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SIGM. FREUD
GESAMMELTE
SCHRIFTEN
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I
GESAMMELTE
SCHRIFTEN
VON
SIGM. FREUD
FÜNFTER BAND
DREI ABHANDLUNGEN ZUR SEXUAL-
THEORIE / ARBEITEN ZUM SEXUAL-
LEBEN UND ZUR NEUROSENLEHRE /
METAPSYCHOLOGIE
INTERNATIONALER
PSYCHOANALYTISCHER VERLAG
LEIPZIG / WIEN / ZÜRICH
Die Herausgabe dieses Bandes besorgten
unter Mitwirkung des Verfassers
Anna Freud, Otto Rank und A. J. Storfer
Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung vorbehalten
Copyright 1924 by „Internationaler Psychoanalytischer
Verlag, Ges. m. b. H.' ( , Wien
INTERNATIONAL
PSYCHOANALYTIC
UNIVERSITY
DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN
Gesellschaft für graphische Industrie, Wien, III., Rüdengassc 11
DREI ABHANDLUNGEN
ZUR SEXUALTHEORIE
4
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
genetischen Vorgang bemerkbar. Im Grunde aber ist die Disposition
eben der Niederschlag eines früheren Erlebens der Art, zu welchem das
neuere Erleben des Einzelwesens als Summe der akzidentellen Momente
hinzukommt.
Neben der durchgängigen Abhängigkeit von der psychoanalytischen
Forschung muß ich die vorsätzliche Unabhängigkeit von der biologischen
Forschung als Charakter dieser meiner Arbeit hervorheben. Ich habe es
sorgfältig vermieden, wissenschaftliche Erwartungen aus der allgemeinen
Sexualbiologie oder aus der spezieller Tierarten in das Studium einzutragen,
welches uns an der Sexualfunktion des Menschen durch die Technik der
Psychoanalyse ermöglicht wird. Mein Ziel war allerdings zu erkunden,
wieviel zur Biologie des menschlichen Sexuallebens mit den Mitteln der
psychologischen Erforschung zu erraten ist; ich durfte auf Anschlüsse und
Übereinstimmungen hinweisen, die sich bei dieser Untersuchung ergaben,
aber ich brauchte mich nicht beirren zu lassen, wenn die psycho-
analytische Methode in manchen wichtigen Punkten zu Ansichten und
Ergebnissen führte, die von den bloß biologisch gestützten erheblich
abwichen.
Ich habe in dieser dritten Auflage reichliche Einschaltungen vorge-
nommen, aber darauf verzichtet, dieselben wie in der vorigen Auflage
durch besondere Zeichen kenntlich zu machen. — Die wissenschaftliche
Arbeit auf unserem Gebiete hat gegenwärtig ihre Fortschritte verlangsamt,
doch waren gewisse Ergänzungen dieser Schrift unentbehrlich, wenn sie
mit der neueren psychoanalytischen Literatur [in Fühlung bleiben sollte.
Wien, im Oktober 1914.
VORWORT ZUR VIERTEN AUFLAGE
Nachdem die Fluten der Kriegszeit sich verzogen haben, darf man mit
Befriedigung feststellen, daß das Interesse für die psychoanalytische
Forschung in der großen Welt ungeschädigt gebliehen ist. Doch haben
nicht alle Teile der Lehre das gleiche Schicksal erfahren. Die rein psycho-
logischen Aufstellungen und Ermittlungen der Psychoanalyse über das
Unbewußte, die Verdrängung, den Konflikt, der zur Krankheit führt, den
Krankheitsgevvinn, die Mechanismen der Symptombildung u. a. erfreuen
sich wachsender Anerkennung und finden selbst bei prinzipiellen Gegnern
Beachtung. Das an die Biologie angrenzende Stück der Lehre, dessen
Grundlage in dieser kleinen Schrift gegeben wird, ruft noch immer unver-
minderten Widerspruch hervor und hat selbst Personen, die sich eine
Zeitlang intensiv mit der Psychoanalyse beschäftigt hatten, zum Abfall
von ihr und zu neuen Auffassungen bewogen, durch welche die Rolle
des sexuellen Moments für das normale und krankhafte Seelenleben wieder
eingeschränkt werden sollte.
Ich kann mich trotzdem nicht zur Annahme entschließen, daß dieser
Teil der psychoanalytischen Lehre sich von der zu erratenden Wirklichkeit
viel weiter entfernen könnte als der andere. Erinnerung und immer wieder
von neuem wiederholte Prüfung sagen mir, daß er aus ebenso sorgfältiger
und erwartungsloser Beobachtung hervorgegangen ist und die Erklärung
jener Dissoziation in der öffentlichen Anerkennung bereitet keine Schwierig-
keiten. Erstens können nur solche Forscher die hier beschriebenen Anfänge
des menschlichen Sexuallebens bestätigen, die Geduld und technisches'
Geschick genug besitzen, um die Analyse bis in die ersten Kindheitsjahre
des Patienten vorzutragen. Es fehlt häufig auch an der Möglichkeit hiezu,.
da das ärztliche Handeln eine scheinbar raschere Erledigung des Krankheits-
falles verlangt. Andere aber als Ärzte, welche die Psychoanalyse üben,
haben überhaupt keinen Zugang zu "diesem Gebiet und keine Möglichkeit,
sich ein Urteil zu bilden, das der Beeinflussung durch ihre eigenen
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Abneigungen und Vorurteile entzogen wäre. Verstünden es die Menschen,
aus der direkten Beobachtung der Kinder zu lernen, so hätten diese drei
Abhandlungen überhaupt ungeschrieben bleiben können.
Dann aber muß man sich daran erinnern, daß einiges vom Inhalt
dieser Schrift, die Betonung der Bedeutung des Sexuallebens für alle
menschlichen Leistungen und die hier versuchte Erweiterung des Begriffes
der Sexualität, von jeher die stärksten Motive für den Widerstand gegen
die Psychoanalyse abgegeben hat. In dem Bedürfnis nach volltönenden
Schlagworten ist man soweit gegangen, von dem „Pansexualismus" der
Psychoanalyse zu reden und ihr den unsinnigen Vorwurf zu machen, sie
erkläre „alles" aus der Sexualität. Man könnte sich darüber verwundern,
wenn man imstande wäre, an die verwirrende und vergeßlich machende
Wirkung affektiver Momente selbst zu vergessen. Denn der Philosoph
Arthur Schopenhauer hat bereits vor geraumer Zeit den Menschen
vorgehalten, in welchem Maß ihr Tun und Trachten durch sexuelle
Strebungen — im gewohnten Sinne des Wortes — bestimmt wird, und
eine Welt von Lesern sollte doch unfähig gewesen sein, sich eine so
packende Mahnung so völlig aus dem Sinne zu schlagen ! Was aber die
„Ausdehnung" des Begriffes der Sexualität betrifft, die durch die Analyse
von Kindern und von sogenannten Perversen notwendig wird, so mögen
alle, die von ihrem höheren Standpunkt verächtlich auf die Psychoanalyse
herabschauen, sich erinnern lassen, wie nahe die erweiterte Sexualität der
Psychoanalyse mit dem Eros des göttlichen Plato zusammentrifft. (S.
Nach man söhn, Freuds Libidotheorie verglichen mit der Eroslehre
Piatos, Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse, III., 1915.)
Wien, im Mai ig20.
DIE SEXUELLEN ABIRRUNGEN 1
Die Tatsache geschlechtlicher Bedürfnisse bei Mensch und Tier
drückt man in der Biologie durch die Annahme eines „Geschlechts-
triebes" aus. Man folgt dabei der Analogie mit dem Trieb nach
Nahrungsaufnahme, dem Hunger. Eine dem Worte „Hunger"
entsprechende Bezeichnung fehlt der Volkssprache ; die Wissenschaft
gebraucht als solche „Libido .
Die populäre Meinung macht sich ganz bestimmte Vorstellungen
von der Natur und den Eigenschaften dieses Geschlechtstriebes.
Er soll der Kindheit fehlen, sich um die Zeit und im Zusammen-
han g mit dem Reifungsvorgang der Pubertät einstellen, sich in
den Erscheinungen unwiderstehlicher Anziehung äußern, die das
eine Geschlecht auf das andere ausübt, und sein Ziel soll die
geschlechtliche Vereinigung sein oder wenigstens solche Handlungen,
welche auf dem Wege zu dieser liegen.
Wir haben aber allen Grund, in diesen Angaben ein sehr
ungetreues Abbild der Wirklichkeit zu erblicken; faßt man sie
i) Die in der ersten Abhandlung enthaltenen Angaben sind aus den bekannten
Publikationen von v. Kr äfft- Ebing, Moll, Moebius, Havelock Ellis.
v. Schrenck-Notzing, Löwenfeld, Eulenburg, I. Bloch, M. Hirsch-
feld und aus den Arbeiten in den vom letzteren herausgegebenen „Jahrbuch für
sexuelle Zwischenstufen" geschöpft. Da an diesen Stellen auch die übrige Literatur
des Themas aufgeführt ist, habe ich mir detaillierte Nachweise ersparen können. —
Die durch psychoanalytische Untersuchung Invertierter gewonnenen Einsichten ruhen
auf Mitteilungen von I. S a d g e r und auf eigener Erfahrung.
2) Das einzig angemessene Wort der deutschen Sprache „Lust" ist leider vieldeutig
und" benennt ebensowohl die Empfindung des Bedürfnisses als die der Befriedigung.
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
schärfer ins Auge, so erweisen sie sich überreich an Irrtümern,
Ungenauigkeiten und Voreiligkeiten.
Führen wir zwei Termini ein : heißen wir die Person, von welcher
die geschlechtliche Anziehung ausgeht, das Sexualobjekt, die
Handlung, nach welcher der Trieb drängt, das Sexualziel, so
weist uns die wissenschaftlich gesichtete Erfahrung zahlreiche
Abweichungen in Bezug auf beide, Sexualobjekt und Sexualziel,
nach, deren Verhältnis zur angenommenen Norm eingehende
Untersuchung fordert.
erbalten der
«vertierten
1) Abweichungen in Bezug auf das Sexualobjekt
Der populären Theorie des Geschlechtstriebes entspricht am
schönsten die poetische Fabel von der Teilung des Menschen
in zwei Hälften — Mann und Weib — , die sich in der Liebe
wieder zu vereinigen streben. Es wirkt darum wie eine große
Überraschung zu hören, daß es Männer gibt, für die nicht das
Weib, sondern der Mann, Weiber, für die nicht der Mann,
sondern das Weib das Sexualobjekt darstellt. Man heißt solche
Personen Konträrsexuale oder besser Invertierte, die Tatsache
die der Inversion. Die Zahl solcher Personen ist sehr
erheblich, wiewohl deren sichere Ermittlung Schwierigkeiten
unterliegt. 1
A) Die Inversion
Die betreffenden Personen verhalten sich nach verschiedenen
Richtungen ganz verschieden.
a) Sie sind absolut invertiert, das heißt ihr Sexualobjekt
kann nur gleichgeschlechtlich sein, während das gegensätzliche
Geschlecht für sie niemals Gegenstand der geschlechtlichen Sehnsucht
1) Vergleiche über diese Schwierigkeiten sowie über Versuche, die Verhältniszahl
der Invertierten zu eruieren, die Arbeit von M. Hirsch feld im „Jahrbuch für
sexuelle Zwischenstufen" 1904.
Die sexuellen Abirrungen
ist, sondern sie kühl läßt oder selbst sexuelle Abneigung bei ihnen
hervorruft. Als Männer sind sie dann durch Abneigung unfähig,
den normalen Geschlechtsakt auszuführen oder vermissen bei
dessen Ausführung jeden Genuß.
b) Sie sind amphigen invertiert (psychosexuell-herma-
phroditisch), das heißt ihr Sexualobjekt kann ebensowohl dem
gleichen wie dem anderen Geschlecht angehören; der Inversion
fehlt also der Charakter der Ausschließlichkeit.
c) Sie sind okkasionell invertiert, das heißt unter gewissen
äußeren Bedingungen, von denen die Unzugänglichkeit des normalen
Sexualobjektes und die Nachahmung obenan stehen, können sie
eine Person des gleichen Geschlechtes zum Sexualobjekt nehmen
und im Sexualakt mit ihr Befriedigung empfinden.
Die Invertierten zeigen ferner ein mannigfaltiges Verhalten m
ihrem Urteil über die Besonderheit ihres Geschlechtstriebes. Die
einen nehmen die Inversion als selbstverständlich hin wie der
Normale die Richtung seiner Libido, und vertreten mit Schärfe
deren Gleichberechtigung mit der normalen. Andere aber lehnen
sich gegen die Tatsache ihrer Inversion auf und empfinden
dieselbe als krankhaften Zwang. 1
Weitere Variationen betreffen die zeitlichen Verhältnisse. Die
Eigentümlichkeit der Inversion datiert bei dem Individuum
entweder von jeher, soweit seine Erinnerung zurückreicht, oder
dieselbe hat sich ihm erst zu einer bestimmten Zeit vor oder
nach der Pubertät bemerkbar gemacht. 2 Der Charakter bleibt
entweder durchs ganze Leben erhalten oder tritt zeitweise zurück
oder stellt eine Episode auf dem Wege zur normalen Entwicklung
i) Ein solches Sträuben gegen den Zwang zur Inversion könnte die Bedingung
der Beeinflußbarkeit durch Suggestivbehandlung oder Psychoanalyse abgeben.
2) Es ist von mehreren Seiten mit Recht betont worden, daß die autobiographischen
Angaben der Invertierten über das zeitliche Auftreten der Inversionsneigung unzu-
verlässig sind, da dieselben die Beweise für ihr heterosexuelles Empfinden aus ihrem
Gedächtnis verdrängt haben könnten. — Die Psychoanalyse hat diesen Verdacht für die
ihr zugänglich gewordenen Fälle von Inversion bestätigt und deren Anamnese durch
die Ausfüllung der Kindheitsamnesie in entscheidender Weise verändert.
i° Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
dar 5 ja er kann sich erst spät im Leben nach Ablauf einer
langen Periode normaler Sexualtätigkeit äußern. Auch ein periodisches
Schwanken zwischen dem normalen und dem invertierten Sexual-
objekt ist beobachtet worden. Besonders interessant sind Fälle, in
denen sich die Libido im Sinne der Inversion ändert, nachdem
eine peinliche Erfahrung mit dem normalen Sexualobjekt gemacht
worden ist.
Diese verschiedenen Reihen von Variationen bestehen im all-
gemeinen unabhängig nebeneinander. Von der extremsten Form
kann man etwa regelmäßig annehmen, daß die Inversion seit
sehr früher Zeit bestanden hat, und daß die Person sich mit
ihrer Eigentümlichkeit einig fühlt.
Viele Autoren würden sich weigern, die hier aufgezählten Fälle;
zu einer Einheit zusammenzufassen, und ziehen es vor, die
Unterschiede anstatt der Gemeinsamen dieser Gruppen zu betonen
was mit der von ihnen beliebten Beurteilung der Inversion
zusammenhängt. Allein so berechtigt Sonderungen sein mögen,
so ist doch nicht zu verkennen, daß alle Zwischenstufen reichlich
aufzufinden sind, so daß die Reihenbildung sich gleichsam von
selbst aufdrängt.
Die erste Würdigung der Inversion bestand in der Auffassung,
Inversion sie sei ein angeborenes Zeichen nervöser Degeneration, und war
im Einklänge mit der Tatsache, daß die ärztlichen Beobachter
zuerst bei Nervenkranken oder Personen, die solchen Eindruck
machten, auf sie gestoßen waren. In dieser Charakteristik sind
zwei Angaben enthalten, die unabhängig voneinander beurteilt
werden sollen: das Angeborensein und die Degeneration.
Degeneration Die Degeneration unterliegt den Einwänden, die sich gegen
die wahllose Verwendung des Wortes überhaupt erheben. Es
ist doch Sitte geworden, jede Art von Krankheitsäußerung, die
nicht gerade traumatischen oder infektiösen Ursprunges ist, der
Degeneration zuzurechnen. Die Magnansche Einteilung der
Degenerierten hat es selbst ermöglicht, daß die vorzüglichste
Auffassung
der
Die sexuellen Abirrungen 1 1
Allgemeingestaltung der Nervenleistung die Anwendbarkeit des
Begriffes Degeneration nicht auszuschließen braucht. Unter
solchen Umständen darf man fragen, welchen Nutzen und
welchen neuen Inhalt das Urteil „Degeneration" überhaupt
noch besitzt. Es scheint zweckmäßiger, von Degeneration nicht
zu sprechen:
1) wo nicht mehrere schwere Abweichungen von der Norm
zusammentreffen ;
2) wo nicht Leistungs- und Existenzfähigkeit im allgemeinen
schwer geschädigt erscheinen. 1
Daß die Invertierten nicht Degenerierte in diesem berechtigten
Sinne sind, geht aus mehreren Tatsachen hervor:
1) Man findet die Inversion bei Personen, die keine sonstigen
schweren Abweichungen von der Norm zeigen ;
2) desgleichen bei Personen, deren Leistungsfähigkeit nicht
gestört ist, ja, die sich durch besonders hohe intellektuelle Ent-
wicklung und ethische Kultur auszeichnen. 8
5) Wenn man von den Patienten seiner ärztlichen Erfahrung
absieht und einen weiteren Gesichtskreis zu umfassen strebt, stößt
man nach zwei Richtungen auf Tatsachen, welche die Inversion
als Degenerationszeichen aufzufassen verbieten.
a) Man muß Wert darauf legen, daß die Inversion eine häufige
Erscheinung, fast eine mit wichtigen Funktionen betraute Institution
bei den alten Völkern auf der Höhe ihrer Kultur war;
b) man findet sie ungemein verbreitet bei vielen wilden und
primitiven Völkern, während man den Begriff der Degeneration
1) Mit welchen Vorbehalten die Diagnose auf Degeneration zu stellen ist und
welch geringe praktische Bedeutung ihr zukommt, kann man aus den Ausführungen
von Moebius (Über Entartung. Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens. Nr. DX
1900) entnehmen: „Überblickt man nun das weite Gebiet der Entartung, auf das
hier einige Schlaglichter geworfen worden sind, so sieht man ohneweiters ein, daß
es sehr geringen Wert hat. Entartung überhaupt zu diagnostizieren."
2) Es muß den Wortführern des „Uranismus" zugestanden werden, daß einige der
hervorragendsten Männer, von denen wir überhaupt Kunde haben, Invertierte, vielleicht
sogar absolut Invertierte waren.
12 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
sein
auf die hohe Zivilisation zu beschränken gewohnt ist (I. B 1 o c h) 9
selbst unter den zivilisierten Völkern Europas haben Klima und
Rasse auf die Verbreitung und die Beurteilung der Inversion den
mächtigsten Einfluß. 1
Angeboren- Das Angeborensein ist, wie begreiflich, nur für die erste,
extremste Klasse der Invertierten behauptet worden, und zwar
auf Grund der Versicherung dieser Personen, daß sich bei ihnen
zu keiner Zeit des Lebens eine andere Richtung des Sexualtriebes
gezeigt habe. Schon das Vorkommen der beiden anderen Klassen,
speziell der dritten, ist schwer mit der Auffassung eines angeborenen
Charakters zu vereinen. Daher die Neigung der Vertreter dieser
Ansicht, die Gruppe der absolut Invertierten von allen anderen
abzulösen, was den Verzicht auf eine allgemein gültige Auffassung
der Inversion zur Folge hat. Die Inversion wäre demnach in einer
Reihe von Fällen ein angeborener Charakter; in anderen könnte
sie auf andere Art entstanden sein.
Den Gegensatz zu dieser Auffassung bildet die andere, daß die
Inversion ein erworbener Charakter des Geschlechtstriebes sei.
Sie stützt sich darauf, daß
1) bei vielen (auch absolut) Invertierten ein frühzeitig im Leben
einwirkender sexueller Eindruck nachweisbar ist, als dessen fort-
dauernde Folge sich die homosexuelle Neigung darstellt,
2) daß bei vielen anderen sich die äußeren begünstigenden
und hemmenden Einflüsse des Lebens aufzeigen lassen, die zu
einer früheren oder späteren Zeit zur Fixierung der Inversion
geführt haben (ausschließlicher Verkehr mit dem gleichen
Geschlecht, Gemeinschaft im Kriege, Detention in Gefängnissen,
Gefahren des heterosexuellen Verkehrs, Zölibat, geschlechtliche
Schwäche usw.),
1) In der Auffassung der Inversion sind die pathologischen Gesichtspunkte von
anthropologischen abgelöst worden. Diese Wandlung bleibt das Verdienst von I. Bloch
(Beiträge zur Ätiologie der Psychopathia sexualis. a Teile, 1902/5), welcher Autor
auch die Tatsache der Inversion bei den alten Kulturvölkern nachdrücklich zur
Geltung gebracht hat.
Die sexuellen Abirrungen 13
5) daß die Inversion durch hypnotische Suggestion aufgehoben
werden kann, was bei einem angeborenen Charakter Wunder
nehmen würde.
Vom Standpunkt dieser Anschauung kann man die Sicherheit
des Vorkommens einer angeborenen Inversion überhaupt bestreiten.
Man kann einwenden (Havelock Ellis), daß ein genaueres
Examen der für angeborene Inversion in Anspruch genommenen
Fälle wahrscheinlich gleichfalls ein für die Richtung der Libido
bestimmendes Erlebnis der frühen Kindheit zutage fördern würde,
welches bloß im bewußten Gedächtnis der Person nicht bewahrt
worden ist, aber durch geeignete Beeinflussung zur Erinnerung
gebracht werden könnte. Die Inversion könnte man nach diesen
Autoren nur als eine häufige Variation des Geschlechtstriebes
bezeichnen, die durch eine Anzahl äußerer Lebensumstände bestimmt
werden kann.
Der scheinbar so gewonnenen Sicherheit macht aber die Gegen-
bemerkung ein Ende, daß nachweisbar viele Personen die nämlichen
sexuellen Beeinflussungen (auch in früher Jugend: Verführung,
mutuelle Onanie) erfahren, ohne durch sie invertiert zu werden
oder dauernd so zu bleiben. So wird man zur Vermutung
gedrängt, daß die Alternative angeboren — erworben entweder
unvollständig ist oder die bei der Inversion vorliegenden Verhält-
nisse nicht deckt.
Weder mit der Annahme, die Inversion sei angeboren, noch Erklärung der
mit der anderen, sie werde erworben, ist das Wesen der Inversion
erklärt. Im ersten Falle muß man sich äußern, was an ihr
angeboren ist, wenn man sich nicht der rohesten Erklärung
anschließt, daß eine Person die Verknüpfung des Sexualtriebes mit
einem bestimmten Sexualobjekt angeboren mitbringt. Im anderen
Falle fragt es sich, ob die mannigfachen akzidentellen Einflüsse hin-
reichen, die Erwerbung zu erklären, ohne daß ihnen etwas an dem
Individuum entgegenkommen müsse. Die Verneinung dieses letzten
Momentes ist nach unseren früheren Ausführungen unstatthaft.
14 Drei Abhandlungen zur Sexualiheorie
e,an£ehun E z ur Erklärung der Möglichkeit einer sexuellen Inversion ist
inverrion seit Frank Lydstone, Kiernan und Chevalier eine
Gedankenreihe herangezogen worden, welche einen neuen Wider-
spruch gegen die populäre Meinung enthält. Dieser gilt ein
Mensch entweder als Mann oder als Weib. Die Wissenschaft
kennt aber Fälle, in denen die Geschlechtscharaktere verwischt
erscheinen und somit die Geschlechtsbestimmung erschwert wird;
zunächst auf anatomischem Gebiet. Die Genitalien dieser Personen
vereinigen männliche und weibliche Charaktere (Hermaphroditismus).
In seltenen Fällen sind nebeneinander beiderlei Geschlechtsapparate
ausgebildet (wahrer Hermaphroditismus) 5 zu allermeist findet man
beiderseitige Verkümmerung. 1
Das Bedeutsame an diesen Abnormitäten ist aber, daß sie in
unerwarteter Weise das Verständnis der normalen Bildung erleichtern.
Ein gewisser Grad von anatomischem Hermaphroditismus gehört
nämlich der Norm an; bei keinem normal gebildeten männlichen
oder weiblichen Individuum werden die Spuren vom Apparat
des anderen Geschlechtes vermißt, die entweder funktionslos als
rudimentäre Organe fortbestehen oder selbst zur Übernahme
anderer Funktionen umgebildet worden sind.
Die Auffassung, die sich aus diesen lange bekannten ana-
tomischen Tatsachen ergibt, ist die einer ursprünglich bisexuellen
Veranlagung, die sich im Laufe der Entwicklung bis zur Mono-
sexualität mit geringen Resten des verkümmerten Geschlechtes
verändert.
Es lag nahe, diese Auffassung aufs psychische Gebiet zu
übertragen und die Inversion in ihren Abarten als Ausdruck eines
psychischen Hermaphroditismus zu verstehen. Um die Frage zu
entscheiden, bedurfte es nur noch eines regelmäßigen Zusammen-
1) Vergleiche die letzten ausführlichen Darstellungen des somatischen Herm-
aphroditismus: Taruffi, Hermaphroditismus und Zeugungsunfühigkeit, Deutsche
Ausgabe von R. Teuscher, 1903, und die Arbeiten von Neugebauerin mehreren
Bänden des Jahrbuches für sexuelle Zwischenstufen.
Die sexuellen Abirrungen 15
treffens der Inversion mit den seelischen und somatischen Zeichen
des Hermaphroditismus.
Allein diese nächste Erwartung schlägt fehl. So nahe darf man
sich die Beziehungen zwischen dem angenommenen psychischen
und dem nachweisbaren anatomischen Zwittertum nicht vorstellen.
Was man bei den Invertierten findet, ist häufig eine Herabsetzung
des Geschlechtstriebes überhaupt (Havelock Ellis) und leichte
anatomische Verkümmerung der Organe. Häufig, aber keineswegs
regelmäßig oder auch nur überwiegend. Somit muß man erkennen,
daß Inversion und somatischer Hermaphroditismus im ganzen
unabhängig voneinander sind.
Man hat ferner großen Wert auf die sogenannten sekundären
und tertiären Geschlechtscharaktere gelegt und deren gehäuftes-
Vorkommen bei den Invertierten betont (H. Ellis). Auch daran
ist vieles zutreffend, aber man darf nicht vergessen, daß die
sekundären und tertiären Geschlechtscharaktere überhaupt recht
häufig beim anderen Geschlecht auftreten und so Andeutungen
von Zwittertum herstellen, ohne daß dabei das Sexualobjekt sich
im Sinne einer Inversion abgeändert zeigte.
Der psychische Hermaphroditismus würde an Leibhaftigkeit
gewinnen, wenn mit der Inversion des Sexualobjektes wenigstens
ein Umschlag der sonstigen seelischen Eigenschaften, Triebe und
Charakterzüge in die fürs andere Geschlecht bezeichnende
Abänderung parallel liefe. Allein eine solche Charakterinversion
darf man mit einiger Regelmäßigkeit nur bei den invertierten
Frauen erwarten, bei den Männern ist die vollste seelische Männ-
lichkeit mit der Inversion vereinbar. Hält man an der Aufstellung
eines seelischen Hermaphroditismus fest, so muß man hinzufügen,
daß dessen Äußerungen auf verschiedenen Gebieten eine nur
geringe gegenseitige Bedingtheit erkennen lassen. Das gleiche
gilt übrigens auch für das somatische Zwittertum 5 nach H a 1 b a n 1
1) J. Halb an, Die Entstehung der Geschlechtscharaktere. Archiv für Gynäko-
logie. Bd. 70, 1903. Siehe dort auch die Literatur des Gegenstandes.
i6
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
sind auch die einzelnen Organverkümmerungen und sekundären
Geschlechtscharaktere in ihrem Auftreten ziemlich unabhängig
voneinander.
Die Bisexualitätslehre ist in ihrer rohesten Form von einem
Wortführer der männlichen Invertierten ausgesprochen worden:
weibliches Gehirn im männlichen Körper. Allein wir kennen
die Charaktere eines „weiblichen Gehirns" nicht. Der Ersatz
des psychologischen Problems durch das anatomische ist ebenso
müßig wie unberechtigt. Der Erklärungsversuch v. Krafft-
E b i n g s scheint exakter gefaßt als der Ulrichs', ist aber im
Wesen von ihm nicht verschieden ; v. K rafft- Ebing meint,
daß die bisexuelle Anlage dem Individuum ebenso männliche und
weibliche Gehirnzentren mitgibt wie somatische Geschlechtsorgane.
Diese Zentren entwickeln sich erst zurzeit der Pubertät, zumeist
unter dem Einflüsse der von ihnen in der Anlage unabhängigen
Geschlechtsdrüse. Von den männlichen und weiblichen „Zentren
gilt aber dasselbe wie vom männlichen und weiblichen Gehirn,
und nebenbei wissen wir nicht einmal, ob wir für die Geschlechts-
funktionen abgegrenzte Gehirnstellen („Zentren") wie etwa für
die Sprache annehmen dürfen. 1
Zwei Gedanken bleiben nach diesen Erörterungen immerhin
bestehen: daß auch für die Inversion eine bisexuelle Veranlagung
in Betracht kommt, nur daß wir nicht wissen, worin diese
Anlage über die anatomische Gestaltung hinaus besteht, und daß
es sich um Störungen handelt, welche den Geschlechtstrieb in
seiner Entwicklung betreffen.
1) Der erste, der zur Erklärung der Inversion die Biscxualitüt herangezogen, soll
(nach einem Litcraturbcricht im sechsten Band des Jahrbuches für sexuelle Zwischen-
stufen) E. Gley gewesen sein, der einen Aufsatz (Les abörralions de l'instinct
sexuel) schon im Jänner 1884 in der „Revue philosophique" veröffentlichte. — Es ist
übrigens bemerkenswert, daQ die Mehrzahl der Autoren, welche die Inversion auf
Bisexualität zurückführen, dieses Moment nicht allein für die Invertierten, sondern
für alle Normalgewordenen zur Geltung bringen und folgerichtig die Inversion als
das Ergebnis einer Entwicklungsstörung auffassen. So bereits Chevalier (Inversion
sexuelle, 1893). Krafft-Ebing (Zur Erklärung der konträren Sexualempfindung,
.Jahrbücher für Psychiatrie und Neurologie, XIII. Bd.) spricht davon, daß eine Fülle
Die sexuellen Abirrungen 17
Die Theorie des psychischen Hermaphroditismus setzt voraus, Sexualobjekt
daß das Sexualobjekt des Invertierten das dem normalen entgegen- invertierten
gesetzte sei. Der invertierte Mann unterliege wie das Weib dem
Zauber, der von den männlichen Eigenschaften des Körpers und
der Seele ausgeht, er fühle sich selbst als Weib und suche den
Mann.
Aber wiewohl dies für eine ganze Reihe von Invertierten
zutrifft, so ist es doch weit entfernt, einen allgemeinen Charakter
der Inversion zu verraten. Es ist kein Zweifel, daß ein großer
Teil der männlichen Invertierten den psychischen Charakter der
Männlichkeit bewahrt hat, verhältnismäßig wenig sekundäre
Charaktere des anderen Geschlechtes an sich trägt und in seinem
Sexualobjekt eigentlich weibliche psychische Züge sucht. Wäre
dies anders, so bliebe es unverständlich, wozu die männliche
Prostitution, die sich den Invertierten anbietet, — heute wie im
Altertum, — in allen Äußerlichkeiten der Kleidung und Haltung
die Weiber kopiert; diese Nachahmung müßte ja sonst das Ideal
der Invertierten beleidigen. Bei den Griechen, wo die männlichsten
Männer unter den Invertierten erscheinen, ist es klar, daß nicht
der männliche Charakter des Knaben, sondern seine körperliche
Annäherung an das Weib sowie seine weiblichen seelischen
von Beobachtungen bestehen, „aus denen sich mindestens die virtuelle Fortexistenz
dieses zweiten Zentrums (des unterlegenen Geschlechtes) ergibt." Ein Dr. A r d u i n
^Die Frauenfrage und die sexuellen Zwischenstufen) stellt im zweiten Band des
Jahrbuches für sexuelle Zwischeastufen 1900 die Behauptung auf: „daß in jedem
Menschen männliche und weibliche Elemente vorhanden sind (vgl. dieses Jahrbuch,
Bd I 1899: ,.Die objektive Diagnose der Homosexualität'' von Dr. M. Hirsch-
fei d', S. 8—9 "u. f.), nur — der Geschlechtszugehörigkeit entsprechend — die einen
unverhältnismäßig stärker entwickelt als die anderen, soweit es sich um heterosexuelle
Personen handelt ..." — Für G. H e r m a n (Genesis, das Gesetz der Zeugung,
IX Bd Libido und Mania, 1903) steht es fest, „daß in jedem Weibe männliche, in
jedem Manne weibliche Keime und Eigenschaften enthalten sind" usw. - 1906 hat
dann W. Fließ (,.Der Ablauf des Lebens") einen Eigentumsanspruch auf die Idee
der Bisexualität (im Sinne einer Zweigeschlechtigkeit) erhoben. — In
nicht fachlichen Kreisen wird die Aufstellung der menschlichen Bisexualität als eine
Leistung des jung verstorbenen Philosophen 0. Weininger betrachtet, der diese
Idee zur Grundlage eines ziemlich unbesonnenen Buches (Geschlecht und Charakter, 1903)
genommen hat. Die oben stehenden Nachweise mögen zeigen, wie wenig begründet
dieser Anspruch ist.
Freud, V.
i8
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Eigenschaften, Schüchternheit, Zurückhaltung, Lern- und Hüfs-
bedürftigkeit die Liebe des Mannes entzündeten. Sobald der Knabe
ein Mann wurde, hörte er auf, ein Sexualobjekt für den Mann
zu sein, und wurde etwa selbst ein Knabenliebhaber. Das Sexual-
objekt ist also in diesem Falle, wie in vielen anderen, nicht das
gleiche Geschlecht, sondern die Vereinigung beider Geschlechts-
charaktere, das Kompromiß etwa zwischen einer Regung, die
nach dem Manne, und einer, die nach dem Weibe verlangt, mit
der festgehaltenen Bedingung der Männlichkeit des Körpers (der
Genitalien), sozusagen die Spiegelung der eigenen bisexuellen
Natur. 1
i) Die Psychoanalyse hat bisher zwar keine volle Aufklärung über die Herkunft
der Inversion gebracht, aber doch den psychischen Mechanismus ihrer Entstehung
aufgedeckt und die in Betracht kommenden Fragestellungen wesentlich bereichert.
Wir haben bei allen untersuchten Fällen festgestellt, daß die später Invertierten in
den ersten Jahren ihrer Kindheit eine Phase von sehr intensiver, aber kurzlebiger
Fixierung an das Weib (meist an die Mutter) durchmachen, nach deren Überwindung
sie sich mit dem Weib identifizieren und sich selbst zum Sexualobjekt nehmen, das
heißt vom Narzißmus ausgehend jugendliche und der eigenen Person ähnliche Männer
aufsuchen, die sie so lieben wollen, wie die Mutter sie geliebt hat. Wir hüben ferner
sehr häufig gefunden, daß angeblich Invertierte gegen den Reiz des Weibes
keineswegs unempfindlich waren, sondern die durch das Weib hervorgerufene
Erregung fortlaufend auf ein männliches Objekt transponierten. Sie wiederholten so
während ihres ganzen Lebens den Mechanismus, durch welchen ihre Inversion
entstanden war. Ihr zwanghaftes Streben nach dem Manne erwies sich als bedingt
durch ihre ruhelose Flucht vor dem Weibe.
Die psychoanalytische Forschung widersetzt sich mit aller Entschiedenheit dem
Versuche, die Homosexuellen als eine besonders geartete Gruppe von den anderen
Menschen abzutrennen. Indem sie auch andere als die manifest kundgegebenen
Sexualerregungen studiert, erfahrt sie, daß alle Menschen der gleichgeschlechtlichen
Objektwahl fähig sind und dieselbe auch im Unbewußten vollzogen hallen. Ja die
Bindungen libidinöser Gefühle an Personen des gleichen Geschlechtes spielen als
Faktoren im normalen Seelenleben keine geringere, und als Motoren der Erkrankung
eine größere Rolle als die, welche dem entgegengesetzten Geschlecht gelten. Der
Psychoanalyse erscheint vielmehr die Unabhängigkeit der Objektwahl vom Geschlecht
des Objektes, die gleich freie Verfügung über männliche und weibliche Objekte, wie
sie im Kindesalter, in primitiven Zuständen und frühhistorischen Zeiten zu beobachten
ist, als das Ursprüngliche, aus dem sich durch Einschränkung nach der einen oder
der anderen Seite der normale wie der Inversionstypus entwickeln. Im Sinne der
Psychoanalyse ist also auch das ausschließliche sexuelle Interesse des Mannes für das
Weib ein der Aufklärung bedürftiges Problem und keine Selbstverständlichkeit, der
eine im Grunde chemische Anziehung zu unterlegen ist. Die Entscheidung über das
endgültige Sexualverhalten fällt erst nach der Pubertät und ist das Ergebnis einer
noch nicht übersehbaren Reihe von Faktoren, die teils konstitutioneller, teils aber
Die sexuellen Abirrungen 19
Eindeutiger sind die Verhältnisse beim. Weibe, wo die aktiv
Invertierten besonders häufig somatische und seelische Charaktere
des Mannes an sich tragen und das Weibliche von ihrem Sexual-
objekt verlangen, wiewohl auch hier sich bei näherer Kenntnis
größere Buntheit herausstellen dürfte.
Die wichtige festzuhaltende Tatsache ist, daß das Sexualziel sexnaiziei der
Invertierten
bei der Inversion keineswegs einheitlich genannt werden kann.
Bei Männern fällt Verkehr per anum durchaus nicht mit Inversion
zusammen; Masturbation ist ebenso häufig das ausschließliche
Ziel und Einschränkungen des Sexualzieles — bis zur bloßen
Gefühlsergießung — sind hier sogar häufiger als bei der hetero-
akzidenteller Natur sind. Gewiß können einzelne dieser Paktoren so übergroß aus-
fallen, daß sie das Resultat in ihrem Sinne beeinflussen. Im allgemeinen aber wird
die Vielheit der bestimmenden Momente durch die Mannigfaltigkeit der Ausgänge
im manifesten Sexualverhalten der Menschen gespiegelt. Bei den Inversionstypen ist
durchwegs das Vorherrschen archaischer Konstitutionen und primitiver psychischer
Mechanismen zu bestätigen. Die Geltung der narzißtischen Objektwahl
und die Festhaltung der erotischen Bedeutung der Analzone erscheinen als
deren wesentlichste Charaktere. Man gewinnt aber nichts, wenn man auf Grund
solcher konstitutioneller Eigenheiten die extremsten Inversionstypen von den anderen
sondert. Was sich bei diesen als anscheinend zureichende Begründung findet, läßt
sich ebenso, nur in geringerer Stärke, in der Konstitution von Übergangstypen und
bei manifest Normalen nachweisen. Die Unterschiede in den Ergebnissen mögen
qualitativer Natur sein: die Analyse zeigt, daß die Unterschiede in den Bedingungen
nur quantitative sind. Unter den akzidentellen Beeinflussungen der Objektwahl haben
wir die Versagung (die frühzeitige Sexualeinschüchterung") bemerkenswert gefunden
und sind auch darauf aufmerksam geworden, daß das Vorhandensein beider Eltern-
teile eine wichtige Rolle spielt. Der Wegfall eines starken Vaters in der Kindheit
begünstigt nicht selten die Inversion. Man darf endlich die Forderung aufstellen, daß
die Inversion des Sexualobjektes von der Mischung der Geschlechtscharaktere im
Subjekt begrifflich strenge zu sondern ist. Ein gewisses Maß von Unabhängigkeit ist
auch in dieser Relation unverkennbar.
Eine Reihe bedeutsamer Gesichtspunkte zur Frage der Inversion hat Ferenczi
in einem Aufsatz: Zur Nosologie der männlichen Homosexualität (Homoerotik)
(Intern. Zeitschr. f. PsA., II, 1914) vorgebracht. Ferenczi rügt mit Recht, daß
man unter dem Namen „Homosexualität", den er durch den besseren „Homoerotik"
ersetzen will, eine Anzahl von sehr verschiedenen, in organischer wie in psychischer
Hinsicht ungleichwertigen, Zuständen zusammenwirft, weil sie das Symptom der
Inversion gemeinsam haben. Er fordert scharfe Unterscheidung wenigstens zwischen
den beiden Typen des Subjekthomoerotikers, der sich als Weib fühlt und
benimmt, und des Obj ekthomoerotikers, der durchaus männlich ist und nur
.das weibliche Objekt gegen ein gleichgeschlechtliches vertauscht hat. Den ersteren
anerkennt er als richtige „sexuelle Zwischenstufe" im Sinne von Magnus Hirsch-
feld, den zweiten bezeichnet er — minder glücklich — als Zwangsneurotiker. Das
2*
20
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Schluß-
folgerung
sexuellen Liebe. Auch bei Frauen sind die Sexualziele der
Invertierten mannigfaltig; darunter scheint die Berührung mit
der Mundschleimhaut bevorzugt.
Wir sehen uns zwar außerstande, die Entstehung der Inversion
aus dem bisher vorliegenden Material befriedigend aufzuklären,
können aber merken, daß wir bei dieser Untersuchung zu einer
Einsicht gelangt sind, die uns bedeutsamer werden kann als die
Lösung der obigen Aufgabe. Wir werden aufmerksam gemacht,
daß wir uns die Verknüpfung des Sexualtriebes mit dem Sexual-
objekt als eine zu innige vorgestellt haben. Die Erfahrung an
den für abnorm gehaltenen Fällen lehrt uns, daß hier zwischen
Sexualtrieb und Sexualobjekt eine Verlötung vorliegt, die wir bei
Sträuben gegen die Inversionsneigung sowie die Möglichkeit psychischer Beeinflussung
kämen nur beim Objekthomoerotiker in Betracht. Auch nach Anerkennung dieser
beiden Typen darf man hinzufügen, daß bei vielen Personen ein Maß von Subjekt-
homoerotik mit einem Anteil von Objekthomoerotik vermengt gefunden wird.
In den letzten Jahren haben Arbeiten von Biologen, in erster Linie die von
Eugen Steinach, ein helles Licht auf die organischen Bedingungen der Homo-
erotik sowie der Geschlechtseharaktere überhaupt geworfen.
Durch das experimentelle Verfahren der Kastration mit nachfolgender Einpflanzung
von Keimdrüsen des anderen Geschlechtes gelang es, bei verschiedenen Saugetierarten
Männchen in Weibchen zu verwandeln und umgekehrt. Die Verwandlung betraf
mehr oder minder vollständig die somatischen Geschlechtseharaktere und das psyeho-
sexuelle Verhalten (also Subjekt- und Objekterotik). Als Träger dieser geschlechts-
bestimmenden Kraft wird nicht der Anteil der Keimdrüse betrachtet, welcher die
Geschlechtszellen bildet, sondern das sogenannte interstitielle Gewebe des Organes
(die „Pubertätsdrüse").
In einem Falle gelang die geschlechtliche Umstimmimg auch bei einem Manne,
der seine Hoden durch tuberkulöse Erkrankung eingebüßt hatte. Er hatte sich im
Geschlechtsleben als passiver Homosexueller weiblich benommen und zeigte sehr
deutlich ausgeprägte weibliche Geschlechtseharaktere sekundärer Art (in Behaarung,
Bartwuchs, Fettansatz an Mammae und Hüften). Nach der Einpflanzung eines
kryptorchen Menschenhodens begann dieser Mann sich in männlicher Weise zu
benehmen und seine Libido in normaler Weise aufs Weib zu richten. Gleichzeitig
schwanden die somatischen femininen Charaktere. (A. L i p s c h ü t z, Die Pubertäts-
driise und ihre Wirkungen, Bern, 1919.)
Es wäre ungerechtfertigt zu behaupten, daß durch diese schönen Versuche die
Lehre von der Inversion auf eine neue Basis gestellt wird und voreilig von ihnen
geradezu einen Weg zur allgemeinen „Heilung" der Homosexualität zu erwarten.
W. Fließ hat mit Becht betont, daß diese experimentellen Erfahrungen die Lehre
von der allgemeinen bisexuellen Anlage der höheren Tiere nicht entwerten. Es
erscheint mir vielmehr wahrscheinlich, daß sich aus weiteren solchen Untersuchungen .
eine direkte Bestätigung der angenommenen Bisexualität ergeben wird.
Die sexuellen. Abirrungen 21
der Gleichförmigkeit der normalen Gestaltung, wo der Trieb das
Objekt mitzubringen scheint, in Gefahr sind zu übersehen. Wir
werden so angewiesen, die Verknüpfung zwischen Trieb und
Objekt in unseren Gedanken zu lockern. Der Geschlechtstrieb ist
wahrscheinlich zunächst unabhängig von seinem Objekt und ver-
dankt wohl auch nicht den Reizen desselben seine Entstehung.
B) Geschlechtsunreife und Tiere als Sexualobjekte
Während die Personen, deren Sexualobjekte nicht dem normaler-
weise dazu geeigneten Geschlechte angehören, die Invertierten
also, dem Beobachter als eine gesammelte Anzahl von sonst viel-
leicht vollwertigen Individuen entgegentreten, erscheinen die
Fälle, in denen geschlechtsunreife Personen (Kinder) zu Sexual-
objekten erkoren werden, von vornherein als vereinzelte Ver-
irrungen. Nur ausnahmsweise sind Kinder die ausschließlichen
Sexualobjekte ; zumeist gelangen sie zu dieser Rolle, wenn ein
feige und impotent gewordenes Individuum sich zu solchem
Surrogat versteht oder ein impulsiver (unaufschiebbarer) Trieb sich
zurzeit keines geeigneteren Objektes bemächtigen kann. Immer-
hin wirft es ein Licht auf die Natur des Geschlechtstriebes, daß
er so viel Variation und solche Herabsetzung seines Objektes
zuläßt, was der Hunger, der sein Objekt weit energischer festhält,
nur im äußersten Falle gestatten würde. Eine ähnliche Bemerkung
gilt für den besonders unter dem Landvolke gar nicht seltenen
sexuellen Verkehr mit Tieren, wobei sich etwa die Geschlechts-
anziehung über die Artschranke hinwegsetzt.
Aus ästhetischen Gründen möchte man gern diese wie andere
schwere Verirrungen des Geschlechtstriebes den Geisteskranken
zuweisen, aber dies geht nicht an. Die Erfahrung lehrt, daß man
bei diesen letzteren keine anderen Störungen des Geschlechtstriebes
beobachtet als bei Gesunden, ganzen Rassen und Ständen. So
findet sich sexueller Mißbrauch von Kindern mit unheimlicher
22
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Häufigkeit bei Lehrern und Wartepersonen, bloß weil sich diesen
die beste Gelegenheit dazu bietet. Die Geisteskranken zeigen die
betreffende Verirrung nur etwa gesteigert oder, was besonders
bedeutsam ist, zur Ausschließlichkeit erhoben und an Stelle der
normalen Sexualbefriedigung gerückt.
Dieses sehr merkwürdige Verhältnis der sexuellen Variationen
zur Stufenleiter von der Gesundheit bis zur Geistesstörung gibt
zu denken. Ich würde meinen, die zu erklärende Tatsache wäre
ein Hinweis darauf, daß die Regungen des Geschlechtslebens zu
jenen gehören, die auch normalerweise von den höheren Seelen-
tätigkeiten am schlechtesten beherrscht werden. Wer in sonst
irgendeiner Beziehung geistig abnorm ist, in sozialer, ethischer
Hinsicht, der ist es nach meiner Erfahrung regelmäßig in seinem
Sexualleben. Aber viele sind abnorm im Sexualleben, die in allen
anderen Punkten dem Durchschnitt entsprechen, die menschliche
Kulturentwicklung, deren schwacher Punkt die Sexualität bleibt,
in ihrer Person mitgemacht haben.
Als allgemeinstes Ergebnis dieser Erörterungen würden wir
aber die Einsicht herausgreifen, daß unter einer großen Anzahl
von Bedingungen und bei überraschend viel Individuen die Art
und der Wert des Sexualobjektes in den Hintergrund treten.
Etwas anderes ist am Sexualtrieb das Wesentliche und Konstante. 1
2) Abweichungen in Bezug auf das Sexualziel
Als normales Sexualziel gilt die Vereinigung der Genitalien
in -dem als Begattung bezeichneten Akte, der zur Lösung der
sexuellen Spannung und zum zeitweiligen Erlöschen des Sexual-
1) Der eingreifendste Unterschied zwischen dem Liebeslehen der Alten Welt und
dem unsrigen liegt wohl darin, daß die Antike den Akzent auf den Trieb selbst, wir
aber auf dessen Objekt verlegen. Die Alten feierten den Trieb und waren bereit,
auch ein minderwertiges Objekt durch ihn zu adeln, während wir die Triebbetütigung
an sich geringschätzen und sie mir durch die Vorzüge des Objekts entschuldigen
lassen.
Die sexuellen Abirrungen 25
triebes führt (Befriedigung analog der Sättigung beim Hunger).
Doch sind bereits am normalsten Sexualvorgang jene Ansätze
kenntlich, deren Ausbildung zu den Abirrungen führt, die man als
Perversionen beschrieben hat. Es werden nämlich gewisse
intermediäre (auf dem Wege zur Begattung liegende) Beziehungen
zum Sexualobjekt, wie das Betasten und Beschauen desselben, als
vorläufige Sexualziele anerkannt. Diese Betätigungen sind einer-
seits selbst mit Lust verbunden, andererseits steigern sie die
Erregung, welche bis zur Erreichung des endgültigen Sexual-
zieles andauern soll. Eine bestimmte dieser Berührungen, die der
beiderseitigen Lippenschleimhaut, hat ferner als Kuß bei vielen
Völkern (die höchstzivilisierten darunter) einen hohen sexuellen
Wert erhalten, obwohl die dabei in Betracht kommenden Körper-
teile nicht dem Geschlechtsapparat angehören, sondern den Ein-
gang zum Verdauungskanal bilden. Hiemit sind also Momente
gegeben, welche die Perversionen an das normale Sexualleben
anknüpfen lassen und auch zur Einteilung derselben verwendbar
sind. Die Perversionen sind entweder a) anatomische Über-
schreitungen der für die geschlechtliche Vereinigung be-
stimmten Körpergebiete oder b) Verweilungen bei den inter-
mediären Relationen zum Sexualobjekt, die normalerweise auf
dem Wege zum endgültigen Sexualziel rasch durchschritten werden
sollen.
a) Anatomische Überschreitungen
Die psychische Wertschätzung, deren das Sexualobjekt dsP^ftZ^ZiF
Wunschziel des Sexualtriebes teilhaftig wird, beschränkt sich in objeku.
den seltensten Fällen auf dessen Genitalien, sondern greift auf den
ganzen Körper desselben über und hat die Tendenz, alle vom
Sexualobjekt ausgehenden Sensationen mit einzubeziehen. Die
gleiche Überschätzung strahlt auf das psychische Gebiet aus und
zeigt sich als logische Verblendung (Urteilsschwäche) angesichts
der seelischen Leistungen und Vollkommenheiten des Sexual-
Z± Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Objektes sowie als gläubige Gefügigkeit gegen die von letzterem
ausgehenden Urteile. Die Gläubigkeit der Liebe wird so zu einer
wichtigen, wenn nicht zur uranfänglichen Quelle der Autorität.'
Diese Sexualüberschätzung ist es nun, welche sich mit der
Einschränkung des Sexualzieles auf die Vereinigung der eigent-
lichen Genitalien so schlecht verträgt und Vornahmen an anderen
Körperteilen zu Sexualzielen erheben hilft. 2
Die Bedeutung des Moments der Sexualüberschätzung läßt sich
am ehesten beim Manne studieren, dessen Liebesleben allein der
Erforschung zugänglich geworden ist, während das des Weibes zum
Teil infolge der Kulturverkümmerung, zum anderen Teil durch
die konventionelle Verschwiegenheit und Unaufrichtigkeit der
SexneUe Ve Fr3Uen ^ ^ "^ Undurchdrin g liches D "nkel gehüllt ist.'
w e «dung V de r r Die Ve ™endung des Mundes als Sexualorgan gilt als Perversion
"SÄ" Wenn die Li PP en < Zun £ e ) der einen Person mit den Genitalien'
der anderen in Berührung gebracht werden, nicht aber, wenn
beider Teile Lippenschleimhäute einander berühren. In letzterer
Ausnahme liegt die Anknüpfung ans Normale. Wer die anderen
wohl seit den Urzeiten der Menschheit gebräuchlichen Praktiken
als Perversionen verabscheut, der gibt dabei einem deutlichen
Ekelgefühl nach, welches ihn vor der Annahme eines solchen
i) Ich kann mir nicht versagen, hiebei an die gläubige Gefügigkeit der Hypno-
tisierten gegen ihren Hynotiseur zu erinnern, welche mich vermuten läßt, daß das
vvesen der Hypnose in die unbewußte Fixierimg der Libido auf die Person des
Hypnotiseurs (vermittels der masochistischen Komponente des Sexualtriebes) zu ver-
\T n l u ~ ; J l en A Zi hat dieSe " Charakter der Suggerierbarkeit mit dem „Eltern-
komplex« verknüpft. C Jahrbuch für psychoanalyt. und psychopathol. Forschungen!, ,ooq.)
TVT.,1 T ^J U , bemerken ' daß die Sexualüberschätzung nicht bei allen
undlbek^r kl ' r^ 1 ^ aUS « eb 1 i , ldet wird - d d *ß wir spLrhin eine andere
'v erden S! ÄTf <" * "^ R ° llc *" ° nderen Körperteile kennen lernen
werden. Das Moment des „Reuhungers", das von Hoche uud I. B 1 o c h zur
Gern ahen herangezogen wird, scheint mir diese Bedeutung nicht zu verdienen Die
z;r:Ji ei auf denen / ie n Libid ° wandeit - ^« ** ^ä ™
3) Das Weib läßt in typischen Fällen eine „Sexualüberschätzung« des Mannes
vermissen, versäumt dieselbe aber fast niemals gegen das von ihr geforene Kmd
Die sexuellen Abirrungen
25
Sexualzieles schützt. Die Grenze dieses Ekels ist aber häufig rein
konventionell; wer etwa mit Inbrunst die Lippen eines schönen
Mädchens küßt, wird vielleicht das Zahnbürstchen desselben
nur mit Ekel gebrauchen können, wenngleich kein Grund zur
Annahme vorliegt, daß seine eigene Mundhöhle, vor der ihm nicht
ekelt, reinlicher sei als die des Mädchens. Man wird hier auf
das Moment des Ekels aufmerksam, welches der libidinösen Über-
schätzung des Sexualobjekts in den Weg tritt, seinerseits aber
durch die Libido überwunden werden kann. In dem Ekel möchte
man eine der Mächte erblicken, welche die Einschränkung des
Sexualzieles zustande gebracht haben. In der Regel machen diese
vor den Genitalien selbst Halt. Es ist aber kein Zweifel, daß
auch die Genitalien des anderen Geschlechts an und für sich
Gegenstand des Ekels sein können, und daß dieses Verhalten zur
Charakteristik aller Hysterischen (zumal der weiblichen) gehört.
Die Stärke des Sexualtriebes liebt es, sich in der Überwindung
dieses Ekels zu betätigen. (S. u.)
Klarer noch als im früheren Falle erkennt man bei der Inan- Sexuelle Ver-
J * wendung der
spruchnahme des Afters, daß es der Ekel ist, welcher dieses ArterSHnung
Sexualziel zur Perversion stempelt. Man lege mir aber die
Bemerkung nicht als Parteinahme aus, daß die Begründung dieses
Ekels diese Körperpartie diene der Exkretion und komme mit
dem Ekelhaften an sich — den Exkrementen — in Berührung,
nicht viel stichhältiger ist als etwa die Begründung, welche
hysterische Mädchen für ihren Ekel vor dem männlichen Genitale
abgeben: es diene der Harnentleerung.
Die sexuelle Rolle der Afterschleimhaut ist keineswegs auf ■££■»
den Verkehr zwischen Männern beschränkt, ihre Bevorzugung K ar P er.teiien
hat nichts für das invertierte Fühlen Charakteristisches. Es scheint
im Gegenteil, daß die Pädikatio des Mannes ihre Rolle der Analogie
mit dem Akt beim Weibe verdankt, während gegenseitige
Masturbation das Sexualziel ist, welches sich beim Verkehr
Invertierter am ehesten ergibt.
26 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Das sexuelle Übergreifen auf andere Körperstellen bietet in all
seinen Variationen nichts prinzipiell Neues, fügt nichts zur Kenntnis
des Sexualtriebes hinzu, der hierin nur seine Absicht verkündet,
sich des Sexualobjekts nach allen Richtungen zu bemächtigen.
Neben der Sexualüberschätzung meldet sich aber bei den
anatomischen Überschreitungen ein zweites, der populären Kenntnis
fremdartiges Moment. Gewisse Körperstellen, wie die Mund-
und Afterschleimhaut, die immer wieder in diesen Praktiken
auftreten, erheben gleichsam den Anspruch, selbst als Genitalien
betrachtet und behandelt zu werden. Wir werden hören, wie
dieser Anspruch durch die Entwicklung des Sexualtriebes gerecht-
fertigt und wie er in der Symptomatologie gewisser Krankheits-
zustände erfüllt wird,
ungeeigneter Einen ganz besonderen Eindruck ergeben jene Fälle, in denen
Ersatz de» . .
sexnai- das normale Sexualobjekt ersetzt wird durch ein anderes, das zu
Fetischiamiu mm m Beziehung steht, dabei aber völlig ungeeignet ist, dem
normalen Sexualziel zu dienen. Wir hätten nach den Gesichts-
punkten der Einteilung wohl besser getan, diese höchst interessante
Gruppe von Abirrungen des Sexualtriebes schon bei den Abweichungen
in Bezug auf das Sexualobjekt zu erwähnen, verschoben es aber,
bis wir das Moment der Sexualüberschätzung kennen
gelernt hatten, von welchem diese Erscheinungen abhängen, mit
denen ein Aufgeben des Sexualzieles verbunden ist.
Der Ersatz für das Sexualobjekt ist ein im allgemeinen für
sexuelle Zwecke sehr wenig geeigneter Körperteil (Fuß, Haar)
oder ein unbelebtes Objekt, welches in nachweisbarer Relation
mit der Sexualperson, am besten mit der Sexualität derselben,
steht. (Stücke der Kleidung, weiße Wäsche.) Dieser Ersatz wird
nicht mit Unrecht mit dem Fetisch verglichen, in dem der Wilde
seinen Gott verkörpert sieht.
Den Übergang zu den Fällen von Fetischismus mit Verzicht
auf ein normales oder perverses Sexualziel bilden Fälle, in denen
eine fetischistische Bedingung am Sexualobjekt erfordert wird,
Die sexuellen Abirrungen
27
wenn das Sexualziel erreicht werden soll. (Bestimmte Haarfarbe,
Kleidung, selbst Körperfehler.) Keine andere ans Pathologische
streifende Variation des Sexualtriebes hat so viel Anspruch auf
unser Interesse wie diese durch die Sonderbarkeit der durch sie
veranlaßten Erscheinungen. Eine gewisse Herabsetzung des Strebens
nach dem normalen Sexualziel scheint für alle Fälle Voraussetzung
(exekutive Schwäche des Sexualapparates). 1 Die Anknüpfung ans
Normale wird durch die psychologisch notwendige Überschätzung
des Sexualobjektes vermittelt, welche unvermeidlich auf alles mit
demselben assoziativ Verbundene übergreift. Ein gewisser Grad
von solchem Fetischismus ist daher dem normalen Lieben regel-
mäßig eigen, besonders in jenen Stadien der Verliebtheit, in
welchen das normale Sexualziel unerreichbar oder dessen Erfüllung
aufgehoben erscheint.
„Schaff mir ein Halstuch von ihrer Brust,
Ein Strumpfband meiner Liebeslust !
(Faust)
Der pathologische Fall tritt erst ein, wenn sich das Streben
nach dem Fetisch über solche Bedingung hinaus fixiert und sich
an die Stelle des normalen Zieles setzt, ferner wenn sich der
Fetisch von der bestimmten Person loslöst, zum alleinigen Sexual-
objekt wird. Es sind dies die allgemeinen Bedingungen für das
Übergehen bloßer Variationen des Geschlechtstriebes in pathologische
Verirrungen.
In der Auswahl des Fetisch zeigt sich, wie Bin et zuerst
behauptet hat und dann später durch zahlreiche Belege erwiesen
worden ist, der fortwirkende Einfluß eines zumeist in früher
Kindheit empfangenen sexuellen Eindruckes, was man der sprich-
wörtlichen Haftfähigkeit einer ersten Liebe beim Normalen („on
revient toujours a ses premiers amours") an die Seite stellen darf.
1) Diese Schwäche entspräche der konstitutionellen Voraussetzung. Die Psycho-
analyse hat als akzidentelle Bedingung die frühzeitige Sexualeinschüchterung nach-
gewiesen, welche vom normalen Sexualziel abdrängt und zum Ersatz desselben anregt.
28
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Eine solche Ableitung ist besonders deutlich bei Fällen mit bloß
fetischistischer Bedingtheit des Sexualobjektes. Der Bedeutung
frühzeitiger sexueller Eindrücke werden wir noch an anderer
Stelle begegnen. 1
In anderen Fällen ist es eine dem Betroffenen meist nicht
bewußte symbolische Gedankenverbindung, welche zum Ersatz
des Objektes durch den Fetisch geführt hat. Die Wege dieser
Verbindungen sind nicht immer mit Sicherheit nachzuweisen
(der Fuß ist ein uraltes sexuelles Symbol, schon im Mythus, 3
„Pelz" verdankt seine Fetischrolle wohl der Assoziation mit
der Behaarung des Mons veneris) j doch scheint auch solche
Symbolik nicht immer unabhängig von sexuellen Erlebnissen der
Kinderzeit. 3
1) Tiefer eindringende psychoanalytische Untersuchung hat zu einer berechtigten
Kritik der Bin et sehen Behauptung geführt. Alle hieher gehörigen Beobachtungen
haben ein erstes Zusammentreffen mit dem Fetisch zum Inhalt, in welchem nah
dieser bereits im Besitz des sexuellen Interesses zeigt, ohne daß man aus den
Begleitumständen verstehen könnte, wie er zu diesem Besitz gekommen ist. Auch
fallen alle diese „frühzeitigen" Sexualeindrücke in die Zeit nach dem fünften, sechsten
Jahr, während die Psychoanalyse daran zweifeln läßt, ob sich pathologische Fixierungen
so spat neubildcn können. Der wirkliche Sachverhalt ist der, daß hinter der ersten
Erinnerung an das Auftreten des Fetisch eine untergegangene und vergessene Phase
der Sexualentwicklung liegt, die durch den Fetisch wie durch eine „Deckerinnerung"
vertreten wird, deren Rest und Niederschlag der Fetisch also darstellt Die Wendung
dieser in die ersten Kindheitsjahre fallenden Phase zum Fetischismus sowie die Aus-
wahl des Fetisch selbst sind konstitutionell determiniert.
2) Dementsprechend der Schuh oder Pantoffel Symbol des weiblichen Genitales.
3) Die Psychoanalyse hat eine der noch vorhandenen Lücken im Verständnis des
Fetischismus ausgefüllt, indem sie auf die Bedeutimg einer durch Verdrängung
verloren gegangenen koprophilen R i e c h 1 u s t für die Auswahl des Fetisch hinwies.
Fuß und Haar sind stark riechende Objekte, die nach dem Verzicht auf die unlustig
gewordene Geruchsempfindung zu Fetischen erhoben werden. In der dem Fuß-
fetischismus entsprechenden Perversion ist demgemäß nur der schmutzige und übel-
riechende Fuß das Sexualobjekt. Ein anderer Beitrag zur Aufklärung der fetischistischen
Bevorzugung des Fußes ergibt sich aus den infantilen Sexualthcorien. (S. u.) Der Fuß
ersetzt den schwer vermißten Penis des Weibes. — In manchen Fällen von Fuß-
fetischismus ließ sich zeigen, daß der ursprünglich auf das Genitale gerichtete
Schautrieb, der seinem Objekt von unten her nahe kommen wollte, durch Verbot
und Verdrängung auf dem Wege aufgehalten wurde, und darum Fuß oder Schuh
als Fetisch festhielt. Das weibliche Genitale wurde dabei, der infantilen Erwartung
entsprechend, als ein männliches vorgestellt.
Die sexuellen Abirrungen 29
b) Fixierungen von vorläufigen Sexualziclen
Alle äußeren und inneren Bedingungen, welche das Erreichen Auftrete»
neuer
des normalen Sexualzieles erschweren oder in die Ferne rücken Absichten
(Impotenz, Kostbarkeit des Sexualobjektes, Gefahren des Sexual-
aktes), unterstützen wie begreiflich die Neigung, bei den vor-
bereitenden Akten zu verweilen und neue Sexualziele aus ihnen
zu gestalten, die an die Stelle des normalen treten können. Bei
näherer Prüfung zeigt sich stets, daß die anscheinend fremdartigsten
dieser neuen Absichten doch bereits beim normalen Sexualvorgang
angedeutet sind.
Ein gewisses Maß von Tasten ist wenigstens für den'Menschen "JJJJJ™^*
zur Erreichung des normalen Sexualzieles unerläßlich. Auch ist
es allgemein bekannt, welche Lustquelle einerseits, welcher Zufluß
neuer Erregung andererseits durch die Berührungsempfindungen
von der Haut des Sexualobjektes gewonnen wird. Somit kann das
Verweilen beim Betasten, falls der Sexualakt überhaupt nur weiter
geht, kaum zu den Perversionen gezählt werden.
Ähnlich ist es mit dem in letzter Linie vom Tasten abgeleiteten
Sehen. Der optische Eindruck bleibt der Weg, auf dem die
libidinöse Erregung am häufigsten geweckt wird, und auf dessen
Gan^barkeit — wenn diese teleologische Betrachtungsweise zulässig
j st die Zuchtwahl rechnet, indem sie das Sexualobjekt sich
zur Schönheit entwickeln läßt. Die mit der Kultur fortschreitende
Verhüllung des Körpers hält die sexuelle Neugierde wach, welche
danach strebt, sich das Sexualobjekt durch Enthüllung der ver-
borgenen Teile zu ergänzen, die aber ins Künstlerische abgelenkt
( sublimiert") werden kann, wenn man ihr Interesse von den
Genitalien weg auf die Körperbildung im ganzen zu lenken
vermag.' Ein Verweilen bei diesem intermediären Sexualziel des
1) Es scheint mir unzweifelhaft, daß der Begriff des „Schönen" auf dem Boden
der Sexualerregung wurzelt und ursprünglich das sexuell Reizende („die Reize")
bedeutet. Es steht im Zusammenhange damit, daß wir die Genitalien selbst, deren Anblick
die stärkste sexuelle Erregung hervorruft, eigentlich niemals „schön" finden können..
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
sexuell betonten Schauens kommt in gewissem Grade den meisten
Normalen zu, ja es gibt ihnen die Möglichkeit, einen gewissen
Betrag ihrer Libido auf höhere künstlerische Ziele zu richten. Zur
Perversion wird die Schaulust im Gegenteil, a) wenn sie sich
ausschließlich auf die Genitalien einschränkt, b) wenn sie sich
mit der Überwindung des Ekels verbindet (Voyeurs: Zuschauer
bei den Exkretionsfunktionen), c) wenn sie das normale Sexualziel
anstatt es vorzubereiten, verdrängt. Letzteres ist in ausgeprägter
Weise bei den Exhibitionisten der Fall, die, wenn ich nach
mehreren Analysen schließen darf, ihre Genitalien zeigen, um als
Gegenleistung die Genitalien des anderen Teiles zu Gesicht ZU
bekommen. 1
Bei der Perversion, deren Streben das Schauen und Beschaut-
werden ist, tritt ein sehr merkwürdiger Charakter hervor der
uns bei der nächstfolgenden Abirrung noch intensiver beschäftigen
wird. Das Sexualziel ist hiebei nämlich in zweifacher Ausbildung
vorhanden, in aktiver und in passiver Form.
Die Macht, welche der Schaulust entgegensteht und even-
tuell durch sie aufgehoben wird, ist die Scbam (wie vorhin
der Ekel).
bÜSbl^ Die Nei S un S> dem Sexualobjekt Schmerz zuzufügen und ihr
Gegenstück, diese häufigste und bedeutsamste aller Perversionen,
ist in ihren beiden Gestaltungen, der aktiven und der passiven,
von v. Krafft-Ebing als Sadismus und Masochismus
(passiv) benannt worden. Andere Autoren ziehen die engere
Bezeichnung A 1 g o 1 a g n i e vor, welche die Lust am Schmerz, die
Grausamkeit, betont, während bei den Namen, die v. Krafft-
Ebing gewählt hat, die Lust an jeder Art von Demütigung und
Unterwerfung in den Vordergrund gestellt wird.
l) Der Analyse enthüllt diese Perversion — sowie die meisten ainl.-icn eine
unerwartete Vielfältigkeit ihrer Motive und Bedeutungen. Der Exliibilionsy.wung nun
Beispiel ist auch stark abhängig vom Kastrationskoinplex; er betont immer wieder
die Integrität des eigenen (männlichen) Genitales und wiederholt die infantile Befrie-
digung über das Fehlen des Gliedes im weiblichen.
Die sexuellen Abirrungen 31
Für die aktive Algolagnie, den Sadismus, sind die Wurzeln im
Normalen leicht nachzuweisen. Die Sexualität der meisten Männer
zeigt eine Beimengung von Aggression, von Neigung zur
Überwältigung, deren biologische Bedeutung in der Notwendigkeit
liegen dürfte, den Widerstand des Sexualobjektes noch anders als
durch die Akte der Werbung zu überwinden. Der Sadismus
entspräche dann einer selbständig gewordenen, übertriebenen, durch
Verschiebung an die Hauptstelle gerückten aggressiven Komponente
des Sexualtriebes.
Der Begriff des Sadismus schwankt im Sprachgebrauch von
einer bloß aktiven, sodann gewalttätigen, Einstellung gegen das
Sexualobjekt bis zur ausschließlichen Bindung der Befriedigung an
die Unterwerfung und Mißhandlung desselben. Strenge genommen
hat nur der letztere extreme Fall Anspruch auf den Namen einer
Perversion.
In ähnlicher Weise umfaßt die Bezeichnung Masochismus alle
passiven Einstellungen zum Sexualleben und Sexualobjekt, als
deren äußerste die Bindung der Befriedigung an das Erleiden
von physischem oder seelischem Schmerz von sehen des Sexual-
objektes erscheint. Der Masochismus als Perversion scheint sich
vom normalen Sexualziel weiter zu entfernen als sein Gegenstück;
es darf zunächst bezweifelt werden, ob er jemals primär auftritt oder
nicht vielmehr regelmäßig durch Umbildung aus dem Sadismus ent-
steht. 1 Häufig läßt sich erkennen, daß der Masochismus nichts anderes
ist als eine Fortsetzung des Sadismus in Wendung gegen die
eigene Person, welche dabei zunächst die Stelle des Sexualobjekts
1) Spätere Überlegungen, die sich auf bestimmte Annahmen über die Struktur
des seelischen Apparates und über die in ihm wirksamen Triebarten stützen konnten,
haben mein Urteil über den Masochismus weitgehend verändert. Ich wurde dazu
e-eführt, einen primären — erogenen — Masochismus anzuerkennen, aus dem
sich zwei spätere Formen, der feminine und der moralische Masochismus
entwickeln. Durch Rückwendung des im Leben unverbrauchten Sadismus gegen die
eigene Person entsteht ein sekundärer Masochismus, der sich zum primären
hinzuaddiert. (S. „Das ökonomische Problem des Masochismus" Internat. Zeitschrift
für Psychoanalyse X, 1924. [Gesamtausgabe Bd. T\).
3 =
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
vertritt. Die klinische Analyse extremer Fälle von masochistischer
Perversion führt auf das Zusammenwirken einer großen Reihe
von Momenten, welche die ursprüngliche passive Sexualeinstellung
übertreiben und fixieren. (Kastrationskomplex, Schuldbewußtsein.)
Der Schmerz, der hiebei überwunden wird, reiht sich dem
Ekel und der Scham an, die sich der Libido als Widerstände
entgegengestellt hatten.
Sadismus und Masochismus nehmen unter den Perversionen
eine besondere Stellung ein, da der ihnen zugrunde liegende
Gegensatz von Aktivität und Passivität zu den allgemeinen
Charakteren des Sexuallebens gehört.
