verneigt sich gegen den Fremden, reicht ihm die Hand und 
spricht einige verbindliche Worte. Dann greift sie nach dem Arm ^^ 

ihres heimlich Geliebten, wendet sich zu ihrem Manne und will 
ihn in gleicher Weise verabschieden. Der Mann geht auf die 
Situation ein, zieht den Hut und sagt überhöflich : Küss' die Hand, 
gnädige Frau. Die erschrockene Frau läßt den Arm des Geliebten 
fahren und hat noch Zeit, ehe der Hausmeister erscheint, zu 
seufzen: Nein, so etwas soll einem passieren! Der Mann gehörte 
zu jenen Eheherren, die eine Untreue ihrer Frau außerhalb jeder 
Möglichkeit verlegen wollen. Er hatte wiederholt geschworen, in 
einem solchen Falle würde mehr als ein Leben in Gefahr sein. 
Er hatte also die stärksten inneren Abhaltungen, um die Heraus- 
forderung, die in dieser Irrung lag, zu bemerken. 

15) Eine Irrung eines meiner Patienten, die durch eine Wieder- 
holung zum Gegensinn besonderslehrreich wird: Der überbedenkliche 
iunee Mann hat sich nach langwierigen inneren Kämpfen dazu 
gebracht, dem Mädchen, das ihn seit langem liebt wie er sie, 
die Zusage der Ehe zu geben. Er begleitet die ihm Verlobte 
nach Hause, verabschiedet sich von ihr, steigt überglücklich in 
einen Tramway wagen und verlangt von der Schaffnerin — zwei 
Fahrkarten. Etwa ein halbes Jahr später ist er bereits verheiratet, 
kann sich aber noch nicht recht in sein Eheglück finden. Er 
zweifelt, ob er recht getan hat zu heiraten, vermißt frühere 
freundschaftliche Beziehungen, hat an den Schwiegereltern allerlei 
auszusetzen. Eines Abends holt er seine junge Frau vom Hause 
ihrer Eltern ab, steigt mit ihr in den Wagen der Straßenbahn 
und begnügt sich damit, der Schaffnerin eine einzige Karte 



abzuverlangen. 



JUlMfe: 4iHX 



252 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



14) Wie man einen ungern unterdrückten Wunsch vermittels 
eines „Irrtums" befriedigen kann, davon erzählt Maeder ein hübsches 
Beispiel. Ejn Kollege möchte einen dienstfreien Tag so recht ungestört 
genießen ; er soll aber einen Besuch in Luzem machen, auf den 
er sich nicht freuen kann, und beschließt nach längerer Über- 
legung, doch hinzufahren. Um sich zu zerstreuen, liest er auf 
der Fahrt Zürich — Arth-Goldau die Tageszeitungen, wechselt in 
letzterer Station den Zug und setzt seine Lektüre fort. In der 
Fortsetzung der Fahrt entdeckt ihm dann der kontrollierende 
Schaffner, daß er in einen falschen Zug eingestiegen ist, nämlich 
in den, der von Goldau nach Zürich zurückfährt, während er ein 
Billett nach Luzern genommen hatte. (Nouvelles contributions etc. 
Arch. de Psych., VI, igoS). 

1 5) Einen analogen, wenngleich nicht voll geglückten Versuch, 
einem unterdrückten Wunsch durch den nämhchen Mechanismus 
der Irrung zum Ausdruck zu verhelfen, berichtet Dr. V. Tausk 
unter der Überschrift „Falsche Fahrtrichtung": 

„Ich war aus dem Felde auf Urlaub nach Wien gekommen. 
Ein alter Patient hatte von meiner Anwesenheit Kenntnis 
bekommen und ließ mich bitten, daß ich ihn besuche, da er krank 
zu Bette lag. Ich leistete der Bitte Folge und verbrachte zwei 
Stunden bei ihm. Beim Abschied fragte der Kranke, was er schuldig 
sei. ,Ich bin auf Urlaub hier und ordiniere jetzt nicht,' antwortete 
ich. ,Nehmen Sie meinen Besuch als einen Freundschaftsdienst.' 
Der Kranke stutzte, da er wohl das Empfinden hatte, er habe 
kein Recht, eine berufliche Leistung als unentgeltlichen Freund- 
schaftsdienst in Anspruch zu nehmen. Aber er ließ sich meine 
Antwort schließlich gefallen, in der von der Lust an der Geld- 
ereparung diktierten respektvollen Meinung, daß ich als Psycho- 
analytiker sicher richtig handeln werde. — Mir selbst stiegen schon 
wenige Augenblicke später Bedenken über die Aufrichtigkeit meiner 
Noblesse auf, und, von Zweifeln — die kaum eine zweideutige 
Lösung zuließen — ■ erfüllt, bestieg ich die elektrische Straßenbahn- 




m 



X. Irrtümer 255 



linie X. Nach einer kurzen Fahrt hatte ich auf die Linie Y um- 
zusteigen. Während ich an der Umsteigestelle wartete, Tergaß ich 
die Honorarangelegenheit und beschäftigte mich mit den Krankheits- 
symptomen meines Patienten. Indem kam der von mir erwartete 
Wagen und ich stieg ein. Aber bei der nächsten Haltestelle mußte 
ich wieder aussteigen. Ich war nämlich statt in einem Y-Wagen 
versehentlich und ohne es zu merken in einen X-Wagen einge- 
stiegen und fuhr in der Richtung, aus der ich eben gekommen 
war, wieder zurück, in der Richtung zum Patienten, von dem 
ich kein Honorar annehmen wollte. Mein Unbewußtes aber 
wollte sich das Honorar holen." (Internat. Zeitschrift f. 
Psychoanalyse IV, 1916/17.) 

lö) Ein sehr ähnliches Kunststück wie im Beispiel 14 ist mir 
selbst einmal gelungen. Ich hatte meinem gestrengen ältesten 
Bruder zugesagt, ■ ihm in diesem Sommer den längst fälligen Besuch 
in einem englischen Seebad abzustatten, und dabei die Verpflichtung 
übernommen, da die Zeit drängte, auf dem kürzesten Wege ohne 
Aufenthalt zu reisen. Ich bat um einen Tag Aufschub für Holland, 
aber er meinte, das könnte ich für die Rückreise aufsparen. Ich 
fuhr also von München über Köln nach Rotterdam — Hook of 
Holland, von wo das Schiff um Mitternacht nach Harwich über- 
setzt. In Köln hatte ich Wagenwechsel j ich verließ meinen Zug, 
um in den Eilzug nach Rotterdam umzusteigen, aber der war 
nicht zu entdecken. Ich fragte verschiedene Bahnbedienstete, wurde 
von einem Bahnsteig auf den anderen geschickt, geriet in eine 
übertriebene Verzweiflung und konnte mir bald berechnen, daß 
ich während dieses erfolglosen Suchens den Anschluß versäumt 
haben dürfte. Nachdem mir dieses bestätigt worden war, über- 
legte ich, ob ich in Köln übernachten sollte, wofür unter anderem 
auch die Pietät sprach, da nach einer alten Familientradition 
meine Ahnen einst bei einer Judenverfolgung aus dieser Stadt 
gefluchtet waren. Ich entschloß mich aber anders, fuhr mit einem 
späteren Zug nach Rotterdam, wo ich in tiefer Nachtzeit ankam, 




Msi> 



254 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



und war nun genötigt, einen Tag in Holland zuzubringen. Dieser 
Tag brachte mir die Erfüllung eines langst gehegten Wunsches; 
ich konnte die herrlichen Rembrandtbilder im Haag und im 
Reichsmuseum zu Amsterdam sehen. Erst am nächsten Vormittag, 
als ich während der Eisenbahnfahrt in England meine Eindrücke 
sammeln konnte, tauchte mir die unzweifelhafte Erinnerung auf, 
daß ich auf dem Bahnhofe in Köln wenige Schritte von der Stelle, 
wo ich ausgestiegen war, auf dem nämlichen Bahnsteig eine große 
Tafel Rotterdam — Hook of Holland gesehen hatte. Dort wartete 
der Zug, in dem ich die Reise hätte fortsetzen sollen. Man müßte 
es als unbegreifliche „Verblendung" bezeichnen, daß ich trotz 
dieser guten Anleitung weggeeilt und den Zug anderswo gesucht 
hatte, wenn man nicht annehmen wollte, daß es eben mein 
Vorsatz war, gegen die Vorschrift meines Bruders die Rembrcoidt- 
bilder schon auf der Hinreise zu bewundern. Alles übrige, meine 
gut gespielte Ratlosigkeit, das Auftauchen der pietätvollen Absicht, 
in Köln zu übernachten, war nur Veranstaltung, um mir meinen 
Vorsalz zu verbergen, bis er sich vollkommen durchgesetzt hatte. 
17) Eine ebensolche, durch „Vergeßlichkeit" hergestellte Veran- 
staltung, um einen Wunsch zu erfüllen, auf den man angeblich 
verzichtet hat, berichtet J. Stärcke von seiner eigenen Person. (L. c.) 
„Ich mußte einmal in einem Dorfe einen Vortrag mit Licht- 
bildern halten. Dieser Vortrag war aber um eine Woche verschoben. 
Ich hatte den Brief hinsichtlich dieses Aufschubes beantwortet und 
das geänderte Datum in meinem Notizbuch notiert. Ich wäre gern 
schon nachmittags nach diesem Dorfe gegangen, damit ich die 
Zeit hätte, um einem mir bekannten Schriftsteller, der dort wohnt, 
einen Besuch abzustatten. Zu meinem Bedauern konnte ich aber 
zurzeit keinen Nachmittag dafür frei machen. Nur ungern gab ich 
diesen Besuch auf. 

Als nun der Abend des Vortrages da war, machte ich mich, 
mit einer Tasche voll Latemenbilder, in größter Eile zum Bahn- 
hof auf. Ich mußte einen Taxi nehmen, um den Zug noch zu 



X. Irrtümer 355 



erreichen (es passiert mir öfters, daß ich so lange zögere, daß ich 
einen Taxi nehmen muß, um den Zug noch zu erreichen!). An 
Ort und Stelle gekommen, war ich einigermaßen erstaunt, daß 
keiner am Bahnhof war, um mich abzuholen (wie es bei Vorträgen 
in kleineren Orten Gewohnheit ist). Plötzlich fiel mir ein, daß 
der Vortrag um eine Woche verschoben war, und daß ich jetzt 
am ursprünglich festgestellten Datum eine vergebliche Reise 
gemacht hatte. Nachdem ich meine Vergeßlichkeit herzinnig 
verwünscht hatte, überlegte ich, ob ich mit dem nächstfolgenden 
Zug wieder nach Hause zurückkehren sollte. Bei näherer Über- 
legung dachte ich aber daran, daß ich jetzt eine schöne Gelegen- 
heit halte, um den gewünschten Besuch zu machen, was ich denn 
auch tat. Erst unterwegs fiel mir ein, daß mein unerfülller Wunsch, 
für diesen Besuch gehörig Zeit zu haben, das Komplott hübsch 
vorbereitet hatte. Das Schleppen mit der schweren Tasche voll 
I^ternenbilder und das Eilen, um den Zug zu erreichen, konnten 
ausgezeichnet dazu dienen, die unbewußte Absicht desto besser zu 
verbergen.'' 

Man wird vielleicht nicht geneigt sein, die Klasse von Irrtümern, 
für die ich hier die Aufklärung gebe, für sehr zahlreich oder 
besonders bedeutungsvoll zu halten. Ich gebe aber zu bedenken, 
ob man nicht Grund hat, die gleichen Gesichtspunkte auch auf 
die Beurteilung der ungleich wichtigeren Urteilsirrtümer 
der Menschen im Leben und in der Wissenschaft auszudehnen. 
Nur den auserlesensten und ausgeglichensten Geistern scheint es 
möglich zu sein, das Bild der wahrgenommenen äußeren Realität 
vor der Verzerrung zu bewahren, die es sonst beim Durchgang 
durch die psychische Individualität des Wahrnehmenden erfährt. 



k 



XI 
KOMBINIERTE FEHLLEISTUNGEN 

Zwei der letzterwähnten Beispiele, mein Irrtum, der die 
Mediceer nach Venedig bringt, und der des jungen Mannes, der 
ein telephonisches Gespräch mit seiner Geliebten dem Verbote 
abzutrotzen weiß, haben eigentlich eine ungenaue Beschreibung 
gefunden und stellen sich bei sorgfältiger Betrachtung als 
Vereinigung eines Vergessens mit einem Irrtum dar. Dieselbe 
Vereinigung kann ich noch deutlicher an einigen anderen Beispielen 
aufzeigen. 

i) Ein Freund teilt mir folgendes Erlebnis mit: „Ich habe 
vor einigen Jahren die Wahl in den Ausschuß einer bestimmten 
literarischen Vereinigung angenommen, weil ich vermutete die 
Gesellschaft könnte mir einmal behilflich sein, eine Aufführung 
meines Dramas durchzusetzen, und nahm regelmäßig, wenn auch 
ohne viel Interesse, an den jeden Freilag stanfindenden Sitzungen 
teil. Vor einigen Monaten erhielt ich nun die Zusicherung einer 
Aufführung am Theater in F., und seither passierte es mir regel- 
mäßig, daß ich die Sitzungen jenes Vereines vergaß. Als 
ich Ihre Schrift über diese Dinge las, schämte ich mich meines 
Vergessens, machte mir Vorwürfe, es sei doch eine Gemeinheit, 
daß ich jetzt ausbleibe, nachdem ich die Leute nicht mehr 
brauche, und beschloß, nächsten Freitag gewiß nicht zu vergessen. 
Ich erinnerte mich an diesen Vorsatz immer wieder, bis ich ihn 
ausführte und vor der Tür des Sitzungssaales stand. Zu 



r 



XI, Kombinierte Fehlleistungen 357 



meinem Erstaunen war sie geschlossen, die Sitzung war schon 
vorüber; ich hatte mich nämlich im Tage geirrt; es war schon 
Samstag!" 

3) Das nächste Beispiel ist eine Kombination einer Symptom- 
handlung mit einem Verlegen; es ist auf entfernteren Umwegen, 
aber aus guter Quelle zu mir gelangt. 

Eine Dame reist mit ihrem Schwager, einem berühmten 
Künstler, nach Rom. Der Besucher wird von den in Rom lebenden 
Deutschen sehr gefeiert und erhält unter anderem eine goldene 
Medaille antiker Herkunft zum Geschenke. Die Dame kränkt 
sich darüber, daß ihr Schwager das schöne Stück nicht genug zu 
schätzen weiß. Nachdem sie, von ihrer Schwester abgelöst, wieder 
zu Hause angelangt ist, entdeckt sie beim Auspacken, daß sie die 
Medaille — sie weiß nicht wie — mitgenommen hat. Sie teilt 
es sofort dem Schwager brieflich mit und kündigt ihm an, daß 
sie das Entführte am nächsten Tage nach Rom zurückschicken 
wird. Am nächsten Tage aber ist die Medaille so geschickt verlegt, 
daß sie unauffindbar und unabsendbar ist, und dann dämmert der 
Dame, was ihre „Zerstreutheit" bedeute, nämlich, daß sie das 
Stück für sich selbst behalten wolle. 

5) Einige Fälle, in denen sich die Fehlhandlung hartnäckig 
wiederholt und dabei auch ihre Mittel wechselt: 

Jones (1. c, S. 485): Aus ihm unbekannten Motiven hatte 
er einst einen Brief mehrere Tage auf seinem Schreibtisch liegen 
lassen, ohne ihn aufzugeben. Endlich entschloß er sich dazu, aber 
er erhielt ihn vom „Dead letter office" zurück, denn er hatte 
vergessen, die Adresse zu schreiben. Nachdem er ihn adressiert 
hatte, brachte er ihn wieder zur Post, aber diesmal ohne Brief- 
marke. Die Abneigung dagegen, den Brief überhaupt abzusenden, 
konnte er dann nicht mehr übersehen. 

4) Sehr eindrucksvoll schildert die vergeblichen Bemühungen, 
eine Handlung gegen einen inneren Widerstand durchzusetzen, 
eine kleine Mitteilung von Dr. Karl Weiß (Wien): 

Freud, rV. ,7 



3 58 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



„Wie konsequent sich das Unbewußte durchzusetzen weiß, 
wenn es ein Motiv hat, einen Vorsatz nicht zur Ausführung 
gelangen zu lassen, und wie schwer es ist, sich gegen diese 
Tendenz zu sichern, dafür bietet der folgende Vorfall einen Beleg. 
Ein Bekannter ersucht mich, ihm ein Buch zu leihen und es ihm 
am nächsten Tage mitzubringen. Ich sage sogleich zu, empfinde 
aber ein lebhaftes Unlustgefühl, das ich mir zunächst nicht 
erklären kann. Später wird es mir klar: der Betreffende schuldet 
mir seit Jahren eine Summe Geldes, an deren Bezahlung er 
anscheinend nicht denkt. Ich denke nicht weiter an die Sache, 
erinnere mich aber ihrer am nächsten Vormittag mit dem gleichen 
Unlustgefühl und sage mir sofort : ,Dein Unbewußtes wird darauf 
hinarbeiten, daß du das Buch vergißt. Du willst aber nicht 
ungefällig sein und wirst deshalb alles tun, um nicht zu vergessen.' 
Ich komme nach Hause, packe das Buch in Papier und lege es 
neben mich auf den Schreibtisch, an dem ich Briefe schreibe. Nach 
einiger Zeit gehe ich fort; nach wenigen Schritten erinnere ich mich 
daß ich die Briefe, die ich zur Post mitnehmen wollte, auf dem 
Schreibtisch liegen gelassen habe. (Beiläufig bemerkt war einer 
darunter, in dem ich einer Person, die mich in einer bestimmten 
Angelegenheit fördern sollte, etwas Unangenehmes schreiben mußte.) 
Ich kehre um, hole die Briefe und gehe wieder weg. In der Elek- 
trischen fällt mir ein, daß ich meiner Frau versprochen habe ihr 
einen Einkauf zu besorgen, und ich bin recht befriedigt bei dem 
Gedanken, daß es nur ein kleines Päckchen sein wird. Hier stellt 
sich plötzlich die Assoziation Päckchen — Buch her und jetzt merke 
ich, daß ich das Buch nicht bei mir habe. Ich hatte es also nicht 
nur das erstemal, als ich fortging, vergessen, sondern auch konse- 
quent übersehen, als ich die Briefe holte, neben denen es lag." 
g) Das Nämliche in einer eingehend analysierten Beobachtung 
von Otto Rank: 

„Ein peinUch ordentlicher und pedantisch genauer Mann 
berichtet das folgende, für ihn ganz außergewöhnliche Erlebnis. 



