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Full text of "Psychoanalytische Studien an Werken der Dichtung und Kunst"

Psychoanalytische Studien 

an Werken der 

Dichtung und Kunst 



Von 



Sigm. Freud 



1924 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag 
Leipzig / Wien / Zürich 



Alle Rechte, 
insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten 



Copyright 1924 
by „ Internationaler Psychoanalytischer Verlag 
Ges. m. b. H.", Wien , 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Gedruckt bei Carl Fromme Ges. m. b. H., Wien V 



DER DICHTER UND DAS PHANTASIEREN 

Zuerst erschienen in der „Neuen Revue 11 , 1. Jg. 
(1908), dann in der Zweiten Folge der „Sammlung 
kleiner Schriften zur Neurosenlehre". 

Uns Laien hat es immer mächtig gereizt zu wissen, woher diese 
merkwürdige Persönlichkeit, der Dichter, seine Stoffe nimmt, — 
etwa im Sinne der Frage, die jener Kardinal an den Ariosto 
richtete, — und wie er es zustande bringt, uns mit ihnen so zu 
ergreifen, Erregungen in uns hervorzurufen, deren wir uns viel- 
leicht nicht einmal für fähig gehalten hätten. Unser Interesse 
hiefür wird nur gesteigert durch den Umstand, daß der Dichter 
selbst, wenn wir ihn befragen, uns keine oder keine befriedigende 
Auskunft gibt, und wird gar nicht gestört durch unser Wissen, 
daß die beste Einsicht in die Bedingungen der dichterischen Stoff- 
wahl und in das Wesen der poetischen Gestaltungskunst nichts 
dazu beitragen würde, uns selbst zu Dichtern zu machen. 

Wenn wir wenigstens bei uns oder bei unsergleichen eine dem 
Dichten irgendwie verwandte Tätigkeit auffinden könnten! Die 
Untersuchung derselben ließe uns hoffen, eine erste Aufklärung 
über das Schaffen des Dichters zu gewinnen. Und wirklich, dafür 
ist Aussicht vorhanden 5 — die Dichter selbst lieben es ja, den 
Abstand zwischen ihrer Eigenart und allgemein menschlichem 
Wesen zu verringern; sie versichern uns so häufig, daß in jedem 
Menschen ein Dichter stecke und daß der letzte Dichter erst mit 
dem letzten Menschen sterben werde. 



Sigm. Freud 



Sollten wir die ersten Spuren dichterischer Betätigung nicht 
schon beim Kinde suchen? Die liebste und intensivste Beschäfti- 
gung des Kindes ist das Spiel. Vielleicht dürfen wir sagen: Jedes 
spielende Kind benimmt sich wie ein Dichter, indem es sich 
eine eigene Welt erschafft oder, richtiger gesagt, die Dinge seiner 
Welt in eine neue, ihm gefällige Ordnung versetzt. Es wäre dann 
unrecht zu meinen, es nähme diese Welt nicht ernst; im Gegen- 
teil, es nimmt sein Spiel sehr ernst, es verwendet große Affekt- 
beträge darauf. Der Gegensatz zu Spiel ist nicht Ernst, sondern -i3 
Wirklichkeit. Das Kind unterscheidet seine Spielwelt sehr wohl, 
trotz aller Affektbesetzung, von der Wirklichkeit und lehnt seine 
imaginierten Objekte und Verhältnisse gerne an greifbare und 
sichtbare Dinge der wirklichen Welt an. Nichts anderes als diese 
Anlehnung unterscheidet das „Spielen" des Kindes noch vom 
„Phantasieren". 

Der Dichter tut nun dasselbe wie das spielende Kind; er erschafft 
eine Phantasiewelt, die er sehr ernst nimmt, d. h. mit großen Affekt- 
beträgen ausstattet, während er sie von der Wirklichkeit scharf 
sondert. Und die Sprache hat diese Verwandtschaft von Kinder- 
spiel und poetischem Schaffen festgehalten, indem sie solche Ver- 
anstaltungen des Dichters, welche der Anlehnung an greifbare 
Objekte bedürfen, welche der Darstellung fähig sind, als Spiele: 
Lustspiel, Trauerspiel, und die Person, welche sie darstellt, 
als Schauspieler bezeichnet. Aus der Unwirklichkeit der dichteri- 
schen Welt ergeben sich aber sehr wichtige Folgen für die künst- 
lerische Technik, denn vieles, was als real nicht Genuß bereiten 
könnte, kann dies doch im Spiele der Phantasie, viele an sich 
eigentlich peinliche Erregungen können für den Hörer und Zu- 
schauer des Dichters zur Quelle der Lust werden. 

Verweilen wir einer anderen Beziehung wegen noch einen 
Augenblick bei dem Gegensatze von Wirklichkeit und Spiel» 
Wenn das Kind herangewachsen ist und aufgehört hat zu spielen, 
wenn es sich durch Jahrzehnte seelisch bemüht hat, die Wirklich- 



Der Dichter und das Phantasieren 



keiten des Lebens mit dem erforderlichen Ernste zu erfassen, 
so kann es eines Tages in eine seelische Disposition geraten, 
welche den Gegensatz zwischen Spiel und Wirklichkeit wieder 
aufhebt. Der Erwachsene kann sich darauf besinnen, mit welchem 
hohen Ernst er einst seine Kinderspiele betrieb, und indem er 
nun seine vorgeblich ernsten Beschäftigungen jenen Kinder- 
spielen gleichstellt, wirft er die allzu schwere Bedrückung durch 
das Leben ab und erringt sich den hohen Lustgewinn des 
Humors. 

Der Heranwachsende hört also auf zu spielen, er verzichtet 
scheinbar auf den Lustgewinn, den er aus dem Spiele bezog. 
Aber wer das Seelenleben des Menschen kennt, der weiß, daß 
ihm kaum etwas anderes so schwer wird wie der Verzicht auf 
einmal gekannte Lust. Eigentlich können wir auf nichts ver- 
zichten, wir vertauschen nur eines mit dem andern; was ein 
Verzicht zu sein scheint, ist in Wirklichkeit eine Ersatz- oder 
Surrogatbildung. So gibt auch der Heranwachsende, wenn er 
aufhört zu spielen, nichts anderes auf als die Anlehnung an 
reale Objekte; anstatt zu spielen phantasiert er jetzt. Er 
baut sich Luftschlösser, schafft das, was man Tagträume nennt. 
Ich glaube, daß die meisten Menschen zu Zeiten ihres Lebens 
Phantasien bilden. Es ist das eine Tatsache, die man lange 
Zeit übersehen und deren Bedeutung man darum nicht genug 
gewürdigt hat. 

Das Phantasieren der Menschen ist weniger leicht zu beob- 
achten als das Spielen der Kinder. Das Kind spielt zwar auch 
allein oder es bildet mit anderen Kindern ein geschlossenes 
psychisches System zum Zwecke des Spieles, aber wenn es auch 
den Erwachsenen nichts vorspielt, so verbirgt es doch sein Spielen 
nicht vor ihnen. Der Erwachsene aber schämt sich seiner Phantasien 
und versteckt sie vor anderen, er hegt sie als seine eigensten 
Intimitäten, er würde in der Regel lieber seine Vergehungen ein- 
gestehen als seine Phantasien mitteilen. Es mag vorkommen, daß 



Sigm. Freud 



er sich darum für den einzigen hält, der solche Phantasien 
bildet, und von der allgemeinen Verbreitung ganz ähnlicher 
Schöpfungen bei anderen nichts ahnt. Dies verschiedene Ver- 
halten des Spielenden und des Phantasierenden findet seine gute 
Begründung in den Motiven der beiden einander doch fort- 
setzenden Tätigkeiten. 

Das Spielen des Kindes wurde von Wünschen dirigiert, eigent- 
lich von dem einen Wunsche, der das Kind erziehen hilft, vom 
Wunsche: groß und erwachsen zu sein. Es spielt immer „groß 
sein", imitiert im Spiele, was ihm vom Leben der Großen be- 
kannt geworden ist. Es hat nun keinen Grund, diesen Wunsch 
zu verbergen. Anders der Erwachsene; dieser weiß einerseits 
daß man von ihm erwartet, nicht mehr zu spielen oder z\x 
phantasieren, sondern in der wirklichen Welt zu handeln, und 
anderseits sind unter den seine Phantasien erzeugenden Wün- 
schen manche, die es überhaupt zu verbergen nottut; darum 
schämt er sich seines Phantasierens als kindisch und als un- 
erlaubt. 

Sie werden fragen, woher man denn über das Phantasieren 
der Menschen so genau Bescheid wisse, wenn es von ihnen mit 
soviel Geheimtun verhüllt wird. Nun, es gibt eine Gattung von 
Menschen, denen zwar nicht ein Gott, aber eine strenge Göttin — - 
die Notwendigkeit — den Auftrag erteilt hat zu sagen, was sie 5 
leiden und woran sie sich erfreuen. Es sind dies die Nervösen, 
die dem Arzte, von dem sie Herstellung durch psychische Be- 
handlung erwarten, auch ihre Phantasien eingestehen müssen; 
aus dieser Quelle stammt unsere beste Kenntnis, und wir sind 
dann zu der wohl begründeten Vermutung gelangt, daß unsere 
Kranken uns nichts anderes mitteilen, als was wir auch von den 
Gesunden erfahren könnten. 

Gehen wir daran, einige der Charaktere des Phantasierens 
kennen zu lernen. Man darf sagen, der Glückliche phantasiert 
nie, nur der Unbefriedigte. Unbefriedigte Wünsche sind die Trieb- 



Der Dichter und das Phantasieren 



kräfte der Phantasien, und jede einzelne Phantasie ist eine Wunsch- 
erfüllung, eine Korrektur der unbefriedigenden Wirklichkeit. Die 
treibenden Wünsche sind verschieden je nach Geschlecht, Charakter 
und Lebensverhältnissen der phantasierenden Persönlichkeit; sie 
lassen sich aber ohne Zwang nach zwei Hauptrichtungen gruppieren. 
Es sind entweder ehrgeizige Wünsche, welche der Erhöhung der 
Persönlichkeit dienen, oder erotische. Beim jungen Weibe herr- 
schen die erotischen Wünsche fast ausschließend, denn sein Ehr- 
geiz wird in der Regel vom Liebesstreben aufgezehrt 5 beim jungen 
Manne sind neben den erotischen die eigensüchtigen und ehr- 
geizigen Wünsche vordringlich genug. Doch wollen wir nicht 
den Gegensatz beider Richtungen, sondern vielmehr deren häufige 
Vereinigung betonen; wie in vielen Altarbildern in einer Ecke 
das Bildnis des Stifters sichtbar ist, so können wir an den meisten 
ehrgeizigen Phantasien in irgend einem Winkel die Dame ent- 
decken, für die der Phantast all diese Heldentaten vollführt, der 
er alle Erfolge zu Füßen legt. Sie sehen, hier liegen genug starke 
Motive zum Verbergen vor; dem wohlerzogenen Weibe wird ja 
überhaupt nur ein Minimum von erotischer Bedürftigkeit zuge- 
billigt, und der junge Mann soll das Übermaß von Selbstgefühl, 
welches er aus der Verwöhnung der Kindheit mitbringt, zum 
Zwecke der Einordnung in die an ähnlich anspruchsvollen Indi- 
viduen so reiche Gesellschaft unterdrücken lernen. 

Die Produkte dieser, phantasierenden Tätigkeit, die einzelnen 
Phantasien, Luftschlösser oder Tagträume dürfen wir uns nicht 
als starr und unveränderlich vorstellen. Sie schmiegen sich viel- 
mehr den wechselnden Lebenseindrücken an, verändern sich mit 
jeder Schwankung der Lebenslage, empfangen von jedem wirk- 
samen neuen Eindrucke eine sogenannte „Zeitmarke". Das Ver- 
hältnis der Phantasie zur Zeit ist überhaupt sehr bedeutsam. 
Man darf sagen: eine Phantasie schwebt gleichsam zwischen drei 
Zeiten, den drei Zeitmomenten unseres Vorstellens. Die seelische 
Arbeit knüpft an einen aktuellen Eindruck, einen Anlaß in der 



Sigm. Freud 



Gegenwart an, der imstande war, einen der großen Wünsche 
der Person zu wecken, greift von da aus auf die Erinnerung 
eines früheren, meist infantilen, Erlebnisses zurück, in dem jener 
Wunsch erfüllt war, und schafft nun eine auf die Zukunft 
bezogene Situation, welche sich als die Erfüllung jenes Wun- 
sches darstellt, eben den Tagtraum oder die Phantasie, die nun 
die Spuren ihrer Herkunft vom Anlasse und von der Erinne- 
rung an sich trägt. Also Vergangenes, Gegenwärtiges, Zukünf- 
tiges wie an der Schnur des durchlaufenden Wunsches aneinander- 
gereiht. 

Das banalste Beispiel mag Ihnen meine Aufstellung erläutern. 
Nehmen Sie den Fall eines armen und verwaisten Jünglings an 
welchem Sie die Adresse eines Arbeitgebers genannt haben, bei 
dem er vielleicht eine Anstellung finden kann. Auf dem Wege 
dahin mag er sich in einem Tagtraum ergehen, wie er ange- 
messen aus seiner Situation entspringt. Der Inhalt dieser Phantasie 
wird etwa sein, daß er dort angenommen wird, seinem neuen Chef 
gefallt, sich im Geschäfte unentbehrlich macht, in die Familie des 
Herrn gezogen wird, das reizende Töchterchen des Hauses heiratet 
und dann selbst als Mitbesitzer wie später als Nachfolger das Ge- 
schäft leitet. Und dabei hat sich der Träumer ersetzt, was er in der 
glücklichen Kindheit besessen: das schützende Haus, die liebenden 
Eltern und die ersten Objekte seiner zärtlichen Neigung. Sie sehen 
an solchem Beispiele, wie der Wunsch einen Anlaß der Gegen- 
wart benützt, um sich nach dem Muster der Vergangenheit ein 
Zukunftsbild zu entwerfen. 

Es wäre noch vielerlei über die Phantasien zu sagen 5 ich will 
mich aber auf die knappsten Andeutungen beschränken. Das Über- 
wuchern und Übermächtigwerden der Phantasien stellt die Be- 
dingungen für den Verfall in Neurose oder Psychose her; die 
Phantasien sind auch die nächsten seelischen Vorstufen der Leidens- 
Symptome, über welche unsere Kranken klagen. Hier zweigt ein 
breiter Seitenweg zur Pathologie ab. 



Der Dichter und das Phantasieren 



Nicht übergehen kann ich aber die Beziehung der Phantasien 
zum Traume. Auch unsere nächtlichen Träume sind nichts anderes 
als solche Phantasien, wie wir durch die Deutung der Träume 
evident machen können. 1 Die Sprache hat in ihrer unübertreff- 
lichen Weisheit die Frage nach dem Wesen der Träume längst 
entschieden, indem sie die luftigen Schöpfungen Phantasierender 
auch „Tagträume" nennen ließ. Wenn trotz dieses Fingerzeiges 
der Sinn unserer Träume uns zumeist undeutlich bleibt, so rührt 
dies von dem einen Umstände her, daß nächtlicherweise auch 
solche Wünsche in uns rege werden, deren wir uns schämen 
und die wir vor uns selbst verbergen müssen, die eben darum 
verdrängt, ins Unbewußte geschoben wurden. Solchen verdrängten 
Wünschen und ihren Abkömmlingen kann nun kein anderer als 
ein arg entstellter Ausdruck gegönnt werden. Nachdem die Auf- 
klärung der Traumentstellung der wissenschaftlichen Arbeit 
gelungen war, fiel es nicht mehr schwer zu erkennen, daß die 
nächtlichen Träume ebensolche Wunscherfüllungen sind wie die 
Tagträume, die uns allen so wohlbekannten Phantasien. 

Soviel von den Phantasien, und nun zum Dichter! Dürfen wir 
wirklich den Versuch machen, den Dichter mit dem „Träumer 
am hellichten Tag", seine Schöpfungen mit Tagträumen zu ver- 
gleichen? Da drängt sich wohl eine erste Unterscheidung auf; 
wir müssen die Dichter, die fertige Stoffe übernehmen wie die 
alten Epiker und Tragiker, sondern von jenen, die ihre Stoffe frei 
zu schaffen scheinen. Halten wir uns an die letzteren und suchen 
wir für unsere Vergleichung nicht gerade jene Dichter aus, die 
von der Kritik am höchsten geschätzt werden, sondern die an- 
spruchsloseren Erzähler von Romanen, Novellen und Geschichten, 
die dafür die zahlreichsten und eifrigsten Leser und Leserinnen 
finden. An den Schöpfungen dieser Erzähler muß uns vor allem 
ein Zug auffällig werden; sie alle haben einen Helden, der im 

i) Vgl. des Verfassers „Traumdeutung", 1900. 7 . Aufl. 19«. [Gesammelte Schriften, 
Bd. II und III.] 



io Sigm. Freud 






Mittelpunkt des Interesses steht, für den der Dichter unsere 
Sympathie mit allen Mitteln zu gewinnen sucht, und den er wie 
mit einer besonderen Vorsehung zu beschützen scheint. Wenn ich 
am Ende eines Romankapitels den Helden bewußtlos, aus schweren 
Wunden blutend verlassen habe, so bin ich sicher, ihn zu Beginn 
des nächsten in sorgsamster Pflege und auf dem Wege der Her- 
stellung zu finden, und wenn der erste Band mit dem Unter- 
gange des Schiffes im Seesturme geendigt hat, auf dem unser Held 
sich befand, so bin ich sicher, zu Anfang des zweiten Bandes 
von seiner wunderbaren Rettung zu lesen, ohne die der Roman 
ja keinen Fortgang hätte. Das Gefühl der Sicherheit, mit dem 
ich den Helden durch seine gefährlichen Schicksale begleite, ist 
das nämliche, mit dem ein wirklicher Held sich ins Wasser stürzt, 
um einen Ertrinkenden zu retten, oder sich dem feindlichen Feuer 
aussetzt, um eine Batterie zu stürmen, jenes eigentliche Helden- 
gefühl, dem einer unserer besten Dichter den köstlichen Ausdruck 
geschenkt hat: „Es kann dir nix g'schehen." (Anzengruber.) Ich 
meine aber, an diesem verräterischen Merkmal der Unverletzlich- 
keit erkennt man ohne Mühe — Seine Majestät das Ich, den 
Helden aller Tagträume wie aller Romane. 

Noch andere typische Züge dieser egozentrischen Erzählungen 
deuten auf die gleiche Verwandtschaft hin. Wenn sich stets alle 
Frauen des Romans in den Helden verlieben, so ist das kaum als 
Wirklichkeitsschilderung aufzufassen, aber leicht als notwendiger 
Bestand des Tagtraumes zu verstehen. Ebenso wenn die anderen 
Personen des Romans sich scharf in gute und böse scheiden 
unter Verzicht auf die in der Realität zu beobachtende Buntheit 
menschlicher Charaktere; die „guten" sind eben die Helfer, die 
„bösen" aber die Feinde und Konkurrenten des zum Helden ge- 
wordenen Ichs. 

Wir verkennen nun keineswegs, daß sehr viele dichterische 
Schöpfungen sich von dem Vorbilde des naiven Tagtraumes weit 
entfernt halten, aber ich kann doch die Vermutung nicht unter- 







Der Dichter und das Phantasieren XX 



drücken, daß auch die extremsten Abweichungen durch eine 
lückenlose Reihe von Übergängen mit diesem Modelle in Be- 
ziehung gesetzt werden könnten. Noch in vielen der sogenannten 
psychologischen Romane ist mir aufgefallen, daß nur eine Person, 
wiederum der Held, von innen geschildert wird} in ihrer Seele 
sitzt gleichsam der Dichter und schaut die anderen Personen von 
außen an. Der psychologische Roman verdankt im ganzen wohl 
seine Besonderheit der Neigung des modernen Dichters, sein Ich 
durch Selbstbeobachtung in Partial-Ichs zu zerspalten und dem- 
zufolge die Konfliktströmungen seines Seelenlebens in mehreren 
Helden zu personifizieren. In einem ganz besonderen Gegensatze 
zum Typus des Tagtraumes scheinen die Romane zu stehen, die 
man als „exzentrische" bezeichnen könnte, in denen die als Held 
eingeführte Person die geringste tätige Rolle spielt, vielmehr wie 
ein Zuschauer die Taten und Leiden der anderen an sich vorüber- 
ziehen sieht. Solcher Art sind mehrere der späteren Romane Zolas. 
Doch muß ich bemerken, daß die psychologische Analyse nicht 
dichtender, in manchen Stücken von der sogenannten Norm ab- 
weichender Individuen uns analoge Variationen der Tagträume 
kennen gelehrt hat, in denen sich das Ich mit der Rolle des 
Zuschauers bescheidet. 

Wenn unsere Gleichstellung des Dichters mit dem Tagträumer, 
der poetischen Schöpfung mit dem Tagtraum, wertvoll werden 
soll, so muß sie sich vor allem in irgend einer Art fruchtbar 
erweisen. Versuchen wir etwa, unseren vorhin aufgestellten Satz 
von der Beziehung der Phantasie zu den drei Zeiten und zum 
durchlaufenden Wunsche auf die Werke der Dichter anzuwenden 
und die Beziehungen zwischen dem Leben des Dichters und seinen 
Schöpfungen mit dessen Hilfe zu studieren. Man hat in der 
Regel nicht gewußt, mit welchen Erwartungsvorstellungen man 
an dieses Problem herangehen soll; häufig hat man sich diese 
Beziehung viel zu einfach vorgestellt. Von der an den Phantasien 
gewonnenen Einsicht her müßten wir folgenden Sachverhalt 



12 



Sigm. Freud 



erwarten: Ein starkes aktuelles Erlebnis weckt im Dichter die 
Erinnerung an ein früheres, meist der Kindheit angehöriges Er- 
lebnis auf, von welchem nun der Wunsch ausgeht, der sich in 
der Dichtung seine Erfüllung schafft; die Dichtung selbst läßt so- 
wohl Elemente des frischen Anlasses als auch der alten Erinne- 
rung erkennen. 

Erschrecken Sie nicht über die Kompliziertheit dieser Formel - 
ich vermute, daß sie sich in Wirklichkeit als ein zu dürftiges 
Schema erweisen wird, aber eine erste Annäherung an den realen 
Sachverhalt könnte doch in ihr enthalten sein, und nach einigen 
Versuchen, die ich unternommen habe, sollte ich meinen, daß 
eine solche Betrachtungsweise dichterischer Produktionen nicht 
unfruchtbar ausfallen kann. Sie vergessen nicht, daß die vielleicht 
befremdende Betonung der Kindheitserinnerung im Leben des 
Dichters sich in letzter Linie von der Voraussetzung ableitet, daß 
die Dichtung wie der Tagtraum Fortsetzung und Ersatz des ein- 
stigen kindlichen Spielens ist. 

Versäumen wir nicht, auf jene Klasse von Dichtungen zurück- 
zugreifen, in denen wir nicht freie Schöpfungen, sondern Bearbei- 
tungen fertiger und bekannter Stoffe erblicken müssen. Auch 
dabei verbleibt dem Dichter ein Stück Selbständigkeit, das sich 
in der Auswahl des Stoffes und in der oft weitgehenden Abände- 
rung desselben äußern darf. Soweit die Stoffe aber gegeben sind 
entstammen sie dem Volksschatze an Mythen, Sagen und Märchen. 
Die Untersuchung dieser völkerpsychologischen Bildungen ist nun 
keineswegs abgeschlossen, aber es ist z. B. von den Mythen durch- 
aus wahrscheinlich, daß sie den entstellten Überresten von Wunsch- 
phantasien ganzer Nationen, den Säkularträumen der jungen 
Menschheit, entsprechen. 

Sie werden sagen, daß ich Ihnen von den Phantasien weit 
mehr erzählt habe als vom Dichter, den ich doch im Titel meines 
Vortrages vorangestellt. Ich weiß das und versuche es durch den 
Hinweis auf den heutigen Stand unserer Erkenntnis zu entschul- 



Der Dichter und das Phantasieren 



*3 



digen. Ich konnte Ihnen nur Anregungen und Aufforderungen 
bringen, die von dem Studium der Phantasien her auf das Problem 
der dichterischen Stoffwahl übergreifen. Das andere Problem, mit 
welchen Mitteln der Dichter bei uns die Affektwirkungen erziele, 
die er durch seine Schöpfungen hervorruft, haben wir überhaupt 
noch nicht berührt. Ich möchte Ihnen wenigstens noch zeigen, 
welcher Weg von unseren Erörterungen über die Phantasien zu 
den Problemen der poetischen Effekte führt. 

Sie erinnern sich, wir sagten, daß der Tagträumer seine Phan- 
tasien vor anderen sorgfältig verbirgt, weil er Gründe verspürt, 
sich ihrer zu schämen. Ich füge nun hinzu, selbst wenn er sie 
uns mitteilen würde, könnte er uns durch solche Enthüllung 
keine Lust bereiten. Wir werden von solchen Phantasien, wenn 
wir sie erfahren, abgestoßen oder bleiben höchstens kühl gegen 
sie. Wenn aber der Dichter uns seihe Spiele vorspielt oder uns 
das erzählt, was wir für seine persönlichen Tagträume zu erklären 
geneigt sind, so empfinden wir hohe, wahrscheinlich aus vielen 
Quellen zusammenfließende Lust. Wie der Dichter das zustande 
bringt, das ist sein eigenstes Geheimnis; in der Technik der Über- 
windung jener Abstoßung, die gewiß mit den Schranken zu tun 
hat, welche sich zwischen jedem einzelnen Ich und den anderen 
erheben, liegt die eigentliche Ars poetica. Zweierlei Mittel dieser 
Technik können wir erraten: Der Dichter mildert den Charakter 
des egoistischen Tagtraumes durch Abänderungen und Verhüllungen 
und besticht uns durch rein formalen, d. h. ästhetischen Lust- 
gewinn, den er uns in der Darstellung seiner Phantasien bietet. 
Man nennt einen solchen Lustgewinn, der uns geboten wird, um 
mit ihm die Entbindung größerer Lust aus tiefer reichenden 
psychischen Quellen zu ermöglichen, eine Verlockungsprämie 
oder eine Vorlust. Ich bin der Meinung, daß alle ästhetische 
Lust, die uns der Dichter verschafft, den Charakter solcher Vor- 
lust trägt, und daß der eigentliche Genuß des Dichtwerkes aus 
der Befreiung von Spannungen in unserer Seele hervorgeht. Viel- 



14 Sigm. Freud 



i 






leicht trägt es sogar zu diesem Erfolge nicht wenig bei, daß uns 
der Dichter in den Stand setzt, unsere eigenen Phantasien nun- 
mehr ohne jeden Vorwurf und ohne Schämen zu genießen. Hier 
stünden wir nun am Eingange neuer, interessanter und rer- 
wickelter Untersuchungen, aber, wenigstens für diesmal, am Ende 
unserer Erörterungen. 















DAS MOTIV DER KÄSTCHENWAHL 

Zuerst erschienen in Imago, Bd. II (rpxjj, 
dann in der Vierten Folge der „Sammlung kleiner 
Schriften zur Neurosenlehre 11 . 



Zwei Szenen aus Shakespeare, eine heitere und tragische, haben 
mir kürzlich den Anlaß zu einer kleinen Problemstellung und 
Lösung gegeben. 

Die heitere ist die Wahl der Freier zwischen drei Kästchen 
im Kaufmann von Venedig". Die schöne und kluge Porzia ist 
durch den Willen ihres Vaters gebunden, nur den von ihren 
Bewerbern zum Manne zu nehmen, der von drei ihm vorgelegten 
Kästchen das richtige wählt. Die drei Kästchen sind von Gold, 
von Silber und von Blei; das richtige ist jenes, welches ihr Bildnis 
einschließt. Zwei Bewerber sind bereits erfolglos abgezogen, sie 
hatten Gold und Silber gewählt. Bassanio, der dritte, entscheidet 
sich für das Blei; er gewinnt damit die Braut, deren Neigung 
ihm bereits vor der Schicksalsprobe gehört hat. Jeder der Freier 
hatte seine Entscheidung durch eine Rede motiviert, in welcher 
er das von ihm bevorzugte Metall anpries, während er die beiden 
anderen herabsetzte. Die schwerste Aufgabe war dabei dem glück- 
lichen dritten Freier zugefallen; was er zur Verherrlichung des 
Bleis gegen Gold und Silber sagen kann, ist wenig und klingt 
gezwungen. Stünden wir in der psychoanalytischen Praxis vor 



i6 Sigm. Freud 



solcher Rede, so würden wir hinter der unbefriedigenden Begrün 
düng geheimgehaltene Motive wittern. 

Shakespeare hat das Orakel der Kästchen wähl nicht selbst 
erfunden, er nahm es aus einer Erzählung der „Gesta Roma- 
norum", in welcher ein Mädchen dieselbe Wahl vornimmt, um 
den Sohn des Kaisers zu gewinnen. 1 Auch hier ist das dritte 
Metall, das Blei, das Glückbringende. Es ist nicht schwer zu er- 
raten, daß hier ein altes Motiv vorliegt, welches nach Deutung 
Ableitung und Zurückführung verlangt. Eine erste Vermutung, was 
wohl die Wahl zwischen Gold, Silber und Blei bedeuten möge 
findet bald Bestätigung durch eine Äußerung von Ed. Stucken* 
der sich in weitausgreifendem Zusammenhang mit dem nämlichen 
Stoffe beschäftigt. Er sagt: „Wer die drei Freier Porzias sind er- 
hellt aus dem, was sie wählen: Der Prinz von Marokko wählt 
den goldenen Kasten: er ist die Sonne^ der Prinz von Arragon 
wählt den silbernen Kasten: er ist der Mond 5 Bassanio wählt den 
bleiernen Kasten: er ist der Sternenknabe." Zur Unterstützung 
dieser Deutung zitiert er eine Episode aus dem estnischen Volks- 
epos Kalewipoeg, in welcher die drei Freier unverkleidet als 
Sonnen-, Mond- und Sternenjüngling („des Polarsterns ältestes 
Söhnchen") auftreten und die Braut wiederum dem Dritten zu- 
fällt. 

So führte also unser kleines Problem auf einen Astralmythus! 
Nur schade, daß wir mit dieser Aufklärung nicht zu Ende ge- 
kommen sind. Das Fragen setzt sich weiter fort, denn wir glauben 
nicht mit manchen Mythenforschern, daß die Mythen vom Himmel 
herabgelesen worden sind, vielmehr urteilen wir mit O. Rank 5 
daß sie auf den Himmel projiziert wurden, nachdem sie anderswo 
unter rein menschlichen Bedingungen entstanden waren. Diesem 
menschlichen Inhalte gilt aber unser Interesse. 

1) G. Brandes, William Shakespeare, 1896. 

2) Ed. Stucken, Astralmythen, p. 655, Leipzig 1907. 
5^ O. Rank, Der Mythus von der Geburt des Helden, 1909, p. 8 ff. 



Das Motiv der Kästchenwahl 17 

Fassen wir unseren Stoff nochmals ins Auge. Im estnischen 
Epos wie in der Erzählung der Gesta Romanorum handelt es sich 
um die Wahl eines Mädchens zwischen drei Freiern, in der Szene 
des „Kaufmann von Venedig" anscheinend um das nämliche, aber 
gleichzeitig tritt an dieser letzten Stelle etwas wie eine Umkeh- 
rung des Motivs auf: Ein Mann wählt zwischen drei — Kästchen. 
Wenn wir es mit einem Traum zu tun hätten, würden wir so- 
fort daran denken, daß die Kästchen auch Frauen sind, Symbole 
des Wesentlichen an der Frau und darum der Frau selbst, wie 
Büchsen, Dosen, Schachteln, Körbe usw. Gestatten wir uns eine solche 
symbolische Ersetzung auch beim Mythus anzunehmen, so wird 
die Kästchenszene im „Kaufmann von Venedig" wirklich zur 
Umkehrung, die wir vermutet haben. Mit einem Rucke, wie er 
sonst nur im Märchen beschrieben wird, haben wir unserem 
Thema das astrale Gewand abgestreift und sehen nun, es behan- 
delt ein menschliches Motiv, die Wahl eines Mannes zwischen 
drei Frauen. 

Dasselbe ist aber der Inhalt einer anderen Szene Shakespeares 
in einem der erschütterndsten seiner Dramen, keine Brautwahl 
diesmal, aber doch durch so viel geheime Ähnlichkeiten mit der 
Kästchenwahl im „Kaufmann" verknüpft. Der alte König Lear 
beschließt, noch bei Lebzeiten sein Reich unter seine drei Töchter 
zu verteilen, je nach Maßgabe der Liebe, die sie für ihn äußern. 
Die beiden älteren, Goneril und Regan, erschöpfen sich in Be- 
teuerungen und Anpreisungen ihrer Liebe, die dritte, Cordelia, 
weigert sich dessen. Er hätte diese unscheinbare, wortlose Liebe 
der Dritten erkennen und belohnen sollen, aber er verkennt sie, 
verstößt Cordelia und teilt das Reich unter die beiden anderen, 
zu seinem und aller Unheil. Ist das nicht wieder eine Szene der 
Wahl zwischen drei Frauen, von denen die jüngste die beste, die 
vorzüglichste ist? 

Sofort fallen uns nun aus Mythus, Märchen und Dichtung 
andere Szenen ein, welche die nämliche Situation zum Inhalte 

Freud, Dichtung und Kunst a 



18 Sigm. Freud 



haben: Der Hirte Paris hat die Wahl zwischen drei Göttinnen, 
von denen er die dritte zur Schönsten erklärt. Aschenputtel ist 
eine ebensolche Jüngste, die der Königssohn den beiden Älteren 
vorzieht, Psyche im Märchen des Apulejus ist die jüngste und 
schönste von drei Schwestern, Psyche, die einerseits als menschlich 
gewordene Aphrodite verehrt wird, anderseits von dieser Göttin 
behandelt wird wie Aschenputtel von ihrer Stiefmutter, einen 
vermischten Haufen von Samenkörnern schlichten soll und es 
mit Hilfe von kleinen Tieren (Tauben bei Aschenputtel, Ameisen 
bei Psyche) zustandebringt. 1 Wer sich weiter im Materiale umsehen 
wollte, würde gewiß noch andere Gestaltungen desselben Motivs 
mit Erhaltung derselben wesentlichen Züge auffinden können. 

Begnügen wir uns mit Cordelia, Aphrodite, Aschenputtel und 
Psyche! Die drei Frauen, von denen die dritte die vorzüglichste 
ist, sind wohl als irgendwie gleichartig aufzufassen, wenn sie als 
Schwestern vorgeführt werden. Es soll uns nicht irre machen 
wenn es bei Lear die drei Töchter des Wählenden sind, das be- 
deutet vielleicht nichts anderes, als daß Lear als alter Mann dar- 
gestellt werden soll. Den alten Mann kann man nicht leicht 
anders zwischen drei Frauen wählen lassen $ darum werden dies« 
zu seinen Töchtern. 

Wer sind aber diese drei Schwestern und warum muß die 
Wahl auf die dritte fallen? Wenn wir diese Frage beantworten 
könnten, wären wir im Besitze der gesuchten Deutung. Nun 
haben wir uns bereits einmal der Anwendung psychoanalytischer 
Techniken bedient, als wir uns die drei Kästchen symbolisch als 
drei Frauen aufklärten. Haben wir den Mut, ein solches Ver- 
fahren fortzusetzen, so betreten wir einen Weg, der zunächst ins 
Unvorhergesehene, Unbegreifliche, auf Umwegen vielleicht z u 
einem Ziele führt. 

Es darf uns auffallen, daß jene vorzügliche Dritte in mehreren 
Fällen außer ihrer Schönheit noch gewisse Besonderheiten hat. 

1) Den Hinweis auf diese Übereinstimmungen verdanke ich Dr. O. Rank. 



Das Motiv der Kästchenwahl 



19 



Es sind Eigenschaften, die nach irgend einer Einheit zu streben 
scheinen; wir dürfen gewiß nicht erwarten, sie in allen Beispielen 
gleich gut ausgeprägt zu finden. Cordelia macht sich unkenntlich, 
unscheinbar wie das Blei, sie bleibt stumm, sie „liebt und schweigt". 
Aschenputtel verbirgt sich, so daß sie nicht aufzufinden ist. Wir 
dürfen vielleicht das Sichverbergen dem Verstummen gleichsetzen. 
Dies wären allerdings nur zwei Fälle von den fünf, die wir her- 
ausgesucht haben. Aber eine Andeutung davon findet sich merk- 
würdigerweise auch noch bei zwei anderen. Wir haben uns ja 
entschlossen, die widerspenstig ablehnende Cordelia dem Blei zu 
vergleichen. Von diesem heißt es in der kurzen Rede des Bassanio 
während der Kästchenwahl, eigentlich so ganz unvermittelt: 

Thy paleness moves nie more than eloquence 
{plainness nach anderer Leseart). 

Also: Deine Schlichtheit geht mir näher als der beiden anderen 
schreiendes Wesen. Gold und Silber sind „laut", das Blei ist 
stumm, wirklich wie Cordelia, die „liebt und schweigt". 1 

In den altgriechischen Erzählungen des Parisurteils ist von einer 
solchen Zurückhaltung der Aphrodite nichts enthalten. Jede der 
drei Göttinnen spricht zu dem Jüngling und sucht ihn durch 
Verheißungen zu gewinnen. Aber in einer ganz modernen Be- 
arbeitung derselben Szene kommt der uns auffällig gewordene 
Zug der Dritten sonderbarerweise wieder zum Vorscheine. Im 
Libretto der „Schönen Helena" erzählt Paris, nachdem er von 
den Werbungen der beiden anderen Göttinnen berichtet, wie sich 
Aphrodite in diesem Wettkampfe um den Schönheitspreis be- 
nommen: Und d . e Dritte _ . & die Dritte _ 

Stand daneben und blieb stumm. 
Ihr mußt' ich den Apfel geben usw. 



1) In der Schlegelschen Übersetzung geht diese Anspielung ganz verloren, ja 
sie wird zur Gegenseite gewendet: 

Dein schlichtes Wesen spricht beredt mich an. 

2» 



2o Sigm. Freud 



Entschließen wir uns, die Eigentümlichkeiten unserer Dritten 
in der „Stummheit" konzentriert zu sehen, so sagt uns die Psycho- 
analyse: Stummheit ist im Traume eine gebräuchliche Darstellung 
des Todes. 1 

Vor mehr als zehn Jahren teilte mir ein hochintelligenter Mann 
einen Traum mit, den er als Beweis für die telepathische Natur 
der Träume verwerten wollte. Er sah einen abwesenden Freund, 
von dem er überlange keine Nachricht erhalten hatte, und machte ihm 
eindringliche Vorwürfe über sein Stillschweigen. Der Freund gab 
keine Antwort. Es stellte sich dann heraus, daß er ungefähr um 
die Zeit dieses Traumes durch Selbstmord geendet hatte. Lassen 
wir das Problem der Telepathie beiseite; daß die Stummheit im 
Traume zur Darstellung des Todes wird, scheint hier nicht zweifel- 
haft. Auch das Sich verbergen, Unauffindbarsein, wie es der Märchen- 
prinz dreimal beim Aschenputtel erlebt, ist im Traume ein un- 
verkennbares Todessymbol; nicht minder die auffällige Blässe, an 
welche die paleness des Bleis in der einen Leseart des Shake- 
spear eschen Textes erinnert. 2 Die Übertragung dieser Deutungen 
aus der Sprache des Traumes auf die Ausdrucksweise des uns 
beschäftigenden Mythus wird uns aber wesentlich erleichtert wenn 
wir wahrscheinlich machen können, daß die Stummheit auch in 
anderen Produktionen, die nicht Träume sind, als Zeichen des 
Totseins gedeutet werden muß. 

Ich greife, hier das neunte der Grimmschen Volksmärchen 
heraus, welches die Überschrift hat: „Die zwölf Brüder." 3 Ein 
König und eine Königin hatten zwölf Kinder, lauter Buben. Da 
sagte der König, wenn das dreizehnte Kind ein Mädchen ist 
müssen die Buben sterben. In Erwartung dieser Geburt läßt er 
zwölf Särge machen. Die zwölf Söhne flüchten sich mit Hilfe der 

1) Auch in Stekels „Sprache des raumes", 1911, unter den Todessymbolen, 
angeführt (S. 551). 

2) Stekel, 1. c. 
5) S. 50 der Reklamausgabe, I. Bd. 



Das Motiv der Kästchenwahl 



21 



Mutter in einen versteckten Wald und schwören jedem Mädchen 
den Tod, das sie begegnen sollten. 

Ein Mädchen wird geboren, wächst heran und erfährt einmal 
von der Mutter, daß es zwölf Brüder gehabt hat. Es beschließt 
sie aufzusuchen, und findet im Walde den Jüngsten, der sie er- 
kennt, aber verbergen möchte wegen des Eides der Brüder. Die 
Schwester sagt: Ich will gerne sterben, wenn ich damit meine 
zwölf Brüder erlösen kann. Die Brüder nehmen sie aber herzlich 
auf, sie bleibt bei ihnen und besorgt ihnen das Haus. 

In einem kleinen Garten bei dem Hause wachsen zwölf Lilien- 
blumen 5 die bricht das Mädchen ab, um jedem Bruder eine zu 
schenken. In diesem Augenblicke werden die Brüder in Raben 
verwandelt und verschwinden mit Haus und Garten. — Die 
Raben sind Seelenvögel, die Tötung der zwölf Brüder durch ihre 
Schwester wird durch das Abpflücken der Blumen von neuem 
dargestellt wie zu Eingang durch die Särge und das Verschwinden 
der Brüder. Das Mädchen, das wiederum bereit ist, seine Brüder 
vom Tode zu erlösen, erfährt nun als Bedingung, daß sie sieben 
Jahre stumm sein, kein einziges Wort sprechen darf. Sie unter- 
zieht sich dieser Probe, durch die sie selbst in Lebensgefahr gerät 
d. h. sie stirbt selbst für die Brüder, wie sie es vor dem Zusam- 
mentreffen mit den Brüdern gelobt hat. Durch die Einhaltung 
der Stummheit gelingt ihr endlich die Erlösung der Raben. 

Ganz ähnlich werden im Märchen von den „sechs Schwänen" 
die in Vögel verwandelten Brüder durch die Stummheit der 
Schwester erlöst, d. h. wiederbelebt. Das Mädchen hat den festen 
Entschluß gefaßt, seine Brüder zu erlösen, und „wenn es auch 
sein Leben kostete" und bringt als Gemahlin des Königs wiederum 
ihr eigenes Leben in Gefahr, weil sie gegen böse Anklagen ihre 
Stummheit nicht aufgeben will. 