Daß Grausamkeit und Sexualtrieb innigst zusammengehören,
lehrt die Kulturgeschichte der Menschheit über jeden Zweifel,
aber in der Aufklärung dieses Zusammenhanges ist man über
die Betonung des aggressiven Moments der Libido nicht hinaus-
gekommen. Nach einigen Autoren ist diese dem Sexualtrieb
beigemengte Aggression eigentlich ein Rest kannibalischer Gelüste,
also eine Mitbeteiligung des Bemächtigungsapparates, welcher der
Befriedigung des anderen, ontogenetisch älteren, großen Bedürf-
nisses dient.' Es ist auch behauptet worden, daß jeder Schmerz
an und für sich die Möglichkeit einer Lustempfindung enthalte.
Wir wollen uns mit dem Eindruck begnügen, daß die Aufklärung
dieser Perversion keineswegs befriedigend gegeben ist, und daß
möglicherweise hiebei mehrere seelische Strebungen sich zu einem
Effekt vereinigen. 2
Die auffälligste Eigentümlichkeit dieser Perversion liegt aber
darin, daß ihre aktive und ihre passive Form regelmäßig bei der
nämlichen Person mitsammen angetroffen werden. Wer Lust
daran empfindet, anderen Schmerz in sexueller Relation zu
1) Vgl. hiezu die spätere Mitteilung über die prägenitnlen Phasen der Sexual-
entwicklung, in welcher diese Ansicht bestätigt wird.
2) Aus der zuletzt zitierten Untersuchung leitet sich für das Gcgcnsatzpunr
Sadismus— Masochismus eine auf den Triebursprung begründete Sonderstellung ab,
durch welche es aus der Reihe der anderen „Perversionen" herausgehoben wird.
Die sexuellen Abirrungen 53
erzeugen, der ist auch befähigt, den Schmerz als Lust zu
genießen, der ihm aus sexuellen Beziehungen erwachsen kann.
Ein Sadist ist immer auch gleichzeitig ein Masochist, wenngleich
die aktive oder die passive Seite der Perversion bei ihm stärker
ausgebildet sein und seine vorwiegend sexuelle Betätigung dar-
stellen kann. 1
Wir sehen so gewisse der Perversionsneigungen regelmäßig als
Gegensatzpaare auftreten, was mit Hinblick auf später
beizubringendes Material eine hohe theoretische Bedeutung
beanspruchen darf. 2 Es ist ferner einleuchtend, daß die Existenz
des Gegensatzpaares Sadismus — Masochismus aus der Aggressions-
beimengung nicht ohneweiters ableitbar ist. Dagegen wäre man
versucht, solche gleichzeitig vorhandene Gegensätze mit dem in
der Bisexualität vereinten Gegensatz von männlich und weiblich
in Beziehung zu setzen, für welchen in der Psychoanalyse häufig
der von aktiv und passiv einzusetzen ist.
5) Allgemeines über alle Perversionen
Die Ärzte, welche die Perversionen zuerst an ausgeprägten Variation ud
Beispielen und unter besonderen Bedingungen studiert haben,
sind natürlich geneigt gewesen, ihnen den Charakter eines Krankheits-
oder Degenerationszeichens zuzusprechen, ganz ähnlich wie bei
der Inversion. Indes ist es hier leichter als dort, diese Auf-
fassung abzulehnen. Die alltägliche Erfahrung hat gezeigt, daß
die meisten dieser Überschreitungen, wenigstens die minder argen
unter ihnen, einen selten fehlenden Bestandteil des Sexuallebens
der Gesunden bilden und von ihnen wie andere Intimitäten
auch beurteilt werden. Wo die Verhältnisse es begünstigen, kann
1) Anstatt vieler Belege für diese Behauptung zitiere ich nur die eine Stelle aus
Havelock Ellis (Das Gesclüechtsgefühl, 1903): „Alle bekannten Fälle von
Sadismus und Masochismus, selbst die von v. Krafft-Ebing zitierten, zeigen
beständig (wie schon Colin, Scott und F£r£ nachgewiesen^ Spuren beider Gruppen
von Erscheinungen an ein und demselben Individuum."
2) Vgl. die spätere Erwähnung der „Ambivalenz".
Freud, V. 5
34
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
auch der Normale eine solche Perversion eine ganze Zeitlang
an die Stelle des normalen Sexualzieles setzen oder ihr einen
Platz neben diesem einräumen. Bei keinem Gesunden dürfte
irgendein pervers zu nennender Zusatz zum normalen Sexualziel
fehlen und diese Allgemeinheit genügt für sich allein, um die
Unzweckmäßigkeit einer vorwurfsvollen Verwendung des Namens
Perversion darzutun. Gerade auf dem Gebiete des Sexuallebens
stößt man auf besondere, eigentlich derzeit unlösbare Schwierig-
keiten, wenn man eine scharfe Grenze zwischen bloßer Variation
innerhalb der physiologischen Breite und krankhaften Symptomen
ziehen will.
Bei manchen dieser Perversionen ist immerhin die Qualität
des neuen Sexualzieles eine solche, daß sie nach besonderer
Würdigung verlangt. Gewisse der Perversionen entfernen sich
inhaltlich so weit vom Normalen, daß wir nicht umhin können,
sie für „krankhaft" zu erklären, insbesondere jene, in denen der
Sexualtrieb in der Überwindung der Widerstände (Scham, Fkel,
Grauen, Schmerz) erstaunliche Leistungen vollführt (Kotlecken,
Leichenmißbrauch). Doch darf man auch in diesen Fällen sich
nicht der sicheren Erwartung hingeben, in den Tätern regelmäßig
Personen mit andersartigen schweren Abnormitäten oder Geistes-
kranke zu entdecken. Man kommt auch hier nicht über die
Tatsache hinaus, daß Personen, die sich sonst normal verhalten,
auf dem Gebiete des Sexuallebens allein, unter der Herrschaft
des ungezügeltsten aller Triebe, sich als Kranke dokumentieren.
Manifeste Abnormität in anderen Lebensrelationen pflegt hingegen
jedesmal einen Hintergrund von abnormem sexuellen Verhalten
zu zeigen.
In der Mehrzahl der Fälle können wir den Charakter des
Krankhaften bei der Perversion nicht im Inhalt des neuen Sexual-
zieles, sondern in dessen Verhältnis zum Normalen finden. Wenn
die Perversion nicht neben dem Normalen (Sexualziel und
Objekt) auftritt, wo günstige Umstände dieselbe fördern und
Die sexuellen Abirrungen 35
ungünstige das Normale verhindern, sondern wenn sie das Normale
unter allen Umständen verdrängt und ersetzt hat 5 — in der Aus-
schließlichkeit und in der Fixierung also der Perversion
sehen wir zu allermeist die Berechtigung, sie als ein krankhaftes
Symptom zu beurteilen.
Vielleicht gerade bei den abscheulichsten Perversionen muß Dle ««eiuAe
. . . Beteiligung
man die ausgiebigste psychische Beteiligung zur Umwandlung bei den
des Sexualtriebes anerkennen. Es ist hier ein Stück seelischer
Arbeit geleistet, dem man trotz seines greulichen Erfolges den
Wert einer Idealisierung des Triebes nicht absprechen kann. Die
Allgewalt der Liebe zeigt sich vielleicht nirgends stärker als in
diesen ihren Verirrungen. Das Höchste und das Niedrigste hängen
in der Sexualität überall am innigsten aneinander („vom Himmel
durch die Welt zur Hölle").
Bei dem Studium der Perversionen hat sich uns die Einsicht _ 2 7 el
ergeben, daß der Sexualtrieb gegen gewisse seelische Mächte als
Widerstände anzukämpfen hat, unter denen Scham und Ekel am
deutlichsten hervorgetreten sind. Es ist die Vermutung gestattet,
daß diese Mächte daran beteiligt sind, den Trieb innerhalb der
als normal geltenden Schranken zu bannen, und wenn sie sich
im Individuum früher entwickelt haben, ehe der Sexualtrieb
seine volle Stärke erlangte, so waren sie es wohl, die ihm die
Richtung seiner Entwicklung angewiesen haben. 1
Wir haben ferner die Bemerkung gemacht, daß einige der
untersuchten Perversionen nur durch das Zusammentreten von
mehreren Motiven verständlich werden. Wenn sie eine Analyse
— Zersetzung — zulassen, müssen sie zusammengesetzter Natur
sein. Hieraus können wir einen Wink entnehmen, daß vielleicht
Ergebniase
1) Man muß diese die Sexualentwicklung eindämmenden Mächte — Ekel, Scham
und Moralität — andererseits auch als historische Niederschläge der äußeren
Hemmungen ansehen, welche der Sexualtrieb in der Psychogenese der Menschheit
erfahren hat. Man macht die Beobachtung, daß sie in der Entwicklung des Einzelnen
au ihrer Zeit wie spontan auf die Winke der Erziehung und Beeinflussung hin
auftreten.
56 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
der Sexualtrieb selbst nichts Einfaches, sondern aus Komponenten
zusammengesetzt ist, die sich in den Perversionen wieder von
ihm ablösen. Die Klinik hätte uns so auf Verschmelzungen
aufmerksam gemacht, die in dem gleichförmigen normalen Verhalten
ihren Ausdruck eingebüßt haben. 1
1
4) Der Sexualtrieb bei den Neurotikern
Die Psycho- Einen wichtigen Beitrag zur Kenntnis des Sexualtriebes bei
annlyse ^ °
Personen, die den Normalen mindestens nahe stehen, gewinnt
man aus einer Quelle, die nur auf einem bestimmten Wege
zugänglich ist. Es gibt nur ein Mittel, über das Geschlechtsleben
der sogenannten Psychoneurotiker (Hysterie, Zwangsneurose,
fälschlich sogenannte Neurasthenie, sicherlich auch Dementia
praecox, Paranoia) gründliche und nicht irre leitende Aufschlüsse
zu erhalten, nämlich wenn man sie der psychoanalytischen
Erforschung unterwirft, deren sich das von J. Breuer und
mir 1893 eingesetzte, damals „kathartisch" genannte Heilverfahren
bedient.
Ich muß vorausschicken, respektive aus anderen Veröffent-
lichungen wiederholen, daß diese Psychoneurosen, soweit meine
Erfahrungen reichen, auf sexuellen Triebkräften beruhen. Ich
meine dies nicht etwa so, daß die Energie des Sexualtriebes
einen Beitrag zu den Kräften liefert, welche die krankhaften
Erscheinungen (Symptome) unterhalten, sondern ich will aus-
drücklich behaupten, daß dieser Anteil der einzig konstante und
die wichtigste Energiequelle der Neurose ist, so daß das Sexual-
leben der betreffenden Personen sich entweder ausschließlich oder
1) Ich bemerke vorgreifend über die Entstehung der Perversionen, daß man
Grund hat anzunehmen, es sei vor der Fixierung derselben, ganz ähnlich wie beim
Fetischismus, ein Ansatz normaler Sexualentwicklung vorhanden gewesen. Die
analytische Untersuchung hat bisher in einzelnen Fällen zeigen können, daß auch
die Perversion der Rückstand einer Entwicklung zum Ödipuskomplex ist, nach dessen
Verdrängung die der Anlage nach stärkste Komponente des Sexualtriebes wieder
hervorgetreten ist.
Die sexuellen Abirrungen 37
vorwiegend oder nur teilweise in diesen Symptomen äußert. Die
Symptome sind, wie ich es an anderer Stelle ausgedrückt habe,
die Sexualbetätigung der Kranken. Den Beweis für diese
Behauptung hat mir eine seit fünfundzwanzig Jahren sich
mehrende Anzahl von Psychoanalysen hysterischer und anderer
Nervöser geliefert, über deren Ergebnisse im einzelnen ich an
anderen Orten ausführliche Rechenschaft gegeben habe und noch
weiter geben werde. 1
Die Psychoanalyse beseitigt die Symptome Hysterischer unter
der Voraussetzung, daß dieselben der Ersatz — die Transkription
gleichsam — für eine Reihe von affektbesetzten seelischen
Vorgängen, Wünschen und Strebungen, sind, denen durch einen
besonderen psychischen Prozeß (die Verdrängung) der Zugang
zur Erledigung durch bewußtseinsfähige psychische Tätigkeit
versagt worden ist. Diese also im Zustande des Unbewußten
zurückgehaltenen Gedankenbildungen streben nach einem ihrem
Affektwert gemäßen Ausdruck, einer Abfuhr, und finden eine
solche bei der Hysterie durch den Vorgang der Konversion
in somatischen Phänomenen — eben den hysterischen Symptomen.
Bei der kunstgerechten, mit Hilfe einer besonderen Technik
durchgeführten Rückverwandlung der Symptome in nun bewußt
gewordene, affektbesetzte Vorstellungen ist man also imstande,
über die Natur und die Abkunft dieser früher unbewußten
psychischen Bildungen das Genaueste zu erfahren.
Es ist auf diese Weise in Erfahrung gebracht worden, daß die ErgebnUse
der Psycho-
Symptome einen Ersatz für Strebungen darstellen, die ihre Kraft anaiy«
der Quelle des Sexualtriebes entnehmen. Im vollen Einklänge
damit steht,- was wir über den Charakter der hier zum Muster
für alle Psychoneurotiker genommenen Hysteriker vor ihrer
1) Es ist nur eine Vervollständigung- und nicht eine Verringerung dieser Aussage,
wenn ich sie dahin abändere: Die nervösen Symptome beruhen einerseits auf dem
Anspruch der libidinösen Triebe, andererseits auf dem Einspruch des Ichs, der
Reaktion gegen dieselben.
38 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Erkrankung und über die Anlässe zur Erkrankung wissen. Der
hysterische Charakter läßt ein Stück Sexualverdrängung
erkennen, welches über das normale Maß hinausgeht, eine
Steigerung der Widerstände gegen den Sexualtrieb, die uns als
Scham, Ekel und Moral bekannt geworden sind, eine wie instinktive
Flucht vor der intellektuellen Beschäftigung mit dem Sexual-
problem, welche in ausgeprägten Fällen den Erfolg hat, die volle
sexuelle Unwissenheit noch bis in die Jahre der erlangten
Geschlechtsreife zu bewahren. 1
Dieser für die Hysterie wesentliche Charakterzug wird für die
grobe Beobachtung nicht selten durch das Vorhandensein des
zweiten konstitutionellen Faktors der Hysterie, durch die über-
mächtige Ausbildung des Sexualtriebes verdeckt, allein die
psychologische Analyse weiß ihn jedesmal aufzudecken und die
widerspruchsvolle Rätselhaftigkeit der Hysterie durch die Fest-
stellung des Gegensatzpaares von übergroßem sexuellen Bedürfnis
und zu weit getriebener Sexualablehnung zu lösen.
Der Anlaß zur Erkrankung ergibt sich für die hysterisch
disponierte Person, wenn infolge der fortschreitenden eigenen
Reifung oder äußerer Lebensverhältnisse die reale Sexualforderung
ernsthaft an sie herantritt. Zwischen dem Drängen des Triebes
und dem Widerstreben der Sexualablehnung stellt sich dann der
Ausweg der Krankheit her, der den Konflikt nicht löst, sondern
ihm durch die Verwandlung der libidinösen Strebungen in
Symptome zu entgehen sucht. Es ist nur eine scheinbare
Ausnahme, wenn eine hysterische Person, ein Mann etwa, an
einer banalen Gemütsbewegung, an einem Konflikt, in dessen
Mittelpunkt nicht das sexuelle Interesse steht, erkrankt. Die
Psychoanalyse kann dann regelmäßig nachweisen, daß es die
sexuelle Komponente des Konflikts ist, welche die Erkrankung
1) Studien über Hysterie. 1895. [Bd. I der Gesamtausgabe.] J. Breuer sagt von
seiner Patientin, an der er die kathartische Methode luerst geübt bat : „Das sexuale
Moment war erstaunlich unentwickelt."
Die sexuellen Abirrungen 39
ermöglicht hat, indem sie die seelischen Vorgänge der normalen
Erledigung entzog.
Ein guter Teil des Widerspruches gegen diese meine Auf- S ^^J^
Stellungen erklärt sich wohl daraus, daß man die Sexualität, von
welcher ich die psychoneurotischen Symptome ableite, mit dem
normalen Sexualtrieb zusammenfallen ließ. Allein die Psycho-
analyse lehrt noch mehr. Sie zeigt, daß die Symptome keineswegs
allein auf Kosten des sogenannten normalen Sexualtriebes entstehen
(wenigstens nicht ausschließlich oder vorwiegend), sondern den
konvertierten Ausdruck von Trieben darstellen, welche man als
perverse (im weitesten Sinne) bezeichnen würde, wenn sie
sich ohne Ablenkung vom Bewußtsein direkt in Phantasievorsätzen
und Taten äußern könnten. Die Symptome bilden sich also zum
Teil auf Kosten abnormer Sexualität; die Neurose ist
sozusagen das Negativ der Perversion. 1
Der Sexualtrieb der Psychoneurotiker läßt alle die Abirrungen
erkennen, die wir als Variationen des normalen und als Äußerungen
des krankhaften Sexuallebens studiert haben.
a) Bei allen Neurotikern (ohne Ausnahme) finden sich im
unbewußten Seelenleben Regungen von Inversion, Fixierung von
Libido auf Personen des gleichen Geschlechts. Ohne tief ein-
dringende Erörterung ist es nicht möglich, die Bedeutung dieses
Moments für die Gestaltung des Krankheitsbildes entsprechend
zu würdigen; ich kann nur versichern, daß die unbewußte
Inversionsneigung niemals fehlt und insbesondere zur Aufklärung
der männlichen Hysterie die größten Dienste leistet. 2
1) Die klar bewußten Phantasien, der Perversen, die unter günstigen Umständen
in Veranstaltungen umgesetzt werden, die in feindlichem Sinne auf andere projizierten
Wahnbefürchtungen der Paranoiker und die imbewußten Phantasien der Hysteriker,
die man durch Psychoanalyse hinter ihren Symptomen aufdeckt, fallen inhaltlich bis
in einielne Details zusammen.
2) Psychoneurose vergesellschaftet sich auch sehr oft mit manifester Inversion,
wobei die heterosexuelle Strömung der vollen Unterdrückung zum Opfer gefallen
i s t. Ich lasse nur einer mir zuteil gewordenen Anregung Recht widerfahren, wenn
ich mitteile, daß erst private Äußerungen von W. Fließ in Berlin mich auf die
notwendige Allgemeinheit der Inversionsneigung bei den Psychoneurotikern aufmerksam
4° Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
b) Es sind bei den Psychoneurotikern alle Neigungen zu den
anatomischen Überschreitungen im Unbewußten und als Symptom-
bildner nachweisbar, unter ihnen mit besonderer Häufigkeit und
Intensität diejenigen, welche für Mund- und Afterschleimhaut
die Rolle von Genitalien in Anspruch nehmen.
c) Eine ganz hervorragende Rolle unter den Symptombildnern
der Psychoneurosen spielen die zumeist in Gegensatzpaaren
auftretenden Partialtriebe, die wir als ßringer neuer Sexualziele
kennen gelernt haben, der Trieb der Schaulust und der
Exhibition und der aktiv und passiv ausgebildete Trieb zur
Grausamkeit. Der Beitrag des letzteren ist zum Verständnis der
Leidensnatur der Symptome unentbehrlich und beherrscht fast
regelmäßig ein Stück des sozialen Verhaltens der Kranken. Vermittels
dieser Grausamkeitsverknüpfung der Libido geht auch die
Verwandlung von Liebe in Haß, von zärtlichen in feindselige
Regungen vor sich, die für eine große Reihe von neurotischen
Fällen, ja, wie es scheint, für die Paranoia im ganzen charak-
teristisch ist.
Das Interesse an diesen Ergebnissen wird noch durch einige
Besonderheiten des Tatbestandes erhöht.
a) Wo ein solcher Trieb im Unbewußten aufgefunden wird,
welcher der Paarung mit einem Gegensatze fähig ist, da läßt
sich regelmäßig auch dieser letztere als wirksam nachweisen.
Jede „aktive" Perversion wird also hier von ihrem passiven
Widerpart begleitet • wer im Unbewußten Exhibitionist ist, der
ist auch gleichzeitig Voyeur, wer an den Folgen der Verdrängung
sadistischer Regungen leidet, bei dem findet sich ein anderer
Zuzug zu den Symptomen aus den Quellen masochistischer
Neigung. Die volle Übereinstimmung mit dem Verhalten der
entsprechenden „positiven" Perversionen ist gewiß sehr beachtens-
gemacht haben, nachdem ich diese in einzelnen Fällen aufgedeckt hatte. — Diese
nicht genug gewürdigte Tatsache müßte alle Theorien der Homosexualität entscheidend
beeinflussen.
.
Die sexuellen Abirrungen 41
wert. Im Krankheitsbilde spielt aber die eine oder die andere der
gegensätzlichen Neigungen die überwiegende Rolle.
8) In einem ausgeprägteren Falle von Psychoneurose findet
man nur selten einen einzigen dieser perversen Triebe entwickelt,
meist eine größere Anzahl derselben und in der Regel Spuren
von allen; der einzelne Trieb ist aber in seiner Intensität
unabhängig von der Ausbildung der anderen. Auch dazu ergibt
uns das Studium der positiven Perversionen das genaue Gegen-
stück.
5) Partialtriebe und erogene Zonen
Halten wir zusammen, was wir aus der Untersuchung der
positiven und der negativen Perversionen erfahren haben, so liegt
es nahe, dieselben auf eine Reihe von „Partialtrieben" zurück-
zuführen, die aber nichts Primäres sind, sondern eine weitere
Zerlegung zulassen. Unter einem „Trieb" können wir zunächst
nichts anderes verstehen als die psychische Repräsentanz einer
kontinuierlich fließenden, innersomatischen Reizquelle, zum Unter-
schiede vom „Reiz", der durch vereinzelte und von außen
kommende Erregungen hergestellt wird. Trieb ist so einer der
Begriffe der Abgrenzung des Seelischen vom Körperlichen. Die
einfachste und nächstliegende Annahme über die Natur der
Triebe wäre, daß sie an sich keine Qualität besitzen, sondern
nur als Maße von Arbeitsanforderung für das Seelenleben in
Betracht kommen. Was die Triebe voneinander unterscheidet
und mit spezifischen Eigenschaften ausstattet, ist deren Beziehung
zu ihren somatischen Quellen und ihren Zielen. Die Quelle,
des Triebes ist ein erregender Vorgang in einem Organ und
das nächste Ziel des Triebes liegt in der Aufhebung dieses
Organreizes. 1
1) Die Trieblehre ist das bedeutsamste, aber auch das unfertigste Stück der
psychoanalytischen Theorie. In meinen späteren Arbeiten („Jenseits des Lustprinzips",
1921, „Das Ich und das Es", 1925 [Bd. VI der Gesamtausgabe]) habe ich weitere
Beiträge zur Trieblehre entwickelt.
4 2 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Eine weitere vorläufige Annahme in der Trieblehre, welcher
wir uns nicht entziehen können, besagt, daß von den Körper-
organen Erregungen von zweierlei Art geliefert werden, die in
Differenzen chemischer Natur begründet sind. Die eine dieser
Arten von Erregung bezeichnen wir als die spezifisch sexuelle
und das betreffende Organ als die „erogene Zone" des von
ihm ausgehenden sexuellen Partialtriebes. 1
Bei den Perversionsneigungen, die für Mundhöhle und After-
eröffnung sexuelle Bedeutung in Anspruch nehmen, ist die Rolle
der erogenen Zone ohneweiters ersichtlich. Dieselbe benimmt
sich in jeder Hinsicht wie ein Stück des Geschlechtsapparates.
Bei der Hysterie werden diese Körperstellen und die von ihnen
ausgehenden Schleimhauttrakte in ganz ähnlicher Weise der Sitz
von neuen Sensationen und Innervationsänderungen — ja von
Vorgängen, die man der Erektion vergleichen kann — wie die
eigentlichen Genitalien unter den Erregungen der normalen
Geschlechtsvorgänge.
Die Bedeutung der erogenen Zonen als Nebenapparate und
Surrogate der Genitalien tritt unter den Psychoneurosen bei der
Hysterie am deutlichsten hervor, womit aber nicht behauptet
werden soll, daß sie für die anderen Erkrankungsformen geringer
einzuschätzen ist. Sie ist hier nur unkenntlicher, weil sich
bei diesen (Zwangsneurose, Paranoia) die Symptombildung in
Regionen des seelischen Apparates vollzieht, die weiter
ab von den einzelnen Zentralstellen für die Körperbeherr-
schung liegen. Bei der Zwangsneurose ist die Bedeutung
der Impulse, welche neue Sexualziele schaffen und von ero-
genen Zonen unabhängig erscheinen, das Auffälligere. Doch
entspricht bei der Schau- und Exhibitionslust das Auge einer
1) Es ist nicht leicht, diese Annahmen, die aus dem Studium einer bestimmten
Klasse von neurotischen Erkrankungen geschöpft sind, hier zu rechtfertigen. Anderer-
seits wird es aber unmöglich, etwas Stichhältiges über die Triebe auszusagen, wenn
man sich die Erwähnung dieser Voraussetzungen erspart. .
Die sexuellen Abirrungen 45
erogenen Zone, bei der Schmerz- und Grausamkeitskomponente
des Sexualtriebes ist es die Haut, welche die gleiche Rolle über-
nimmt, die Haut, die sich an besonderen Körperstellen zu Sinnes-
organen differenziert und zur Schleimhaut modifiziert hat, also
die erogene Zone xaT' &,oyfp. 1
6) Erklärung des scheinbaren Überwiegens perverser
Sexualität bei den Psychoneurosen
Durch die vorstehenden Erörterungen ist die Sexualität der
Psychoneurotiker in ein möglicherweise falsches Licht gerückt
worden. Es hat den Anschein bekommen, als näherten sich die
Psychoneurotiker in ihrem sexuellen Verhalten der Anlage nach
sehr den Perversen und entfernten sich dafür um ebensoviel von
den Normalen. Nun ist sehr wohl möglich, daß die konstitutionelle
Disposition dieser Kranken außer einem übergroßen Maß von
Sexualverdrängung und einer übermächtigen Stärke des Sexual-
triebes eine ungewöhnliche Neigung zur Perversion im weitesten
Sinne mitenthält, allein die Untersuchung leichterer Fälle zeigt,
daß letztere Annahme nicht unbedingt erforderlich ist, oder daß
zum mindesten bei der Beurteilung der krankhaften Effekte die
Wirkung eines Faktors in Abzug gebracht werden muß. Bei den
meisten Psychoneurotikern tritt die Erkrankung erst nach der
Pubertätszeit auf unter der Anforderung des normalen Sexual-
lebens. Gegen dieses richtet sich vor allem die Verdrängung. Oder
spätere Erkrankungen stellen sich her, indem der Libido auf
normalem Wege die Befriedigung versagt wird. In beiden Fällen
verhält sich die Libido wie ein Strom, dessen Hauptbett verlegt
wird- sie füllt die kollateralen Wege aus, die bisher vielleicht
1) Man muß hier der Aufstellung von Moll gedenken, welche den Sexualtrieb
in Xontrektations- und Detumeszenztrieb zerlegt. Kontrektation bedeutet ein Bedürfnis
nach Hautberührung.
44 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
leer geblieben waren. Somit kann auch die scheinbar so große
(allerdings negative) Perversionsneigung der Psychoneurotiker eine
kollateral bedingte, muß jedenfalls eine kollateral erhöhte sein.
Die Tatsache ist eben, daß man die Sexualverdrängung als inneres
Moment jenen äußeren anreihen muß, welche wie Freiheits-
einschränkung, Unzugänglichkeit des normalen Sexualobjekts,
Gefahren des normalen Sexualaktes usw. Perversionen bei
Individuen entstehen lassen, welche sonst vielleicht normal
geblieben wären.
In den einzelnen Fällen von Neurose mag es sich hierin
verschieden verhalten, das einemal die angeborene Höhe der
Perversionsneigung, das anderemal die kollaterale Hebung derselben
durch die Abdrängung der Libido vom normalen Sexualziel und
Sexualobjekt das Maßgebendere sein. Es wäre unrecht, eine Gegen-
sätzlichkeit zu konstruieren, wo ein Kooperationsverhältnis vorliegt.
Ihre größten Leistungen wird die Neurose jedesmal zustande
bringen, wenn Konstitution und Erleben in demselben Sinne
zusammenwirken. Eine ausgesprochene Konstitution wird etwa
der Unterstützung durch die Lebenseindrücke entbehren können,
eine ausgiebige Erschütterung im Leben etwa die Neurose auch
bei durchschnittlicher Konstitution zustande bringen. Diese Gesichts-
punkte gelten übrigens in gleicher Weise für die ätiologische
Bedeutung von Angeborenem und akzidentell Erlebtem auch auf
anderen Gebieten.
Bevorzugt man die Annahme, daß eine besonders ausgebildete
Neigung zu Perversionen doch zu den Eigentümlichkeiten der
psychoneurotischen Konstitution gehört, so eröffnet sich die
Aussicht, je nach dem angeborenen Vorwiegen dieser oder jener
erogenen Zone, dieses oder jenes Partialtriebes, eine Mannigfaltigkeit
solcher Konstitutionen unterscheiden zu können. Ob der perversen
Veranlagung eine besondere Beziehung zur Auswahl der Erkrankungs-
form zukommt, dies ist wie so vieles auf diesem Gebiete noch
nicht untersucht.
Die sexuellen Abirrungen 45
7) Verweis auf den Infantilismus der Sexualität
Durch den Nachweis der perversen Regungen als Symptom-
bildner bei den Psychoneurosen haben wir die Anzahl der Menschen,
die man den Perversen zurechnen könnte, in ganz außerordent-
licher Weise gesteigert. Nicht nur, daß die Neurotiker selbst
eine sehr zahlreiche Menschenklasse darstellen, es ist auch in
Betracht zu ziehen, daß die Neurosen von allen ihren Aus-
bildungen her in lückenlosen Reihen zur Gesundheit abklingen 5
hat doch M o e b i u s mit guter Berechtigung sagen können : wir
sind alle ein wenig hysterisch. Somit werden wir durch die außer-
ordentliche Verbreitung der Perversionen zu der Annahme gedrängt,
daß auch die Anlage zu den Perversionen keine seltene Besonder-
heit, sondern ein Stück der für normal geltenden Konstitution
sein müsse.
Wir haben gehört, daß es strittig ist, ob die Perversionen auf
angeborene Bedingungen zurückgehen oder durch zufällige Erleb-
nisse entstehen, wie es Bin et für den Fetischismus angenommen
hat. Nun bietet sich uns die Entscheidung, daß den Perversionen
allerdings etwas Angeborenes zugrunde liegt, aber etwas, was
allen Menschen angeboren ist, als Anlage in seiner
Intensität schwanken mag und der Hervorhebung durch Lebens-
einflüsse wartet. Es handelt sich um angeborene, in der Konstitution
gegebene Wurzeln des Sexualtriebes, die sich in der einen Reihe
von Fällen zu den wirklichen Trägern der Sexualtätigkeit entwickeln
(Perverse), andere Male eine ungenügende Unterdrückung (Ver-
drängung) erfahren, so daß sie auf einem Umweg als Krankheits-
svmptome einen beträchtlichen Teil der sexuellen Energie an sich
ziehen können, während sie in den günstigsten Fällen zwischen
beiden Extremen durch wirksame Einschränkung und sonstige
Verarbeitung das sogenannte normale Sexualleben entstehen lassen.
Wir werden uns aber ferner sagen, daß die angenommene
Konstitution, welche die Keime zu allen Per Versionen aufweist,
46
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
nur beim Kinde aufzeigbar sein wird, wenngleich bei ihm alle
Triebe nur in bescheidenen Intensitäten auftreten können. Ahnt
uns so die Formel, daß die Neurotiker den infantilen Zustand
ihrer Sexualität beibehalten haben oder auf ihn zurückversetzt
worden sind, so wird sich unser Interesse dem Sexualleben des
Kindes zuwenden und wir werden das Spiel der Einflüsse ver-
folgen wollen, die den Entwicklungsprozeß der kindlichen
Sexualität bis zum Ausgang in Perversion, Neurose oder normales
Geschlechtsleben beherrschen.
II
DIE INFANTILE SEXUALITÄT
Es ist ein Stück der populären Meinung über den Geschlechts- nai||1 ^ t
trieb daß er der Kindheit fehle und erst in der als Pubertät der
bezeichneten Lebensperiode erwache. Allein dies ist nicht nur
ein einfacher, sondern sogar ein folgenschwerer Irrtum, da er
hauptsächlich unsere gegenwärtige Unkenntnis der grundlegenden
Verhältnisse des Sexuallebens verschuldet. Ein gründliches Studium
der Sexualäußerungen in der Kindheit würde uns wahrscheinlich
die wesentlichen Züge des Geschlechtstriebes aufdecken, seine
Entwicklung verraten und seine Zusammensetzung aus verschiedenen
Quellen zeigen.
Es ist bemerkenswert, daß die Autoren, welche sich mit der
Erklärung der Eigenschaften und Reaktionen des erwachsenen
Individuums beschäftigen, jener Vorzeit, welche durch die Lebens-
dauer der Ahnen gegeben ist, so viel mehr Aufmerksamkeit
geschenkt, also der Erblichkeit so viel mehr Einfluß zugesprochen
haben, als der anderen Vorzeit, welche bereits in die individuelle
Existenz der Person fällt, der Kindheit nämlich. Man sollte doch
meinen, der Einfluß dieser Lebensperiode wäre leichter zu
verstehen und hätte ein Anrecht, vor dem der Erblichkeit berück-
sichtigt zu werden. 1 Man findet zwar in der Literatur gelegent-
liche Notizen über frühzeitige Sexualbetätigung bei kleinen
1) Es ist ja auch nicht möglich, den der Erblichkeit gebührenden Anteil richtig
au erkennen, ehe man den der Kindheit zugehörigen gewürdigt hat
48 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Kindern, über Erektionen, Masturbation und selbst koitus-
ähnliche Vornahmen, aber immer nur als ausnahmsweise Vor-
gänge, als Kuriosa oder als abschreckende Beispiele voreiliger
Verderbtheit angeführt. Kein Autor hat meines Wissens die
Gesetzmäßigkeit eines Sexualtriebes in der Kindheit klar
erkannt und in den zahlreich gewordenen Schriften über die
Entwicklung des Kindes wird das Kapitel „Sexuelle Entwick-
lung" meist übergangen. 1
1) Die hier niedergeschriebene Behauptung erschien mir selbst nachträglich als
so gewagt, daß ich mir vorsetzte, sie durch nochmalige Durchsicht der Literatur
zu prüfen. Das Ergebnis dieser Überprüfung war, daß ich sie unverändert stehen
ließ. Die wissenschaftliche Bearbeitung der leiblichen wie der seelischen Phänomene
der Sexualität im Kindesalter befinden sich in den ersten Anfängen. Ein Autor
S. Bell (A preliminary study of tlie emotion of love between the sexes. American
Journal of Psychology, XIII, 1902) äußert: I know of no scientist, who has given a
careful analysis of the emotion as it is Seen in the adolescent. — Somatische Sexual-
äußerungen aus der Zeit vor der Pubertät haben nur im Zusammenhange mit Ent-
artungserscheinungen und als Zeichen von Entartung Aufmerksamkeit gewonnen. —
Ein Kapitel über das Liebesleben der Kinder fehlt in allen Darstellungen der Psycho-
logie dieses Alters, die ich gelesen habe, so in den bekannten Werken von P r e y e r,
Baldwin (Die Entwicklung des Geistes beim Kinde und bei der Rasse, 1898),
Perez (L'enfant de 3 — 7 ans, 1894), Strümpell (Die pädagogische Pathologie,
1899), Karl Groos (Das Seelenleben des Kindes, 1904;, Th. H e 1 1 e r (Grundriß
der Heilpädagogik, 1904), Sully (Untersuchungen über die Kindheit, 1897) und
anderen. Den besten Eindruck von dem heutigen Stande auf diesem Gebiet holt man sich
aus der Zeitschrift „Die Kinderfehler" (von 1896 an). — Doch gewinnt man die
Überzeugung, daß die Existenz der Liebe im Kindesalter nicht mehr entdeckt zu
werden braucht. Perez (1. c.) tritt für sie ein; bei K. Groos (Die Spiele der
Menschen, 189g) findet sich als allgemein bekannt erwälmt, „daß manche Kinder
■schon sehr früh für sexuelle Regungen zugänglich sind und dem anderen Geschlecht
gegenüber einen Drang nach Berührungen empfinden" (S. 336) ; der früheste Fall
von Auftreten geschlechtlicher Liebesregungen (scx-love) in der Beobachtungsreihe
von S. Bell betraf ein Kind in der Mitte des dritten Jahres. — Vergleiche hiezu
noch Havelock Ellis, Das Gcschlechtsgefühl (übersetzt von Kurella), 1905,
Appendix, n.
Das obenstehende Urteil über die Literatur der infantilen Sexualität braucht seit
dem Erscheinen des groß angelegten Werkes von Stanley Hall (Adolescence, its
psychology and its relations to physiology, anthropology, sociology, sex, crime,
religion and education. Two volumes, New York, 1908) nicht mehr aufrecht erhalten
zu werden. — Das rezente Buch von A. Moll, Das Sexualleben des Kindes, Berlin
1909, bietet keinen Anlaß zu einer solchen Modifikation. Siehe dagegen: Bleuler,
Sexuelle Abnormitäten der Kinder. (Jahrbuch der schweizerischen Gesellschaft für
Schulgesundheitspflege, IX, 1908.) — Ein Buch von Frau Dr. H. v. H u g - H e 1 1 m u t h,
Aus dem Seelenleben des Kindes, 1913, hat seither dem vernachlässigten sexuellen
Faktor vollauf Rechnung getragen.
Die infantile Sexualität 49
Den Grund für diese merkwürdige Vernachlässigung suche ich
zum Teil in den konventionellen Rücksichten, denen die Autoren
infolge ihrer eigenen Erziehung Rechnung tragen, zum anderen
Teil in einem psychischen Phänomen, welches sich bis jetzt selbst
der Erklärung entzogen hat. Ich meine hiemit die eigentümliche
Amnesie, welche den meisten Menschen (nicht allen!) die
ersten Jahre ihrer Kindheit bis zum 6. oder 8. Lebensjahre
verhüllt. Es ist uns bisher noch nicht eingefallen, uns über die
Tatsache dieser Amnesie zu verwundern; aber wir hätten guten
Grund dazu. Denn man berichtet uns, daß wir in diesen Jahren,
von denen wir später nichts im Gedächtnis behalten haben als
einige unverständliche Erinnerungsbrocken, lebhaft auf Eindrücke
reagiert hätten, daß wir Schmerz und Freude in menschlicher
Weise zu äußern verstanden, Liebe, Eifersucht und andere Leiden-
schaften gezeigt, die uns damals heftig bewegten, ja daß wir
Aussprüche getan, die von den Erwachsenen als gute Beweise
für Einsicht und beginnende Urteilsfähigkeit gemerkt wurden.
Und von alledem wissen wir als Erwachsene aus eigenem nichts.
Warum bleibt unser Gedächtnis so sehr hinter unseren anderen
seelischen Tätigkeiten zurück ? Wir haben doch Grund zu glauben,
daß es zu keiner anderen Lebenszeit aufhahms- und reproduktions-
fähiger ist als gerade in den Jahren der Kindheit. 1
Auf der anderen Seite müssen wir annehmen oder können
uns durch psychologische Untersuchung an anderen davon über-
zeugen daß die nämlichen Eindrücke, die wir vergessen haben,
nichtsdestoweniger die tiefsten Spuren in unserem Seelenleben
hinterlassen haben und bestimmend für unsere ganze spätere
Entwicklung geworden sind. Es kann sich also um gar keinen
wirklichen Untergang der Kindheitseindrücke handeln, sondern
1) Eines der mit den frühesten Kindheitserirmenmgen verknüpften Probleme habe
ich in einem Aufsatze „Über Deckerinnerungen" (Monatsschrift für Psychiatrie und
Neurologie, VI, 189g) zu lösen versucht. [Vgl. „Zur Psychopathologie des Alltags-
.lebens", IV. Kap. Bd. IV der Gesamtausgabe.]
Freud, V. +
Infantile
Amnesie
50 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
um eine Amnesie ähnlich jener, die wir bei den Neurotikern
für spätere Erlebnisse beobachten, und deren Wesen in einer
bloßen Abhaltung von Bewußtsein (Verdrängung) besteht. Aber
welche Kräfte bringen diese Verdrängung der Kindheitseindrücke
zustande? Wer dieses Rätsel löste, hätte wohl auch die hysterische
Amnesie aufgeklärt.
Immerhin wollen wir nicht versäumen hervorzuheben, daß
die Existenz der infantilen Amnesie einen neuen Vergleichspunkt
zwischen dem Seelenzustand des Kindes und dem des Psycho-
neurotikers schafft. Einem anderen sind wir schon früher begegnet,
als sich uns die Formel aufdrängte, daß die Sexualität der Psycho -
neurotiker den kindlichen Standpunkt bewahrt hat oder auf ihn
zurückgeführt worden ist. Wenn nicht am Ende die infantile
Amnesie selbst wieder mit den sexuellen Regungen der Kindheit
in Beziehung zu bringen ist!
Es ist übrigens mehr als ein bloßes Spiel des Witzes, die
infantile Amnesie mit der hysterischen zu verknüpfen. Die
hysterische Amnesie, die der Verdrängung dient, wird nur durch
den Umstand erklärlich, daß das Individuum bereits einen Schatz,
von Erinnerungsspuren besitzt, welche der bewußten Verfügung
entzogen sind und die nun mit assoziativer Bindung das an sich
reißen, worauf vom Bewußten her die abstoßenden Kräfte der
Verdrängung wirken. 1 Ohne infantile Amnesie, kann man sagen,,
gäbe es keine hysterische Amnesie.
Ich meine nun, daß die infantile Amnesie, die für jeden
einzelnen seine Kindheit zu einer gleichsam prähistorischen
Vorzeit macht und ihm die Anfänge seines eigenen Geschlechts-
lebens verdeckt, die Schuld daran trägt, wenn man der kindlichen
Lebensperiode einen Wert für die Entwicklung des Sexuallebens
im allgemeinen nicht zutraut. Ein einzelner Beobachter kann
i) Man kann den Mechanismus der Verdrängung nicht verstellen, wenn man nur
einen dieser beiden zusammenwirkenden Vorgänge berücksichtigt. Zum Vergleich möge
die Art dienen, wie der Tourist auf die Spitze der großen Pyramide von Gizeh
befördert wird; er wird von der einen Seite gestoßen, von der anderen Seite gezogen^
w
Die infantile Sexualität 51
die so entstandene Lücke in unserem Wissen nicht ausfüllen.
Ich habe bereits 1896 die Bedeutung der Kinderjahre für die
Entstehung gewisser wichtiger, vom Geschlechtsleben abhängiger
Phänomene betont und seither nicht aufgehört, das infantile
Moment für die Sexualität in den Vordergrund zu rücken.
Die sexuelle Latenzperiode der Kindheit
und ihre Durchbrechungen
Die außerordentlich häufigen Befunde von angeblich regel-
widrigen und ausnahmsartigen sexuellen Regungen in der Kindheit
sowie die Aufdeckung der bis dahin unbewußten Kindheits-
erinnerungen der Neurotiker gestatten etwa folgendes Bild von
dem sexuellen Verhalten der Kinderzeit zu entwerfen: 1
Es scheint gewiß, daß das Neugeborene Keime von sexuellen
Regungen mitbringt, die sich eine Zeitlang weiter entwickeln,
dann aber einer fortschreitenden Unterdrückung unterliegen,
welche selbst wieder durch regelrechte Vorstöße der Sexual-
entwicklung durchbrochen und durch individuelle Eigenheiten
aufgehalten werden kann. Über die Gesetzmäßigkeit und die
Periodizität dieses oszillierenden Entwicklungsganges ist nichts
Gesichertes bekannt. Es scheint aber, daß das Sexualleben der
Kinder sich zumeist um das dritte oder vierte Lebensjahr in
einer der Beobachtung zugänglichen Form zum Ausdruck bringt. 2
1) Letzteres Material wird durch die berechtigte Erwartung verwertbar, daß die
Kinderjahre der späteren Neurotiker hierin nicht wesentlich, nur in Hinsicht der
Intensität und Deutlichkeit, von denen später Gesunder abweichen dürften.
2I Eine mögliche anatomische Analogie zu dem von mir behaupteten Verhalten der
infantilen Sexualfunktion wäre durch den Fund von Bayer (Deutsches Archiv für klinische
Medizin, Bd. 75) gegeben, daß die inneren Geschlechtsorgane (Uterus) Neugeborener
in der Regel größer sind als die älterer Kinder. Indes ist die Auffassung dieser
durch Halban auch für andere Teile des Genitalapparates festgestellten Involution
nach der Geburt nicht sichergestellt. Nach Halban (Zeitschrift für Geburtshilfe
und Gynäkologie, LIII, 1904) ist dieser Rückbildungsvorgang nach wenigen Wochen
des Extrauterinlebens abgelaufen. — Die Autoren, welche den interstitiellen Anteil
der Keimdrüse als das geschlechtsbestimmende Organ betrachten, sind durch
52 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Die sexual- Während dieser Periode totaler oder bloß partieller Latenz
hemmungen _ t
werden die seelischen Mächte aufgebaut, die später dem Sexual-
trieb als Hemmnisse in den Weg treten und gleich wie Dämme
seine Richtung beengen werden (der Ekel, das Schamgefühl, die
ästhetischen und moralischen Idealanforderungen). Man gewinnt
beim Kulturkinde den Eindruck, daß der Aufbau dieser Dämme
ein Werk der Erziehung ist, und sicherlich tut die Erziehung
viel dazu. In Wirklichkeit ist diese Entwicklung eine organisch
bedingte, hereditär fixierte und kann sich gelegentlich ganz ohne
Mithilfe der Erziehung herstellen. Die Erziehung verbleibt durch-
aus in dem ihr angewiesenen Machtbereich, wenn sie sich darauf
einschränkt, das organisch Vorgezeichnete nachzuziehen und es
etwas sauberer und tiefer auszuprägen.
Heaktions- Mit welchen Mitteln werden diese, für die spätere persönliche
blldong und * * r
snbumierung Kultur und Normalität so bedeutsamen Konstruktionen aufgeführt?
Wahrscheinlich auf Kosten der infantilen Sexualregungen selbst,
deren Zufluß also auch in dieser Latenzperiode nicht aufgehört
anatomische Untersuchungen dazu geführt worden, ihrerseits von infantiler Sexualität
und sexueller Latenzzeit zu reden. Ich zitiere aus dorn S. 20 erwähnten Buche von
Lip schütz über die Pubertätsdrüse: „Man wird den Tatsachen viel eher gerecht,
wenn man sagt, daß die Ausreifung der Geschlechtsmerkmale, wie sie sich in der
Pubertät vollzieht, nur auf einem um diese Zeit stark beschleunigten Ablauf von
Vorgängen beruht, die schon viel früher begonnen haben — unserer Auffassung
nach schon im embryonalen Leben." (S. 169.) — „Was man bisher als
Pubertät schlechtweg bezeichnet hat, ist wahrscheinlich
nur eine zweite große Phase der Pubertät, die um die Mitte
des zweiten Jahrzehntes einsetzt... Das Kindesalter, von der Geburt
bis zu Beginn der zweiten großen Phase gerechnet, könnte man als die inter-
mediäre Phase der Pubertät' bezeichnen." (S. 170.) — Diese in einem
Referat von Perenczi (Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse VI, 1920) hervorgehobene
Übereinstimmung anatomischer Befunde mit der psychologischen Beobachtung wird
durch die eine Angabe gestört, daß der „erste Gipfelpunkt" der Entwicklung
des Sexualorgans in die frühe Embryonalzeit fällt, während die kindliche Frühblüte
des Sexuallebens in das dritte und vierte Lebensjahr zu verlegen ist. Die volle
Gleichzeitigkeit der anatomischen Ausbildung mit der psychischen Entwicklung ist
natürlich nicht erforderlich. Die betreffenden Untersuchungen sind an der Keimdrüse
des Menschen gemacht worden. Da den Tieren eine Latenzzeit im psychologischen
Sinne nicht zukommt, läge viel daran zu wissen, ob die anatomischen Befunde, auf
deren Grund die Autoren zwei Gipfelpunkte der Sexualentwicklung annehmen, auch
an anderen höheren Tieren nachweisbar sind.
Die infantile Sexualität 53
hat, deren Energie aber — ganz oder zum größten Teil — von
der sexuellen Verwendung abgeleitet und anderen Zwecken zuge-
führt wird. Die Kulturhistoriker scheinen einig in der Annahme,
daß durch solche Ablenkung sexueller Triebkräfte von sexuellen
Zielen und Hinlenkung auf neue Ziele, ein Prozeß, der den Namen
Sublimierung verdient, mächtige Komponenten für alle kul-
turellen Leistungen gewonnen werden. Wir würden also hinzu-
fügen, daß der nämliche Prozeß in der Entwicklung des einzelnen
Individuums spielt und seinen Beginn in die sexuelle Latenz-
periode der Kindheit verlegen. 1
Auch über den Mechanismus einer solchen Sublimierung kann
man eine Vermutung wagen. Die sexuellen Regungen dieser
Kinderjahre wären einerseits unverwendbar, da die Fortpflanzungs-
funktionen aufgeschoben sind, was den Hauptcharakter der Latenz-
periode ausmacht, andererseits wären sie an sich pervers, das heißt
von erogenen Zonen ausgehend und von Trieben getragen, welche
bei der Entwicklungsrichtung des Individuums nur Unlust-
empfindungen hervorrufen könnten. Sie rufen daher seelische
Gegenkräfte (Reaktionsregungen) wach, die zur wirksamen Unter-
drückung solcher Unlust die erwähnten psychischen Dämme:
Ekel, Scham und Moral, aufbauen. 2
Ohne uns über die hypothetische Natur und die mangelhafte Durci,brü « :h «
der
Klarheit unserer Einsichten in die Vorgänge der kindlichen Latenz- L«ten«en
oder Aufschubsperiode zu täuschen, wollen wir zur Wirklichkeit
zurückkehren, um anzugeben, daß solche Verwendung der infantilen
Sexualität ein Erziehungsideal darstellt, von dem die Entwicklung
der einzelnen meist an irgendeiner Stelle und oft in erheblichem
Maße abweicht. Es bricht zeitweise ein Stück Sexualäußerung
1) Die Bezeichnung „sexuelle Latenzperiode" entlehne ich ebenfalls von W. Fließ.
2) In dem hier besprochenen Falle geht die Sublimierung sexueller Trieb-
kräfte auf dem Wege der Reaktionsbildung vor sich. Im allgemeinen darf man
aber Sublimierung und Reaktionsbildung als zwei verschiedene Prozesse begrifflich
voneinander scheiden. Es kann auch Sublimierungen durch andere und einfachere
Mechanismen geben.
54 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
durch, das sich der Sublimierung entzogen hat, oder es erhält
sich eine sexuelle Betätigung durch die ganze Dauer der Latenz-
periode bis zum verstärkten Hervorbrechen des Sexualtriebes in
der Pubertät. Die Erzieher benehmen sich, insofern sie überhaupt
der Kindersexualität Aufmerksamkeit schenken, genau so, als teilten
sie unsere Ansichten über die Bildung der moralischen Abwehr-
mächte auf Kosten der Sexualität und als wüßten sie, daß sexuelle
Betätigung das Kind unerziehbar macht, denn sie verfolgen alle
sexuellen Äußerungen des Kindes als „Laster", ohne viel gegen
sie ausrichten zu können. Wir aber haben allen Grund, diesen
von der Erziehung gefürchteten Phänomenen Interesse zuzuwenden,
denn wir erwarten von ihnen den Aufschluß über die ursprüng-
liche Gestaltung des Geschlechtstriebs.
Die Äußerungen der infantilen Sexualität
Da« Lot«*«, Aus später zu ersehenden Motiven wollen wir unter den
infantilen Sexualäußerungen das Lud ein (Wonnesaugen) zum
Muster nehmen, dem der ungarische Kinderarzt Lindner eine
ausgezeichnete Studie gewidmet hat. 1
Das Ludein oder Lutschen, das schon beim Säugling auf-
tritt und bis in die Jahre der Reife fortgesetzt werden oder sich
durchs ganze Leben erhalten kann, besteht in einer rhythmisch
wiederholten saugenden Berührung mit dem Munde (den Lippen),
wobei der Zweck der Nahrungsaufnahme ausgeschlossen ist. Ein
Teil der Lippe selbst, die Zunge, eine beliebige andere erreich-
bare Hautstelle, — selbst die große Zehe, — werden zum Objekt
genommen, an dem das Saugen ausgeführt wird. Ein dabei auf-
tretender Greiftrieb äußert sich etwa durch gleichzeitiges rhyth-
misches Zupfen am Ohrläppchen und kann sich eines Teiles einer
anderen Person (meist ihres Ohres) zu gleichem Zwecke bemäch-
tigen. Das Wonnesaugen ist mit voller Aufzehrung der Aufmerk-
samkeit verbunden, führt entweder zum Einschlafen oder selbst
l) Im Jahrbuch für Kinderheilkunde, N. F., XIV. 1879.
Die infantile Sexualität 55
zu einer motorischen Reaktion in einer Art von Orgasmus. 1 Nicht
selten kombiniert sich mit dem Wonnesaugen die reibende
Berührung gewisser empfindlicher Körperstellen, der Brust, der
äußeren Genitalien. Auf diesem Wege gelangen viele Kinder vom
Ludein zur Masturbation.
L i n d n e r selbst hat die sexuelle Natur dieses Tuns klar erkannt
und rückhaltlos betont. In der Kinderstube wird das Ludein
häufig den anderen sexuellen „Unarten" des Kindes gleichgestellt.
Von seiten zahlreicher Kinder- und Nervenärzte ist ein sehr
energischer Einspruch gegen diese Auffassung erhoben worden,
der zum Teil gewiß auf der Verwechslung von „sexuell" und
„genital" beruht. Dieser Widerspruch wirft die schwierige und
nicht abzuweisende Frage auf, an welchem allgemeinen Charakter
wir die sexuellen Äußerungen des Kindes erkennen wollen. Ich
meine, daß der Zusammenhang der Erscheinungen, in welchen
wir durch die psychoanalytische Untersuchung Einsicht gewonnen
haben, uns berechtigt, das Ludein als eine sexuelle Äußerung in
Anspruch zu nehmen und gerade an ihm die wesentlichen Züge
der infantilen Sexualbetätigung zu studieren. 2
Wir haben die Verpflichtung, dieses Beispiel eingehend zu
würdigen. Heben wir als den auffälligsten Charakter dieser Sexual-
betätigung hervor, daß der Trieb nicht auf andere Personen
gerichtet ist; er befriedigt sich am eigenen Körper, er ist auto-
1) Hier erweist sich bereits, was fürs ganze Leben Gültigkeit hat, daß sexuelle
Befriedigung das beste Schlafmittel ist. Die meisten Fälle von nervöser Schlaflosig-
keit gehen auf sexuelle Unbefriedigung zurück. Es ist bekannt, daß gewissenlose
Kinderfrauen die schreienden Kinder durch Streichen an den Genitalien einschläfern.
2) Ein Dr. Galant hat 1919 im Neurol. Zentralbl. Nr. 20 unter dem Titel
Das Lutscherli" das Bekenntnis eines erwachsenen Mädchens veröffentlicht, welches
diese kindliche Sexualbetätigung nicht aufgegeben hat und die Befriedigung durch
das Lutschen als völlig analog einer sexuellen Befriedigung, insbesondere durch den
Kuß des Geliebten, schildert. „Nicht alle Küsse gleichen einem Lutscherli: nein,
nein, lange nicht alle! Man kann nicht schreiben, wie wohlig es einem durch den
eanzen Körper beim Lutschen geht; man ist einfach weg von dieser Welt, man ist
ganz zufrieden und wunschlos glücklich. Es ist ein wunderbares Gefühl; man ver-
langt nichts als Buhe, Buhe, die gar nicht unterbrochen werden soll. Es ist einfach
unsagbar schön: man spürt keinen Schmerz, kein Weh und ach, man ist entrückt
in eine andere Welt."
Auto-
erotismns
56 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
erotisch, um es mit einem glücklichen, von Havelock Ellis
eingeführten Namen zu sagen. 1
Es ist ferner deutlich, daß die Handlung des lutschenden Kindes
durch das Suchen nach einer — bereits erlebten und nun
erinnerten — Lust bestimmt wird. Durch das rhythmische Saugen
an einer Haut- oder Schleimhautstelle findet es dann im einfachsten
Falle die Befriedigung. Es ist auch leicht zu erraten, bei welchen
Anlässen das Kind die ersten Erfahrungen dieser Lust gemacht
hat, die es nun zu erneuern strebt. Die erste und lebenswichtigste
Tätigkeit des Kindes, das Saugen an der Mutterbrust (oder an
ihren Surrogaten), muß es bereits mit dieser Lust vertraut
gemacht haben. Wir würden sagen, die Lippen des Kindes haben
sich benommen wie eine erogene Zone, und die Reizung
durch den warmen Milchstrom war wohl die Ursache der Lust-
empfindung. Anfangs war wohl die Befriedigung der erogenen
Zone mit der Befriedigung des Nahrungsbedürfnisses vergesell-
schaftet. Die Sexualbetätigung lehnt sich zunächst an eine der zur
Lebenserhaltung dienenden Funktionen an und macht sich erst
später von ihr selbständig. Wer ein Kind gesättigt von der Brust
zurücksinken sieht, mit geröteten Wangen und seligem Lächeln
in Schlaf verfallen, der wird sich sagen müssen, daß dieses Bild
auch für den Ausdruck der sexuellen Befriedigung im späteren
Leben maßgebend bleibt. Nun wird das Bedürfnis nach Wiederholung
der sexuellen Befriedigung von dem Bedürfnis nach Nahrungs-
aufnahme getrennt, eine Trennung, die unvermeidlich ist, wenn
die Zähne erscheinen und die Nahrung nicht mehr ausschließlich
eingesogen, sondern gekaut wird. Eines fremden Objektes bedient
sich das Kind zum Saugen nicht, sondern lieber einer eigenen
Hautstelle, weil diese ihm bequemer ist, weil es sich so von der
1) H. Ellis hat den Terminus „autoerotisch" allerdings etwas anders bestimmt,
im Sinne einer Erregung, die nicht von außen hervorgerufen wird, sondern im Innern
selbst entspringt. Für die Psychoanalyse ist nicht die Genese, sondern die Beziehung
zu einem Objekt das Wesentliche.
Die infantile Sexualität 57
Außenwelt unabhängig macht, die es zu beherrschen noch nicht
vermag, und weil es sich solcherart gleichsam eine zweite,
wenngleich minderwertige, erogene Zone schafft. Die Minder-
wertigkeit dieser zweiten Stelle wird es später mit dazu veran-
lassen, die gleichartigen Teile, die Lippen, einer anderen Person
zu suchen. („Schade, daß ich mich nicht küssen kann," möchte
man ihm unterlegen.)
Nicht alle Kinder lutschen. Es ist anzunehmen, daß jene Kinder
dazu gelangen, bei denen die erogene Bedeutung der Lippenzone
konstitutionell verstärkt ist. Bleibt diese erhalten, so werden diese
Kinder als Erwachsene Kußfeinschmecker werden, zu perversen
Küssen neigen oder als Männer ein kräftiges Motiv zum Trinken
und Rauchen mitbringen. Kommt aber die Verdrängung hinzu,
so werden sie Ekel vor dem Essen empfinden und hysterisches
Erbrechen produzieren. Kraft der Gemeinsamkeit der Lippenzone
wird die Verdrängung auf den Nahrungstrieb übergreifen. Viele
meiner Patientinnen mit Eßstörungen, hysterischem Globus,
Schnüren im Hals und Erbrechen waren in den Kinderjahren
energische Ludlerinnen gewesen.
Am Lutschen oder Wonnesaugen haben wir bereits die drei
wesentlichen Charaktere einer infantilen Sexualäußerung bemerken
können. Dieselbe entsteht in Anlehnung an eine der lebens-
wichtigen Körperfunktionen, sie kennt noch kein Sexualobjekt,
ist autoerotisch, und ihr Sexual ziel steht unter der Herrschaft
einer erogenen Zone. Nehmen wir vorweg, daß diese
Charaktere auch für die meisten anderen Betätigungen der
infantilen Sexualtriebe gelten.
Das Sexualziel der infantilen Sexualität
Aus dem Beispiel des Ludeins ist zur Kennzeichnung einer Charaktere
erogenen Zone noch mancherlei zu entnehmen. Es ist eine Haut- Zonen
oder Schleimhautstelle, an der Reizungen von gewisser Art eine
5 8 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Lustempfindung von bestimmter Qualität hervorrufen. Es ist kein
Zweifel, daß die lusterzeugenden Reize an besondere Bedingungen
gebunden sind 5 wir kennen dieselben nicht. Der rhythmische
Charakter muß unter ihnen eine Rolle spielen, die Analogie mit
dem Kitzelreiz drängt sich auf. Minder ausgemacht scheint es,
ob man den Charakter der durch den Reiz hervorgerufenen Lust-
empfindung als einen „besonderen" bezeichnen darf, wo in dieser
Besonderheit eben das sexuelle Moment enthalten wäre. In Sachen
der Lust und Unlust tappt die Psychologie noch so sehr im
Dunkeln, daß die vorsichtigste Annahme die empfehlenswerteste
sein wird. Wir werden später vielleicht auf Gründe stoßen,
welche die Besonderheitsqualität der Lustempfindung zu unter-
stützen scheinen.
Die erogene Eigenschaft kann einzelnen Körperstellen in aus-
gezeichneter Weise anhaften. Es gibt prädestinierte erogene Zonen,
wie das Beispiel des Ludeins zeigt. Dasselbe Beispiel lehrt aber
auch, daß jede beliebige andere Haut- und Schleimhautstelle die
Dienste einer erogenen Zone auf sich nehmen kann, also eine
gewisse Eignung dazu mitbringen muß. Die Qualität des Reizes
hat also mit der Erzeugung der Lustempfindung mehr zu tun
als die Beschaffenheit der Körperstelle. Das ludelnde Kind sucht
an seinem Körper herum und wählt sich irgendeine Stelle zum
Wonnesaugen aus, die ihm dann durch Gewöhnung die
bevorzugte wird; wenn es zufällig dabei auf eine der prä-
destinierten Stellen stößt (Brustwarze, Genitalien), so verbleibt freilich
dieser der Vorzug. Die ganz analoge Verschiebbarkeit kehrt dann
in der Symptomatologie der Hysterie wieder. Bei dieser Neurose
betrifft die Verdrängung die eigentlichen Genitalzonen am aller-
meisten, und diese geben ihre Reizbarkeit an die übrigen, sonst
im reifen Leben zurückgesetzten, erogenen Zonen ab, die sich
dann ganz wie Genitalien gebärden. Aber außerdem kann ganz
wie beim Ludein jede beliebige andere Körperstelle mit der
Erregbarkeit der Genitalien ausgestattet und zur erogenen Zone
Die infantile Sexualität 59
erhoben werden. Erogene und hysterogene Zonen zeigen die
nämlichen Charaktere. 1
Das Sexualziel des infantilen Triebes besteht darin, die j^^
Befriedigung durch die geeignete Reizung der so oder so gewählten
erogenen Zone hervorzurufen. Diese Befriedigung muß vorher
erlebt worden sein, um ein Bedürfnis nach ihrer Wiederholung
zurückzulassen, und wir dürfen darauf vorbereitet sein, daß die
Natur sichere Vorrichtungen getroffen hat, um dieses Erleben der
Befriedigung nicht dem Zufalle zu überlassen. 2 Die Veranstaltung,
welche diesen Zweck für die Lippenzone erfüllt, haben wir
bereits kennen gelernt, es ist die gleichzeitige Verknüpfung dieser
Körperstelle mit der Nahrungsaufnahme. Andere ähnliche Vor-
richtungen werden uns noch als Quellen der Sexualität begegnen.
Der Zustand des Bedürfnisses nach Wiederholung der Befriedigung
verrät sich durch zweierlei: durch ein eigentümliches Spannungs-
gefühl, welches an sich mehr den Charakter der Unlust hat, und
durch eine zentral bedingte, in die peripherische erogene
Zone projizierte Juck- oder Reizempfindung. Man kann das
Sexualziel darum auch so formulieren, es käme darauf an, die
projizierte Reizempfindung an der erogenen Zone durch denjenigen
äußeren Reiz zu ersetzen, welcher die Reizempfindung aufhebt,
indem er die Empfindung der Befriedigung hervorruft. Dieser
äußere Reiz wird zumeist in einer Manipulation bestehen, die
analog dem Saugen ist.
Es ist nur im vollen Einklang mit unserem physiologischen
Wissen, wenn es vorkommt, daß das Bedürfnis auch peripherisch,
durch eine wirkliche Veränderung an der erogenen Zone geweckt
1) Weitere Überlegungen und die Verwertung anderer Beobachtungen führen dazu,
die Eigenschaft der Erogeneität allen Körperstellen und inneren Organen zuzu-
sprechen. Vgl. hiezu weiter unten über den Narzißmus.
2) Man kann es in biologischen Erörterungen kaum vermeiden, sich der teleo-
logischen Denkweise zu bedienen, obwohl man weiß, daß man im einzelnen Falle
gegen den Irrtum nicht gesichert ist.
6o Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
wird. Es wirkt nur einigermaßen befremdend, da der eine Reiz
zu seiner Aufhebung nach einem zweiten, an derselben Stelle
angebrachten, zu verlangen scheint.
Die masturbatorischen Sexualäußerungen 1
Es kann uns nur höchst erfreulich sein zu finden, daß wir
von der Sexualbetätigung des Kindes nicht mehr viel Wichtiges
zu lernen haben, nachdem uns der Trieb von einer einzigen
erogenen Zone her verständlich geworden ist. Die deutlichsten
Unterschiede beziehen sich auf die zur Befriedigung notwendige
Vornahme, die für die Lippenzone im Saugen bestand und die
je nach Lage und Beschaffenheit der anderen Zonen durch andere
Muskelaktionen ersetzt werden muß.
J^AfSöL Die Afterzone ist ähnlich wie die Lippenzone durch ihre Lage
geeignet, eine Anlehnung der Sexualität an andere Körper-
funktionen zu vermitteln. Man muß sich die erogene Bedeutung
dieser Körperstelle als ursprünglich sehr groß vorstellen. Durch
die Psychoanalyse erfährt man dann nicht ohne Verwunderung,
welche Umwandlungen mit den von hier ausgehenden sexuellen
Erregungen normalerweise vorgenommen werden, und wie häufig
der Zone noch ein beträchtliches Stück genitaler Reizbarkeit fürs
Leben verbleibt. 2 Die so häufigen Darmstörungen der Kinderjahre
sorgen dafür, daß es der Zone an intensiven Erregungen nicht
fehle. Darmkatarrhe im zartesten Alter machen „nervös", wie
man sich ausdrückt; bei späterer neurotischer Erkrankung nehmen
sie einen bestimmenden Einfluß auf den symptomatischen Aus-
druck der Neurose, welcher sie die ganze Summe von Darm-
störungen zur Verfügung stellen. Mit Hinblick auf die wenigstens
i) Vgl. hiezu die sehr reichhaltige, aber meist in den Gesichtspunkten unorientierte
Literatur über Onanie, z. B. Rohleder, Die Masturbation, 1899, ferner das IL Heft
der „Diskussionen der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung", „Die Onanie", Wies-
baden 1912.
2) Vgl. die Aufsätze „Charakter und Analerotik" und „Über Triebumsetzungen
insbesondere der Analerotik" [Gesamtausgabe, Bd. V].
Die infantile Sexualität 61
in Umwandlung erhalten gebliebene erogene Bedeutung der
Darmausgangszone darf man auch die hämorrhoidalen Einflüsse
nicht verlachen, denen die ältere Medizin für die Erklärung
neurotischer Zustände soviel Gewicht beigelegt hat.
Kinder, welche die erogene Reizbarkeit der Afterzone ausnützen,
verraten sich dadurch, daß sie die Stuhlmassen zurückhalten, bis
dieselben durch ihre Anhäufung heftige Muskelkontraktionen an-
regen und beim Durchgang durch den After einen starken Reiz
auf die Schleimhaut ausüben können. Dabei muß wohl neben
der schmerzhaften die Wollustempfindung zustande kommen. Es
ist eines der besten Vorzeichen späterer Absonderlichkeit oder
Nervosität, wenn ein Säugling sich hartnäckig weigert, den Darm
zu entleeren, wenn er auf den Topf gesetzt wird, also wenn es
dem Pfleger beliebt, sondern diese Funktion seinem eigenen
Belieben vorbehält. Es kommt ihm natürlich nicht darauf an,
sein Lager schmutzig zu machen 5 er sorgt nur, daß ihm der
Lustnebengewinn bei der Defäkation nicht entgehe. Die Erzieher ^
ahnen wiederum das Richtige, wenn sie solche Kinder, die sich I
diese Verrichtungen „aufheben", schlimm nennen.
Der Darminhalt, der als Reizkörper für eine sexuell empfind-
liche Schleimhautfläche sich wie der Vorläufer eines anderen
Organs benimmt, welches erst nach der Kindheitsphase in Aktion
treten soll, hat für den Säugling noch andere wichtige Bedeu-
tungen. Er wird offenbar wie ein zugehöriger Körperteil behandelt,
stellt das erste „Geschenk" dar, durch dessen Entäußerung die
Gefügigkeit, durch dessen Verweigerung der Trotz des kleinen
Wesens gegen seine Umgebung ausgedrückt werden kann. Vom
Geschenk" aus gewinnt er dann später die Bedeutung des
Kindes", das nach einer der infantilen Sexualtheorien durch
Essen erworben und durch den Darm geboren wird.
Die Zurückhaltung der Fäkalmassen, die also anfangs eine
absichtliche ist, um sie zur gleichsam masturbatorischen Reizung
der Afterzone zu benützen, oder in der Relation zu den Pflege-
6a Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
personen zu verwenden, ist übrigens eine der Wurzeln der bei
den Neuropathen so häufigen Obstipation. Die ganze Bedeutung
der Afterzone spiegelt sich dann in der Tatsache, daß man nur
wenige Neurotiker findet, die nicht ihre besonderen skatologischen
Gebräuche, Zeremonien und dergleichen hätten, die von ihnen
sorgfältig geheim gehalten werden. 1
Echte masturbatorische Reizung der Afterzone mit Hilfe
des Fingers, durch zentral bedingtes oder peripherisch unter-
haltenes Jucken hervorgerufen, ist bei älteren Kindern keines-
wegs selten.
Betätigung Unter den erogenen Zonen des kindlichen Körpers befindet
Geniuizonen sich eine, die gewiß nicht die erste Rolle spielt, auch nicht die
Trägerin der ältesten sexuellen Regungen sein kann, die aber
zu großen Dingen in der Zukunft bestimmt ist. Sie ist beim
männlichen wie beim weiblichen Kind in Beziehung zur Harn-
entleerung gebracht (Eichel, Klitoris) und beim ersteren in einen
Schleimhautsack einbezogen, so daß es ihr an Reizungen durch
Sekrete, welche die sexuelle Erregung frühzeitig anfachen können,
nicht fehlen kann. Die sexuellen Betätigungen dieser erogenen
Zone, die den wirklichen Geschlechtsteilen angehört, sind ja der
Beginn des später „normalen" Geschlechtslebens.
Durch die anatomische Lage, die Überströmung mit Sekreten,
durch die Waschungen und Reibungen der Körperpflege und
durch gewisse akzidentelle Erregungen (wie die Wanderungen
von Eingeweidewürmern bei Mädchen) wird es unvermeidlich,
1) In einer Arbeit, welche unser Verständnis für die Bedeutung der Analerotik
außerordentlich vertieft („Anal" und „Sexual", Imago IV, 1916), hat Lou Andreas-
Salomö ausgeführt, daß die Geschichte des erstes Verbotes, welches an das Kind heran-
tritt, des Verbotes aus der Analtätigkeit und ihren Produkten Lust zu gewinnen, für
seine ganze Entwicklung maßgebend wird. Das kleine Wesen muß bei diesem Anlasse
zuerst die seinen Triebregungen feindliche Umwelt ahnen, sein eigenes Wesen von
diesem Fremden sondern lernen, und dann die erste „Verdrängung" an seinen Lust-
möglichkeiten vollziehen. Das „Anale" bleibt von da an das Symbol für alles zu
Verwerfende, vom Leben Abzuscheidende. Der später geforderten reinlichen Scheidung
von Anal- und Genitalvorgängen widersetzen sich die nahen anatomischen und funk-
tionellen Analogien und Beziehungen zwischen beiden. Der Genitalapparat bleibt der
Kloake benachbart, „ist ihr beim Weibe sogar nur abgemietet".