XI. Kombinierte Fehlleistungen 259 

Eines Nachmittags, als er auf der Straße nach der Zeit sehen 
will, bemerkt er, daß er seine Uhr zu Hause vergessen hat, was 
seiner Erinnerung nach noch nie vorgekommen war. Da er für 
den Abend eine pünktliche Verabredung hat und nicht mehr Zeit 
findet, vorher seine Uhr zu holen, benützte er den Besuch bei 
einer befreundeten Dame, um sich ihre Uhr für den Abend aus- 
zuleihen^ dies war um so eher angängig, als er die Dame infolge 
einer früheren Verabredung am nächsten Vormittag zu besuchen 
hatte und bei dieser Gelegenheit die Uhr zurückzustellen ver- 
sprach. Zu seinem Erstaunen merkt er aber, als er tags darauf 
der Besitzerin die entlehnte Uhr überreichen will, daß er nun 
diese zu Hause vergaß; seine eigene Uhr hatte er diesmal zu sich 
gesteckt. Er nahm sich nun fest vor, die Damenuhr noch am 
Nachmittag zurückzustellen, und führte den Vorsatz auch aus. 
Als er aber beim Weggehen nach der Zeit sehen will, hat er zu 
seinem maßlosen Ärger und Erstaunen wieder die eigene Uhr 
vergessen. Diese Wiederholung der Fehlleistung kam dem sonst 
so ordnungsliebenden Manne derart pathologisch vor, daß er gern 
ihre psychologische Motivierung gekannt hätte, die sich auch 
prompt auf die psychoanalytische Fragestellung ergab, ob er an 
dem kritischen Tage des ersten Vergessens irgend etwas Unan- 
genehmes erlebt habe, und in welchem Zusammenhange dies 
geschehen sei. Er erzählt darauf sogleich, daß er nach dem 
Mittagessen, kurz bevor er wegging und die Uhr vergaß, ein 
Gespräch mit seiner Mutter gehabt hatte, die ihm erzählte, ein 
leichtsinniger Verwandter, der ihm schon viel Kummer und Geld- 
opfer verursacht hatte, hätte seine Uhr versetzt; da sie aber zu 
Hause gebraucht werde, ließe er ihn bitten, ihm das Geld zur 
Auslösung zu geben. Diese fast erzwungene Art des Geldleihens 
hatte unseren Mann sehr peinlich berührt und ihm all die 
Unannehmlichkeiten- wieder in Erinnerung gebracht, die ihm 
dieser Verwandte seit vielen Jahren bereitet hatte. Seine Symptom- 
handlung erweist sich demnach als mehrfach determiniert: erstens 



i. 




z6o 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



gibt sie einem Gedankengange Ausdruck, der etwa besagt, ich 
lasse mir das Geld nicht auf diese Weise abpressen, und wenn 
eine Uhr gebraucht wird, so lasse ich eben meine eigene zu 
Hause^ da er sie jedoch abends zur Einhaltung eines Rendezvous 
braucht, kann sich diese Absicht nur auf unbewußtem Wege, in 
Foi-m einer Symptomhandlung, durchsetzen^ zweitens besagt das 
Vergessen soviel als: die ewigen Geldopfer für diesen Taugenichts 
werden mich noch gänzhch zugrunde richten, so daß ich alles 
werde hergeben müssen. Obwohl nun der Ärger über diese Mit- 
teilung nach Angabe des Mannes nur ein momentaner gewesen 
war, zeigt doch die Wiederholung der gleichen Symptomhandlung, 
daß er im Unbewußten intensiv weiterwirkt, etwa wie wenn das 
Bewußtsein sagen würde ; Diese Geschichte geht mir nicht aus dem 
Kopfe.' Daß dann das gleiche Schicksal einmal auch die entlehnte 
Damenuhr betrifft, wird uns nach dieser Einstellung des Unbe- 
wußten nicht wundernehmen. Doch begünstigen vielleicht noch 
spezielle Motive diese Übertragung auf die ,unschuldige' Damen- 
uhr. Das nächstliegende Motiv ist wohl, daß er sie vermuthch 
gern als Ersatz seiner eigenen, aufgeopferten Uhr behalten hätte 
und sie darum am nächsten Tage zurückzugeben vergißt; auch 
hätte er die Uhr vielleicht gern als Andenken an die Dame 
besessen. Femer bietet ihm das Vergessen der Damenuhr 
Gelegenheit, die verehrte Dame ein zweites Mal zu besuchen • er 
hatte sie ja des Morgens emer anderen Sache wegen aufsuchen 
müssen und scheint mit dem Vergessen der Uhr gleichsam anzu- 
deuten, daß ihm dieser schon längere Zeit vorher bestimmte 
Besuch zu schade sei, um ihn noch nebenbei zur Rückgabe der 
Uhr zu benützen. Auch spricht das zweimalige Vergessen der 
eigenen und die dadurch ermöglichte Rückstellung der fremden 
Uhr dafür, daß unser Mann es unbewußterweise zu Termeiden 



1) Dieses Weiterwirken im Unbewußten äußert sich einmal in Form eines 
Traumes, welcher der Fehlhandlung folgt, ein andermal in der Wiederholung der- 
flelben oder in der Unterlassung einer Korrektur. 



— ■ ■ 



XI. Kombinierte Fehlleistungen 



261 



sucht, beide Uhren gleichzeitig zu tragen. Er trachtet offenbar, 
diesen Anschein des Überflusses zu vermeiden, der in zu auf- 
fälligem Gegensatz zu dem. Mangel des Verwandten stünde; 
andererseits aber weiß er damit seiner anscheinlichen Heirats- 
absicht der Dame gegenüber mit der Selbstmahnung zu begegnen, 
daß er seiner Familie (Mutter) gegenüber unlösbare Verpflichtungen 
habe. Ein weiterer Grund für das Vergessen einer Damenuhr mag 
endlich darin zu suchen sein, daß er sich am Abend zuvor als 
Junggeselle vor seinen Bekannten geniert hatte, auf die Damenuhr 
zu sehen, was er nur verstohlen tat, und daß er, um die Wieder- 
holung dieser peinlichen Situation zu vermeiden, die Uhr nicht 
mehr zu sich stecken mochte. Da er sie aber andererseits zurück- 
zustellen hatte, so resultiert auch hier die unbewußt vollzogene 
Symptom handlung, die sich als Kompromißbildung zwischen 
widerstreitenden Gefühlsregungen und als teuer erkaufter Sieg 
der unbewußten Instanz erweist." (Zentralblalt f. Psychoanalyse, 

II, 5) 

Drei Beobachtungen von J. Stärcke (1. c): 

6) Verlegen-Zerbrechen-Vergessen — als Aus- 
druck eines zurückgedrängten Gegen w illens : „Von 
einer Sammlung Illustrationen für eine wissenschaftliche Arbeit 
sollte ich eines Tages meinem Bruder einige leihen, welche er 
als Lichtbilder bei einem Vortrag benutzen wollte. Obgleich ich 
einen Augenblick den Gedanken verspürte, daß ich die Repro- 
duktionen, die ich mit vieler Mühe gesammelt hatte, lieber in 
keiner Weise vorgeführt oder publiziert sähe, bevor ich das selbst 
machen könnte, versprach ich ihm, die Negative der gewünschten 
Bilder aufzusuchen und Laternenbilder davon anzufertigen. — 
Diese Negative konnte ich aber nicht finden. Den ganzen Stapel 
Schachteln voll Negative, die sich auf diesen Gegenstand bezogen, 
sah ich durch, gut zweihundert Negative nahm ich eines nach 
dem anderen in die Hand, aber die Negative, die ich suchte, 
waren nicht dabei. Ich vermutete wohl, daß ich meinem Bruder 



203 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

diese Bilder eigentlich nicht zu gönnen schien. Nachdem ich mir 
diesen abgünstigen Gedanken bewußt gemacht und bestritten 
hatte, bemerkte ich, daß ich die oberste Schachtel des Stapels zur 
Seite gesetzt und diese nicht durchsucht hatte, und diese Schachtel 
enthielt die gesuchten Negative. Auf dem Deckel dieser Schachtel 
stand eine kurze Aufzeichnung betreffs des Inhalts, und wahr- 
scheinlich hatte ich das mit einem flüchtigen Blick gesehen, bevor 
ich diese Schachtel zur Seite setzte. Der abgünstige Gedanke 
schien indessen noch nicht ganz besiegt, denn es geschah noch 
allerlei, bevor die Lichtbilder verschickt waren. Eine von den 
Laternenplatten drückte ich kaputt, während ich diese in der 
Hand hatte und die Glasseite rein putzte (so zerbreche ich sonst 
nie eine Laternenplatte). Als ich von dieser Platte ein neues 
Exemplar angefertigt hatte, fiel es mir aus der Hand und nur 
dadurch, daß ich den Fuß vorstreckte und es darauf auffing, 
zerbrach es nicht. Als ich die Laternenplalten montierte, fiel der 
ganze Haufen noch einmal auf den Boden, glücklicherweise ohne 
daß dabei etwas zerbrach. Und schließlich dauerte es noch 
mehrere Tage, bevor ich sie wh-klich emballierte und versandte, 
da ich mir dieses jeden Tag von neuem vornahm und dieses 
Vornehmen jedesmal wieder vergaß." 

7) Wiederholtes Vergessen — Vergreifen bei der 

endlichen Ausführung: „Eines Tages mußte ich einem 

Bekannten eine Postkarte senden, verschob es aber während 

mehrerer Tage immer wieder, wobei ich ein starkes Vermuten 

hatte, daß folgendes die Ursache davon war: In einem Briefe 

hatte er mir mitgeteilt, daß im Laufe jener Woche mich jemand 

besuchen wollte, auf dessen Besuch ich nicht sehr erpicht war. 

Als diese Woche vorüber war und die Aussicht des ungewünschten 

Besuches sehr gering geworden war, schrieb ich endlich die 

Postkarte, worin ich mitteilte, wann ich zu sprechen sein würde. 

Als ich diese Postkarte schrieb, wollte ich anfangs hinzufügen, 

daß ich wegen druk werk {= emsige, angestrengte oder über- 



XI. Kombinierte Fehlleistungen 265 



häufte Arbeit) am Schreiben behindert gewesen war, aber ich 
schrieb das am Ende nicht, weil diese gewöhnliche Ausrede doch 
von keinem vernünftigen Menschen mehr geglaubt wird. Ob diese 
kleine Unwahrheit sich doch äußern mußte, weiß ich nicht, aber 
als ich die Postkarte in den Briefkasten warf, warf ich sie irrtüm- 
licherweise in die untere Öffnung des Kastens; ,Drukwerk' 
{= Drucksachen)." 

8) Vergessen und Irrtum: „Ein Mädchen geht eines 
Morgens, da das Wetter sehr schön ist, nach dem ,Ryksmuseum', 
um dort Gipsabgüsse zu zeichnen. Obgleich sie bei diesem schönen 
Wetter lieber spazieren gehen möchte, entschloß sie sich, doch 
mal emsig zu sein und zu zeichnen. Sie muß zuerst Zeichenpapier 
kaufen. Sie geht zum Laden (ungefähr zehn Minuten vom 
Museum), kauft Bleistifte und andere Zeichengeräte, aber vergißt 
eben das Zeichenpapier zu kaufen, geht dann zum Museum, und 
als sie auf ihrem Stühlchen sitzt, fertig, um anzufangen, da hat 
sie noch kein Papier, so daß sie von neuem zu dem Laden gehen 
muß. Nachdem sie Papier geholt hat, fängt sie wirklich an zu 
zeichnen, geht mit der Arbeit gut vorwärts und hört nach einiger 
Zeit vom Turme des Museums eine große Zahl Glockenschläge. 
Sie denkt: ,Das wird schon zwölf Uhr sein', arbeitet noch fort, 
bis die Turmglocke Viertelstunde spielt, (,das ist Viertel nach 
zwölf, denkt sie), packt jetzt ihre Zeichengeräte ein und entschließt 
sich, durch den ,Vondelpark' zum Hause ihrer Schwester zu 
spazieren, um dort Kaffee zu trinken (= holl. zweite Mahlzeit). 
Beim Suasso-Museum sieht sie zu ihrem Staunen, daß es statt 
halb eins erst zwölf Uhr ist! — Das lockende schöne Wetter 
hatte ihren Fleiß hinters Licht geführt und dadurch hatte sie, als 
die Turmglocke um halb zwölf zwölf schlug, nicht daran gedacht, 
daß eine Turmglocke auch mit der halben Stunde schlägt." 

q) Wie schon einige der vorstehenden Beobachtungen zeigen, 
kann die unbewußt störende Tendenz ihre Absicht auch erreichen, 
indem sie dieselbe Art der Fehlleistung hartnäckig wiederholt. 



^. 



264 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



Ich entnehme ein amüsantes Beispiel hiefür einem Büchlein 
„Frank Wedekind und das Theater", das im Münchener Drei 
Masken-Verlag erschienen ist, muß aber die Verantwortung für 
das in Mark Twainscher Manier erzählte Geschichtchen dem Autor 
des Buches überlassen. 

„In Wedekinds Einakter ,Die Zensur' fällt an der ernstesten 
Stelle des Stückes der Ausspruch : ,Die Furcht vor dem 
Tode ist ein Denkfehler/ Der Autor, dem die Stelle am 
Herzen lag, bat auf der Probe den Darsteller, vor dem Worte 

.Denkfehler' eine kleine Pause zu machen. Am Abend der 

Darsteller ging ganz in seiner Rolle auf, beobachtete auch die 
Pause genau, sagte aber unwillkürlich in feierlichstem Tone: ,Die 
Furcht vor dem Tode ist ein Druckfehler.' Der Autor ver- 
sicherte dem Künstler nach Schluß der Vorstellung auf seine 
Frage, daß er nicht das geringste auszusetzen habe, nur heiße es 
an der betreffenden Stelle nicht: die Furcht vor dem Tode sei 
ein Druckfehler, sondern ein Denkfehler. — Als ,Die Zensur' am 
folgenden Abend wiederhoh wurde, sagte der Darsteller an der 
bewußten Stelle, und zwar wieder m feierlichstem Tone: ,Die 
Furcht vor dem Tode ist ein — Denkzettel.* Wedekind 
spendete dem Schauspieler wieder uneingeschränktes Lob, aber 
bemerkte nur nebenbei, daß es nicht heiße, die Furcht vor dem 
Tode sei ein Denkzettel, sondern ein Denkfehler. — Am nächsten 
Abend wurde wieder ,Die Zensur' gespieh und der Darsteller, mit 
dem sich der Autor inzwischen befreundet und Kunstanschauungen 
ausgetauscht hatte, sagte, als die SteUe kam, mit der feierlichsten 

Miene von der Welt: ,Die Furcht vor dem Tode ist ein 

Druck zettel.' — Der Künstler erhielt des Autors rückhaltlose 
Anerkennung, der Einakter wurde auch noch oft wiederholt, aber 
den Begriff .Denkfehler' hielt der Autor nun ein für allemal für 
endgültig erledigt." 

Rank hat auch den sehr interessanten Beziehungen von „Fehl- 
leistung und Traum" (Zentralbl. f. Psychoanalyse K. S. 266 u. Internat. 



XI, Kombinierte Fehlleistungen 



265 



jitschr. f. Psychoanalyse III, S. 158) Aufmerksamkeit geschenkt, 
denen man aber nicht ohne eingehende Analyse des Traumes 
folgen kann, welcher sich an die Fehlhandlung anschließt. Ich 
träumte einmal in einem längeren Zusammenhange, daß ich 
mein Portemonnaie verloren. Am Morgen vermißte ich es wirklich 
beim Ankleiden j ich hatte vergessen, es beim Auskleiden vor der 
Traumnacht aus der Hosentasche zu nehmen und an seineu 
gewohnten Platz zu legen. Dieses Vergessen war mir also nicht 
unbekannt, es sollte wahrscheinlich einem unbewußten Gedanken 
Ausdruck geben, der für das Auftreten im Trauminhalt vor- 
bereitet war.' 

Ich will nicht behaupten, daß solche Fälle von kombinierten 
Fehlleistungen etwas Neues lehren können, was nicht schon aus 
den Einzelfällen zu ersehen wäre, aber dieser Formenwechsel der 
Fehlleistung bei Erhaltung desselben Erfolges gibt doch den 
plastischen Eindruck eines Willens, der nach einem bestimmten 
Ziele strebt, und widerspricht in ungleich energischerer Weise 
der Auffassung, daß die Fehlleistung etwas Zufälliges und der 
Deutung nicht Bedürftiges sei. Es darf uns auch auffallen, daß es 
in diesen Beispielen einem bewußten Vorsatz so gründlich mißlingt, 
den Erfolg der Fehlleistung hintanzuhalten. Mein Freund setzt 
es doch nicht durch, die Vereinssitzung zu besuchen, und die 
Dame findet sich außerstande, sich von der Medaille zu trennen. 
Jenes Unbekannte, das sich gegen diese Vorsätze sträubt, findet 



1) Daß eine Fehlleistung wie das Verlieren oder Verlegen durch einen Traum 
rüctgängig- gemacht wird, indem man im Traume erfahrt, wo der vermißte Gegen- 
stand zu finden ist, kommt nicht so selten vor, hat aber auch nichts von der Natur 
des Okkulten, so lange Träumer und Verhistträger dieselbe Person sind. Eine junge 
Dame schreibt : „Vor ungefähr vier Monaten verlor ich — in der Bank ~ einen 
sehr schonen Ring. Ich durchsuchte jeden Winkel in meinem Zimmer, fand ihn aber 
nicht. Vor einer Woche träumte mir, er liege neben dem Kasten in der Heizung. 
Der Traum ließ mir natürlich keine Ruhe luid nächsten Morgen fand ich ihn wirklich 
an der Stelle." Sie wundert sich über diesen Vorfall, behauptet, es geschehe ihr oft, 
daß ihre Gedanken und Wünsche so in Erfüllung gehen, unterläßt es aber sich zu 
fragen, welche Veränderung sich in ihrem Leben zwischen dem Verlieren und 
dem Wiederfinden des Ringes zugetragen hat. 



266 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



einen anderen Ausweg, nachdem ihm der erste Weg versperrt 
wird. Zur Überwindung des unbekannten Motivs ist nämüch noch 
etwas anderes als der bewußte Gegenvorsatz erforderhch; es 
brauchte eine psychische Arbeit, welche das Unbekannte dem 
Bewußtsein bekannt macht. 