Wir würden sicherlich aus den Märchen noch andere Beweise 
erbringen können, daß die Stummheit als Darstellung des Todes 
verstanden werden muß. Wenn wir diesen Anzeichen folgen 






22 



Sigm. Freud 



dürfen, so wäre die dritte unserer Schwestern, zwischen denen 
die Wahl stattfindet, eine Tote. Sie kann aber auch etwas anderes 
sein, nämlich der Tod selbst, die Todesgöttin. Vermöge einer gar 
nicht seltenen Verschiebung werden die Eigenschaften, die eine 
Gottheit den Menschen zuteilt, ihr selbst zugeschrieben. Am we- 
nigsten wird uns solche Verschiebung bei der Todesgöttin befremden, 
denn in der modernen Auffassung und Darstellung, die hier vor- 
weggenommen würde, ist der Tod selbst nur ein Toter. 

Wenn aber die dritte der Schwestern die Todesgöttin ist, so 
kennen wir die Schwestern. Es sind die Schicksalsschwestern, die 
Moiren oder Parzen oder Nornen, deren dritte Atropos heißt: 
die Unerbittliche. 

II 

Stellen wir die Sorge, wie die gefundene Deutung in unseren 
Mythus einzufügen ist, einstweilen beiseite, und holen wir uns bei 
den Mythologen Belehrung über Rolle und Herkunft der Schick- 
salsgöttinnen. 1 

Die älteste griechische Mythologie kennt nur eine MoTqo. äl s 
Personifikation des unentrinnbaren Schicksals (bei Homer). Di e 
Fortentwicklung dieser einen Moira zu einem Seh wester verein von 
drei (seltener zwei) Gottheiten erfolgte wahrscheinlich in Anleh- 
nung an andere Göttergestalten, denen die Moiren nahestehen 
die Chariten und die Hören. 

Die Hören sind ursprünglich Gottheiten der himmlischen Ge- 
wässer, die Regen und Tau spenden, der Wolken, aus denen der 
Regen niederfällt, und da diese Wolken als Gespinst erfaßt werden, 
ergibt sich für diese Göttinnen der Charakter der Spinnerinnen, 
der dann an den Moiren fixiert wird. In den von der Sonne 
verwöhnten Mittelmeerländern ist es der Regen, von dem die 
Fruchtbarkeit des Bodens abhängig wird, und darum wandeln 
sich die Hören zu Vegetationsgottheiten. Man dankt ihnen die 

1) Das folgende nach Roschers Lexikon der griechischen und römischen Mytho- 
logie unter den entsprechenden Titeln. 






Das Motiv der Kästchenwahl 



25 



Schönheit der Blumen und den Reichtum der Früchte, stattet sie 
mit einer Fülle von liebenswürdigen und anmutigen Zügen aus. 
Sie werden zu den göttlichen Vertreterinnen der Jahreszeiten und 
erwerben vielleicht durch diese Beziehung ihre Dreizahl, wenn 
die heilige Natur der Drei zu deren Aufklärung nicht genügen 
sollte. Denn diese alten Völker unterschieden zuerst nur drei 
Jahreszeiten: Winter, Frühling und Sommer. Der Herbst kam 
erst in späten griechisch-römischen Zeiten hinzu 5 dann bildete die 
Kunst häufig vier Hören ab. 

Die Beziehung zur Zeit blieb den Hören erhalten; sie wachten 
später über die Tageszeiten wie zuerst über die Zeiten des Jahres; 
endlich sank ihr Name zur Bezeichnung der Stunde (heure, ora) 
herab. Die den Hören und Moiren wesensverwandten Nomen der 
deutschen Mythologie tragen diese Zeitbedeutung in ihren Namen 
zur Schau. Es konnte aber nicht ausbleiben, daß das Wesen dieser 
Gottheiten tiefer erfaßt und in das Gesetzmäßige im Wandel der 
Zeiten verlegt wurde; die Hören wurden so zu Hüterinnen des 
Naturgesetzes und der heiligen Ordnung, welche mit unabänder- 
licher Reihenfolge in der Natur das gleiche wiederkehren läßt. 

Diese Erkenntnis der Natur wirkte zurück auf die Auffassung 
des menschlichen Lebens. Der Naturmythus wandelte sich zum 
Menschenmythus; aus den Wettergöttinnen wurden Schicksals- 
gottheiten. Aber diese Seite der Hören kam erst in den Moiren 
zum Ausdrucke, die über die notwendige Ordnung im Menschen- 
leben so unerbittlich wachen wie die Hören über die Gesetz- 
mäßigkeit der Natur. Das unabwendbar Strenge des Gesetzes, die 
Beziehung zu Tod und Untergang, die an den lieblichen Gestalten 
der Hören vermieden worden waren, sie prägten sich nun an 
den Moiren aus, als ob der Mensch den ganzen Ernst des Natur- 
gesetzes erst dann empfände, wenn er ihm die eigene Person 
unterordnen soll. 

Die Namen der drei Spinnerinnen haben auch bei den Mytho- 
logen bedeutsames Verständnis gefunden. Die zweite Lachesis 



24 



Sigm. Freud 



scheint das „innerhalb der Gesetzmäßigkeit des Schicksals Zufällige" 
zu bezeichnen 1 — wir würden sagen: das Erleben — wie Atro- 
pos das Unabwendbare, den Tod, und dann bliebe für Klotho 
die Bedeutung der verhängnisvollen, mitgebrachten Anlage. 

Und nun ist es Zeit, zu dem der Deutung unterliegenden 
Motive der Wahl zwischen drei Schwestern zurückzukehren. Mit 
tiefem Mißvergnügen werden wir bemerken, wie unverständlich 
die betrachteten Situationen werden, wenn wir in sie die gefun- 
dene Deutung einsetzen, und welche Widersprüche zum schein- 
baren Inhalte derselben sich dann ergeben. Die dritte der Schwe- 
stern soll die Todesgöttin sein, der Tod selbst, und im Parisurteile 
ist es die Liebesgöttin, im Märchen des Apulejus eine dieser 
letzteren vergleichbare Schönheit, im „Kaufmann" die schönste 
und klügste Frau, im Lear die einzige treue Tochter. Kann ein 
Widerspruch vollkommener gedacht werden? Doch vielleicht ist 
diese unwahrscheinliche Steigerung ganz in der Nähe. Sie hW 
wirklich vor, wenn in unserem Motive jedesmal zwischen den 
Frauen frei gewählt wird, und wenn die Wahl dabei auf den 
Tod fallen soll, den doch niemand wählt, dem man durch ein 
Verhängnis zum Opfer fällt. 

Indes Widersprüche von einer gewissen Art, Ersetzungen durch 
das volle kontradiktorische Gegenteil bereiten der analytischen 
Deutungsarbeit keine ernste Schwierigkeit. Wir werden uns hie 
nicht darauf berufen, daß Gegensätze in den Ausdrucksweisen de 
Unbewußten wie im Traume so häufig durch eines und das näm- 
liche Element dargestellt werden. Aber wir werden daran 
denken, daß es Motive im Seelenleben gibt, welche die Ersetzung 
durch das Gegenteil als sogenannte Reaktionsbildung herbeiführen 
und können den Gewinn unserer Arbeit gerade in der Aufdeckung 
solcher verborgener Motive suchen. Die Schöpfung der Moiren 
ist der Erfolg einer Einsicht, welche den Menschen mahnt, auch 
er sei ein Stück der Natur und darum dem unabänderlichen 




Das Motiv der Kästchenwahl 525 

Gesetze des Todes unterworfen. Gegen diese Unterwerfung mußte 
sich etwas im Menschen sträuben, der nur höchst ungern auf 
seine Ausnahmsstellung verzichtet. Wir wissen, daß der Mensch 
seine Phantasietätigkeit zur Befriedigung seiner von der Realität 
unbefriedigten Wünsche verwendet. So lehnte sich denn seine 
Phantasie gegen die im Moirenmythus verkörperte Einsicht auf 
und schuf den davon abgeleiteten Mythus, in dem die Todes- 
göttin durch die Liebesgöttin, und was ihr an menschlichen Ge- 
staltungen gleichkommt, ersetzt ist. Die dritte der Schwestern ist 
nicht mehr der Tod, sie ist die schönste, beste, begehrenswerteste, 
liebenswerteste der Frauen. Und diese Ersetzung war technisch 
keineswegs schwer; sie war durch eine alte Ambivalenz vorbe- 
reitet, sie vollzog sich längs eines uralten Zusammenhanges, der 
noch nicht lange vergessen sein konnte. Die Liebesgöttin selbst, 
die jetzt an die Stelle der Todesgöttin trat, war einst mit ihr 
identisch gewesen. Noch die griechische Aphrodite entbehrte nicht 
völliff der Beziehungen zur Unterwelt, obwohl sie ihre chthonische 
Rolle längst an andere Göttergestalten, an die Persephone, die 
dreigestaltige Artemis-Hekate, abgegeben hatte. Die großen Mutter- 
gottheiten der orientalischen Völker scheinen aber alle ebenso- 
wohl Zeugerinnen wie Vernichterinnen, Göttinnen des Lebens 
und der Befruchtung wie Todesgöttinnen gewesen zu sein. So 
greift die Ersetzung durch ein Wunschgegenteil bei unserem 
Motive auf eine uralte Identität zurück. 

Dieselbe Erwägung beantwortet uns die Frage, woher der Zug 
der Wahl in den Mythus von den drei Schwestern geraten ist. 
Es hat hier wiederum eine Wunschverkehrung stattgefunden. 
Wahl steht an der Stelle von Notwendigkeit, von Verhängnis. So 
überwindet der Mensch den Tod, den er in seinem Denken an- 
erkannt hat. Es ist kein stärkerer Triumph der Wunscherfüllung 
denkbar. Man wählt dort, wo man in Wirklichkeit dem Zwange 
gehorcht, und die man wählt, ist nicht die Schreckliche, sondern 
die Schönste und Begehrenswerteste. 



26 Sigm. Freud 



Bei näherem Zusehen merken wir freilich, daß die Entstellungen 
des ursprünglichen Mythus nicht gründlich genug sind, um sich 
nicht durch Resterscheinungen zu verraten. Die freie Wahl zwi- 
schen den drei Schwestern ist eigentlich keine freie Wahl, denn 
sie muß notwendigerweise die dritte treffen, wenn nicht, wie im 
Lear, alles Unheil aus ihr entstehen soll. Die Schönste und Beste, 
welche an Stelle der Todesgöttin getreten ist, hat Züge behalten, 
die an das Unheimliche streifen, so daß wir aus ihnen das Ver- 
borgene erraten konnten. 1 

Wir haben bisher den Mythus und seine Wandlung verfolgt 
und hoffen die geheimen Gründe dieser Wandlung aufgezeigt zu. 
haben. Nun darf uns wohl die Verwendung des Motivs beim 
Dichter interessieren. Wir bekommen den Eindruck, als ginge 
beim Dichter eine Reduktion des Motivs auf den ursprünglichen 
Mythus vor sich, so daß der ergreifende, durch die Entstellung 
abgeschwächte Sinn des letzteren von uns wieder verspürt wird. 
Durch diese Reduktion der Entstellung, die teilweise Rückkehr 
zum Ursprünglichen, erziele der Dichter die tiefere Wirkung, die 
er bei uns erzeugt. 

Um Mißverständnissen vorzubeugen, will ich sagen, ich habe 
nicht die Absicht zu widersprechen, daß das Drama vom König 
Lear die beiden weisen Lehren einschärfen wolle, man solle auf 
sein Gut und seine Rechte nicht zu Lebzeiten verzichten, und 

1) Auch die Psyche des Apulejus hat reichlich Züge bewahrt, welche an ihre 
Beziehung zum Tode mahnen. Ihre Hochzeit wird gerüstet wie eine Leichenfeier 
sie muß in die Unterwelt hinabsteigen und versinkt nachher in einen totenähnlichen 
Schlaf (O. Rank). 

Über die Bedeutung der Psyche als Frühlingsgottheit und als „Braut des Todes" 
siehe A. Zinzow: „Psyche und Eros" (Halle 1881). 

In einem anderen Grimmschen Märchen (Nr. 17g, Die Gänsehirtin am Brunnen) 
findet sich wie beim Aschenputtel die Abwechslung von schöner und häßlicher Ge- 
stalt der dritten Tochter, in der man wohl eine Andeutung von deren Doppelnatur 
— vor und nach der Ersetzung — erblicken darf. Diese dritte wird von ihrem Vater 
nach einer Probe verstoßen, welche mit der im König Lear fast zusammenfällt. Sie 
soll wie die anderen Schwestern angeben, wie lieb sie den Vater hat, findet aber 
keinen anderen Ausdruck ihrer Liebe als den Vergleich mit dem Salze. (Freundliche 
Mitteilung von Dr. Hanns Sachs.) 




MtM 



=* 



Das Motiv der Kästchemvahl 2J 



man müsse sich hüten, Schmeichelei für bare Münze zu nehmen. 
Diese und ähnliche Mahnungen ergeben sich wirklich aus dem 
Stücke, aber es erscheint mir ganz unmöglich, die ungeheure 
Wirkung des Lear aus dem Eindrucke dieses Gedankeninhaltes 
zu erklären oder anzunehmen, daß die persönlichen Motive des 
Dichters mit der Absicht, diese Lehren vorzutragen, erschöpft seien. 
Auch die Auskunft, der Dichter habe uns die Tragödie der Un- 
dankbarkeit vorspielen wollen, deren Bisse er wohl am eigenen 
Leibe verspürt, und die Wirkung des Spieles beruhe auf dem 
rein formalen Momente der künstlerischen Einkleidung, scheint 
mir das Verständnis nicht zu ersetzen, welches uns durch die 
Würdigung des Motivs der Wahl zwischen den drei Schwestern 

eröffnet wird. 

Lear ist ein alter Mann. Wir sagten schon, darum erscheinen 
die drei Schwestern als seine Töchter. Das Vaterverhältnis, aus 
dem so viel fruchtbare dramatische Antriebe erfließen könnten, 
wird im Drama weiter "nicht verwertet. Lear ist aber nicht nur 
ein Alter sondern auch ein Sterbender. Die so absonderliche Vor- 
aussetzung der Erbteilung verliert dann alles Befremdende. Dieser 
dem Tode Verfallene will aber auf die Liebe des Weibes nicht 
verzichten, er will hören, wie sehr er geliebt wird. Nun denke 
man an die erschütternde letzte Szene, einen der Höhepunkte der 
Tragik im modernen Drama: Lear trägt den Leichnam der Cor- 
delia auf die Bühne. Cordelia ist der Tod. Wenn man die Situa- 
tion umkehrt, wird sie uns verständlich und vertraut. Es ist die 
Todesgöttin, die den gestorbenen Helden vom Kampfplatze weg- 
trägt, wie die Walküre in der deutschen Mythologie. Ewige 
Weisheit im Gewände des uralten Mythus rät dem alten Manne, 
der Liebe zu entsagen, den Tod zu wählen, sich mit der Not- 
wendigkeit des Sterbens zu befreunden. 

Der Dichter bringt uns das alte Motiv näher, indem er die 
Wahl zwischen den drei Schwestern von einem Gealterten und 
Sterbenden vollziehen läßt. Die regressive Bearbeitung, die er so 



28 Sigm. Freud 



mit dem durch Wunschverwandlung entstellten Mythus vorge- 
nommen, läßt dessen alten Sinn so weit durchschimmern, daß 
uns vielleicht auch eine flächenhafte, allegorische Deutung der 
drei Frauengestalten des Motivs ermöglicht wird. Man könnte 
sagen, es seien die drei für den Mann unvermeidlichen Bezie- 
hungen zum Weibe, die hier dargestellt sind: Die Gebärerin, die 
Genossin und die Verderberin. Oder die drei Formen, zu denen 
sich ihm das Bild der Mutter im Laufe des Lebens wandelt: Die 
Mutter selbst, die Geliebte, die er nach deren Ebenbild gewählt 
und zuletzt die Mutter Erde, die ihn wieder aufnimmt. Der alte 
Mann aber hascht vergebens nach der Liebe des Weibes, wie er 
sie zuerst von der Mutter empfangen; nur die dritte der Schick- 
salsfrauen, die schweigsame Todesgöttin, wird ihn in ihre Arme 
nehmen. 



DER MOSES DES MICHELANGELO 

Diese Arbeit erschien zuerst im Februar ioia 
in „Imago u , III. Bd., Heft I, ohne Nennung 
des Verfassers, mit folgender redaktioneller Notiz 
eingeleitet: „Die Redaktion hat diesem, strenge 
genommen nicht programmgerechten Beitrage die 
Aufnahme nicht versagt, weil der ihr bekannte 
Verfasser analytisclien Kreisen nahe steht, und 
weil seine Denkweise immerhin eine gewisse 
Ähnlichkeit mit der Methodik der Psychoanalyse 
zeigt." 

Ich schicke voraus, daß ich kein Kunstkenner bin, sondern Laie. 
Ich habe oft bemerkt, daß mich der Inhalt eines Kunstwerkes 
stärker anzieht als dessen formale und technische Eigenschaften, 
auf welche doch der Künstler in erster Linie Wert legt. Für viele 
Mittel und manche Wirkungen der Kunst fehlt mir eigentlich das 
richtige Verständnis. Ich muß dies sagen, um mir eine nachsich- 
tige Beurteilung meines Versuches zu sichern. 

Aber Kunstwerke üben eine starke Wirkung auf mich aus, ins- 
besondere Dichtungen und Werke der Plastik, seltener Malereien. 
Ich bin so veranlaßt worden, bei den entsprechenden Gelegen- 
heiten lange vor ihnen zu verweilen, und wollte sie auf meine 
Weise erfassen, d. h. mir begreiflich machen, wodurch sie wirken. 
Wo ich das nicht kann, z. B. in der Musik, bin ich fast genuß- 
unfähig. Eine rationalistische oder vielleicht analytische Anlage 
sträubt sich in mir dagegen, daß ich ergriffen sein und dabei 
nicht wissen solle, warum ich es bin, und was mich ergreift. 



3° 



Sigm. Freud 



Ich bin dabei auf die anscheinend paradoxe Tatsache aufmerk- 
sam geworden, daß gerade einige der großartigsten und über- 
wältigendsten Kunstschöpfungen unserem Verständnis dunkel ge- 
bheben sind. Man bewundert sie, man fühlt sich von ihnen be- 
zwungen, aber man weiß nicht zu sagen, was sie vorstellen. Ich 
bin nicht belesen genug, um zu wissen, ob dies schon bemerkt 
worden ist, oder ob nicht ein Ästhetiker gefunden hat, solche 
Ratlosigkeit unseres begreifenden Verstandes sei sogar eine not- 
wendige Bedingung für die höchsten Wirkungen, die ein Kunst- 
werk hervorrufen soll. Ich könnte mich nur schwer entschließen, 
an diese Bedingung zu glauben. 

Nicht etwa daß die Kunstkenner oder Enthusiasten keine Worte 
fänden, wenn sie uns ein solches Kunstwerk anpreisen. Sie haben 
deren genug, sollte ich meinen. Aber vor einer solchen Meister- 
schöpfung des Künstlers sagt in der Regel jeder etwas anderes 
und keiner das, was dem schlichten Bewunderer das Rätsel löst. 
Was uns so mächtig packt, kann nach meiner Auffassung doch 
nur die Absicht des Künstlers sein, insofern es ihm gelungen 
ist, sie in dem Werke auszudrücken und von uns erfassen zu 
lassen. Ich weiß, daß es sich um kein bloß verständnismäßiges 
Erfassen handeln kann; es soll die Affektlage, die psychische Kon- 
stellation, welche beim Künstler die Triebkraft zur Schöpfung 
abgab, bei uns wieder hervorgerufen werden. Aber warum soll 
die Absicht des Künstlers nicht angebbar und in Worte zu fassen 
sein wie irgend eine andere Tatsache des seelischen Lebens? Viel- 
leicht daß dies bei den großen Kunstwerken nicht ohne Anwen- 
dung der Analyse gelingen wird. Das Werk selbst muß doch diese 
Analyse ermöglichen, wenn es der auf uns wirksame Ausdruck 
der Absichten und Regungen des Künstlers ist. Und um diese 
Absicht zu erraten, muß ich doch vorerst den Sinn und Inhalt 
des im Kunstwerk Dargestellten herausfinden, also es deuten 
können. Es ist also möglich, daß ein solches Kunstwerk der Deu- 
tung bedarf, und daß ich erst nach Vollziehung derselben erfahren 



Der Moses d es Michelangelo 31 

kann, warum ich einem so gewaltigen Eindruck unterlegen bin. 
Ich hege selbst die Hoffnung, daß dieser Eindruck keine Ab- 
schwächung erleiden wird, wenn uns eine solche Analyse ge- 
glückt ist. 

Nun denke man an den Hamlet, das über dreihundert Jahre 
alte Meisterstück Shakespeares. 1 Ich verfolge die psychoanalytische 
Literatur und schließe mich der Behauptung an, daß erst die 
Psychoanalyse durch die Zurückführung des Stoffes auf das Ödypus- 
Thema das Rätsel der Wirkung dieser Tragödie gelöst hat. Aber 
vorher, welche Überfülle von verschiedenen, miteinander unver- 
träglichen Deutungsversuchen, welche Auswahl von Meinungen 
über den Charakter des Helden und die Absichten des Dichters! 
Hat Shakespeare unsere Teilnahme für einen Kranken in Anspruch 
genommen oder für einen unzulänglichen Minderwertigen, oder 
für einen Idealisten, der nur zu gut ist für die reale Welt? Und 
wie viele dieser Deutungen lassen uns so kalt, daß sie für die Er- 
klärung der Wirkung der Dichtung nichts leisten können, und 
uns eher darauf verweisen, deren Zauber allein auf den Eindruck 
der Gedanken und den Glanz der Sprache zu begründen! Und 
doch, sprechen nicht gerade diese Bemühungen dafür, daß ein 
Bedürfnis verspürt wird, eine weitere Quelle dieser Wirkung auf- 
zufinden? 

Ein anderes dieser rätselvollen und großartigen Kunstwerke ist 
die Marmorstatue des Moses, in der Kirche von S. Pietro in 
Vincoli zu Rom von Michelangelo aufgestellt, bekanntlich nur ein 
Teilstück jenes riesigen Grabdenkmals, welches der Künstler für 
den gewaltigen Papstherrn Julius IL errichten sollte. 2 Ich freue 
mich jedesmal, wenn ich eine Äußerung über diese Gestalt lese 
wie: sie sei „die Krone der modernen Skulptur" (Herman Grimm). 
Denn ich habe von keinem Bildwerk je eine stärkere Wirkung 

1) Vielleicht 1602 zuerst gespielt. 

2) Nach Henry Thode ist die Statue in den Jahren 1512 bis 1516 ausgeführt 
worden. 



, 2 Sigm. Freud 



erfahren. Wie oft bin ich die steile Treppe vom unschönen 
Corso Cavour hinaufgestiegen zu dem einsamen Platz, auf dem 
die verlassene Kirche steht, habe immer versucht, dem verächtlich- 
zürnenden Blick des Heros standzuhalten, und manchmal habe ich 
mich dann behutsam aus dem Halbdunkel des Innenraumes ge- 
schlichen, als gehörte ich selbst zu dem Gesindel, auf das sein 
Auge gerichtet ist, das keine Überzeugung festhalten kann, das 
nicht warten und nicht vertrauen will und jubelt, wenn es die 
Illusion des Götzenbildes wieder bekommen hat. 

Aber warum nenne ich diese Statue rätselvoll? Es besteht nicht 
der leiseste Zweifel, daß sie Moses darstellt, den Gesetzgeber der 
Juden, der die Tafeln mit den heiligen Geboten hält. Soviel ist 
sicher, aber auch nichts darüber hinaus. Ganz kürzlich erst (191a) 
hat ein Kunstschriftsteller (Max Sauerlandt) den Ausspruch machen 
können: „Über kein Kunstwerk der Welt sind so widersprechende 
Urteile gefällt worden wie über diesen panköpfigen Moses. Schon 
die einfache Interpretation der Figur bewegt sich in vollkommenen 
Widersprüchen ..." An der Hand einer Zusammenstellung, die 
nur um fünf Jahre zurückliegt, werde ich darlegen, welche Zweifel 
sich an die Auffassung der Figur des Moses knüpfen, und es wird 
nicht schwer sein zu zeigen, daß hinter ihnen das Wesentliche 
und Beste zum Verständnis dieses Kunstwerkes verhüllt liegt. 1 

I 

Der Moses des Michelangelo ist sitzend dargestellt, den Rumpf 
nach vorne gerichtet, den Kopf mit dem mächtigen Bart und den 
Blick nach links gewendet, den rechten Fuß auf dem Boden 
ruhend, den linken aufgestellt, so daß er nur mit den Zehen den 
Boden berührt, den rechten Arm mit den Tafeln und einem Teil 
des Bartes in Beziehung; der linke Arm ist in den Schoß gelegt. 
Wollte ich eine genauere Beschreibung geben, so müßte ich dem 

1) Henry Thode: Michelangelo, Kritische Untersuchungen über seine Werke, 
I. Bd., 1908. 






1 



r 



Der Moses des Michelangelo 55 



vorgreifen, was ich später vorzubringen habe. Die Beschreibungen 
der Autoren sind mitunter in merkwürdiger Weise unzutreffend. 
Was nicht verstanden war, wurde auch ungenau wahrgenommen 
oder wiedergegeben. H. Grimm sagt, daß die rechte Hand, „unter 
deren Arme die Gesetzestafeln ruhen, in den Bart greife". Ebenso 
W. Lübke: „Erschüttert greift er mit der Rechten in den herr- 
lich herabflutenden Bart . . ."; Springer: „Die eine (linke) Hand 
drückt Moses an den Leib, mit der anderen greift er wie unbe- 
wußt in den mächtig wallenden Bart." C. Justi findet, daß die 
Finger der (rechten) Hand mit dem Bart spielen, „wie der zivili- 
sierte Mensch in der Aufregung mit der Uhrkette". Das Spielen 
mit dem Bart hebt auch Müntz hervor. H. Thode spricht von 
der „ruhig festen Haltung der rechten Hand auf den aufge- 
stemmten Tafeln". Selbst in der rechten Hand erkennt er nicht 
ein Spiel der Aufregung, wie Justi und ähnlich Boito wollen. 
„Die Hand verharrt so, wie sie den Bart greifend, gehalten ward, 
ehe der Titan den Kopf zur Seite wandte." Jakob Burkhardt 
stellt' aus, „daß der berühmte linke Arm im Grunde nichts an- 
deres zu tun habe, als diesen Bart an den Leib zu drücken". 

Wenn die Beschreibungen nicht übereinstimmen, werden wir 
uns über die Verschiedenheit in der Auffassung einzelner Züge 
der Statue nicht verwundern. Ich meine zwar, wir können den 
Gesichtsausdruck des Moses nicht besser charakterisieren als Thode, 
der eine „Mischung von Zorn, Schmerz und Verachtung" aus 
ihm las, „den Zorn in den dräuend zusammengezogenen Augen- 
brauen, den Schmerz in dem Blick der Augen, die Verachtung 
in der vorgeschobenen Unterlippe und den herabgezogenen Mund- 
winkeln". Aber andere Bewunderer müssen mit anderen Augen 
gesehen haben. So hatte Dupaty geurteilt: Ce front auguste 
semble n'etre qu'un voile transparent, qui couvre a peine un esprit 
immense* Dagegen meint Lübke: „In dem Kopfe würde man ver- 
gebens den Ausdruck höherer Intelligenz suchen; nichts als die 



1) Thode, 1. c, p. 197. 
Freud, Dichtung urld Kunst 



_ 



34 



Sigm. Freud 



Fähigkeit eines ungeheuren Zornes, einer alles durchsetzenden 
Energie spricht sich in der zusammengedrängten Stirne aus." Noch 
weiter entfernt sich in der Deutung des Gesichtsausdruckes Guil- 
laume (1875), der keine Erregung darin fand, „nur stolze Ein- 
fachheit, beseelte Würde, Energie des Glaubens. Moses' Blick gehe 
in die Zukunft, er sehe die Dauer seiner Rasse, die Unveränder- 
lichkeit seines Gesetzes voraus". Ähnlich läßt Müntz „die Blicke 
Moses' weit über das Menschengeschlecht hinschweifen; sie seien 
auf die Mysterien gerichtet, die er als Einziger gewahrt hat". 
Ja, für Steinmann ist dieser Moses „nicht mehr der starre Ge- 
setzgeber, nicht mehr der fürchterliche Feind der Sünde mit dem 
Jehovazorn, sondern der königliche Priester, welchen das Alter 
nicht berühren darf, der segnend und weissagend, den Abglanz 
der Ewigkeit auf der Stirne, von seinem Volke den letzten Ab- 
schied nimmt". 

Es hat noch andere gegeben, denen der Moses des Michelangelo 
überhaupt nichts sagte, und die ehrlich genug waren, es zu äußern. 
So ein Rezensent in der „Quarterly Review" 1858: „There i s 
an dbsence of meaning in the general conception, which pre- 
cludes the idea of a self-sufficing whole ..." Und man ist er- 
staunt zu erfahren, daß noch andere nichts an dem Moses zu 
bewundern fanden, sondern sich auflehnten gegen ihn, die 
Brutalität der Gestalt anklagten und die Tierähnlichkeit des 
Kopfes. 

Hat der Meister wirklich so undeutliche oder zweideutige Schrift 
in den Stein geschrieben, daß so verschiedenartige Lesungen mög- 
lich wurden? 

Es erhebt sich aber eine andere Frage, welcher sich die er- 
wähnten Unsicherheiten leicht unterordnen. Hat Michelangelo in 
diesem Moses ein „zeitloses Charakter- und Stimmungsbild" schaffen 
wollen oder hat er den Helden in einem bestimmten, dann aber 
höchst bedeutsamen Moment seines Lebens dargestellt? Eine Mehr- 
zahl von Beurteilern entscheidet sich für das letztere und weiß 



Der Moses des Michelangelo 



35 



auch die Szene aus dem Leben Moses' anzugeben, welche der 
Künstler für die Ewigkeit festgebannt hat. Es handelt sich hier 
um die Herabkunft vom Sinai, woselbst er die Gesetzestafeln von 
Gott in Empfang genommen hat, und um die Wahrnehmung, 
daß die Juden unterdes ein goldenes Kalb gemacht haben, das sie 
jubelnd umtanzen. Auf dieses Bild ist sein Bück gerichtet, dieser 
Anblick ruft die Empfindungen hervor, die in seinen Mienen aus- 
gedrückt sind und die gewaltige Gestalt alsbald in die heftigste 
Aktion versetzen werden. Michelangelo hat den Moment der letzten 
Zögerung, der Ruhe vor dem Sturm, zur Darstellung gewählt- 
im nächsten wird Moses aufspringen — der linke Fuß ist schon 
vom Boden abgehoben — die Tafeln zu Boden schmettern und 
seinen Grimm über die Abtrünnigen entladen. 

In Einzelheiten dieser Deutung weichen auch deren Vertreter 
voneinander ab. 

Jak. Burkhardt: „Moses scheint in dem Momente dargestellt, 
da er die Verehrung des goldenen Kalbes erblickt und aufspringen 
will. Es lebt in seiner Gestalt die Vorbereitung zu einer gewal- 
tigen Bewegung, wie man sie von der physischen Macht, mit der 
er ausgestattet ist, nur mit Zittern erwarten mag." 

W. Lübke: „Als sähen die blitzenden Augen eben den Frevel 
der Verehrung des goldenen Kalbes, so gewaltsam durchzuckt eine 
innere Bewegung die ganze Gestalt. Erschüttert greift er mit der 
Rechten in den herrlich herabflutenden Bart, als wolle er seiner 
Bewegung noch einen Augenblick Herr bleiben, um dann um so 
zerschmetternder loszufahren." 

Springer schließt sich dieser Ansicht an, nicht ohne ein Be- 
denken vorzutragen, welches weiterhin noch unsere Aufmerksam- 
keit beanspruchen wird: „Durchglüht von Kraft und Eifer kämpft 
der Held nur mühsam die innere Erregung nieder . . . Man denkt 
daher unwillkürlich an eine dramatische Szene und meint, Moses 
sei in dem Augenblick dargestellt, wie er die Verehrung des gol- 
denen Kalbes erblickt und im Zorn aufspringen will. Diese Ver- 

3' 



_5 Sigm. Freud 

mutung trifft zwar schwerlich die wahre Absicht des Künstlers, 
da ja Moses, wie die übrigen fünf sitzenden Statuen des Ober- 
baues 1 vorwiegend dekorativ wirken sollte; sie darf aber als ein 
glänzendes Zeugnis für die Lebensfülle und das persönliche Wesen 
der Mosesgestalt gelten." 

Einige Autoren, die sich nicht gerade für die Szene des gol- 
denen Kalbes entscheiden, treffen doch mit dieser Deutung in dem 
•wesentlichen Punkte zusammen, daß dieser Moses im Begriffe sei 
aufzuspringen und zur Tat überzugehen. 

Herman Grimm: „Eine Hoheit erfüllt sie (diese Gestalt), ein 
Selbstbewußtsein, ein Gefühl, als stünden diesem Manne die Donner 
des Himmels zu Gebote, doch er bezwänge sich, ehe er sie ent- 
fesselte, erwartend, ob die Feinde, die er vernichten will, ihn an- 
zugreifen wagten. Er sitzt da, als wollte er eben aufspringen, das 
Haupt stolz aus den Schultern in die Höhe gereckt, mit der Hand, 
unter deren Arme die Gesetzestafeln ruhen, in den Bart greifend, 
der in schweren Strömen auf die Brust sinkt, mit weit atmenden 
Nüstern und mit einem Munde, auf dessen Lippen die Worte 
zu zittern scheinen." 

Heath Wilson sagt, Moses' Aufmerksamkeit sei durch etwas 
erregt, er sei im Begriffe aufzuspringen, doch zögere er noch. Der 
Blick, in dem Entrüstung und Verachtung gemischt seien, könne 
sich noch in Mitleid verändern. 

Wölfflin spricht von „gehemmter Bewegung". Der Hem- 
mungsgrund liegt hier im Willen der Person selbst, es ist der 
letzte Moment des Ansichhaltens vor dem Losbrechen, d. h. vor 
dem Aufspringen. 

Am eingehendsten hat C. Justi die Deutung auf die Wahr- 
nehmung des goldenen Kalbes begründet und sonst nicht beachtete 
Einzelheiten der Statue in Zusammenhang mit dieser Auffassung 
gebracht. Er lenkt unseren Blick auf die in der Tat auffällige 
Stellung der beiden Geset zestafeln, welche im Begriffe seien, auf 

1) Vom Grabdenkmal des Papstes nämlich. 



Der Moses des Michelangelo 



37 



den Steinsitz herabzugleiten: „Er (Moses) könnte also entweder 
in der Richtung des Lärmes schauen mit dem Ausdruck böser 
Ahnungen, oder es wäre der Anblick des Gräuels selbst, der ihn 
wie ein betäubender Schlag trifft. Durchbebt von Abscheu und 
Schmerz hat er sich niedergelassen. 1 Er war auf dem Berge vierzig 
Tage und Nächte geblieben, also ermüdet. Das Ungeheure, ein 
großes Schicksal, Verbrechen, selbst ein Glück kann zwar in einem 
Augenblick wahrgenommen, aber nicht gefaßt werden nach Wesen, 
Tiefe, Folgen. Einen Augenblick scheint ihm sein Werk zerstört, 
er verzweifelt an diesem Volke. In solchen Augenblicken verrät 
sich der innere Aufruhr in unwillkürlichen kleinen Bewegungen. 
Er läßt die beiden Tafeln, die er in der Rechten hielt, auf den 
Steinsitz herabrutschen, sie sind über Eck zu stehen gekommen, 
vom Unterarm an die Seite der Brust gedrückt. Die Hand aber 
fährt an Brust und Bart, bei der Wendung des Halses nach 
rechts muß sie den Bart nach der linken Seite ziehen und die 
Symmetrie dieser breiten männlichen Zierde aufheben ; es sieht 
aus, als spielten die Finger mit dem Bart, wie' der zivilisierte 
Mensch in der Aufregung mit der Uhrkette. Die Linke gräbt 
sich in den Rock am Bauch (im alten Testament sind die Ein- 
geweide Sitz der Affekte). Aber das linke Bein ist bereits zurück- 
gezogen und das rechte vorgesetzt j im nächsten Augenblick 
wird er auffahren, die psychische Kraft von der Empfindung 
auf den Willen überspringen, der rechte Arm sich bewegen, 
die Tafeln werden zu Boden fallen und Ströme Blutes die 
Schmach des Abfalls sühnen ..." „Es ist hier noch nicht 
der Spannungsmoment der Tat. Noch waltet der Seelenschmerz 
fast lähmend." 

Ganz ähnlich äußert sich Fritz Knapp; nur daß er die Ein- 
gangssituation dem vorhin geäußerten Bedenken entzieht, auch 

1) Es ist zu bemerken, daß die sorgfältige Anordnung des Mantels um die Beine 
der sitzenden Gestalt dieses erste Stück der Auslegung Justis unhaltbar macht. Man 
müßte vielmehr annehmen, es sei dargestellt, wie Moses im ruhigen erwartungslosen 
Dasitzen durch eine plötzliche Wahrnehmung aufgeschreckt werde. 



38 



Sigm. Freud 



die angedeutete Bewegung der Tafeln konsequenter weiterführt: 
„Ihn, der soeben noch mit seinem Gotte allein war, lenken irdische 
Geräusche ab. Er hört Lärm, das Geschrei von gesungenen Tanz- 
reigen weckt ihn aus dem Traume. Das Auge, der Kopf wenden 
sich hin zu dem Geräusch. Schrecken, Zorn, die ganze Furie wilder 
Leidenschaften durchfahren im Moment die Riesengestalt. Die 
Gesetzestafeln fangen an herabzugleiten, sie werden zur Erde 
fallen und zerbrechen, wenn die Gestalt auffahrt, um die donnern- 
den Zornesworte in die Massen des abtrünnigen Volkes zu schleu- 
dern . . . Dieser Moment höchster Spannung ist gewählt . . ." 
Knapp betont also die Vorbereitung zur Handlung und bestreitet 
die Darstellung der anfänglichen Hemmung infolge der überge- 
waltigen Erregung. 

Wir werden nicht in Abrede stellen, daß Deutungsversuche 
wie die letzterwähnten von Justi und Knapp etwas ungemein 
Ansprechendes haben. Sie verdanken diese Wirkung dem Umstände, 
daß sie nicht bei dem Gesamteindruck der Gestalt stehen bleiben, 
sondern einzelne Charaktere derselben würdigen, welche man sonst, 
von der Allgemeinwirkung überwältigt und gleichsam gelähmt, 
zu beachten versäumt. Die entschiedene Seitenwendung von Kopf 
und Augen der im übrigen nach vorne gerichteten Figur stimmt 
gut zu der Annahme, daß dort etwas erblickt wird, was plötzlich 
die Aufmerksamkeit des Ruhenden auf sich zieht. Der vom Boden 
abgehobene Fuß läßt kaum eine andere Deutung zu, als die einer 
Vorbereitung zum Aufspringen, 1 und die ganz sonderbare Haltung 
der Tafeln, die doch etwas hochheiliges sind und nicht wie ein 
beliebiges Beiwerk irgendwie im Raum untergebracht werden 
dürfen, findet ihre gute Aufklärung in der Annahme, sie glitten 
infolge der Erregung ihres Trägers herab und würden dann zu 
Boden fallen. So wüßten wir also, daß diese Statue des Moses 
einen bestimmten bedeutsamen Moment aus dem Leben des 



1) Obwohl der linke Fuß des ruhig sitzenden Giuliano in der Medicikapelle 



ähnlich abgehoben ist. 



Der Moses des Michelangelo 59 

Mannes darstellt, und wären auch nicht in Gefahr, diesen Moment 
zu verkennen. 

Allein zwei Bemerkungen von Thode entreißen uns wieder, 
was wir schon zu besitzen glaubten. Dieser Beobachter sagt, er 
sehe die Tafeln nicht herabgleiten, sondern „fest verharren". Er 
konstatiert, „die ruhig feste Haltung der rechten Hand auf den 
aufgestemmten Tafeln". Blicken wir selbst hin, so müssen wir 
Thode ohne Rückhalt recht geben. Die Tafeln sind festgestellt 
und nicht in Gefahr zu gleiten. Die rechte Hand stützt sie oder 
stützt sich auf sie. Dadurch ist ihre Aufstellung zwar nicht er- 
klärt, aber sie wird für die Deutung von Justi und anderen 
unverwendbar. 

Eine zweite Bemerkung trifft noch entscheidender. Thode mahnt 
daran, daß „diese Statue als eine von sechsen gedacht war und 
daß sie sitzend dargestellt ist. Beides widerspricht der Annahme, 
Michelangelo habe einen bestimmten historischen Moment fixieren 
wollen. Denn, was das erste anbetrifft, so schloß die Aufgabe, 
nebeneinander sitzende Figuren als Typen menschlichen Wesens 
(Vita actival Vita contemplativa!) zu geben, die Vorstellung ein- 
zelner historischer Vorgänge aus. Und bezüglich des zweiten wider- 
spricht die Darstellung des Sitzens, welche durch die gesamte 
künstlerische Konzeption des Denkmals bedingt war, dem Charakter 
jenes Vorganges, nämlich dem Herabsteigen vom Berge Sinai zu 
dem Lager". 

Machen wir -uns dies Bedenken Thodes zu eigen; ich meine, 
wir werden seine Kraft noch steigern können. Der Moses sollte 
mit fünf (in einem späteren Entwurf drei) anderen Statuen das 
Postament des Grabmals zieren. Sein nächstes Gegenstück hätte 
ein Paulus werden sollen. Zwei der anderen, die Vita activa und 
contemplativa sind als Lea und Rahel an dem heute vorhandenen, 
kläglich verkümmerten Monument ausgeführt worden, allerdings 
stehend. Diese Zugehörigkeit des Moses zu einem Ensemble macht 
die Annahme unmöglich, daß die Figur in dem Beschauer die 



4 Sigm. Freud 



Erwartung erwecken solle, sie werde nun gleich von ihrem Sitze 
aufspringen, etwa davonstürmen und auf eigene Faust Lärm 
schlagen. Wenn die anderen Figuren nicht gerade auch in der 
Vorbereitung zu so heftiger Aktion dargestellt waren, — was sehr 
unwahrscheinlich ist, — so würde es den übelsten Eindruck, 
machen, wenn gerade die eine uns die Illusion geben könnte, sie 
werde ihren Platz und ihre Genossen verlassen, also sich ihrer 
Aufgabe im Gefüge des Denkmals entziehen. Das ergäbe eine 
grobe Inkohärenz, die man dem großen Künstler nicht ohne die 
äußerste Nötigung zumuten dürfte. Eine in solcher Art davon- 
stürmende Figur wäre mit der Stimmung, welche das ganze Grab- 
monument erwecken soll, aufs äußerste unverträglich. 