Die infantile Sexualität 65
daß die Lustempfindung, welche diese Körperstelle zu ergeben
fähig ist, sich dem Kinde schon im Säuglingsalter bemerkbar
mache und ein Bedürfnis nach ihrer Wiederholung erwecke. Über-
blickt man die Summe der vorliegenden Einrichtungen und bedenkt,
daß die Maßregeln zur Reinhaltung kaum anders wirken können
als die Verunreinigung, so wird man sich kaum der Auffassung
entziehen können, daß durch die Säuglingsonanie, der kaum ein
Individuum entgeht, das künftige Primat dieser erogenen Zone
für die Geschlechtstätigkeit festgelegt wird. Die den Reiz beseiti-
gende und die Befriedigung auslösende Aktion besteht in einer
reibenden Berührung mit der Hand oder in einem gewiß reflektorisch
vorgebildeten Druck durch die Hand oder die zusammenschließenden
Oberschenkel. Letztere Vornahme ist die beim Mädchen weitaus
häufigere. Beim Knaben weist die Bevorzugung der Hand bereits
darauf hin, welchen wichtigen Beitrag zur männlichen Sexual-
tätigkeit der Bemächtigungstrieb einst leisten wird. 1
Es wird der Klarheit nur förderlich sein, wenn ich angebe,
daß man drei Phasen der infantilen Masturbation zu unterscheiden
hat. Die erste von ihnen gehört der Säuglingszeit an, die zweite
der kurzen Blütezeit der Sexualbetätigung um das vierte Lebens-
jahr, erst die dritte entspricht der oft ausschließlich gewürdigten
Pubertätsonanie.
Die Säuglingsonanie scheint nach kurzer Zeit zu schwinden, D i« »dte
doch kann mit der ununterbrochenen Fortsetzung derselben bis der kindlichen
zur Pubertät bereits die erste große Abweichung von der für nBtIU ' b " HoB
den Kulturmenschen anzustrebenden Entwicklung gegeben sein.
Irgend einmal in den Kinderjahren nach der Säuglingszeit,
gewöhnlich vor dem vierten Jahr, pflegt der Sexualtrieb dieser
Genitalzone wieder zu erwachen und dann wiederum eine Zeit-
lang bis zu einer neuen Unterdrückung anzuhalten oder sich
ohne Unterbrechung fortzusetzen. Die möglichen Verhältnisse
— - — — —
1) Ungewöhnliche Techniken bei der Ausführung der Onanie in späteren Jahren
scheinen auf den Einfluß eines überwundenen Onanieverbotes hinzuweisen.
64 Drei Abhandlungen zur Sexualtlicorie
sind sehr mannigfaltig und können nur durch genauere Zer-
gliederung einzelner Fälle erörtert werden. Aber alle Einzel-
heiten dieser zweiten infantilen Sexualbetätigung hinterlassen
die tiefsten (unbewußten) Eindrucksspuren im Gedächtnis der
Person, bestimmen die Entwicklung ihres Charakters, wenn sie
gesund bleibt, und die Symptomatik ihrer Neurose, wenn sie
nach der Pubertät erkrankt. 1 Im letzteren Falle findet man
diese Sexualperiode vergessen, die für sie zeugenden bewußten
Erinnerungen verschoben; — ich habe schon erwähnt, daß ich
auch die normale infantile Amnesie mit dieser infantilen Sexual-
betätigung in Zusammenhang bringen möchte. Durch psycho-
analytische Erforschung gelingt es, das Vergessene bewußt zu
machen und damit einen Zwang zu beseitigen, der vom unbe-
wußten psychischen Material ausgeht.
Wi 5*j erl ' ehr Die Sexualerregung der Säuglingszeit kehrt in den bezeichneten
masturbation Kinderjahren entweder als zentral bedingter Kitzelreiz wieder,
der zur onanistischen Befriedigung auffordert, oder als pollutions-
artiger Vorgang, der analog der Pollution der Reifezeit die
Befriedigung ohne Mithilfe einer Aktion erreicht. Letzterer Fall
ist der bei Mädchen und in der zweiten Hälfte der Kindheit
häufigere, in seiner Bedingtheit nicht ganz verständlich und
scheint oft — nicht regelmäßig — eine Periode früherer aktiver
Onanie zur Voraussetzung zu haben. Die Symptomatik dieser
Sexualäußerungen ist armselig; für den noch unentwickelten
Geschlechtsapparat gibt meist der Harnapparat) gleichsam als
sein Vormund, Zeichen. Die meisten sogenannten Blasenleiden
dieser Zeit sind sexuelle Störungen ; die Enuresis nocturna entspricht,
wo sie nicht einen epileptischen Anfall darstellt, einer Pollution.
1) Warum das Schuldbewußtsein der Neurotiker regelmäßig;, wie noch kürzlich
Bleuler anerkannt hat, an die erinnerte onanistischc Betätigung, meist der
Pubertätszeit, anknüpft, harrt noch einer erschöpfenden analytischen Aufklärung.
Der gröbste und wichtigste Faktor dieser Bedingtheit dürfte wohl die Tatsache
sein, daß die Onanie ja die Exekutive der ganzen infantilen Sexualität darstellt und
darum befähigt ist, das dieser anhaftende Schuldgefühl zu übernehmen.
Die infantile Sexualität 65
Für das Wiederauftreten der sexuellen Tätigkeit sind innere
Ursachen und äußere Anlässe maßgebend, die beide in neuro-
tischen Erkrankungsfällen aus der Gestaltung der Symptome zu
erraten und durch die psychoanalytische Forschung mit Sicher-
heit aufzudecken sind. Von den inneren Ursachen wird später
die Rede sein; die zufälligen äußeren Anlässe gewinnen um
diese Zeit eine große und nachhaltige Bedeutung. Voran steht
der Einfluß der Verführung, die das Kind vorzeitig als Sexual-
objekt behandelt und es unter eindrucksvollen Umständen die
Befriedigung von den Genitalzonen kennen lehrt, welche sich
onanistisch zu erneuern es dann meist gezwungen bleibt. Solche
Beeinflussung kann von Erwachsenen oder anderen Kindern aus-
gehen; ich kann nicht zugestehen, daß ich in meiner Abhandlung
1896 „Über die Ätiologie der Hysterie" die Häufigkeit oder die
Bedeutung derselben überschätzt habe, wenngleich ich damals
noch nicht wußte, daß normal gebliebene Individuen in ihren
Kinderjahren die nämlichen Erlebnisse gehabt haben können,
und darum die Verführung höher wertete als die in der sexuellen
Konstitution und Entwicklung gegebenen Faktoren. 1 Es ist selbst-
verständlich, daß es der Verführung nicht bedarf, um das Sexual-
leben des Kindes zu wecken, daß solche Erweckung auch spontan
aus inneren Ursachen vor sich gehen kann.
Es ist lehrreich, daß das Kind unter dem Einfluß der Ver- Pol y n »»n»i"
führung polymorph pervers werden, zu allen möglichen Über- Ania~
schreitungen verleitet werden kann. Dies zeigt, daß es die Eignung
dazu in seiner Anlage mitbringt; die Ausführung findet darum
as
1) Havelock Ellis bringt in einem Anhang zu seiner Studie über d__
„Geschlechtsgefühl" (1903) eine Anzahl autobiographischer Berichte von später
vorwiegend normal gebliebenen Personen über ihre ersten geschlechtlichen Regungen
in der Kindheit und die Anlässe derselben. Diese Berichte leiden natürlich an dem
Mangel, daß sie die durch die infantile Amnesie verdeckte, prähistorische Vorzeit des
Geschlechtslebens nicht enthalten, welche nur durch Psychoanalyse bei einem
neurotisch gewordenen Individuum ergänzt werden kann. Dieselben sind aber trotz-
dem in mehr als einer Hinsicht wertvoll und Erkundigungen der gleichen Art haben
mich zu der im Text erwähnten Modifikation meiner ätiologischen Annahmen
bestimmt.
Freud, V.
66 Drei Abhandlimgen zur Sexualtheorie
geringe Widerstände, weil die seelischen Dämme gegen sexuelle
Ausschreitungen, Scham, Ekel und Moral, je nach dem Alter
des Kindes noch nicht aufgeführt oder erst in Bildung begriffen
sind. Das Kind verhält sich hierin nicht anders als etwa das
unkultivierte Durchschnittsweib, bei dem die nämliche polymorph
perverse Veranlagung erhalten bleibt. Dieses kann unter den
gewöhnlichen Bedingungen etwa sexuell normal bleiben, unter
der Leitung eines geschickten Verführers wird es an allen Per-
versionen Geschmack finden und dieselben für seine Sexual-
betätigung festhalten. Die nämliche polymorphe, also infantile,
Anlage beutet dann die Dirne für ihre Berufstätigkeit aus, und
bei der riesigen Anzahl der prostituierten Frauen und solcher,
denen man die Eignung zur Prostitution zusprechen muß, obwohl
sie dem Berufe entgangen sind, wird es endgültig unmöglich, in
der gleichmäßigen Anlage zu allen Perversionen nicht das
allgemein Menschliche und Ursprüngliche zu erkennen.
p.rtioitriebe Im übrigen hilft der Einfluß der Verführung nicht dazu,
die anfänglichen Verhältnisse des Geschlechtstriebes zu enthüllen,
sondern verwirrt unsere Einsicht in dieselben, indem er dem
Kinde vorzeitig das Sexualobjekt zuführt, nach dem der infantile
Sexualtrieb zunächst kein Bedürfnis zeigt. Indes müssen wir
zugestehen, daß auch das kindliche Sexualleben, bei allem Über-
wiegen der Herrschaft erogener Zonen, Komponenten zeigt, für
welche andere Personen als Sexualobjekte von Anfang an in
Betracht kommen. Solcher Art sind die in gewisser Unabhängig-
keit von erogenen Zonen auftretenden Triebe der Schau- und
Zeigelust und der Grausamkeit, die in ihre innigen Beziehungen
zum Genitalleben erst später eintreten, aber schon in den Kinder-
jahren als zunächst von der erogenen Sexualtätigkeit gesonderte,
selbständige Strebungen bemerkbar werden. Das kleine Kind ist
vor allem schamlos und zeigt in gewissen frühen Jahren ein
unzweideutiges Vergnügen an der Entblößung seines Körpers
mit besonderer Hervorhebung der Geschlechtsteile. Das Gegen-
I
Die infantile Sexualität
6 7
stück dieser als pervers geltenden Neigung, die Neugierde,
Genitalien anderer Personen zu sehen, wird wahrscheinlich erst
in etwas späteren Kinderjahren offenkundig, wenn das Hindernis
des Schamgefühles bereits eine gewisse Entwicklung erreicht hat.
Unter dem Einfluß der Verführung kann die Schauperversion
eine große Bedeutung für das Sexualleben des Kindes erreichen.
Doch muß ich aus meinen Erforschungen der Kinderjahre
Gesunder wie neurotisch Kranker den Schluß ziehen, daß der
Schautrieb beim Kinde als spontane Sexualäußerung aufzutreten
vermag. Kleine Kinder, deren Aufmerksamkeit einmal auf die
eigenen Genitalien — meist masturbatorisch — gelenkt ist, pflegen
den weiteren Fortschritt ohne fremdes Dazutun zu treffen und
lebhaftes Interesse für die Genitalien ihrer Gespielen zu ent-
wickeln. Da sich die Gelegenheit, solche Neugierde zu befriedigen,
meist nur bei der Befriedigung der beiden exkrementeilen
Bedürfnisse ergibt, werden solche Kinder zu Voyeurs, eifrigen
Zuschauern bei der Harn- und Kotentleerung anderer. Nach
eingetretener Verdrängung dieser Neigungen bleibt die Neugierde,
fremde Genitalien (des eigenen oder des anderen Geschlechtes)
zu sehen, als quälender Drang bestehen, der bei manchen neuro-
tischen Fällen dann die stärkste Triebkraft für die Symptom-
bildung abgibt.
In noch größerer Unabhängigkeit von der sonstigen, an
erogene Zonen gebundenen Sexualbetätigung entwickelt sich beim
Kinde die Grausamkeitskomponente des Sexualtriebes. Grausam-
keit liegt dem kindlichen Charakter überhaupt nahe, da . das
Hemmnis, welches den Bemächtigungstrieb vor dem Schmerz
des anderen haltmachen läßt, die Fähigkeit zum Mitleiden,
sich verhältnismäßig spät ausbildet. Die gründliche psycho-
logische Analyse dieses Triebes ist bekanntlich noch nicht geglückt;
wir dürfen annehmen, daß die grausame Regung vom
Bemächtigungstrieb herstammt und zu einer Zeit im Sexualleben
auftritt, da die Genitalien noch nicht ihre spätere Rolle auf-
5'
68
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
genommen haben. Sie beherrscht dann eine Phase des Sexual-
lebens, die wir später als prägenitale Organisation beschreiben
werden. Kinder, die sich durch besondere Grausamkeit gegen
Tiere und Gespielen auszeichnen, erwecken gewöhnlich mit Recht
den Verdacht auf intensive und vorzeitige Sexualbetätigung von
erogenen Zonen her, und bei gleichzeitiger Frühreife aller sexuellen
Triebe scheint die erogene Sexualbetätigung doch die primäre
zu sein. Der Wegfall der Mitleidsschranke bringt die Gefahr mit
sich, daß diese in der Kindheit erfolgte Verknüpfung der grau-
samen mit den erogenen Trieben sich späterhin im Leben als
unlösbar erweise.
Als eine erogene Wurzel des passiven Triebes zur Grausamkeit
(des Masochismus) ist die schmerzhafte Reizung der Gesäßhaut
allen Erziehern seit dem Selbstbekenntnis Jean Jacques Rousseaus
bekannt. Sie haben hieraus mit Recht die Forderung abgeleitet,
daß die körperliche Züchtigung, die zumeist diese Körperpartie
trifft, bei all den Kindern zu unterbleiben habe, bei denen durch
die späteren Anforderungen der Kulturerziehung die Libido auf
die kollateralen Wege gedrängt werden mag.'
Zu den obenstehenden Behauptungen über die infantile Sexualität war ich im
Jahre 1905 wesentlich durch die Resultate psychoanalytischer Erforschung von
Erwachsenen berechtigt. Die direkte Beobachtung am Kinde konnte damals nicht
im vollen Ausmaß benützt werden und hatte nur vereinzelte Winke und wertvolle
Bestätigungen ergeben. Seither ist es gelungen, durch die Analyse einzelner Falle
von nervöser Erkrankung im zarten Kindesalter einen direkten Einblick in die
infantile Psychosexualität zu gewinnen. Ich kann mit Befriedigung darauf verweisen
daß die direkte Beobachtung die Schlüsse aus der Psychoanalyse voll bekräftigt und
somit ein gutes Zeugnis für die Verläßlichkeit dieser letzteren I'orschungsmethode
abgegeben hat. — Die „Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben" [Bd. VIII
der Gesamtausgabe] hat überdies manches Neue gelehrt, worauf man von der
Psychoanalyse her nicht vorbereitet war, z. B. das Hinaufreichen einer sexuellen
Symbolik, einer Darstellung des Sexuellen durch nicht sexuelle Objekte und
Relationen bis in diese ersten Jahre der Sprachbeherrschung. Ferner wurde ich auf
einen Mangel der obenstehenden Darstellung aufmerksam gemacht, welche im
Interesse der Übersichtlichkeit die begriffliche Scheidung der beiden Phasen von
Autoerotismus und Objektliebe auch als eine zeitliche Trennung beschreibt
Man erfährt aber aus den zitierten Analysen (sowie aus den Mitteilungen von
Bell s. o.), daß Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren einer sehr deutlichen,
von starken Affekten begleiteten Objektwahl fähig sind.
Die infantile Sexualität
69
Die infantile Sexualforschung
Um dieselbe Zeit, da das Sexualleben des Kindes seine erste Der wuitrieb
Blüte erreicht, vom dritten bis zum fünften Jahr, stellen sich
bei ihm auch die Anfänge jener Tätigkeit ein, die man dem
Wiß- oder Forschertrieb zuschreibt. Der Wißtrieb kann weder
zu den elementaren Triebkomponenten gerechnet noch ausschließlich
der Sexualität untergeordnet werden. Sein Tun entspricht einer-
seits einer sublimierten. Weise der Bemächtigung, anderseits
arbeitet er mit der Energie der Schaulust. Seine Beziehungen
zum Sexualleben sind aber besonders bedeutsame, denn wir
haben aus der Psychoanalyse erfahren, daß der Wißtrieb der
Kinder unvermutet früh und in unerwartet intensiver Weise
von den sexuellen Problemen angezogen, ja vielleicht erst durch
sie geweckt wird.
Nicht theoretische, sondern praktische Interessen sind es, die d b > rilci
■ ■ g-y •§ d©r Sphinx
das Werk der Forschertätigkeit beim Kinde in drang bringen.
Die Bedrohung seiner Existenzbedingungen durch die erfahrene
oder vermutete Ankunft eines neuen Kindes, die Furcht vor
dem mit diesem Ereignis verbundenen Verlust an Fürsorge
und Liebe machen das Kind nachdenklich und scharfsinnig.
Das erste Problem, mit dem es sich beschäftigt, ist entsprechend
dieser Erweckungsgeschichte auch nicht die Frage des Geschlechts-
unterschiedes, sondern das Rätsel: Woher kommen die Kinder?
In einer Entstellung, die man leicht rückgängig machen kann,
ist dies auch das Rätsel, welches die thebaische Sphinx auf-
zugeben hat. Die Tatsache der beiden Geschlechter nimmt das
Kind vielmehr zunächst ohne Sträuben und Bedenken hin. Es
ist dem männlichen Kinde selbstverständlich, ein Genitale wie
das seinige bei allen Personen, die es kennt, vorauszusetzen, und
unmöglich, den Mangel eines solchen mit seiner Vorstellung
dieser anderen zu vereinen. Diese Überzeugung wird vom
Knaben energisch festgehalten, gegen die sich bald ergebenden
7° Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Widersprüche der Beobachtung hartnäckig verteidigt und erst
E5te°Zi nach scnweren inneren Kämpfen (Kastrationskomplex) aufgegeben.
Penisneid Die Ersatzbildungen dieses verloren gegangenen Penis des Weibes
spielen in der Gestaltung mannigfacher Perversionen eine große
Rolle.
Die Annahme des nämlichen (männlichen) Genitales bei allen
Menschen ist die erste der merkwürdigen und folgenschweren
infantilen Sexualtheorien. Es nützt dem Kinde wenig, wenn die
biologische Wissenschaft seinem Vorurteile recht geben und die
weibliche Klitoris als einen richtigen Penisersatz anerkennen muß.
Das kleine Mädchen verfällt nicht in ähnliche Abweisungen,
wenn es das anders gestaltete Genitale des Knaben erblickt. Es
ist sofort bereit, es anzuerkennen, und es unterliegt dem Penis-
neide, der in dem für die Folge wichtigen Wunsch, auch ein
Bub zu sein, gipfelt.
Ceburts- Viele Menschen wissen deutlich zu erinnern, wie intensiv sie
theoricn
sich in der Vorpubertätszeit für die Frage interessiert haben,
woher die Kinder kommen. Die anatomischen Lösungen lauteten
damals ganz verschiedenartig; sie kommen aus der Brust oder
werden aus dem Leib geschnitten oder der Nabel öffnet sich,
um sie durchzulassen. 2 An die entsprechende Forschung der frühen
Kinderjahre erinnert man sich nur selten außerhalb der Analyse;
sie ist längst der Verdrängung verfallen, aber ihre Ergebnisse
waren durchaus einheitliche. Man bekommt die Kinder, indem
man etwas Bestimmtes ißt (wie im Märchen), und sie werden
durch den Darm wie ein Stuhlabgang geboren. Diese kindlichen
Theorien mahnen an Einrichtungen im Tierreiche, speziell an
die Kloake der Typen, die niedriger stehen als die Säugetiere.
1) Man hat das Recht, auch von einem Kastrationskomplex bei Frauen zu sprechen.
Männliche wie weibliche Kinder bilden die Theorie, daß auch das Weib ursprünglich
einen Penis hatte, der durch Kastration verloren gegangen ist. Die endlich gewonnene
Überzeugung, daß das Weib keinen Penis besitzt, hinterläßt beim männlichen
Individuum oft eine dauernde Geringschätzung des anderen Geschlechts.
2) Der Reichtum an Sexualtlieorien ist in diesen späteren Kinderjahren ein sehr
großer. Im Text sind hie von nur wenige Beispiele angeführt.
Die infantile Sexualität 71
Werden Kinder in so zartem Alter Zuschauer des sexuellen j^*^ 8 **
Verkehres zwischen Erwachsenen, wozu die Überzeugung der de» Sexuai-
Großen, das kleine Kind könne noch nichts Sexuelles verstehen,
die Anlässe schafft, so können sie nicht umhin, den Sexualakt
als eine Art von Mißhandlung oder Überwältigung, also im
sadistischen Sinne aufzufassen. Die Psychoanalyse läßt uns auch
erfahren, daß ein solcher frühkindlicher Eindruck viel zur
Disposition für eine spätere sadistische Verschiebung des Sexual-
zieles beiträgt. Des weiteren beschäftigen sich Kinder viel mit
dem Problem, worin der Geschlechtsverkehr oder, wie sie es
erfassen, das Verheiratetsein bestehen mag, und suchen die
Lösung des Geheimnisses meist in einer Gemeinschaft, die durch
die Harn- oder Kotfunktion vermittelt wird.
Im allgemeinen kann man von den kindlichen Sexualtheorien Da« typische
O _ _ Mißlingen der
aussagen, daß sie Abbilder der eigenen sexuellen Konstitution kindlichen
des Kindes sind und trotz ihrer grotesken Irrtümer von mehr f orscnung
Verständnis für die Sexualvorgänge zeugen, als man ihren Schöpfern
zugemutet hätte. Die Kinder nehmen auch die Schwangerschafts-
veränderungen der Mutter wahr und wissen sie richtig zu
deuten; die Storchfabel wird sehr oft vor Hörern erzählt, die
ihr ein tiefes, aber meist stummes Mißtrauen entgegenbringen.
Aber da der kindlichen Sexualforschung zwei Elemente unbe-
kannt bleiben, die Rolle des befruchtenden Samens und die
Existenz der weiblichen Geschlechtsöffnung, — die nämlichen
Punkte übrigens, in denen die infantile Organisation noch rück-
ständig ist — , bleibt das Bemühen der infantilen Forscher doch
regelmäßig unfruchtbar und endet in einem Verzicht, der nicht
selten eine dauernde Schädigung des Wißtriebes zurückläßt. Die
Sexualforschung dieser frühen Kinderjahre wird immer einsam
betrieben; sie bedeutet einen ersten Schritt zur selbständigen
Orientierung in der Welt und setzt eine starke Entfremdung
des Kindes von den Personen seiner Umgebung, die vorher sein
volles Vertrauen genossen hatten.
7 2
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Prlg-enlUle
Organi-
sationen
Entwicklungsphasen der sexuellen Organisation
Wir haben bisher als Charaktere des infantilen Sexuallebens
hervorgehoben, daß es wesentlich autoerotisch ist (sein Objekt am
eigenen Leibe findet), und daß seine einzelnen Partialtriebe im
ganzen unverknüpft und unabhängig voneinander dem Lust-
erwerb nachstreben. Den Ausgang der Entwicklung bildet das
sogenannte normale Sexualleben des Erwachsenen, in welchem
der Lusterwerb in den Dienst der Fortpflanzungsfunktion getreten
ist, und die Partialtriebe unter dem Primat einer einzigen erogenen
Zone eine feste Organisation zur Erreichung des Sexualzieles an
einem fremden Sexualobjekt gebildet haben.
Das Studium der Hemmungen und Störungen in diesem Ent-
wicklungsgange mit Hilfe der Psychoanalyse gestattet uns nun
Ansätze und Vorstufen einer solchen Organisation der Partialtriebe
zu erkennen, die gleichfalls eine Art von sexuellem Regime
ergeben. Diese Phasen der Sexualorganisation werden normaler-
weise glatt durchlaufen, ohne sich durch mehr als Andeutungen
zu verraten. Nur in pathologischen Fällen werden sie aktiviert
und für grobe Beobachtung kenntlich.
Organisationen des Sexuallebens, in denen die Genitalzonen noch
nicht in ihre vorherrschende Rolle eingetreten sind, wollen wir
prägenitale heißen. Wir haben bisher zwei derselben kennen
gelernt, die wie Rückfälle auf frühtierische Zustände anmuten.
Eine erste solche prägenitale Sexualorganisation ist die orale
oder, wenn wir wollen, kannibalische. Die Sexualtätigkeit
ist hier von der Nahrungsaufnahme noch nicht gesondert, Gegen-
sätze innerhalb derselben nicht differenziert. Das Objekt der einen
Tätigkeit ist auch das der anderen, das Sexualziel besteht in der
Einverleibung des Objektes, dem Vorbild dessen, was später-
hin als Identifizierung eine so bedeutsame psychische Rolle
spielen wird. Als Rest dieser fiktiven, uns durch die Pathologie
aufgenötigten Organisationsphase kann das Lutschen angesehen
Die infantile Sexualität
70
werden, in dem die Sexualtätigkeit, von der Ernährungstätigkeit
abgelöst, das fremde Objekt gegen eines am eigenen Körper auf-
gegeben hat. 1
Eine zweite prägenitale Phase ist die der sadistisch-analen
Organisation. Hier ist die Gegensätzlichkeit, welche das Sexual-
leben durchzieht, bereits ausgebildet; sie kann aber noch nicht
männlich und weiblich, sondern muß aktiv und passiv
benannt werden. Die Aktivität wird durch den Bemächtigungs-
trieb von seiten der Körpermuskulatur hergestellt, als Organ mit
passivem Sexualziel macht sich vor allem die erogene Darm-
schleimhaut geltend 5 für beide Strebungen sind Objekte vorhanden,
die aber nicht zusammenfallen. Daneben betätigen sich andere
Partialtriebe in autoerotischer Weise. In dieser Phase sind also
die sexuelle Polarität und das fremde Objekt bereits nachweisbar.
Die Organisation und die Unterordnung unter die Fortpflanzungs-
funktion stehen noch aus. 2
Diese Form der Sexualorganisation kann sich bereits durchs Ambivalent
Leben erhalten und ein großes Stück der Sexualbetätigung dauernd
an sich reißen. Die Vorherrschaft des Sadismus und die Kloaken-
rolle der analen Zone geben ihr ein exquisit archaisches Gepräge.
Als weiterer Charakter gehört ihr an, daß die Triebgegensatzpaare
in annähernd gleicher Weise ausgebildet sind, welches Verhalten
mit dem glücklichen, von Bleuler eingeführten Namen Ambi-
valenz bezeichnet wird.
Die Annahme der prägenitalen Organisationen des Sexuallebens
ruht auf der Analyse der Neurosen und ist unabhängig von
1) Vgl. über Reste dieser Phase bei erwachsenen Neurotikern die Arbeit von
Abraham, Untersuchungen über die früheste prägenitale Entwicklungsstufe der
Libido (Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse IV, 1916). In einer späteren Arbeit (Versuch
einer Entwicklungsgeschichte der Libido 1924) hat Abraham sowohl diese orale als
auch die spätere sadistisch-anale Phase in zwei Unterabteilungen zerlegt, für welche
das verschiedene Verhalten zum Objekt charakteristisch ist.
2) Abraham macht (im letzterwähnten Aufsatze) darauf aufmerksam, daß der
After aus dem U r m u n d der embryonalen Anlagen hervorgeht, was wie ein bio-
logisches Vorbild der psychosexuellen Entwicklung erscheint.
74
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Zweiseitige
Objekt wähl
deren Kenntnis kaum zu würdigen. Wir dürfen erwarten, daß
die fortgesetzte analytische Bemühung uns noch weit mehr Auf-
schlüsse über Aufbau und Entwicklung der normalen Sexual-
funktion vorbereitet.
Um das Bild des infantilen Sexuallebens zu vervollständigen,
muß man hinzunehmen, daß häufig oder regelmäßig bereits in
den Kinderjahren eine Objektwahl vollzogen wird, wie wir sie
als charakteristisch für die Entwicklungsphase der Pubertät hin-
gestellt haben, in der Weise, daß sämtliche Sexualbestrebungen
die Richtung auf eine einzige Person nehmen, an der sie ihre
Ziele erreichen wollen. Dies ist dann die größte Annäherung an
die definitive Gestaltung des Sexuallebens nach der Pubertät, die
in den Kinderjahren möglich ist. Der Unterschied von letzterer
liegt nur noch darin, daß die Zusammenfassung der Partialtriebe
und deren Unterordnung unter das Primat der Genitalien in
der Kindheit nicht oder nur sehr unvollkommen durch-
gesetzt wird. Die Herstellung dieses Primats im Dienste der
Fortpflanzung ist also die letzte Phase, welche die Sexual-
organisation durchläuft. 1
Man kann es als ein typisches Vorkommnis ansprechen, daß
die Objektwahl zweizeitig, in zwei Schüben erfolgt. Der erste
Schub nimmt in den Jahren zwischen zwei und fünf seinen
Anfang und wird durch die Latenzzeit zum Stillstand oder zur
Rückbildung gebracht; er ist durch die infantile Natur seiner
S.exualziele ausgezeichnet. Der zweite setzt mit der Pubertät ein
und bestimmt die definitive Gestaltung des Sexuallebens.
1) Diese Darstellung habe ich spater (1925) selbst dahin verändert, daß ich nach
den beiden prägenitalen Organisationen in die Kiiidheilseutwicklung eine dritte Phase
einschaltete, welche bereits den Namen einer genitalen verdient, ein Sexualobjekt und
ein Maß von Konvergenz der Sexualstrebungen auf dies Objekt zeigt, sich aber in
einem wesentlichen Punkt von der definitiven Organisation der Geschlechtsreife unter-
scheidet. Sie kennt nämlich nur eine Art von Genitale, das männliche. Ich habe sie
darum die p h a 1 1 i s c h e Organisationsstufe genannt [Die infantile Gcnitalorganisation.
Intern. Zeitsclir. f.' Psychoanalyse, IX, 1923; Gesamtausgabe Bd. V]. Ihr biologisches
Vorbild ist nach Abraham die indifferente für beide Geschlechter gleichartige
Genitalanlage des Embryos.
Die infantile Sexualität
75
Die Tatsache der zweizeitigen Objektwahl, die sich im
wesentlichen auf die Wirkung der Latenzzeit reduziert, wird
aber höchst bedeutungsvoll für die Störung dieses Endzustandes.
Die Ergebnisse der infantilen Objektwahl ragen in die spätere
Zeit hinein 5 sie sind entweder als solche erhalten geblieben oder
sie erfahren zur Zeit der Pubertät selbst eine Auffrischung. Infolge
der Verdrängungsentwicklung, welche zwischen beiden Phasen
liest, erweisen sie sich aber als unverwendbar. Ihre Sexualziele
haben eine Milderung erfahren, und sie stellen nun das dar, was
wir als die zärtliche Strömung des Sexuallebens bezeichnen
können. Erst die psychoanalytische Untersuchung kann nach-
weisen, daß sich hinter dieser Zärtlichkeit, Verehrung und
Hochachtung die alten, jetzt unbrauchbar gewordenen Sexual-
strebungen der infantilen Partialtriebe verbergen. Die Objekt-
wahl der Pubertätszeit muß auf die infantilen Objekte verzichten
und als sinnliche Strömung von neuem beginnen. Das Nicht-
zusammentreffen der beiden Strömungen hat oft genug die Folge,
daß eines der Ideale des Sexuallebens, die Vereinigung aller
Begehrungen in einem Objekt, nicht erreicht werden kann.
Quellen der infantilen Sexualität
In dem Bemühen, die Ursprünge des Sexualtriebes zu verfolgen,
haben wir bisher gefunden, daß die sexuelle Erregung entsteht
a) als Nachbildung einer im Anschluß an andere organische
Vorgänge erlebten Befriedigung, b) durch geeignete peripherische
Reizung erogener Zonen, c) als Ausdruck einiger uns in ihrer
Herkunft noch nicht voll verständlicher „Triebe" wie der
Schautrieb und der Trieb zur Grausamkeit. Die aus späterer Zeit
auf die Kindheit zurückgreifende psychoanalytische Forschung und
die gleichzeitige Beobachtung des Kindes wirken nun zusammen, um
uns noch andere regelmäßig fließende Quellen für die sexuelle
Erregung aufzuzeigen. Die Kindheitsbeobachtung hat den Nach-
teil, daß sie leicht mißzuverstehende Objekte bearbeitet, die
7 6
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Psychoanalyse wird dadurch erschwert, daß sie zu ihren Objekten
wie zu ihren Schlüssen nur auf großen Umwegen gelangen kann;
in ihrem Zusammenwirken erzielen aber beide Methoden einen
genügenden Grad von Sicherheit der Erkenntnis.
Bei der Untersuchung der erogenen Zonen haben wir bereits
gefunden, daß diese Hautstellen bloß eine besondere Steigerung
einer Art von Reizbarkeit zeigen, welche in gewissem Grade der
ganzen Hautoberfläche zukommt. Wir werden also nicht erstaunt
sein zu erfahren, daß gewissen Arten allgemeiner Hautreizung
sehr deutliche erogene Wirkungen zuzuschreiben sind. Unter
diesen heben wir vor allem die Temperaturreize hervor ; vielleicht
wird so auch unser Verständnis für die therapeutische Wirkung
warmer Bäder vorbereitet,
■echaniache Ferner müssen wir hier die Erzeugung sexueller Erregung
durch rhythmische mechanische Erschütterungen des Körpers
anreihen, an denen wir dreierlei Reizeinwirkungen zu sondern
haben, die auf den Sinnesapparat der Vestibularnerven, die auf
die Haut und auf die tiefen Teile (Muskeln, Gelenkapparate).
Wegen der dabei entstehenden Lustempfindungen — es ist der
Hervorhebung wert, daß wir hier eine ganze Strecke weit
„sexuelle Erregung" und „Befriedigung" unterschiedslos gebrauchen
dürfen, und legt uns die Pflicht auf, später nach einer Erklärung
zu suchen 5 — es ist also ein Beweis für die durch gewisse
mechanische Körpererschütterungen erzeugte Lust, daß Kinder
passive Bewegungsspiele, wie Schaukeln und Fliegenlassen, so sehr
lieben und unaufhörlich nach Wiederholung davon verlangen. 1
Das Wiegen wird bekanntlich zur Einschläferung unruhiger
Kinder regelmäßig angewendet. Die Erschütterungen der Wagen-
fahrt und später der Eisenbahnfahrt üben eine so faszinierende
Wirkung auf ältere Kinder aus, daß wenigstens alle Knaben
irgend einmal im Leben Kondukteure und Kutscher werden
1) Manche Personen wissen sich zu erinnern, daß sie beim Schaukeln den Anprall
der bewegten Luft an den Genitalien direkt als sexuelle Luit verspürt haben.
Die infantile Sexualität 77
wollen. Den Vorgängen auf der Eisenbahn pflegen sie ein rätsel-
haftes Interesse von außerordentlicher Höhe zuzuwenden und
dieselben im Alter der Phantasietätigkeit (kurz vor der Pubertät)
zum Kern einer exquisit sexuellen Symbolik zu machen. Der
Zwang zu solcher Verknüpfung des Eisenbahnfahrens mit der
Sexualität geht offenbar von dem Lustcharakter der Bewegungs-
empfindungen aus. Kommt dann die Verdrängung hinzu, die so
vieles von den kindlichen Bevorzugungen ins Gegenteil um-
schlagen läßt, so werden dieselben Personen als Heranwachsende
oder Erwachsene auf Wiegen und Schaukeln mit Üblichkeit
reagieren, durch eine Eisenbahnfahrt furchtbar erschöpft werden
oder zu Angstanfällen auf der Fahrt neigen und sich durch
Eisenbahnangst vor der Wiederholung der peinlichen Erfahrung
schützen.
Hier reiht sich dann — noch unverstanden — die Tatsache
an, daß durch Zusammentreffen von Schreck und mechanischer
Erschütterung die schwere hysteriforme traumatische Neurose
erzeugt wird. Man darf wenigstens annehmen, daß diese Einflüsse,
die in geringen Intensitäten zu Quellen sexueller Erregung werden,
in übergroßem Maße einwirkend eine tiefe Zerrüttung des
sexuellen Mechanismus oder Chemismus hervorrufen.
Daß ausgiebige aktive Muskelbetätigung für das Kind ein Muakd-
Bedürfnis ist, aus dessen Befriedigung es außerordentliche Lust '"'" ''"'
schöpft, ist bekannt. Ob diese Lust etwas mit der Sexualität zu
tun hat, ob sie selbst sexuelle Befriedigung einschließt oder
Anlaß zu sexueller Erregung werden kann, das mag kritischen
Erwägungen unterliegen, die sich ja auch wohl gegen die im
vorigen enthaltene Aufstellung richten werden, daß die Lust
durch die Empfindungen passiver Bewegung sexueller Art ist
oder sexuell erregend wirkt. Tatsache ist aber, daß eine Reihe
von Personen berichten, sie hätten die ersten Zeichen der
Erregtheit an ihren Genitalien während des Raufens oder Ringens
mit ihren Gespielen erlebt, in welcher Situation außer der
7 8
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Affekt-
vorgänge
allgemeinen Muskelanstrengung noch die ausgiebige Hautberührung
mit dem Gegner wirksam wird. Die Neigung zum Muskelstreit
mit einer bestimmten Person, wie in späteren Jahren zum Wort-
streit („Was sich liebt, das neckt sich"), gehört zu den guten
Vorzeichen der auf diese Person gerichteten Objektwahl. In der
Beförderung der sexuellen Erregung durch Muskel tätigkeit wäre
eine der Wurzeln des sadistischen Triebes zu erkennen. Für viele
Individuen wird die infantile Verknüpfung zwischen Raufen und
sexueller Erregung mitbestimmend für die später bevorzugte
Richtung ihres Geschlechtstriebes. 1
Minderem Zweifel unterliegen die weiteren Quellen sexueller
Erregung beim Kinde. Es ist leicht, durch gleichzeitige Beobachtung
wie durch spätere Erforschung festzustellen, daß alle intensiveren
Affektvorgänge, selbst die schreckhaften Erregungen auf die
Sexualität übergreifen, was übrigens einen Beitrag zum Verständnis
der pathogenen Wirkung solcher Gemütsbewegungen liefern kann.
Beim Schulkinde kann die Angst, geprüft zu werden, die Spannung
einer sich schwer lösenden Aufgabe, für den Durchbruch sexueller
Äußerungen wie für das Verhältnis zur Schule bedeutsam werden,
indem unter solchen Umständen häufig genug ein Reizgefühl
auftritt, welches zur Berührung der Genitalien auffordert, oder
ein pollutionsartiger Vorgang mit all seinen verwirrenden Folgen.
Das Benehmen der Kinder in der Schule, welches den Lehrern
Rätsel genug aufgibt, verdient überhaupt in Beziehung zur
keimenden Sexualität derselben gesetzt zu werden. Die sexuell
erregende Wirkung mancher an sich unlustiger Affekte, des
Angstigens, Schauderns, Grausens erhält sich bei einer großen
Anzahl Menschen auch durchs reife Leben und ist wohl die
1) Die Analyse der Fälle von neurotischer Gehstörung und Raumangst hebt den
Zweifel an der sexuellen Natur der Bewcgungslust auf. Die moderne Kulturerzichung
bedient sich bekanntlich des Sports im großen Umfang, um die Jugend von der
Sexualbetätigung abzulenken; richtiger wäre es zu sagen, sie ersetzt ihr den Scxual-
genuD durch die Bewegungslust und drängt die Scxualbetätigung auf eine ihrer
autoerotischen Komponenten zurück.
Die infantile Sexualität 79
Erklärung dafür, daß soviel Personen der Gelegenheit zu solchen
Sensationen nachjagen, wenn nur gewisse Nebenumstände (die
Angehörigkeit zu einer Scheinwelt, Lektüre, Theater) den Ernst
der Unlustempfindung dämpfen.
Ließe sich annehmen, daß auch intensiven schmerzhaften
Empfindungen die gleiche erogene Wirkung zukommt, zumal
wenn der Schmerz durch eine Nebenbedingung abgetönt oder
ferner gehalten wird, so läge in diesem Verhältnis eine der
Hauptwurzeln für den masochistisch-sadistischen Trieb, in dessen
vielfältige Zusammengesetztheit wir so allmählich Einblick
gewinnen. 1
Endlich ist es unverkennbar, daß die Konzentration der intellektuelle
Aufmerksamkeit auf eine intellektuelle Leistung und geistige
Anspannung überhaupt bei vielen jugendlichen wie reiferen
Personen eine sexuelle Miterregung zur Folge hat, die wohl als
die einzig berechtigte Grundlage für die sonst so zweifelhafte
Ableitung nervöser Störungen von geistiger „Überarbeitung' zu
gelten hat.
Überblicken wir nun nach diesen weder vollständig noch
vollzählig mitgeteilten Proben und Andeutungen die Quellen der
kindlichen Sexualerregung, so lassen sich folgende Allgemein-
heiten ahnen oder erkennen: Es scheint auf die ausgiebigste
Weise dafür gesorgt, daß der Prozeß der Sexualerregung —
dessen Wesen uns nun freilich recht rätselhaft geworden ist — in
Gang gebracht werde. Es sorgen dafür vor allem in mehr oder
minder direkter Weise die Erregungen der sensiblen Ober-
flächen — Haut und Sinnesorgane — , am unmittelbarsten die
Reizeinwirkungen auf gewisse als erogene Zonen zu bezeichnende
Stellen. Bei diesen Quellen der Sexualerregung ist wohl die
Qualität der Reize das Maßgebende, wenngleich das Moment
der Intensität (beim Schmerz) nicht völlig gleichgültig ist. Aber
überdies sind Veranstaltungen im Organismus vorhanden, welche
1) (Der sogenannte „erogene" Masochismus).
8o Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
zur Folge haben, daß die Sexualerregung als Nebenwirkung bei
einer großen Reihe innerer Vorgänge entsteht, sobald die
Intensität dieser Vorgänge nur gewisse quantitative Grenzen
überstiegen hat. Was wir die Partialtriebe der Sexualität genannt
haben, leitet sich entweder direkt aus diesen inneren Quellen
der Sexualerregung ab oder setzt sich aus Beiträgen von solchen
Quellen und von erogenen Zonen zusammen. Es ist möglich,
daß nichts Bedeutsameres im Organismus vorfällt, was nicht seine
Komponente zur Erregung des Sexualtriebes abzugeben hätte.
Es scheint mir derzeit nicht möglich, diese allgemeinen Sätze
zu größerer Klarheit und Sicherheit zu bringen, und ich mache
dafür zwei Momente verantwortlich, erstens die Neuheit der
ganzen Betrachtungsweise und zweitens den Umstand, daß uns
das Wesen der Sexualerregung völlig unbekannt ist. Doch möchte
ich auf zwei Bemerkungen nicht verzichten, welche Ausblicke
ins Weite zu eröffnen versprechen:
venchiedene a ) Sowie wir vorhin einmal die Möglichkeit sahen, eine
■utntionen Mannigfaltigkeit der angeborenen sexuellen Konstitutionen durch
die verschiedenartige Ausbildung der erogenen Zonen zu begründen,
so können wir nun das gleiche mit Einbeziehung der indirekten
Quellen der Sexualerregung versuchen. Wir dürfen annehmen,
daß diese Quellen zwar bei allen Individuen Zuflüsse liefern, aber
nicht alle bei allen Personen gleich starke, und daß in der
bevorzugten Ausbildung der einzelnen Quellen zur Sexualerregung
ein weiterer Beitrag zur Differenzierung der verschiedenen Sexual-
konstitutionen gelegen sein wird. 1
irl SuT lL ^ Indem wir die solange festgehaltene figürliche Ausdrucks-
.einfinMong weise fallen lassen, in der wir von „Quellen" der Sexualerregung
l) Als unabweisbare Folgerung aus den obigen Ausführungen ergibt sich, daß
jedem Individuum eine Oral-, Anal-, Harnerotik usw. zugesprochen werden muß,
und daß die Konstatierung der diesen entsprechenden seelischen Komplexe kein
Urteil auf Abnormität oder Neurose bedeutet. Die Unterschiede, die das Normale
vom Abnormen trennen, können nur in der relativen Stärke der einzelnen Kom-
ponenten des Sexualtriebes und in der Verwendung liegen, die sie im Laufe der
•Entwicklung erfahren.
Die infantile Sexualität 81
sprachen, können wir auf die Vermutung gelangen, daß alle die
Verbindungswege, die von anderen Funktionen her zur Sexualität
führen, auch in umgekehrter Richtung gangbar sein müssen. Ist
wie zum Beispiel der beiden Funktionen gemeinsame Besitz der
Lippenzone der Grund dafür, daß bei der Nahrungsaufnahme
Sexualbefriedigung entsteht, so vermittelt uns dasselbe Moment
auch das Verständnis der Störungen in der Nahrungsaufnahme,
wenn die erogenen Funktionen der gemeinsamen Zone gestört
sind. Wissen wir einmal, daß Konzentration der Aufmerksamkeit
Sexualerregung hervorzurufen vermag, so wird uns die Annahme
nahegelegt, daß durch Einwirkung auf demselben Wege, nur in
umgekehrter Richtung, der Zustand der Sexualerregung die
Verfügbarkeit über die lenkbare Aufmerksamkeit beeinflußt. Ein
gutes Stück der Symptomatologie der Neurosen, die ich von
Störungen der Sexualvorgänge ableite, äußert sich in Störungen
der anderen nicht sexuellen Körperfunktionen, und diese bisher
unverständliche Einwirkung wird minder rätselhaft, wenn sie nur
das Gegenstück zu den Beeinflussungen darstellt, unter denen
die Produktion der Sexualerregung steht.
Die nämlichen Wege aber, auf denen Sexualstörungen auf die
übrigen Körperfunktionen übergreifen, müßten auch in der
Gesundheit einer anderen wichtigen Leistung dienen. Auf ihnen
müßte sich die Heranziehung der sexuellen Triebkräfte zu
anderen als sexuellen Zielen, also die Sublimierung der Sexualität
vollziehen. Wir müssen mit dem Eingeständnis schließen, daß
über diese gewiß vorhandenen, wahrscheinlich nach beiden
Richtungen gangbaren Wege noch sehr wenig Sicheres bekannt ist.
Freud, V.
III
DIE UMGESTALTUNGEN DER PUBERTÄT
Mit dem Eintritt der Pubertät setzen die Wandlungen ein,
welche das infantile Sexualleben in seine endgültige normale
Gestaltung überführen sollen. Der Sexualtrieb war bisher vor-
wiegend autoerotisch, er findet nun das Sexualobjekt. Er betätigte
sich bisher von einzelnen Trieben und erogenen Zonen aus, die
unabhängig voneinander eine gewisse Lust als einziges Sexualziel
suchten. Nun wird ein neues Sexualziel gegeben, zu dessen
Erreichung alle Partialtriebe zusammenwirken, während die erogenen
Zonen sich dem Primat der Genitalzone unterordnen.' Da das
neue Sexualziel den beiden Geschlechtern sehr verschiedene
Funktionen anweist, geht deren Sexualentwicklung nun weit
auseinander. Die des Mannes ist die konsequentere, auch unserem
Verständnis leichter zugängliche, während beim Weibe sogar eine
Art Rückbildung auftritt. Die Normalität des Geschlechtslebens
wird nur durch das exakte Zusammentreffen der beiden auf
Sexualobjekt und Sexualziel gerichteten Strömungen, der zärt-
lichen und der sinnlichen, gewährleistet, von denen die erstere
in sich faßt, was von der infantilen Frühblüte der Sexualität
erübrigt. Es ist wie der Durchschlag eines Tunnels von beiden
Seiten her.
l) Die im Text gegebene schcmntische Durstellung will die Differenzen hervor-
heben. Inwieweit sich die infantile Sexunlität durch ihre Objektwiihl und die Ausbildung
der phallischen Phase der definitiven Scxualorganisation annähert, ist vorhin S. 74
ausgeführt worden.
Die Umgestaltungen der Pubertät 85
Das neue Sexualziel besteht beim Manne in der Entladung
der Geschlechtsprodukte; es ist dem früheren, der Erreichung
von Lust keineswegs fremd, vielmehr ist der höchste Betrag
von Lust an diesen Endakt des Sexualvorganges geknüpft. Der
Sexualtrieb stellt sich jetzt in den Dienst der Fortpflanzungs-
funktion; er wird sozusagen altruistisch. Soll diese Umwandlung
gelingen, so muß beim Vorgang derselben mit den ursprüng-
lichen Anlagen und allen Eigentümlichkeiten der Triebe gerechnet
werden.
Wie bei jeder anderen Gelegenheit, wo im Organismus neue
Verknüpfungen und Zusammensetzungen zu komplizierten Mecha-
nismen stattfinden sollen, ist auch hier die Gelegenheit zu krank-
haften Störungen durch Unterbleiben dieser Neuordnungen gegeben.
Alle krankhaften Störungen des Geschlechtslebens sind mit gutem
Rechte als Entwicklungshemmungen zu betrachten.
Das Primat der Genitalzoiien und die Vorlust
Von dem beschriebenen Entwicklungsgang liegen Ausgang und
Endziel klar vor unseren Augen. Die vermittelnden Übergänge
sind uns noch vielfach dunkel; wir werden an ihnen mehr als
ein Rätsel bestehen lassen müssen.
Man hat das Auffälligste an den Pubertätsvorgängen zum
Wesentlichen derselben gewählt, das manifeste Wachstum der
äußeren Genitalien, an denen sich die Latenzperiode der Kindheit
durch relative Wachstumshemmung geäußert hatte. Gleichzeitig
ist die Entwicklung der inneren Genitalien so weit vorgeschritten,
daß sie Geschlechtsprodukte zu liefern, respektive zur Gestaltung
eines neuen Lebewesens aufzunehmen vermögen. Ein höchst
komplizierter Apparat ist so fertig geworden, der seiner Inan-
spruchnahme harrt.
Dieser Apparat soll durch Reize in Gang gebracht werden
und nun läßt uns die Beobachtung erkennen, daß Reize ihn auf
.dreierlei Wegen angreifen können, von der Außenwelt her durch
84 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
■pannunp
Erregung der uns schon bekannten orogenen Zonen, von dem
organischen Innern her auf noch zu erforschenden Wegen und
von dem Seelenleben aus, welches selbst eine Aufbewahrungs-
stätte äußerer Eindrücke und eine Aufnahmsstelle innerer Erregungen
darstellt. Auf allen drei Wegen wird das nämliche hervorgerufen,
ein Zustand, der als „sexuelle Erregtheit" bezeichnet wird und
sich durch zweierlei Zeichen kundgibt, seelische und somatische.
Das seelische Anzeichen besteht in einem eigentümlichen
Spannungsgefühl von höchst drängendem Charakter; unter den
mannigfaltigen körperlichen steht an erster Stelle eine Reihe von
Veränderungen an den Genitalien, die einen unzweifelhaften Sinn
haben, den der Bereitschaft, der Vorbereitung zum Sexualakt. (Die
Erektion des männliches Gliedes, das Feuchtwerden der Scheide.)
Die sexual- An den Spannungscharakt ei der sexuellen Erregtheit knüpft
ein Problem an, dessen Lösung ebenso schwierig wie für die
Auffassung der Sexualvorgänge bedeutsam wäre. Trotz aller in
der Psychologie darüber herrschenden Meinungsverschiedenheiten
muß ich daran festhalten, daß ein Spannungsgefühl den Unlust-
charakter an sich tragen muß. Für mich ist entscheidend, daß
ein solches Gefühl den Drang nach Veränderung der psychischen
Situation mit sich bringt, treibend wirkt, was dem Wesen der
empfundenen Lust völlig fremd ist. Rechnet man aber die
Spannung der sexuellen Erregtheit ZU den Unlustgefühlen, so
stößt man sich an der Tatsache, daß dieselbe unzweifelhaft
lustvoll empfunden wird. Überall ist bei der durch die Sexual-
vorgänge erzeugten Spannung Lust dabei; selbst bei den
Vorbereitungsveränderungen der Genitalien ist eine Art von
Befriedigungsgefühl deutlich. Wie hängen nun diese Unlustspannung
und dieses Lustgefühl zusammen ?
Alles, was mit dem Lust- und Unlustproblem zusammenhängt,
rührt an eine der wundesten Stellen der heutigen Psychologie.
Wir wollen versuchen, möglichst aus den Bedingungen des uns
vorliegenden Falles zu lernen und es vermeiden, dem Problem
Die Umgestaltungen der Pubertät 85
in seiner Gänze näher zu treten. 1 Werfen wir zunächst einen Blick
auf die Art, wie die erogenen Zonen sich der neuen Ordnung
einfügen. Ihnen fällt eine wichtige Rolle bei der Einleitung der
sexuellen Erregung zu. Die dem Sexualobjekt vielleicht entlegenste,
das Auge, kommt unter den Verhältnissen der Objektwerbung am
häufigsten in die Lage, durch jene besondere Qualität der Erregung,
deren Anlaß wir am Sexualobjekt als Schönheit bezeichnen, gereizt
zu werden. Die Vorzüge des Sexualobjektes werden darum auch
„Reize" geheißen. Mit dieser Reizung ist einerseits bereits Lust
verbunden, andererseits ist eine Steigerung der sexuellen Erregtheit
oder ein Hervorrufen derselben, wo sie noch fehlt, ihre Folge.
Kommt die Erregung einer anderen erogenen Zone, zum Beispiel
der tastenden Hand, hinzu, so ist der Effekt der gleiche, Lust-
empfindung einerseits, die sich bald durch die Lust aus den
Bereitschaftsveränderungen verstärkt, weitere Steigerung der Sexual-
spannung andererseits, die bald in deutlichste Unlust übergeht,
wenn ihr nicht gestattet wird, weitere Lust herbeizuführen. Durch-
sichtiger ist vielleicht noch ein anderer Fall, wenn zum Beispiel
bei einer sexuell nicht erregten Person eine erogene Zone, etwa
die Brusthaut eines Weibes, durch Berührung gereizt wird. Diese
Berührung ruft bereits ein Lustgefühl hervor, ist aber gleichzeitig
wie nichts anderes geeignet, die sexuelle Erregung zu wecken,
die nach einem Mehr von Lust verlangt. Wie es zugeht, daß die
empfundene Lust das Bedürfnis nach größerer Lust hervorruft,
das ist eben das Problem.
Die Rolle aber, die dabei den erogenen Zonen zufällt, ist klar. vorin«t-
Was für eine galt, gilt für alle. Sie werden sämtlich dazu ver-
wendet, durch ihre geeignete Reizung einen gewissen Betrag
von Lust zu liefern, von dem die Steigerung der Spannung
ausgeht, welche ihrerseits die nötige motorische Energie aufzubringen
1) Vgl, einen Versuch zur Lösung dieses Problems in den einleitenden Bemerkungen
meines Aufsatzes „Das ökonomische Problem des Masochisnius" 1924. [Intern. Zeitschr.
f. PsA., X; Gesamtausgabe Bd. V].
86 Drei. Abhandlungen zur Sexualtheorn-
hat, um den Sexualakt zu Ende zu führen. Das vorletzte Stück
desselben ist wiederum die geeignete Reizung einer erogenen
Zone, der Genitalzone selbst an der Glans Penis, durch das dazu
geeignetste Objekt, die Schleimhaut der Scheide, und unter der
Lust, welche diese Erregung gewährt, wird diesmal auf reflekto-
rischem Wege die motorische Energie gewonnen, welche die
Herausbeförderung der Geschlechtsstoffe besorgt. Diese letzte Lust
ist ihrer Intensität nach die höchste, in ihrem Mechanismus
von der früheren verschieden. Sie wird ganz durch Entlastung
hervorgerufen, ist ganz Befriedigungslust und mit ihr erlischt
zeitweilig die Spannung der Libido.
Es scheint mir nicht unberechtigt, diesen Unterschied in dem
Wesen der Lust durch Erregung erogener Zonen und der anderen
bei Entleerung der Sexualstoffe durch eine Namengebung zu
fixieren. Die erstere kann passend als Vorlust bezeichnet werden
im Gegensatz zur Endlust oder Befriedigungslust der Sexual-
tätigkeit. Die Vorlust ist dann dasselbe, was bereits der infantile
Sexualtrieb, wenngleich in verjüngtem Maße, ergeben konnte*
die Endlust ist neu, also wahrscheinlich an Bedingungen geknüpft,
die erst mit der Pubertät eingetreten sind. Die Formel für die
neue Funktion der erogenen Zonen lautete nun : Sie werden dazu
verwendet, um mittels der von ihnen wie im infantilen Leben
zu gewinnenden Vorlust die Herbeiführung der größeren Befrie-
digungslust zu ermöglichen.
Ich habe vor kurzem ein anderes Beispiel, aus einem ganz
verschiedenen Gebiet des seelischen Geschehens erläutern können,
in welchem gleichfalls ein größerer Lusteffekl vermöge einer
geringfügigeren Lustempfindung, die dabei wie eine Verlockungs-
prämie wirkt, erzielt wird. Dort ergab sich auch die Gelegenheit,
auf das Wesen der Lust näher einzugehen. 1
1) Siehe meine 1905 erschienene Studie „D e r W i 1 1 und seine Beziehung
zum Unbewußten". (Band IX der Gesamtausgabe.) Die durch die Witztechnik
gewonnene „Vorlust" wird dazu verwendet, eine größere Lust durch die Aufhebung
innerer Hemmungen frei zu machen.
Die Umgestaltungen der Pubertät 87
Der Zusammenhang der Vorlust aber mit dem infantilen Gefahren
. der Vortust
Sexualleben wird durch die pathogene Rolle, die ihr zufallen
kann, bekräftigt. Aus dem Mechanismus, in dem die Vorlust
aufgenommen ist, ergibt sich für die Erreichung des normalen
Sexualzieles offenbar eine Gefahr, die dann eintritt, wenn an
irgendeiner Stelle der vorbereitenden Sexualvorgänge die Vorlust
zu groß, ihr Spannungsanteil zu gering ausfallen sollte. Dann
entfällt die Triebkraft, um den Sexualvorgang weiter fortzusetzen,
der ganze Weg verkürzt sich, die betreffende vorbereitende Aktion
tritt an Stelle des normalen Sexualziels. Dieser schädliche Fall hat
erfahrungsgemäß zur Bedingung, daß die betreffende erogene Zone
oder der entsprechende Partialtrieb schon im infantilen Leben in
ungewöhnlichem Maße zur Lustgewinnung beigetragen hatte.
Kommen noch Momente hinzu, welche auf die Fixierung hin-
wirken, so entsteht leicht fürs spätere Leben ein Zwang, welcher
sich der Einordnung dieser einen Vorlust in einen neuen Zusammen-
hang widersetzt. Solcherart ist in der Tat der Mechanismus vieler
Perversionen, die ein Verweilen bei vorbereitenden Akten des
Sexualvorganges darstellen.
Das Fehlschlagen der Funktion des Sexualmechanismus durch
die Schuld der Vorlust wird am ehesten vermieden, wenn das
Primat der Genitalzonen gleichfalls bereits im infantilen Leben
vorgezeichnet ist. Dazu scheinen die Anstalten wirklich in der
zweiten Hälfte der Kinderzeit (von acht Jahren bis zur Pubertät)
getroffen zu sein. Die Genitalzonen benehmen sich in diesen
Jahren bereits in ähnlicher Weise wie zur Zeit der Reife, sie
werden der Sitz von Erregungssensationen und Bereitschaftsver-
änderungen, wenn irgendwelche Lust durch Befriedigung anderer
erogener Zonen empfunden wird, obwohl dieser Effekt noch
zwecklos bleibt, das heißt nichts dazu beiträgt, den Sexualvorgang
fortzusetzen. Es entsteht also bereits in den Kinder jähren neben
der Befriedigungslust ein gewisser Betrag von Sexualspannung,
obwohl minder konstant und weniger ausgiebig, und nun können
I
88 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
wir verstehen, warum wir bei der Erörterung der Quellen der
Sexualität mit ebenso gutem Recht sagen konnten, der betreffende
Vorgang wirke sexuell befriedigend, wie er wirke sexuell erregend.
Wir merken, daß wir auf dem Wege zur Erkenntnis uns die
Unterschiede des infantilen und des reifen Sexuallebens zunächst
übertrieben groß vorgestellt haben, und tragen nun die Korrektur
nach. Nicht nur die Abweichungen vom normalen Sexualleben,
sondern auch die normale Gestaltung desselben wird durch die
infantilen Äußerungen der Sexualität bestimmt.
Das Problem der Sexualerregung
Es ist uns durchaus unaufgeklärt geblieben, woher die Sexual-
spannung rührt, die bei der Befriedigung erogener Zonen gleich-
zeitig mit der Lust entsteht, und welches das Wesen derselben
ist. 1 Die nächste Vermutung, diese Spannung ergebe sich irgendwie
aus der Lust selbst, ist nicht nur an sich sehr unwahrscheinlich,
sie wird auch hinfällig, da bei der größten Lust, die an die
Entleerung der Geschlechtsprodukte geknüpft ist, keine Spannung
erzeugt, sondern alle Spannung aufgehoben wird. Lust und Scxual-
spannung können also nur in indirekter Weise zusammenhängen.
Roiie der Außer der Tatsache, daß normalerweise allein die Entlastung
von den Sexualstoffen der Sexualerregung ein Ende macht, hat
man noch andere Anhaltspunkte, die Sexualspnnnung in Beziehung
zu den Sexualprodukten zu bringen. Bei enthaltsamem Leben pflegt,
der Geschlechtsapparat in wechselnden, aber nicht regellosen
Perioden nächtlicherweise sich unter Lustempfindung und während
der Traumhalluzination eines sexuellen Aktes der Sexualstoffe zu
entledigen, und für diesen Vorgang — die nächtliche Pollution —
1) Es ist überaus lehrreich, daß die deutsche Sprache der im Text erwähnten
Rolle der vorbereitenden sexuellen Erregungen, welche gleichzeitig einen Anteil
Befriedigung und einen Beitrag zur Sexualspanmuig liefern, im Gebrauche des Worte»
„Lust" Rechnung trägt. „Lust" ist doppelsinnig und bezeichnet ebensowohl die
Empfindimg der Sexualsponnung (Ich hübe Lust = ich möchte, ich verspüre den
Drang) als auch die der Befricdigiuig.
Die Umgestaltungen der Pubertät 89
ist die Auffassung schwer abzuweisen, daß die Sexualspannung, die
den kurzen halluzinatorischen Weg zum Ersatz des Aktes zu finden
weiß, eine Funktion der Samenanhäufung in den Reservoirs für
die Geschlechtsprodukte sei. Im gleichen Sinne sprechen die
Erfahruno-en, die man über die Erschöpfbarkeit des sexuellen
Mechanismus macht. Bei entleertem Samenvorrat ist nicht nur
die Ausführung des Sexualaktes unmöglich, es versagt auch die
Reizbarkeit der erogenen Zonen, deren geeignete Erregung dann
keine Lust hervorrufen kann. Wir erfahren so nebenbei, daß ein
gewisses Maß sexueller Spannung selbst für die Erregbarkeit der
erogenen Zonen erforderlich ist.
Man würde so zur Annahme gedrängt, die, wenn ich nicht
irre, ziemlich allgemein verbreitet ist, daß die Anhäufung der
Sexualstoffe die Sexualspannung schafft und unterhält, etwa indem
der Druck dieser Produkte auf die Wandung ihrer Behälter als
Reiz auf ein spinales Zentrum wirkt, dessen Zustand von höheren
Zentren wahrgenommen wird und dann für das Bewußtsein die
bekannte Spannungsempfindung ergibt. Wenn die Erregung
erogener Zonen die Sexualspannung steigert, so könnte dies nur
so zugehen, daß die erogenen Zonen in vorgebildeter anatomischer
Verbindung mit diesen Zentren stehen, den Tonus der Erregung
daselbst erhöhen, bei genügender Sexualspannung den sexuellen
Akt in Gang bringen und bei ungenügender die Produktion der
Geschlechtsstoffe anregen.
Die Schwäche dieser Lehre, die man z. B. in v. Kr äff t-
Ebings Darstellung der Sexualvorgänge angenommen findet,
lie<n darin, daß sie, für die Geschlechtstätigkeit des reifen Mannes
Beschaffen, auf dreierlei Verhältnisse wenig Rücksicht nimmt,
deren Aufklärung sie gleichfalls liefern sollte. Es sind dies die
Verhältnisse beim Kinde, beim Weibe und beim männlichen
Kastraten. In allen drei Fällen ist von einer Anhäufung von
Geschlechtsprodukten im gleichen Sinne wie beim Manne nicht
die Rede, was die glatte Anwendung des Schemas erschwert;
9°
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
doch ist ohneweiters zuzugeben, daß sich Auskünfte finden ließen,
welche die Unterordnung auch dieser Fälle ermöglichen würden.
Auf jeden Fall bleibt die Warnung bestehen, dem Faktor der
Anhäufung der Geschlechtsprodukte nicht Leistungen aufzubürden,
deren er unfähig scheint.
Ein.chfitmng Daß die Sexualerregung in beachtenswertem Grade unabhängig
Geschlechts- von der Produktion der Geschlechtsstoffe sein kann, scheinen die
Beobachtungen an männlichen Kastraten zu ergeben, bei denen
gelegentlich die Libido der Beeinträchtigung durch die Operation
entgeht, wenngleich das entgegengesetzte Verhalten, das ja die
Operation motiviert, die Regel ist. Überdies weiß man ja längst,
daß Krankheiten, welche die Produktion der männlichen Geschlechts-
zellen vernichtet haben, die Libido und Potenz des nun sterilen
Individuums ungeschädigt lassen. Es ist dann keineswegs so ver-
wunderlich, wie C. Rieger es hinstellt, daß der Verlust der
männlichen Keimdrüsen im reiferen Alter ohne weiteren Einfluß
auf das seelische Verhalten des Individuums bleiben kann. Die
im zarten Alter vor der Pubertät vorgenommene Kastration nähert
sich zwar in ihrer Wirkung dem Ziel einer Aufhebung der
Geschlechtscharaktere, allein auch dabei könnte außer dem Verlust
der Geschlechtsdrüsen an sich eine mit deren Wegfall verknüpfte
Entwicklungshemmung anderer Faktoren in Betracht kommen.
Tierversuche mit Entfernung der Keimdrüsen (Hoden und
Ovarien) und entsprechend variierter Einpflanzung neuer solcher
Organe bei Wirbeltieren (s. das zitierte Werk von Lipschütz,
S. 13) haben endlich ein partielles Licht auf die Herkunft der
Sexualerregung geworfen und dabei die Bedeutung einer etwaigen
Anhäufung der zelligen Geschlechtsprodukte noch weiter zurück-
gedrängt. Es ist dem Experiment möglich geworden (E. Steinach),
ein Männchen in ein Weibchen und umgekehrt ein Weibchen
in ein Männchen zu verwandeln, wobei sich das psychosexuelle
Verhalten des Tieres entsprechend den somatischen Geschlechts-
charakteren und gleichzeitig mit ihnen änderte. Dieser geschlechts-
chemische
Theorie
Die Umgestaltungen der Pubertät 91
bestimmende Einfluß soll aber nicht dem Anteil der Keimdrüse
zukommen, welcher die spezifischen Geschlechtszellen (Samenfäden
und Ei) erzeugt, sondern dem interstitiellen Gewebe derselben,
welches darum von den Autoren als „Pubertätsdrüse" hervor-
gehoben wird. Es ist sehr wohl möglich, daß weitere Untersuchungen
ergeben, die Pubertätsdrüse sei normalerweise zwittrig angelegt,
wodurch die Lehre von der Bisexualität der höheren Tiere
anatomisch begründet würde, und es ist schon jetzt wahrscheinlich,
daß sie nicht das einzige Organ ist, welches mit der Produktion
der Sexualerregung und der Geschlechtscharaktere zu tun hat.
Jedenfalls schließt dieser neue biologische Fund an das an, was
wir schon vorher über die Rolle der Schilddrüse für die Sexualität
erfahren haben. Wir dürfen nun glauben, daß im interstitiellen
Anteil der Keimdrüsen besondere chemische Stoffe erzeugt werden,
die vom Blutstrom aufgenommen die Ladung bestimmter Anteile
des Zentralnervensystems mit sexueller Spannung zustande kommen
lassen, wie wir ja solche Umsetzung eines toxischen Reizes in
einen besonderen Organreiz von anderen dem Körper als fremd
eingeführten Giftstoffen kennen. Wie die Sexualerregung durch
Reizung erogener Zonen bei vorheriger Ladung der zentralen
Apparate entsteht, und welche Verwicklungen von rein toxischen
und physiologischen Reizwirkungen sich bei diesen Sexualvorgängen
ergeben, das auch nur hypothetisch zu behandeln, kann keine
zeitgemäße Aufgabe sein. Es genüge uns als wesentlich an dieser
Auffassung der Sexualvorgänge, die Annahme besonderer, dem
Sexualstoffwechsel entstammender Stoffe festzuhalten. Denn diese
anscheinend willkürliche Aufstellung wird durch eine wenig
beachtete, aber höchst beachtenswerte Einsicht unterstützt. Die
Neurosen, welche sich nur auf Störungen des Sexuallebens
zurückführen lassen, zeigen die größte klinische Ähnlichkeit
mit den Phänomenen der Intoxikation und Abstinenz, welche
sich durch die habituelle Einführung Lust erzeugender Giftstoffe
(Alkaloide) ergeben.
g2 Drei Abhandlungen zur Sexualtheoric
Die Libidotheorie
Mit diesen Vermutungen über die chemische Grundlage der
Sexualerregung stehen in guter Übereinstimmung die Hilfs-
vorstellungen, die wir uns zur Bewältigung der psychischen
Äußerungen des Sexuallebens geschaffen haben. Wir haben uns
den Begriff der Libido festgelegt als einer quantitativ ver-
änderlichen Kraft, welche Vorgänge und Umsetzungen auf dein
Gebiete der Sexualerregung messen könnte. Diese Libido sondern
wir von der Energie, die den seelischen Prozessen allgemein
unterzulegen ist, mit Beziehung auf ihren besonderen Ursprung
und verleihen ihr so auch einen qualitativen Charakter. In der
Sonderung von libidinöser und anderer psychischer Energie
drücken wir die Voraussetzung aus, daß sich die Sexualvorgänge
des Organismus durch einen besonderen Chemismus von den
Ernährungsvorgängen unterscheiden. Die Analyse der Perversionen
und Psychoneurosen hat uns zur Einsicht gebracht, daß diese
Sexualerregung nicht von den sogenannten Geschlechtsteilen
allein, sondern von allen Körperorganen geliefert wird. Wir bilden
uns also die Vorstellung eines Libidoquantums, dessen psychische
Vertretung wir die I c h 1 i b i d o heißen, dessen Produktion,
Vergrößerung oder Verminderung, Verteilung und Verschiebung
uns die Erklärungsmöglichkeiten für die beobachteten psycho-
sexuellen Phänomene bieten soll.
Dem analytischen Studium bequem zugänglich wird diese Ich-
libido aber nur, wenn sie die psychische Verwendung zur Besetzung
von Sexualobjekten gefunden hat, also zur Objektlibido
geworden ist. Wir sehen sie dann sich auf Objekte konzentrieren,
an ihnen fixieren oder aber diese Objekte verlassen, von ihnen
auf andere übergehen und von diesen Positionen aus die Sexual-
betätigung des Individuums lenken, die zur Befriedigung, das
heißt zum partiellen und zeitweisen Erlöschen der Libido
führt. Die Psychoanalyse der sogenannten Ubertragungsneurosen
Die Umgestaltungen der Pubertät 95
(Hysterie und Zwangsneurose) gestattet uns hier einen sicheren
Einblick.
Von den Schicksalen der Objektlibido können wir noch erkennen,
daß sie von Acn Objekten abgezogen, in besonderen Spannungs-
zusländen schwebend erhalten und endlich ins Ich zurückgeholt
wird, so daß sie wieder zur Ichlibido geworden ist. Die Ichlibido
heißen wir im Gegensatz zur Objektlibido auch narzißtische
Libido. Von der Psychoanalyse aus schauen wir wie über eine
Grenze, deren Überschreitung uns nicht gestattet ist, in das
Getriebe der narzißtischen Libido hinein und bilden uns eine
Vorstellung von dem Verhältnis der beiden. 1 Die narzißtische
oder Ichlibido erscheint uns als das große Reservoir, aus welchem
die Objektbesetzungen ausgeschickt und in welches sie wieder
einbezogen werden, die narzißtische Libidobesetzung des Ichs als
der in der ersten Kindheit realisierte Urzustand, welcher durch
die späteren Aussendungen der Libido nur verdeckt wird, im
Grunde hinter denselben erhalten geblieben ist.
