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Full text of "Aus der Geschichte einer infantilen Neurose"

Aus der v^escJiicli 



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O lg in. Jreud 



„Zwingender als allgemeine Erörterungen bringt uns so eine aus- 
führliche Krankengeschichte dem Freudismus näher* Diese zum Teil 
iiaditrägliche Analyse einer Neurose, die Leim vierjährigen Kinde 
als Angst vor geträumten Wölfen Legann, wen dann in krankhafte 
Frömmigkeit unwerte und im jugendlichen jMannesalter schließlich 
den Charakter eines schweren Zwanges aufwies, hat auf nnge- 
alinte Möglidikeiten der Psychoanalyse Lidit geworfen und ge- 
hört zu Freuds kla.ssi.vcken Schriften. Die vom ebenso külin sdiür- 
fenden wie skeptisdien Verfasser mit sidi selbst geführte Diskussion. 
ob die in der Analyse rekonstruierte Urszene (die Belauschung 
des elterlichen Gesdilcditsverkehres) wirklick erlebt worden ist, 
oder ob die Phantasie des Kindes eine Anleihe Lei- dem Er- 
innerungschats der Gattung macht, wirkt als eine spirituelle Hödut- 
leistung auf steilen Graten der Erkenntnis geradt 
spannend und atemraubend.." („Nation"). 



Je zu 






In ternationahr^ Psy ckoanalyt is eher' Ve rlag 
Leipzig / Wien / Zürich 



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Internationaler 
Psychoanalytischer Verlag 

Leipzig, Hoiplt*l»tr«iit 10 
Wien. VII. Andreas jitie 5 

TAGEBUCH 

EINES 

HALBWÜCHSIGEN MÄDCHENS 

HERAUSGEGEBEN VON 

DR- HERMINE HUG-HEULMUTH 

Dritte Auflage 

(fi.-10. Tausend) 

Das Tagebuch ist ein Juwel. Nodi niemals hat man 
in solcher Klarheit uc /Wahrhaftigkeit in die Seelen- 
regungen hineinblicken können, welche die Entwick- 
lung des Mädchens unserer Gesellscliafls- und Kul- 
turstufe in den Jahren derVcrpubeität kennieiehnep. 

(Prof. Freud) 

„Literari&diesEdlO" : Weibliche Wesen, der bür- 
gerlich tu Welt werden sich beim Tagebuch Seite um 
Seite zurückversetzt fühlen in ihr Linsti männliche 
Wesen wird es statt dessen manche Kleinigkeit 
mitteilen, die sie noch nicht wuBtcn. 

{Lou Andreaa-Salame) 

„Vossischc Zettunjf" : Denkt euch Wedekind« 
kleine Wendn, die am ,JFrÜhlings-ErwB.chen'' SO tra- 
gisch zugrundegeht, habe ihre Erlebnisse aufge- 
zeichnet, denkt sie euch in Gcheimratskreise und 
auf Wiener Boden versetzt- (Monty Jacobs) 

„Frankfurter Zeitung*: Der Londoner Zensor 

war sicher der Meinung, es koMra* ausschließlich in 
Wien, oder höchstens noch beieonatigen Hunnen vor, 
daß das Denken und Fühlen junger Mädchen durch 
bevorstehende physiologische Erscheinungen lebhaft 
beschäftigt wird. In der KotttineoUlrsuse steckt dia 
Schweinerei. 

„Neue Freie Presse": Mir scheint dieses Buch 
eines der kostbarsten, das je die Wissenschaft Hand 
in Hand mit dem Zufall dwrgvooten. 

(Sir faii Zweig 1 ) 

„Zeitscnrift für Sesualwisse~'Jiaft": Wir 

betrachten hier ■inffiAl vrertvolUrwei»« die seelische* 
Wirkungen de» Erwachens und Erkennen* geschlecht- 
licher Dinge und Beziehungen vorn Gesichtspunkte 
der Kinderscclo aus. 

„The New Statesman" : detel Lein« (the mm» 

chosen by the psycho-analyticat •oertty) betbng» to 
the Casanova type of nutabiographer rnther thao 
to th»t of Rousseau and Bashkif tseff. Shc u 
singularly littlc troubled wilh bor own personslity. 
She weites from a breathless interest in the worid 
nround rather thun from auy morbid takte for iötro- 
spection or seif explanation . . . Btlt it u difficult 
to understand whv any class of grown-up people 
should bc warned* off it. Nothing could be mOte 
healthy minded, less iodecent or morbid thaji Greta'» 
intereit in sex questioiu. 




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4 



Aus der Geschichte 



einer 



infantilen Neurose 



Von 



Sigm. Freud 




1924 
Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Leipzig / Wien / Zürich 



Alle Rechte, 
irisbesonder s das der Übersetzung vorbehalten 

Copyright 1924 
by „Internationaler Psychoanalytischer Verlag Ges. rn. b. H." , Wien 



„Aus der Geschichte einer infantilen Neurose erschien zuerst IQ 18 in 

der Vierten Folge der „Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. 

Von Prof. Dr. Sigm. Freud." Die vorliegende Publikation dieser Arbeit 

ist die erste in selbständiger Buchform. 







INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Druck von K. Liebe}, Wien 



VORBEMERKUNGEN 

Der Krankheitsfall, über welchen ich hier — wiederum nur 
in fragmentarischer Weise — berichten werde, 1 ist durch eine 
Anzahl von Eigentümlichkeiten ausgezeichnet, welche zu ihrer Her- 
vorhebung vor der Darstellung auffordern. Er betrifft einen jungen 
Mann, welcher in seinem achtzehnten Jahr nach einer gonor- 
rhöischen Infektion als krank zusammenbrach und gänzlich ab- 
hängig und existenzunfähig war, als er mehrere Jahre später in 
psychoanalytische Behandlung trat. Das Jahrzehnt seiner Jugend 
vor dem Zeitpunkt der Erkrankung hatte er in annähernd nor- 
maler Weise durchlebt und seine Mittelschulstudien ohne viel 
Störung erledigt. Aber seine früheren Jahre waren von einer 
schweren neurotischen Störung beherrscht gewesen, welche 
knapp vor seinem vierten Geburtstag als Angsthysterie (Tier- 

1) Diese Krankengeschichte ist kurz nach Abschluß der Behandlung in Winter 
1Q14/1915 niedergeschrieben worden unter dem damals frischen Eindruck der Um- 
deutungen, welche C. G. Jung und Alf. Adler an den psychoanalytischen Ergeb- 
nissen vornehmen wollten. Sie knüpft also an den im „Jahrbuch der Psychoanalyse" 
VI, 1914 veröffentlichten Aufsatz: „Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung" 
[Bd. VII dieser Gesamtausgabe] an und ergänzt die dort enthaltene, im wesentlichen 
persönliche Polemik durch objektive Würdigung des analytischen Materials. Sie war 
ursprünglich für den nächsten Band des Jahrbuches bestimmt, aber da sich das Er- 
scheinen desselben durch die Hemmungen des großen Krieges ins Unbestimmbare 
verzögerte, entschloß ich mich, sie dieser von einem neuen Verleger veranstalteten 
Sammlung anzuschließen. Manches, was in ihr zum erstenmal hätte ausgesprochen 
werden sollen, hatte ich unterdes in meinen 1916/1917 gehaltenen „Vorlesungen zur 
Einführung in die Psychoanalyse" behandeln müssen. Der Text der ersten Nieder- 
schrift hat keine Abänderungen von irgend welchem Belang erfahren; Zusätze sind 
durch eckige Klammern kenntlich gemacht. • 






Sigm. Freud 






phobie) begann, sich dann in eine Zwangsneurose mit religiösem 
Inhalt umsetzte und mit ihren Ausläufern bis in sein zehntes 
Jahr hineinreichte. 

Nur diese infantile Neurose wird der Gegenstand meiner Mit- 
seilungen sein. Trotz der direkten Aufforderung des Patienten 
habe ich es abgelehnt, die vollständige Geschichte seiner Er- 
krankung, Behandlung und Herstellung zu schreiben, weil ich 
diese Aufgabe als technisch undurchführbar und sozial unzulässig 
erkannte. Damit fällt auch die Möglichkeit weg, den Zusammen- 
hang zwischen seiner infantilen und seiner späteren definitiven 
Erkrankung aufzuzeigen. Ich kann von dieser letzteren nur an- 
geben, daß der Kranke ihretwegen lange Zeit in deutschen 
Sanatorien zugebracht hat und damals von der zuständigsten 
Stelle als ein Fall von „manisch-depressivem Irresein" klassifiziert 
worden ist. Diese Diagnose traf sicherlich für den Vater des 
Patienten zu, dessen an Tätigkeit und Interessen reiches Leben 
durch wiederholte Anfälle von schwerer Depression gestört worden 
war. An dem Sohne selbst habe ich bei mehrjähriger Beobachtung 
keinen Stimmungswandel beobachten können, der an Intensität 
und nach den Bedingungen seines Auftretens über die ersicht- 
liche psychische Situation hinausgegangen wäre. Ich habe mir 
die Vorstellung gebildet, daß dieser Fall sowie viele andere, die 
von der klinischen Psychiatrie mit mannigfaltigen und wechselnden 
Diagnosen belegt werden, als Folgezustand nach einer spontan 
abgelaufenen, mi,t Defekt ausgeheilten Zwangsneurose aufzu- 
fassen ist. . 

Meine Beschreibung wird also von einer infantilen Neurose 
handeln, die nicht während ihres Bestandes, sondern erst fünf- 
zehn Jahre nach ihrem Ablauf analysiert worden ist. Diese 
Situation hat ihre Vorzüge ebenso wohl wie ihre Nachteile im 
Vergleiche mit der anderen. Die Analyse, die man am neurotischen 
Kind selbst vollzieht, wird von vornherein vertrauenswürdiger er- 
scheinen, aber sie" kann nicht sehr inhaltsreich sein; man muß 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 



dem Kind zuviel Worte und Gedanken leihen und wird viel- 
leicht doch die tiefsten Schichten undurchdringlich für das Be- 
wußtsein finden. Die Analyse der Kindheitserkrankung durch das 
Medium der Erinnerung bei dem Erwachsenen und geistig Ge- 
reiften ist von diesen Einschränkungen frei 5 aber man wird die 
Verzerrung und Zurichtung in Rechnung bringen, welcher die 
eigene Vergangenheit beim Rückblick aus späterer Zeit unter- 
worfen ist. Der erste Fall gibt vielleicht die überzeugenderen 
Resultate, der zweite ist der bei weitem lehrreichere. 

Auf alle Fälle darf man aber behaupten, daß Analysen von 
kindlichen Neurosen ein besonders hohes theoretisches Interesse 
beanspruchen können.. Sie leisten für das richtige Verständnis der 
Neurosen Erwachsener ungefähr soviel wie die Kinderträume für 
die Träume der Erwachsenen. Nicht etwa, daß sie leichter zu 
durchschauen oder ärmer an Elementen wären 5 die Schwierigkeit 
der Einfühlung ins kindliche Seelenleben macht sie sogar zu 
einem besonders harten Stück Arbeit für den Arzt. Aber es sind 
doch in ihnen so viele der späteren Auflagerungen weggefallen, 
daß das Wesentliche der Neurose unverkennbar hervortritt. Der 
Widerstand gegen die Ergebnisse der Psychoanalyse hat bekannt- 
lich in der gegenwärtigen Phase des Kampfes um die Psycho- 
analyse eine neue Form angenommen. Man begnügte sich früher 
damit, den von der Analyse behaupteten Tatsachen die Wirk- 
lichkeit zu bestreiten, wozu eine Vermeidung der Nachprüfung 
die beste Technik schien. Dies Verfahren scheint sich nun lang- 
sam zu erschöpfen; man schlägt jetzt den anderen Weg ein, die 
Tatsachen anzuerkennen, aber die Folgerungen, die sich aus ihnen 
ergeben, durch Umdeutungen zu beseitigen, so daß man sich 
der anstößigen Neuheiten doch wieder erwehrt hat. Das Studium 
der kindlichen Neurosen erweist die volle Unzulänglichkeit dieser 
seichten oder gewaltsamen Umdeutungsversuche. Es zeigt den 
überragenden Anteil der so gern verleugneten libidinösen Trieb- 
kräfte an der Gestaltung der Neurose auf und läßt die Ab- 



Sigm. Freud 



Wesenheit fernliegender kultureller Zielstrebungen erkennen, von 
denen das Kind noch nichts weiß, und die ihm darum nichts 
bedeuten können. 

Ein anderer Zug, welcher die hier mitzuteilende Analyse der 
Aufmerksamkeit empfiehlt, hängt mit der Schwere der Er- 
krankung und der Dauer ihrer Behandlung zusammen. Die in 
kurzer Zeit zu einem günstigen Ausgang führenden Analysen 
werden für das Selbstgefühl des Therapeuten wertvoll sein und 
die ärztliche Bedeutung der Psychoanalyse dartun ; für die 
Förderung der wissenschaftlichen Erkenntnis bleiben sie meist 
belanglos. Man lernt nichts Neues aus ihnen. Sie sind ja nur 
darum so rasch geglückt, weil man bereits alles wußte, was zu 
ihrer Erledigung notwendig war. Neues kann man nur aus 
Analysen erfahren, die besondere Schwierigkeiten bieten, zu 
deren Überwindung man dann viel Zeit verbraucht. Nur in 
diesen Fällen erreicht man es, in die tiefsten und primitivsten 
Schichten der seelischen Entwicklung herabzusteigen und von 
dort die Lösungen für die Probleme der späteren Gestaltungen 
zu holen. Man sagt sich dann, daß, streng genommen, erst die 
Analyse, welche so weit vorgedrungen ist, diesen Namen ver- 
dient. Natürlich belehrt ein einzelner Fall nicht über alles, was 
man wissen möchte. Richtiger gesagt, er könnte alles lehren, 
wenn man nur imstande wäre, alles aufzufassen und nicht 
durch die Ungeübtheit der eigenen Wahrnehmung genötigt wäre, 
sich mit wenigem zu begnügen. 

An solchen fruchtbringenden Schwierigkeiten ließ der hier zu 
beschreibende Krankheitsfall nichts zu wünschen übrig. Die 
ersten Jahre der Behandlung erzielten kaum eine Änderung. 
Eine glückliche Konstellation fügte es, daß trotzdem alle äußeren 
Verhältnisse die Fortsetzung des therapeutischen Versuches er- 
möglichten. Ich kann mir leicht denken, daß bei weniger günstigen 
Umständen die Behandlung nach einiger Zeit aufgegeben worden 
wäre. Für den Standpunkt des Arztes kann ich nur aussagen, 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 



daß er sich in solchem Falle ebenso „zeitlos" verhalten muß 
wie das Unbewußte selbst, wenn er etwas erfahren und erzielen 
will. Das bringt er schließlich zustande, wenn er auf kurz- 
sichtigen therapeutischen Ehrgeiz zu verzichten vermag. Das 
Ausmaß von Geduld, Gefügigkeit, Einsicht und Zutrauen, welches 
von Seiten des Kranken und seiner Angehörigen erforderlich ist, 
wird man in wenigen anderen Fällen erwarten dürfen. Der 
Analytiker darf sich aber sagen, daß die Ergebnisse, welche er 
an einem Falle in so langer Arbeit gewonnen hat, nun dazu 
verhelfen werden, die Behandlungsdauer einer nächsten, ebenso 
schweren Erkrankung wesentlich zu verkürzen und so die Zeit- 
losigkeit des Unbewußten fortschreitend zu überwinden, nach- 
dem man sich ihr ein erstes Mal unterworfen hat. 

Der Patient, mit dem ich mich hier beschäftige, blieb lange 
Zeit hinter einer Einstellung von gefügiger Teilnahmslosigkeit 
unangreifbar verschanzt. Er hörte zu, verstand und ließ sich 
nichts nahe kommen. Seine untadelige Intelligenz war wie ab- 
geschnitten von den triebhaften Kräften, welche sein Benehmen 
in den wenigen ihm übrig gebliebenen Lebensrelationen be- 
herrschten. Es bedurfte einer langen Erziehung, um ihn zu be- 
wegen, einen selbständigen Anteil an der Arbeit zu nehmen, 
und als infolge dieser Bemühung die ersten Befreiungen auf- 
traten, stellte er sofort die Arbeit ein, um weitere Veränderungen 
zu verhüten und sich in der hergestellten Situation behaglich 
zu erhalten. Seine Scheu vor einer selbständigen Existenz war 
so groß, daß sie alle Beschwerden des Krankseins aufwog. Es 
fand sich ein einziger Weg, um sie zu überwinden. Ich mußte 
warten, bis die Bindung an meine Person stark genug geworden 
war, um ihr das Gleichgewicht zu halten, dann spielte ich 
diesen einen Faktor gegen den anderen aus. Ich bestimmte, 
nicht ohne mich durch gute Anzeichen der Rechtzeitigkeit leiten 
zu lassen, daß die Behandlung zu einem gewissen Termin ab- 
geschlossen werden müsse, gleichgültig, wie weit sie vorgeschritten 



8 Sigm. Freud 



sei. Diesen Termin war ich einzuhalten entschlossen 5 der Patient 
glaubte endlich an meinen Ernst. Unter dem unerbittlichen Druck 
dieser Terminsetzung gab sein Widerstand, seine Fixierung ans 
Kranksein nach, und die Analyse lieferte nun in unverhältnis- 
mäßig kurzer Zeit all das Material, welches die Lösung seiner 
Hemmungen und die Aufhebung seiner Symptome ermöglichte. 
Aus dieser letzten Zeit der Arbeit, in welcher der Widerstand 
zeitweise verschwunden war und der Kranke den Eindruck einer 
sonst nur in der Hypnose erreichbaren Luzidität machte, stammen 
auch alle die Aufklärungen, welche mir das Verständnis seiner 
infantilen Neurose gestatteten. 

So illustrierte der Verlauf dieser Behandlung den von der 
analytischen Technik längst gewürdigten Satz, daß die Länge 
des Weges, welchen die Analyse mit dem Patienten zurückzu- 
legen hat, und die Fülle des Materials, welches auf diesem Wege 
zu bewältigen ist, nicht in Betracht kommen gegen den Wider- 
stand, den man während der Arbeit antrifft, und nur soweit in 
Betracht kommen, als sie dem Widerstände notwendigerweise 
proportional sind. Es ist derselbe Vorgang, wie wenn jetzt eine 
feindliche Armee Wochen und Monate verbraucht, um eine Strecke 
Landes zu durchziehen, die sonst in friedlichen Zeiten in wenigen 
Schnellzugsstunden durchfahren wird, und die von der eigenen 
Armee kurz vorher in einigen Tagen zurückgelegt wurde. 

Eine dritte Eigentümlichkeit der hier zu beschreibenden 
Analyse hat nur den Entschluß, sie mitzuteilen, weiterhin er- 
schwert. Die Ergebnisse derselben haben sich im ganzen mit 
unserem bisherigen Wissen befriedigend gedeckt oder guten An- 
schluß daran gefunden. Manche Einzelheiten sind mir aber selbst 
so merkwürdig und unglaubwürdig erschienen, daß ich Bedenken 
trug, bei anderen um Glauben für sie zu werben. Ich habe den 
Patienten zur strengsten Kritik seiner Erinnerungen aufgefordert, 
aber er fand nichts Unwahrscheinliches an seinen Aussagen und 
hielt an ihnen fest. Die Leser mögen wenigstens überzeugt sein, 



Alis der Geschichte einer infantilen Neurose 



daß ich selbst nur berichte, was mir als unabhängiges Erlebnis, 
unbeeinflußt durch meine Erwartung, entgegengetreten ist. So 
blieb mir denn nichts übrig, als mich des weisen Wortes zu 
erinnern, es gebe mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als 
unsere Schulweisheit sich träumen läßt. Wer es verstünde, seine 
mitgebrachten Überzeugungen noch gründlicher auszuschalten, 
könnte gewiß noch mehr von solchen Dingen entdecken. 









II 

ÜBERSICHT DES MILIEUS UND 
DER KRANKENGESCHICHTE 

Ich kann die Geschichte meines Patienten weder rein historisch 



noch rein pragmatisch schreiben, kann weder eine Behandlungs- 
noch eine Krankengeschichte geben, sondern werde mich ge- 
nötigt sehen, die beiden Darstellungsweisen miteinander zu kom- 
binieren. Es hat sich bekanntlich kein Weg gefunden, um die 
aus der Analyse resultierende Überzeugung in der Wiedergabe 
derselben irgendwie unterzubringen. Erschöpfende protokollarische 
Aufnahmen der Vorgänge in den Analysenstunden würden 
sicherlich nichts dazu leisten ; ihre Anfertigung ist auch durch 
die Technik der Behandlung ausgeschlossen. Man publiziert also 
solche Analysen nicht, um Überzeugung bei denen hervorzu- 
rufen, die sich bisher abweisend und ungläubig verhalten haben. 

■ 

Man erwartet nur solchen Forschern etwas Neues zu bringen, 
die sich durch eigene Erfahrungen an Kranken bereits Über- 
zeugungen erworben haben. 

Ich werde damit beginnen, die Welt des Kindes zu schildern 
und von seiner Kindheitsgeschichte mitzuteilen, was ohne An- 
strengung zu erfahren war, und mehrere Jahre hindurch nicht 
vollständiger und nicht durchsichtiger wurde. 

Jung verheiratete Eltern, die noch eine glückliche Ehe führen, 
auf welche bald ihre Erkrankungen die ersten Schatten werfen, 
die Unterleibskrankheiten der Mutter und die ersten Ver- 
stimmungsanfälle des Vaters, die seine Abwesenheit vom Hause 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 1 1 

zur Folge hatten. Die Krankheit des Vaters lernt der Patient 
natürlich erst sehr viel später verstehen, die Kränklichkeit der 
Mutter wird ihm schon in frühen Kinder jähren bekannt. Sie 
gab sich darum verhältnismäßig wenig mit den Kindern ab. 
Eines Tages, gewiß vor seinem vierten Jahr, hört er, von der 
Mutter an der Hand geführt, die Klagen der Mutter an den 
Arzt mit an, den sie vom Hause weg begleitet, und prägt sich 
ihre Worte ein, um sie später für sich selbst zu verwenden. 
Er ist nicht das einzige Kind 5 vor ihm steht eine um zwei 
Jahre ältere Schwester, lebhaft, begabt, und voreilig schlimm, 
der eine große Rolle in seinem Leben zufällt. 

Eine Kinderfrau betreut ihn, soweit er sich zurückerinnert, ein 
ungebildetes altes Weib aus dem Volke, von unermüdlicher Zärt- 
lichkeit für ihn. Er ist ihr der Ersatz für einen eigenen früh 
verstorbenen Sohn. Die Familie lebt auf einem Landgut, welches 
im Sommer mit einem anderen vertauscht wird. Die große Stadt 
ist von beiden Gütern nicht weit. Es ist ein Abschnitt in seiner 
Kindheit, als die Eltern die Güter verkaufen und in die Stadt 
ziehen. Nahe Verwandte halten sich oft für lange Zeiten auf 
diesem oder jenem Gut auf, Brüder des Vaters, Schwestern der 
Mutter und deren Kinder, die Großeltern von Mutterseite. Im 
Sommer pflegen die Eltern auf einige Wochen zu verreisen. Eine 
Deckerinnerung zeigt ihm, wie er mit seiner Kinderfrau dem 
Wagen nachschaut, der Vater, Mutter und Schwester entführt, 
und darauf friedlich ins Haus zurückgeht. Er muß damals sehr 
klein gewesen sein. 1 Im nächsten Sommer wurde die Schwester 
zu Hause gelassen und eine englische Gouvernante aufgenommen, 
der die Oberaufsicht über die Kinder zufiel. 

In späteren Jahren war ihm viel von seiner Kindheit erzählt 
worden. 2 Vieles wußte er selbst, aber natürlich ohne zeitlichen 



1) 2 1/2 Jahre. Fast alle Zeiten ließen sich später mit Sicherheit bestimmen. 

2) Mitteilungen solcher Art darf man in der Regel als Material von uneinge- 
schränkter Glaubwürdigkeit verwerten. Es läge darum nahe, die Lücken in der 



12 



Sigm, Freud 



oder inhaltlichen Zusammenhang. Eine dieser Überlieferungen, 
die aus Anlaß seiner späteren Erkrankung ungezählte Male vor 
ihm wiederholt worden war, macht uns mit dem Problem be- 
kannt, dessen Lösung uns beschäftigen wird. Er soll zuerst ein 
sehr sanftes, gefügiges und eher ruhiges Kind gewesen sein, so 
daß man zu sagen pflegte, er hätte das Mädchen werden sollen 
und die ältere Schwester der Bub. Aber einmal, als die Eltern 
von der Sommerreise zurückkamen, fanden sie ihn verwandelt. 
Er war unzufrieden, reizbar, heftig geworden, fand sich durch 
jeden Anlaß gekränkt, tobte dann und schrie wie ein Wilder, so 
daß die Eltern, als der Zustand andauerte, die Besorgnis äußerten, 
es werde nicht möglich sein, ihn später einmal in die Schule zu 
schicken. Es war der Sommer, in dem die englische Gouvernante 
anwesend war, die sich als eine närrische, unverträgliche, übrigens 
dem Trünke ergebene Person erwies. Die Mutter war darum 
geneigt, die Charakterveränderung des Knaben mit der Einwirkung 
dieser Engländerin zusammenzubringen, und nahm an, sie habe 
ihn durch ihre Behandlung gereizt. Die scharfsichtige Großmutter, 
die den Sommer mit den Kindern geteilt hatte, vertrat die An- 
sicht, daß die Reizbarkeit des Knaben durch die Zwistigkeiten 
zwischen der Engländerin und der Kinderfrau hervorgerufen sei. 
Die Engländerin hatte die Kinderfrau wiederholt eine Hexe 
geheißen, sie gezwungen, das Zimmer zu verlassen ; der Kleine 
hatte offen die Partei seiner geliebten „Nanja" genommen und 
der Gouvernante seinen Haß bezeigt. Wie dem sein mochte, die 
Engländerin wurde bald nach der Rückkehr der Eltern weg- 
geschickt, ohne daß sich am unleidlichen Wesen des Kindes 
etwas änderte. 



Erinnerung des Patienten durch Erkundigungen bei den älteren Familienmitgliedern 
mühelos auszufüllen, allein ich kann nicht entschieden genug von solcher Technik 
abraten. Was die Angehörigen über Befragen und Aufforderung erzählen, unterliegt 
allen kritischen Bedenken, die in Betracht kommen können. Man bedauert es regel- 
mäßig, sich von diesen Auskünften abhängig gemacht zu haben, hat dabei das Ver- 
trauen in die Analyse gestört und eine andere Instanz über sie gesetzt. Was überhaupt 
erinnert werden kann, kommt im weiteren Verlauf der Analyse zum Vorschein. 






Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 13 

Die Erinnerung an diese schlimme Zeit ist bei dem Patienten 
erhalten geblieben. Er meint, die erste seiner Szenen habe er 
gemacht, als er einmal zu Weihnachten nicht doppelt beschenkt 
wurde, wie ihm gebührt hätte, weil der Weihnachtstag gleich- 
zeitig sein Geburtstag war. Mit seinen Ansprüchen und Empfind- 
lichkeiten verschonte er auch die geliebte Nanja nicht, ja quälte 
vielleicht sie am unerbittlichsten. Aber diese Phase der Charakter- 
veränderung ist in seiner Erinnerung unlösbar verknüpft mit 
vielen anderen sonderbaren und krankhaften Erscheinungen, die 
er zeitlich [nicht anzuordnen weiß. Er wirft all das, was jetzt 
berichtet werden soll, was unmöglich gleichzeitig gewesen sein 
kann und voll inhaltlichen Widerspruchs ist, in einen und den- 
selben Zeitraum, den er „noch auf dem ersten Gut" benennt. 
Mit fünf Jahren, glaubt er, hätten sie dieses Gut verlassen. Er 
weiß also zu erzählen, daß er an einer Angst gelitten, welche 
sich seine Schwester zu nutze machte, um ihn zu quälen. Es 
gab ein gewisses Bilderbuch, in dem ein Wolf dargestellt war, 
aufrecht stehend und ausschreitend. Wenn er dieses Bild zu 
Gesicht bekam, fing er an wie rasend zu schreien, er fürchtete 
sich, der Wolf werde kommen und ihn auffressen. Die Schwester 
wußte es" aber immer so einzurichten, daß er dieses Bild sehen 
mußte, und ergötzte sich an seinem Schrecken. Er fürchtete sich 
indes auch vor anderen Tieren, großen und kleinen. Einmal 
jagte er einem schönen großen Schmetterling mit gelb gestreiften 
Flügeln, die in Zipfel ausliefen, nach, um ihn zu fangen. (Es 
war wohl ein „Schwalbenschwanz"). Plötzlich faßte ihn entsetz- 
liche Angst vor dem Tier, er gab die Verfolgung schreiend auf. 
Auch vor Käfern und Raupen hatte er Angst und Abscheu. 
Doch wußte er sich zu erinnern, daß er um dieselbe Zeit Käfer 
gequält und Raupen zerschnitten ; auch Pferde waren ihm un- 
heimlich. Wenn ein Pferd geschlagen wurde, schrie er auf und 
mußte deswegen einmal den Zirkus verlassen. Anderemale liebte 
er es selbst, Pferde zu schlagen. Ob diese entgegengesetzten 



14 Sig/n. Freud 



Arten des Verhaltens gegen Tiere wirklich gleichzeitig in Kraft 
gewesen, oder ob sie einander nicht vielmehr abgelöst hatten, 
dann aber, in welcher Folge und wann, das ließ seine Erinnerung 
nicht entscheiden. Er konnte auch nicht sagen, ob seine schlimme 
Zeit durch eine Phase von Krankheit ersetzt worden war oder 
sich durch diese hindurch fortgesetzt hatte. Jedenfalls war man 
durch seine nun folgenden Mitteilungen zur Annahme berechtigt, 
daß er in jenen Kinderjahren eine sehr gut kenntliche Er- 
krankung an Zwangsneurose durchgemacht hatte. Er erzählte, er 
sei eine lange Zeit hindurch sehr fromm gewesen. Vor dem Ein- 
schlafen mußte er lange beten und eine unendliche Reihe von 
Kreuzen schlagen. Er pflegte auch abends mit einem Sessel, auf 
den er stieg, die Runde vor allen Heiligenbildern zu machen, 
die im Zimmer hingen, und jedes einzelne andächtig zu küssen. 
Zu diesem frommen Zeremoniell stimmte es dann sehr schlecht • 
— oder vielleicht doch ganz gut, — daß er sich an gottes- 
lästerliche Gedanken erinnerte, die ihm wie eine Eingebung des 
Teufels in den Sinn kamen. Er mußte denken: Gott — Schwein 
oder Gott — Kot. Irgend einmal auf einer Reise in einen deutschen 
Badeort war er von dem Zwang gequält, an die heilige Drei- 
einigkeit zu denken, wenn er drei Häufchen Pferdemist oder 
anderen Kot auf der Straße liegen sah. Damals befolgte er auch 
ein eigentümliches Zeremoniell, wenn er Leute sah, die ihm 
leid taten, Bettler, Krüppel, Greise. Er mußte geräuschvoll aus- 
atmen, um nicht so zu werden wie sie, unter gewissen anderen 
Bedingungen auch den Atem kräftig einziehen. Es lag mir 
natürlich nahe anzunehmen, daß diese deutlich zwangsneurotischen 
Symptome einer etwas späteren Zeit und Entwicklungsstufe an- 
gehörten als die Zeichen von Angst und die grausamen Hand- 
lungen gegen Tiere. 

Die reiferen Jahre des Patienten waren durch ein sehr un- 
günstiges Verhältnis zu seinem Vater bestimmt, der damals nach 
wiederholten Anfällen von Depression die krankhaften Seiten 






Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 15 

seines Charakters nicht verbergen konnte. In den ersten Kinder- 
jahren war dies Verhältnis ein sehr zärtliches gewesen, wie die 
Erinnerung des Sohnes bewahrt hatte. Der Vater hatte ihn sehr 
lieb und spielte gerne mit ihm. Er war von klein auf stolz auf 
den Vater und äußerte nur, er wolle so ein Herr werden wie 
der. Die Nanja hatte ihm gesagt, die Schwester sei das Kind 
der Mutter, er aber das des Vaters, womit er sehr zufrieden 
war. Zu Ausgang der Kindheit war eine Entfremdung zwischen 
ihm und dem Vater eingetreten. Der Vater zog die Schwester 
unzweifelhaft vor, und er war sehr gekränkt darüber. Später 
wurde die Angst vor dem Vater dominierend. 

Gegen das achte Jahr etwa verschwanden alle die Erscheinungen, 
die der Patient der mit der Schlimmheit beginnenden Lebens- 
phase zurechnet. Sie verschwanden nicht mit einem Schlage, 
sondern kehrten einigemale wieder, wichen aber endlich, wie 
der Kranke meint, dem Einfluß der Lehrer und Erzieher, die 
dann an die Stelle der weiblichen Pflegepersonen traten. Dies 
also sind im knappsten Umriß die Rätsel, deren Lösung der 
Analyse aufgegeben wurde: Woher rührte die plötzliche Charakter- 
veränderung des Knaben,, was bedeutete seine Phobie und seine 
Perversitäten, wie kam er zu seiner zwanghaften Frömmigkeit 
und wie hängen alle diese Phänomene zusammen? Ich erinnere 
nochmals daran, daß unsere therapeutische Arbeit einer späteren, 
rezenten neurotischen Erkrankung galt, und daß Aufschlüsse 
über jene früheren Probleme sich nur ergeben konnten, wenn 
der Verlauf der Analyse für eine Zeit von der Gegenwart ab- 
führte, um uns zu dem Umweg durch die kindliche Urzeit 
zu nötigen. 



III 

DIE VERFÜHRUNG UND IHRE NÄCHSTEN FOLGEN 



Die nächste Vermutung richtete sich begreiflicherweise gegen 
die englische Gouvernante, während deren Anwesenheit die Ver- 
änderung des Knaben aufgetreten war. Es waren zwei an sich 
unverständliche Deckerinnerungen erhalten, die sich auf sie be- 
zogen. Sie hatte einmal, als sie vorausging, zu den Nachkommenden 
gesagt: Schauen Sie doch auf mein Schwänzchen! Ein andermal 
war ihr auf einer Fahrt der Hut weggeflogen zur großen Be- 
friedigung der Geschwister. Das deutete auf den Kastrations- 
komplex hin und gestattete etwa die Konstruktion, eine von ihr 
an den Knaben gerichtete Drohung hätte zur Entstehung seines 
abnormen Benehmens viel beigetragen. Es ist ganz ungefährlich, 
solche Konstruktionen den Analysierten mitzuteilen, sie schaden 
der Analyse niemals, wenn sie irrig sind, und man spricht sie 
doch nicht aus, wenn man nicht Aussicht hat, irgend eine An- 
näherung an die Wirklichkeit durch sie zu erreichen. Als nächste 
Wirkung dieser Aufstellung traten Träume auf, deren Deutung 
nicht vollkommen gelang, die aber immer um denselben Inhalt 
zu spielen schienen. Es handelte sich in ihnen, soweit man sie ver- 
stehen konnte, um aggressive Handlungen des Knaben gegen die 
Schwester oder gegen die Gouvernante und um energische Zu- 
rechtweisungen und Züchtigungen dafür. Als hätte er . . . nach 
dem Bad . . . die Schwester entblößen . . . ihr die Hüllen . . . 
oder Schleier . . . abreißen wollen und ähnliches. Es gelang aber 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 17 

nicht, aus der Deutung einen sicheren Inhalt zu gewinnen, und 
als man den Eindruck empfangen hatte, es werde in diesen 
Träumen das nämliche Material in immer wieder wechselnder 
Weise verarbeitet, war die Auffassung dieser angeblichen Reminis- 
zenzen gesichert. Es konnte sich nur um Phantasien handeln, 
die der Träumer irgend einmal, wahrscheinlich in den Pubertäts- 
jahren, über seine Kindheit gemacht hatte und die jetzt in so 
schwer kenntlicher Form wieder aufgetaucht waren. 

Ihr Verständnis ergab sich mit einem Schlage, als der Patient 
sich plötzlich der Tatsache besann, die Schwester habe ihn ja, 
„als er noch sehr klein war, auf dem ersten Gut", zu sexuellen 
Tätlichkeiten verführt. Zunächst kam die Erinnerung, daß sie 
auf dem Abort, den die Kinder häufig gemeinsam benützten, die 
Aufforderung vorgebracht: Wollen wir uns den Popo zeigen, und 
dem Wort auch die Tat habe folgen lassen. Späterhin stellte sich 
das Wesentlichere der Verführung mit allen Einzelheiten der 
Zeit und der Lokalität ein. Es war im Frühjahr, zu einer Zeit, 
da der Vater abwesend war; die Kinder spielten auf dem Boden 
in einem Raum, während im benachbarten die Mutter arbeitete. 
Die Schwester hatte nach seinem Glied gegriffen, damit gespielt 
und dabei unbegreifliche Dinge über die Nanja wie zur Er- 
klärung gesagt. Die Nanja tue dasselbe mit allen Leuten, z. B. 
mit dem Gärtner, sie stelle ihn auf den Kopf und greife dann 
nach seinen Genitalien. 

Damit war das Verständnis der vorhin erratenen Phantasien 
gegeben. Sie sollten die Erinnerung an einen Vorgang, welcher 
später dem männlichen Selbstgefühl des Patienten anstößig er- 
schien, verlöschen, und erreichten dieses Ziel, indem sie einen 
Wunschgegensatz an Stelle der historischen Wahrheit setzten. 
Nach diesen Phantasien hatte nicht er die passive Rolle gegen 
die Schwester gespielt, sondern im Gegenteile, er war aggressiv 
gewesen, hatte die Schwester entblößt sehen wollen, war zurück- 
gewiesen und bestraft worden und darum in die Wut geraten, 

Freud, Infantile Neurose 2 



i8 



Sigm. Freud 



von der die häusliche Tradition soviel erzählte. Zweckmäßig war 
es auch, die Gouvernante in diese Dichtung zu verweben, der 
nun einmal von Mutter und Großmutter die Hauptschuld an 
seinen Wutanfällen zugeteilt wurde. Diese Phantasien entsprachen 
also genau der Sagenbildung, durch welche eine später große 
und stolze Nation die Kleinheit und das Mißgeschick ihrer An- 
fänge zu verhüllen sucht. 

In Wirklichkeit konnte die Gouvernante an der Verführung 
und ihren Folgen nur einen sehr entlegenen Anteil haben. Die 
Szenen mit der Schwester fanden im Frühjahr des nämlichen 
Jahres statt, in dessen Hochsommermonaten die Engländerin als 
Ersatz der abwesenden Eltern eintrat. Die Feindseligkeit des 
Knaben gegen die Gouvernante kam vielmehr auf eine andere 
Weise zu stände. Indem sie die Kinderfrau beschimpfte und 
als Hexe verleumdete, trat sie bei ihm in die Fußstapfen der 
Schwester, die zuerst jene ungeheuerlichen Dinge von der Kinder- 
frau erzählt hatte, und gestattete ihm so, an ihr die Abneigung 
zum Vorschein zu bringen, die sich infolge der Verführung, wie 
wir hören werden, gegen die Schwester entwickelt hatte. 

Die Verführung durch die Schwester war aber gewiß keine 
Phantasie. Ihre Glaubwürdigkeit wurde durch eine niemals ver- 
gessene Mitteilung aus späteren, reifen Jahren erhöht. Ein um 
mehr als ein Jahrzehnt älterer Vetter hatte ihm in einem Ge- 
spräch über die Schwester gesagt, er erinnere sich sehr wohl 
daran, was für ein vorwitzig sinnliches Ding sie gewesen sei. Als 
Kind von vier oder fünf Jahren habe sie sich einmal auf seinen 
Schoß gesetzt und ihm die Hose geöffnet, um nach seinem Glied 
zu greifen. 

Ich möchte jetzt die Kindergeschichte meines Patienten unter- 
brechen, um von dieser Schwester, ihrer Entwicklung, weiteren 
Schicksalen und von ihrem Einfluß auf ihn zu sprechen. Sie 
war zwei Jahre älter als er und ihm immer voraus geblieben. 
Als Kind bubenhaft unbändig, schlug sie dann eine glänzende 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 19 

intellektuelle Entwicklung ein, zeichnete sich durch scharfen 
realistischen Verstand aus, bevorzugte die Naturwissenschaften in 
ihren Studien, produzierte aber auch Gedichte, die der Vater 
hoch einschätzte. Ihren zahlreichen ersten Bewerbern war sie 
geistig sehr überlegen, pflegte sich über sie lustig machen. In 
den ersten Zwanziger} ahren aber begann sie verstimmt zu werden, 
klagte, daß sie nicht schön genug sei, und zog sich von allem 
Umgang zurück. Auf eine Reise in Begleitung einer befreundeten 
älteren Dame geschickt, erzählte sie nach ihrer Heimkehr ganz 
unwahrscheinliche Dinge, wie sie von ihrer Begleiterin mißhandelt 
worden sei, blieb aber an die vorgebliche Peinigerin offenbar 
fixiert. Auf einer zweiten Reise bald nachher vergiftete sie sich 
und starb fern vom Hause. Wahrscheinlich entsprach ihre Affektion 
dem Beginne einer Dementia praecox. Sie war eine der Zeugen 
für die ansehnliche neuropathische Heredität in der Familie, 
keineswegs aber die einzige. Ein Onkel, Vaterbruder, starb nach 
langen Jahren einer Sonderlings existenz unter Zeichen, die auf 
eine schwere Zwangsneurose schließen lassen; eine gute Anzahl 
von Seitenverwandten war und ist mit leichteren nervösen 
Störungen behaftet. 