I 



k 



XU 

DETERMINISMUS 

ZUFALLS- UND ABERGLAUBEN 

GESICHTSPUNKTE 

Als das allgemeine Ergebnis der vorstehenden Einzeler örterungen 
kann man folgende Einsicht hinstellen: Gewisse Unzuläng- 
liclikeiten unserer psychischen Leistungen — deren 
gemeinsamer Charakter sogleich näher bestimmt werden soll ^- 
und gewisse absichtslos erscheinende Verrichtungen 
erweisen sich, wenn man das Verfahren der psycho- 
analytischen Untersuchung auf sie anwendet, als 
wohlmotiviert und durch dem Bewußtsein unbe- 
kannte Motive determiniert. 

Um in die Klasse der so zu erklärenden Phänomene eingereiht 
zu werden, muß eine psychische Fehlleistung folgenden Bedingungen 
genügen. 

q) Sie darf nicht über ein gewisses Maß hinausgehen, welches 
von unserer Schätzung festgesetzt ist und durch den Ausdruck 
„innerhalb der Breite des Normalen" bezeichnet wird. 

b) Sie muß den Charakter der momentanen und zeitweiligen 
Störung an sich tragen. Wir müssen die nämliche Leistung vorher 
korrekter ausgeführt haben oder uns jederzeit zutrauen, sie korrekter 
auszuführen. Wenn wir von anderer Seite korrigiert werden, 
müssen wir die Richtigkeit der Korrektur und die Unrichtigkeit 
unseres eigenen psychischen Vorganges sofort erkennen. 



■^-L .vi:-,,am 



»66 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



c) Wenn wir die Fehlleistung überhaupt wahrnehmen, dürfen 
wir von einer Motivierung derselben nichts in uns verspüren, 
sondej-n müssen versucht sein, sie durch „Unaufmerksamkeit" zu 
erklären oder als „Zufälligkeit" hinzustellen. 

Es verbleiben somit in dieser Gruppe die Fälle von Vergessen 
und die Irrtümer bei besserem Wissen, das Versprechen, 
Verlesen, Verschreiben, Vergreifen und die sogenannten Zufalls- 
handlungen. 

Die gleiche Zusammensetzung mit der Vorsilbe „ver-" deutet für 
die meisten dieser Phänomene die innere Gleichartigkeit sprachlich 
an. An die AufTclärung dieser so bestimmten psychischen Vorgänge 
knüpft aber eine Reihe von Bemerkungen an, die zum Teile ein 
weitergehendes Interesse erwecken dürfen. 

A) Indem wir einen Teil unserer psychischen Leistungen als 
unaufklärbar durch Ziel Vorstellungen preisgeben, verkennen wir 
den Umfang der Determinierung im Seelenleben. Dieselbe reicht 
hier und noch auf anderen Gebieten weiter, als wir es vermuten. 
Ich habe im Jahre 1900 in einem Aufsatz des Literaturhistorikers 
R. M. Meyer in der „Zeit" ausgeführt und an Beispielen 
erläutert gefunden, daß es unmöglich ist, absichtlich und will- 
kürlich einen Unsinn zu komponieren. Seit längerer Zeit weiß 
ich, daß man es nicht zustande bringt, sich eine Zahl nach freiem 
Belieben einfallen zu lassen, ebenso wenig wie etwa einen Namen. 
Untersucht man die scheinbar willkürlich gebildete, etwa mehr- 
stellige, wie im Scherz oder Übermut ausgesprochene Zahl, so 
erweist sich deren strenge Determinierung, die man wirklich 
nicht für möglich gehalten hätte. Ich will nun zunächst ein 
Beispiel eines willkürlich gewählten Vornamens kurz erörtern und 
dann ein analoges Beispiel einer „gedankenlos hingeworfenen" 
Zahl ausführlicher analysieren. 

1) Im Begriffe, die Krankengeschichte einer meiner Patientinnen 
für die Publikation herzurichten, erwäge ich, welchen Vornamen 



XIL Determinismus^ Zufalls- und Jberglauhen, Gesichtspunkte 269 



ich ihr in der Arbeit geben soll. Die Auswahl scheint sehr groß; 
gewiß scMießen sich einige Namen von vornherein aus, in erster 
Linie der echte Name, sodann die Namen meiner eigenen Familien- 
angehörigen, an denen ich Anstoß nehmen würde, etwa noch 
andere Frauennamen von besonders seltsamem Klang; im übrigen 
aber brauchte ich um einen solchen Namen nicht verlegen zu 
sein. Man sollte erwarten und ich erwarte selbst, daß sich mir 
eine ganze Schar weiblicher Namen zur Verfügung stellen wird. 
Anstatt dessen taucht ein einzelner auf, kein zweiter neben ihm, 
der Name Dora. Ich frage nach seiner Determinierung. Wer 
heißt denn nur sonst Dora? Ungläubig möchte ich den nächsten 
Einfall zurückweisen, der lautet, daß das Kindermädchen meiner 
Schwester so heißt. Aber ich besitze so viel Selbstzucht oder Übung 
im Analysieren, daß ich den Einfall festhalte und weiterspinne. 
Da fällt mir auch sofort eine kleine Begebenheit des vorigen 
Abends ein, welche die gesuchte Determinier ung bringt. Ich sah 
auf dem Tisch im Speisezimmer meiner Schwester einen Brief 
liegen mit der Aufschrift: „An Fräulein Rosa W." Erstaunt frage 
ich, wer so heißt, und werde belehrt, daß die vermeintliche Dora 
eigentlich Rosa heißt und diesen ihren Namen beim Eintritt ins 
Haus ablegen mußte, weU meine Schwester den Ruf „Rosa" auch 
auf ihre eigene Person beziehen kann. Ich sagte bedauernd: Die 
armen Leute, nicht einmal ihren Namen können sie beibehalten! 
Wie ich mich jetzt besinne, wurde ich dann für einen Moment 
still und begann an allerlei ernsthafte Dinge zu denken, die ins 
Unklare verliefen, die ich mir jetzt aber leicht bewußt machen 
könnte. Als ich dann am nächsten Tag nach einem Namen für 
eine Person suchte, die ihren eigenen nicht beibehalten 
durfte, fiel mir kein anderer als „Dora" ein. Die Ausschließ- 
lichkeit beruht hier auf fester inhaltlicher Verknüpfung, denn 
in der Geschichte meiner Patientin rührte ein auch für den 
Verlauf der Kur entscheidender Einfluß von der im fremden 
Haus dienenden Person, von einer Gouvernante, her. 



Byo ' Zur Psychopathologie des AlltagslebeTjs 

Diese kleine Begebenheit fand Jahre später eine unerwartete 
Fortsetzung. Als ich einmal die längst veröffentlichte Kranken- 
geschichte des nun Dora genannten Mädchens in meiner Vor- 
lesung besprach, - fiel mir ein, daß ja eine meiner beiden Hörerinnen 
den gleichen Namen Dora, den ich in den verschiedensten Ver-j 
knüpfungen so oft auszusprechen hatte, trage, und ich wandte' 
mich an die junge Kollegin, die mir auch persönlich bekannt, 
war, mit der Entschuldigung, ich hätte wirklich nicht daran! 
gedacht, daß sie auch so heiße, sei aber gern bereit, den Namen 
in der Vorlesung durch einen anderen zu ersetzen. Ich hatte nun! 
die Aufgabe, rasch einen anderen zu wählen, und überlegte^ 
dabei, jetzt dürfe ich nur nicht auf den Vornamen der anderen 
Hörerin kommen und so den psychoanalytisch bereits geschulten 
Kollegen ein schlechtes Beispiel geben. Ich war also sehr zufrieden, 
als mir zum Ersätze für Dora der Name Erna einfiel, dessen 
ich mich nun im Vortrag bediente. Nach der Vorlesung fragte: 
ich mich, woher wohl der Name Erna stammen möge, und 
mußte lachen, als ich merkte, daß die gefürchtete Möglichkeit 
sich bei der Wahl des Ersatznamens dennoch, wenigstens teilweise 
durchgesetzt hatte. Die andere Dame hieß mit ihrem Familien- 
namen Lucerna, wovon Erna ein Stück ist. 

ß) In einem Briefe an einen Freund kündige ich ihm an, daß 
ich jetzt die Korrekturen der Traumdeutung abgeschlossen habe 
und nichts mehr an dem Werke ändern will, „möge es auch 
246y Fehler enthalten". Ich versuche sofort, mir diese Zahl auf- 
zuklären und füge die kleine Analyse noch als Nachschrift 
dem Briefe an. Am besten zitiere ich jetzt, wie .ich damals 
gesch];ieben, als ich mich auf frischer Tat ertappte: 

„Noch rasch einen Beitrag zur Psychopathologie des Alltags- 
lebens. Du findest im Briefe die Zahl 2467 als übermütige 
Willkürschätzung der Fehler, die sich im Traumbuch finden 
werden. Es soll heißen: irgend eine große Zahl, und da stellt 
sich diese ein. Nun gibt es aber nichts Willkürliches, Undeter- 



i 



XII. Determinismus, Zufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte 271 

miniertes im Psychischen. Du wirst also auch mit Recht erwarten, 
daß das Unbewußte sich beeilt hat, die Zahl zu determinieren, 
die von dem Bewußten freigelassen wurde. Nun hatte ich gerade 
vorher in der Zeitung gelesen, daß ein General E. M. als Feld- 
zeugmeister in den Ruhestand getreten ist. Du mußt wissen, der 
Mann interessiert mich. Während ich als militärärztlicher Eleve 
diente, kam er einmal, damals Oberst, in den Krankenstand und 
sagte zum Arzte; ,Sie müssen mich aber in acht Tagen gesund 
machen, denn ich habe etwas zu arbeiten, worauf der Kaiser wartet.' 
Damals nahm ich mir vor, die Laufbahn des Mannes zu ver- 
folgen, und siehe da, heute (1899) ist er am Ende derselben, 
Feldzeugmeister und schon im Ruhestande. Ich wollte ausrechnen, 
in welcher Zeit er diesen Weg zurückgelegt, und nahm an, daß 
ich ihn 1883 im Spital gesehen. Das wären also 17 Jahre. Ich 
erzähle meiner Frau davon und sie bemerkt: ,Da müßtest du also auch 
schon im Ruhestand sein?' Und ich -protestiere: Davor bewahre 
mich Gott. Nach diesem Gespräche setzte ich mich an den Tisch, 
um Dir zu schreiben. Der frühere Gedankengang setzt sich aber 
fort und mit gutem Recht. Es war falsch gerechnet; ich habe 
einen festen Punkt dafür in meiner Erinnerung. Meine Groß- 
iährigkeit, meinen 24. Gebuitstag also, habe ich im Militärarrest 
gefeiert (weil ich mich eigenmächtig absentiert hatte). Das war 
also 1880; es sind 19 Jahre her. Da hast Du nun die Zahl 24 
in 2467! Nimm nun meine Alterszahl 45 und gib 24 Jahre 
hinzu, so bekommst Du 6y ! Das heißt auf die Frage, ob ich 
auch in den Ruhestand treten will, habe ich mir im Wunsche 
noch 24 Jahre Arbeit zugelegt. Offenbar bin ich gekränkt darüber, 
daß ich es in dem Intervall, durch das ich den Obersten M. ver- 
folgt, selbst nicht weit gebracht habe, und doch wie in einer 
Art von Triumph darüber, daß er jetzt schon fertig ist, während 
ich noch alles vor mir habe. Da darf man mit Recht sagen, daß 
nicht einmal die absichtslos hingeworfene Zahl 2467 ihrer Deter- 
minierung aus dem Unbewußten entbehrt." 



U 



273 



Zur Psychopathologie des Alltagslehens 



3) Seit diesem ersten Beispiel von Aufklärung einer scheinbar 
willkürlich gewählten Zahl habe ich den gleichen Versuch vieU 
mals mit dem nämlichen Erfolge wiederholtj aber die meisten 
Fälle sind so sehr intimen Inhalts, daß sie sich der Mitteilung 
entziehen. 

Gerade darum aber will ich es nicht versäumen, eine sehr 
interessante Analyse eines „Zahleneinfalls" hier anzufügen, welche 
Dr. Alfred Adler (Wien) von einem ihm bekannten „durchaus 
gesunden" Gewährsmann erhielt.' „Gestern abends" — so berichtet 
dieser Gewährsmann — „habe ich mich über die ,Psychopatho- 
logie des Alltags' hergemacht und ich hätte das Buch gleich 
ausgelesen, wenn mich nicht ein merkwürdiger Zwischenfall 
gehindert hätte. Als ich nämlich las, daß jede Zahl, die wir 
scheinbar ganz willkürlich ins Bewußtsein rufen, einen bestimmten 
Süjn hat, beschloß ich, einen Versuch zu machen. Es fiel mir 
die Zahl 1734 ein. Nun überstürzten sich folgende 
Einfälle: i754:i7 = ioi2; 102:17 = 6. Dann zerreiße ich die 
Zahl in 17 und 54. Ich bin 54 Jahre alt. Ich betrachte, wie 
ich Ihnen, glaube ich, einmal gesagt habe, das 34. Jahr als das 
letzte Jugendjahr, und ich habe mich darum an meinem letzten 
Geburtstag sehr miserabel gefühh. Am Ende meines 17. Jahres 
begann für mich eine sehr schöne und interessante Periode 
meiner Entwicklung. Ich teile mein Leben in Abschnitte von 
17 Jahren. Was haben nun die Divisionen zu bedeuten? Es fällt 
mir zu der Zahl 102 ein, daß die Nummer 102 der Reclamschen 
Universalbibliothek das Kotzebu esche Stück , Menschenhaß und 
Reue* enthält." 

„ Mein gegenwärtiger psychischer Zustand ist Menschenhaß 
und Reue. Nr. 6 der U.-B. (ich weiß eine ganze Menge Nummern 
auswendig) ist Müllners »Schuld*. Mich quält in einem fort 
der Gedanke, daß ich durch meine Schuld nicht geworden bin. 



1) Psyck-Neur. Wochenschr., Nr. 28, 1905. 



^ 



I 



XII. Determinismus, Zufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte 275 

was ich nach meinen Fähigkeiten hätte werden können. Weiter 
föUt mir ein, daß Nr. 54 der U.-B. eine Erzählung desselben 
M ü 1 1 n e r, betitelt ,Der Kaliber*, enthält. Ich zerreiße das Wort 
in ,Ka-liber'; weiters föUt mir ein, daß es die Worte ,Ali' und 
,Kah* enthält. Das erinnert mich daran, daß ich einmal mit 
meinem (sechsjährigen) Sohne Ali Reime machte. Ich forderte 
ihn auf, einen Reim auf Ali zu suchen. Es fiel ihm keiner ein 
und ich sagte ihm, als er einen von mir wollte: ,Ali reinigt den 
Mund mit hyperman gansaurem Kali/ Wir lachten viel und Ali 
war sehr lieb. In den letzten Tagen mußte ich mit Verdruß 
konstatieren, daß er ,ka (kein) lieher Ali sei'." 

„Ich fragte mich nun: Was ist Nr. 17 der U.-B.?, konnte es 
aber nicht herausbringen. Ich habe es aber früher ganz bestimmt 
gewußt, nehme also an, daß ich diese Zahl vergessen wollte. 
Alles Nachsinnen blieb umsonst. Ich wollte weiter lesen, las aber 
nur mechanisch, ohne ein Wort zu verstehen, da mich die 17 
quälte. Ich löschte das Licht aus und suchte weiter. Schließlich 
fiel mir ein, daß Nr. 17 ein Stück von Shakespeare sein muß. 
Welches aber? Es fällt mir ein: ,Hero und Leander*. Offenbar ein 
blödsinniger Versuch meines Willens mich abzulenken. Ich stehe 
endlich auf und suche den Katalog der U.-B. Nr. 1 7 ist ,Macbeth*. 
Zu meiner Verblüffung muß ich konstatieren, daß ich von dem 
Stücke fast gar nichts weiß, trotzdem es mich nicht weniger 
beschäftigt hat als andere Dramen Shakespeares. Es fällt mir 
nur ein: Mörder, Lady Macbeth, Hexen, ,Schön ist häßlich', und 
daß ich seinerzeit Schillers Macbeth-Bearbeitung sehr schön 
gefunden habe. Zweifellos habe ich also das Stück vergessen 
wollen. Noch fallt mir ein, daß 17 und 54 durch 17 dividiert 
1 und 3 ergibt. Nr. 1 und 2 der U.-B. ist Goethes ,Faust', Ich 
habe früher sehr viel Faustisches in mir gefunden." 

Wir müssen bedauern, daß die Diskretion des Arztes uns keinen 
Einblick in die Bedeutung dieser Reihe von Einfällen gegönnt 
hat. Adler bemerkt, daß dem Manne die Synthese seiner Aus- 
Freud, IV. 18 



374 



Zwr Psychopathologie des Alltagslebens 



einandersetzung nicht gelungen ist. Dieselben würden uns 
auch kaum mitteilenswert erschienen sein, wenn in deren 
Fortsetzung nicht etwas aufträte, was uns den Schlüssel zum 
Verständnis der Zahl 1754. und der ganzen Einfallsreihe in die 
Hand spielte. 

„Heute früh hatte ich freilich ein Erlebnis, das sehr für die 
Richtigkeit der Freudschen Auffassung spricht. Meine Frau, die 
ich beim Aufstehen des Nachts aufgeweckt hatte, fragte mich, 
was ich denn mit dem Katalog der U.-B. gewollt hätte. Ich 
erzählte ihr die Geschichte. Sie fand, daß alles Rabulistik sei, nur 
— sehr interessant — den Macbeth, gegen den ich mich so sehr 
gewehrt hatte, ließ sie gelten. Sie sagte, ihr falle gar nichts ein, 
wenn sie sich eine 2^hl denke. Ich antwortete: ,Machen wir eine 
Probe'. Sie nannte die Zahl 117. Ich erwiderte darauf sofort; 
,17 ist eine Beziehung auf das, was ich dir erzählt habe, ferner 
habe ich dir gestern gesagt: wenn eine Frau im 82. Jahre steht 
und ein Mann im 55., so ist das ein arges Mißverhältnis.' Ich 
frozzle seit ein paar Tagen meine Frau mit der Behauptung, daß 
sie ein altes Mütterchen von 83 Jahren sei. 82~f 35= ^ 17-" 

Der Mann, der seine eigene Zahl nicht zu determinieren wußte, 
fand also sofort die Auflösung, als seine Frau ihm eine angeblich 
willkürlich gewählte Zahl nannte. In Wirklichkeit hatte die Frau 
sehr wohl aufgefaßt, aus welchem Komplex die Zahl ihres Mannes 
stammte, und wählte die eigene 2^hl aus dem nämlichen 
Komplex, der gewiß beiden Personen gemeinsam war, da es 
sich in ihm um das Altersverhältnis der beiden handelte. Wir 
haben es nun leicht, den Zahleneinfall des Mannes zu über- 
setzen. Er spricht, wie Adler andeutet, einen unterdrückten 
Wunsch des Mannes aus, der voll entwickelt lauten würde: 
„Zu einem Manne von 34. Jahren, wie ich einer bin, paßt nur 
eine Frau von 17 Jahren." 