Die Aufgabe einer Libidotheorie der neurotischen und psycho-
tischen Störungen müßte sein, alle beobachteten Phänomene und
erschlossenen Vorgänge in den Terminis der Libidoökonomie
auszudrücken. Es ist leicht zu erraten, daß den Schicksalen der
Ichlibido dabei die größere Bedeutung zufallen wird, besonders
wo es sich um die Erklärung der tieferen ps)'chotischen Störungen
handelt. Die Schwierigkeit liegt dann darin, daß das Mittel
unserer Untersuchung, die Psychoanalyse, uns vorläufig nur über
die Wandlungen an der Objektlibido sichere Auskunft bringt, 2
die Ichlibido aber von den anderen im Ich wirkenden Energien
nicht ohne weiters zu scheiden vermag. 5 Eine Forlführung der
1) Diese Beschränkung hat nicht mehr ihre frühere Giltigkeit, seitdem auch andere
als die ..Übertragungsneurosen" der Psychoanalyse in größerem Ausmaße zugänglich
geworden sind.
2) Siehe obige Anmerkimg.
s) S. Zur Einführung des Narzißmus, Jahrbuch der Psychoanalyse VI, 1915. [Bd. VI
der Gesamtausgabe.] — Der Terminus „Narzißmus" ist nicht, wie dort irrtümlich
angegeben, von Na ecke, sondern von H. Ell i s geschaffen worden.
g4 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Libidotheorie ist deshalb vorläufig nur auf dem Wege der
Spekulation möglich. Man verzichtet aber auf allen Gewinn aus
der bisherigen psychoanalytischen Beobachtung, wenn man nach
dem Vorgang von C. G. Jung den Begriff der Libido selbst
verflüchtigt, indem man sie mit der psychischen Triebkraft über-
haupt zusammenfallen läßt.
Die Sonderung der sexuellen Triebregungen von den anderen
und somit die Einschränkung des Begriffes Libido auf diese
ersteren findet eine starke Unterstützung in der vorhin erörterten
Annahme eines besonderen Chemismus der Sexualfunktion.
Differenzierung von Mann und Weib
Es ist bekannt, daß erst mit der Pubertät sich die scharfe
Sonderung des männlichen und weiblichen Charakters herstellt,
ein Gegensatz, der dann wie kein anderer die Lebensgestaltung
der Menschen entscheidend beeinflußt. Männliche und weibliche
Anlage sind allerdings schon im Kindesalter gut kenntlich ; die
Entwicklung der Sexualitätshemmungen (Scham, Ekel, Mitleid usw.)
erfolgt beim kleinen Mädchen frühzeitiger und gegen geringeren
Widerstand als beim Knaben; die Neigung zur Sexualverdrängung
erscheint überhaupt größer; wo sich Partialtriebe der Sexualität
bemerkbar machen, bevorzugen sie die passive Form. Die auto-
erotische Betätigung der erogenen Zonen ist aber bei beiden
Geschlechtern die nämliche und durch diese Übereinstimmung
ist die Möglichkeit eines Geschlechtsunterschiedes, wie er sich
nach der Pubertät herstellt, für die Kindheit aufgehoben. Mit
Rücksicht auf die autoerotischen und masturbatorischen Sexual-
äußerungen könnte man den Satz aufstellen, die Sexualität der
kleinen Mädchen habe durchaus männlichen Charakter. Ja, wüßte
man den Begriffen „männlich und weiblich" einen bestimmteren
Inhalt zu geben, so ließe sich auch die Behauptung vertreten,
die Libido sei regelmäßig und gesetzmäßig männlicher Natur,
.ob sie nun beim Manne oder beim Weibe vorkomme und,
Die Umgestaltungen der Pubertät 95
abgesehen von ihrem Objekt, mag dies der Mann oder das
Weib sein. 1
Seitdem ich mit dem Gesichtspunkte der Bisexualität bekannt
geworden bin, halte ich dieses Moment für das hier maßgebende
und meine, ohne der Bisexualität Rechnung zu tragen, wird man
kaum zum Verständnis der tatsächlich zu beobachtenden Sexual-
äußerungen von Mann und Weib gelangen können.
Von diesem abgesehen, kann ich nur noch folgendes hinzufügen: Leitzonen
bei Mann und
Die leitende erogene Zone ist auch beim weiblichen Kinde an weib
der Klitoris gelegen, der männlichen Genitalzone an der Eichel
also homolog. Alles, was ich über Masturbation bei kleinen
Mädchen in Erfahrung bringen konnte, betraf die Klitoris und
nicht die für die späteren Geschlechtsfunktionen bedeutsamen
Partien des äußeren Genitales. Ich zweifle selbst daran, daß das
weibliche Kind unter dem Einflüsse der Verführung zu etwas
anderem als zur Klitorismasturbation gelangen kann, es sei
denn ganz ausnahmsweise. Die gerade bei kleinen Mädchen so
häufigen Spontanentladungen der sexuellen Erregtheit äußern
1) Es ist unerläßlich, sich klar zu machen, daß die Begriffe „männlich" und
„weiblich", deren Inhalt der gewöhnlichen Meinung so unzweideutig erscheint, in
der Wissenschaft zu den verworrensten gehören und nach mindestens drei
Richtungen zu zerlegen sind. Man gebraucht männlich und weiblich bald im Sinne
von Aktivität und Passivität, bald im biologischen und dann auch im
soziologischen Sinne. Die erste dieser drei Bedeutimgen ist die wesentliche
und die in der Psychoanalyse zumeist verwertbare. Dir entspricht es, wenn die Libido
oben im Text als männlich bezeichnet wird, denn der Trieb ist immer aktiv, auch
wo er sich ein passives Ziel gesetzt hat. Die zweite, biologische Bedeutung von
männlich und weiblich ist die, welche die klarste Bestimmimg zuläßt. Männlich und
weiblich sind hier durch die Anwesenheit der Samen-, respektive Eizelle und durch
die von ihnen ausgehenden Funktionen charakterisiert. Die Aktivität und ihre Neben-
äußerungen, stärkere Muskelentwicklung, Aggression, größere Intensität der Libido,
sind in der Regel mit der biologischen Männlichkeit verlötet, aber nicht notwendiger-
weise verknüpft, denn es gibt Tiergattungen, bei denen diese Eigenschaften vielmehr
dem Weibchen zugeteilt sind. Die dritte, soziologische Bedeutimg erhält ihren Inhalt
durch die Beobachtung der wirklich existierenden männlichen und weiblichen Individuen.
Diese ergibt für den Menschen, daß weder im psychologischen noch im biologischen
Sinne eine reine Männlichkeit oder Weiblichkeit gefunden wird. Jede Einzelperson
weist vielmehr eine Vermengung ihres biologischen Geschlechtscharakters mit bio-
logischen Zügen des anderen Geschlechts und eine Vereinigung von Aktivität und
Passivität auf, sowohl insofern diese psychischen Charakterzüge von den biologischen
abhängen als auch insoweit sie unabhängig von ihnen sind.
96
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
sich in Zuckungen der Klitoris, und die häufigen Erektionen
derselben ermöglichen es den Mädchen, die Sexualäußerungen
des anderen Geschlechts auch ohne Unterweisung richtig zu
beurteilen, indem sie einfach die Empfindungen der eigenen
Sexual Vorgänge auf die Knaben übertragen.
Will man das Weibwerden des kleinen Mädchens verstehen,
so muß man die weiteren Schicksale dieser Klitoriserregbarkeit
verfolgen. Die Pubertät, welche dem Knaben jenen großen Vorstoß
der Libido bringt, kennzeichnet sich für das Mädchen durch eine
neuerliche Verdrängungswelle, von der gerade die Klitoris-
sexualität betroffen wird. Es ist ein Stück männlichen Sexual-
lebens, was dabei der Verdrängung verfällt. Die bei dieser
Pubertätsverdrängung des Weibes geschaffene Verstärkung der
Sexualhemmnisse ergibt dann einen Reiz für die Libido des
Mannes und nötigt dieselbe zur Steigerung ihrer Leistungen:
mit der Höhe der Libido steigt dann auch die Sexualüber-
schätzung, die nur für das sich weigernde, seine Sexualität
verleugnende Weib im vollen Maße zu haben ist. Die Klitoris
behält' dann die Rolle, wenn sie beim endlich zugelassenen
Sexualakt selbst erregt wird, diese Erregung an die benachbarten
weiblichen Teile weiter zu leiten, etwa wie ein Span Kienholz
dazu benützt werden kann, das härtere Brennholz in Brand zu
setzen. Es nimmt oft eine gewisse Zeit in Anspruch, bis sich
diese Übertragung vollzogen hat, während welcher dann das junge
Weib anästhetisch ist. Diese Anästhesie kann eine dauernde werden,
wenn die Klitoriszone ihre Erregbarkeit abzugeben sich weigert,
was gerade durch ausgiebige Betätigung im Kinderleben vor-
bereitet wird. Es ist bekannt, daß die Anästhesie der Frauen
häufig nur eine scheinbare, eine lokale ist. Sie sind anästhetisch
am Scheideneingang, aber keineswegs unerregbar von der Klitoris
oder selbst von anderen Zonen aus. Zu diesen erogenen Anlässen
der Anästhesie gesellen sich dann noch die psychischen, gleichfalls
durch Verdrängung bedingten.
Die Umgestaltungen der Pubertät 97
Ist die Übertragung der erogenen Reizbarkeit von der Klitoris
auf den Scheideneingang gelungen, so hat damit das Weib seine
für die spätere Sexualbetätigung leitende Zone gewechselt, während
der Mann die seinige von der Kindheit an beibehalten hat. In
diesem Wechsel der leitenden erogenen Zone sowie in dem
Verdrängungsschub der Pubertät, der gleichsam die infantile
Männlichkeit beiseite schafft, liegen die Hauptbedingungen für
die Bevorzugung des Weibes zur Neurose, insbesondere zur
Hysterie. Diese Bedingungen hängen also mit dem Wesen der
Weiblichkeit innigst zusammen.
Die Objektfindung
Während durch die Pubertätsvorgänge das Primat der Genital-
zonen festgelegt wird und das Vordrängen des erigiert gewordenen
Gliedes beim Manne gebieterisch auf das neue Sexualziel
hinweist, auf das Eindringen in eine die Genitalzone erregende
Körperhöhle, vollzieht sich von psychischer Seite her die Objekt-
findung, für welche von der frühesten Kindheit an vorgearbeitet
worden ist. Als die anfänglichste Sexualbefriedigung noch mit
der Nahrungsaufnahme verbunden war, hatte der Sexualtrieb
ein Sexualobjekt außerhalb des eigenen Körpers in der Mutter-
brust. Er verlor es nur später, vielleicht gerade zur Zeit, als es
dem Kinde möglich wurde, die Gesamtvorstellung der Person,
welcher das ihm Befriedigung spendende Organ angehörte, zu
bilden. Der Geschlechtstrieb wird dann in der Regel autoerotisch
und erst nach Überwindung der Latenzzeit stellt sich das
ursprüngliche Verhältnis wieder her. Nicht ohne guten Grund
ist das Saugen des Kindes an der Brust der Mutter vorbildlich
für jede Liebesbeziehung geworden. Die Objektfindung ist
eigentlich eine Wiederfindung. 1
1) Die Psychoanalyse lehrt, daß es zwei Wege der Objektfindung gibt, erstens
die im Text besprochene, die in Anlehnung an die frühinfantilen Vorbilder vor
sich geht, und zweitens die narzißtische, die das eigene Ich sucht und im
Freud, V. 7
9 8 Drei Abhandlungen zur Sexualtheori*
s««»-Jobjckt Aber von dieser ersten und wichtigsten aller sexuellen
- ff_ - Beziehungen bleibt auch nach der Abtrennung der Sexual-
tätigkeit von der Nahrungsaufnahme ein wichtiges Stück übrig,
welches die Objektwahl vorbereiten, das verlorene Glück also
wiederherstellen hilft. Die ganze Latenzzeit über lernt das Kind
andere Personen, die seiner Hilflosigkeit abhelfen und seine
Bedürfnisse befriedigen, lieben, durchaus nach dem Muster und
in Fortsetzung seines Säuglingsverhältnisses zur Amme. Man
wird sich vielleicht sträuben wollen, die zärtlichen Gefühle und
die Wertschätzung des Kindes für seine Pflegepersonen mit der
geschlechtlichen Liebe zu identifizieren, allein ich meine, eine
genauere psychologische Untersuchung wird diese Identität über
jeden Zweifel hinaus feststellen können. Der Verkehr des Kindes
mit seiner Pflegeperson ist für dasselbe eine unaufhörlich fließende
Quelle sexueller Erregung und Befriedigung von erogenen Zonen
aus, zumal da letztere in der Regel doch die Mutter das
Kind selbst mit Gefühlen bedenkt, die aus ihrem Sexualleben
stammen, es streichelt, küßt und wiegt und ganz deutlich zum
Ersatz für ein vollgültiges Sexualobjekt nimmt.' Die Mutter
würde wahrscheinlich erschrecken, wenn man ihr die Aufklärung
gäbe, daß sie mit all ihren Zärtlichkeiten den Sexualtrieb ihres
Kindes weckt und dessen spätere Intensität vorbereitet. Sie hält
ihr Tun für asexuelle „reine" Liebe, da sie es doch sorgsam
vermeidet, den Genitalien des Kindes mehr Erregungen zuzuführen,
als bei der Körperpflege unumgänglich ist. Aber der Geschlechts-
trieb wird nicht nur durch Erregung der Genitalzone geweckt,
wie wir ja wissen 5 was wir Zärtlichkeit heißen, wird unfehlbar
eines Tages seine Wirkung auch auf die Genitalzonen äußern.
anderen wiederfindet. Diese letztere hat eine besonders große Bedeutung für
die pathologischen Ausgänge, fügt sich aber nicht in den h.er behandelten
Zusammenhang. ., „ , . , . .
,) Wem diese Auffassung „frevelhaft" dünkt, der lese die fwt gleichs.nnige
Behandlung des Verhältnisses zwischen Mutter und Kind bei Havelock Blut
nach. (Das Geschlechtsgcfüld, S. 16.)
Die Umgestaltungen der Pubertät
99
Verstünde die Mutter mehr von der hohen Bedeutung der Triebe
für das gesamte Seelenleben, für alle ethischen und psychischen
Leistungen, so würde sie sich übrigens auch nach der Aufklärung
alle Selbstvorwürfe ersparen. Sie erfüllt nur ihre Aufgabe, wenn
sie das Kind lieben lehrt ; es soll ja ein tüchtiger Mensch mit
energischem Sexualbedürfnis werden und in seinem Leben all
das vollbringen, wozu der Trieb den Menschen drängt. Ein Zuviel
von elterlicher Zärtlichkeit wird freilich schädlich werden, indem
es die sexuelle Reifung beschleunigt, auch dadurch, daß es das
Kind „verwöhnt", es unfähig macht, im späteren Leben auf
Liebe zeitweilig zu verzichten oder sich mit einem geringeren
Maß davon zu begnügen. Es ist eines der besten Vorzeichen
späterer Nervosität, wenn das Kind sich unersättlich in seinem
Verlangen nach Zärtlichkeit der Eltern erweist, und anderseits
werden gerade neuropathische Eltern, die ja meist zur maßlosen
Zärtlichkeit neigen, durch ihre Liebkosungen die Disposition des
Kindes zur neurotischen Erkrankung am ehesten erwecken. Man
ersieht übrigens aus diesem Beispiel, daß es für neurotische Eltern
direktere Wege als den der Vererbung gibt, ihre Störung auf
die Kinder zu übertragen.
Die Kinder selbst benehmen sich von frühen Jahren an, als In£an,,le
sei ihre Anhänglichkeit an ihre Pflegepersonen von der Natur
der sexuellen Liebe. Die Angst der Kinder ist ursprünglich nichts
anderes als der Ausdruck dafür, daß sie die geliebte Person
vermissen; sie kommen darum jedem Fremden mit Angst entgegen;
sie fürchten sich in der Dunkelheit, weil man in dieser die
geliebte Person nicht sieht, und lassen sich beruhigen, wenn sie
dieselbe in der Dunkelheit bei der Hand fassen können. Man
überschätzt die Wirkung aller Kinderschrecken und gruseligen
Erzählungen der Kinderfrauen, wenn man diesen Schuld gibt,
daß sie die Ängstlichkeit der Kinder erzeugen. Kinder, die zur
Ängstlichkeit neigen, nehmen nur solche Erzählungen auf, die
an anderen durchaus nicht haften wollen; und zur Ängstlichkeit
7*
Angst
lOO
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
neigen nur Kinder mit übergroßem oder vorzeitig entwickeltem
oder durch Verzärtelung anspruchsvoll gewordenem Sexualtrieb.
Das Kind benimmt sich hiebei wie der Erwachsene, indem es
seine Libido in Angst verwandelt, sowie es sie nicht zur
Befriedigung zu bringen vermag, und der Erwachsene wird sich
dafür, wenn er durch unbefriedigte Libido neurotisch geworden
ist in seiner Angst wie ein Kind benehmen, sich zu fürchten
beginnen, sowie er allein, das heißt ohne eine Person ist, deren
Liebe er sicher zu sein glaubt, und diese seine Angst durch die
kindischesten Maßregeln beschwichtigen wollen.'
Wenn die Zärtlichkeit der Eltern zum Kinde es glücklich
vermieden hat, den Sexualtrieb desselben vorzeitig, das heißt ehe
die körperlichen Bedingungen der Pubertät gegeben sind, in
solcher Stärke zu wecken, daß die seelische Erregung in unver-
kennbarer Weise zum Genitalsystem durchbricht, so kann sie ihre
Aufgabe erfüllen, dieses Kind im Alter der Reife bei der Wahl
des Sexualobjekts zu leiten. Gewiß läge es dem Kinde am
nächsten, diejenigen Personen selbst zu Sexualobjekten zu wühlen,
die es mit einer sozusagen abgedämpften Libido seit seiner Kindheit
liebt. 3 Aber durch den Aufschub der sexuellen Reifung ist die
Zeit gewonnen worden, neben anderen Sexualhemmnissen die
Inzestschranke aufzurichten, jene moralischen Vorschriften in sich
aufzunehmen, welch e die geliebten Personen der Kindheit als
Die Aufklärung über die Herkunft der kindlichen Angst verdanke ich einem
dreijährigen Knaben, den ich einmal aus einem dunklen Zimmer bitten horte:
„Tante, sprich mit mir; ich fürchte mich, weil es so dunkel ist." Di« Tante rief
ihn an- „Was hast du denn davon? Du siehst mich ja nicht." „Das macht nichts,
antwortete das Kind, „wenn jemand spricht, wird es hell.« - - Er fürchtete sieh also
nicht vor der Dunkelheit, sondern weil er eine geliebte Person vermißte, und konnte
versprechen sich *u beruhigen, sobald er einen Beweil von deren Anwesenheit
empfangen hatte. — Daß die neurotische Angst aus der Libido entsteht, ein Um-
wandlungsprodukt derselben darstellt, sich also etwa so zu ihr verhält, wie der Essig
zum Wein, ist eines der bedeutsamsten Resultate der psychoanalytischen Forschung.
Eine weitere Diskussion dieses Problems siehe in meinen „Vorlesungen zur Ein-
führung in die Psychoanalyse« 1917 [Bd. VII der Gesamtausgabe], woselbst wohl
auch nicht die endgültige Aufklärung erreicht worden ist.
2) Vgl. hiezu das auf S. 75 über dio Objektwahl des Kindes Gesagte : die
„zärtliche Strömung".
Die Umgestaltungen der Pubertät 101
Blutsverwandte ausdrücklich von der Objektwahl ausschließen.
Die Beachtung dieser Schranke ist vor allem eine Kulturforderung
der Gesellschaft, welche sich gegen die Aufzehrung von Interessen
durch die Familie wehren muß, die sie für die Herstellung höherer
sozialer Einheiten braucht, und darum mit allen Mitteln dahin wirkt,
bei jedem einzelnen, speziell beim Jüngling, den in der Kindheit
allein maßgebenden Zusammenhang mit seiner Familie zu lockern. 1
Die Objektwahl wird aber zunächst in der Vorstellung voll-
zogen und das Geschlechtsleben der eben reifenden Jugend hat
kaum einen anderen Spielraum, als sich in Phantasien, das heißt
in nicht zur Ausführung bestimmten Vorstellungen zu ergehen. 2
In diesen Phantasien treten bei allen Menschen die infantilen
1) Die Iniestschranke gehört wahrscheinlich zu den historischen Erwerbungen der
Menschheit und dürfte wie andere Moraltabu bereits bei vielen Individuen durch
organische Vererbung fixiert sein. [Vgl. meine Schrift: Totem und Tabu 1913,
Bd. X der Gesamtausgabe.] Doch zeigt die psychoanalytische Untersuchung, wie
intensiv noch der einzelne in seinen Entwicklungszeiten mit der Inzestversuchung ringt,
und wie häufig er sie in Phantasien und selbst in der Realität übertritt
2) Die Phantasien der Pubertätszeit knüpfen an die in der Kindheit verlassene
infantile Sexualforschung an, reichen wohl auch ein Stück in die Latenzzeit zurück.
Sie können ganz oder zum großen Teil unbewußt gehalten werden, entziehen sich
darum häufig einer genauen Datierung. Sie haben große Bedeutung für die Entstehung
mannigfaltiger Symptome, indem sie geradezu die Vorstufen derselben abgeben, also
die Formen herstellen, in denen die verdrängten Libidokomponenten ihre Befriedigung
finden. Ebenso sind sie die Vorlagen der nächtlichen Phantasien, die als Träume bewußt
werden. Träume sind häufig nichts anderes als Wiederbelebungen solcher Phantasien
unter dem Einfluß und in Anlehnung an einen aus dem Wachleben erübrigten
Tagesreiz („Tagesreste"). — Unter den sexuellen Phantasien der Pubertätszeit ragen
einige hervor, welche durch allgemeinstes Vorkommen und weitgehende Unab-
hängigkeit vom Erleben des Einzelnen ausgezeichnet sind. So die Phantasien von
der Belauschung des elterlichen Geschlechtsverkehrs, von der 'frühen Verführimg
durch geliebte Personen, von der Kastrationsdrohung, die Mutterleibsphantasien,
deren Inhalt Verweilen und selbst Erlebnisse im Mutterleib sind, und der sogenannte
„Familienroman", in welchem der Heranwachsende auf den Unterschied seiner
Einstellung zu den Eltern jetzt und in der Kindheit reagiert. Die nahen Beziehungen
dieser Phantasien zum Mythus hat für das letzte Beispiel O. Rank in seiner Schrift
„Der Mythus von der Geburt des Helden" 1909 aufgezeigt.
Man sagt mit Recht, daß der Ödipuskomplex der Kernkomplex der Neurosen ist,
das wesentliche Stück im Inhalt der Neurose darstellt. In ihm gipfelt die infantile
Sexualität, welche durch ihre Nachwirkungen die Sexualität des Erwachsenen
entscheidend beeinflußt. Jedem menschlichen Neuankömmling ist die Aufgabe gestellt,
den Ödipuskomplex zu bewältigen; wer es nicht zustande bringt, ist der Neurose
verfallen. Der Fortschritt der psychoanalytischen Arbeit hat diese Bedeutung des
102 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Neigungen, nun durch den somatischen Nachdruck verstärkt,
wieder auf, und unter ihnen in gesetzmäßiger Häufigkeit und an
erster Stelle die meist bereits durch die Geschlechtsanziehung
differenzierte Sexualregung des Kindes für die Kitern, des Sohnes
für die Mutter und der Tochter für den Vater. 1 Gleichzeitig mit
der Überwindung und Verwerfung dieser deutlich inzestuösen^
Phantasien wird eine der bedeutsamsten, aber auch schmerz-
haftesten, psychischen Leistungen der Pubertätszeit vollzogen, die
Ablösung von der Autorität der Kitern, durch welche erst der
für den Kulturfortschritt so wichtige Gegensatz der neuen
Generation zur alten geschaffen wird. Auf jeder der Stationen
des Entwicklungsganges, den die Individuen durchmachen sollen,
wird eine Anzahl derselben zurückgehalten, und so gibt es auch
Personen, welche die Autorität der Kitern nie überwunden und
ihre Zärtlichkeit von denselben nicht oder nur sehr unvollständig
zurückgezogen haben. Es sind zumeist Mädchen, die so zur
Freude der Eltern weit über die Pubertät hinaus bei der vollen
Kinderliebe verbleiben, und da wird es dann sehr lehrreich zu
finden, daß es diesen Mädchen in ihrer späteren Ehe an dem
Vermögen gebricht, ihren Männern das Gebührende zu schenken.
Sie werden kühle Ehefrauen und bleiben sexuell anästhetisch.
Man lernt daraus, daß die anscheinend nicht sexuelle Liebe zu
den Eltern und die geschlechtliche Liebe aus denselben Quellen
gespeist werden, das heißt, daß die erstere nur einer infantilen
Fixierung der Libido entspricht.
Je mehr man sich den tieferen Störungen der psychosexuellen
Entwicklung nähert, desto unverkennbarer tritt die Bedeutung
Ödipuskomplexes immer schärfer gezeichnet; seine Anerkennung ist das Schibolcth
geworden, welches die Anhänger der Psychoanalyse von ihren Gegnern scheidet.
In einer anderen Schrift (Das Trauma der Gehurt, 1984) hat Rank die Mutter-
bindung auf die embryonale Vorzeit zurückgeführt und so die biologische Grundlage
des Ödipuskomplexes aufgezeigt. Die Inzcstschranke leitet er abweichend vom Vor-
stehenden von dem traumatischen Eindruck der Grhurlsungst ab.
1) Vergleiche die Ausführungen über das unvermeidliche Verhängnis in der
Odipusfabel „Traumdeutung", 4. Auflage, S. 198, Bd. 111 u. IV der Gesamtausgabe].
Die Umgestaltungen der Pubertät 105
der inzestuösen Objektwahl hervor. Bei den Psychoneurotikern
verbleibt infolge von Sexualablehnung ein großes Stück oder das
Ganze der psychosexuellen Tätigkeit zur Objektfindung im Un-
bewußten. Für die Mädchen mit übergroßem Zärtlichkeitsbedürfnis
und eben solchem Grausen vor den realen Anforderungen des
Sexuallebens wird es zu einer unwiderstehlichen Versuchung, sich
einerseits das Ideal der asexuellen Liebe im Leben zu verwirk-
lichen und andererseits ihre Libido hinter einer Zärtlichkeit, die
sie ohne Selbstvorwurf äußern dürfen, zu verbergen, indem sie
die infantile, in der Pubertät aufgefrischte Neigung zu Eltern
oder Geschwistern fürs Leben festhalten. Die Psychoanalyse kann
solchen Personen mühelos nachweisen, daß sie in diese ihre Bluts-
verwandten im gemeinverständlichen Sinne des Wortes verliebt
sind, indem sie mit Hilfe der Symptome und anderen Krankheits-
äußerungen ihre unbewußten Gedanken aufspürt und in bewußte
übersetzt. Auch wo ein vorerst Gesunder nach einer unglück-
lichen Liebeserfahrung erkrankt ist, kann man als den Mecha-
nismus solcher Erkrankung die Rückwendung seiner Libido auf
die infantil bevorzugten Personen mit Sicherheit aufdecken.
Auch wer die inzestuöse Fixierung seiner Libido glücklich Ha«*»!*»»«
° D der infantilen
vermieden hat, ist dem Einfluß derselben nicht völlig entzogen. ObjektwaU
Es ist ein deutlicher Nachklang dieser Entwicklungsphase, wenn
die erste ernsthafte Verliebtheit des jungen Mannes, wie so häufig,
einem reifen Weibe, die des Mädchens einem älteren, mit Autorität
ausgestatteten Manne gilt, die ihnen das Bild der Mutter und
des Vaters beleben können. 1 In freierer Anlehnung an diese Vor-
bilder geht wohl die Objekt wähl überhaupt vor sich. Vor allem
sucht der Mann nach dem Erinnerungsbild der Mutter, wie es
ihn seit den Anfängen der Kindheit beherrscht; im vollen Ein-
klang steht es damit, wenn sich die noch lebende Mutter gegen
diese ihre Erneuerung sträubt und ihr mit Feindseligkeit begegnet.
1) Siehe meinen Aufsatz „Über einen besonderen Tj-pus der Objektwahl beim . -^
Manne", 1910 [Bd. V der Gesamtausgabe].
104
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Bei solcher Bedeutung der kindlichen Beziehungen zu den Eltern
für die spätere Wahl des Sexualobjekts ist es leicht zu verstehen,
daß jede Störung dieser Kindheitsbeziehungen die schwersten Folgen
für das Sexualleben nach der Reife zeitigt; auch die Eifersucht
des Liebenden ermangelt nie der infantilen Wurzel oder wenigstens
der infantilen Verstärkung. Zwistigkeiten zwischen den Eltern
selbst, unglückliche Ehe derselben, bedingen die schwerste
Prädisposition für gestörte Sexualentwicklung oder neurotische
Erkrankung der Kinder.
Die infantile Neigung zu den Eltern ist wohl die wichtigste,
aber nicht die einzige der Spuren, die, in der Pubertät aufge-
frischt, dann der Objektwahl den Weg weisen. Andere Ansätze
derselben Herkunft gestatten dem Manne noch immer in Anlehnung
an seine Kindheit mehr als eine einzige Sexualreihe zu
entwickeln, ganz verschiedene Bedingungen für die Objektwahl
auszubilden. 1
-hütungder Eine bei der Objektwahl sich ergebende Aufgabe liegt darin,
das entgegengesetzte Geschlecht nicht zu verfehlen. Sie wird, wie
bekannt, nicht ohne einiges Tasten gelöst. Die ersten Regungen
nach der Pubertät gehen häufig genug — ohne dauernden
Schaden — irre. Dessoir hat mit Recht darauf aufmerksam
gemacht, welche Gesetzmäßigkeit sich in den schwärmerischen
Freundschaften von Jünglingen und Mädchen für ihresgleichen
verrät. Die größte Macht, welche eine dauernde Inversion des
Sexualobjektes abwehrt, ist gewiß die Anziehung, welche die
entgegengesetzten Geschlechtscharaktere für einander äußern; zur
Erklärung derselben kann im Zusammenhange dieser Erörterungen
nichts gegeben werden. 8 Aber dieser Faktor reicht für sich allein
1) Ungezählte Eigentümlichkeiten des menschlichen Licbeslebons sowie das Zwang-
hafte der Verliebtheit selbst sind überlmupt nur durch die Rückbeziehung auf die
Kindheit und als Wirkungsreste derselben zu verstehen.
a) Es ist hier der Ort, auf eine gewiß phantastische, aber überaus geistreiche
Schrift von Ferenczi (Versuch einer Gcnitaltheorie, 1924) hinzuweisen, in der
das Geschlechtsleben der höheren Tiere aus ihrer biologischen Entwicklungsgeschichte
abgeleitet wird.
Die Umgestaltungen der Pubertät 105
nicht hin, die Inversion auszuschließen 5 es kommen wohl allerlei
unterstützende Momente hinzu. Vor allem die Autoritätshemmung
der Gesellschaft; wo die Inversion nicht als Verbrechen betrachtet
wird, da kann man die Erfahrung machen, daß sie den sexuellen
Neigungen nicht weniger Individuen voll entspricht. Ferner darf
man für den Mann annehmen, daß die Kindererinnerung an
die Zärtlichkeit der Mutter und anderer weiblicher Personen,
denen er als Kind überantwortet war, energisch mithilft, seine
Wahl auf das Weib zu lenken, während die von seiten des Vaters
erfahrene frühzeitige Sexualeinschüchterung und die Konkurrenz-
einstellung zu ihm vom gleichen Geschlechte ablenkt. Beide
Momente gelten aber auch für das Mädchen, dessen Sexual-
betätigung unter der besonderen Obhut der Mutter steht. Es
ergibt sich so eine feindliche Beziehung zum eigenen Geschlecht,
welche die Objektwahl entscheidend in dem für normal geltenden
Sinn beeinflußt. Die Erziehung der Knaben durch männliche
Personen (Sklaven in der antiken Welt) scheint die Homosexualität
zu begünstigen; beim heutigen Adel wird die Häufigkeit der
Inversion wohl durch die Verwendung männlicher Dienerschaft
wie durch die geringere persönliche Fürsorge der Mütter für
ihre Kinder um etwas verständlicher. Bei manchen Hysterischen
ergibt sich, daß der frühzeitige Wegfall einer Person des Eltern-
paares (durch Tod, Ehescheidung, Entfremdung), worauf dann
die übrigbleibende die ganze Liebe des Kindes an sich gezogen
hatte, die Bedingung für das Geschlecht der später zum Sexual-
objekt gewählten Person festgestellt und damit auch die dauernde
Inversion ermöglicht hat.
=—
ZUSAMMENFASSUNG
Es ist an der Zeit, eine Zusammenfassung zu versuchen. Wir
sind von den Abirrungen des Geschlechtstriebes in Bezug auf
sein Objekt und sein Ziel ausgegangen, haben die Fragestellung
vorgefunden, ob diese aus angeborener Anlage entspringen oder
infolge der Einflüsse des Lebens erworben werden. Die Beant-
wortung dieser Frage ergab sich uns aus der Einsicht in die
Verhältnisse des Geschlechtstriebes bei den Psychoneurotikern,
einer zahlreichen und den Gesunden nicht ferne stehenden
Menschengruppe, welche Einsicht wir durch psychoanalytische
Untersuchung gewonnen hatten. Wir fanden so, daß bei diesen
Personen die Neigungen zu allen Perversionen als unbewußte
Mächte nachweisbar sind und sich als Symptombildner verraten,
und konnten sagen, die Neurose sei gleichsam ein Negativ der
Perversion. Angesichts der nun erkannten großen Verbreitung der
Perversionsneigungen drängte sich uns der Gesichtspunkt auf, daß
die Anlage zu den Perversionen die ursprüngliche allgemeine
Anlage des menschlichen Geschlechtstriebes sei, aus welcher das
normale Sexualverhalten infolge organischer Veränderungen und
psychischer Hemmungen im Laufe der Keifung «Mitwickelt werde.
Die ursprüngliche Anlage hofften wir im Kindesalter aufzeigen
zu können; unter den die Richtung des Sexualtriebes einschrän-
kenden Mächten hoben wir Scham, Ekel, Mitleid und die
sozialen Konstruktionen der Moral und Autorität hervor. So mußten
wir in jeder fixierten Abirrung vom normalen Geschlechtsleben
ein Stück Entwicklungshemmung und Infantilismus erblicken.
Zusammenfassung 107
Die Bedeutung der Variationen der ursprünglichen Anlage mußten
wir in den Vordergrund stellen, zwischen ihnen und den Ein-
flüssen des Lebens aber ein Verhältnis von Kooperation und nicht
von Gegensätzlichkeit annehmen. Anderseits erschien uns, da
die ursprüngliche Anlage eine komplexe sein mußte, der
Geschlechtstrieb selbst als etwas aus vielen Faktoren Zusammen-
gesetztes, das in den Perversionen gleichsam in seine Komponenten
zerfällt. Somit erwiesen sich die Perversionen einerseits als
Hemmungen, andererseits als Dissoziationen der normalen Ent-
wicklung. Beide Auffassungen vereinigten sich in der Annahme,
daß der Geschlechtstrieb des Erwachsenen durch die Zusammen-
fassung vielfacher Regungen des Kinderlebens zu einer Einheit,
einer Strebung mit einem einzigen Ziel entstehe.
Wir fügten noch die Aufklärung für das Überwiegen der
perversen Neigungen bei den Psychoneurotikern bei, indem wir
dieses als kollaterale Füllung von Nebenbahnen bei Verlegung
des Hauptstrombettes durch die „Verdrängung" erkannten, und
wandten uns dann der Betrachtung des Sexuallebens im Kindes-
alter zu. 1 Wir fanden es bedauerlich, daß man dem Kindesalter
den Sexualtrieb abgesprochen und die nicht selten zu beobachtenden
Sexualäußerungen des Kindes als regelwidrige Vorkommnisse
beschrieben hat. Es schien uns vielmehr, daß das Kind Keime
von Sexualtätigkeit mit zur Welt bringt und schon bei der
Nahrungsaufnahme sexuelle Befriedigung mitgenießt, die es sich
dann in der gut gekannten Tätigkeit des „Ludeins" immer wieder
zu verschaffen sucht. Die Sexualbetätigung des Kindes entwickle
sich aber nicht im gleichen Schritt wie seine sonstigen Funktionen,
sondern trete nach einer kurzen Blüteperiode vom zweiten bis
zum fünften Jahre in die sogenannte Latenzperiode ein. In der-
1) Dies gilt nicht nur für die in der Neurose „negativ" auftretenden Perversions-
neigungen, sondern ebenso für die positiven, eigentlich so benannten Perversionen.
Diese letzteren sind also nicht bloß auf die Fixierung der infantilen Neigungen
lurückzuführen, sondern auch auf die Regression zu denselben infolge der Verlegung
anderer Bahnen der Sexualströmung. Darum sind auch die positiven Perversionen der
psychoanalytischen Therapie zugänglich.
io8
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
selben würde die Produktion sexueller Erregung keineswegs
eingestellt, sondern halte an und liefere einen Vorrat von Energie,
der großenteils zu anderen als sexuellen Zwecken verwendet
werde, nämlich einerseits zur Abgabe der sexuellen Komponenten
für soziale Gefühle, anderseits (vermittels Verdrängung und
Reaktionsbildung) zum Aufbau der späteren Sexualschranken.
Demnach würden die Mächte, die dazu bestimmt sind, den
Sexualtrieb in gewissen Bahnen zu erhalten, im Kindesalter auf
Kosten der großenteils perversen Sexualregungen und unter
Mithilfe der Erziehung aufgebaut. Ein anderer Teil der infantilen
Sexualregungen entgehe diesen Verwendungen und könne sich
als Sexualbetätigung äußern. Man könne dann erfahren, daß die
Sexualerregung des Kindes aus vielerlei Quellen fließe. Vor allem
entstehe Befriedigung durch die geeignete sensible Erregung
sogenannter erogener Zonen, als welche wahrscheinlich jede
Hautstelle und jedes Sinnesorgan, wahrscheinlich jedes Organ,
fungieren könne, während gewisse ausgezeichnete erogene Zonen
existieren, deren Erregung durch gewisse organische Vorrichtungen
von Anfang an gesichert sei. Ferner entstehe sexuelle Erregung
gleichsam als Nebenprodukt bei einer großen Reihe von Vor-
gängen im Organismus, sobald dieselben nur eine gewisse Intensität
erreichen, ganz besonders bei allen stärkeren Gemütsbewegungen,
seien sie auch peinlicher Natur. Die Erregungen aus all diesen
Quellen setzten sich noch nicht zusammen, sondern verfolgten
jede vereinzelt ihr Ziel, welches bloß der Gewinn einer gewissen
Lust ist. Der Geschlechtstrieb sei also im Kindesalter nicht
zentriert und zunächst objektlos, autoerotisch.
Noch während der Kinderjahre beginne die erogene Zone der
Genitalien sich bemerkbar zu machen, entweder in der Art, daß
sie wie jede andere erogene Zone auf geeignete sensible Reizung
Befriedigung ergebe, oder indem auf nicht ganz verständliche
Weise mit der Befriedigung von anderen Quellen her gleich-
zeitig eine Sexualerregung erzeugt werde, die zu der Genitalzone
Zusammenfassung iog
eine besondere Beziehung erhalte. Wir haben es bedauern müssen,
daß eine genügende Aufklärung des Verhältnisses zwischen Sexual-
befriedigung und Sexualerregung sowie zwischen der Tätigkeit
der Genitalzone und der übrigen Quellen der Sexualität nicht zu
erreichen war.
Durch das Studium der neurotischen Störungen haben wir
gemerkt, daß sich im kindlichen Sexualleben von allem Anfang
an Ansätze zu einer Organisation der sexuellen Triebkomponenten
erkennen lassen. In einer ersten, sehr frühen Phase steht die
Oralerotik im Vordergrunde; eine zweite dieser „prä-
genitalen" Organisationen wird durch die Vorherrschaft des
Sadismus und der Anal erotik charakterisiert, erst in einer
dritten Phase (die sich beim Kind nur bis zum Primat des
Phallus entwickelt) wird das Sexualleben durch den Anteil der
eigentlichen Genitalzonen mitbestimmt.
Wir haben dann als eine der überraschendsten Ermittlungen
feststellen müssen, daß diese Frühblüte des infantilen Sexuallebens
(zwei bis fünf Jahre) auch eine Objektwahl mit all den reichen,
seelischen Leistungen zeitigt, so daß die daran geknüpfte, ihr
entsprechende Phase trotz der mangelnden Zusammenfassung der
einzelnen Triebkomponenten und der Unsicherheit des Sexual-
zieles als bedeutsamer Vorläufer der späteren endgültigen Sexual-
organisation einzuschätzen ist.
Die Tatsache des zweizeitigen Ansatzes der Sexual-
entwicklung beim Menschen, also die Unterbrechung dieser Ent-
wicklung durch die Latenzzeit, erschien uns besonderer Beachtung
würdig. Sie scheint eine der Bedingungen für die Eignung des
Menschen zur Entwicklung einer höheren Kultur, aber auch für
seine Neigung zur Neurose zu enthalten. Bei der tierischen
Verwandtschaft des Menschen ist unseres Wissens etwas Analoges
nicht nachweisbar. Die Ableitung der Herkunft dieser mensch-
lichen Eigenschaft müßte man in der Urgeschichte der Menschenart
suchen.
HO
Drei Abhandlungen zur Sexual thcorie
Welches Maß von sexuellen Betätigungen im Kindesalter noch
als normal, der weiteren Entwicklung nicht abträglich, bezeichnet
werden darf, konnten wir nicht sagen. Der Charakter der Sexual-
äußerungen erwies sich als vorwiegend masturbatorisch. Wir
stellten ferner durch Erfahrungen fest, daß die äußeren Einflüsse
der Verführung vorzeitige Durchbrüche der Latenzzeit bis zur
Aufhebung derselben hervorrufen können, und daß sich dabei
der Geschlechtstrieb des Kindes in der Tat als polymorph pervers
bewährt; ferner, daß jede solche frühzeitige Sexualtätigkeit die
Erziehbarkeit des Kindes beeinträchtigt.
Trotz der Lückenhaftigkeit unserer Einsichten in das infantile
Sexualleben mußten wir dann den Versuch machen, die durch
das Auftreten der Pubertät gesetzten Veränderungen desselben zu
studieren. Wir griffen zwei derselben als die maßgebenden heraus,
die Unterordnung aller sonstigen Ursprünge der Sexualerregung
unter das Primat der Genitalzonen und den Prozeß der Objekt-
findung. Beide sind im Kinderleben bereits vorgebildet. Die
■erstere vollzieht sich durch den Mechanismus der Ausnützung
der Vorlust, wobei die sonst selbständigen sexuellen Akte, die
mit Lust und Erregung verbunden sind, zu vorbereitenden
Akten für das neue Sexualziel, die Entleerung der Geschlechts-
produkte werden, dessen Erreichung unter riesiger Lust der Sexual-
erregung ein Ende macht. Wir hatten dabei die Differenzierung
des geschlechtlichen Wesens zu Mann und Weib zu berücksichtigen
und fanden, daß zum Weibwerden eine neuerliche Verdrängung
erforderlich ist, welche ein Stück infantiler Männlichkeit aufhebt
und das Weib für den Wechsel der leitenden Genitalzone vor-
bereitet. Die Objektwahl endlich landen wir geleitet durch die
infantilen, zur Pubertät aufgefrischten Andeutungen sexueller
Neigung des Kindes zu seinen Eltern und Pflegepersonen und
durch die mittlerweile aufgerichtete Inzestschranke von diesen
Personen weg auf ihnen ähnliche gelenkt. Fügen wir endlich
noch hinzu, daß während der Übergangszeit der Pubertät die
Zusammenfassung
111
somatischen und die psychischen Entwicklungsvorgänge eine Weile
unverknüpfl nebeneinander hergehen, bis mit dem Durchbruch
einer intensiven seelischen Liebesregung zur Innervation der
Genitalien die normalerweise erforderte Einheit der Liebesfunktion
hergestellt wird.
Jeder Schritt auf diesem langen Entwicklungswege kann zur EntwicUanga-
Fixierungsstelle, jede Fuge dieser verwickelten Zusammensetzung Momente
zum Anlaß der Dissoziation des Geschlechtstriebes werden, wie
wir bereits an verschiedenen Beispielen erörtert haben. Es erübrigt
uns noch, eine Übersicht der verschiedenen, die Entwicklung
störenden, inneren und äußeren Momente zu geben und beizufügen,
an welcher Stelle des Mechanismus die von ihnen ausgehende
Störung angreift. Was wir da in einer Reihe anführen, kann
freilich unter sich nicht gleichwertig sein, und wir müssen auf
Schwierigkeiten rechnen, den einzelnen Momenten die ihnen
gebührende Abschätzung zuzuteilen.
An erster Stelle ist hier die angeborene Verschiedenheit komucbHo.
und HereditBt
der sexuellen Konstitution zu nennen, auf die wahr-
scheinlich das Hauptgewicht entfällt, die aber, wie begreiflich, nur
aus ihren späteren Äußerungen und dann nicht immer mit
großer Sicherheit zu erschließen ist. Wir stellen uns unter ihr
ein Überwiegen dieser oder jener der mannigfachen Quellen der
Sexualerregung vor und glauben, daß solche Verschiedenheit der
Anlagen in dem Endergebnis jedenfalls zum Ausdruck kommen
muß, auch wenn dies sich innerhalb der Grenzen des Normalen
zu halten vermag. Gewiß sind auch solche Variationen der
ursprünglichen Anlage denkbar, welche notwendigerweise und
ohne weitere Mithilfe zur Ausbildung eines abnormen Sexual-
lebens führen müssen. Man kann dieselben dann „degenerative"
heißen und als Ausdruck ererbter Verschlechterung betrachten.
Ich habe in diesem Zusammenhange eine merkwürdige Tatsache
zu berichten. Bei mehr als der Hälfte meiner psychotherapeutisch
behandelten schweren Fälle von Hysterie, Zwangsneurose usw.
112
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
ist mir der Nachweis der vor der Ehe überstandenen Syphilis
der Väter sicher gelungen, sei es, daß diese an Tabes oder
progressiver Paralyse gelitten hatten, sei es, daß deren luetische
Erkrankung sich anderswie anamnestisch feststellen ließ. Ich
bemerke ausdrücklich, daß die später neurotischen Kinder keine
körperlichen Zeichen von hereditärer Lues an sich trugen, so
daß eben die abnorme sexuelle Konstitution als der letzte Aus-
läufer der luetischen Erbschaft zu betrachten war. So fern es
mir nun liegt, die Abkunft von syphilitischen Eltern als
regelmäßige oder unentbehrliche ätiologische Bedingung der
neuropathischen Konstitution hinzustellen, so halte ich doch das
von mir beobachtete Zusammentreffen für nicht zufällig und
nicht bedeutungslos.
Die hereditären Verhältnisse der positiv Perversen sind minder
gut bekannt, weil dieselben sich der Erkundung zu entziehen
wissen. Doch hat man Grund anzunehmen, daß bei den
Perversionen ähnliches wie bei den Neurosen gilt. Nicht selten
findet man nämlich Perversion und Psychoneurose in denselben
Familien auf die verschiedenen Geschlechter so verteilt, daß
die männlichen Mitglieder oder eines derselben positiv pervers,
die weiblichen aber der Verdrängungsneigung ihres Geschlechts
entsprechend negativ pervers, hysterisch sind, ein guter Beleg
für die von uns gefundenen Wesensbeziehungen zwischen den
beiden Störungen.
Man kann indes den Standpunkt nicht vertreten, als ob mit
Verarbeitung dem faggfa der verschiedenen Komponenten in der sexuellen
Konstitution die Entscheidung über die Gestaltung des Sexual-
lebens eindeutig bestimmt wäre. Die Bedingtheit setzt sich viel-
mehr fort und weitere Möglichkeiten ergeben sich je nach dem
Schicksal, welches die aus den einzelnen Quellen stammenden
Sexualitätszuflüsse erfahren. Diese weitere Verarbeitung
ist offenbar das endgültig Entscheidende, während die der
Beschreibung nach gleiche Konstitution zu drei verschiedenen
Weitere
Zusammerifassung
"3
Endausgängen führen kann. Wenn sich alle die Anlagen in
ihrem, als abnorm angenommenen, relativen Verhältnis erhalten
und mit der Reifung verstärken, so kann nur ein perverses
Sexualleben das Endergebnis sein. Die Analyse solcher abnormer
konstitutioneller Anlagen ist noch nicht ordentlich in Angriff
genommen worden, doch kennen wir bereits Fälle, die in solchen
Annahmen mit Leichtigkeit ihre Erklärung finden. Die Autoren
meinen zum Beispiel von einer ganzen Reihe von Fixations-
perversionen, dieselben hätten eine angeborene Schwäche des
Sexualtriebes zur notwendigen Voraussetzung. In dieser Form
scheint mir die Aufstellung unhaltbar; sie wird aber sinnreich,
wenn eine konstitutionelle Schwäche des einen Faktors des
Sexualtriebes, der genitalen Zone, gemeint ist, welche Zone
späterhin die Zusammenfassung der einzelnen Sexualbetätigungen
zum Ziel der Fortpflanzung als Funktion übernimmt. Diese in der
Pubertät geforderte Zusammenfassung muß dann mißlingen und
die stärkste der anderen Sexualitätskomponenten wird ihre Betätigung
als Perversion durchsetzen. 1
Ein anderer Ausgang ergibt sich, wenn im Laufe der Entwicklung Verdrängung
einzelne der überstark angelegten Komponenten den Prozeß der
Verdrängung erfahren, von dem man festhalten muß, daß
er einer Aufhebung nicht gleichkommt. Die betreffenden Erregungen
werden dabei wie sonst erzeugt, aber durch psychische Verhinderung
von der Erreichung ihres Zieles abgehalten und auf mannigfache
andere Wege gedrängt, bis sie sich als Symptome zum Ausdruck
gebracht haben. Das Ergebnis kann ein annähernd normales
Sexualleben sein, — meist ein eingeschränktes, — aber ergänzt
durch psychoneurotische Krankheit. Gerade diese Fälle sind uns
durch die psychoanalytische Erforschung Neurotischer gut bekannt
geworden. Das Sexualleben solcher Personen hat wie das der
1) Man sieht dabei häufig, daß in der Pubertätszeit zunächst eine normale Sexual-
strömung einsetzt, welche aber,infolge ihrer inneren Schwäche vor den ersten äußeren
Hindernissen zusammenbricht und dann von der Regression auf die perverse Fixierung
abgelöst wird.
Freud, V. H
ii4
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Perversen begonnen, ein ganzes Stück ihrer Kindheit ist mit
perverser Sexuakätigkeit ausgefüllt, die sich gelegentlich weit
über die Reifezeit erstreckt; dann erfolgt aus inneren Ursachen
— meist noch vor der Puberüit, aber hie und da sogar spät
nachher — ein Verdrängungsumschlag, und von nun an tritt,
ohne daß die alten Regungen erlöschen, Neurose an die Stelle
der Perversion. Man wird an das Sprichwort „Junge Hure, alte
Betschwester" erinnert, nur daß die Jugend hier allzu kurz
ausgefallen ist. Diese Ablösung der Perversion durch die Neurose
im Leben derselben Person muß man ebenso wie die vorhin
angeführte Verteilung von Perversion und Neurose auf verschiedene
Personen derselben Familie mit der Einsicht, daß die Neurose das
Negativ der Perversion ist, zusammenhalten.
s«bUmiem» K Der dritte Ausgang bei abnormer konstitutioneller Anlage
wird durch den Prozeß der „Sublim i er u ng" ermöglicht, bei
welchem den überstarken Erregungen aus einzelnen Sexualitäts-
quellen Abfluß und Verwendung auf andere Gebiete eröffnet
wird, so daß eine nicht unerhebliche Steigerung der psychischen
Leistungsfähigkeit aus der an sich gefährlichen Veranlagung
resultiert. Eine der Quellen der Kunstbetätigung ist hier zu
finden und, je nachdem solche Sublimierung eine vollständige
oder unvollständige ist, wird die Charakteranalyse hochbegabter,
insbesondere künstlerisch veranlagter Personen jedes Mengungs-
verhältnis zwischen Leistungsfähigkeit, Perversion und Neurose
ergeben. Eine Unterart der Sublimierung ist wohl die Unter-
drückung durch Reaktionsbildung, die, wie wir gefunden
haben, bereits in der Latenzzeit des Kindes beginnt, um sich im
günstigen Falle durchs ganze Leben fortzusetzen. Was wir den
„Charakter" eines Menschen heißen, ist zum guten Teil mit
dem Material sexueller Erregungen aufgebaut und setzt sich aus
seit der Kindheit fixierten Trieben, aus durch Sublimierung
gewonnenen und aus solchen Konstruktionen zusammen, die zur
wirksamen Niederhaltung perverser, als unverwendbar erkannter
Zicsammetifassung llt i
Erlebt«
Regungen bestimmt sind. 1 Somit kann die allgemein perverse
Sexualanlage der Kindheit als die Quelle einer Reihe unserer
Tugenden geschätzt werden, insofern sie durch Reaktionsbildung
zur Schaffung derselben Anstoß gibt. 2
Gegenüber den Sexualentbindungen, Verdrängungsschüben und Akzidentell
Sublimierungen, letztere beide Vorgänge, deren innere Bedingungen
uns völlig unbekannt sind, treten alle anderen Einflüsse weit an
Bedeutung zurück. Wer Verdrängungen und Sublimierungen mit
zur konstitutionellen Anlage rechnet, als die Lebensäußerungen'
derselben betrachtet, der hat allerdings das Recht zu behaupten,
daß die Endgestaltung des Sexuallebens vor allem das Ergebnis
der angeborenen Konstitution ist. Indes wird kein Einsichtiger
bestreiten, daß in solchem Zusammenwirken von Faktoren auch 1
Raum für die modifizierenden Einflüsse des akzidentell in der
Kindheit und späterhin Erlebten bleibt. Es ist nicht leicht, die
Wirksamkeit der konstitutionellen und der akzidentellen Faktoren
in ihrem Verhältnis zueinander abzuschätzen. In der Theorie neigt
man immer zur Überschätzung der ersteren; die therapeutische
Praxis hebt die Bedeutsamkeit der letzteren hervor. Man sollte
auf keinen Fall vergessen, daß zwischen den beiden ein Verhältnis
von Kooperation und nicht von Ausschließung besteht. Das
konstitutionelle Moment muß auf Erlebnisse warten, die es zur
Geltung bringen, das akzidentelle bedarf einer Anlehnung an
die Konstitution, um zur Wirkung zu kommen. Man kann sich
für die Mehrzahl der Fälle eine sogenannte „Ergänzungsreihe"
vorstellen, in welcher die fallenden Intensitäten des einen Faktors
i) Bei einigen Charakterzügen ist selbst ein Zusammenhang mit bestimmten |
erogenen Komponenten erkannt worden. So leiten sich Trotz, Sparsamkeit und I
Ordentlichkeit aus der Verwendung der Analerotik ab. Der Ehrgeiz wird durch eine 1
starke urethralerotische Anlage bestimmt.
2) Ein Menschenkenner wie E. Zola schildert in „La Joie de vivre« ein
Mädchen, das in heiterer Selbstentäußerung alles, was es besitzt und beanspruchen
könnte, sein Vermögen und seine Lebenswünsche geliebten Personen ohne Entlohnung
zum Opfer bringt. Die Kindheit dieses Mädchens ist von einem unersättlichen Zärt-
lichkcitsbedürfnis beherrscht, das sie bei einer Gelegenheit von Zurücksetzung gegen
eine andere in Grausamkeit verfallen läßt.
1x6
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Frühreife
durch die steigenden des anderen ausgeglichen werden, hat aber
keinen Grund, die Existenz extremer Fälle an den Knden der
Reihe zu leugnen.
Der psychoanalytischen Forschung entspricht es noch besser,
wenn man den Erlebnissen der frühen Kindheit unter den
akzidentellen Momenten eine Vorzugsstellung einräumt. Die
eine ätiologische Reihe zerlegt sich dann in zwei, die man die
dispositionelle und die definitive heißen kann. In der
ersteren wirken Konstitution und akzidentelle Kindheitserlebnisse
ebenso zusammen, wie in der zweiten Disposition und spätere
traumatische Erlebnisse. Alle die Sexualentwicklung schädigenden
Momente äußern ihre Wirkung in der Weise, daß sie eine
Regression, eine Rückkehr zu einer früheren Entwicklungs-
phase hervorrufen.
Wir setzen hier unsere Aufgabe fort, die uns als einflußreich
für die Sexualentwicklung bekannt gewordenen Momente aufzu-
zählen, sei es, daß diese wirksame Mächte oder bloß Äußerungen
solcher darstellen.
Ein solches Moment ist die spontane sexuelle Frühreife,
die wenigstens in der Ätiologie der Neurosen mit Sicherheit
nachweisbar ist, wenngleich sie so wenig wie andere Momente
für sich allein zur Verursachung hinreicht. Sie äußert sich in
Durchbrechung, Verkürzung oder Aufhebung der infantilen
Latenzzeit und wird zur Ursache von Störungen, indem sie
Sexualäußerungen veranlaßt, die einerseits wegen des unfertigen
Zustandes der Sexualhemmungen, andererseits infolge des unent-
wickelten Genitalsystems nur den Charakter von Perversionen
an sich tragen können. Diese Perversionsneignngen mögen sich
nun als solche erhalten oder nach eingetretenen Verdrängungen
zu Triebkräften neurotischer Symptome werden; auf alle Fälle
erschwert die sexuelle Frühreife die wünschenswerte spätere
Beherrschung des Sexualtriebes durch die höheren seelischen
Instanzen und steigert den /.wangartigen Charakter, den die
Zusammenfassung 117
psychischen Vertretungen des Triebes ohnedies in Anspruch
nehmen. Die sexuelle Frühreife geht häufig vorzeitiger intel-
lektueller Entwicklung parallel; als solche findet sie sich in der
Kindheitsgeschichte der bedeutendsten und leistungsfähigsten
Individuen 5 sie scheint dann nicht ebenso pathogen zu wirken,
wie wenn sie isoliert auftritt.
Ebenso wie die Frühreife fordern andere Momente Berück- ze«*u*e
Momente
sichtigung, die man als „zeitliche* mit der Frühreife zusammen-
fassen kann. Es scheint phylogenetisch festgelegt, in welcher
Reihenfolge die einzelnen Triebregungen aktiviert werden, und
wie lange sie sich äußern können, bis sie dem Einfluß einer
neu auftretenden Triebregung oder einer typischen Verdrängung
unterliegen. Allein sowohl in dieser zeitlichen Aufeinanderfolge
wie in der Zeitdauer derselben scheinen Variationen vorzukommen,
die auf das Endergebnis einen bestimmenden Einfluß üben
müssen. Es kann nicht gleichgültig sein, ob eine gewisse Strömung
früher oder später auftritt als ihre Gegenströmung, denn die
Wirkung einer Verdrängung ist nicht rückgängig zu machen:
eine zeitliche Abweichung in der Zusammensetzung der Kompo-
nenten ergibt regelmäßig eine Änderung des Resultats. Andererseits
nehmen besonders intensiv auftretende Triebregungen oft einen
überraschend schnellen Ablauf, z. B. die heterosexuelle Bindung
der spater manifest Homosexuellen. Die am heftigsten einsetzenden
Strebungen der Kinderjahre rechtfertigen nicht die Befürchtung,
daß sie den Charakter des Erwachsenen dauernd beherrschen
werden; man darf ebensowohl erwarten, daß sie verschwinden
werden, um ihrem Gegenteil Platz zu machen. (Gestrenge
Herren regieren nicht lange.) Worauf solche zeitliche Verwirrungen
der Entwicklungsvorgänge rückführbar sind, vermögen wir auch
nicht in Andeutungen anzugeben. Es eröffnet sich hier ein
Ausblick auf eine tiefere Phalanx von biologischen, vielleicht auch
historischen Problemen, denen wir uns noch nicht auf Kampfes-
weite angenähert haben.
n8
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Haftbarkeit
Fixierung
Die Bedeutung aller frühzeitigen Sexualäußerungen wird durch
einen psychischen Faktor unbekannter Herkunft gesteigert, den
man derzeit freilich nur als eine psychologische Vorläufigkeit
hinstellen kann. Ich meine die erhöhte Haftbarkeit oder
Fixier barkeit dieser Eindrücke des Sexuallebens, die man bei
späteren Neurotikem wie bei Perversen zur Ergänzung des Tat-
bestandes hinzunehmen muß, da die gleichen vorzeitigen Sexual-
äußerungen bei anderen Personen sich nicht so tiei einprägen
können, daß sie zwangartig auf Wiederholung hinwirken und dem
Sexualtrieb für alle Lebenszeit seine Wege vorzuschreiben ver-
mögen. Vielleicht liegt ein Stück der Aufklärung für diese
Haftbarkeit in einem anderen psychischen Moment, welches wir
in der Verursachung der Neurosen nicht, missen können, nämlich
in dem Übergewicht, welches im Seelenleben den Erinnerungs-
spuren im Vergleich mit den rezenten Kindrücken zufällt. Dieses
Moment ist offenbar von der intellektuellen Ausbildung abhängig
und wächst mit der Höhe der persönlichen Kultur. Im Gegensatz
hiezu ist der Wilde als das „unglückselige Kind des Augenblickes"
charakterisiert worden. 1 Wegen der gegensätzlichen Beziehung
zwischen Kultur und freier SexualitäLsentwicklung, deren Folgen
weit in die Gestaltung unseres Lebens verfolgt werden können,
ist es auf niedriger Kultur- oder Gesellschaftsstufe so wenig, auf
höherer so sehr fürs spätere Leben bedeutsam, wie das sexuelle
Leben des Kindes verlaufen ist.
Die Begünstigung durch die eben erwähnten psychischen
Momente kommt nun den akzidentell erlebten Anregungen der
kindlichen Sexualität zugute. Die letzteren (Verführung durch
andere Kinder oder Erwachsene in erster Linie) bringen das Material
bei, welches mit Hilfe der ersteren zur dauernden Störung fixiert
werden kann. Ein guter Teil der später beobachteten Abweichungen
vom normalen Sexualleben ist so bei Neurotikem wie bei
1) Möglicherweise itt die Erhöhung der Hiifümrkcit auch der Erfolg einer
besonders intensiven somatischen ScxiinliliiOeriiiiß früherer Jahre.
Zusammenfassung 1 1 g
Perversen durch die Eindrücke der angeblich sexualfreien Kindheits-
periode von Anfang an festgelegt. In die Verursachung teilen sich
das Entgegenkommen der Konstitution, die Frühreife, die Eigenschaft
der erhöhten Haftbarkeit und die zufällige Anregung des Sexual-
triebes durch fremden Einfluß.
Der unbefriedigende Schluß aber, der sich aus diesen Unter-
suchungen über die Störungen des Sexuallebens ergibt, geht dahin,
daß wir von den biologischen Vorgängen, in denen das Wesen
der Sexualität besteht, lange nicht genug wissen, um aus unseren
vereinzelten Einsichten eine zum Verständnis des Normalen wie
des Pathologischen genügende Theorie zu gestalten.
.1 '
.
ARBEITEN ZUM SEXUALLEBEN
UND ZUR NEUROSENLEHRE
Unter dem Titel „Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosen lehre"
erscheinen hier Arbeiten aneinandergereiht, die, unabhängig voneinander,
größtenteils in Zeitschriften erschienen waren. (Vgl. die bibliographische Notiz
am Eingange jeder einzelnen Arbeit.) Die meisten dieser Arbeiten sind auch
in der „Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre" von Professor
Sigrru Freud (I. — III. Folge im Verlag Franz Deut icke, Leipzig und
Wien, IV. und V. Folge im Internationalen Psychoanalytischen Verlag,
Leipzig, Wien, Zürich) in Buchform erschienen. Die in der I. — ///. Folge
der „Sammlung" aligedruckten Arbeilen sind in diese Gesamtausgabe mit
Genehmigung des Verlages Deu ticke aufgenommen worden.
MEINE ANSICHTEN ÜBER DIE ROLLE
DER SEXUALITÄT IN DER ÄTIOLOGIE
DER NEUROSEN
Diese im Juni ipoj geschriebene Arbeit erschien
1906 in Löwenfeld: Sexualleben und Nervenleiden,
IV. Auflage, dann in der „Sammlung kleiner Schriften
zur Neurosenlehre u , I. Folge.
Ich bin der Meinung, daß man meine Theorie über die
ätiologische Bedeutung des sexuellen Momentes für die Neurosen
am besten würdigt, wenn man ihrer Entwicklung nachgeht. Ich
habe nämlich keineswegs das Bestreben abzuleugnen, daß sie
eine Entwicklung durchgemacht und sich während derselben
verändert hat. Die Fachgenossen könnten in diesem Zugeständnis
die Gewähr finden, daß diese Theorie nichts anderes ist als
der Niederschlag fortgesetzter und vertiefter Erfahrungen. Was
im Gegensatze hierzu der Spekulation entsprungen ist, das kann
allerdings leicht mit einem Schlage vollständig und dann unver-
änderlich auftreten.
Die Theorie bezog sich ursprünglich bloß auf die als
Neurasthenie" zusammengefaßten Krankheitsbilder, unter denen
mir zwei, gelegentlich auch rein auftretende Typen auffielen, die
ich als „eigentliche Neurasthenie" und als „Angst-
neurose" beschrieben habe. Es war ja immer bekannt, daß
sexuelle Momente in der Verursachung dieser Formen eine Rolle
spielen können, aber man fand dieselben weder regelmäßig
wirksam, noch dachte man daran, ihnen einen Vorrang vor anderen
12 4
Arbeiten zum Sexualleben und zur .Xeurosenlehre.
ätiologischen Einflüssen einzuräumen. Ich wurde zunächst von der
Häufigkeit grober Störungen in der Vita sexualis der Nervösen
überrascht; je mehr ich darauf ausging, solche Störungen zu
suchen, wobei ich mir vorhielt, daß die Menschen alle in sexuellen
Dingen die Wahrheit verhehlen, und je geschickter ich wurde,
das Examen trotz einer anfänglichen Verneinung fortzusetzen,
desto regelmäßiger ließen sich solche krankmachende Momente
aus dem Sexualleben auffinden, bis mir zu deren Allgemeinheit
wenig zu fehlen schien. Man mußte aber von vornherein auf
ein ähnlich häufiges Vorkommen sexueller Unregelmäßigkeiten
unter dem Drucke der sozialen Verhältnisse in unserer Gesellschaft
gefaßt sein, und konnte im Zweifel bleiben, welches Maß von
Abweichung von der normalen Sexualfunktion als Krankheits-
ursache betrachtet werden dürfe. Ich konnte daher auf den regel-
mäßigen Nachweis sexueller Noxen nur weniger Wert legen als
auf eine zweite Erfahrung, die mir eindeutiger erschien. Es ergab
sich, daß die Form der Erkrankung, ob Neurasthenie oder Angst-
neurose, eine konstante Beziehung zur Art der sexuellen Schäd-
lichkeit zeige. In den typischen Fällen der Neurasthenie war
regelmäßig Masturbation oder gehäufte Pollutionen, bei der
Angstneurose waren Faktoren wie der Coitus interruptus, die
„frustrane Erregung" und andere nachweisbar, an denen das
Moment der ungenügenden Abfuhr der erzeugten Libido das
Gemeinsame schien. Erst seit dieser leicht zu machenden und
beliebig oft zu bestätigenden Erfahrung hatte ich den Mut,
für die sexuellen Einflüsse eine bevorzugte Stellung in der
Ätiologie der Neurosen zu beanspruchen. Es kam hinzu, daß
bei den so häufigen Mischformen von Neurasthenie und Angst-
neurose auch die Vermengung der für die beiden Formen ange-
nommenen Ätiologien aufzuzeigen war und daß eine solche Zwei-
teilung in der Erscheinungsform der Neurose zu dem polaren
Charakter der Sexualität (männlich und weiblich) gut zu stimmen
schien.
Meine Ansichten über die Rolle der Sexualität usw. 125
Zur gleichen Zeit, während ich der Sexualität diese Bedeutung
für die Entstehung der einfachen Neurosen zuwies, 1 huldigte ich
noch in betreff der Psychoneurosen (Hysterie und Zwangsvor-
stellungen) einer rein psychologischen Theorie, in welcher das
sexuelle Moment nicht anders als andere emotionelle Quellen in
Betracht kam. Ich hatte im Verein mit J. Breuer und im
Anschluß an Beobachtungen, die er gut ein Dezennium vorher
an einer hysterischen Kranken gemacht hatte, den Mechanismus
der Entstehung hysterischer Symptome mittels des Erweckens
von Erinnerungen im hypnotischen Zustande studiert, und wir
waren zu Aufschlüssen gelangt, welche gestatteten, die Brücke
von der traumatischen Hysterie Charcots zur gemeinen, nicht
traumatischen, zu schlagen. 2 Wir waren zur Auffassung gelangt,
daß die hysterischen Symptome Dauerwirkungen von psychischen
Traumen sind, deren zugehörige Affektgröße durch besondere
Bedingungen von bewußter Bearbeitung abgedrängt worden ist
und sich darum einen abnormen Weg in die Körperinnervation
gebahnt hat. Die Termini „eingeklemmter Affekt", „Kon-
version" und „Abreagieren" fassen das Kennzeichnende
dieser Anschauung zusammen.
Bei den nahen Beziehungen der Psychoneurosen zu den ein-
fachen Neurosen, die ja so weit gehen, daß dem Ungeübten die
diagnostische Unterscheidung nicht immer leicht fällt, konnte es
aber nicht ausbleiben, daß die für das eine Gebiet gewonnene
Erkenntnis auch für das andere Platz griff. Überdies führte, von
solcher Beeinflussung abgesehen, auch die Vertiefung in den
psychischen Mechanismus der hysterischen Symptome zu dem
gleichen Ergebnis. Wenn man nämlich bei dem von Breuer
und mir eingesetzten „kathartischen" Verfahren den psychischen
Traumen, von denen sich die hysterischen Symptome ableiteten,
1) Über die Berechtigung, von der Neurasthenie einen bestimmten Symptomen-
kbmplex als „Angstneurose" abzutrennen. Neurol. Zentralblatt, 1895. [Band I dieser
Gesamtausgabe.]
2) Studien über Hysterie. 1905. [Band I dieser Gesamtausgabe.]
126 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
immer weiter nachspürte, gelangte man endlich zu Erlebnissen,
welche der Kindheit des Kranken angehörten und sein Sexual-
leben betrafen, und zwar auch in solchen Fällen, in denen eine
banale Emotion nicht sexueller Natur den Ausbruch der Krankheit
veranlaßt hatte. Ohne diese sexuellen Traumen der Kinderzeit
in Betracht zu ziehen, konnte man weder die Symptome aufklären,
deren Determinierung verständlich finden, noch deren Wiederkehr
verhüten. Somit schien die unvergleichliche Bedeutung sexueller
Erlebnisse für die Ätiologie der Psychoneurosen als unzweifelhaft
festgestellt, und diese Tatsache ist auch bis heute einer der
Grundpfeiler der Theorie geblieben.
Wenn man diese Theorie so darstellt, die Ursache der lebens-
langen hysterischen Neurose liege in den meist an sich gering-
fügigen sexuellen Erlebnissen der frühen Kinderzeit, so mag sie
allerdings befremdend genug klingen. Nimmt man aber auf die
historische Entwicklung der Lehre Rücksicht, verlegt den Haupt-
inhalt derselben in den Satz, die Hysterie sei der Ausdruck eines
besonderen Verhaltens der Sexualfunktion des Individuums, und
dieses Verhalten werde bereits durch die ersten in der Kindheit
einwirkenden Einflüsse und Erlebnisse maßgebend bestimmt, so
sind wir zwar um ein Paradoxon ärmer, aber um ein Motiv
bereichert worden, den bisher arg vernachlässigten, höchst bedeut-
samen Nachwirkungen der Kindheitseindrücke überhaupt unsere
Aufmerksamkeit zu schenken.
Indem ich mir vorbehalte, die Frage, ob man in den sexuellen
Kindererlebnissen die Ätiologie der Hysterie (und Zwangsneurose)
sehen dürfe, weiter unten gründlicher zu behandeln, kehre ich
zu der Gestaltung der Theorie zurück, welche diese in einigen
kleinen, vorläufigen Publikationen der Jahre 189g und 1896
angenommen hat. 1 Die Hervorhebung der angenommenen ätio-
1) Weitere Bemerkungen über die Abwehr-Ncuropsychosen, Ncurol. Zentral-
blatt, 1896. — Zur Ätiologie der Hysterie, Wiener klinische Kundschau, 1896
[Beide Arbeiten in Bd. I dieser Gesamtausgabe.]