Für unseren Patienten war die Schwester in der Kindheit — 
von der Verführung zunächst abgesehen — ein unbequemer 
Konkurrent um die Geltung bei den Eltern, dessen schonungs- 
los gezeigte Überlegenheit er sehr drückend empfand. Er neidete 
ihr dann besonders den Respekt, den der Vater vor ihren geistigen 
Fähigkeiten und intellektuellen Leistungen bezeugte, während er, 
seit seiner Zwangsneurose intellektuell gehemmt, sich mit einer 
geringen Einschätzung begnügen mußte. Von seinem vierzehnten 
Jahr an begann das Verhältnis der Geschwister sich zu bessern 5 
ähnliche geistige Anlage und gemeinsame Opposition gegen die 
Eltern führten sie so weit zusammen, daß sie wie die besten 
Kameraden miteinander verkehrten. In der stürmischen sexuellen 
Erregtheit seiner Pubertätszeit wagte er es, eine intime körper- 



20 



Sigm. Freud 



liehe Annäherung bei ihr zu suchen. Als sie ihn ebenso ent- 
schieden als geschickt abgewiesen hatte, wandte er sich von ihr 
sofort zu einem kleinen Bauernmädchen, das im Hause bedienstet 
war und den gleichen Namen wie die Schwester trug. Er hatte 
damit einen für seine heterosexuelle Objektwahl bestimmenden 
Schritt vollzogen, denn alle die Mädchen, in die er sich dann 
später, oft unter den deutlichsten Anzeichen des Zwanges, ver- 
liebte, waren gleichfalls dienende Personen, deren Bildung und 
Intelligenz weit hinter der seinigen zurückstehen mußten. Waren 
alle diese Liebesobjekte Ersatzpersonen für die ihm versagte 
Schwester, so ist nicht abzuweisen, daß eine Tendenz zur Er- 
niedrigung der Schwester, zur Aufhebung ihrer intellektuellen 
Überlegenheit, die ihn einst so bedrückt hatte, dabei die Ent- 
scheidung über seine Objektwahl bekam. 

Motiven dieser Art, die dem Willen zur Macht, dem Behauptungs- 
trieb des Individuums entstammen, hat Alf. Adler wie alles andere 
so auch das sexuelle Verhalten der Menschen untergeordnet. Ich 
bin, ohne die Geltung solcher Macht- und Vorrechtsmotive je zu 
leugnen, nie davon überzeugt gewesen, daß sie die ihnen zuge- 
schriebene dominierende und ausschließliche Rolle spielen können. 
Hätte ich die Analyse meines Patienten nicht bis zu Ende ge- 
führt, so hätte ich die Beobachtung dieses Falles zum Anlaß 
nehmen müssen, um eine Korrektur meines Vorurteils im Sinne 
von Adler vorzunehmen. Unerwarteterweise brachte der Schluß 
dieser Analyse neues Material, aus dem sich wiederum ergab, 
daß diese Machtmotive (in unserem Falle die Erniedrigungs- 
tendenz) die Objektwahl nur im Sinne eines Beitrags und einer 
Rationalisierung bestimmt hatten, wärend die eigentliche, tiefere 
Determinierung mir gestattete, an meinen früheren Überzeugungen 
festzuhalten. 1 

Als die Nachricht vom Tode der Schwester anlangte, erzählte 
der Patient, empfand er kaum eine Andeutung von Schmerz. Er 

1) S. unten S. 101. 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 



21 



zwang sich zu Zeichen von Trauer ' und konnte sich in aller 
Kühle darüber freuen, daß er jetzt der alleinige Erbe des Ver- 
mögens geworden sei. Er befand sich schon seit mehreren Jahren 
in seiner rezenten Krankheit, als sich dies zutrug. Ich gestehe 
aber, daß diese eine Mitteilung mich in der diagnostischen Be- 
urteilung des Falles für eine ganze Weile unsicher machte. Es 
war zwar anzunehmen, daß der Schmerz über den Verlust des 
geliebtesten Mitglieds seiner Familie eine Ausdruckshemmung 
durch die fortwirkende Eifersucht gegen sie und durch die Ein- 
mengung der unbewußt gewordenen inzestuösen Verliebtheit er- 
fahren würde, aber auf einen Ersatz für den unterbliebenen 
Schmerzausbruch vermochte ich nicht zu verzichten. Ein solcher 
fand sich endlich in einer anderen, ihm unverständlich gebliebenen 
Gefühlsäußerung. Wenige Monate nach dem Tode der Schwester 
machte er selbst eine Reise in die Gegend, wo sie gestorben 
war, suchte dort das Grab eines großen Dichters auf, der damals 
sein Ideal war, und vergoß heiße Tränen auf diesem Grabe. Dies 
war eine auch ihn befremdende Reaktion, denn er wußte, daß 
mehr als zwei Menschenalter seit dem Tode des verehrten 
Dichters dahingegangen waren. Er verstand sie erst, als er sich 
erinnerte, daß der Vater die Gedichte der verstorbenen Schwester 
mit denen des großen Poeten in Vergleich zu bringen pflegte. 
Einen anderen Hinweis auf die richtige Auffassung dieser schein- 
bar an den Dichter gerichteten Huldigung hatte er mir durch 
einen Irrtum in seiner Erzählung gegeben, den ich an dieser 
Stelle hervorziehen konnte. Er hatte vorher wiederholt ange- 
geben, daß sich die Schwester erschossen habe, und mußte dann 
berichtigen, daß sie Gift genommen hatte. Der Poet aber war 
in einem Pistolenduell erschossen worden. 

Ich kehre nun zur Geschichte des Bruders zurück, die ich 
aber von hier ein Stück weit pragmatisch darstellen muß. Als 
das Alter des Knaben zur Zeit, da die Schwester ihre Verführungs- 
aktionen begann, stellte sich 3V4 Jahre heraus. Es geschah, wie 



22 Sigm. Freiul. 



gesagt, im Frühjahr desselben Jahres, in dessen Herbst die Eltern 
ihn bei ihrer Rückkehr so gründlich verwandelt fanden. Es liegt 
nun sehr nahe, diese Wandlung mit der unterdes stattgehabten 
Erweckung seiner Sexualtätigkeit in Zusammenhang zu bringen. 

Wie reagierte der Knabe auf die Verlockungen der älteren 
Schwester? Die Antwort lautet: mit Ablehnung, aber die Ab- 
lehnung galt der Person, nicht der Sache. Die Schwester war 
ihm als Sexualobjekt nicht genehm, wahrscheinlich, u weil sein 
Verhältnis zu ihr bereits durch den Wettbewerb um die Liebe 
der Eltern im feindseligen Sinne bestimmt war. Er wich ihr 
aus und ihre Werbungen nahmen auch bald ein Ende. Aber er 
suchte an ihrer Statt eine andere, geliebtere Person zu gewinnen, 
und Mitteilungen der Schwester selbst, die sich auf das Vorbild 
der Nanja berufen hatte, lenkten seine Wahl auf diese. Er begann 
also vor der Nanja mit seinem Glied zu spielen, was, wie in so 
vielen anderen Fällen, wenn die Kinder die Onanie nicht ver- 
bergen, als Verführungs versuch aufgefaßt werden muß. Die Nanja 
enttäuschte ihn, sie machte ein ernstes Gesicht und erklärte, das sei 
nicht gut. Kinder, die das täten, bekämen an der Stelle eine „Wunde". 

Die Wirkung dieser Mitteilung, die einer Drohung gleichkam, 
ist nach verschiedenen Richtungen zu verfolgen. Seine Anhäng- 
lichkeit an die Nanja wurde dadurch gelockert. Er hätte böse 
auf sie werden können; später, als seine Wutanfälle einsetzten, 
zeigte es sich auch, daß er wirklich gegen sie erbittert war. Allein 
es war für ihn charakteristisch, daß er jede Libidoposition, die 
er aufgeben sollte, zunächst hartnäckig gegen das Neue verteidigte. 
Als die Gouvernante auf dem Schauplatz erschien und die Nanja 
beschimpfte, aus dem Zimmer jagte, ihre Autorität vernichten 
wollte, übertrieb er vielmehr seine Liebe zu der Bedrohten und 
benahm sich abweisend und trotzig gegen die angreifende Gouver- 
nante. Nichtsdestoweniger begann er im geheimen ein anderes 
Sexualobjekt zu suchen. Die Verführung hatte ihm das passive 
Sexualziel gegeben, an den Genitalien berührt zu werden; wir 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 25 

werden hören, bei wem er dies erreichen wollte, und welche 
Wege ihn zu dieser Wahl führten. 

Es entspricht ganz unseren Erwartungen, wenn wir hören, 
daß mit seinen ersten genitalen Erregungen seine Sexualforschung 
einsetzte, und daß er bald auf das Problem der Kastration geriet. 
Er konnte in dieser Zeit zwei Mädchen, seine Schwester und 
ihre Freundin, beim Urinieren beobachten. Sein Scharfsinn hätte 
ihn schon bei diesem Anblicke den Sachverhalt verstehen lassen 
können, allein er benahm sich dabei, wie wir es von anderen 
männlichen Kindern wissen. Er lehnte die Idee, daß er hier die 
von der Nanja angedrohte Wunde bestätigt sehe, ab, und gab 
sich die Erklärung, das sei der „vordere Popo" der Mädchen. 
Das Thema der Kastration war mit dieser Entscheidung nicht 
abgetan 5 aus allem, was er hörte, entnahm er neue Hindeutungen 
darauf. Als den Kindern einmal gefärbte Zuckerstangen verteilt 
wurden, erklärte die Gouvernante, die zu wüsten Phantasien 
geneigt war, es seien Stücke von zerschnittenen Schlangen. Von 
da aus erinnerte er sich, daß der Vater einmal auf einem Spazier- 
weg eine Schlange getroffen und sie mit seinem Stocke in Stücke 
zerschlagen habe. Er hörte die Geschichte (aus Reineke Fuchs) 
vorlesen, wie der Wolf im Winter Fische fangen wollte und 
seinen Schwanz als Köder benützte, wobei der Schwanz im Eis 
abbrach. Er erfuhr die verschiedenen Namen, mit denen man je 
nach der Intaktheit ihres Geschlechts die Pferde bezeichnet. Er 
war also mit dem Gedanken an die Kastration beschäftigt, aber er 
hatte noch keinen Glauben daran und keine Angst davor. Andere 
Sexualprobleme erstanden ihm aus den Märchen, die ihm um 
diese Zeit bekannt wurden. Im „Rotkäppchen" und in den 
Sieben Geißlein" wurden die Kinder aus dem Leib des Wolfs 
herausgeholt. War der Wolf also ein weibliches Wesen oder 
konnten auch Männer Kinder im Leib haben? Das war um diese 
Zeit noch nicht entschieden. Übrigens kannte er zur Zeit dieser 
Forschung noch keine Angst vor dem Wolf. 



2 4 



Sigm. Freud 



Eine der Mitteilungen des Patienten wird uns den Weg zum 
Verständnis der Charakterveränderung bahnen, die während der 
Abwesenheit der Eltern im entferntem Anschluß an die Verführung 
bei ihm hervortrat. Er erzählt, daß er nach der Abweisung und 
Drohung der Nanja die Onanie sehr bald aufgab. Das be- 
ginnende Sexualleben unter der Leitung der Genital- 
zone war also einer äußeren Hemmung erlegen und 
durch deren Einfluß auf eine frühere Phase prägenitaler 
Organisation zurückgeworfen worden. Infolge der Unter- 
drückung der Onanie nahm das Sexualleben des Knaben sadistisch- 
analen Charakter an. Er wurde reizbar, quälerisch, befriedigte sich 
in solcher Weise an Tieren und Menschen. Sein Hauptobjekt 
war die geliebte Nanja, die er zu peinigen verstand, bis sie in 
Tränen ausbrach. So rächte er sich an ihr für die erfahrene 
Abweisung und befriedigte gleichzeitig sein sexuelles Gelüste in 
der der regressiven Phase entsprechenden Form. Er begann 
Grausamkeit gegen kleine Tiere zu üben, Fliegen zu fangen, um 
ihnen die Flügel auszureißen, Käfer zu zertreten; in seiner 
Phantasie liebte er es, auch große Tiere, Pferde, zu schlagen. 
Das waren also durchwegs aktive, sadistische Betätigungen; von 
den analen Regungen dieser Zeit wird in einem späteren Zusammen- 
hange die Rede sein. 

Es ist sehr wertvoll, daß in der Erinnerung des Patienten auch 
gleichzeitige Phantasien ganz anderer Art auftauchten, des Inhalts, 
daß Knaben gezüchtigt und geschlagen wurden, besonders auf 
den Penis geschlagen; und für ( wen diese anonymen Objekte als 
Prügelknaben dienten, läßt sich leicht aus anderen Phantasien 
erraten, die sich ausmalten, wie der Thronfolger in einen engen 
Raum eingesperrt und geschlagen wird. Der Thronfolger war 
offenbar er selbst; der Sadismus hatte sich also in der Phantasie 
gegen die eigene Person gewendet und war in Masochismus 
umgeschlagen. Das Detail, daß das Geschlechtsglied selbst die 
Züchtigung empfing, läßt den Schluß zu, daß bei dieser Um- 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 25 

Wandlung bereits ein Schuldbewußtsein beteiligt war, welches 
sich auf die Onanie berief. 

Es blieb in der Analyse kein Zweifel, daß diese passiven 
Strebungen gleichzeitig oder sehr bald nach den aktiv-sadistischen 
aufgetreten waren. 1 Dies entspricht der ungewöhnlich deutlichen, 
intensiven und anhaltenden Ambivalenz des Kranken, die sich 
hier zum erstenmal in der gleichmäßigen Ausbildung der gegen- 
sätzlichen Partialtriebpaare äußerte. Dieses Verhalten blieb für ihn 
auch in der Folge ebenso charakteristisch wie der weitere Zug, 
daß eigentlich keine der jemals geschaffenen Libidopositionen 
durch eine spätere völlig aufgehoben wurde. Sie blieb vielmehr 
neben allen anderen bestehen und gestattete ihm ein unaus- 
gesetztes Schwanken, welches sich mit dem Erwerb eines fixierten 
Charakters unvereinbar erwies. 

Die masochistischen Strebungen des Knaben leiten zu einem 
anderen Punkt über, dessen Erwähnung ich mir aufgespart 
habe, weil er erst durch die Analyse der nächstfolgenden Phase 
seiner Entwicklung sichergestellt werden kann. Ich erwähnte 
schon, daß er nach der Abweisung durch die Nanja seine libidinöse 
Erwartung von ihr löste und eine andere Person als Sexualobjekt 
in Aussicht nahm. Diese Person war der damals abwesende Vater. 
Zu dieser Wahl wurde er gewiß durch ein Zusammentreffen von 
Momenten geführt, auch durch zufällige wie die Erinnerung an 
die Zerstückelung der Schlange; vor allem aber erneuerte er 
damit seine erste und ursprünglichste Objektwahl, die sich dem 
Narzißmus des kleinen Kindes entsprechend auf dem Wege der 
Identifizierung vollzogen hatte. Wir haben schon gehört, daß 
der Vater sein bewundertes Vorbild gewesen war, daß er, gefragt, 
was er werden wollte, zu antworten pflegte: ein Herr wie der 
Vater. Dies Identifizierungsobjekt seiner aktiven Strömung wurde 

1) Unter passiven Strebungen verstehe ich solche mit passivem Sexualziel, habe 
aber dabei nicht etwa eine Trieb Verwandlung, sondern nur eine Zielverwandlung 
im Auge. - 









2 6 Sigm. Freud 



nun das Sexualobjekt einer passiven Strömung in der sadistisch- 
analen Phase. Es macht den Eindruck, als hätte ihn die Verführung 
durch die Schwester in die passive Rolle gedrängt und ihm ein 
passives Sexualziel gegeben. Unter dem fortwirkenden Einfluß 
dieses Erlebnisses beschrieb er nun den Weg von der Schwester 
über die Nanja zum Vater, von der passiven Einstellung zum 
Weib bis zu der zum Manne und hatte dabei doch die 
Anknüpfung an seine frühere spontane Entwicklungsphase ge- 
funden. Der Vater war jetzt wieder sein Objekt, die Identi- 
fizierung war der höheren Entwicklung entsprechend durch 
Objektwahl abgelöst, die Verwandlung der aktiven in eine passive 
Einstellung war der Erfolg und das Zeichen der dazwischen vor- 
gefallenen Verführung. Eine aktive Einstellung gegen den über- 
mächtigen Vater in der sadistischen Phase wäre natürlich nicht 
so leicht durchführbar gewesen. Als der Vater im Spätsommer 
oder Herbst zurückkam, bekamen seine Wutanfälle und Tobszenen 
eine neue Verwendung. Gegen die Nanja hatten sie aktiv- 
sadistischen Zwecken gedient; gegen den Vater verfolgten sie 
masochistische Absichten. Er wollte durch die Vorführung seiner 
Schlimmheit Züchtigung und Schläge von Seiten des Vaters 
erzwingen, sich so bei ihm die erwünschte masochistische Sexual- 
befriedigung holen. Seine Schreianfälle waren also geradezu Ver- 
führungsversuche. Der Motivierung des Masochismus entsprechend 
hätte er bei solcher Züchtigung auch die Befriedigung seines 
Schuldgefühls gefunden. Eine Erinnerung hat ihm aufbewahrt, 
wie er während einer solchen Szene von Schlimmheit sein 
Schreien verstärkt, sobald der Vater zu ihm kommt. Der Vater 
schlägt ihn aber nicht, sondern sucht ihn zu beschwichtigen, 
indem er mit den Polstern des Bettchens vor ihm Ball spielt. 
Ich weiß nicht, wie oft die Eltern und Erzieher angesichts der 
unerklärlichen Schlimmheit des Kindes Anlaß hätten, sich dieses 
typischen Zusammenhanges zu erinnern. Das Kind, das sich so 
unbändig benimmt, legt ein Geständnis ab und will Strafe 









Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 



27 



provozieren. Es sucht in der Züchtigung gleichzeitig die Be- 
schwichtigung seines Schuldbewußtseins und die Befriedigung 
seiner masochistischen Sexualstrebung. 

Die weitere Klärung unseres Krankheitsfalles verdanken wir 
nun der mit großer Bestimmtheit auftretenden Erinnerung, daß 
alle Angstsymptome erst von einem gewissen Vorfall an zu den 
Zeichen der Charakteränderung hinzugetreten seien. Vorher habe 
es keine Angst gegeben und unmittelbar nach dem Vorfall habe 
sich die Angst in quälender Form geäußert. Der Zeitpunkt dieser 
Wandlung läßt sich mit Sicherheit angeben, es war knapp vor 
dem vierten Geburtstag. Die Kinderzeit, mit der wir uns beschäf- 
tigen wollten, zerlegt sich dank diesem Anhaltspunkte in zwei 
Phasen, eine erste der Schlimmheit und Perversität von der Ver- 
führung mit 5V4 Jahren bis zum vierten Geburtstag, und eine 
längere darauffolgende, in der die Zeichen der Neurose vor- 
herrschen. Der Vorfall aber, der diese Scheidung gestattet, war 
kein äußeres Trauma, sondern ein Traum, aus dem er mit Angst 
erwachte. 



IV 
DER TRAUM UND DIE URSZENE 

Ich habe diesen Traum wegen seines Gehaltes an Märchen- 
stoffen bereits an anderer Stelle publiziert 1 und werde zunächst 
das dort Mitgeteilte wiederholen: 

„Ich habe geträumt, daß es Nacht ist und ich in meinem Bett 
liege, (mein Bett stand mit dem Fußende gegen das Fenster, 
vor dem Fenster befand sich eine Reihe alter Nußbäume. Ich 
weiß, es war Winter, als ich träumte, und Nachtzeit). Plötzlich 
geht das Fenster von selbst auf, und ich sehe mit großem 
Schrecken, daß auf dem großen Nußbaum vor dem Fenster 
ein paar weiße Wölfe sitzen. Es waren sechs oder sieben Stück. 
Die Wölfe waren ganz weiß und sahen eher aus wie Füchse 
oder Schäferhunde, denn sie hatten große Schwänze wie 
Füchse und ihre Ohren waren aufgestellt wie bei den Hunden, 
wenn sie auf etwas passen. Unter großer Angst, offenbar, von 
den Wölfen aufgefressen zu werden, schrie ich auf und er- 
wachte. Meine Kinderfrau eilte zu meinen Bett, um nach- 
zusehen, was mit mir geschehen war. Es dauerte eine ganze 
Weile, bis ich überzeugt war, es sei nur ein Traum gewesen, 
so natürlich und deutlich war mir das Bild vorgekommen, wie 
das Fenster aufgeht und die Wölfe auf dem Baume sitzen. Endlich 
beruhigte ich mich, fühlte mich wie von einer Gefahr befreit 
und schlief wieder ein." 









1) Märchenstoffe in Träumen. Int. Zeitschr. f. ärztl. Psychoanalyse, Bd. I. 1915. 
[Bd. HI. dieser Gesamtausgabe.] 



Aus der Geschickte einer infantilen Neurose 



2 9 



„Die einzige Aktion im Traume war das Aufgehen des Fensters 
denn die Wölfe saßen ganz ruhig ohne jede Bewegung auf den 
Ästen des Baumes, rechts und links vom Stamm und schauten 
mich an. Es sah so aus, als ob sie ihre ganze Aufmerksamkeit 
auf mich gerichtet hätten. — Ich glaube, dies war mein erster 
Angsttraum. Ich war damals drei, vier, höchstens fünf Jahre alt. 
Bis in mein elftes oder zwölftes Jahr hatte ich von da an immer 
Angst, etwas Schreckliches im Traume zu sehen." 




Er gibt dann noch eine Zeichnung des Baumes mit den 
Wölfen, die seine Beschreibung bestätigt. Die Analyse des Traumes 
fördert nachstehendes Material zu Tage. 

Er hat diesen Traum immer in Beziehung zu der Erinnerung 
gebracht, daß er in diesen Jahren der Kindheit eine ganz un- 
geheuerliche Angst vor dem Bild eines Wolfes in einem Märchen- 
buche zeigte. Die ältere, ihm recht überlegene Schwester pflegte 
ihn zu necken, indem sie ihm unter irgend einem Vorwand 



3° 



Sigm. Freud 






gerade dieses Bild vorhielt, worauf er entsetzt zu schreien begann. Auf 
diesem Bild stand der Wolf aufrecht, mit einem Fuß ausschreitend, 
die Tatzen ausgestreckt und die Ohren aufgestellt. Er meint, dieses 
Bild habe als Illustration zum Märchen von Rotkäppchen gehört. 
Warum sind die Wölfe weiß? Das läßt ihn an die Schafe 
denken, von denen große Herden in der Nähe des Gutes ge- 
halten wurden. Der Vater nahm ihn gelegentlich mit, diese 
Herden zu besuchen, und er war dann jedesmal sehr stolz und 
selig. Später — nach eingezogenen Erkundigungen kann es leicht 
kurz vor der Zeit dieses Traumes gewesen sein, — brach unter 
diesen Schafen eine Seuche aus. Der Vater ließ einen Pasteur- 
schüler kommen, der die Tiere impfte, aber sie starben nach 
der Impfung noch zahlreicher als vorher. 

Wie kommen die Wölfe auf den Baum? Dazu fällt ihm eine 
Geschichte ein, die er den Großvater erzählen gehört. Er kann 
sich nicht erinnern, ob vor oder nach dem Traum, aber ihr 
Inhalt spricht entschieden für das erstere. Die Geschichte lautet: 
Ein Schneider sitzt in seinem Zimmer bei der Arbeit, da öffnet 
sich das Fenster und ein Wolf springt herein. Der Schneider 
schlägt mit der Elle nach ihm — nein, verbessert er sich, packt 
ihn beim Schwanz und reißt ihm diesen aus, so daß der Wolf 
erschreckt davonrennt. Eine Weile später geht der Schneider in 
den Wald und sieht plötzlich ein Rudel Wölfe herankommen, 
vor denen er sich auf einen Baum flüchtet. Die Wölfe sind 
zunächst ratlos, aber der Verstümmelte, der unter ihnen ist und 
sich am Schneider rächen will, macht den Vorschlag, daß einer 
auf den anderen steigen soll, bis der letzte den Schneider 
erreicht hat. Er selbst — es ist ein kräftiger Alter — will die 
Basis dieser Pyramide machen. Die Wölfe tun so, aber der 
Schneider hat den gezüchtigten Besucher erkannt und ruft 
plötzlich wie damals: Packt den Grauen beim Schwanz. Der 
schwanzlose Wolf erschrickt bei dieser Erinnerung, läuft davon 
und die andern purzeln alle herab. 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose *i 

In dieser Erzählung findet sich der Baum vor, auf dem im 
Traum die Wölfe sitzen. Sie enthält aber auch eine unzwei- 
deutige Anknüpfung an den Kastrationskomplex. Der alte Wolf 
ist vom Schneider um den Schwanz gebracht worden. Die 
Fuchsschwänze der Wölfe im Traum sind wohl Kompensationen 
dieser Schwanzlosigkeit. 

Warum sind es sechs oder sieben Wölfe? Diese Frage schien 
nicht zu beantworten, bis ich den Zweifel aufwarf, ob sich sein 
Angstbild auf das Rotkäppchenmärchen bezogen haben könne. 
Dies Märchen gibt nur Anlaß zu zwei Illustrationen, zur 
Begegnung des Rotkäppchens mit dem Wolf im Walde und zur 
Szene, wo der Wolf mit der Haube der Großmutter im Bette 
liegt. Es müsse sich also ein anderes Märchen hinter der 
Erinnerung an das Bild verbergen. Er fand dann bald, daß es 
nur die Geschichte vom Wolf und den sieben Geißlein sein 
könne. Hier findet sich die Siebenzahl, aber auch die Sechs, denn 
der Wolf frißt nur sechs Geißlein auf, das siebente versteckt 
sich im Uhrkasten. Auch das Weiß kommt in dieser Geschichte 
vor, denn der Wolf läßt sich beim Bäcker die Pfote weiß 
machen, nachdem ihn die Geißlein bei seinem ersten Besuch an 
der grauen Pfote erkannt haben. Beide Märchen haben übrigens 
viel Gemeinsames. In beiden findet sich das Auffressen, das 
Bauchaufschneiden, die Herausbeförderung der gefressenen Per- 
sonen, deren Ersatz durch schwere Steine, und endlich kommt 
in beiden der böse Wolf um. Im Märchen von den Geißlein 
kommt auch noch der Baum vor. Der Wolf legt sich nach der 
Mahlzeit unter einen Baum und schnarcht. 

Ich werde mich mit diesem Traum wegen eines besonderen 
Umstandes noch an anderer Stelle beschäftigen müssen und ihn 
dann eingehender deuten und würdigen. Es ist ja ein erster aus 
der Kindheit erinnerter Angsttraum, dessen Inhalt im Zusammen- 
hang mit anderen Träumen, die bald nachher erfolgten, und 
mit gewissen Begebenheiten in der Kinderzeit des Träumers ein 



52 Sigm. Freud 



Interesse von ganz besonderer Art wachruft. Hier beschränken 
wir uns auf die Beziehung des Traumes zu zwei Märchen, die 
viel Gemeinsames haben, zum „Rotkäppchen" und zum „Wolf 
und die sieben Geißlein". Der Eindruck dieser Märchen äußerte 
sich bei dem kindlichen Träumer in einer richtigen Tierphobie, 
die sich von anderen ähnlichen Fällen nur dadurch auszeichnete, 
daß das Angsttier nicht ein der Wahrnehmung leicht zugäng- 
liches Objekt war (wie etwa Pferd und Hund), sondern nur aus 
Erzählung und Bilderbuch gekannt. 

Ich werde ein andermal auseinandersetzen, welche Erklärung 
diese Tierphobien haben und welche Bedeutung ihnen zukommt. 
Vorgreifend bemerke ich nur, daß diese Erklärung sehr zu dem 
Hauptcharakter stimmt, welchen die Neurose des Träumers in 
späteren Lebenszeiten erkennen ließ. Die Angst vor dem Vater 
war das stärkste Motiv seiner Erkrankung gewesen, und die 
ambivalente Einstellung zu jedem Vaterersatz beherrschte sein 
Leben wie sein Verhalten in der Behandlung. 

Wenn der Wolf bei meinem Patienten nur der erste Vater- 
ersatz war, so fragt es sich, ob die Märchen vom Wolf, der 
die Geißlein auffrißt, und vom Rotkäppchen etwas anderes als 
die infantile Angst vor dem Vater zum geheimen Inhalt haben. 1 
Der Vater meines Patienten hatte übrigens die Eigentümlichkeit 
des „zärtlichen Schimpf ens", die so viele Personen im 
Umgang mit ihren Kindern zeigen, und die scherzhafte Drohung 
„ich fress' dich auf" mag in den ersten Jahren, als der später 
strenge Vater mit dem Söhnlein zu spielen und zu kosen pflegte, 
mehr als einmal geäußert worden sein. Eine meiner Patienten 
erzählte mir, daß ihre beiden Kinder den Großvater nie lieb ge- 
winnen konnten, weil er sie in seinem zärtlichen Spiel zu 
schrecken pflegte, er werde ihnen den Bauch aufschneiden. 






1) Vgl. die von O. Rank hervorgehobene Ähnlichkeit dieser beiden Märchen mit 
dem Mythus von Kronos (Völkerpsychologische Parallelen zu den infantilen Sexual- 
theorien. Zentralblatt f. Psychoanalyse, II, 8.) 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 5* 

Lassen wir nun all das beiseite, was in diesem Aufsatze der 
Verwertung des Traumes vorgreift, und kehren wir zu seiner 
nächsten Deutung zurück. Ich will bemerken, daß diese Deutung 
eine Aufgabe war, deren Lösung sich durch mehrere Jahre hin- 
zog. Der Patient hatte den Traum sehr frühzeitig mitgeteilt und 
sehr bald meine Überzeugung angenommen, daß hinter ihm die 
Verursachung seiner infantilen Neurose verborgen sei. Wir kamen 
im Laufe der Behandlung oft auf den Traum zurück, aber erst 
in den letzten Monaten der Kur gelang es, ihn ganz zu ver- 
stehen, und zwar dank der spontanen Arbeit des Patienten. Er 
hatte immer hervorgehoben, daß zwei Momente des Traumes 
den größten Eindruck auf ihn gemacht hätten, erstens die 
völlige Ruhe und Unbeweglichkeit der Wölfe und zweitens die 
gespannte Aufmerksamkeit, mit der sie alle auf ihn schauten. 
Auch das nachhaltige Wirklichkeitsgefühl, in das der Traum 
auslief, erschien ihm beachtenswert. 

An dies letztere wollen wir anknüpfen. Wir wissen aus den 
Erfahrungen der Traumdeutung, daß diesem Wirklichkeitsgefühl 
eine bestimmte Bedeutung zukommt. Es versichert uns, daß 
etwas in dem latenten Material des Traumes den Anspruch auf 
Wirklichkeit in der Erinnerung erhebt, also daß der Traum sich 
auf eine Begebenheit bezieht, die wirklich vorgefallen und nicht 
bloß phantasiert worden ist. Natürlich kann es sich nur um die 
Wirklichkeit von etwas Unbekanntem handeln; die Überzeugung 
z. B., daß der Großvater wirklich die Geschichte vom Schneider 
und vom Wolf erzählt, oder daß ihm wirklich die Märchen vom 
Rotkäppchen und von den sieben Geißlein vorgelesen worden 
waren, könnte sich niemals durch das den Traum überdauernde 
Wirklichkeitsgefühl ersetzen. Der Traum schien auf eine Begeben- 
heit hinzudeuten, deren Realität so recht im Gegensatz zur 
Irrealität der Märchen betont wird. 

Wenn eine solche unbekannte, d. h. zur Zeit des Traumes bereits 
vergessene Szene hinter dem Inhalt des Traumes anzunehmen 

Freud, Infantile Neurose 



34 



Sigm. Freud 



war, so mußte sie sehr früh vorgefallen sein. Der Träumer sagt ja: 
ich war, als ich den Traum hatte, drei, vier, höchstens fünf Jahre 
alt. Wir können hinzufügen: und wurde durch den Traum an etwas 
erinnert, was einer noch früheren Zeit angehört haben mußte. 

Zum Inhalt dieser Szene mußte führen, was der Träumer aus 
dem manifesten Trauminhalt hervorhob, die Momente des auf- 
merksamen Schauens und der Bewegungslosigkeit. Wir erwarten 
natürlich, daß dies Material das unbekannte Material der Szene 
in irgend einer Entstellung wiederbringt, vielleicht sogar in der 
Entstellung zur Gegensätzlichkeit. 

Aus dem Rohstoff, welchen die erste Analyse mit dem Patienten 
ergeben hatte, waren gleichfalls mehrere Schlüsse zu ziehen, die 
in den gesuchten Zusammenhang einzufügen waren. Hinter der 
Erwähnung der Schafzucht waren die Belege für seine Sexual- 
forschung zu suchen, deren Interessen er bei seinen Besuchen 
mit dem Vater befriedigen konnte, aber auch Andeutungen von 
Todesangst mußten dabei sein, denn die Schafe waren ja zum 
größten Teil an der Seuche gestorben. Was im Traum das Vor- 
dringlichste war, die Wölfe auf dem Baume, führte direkt zur 
Erzählung des Großvaters, an welcher kaum etwas anderes als 
die Anknüpfung an das Kastrationsthema das Fesselnde und den 
Traum Anregende gewesen sein konnte. 

Wir hatten aus der ersten unvollständigen Analyse des Traumes 
ferner erschlossen, daß der Wolf ein Vaterersatz sei, so daß dieser 
erste Angsttraum jene Angst vor dem Vater zum Vorschein 
gebracht hätte, welche von nun an sein Leben beherrschen sollte. 
Dieser Schluß selbst war allerdings noch nicht verbindlich. Wenn 
wir aber als Ergebnis der vorläufigen Analyse zusammenstellen, 
was sich aus dem vom Träumer gelieferten Material ableitet, so 
liegen uns etwa folgende Bruchstücke zur Rekonstruktion vor: 

Eine wirkliche Begebenheit — aus sehr früher Zeit — 
Schauen — Unbe wegtheit — Sexualprobleme — Kastration 
— der Vater — etwas Schreckliches. 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose « 

Eines Tages begann der Patient die Deutung des Traumes 
fortzusetzen. Die Stelle des Traumes, meinte er, in der es heißt: 
Plötzlich geht das Fenster von selbst auf, ist durch die Beziehung 
zum Fenster, an dem der Schneider sitzt, und durch das der 
Wolf ins Zimmer kommt, nicht ganz aufgeklärt. Es muß die 
Bedeutung haben: die Augen gehen plötzlich auf. Also ich schlafe 
und erwache plötzlich, dabei sehe ich etwas: den Baum mit den 
Wölfen. Dagegen war nichts einzuwenden, aber es ließ weitere 
Ausnützung zu. Er war erwacht und hatte etwas zu sehen be- 
kommen. Das aufmerksame Schauen, das im Traum den Wölfen 
zugeschrieben wird, ist vielmehr auf ihn zu schieben. Da hatte 
an einem entscheidenden Punkte eine Verkehrung stattgefunden, 
die sich übrigens durch eine andere Verkehrung im manifesten 
Trauminhalt anzeigt. Es war ja auch eine Verkehrung, wenn die 
Wölfe auf dem Baum saßen, während sie sich in der Erzählung 
des Großvaters unten befanden und nicht auf den Baum steigen 
konnten. 

Wenn nun auch das andere vom Träumer betonte Moment 
durch eine Verkehrung oder Umkehrung entstellt wäre? Dann 
müßte es anstatt Bewegungslosigkeit (die Wölfe sitzen regungslos 
da, schauen auf ihn, aber rühren sich nicht) heißen: heftigste 
Bewegung. Er ist also plötzlich erwacht und hat eine Szene von 
heftiger Bewegtheit vor sich gesehen, auf die er mit gespannter 
Aufmerksamkeit schaute. In dem einen Falle bestünde die Ent- 
stellung in einer Vertauschung von Subjekt und Objekt, Aktivität 
und Passivität, angeschaut werden anstatt anschauen, im anderen 
Falle in einer Verwandlung ins Gegenteil: Ruhe anstatt Be- 
wegtheit. 

Einen weiteren Fortschritt im Verständnis des Traumes brachte 
ein andermal der plötzlich auftauchende Einfall: Der Baum ist 
der Weihnachtsbaum. Jetzt wußte er, der Traum war kurz vor 
Weihnachten in der Weihnachtserwartung geträumt worden. Da 
der Weihnachtstag auch sein Geburtstag war, ließ sich der Zeit- 

5* 



36 Sigm. Freud 



punkt des Traumes und der von ihm ausgehenden Wandlung 
nun mit Sicherheit feststellen. Es war knapp vor seinem vierten 
Geburtstag. Er war also eingeschlafen in der gespannten Er- 
wartung des Tages, der ihm eine doppelte Beschenkung bringen 
sollte. Wir wissen, daß das Kind unter solchen Verhältnissen 
leicht die Erfüllung seiner Wünsche im Traum antizipiert. Es 
war also schon Weihnacht im Traume, der Inhalt des Traumes 
zeigte ihm seine Bescherung, am Baume hingen die für ihn be- 
stimmten Geschenke. Aber anstatt der Geschenke waren es — 
Wölfe geworden, und der Traum endigte damit, daß er Angst 
bekam, vom Wolf (wahrscheinlich vom Vater) gefressen zu 
werden, und seine Zuflucht zur Kinderfrau nahm. Die Kenntnis 
seiner Sexualentwicklung vor dem Traum macht es uns möglich, 
die Lücke im Traume auszufüllen und die Verwandlung der 
Befriedigung in Angst aufzuklären. Unter den traumbildenden 
Wünschen muß sich, als der stärkste, der nach der sexuellen 
Befriedigung geregt haben, die er damals vom Vater ersehnte. 
Der Stärke dieses Wunsches gelang es, die längst vergessene 
Erinnerungsspur einer Szene aufzufrischen, die ihm zeigen konnte 
wie die Sexualbefriedigung durch den Vater aussah, und das 
Ergebnis war Schreck. Entsetzen vor der Erfüllung dieses 
Wunsches, Verdrängung der Regung, die sich durch diesen 
Wunsch dargestellt hatte, und darum Flucht vom Vater weg zur 
ungefährlicheren Kinderfrau. 

Die Bedeutung dieses Weihnachtstermins war in der angeb- 
lichen Erinnerung erhalten geblieben, daß er den ersten Wut- 
anfall bekommen, weil er von den Weihnachtsgeschenken un- 
befriedigt gewesen war. Die Erinnerung zog Richtiges und 
Falsches zusammen, sie konnte nicht ohne Abänderung Recht 
haben, denn nach den oft wiederholten Aussagen der Eltern 
war seine Schlimmheit bereits nach deren Rückkehr im Herbst 
und nicht erst zu Weihnachten aufgefallen, aber das Wesent- 
liche der Beziehungen zwischen mangelnder Liebesbefriedigung, 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 37 

Wut und Weihnachtszeit war in der Erinnerung festgehalten 

worden. 

Welches Bild konnte aber die nächtlicherweise wirkende, 
sexuelle Sehnsucht heraufbeschworen haben, das imstande war, 
so intensiv von der gewünschten Erfüllung abzuschrecken? Dieses 
Bild mußte nach dem Material der Analyse eine Bedingung 
erfüllen, es mußte geeignet sein, die Überzeugung von der 
Existenz der Kastration zu begründen. Die Kastrationsangst 
wurde dann der Motor der Affektverwandlung. 

Hier kommt nun die Stelle, an der ich die Anlehnung an 
den Verlauf der Analyse verlassen muß. Ich fürchte, es wird 
auch die Stelle sein, an der der Glaube der Leser mich ver- 
lassen wird. 