Also dieser Moses darf nicht aufspringen wollen, er muß in 
hehrer Ruhe verharren können, wie die anderen Figuren, wie 
das beabsichtigte (dann nicht von Michelangelo ausgeführte) Bild 
des Papstes selbst. Dann aber kann der Moses, den wir betrachten, 
nicht die Darstellung des von Zorn erfaßten Mannes sein, der 
vom Sinai herabkommend, sein Volk abtrünnig findet und die 
heiligen Tafeln hinwirft, daß sie zerschmettern. Und wirklich, 
ich weiß mich an meine Enttäuschung zu erinnern, wenn ich 
bei früheren Besuchen in S. Pietro in Vincoli mich vor die Statue 
hinsetzte, in der Erwartung, ich werde nun sehen, wie sie auf 
dem aufgestellten Fuß emporschnellen, wie sie die Tafeln zu Boden 
schleudern und ihren Zorn entladen werde. Nichts davon geschah; 
anstatt dessen wurde der Stein immer starrer, eine fast erdrückende 
heilige Stille ging von ihm aus, und ich mußte fühlen, hier sei 
etwas dargestellt, was unverändert so bleiben könne, dieser Moses 
werde ewig so dasitzen und so zürnen. 

Wenn wir aber die Deutung der Statue mit dem Moment vor 
dem losbrechenden Zorn beim Anblick des Götzenbildes aufgeben 
müssen, so bleibt uns wenig mehr übrig als eine der Auffassungen 
anzunehmen, welche in diesem Moses ein Charakterbild erkennen, 
wollen. Am ehesten von Willkür frei und am besten auf die 



Der Moses des Michelangelo 



41 



Analyse der Bewegungsmotive der Gestalt gestützt erscheint dann 
das Urteil von Thode: „Hier, wie immer, ist es ihm um die 
Gestaltung eines Charaktertypus zu tun. Er schafft das Bild eines, 
leidenschaftlichen Führers der Menschheit, der, seiner göttlichen, 
gesetzgebenden Aufgabe bewußt, dem unverständigen Widerstand 
der Menschen begegnet. Einen solchen Mann der Tat zu kenn- 
zeichnen, gab es kein anderes Mittel, als die Energie des Willens 
zu verdeutlichen, und dies war möglich durch die Veranschau- 
lichung einer die scheinbare Ruhe durchdringenden Bewegung, 
wie sie in der Wendung des Kopfes, der Anspannung der Mus- 
keln der Stellung des linken Beines sich äußert. Es sind dieselben 
Erscheinungen wie bei dem vir activus der Medicikapelle Giuliano. 
Diese allgemeine Charakteristik wird weiter vertieft durch die 
Hervorhebung des Konfliktes, in welchen ein solcher die Mensch- 
heit gestaltender Genius zu der Allgemeinheit tritt: die Affekte 
des Zornes, der Verachtung, des Schmerzes gelangen zu typischem 
Ausdruck. Ohne diesen war das Wesen eines solchen Übermen- 
schen nicht zu verdeutlichen. Nicht ein Historienbild, sondern 
einen Charaktertypus unüberwindlicher Energie, welche die wider- 
strebende Welt bändigt, hat. Michelangelo geschaffen, die in der 
Bibel gegebenen Züge, die eigenen inneren Erlebnisse, Eindrücke 
der Persönlichkeit Julius', und wie ich glaube auch solche der 
Savonarolaschen Kampfestätigkeit gestaltend." 

In die Nähe dieser Ausführungen kann man etwa die Bemer- 
kung von Knackfuß rücken: Das Hauptgeheimnis der Wirkung 
des Moses liege in dem künstlerischen Gegensatz zwischen dem 
inneren Feuer und der äußerlichen Ruhe der Haltung. 

Ich finde nichts in mir, was sich gegen die Erklärung von 
Thode sträuben würde, aber ich vermisse irgend etwas. Vielleicht, 
daß sich ein Bedürfnis äußert nach einer innigeren Beziehung 
zwischen dem Seelenzustand des Helden und dem in seiner Hal- 
tung ausgedrückten Gegensatz von „scheinbarer Ruhe und „innerer 
Bewegtheit". 



II 

Lange bevor ich etwas von der Psychoanalyse hören konnte, 
erfuhr ich, daß ein russischer Kunstkenner, Ivan Lermolieff, 
dessen erste Aufsätze 1874 bis 1876 in deutscher Sprache ver- 
öffentlicht wurden, eine Umwälzung in den Galerien Europas 
hervorgerufen hatte, indem er die Zuteilung vieler Bilder an die 
einzelnen Maler revidierte, Kopien von Originalen mit Sicherheit 
unterscheiden lehrte und aus den von ihren früheren Bezeich- 
nungen frei gewordenen Werken neue .Künstlerindividualitäten 
konstruierte. Er brachte dies zustande, indem er vom Gesamt- 
eindruck und von den großen Zügen eines Gemäldes absehen 
hieß und die charakteristische Bedeutung von untergeordneten 
Details hervorhob, von solchen Kleinigkeiten wie die Bildung der 
Fingernägel, der Ohrläppchen, des Heiligenscheines und anderer 
unbeachteter Dinge, die der Kopist nachzuahmen vernachlässigt, 
und die doch jeder Künster in einer ihn kennzeichnenden Weise 
ausführt. Es hat mich dann sehr interessiert zu erfahren, daß sich 
hinter dem russischen Pseudonym ein italienischer Arzt, namens 
Morelli, verborgen hatte. Er ist 1891 als Senator des König- 
reiches Italien gestorben. Ich glaube,, sein Verfahren ist mit der 
Technik der ärztlichen Psychoanalyse nahe verwandt. Auch diese 
ist gewöhnt, aus gering geschätzten oder nicht beachteten Zügen, 
aus dem Abhub — dem „refuse" — der Beobachtung, Geheimes 
und Verborgenes zu erraten. 

An zwei Stellen der Mosesfigur finden sich nun Details, die 
bisher nicht beachtet, ja eigentlich noch nicht richtig beschrieben 
worden sind. Sie betreffen die Haltung der rechten Hand und die 
Stellung der beiden Tafeln. Man darf sagen, daß diese Hand in 
sehr eigentümlicher, gezwungener, Erklärung heischender Weise 
zwischen den Tafeki und dem — Bart des zürnenden Helden 
vermittelt. Es ist gesagt worden, daß sie mit den Fingern im 
Barte wühlt, mit den Strängen desselben spielt, während sie 
sich mit dem Kleinfingerrand auf die Tafeln stützt. Aber dies 



Der Moses des Michelangelo 43 

trifft offenbar nicht zu. Es verlohnt sich, sorgfältiger ins Auge 
zu fassen, was die Finger dieser rechten Hand tun, und den 
mächtigen Bart, zu dem sie in Beziehung treten, genau zu be- 
schreiben. 1 

Man sieht dann mit aller Deutlichkeit: Der Daumen dieser 
Hand ist versteckt, der Zeigefinger und dieser allein ist mit dem 
Bart in wirksamer Berührung. Er drückt sich so tief in die wei- 
chen Haarmassen ein, daß sie ober und unter ihm (kopfwärts 
und bauchwärts vom drückenden Finger) über sein Niveau her- 
vorquellen. Die anderen drei Finger stemmen sich, in den kleinen 
Gelenken gebeugt, an die Brustwand, sie werden von der äußer- 
sten rechten Flechte des Bartes, die über sie hinwegsetzt, bloß 
gestreift. Sie haben sich dem Barte sozusagen entzogen. Man kann 
also nicht sagen, die rechte Hand spiele mit dem Bart oder wühle 
in ihm; nichts anderes ist richtig, als daß der eine Zeigefinger 
über einen Teil des Bartes gelegt ist und eine tiefe Rinne in ihm 
hervorruft. Mit einem Finger auf seinen Bart drücken, ist gewiß 
eine sonderbare und schwer verständliche Geste. 

Der viel bewunderte Bart des Moses läuft von Wangen, Ober- 
lippe und Kinn in einer Anzahl von Strängen herab, die man 
noch in ihrem Verlauf voneinander unterscheiden kann. Einer der 
äußersten rechten Haarsträhne, der von der Wange ausgeht, läuft 
auf den oberen Rand des lastenden Zeigefingers zu, von dem er 
aufgehalten wird. Wir können annehmen, er gleitet zwischen 
diesem und dem verdeckten Daumen weiter herab. Der ihm ent- 
sprechende Strang der linken Seite fließt fast ohne Ablenkung 
bis weit auf die Brust herab. Die dicke Haarmasse nach innen 
von diesem letzteren Strang, von ihm bis zur Mittellinie reichend, 
hat das auffälligste Schicksal erfahren. Sie kann der Wendung des 
Kopfes nach links nicht folgen, sie ist genötigt, einen sich weich 
aufrollenden Bogen, ein Stück einer Guirlande, zu bilden, welche 
die inneren rechten Haarmassen überkreuzt. Sie wird nämlich 

1) Siehe die Beilage. 



. 



44 • .' Sigm. Freud 



von dem Druck des rechten Zeigefingers festgehalten, obwohl sie 
links von der Mittellinie entsprungen ist und eigentlich den 
Hauptanteil der linken Barthälfte darstellt. Der Bart erscheint so 
in seiner Hauptmasse nach rechts geworfen, obwohl der Kopf 
scharf nach links gewendet ist. An der Stelle, wo der rechte Zeige- 
finger sich eindrückt, hat sich etwas wie ein Wirbel von Haaren 
gebildet; hier liegen Stränge von links über solchen von rechts, 
beide durch den gewalttätigen Finger komprimiert. Erst jenseits 
von dieser Stelle brechen die von ihrer Richtung abgelenkten 
Haarmassen frei hervor, um nun senkrecht herabzulaufen, bis ihre 
Enden von der im Schoß ruhenden, geöffneten linken Hand auf- 
genommen werden. 

Ich gebe mich keiner Täuschung über die Einsichtlichkeit 
meiner Beschreibung hin und getraue mich keines Urteils dar- 
über, ob uns der Künstler die Auflösung jenes Knotens im Bart 
wirklich leicht gemacht hat. Aber über diesen Zweifel hinweg 
bleibt die Tatsache bestehen, daß der Druck des Zeigefingers der 
rechten Hand hauptsächlich Haarstränge der linken Barthälfte 
betrifft, und daß durch diese übergreifende Einwirkung der Bart 
zurückgehalten wird, die Wendung des Kopfes und Blickes nach 
der linken Seite mitzumachen. Nun darf man fragen, was diese 
Anordnung bedeuten soll und welchen Motiven sie ihr Dasein 
verdankt. Wenn es wirklich Rücksichten der Linienführung und 
Raumausfüllung waren, die den Künstler dazu bewogen haben, 
die herabwallende Bartmasse des nach links schauenden Moses 
nach rechts herüber zu streichen, wie sonderbar ungeeignet er- 
scheint als Mittel hiefür der Druck des einen Fingers? Und wer, 
der aus irgend einem Grund seinen Bart auf die andere Seite 
gedrängt hat, würde dann darauf verfallen, durch den Druck 
eines Fingers die eine Barthälfte über der anderen zu fixieren? 
Vielleicht aber bedeuten diese im Grunde geringfügigen Züge 
nichts und wir zerbrechen uns den Kopf über Dinge, die dem 
Künstler gleichgültig waren? 



Der Moses des M ichelangelo 45 

Setzen wir unter der Voraussetzung fort, daß auch diese Details 
eine Bedeutung haben. Es gibt dann eine Lösung, welche die 
Schwierigkeiten aufhebt und uns einen neuen Sinn ahnen läßt. 
Wenn an der Figur des Moses die linken Bartstränge unter dem 
Druck des rechten Zeigefingers liegen, so läßt sich dies vielleicht 
als der Rest einer Beziehung zwischen der rechten Hand und 
der linken Barthälfte verstehen, welche in einem früheren Mo- 
mente als dem dargestellten eine weit innigere war. Die rechte 
Hand hatte vielleicht den Bart weit energischer angefaßt, war bis 
zum linken Rand desselben vorgedrungen, und als sie sich in die 
Haltung zurückzog, welche wir jetzt an der Statue sehen, folgte 
ihr ein Teil des Bartes nach und legt nun Zeugnis ab von der 
Bewegung, die hier abgelaufen ist. Die Bartguirlande wäre die Spur 
des von dieser Hand zurückgelegten Weges. 

So hätten wir also eine Rückbewegung der rechten Hand er- 
schlossen. Die eine Annahme nötigt uns andere wie unvermeid- 
lich auf. Unsere Phantasie vervollständigt den Vorgang, von dem 
die durch die Bartspur bezeugte Bewegung ein Stück ist, und 
führt uns zwanglos zur Auffassung zurück, welche den ruhenden 
Moses durch den Lärm des Volkes und den Anblick des goldenen 
Kalbes aufschrecken läßt. Er saß ruhig da, den Kopf mit dem 
herabwallenden Bart nach vorne gerichtet, die Hand hatte wahr- 
scheinlich nichts mit dem Barte zu tun. Da schlägt das Geräusch 
an sein Ohr, er wendet Kopf und Blick nach der Richtung, aus 
der die Störung kommt, erschaut die Szene und versteht sie. Nun 
packen ihn Zorn und Empörung, er möchte aufspringen, die 
Frevler bestrafen, vernichten. Die Wut, die sich von ihrem Ob- 
jekt noch entfernt weiß, richtet sich unterdes als Geste gegen 
<len eigenen Leib. Die ungeduldige, zur Tat bereite Hand greift 
nach vorne in den Bart, welcher der Wendung des Kopfes gefolgt 
war, preßt ihn mit eisernem Griffe zwischen Daumen und Hand- 
fläche mit den zusammenschließenden Fingern, eine Gebärde von 
einer Kraft und Heftigkeit, die an andere Darstellungen Michel- 



^ 



4 6 



Sigm. Freud 



angelos erinnern mag. Dann aber tritt, wir wissen noch nicht 
wie und warum, eine Änderung ein, die vorgestreckte, in den 
Bart versenkte Hand wird eilig zurückgezogen, ihr Griff gibt den 
Bart frei, die Finger lösen sich von ihm, aber so tief waren sie 
in ihn eingegraben, daß sie bei ihrem Rückzug einen mächtigen 
Strang von der linken Seite nach rechts herüberziehen, wo er 
unter dem Druck des einen, längsten und obersten Fingers die 
rechten Bartflechten überlagern muß. Und diese neue Stellung, 
die nur durch die Ableitung aus der ihr vorhergehenden ver- 
ständlich ist, wird jetzt festgehalten. 

Es ist Zeit, uns zu besinnen. Wir haben angenommen, daß die 
rechte Hand zuerst außerhalb des Bartes war, daß sie sich dann 
in einem Moment hoher Affektspannung nach links herüberstreckte 
um den Bart zu packen, und daß sie endlich wieder zurückfuhr, 
wobei sie einen Teil des Bartes mitnahm. Wir haben mit dieser 
rechten Hand geschaltet, als ob wir frei über sie verfügen dürften. 
Aber dürfen wir dies? Ist diese Hand denn frei? Hat sie nicht 
die heiligen Tafeln zu halten oder zu tragen, sind ihr solche mi- 
mische Exkursionen nicht durch ihre wichtige Aufgabe untersagt? 
Und weiter, was soll sie zu der Rückbewegung veranlassen, wenn 
sie einem starken Motiv gefolgt war, um ihre anfängliche Lage 
zu verlassen? 

Das sind nun wirklich neue Schwierigkeiten. Allerdings gehört 
die rechte Hand zu den Tafeln. Wir können hier auch nicht in 
Abrede stellen, daß uns ein Motiv fehlt, welches die rechte Hand 
zu dem erschlossenen Rückzug veranlassen könnte. Aber wie wäre 
es, wenn sich beide Schwierigkeiten miteinander lösen ließen und 
erst dann einen ohne Lücke verständlichen Vorgang ergeben 
würden? Wenn gerade etwas, was an den Tafeln geschieht, uns 
die Bewegungen der Hand aufklärte? 

An diesen Tafeln ist einiges zu bemerken, was bisher der Be- 
obachtung nicht wert gefunden wurde. 1 Man sagte: Die Hand 

1) Siehe das Detail Figur D. 



Der Moses des Michelangelo 47 

stützt sich auf die Tafeln oder: die Hand stützt die Tafeln. Man 
sieht auch ohneweiters die beiden rechteckigen, aneinander gelegten 
Tafeln auf der Kante stehen. Schaut man näher Zu, so findet man, 
daß der untere Rand der Tafeln anders gebildet ist als der obere, 
schräg nach vorne geneigte. Dieser obere ist geradlinig begrenzt, 
der untere aber zeigt in seinem vordem Anteil einen Vorsprung 
wie ein Hörn, und gerade mit diesem Vorsprung berühren die 
Tafeln den Steinsitz. Was kann die Bedeutung dieses Details sein, 
welches übrigens an einem großen Gipsabguß in der Sammlung 
der Wiener Akademie der bildenden Künste ganz unrichtig wieder- 
gegeben ist? Es ist kaum zweifelhaft, daß dieses Hörn den der 
Schrift nach oberen Rand der Tafeln auszeichnen soll. Nur der 
obere Rand solcher rechteckigen Tafeln pflegt abgerundet oder 
ausgeschweift zu sein. Die Tafeln stehen also hier auf dem Kopf. 
Das ist nun eine sonderbare Behandlung so heiliger Gegenstände. 
Sie sind auf den Kopf gestellt und werden fast auf einer Spitze 
balanciert. Welches formale Moment kann bei dieser Gestaltung 
mitwirken? Oder soll auch dieses Detail dem Künstler gleichgültig 
gewesen sein? 

Da stellt sich nun die Auffassung ein, daß auch die Tafeln 
durch eine abgelaufene Bewegung in diese Position gekommen 
sind, daß diese Bewegung abhängig war von der erschlossenen 
Ortsveränderung der rechten Hand, und daß sie dann ihrerseits 
diese Hand zu ihrer späteren Rückbewegung gezwungen hat. Die 
Vorgänge an der Hand und die an den Tafeln setzen sich zu 
folgender Einheit zusammen: Anfänglich, als die Gestalt in Ruhe 
dasaß, trug sie die Tafeln aufrecht unter dem rechten Arm. Die 
rechte Hand faßte deren untere Ränder und fand dabei eine 
Stütze an dem nach vorn gerichteten Vorsprung. Diese Erleichte- 
rung des Tragens erklärt ohneweiters, warum die Tafeln umge- 
kehrt gehalten waren. Dann kam der Moment, in dem die Ruhe 
durch das Geräusch gestört wurde. Moses wendete den Kopf hin, 
und als er die Szene erschaut hatte, machte sich der Fuß zum 



4 8 



Sigm. Freud 



Aufspringen bereit, die Hand ließ ihren Griff an den Tafeln los 
und fuhr nach links und oben in den Bart, wie um ihr Unge- 
stüm am eigenen Leibe zu betätigen. Die Tafeln waren nun dem 
Druck des Armes anvertraut, der sie an die Brustwand pressen 
sollte. Aber diese Fixierung reichte nicht aus, sie begannen nach 
vorn und unten zu gleiten, der früher horizontal gehaltene obere 





Fig. D 



Fig. 1 



Rand richtete sich nach vorn und abwärts, der seiner Stütze be- 
raubte untere Rand näherte sich mit seiner vorderen Spitze dem 
Steinsitz. Einen Augenblick weiter und die Tafeln hätten sich um 
•den neu gefundenen Stützpunkt drehen müssen, mit dem früher 
oberen Rande zuerst den Boden erreichen und an ihm zerschellen. 
Um dies zu verhüten, fährt die rechte Hand zurück, und ent- 
läßt den Bart, von dem ein Teil ohne Absicht mitgezogen wird, 
erreicht noch den Rand der Tafeln und stützt sie nahe ihrer 
hinteren, jetzt zur obersten gewordenen Ecke. So leitet sich das 



Der Moses des Michelangelo 



49 



sonderbar gezwungen scheinende Ensemble von Bart, Hand und 
auf die Spitze gestelltem Tafelpaar aus der einen leidenschaft- 
lichen Bewegung der Hand und deren gut begründeten Folgen 
ab. Will man die Spuren des abgelaufenen Bewegungssturmes 
rückgängig machen, so muß man die vordere obere Ecke der 
Tafeln heben und in die Bildebene zurückschieben, damit die 





Fig. 2 



Fig- 3 



vordere untere Ecke (mit dem Vorsprung) vom Steinsitz entfernen, 
die Hand senken und sie unter den nun horizontal stehenden 
unteren Tafelrand führen. 

Ich habe mir von Künstlerhand drei Zeichnungen machen 
lassen, welche meine Beschreibung verdeutlichen sollen. Die dritte 
derselben gibt die Statue wieder, wie wir sie sehen $ die beiden 
anderen stellen die Vorstadien dar, welche meine Deutung postu- 
liert, die erste das der Ruhe, die zweite das der höchsten Span- 
nung, der Bereitschaft zum Aufspringen, der Abwendung der Hand 

Freud, Dichtung und Kunst + 



5<> 



Sigm. Freud 



von den Tafeln und des beginnenden Herabgleitens derselben. Es 
ist nun bemerkenswert, wie die beiden von meinem Zeichner 
ergänzten Darstellungen die unzutreffenden Beschreibungen früherer 
Autoren zu Ehren bringen. Ein Zeitgenosse Michelangelos, 
Condivi, sagte: „Moses, der Herzog und Kapitän der Hebräer, 
sitzt in der Stellung eines sinnenden Weisen, hält unter dem 
rechten Arm die Gesetzestafeln und stützt mit der linken 
Hand das Kinn (!), wie einer, der müde und voll von Sorgen." 
Das ist nun an der Statue Michelangelos nicht zu sehen, aber 
es deckt sich fast mit der Annahme, welche der ersten Zeichnung 
zugrunde liegt. W. Lübke hatte wie andere Beobachter geschrieben: 
„Erschüttert greift er mit der Rechten in den herrlich herab- 
flutenden Bart ..." Das ist nun unrichtig, wenn man es auf die 
Abbildung der Statue bezieht, trifft aber für unsere zweite Zeich- 
nung zu. Justi und Knapp haben, wie erwähnt, gesehen, daß die 
Tafeln im Herabgleiten sind und in der Gefahr schweben, zu 
zerbrechen. Sie mußten sich von Thode berichtigen lassen, daß 
die Tafeln durch die rechte Hand sicher fixiert seien, aber sie 
hätten recht, wenn sie nicht die Statue, sondern unser mittleres 
Stadium beschreiben würden. Man könnte fast meinen, diese Au- 
toren hätten sich von dem Gesichtsbild der Statue frei gemacht 
und hätten unwissentlich eine Analyse der Bewegungsmotive der- 
selben begonnen, durch welche sie zu denselben Anforderungen 
geführt wurden, wie wir sie bewußter und ausdrücklicher auf- 
gestellt haben. 

III 

Wenn ich nicht irre, wird es uns jetzt gestattet sein, die Früchte 
unserer Bemühung zu ernten. Wir haben gehört, wie vielen, die 
unter dem Eindruck der Statue standen, sich die Deutung auf- 
gedrängt hat, sie stelle Moses dar unter der Einwirkung des An- 
blicks, daß sein Volk abgefallen sei und um ein Götzenbild tanze. 
Aber diese Deutung mußte aufgegeben werden, denn sie fand 
ihre Fortsetzung in der Erwartung, er werde im nächsten Mo- 










Der Moses des Michelangelo 



5* 



ment aufspringen, die Tafeln zertrümmern und das Werk der 
Rache vollbringen. Dies widersprach aber der Bestimmung der 
Statue als Teilstück des Grabdenkmals Julius IL neben drei oder 
fünf anderen sitzenden Figuren. Wir dürfen nun diese verlassene 
Deutung wieder aufnehmen, denn unser Moses wird nicht auf- 
springen und die Tafeln nicht von sich schleudern. Was wir an 
ihm sehen, ist nicht die Einleitung zu einer gewaltsamen Aktion, 
sondern der Rest einer abgelaufenen Bewegung. Er wollte es in 
einem Anfall von Zorn, aufspringen, Rache nehmen, an die Tafeln 
vergessen, aber er hat die Versuchung überwunden, er wird jetzt 
so sitzen bleiben in gebändigter Wut, in mit Verachtung ge- 
mischtem Schmerz. Er wird auch die Tafeln nicht wegwerfen, 
daß sie am Stein zerschellen, denn gerade ihretwegen hat er 
seinen Zorn bezwungen, zu ihrer Rettung seine Leidenschaft 
beherrscht. Als er sich seiner leidenschaftlichen Empörung über- 
ließ, mußte er die Tafeln vernachlässigen, die Hand, die sie 
trug, von ihnen abziehen. Da begannen sie herabzugleiten, ge- 
rieten in Gefahr zu zerbrechen. Das mahnte ihn. Er gedachte 
seiner Mission und verzichtete für sie auf die Befriedigung seines 
Affekts. Seine Hand fuhr zurück und rettete die sinkenden Tafeln, 
noch ehe sie fallen konnten. In dieser Stellung blieb er ver- 
harrend, und so hat ihn Michelangelo als Wächter des Grab- 
mals dargestellt. 

Eine dreifache Schichtung drückt sich in seiner Figur in verti- 
kaler Richtung aus. In den Mienen des Gesichts spiegeln sich die 
Affekte, welche die herrschenden geworden sind, in der Mitte der 
Figur sind die Zeichen der unterdrückten Bewegung sichtbar, der 
Fuß zeigt noch die Stellung der beabsichtigten Aktion, als wäre 
die Beherrschung von oben nach unten vorgeschritten. Der linke 
Arm, von dem noch nicht die Rede war, scheint seinen Anteil 
an unserer Deutung zu fordern. Seine Hand ist mit weicher 
Gebärde in den Schoß gelegt und umfängt wie liebkosend die 
letzten Enden des herabfallenden Bartes. Es macht den Eindruck, 



4' 



52 



Sigm. Freud 



als wollte sie die Gewaltsamkeit aufheben, mit der einen Moment 
vorher die andere Hand den Bart mißhandelt hatte. 

Nun wird man uns aber entgegenhalten: Das ist also doch nicht 
der Moses der Bibel, der wirklich in Zorn geriet und die Tafeln 
hinwarf, daß sie zerbrachen. Das wäre ein ganz anderer Moses 
von der Empfindung des Künstlers, der sich dabei herausgenommen 
hätte den heiligen Text zu emendieren und den Charakter des 
göttlichen Mannes zu verfälschen. Dürfen wir Michelangelo 
diese Freiheit zumuten, die vielleicht nicht weit von einem Frevel 
am Heiligen liegt? 

Die Stelle der Heiligen Schrift, in welcher das Benehmen Moses' 
bei der Szene des goldenen Kalbes berichtet wird, lautet folgen- 
dermaßen (ich bitte um Verzeihung, daß ich mich in anachro- 
nistischer Weise der Übersetzung Luthers bediene): 

(II. B. Kap. 52.) „7) Der Herr sprach aber zu Mose: Geh', 
steig hinab 5 denn dein Volk, das du aus Ägyptenland geführt 
hast, hat's verderbt. 8) Sie sind schnell von dem Wege getreten, 
den ich ihnen geboten habe. Sie haben sich ein gegossen Kalb 
gemacht, und haben's angebetet, und ihm geopfert, und gesagt: 
Das sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägyptenland geführt 
haben. 9) Und der Herr sprach zu Mose: Ich sehe, daß es ein 
halsstarrig Volk ist. 1 o) Und nun laß mich, daß mein Zorn über 
sie ergrimme, und sie vertilge ; so will ich dich zum großen Volk 
machen. 11) Mose aber flehte vor dem Herrn, seinem Gott und 
sprach: Ach, Herr, warum will dein Zorn ergrimmen über dein 
Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand hast aus Ägypten- 
land geführt? . . . 

14) Also gereuete dem Herrn das Übel, das er dräuete 
seinem Volk zu tun. 1 5) Moses wandte sich, und stieg vom Berge, 
und hatte zwo Tafeln des Zeugnisses in seiner Hand, die waren 
geschrieben auf beiden Seiten. 16) Und Gott hatte sie selbst 
gemacht, und selber die Schrift drein gegraben. 17) Da nun Josua 
hörte des Volkes Geschrei, daß sie jauchzeten, sprach er zu Mose: 



Der Moses des Michelangelo 



53 



Es ist ein Geschrei im Lager wie im Streit. 18) Er antwortete: 
Es ist nicht ein Geschrei gegeneinander derer die obsiegen und 
unterliegen, sondern ich höre ein Geschrei eines Siegestanzes. 
19) Als er aber nahe zum Lager kam, und das Kalb und den 
Reigen sah, ergrimmte er mit Zorn, und warf die Tafeln aus 
seiner Hand, und zerbrach sie unten am Berge; 20) und nahm 
das Kalb, das sie gemacht hatten, und zerschmelzte es mit Feuer, 
und zermalmte es mit Pulver, und stäubte es aufs Wasser, und 
gab's den Kindern Israels zu trinken; . . . 

. . . 50) Des Morgens sprach Mose zum Volk: Ihr habt eine 
große Sünde getan; nun will ich hinaufsteigen zu dem Herrn, 
ob ich vielleicht eure Sünde versöhnen möge. 31) Als nun Mose 
wieder zum Herrn kam, sprach er: Ach, das Volk hat eine große 
Sünde getan, und haben sich güldene Götter gemacht. 32) Nun 
vergib ihnen ihre Sünde; wo nicht, so tilge mich auch aus deinem 
Buch, das du geschrieben hast. 33) Der Herr sprach zu Mose: 
Was? Ich will den aus meinem Buch tilgen, der an mir sündiget. 

34) So gehe nun hin und führe das Volk, dahin ich dir gesagt 
habe. Siehe, mein Engel soll vor dir hergehen. Ich werde ihre 
Sünde wohl heimsuchen, wenn meine Zeit kommt heimzusuchen. 

35) Also strafte der Herr das Volk, daß sie das Kalb hatten ge- 
macht, welches Aaron gemacht hatte." 

Unter dem Einfluß der modernen Bibelkritik wird es uns un- 
möglich, diese Stelle zu lesen, ohne in ihr die Anzeichen unge- 
schickter Zusammensetzung aus mehreren Quellberichten zu finden. 
In Vers 8 teilt der Herr selbst Moses mit, daß das Volk abge- 
fallen sei und sich ein Götzenbild gemacht habe. Moses bittet für 
die Sünder. Doch benimmt er sich in Vers 18 gegen Josua, als 
wüßte er es nicht, und wallt im plötzlichen Zorn auf (Vers 19), 
wie er die Szene des Götzendienstes erblickt. In Vers 14 hat er 
die Verzeihung Gottes für sein sündiges Volk bereits erlangt, doch 
begibt er sich Vers 3 1 ff. wieder auf den Berg, um diese Ver- 
zeihung zu erflehen, berichtet dem Herrn von dem Abfall des 



54 



Sigm. Freud 



Volkes und erhält die Versicherung des Strafaufschubes. Vers 35 
bezieht sich auf eine Bestrafung des Volkes durch Gott, von der 
nichts mitgeteilt wird, während in den Versen zwischen 20 und 50 
das Strafgericht, das Moses selbst vollzogen hat, geschildert wurde. 
Es ist bekannt, daß die historischen Partien des Buches, welches 
vom Auszug handelt, von noch auffälligeren Inkongruenzen und 
Widersprüchen durchsetzt sind. 

Für die Menschen der Renaissance gab es solche kritische Ein- 
stellung zum Bibeltexte natürlich nicht, sie mußten den Bericht 
als einen zusammenhängenden auffassen und fanden dann wohl, 
daß er der darstellenden Kunst keine gute Anknüpfung bot. Der 
Moses der Bibelstelle war von dem Götzendienst des Volkes bereits 
unterrichtet worden, hatte sich auf die Seite der Milde und Ver- 
zeihung gestellt und erlag dann doch einem plötzlichen Wutanfall, 
als er des goldenen Kalbes und der tanzenden Menge ansichtig 
wurde. Es wäre also nicht zu verwundern, wenn der Künstler, 
der die Reaktion des Helden auf diese schmerzliche Überraschung 
darstellen wollte, sich aus inneren Motiven von dem Bibeltext 
unabhängig gemacht hätte. Auch war solche Abweichung vom 
Wortlaut der Heiligen Schrift aus geringeren Motiven keineswegs 
ungewöhnlich oder dem Künstler versagt. Ein berühmtes Gemälde 
des Parmigiano in seiner Vaterstadt zeigt uns den Moses, wie 
er auf der Höhe eines Berges sitzend die Tafeln zu Boden schleu- 
dert, obwohl der Bibel vers ausdrücklich besagt: er zerbrach sie 
am Fuße des Berges. Schon die Darstellung eines sitzenden Moses 
findet keinen Anhalt am Bibeltext und scheint eher jenen Beur- 
teilern recht zu geben, welche annahmen, daß die Statue Michel- 
angelos kein bestimmtes Moment aus dem Leben des Helden 
festzuhalten beabsichtige. 

Wichtiger als die Untreue gegen den heiligen Text ist wohl 
die Umwandlung, die Michelangelo nach unserer Deutung mit 
dem Charakter des Moses vorgenommen hat. Der Mann Moses 
war nach den Zeugnissen der Tradition jähzornig und Aufwallungen 



Der Moses des Michelangelo 55 

von Leidenschaft unterworfen. In einem solchen Anfalle von hei- 
ligem Zorne hatte er den Ägypter erschlagen, der einen Israeliten 
mißhandelte, und mußte deshalb aus dem Lande in die Wüste 
fliehen. In einem ähnlichen Affektausbruch zerschmetterte er die 
beiden Tafeln, die Gott selbst beschrieben hatte. Wenn die Tra- 
dition solche Charakterzüge berichtet, ist sie wohl tendenzlos und 
hat den Eindruck einer großen Persönlichkeit, die einmal gelebt 
hat, erhalten. Aber Michelangelo hat an das Grabdenkmal des 
Papstes einen anderen Moses hingesetzt, welcher dem historischen 
oder traditionellen Moses überlegen ist. Er hat das Motiv der 
zerbrochenen Gesetzestafeln umgearbeitet, er läßt sie nicht durch 
den Zorn Moses' zerbrechen, sondern diesen Zorn durch die 
Drohung, daß sie zerbrechen könnten, beschwichtigen oder wenig- 
stens auf dem Wege zur Handlung hemmen. Damit hat er etwas 
Neues, Übermenschliches in die Figur des Moses gelegt, und die 
gewaltige Körpermasse und kraftstrotzende Muskulatur der Gestalt 
wird nur zum leiblichen Ausdrucksmittel für die höchste psychi- 
sche Leistung, die einem Menschen möglich ist, für das Nieder- 
ringen der eigenen Leidenschaft zugunsten und im Auftrage einer 
Bestimmung, der man sich geweiht hat. 

Hier darf die Deutung der Statue Michelangelos ihr Ende 
erreichen. Man kann noch die Frage auf werfen, welche Motive 
in dem Künstler tätig waren, als er den Moses, und zwar einen 
so umgewandelten Moses, für das Grabdenkmal des Papstes Julius II. 
bestimmte. Von vielen Seiten wurde übereinstimmend darauf hin- 
gewiesen, daß diese Motive in dem Charakter des Papstes und im 
Verhältnis des Künstlers zu ihm zu suchen seien. Julius II. war 
Michelangelo darin verwandt, daß er Großes und Gewaltiges 
zu verwirklichen suchte, vor allem das Große der Dimension. Er 
war ein Mann der Tat, sein Ziel war angebbar, er strebte nach 
der Einigung Italiens unter der Herrschaft des Papsttums. Was 
erst mehrere Jahrhunderte später einem Zusammenwirken von 
anderen Mächten gelingen sollte, das wollte er allein erreichen, 



M& 



-g Sigm. Freud 

ein Einzelner in der kurzen Spanne Zeit und Herrschaft, die ihm 
gegönnt war, ungeduldig mit gewalttätigen Mitteln. Er wußte 
Michelangelo als seinesgleichen zu schätzen, aber er ließ ihn 
oft leiden unter seinem Jähzorn und seiner Rücksichtslosigkeit. 
Der Künstler war sich der gleichen Heftigkeit des Strebens be- 
wußt und mag als tiefer blickender Grübler die Erfolglosigkeit 
geahnt haben, zu der sie beide verurteilt waren. So brachte er 
seinen Moses an dem Denkmal des Papstes an, nicht ohne Vor- 
wurf gegen den Verstorbenen, zur Mahnung für sich selbst, sich 
mit dieser Kritik über die eigene Natur erhebend. 

IV 

Im Jahre 1865 hat ein Engländer W. Watkiss Lloyd dem 
Moses von Michelangelo ein kleines Büchlein gewidmet. 1 Als 
es mir gelang, dieser Schrift von 46 Seiten habhaft zu werden, 
nahm ich ihren Inhalt mit gemischten Empfindungen zur Kenntnis. 
Es war eine Gelegenheit, wieder an der eigenen Person zu er- 
fahren, was für unwürdige infantile Motive zu unserer Arbeit 
im Dienste einer großen Sache beizutragen pflegen. Ich bedauerte, 
daß Lloyd so vieles vorweg genommen hatte, was mir als Ergebnis 
meiner eigenen Bemühung wertvoll war, und erst in zweiter Instanz 
konnte ich mich über die unerwartete Bestätigung freuen. An einem 
entscheidenden Punkte trennen sich allerdings unsere Wege. 

Lloyd hat zuerst bemerkt, daß die gewöhnlichen Beschrei- 
bungen der Figur unrichtig sind, daß Moses nicht im Begriffe 
ist, aufzustehen, 3 daß die rechte Hand nicht in den Bart greift, 
daß nur deren Zeigefinger noch auf dem Barte ruht. 3 Er hat auch, 



1) W. Watkiss Lloyd, The Moses of Michelangelo. London, Williams and 

Norgate, 1865. 

2) But he is not rising or preparing to rise; the bust is fully upright, not thrown for- 
ward for the alteration of balance preparatory for such a movement . . . \p. 10). 

3) Such a description is altogether erroneous; the fillets of the beard are detamed by the 
right hand, but they are not held, nor grasped, enclosed or taken hold of. Thty are even 
detained but momentarily — momentarily engaged, they are on the point of being free for 
disengagement (p. 11). 



Der Moses des Michelangelo 57 



was -weit mehr besagen will, eingesehen, daß die dargestellte 
Haltung der Gestalt nur durch die Rückbeziehung auf einen 
früheren, nicht dargestellten, Moment aufgeklärt werden kann, 
und daß das Herüberziehen der linken Bartstränge nach rechts 
andeuten solle, die rechte Hand und die linke Hälfte des Bartes 
seien vorher in inniger, natürlich vermittelter Beziehung gewesen. 
Aber er schlägt einen anderen Weg ein, um diese mit Notwen- 
digkeit erschlossene Nachbarschaft wieder herzustellen, er läßt 
nicht die Hand in den Bart gefahren, sondern den Bart bei der 
Hand gewesen sein. Er erklärt, man müsse sich vorstellen, „der 
Kopf der Statue sei einen Moment vor der plötzlichen Störung 
voll nach rechts gewendet gewesen über der Hand, welche da- 
mals wie jetzt die Gesetztafeln hält". Der Druck auf die Hohl- 
hand (durch die Tafeln) läßt deren Finger sich natürlich unter 
den herabwallenden Locken öffnen, und die plötzliche Wendung 
des Kopfes nach der anderen Seite hat zur Folge, daß ein Teil 
der Haarstränge für einen Augenblick von der nicht bewegten 
Hand zurückgehalten wird und jene Haarguirlande bildet, die als 
Wegspur („wake") verstanden werden soll. 

Von der anderen Möglichkeit einer früheren Annäherung von 
rechter Hand und linker Barthälfte läßt sich Lloyd durch eine 
Erwägung zurückhalten, welche beweist, wie nahe er an unserer 
Deutung vorbeigegangen ist. Es sei nicht möglich, daß der Pro- 
phet, selbst nicht in höchster Erregung, die Hand vorgestreckt 
haben könne, um seinen Bart so beiseite zu ziehen. In dem 
Falle wäre die Haltung der Finger eine ganz andere geworden, 
und überdies hätten infolge dieser Bewegung die Tafeln herab- 
fallen müssen, welche nur vom Druck der rechten Hand gehalten 
werden, es sei denn, man mute der Gestalt, um die Tafeln 
auch dann noch zu erhalten, eine sehr ungeschickte Bewegung 
zu, deren Vorstellung eigentlich eine Entwürdigung enthalte. 
(„Unlses clutched by a gesture so awkward, that to imagine it ü 
prqfanation") 



^8 Sigm. Freud 



Es ist leicht zu sehen, worin die Versäumnis des Autors liegt. 
Er hat die Auffälligkeiten des Bartes richtig als Anzeichen einer 
abgelaufenen Bewegung gedeutet, es aber dann unterlassen, den- 
selben Schluß auf die nicht weniger gezwungenen Einzelheiten 
in der Stellung der Tafeln anzuwenden. Er verwertet nur die 
Anzeichen vom Bart, nicht auch die von den Tafeln, deren Stel- 
lung er als die ursprüngliche hinnimmt. So verlegt er sich den 
Weg zu einer Auffassung wie die unsrige, welche durch die Wer- 
tung gewisser unscheinbarer Details zu einer überraschenden Deu- 
tung der ganzen Figur und ihrer Absichten gelangt. 

Wie nun aber, wenn wir uns beide auf einem Irrwege be- 
fänden? Wenn wir Einzelheiten schwer und bedeutungsvoll auf- 
nehmen würden, die dem Künstler gleichgültig waren, die er 
rein willkürlich oder auf gewisse formale Anlässe hin nur eben 
-so gestaltet hätte, wie sie sind, ohne etwas Geheimes in sie hinein- 
zulegen? Wenn wir dem Los so vieler Interpreten verfallen wären, 
die deutlich zu sehen glauben, was der Künstler weder bewußt 
noch unbewußt schaffen gewollt hat? Darüber kann ich nicht 
■entscheiden. Ich weiß nicht zu sagen, ob es angeht, einem Künstler 
wie Michelangelo, in dessen Werken soviel Gedankeninhalt nach 
Ausdruck ringt, eine solche naive Unbestimmtheit zuzutrauen, und 
ob dies gerade für die auffälligen und sonderbaren Züge der 
Mosesstatue annehmbar ist. Endlich darf man noch in aller 
Schüchternheit hinzufügen, daß sich in die Verschuldung dieser 
Unsicherheit der Künstler mit dem Interpreten zu teilen habe. 
Michelangelo ist oft genug in seinen Schöpfungen bis an die 
äußerste Grenze dessen, was die Kunst ausdrücken kann, gegangen; 
vielleicht ist es ihm auch beim Moses nicht völlig geglückt, wenn 
•es seine Absicht war, den Sturm heftiger Erregung aus den An- 
zeichen erraten zu lassen, die nach seinem Ablauf in der Ruhe 
zurückblieben. 