Meine Ansichten über die Rolle der Sexualität usw. 127
logischen Momente gestattete damals, die gemeinen Neurosen
als Erkrankungen mit aktueller Ätiologie den Psychoneurosen
gegenüberzustellen, deren Ätiologie vor allem in den sexuellen
Erlebnissen der Vorzeit zu suchen war. Die Lehre gipfelte
in dem Satze: Bei normaler Vita sexualis ist eine Neurose
unmöglich.
Wenn ich auch diese Sätze noch heute nicht für unrichtig
halte, so ist es doch nicht zu verwundern, daß ich in zehn Jahren
fortgesetzter Bemühung um die Erkenntnis dieser Verhältnisse
über meinen damaligen Standpunkt ein gutes Stück weit hinaus-
gekommen bin und mich heute in der Lage glaube, die Unvoll-
ständigkeit, die Verschiebungen und die Mißverständnisse, an
denen die Lehre damals litt, durch eingehendere Erfahrung zu
korrigieren. Ein Zufall des damals noch spärlichen Materials
hatte mir eine unverhältnismäßig große Anzahl von Fällen
zugeführt, in deren Kindergeschichte die sexuelle Verführung
durch Erwachsene oder andere ältere Kinder die Hauptrolle
spielte. Ich überschätzte die Häufigkeit dieser (sonst nicht anzu-
zweifelnden) Vorkommnisse, da ich überdies zu jener Zeit nicht
imstande war, die Erinnerungstäuschungen der Hysterischen über
ihre Kindheit von den Spuren der wirklichen Vorgänge sicher
zu unterscheiden, während ich seitdem gelernt habe, so manche
Verführungsphantasie als Abwehrversuch gegen die Erinnerung
der eigenen sexuellen Betätigung (Kindermasturbation) aufzulösen.
Mit dieser Aufklärung entfiel die Betonung des „traumatischen"
Elementes an den sexuellen Kindererlebnissen, und es blieb die
Einsicht übrig, daß die infantile Sexualbetätigung (ob spontan
oder provoziert) dem späteren Sexualleben nach der Reife die
Richtung vorschreibt. Dieselbe Aufklärung, die ja den bedeut-
samsten meiner anfänglichen Irrtümer korrigierte, mußte auch
die Auffassung vom Mechanismus der hysterischen Symptome
verändern. Dieselben erschienen nun nicht mehr als direkte
Abkömmlinge der verdrängten Erinnerungen an sexuelle Kindheits-
12 8 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
erlebnisse, sondern zwischen die Symptome und die infantilen
Eindrücke schoben sich nun die (meist in den Pubertätsjahren
produzierten) Phantasien (Erinnerungsdichtungen) der Kranken
ein, die auf der einen Seite sich aus und über den Kindheits-
erinnerungen aufbauten, auf der anderen sich unmittelbar in die
Symptome umsetzten. Erst mit der Einführung des Elements
der hysterischen Phantasien wurde das Gefüge der Neurose und
deren Beziehung zum Leben der Kranken durchsichtig; auch
ergab sich eine wirklich überraschende Analogie zwischen diesen
unbewußten Phantasien der Hysteriker und den als Wahn bewußt
gewordenen Dichtungen bei der Paranoia.
Nach dieser Korrektur waren die „infantilen Sexualtraumen '
in gewissem Sinne durch den „Infantilismus der Sexualität"
ersetzt. Eine zweite Abänderung der ursprünglichen Theorie lag
nicht ferne. Mit der angenommenen Häufigkeit der Verführung
in der Kindheit entfiel auch die übergroße Betonung der
akzidentellen Beeinflussung der Sexualität, welcher ich bei
der Verursachung des Krankseins die Hauptrolle zuschieben
wollte, ohne darum konstitutionelle und hereditäre Momente zu
leugnen. Ich hatte sogar gehofft, das Problem der Neurosenwahl,
die Entscheidung darüber, welcher Form von Psychoneurose der
Kranke verfallen solle, durch die Einzelheiten der sexuellen
Kindererlebnisse zu lösen, und damals — wenn auch mit Zurück-
haltung — gemeint, daß passives Verhalten bei diesen Szenen
die spezifische Disposition zur Hysterie, aktives dagegen die für
die Zwangsneurose ergebe. Auf diese Auffassung mußte ich
später völlig Verzicht leisten, wenngleich manches Tatsächliche
den geahnten Zusammenhang zwischen Passivität und Hysterie,
Aktivität und Zwangsneurose in irgendeiner Weise aufrecht zu
halten gebietet. Mit dem Rücktritt der akzidentellen Einflüsse
des Erlebens mußten die Momente der Konstitution und Heredität
wieder die Oberhand behaupten, aber mit dem Unterschiede
gegen die sonst herrschende Anschauung, daß bei mir die
Meine Ansichten über die Rolle der Sexualität usw. iaq
„sexuelle Konstitution" an die Stelle der allgemeinen neuro-
pathischen Disposition trat. In meinen jüngst erschienenen „Drei
Abhandlungen zur Sexualtheorie" (1905) habe ich den Versuch
gemacht, die Mannigfaltigkeiten dieser sexuellen Konstitution sowie
die Zusammengesetztheit des Sexualtriebes überhaupt und dessen Her-
kunft aus verschiedenen Beitragsquellen im Organismus zu schildern.
Immer noch im Zusammenhange mit der veränderten Auf-
fassung der „sexuellen Kindertraumen" entwickelte sich nun
die Theorie nach einer Richtung weiter, die schon in den
Veröffentlichungen der Jahre 1894. bis 1896 angezeigt worden
war. Ich hatte bereits damals, und noch ehe die Sexualität in
die ihr gebührende Stellung in der Ätiologie eingesetzt war, als
Bedingung für die pathogene Wirksamkeit eines Erlebnisses
angegeben, daß dieses dem Ich unerträglich erscheinen und ein
Bestreben zur Abwehr hervorrufen müsse." Auf diese Abwehr
hatte ich die psychische Spaltung — oder wie man damals sagte:
die Bewußtseinsspaltung — der Hysterie zurückgeführt. Gelang
die Abwehr, so war das unerträgliche Erlebnis mit seinen Affekt-
folgen aus dem Bewußtsein und der Erinnerung des Ichs
vertrieben; unter gewissen Verhältnissen entfaltete aber das
Vertriebene als ein nun Unbewußtes seine Wirksamkeit und
kehrte mittels der Symptome und der an ihnen haftenden Affekte
ins Bewußtsein zurück, so daß die Erkrankung einem Mißglücken
der Abwehr entsprach. Diese Auffassung hatte das Verdienst, auf
das Spiel der psychischen Kräfte einzugehen und somit die
seelischen Vorgänge der Hysterie den normalen anzunähern,
anstatt die Charakteristik der Neurose in eine rätselhafte und
weiter nicht analysierbare Störung zu verlegen.
Als nun weitere Erkundigungen bei normal gebliebenen
Personen das unerwartete Ergebnis lieferten, daß deren sexuelle
1) Die Abwehr-Neuropsychosen. Versuch einer psychologischen Theorie der
akquirierten Hysterie, vieler Phobien und Zwangsvorstellungen und gewisser
halluzinatorischer Psychosen. Neurol. Zentralblatt, 1894. [Bd. I dieser Gesamtausgabe.!
Freud, V. „
13 o Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
Kindergeschichte sich nicht wesentlich von dem Kinderleben der
Neurotiker zu unterscheiden brauche, daß speziell die Rolle der
Verführung bei ersteren die gleiche sei, traten die akzidentellen
Einflüsse noch mehr gegen den der „Verdrängung" (wie
ich anstatt „Abwehr" zu sagen begann) zurück. Es kam also
nicht darauf an, was ein Individuum in seiner Kindheit an
sexuellen Erregungen erfahren hatte, sondern vor allem auf seine
Reaktion gegen diese Erlebnisse, ob es diese Eindrücke mit der
Verdrängung" beantwortet habe oder nicht. Bei spontaner
infantiler Sexualbetätigung ließ sich zeigen, daß dieselbe häufig
im Laufe der Entwicklung durch einen Akt der Verdrängung
abgebrochen wurde. Das geschlechtsreife neurotische Individuum
brachte so ein Stück „Sexualverdrängung" regelmäßig aus seiner
Kindheit mit, das bei den Anforderungen des realen Lebens zur
Äußerung kam, und die Psychoanalysen Hysterischer zeigten, daß
ihre Erkrankung ein Erfolg des Konflikts zwischen der Libido
und der Sexualverdrängung sei und daß ihre Symptome den
Wert von Kompromissen zwischen beiden seelischen Strömungen
haben.
Ohne eine ausführliche Erörterung meiner Vorstellungen von
der Verdrängung könnte ich diesen Teil der Theorie nicht weiter
aufklären. Es genüge, hier auf meine „Drei Abhandlungen zur
Sexualtheorie" (1905) hinzuweisen, wo ich auf die somatischen
Vorgänge, in denen das Wesen der Sexualität zu suchen ist, ein
allerdings erst spärliches Licht zu werfen versucht habe. Ich
habe dort ausgeführt, daß die konstitutionelle sexuelle Anlage
des Kindes eine ungleich buntere ist, als man erwarten konnte,
daß sie „polymorph pervers" genannt zu werden verdient, und
daß aus dieser Anlage durch Verdrängung gewisser Komponenten
das sogenannte normale Verhalten der Sexualfunktion hervorgeht.
Ich konnte durch den Hinweis auf die infantilen Charaktere der
Sexualität eine einfache Verknüpfung zwischen Gesundheit,
Perversion und Neurose herstellen. Die Norm ergab sich aus der
Meine Ansichten über die Rolle der Sexualität usw.
151
Verdrängung gewisser Partialtriebe und Komponenten der infantilen
Anlagen und der Unterordnung der übrigen unter das Primat
der Genitalzonen im Dienste der Fortpflanzungsfunktion ; die
Perversionen entsprachen Störungen dieser Zusammenfassung
durch die übermächtige zwangsartige Entwicklung einzelner dieser
Partialtriebe, und die Neurose führte sich auf eine zu weitgehende
Verdrängung der libidinösen Strebungen zurück. Da fast alle
perversen Triebe der infantilen Anlage als symptombildende
Kräfte bei der Neurose nachweisbar sind, sich aber bei ihr im
Zustande der Verdrängung befinden, konnte ich die Neurose als
das „Negativ" der Perversion bezeichnen.
Ich halte es der Hervorhebung wert, daß meine Anschauungen
über die Ätiologie der Psychoneurosen bei allen Wandlungen
doch zwei Gesichtspunkte nie verleugnet oder verlassen haben,
die Schätzung der Sexualität und des Infantilismus.
Sonst sind an die Stelle akzidenteller Einflüsse konstitutionelle
Momente, für die rein psychologisch gemeinte „Abwehr" ist die
organische „Sexualverdrängung" eingetreten. Sollte nun jemand
fragen, wo ein zwingender Beweis für die behauptete ätiologische
Bedeutung sexueller Faktoren bei den Psychoneurosen zu finden
sei, da man doch diese Erkrankungen auf die banalsten Gemüts-
bewegungen und selbst auf somatische Anlässe hin ausbrechen
sieht, auf eine spezifische Ätiologie in Gestalt besonderer Kinder-
erlebnisse verzichten muß, so nenne ich die psychoanalytische
Erforschung der Neurotiker als die Quelle, aus welcher die
bestrittene Überzeugung zufließt. Man erfährt, wenn man sich
dieser unersetzlichen Untersuchungsmethode bedient, daß die
Symptome die Sexualbetätigung der Kranken dar-
stellen, die ganze oder eine partielle, aus den Quellen normaler
oder perverser Partialtriebe der Sexualität. Nicht nur, daß ein
guter Teil der hysterischen Symptomatologie direkt aus den
Äußerungen der sexuellen Erregtheit herstammt, nicht nur, daß
eine Reihe von erogenen Zonen in der Neurose in Verstärkung
9*
13«
Arbeiten zum Sexualleben und zur Ncurosenlchre
infantiler Eigenschaften sich zur Bedeutung von Genitalien
erhebt; die kompliziertesten Symptome selbst enthüllen sich als
die konvertierten Darstellungen von Phantasien, welche eine
sexuelle Situation zum Inhalte haben. Wer die Sprache der
Hysterie zu deuten versteht, kann vernehmen, daß die Neurose
nur von der verdrängten Sexualität der Kranken handelt. Man
wolle nur die Sexualfunktion in ihrem richtigen, durch die infantile
Anlage umschriebenen Umfange verstehen. Wo eine banale
Emotion zur Verursachung der Erkrankung gerechnet werden
muß, weist die Analyse regelmäßig nach, daß die nicht fehlende
sexuelle Komponente des traumatischen Erlebnisses die pathogene
Wirkung ausgeübt hat.
Wir sind unversehens von der Frage nach der Verursachung
der Psychoneurosen zum Problem ihres Wesens vorgedrungen.
Will man dem Rechnung tragen, was man durch die Psycho-
analyse erfahren hat, so kann man nur sagen, das Wesen dieser
Erkrankungen liege in Störungen der Sexualvorgänge, jener
Vorgänge im Organismus, welche die Bildung und Verwendung
der geschlechtlichen Libido bestimmen. Es ist kaum zu vermeiden,
daß man sich diese Vorgänge in letzter Linie als chemische
vorstelle, so daß man in den sogenannten aktuellen Neurosen
die somatischen, in den Psychoneurosen außerdem noch die
psychischen Wirkungen der Störungen im Sexualstoffwechsel
erkennen dürfte. Die Ähnlichkeit der Neurosen mit den Intoxi-
kations- und Abstinenzerscheinungen nach gewissen Alkaloiden,
mit dem Morbus Basedowi und Morbus Addisoni drängt sich
ohne weiteres klinisch auf, und sowie man diese beiden letzteren
Erkrankungen nicht mehr als „Nervenkrankheiten" beschreiben
darf, so werden wohl auch bald die echten „Neurosen" ihrer
Namengebung zum Trotze aus dieser Klasse entfernt werden
müssen.
Zur Ätiologie der Neurosen gehört dann alles, was schädigend
auf die der Sexualfunktion dienenden Vorgänge einwirken kann.
Meine Ansichten über die Rolle der Sexualität usw. 133
In erster Linie also die Noxen, welche die Sexualfunktion
selbst betreffen, insoferne diese von der mit Kultur und Erziehung
veränderlichen Sexualkonstitution als Schädlichkeiten angenommen
werden. In zweiter Linie stehen alle andersartigen Noxen und
Traumen, welche sekundär durch Allgemeinschädigung des
Organismus die Sexual Vorgänge in demselben zu schädigen
vermögen. Man vergesse aber nicht, daß das ätiologische Problem
bei den Neurosen mindestens ebenso kompliziert ist wie sonst
bei der Krankheitsverursachung. Eine einzige pathogene Ein-
wirkung ist fast niemals hinreichend; zu allermeist wird eine
Mehrheit von ätiologischen Momenten erfordert, die einander
unterstützen, die man also nicht in Gegensatz zu einander bringen
darf. Dafür ist auch der Zustand des neurotischen Krankseins
von dem der Gesundheit nicht scharf geschieden. Die Erkrankung
ist das Ergebnis einer Summation, und das Maß der ätiologischen
Bedingungen kann von irgendeiner Seite her voll gemacht
werden. Die Ätiologie der Neurosen ausschließlich in der
Heredität oder in der Konstitution zu suchen, wäre keine
geringere Einseitigkeit, als wenn man einzig die akzidentellen
Beeinflussungen der Sexualität im Leben zur Ätiologie erheben
wollte, wenn sich doch die Aufklärung ergibt, daß das Wesen
dieser Erkrankungen nur in einer Störung der Sexualvorgänge
im Organismus gelegen ist.
ZUR SEXUELLEN AUFKLÄRUNG DER
KINDER
OFFENER BRIEF AN Dr. M. FÜRST
Dieser Offene Brief erschien in „Soziale Medizin
und Hygiene", Bd. II, lyo-j, dann in der Zweiten Folge
der „Sammlung kleiner Schriften zur Xcurosenlehrc".
Geehrter Herr Kollege)
Wenn Sie von mir eine Äußerung über die „sexuelle Auf-
klärung der Kinder" verlangen, so nehme ich an, daß Sie keine
regelrechte und förmliche Abhandlung mit Berücksichtigung der
ganzen, über Gebühr angewachsenen Literatur erwarten, sondern
das selbständige Urteil eines einzelnen Arztes hören wollen, dem
seine Berufstätigkeit besondere Anregung geboten hat, sich mit
den sexuellen Problemen zu beschäftigen. Ich weiß, daß Sie meine
wissenschaftlichen Bemühungen mit Interesse verfolgt haben und
mich nicht wie viele andere Kollegen darum ohne Prüfung
abweisen, weil ich in der psychosexuellen Konstitution und in
Schädlichkeiten des Sexuallebens die wichtigsten Ursachen der so
häufigen neurotischen Erkrankungen erblicke; auch meine „Drei
Abhandlungen zur Sexualtheorie", in denen ich die Zusammen-
setzung des Geschlechtstriebes und die Störungen in der Entwicklung
des Geschlechtstriebes zur Sexualfunklion darlege, haben kürzlich
eine freundliche Erwähnung in Ihrer Zeitschrift gefunden.
Ich soll Ihnen also die Fragen beantworten, ob man den
Kindern überhaupt Aufklärungen über die Tatsachen des
Geschlechtslebens geben darf, in welchem Alter dies geschehen
Zur sexuellen Aufklärung der Kinder 155
kann und in welcher Weise. Nehmen Sie nun gleich zu Anfang
mein Geständnis entgegen, daß ich eine Diskussion über den
zweiten und dritten Punkt ganz begreiflich finde, daß es aber
für meine Einsicht völlig unfaßbar ist, wie der erste dieser Frage-
punkte ein Gegenstand von Meinungsverschiedenheit werden
konnte. Was will man denn erreichen, wenn man den Kindern
— oder sagen wir der Jugend — solche Aufklärungen über das
menschliche Geschlechtsleben vorenthält? Fürchtet man, ihr
Interesse für diese Dinge vorzeitig zu wecken, ehe es sich in
ihnen selbst regt? Hofft man, durch solche Verhehlung den
Geschlechtstrieb überhaupt zurückzuhalten bis zur Zeit, da er
in die ihm von der bürgerlichen Gesellschaftsordnung allein
geöffneten Bahnen einlenken kann? Meint man, daß die Kinder
für die Tatsachen und Rätsel des Geschlechtslebens kein Inter-
esse oder kein Verständnis zeigten, wenn sie nicht von fremder
Seite darauf hingewiesen würden? Hält man es für möglich,
daß ihnen die Kenntnis, welche man ihnen versagt, nicht, auf
anderen Wegen zugeführt wird? Oder verfolgt man wirklich
und ernsthaft die Absicht, daß sie späterhin alles Geschlechtliche
als etwas Niedriges und Verabscheuenswertes beurteilen mögen,
von dem ihre Eltern und Erzieher sie so lange als möglich fern-
halten wollten?
Ich weiß wirklich nicht, in welcher dieser Absichten ich
das Motiv für das tatsächlich geübte Verstecken des Sexuellen
vor den Kindern erblicken soll; ich weiß nur, daß sie alle gleich
töricht sind, und daß es mir schwer fällt, sie durch ernsthafte
Widerlegungen auszuzeichnen. Ich erinnere mich aber, daß ich
in den Familienbriefen des großen Denkers und Menschenfreundes
Multatuli einige Zeilen gefunden habe, die als Antwort mehr
als bloß genügen können."
Im allgemeinen werden einzelne Dinge nach meinem Gefühl
zu sehr umschleiert. Man tut recht, die Phantasie der Kinder
1) M ul tatul i -Briefe, herausgegeben von W. S p o h r, igo6, Bd. I, S. 26.
156
Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehrc
reinzuhalten, aber diese Reinheit wird nicht bewahrt durch
Unwissenheit. Ich glaube eher, daß das Verdecken von etwas den
Knaben und das Mädchen um so mehr die Wahrheit argwöhnen
läßt. Man spürt aus Neugierde Dingen nach, die uns, wenn sie
uns ohne viel Umstände mitgeteilt würden, wenig oder kein
Interesse einflößen würden. Wäre diese Unwissenheit noch zu be-
wahren, so könnte ich mich damit versöhnen, aber das ist nicht
möglich; das Kind kommt in Berührung mit anderen Kindern, es
bekommt Bücher in die Hände, die es zum Nachdenken bringen;
gerade die Geheimtuerei, womit das dennoch Begriffene von den
Eltern behandelt wird, erhöht das Verlangen, mehr zu wissen.
Dieses Verlangen, nur zum Teil, nur heimlich befriedigt, erhitzt
das Herz und verdirbt die Phantasie, das Kind sündigt bereits, und
die Eltern meinen noch, daß es nicht weiß, was Sünde ist."
Ich weiß nicht, was man hierüber Besseres sagen könnte,
aber vielleicht läßt sich einiges hinzufügen. Es ist gewiß nichts
anderes als die gewohnte Prüderie und das eigene schlechte
Gewissen in Sachen der Sexualität, was die Erwachsenen zur
„Geheimtuerei" vor den Kindern veranlaßt; aber möglicherweise
wirkt da auch ein Stück theoretischer Unwissenheit mit, dem
man durch die Aufklärung der Erwachsenen entgegentreten kann.
Man meint nämlich, daß den Kindern der Geschlechtstrieb fehle
und sich erst zur Pubertätszeit mit der Reife der Geschlechts-
organe bei ihnen einstelle. Das ist ein grober, für die Kenntnis
wie für die Praxis folgenschwerer Irrtum. Es ist so leicht, ihn
durch die Beobachtung zu korrigieren, daß man sich verwundern
muß, wie er überhaupt entstehen konnte. In Wahrheit bringt
das Neugeborene Sexualität mit auf die Welt, gewisse Sexual-
empfindungen begleiten seine Entwicklung durch die Säuglings-
und Kinderzeiten, und die wenigsten Kinder dürften sexuellen
Betätigungen und Empfindungen vor ihrer Pubertät entgehen.
Wer die ausführliche Darlegung dieser Behauptungen kennen
lernen will, möge sie in meinen erwähnten „Drei Abhandlungen
1
Zur sexuellen Aufklärung der Kinder 157
zur Sexualtheorie, Wien 1905" aufsuchen. Er wird dort erfahren,
daß die eigentlichen Reproduktionsorgane nicht die einzigen
Körperteile sind, welche sexuelle Lustempfindungen vermitteln,
und daß die Natur es recht zwingend so eingerichtet hat, daß
selbst Reizungen der Genitalien während der Kinderzeit unver-
meidlich sind. Man bezeichnet diese Lebenszeit, in welcher durch
die Erregung verschiedener Hautstellen (erogener Zonen), durch
die Betätigung gewisser biologischer Triebe und als Miterregung
bei vielen affektiven Zuständen ein gewisser Betrag von sicher
sexueller Lust erzeugt wird, mit einem von Havelock Ellis
eingeführten Ausdrucke als die Periode des Autoerotismus. Die
Pubertät leistet nichts anderes, als daß sie unter allen lust-
erzeugenden Zonen und Quellen den Genitalien das Primat
verschafft und dadurch die Erotik in den Dienst der Fortpflanzungs-
funktion zwingt, ein Prozeß, der natürlich gewissen Hemmungen
unterliegen kann und sich bei vielen Personen, den späteren
Perversen und Neurotikern, nur in unvollkommener Weise voll-
zieht. Anderseits ist das Kind der meisten psychischen Leistungen
des Liebeslebens (der Zärtlichkeit, der Hingebung, der Eifersucht)
lange vor erreichter Pubertät fähig, und oft genug stellt sich auch
der Durchbruch dieser seelischen Zustände zu den körperlichen
Empfindungen der Sexualerregung her, so daß das Kind über
die Zusammengehörigkeit der beiden nicht im Zweifel bleiben
kann. Kurz gesagt, das Kind ist lange vor der Pubertät ein bis auf
die Fortpflanzungsfähigkeit fertiges Liebeswesen, und man darf es
aussprechen, daß man ihm mit jener „Geheimtuerei" nur die Fähig-
keit zur intellektuellen Bewältigung solcher Leistungen vorenthält,
für die es psychisch vorbereitet und somatisch eingestellt ist.
Das intellektuelle Interesse des Kindes für die Rätsel des
Geschlechtslebens, seine sexuelle Wißbegierde äußert sich denn
auch zu einer unvermutet frühen Lebenszeit. Es muß wohl so
zugehen, daß die Eltern für dieses Interesse des Kindes wie mit
Blindheit geschlagen sind oder sich sofort bemühen, es zu
13»
Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenielire
ersticken, falls sie es nicht übersehen können, wenn Beobachtungen
wie die nun mitzuteilende nicht häufiger gemacht werden können.
Ich kenne da einen prächtigen Jungen von jetzt vier Jahren,
dessen verständige Eltern darauf verzichten, ein Stück der Ent-
wicklung des Kindes gewaltsam zu unterdrücken. Der kleine
Hans, der sicherlich keinem verführenden Einflüsse von Seiten
einer Warteperson unterlegen ist, zeigt schon seit einiger Zeit
das lebhafteste Interesse für jenes Stück seines Körpers, das er
als „ Wiwimacher" zu bezeichnen pflegt. Schon mit drei Jahren
hat er die Mutter gefragt: „Mama, hast du auch einen Wiwi-
macher?" Worauf die Mama geantwortet: „Natürlich, was hast
du denn gedacht?" Dieselbe Frage hat er zu wiederholten Malen
an den Vater gerichtet. Im selben Alter zuerst in einen Stall
geführt, hat er beim Melken einer Kuh zugeschaut und dann
verwundert ausgerufen: „Schau, aus dem Wiwimacher kommt
Milch." Mit dreidreiviertel Jahren ist er auf dem Wege, durch
seine Beobachtungen selbständig richtige Kategorien zu entdecken.
Er sieht, wie aus einer Lokomotive Wasser ausgelassen wird und
sagt: „Schau, die Lokomotive macht Wivvi; wo hat sie denn den
Wiwimacher?" Später setzt er nachdenklich hinzu: „Ein Hund
und ein Pferd hat einen Wiwimacher; ein Tisch und ein Sessel
nicht." Vor kurzem hat er zugesehen, wie man sein ein wöchiges
Schwesterchen badet, und dabei bemerkt: „Aber ihr Wiwi-
macher ist noch klein. Wenn sie wächst, wird er schon größer
werden." (Dieselbe Stellung zum Problem der Geschlechtsunter-
schiede ist mir auch von arideren Knaben gleichen Alters berichtet
worden.) Ich möchte ausdrücklich bestreiten, daß der kleine Hans
ein sinnliches oder gar ein pathologisch veranlagtes Kind sei; ich
meine nur, er ist nicht eingeschüchtert worden, wird nicht vom
Schuldbewußtsein geplagt und gibt, darum arglos von seinen
Denkvorgängen Kunde. 1
1) [Zusatz 1924:] Über die spätere neurotische Krkrankung und Herstellung dieses
„kleinen Hans" siehe „Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben" im VIIF. Band
dieser Gesamtausgabe.
Zur sexuellen Aufklärung der Kinder 159
Das zweite große Problem, welches dem Denken der Kinder
— wohl erst in etwas späteren Jahren — Aufgaben stellt, ist
die Frage nach der Herkunft der Kinder, die zumeist an die
unerwünschte Erscheinung eines neuen kleinen Bruders oder
Schwesterchens anknüpft. Es ist dies die älteste und die brennendste
Frage der jungen Menschheit; wer Mythen und Überlieferungen
zu deuten versteht, kann sie aus dem Rätsel heraushören, welches
die thebaische Sphinx dem Ödipus aufgibt. Durch die in der
Kinderstube gebräuchlichen Antworten wird der ehrliche Forscher-
trieb des Kindes verletzt, meist auch dessen Vertrauen zu seinen
Eltern zum erstenmal erschüttert 5 von da an beginnt es zumeist
den Erwachsenen zu mißtrauen und seine intimsten Interessen
vor ihnen geheimzuhalten. Ein kleines Dokument mag zeigen,
wie quälend sich gerade diese Wißbegierde oft bei älteren Kindern
gestaltet, der Brief eines mutterlosen, elfeinhalbj ährigen Mädchens,
welches über das Problem mit seiner jüngeren Schwester
spekuliert hat :
„Liebe Tante Mali!"
„Ich bitte Dich, sei so gut und schreibe mir, wie Du die Christel oder
den Paul bekommen hast. Du mußt es ja wissen, da Du verheiratet bist.
Wir haben uns nämlich gestern abend darüber gestritten und wünschen
die Wahrheit zu wissen. Wir haben ja sonst niemanden, den wir fragen
könnten. Wann kommt Ihr denn nach Salzburg? Weißt Du, liebe Tante
Mali, wir können halt nicht begreifen, wie der Storch die Kinder bringt.
Trudel hat geglaubt, der Storch bringt sie im Hemde. Dann möchten wir
auch wissen, ob er sie aus dem Teiche nimmt und warum man die
Kinder nie im Teich sieht. Ich bitte Dich, sag' mir auch, wieso man
vorher weiß, wann man sie bekommt. Schreibe mir darüber ausführlich
Antwort.
Mit tausend Grüßen und Küssen von uns allen
Deine neugierige Lilli. l
Ich glaube nicht, daß dieser rührende Brief den beiden Schwestern
die geforderte Aufklärung brachte. Die Schreiberin ist später an
14° Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre.
jener Neurose erkrankt, die sich von unbeantworteten unbewußten
Fragen ableitet, an Zwangsgrübelsucht. 1
Ich glaube nicht, daß nur ein einziger Grund vorliegt, um
Kindern die Aufklärung, nach der ihre Wißbegierde verlangt, zu
verweigern. Freilich, wenn es die Absicht der Erzieher ist, die
Fähigkeit der Kinder zum selbständigen Denken möglichst früh-
zeitig zugunsten der so hochgeschätzten „Bravheit" zu ersticken,
so kann dies nicht besser als durch Irreführung auf sexuellem
und durch Einschüchterung auf religiösem Gebiete versucht
werden. Die stärkeren Naturen widerstehen allerdings diesen
Beeinflussungen und werden zu Rebellen gegen die elterliche und
später gegen jede andere Autorität. Erhalten die Kinder jene
Aufklärungen nicht, um die sie sich an Ältere gewendet haben,
so quälen sie sich im Geheimen mit dem Problem weiter und
bringen. Lösungsversuche zustande, in denen das geahnte Richtige
auf die merkwürdigste Weise mit grotesk Unrichtigem vermengt
ist, oder sie flüstern einander Mitteilungen zu, in welchen zufolge
des Schuldbewußtseins der jugendlichen Forscher dem Sexualleben
das Gepräge des Gräßlichen und Ekelhaften aufgedrückt wird.
Diese kindlichen Sexualtheorien wären wohl einer Sammlung und
Würdigung wert. Meist haben die Kinder von diesem Zeitpunkte
an die einzig richtige Stellung zu den Fragen des Geschlechts
verloren, und viele unter ihnen finden sie überhaupt nicht
wieder.
Es scheint, daß die überwiegende Mehrheit männlicher und
weiblicher Autoren, welche über die sexuelle Aufklärung der
Jugend geschrieben haben, sich im bejahenden Sinn entscheiden.
Aber aus dem Ungeschick der meisten Vorschläge, wann und
wie dies zu geschehen hat, ist man versucht zu schließen, daß
dies Zugeständnis den Betreffenden nicht leicht geworden ist.
Ganz vereinzelt steht nach meiner Literaturkenntnis jener
reizende Aufklärungsbrief da, de n eine Frau Emma Eckstein
l) Die Grübelsucht machte aber nach Jahren einer Dementia praecox Platz.
Zur sexuellen Aufklärung der Kinder 141
an ihren etwa zehnjährigen Sohn zu schreiben vorgibt.' Wie
man es sonst macht, daß man den Kindern die längste Zeit jede
Kenntnis des Sexuellen vorenthält, um ihnen dann einmal in
schwülstig-feierlichen Worten eine auch nur halb aufrichtige
Eröffnung zu schenken, die überdies meist zu spät kommt, das
ist offenbar nicht ganz das Richtige. Die meisten Beantwortungen
der Frage „wie sag's ich meinem Kinde?" machen mir
wenigstens einen so kläglichen Eindruck, daß ich vorziehen
würde, wenn die Eltern sich überhaupt nicht um die Aufklärung
bekümmern würden. Es kommt vielmehr darauf an, daß die
Kinder niemals auf die Idee geraten, man wolle ihnen aus den
Tatsachen des Geschlechtslebens eher ein Geheimnis machen als
aus anderem, was ihrem Verständnisse noch nicht zugänglich ist
Und um dies zu erzielen, ist es erforderlich, daß das Geschlecht-
liche von allem Anfange an gleich wie anderes Wissenswerte
behandelt werde. Vor allem ist es Aufgabe der Schule, der
Erwähnung des Geschlechtlichen nicht auszuweichen, die großen
Tatsachen der Fortpflanzung beim Unterrichte über die Tierwelt
in ihre Bedeutung einzusetzen und sogleich zu betonen, daß der
Mensch alles Wesentliche seiner Organisation mit den höheren
Tieren teilt. Wenn dann das Haus nicht auf Denkabschreckung
hinarbeitet, wird es sich wohl öfter ereignen, was ich einmal in
einer Kinderstube belauscht habe, daß ein Knabe seinem jüngeren
Schwesterchen vorhält: „Aber wie kannst du denken, daß der
Storch die kleinen Kinder bringt. Du weißt ja, daß der Mensch
ein Säugetier ist, und glaubst du denn, daß der Storch den
anderen Säugetieren die Jungen bringt?" Die Neugierde des
Kindes wird dann nie einen hohen Grad erreichen, wenn sie
auf jeder Stufe des Lernens die entsprechende Befriedigung findet.
Die Aufklärung über die spezifisch menschlichen Verhältnisse des
Geschlechtslebens und der Hinweis auf die soziale Bedeutung
desselben hätte sich dann am Schlüsse des Volksschulunterrichtes
1) E. Eckstein, Die Sexualfrage in der Erziehung des Kindes. 1904.
142
Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
(und vor Eintritt in die Mittelschule), also nicht nach dem
Alter von zehn Jahren, anzuschließen. Endlich würde sich der
Zeitpunkt der Konfirmation wie kein anderer dazu eignen, dem
bereits über alles Körperliche aufgeklärten Kinde die sittlichen
Verpflichtungen, welche an die Ausübung des Triebes geknüpft
sind, darzulegen. Eine solche stufenweise fortschreitende und
eigentlich zu keiner Zeit unterbrochene Aufklärung über das
Geschlechtsleben, zu welcher die Schule die Initiative ergreift,
erscheint mir als die einzige, welche der Entwicklung des Kindes
Rechnung trägt und darum die vorhandene Gefahr glücklich
vermeidet.
Ich halte es für den bedeutsamsten Fortschritt in der Kinder-
erziehung, daß der französische Staat an Stelle des Katechismus
ein Elementarbuch eingeführt hat, welches dem Kinde die ersten
Kenntnisse seiner staatsbürgerlichen Stellung und der ihm dereinst
zufallenden ethischen Pflichten vermittelt. Aber dieser Elementar-
unterricht ist in arger Weise unvollständig, wenn er nicht das
Gebiet des Geschlechtslebens mit umschließt. Hier ist die Lücke,
deren Ausfüllung Erzieher und Reformer in Angriff nehmen
sollten! In Staaten, welche die Kindereiziehung ganz oder teil-
weise in den Händen der Geistlichkeit belassen haben, darf man
allerdings solche Forderung nicht erheben. Der Geistliche wird
die Wesensgleichheit von Mensch und Tier nie zugeben, da er
auf die unsterbliche Seele nicht verrichten kann, die er braucht,
um die Moralforderung zu begründen. So bewährt es sich denn
wieder einmal, wie unklug es ist, einem zerlumpten Rock einen
einzigen seidenen Lappen aufzunähen, wie unmöglich es ist, eine
vereinzelte Reform durchzuführen, ohne an den Grundlagen des
vSystems zu ändern !
DIE »KULTURELLE« SEXUALMORAL UND
DIE MODERNE NERVOSITÄT
Erschien in ^Sexualprobleme", der Zeitschrift
„Mutterschutz" neue Folge, IV. Jahrg., 1908, dann
in der Zweiten Folge der „Sammlung kleiner
Schriften zur Neurosenlehre". Die Arbeit erschien
in holländischer Übersetzung von A. Stärcke, 1914,
in russischer von Wyruboiu, Moskau 1912.
In seiner kürzlich veröffentlichten Sexualethik 1 verweilt
v. Ehrenfels bei der Unterscheidung der „natürlichen" und
der „kulturellen" Sexualmoral. Als natürliche Sexualmoral sei
diejenige zu verstehen, unter deren Herrschaft ein Menschen-
stamm sich andauernd bei Gesundheit und Lebenstüchtigkeit zu
erhalten vermag, als kulturelle diejenige, deren Befolgung die
Menschen vielmehr zu intensiver und produktiver Kulturarbeit
anspornt. Dieser Gegensatz werde am besten durch die
Gegenüberstellung von konstitutivem und kulturellem
Besitz eines Volkes erläutert. Indem ich für die weitere
Würdigung dieses bedeutsamen Gedankenganges auf die Schrift
von v. Ehrenfels selbst verweise, will ich aus ihr nur soviel
herausheben, als es für die Anknüpfung meines eigenen Beitrages
bedarf.
Die Vermutung liegt nahe, daß unter der Herrschaft einer
kulturellen Sexualmoral Gesundheit und Lebenstüchtigkeit der
einzelnen Menschen Beeinträchtigungen ausgesetzt sein können,
i) Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens, herausgegeben v. L. Löwenfeld,
LVI, Wiesbaden 1907.
i 4 4
Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
und daß endlich diese Schädigung der Individuen durch die
ihnen auferlegten Opfer einen so hohen Grad erreiche, daß auf
diesem Umwege auch das kulturelle Endziel in Gefahr geriete.
v. Ehrenfels weist auch wirklich der unsere gegenwärtige
abendländische Gesellschaft beherrschenden Sexualmoral eine
Reihe von Schäden nach, für die er sie verantwortlich machen
muß, und obwohl er ihre hohe Eignung zur Förderung der
Kultur voll anerkennt, gelangt er dazu, sie als reformbedürftig
zu verurteilen. Für die uns beherrschende kulturelle Sexualmoral
sei charakteristisch die Übertragung femininer Anforderungen
auf das Geschlechtsleben des Mannes und die Verpönung eines
jeden Sexualverkehres mit Ausnahme des ehelich-monogamen.
Die Rücksicht auf die natürliche Verschiedenheit der Geschlechter
nötige dann allerdings dazu, Vergehungen des Mannes minder
rigoros zu ahnden und somit tatsächlich eine doppelte Moral
für den Mann zuzulassen. Eine Gesellschaft aber, die sich auf
diese doppelte Moral einläßt, kann es in „Wahrheitsliebe,
Ehrlichkeit und Humanität"' nicht über ein bestimmtes, eng
begrenztes Maß hinausbringen, muß ihre Mitglieder zur Ver-
hüllung der Wahrheit, zur Schönfärberei, zum Selbstbetruge wie
zum Betrügen anderer anleiten. Noch schädlicher wirkt die
kulturelle Sexualmoral, indem sie durch die Verherrlichung der
Monogamie den Faktor der virilen Auslese lahmlegt, durch
dessen Einfluß allein eine Verbesserung der Konstitution zu
gewinnen sei, da die vitale Auslese bei den Kulturvölkern
durch Humanität und Hygiene auf ein Minimum herabgedrückt
werde. 4
Unter den der kulturellen Sexualmoral zur Last gelegten
Schädigungen vermißt nun der Arzt die eine, deren Bedeutung
hier ausführlich erörtert werden soll. Ich meine die auf sie
zurückzuführende Förderung der modernen, das heißt in unserer
1) Sexualethik, S. 52 ff.
a) a. a. O. S. 35.
Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität 145
gegenwärtigen Gesellschaft sich rasch ausbreitenden Nervosität.
Gelegentlich macht ein nervös Kranker selbst den Arzt auf den
in der Verursachung des Leidens zu beachtenden Gegensatz von
Konstitution und Kulturanforderung aufmerksam, indem er äußert:
„Wir in unserer Familie sind alle nervös geworden, weil wir
etwas Besseres sein wollten, als wir nach unserer Herkunft sein
können." Auch wird der Arzt häufig genug durch die Beobachtung
nachdenklich gemacht, daß gerade die Nachkommen solcher
Väter der Nervosität verfallen, die, aus einfachen und gesunden
ländlichen Verhältnissen stammend, Abkömmlinge roher aber
kräftiger Familien, als Eroberer in die Großstadt kommen
und ihre Kinder in einem kurzen Zeitraum auf ein kulturell
hohes Niveau sich erheben lassen. Vor allem aber haben die
Nervenärzte selbst laut den Zusammenhang der „wachsenden
Nervosität" mit dem modernen Kulturleben proklamiert. Worin
sie die Begründung dieser Abhängigkeit suchen, soll durch
einige Auszüge aus Äußerungen hervorragender Beobachter dar-
getan werden.
W. Erb: 1 „Die ursprünglich gestellte Frage lautet nun dahin,
ob die Ihnen vorgeführten Ursachen der Nervosität in unserem
modernen Dasein in so gesteigertem Maße gegeben sind, daß
sie eine erhebliche Zunahme derselben erklärlich machen — und
diese Frage darf wohl unbedenklich bejaht werden, wie ein
flüchtiger Blick auf unser modernes Leben und seine Gestaltung
zeigen wird.
„Schon aus einer Reihe allgemeiner Tatsachen geht dies
deutlich hervor: die außerordentlichen Errungenschaften der
Neuzeit, die Entdeckungen und Erfindungen auf allen Gebieten,
die Erhaltung des Fortschrittes gegenüber der wachsenden
Konkurrenz sind nur erworben worden durch große geistige
Arbeit und können nur mit solcher erhalten werden. Die Ansprüche
an die Leistungsfähigkeit des einzelnen im Kampfe ums Dasein
1) Über die wachsende Nervosität unserer Zeit. 1895.
Freud, V. 10
146
Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlchre
sind erheblich gestiegen, und nur mit Aufbietung all seiner
geistigen Kräfte kann er sie befriedigen; zugleich sind die
Bedürfnisse des einzelnen, die Ansprüche an Lebensgenuß in
allen Kreisen gewachsen, ein unerhörter Luxus hat sich auf
Bevölkerungsschichten ausgebreitet, die früher davon ganz unberührt
waren; die Religionslosigkeit, die Unzufriedenheit und Begehr-
lichkeit haben in weiten Volkskreisen zugenommen; durch den
ins Ungemessene gesteigerten Verkehr, durch die weltumspannenden
Drahtnetze des Telegraphen und Telephons haben sich die
Verhältnisse in Handel und Wandel total verändert: alles geht
in Hast und Aufregung vor sich, die Nacht wird zum Reisen,
der Tag für die Geschäfte benützt, selbst die „Erholungsreisen"
werden zu Strapazen für das Nervensystem; große politische,
industrielle, finanzielle Krisen tragen ihre Aufregung in viel
weitere Bevölkerungskreise als früher; ganz allgemein ist die
Anteilnahme am politischen Leben geworden: politische, religiöse,
soziale Kämpfe, das Parteitreiben, die Wahlagitationen, das ins
Maßlose gesteigerte Vereinswesen erhitzen die Köpfe und zwingen
die Geister zu immer neuen Anstrengungen und rauben die Zeit
zur Erholung, Schlaf und Ruhe; das Leben in den großen
Städten ist immer raffinierter und unruhiger geworden. Die
erschlafften Nerven suchen ihre Erholung in gesteigerten Reizen,
in stark gewürzten Genüssen, um dadurch noch mehr zu ermüden;
die moderne Literatur beschäftigt sich vorwiegend mit den
bedenklichsten Problemen, die alle Leidenschaften aufwühlen, die
Sinnlichkeit und Genußsucht, die Verachtung aller ethischen
Grundsätze und aller Ideale fördern; sie bringt pathologische
Gestalten, psychopathisch-sexuelle, revolutionäre und andere Probleme
vor den Geist des Lesers; unser Ohr wird von einer in großen
Dosen verabreichten, aufdringlichen und lärmenden Musik erregt
und überreizt, die Theater nehmen alle Sinne mit ihren aufregenden
Darstellungen gefangen; auch die bildenden Künste wenden sich
mit Vorliebe dem Abstoßenden, Häßlichen und Aufregenden zu
Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität 147
und scheuen sich nicht, auch das Gräßlichste, was die Wirklich-
keit bietet, in abstoßender Realität vor unser Auge zu stellen."
„So zeigt dies allgemeine Bild schon eine Reihe von Gefahren
in unserer modernen Kulturentwicklung; es mag im einzelnen
noch durch einige Züge vervollständigt werden!"
Binswanger: 1 „Man hat speziell die Neurasthenie als eine
durchaus moderne Krankheit bezeichnet, und Beard, dem wir
zuerst eine übersichtliche Darstellung derselben verdanken, glaubte
daß er eine neue, speziell auf amerikanischem Boden erwachsene
Nervenkrankheit entdeckt habe. Diese Annahme war natürlich
eine irrige 5 wohl aber kennzeichnet die Tatsache, daß zuerst ein
amerikanischer Arzt die eigenartigen Züge dieser Krankheit
auf Grund einer reichen Erfahrung erfassen und festhalten konnte,
die nahen Beziehungen, welche das moderne Leben, das ungezügelte
Hasten und Jagen nach Geld und Besitz, die ungeheuren Fort-
schritte auf technischem Gebiete, welche alle zeitlichen und
räumlichen Hindernisse des Verkehrslebens illusorisch gemacht
haben, zu dieser Krankheit aufweisen."
v. Krafft-Ebing: 2 „Die Lebensweise unzähliger Kultur-
menschen weist heutzutage eine Fülle von antihygienischen
Momenten auf, die es ohne weiteres begreifen lassen, daß die
Nervosität in fataler Weise um sich greift, denn diese schädlichen
Momente wirken zunächst und zumeist aufs Gehirn. In den
politischen und sozialen, speziell den merkantilen, industriellen,
agrarischen Verhältnissen der Kulturnationen haben sich eben im
Laufe der letzten Jahrzehnte Änderungen vollzogen, die Beruf,
bürgerliche Stellung, Besitz gewaltig umgeändert haben, und zwar
auf Kosten des Nervensystems, das gesteigerten sozialen und
wirtschaftlichen Anforderungen durch vermehrte Verausgabung
an Spannkraft bei vielfach ungenügender Erholung gerecht
werden muß.
1) Die Pathologie und Therapie der Neurasthenie. 1896.
2) Nervosität und neurasthenische Zustände, 1895, p. 11. (In Nothnagels
Handbuch der spez. Pathologie und Therapie.)
10*
148
Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
Ich habe an diesen ■ — und vielen anderen ähnlich klingenden
— Lehren auszusetzen, nicht daß sie irrtümlich sind, sondern
daß sie sich unzulänglich erweisen, die Einzelheiten in der
Erscheinung der nervösen Störungen aufzuklären, und daß sie
gerade das bedeutsamste der ätiologisch wirksamen Momente außer
acht lassen. Sieht man von den unbestimmteren Arten, „nervös"
zu sein, ab und faßt die eigentlichen Formen des nervösen
Krankseins ins Auge, so reduziert sich der schädigende Einfluß
der Kultur im wesentlichen auf die schädliche Unterdrückung des
Sexuallebens der Kulturvölker (oder Schichten) durch die bei
ihnen herrschende „kulturelle" Sexualmoral.
Den Beweis für diese Behauptung habe ich in einer Reihe
fachmännischer Arbeiten zu erbringen gesucht 1 ; er kann hier nicht
wiederholt werden, doch will ich die wichtigsten Argumente
aus meinen Untersuchungen auch an dieser Stelle anführen.
Geschärfte klinische Beobachtung gibt uns das Recht, von den
nervösen Krankheitszuständen zwei Gruppen zu unterscheiden,
die eigentlichen Neurosen und die Psychoneurosen. Bei
den ersteren scheinen die Störungen (Symptome), mögen sie sich
in den körperlichen oder in den seelischen Leistungen äußern,
toxischer Natur zu sein: sie verhalten sich ganz ähnlich wie
die Erscheinungen bei übergroßer Zufuhr oder bei Entbehrung
gewisser Nervengifte. Diese Neurosen — meist als Neurasthenie
zusammengefaßt — können nun, ohne daß die Mithilfe einer
erblichen Belastung erforderlich wäre, durch gewisse schädliche
Einflüsse des Sexuallebens erzeugt werden, und zwar korre-
spondiert die Form der Erkrankung mit der Art dieser Schädlich-
keiten, so daß man oft genug das klinische Bild ohne weiteres
zum Rückschluß auf die besondere sexuelle Ätiologie verwenden
kann. Eine solche regelmäßige Entsprechung wird aber zwischen
der Form der nervösen Erkrankung und den anderen schädigenden
Kultureinflüssen, welche die Autoren als krankmachend anklagen,
1) Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlelirc. Wien 1906. (4. Aufl., 192a.)
Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität 149
durchaus vermißt. Man darf also den sexuellen Faktor für den
wesentlichen in der Verursachung der eigentlichen Neurosen
erklären.
Bei den Psychoneurosen ist der hereditäre Einfluß bedeutsamer,
die Verursachung minder durchsichtig. Ein eigentümliches Unter-
suchungsverfahren, das als Psychoanalyse bekannt ist, hat aber
gestattet zu erkennen, daß die Symptome dieser Leiden (der
Hysterie, Zwangsneurose usw.) psychogen sind, von der Wirk-
samkeit unbewußter (verdrängter) Vorstellungskomplexe abhängen.
Dieselbe Methode hat uns aber auch diese unbewußten Komplexe
kennen gelehrt und uns gezeigt, daß sie, ganz allgemein
gesprochen, sexuellen Inhalt haben; sie entspringen den Sexual-
bedürfnissen unbefriedigter Menschen und stellen für sie eine
Art von Ersatzbefriedigung dar. Somit müssen wir in allen
Momenten, welche das Sexualleben schädigen, seine Betätigung
unterdrücken, seine Ziele verschieben, pathogene Faktoren auch
der Psychoneurosen erblicken.
Der Wert der theoretischen Unterscheidung zwischen den
toxischen und den psychogenen Neurosen wird natürlich durch
die Tatsache nicht beeinträchtigt, daß an den meisten nervösen
Personen Störungen von beiderlei Herkunft zu beobachten sind.
Wer nun mit mir bereit ist, die Ätiologie der Nervosität vor
allem in schädigenden Einwirkungen auf das Sexualleben zu
suchen, der wird auch den nachstehenden Erörterungen folgen
wollen, welche das Thema der wachsenden Nervosität in einen
allgemeineren Zusammenhang einzufügen bestimmt sind.
Unsere Kultur ist ganz allgemein auf der Unterdrückung von
Trieben aufgebaut. Jeder einzelne hat ein Stück seines Besitzes, '
seiner Machtvollkommenheit, der aggressiven und vindikativen
Neigungen seiner Persönlichkeit abgetreten; aus diesen Beiträgen
ist der gemeinsame Kulturbesitz an materiellen und ideellen
Gütern entstanden. Außer der Lebensnot sind es wohl die aus
der Erotik abgeleiteten Familiengefühle, welche die einzelnen
5=
i 5 o
Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
Individuen zu diesem Verzichte bewogen haben. Der Verzicht
ist ein im Laufe der Kulturentwicklung progressiver gewesen;
die einzelnen Fortschritte desselben wurden von der Religion
sanktioniert; das Stück Triebbefriedigung, auf das man verzichtet
hatte, wurde der Gottheit zum Opfer gebracht; das so erworbene
Gemeingut für „heilig" erklärt. Wer kraft seiner unbeugsamen
Konstitution diese Triebunterdrückung nicht mitmachen kann,
steht der Gesellschaft als „Verbrecher", als „outlaw" gegenüber,
insofern nicht seine soziale Position und seine hervorragenden
Fähigkeiten ihm gestatten, sich in ihr als großer Mann, als „Held"
durchzusetzen.
Der Sexualtrieb — oder richtiger gesagt: die Sexualtriebe, denn
eine analytische Untersuchung lehrt, daß der Sexualtrieb aus
vielen Komponenten, Partialtrieben, zusammengesetzt ist — ist
beim Menschen wahrscheinlich stärker ausgebildet als bei den
meisten höheren Tieren und jedenfalls stetiger, da er die Perio-
dizität fast völlig überwunden hat, an die er sich bei den Tieren
gebunden zeigt. Er stellt der Kulturarbeit außerordentlich große
Kraftmengen zur Verfügung, und dies zwar infolge der bei ihm
besonders ausgeprägten Eigentümlichkeit, sein Ziel verschieben zu
können, ohne wesentlich an Intensität abzunehmen. Man nennt
diese Fähigkeit, das ursprünglich sexuelle Ziel gegen ein anderes,
nicht mehr sexuelles, aber psychisch mit ihm verwandtes, zu
vertauschen, die Fähigkeit zur Sublimierung. Im Gegensatze
zu dieser Verschiebbarkeit, in welcher sein kultureller Wert
besteht, kommt beim Sexualtrieb auch besonders hartnäckige
Fixierung vor, durch die er unverwertbar wird und gelegentlich
zu den sogenannten Abnormitäten entartet. Die ursprüngliche
Stärke des Sexualtriebes ist wahrscheinlich bei den einzelnen
Individuen verschieden groß; sicherlich schwankend ist der von
ihm zur Sublimierung geeignete Betrag. Wir stellen uns vor,
daß es zunächst durch die mitgebrachte Organisation entschieden
ist, ein wie großer Anteil des Sexualtriebes sich beim einzelnen
Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität 151
als sublimierbar und verwertbar erweisen wird; außerdem gelingt
es den Einflüssen des Lebens und der intellektuellen Beeinflussung
des seelischen Apparates einen weiteren Anteil zur Sublimierung
zu bringen. Ins Unbegrenzte fortzusetzen ist dieser Verschiebungs-
prozeß aber sicherlich nicht, so wenig wie die Umsetzung der
Wärme in mechanische Arbeit bei unseren Maschinen. Ein
gewisses Maß direkter sexueller Befriedigung scheint für die aller-
meisten Organisationen unerläßlich, und die Versagung dieses
individuell variablen Maßes straft sich durch Erscheinungen, die
wir infolge ihrer Funktionsschädlichkeit und ihres subjektiven
Unlustcharakters zum Kranksein rechnen müssen.
Weitere Ausblicke eröffnen sich, wenn wir die Tatsache in
Betracht ziehen, daß der Sexualtrieb des Menschen ursprünglich
gar nicht den Zwecken der Fortpflanzung dient, sondern bestimmte
Arten der Lustgewinnung zum Ziele hat. 1 Er äußert sich so in
der Kindheit des Menschen, wo er sein Ziel der Lustgewinnung
nicht nur an den Genitalien, sondern auch an anderen Körper-
stellen (erogenen Zonen) erreicht und darum von anderen als
diesen bequemen Objekten absehen darf. Wir heißen dieses
Stadium das des Autoero tismus und weisen der Erziehung
die Aufgabe, es einzuschränken, zu, weil das Verweilen bei dem-
selben den Sexualtrieb für später unbeherrschbar und unverwertbar
machen würde. Die Entwicklung des Sexualtriebes geht dann
vom Autoerotismus zur Objektliebe und von der Autonomie der
erogenen Zonen zur Unterordnung derselben unter das Primat
der in den Dienst der Fortpflanzung gestellten Genitalien. Während
dieser Entwicklung wird ein Anteil der vom eigenen Körper
gelieferten Sexualerregung als unbrauchbar für die Fortpflanzungs-
funktion gehemmt und im günstigen Falle der Sublimierung
zugeführt. Die für die Kulturarbeit verwertbaren Kräfte werden
so zum großen Teile durch die Unterdrückung der sogenannt
perversen Anteile der Sexualerregung gewonnen.
1) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Wien 1905. (S. 1 ff. dieses Bandes.)
152
Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
Mit Bezug auf diese Entwicklungsgeschichte des Sexualtriebes
könnte man also drei Kulturstufen unterscheiden : Eine erste, auf
welcher die Betätigung des Sexualtriebes auch über die Ziele der
Fortpflanzung hinaus frei ist; eine zweite, auf welcher alles am
Sexualtrieb unterdrückt ist bis auf das, was der Fortpflanzung
dient, und eine dritte, auf welcher nur die legitime Fortpflanzung
als Sexualziel zugelassen wird. Dieser dritten Stufe entspricht
unsere gegenwärtige „kulturelle" Sexualmoral.
Nimmt man die zweite dieser Stufen zum Niveau, so muß
man zunächst konstatieren, daß eine Anzahl von Personen aus
Gründen der Organisation den Anforderungen derselben nicht
genügt. Bei ganzen Reihen von Individuen hat sich die erwähnte
Entwicklung des Sexualtriebes vom Autoerotismus zur Objektliebe
mit dem Ziel der Vereinigung der Genitalien nicht korrekt und
nicht genug durchgreifend vollzogen, und aus diesen Entwicklungs-
störungen ergeben sich zweierlei schädliche Abweichungen von
der normalen, das heißt kulturförderlichen Sexualität, die sich
zueinander nahezu wie positiv und negativ verhalten. Es sind
dies zunächst — abgesehen von den Personen mit überstarkem
und unhemmbarem Sexualtrieb überhaupt — die verschiedenen
Gattungen der Perversen, bei denen eine infantile Fixierung
auf ein vorläufiges Sexualziel das Primat der Fortpflanz.ungs-
funktion aufgehalten hat, und die Homosexuellen oder
Invertierten, bei denen auf noch nicht ganz aufgeklärte
Weise das Sexualziel vom entgegengesetzten Geschlecht abgelenkt
worden ist. Wenn die Schädlichkeit dieser beiden Arten von
Entwicklungsstörung geringer ausfällt, als man hätte erwarten
können, so ist diese Erleichterung gerade auf die komplexe
Zusammensetzung des Sexualtriebes zurückzuführen, welche auch
dann noch eine brauchbare Endgestaltung des Sexuallebens
ermöglicht, wenn ein oder mehrere Komponenten des Triebes
sich von der Entwicklung ausgeschlossen haben. Die Konstitution
der von der Inversion Betroffenen, der Homosexuellen, zeichnet
Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität 153
sich sogar häufig durch eine besondere Eignung des Sexualtriebes \
zur kulturellen Sublimierung aus.
Stärkere und zumal exklusive Ausbildungen der Perversionen und
der Homosexualität machen allerdings deren Träger sozial unbrauch-
bar und unglücklich, so daß selbst die Kulturanforderungen der
zweiten Stufe als eine Quelle des Leidens für einen gewissen
Anteil der Menschheit anerkannt werden müssen. Das Schicksal
dieser konstitutiv von den anderen abweichenden Personen ist
ein mehrfaches, je nachdem sie einen absolut starken oder
schwächeren Geschlechtstrieb mitbekommen haben. Im letzteren
Falle, bei allgemein schwachem Sexualtrieb, gelingt den Perversen
die völlige Unterdrückung jener Neigungen, welche sie in Konflikt
mit der Moralforderung ihrer Kulturstufe bringen. Aber dies
bleibt auch, ideell betrachtet, die einzige Leistung, die ihnen
gelingt, denn für diese Unterdrückung ihrer sexuellen Triebe
verbrauchen sie die Kräfte, die sie sonst an die Kulturarbeit
wenden würden. Sie sind gleichsam in sich gehemmt und nach
außen gelähmt. Es trifft für sie zu, was wir später von der
Abstinenz der Männer und Frauen, die auf der dritten Kultur-
stufe gefordert wird, wiederholen werden.
Bei intensiverem, aber perversem Sexualtrieb sind zwei Fälle
des Ausganges möglich. Der erste, weiter nicht zu betrachtende,
ist der, daß die Betroffenen pervers bleiben und die Konsequenzen
ihrer Abweichung vom Kuiturniveau zu tragen haben. Der zweite
Fall ist bei weitem interessanter — er besteht darin, daß unter
dem Einflüsse der Erziehung und der sozialen Anforderungen
allerdings eine Unterdrückung der perversen Triebe erreicht wird,
aber eine Art von Unterdrückung, die eigentlich keine solche
ist, die besser als ein Mißglücken der Unterdrückung bezeichnet
werden kann. Die gehemmten Sexualtriebe äußern sich zwar dann
nicht als solche: darin besteht der Erfolg — aber sie äußern
sich auf andere Weisen, die für das Individuum genau ebenso
schädlich sind und es für die Gesellschaft ebenso unbrauchbar
154 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
machen wie die unveränderte Befriedigung jener unterdrückten
Triebe : darin liegt dann der Mißerfolg des Prozesses, der auf die
Dauer den Erfolg mehr als bloß aufwiegt. Die Ersatzerscheinungen,
die hier infolge der Triebunterdrückung auftreten, machen das
aus, was wir als Nervosität, spezieller als Psychoneurosen (siehe
eingangs) beschreiben. Die Neurotiker sind jene Klasse von
Menschen, die es bei widerstrebender Organisation unter dem
Einflüsse der Kulturanforderungen zu einer nur scheinbaren und
immer mehr mißglückenden Unterdrückung ihrer Triebe bringen,
und die darum ihre Mitarbeiterschaft an den Kulturwerken nur
mit großem Kräfteaufwand, unter innerer Verarmung, aufrecht
erhalten oder zeitweise als Kranke aussetzen müssen. Die Neurosen
aber habe ich als das „Negativ" der Perversionen bezeichnet, weil
sich bei ihnen die perversen Regungen nach der Verdrängung
aus dem Unbewußten des Seelischen äußern, weil sie dieselben
Neigungen wie die positiv Perversen im „verdrängten" Zustand
enthalten.
Die Erfahrung lehrt, daß es für die meisten Menschen eine
Grenze gibt, über die hinaus ihre Konstitution der Kultur-
anforderung nicht folgen kann. Alle, die edler sein wollen, als
ihre Konstitution es ihnen gestattet, verfallen der Neurose; sie
hätten sich wohler befunden, wenn es ihnen möglich geblieben
wäre, schlechter zu sein. Die Einsicht, daß Perversion und Neurose
sich wie positiv und negativ zueinander verhalten, findet oft eine
unzweideutige Bekräftigung durch Beobachtung innerhalb der
nämlichen Generation. Recht häufig ist von Geschwistern der
Bruder ein sexuell Perverser, die Schwester, die mit dem
schwächeren Sexualtrieb als Weib ausgestattet ist, eine Neurotika,
deren Symptome aber dieselben Neigungen ausdrücken wie die
Perversionen des sexuell aktiveren Bruders, und dementsprechend
sind überhaupt in vielen Familien die Männer gesund, aber in
sozial unerwünschtem Maße unmoralisch, die Frauen edel und
überverfeinert, aber — schwer nervös.
Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität 155
Es ist eine der offenkundigen sozialen Ungerechtigkeiten, wenn
der kulturelle Standard von allen Personen die nämliche Führung
des Sexuallebens fordert, die den einen dank ihrer Organisation
mühelos gelingt, während sie den anderen die schwersten
psychischen Opfer auferlegt, eine Ungerechtigkeit freilich, die
zumeist durch Nichtbefolgung der Moralvorschriften vereitelt wird.
Wir haben unseren Betrachtungen bisher die Forderung der
zweiten, von uns supponierten, Kulturstufe zugrunde gelegt*
derzufolge jede sogenannte perverse Sexualbetätigung verpönt, der
normal genannte Sexualverkehr hingegen frei gelassen wird. Wir
haben gefunden, daß auch bei dieser Verteilung von sexueller
Freiheit und Einschränkung eine Anzahl von Individuen als
pervers beiseite geschoben, eine andere, die sich bemühen, nicht
pervers zu sein, während sie es konstitutiv sein sollten, in die
Nervosität gedrängt wird. Es ist nun leicht, den Erfolg vorher-
zusagen, der sich einstellen wird, wenn man die Sexualfreiheit
weiter einschränkt und die Kultur forderung auf das Niveau der
dritten Stufe erhöht, also jede andere Sexualbetätigung als die in
legitimer Ehe verpönt. Die Zahl der Starken, die sich in offenen
Gegensatz zur Kulturforderung stellen, wird in außerordentlichem
Maße vermehrt werden, und ebenso die Zahl der Schwächeren,
die sich in ihrem Konflikte zwischen dem Drängen der kulturellen
Einflüsse und dem Widerstände ihrer Konstitution in neurotisches
Kranksein — flüchten.
Setzen wir uns vor, drei hier entspringende Fragen zu be-
antworten: 1.) welche Aufgabe die Kulturforderung der dritten
Stufe an den einzelnen stellt, 2.) ob die zugelassene legitime
Sexualbefriedigung eine annehmbare Entschädigung für den
sonstigen Verzicht zu bieten vermag, 5.) in welchem Verhältnisse
die etwaigen Schädigungen durch diesen Verzicht zu dessen
kulturellen Ausnützungen stehen.
Die Beantwortung der ersten Frage rührt an ein oftmals
behandeltes, hier nicht zu erschöpfendes Problem, das der sexuellen
*5 6
Arbeiten zum Sexualleben und zur Neuroscnlehre
Abstinenz. Was unsere dritte Kulturstufe von dem einzelnen
fordert, ist die Abstinenz bis zur Ehe für beide Geschlechter,
die lebenslange Abstinenz für alle solche, die keine legitime Ehe
eingehen. Die allen Autoritäten genehme Behauptung, die sexuelle
Abstinenz sei nicht schädlich und nicht gar schwer durchzuführen,
ist vielfach auch von Ärzten vertreten worden. Man darf sagen,
die Aufgabe der Bewältigung einer so mächtigen Regung wie
des Sexualtriebes, anders als auf dem Wege der Befriedigung, ist
eine, die alle Kräfte eines Menschen in Anspruch nehmen kann.
Die Bewältigung durch Sublimierung, durch Ablenkung der
sexuellen Triebkräfte vom sexuellen Ziele weg auf höhere kulturelle
Ziele gelingt einer Minderzahl, und wobl auch dieser nur zeit-
weilig, am wenigsten leicht in der Lebenszeit feuriger Jugend-
kraft. Die meisten anderen weiden neurotisch oder kommen
sonst zu Schaden. Die Erfahrung zeigt, daß die Mehrzahl der
unsere Gesellschaft zusammensetzenden Personen der Aufgabe der
Abstinenz konstitutionell nicht gewachsen ist. Wer auch bei
milderer Sexualeinschränkung erkrankt wäre, erkrankt unter den
Anforderungen unserer heutigen kulturellen Sexualmoral um so
eher und um so intensiver, denn gegen die Bedrohung des
normalen Sexualstrebens durch fehlerhafte AnIngen und Ent-
wicklungsstörungen kennen wir keine bessere Sicherung als die
Sexualbefriedigung selbst. Je mehr jemand zur Neurose disponiert
ist, desto schlechter verträgt er die Abstinenz; die Partialtriebe,
die sich der normalen Entwicklung im oben niedergelegten Sinne
entzogen haben, sind nämlich auch gleichzeitig um soviel
unhemmbarer geworden. Aber auch diejenigen, welche bei den
Anforderungen der zweiten Kulturstufe gesund geblieben wären,
werden nun in großer Anzahl der Neurose zugeführt. Denn der
psychische Wert der Sexualbefriedigung erhöht sich mit ihrer
Versagung; die gestaute Libido wird nun in den Stand gesetzt,
irgendeine der selten fehlenden schwächeren Stellen im Aufbau
der Vita sexualis auszuspüren, um dort zur neurotischen Ersatz-
Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität 157
befriedigung in Form krankhafter Symptome durchzubrechen. Wer
in die Bedingtheit nervöser Erkrankung einzudringen versteht,
verschafft sich bald die Überzeugung, daß die Zunahme der nervösen
Erkrankungen in unserer Gesellschaft von der Steigerung der
sexuellen Einschränkung herrührt.
Wir rücken dann der Frage näher, ob nicht der Sexualverkehr
in legitimer Ehe eine volle Entschädigung für die Einschränkung
vor der Ehe bieten kann. Das Material zur verneinenden Be-
antwortung dieser Frage drängt sich da so reichlich auf, daß uns
die knappste Fassung zur Pflicht wird. Wir erinnern vor allem
daran, daß unsere kulturelle Sexualmoral auch den sexuellen
Verkehr in der Ehe selbst beschränkt, indem sie den Eheleuten
den Zwang auferlegt, sich mit einer meist sehr geringen Anzahl
von Kinderzeugungen zu begnügen. Infolge dieser Rücksicht gibt
es befriedigenden Sexualverkehr in der Ehe nur durch einige
Jahre, natürlich noch mit Abzug der zur Schonung der Frau
aus hygienischen Gründen erforderten Zeiten. Nach diesen drei,
vier oder fünf Jahren versagt die Ehe, insofern sie die Befriedigung
der sexuellen Bedürfnisse versprochen hat; denn alle Mittel, die
sich bisher zur Verhütung der Konzeption ergeben haben, ver-
kümmern den sexuellen Genuß, stören die feinere Empfindlichkeit
beider Teile oder wirken selbst direkt krankmachend; mit der
Angst vor den Folgen des Geschlechtsverkehres schwindet zuerst
die körperliche Zärtlichkeit der Ehegatten füreinander, in weiterer
Folge meist auch die seelische Zuneigung, die bestimmt war, das
Erbe der anfänglichen stürmischen Leidenschaft zu übernehmen.
Unter der seelischen Enttäuschung und körperlichen Entbehrung,
die so das Schicksal der meisten Ehen wird, finden sich beide
Teile auf den früheren Zustand vor der Ehe zurückversetzt, nur
um eine Illusion verarmt und von neuem auf ihre Festigkeit,
den Sexualtrieb zu beherrschen und abzulenken, angewiesen. Es-
soll nicht untersucht werden, inwieweit diese Aufgabe nun dem
Manne im reiferen Lebensalter gelingt; erfahrungsgemäß bedient
i 5 8
Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlelire
er sich nun recht häufig des Stückes Sexualfreiheit, welches ihm
auch von der strengsten Sexualordnung, wenngleich nur still-
schweigend und widerwillig, eingeräumt wird; die für den Mann
in unserer Gesellschaft geltende „doppelte" Sexualmoral ist das
beste Eingeständnis, daß die Gesellschaft seihst, welche die Vor-
schriften erlassen hat, nicht an deren Durchführbarkeit glaubt.
Die Erfahrung zeigt aber auch, daß die Frauen, denen als den
eigentlichen Trägerinnen der Sexualinteressen des Menschen die
Gabe der Sublimierung des Triebes nur in geringem Maße
zugeteilt ist, denen als Ersatz des Sexualobjektes zwar der Säugling,
aber nicht das heranwachsende Kind genügt, daß die Frauen,
sage ich, unter den Enttäuschungen der Ehe an schweren und
das Leben dauernd trübenden Neurosen erkranken. Die Ehe hat
unter den heutigen kulturellen Bedingungen längst aufgehört,
das Allheilmittel gegen die nervösen Leiden des Weibes zu sein;
und wenn wir Ärzte auch noch immer in solchen Fällen zu ihr
raten, so wissen wir doch, daß im Gegenteil ein Mädchen recht
gesund sein muß, um die Ehe zu „vertragen", und raten unseren
männlichen Klienten dringend ab, ein bereits vor der Ehe
nervöses Mädchen zur Frau zu nehmen. Das Heilmittel gegen
die aus der Ehe entspringende Nervosität wäre vielmehr die
eheliche Untreue; je strenger eine Frau erzogen ist, je ernsthafter
sie sich der Kulturforderung unterworfen hat, desto mehr fürchtet
sie aber diesen Ausweg, und im Konflikte /.wischen ihren Begierden
und ihrem Pflichtgefühl sucht sie ihre Zuflucht wiederum — in
der Neurose. Nichts anderes schützt ihre Tugend so sicher wie
die Krankheit. Der eheliche Zustand, auf den der Sexualtrieb
des Kulturmenschen während seiner Jugend vertröstet wurde,
kann also die Anforderungen seiner eigenen Lebenszeit nicht
decken; es ist keine Rede davon, daß er für den früheren Verzicht
entschädigen könnte.
Auch wer diese Schädigungen durch die kulturelle Sexualmoral
zugibt, kann zur Beantwortung unserer dritten Frage geltend
Die kultwelle Sexualmoral und die moderne Nervosität 159
machen, daß der kulturelle Gewinn aus der soweit getriebenen
Sexualeinschränkung diese Leiden, die in schwerer Ausprägung
doch nur eine Minderheit betreffen, wahrscheinlich mehr als bloß
aufwiegt. Ich erkläre mich für unfähig, Gewinn und Verlust
hier richtig gegeneinander abzuwägen, aber zur Einschätzung der
Verlustseite könnte ich noch allerlei anführen. Auf das vorhin
gestreifte Thema der Abstinenz zurückgreifend, muß ich behaupten,
daß die Abstinenz noch andere Schädigungen bringt als die der
Neurosen, und daß diese Neurosen meist nicht nach ihrer vollen
Bedeutung veranschlagt werden.