Was in jener Nacht aus dem Chaos der unbewußten Ein- 
drucksspuren aktiviert wurde, war das Bild eines Koitus zwischen 
den Eltern unter nicht ganz gewöhnlichen und für die Beob- 
achtung besonders günstigen Umständen. Es gelang allmählich, 
für alle Fragen, die sich an diese Szene knüpfen konnten, be- 
friedigende Antworten zu erhalten, indem jener erste Traum im 
Verlauf der Kur in ungezählten Abänderungen und Neuauflagen 
wiederkehrte, zu denen die Analyse die gewünschten Auf- 
klärungen lieferte. So stellte sich zunächst das Alter des Kindes 
bei der Beobachtung heraus, etwa iV« Jahre. 1 Er litt damals an 
einer Malaria, deren Anfall täglich zu bestimmter Stunde wieder- 
kehrte. 3 Von seinem zehnten Jahr an war er zeitweise Stim- 
mungen von Depression unterworfen, die am Nachmittag ein- 
setzten und um die fünfte Stunde ihre Höhe erreichten. Dieses 
Symptom bestand noch zur Zeit der analytischen Behandlung. 
Die wiederkehrende Depression ersetzte den damaligen Fieber- 



1) Daneben käme mit weit geringerer Wahrscheinlichkeit, eigentlich kaum halt- 
bar, das Alter von 1/2 Janr in Betracht. 

2) Vgl. die späteren Umbildungen dieses Moments in der Zwangsneurose. In den 
Träumen während der Kur Ersetzung durch einen heftigen Wind (arm = Luft). 



5^ Sigm. Freud 



oder Mattigkeitsanfall 5 die fünfte Stunde war entweder die Zeit 
der Fieberhöhe oder die der Koitusbeobachtung, wenn nicht 
beide Zeiten zusammenfallen. 1 Er befand sich wahrscheinlich 
gerade dieses Krankseins wegen im Zimmer der Eltern. Diese 
auch durch direkte Tradition erhärtete Erkrankung legt uns 
nahe, den Vorfall in den Sommer zu verlegen und damit für 
den am Weihnachtstag Geborenen ein Alter von n + 1 7a Jahre 
anzunehmen. Er hatte also im Zimmer der Eltern in seinem 
Bettchen geschlafen und erwachte, etwa infolge des steigenden 
Fiebers, am Nachmittag, vielleicht um die später durch De- 
pression ausgezeichnete fünfte Stunde. Es stimmt zur Annahme 
eines heißen Sommertages, wenn sich die Eltern halb entkleidet 2 
zu einem Nachmittagsschläfchen zurückgezogen hätten. Als er 
erwachte, wurde er Zeuge eines dreimal wiederholten 3 coitus a 
tergo, konnte das Genitale der Mutter wie das Glied des Vaters 
sehen und verstand den Vorgang wie dessen Bedeutung. 4 Endlich 
störte er den Verkehr der Eltern auf eine Weise, von der später- 
hin die Rede sein wird. 

Im Grunde ist es nichts Außerordentliches, macht nicht den 
Eindruck des Produkts einer ausschweifenden Phantasie, daß ein 
junges, erst wenige Jahre verheiratetes Ehepaar an einen Nach- 
mittagsschlaf zu heißer Sommerszeit einen zärtlichen Verkehr an- 
schließt und sich dabei über die Gegenwart des i % Jahre alten, 
in seinem Bettchen schlafenden Knäbleins hinaussetzt. Ich meine 



i) Man bringe damit zusammen, daß der Patient zu seinem Traum nur fünf 
Wölfe gezeichnet hat, obwohl der Text des Traumes von 6 oder 7 spricht. 

2) In weißer Wäsche, die weißen Wölfe. 

3) Woher dreimal? Er stellte plötzlich einmal die Behauptung auf, daß ich 
dieses Detail durch Deutung eruiert hätte. Das traf nicht zu. Es war ein spontaner, 
weiterer Kritik entzogener Einfall, den er nach seiner Gewohnheit mir zuschob und 
ihn durch diese Projektion vertrauenswürdig machte. 

4) Ich meine, er verstand ihn zur Zeit des Traumes mit 4 Jahren, nicht zur Zeit 
der Beobachtung. Mit 1 i/ a Jahren holte er sich die Eindrücke, deren nachträgliches 
Verständnis ihm zur Zeit des Traumes durch seine Entwicklung, seine sexuelle Er- 
regimg und seine Sexualforschung ermöglicht wurde. 






Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 39 

vielmehr, es wäre etwas durchaus Banales, Alltägliches, und auch 
die erschlossene Stellung beim Koitus kann an diesem Urteil 
nichts ändern. Besonders da aus dem Beweismaterial nicht her- 
vorgeht, daß der Koitus jedesmal in der Stellung von rückwärts 
vollzogen wurde. Ein einziges Mal hätte ja hingereicht, um dem 
Zuschauer die Gelegenheit zu Beobachtungen zu geben, die durch 
eine andere Lage der Liebenden erschwert oder ausgeschlossen 
wären. Der Inhalt dieser Szene selbst kann also kein Argument 
gegen ihre Glaubwürdigkeit sein. Das Bedenken der Unwahr- 
scheinlichkeit wird sich gegen drei andere Punkte richten: da- 
gegen, daß ein Kind in dem zarten Alter von i7« Jahren im- 
stande sein sollte, die Wahrnehmungen eines so komplizierten 
Vorganges aufzunehmen und sie so getreu in seinem Unbewußten 
zu bewahren, zweitens dagegen, daß eine nachträgliche zum Ver- 
ständnis vordringende Bearbeitung der so empfangenen Eindrücke 
zu 4 Jahren möglich ist, und endlich, daß es durch irgend ein 
Verfahren gelingen sollte, die Einzelheiten einer solchen Szene, 
unter solchen Umständen erlebt und verstanden, in zusammen- 
hängender und überzeugender Weise bewußt zu machen. 1 

Ich werde diese und andere Bedenken später sorgfältig prüfen, 
versichere dem Leser, daß ich nicht weniger kritisch als er gegen 
die Annahme einer solchen Beobachtung des Kindes eingestellt 
bin, und bitte ihn, sich mit mir zum vorläufigen Glauben an 
die Realität dieser Szene zu entschließen. Zunächst wollen wir 
das Studium der Beziehungen dieser „Urszene" zum Traum, zu 
den Symptomen und zur Lebensgeschichte des Patienten fort- 

1) Man kann sich die erste dieser Schwierigkeiten nicht durch die Annahme 
erleichtern, das Kind sei zur Zeit der Beobachtung doch wahrscheinlich um ein Jahr 
älter gewesen, also 2 1/2 Jahre alt, zu welcher Zeit es eventuell vollkommen sprach- 
fähig sein mag. Für meinen Patienten war eine solche Zeitverschiebung durch alle 
Nebenumstände seines Falles fast ausgeschlossen. Übrigens wolle man in Betracht 
liehen, daß solche Szenen von Beobachtung des elterlichen Koitus in der Analyse keines- 
wegs selten aufgedeckt werden. Ihre Bedingung ist aber gerade, daß sie in die 
früheste Kinderzeit fallen. Je älter das Kind ist, desto sorgfältiger werden auf einem 
gewissen sozialen Niveau die Eltern dem Kinde die Gelegenheit zu solcher Beob- 
achtung versagen. 



4 o 



Sigm. Freud 



setzen. Wir werden gesondert verfolgen, welche Wirkungen vom 
wesentlichen Inhalt der Szene und von einem ihrer visuellen 
Eindrücke ausgegangen sind. 

Unter letzterem meine ich die Stellungen, welche er die Eltern 
einnehmen sah, die aufrechte des Mannes und die tierähnlich 
gebückte der Frau. Wir haben schon gehört, daß ihn in der 
Angstzeit die Schwester mit dem Bild im Märchenbuch zu 
schrecken pflegte, auf dem der Wolf aufrecht dargestellt war, 
einen Fuß vorgesetzt, die Tatzen ausgestreckt und die Ohren 
aufgestellt. Er ließ sich während der Kur die Mühe nicht ver- 
drießen, in Antiquarläden nachzuspüren, bis er das Märchenbilder- 
buch seiner Kindheit wiedergefunden hatte, und erkannte sein 
Schreckbild in einer Illustration zur Geschichte vom „Wolf und 
den sieben Geißlein". Er meinte, die Stellung des Wolfes auf 
diesem Bild hätte ihn an die des Vaters während der kon- 
struierten Urszene erinnern können. Dieses Bild wurde jedenfalls 
zum Ausgangspunkt weiterer Angstwirkungen. Als er in seinem 
siebenten oder achten Jahr einmal die Ankündigung erhielt, 
morgen werde ein neuer Lehrer zu ihm kommen, träumte er 
in der nächstfolgenden Nacht von diesem Lehrer als Löwen der 
sich laut brüllend in der Stellung des Wolfes auf jenem Bude 
seinem Bette näherte, und erwachte wiederum mit Angst. Die 
Wolfsphobie war damals bereits überwunden, er hatte darum die 
Freiheit, sich ein neues Angsttier zu wählen, und anerkannte in 
diesem späten Traum den Lehrer als Vaterersatz. Jeder seiner 
Lehrer spielte in seinen späteren Kinderjahren die gleiche Vater- 
rolle und wurde mit dem Vatereinfluß zum Guten wie zum 
Bösen ausgestattet. 

Das Schicksal schenkte ihm einen sonderbaren Anlaß, seine 
Wolfsphobie in der Gymnasialzeit aufzufrischen und die Relation, 
die ihr zu Grunde lag, zum Ausgang schwerer Hemmungen zu 
machen. Der Lehrer, der den lateinischen Unterricht seiner Klasse 
leitete, hieß Wolf. Er war von Anfang an vor ihm eingeschüchtert, 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose a\ 

zog sich einmal eine schwere Beschimpfung von ihm zu, weil 
er in einer lateinischen Übersetzung einen dummen Fehler be- 
gangen hatte, und wurde von da an eine lähmende Angst vor 
diesem Lehrer nicht mehr los, die sich bald auf andere Lehrer 
übertrug. Aber die Gelegenheit, bei der er in der Übersetzung 
strauchelte, war auch nicht beziehungslos. Er hatte das lateinische 
Wort filius zu übersetzen und tat es mit dem französischen 
fils anstatt mit dem entsprechenden Wort der Muttersprache. 
Der Wolf war eben noch immer der Vater. 1 

Das erste der „passageren Symptome", 2 welches der Patient 
in der Behandlung produzierte, ging noch auf die Wolfsphobie 
und auf das Märchen von den sieben Geißlein zurück. In dem 
Zimmer, wo die ersten Sitzungen abgehalten wurden, befand sich 
eine große Wandkastenuhr gegenüber vom Patienten, der abge- 
wandt von mir auf einem Divan lag. Es fiel mir auf, daß er 
von Zeit zu Zeit das Gesicht zu mir kehrte, mich sehr freund- 
lich, wie begütigend ansah und dann den Blick von mir zur 
Uhr wendete. Ich meinte damals, er gebe so ein Zeichen seiner 
Sehnsucht nach Beendigung der Stunde. Lange Zeit später er- 
innnerte mich der Patient an dieses Gebärdenspiel und gab mir 
dessen Erklärung, indem er daran erinnerte, daß das jüngste der 
sieben Geißlein ein Versteck im Kasten der Wanduhr fände, 
während die sechs Geschwister vom Wolf gefressen würden. Er 
wollte also damals sagen: Sei gut mit mir. Muß ich mich vor 



1) Nach dieser Beschimpfung durch den Lehrer- Wolf, erfuhr er als die allgemeine 
Meinung der Kollegen, daß der Lehrer zur Beschwichtigung — Geld von ihm er- 
warte. Darauf werden wir später zurückkommen. — Ich kann mir vorstellen, welche 
Erleichterung es für eine rationalistische Betrachtung einer solchen Kindergeschichte 
bedeuten würde, wenn sich annehmen ließe, die ganze Angst vor dem Wolf sei in 
Wirklichkeit von dem . Lateinlehrer gleichen Namens ausgegangen, in die Kindheit 
zurückprojiziert worden und hätte in Anlehnung an die Märchenillustration die 
Phantasie der Urszene verursacht. Allein das ist unhaltbar; die zeitliche Priorität der 
Wolfsphobie und deren Verlegung in die Kindheitsjahre auf dem ersten Gut ist all- 
zusicher bezeugt. Und der Traum mit 4 Jahren? 

2) Perenczi, Über passagere Symtombildungen während der Analyse. Zentralbl. 
f. Psychoanalyse, II. 1912 S. 588 ff. 



42 Sigm. Freud 



dir fürchten? Wirst du mich auffressen? Soll ich mich wie das 
jüngste Geißlein im Wandkasten vor dir verstecken? 

Der Wolf, vor dem er sich fürchtete, war unzweifelhaft der 
Vater, aber die Wolfsangst war an die Bedingung der aufrechten 
Stellung gebunden. Seine Erinnerung behauptete mit großer Be- 
stimmheit, daß Bilder vom Wolf, der auf allen Vieren gehe oder 
wie im Rotkäppchenmärchen im Bett liege, ihn nicht geschreckt 
hätten. Nicht mindere Bedeutung zog die Stellung auf sich, die 
er nach unserer Konstruktion der Urszene das Weib hatte ein- 
nehmen sehen ; diese Bedeutung blieb aber auf das sexuelle Ge- 
biet beschränkt. Die auffälligste Erscheinung seines Liebeslebens 
nach der Reife waren Anfälle von zwanghafter sinnlicher Ver- 
liebtheit, die in rätselhafter Folge auftraten und wieder ver- 
schwanden, eine riesige Energie bei ihm auch in Zeiten sonstiger 
Hemmung entfesselten und seiner Beherrschung ganz entzogen 
waren. Ich muß die volle Würdigung dieser Zwangslieben wegen 
eines besonders wertvollen Zusammenhanges noch aufschieben 
aber ich kann hier anführen, daß sie an eine bestimmte, seinem 
Bewußtsein verborgene Bedingung geknüpft waren, die sich erst 
in der Kur erkennen ließ. Das Weib mußte die Stellung ein- 
genommen haben, die wir der Mutter in der Urszene zuschreiben. 
Große, auffällige Hinterbacken empfand er von der Pubertät an 
als den stärksten Reiz des Weibes; ein anderer Koitus als der 
von rückwärts bereitete ihm kaum Genuß. Die kritische Er- 
wägung ist zwar berechtigt, hier einzuwenden, daß solche sexuelle 
Bevorzugung der hinteren Körperpartien ein allgemeiner Charakter 
der zur Zwangsneurose neigenden Personen sei und nicht zur 
Ableitung von einem besonderen Eindruck der Kinderzeit be- 
rechtige. Sie gehöre in das Gefüge der anal-erotischen Veran- 
lagung und zu jenen archaischen Zügen, welche diese Konstitution 
auszeichnen. Man darf die Begattung von rückwärts — more 
ferarum — doch wohl als die phylogenetisch ältere Form auf- 
fassen. Wir werden auch auf diesen Punkt in späterer Diskussion 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 



43 



zurückkommen, wenn wir das Material für seine unbewußte 
Liebesbedingung nachgetragen haben. 

Setzen wir nun in der Erörterung der Beziehungen zwischen 
Traum und Urszene fort. Nach unseren bisherigen Erwartungen 
sollte der Traum' dem Kind, das sich auf die Erfüllung seiner 
Wünsche zu Weihnachten freut, dies Bild der Sexualbefriedigung 
durch den Vater vorführen, wie er es in jener Urszene gesehen 
hatte, als Vorbild der eigenen Befriedigung, die er vom Vater 
ersehnt. Anstatt dieses Bildes tritt aber das Material der Geschichte 
auf, die der Großvater kurz vorher erzählt hatte: Der Baum, die 
Wölfe, die Schwanzlosigkeit in der Form der Überkompensation 
in den buschigen Schwänzen der angeblichen Wölfe. Hier fehlt 
uns ein Zusammenhang, eine Assoziationsbrücke, die von dem 
Inhalt der Urgeschichte zu dem der Wolfgeschichte hinüberleitet. 
Diese Verbindung wird wiederum durch die Stellung und nur 
durch diese gegeben. Der schwanzlose Wolf fordert in der Er- 
zählung des Großvaters die andern auf, auf ihn zu steigen. 
Durch dieses Detail wurde die Erinnerung an das Bild der Ur- 
szene geweckt, auf diesem Weg konnte das Material der Urszene 
durch das der Wolfsgeschichte vertreten werden, dabei gleich- 
zeitig die Zweizahl der Eltern in erwünschter Weise durch die 
Mehrzahl der Wölfe ersetzt. Eine nächste Wandlung erfuhr der 
Trauminhalt, indem das Material der Wolfsgeschichte sich dem 
Inhalt des Märchens von den sieben Geißlein anpaßte, die Sieben- 
zahl von ihm entlehnte. 1 

Die Materialwandlung: Urszene — Wolfsgeschichte — Märchen 
von den sieben Geißlein — ist die Spiegelung des Gedanken- 
fortschritts während der Traumbildung: Sehnsucht nach sexueller 
Befriedigung durch den Vater — Einsicht in die daran geknüpfte 
Bedingung der Kastration — Angst vor dem Vater. Ich meine, 



1) 6 oder 7 heißt es im Traum. 6 ist die Anzahl der gefressenen Kinder, das 
siebente rettet sich in den Uhrkasten. Es bleibt strenges Gesetz der Traumdeutung, 
daß jede Einzelheit ihre Aufklärung finde. 



44 



Sigm. Freud 



der Angsttraum des vierjährigen Knaben ist erst jetzt restlos auf- 
geklärt. 1 

Über die pathogene Wirkung der Urszene und die Veränderung, 
welche deren Erweckung in seiner Sexualentwicklung hervorruft, 
kann ich mich nach allem, was bisher schon berührt wurde, 
kurz fassen. Wir werden nur diejenige Wirkung verfolgen, welcher 
der Traum Ausdruck gibt. Später werden wir uns klar machen 
müssen, das nicht etwa eine einzige Sexualströmung von der 

1) Nachdem uns die Synthese dieses Traumes gelungen ist, will ich versuchen, 
die Beziehungen des manifesten Trauminhaltes zu den latenten Traumgedanken 
übersichtlich darzustellen. 

Es ist Nacht, ich liege in meinem Bette. Das letztere ist der Beginn der Reproduktion 
der Urszene. „Es ist Nacht" ist Entstellung für: ich hatte geschlafen. Die Bemerkung: 
Ich weiß, es war Winter, als ich träumte, und Nachtzeit, bezieht sich auf die Er- 
innerung an den Traum, gehört nicht zu seinem Inhalt. Sie ist richtig, es war eine 
der Nächte vor dem Geburtstag resp. Weihnachtstag. 

Plötzlich geht das Fenster von selbst auf. Zu übersetzen: Plötzlich erwache ich von 
selbst, Erinnerung der Urszene. Der Einfluß der Wolfsgeschichte, in der der Wolf 
durchs Fenster hereinspringt, macht sich modifizierend geltend und verwandelt den 
direkten in einen bildlichen Ausdruck. Gleichzeitig dient die Einführimg des Fensters 
dazu, um den folgenden Trauminhalt in der Gegenwart unterzubringen. Am Weih- 
nachtsabend geht die Türe plötzlich auf, und man sieht den Baum mit den Geschenken 
vor sich. Hier macht sich also der Einfluß der aktuellen Weihnachtserwartung 
geltend, welche die sexuelle Befriedigung miteinschließt. 

Der große Nußbaum. Vertreter des Christbaumes, also aktuell; überdies der Baum 
aus der Wolfsgeschichte, auf den sich der verfolgte Schneider flüchtet, unter dem 
die Wölfe lauern. Der hohe Baum ist auch, wie ich mich oft überzeugen konnte, 
ein Symbol der Beobachtung, des Voyeurtums. Wenn man auf dem Baume sitzt, 
kann man alles sehen, was unten vorgeht, und wird selbst nicht gesehen. Vgl. die 
bekannte Geschickte des Boccaccio und ähnliche Schnurren. 

Die Wölfe. Ihre Zahl: sechs oder sieben. In der Wolfsgeschichte ist es ein Rudel ohne 
angegebene Zahl. Die Zahlbestimmung zeigt den Einfluß des Märchens von den 
sieben Geißlein, von denen sechs gefressen werden. Die Ersetzung der Zweizahl in 
der Urszene durch eine Mehrzahl, welche in der Urszene absurd wäre, ist dem 
Widerstand als Entstellungsmittel willkommen. In der zum Traum gefertigten Zeichnung 
hat der Träumer die 5 zum Ausdruck gebracht, die wahrscheinlich die Angabe: es 
war Nacht, korrigiert. 

Sie sitzen auf dem Bauin. Sie ersetzen zunächst die am Baum hängenden Weihnachts- 
geschenke. Sie sind aber auch auf den Baum versetzt, weil das heißen kann, sie 
schauen. In der Geschichte des Großvaters lagern sie unten um den Baum. Ihr Ver- 
hältnis zum Baum ist also im Traum umgekehrt worden, woraus zu schließen ist, 
daß im Trauminhalt noch andere Umkehrungen des latenten Materials vorkommen. 

Sie schauen ihn mit gespannter Aufmerksamheit an. Dieser Zug ist ganz aus der Urszene, 
auf Kosten einer totalen Verkehrung in den Traum gekommen. 

Sie sind ganz weiß. Dieser an sich unwesentliche, in der Erzählung des Träumers 
stark betonte Zug verdankt seine Intensität einer ausgiebigen Verschmelzung von 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose ah. 

Urszene ausgegangen ist, sondern eine ganze Reihe von solchen, 
geradezu eine Aufsplitterung der Libido. Ferner werden wir uns 
vorhalten, daß die Aktivierung dieser Szene (ich vermeide ab- 
sichtlich das Wort: Erinnerung) dieselbe Wirkung hat, als ob sie 
ein rezentes Erlebnis wäre. Die Szene wirkt nachträglich und 
hat unterdes, in dem Intervall zwischen 1 7 2 und 4 Jahren, nichts 
von ihrer Frische eingebüßt. Vielleicht finden wir im weiteren 



Elementen aus allen Schichten des Materials, und vereinigt dann nebensächliche 
Details der anderen Traumquellen mit einem bedeutsameren Stück der Urszene. 
Diese letztere Determinierung entstammt wohl der Weiße der Bett- und Leibwäsche 
der Eltern, dazu das Weiß der Schafherden, der Schäferhunde als Anspielung auf 
seine Sexualforschungen an Tieren, das Weiß in dem Märchen von den sieben 
Geißlein, in dem die Mutter an der Weiße ihrer Hand erkannt wird. Wir werden 
später die weiße Wäsche auch als Todesandeutung verstehen. 

Sie sitzen regungslos da. Hiemit wird dem auffälligsten Inhalt der beobachteten 
Szene widersprochen; der Bewegtheit, welche durch die Stellung, zu der sie führt, 
die Verbindung zwischen Urszene und Wolfsgeschichte herstellt. 

Sie haben Schwänze wie Füchse. Dies soll einem Ergebnis widersprechen, welches 
aus der Einwirkung der Urszene auf die Wolfsgeschichte gewonnen wurde und als 
der wichtigste Schluß der Sexualforschung anzuerkennen ist: Es gibt also wirklich 
eine Kastration. Der Schreck, mit dem dies Denkergebnis aufgenommen wird, 
bricht sich endlich im Traume Bahn und erzeugt dessen Schluß. 

Die Angst, von den Wolfen aufgefressen zu werden. Sie erschien dem Träumer als nicht 
durch den Trauminhalt motiviert. Er sagte, ich hätte mich nicht fürchten müssen, 
denn die Wölfe sahen eher aus wie Füchse oder Hunde, sie fuhren auch nicht auf 
mich los, wie um mich zu beißen, sondern waren sehr ruhig und gar nicht schrecklich. 
Wir erkennen, daß die Traumarbeit sich eine Weile bemüht hat, die peinlichen 
Inhalte durch Verwandlung ins Gegenteil unschädlich zu machen. (Sie bewegen 
sich nicht, sie haben ja die schönsten Schwänze.) Bis endlich dieses Mittel versagt 
und die Angst losbricht. Sie findet ihren Ausdruck mit Hilfe des Märchens, in dem 
die Geißlein-Kinder vom Wolf-Vater gefressen werden. Möglicherweise hat dieser 
Märcheninhalt selbst an scherzhafte Drohungen des Vaters, wenn er mit dem Kinde 
spielte, erinnert, so daß die Angst, vom Wolf gefressen zu werden, ebensowohl 
Reminiszenz wie Verschiebungsersatz sein könnte. 

Die Wunschmotive dieses Traumes sind handgreifliche; zu den oberflächlichen 
Tageswünschen, Weihnachten mit seinen Geschenken möge schon da sein (Ungedulds- 
traum), gesellt sich der tiefere, um diese Zeit permanente Wunsch nach der Sexual- 
befriedigung durch den Vater, der sich zunächst durch den Wunsch, das wieder- 
zusehen, was damals so fesselnd war, ersetzt. Dann verläuft der psychische 
Vorgang von der Erfüllung dieses Wunsches in der heraufbeschworenen Urszene 
bis zu der jetzt unvermeidlich gewordenen Ablehnung des Wunsches und der Ver- 
drängung. 

Die Breite und Ausführlichkeit der Darstellung, zu der ich durch das Bemühen 
genötigt bin, dem Leser irgend ein Äquivalent für die Beweiskraft einer selbstdurch- 
geführten Analyse zu bieten, mag ihn gleichzeitig davon abbringen, die Publikation 
von Analysen zu verlangen, die sich über mehrere Jahre erstreckt haben. 



46 



Sigm. Freud 



noch einen Anhaltspunkt dafür, daß sie bestimmte Wirkungen 
bereits zur Zeit ihrer Wahrnehmung, also von i l / a Jahren an 
geübt hat. 

Wenn sich der Patient in die Situation der Urszene vertiefte 
förderte er folgende Selbstwahrnehmungen zu Tage: Er habe 
vorher angenommen, der beobachtete Vorgang sei ein gewalttätiger 
Akt, allein dazu stimmte das vergnügte Gesicht nicht, das er die 
Mutter machen sah; er mußte erkennen, daß es sich um eine 
Befriedigung handle. 1 Das wesentliche Neue, das ihm die Be- 
obachtung des Verkehrs der Eltern brachte, war die Überzeugung 
von der Wirklichkeit der Kastration, deren Möglichkeit seine Ge- 
danken schon vorher beschäftigt hatte. (Der Anblick der beiden 
urinierenden Mädchen, die Drohung der Nanja, die Deutung der 
Gouvernante von den Zuckerstangen, die Erinnerung, daß der 
Vater eine Schlange in Stücke geschlagen.) Denn jetzt sah er 
mit eigenen Augen die Wunde, von der die Nanja gesprochen 
hatte, und verstand, daß ihr Vorhandensein eine Bedingung 
des Verkehrs mit dem Vater war. Er konnte sie nicht mehr 



1) Der Aussage des Patienten tragen wir vielleicht am ehesten Rechnung, wenn 
wir annehmen, daß der Gegenstand seiner Beobachtung zuerst ein Koitus in normaler 
Stellung gewesen ist, der den Eindruck eines sadistischen Aktes erwecken muß. Erst 
nach diesem sei die Stellung gewechselt worden, so daß er Gelegenheit zu anderen 
Beobachtungen und Urteilen gewann. Allein diese Annahme ist nicht gesichert 
worden, scheint mir auch nicht unentbehrlich. Wir wollen über die abkürzende Dar- 
stellung des Textes die wirkliche Situation nicht außer Auge lassen, daß der Analysierte 
im Alter nach 25 Jahren Eindrücken und Regungen aus seinem vierten Jahr Worte 
verleiht, die er damals nicht gefunden hätte. Vernachlässigt man diese Bemerkung, 
so kann man es leicht komisch und unglaubwürdig finden, daß ein vierjähriges 
Kind solcher fachlicher Urteile und gelehrter Gedanken fähig sein sollte. Es ist dies 
einfach ein zweiter Fall von Nachträglichkeit. Das Kind empfängt mit 1 i/ 2 Jahren 
einen Eindruck, auf den es nicht genügend reagieren kann, versteht ihn erst, wird 
von ihm ergriffen bei der Wiederbelebung des Eindrucks mit vier Jahren, und kann 
erst zwei Dezennien später in der Analyse mit bewußter Denktätigkeit erfassen, was 
damals in ihm vorgegangen. Der Analysierte setzt sich dann mit Recht über die drei 
Zeitphasen hinweg und setzt sein gegenwärtiges Ich in die längstvergangene Situation 
ein. Wir folgen ihm darin, denn bei korrekter Selbstbeobachtung und Deutung muß 
der Effekt so ausfallen, als ob man die Distanz zwischen der zweiten und der 
dritten Zeitphase vernachlässigen könnte. Auch haben wir kein anderes Mittel die 
Vorgänge in der zweiten Phase zu beschreiben. 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 47 

wie bei der Beobachtung der kleinen Mädchen mit dem Popo ver- 
wechseln. 1 

Der Ausgang des Traumes war Angst, von der er sich nicht 
eher beruhigte, als bis er seine Nanja bei sich hatte. Er flüchtete 
sich also zu ihr vom Vater weg. Die Angst war eine Ablehnung 
des Wunsches nach Sexualbefriedigung durch den Vater, welches 
Streben ihm den Traum eingegeben hatte. Ihr Ausdruck: vom 
Wolf gefressen zu werden, war nur eine — wie wir hören 
werden: regressive — Umsetzung des Wunsches, vom Vater 
koitiert, d. h. so befriedigt zu werden wie die Mutter. Sein 
letztes Sexualziel, die passive Einstellung zum Vater, war einer 
Verdrängung erlegen, die Angst vor dem Vater in Gestalt der 
Wolfsphobie an ihre Stelle getreten. 

Und die treibende Kraft dieser Verdrängung? Dem ganzen 
Sachverhalt nach konnte es nur die narzißtische Genitallibido 
sein, die sich als Sorge um sein männliches Glied gegen eine 
Befriedigung sträubte, für die der Verzicht auf dieses Glied Be- 
dingung schien. Aus dem bedrohten Narzißmus schöpfte er die 
Männlichkeit, mit der er sich gegen die passive Einstellung zum 
Vater wehrte. 

Wir werden jetzt darauf aufmerksam, daß wir an diesem Punkte 
der Darstellung unsere Terminologie ändern müssen. Er hatte 
während des Traumes eine neue Phase seiner Sexualorganisation 
erreicht. Die sexuellen Gegensätze waren ihm bisher aktiv und 
passiv gewesen. Sein Sexualziel war seit der Verführung ein 
passives, am Genitale berührt zu werden, dann wandelte es sich 
durch Regression auf die frühere Stufe der sadistisch-analen 
Organisation in das masochistische, gezüchtigt, gestraft zu werden. 
Es war ihm gleichgültig, ob er dieses Ziel beim Mann oder 
Weib erreichen sollte. Er war ohne Rücksicht auf den Geschlechts- 
unterschied von der Nanja zum Vater gewandert, hatte von der 

1) Wie er sich mit diesem Anteil des Problems weiter auseinandersetzte, werden 
wir später bei der Verfolgung seiner Analerotik erfahren. 



4 8 



Sigm, Freud 



Nanja verlangt, am Glied berührt zu werden, vom Vater die 
Züchtigung provozieren wollen. Das Genitale kam dabei außer 
Betracht} in der Phantasie, auf den Penis geschlagen zu werden, 
äußerte sich noch der durch die Regression verdeckte Zusammen- 
hang. Nun führte ihn die Aktivierung der Urszene im Traum 
zur genitalen Organisation zurück. Er entdeckte die Vagina und 
die biologische Bedeutung von männlich und weiblich. Er ver- 
stand jetzt, aktiv sei gleich männlich, passiv aber weiblich. Sein 
passives Sexualziel hätte sich jetzt in ein weibliches verwandeln, 
den Ausdruck annehmen müssen: vom Vater koitiert zu werden, 
anstatt: von ihm auf das Genitale oder auf den Popo geschlagen 
zu werden. Dieses feminine Ziel verfiel nun der Verdrängung 
und mußte sich durch die Angst vor dem Wolf ersetzen lassen. 
Wir müssen die Diskussion seiner Sexualentwicklung hier 
unterbrechen, bis aus späteren Stadien seiner Geschichte neues 
Licht auf diese früheren zurückfällt. Zur Würdigung der Wolfs- 
phobie fügen wir noch hinzu, daß Vater und Mutter, beide, zu 
Wölfen wurden. Die Mutter spielte ja den kastrierten Wolf, der 
die anderen auf sich aufsteigen ließ, der Vater den aufsteigenden. 
Seine Angst bezog sich aber, wie wir ihn versichern gehört haben, 
nur auf den stehenden Wolf, also auf den Vater. Ferner muß 
uns auffallen, daß die Angst, in die der Traum ausging, ein Vor- 
bild in der Erzählung des Großvaters hatte. In dieser wird ja 
der kastrierte Wolf, der die andern auf sich hat steigen lassen, 
von Angst befallen, sowie er an die Tatsache seiner Schwanz- 
losigkeit erinnert wird. Es scheint also, daß er sich während des 
Traumvorganges mit der kastrierten Mutter identifizierte und 
sich nun gegen dieses Ergebnis sträubte. In hoffentlich zutreffen- 
der Übersetzung: Wenn du vom Vater befriedigt werden willst, 
mußt du dir wie die Mutter die Kastration gefallen lassen; das 
will ich aber nicht. Also ein deutlicher Protest der Männlich- 
keit! Machen wir uns übrigens klar, daß die Sexualentwicklung 
des Falles, den wir hier verfolgen, für unsere Forschung den 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 4,9 

großen Nachteil hat, daß sie keine ungestörte ist. Sie wird zuerst 
durch die Verführung entscheidend beeinflußt und nun durch 
die Szene der Koitusbeobachtung abgelenkt, die nachträglich wie 
eine zweite Verführung wirkt. 



Freud, Infantile Neurose 



V 



EINIGE DISKUSSIONEN 



Eisbär und Walfisch, hat man gesagt, können nicht mitein- 
ander Krieg führen, weil sie, ein jeder auf sein Element be- 
schränkt, nicht zueinander kommen. Ebenso unmöglich wird es 
mir, mit Arbeitern auf dem Gebiet der Psychologie oder der 
Neurotik zu diskutieren, die die Voraussetzungen der Psycho- 
analyse nicht anerkennen und ihre Ergebnisse für Artefakte 
halten. Daneben hat sich aber in den letzten Jahren eine Oppo- 
sition von Anderen entwickelt, die, nach ihrem eigenen Ver- 
meinen wenigstens, auf dem Boden der Analyse stehen, die 
Technik und Resultate derselben nicht bestreiten und sich nur 
für berechtigt halten, aus dem nämlichen Material andere Fol- 
gerungen abzuleiten und es anderen Auffassungen zu unterziehen. 

Theoretischer Widerspruch ist aber zumeist unfruchtbar. So 
wie man begonnen hat, sich von dem Material, aus dem man 
schöpfen soll, zu entfernen, läuft man Gefahr, sich an seinen 
Behauptungen zu berauschen und endlich Meinungen zu ver- 
treten, denen jede Beobachtung widersprochen hätte. Es scheint 
mir darum ungleich zweckmäßiger, abweichende Auffassungen 
dadurch zu bekämpfen, daß man sie an einzelnen Fällen und 
Problemen erprobt. 

Ich habe oben (S. 5 g) ausgeführt, es werde gewiß für un- 
wahrscheinlich gehalten werden, „daß ein Kind in dem zarten 
Alter von i x / 2 Jahren imstande sein sollte, die Wahrnehmungen 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 



5i 



eines so komplizierten Vorganges in sich aufzunehmen und sie 
so getreu in seinem Unbewußten zu bewahren, zweitens daß 
eine nachträglich zum Verständnis vordringende Bearbeitung dieses 
Materials zu vier Jahren möglich ist, und endlich, daß es durch 
irgend ein Verfahren gelingen sollte, die Einzelheiten einer solchen 
Szene, unter solchen Umständen erlebt und verstanden, in zu- 
sammenhängender und überzeugender Weise bewußt zu machen". 

Die letzte Frage ist eine rein faktische. Wer sich die Mühe 
nimmt, die Analyse mittels der vorgezeichneten Technik in solche 
Tiefen zu treiben, wird sich überzeugen, daß es sehr wohl mög- 
lich ist; wer es unterläßt und in irgend einer höheren Schicht 
die Analyse unterbricht, hat sich des Urteils darüber begeben. 
Aber die Auffassung des von der Tiefenanalyse Erreichten ist 
damit nicht entschieden. 

Die beiden anderen Bedenken stützen sich auf eine Gering- 
schätzung der frühinfantilen Eindrücke, denen so nachhaltige 
Wirkungen nicht zugetraut werden. Sie wollen die Verursachung 
der Neurosen fast ausschließlich in den ernsthaften Konflikten 
des späteren Lebens suchen, und nehmen an, die Bedeutsamkeit 
der Kindheit werde uns in der Analyse nur durch die Neigung 
der Neurotiker vorgespiegelt, ihre gegenwärtigen Interessen in 
Reminiszenzen und Symbolen der frühen Vergangenheit auszu- 
drücken. Mit solcher Einschätzung des infantilen Moments fiele 
manches weg, was zu den intimsten Eigentümlichkeiten der 
Analyse gehört hat, freilich auch vieles, was ihr Widerstände 
schafft und das Zutrauen der Außenstehenden entfremdet. 

Wir stellen also zur Diskussion die Auffassung ein, solche früh- 
infantile Szenen, wie sie eine erschöpfende Analyse der Neurosen, 
z. B. unseres Falles liefert, seien nicht Reproduktionen realer Be- 
gebenheiten, denen man Einfluß auf die Gestaltung des späteren 
Lebens und auf die Symptombildung zuschreiben dürfe, sondern 
Phantasiebildungen, die der Zeit der Reife ihre Anregung ent- 
nehmen, zur gewissermaßen symbolischen Vertretung realer 

4* 



52 Sigm. Freud 



Wünsche und Interessen bestimmt sind, und die einer regressiven 
Tendenz, einer Abwendung von den Aufgaben der Gegenwart 
ihre Entstehung verdanken. Wenn dem so ist, dann kann man 
sich natürlich alle die befremdenden Zumutungen an das Seelen- 
leben und die intellektuelle Leistung von Kindern im unmündigsten 
Alter ersparen. 

Dieser Auffassung kommt außer dem uns allen gemeinsamen 
Wunsch nach Rationalisierung und Vereinfachung der schwierigen 
Aufgabe mancherlei Tatsächliches entgegen. Auch kann man im 
vorhinein ein Bedenken aus dem Wege räumen, welches sich 
gerade beim praktischen Analytiker erheben könnte. Man muß 
zugestehen, wenn die besprochene Auffassung dieser infantilen 
Szenen die richtige ist, dann wird an der Ausübung der Analyse 
zunächst nichts geändert. Hat der Neurotiker einmal die üble 
Eigentümlichkeit, sein Interesse von der Gegenwart abzuwenden 
und es an solche regressive Ersatzbildungen seiner Phantasie zu 
heften, so kann man gar nichts anderes tun, als ihm auf seinen 
Wegen zu folgen und ihm diese unbewußten Produktionen zum 
Bewußtsein zu bringen, denn sie sind, von ihrem realen Unwert 
ganz abzusehen, für uns höchst wertvoll als die derzeitigen Träger 
und Besitzer des Interesses, welches wir frei machen wollen, um 
es auf die Aufgaben der Gegenwart zu lenken. Die Analyse 
müßte genau ebenso verlaufen wie jene, die im naiven Zutrauen 
solche Phantasien für wahr nimmt. Erst am Ende der Analyse, 
nach der Aufdeckung dieser Phantasien, käme der Unterschied. 
Man würde dann dem Kranken sagen: „Nun gut; Ihre Neurose 
ist so verlaufen, als ob Sie in Ihren Kinderjahren solche Ein- 
drücke empfangen und fortgesponnen hätten. Sie sehen wohl ein, 
daß dies nicht möglich ist. Es waren Produkte Ihrer Phantasie- 
tätigkeit zur Ablenkung von realen Aufgaben, die Ihnen bevor- 
standen. Nun lassen Sie uns nachforschen, welches diese Aufgaben 
waren, und welche Verbindungswege zwischen diesen und Ihren 
Phantasien bestanden haben." Ein zweiter, dem realen Leben zu- 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 5* 

gewendeter Abschnitt der Behandlung würde nach dieser Er- 
ledigung der infantilen Phantasien einsetzen können. 

Eine Abkürzung dieses Weges, also eine Abänderung der bis- 
her geübten psychoanalytischen Kur, wäre technisch unzulässig. 
Wenn man dem Kranken diese Phantasien nicht in ihrem vollen 
Umfange bewußt macht, kann man ihm die Verfügung über das 
an sie gebundene Interesse nicht geben. Wenn man ihn von 
ihnen ablenkt, sobald man ihre Existenz und allgemeine Umrisse 
ahnt, unterstützt man nur das Werk der Verdrängung, durch 
das sie für alle Bemühungen des Kranken unantastbar geworden 
sind. Wenn man sie ihm frühzeitig entwertet, etwa indem man 
ihm eröffnet, es werde sich nur um Phantasien handeln, die ja 
keine reale Bedeutung haben, wird man nie seine Mitwirkung 
bereit finden, um sie dem Bewußtsein zuzuführen. Die analytische 
Technik dürfte also bei korrektem Vorgehen keine Änderung 
erfahren, wie immer man diese Infantilszenen einschätzt. 