EINIGE CHARAKTERTYPEN 
AUS DER PSYCHOANALYTISCHEN ARBEIT 

Zuerst erschienen in „Imago", IV (ipif/16), 
dann in der Vierten Folge der „Sammlung kleiner 
Schriften zur Neurosenlehre". 

Wenn der Arzt die psychoanalytische Behandlung eines Nervösen 
durchführt, so ist sein Interesse keineswegs in erster Linie auf 
dessen Charakter gerichtet. Er möchte viel eher wissen, was 
seine Symptome bedeuten, welche Triebregungen sich hinter 
ihnen verbergen und durch sie befriedigen, und über welche 
Stationen der geheimnisvolle Weg von jenen Triebwünschen zu 
diesen Symptomen geführt hat. Aber die Technik, der er folgen 
muß, nötigt den Arzt bald, seine Wißbegierde vorerst auf andere 
Objekte zu richten. Er bemerkt, daß seine Forschung durch 
Widerstände bedroht wird, die ihm der Kranke entgegensetzt, 
und darf diese Widerstände dem Charakter des Kranken zu- 
rechnen. Nun hat dieser Charakter den ersten Anspruch an sein 
Interesse. 

Was sich der Bemühung des Arztes widersetzt, sind nicht immer 
die Charakterzüge, zu denen sich der Kranke bekennt, und die 
ihm von seiner Umgebung zugesprochen werden. Oft zeigen sich 
Eigenschaften des Kranken bis zu ungeahnten Intensitäten ge- 
steigert, von denen er nur ein bescheidenes Maß zu besitzen 
schien, oder es kommen Einstellungen bei ihm zum Vorschein, 



g Sigm. Freud 



die sich in anderen Beziehungen des Lebens nicht verraten hatten. 
Mit der Beschreibung und Zurückführung einiger von diesen über- 
raschenden Charakterzügen werden sich die nachstehenden Zeilen 
beschäftigen. 

I 

Die Ausnahmen 

Die psychoanalytische Arbeit sieht sich immer wieder vor die 
Aufgabe gestellt, den Kranken zum Verzicht auf einen nahe- 
hegenden und unmittelbaren Lustgewinn zu bewegen. Er soll 
nicht auf Lust überhaupt verzichten; das kann man vielleicht 
keinem Menschen zumuten, und selbst die Religion muß ihre 
Forderung, irdische Lust fahren zu lassen, mit dem Versprechen 
begründen, dafür ein ungleich höheres Maß von wertvollerer Lust 
in einem Jenseits zu gewähren. Nein, der Kranke soll bloß auf 
solche Befriedigungen verzichten, denen eine Schädigung unfehl- 
bar nachfolgt, er soll bloß zeitweilig entbehren, nur den unmittel- 
baren Lustgewinn gegen einen besser gesicherten, wenn auch auf- 
geschobenen, eintauschen lernen. Oder mit anderen Worten, er 
soll unter der ärztlichen Leitung jenen Fortschritt vom Lust- 
prinzip zum Realitätsprinzip machen, durch welchen sich der 
reife Mann vom Kinde scheidet. Bei diesem Erziehungswerk spielt 
die bessere Einsicht des Arztes kaum eine entscheidende Rolle; 
er weiß ja in der Regel dem Kranken nichts anderes zu sagen, 
als was diesem sein eigener Verstand sagen kann. Aber es ist nicht 
dasselbe, etwas bei sich zu wissen und dasselbe von anderer 
Seite zu hören; der Arzt übernimmt die Rolle dieses wirksamen 
anderen; er bedient sich des Einflusses, den ein Mensch auf den 
anderen ausübt. Oder: erinnern wir uns daran, daß es in der 
Psychoanalyse üblich ist, das Ursprüngliche und Wurzelhafte an 
Stelle des Abgeleiteten und Gemilderten einzusetzen, und sagen 
wir, der Arzt bedient sich bei seinem Erziehungswerk irgend 
einer Komponente der Liebe. Er wiederholt bei solcher Nach- 



__ 



Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit 



61 



erziehung wahrscheinlich nur den Vorgang, der überhaupt die 
erste Erziehung ermöglicht hat. Neben der Lebensnot ist die 
Liebe die große Erzieherin, und der unfertige Mensch wird 
durch die Liebe der ihm Nächsten dazu bewogen, auf die Ge- 
bote der Not zu achten und sich die Strafen für deren Über- 
tretung zu ersparen. 

Fordert man so von den Kranken einen vorläufigen Verzicht 
auf irgend eine -Lustbefriedigung, ein Opfer, eine Bereitwilligkeit, 
zeitweilig für ein besseres Ende Leiden auf sich zu nehmen, oder 
auch nur den Entschluß, sich einer für alle geltenden Notwendig- 
keit zu unterwerfen, so stößt man auf einzelne Personen, die sich 
mit einer besonderen Motivierung gegen solche Zumutung sträuben. 
Sie sagen, sie haben genug gelitten und entbehrt, sie haben An- 
spruch darauf, von weiteren Anforderungen verschont zu werden, 
sie unterwerfen sich keiner unliebsamen Notwendigkeit mehr, denn 
sie seien Ausnahmen und gedenken es auch zu bleiben. Bei 
einem Kranken solcher Art war dieser Anspruch zu der Über- 
zeugung gesteigert, daß eine besondere Vorsehung über ihn wache, 
die ihn vor derartigen schmerzlichen Opfern bewahren werde. 
Gegen innere Sicherheiten, die sich mit solcher Stärke äußern, 
richten die Argumente des Arztes nichts aus, aber auch sein 
Einfluß versagt zunächst, und er wird darauf hingewiesen, den 
Quellen nachzuspüren, aus welchen das schädliche Vorurteil ge- 
speist wird. 

Nun ist es wohl unzweifelhaft, daß ein jeder sich für eine 
„Ausnahme" ausgeben und Vorrechte vor den anderen bean- 
spruchen möchte. Aber gerade darum bedarf es "einer besonderen 
und nicht überall vorfindlichen Begründung, wenn er sich wirklich 
als Ausnahme verkündet und benimmt. Es mag mehr als nur 
eine solche Begründung geben ; in den von mir untersuchten Fällen 
gelang es, eine gemeinsame Eigentümlichkeit der Kranken in deren 
früheren Lebensschicksalen nachzuweisen: Ihre Neurose 
knüpfte an ein Erlebnis oder an ein Leiden an, das sie in den 



6 a Sigm. Freud 



ersten Kinderzeiten betroffen hatte, an dem sie sich unschuldig 
wußten, und das sie als eine ungerechte Benachteiligung ihrer 
Person bewerten konnten. Die Vorrechte, die sie aus diesem Un- 
recht ableiteten, und die Unbotmäßigkeit, die sich daraus ergab, 
hatten nicht wenig dazu beigetragen, um die Konflikte, die später 
zum Ausbruch der Neurose führten, zu verschärfen. Bei einer 
dieser Patientinnen wurde die besprochene Einstellung zum Leben 
vollzogen, als sie erfuhr, daß ein schmerzhaftes organisches Leiden, 
welches sie an der Erreichung ihrer Lebensziele gehindert hatte, 
kongenitalen Ursprungs war. Solange sie dieses Leiden für eine 
zufällige spätere Erwerbung hielt, ertrug sie es geduldig; von 
ihrer Aufklärung an, es sei ein Stück mitgebrachter Erbschaft, 
wurde sie rebellisch. Der junge Mann, der sich von einer be- 
sonderen Vorsehung bewacht glaubte, war als Säugling das Opfer 
einer zufälligen Infektion durch seine Amme geworden und hatte 
sein ganzes späteres Leben von seinen Entschädigungsansprüchen 
wie von einer Unfallsrente gezehrt, ohne zu ahnen, worauf er 
seine Ansprüche gründete. In seinem Falle wurde die Analyse, 
welche dieses Ergebnis aus dunklen Erinnerungsresten und Symptom- 
deutungen konstruierte, durch Mitteilungen der Familie objektiv 
bestätigt. 

Aus leicht verständlichen Gründen kann ich von diesen und 
anderen Krankengeschichten ein mehreres nicht mitteilen. Ich 
will auch auf die naheliegende Analogie mit der Charakter- 
verbildung nach langer Kränklichkeit der Kinderjahre und im 
Benehmen ganzer Völker mit leidenschwerer Vergangenheit nicht 
eingehen. Dagegen werde ich es mir nicht versagen, auf jene 
von dem größten Dichter geschaffene Gestalt hinzuweisen, in 
deren Charakter der Ausnahmsanspruch mit dem Momente der 
kongenitalen Benachteiligung so innig verknüpft und durch dieses 
motiviert ist. 

Im einleitenden Monolog zu Shakespeares Richard III. sagt 
Gloster, der spätere König: 



Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit 



65 



Doch ich, zu Possenspielen nicht gemacht, 

Noch um zu buhlen mit verliebten Spiegeln; 

Ich, roh geprägt, entblößt von Liebes-Majestät 

Vor leicht sich dreh'nden Nymphen sich zu brüsten; 

Ich, um dies schöne Ebenmaß verkürzt, 

Von der Natur um Bildung falsch betrogen, 

Entstellt, verwahrlost, vor der Zeit gesandt 

In diese Welt des Atmens, halb kaum fertig 

Gemacht, und zwar so lahm und ungeziemend, 

Daß Hunde bellen, hink' ich wo vorbei; 



Und darum, weil ich nicht als ein Verliebter 
Kann kürzen diese fein beredten Tage, 
Bin ich gewillt ein Bösewicht zu werden 
Und Feind den eitlen Freuden dieser Tage. 

Unser erster Eindruck von dieser Programmrede wird vielleicht 
die Beziehung zu unserem Thema vermissen. Richard scheint 
nichts anderes zu sagen als: Ich langweile mich in dieser müßigen 
Zeit und ich will mich amüsieren. Weil ich aber wegen meiner 
Mißgestalt mich nicht als Liebender unterhalten kann, werde ich 
den Bösewicht spielen, intrigieren, morden, und was mir sonst 
gefällt. Eine so frivole Motivierung müßte jede Spur von Anteil- 
nahme beim Zuschauer ersticken, wenn sich nichts Ernsteres hinter 
ihr verbärge. Dann wäre aber auch das Stück psychologisch un- 
möglich, denn der Dichter muß bei uns einen geheimen Hinter- 
grund von Sympathie für seinen Helden zu schaffen verstehen, 
wenn wir die Bewunderung für seine Kühnheit und Geschick- 
lichkeit ohne inneren Einspruch verspüren sollen, und solche 
Sympathie kann nur im Verständnis, im Gefühle einer möglichen 
inneren Gemeinschaft mit ihm, begründet sein. 

Ich meine darum, der Monolog Richards sagt nicht alles; er 
deutet bloß an und überläßt es uns, das Angedeutete auszuführen. 
Wenn wir aber diese Vervollständigung vornehmen, dann schwindet 
der Anschein von Frivolität, dann kommt die Bitterkeit und Aus- 
führlichkeit, mit der Richard seine Mißgestalt geschildert hat, zu 



64 Sigm. Freud 



ihrem Rechte, und uns wird die Gemeinsamkeit klar gemacht, 
die unsere Sympathie auch für den Bösewicht erzwingt. Es heißt 
dann: Die Natur hat ein schweres Unrecht an mir begangen, 
indem sie mir die Wohlgestalt versagt hat, welche die Liebe der 
Menschen gewinnt. Das Leben ist mir eine Entschädigung dafür 
schuldig, die ich mir holen werde. Ich habe den Anspruch darauf, 
eine Ausnahme zu sein, mich über die Bedenken hinwegzusetzen, 
durch die sich andere hindern lassen. Ich darf selbst Unrecht tun, 
denn an mir ist Unrecht geschehen, — und nun fühlen wir, daß 
wir selbst so werden könnten wie Richard, ja daß wir es im 
kleinen Maßstabe bereits sind. Richard ist eine gigantische Ver- 
größerung dieser einen Seite, die wir auch in uns finden. Wir 
glauben alle Grund zu haben, daß wir mit Natur und Schicksal 
wegen kongenitaler und infantiler Benachteiligung grollen 5 wir 
fordern alle Entschädigung für frühzeitige Kränkungen unseres 
Narzißmus, unserer Eigenliebe. Warum hat uns die Natur nicht 
die goldenen Locken Balders geschenkt oder die Stärke Siegfrieds 
oder die hohe Stirne des Genies, den edlen Gesichtsschnitt des 
Aristokraten? Warum sind wir in der Bürgerstube geboren anstatt 
im Königsschloß? Wir würden es ebenso gut treffen, schön und 
vornehm zu sein wie alle, die wir jetzt darum beneiden müssen. 

Es ist aber eine feine ökonomische Kunst des Dichters, daß er 
seinen Helden nicht alle Geheimnisse seiner Motivierung laut und 
restlos aussprechen läßt. Dadurch nötigt er uns, sie zu ergänzen, 
beschäftigt unsere geistige Tätigkeit, lenkt sie vom kritischen Denken 
ab und hält uns in der Identifizierung mit dem Helden fest. Ein 
Stümper an seiner Stelle würde alles, was er uns mitteilen will, 
in bewußten Ausdruck fassen und fände sich dann unserer kühlen, 
frei beweglichen Intelligenz gegenüber, die eine Vertiefung der 
Illusion unmöglich macht. 

Wir wollen aber die „Ausnahmen" nicht verlassen, ohne zu 
bedenken, daß der Anspruch der Frauen auf Vorrechte und Be- 
freiung von soviel Nötigungen des Lebens auf demselben Grunde 



. 



Einige Charaktertypen aus der psy choanalytischen Arbeit 65 

ruht. Wie wir aus der psychoanalytischen Arbeit erfahren, be- 
trachten sich die Frauen als infantil geschädigt, ohne ihre Schuld 
um ein Stück verkürzt und zurückgesetzt, und die Erbitterung 
so mancher Tochter gegen ihre Mutter hat zur letzten Wurzel 
den Vorwurf, daß sie sie als Weib anstatt als Mann zur Welt 
gebracht hat. 

II 
Die am Erfolge scheitern 

Die psychoanalytische Arbeit hat uns den Satz geschenkt: Die 
Menschen erkranken neurotisch infolge der Versagung. Die 
Versagung der Befriedigung für ihre libidinösen Wünsche ist 
gemeint, und ein längerer Umweg ist nötig, um den Satz zu 
verstehen. Denn zur Entstehung der Neurose bedarf es eines Kon- 
flikts zwischen den libidinösen Wünschen eines Menschen und 
jenem Anteil seines Wesens, den wir sein Ich heißen, der Aus- 
druck seiner Selbsterhaltungstriebe ist und seine Ideale von seinem 
eigenen Wesen einschließt. Ein solcher pathogener Konflikt kommt 
nur dann zustande, wenn sich die Libido auf Wege und Ziele 
werfen will, die vom Ich längst überwunden und geächtet sind, 
die es also auch für alle Zukunft verboten hat, und das tut die 
Libido erst dann, wenn ihr die Möglichkeit einer ichgerechten 
idealen Befriedigung benommen ist. Somit wird die Entbehrung, 
die Versagung einer realen Befriedigung, die erste Bedingung 
für die Entstehung der Neurose, wenn auch lange nicht die 
einzige. 

Um so mehr muß es überraschend, ja verwirrend wirken, wenn 
man als Arzt die Erfahrung macht, daß Menschen gelegentlich 
gerade dann erkranken, wenn ihnen ein tief begründeter und 
lange gehegter Wunsch in Erfüllung gegangen ist. Es sieht dann 
so aus, als ob sie ihr Glück nicht vertragen würden, denn an 
dem ursächlichen Zusammenhange zwischen dem Erfolge und der 

Freud, Dichtung und Kunst 5 



66 Sigm. Freud 



Erkrankung kann man nicht zweifeln. So hatte ich Gelegenheit, 
in das Schicksal einer Frau Einsicht zu nehmen, das ich als vor- 
bildlich für solche tragische Wendungen beschreiben will. 

Von guter Herkunft und wohlerzogen, konnte sie als ganz 
junges Mädchen ihre Lebenslust nicht zügeln, riß sich vom Eltern- 
hause los und trieb sich abenteuernd in der Welt herum, bis sie 
die Bekanntschaft eines Künstlers machte, der ihren weiblichen 
Reiz zu schätzen wußte, aber auch die feinere Anlage an der 
Herabgewürdigten zu ahnen verstand. Er nahm sie in sein Haus 
und gewann an ihr eine treue Lebensgefährtin, der zum vollen 
Glück nur die bürgerliche Rehabilitierung zu fehlen schien. Nach 
jahrelangem Zusammenleben setzte er es durch, daß seine Familie 
sich mit ihr befreundete und war nun bereit, sie zu seiner Frau 
vor dem Gesetze zu machen. In diesem Moment begann sie zu 
versagen. Sie vernachlässigte das Haus, dessen rechtmäßige Herrin 
sie nun werden sollte, hielt sich für verfolgt von den Verwandten 
die sie in die Familie aufnehmen wollten, sperrte dem Manne 
durch sinnlose Eifersucht jeden Verkehr, hinderte ihn an seiner 
künstlerischen Arbeit und verfiel bald in unheilbare seelische 
Erkrankung. 

Eine andere Beobachtung zeigte mir einen höchst respektablen 
Mann, der, selbst akademischer Lehrer, durch viele Jahre den 
begreiflichen Wunsch genährt hatte, der Nachfolger seines Meisters 
zu werden, der ihn selbst in die Wissenschaft eingeführt hatte. 
Als nach dem Rücktritte jenes Alten die Kollegen ihm mitteilten, 
daß kein anderer als er zu dessen Nachfolger ausersehen sei, be- 
gann er zaghaft zu werden, verkleinerte seine Verdienste, erklärte 
sich für unwürdig, die ihm zugedachte Stellung auszufüllen, und 
verfiel in eine Melancholie, die ihn für die nächsten Jahre von 
jeder Tätigkeit ausschaltete. 

So verschieden diese beiden Fälle sonst sind, so treffen sie doch 
in dem einen zusammen, daß die Erkrankung auf die Wunsch- 
erfüllung hin auftritt und den Genuß derselben zunichte macht. 



Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit 



67 



Der Widerspruch zwischen solchen Erfahrungen und dem Satze, 
der Mensch erkranke an Versagung, ist nicht unlösbar. Die Unter- 
scheidung einer äußerlichen von einer inneren Versagung hebt 
ihn auf. Wenn in der Realität das Objekt weggefallen ist, an 
dem die Libido ihre Befriedigung finden kann, so ist dies eine 
äußerliche Versagung. Sie ist an sich Avirkungslos, noch nicht 
pathogen, solange sich nicht eine innere Versagung zu ihr gesellt. 
Diese muß vom Ich ausgehen und der Libido andere Objekte 
streitig machen, deren sie sich nun bemächtigen will. Erst dann 
entsteht ein Konflikt und die Möglichkeit einer neurotischen Er- 
krankung, d. h. einer Ersatzbefriedigung auf dem Umwege über 
das verdrängte Unbewußte. Die innere Versagung kommt also 
in allen Fällen in Betracht, nur tritt sie nicht eher in Wirkung, 
als bis die äußerliche reale Versagung die Situation für sie vor- 
bereitet hat. In den Ausnahmsfällen, wenn die Menschen am 
Erfolge erkranken, hat die innere Versagung für sich allein ge- 
wirkt, ja sie ist erst hervorgetreten, nachdem die äußerliche Ver- 
sagung der Wunscherfüllung Platz gemacht hat. Daran bleibt 
etwas für den ersten Anschein Auffälliges, aber bei näherer Er- 
wägung besinnen wir uns doch, es sei gar nicht ungewöhnlich, 
daß das Ich einen Wunsch als harmlos toleriert, solange er ein 
Dasein als Phantasie führt und ferne von der Erfüllung scheint, 
während es sich scharf gegen ihn zur Wehr setzt, sobald er sich 
der Erfüllung nähert und Realität zu werden droht. Der Unter- 
schied, gegen wohlbekannte Situationen der Neurosenbildung liegt 
nur darin, daß sonst innerliche Steigerungen der Libidobesetzung 
die bisher geringgeschätzte und geduldete Phantasie zum gefürch- 
teten Gegner machen, während in unseren Fällen das Signal 
zum Ausbruch des Konflikts durch eine reale äußere Wandlung 
gegeben wird. 

Die analytische Arbeit zeigt uns leicht, daß es Gewissens- 
mächte sind, welche der Person verbieten, aus der glücklichen 
realen Veränderung den lange erhofften Gewinn zu ziehen. Eine 

5* 



68 



Sigm. Freud 



schwierige Aufgabe aber ist es, Wesen und Herkunft dieser rich- 
tenden und strafenden Tendenzen zu erkunden, die uns durch 
ihre Existenz oft dort überraschen, wo wir sie zu finden nicht 
erwarteten. Was wir darüber wissen oder vermuten, will ich aus 
den bekannten Gründen nicht an Fällen der ärztlichen Beobach- 
tung, sondern an Gestalten erörtern, die große Dichter aus der 
Fülle ihrer Seelenkenntnis erschaffen haben. 

Eine Person, die nach erreichtem Erfolge zusammenbricht, nach- 
dem sie mit unbeirrter Energie um ihn gerungen hat, ist Shake- 
speares Lady Macbeth. Es ist vorher kein Schwanken und kein 
Anzeichen eines inneren Kampfes in ihr, kein anderes Streben, 
als die Bedenken ihres ehrgeizigen und doch mildfühlenden Mannes 
zu besiegen. Dem Mordvorsatz will sie selbst ihre Weiblichkeit 
opfern, ohne zu erwägen, welche entscheidende Rolle dieser Weib- 
lichkeit zufallen muß, wenn es dann gelten soll, das durch Ver- 
brechen erreichte Ziel ihres Ehrgeizes zu behaupten. 

(Akt I, Szene 5): 

„Kommt, ihr Geister, 
Die ihr auf Mordgedanken lauscht, entweiht mich. 

— An meine Brüste, 

Ihr Mordhelfer! Saugt mir Milch zu Galle!" 

(Akt I, Szene 7): 

„Ich gah die Brust und weiß, 
Wie zärtlich man das Kind liebt, das man tränkt. 
Und doch, dieweil es mir ins Antlitz lächelt, 
Wollt' reißen ich von meinem Mutterbusen 
Sein zahnlos Mündlein, und sein Hirn ausschmettern, 
Hätt' ich's geschworen, wie du jenes schwurst!" 

Eine einzige leise Regung des Widerstrebens ergreift sie vor 

der Tat: .... TT c 

(Akt II, Szene 2): 

„Hätt' er geglichen meinem Vater nicht 
Als er so schlief, ich hätt's getan." 



Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit 



69 



Nun, da sie Königin geworden durch den Mord an Duncan, 
meldet sich flüchtig etwas wie eine Enttäuschung, wie ein Über- 
druß. Wir wissen nicht, woher. 

(Akt III, Szene 2): 

„Nichts hat man, alles Lüge, 

Gelingt der Wunsch, und fehlt doch die Genüge, 

's ist sichrer das zu sein, was wir zerstören, 

Als durch Zerstörung ew'ger Angst zu schwören." 

Doch hält sie aus. In der nach diesen Worten folgenden Szene 
des Banketts bewahrt sie allein die Besinnung, deckt die Ver- 
wirrung ihres Mannes, findet einen Vorwand, um die Gäste zu 
entlassen. Und dann entschwindet sie uns. Wir sehen sie (in der 
ersten Szene des fünften Aktes) als Somnambule wieder, an die 
Eindrücke jener Mordnacht fixiert. Sie spricht ihrem Manne wieder 
Mut zu wie damals: 

„Pfui, mein Gemahl, pfui, ein Soldat und furchtsam? — Was 
haben wir zu fürchten, wer es weiß? Niemand zieht unsere Macht 
zur Rechenschaft." 

Sie hört das Klopfen ans Tor, das ihren Mann nach der Tat 
erschreckte. Daneben aber bemüht sie sich, „die Tat ungeschehen 
zu machen, die nicht mehr ungeschehen werden" kann. Sie wäscht 
ihre Hände, die mit Blut befleckt sind und nach Blut riechen, 
und wird der Vergeblichkeit dieser Bemühung bewußt. Die Reue 
scheint sie niedergeworfen zu haben, die so reuelos schien. Als 
sie stirbt, findet Macbeth, der unterdes so unerbittlich geworden 
ist, wie sie sich anfänglich zeigte, nur die eine kurze Nachrede 

fÜ1 " Sie: (Akt V, Szene 5): 

„Sie konnte später sterben. 

Es war noch Zeit genug für solch ein Wort. 

Und nun fragt man sich, was hat diesen Charakter zerbrochen, 
der aus dem härtesten Metall geschmiedet schien? Ist's nur die 



« Sigm. Freud 



Enttäuschung, das andere Gesicht, das die vollzogene Tat zeigt, 
sollen wir rückschließen, daß auch in der Lady Macbeth ein ur- 
sprünglich weiches und weiblich mildes Seelenleben sich zu einer 
Konzentration und Hochspannung emporgearbeitet hatte, der keine 
Andauer beschieden sein konnte, oder dürfen wir nach Anzeichen 
forschen, die uns diesen Zusammenbruch durch eine tiefere Moti- 
vierung menschlich näher bringen? 

Ich halte es für unmöglich, hier eine Entscheidung zu treffen. 
Shakespeares Macbeth ist ein Gelegenheitsstück, zur Thron- 
besteigung des bisherigen Schottenkönigs James gedichtet. Der 
Stoff war gegeben und gleichzeitig von anderen Autoren behan- 
delt worden, deren Arbeit Shakespeare wahrscheinlich in ge- 
wohnter Weise genützt hat. Er bot merkwürdige Anspielungen 
an die gegenwärtige Situation. Die „jungfräuliche" Elisabeth, von 
der ein Gerede wissen wollte, daß sie nie imstande gewesen wäre, 
ein Kind zu gebären, die sich einst bei der Nachricht von James' 
Geburt im schmerzlichen Aufschrei als „einen dürren Stamm" 
bezeichnet hatte, 1 war eben durch ihre Kinderlosigkeit genötigt 
worden, den Schottenkönig zu ihrem Nachfolger werden zu lassen. 
Der war aber der Sohn jener Maria, deren Hinrichtung sie, wenn 
auch widerwillig, angeordnet hatte, und die trotz aller Trübung 
der Beziehungen durch politische Rücksichten doch ihre Bluts- 
verwandte und ihr Gast genannt werden konnte. 

Die Thronbesteigung Jakobs I. war wie eine Demonstration 
des Fluches der Unfruchtbarkeit und der Segnungen der fort- 
laufenden Generation. Und auf diesen nämlichen Gegensatz ist 
die Entwicklung in Shakespeares Macbeth eingestellt. Die Schick- 
salsschwestern haben ihm verheißen, daß er selbst König werden, 



i1 Vgl. Macbeth (Akt II, Szene i): 



Auf mein Haupt setzten sie unfruchtbar Gold, 
Ein dürres Zepter reichten sie der Faust, 
Daß es entgleite dann in fremde Hand, 
Da nicht mein Sohn mir nachfolgt." 



Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit 71 



dem Banquo aber, daß seine Kinder die Krone überkommen sollen. 
Macbeth empört sich gegen diesen Schicksalsspruch, er begnügt 
sich nicht mit der Befriedigung des eigenen Ehrgeizes, er will 
Gründer einer Dynastie sein und nicht zum Vorteile Fremder 
gemordet haben. Man übersieht diesen Punkt, wenn man in 
Shakespeares Stück nur die Tragödie des Ehrgeizes erblicken will. 
Es ist klar, da Macbeth selbst nicht ewig leben kann, so gibt es 
für ihn nur einen Weg, den Teil der Prophezeiung, der ihm 
widerstrebt, zu entkräften, wenn er nämlich selbst Kinder hat, 
die ihm nachfolgen können. Er scheint sie auch von seinem starken 
Weibe zu erwarten: ; ; 

(Akt I, Szene 7): 

„Du, gebier nur Söhne, 

Nur Männer sollte dein, unschreckbar Mark 

Zusammensetzen. — — 

Und ebenso klar ist, wenn er in dieser Erwartung getäuscht 
wird dann muß er sich dem Schicksal unterwerfen, oder sein 
Handeln verliert Ziel und Zweck und verwandelt sich in das 
blinde Wüten eines zum Untergange Verurteilten, der vorher 
noch, was ihm erreichbar ist, vernichten will. Wir sehen, daß 
Macbeth diese Entwicklung durchmacht, und auf der Höhe der 
Tragödie finden wir jenen erschütternden, so oft schon als viel- 
deutig erkannten Ausruf, der den Schlüssel für seine Wandlung 
enthalten könnte, den Ausruf Macduffs: 

(Akt IV, Szene 3): 
„Er hat keine Kinder." 

Das heißt gewiß: Nur weil er selbst kinderlos ist, konnte er 
meine Kinder morden, aber es kann auch mehr in sich fassen 
und vor allem könnte er das tiefste Motiv bloßlegen, welches 
sowohl Macbeth weit über seine Natur hinausdrängt, als auch 
den Charakter der harten Frau an seiner einzigen schwachen Stelle 
trifft. Hält man aber Umschau von dem Gipfelpunkt, den diese Worte 



72 Sigm. Freud 



Macduffs bezeichnen, so sieht man das ganze Stück von Beziehungen 
auf das Vater-Kinderverhältnis durchsetzt. Der Mord des gütigen 
Duncan ist wenig anders als ein Vatermord ; im Falle Banquos 
hat Macbeth den Vater getötet, während ihm der Sohn entgeht 5 
bei Macduff tötet er die Kinder, weil ihm der Vater entflohen 
ist. Ein blutiges und gekröntes Kind lassen ihm die Schicksals- 
schwestern in der Beschwörungsszene erscheinen ; das bewaffnete 
Haupt vorher ist wohl Macbeth selbst. Im Hintergrunde aber er- 
hebt sich die düstere Gestalt des Rächers Macduff, der selbst eine 
Ausnahme von den Gesetzen der Generation ist, da er nicht von 
seiner Mutter geboren, sondern aus ihrem Leib geschnitten wurde. 

Es wäre nun durchaus im Sinne der auf Talion aufgebauten 
poetischen Gerechtigkeit, wenn die Kinderlosigkeit Macbeths und 
die Unfruchtbarkeit seiner Lady die Strafe wären für ihre Ver- 
brechen gegen die Heiligkeit der Generation, wenn Macbeth nicht 
Vater werden könnte, weil er den Kindern den Vater und dem 
Vater die Kinder geraubt, und wenn sich so an der Lady Mac- 
beth die Entweihung vollzogen hätte, zu der sie die Geister des 
Mordes aufgerufen hat. Ich glaube, man verstünde ohneweiters 
die Erkrankung der Lady, die Verwandlung ihres Frevelmuts in 
Reue, als Reaktion auf ihre Kinderlosigkeit, durch die sie von 
ihrer Ohnmacht gegen die Satzungen der Natur überzeugt und 
gleichzeitig daran gemahnt wird, daß ihr Verbrechen durch ihr 
eigenes Verschulden um den besseren Teil seines Ertrags ge- 
bracht worden ist. 

In der Chronik von Holinshed (1577), aus welcher Shake- 
speare den Stoff des Macbeth schöpfte, findet die Lady nur 
eine einzige Erwähnung als Ehrgeizige, die ihren Mann zum 
Morde aufstachelt, um selbst Königin zu werden. Von ihren wei- 
teren Schicksalen und von einer Entwicklung ihres Charakters 
ist nicht die Rede. Dagegen scheint es, als ob dort die Wandlung 
im Charakter Macbeths zum blutigen Wüterich ähnlich moti- 
viert werden sollte, wie wir es eben versucht haben. Denn bei 



" 






I 



I 



Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit 75 

Holinshed liegen zwischen dem Morde an Duncan, durch den 
Macbeth König wird, und seinen weiteren Missetaten zehn Jahre, 
in denen er sich als strenger, aber gerechter Herrscher erweist. 
Erst nach diesem Zeiträume tritt bei ihm die Änderung ein, unter 
dem Einflüsse der quälenden Befürchtung, daß die Banquo erteilte 
Prophezeiung sich ebenso erfüllen könne wie die seines eigenen 
Schicksals. Nun erst läßt er Banquo töten und wird wie bei 
Shakespeare von einem Verbrechen zum andern fortgerissen. Es 
wird auch bei Holinshed nicht ausdrücklich gesagt, daß es seine 
Kinderlosigkeit ist, welche ihn auf diesem Weg treibt, aber es 
bleibt Zeit und Raum für diese naheliegende Motivierung. Anders 
bei Shakespeare. In atemraubender Hast jagen in der Tragödie 
die Ereignisse an uns vorüber, so daß sich aus den Angaben der 
Personen im Stücke etwa eine Woche als die Zeitdauer ihres 
Ablaufes berechnen läßt. 1 Durch diese Beschleunigung wird all 
unseren Konstruktionen über die Motivierung des Umschwungs 
hn Charakter Macbeths und seiner Lady der Boden entzogen. Es 
fehlt die Zeit, innerhalb welcher die fortgesetzte Enttäuschung 
der Kinderhoffnung das Weib zermürben und den Mann in trotzige 
Raserei treiben könnte, und es bleibt der Widerspruch bestehen^ 
daß so viele feine Zusammenhänge innerhalb des Stückes und 
zwischen ihm und seinem Anlaß ein Zusammentreffen im Motiv 
der Kinderlosigkeit anstreben, während die zeitliche Ökonomie- 
der Tragödie eine Charakterentwicklung aus anderen als den inner- 
lichsten Motiven ausdrücklich ablehnt. 

Welches aber diese Motive sein können, die in so kurzer Zeit 
aus dem zaghaften Ehrgeizigen einen hemmungslosen Wüterich 
und aus der stahlharten Anstifterin eine von Reue zerknirschte- 
Kranke machen, das läßt sich meines Erachtens nicht erraten- 
Ich meine, wir müssen darauf verzichten, das dreifach geschich- 
tete Dunkel zu durchdringen, zu dem sich die schlechte Erhal- 
tung des Textes, die unbekannte Intention des Dichters und der 

1) J. Darmstetter, Macbeth, Edition classique, p. LXXV, Paris 1887. 



«Ä Sigm. Freud 

geheime Sinn der Sage hier verdichtet haben. Ich möchte es auch 
nicht gelten lassen, daß jemand einwende, solche Untersuchungen 
seien müßig angesichts der großartigen Wirkung, die die Tragödie 
auf den Zuschauer ausübt. Der Dichter kann uns zwar durch 
seine Kunst während der Darstellung überwältigen und unser 
Denken dabei lähmen, aber er kann uns nicht daran hindern, 
daß wir uns nachträglich bemühen, diese Wirkung aus ihrem 
psychologischen Mechanismus zu begreifen. Auch die Bemerkung, 
es stehe dem Dichter frei, die natürliche Zeitfolge der von ihm 
vorgeführten Begebenheiten in beliebiger Weise zu verkürzen, 
wenn er durch das Opfer der gemeinen Wahrscheinlichkeit eine 
Steigerung des dramatischen Effekts erzielen kann, scheint mir 
hier nicht an ihrem Platze. Denn ein solches Opfer ist doch nur 
zu rechtfertigen, wo es bloß die Wahrscheinlichkeit stört, 1 
aber nicht, wo es die kausale Verknüpfung aufhebt, und der 
dramatischen Wirkung wäre kaum Abbruch geschehen, wenn der 
Zeitablauf unbestimmt gelassen wäre, anstatt durch ausdrückliche 
Äußerungen auf wenige Tage eingeengt zu werden. 

Es fällt so schwer, ein Problem wie das des Macbeth als un- 
lösbar zu verlassen, daß ich noch den Versuch wage, eine Bemer- 
kung anzufügen, die nach einem neuen Ausweg weist. Ludwig 
Je k eis hat kürzlich in einer Shakespeare-Studie ein Stück der 
Technik des Dichters zu erraten geglaubt, welches auch für Mac- 
beth in Betracht kommen könnte. Er meint, daß Shakespeare 
häufig einen Charakter in zwei Personen zerlegt, von denen dann 
jede unvollkommen begreiflich erscheint, solange man sie nicht mit 
der anderen wiederum zur Einheit zusammensetzt. So könnte es 
auch mit Macbeth und der Lady sein, und dann würde es natür- 
lich zu nichts führen, wollte man sie als selbständige Person 
fassen und nach der Motivierung ihrer Umwandlung forschen, 
ohne auf den sie ergänzenden Macbeth Rücksicht zu nehmen. 



1) Wie in der Werbung Richards III. um Anna, an der Bahre des von ihm er- 
mordeten Königs. 




Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit 



75 



Ich folge dieser Spur nicht weiter, aber ich will doch anführen, 
was in so auffälliger Weise diese Auffassung stützt, daß die Angst- 
keime, die in der Mordnacht bei Macbeth hervorbrechen, nicht 
bei ihm, sondern bei der Lady zur Entwicklung gelangen. 1 Er 
ist es, der vor der Tat die Halluzination des Dolches gehabt hat, 
aber sie, die später der geistigen Erkrankung verfällt 5 er hat nach 
dem Morde im Hause schreien gehört: Schlaft nicht mehr, Mac- 
beth mordet den Schlaf und also soll Macbeth nicht mehr schlafen, 
aber wir vernehmen nichts davon, daß König Macbeth nicht mehr 
schläft, während wir sehen, daß die Königin aus ihrem Schlafe 
aufsteht und nachtwandelnd ihre Schuld verrät ; er stand hilflos 
da mit blutigen Händen und klagte, daß all des Meergottes Flut 
nicht reinwasche seine Hand; sie tröstete damals: Ein wenig 
Wasser spült uns ab die Tat, aber dann ist sie es, die eine Viertel- 
stunde lang ihre Hände wäscht und die Befleckung des Blutes 
nicht beseitigen kann. „Alle Wohlgerüche Arabiens machen nicht 
süßduftend diese kleine Hand." (Akt V, Szene 1.) So erfüllt sich 
an ihr, was er in seiner Gewissensangst gefürchtet; sie wird die 
Reue nach der Tat, er wird der Trotz, sie erschöpfen mitein- 
ander die Möglichkeiten der Reaktion auf das Verbrechen, wie 
zwei uneinige Anteile einer einzigen psychischen Individualität 
und vielleicht Nachbilder eines einzigen Vorbildes. 

Haben wir an der Gestalt der Lady Macbeth die Frage nicht 
beantworten können, warum sie nach dem Erfolge als Kranke 
zusammenbricht, so winkt uns vielleicht eine bessere Aussicht bei 
der Schöpfung eines anderen großen Dramatikers, der die Auf- 
gabe der psychologischen Rechenschaft mit unnachsichtiger Strenge 
zu verfolgen liebt. 

Rebekka Gamvik, die Tochter einer Hebamme, ist von ihrem 
Adoptivvater Doktor West zur Freidenkerin und Verächterin jener 
Fesseln erzogen worden, welche eine auf religiösem Glauben ge- 
gründete Sittlichkeit den Lebenswünschen anlegen möchte. Nach 

1) Vgl. Darmstetter a. a. O. 



7 6 Sigm. Freud 



dem Tode des Doktors verschafft sie sich Aufnahme in Rosmers- 
holm, dem Stammsitze eines alten Geschlechtes, dessen Mitglieder 
das Lachen nicht kennen und die Freude einer starren Pflicht- 
erfüllung geopfert haben. Auf Rosmersholm hausen der Pastor 
Johannes Rosmer und seine kränkliche, kinderlose Gattin Beate. 
„Von wildem, unbezwinglichem Gelüst" nach der Liebe des ade- 
ligen Mannes ergriffen, beschließt Rebekka, die Frau, die ihr im 
Wege steht, wegzuräumen, und bedient sich dabei ihres „mutigen, 
freigeborenen", durch keine Rücksichten gehemmten Willens. Sie 
spielt ihr ein ärztliches Buch in die Hand, in dem die Kinder- 
erzeugung als der Zweck der Ehe hingestellt wird, so daß die 
Arme an der Berechtigung ihrer Ehe irre wird, sie läßt sie erraten, 
daß Rosmer, dessen Lektüre und Gedankengänge sie teilt, im Be- 
griffe* ist, sich vom alten Glauben loszumachen und die Partei der 
Aufklärung zu nehmen, und nachdem sie so das Vertrauen der 
Frau in die sittliche Verläßlichkeit ihres Mannes erschüttert hat, 
gibt sie ihr endlich zu verstehen, daß sie selbst, Rebekka, bald 
das Haus verlassen wird, um die Folgen eines unerlaubten Ver- 
kehrs mit Rosmer zu verheimlichen. Der verbrecherische Plan 
gelingt. Die arme Frau, die für schwermütig und unzurechnungs- 
fähig gegolten hat, stürzt sich vom Mühlensteg herab ins Wasser 
im Gefühle des eigenen Unwertes und um dem Glücke des ge 
liebten Mannes nicht im Wege zu sein. 

Seit Jahr und Tag leben nun Rebekka und Rosmer allein auf 
Rosmersholm in einem Verhältnis, welches er für eine rein geistige 
und ideelle Freundschaft halten will. Als aber von außen her die 
ersten Schatten der Nachrede auf dieses Verhältnis fallen, und 
gleichzeitig quälende Zweifel in Rosmer rege gemacht werden, 
aus welchen Motiven seine Frau in den Tod gegangen ist, bittet 
er Rebekka, seine zweite Frau zu werden, um der traurigen Ver- 
gangenheit eine neue lebendige Wirklichkeit entgegenstellen zu 
können. (Akt IL) Sie jubelt bei diesem Antrage einen Augenblick 
lang auf, aber schon im nächsten erklärt sie, es sei unmöglich, 






Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit 



77 



und wenn er weiter in sie dringe, werde sie „den Weg gehen, 
den Beate gegangen ist". Verständnislos nimmt Rosmer die Ab- 
weisung entgegen $ noch unverständlicher aber ist sie für uns, die 
wir mehr von Rebekkas Tun und Absichten wissen. Wir dürfen 
bloß nicht daran zweifeln, daß ihr Nein ernst gemeint ist. 

Wie konnte es kommen, daß die Abenteurerin mit dem mutigen, 
freigeborenen Willen, die sich ohne jede Rücksicht den Weg zur 
Verwirklichung ihrer Wünsche gebahnt, nun nicht zugreifen will, 
da ihr angeboten wird, die Frucht des Erfolges zu pflücken? Sie 
gibt uns selbst die Aufklärung im vierten Akt: „Das ist doch eben 
das Furchtbare, jetzt, da alles Glück der Welt mir mit vollen 
Händen geboten wird, — jetzt bin ich eine solche geworden, 
daß meine eigene Vergangenheit mir den Weg zum Glück ver- 
sperrt." Sie ist also eine andere geworden unterdes, ihr Gewissen 
ist erwacht, sie hat ein Schuldbewußtsein bekommen, welches ihr 
den Genuß versagt. 