Damit man nicht allzu geringschätzig von solchen „Spielereien" 
denken möge, will ich hinzufügen, was ich kürzlich von Dr. Adler 




XII. Determinismus, Zufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte 275 



erfahren habe, daß ein Jahr nach Veröffentlichung dieser Analyse 
der Mann von seiner Frau geschieden war.' 

4) Ähnliche Aufklärungen gibt Adler für die Entstehung 
obsedierender Zahlen. Auch die Wahl sogenannter „ Lieblings- 
zahlen" ist nicht ohne Beziehung auf das Leben der betreffenden 
Person und entbehrt nicht eines gewissen psychologischen 
Interesses. Ein Mann, der sich zu der besonderen Vorliebe für 
die Zahlen 1 7 und 1 9 bekannte, wußte nach kurzem Besinnen 
anzugeben, daß er mit 17 Jahren in die langersehnte akade- 
mische Freiheit, auf die Universität, gekommen, und daß er ■ 
mit ig Jahren seine erste große Reise und bald darauf seinen 
ersten wissenschaftlichen Fund gemacht. Die Fixierung dieser 
Vorhebe erfolgte aber zwei Lustren später, als die gleichen Zahlen 
zur Bedeutung für sein Liebesleben gelangten. — Ja, selbst 
Zählen, die man anscheinend willkürlich in gewissem Zusammen- 
hange besonders häufig gebraucht, lassen sich durch die Analyse 
auf unerwarteten Sinn zurückführen. So fiel es einem meiner 
Patienten eines Tages auf, daß er im Unmut besonders gern zu 
sagen pflegte: Das habe ich dir schon 17- bis gÖmal gesagt, 
und er fragte sich, ob es auch dafür eine Motivierung gebe. Es 
fiel ihm alsbald ein, daß er an einem 37. Monatstag geboren sei, 
sein jüngerer Bruder aber an einem 26., und daß er Grund habe, 
darüber zu klagen, daß das Schicksal ihm soviel von den Gütern des 
Lebens geraubt, um sie diesem jüngeren Bruder zuzuwenden. Diese 
Parteilichkeit des Schicksals stellte er also dar, indem er von seinem 
Geburtsdatum zehn abzog und diese zum Datum des Bruders hinzu- 
fügte. »Ich bin der Ältere und dennoch so verkürzt worden." 

g) Ich will bei den Analysen von 2^hleinfällen länger verweilen, 
denn ich kenne keine anderen Einzelbeobachtungen, die so 

1) Zur Aufklärung des „Macbeth" in Nr. 17 dw U.-B. teilt mir Adler mit, daß 
der Betreffende in seinem 17. Lebensjahr einer anarchistischen Gesellschaft beigetreten 
war, die sich den Königsmord zum Ziel gesetzt hatte. Darum verfiel wohl der Inhalt 
des „Macbeth" dem Vergessen. Zu jener Zeit erfand die nämliche Person eine Geheim- 
schrift, in der die Buchstaben durch Zahlen ersetzt waren. 



I 



B76 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



schlagend die Existenz von hoch zusammengesetzten Denkvor- 
gängen erweisen würden, von denen das Bewußtsein doch keine 
Kunde hat, und anderseits kein besseres Beispiel von Analysen, 
bei denen die häufig angeschuldigte Mitarbeit des Arztes (die 
Suggestion) so sicher außer Betracht kommt. Ich werde daher 
die Analyse eines Zahleneinfalles eines meiner Patienten (mit 
seiner Zustimmung) hier mitteilen, von dem ich nur anzugeben 
brauche, daß er das jüngste Kind einer langen Kinderreihe ist, 
und daß er den bewunderten Vater in jungen Jahren verloren 
hat. In besonders heiterer Stimmung läßt er sich die Zahl 426^18 
einfallen und stellt sich die Frage: „Also was fällt mir dazu ein? 
Zunächst ein Witz, den ich gehört habe: ,Wenn man einen 
Schnupfen ärztHch behandelt, dauert er 43 Tage, wenn man ihn 
aber unbehandelt läßt — 6 Wochen.*" Das entspricht den ersten 
Ziffern der Zahl 42 = 6X7, In der Stockung, die sich bei ihm 
nach dieser ersten Lösung einstellt, mache ich ihn aufmerksam, 
daß die von ihm gewählte sechsstellige Zahl alle ersten Ziffern 
enthalte bis auf 3 und 5. Nun findet er sofort die Fortsetzung 
der Deutung. „Wir sind 7 Geschwister, ich der jüngste. 5 ent- 
spricht in der Kinderreihe der Schwester A., 5 dem Bruder L^ 
das waren meine beiden Feinde. Ich pflegte als Kind jeden 
Abend zu Gott zu beten, daß er diese meine beiden Quälgeister 
aus dem Leben abberufen solle. Es scheint mir nun, daß ich mir 
hier diesen Wunsch selbst erfüllte^ 3 und 5, der böse Bruder und die 
gehaßte Schwester sind übergangen." — Wenn die Zahl ihre 
Geschwisterreihe bedeutet, was soU das 18 am Ende? Sie wären 
doch nur 7. — „Ich habe oft gedacht, wenn der Vater noch 
länger gelebt hätte, so wäre ich nicht das jüngste Kind geblieben. 
Wenn noch 1 gekommen wäre, so wären wir 8 gewesen, und 
ich hätte ein kleineres Kind hinter mir gehabt, gegen das ich 
den Älteren gespielt hätte." 

Somit war die Zahl aufgeklärt, aber es lag uns noch ob, den 
Zusammenhang zwischen dem ersten Stück der Deutung und den 



I 



r 



XII. Determinismus, Zufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte 277 

folgenden herzustellen. Das ergab sich sehr leicht aus der für 
die letzten Zahlen benötigten Bedingung: Wenn der Vater noch 
länger gelebt hätte. 42^=^6X7 bedeutete den Hohn gegen die 
Arzte, die dem Vater nicht hatten helfen können, drückte also 
in dieser Form den Wunsch nach dem Fortleben des Vaters aus. 
Die ganze Zahl entsprach eigentlich der Erfüllung seiner beiden 
infantilen Wünsche in betreff seines Familienkreises, die beiden 
bösen Geschwister sollten sterben, und ein kleines Geschwisterchen 
hinter ihnen nachkommen, oder auf den kürzesten Ausdruck 
gebracht: Wenn doch lieber die beiden gestorben wären anstatt 
des geliebten Vaters!* 

6) Ein kleines Beispiel aus meiner Korrespondenz. Ein Tele- 
graphendirektor in L. schreibt, sein iS'/aJähriger Sohn, der 
Medizin studieren wolle, beschäftige sich schon jetzt mit der 
Psychopathologie des Alltags und suche seine Eltern von der 
Richtigkeit meiner Aufstellungen zu überzeugen. Ich gebe einen 
der von ihm angestellten Versuche wieder, ohne mich über die 
daran geknüpfte Diskussion zu äußern. 

„Mein Sohn unterhält sich mit meiner Frau über den soge- 
nannten Zufall und erläutert ihr, daß sie kein Lied, keine Zahl 
nennen könne, die ihr wirklich nur ,zufällig* einfielen. Es ent- 
spinnt sich folgende Unterhaltung: Sohn: Nenne mir irgend- 
eine Zahl. — Mutter: 79. — Sohn: Was fällt dir dabei ein? — 
Mutter: Ich denke an den schönen Hut, den ich gestern besich- 
tigte. — Sohn: Was kostete er? — Mutter: igS M. — Sohn: 
Da haben wir es: 158:2 = 79. Dir war der Hut zu teuer und 
du hast gewiß gedacht: ,Wenn er halb soviel kostete, würde ich 
ihn kaufen. 

Gegen diese Ausführungen meines Sohnes erhob ich zunächst 
den Einwand, daß Damen im allgemeinen nicht besonders rech- 
neten und daß sich auch Mutter gewiß nicht klar gemacht habe, 

i) Zur Vereinfachung habe ich einige nicht minder gut passende Zwischeneinfälle 
des Patienten weggelassen. 



79 sei die Hälfte von ig8. Also setze seine Theorie die immer- 
hin unwahrscheinliche Tatsache voraus, daß das Unterbewußtsein 
besser rechne als das normale Bewußtsein. , Durchaus nicht,' 
erhielt ich zur Antwort; ,zugegeben, daß Mutter die Rechnung 
158:2^79 nicht gemacht hat, sie kann aber recht gut diese 
Gleichung gelegentlich gesehen haben 5 ja sie kann im Traume 
sich mit dem Hute beschäftigt und dabei sich klar gemacht 
haben, wie teuer er wäre, wenn er nur die Hälfte kostete.' " 

7) Eine andere Zahlenanalyse entnehme ich Jones (1. c. p. 478). 

Ein Herr seiner Bekanntschaft heß sich die Zahl p86 einfallen 

und forderte ihn dann heraus, sie mit irgend etwas, was er sich 

denke, in Zusammenhang zu bringen. „Die nächste Assoziation 

der Versuchsperson war die Erinnerung an einen längst vergessenen 

Scherz. Am heißesten Tage des Jahres vor sechs Jahren hatte 

eine Zeitung die Notiz gebracht, das Thermometer zeige 986° 

Fahrenheit, offenbar eine groteske Übertreibung von 98'6, dem 

wirkhchen Thermometerstand! Wir saßen während dieser Unter- 

haltung vor einem starken Feuer im Kamin, von dem er sich 

wegrückte, und er bemerkte wahrscheinlich mit Recht, daß die 

große Hitze ihn auf diese Erinnerung gebracht habe. Ich gab 

mich aber nicht so leicht zufrieden und verlangte zu wissen, 

wieso gerade diese Erinnerung bei ihm so fest gehaftet habe. Er 

erzählte, er habe über diesen Scherz so fürchterlich gelacht und 

sich jedesmal von neuem über ihn amüsiert, so oft er ihm wieder 

eingefallen sei. Da ich aber den Scherz nicht besonders gut 

finden konnte, wurde meine Erwartung eines geheimen Sinnes 

dahinter nur noch verstärkt. Sein nächster- Gedanke war, daß die 

Vorstellung der Wärme ihm immer soviel bedeutet habe. Wärme 

sei das Wichtigste in der Welt, die Quelle alles Lebens usw. 

Eine solche Schwärmerei eines sonst recht nüchternen jungen 

Mannes mußte nachdenklich stimmen; ich bat ihn, mit seinen 

Assoziationen fortzufahren. Sein nächster Einfall ging auf den 

Rauchfang einer Fabrik, den er von seinem Schlafzimmer aus 






XII. Determinismus^ Zufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte 27g 



sehen konnte. Er pflegte oft des Abends auf den Rauch und das 
Feuer zu starren, der aus ihm hervorging, und dabei über die 
beklagenswerte Vergeudung von Energie nachzudenken. Wärme, 
Feuer, die Quelle alles Lebens, die Vergeudung von Energie 
aus einer hohen hohlen Röhre — es war nicht schwer, aus 
diesen Assoziationen zu erraten, daß die Vorstellung Wärme und 
Feuer bei ihm mit der Vorstellung von Liebe verknüpft waren, 
wie es im symbolischen Denken gewöhnlich ist, und daß ein 
starker Masturbationskomplex seinen Zahleneinfall motiviert habe. 
Es blieb ihm nichts übrig, als meine Vermutung zu bestätigen." 

Wer sich von der Art, wie das Material der Zahlen im un- 
bewußten Denken verarbeitet wird, einen guten Eindruck holen 
will, den verweise ich auf C. G. Jungs Aufsatz „Ein Beitrag 
zur Kenntnis des Zahlentraumes" (Zentralbl. für Psychoanalyse, 
I, 1912) und auf einen anderen von E. Jones („Unconscious 
manipulations of numbers", ibid. II, 5, 1912). 

In eigenen Analysen dieser Art ist mir zweierlei besonders 
auffälhg;' Erstens die geradezu somnambule Sicherheit, mit der 
ich auf das mir unbekannte Ziel losgehe, mich in einen rech- 
nenden Gedankengang versenke, der dann plötzlich bei der 
gesuchten Zahl angelangt ist, und die Raschheit, mit der sich 
die ganze Nacharbeit vollzieht; zweitens aber der Umstand, daß 
die Zahlen meinem unbewußten Denken so bereitwillig zur 
Verfügung stehen, während ich ein schlechter Rechner bin und 
die größten Schwierigkeiten habe, mir Jahreszahlen, Hausnummern 
und dergleichen bewußt zu merken. Ich finde übrigens in diesen 
unbewußten Gedankenoperationen mit Zahlen eine Neigung zum 
Aberglauben, deren Herkunft mir lange Zeit fremd geblieben ist.' 

1) Herr Rudolf Schneider in München hat eine interessante Eimvendung 
aeeen die Beweiskraft solcher Zahlenanalysen erhohen. (Zu Freuds aiialj-tischer 
Untersuchung des Zahleneinfalles. Internat. Zeitschr. für Psychoanalyse, igzo, Heft i.") 
Er griff gegebene Zahlen aiif, z. B. eine solche, die ihm in einem aufgeschlagenen 
Geschichts werke zuerst in die Augen fiel, oder er legte einer anderen Person eine 
von ihm ausgewählte Zahl vor und sah nun ^\\ ob sich auch zu dieser aufgedrängten 
Zahl anscheinend determinierende Einfälle einstellten. Das war nun wirklich der 



^ 



28o 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



Es wird uns nicht überraschen zu finden, daß nicht nur Zahlen, 
sondern auch Worteinfälle anderer Art sich der analytischen 
Untersuchung regelmäßig als gut determiniert erweisen. 

8) Ein hübsches Beispiel von Herleitung eines obsedierenden, 
d.h. verfolgenden Wortes findet sich bei Jung (Diagnost. Asso- 
ziationsstudien, IV, S. 315). „Eine Dame erzähhe mir, daß ihr seit 
einigen Tagen beständig das Wort ,Taganrog' im Munde liege, 



Fall; m dem emen um se\bst betreffenden Beispiel, das er mitteilt, ergaben die 
Emfalle eine ebenso reichhohe und sinnvoUe Determinierung wie in unseren AnZ 
lysea von spontan aufgetauchten Zahlen, während doch die Zahl im Versuche 
Schneiders als von außen gegeben einer Deternünierung nicht bedürfte. In einem 
zweiten Versuch mit einer fremden Person machte er sich die Aufgahe offenbar lu 
leicht, denn er gab ihr die ZalJ 2 auf, deren Determinierung durch irgendwelche« 
Material bei jedermann gehngen muß. - R. Schneider schließt nun aus seinen 
trlahrurgen zweierlei, erstens „das Psychische besitze zu Zal.Ien dieselben Assozia- 
öonsmoghchkeiten wie zu Begriffen", zweitens das Auftauchen determinierender 
J:.mtalle zu spontanen ZahleneinfäUen beweise nichts für die Herkunft dieser Zahlen 
aus den m ihrer „Analyse« gefundenen Gedanken. Die erstere Folgerung ist nun 
unzweifelhaft richt.g. Man kann zu einer gegebenen Zahl ebenfo leifht etw^ 
Fassendes assoziieren wie zu einem zugerufenen Wort, ja vielleicht noch leichter 
tJ^ ^^.'-'--Pfbarke.t der wenigen Zahlzeichen eine besonders große ist. mS 

dafvon Tr ?"","" 'f '" *'''■ ^'*"'*''^" '^^ -genannten AssoziationsexperimenS^ 
das von der Bleuler- Jung sehen Schule nach den mannigfaltigsten Achtungen 

l^t T ".."*■ '" ^'^'''^ ^'^'^^''" "'^^ ^'^ E^"f^l (Reaktion) durch S 
gegebene Wort (Reizwort) determiniert. Diese Reaktion könnte aber noch von seS 

weut'nT Tf" '^"' '^^ ---g-hen Versuche haben gezeigt daß Zh dt 
KÖr, "r^^"*""/ "=^^' ^^"^ "^^^''" überlassen ist, solderS daß u^ewuflte 

Ärwori-ni-i^r--^^^^^^^^ - -r:: 

determiniert, die sich in der Analyse ergeben, oder durch andere GedaZen dW^b 

hatte. Man muß s.ch nur von dem Eindruck frei machen, daß dies Problem ^ 
Taillen anders liege als für WorteinfäUe. Eine kritische Untersuchung des Problems 
und somit eine Rechtfertigung der psychoanalytischen Ei »falls technik liegt nicht in 
der Absicht dieses Buches. In der analytischen Praxis geht man von der Voraus 
Setzung aus, daß die zweite der erwähnten MögUchkeiten zutreffend und in der 
Mehrzahl der FäUe verwertbar ist. Die Untersuchungen eines Experimentalpsycho- 
logen haben gelehrt, daß sie die bei weitem wahrscheinlichste ist (Po p pelreuterl 
(Vgl. übrigens hieiu die beachtenswerten Ausführungen Bleulers in seinem Buch" 
Das auust.sch-undisziplinierte Denken usw., igig, Abschnitt 9: Von den Wahrschein- 
lichkeiten der psychologischen Erkenntnis.) 




I 



XII. Determinismus, Zufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte 381 

ohne daß sie eine Idee habe, woher das komme. Ich fragte die 
Dame nach den affektbetonten Ereignissen und verdrängten 
Wünschen der Jüngstvergangenheit. Nach einigem Zögern erzählte 
sie mir, daß sie sehr gern einen ,Morgenrock' hätte, ihr 
Mann aber nicht das gewünschte Interesse dafür habe. ,Morgen- 
rock : Tag-an-rock', man sieht die partielle Sinn- und Klangver- 
wandtschaft. Die Determination der russischen Form kommt daher, 
daß ungefähr zu gleicher Zeit die Dame eine Persönlichkeit aus 
Taganrog kennen gelernt hatte." 

9) Dr. E. Hitschmann verdanke ich die Auflösung eines 
anderen Falles, in dem sich ein Vers wiederholt in einer bestimmten 
Örtlichkeit als Einfall aufdrängte, ohne daß dessen Herkunft und 
Beziehungen ersichtlich gewesen wären. 