Ich habe erwähnt, daß die Auffassung dieser Szenen als regressiver 
Phantasien manche tatsächlichen Momente zu ihrer Unterstützung 
anrufen kann. Vor allem das eine: Diese Infantilszenen werden 
in der Kur — soweit meine Erfahrung bis jetzt reicht nicht 

als Erinnerungen reproduziert, sie sind Ergebnisse der Konstruktion. 
Gewiß wird manchem der Streit schon durch dieses eine Zu- 
geständnis entschieden scheinen. 

Ich möchte nicht mißverstanden werden. Jeder Analytiker weiß 
und hat es unzählige Male erfahren, daß in einer gelungenen Kur 
der Patient eine ganze Anzahl spontaner Erinnerungen aus seinen 
Kinderjahren mitteilt, an deren Auftauchen — vielleicht erst- 
maligem Auftauchen — der Arzt sich völlig unschuldig fühlt, 
indem er durch keinerlei Konstruktionsversuch dem Kranken 
einen ähnlichen Inhalt nahe gelegt hat. Diese vorher unbewußten 
Erinnerungen müssen nicht einmal immer wahr sein; sie können 
es sein, aber sie sind oft gegen die Wahrheit entstellt, mit 
phantasierten Elementen durchsetzt, ganz ähnlich wie die spontan 



54 



Sigm. Freud 



erhalten gebliebenen sogenannten Deckerinnerungen. Ich will nur 
sagen: Szenen, wie die bei meinem Patienten, aus so früher Zeit 
und mit solchem Inhalt, die dann eine so außerordentliche Be- 
deutung für die Geschichte des Falles beanspruchen, werden in 
der Regel nicht als Erinnerungen reproduziert, sondern müssen 
schrittweise und mühselig aus einer Summe von Andeutungen 
erraten — konstruiert — werden. Es reicht auch für das Argument 
hin, wenn ich zugebe, daß solche Szenen bei den Fällen von 
Zwangsneurose nicht als Erinnerung bewußt werden, oder wenn 
ich die Angabe auf den einen Fall, den wir hier studieren, 
beschränke. 

Ich bin nun nicht der Meinung, daß diese Szenen notwendiger- 
weise Phantasien sein müßten, weil sie nicht als Erinnerungen 
wiederkommen. Es scheint mir durchaus der Erinnerung gleich- 
wertig, daß sie sich — wie in unserem Falle — durch Träume 
ersetzen, deren Analyse regelmäßig zu derselben Szene zurück- 
führt, die in unermüdlicher Umarbeitung jedes Stück ihres 
Inhalts reproduzieren. Träumen ist ja auch ein Erinnern, wenn 
auch unter den Bedingungen der Nachtzeit und der Traumbildung. 
Durch diese Wiederkehr in Träumen erkläre ich mir, daß sich 
bei den Patienten selbst allmählich eine sichere Überzeugung von 
der Realität dieser Urszenen bildet, eine Überzeugung, die der 
auf Erinnerung gegründeten in nichts nachsteht. 1 

Die Gegner brauchen freilich den Kampf gegen diese Argumente 
nicht als aussichtslos aufzugeben. Träume sind bekanntlich lenkbar. 2 
Und die Überzeugung des Analysierten kann ein Erfolg der 
Suggestion sein, für die immer noch eine Rolle im Kräftespiel 

i) Wie frühzeitig ich mich mit diesem Problem beschäftigt habe, mag eine Stelle 
aus der ersten Auflage meiner Traumdeutung (1900) beweisen. Dort heißt es S. 126 
zur Analyse der in einem Traum vorkommenden Rede: Das ist nicht mehr zu haben, 
diese Rede stammt von mir selbst; ich hatte ihr einige Tage vorher erklärt, „daß 
die ältesten Kindererlebnisse nicht mehr als solche zu haben sind, sondern' durch 
„Übertragungen" und Träume in der Analyse ersetzt werden." 

2) Der Mechanismus des Traumes kann nicht beeinflußt werden, aber das Traum- 
material läßt sich partiell kommandieren. 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 55 

der analytischen Behandlung gesucht wird. Der Psychotherapeut 
alten Schlages würde seinem Patienten suggerieren, daß er gesund 
ist seine Hemmungen überwunden hat u. dgl. Der Psychoanalytiker 
aber, daß er als Kind dies oder jenes Erlebnis gehabt hat, das 
er jetzt erinnern müsse, um gesund zu werden. Das wäre der 
Unterschied zwischen beiden. 

Machen wir uns klar, daß dieser letzte Erklärungsversuch der 
Gegner auf eine weit gründlichere Erledigung der Infantilszenen 
hinausläuft, als anfangs angekündigt wurde. Sie sollten nicht 
Wirklichkeiten sein, sondern Phantasien. Nun wird es offenbar: 
nicht Phantasien des Kranken, sondern des Analytikers selbst, die 
er aus irgend welchen persönlichen Komplexen dem Analysierten 
aufdrängt. Der Analytiker freilich, der diesen Vorwurf hört, wird 
sich zu seiner Beruhigung vorführen, wie allmählich die Kon- 
struktion dieser angeblich von ihm eingegebenen Phantasie zu- 
stande gekommen ist, wie unabhängig sich doch deren Aus- 
gestaltung in vielen Punkten von der ärztlichen Anregung be- 
nommen hat, wie von einer gewissen Phase der Behandlung an 
alles auf sie hin zu konvergieren schien, und wie nun in der 
Synthese die verschiedensten merkwürdigen Erfolge von ihr aus- 
strahlen, wie die großen und die kleinsten Probleme und Sonder- 
barkeiten der Krankengeschichte ihre Lösung in der einen An- 
nahme fänden, und wird geltend machen, daß er sich nicht den 
Scharfsinn zutraut, eine Begebenheit auszuhecken, welche alle diese 
Ansprüche in einem erfüllen kann. Aber auch dieses Plaidoyer 
wird nicht auf den anderen Teil wirken, der die Analyse nicht 
selbst erlebt hat. Raffinierte Selbsttäuschung — wird es von der 
einen Seite lauten, Stumpfheit der Beurteilung — von der anderen ; 
eine Entscheidung wird nicht zu fällen sein. 

Wenden wir uns zu einem anderen Moment, welches die 
gegnerische Auffassung der konstruierten Infantilszenen unterstützt. 
Es ist folgendes: Alle die Prozesse, welche zur Aufklärung dieser 
fraglichen Bildungen als Phantasien herangezogen worden sind, 



56 Sigm. Freud 



bestehen wirklich und sind als bedeutungsvoll anzuerkennen. Die 
Abwendung des Interesses von den Aufgaben des realen Lebens 1 
die Existenz von Phantasien als Ersatzbildungen für die unter- 
lassenen Aktionen, die regressive Tendenz, die sich in diesen 
Schöpfungen ausspricht, — regressiv in mehr als einem Sinne, 
insofern gleichzeitig ein Zurückweichen vor dem Leben und ein 
Zurückgreifen auf die Vergangenheit eintritt, — all das trifft zu 
und läßt sich regelmäßig durch die Analyse bestätigen. Man sollte 
meinen, es würde auch hinreichen, die in Rede stehenden an- 
geblichen frühinfantilen Reminiszenzen aufzuklären, und diese Er- 
klärung hätte nach den ökonomischen Prinzipien der Wissenschaft 
das Vorrecht vor einer anderen, die ohne neue und befremdliche 
Annahmen nicht ausreichen kann. 

Ich gestatte mir, an dieser Stelle darauf aufmerksam zu machen, 
daß die Widersprüche in der heutigen psychoanalytischen Literatur 
gewöhnlich nach dem Prinzip des pars pro toto angefertigt 
werden. Man greift aus einem hoch zusammengesetzten Ensemble 
einen Anteil der wirksamen Faktoren heraus, proklamiert diesen 
als die Wahrheit und widerspricht nun zu dessen Gunsten dem 
anderen Anteil und dem Ganzen. Sieht man etwa näher zu, 
welcher Gruppe dieser Vorzug zugefallen ist, so findet man, es 
ist die, welche das bereits anderswoher Bekannte enthält oder sich 
am ehesten ihm anschließt. So bei Jung die Aktualität und die 
Regression, bei Adler die egoistischen Motive. Zurückgelassen, 
als Irrtum verworfen, wird aber gerade das, was an der Psycho- 
analyse neu ist und ihr eigentümlich zukommt. Auf diesem Wege 
lassen sich die revolutionären Vorstöße der unbequemen Psycho- 
analyse am leichtesten zurückweisen. 

Es ist nicht überflüssig hervorzuheben, daß keines der Momente, 
welche die gegnerische Auffassung zum Verständnis der Kindheits- 
szenen heranzieht, von Jung als Neuheit gelehrt zu werden 

i) Ich ziehe aus guten Gründen vor zu sagen: Die Anwendung der Libido von 
den aktuellen Konflikten. 




Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 57 

brauchte. Der aktuelle Konflikt, die Abwendung von der Realität, 
die Ersatzbefriedigung in der Phantasie, die Regression auf 
Material der Vergangenheit, dies alles hat, und zwar in der 
nämlichen Zusammenfügung, vielleicht mit geringer Abänderung 
der Terminologie, von jeher einen integrierenden Bestandteil 
meiner eigenen Lehre gebildet. Es war nicht das Ganze derselben, 
nur der Anteil der Verursachung, der von der Realität her zur 
Neurosenbildung in regressiver Richtung einwirkt. Ich habe da- 
neben noch Raum gelassen für einen zweiten progredienten Ein- 
fluß, der von den Kindheitseindrücken her wirkt, der vom Leben 
zurückweichenden Libido den Weg weist und die sonst un- 
erklärliche Regression auf die Kindheit verstehen läßt. So wirken 
die beiden Momente nach meiner Auffassung bei der Symptom- 
bildung zusammen, aber ein früheres Zusammenwirken scheint 
mir ebenso bedeutungsvoll. Ich behaupte, daß der Kindheit s- 
einfluß sich bereits in der Anfangssituation der Neu- 
rosenbildung fühlbar macht, indem er in entscheidender 
Weise mitbestimmt, ob und an welcher Stelle das Indivi- 
duum in der Bewältigung der realen Probleme des Lebens " 
versagt. 

Im Streit steht also die Bedeutung des infantilen Moments. 
Die Aufgabe geht dahin, einen Fall zu finden, der diese Be- 
deutung, jedem Zweifel entzogen, erweisen kann. Ein solcher ist 
aber der Krankheitsfall, den wir hier so ausführlich behandeln, 
der durch den Charakter ausgezeichnet ist, daß der Neurose im 
späteren Leben eine Neurose in frühen Jahren der Kindheit 
vorhergeht. Gerade darum habe ich ja diesen Fall zur Mitteilung 
gewählt. Sollte jemand ihn etwa darum ablehnen wollen, weil 
ihm die Tierphobie nicht wichtig genug erscheint, um als selb- 
ständige Neurose anerkannt zu werden, so will ich ihn darauf 
verweisen, daß ohne Intervall an diese Phobie ein Zwangszere- 
moniell, Zwangshandlungen und Gedanken anschließen, von denen 
in den folgenden Abschnitten dieser Schrift die Rede sein wird. 



58 



Sigm. Freud 



Eine neurotische Erkrankung im vierten und fünften Jahr der 
Kindheit beweist vor allem, daß die infantilen Erlebnisse für 
sich allein imstande sind, eine Neurose zu produzieren, ohne 
daß es dazu der Flucht vor einer im Leben gestellten Aufgabe 
bedürfte. Man wird einwenden, daß auch an das Kind unaus- 
gesetzt Aufgaben herantreten, denen es sich vielleicht entziehen 
möchte. Das ist richtig, aber das Leben eines Kindes vor der 
Schulzeit ist leicht zu übersehen, man kann ja untersuchen, ob 
sich eine die Verursachung der Neurose bestimmende „Aufgabe" 
darin findet. Man entdeckt aber nichts anderes als Triebregungen 
deren Befriedigung dem Kind unmöglich, deren Bewältigung es 
nicht gewachsen ist, und die Quellen, aus denen diese fließen. 
Die enorme Verkürzung des Intervalls zwischen dem Ausbruch 
der Neurose und der Zeit der in Rede stehenden Kindheits- 
erlebnisse läßt, wie zu erwarten stand, das regressive Stück der 
Verursachung aufs äußerste einschrumpfen und bringt den pro- 
gredienten Anteil derselben, den Einfluß früherer Eindrücke, 
unverdeckt zum Vorschein. Von diesem Verhältnis wird diese 
' Krankengeschichte, wie ich hoffe, ein deutliches Bild geben. Auf 
die Frage nach der Natur der Urszenen oder frühesten in der 
Analyse eruierten Kindheitserlebnisse gibt die Kindheitsneurose 
noch aus anderen Gründen eine entscheidende Antwort. 

Nehmen wir als unwidersprochene Voraussetzung an, daß eine 
solche Urszene technisch richtig entwickelt worden sei, daß sie 
unerläßlich sei zur zusammenfassenden Lösung aller Rätsel, welche 
uns die Symptomatik der Kindheitserkrankung aufgibt, daß alle 
Wirkungen von ihr ausstrahlen, wie alle Fäden der Analyse zu 
ihr hingeführt haben, so ist es mit Rücksicht auf ihren Inhalt 
unmöglich, daß sie etwas anderes sei als die Reproduktion einer 
vom Kinde erlebten Realität. Denn das Kind kann wie auch 
der Erwachsene Phantasien nur produzieren mit irgendwo er- 
worbenem Material; die Wege dieser Erwerbung sind dem Kinde 
zum Teil (wie die Lektüre) verschlossen, der für die Erwerbung 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 



59 



zu Gebote stehende Zeitraum ist kurz und leicht nach solchen 
Quellen zu durchforschen. 

In unserem Falle enthält die Urszene das Bild des geschlecht- 
lichen Verkehrs zwischen den Eltern in einer für gewisse Beob- 
achtungen besonders günstigen Stellung. Es würde nun gar nichts 
für die Realität dieser Szene beweisen, wenn wir sie bei einem 
Kranken fänden, dessen Symptome, also die Wirkungen der Szene, 
irgendwann in seinem späteren Leben hervorgetreten wären. Ein 
solcher kann zu den verschiedensten Zeitpunkten des langen Inter- 
valls die Eindrücke, Vorstellungen und Kenntnisse erworben haben, 
die er dann in ein Phantasiebild verwandelt, in seine Kindheit 
zurückprojiziert und an seine Eltern heftet. Aber wenn die 
Wirkungen einer solchen Szene im vierten und fünften Lebens- 
jahr hervortreten, so muß das Kind diese Szene in noch früherem 
Alter mitangesehen haben. Dann bleiben aber alle die befrem- 
denden Folgerungen aufrecht, die sich uns aus der Analyse der 
infantilen Neurose ergeben haben. Es sei denn, es wolle jemand 
annehmen, der Patient habe nicht nur diese Urszene unbewußt 
phantasiert, sondern ebenso seine Charakterveränderung, seine 
Wolfsangst und seinen religiösen Zwang konfabuliert, welcher 
Auskunft aber sein sonstiges nüchternes Wesen und die direkte 
Tradition in seiner Familie widersprechen würde. Es muß also 
dabei bleiben, — ich sehe keine andere Möglichkeit, — entweder 
ist die von seiner Kindheitsneurose ausgehende Analyse überhaupt 
ein Wahnwitz, oder es ist alles so richtig, wie ich es oben dar- 
gestellt habe. 

Wir haben an einer früheren Stelle auch an der Zweideutig- 
keit Anstoß genommen, daß des Patienten Vorliebe für die weib- 
lichen Nates und für den Koitus in derjenigen Stellung, bei 
der diese besonders hervortreten, eine Ableitung von dem beob- 
achteten Koitus der Eltern zu fordern schien, während doch 
solche Bevorzugung ein allgemeiner Zug der zur Zwangsneurose 
disponierten archaischen Konstitutionen ist. Hier bietet sich eine 



6o 



Sigm. Freud 






nahe liegende Auskunft, die den Widerspruch als Überdeter- 
minierung löst. Die Person, an welcher er diese Position beim 
Koitus beobachtet, war doch sein leiblicher Vater, von dem er 
diese konstitutionelle Vorliebe auch ererbt haben konnte. Weder 
die spätere Krankheit des Vaters noch die Familiengeschichte 
sprechen dagegen; ein Vatersbruder ist, wie bereits erwähnt, in 
einem Zustand gestorben, der als Ausgang eines schweren Zwangs- 
leidens aufgefaßt werden muß. 

Wir erinnern uns in diesem Zusammenhange, daß die Schwester 
bei der Verführung des 5 7jährigen Knaben gegen die brave alte 
Kinderfrau die sonderbare Verleumdung ausgesprochen, sie stelle 
alle Leute auf den Kopf und greife ihnen dann an die Genita- 
lien. 1 Es mußte sich uns da die Idee aufdrängen, daß vielleicht 
auch die Schwester in ähnlich zartem Alter dieselbe Szene mit- 
angesehen wie später der Bruder und sich daher die Anregung 
für das Auf-den-Kopf-stellen beim sexuellen Akt geholt hätte. 
Diese Annahme brächte auch einen Hinweis auf eine Quelle 
ihrer eigenen sexuellen Voreiligkeit. 

[Ich hatte ursprünglich nicht die Absicht, die Diskussion über 
den Realwert der „Urszenen" an dieser Stelle weiter zu führen, 
aber da ich unterdes veranlaßt worden bin, dieses Thema in 
meinen „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse" in 
breiterem Zusammenhange und nicht mehr in polemischer Absicht 
zu behandeln, so wäre es irreführend, wollte ich die Anwendung 
der dort bestimmenden Gesichtspunkte auf den uns hier vor- 
liegenden Fall unterlassen. Ich setze also ergänzend und berich- 
tigend fort: Es ist doch noch eine andere Auffassung der dem 
Traume zu Grunde liegenden Urszene möglich, welche die vorhin 
getroffene Entscheidung um ein gutes Stück ablenkt und uns 
mancher Schwierigkeiten überhebt. Die Lehre, welche die Infan- 
tilszenen zu regressiven Symbolen herabdrücken will, wird zwar 
auch bei dieser Modifikation nichts gewinnen; sie scheint mir 

Vgl. S. 17. 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 61 

überhaupt durch diese — wie durch jede andere — Analyse 
einer Kinderneurose endgültig erledigt. 

Ich meine nämlich, man kann sich den Sachverhalt auch in 
folgender Art zurechtlegen. Auf die Annahme, daß das Kind 
einen Koitus beobachtet, durch dessen Anblick es die Überzeugung 
gewonnen, daß die Kastration mehr sein könne als eine leere 
Drohung, können wir nicht verzichten ; auch läßt uns die Be- 
deutung, welche späterhin den Stellungen von Mann und Weib 
für die Angstentwicklung und als Liebesbedingung zukommt, 
keine andere Wahl, als zu schließen, es müsse ein coitus a tergo, 
more ferarum, gewesen sein. Aber ein anderes Moment ist nicht 
so unersetzlich und mag fallen gelassen werden. Es war vielleicht 
nicht ein Koitus der Eltern, sondern ein Tierkoitus, den das Kind 
beobachtet und dann auf die Eltern geschoben, als ob es erschlossen . 
hätte, die Eltern machten es auch nicht anders. 

Dieser Auffassung kommt vor allem zu gute, daß die Wölfe 
des Traumes ja eigentlich Schäferhunde sind und auch in der 
Zeichnung als solche erscheinen. Kurz vor dem Traum war der 
Knabe wiederholt zu den Schafherden mitgenommen worden, wo 
er solche große weiße Hunde sehen und sie wahrscheinlich auch 
beim Koitus beobachten konnte. Ich möchte auch die Dreizahl, 
die der Träumer ohne jede weitere Motivierung hinstellte, hieher 
beziehen und annehmen, es sei ihm im Gedächtnis geblieben, 
daß er drei solcher Beobachtungen an den Schäferhunden gemacht. 
Was in der erwartungsvollen Erregtheit seiner Traumnacht hin- 
zukam, war dann die Übertragung des kürzlich gewonnenen 
Erinnerungsbildes mit allen seinen Einzelheiten . auf die Eltern, 
wodurch aber erst jene mächtigen Affektwirkungen ermöglicht 
wurden. Es gab jetzt ein nachträgliches Verständnis jener viel- 
leicht vor wenigen Wochen oder Monaten empfangenen Ein- 
drücke, ein Vorgang, wie ihn vielleicht jeder von uns an sich 
selbst erlebt haben mag. Die Übertragung von den kodierenden 
Hunden auf die Eltern vollzog sich nun nicht mittels eines an 






62 



Sig/n. Freud 



Worte gebundenen Schlußverfahrens, sondern indem eine reale 
Szene vom Beisammensein der Eltern in der Erinnerung aufge- 
sucht wurde, welche sich mit der Koitussituation verschmelzen 
ließ. Alle in der Traumanalyse behaupteten Details der Szene 
mochten genau reproduziert sein. Es war wirklich an einem 
Sommernachmittag, während das Kind an Malaria litt, die Eltern 
waren in weißer Kleidung beide anwesend, als das Kind aus 
seinem Schlaf erwachte, aber — die Szene war harmlos. Das 
Übrige hatte der spätere Wunsch des Wißbegierigen, auch die 
Eltern bei ihrem Liebes verkehr zu belauschen, auf Grund seiner 
Erfahrungen an den Hunden hinzugefügt, und nun entfaltete die 
so phantasierte Szene alle die Wirkungen, die wir ihr nachgesagt 
haben, die nämlichen, als ob sie durchaus real gewesen und nicht 
aus zwei Bestandteilen, einem früheren indifferenten und einem 
späteren, höchst eindrucksvollen, zusammengekleistert worden wäre. 
Es ist sofort ersichtlich, um wieviel das Maß der uns zuge- 
muteten Glaubensleistung erleichtert wird. Wir brauchen nicht 
mehr anzunehmen, daß die Eltern den Koitus in Gegenwart des, 
wenn auch sehr jugendlichen, Kindes vollzogen haben, was für 
viele von uns eine unliebsame Vorstellung ist. Der Betrag der 
Nachträglichkeit wird sehr herabgesetzt; sie bezieht sich jetzt nur 
auf einige Monate des vierten Lebensjahres und greift überhaupt 
nicht in die dunkeln ersten Kindheitsjahre zurück. An dem Ver- 
halten des Kindes, welches von den Hunden auf die Eltern über- 
trägt und sich vor dem Wolf anstatt vor dem Vater fürchtet, 
bleibt kaum etwas Befremdliches. Es befindet sich ja in der Ent- 
wicklungphase seiner Weltanschauung, die in „Totem und Tabu" 
als die Wiederkehr des Totemismus gekennzeichnet worden ist. 
Die Lehre, welche die Urszenen der Neurosen durch Zurück- 
phantasieren aus späteren Zeiten aufklären will, scheint in unserer 
Beobachtung trotz des zarten Alters von vier Jahren bei unserem 
Neurotiker eine starke Unterstützung zu finden. So jung er ist, 
so hat er es doch zu stände gebracht, einen Eindruck aus dem 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose ß~ 



vierten Jahr durch ein phantasiertes Trauma mit 1% Jahren zu 
ersetzen 5 diese Regression erscheint aber weder rätselhaft noch 
tendenziös. Die Szene, die herzustellen war, mußte gewisse Be- 
dingungen erfüllen, welche infolge der Lebensumstände des 
Träumers 'gerade nur in dieser frühen Zeit zu finden waren, 
wie z. B. die eine, daß er sich im Schlafzimmer der Eltern im 
Bette befand. 

Für die Richtigkeit der hier vorgeschlagenen Auffassung wird 
es aber den meisten Lesern geradezu entscheidend scheinen, was 
ich aus den analytischen Ergebnissen an anderen Fällen hinzu- 
geben kann. Die Szene einer Beobachtung des Sexual Verkehrs 
der Eltern in sehr früher Kindheit — sei sie nun reale Er- 
innerung oder Phantasie — ist in den Analysen neurotischer 
Menschenkinder wahrlich keine Seltenheit. Vielleicht findet sie 
sich ebenso häufig bei den nicht neurotisch Gewordenen. Viel- 
leicht gehört sie zum regelmäßigen Bestand ihres — bewußten 
oder unbewußten — Erinnerungsschatzes. So oft ich aber eine 
solche Szene durch Analyse entwickeln konnte, zeigte sie dieselbe 
Eigentümlichkeit, die uns auch bei unserem Patienten stutzig 
machte, sie bezog sich auf den coitus a tergo der allein dem 
Zuschauer die Inspektion der Genitalien ermöglicht. Da braucht 
man wohl nicht länger zu bezweifeln, daß es sich nur um eine 
Phantasie handelt, die vielleicht regelmäßig durch die Beobachtung 
des tierischen Sexualverkehrs angeregt wird. Ja noch mehr; ich 
habe angedeutet, daß meine Darstellung der „Urszene" unvoll- 
ständig geblieben ist, indem ich mir für später aufsparte mitzu- 
teilen, auf welche Weise das Kind den Verkehr der Eltern stört. 
• Ich muß jetzt hinzufügen, daß auch die Art dieser Störung in 
allen Fällen die nämliche ist. 

Ich kann mir denken, daß ich mich jetzt schweren Verdächti- 
gungen von Seiten der Leser dieser Krankengeschichte ausgesetzt 
habe. Wenn mir diese Argumente zu Gunsten einer solchen Auf- 
fassung der „Urszene" zu Gebote standen, wie könnte ich es 



6 4 



Sigm. Freud 



überhaupt verantworten, zuerst eine so absurd erscheinende andere 
zu vertreten ? Oder sollte ich im Intervall zwischen der ersten 
Niederschrift der Krankengeschichte und diesem Zusatz jene neuen 
Erfahrungen gemacht haben, die mich zur Abänderung meiner 
anfänglichen Auffassung genötigt haben, und wollte dies aus irgend 
welchen Motiven nicht eingestehen? Ich gestehe dafür etwas 
anderes ein: daß ich die Absicht habe, die Diskussion über den 
Realwert der Urszene diesmal mit einem non liquet zu beschließen. 
Diese Krankengeschichte ist noch nicht zu Ende; in ihrem weiteren 
Verlauf wird ein Moment auftauchen, welches die Sicherheit 
stört, deren wir uns jetzt zu erfreuen glauben. Dann wird wohl 
nichts anderes übrig bleiben als der Verweis auf die Stellen in 
meinen „Vorlesungen", in denen ich das Problem der Ur- 
phantasien oder Urszenen behandelt habe.] 



VI 
DIE ZWANGSNEUROSE 

Zum drittenmal erfuhr er nun eine Beeinflussung, die seine 
Entwicklung in entscheidender Weise abänderte. Als er 4V2 Jahre 
alt war und sein Zustand von Reizbarkeit und Ängstlichkeit sich 
noch immer nicht gebessert hatte, entschloß sich die Mutter, ihn 
mit der biblischen Geschichte bekannt zu machen, in der 
Hoffnung, ihn so abzulenken und zu erheben. Es gelang ihr auch, 
die Einführung der Religion machte der bisherigen Phase ein 
Ende, brachte aber eine Ablösung der Angstsymptome durch 
Zwangssymptome mit sich. Er hatte bisher nicht leicht ein- 
schlafen können, weil er fürchtete, ähnlich schlechte Dinge zu 
träumen wie in jener Nacht vor Weihnachten; er mußte jetzt 
vor dem Zubettgehen alle Heiligenbilder im Zimmer küssen, 
Gebete hersagen und ungezählte Kreuze über seine Person und 
sein Lager schlagen. 

Seine Kindheit gliedert sich uns nun übersichtlich in folgende 
Epochen: erstens die Vorzeit bis zur Verführung (5V4 J.), in welche 
die Urszene fällt, zweitens die Zeit der Charakterveränderung 
bis zum Angsttraum (4 J.), drittens die Tierphobie bis zur Ein- 
führung in die Religion (4% J.), und von da an die der Zwangs- 
neurose bis nach dem zehnten Jahr. Eine momentane und glatte 
Ersetzung einer Phase durch die nächstfolgende liegt weder in 
der Natur der Verhältnisse, noch in der unseres Patienten, für 
den im Gegenteil die Erhaltung alles Vorangegangenen und die 

Freud, Infantile Neurose , 



66 Sigm. Freud 



Koexistenz der verschiedenartigsten Strömungen charakteristisch 
waren. Die Schlimmheit schwand nicht, als die Angst auftrat, 
und setzte sich langsam abnehmend in die Zeit der Frömmigkeit 
fort. Von der Wolfsphobie ist aber in dieser letzten Phase nicht 
mehr die Rede. Die Zwangsneurose verlief diskontinuierlich $ der 
erste Anfall war der längste und intensivste, andere traten zu 
acht und zehn Jahren auf, jedesmal nach Veranlassungen, die in 
ersichtlicher Beziehung zum Inhalt der Neurose standen. Die 
Mutter erzählte ihm die heilige Geschichte selbst und ließ ihm 
außerdem durch die Nanja aus einem Buch, das mit Illustrationen 
geschmückt war, darüber vorlesen. Das Hauptgewicht bei der 
Mitteilung fiel natürlich auf die Passionsgeschichte. Die Nanja, 
die sehr fromm und abergläubisch war, gab ihre Erläuterungen 
dazu, mußte aber auch alle Einwendungen und Zweifel des kleinen 
Kritikers anhören. Wenn die Kämpfe, die ihn nun zu erschüttern 
begannen, schließlich in einen Sieg des Glaubens ausliefen, so 
war der Einfluß der Nanja nicht unbeteiligt daran. 

Was er mir als Erinnerung von seinen Reaktionen auf die 
Einführung in die Religion mitteilte, traf zunächst auf meinen 
entschiedenen Unglauben. Das konnten, meinte ich, nicht die Ge- 
danken eines 47 2 — 5 jährigen Kindes sein; wahrscheinlich schob 
er in diese frühe Vergangenheit zurück, was aus dem Nachdenken 
des bald 30 jährigen Erwachsenen entsprang. 1 Allein der Patient 
wollte von dieser Korrektur nichts wissen ; es gelang nicht, ihn 
wie bei so vielen anderen Urteilsverschiedenheiten zwischen uns 
zu überführen; der Zusammenhang seiner erinnerten Gedanken 
mit seinen berichteten Symptomen sowie deren Einfügung in 



1) Ich machte auch wiederholt den Versuch, die Geschichte des Kranken wenigstens 
um ein Jahr vorzuschieben, also die Verführung auf 4 1/4 Jahre, den Traum auf den 
fünften Geburtstag usw. zu verlegen. An den Intervallen war ja nichts zu gewinnen, 
allein der Patient blieb auch hierin unbeugsam, ohne mich übrigens vom letzten 
Zweifel daran befreien zu können. Für den Eindruck, den seine Geschichte macht, 
und alle daran geknüpften Erörterungen und Folgerungen wäre ein solcher Aufschub 
um ein Jahr offenbar gleichgültig. 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose Q 7 

seine sexuelle Entwicklung nötigten mich schließlich, vielmehr 
ihm Glauben zu schenken. Ich sagte mir dann auch, daß gerade 
die Kritik gegen die Lehren der Religion, die ich dem Kinde 
nicht zutrauen wollte, nur von einer verschwindenden Minder- 
zahl der Erwachsenen zustande gebracht wird. 

Ich werde nun das Material seiner Erinnerungen vorbringen 
und erst dann nach einem Weg suchen, der zum Verständnis 
desselben führt. 

Der Eindruck, den er von der Erzählung der heiligen Ge- 
schichte empfing, war, wie er berichtet, anfangs kein angenehmer. 
Er sträubte sich zuerst gegen den Leidenscharakter der Person 
Christi, dann gegen den ganzen Zusammenhang seiner Geschichte. 
Er richtete seine unzufriedene Kritik gegen Gottvater. Wenn er 
allmächtig sei, so sei es seine Schuld, daß die Menschen schlecht 
seien und andere quälen, wofür sie dann in die Hölle kommen. 
Er hätte sie gut machen sollen ; er sei selbst verantwortlich für 
alles Schlechte und alle Qualen. Er nahm Anstoß an dem Gebot, 
die andere Wange hinzuhalten, wenn man einen Schlag auf die 
eine empfangen habe, daran, daß Christus am Kreuz gewünscht 
habe, der Kelch solle an ihm vorübergehen, aber auch daran, 
daß kein Wunder geschehen sei, um ihn als Gottes Sohn zu er- 
weisen. So war also sein Scharfsinn geweckt und wußte mit un- 
erbittlicher Strenge die Schwächen der heiligen Dichtung aus- 
zuspüren. 

Zu dieser rationalistischen Kritik gesellten sich aber sehr bald 
Grübeleien und Zweifel, die uns die Mitarbeit geheimer Regungen 
verraten können. Eine der ersten Fragen, die er an die Nanja 
richtete, war, ob Christus auch einen Hintern gehabt habe. Die 
Nanja gab die Auskunft, er sei ein Gott gewesen und auch ein Mensch. 
Als Mensch habe er alles gehabt und getan wie die anderen 
Menschen. Das befriedigte ihn nun gar nicht, aber er wußte sich 
selbst zu trösten, indem er sich sagte, der Hintere sei ja nur die 
Fortsetzung der Beine. Die kaum beschwichtigte Angst, die 

5* 



68 Sigm. Freud 



heilige Person erniedrigen zu müssen, flammte wieder auf, als 
ihm die Frage auftauchte, ob Christus auch geschissen habe. Die 
Frage getraute er sich nicht, der frommen Nanja vorzulegen, 
aber er fand selbst eine Ausflucht, die sie ihm nicht hätte besser zeigen 
können. Da Christus Wein aus dem Nichts gemacht, hätte er 
auch das Essen zu nichts machen und sich so die Defakation 
ersparen können. 

Wir werden uns dem Verständnis dieser Grübeleien nähern, 
wenn wir an ein vorhin besprochenes Stück seiner Sexualent- 
wicklung anknüpfen. Wir wissen, daß sich sein Sexualleben seit 
der Zurückweisung durch die Nanja und die damit verbundene 
Unterdrückung der beginnenden Genitalbetätigung nach den 
Richtungen des Sadismus und Masochismus entwickelt hatte. Er 
quälte, mißhandelte kleine Tiere, phantasierte vom Schlagen der 
Pferde, anderseits vom Geschlagenwerden des Thronfolgers. 1 Im 
Sadismus hielt er die uralte Identifizierung mit dem Vater auf- 
recht, im Masochismus hatte er sich diesen zum Sexualobjekt 
erkoren. Er befand sich voll in einer Phase der prägenitalen 
Organisation, in welcher ich die Disposition zur Zwangsneurose 
erblicke. Durch die Einwirkung jenes Traumes, der ihn unter 
den Einfluß der Urszene brachte, hätte er den Fortschritt zur 
genitalen Organisation machen und seinen Masochismus gegen 
den Vater in feminine Einstellung gegen ihn, in Homosexualität, 
verwandeln können. Allein dieser Traum brachte den Fortschritt 
nicht, er ging in Angst aus. Das Verhältnis zum Vater, das von 
dem Sexualziel, von ihm gezüchtigt zu werden, zum nächsten 
Ziel hätte führen sollen, vom Vater koitiert zu werden wie ein 
Weib, wurde durch den Einspruch seiner narzißtischen Männlich- 
keit auf eine noch primitivere Stufe zurückgeworfen und unter 
Verschiebung auf einen Vaterersatz als Angst, vom Wolf gefressen 
zu werden, abgespalten, aber keineswegs auf diese Weise erledigt. 
Vielmehr können wir dem kompliziert erscheinenden Sachverhalt 



l 



1) Besonders von Schlägen auf den Penis. S. 24. 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 69 

nur gerecht werden, wenn wir an der Koexistenz der drei auf 
den Vater zielenden Sexualstrebun gen festhalten. Er war vom 
Traume an im Unbewußten homosexuell, in der Neurose auf 
dem Niveau des Kannibalismus; herrschend blieb die frühere 
masochistische Einstellung. Alle drei Strömungen hatten passive 
Sexualziele; es war dasselbe Objekt, die nämliche Sexualregung, 
aber es hatte sich eine Spaltung derselben nach drei verschiedenen 
Niveaus herausgebildet. 

Die Kenntnis der heiligen Geschichte gab ihm nun die Mög- 
lichkeit, die vorherrschende masochistische Einstellung zum Vater 
zu sublimieren. Er wurde Christus, was ihm durch den gleichen 
Geburtstag besonders erleichtert war. Damit war er etwas Großes 
geworden und auch — worauf vorläufig noch nicht genug Akzent 
fiel — ein Mann. In dem Zweifel, ob Christus einen Hintern 
haben kann, schimmert die verdrängte homosexuelle Einstellung 
durch, denn die Grübelei konnte nichts anderes bedeuten als die 
Frage, ob er vom Vater gebraucht werden könne wie ein Weib, 
wie die Mutter in der Urszene. Wenn wir zur Auflösung der 
anderen Zwangsideen kommen, werden wir diese Deutung be- 
stätigt finden. Der Verdrängung der passiven Homosexualität 
entsprach nun das Bedenken, daß es schimpflich sei, die heilige 
Person mit solchen Zumutungen in Verbindung zu bringen. Man 
merkt, er bemühte sich, seine neue Sublimierung von dem Zusatz 
freizuhalten, den sie aus den Quellen des Verdrängten bezog. 
Aber es gelang ihm nicht. 

Wir verstehen es noch nicht, warum er sich nun auch gegen 
den passiven Charakter Christi und gegen die Mißhandlung durch 
den Vater sträubte, und damit auch sein bisheriges masochistisches 
Ideal, selbst in seiner Sublimierung, zu verleugnen begann. Wir 
dürfen annehmen, daß dieser zweite Konflikt dem Hervortreten 
der erniedrigenden Zwangsgedanken aus dem ersten Konflikt 
(zwischen herrschender masochistischer und verdrängter homo- 
sexueller Strömung) besonders günstig war, denn es ist nur 



7° Sigrn. Freud 




natürlich, daß sich in einem seelischen Konflikt alle Gegen- 
strebungen, wenn auch aus den verschiedensten Quellen, mit- 
einander summieren. Das Motiv seines Sträubens und somit der 
an der Religion geübten Kritik werden wir aus neuen Mitteilungen 
kennen lernen. 

Aus den Mitteilungen über die heilige Geschichte hatte auch 
seine Sexualforschung Gewinn gezogen. Bisher hatte er keinen 
Grund zur Annahme gehabt, daß die Kinder nur von der Frau 
kommen. Im Gegenteile, die Nanja hatte ihn glauben lassen, er 
sei das Kind des Vaters, die Schwester das der Mutter, und diese 
nähere Beziehung zum Vater war ihm sehr wertvoll gewesen. 
Nun hörte er, daß Maria die Gottesgebärerin hieß. Also kamen 
die Kinder von der Frau und die Angabe der Nanja war nicht 
mehr zu halten. Ferner wurde er durch die Erzählungen irre 
gemacht, wer eigentlich der Vater Christi war. Er war geneigt, 
Josef dafür zu halten, denn er hörte ja, daß sie immer mit- 
sammen gelebt hatten, aber die Nanja sagte: Josef war nur wie 
sein Vater, der eigentliche Vater sei Gott gewesen. Daraus konnte 
er nichts machen. Er verstand nur soviel: wenn man überhaupt 
darüber diskutieren konnte, so war das Verhältnis zwischen Vater 
und Sohn kein so inniges, wie er sich's immer vorgestellt hatte. 

Der Knabe fühlte gewissermaßen die Gefühlsambivalenz gegen 
den Vater, die in allen Religionen niedergelegt ist, heraus und 
griff seine Religion wegen der Lockerung dieses Vaterverhält- 
nisses an. Natürlich hörte seine Opposition bald auf, ein Zweifel 
an der Wahrheit der Lehre zu sein, und wandte sich dafür 
direkt gegen die Person Gottes. Gott hatte seinen Sohn hart und 
grausam behandelt, aber er war nicht besser gegen die Menschen. 
Er hatte seinen Sohn geopfert und dasselbe von Abraham ge- 
fordert. Er begann Gott zu fürchten. • 

Wenn er Christus war, so war der Vater Gott. Aber der Gott, 
den ihm die Religion aufdrängte, war kein richtiger Ersatz für 
den Vater, den er geliebt hatte, und den er sich nicht wollte 






Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 71 



rauben lassen. Die Liebe zu diesem Vater schuf ihm seinen 
kritischen Scharfsinn. Er wehrte sich gegen Gott, um am Vater 
festhalten zu können, verteidigte dabei eigentlich den alten Vater 
gegen den neuen. Er hatte da ein schwieriges Stück der Ab- 
lösung vom Vater zu vollbringen. 