Und wodurch wurde ihr Gewissen geweckt? Hören wir sie 
selbst und überlegen wir dann, ob wir ihr voll Glauben schenken 
dürfen: „Es ist die Lebensanschauung des Hauses Rosmer — oder 
wenigstens deine Lebensanschauung, — die meinen Willen ange- 
steckt hat . . . Und ihn krank gemacht hat. Ihn geknechtet hat 
mit Gesetzen, die früher für mich nicht gegolten haben. Das 
Zusammenleben mit dir, — du, das hat meinen Sinn geadelt." 

Dieser Einfluß, ist hinzuzunehmen, hat sich erst geltend ge- 
macht, als sie mit Rosmer allein zusammenleben durfte: „ — in 
Stille, — in Einsamkeit, — als du mir deine Gedanken alle ohne 
Vorbehalt gabst, — eine jegliche Stimmung, so weich und so fein 
wie du sie fühltest, — da trat die große Umwandlung ein." 

Kurz vorher hatte sie die andere Seite dieser Wandlung beklagt: 
„Weil Rosmersholm mir die Kraft genommen hat, hier ist mein 
mutiger Wille gelähmt worden. Und verschandelt! Für mich ist 
die Zeit vorbei, da ich alles und jedes wagen durfte. Ich habe 
die Energie zum Handeln verloren, Rosmer." 



^8 Sigm. Freud 



Diese Erklärung gibt Rebekka, nachdem sie sich durch ein frei- 
williges Geständnis vor Rosmer und dem Rektor Kroll, dem Bruder 
der von ihr beseitigten Frau, als Verbrecherin bloßgestellt hat. 
Ibsen hat durch kleine Züge von meisterhafter Feinheit festgelegt, 
daß diese Rebekka nicht lügt, aber auch nie ganz aufrichtig ist. 
Wie sie trotz aller Freiheit von Vorurteilen ihr Alter um ein 
Jahr herabgesetzt hat, so ist auch ihr Geständnis vor den beiden 
Männern unvollständig und wird durch das Drängen Krolls in 
einigen wesentlichen Punkten ergänzt. Auch uns bleibt die Frei- 
heit anzunehmen, daß die Aufklärung ihres Verzichts das eine 
nur preisgibt, um ein anderes zu verschweigen. 

Gewiß, wir haben keinen Grund, ihrer Aussage zu mißtrauen, 
daß die Luft auf Rosmersholm, ihr Umgang mit dem edlen Rosmer, 
veredelnd und — lähmend auf sie gewirkt hat. Sie sagt damit, 
was sie weiß und empfunden hat. Aber es brauchte nicht alles 
zu sein, was in ihr vorgegangen ist; auch ist es nicht notwendig, 
daß sie sich über alles Rechenschaft geben konnte. Der Einfluß 
Rosmers konnte auch nur ein Deckmantel sein, hinter dem sich 
eine andere Wirkung verbirgt, und nach dieser anderen Richtung 
weist ein bemerkenswerter Zug. 

Noch nach ihrem Geständnis, in der letzten Unterredung, die 
das Stück beendet, bittet sie Rosmer nochmals, seine Frau zu 
werden. Er verzeiht ihr, was sie aus Liebe zu ihm verbrochen 
hat. Und nun antwortet sie nicht, was sie sollte, daß keine Ver- 
zeihung ihr das Schamgefühl nehmen könne, das sie durch den 
tückischen Betrug an der armen Beate erworben, sondern sie 
belastet sich mit einem anderen Vorwurf, der uns bei der Frei- 
denkerin fremdartig berühren muß, keinesfalls die Stelle verdient, 
an die er von Rebekka gesetzt 'wird: „Ach, mein Freund, — 
komm nie wieder darauf! Es ist ein Ding der Unmöglichkeit — ! 
Denn du mußt wissen, Rosmer, ich habe eine Vergangenheit." 
Sie will natürlich andeuten, daß sie sexuelle Beziehungen zu einem 
anderen Manne gehabt hat, und wir wollen uns merken, daß ihr 



Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit 



79 



diese Beziehungen zu einer Zeit, da sie frei und niemandem ver- 
antwortlich war, ein stärkeres Hindernis der Vereinigung mit 
Rosmer dünken als ihr wirklich verbrecherisches Benehmen gegen 
seine Frau. 

. Rosmer lehnt es ab, von dieser Vergangenheit zu hören. Wir 
können sie erraten, obwohl alles, was dahin weist, im Stücke 
sozusagen unterirdisch bleibt und aus Andeutungen erschlossen 
werden muß. Aus Andeutungen freilich, die mit solcher Kunst 
eingefügt sind, daß ein Mißverständnis derselben unmöglich wird. 
Zwischen Rebekkas erster Ablehnung und ihrem Geständnis 
geht etwas vor, was von entscheidender Bedeutung für ihr wei- 
teres Schicksal ist. Der Rektor Kroll besucht sie, um sie durch 
die Mitteilung zu demütigen, er wisse, daß sie ein illegitimes Kind 
sei, die Tochter eben jenes Doktors West, der sie nach dem Tode 
ihrer Mutter adoptiert hat. Der Haß hat seinen Spürsinn ge- 
schärft, aber er meint nicht, ihr damit etwas Neues zu sagen. 
„In der Tat, ich meinte, Sie wüßten ganz genau Bescheid. Es 
wäre doch sonst recht merkwürdig gewesen, daß Sie sich von 
Doktor West adoptieren ließen — ." „Und da nimmt er Sie zu 
sich — gleich nach dem Tode Ihrer Mutter. Er behandelt Sie 
hart. Und doch bleiben Sie bei ihm. Sie wissen, daß er Ihnen 
nicht einen Pfennig hinterlassen wird. Sie haben ja auch nur 
eine Kiste Bücher bekommen. Und doch halten Sie bei ihm aus. 
Ertragen seine Launen. Pflegen ihn bis zum letzten Augenblick." — 
„Was Sie für ihn getan haben, das leite ich aus dem natürlichen 
Instinkt der Tochter her. Ihr ganzes übriges Auftreten halte ich 
für ein natürliches Ergebnis Ihrer Herkunft." 

Aber Kroll war im Irrtum. Rebekka hatte nichts davon gewußt, 
daß sie die Tochter des Doktors West sein sollte. Als Kroll mit 
dunklen Anspielungen auf ihre Vergangenheit begann, mußte sie 
annehmen, er meine etwas anderes. Nachdem sie begriffen hat, 
worauf er sich bezieht, kann sie noch eine Weile ihre Fassung 
bewahren, denn sie darf glauben, daß ihr Feind seiner Berechnung 



g Sigm. Freud 



jenes Alter zugrunde gelegt hat, das sie ihm bei einem früheren 
Besuche fälschlich angegeben. Aber nachdem Kroll diese Einwendung 
siegreich zurückgewiesen: „Mag sein. Aber die Rechnung mag 
dennoch richtig sein, denn ein Jahr, ehe er angestellt wurde, ist 
West dort oben vorübergehend zu Besuch gewesen", nach dieser 
neuen Mitteilung verliert sie jeden Halt. „Das ist nicht wahr." — 
Sie geht umher und ringt die Hände: „Es ist unmöglich. Sie 
wollen mir das bloß einreden. Das kann ja nun und nimmer- 
mehr wahr sein. Kann nicht wahr sein! Nun und nimmermehr — !" 
Ihre Ergriffenheit ist so arg, daß Kroll sie nicht auf seine Mit- 
teilung zurückzuführen vermag. 

Kroll: „Aber, meine Liebe, — warum um Gottes willen, werden Sie 
denn so heftig? Sie machen mir geradezu Angst? Was soll ich glauben 
und denken — i" 

Rebekka: „Nichts. Sie sollen weder etwas glauben noch etwas denken." 

Kroll: „Dann müßten Sie mir aber wirklich erklären, warum Sie sich 
■diese Sache — diese Möglichkeit so zu Herzen nehmen." 

Rebekka (faßt sich wieder): „Das ist doch sehr einfach, Herr Rektor. 
Ich habe doch keine Lust, für ein uneheliches Kind zu gelten." 

Das Rätsel im Benehmen Rebekkas läßt nur eine Lösung zu. 
Die Mitteilung, daß Dr. West ihr Vater sein kann, ist der schwerste 
Schlag, der sie betreffen konnte, denn sie war nicht nur die 
Adoptivtochter, sondern auch die Geliebte dieses Mannes. Als Kroll 
seine Reden begann, meinte sie, er wolle auf diese Beziehungen 
anspielen, die sie wahrscheinlich unter Berufung auf ihre Freiheit 
einbekannt hätte. Aber das lag dem Rektor ferne; er wußte nichts 
von dem Liebesverhältnis mit Doktor West, wie sie nichts von 
dessen Vaterschaft. Nichts anderes als dieses Liebesverhältnis kann 
sie im Sinne haben, wenn sie bei der letzten Weigerung gegen 
Rosmer vorschützt, sie habe eine Vergangenheit, die sie unwürdig 
mache, seine Frau zu werden. Wahrscheinlich hätte sie Rosmer, 
wenn er gewollt hätte, auch nur die eine Hälfte ihres Geheim- 
nisses mitgeteilt und den schwereren Anteil desselben verschwiegen. 



Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit 



81 



Aber nun verstehen wir freilich, daß diese Vergangenheit ihr 
als das schwerere Hindernis der Eheschließung erscheint, als das 
schwerere — Verbrechen. 

Nachdem sie erfahren hat, daß sie die Gehebte ihres eigenen 
Vaters gewesen ist, unterwirft sie sich ihrem jetzt übermächtig 
hervorbrechenden Schuldgefühl. Sie legt vor Rosmer und Kroll 
das Geständnis ab, durch das sie sich zur Mörderin stempelt, ver- 
zichtet endgültig auf das Glück, zu dem sie sich durch Verbrechen 
den Weg gebahnt hatte, und rüstet zur Abreise. Aber das eigent- 
liche Motiv ihres Schuldbewußtseins, welches sie am Erfolge 
scheitern läßt, bleibt geheim. Wir haben gesehen, es ist noch 
etwas ganz anderes als die Atmosphäre von Rosmersholm und 
der sittigende Einfluß Rosmers. 

Wer uns so weit gefolgt ist, wird jetzt nicht versäumen, einen 
Einwand vorzubringen, der dann manchen Zweifel rechtfertigen 
kann. Die erste Abweisung Rosmers durch Rebekka erfolgt ja 
vor dem zweiten Besuch Krolls, also vor seiner Aufdeckung ihrer 
unehelichen Geburt, und zu einer Zeit, da sie um ihren Inzest 
noch nicht weiß, — wenn wir den Dichter richtig verstanden 
haben. Doch ist diese Abweisung energisch und ernst gemeint. 
Das Schuldbewußtsein, das sie auf den Gewinn aus ihren Taten 
verzichten heißt, ist also schon vor ihrer Kenntnis um ihr Kapital- 
verbrechen wirksam, und wenn wir so viel zugeben, dann ist der 
Inzest als Quelle des Schuldbewußtseins vielleicht überhaupt zu 
streichen. 

Wir haben bisher Rebekka West behandelt, als wäre sie eine 
lebende Person und nicht eine Schöpfung der von dem kritischesten 
Verstand geleiteten Phantasie des Dichters Ibsen. Wir dürfen ver- 
suchen, bei der Erledigung dieses Einwandes denselben Standpunkt 
festzuhalten. Der Einwand ist gut, ein Stück Gewissen war auch 
vor der Kenntnis des Inzests bei Rebekka erwacht. Es steht nichts 
im Wege, für diese Wandlung den Einfluß verantwortlich zu 
machen, den Rebekka selbst anerkennt und anklagt. Aber damit 

Freud, Dichtung und Kunst 6 



82 Sigm. Freud 



kommen wir von der Anerkennung des zweiten Motivs nicht frei. 
Das Benehmen Rebekkas bei der Mitteilung des Rektors, ihre 
unmittelbar darauffolgende Reaktion durch das Geständnis lassen 
keinen Zweifel daran, daß erst jetzt das stärkere und das ent- 
scheidende Motiv des Verzichts in Wirkung tritt. Es liegt eben 
ein Fall von mehrfacher Motivierung vor, bei dem hinter dem 
oberflächlicheren Motiv ein tieferes zum Vorschein kommt. Gebote 
der poetischen Ökonomie hießen den Fall so gestalten, denn dies 
tiefere Motiv sollte nicht laut erörtert werden, es mußte gedeckt 
bleiben, der bequemen Wahrnehmung des Zuhörers im Theater 
oder des Lesers entzogen, sonst hätten sich bei diesem schwere 
Widerstände erhoben, auf die peinlichsten Gefühle begründet, 
welche die Wirkung des Schauspiels in Frage stellen können. 

Mit Recht dürfen wir aber verlangen, daß das vorgeschobene 
Motiv nicht ohne inneren Zusammenhang mit dem von ihm ge- 
deckten sei, sondern sich als eine Milderung und Ableitung aus 
dem letzteren erweise. Und wenn wir dem Dichter zutrauen 
dürfen, daß seine bewußte poetische Kombination folgerichtig aus 
unbewußten Voraussetzungen hervorgegangen ist, so können wir 
auch den Versuch machen zu zeigen, daß er diese Forderung er- 
füllt hat. Rebekkas Schuldbewußtsein entspringt aus der Quelle 
des Inzestvorwurfs, noch ehe der Rektor ihr diesen mit analyti- 
scher Schärfe zum Bewußtsein gebracht hat. Wenn wir ausfüh- 
rend und ergänzend ihre vom Dichter angedeutete Vergangenheit 
rekonstruieren, so werden wir sagen, sie kann nicht ohne Ahnung 
der intimen Beziehung zwischen ihrer Mutter und dem Doktor 
West gewesen sein. Es muß ihr einen großen Eindruck gemacht 
haben, als sie die Nachfolgerin der Mutter bei diesem Manne 
wurde, und sie stand unter der Herrschaft des Ödipus-Komplexes, 
auch wenn sie nicht wußte, daß diese allgemeine Phantasie in 
ihrem Falle zur Wirklichkeit geworden war. Als sie nach Rosmers- 
holm kam, trieb sie die innere Gewalt jenes ersten Erlebnisses 
dazu an, durch tatkräftiges Handeln dieselbe Situation herbei- 






Einige Charaktertypen aus der psychoanalytische n Arbeit 85 

zuführen, die sich das erstemal ohne ihr Dazutun verwirklicht 
hatte, die Frau und Mutter zu beseitigen, um beim Manne und 
Vater ihre Stelle einzunehmen. Sie schildert mit überzeugender 
Eindringlichkeit, wie sie gegen ihren Willen genötigt wurde, 
Schritt um Schritt zur Beseitigung Beatens zu tun. 

„Aber glaubt Ihr denn, ich ging und handelte mit kühler Überlegung! 
Damals war ich doch nicht, was ich heute bin, wo ich vor Euch stehe 
und erzähle. Und dann gibt es doch auch, sollte ich meinen, zwei Arten 
Willen in einem Menschen. Ich wollte Beate weg haben ! Auf irgend eine 
Art. Aber ich glaubte doch nicht, es würde jemals dahin kommen. Bei 
jedem Schritt, den es mich reizte, vorwärts zu wagen, war es mir, als 
schrie etwas in mir: Nun nicht weiter! Keinen Schritt mehr! — Und 
doch konnte ich es nicht lassen. Ich mußte noch ein winziges Spürchen 
weiter. Und noch ein einziges Spürchen. Und dann noch eins — und 
immer noch eins — . Und so ist es geschehen. Auf diese Weise geht so 
etwas vor sich. 

Das ist nicht Beschönigung, sondern wahrhafte Rechenschaft. 
Alles, was auf Rosmersholm mit ihr vorging, die Verliebtheit in 
Rosmer und die Feindseligkeit gegen seine Frau, war bereits Erfolg 
des Odipus-Komplexes, erzwungene Nachbildung ihres Verhältnisses 
zu ihrer Mutter und zu Doktor West. 

Und darum ist das Schuldgefühl, das sie zuerst die Werbung 
Rosmers abweisen läßt, im Grunde nicht verschieden von jenem 
größeren, das sie nach der Mitteilung Krolls zum Geständnis 
zwingt. Wie sie aber unter dem Einfluß des Doktor West zur 
Freidenkerin und Verächterin der religiösen Moral geworden war, so 
wandelte sie sich durch die neue Liebe zu Rosmer zum Gewissens- 
und Adelsmenschen. Soviel verstand sie selbst von ihren inneren 
Vorgängen, und darum durfte sie mit Recht den Einfluß Rosmers 
als das ihr zugänglich gewordene Motiv ihrer Änderung be- 
zeichnen. 

Der psychoanalytisch arbeitende Arzt weiß, wie häufig oder 
wie regelmäßig das Mädchen, welches als Dienerin, Gesellschafterin,, 
Erzieherin in ein Haus eintritt, dort bewußt unbewußt oder am 

6» 



8 4 



Sigm. Freud 



Tagtraum spinnt, dessen Inhalt dem Ödipus-Komplex entnommen 
ist, daß die Frau des Hauses irgendwie wegfallen und der Herr 
an deren Stelle sie zur Frau nehmen wird. „Rosmersholm" ist 
das höchste Kunstwerk der Gattung, welche diese alltägliche 
Phantasie der Mädchen behandelt. Es wird eine tragische Dichtung 
durch den Zusatz, daß dem Tagtraum der Heldin die ganz ent- 
sprechende Wirklichkeit in ihrer Vorgeschichte vorausgegangen ist. 1 
Nach langem Aufenthalte bei der Dichtung kehren wir nun 
zur ärztlichen Erfahrung zurück. Aber nur, um mit wenigen 
Worten die volle Übereinstimmung beider festzustellen. Die psycho- 
analytische Arbeit lehrt, daß die Gewissenskräfte, welche am Er- 
folg erkranken lassen anstatt wie sonst an der Versagung, in in- 
timer Weise mit dem Ödipus-Komplex zusammenhängen, mit dem 
Verhältnis zu Vater und Mutter, wie vielleicht unser Schuld- 
bewußtsein überhaupt. 

III 

Die Verbrecher aus Schuldbewußtsein 

In den Mitteilungen über ihre Jugend, besonders über die Jahre 
der Vorpubertät, haben mir oft später sehr anständige Personen 
von unerlaubten Handlungen berichtet, die sie sich damals hatten 
zu, Schulden kommen lassen, von Diebstählen, Betrügereien und 
selbst Brandstiftungen. Ich pflegte über diese Angaben mit der 
Auskunft hinwegzugehen, daß die Schwäche der * moralischen 
Hemmungen in dieser Lebenszeit bekannt sei, und versuchte nicht, 
sie in einen bedeutsameren Zusammenhang einzureihen. Aber 
endlich wurde ich durch grelle und günstigere Fälle, bei denen 
solche Vergehen begangen wurden, während die Kranken sich in 
meiner Behandlung befanden, und wo es sich um Personen jen- 
seits jener jungen Jahre handelte, zum gründlicheren Studium 



l) Der Nachweis des Inzestthemas in „Rosmersholm" ist bereits mit denselben 
Mitteln wie hier, in dem überaus reichhaltigen Werke von O. Rank, Das Inzest- 
motiv in Dichtung und Sage, 1912, erbracht worden. 



Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit 



85 



solcher Vorfälle aufgefordert. Die analytische Arbeit brachte dann 
das überraschende Ergebnis, daß- solche Taten vor allem darum 
vollzogen wurden, weil sie verboten und weil mit ihrer Ausfüh- 
rung eine seelische Erleichterung für den Täter verbunden war. 
Er litt an einem drückenden Schuldbewußtsein unbekannter Her- 
kunft, und nachdem er ein Vergehen begangen hatte, war der 
Druck gemildert. Das Schuldbewußtsein war wenigstens irgendwie 
untergebracht. 

So paradox es klingen mag, ich muß behaupten, daß das Schuld- 
bewußtsein früher da war als das Vergehen, daß es nicht aus 
diesem hervorging, sondern umgekehrt, das Vergehen aus dem 
Schuldbewußtsein. Diese Personen durfte man mit gutem Recht 
als Verbrecher aus Schuldbewußtsein bezeichnen. Die Präexistenz 
des Schuldgefühls hatte sich natürlich durch eine ganze Reihe 
von anderen Äußerungen und Wirkungen nachweisen lassen. 

Die Feststellung eines Kuriosums setzt der wissenschaftlichen 
Arbeit aber kein Ziel. Es sind zwei weitere Fragen zu beant- 
worten, woher das dunkle Schuldgefühl vor der Tat stammt und 
ob es wahrscheinlich ist, daß eine solche Art der Verursachung 
an den Verbrechen der Menschen einen größeren Anteil hat. 

Die Verfolgung der ersten Frage versprach eine Auskunft über 
die Quelle des menschlichen Schuldgefühls überhaupt. Das regel- 
mäßige Ergebnis der analytischen Arbeit lautete, daß dieses dunkle 
Schuldgefühl aus dem Ödipus-Komplex stamme, eine Reaktion 
sei auf die beiden großen verbrecherischen Absichten, den Vater 
zu töten und mit der Mutter sexuell zu verkehren. Im Vergleich 
mit diesen beiden waren allerdings die zur Fixierung des Schuld- 
gefühls begangenen Verbrechen Erleichterungen für den Gequälten. 
Man muß sich hier daran erinnern, daß Vatermord und Mutter- 
inzest die beiden großen Verbrechen der Menschen sind, die ein- 
zigen, die in primitiven Gesellschaften als solche verfolgt und ver- 
abscheut werden. Auch daran, wie nahe wir durch andere Unter 
suchungen der Annahme gekommen sind, daß die Menschheit 



86 



Sigm. Freud 



ihr Gewissen, das nun als vererbte Seelenmacht auftritt, am 
Ödipus-Komplex erworben hat. 

Die Beantwortung der zweiten Frage geht über die psycho- 
analytische Arbeit hinaus. Bei Kindern kann man ohneweiters 
beobachten, daß sie „schlimm" werden, um Strafe zu provozieren, 
und nach der Bestrafung beruhigt und zufrieden sind. Eine spätere 
analytische Untersuchung führt oft auf die Spur des Schuldgefühls, 
welches sie die Strafe suchen hieß. Von den erwachsenen Ver- 
brechern muß man wohl alle die abziehen, die ohne Schuldgefühl 
Verbrechen begehen, die entweder keine moralischen Hemmungen 
entwickelt haben oder sich im Kampf mit der Gesellschaft zu 
ihrem Tun berechtigt glauben. Aber bei der Mehrzahl der an- 
deren Verbrecher, bei denen, für die die Strafsatzungen eigent- 
lich gemacht sind, könnte eine solche Motivierung des Verbrechens 
sehr wohl in Betracht kommen, manche dunkle Punkte in der 
Psychologie des Verbrechers erhellen, und der Strafe eine neue 
psychologische Fundierung geben. 

Ein Freund hat mich dann darauf aufmerksam gemacht, daß der 
„Verbrecher aus Schuldgefühl" auch Nietzsche bekannt war. Die 
Präexistenz des Schuldgefühls und die Verwendung der Tat zur 
Rationalisierung desselben schimmern uns aus den Reden Zara- 
thustras „Über den bleichen Verbrecher" entgegen. Überlassen 
wir es zukünftiger Forschung zu entscheiden, wie viele von den 
Verbrechern zu diesen „bleichen" zu rechnen sind. 



• 



/ 



EINE KINDHEITSERINNERUNG 
AUS »DICHTUNG UND WAHRHEIT« 

Zuerst erschienen in „Imago", Bd. V (ipiy) y 
dann in der Vierten Folge der „Sammlung kleiner 
Schriften zur Neurosenlchre" . 

„Wenn man sich erinnern will, was uns in der frühesten 
Zeit der Kindheit begegnet ist, so kommt man oft in den Fall 
dasjenige, was wir von anderen gehört, mit dem zu verwechseln, 
was wir wirklich aus eigener anschauender Erfahrung besitzen." 
Diese Bemerkung macht Goethe auf einem der ersten Blätter 
der Lebensbeschreibung, die er im Alter von sechzig Jahren auf- 
zuzeichnen begann. Vor ihr stehen nur einige Mitteilungen über 
seine „am 28. August 1749, mittags mit dem Glockenschlag 
zwölf" erfolgte Geburt. Die Konstellation der Gestirne war ihm 
günstig und mag wohl Ursache seiner Erhaltung gewesen sein, 
denn er kam „für tot" auf die Welt, und nur durch vielfache 
Bemühungen brachte man es dahin, daß er das Licht erblickte. 
Nach dieser Bemerkung folgt eine kurze Schilderung des Hauses 
und der Räumlichkeit, in welcher sich die Kinder — er und 
seine jüngere Schwester — am liebsten aufhielten. Dann aber 
erzählt Goethe eigentlich nur eine einzige Begebenheit, die man 
in die „früheste Zeit der Kindheit" (in die Jahre bis vier?) ver- 
setzen kann, und an welche er eine eigene Erinnerung bewahrt 
zu haben scheint. 



88 Sigm. Freud 



Der Bericht hierüber lautet: „und mich gewannen drei gegen- 
über wohnende Brüder von Ochsenstein, hinterlassene Söhne des 
verstorbenen Schultheißen, gar lieb, und beschäftigten und neckten 
sich mit mir auf mancherlei Weise." 

„Die Meinigen erzählten gern allerlei Eulenspiegeleien, zu denen 
mich jene sonst ernsten und einsamen Männer angereizt. Ich 
führe nur einen von diesen Streichen an. Es war eben Topfmarkt 
gewesen und man hatte nicht allein die Küche für die nächste 
Zeit mit solchen Waren versorgt, sondern auch uns Kindern der- 
gleichen Geschirr im kleinen zu spielender Beschäftigung einge- 
kauft. An einem schönen Nachmittag, da alles ruhig im Hause 
war, trieb ich im Geräms (der erwähnten gegen die Straße ge- 
richteten Örtlichkeit) mit meinen Schüsseln und Töpfen mein 
Wesen und da weiter nichts dabei herauskommen wollte, warf 
ich ein Geschirr auf die Straße und freute mich, daß es so lustig 
zerbrach. Die von Ochsenstein, welche sahen, wie ich mich daran 
ergötzte, daß ich so gar fröhlich in die Händchen patschte, riefen: 
Noch mehr! Ich säumte nicht, sogleich einen Topf und auf immer 
fortwährendes Rufen: Noch mehr! nach und nach sämtliche Schüssel- 
chen, Tiegelchen, Kännchen gegen das Pflaster zu schleudern. 
Meine Nachbarn fuhren fort, ihren Beifall zu bezeigen und ich 
war höchlich froh, ihnen Vergnügen zu machen. Mein Vorrat 
aber war aufgezehrt, und sie riefen immer: Noch mehr! Ich eilte 
daher stracks in die Küche und holte die irdenen Teller, welche 
nun freilich im Zerbrechen ein noch lustigeres Schauspiel gaben j 
und so lief ich hin und wieder, brachte einen Teller nach dem 
anderen, wie ich sie auf dem Topfbrett der Reihe nach erreichen 
konnte, und weil sich jene gar nicht zufrieden gaben, so stürzte 
ich alles, was ich von Geschirr erschleppen konnte, in gleiches Ver- 
derben. Nur später erschien jemand zu hindern und zu wehren. Das 
Unglück war geschehen, und man hatte für so viel zerbrochene 
Töpferware wenigstens eine lustige Geschichte, an der sich be- 
sonders die schalkischen Urheber bis an ihr Lebensende ergötzten." 






L, 



Eine Kindheitserinnerung aus „ Dichtung und Wahrheit" 89 

Dies konnte man in voranalytischen Zeiten ohne Anlaß zum 
Verweilen und ohne Anstoß lesen 5 aber später wurde das analy- 
tische Gewissen rege. Man hatte sich ja über Erinnerungen aus der 
frühesten Kindheit bestimmte Meinungen und Erwartungen gebildet, 
für die man gerne allgemeine Gültigkeit in Anspruch nahm. Es 
sollte nicht gleichgültig oder bedeutungslos sein, welche Einzelheit 
des Kindheitslebens sich dem allgemeinen Vergessen der Kindheit 
entzogen hatte. Vielmehr durfte man vermuten, daß dies im Ge- 
dächtnis Erhaltene auch das Bedeutsamste des ganzen Lebens- 
abschnittes sei, und zwar entweder so, daß es solche Wichtigkeit 
schon zu seiner Zeit besessen oder anders, daß es sie durch den 
Einfluß späterer Erlebnisse nachträglich erworben habe. 

Allerdings war die hohe Wertigkeit solcher Kindheitserinne- 
rungen nur in seltenen Fällen offensichtlich. Meist erschienen sie 
gleichgültig, ja nichtig, und es blieb zunächst unverstanden, daß 
es gerade ihnen gelungen war, der Amnesie zu trotzen; auch 
wußte derjenige, der sie als sein eigenes Erinnerungsgut seit 
langen Jahren bewahrt hatte, sie so wenig zu würdigen wie der 
Fremde, dem er sie erzählte. Um sie in ihrer Bedeutsamkeit zu 
erkennen, bedurfte es einer gewissen Deutungsarbeit, die entweder 
nachwies, wie ihr Inhalt durch einen anderen zu ersetzen sei 
oder ihre Beziehung zu anderen, unverkennbar wichtigen Erleb- 
nissen aufzeigte, für welche sie als sogenannte Deckerinnerungen 
eingetreten waren. 

In jeder psychoanalytischen Bearbeitung einer Lebensgeschichte 
gelingt es, die Bedeutung der frühesten Kindheitserinnerungen in 
solcher Weise aufzuklären. Ja, es ergibt sich in der Regel, daß 
gerade diejenige Erinnerung, die der Analysierte voranstellt, die 
er zuerst erzählt, mit der er seine Lebensbeichte einleitet, sich 
als die wichtigste erweist, als diejenige, welche die Schlüssel zu 
den Geheimfächern seines Seelenlebens in sich birgt. Aber im 
Falle jener kleinen Kinderbegebenheit, die in „Dichtung und 
Wahrheit" erzählt wird, kommt unseren Erwartungen zu wenig 






90 



Sigm. Freud 



entgegen. Die Mittel und Wege, die bei unseren Patienten zur 
Deutung führen, sind uns hier natürlich unzugänglich ; der Vorfall 
an sich scheint einer aufspürbaren Beziehung zu wichtigen Lebens- 
eindrücken späterer Zeit nicht fähig zu sein. Ein Schabernack 
zum Schaden der häuslichen Wirtschaft, unter fremdem Einfluß 
verübt, ist sicherlich keine passende Vignette für all das, was 
Goethe aus seinem reichen Leben mitzuteilen hat. Der Eindruck 
der vollen Harmlosigkeit und Beziehungslosigkeit will sich für 
diese Kindererinnerung behaupten, und wir mögen die Mahnung 
mitnehmen, die Anforderungen der Psychoanalyse nicht zu über- 
spannen oder am ungeeigneten Orte vorzubringen. 

So hatte ich denn das kleine Problem längst aus meinen Ge- 
danken fallen lassen, als mir der Zufall einen Patienten zuführte, 
bei dem sich eine ähnliche Kindheitserinnerung in durchsichti- 
gerem Zusammenhange ergab. Es war ein siebenundzwanzigjähriger, 
hochgebildeter und begabter Mann, dessen Gegenwart durch einen 
Konflikt mit seiner Mutter ausgefüllt war, der sich so ziemlich 
auf alle Interessen des Lebens erstreckte, unter dessen Wirkung 
die Entwicklung seiner Liebesfähigkeit und seiner selbständigen 
Lebensführung schwer gelitten hatte. Dieser Konflikt ging weit 
in die Kindheit zurück; man kann wohl sagen, bis in sein viertes 
Lebensjahr. Vorher war er ein sehr schwächliches, immer krän- 
kelndes Kind gewesen, und doch hatten seine Erinnerungen diese 
üble Zeit zum Paradies verklärt, denn damals besaß er die un- 
eingeschränkte, mit niemandem geteilte Zärtlichkeit der Mutter. 
Als er noch nicht vier Jahre war, wurde ein — heute noch 
lebender — Bruder geboren, und in der Reaktion auf diese Stö- 
rung wandelte er sich zu einem eigensinnigen, unbotmäßigen 
Jungen, der unausgesetzt die Strenge der Mutter herausforderte. 
Er kam auch nie mehr in das richtige Geleise. 

Als er in meine Behandlung trat — nicht zum mindesten 
darum, weil die bigotte Mutter die Psychoanalyse verabscheute — 
war die Eifersucht auf den nachgeborenen Bruder, die sich seiner- 



Eine Kindheitserinnerung aus „Dichtung und Wahrheit' 



9* 



zeit selbst in einem Attentat auf den Säugling in der Wiege 
geäußert hatte, längst vergessen. Er behandelte jetzt seinen jün- 
geren Bruder sehr rücksichtsvoll, aber sonderbare Zufallshandlungen, 
durch die er sonst geliebte Tiere wie seinen Jagdhund oder sorgsam 
von ihm gepflegte Vögel plötzlich zu schwerem Schaden brachte, 
waren wohl als Nachklänge jener feindseligen Impulse gegen den 
kleinen Bruder zu verstehen. 

Dieser Patient berichtete nun, daß er um die Zeit des Attentats 
gegen das ihm verhaßte Kind einmal alles ihm erreichbare Ge- 
schirr aus dem Fenster des Landhauses auf die Straße geworfen. 
Also dasselbe, was Goethe in Dichtung und Wahrheit aus seiner 
Kindheit erzählt! Ich bemerke, daß mein Patient von fremder 
Nationalität und nicht in deutscher Bildung erzogen war; er hatte 
Goethes Lebensbeschreibung niemals gelesen. 

Diese Mitteilung mußte mir den Versuch nahe legen, die 
Kindheitserinnerung Goethes in dem Sinne zu deuten, der durch 
die Geschichte meines Patienten unabweisbar geworden war. Aber 
waren in der Kindheit des Dichters die für solche Auffassung 
erforderlichen Bedingungen nachzuweisen? Goethe selbst macht 
zwar die Aneiferung der Herren von Ochsenstein für seinen 
Kinderstreich verantwortlich. Aber seine Erzählung selbst läßt 
erkennen, daß die erwachsenen Nachbarn ihn nur zur Fortsetzung 
seines Treibens aufgemuntert hatten. Den Anfang dazu hatte er 
spontan gemacht, und die Motivierung, die er für dies Beginnen 
gibt: „Da weiter nichts dabei (beim Spiele) herauskommen wollte", 
läßt sich wohl ohne Zwang als Geständnis deuten, daß ihm ein 
wirksames Motiv seines Handelns zur Zeit der Niederschrift und 
wahrscheinlich auch lange Jahre vorher nicht bekannt war. 

Es ist bekannt, daß Joh. Wolfgang und seine Schwester Cor- 
nelia die ältesten Überlebenden einer größeren, recht hinfälligen 
Kinderreihe waren. Dr. Hanns Sachs war so freundlich, mir die 
Daten zu verschaffen, die sich auf diese früh verstorbenenen 
Geschwister Goethes beziehen. 



g2 Sigm. Freud 

Geschwister Goethes: 

a) Hermann Jakob, getauft Montag, den 27. November 1752, 
erreichte ein Alter von sechs Jahren und sechs Wochen, be- 
erdigt 13. Jänner 1759. 

b) Katharina Elisabetha, getauft Montag, den 9. September 1754, 
beerdigt Donnerstag, den 22. Dezember 1755 (ein Jahr vier 
Monate alt). 

c) Johanna Maria, getauft Dienstag, den 29. März 1757 und 
beerdigt Samstag, den 11. August 1759 (zwei Jahre, vier 
Monate alt). (Dies war jedenfalls das von ihrem Bruder ge- 
rühmte sehr schöne und angenehme Mädchen). 

d) Georg Adolph, getauft Sonntag, den 15. Juni 1760; be- 
erdigt, acht Monate alt, Mittwoch, den 18. Februar 1761. 

Goethes nächste Schwester, Cornelia Friederica Christiana, 
war am 7. Dezember 1750 geboren, als er fünfviertel Jahre alt 
war. Durch diese geringe Altersdifferenz ist sie als Objekt der 
Eifersucht so gut wie ausgeschlossen. Man weiß, daß Kinder, 
wenn ihre Leidenschaften erwachen, niemals so heftige Reaktionen 
gegen die Geschwister entwickeln, welche sie vorfinden, sondern 
ihre Abneigung gegen die neu Ankommenden richten. Auch ist die 
Szene, um deren Deutung wir uns bemühen, mit dem zarten Alter 
Goethes bei oder bald nach der Geburt Cornelias unvereinbar. 
Bei der Geburt des ersten Brüderchens Hermann Jakob war 
Joh. Wolfgang dreieinviertel Jahre alt. Ungefähr zwei Jahre später, 
als er etwa fünf Jahre alt war, wurde die zweite Schwester ge- 
boren. Beide Altersstufen kommen für die Datierung des Geschirr- 
hinauswerfens in Betracht; die erstere verdient vielleicht den Vor- 
zug, sie würde auch die bessere Übereinstimmung mit dem Falle 
meines Patienten ergeben, der bei der Geburt seines Bruders 
etwa dreidreiviertel Jahre zählte. 

Der Bruder Hermann Jakob, auf den unser Deutungsversuch 
in solcher Art hingelenkt wird, war übrigens kein so flüchtiger 
Gast in der Go et h eschen Kinderstube wie die späteren Geschwister. 



Eine Kindheitserinnerung aus „Dichtung und Wahrheit" 95 

Man könnte sich verwundern, daß die Lebensgeschichte seines 
großen Bruders nicht ein Wörtchen des Gedenkens an ihn bringt. 1 
Er wurde über sechs Jahre alt und Joh. Wolfgang war nahe an 
zehn Jahre, als er starb. Dr. Ed. Hitschmann, der so freundlich 
war, mir seine Notizen über diesen Stoff zur Verfügung zu stellen, 
meint: 

„Auch der kleine Goethe hat ein Brüderchen nicht un- 
gern sterben gesehen. Wenigstens berichtete seine Mutter nach 
Bettina Brentanos Wiedererzählung folgendes: ,Sonderbar fiel 
es der Mutter auf, daß er bei dem Tode seines jüngeren Bruders 
Jakob, der sein Spielkamerad war, keine Träne vergoß, er schien 
vielmehr eine Art Ärger über die Klagen der Eltern und Ge- 
schwister zu haben ; da die Mutter nun später den Trotzigen 
fragte, ob er den Bruder nicht lieb gehabt habe, lief er in seine 
Kammer, brachte unter dem Bett hervor eine Menge Papiere 
die mit Lektionen und Geschichtchen beschrieben waren, er sagte 
ihr, daß er dies alles gemacht habe, um es dem Bruder zu lehren.' 
Der ältere Bruder hätte also immerhin gern Vater mit dem 
Jüngeren gespielt und ihm seine Überlegenheit gezeigt." 

Wir könnten uns also die Meinung bilden, das Geschirrhinaus- 
werfen sei eine symbolische, oder sagen wir es richtiger: eine 
magische Handlung, durch welche das Kind (Goethe sowie 
mein Patient) seinen Wunsch nach Beseitigung des störenden Ein- 
dringlings zu kräftigem Ausdruck bringt. Wir brauchen das Ver- 
gnügen des Kindes beim Zerschellen der Gegenstände nicht zu 
bestreiten; wenn eine Handlung bereits an sich lustbringend ist, 
so ist dies keine Abhaltung, sondern eher eine Verlockung, sie 
auch im Dienste anderer Absichten zu wiederholen. Aber wir 

1) [Zusatz 1924:] Ich bediene mich dieser Gelegenheit, um eine unrichtige Be- 
hauptung, die nicht hätte vorfallen sollen, zurückzunehmen. An einer späteren Stelle 
dieses ersten Buches wird der jüngere Bruder doch erwähnt und geschildert. Es 
geschieht bei der Erinnerung an die lästigen Kinderkrankheiten, unter denen auch 
dieser Bruder „nicht wenig litt". „Er war von zarter Natur, still und eigensinnig 
und wir hatten niemals ein eigentliches Verhältnis zusammen. Auch überlebte er 
kaum die Kinderjahre." 



94 



Sigm. Freud 



glauben nicht, daß es die Lust am Klirren und Brechen war, 
welche solchen Kinderstreichen einen dauernden Platz in der Er- 
innerung des Erwachsenen sichern konnte. Wir sträuben uns auch 
nicht, die Motivierung der Handlung um einen weiteren Beitrag 
zu komplizieren. Das Kind, welches das Geschirr zerschlägt, weiß 
wohl, daß es etwas Schlechtes tut, worüber die Erwachsenen 
schelten werden, und wenn es sich durch dieses Wissen nicht 
zurückhalten läßt, so hat es wahrscheinlich einen Groll gegen die 
Eltern zu befriedigen; es will sich schlimm zeigen. 

Der Lust am Zerbrechen und am Zerbrochenen wäre auch 
Genüge getan, wenn das Kind die gebrechlichen Gegenstände 
einfach auf den Boden würfe. Die Hinausbeförderung durch das 
Fenster auf die Straße bliebe dabei ohne Erklärung. Dies „Hinaus" 
scheint aber ein wesentliches Stück der magischen Handlung zu 
sein und dem verborgenen Sinn derselben zu entstammen. Das 
neue Kind soll fortgeschafft werden, durchs Fenster möglicher- 
weise darum, weil es durchs Fenster gekommen ist. Die ganze 
Handlung wäre dann gleichwertig jener uns bekannt gewordenen 
wörtlichen Reaktion eines Kindes, als man ihm mitteilte, daß der 
Storch ein Geschwisterchen gebracht. „Er soll es wieder mit- 
nehmen", lautete sein Bescheid. 

Indes, wir verhehlen uns nicht, wie mißlich es — von allen 
inneren Unsicherheiten abgesehen — bleibt, die Deutung einer 
Kinderhandlung auf eine einzige Analogie zu begründen. Ich hatte 
darum auch meine Auffassung der kleinen Szene aus „Dichtung 
und Wahrheit" durch Jahre zurückgehalten. Da bekam ich eines 
Tages einen Patienten, der seine Analyse mit folgenden, wort- 
getreu fixierten Sätzen einleitete: 

„Ich bin das älteste von acht oder neun Geschwistern. 1 Eine 
meiner ersten Erinnerungen ist, daß der Vater, in Nachtkleidung 

1) Ein flüchtiger Irrtum auffälliger Natur. Es ist nicht abzuweisen, daß er bereits 
durch die Beseitigungstendenz gegen den Bruder induziert ist. (Vgl. Ferenczi: Über 
passagere Symptombildungen während der Analyse. Zentralbl. f. Psychoanalyse II, 1912.) 