„Erzählung des Dr. jur. E. : Ich fuhr vor sechs Jahren von 
Biarritz nach San Sebastian. Die Eisenbahnstrecke führt über den 
Bidassoafluß, der hier die Grenze zwischen Frankreich und Spanien 
bildet. Auf der Brücke hat mau einen schönen Blick, auf der 
einen Seite über ein weites Tal und die Pyrenäen, auf der anderen 
Seite weithin über das Meer. Es war ein schöner, heller Sommer- 
tag, alles war erfüllt von Sonne und Licht, ich war auf einer 
Ferienreise, freute mich nach Spanien zu kommen — da fielen mir 
die Verse ein: ,Aber frei ist schon die Seele, schwebet in dem Meer 
von Licht.' 

Ich erinnere mich, daß ich damals darüber nachdachte, woher 
diese Verse seien, und mich dessen nicht entsinnen Icona^e; nach 
dem Rhythmus mußten die Worte aus einem GedichCst'ammen, 
welches aber meiner Erinnerung vollständig entfallen war. Ich 
glaube später, da mir die Verse wiederholt in den Sinn kamen, 
noch mehrere Leute danach gefragt zu haben, ohne etwas 
erfahren zu können. 

Im Vorjahre fuhr ich, von einer spanischen Reise zurückkehrend 
auf derselben Bahnstrecke. Es war stockfinstere Nacht und es 
regnete. Ich sah zum Fenster hinaus, um. zu sehen, ob wir schon 



282 



Zur Psychopathologie des ^Alltagslebens 



in der Grenzstation ankämen, und bemerkte, daß wir auf der 
Bidassoabrücke waren. Sofort kamen mir die oben angeführten 
Verse wieder ins Gedächtnis, und wieder konnte ich mich ihrer 
Herkunft nicht erinnern. 

Mehrere Monate nachher kamen mir zu Hause die Uhland- 
schen Gedichte in die Hand. Ich öffnete den Band und mein 
Bhck fiel auf die Verse: ,Aber frei ist schon die Seele, schwebet 
in dem Meer von Licht*, die den Schluß eines Gedichtes: ,Der 
Waller* bilden. Ich las das Gedicht und erinnerte mich nun ganz 
dunkel, es einmal vor vielen Jahren gekannt zu haben. Der Schau- 
platz der Handlung ist in Spanien, und dies schien mir die einzige 
Beziehung der zitierten Verse zu der von mir beschriebenen Stelle 
der Eisenbahnstrecke zu bilden. Ich war von meiner Entdeckung 
nur halb befriedigt und blätterte mechanisch in dem Buche weiter. 
Die Verse, ,Aber frei ist schon usw.' standen als die letzten auf 
einer Seite. Beim Umblättern fand ich auf der nächsten Seite ein 
Gedicht mit der Überschrift ,Die Bidassoabrücke'. 

Ich bemerke noch, daß mir der Inhalt dieses letzten Gedichtes 
fast noch iremder schien, als der des ersten, und daß seine ersten 
Verse lauten: , Auf der Bidassoabrücke steht ein Heiliger altersgrau, 
segnet rechts die span'schen Berge, segnet links den fränk'schen 



lau. 



t u 



B) Diese Einsicht in die Determinierung scheinbar willkürlich 
gewähher Namen und Zahlen kann vielleicht zur Klärung eines 
anderen Problems beitragen. Gegen die Annahme eines durch- 
gehenden psychischen Determinismus berufen sich bekanntlich 
viele Personen auf ein besonderes Überzeugungsgefühl für die 
Existenz eines freien Willens. Dieses Überzeugungsgefühl besteht 
und weicht auch dem Glauben an den Determinismus nicht. Es 
muß wie alle normalen Gefühle durch irgend etwas berechtigt 
sein. Es äußert sich aber, soviel ich beobachten kann, nicht bei 
den großen und wichtigen Willensentscheidungen; bei diesen 



XII. Determinismus, Zufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte 285 

Gelegenheiten hat man vielmehr die Empfindung des psychischen 
Zwanges und beruft sich gern auf sie („Hier stehe ich, ich kann 
nicht anders")- Hingegen möchte man gerade bei den belanglosen, 
indifferenten Entschließungen versichern, daß man ebensowohl 
anders hätte handeln können, daß man aus freiem, nicht 
motiviertem Willen gehandelt hat. Nach unseren Analysen braucht 
man nun das Recht des Überzeugungsgefühls vom freien Willen 
nicht zu bestreiten. Führt man die Unterscheidung der Motivierung 
aus dem Bewußten von der Motivierung aus dem Unbewußten 
ein, so berichtet uns das Überzeugungsgefühl, daß die bewußte 
Motivierung sich nicht auf alle unsere motorischen Entscheidungen 
erstreckt. Minima non curat praetor. Was aber so von der einen 
Seite freigelassen wird, das empfängt seine Motivierung von 
anderer Seite, aus dem Unbewußten, und so ist die Determinierung 
im, Psychischen doch lückenlos durchgeführt.^ 

C) Wenngleich dem bewußten Denken die Kenntnis von der 
Motivierung der besprochenen Felilleistungen nach der ganzen 
Sachlage abgehen muß, so wäre es doch erwünscht, einen psycho- 
logischen Beweis für deren Existenz aufzufinden j ja es ist aus 
Gründen, die sich bei näherer Kenntnis des Unbewußten ergeben, 
wahrscheinhch, daß solche Beweise irgendwo auffindbar sind. Es 
lassen sich wirklich auf zwei Gebieten Phänomene nachweisen, 
welche einer unbewußten und darum verschobenen Kenntnis von 
dieser Motivierung zu entsprechen scheinen: 

,) Diese Anschauungen über die strenge Determinierung ansclieinend willkürlicher 

psychischer Aktionen haben bereits reiche Früchte für die Psychologie — vielleicht 
auch für die Rechtspflege — getragen, Bleuler und Jung hahen in diesem Sinne 
die Reaktionen beim sogenannten Assoiiationsexperiment versländlich gemacht, bei 
dem die untersuchte Person auf ein ihr zugerufenes Wort mit einem ihr dazu ein- 
fallenden antwortet (Reizwort-Reaktion), und die dabei verlaufene Zeit gemessen wird 
(Reaktionszeil). Jung hat in seinen „Diagnostischen Assoziationsstudien" (1906} gezeigt, 
welch feines Reagens für psychische Zustände wir in dem so gedeuteten Assoziations- 
experiment besitzen. Zwei Schüler des Strafrechtslelirers H, Groß in Prag, Wertheim er 
und Klein, hahen aus diesen Experimenten eine Technik iiu' „Tatbestands-Diagnosiik" 
in strafrechtlichen Fällen entwickelt, deren Prüfung Psychologen und Juristen 
beschäftigt. 



flS4 



Zur Psychopathologie des AUtagslehens 



•\ 



q) Es ist ein auffälliger und allgemein bemerkter Zug im 
Verhalten der Paranoiker, daß sie den kleinen, sonst von uns 
vernachlässigten Details im Benehmen der anderen die größte 
Bedeutung beilegen, dieselben ausdeuten und zur Grundlage 
weitgehender Schlüsse machen. Der letzte Paranoiker z. B., den 
ich gesehen habe, schloß auf ein allgemeines Einverständnis in 
seiner Umgebung, weil die Leute bei seiner Abreise auf dem 
Bahnhof eine gewisse Bewegung mit der einen Hand gemacht 
hatten. Ein anderer hat die Art notiert, wie die Leute a^f der 
Straße gehen, mit den Spazierstöcken fuchteln u, dgl/ 

Die Kategorie des Zufälligen, der Motivierung nicht Bedürftigen, 
welche der Normale für einen Teil seiner eigenen psychischen 
Leistungen und Fehlleistungen gelten läßt, verwirft der Paranoiker 
also in der Anwendung auf die psychischen Äußerungen der 
anderen. Alles, was er an den anderen bemerkt, ist bedeutungs- 
voll, alles ist deutbar. Wie kommt er nur dazu? Er projiziert 
wahrscheinlich in das Seelenleben der anderen, was im eigenen 
unbewußt vorhanden ist, hier wie m so vielen ähnlichen Fällen. 
In der Paranoia drängt sich ebenso vielerlei zum Bewußtsein 
durch, was wir bei Normalen und Neurotikem erst durch die 
Psychoanalyse als im Unbewußten vorhanden nachweisen.^* Der 
Paranoiker hat also hierin in gewissem Sinne recht, er erkennt 
etwas, was dem Normalen entgeht, er sieht schärfer als das normale 
Denkvermögen, aber die Verschiebung des so erkannten Sachver- 
halts auf andere macht seine Erkenntnis wertlos. Die Recht- 
fertigung der einzelnen paranoischen Deutungen wird man dann 
hoffentlich von mir nicht erwarten. Das Stück Berechtigung aber, 
welches wir der Paran oia bei dieser Auffassung der Zufallshand- 

1} Von anderen Gesichtspunkten ausgehend, hat man diese Eem-teilung unwesent- 
licher und lufäUiger Äußenmgen bei anderen zum „Beaiehmigswahn" gerechnet. 

a) Die durch Analyse heivußt zu machenden Phantasien der Hysteriker von 
sexuellen und grausamen Mißhandlungen decken sich z. B. gelegentlich bis ins Einzelne 
mit den Klagen verfolgter Paranoiker. Es ist bemerkenswert, aber nicht unverständlich, 
wenn der identische Inhalt uns auch als Realität in den Veranstaltungen Perverser 
zur Befriedigung ihrer Gelüste entgegentritt. 



f^ 






XII. Determinismus, Zufalls- und Aberglaiihen, Gesichtspunkte 285 

langen zugestehen, wird uns das psychologische Verständnis 
der Überzeugung erleichtern, welche sich beim Paranoiker 
an alle diese Deutungen geknüpft hat. Es ist eben etwas 
Wahres daran; auch unsere nicht als trankhaft zu bezeich- 
nenden Urteilsirrtümer erwerben das ihnen zugehörige Über- 
zeugungsgefühl auf keine andere Art. Dies Gefühl ist für ein 
gewisses Stück des irrtümlichen Gedankenganges oder für die 
Quelle, aus der er stammt, berechtigt und wird dann von uns 
auf den übrigen Zusammenhang ausgedehnt. 

b) Ein anderer Hinweis auf die unbewußte und verschobene 
Kenntnis der Motivierung bei Zufalls- und Fehlleistungen findet 
sich in den Phänomen des Aberglaubens, Ich will meine Meinung 
durch die Diskussion des kleinen Erlebnisses klarlegen, welches für 
mich der Ausgangspunkt dieser Überlegungen war. 

Von den Ferien zurückgekehrt, richten sich meine Gedanken 
alsbald auf die Kranken, die mich in dem neu beginnenden 
Arbeits) ahre beschäftigen sollen. Mein erster Weg gilt einer sehr 
alten Dame, bei der ich (s. oben S. 182) seit Jahren die nämlichen 
ärztlichen Manipulationen zweimal täglich vornehme. Wegen 
dieser Gleichförmigkeit haben sich unbewußte Gedanken sehr 
häufig auf dem Wege zu der Kranken und während der 
Beschäftigung mit ihr Ausdruck verschafft. Sie ist über neunzig 
Jahre alt; es liegt also nahe, sich bei Beginn eines jeden Jahres 
zu fragen, wie lange sie wohl noch zu leben hat. An dem Tage, 
von dem ich erzähle, habe ich Eile, nehme also einen Wagen, der 
mich vor ihr Haus führen soll. Jeder der Kutscher auf dem 
Wagenstandplatz vor meinem Hause kennt die Adresse der alten 
Frau, denn jeder hat mich schon oftmals dahin geführt. Heute 
ereignete es sich nun, daß der Kutscher nicht vor ihrem Hause, 
sondern vor dem gleich bezifferten in einer nahegelegenen und 
wirklich ähnlich aussehenden Parallelstraße Halt macht. Ich merke 
den Irrtum und werfe ihn dem Kutscher vor, der sich entschuldigt. 
Hat das nun etwas zu bedeuten, daß ich vor ein Haus geführt 



: 



a86 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



I 




werde, in dem ich die alte Dame nicht vorfinde? Für mich 
gewiß nicht, aber wenn ich abergläubisch wäre, würde ich 
in dieser Begebenheit ein Vorzeichen erblicken, einen Fingerzeig' 
des Schicksals, daß dieses Jahr das letzte für die alte Frau sein^ 
w^ird. Recht viele Vorzeichen, welche die Geschichte aufbewahrt 
hat, sind in keiner besseren Symbolik begründet gewesen. Ich 
erkläre allerdings den Vorfall für eine Zufälligkeit ohne weiteren 
Sinn. 

,Ganz anders läge der Fall, wenn ich den Weg zu Fuß gemacht 
und dann in „Gedanken", in der „Zerstreutheit" vor das Haus 
der Parallelstraße anstatt vors richtige gekommen wäre. Das 
würde ich für keinen Zufall erklären, sondern für eine der 
Deutung bedürftige Handlung mit unbewußter Absicht. Diesem 
„Vergehen" müßte ich wahrscheinlich die Deutung geben, daß 
ich die alte Dame bald nicht mehr anzutreffen erwarte. 

Ich unterscheide mich also von einem Abergläubischen in 
folgendem : 

Ich glaube nicht, daß ein Ereignis, an dessen Zustandekommen 
mein Seelenleben unbeteiligt ist, mir etwas Verborgenes über die 
zukünftige Gestaltung der Realität lehren kann; ich glaube aber, 
daß eine unbeabsichtigte Äußerung meiner eigenen Seelentätigkeit 
mir allerdings etwas Verborgenes enthüllt, was wiederum nur 
meinem Seelenleben angehört^ ich glaube zwar an äußeren 
(realen) Zufall, aber nicht an innere (psychische) Zufälligkeit. Der 
Abergläubische umgekehrt; er weiß nichts von der Motivierung 
seiner zufälligen Handlungen und Fehlleistungen, er glaubt, daß 
es psychische ZufäUigkeiten gibt; dafür ist er geneigt, dem äußeren 
Zufall eine Bedeutung zuzuschreiben, die sich im realen Geschehen 
äußern ward, im Zufall ein Ausdrucksmittel für etwas draußen 
ihm Verborgenes zu sehen. Die Unterschiede zwischen mir und 
dem Abergläubischen sind zwei; erstens projiziert er eine Moti- 
vierung nach außen, die ich innen suche^ zweitens deutet er den 
Zufall durch ein Geschehen, den ich auf einen Gedanken zurück- 



I 




XII. Determinismus, Zufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte 287 



führe. Aber das Verborgene bei ihm entspricht dem Unbewußten 
bei mir, und der Zwang, den Zufall nicht als Zufall gelten zu 
lassen, sondern ihn zu deuten, ist uns beiden gemeinsam/ 

Ich nehme nun an, daß diese bewußte Unkenntnis und 
unbewußte Kenntnis von der Motivierung der psychischen Zufällig- 
keiten eine der psychischen Wurzeln des Aberglaubens ist. Weil 
der Abergläubische von der Motivierung der eigenen zufalligen 
Handlungen nichts weiß, und weil die Tatsache dieser Moti- 
vierung nach einem Platze in seiner Anerkennung drängt, ist er 
genötigt, sie durch Verschiebung in der Außenwelt unterzubringen. 
Besteht ein solcher Zusammenhang, so wird er kaum auf diesen 
einzelnen Fall beschränkt sein. Ich glaube in der Tat, daß ein 
großes Stück der mythologischen Weltauffassung, die weit bis in 
die modernsten Religionen hinein reicht, nichts anderes ist als 
in die Außenwelt projizierte Psychologie. Die dunkle 
Erkenntnis (sozusagen endopsychische Wahrnehmung) psychischer 
Faktoren und Verhältnisse'* des Unbewußten spiegelt sich — es 
ist schwer, es anders zu sagen, die Analogie mit der Paranoia 



1) Ich knüpfe hier ein schönes Beispiel an, an dem N. s 5 i p o w die 
Verschiedenheit von ah ergläiJji scher, psychoanalytischer und mystischer Auffassung 
li erörtert (Psychoanalyse und Aberglauben, Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 

VIII, 1922)- Er hatte in einer kleinen rnssischen Provinzstadt geheiratet und fuhr 
immittelbar nachher m,it seiner jungen Frau nach Moskau. Auf einer Station, zwei 
Stunden vor dem Ziel, kam ihm der Wunsch, zum Ausgang des Balinhofes zu gehen 
und einen Bück auf die Stadt lu werfen. Der Zug sollte nach seiner Erwartung 
genügend lange verweilen, aber als er nach wenigen Minuten zurückkam, war der 
Zug mit seiner jungen Frau bereits abgefahren. Als seine alte Njanja au Hause von 
diesem Zufall erfuhr, äußerte sie kopfschüttelnd: „Aus dieser Ehe wird nichts 
Ordentliches." Ossipow lachte damals über diese Prophezeiung, Da er aber fünf 
Monate spater von seiner Frau geschieden war, kann er nicht umhin, sein Verlassen 
des Zuges nachträglich als einen „unbewußten Protest" gegen seine Eheschließung 
zu verstehen. Die Stadt, in weicher sich ihm diese Fehlleistung ereignete, gewaiui 
Jahre nachher eine große Bedeutung für ihn, denn in ihr lebte eine Person, mit 
welcher ihn später das Schicksal eng verknüpfte. Diese Person, ja die Tatsache 
j ihrer Existenz war ihm damals völlig unbekannt. Aber die mystische Erklärung 

I seines Verhaltens würde lauten, er habe in jener Stadt den Zug nach Moskau und 

' seine Frau verlassen, weil sich die Zukunft andeuten wollte, die ihm in der 

Beziehung zu dieser Person vorbereitet war. 
1^^^ 3) Die natürlich nichts vom Charakter einer Erkenntnis hat. 



I 



288 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



muß hier zu Hilfe genommen werden — in der Konstruktion 
einer übersinnlichen Realität, welche von der Wissen- 
schaft in Psychologie des Unbewußten zurückverwandelt 
werden' soll. Man könnte sich getrauen, die Mythen vom Paradies 
und Sündenfal], von Gott, vom Guten und Bösen, von der 
Unsterblichkeit u. dgl. in solcher Weise aufzulösen, die Meta-i 
physik in Metapsychologie umzusetzen. Die Kluft zwischenj 
der Verschiebung des Paranoikers und der des Abergläubischen, 
ist minder groß, als sie auf den ersten Blick erscheint. Als die' 
Menschen zu denken begannen, waren sie bekanntlich genötigt,] 
die Außenwelt anthropomorphisch in eine Vielheit von Persönlich-; 
keiten nach ihrem Gleichnis aufzulösen; die Zufälligkeiten, die) 
sie abergläubisch deuteten, waren also Handlungen, Äußerungen: 
von Personen, und sie haben sich demnach genau so benommen: 
wie die Paranoiker, welche aus den unscheinbaren Anzeichen, diej 
ihnen die anderen geben, Schlüsse ziehen, und wie die Gesunden 
alle, welche mit Recht die zufälligen und unbeabsichtigten Hand-; 
lungen ihrer Nebenmenschen zur Grundlage der Schätzung ihres 
Charakters machen. Der Aberglaube erscheint nur so sehr 
deplaciert in unserer modernen, naturwissenschaftlichen, aber noch 
keineswegs abgerundeten Weltanschauung- in der Weltanschauung 
vorwissenschaftlicher Zeiten und Völker war er berechtigt und 
konsequent. 