Es war also die alte, in frühester Zeit offenbar gewordene 
Liebe zu seinem Vater, der er die Energie zur Bekämpfung 
Gottes und den Scharfsinn zur Kritik der Religion entnahm. 
Aber anderseits war diese Feindseligkeit gegen den neuen Gott 
auch kein ursprünglicher Akt, sie hatte ein Vorbild in einer 
feindseligen Regung gegen den Vater, die unter dem Einfluß 
des Angsttraumes entstanden war, und war im Grunde nur ein 
Wiederaufleben derselben. Die beiden gegensätzlichen Gefühls- 
regungen, die sein ganzes späteres Leben regieren sollten, trafen 
sich hier zum Ambivalenzkampfe beim Thema der Religion. 
Was sich aus diesem Kampfe als Symptom ergab, die blas- 
phemischen Ideen, der Zwang, der ihn überfiel, Gott— Dreck, 
Gott— Schwein zu denken, war darum auch ein richtiges Kom- 
promißergebnis, wie die Analyse dieser Ideen im Zusammenhange 
der Analerotik uns zeigen wird. 

Einige andere Zwangssymptome von minder typischer Art 
führen ebenso sicher auf den Vater, lassen aber auch den Zu- 
sammenhang der Zwangsneurose mit den früheren Zufällen 

erkennen. 

Zu dem Frömmigkeitszeremoniell, mit dem er am Ende seine 
Gotteslästerungen sühnte, gehörte auch das Gebot, unter gewissen 
Bedingungen in feierlicher Weise zu atmen. Beim Kreuzeschlagen 
mußte er jedesmal tief einatmen oder stark aushauchen. Hauch 
ist in seiner Sprache gleich Geist. Das war also die Rolle des 
Heiligen Geistes. Er mußte den Heiligen Geist einatmen oder 
die bösen Geister, von denen er gehört und gelesen hatte, 1 aus- 

1) Dies Symptom hatte sich, wie wir hören werden, mit dem sechsten Jahr, als 
er lesen konnte, entwickelt. 



73 Sigm. Freud 

atmen. Diesen bösen Geistern schrieb er auch die blasphemischen 
Gedanken zu, für die er sich soviel Buße auferlegen mußte. Er 
war aber genötigt auszuhauchen, wenn er Bettler, Krüppel, häß- 
liche, alte, erbarmenswerte Leute sah, und diesen Zwang ver- 
stand er nicht, mit den Geistern zusammenzubringen. Er gab 
sich selbst nur die Rechenschaft, er tue es, um nicht zu werden 
wie diese. 

Dann brachte die Analyse im Anschluß an einen Traum die 
Aufklärung, daß das Ausatmen beim Anblick der bedauernswerten 
Personen erst nach dem sechsten Jahre begonnen hatte und an 
den Vater anschloß. Er hatte den Vater lange Monate nicht ge- 
sehen, als die Mutter einmal sagte, sie würde mit den Kindern 
m die Stadt fahren und ihnen etwas zeigen, was sie sehr er- 
freuen würde. Sie brachte sie dann in ein Sanatorium, in dem 
sie den Vater wiedersahen; er sah schlecht aus und tat dem 
Sohne sehr leid. Der Vater war also auch das Urbild all der 
Krüppel, Bettler und Armen, vor denen er ausatmen mußte, wie 
er sonst das Urbild der Fratzen ist, die man in Angstzuständen 
sieht, und der Karikaturen, die man zum Hohne zeichnet. Wir 
werden noch an anderer Stelle erfahren, daß diese Mitleidsein- 
stellung auf ein besonderes Detail der Urszene zurückgeht, 
welches so spät in der Zwangsneurose zur Wirkung kam. 

Der Vorsatz, nicht zu werden wie diese, der sein Ausatmen 
vor den Krüppeln motivierte, war also die alte Vateridentifi- 
zierung, ins Negativ gewandelt. Doch kopierte er dabei den Vater 
auch im positiven Sinne, denn das starke Atmen war eine Nach- 
ahmung des Geräusches, das er beim Koitus vom Vater aus- 
gehend gehört hatte. 1 Der Heilige Geist dankte seinen Ursprung 
diesem Zeichen der sinnlichen Erregung des Mannes. Durch die 
Verdrängung wurde dies Atmen zum bösen Geist, für den noch 
eine andere Genealogie bestand, die Malaria nämlich, an der er 
zur Zeit der Urszene gelitten hatte. 

1) Die reale Natur der Urszene vorausgesetzt! 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 7 s 

Die Ablehnung dieser bösen Geister entsprach einem unver- 
kennbar asketischen Zug, der sich noch in anderen Reaktionen 
äußerte. Als er hörte, daß Christus einmal böse Geister in Säue 
gebannt hatte, die dann in einen Abgrund stürzten, dachte er 
daran, daß die Schwester in ihren ersten Kinderjahren vor seiner 
Erinnerung vom Klippenweg des Hafens an den Strand herab- 
gerollt war. Sie war auch so ein böser Geist und eine Sau; von 
hier führte ein kurzer Weg zu Gott — Schwein. Der Vater selbst 
hatte sich als ebenso von Sinnlichkeit beherrscht erwiesen. Als 
er die Geschichte der ersten Menschen erfuhr, fiel ihm die Ähn- 
lichkeit seines Schicksals mit dem Adams auf. Er wunderte sich 
heuchlerischerweise im Gespräch mit der Nanja, daß Adam sich 
durch ein Weib hatte ins Unglück stürzen lassen, und versprach 
der Nanja, er werde nie heiraten. Eine Verfeindung mit dem 
Weibe wegen der Verführung durch die Schwester schaffte sich 
um diese Zeit starken Ausdruck. Sie sollte ihn in seinem späteren 
Liebesleben noch oft genug stören. Die Schwester wurde ihm 
zur dauernden Verkörperung der Versuchung und der Sünde. 
Wenn er gebeichtet hatte, kam er sich rein und sündenfrei vor. 
Dann schien es ihm aber, als ob die Schwester darauf lauerte, 
ihn wieder in Sünde zu stürzen, und ehe er sich's versah, hatte 
er eine Streitszene mit der Schwester provoziert, durch die er 
wieder sündig wurde. So war er genötigt, die Tatsache der Ver- 
führung immer wieder von Neuem zu reproduzieren. Seine blas- 
phemischen Gedanken hatte er übrigens, so sehr sie ihn drückten, 
niemals in der Beichte preisgegeben. 

Wir sind unversehens in die Symptomatik der späteren Jahre 
der Zwangsneurose geraten und wollen darum mit Hinwegsetzung 
über soviel, was dazwischen liegt, über ihren Ausgang berichten. 
Wir wissen schon, daß sie, von ihrem permanenten Bestand ab- 
gesehen, zeitweise Verstärkungen erfuhr, das eine Mal, was uns 
noch nicht durchsichtig sein kann, als ein Knabe in derselben 
Straße starb, mit dem er sich identifizieren konnte. Als er zehn 



74 Sigm. Freud 




Jahre alt war, bekam er einen deutschen Hofmeister, der sehr 
bald großen Einfluß auf ihn gewann. Es ist sehr lehrreich, daß 
seine ganze schwere Frömmigkeit dahinschwand, um nie wieder 
aufzuleben, nachdem er gemerkt und in belehrenden Gesprächen 
mit dem Lehrer erfahren hatte, daß dieser Vaterersatz keinen 
Wert auf Frömmigkeit legte und nichts von der Wahrheit der 
Religion hielt. Die Frömmigkeit fiel mit der Abhängigkeit vom 
Vater, der nun von einem neuen, umgänglicheren Vater abgelöst 
wurde. Dies geschah allerdings nicht ohne ein letztes Aufflackern 
der Zwangsneurose, von dem der Zwang besonders erinnert 
wurde, an die Heilige Dreieinigkeit zu denken, so oft er auf der 
Straße drei Häufchen Kot beisammenliegen sah. Er gab eben nie 
einer Anregung nach, ohne noch einen Versuch zu machen, das 
Entwertete festzuhalten. Als der Lehrer ihm von den Grausam- 
keiten gegen die kleinen Tiere abredete, machte er auch diesen 
Untaten ein Ende, aber nicht, ohne sich vorher noch einmal im 
Zerschneiden von Raupen gründlich genug getan zu haben. Er 
benahm sich noch in der analytischen Behandlung ebenso, indem 
er eine passagere „negative Reaktion" entwickelte ; nach jeder 
einschneidenden Lösung versuchte er für eine kurze Weile, deren 
Wirkung durch eine Verschlechterung des gelösten Symptoms 
zu negieren. Man weiß, daß Kinder sich ganz allgemein ähn- 
lich gegen Verbote benehmen. Wenn man sie angefahren hat, 
weil sie z. B. ein unleidliches Geräusch produzieren, so wieder- 
holen sie es nach dem Verbot noch einmal, ehe sie damit auf- 
hören. Sie haben dabei erreicht, daß sie anscheinend freiwillig 
aufgehört und dem Verbot getrotzt haben. 

Unter dem Einfluß des deutschen Lehrers entstand eine neue 
und bessere Sublimierung seines Sadismus, der entsprechend der 
nahen Pubertät damals die Oberhand über den Masochismus ge- 
wonnen hatte. Er begann fürs Soldatenwesen zu schwärmen, für 
Uniformen, Waffen und Pferde, und nährte damit kontinuier- 
liche Tagträume. So war er unter dem Einfluß eines Mannes 




Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 



e o 



von seinen passiven Einstellungen losgekommen und befand sich 
zunächst in ziemlich normalen Bahnen. Eine Nachwirkung der 
Anhänglichkeit an den Lehrer, der ihn bald darauf verließ, war 
es, daß er in seinem späteren Leben das deutsche Element 
(Ärzte, Anstalten, Frauen) gegen das heimische (Vertretung des 
Vaters) bevorzugte, woraus noch die Übertragung in der Kur 
großen Vorteil zog. 

• In die Zeit vor der Befreiung durch den Lehrer fällt noch 
ein Traum, den ich erwähne, weil er bis zu seiner Gelegenheit 
in der Kur vergessen war. Er sah sich auf einem Pferd reitend 
von einer riesigen Raupe verfolgt. Er erkannte in dem Traum 
eine Anspielung auf einen früheren aus der Zeit vor dem Lehrer, 
den wir längst gedeutet hatten. In diesem früheren Traum sali 
er den Teufel im schwarzen Gewand und in der aufrechten 
Stellung, die ihn seinerzeit am Wolf und am Löwen so sehr 
erschreckt hatte. Mit dem ausgestreckten Finger wies er auf eine 
riesige Schnecke hin. Er hatte bald erraten, daß dieser Teufel 
der Dämon aus einer bekannten Dichtung, der Traum selbst die 
Umarbeitung eines sehr verbreiteten Bildes sei, das den Dämon 
in einer Liebesszene mit einem Mädchen darstellte. Die Schnecke 
war an der Stelle des Weibes als exquisit weibliches Sexual- 
symbol. Durch die zeigende Gebärde des Dämons geleitet, konnten 
wir bald als den Sinn des Traumes angeben, daß er sich nach 
jemand sehne, der ihm die letzten noch fehlenden Belehrungen 
über die Rätsel des Geschlechtsverkehrs geben sollte, wie seiner- 
zeit der Vater in der Urszene die ersten. 

Zu dem späteren Traum, in dem das weibliche Symbol durch 
das männliche ersetzt war, erinnerte er ein bestimmtes Erlebnis 
kurz vorher. Er ritt eines Tages auf dem Landgut an einem 
schlafenden Bauern vorüber, neben dem sein Junge lag. Dieser 
weckte den Vater und sagte ihm etwas, worauf der Vater den 
Reitenden zu beschimpfen und zu verfolgen begann, so daß 
er sich rasch auf seinem Pferd entfernte. Dazu die zweite 



7 6 Sigm. Freud 



Erinnerung, daß es auf demselben Gut Bäume gab, die ganz weiß 
ganz von Raupen umsponnen waren. Wir verstehen, daß er 
auch vor der Realisierung der Phantasie die Flucht ergriff, daß 
der Sohn beim Vater schlafe, und daß er die weißen Bäume 
heranzog, um eine Anspielung an den Angsttraum von den weißen 
Wölfen auf dem Nußbaum herzustellen. Es war also ein direkter Aus- 
bruch der Angst vor jener femininen Einstellung zum Mann, gegen 
die er sich zuerst durch die religiöse Sublimierung geschützt hatte 
und bald durch die militärische noch wirksamer schützen sollte. 

Es wäre aber ein großer Irrtum anzunehmen, daß nach der 
Aufhebung der Zwangssymptome keine permanenten Wirkungen 
der Zwangsneurose übrig geblieben wären. Der Prozeß hatte zu 
einem Sieg des frommen Glaubens über die kritisch forschende 
Auflehnung geführt und hatte die Verdrängung der homosexuellen 
Einstellung zur Voraussetzung gehabt. Aus beiden Faktoren er- 
gaben sich dauernde Nachteile. Die intellektuelle Betätigung blieb 
seit dieser ersten großen Niederlage schwer geschädigt. Es ent- 
wickelte sich kein Lerneifer, es zeigte sich nichts mehr von dem 
Scharfsinn, der seinerzeit im zarten Alter von fünf Jahren die 
Lehren der Religion kritisch zersetzt hatte. Die während jenes 
Angsttraumes erfolgte Verdrängung der überstarken Homosexualität 
reservierte diese bedeutungsvolle Regung für das Unbewußte, 
erhielt sie so bei der ursprünglichen Zieleinstellung und entzog 
sie all den Sublimierungen, zu denen sie sich sonst bietet. Es 
fehlten dem Patienten darum alle die sozialen Interessen, welche 
dem Leben Inhalt geben. Erst als in der analytischen Kur die 
Lösung dieser Fesselung der Homosexualität gelang, konnte sich 
der Sachverhalt zum Besseren wenden, und es war sehr merk- 
würdig mitzuerleben, wie — ohne direkte Mahnung des Arztes — 
Jedes befreite Stück der homosexuellen Libido eine Anwendung 
im Leben und eine Anheftung an die großen gemeinsamen 
Geschäfte der Menschheit suchte. 



VII 
ANALEROTIK UND KASTRATIONSKOMPLEX 

Ich bitte den Leser sich zu erinnern, daß ich diese Geschichte 
einer infantilen Neurose sozusagen als Nebenprodukt während 
der Analyse einer Erkrankung im reiferen Alter gewonnen habe. 
Ich mußte sie also aus noch kleineren Brocken zusammensetzen. 
als sonst der Synthese zu Gebote stehen. Diese sonst nicht 
schwierige Arbeit findet eine natürliche Grenze, wo es sich 
darum handelt, ein vieldimensionales Gebilde in die Ebene der 
Deskription zu bannen. Ich muß mich also damit begnügen, 
Gliederstücke vorzulegen, die der Leser zum lebenden Ganzen 
zusammenfügen mag. Die geschilderte Zwangsneurose entstand, 
wie wiederholt betont, auf dem Boden einer sadistisch-analen 
Konstitution. Es war aber bisher nur von dem einen Hauptfaktor, 
dem Sadismus und seinen Umwandlungen, die Rede. Alles, was 
die Analerotik betrifft, ist mit Absicht beiseite gelassen worden 
und soll hier gesammelt nachgetragen werden. 

Die Analytiker sind längst einig darüber, daß den vielfachen 
Triebregungen, die man als Analerotik zusammenfaßt, eine außer- 
ordentliche, gar nicht zu überschätzende Bedeutung für den 
Aufbau des Sexuallebens und der seelischen Tätigkeit überhaupt 
zukommt. Ebenso, daß eine der wichtigsten Äußerungen der 
umgebildeten Erotik aus dieser Quelle in der Behandlung des 
Geldes vorliegt, welcher wertvolle Stoff im Laufe des Lebens 
das psychische Interesse an sich gezogen hat, das ursprünglich 




7 ^ Sigm. Freud 



dem Kot, dem Produkt der Analzone, gebührte. Wir haben uns 
gewöhnt, das Interesse am Gelde, soweit es libidinöser und nicht 
rationeller Natur ist, auf Exkrementallust zurückzuführen und 
vom normalen Menschen zu verlangen, daß er sein Verhältnis 
zum Gelde durchaus von libidinösen Einflüssen frei halte und es 
nach realen Rücksichten regle. 

Bei unserem Patienten war zur Zeit seiner späteren Erkran- 
kung dies Verhältnis in besonders argem Maße gestört, und dies 
war nicht das Geringste an seiner Unselbständigkeit und Lebens- 
untüchtigkeit. Er war durch Erbschaft von Vater und Onkel 
sehr reich geworden, legte manifesterweise viel Wert darauf, für 
reich zu gelten, "und konnte sich sehr kränken, wenn man ihn 
darin unterschätzte. Aber er wußte nicht, wieviel er besaß, was 
er verausgabte, was er übrig behielt. Es war schwer zu sagen, 
ob man ihn geizig oder verschwenderisch heißen sollte. Er be- 
nahm sich bald so, bald anders, niemals in einer Art, die auf 
eine konsequente Absicht hindeuten konnte. Nach einigen auf- 
fälligen Zügen, die ich weiter unten anführen werde, konnte 
man ihn für einen verstockten Geldprotzen halten, der in dem 
Reichtum den größten Vorzug seiner Person erblickt und Gefühls- 
interessen neben Geldinteressen nicht einmal in Betracht ziehen 
läßt. Aber er schätzte andere nicht nach ihrem Reichtum ein 
und zeigte sich bei vielen Gelegenheiten vielmehr bescheiden, 
hilfsbereit und mitleidig. Das Geld war eben seiner bewußten 
Verfügung entzogen und bedeutete für ihn irgend etwas anderes. 
Ich habe schon erwähnt (S. 21), daß ich die Art sehr be- 
denklich fand, wie er sich über den Verlust der Schwester, die 
in den letzten Jahren sein bester Kamerad geworden war, mit 
der Überlegung tröstete: Jetzt brauche er die Erbschaft von den 
Eltern nicht mit ihr zu teilen. Auffälliger vielleicht war noch 
die Ruhe, mit welcher er dies erzählen konnte, als hätte er kein 
Verständnis für die so eingestandene Gefühlsroheit. Die Analyse 
rehabilitierte ihn zwar, indem sie zeigte, daß der Schmerz um 



■ä** 



, 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 79 

die Schwester nur eine Verschiebung erfahren hatte, aber es 
wurde nun erst recht unverständlich, daß er in der Bereicherung 
einen Ersatz für die Schwester hatte finden wollen. 

Sein Benehmen in einem anderen Falle erschien ihm selbst 
rätselhaft. Nach dem Tode des Vaters wurde das hinterlassene 
Vermögen zwischen ihm und der Mutter aufgeteilt. Die Mutter 
verwaltete es und kam seinen Geldansprüchen, wie er selbst zugab, 
in tadelloser, freigebiger Weise entgegen. Dennoch pflegte jede 
Besprechung über Geldangelegenheiten zwischen ihnen mit den 
heftigsten Vorwürfen von seiner Seite zu endigen, daß sie ihn 
nicht liebe, daß sie daran denke, an ihm zu sparen, und daß sie 
ihn wahrscheinlich am liebsten tot sehen möchte, um allein über 
das Geld zu verfügen. Die Mutter beteuerte dann weinend ihre 
Uneigennützigkeit, er schämte sich und konnte mit Recht ver- 
sichern, daß er das gar nicht von ihr denke, aber er war sicher, 
dieselbe Szene bei nächster Gelegenheit zu wiederholen. 

Daß der Kot für ihn lange Zeit vor der Analyse Geldbe- 
deutung gehabt hat, geht aus vielen Zufällen hervor, von denen 
ich zwei mitteilen will. In einer Zeit, da der Darm noch unbe- 
teiligt an seinem Leiden war, besuchte er einmal in einer großen 
Stadt einen armen Vetter. Als er wegging, machte er sich Vor- 
würfe, daß er diesen Verwandten nicht mit Geld unterstütze, 
und bekam unmittelbar darauf den „vielleicht stärksten Stuhl- 
drang seines Lebens". Zwei Jahre später setzte er wirklich diesem 
Vetter eine Rente aus. Der andere Fall: Mit 18 Jahren während 
der Vorbereitung zur Maturitätsprüfung besuchte er einen Kollegen 
und verabredete mit ihm, was die gemeinsame Angst, bei der 
Prüfung durchzufallen, ratsam erscheinen ließ. 1 Man hatte be- 
schlossen, den Schuldiener zu bestechen, und sein Anteil an der 
aufzubringenden Summe war natürlicherweise der größte. Auf 
dem Heimwege dachte er, er wolle gern noch mehr geben, 

1) Der Patient teilte mit, daß seine Muttersprache die im Deutschen bekannte 
Verwendung des Wortes „Durchfall" zur Bezeichnung von Darmstönungen nicht kennt. 



8o Sigm. Freud 



wenn er nur durchkomme, wenn ihm bei der Prüfung nur nichts 
passiere, und wirklich passierte ihm ein anderes Malheur, ehe er 
noch bei seiner Haustüre war. 1 

Wir sind darauf vorbereitet zu hören, daß er in seiner späteren 
Erkrankung an sehr hartnäckigen, wenn auch mit verschiedenen 
Anlässen schwankenden Störungen der Darmfunktion litt. Als er 
in meine Behandlung trat, hatte er sich an Lavements gewöhnt^ 
die ihm ein Begleiter machte; spontane Entleerungen kamen 
Monate hindurch nicht vor, wenn nicht eine plötzliche Erregung 
von einer bestimmten Seite her dazukam, in deren Folge sich 
normale Darmtätigkeit für einige Tage herstellen konnte. Seine 
Hauptklage war, daß die Welt für ihn in einen Schleier gehüllt 
sei, oder er durch einen Schleier von der Welt getrennt sei. 
Dieser Schleier zerriß nur in dem einen Moment, wenn beim 
Lavement der Darminhalt den Darm verließ, und dann fühlte 
er sich auch wieder gesund und normal. 2 

Der Kollege, an den ich den Patienten zur Begutachtung 
seines Darmzustandes wies, war einsichtsvoll genug, denselben 
für einen funktionellen oder selbst psychisch bedingten zu erklären, 
und sich eingreifender Medikation zu enthalten. Übrigens nützte 
weder diese noch die angeordnete Diät. In den Jahren der ana- 
lytischen Behandlung gab es keinen spontanen Stuhlgang (von 
jenen plötzlichen Beeinflussungen abgesehen). Der Kranke ließ 
sich überzeugen, daß jede intensivere Bearbeitung des störrischen 
Organs den Zustand noch verschlimmern würde, und gab sich 
damit zufrieden, ein- oder zweimal in der Woche durch ein 
Lavement oder ein Abführmittel eine Darmentleerung zu erzwingen. 

Ich habe bei der Besprechung der Darmstörungen dem späteren 
Krankheitszustand des Patienten einen breiteren Raum gelassen. 



1) Diese Redensart ist in der Muttersprache des Patienten gleichsinnig wie im 
Deutschen. 

2) Dieselbe Wirkung, ob er das Lavement von einem anderen machen hieß oder 
es selbst besorgte. 






Aus der Geschichte einer infantilen Neurose % x 



als es sonst im Plane dieser mit seiner Kindheitsneurose beschäf- 
tigten Arbeit liegt. Dafür waren zwei Gründe maßgebend, erstens 
daß die Darmsymptomatik sich eigentlich wenig verändert aus 
der Kinderneurose in die spätere fortgesetzt hatte, und zweitens, 
daß ihr bei der Beendigung der Behandlung eine Hauptrolle zufiel. 

Man weiß, welche Bedeutung der Zweifel für den Arzt hat, 
der eine Zwangsneurose analysiert. Er ist die stärkste Waffe des 
Kranken, das bevorzugte Mittel seines Widerstandes. Dank diesem 
Zweifel konnte auch unser Patient, hinter einer respektvollen 
Indifferenz verschanzt, Jahre hindurch die Bemühungen der Kur 
von sich abgleiten lassen. Es änderte sich nichts, und es fand sich 
kein Weg, ihn zu überzeugen. Endlich erkannte ich die Bedeutung 
der Darmstörung für meine Absichten ; sie repräsentierte das 
Stückchen Hysterie, welches regelmäßig zu Grunde einer Zwangs- 
neurose gefunden wird. Ich versprach dem Patienten die völlige 
Herstellung seiner Darmtätigkeit, machte seinen Unglauben durch 
diese Zusage offenkundig, und hatte dann die Befriedigung, seinen 
Zweifel schwinden zu sehen, als der Darm wie ein hysterisch 
affiziertes Organ bei der Arbeit „mitzusprechen" begann, und im 
Laufe weniger Wochen seine normale, so lange beeinträchtigte 
Funktion wiedergefunden hatte. 

Ich kehre nun zur Kindheit des Patienten zurück, in eine Zeit, zu 
welcher der Kot unmöglich Geldbedeutung für ihn gehabt haben kann. 

Darmstörungen sind sehr frühzeitig bei ihm aufgetreten, vor 
allem die häufigste und für das Kind normalste, die Inkontinenz. 
Wir haben aber gewiß recht, wenn wir für diese frühesten Vor- 
fälle eine pathologische Erklärung ablehnen und in ihnen nur 
einen Beweis für die Absicht sehen, sich in der an die Entleerungs- 
lünktion geknüpften Lust nicht stören oder aufhalten zu lassen. 
Ein starkes Vergnügen an analen Witzen und Schaustellungen, 
wie es sonst der natürlichen Derbheit mancher Gesellschafts- 
klassen entspricht, hatte sich bei ihm über den Beginn der späteren 
Erkrankung erhalten. 

Freud, Infantile Ncurosi- r 



8 z Sigm. Freud 



Zur Zeit der englischen Gouvernante traf es sich wiederholt, 
daß er und die Nanja das Schlafzimmer der Verhaßten teilen 
mußten. Die Nanja konstatierte dann mit Verständnis, daß er 
gerade in diesen Nächten ins Bett gemacht hatte, was sonst nicht 
mehr der Fall gewesen war. Er schämte sich dessen gar nicht; 
es war eine Äußerung des Trotzes gegen die Gouvernante. 

Ein Jahr später (zu 4V3 Jahren), in der Angstzeit, passierte es 
ihm, daß er bei Tage die Hose schmutzig machte. Er schämte 
sich entsetzlich, und jammerte, als er gereinigt wurde: er könne 
so nicht mehr leben. Dazwischen hatte sich also etwas verändert, 
auf dessen Spur wir durch die Verfolgung seiner Klage geführt 
wurden. Es stellte sich heraus, daß er die Worte: so könne er 
nicht mehr leben, jemand anderem nachgeredet hatte. Irgend 
einmal 1 hatte ihn die Mutter mitgenommen, während sie den Arzt, 
der sie besucht hatte, zur Bahnstation begleitete. Sie klagte 
während dieses Weges über ihre Schmerzen und Blutungen und 
brach in die nämlichen Worte aus: So kann ich nicht mehr 
leben, ohne zu erwarten, daß das an der Hand geführte Kind 
sie im Gedächtnis behalten werde. Die Klage, die er übrigens in 
seiner späteren Krankheit ungezählte Male wiederholen sollte, 
bedeutete also eine — Identifizierung mit der Mutter. 

Ein der Zeit und dem Inhalt nach fehlendes Mittelglied 
zwischen beiden Vorfällen stellte sich bald in der Erinnerung ein. 
Es geschah einmal zu Beginn seiner Angstzeit, daß die besorgte 
Mutter Warnungen ausgehen ließ, die Kinder vor der Dysenterie 
zu behüten, die in der Nähe des Gutes aufgetreten war. Er er- 
kundigte sich, was das sei, und als er gehört hatte, bei der 
Dysenterie finde man Blut im Stuhl, wurde er sehr ängstlich 
und behauptete, daß auch in seinem Stuhlgang Blut sei; er 
fürchtete, an der Dysenterie zu sterben, ließ sich aber durch die 
Untersuchung überzeugen, daß er sich geirrt habe und nichts zu 

1) Es ist nicht näher bestimmt worden, wann es war, aber jedenfalls vor dem Angst- 
traum mit vier Jahren, wahrscheinlich vor der Reise der Eltern. 




Aus der Geschichte einer infantilen Neurose g 



fürchten brauche. Wir verstehen, daß sich in dieser Angst die 
Identifizierung mit der Mutter durchsetzen wollte, von deren 
Blutungen er im Gespräch mit dem Arzt gehört hatte. Bei seinem 
späteren Identifizierungsversuch (mit 4% Jahren) hatte er das 
Blut fallen gelassen $ er verstand sich nicht mehr, vermeinte sich 
zu schämen und wußte nicht, daß er von Todesangst geschüttelt 
wurde, die sich in seiner Klage aber unzweideutig verriet. 

Die unterleibsleidende Mutter war damals überhaupt ängstlich 
für sich und die Kinder; es ist durchaus wahrscheinlich, daß 
seine Ängstlichkeit sich neben ihren eigenen Motiven auf die 
Identifizierung mit der Mutter stützte. 

Was sollte nun die Identifizierung mit der Mutter bedeuten? 

Zwischen der kecken Verwendung der Inkontinenz mit 5V2 Jahren 
und dem Entsetzen vor ihr mit 4V2 Jahren liegt der Traum, mit 
dem seine Angstzeit begann, der ihm nachträgliches Verständnis 
der mit iV 2 Jahren erlebten Szene* und Aufklärung über die 
Rolle der Frau beim Geschlechtsakt brachte. Es liegt nahe, auch 
die Wandlung in seinem Verhalten gegen die Defakation mit 
dieser großen Umwälzung zusammenzubringen. Dysenterie war 
ihm offenbar der Name der Krankheit, über die er die Mutter 
klagen gehört hatte, mit der man nicht leben könne; die Mutter " 
galt ihm nicht als Unterleibs-, sondern als darmkrank. Unter dem 
Einfluß der Urszene erschloß sich ihm der Zusammenhang, daß 
die Mutter durch das, was der Vater mit ihr vorgenommen, 2 
krank geworden sei, und seine Angst, Blut ihm Stuhle zu haben, 
ebenso krank zu sein wie die Mutter, war die Ablehnung der 
Identifizierung mit der Mutter in jener sexuellen Szene, dieselbe 
Ablehnung, mit der er aus dem Traum erwacht war. Die Angst 
war aber auch der Beweis, daß er in der späteren Bearbeitung 
der Urszene sich an die Stelle der Mutter gesetzt, ihr diese Be- 
ziehung zum Vater geneidet hatte. Das Organ, an dem sich die 

1) Siehe vorhin Seite 46. 

2) Wobei er ja wahrscheinlich nicht irre ging. 



84 Sigin. Freud 



Identifizierung mit dem Weibe, die passiv homosexuelle Einstellung 
zum Manne äußern konnte, war die Analzone. Die Störungen 
in der Funktion dieser Zone hatten nun die Bedeutung von 
femininen Zärtlichkeitsregungen bekommen und behielten sie 
auch während der späteren Erkrankung bei. 

An dieser Stelle müssen wir nun einen Einwand anhören, 
dessen Diskussion viel zur Klärung der scheinbar verworrenen 
Sachlage beitragen kann. Wir haben ja annehmen müssen, daß 
er während des Traumvorganges verstanden, das Weib sei kastriert, 
habe anstatt des männlichen Gliedes eine Wunde, die dem Ge- 
schlechtsverkehr diene, die Kastration sei die Bedingung der Weib- 
lichkeit, und dieses drohenden Verlustes wegen habe er die 
feminine Einstellung zum Manne verdrängt und sei mit Angst 
aus der homosexuellen Schwärmerei erwacht. Wie verträgt sich 
dies Verständnis des Geschlechtsverkehrs, diese Anerkennung der 
Vagina, mit der Auswahl des Darmes zur Identifizierung mit dem 
Weib? Ruhen die Darmsymptome nicht auf der wahrscheinlich 
älteren, der Kastrationsangst voll widersprechenden Auffassung, 
daß der Darmausgang die Stelle des sexuellen Verkehrs sei? 

Gewiß, dieser Widerspruch besteht, und die beiden Auffassun- 
gen vertragen sich gar nicht miteinander. Die Frage ist nur, 
ob sie sich zu vertragen brauchen. Unser Befremden rührt daher, 
daß wir immer geneigt sind, die unbewußten seelischen Vorgänge 
wie die bewußten zu behandeln und an die tiefgehenden Ver- 
schiedenheiten der beiden psychischen Systeme zu vergessen. 

Als die erregte Erwartung des Weihnachtstraumes ihm das 
Bild des einst beobachteten (oder konstruierten) Geschlechts Ver- 
kehres der Eltern vorzauberte, trat gewiß zuerst die alte Auf- 
lassung desselben auf, derzufolge die das Glied aufnehmende 
Körperstelle des Weibes der Darmausgang war. Was konnte er 
auch anderes geglaubt haben, als er mit i7 2 Jahren Zuschauer 
dieser Szene war? 1 Aber nun kam das, was sich mit vier Jahren 



1) Oder solange er den Koitus der Hunde nicht verstand. 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 8« 

neu ereignete. Seine seitherigen Erfahrungen, die vernommenen 
Andeutungen der Kastration, wachten auf und warfen einen 
Zweifel auf die „Kloakentheorie", legten ihm die Erkenntnis des 
Geschlechtsunterschiedes und der sexuellen Rolle des Weibes 
nahe. Er benahm sich dabei, wie sich überhaupt Kinder benehmen, 
denen man eine unerwünschte Aufklärung — eine sexuelle oder 
andersartige — gibt. Er verwarf das Neue — in unserem Falle 
aus Motiven der Kastrationsangst — und hielt am Alten fest. 
Er entschied sich für den Darm gegen die Vagina in derselben 
Weise und aus ähnlichen Motiven, wie er später gegen Gott für 
den Vater Partei nahm. Die neue Aufklärung wurde abgewiesen, 
die alte Theorie festgehalten; die letztere durfte das Material für 
die Identifizierung mit dem Weib abgeben, die später als Angst 
vor dem Darmtod auftrat, und für die ersten religiösen Skrupel, 
ob Christus einen Hintern gehabt habe u. dgl. Nicht als ob die 
neue Einsicht wirkungslos geblieben wäre; ganz im Gegenteile, 
sie entfaltete eine außerordentlich starke Wirkung, indem sie 
zum Motiv wurde, den ganzen Traumvorgang in der Verdrängung 
zu erhalten und von späterer bewußter Verarbeitung auszuschließen. 
Aber damit war ihre Wirkung erschöpft; auf die Entscheidung 
des sexuellen Problems nahm sie keinen Einfluß. Es war freilich 
ein Widerspruch, daß von da an Kastrationsangst bestehen konnte 
neben der Identifizierung mit dem Weib mittels des Darmes, 
aber doch nur ein logischer Widerspruch, was nicht viel besagt. 
Der ganze Vorgang ist vielmehr jetzt charakteristisch dafür, wie 
das Unbewußte arbeitet. Eine Verdrängung ist etwas anderes als 
eine Verwerfung. 

Als wir die Genese der Wolfsphobie studierten, verfolgten wir 
die Wirkung der neuen Einsicht in den geschlechtlichen Akt; 
jetzt, wo wir die Störungen der Darmtätigkeit untersuchen, be- 
finden wir uns auf dem Boden der alten Kloakentheorie. Die 
beiden Standpunkte bleiben durch eine Verdrängungsstufe von- 
einander getrennt. Die durch den Verdrängungsakt abgewiesene 



86 Sigm. Freud 



weibliche Einstellung zum Manne zieht sich gleichsam in die 
Darmsymptomatik zurück und äußert sich in den häufig auf- 
tretenden Diarrhöen, Obstipationen und Darmschmerzen der 
Kinderjahre. Die späteren sexuellen PhanLasien, die auf der Grund- 
lage richtiger Sexualerkenntnis aufgebaut sind, können sich nun 
in regressiver Weise als Darmstörungen äußern. Wir verstehen 
dieselben aber nicht, ehe wir den Bedeutungswandel des Kotes 
seit den ersten Kindheitstagen aufgedeckt haben. 1 

Ich habe an einer früheren Stelle erraten lassen, daß vom 
Inhalt der Urszene ein Stück zurückgehalten ist, das ich nun 
nachtragen kann. Das Kind unterbrach endlich das Beisammen- 
sein der Eltern durch eine Stuhlentleerung, die sein Geschrei 
motivieren konnte. Für die Kritik dieses Zusatzes gilt alles das, 
was ich vorhin von dem anderen Inhalt derselben Szene in Dis- 
kussion gezogen habe. Der Patient akzeptierte diesen von mir 
konstruierten Schlußakt und schien ihn durch „passagere Symptom- 
bildung zu bestätigen. Ein weiterer Zusatz, den ich vorgeschlagen 
hatte, daß der Vater über die Störung unzufrieden seinem Un- 
mut durch Schimpfen Luft gemacht hatte, mußte wegfallen. 
Das Material der Analyse reagierte nicht darauf. 

Das Detail, das ich jetzt hinzugefügt habe, darf natürlich mit 
dem anderen Inhalt der Szene nicht in eine Linie gestellt werden. 
Es handelt sich bei ihm nicht um einen Eindruck von außen, 
dessen Wiederkehr man in soviel späteren Zeichen zu erwarten 
hat, sondern um eine eigene Reaktion des Kindes. Es würde 
sich an der ganzen Geschichte nichts ändern, wenn diese 
Äußerung damals unterblieben oder wenn sie von später her in 
den Vorgang der Szene eingesetzt wäre. Ihre Auffassung ist aber 
nicht zweifelhaft. Sie bedeutet eine Erregtheit der Analzone (im 
weitesten Sinne). In anderen Fällen ähnlicher Art hat eine solche 
Beobachtung des Sexualverkehrs mit einer Harnentleerung ge- 
endigt; ein erwachsener Mann würde unter den gleichen Ver- 

1) Vgl.: Über Triebumsetzungen usw. [Bd. VII. der Gesamtausgabe.] 



Aus der Geschickte einer infantilen Neurose 87 

hältnissen eine Erektion verspüren. Daß unser Knäblein als 
Zeichen seiner sexuellen Erregung eine Darmentleerung produ- 
ziert, ist als Charakter seiner mitgebrachten Sexualkonstitution 
zu beurteilen. Er stellt sich sofort passiv ein, zeigt mehr Neigung 
zur späteren Identifizierung mit dem Weibe als mit dem Manne. 

Er verwendet dabei den Darminhalt wie jedes andere Kind 
in einer seiner ersten und ursprünglichsten Bedeutungen. Der 
Kot ist das erste Geschenk, das erste Zärtlichkeitsopfer des 
Kindes, ein Teil des eigenen Leibes, dessen man sich entäußert, 
aber auch nur zu Gunsten einer geliebten Person. 1 Die Ver- 
wendung zum Trotz wie in unserem Falle mit 3 V» Jahren gegen 
die Gouvernante ist nur die negative Wendung dieser früheren 
Geschenkbedeutung. Der grumus merdae, den die Einbrecher 
am Tatorte hinterlassen, scheint beides zu bedeuten: den Hohn 
und die regressiv ausgedrückte Entschädigung. Immer, wenn eine 
höhere Stufe erreicht ist, kann die frühere noch im negativ er- 
niedrigten Sinne Verwendung finden. Die Verdrängung findet 
ihren Ausdruck in der Gegensätzlichkeit. 2 

Auf einer späteren Stufe der Sexualentwicklung nimmt der 
Kot die Bedeutung des Kindes an. Das Kind wird ja durch den 
After geboren wie der Stuhlgang. Die Geschenkbedeutung des 
Kotes läßt diese Wandlung leicht zu. Das Kind wjrd im Sprach- 
gebrauch als ein „Geschenk" bezeichnet; es wird häufiger vom 
Weibe ausgesagt, daß sie dem Manne „ein Kind geschenkt hat, 

1) Ich glaube, es läßt sich leicht bestätigen, daß Säuglinge nur die Personen, die 
von ihnen gekannt und geliebt werden, mit ihren Exkrementen beschmutzen; Fremde 
würdigen sie dieser Auszeichnung nicht. In den „Drei Abhandlungen zur Sexual- 
theorie« habe ich die allererste Verwendung des Kotes zur autoerotischen Reizung 
der Darmschleimhaut erwähnt; als Fortschritt schließt sich nun an, daß die Ruck- 
sicht auf ein Objekt für die Defäkation maßgebend wird, dem das Kind dabei ge- 
horsam oder gefällig ist. Diese Relation setzt sich dann fort, indem sich auch das 
ältere Kind nur von gewissen bevorzugten Personen auf den Topf setzen, beim 
Urinieren helfen läßt, wobei aber auch andere Befriedigungsabsichten in Betracht 
kommen. 

2) Es gibt im Unbewußten bekanntlich kein „Nein"; Gegensätze fallen zusammen. 
Die Negation wird erst durch den Vorgang der Verdrängung eingeführt. 