Eine Kindheitserinnerung aus „Dichtung und Wahrheit' 



95 



auf seinem Bette sitzend, mir lachend erzählt, daß ich einen 
Bruder bekommen habe. Ich war damals dreidreiviertel Jahre alt- 
so groß ist der Altersunterschied zwischen mir und meinem 
nächsten Bruder. Dann weiß ich, daß ich kurze Zeit nachher 
(oder war es ein Jahr vorher?) 1 einmal verschiedene Gegenstände, 
Bürsten — oder war es nur eine Bürste? — Schuhe und anderes 
aus dem Fenster auf die Straße geworfen habe. Ich habe auch 
noch eine frühere Erinnerung. Als ich zwei Jahre alt war, über- 
nachtete ich mit den Eltern in einem Hotelzimmer in Linz auf 
der Reise ins Salzkammergut. Ich war damals so unruhig in der 
Nacht und machte ein solches Geschrei, daß mich der Vater 
schlagen mußte." 

Vor dieser Aussage ließ ich jeden Zweifel fallen. Wenn bei 
analytischer Einstellung zwei Dinge unmittelbar nacheinander, wie 
in einem Atem vorgebracht werden, so sollen wir diese Annähe- 
rung auf Zusammenhang umdeuten. Es war also so, als ob der 
Patient gesagt hätte: Weil ich erfahren, daß ich einen Bruder 
bekommen habe, habe ich einige Zeit nachher jene Gegenstände 
auf die Straße geworfen. Das Hinauswerfen der Bürsten, Schuhe usw. 
gibt sich als Reaktion auf die Geburt des Bruders zu erkennen 
Es ist auch nicht unerwünscht, daß die fortgeschafften Gegen- 
stände in diesem FaUe nicht Geschirr, sondern andere Dinge 
waren, wahrscheinlich solche, wie sie das Kind eben erreichen 
konnte ... Das Hinausbefördern (durchs Fenster auf die Straße) 
erweist sich so als das Wesenüiche der Handlung, die Lust am 
Zerbrechen, am Klirren und die Art der Dinge, an denen „die 
Exekution vollzogen wird", als inkonstant und unwesentlich. 

Natürlich gilt die Forderung des Zusammenhanges auch für 
die dritte Kindheitserinnerung des Patienten, die, obwohl die 
früheste, an das Ende der kleinen Reihe gerückt ist. Es ist leicht, 
sie zu erfüllen. Wir verstehen, daß das zweijährige Kind darum 



i) Dieser den wesentlichen Punkt der Mitteilung als Widerstand annagende 
Zweifel wurde vom Patienten bald nachher selbständig: zurückgezogen. 



<)6 



Sigm. Freud 



so unruhig war, weil es das Beisammensein von Vater und Mutter 
im Bette nicht leiden wollte. Auf der Reise war es wohl nicht 
anders möglich, als das Kind zum Zeugen dieser Gemeinschaft 
werden zu lassen. Von den Gefühlen, die sich damals in dem 
kleinen Eifersüchtigen regten, ist ihm die Erbitterung gegen 
das Weib verblieben, und diese hat eine dauernde Störung seiner 
Liebesentwicklung zur Folge gehabt. 

Als ich nach diesen beiden Erfahrungen im Kreise der psycho- 
analytischen Gesellschaft die Erwartung äußerte, Vorkommnisse 
solcher Art dürften bei kleinen Kindern nicht zu den Seltenheiten 
gehören, stellte mir Frau Dr. v. Hug-Hellmuth zwei weitere 
Beobachtungen zur Verfügung, die ich hier folgen lasse: 



Mit zirka dreieinhalb Jahren hatte der kleine Erich „urplötzlich" die 
Gewohnheit angenommen, alles, was ihm nicht paßte, zum Fenster hinaus- 
zuwerfen. Aber er tat es auch mit Gegenständen, die ihm nicht im Wege 
waren und ihn nichts angingen. Gerade am Geburtstag des Vaters — da 
zählte er drei Jahre viereinhalb Monate — warf er eine schwere Teigwalze, 
die er flugs aus der Küche ins Zimmer geschleppt hatte, aus einem Fenster 
der im dritten Stockwerk gelegenen Wohnung auf die Straße. Einige Tage 
später Heß er den Mörserstößel, dann ein Paar schwerer Bergschuhe des 
Vaters, die er erst aus dem Kasten nehmen mußte, folgen. 1 

Damals machte die Mutter im siebenten oder achten Monate ihrer Schwanger- 
schaft eine fausse coucke, nach der das Kind „wie ausgewechselt brav und zärtlich, 
still" war. Im fünften oder sechsten Monate sagte er wiederholt zur Mutter: 
„Mutti, ich spring' dir auf den Bauch" oder „Mutti, ich drück' dir den 
Bauch ein". Und kurz vor der fausse coucke, im Oktober: „Wenn ich schon 
einen Bruder bekommen soll, so wenigstens erst nach dem Christkindl. " 



II 

Eine junge Dame von neunzehn Jahren gibt spontan als früheste Kind- 
heitserinnerung folgende: 

„Ich sehe mich furchtbar ungezogen, zum Hervorkriechen bereit, unter 
dem Tische im Speisezimmer sitzen. Auf dem Tische steht meine Kaffee- 
schale — ich sehe noch jetzt deutlich das Muster des Porzellans vor mir, — 

1) Immer wählte er schwere Gegenstände. 



Eine Kindheitserinnerung aus „Dichtung und Wahr heit" 97 

die ich in dem Augenblick, als Großmama ins Zimmer trat, zum Fenster 
hinauswerfen wollte. 

Es hatte sich nämlich niemand um mich gekümmert, und indessen hatte 
sich auf dem Kaffee eine „Haut" gebildet, was mir immer fürchterlich war 
und heute noch ist. 

An diesem Tage wurde mein um zweieinhalb Jahre jüngerer Bruder ge- 
boren, deshalb hatte niemand Zeit für mich. 

Man erzählt mir noch immer, daß ich an diesem Tage unausstehlich war; 
zu Mittag hatte ich das Lieblingsglas des Papas vom Tische geworfen, tags- 
über mehrmals mein Kleidchen beschmutzt und war von früh bis abends 
übelster Laune. Auch ein Badepüppchen hatte ich in meinem Zorne zer- 
trümmert. 

Diese beiden Fälle bedürfen kaum eines Kommentars. Sie be- 
stätigen ohne weitere analytische Bemühung, daß die Erbitterung 
des Kindes über das erwartete oder erfolgte Auftreten eines Kon- 
kurrenten sich in dem Hinausbefördern von Gegenständen durch 
das Fenster wie auch durch andere Akte von Schlimmheit und 
Zerstörungssucht zum Ausdruck bringt. In der ersten Beobachtung 
symbolisieren wohl die „schweren Gegenstände" die Mutter selbst, 
gegen welche sich der Zorn des Kindes richtet, solange das neue 
Kind noch nicht da ist. Der dreieinhalbjährige Knabe weiß um 
die Schwangerschaft der Mutter und ist nicht im Zweifel darüber, 
daß sie das Kind in ihrem Leibe beherbergt. Man muß sich 
mebei an den „kleinen Hans" 1 erinnern und an seine besondere 
Angst vor schwer beladenen Wagen. 2 An der zweiten Beobach- 
tung ist das frühe Alter des Kindes, zweieinhalb Jahre, bemer- 
kenswert. 



1) Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben [Ges. Schriften, Bd. VIII]. 

2) Für diese Symbolik der Schwangerschaft ' hat mir vor einiger Zeit eine mehr 
als fünfzigjährige Dame eine weitere Bestätigung erbracht. Es war ihr wiederholt 
erzählt worden, daß sie als kleines Kind, das kaum sprechen konnte, den Vater auf- 
geregt zum Fenster zu ziehen pflegte, wenn ein schwerer Möbelwagen auf der Straße 
vorbeifuhr. Mit Rücksicht auf ihre Wohnungserinnerungen läßt sich feststellen, daß 
sie damals jünger war als zweidreiviertel Jahre. Um diese Zeit wurde ihr nächster 
Bruder geboren und infolge dieses Zuwachses die Wohnung gewechselt. Ungefähr 
gleichzeitig hatte sie oft vor dem Einschlafen die ängstliche Empfindung von etwas 
unheimlich Großem, das auf sie zukam, und dabei „wurden ihr die Hände so 
dick«. 

Freud, Dichtung und Kumt 7 



98 



Sigm. Freud 



Wenn wir nun zur Kindheitserinnerung Goethes zurückkehren 
und an ihrer Stelle in „Dichtung und Wahrheit" einsetzen, was 
wir aus der Beobachtung anderer Kinder erraten zu haben glauben, 
so stellt sich ein tadelloser Zusammenhang her, den wir sonst 
nicht entdeckt hätten. Es heißt dann: Ich bin ein Glückskind 
gewesen 5 das Schicksal hat mich am Leben erhalten, obwohl ich 
für tot zur Welt gekommen bin. Meinen Bruder aber hat es be- 
seitigt, so daß ich die Liebe der Mutter nicht mit ihm zu teilen 
brauchte. Und dann geht der Gedankenweg weiter, zu einer 
anderen in jener Frühzeit Verstorbenen, der Großmutter, die wie 
ein freundlicher, stiller Geist in einem anderen Wohnraum hauste. 

Ich habe es aber schon an anderer Stelle ausgesprochen: Wenn 
man der unbestrittene Liebling der Mutter gewesen ist, so behält 
man fürs Leben jenes Eroberergefühl, jene Zuversicht des Erfolges, 
welche nicht selten wirklich den Erfolg nach sich zieht. Und 
eine Bemerkung solcher Art wie : Meine Stärke wurzelt in meinem 
Verhältnis zur Mutter, hätte Goethe seiner Lebensgeschichte mit 
Recht voranstellen dürfen. 







..^._ 



DAS UNHEIMLICHE 



Zuerst erschienen in „Imago", Bd. V (1919), 
dann in der Fünften Folge der „Sammlung 
kleiner Schriften zur Neurosenlehre*. 



Der Psychoanalytiker verspürt nur selten den Antrieb zu ästhe- 
tischen Untersuchungen, auch dann nicht, wenn man die Ästhetik 
nicht auf die Lehre vom Schönen einengt, sondern sie als Lehre 
von den Qualitäten unseres Fühlens beschreibt. Er arbeitet in 
anderen Schichten des Seelenlebens und hat mit den ziel- 
gehemmten, gedämpften, von so vielen begleitenden Konstella- 
tionen abhängigen Gefühlsregungen, die zumeist der Stoff der 
Ästhetik sind, wenig zu tun. Hie und da trifft es sich doch, daß 
er sich für ein bestimmtes Gebiet der Ästhetik interessieren muß, 
und dann ist dies gewöhnlich ein abseits liegendes, von der ästhe- 
tischen Fachliteratur vernachlässigtes. 

Ein solches ist das „Unheimliche". Kein Zweifel, daß es zum 
Schreckhaften, Angst- und Grauenerregenden gehört, und ebenso 
sicher ist es, daß dies Wort nicht immer in einem scharf zu 
bestimmenden Sinne gebraucht wird, so daß es eben meist mit 
dem Angsterregenden überhaupt zusammenfällt. Aber man darf 
doch erwarten, daß ein besonderer Kern vorhanden ist, der die 
Verwendung eines besonderen Begriffswortes rechtfertigt. Man 
möchte wissen, was dieser gemeinsame Kern ist, der etwa ge- 



ioo Sigm. Freud 



stattet, innerhalb des Ängstlichen ein „Unheimliches" zu unter- 
scheiden. 

Darüber findet man nun so viel wie nichts in den ausführ- 
lichen Darstellungen der Ästhetik, die sich überhaupt lieber mit 
den schönen, großartigen, anziehenden, also mit den positiven 
Gefühlsarten, ihren Bedingungen und den Gegenständen, die sie 
hervorrufen, als mit den gegensätzlichen, abstoßenden, peinlichen 
beschäftigen. Von selten der ärztlich-psychologischen Literatur 
kenne ich nur die eine, inhaltsreiche, aber nicht erschöpfende 
Abhandlung von E. Jentsch. 1 Allerdings muß ich gestehen, daß 
aus leicht zu erratenden, in der Zeit hegenden Gründen die 
Literatur zu diesem kleinen Beitrag, insbesondere die fremd- 
sprachige, nicht gründlich herausgesucht wurde, weshalb er denn 
auch ohne jeden Anspruch auf Priorität vor den Leser tritt. 

Als Schwierigkeit beim Studium des Unheimlichen betont 
Jentsch mit vollem Recht, daß die Empfindlichkeit für diese 
Gefühlsqualität bei verschiedenen Menschen so sehr verschieden 
angetroffen wird. Ja, der Autor dieser neuen Unternehmung muß 
sich einer besonderen Stumpfheit in dieser Sache anklagen, wo 
große Feinfühligkeit eher am Platze wäre. Er hat schon lange 
nichts erlebt oder kennen gelernt, was ihm den Eindruck des 
Unheimlichen gemacht hätte, muß sich erst in das Gefühl hinein- 
versetzen, die Möglichkeit desselben in sich wachrufen. Indes sind 
Schwierigkeiten dieser Art auch auf vielen anderen Gebieten der 
Ästhetik mächtig; man braucht darum die Erwartung nicht auf- 
zugeben, daß sich die Fälle werden herausheben lassen, in denen 
der fragliche Charakter von den meisten widerspruchslos aner- 
kannt wird. 

Man kann nun zwei Wege einschlagen: nachsuchen, welche 
Bedeutung die Sprachentwicklung in dem Worte „unheimlich" 
niedergelegt hat, oder zusammentragen, was an Personen und 

i) Zur Psychologie des Unheimlichen, Psychiatr.-neurolog. "Wochenschrift 1906, 
Nr. 22 und 25. 



Das Unheimliche 101 



Dingen, Sinneseindrücken, Erlebnissen und Situationen das Gefühl 
des Unheimlichen in uns wachruft, und den verhüllten Charakter 
des Unheimlichen aus einem allen Fällen Gemeinsamen erschließen. 
Ich will gleich verraten, daß beide Wege zum nämlichen Ergebnis 
führen, das Unheimliche sei jene Art des Schreckhaften, welche 
auf das Altbekannte, Längstvertraute zurückgeht. Wie das möglich 
ist, unter welchen Bedingungen das Vertraute unheimlich, schreck- 
haft werden kann, das wird aus dem Weiteren ersichtlich werden. 
Ich bemerke noch, daß diese Untersuchung in Wirklichkeit den 
Weg über eine Sammlung von Einzelfällen genommen und erst 
später die Bestätigung durch die Aussage des Sprachgebrauches 
gefunden hat. In dieser Darstellung werde ich aber den umge- 
kehrten Weg gehen. 

Das deutsche Wort „unheimlich" ist offenbar der Gegensatz zu 
heimlich, heimisch, vertraut und der Schluß liegt nahe, es sei 
etwas eben darum schreckhaft, weil es nicht bekannt und ver- 
traut ist. Natürlich ist aber nicht alles schreckhaft, was neu und 
nicht vertraut ist; die Beziehung ist nicht umkehrbar. Man kann 
nur sagen, was neuartig ist, wird leicht schreckhaft und unheim- 
lich; einiges Neuartige ist schreckhaft, durchaus nicht alles. Zum 
Neuen und Nichtvertrauten muß erst etwas hinzukommen, was 
es zum Unheimlichen macht. 

Jentsch ist im ganzen bei dieser Beziehung des Unheimlichen 
zum Neuartigen, Nichtvertrauten, stehen geblieben. Er findet die 
wesentliche Bedingung für das Zustandekommen des unheimlichen 
Gefühls in der intellektuellen Unsicherheit. Das Unheimliche wäre 
eigentlich immer etwas, worin man sich sozusagen nicht aus- 
kennt. Je besser ein Mensch in der Umwelt orientiert ist, desto 
weniger leicht wird er von den Dingen oder Vorfällen in ihr 
den Eindruck der Unheimlichkeit empfangen. 

Wir haben es leicht zu urteilen, daß diese Kennzeichnung nicht 
erschöpfend ist, und versuchen darum, über die Gleichung 
unheimlich = nicht vertraut hinauszugehen. Wir wenden uns 



ioi2 Sigm. Freud 



zunächst an andere Sprachen. Aber die Wörterbücher, in denen 
wir nachschlagen, sagen uns nichts Neues, vielleicht nur darum 
nicht, weil wir selbst Fremdsprachige sind. Ja, wir gewinnen den 
Eindruck, daß vielen Sprachen ein Wort für diese besondere 
Nuance des Schreckhaften abgeht. 1 

Lateinisch (nach K. E. Georges, Kl. Deutschlatein. Wörterbuch 1898): 
ein unheimlicher Ort — locus suspectus; in unheimlicher Nachtzeit — 
intempesta nocte. 

Griechisch (Wörterbücher von Rost und von Schenkl): fevog — 
also fremd, fremdartig. 

Englisch (aus den Wörterbüchern von Lucas, Bellow, Flügel 
Muret-Sanders): uncomfor table, uneasy, gloomy, dismal, uncanny, ghastly 
von einem Hause : haunted, von einem Menschen : a repulsive fellow. 

Französisch (Sachs- Villatte): inquietant, sinistre, lugubre, mal ä 
son aise. 

Spanisch (Tollhausen 1889): sospechoso, de mal aguero, lugubre, 
siniestro. 

Das Italienische und Portugiesische scheinen sich mit Worten 
zu begnügen, die wir als Umschreibungen bezeichnen würden. 
Im Arabischen und Hebräischen fällt unheimlich mit dämonisch 
schaurig zusammen. 

Kehren wir darum zur deutschen Sprache zurück. 

In Daniel Sanders' Wörterbuch der Deutschen Sprache 1860 
finden sich folgende Angaben zum Worte heimlich, die ich hier 
ungekürzt abschreiben und aus denen ich die eine und die andere 
Stelle durch Unterstreichung hervorheben will (I. Bd., p. 729): 

Heimlich, a. (-keit, f. -en): 1. auch Heimelich, heimelig, zum Hause 
gehörig, nicht fremd, vertraut, zahm, traut und traulich, anheimelnd etc. 
a) (veralt.) zum Haus, zur Familie gehörig, oder: wie dazu gehörig 
betrachtet, vgl. lat. familiaris, vertraut: Die Heimlichen, die Hausgenossen; 
Der heimliche Rat. 1. Mos. 4.1, 45; 2. Sam. 23, 23. 1. Chr. 12, 25. 

1) Für die nachstehenden Auszüge bin ich Herrn Dr. Th. Reik zu Dank ver- 
pflichtet. 






. 



FT 



Das Unheimliche 



103 



Weish. 8, 4., wofür jetzt: Geheimer (s. dl.) Rat üblich ist, s. Heim- 
licher — b) von Thieren zahm, sich den Menschen traulich anschließend. 
Ggstz. wild, z. B. Tier, die weder wild noch heimlich sind etc. Eppen- 
dorf. 88; Wilde Thier ... so man sie h. und gewohnsam um die Leute 
aufzeucht. 92. So diese Thierle von Jugend bei den Menschen erzogen, 
werden sie ganz h., freundlich etc. Stumpf 608a etc. — So noch: So h. 
ist's (das Lamm) und frißt aus meiner Hand. Hölty; Ein schöner, heime- 
licher (s. c) Vogel bleibt der Storch immerhin. Linck. Schi. 146. s. Häus- 
lich. 1 etc. — c) traut, traulich anheimelnd; das Wohlgefühl stiller 
Befriedigung etc., behaglicher Ruhe u. sichern Schutzes, wie das um- 
schlossne wohnliche Haus erregend (vgl. Geheuer): Ist dir's h. noch im 
Lande, wo die Fremden deine Wälder roden? Alexis H. 1, 1, 289. Es war 
ihr nicht allzu h. bei ihm. Brentano Wehm. g2; Auf einem hohen h — en 
Schattenpfade . . ., längs dem rieselnden rauschenden und plätschernden 
Waldbach. Forster B. 1,417. Die H — keit der Heimath zerstören. Gervinus 
Lit. 5, 375- So vertraulich und heimlich habe ich nicht leicht ein 
Plätzchen gefunden. G. 14, 14; Wir dachten es uns so bequem, so artig, 
so gemütlich und h. 15, 9; In stiller H — keit, umzielt von engen 
Schranken. Haller: Einer sorglichen Hausfrau, die mit dem Wenigsten 
eine vergnügliche H— keit (Häuslichkeit) zu schaffen versteht. Hartmann 
Ünst. 1, 188; Desto h— er kam ihm jetzt der ihm erst kurz noch so 
fremde Mann vor. Kerner 540 ; Die protestantischen Besitzer fühlen sich 
nicht h. unter ihren katholischen Unterthanen. Kohl. Irl. 1, 172; Wenns h. 
wird und leise / die Abendstille nur an deiner Zelle lauscht. Tiedge 
2, 3g; Still und lieb und h., als sie sich / zum Ruhen einen Platz nur 
wünschen möchten. W. 11, 144; Es war ihm garnicht h. dabei 27, 
170 etc. — Auch: Der Platz war so still, so einsam, so schatten-h. Scherr 
Pilg. 1, 170; Die ab- und zuströmenden Fluthwellen, träumend und 
wiegenlied-h. Körner, Seh. 3, 320 etc. — Vgl. namentl. Un-h. — Namentl. 
bei schwäb., schwzr. Schriftst. oft dreisilbig: Wie „heimelich" war es dann 
Ivo Abends wieder, als er zu Hause lag. Auerbach, D. 1, 249; In dem 
Haus ist mir's so heimelig gewesen. 4. 307; Die warme Stube, der 
heimelige Nachmittag. Gotthelf, Seh. 127, 148; Das ist das wahre Heimelig, 
wenn der Mensch so von Herzen fühlt, wie wenig er ist, wie groß der 
Herr ist. 147; Wurde man nach und nach recht gemütlich und heimelig 
mit einander, U. 1, 297; Die trauliche Heimeligkeit. 380, 2, 86; Heime- 
licher wird es mir wohl nirgends werden als hier. 327 ; Pestalozzi 4, 240 ; 
Was von ferne herkommt . . . lebt gw. nicht ganz heimelig (heimatlich, 



104 Sigm. Freud 



freundnachbarlich) mit den Leuten. 325; Die Hütte, wo / er sonst so 
heimelig, so froh / . . . im Kreis der Seinen oft gesessen. Reithard 20 ; Da 
klingt das Hörn des Wächters so heimelig vom Thurm — da ladet seine 
Stimme so gastlich. 49 ; Es schläft sich da so lind und warm / so wunder- 
heim'lig ein. 23 etc. — Diese Weise verdiente allgemein zu werden, 
um das gute Wort vor dem Veralten wegen nahe liegender Ver- 
wechslung mit 2 zu bewahren, vgl: „Die Zecks sind alle h. (2)" 
H . . .? Was verstehen sie unter h . . .? — „Nun ... es kommt mir 
mit ihnen vor, wie mit einem zugegrabenen Brunnen oder 
einem ausgtrockneten Teich. Man kann nicht darüber gehen 
ohne daß es Einem immer ist, als könnte da wieder einmal 
Wasser zum Vorschein kommen." Wir nennen das un — h.; Sie 
nennen's h. Worin finden Sie denn, daß diese Familie etwas 
Verstecktes und Unzuverlässiges hat? etc. Gutzkow R. 2, 61. 1 — 
d) (s. c) namentl. schles.: fröhlich, heiter, auch vom Wetter, s. Adelung 
und Weinhold. — 2. versteckt, verborgen gehalten, so daß man Andre 
nicht davon oder darum wissen lassen, es ihnen verbergen will, vgl. 
Geheim (2), von welchem erst nhd. Ew. es doch zumal in der älteren 
Sprache, z. B. in der Bibel, wie Hiob 11, 6; 15, 8, Weish. 2, 22- 
1. Korr. 2, 7 etc. und so auch H — keit statt Geheimnis. Math. 13, 35 etc. 
nicht immer genau geschieden wird: H. (hinter Jemandes Rücken) Etwas 
thun, treiben; Sich h. davon schleichen; H — e Zusammenkünfte, Ver- 
abredungen; Mit h — er Schadenfreude zusehen; H. seufzen, weinen- 
H. thun, als ob man etwas zu verbergen hätte; H — e Liebe, Liebschaft 
Sünde; H — e Orte (die der Wohlstand zu verhüllen gebietet). 1. Sam. 5 6- 
Das h— e Gemach (Abtritt) 2. Kön. 10, 27; W. 5, 256 etc., auch: Der 
h — e Stuhl, Zinkgräf 1, 249; In Graben, in H — keiten werfen. 3, 75; 
Rollenhagen Fr. 83 etc. — Führte, h. vor Laomedon / die Stuten vor. 
B. 161 b etc. — Ebenso versteckt, h., hinterlistig und boshaft gegen 
grausame Herren . . . wie offen, frei, theilnehmend und dienstwillig gegen 
den leidenden Freund. Burmeister gB 2, 157; Dusollst mein h. Heiligstes 
noch wissen. Chamisso 4, 56; Die h — e Kunst (der Zauberei). 3, 224; 
Wo die öffentliche Ventilation aufhören muß, fängt die h — e Machination 
an. Forster, Br. 2, 135; Freiheit ist die leise Parole h. Verschworener, das 
laute Feldgeschrei der öffentlich Umwälzenden. G. 4, 222; Ein heilig, h. 
Wirken. 15; Ich habe Wurzeln / die sind gar h., / im tiefen Boden / bin 
ich gegründet. 2, 10g; Meine h — e Tücke (vgl. Heimtücke). 30, 344; 



1) Sperrdruck (auch im folgenden) vom Referenten. 



Das Unheimliche 105 



Empfangt er es nicht offenbar und gewissenhaft, so mag er es h. und 
gewissenlos ergreifen. 39, 22; Ließ h. und geheimnisvoll achromatische 
Fernröhre zusammensetzen. 375; Von nun an, will ich, sei nichts H — es 
mehr unter uns. Seh. 369 b. — Jemandes H — keiten entdecken, offenbaren, 
verrathen; H — keiten hinter meinem Rücken zu brauen. Alexis. H. 2, 3, 
168; Zu meiner Zeit / befliß man sich der H — keit. Hagedorn 3, 92; Die 
H — keit und das Gepuschele unter der Hand. Immermann, M. 3, 28g; 
Der H — keit (des verborgnen Golds) unmächtigen Bann / kann nur die 
Hand der Einsicht lösen. Novalis. 1, 69; / Sag an, wo du sie verbirgst . . . 
in welches Ortes verschwiegener H. Sehr. 495 b ; Ihr Bienen, die ihr 
knetet / der H — keiten Schloß (Wachs zum Siegeln). Tieck, Cymb. 3, 2 ; 
Erfahren in seltnen H — keiten (Zauberkünsten). Schlegel Sh. 6, 102 etc. 
vgl. Geheimnis L. 10: 291 ff. 

Zssztg. s. ic, so auch nam. der Ggstz.: Un-: unbehagliches, banges 
Grauen erregend: Der schier ihm un-h., gespenstisch erschien. Chamisso 
3, 238; Der Nacht un-h. bange Stunden. 4, 148; Mir war schon lang' 
un-h., ja graulich zu Mute. 242; Nun fängts mir an, un-h. zu werden. 
Gutzkow R. 2, 82; Empfindet ein u — es Grauen. Verm. 1, 51; Un-h. 
und starr wie ein Steinbild. Reis, 1, 10; Den u— en Nebel, Haarrauch 
geheißen. Immermann M., 3, 299; Diese blassen Jungen sind un-h. und 
brauen Gott weiß was Schlimmes. Laube, Band 1, 119; Unh. nennt man 
Alles, was im Geheimnis, im .Verborgenen . . . bleiben sollte und 
hervorgetreten ist. Schelling, 2, 2, 649 etc. — Das Göttliche zu 
verhüllen, mit einer gewissen U — keit zu umgeben 658 etc. — Unüblich als 
Ggstz. von (2), wie es Campe ohne Beleg anführt. 

Aus diesem langen Zitat ist für uns am interessantesten, daß 
das Wörtchen heimlich unter den mehrfachen Nuancen seiner 
Bedeutung auch eine zeigt, in der es mit seinem Gegensatz un- 
heimlich zusammenfällt. Das heimliche wird dann zum unheim- 
lichen; vgl. das Beispiel von Gutzkow: „Wir nennen das un- 
heimlich, Sie nennen's heimlich." Wir werden überhaupt daran 
gemahnt, daß dies Wort heimlich nicht eindeutig ist, sondern 
zwei Vorstellungskreisen zugehört, die, ohne gegensätzlich zu sein, 
einander doch recht fremd sind, dem des Vertrauten, Behaglichen 
und dem des Versteckten, Verborgengehaltenen. Unheimlich sei 
nur als Gegensatz zur ersten Bedeutung, nicht auch zur zweiten 



10 6 Sigm. Freud 



gebräuchlich. Wir erfahren bei Sanders nichts darüber, ob nicht 
doch eine genetische Beziehung zwischen diesen zwei Bedeutungen 
anzunehmen ist. Hingegen werden wir auf eine Bemerkung von 
Schelling aufmerksam, die vom Inhalt des Begriffes Unheimlich 
etwas ganz Neues aussagt, auf das unsere Erwartung gewiß nicht 
eingestellt war. Unheimlich sei alles, was ein Geheimnis, im Ver- 
borgenen bleiben sollte und hervorgetreten ist. 

Ein Teil der so angeregten Zweifel wird durch die Angaben 
in Jacob und "Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch, Leipzig 
1877 (IV/2, p. 8741) geklärt: 

„Heimlich; adj. und adv. vernaculus, occultus; mhd. heimelich, heimlich. 
S. 874: In etwas anderem sinne: es ist mir heimlich, wohl, frei von 
furcht . . . 

b) heimlich ist auch der von gespensterhaften freie ort . . . 
S. 875: ß) vertraut; freundlich, zutraulich. 

4. aus dem heimatlichen, häuslichen entwickelt sich weiter 
der begriff des fremden äugen entzogenen, verborgenen, gehei- 
men, eben auch in mehrfacher beziehung ausgebildet . . . 

5. 876: „links am see 

liegt eine matte heimlich im gehölz. 

Schiller, Teil I, 4. 
. . . frei und für den modernen Sprachgebrauch ungewöhnlich . . . heimlich 
ist zu einem verbum des verbergens gestellt: er verbirgt mich heimlich 
in seinem gezelt. ps. 27, 5. (. . . heimliche orte am menschlichen Körper, 
pudenda . . . welche leute nicht stürben, die wurden geschlagen an heim- 
lichen orten. 1 Samuel 5, 12 . . .) 

c) beamtete, die wichtige und geheim zu haltende ratschlage in staats- 
sachen ertheilen, heiszen heimliche räthe, das adjektiv nach heutigem 
Sprachgebrauch durch geheim (s. d.) ersetzt: . . . (Pharao) nennet ihn 
(Joseph) den heimlichen rath. 1. Mos. 41, 45; 

S. 878 : 6. heimlich für die erkenntnis, mystisch, allegorisch : heimliche 
bedeutung, mysticus, divinus, occultus, figuratus. 

S. 878: anders ist heimlich im folgenden, der erkenntnis entzogen, 

unbewuszt: . . . 

dann aber ist heimlich auch verschlossen, undurchdringlich in bezug 

auf erforschung: . . . 



I 



Das Unheimliche 107 



„merkst du wohl? sie trauen mir nicht, 

fürchten des Friedländers heimlich gesicht." 

Wallensteins lager, 2. aufz. 

9. die bedeutung des versteckten, gefährlichen, die in der 
vorigen nummer hervortritt, entwickelt sich noch weiter, so 
dasz heimlich den sinn empfängt, den sonst unheimlich (gebildet 
nach heimlich, 36, sp. 874) hat: „mir ist zu Zeiten wie dem menschen 
der in nacht wandelt und an gespenster glaubt, jeder winkel ist ihm 
heimlich und schauerhaft." Klinger, theater, 3, 298. 

Also heimlich ist ein Wort, das seine Bedeutung nach einer 
Ambivalenz hin entwickelt, bis es endlich mit seinem Gegensatz 
unheimlich zusammenfällt. Unheimlich ist irgendwie eine Art von 
heimlich. Halten wir dies noch nicht recht geklärte Ergebnis mit 
der Definition des Unheimlichen von Schelling zusammen. Die 
Einzeluntersuchung der Fälle des Unheimlichen wird uns diese 
Andeutungen verständlich machen. 

II 

Wenn wir jetzt an die Musterung der Personen und Dinge, 
Eindrücke, Vorgänge und Situationen herangehen, die das Gefühl 
des Unheimlichen in besonderer Stärke und Deutlichkeit in uns 
zu erwecken vermögen, so ist die Wahl eines glücklichen ersten 
Beispiels offenbar das nächste Erfordernis. E. Jentsch hat als aus- 
gezeichneten Fall den „Zweifel an der Beseelung eines anschei- 
nend lebendigen Wesens und umgekehrt darüber, ob ein lebloser 
Gegenstand nicht etwa beseelt sei" hervorgehoben und sich dabei 
auf den Eindruck von Wachsfiguren, kunstvollen Puppen und 
Automaten berufen. Er reiht dem das Unheimliche des epilepti- 
schen Anfalls und der Äußerungen des Wahnsinnes an, weil durch 
sie in dem Zuschauer Ahnungen von automatischen — mecha- 
nischen — Prozessen geweckt werden, die hinter dem gewohnten 
Bilde der Beseelung verborgen sein mögen. Ohne nun von dieser 
Ausführung des Autors voll überzeugt zu sein, wollen wir unsere 






eigene Untersuchung an ihn anknüpfen, weil er uns im weiteren 
an einen Dichter mahnt, dem die Erzeugung unheimlicher Wir- 
kungen so gut wie keinem anderen gelungen ist. 

Einer der sichersten Kunstgriffe, leicht unheimliche Wirkungen 
durch Erzählungen hervorzurufen", schreibt Jentsch, „beruht 
nun darauf, daß man dem Leser im Ungewissen darüber läßt, 
ob er in einer bestimmten Figur eine Person oder etwa einen 
Automaten vor sich habe, und zwar so, daß diese Unsicherheit 
nicht direkt in den Brennpunkt seiner Aufmerksamkeit tritt, da- 
mit er nicht veranlaßt werde, die Sache sofort zu untersuchen 
und klarzustellen, da hiedurch, wie gesagt, die besondere Gefühls- 
wirkung leicht schwindet. E. T. A. Hoff mann hat in seinen 
Phantasiestücken dieses psychologische Manöver wiederholt mit 
Erfolg zur Geltung gebracht." 

Diese gewiß richtige Bemerkung zielt vor allem auf die Er- 
zählung „Der Sandmann" in den „Nachtstücken" (dritter Band 
der Grisebachschen Ausgabe von Hoffmanns sämtlichen Werken), 
aus welcher die Figur der Puppe Olimpia in den ersten Akt der 
Offenb achschen Oper „Hoffmanns Erzählungen" gelangt ist. 
Ich muß aber sagen — und ich hoffe, die meisten Leser der 
Geschichte werden mir beistimmen, — daß das Motiv der belebt 
scheinenden Puppe Olimpia keineswegs das einzige ist, welches 
für die unvergleichlich unheimliche Wirkung der Erzählung ver- 
antwortlich gemacht werden muß, ja nicht einmal dasjenige, dem 
diese Wirkung in erster Linie zuzuschreiben wäre. Es kommt 
dieser Wirkung auch nicht zustatten, daß die Olimpia-Episode vom 
Dichter selbst eine leise Wendung ins Satirische erfährt und von 
ihm zum Spott auf die Liebesüberschätzung von Seiten des jungen 
Mannes gebraucht wird. Im Mittelpunkt der Erzählung steht viel- 
mehr ein anderes Moment, nach dem sie auch den Namen trägt, 
und das an den entscheidenden Stellen immer wieder hervorge- 
kehrt wird": das Motiv des Sandmannes, der den Kindern die 
Augen ausreißt. 



Das Unheimliche iog 



Der Student Nathaniel, mit dessen Kindheitserinnerungen die 
phantastische Erzählung anhebt, kann trotz seines Glückes in der 
Gegenwart die Erinnerungen nicht bannen, die sich ihm an den 
rätselhaft erschreckenden Tod des geliebten Vaters knüpfen. An 
gewissen Abenden pflegte die Mutter die Kinder mit der Mahnung 
zeitig zu Bette zu schicken: Der Sandmann kommt, und wirklich 
hört das Kind dann jedesmal den schweren Schritt eines Besuchers, 
der den Vater für diesen Abend in Anspruch nimmt. Die Mutter, 
nach dem Sandmann befragt, leugnet dann zwar, daß ein solcher 
anders denn als Redensart existiert, aber eine Kinderfrau weiß 
greifbarere Auskunft zu geben: „Das ist ein böser Mann, der 
kommt zu den Kindern, wenn sie nicht zu Bette gehen wollen, 
und wirft ihnen Hände voll Sand in die Augen, daß sie blutig 
zum Kopfe herausspringen, die wirft er dann in den Sack und 
trägt sie in den Halbmond zur Atzung für seine Kinderchen, die 
sitzen dort im Nest und haben krumme Schnäbel, wie die Eulen 
damit picken sie der unartigen Menschenkindlein Augen auf." 

Obwohl der kleine Nathaniel alt und verständig genug war 
um so schauerliche Zutaten zur Figur des Sandmannes abzuweisen, 
so setzte sich doch die Angst vor diesem selbst in ihm fest. Er 
beschloß zu erkunden, wie der Sandmann aussehe, und verbarg 
sich eines Abends, als er wieder erwartet wurde, im Arbeitszimmer 
des Vaters. In dem Besucher erkennt er dann den Advokaten 
Coppelius, eine abstoßende Persönlichkeit, vor der sich die Kinder 
zu scheuen pflegten, wenn er gelegentlich als Mittagsgast erschien, 
und identifiziert nun diesen Coppelius mit dem gefürchteten Sand- 
mann. Für den weiteren Fortgang dieser Szene macht es der 
Dichter bereits zweifelhaft, ob wir es mit einem ersten Delirium 
des angstbesessenen Knaben oder mit einem Bericht zu tun haben, 
der als real in der Darstellungswelt der Erzählung aufzufassen ist. 
Vater und Gast machen sich an einem Herd mit flammender 
Glut zu schaffen. Der kleine Lauscher hört Coppelius rufen: 
„Augen her, Augen her", verrät sich durch seinen Aufschrei und 



1 1 o Sigm. Freud 



wird von Coppelius gepackt, der ihm glutrote Körner aus der 
Flamme in die Augen streuen will, um sie dann auf den Herd 
zu werfen. Der Vater bittet die Augen des Kindes frei. Eine tiefe 
Ohnmacht und lange Krankheit beenden das Erlebnis. Wer sich 
für die rationalistische Deutung des Sandmannes entscheidet, wird 
in dieser Phantasie des Kindes den fortwirkenden Einfluß jener 
Erzählung der Kinderfrau nicht verkennen. Anstatt der Sandkörner 
sind es glutrote Flammenkörner, die dem Kinde in die Augen 
gestreut werden sollen, in beiden Fällen, damit die Augen heraus- 
springen. Bei einem weiteren Besuche des Sandmannes ein Jahr 
später wird der Vater durch eine Explosion im Arbeitszimmer 
getötet; der Advokat Coppelius verschwindet vom Orte, ohne eine 
Spur zu hinterlassen. 

Diese Schreckgestalt seiner Kinderjahre glaubt nun der Student 
Nathaniel in einem herumziehenden italienischen Optiker Giuseppe 
Coppola zu erkennen, der ihm in der Universitätsstadt Wetter- 
gläser zum Kauf anbietet und nach seiner Ablehnung hinzusetzt: 
„Ei, nix Wetterglas, nix Wetterglas! — hab auch sköne Oke — 
sköne Oke." Das Entsetzen des Studenten wird beschwichtigt, da 
sich die angebotenen Augen als harmlose Brillen herausstellen; 
er kauft dem Coppola ein Taschenperspektiv ab und späht mit 
dessen Hilfe in die gegenüberliegende Wohnung des Professors 
Spalanzani, wo er dessen schöne, aber rätselhaft wortkarge und 
unbewegte Tochter Olimpia erblickt. In diese verliebt er sich 
bald so heftig, daß er seine kluge und nüchterne Braut über sie 
vergißt. Aber Olimpia ist ein Automat, an dem Spalanzani das 
Räderwerk gemacht und dem Coppola — der Sandmann — 
die Augen eingesetzt hat. Der Student kommt hinzu, wie die 
beiden Meister sich um ihr Werk streiten; der Optiker hat die 
hölzerne, augenlose Puppe davongetragen und der Mechaniker, 
Spalanzani, wirft Nathaniel die auf dem Boden liegenden blutigen 
Augen Olimpias an die Brust, von denen er sagt, daß Coppola 
sie dem Nathaniel gestohlen. Dieser wird von einem neuer- 



- -- - 



^ 



" 



Das Unheimliche 



111 



liehen Wahnsinnsanfall ergriffen, in dessen Delirium sich die 
Reminiszenz an den Tod des Vaters mit dem frischen Eindruck 
verbindet: „Hui — hui — hui! — Feuerkreis — Feuerkreis! 
Dreh' dich, Feuerkreis — lustig — lustig! Holzpüppchen hui, 
schön Holzpüppchen dreh' dich — ." Damit wirft er sich auf 
den Professor, den angeblichen Vater Olimpias, und will ihn 
erwürgen. 

Aus langer, schwerer Krankheit erwacht, scheint Nathaniel 
endlich genesen. Er gedenkt, seine wiedergefundene Braut zu hei- 
raten. Sie ziehen beide eines Tages durch die Stadt, auf deren 
Markt der hohe Ratsturm seinen Riesenschatten wirft. Das Mäd- 
chen schlägt ihrem Bräutigam vor, auf den Turm zu steigen, 
während der das Paar begleitende Bruder der Braut unten ver- 
bleibt. Oben zieht eine merkwürdige Erscheinung von etwas, was 
sich auf der Straße heranbewegt, die Aufmerksamkeit Claras auf 
sich. Nathaniel betrachtet dasselbe Ding durch Coppolas Perspektiv, 
das er in seiner Tasche findet, wird neuerlich vom Wahnsinn 
ergriffen und mit den Worten: Holzpüppchen, dreh' dich, will er 
das Mädchen in die Tiefe schleudern. Der durch ihr Geschrei 
herbeigeholte Bruder rettet sie und eilt mit ihr herab. Oben läuft 
der Rasende mit dem Ausruf herum: Feuerkreis, dreh' dich, dessen 
Herkunft wir ja verstehen. Unter den Menschen, die sich unten 
ansammeln, ragt der Advokat Coppelius hervor, der plötzlich 
wieder erschienen ist. Wir dürfen annehmen, daß es der Anblick 
seiner Annäherung war, der den Wahnsinn bei Nathaniel zum 
Ausbruch brachte. Man will hinauf, um sich des Rasenden zn 
bemächtigen, aber Coppelius 1 lacht: „wartet nur, der kommt schon 
herunter von selbst." Nathaniel bleibt plötzlich stehen, wird den 
Coppelius gewahr und wirft sich mit dem gellenden Schrei: Ja! 
„Sköne Oke — Sköne Oke" über das Geländer herab. Sowie er 



1) Zur Ableitung des Namens : Coppella = Probiertiegel (die chemischen Opera- 
tionen, bei denen der Vater verunglückt); coppo = Augenhöhle (nach einer Bemer- 
kung- von Frau Dr. RnnkV 



kung von Frau Dr. Rank). 



lia Sigm. Freud 



mit zerschmettertem Kopf auf dem Straßenpflaster liegt, ist der 
Sandmann im Gewühl verschwunden. 