Der Römer, der eine wichtige Unternehmung aufgab, wenn 
ihm ein widriger Vogelflug begegnete, war also relativ im Recht; 
er handelte konsequent nach seinen Voraussetzungen. Wenn er 
aber von der Unternehmung abstand, weil er an der Schwelle 
seiner Tür gestolpert war {„un Romain retournerait^ so war er 
uns Ungläubigen auch absolut überlegen, ein besserer Seelen- 
kundiger, als wir uns zu sein bemühen. Denn dieses Stolpern 
mußte ihm die Existenz eines Zweifels, einer Gegenströmung in 
seinem Innern beweisen, deren Kraft sich im Moment der 
Ausführung von der Kraft seiner Intention abziehen konnte. Des 



XII. Determinismus, Zufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte 289 

vollen Erfolges ist man nämlich nur dann sicher, wenn alle 
Seelenkräfte einig dem gewünschten Ziel entgegenstreben. Wie 
antwortet Schillers Teil, der so lange gezaudert, den Apfel 
vom Haupte seines Knahen zu schießen, auf die Frage des Vogts, 
wozu er den zweiten Pfeil eingesteckt? 

Mit diesem Pfeil durchbohrt' ich — Euch, 

Wenn ich mein liebes Kind getroffen hatte, 

Und Euer — wahrlich — hält' ich nicht gefehlt, 

D) Wer die Gelegenheit gehabt hat, die verborgenen Seelen- 
regungen der Menschen mit dem Mittel der Psychoanalyse zu 
studiereu, der kann auch über die Qualität der unbewußten 
Motive, die sich im Aberglauben ausdrücken, einiges Neue sagen. 
Am deutlichsten erkennt man bei den oft sehr intelligenten, mit 
Zwangsdenken und Zwangszuständen behafteten Nervösen, daß 
der Aberglaube aus unterdrückten feindseligen und grausamen 
Regungen hervorgeht. Aberglaube ist zum großen Teile Unheils- 
■ erw-artung, und wer anderen häufig Böses gewünscht, aber infolge 

der Erziehung zur Güte solche Wünsche ins Unbewußte verdrängt 
hat dem wird es besonders nahe liegen, die Strafe für solches 
unbewußte Böse als ein ihm drohendes Unheil von außen zu 

erwarten. 

Wenn wir zugeben, daß wir die Psychologie des Aberglaubens 
mit diesen Bemerkungen keineswegs erschöpft haben, so werden 
wir auf der anderen Seite die Frage wenigstens streifen müssen, 
ob denn reale Wurzeln des Aberglaubens durchaus zu bestreiten 
seien, ob es gewiß keine Ahnungen, prophetische Träume, tele- 
pathische Erfahrungen, Äußerungen übersinnlicher Kräfte und 
dergleichen gebe. Ich bin nun weit davon entfernt, diese Phäno- 
mene überall so kurzerhand aburteilen zu wollen, über welche 
so viele eingehende Beobachtungen selbst intellektuell hervor- 
ragender Männer vorliegen, und die am besten die Objekte 
weiterer Untersuchungen bilden sollen. Es ist dann sogar zu 

Freud, IV. »9 



iL 



29° Zkt Psychopathologie des Alltagslebens 



hoffen, daß ein Teil dieser Beobachtungen durch unsere beginnende 
Erkenntnis der unbewußten seelischen Vorgänge zur Aufklärung 
gelangen wird, ohne uns zu grundstürzenden Abänderungen 
unserer heutigen Anschauungen zu nötigen.' Wenn noch andere 
wie z. B. die von den Spiritisten behaupteten Phänomene 
erweisbar werden sollten, so werden wir eben die von der neuen 
Erfahrung geforderten Modifikationen unserer „Gesetze" vornehmen 
ohne an dem Zusammenhang der Dinge in der Welt irre zu 
werden. 

Im Rahmen dieser Auseinandersetzungen kann ich die nun 
aufgeworfenen Fragen nicht anders als subjektiv, d. i. nach meiner 
persönlichen Erfahrung, beantworten. Ich muß leider bekennen, 
daß ich zu jenen unwürdigen Individuen gehöre, vor denen die 
Geister ihre Tätigkeit einstellen und das Übersinnliche entweicht, 
so daß ich niemals in die Lage gekommen bin, selbst etwas zum 
Wunderglauben Anregendes zu erleben. Ich habe wie alle Menschen 
Ahnungen gehabt und Unheil erfahren, aber die beiden wichen 
einander aus, so daß auf die Ahnungen nichts folgte und das 
Unheil unangekündigt über mich kam. Zur Zeit, als ich, ein 
junger Mann, allem m einer fremden Stadt lebte, habe ich oft 
genug meinen Namen plötzlich von einer unverkennbaren, teuren 
Stimme rufen hören und mir dann den Zeitmoment der Halluzi- 
nation notiert, um mich besorgt bei den Daheimgebhebenen zu 
erkundigen, was um jene Zeit vorgefallen. Es war nichts. Zum 
Ersatz dafür habe ich später ungerührt und ahnungslos mit 
meinen Kranken gearbeitet, während mein Kmd einer Verblutung 
zu erliegen drohte. Es hat auch keine der Ahnungen, von denen 
mir Patienten berichtet haben, meine Anerkennung als reales 
1' Phänomen erwerben können. Doch muß ich gestehen, daß ich 

in den letzten Jahren einige merkwürdige Erfahrungen gemacht 

i) E. Hit seh mann. Zur Kritik des HeUsehens, Wiener Klinische Rundschau, 1910, 
Nr. 6, und Ein Dichter und sein Vater, Beitrag zur Psychologie religiöser Bekehrung 
und telepathischer Phänomene, Imago, IV, 1915/16. 



XII. Determinismus^ Zufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte 291 



habe, die durch die Annahme telepathischer Gedankenübertragung 
leichte Aufklärung gefunden hätten. 

Der Glaube an prophetische Träume zählt viele Anhänger, 
weil er sich darauf stützen kann, daß manches sich wirklich in 
der Zukunft so gestaltet, wie es der Wunsch im Traume vorher 
: konstruiert hat/ Allein daran ist wenig zu verwundern, und 
zwischen dem Traum und der Erfüllung lassen sich in der Regel 
noch weitgehende Abweichungen nachweisen, welche die Gläubig- 
keit der Träumer zu vernachlässigen liebt. Ein schönes Beispiel 
eines mit Recht prophetisch zu nennenden Traumes bot mir 
einmal eine intelligente und wahrheitsliebende Patientin zur 
genauen Analyse. Sie erzählte, daß sie einmal geträumt, sie treffe 
ihren früheren Freund und Hausarzt vor einem bestimmten 
Laden einer gewissen Straße, und als sie am nächsten Morgen 
in die innere Stadt ging, traf sie ihn wirkhch an der im Traume 
genannten Stelle. Ich bemerke, daß dieses wunderbare Zusammen- 
treffen seine Bedeutung durch kein nachfolgendes Erlebnis erwies, 
also nicht aus dem Zukünftigen zu rechtfertigen war. 

Das sorgfältige Examen stellte fest, daß kein Beweis dafür 
vorliege, die Dame habe den Traum bereits am Morgen nach 
der Traumnacht, also vor dem Spaziergang und der Begegnung, 
erinnert. Sie konnte nichts gegen eine Darstellung des Sach- 
verhaltes einwenden, die der Begebenheit alles Wunderbare nimmt 
und nur ein interessantes psychologisches Problem übrig läßt. Sie 
ist eines Vormittags durch die gewisse Straße gegangen, hat vor 
dem einen Laden ihren alten Hausarzt begegnet und nun bei 
seinem Anblick die Überzeugung bekommen, daß sie die letzte 
Nacht von diesem Zusammentreffen an der nämlichen Stelle 
geträumt habe. Die Analyse konnte dann mit großer Wahrschein- 
lichkeit andeuten, wie sie zu dieser Überzeugung gekommen war, 
welcher man ja nach allgemeinen Regeln ein gewisses Anrecht 

1) Vgl. Freud, Traum und Telepathie (Imago, VIII. 1922. Enthalten in Bd. III 
dieser Gesaratausgabe). 

19- 



293 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



auf Glaubwürdigkeit nicht versagen darf. Ein Zusammentreffen 
am bestimmten Orte nach vorheriger Erwartung, das ist ja der 
Tatbestand eines Rendezvous. Der aUe Hausarzt rief die Erinnerung 
an ahe Zeiten in ihr wach, in denen Zusammenkünfte mit einer 
dritten, auch dem Arzt befreundeten Person für sie bedeutungs- 
voll gewesen waren. Mit diesem Herrn war sie seitdem in Verkehr 
geblieben und hat am Tage vor dem angeblichen Traum vergeb- 
lich auf ihn gewartet. Könnte ich die hier vorliegenden Bezie- 
hungen ausführlicher mitteilen, so wäre es mir leicht zu zeigen, 
daß die Illusion des prophetischen Traumes beim Anblick des 
Freundes aus früherer Zeit äquivalent ist etwa folgender Rede: 
„Ach, Herr Doktor, Sie erinnern mich jetzt an vergangene Zeiten, 
in denen ich niemals vergeblich auf N. zu warten brauchte, wenn 
wir eine Zusammenkunft bestellt hatten." 

Von jenem bekannten „merkwürdigen Zusammentreffen", daß 
man einer Person begegnet, mit welcher man sich gerade in 
Gedanken beschäftigt hat, habe ich bei mir selbst ein einfaches 
und leicht zu deutendes Beispiel beobachtet, welches wahrschein- 
lich ein gutes Vorbild für ähnUche Vorfälle ist. Wenige Tage, 
nachdem mir der Titel eines Professors verliehen worden war, 
der in monarchisch eingerichteten Staaten selbst viel Autorität 
verleiht, lenkten während eines Spazierganges durch die innere 
Stadt meine Gedanken plötzlich in eine kindische Rachephantasie 
ein, die sich gegen ein gewisses Eltempaar richtete. Diese hatten 
mich einige Monate vorher zu ihrem Töchterchen gerufen, bei 
dem sich eine interessante Zwangserscheinung im Anschluß an 
einen Traum eingestellt hatte. Ich brachte dem Falle, dessen 
Genese ich zu durchschauen glaubte, ein großes Interesse entgegen; 
meine Behandlung wurde aber von den Eltern abgelehnt und mir 
zu verstehen gegeben, daß man sich an eine ausländische Autorität, 
die mittels Hypnotismus heile, zu wenden gedenke. Ich phanta- 
sierte nun, daß die Eltern nach dem völligen Mißglücken dieses 
Versuches mich bäten, mit meiner Behandlung einzusetzen, sie 



T 



XII. Determinismus, "Zufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte 305 

hätten jetzt volles Vertrauen zu mir usw. Ich aber antwortete: 
Ja, jetzt, nachdem ich auch Professor geworden bin, haben Sie 
Vertrauen. Der Titel hat an meinen Fähigkeiten weiter nichts 
geändert^ wenn Sie mich als Dozenten nicht brauchen konnten, 
können Sie mich auch als Professor entbehren. — An dieser 
Stelle wurde meine Phantasie durch den lauten Gruß „Habe 
die Ehre, Herr Professor" unterbrochen, und als ich aufschaute, 
ging das nämliche Elternpaar an mir vorüber, an dem ich soeben 
durch die Abweisung ihres Anerbietens Rache genommen hatte. 
Die nächste Überlegung zerstörte den Anschein des Wunderbaren. 
Ich ging auf einer geraden und breiten, fast menschenleeren 
Straße jenem Paar entgegen, hatte bei einem flüchtigen Auf- 
schauen, vielleicht zwanzig Schritte von ihnen entfernt, ihre 
stattlichen Persönlichkeiten erblickt und erkannt, diese Wahr- 
nehmung aber — nach dem Muster einer negativen Halluzination 

aus jenen Gefühlsmotiven beseitigt, die sich dann in der 

anscheinend spontan auftauchenden Phantasie zur Geltung 
brachten. 

Eine andere „Auflösung einer scheinbaren Vorahnung" berichte 
ich nach Otto Rank: 

Vor einiger Zeit erlebte ich selbst eine seltsame Variation 
jenes ,merk würdigen Zusammentreifens*, wobei man einer Person 
begegnet, mit welcher man sich gerade in Gedanken beschäftigt 
hat. Ich gehe unmittelbar vor Weihnachten in die Österreichisch- 
Ungarische Bank, um mir zehn neue Silberkronen zu Geschenfc- 
zwecken einzuwechseln. In ehrgeizige Phantasien versunken, 
die an den Gegensatz meiner geringen Barschaft zu den im 
Bankgebäude aufgestapelten Geldmassen anknüpfen, biege ich 
in die schmale Bankgasse ein, wo die Bank gelegen ist. Vor 
dem Tor sehe ich ein Automobil stehen und viele Leute aus 
und ein gehen. Ich denke mir, die Beamten werden gerade 
für meine paar Kronen Zeit haben 5 ich werde es jedenfalls 
rasch abmachen, die zu wechselnde Geldnote hinlegen und 



294 



Zi/r Psychopathologie des Alltagslebens 



sagen: Bitte, geben Sie mir Gold! — Sogleich bemerke ichl 
meinen Irrtum — ich sollte ja Silber verlangen — imd5 
erwache aus meinen Phantasien. Ich befinde mich nur noch; 
wenige Schritte vom Eingang entfernt und sehe einen jungen i 
Mann mir entgegenkommen, der mir bekannt vorkommt, den ich' 
jedoch wegen meiner Kurzsichtigkeit noch nicht mit Sicherheit: 
zu erkennen vermag. Wie er näher kommt, erkenne ich in ihm] 
einen Schulkollegen meines Bruders, namens Gold, von dessen 
Bruder, einem bekannten Schriftsteller, ich zu Beginn meiner 
literarischen Laufbahn weitgehende Förderung erwartet hatte. 
Sie blieb jedoch aus und mit ihr auch der erhoffte materielle 
Erfolg, mit dem sich meine Phantasie auf dem Wege zur Bank 
beschäftigt hatte. Ich muß also, in meine Phantasien versunken, 
das Herannahen des Herrn Gold unbewußt apperzipiert haben, 
was sich meinem von materiellen Erfolgen träumenden Bewußt- 
sein in der Form darstellte, daß ich beschloß, am Kassenschalter 
Gold — statt des minderwertigen Silbers — zu verlangen. Ander- 
seits scheint aber auch die paradoxe Tatsache, daß mein Unbe- 
wußtes ein Objekt wahrzunehmen imstande ist, welches meinem 
Auge erst später erkennbar wird, zum Teil aus der Komplex- 
bereitschaft (Bleuler) erklärhch, die ja aufs Materielle eingestellt 
war und meine Schritte gegen meni besseres Wissen von Anfang an 
nach jenem Gebäude gelenkt hatte, wo nur die Gold- und Papier- 
geldverwechslung stattfindet" (Zentralblatt für Psychoanalyse, U, 5). 
In die Kategorie des Wunderbaren und Unheimlichen gehört 
auch jene eigentümliche Empfindung, die man in manchen 
Momenten und Situationen verspürt, als ob man genau das 
nämliche schon einmal erlebt hätte, sich in derselben Lage schon 
einmal befunden hätte, ohne daß es je dem Bemühen gelingt, 
das Frühere, das sich so anzeigt, deuthch zu erinnern. Ich weiß, 
daß ich bloß dem lockeren Sprachgebrauch folge, wenn ich das, 
was sich in solchen Momenten in einem regt, eine Empfindung 
heiße; es handelt sich wohl um ein Urteil, und zwar ein 



XII. Determinismus, Zufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte 295 

Erkennungsurteil, aber diese Fälle haben doch einen ganz eigen- 
tümlichen Charakter, und daß man sich niemals an das Gesuchte 
erinnert, darf nicht beiseite gelassen werden. Ich weiß nicht, ob 
dies Phänomen des y,dejä vu" im Ernst zum Erweis einer 
früheren psychischen Existenz des Einzelwesens herangezogen 
worden ist; wohl aber haben die Psychologen ihm ihr Interesse 
zugewendet und die Lösung des Rätsels auf den mannigfaltigsten 
spekulativen Wegen angestrebt. Keiner der beigebrachten Erklärungs- 
versuche scheint mir richtig zu sein, weil in keinem etwas anderes 
als die Begleiterscheinungen und begünstigenden Bedingungen des 
Phänomens in Betracht gezogen wird. Jene psychischen Vorgänge, 
welche nach meinen Beobachtungen allein für die Erklärung 
des „dejä vu" verantwortlich sind, die unbewußten Phantasien 
nämlich, werden ja heute noch von den Psychologen allgemein 
vernachlässigt. 

Ich meine, man tut unrecht, die Empfindung des schon einmal 
Erlebthabens als eine Illusion zu bezeichnen. Es wird vielmehr 
jn solchen Momenten wirklich an etwas gerührt, was man bereits 
einmal erlebt hat, nur kann dies letztere nicht bewußt erinnert 
werden, weil es niemals bewußt war. Die Empfindung des „dej'ä 
jju" entspricht, kurz gesagt, der Erinnerung an eine unbewußte 
Phantasie. Es gibt unbewußte Phantasien (oder Tagträume), wie 
es bewußte solche Schöpfungen gibt, die ein jeder aus seiner 
eigenen Erfahrung kennt. 