88 Sigm. Freud 



I 



aber im Gebrauch des Unbewußten wird mit Recht die andere 
Seite des Verhältnisses, daß das Weib das Kind vom Manne als 
Geschenk „empfangen" hat, ebenso berücksichtigt.. 

Die Geldbedeutung des Kotes zweigt nach einer anderen 
Richtung von der Geschenkbedeutung ab. 

Die frühe Deckerinnerung unseres Kranken, daß er einen 
ersten Wutanfall produziert, weil er zu Weihnachten nicht genug 
Geschenke bekommen habe, enthüllt nun ihren tieferen Sinn. 
Was er vermißte, war die Sexualbefriedigung, die er anal gefaßt 
hatte. Seine Sexualforschung war vor dem Traum darauf vor- 
bereitet und hatte es während des Traumvorganges begriffen, 
daß der Sexualakt das Rätsel der Herkunft der kleinen Kinder 
löse. Er hatte die kleinen Kinder schon vor dem Traum nicht 
gemocht. Einmal fand er einen kleinen, noch nackten Vogel, der 
aus dem Nest gefallen war, hielt ihn für einen kleinen Menschen 
und grauste sich vor ihm. Die Analyse wies nach, daß all die 
kleinen Tiere, Raupen, Insekten, gegen die er wütete, ihm kleine 
Kinder bedeutet hatten. 1 Sein Verhältnis zur älteren Schwester 
hatte ihm Anlaß gegeben, viel über die Beziehung der älteren 
Kinder zu den jüngeren nachzudenken; als ihm die Nanja ein- 
mal gesagt hatte, die Mutter habe ihn so lieb, weil er der jüngste 
sei, hatte er ein begreifliches Motiv bekommen zu wünschen, 
daß ihm kein jüngeres Kind nachfolgen möge. Die Angst vor 
diesem jüngsten wurde dann unter dem Einfluß des Traumes, 
der ihm den Verkehr der Eltern vorführte, neu belebt. 

Wir sollen also zu den uns bereits bekannten eine neue 
Sexualströmung hinzufügen, die wie die anderen von der im 
Traum reproduzierten Urszene ausgeht. In der Identifizierung 
mit dem Weibe (der Mutter) ist er bereit, dem Vater ein Kind 
zu schenken, und eifersüchtig auf die Mutter, die das schon ge- 
tan hat und vielleicht wieder tun wird. 



i) Ebenso das Ungeziefer, das in Träumen und Phobien häufig für die kleinen 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 8q 

Auf dem Umweg über den gemeinsamen Ausgang der Ge- 
schenkbedeutung kann nun das Geld die Kindbedeutung an sich 
ziehen und solcher Art den Ausdruck der femininen (homo- 
sexuellen) Befriedigung übernehmen. Dieser Vorgang yollzog sich 
bei unserem Patienten, als er einmal zur Zeit, da beide Ge- 
schwister in einem deutschen Sanatorium weilten, sah, daß der 
Vater der Schwester zwei große Geldnoten gab. Er hatte den 
Vater in seiner Phantasie immer mit der Schwester verdächtigt j 
nun erwachte seine Eifersucht, er stürzte sich auf die Schwester, 
als sie allein waren, und forderte mit solchem Ungestüm und 
mit solchen Vorwürfen seinen Anteil am Gelde, daß ihm die 
Schwester weinend das Ganze hinwarf. Es war nicht allein das 
reale Geld gewesen, das ihn gereizt hatte, viel mehr noch das 
Kind, die anale Sexualbefriedigung vom Vater. Mit dieser konnte 
er sich dann trösten, als — zu Lebzeiten des Vaters — die 
Schwester gestorben war. Sein empörender Gedanke bei der 
Nachricht ihres Todes bedeutete eigentlich nichts anderes als: 
Jetzt bin ich das einzige Kind, jetzt muß der Vater mich aliein 
lieb haben. Aber der homosexuelle Hintergrund dieser durchaus 
bewußtseinsfähigen Erwägung war so unerträglich, daß ihre Ver- 
kleidung in schmutzige Habsucht wohl als große Erleichterung 
ermöglicht wurde. 

Ähnlich wenn er nach dem Tode des Vaters der Mutter jene 
ungerechten Vorwürfe machte, daß sie ihn ums Geld betrügen 
wolle, daß sie das Geld lieber habe als ihn. Die alte Eifersucht, 
daß sie noch ein anderes Kind als ihn geliebt, die Möglichkeit, 
daß sie sich noch nach ihm ein anderes Kind gewünscht, zwangen 
ihn zu Beschuldigungen, deren Haltlosigkeit er selbst erkannte. 

Durch diese Analyse der Kotbedeutung wird uns nun klar- 
gelegt, daß die Zwangsgedanken, die Gott in Verbindung mit 
Kot bringen mußten, noch etwas anderes bedeuteten als die 
Schmähung, für die er sie erkannte. Sie waren vielmehr echte 
Kompromißergebnisse, an denen eine zärtliche, hingebende Strömung 



gö Sigm. Freud 

ebenso Anteil hatte wie eine feindselig beschimpfende. „Gott — Kot" 
war wahrscheinlich eine Abkürzung für ein Anerbieten, wie man 
es im Leben auch in ungekürzter Form zu hören bekommt. „Auf 
Gott scheißen", „Gott etwas scheißen" heißt auch, ihm ein Kind 
schenken, sich von ihm ein Kind schenken lassen. Die alte negativ 
erniedrigte Geschenkbedeutung und die später aus ihr entwickelte 
Kindbedeutung sind in den Zwangsworten miteinander vereinigt. 
In der letzteren kommt eine feminine Zärtlichkeit zum Ausdruck, 
die Bereitwilligkeit, auf seine Männlichkeit zu verzichten, wenn 
man dafür als Weib geliebt werden kann. Also gerade jene Regung 
gegen Gott, die in dem Wahnsystem des paranoischen Senats- 
präsidenten Schreber 1 in unzweideutigen Worten ausgesprochen 
wird. 

Wenn ich später von der letzten Symptomlösung bei meinem 
Patienten berichten werde, wird sich noch einmal zeigen lassen, 
wie die Darmstörung sich in den Dienst der homosexuellen 
Strömung gestellt und die feminine Einstellung zum Vater aus- 
gedrückt hatte. Eine neue Bedeutung des Kotes soll uns jetzt den 
Weg zur Besprechung des Kastrationskomplexes bahnen. 

Indem die Kotsäule die erogene Darmschleimhaut reizt, spielt 
sie die Rolle eines aktiven Organs für dieselbe, benimmt sie sich 
wie der Penis gegen die Vaginalschleimhaut und wird gleichsam 
zum Vorläufer desselben in der Epoche der Kloake. Das Hergeben 
des Kotes zu Gunsten (aus Liebe zu) einer anderen Person wird 
seinerseits zum Vorbild der Kastration, es ist der erste Fall des 
Verzichts auf ein Stück des eigenen Körpers, 2 um die Gunst eines 
geliebten Anderen zu gewinnen. Die sonst narzißtische Liebe zu 
seinem Penis entbehrt also nicht eines Beitrages von Seiten der 
Analerotik. Der Kot, das Kind, der Penis ergeben also eine Ein- 
heit, einen unbewußten Begriff — sit venia verbo — , den des 
vom Körper abtrennbaren Kleinen. Auf diesen Verbindungswegen 

1) Freud, Gesammelte Schriften, Bd. VIII, S. 553». 

2) Als welches der Kot durchaus vom Kinde behandelt wird. 



- 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose qx 

können sich Verschiebungen und Verstärkungen der Libido- 
besetzung vollziehen, die für die Pathologie von Bedeutung sind 
und von der Analyse aufgedeckt werden. 

Die anfängliche Stellungnahme unseres Patienten gegen das 
Problem der Kastration ist uns bekannt geworden. Er verwarf 
sie und blieb auf dem Standpunkt des Verkehrs im After. Wenn 
ich gesagt habe, daß er sie verwarf, so ist die nächste Bedeutung 
dieses Ausdrucks, daß er von ihr nichts wissen wollte im Sinne 
der Verdrängung. Damit war eigentlich kein Urteil über ihre 
Existenz gefällt, aber es war so gut, als ob sie nicht existierte. 
Diese Einstellung kann aber nicht die definitive, nicht einmal 
für die Jahre seiner Kindheitsneurose geblieben sein. Späterhin 
finden sich gute Beweise dafür, daß er die Kastration als Tat- 
sache anerkannt hatte. Er hatte sich auch in diesem Punkte be- 
nommen, wie es für sein Wesen kennzeichnend war, was uns 
allerdings die Darstellung wie die Einfühlung so außerordentlich 
erschwert. Er hatte sich zuerst gesträubt und dann nachgegeben, 
aber die eine Reaktion hatte die andere nicht aufgehoben. Am 
Ende bestanden bei ihm zwei gegensätzliche Strömungen neben- 
einander, von denen die eine die Kastration verabscheute, die 
andere bereit war, sie anzunehmen und sich mit der Weiblich- 
keit als Ersatz zu trösten. Die dritte, älteste und tiefste, welche 
die Kastration einfach verworfen hatte, wobei das Urteil über 
ihre Realität noch nicht in Frage kam, war gewiß auch noch 
aktivierbar. Ich habe von eben diesem Patienten an anderer 
Stelle 1 eine Halluzination aus seinem fünften Jahr erzählt, zu 
der ich hier nur einen kurzen Kommentar hinzuzufügen habe: 

„Als ich fünf Jahre alt war, spielte ich im Garten neben 
meiner Kinderfrau und schnitzelte mit meinem Taschenmesser 
an der Rinde eines jener Nußbäume, die auch in meinem Traum 2 

1) Über fausse reconnaissance („dejä raconte") während der psychoanalytischen Arbeit. 
Intern. Zschr. f. ärztliche Psychoanalyse. I, 1913. [Bd. VI. der Gesamtausgabe.] 

2) Vgl. Märchenstoffe in Träumen. Intern. Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse . 
I, 2. Heft. [Bd. IV der Gesamtausgabe.] 



92 Sigm. Freud 



eine Rolle spielen. 1 Plötzlich bemerkte ich mit unaussprechlichem 
Schrecken, daß ich mir den kleinen Finger der (rechten oder 
linken?) Hand so durchgeschnitten hatte, daß er nur noch an 
der Haut hing. Schmerz spürte ich keinen, aber eine große 
Angst. Ich getraute mich nicht, der wenige Schritte entfernten 
Kinderfrau etwas zu sagen, sank auf die nächste Bank und blieb 
da sitzen, unfähig, noch einen Blick auf den Finger zu werfen. 
Endlich wurde ich ruhig, faßte den Finger ins Auge, und siehe 
da, er war ganz unverletzt." 

Wir wissen, daß mit tf'f» Jahren nach der Mitteilung der 
heiligen Geschichte bei ihm jene intensive Denkarbeit einsetzte, 
die in die Zwangsfrömmigkeit auslief. Wir dürfen also annehmen, 
daß diese Halluzination in die Zeit fallt, in der er sich zur An- 
erkennung der Realität der Kastration entschloß, und daß sie 
vielleicht gerade diesen Schritt markieren sollte. Auch die kleine 
Korrektur des Patienten ist nicht ohne Interesse. Wenn er das- 
selbe schaurige Erlebnis halluzinierte, das Tasso im „Befreiten 
Jerusalem" von seinem Helden Tancred berichtet, so ist wohl 
die Deutung gerechtfertigt, daß auch für meinen kleinen Patienten 
der Baum ein Weib bedeutete. Er spielte also dabei den Vater 
und brachte die ihm bekannten Blutungen der Mutter mit der 
von ihm erkannten Kastration der Frauen, „der Wunde", in 
Beziehung. 

Die Anregung zur Halluzination vom abgeschnittenen Finger 
gab ihm, wie er später berichtete, die Erzählung, daß einer Ver- 
wandten, die mit sechs Zehen geboren wurde, dieses überzählige 
Glied gleich nachher mit einem Beil abgehackt wurde. Die 
Frauen hatten also keinen Penis, weil er ihnen bei der Geburt 
abgenommen worden war. Auf diesem Wege akzeptierte er zur Zeit 



i) Korrektur bei späterer Erzählung: „Ich glaube, ich schnitt nicht in den Baum. 
Das ist eine Verschmelzung mit einer anderen Erinnerung, die auch halluzinatorisch 
gefälscht sein muß, daß ich in einen Baum einen Schnitt mit dem Messer machte 
und daß dabei Blut aus dem Baume kam." 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 05 

der Zwangsneurose, was er schon während des Traumvorganges 
erfahren und damals durch Verdrängung von sich gewiesen hatte. 
Auch die rituelle Beschneidung Christi, wie der Juden überhaupt, 
konnte ihm während der Lektüre der heiligen Geschichte und 
der Gespräche über sie nicht unbekannt bleiben. 

Es ist ganz unzweifelhaft, daß ihm um diese Zeit der Vater zu 
jener Schreckensperson wurde, von der die Kastration droht. Der 
grausame Gott, mit dem er damals rang, der die Menschen schuldig 
werden läßt, um sie dann zu bestrafen, der seinen Sohn und 
die Söhne der Menschen opfert, warf seinen Charakter auf den 
Vater zurück, den er anderseits gegen diesen Gott zu verteidigen 
suchte. Der Knabe hat hier ein phylogenetisches Schema zu er- 
füllen und bringt es zu stände, wenngleich seine persönlichen 
Erlebnisse nicht dazu stimmen mögen. Die Kastrationsdrohungen 
oder Andeutungen, die er erfahren hatte, waren vielmehr von 
Frauen ausgegangen, 1 aber das konnte das Endergebnis nicht für 
lange aufhalten. Am Ende wurde es doch der Vater, von dem 
er die Kastration befürchtete. In diesem Punkte siegte die Here- 
dität über das akzidentelle Erleben; in der Vorgeschichte der 
Menschheit ist es gewiß der Vater gewesen, der die Kastration 
als Strafe übte und sie dann zur Beschneidung ermäßigte. Je 
weiter er auch im Verlauf des Prozesses der Zwangsneurose in 
der Verdrängung der Sinnlichkeit kam, 2 desto natürlicher mußte 
es ihm werden, den Vater, den eigentlichen Vertreter der sinn- 
lichen Betätigung, mit solchen bösen Absichten auszustatten. 

Die Identifizierung des Vaters mit dem Kastrator 5 wurde be- 
deutungsvoll als die Quelle einer intensiven, bis zum Todeswunsch 

1) Wir wissen 'es von der Nanja und werden es von einer anderen Praxi noch 
erfahren. 

2) Siehe die Belege dafür S. 73. 

3) Zu den quälendsten, aber auch groteskesten Symptomen seines späteren Leidens 
gehörte sein Verhältnis zu jedem — Schneider, bei dem er ein Kleidungsstück bestellt 
hatte, sein Respekt und seine Schüchternheit vor dieser hohen Person, seine Versuche, 
sie durch unmäßige Trinkgelder für sich einzunehmen, und seine Verzweiflung über 
den Erfolg der Arbeit, wie immer sie ausgefallen sein mochte. 



94 Sigm. Freud 



gesteigerten, unbewußten Feindseligkeit gegen ihn und der dar- 
auf reagierenden Schuldgefühle. Soweit benahm er sich aber 
normal, d. h. wie jeder Neurotiker, der von einem positiven 
Ödipuskomplex besessen ist. Das Merkwürdige war dann daß 
auch hiefür bei ihm eine Gegenströmung existierte, bei der der 
Vater vielmehr der Kastrierte war und als solcher sein Mitleid 
herausforderte. 

Ich habe bei der Analyse des Atemzeremoniells beim Anblick 
von Krüppeln, Bettlern usw. zeigen können, daß auch dieses 
Symptom auf den Vater zurückging, der ihm als Kranker bei 
dem Besuch in der Anstalt leid getan hatte. Die Analyse ge- 
stattete, diesen Faden noch weiter zurückzuverfolgen. Es gab 
in sehr früher Zeit, wahrscheinlich noch vor der Verführung 
(5V4 Jahre) auf dem Gute einen armen Taglöhner, der das Wasser 
ins Haus zu tragen hatte. Er konnte nicht sprechen, angeblich 
weil man ihm die Zunge abgeschnitten hatte. Wahrscheinlich 
war es ein Taubstummer. Der Kleine liebte ihn sehr und be- 
dauerte ihn von Herzen. Als er gestorben war, suchte er ihn 
am Himmel. 1 Das war also der erste von ihm bemitleidete 
Krüppel; nach dem Zusammenhang und der Anreihung in der 
Analyse unzweifelhaft ein Vaterersatz. 

Die Analyse schloß an ihn die Erinnerung an andere ihm 
sympathische Diener an, von denen er hervorhob, daß sie kränk- 
lich oder Juden (Beschneidung!) gewesen waren. Auch der Lakai, 
der ihn bei seinem Malheur mit 4% Jahren reinigen half, war 
ein Jude und schwindsüchtig und genoß sein Mitleid. Alle diese 
Personen fallen in die Zeit vor dem Besuch des Vaters im Sana- 
torium, also vor die Symptombildung, die vielmehr durch das 
Ausatmen eine Identifizierung mit den Bedauerten fernhalten 
sollte. Dann wandte sich die Analyse plötzlich im Anschluß an. 



1) Ich erwähne in diesem Zusammenhange Träume, die später als der Angsttraum 
aber noch auf dem ersten Gut vorfielen und die Koitusszene als Vorgang zwischen 
Himmelskörpern darstellten. 



A 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose qs 

einen Traum in die Vorzeit zurück und ließ ihn die Behaup- 
tung aufstellen, daß er bei dem Koitus der Urszene das Ver- 
schwinden des Penis beobachtet, den Vater darum bemitleidet 
und sich über das Wiedererscheinen des verloren Geglaubten 
gefreut habe. Also eine neue Gefühlsregung, die wiederum von 
dieser Szene ausgeht. Der narzißtische Ursprung des Mitleids, 
für den das Wort selbst spricht, ist hier übrigens ganz unver- 
kennbar. 



. VIII 
NACHTRÄGE AUS DER URZEIT — LÖSUNG 

In vielen Analysen geht es so zu, daß, wenn man sich dem 
Ende nähert, plötzlich neues Erinnerungsmaterial auftaucht, welches 
bisher sorgfältig verborgen gehalten wurde. Oder es wird einmal 
eine unscheinbare Bemerkung hingeworfen, in gleichgültigem Ton, 
als wäre es etwas Überflüssiges, zu dieser kommt ein andermal 
etwas hinzu, was den Arzt bereits aufhorchen läßt, und endlich 
erkennt man in jenem geringgeschätzten Brocken Erinnerung 
den Schlüssel zu den wichtigsten Geheimnissen, welche die Neu- 
rose des Kranken umkleidete. 

Frühzeitig hatte mein Patient eine Erinnerung aus der Zeit 
erzählt, da seine Schlimmheit in Angst umzuschlagen pflegte. Er 
verfolgte einen schönen großen Schmetterling mit gelben Streifen, 
dessen große Flügel in spitze Fortsätze ausliefen, — also einen 
Schwalbenschwanz. Plötzlich erfaßte ihn, als der Schmetterling 
sich auf eine Blume gesetzt hatte, eine schreckliche Angst vor 
dem Tier und er lief schreiend davon. 

Diese Erinnerung kehrte von Zeit zu Zeit in der Analyse 
wieder und forderte ihre Erklärung, die sie lange nicht erhielt. 
Es war doch von vornherein anzunehmen, daß ein solches Detail 
nicht seinetwegen selbst einen Platz im Gedächtnis behalten hatte, 
sondern als Deckerinnerung Wichtigeres vertrat, womit es irgend- 
wie verknüpft war. Er sagte eines Tages, ein Schmetterling heiße 
in seiner Sprache: Babuschka, altes Mütterchen; überhaupt seien 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose o 7 

ihm die Schmetterlinge wie Frauen und Mädchen, die Käfer und 
Raupen wie Knaben erschienen. Also mußte wohl die Erinnerung 
an ein weibliches Wesen bei jener Angstszene wach geworden 
sein. Ich will nicht verschweigen, daß ich damals die Möglich- 
keit vorschlug, die gelben Streifen des Schmetterlings hätten an 
die ähnliche Streifung eines Kleidungsstückes, das eine Frau trug, 
gemahnt. Ich tue das nur, um an einem Beispiel zu zeigen, wie 
unzureichend in der Regel die Kombination des Arztes zur Lösung 
der aufgeworfenen Fragen ist, wie sehr man Unrecht tut, die 
Phantasie und die Suggestion des Arztes für die Ergebnisse der 
Analyse verantwortlich zu machen. 

In einem ganz anderen Zusammenhange, viele Monate später, 
machte dann der Patient die Bemerkung, das Öffnen und Schließen 
der Flügel, als der Schmetterling saß, hätte den unheimlichen 
Eindruck auf ihn gemacht. Dies wäre so gewesen, wie wenn 
eine Frau die Beine öffnet, und die Beine ergäben dann die 
Figur einer römischen V, bekanntlich die Stunde, um welche 
schon in seinen Knabenjahren, aber auch jetzt noch, eine Ver- 
düsterung seiner Stimmung einzutreten pflegte. 

Das war ein Einfall, auf den ich nie gekommen wäre, dessen 
Schätzung aber durch die Erwägung gewann, daß der darin bloß- 
gelegte Assoziationsvorgang so recht infantilen Charakter hatte. 
Die Aufmerksamkeit der Kinder, habe ich oft bemerkt, wird 
durch Bewegungen weit mehr angezogen als durch ruhende 
Formen, und sie stellen oft Assoziationen auf Grund von ähn- 
licher Bewegung her, die von uns Erwachsenen vernachlässigt 
oder unterlassen werden. 

Dann ruhte das kleine Problem wieder für lange Zeit. Ich 
will noch die wohlfeile Vermutung erwähnen, daß die spitzen 
oder stangenartigen Fortsätze der Schmetterlingsflügel eine Be- 
deutung als Genitalsymbole gehabt haben könnten. 

Eines Tages tauchte schüchtern und undeutlich eine Art von 
Erinnerung auf, es müßte sehr frühe, noch vor der Kinderfrau 

Freud, Infantile Neurose _ 



98 Sigm. Freud 



ein Kindermädchen gegeben haben, das ihn sehr lieb hatte. Sie 
hatte denselben Namen wie die Mutter. Gewiß erwiderte er ihre 
Zärtlichkeit. Also eine verschollene erste Liebe. Wir einigten uns 
aber, irgend etwas müßte da vorgefallen sein, was später von 
Wichtigkeit wurde. 

Dann korrigierte er ein anderes Mal seine Erinnerung. Sie 
könne nicht so geheißen haben wie die Mutter, das war ein 
Irrtum von ihm, der natürlich bewies, daß sie ihm in der 
Erinnerung mit der Mutter zusammengeflossen war. Ihr richtiger 
Name sei ihm auch auf einem Umwege eingefallen. Er habe 
plötzlich an einen Lagerraum auf dem ersten Gute denken 
müssen, in dem das abgenommene Obst aufbewahrt wurde, und 
an eine gewisse Sorte Birnen von ausgezeichnetem Geschmack, 
große Birnen mit gelben Streifen auf ihrer Schale. Birne heißt 
in seiner Sprache Gruscha, und dies war auch der Name des 
Kindermädchens. 

Also wurde es klar, daß sich hinter der Deckerinnerung des 
gejagten Schmetterlings das Gedächtnis des Kindermädchens ver- 
barg. Die gelben Streifen saßen aber nicht auf ihrem Kleid, 
sondern auf dem der Birne, die so hieß wie sie selbst. Aber 
woher die Angst bei der Aktivierung der Erinnerung an sie? 
Die nächste plumpe Kombination hätte lauten können, bei diesem 
Mädchen habe er als kleines Kind zuerst die Bewegungen der 
Beine gesehen, die er sich mit dem Zeichen der römischen V 
fixiert hatte, Bewegungen, die das Genitale zugänglich machen. 
Wir ersparten uns diese Kombination und warteten auf weiteres 
Material. 

Sehr bald kam nun die Erinnerung an eine Szene, unvoll- 
ständig, aber soweit sie erhalten war, bestimmt. Gruscha lag auf 
dem Boden, neben ihr ein Kübel und ein aus Ruten gebundener 
kurzer Besen ; er war dabei und sie neckte ihn oder machte ihn aus. 

Was daran fehlte, war von anderen Stellen her leicht einzu- 
setzen. Er hatte in den ersten Monaten der Kur von einer zwang- 



i 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 



99 



haft aufgetretenen Verliebtheit in ein Bauernmädchen erzählt 
bei der er sich mit 18 Jahren den Anlaß zu seiner späteren 
Erkrankung geholt hatte. Damals hatte er sich in der auffälligsten 
Weise gesträubt, den Namen des Mädchens mitzuteilen. Es war 
ein ganz vereinzelter "Widerstand; er war der analytischen Grund- 
regel sonst ohne Rückhalt gehorsam. Aber er behauptete, er 
müsse sich so sehr schämen, diesen Namen auszusprechen, weil 
er rein bäuerlich sei; ein vornehmeres Mädchen würde ihn nie 
tragen. Der Name, den man endlich erfuhr, war Matrona. Er 
hatte mütterlichen Klang. Das Schämen war offenbar deplaciert. 
Der Tatsache selbst, daß diese Verliebtheiten ausschließlich die 
niedrigsten Mädchen betrafen, schämte er sich nicht, nur des 
Namens. Wenn das Abenteuer mit der Matrona etwas Gemein- 
sames mit der Gruschaszene haben konnte, dann war das Schämen 
in diese frühe Begebenheit zurückzuversetzen. 

Er hatte ein anderes Mal erzählt, als er die Geschichte von 
Johannes Huß erfuhr, wurde er von ihr sehr ergriffen, und 
seine Aufmerksamkeit blieb an den Bündeln von Reisig hängen, 
die man zu seinem Scheiterhaufen schleppte. Die Sympathie für 
Huß erweckt nun einen ganz bestimmten Verdacht; ich habe 
sie bei jugendlichen Patienten oft gefunden und immer auf die- 
selbe Weise aufklären können. Einer derselben hatte sogar 
eine dramatische Bearbeitung der Schicksale des Huß geliefert; 
er begann sein Drama an dem Tage zu schreiben, der ihm 
das Objekt seiner geheim gehaltenen Verliebtheit entzog. Huß 
stirbt den Feuertod, er wird wie andere, welche die gleiche 
Bedingung erfüllen, der Held der ehemaligen Enuretiker. Die 
Reisigbündel beim Scheiterhaufen des Huß stellte mein Patient 
selbst mit dem Besen (Rutenbündel) des Kindermädchens zu- 
sammen. 

Dieses Material fügte sich zwanglos zusammen, um die Lücke 
in der Erinnerung der Szene mit der Gruscha auszufüllen. Er 
hatte, als er dem Mädchen beim Aufwaschen des Bodens zusah 

7' 



loo Sigm. Freud 



ins Zimmer uriniert und sie darauf eine gewiß scherzhafte 
Kastrationsdrohung ausgesprochen. l 

Ich weiß nicht, ob die Leser schon erraten können, warum 
ich diese frühinfantile Episode so ausführlich mitgeteilt habe. 2 
Sie stellt eine wichtige Verbindung her zwischen der Urszene 
und dem späteren Liebeszwang, der so entscheidend für sein 
Schicksal geworden ist und führt überdies eine Liebesbedingung 
ein, welche diesen Zwang aufklärt. 

Als er das Mädchen auf dem Boden liegen sah, mit dem Auf- 
waschen desselben beschäftigt, kniend, die Nates vorgestreckt, 
den Rücken horizontal gehalten, fand er an ihr die Stellung 
wieder, welche die Mutter in der Koitusszene eingenommen 
hatte. Sie wurde ihm zur Mutter, die sexuelle Erregung infolge 
der Aktivierung jenes Bildes 3 ergriff ihn, und er benahm sich 
männlich gegen sie wie der Vater, dessen Aktion er damals ja 
nur als ein Urinieren verstanden haben konnte. Sein auf den 
Boden Urinieren war eigentlich ein Verführungsversuch und das 
Mädchen antwortete darauf mit einer Kastrationsdrohung, als ob 
sie ihn verstanden hätte. 

Der von der Urszene ausgehende Zwang übertrug sich auf 
diese Szene mit der Gruscha und wirkte durch sie fort. Die 
Liebesbedingung erfuhr aber eine Abänderung, welche den Ein- 
fluß der zweiten Szene bezeugt ; sie übertrug sich von der Position 
des Weibes auf dessen Tätigkeit in solcher Position. Dies wurde 
z. B. in dem Erlebnis mit der Matrona evident. Er machte einen 

1) Es ist sehr merkwürdig, daß die Reaktion der Beschämung so innig mit der 
unfreiwilligen (täglichen wie nächtlichen) Harnentleerung verbunden ist und nicht, 
wie man erwarten sollte, ebenso mit der Stuhlinkontinenz. Die Erfahrung läßt 
hierüber gar keinen Zweifel bestehen. Auch die regelmäßige Beziehung der Harn- 
inkontinenz zum Feuer gibt zu denken. Es ist möglich, daß in diesen Reaktionen 
und Zusammenhängen Niederschläge aus der Kulturgeschichte der Menschheit vor- 
liegen, die tiefer hinab reichen als alles, was uns durch seine Spuren im Mythus und 
im Folklore erhalten ist. 

2) Sie fällt etwa in die Zeit um 2 »Aj Jahre, zwischen der angeblichen Koitusbeob- 
achtung und der Verführung. 

5) Vor dem Traume! 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose \o\ 

Spaziergang durch das Dorf, welches zu dem (späteren) Gut ge- 
hörte, und sah am Rand des Teiches ein kniendes Bauernmädchen, 
damit beschäftigt, Wäsche im Teich zu waschen. Er verliebte 
sich in die Wäscherin augenblicklich und mit unwiderstehlicher 
Heftigkeit, obwohl er ihr Gesicht noch gar nicht sehen konnte. 
Sie war ihm durch Lage und Tätigkeit an die Stelle der Gruscha 
getreten. Wir verstehen nun, wie sich das Schämen, das dem 
Inhalt der Szene mit der Gruscha galt, an den Namen der 
Matrona knüpfen konnte. 

Den zwingenden Einfluß der Gruschaszene zeigt noch deut- 
licher ein anderer Anfall von Verliebtheit, einige Jahre vorher. 
Ein junges Bauernmädchen, das im Hause Dienste leistete, hatte 
ihm schon lange gefallen, aber er hatte es über sich vermocht, 
sich ihr nicht zu nähern. Eines Tages packte ihn die Verliebt- 
heit, als er sie allein im Zimmer traf. Er fand sie auf dem 
Boden liegend, mit Aufwaschen beschäftigt, Kübel und Besen 
neben sich, also ganz wie das Mädchen in seiner Kindheit. 

Selbst seine definitive Objektwahl, die für sein Leben so be- 
deutungsvoll wurde, erweist sich durch ihre näheren Umstände, 
die hier nicht anzuführen sind, als abhängig von der gleichen 
Liebesbedingung, als ein Ausläufer des Zwanges, der von der 
Urszene aus über die Szene mit Gruscha seine Liebeswahl be- 
herrschte. Ich habe an früherer Stelle bemerkt, daß ich das 
Bestreben zur Erniedrigung des Liebesobjekts bei dem Patienten 
wohl anerkenne. Es ist auf Reaktion gegen den Druck der ihm 
überlegenen Schwester zurückzuführen. Aber ich versprach damals 
zu zeigen, daß dies Motiv (S. 20) selbstherrlicher Natur nicht 
das einzig bestimmende gewesen ist, sondern eine tiefere Deter- 
minierung durch rein erotische Motive verdeckt. Die Erinnerung 
an das den Boden aufwaschende, allerdings in seiner Position 
erniedrigte, Kindermädchen brachte diese Motivierung zum Vor- 
schein. Alle späteren Liebesobjekte waren Ersatzpersonen dieser 
einen, die selbst durch den Zufall der Situation zum ersten 



102 Sigm. Freud 



Mutterersatz geworden war. Der erste Einfall des Patienten zum 
Problem der Angst vor dem Schmetterling läßt sich nachträglich 
leicht als . fernliegende Anspielung an die Urszene erkennen (die 
fünfte Stunde). Die Beziehung der Gruschaszene zur Kastrations- 
drohung bestätigte er durch einen besonders sinnreichen Traum, 
den er auch selbst zu übersetzen verstand. Er sagte: Ich habe 
geträumt, ein Mann reißt einer Espe die Flügel aus. Espe? 
mußte ich fragen, was meinen Sie damit? — Nun, das Insekt 
mit den gelben Streifen am Leib, das stechen kann. Es muß 

eine Anspielung an die Gruscha, die gelbgestreifte Birne, sein. 

Wespe, meinen Sie also, konnte ich korrigieren. — Heißt es 
Wespe? Ich habe wirklich geglaubt, es heißt Espe. (Er bediente 
sich wie so viele andere seiner Fremdsprachigkeit zur Deckung 
von Symptomhandlungen.) Aber Espe, das bin ja ich, S. P. (die 
Initialen seines Namens). Die Espe ist natürlich eine verstümmelte 
Wespe. Der Traum sagt klar, er räche sich an der Gruscha für 
ihre Kastrationsandrohung. 

Die Aktion des 2 7 a jährigen in der Szene mit Gruscha ist die 
erste uns bekanntgewordene Wirkung der Urszene, sie stellt ihn 
als Kopie des Vaters dar und läßt uns eine Entwicklungstendenz 
in der Richtung erkennen, die später den Namen der männlichen 
verdienen wird. Durch die Verführung wird er in eine Passivität 
gedrängt, die allerdings auch schon durch sein Benehmen als 
Zuschauer beim elterlichen Verkehr vorbereitet ist. 

Ich muß aus der Behandlungsgeschichte noch hervorheben, 
daß man den Eindruck empfing, mit der Bewältigung der 
Gruschaszene, des ersten Erlebnisses, das er wirklich erinnern 
konnte und ohne mein Vermuten und Dazutun erinnerte, sei 
die Aufgabe der Kur gelöst gewesen. Es gab von da an keine 
Widerstände mehr, man brauchte nur noch zu sammeln und 
zusammenzusetzen. Die alte Traumatheorie, die ja auf Eindrücke 
aus der psychoanalytischen Therapie aufgebaut war, kam mit 
einem Male wieder zur Geltung. Aus kritischem Interesse machte 






' 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 10 r 

ich noch einmal den Versuch, dem Patienten eine andere Auf- 
fassung seiner Geschichte aufzudrängen, die dem nüchternen 
Verstand willkommener wäre. An der Szene mit Gruscha sei ja 
nicht zu zweifeln, aber sie bedeute an und für sich nichts und 
sei hinterher verstärkt worden durch Regression von den Ereig- 
nissen seiner Objektwahl, die sich infolge der Erniedrigungstendenz 
von der Schwester weg auf die Dienstmädchen geworfen hätte. 
Die Koitusbeobachtung aber sei eine Phantasie seiner späteren 
Jahre, deren historischer Kern die Beobachtung oder das Erlebnis 
etwa eines harmlosen Lavements gewesen sein könnte. Vielleicht 
meinen manche Leser, erst mit diesen Annahmen hätte ich mich 
dem Verständnis des Falles genähert 5 der Patient sah mich ver- 
ständnislos und etwas verächtlich an, als ich ihm diese Auffassung 
vortrug, und reagierte niemals wieder auf dieselbe. Meine eigenen 
Argumente gegen solche Rationalisierung habe ich oben im Zu- 
sammenhange entwickelt. 

[Die Gruschaszene enthält aber nicht nur die für das Leben 
des Patienten entscheidenden Bedingungen der Objekt wähl und 
behütet uns so vor dem Irrtum, die Bedeutung der Erniedrigungs- 
tendenz gegen das Weib zu überschätzen. Sie vermag mich auch 
zu rechtfertigen, wenn ich es vorhin abgelehnt habe, die Zurück- 
führung der Urszene auf eine kurz vor dem Traum angestellte 
Tierbeobachtung ohne jedes Bedenken als die einzig mögliche 
Lösung zu vertreten (S. 24). Sie war in der Erinnerung des 
Patienten spontan und ohne mein Dazutun aufgetaucht. Die auf 
sie zurückgehende Angst vor dem gelbgestreiften Schmetterling 
bewies, daß sie einen bedeutungsvollen Inhalt gehabt hatte, oder 
daß es möglich geworden war, ihrem Inhalt nachträglich solche 
Bedeutung zu verleihen. Dies Bedeutungsvolle, was in der Er- 
innerung fehlte, war durch die sie begleitenden Einfälle und die 
daran zu knüpfenden Schlüsse mit Sicherheit zu ergänzen. Es 
ergab sich dann, daß die Schmetterlingsangst durchaus analog 
war der Wolfsangst, in beiden Fällen Angst vor der Kastration, 



*°4 Sigm. Freud 



zunächst bezogen auf die Person, welche die Kastrationsdrohung 
zuerst ausgesprochen hatte, sodann auf die andere verlegt, an der 
sie nach dem phylogenetischen Vorbild Anheftung finden mußte. 
Die Szene mit Gruscha war mit »"/« Jahren vorgefallen, das 
Angsterlebnis mit dem gelben Schmetterling aber sicherlich 
nach dem Angsttraum. Es ließ sich leicht verstehen, daß das 
spätere Verständnis für die Möglichkeit der Kastration nachträglich 
aus der Szene mit Gruscha die Angst entwickelt hatte 5 aber diese 
Szene selbst enthielt nichts Anstößiges oder Unwahrscheinliches 
vielmehr durchaus banale Einzelheiten, an denen zu zweifeln man 
keinen Grund hatte. Nichts forderte dazu auf, sie auf eine Phantasie 
des Kindes zurückzuführen; es erscheint auch kaum möglich. 

Es entsteht nun die Frage, sind wir berechtigt, in dem Urinieren 
des stehenden Knaben, während das auf den Knien liegende 
Mädchen den Boden aufwäscht, einen Beweis seiner sexuellen Er- 
regtheit zu sehen? Dann würde diese Erregung den Einfluß eines 
früheren Eindrucks bezeugen, der ebensowohl die Tatsächlichkeit 
der Urszene, wie eine vor 2V2 Jahren gemachte Beobachtung an 
Tieren sein könnte. Oder war jene Situation durchaus harmlos, 
die Harnentleerung des Kindes eine rein zufällige, und die ganze 
Szene wurde erst später in der Erinnerung sexualisiert, nachdem 
ähnliche Situationen als bedeutungsvoll erkannt worden waren? 
Hier getraue ich mich nun zu keiner Entscheidung. Ich muß 
sagen, ich rechne es der Psychoanalyse bereits hoch an, daß 
sie zu solchen Fragestellungen gekommen ist. Aber ich kann es 
nicht verleugnen, daß die Szene mit Gruscha, die Rolle, die 
ihr in der Analyse zufiel, und die Wirkungen, die im Leben 
von ihr ausgingen, sich doch am ungezwungensten und voll- 
ständigsten erklären, wenn man die Urszene, die andere Male 
eine Phantasie sein mag, hier als Realität gelten läßt. Sie be- 
hauptet im Grunde nichts Unmögliches; die Annahme ihrer Realität 
verträgt sich auch ganz mit dem anregenden Einfluß der Tierbeobach- 
tungen, auf welche die Schäferhunde des Traumbildes hindeuten. 






Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 105 

— 1 - ■ — 'r ■ ■— ■ - - 

Von diesem unbefriedigenden Abschluß wende ich mich zur Be- 
handlung der Frage, die ich in den „Vorlesungen zur Einführung 
in die Psychoanalyse" versucht habe. Ich möchte selbst gerne 
wissen, ob die Urszene bei meinem Patienten Phantasie 'oder 
reales Erlebnis war, aber mit Rücksicht auf andere ähnliche 
Fälle muß man sagen, es sei eigentlich nicht sehr wichtig, dies 
zu entscheiden. Die Szenen von Beobachtung des elterlichen 
Sexualverkehrs, von Verführung in der Kindheit und von Ka- 
strationsandrohung sind unzweifelhafter ererbter Besitz, phylo- 
genetische Erbschaft, aber sie können ebensowohl Erwerb persön- 
lichen Erlebens sein. Bei meinem Patienten war die Verführung 
durch die ältere Schwester eine unbestreitbare Realität; warum 
nicht auch die Beobachtung des elterlichen Koitus? 