Diese kurze Nacherzählung wird wohl keinen Zweifel darüber 
bestehen lassen, daß das Gefühl des Unheimlichen direkt an der 
Gestalt des Sandmannes, also an der Vorstellung, der Augen 
beraubt zu werden, haftet, und daß eine intellektuelle Unsicher- 
heit im Sinne von Jentsch mit dieser Wirkung nichts zu tun 
hat. Der Zweifel an der Beseeltheit, den wir bei der Puppe 
Olimpia gelten lassen mußten, kommt bei diesem stärkeren Bei- 
spiel des Unheimlichen überhaupt nicht in Betracht. Der Dichter 
erzeugt zwar in uns anfänglich eine Art von Unsicherheit, indem 
er uns, gewiß nicht ohne Absicht, zunächst nicht erraten läßt, 
ob er uns in die reale Welt oder in eine ihm beliebige phan- 
tastische Welt einführen wird. Er hat ja bekanntlich das Recht, 
das eine oder das andere zu tun, und wenn er z. B. eine Welt 
in der Geister, Dämonen und Gespenster agieren, zum Schauplatz 
seiner Darstellungen gewählt hat, wie Shakespeare im Hamlet 
Macbeth und in anderem Sinne im Sturm und im Sommer- 
nachtstraum, so müssen wir ihm darin nachgeben und diese Welt 
seiner Voraussetzung für die Dauer unserer Hingegebenheit wie 
eine Realität behandeln. Aber im Verlaufe der Hoffmannschen 
Erzählung schwindet dieser Zweifel, wir merken, daß der Dichter 
uns selbst durch die Brille oder das Perspektiv des dämonischen 
Optikers schauen lassen will, ja daß er vielleicht in höchsteigener 
Person durch solch ein Instrument geguckt hat. Der Schluß der 
Erzählung macht es ja klar, daß der Optiker Coppola wirklich 
der Advokat Coppelius und also auch der Sandmann ist. 

Eine „intellektuelle Unsicherheit" kommt hier nicht mehr in 
Frage: wir wissen jetzt, daß uns nicht die Phantasiegebilde eines 
Wahnsinnigen vorgeführt werden sollen, hinter denen wir in. 
rationalistischer Überlegenheit den nüchternen Sachverhalt erkennen 
mögen, und — der Eindruck des Unheimlichen hat sich durch 
diese Aufklärung nicht im mindesten verringert. Eine intellek- 



' 



Das Unheimliche \ \ * 



tuelle Unsicherheit leistet uns also nichts für das Verständnis 
dieser unheimlichen Wirkung. 

Hingegen mahnt uns die psychoanalytische Erfahrung daran, 
daß es eine schreckliche Kinderangst ist, die Augen zu beschädigen 
oder zu verlieren. Vielen Erwachsenen ist diese Ängstlichkeit ver- 
blieben und sie fürchten keine andere Organverletzung so sehr 
wie die des Auges. Ist man doch auch gewohnt zu sagen, daß 
man etwas behüten werde wie seinen Augapfel. Das Studium der 
Träume, der Phantasien und Mythen hat uns dann gelehrt, daß 
die Angst um die Augen, die Angst zu erblinden, häufig genug 
ein Ersatz für die Kastrationsangst ist. Auch die Selbstblendung 
des mythischen Verbrechers Ödipus ist nur eine Ermäßigung für 
die Strafe der Kastration, die ihm nach der Regel der Talion 
allein angemessen wäre. Man mag es versuchen, in ratio- 
nalistischer Denkweise die Zurückführung der Augenangst auf die 
Kastrationsangst abzulehnen; man findet es begreiflich, daß ein so 
kostbares Organ wie das Auge von einer entsprechend großen Angst 
bewacht wird, ja man kann weitergehend behaupten, daß kein 
tieferes Geheimnis und keine andere Bedeutung sich hinter der 
Kastrationsangst verberge. Aber man wird damit doch nicht der 
Ersatzbeziehung gerecht, die sich in Traum, Phantasie und Mythus 
zwischen Auge und, männlichem Glied kundgibt, und kann dem 
Eindruck nicht widersprechen, daß ein besonders starkes und 
dunkles Gefühl sich gerade gegen die Drohung, das Geschlechts- 
glied einzubüßen erhebt, und daß dieses Gefühl erst der Vor- 
stellung vom Verlust anderer Organe den Nachhall verleiht. Jeder 
weitere Zweifel schwindet dann, wenn man aus den Analysen an 
Neurotikern die Details des „Kastrationskomplexes" erfahren und 
dessen großartige Rolle in ihrem Seelenleben zur Kenntnis ge- 
nommen hat. 

Auch würde ich keinem Gegner der psychoanalytischen Auf- 
fassung raten, sich für die Behauptung, die Augenangst sei etwas 
vom Kastrationskomplex Unabhängiges, gerade auf die Hoff- 

Freud, Dichtung und Kunst s 



114 Signu Freud 



mannsche Erzählung vom „Sandmann" zu berufen. Denn warum 
ist die Augenangst hier mit dem Tode des Vaters in innigste 
Beziehung gebracht? Warum tritt der Sandmann jedesmal als 
Störer der Liebe auf? Er entzweit den unglücklichen Studenten 
mit seiner Braut und ihrem Bruder, der sein bester Freund ist, 
er vernichtet sein zweites Liebesobjekt, die schöne Puppe Olimpia, 
und zwingt ihn selbst zum Selbstmord, wie er unmittelbar vor der 
beglückenden Vereinigung mit seiner wiedergewonnenen Clara 
steht. Diese sowie viele andere Züge der Erzählung erscheinen 
willkürlich und bedeutungslos, wenn man die Beziehung der 
Augenangst zur Kastration ablehnt, und werden sinnreich, sowie 
man für den Sandmann den gefürchteten Vater einsetzt, von dem 
man die Kastration erwartet. 1 



1) In der Tat hat die Phantasiebearbeitung des Dichters die Elemente des 
Stoffes nicht so wild herumgewirbelt, daß man ihre ursprüngliche Anordnung nicht 
wiederherstellen könnte. In der Kindergeschichte stellen der Vater und Coppelius die 
durch Ambivalenz in zwei Gegensätze zerlegte Vater-Imago dar; der eine droht mit 
der Blendung (Kastration), der andere, der gute Vater, bittet die Augen des Kindes 
frei. Das von der Verdrängung am stärksten betroffene Stück des Komplexes der 
Todeswunsch gegen den bösen Vater, findet seine Darstellung in dem Tod des guten 
Vaters, der dem Coppelius zur Last gelegt wird. Diesem Väterpaar entsprechen in 
der späteren Lebensgeschichte des Studenten der Professor Spalanzani und der 
Optiker Coppola, der Professor an sich eine Figur der Vaterreihe, Coppola als 
identisch mit dem Advokaten Coppelius erkannt. Wie sie damals zusammen am 
geheimnisvollen Herd arbeiteten, so haben sie nun gemeinsam die Puppe Olimpia 
verfertigt; der Professor heißt auch der Vater Olimpias. Durch diese zweimalige 
Gemeinsamkeit verraten sie sich als Spaltungen der Vater-Imago, d. h. sowohl der 
Mechaniker als auch der Optiker sind der Vater der Olimpia wie des Nathaniel. I n 
der Schreckensszene der Kinderzeit hatte Coppelius, nachdem er auf die Blendung- 
des Kleinen verzichtet, ihm probeweise Arme und Beine abgeschraubt, also wie ein 
Mechaniker an einer Puppe an ihm gearbeitet. Dieser sonderbare Zug, der ganz aus 
dem Rahmen der Sandmannvorstellung heraustritt, bringt ein neues Äquivalent der 
Kastration ins Spiel; er weist aber auch auf die innere Identität des Coppelius mit 
seinem späteren Widerpart, dem Mechaniker Spalanzani, hin und bereitet uns für 
die Deutung der Olimpia vor. Diese automatische Puppe kann nichts anderes sein 
als die Materialisation von Nathaniels femininer Einstellung zu seinem Vater in 
früher Kindheit. Ihre Väter — Spalanzani und Coppola — sind ja nur neue Auflagen, 
Reinkarnationen von Nathaniels Väterpaar; die sonst unverständliche Angabe des 
Spalanzani, daß der Optiker dem Nathaniel die Augen gestohlen (s. o.), um sie der 
Puppe einzusetzen, gewinnt so als Beweis für die Identität von Olimpia und Nathaniel 
ihre Bedeutung. Olimpia ist sozusagen ein von Nathaniel losgelöster Komplex, der 
ihm als Person entgegentritt; die Beherrschung durch diesen Komplex findet in der 
unsinnig zwanghaften Liebe zur 01im.pia ihren Ausdruck. Wir haben das Recht, 



_ 






___^^ Das Unheimliche 115 

Wir würden es also wagen, das Unheimliche des Sandmannes 
auf die Angst des kindlichen Kastrationskomplexes zurückzuführen. 
Sowie aber die Idee auftaucht, ein solches infantiles Moment für 
die Entstehung des unheimlichen Gefühls in Anspruch zu nehmen, 
werden wir auch zum Versuch getrieben, dieselbe Ableitung für 
andere Beispiele des Unheimlichen in Betracht zu ziehen. Im 
Sandmann findet sich noch das Motiv der belebt scheinenden 
Puppe, das Jentsch hervorgehoben hat. Nach diesem Autor ist 
es eine besonders günstige Bedingung für die Erzeugung unheim- 
licher Gefühle, wenn eine intellektuelle Unsicherheit geweckt 
wird, ob etwas belebt oder leblos sei, und wenn das Leblose die 
Ähnlichkeit mit dem Lebenden zu weit treibt. Natürlich sind wir 
aber gerade mit den Puppen vom Kindlichen nicht weit entfernt. 
Wir erinnern uns, daß das Kind im frühen Alter des Spielens 
überhaupt nicht scharf zwischen Belebtem und Leblosem unter- 
scheidet und daß es besonders gern seine Puppe wie ein lebendes 
Wesen behandelt. Ja, man hört gelegentlich von einer Patientin 
erzählen, sie habe noch im Alter von acht Jahren die Über- 
zeugung gehabt, wenn sie ihre Puppen auf eine gewisse Art, 
möglichst eindringlich, anschauen würde, müßten diese lebendig 
werden. Das infantile Moment ist also auch hier leicht nachzu- 
weisen; aber merkwürdig, im Falle des Sandmannes handelte es 
sich um die Erweckung einer alten Kinderangst, bei der lebenden 
Puppe ist von Angst keine Rede, das Kind hat sich vor dem 
Beleben seiner Puppen nicht gefürchtet, vielleicht es sogar 

diese Liebe eine narzißtische zu heißen, und verstehen, daß der ihr Verfallene 
sich dem realen Liebesobjekt entfremdet. Wie psychologisch richtig es aber ist, 
daß der durch den Kastrationskomplex an den Vater fixierte Jüngling der Liebe 
zum Weibe unfähig wird, zeigen zahlreiche Krankenanalysen, deren Inhalt zwar 
weniger phantastisch, aber kaum minder traurig ist als die Geschichte des Studenten 
Nathaniel. 

E. T. A. Hoffmann war das Kind einer unglücklichen Ehe. Als er drei Jahre 
war, trennte sich der Vater von seiner kleinen Familie und lebte nie wieder mit ihr 
vereint. Nach den Belegen, die E. Griesebach in der biographischen Einleitung zu 
Hoffmanns Werken beibringt, war die Beziehung zum Vater immer eine der 
wundesten Stellen in des Dichters Gefühlsleben. 






ufj Sigm. Freud 



gewünscht. Die Quelle des unheimlichen Gefühls wäre also hier 
nicht eine Kinderangst, sondern ein Kinderwunsch oder auch nur 
ein Kinderglaube. Das scheint ein Widerspruch 5 möglicherweise 
ist es nur eine Mannigfaltigkeit, die späterhin unserem Verständnis 
förderlich werden kann. 

E. T. A. Hoff mann ist der unerreichte Meister des Unheim- 
lichen in der Dichtung. Sein Roman „Die Elixiere des Teufels" 
weist ein ganzes Bündel von Motiven auf, denen man die un- 
heimliche Wirkung der Geschichte zuschreiben möchte. Der Inhalt 
des Romans ist zu reichhaltig und verschlungen, als daß man 
einen Auszug daraus wagen könnte. Zu Ende des Buches, wenn 
die dem Leser bisher vorenthaltenen Voraussetzungen der Hand- 
lung nachgetragen werden, ist das Ergebnis nicht die Aufklärung 
des Lesers, sondern eine volle Verwirrung desselben. Der Dichter 
hat zu viel Gleichartiges gehäuft; der Eindruck des Ganzen leidet 
nicht darunter, wohl aber das Verständnis. Man muß sich damit 
begnügen, die hervorstechendsten unter jenen unheimlich wir- 
kenden Motiven herauszuheben, um zu untersuchen, ob auch für 
sie eine Ableitung aus infantilen Quellen zulässig ist. Es sind dies 
das Doppelgängertum in all seinen Abstufungen und Ausbildungen 
also das Auftreten von Personen, die wegen ihrer gleichen Er- 
scheinung für identisch gehalten werden müssen, die Steigerung 
dieses Verhältnisses durch Überspringen seelischer Vorgänge von 
einer dieser Personen auf die andere — was wir Telepathie 
heißen würden, — so daß der eine das Wissen, Fühlen und 
Erleben des anderen mitbesitzt, die Identifizierung mit einer 
anderen Person, so daß man an seinem Ich irre wird oder 
das fremde Ich an die Stelle des eigenen versetzt, also Ich- 
Verdopplung, Ich -Teilung, Ich -Vertauschung — und endlich 
die beständige Wiederkehr des Gleichen, die Wiederholung der 
nämlichen Gesichtszüge, Charaktere, Schicksale, verbrecherischen 
Taten, ja der Namen durch mehrere aufeinanderfolgende Gene- 
rationen. 



Das Unheimliche 117 



Das Motiv des Doppelgängers hat in einer gleichnamigen 
Arbeit von O. Rank eine eingehende Würdigung gefunden. 1 
Dort werden die Beziehungen des Doppelgängers zum Spiegel- und 
Schattenbild, zum Schutzgeist, zur Seelenlehre und zur Todesfurcht 
untersucht, es fallt aber auch helles Licht auf die überraschende 
Entwicklungsgeschichte des Motivs. Denn der Doppelgänger war 
ursprünglich eine Versicherung gegen den Untergang des Ichs, 
eine „energische Dementierung der Macht des Todes" (0. Rank) 
und wahrscheinlich war die „unsterbliche" Seele der erste Doppel- 
gänger des Leibes. Die Schöpfung einer solchen Verdopplung zur 
Abwehr gegen die Vernichtung hat ihr Gegenstück in einer Dar- 
stellung der Traumsprache, welche die Kastration durch Verdopp- 
lung oder Vervielfältigung des Genitalsymbols auszudrücken liebt 5 
sie wird in der Kultur der alten Ägypter ein Antrieb für die 
Kunst, das Bild des Verstorbenen in dauerhaftem Stoff zu formen. 
Aber diese Vorstellungen sind auf dem Boden der uneingeschränkten 
Selbstliebe entstanden, des primären Narzißmus, welcher das Seelen- 
leben des Kindes wie des Primitiven beherrscht, und mit der 
Überwindung dieser Phase ändert sich das Vorzeichen des Doppel- 
gängers, aus einer Versicherung des Fortlebens wird er zum un- 
heimlichen Vorboten des Todes. 

Die Vorstellung des Doppelgängers braucht nicht mit diesem 
uranfänglichen Narzißmus unterzugehen; denn sie kann aus den 
späteren Entwicklungsstufen des Ichs neuen Inhalt gewinnen. Im 
Ich bildet sich langsam eine besondere Instanz heraus, welche 
sich dem übrigen Ich entgegenstellen kann, die der Selbstbeob- 
achtung und Selbstkritik dient, die Arbeit der psychischen Zensur 
leistet und unserem Bewußtsein als „Gewissen" bekannt wird. 
Im pathologischen Falle des Beachtungswahnes wird sie isoliert, 
vom Ich abgespalten, dem Arzte bemerkbar. Die Tatsache, daß 
eine solche Instanz vorhanden ist, welche das übrige Ich wie ein 



1) O. Rank, Der Doppelgänger. Imago III, 1914. 



Lil: 



n8 Sigm. Freud 



Objekt behandeln kann, also daß der Mensch der Selbstbeobach- 
tung fähig ist, macht es möglich, die alte Doppelgängervorstellung 
mit neuem Inhalt zu erfüllen und ihr mancherlei zuzuweisen, 
vor allem all das, was der Selbstkritik als zugehörig zum alten 
überwundenen Narzißmus der Urzeit erscheint. 1 

Aber nicht nur dieser der Ich-Kritik anstößige Inhalt kann dem 
Doppelgänger einverleibt werden, sondern ebenso alle unterblie- 
benen Möglichkeiten der Geschicksgestaltung, an denen die Phan- 
tasie noch festhalten will, und alle Ich-Strebungen, die sich infolge 
äußerer Ungunst nicht durchsetzen konnten, sowie alle die unter- 
drückten Willensentscheidungen, die die Illusion des freien Willens 
ergeben haben. 2 

Nachdem wir aber so die manifeste Motivierung der Doppel- 
gängergestalt betrachtet haben, müssen wir uns sagen: Nichts von 
alledem macht uns den außerordentlich hohen Grad von Unheim- 
lichkeit, der ihr anhaftet, verständlich, und aus unserer Kenntnis 
der pathologischen Seelenvorgänge dürfen wir hinzusetzen, nichts 
von diesem Inhalt könnte das Abwehrbestreben erklären, das ihn 
als etwas Fremdes aus dem Ich hinausprojiziert. Der Charakter 
des Unheimlichen kann doch nur daher rühren, daß der Doppel- 
gänger eine den überwundenen seelischen Urzeiten angehörige 
Bildung ist, die damals allerdings einen freundlicheren Sinn hatte. 
Der Doppelgänger ist zum Schreckbild geworden, wie die Götter 
nach dem Sturz ihrer Religion zu Dämonen werden (Heine Die 
Götter im Exil). 



1) Ich glaube, wenn die Dichter klagen, daß zwei Seelen in des Menschen Brust 
wohnen, und wenn die Populärpsychologen von der Spaltung des Ichs im Menschen 
reden, so schwebt ihnen diese Entzweiung, der Ich-Psychologie angehörig, zwischen 
der kritischen Instanz und dem Ich-Rest vor und nicht die von der Psychoanalyse 
aufgedeckte Gegensätzlichkeit zwischen dem Ich und dem unbewußten Verdrängten. 
Der Unterschied wird allerdings dadurch verwischt, daß sich unter dem von der 
Ich-Kritik Verworfenen zunächst die Abkömmlinge des Verdrängten befinden. 

2) In der H. H. Ewers sehen Dichtung „Der Student von Prag", von welcher die 
Pia 11k sehe Studie über den Doppelgänger ausgegangen ist, hat der Held der Geliebten 
versprochen, seinen Duellgegner nicht zu töten. Auf dem Wege zum Duellplatz be- 
gegnet ihm aber der Doppelgänger, welcher den Nebenbuhler bereits erledigt hat. 






Das Unheimliche 119 



Die anderen bei Hoff mann verwendeten Ich-Störungen sind 
nach dem Muster des Doppelgängermotivs leicht zu beurteilen. 
Es handelt sich bei ihnen um ein Rückgreifen auf einzelne Phasen 
in der Entwicklungsgeschichte des Ich-Gefühls, um eine Regression 
in Zeiten, da das Ich sich noch nicht scharf von der Außenwelt 
und vom anderen' abgegrenzt hatte. Ich glaube, daß diese Motive 
den Eindruck des Unheimlichen mitverschulden, wenngleich es 
nicht leicht ist, ihren Anteil an diesem Eindruck isoliert heraus- 
zugreifen. 

Das Moment der Wiederholung des Gleichartigen wird als 
Quelle des unheimlichen Gefühls vielleicht nicht bei jedermann 
Anerkennung finden. Nach meinen Beobachtungen ruft es unter 
gewissen Bedingungen und in Kombination mit bestimmten Um- 
ständen unzweifelhaft ein solches Gefühl hervor, das überdies an 
die Hilflosigkeit mancher Traumzustände mahnt. Als ich einst an 
einem heißen Sommernachmittag die mir unbekannten, menschen- 
leeren Straßen einer italienischen Kleinstadt durchstreifte, geriet 
ich in eine Gegend, über deren Charakter ich nicht lange in 
Zweifel bleiben konnte. Es waren nur geschminkte Frauen an 
den Fenstern der kleinen Häuser zu sehen, und ich beeilte mich, 
die enge Straße durch die nächste Einbiegung zu verlassen. Aber 
nachdem ich eine Weile führerlos herumgewandert war, fand ich 
mich plötzlich in derselben Straße wieder, in der ich nun Auf- 
sehen zu erregen begann, und meine eilige Entfernung hatte nur 
die Folge, daß ich auf einem neuen Umwege zum drittenmal 
dahingeriet. Dann aber erfaßte mich ein Gefühl, das ich nur als 
unheimlich bezeichnen kann, und ich war froh, als ich unter 
Verzicht auf weitere Entdeckungsreisen auf die kürzlich von mir 
verlassene Piazza zurückfand. Andere Situationen, die die unbeab- 
sichtigte Wiederkehr mit der eben beschriebenen gemein haben 
und sich in den anderen Punkten gründlich von ihr unterscheiden, 
haben doch dasselbe Gefühl von Hilflosigkeit und Unheimlichkeit 
zur Folge. Zum Beispiel, wenn man sich im Hochwald, etwa vom 



120 Sigrn. Freud- 



Nebel überrascht, verirrt hat und nun trotz aller Bemühungen, 
einen markierten oder bekannten Weg zu finden, wiederholt zu 
der einen, durch eine bestimmte Formation gekennzeichneten 
Stelle zurückkommt. Oder wenn man im unbekannten, dunkeln 
Zimmer wandert, um die Tür oder den Lichtschalter aufzusuchen 
und dabei zum xtenmal mit demselben Möbelstück zusammen- 
stößt, eine Situation, die Mark Twain allerdings durch groteske 
Übertreibung in eine unwiderstehlich komische umgewandelt hat. 
An einer anderen Reihe von Erfahrungen erkennen wir auch 
mühelos, daß es nur das Moment der unbeabsichtigten Wieder- 
holung ist, welches das sonst Harmlose unheimlich macht und 
uns die Idee des Verhängnisvollen, Unentrinnbaren aufdrängt, wo 
wir sonst nur von „Zufall" gesprochen hätten. So ist es z. B. ge- 
wiß ein gleichgültiges Erlebnis, wenn man für seine in einer 
Garderobe abgegebenen Kleider einen Schein mit einer gewissen 
Zahl — sagen wir: 62 — erhält oder wenn man findet, daß 
die zugewiesene Schiffskabine diese Nummer trägt. Aber dieser 
Eindruck ändert sich, wenn beide an sich indifferenten Begeben- 
heiten nahe aneinanderrücken, so daß einem die Zahl 62 mehr- 
mals an demselben Tage entgegentritt, und wenn man dann etwa gar 
die Beobachtung machen sollte, daß alles, was eine Zahlenbezeich- 
nung trägt, Adressen, Hotelzimmer, Eisenbahnwagen u. dgl. immer 
wieder die nämliche Zahl, wenigstens als Bestandteil, wiederbringt. 
Man findet das „unheimlich", und wer nicht stich- und hiebfest 
gegen die Versuchungen des Aberglaubens ist, wird sich geneigt 
finden, dieser hartnäckigen Wiederkehr der einen Zahl eine ge- 
heime Bedeutung zuzuschreiben, etwa einen Hinweis auf das ihm 
bestimmte Lebensalter darin zu sehen. Oder wenn man eben mit 
dem Studium der Schriften des großen Physiologen H. Hering 
beschäftigt ist, und nun wenige Tage auseinander Briefe von zwei 
Personen dieses Namens aus verschiedenen Ländern empfängt, 
während man bis dahin niemals mit Leuten, die so heißen, in 
Beziehung getreten war. Ein geistvoller Naturforscher hat vor 



— 



Das Unheimliche 121 



kurzem den Versuch unternommen, Vorkommnisse solcher Art 
gewissen Gesetzen unterzuordnen, wodurch der Eindruck des Un- 
heimlichen aufgehoben werden müßte. Ich getraue mich nicht zu 
entscheiden, ob es ihm gelungen ist. 1 

Wie das Unheimliche der gleichartigen Wiederkehr aus dem 
infantilen Seelenleben abzuleiten ist, kann ich hier nur andeuten 
und muß dafür auf eine bereitliegende ausführliche Darstellung 
in anderem Zusammenhange verweisen. Im seelisch Unbewußten 
läßt sich nämlich die Herrschaft eines von den Triebregungen 
ausgehenden Wiederholungszwanges erkennen, der wahrschein- 
lich von der innersten Natur der Triebe selbst abhängt, stark 
genug ist, sich über das Lustprinzip hinauszusetzen, gewissen 
Seiten des Seelenlebens den dämonischen Charakter verleiht, sich 
in den Strebungen des kleinen Kindes noch sehr deutlich äußert 
un d ein Stück vom Ablauf der Psychoanalyse des Neurotikers 
beherrscht. Wir sind durch alle vorstehenden Erörterungen darauf 
vorbereitet, daß dasjenige als unheimlich verspürt werden wird, 
was an diesen inneren Wiederholungszwang mahnen kann. 

Nun, denke ich aber, ist es Zeit, uns von diesen immerhin 
schwierig zu beurteilenden Verhältnissen abzuwenden und un- 
zweifelhafte Fälle des Unheimlichen aufzusuchen, von deren Analyse 
wir die endgültige Entscheidung über die Geltung unserer An- 
nahme erwarten dürfen. 

Im „Ring des Polykrates" wendet sich der Gast mit Grausen, 
weil er merkt, daß jeder Wunsch des Freundes sofort in Erfüllung 
geht, jede seiner Sorgen vom Schicksal unverzüglich aufgehoben 
wird. Der Gastfreund ist ihm „unheimlich" geworden. Die Aus- 
kunft, die er selbst gibt, daß der allzu Glückliche den Neid der 
Götter zu fürchten habe, erscheint uns noch undurchsichtig, ihr 
Sinn ist mythologisch verschleiert. Greifen wir darum ein anderes 
Beispiel aus weit schlichteren Verhältnissen heraus: In der Kranken- 

1) P. Kammerer, Das Gesetz der Serie. Wien 1919. 






122 Sigm. Freud 



geschichte eines Zwangsneurotikers 1 habe ich erzählt, daß dieser 
Kranke einst einen Aufenthalt in einer Wasserheilanstalt genom- 
men hatte, aus dem er sich eine große Besserung holte. Er war 
aber so klug, diesen Erfolg nicht der Heilkraft des Wassers, son- 
dern der Lage seines Zimmers zuzuschreiben, welches der Kammer 
einer liebenswürdigen Pflegerin unmittelbar benachbart war. Als 
er dann zum zweitenmal in diese Anstalt kam, verlangte er das- 
selbe Zimmer wieder, mußte aber hören, daß es bereits von 
einem alten Herrn besetzt sei, und gab seinem Unmut darüber 
in den Worten Ausdruck: Dafür soll ihn aber der Schlag treffen. 
Vierzehn Tage später erlitt der alte Herr wirklich einen Schlag- 
anfall. Für meinen Patienten war dies ein „unheimliches" Er- 
lebnis. Der Eindruck des Unheimlichen wäre noch stärker ge-^ 
wesen, wenn eine viel kürzere Zeit zwischen jener Äußerung 
und dem Unfall gelegen wäre, oder wenn der Patient über zahl- 
reiche ganz ähnliche Erlebnisse hätte berichten können. In der 
Tat war er um solche Bestätigungen nicht verlegen, aber nicht 
er allein, alle Zwangsneurotiker, die ich studiert habe, wußten 
Analoges von sich zu erzählen. Sie waren gar nicht überrascht 
regelmäßig der Person zu begegnen, an die sie eben — viel- 
leicht nach langer Pause — gedacht hatten ; sie pflegten regel- 
mäßig am Morgen einen Brief von einem Freund zu be- 
kommen, wenn sie am Abend vorher geäußert hatten: Von dem 
hat man aber jetzt lange nichts gehört, und besonders Unglücks- 
oder Todesfälle ereigneten sich nur selten, ohne eine Weile 
vorher durch ihre Gedanken gehuscht zu sein. Sie pflegten 
diesem Sachverhalt in der bescheidensten Weise Ausdruck zu geben, 
indem sie behaupteten, „Ahnungen" zu haben, die „meistens" 
eintreffen. 

Eine der unheimlichsten und verbreitetsten Formen des Aber- 
glaubens ist die Angst vor dem „bösen Blick", welcher bei dem. 
— 1 

1) Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose [Ges. Schriften, Bd. VIII]. 







_. 



Das Unheimliche 123 



Hamburger Augenarzt S. Seligmann 1 eine gründliche Behand- 
lung gefunden hat. Die Quelle, aus welcher diese Angst schöpft, 
scheint niemals verkannt worden zu sein. Wer etwas Kostbares 
und doch Hinfälliges besitzt, fürchtet sich vor dem Neid der an- 
deren, indem er jenen Neid auf sie projiziert, den er im umge- 
kehrten Falle empfunden hätte. Solche Regungen verrät man 
durch den Blick, auch wenn man ihnen den Ausdruck in Worten 
versagt, und wenn jemand durch auffällige Kennzeichen, beson- 
ders unerwünschter Art, vor den anderen hervorsticht, traut man 
ihm zu, daß sein Neid eine besondere Stärke erreichen und dann 
auch diese Stärke in Wirkung umsetzen wird. Man fürchtet also 
eine geheime Absicht zu schaden, und auf gewisse Anzeichen 
hin nimmt man an, daß dieser Absicht auch die Kraft zu Ge- 
bote steht. 

Die letzterwähnten Beispiele des Unheimlichen hängen von dem 
Prinzip ab, das ich, der Anregung eines Patienten folgend, die 
Allmacht der Gedanken" benannt habe. Wir können nun nicht 
mehr verkennen, auf welchem Boden wir uns befinden. Die Ana- 
lyse der Fälle des Unheimlichen hat uns zur alten Weltauffassung 
des Animismus zurückgeführt, die ausgezeichnet war durch die 
Erfüllung der Welt mit Menschengeistern, durch die narzißtische 
Überschätzung der eigenen seelischen Vorgänge, die Allmacht der 
Gedanken und die darauf aufgebaute Technik der Magie, die 
Zuteilung von sorgfältig abgestuften Zauberkräften an fremde 
Personen und Dinge (Mana), sowie durch alle die Schöpfungen, 
mit denen sich der uneingeschränkte Narzißmus jener Entwick- 
lungsperiode gegen den unverkennbaren Einspruch der Realität 
zur Wehr setzte. Es scheint, daß wir alle in unserer individuellen 
Entwicklung eine diesem Animismus der Primitiven entsprechende 
Phase durchgemacht haben, daß sie bei keinem von uns abge- 
laufen ist, ohne noch äußerungsfähige Reste und Spuren zu hinter- 



x) Der böse Blick und Verwandtes. 2 Bde., Berlin 1910 u. 1911. 



k, 



124 Sigm. Freud 



lassen, und daß alles, was uns heute als „unheimlich" erscheint, 
die Bedingung erfüllt, daß es an diese Reste animistischer Seelen- 
tätigkeit rührt und sie zur Äußerung anregt. 1 

Hier ist nun der Platz für zwei Bemerkungen, in denen ich 
den wesentlichen Inhalt dieser kleinen Untersuchung niederlegen 
möchte. Erstens, wenn die psychoanalytische Theorie in der Be- 
hauptung recht hat, daß jeder Affekt einer Gefühlsregung, gleich- 
gültig von welcher Art, durch die Verdrängung in Angst ver- 
wandelt wird, so muß es unter den Fällen des Ängstlichen eine 
Gruppe geben, in der sich zeigen läßt, daß dies Ängstliche etwas 
wiederkehrendes Verdrängtes ist. Diese Art des Ängstlichen wäre 
eben das Unheimliche und dabei muß es gleichgültig sein, ob 
es ursprünglich selbst ängstlich war oder von einem anderen 
Affekt getragen. Zweitens, wenn dies wirklich die geheime Natur 
des Unheimlichen ist, so verstehen wir, daß der Sprachgebrauch 
das Heimliche in seinen Gegensatz, das Unheimliche übergehen 
läßt (S. 372 f.), denn dies Unheimliche ist wirklich nichts Neues 
oder Fremdes, sondern etwas dem Seelenleben von alters her Ver- 
trautes, das ihm nur durch den Prozeß der Verdrängung ent- 
fremdet worden ist. Die Beziehung auf die Verdrängung erhellt 
uns jetzt auch die Schellingsche Definition, das Unheimliche 
sei etwas, was im Verborgenen hätte bleiben sollen und hervor- 
getreten ist. 

Es erübrigt uns nur noch, die Einsicht, die wir gewonnen 
haben, an der Erklärung einiger anderer Fälle des Unheimlichen 
zu erproben. 

Im allerhöchsten Grade unheimlich erscheint vielen Menschen, 
was mit dem Tod, mit Leichen und mit der Wiederkehr der 
Toten, mit Geistern und Gespenstern, zusammenhängt. Wir haben 

l) Vgl. hiezu den Abschnitt III „Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken" 
in des Verf. Buch „Totem und Tabu", 1913. Dort auch die Bemerkung: „Es scheint, 
daß wir den Charakter des ,Unheimlichen' solchen Eindrücken verleihen, welche die 
Allmacht der Gedanken und die animistische Denkweise überhaupt bestätigen wollen, 
während wir uns bereits im Urteil von ihr abgewendet haben." 



r- 



Das Unfieimliche 125 



ja gehört, daß manche moderne Sprachen unseren Ausdruck: 
ein unheimliches Haus gar nicht anders wiedergeben können als 
durch die Umschreibung: ein Haus, in dem es spukt. Wir hätten 
eigentlich unsere Untersuchung mit diesem, vielleicht stärksten 
Beispiel von Unheimlichkeit beginnen können, aber wir taten es 
nicht, weil hier das Unheimliche zu sehr mit dem Grauenhaften 
vermengt und zum Teil von ihm gedeckt ist. Aber auf kaum 
einem anderen Gebiete hat sich unser Denken und Fühlen seit 
den Urzeiten so wenig verändert, ist das Alte unter dünner Decke 
so gut erhalten geblieben, wie in unserer Beziehung zum Tode. 
Zwei Momente geben für diesen Stillstand gute Auskunft: Die 
Stärke unserer ursprünglichen Gefühlsreaktionen und die Unsicher- 
heit unserer wissenschaftlichen Erkenntnis. Unsere Biologie hat 
es noch nicht entscheiden können, ob der Tod das notwendige 
Schicksal jedes Lebewesens oder nur ein regelmäßiger, vielleicht 
aber vermeidlicher Zufall innerhalb des Lebens ist. Der Satz: alle 
Menschen müssen sterben, paradiert zwar in den Lehrbüchern 
der Logik als Vorbild einer allgemeinen Behauptung, aber keinem 
Menschen leuchtet er ein, und unser Unbewußtes hat jetzt so 
wenig Raum wie vormals für die Vorstellung der eigenen Sterb- 
lichkeit. Die Religionen bestreiten noch immer der unableugbaren 
Tatsache des individuellen Todes ihre Bedeutung und setzen die 
Existenz über das Lebensende hinaus fort; die staatlichen Ge- 
walten meinen die moralische Ordnung unter den Lebenden nicht 
aufrecht erhalten zu können, wenn man auf die Korrektur des 
Erdenlebens durch ein besseres Jenseits verzichten soll; auf den 
Anschlagsäulen unserer Großstädte werden Vorträge angekündigt, 
welche Belehrungen spenden wollen, wie man sich mit den Seelen 
der Verstorbenen in Verbindung setzen kann, und es ist unleugbar, 
daß mehrere der feinsten Köpfe und schärfsten Denker unter den 
Männern der Wissenschaft, zumal gegen das Ende ihrer eigenen 
Lebenszeit, geurteilt haben, daß es an Möglichkeiten für solchen 
Verkehr nicht fehle. Da fast alle von uns in diesem Punkt noch 



126 Sigm. Freud 



so denken wie die Wilden, ist es auch nicht zu verwundern, daß 
die primitive Angst vor dem Toten bei uns noch so mächtig ist 
und bereit liegt, sich zu äußern, sowie irgend etwas ihr entgegen- 
kommt. Wahrscheinlich hat sie auch noch den alten Sinn, der Tote 
sei zum Feind des Überlebenden geworden und beabsichtige, ihn 
mit sich zu nehmen, als Genossen seiner neuen Existenz. Eher 
könnte man bei dieser Unveränderlichkeit der Einstellung zum Tode 
fragen, wo die Bedingung der Verdrängung bleibt, die erfordert 
wird, damit das Primitive als etwas Unheimliches wiederkehren 
könne. Aber die besteht doch auch ; offiziell glauben die soge- 
nannten Gebildeten nicht mehr an das Sichtbarwerden der Ver- 
storbenen als Seelen, haben deren Erscheinung an entlegene und 
selten verwirklichte Bedingungen geknüpft, und die ursprünglich 
höchst zweideutige, ambivalente Gefühlseinstellung zum Toten ist 
für die höheren Schichten des Seelenlebens zur eindeutigen der 
Pietät abgeschwächt worden. 1 

Es bedarf jetzt nur noch weniger Ergänzungen, denn mit dem 
Animismus, der Magie und Zauberei, der Allmacht der Gedanken, 
der Beziehung zum Tode, der unbeabsichtigten Wiederholung 
und dem Kastrationskomplex haben wir den Umfang der Momente 
die das Ängstliche zum Unheimlichen machen, so ziemlich er- 
schöpft. 

Wir heißen auch einen lebenden Menschen unheimlich, und 
zwar dann, wenn wir ihm böse Absichten zutrauen. Aber das 
reicht nicht hin, wir müssen noch hinzutun, daß diese seine Ab- 
sichten, uns zu schaden, sich mit Hilfe besonderer Kräfte ver- 
wirklichen werden. Der „Gettatore" ist ein gutes Beispiel hiefür, 
diese unheimliche Gestalt des romanischen Aberglaubens, die 
Albrecht Schäffer in dem Buche „Josef Montfort" mit poeti- 
scher Intuition und tiefem psychoanalytischen Verständnis zu einer 
sympathischen Figur umgeschaffen hat. Aber mit diesen geheimen 

1) Vgl.: Das Tabu und die Ambivalenz in „Totem und Tabu". 



L 



Das Un heimliche 127 

Kräften stehen -wir bereits wieder auf dem Boden des Animismus. 
Die Ahnung solcher Geheimkräfte ist es, die dem frommen Gret- 
chen den Mephisto so unheimlich werden läßt: 

Sie ahnt, daß ich ganz sicher ein Genie, 
Vielleicht sogar der Teufel hin. 

Das Unheimliche der Fallsucht, des Wahnsinns, hat denselben 
Ursprung. Der Laie sieht hier die Äußerung von Kräften vor 
sich, die er im Nebenmenschen nicht vermutet hat, deren Regung 
er aber in entlegenen Winkeln der eigenen Persönlichkeit dunkel 
zu spüren vermag. Das Mittelalter hatte konsequenterweise und 
psychologisch beinahe korrekt alle diese Krankheitsäußerungen der 
Wirkung von Dämonen zugeschrieben. Ja, ich würde mich nicht 
verwundern zu hören, daß die Psychoanalyse, die sich mit der 
Aufdeckung dieser geheimen Kräfte beschäftigt, vielen Menschen 
darum selbst unheimlich geworden ist. In einem Falle, als mir 
die Herstellung eines seit vielen Jahren siechen Mädchens — 
wenn auch nicht sehr rasch — gelungen war, habe ich's von der 
Mutter der für lange Zeit Geheilten selbst gehört. 

Abgetrennte Glieder, ein abgehauener Kopf, eine vom Arm 
gelöste Hand wie in einem Märchen von Hauff, Füße, die für 
sich allein tanzen wie in dem erwähnten Buche von A. Schaeffer 
haben etwas ungemein Unheimliches an sich, besonders wenn 
ihnen wie im letzten Beispiel noch eine selbständige Tätigkeit 
zugestanden wird. Wir wissen schon, daß diese Unheimlichkeit 
von der Annäherung an den Kastrationskomplex herrührt. Manche 
Menschen würden die Krone der Unheimlichkeit der Vorstellung 
zuweisen, scheintot begraben zu werden. Allein die Psychoanalyse 
hat uns gelehrt, daß diese schreckende Phantasie nur die Um- 
wandlung einer anderen ist, die ursprünglich nichts Schreckhaftes 
war, sondern von einer gewissen Lüsternheit getragen wurde 
nämlich der Phantasie vom Leben im Mutterleib. 









128 Sigm. Freud 




Tragen wir noch etwas Allgemeines nach, was streng genommen 
bereits in unseren bisherigen Behauptungen über den Animismus 
und die überwundenen Arbeitsweisen des seelischen Apparats ent- 
halten ist, aber doch einer besonderen Hervorhebung würdio- 
scheint, daß es nämlich oft und leicht unheimlich wirkt, wenn 
die Grenze zwischen Phantasie und Wirklichkeit verwischt wird 
wenn etwas real vor uns hintritt, was wir bisher für phantastiscl 
gehalten haben, wenn ein Symbol die volle Leistung und Bedeu- 
tung des Symbolisierten übernimmt und dergleichen mehr. Hierauf 
beruht auch ein gutes Stück der Unheimlichkeit, die den magi- 
schen Praktiken anhaftet. Das Infantile daran, was auch das Seelen- 
leben der Neurotiker beherrscht, ist die Überbetonung der psychi- 
schen Realität im Vergleich zur materiellen, ein Zug, welcher 
sich der Allmacht der Gedanken anschließt. Mitten in der Ab- 
sperrung des Weltkrieges kam eine Nummer des englischen 
Magazins „Strand" in meine Hände, in der ich unter anderen 
ziemlich überflüssigen Produktionen eine Erzählung las, wie ein 
junges Paar eine möblierte Wohnung bezieht, in der sich ein 
seltsam geformter Tisch mit holzgeschnitzten Krokodilen befindet. 
Gegen Abend pflegt sich dann ein unerträglicher, charakteristischer 
Gestank in der Wohnung zu verbreiten, man stolpert im Dunkeln 
über irgend etwas, man glaubt zu sehen, wie etwas Undefinier- 
bares über die Treppe huscht, kurz, man soll erraten, daß infolge 
der Anwesenheit dieses Tisches gespenstische Krokodile im Hause 
spuken, oder daß die hölzernen Scheusale im Dunkeln Leber 
bekommen oder etwas Ähnliches. Es war eine recht einfältige 
Geschichte, aber ihre unheimliche Wirkung verspürte man al 
ganz hervorragend. 