Ich weiß, daß der Gegenstand der eingehendsten Behandlung 
würdig wäre, will aber hier nur die Analyse eines einzigen 
Falles von „dejä vu" anführen, in dem sich die Empfindung 
durch besondere Intensität und Ausdauer auszeichnete. Eine jetzt 
5 7 jährige Dame behauptet, daß sie sich aufs schärfste erinnere, 
im Alter von zwölfeinhalb Jahren habe sie einen ersten Besuch 
bei Schulfreundinnen auf dem Lande gemacht, und als sie in den 
Garten eintrat, sofort die Empfindung gehabt, hier sei sie schon 
einmal gewesen; diese Empfindung habe sich, als sie die Wohn- 



2g6 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



räume betrat, wiederholt, so daß sie vorher zu wissen glaubte, 
welcher Raum der nächste sein würde, welche Aussicht man 
von ihm aus haben werde usw. Es ist aber ganz ausgeschlossen 
und durch ihre Erkundigung bei den Eltern widerlegt, daß dieses 
Bekanntheitsgefühl in einem früheren Besuch des Hauses und 
Gartens, etwa in ihrer ei-sten Kindheit, seine Quelle haben könnte. 
Die Dame, die das berichtete, suchte nach keiner psychologischen 
Erklärung, sondern sah in dem Auftreten dieser Empfindung 
einen prophetischen Hinweis auf die Bedeutung, welche eben 
diese Freundinnen später für ihr Gefühlsleben gewannen. Die 
Erwägung der Umstände, unter denen das Phänomen bei ihr 
auftrat, zeigt uns aber den Weg zu einer anderen Auffassung. 
Als sie den Besuch unternahm, ^vußte sie, daß diese Mädchen 
einen einzigen, schwerkranken Bruder hatten, Sie bekam ihn bei 
dem Besuch auch zu Gesichte, fand ihn sehr schlecht aussehend 
und dachte sich, daß er bald sterben werde. Nun war ihr eigener 
einziger Bruder einige Monate vorher an Diphtherie gefährlich 
erkrankt gewesen^ während seiner Krankheit hatte sie vom 
Elternhause entfernt wochenlang bei einer Verwandten gewohnt. 
Sie glaubt, daß der Bruder diesen Landbesuch mitmachte, meint 
sogar, es sei sein erster größerer Ausflug nach der Krankheit 
gewesen; doch ist ihre Erinnerung in diesen Punkten merk- 
würdig unbestimmt, während alle anderen Details, und besonders 
das Kleid, das sie an jenem Tag trug, ihr überdeutlich vor Augen 
stehen. Dem Kundigen wird es nicht schwer fallen, aus diesen 
Anzeichen zu schheßen, daß die Erwartung, ihr Bruder werde 
sterben, bei dem Mädchen damals eine große Rolle gespielt hatte 
und entweder nie bewußt geworden oder nach dem glücklichen 
Ausgang der Krankheit energischer Verdrängung verfallen war. 
Im anderen Falle hätte sie ein anderes Kleid, nämlich Trauer- 
kleidung tragen müssen. Bei den Freundinnen fand sie nun die 
analoge Situation vor, den einzigen Bruder in Gefahr bald zu 
sterben, wie es auch kurz darauf wirklich eintraf. Sie hätte bewußt 



XTI. Determinismus, Zufalls- und Aherglauberif Gesichtspunkte 297 

erinnern sollen, daß sie diese Situation vor wenigen Monaten 
selbst durchlebt hattej anstatt dies zu erinnern, was durch die 
Verdrängung verhindert war, übertrug sie das Erinnerungsgefühl 
auf die Lokalitäten, Garten und Haus, und verfiel der jj'ausse 
reconnaissance" ^ daß sie das alles genau ebenso schon einmal 
gesehen habe. Aus der Tatsache der Verdrängung dürfen wir 
schliei3en, daß die seinerzeitige Erwartung, ihr Bruder werde 
sterben, nicht weit entfernt vom Charakter einer Wunschphantasie 
gewesen war. Sie wäre dann das einzige Kind geblieben. In ihrer 
späteren Neurose litt sie in intensivster Weise unter der Angst, 
ihre Eltern zu verlieren, hinter welcher die Analyse wie gewöhnlich 
den unbewußten Wunsch des gleichen Inhalts aufdecken konnte. 

Meine eigenen flüchtigen Erlebnisse von y,deja vu" habe ich 
mir in ähnlicher Weise aus der Gefühlskonstellation des Moments 
ableiten können. „Das wäre wieder ein Anlaß, jene (unbewußte 
und unbekannte) Phantasie zu wecken, die sich damals und damals 
als Wunsch zur Verbesserung der Situation in mir gebildet hat." 
Diese Erklärung des „de'j'ä vu" ist bisher nur von einem einzigen 
Beobachter gewürdigt worden. Dr. Ferenczi, dem die dritte 
Auflage dieses Buches so viel wertvolle Beiträge verdankt, schreibt 
mir hierüber: „Ich habe mich sowohl bei mir als auch bei anderen 
davon überzeugt, daß das unerklärliche Bekanntheitsgefühl auf 
unbewußte Phantasien zurückzuführen ist, an die man in einer 
aktuellen Situation unbewußt erinnert wird. Bei einem meiner 
Patienten ging es anscheinend anders, in Wirklichkeit ' aber ganz 
analog zu. Dieses Gefühl kehrte bei ihm sehr oft wieder, erwies sich 
aber regelmäßig als von einem vergessenen (verdrängten) 
Traumstück der vergangenen Nacht herrührend. Es scheint 
also, daß das „dejä vu"' nicht nur ' von Tagträumen, sondern 
auch von nächtlichen Träumen abstammen kann." 

Ich habe später erfahren, daß Grasset 1904 eine Erklärung 
des Phänomens gegeben hat, welche der meinigen sehr nahe 
kommt. 



Qg8 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



Im Jahre 1915 habe ich in einer kleinen Abhandlung^ ein 
anderes Phänomen beschrieben, welches' dem „dejä vu" 
recht nahe steht. Es ist das „de'ja raconte'% die lllusioD, 
etwas bereits mitgeteilt zu haben, die besonders interessant ist, 
wenn sie während der psychoanalytischen Behandlung auftritt. 
Der Patient behauptet dann mit allen Anzeichen subjektiver 
Sicherheit, daß er eine bestimmte Erinnerung schon längst 
erzählt hat. Der Arzt ist aber des Gegenteils sicher und kann 
den Patienten in der Regel seines Irrtums überführen. Die 
Erklärung dieser interessanten Fehlleistung ist wohl die, daß der 
Patient den Impuls und Vorsatz gehabt hat, jene Mitteilung zu 
machen, aber versäumt hat, ihn auszuführen "und daß er jetzt 
die Erinnerung an die ersteren als Ersatz für das letztere, die 
Ausführung des Vorsatzes, setzt. 

Einen ähnlichen Tatbestand, wahrscheinlich auch den gleichen 
Mechanismus, zeigen die von Ferenczi so benannten „ver- 
meintlichen Fehlhandlungen".^ Man glaubt, etwas — einen 
Gegenstand — vergessen, verlegt, verloren zu haben und kann 
sich überzeugen, daß man nichts dergleichen getan hat, daß alles 
in Ordnung ist. Eine Patientin kommt z. B. ins Zimmer des 
Arztes zurück mit der Motivierung, sie wolle den Regenschirm 
holen, den sie dort stehen gelassen habe, aber der Arzt bemerkt, 
daß sie ja diesen Schirm — in der Hand hält. Es bestand also 
der Impuls zu einer solchen Fehlleistung und dieser genügte, 
um deren Ausführung zu ersetzen. Bis auf diesen Unterschied 
ist die vermeintliche Fehlleistung der wirklichen gleichzustellen. 
, Sie ist aber sozusagen wohlfeiler. 

E) Als ich unlängst Gelegenheit hatte, einem philosophisch 
gebildeten Kollegen einige Beispiele von Namenvergessen mit 

1) Üter fausse recannaisiance („dejä. raconti^) während der psychoanalytischen 
Arbeit. (Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, I, 1915. Enthalten in Band VI 
dieser Gesamtaiisgabe.1 

2) Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, m, 1915. 



XTI. Determinismus, Xufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte 399 

Analyse vorzutragen, beeilte er sich zu erwidern: Das ist sehr 
schön, aber bei mir geht das Namenvergessen anders zu. So leicht 
darf man es sich offenbar nicht machen; ich glaube nicht, daß 
mein Kollege je vorher an eine Analyse bei Namenvergessen 
gedacht hatte; er konnte auch nicht sagen, Tvie anders es bei ihm 
zugehe. Aber seine Bemerkung berührt doch ein Problem, welches 
viele in den Vordergrund zu stellen geneigt sein werden. Trifft 
die hier gegebene Auflösung der Fehl- und Zufallshandlungen 
allgemein zu oder nur vereinzelt, und wenn letzteres, welches 
sind die Bedingungen, unter denen sie zur Erklärung der auch 
anderswie ermöglichten Phänomene herangezogen werden darf? 
Bei der Beantwortung dieser Frage lassen mich meine Erfahrungen 
im Stiche. Ich kann nur davon abmahnen, den aufgezeigten 
Zusammenhang für selten zu halten, denn so oft ich bei mir 
selbst und bei meinen Patienten die Probe angestellt, hat er sich 
wie in den mitgeteilten Beispielen sicher nachweisen lassen, oder 
haben sich wenigstens gute Gründe, ihn zu vermuten, ergeben. 
Es ist nicht zu verwundem, wenn es nicht alle Male gelingt, 
(Jen verborgenen Sinn der Symptomhandlung zu finden, da die 
Größe der inneren Widerstände, die sich der Lösung widersetzen, 
als entscheidender Faktor in Betracht kommt. Man ist auch nicht 
imstande, bei sich selbst oder bei den Patienten jeden einzelnen 
Traum zu deuten; es genügt, um die Allgemeingültigkeit der 
Theorie zu bestätigen, wenn man nur ein Stück weit in den 
verdeckten Zusammenhang einzudringen vermag. Der Traum, 
der sich beim Versuche, ihn am Tage nachher zu lösen, refraktär 
zeigt, läßt sich oft eine Woche oder einen Monat später sein 
Geheimnis entreißen, wenn eine unterdes erfolgte reale Verän- 
derung die miteinander streitenden psychischen "Wertigkeiten 
herabgesetzt hat. Das nämliche gilt für die Lösung der Fehl- 
und Symptomhandlungen; das Beispiel von Verlesen „Im, Faß 
durch Europa" (auf Seite 119) hat mir die Gelegenheit gegeben 
zu zeigen, wie ein aaifänglich unlösbares Symptom der Analyse 




300 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



I 



zugänglich wird, wenn das reale Interesse an den ver- 
drängten Gedanken nachgelassen hat." Solange die Möglichkeit 
bestand, daß mein Bruder den beneideten Titel vor mir erhalte, 
widerstand das genannte Verlesen allen wiederholten Bemühungen 
der Analyse j nachdem es sich herausgestellt hatte, daß diese 
Bevorzugung unwahrscheinlich sei, klärte sich mir plötzhch der 
Weg, der zur Auflösung desselben führte. Es wäre also unrichtig, 
von all den Fällen, welche der Analyse widerstehen, zu behaupten, 
sie seien durch einen anderen als den hier aufgedeckten psychi- 
schen Mechanismus entstanden^ es brauchte für diese Annahme 
noch andere als negative Beweise. Auch die bei Gesunden wahr- 
scheinlich allgemein vorhandene Bereitwilligkeit, an eine andere 
Erklärung der Fehl- und Symptomhandlungen zu glauben, ist 
jeder Beweiskraft bar; sie ist, wie selbstverständlich, eine Äuße- 
rung derselben seelischen Kräfte, die das Geheimnis hergestellt 
haben und die sich darum auch für dessen Bewahrung einsetzen, 
gegen dessen Aufhellung aber sträuben. 

Auf der anderen Seite dürfen wir nicht übersehen, daß die 
verdrängten Gedanken und Regungen sich den Ausdruck in 
Symptom- und Fehlhandlungen ja nicht selbständig schaffen. 
Die technische Möglichkeit für solches Ausgleiten der Inner- 
vationen muß unabhängig von ihnen gegeben seinj diese wird 
dann von der Absicht des Verdrängten, zur bewußten Geltung 
zu kommen, gern ausgenützt. Welche Struktur- und Funktions- 
relationen es sind, die sich solcher Absicht zur Verfügung stellen, 
das haben für den Fall der sprachlichen Fehlleistung eingehende 



i) Hier knüpfen sehr inleressante ProblDme Ökonomischer Natur an, Fragen, 
welche auf die Tatsache Rücksicht nehmen, daß die psychischen Abläufe auf Lust- 
gewinn und Unlustaufliebung zielen. Es ist bereits ein Ökonomisches Problem, wie 
es möglich wird, einen durch ein Unlustmotiv vergessenen Namen auf dem Wege 
ersetzender Assoziationen wiederzugewinnen. Eine schöne Arbeit von Tausk („Ent- 
wertung des Verdrängungsmotivs durch Rekorapense". Internationale Zeitschrift für 
Psychoanalyse, 1, 1913) zeigt an guten Beispielen, wie der vergessene Name wieder 
zugänglich wird, wenn es gelungen ist, ihn in eine lustbetonte Assoziation ei: 
beziehen, die der bei der Reproduktion zu erwartenden Unlust die Wage halten k 



einiu- 
ann. 



I 



Untersuchungen der Philosophen und Philologen festzustellen 
sich bemüht. Unterscheiden wir so an den Bedingungen der 
Fehl- und Symptonihandlung das unbewußte Motiv von den ihm 
entgegenkommenden physiologischen und psychophysischen Rela- 
tionen, so bleibt die Frage offen, ob es innerhalb der Breite der 
Gesundheit noch andere Momente gibt, welche wie das unbe- 
wußte Motiv und an Stelle desselben, auf dena Wege dieser 
Relationen die Fehl- und Symptomhandlungen zu erzeugen ver- 
m.ögen. Es ist nicht meine Aufgabe, diese Frage zu beantworten. 
Es liegt übrigens auch nicht in meiner Absicht, die Verschieden- 
heiten zwischen der psychoanalytischen und der landläufigen 
Auffassung der Fehlleistungen, die ja groß genug sind, noch zu 
übertreiben. Ich möchte vielmehr auf Fälle hinweisen, in denen 
diese Unterschiede viel von ihrer Schärfe einbüßen. Zu den ein- 
fachsten und unauffälligsten Beispielen des Versprechens und 
Verschreibens, bei denen etwa nur Worte zusammengezogen 
oder Worte und Buchstaben ausgelassen werden, entfallen die 
komplizie*^ei'en Deutungen. Vom Standpunkt der Psychoanalyse 
muß man behaupten, daß in diesen Fällen sich irgendeine 
Störung der Intention angezeigt hat, kann aber nicht angeben, 
woher die Störung stammte und was sie beabsichtigte. Sie 
brachte eben nichts anderes zustande, als ihr Vorhandensein zu 
bekunden. In denselben Fällen sieht man dann auch die von 
uns nie bestrittenen Begünstigungen der Fehlleistung durch laut 
liehe Wertverhältnisse und naheliegende psychologische Assozia 
tionen in Wirksamkeit treten. Eis ist aber eine billige wissen- 
schaftliche Forderung, daß man solche rudimentäre Fälle von 
Versprechen oder Verschreiben nach den besser ausgeprägten 
beurteile, deren Untersuchung so unzweideutige Aufschlüsse über 
die Verursachung der Fehlleistungen ergibt. 

F) Seit den Erörterungen über das Versprechen haben wir uns 
begnügt zu beweisen, daß die Fehlleistungen eine verborgene 



302 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



«- 



Motivierung haben, und uns mit dem Hilfsmittel der Psychoanalyse 
den Weg zur Kenntnis dieser Motivierung gebahnt. Die allgemeine 
Natur und die Besonderheiten der in den Fehlleistungen zum 
Ausdruck gebrachten psychischen Faktoren haben wir bisher fast 
ohne Berücksichtigung gelassen, jedenfalls noch nicht versucht, 
dieselben näher zu bestimmen und auf ihre Gesetzmäßigkeit zu 
prüfen. Wir werden auch jetzt keine gründliche Erledigung des 
Gegenstandes versuchen, denn die ersten Schritte werden uns bald 
belehrt haben, daß man in dieses Gebiet besser von anderer Seite 
einzudringen vermag.' Man kann sich hier mehrere Fragen vorlegen, 
die ich wenigstens anführen und in ihrem Umfang umschreiben 
will. 1.) Welches Inhalts und welcher Herkunft sind die Gedanken 
und Regungen, die sich durch die Fehl- und Zufallshandlungen 
andeuten? 2.) Welches sind die Bedingungen dafür, daß ein Gedanke 
oder eine Regung genötigt und in den Stand gesetzt werde, sich 
dieser Vorfälle als Ausdrucksmittel zu bedienen? 5.) Lassen sich 
konstante und eindeutige Beziehungen zwischen der Art der 
Fehlleistungen und den Qualitäten des durch sie zum Ausdruck 
Gebrachten nachweisen? 

Ich beginne damit, einiges Material zur Beantwortung der letzten 
Frage zusammenzutragen. Bei der Erörterung der Beispiele von 
Versprechen haben wir es für nötig gefunden, über den Inhalt 
der intendierten Rede hinauszugehen, und haben die Ursache 
der Redestörung außerhalb der Intention suchen müssen. Dieselbe 
lag dann in einer Reihe von Fällen nahe und war dem Bewußtsein 
des Sprechenden bekannt. In den scheinbar einfachsten und durch- 
sichtigsten Beispielen war es eine gleichberechtigt klingende, andere 
Fassung desselben Gedankens, die dessen Ausdruck störte, ohne 
daß man hätte angeben können, warum die eine unterlegen, die 
andere dur chgedrungen war (Kontaminationen von Meringer. 

1) Diese Schrift ist durchaus populär gehalten, will nur durch eine Häufung von Bei-1 
spielen den Weg für die notwendige Annahme unbewußter und doch wirk-] 
samer seelischer Vorgänge ebnen und vermeidet aUe theoretischen Erwägungen 
über die Natur dieses Unbewußten. 



XII. Determinismus f Xufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte 503 

und Mayer). In einer zweiten Gruppe von Fällen war das 

Unterliegen der einen Fassung motiviert durch eine Rücksicht, 

die sich aber nicht stark genug zur völligen Zurückhaltung erwies 

(„zum Vorschwein gekommen"). Auch die zurückgehaltene Fassung 

war klar bewußt. Von der dritten Gruppe erst kann man ohne 

Einschränkung behaupten, daß hier der störende Gedanke von 

dem intendierten verschieden w^ar, und kann hier eine, wie es 

scheint, wesentliche Unterscheidung aufstellen. Der störende Gedanke 

ist entweder mit dem gestörten durch Gedankenassoziationen 

verbunden (Störung durch inneren Widerspruch), oder er ist ihm 

wesensfremd, und durch eine befremdende äußerliche Assoziation 

ist gerade das gestörte Wort mit dem störenden Gedanken, der 

oft unbewußt ist, verknüpft. In den Beispielen, die ich aus 

meinen Psychoanalysen gebracht habe, steht die ganze Rede unter 

dem Einfluß gleichzeitig aktiv gewordener, aber völlig unbewußter 

Gedanken, die ich entweder durch die Störung selbst verraten 

(Klapperschlange — Kleopatra) oder einen indirekten Einfluß 

äußern, indem sie ermöglichen, daß die einzelnen Teile der bewußt 

; intendierten Rede einander stören (Asenatmen: wo Hausenaue r- 

straße, Reminiszenzen an eine Französin dahinterstehen). Die 

zurückgehaltenen oder unbewußten Gedanken, von denen die 

Sprechstörung ausgeht, sind von der mannigfaltigsten Herkunft, 

' Eine Allgemeinheit enthüllt uns diese Überschau also nach keiner 

Richtung. 