Die Verzögerung der Sexualentwicklung und Sexualbetätigung,
welche unsere Erziehung und Kultur anstrebt, ist zunächst gewiß
unschädlich ; sie wird zur Notwendigkeit, wenn man in Betracht
zieht, in wie späten Jahren erst die jungen Leute gebildeter
Stände zu selbständiger Geltung und zum Erwerb zugelassen
werden. Man wird hier übrigens an den intimen Zusammenhang
aller unserer kulturellen Institutionen und an die Schwierigkeit
gemahnt, ein Stück derselben ohne Rücksicht auf das Ganze
abzuändern. Die Abstinenz weit über das zwanzigste Jahr hinaus
ist aber für den jungen Mann nicht mehr unbedenklich und
führt zu anderen Schädigungen, auch wo sie nicht zur Nervosität
führt. Man sagt zwar, der Kampf mit dem mächtigen Triebe
und die dabei erforderliche Betonung aller ethischen und ästhetischen
Mächte im Seelenleben „stähle" den Charakter, und dies ist für
einige besonders günstig organisierte Naturen richtig; zuzugeben
ist auch, daß die in unserer Zeit so ausgeprägte Differenzierung
der individuellen Charaktere erst mit der Sexualeinschränkung
möglich geworden ist. Aber in der weitaus größeren Mehrheit
der Fälle zehrt der Kampf gegen die Sinnlichkeit die verfügbare
Energie des Charakters auf und dies gerade zu einer Zeit, in
welcher der junge Mann all seiner Kräfte bedarf, um sich seinen
Anteil und Platz in der Gesellschaft zu erobern. Das Verhältnis
zwischen möglicher Sublimierung und notwendiger sexueller
i6o Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
Betätigung schwankt natürlich sehr für die einzelnen Individuen
und sogar für die verschiedenen Berufsarten. Ein abstinenter
Künstler ist kaum recht möglich, ein abstinenter junger Gelehrter
gewiß keine Seltenheit. Der letztere kann durch Enthaltsamkeit
freie Kräfte für sein Studium gewinnen, beim ersteren wird
wahrscheinlich seine künstlerische Leistung durch sein sexuelles
Erleben mächtig angeregt werden. Im allgemeinen habe ich
nicht den Eindruck gewonnen, daß die sexuelle Abstinenz
energische, selbständige Männer der Tat oder originelle Denker,
kühne Befreier und Reformer heranbilden helfe, weit häufiger
brave Schwächlinge, welche später in die große Masse eintauchen,
die den von starken Individuen gegebenen Impulsen widerstrebend
zu folgen pflegt.
Daß der Sexualtrieb im ganzen sich eigenwillig und ungefügig
benimmt, kommt auch in den Ergebnissen der Abstinenz-
bemühung zum Ausdruck. Die Kulturerziehung strebe etwa nur
seine zeitweilige Unterdrückung bis zur Eheschließung an und
beabsichtige ihn dann frei zu lassen, um sich seiner zu bedienen.
Aber gegen den Trieb gelingen die extremen Beeinflussungen
leichter noch als die Mäßigungen; die Unterdrückung ist sehr
oft zu weit gegangen und hat das unerwünschte Resultat ergeben,
daß der Sexualtrieb nach seiner Freilassung dauernd geschädigt
erscheint. Darum ist oft volle Abstinenz während der Jugendzeit
nicht die beste Vorbereitung für die Ehe beim jungen Manne.
Die Frauen ahnen dies und ziehen unter ihren Bewerbern
diejenigen vor, die sich schon bei anderen Frauen als Männer
bewährt haben. Ganz besonders greifbar sind die Schädigungen,
welche durch die strenge Forderung der Abstinenz bis zur Ehe
am Wesen der Frau hervorgerufen werden. Die Erziehung nimmt
die Aufgabe, die Sinnlichkeit des Mädchens bis zu seiner Ver-
ebelichung zu unterdrücken, offenbar nicht leicht, denn sie
arbeitet mit den schärfsten Mitteln. Sie untersagt nicht nur den
sexuellen Verkehr, setzt hohe Prämien auf die Erhaltung der
L
Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität 161
weiblichen Unschuld, sondern sie entzieht das reifende weibliche
Individuum auch der Versuchung, indem sie es in Unwissenheit
über alles Tatsächliche der ihm bestimmten Rolle erhält und
keine Liebesregung, die nicht zur Ehe führen kann, bei ihm
duldet. Der Erfolg ist, daß die Mädchen, wenn ihnen das
Verlieben plötzlich von den elterlichen Autoritäten gestattet wird,
die psychische Leistung nicht zustande bringen und ihrer eigenen
Gefühle unsicher in die Ehe gehen. Infolge der künstlichen
Verzögerung der Liebesfunktion bereiten sie dem Manne, der
all sein Begehren für sie aufgespart hat, nur Enttäuschungen;
mit ihren seelischen Gefühlen hängen sie noch den Eltern an,
deren Autorität die Sexualunterdrückung bei ihnen geschaffen
hat, und im körperlichen Verhalten zeigen sie sich frigid, was
jeden höherwertigen Sexualgenuß beim Manne verhindert. Ich
weiß nicht, ob der Typus der anästhetischen Frau auch außerhalb
der Kulturerziehung vorkommt, halte es aber für wahrscheinlich.
Jedenfalls wird er durch die Erziehung geradezu gezüchtet, und
diese Frauen, die ohne Lust empfangen, zeigen dann wenig
Bereitwilligkeit, des öfteren mit Schmerzen zu gebären. So werden
durch die Vorbereitung zur Ehe die Zwecke der Ehe selbst
vereitelt; wenn dann die Entwicklungsverzögerung bei der Frau
überwunden ist und auf der Höhe ihrer weiblichen Existenz die
volle Liebesfähigkeit bei ihr erwacht, ist ihr Verhältnis zum
Ehemanne längst verdorben; es bleibt ihr als Lohn für ihre
bisherige Gefügigkeit die Wahl zwischen ungestilltem Sehnen,
Untreue oder Neurose.
Das sexuelle Verhalten eines Menschen ist oft vorbildlich
für seine ganze sonstige Reaktionsweise in der Welt Wer als
Mann sein Sexualobjekt energisch erobert, dem trauen wir ähnliche
rücksichtslose Energie auch in der Verfolgung anderer Ziele zu.
Wer hingegen auf die Befriedigung seiner starken sexuellen Triebe
aus allerlei Rücksichten verzichtet, der wird sich auch ander-
wärts im Leben eher konziliant und resigniert als tatkräftig
Freud, V. "
162 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
benehmen. Eine spezielle Anwendung dieses Satzes von der Vor-
bildlichkeit des Sexuallebens für andere Funktionsausübung kann
man leicht am ganzen Geschlechte der Frauen konstatieren. Die
Erziehung versagt ihnen die intellektuelle Beschäftigung mit den
Sexualproblemen, für die sie doch die größte Wißbegierde mit-
bringen, schreckt sie mit der Verurteilung, daß solche Wißbegierde
unweiblich und Zeichen sündiger Veranlagung sei. Damit sind
sie vom Denken überhaupt abgeschreckt, wird das Wissen für
sie entwertet. Das Denkverbot greift über die sexuelle Sphäre
hinaus, zum Teil infolge der unvermeidlichen Zusammenhänge,
zum Teil automatisch, ganz ähnlich wie das religiöse Denkverbot
bei Männern, das loyale bei braven Untertanen. Ich glaube nicht,
daß der biologische Gegensatz zwischen intellektueller Arbeit und
Geschlechtstätigkeit den „physiologischen Schwachsinn" der Frau
erklärt, wie Moebius es in seiner vielfach widersprochenen Schrift
dargetan hat. Dagegen meine ich, daß die unzweifelhafte Tatsache
der intellektuellen Inferiorität so vieler Frauen auf die zur Sexual-
unterdrückung erforderliche Denkhemmung zurückzuführen ist.
Man unterscheidet viel zu wenig strenge, wenn man die Frage
der Abstinenz behandelt, zwei Formen derselben, die Enthaltung
von jeder Sexualbetätigung überhaupt und die Enthaltung vom
sexuellen Verkehre mit dem anderen Geschlechte. Vielen Personen,
die sich der gelungenen Abstinenz rühmen, ist dieselbe nur mit
Hilfe der Masturbation und ähnlicher Befriedigungen möglich
geworden, die an die autoerotischen Sexualtätigkeiten der frühen
Kindheit anknüpfen. Aber gerade dieser Beziehung wegen sind
diese Ersatzmittel zur sexuellen Befriedigung keineswegs harmlos;
sie disponieren zu den zahlreichen Formen von Neurosen und
Psychosen, für welche die Rückbildung des Sexuallebens zu seinen
infantilen Formen die Bedingung ist. Die Masturbation entspricht
auch keineswegs den idealen Anforderungen der kulturellen
Sexualmoral und treibt darum die jungen Menschen in die
nämlichen Konflikte mit dem Erziehungsideale, denen sie durch
Die kulturelle Sexualmoral und die mode rne Nervosität 163
die Abstinenz entgehen wollten. Sie verdirbt ferner den Charakter
durch Verwöhnung auf mehr als eine Weise, erstens, indem
sie bedeutsame Ziele mühelos, auf bequemen Wegen, anstatt
durch energische Kraftanspannung erreichen lehrt, also nach dem
Prinzipe der sexuellen Vorbildlichkeit, und zweitens,
indem sie in den die Befriedigung begleitenden Phantasien das
Sexualobjekt zu einer Vorzüglichkeit erhebt, die in der Realität
nicht leicht wiedergefunden wird. Konnte doch ein geistreicher
Schriftsteller (Karl Kraus in der Wiener „Fackel"), den Spieß
umdrehend, die Wahrheit in dem Zynismus aussprechen: Der Koitus
ist nur ein ungenügendes Surrogat für die Onanie!
Die Strenge der Kulturforderung und die Schwierigkeit der
Abstinenzaufgabe haben zusammengewirkt, um die Vermeidung
der Vereinigung der Genitalien verschiedener Geschlechter zum
Kerne der Abstinenz zu machen und andere Arten der sexuellen
Betätigung zu begünstigen, die sozusagen einem Halbgehorsam
gleichkommen. Seitdem der normale Sexualverkehr von der
Moral — und wegen der Infektionsmöglichkeiten auch von der
Hygiene — so unerbittlich verfolgt wird, haben die sogenannten
perversen Arten des Verkehrs zwischen beiden Geschlechtern,
bei denen andere Körperstellen die Rolle der Genitalien über-
nehmen, an sozialer Bedeutung unzweifelhaft zugenommen. Diese
Betätigungen können aber nicht so harmlos beurteilt werden
wie analoge Überschreitungen im Liebesverkehre, sie sind ethisch
verwerflich, da sie die Liebesbeziehungen zweier Menschen aus
einer ernsten Sache zu einem bequemen Spiele ohne Gefahr und
ohne seelische Beteiligung herabwürdigen. Als weitere Folge der
Erschwerung des normalen Sexuallebens ist die Ausbreitung
homosexueller Befriedigung anzuführen; zu all denen, die schon
nach ihrer Organisation Homosexuelle sind oder in der Kindheit
dazu wurden, kommt noch die große Anzahl jener hinzu, bei
denen in reiferen Jahren wegen der Absperrung des Hauptstromes
der Libido der homosexuelle Seitenarm breit geöffnet wird.
ii»
164 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
Alle diese unvermeidlichen und unbeabsichtigten Konsequenzen
der Abstinenzforderung treffen in dem einen Gemeinsamen
zusammen, daß sie die Vorbereitung für die Ehe gründlich ver-
derben, die doch nach der Absicht der kulturellen Sexualmoral
die alleinige Erbin der sexuellen Strebungen werden sollte. Alle
die Männer, die infolge masturbatorischer oder perverser Sexual-
übung ihre Libido auf andere als die normalen Situationen und
Bedingungen der Befriedigung eingestellt haben, entwickeln in
der Ehe eine verminderte Potenz. Auch die Frauen, denen es
nur durch ähnliche Hilfen möglich blieb, ihre Jungfräulichkeit
zu bewahren, zeigen sich in der Ehe für den normalen Verkehr
anästhetisch. Die mit herabgesetzter Liebesfähigkeit beider Teile
begonnene Ehe verfällt dem Auflösungsprozesse nur noch rascher
als eine andere. Infolge der geringen Potenz des Mannes wird
die Frau nicht befriedigt, bleibt auch dann anästhetisch, wenn
ihre aus der Erziehung mitgebracbte Disposition zur Frigidität
durch mächtiges sexuelles Erleben überwindbar gewesen wäre.
Ein solches Paar findet auch die Kinderverhütung schwieriger
als ein gesundes, da die geschwächte Potenz des Mannes die
Anwendung der Verhütungsmittel schlecht verträgt. In solcher
Ratlosigkeit wird der sexuelle Verkehr als die Quelle aller Ver-
legenheiten bald aufgegeben und damit die Grundlage des Ehe-
lebens verlassen.
Ich fordere alle Kundigen auf zu bestätigen, daß ich nicht
übertreibe, sondern Verhältnisse schildere, die ebenso arg in
beliebiger Häufigkeit zu beobachten sind. Es ist wirklich für den
Uneingeweihten ganz unglaublich, wie selten sich normale Potenz
beim Manne und wie häufig sich Frigidität bei der weiblichen
Hälfte der Ehepaare findet, die unter der Herrschaft unserer
kulturellen Sexualmoral stehen, mit welchen Entsagungen, oft
für beide Teile, die Ehe verbunden ist und worauf das Eheleben,
das so sehnsüchtig erstrebte Glück, sich einschränkt. Daß unter
diesen Verhältnissen der Ausgang in Nervosität der nächstliegende
L
Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität 165
ist, habe ich schon ausgeführt; ich will aber noch hinzusetzen,
in welcher Weise eine solche Ehe auf die in ihr entsprungenen
— einzigen oder wenig zahlreichen — Kinder fortwirkt. Es
kommt da der Anschein einer erblichen Übertragung zustande,
der sich bei schärferem Zusehen in die Wirkung mächtiger
infantiler Eindrücke auflöst. Die von ihrem Manne unbefriedigte
neurotische Frau ist als Mutter überzärtlich und überängstlich
gegen das Kind, auf das sie ihr Liebesbedürfnis überträgt, und
weckt in demselben die sexuelle Frühreife. Das schlechte Ein-
verständnis zwischen den Eltern reizt dann das Gefühlsleben
des Kindes auf, läßt es im zartesten Alter Liebe, Haß und
Eifersucht intensiv empfinden. Die strenge Erziehung, die keinerlei
Betätigung des so früh geweckten Sexuallebens duldet, stellt die
unterdrückende Macht bei, und dieser Konflikt in diesem Alter
enthält alles, was es zur Verursachung der lebenslangen Nervosität
bedarf.
Ich komme nun auf meine frühere Behauptung zurück, daß
man bei der Beurteilung der Neurosen zumeist nicht deren volle
Bedeutung in Betracht zieht. Ich meine damit nicht die Unter-
schätzung dieser Zustände, die sich in leichtsinnigem Beiseite-
schieben von Seiten der Angehörigen und in großtuerischen Ver-
sicherungen von seiten der Ärzte äußert, einige Wochen Kalt-
wasserkur oder einige Monate Ruhe und Erholung könnten den
Zustand beseitigen. Das sind nur mehr Meinungen von ganz
unwissenden Ärzten und Laien, zumeist nur Reden, dazu
bestimmt, den Leidenden einen kurzlebigen Trost zu bieten. Es
ist vielmehr bekannt, daß eine chronische Neurose, auch wenn
sie die Existenzfähigkeit nicht völlig aufhebt, eine schwere
Lebensbelastung des Individuums vorstellt, etwa im Range einer
Tuberkulose oder eines Herzfehlers. Auch könnte man sich damit
abfinden, wenn die neurotischen Erkrankungen etwa nur eine
Anzahl von immerhin schwächeren Individuen von der Kultur-
arbeit ausschließen und den anderen die Teilnahme daran um
166 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
den Preis von bloß subjektiven Beschwerden gestatten würden.
Ich möchte vielmehr auf den Gesichtspunkt aufmerksam machen,
daß die Neurose, soweit sie reicht und bei wem immer sie sich
findet, die Kulturabsicht zu vereiteln weiß und somit eigentlich die
Arbeit der unterdrückten kulturfeindlichen Seelenkräfte besorgt,
so daß die Gesellschaft nicht einen mit Opfern erkauften
Gewinn, sondern gar keinen Gewinn verzeichnen darf, wenn sie
die Gefügigkeit gegen ihre weitgehenden Vorschriften mit der
Zunahme der Nervosität bezahlt. Gehen wir z. B. auf den so
häufigen Fall einer Frau ein, die ihren Mann nicht liebt, weil
sie nach den Bedingungen ihrer Elleschließung und den
Erfahrungen ihres Ehelebens ihn zu lieben keinen Grund hat,
die ihren Mann aber durchaus lieben möchte, weil dies allein
dem Ideal der Ehe, zu dem sie erzogen wurde, entspricht. Sie
wird dann alle Regungen in sich unterdrücken, die der Wahr-
heit Ausdruck geben wollen und ihrem Idealbestreben wider-
sprechen, und wird besondere Mühe aufwenden, eine liebevolle,
zärtliche und sorgsame Gattin zu spielen. Neurotische Erkrankung
wird die Folge dieser Selbstunterdrückung sein, und diese Neu-
rose wird binnen kurzer Zeit an dem ungeliebten Manne Rache
genommen haben und bei ihm genau soviel Unbefriedigung und
Sorge hervorrufen, als sich nur aus dem Eingeständnisse des
wahren Sachverhaltes ergeben hätte. Dieses Beispiel ist für die
Leistungen der Neurose geradezu typisch. Ein ähnliches Miß-
lingen der Kompensation beobachtet man auch nach der Unter-
drückung anderer nicht direkt sexueller, kulturfeindlicher
Regungen. Wer z. B. in der gewaltsamen Unterdrückung einer
konstitutionellen Neigung zur Härte und Grausamkeit ein
Überguter geworden ist, dem wird häufig dabei soviel an
Energie entzogen, daß er nicht alles ausführt, was seinen Kom-
pensationsregungen entspricht, und im ganzen doch eher weniger
an Gutem leistet, als er ohne Unterdrückung zustande gebracht
hätte
Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität 167
Nehmen wir noch hinzu, daß mit der Einschränkung der
sexuellen Betätigung bei einem Volke ganz allgemein eine
Zunahme der Lebensängstlichkeit und der Todesangst einher-
geht, welche die Genußfähigkeit der einzelnen stört und ihre
Bereitwilligkeit, für irgendwelche Ziele den Tod auf sich zu
nehmen, aufhebt, welche sich in der verminderten Neigung zur
Kinderzeugung äußert, und dieses Volk oder diese Gruppe von
Menschen vom Anteile an der Zukunft ausschließt, so darf man
wohl die Frage aufwerfen, ob unsere „kulturelle" Sexualmoral
der Opfer wert ist, welche sie uns auferlegt, zumal, wenn man
sich vom Hedonismus nicht genug frei gemacht hat, um nicht
ein gewisses Maß von individueller Glücksbefriedigung unter die
Ziele unserer Kulturentwicklung aufzunehmen. Es ist gewiß
nicht Sache des Arztes, selbst mit Reformvorschlägen hervorzu-
treten ; ich meinte aber, ich könnte die Dringlichkeit solcher
unterstützen, wenn ich die v. Ehrenf elssche Darstellung der
Schädigungen durch unsere „kulturelle" Sexualmoral um den
Hinweis auf deren Bedeutung für die Ausbreitung der modernen
Nervosität erweitere.
ÜBER INFANTILE SEXUALTHEORIEN
Erschien in „Serualproblemc", der Zeitschrift
„Mutterschutz", Neue Folge, IX. Jahrgang 1908;
datin in der zweiten Folge der „Sammlung kleiner
Schriften zur Neuro senlehrc".
Das Material, auf welches die nachstehende Zusammen-
stellung sich stützt, stammt aus mehreren Quellen. Erstens aus
der unmittelbaren Beobachtung der Äußerungen und des Treibens
der Kinder, zweitens aus den Mitteilungen erwachsener Neuro-
tiker, die während einer psychoanalytischen Behandlung erzählen,
was sie von ihrer Kinderzeit bewußt in Erinnerung haben, und
zum dritten Anteile aus den Schlüssen, Konstruktionen und ins
Bewußte übersetzten unbewußten Erinnerungen, die sich aus den
Psychoanalysen mit Neurotikern ergeben.
Daß die erste dieser drei Quellen nicht für sich allein alles
Wissenswerte geliefert hat, begründet sich durch das Verhalten
der Erwachsenen gegen das kindliche Sexualleben. Man mutet
den Kindern keine Sexualtätigkeit zu, gibt sich darum keine
Mühe, eine solche zu beobachten, und unterdrückt anderseits die
Äußerungen derselben, die der Aufmerksamkeit würdig wären.
Die Gelegenheit, aus dieser lautersten und ergiebigsten Quelle
zu schöpfen, ist daher eine recht eingeschränkte. Was aus den
unbeeinflußten Mitteilungen Erwachsener über ihre bewußten
Kindheitserinnerungen stammt, unterliegt höchstens der Ein-
wendung der möglichen Verfälschung in der Rückschau, wird
aber außerdem nach dem Gesichtspunkte zu werten sein, daß
Über infantile Sexualtheorien 169
die Gewährspersonen später neurotisch geworden sind. Das
Material der dritten Herkunft wird allen Anfechtungen unter-
liegen, die man gegen die Verläßlichkeit der Psychoanalyse und
die Sicherheit der aus ihr gezogenen Schlüsse ins Feld zu führen
pflegt; die Rechtfertigung dieses Urteils kann also hier nicht
versucht werden; ich will nur versichern, daß derjenige, welcher
die psychoanalytische Technik kennt und ausübt, ein weitgehen-
des Zutrauen zu ihren Ergebnissen gewinnt.
Für die Vollständigkeit meiner Resultate kann ich nicht ein-
stehen, bloß für die Sorgfalt, mit der ich mich um ihre
Gewinnung bemüht habe.
Eine schwierige Frage bleibt es, zu entscheiden, inwieweit
man das, was hier von den Kindern im allgemeinen berichtet
wird, von allen Kindern, das heißt von jedem einzelnen Kinde,
voraussetzen darf. Erziehungsdruck und verschiedene Intensität
des Sexualtriebes werden gewiß große individuelle Schwankungen
im Sexualverhalten des Kindes ermöglichen, vor allem das zeit-
liche Auftreten des kindlichen Sexualinteresses beeinflussen. Ich
habe darum meine Darstellung nicht nach aufeinanderfolgenden
Kindheitsepochen gegliedert, sondern in einem zusammengefaßt,
was bei verschiedenen Kindern bald früher, bald später zur
Geltung kommt. Es ist meine Überzeugung, daß sich doch kein
m n( j — kein vollsinniges wenigstens oder gar geistig begabtes
der Beschäftigung mit den sexuellen Problemen in den Jahren
vor der Pubertät entziehen kann.
Ich denke nicht groß von dem Einwurfe, daß die Neurotiker
eine besondere, durch degenerative Anlage ausgezeichnete
Menschenklasse sind, aus deren Kinderleben auf die Kindheit
anderer zu schließen untersagt sein müßte. Die Neurotiker sind
Menschen wie andere auch, von den normalen nicht scharf abzu-
grenzen, in ihrer Kindheit nicht immer leicht von denjenigen,
die später gesund bleiben, zu unterscheiden. Es ist eines der wert-
vollsten Ergebnisse unserer psychoanalytischen Untersuchungen,
l 7° Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
daß ihre Neurosen keinen besonderen, ihnen eigentümlich und
allein zukommenden psychischen Inhalt haben, sondern daß sie,
wie C. G. Jung es ausdrückt, an denselben Komplexen erkranken
mit denen auch wir Gesunde kämpfen. Der Unterschied ist nur
der, daß die Gesunden diese Komplexe zu bewältigen wissen
ohne groben, praktisch nachweisbaren Schaden, während den
Nervösen die Unterdrückung dieser Komplexe nur um den Preis
von kostspieligen Ersatzbildungen gelingt, also praktisch mißlängt.
Nervöse und Normale stehen einander in der Kindheit natürlich noch
viel näher als im späteren Leben, so daß ich einen methodischen
Fehler nicht darin erblicken kann, die Mitteilungen von Neu-
rotikern über ihre Kindheit zu Analogieschlüssen über das normale
Kindheitsleben zu verwerten. Da aber die späteren Neurotiker
sehr häufig einen besonders starken Geschlechtstrieb und eine
Neigung zur Frühreife, vorzeitiger Äußerung desselben, in ihrer
Konstitution mitbringen, werden sie uns vieles von der infantilen
Sexualbetätigung greller und deutlicher erkennen lassen, als
unserer ohnedies stumpfen Beobachtungsgabe an anderen Kindern
möglich wäre. Der wirkliche Wert dieser von erwachsenen Neu-
rotikern herrührenden Mitteilungen wird sich allerdings erst
abschätzen lassen, wenn man nachdem Vorgange von Havelock
Ellis auch die Kindheitserinnerungen erwachsener Gesunder der
Sammlung gewürdigt haben wird.
Infolge der Ungunst äußerer wie innerer Verhältnisse haben
die nachstehenden Mitteilungen vorwiegend nur auf die Sexual-
entwicklung des einen Geschlechtes, des männlichen nämlich,
Bezug. Der Wert einer Sammlung aber, wie ich sie hier versuche,
braucht kein bloß deskriptiver zu sein. Die Kenntnis der infantilen
Sexualtheorien, wie sie sich im kindlichen Denken gestalten, kann
nach verschiedenen Richtungen interessant sein, überraschender-
weise auch für das Verständnis der Mythen und Märchen.
Unentbehrlich bleibt sie aber für die Auffassung der Neurosen
selbst, innerhalb deren diese kindlichen Theorien noch in Geltung
Über infantile Sexualtheorien
sind und einen bestimmenden Einfluß auf die Gestaltung der
Symptome gewinnen.
*
Wenn wir unter Verzicht auf unsere Leiblichkeit als bloß
denkende Wesen, etwa von einem anderen Planeten her, die
Dinge dieser Erde frisch ins Auge fassen könnten, so würde viel-
leicht nichts anderes unserer Aufmerksamkeit mehr auffallen als
die Existenz zweier Geschlechter unter den Menschen, die ein-
ander sonst so ähnlich, doch durch die äußerlichsten Anzeichen
ihre Verschiedenheit betonen. Es scheint nun nicht, daß auch die
Kinder diese Grundtatsache zum Ausgange ihrer Forschungen
über sexuelle Probleme wählen. Da sie Vater und Mutter kennen,
soweit sie sich ihres Lebens erinnern, nehmen sie deren Vorhanden-
sein als eine weiter nicht zu untersuchende Realität hin, und
ebenso verhält sich der Knabe gegen ein Schwesterchen, von
dem er nur durch eine geringe Altersdifferenz von ein oder zwei
Jahren getrennt ist. Der Wissensdrang der Kinder erwacht hier
überhaupt nicht spontan, etwa infolge eines eingeborenen Kausalitäts-
bedürfnisses, sondern unter dem Stachel der sie beherrschenden
eigensüchtigen Triebe, wenn sie — etwa nach Vollendung des
zweiten Lebensjahres — von der Ankunft eines neuen Kindes
betroffen werden. Diejenigen Kinder, deren Kinderstube nicht
im Hause selbst eine solche Einquartierung empfängt, sind dann
noch imstande, sich nach ihren Beobachtungen in anderen Häusern
in diese Situation zu versetzen. Der selbst erfahrene oder mit
Recht befürchtete Entgang an Fürsorge von seiten der Eltern, die
Ahnung, allen Besitz von nun an für alle Zeiten mit dem Neu-
ankömmlinge teilen zu müssen, wirken erweckend auf das
Gefühlsleben des Kindes und verschärfend auf seine Denkfähigkeit.
Das ältere Kind äußert unverhohlene Feindseligkeit gegen den
Konkurrenten, die sich in unliebenswürdiger Beurteilung desselben,
in Wünschen, daß „der Storch ihn wieder mitnehmen möge"
und dergleichen Luft macht und gelegentlich selbst zu kleinen
172 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
Attentaten auf das hilflos in der Wiege Daliegende führt. Eine
größere Altersdifferenz schwächt den Ausdruck dieser primären
Feindseligkeit in der Regel ab; ebenso kann in etwas späteren
Jahren, wenn Geschwister ausbleiben, der Wunsch nach einem
Gespielen, wie das Kind ihn anderswo beobachten konnte, die
Oberhand erhalten.
Unter der Anregung dieser Gefühle und Sorgen kommt das
Kind nun zur Beschäftigung mit dem ersten, großartigen Problem
des Lebens und stellt sich die Krage, woher die Kinder
k o m m e n, die wohl zuerst lautet, woher dieses einzelne störende
Kind gekommen ist. Den Nachklang dieser ersten Rätselfrage
glaubt man in unbestimmt vielen Rätseln des Mythus und der
Sage zu vernehmen; die Frage selbst ist, wie alles Forschen, ein
Produkt der Lebensnot, als ob dem Denken die Aufgabe gestellt
würde, das Wiedereintreffen so gefürchteter Ereignisse zu verhüten.
Nehmen wir indes an, daß sich das Denken des Kindes alsbald
von seiner Anregung frei macht und als selbständiger Forscher-
trieb weiter arbeitet. Wo das Kind nicht bereits zu sehr einge-
schüchtert ist, schlägt es früher oder später den nächsten Weg
ein, Antwort von seinen Eltern und Pflegepersonen, die ihm die
Quelle des Wissens bedeuten, zu verlangen. Dieser Weg geht
aber fehl. Das Kind erhält entweder ausweichende Antwort oder
einen Verweis für seine Wißbegierde oder wird mit jener mytho-
logisch bedeutsamen Auskunft abgefertigt, die in deutschen Landen
lautet: Der Storch bringe die Kinder, die er aus dem Wasser
hole. Ich habe Grund anzunehmen, daß weit mehr Kinder, als
die Eltern ahnen, mit dieser Lösung unzufrieden sind und ihr
energische Zweifel entgegensetzen, die nur nicht immer offen
eingestanden werden. Ich weiß von einem dreijährigen Knaben,
der nach erhaltener Aufklärung zum Schrecken seiner Kinderfrau
vermißt wurde und sich am Ufer des großen Schloßteiches
wiederfand, wohin er geeilt war, um die Kinder im Wasser zu
beobachten, von einem anderen, der seinem Unglauben keine
Über infantile Sexualtheorien 173
andere als die zaghafte Aussprache gestatten konnte, er wisse
es besser, nicht der Storch bringe die Kinder, sondern der • —
Fischreiher. Es scheint mir aus vielen Mitteilungen hervorzugehen,
daß die Kinder der Storchtheorie den Glauben verweigern, von
dieser ersten Täuschung und Abweisung an aber ein Mißtrauen
gegen die Erwachsenen in sich nähren, die Ahnung von etwas
Verbotenem gewinnen, das ihnen von den „Großen" vorenthalten
wird, und darum ihre weiteren Forschungen mit Geheimnis
verhüllen. Sie haben dabei aber auch den ersten Anlaß eines
„psychischen Konflikts" erlebt, indem Meinungen, für die sie
eine triebartige Bevorzugung empfinden, die aber den Großen
nicht „recht" sind, in Gegensatz zu anderen geraten, die durch
die Autorität der „Großen" gehalten werden, ohne ihnen selbst
genehm zu sein. Aus diesem psychischen Konflikte kann bald
eine „psychische Spaltung" werden; die eine Meinung, mit der
die Bravheit, aber auch die Sistierung des Nachdenkens verbunden
ist, wird zur herrschenden bewußten; die andere, für die die
Forscherarbeit unterdes neue Beweise erbracht hat, die nicht
gelten sollen, zur unterdrückten, „unbewußten". Der Kernkomplex
der Neurose findet sich auf diese Weise konstituiert.
Ich habe kürzlich durch die Analyse eines fünfjährigen Knaben,
die dessen Vater mit ihm angestellt und mir dann zur Veröffent-
lichung überlassen hat, den unwiderleglichen Nachweis für eine
Einsicht erhalten, auf deren Spur mich die Psychoanalysen
Erwachsener längst geführt hatten. Ich weiß jetzt, daß die
Graviditätsveränderung der Mutter den scharfen Augen des
Kindes nicht entgeht, und daß dieses sehr wohl imstande ist,
eine Weile nachher den richtigen Zusammenhang zwischen der
Leibeszunahme der Mutter und dem Erscheinen des Kindes her-
zustellen. In dem erwähnten Falle war der Knabe dreieinhalb
Jahre alt, als seine Schwester geboren wurde, und vierdreiviertel,
als er sein besseres Wissen durch die unverkennbarsten Anspielungen
erraten ließ. Diese frühzeitige Erkenntnis wird aber immer
*74 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
geheim gehalten und später im Zusammenhange mit den weiteren
Schicksalen der kindlichen Sexual forsch ung verdrängt und ver-
gessen.
Die „Storchfabel" gehört also nichtzu den infantilen Sexualtheorien;
es ist im Gegenteile die Beobachtung der Tiere, die ihr Sexual-
leben so wenig verhüllen, und denen sich das Kind so verwandt
fühlt, die den Unglauben des Kindes bestärkt. Mit der Erkennt-
nis, das Kind wachse im Leibe der Mutter, die das Kind noch
selbständig erwirbt, wäre es auf dem richtigen Wege, das Problem,
an dem es zuerst seine Denkkraft erprobt, zu lösen. Im weiteren
Fortschreiten wird es aber gehemmt durch eine Unwissenheit,
die sich nicht ersetzen läßt, und durch falsche Theorien, welche
der Zustand der eigenen Sexualität ihm aufdrängt.
Diese falschen Sexualtheorien, die ich nun erörtern werde,
haben alle einen sehr merkwürdigen Charakter. Obwohl sie in
grotesker Weise fehlgehen, enthalten sie doch, jede von ihnen,
ein Stück echter Wahrheit, in dieser Zusammensetzung analog
den „genial" geheißenen Lösungsversuchen Erwachsener an den
für den Menschenverstand überschwierigen Weltproblemen. Das
Richtige und Triftige an diesen Theorien erklärt sich durch deren
Abkunft von den Komponenten des Sexualtriebes, die sich bereits
im kindlichen Organismus regen; denn nicht psychische Willkür
oder zufällige Kindrücke haben diese Annahmen entstehen lassen,
sondern die Notwendigkeiten der psychosexuellen Konstitution,
und darum können wir von typischen Sexualtheorien der Kinder
sprechen, darum finden wir die nämlichen irrigen Meinungen
bei allen Kindern, deren Sexualleben uns zugänglich wird.
Die erste dieser Theorien knüpft an die Vernachlässigung der
Geschlechtsunterschiede an, die wir eingangs als kennzeichnend
für das Kind hervorgehoben haben. Sie besteht darin, allen
Menschen, auch den weiblichen Personen, einen
Penis zuzusprechen, wie ihn der Knabe vom eigenen
Körper kennt. Gerade in jener Sexualkonstitution, die wir als die
Über infantile Sexualtheorien 1?l ,
„normale" anerkennen müssen, ist der Penis schon in der Kind-
heit die leitende erogene Zone, das hauptsächlichste autoerotische
Sexualobjekt, und seine Wertschätzung spiegelt sich logisch in
dem Unvermögen, eine dem Ich ähnliche Persönlichkeit ohne
diesen wesentlichen Bestandteil vorzustellen. Wenn der kleine
Knabe das Genitale eines Schwesterchens zu Gesicht bekommt,
so zeigen seine Äußerungen, daß sein Vorurteil bereits stark genug
ist, um die Wahrnehmung zu beugen; er konstatiert nicht etwa
das Fehlen des Gliedes, sondern sagt regelmäßig, wie tröstend
und vermittelnd: der... ist aber noch klein; nun wenn sie
größer wird, wird er schon wachsen. Die Vorstellung des Weibes
mit dem Penis kehrt noch spät in den Träumen des Erwach-
senen wieder; in nächtlicher sexueller Erregung wirft er ein
Weib nieder, entblößt es und bereitet sich zum Koitus, um dann
beim Anblick des wohlausgebildeten Gliedes an Stelle der weib-
lichen Genitalien den Traum und die Erregung abzubrechen. Die
zahlreichen Hermaphroditen des klassischen Altertums geben diese
einst allgemeine infantile Vorstellung getreulich wieder; man kann
beobachten, daß sie auf die meisten normalen Menschen nicht
verletzend wirkt, während die wirklich von der Natur zugelassenen
hermaphroditischen Bildungen der Genitalien fast immer den
größten Abscheu erregen.
Wenn sich diese Vorstellung des Weibes mit dem Penis bei
dem Kinde „fixiert", allen Einflüssen des späteren Lebens wider-
steht, und den Mann unfähig macht, bei seinem Sexualobjekt auf
den Penis zu verzichten, so muß ein solches Individuum bei sonst
normalem Sexualleben ein Homosexueller werden, seine Sexual-
objekte unter den Männern suchen, die durch andere somatische
und seelische Charaktere an das Weib erinnern. Das wirkliche
Weib, wie es später erkannt wird, bleibt als Sexualobjekt unmöglich
für ihn, da es des wesentlichen sexuellen Reizes entbehrt, ja im
Zusammenhange mit einem anderen Eindruck des Kinderlebens
kann es zum Abscheu für ihn werden. Das hauptsächlich von der
i 7 6 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
Peniserregung beherrschte Kind hat sich gewöhnlich durch Rei-
zung desselben mit der Hand Lust geschafft, ist von den Eltern
oder Wartepersonen dabei ertappt und mit der Drohung, man
werde ihm das Glied abschneiden, geschreckt worden. Die Wir-
kung dieser „Kastrationsdrohung" ist im richtigen Verhältnisse
zur Schätzung dieses Körperteiles eine ganz außerordentlich tief-
greifende und nachhaltige. Sagen und Mythen zeugen von dem
Aufruhr des kindlichen Gefühlslebens, von dem Entsetzen, das
sich an den Kastrationskomplex knüpft, der dann später auch ent-
sprechend widerwillig vom Bewußtsein erinnert wird. An diese
Drohung mahnt nun das später wahrgenommene, als verstümmelt
aufgefaßte Genitale des Weibes und darum erweckt es beim
Homosexuellen Grausen anstatt Lust. An dieser Reaktion kann
nichts mehr geändert werden, wenn der Homosexuelle von der
Wissenschaft erfährt, daß die kindliche Annahme, auch die Frau
besitze einen Penis, doch nicht so irre geht. Die Anatomie hat
die Klitoris innerhalb der weiblichen Schamspalte als das dem
Penis homologe Organ erkannt, und die Physiologie der Sexual-
vorgänge hat hinzufügen können, daß dieser kleine und nicht
mehr wachsende Penis sich in der Kindheit des Weibes tatsäch-
lich wie ein echter und rechter Penis benimmt, daß er zum Sitz
von Erregungen wird, die zu seiner Berührung veranlassen, daß
seine Reizbarkeit der Sexualbetätigung des kleinen Mädchens männ-
lichen Charakter verleiht, und daß es eines Verdrängungsschubes
in den Pubertätsjahren bedarf, um durch Hinwegräumung dieser
männlichen Sexualität das Weib entstehen zu lassen. Wie nun
viele Frauen in ihrer Sexualfunktion daran verkümmern, daß
diese Klitoriserregbarkeit hartnäckig festgehalten wird, so daß sie
im Koitusverkehr anästhetisch bleiben, oder daß die Verdrängung
zu übermäßig erfolgt, so daß ihre Wirkung durch hysterische
Ersatzbildung teilweise aufgehoben wird; dies alles gibt der
infantilen Sexualtheorie, das Weib besitze wie der Mann einen
Penis, nicht unrecht.
I
Über infantile Sexualtheorien i* 7
An dem kleinen Mädchen kann man mit Leichtigkeit
beobachten, daß es die Schätzung des Bruders durchaus teilt. Es
entwickelt ein großes Interesse für diesen Körperteil beim Knaben,
das aber alsbald vom Neide kommandiert wird. Es fühlt sich
benachteiligt, es macht Versuche, in solcher Stellung zu urinieren,
wie es dem Knaben durch den Besitz des großen Penis ermöglicht
wird, und wenn es den Wunsch äußert: Ich möchte lieber
ein Bub sein, so wissen wir, welchem Mangel dieser Wunsch
abhelfen soll.
Wenn das Kind den Andeutungen folgen könnte, die von der
Erregung des Penis ausgehen, so würde es der Lösung seines
Problems um ein Stück näher rücken. Daß das Kind im Leibe
der Mutter wächst, ist offenbar nicht genug Erklärung. Wie
kommt es hinein? Was gibt den Anstoß zu seiner Entwicklung?
Daß der Vater etwas damit zu tun hat, ist wahrscheinlich; er
erklärt ja, das Kind sei auch sein Kind. 1 Anderseits hat der
Penis gewiß auch seinen Anteil an diesen nicht zu erratenden
Vorgängen, er bezeugt es durch seine Miterregung bei all dieser
Gedankenarbeit. Mit dieser Erregung sind Antriebe verbunden,
die das Kind sich nicht zu deuten weiß, dunkle Impulse zu
gewaltsamem Tun, zum Eindringen, Zerschlagen, irgendwo ein
Loch aufreißen. Aber wenn das Kind so auf dem besten Wege
scheint, die Existenz der Scheide zu postulieren und dem Penis
des Vaters ein solches Eindringen bei der Mutter zuzuschreiben
als jenen Akt, durch den das Kind im Leibe der Mutter
entsteht, so bricht an dieser Stelle doch die Forschung ratlos ab,
denn ihr steht die Theorie im Wege, daß die Mutter einen
Penis besitzt wie ein Mann, und die Existenz des Hohlraumes,
der den Penis aufnimmt, bleibt für das Kind unentdeckt. Daß
die Erfolglosigkeit der Denkbemühung dann ihre Verwerfung
1) Vgl. hiexu die Analyse des fünfjährigen Knaben im Jahrbuch für psycho-
analytische und psychopathologische Forschungen. 1. Halbbd. 1909. [Bd. VIII dieser
Gesamtausgabe.]
Freud, V. ]a
178 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
und ihr Vergessen erleichtert, wird man gern annehmen. Dieses
Grübeln und Zweifeln wird aber vorbildlich für alle spätere
Denkarbeit an Problemen und der erste Mißerfolg wirkt für alle
Zeiten lähmend fort.
Die Unkenntnis der Vagina ermöglicht dem Kinde auch die
Überzeugung von der zweiten seiner Sexualtheorien. Wenn das
Kind im Leibe der Mutter wächst und aus diesem entfernt
wird, so kann dies nur auf dem einzig möglichen Wege der
Darmöffnung geschehen. Das Kind muß entleert werden
wie ein Exkrement, ein Stuhlgang. Wenn dieselbe Frage
in späteren Kinderjahren Gegenstand des einsamen Nachdenkens
oder der Besprechung zwischen zwei Kindern wird, so stellen
sich wohl die Auskünfte ein, das Kind komme aus dem sich
öffnenden Nabel, oder der Bauch werde aufgeschnitten und das
Kind herausgenommen, wie es dem Wolfe im Märchen von
Rotkäppchen geschieht. Diese Theorien werden laut ausgesprochen
und später auch bewußt erinnert; sie enthalten nichts Anstößiges
mehr. Dieselben Kinder haben dann völlig vergessen, daß sie
in früheren Jahren au eine andere Geburtstheorie glaubten,
welcher gegenwärtig die seither eingetretene Verdrängung der
analen Sexualkomponente im Wege steht. Damals war der
Stuhlgang etwas, wovon in der Kinderstube ohne Scheu gesprochen
werden durfte, das Kind stand seinen konstitutionellen koprophilen
Neigungen noch nicht so ferne; es war keine Degradation, so
zur Welt zu kommen wie ein Haufen Kot, den der Ekel noch
nicht verdammt hatte. Die Kloakentheorie, die für so viele
Tiere ja zu Recht besteht, war die natürlichste und die einzige,
die sich dem Kinde als wahrscheinlich aufdrängen konnte.
Dann war es aber nur konsequent, daß das Kind das schmerzliche
Vorrecht des Weibes, Kinder zu gebären, nicht gelten ließ. Wenn
die Kinder durch den After geboren werden, so kann der Mann
ebensogut gebären wie das Weib. Der Knabe kann also auch
phantasieren, daß er selbst Kinder bekommt, ohne daß wir ihn
Über infantile Sexualtheorien
J 79
darum femininer Neigungen zu beschuldigen brauchen. Er betätigt
dabei nur seine noch regsame Analerotik.
Wenn sich die Kloakentheorie der Geburt im Bewußtsein
späterer Kinderjahre erhält, was gelegentlich vorkommt, so bringt
sie auch eine allerdings nicht mehr ursprüngliche Lösung der
Frage nach der Entstehung der Kinder mit sich. Es ist dann
wie im Märchen. Man ißt etwas Bestimmtes und davon bekommt
man ein Kind. Die Geisteskranke belebt diese infantile Geburts-
theorie dann wieder. Die Maniaka etwa führt den besuchenden
Arzt zu einem Häufchen Kot, das sie in einer Ecke ihre Zelle
abgesetzt hat, und sagt ihm lachend: Das ist das Kind, das ich
heute geboren habe.
Die dritte der typischen Sexualtheorien ergibt sich den Kindern
wenn sie durch irgendeine der häuslichen Zufälligkeiten zu
Zeugen des elterlichen Sexualverkehrs werden, über den sie
dann doch nur sehr unvollständige Wahrnehmungen machen
können. Welches Stück desselben dann immer in ihre Beob-
achtung fällt, ob die gegenseitige Lage der beiden Personen
oder die Geräusche oder gewisse Nebenumstände, sie gelangen
in allen Fällen zur nämlichen, wir können sagen sadistischen
Auffassung des Koitus, sehen in ihm etwas, was der
stärkere Teil dem schwächeren mit Gewalt antut, und vergleichen
ihn, zumal die Knaben, mit einer Rauferei, wie sie sie aus ihrem
Kinderverkehr kennen, und die ja auch der Beimengung sexueller
Erregung nicht ermangelt. Ich habe nicht feststellen können,
daß die Kinder diesen von ihnen beobachteten Vorgang zwischen
den Eltern als das zur Lösung des Kinderproblems erforderliche
Stück agnoszieren würden ; öfter hatte es den Anschein, als würde
diese Beziehung von den Kindern gerade darum verkannt, weil
sie dem Liebesakte solche Deutung ins Gewalttätige gegeben
haben. Aber diese Auffassung macht selbst den Eindruck einer
Wiederkehr jenes dunkeln Impulses zur grausamen Betätigung,
der sich beim ersten Nachdenken über das Rätsel, woher die
12*
180 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
Kinder kommen, an die Peniserregung knüpfte. Es ist auch die
Möglichkeit nicht abzuleugnen, daß jener frühzeitige sadistische
Impuls, der den Koitus beinahe hätte erraten lassen, selbst unter
dem Einflüsse dunkelster Erinnerungen an den Verkehr der Eltern
aufgetreten ist, für die das Kind, als es noch in den ersten
Lebensjahren das Schlafzimmer der Eltern teilte, das Material
aufgenommen hatte, ohne es damals zu verwerten.'
Die sadistische Theorie des Koitus, die in ihrer Isoliertheit
zur Irreführung wird, wo sie hätte Bestätigung bringen können,
ist wiederum der Ausdruck einer der angeborenen sexuellen
Komponenten, die bei dem einzelnen Kinde mehr oder minder
stark ausgeprägt sein mag, und sie hat daher ein Stück weit
recht, errät zum Teil das Wesen des Geschlechtsaktes und den
„Kampf der Geschlechter", der ihm vorhergeht. Nicht selten ist
das Kind auch in der Lage, diese seine Auffassung durch
akzidentelle Wahrnehmungen zu stützen, die es zum Teil richtig,
zum anderen wieder falsch, ja gegensätzlich erfaßt. In vielen
Ehen sträubt sich die Frau wirklich regelmäßig gegen die
eheliche Umarmung, die ihr keine Lust und die Gefahr neuer
Schwangerschaft bringt, und so mag die Mutter dem für schlafend
gehaltenen (oder sich schlafend stellenden) Kinde einen Eindruck
bieten, der gar nicht anders denn als ein Wehren gegen eine
Gewalttat gedeutet weiden kann. Andere Male noch gibt die
ganze Ehe dem aufmerksamen Kinde das Schauspiel eines unaus-
gesetzten, in lauten Worten und unfreundlichen Gebärden sich
äußernden Streites, wo dann das Kind sich nicht zu wundern
braucht, daß dieser Streit sich auch in die Nacht fortsetzt und
endlich durch dieselben Methoden ausgetragen wird, die das Kind
im Verkehre mit seinen Geschwistern oder Spielgenossen zu
gebrauchen gewöhnt ist.
1) In dem 1794 veröffentlichten, autobiographischen Buche „Monsieur Nicolas"
bestätigt Restif de la Brc tonne dieses sadistische Mißverständnis des Koitus,
in der Erzählung eines Eindruckes aus seinem vierten Lebensjahre.
Über infantile Sexualtheorien 181
Als eine Bestätigung seiner Auffassung sieht das Kind es aber
auch an, wenn es Blutspuren im Bett oder an der Wäsche der
Mutter entdeckt. Diese sind ihm ein Beweis dafür, daß in der
Nacht wieder ein solcher Überfall des Vaters auf die Mutter
stattgefunden hat, während wir dieselbe frische Blutspur lieber
als Anzeichen einer Pause im sexuellen Verkehre deuten werden.
Manche sonst unerklärliche „Blutscheu" der Nervösen findet
durch diesen Zusammenhang ihre Aufklärung. Der Irrtum des
Kindes deckt wiederum ein Stückchen Wahrheit j unter gewissen,
bekannten Verhältnissen wird die Blutspur allerdings als Zeichen
des eingeleiteten sexuellen Verkehres gewürdigt.
In loserem Zusammenhange mit dem unlösbaren Problem,
woher die Kinder kommen, beschäftigt sich das Kind mit der
Frage, was das Wesen und der Inhalt des Zustandes sei, den
man „Verheiratetsein" heißt, und beantwortet diese Frage ver-
schieden, je nach dem Zusammentreffen von zufälligen Wahr-
nehmungen bei den Eltern mit den eigenen noch lustbetonten
Trieben. Nur daß es sich vom Verheiratetsein Lustbefriedigung
verspricht und ein Hinwegsetzen über die Scham vermutet,
scheint allen diesen Beantwortungen gemeinsam. Die Auffassung,
die ich am häufigsten gefunden habe, lautet, daß „man vor
einander uriniert" 5 eine Abänderung, die so klingt, als ob
sie symbolisch ein Mehr wissen andeuten wollte: daß der Mann
in den Topf der Frau uriniert. Andere Male wird der
Sinn des Heiratens darin verlegt : daß man einander den
Popo zeigt (ohne sich zu schämen). In einem Falle, in dem es
der Erziehung gelungen war, die Sexualerfahrung besonders lange
aufzuschieben, kam das vierzehnjährige und bereits menstruierte
Mädchen über Anregung der Lektüre auf die Idee, das Verheiratet-
sein bestehe in einer „Mischung des Blutes", und da die eigene
Schwester noch nicht die Periode hatte, versuchte die Lüsterne
ein Attentat auf eine Besucherin, welche gestanden hatte, eben zu
menstruieren, um sie zu dieser „Blutvermischung" zu nötigen.
182 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
Die infantilen Meinungen über das Wesen der Ehe, die nicht
selten von der bewußten Erinnerung festgehalten werden, haben
für die Symptomatik späterer neurotischer Erkrankung große
Bedeutung. Sie schaffen sich zunächst Ausdruck in Kinderspielen, in
denen man das miteinander tut, was das Verheiratetsein ausmacht,
und dann später einmal kann sich der Wunsch verheiratet zu sein
die infantile Ausdrucksform wählen, um in einer zunächst unkennt-
lichen Phobie oder einem entsprechenden Symptom aufzutreten. 1
Es wären dies die wichtigsten der typischen, in frühen Kind-
heitsjahren und spontan, nur unter dem Einflüsse der sexuellen
Triebkomponenten produzierten Sexualtheorien des Kindes. Ich
weiß, daß ich weder die Vollständigkeit des Materials noch die
Herstellung des lückenlosen Zusammenhanges mit dem sonstigen
Kinderleben erreicht habe. Einzelne Nachträge kann ich hier
noch anfügen, die sonst jeder Kundige vermißt hätte. So zum
Beispiel die bedeutsame Theorie, daß man ein Kind durch einen
Kuß bekommt, die wie selbstverständlich die Vorherrschaft der
erogenen Mundzone verrät. Nach meiner Erfahrung ist diese
Theorie ausschließlich feminin und wird als pathogen manchmal
bei Mädchen angetroffen, bei denen die Sexualforschung in der
Kindheit die stärksten Hemmungen erfahren hat. Eine meiner
Patientinnen gelangte durch eine zufällige Wahrnehmung zur
Theorie der „Couvade", die bekanntlich bei manchen Völkern
allgemeine Sitte ist und wahrscheinlich die Absicht hat, dem nie
völlig zu besiegenden Zweifel an der Paternität zu widersprechen.
Da ein etwas sonderbarer Onkel nach der Geburt seines Kindes
tagelang zu Hause blieb und die Besucher im Schlafrock empfing,
schloß sie, daß bei einer Geburt beide Eltern beteiligt seien und
zu Bette gehen müßten.
Um das zehnte oder elfte Lebensjahr tritt die sexuelle Mit-
teilung an die Kinder heran. Ein Kind, welches in ungehemmteren
i) Die für die spätere Neurose bedeutsamsten Kinderspiele sind das „Doklorspiel"
und „Papa- und Mama"-Spielcn.
.
Über infantile Sexualtheorien 183
sozialen Verhältnissen aufgewachsen ist oder sonst glücklichere
Gelegenheit zur Beobachtung gefunden hat, teilt anderen mit,
was es weiß, weil es sich dabei reif und überlegen empfinden
kann. Was die Kinder so erfahren, ist meist das Richtige, das
heißt es wird ihnen die Existenz der Vagina und deren Bestimmung
verraten, aber sonst sind diese Aufklärungen, die sie voneinander
entlehnen, nicht selten mit Falschem vermengt, mit Überresten
der älteren infantilen Sexualtheorien behaftet. Vollständig und
zur Lösung des uralten Problems ausreichend sind sie fast nie.
Wie früher die Unkenntnis der Vagina, so hindert jetzt die des
Samens die Einsicht in den Zusammenhang. Das Kind kann
nicht erraten, daß aus dem männlichen Geschlechtsglied noch
eine andere Substanz entleert wird als der Harn, und gelegentlich
zeigt sich ein „unschuldiges Mädchen" noch in der Brautnacht
entrüstet darüber, daß der Mann „in sie hineinuriniere". An
diese Mitteilungen in den Jahren der Vorpubertät schließt sich
nun ein neuer Aufschwung der kindlichen Sexualforschung; aber
die Theorien, welche die Kinder jetzt schaffen, haben nicht mehr
das typische und ursprüngliche Gepräge, das für die frühkind-
lichen, primären, charakteristisch war, solange die infantilen
Sexualkomponenten ungehemmt und unverwandelt ihren Ausdruck
in Theorien durchsetzen konnten. Die späteren Denkbemühungen
zur Lösung der sexuellen Rätsel schienen mir die Sammlung
nicht zu verlohnen, sie können auch auf pathogene Bedeutung
wenig Anspruch mehr erheben. Ihre Mannigfaltigkeit ist natürlich
in erster Linie von der Natur der erhaltenen Aufklärung
abhängig; ihre Bedeutung liegt vielmehr darin, daß sie die
unbewußt gewordenen Spuren jener ersten Periode des sexuellen
Interesses wieder erwecken, so daß nicht selten masturbatorische
Sexualbetätigung und ein Stück der Gefühlsablösung von den
Eltern an sie anknüpft. Daher das verdammende Urteil der
Erzieher, daß solche Aufklärung in diesen Jahren die Kinder
„verderbe .
1^4 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenle/nr
Einige wenige Beispiele mögen zeigen, welche Elemente oft
in diese späten Grübeleien der Kinder über das Sexualleben ein-
gehen. Ein Mädchen hat von den Schulkolleginnen gehört, daß
der Mann der Frau ein Ei gibt, welches sie in ihrem Leibe
ausbrütet. Ein Knabe, der auch vom Ei gehört hat, identifiziert
dieses „Ei" mit dem vulgär ebenso benannten Hoden und zer-
bricht sich den Kopf darüber, wie denn der Inhalt des Hoden-
sackes sich immer wieder erneuern kann. Die Aufklärungen
reichen selten so weit, um wesentliche Unsicherheiten über die
Geschlechtsvorgänge zu verhüten. So können Mädchen zur
Erwartung kommen, der Geschlechtsverkehr finde nur ein einziges-
mal statt, dauere aber da sehr lange, vierundzwanzig Stunden,
und von diesem einen Male kämen der Reihe nach alle Kinder.
Man sollte meinen, dieses Kind habe Kenntnis von dem Fort-
pflanzungsvorgang bei gewissen Insekten gewonnen; aber diese
Vermutung bestätigt sich nicht, die Theorie erscheint als eine
selbständige Schöpfung. Andere Mädchen übersehen die Tragzeit,
das Leben im Mutterleibe, und nehmen an, daß das Kind unmittelbar
nach der Nacht des ersten Verkehrs zum Vorschein komme.
Marcell Prävost hat diesen Jungmädchenirrtum in einer der
„Lettresde femmes" zu einer lustigen Geschichte verarbeitet. Schwer
zu erschöpfen und vielleicht im allgemeinen nicht uninteressant
ist das Thema dieser späten Sexualforschung der Kinder oder auf
der kindlichen Stufe zurückgehaltenen Adoleszenten, aber es liegt
meinem Interesse ferner, und ich muß nur noch hervorheben,
daß dabei von den Kindern viel Unrechtes zutage gefördert wird,
was dazu bestimmt ist, älterer, besserer, aber unbewußt gewordener
und verdrängter Erkenntnis zu widersprechen.
Auch die Art, wie die Kinder sich gegen die ihnen zugehenden
Mitteilungen verhalten, hat ihre Bedeutung. Bei manchen ist die
Sexualverdrängung soweit gediehen, daß sie nichts anhören wollen,
und diesen gelingt es auch, bis in späte Jahre unwissend zu
bleiben, scheinbar unwissend wenigstens, bis in der Psychoanalyse
-
Über infantile Sexualtheorien 185
der Neurotischen das aus früher Kindheit stammende "Wissen zum
Vorschein kommt. Ich weiß auch von zwei Knaben zwischen
zehn und dreizehn Jahren, welche die sexuelle Aufklärung zwar
anhörten, aber dem Gewährsmanne die ablehnende Antwort
gaben: Es ist möglich, daß dein Vater und andere Leute so
etwas tun, aber von meinem Vater weiß ich es gewiß, daß er
es nie tun würde. Wie mannigfaltig immer dieses spätere
Benehmen der Kinder gegen die Befriedigung der sexuellen
Wißbegierde sein mag, für ihre ersten Kinderjahre dürfen
wir ein durchaus gleichförmiges Verhalten annehmen und
glauben, daß sie damals alle aufs eifrigste bestrebt waren
zu erfahren, was die Eltern miteinander tun, woraus dann die
Kinder werden.
TT
BEITRÄGE ZUR PSYCHOLOGIE
DES LIEBESLEBENS
i
ÜBER EINEN BESONDEREN TYPUS DER OBJEKTWAHL
BEIM MANNE
Wir haben es bisher den Dichtern überlassen, uns zu schildern,
nach welchen „Liebesbedingungen" die Menschen ihre Objekt wähl
treffen, und wie sie die Anforderungen ihrer Phantasie mit der
Wirklichkeit in Einklang bringen. Die Dichter verfügen auch
über manche Eigenschaften, welche sie zur Lösung einer solchen
Aufgabe befähigen, vor allem über die Feinfühligkeit für die
Wahrnehmung verborgener Seelenregungen bei anderen und den
Mut, ihr eigenes Unbewußtes laut werden zu lassen. Aber der
Erkenntniswert ihrer Mitteilungen wird durch einen Umstand
herabgesetzt. Die Dichter sind an die Bedingung gebunden,
intellektuelle und ästhetische Lust sowie bestimmte Gefühls-
wirkungen zu erzielen, und darum können sie den Stoff der
Realität nicht unverändert darstellen, sondern müssen Teilstücke
desselben isolieren, störende Zusammenhänge auflösen, das Ganze
mildern und Fehlendes ersetzen. Es sind dies Vorrechte der soge-
nannten „poetischen Freiheit". Auch können sie nur wenig
|)
Der erste Beitrag erschien zuerst Ipio im
„Jahrbuch für psychoanalytische und psychopatho-
logische Forschungen"', Hand 11; der zweite lpt2,
ebcndort, Hand IV; beide dann, mitsamt dem dritten,
unter dem gemeinsamen Obertitel in der Vierten Folge
der „Sammlung kleiner Schriften zur Ncuroscnlehre".
-
Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 187
Interesse für die Herkunft und Entwicklung solcher seelischer
Zustände äußern, die sie als fertige beschreiben. Somit wird es
doch unvermeidlich, daß die Wissenschaft mit plumperen Händen
und zu geringerem Lustgewinne sich mit denselben Materien
beschäftige, an deren dichterischer Bearbeitung sich die Menschen
seit Tausenden von Jahren erfreuen. Diese Bemerkungen mögen
zur Rechtfertigung einer streng wissenschaftlichen Bearbeitung
auch des menschlichen Liebeslebens dienen. Die Wissenschaft ist
eben die vollkommenste Lossagung vom Lustprinzip, die unserer
psychischen Arbeit möglich ist.
Während der psychoanalytischen Behandlungen hat man reich-
lich Gelegenheit, sich Eindrücke aus dem Liebesleben der Neurotiker
zu holen, und kann sich dabei erinnern, daß man ähnliches Verhalten
auch bei durchschnittlich Gesunden oder selbst bei hervorragenden
Menschen beobachtet oder erfahren hat. Durch Häufung der
Eindrücke infolge zufälliger Gunst des Materials treten dann
einzelne Typen deutlicher hervor. Einen solchen Typus der männ-
lichen Objektwahl will ich hier zuerst beschreiben, weil er
sich durch eine Reihe von „Liebesbedingungen" auszeichnet,
deren Zusammentreffen nicht verständlich, ja eigentlich befrem-
dend ist, und weil er eine einfache psychoanalytische Aufklärung
zuläßt.
1 .) Die erste dieser Liebesbedingungen ist als geradezu spezifisch
zu bezeichnen; sobald man sie vorfindet, darf man nach dem
Vorhandensein der anderen Charaktere dieses Typus suchen. Man
kann sie die Bedingung des „Geschädigten Dritten" nennen;
ihr Inhalt geht dahin, daß der Betreffende niemals ein Weib
zum Liebesobjekt wählt, welches noch frei ist, also ein Mädchen
oder eine alleinstehende Frau, sondern nur ein solches Weib, auf
das ein anderer Mann als Ehegatte, Verlobter, Freund Eigentums-
rechte geltend machen kann. Diese Bedingung zeigt sich in
manchen Fällen so unerbittlich, daß dasselbe Weib zuerst über
i88 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
sehen oder selbst verschmäht werden kann, solange es niemandem
angehört, während es sofort Gegenstand der Verliebtheit wird,
sobald es in eine der genannten Beziehungen zu einem anderen
Manne tritt.
ö.) Die zweite Bedingung ist vielleicht minder konstant, aber
nicht weniger auffällig. Der Typus wird erst durch ihr Zusammen-
treffen mit der ersten erfüllt, während die erste auch für sich
allein in großer Häufigkeit vorzukommen scheint. Diese zweite
Bedingung besagt, daß das keusche und unverdächtige Weib
niemals den Reiz ausübt, der es zum Liebesobjekt erhebt, sondern
nur das irgendwie sexuell anrüchige, an dessen Treue und Ver-
läßlichkeit ein Zweifel gestattet ist. Dieser letztere Charakter mag
in einer bedeutungsvollen Reihe variieren, von dem leisen
Schatten auf dem Ruf einer dem Flirt nicht abgeneigten Ehefrau
bis zur offenkundig polygamen Lebensführung einer Kokotte
oder Liebeskünstlerin, aber auf irgend etwas dieser Art wird
von den zu unserem Typus Gehörigen nicht verzichtet. Man mag
diese Bedingung mit etwas Vergröberung die der „Dirnen liebe"
heißen.
Wie die erste Bedingung Anlaß zur Befriedigung von agonalen,
feindseligen Regungen gegen den Mann gibt, dem man das
geliebte Weib entreißt, so steht die zweite Bedingung, die der
Dirnenhaftigkeit des Weibes, in Beziehung zur Betätigung der
Eifersucht, die für Liebende dieses Typus ein Bedürfnis zu
sein scheint. Erst wenn sie eifersüchtig sein können, erreicht die
Leidenschaft ihre Höhe, gewinnt das Weib seinen vollen Wert,
und sie versäumen nie, sich eines Anlasses zu bemächtigen, der
ihnen das Erleben dieser stärksten Empfindungen gestattet. Merk-
würdigerweise ist es nicht der rechtmäßige Besitzer der Geliebten,
gegen den sich diese Eifersucht richtet, sondern neu auf-
tauchende Fremde, mit denen man die Geliebte in Verdacht
bringen kann. In grellen Fällen zeigt der Liebende keinen Wunsch,
das Weib für sich allein zu besitzen, und scheint sich in dem
Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 189
dreieckigen Verhältnis durchaus wohl zu fühlen. Einer meiner
Patienten, der unter den Seitensprüngen seiner Dame entsetzlich
gelitten hatte, hatte doch gegen ihre Verheiratung nichts einzu-
wenden, sondern förderte diese mit allen Mitteln; gegen den
Mann zeigte er dann durch Jahre niemals eine Spur von Eifer-
sucht. Ein anderer typischer Fall war in seinen ersten Liebes-
beziehungen allerdings sehr eifersüchtig gegen den Ehegatten
gewesen und hatte die Dame genötigt, den ehelichen Verkehr
mit diesem einzustellen 5 in seinen zahlreichen späteren Verhält-
nissen benahm er sich aber wie die anderen und faßte den
legitimen Mann nicht mehr als Störuug auf.
Die folgenden Punkte schildern nicht mehr die vom Liebesobjekt
geforderten Bedingungen, sondern das Verhalten des Liebenden
gegen das Objekt seiner Wahl.
5.) Im normalen Liebesleben wird der Wert des Weibes durch
seine sexuelle Integrität bestimmt und durch die Annäherung an
den Charakter der Dirnenhaftigkeit herabgesetzt. Es erscheint
daher als eine auffällige Abweichung vom Normalen, daß von
den Liebenden unseres Typus die mit diesem Charakter behafteten
Frauen als höchstwertige Liebesobjekte behandelt wer-
den. Die Liebesbeziehungen zu diesen Frauen werden mit dem
höchsten psychischen Aufwand bis zur Aufzehrung aller anderen
Interessen betrieben; sie sind die einzigen Personen, die man
lieben kann, und die Selbstanforderung der Treue wird jedesmal
wieder erhoben, so oft sie auch in der Wirklichkeit durchbrochen
werden mag. In diesen Zügen der beschriebenen Liebesbeziehungen
prägt sich überdeutlich der zwanghafte Charakter aus, welcher
ja in gewissem Grade jedem Falle von Verliebtheit eignet. Man
darf aber aus der Treue und Intensität der Bindung nicht die
Erwartung ableiten, daß ein einziges solches Liebesverhältnis das
Liebesleben der Betreffenden ausfülle oder sich nur einmal innerhalb
desselben abspiele. Vielmehr wiederholen sich Leidenschaften dieser
Art mit den gleichen Eigentümlichkeiten — die eine das genaue
1 9° Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
Abbild der anderen — mehrmals im Leben der diesem Typus
Angehörigen, ja die Liebesobjekte können nach äußeren Bedin-
gungen, z. B. Wechsel von Aufenthalt und Umgebung, einander
so häufig ersetzen, daß es zur Bildung einer langen Beihe
kommt.
4.) Am überraschendsten wirkt auf den Beobachter die bei den
Liebenden dieses Typus sich äußernde Tendenz, die Geliebte zu
„retten". Der Mann ist überzeugt, daß die Geliebte seiner
bedarf, daß sie ohne ihn jeden sittlichen Halt verlieren und rasch
auf ein bedauernswertes Niveau herabsinken würde. Er rettet sie
also, indem er nicht von ihr läßt. Die Bettungsabsicht kann sich
in einzelnen Fällen durch die Berufung auf die sexuelle Unver-
läßlichkeit und die sozial gefährdete Position der Geliebten recht-
fertigen; sie tritt aber nicht minder deutlich hervor, wo solche
Anlehnungen an die Wirklichkeit fehlen. Einer der zum beschrie-
benen Typus gehörigen Männer, der seine Damen durch kunst-
volle Verführung und spitzfindige Dialektik zu gewinnen verstand,
scheute dann im Liebesverhältnis keine Anstrengung, um die
jeweilige Geliebte durch selbstverfaßte Traktate auf dem Wege
der „Tugend" zu erhalten.
Überblickt man die einzelnen Züge des hier geschilderten
Bildes, die Bedingungen der Unfreiheit und der Dirnenhaftigkeit
der Geliebten, die hohe Wertung derselben, das Bedürfnis nach
Eifersucht, die Treue, die sich doch mit der Auflösung in eine
lange Beihe verträgt, und die Bettungsabsicht, so wird man eine
Ableitung derselben aus einer einzigen Quelle für wenig wahr-
scheinlich halten. Und doch ergibt sich eine solche leicht bei
psychoanalytischer Vertiefung in die Lebensgeschichte der in
Betracht kommenden Personen. Diese eigentümlich bestimmte
Objektwahl und das so sonderbare Liebesverhalten haben dieselbe
psychische Abkunft wie im Liebesleben des Normalen, sie ent-
springen aus der infantilen Fixierung der Zärtlichkeit an die
Mutter und stellen einen der Ausgänge dieser Fixierung dar. Im
Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 191
normalen Liebesleben erübrigen nur wenige Züge, welche das
mütterliche Vorbild der Objektwahl unverkennbar verraten, so
zum Beispiel die Vorliebe junger Männer für gereiftere Frauen y
die Ablösung der Libido von der Mutter hat sich verhältnis-
mäßig rasch vollzogen. Bei unserem Typus hingegen hat die
Libido auch nach dem Eintritt der Pubertät so lange bei der
Mutter verweilt, daß den später gewählten Liebesobjekten die
mütterlichen Charaktere eingeprägt bleiben, daß diese alle zu
leicht kenntlichen Muttersurrogaten werden. Es drängt sich hier
der Vergleich mit der Schädelformation des Neugeborenen auf;
nach protrahierter Geburt muß der Schädel des Kindes den Aus-
guß der mütterlichen Beckenenge darstellen.
Es obliegt uns nun, wahrscheinlich zu machen, daß die charakte-
ristischen Züge unseres Typus, Liebesbedingungen wie Liebes-
verhalten, wirklich der mütterlichen Konstellation entspringen.
Am leichtesten dürfte dies für die erste Bedingung, die der
Unfreiheit des Weibes oder des geschädigten Dritten, gelingen.
Man sieht ohne weiteres ein, daß bei dem in der Familie auf-
wachsenden Kinde die Tatsache, daß die Mutter dem Vater
gehört, zum unabtrennbaren Stück des mütterlichen Wesens wird,
und daß kein anderer als der Vater selbst der geschädigte Dritte
ist. Ebenso ungezwungen fügt sich der überschätzende Zug, daß
die Geliebte die Einzige, Unersetzliche ist, in den infantilen
Zusammenhang ein, denn niemand besitzt mehr als eine
Mutter, und die Beziehung zu ihr ruht auf dem Fundament
eines jedem Zweifel entzogenen und nicht zu wiederholenden
Ereignisses.
Wenn die Liebesobjekte bei unserem Typus vor allem Mutter-
surrogate sein sollen, so wird auch die Reihenbildung verständ-
lich, welche der Bedingung der Treue so direkt zu widersprechen
scheint. Die Psychoanalyse belehrt uns auch durch andere Bei-
spiele, daß das im Unbewußten wirksame Unersetzliche sich
häufig durch die Auflösung in eine unendliche Reihe kundgibt,
19 2 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
unendlich darum, weil jedes Surrogat doch die erstrebte Befrie-
digung vermissen läßt. So erklärt sich die unstillbare Fragelust
der Kinder in gewissem Alter daraus, daß sie eine einzige Frage
zu stellen haben, die sie nicht über ihre Lippen bringen, die
Geschwätzigkeit mancher neurotisch geschädigter Personen aus dem
Drucke eines Geheimnisses, das zur Mitteilung drängt, und das
sie aller Versuchung zum Trotze doch nicht verraten.