Zum Schlüsse dieser gewiß noch unvollständigen Beispielsamm- 
lung soll eine Erfahrung aus der psychoanalytischen Arbeit er- 
wähnt werden, die, wenn sie nicht auf einem zufälligen Zusam- 
mentreffen beruht, die schönste Bekräftigung unserer Auffassum 
des Unheimlichen mit sich bringt. Es kommt oft vor, daß neu- 



Das Unheimliche 



12g 



rotische Männer erklären, das weibliche Genitale sei ihnen etwas 
Unheimliches. Dieses Unheimliche ist aber der Eingang zur alten 
Heimat des Menschenkindes, zur Örtlichkeit, in der jeder einmal 
und zuerst geweilt hat. „Liebe ist Heimweh", behauptet ein 
Scherzwort, und wenn der Träumer von einer Örtlichkeit oder 
Landschaft noch im Traume denkt: Das ist mir bekannt, da war 
ich schon einmal, so darf die Deutung dafür das Genitale oder 
den Leib der Mutter einsetzen. Das Unheimliche ist also auch 
in diesem Falle das ehemals Heimische, Altvertraute. Die Vorsilbe 
„un" an diesem Worte ist aber die Marke der Verdrängung. 

III 

Schon während der Lektüre der vorstehenden Erörterungen 
werden sich beim Leser. Zweifel geregt »haben, denen jetzt ge- 
stattet werden soll, sich zu sammeln und laut zu werden. 

Es mag zutreffen, daß das Unheimliche das Heimliche-Heimi- 
sehe ist, das eine Verdrängung erfahren hat und aus ihr wieder- 
gekehrt ist, und daß alles Unheimliche diese Bedingung erfüllt. 
Aber mit dieser Stoffwahl scheint das Rätsel des Unheimlichen 
nicht gelöst. Unser Satz verträgt offenbar keine Umkehrung. Nicht 
alles, was an verdrängte Wunschregungen und überwundene Denk- 
weisen der individuellen Vorzeit und der Völkerurzeit mahnt, ist 
•darum auch unheimlich. 

Auch wollen wir es nicht verschweigen, daß sich fast zu jedem 
Beispiel, welches unseren Satz erweisen sollte, ein analoges finden 
läßt, das ihm widerspricht. Die abgehauene Hand z. B. im Häuf f- 
schen Märchen „Die Geschichte von der abgehauenen Hand" 
wirkt gewiß unheimlich, was wir auf den Kastrationskomplex 
zurückgeführt haben. Aber in der Erzählung des Herodot vom 
Schatz des Rhampsenit läßt der Meisterdieb, den die Prinzessin 
bei der Hand festhalten will, ihr die abgehauene Hand seines 
Bruders zurück, und andere werden wahrscheinlich ebenso wie ich 
•urteilen, daß dieser Zug keine unheimliche Wirkung hervorruft. 

Freud, Dichtung und Kunst q 



Die prompte Wunsch erfüllung im „Ring des Polykrates" wirkt 
auf uns sicherlich ebenso unheimlich wie auf den König von 
Ägypten selbst. Aber in unseren Märchen wimmelt es von so- 
fortigen Wunscherfüllungen und das Unheimliche bleibt dabei 
aus. Im Märchen von den drei Wünschen läßt sich die Frau 
durch den Wohlgeruch einer Bratwurst verleiten zu sagen, daß 
sie auch so ein Würstchen haben möchte. Sofort liegt es vor ihr 
auf dem Teller. Der Mann wünscht im Ärger, daß es der Vor- 
witzigen an der Nase hängen möge. Flugs baumelt es an ihrer 
Nase. Das ist sehr eindrucksvoll, aber nicht im geringsten un- 
heimlich. Das Märchen stellt sich überhaupt ganz offen auf den 
animistischen Standpunkt der Allmacht von Gedanken und Wün- 
schen, und ich wüßte doch kein echtes Märchen zu nennen, in 
dem irgend etwas Unheimliches vorkäme. Wir haben gehört, daß 
es in hohem Grade unheimlich wirkt, wenn leblose Dinge, Bilder 
Puppen, sich beleben, aber in den Andersenschen Märchen leben 
die Hausgeräte, die Möbel, der Zinnsoldat und nichts ist vielleicht 
vom Unheimlichen entfernter. Auch die Belebung der schönen 
Statue des Pygmalion wird man kaum als unheimlich emp- 
finden. 

Scheintod und Wiederbelebung von Toten haben wir als sehr 
unheimliche Vorstellungen kennen gelernt. Dergleichen ist aber 
wiederum im Märchen sehr gewöhnlich j wer wagte es unheim- 
lich zu nennen, wenn z. B. Schneewittchen die Augen wieder 
aufschlägt? Auch die Erweckung von Toten in den Wunder- 
geschichten, z. B. des Neuen Testaments, ruft Gefühle hervor 
die nichts mit dem Unheimlichen zu tun haben. Die unbeabsich- 
tigte Wiederkehr des Gleichen, die uns so unzweifelhafte unheim- 
liche Wirkungen ergeben hat, dient doch in einer Reihe von 
Fällen anderen, und zwar sehr verschiedenen Wirkungen. Wir 
haben schon einen Fall kennen gelernt, in dem sie als Mittel 
zur Hervorrufung des komischen Gefühls gebraucht wird, und 
können Beispiele dieser Art häufen. Andere Male wirkt sie als 






Verstärkung u. dgl., ferner: woher rührt die Unheimlichkeit der 
Stille, des Alleinseins, der Dunkelheit? Deuten diese Momente 
nicht auf die Rolle der Gefahr bei der Entstehung des Unheim- 
lichen, wenngleich es dieselben Bedingungen sind, unter denen 
wir die Kinder am häufigsten Angst äußern sehen? Und können 
wir wirklich das Moment der intellektuellen Unsicherheit ganz 
vernachlässigen, da wir doch seine Bedeutung für das Unheim- 
liche des Todes zugegeben haben? 

So müssen wir wohl bereit sein anzunehmen, daß für das Auf- 
treten des unheimlichen Gefühls noch andere als die von uns 
vorangestellten stofflichen Bedingungen maßgebend sind. Man 
könnte zwar sagen, mit jener ersten Feststellung sei das psycho- 
analytische Interesse am Problem des Unheimlichen erledigt, der 
Rest erfordere wahrscheinlich eine ästhetische Untersuchung. Aber 
damit würden wir dem Zweifel das Tor öffnen, welchen Wert 
unsere Einsicht in die Herkunft des Unheimlichen vom verdrängten 
[eimischen eigentlich beanspruchen darf. 
Eine Beobachtung kann uns den Weg zur Lösung dieser Un- 
sicherheiten weisen. Fast alle Beispiele, die unseren Erwartungen 
widersprechen, sind dem Bereich der Fiktion, der Dichtung, ent- 
nommen. Wir erhalten so einen Wink, einen Unterschied zu 
machen zwischen dem Unheimlichen, das man erlebt, und dem 
Unheimlichen, das man sich bloß vorstellt, oder von dem man 
liest. 

Das Unheimliche des Erlebens hat weit einfachere Bedingungen, 
umfaßt aber weniger zahlreiche Fälle. Ich glaube, es fügt sich 
ausnahmslos unserem Lösungsversuch, läßt jedesmal die Zurück- 
führung auf altvertrautes Verdrängtes zu. Doch ist auch hier eine 
wichtige und psychologisch bedeutsame Scheidung des Materials 
vorzunehmen, die wir am besten an geeigneten Beispielen er- 
kennen werden. 

Greifen wir das Unheimliche der Allmacht der Gedanken, der 
>rompten Wunscherfüllung, der geheimen schädigenden Kräfte 

9* 



I5j2 Sigm. Freud '] 

der Wiederkehr der Toten heraus. Die Bedingung, unter der hier 
das Gefühl des Unheimlichen entsteht, ist nicht zu verkennen. 
Wir — oder unsere primitiven Urahnen — haben dereinst diese 
Möglichkeiten für Wirklichkeit gehalten, waren von der Realität 
dieser Vorgänge überzeugt. Heute glauben wir nicht mehr daran, 
wir haben diese Denkweisen überwunden, aber wir fühlen uns 
dieser neuen Überzeugungen nicht ganz sicher, die alten leben 
noch in uns fort und lauern auf Bestätigung. Sowie sich nun 
etwas in unserem Leben ereignet, was diesen alten abgelegten 
Überzeugungen eine Bestätigung zuzuführen scheint, haben wir 
das Gefühl des Unheimlichen, zu dem man das Urteil ergänzen 
kann: Also ist es doch wahr, daß man einen anderen durch den 
bloßen Wunsch töten kann, daß die Toten weiterleben und an 
der Stätte ihrer früheren Tätigkeit sichtbar werden u. dgl.! Wer 
im Gegenteil diese animistischen Überzeugungen bei sich gründlich 
und endgültig erledigt hat, für den entfällt das Unheimliche 
dieser Art. Das merkwürdigste Zusammentreffen von Wünsch und 
Erfüllung, die rätselhafteste Wiederholung ähnlicher Erlebnisse an 
demselben Ort oder zum gleichen Datum, die täuschendsten 
Gesichtswahrnehmungen und verdächtigsten Geräusche werden 
ihn nicht irre machen, keine Angst in ihm erwecken, die man 
als Angst vor dem „Unheimlichen" bezeichnen kann. Es handelt 
sich hier also rein um eine Angelegenheit der Realitätsprüfung, 
um eine Frage der materiellen Realität. 1 

i) Da auch das Unheimliche des Doppelgängers von dieser Gattung ist, wird es 
interessant, die Wirkung zu erfahren, wenn uns einmal das Bild der eigenen Per- 
sönlichkeit ungerufen und unvermutet entgegentritt. E. Mach berichtet zwei solcher 
Beobachtungen in der „Analyse der Empfindungen", 1900, Seite 5. Er erschrak das 
eine Mal nicht wenig, als er erkannte, daß das gesehene Gesicht das eigene sei, 
das andere Mal fällte er ein sehr ungünstiges Urteil über den anscheinend Fremden' 
der in seinen Omnibus einstieg, „Was steigt doch da für ein herabgekommener 
Schulmeister ein." — Ich kann ein ähnliches Abenteuer erzählen: Ich saß allein im 
Abteil des Schlafwagens, als bei einem heftigeren Ruck der Fahrtbewegung die zur 
anstoßenden Toilette führende Tür aufging und ein älterer Herr im Schlafrock, die 
Reisemütze auf dem Kopfe, bei mir eintrat. Ich nahm an, daß er sich beim Verlassen 
des zwischen zwei Abteilen befindlichen Kabinetts in der Richtung geirrt hatte und 
fälschlich in mein Abteil gekommen war, sprang auf, um ihn aufzuklären, erkannte 



Anders verhält es sich mit dem Unheimlichen, das von ver- 
drängten infantilen Komplexen ausgeht, vom Kastrationskomplex, 
der Mutterleibsphantasie usw., nur daß reale Erlebnisse, welche 
diese Art von Unheimlichem erwecken, nicht sehr häufig sein 
können. Das Unheimliche des Erlebens gehört zumeist der früheren 
Gruppe an, für die Theorie ist aber die Unterscheidung der beiden 
sehr bedeutsam. Beim Unheimlichen aus infantilen Komplexen 
kommt die Frage der materiellen Realität gar nicht in Betracht, 
die psychische Realität tritt an deren Stelle. Es handelt sich um 
wirkliche Verdrängung eines Inhalts und um die Wiederkehr 
des Verdrängten, nicht um die Aufhebung des Glaubens an die 
Realität dieses Inhalts. Man könnte sagen, in dem einen Falle 
sei ein gewisser Vorstellungsinhalt, im anderen der Glaube an 
seine (materielle) Realität verdrängt. Aber die letztere Ausdrucks- 
weise dehnt wahrscheinlich den Gebrauch des Terminus „Ver- 
drängung" über seine rechtmäßigen Grenzen aus. Es ist korrekter, 
wenn wir einer hier spürbaren psychologischen Differenz Rech- 
nung tragen und den Zustand, in dem sich die animistischen 
Überzeugungen des Kulturmenschen befinden, als ein — mehr 
oder weniger vollkommenes — Überwundensein bezeichnen. 
Unser Ergebnis lautete dann: Das Unheimliche des Erlebens 
kommt zustande, wenn verdrängte infantile Komplexe durch 
einen Eindruck wieder belebt werden, oder wenn überwundene 
primitive Überzeugungen wieder bestätigt scheinen. Endlich darf 
man sich durch die Vorliebe für glatte Erledigung und durch- 
sichtige Darstellung nicht vom Bekenntnis abhalten lassen, daß 
die beiden hier aufgestellten Arten des Unheimlichen im Erleben 
nicht immer scharf zu sondern sind. Wenn man bedenkt, daß 



aber bald verdutzt, daß der Eindringling mein eigenes, vom Spiegel in der Verbin- 
dungstür entworfenes Bild war. Ich weiß noch, daß mir die Erscheinung gründlich 
mißfallen hatte. Anstatt also über den Doppelgänger zu erschrecken, hatten beide — 
Mach wie ich — ihn einfach nicht agnosziert. Ob aber das Mißfallen dabei nicht 
doch ein Rest jener archaischen Reaktion war, die den Doppelgänger als unheim- 
lich empfindet? 



die primitiven Überzeugungen auf das innigste mit den infantilen 
Komplexen zusammenhängen und eigentlich in ihnen wurzeln, 
wird man sich über diese Verwischung der Abgrenzungen nicht 

viel verwundern. 

Das Unheimliche der Fiktion — der Phantasie, der Dichtung — 

verdient in der Tat eine gesonderte Betrachtung. Es ist vor allem 

weit reichhaltiger als das Unheimliche des Erlebens, es umfaßt 

dieses in seiner Gänze und dann noch anderes, was unter den 

Bedingungen des Erlebens nicht vorkommt. Der Gegensatz zwischen 

Verdrängtem und Überwundenem kann nicht ohne tiefgreifende 

Modifikation auf das Unheimliche der Dichtung übertragen werden, 

denn das Reich der Phantasie hat ja zur Voraussetzung seiner 

Geltung, daß sein Inhalt von der Realitätsprüfung enthoben ist. 

Das paradox klingende Ergebnis ist, daß in der Dichtung 

vieles nicht unheimlich ist, was unheimlich wäre, wenn 

es sich im Leben ereignete, und daß in der Dichtung 

viele Möglichkeiten bestehen, unheimliche Wirkungen 

zu erzielen, die fürs Leben wegfallen. 

Zu den vielen Freiheiten des Dichters gehört auch die, seine 
Darstellungswelt nach Belieben so zu wählen, daß sie mit der 
uns vertrauten Realität zusammenfällt, oder sich irgendwie voi 
ihr entfernt. Wir folgen ihm in jedem Falle. Die Welt des 
Märchens z. B. hat den Boden der Realität von vornherein ver- 
lassen und sich offen zur Annahme der animistischen Überzeu- 
gungen bekannt. Wunscherfüllungen, geheime Kräfte, Allmacht 
der Gedanken, Belebung des Leblosen, die im Märchen ganz g« 
wohnlich sind, können hier keine unheimliche Wirkung äußei 
denn für die Entstehung des unheimlichen Gefühls ist, wie wii 
gehört haben, der Urteilsstreit erforderlich, ob das überwunden« 
Unglaubwürdige nicht doch real möglich ist, eine Frage, die durch 
die Voraussetzungen der Märchenwelt überhaupt aus dem Wege 
geräumt ist. So verwirklicht das Märchen, das uns die meisten 
Beispiele von Widerspruch gegen unsere Lösung des Unheim- 



liehen geliefert hat, den zuerst erwähnten Fall, daß im Reiche 
der Fiktion vieles nicht unheimlich ist, was unheimlich wirken 
müßte, wenn es sich im Leben ereignete. Dazu kommen fürs 
Märchen noch andere Momente, die später kurz berührt werden 
sollen. 

Der Dichter kann sich auch eine Welt erschaffen haben, die, 
minder phantastisch als die Märchenwelt, sich von der realen 
doch durch die Aufnahme von höheren geistigen Wesen, Dämonen 
oder Geistern Verstorbener scheidet. Alles Unheimliche, was diesen 
Gestalten anhaften könnte, entfallt dann, soweit die Voraus- 
setzungen dieser poetischen Realität reichen. Die Seelen der Dante- 
schen Hölle oder die Geistererscheinungen in Shakespeares 
Hamlet, Macbeth, Julius Caesar mögen düster und schreckhaft 
genug sein, aber unheimlich sind sie im Grunde ebensowenig wie 
etwa die heitere Götterwelt Homers. Wir passen unser Urteil 
den Bedingungen dieser vom Dichter fingierten Realität an und 
behandeln Seelen, Geister und Gespenster, als wären sie vollbe- 
rechtigte Existenzen, wie wir es selbst in der materiellen Realität 
sind. Auch dies ist ein Fall, in dem Unheimlichkeit erspart wird. 

Anders nun, wenn der Dichter sich dem Anscheine nach auf 
den Boden der gemeinen Realität gestellt hat. Dann übernimmt 
er auch alle Bedingungen, die im Erleben für die Entstehung des 
unheimlichen Gefühls gelten, und alles was im Leben unheimlich 
wirkt, wirkt auch so in der Dichtung. Aber in diesem Falle kann 
der Dichter auch das Unheimliche weit über das im Erleben 
mögliche Maß hinaus steigern und vervielfältigen, indem er solche 
Ereignisse vorfallen läßt, die in der Wirklichkeit nicht oder nur 
sehr selten zur Erfahrung gekommen wären. Er verrät uns dann 
gewissermaßen an unseren für überwunden gehaltenen Aber- 
glauben, er betrügt uns, indem er uns die gemeine Wirklichkeit 
verspricht und dann doch über diese hinausgeht. Wir reagieren 
auf seine Fiktionen so, wie wir auf eigene Erlebnisse reagiert 
hätten; wenn wir den Betrug merken, ist es zu spät, der Dichter 



r 



136 Sigm. Freud 



hat seine Absicht bereits erreicht, aber ich muß behaupten, er 
hat keine reine Wirkung erzielt. Bei uns bleibt ein Gefühl von 
Unbefriedigung, eine Art von Groll über die versuchte Täuschung, 
wie ich es besonders deutlich nach der Lektüre von Schnitzlers 
Erzählung „Die Weissagung" und ähnlichen mit dem Wunder- 
baren liebäugelnden Produktionen verspürt habe. Der Dichter hat 
dann noch ein Mittel zur Verfügung, durch welches er sich dieser 
unserer Auflehnung entziehen und gleichzeitig die Bedingungen 
für das Erreichen seiner Absichten verbessern kann. Es besteht 
darin, daß er uns lange Zeit über nicht erraten läßt, welche Voraus- 
setzungen er eigentlich für die von ihm angenommene Welt ge- 
wählt hat, oder daß er kunstvoll und arglistig einer solchen ent- 
scheidenden Aufklärung bis zum Ende ausweicht. Im ganzen wird 
aber hier der vorhin angekündigte Fall verwirklicht, daß die 
Fiktion neue Möglichkeiten des unheimlichen Gefühls erschafft 
die im Erleben wegfallen würden. 

Alle diese Mannigfaltigkeiten beziehen sich streng genommen 
nur auf das Unheimliche, das aus dem Überwundenen entsteht. 
Das Unheimliche aus verdrängten Komplexen ist resistenter, es 
bleibt in der Dichtung — von einer Bedingung abgesehen — 
ebenso unheimlich wie im Erleben. Das andere Unheimliche das 
aus dem Überwundenen, zeigt diesen Charakter im Erleben und 
in der Dichtung, die sich auf den Boden der materiellen Realität 
stellt, kann ihn aber in den fiktiven, vom Dichter geschaffenen 
Realitäten einbüßen. 

Es ist offenkundig, daß die Freiheiten des Dichters und damit 
die Vorrechte der Fiktion in der Hervorrufung und Hemmung 
des unheimlichen Gefühls durch die vorstehenden Bemerkungen 
nicht erschöpft werden. Gegen das Erleben verhalten wir uns im 
allgemeinen gleichmäßig passiv und unterliegen der Einwirkung 
des Stofflichen. Für den Dichter sind wir aber in besonderer 
Weise lenkbar; durch die Stimmung, in die er uns versetzt, durch 
die Erwartungen, die er in uns erregt, kann er unsere Gefühls- 



Das Unheimliche i*j 



prozesse von dem einen Erfolg ablenken und auf einen anderen 
einstellen, und kann aus demselben Stoff oft sehr verschieden- 
artige Wirkungen gewinnen. Dies ist alles längst bekannt und 
wahrscheinlich von den berufenen Ästhetikern eingehend gewür- 
digt worden. Wir sind auf dieses Gebiet der Forschung ohne 
rechte Absicht geführt worden, indem wir der Versuchung nach- 
gaben, den Widerspruch gewisser Beispiele gegen unsere Ableitung 
des Unheimlichen aufzuklären. Zu einzelnen dieser Beispiele wollen 
wir darum auch zurückkehren. 

Wir fragten vorhin, warum die abgehauene Hand im Schatz 
des Rhampsenit nicht unheimlich wirke wie etwa in der Hauff- 
schen „Geschichte von der abgehauenen Hand". Die Frage er 
scheint uns jetzt bedeutsamer, da wir die größere Resistenz des 
Unheimlichen aus der Quelle verdrängter Komplexe erkannt haben. 
Die Antwort ist leicht zu geben. Sie lautet, daß wir in dieser 
Erzählung nicht auf die Gefühle der Prinzessin, sondern auf die 
überlegene Schlauheit des „Meisterdiebes" eingestellt werden. Der 
Prinzessin mag das unheimliche Gefühl dabei nicht erspart worden 
sein, wir wollen es selbst für glaubhaft halten, daß sie in Ohn- 
macht gefallen ist, aber wir verspüren nichts Unheimliches, denn 
wir versetzen uns nicht in sie, sondern in den anderen. Durch 
eine andere Konstellation wird uns der Eindruck des Unheimlichen 
in der N es troy sehen Posse „Der Zerrissene" erspart, wenn der 
Geflüchtete, der sich für einen Mörder hält, aus jeder Falltür 
deren Deckel er aufhebt, das vermeintliche Gespenst des Ermor- 
deten aufsteigen sieht und verzweifelt ausruft: Ich hab' doch nur 
einen umgebracht. Zu was diese gräßliche Multiplikation? Wir 
kennen die Vorbedingungen dieser Szene, teilen den Irrtum des 
„Zerrissenen" nicht, und darum wirkt, was für ihn unheimlich, 
sein muß, auf uns mit unwiderstehlicher Komik. Sogar ein „wirk- 
liches" Gespenst wie das in O. Wildes Erzählung „Der Geist 
von Canterville" muß all seiner Ansprüche, wenigstens Grauen 
zu erregen, verlustig werden, wenn der Dichter sich den Scherz 






138 



Sigm. Freud: Das Unheimliche 



macht, es zu ironisieren und hänseln zu lassen. So unabhängig 
kann in der Welt der Fiktion die Gefühlswirkung von der Stoff- 
wahl sein. In der Welt der Märchen sollen Angstgefühle, also 
auch unheimliche Gefühle überhaupt nicht erweckt werden. Wir 
verstehen das und sehen darum auch über die Anlässe hinweg, 
bei denen etwas Derartiges möglich wäre. 

Von der Einsamkeit, Stille und Dunkelheit können wir nichts 
anderes sagen, als daß dies wirklich die Momente sind, an welche 
die bei den meisten Menschen nie ganz erlöschende Kinderangst 
geknüpft ist. Die psychoanalytische Forschung hat sich mit dem 
Problem derselben an anderer Stelle auseinandergesetzt. 



INHALTSVERZEICHNIS 

Seite 

Der Dichter und das Phantasieren 5 

Das Motiv der Kästchenwahl 15 

Der Moses des Michelangelo 29 

Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit 59 

I. Die Ausnahmen • 6° 

n. Die am Erfolge scheitern 65 

ni. Die Verbrecher aus Schuldbewußtsein 84 

Eine Kindheitserinnerung aus „Dichtung und Wahrheit" 87 

Das Unheimliche 99 

1 









. - __. 



INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER 

Wien VII. Andreasgasse 3 



VERLAG 



SIGM. FREUD 
GESAMMELTE SCHRIFTEN 



i 

Stadien Ober Hysterie / Frohe Arbeiten zur 

Neurosenlehre (1892—99) (Charcot — Ein Fall von 
hypnot Heilung nebst Bemerkungen Ober d. Ent- 
stehung hyster. Symptome durch d. Gegenwillen — 
Quelques considerations pour une drude compara- 
tive des paralysies motrices organ. et hysteriques — 
Die Abwehr-Neuropsychosen — Ober die Berechti- 
gung, von der Neurasthenie einen bestimmten 
Symptomenkomplex als „Angstnetirose" abzu- 
trennen — Obsessions et phobies — Zur Kritik der 
Angstnenrose — Weitere Bemerkungen Ober die 
Abwehr-Neuropsychosen — L'hergditä et 1' Ätiologie 
des nevroses — Zur Ätiologie der Hysterie — 
Die Sexualität in der Ätiologie der Neurosen — 
Ober Deckerinnerungen) 



Die Traumdeutung 

m 

Nachträge zur Traumdeutung / Über den 
Traum / Beitrage zur Traumlehre (Märchenstoffe 
in Trflumen — Ein Traum als Beweismittel — 
Traum und Telepathie — Bemerkungen zur Theorie 
und Praxis der Traumdeutung) 

IV 

Zar Psychopathologie des Alltagslebens i Das 
Interesse an der Psychoanalyse / Ober Psycho- 
analyse/Zur Geschichte der psychoanalytischen 
Bewegung 



Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie /Arbeiten 
zum Sexualleben und zur Neurosenlehre (Meine 
Ansichten Ober die Rolle der Sexualität in der 
Ätiologie der Neurosen — Zur sexuellen Aufklarung 
der Kinder — Die .kulturelle» Scxualmoral und 
die Nervosität — Über infantile Sexualtheorien — 
Beitrage zur Psychologie des Liebeslebens : Ober 
einen besonderen Typus der Objektwahl beim 
— . anne ; Über die allgemeinste Erniedriinine des 
Liebeslebens. Das Tabu der VirginiMt — Die 

infantile Genitalorganisation — Zwei Kinderingen 

Gedankenassoziation eines vierjährigen Kindes 

Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur 
Bisesualitat — Ober den hysterischen Anfall — 
Charakter u. Analeroük — Ober Triebumsetzungen, 
insbesondere der Analerotik — Die Disposition zur 
Zwangneurose — Mitteilung eines der psycho- 
analytischen Theorie widersprechenden Falles von 
Paranoia — Die psychogene SehstOrung in psycho- 
analytischer Auffassung — Eine Beziehung zwischen 
einem Symbol und einem Symptom — Ober die 
Psychogenese eines Falles von weiblicher Homo- 
sexualität — „Ein Kind wird geschlagen" — Das 
ökonomische Problem des Masochismus — Über 
einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht, 
Paranoia und Homosexualität — Ober neurotische 
Erkrankungstypen — Formulierungen Ober die 
zwei Prinzipien des psyelüschen Geschehens — 



Neurose und Psychose — Der Untergang des 
Ödipuskomplexes) / Metapsychologle (Einige 
Bemerkungen Ober den Begriff des Unbewußten 
» n d ?r PsÄ. — Triebe und Tricbschicksale — Die 
Verdrängung — Das Unbewußte — Metapsycholog. 
Ergänzung z. Traumlehre — Trauer und Melancholie) 

VI 
M°!u^r c,u, t^. Rj Fre »dsche psychoanalytische 

Methode — Ober Psychotherapie - Die zukunftigen 
w?w C . n i" ^^«"""yttehen Therapie - Über 
CS P*yd»«w«ly«s - Die Handhabung der 
Traumdeutung in der Psychoanalyse-ZurDv^mik 
der Übertragung - Ratschläge fOr dZ J&U* . 
der psychoanalytischen Behandlung - Über fausse 
^^• iU t SanC , e ("^ iÄ ? COnWa ] wfl hrend derpsveho- 
-1^^ nA Ä-^ rEinleitnn ^ dcrBeh «"dl U ng 
— tnnnern, Wiederholen und Durcharbeiten — 
Bemerkungen Ober die Übertragungsliebe - Wcire 
der psychoanalyt Therapie -Zur Vorgeschichte 
der analyt Technik) / Zur Einführung de. Nar! 
xißmu» /Jenseits de. Lustprlnxlp. */ Massen- 
psychologle und Ich-Analy,? / Dal Ich £**£ 
/ A" 1 "»» (Der Realitfltsverlust bei Neurose und 
■Psychose — Notiz Ober den Wunderblock) 

vn 

Vorlesungen «ir Einführung In dlePsychoanalyse. 

vni 

Krankengeschichten (BruchstOck einer Hysterie- 
analyse - Analyse der Phobie eines fünfjährigen 
Knaben — Über einen Fall von Zwangsneurose — 
fsa. Bemerkungen Ober einen autobiographisch be- 
schriebenen Fall von Paranoia — Aus der Geschichte 
einer infantilen Neurose) 

K 

Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten 
/ Der Wahn und die Traume In W. Jensens 
»Gradlva" / Eine Kindheitserinnerung des Leo- 
nardo da Vinci 



Totem und Tabu / Arbeiten zur Anwendung der 

Psychoanalyse (Tatbestandsdiagnostik und Psycho- 
analyse—Zwangshandlungen und Keligionsubung— 
Über den Gegensinn der Urworte — Der Dichter 
und das Phantasieren — Mythologische Parallele 
zu einer plastischen Zwangsvorstellung — Das 
Motiv der Kastchenwahl — Der Moses des Michel- 
angelo — Einige Charaktertypen aus der psa. Arbeit: 
Die Ausnahmen. Die am Erfolge scheitern. Die 
Verbrecher aus Schuldbewußtsein — Zeitgemäßes 
Ober Krieg und Tod — Eine Schwierigkeit der 
Psychoanalyse — Eine Kindheitserinnerung aus 
»Dichtung und Wahrheit" — Das Unheimliche — Eine 
Teufelsneurose im 17. Jahrhundert 

XI 
Nachträge / Bibliographie / Register 



Die Bände I und IV-X erscheinen 1924, die drei resdienen I925 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien VII, Andreasgasse 3 



Dr. OTTO RANK 
Psychoanalytische Beiträge zur Mythenforschung 

Inhalt: Mythologie u. Psychoanalyse / Symbolik / Völkerpsychol. Parallelen z. d. infant Sexualtheorien j 
Deutung der Sintflutsage / Männeken-PiD u. Dukaten-Scheißer / Brüdermärchen / Mythus u. Märchen 

Daß Rank es verstanden hat, sein Thema klar, übersichtlich und fesselnd zu gestalten, ist für den 
Kenner seiner Arbeiten keine Überraschung. Zeitschrift für Sexualwissenschaft 

Kritische Leser werden viel Anregung und interessantes Material in diesen Aufsätzen finden. 

Literarisches Ech< 

Libro ... de una presentaeiön elegante es una de las magniücas contribuciones a la interpretaeiör 
psicoanalitica de mitos y legendas. Revista di Psiquiatria, Lima 

Dr. OTTO RANK 
Das Trauma der Geburt 

und seine Bedeutung für die Psychoanalyse 

Inhalt: Analytische Situation / Infantile Angst / Sexuelle Befriedigung / Neurotische Reproduktion 
Symbolische Anpassung / Heroische Kompensation / Religiöse Sublimierung / Künstlerische Ideali- 
sierung / Philosophische Spekulation / Psychoanalytische Erkenntnis / Therapeutische Wirkung 

Dr. EDUARD HITSCHMANN 
Gottfried Keller 

Sind die Künstler-Psychoanalysen besser (d. h. vorsichtiger in der Materialbcwertung) geworden 
oder haben wir im Laufe der Zeit nähere Fühlung mit der Psychoanalyse gewonnen ? Wohl beides ' 
Das vorhegende Keller-Buch hat mir auch als Literarhistoriker einige Lichter aufgesteckt ' Das 
Buch vertieft unseren Einblick in die erotischen Probleme bei dem Menschen wie bei dem Künstler 
Keller. Es erklart die Hemmungen in seiner persönlichen Liebeswahl und Sexualität und belpiirht««- 
entsprechende Motive seiner Dichtung. Prof. Harry Maync (Bern) im Literarischen Echo! 

Dr. EMIL LORENZ 
Der politische Mythus 

Beiträge zur Mythologie der Kultur 

In seiner edlen Wissenschaftlichkeit die Wage des Für und Wider liebevoll austarierend „i„ 
Apotheker magischer Destillate und wiederum — wäre das Wort nicht so zerbeult • Mn R 1 
Bu e "h C ?eh7en d0Siert " "*** Gedanken - In keiner Bibliothek eines politischen Menschen solltTdas 

Diese Darlegungen verdienen nicht nur das Interesse des Forschers, sie sind auch ebenso beachtens- 
wert für den Künstler wie den gebildeten Laien. Trierer Zeitun 

In der Durchleuchtung der Seele von Revolutionen spürt er mit unendlich feinfühligem Geiste de 
inneren Antrieben von Massenbewegungen nach und findet in den Trägern dieser Umstürze unbewuO 
Motive wirksam, die er geistreich bis zu den Urformen zurückverfolgt Freie Stimme 

Prof. Dr. HEINRICH GOMPERZ 
Psychol. Beobachtungen an griechischen Philosophen 

(Sokrates — Parmenides) 

Dr. FRITZ GIESE 
Psychoanalytische Psychotechnik 

I. PsAnalyse u. Wirtschaftsleben. Über erotisierte Reklame. II. Psychol. Eignungsprüfun| 



IMAGO -BÜCHER 



I. 
DER KÜNSTLER 

ANSÄTZE ZU EINER SEXUAL-PSYCHOLOGIB 

Von Dr. OTTO RANK 

Da» Werk Rank« behandelt In lichtvoller Darstellung 
entscheidende Fragen. Der Weg ist kühn — aber kein 
Marsch auf der Straße. Die Zeit. 

Viele sehr verdienstvolle, wenn auch harte und bei- 
nahe rücksichtslose Meinungen. Es gehört eine große 
Freiheit des Geistes und eine sehr schätzbare Unbe- 
fangenheit dazu. Rank hat auf dem Wege zur Seelen- 
schau des Künstlers eine ganze Menge psychologischer 
Probleme auf ihren sexuellen Gehalt hin geprüft und 
mit schöner Prägnanz demonstriert. 

Münchner Allgemeine Zeitung. 

II. 

TOLSTOIS KINDHEITS- 
ERINNERUNGEN 

EIN BEITRAG ZU FREUDS LIBIDOTHEORIB 
Von Dr. N. OSSIPOW 

Auf der gigantischen Persönlichkeit dieses groDcn 
Russen erschütternd entgegenschimmernd aus seinem 
künstlerischen Schaffen, fast nacktgeschürft in dem 
Autobiographischen, ruht hier zum erstenmal der 
geschärfte und geläuterte Blick psychoanalytischer 
PrVpnntnis. Der Mensch und Künstler, selbst ein 
7^rchederer, selbst ein Träger genialischer Tiefen- 
mvchologie, tritt hier in den Leuchtkegel modernster 
wissenschaftlicher Seeleneinsicht. In merkwürdiger 
Weise kreuzen sich dabei die Wege Tolstoischer 
CcxunlRrübelei mit denen der psychoanalytischen Eros- 
lehre. Die Studie beansprucht, sowohl von den Ge- 
JjeOern Tolstoischer Kunst willkommen geheißen zu 
werden, als auch bei dem wissenschaftlich orientierten 
Leser brennendes Interesse vorzufinden. 



III. 

DER EIGENE 
FREMDE 



UND DER 
GOTT 



ZUR PSYCHOANALYSE DER 
RELIGIÖSEN ENTWICKLUNG 

Von Dr. THEODOR REIK 

Inhalt: Über kollektives Vergessen. — Jesus und 
Maria im Talmud. — Der hl. Epiphanius verschreibt 
«ich. — Die wiederauferstandenen Götter. — Das Evan- 
gelium des Judas Ischkarioth. — Die psychoanalytische 
Deutung des Judasproblems. — Gott und Teufel. — 
Die Unheimlichkeit fremder Götter und Kulte. — Das 
Unheimliche aus infantilen Komplexen. — Die Äqui- 
valenz d. Triebgegensatzpaare. — Über Differenzierung. 
Diese Arbeiten sollen, schreibt der Verfasser in der 
Vorbemerkung, „einen Versuch darstellen, von ana- 
lytischen Gesichtspunkten aus die Erscheinungen der 
religiösen Feindseligkeit und Intoleranz psychologisch 
zu erklären und zugleich den tieferen Ursachen der 
religiösen Verschiedenheiten nachzuforschen. Woferne 
die Konvergenz der Ergebnisse in diesen von ver- 
schiedenen Seiten hergeführten Untersuchungen einen 
Schluß auf die Richtigkeit des Ganzen zuläßt, würde 
ich hoffen, __ daß die vorliegende Aufsatzreihe ein 
wichtiges Stück der religiösen Entwicklung in einem 
neuen Lichte erscheinen läßt." 



IV. 

DOSTOJEWSKI 

Von JOLAN NEUFELD 

Wie ist es möglich, daO ein Mensch so loyal gesinnt 
ist und dabei an einer Verschwörung gegen den 
Zaren teilnimmt? Wie kann jemand tief religiös und 
zugleich absolut ungläubig sein? Woher kommt es, 
daß ein Mensch, der mit jeder Nervenfaser an seiner 
Heimatscholle klebt, Monate, ja Jahre im Auslande 
verbringt? Woher kommt es, daß er dem Gelde un- 
unterbrochen nachjagt, um es dann wie etwas voll- 
kommen Wertloses zum Fenster hinauszuwerfen? 
Wie das Leben, so ist auch die Dichtung Dostojewskis 
enigmatisch. Rätselhafte Charaktere, entgleiste Perverse 
sind die Helden seiner Romane und geben uns Rätsel 
über Rätsel auf, die mit der Bewußtselnspsycholofcie 
überhaupt nicht lösbar sind. Der Zauberschlüssel der 
Psychoanalyse aber sprengt die Schlösser. 

V. 

GEMEINSAME 
TAGTRÄUME 

Von HANNS SACHS 

Als die Psychoanalyse auf die entscheidende Bedeutung 
der Tagträume für den Lebensweg und die Liebeswahl 
des Einzelnen hinwies, traf sie wenigstens an dieser 
einen Stelle mit einer längst gangbaren Überzeugung 
zusammen, daß nämlich die Tagträume die allgemein 
menschliche Vorstufe seien, von der aus sich in be- 
gnadetem Sonderfalle der Aufstieg zum Kunstwerk, 
zur Dichtung vollziehe. Sachs weist nun die unbe- 
wußten Quellen der Tagträume nach, und untersucht 
eingehend die Frage, wie sich der Tagtraum zum 
Kunstwerk verwandelt, wodurch sich der Dichter vom 
Neurot iker, vom Verbrecher, vom Führer der Masse 
und schließlich in d er Literatur vom Pfuscher und Nach- 
ahmer unterscheidet. Er weist auf den Zusammenhang 
zwischen dem nach Entlastung lechzenden Schuldb£ 
wußtsein und dem zur Aufgabe des Ichs und zur 
Verschiebung auf das Werk bereiten Narzißmus hin 
Im Besonderen analysiert er dann in zwei breit an- 
gelegten Studien zwei Kunstwerke die beide Anzeichen 
und Vorboten einer ProdukUonshemmung im Lehen 
ihrer Schöpfer darstellen: S c h i 1 1 e r s „G e i f t er s eh er" 
und Shakespeares „Sturm". Die Psychoanalyse 
entwickelt sich „nach dem Gesetz nach dem sie ange- 
treten"; da sie aus der Erforschung der Störungen er- 
wachsen ist, die der unvollkommenen Bewältigung un- 
bewußter Wünsche ihr Dasein verdanken, so vermag sie 
sich den Problemen der künstlerischen Schöpfung auch 
am besten von der Seite der Hemmungen her zu nähern. 

VI. 

DIE AMBIVALENZ 
DES KINDES 

Von Dr. HANS GUSTAV GRABER 

Ausdem Inhalt: Ambivalenz bei Bleuler; bei Freud. 
Der Urhaß. Die Elternbindung. Der Geschlechtsunter- 
schied. Das Lustverbot. Tierphobien. Du Über-Ich. 

VII. 

PSYCHOANALYSE 

UND LOGIK 

Von Dr. I. HERMANN 

Ausde min halt: Dualschritte aus der Entwicklungs- 

Psychologie; in der Biologie; in der schönen Literatur. 

Der Umkehrschritt. Der Abwendungsschrltt. Der 

Schritt des Sinkens. Über Sophismen. 



INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

Wien VII. Andreasgasse 5 r 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien VII. Andreasgasse 3 



I MAGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSYCHO- 
ANALYSE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN 

HERAUSGEGEBEN VON 

Prof. Dr. SIGM. FREUD 

SONDERHEFTE 
Soziologisches Heft 

(VIII. Band, 1923, Heft 2) 
?^GÄiÄ 

ReligionspsychoIop;isches Heft 

(IX. Band, i 9 2j, Heft x) 
fc^d^SSÄtt fäll n e T°üb« f b ^ n r ***«?«/ Dr. »■» AJex.nder: 

Pädagogisdi-iupendpsydiologisdies Heft 

fIX. Band, 1923, Heft 2) 

zu, Friihanaly , , w f^^äu^^^^ 

Philosophisches Heft 

(IX. Band, 1923, Heft j) 

f^S^\S^^^^^S^^ü&, A SV^Jn^ ? Rotöles- Analytik / 
G. Berger: Zur Theorie der menschlichen ^t^^^^^ 

Ästhetisch-kunstpsychologisches Heft 

(IT. £and, jo 2 j, iJe/r 4; 
in der Malerei / Aurel Kolnai: Gontscharows „Oblomow" / usw. inlannusmui 

Ethnologisches Heft 

(X. Band, 1924, Doppelheft 2 u. 3) 

Ans dem Inhalte: Ernest Jones: Psychoanalyse und Anthropologie / B. MaHnowski: Eine mutterrcchtlirhe 
Form des Farailienkernkomplexes / G. Röheim: Die Sednasage / Hans Zulliger: Zur Psychologe dVr TYm,*r! 
und Bestattungsgebräuche / Beate Rank: Zur Rolle der Frau in der Entwicklung der mmwhlirh™ 
Gesellschaft / Flora KrauO: Die Frauensprache bei primitiven Völkern / A. Arndt: Tabu u. Mystik ; / u*w 



,Imago" erscheint 4 mal jährlich, im Gesamtumfang von ca. 500 Seiten