Die vergleichende Prüfung der Beispiele von Vorlesen und 

[Verschreiben führt zu den nämlichen Ergebnissen. Einzelne Fälle 

[scheinen wie beim Versprechen einer weiter nicht motivierten 

i Verdichtungsarbeit ihr Entstehen zu danken (z. B. : der Apfe). 

fMan möchte aber gern erfahren, ob nicht doch besondere 

Bedingungen erfüllt sein müssen, damit eine solche Verdichtung, 

^die in der Traumarbeit regelrecht, in unserem wachen Denken 

fehlerhaft ist, Platz greife, und bekommt hierüber aus den 

Beispielen selbst keinen Aufschluß. Ich würde es aber ablehnen, 



304 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



hieraus den Schluß zu ziehen, es gebe keine solchen Bedingungen 
als etwa den Nachlaß der bewußten Aufmerksamkeit, da ich von 
anderswoher weiß, daß sich gerade automatische Verrichtungen 
durch Korrektheit und Verläßlichkeit auszeichnen. Ich möchte 
eher betonen, daß hier, wie so häufig in der Biologie, die normalen 
oder dem Normalen angenäherten Verhähnisse ungünstigere Objekte 
der Forschung sind als die pathologischen. Was bei der Erklärung 
dieser leichtesten Störungen dunkel bleibt, wird nach meiner 
Erwartung durch die Aufklärung schwerer Störungen Licht 
empfangen. 

Auch beim Verlesen und Verschreiben fehlt es nicht an Beispielen, 
welche eine entferntere und kompliziertere Motivierung erkennen 
lassen. „Im Faß durch Europa" ist eine Lesestörung, die sich 
durch den Einfluß eines entlegenen, wesensfremden Gedankens 
aufklärt, welcher einer verdrängten Regung von Eifersucht und 
Ehrgeiz entspringt, und den „Wechsel" des Wortes „Beförderung" 
zur Verknüpfung mit dem gleichgültigen und harmlosen Thema, 
das gelesen wurde, benützt. Im Falle B u r c k h a r d ist der Name 
selbst ein solcher „Wechsel". 

Es ist unverkennbar, daß die Störungen der Sprechfunktionei 
leichter Zustandekommen und weniger Anforderungen an die) 
störenden Kräfte stellen als die anderer psychischer Leistungen. 

Auf anderem Boden sieht man bei der Prüfung des Vergessens 
im eigentlichen Sinne, d. h. des Vergessens von vergangenen 
Erlebnissen (das Vergessen von Eigennamen und Fremdworten, 
wie in den Abschnitten I und II, könnte man als „Entfallen", 
das von Vorsätzen als „Unterlassen" von diesem Vergessen sensu 
strictiori absondern). Die Grundbedingungen des normalen Vorgangs 
beim Vergessen sind unbekannt.' Man wird auch daran gemahnt, 

i) Über der Mechanismus des eigentlichen Vergessens kann ich etwa folgende 
Andeutungen geben : Das Ehnneningsmaterial imterliegt im allgemeinen zwei Ein- 
flüssen, der Verdichtung und der Entstellung. Die Entstellung ist das Werk der im 
Seelenleben herrschenden Tendenzen und wendet sich vor allem gegen die affekt- 
wirksam gebliebenen Erinnerungsspuren, die sich gegen die Verdichtung resistenter 



daß nicht alles vergessen ist, was man dafür hält. Unsere Erklärung 
hat es hier nur mit jenen Fallen zu tun, in denen das Vergessen 
bei uns ein Befremden erweckt, insofern es die Regel verletzt, 
daß Unwichtiges vergessen, Wichtiges aber vom Gedächtnis bewahrt 
wird. Die Analyse der Beispiele von Vergessen, die uns nach 
einer besonderen Aufklärung zu verlangen scheinen, ergibt als 
Motiv des Vergessens jedesmal eine Unlust, etwas zu erinnern, 
was peinliche Empfindungen erwecken kann. Wir gelangen zur 
Vermutung, daß dieses Motiv im psychischen Leben sich ganz 
allgemein zu äußern strebt, aber durch andere gegenwirfcende 
Kräfte verhindert wird, sich irgendwie regelmäßig durchzusetzen. 
Umfang und Bedeutung dieser Erinnerungsunlust gegen peinliche 
Eindrücke scheinen der sorgfältigsten psychologischen Prüfung wert 
zu sein; auch die Frage, welche besonderen Bedingungen das 
allgemein angestrebte Vergessen in einzelnen Fällen ermöglichen, 
ist aus diesem weiteren Zusammenhange nicht zu lösen. 

Beim Vergessen von Vorsätzen tritt ein anderes Moment in den 
Vordergrund; der beim Verdrängen des peinlich zu Erinnernden 
-lur vermutete Konflikt wird hier greifbar, und man erkennt bei 
der Analyse der Beispiele regelmäßig einen Gegenwillen, der sich 
dem Vorsatz widersetzt, ohne ihn aufzuheben. Wie bei früher 

veriialten. Die indifferent gewordenen Spuren verfallen dem Vcrdichtimgsvorgang 
ohne Gegemvehr, doch kann man beobachten, daß überdies Enlatellungstendeiizeii 
sich an dem indifferenten Material sättigen, welche dort, wo sie sich äußern wollten, 
unhefriedigt geblieben sind. Da diese Prozesse der Verdichtung und Entstellung sich 
über lange Zeiten hinziehen, während welcher alle frisclien Erlebnisse auf die 
Umgestaltung des Gedächtnisinhaltes einwirken, meinen wir, es sei die Zeit, welche 
die Eriimerungen unsicher und undeutlich macht. Sehr walirscheinlich ist beim 
Vergessen von einer direkten Funktion der Zeit überhaupt nicht die Rede. — An den 
verdrängten Erinnerungsspuren kann man konstatieren, daß sie durch die längste 
Zeitdauer keine Veränderungen erfahren haben. Das Unbewußte ist überhaupt zeitlos. 
Der wichtigste und auch befremdendste Charakter der psychischen Fixierung ist der, 
daß alle Eindrücke einerseits in der nämlichen Art erhalten sind, wie sie aufgenommen 
wurden, und überdies noch in all den Formen, die sie bei den weiteren Entwick- 
Imi^en angenommen haben, ein Verhältnis, welches sich durch keinen Vergleich aus 
einer anderen Sphäre erläutern läßt. Der Theorie zufolge ließe sich also jeder 
frühere Zustand des Gedächtnisinhaltes .wieder für die Erinnerung herstellen, auch 
wenn dessen Elemente alle ursprünglichen Beiiehungen längst gegen neuere ein- 
getauscht haben. 



Fr« od, IV. 



90 



5o6 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



besprochenen Fehlleistungen erkennt man auch hier zwei Typen 
des psychischen Vorganges^ der Gegenwille kehrt sich entweder 
direkt gegen den Vorsatz (bei Absichten von einigem Belang) 
oder er ist dem Vorsatz selbst wesensfremd und stellt seine 
Verbindung mit ihm durch eine äußerliche Assoziation her 
(bei fast indifferenten Vorsätzen). 

Derselbe Konflikt beherrscht die Phänomene des Vergreifens. 
Der Impuls, der sich in der Störung der Handlung äußert, ist 
häufig ein Gegenimpuls, doch noch öfter ein überhaupt fremder, 
der nur die Gelegenheit benützt, sich bei der Ausführung der 
Handlung durch eine Störung derselben zum Ausdruck zu bringen.^ 
Die Fälle, in denen die Störung durch einen inneren Wider- 
spruch erfolgt, sind die bedeutsameren und betreffen auch die 
wichtigeren Verrichtungen. 

Der innere Konflikt tritt dann bei den Zufalls- oder Syraptom- 
handlungen immer mehr zurück. Diese vom Bewußtsein gering 
geschätzten oder ganz übersehenen motorischen Äußerungen! 
dienen so mannigfachen unbewußten oder zurückgehaltene! 
Regungen zum Ausdruck; sie stellen meist Phantasien oderT 
Wünsche symbolisch dar. 

Zur ersten Frage, welcher Herkunft die Gedanken und Regungen 

seien, die sich in den Fehlleistungen zum Ausdruck bringen, läßt 

sich sagen, daß in einer Reihe von Fällen die Herkunft der 

störenden Gedanken von unterdrückten Regungen des Seelenlebens 

leicht nachzuweisen ist. Egoistische, eifersüchtige, feindselige 

Gefühle und Impulse, auf denen der Druck der moralischen 

Erziehung lastet, bedienen sich bei Gesunden nicht selten des 

Weges der Fehlleistungen, um ihre unleugbar vorhandene, aber 

von höheren seelischen Instanzen nicht anerkannte Macht irgendwie 

zu äußern. Das Gewährenlassen dieser Fehl- und Zufallshandlungen 

entspricht zum guten Teile emer bequemen Duldung des 

Unmoralischen. Unter diesen unterdrückten Regungen spielen die 

mannigfachen sexuellen Strömungen keine geringfügige Rolle. Es, 



i 



XII. Determinismus-, ZufaUs- und Aberglauben, Gesichtspunkte 507 



I 

t 



ist ein Zufall des Materials, wenn gerade sie so selten unter 

i den durch die Analyse aufgedeckten Gedanken in meinen 

Beispielen erscheinen. Da ich vorwiegend Beispiele aus meinem 

l eigenen Seelenleben der Analyse unterzogen habe, so war die 

; Auswahl von vornherein parteiisch und auf den Ausschluß des 

Sexuellen gerichtet. Andere Male scheinen es höchst harmlose 

Einwendungen und Rücksichten zu sein, aus denen die störenden 

Gedanken entspringen.. 

Wir stehen nun vor der Beantwortung der zweiten Frage, 
welche psychologischen Bedingungen dafür gelten, daß ein Gedanke 
seinen Ausdruck nicht in voller Form, sondern in gleichsam 
parasitärer, als Modifikation und Störung eines anderen suchen 
müsse. Es liegt nach den auffalligsten Beispielen von Fehlhandlung 
nahe, diese Bedingungen in einer Beziehung zur Bewußtseins- 
fahigkeit zu suchen, in dem mehr oder minder entschieden 
ausgeprägten Charakter des „Verdrängten". Aber die Verfolgung 
durch die Reihe der Beispiele löst diesen Charakter in immer 
mehr verschwommene Andeutungen auf. Die Neigung, über etwas 
als zeitraubend hinwegzukommen, — die Erwägung, daß der 
betreffende Gedanke nicht eigentlich zur intendierten Sache gehört, 
— scheinen als Motive für die Zurücfcdrängung eines Gedankens, 
der dann auf den Ausdruck durch Störung eines anderen 
angewiesen ist, dieselbe Rolle zu spielen wie die moralische 
Verurteilung einer unbotmäßigen Gefühlsregung oder die Abkunft 
von völlig unbewußten Gedanken zügen. Eine Einsicht in die 
allgemeine Natur der Bedingtheit von Fehl- und Zufallsleistungen 
läßt sich auf diese Weise nicht gewinnen. Einer einzigen bedeut- 
samen Tatsache wird man bei diesen Untersuchungen habhaft; je 
harmloser die Motivierung der Fehlleistung ist, je weniger anstößig 
und darum weniger bewußtseinsunfähig der Gedanke ist, der sich 
in ihr zum Ausdruck bringt, desto leichter wird auch die Auf- 
lösung des Phänomens, wenn man ihm seine Aufmerksamkeit 
zugewendet hat; die leichtesten Fälle des Versprechens werden 



3°® Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



sofort bemerkt und spontan korrigiert. Wo es sich um Motivierung 
durch wirklich verdrängte Regungen handelt, da bedarf es zur 
Lösung einer sorgfältigen Analyse, die selbst zeitweise auf 
Schwierigkeiten stoßen oder mißlingen kann. 

Es ist also wohl berechtigt, das Ergebnis dieser letzten Unter- 
suchung als einen Hinweis darauf zu nehmen, daß die befriedigende 
Aufklärung für die psychologischen Bedingungen der Fehl- und 
Zufallshandlungen auf einem anderen Wege und von anderer 
Seite her zu gewinnen ist. Der nachsichtige Leser möge daher in 
diesen Auseinandersetzungen den Nachweis der Bruchflächen sehen 
an denen dieses Thema ziemlich künstlich aus einem größeren 
Zusammenhange herausgelöst wurde. 

G) Einige Worte sollen zum mindesten die Richtung nach 
diesem weiteren Zusammenhange andeuten. Der Mechanismus 
der Fehl- und Zufallshandlungen, wie wir ihn durch die Anwendung 
der Analyse kennen gelernt haben, zeigt in den wesentlichsten 
Punkten eine Übereinstimmung mit dem Mechanismus der 
Traumbildung, den ich in dem Abschnitt „Traumarbeit" meines 
Buches über die Traumdeutung auseinandergesetzt habe. Die 
Verdichtungen und Kompromißbildungen (Kontaminationen) findet 
man hier wie dort^ die Situation ist die nämhche, daß unbewußte 
Gedanken sich auf ungewöhnlichen Wegen, über äußere Assozia- 
tionen, als Modifikation von anderen Gedanken zum Ausdruck 
bringen. Die Ungereimtheiten, Absurditäten und Irrtümer des 
Trauminhaltes, denen zufolge der Traum kaum als Produkt 
psychischer Leistung anerkannt wird, entstehen auf dieselbe Weise, 
freilich mit freierer Benutzung der vorhandenen Mittel, wie. die 
gemeinen Fehler unseres Alltagslebens^ hier wie dort löst sich 
der Anschein inkorrekter Funktion durch die 
eigentümliche Interferenz zweier oder mehrerer 
korrekter Leistungen. Aus diesem Zusammentreffen ist ein- 
wichtiger Schluß zu ziehen: Die eigentümliche ArbeitsweiseJ 



XII, Determinismus, Zufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte 509 

deren auffalligste Leistung wir im Trauminhalt erkennen, darf 
nicht auf den Schlafzustand des Seelenlebens zurückgeführt werden, 
wenn wir in den Fehlhandlungen so reichliche Zeugnisse für 
ihre Wirksamkeit während des wachen Lebens besitzen. Derselbe 
Zusammenhang verbietet uns auch, tiefgreifenden Zerfall der 
Seelentätigkeit, krankhafte Zustände der Funktion als die Bedingung 
dieser uns abnorm und fremdartig erscheinenden psychischen 
Vorgänge anzusehen.' 

Die richtige Beurteilung der sonderbaren psychischen Arbeit, 
welche die Fehlleistung wie die Traumbilder entstehen läßt, 
wird uns erst ermöglicht, wenn wir erfahren haben, daß die 
psychoneurotischen Symptome, speziell die psychischen Bildungen 
der Hysterie und der Zwangsneurose, in ihrem Mechanismus 
alle w^entlichen Züge dieser Arbeitsweise wiederholen. An dieser 
Stelle schlösse sich also die Fortsetzung unserer Untersuchungen 
an. Für uns hat es aber noch ein besonderes Interesse, die Fehl-, 
Zufalls- und Symptomhandlungen in dem Lichte dieser letzten 
Analogie zu betrachten. Wenn wir sie den Leistungen der 
Psychoneurosen, den neurotischen Symptomen, gleichstellen, 
gewinnen zwei oft wiederkehrende Behauptungen, daß die Grenze 
zwischen nervöser Norm und Abnormität eine fließende, und daß 
wir alle ein wenig nervös seien, Sinn und Unterleige. Man kann 
sich vor aller ärztlichen Erfahrung verschiedene Typen von 
solcher bloß angedeuteter Nervosität — von formes frustes der 
Neurosen ^- konstruieren : Fälle, in denen nur wenige Symptome, 
oder diese selten oder nicht heftig auftreten, die Abschwächung 
also in die Zahl, in die Intensität, in die zeitliche Ausbreitung 
der krankhaften Erscheinungen verlegen; vielleicht würde man 
aber gerade den Typus nicht erraten, welcher als der häufigste 
den Übergang zwischen Gesundheit und Krankheit zu vermitteln 
scheint. Der uns vorliegende Typus, dessen Krankheitsäußerungen 
die Fehl- und Symptomhandlungen sind, zeichnet sich nämlich 

i) Vgl. hiezu „Traumdeutung", S. 563. (7. Aufl., S. 449.) 



31 o 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



dadurch aus, daß die Symptome in die mindest wichtigen 
psychischen Leistungen verlegt sind, während alles, was höheren 
psychischen Wert beanspruchen kann, frei von Störung vor sich 
geht. Die gegenteilige Unterbringung der Symptome, ihr Hervor- 
treten an den wichtigsten individuellen und sozialen Leistungen, 
so daß sie Nahrungsaufnahme und Sexualverlcehr, Berufsarbeit 
und Geselligkeit zu stören vermögen, kommt den schweren 
Fällen von Neurose zu und charakterisiert diese besser als etwa 
die Mannigfaltigkeit oder die Lebhaftigkeit der Krankheits- 
äußerungen. 

Der gemeinsame Charakter aber der leichtesten wie der schwer- 
sten Fälle, an dem auch die Fehl- und Zufallshandlungen Anteil 
haben, liegt in der Rückf ührbarkeit der Phänomene 
auf unvollkommen unterdrücktes psychisches 
Material, das, vom Bewußtsein abgedrängt, doch 
nicht jeder Fähigkeit, sich zu äußern, beraubt 
worden ist. 



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INHALTSVERZEICHNIS 



Seite 

I. Vergessen von Eigennamen 6 

n. Vergessen von fremdsprachigen Worten 13 

ni. Vergessen von Namen und Wortfolgen ■ ... 31 

IV. Über Kindheits- und Deckerinnerungen 5 t 

V. Das Versprechen 61 

VT. Verlesen und Versehreiben 1 18 

A) Verlesen i ... 1 18 

B) Verschreiben 12g 

VU. Vergessen von Eindrücken und Vorsätzen 148 

A) Vergessen von Eindrücken und Kenntnissen 151 

B) Das Vergessen von Vorsätzen 168 

VIII- Das Vergreifen i^g 

IX. Symptom- und Zufallshandlungen ais 

X. Irrtümer 3^3 

XI. Kombinierte Fehlleistungen 2*16 

XII. Determinismus. — Zufalls- und Aberglauben. — Gesichtspunkte 267 



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