Wir sehen nur in der Urgeschichte der Neurose, daß das Kind 
zu diesem phylogenetischen Erleben greift, wo sein eigenes Er- 
leben nicht ausreicht. Es füllt die Lücken der individuellen 
Wahrheit mit prähistorischer Wahrheit aus, setzt die Erfahrung 
der Vorahnen an die Stelle der eigenen Erfahrung ein. In der 
Anerkennung dieser phylogenetischen Erbschaft stimme ich mit 
Jung (Die Psychologie der unbewußten Prozesse, 1917? eine 
Schrift, die meine „Vorlesungen" nicht mehr beeinflussen konnte) 
völlig zusammen; aber ich halte es für methodisch unrichtig, zur 
Erklärung aus der Phylogenese zu greifen, ehe man die Möglich- 
keiten der Ontogenese erschöpft hat; ich sehe nicht ein, warum man 
der kindheitlichen Vorzeit hartnäckig eine Bedeutung bestreiten will, 
die man der Ahnen vorzeit bereitwillig zugesteht; ich kann nicht 
verkennen, daß die phylogenetischen Motive und Produktionen 
selbst der Aufklärung bedürftig sind, die ihnen in einer ganzen 
Reihe von Fällen aus der individuellen Kindheit zu teil werden 
kann, und zum Schlüsse verwundere ich mich nicht darüber, wenn 
die Erhaltung der nämlichen Bedingungen beim einzelnen orga- 
nisch wiedererstehen läßt, was diese einst in Vorzeiten geschaffen 
und als Disposition zum Wiedererwerb vererbt haben.] 



1Q 6 Sigm. Freud 



In die Zwischenzeit zwischen Urszene und Verführung 
(l7a — 5V4 Jahre) ist noch der stumme Wasserträger einzu- 
schieben, der für ihn Vaterersatz war wie die Gruscha Mutter- 
ersatz. Ich glaube, es ist unberechtigt, hier von einer Erniedrigungs- 
tendenz zu reden, wiewohl sich beide Eltern durch dienende 
Personen vertreten finden. Das Kind setzt sich über die sozialen 
Unterschiede hinweg, die ihm noch wenig bedeuten, und reiht 
auch geringere Leute an die Eltern an, wenn sie ihm ähnlich 
wie die Eltern Liebe entgegenbringen. Ebensowenig Bedeutung 
hat diese Tendenz für die Ersetzung der Eltern durch Tiere 
deren Geringschätzung dem Kinde ganz ferne liegt. Ohne Rück- 
sicht auf solche Erniedrigung werden Onkel und Tanten zum 
Elternersatz herangezogen, wie auch für unseren Patienten durch 
mehrfache Erinnerungen bezeugt ist. 

In dieselbe Zeit gehört noch eine dunkle Kunde von einer 
Phase, in der er nichts essen wollte außer Süßigkeiten, so daß 
man Sorge für sein Fortkommen hatte. Man erzählte ihm von 
einem Onkel, der ebenso das Essen verweigert hatte und dann 
jung an der Auszehrung starb. Er hörte auch, daß er im Alter 
von drei Monaten so schwer krank gewesen war (an einer 
Lungenentzündung?), daß man schon das Totenhemd für ihn 
bereit gemacht hatte. Es gelang, ihn ängstlich zu machen, so daß 
er wieder aß 5 in späteren Kindheitsjahren übertrieb er sogar 
diese Verpflichtung, wie um sich gegen den angedrohten Tod 
zu schützen. Die Todesangst, die man damals zu seinem Schutz 
wachgerufen hatte, zeigte sich später wieder, als die Mutter vor 
der Dysenteriegefahr warnte; sie provozierte noch später einen 
Anfall der Zwangsneurose (S. 75). Wir wollen versuchen, ihren 
Ursprüngen und Bedeutungen an späterer Stelle nachzugehen. 

Für die Eßstörung möchte ich die Bedeutung einer allerersten 
neurotischen Erkrankung in Anspruch nehmen; so daß Eßstörung, 
Wolfsphobie, Zwangsfrömmigkeit die vollständige Reihe der infan- 
tilen Erkrankungen ergeben, welche die Disposition für den neu- 



• 




Aus der Geschichte einer infantilen Neurose xoj 



rotischen Zusammenbruch in den Jahren nach der Pubertät mit 
sich bringen. Man wird mir entgegenhalten, daß wenige Kinder 
solchen Störungen wie einer vorübergehenden Eßunlust oder 
einer Tierphobie entgehen. Aber dies Argument ist mir sehr 
willkommen. Ich bin bereit zu behaupten, daß jede Neurose 
eines Erwachsenen sich über seiner Kinderneurose aufbaut, die 
aber nicht immer intensiv genug ist, um aufzufallen und als 
solche erkannt zu werden. Die theoretische Bedeutung der infan- 
tilen Neurosen für die Auffassung der Erkrankungen, die wir 
als Neurosen behandeln und nur von den Einwirkungen des 
späteren Lebens ableiten wollen, wird durch jenen Einwand nur 
gehoben. Hätte unser Patient nicht zu seiner Eßstörung und seiner 
Tierphobie noch die Zwangsfrömmigkeit hinzubekommen, so würde 
sich seine Geschichte von der anderer Menschenkinder nicht auf- 
fällig unterscheiden, und wir wären um wertvolle Materialien, die 
uns vor naheliegenden Irrtümern bewahren können, ärmer. 

Die Analyse wäre unbefriedigend, wenn sie nicht das \er, 
ständnis jener Klage brächte, in die der Patient sein Leiden zu- 
sammenfaßte. Sie. lautete, daß ihm die Welt durch einen Schleier 
verhüllt sei, und die psychoanalytische Schulung weist die Er- 
wartung ab, daß diese Worte bedeutungslos und wie zufällig 
gewählt sein sollten. Der Schleier zerriß — merkwürdigerweise 
— nur in einer Situation, nämlich, wenn infolge eines Lavements 
der Stuhlgang den After passierte. Dann fühlte er sich wieder 
wohl und sah die Welt für eine ganz kurze Weile klar. Mit 
der Deutung dieses „Schleiers" ging es ähnlich schwierig wie 
bei der Schmetterlingsangst. Auch hielt er nicht an dem Schleier 
fest, dieser verflüchtigte sich ihm weiter zu einem Gefühl von 
Dämmerung, „tenebres", und anderen ungreifbaren Dingen. 

Erst kurz vor dem Abschied von der Kur besann er sich, er 
habe gehört, daß er in einer „Glückshaube" zur Welt gekommen 
sei. Darum habe er sich immer für ein besonderes Glückskind 
gehalten, dem nichts Böses widerfahren könne. Erst dann verließ 



1 08 Sigm. Freud 



ihn diese Zuversicht, als er die gonorrhoische Erkrankung als 
schwere Beschädigung an seinem Körper anerkennen mußte. Vor 
dieser Kränkung seines Narzißmus brach er zusammen. Wir 
werden sagen, er wiederholte damit einen Mechanismus, der 
schon einmal bei ihm gespielt hatte. Auch seine Wolfsphobie 
brach aus, als er vor die Tatsache, daß eine Kastration möglich 
sei, gestellt wurde, und die Gonorrhöe reihte er offenbar der 
Kastration an. 

Die Glückshaube ist also der Schleier, der ihn vor der Welt 
und ihm die Welt verhüllte. Seine Klage ist eigentlich eine er- 
füllte Wunschphantasie, sie zeigt ihn wieder in den Mutterleib 
zurückgekehrt, allerdings die Wunschphantasie der Weltflucht. 
Sie ist zu übersetzen: Ich bin so unglücklich im Leben, ich muß 
wieder in den Mutterschoß zurück. 

Was soll es aber bedeuten, daß dieser symbolische, einmal 
real gewesene, Schleier in dem Moment der Stuhlentleerung nach 
dem Klysma zerreißt, daß seine Krankheit unter dieser Bedingung 
von ihm weicht? Der Zusammenhang gestattet uns zu antworten: 
Wenn der Geburtsschleier zerreißt, so erblickt er die Welt und 
wird wiedergeboren. Der Stuhlgang ist das Kind, als welches er 
zum zweitenmal zu einem glücklicheren Leben geboren wird. 
Das wäre also die Wiedergeburtsphantasie, auf die Jung kürz- 
lich die Aufmerksamkeit gelenkt und der er eine so dominierende 
Stellung im Wunschleben der Neurotiker eingeräumt hat. 

Das wäre schön, wenn es vollständig wäre. Gewisse Einzel- 
heiten der Situation und die Rücksicht auf den erforderlichen 
Zusammenhang mit der speziellen Lebensgeschichte nötigen uns, 
die Deutung weiter zu führen. Die Bedingung der Wiedergeburt 
ist, daß ihm ein Mann ein Klysma verabreicht (diesen Mann 
hat er erst später notgedrungen selbst ersetzt). Das kann nur 
heißen, er hat sich mit der Mutter identifiziert, der Mann spielt 
den Vater, das Klysma wiederholt den Begattungsakt, als dessen 
Frucht das Kotkind — wiederum er — geboren wird. Die 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose iog 

Wiedergeburtsphantasie ist also eng mit der Bedingung der 
sexuellen Befriedigung durch den Mann verknüpft. Die Über- 
setzung lautet jetzt also: Nur wenn er sich dem Weib sub- 
stituieren, die Mutter ersetzen darf, um sich vom Vater befriedigen 
zu lassen und ihm ein Kind zu gebären, dann ist seine Krank- 
heit von ihm gewichen. Die Wiedergeburtsphantasie war also 
hier nur eine verstümmelte, zensurierte Wiedergabe der homo- 
sexuellen Wunschphantasie. 

Sehen wir näher zu, so müssen wir eigentlich bemerken, daß 
der Kranke in dieser Bedingung seiner Heilung nur die Situation 
der sogenannten Urszene wiederholt: Damals wollte er sich der 
Mutter unterschieben j das Kotkind hat er, wie wir längst vorher 
angenommen hatten, in jener Szene selbst produziert. Er ist 
noch immer fixiert, wie gebannt, an die Szene, die für sein 
Sexualleben entscheidend wurde, deren Wiederkehr in jener 
Traumnacht sein Kranksein eröffnete. Das Zerreißen des Schleiers 
ist analog dem Öffnen der Augen, dem Aufgehen der Fenster. 
Die Urszene ist zur Heilbedingung umgebildet worden. 

Das, was durch die Klage, und was durch die Ausnahme dar- 
gestellt ist, kann man leicht zu einer Einheit zusammenziehen, die 
dann ihren ganzen Sinn offenbart. Er wünscht sich in den Mutter- 
leib zurück, nicht um dann einfach wiedergeboren zu werden, 
sondern um dort beim Koitus vom Vater getroffen zu werden, von 
ihm die Befriedigung zu bekommen, ihm ein Kind zu gebären. 

Vom Vater geboren worden zu sein, wie er anfänglich gemeint 
hatte, von ihm sexuell befriedigt zu werden, ihm ein Kind zu 
schenken, dies unter Preisgebung seiner Männlichkeit, und in der 
Sprache der Analerotik ausgedrückt: mit diesen Wünschen ist der 
Kreis der Fixierung an den Vater geschlossen, hiemit hat die 
Homosexualität ihren höchsten und intimsten Ausdruck gefunden. 1 

i) Der mögliche Nebensinn, daß der Schleier das Hymen darstellt, welches beim 
Verkehr mit dem Manne zerreißt, trifft nicht genau mit der Heilbedingung au- 
sammen und hat keine Beziehung zum Leben des Patienten, für den die Virginität 
keine Bedeutung hatte. 



110 Sigrn. Freud 



Ich meine, von diesem Beispiel her fällt auch ein Licht auf 
Sinn und Ursprung der Mutterleibs- wie der Wiedergeburts- 
phantasie. Die erstere ist häufig so wie in unserem Falle aus 
der Bindung an den Vater hervorgegangen. Man wünscht sich 
in den Leib der Mutter, um sich ihr beim Koitus zu sub- 
stituieren, ihre Stelle beim Vater einzunehmen. Die Wieder- 
geburtsphantasie ist wahrscheinlich regelmäßig eine Milderung 
sozusagen ein Euphemismus, für die Phantasie des inzestuösen 
Verkehrs mit der Mutter, eine anagogische Abkürzung der- 
selben, um den Ausdruck von H. Silberer zu gebrauchen. Man 
wünscht sich in die Situation zurück, in der man sich in den 
Genitalien der Mutter befand, wobei sich der Mann mit seinem 
Penis identifiziert, durch ihn vertreten läßt. Dann enthüllen sich 
die beiden Phantasien als Gegenstücke, die je nach der männ- 
lichen oder weiblichen Einstellung des Betreffenden dem Wunsch 
nach dem Sexualverkehr mit dem Vater oder der Mutter Aus- 
druck geben. Es ist die Möglichkeit nicht abzuweisen, daß in 
der Klage und Heilbedingung unseres Patienten beide Phantasien, 
also auch beide Inzestwünsche, vereinigt sind. 

Ich will noch einmal den Versuch machen, die letzten Ergebnisse 
der Analyse nach dem gegnerischen Vorbild umzudeuten: Der Patient 
beklagt seine Weltflucht in einer typischen Mutterleibsphantasie, 
erblickt seine Heilung allein in einer typischgefaßten Wieder- 
geburt. Diese letztere drückt er in analen Symptomen entsprechend 
seiner vorwiegenden Veranlagung aus. Nach dem Vorbild der ana- 
len Wiedergeburtsphantasie hat er sich eine Kinderszene zurecht- 
gemacht, die seine Wünsche in archaisch symbolischen Ausdrucks- 
mitteln wiederholt. Seine Symptome verketten sich dann, als ob 
sie von einer solchen Urszene ausgingen. Zu diesem ganzen Rück- 
weg mußte er sich entschließen, weil er auf eine Lebensaufgabe 
stieß, für deren Lösung er zu faul war, oder weil er allen Grund 
hatte, seinen Minderwertigkeiten zu mißtrauen und sich durch solche 
Veranstaltungen am besten vor Zurücksetzung zu schützen meinte. 



Das wäre alles gut und schön, wenn der Unglückliche nur 
nicht schon mit vier Jahren einen Traum gehabt hätte mit 
dem seine Neurose begann, der durch die Erzählung des Groß- 
vaters vom Schneider und vom Wolf angeregt wurde, und dessen 
Deutung die Annahme einer solchen Urszene notwendig macht. 
An diesen kleinlichen, aber unantastbaren Tatsachen scheitern 
leider die Erleichterungen, die uns die Theorien von Jung und 
Adler verschaffen wollen. Wie die Sachen liegen, scheint mir 
die Wiedergeburtsphantasie eher ein Abkömmling der Urszene, 
als umgekehrt die Urszene eine Spiegelung der Wiedergeburts- 
phantasie zu sein. Vielleicht darf man auch annehmen, der 
Patient sei damals, vier Jahre nach seiner Geburt, doch zu jung 
gewesen, um sich bereits eine Wiedergeburt zu wünschen. Aber 
dieses letztere Argument muß ich doch zurückziehen; meine 
eigenen Beobachtungen beweisen, daß man die Kinder unter- 
schätzt hat, und daß man nicht mehr weiß, was man ihnen zu- 
trauen darf. 1 



1) Ich gebe zu, daß diese Frage die heikelste der ganzen analytischen Lehre ist. 
Ich habe nicht der Mitteilungen von Adler oder Jung bedurft, um mich mit der 
Möglichkeit kritisch zu beschäftigen, daß die von der Analyse behaupteten, ver- 
gessenen Kindheitserlcbnisse — in unwahrscheinlich früher Kindheit erlebt! — viel- 
mehr auf Phantasien beruhen, die bei späten Anlässen geschaffen werden, und daß 
man überall dort die Äußerung eines konstitutionellen Moments oder einer phylo- 
genetisch erhaltenen Disposition anzunehmen habe, wo man die Nachwirkung eines 
solchen infantilen Eindrucks in den Analysen zu finden glaubt. Im Gegenteile, kein 
Zweifel hat mich mehr in Anspruch genommen, keine andere Unsicherheit ent- 
schiedener von Publikationen zurückgehalten. Sowohl die Rolle der Phantasien für 
die Symptombildung als auch das „Zurückphantasieren" von späten Anregungen her 
in die Kindheit und das nachträgliche Sexualisieren derselben habe ich als erster 
kennen gelehrt, worauf keiner der Gegner hingewiesen hat. (Siehe „Traumdeutung". 
I. Auflage, S. 49, [Bd. II der Gesamtausgabe] und die „Anmerkungen zu dem Fall von 
Zwangsneurose" 1908 [Freud, Gesamtausgabe, Bd. VIII, S. 315 f.]) Wenn ich 
dennoch die schwierigere und unwahrscheinlichere Auffassung als die meinige fest- 
gehalten habe, so geschah es mit Argumenten, wie sie der hier beschriebene Fall 
oder jede andere infantile Neurose dem Untersucher aufdrängen und die ich jetzt 
neuerdings den Lesern zur Entscheidung vorlege. 






IX 

ZUSAMMENFASSUNGEN UND PROBLEME 

Ich weiß nicht, ob es dem Leser des vorstehenden Analysen- 
berichtes gelungen ist, sich ein deutliches Bild von der Entstehung 
und Entwicklung des Krankseins bei meinem Patienten zu machen. 
Vielmehr ich fürchte, es ist nicht der Fall gewesen. Aber, so 
wenig ich sonst für die Kunst meiner Darstellung Partei genommen 
habe, diesmal möchte ich doch auf mildernde Umstände plaidieren. 
Es ist eine Aufgabe gewesen, die noch niemals zuvor in Angriff 
genommen wurde, in die Beschreibung so frühe Phasen und so 
tiefe Schichten des Seelenlebens einzuführen, und es ist besser 
man löst sie schlecht, als man ergreift vor ihr die Flucht, was 
ja überdies mit gewissen Gefahren für den Verzagten verbunden 
sein soll. Man zeigt also lieber kühnlich, daß man sich durch 
das Bewußtsein seiner Minderwertigkeiten nicht hat abhalten 
lassen. 

Der Fall selbst war nicht besonders günstig. Was den Reichtum 
der Auskünfte über die Kindheit ermöglichte, daß man das Kind 
durch das Medium des Erwachsenen studieren konnte, mußte 
mit den ärgsten Zerstücklungen der Analyse und den entsprechenden 
Unvollständigkeiten in der Darstellung erkauft werden. Persönliche 
Eigentümlichkeiten, ein dem unsrigen fremder Nationalcharakter, 
machten die Einfühlung mühsam. Der Abstand zwischen der 
liebenswürdig entgegenkommenden Persönlichkeit des Kranken, 
seiner scharfen Intelligenz, vornehmen Denkungsart und seinem 



Aus der Geschichte einer inf antuen Neurose 

völlig ungebändigten Triebleben machte eine überlange Vor- 
bereitungs- und Erziehungsarbeit notwendig, durch welche die 
Übersicht erschwert wurde. An dem Charakter des Falles, welcher 
der Beschreibung die härtesten Aufgaben stellte, ist der Patient 
selbst aber völlig unschuldig. Wir haben es in der Psychologie 
des Erwachsenen glücklich dahin gebracht, die seelischen Vorgänge 
in bewußte und unbewußte zu scheiden und beide in klaren 
Worten zu beschreiben. Beim Kinde läßt diese Unterscheidung 
uns beinahe im Stiche. Man ist oft in Verlegenheit anzugeben, 
was man als bewußt und was man als unbewußt bezeichnen 
möchte. Vorgänge, die die herrschenden geworden sind, und die 
nach ihrem späteren Verhalten den bewußten gleichgestellt werden 
müssen, sind beim Kinde dennoch nicht bewußt gewesen. Man 
kann leicht verstehen, warum 5 das Bewußte hat beim Kinde noch 
nicht alle seine Charaktere gewonnen, es ist noch in der Ent- 
wicklung begriffen und besitzt nicht recht die Fähigkeit, sich in 
Sprachvorstellungen umzusetzen. Die Verwechslung, deren wir uns 
sonst regelmäßig schuldig machen, zwischen dem Phänomen, als 
Wahrnehmung im Bewußtsein aufzutreten, und der Zugehörigkeit 
zu einem angenommenen psychischen System, das wir irgendwie 
konventionell benennen sollten, das wir aber gleichfalls Bewußt- 
sein (System Bw) heißen, diese Verwechslung ist harmlos bei der 
psychologischen Beschreibung des Erwachsenen, aber irreführend 
für die des kleinen Kindes. Auch die Einführung des „Vor- 
bewußten" nützt hier nicht viel, denn das Vorbewußte des 
Kindes braucht sich mit dem des Erwachsenen ebensowenig zu 
decken. Man begnügt sich also damit, die Dunkelheit klar erkannt 
zu haben. 

Es ist selbstverständlich, daß ein Fall wie der hier beschriebene 
Anlaß geben könnte, alle Ergebnisse und Probleme der Psycho- 
analyse in Diskussion zu ziehen. Es wäre eine unendliche und 
eine ungerechtfertigte Arbeit. Man muß sich sagen, daß man aus 
einem einzigen Fall nicht alles erfahren, an ihm nicht alles ent- 

Freud, Infantile Neurose 

8 



iia Sigm. Freud 



scheiden kann, und sich darum begnügen, ihn für das zu ver- 
werten, was er am deutlichsten zeigt. Die Erklärungsaufgabe in der 
Psychoanalyse ist überhaupt enge begrenzt. Zu erklären sind die 
auffälligen Symptombildungen durch Aufdeckung ihrer Genese; 
die psychischen Mechanismen und Triebvorgänge, zu denen man 
so geführt wird, sind nicht zu erklären, sondern zu beschreiben. 
Um aus den Feststellungen über diese beiden letzteren Punkte 
neue Allgemeinheiten zu gewinnen, sind zahlreiche solche gut 
und tief analysierte Fälle erforderlich. Sie sind nicht leicht zu 
haben, jeder einzelne verbraucht jahrelange Arbeit. Der Fortschritt 
in diesen Gebieten kann sich also nur langsam vollziehen. Die 
Versuchung liegt freilich sehr nahe, sich damit zu begnügen, daß 
man bei einer Anzahl von Personen die psychische Oberfläche 
„ankratzt", und das Unterlassene dann durch Spekulation ersetzt, 
die man unter die Patronanz irgend einer philosophischen Rich- 
tung stellt. Man kann auch praktische Bedürfnisse zu Gunsten 
dieses Verfahrens geltend machen, aber die Bedürfnisse der 
Wissenschaft lassen sich durch kein Surrogat befriedigen. 

Ich will versuchen, eine synthetische Übersicht der Sexualent- 
wicklung meines Patienten zu entwerfen, bei der ich mit den 
frühesten Anzeichen beginnen kann. Das erste, was wir über ihn 
hören, ist die Störung der Eßlust, die ich nach anderen Er- 
fahrungen, aber doch mit aller Zurückhaltung, als den Erfolg 
eines Vorgangs auf sexuellem Gebiet auffassen will. Als die erste 
kenntliche Sexualorganisation habe ich die sogenannte kannibale 
oder orale betrachten müssen, in welcher die ursprüngliche An- 
lehnung der Sexualerregung an den Eßtrieb noch die Szene 
beherrscht. Direkte Äußerungen dieser Phase werden nicht zu 
erwarten sein, wohl aber Anzeichen bei eingetretenen Störungen. 
Die Beeinträchtigung des Eßtriebs — die natürlich sonst auch 
andere Ursachen haben kann — macht uns dann aufmerksam, 
daß eine Bewältigung sexueller Erregung dem Organismus nicht 
gelungen ist. Das Sexualziel dieser Phase könnte nur der Kanni- 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 

. 1 * 5 

balismus, das Fressen sein; es kommt bei unserem Patienten durch 
Regression von einer höheren Stufe her in der Angst zum Vor- 
schein: vom Wolf gefressen zu werden. Diese Angst mußten wir 
uns ja übersetzen: vom Vater koitiert zu werden. Es ist bekannt 
daß es in weit vorgerückteren Jahren, bei Mädchen in den Zeiten 
der Pubertät oder bald nachher, eine Neurose gibt, welche die 
Sexualablehnung durch Anorexie ausdrückt; man wird sie in Be- 
ziehung zu dieser oralen Phase des Sexuallebens bringen dürfen. 
Auf der Höhe des verliebten Paroxysmus („ich könnte dich 
fressen vor Liebe") und im zärtlichen Verkehr mit kleinen 
Kindern ? wobei der Erwachsene sich selbst wie infantil gebärdet, 
tritt das Liebesziel der oralen Organisation wieder auf. Ich habe 
an anderer Stelle die Vermutung ausgesprochen, daß der Vater 
unseres Patienten selbst das „zärtliche Schimpfen" gehabt, mit 
dem Kleinen Wolf oder Hund gespielt und ihn im Scherz mit 
dem Auffressen bedroht hat. (S. 52.) Der Patient hat diese Ver- 
mutung durch sein auffälliges Benehmen in der Übertragung 
nur bestätigt. So oft er vor Schwierigkeiten der Kur auf die 
Übertragung zurückwich, drohte er mit dem Auffressen und 
später mit allen anderen möglichen Mißhandlungen, was alles 
nur Ausdruck von Zärtlichkeit war. 

Der Sprachgebrauch hat gewisse Prägungen dieser oralen 
Sexualphase dauernd angenommen, er spricht von einem „appetit- 
lichen" Liebesobjekt, nennt die Geliebte „süß". Wir erinnern 
uns, daß unser kleiner Patient auch nur Süßes essen wollte. 
Süßigkeiten, Bonbons vertreten im Traume regelmäßig Lieb- 
kosungen, sexuelle Befriedigungen. 

Es scheint, daß zu dieser Phase auch eine Angst gehört (im 
Falle von Störung natürlich), die als Lebensangst auftritt und 
sich an alles heften kann, was dem Kinde als geeignet bezeichnet 
wird. Bei unserem Patienten wurde sie dazu benützt, um ihn 
zur Überwindung seiner Eßunlust, ja zur Überkompensation der- 
selben anzuleiten. Auf die mögliche Quelle seiner Eßstörung 



ii6 Sigm. Freud 



werden wir geleitet, wenn wir — auf dem Boden jener viel- 
beredeten Annahme — daran erinnern, daß die Koitusbeob- 
achtung, von welcher so viele nachträgliche Wirkungen aus- 
gingen, in das Alter von i l /a Jahren, sicherlich vor der Zeit der 
Eßschwierigkeiten fällt. Vielleicht dürfen wir annehmen, daß sie 
die Prozesse der Sexualreifung beschleunigt und so auch direkte, 
wenn auch unscheinbare Wirkungen entfaltet hat. 

Ich weiß natürlich auch, daß man die Symptomatik dieser 
Periode, die Wolfsangst, die Eßstörung anders und einfacher er- 
klären kann, ohne Rücksicht auf die Sexualität und eine prägeni- 
tale Organisationsstufe derselben. Wer die Zeichen der Neurotik 
und den Zusammenhang der Erscheinungen gern vernachlässigt, 
wird diese andere Erklärung vorziehen und ich werde ihn daran 
nicht hindern können. Es ist schwer, über diese Anfänge des 
Sexuallebens anders als auf den angezeigten Umwegen etwas 
Zwingendes zu eruieren. 

Die Szene mit der Gruscha (um 2V2 Jahre) zeigt uns unseren 
Kleinen zu Beginn einer Entwicklung, welche die Anerkennung 
als normal verdient, vielleicht bis auf ihre Vorzeitigkeit: Identi- 
fizierung mit dem Vater, Harnerotik in Vertretung der Männ- 
lichkeit. Sie steht ja auch ganz unter dem Einfluß der Urszene. 
Die Vateridentifizierung haben wir bisher als eine narzißtische 
aufgefaßt, mit Rücksicht auf den Inhalt der Urszene können 
wir es nicht abweisen, daß sie bereits der Stufe der Genital- 
organisation entspricht. Das männliche Genitale hat seine Rolle 
zu spielen begonnen und setzt sie unter dem Einfluß der Ver- 
führung durch die Schwester fort. 

Man bekommt aber den Eindruck, 'daß die Verführung nicht 
bloß die Entwicklung fördert, sondern sie noch in höherem Grade 
stört und ablenkt. Sie gibt ein passives Sexualziel, welches mit 
der Aktion des männlichen Genitales im Grunde unverträglich 
ist. Beim ersten äußeren Hindernis, bei der Kastrationsandeutung 
der Nanja, bricht (mit 3V2 Jahren) die noch zaghafte genitale 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose Xl 



Organisation zusammen und regrediert auf die ihr vorhergehende 
Stufe der sadistisch-analen Organisation, welche vielleicht sonst 
mit ebenso leichten Anzeichen wie bei anderen Kindern durch- 
laufen worden wäre. 

Die sadistisch-anale Organisation ist leicht als Fortbildung der 
oralen zu erkennen. Die gewaltsame Muskelbetätigung am Ob- 
jekt, die sie auszeichnet, findet ihre Stelle als vorbereitender 
Akt für das Fressen, das dann als Sexualziel ausfällt. Der vor- 
bereitende Akt wird ein selbständiges Ziel. Die Neuheit gegen 
die vorige Stufe besteht wesentlich darin, daß das aufnehmende, 
passive Organ, von der Mundzone abgesondert, an der Analzone 
ausgebildet wird. Biologische Parallelen oder die Auffassung der 
prägenitalen menschlichen Organisationen als Reste von Ein- 
richtungen, die in manchen Tierklassen dauernd festgehalten 
werden, liegen hier sehr nahe. Die Konstituierung des Forscher- 
triebes aus seinen Komponenten ist für diese Stufe gleichfalls 
charakteristisch. 

Die Analerotik macht sich nicht auffällig bemerkbar. Der Kot 
hat unter dem Einfluß des Sadismus seine zärtliche gegen seine 
offensive Bedeutung vertauscht. An der Verwandlung des Sadis- 
mus in Masochismus ist ein Schuldgefühl mitbeteiligt, welches 
auf Entwicklungsvorgänge in anderen als den sexuellen Sphären 
hinweist. 

Die Verführung setzt ihren Einfluß fort, indem sie die Passivi- 
tät des Sexualziels aufrechthält. Sie verwandelt jetzt den Sadis- 
mus zu einem großen Teil in sein passives Gegenstück, den 
Masochismus. Es ist fraglich, ob man den Charakter der Passivi- 
tät ganz auf ihre Rechnung setzen darf, denn die Reaktion des 
1V2 jährigen Kindes auf die Koitusbeobachtung war bereits vor- 
wiegend eine passive. Die sexuelle Miterregung äußerte sich in 
einer Stuhlentleerung, an der allerdings auch ein aktiver Anteil 
zu unterscheiden ist. Neben dem Masochismus, der seine Sexual- 
strebung beherrscht und sich in Phantasien äußert, bleibt auch 



1 1 8 Sigm. Freud 



der Sadismus bestehen und betätigt sich gegen kleine Tiere. 
Seine Sexualforschung hat von der Verführung an eingesetzt 
wesentlich zwei Probleme in Angriff genommen, woher die Kinder 
kommen, und ob ein Verlust des Genitales möglich ist, und 
verwebt sich mit den Äußerungen seiner Triebregungen. Sie 
lenkt seine sadistischen Neigungen auf die kleinen Tiere als 
Repräsentanten der kleinen Kinder. 

Wir haben die Schilderung bis in die Nähe des vierten Ge- 
burtstages geführt, zu welchem Zeitpunkt der Traum die Koitus- 
beobachtung von lVfl Jahren zur nachträglichen Wirkung bringt. 
Die Vorgänge, die sich nun abspielen, können wir weder voll- 
ständig erfassen, noch sie hinreichend beschreiben. Die Aktivierung 
des Bildes, das nun dank der vorgeschrittenen intellektuellen 
Entwicklung verstanden werden kann, wirkt wie ein frisches 
Ereignis, aber auch wie ein neues Trauma, ein fremder Ein- 
griff analog der Verführung. Die abgebrochene genitale Or- 
ganisation wird mit einem Schlage wieder eingesetzt, aber der 
im Traum vollzogene Fortschritt kann nicht festgehalten werden. 
Es kommt vielmehr durch einen Vorgang, den man nur einer 
Verdrängung gleichstellen kann, zur Ablehnung des Neuen und 
dessen Ersetzung durch eine Phobie. 

Die sadistisch-anale Organisation bleibt also auch in der jetzt 
einsetzenden Phase der Tierphobie fortbestehen, nur sind ihr die 
Angsterscheinungen beigemengt. Das Kind setzt die sadistischen 
wie die masochistischen Betätigungen fort, doch reagiert es mit 
Angst gegen einen Teil derselben; die Verkehrung des Sadismus 
in sein Gegenteil macht wahrscheinlich weitere Fortschritte. 

Aus der Analyse des Angsttraumes entnehmen wir, daß die Ver- 
drängung sich an die Erkenntnis der Kastration anschließt. Das 
Neue wird verworfen, weil seine Annahme den Penis kosten 
würde. Eine sorgfältigere Überlegung läßt etwa Folgendes er- 
kennen: Das Verdrängte ist die homosexuelle Einstellung im 
genitalen Sinne, die sich unter dem Einfluß der Erkenntnis 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 119 



gebildet hatte. Sie bleibt nun aber fürs Unbewußte erhalten, als 
eine abgesperrte tiefere Schichtung konstituiert. Der Motor dieser 
Verdrängung scheint die narzißtische Männlichkeit des Genitales 
zu sein, die in einen längst vorbereiteten Konflikt mit der 
Passivität des homosexuellen Sexualzieles gerät. Die Verdrängung 
ist also ein Erfolg der Männlichkeit. 

Man käme in Versuchung, von hier aus ein Stück der psycho- 
analytischen Theorie abzuändern. Man glaubt doch mit Händen 
zu greifen, daß es der Konflikt zwischen männlichen und weib- 
lichen Strebungen, also die Bisexualität, ist, aus der die Ver- 
drängung und Neurosenbildung hervorgeht. Allein diese Auffassung 
ist lückenhaft. Von den beiden widerstreitenden Sexualregungen 
ist die eine ichgerecht, die andere beleidigt das narzißtische 
Interesse ; sie verfällt darum der Verdrängung. Es ist auch in 
diesem Falle das Ich, von dem die Verdrängung ins Werk gesetzt 
wird, zu Gunsten einer der sexuellen Strebungen. In anderen 
Fällen existiert ein solcher Konflikt zwischen Männlichkeit und 
Weiblichkeit nicht; es ist nur eine Sexualstrebung da, die An- 
nahme heischt, aber gegen gewisse Mächte des Ichs verstoßt 
und darum selbst verstoßen wird. Weit häufiger als Konflikte 
innerhalb der Sexualität selbst finden sich ja die anderen vor, 
die sich zwischen der Sexualität und den moralischen Ich- 
tendenzen ergeben. Ein solcher moralischer Konflikt fehlt in unserem 
Falle. Die Betonung der Bisexualität als Motiv der Verdrängung 
wäre also zu enge; die des Konflikts zwischen Ich und Sexual- 
streben (Libido) deckt alle Vorkommnisse. 

Der Lehre vom „männlichen Protest", wie sie Adler ausge- 
bildet hat, ist entgegenzuhalten, daß die Verdrängung keineswegs 
immer die Partei der Männlichkeit nimmt und die Weiblichkeit 
betrifft; in ganzen großen Klassen von Fällen ist es die Männ- 
lichkeit, die sich vom Ich die Verdrängung gefallen lassen muß. 
Eine gerechtere Würdigung des Verdrängungsvorganges in 
unserem Falle würde übrigens der narzißtischen Männlichkeit 



120 



Sigm. Freud 



die Bedeutung des einzigen Motivs bestreiten. Die homosexuelle 
Einstellung, die während des Traumes zustande kommt, ist eine 
so intensive, daß das Ich des ldeinen Menschen an ihrer Be 
waltigung versagt und sich durch den Verdrängungsvorgang 
ihrer erwehrt. Als Helfer bei dieser Absicht wird die ihr gegen 
satzliche narzißtische Männlichkeit des Genitales herangezogen 
Daß alle narzißtischen Regungen vom Ich aus wirken und beim 
Ich verbleiben, die Verdrängungen gegen libidinöse Objektbe- 
setzungen gerichtet sind, soll nur zur Vermeidung von Mißver- 
ständnissen ausgesprochen werden. 

Wenden wir uns von dem Vorgang der Verdrängung, dessen 
restlose Bewältigung uns vielleicht nicht geglückt ist, zu dem 
Zustand, der sich beim Erwachen aus dem Traum ergibt Wäre 
es w,rklich die Männlichkeit gewesen, die während des Traum- 
vorganges über die Homosexualität (Weiblichkeit) gesiegt hat so 
müßten wir nun eine aktive Sexualstrebung von bereits ausge- 
sprochen männlichem Charakter als die herrschende finden. Davon 
.st keine Rede, das Wesentliche der Sexualorganisation hat sich 
nicht geändert, die sadistisch-anale Phase setzt ihren Bestand fort 
sie ist die herrschende geblieben. Der Sieg der Männlichkeit zeigt sich 
bloß dann, daß nun auf die passiven Sexualziele der herrschenden 
Organisation (die masochistisch, aber nicht weiblich sind) mit Angst 
reagiert wird. Es ist keine sieghafte männliche Sexualregung vor- 
handen sondern nur eine passive und ein Sträuben gegen dieselbe. 
Ich kann mir vorstellen, welche Schwierigkeiten die unge- 
wohnte, aber unerläßliche scharfe Scheidung von aktiv-männlfch 
und passiv-weiblich dem Leser bereitet und will darum Wieder- 
holungen nicht vermeiden. Den Zustand nach dem Traume kann 
man also in folgender Art beschreiben: Die Sexualstrebungen 
sind zerspalten worden, im Unbewußten ist die Stufe der geni- 
talen Organisation erreicht und eine sehr intensive Homosexualität 
konstituiert, darüber besteht (virtuell im Bewußten) die frühere 
sad.stische und überwiegend masochistische Sexualströmung, das 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 



121 



Ich hat seine Stellung zur Sexualität im ganzen geändert, es 
befindet sich in Sexualablehnung und weist die herrschenden 
masochistischen Ziele mit Angst ab, wie es auf die tieferen 
homosexuellen mit der Bildung einer Phobie reagiert hat. Der 
Erfolg des Traumes war also nicht so sehr der Sieg einer männ- 
lichen Strömung, sondern die Reaktion gegen eine feminine und 
eine passive. Es wäre gewaltsam, dieser Reaktion den Charakter 
der Männlichkeit zuzuschreiben. Das Ich hat eben keine Sexual- 
strebungen, sondern nur das Interesse an seiner Selbstbewahrung 
und der Erhaltung seines Narzißmus. 

Fassen wir nun die Phobie ins Auge. Sie ist auf dem Niveau 
der genitalen Organisation entstanden, zeigt uns den relativ ein- 
fachen Mechanismus einer Angsthysterie. Das Ich schützt sich 
durch Angstentwicklung vor dem, was es als übermächtige Ge- 
fahr wertet, vor der homosexuellen Befriedigung. Doch hinterläßt 
der Verdrängungsvorgang eine nicht zu übersehende Spur. Das 
Objekt, an das sich das gefürchtete Sexualziel geknüpft hat, muß 
sich vor dem Bewußtsein durch ein anderes vertreten lassen. 
Nicht die Angst vor dem Vater, sondern die vor dem Wolf 
wird bewußt. Es bleibt auch nicht bei der Bildung der Phobie 
mit dem einen Inhalt. Der Wolf ersetzt sich eine ganze Weile 
später durch den Löwen. Mit den sadistischen Regungen gegen 
die kleinen Tiere konkurriert eine Phobie vor ihnen als Vertreter 
der Nebenbuhler, der möglichen kleinen Kinder. Besonders interes- 
sant ist die Entstehung der Schmetterlingsphobie. Es ist wie eine 
Wiederholung des Mechanismus, der im Traum die Wolfsphobie 
erzeugt hat. Durch eine zufällige Anregung wird ein altes Erlebnis 
aktiviert, die Szene mit Gruscha, deren Kastrationsdrohung nach- 
träglich zur Wirkung kommt, während sie, als sie vorfiel, ohne 
Eindruck geblieben war. 1 

i) Die Gruschaszene war, wie erwähnt, eine spontane Erinnerungsleistung des 
Patienten, an welcher eine Konstruktion oder Anregung des Arztes keinen Anteil 
hatte; die Lücke in ihr wurde von der Analyse in einer Weise ausgefüllt, die 



122 Sigm. Freud 



Man kann sagen, die Angst, welche in die Bildung dieser 
Phobien eingeht, ist Kastrationsangst. Diese Aussage enthält keinen 
Widerspruch gegen die Auffassung, die Angst sei aus der Ver- 
drängung homosexueller Libido hervorgegangen. In beiden Aus- 
drucksweisen meint man den nämlichen Vorgang, daß das Ich 
der homosexuellen Wunschregung Libido entzieht, welche in 
freischwebende Angst umgesetzt wird und sich dann in Phobien 
binden läßt. In der ersten Ausdrucks weise hat man nur das 
Motiv, welches das Ich treibt, mitbezeichnet. 

Bei näherem Zusehen findet man nun, daß diese erste Er- 
krankung unseres Patienten (von der Eßstörung abzusehen) durch 
das Herausgreifen der Phobie nicht erschöpft wird, sondern als 
eine echte Hysterie verstanden werden muß, der neben Angst- 
symptomen auch Konversionserscheinungen zukommen. Ein Anteil 
der homosexuellen Regung wird in dem bei ihr beteiligten Organ 
festgehalten; der Darm benimmt sich von da an und ebenso in 
der Spätzeit wie ein hysterisch affiziertes Organ. Die unbewußte, 
verdrängte Homosexualität hat sich in den Darm zurückgezogen. 
Gerade dieses Stück Hysterie hat dann bei der Lösung des 
späteren Krankseins die besten Dienste geleistet. 

Nun soll es uns auch nicht am Mute mangeln, die noch 
komplizierteren Verhältnisse der Zwangsneurose in Angriff zu 

tadellos genannt werden muß, wenn man auf die Arbeitsweise der Analyse überhaupt 
Wert legt. Eine rationalistische Aufklärung dieser Phobie könnte nur sagen: Es sei 
nichts Ungewöhnliches, daß ein zur Ängstlichkeit disponiertes Kind auch einmal vor 
einem gelbstreifigen Schmetterling einen Angstanfall bekomme, wahrscheinlich infolge 
einer ererbten Angstneigung. (Vgl. Stanley Hall, A synthetic genetic study of fear. 
Amer. J. of Psychology XXV, 1914). In Unwissenheit dieser Ursache suche es nun 
»ach einer Kindheitsanküpfung für diese Angst und benütze den Zufall der Namens- 
gleichheit und der Wiederkehr der Streifen, um sich die Phantasie eines Abenteuers 
mit dem noch erinnerten Kindermädchen zu konstruieren. Wenn aber die Neben- 
sachen der an sich harmlosen Begebenheit, Aufwaschen, Kübel, Besen im späteren 
Leben die Macht zeigen, dauernd und zwanghaft die Objektwahl des Menschen zu 
bestimmen, so fällt der Schmetterlingsphobie eine unbegreifliche Bedeutimg zu. Der 
Sachverhalt wird mindestens ebenso merkwürdig wie der von mir behauptete, und 
der Gewinn aus der rationalistischen Auffassung dieser Szenen ist zerronnen. Die 
Gruschaszene wird uns also besonders wertvoll, da wir an ihr unser Urteil über die 
minder gesicherte Urszene vorbereiten können. 



nehmen. Halten wir uns nochmals die Situation vor: eine herr- 
schende masochistische und eine verdrängte homosexuelle Sexual- 
strömung, dagegen ein in hysterischer Ablehnung befangenes Ich; 
welche Vorgänge wandeln diesen Zustand in den der Zwangs- 
neurose um? 

Die Verwandlung geschieht nicht spontan, durch innere Fort- 
entwicklung, sondern durch fremden Einfluß von außen. Ihr 
sichtbarer Erfolg ist, daß das im Vordergrund stehende Verhältnis 
zum Vater, welches bisher in der Wolfsphobie Ausdruck gefunden 
hatte, sich nun in Zwangsfrömmigkeit äußert. Ich kann es nicht 
unterlassen, darauf hinzuweisen, daß der Vorgang bei diesem 
Patienten eine unzweideutige Bestätigung einer Behauptung liefert, 
die ich in „Totem und Tabu" über das Verhältnis des Totem- 
tieres zur Gottheit aufgestellt habe. 1 Ich entschied mich dort 
dafür, daß die Gottesvorstellung nicht eine Fortentwicklung des 
Totem sei, sondern sich unabhängig von ihm aus der gemein- 
samen Wurzel beider zu seiner Ablösung erhebe. Der Totem sei 
der erste Vaterersatz, der Gott aber ein späterer, in dem der 
Vater seine menschliche Gestalt wiedergewinne. So finden wir es 
auch bei unserem Patienten. Er macht in der Wolfsphobie das 
Stadium des totemistischen Vaterersatzes durch, welches nun ab- 
bricht und infolge neuer Relationen zwischen ihm und dem 
Vater durch eine Phase von religiöser Frömmigkeit ersetzt wird. 

Der Einfluß, welcher diese Wandlung hervorruft, ist die durch 
die Mutter vermittelte Bekanntschaft mit den Lehren der Religion 
und mit der heiligen Geschichte. Das Ergebnis wird das von der 
Erziehung gewünschte. Der sadistisch-masochistischen Sexualor- 
ganisation wird ein langsames Ende bereitet, die Wolfsphobie ver- 
schwindet rasch, an Stelle der Angstablehnung der Sexualität 
tritt eine höhere Form der Unterdrückung derselben. Die Frömmig- 
keit wird zur herrschenden Macht im Leben des Kindes. Allein 
diese Überwindungen gehen nicht ohne Kämpfe vor sich, als 

1) Totem und Tabu, p. 157, 1915. [Enthalten in Bd. X. der Gesamtausgabe.' 



*24 Sigm. Freud 



deren Zeichen die blasphemischen Gedanken erscheinen, und als 
deren Folge eine zwanghafte Übertreibung des religiösen Zere- 
moniells sich festsetzt. 

Wenn wir von diesen pathologischen Phänomenen absehen, 
können wir sagen, die Religion hat in diesem Falle alles das 
geleistet, wofür sie in der Erziehung des Individuums eingesetzt 
wird. Sie hat seine Sexualstrebungen gebändigt, indem sie ihnen 
eine Sublimierung und feste Verankerung bot, seine familiären 
Beziehungen entwertet und damit einer drohenden Isolierung vor- 
gebeugt, dadurch, daß sie ihm den Anschluß an die große Ge- 
meinschaft der Menschen eröffnete. Das wilde, verängstigte Kind 
wurde sozial, gesittet und erziehbar. 

Der Hauptmotor des religiösen Einflusses war die Identifizierung 
mit der Christusgestalt, die ihm durch die Zufälligkeit seines 
Geburtsdatums besonders nahe gelegt war. Hier fand die über- 
große Liebe zum Vater, welche die Verdrängung notwendig ge- 
macht hatte, endlich einen Ausweg in eine ideale Sublimierung. 
Als Christus durfte man den Vater, der nun Gott hieß, mit einer 
Inbrunst lieben, die beim irdischen Vater vergeblich nach Ent- 
ladung gesucht hatte. Die Wege, auf denen man diese Liebe 
bezeugen konnte, waren von der Religion angezeigt, an ihnen 
haftete auch nicht das Schuldbewußtsein, das sich von den in- 
dividuellen Liebesstrebungen nicht ablösen ließ. Wenn so die 
tiefste, bereits als unbewußte Homosexualität niedergeschlagene 
Sexualströmung noch drainiert werden konnte, so fand die ober- 
flächlichere masochistische Strebung eine unvergleichliche Subli- 
mierung ohne viel Verzicht in der Leidensgeschichte Christi, der 
sich im Auftrage und zu Ehren des göttlichen Vaters hatte miß- 
handeln und opfern lassen. So tat die Religion ihr Werk bei dem 
kleinen Entgleisten durch Mischung von Befriedigung, Subli- 
mierung, Ablenkung vom Sinnlichen auf rein geistige Prozesse, 
und die Eröffnung sozialer Beziehungen, die sie dem Gläubigen 
bietet. 



12 5 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 

Sein anfängliches Sträuben gegen die Religion hatte drei ver- 
schiedene Ausgangspunkte. Erstens war es überhaupt, wovon wir 
schon Beispiele gesehen haben, seine Art, alle Neuheiten abzu- 
wehren. Er verteidigte jede einmal eingenommene Libidoposition 
in der Angst vor dem Verlust bei ihrem Aufgeben und im Miß- 
trauen gegen die Wahrscheinlichkeit eines volles Ersatzes durch 
die neu zu beziehende. Es ist das eine wichtige und fundamen- 
tale psychologische Besonderheit, die ich in den drei Abhandlungen 
zur Sexualtheorie als Fähigkeit zur Fixierung aufgestellt habe. 
Jung hat sie unter dem Namen der psychischen „Trägheit" zur 
Hauptverursachung aller Mißerfolge der Neurotiker machen wollen. 
Ich glaube, mit Unrecht, sie reicht viel weiter hinaus und spielt 
auch im Leben nicht Nervöser ihre bedeutsame Rolle. Die Leicht- 
beweglichkeit oder Schwerflüssigkeit der libidinösen, und ebenso 
der andersartigen Energiebesetzungen ist ein besonderer Charakter, 
der vielen Normalen und nicht einmal allen Nervösen eignet, 
und der bisher noch nicht in Zusammenhang mit anderem 
gebracht ist, etwas wie eine Primzahl nicht weiter zerteilbares. 
Wir wissen nur das eine, daß die Eigenschaft der Beweglichkeit 
psychischer Besetzungen mit dem Lebensalter auffällig zurückgeht. 
Sie hat uns eine der Indikationen für die Grenzen der psycho- 
analytischen Beeinflussung geliefert. Es gibt aber Personen, bei 
denen diese psychische Plastizität weit über die gewöhnliche Alters- 
grenze hinaus bestehen bleibt, und andere, bei denen sie sehr früh- 
zeitig verloren geht. Sind es Neurotiker, so macht man mit Un- 
behagen die Entdeckung, daß unter scheinbar gleichen Verhält- 
nissen bei ihnen Veränderungen nicht rückgängig zu machen 
sind, die man bei anderen mit Leichtigkeit bewältigt hat. Es ist 
also auch bei den Umsetzungen psychischer Vorgänge der Begriff 
einer Entropie in Betracht zu ziehen, deren Maß sich einer 
Rückbildung des Geschehenen widersetzt. 

Einen zweiten Angriffspunkt bot ihm die Tatsache, daß die 
Religionslehre selbst kein eindeutiges Verhältnis zu Gott -Vater 



126 Sigm. Freud 

zu ihrer Grundlage hat, sondern von den Anzeichen der ambi- 
valenten Einstellung durchsetzt ist, welche über ihrer Entstehuno- 
gewaltet hat. Diese Ambivalenz spürte er mit der hochentwickelten 
eigenen heraus und knüpfte an sie jene scharfsinnige Kritik, 
welche uns von einem Kinde im fünften Lebensjahr so sehr 
Wunder nehmen mußte. Am bedeutsamsten war aber gewiß ein 
drittes Moment, auf dessen Wirkung wir die pathologischen Er- 
gebnisse seines Kampfes gegen die Religion zurückführen dürfen. 
Die zum Manne drängende Strömung, welche von der Religion 
sublimiert werden sollte, war ja nicht mehr frei, sondern zum 
Teil durch Verdrängung abgesondert und damit der Sublimierung 
entzogen, an ihr ursprüngliches sexuelles Ziel gebunden. Kraft 
dieses Zusammenhanges strebte der verdrängte Anteil sich den 
Weg zum sublimierten Anteil zu bahnen oder ihn zu sich herab- 
zuziehen. Die ersten Grübeleien, die die Person Christi umspannen, 
enthielten bereits die Frage, ob dieser sublime Sohn auch das 
im Unbewußten festgehaltene sexuelle Verhältnis zum Vater 
erfüllen könne. Die Abweisungen dieses Bestrebens hatten keinen 
anderen Erfolg, als scheinbar blasphemische Zwangsgedanken ent- 
stehen zu lassen, in denen sich die körperliche Zärtlichkeit für 
Gott in der Form seiner Erniedrigung durchsetzte. Ein heftiger 
Abwehrkampf gegen diese Kompromißbildungen mußte dann zur 
zwanghaften Übertreibung aller der Tätigkeiten führen, in denen 
die Frömmigkeit, die reine Liebe zu Gott, ihren vorgezeichneten 
Ausweg fand. Endlich hatte die Religion gesiegt, aber ihre trieb- 
hafte Fundierung erwies sich unvergleichlich stärker als die 
Haftbarkeit ihrer Sublimierungsprodukte. Sowie das Leben einen 
neuen Vaterersatz brachte, dessen Einfluß sich gegen die Reli- 
gion richtete, wurde sie fallen gelassen und durch anderes er- 
setzt. Gedenken wir noch der interessanten Komplikation, daß 
die Frömmigkeit unter dem Einfluß von Frauen entstand (Mutter 
und Kinderfrau), während männlicher Einfluß die Befreiung von 
ihr ermöglich te. 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 



127 



Die Entstehung der Zwangsneurose auf dem Boden der sadistisch- 
analen Sexualorganisation bestätigt im ganzen, was ich an anderer 
Stelle „über die Disposition zur Zwangsneurose" 1 ausgeführt habe. 
Aber der vorherige Bestand einer starken Hysterie macht unseren 
Fall in dieser Hinsicht undurchsichtiger. Ich will die Übersicht 
über die Sexualentwicklung unseres Kranken beschließen, indem 
ich ein kurzes Streiflicht auf deren spätere Wandlungen werfe. 
Mit den Pub ertäts jähren trat bei ihm die normal zu nennende, 
stark sinnliche, männliche Strömung mit dem Sexualziel der 
Genitalorganisation auf, deren Schicksale die Zeit bis zu seiner 
Späterkrankung füllen. Sie knüpfte direkt an die Gruschaszene 
an entlehnte von ihr den Charakter zwanghafter, anfallsweise 
kommender und schwindender Verliebtheit und hatte mit den 
Hemmungen zu kämpfen, die von den Resten der infantilen 
Neurosen ausgingen. Mit einem gewaltsamen Durchbruch zum 
Weib hatte er sich endlich die volle Männlichkeit erkämpft; 
dies Sexualobjekt wurde von nun an festgehalten, aber er wurde 
des Besitzes nicht froh, denn eine starke, nun völlig unbewußte 
Hinneigung zum Manne, die alle Kräfte der früheren Phasen in 
sich vereinigte, zog ihn immer wieder vom weiblichen Objekt 
ab und nötigte ihn, in den Zwischenzeiten die Abhängigkeit vom 
Weib zu übertreiben. Er legte der Kur die Klage vor, daß er 
es beim Weibe nicht aushalten könne, und alle Arbeit richtete 
sich darauf, sein ihm unbewußtes Verhältnis zum Manne aufzu- 
decken. Seine Kindheit war, um es formelhaft zusammenzufassen, 
durch das Schwanken zwischen Aktivität und Passivität ausge- 
zeichnet gewesen, seine Pubertätszeit durch das Ringen um die 
Männlichkeit, und die Zeit von seiner Erkrankung an durch den 
Kampf um das Objekt der männlichen Strebung. Der Anlaß 
seiner Erkrankung fällt nicht unter die „neurotischen Erkrankungs- 
typen", die ich als Spezialfälle der „Versagung" zusammenfassen 

1) Internat. Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse, I. Band, 1915, S. 525 ff. [Ent- 
halten im Bd. V. der Gesamtausgabe.] 



128 Sigm. Freud 



konnte, 1 und macht so auf eine Lücke in dieser Reihenbildung 
aufmerksam. Er brach zusammen, als eine organische Affektion 
des Genitales seine Kastrationsangst aufleben machte, seinem 
Narzißmus Abbruch tat und ihn zwang, die Erwartung einer 
persönlichen Bevorzugung durch das Schicksal aufzugeben. Er 
erkrankte also an einer narzißtischen „Versagung". Diese Über- 
stärke seines Narzißmus stand in vollem Einklang mit den anderen 
Anzeichen einer gehemmten Sexualentwicklung, daß seine hetero- 
sexuelle Liebesw r ahl bei aller Energie so wenig psychische Stre- 
bungen in sich konzentrierte, und daß die homosexuelle Einstellung 
die dem Narzißmus um so vieles näher liegt, sich als unbewußte 
Macht bei ihm mit solcher Zähigkeit behauptet hatte. Natürlich 
kann die psychoanalytische Kur bei solchen Störungen nicht 
einen momentanen Umschwung und eine Gleichstellung mit 
einer normalen Entwicklung herbeiführen, sondern nur die 
Hindernisse beseitigen und die Wege gangbar machen, damit die 
Einflüsse des Lebens die Entwicklung nach den besseren Richtungen 
durchsetzen können. 

Als Besonderheiten seines psychischen Wesens, die von der 
psychoanalytischen Kur aufgedeckt, aber nicht weiter aufgeklärt 
und dementsprechend auch nicht unmittelbar beeinflußt werden 
konnten, stelle ich zusammen: die bereits besprochene Zähigkeit 
der Fixierung, die außerordentliche Ausbildung der Ambivalenz- 
neigung, und als dritten Zug einer archaisch zu nennenden 
Konstitution die Fähigkeit, die verschiedenartigsten und wider- 
sprechendsten libidinösen Besetzungen alle nebeneinander funktions- 
fähig zu erhalten. Das beständige Schwanken zwischen denselben, 
durch welches Erledigung und Fortschritt lange Zeit ausgeschlossen 
erschienen, beherrschten das Krankheitsbild der Spätzeit, das ich 
ja hier nur streifen konnte. Ohne allen Zweifel war dies ein 
Zug aus der Charakteristik des Unbewußten, der sich bei ihm 

i) Zentralblatt für Psychoanalyse, II, 6, 191a. [Über neurotische Erkrankungstype^ 
Enthalten in Bd. V der Gesamtausgabe]. 



Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 



29 



in die bewußt gewordenen Vorgänge fortgesetzt hatte; aber er 
zeigte sich nur an den Ergebnissen affektiver Regungen, auf rein 
logischen Gebieten bewies er vielmehr ein besonderes Geschick 
in der Aufspürung von Widersprüchen und Unverträglichkeiten. 
So empfing man von seinem Seelenleben einen Eindruck, wie 
ihn die altägyptische Religion macht, die dadurch für uns so 
unvorstellbar wird, daß sie die Entwicklungsstufen neben den 
Endprodukten konserviert, die ältesten Götter und Gottesbe- 
deutungen wie die jüngsten fortsetzt, in eine Fläche ausbreitet, 
was in anderen Entwicklungen zu einem Tiefengebilde wird. 

Ich habe nun zu Ende gebracht, was ich über diesen Krank- 
heitsfall mitteilen wollte. Nur noch zwei der zahlreichen Probleme, 
die er anregt, scheinen mir einer besonderen Hervorhebung 
würdig. Das erste betrifft die phylogenetisch mitgebrachten 
Schemata, die wie philosophische „Kategorien" die Unterbringung 
der Lebenseindrücke besorgen. Ich möchte die Auffassung ver- 
treten, sie seien Niederschläge der menschlichen Kulturgeschichte. 
Der Ödipuskomplex, der die Beziehung des Kindes zu den Eltern 
umfaßt, gehört zu ihnen, ist vielmehr das bestgekannte Beispiel 
dieser Art. Wo die Erlebnisse sich dem hereditären Schema nicht 
fügen, kommt es zu einer Umarbeitung derselben in der Phan- 
tasie, deren Werk im einzelnen zu verfolgen, gewiß nutzbringend 
wäre. Gerade diese Fälle sind geeignet, uns die selbständige 
Existenz des Schemas zu erweisen. Wir können oft bemerken, 
daß das Schema über das individuelle Erleben siegt, so wenn in 
unserem Falle der Vater zum Kastrator und Bedroher der kindlichen 
Sexualität wird, trotz eines sonst umgekehrten Ödipuskomplexes. 
Eine andere Wirkung ist es, wenn die Amme an die Stelle der 
Mutter tritt oder mit ihr verschmolzen wird. Die Widersprüche 
des Erlebens gegen das Schema scheinen den infantilen Konflikten 
reichlichen Stoff zuzuführen. 

Das zweite Problem liegt von diesem nicht fernab, es ist aber 
ungleich bedeutsamer. Wenn man das Verhalten des vierjährigen 

Freud, Infantile Neurose Q 



ljo Sigm. Freud 



Kindes gegen die reaktivierte Urszene in Betracht zieht, 1 ja 
wenn man nur an die weit einfacheren Reaktionen des l 1 /., jährigen 
Kindes beim Erleben dieser Szene denkt, kann man die Auffassung 
schwer von sich weisen, daß eine Art von schwer bestimmbarem 
Wissen, etwas wie eine Vorbereitung zum Verständnis, beim 
Kinde dabei mitwirkt.* Worin dies bestehen mag, entzieht sich 
jeder Vorstellung; wir haben nur die eine ausgezeichnete Analogie 
mit dem weitgehenden instinktiven Wissen der Tiere zur 
Verfügung. 

Gäbe es einen solchen instinktiven Besitz auch beim Menschen, 
so wäre es nicht zu verwundern, wenn er die Vorgänge des 
Sexuallebens ganz besonders beträfe, wenngleich er auf sie keines- 
wegs beschränkt sein kann. Dieses Instinktive wäre der Kern des 
Unbewußten, eine primitive Geistestätigkeit, die später durch 
die zu erwerbende Menschheitsvernunft entthront und überlagert 
wird, aber so oft, vielleicht bei allen, die Kraft behält, höhere 
seelische Vorgänge zu sich herabzuziehen. Die Verdrängung wäre 
die Rückkehr zu dieser instinktiven Stufe, und der Mensch würde 
so mit seiner Fähigkeit zur Neurose seine große Neuerwerbung 
bezahlen und durch die Möglichkeit der Neurosen die Existenz 
der früheren instinktartigen Vorstufe bezeugen. Die Bedeutung 
der frühen Kindheitstraumen läge aber darin, daß sie diesem 
Unbewußten einen Stoff zuführen, der es gegen die Aufzehrung 
durch die nachfolgende Entwicklung schützt. 

Ich weiß, daß ähnliche Gedanken, die das hereditäre, phylo- 
genetisch erworbene Moment im Seelenleben betonen, von ver- 
schiedenen Seiten ausgesprochen worden sind, ja ich meine, daß 



1) Ich darf davon absehen, daß dies Verhalten erst zwei Dezennien später in 
Worte gefaßt werden konnte, denn alle Wirkungen, die wir von der Szene ableiten, 
haben sich ja in Form von Symptomen, Zwängen usw. bereits in der Kindheit und 
lange vor der Analyse geäußert. Dabei ist es gleichgültig, ob man sie als Urszene 
oder als Urphantasie gelten lassen will. 

2) Von neuem muß ich betonen, daß diese Überlegungen müßig wären, wenn 
Traum und Neurose nicht der Kindheitszeit selbst angehörten. 




man allzu bereit war, ihnen einen Platz in der psychoanalytischen 
Würdigung einzuräumen. Sie erscheinen mir erst zulässig, wenn 
die Psychoanalyse in Einhaltung des korrekten Instanzenzuges 
auf die Spuren des Ererbten gerät, nachdem sie durch die 
Schichtung des individuell Erworbenen hindurchgedrungen ist. 1 



1) [Zusatz 192$:] Ich stelle hier nochmals die Chronologie der in dieser Geschichte 
erwähnten Begebenheiten zusammen: 
Geboren am Weihnachtstag. 

1 1/2 Jahre: Malaria. Beobachtung des Koitus der Eltern oder jenes Beisammenseins 
derselben, in das er später die Koituephantasie eintrug. 

Kurz vor 2 «/ 2 Jahren: Szene mit Gruscha. 

2 1/2 Jahre: Deckerinnerung an Abreise der Eltern mit Schwester. Sie »eigt ihn 
allein mit der Nanja und verleugnet so Gruscha und Schwester. 

Vor 3 */4 Jahren: Klage der Mutter vor dem Arzt. 

3 iL Jahre: Beginn der Verführung durch die Schwester, bald darauf Kastrations- 
drohung der Nanja. 

3 i/ 3 Jahre: Die englische Gouvernante, Beginn der Charakterveränderung. 

4 Jahre: Wolfstraum, Entstehung der Phobie. 

4 1/2 Jahre: Einfluß der biblischen Geschichte. Auftreten der Zwangssymptome. 
Kurz vor 5 Jahren: Halluzination des Fingerverlustes. 

5 Jahre: Verlassen des ersten Gutes. 

Nach 6 Jahren: Besuch beim kranken Vater. 

, , " \ Letzte Ausbrüche der Zwangsneurose. 
10 Jahre: | 

Meine Darstellung hat es leicht gemacht zu erraten, daß der Patient Russe war. 
Ich entließ ihn nach meiner Schätzung als geheilt wenige Wochen vor dem unerwarteten 
Ausbruch des Weltkrieges und sah ihn erst wieder, als die Wechselfälle des Krieges 
den Zentralmächten den Zugang nach Südrußland eröffnet hatten. Dann kam er 
nach Wien und berichtete von einem unmittelbar nach Beendigung der Kur aufge- 
tretenen Bestreben, sich vom Einfluß des Arztes loszureißen. In einigen Monaten 
Arbeit wurde nun ein noch nicht überwundenes Stück der Übertragung bewältigt; 
seither hat Patient, dem der Krieg Heimat, Vermögen und alle Familienbeziehungen 
geraubt hatte, sich normal gefühlt und tadellos benommen. Vielleicht hat gerade sein 
Elend durch die Befriedigung seines Schuldgefühls zur Befestigung seiner Herstel- 
lung beigetragen. 







INHALTSVERZEICHNIS 

Seite 

I. Vorbemerkungen x 

IL Übersicht des Milieus und der Krankengeschichte 10 

III. Die Verführung und ihre nächsten Folgen 16 

IV. Der Traum und die Urszene 28 

V. Einige Diskussionen g 

VI. Die Zwangsneurose 5k 

VII. Analerotik und Kastrationskomplex 7 7 

VIII. Nachträge aus der Urzeit — Lösung 9g 

IX. Zusammenfassungen und Probleme 112 






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Internationaler 
Psychoanalytischer Verlag 

Wi*n. VIL Andreasgaaie 3 






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Seelensucher 

Ein psychoanalytischer Roman 
von Georg Groddeck 



Contra: 

Neue Freie Presse": . . . Unappetitliche Masse 

" die P & vd.oanidyse durch OrdinSrheit Bi in- 
beditiwen." (Herbert Srtbcrer) 

„Bücherei und Bildungspflcge": . . . Wegen 

«ine» Übermaß« a n Zyniimw u» erotisch«, und 
religiösen Dingen unbrauchbar. 

Pro; 

.Frankfurter Zeitung"; ... «in ungc^chnlidi 

iLueieh* Kerl, der «hr amüsant zu reden we.fi. 
Kr St« erinnert etwas an die P.ckw.ck.cr. «renn 
»ud, der Inhalt durch*.., nicht so harmlos u*. 

Imaco": , . Der erziehliche Werl liegt darin, d.6 
SÄ wie «** Swift. Rabelais, Egu* d,rn 

Glicht reißt (Dr. Fercnczi; 

Die Wage": Das Buch is» *<M> «»»** imponieren, 
den Rücksichtslosigkeit. 

Wiener Freimaurer-Zeitung": Ein Sdimlfc, 

Ecke über diese» Buch. 

"Shlern unserer Spracht r,od> nicht geway^ worden. 
Da- HAI ThomaL der ab Don Ouniole &™«nd 

S.uUchen Lande rieht, in die wund.rl.ch_.tenH.ndel 
£d "skurril*« Abenteuer gerat, " ™/<f!?™£ 
liebes Gespenst, das seineThmschale m Händen 
Mit und aus dem murtrw Qualm, der .hr «atstergt. 
die Welt deutet . . . Eine F.gur. so voll der U,V 
huste» Narrheit, ist aoeh durch keinen dents^en 
Roman gewandelt . . . Hier lehrt c.ner, Tum Gau- 
dium de. Leders, die Welt über d« psych«. 
,nalylisch EQ Stock springe... Sc4*e tusbp 
AbenteucTfahrt des Gedankens hat no* kern 
deutscher Mann gewagt. (Allred rolgar) 



I 



"INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERI.AC 

Wien, VII. Andrcajgatie 3 

SIGM. i'REUD 
GESAMMELTE SCHRIFTEN 



1 

«Studien über Hysterie / FrüLe Arbeiten 

zur Neurosenlenre (180,!* — <)ij)(Charc:t>t — 
Ein Fall von hypnot. Heilung nebst Bemerkungen über d, 
Entstehung hyster. Symptome durch d. Gegenwillen — 
Quelques cQnsideratioos pour une etude cc-mpsrative 
de* parnlysies motrices organ. et hysterique* — Dl« 
Abwehr-Netiropsychoseii — ÜLerdic Berechtigung, von 
d. Neurasthenie emon bestimmten SymptomenkompUx 
nls„Angstneuriis<; a *lf«?.uti'onaco - Obsessions et phobiea 
— Zur Kritik d. Angstneurose — Weitere Bemerkungen 
über die Ahwehr-Neuropsychosen — L'heredite et 
l'etiologte des neyroics — Zur Ätiologie der Hysterie 
- Die Sexualität in der Ätiologie der Neurosen 
— Ober Deckerinncrtingeri) 

ri 

Die Traumdeutung 
III 

Na di träge sur Traumdeutung / über 

den Traum j Beiträge sur Trauinlenre 
(Mijrchenstoffe in Träumen — Ein Traum al* Beweis- 
mittel — Traum und Telepathie — Bemerkungen zur 
Theorie und Praii* der Traumdeutung) 



IV 



Zur P S 



"sychopatliolagie des Alltagslebens 
/ IJas Interesse an der Psychoanalyse / 
Über Psychoanalyse / Zur Gesdüdite 
der pvydioanalytisehen Bewegung 



Drei Abhandlungen sur Scxualtlieorie/ 
Arbeiten iura Sexualleben und surKcu- 

roservlelire (Meine Ansichten über die Rolle der 
Sexualität in der Ätiologie der Neurosen — Zur se- 
xuellen Aufklärung- der Kinder — Die „kuftorelle" 
Se*ualmoral und die Nervosität — Ober infantile 
Sc-xualtheorien — Beiträge z. Psychologie des Liebes- 
lebens: Über einen be/o »deren Typus der Objektwahl 
beim Manne. Über die allgemeinste Erniedrigung des 
Lielieslcben«. Das Tabu der VirgtnStät — Die infantile 
Genitalörganisatinn — Zwei Kindertagen — Gedanken- 
assoziation eines 1 jähr. Kindes — Hysterische Phan« 
tasien und ihre Beziehung zur BiscTnmlitüt — Ober 
den hysterischen Anfall -^ Charakter unet Analerotik 

— Ober Tricbumsetzungen, insbesondere der Anal- 
erotik — Die* Disposition zur Zwangsneurose — Mit- 
teilung eines der psychoanalytischen Theorie wider- 
sprechenden Falles von Paranoia — Die psychogene 
Sclistörung in psy choanal ytischer Auffassung ■ — Eine 
Beziehung; zwischen einem Symbol und einem Symptom 

— Ober die Psychogenes^ eines Falles von weiblicher 
Homosexualität — „Ein Kind wird geschlagen" — 
Das ökonomische Problem des Masocltismus — Über 
einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht, Pa- 
ranoia u, Hamosextuurtfit — Ober neurot. Erkrankung s- 



typen — Formulierungen über die zwei Prinzipien des 
psychischen Geschehens — Neurose und Psychose — 
Der Untergang des Ödipuskomplexes) / iVLctapsy- 

diologie (Einige Bemerkungen über den Begriff des 
Unbewußten in der PsA. — Triebe u.Tricbsehicksale—" 
Die Verdrängung •—• Das Unbewußte — Metapsyehulug. 
Ergänzung z. Traumlehre — Trauer. und Melancholie) 

VI 

£*\XV ledinUi (Die Freudsche psych oanaly tische 
Methode — über Psychotherapie — Die zukünftigen 
Chancen der psychoanalytischen Therapie — Ober 
„wilde" Psychoanalyse — Die Handhabung der Traum- 
deutung in der Psychoanalyse — Zur Dynamik der 
Übertragung - Ratschläge für den Arzt bei der psy- 
choanalytischen Behandlung — r Ober fausse reepn- 
niussancc [„de ja, raconte**! während ,dcr psychoana- 
lytischen Arbeit — Zur Einleitung der Behandlung 
— Erinnern, Wiederholen U. Dnrcharbeiten - Bemer- 
kungen über die Übertragungsliebe — Weg* der psych o- 
analyt. Therapie — Zur Vorgeschichte der analyt. Tech- 
nik) / Zur Einführung des Narsiljmus 
Jenseits d„ Lustprinzips/ Massenpsydm- 
logie u, Idi-Analyse / Das Idi u. das Es / 



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Vor! 



ungen sur JCinluJirung in die 
P*v-"ioanal" 



RrniüJi 
"sycHoanal yse 

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franken gesdl lCUten (Bruchstück einer Hysterie- 
analyse — Analyse der Phobie eioes 5 jähr, Knaben 

— Ueber einen Fall v. Zwangsneurose — Psa. Bemerkun- 
gen iiberein cn «utnlitograph. be«chf sebeneo Fall v. Para- 
noia — Auf der Geschichte einer infantilen Neurose) 

IX 
Der \\^its und «eine Beziehung tum 
Unljewuljten/Der W ahnunu tue I räume 
in Vv ■ Jensens „Grradtva / ümc Rmd- 
'icitserinnerung des Leöna Jo da Vinzi 

X 
Totem und Tabu, Arbeiten z;ur Anwen- 
dung der Psychoanalyse (Tntbesta.idsdia- 
gnostik und Psychoanalyse — Zwangshandlungen und 
Keligionsübung — Ueber den Gegensinn der Urworte 

— Der Dichter und das Phantasieren — Mytholo- 
gische. Parallele zu einer plastischen Zwangsvorstellung 
■™ Das Motiv der Kästchenwahl — Der Moses des 
Michelangelo — Einige Charaktertypen aus der psy- 
choanalytischen Arbeit — Zeitgemäße» über Krieg und 
Tod — Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse — Eine 
Kindhoitserinnerung aus „Dichtung und Wahrheit" — 
Das Unheimliche — Eine Teufelsneurose im 17. Jahrh.) 

X 
Nachträge / Bibliographie / Register 



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Prospekte auf Ve rlange n ! 




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INTEÄNATIONAT.ER PSYCHOANALYTISCHER VERLAC 

Wien, VII. Andrcjugane 3 

SIGM. FREUD 
GESAMMELTE SCHRIFTEN 



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«Studien üher Hysterie / Frühe Arbeiten 

zur Neurosenlehxe (iScja-^'agJfCharcot — 
Ein Fall von hypnat, Heilung nebst Bemerkungen über d, 
Entstehung hyster, Symptome durch d. Gegenwillen — 
Quelques cqnsidörations pour une etude compnrnlive 
des pnrnlysies motrices organ. et hystcriques — Dil' 
Abwehr-Ncurnpsychosen — Ober die BerediLigung, vuu 
d. Neurasthenie einen bestimmten Symptonienkomplex 
uh„An,gstneurosc"abzii trennen - Obscsstonsetphöbies 

— Zur Kritik d. Angstneuwe — Weiter« Bemerkungen 
über die Aljwehr«Neuropsychosen — L'hereditÄ et 
l'ctiologic des nevroses ■— Zur Ätiologie der Hysterie 

— Die Sexualität in der Ätiologie der Neurosen 

— Ober Deckerinneriingen) 

n 

Die i tau m de u tu n j; 

ITI 

Nachträge zur Traumdeutung / Über 

den Traum / Beiträge attr Traumlchre 
(Marchenstoffe in Träumen ~ Ein Traum als Beweis- 
mittel — Trnum und Telepathie — Bemerkungen zur 
Theorie und Präzis der Traumdeutung) 

IV 

Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

/ Das Interesse an der Psychoanalyse / 

Über Psydioiinulyse / Zur Geschichte 

der psydioflnalytisdten Bewegung 

V 

Drei Abhandlungen sur Sexualtheorie'/ 
Arbeiten zum Sexualleben und mr Neu- 
rosen lehre (Meine Ansichten tiber die Rolle der 

Sexualität in der Ätiologie der Neurosen — Zur se- 
xuellen Aufklärung der Kinder — Die „kulturelle" 
Senualmoral und die Nervosität — Ober infantile 
Senualtlieorien — Beiträge z. Psychologie des Liebes* 
lebens: Über eüien besonderen Typus der Objektwahl 
beim Manne. Ober die allgemeinste Erniedrigung des 
Liebeslebent. Das Tabu der Virginität — Die infantile 
Genitnlör jBtii«ation — Zwei KinderlüVcn — Gedanken- 
assoziation eine* 4 jähr. Kindes — Hysterische Phan- 
tasien und ihre Beziehung zur Bisexuulität — Ober 
den hysterischen Anfall — Charakter und Anolerolik 

— Ober Tricbumsetiungen, insbesondere der Anal- 
erotik — Die Disposition zur Zwangsneurose — Mit- 
teilung eines der psychoanalytischen Theorie wider« 
Sprechenden Falles von Paranoia — Die psychogene 
Sehstöniag in psychoanalytischer Auffassung — Eine 
Bcxivhunjji wischen einem Symbol und einem Symptom 

— Ober die Psychogeneae eines Falles von weiblicher 
Homosexualität — ..Ein Kind wird geschlagen." — 
Das ökonomische Problem des Masoeliismus — Ober 
einige neurotische Mechanismen hei Eifersucht, Pa- 
ranoia u. Homosexualität — Ober neurot. Erkrankungj- 



lypen, — Formulierungen über die iwei Prinzipien de» 
psychischen Geschehens — Neurose und Psychose — 

Der LJuterj-ang des Ödipuskomplexes) / Metapsy- 

diologie (Einige Bemerkungen über den Begriff des 
Unbewußten in der PsA. — Triebe u.TricbschicksaIe — 
Die Verdrängung — Das Unbewußte — ■ Metapsytholug. 
Ergänzung z. Traumlehre — Trauer, und Melancholie) 

VI 

Zur Tedinils (Die Freudsche psychoanalytische 
Methode — Ober Psychotherapie -» Die zukünftigen 
Chancen der psychoanalytischen Therapie — Über 
„wilde" Psychoanalyse — Die Handhabung der Traum- 
deutung in der Psychoanalyse — Zur Dynamik d*r 
Obertragimg - Ratschläge für den Arzt bei der psy- 
choanalytischen Behandlung- — t Ober fausse reeon- 
naissance [„dein raconte"} während der psychoana- 
lytischen Arbeit — Zur Einleitung der Behandlung 

— Erinnern, Wiederholen u. Durcharbeiten - Bemer- 
kungen über die Obertrugungsliebe— Woge derpsycho- 
nnalyt. Therapie — Zur Vorgeschichte der analyt. Tech- 
nik) / Zur Einführung des Narzißmus / 
Jenseits «I. Liustprinzips/ Massenpsydir»;- 
logie u. Idi-Analyse/ Das Idi u. das Es / 

VII 

V orlesLingen zur Einführung in die 

Psychoanalyse 

VIII 

Krankengesdiidlten (Bruchstück einer Hysterie* 
analyse — Analyse der Phobie eines 5 jähr. Knaben 

— Ueber einenfall v. Zwangsneurose — Psa. Bemerkun- 
gen über einen autnbiograph. beschriebenen Fall v. Para- 
noia — Au» der Geschichte einer infantilen Neurose) 

IX 
Der M^itz und seine Beziehung s-Um 
Unhewugten/DerWahnunddie I räume 
in VV . Jensens „Oradiva /Eine -K-ind- 
heitserinnerung des Leöna sin da V mri 

X 

Totem und Tabu; Arbeiten zur Anwen- 
dung der Psychoanalyse (Tatbesta.idsdia- 
gnostik und Psychoanalyse — Zwangshandlungen und 
Reli)jionsübung — Ueber den Gegensinn der Ürw orte 

— Der Dichter und das Phantasieren — Mytholo- 
gische Parallele zu einer plastischen Zwangsvorstellung 

— Das Motiv der hüstclienwahl — Der Moses des 
Midie.angelo — Einige Charakterlypeti aus der psy- 
choanalytischen Arbeit — Zeitgemäßes über Krieg und 
Tod — Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse . — Eine: 
Kindheitserinnerung aus „Dichtung und Wahrheit" •-— 
Das Unheimliche — Eine Teuf elsneurosc im 17. Jahrh.) 

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Naditräge / Bibliographie '}. Register 



Prospekte auf Verlangen! 



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„Zwingender als allgemeine Erörterungen bringt uns so eine aus- 
führliche Krankeugesdiickte dem Freudisnius näker. Diese zum Teil 
naditräglicke Analyse einer Neurose, die Leim vierjährigen Kinde 
als Angst vor geträumten Wölfen Legann, sick dann in krankhafte 
Frömmigkeit umsetzte und im jugendlicken Mauuesalter *Jdi«61iti 
den Charakter einen sdiweren Zwanges aufwies, kat auf unge- 
ahnte Moglickkeiten der Psychoanalyse Lickt geworfen und ge- 
kört zu Freuds klassiseken Sckriften, Die vom ekenso kükn sekür- 
lendeu wie skeptiatken Verfasser mit sick selkst gefükrte Diskussion, 
ob die in der Analyse rekonstruierte Urszene (die Belausthung 
des eltei-L'dien Gescklcditsverkekre«) wirkkek erlekt worden ist, 
oder ok die Phantasie des Kindes eine Anleihe kei' J cm Er- 
iiuierungsdiatz der Gattung inackt, wirkt als eine spirituelle Hödist- 
leistung aui steilen Graten der Erkenntnis geradezu 
spannend und atemraukeiuk" („Nation"). 



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Internationaler 1 Psychoanalytischer* Verlag 
Leipz ig / Wi t n / Zii rieh