Dagegen scheint die zweite Liebesbedingung, die der Dirnen-
haftigkeit des gewählten Objekts, einer Ableitung aus dem
Mutterkomplex energisch zu widerstreben. Dem bewußten Denken
des Erwachsenen erscheint die Mutter gern als Persönlichkeit
von unantastbarer sittlicher Reinheit, und wenig anderes wirkt,
wenn es von außen kommt, so beleidigend, oder wird, wenn es
von innen aufsteigt, so peinigend empfunden wie ein Zweifel an
diesem Charakter der Mutter. Gerade dieses Verhältnis von
schärfstem Gegensatze zwischen der „Mutter" und der „Dirne"
wird uns aber anregen, die Entwicklungsgeschichte und das unbe-
wußte Verhältnis dieser beiden Komplexe zu erforschen, wenn
wir längst erfahren haben, daß im Unbewußten häufig in Eines
zusammenfällt, was im Bewußtsein in zwei Gegensätze gespalten
vorliegt. Die Untersuchung führt uns dann in die Lebenszeit
zurück, in welcher der Knabe zuerst eine vollständigere Kenntnis
von den sexuellen Beziehungen zwischen den Erwachsenen
gewinnt, etwa in die Jahre der Vorpubertät. Brutale Mitteilungen
von unverhüllt herabsetzender und aufrührerischer Tendenz machen
ihn da mit dem Geheimnis des Geschlechtslebens bekannt, zer-
stören die Autorität der Erwachsenen, die sich als unvereinbar mit
der Enthüllung ihrer Sexualbetätigung erweist. Was in diesen
Eröffnungen den stärksten Einfluß auf den Neueingeweihten
nimmt, das ist deren Beziehung zu den eigenen Eltern. Dieselbe
wird oft direkt von dem Hörer abgelehnt, etwa mit den Worten :
Es ist möglich, daß deine Eltern und andere Leute so etwas
miteinander tun, aber von meinen Eltern ist es ganz unmöglich.
Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 193
Als selten fehlendes Korollar zur „sexuellen Aufklärung"
gewinnt der Knabe auch gleichzeitig die Kenntnis von der
Existenz gewisser Frauen, die den geschlechtlichen Akt erwerbs-
mäßig ausüben und darum allgemein verachtet werden. Ihm
selbst muß diese Verachtung ferne sein 5 er bringt für diese
Unglücklichen nur eine Mischung von Sehnsucht und Grausen
auf, sobald er weiß, daß auch er von ihnen in das Geschlechts-
leben eingeführt werden kann, welches ihm bisher als der aus-
schließliche Vorbehalt der „Großen" galt. Wenn er dann den
Zweifel nicht mehr festhalten kann, der für seine Eltern eine
Ausnahme von den häßlichen Normen der Geschlechtsbetätigung
fordert, so sagt er sich mit zynischer Korrektheit, daß der Unter-
schied zwischen der Mutter und der Hure doch nicht so groß
sei, daß sie im Grunde das nämliche tun. Die aufklärenden Mit-
teilungen haben nämlich die Erinnerungsspuren seiner frühinfantilen
Eindrücke und Wünsche in ihm geweckt und von diesen aus
gewisse seelische Regungen bei ihm wieder zur Aktivität gebracht.
Er beginnt die Mutter selbst in dem neugewonnenen Sinne zu
bege hren und den V ater als Nebenbuhler, der diesem Wunsche
im Wege steht, von neuem zu hassen; er gerät, wie wir sagen,
unter die Herrschaft des Ödipuskomplexes. Er vergißt es der
Mutter nicht und betrachtet es im Lichte einer Untreue, daß sie
die Gunst des sexuellen Verkehres nicht ihm, sondern dem Vater
geschenkt hat. Diese Regungen haben, wenn sie nicht rasch
vorüberziehen, keinen anderen Ausweg, als sich in Phantasien
auszuleben, welche die Sexualbetätigung der Mutter unter den
mannigfachsten Verhältnissen zum Inhalte haben, deren Spannung
auch besonders leicht zur Lösung im onanistischen Akte führt.
Infolge des beständigen Zusammenwirkens der beiden treibenden
Motive, der Begehrlichkeit und der Rachsucht, sind Phantasien
von der Untreue der Mutter die bei weitem bevorzugten; der
Liebhaber, mit dem die Mutter die Untreue begeht, trägt fast
immer die Züge des eigenen Ichs, richtiger gesagt, der eigenen,
Freud, V. 13
1 94 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
idealisierten, durch Altersreifung auf das Niveau des Vaters
gehobenen Persönlichkeit. Was ich an anderer Stelle 1 als „Familien-
roman" geschildert habe, umfaßt die vielfältigen Ausbildungen
dieser Phantasietätigkeit und deren Verwebung mit verschiedenen
egoistischen Interessen dieser Lebenszeit. Nach Einsicht in dieses
Stück seelischer Entwicklung können wir es aber nicht mehr
widerspruchsvoll und unbegreiflich finden, daß die Bedingung
der Dirnenhaftigkeit der Geliebten sich direkt aus dem Mutter-
komplex ableitet. Der von uns beschriebene Typus des männlichen
Liebeslebens trägt die Spuren dieser Entwicklungsgeschichte an
sich und läßt sich einfach verstehen als Fixierung an die Pubertäts-
phantasien des Knaben, die späterhin den Ausweg in die Realität
des Lebens doch noch gefunden haben. Es macht keine
Schwierigkeiten anzunehmen, daß die eifrig geübte Onanie der
Pubertätsjahre ihren Beitrag zur Fixierung jener Phantasien
geleistet hat.
Mit diesen Phantasien, welche sich zur Beherrschung des
realen Liebeslebens aufgeschwungen haben, scheint die Tendenz,
die Geliebte zu retten, nur in lockerer, oberflächlicher und
durch bewußte Begründung erschöpfbarer Verbindung zu stehen.
Die Geliebte bringt sich durch ihre Neigung zur Unbeständigkeit
und Untreue in Gefahren, also ist es begreiflich, daß der Liebende
sich bemüht, sie vor diesen Gefahren zu behüten, indem er ihre
Tugend überwacht und ihren schlechten Neigungen entgegen-
arbeitet. Indes zeigt das Studium der Deckerinnerungen, Phan-
tasien und nächtlichen Träume der Menschen, daß hier eine
vortrefflich gelungene „Rationalisierung" eines unbewußten
Motivs vorliegt, die einer gut geratenen sekundären Bearbeitung
im Traume gleichzusetzen ist. In Wirklichkeit hat das Rettungs-
motiv seine eigene Bedeutung und Geschichte und ist ein
selbständiger Abkömmling des Mutter- oder, richtiger gesagt, des
1) O. Rank, Der Mythus von der Geburt des Helden, 1909. (Schriften zur ange-
wandten Seelenkunde, Heft 5.) 2. Auflage 1922.
Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens ig5
Elternkomplexes. Wenn das Kind hört, daß es sein Leben den
Eltern verdankt, daß ihm die Mutter „das Leben
geschenkt" hat, so vereinen sich bei ihm zärtliche mit groß-
mannssüchtigen, nach Selbständigkeit ringenden Regungen, um
den Wunsch entstehen zu lassen, den Eltern dieses Geschenk
zurückzuerstatten, es ihnen durch ein gleichwertiges zu vergelten.
Es ist, wie wenn der Trotz des Knaben sagen wollte : Ich brauche
nichts vom Vater, ich will ihm alles zurückgeben, was ich ihn
gekostet habe. Er bildet dann die Phantasie, den Vater aus
einer Lebensgefahr zu retten, wodurch er mit ihm quitt
wird, und diese Phantasie verschiebt sich häufig genug auf den
Kaiser, König oder sonst einen großen Herrn und wird nach
dieser Entstellung bewußtseinsfähig und selbst für den Dichter
verwertbar. In der Anwendung auf den Vater überwiegt bei
weitem der trotzige Sinn der Rettungsphantasie, der Mutter
wendet sie meist ihre zärtliche Bedeutung zu. Die Mutter hat
dem Kinde das Leben geschenkt, und es ist nicht leicht, dies
eigenartige Geschenk durch etwas Gleichwertiges zu ersetzen. Bei
geringem Bedeutungswandel, wie er im Unbewußten erleichtert
ist — was man etwa dem bewußten Ineinanderfließen der Begriffe
gleichstellen kann — gewinnt das Retten der Mutter die Bedeu-
tung von: ihr ein Kind schenken oder machen, natürlich ein
Kind, wie man selbst ist. Die Entfernung vom ursprünglichen
Sinne der Rettung ist keine allzu große, der Bedeutungswandel
kein willkürlicher. Die Mutter hat einem ein Leben geschenkt,
das eigene, und man schenkt ihr dafür ein anderes Leben, das
eines Kindes, das mit dem eigenen Selbst die größte Ähnlichkeit
hat. Der Sohn erweist sich dankbar, indem er sich wünscht, von
der Mutter einen Sohn zu haben, der ihm selbst gleich ist, das
heißt, in der Rettungsphantasie identifiziert er sich völlig mit
dem Vater. Alle Triebe, die zärtlichen, dankbaren, lüsternen,
trotzigen, selbstherrlichen, sind durch den einen Wunsch befriedigt,
sein eigener Vater zu sein. Auch das Moment der Gefahr
'5*
ig6
Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
ist bei dem Bedeutungswandel nicht verloren gegangen; der
Geburtsakt selbst ist nämlich die Gefahr, aus der man durch die
Anstrengung der Mutter gerettet wurde. Die Geburt ist ebenso
die allererste Lebensgefahr wie das Vorbild aller späteren, vor
denen wir Angst empfinden, und das Erleben der Geburt hat
uns wahrscheinlich den Affektausdruck, den wir Angst heißen,
hinterlassen. Der Macduff der schottischen Sage, den seine
Mutter nicht geboren hatte, der aus seiner Mutter Leib geschnitten
wurde, hat darum auch die Angst nicht gekannt.
Der alte Traumdeuter Artemidoros hatte sicherlich Recht
mit der Behauptung, der Traum wandle seinen Sinn je nach der
Person des Träumers. Nach den für den Ausdruck unbewußter
Gedanken geltenden Gesetzen kann das „Retten" seine Bedeutung
variieren, je nachdem es von einer Frau oder von einem Manne
phantasiert wird. Es kann ebensowohl bedeuten : ein Kind machen
= zur Geburt bringen (für den Mann) wie: selbst ein Kind
gebären (für die Frau).
Insbesondere in der Zusammensetzung mit dem Wasser lassen
sich diese verschiedenen Bedeutungen des Rettens in Träumen
und Phantasien deutlich erkennen. Wenn ein Mann im Traume
eine Frau aus dem Wasser rettet, so heißt das : er macht sie zur
Mutter, was nach den vorstehenden Erörterungen gleichsinnig
ist dem Inhalte: er macht sie zu seiner Mutter. Wenn eine Frau
einen anderen (ein Kind) aus dem Wasser rettet, so bekennt sie
sich damit wie die Königstochter in der Mosessage 1 als seine Mutter,
die ihn geboren hat.
Gelegentlich enthält auch die auf den Vater gerichtete Rettungs-
phantasie einen zärtlichen Sinn. Sie will dann den Wunsch aus-
drücken, den Vater zum Sohne zu haben, das heißt einen Sohn
zu haben, der so ist wie der Vater. Wegen all dieser Beziehungen
des Rettungsmotivs zum Elternkomplex bildet die Tendenz, die
1) Rank, 1. c.
1 97
Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens
Geliebte zu retten, einen wesentlichen Zug des hier beschriebenen
Liebestypus.
Ich halte es nicht für notwendig, meine Arbeitsweise zu recht-
fertigen, die hier wie bei der Aufstellung der Analerotik
darauf hinausgeht, aus dem Beobachtungsmaterial zunächst extreme
und scharf umschriebene Typen herauszuheben. Es gibt in beiden
Fällen weit zahlreichere Individuen, in denen nur einzelne Züge
dieses Typus, oder diese nur in unscharfer Ausprägung festzustellen
sind, und es ist selbstverständlich, daß erst die Darlegung des
ganzen Zusammenhanges, in den diese Typen aufgenommen sind,
deren richtige Würdigung ermöglicht.
II
ÜBER DIE ALLGEMEINSTE ERNIEDRIGUNG DES
LIEBESLEBENS
Wenn der psychoanalytische Praktiker sich fragt, wegen
welches Leidens er am häufigsten um Hilfe angegangen wird,
so muß er — absehend von der vielgestaltigen Angst — ant-
worten: wegen psychischer Impotenz. Diese sonderbare Störung
betrifft Männer von stark libidinösem Wesen und äußert sich
darin, daß die Exekutivorgane der Sexualität die Ausführung des
geschlechtlichen Aktes verweigern, obwohl sie sich vorher und
nachher als intakt und leistungsfähig erweisen können, und
obwohl eine starke psychische Geneigtheit zur Ausführung des
Aktes besteht. Die erste Anleitung zum Verständnis seines
Zustandes erhält der Kranke selbst, wenn er die Erfahrung macht,
daß ein solches Versagen nur beim Versuch mit gewissen Personen
auftritt, während es bei anderen niemals in Frage kommt. Er
weiß dann, daß es eine Eigenschaft des Sexualobjekts ist, von
welcher die Hemmung seiner männlichen Potenz ausgeht, und
berichtet manchmal, er habe die Empfindung eines Hindernisses
in seinem Innern, die Wahrnehmung eines Gegenwillens, der
die bewußte Absicht mit Erfolg störe. Er kann aber nicht
erraten, was dies innere Hindernis ist und welche Eigenschaft
des Sexualobjekts es zur Wirkung bringt. Hat er solches
Versagen wiederholt erlebt, so urteilt er wohl in bekannter
Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens lgg
fehlerhafter Verknüpfung, die Erinnerung an das erste Mal habe
als störende Angstvorstellung die Wiederholungen erzwungen;
das erste Mal selbst führt er aber auf einen „zufälligen" Eindruck
zurück.
Psychoanalytische Studien über die psychische Impotenz sind
bereits von mehreren Autoren angestellt und veröffentlicht
worden. 1 Jeder Analytiker kann die dort gebotenen Aufklärungen
aus eigener ärztlicher Erfahrung bestätigen. Es handelt sich
wirklich um die hemmende Einwirkung gewisser psychischer
Komplexe, die sich der Kenntnis des Individuums entziehen. Als
allgemeinster Inhalt dieses pathogenen Materials hebt sich die
nicht überwundene inzestuöse Fixierung an Mutter und Schwester
hervor. Außerdem ist der Einfluß von akzidentellen peinlichen
Eindrücken, die sich an die infantile Sexualbetätigung knüpfen,
zu berücksichtigen und jene Momente, die ganz allgemein die
auf das weibliche Sexualobjekt zu richtende Libido verringern. 2
Unterzieht man Fälle von greller psychischer Impotenz einem
eindringlichen Studium mittels der Psychoanalyse, so gewinnt
man folgende Auskunft über die dabei wirksamen psychosexuellen
Vorgänge. Die Grundlage des Leidens ist hier wiederum — wie
sehr wahrscheinlich bei allen neurotischen Störungen — eine
Hemmung in der Entwicklungsgeschichte der Libido bis zu ihrer
normal zu nennenden Endgestaltung. Es sind hier zwei Strö-
mungen nicht zusammengetroffen, deren Vereinigung erst ein
völlig normales Liebes verhalten sichert, zwei Strömungen, die
wir als die zärtliche und die sinnliche voneinander unter-
scheiden können.
Von diesen beiden Strömungen ist die zärtliche die ältere. Sie
stammt aus den frühesten Kinderjahren, hat sich auf Grund der
1) M. Steiner: Die funktionelle Impotenz des Mannes und ihre Behandlung,
j 90?i _ W. St ekel: In „Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung", Wien
1908 (II. Auflage 1912). — Perenczi: Analytische Deutung und Behandlung der
psychosexuellen Impotenz beim Manne. (Psychiat.-neurol. Wochenschrift, 1908.)
2) W. Stekel: 1. c, S. 191 ff.
aoo
Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
Interessen des Selbsterhaltungstriebes gebildet und richtet sich
auf die Personen der Familie und die Vollzieher der Kinderpflege.
Sie hat von Anfang an Beiträge von den Sexualtrieben, Kom-
ponenten von erotischem Interesse mitgenommen, die schon in
der Kindheit mehr oder minder deutlich sind, beim Neurotiker
in allen Fällen durch die spätere Psychoanalyse aufgedeckt
werden. Sie entspricht der primären kindlichen Objekt-
wahl. Wir ersehen aus ihr, daß die Sexualtriebe ihre ersten
Objekte in der Anlehnung an die Schätzungen der Ichtriebe
finden, gerade so, wie die ersten Sexualbefriedigungen in
Anlehnung an die zur Lebenserhaltung notwendigen Körper-
funktionen erfahren werden. Die „Zärtlichkeit" der Eltern und
Pflegepersonen, die ihren erotischen Charakter selten verleugnet
(„das Kind ein erotisches Spielzeug"), tut sehr viel dazu, die
Beiträge der Erotik zu den Besetzungen der Ichtriebe beim
Kinde zu erhöhen und sie auf ein Maß zu bringen, welches
in der späteren Entwicklung in Betracht kommen muß,
besonders wenn gewisse andere Verhältnisse dazu ihren Beistand
leihen.
Diese zärtlichen Fixierungen des Kindes setzen sich durch die
Kindheit fort und nehmen immer wieder Erotik mit sich, welche
dadurch von ihren sexuellen Zielen abgelenkt wird. Im Lebens-
alter der Pubertät tritt nun die mächtige „sinnliche" Strömung
hinzu, die ihre Ziele nicht mehr verkennt. Sie versäumt es
anscheinend niemals, die früheren Wege zu gehen und nun mit
weit stärkeren Libidobeträgen die Objekte der primären infantilen
Wahl zu besetzen. Aber da sie dort auf die unterdessen auf-
gerichteten Hindernisse der Inzestschranke stößt, wird sie das
Bestreben äußern, von diesen real ungeeigneten Objekten möglichst
bald den Übergang zu anderen, fremden Objekten zu finden, mit
denen sich ein reales Sexualleben durchführen läßt. Diese fremden
Objekte werden immer noch nach dem Vorbild (der Imago) der
infantilen gewählt werden, aber sie werden mit der Zeit die
Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 201
Zärtlichkeit an sich ziehen, die an die früheren gekettet war.
Der Mann wird Vater und Mutter verlassen — nach der
biblischen Vorschrift — und seinem Weibe nachgehen, Zärt-
lichkeit und Sinnlichkeit sind dann beisammen. Die höchsten
Grade von sinnlicher Verliebtheit werden die höchste psychische
Wertschätzung mit sich bringen. (Die normale Überschätzung
des Sexualobjekts von sehen des Mannes.)
Für das Mißlingen dieses Fortschrittes im Entwicklungsgang
der Libido werden zwei Momente maßgebend sein. Erstens das
Maß von realer Versagung, welches sich der neuen Objekt-
wahl entgegensetzen und sie für das Individuum entwerten wird.
Es hat ja keinen Sinn, sich der Objektwahl zuzuwenden, wenn
man überhaupt nicht wählen darf oder keine Aussicht hat,
etwas Ordentliches wählen zu können. Zweitens das Maß der
Anziehung, welches die zu verlassenden infantilen Objekte
äußern können, und das proportional ist der erotischen Besetzung,
die ihnen noch in der Kindheit zuteil wurde. Sind diese beiden
Faktoren stark genug, so tritt der allgemeine Mechanismus der
Neurosenbildung in Wirksamkeit. Die Libido wendet sich von
der Realität ab, wird von der Phantasietätigkeit aufgenommen
(Introversion), verstärkt die Bilder der ersten Sexualobjekte, fixiert
sich an dieselben. Das Inzesthindernis nötigt aber die diesen
Objekten zugewendete Libido, im Unbewußten zu verbleiben. Die
Betätigung der jetzt dem Unbewußten angehörigen sinnlichen
Strömung in onanistischen Akten tut das Ihrige dazu, um diese
Fixierung zu verstärken. Es ändert nichts an diesem Sachverhalt,
wenn der Fortschritt nun in der Phantasie vollzogen wird, der
in der Realität mißglückt ist, wenn in den zur onanistischen
Befriedigung führenden Phantasiesituationen die ursprünglichen
Sexualobjekte durch fremde ersetzt werden. Die Phantasien
werden durch diesen Ersatz bewußtseinsfähig, an der realen
Unterbringung der Libido wird ein Fortschritt nicht voll-
zogen.
202
Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosen lehre
Es kann auf diese Weise geschehen, daß die ganze Sinnlichkeit
eines jungen Menschen im Unbewußten an inzestuöse Objekte
gebunden oder, wie wir auch sagen können, an unbewußte
inzestuöse Phantasien fixiert wird. Das Ergebnis ist dann eine
absolute Impotenz, die etwa noch durch die gleichzeitig erworbene
wirkliche Schwächung der den Sexualakt ausführenden Organe
versichert wird.
Für das Zustandekommen der eigentlich sogenannten psychischen
Impotenz werden mildere Bedingungen erfordert. Die sinnliche
Strömung darf nicht in ihrem ganzen Betrag dem Schicksal
verfallen, sich hinter der zärtlichen verbergen zu müssen, sie
muß stark oder ungehemmt genug geblieben sein, um sich zum
Teil den Ausweg in die Realität zu erzwingen. Die Sexual-
betätigung solcher Personen läßt aber an den deutlichsten Anzeichen
erkennen, daß nicht die volle psychische Triebkraft hinter ihr
steht. Sie ist launenhaft, leicht zu stören, oft in der Ausführung
inkorrekt, wenig genußreich. Vor allem aber muß sie der
zärtlichen Strömung ausweichen. Es ist also eine Beschränkung
in der Objektwahl hergestellt worden. Die aktiv gebliebene
sinnliche Strömung sucht nur nach Objekten, die nicht an die
ihr verpönten inzestuösen Personen mahnen; wenn von einer
Person ein Eindruck ausgeht, der zu boher psychischer Wert-
schätzung führen könnte, so läuft er nicht in Erregung der
Sinnlichkeit, sondern in erotisch unwirksame Zärtlichkeit aus.
Das Liebesleben solcher Menschen bleibt in die zwei Richtungen
gespalten, die von der Kunst als himmlische und irdische (oder
tierische) Liebe personifiziert werden. Wo sie lieben, begehren
sie nicht, und wo sie begehren, können sie nicht lieben. Sie
suchen nach Objekten, die sie nicht zu lieben brauchen, um ihre
Sinnlichkeit von ihren geliebten Objekten fernzuhalten, und das
sonderbare Versagen der psychischen Impotenz tritt nach den
Gesetzen der „Komplexempfindlichkeit" und der „Rückkehr des
Verdrängten" dann auf, wenn an dem zur Vermeidung des
Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 205
Inzests gewählten Objekt ein oft unscheinbarer Zug an das zu
vermeidende Objekt erinnert.
Das Hauptschutzmittel gegen solche Störung, dessen sich der
Mensch in dieser Liebesspaltung bedient, besteht in der psychischen
Erniedrigung des Sexualobjektes, während die dem Sexual-
objekt normalerweise zustehende Überschätzung dem inzestuösen
Objekt und dessen Vertretungen reserviert wird. Sowie die
Bedingung der Erniedrigung erfüllt ist, kann sich die Sinnlichkeit
frei äußern, bedeutende sexuelle Leistungen und hohe Lust
entwickeln. Zu diesem Ergebnis trägt noch ein anderer Zusammen-
hang bei. Personen, bei denen die zärtliche und die sinnliche
Strömung nicht ordentlich zusammengeflossen sind, haben auch
meist ein wenig verfeinertes Liebesleben ; perverse Sexualziele
sind bei ihnen erhalten geblieben, deren Nichterfüllung als
empfindliche Lusteinbuße verspürt wird, deren Erfüllung aber
nur am erniedrigten, geringgeschätzten Sexualobjekt möglich
erscheint.
Die in dem ersten Beitrag 1 erwähnten Phantasien des Knaben,
welche die Mutter zur Dirne herabsetzen, werden nun nach
ihren Motiven verständlich. Es sind Bemühungen, die Kluft
zwischen den beiden Strömungen des Liebeslebens wenigstens in
der Phantasie zu überbrücken, die Mutter durch Erniedrigung
zum Objekt für die Sinnlichkeit zu gewinnen.
2
Wir haben uns bisher mit einer ärztlich-psychologischen Unter-
suchung der psychischen Impotenz beschäftigt, welche in der
Überschrift dieser Abhandlung keine Rechtfertigung findet. Es
wird sich aber zeigen, daß wir dieser Einleitung bedurft haben,
um den Zugang zu unserem eigentlichen Thema zu gewinnen.
Wir haben die psychische Impotenz reduziert auf das Nicht-
zusammentreffen der zärtlichen und der sinnlichen Strömung im
1) s. 193 uff.
20 4 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
Liebesleben und diese Entwicklungshemmung selbst erklärt durch
die Einflüsse der starken Kindheitsfixierungen und der späteren
Versagung in der Realität bei Dazwischenkunft der Inzestschranke.
Gegen diese Lehre ist vor allem eines einzuwenden: sie gibt
uns zu viel, sie erklärt uns, warum gewisse Personen an psychischer
Impotenz leiden, läßt uns aber rätselhaft erscheinen, daß andere
diesem Leiden entgehen konnten. Da alle in Betracht kommen-
den ersichtlichen Momente, die starke Kindheitsfixierung, die
Inzestschranke und die Versagung in den Jahren der Entwicklung
nach der Pubertät bei so ziemlich allen Kulturmenschen als
vorhanden anzuerkennen sind, wäre die Erwartung berechtigt,
daß die psychische Impotenz ein allgemeines Kulturleiden und
nicht die Krankheit einzelner sei.
Es läge nahe, sich dieser Folgerung dadurch zu entziehen,
daß man auf den quantitativen Faktor der Krankheitsverursachung
hinweist, auf jenes Mehr oder Minder im Beitrag der einzelnen
Momente, von dem es abhängt, ob ein kenntlicher Krankheits-
erfolg zustandekommt oder nicht. Aber obwohl ich diese
Antwort als richtig anerkennen möchte, habe ich doch nicht die
Absicht, die Folgerung selbst hiemit abzuweisen. Ich will im
Gegenteil die Behauptung aufstellen, daß die psychische Impotenz
weit verbreiteter ist, als man glaubt, und daß ein gewisses Maß
dieses Verhaltens tatsächlich das Liebesleben des Kulturmenschen
charakterisiert.
Wenn man den Begriff der psychischen Impotenz weiter faßt
und ihn nicht mehr auf das Versagen der Koitusaktion bei vor-
handener Lustabsicht und bei intaktem Genitalapparat einschränkt,
so kommen zunächst alle jene Männer hinzu, die man als
Psychanästhetiker bezeichnet, denen die Aktion nie versagt, die
sie aber ohne besonderen Lustgewinn vollziehen; Vorkommnisse
die häufiger sind, als man glauben möchte. Die psychoanalytische
Untersuchung solcher Fälle deckt die nämlichen ätiologischen
Momente auf, welche wir bei der psychischen Impotenz im
Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 205
engeren Sinne gefunden haben, ohne daß die symptomatischen
Unterschiede zunächst eine Erklärung finden. Von den anästhetischen
Männern führt eine leicht zu rechtfertigende Analogie zur
ungeheuren Anzahl der frigiden Frauen, deren Liebesverhalten
tatsächlich nicht besser beschrieben oder verstanden werden kann
als durch die Gleichstellung mit der geräuschvolleren psychischen
Impotenz des Mannes. 1
Wenn wir aber nicht nach einer Erweiterung des Begriffes
der psychischen Impotenz, sondern nach den Abschattungen ihrer
Symptomatologie ausschauen, dann können wir uns der Einsicht
nicht verschließen, daß das Liebesverhalten des Mannes in unserer
heutigen Kulturwelt überhaupt den Typus der psychischen Impo-
tenz an sich trägt. Die zärtliche und die sinnliche Strömung
sind bei den wenigsten unter den Gebildeten gehörig mit-
einander verschmolzen ; fast immer fühlt sich der Mann in seiner
sexuellen Betätigung durch den Respekt vor dem Weibe beengt
und entwickelt seine volle Potenz erst, wenn er ein erniedrigtes
Sexualobjekt vor sich hat, was wiederum durch den Umstand
mitbegründet ist, daß in seine Sexualziele perverse Komponenten
eingehen, die er am geachteten Weibe zu befriedigen sich nicht
getraut. Einen vollen sexuellen Genuß gewährt es ihm nur, wenn
er sich ohne Rücksicht der Befriedigung hingeben darf, was er
zum Beispiel bei seinem gesitteten Weibe nicht wagt. Daher
rührt dann sein Bedürfnis nach einem erniedrigten Sexualobjekt,
einem Weibe, das ethisch minderwertig ist, dem er ästhetische
Bedenken nicht zuzutrauen braucht, das ihn nicht in seinen
anderen Lebensbeziehungen kennt und beurteilen kann. Einem
solchen Weibe widmet er am liebsten seine sexuelle Kraft, auch
wenn seine Zärtlichkeit durchaus einem höherstehenden gehört.
Möglicherweise ist auch die so häufig zu beobachtende Neigung
von Männern der höchsten Gesellschaftsklassen, ein Weib aus
1) Wobei gerne zugestanden sein soll, daß die Frigidität der Frau ein komplexes,
auch von anderer Seite her zugängliches Thema ist.
20Ö
Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
niederem Stande zur dauernden Geliebten oder selbst zur Ehefrau
zu wählen, nichts anderes als die Folge des Bedürfnisses nach
dem erniedrigten Sexualobjekt, mit welchem psychologisch die
Möglichkeit der vollen Befriedigung verknüpft ist.
Ich stehe nicht an, die beiden bei der echten psychischen
Impotenz wirksamen Momente, die intensive inzestuöse Fixierung
der Kindheit und die reale Versagung der Jünglingszeit auch für
dies so häufige Verhalten der kulturellen Männer im Liebesleben
verantwortlich zu machen. Es klingt wenig anmutend und über-
dies paradox, aber es muß doch gesagt werden, daß, wer im
Liebesleben wirklich frei und damit auch glücklich werden soll,
den Respekt vor dem Weibe überwunden, sich mit der Vorstellung
des Inzests mit Mutter oder Schwester befreundet haben muß.
Wer sich dieser Anforderung gegenüber einer ernsthaften Selbst-
prüfung unterwirft, wird ohne Zweifel in sich finden, daß er
den Sexualakt im Grunde doch als etwas Erniedrigendes beur-
teilt, was nicht nur leiblich befleckt und verunreinigt. Die Ent-
stehung dieser Wertung, die er sich gewiß nicht gerne bekennt,
wird er nur in jener Zeit seiner Jugend suchen können, in
welcher seine sinnliche Strömung bereits stark entwickelt, ihre
Befriedigung aber am fremden Objekt fast ebenso verboten war
wie die am inzestuösen.
Die Frauen stehen in unserer Kulturwelt unter einer ähnlichen
Nachwirkung ihrer Erziehung und überdies unter der Rückwir-
kung des Verhaltens der Männer. Es ist für sie natürlich eben-
sowenig günstig, wenn ihnen der Mann nicht mit seiner vollen
Potenz entgegentritt, wie wenn die anfängliche Überschätzung der
Verliebtheit nach der Besitzergreifung von Geringschätzung abge-
löst wird. Von einem Bedürfnis nach Erniedrigung des Sexual-
objekts ist bei der Frau wenig zu bemerken; im Zusammen-
hange damit steht es gewiß, wenn sie auch etwas der Sexual-
überschätzung beim Manne Ähnliches in der Regel nicht zustande
bringt. Die lange Abhaltung von der Sexualität und das Ver-
Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 207
weilen der Sinnlichkeit in der Phantasie hat für sie aber eine
andere bedeutsame Folge. Sie kann dann oft die Verknüpfung der
sinnlichen Betätigung mit dem Verbot nicht mehr auflösen und
erweist sich als psychisch impotent, d. h. frigid, wenn ihr solche
Betätigung endlich gestattet wird. Daher rührt bei vielen Frauen
das Bestreben, das Geheimnis noch bei erlaubten Beziehungen
eine Weile festzuhalten, bei anderen die Fähigkeit normal zu
empfinden, sobald die Bedingung des Verbots in einem geheimen
Liebesverhältnis wiederhergestellt ist; dem Manne untreu, sind sie
imstande, dem Liebhaber eine Treue zweiter Ordnung zu bewahren.
Ich meine, die Bedingung des Verbotenen im weiblichen Liebes-
leben ist dem Bedürfnis nach Erniedrigung des Sexualobjekts
beim Manne gleichzustellen. Beide sind Folgen des langen Auf-
schubes zwischen Geschlechtsreife und Sexualbetätigung, den die
Erziehung aus kulturellen Gründen fordert. Beide suchen die psy-
chische Impotenz aufzuheben, welche aus dem Nichtzusammen-
treffen zärtlicher und sinnlicher Regungen resultiert. Wenn der
Erfolg der nämlichen Ursachen beim Weibe so sehr verschieden
von dem beim Manne ausfällt, so läßt sich dies vielleicht auf
einen anderen Unterschied im Verhalten der beiden Geschlechter
zurückführen. Das kulturelle Weib pflegt das Verbot der Sexual-
betätigung während der Wartezeit nicht zu überschreiten und
erwirbt so die innige Verknüpfung zwischen Verbot und Sexuali-
tät. Der Mann durchbricht zumeist dieses Verbot unter der
Bedingung der Erniedrigung des Objekts und nimmt daher diese
Bedingung in sein späteres Liebesleben mit.
Angesichts der in der heutigen Kulturwelt so lebhaften;
Bestrebungen nach einer Reform des Sexuallebens, ist es nicht
überflüssig, daran zu erinnern, daß die psychoanalytische Forschung
Tendenzen so wenig kennt wie irgendeine andere. Sie will
nichts anderes als Zusammenhänge aufdecken, indem sie Offen-
kundiges auf Verborgenes zurückführt. Es soll ihr dann recht
sein, wenn die Reformen sich ihrer Ermittlungen bedienen, um
208
Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
Vorteilhafteres an Stelle des Schädlichen zu setzen. Sie kann
aber nicht vorhersagen, ob andere Institutionen nicht andere,
vielleicht schwerere Opfer zur Folge haben müßten.
Die Tatsache, daß die kulturelle Zügelung des Liebeslebens
eine allgemeinste Erniedrigung der Sexualobjekte mit sich bringt,
mag uns veranlassen, unseren Blick von den Objekten weg auf
die Triebe selbst zu lenken. Der Schaden der anfänglichen
Versagung des Sexualgenusses äußert sich darin, daß dessen
spätere Freigebung in der Ehe nicht mehr voll befriedigend
wirkt. Aber auch die uneingeschränkte Sexualfreiheit von Anfang
an führt zu keinem besseren Ergebnis. Es ist leicht festzustellen,
daß der psychische Wert des Liebesbedürfnisses sofort sinkt,
sobald ihm die Befriedigung bequem gemacht wird. Es bedarf
eines Hindernisses, um die Libido in die Höhe zu treiben, und
wo die natürlichen Widerstände gegen die Befriedigung nicht
ausreichen, haben die Menschen zu allen Zeiten konventionelle
eingeschaltet, um die Liebe genießen zu können. Dies gilt für
Individuen wie für Völker. Jn Zeiten, in denen die Liebes-
befriedigung keine Schwierigkeiten fand, wie etwa während des
Niederganges der antiken Kultur, wurde die Liebe wertlos, das
Leben leer, und es bedurfte starker Reaktionsbildungen, um die
unentbehrlichen Affektwerte wieder herzustellen. In diesem
Zusammenhange kann man behaupten, daß die asketische Strömung
des Christentums für die Liebe psychische Wertungen geschaffen
hat, die ihr das heidnische Altertum nie verleihen konnte.
Zur höchsten Bedeutung gelangte sie bei den asketischen Mönchen,
deren Leben fast allein von dem Kampfe gegen die libidinöse
Versuchung ausgefüllt war.
Man ist gewiß zunächst geneigt, die Schwierigkeiten, die sich
hier ergeben, auf allgemeine Eigenschaften unserer organischen
Triebe zurückzuführen. Es ist gewiß auch allgemein richtig, daß
Beitrüge zur Psychologie des Liebeslebens 209
die psychische Bedeutung eines Triebes mit seiner Versagung
steigt. Man versuche es, eine Anzahl der allerdifferenziertesten
Menschen gleichmäßig dem Hungern auszusetzen. Mit der Zunahme
des gebieterischen Nahrungsbedürfnisses werden alle individuellen
Differenzen sich verwischen und an ihrer Statt die uniformen
Äußerungen des einen ungestillten Triebes auftreten. Aber trifft
es auch zu, daß mit der Befriedigung eines Triebes sein psychischer
Wert allgemein so sehr herabsinkt? Man denke z. B. an das
Verhältnis des Trinkers zum Wein. Ist es nicht richtig, daß dem
Trinker der Wein immer die gleiche toxische Befriedigung bietet,
die man mit der erotischen so oft in der Poesie verglichen
hat und auch vom Standpunkte der wissenschaftlichen Auffassung
vergleichen darf? Hat man je davon gehört, daß der Trinker
genötigt ist, sein Getränk beständig zu wechseln, weil ihm das
gleichbleibende bald nicht mehr schmeckt? Im Gegenteil, die
Gewöhnung knüpft das Band zwischen dem Manne und der
Sorte Wein, die er trinkt, immer enger. Kennt man beim
Trinker ein Bedürfnis in ein Land zu gehen, in dem der Wein
teurer oder der Weingenuß verboten ist, um seiner sinkenden
Befriedigung durch die Einschiebung solcher Erschwerungen
aufzuhelfen? Nichts von alldem. Wenn man die Äußerungen
unserer großen Alkoholiker, z. B. Bock lins, über ihr Verhältnis
zum Wein anhört, 1 es klingt wie die reinste Harmonie, ein
Vorbild einer glücklichen Ehe. Warum ist das Verhältnis des
Liebenden zu seinem Sexualobjekt so sehr anders?
Ich glaube, man müßte sich, so befremdend es auch klingt,
mit der Möglichkeit beschäftigen, daß etwas in der Natur des
Sexualtriebes selbst dem Zustandekommen der vollen Befriedigung
nicht günstig ist. Aus der langen und schwierigen Entwicklungs-
geschichte des Triebes heben sich sofort zwei Momente hervor,
die man für solche Schwierigkeit verantwortlich machen könnte.
Erstens ist infolge des zweimaligen Ansatzes zur Objektwahl mit
1) G. Floerke: Zehn Jahre mit Böcklin. 2. Aufl. 1902, S. 16.
Freud, V. , +
210
Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre.
Dazwischenkunft der Inzestschranke das endgültige Objekt des
Sexualtriebes nie mehr das ursprüngliche, sondern nur ein
Surrogat dafür. Die Psychoanalyse hat uns aber gelehrt: wenn
das ursprüngliche Objekt einer Wunschregung infolge von
Verdrängung verloren gegangen ist, so wird es häufig durch
eine unendliche Reihe von Ersatzobjekten vertreten, von denen
doch keines voll genügt. Dies mag uns die Unbeständigkeit in
der Objektwahl, den „Reizhunger" erklären, der dem Liebesleben
der Erwachsenen so häufig eignet.
Zweitens wissen wir, daß der Sexualtrieb anfänglich in eine
große Reihe von Komponenten zerfällt, — vielmehr aus einer
solchen hervorgeht, — von denen nicht alle in dessen spätere
Gestaltung aufgenommen werden können, sondern vorher unter-
drückt oder anders verwendet werden müssen. Es sind vor allem
die koprophilen Triebanteile, die sich als unverträglich mit
unserer ästhetischen Kultur erwiesen, wahrscheinlich, seitdem wir
durch den aufrechten Gang unser Riechorgan von der Erde
abgehoben haben ; ferner ein gutes Stück der sadistischen Antriebe,
die zum Liebesleben gehören. Aber alle solche Entwicklungs-
vorgänge betreffen nur die oberen Schichten der komplizierten
Struktur. Die fundamentellen Vorgänge, welche die Liebes-
erregung liefern, bleiben ungeändert. Das Exkrementelle ist allzu
innig und untrennbar mit dem Sexuellen verwachsen, die Lage
der Genitalien — inter urinas et faeces — bleibt das bestimmende
unveränderliche Moment. Man könnte hier, ein bekanntes Wort
des großen Napoleon variierend, sagen: die Anatomie ist das
Schicksal. Die Genitalien selbst haben die Entwicklung der
menschlichen Körperformen zur Schönheit nicht mitgemacht, sie
sind tierisch geblieben, und so ist auch die Liebe im Grunde
heute ebenso animalisch, wie sie es von jeher war. Die Liebes-
triebe sind schwer erziehbar, ihre Erziehung ergibt bald zu viel,
bald zu wenig. Das, was die Kultur aus ihr machen will, scheint
ohne fühlbare Einbuße an Lust nicht erreichbar, die Fortdauer
Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens
21 1
der unverwerteten Regungen gibt sich bei der Sexualtätigkeit als
Unbefriedigung zu erkennen.
So müßte man sich denn vielleicht mit dem Gedanken
befreunden, daß eine Ausgleichung der Ansprüche des Sexual-
triebes mit den Anforderungen der Kultur überhaupt nicht
möglich ist, daß Verzicht und Leiden sowie in weitester Ferne
die Gefahr des Erlöschens des Menschengeschlechts infolge seiner
Kulturentwicklung nicht abgewendet werden können. Diese trübe
Prognose ruht allerdings auf der einzigen Vermutung, daß die
kulturelle Unbefriedigung die notwendige Folge gewisser
Besonderheiten ist, welche der Sexualtrieb unter dem Drucke der
Kultur angenommen hat. Die nämliche Unfähigkeit des Sexual-
triebes, volle Befriedigung zu ergeben, sobald er den ersten
Anforderungen der Kultur unterlegen ist, wird aber zur Quelle
der großartigsten Kulturleistungen, welche durch immer weiter
gehende Sublimierung seiner Triebkomponenten bewerkstelligt
werden. Denn welches Motiv hätten die Menschen, sexuelle
Triebkräfte anderen Verwendungen zuzuführen, wenn sich aus
denselben bei irgendeiner Verteilung volle Lustbefriedigung
ergeben hätte? Sie kämen von dieser Lust nicht wieder los und
brächten keinen weiteren Fortschritt zustande. So scheint es,
daß sie durch die unausgleichbare Differenz zwischen den
Anforderungen der beiden Triebe — des sexuellen und des
egoistischen — zu immer höheren Leistungen befähigt werden,
allerdings unter einer beständigen Gefährdung, welcher die
Schwächeren gegenwärtig in der Form der Neurose erliegen.
Die Wissenschaft hat weder die Absicht zu schrecken noch zu
trösten. Aber ich bin selbst gern bereit zuzugeben, daß so weit-
tragende Schlußfolgerungen, wie die obenstehenden, auf breiterer
Basis aufgebaut sein sollten, und daß vielleicht andere Entwicklungs-
einrichtungen der Menschheit das Ergebnis der hier isoliert
behandelten zu korrigieren vermögen.
u"
ILI
DAS TABU DER VIRGINITÄT
Wenige Einzelheiten des Sexuallebens primitiver Völker wirken
so befremdend auf unser Gefühl wie deren Einschätzung der
Virginität, der weiblichen Unberührtheit. Uns erscheint die
Wertschätzung der Virginität von seiten des werbenden Mannes
so feststehend und selbstverständlich, daß wir beinahe in Ver-
legenheit geraten, wenn wir dieses Urteil begründen sollen. Die
Forderung, das Mädchen dürfe in die Ehe mit dem einen
Manne nicht die Erinnerung an Sexualverkehr mit einem anderen
mitbringen, ist ja nichts anderes als die konsequente Fortführung
des ausschließlichen Besitzrechtes auf ein Weib, welches das
Wesen der Monogamie ausmacht, die Erstreckung dieses Monopols
auf die Vergangenheit.
Es fällt uns dann nicht schwer, was zuerst ein Vorurteil zu
sein schien, aus unseren Meinungen über das Liebesleben des
Weibes zu rechtfertigen. Wer zuerst die durch lange Zeit müh-
selig zurückgehaltene Liebessehnsucht der Jungfrau befriedigt
und dabei die Widerstände überwunden hat, die in ihr durch
die Einflüsse von Milieu und Erziehung aufgebaut waren, der
wird von ihr in ein dauerndes Verhältnis gezogen, dessen
Möglichkeit sich keinem anderen mehr eröffnet. Auf Grund dieses
Erlebnisses stellt sich bei der Frau ein Zustand von Hörigkeit
her, der die ungestörte Fortdauer ihres Besitzes verbürgt und sie
widerstandsfähig macht gegen neue Eindrücke und fremde
Versuchungen.
Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 213
Den Ausdruck „geschlechtliche Hörigkeit" hat 1892 v. Krafft-
Ebing' zur Bezeichnung der Tatsache gewählt, daß eine Person
einen ungewöhnlich hohen Grad von Abhängigkeit und Unselb-
ständigkeit gegen eine andere Person erwerben kann, mit welcher
sie im Sexualverkehr steht. Diese Hörigkeit kann gelegentlich
sehr weit gehen, bis zum Verlust jedes selbständigen Willens
und bis zur Erduldung der schwersten Opfer am eigenen Interesse;
der Autor hat aber nicht versäumt zu bemerken, daß ein
gewisses Maß solcher Abhängigkeit „durchaus notwendig ist,
wenn die Verbindung einige Dauer haben soll." Ein solches
Maß von sexueller Hörigkeit ist in der Tat unentbehrlich zur
Aufrechterhaltung der kulturellen Ehe und zur Hintanhaltung
der sie bedrohenden polygamen Tendenzen, und in unserer
sozialen Gemeinschaft wird dieser Faktor regelmäßig in Anrechnung
gebracht.
Ein „ungewöhnlicher Grad von Verliebtheit und Charakter-
schwäche" einerseits, uneingeschränkter Egoismus beim anderen
Teil, aus diesem Zusammentreffen leitet v. Krafft-Ebing die
Entstehung der sexuellen Hörigkeit ab. Analytische Erfahrungen
gestatten es aber nicht, sich mit diesem einfachen Erklärungs-
versuch zu begnügen. Man kann vielmehr erkennen, daß die
Größe des überwundenen Sexualwiderstandes das entscheidende
Moment ist, dazu die Konzentration und Einmaligkeit des
Vorganges der Überwindung. Die Hörigkeit ist demgemäß ungleich
häufiger und intensiver beim Weibe als beim Manne, bei
letzterem aber in unseren Zeiten immerhin häufiger als in der
Antike. Wo wir die sexuelle Hörigkeit bei Männern studieren
konnten, erwies sie sich als Erfolg der Überwindung einer
psychischen Impotenz durch ein bestimmtes Weib, an welches
der betreffende Mann von da an gebunden blieb. Viele auffällige
Eheschließungen und manches tragische Schicksal — selbst von
1) v. Krafft-Ebing: Bemerkungen über „geschlechtliche Hörigkeit" und
Masochismus. (Jahrbücher für Psychiatrie, X. Bd., 1892.)
»i 4
Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
weitreichendem Belange — scheint in diesem Hergange seine
Aufklärung zu finden.
Das nun zu erwähnende Verhalten primitiver Völker beschreibt
man nicht richtig, wenn man aussagt, sie legten keinen Wert
auf die Virginität, und zum Beweise dafür vorbringt, daß sie die
Defloration der Mädchen außerhalb der Ehe und vor dem ersten
ehelichen Verkehre vollziehen lassen. Es scheint im Gegenteile,
daß auch für sie die Defloration ein bedeutungsvoller Akt ist,
aber sie ist Gegenstand eines Tabu, eines religiös zu nennenden
Verbotes, geworden. Anstatt sie dem Bräutigam und späteren
Ehegatten des Mädchens vorzubehalten, fordert die Sitte, daß
dieser einer solchen Leistung ausweiche.'
Es liegt nicht in meiner Absicht, die literarischen Zeugnisse
für den Bestand dieses vSittenverbotes vollständig zu sammeln,
die geographische Verbreitung desselben zu verfolgen und alle
Formen, in denen es sich äußert, aufzuzählen. Ich begnüge mich
also mit der Feststellung, daß eine solche, außerhalb der späteren
Ehe fallende Beseitigung des Hymens bei den heute lebenden
primitiven Völkern etwas sehr Verbreitetes ist. So äußert
C r a w 1 e y: 2 This marriagc ceremony consists in Perforation of
the. liymen by soinr appointed pcrson ot/irr tlian t/ir husband;
it is most common in thr lowest stages of culture, espr.cially in
Australia.
Wenn aber die Defloration nicht durch den ersten ehelichen
Verkehr erfolgen soll, so muß sie vorher auf irgendeine
Weise und von irgendwelcher Seite — vorgenommen worden
sein. Ich werde einige Stellen aus Crawleys obenerwähntem
Buche anführen, welche über diese Punkte Auskunft geben, die
uns aber auch zu einigen kritischen Bemerkungen berechtigen.
1) Crawley: The mystic rose, a study of primitive marriage, London 1902;
Bartels -PI D: Das Weib in der Natur- und Völkerkunde. 1891; verschiedene
Stellen in Fraier: Taboo and the perils of the soul, und Havelock Ellis:
Studies in the psychology of sex.
2) 1. c. p. 547.
Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 215
S. 191: „Bei den Dieri und einigen Nachbarstämmen (in
Australien) ist es allgemeiner Brauch, das Hymen zu zerstören,
wenn das Mädchen die Pubertät erreicht hat. Bei den Portland-
und Glenelg-Stämmen fällt es einer alten Frau zu, dies bei der
Braut zu tun, und mitunter werden auch weiße Männer in
solcher Absicht aufgefordert, Mädchen zu entjungfern. 1
S. 507: „Die absichtliche Zerreißung des Hymens wird manchmal
in der Kindheit, gewöhnlich aber zur Zeit der Pubertät aus-
geführt . . . Sie wird oft — wie in Australien — mit einem
offiziellen Begattungsakte kombiniert. 2
S. 548: (Von australischen Stämmen, bei denen die bekannten
exogamischen Heiratsbeschränkungen bestehen, nach Mitteilung
von Spencer und Gillen): „Das Hymen wird künstlich durch-
bohrt, und die Männer, die bei dieser Operation zugegen waren,
führen dann in festgesetzter Reihenfolge einen (wohlgemerkt:
zeremoniellen) Koitus mit dem Mädchen aus . . . Der ganze Vor-
gang hat sozusagen zwei Akte: Die Zerstörung des Hymens und
darauf den Geschlechtsverkehr." 5
S. 34g: „Bei den Masai (im äquatorialen Afrika) gehört die
Vornahme dieser Operation zu den wichtigsten Vorbereitungen
für die Ehe. Bei den Sakais (Malaien), den Battas (Sumatra) und
den Alfoers auf Celebes wird die Defloration vom Vater der
Braut ausgeführt. Auf den Philippinen gab es bestimmte Männer,
die den Beruf hatten, Bräute zu deflorieren, falls das Hymen
nicht schon in der Kindheit von einer dazu beauftragten alten
Frau zerstört worden war. Bei einigen Eskimostämmen wurde
1) „Thus in the Dieri and neighbouring tribes it is the universal custom uilien a girl
reaches puberty to rupture the hymen. u (Jonrn. Anthrop. Inst., XXIV, 169.) In the Port-
land and Glenelg tribes this is done to the bride by an old woman; and sometimes white
men are asked for this reason to deßower maidens. (Brough Smith, op. cit., II, 519.)
2) The artißcial rupture of the hymen sometimes takes place in infancy, but generally ai
puberty . . . lt is often combined, as in Australia, with a ceremonial act of intercourse.
5) The hyinen is artißcially perforated, and then assisting men haue access (ceremonial, be
it obsented) to the girl in a stated order . . . The act is in two parts, perforation and inter-
course.
2l6
Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
die Entjungferung der Braut dem A n g e k o k oder Priester über-
lassen." 1
Die Bemerkungen, die ich angekündigt habe, beziehen sich auf
zwei Punkte. Es ist erstens zu bedauern, daß in diesen Angaben
nicht sorgfältiger zwischen der bloßen Zerstörung des Hymens
ohne Koitus und dem Koitus zum Zwecke solcher Zerstörung
unterschieden wird. Nur an einer Stelle hörten wir ausdrücklich,
daß der Vorgang sich in zwei Akte zerlegt, in die (manuelle
oder instrumentale) Defloration und den darauffolgenden
Geschlechtsakt. Das sonst sehr reichliche Material bei Bartels-
P 1 o ß wird für unsere Zwecke nahezu unbrauchbar, weil in dieser
Darstellung die psychologische Bedeutsamkeit des Deflorations-
aktes gegen dessen anatomischen Erfolg völlig verschwindet.
Zweitens möchte man gerne darüber belehrt werden, wodurch
sich der „zeremonielle" (rein formale, feierliche, offizielle) Koitus
bei diesen Gelegenheiten vom regelrechten Geschlechtsverkehr
unterscheidet. Die Autoren, zu denen ich Zugang hatte, waren
entweder zu schämig, sich darüber zu äußern, oder haben wiederum
die psychologische Bedeutung solcher sexueller Details unterschätzt.
Wir können hoffen, daß die Originalberichte der Reisenden und
Missionäre ausführlicher und unzweideutiger sind, aber bei der
heutigen Unzugänglichkeit dieser meist fremdländischen Literatur
kann ich nichts Sicheres darüber sagen. Übrigens darf man sich
über die Zweifel in diesem zweiten Punkte mit der Erwägung
hinwegsetzen, daß ein zeremonieller Scheinkoitus doch nur den
Ersatz und vielleicht die Ablösung für einen in früheren Zeiten
voll ausgeführten darstellen würde. 2
1) An important preliminnry of marriage amongst the Masai is the Performance of this
Operation on the girl. (J. "Thomson, op. cit. 258.) This deßaration is performed by the
father of the bride amongst the Sakais, liattas, and Alfters of Celebes. (PloO 11. Bartels, op.
cit. II, 40,0.) In the Pliilippines thcre were certain inen whase profession it was to deßouer
brides, in case the Ityinen liad not becn ruptured in cliildhood by an old woman who was
sometimes employed for this. (Feathermun, op. cit. II, 474.) The defloration of the bride
was amongst some Eskimo tribes entrusted to the angekok, or priest, (id. III, 406.)
2) Für zahlreiche andere Fülle von Hochzuilszcremonicll leidet es keinen Zweifel,
daß anderen Personen als dem Bräutigam, z. B. den Gehilfen und Geführten desselben
Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 217
Zur Erklärung dieses Tabu der Virginität kann man ver-
schiedenartige Momente heranziehen, die ich in flüchtiger Dar-
stellung würdigen will. Bei der Defloration der Mädchen wird
in der Regel Blut vergossen; der erste Erklärungsversuch beruft
sich denn auch auf die Blutscheu der Primitiven, die das Blut
für den Sitz des Lebens halten. Dieses Bluttabu ist durch viel-
fache Vorschriften, die mit der Sexualität nichts zu tun haben,
erwiesen, es hängt offenbar mit dem Verbote, nicht zu morden,
zusammen und bildet eine Schutzwehr gegen den ursprünglichen
Blutdurst, die Mordlust des Urmenschen. Bei dieser Auffassung
wird das Tabu der Virginität mit dem fast ausnahmslos einge-
haltenen Tabu der Menstruation zusammengebracht. Der Primi-
tive kann das rätselhafte Phänomen des blutigen Monatsflusses
nicht von sadistischen Vorstellungen ferne halten. Die Men-
struation, zumal die erste, deutet er als den Biß eines geister-
haften Tieres, vielleicht als Zeichen des sexuellen Verkehrs mit
diesem Geist. Gelegentlich gestattet ein Bericht, diesen Geist als
den eines Ahnen zu erkennen, und dann verstehen wir in
Anlehnung an andere Einsichten, 1 daß das menstruierende Mädchen
als Eigentum dieses Ahnengeistes tabu ist.
Von anderer Seite werden wir aber gewarnt, den Einfluß
eines Moments wie die Blutscheu nicht zu überschätzen. Diese
hat es doch nicht vermocht, Gebräuche wie die Beschneidung
der Knaben und die noch grausamere der Mädchen (Exzision der
Klitoris und der kleinen Labien), die zum Teile bei den näm-
lichen Völkern geübt werden, zu unterdrücken oder die Geltung
von anderem Zeremoniell, bei dem Blut vergossen wird, aufzu-
heben. Es wäre also auch nicht zu verwundern, wenn sie bei
der ersten Kohabitation zugunsten des Ehemannes überwunden
würde.
(den . Kranzelherren" unserer Sitte) die sexuelle Verfügung über die Braut voll ein-
geräumt wird.
1) Siehe Totem und Tabu, »913.
*iS Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
Eine zweite Erklärung sieht gleichfalls vom Sexuellen ab, greift
aber viel weiter ins Allgemeine aus. Sie führt an, daß der Pri-
mitive die Beute einer beständig lauernden Angstbereitschaft ist,
ganz ähnlich, wie wir es in der psychoanalytischen Neurosenlehre
vom Angstneurotiker behaupten. Diese Angstbereitschaft wird
sich am stärksten bei allen Gelegenheiten zeigen, die irgendwie
vom Gewohnten abweichen, die etwas Neues, Unerwartetes,
Unverstandenes, Unheimliches mit sich bringen. Daher stammt
auch das weit in die späteren Religionen hineinreichende Zere-
moniell, das mit dem Beginne jeder neuen Verrichtung, dem
Anfange jedes Zeitabschnittes, dein Erst lingsert rag von Mensch,
Tier und Frucht verknüpft ist. Die Gefahren, von denen sich
der Ängstliche bedroht glaubt, treten niemals stärker in seiner
Erwartung auf als zu Beginn der gefahrvollen Situation, und
dann ist es auch allein zweckmäßig, sich gegen sie zu schützen.
Der erste Sexual verkehr in der Ehe hat nach seiner Bedeutung
gewiß einen Anspruch darauf, von diesen Vorsichtsmaßregeln
eingeleitet zu werden. Die beiden Erklärungsversuche, der aus
der Blutscheu und der aus der Erstlingsangst, widersprechen
einander nicht, verstärken einander vielmehr. Der erste Sexual-
verkehr ist gewiß ein bedenklicher Akt, um so mehr, wenn bei
ihm Blut fließen muß.
Eine dritte Erklärung — es ist die von Crawley bevorzugte
— macht darauf aufmerksam, daß das Tabu der Virginität in
einen großen, das ganze Sexualleben umfassenden Zusammenhang
gehört. Nicht nur der erste Koitus mit dem Weibe ist tabu,
sondern der Sexualverkehr überhaupt; beinahe könnte man sagen,
das Weib sei im ganzen tabu. Das Weib ist nicht nur tabu in
den besonderen, aus seinem Geschlechtsleben abfolgenden Situationen
der Menstruation, der Schwangerschaft, der Entbindung und des
Kindbettes, auch außerhalb derselben unterliegt der Verkehr mit
dem Weibe so ernsthaften und so reichlichen Einschränkungen,
daß wir allen Grund haben, die angebliche Sexual freiheit der
Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens a 1 9
Wilden zu bezweifeln. Es ist richtig, daß die Sexualität der
Primitiven bei bestimmten Anlässen sich über alle Hemmungen
hinaussetzt; gewöhnlich aber scheint sie stärker durch Verbote
eingeschnürt als auf höheren Kulturstufen. Sowie der Mann etwas
Besonderes unternimmt, eine Expedition, eine Jagd, einen Kriegs-
zug, muß er sich vom Weibe, zumal vom Sexualverkehr mit
dem Weibe fernhalten 5 es würde sonst seine Kraft lähmen und
ihm Mißerfolg bringen. Auch in den Gebräuchen des täglichen
Lebens ist ein Streben nach dem Auseinanderhalten der Geschlechter
unverkennbar. Weiber leben mit Weibern, Männer mit Männern
zusammen $ ein Familienleben in unserem Sinne soll es bei vielen
primitiven Stämmen kaum geben. Die Trennung geht mitunter
so weit, daß das eine Geschlecht die persönlichen Namen des
anderen Geschlechts nicht aussprechen darf, daß die Frauen eine
Sprache mit besonderem Wortschatze entwickeln. Das sexuelle
Bedürfnis darf diese Trennungsschranken immer wieder von neuem
durchbrechen, aber bei manchen Stämmen müssen selbst die
Zusammenkünfte der Ehegatten außerhalb des Hauses und im
Geheimen stattfinden.
Wo der Primitive ein Tabu hingesetzt hat, da fürchtet er eine
Gefahr, und es ist nicht abzuweisen, daß sich in all diesen Ver-
meidungsvorschriften eine prinzipielle Scheu vor dem Weibe
äußert. Vielleicht ist diese Scheu darin begründet, daß das Weib
anders ist als der Mann, ewig unverständlich und geheimnisvoll,
fremdartig und darum feindselig erscheint. Der Mann fürchtet,
vom Weibe geschwächt, mit dessen Weiblichkeit angesteckt zu
werden und sich dann untüchtig zu zeigen. Die erschlaffende,
Spannungen lösende Wirkung des Koitus mag für diese Befürchtung
vorbildlich sein, und die Wahrnehmung des Einflusses, den das
Weib durch den Geschlechtsverkehr auf den Mann gewinnt, die
Rücksicht, die es sich dadurch erzwingt, die Ausbreitung dieser
Angst rechtfertigen. An all dem ist nichts, was veraltet wäre, was
nicht unter uns weiter lebte.
2 2o Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
Viele Beobachter der heute lebenden Primitiven haben das
Urteil gefällt, daß deren Liebesstreben verhältnismäßig schwach
sei und niemals die Intensitäten erreiche, die wir bei der
Kulturmenschheit zu finden gewohnt sind. Andere haben dieser
Schätzung widersprochen, aber jedenfalls zeugen die aufge-
zählten Tabugebräuche von der Existenz einer Macht, die sich
der Liebe widersetzt, indem sie das Weib als fremd und feind-
selig ablehnt.
In Ausdrücken, welche sich nur wenig von der gebräuchlichen
Terminologie der Psychoanalyse unterscheiden, legt Crawley
dar, daß jedes Individuum sich durch ein „taboo of personal
Isolation" von den anderen absondert, und daß gerade die kleinen
Unterschiede bei sonstiger Ähnlichkeit die Gefühle von Fremdheit
und Feindseligkeit zwischen ihnen begründen. Es wäre verlockend,
dieser Idee nachzugehen und aus diesem „Narzißmus der kleinen
Unterschiede die Feindseligkeit alsz-uleiten, die wir in allen
menschlichen Beziehungen erfolgreich gegen die Gefühle von
Zusammengehörigkeit streiten und das Gebot der allgemeinen
Menschenliebe überwältigen sehen. Von der Begründung der
narzißtischen, reichlich mit Geringschätzung versetzten Ablehnung
des Weibes durch den Mann glaubt die Psychoanalyse ein
Hauptstück erraten zu haben, indem sie auf den Kastrations-
komplex und dessen Einfluß auf die Beurteilung des Weibes
verweist.
Wir merken indes, daß wir mit diesen letzten Erwägungen
weit über unser Thema hinausgegriffen haben. Das allgemeine
Tabu des Weibes wirft kein Licht auf die besonderen Vorschriften
für den ersten Sexualakt mit dem jungfräulichen Individuum.
Hier bleiben wir auf die beiden ersten Erklärungen der Blut-
scheu und der Erstlingsscheu angewiesen, und selbst von diesen
müßten wir aussagen, daß sie den Kern des in Rede stehenden
Tabugebotes nicht treffen. Diesem liegt ganz offenbar die Absicht
zugrunde, gerade dem späteren Ehe manne etwas zu
Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 221
versagen oder zu ersparen, was von dem ersten Sexual-
akt nicht loszulösen ist, wiewohl sich nach unserer eingangs
gemachten Bemerkung von dieser selben Beziehung eine besondere
Bindung des Weibes an diesen einen Mann ableiten müßte.
Es ist diesmal nicht unsere Aufgabe, die Herkunft und letzte
Bedeutung der Tabuvorschriften zu erörtern. Ich habe dies in
meinem Buche „Totem und Tabu" getan, dort die Bedingung
einer ursprünglichen Ambivalenz für das Tabu gewürdigt und
die Entstehung desselben aus den vorzeitlichen Vorgängen ver-
fochten, welche zur Gründung der menschlichen Familie geführt
haben. Aus den heute beobachteten Tabugebräuchen der Primitiven
läßt sich eine solche Vorbedeutung nicht mehr erkennen. Wir
vergessen bei solcher Forderung allzu leicht, daß auch die primi-
tivsten Völker in einer von der urzeitlichen weit entfernten
Kultur leben, die zeitlich ebenso alt ist wie die unsrige, und
gleichfalls einer späteren, wenn auch andersartigen Entwicklungs-
stufe entspricht.
Wir finden heute das Tabu bei den Primitiven bereits zu
einem kunstvollen System ausgesponnen, ganz wie es unsere
Neurotiker in ihren Phobien entwickeln, und alte Motive durch
neuere, harmonisch zusammenstimmende, ersetzt. Mit Hinweg-
setzung über jene genetischen Probleme wollen wir darum auf
die Einsicht zurückgreifen, daß der Primitive dort ein Tabu
anbringt, wo er eine Gefahr befürchtet. Diese Gefahr ist, allgemein
gefaßt, eine psychische, denn der Primitive ist nicht dazu gedrängt,
hier zwei Unterscheidungen vorzunehmen, die uns als unaus-
weichlich erscheinen. Er sondert die materielle Gefahr nicht von
der psychischen und die reale nicht von der imaginären. In seiner
konsequent durchgeführten animistischen Weltauffassung stammt
ja jede Gefahr aus der feindseligen Absicht eines gleich ihm
beseelten Wesens, sowohl die Gefahr, die von einer Naturkraft
droht, wie die von anderen Menschen oder Tieren. Anderseits
aber ist er gewohnt, seine eigenen inneren Regungen von Feind-
222 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
Seligkeit in die Außenwelt zu projizieren, sie also den Objekten,
die er als unliebsam oder auch nur als fremd empfindet, zuzu-
schieben. Als Quelle solcher Gefahren wird nun auch das Weib
erkannt und der erste Sexualakt mit dem Weibe als eine besonders
intensive Gefahr ausgezeichnet.
Ich glaube nun, wir werden einigen Aufschluß darüber erhalten,
welches diese gesteigerte Gefahr ist, und warum sie gerade den
späteren Ehemann bedroht, wenn wir das Verhalten der heute
lebenden Frauen unserer Kulturstufe unter den gleichen Ver-
hältnissen genauer untersuchen. Ich stelle als das Ergebnis dieser
Untersuchung voran, daß eine solche Gefahr wirklich besteht, so
daß der Primitive sich mit dem Tabu der Virginität gegen eine
richtig geahnte, wenn auch psychische Gefahr verteidigt.
Wir schätzen es als die normale Reaktion ein, daß die Frau
nach dem Koitus auf der Höhe der Befriedigung den Mann
umarmend an sich preßt, sehen darin einen Ausdruck ihrer
Dankbarkeit und eine Zusage dauernder Hörigkeit. Wir wissen
aber, es ist keineswegs die Regel, daß auch der erste Verkehr
dies Benehmen zur Folge hätte; sehr häufig bedeutet er bloß
eine Enttäuschung für das Weib, das kühl und unbefriedigt
bleibt, und es bedarf gewöhnlich längerer Zeit und häufigerer
Wiederholung des Sexualaktes, bis sich bei diesem die Befriedigung
auch für das Weib einstellt. Von diesen Fällen bloß anfänglicher
und bald vorübergehender Frigidität führt eine stetige Reihe bis
zu dem unerfreulichen Ergebnis einer stetig anhaltenden Frigidität,
die durch keine zärtliche Bemühung des Mannes überwunden
wird. Ich glaube, diese Frigidität des Weibes ist noch nicht
genügend verstanden und fordert bis auf jene Fälle, die man
der ungenügenden Potenz des Mannes zur Last legen muß, die
Aufklärung, womöglich durch ihr nahestehende Erscheinungen,
heraus.
Die so häufigen Versuche, vor dem ersten Sexualverkehr die
Flucht zu ergreifen, möchte ich hier nicht heranziehen, weil
Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 225
sie mehrdeutig und in erster Linie, wenn auch nicht durchaus,
als Ausdruck des allgemeinen weiblichen Abwehrbestrebens auf-
zufassen sind. Dagegen glaube ich, daß gewisse pathologische
Fälle ein Licht auf das Rätsel der weiblichen Frigidität werfen,
in denen die Frau nach dem ersten, ja nach jedem neuerlichen
Verkehr ihre Feindseligkeit gegen den Mann unverhohlen zum
Ausdruck bringt, indem sie ihn beschimpft, die Hand gegen ihn
erhebt oder ihn tatsächlich schlägt. In einem ausgezeichneten
Falle dieser Art, den ich einer eingehenden Analyse unterziehen
konnte, geschah dies, obwohl die Frau den Mann sehr liebte,
den Koitus selbst zu fordern pflegte und in ihm unverkennbar
hohe Befriedigung fand. Ich meine, daß diese sonderbare konträre
Reaktion der Erfolg der nämlichen Regungen ist, die sich für
gewöhnlich nur als Frigidität äußern können, das heißt imstande
sind, die zärtliche Reaktion aufzuhalten, ohne sich dabei selbst
zur Geltung zu bringen. In dem pathologischen Falle ist sozusagen
in seine beiden Komponenten zerlegt, was sich bei der weit
häufigeren Frigidität zu einer Hemmungswirkung vereinigt, ganz
ähnlich, wie wir es an den sogenannten „zweizeitigen" Symptomen
der Zwangsneurose längst erkannt haben. Die Gefahr, welche so
durch die Defloration des Weibes rege gemacht wird, bestünde
darin, sich die Feindseligkeit desselben zuzuziehen, und gerade
der spätere Ehemann hätte allen Grund, sich solcher Feindschaft
zu entziehen.
Die Analyse läßt nun ohne Schwierigkeit erraten, welche
Regungen des Weibes am Zustandekommen jenes paradoxen
Verhaltens beteiligt sind, in dem ich die Aufklärung der Frigidität
zu finden erwarte. Der erste Koitus macht eine Reihe solcher
Regungen mobil, die für die erwünschte weibliche Einstellung
unverwendbar sind, von denen einige sich auch bei späterem
Verkehr nicht zu wiederholen brauchen. In erster Linie wird
man hier an den Schmerz denken, welcher der Jungfrau bei der
Defloration zugefügt wird, ja vielleicht geneigt sein, dies Moment
324
Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
für entscheidend zu halten und von der Suche nach anderen
abzustehen. Man kann aber eine solche Bedeutung nicht gut
dem Schmerze zuschreiben, muß vielmehr an seine Stelle die
narzißtische Kränkung setzen, die aus der Zerstörung eines
Organs erwächst, und die in dem Wissen um die Herabsetzung
des sexuellen Wertes der Deflorierten selbst eine rationelle Ver-
tretung findet. Die Hochzeitsgebräuche der Primitiven enthalten
aber eine Warnung vor solcher Überschätzung. Wir haben gehört,
daß in manchen Fällen das Zeremoniell ein zweizeitiges ist; nach
der (mit Hand oder Instrument) durchgeführten Zerreißung des
Hymens folgt noch ein offizieller Koitus oder Scheinverkehr mit
den Vertretern des Mannes, und dies beweist uns, daß der Sinn
der Tabuvorschrift durch die Vermeidung der anatomischen
Defloration nicht erfüllt ist, daß dem Ehemann noch etwas anderes
erspart werden soll als die Reaktion der Frau auf die schmerz-
hafte Verletzung.
Wir finden als weiteren Grund für die Enttäuschung durch
den ersten Koitus, daß für ihn, beim Kulturweibe wenigstens,
Erwartung und Erfüllung nicht zusammenstimmen können. Der
Sexualverkehr war bisher aufs stärkste mit dem Verbot assoziiert,
der legale und erlaubte Verkehr wird darum nicht als das
nämliche empfunden. Wie innig diese Verknüpfung sein kann,
erhellt in beinahe komischer Weise aus dem Bestreben so vieler
Bräute, die neuen Liebesbeziehungen vor allen Fremden, ja selbst
vor den Eltern geheim zu halten, wo eine wirkliche Nötigung
dazu nicht besteht und ein Einspruch nicht zu erwarten ist. Die
Mädchen sagen es offen, daß ihre Liebe an Wert für sie verliert,
wenn andere davon wissen. Gelegentlich kann dies Motiv über-
mächtig werden und die Entwicklung der Liebesfähigkeit in der
Ehe überhaupt verhindern. Die Frau findet ihre zärtliche
Empfindlichkeit erst in einem unerlaubten, geheim zu haltenden
Verhältnis wieder, wo sie sich allein des eigenen unbeeinflußten
Willens sicher weiß.
Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 225
Indes, auch dieses Motiv führt nicht tief genug; außerdem
läßt es, an Kulturbedingungen gebunden, eine gute Beziehung zu
den Zuständen der Primitiven vermissen. Um so bedeutungsvoller
ist das nächste, auf der Entwicklungsgeschichte der Libido fußende
Moment. Es ist uns durch die Bemühungen der Analyse bekannt
geworden, wie regelmäßig und wie mächtig die frühesten Unter-
bringungen der Libido sind. Es handelt sich dabei um fest-
gehaltene Sexual wünsche der Kindheit, beim Weibe zumeist um
Fixierung der Libido an den Vater oder an den ihn ersetzenden
Bruder, Wünsche, die häufig genug auf anderes als den Koitus
gerichtet waren oder ihn nur als unscharf erkanntes Ziel einschlössen.
Der Ehemann ist sozusagen immer nur ein Ersatzmann, niemals
der Richtige; den ersten Satz auf die Liebesfähigkeit der Frau hat ein
anderer, in typischen Fällen der Vater, er höchstens den zweiten. Es
kommt nun darauf an, wie intensiv diese Fixierung ist und wie zähe
sie festgehalten wird, damit der Ersatzmann als unbefriedigend abge-
lehnt werde. Die Frigidität steht somit unter den genetischen Be-
dingungen der Neurose. Je mächtiger das psychische Element im
Sexualleben der Frau ist, desto widerstandsfähiger wird sich ihre
Libidoverteilung gegen die Erschütterung des ersten Sexualaktes er-
weisen, desto weniger überwältigend wird ihre körperliche Besitznahme
wirken können. Die Frigidität mag sich dann als neurotische Hemmung
festsetzen oder den Boden für die Entwicklung anderer Neurosen
abgeben, und auch nur mäßige Herabsetzungen der männlichen
Potenz kommen dabei als Helfer sehr in Betracht.
Dem Motiv des früheren Sexualwunsches scheint die Sitte der
Primitiven Rechnung zu tragen, welche die Defloration einem
Ältesten, Priester, heiligen Mann, also einem Vaterersatz (siehe
oben), überträgt. Von hier aus scheint mir ein gerader Weg
zum vielbestrittenen Ius primae noctis des mittelalterlichen
Gutsherrn zu führen. A. J. Storfer 1 hat dieselbe Auffassung
1) Zur Sonderstellung des Vatermordes, 1911. (Schriften zur angewandten Seelen-
kunde, XII.)
Freud, V. , 5
226 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosen lehre
vertreten, überdies die weitverbreitete Institution der „Tobiasehe"
(der Sitte der Enthaltsamkeit in den ersten drei Nächten) als
eine Anerkennung der Vorrechte des Patriarchen gedeutet, wie
vor ihm bereits C. G. Jung. 1 Es entspricht dann nur unserer
Erwartung, wenn wir unter den mit der Defloration betrauten
Vatersurrogaten auch das Götterbild finden. In manchen Gegenden
von Indien mußte die Neuvermählte das Hymen dem hölzernen
Lingam opfern, und nach dem Berichte des heiligen Augustinus
bestand im römischen Heiratszeremoniell (seiner Zeit?) dieselbe
Sitte mit der Abschwächung, daß sich die junge Frau auf den
riesigen Steinphallus des Priapus nur zu setzen brauchte. 3
In noch tiefere Schichten greift ein anderes Motiv zurück,
welches nachweisbar an der paradoxen Reaktion gegen den Mann
die Hauptschuld trägt, und dessen Einfluß sich nach meiner
Meinung noch in der Frigidität der Frau äußert. Durch den
ersten Koitus werden beim Weibe noch andere alte Regungen
als die beschriebenen aktiviert, die der weiblichen Funktion und
Rolle überhaupt widerstreben.
Wir wissen aus der Analyse vieler neurotischer Frauen, daß
sie ein frühes Stadium durchmachen, in dem sie den Bruder
um das Zeichen der Männlichkeit beneiden und sich wegen
seines Fehlens (eigentlich seiner Verkleinerung) benachteiligt und
zurückgesetzt fühlen. Wir ordnen diesen „Penisneid" dem
„Kastrationskomplex" ein. Wenn man unter „männlich" das
Männlichsein wollen mitversteht, so paßt auf dieses Verhalten die
Bezeichnung „männlicher Protest", die Alf. Adler geprägt hat,
um diesen Faktor zum Träger der Neurose überhaupt zu prokla-
mieren. In dieser Phase machen die Mädchen aus ihrem Neid
und der daraus abgeleiteten Feindseligkeit gegen den begünstigten
Bruder oft kein Hehl: sie versuchen es auch, aufrechtstehend
1) Die Bedeutimg des Vaters für da« Schicksal des Einzelnen. (Jahrbuch für
Ptychoanalysc, I, 190g.)
2) PloO und Bartels: Das Weib I, XII, und Dulnure: Des Divinites
generatrices. Paris 1885 (reimprime snr l'edition de 1825), p. 143 u. ff.
!
.
Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 227
wie der Bruder zu urinieren, um ihre angebliche Gleichberech-
tigung zu vertreten. In dem bereits erwähnten Falle von unein-
geschränkter Aggression gegen den sonst geliebten Mann nach
dem Koitus konnte ich feststellen, daß diese Phase vor der
Objektwahl bestanden hatte. Erst später wandte sich die Libido
des kleinen Mädchens dem Vater zu, und dann wünschte sie
sich anstatt des Penis — ein Kind. 1
Ich würde nicht überrascht sein, wenn sich in anderen Fällen
die Zeitfolge dieser Regungen umgekehrt fände und dies Stück
des Kastrationskomplexes erst nach erfolgter Objektwahl zur
Wirkung käme. Aber die männliche Phase des Weibes, in der es
den Knaben um den Penis beneidet, ist jedenfalls die entwicklungs-
geschichtlich frühere und steht dem ursprünglichen Narzißmus
näher als der Objektliebe.
Vor einiger Zeit gab mir ein Zufall Gelegenheit, den Traum
einer Neuvermählten zu erfassen, der sich als Reaktion auf ihre
Entjungferung erkennen ließ. Er verriet ohne Zwang den Wunsch
des Weibes, den jungen Ehemann zu kastrieren und seinen Penis
bei sich zu behalten. Es war gewiß auch Raum für die harm-
losere Deutung, es sei die Verlängerung und Wiederholung des
Aktes gewünscht worden, allein manche Einzelheiten des Traumes
gingen über diesen Sinn hinaus, und der Charakter wie das
spätere Benehmen der Träumerin legten Zeugnis für die ernstere
Auffassung ab. Hinter diesem Penisneid kommt nun die feind-
selige Erbitterung des Weibes gegen den Mann zum Vorschein,
die in den Beziehungen der Geschlechter niemals ganz zu verkennen
ist, und von der in den Bestrebungen und literarischen Produk-
tionen der „Emanzipierten" die deutlichsten Anzeichen vorliegen.
Diese Feindseligkeit des Weibes führt Ferenczi — ich weiß
nicht, ob als erster — in einer paläobiologischen Spekulation bis
auf die Epoche der Differenzierung der Geschlechter zurück.
1) Siehe: Über Triebumsetzungen insbesondere der Analerotik. Intern. Zeitschr.
f. PsA. IV, 1916/17, [Gesamtausgabe Bd. V.]
15*
az8 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
Anfänglich, meint er, fand die Kopulation zwischen zwei gleich-
artigen Individuen statt, von denen sich aber eines zum stärkeren
entwickelte und das schwächere zwang, die geschlechtliche
Vereinigung zu erdulden. Die Erbitterung über dies Unterlegensein
setze sich noch in der heutigen Anlage des Weibes fort. Ich halte
es für vorwurfsfrei, sich solcher Spekulationen zu bedienen, solange
man es vermeidet, sie zu über werten.
Nach dieser Aufzählung der Motive für die in der Frigidität
spurweise fortgesetzte paradoxe Reaktion des Weibes auf die
Defloration, darf man es zusammenfassend aussprechen, daß sich
die unfertige Sexualität des Weibes an dem Manne
entlädt, der sie zuerst den Sexualakt kennen lehrt. Dann ist
aber das Tabu der Virginität sinnreich genug, und wir verstehen
die Vorschrift, welche gerade den Mann solche Gefahren vermeiden
heißt, der in ein dauerndes Zusammenleben mit dieser Frau
eintreten soll. Auf höheren Kulturstufen ist die Schätzung dieser
Gefahr gegen die Verheißung der Hörigkeit und gewiß auch
gegen andere Motive und Verlockungen zurückgetreten; die
Virginität wird als ein Gut betrachtet, auf welches der Mann
nicht verzichten soll. Aber die Analyse der Ehestörungen lehrt,
daß die Motive, welche das Weib dazu nötigen wollen, Rache
ür ihre Defloration zu nehmen, auch im Seelenleben des Kultur-
weibes nicht ganz erloschen sind. Ich meine, es muß dem
Beobachter auffallen, in einer wie ungewöhnlich großen Anzahl
von Fällen das Weib in einer ersten Ehe frigid bleibt und sich
unglücklich fühlt, während sie nach Lösung dieser Ehe ihrem
zweiten Manne eine zärtliche und beglückende Frau wird. Die
archaische Reaktion hat sich sozusagen am ersten Objekt erschöpft.
Das Tabu der Virginität ist aber auch sonst in unserem Kultur-
leben nicht untergegangen. Die Volksseele weiß von ihm und
Dichter haben sich gelegentlich dieses Stoffes bedient. Anzen-
gruber stellt in einer Komödie dar, wie sich ein einfältiger
Bauernbursche abhalten läßt, die ihm zugedachte Braut zu
Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 22g
heiraten, weil sie „a Dirn' is, was ihrem ersten 's Leben kost'".
Er willigt darum ein, daß sie einen anderen heirate, und will
sie dann als Wittfrau nehmen, wo sie ungefährlich ist. Der
Titel des Stückes: „Das Jungferngift" erinnert daran, daß
Schlangenbändiger die Giftschlange vorerst in ein Tüchlein beißen
lassen, um sie dann ungefährdet zu handhaben. 1
Das Tabu der Virginität und ein Stück seiner Motivierung hat
seine mächtigste Darstellung in einer bekannten dramatischen
Gestalt gefunden, in der Judith in Hebbels Tragödie „Judith
und Holofernes". Judith ist eine jener Frauen, deren Virginität
durch ein Tabu geschützt ist. Ihr erster Mann wurde in der
Brautnacht durch eine rätselhafte Angst gelähmt und wagte es
nie mehr, sie zu berühren. „Meine Schönheit ist die der Toll-
kirsche," sagt sie. „Ihr Genuß bringt Wahnsinn und Tod." Als
der assyrische Feldherr ihre Stadt bedrängt, faßt sie den Plan,
ihn durch ihre Schönheit zu verführen und zu verderben,
verwendet so ein patriotisches Motiv zur Verdeckung eines
sexuellen. Nach der Defloration durch den gewaltigen, sich seiner
Stärke und Rücksichtslosigkeit rühmenden Mann findet sie in
ihrer Empörung die Kraft, ihm den Kopf abzuschlagen, und wird
so zur Befreierin ihres Volkes. Köpfen ist uns als symbolischer
Ersatz für Kastrieren wohlbekannt; danach ist Judith das Weib,
das den Mann kastriert, von dem sie defloriert wurde, wie es
auch der von mir berichtete Traum einer Neuvermählten wollte.
Hebbel hat die patriotische Erzählung aus den Apokryphen
des Alten Testaments in klarer Absichtlichkeit sexualisiert, denn
1) Eine meisterhaft knappe Erzählung von A. Schnitzler („Das Schicksal
des Freiherrn v. Leisenbogh") verdient trotz der Abweichung in der Situation hier
angereiht zu werden. Der durch einen Unfall verunglückte Liebhaber einer in der
Liebe vielerfahrenen Schauspielerin hat ihr gleichsam eine neue Virginität geschaffen,
indem er den Todesflnch über den Mann ausspricht, der sie zuerst nach ihm besitzen
wird. Das mit diesem Tabu belegte Weib getraut sich auch eine Weile des Liebes-
verkehres nicht. Nachdem sie sich aber in einen Sänger verliebt hat, greift sie zur
Auskunft, vorher dem Freiherrn v. Leisenbogh eine Nacht zu schenken, der sich seit
Jahren erfolglos um sie bemüht. An ihm erfüllt sich auch der Fluch; er wird vom
Schlag getroffen, sobald er das Motiv seines unverhofften Liebesglückes erfährt.
250
Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenb-hre
dort kann Judith nach ihrer Rückkehr rühmen, daß sie nicht
verunreinigt worden ist, auch fehlt im Text der Bibel jeder
Hinweis auf ihre unheimliche Hochzeitsnacht. Wahrscheinlich
hat er aber mit dem Feingefühl des Dichters das uralte Motiv
verspürt, das in jene tendenziöse Krzählung eingegangen war,
und dem Stoff nur seinen früheren Gehalt wiedergegeben.
I. Sadger hat in einer trefflichen Analyse ausgeführt, wie
Hebbel durch seinen eigenen Elternkomplex in seiner Stoffwahl
bestimmt wurde, und wie er dazu kam, so regelmäßig im Kampfe
der Geschlechter für das Weib Partei zu nehmen und sich in
dessen verborgenste Seelenregungen einzufühlen. ' Er zitiert auch
die Motivierung, die der Dichter selbst für die von ihm einge-
führte Abänderung des Stoffes gegeben hat, und findet sie mit
Recht gekünstelt und wie dazu bestimmt, etwas dem Dichter
selbst Unbewußtes nur äußerlich zu rechtfertigen und im Grunde
zu verdecken. Sadgers Erklärung, warum die nach der biblischen
Erzählung verwitwete Judith zur jungfräulichen Witwe werden
mußte, will ich nicht antasten. Er weist auf die Absicht der
kindlichen Phantasie hin, den sexuellen Verkehr der Eltern zu
verleugnen und die Mutter zur unberührten Jungfrau zu machen.
Aber ich setze fort: Nachdem der Dichter die Jungfräulichkeit
seiner Heldin festgelegt hatte, verweilte seine nachfühlende
Phantasie bei der feindseligen Reaktion, die durch die Verletzung
der Virginität ausgelöst wird.
Wir dürfen also abschließend sagen: Die Defloration hat nicht
nur die eine kulturelle Folge, das Weib dauernd an den Mann
zu fesseln ; sie entfesselt auch eine archaische Reaktion von Feind-
seligkeit gegen den Mann, welche pathologische Formen annehmen
kann, die sich häufig genug durch Hemmungserscheinungen im
Liebesleben der Ehe äußern, und der man es zuschreiben darf,
daß zweite Ehen so oft besser geraten als die ersten. Das
befremdende Tabu der Virginität, die Scheu, mit welcher bei den
1) Von der Pathographie zur Psychogrupluc. lnnigo, I., 1912.
Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 251
Primitiven der Ehemann der Defloration aus dem Wege geht,
finden in dieser feindseligen Reaktion ihre volle Rechtfertigung.
Es ist nun interessant, daß man als Analytiker Frauen begegnen
kann, bei denen die entgegengesetzten Reaktionen von Hörigkeit
und Feindseligkeit beide zum Ausdruck gekommen und in inniger
Verknüpfung miteinander geblieben sind. Es gibt solche Frauen,
die mit ihren Männern völlig zerfallen scheinen und doch nur
vergebliche Bemühungen machen können, sich von ihnen zu
lösen. So oft sie es versuchen, ihre Liebe einem anderen Manne
zuzuwenden, tritt das Bild des ersten, doch nicht mehr geliebten,
hemmend dazwischen. Die Analyse lehrt dann, daß diese Frauen
allerdings noch in Hörigkeit an ihren ersten Männern hängen,
aber nicht mehr aus Zärtlichkeit. Sie kommen von ihnen nicht
frei, weil sie ihre Rache an ihnen nicht vollendet, in ausgeprägten
Fällen die rachsüchtige Regung sich nicht einmal zum Bewußt-
sein gebracht haben.
DIE INFANTILE GENITALORGANISATION
(Eine Einschaltung in die Sexual thcoric)
Zurrst erschienen in der „Internationalen Zeit-
schriftfür Psychoanalyse", Band IX, i 9 2}, S. 168 jf.
Es ist recht bezeichnend für die Schwierigkeit der Forschungs-
arbeit in der Psychoanalyse, daß es möglich ist, allgemeine Züge
und charakteristische Verhältnisse trotz unausgesetzter jahrzehnte-
langer Beobachtung zu übersehen, bis sie einem endlich einmal
unverkennbar entgegentreten ; eine solche Vernachlässigung auf
dem Gebiet der infantilen Sexualentwicklung möchte ich durch
die nachstehenden Bemerkungen gutmachen.
Den Lesern meiner „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie"
(1905) wird es bekannt sein, daß ich in den späteren Ausgaben
dieser Schrift niemals eine Umarbeitung vorgenommen, sondern
die ursprüngliche Anordnung gewahrt habe und den Fortschritten
unserer Einsicht durch Einschaltungen und Abänderungen des
Textes gerecht geworden bin. Dabei mag es oft vorgekommen
sein, daß das Alte und das Neuere sich nicht gut zu einer wider-
spruchsfreien Einheit verschmelzen ließen. Anfänglich ruhte ja
der Akzent auf der Darstellung der fundamentalen Verschiedenheit
im Sexualleben der Kinder und der Erwachsenen, später drängten
sich die prägenitalen Organisationen der Libido in den
Vordergrund und die merkwürdige und folgenschwere Tatsache
des zweizeitigen Ansatzes der Sexualentwicklung. Endlich
nahm die infantile Sexualforschung unser Interesse in
Anspruch, und von ihr aus ließ sich die weitgehende Annäherung
Die infantile Genitalorganiaation
'oo
des Ausganges der kindlichen Sexualität (um das
fünfte Lebensjahr) an die Endgestaltung beim Erwachsenen
erkennen. Dabei bin ich in der letzten Auflage der Sexualtheorie
(1922) stehen geblieben.
Auf Seite 65 derselben 1 erwähne ich, daß „häufig oder regel-
mäßig bereits in den Kinderjahren eine Objektwahl vollzogen
wird, wie wir sie als charakteristisch für die Entwicklungsphase
der Pubertät hingestellt haben, in der Weise, daß sämtliche
Sexualstrebungen die Richtung auf eine einzige Person nehmen,
an der sie ihre Ziele erreichen wollen. Dies ist dann die größte
Annäherung an die definitive Gestaltung des Sexuallebens nach
der Pubertät, die in den Kinderjahren möglich ist. Der Unter-
schied von letzterer liegt nur noch darin, daß die Zusammen-
fassung der Partialtriebe und deren Unterordnung unter das
Primat der Genitalien in der Kindheit nicht oder nur sehr unvoll-
kommen durchgesetzt wird. Die Herstellung dieses Primats im
Dienste der Fortpflanzung ist also die letzte Phase, welche die
Sexualorganisation durchläuft.
Mit dem Satz, das Primat der Genitalien sei in der früh-
infantilen Periode nicht oder nur sehr unvollkommen durchgeführt,
würde ich mich heute nicht mehr zufrieden geben. Die Annäherung
des kindlichen Sexuallebens an das der Erwachsenen geht viel
weiter und bezieht sich nicht nur auf das Zustandekommen einer
Objektwahl. Wenn es auch nicht zu einer richtigen Zusammen-
fassung der Partialtriebe unter das Primat der Genitalien kommt,
so gewinnt doch auf der Höhe des Entwicklungsganges der
infantilen Sexualität das Interesse an den Genitalien und die
Genitalbetätigung eine dominierende Bedeutung, die hinter der
in der Reifezeit wenig zurücksteht. Der Hauptcharakter dieser
„infantilen Genitalorganisation" ist zugleich ihr Unter-
schied von der endgültigen Genitalorganisation der Erwachsenen.
Er liegt darin, daß für beide Geschlechter nur ein Genitale,
1) [= Gesamtausgabe Bd. V, S. 74.]
254
Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
das männliche, eine Rolle spielt. Es besteht also nicht ein Genital-
primat, sondern ein Primat des Phallus.
Leider können wir diese Verhältnisse nur für das männliche
Kind beschreiben, in die entsprechenden Vorgänge beim kleinen
Mädchen fehlt uns die Einsicht. Der kleine Knabe nimmt sicherlich
den Unterschied von Männern und Frauen wahr, aber er hat
zunächst keinen Anlaß, ihn mit einer Verschiedenheit ihrer
Genitalien zusammenzubringen. Es ist ihm natürlich, ein ähnliches
Genitale, wie er es selbst besitzt, bei allen anderen Lebewesen,
Menschen und Tieren, vorauszusetzen, ja wir wissen, daß er auch
an unbelebten Dingen nach einem seinem Gliede analogen Gebilde
forscht. 1 Dieser leicht erregte, veränderliche, an Empfindungen so
reiche Körperteil beschäftigt das Interesse des Knaben in hohem
Grade und stellt seinem Forschertrieb unausgesetzt neue Aufgaben.
Er möchte ihn auch bei anderen Personen sehen, um ihn mit
seinem eigenen zu vergleichen, er benimmt sich, als ob ihm
vorschwebte, daß dieses Glied größer sein könnte und sollte j die
treibende Kraft, welche dieser männliche Teil später in der
Pubertät entfalten wird, äußert sich um diese Lebenszeit
wesentlich als Forsch ungsd rang, als sexuelle Neugierde. Viele der
Exhibitionen und Aggressionen, welche das Kind vornimmt und
die man im späteren Alter unbedenklich als Äußerungen von
Lüsternheit beurteilen würde, erweisen sich der Analyse als
Experimente im Dienste der Sexual forsch ung angestellt.
Im Laufe dieser Untersuchungen gelangt das Kind zur Ent-
deckung, daß der Penis nicht ein Gemeingut aller ihm ähnlichen
Wesen sei. Der zufällige Anblick der Genitalien einer kleinen
Schwester oder Gespielin gibt hiezu den Anstoß; scharfsinnige
Kinder haben schon vorher aus ihren Wahrnehmungen beim
Urinieren der Mädchen, weil sie eine andere Stellung sehen und
1) Es ist übrigens merkwürdig, ein wie geringes Maß von Aufmerksamkeit der
andere Teil des männlichen Genitales, da* Siickchen mit seinen Einschlüssen, beim
Kinde auf sich zieht. Aus den Analysen künntc mun nicht erraten, dnß noch etwas
anderes als der Penis zum Genitale gehört.
Die infantile Genitalorganisation 255
ein anderes Geräusch hören, den Verdacht geschöpft, daß hier
etwas anders sei, und dann versucht, solche Beobachtungen in
aufklärender Weise zu wiederholen. Es ist bekannt, wie sie auf
die ersten Eindrücke des Penismangels reagieren. Sie leugnen
diesen Mangel, glauben doch ein Glied zu sehen, beschönigen
den Widerspruch zwischen Beobachtung und Vorurteil durch die
Auskunft, es sei noch klein und werde erst wachsen, und kommen
dann langsam zu dem affektiv bedeutsamen Schluß, es sei doch
wenigstens vorhanden gewesen und dann weggenommen worden.
Der Penismangel wird als Ergebnis einer Kastration erfaßt und
das Kind steht nun vor der Aufgabe, sich mit der Beziehung
der Kastration zu seiner eigenen Person auseinanderzusetzen. Die
weiteren Entwicklungen sind zu sehr allgemein bekannt, als
daß es notwendig wäre, sie hier zu wiederholen. Es scheint mir
nur, daß man die Bedeutung des Kastrationsko m-
plexes erst richtig würdigen kann, wenn man seine
Entstehung in der Phase des Phallusprimats mit-
berücksichtigt. 1
Es ist auch bekannt, wie viel Herabwürdigung des Weibes,
Grauen vor dem Weib, Disposition zur Homosexualität sich aus
der endlichen Überzeugung von der Penislosigkeit des Weibes
ableitet. Ferenczi hat kürzlich mit vollem Recht das mytho-
logische Symbol des Grausens, das Medusenhaupt, auf den Ein-
druck des penislosen weiblichen Genitales zurückgeführt. 2
Doch darf man nicht glauben, daß das Kind seine Beobachtung,
manche weibliche Personen besitzen keinen Penis, so rasch und
j) Es ist mit Recht darauf hingewiesen worden, daß das Kind die Vorstellung;
einer narzißtischen Schädigung durch Körperverlust aus dem Verlieren der Mutter-
brust nach dem Saugen, aus der täglichen Abgabe der Fäzes, ja schon aus der
Trennung vom Mutterleib bei der Geburt gewinnt. Von einem Kastrationskomplex
sollte man aber doch erst sprechen, wenn sich diese Vorstellung eines Verlustes mit
dem männlichen Genitale verknüpft hat.
2) Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, IX, 1925, Heft 1. Ich möchte hin-
zufügen, daß im Mythos das Genitale der Mutter gemeint ist. Athene, die das
Medusenhaupt an ihrem Panzer trägt, wird eben dadurch das unnahbare Weib, dessen
Anblick jeden Gedanken an sexuelle Annäherung erstickt.
236 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
bereitwillig verallgemeinert; dem steht schon die Annahme, daß
die Penislosigkeit die Folge der Kastration als einer Strafe sei,
im Wege. Im Gegenteile, das Kind meint, nur unwürdige weibliche
Personen, die sich wahrscheinlich ähnlicher unerlaubter Regungen
schuldig gemacht haben wie es selbst, hätten das Genitale ein-
gebüßt. Respektierte Frauen aber wie die Mutter behalten den
Penis noch lange. Weibsein fällt eben für das Kind noch nicht
mit Penismangel zusammen.' Erst später, wenn das Kind die
Probleme der Entstehung und Geburt der Kinder angreift und
errät, daß nur Frauen Kinder gebären können, wird auch die
Mutter des Penis verlustig und mitunter werden ganz komplizierte
Theorien aufgebaut, die den Umtausch des Penis gegen ein Kind
erklären sollen. Das weibliche Genitale scheint dabei niemals
entdeckt zu werden. Wie wir wissen, lebt das Kind im Leib (Darm)
der Mutter und wird durch den Darmausgang geboren. Mit diesen
letzten Theorien greifen wir über die Zeitdauer der infantilen
Sexualperiode hinaus.
Es ist nicht unwichtig, sich vorzuhalten, welche Wandlungen
die uns geläufige geschlechtliche Polarität während der kindlichen
Sexualentwicklung durchmacht. Ein erster Gegensatz wird mit
der Objektwahl, die ja Subjekt und Objekt voraussetzt, eingeführt.
Auf der Stufe der prägenitalen sadistisch-analen Organisation ist
von männlich und weiblich noch nicht zu reden, der Gegensatz
von aktiv und passiv ist der herrschende. 3 Auf der nun folgenden
Stufe der infantilen Genitalorganisation gibt es zwar ein
männlich, aber kein weiblich ; der Gegensatz lautet hier :
männliches Genitale oder kastriert. Erst mit der Voll-
endung der Entwicklung zur Zeit der Pubertät fällt die sexuelle
1) Aus der Analyse einer jungen Frau erfuhr ich, daG sie, die keinen Vater und
mehrere Tanten hatte, bis weit in die Latenzzeit nn dem Penis der Mutter und einiger
Tanten festhielt. Eine schwachsinnige Tante über hielt sie für kastriert, wie sie sich
felbst empfand.
2) Siehe: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, 5. Aufloge, S. 6a. [= Gesamt-
ausgabe Bd. V, S. 75.]
Die infantile Genitalorganisation 257
Polarität mit männlich und weiblich zusammen. Das
Männliche faßt das Subjekt, die Aktivität und den Besitz des
Penis zusammen, das Weibliche setzt das Objekt und die Passivität
fort. Die Vagina wird nun als Herberge des Penis geschätzt, sie
tritt das Erbe des Mutterleibes an.
ZWEI KINDERLÜGEN
Zuerst erschienen in der „Internat. Zeitschrift
für ärztliche Psychoanalyse" , /., 191 }, dann in
der Vierten Folge der „Sammlung kleiner Schriften
zur Neurosenlehre".
Es ist begreiflich, daß Kinder lügen, wenn sie damit die
Lügen der Erwachsenen nachahmen. Aber eine Anzahl von Lügen
von gut geratenen Kindern haben eine besondere Bedeutung und
sollten die Erzieher nachdenklich machen anstatt sie zu erbittern.
Sie erfolgen unter dem Einfluß überstarker Liebesmotive und
werden verhängnisvoll, wenn sie ein Mißverständnis zwischen
dem Kinde und der von ihm geliebten Person herbeiführen.
Das siebenjährige Mädchen (im zweiten Schuljahr) hat vom
Vater Geld verlangt, um Farben zum Bemalen von Ostereiern
zu kaufen. Der Vater hat es abgeschlagen mit der Begründung,
er habe kein Geld. Kurz darauf verlangt es vom Vater Geld,
um zu einem Kranz für die verstorbene Landesfürstin beizusteuern.
Jedes der Schulkinder soll fünfzig Pfennige bringen. Der Vater
gibt ihr zehn Mark; sie bezahlt ihren Beitrag, legt dem Vater
neun Mark auf den Schreibtisch und hat für die übrigen fünfzig
Pfennige Farben gekauft, die sie im Spielschrank verbirgt. Bei
Tisch fragt der Vater argwöhnisch, was sie mit den fehlenden
fünfzig Pfennigen gemacht, und ob sie dafür nicht doch Farben
gekauft hat. Sie leugnet es, aber der um zwei Jahre ältere
Bruder, mit dem gemeinsam sie die Eier bemalen wollte, verrät
Zwei Killderlügen 259
sie; die Farben werden im Schrank gefunden. Der erzürnte
Vater überläßt die Missetäterin der Mutter zur Züchtigung, die
sehr energisch ausfällt. Die Mutter ist nachher selbst erschüttert,
als sie merkt, wie sehr das Kind verzweifelt ist. Sie liebkost es
nach der Züchtigung, geht mit ihm spazieren, um es zu trösten.
Aber die Wirkungen dieses Erlebnisses, von der Patientin selbst
als „Wendepunkt" ihrer Jugend bezeichnet, erweisen sich als
unaufhebbar. Sie war bis dahin ein wildes, zuversichtliches Kind,
sie wird von da an scheu und zaghaft. In ihrer Brautzeit gerät
sie in eine ihr unverständliche Wut, als die Mutter ihr die
Möbel und Aussteuer besorgt. Es schwebt ihr vor, es ist doch
ihr Geld, dafür darf kein anderer etwas kaufen. Als junge Frau
scheut sie sich, von ihrem Manne Ausgaben für ihren persön-
lichen Bedarf zu verlangen und scheidet in überflüssiger Weise
„ihr" Geld von seinem Geld. Während der Zeit der Behandlung
trifft es sich einige Male, daß die Geldzusendungen ihres Mannes
sich verspäten, so daß sie in der fremden Stadt mittellos bleibt.
Nachdem sie mir dies einmal erzählt hat, will ich ihr das
Versprechen abnehmen, in der Wiederholung dieser Situation
die kleine Summe, die sie unterdes braucht, von mir zu entlehnen.
Sie gibt dieses Versprechen, hält es aber bei der nächsten Geld-
verlegenheit nicht ein und zieht es vor, ihre Schmuckstücke zu
verpfänden. Sie erklärt, sie kann kein Geld von mir nehmen.
Die Aneignung der fünfzig Pfennige in der Kindheit hatte
eine Bedeutung, die der Vater nicht ahnen konnte. Einige Zeit
vor der Schule hatte sie ein merkwürdiges Stückchen mit Geld
aufgeführt. Eine befreundete Nachbarin hatte sie mit einem
kleinen Geldbetrag als Begleiterin ihres noch jüngeren Söhnchens
in einen Laden geschickt, um irgendetwas einzukaufen. Den
Rest des Geldes nach dem Einkäufe trug sie als die ältere nach
Hause. Als sie aber auf der Straße dem Dienstmädchen der
Nachbarin begegnete, warf sie das Geld auf das Straßenpflaster
hin. Zur Analyse dieser ihr selbst unerklärlichen Handlung fiel
240
Arbeiten zum Sexualleben und zur Ncurosenlchre
ihr Judas ein, der die Silberlinge hinwarf, die er für den Verrat
am Herrn bekommen. Sie erklärt es für sicher, daß sie mit der
Passionsgeschichte schon vor dem Schulbesuch bekannt wurde.
Aber inwiefern durfte sie sich mit Judas identifizieren?
Im Alter von dreieinhalb Jahren hatte sie ein Kindermädchen,
dem sie sich sehr innig anschloß. Dieses Mädchen geriet in
erotische Beziehungen zu einem Arzt, dessen Ordination sie mit
dem Kinde besuchte. Es scheint, daß das Kind damals Zeuge
verschiedener sexueller Vorgänge wurde. Ob sie sah, daß der
Arzt dem Mädchen Geld gab, ist nicht sichergestellt; unzweifel-
haft aber, daß das Mädchen dem Kinde kleine Münzen schenkte,
um sich seiner Verschwiegenheit zu versichern, für welche auf
dem Heimwege Einkäufe (wohl an Süßigkeiten) gemacht wurden.
Es ist auch möglich, daß der Arzt selbst dem Kinde gelegentlich
Geld schenkte. Dennoch verriet das Kind sein Mädchen an die
Mutter, aus Eifersucht. Es spielte so auffällig mit den heim-
gebrachten Groschen, daß die Mutter fragen mußte: Woher hast
du das Geld? Das Mädchen wurde weggeschickt.
Geld von jemandem nehmen hatte also für sie frühzeitig die
Bedeutung der körperlichen Hingebung, der Liebesbeziehung,
bekommen. Vom Vater Geld nehmen hatte den Wert einer
Liebeserklärung. Die Phantasie, daß der Vater ihr Geliebter sei,
war so verführerisch, daß der Kinderwunsch nach den Farben
für die Ostereier sich mit ihrer Hilfe gegen das Verbot leicht
durchsetzte. Eingestehen konnte sie aber die Aneignung des
Geldes nicht, sie mußte leugnen, weil das Motiv der Tat, ihr
selbst unbewußt, nicht einzugestehen war. Die Züchtigung des
Vaters war also eine Abweisung der ihm angebotenen Zärtlichkeit,
eine Verschmähung, und brach darum ihren Mut. In der
Behandlung brach ein schwerer Verstimmungszustand los, dessen
Auflösung zu der Erinnerung des hier Mitgeteilten führte, als ich
einmal genötigt war, die Verschmähung zu kopieren, indem
ich sie bat, keine Blumen mehr zu bringen.
Zwei Kinderlügen 24,1
Für den Psychoanalytiker bedarf es kaum der Hervorhebung,
daß in dem kleinen Erlebnis des Kindes einer jener so überaus
häufigen Fälle von Fortsetzung der früheren Analerotik in das
spätere Liebesleben vorliegt. Auch die Lust, die Eier farbig zu
bemalen, entstammt derselben Quelle.
II
Eine heute infolge einer Versagung im Leben schwerkranke
Frau war früher einmal ein besonders tüchtiges, wahrheits-
liebendes, ernsthaftes und gutes Mädchen gewesen und dann eine
zärtliche Frau geworden. Noch früher aber, in den ersten Lebens-
jahren, war sie ein eigensinniges und unzufriedenes Kind
gewesen, und während sie sich ziemlich rasch zur Übergüte und
Übergewissenhaftigkeit wandelte, ereigneten sich noch in ihrer
Schulzeit Dinge, die ihr in den Zeiten der Krankheit schwere
Vorwürfe einbrachten und von ihr als Beweise gründlicher
Verworfenheit beurteilt wurden. Ihre Erinnerung sagte ihr, daß
sie damals oft geprahlt und gelogen hatte. Einmal rühmte sich
auf dem Schulweg eine Kollegin: Gestern haben wir zu Mittag
Eis gehabt. Sie erwiderte: Oh, Eis haben wir alle Tage. In
Wirklichkeit verstand sie nicht, was Eis zur Mittagsmahlzeit bedeuten
sollte; sie kannte das Eis nur in den langen Blöcken, wie es auf
Wagen verführt wird, aber sie nahm an, es müsse etwas
Vornehmes damit gemeint sein, und darum wollte sie hinter der
Kollegin nicht zurückbleiben.
Als sie zehn Jahre alt war, wurde in der Zeichenstunde
einmal die Aufgabe gegeben, aus freier Hand einen Kreis zu
ziehen. Sie bediente sich dabei aber des Zirkels, brachte so leicht
einen vollkommenen Kreis zustande und zeigte ihre Leistung
triumphierend ihrer Nachbarin. Der Lehrer kam hinzu, hörte
die Prahlerin, entdeckte die Zirkelspuren in der Kreislinie und
stellte das Mädchen zur Rede. Dieses aber leugnete hartnäckig,
ließ sich durch keine Beweise überführen und half sich durch
Freud, V. 16
242 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
trotziges Verstummen. Der Lehrer konferierte darüber mit
dem Vater; beide ließen sich durch die sonstige Bravheit
des Mädchens bestimmen, dem Vergehen keine weitere Folge zu
geben.
Beide Lügen des Kindes waren durch den nämlichen Komplex
motiviert. Als älteste von fünf Geschwistern entwickelte die
Kleine frühzeitig eine ungewöhnlich intensive Anhänglichkeit an
den Vater, an welcher dann in reifen Jahren ihr Lebensglück
scheitern sollte. Sie mußte aber bald die Entdeckung machen,
daß dem geliebten Vater nicht die Größe zukomme, die sie ihm
zuzuschreiben bereit war. Er hatte mit Geldschwierigkeiten zu
kämpfen, er war nicht so mächtig oder so vornehm, wie sie
gemeint hatte. Diesen Abzug von ihrem Ideal konnte sie sich
aber nicht gefallen lassen. Indem sie nach Art des Weibes ihren
ganzen Ehrgeiz auf den geliebten Mann verlegte, wurde es
zum überstarken Motiv für sie, den Vater gegen die Welt zu
stützen. Sie prahlte also vor den Kolleginnen, um den Vater
nicht verkleinern zu müssen. Als sie später das Eis beim
Mittagessen mit „Glace" übersetzen lernte, war der Weg
gebahnt, auf welchem dann der Vorwurf wegen dieser Reminiszenz
in eine Angst vor Glasscherben und Splittern einmünden
konnte.
Der Vater war ein vorzüglicher Zeichner und hatte durch
die Proben seines Talents oft genug das Entzücken und die
Bewunderung der Kinder hervorgerufen. In der Identifizierung
mit dem Vater zeichnete sie in der Schule jenen Kreis, der ihr
nur durch betrügerische Mittel gelingen konnte. Es war, als ob
sie sich rühmen wollte: Schau her, was mein Vater kann! Das
Schuldbewußtsein, das der überstarken Neigung zum Vater
anhaftete, fand in dem versuchten Betrug seinen Ausdruck; ein
Geständnis war aus demselben Grunde unmöglich wie in der
vorstehenden Beobachtung, es hätte das Geständnis der verborgenen
inzestuösen Liebe sein müssen.
Zwei Kinderlügen
2 43
Man möge nicht gering denken von solchen Episoden des
Kinderlebens. Es wäre eine arge Verfehlung, wenn man aus
solchen kindlichen Vergehen die Prognose auf Entwicklung eines
unmoralischen Charakters stellen würde. Wohl aber hängen sie
mit den stärksten Motiven der kindlichen Seele zusammen und
künden die Dispositionen zu späteren Schicksalen oder künftigen
Neurosen an.
i6*
GEDANKENASSOZIATION EINES VIER-
JÄHRIGEN KINDES
Zurrst erschienen in der „Internationalen Zeit-
schrift für Psychoanalyse 11 , VI, 1920.
Aus dorn Brief einer amerikanist hon Mutter: „Ich muß Dir
erzählen, was die Klein«' gestern gesagt hat. Ich kann mich noch
gar nicht fassen darüber. Cousine Emily sprach davon, daß sie
sich eine Wohnung nehmen wird. Da sagte das Kind: Wenn
Emily heiratet, wird sie ein Baby bekommen. Ich war sehr über-
rascht und fragte sie: Ja, woher weißt du denn das? Und sie
darauf: Ja, wenn jemand heiratet, dann kommt immer ein Baby.
Ich wiederholte: Aber wie kannst du das wissen? Und die
Kleine: Oh, ich weiß noch sehr viel, ich weiß auch, daß die
Bäume in der Erde wachsen (in ihr g round). Denke Dir die
sonderbare Gedankenverbindung! Das ist ja gerade das, was ich
ihr eines Tages zur Aufklärung sagen will. Und dann setzt sie
noch fort: Ich weiß auch, daß der liebe Gott die Welt schafft
(makes thr World). Wenn sie solche Beden führt, kann ich mir's
kaum glauben, daß sie noch nicht einmal vier Jahre alt ist."
Es scheint, daß die Mutter den Übergang von der ersten
Äußerung des Kindes zur zweiten selbst verstanden hat. Das
Kind will sagen: Ich weiß, daß die Kinder in der Mutter
wachsen, und drückt, dies Wissen nicht direkt, sondern symbolisch
aus, indem es die Mutter durch die Mutter Erde ersetzt. Wir
haben bereits aus vielen unzweifelhaften Beobachtungen erfahren,
wie frühzeitig sich die Kinder der Symbole zu bedienen wissen.
:
Gedankenassoziation eines vierjährigen Kindes 245
Aber auch die dritte Äußerung der Kleinen verläßt den Zusammen-
hang nicht. Wir können nur annehmen, daß das Kind als ein
weiteres Stück seines Wissens über die Herkunft der Kinder
mitteilen wollte: Ich weiß auch, das ist alles das Werk des
Vaters. Aber diesmal ersetzt sie den direkten Gedanken durch
die dazugehörige Sublimierung, daß der liebe Gott die Welt
schafft.
HYSTERISCHE PHANTASIEN UND IHRE
BEZIEHUNG ZUR BISEXUAUTÄT
Zuerst erschienen in der „Zeitsclirift für Sexual-
wissenschaft* (lierausg. von M. Hirschfeld) I, looS,
dann in der Zweiten Folge der „Sammlung kleiner
Schriften zur Ncurosenlehrt."
Allgemein bekannt sind die Walmdichtungen der Paranoiker,
welche die Größe und die Leiden des eigenen Ichs zum Inhalt
haben und in ganz typischen, fast monotonen Formen auftreten.
Durch zahlreiche Mitteilungen sind uns ferner die sonderbaren
Veranstaltungen bekannt geworden, unter denen gewisse Perverse
ihre sexuelle Befriedigung in der Idee oder Realität — in
Szene setzen. Dagegen dürfte es manchen wie eine Neuheit
klingen, zu erfahren, daß ganz analoge psychische Bildungen bei
allen Psychoneurosen, speziell bei Hysterie, regelmäßig vorkommen,
und daß diese — die sogenannten hysterischen Phantasien —
wichtige Beziehungen zur Verursachung der neurotischen Symptome
erkennen lassen.
Gemeinsame Quelle und normales Vorbild all dieser phan-
tastischen Schöpfungen sind die sogenannten Tagträume der
Jugend, die in der Literatur bereits eine gewisse, obwohl noch
nicht zureichende, Beachtung gefunden haben. 1 Bei beiden Ge-
i) Vgl. Breuer und Freud: Studien über Hysterie, 1895. (4. Aufl. 1922.)
[Bd. I dieier Gesamtausgabe.] — P. Janet: Nevroses et idecs fixes, I. (Les reveries
subconscientes.) 1898. — Havelock Ellii: Gescblechutrieb und Scbamgefübl
(deutsch von Kotscher). 1900. — Freud: Traumdeutung, 1900, 7. Aufl.. 1922.
[Bd. II und III dieser Gesamtausgabe.] — A. Pick: Über pathologische Träumerei
und ihre Beziehungen lur Hysterie, Jalirbuch für Psychiatrie und Neurologie,
XIV, 1896.
X
Hysterische Phantasien und i/ire Beziehung zur Bisexualität 247
schlechtem vielleicht gleich häufig, scheinen sie bei Mädchen
und Frauen durchweg erotischer, bei Männern erotischer oder
ehrgeiziger Natur zu sein. Doch darf man die Bedeutung des
erotischen Moments auch bei Männern nicht in die zweite
Linie rücken wollen 5 bei näherem Eingehen in den Tagtraum
des Mannes ergibt sich gewöhnlich, daß all diese Heldentaten
nur verrichtet, alle Erfolge nur errungen werden, um einem
Weib zu gefallen und von ihr anderen Männern vorgezogen zu
werden. 1 Diese Phantasien sind Wunschbefriedigungen, aus der
Entbehrung und der Sehnsucht hervorgegangen; sie führen den
Namen „Tagträume" mit Recht, denn sie geben den Schlüssel
zum Verständnis der nächtlichen Träume, in denen nichts anderes
als solche komplizierte, entstellte und von der bewußten psychischen
Instanz mißverstandene Tagesphantasien den Kern der Traum-
bildung herstellen. 2
Diese Tagträume werden mit großem Interesse besetzt, sorg-
fältig gepflegt und meist sehr schamhaft behütet, als ob sie zu
den intimsten Gütern der Persönlichkeit zählten. Auf der Straße
erkennt man aber leicht den im Tagtraum Begriffenen an einem
plötzlichen, wie abwesenden Lächeln, am Selbstgespräch oder an
der laufartigen Beschleunigung des Ganges, womit er den Höhe-
punkt der erträumten Situation bezeichnet. — Alle hysterischen
Anfälle, die ich bisher untersuchen konnte, erwiesen sich
nun als solche unwillkürlich hereinbrechende Tagträume. Die
Beobachtung läßt nämlich keinen Zweifel darüber, daß es
solche Phantasien ebensowohl unbewußt gibt wie bewußt, und
sobald dieselben zu unbewußten geworden sind, können sie
auch pathogen werden, d. h. sich in Symptomen und Anfällen
ausdrücken. Unter günstigen Umständen kann man eine solche P-y.^ipyx.
unbewußte Phantasie noch mit dem Bewußtsein erhaschen. Eine
meiner Patientinnen, die ich auf ihre Phantasien aufmerksam
1) Ähnlich urteilt hierüber H. E 1 1 i s, 1. c, 185 f.
2) Vgl. Freud: Traumdeutung, -. Aufl., S. 355.
248
Arbeiten zum Sexualleben und zur \eurosenlehre
gemacht hatte, erzählte mir, sie habe sich einmal auf der Straße
plötzlich in Tränen gefunden, und bei raschem Besinnen, worüber
*u
sie eigentlich weine, sei sie der Phantasie habhaft geworden, daß
sie mit einem stadtbekannten (ihr aber persönlich unbekannten)
Klaviervirtuosen ein zärtliches Verhältnis eingegangen sei, ein
Kind von ihm bekommen habe (sie war kinderlos), und dann
mit dem Kinde von ihm im Klrnd verlassen worden sei. An
dieser Stelle des Romanos brachen ihre Tränen hervor.
Die unbewußten Phantasien sind entweder von jeher unbewußt
gewesen, im Unbewußten gebildet worden oder, was der häufigere
Fall ist, sie waren einmal bewußte Phantasien, Tagträume, und
sind dann mit Absicht vergessen worden, durch die „Verdrängung'
ins Unbewußte geraten. Ihr Inhalt ist dann entweder der nämliche
geblieben oder er hat Abänderungen erfahren, so daß die jetzt
unbewußte Phantasie einen Abkömmling der einst bewußten
darstellt. Die unbewußte Phantasie steht nun in einer sehr
wichtigen Beziehung zum Sexualleben der Person; sie ist nämlich
identisch mit der Phantasie, welche derselben während einer
Periode von Masturbation zur sexuellen Befriedigung gedient hat.
Der masturba torische (im weitesten Sinne: onanistische) Akt setzte
sich damals aus zwei Stücken zusammen, aus der Hervorrufung
der Phantasie und aus der aktiven Leistung zur Selbstbefriedigung
auf der Höhe derselben. Diese Zusammensetzung ist bekanntlich
selbst eine Verlötung.' Ursprünglich war die Aktion eine rein
autoerotische Vornahme zur Lustgewinnung von einer bestimmten,
erogen ZU nennenden Körperstelle. Später verschmolz diese Aktion
mit einer Wunschvorstellung aus dem Kreise der Objektliebe und
diente zur teilweisen Realisierung der Situation, in welcher diese
Phantasie gipfelte. Wenn dann die Person auf diese Art der
masturbatorisch-phantastischen Befriedigung verzichtet, so wird
die Aktion unterlassen, die Phantasie aber wird aus einer bewußten
1) Vgl. Freud: Drei Abhandlungen zur Srxuulthrorie, 1905, 5. Aufl.. 192a.
[Enthalten in diesem Bond, S 1 ff.]
Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität 249
zu einer unbewußten. Tritt keine andere Weise der sexuellen
Befriedigung ein, verbleibt die Person in der Abstinenz und
gelingt es ihr nicht, ihre Libido zu sublimieren, das heißt die
sexuelle Erregung auf ein höheres Ziel abzulenken, so ist jetzt
die Bedingung dafür gegeben, daß die unbewußte Phantasie
aufgefrischt werde, wuchere und sich mit der ganzen Macht des
Liebesbedürfnisses wenigstens in einem Stück ihres Inhalts als
Krankheitssymptom durchsetze.
Für eine ganze Reihe von hysterischen Symptomen sind solcher
Art die unbewußten Phantasien die nächsten psychischen Vor-
stufen. Die hysterischen Symptome sind nichts anderes als die
durch „Konversion" zur Darstellung gebrachten unbewußten
Phantasien, und insofern es somatische Symptome sind, werden
sie häufig genug aus dem Kreise der nämlichen Sexualempfindungen
und motorischen Innervationen entnommen, welche ursprünglich
die damals noch bewußte Phantasie begleitet hatten. Auf diese '
Weise wird die Onanieentwöhnung eigentlich rückgängig gemacht ,
und das Endziel des ganzen pathologischen Vorganges, die Her-
stellung der seinerzeitigen primären Sexualbefriedigung, wird
dabei zwar niemals vollkommen, aber immer in einer Art von
Annäherung erreicht.
Das Interesse desjenigen, der die Hysterie studiert, wendet
sich alsbald von den Symptomen derselben ab und den Phantasien
zu, aus welchen erstere hervorgehen. Die Technik der Psycho- 1
analyse gestattet es, von den Symptomen aus diese unbewußten
Phantasien zunächst zu erraten und dann im Kranken bewußt
werden zu lassen. Auf diesem Wege ist nun gefunden worden, '
daß die unbewußten Phantasien der Hysteriker den bewußt durch-
geführten Befriedigungssituationen der Perversen inhaltlich völlig
entsprechen, und wenn man um Beispiele solcher Art verlegen
ist, braucht man sich nur an die welthistorischen Veranstaltungen
der römischen Cäsaren zu erinnern, deren Tollheit natürlich nur
durch die uneingeschränkte Machtfülle der Phantasiebildner bedingt
250
Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
ist. Die Wahnbildungen der Parnnoiker sind ebensolche, aber
unmittelbar bewußt gewordene Phantasien, die von der maso-
chistisch-sadistischen Komponente des Sexualtriebes getragen werden
und gleichfalls in gewissen unbewußten Phantasien der Hysterischen
ihre vollen Gegenstücke finden können. Bekannt ist übrigens der
auch praktisch bedeutsame Fall, daß Hysteriker ihre Phantasien
nicht als Symptome, sondern in bewußter Realisierung zum Aus-
drucke bringen und somit Attentate, Mißhandlungen, sexuelle
Aggressionen fingieren und in Szene setzen.
Alles, was man über die Sexualität der Psychoneurotiker
erfahren kann, wird auf diesem Wege der psychoanalytischen
Untersuchung, der von den aufdringlichen Symptomen zu den
verborgenen unbewußten Phantasien führt, ermittelt, darunter also
auch das Faktum, dessen Mitteilung in den Vordergrund dieser
kleinen vorläufigen Veröffentlichung gerückt werden soll.
Wahrscheinlich infolge der Schwierigkeiten, die dem Bestreben
der unbewußten Phantasien, sich Ausdruck zu verschaffen, im
Wege stehen, ist das Verhältnis der Phantasien zu den Symptomen
kein einfaches, sondern ein mehrfach kompliziertes. 1 In der Regel,
das heißt bei voller Kntwicklung und nach längerem Bestände
der Neurose, entspricht ein Symptom nicht einer einzigen unbe-
wußten Phantasie, sondern einer Mehrzahl von solchen, und zwar
nicht in willkürlicher Weise, sondern in gesetzmäßiger Zusammen-
setzung. Zu Beginn des Krankheitsfalles werden wohl nicht alle
diese Komplikationen entwickelt sein.
Dem allgemeinen Interesse zuliebe überschreite ich hier den
Zusammenhang dieser Mitteilung und füge eine Reihe von
Formeln ein, die sich bemühen, das Wesen der hysterischen
Symptome fortschreitend zu erschöpfen. Sie widersprechen
einander nicht, sondern entsprechen teils vollständigeren und
1) Da» nämliche gilt für die Beziehung iwiichen den „lotenten" Traumgedaxiken
und den Elementen des „manifesten" Trauminhaltei. Siehe den Abschnitt über die
„Traumnrbeit" in des Verfassers „Tratinideutung".
Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität 251
schärferen Fassungen, teils der Anwendung verschiedener Gesichts-
punkte.
1.) Das hysterische Symptom ist das Erinnerungssymbol
gewisser wirksamer (traumatischer) Eindrücke und Erlebnisse.
2.) Das hysterische Symptom ist der durch „Konversion"
erzeugte Ersatz für die assoziative Wiederkehr dieser traumatischen
Erlebnisse.
5.) Das hysterische Symptom ist — wie auch andere psychische
Bildungen — Ausdruck einer Wunsch erfüllung. .
4.) Das hysterische Symptom ist die Realisierung einer der
Wunscherfüllung dienenden, unbewußten Phantasie.
5.) Das hysterische Symptom dient der sexuellen Befriedigung
und stellt einen Teil des Sexuallebens der Person dar (ent-
sprechend einer der Komponenten ihres Sexualtriebs.)
6.) Das hysterische Symptom entspricht der Wiederkehr einer
Weise der Sexualbefriedigung, die im infantilen Leben real
gewesen und seither verdrängt worden ist.
7.) Das hysterische Symptom entsteht als Kompromiß aus zwei
gegensätzlichen Affekt- oder Triebregungen, von denen die eine
einen Partialtrieb oder eine Komponente der Sexualkonstitution
zum Ausdrucke zu bringen, die andere dieselbe zu unterdrücken
bemüht ist.
8.) Das hysterische Symptom kann die Vertretung verschiedener
unbewußter, nicht sexueller Regungen übernehmen, einer sexuellen
Bedeutung aber nicht entbehren.
Unter diesen verschiedenen Bestimmungen ist es die siebente,
welche das Wesen des hysterischen Symptoms als Realisierung
einer unbewußten Phantasie am erschöpfendsten zum Ausdrucke
bringt und mit der achten die Bedeutung des sexuellen Moments
in richtiger Weise würdigt. Manche der vorhergehenden Formeln
sind als Vorstufen in dieser Formel enthalten.
Infolge dieses Verhältnisses zwischen Symptomen und Phantasien
gelingt es unschwer, von der Psychoanalyse der Symptome zur
252
Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
Kenntnis der das Individuum beherrschenden Komponenten des
Sexualtriebes zu gelangen, wie ich es in den „Drei Abhandlungen
zur Sexualtheorie" ausgeführt habe. Diese Untersuchung ergibt
aber für manche Fälle ein unerwartetes Resultat. Sie zeigt, daß
für viele Symptome die Auflösung durch eine unbewußte sexuelle
Phantasie, oder durch eine Reihe von Phantasien, von denen
eine, die bedeutsamste und ursprünglichste, sexueller Natur ist,
nicht genügt, sondern daß man zur Lösung des Symptoms zweier
sexueller Phantasien bedarf, von denen die eine männlichen, die
andere weiblichen Charakter hat, so daß eine dieser Phantasien
einer homosexuellen Regung entspringt. Der in Formel 7 aus-
gesprochene Satz wird durch diese Neuheit nicht berührt, so daß
ein hysterisches Symptom notwendigerweise einem Kompromiß
zwischen einer libid inÖsen und einer Verdrängungsregung ent-
spricht, nebstbei aber einer Vereinigung zweier libidinöser
Phantasien von entgegengesetztem Geschlechtscharakter entsprechen
kann.
Ich enthalte mich, Beispiele für diesen Satz zu geben. Die
Erfahrung hat mich gelehrt, daß kurze, zu einem Extrakt
zusammengedrängte Analysen niemals ihm beweisenden Kindruck
machen können, wegen dessen man sie herangezogen hat. Die
Mitteilung voll analysierter Krankheitsfälle muH aber für einen
anderen Ort aufgespart werden.
Ich begnüge mich also damit, den Satz aufzustellen und seine
Bedeutung zu erläutern :
9.) Ein hysterisches Symptom ist der Ausdruck einerseits einer
männlichen, anderseits einer weiblichen, unbewußten sexuellen
Phantasie.
Ich bemerke ausdrücklich, daß ich diesem Satze eine ähnliche
Allgemeingültigkeit nicht zusprechen kann, wie ich sie für die
anderen Formeln in Anspruch genommen habe. Er trifft, soviel
ich sehen kann, weder für alle Symptome eines Falles, noch für
alle Fälle zu. Es ist im Gegenteile nicht schwer, Fälle aufzuzeigen.
Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität 255
bei denen die entgegengesetztgeschlechtlichen Regungen gesonderten
symptomatischen Ausdruck gefunden haben, so daß sich die
Symptome der Hetero- und der Homosexualität so scharf von-
einander scheiden lassen, wie die hinter ihnen verborgenen Phan-
tasien. Doch ist das in der neunten Formel behauptete Verhältnis
häufig genug, und wo es sich findet, bedeutsam genug, um eine
besondere Hervorhebung zu verdienen. Es scheint mir die höchste
Stufe der Kompliziertheit, zu der sich die Determinierung eines
hysterischen Symptoms erheben kann, zu bedeuten, und ist also
nur bei langem Bestände einer Neurose und bei großer Organi-
sationsarbeit innerhalb derselben zu erwarten. 1
Die in immerhin zahlreichen Fällen nachweisbare bisexuelle
Bedeutung hysterischer Symptome ist gewiß ein interessanter
Beleg für die von mir aufgestellte Behauptung, 2 daß die supponierte
bisexuelle Anlage des Menschen sich bei den Psychoneurotikern
durch Psychoanalyse besonders deutlich erkennen läßt. Ein durchaus
analoger Vorgang aus dem nämlichen Gebiete ist es, wenn der
Masturbant in seinen bewußten Phantasien sich sowohl in den
Mann, als auch in das Weib der vorgestellten Situation einzu-
fühlen versucht, und weitere Gegenstücke zeigen gewisse hysterische
Anfälle, in denen die Kranke gleichzeitig beide Rollen der zugrunde
liegenden sexuellen Phantasie spielt, also zum Beispiel wie in
einem Falle meiner Beobachtung, mit der einen Hand das
Gewand an den Leib preßt (als Weib), mit der anderen es
abzureißen sucht (als Mann). Diese widerspruchsvolle Gleichzeitigkeit
bedingt zum guten Teile die Unverständlichkeit der doch sonst
im Anfalle so plastisch dargestellten Situation und eignet sich
also vortrefflich zur Verhüllung der wirksamen unbewußten
Phantasie.
1) I. Sadger, der kürzlich den in Rede stehenden Satz durch eigene Psycho-
analysen selbständig aufgefunden hat (Die Bedeutung der psychoanalytischen Methode
nach Freud, Zentralbl. f. Nerv. u. Psych., Nr. 229,1907), tritt allerdings für dessen
allgemeine Gültigkeit ein.
2) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie.
2 54 arbeiten zürn Sexualleben und zur Neurosenlehre
Bei der psychoanalytischen Behandlung ist es sehr wichtig, daß
man auf die bisexuelle Bedeutung eines Symptomes vorbereitet sei.
Man braucht sich dann nicht zu verwundern und nicht irre zu
werden, wenn ein Symptom anscheinend ungemindert fortbesteht,
obwohl man die eine seiner sexuellen Bedeutungen bereits gelöst
hat. Es stützt sich dann noch auf die vielleicht nicht vermutete
entgegengesetztgeschlechtliche. Auch kann man bei der Behandlung
solcher Fälle beobachten, wie der Kranke sich der Bequemlichkeit
bedient, während der Analyse der einen sexuellen Bedeutung mit
seinen Einfällen fortwährend in das Gebiet der konträren Bedeutung,
wie auf ein benachbartes Geleise, auszuweichen.
ALLGEMEINES ÜBER DEN HYSTERISCHEN
ANFALL
Zuerst erschienen in der „Zeitschrift für Psycho-
therapie u. medizinische Psychologie" (herausgegeben
von A. Moll) I, 1909, dann in der Zweiten Folge der
^Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre".
Wenn man eine Hysterika, deren Leiden sich in Anfällen äußert,
der Psychoanalyse unterzieht, so überzeugt man sich leicht, daß
diese Anfälle nichts anderes sind als ins Motorische übersetzte,
auf die Motilität projizierte, pantomimisch dargestellte Phantasien.
Unbewußte Phantasien zwar, aber sonst von derselben Art, wie
man sie in den Tagträumen unmittelbar erfassen, aus den nächt-
lichen Träumen durch Deutung entwickeln kann. Häufig ersetzt
ein Traum einen Anfall, noch häufiger erläutert er ihn, indem
die nämliche Phantasie zu verschiedenartigem Ausdruck im Traume
wie im Anfalle gelangt. Man sollte nun erwarten, durch die
Anschauung des Anfalles zur Kenntnis der in ihm dargestellten
Phantasie zu kommen; allein dies gelingt nur selten. In der
Regel hat die pantomimische Darstellung der Phantasie unter
dem Einflüsse der Zensur ganz analoge Entstellungen wie die
halluzinatorische des Traumes erfahren, so daß die eine wie die
andere zunächst für das eigene Bewußtsein wie für das Verständnis
des Zuschauers undurchsichtig geworden ist. Der hysterische
Anfall bedarf also der gleichen deutenden Bearbeitung, wie
wir sie mit den nächtlichen Träumen vornehmen. Aber nicht
\
256 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
nur die Mächte, von denen die Entstellung ausgeht, und
die Absicht dieser Entstellung, auch die Technik derselben
ist die nämliche, die uns durch die Traumdeutung bekannt
geworden ist.
1.) Der Anfall wird dadurch unverständlich, daß er in dem-
selben Material gleichzeitig mehrere Phantasien zur Darstellung
bringt, also durch Verdichtung. Die Gemeinsamen der beiden
(oder mehreren) Phantasien bilden wie im Traume den Kern
der Darstellung. Die so zur Deckung gebrachten Phantasien sind
oft ganz verschiedener Art, z. B. ein rezenter Wunsch und die
Wiederbelebung eines infantilen Eindrucks; dieselben Inner-
vationen dienen dann beiden Absichten, oft in der geschicktesten
Weise. Hysteriker, die sich der Verdichtung im großen Ausmaße
bedienen, finden etwa mit einer einzigen Anfallsform ihr Auslangen;
andere drücken eine Mehrheit von pathogenen Phantasien auch
durch Vervielfältigung der Anfallsformen aus.
2.) Der Anfall wird dadurch undurchsichtig, daß die Kranke
die Tätigkeiten beider in der Phantasie auftretenden Personen
auszuführen unternimmt, also durch mehrfache Identifi-
zierung. Vergleiche etwa das Beispiel, welches ich in dem Aufsatze
„Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität'"
in Hirsch felds Zeitschrift für Sexualwissenschaft, Bd. I, Nr. 1, 1
erwähnt habe, indem die Kranke mit der einen Hand (als Mann)
das Kleid herunterreißt, während sie es mit der anderen (als
Weib) an den Leib preßt.
3.) Ganz außerordentlich entstellend wirkt die antago-
nistische Verkehrung der Innervationen, welche der
in der Traumarbeit üblichen Verwandlung eines Elementes in
sein Gegenteil analog ist, z. B. wenn im Anfall eine Umarmung
dadurch dargestellt wird, daß die Arme krampfhaft nach rück-
wärts gezogen werden, bis sich die Hände über der Wirbelsäule
begegnen. — Möglicherweise ist der bekannte Are de cercle der
«
1) S, 246 ff. dieses Bandes.
Allgemeines über den hysterischen Anfall 257
großen hysterischen Attacke nichts anderes als eine solche
energische Verleugnung einer für den sexuellen Verkehr geeig-
neten Körperstellung durch antagonistische Innervation.
4.) Kaum minder verwirrend und irreführend wirkt dann die
Umkehrung in der Zeitfolge innerhalb der dargestellten
Phantasie, was wiederum sein volles Gegenstück in manchen
Träumen findet, die mit dem Ende der Handlung beginnen, um
dann mit deren Anfang zu schließen. So z. B. wenn die
Verführungsphantasie einer Hysterika zum Inhalte hat, wie sie
lesend in einem Park sitzt, das Kleid ein wenig gehoben, so daß
der Fuß sichtbar wird, ein Herr sich ihr nähert, der sie anspricht,
sie dann mit ihm an einen anderen Ort geht und dort zärtlich
mit ihm verkehrt, und sie diese Phantasie im Anfalle derart
spielt, daß sie mit dem Krampfstadium beginnt, welches dem
Koitus entspricht, dann aufsteht, in ein anderes Zimmer geht,
sich dort hinsetzt, um zu lesen und dann auf eine imaginäre
Anrede Antwort gibt.
Die beiden letztangeführten Entstellungen können uns die
Intensität der Widerstände ahnen lassen, denen das Verdrängte
noch bei seinem Durchbruche im hysterischen Anfalle Rechnung
tragen muß.
B
Das Auftreten der hysterischen Anfälle folgt leichtverständlichen
Gesetzen. Da der verdrängte Komplex aus Libidobesetzung und
Vorstellungsinhalt (Phantasie) besteht, kann der Anfall wach-
gerufen werden: 1.) assoziativ, wenn der (genügend besetzte)
Komplexinhalt durch eine Anknüpfung des bewußten Lebens
angespielt wird, 2.) organisch, wenn aus inneren somatischen
Gründen und durch psychische Beeinflussung von außen die
Libidobesetzung über ein gewisses Maß steigt, 5.) im Dienste der
primären Tendenz, als Ausdruck der „Flucht in die Krank-
heit", wenn die Wirklichkeit peinlich oder schreckhaft wird,
Fr e u d, V. 17
258 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
also zur Tröstung, 4.) im Dienste der sekundären
Tendenzen, mit denen sich das Kranksein verbündet hat,
sobald durch die Produktion des Anfalles ein dem Kranken
nützlicher Zweck erreicht werden kann. Im letzteren Falle ist
der Anfall für gewisse Personen berechnet, kann für sie zeitlich
verschoben werden und macht den Eindruck bewußter Simulation.
C
Die Erforschung der Kindergeschichte Hysterischer lehrt, daß
der hysterische Anfall zum Ersätze einer ehemals geübten und
seither aufgegebenen autoerotischen Befriedigung bestimmt
ist. In einer großen Zahl von Fällen kehrt diese Befriedigung
(die Masturbation durch Berührung oder Schenkeldruck, die
Zungenbewegung u. dgl.) auch im Anfalle selbst unter Abwendung
des Bewußtseins wieder. Das Auftreten des Anfalles durch Libido-
steigerung und im Dienste der primären Tendenz als Tröstung
wiederholt auch genau die Bedingungen, unter denen diese auto-
erotische Befriedigung seinerzeit vom Kranken mit Absicht aufge-
sucht wurde. Die Anamnese des Kranken ergibt folgende Stadien:
a) autoerotische Befriedigung ohne Vorstellungsinhalt, b) die
nämliche im Anschlüsse an eine Phantasie, welche in die
Befriedigungsaktion ausläuft, c) Verzicht auf die Aktion mit
Beibehaltung der Phantasie, d) Verdrängung dieser Phantasie, die
sich dann, entweder unverändert oder modifiziert und neuen
Lebenseindrücken angepaßt, im hysterischen Anfalle durchsetzt
und e) eventuell selbst die ihr zugehörige, angeblich abgewöhnte
Befriedigungsaktion wiederbringt. Ein typischer Zyklus von
infantiler Sexualbetätigung — Verdrängung — Mißglücken der
Verdrängung und Wiederkehr des Verdrängten.
Der unwillkürliche Harnabgang darf gewiß nicht für unver-
einbar mit der Diagnose des hysterischen Anfalls gehalten
werden; er wiederholt bloß die infantile Form der stürmischen
Pollution. Übrigens kann man auch ihm Zungenbiß bei unzweifel-
Allgemeines über den hy sterischen Anfall 259
hafter Hysterie antreffen; er widerspricht der Hysterie so wenig
wie dem Liebesspiele; sein Auftreten im Anfalle wird erleichtert
wenn die Kranke durch ärztliche Erkundigung auf die differential-
diagnostischen Schwierigkeiten aufmerksam gemacht worden ist.
Selbstbeschädigung im hysterischen Anfalle kann (häufiger bei
Männern) vorkommen, wo sie einen Unfall des kindlichen Lebens
(z. B. den Erfolg einer Rauferei) wiederholt.
Der Bewußtseinsverlust, die Absence des Iberischen Anfalles
geht aus jenem flüchtigen, aber unverkennbaren Bewußtseins-
entgang hervor, der auf der Höhe einer jeden intensiven Sexual-
befriedigung (auch der autoerotischen) zu verspüren ist. Bei der
Entstehung hysterischer Absencen aus den Pollutionsanwandlungen
junger weiblicher Individuen ist diese Entwicklung am sichersten
zu verfolgen. Die sogenannten hypnoiden Zustände, die Absencen
während der Träumerei, die bei Hysterischen so häufig sind,
lassen die gleiche Herkunft erkennen. Der Mechanismus dieser
Absencen ist ein relativ einfacher. Zunächst wird alle Aufmerk-
samkeit auf den Ablauf des Befriedigungsvorganges eingestellt,
und mit dem Eintritte der Befriedigung wird diese ganze
Aufmerksamkeitsbesetzung plötzlich aufgehoben, so daß eine
momentane Bewußtseinsleere entsteht. Diese sozusagen physio-
logische Bewußtseinslücke wird dann im Dienste der Verdrängung
erweitert, bis sie all das aufnehmen kann, was die verdrängende
Instanz von sich weist.
D
Die Einrichtung, welche der verdrängten Libido den Weg zur
motorischen Abfuhr im Anfalle weist, ist der bei jedermann,
auch beim Weibe, bereitgehaltene Reflexmechanismus der
Koitusaktion, den wir bei schrankenloser Hingabe an die Sexual-
tätigkeit manifest werden sehen. Schon die Alten sagten, der
Koitus sei eine „kleine Epilepsie". Wir dürfen abändern! Der
hysterische Krampfanfall ist ein Koitusäquivalent. Die Analogie
'7*
26o
Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
mit dem epileptischen Anfalle hilft uns wenig, da dessen Genese
doch unverstandener ist als die des hysterischen.
Im ganzen setzt der hysterische Anfall, wie die Hysterie über-
haupt, beim Weibe ein Stück Sexualbetätigung wieder ein, das
in den Kinder jähren bestanden hatte und damals exquisit männ-
lichen Charakter erkennen ließ. Man kann es häufig beobachten,
daß gerade Mädchen, die bis in die Jahre der Vorpubertät
bubenhaftes Wesen und Neigungen zeigten, von der Pubertät an
hysterisch werden. In einer ganzen Reihe von Fällen entspricht
die hysterische Neurose nur einer exzessiven Ausprägung jenes
typischen Verdrängungsschubes, welcher durch Wegschaffung der
männlichen Sexualität das Weib entstehen läßt. (Vgl.: Drei
Abhandlungen über Sexualtheorie, 1905.)
CHARAKTER UND ANALEROTIK
Zuerst erschienen in der Psycluatrisch-Neuro-
logischen Wochenschrift, redigiert von Dr. Johann
Bresler, Lublinitz (Schlesien), IX. Jahrg., Nr. J2,
iyo8, dann in der Zweiten Folge der „Sammlung
kleiner Schriften zur Neurosenlehre."
Unter den Personen, denen man durch psychoanalytische
Bemühung Hilfe zu leisten sucht, begegnet man eigentlich recht
häufig einem Typus, der durch das Zusammentreffen bestimmter
Charaktereigenschaften ausgezeichnet ist, während das Verhalten
einer gewissen Körperfunktion und der an ihr beteiligten Organe
in der Kindheit dieser Personen die Aufmerksamkeit auf sich
zieht. Ich weiß heute nicht mehr anzugeben, aus welchen ein-
zelnen Veranlassungen mir der Eindruck erwuchs, daß zwischen
jenem Charakter und diesem Organverhalten ein organischer
Zusammenhang bestehe, aber ich kann versichern, daß theoretische
Erwartung keinen Anteil an diesem Eindrucke hatte.
Infolge gehäufter Erfahrung hat sich der Glaube an solchen
Zusammenhang bei mir so sehr verstärkt, daß ich von ihm Mit-
teilung zu machen wage.
Die Personen, die ich beschreiben will, fallen dadurch auf, daß
sie in regelmäßiger Vereinigung die nachstehenden drei Eigen-
schaften zeigen : sie sind besonders ordentlich, sparsam und
eigensinnig. Jedes dieser Worte deckt eigentlich eine kleine
Gruppe oder Reihe von miteinander verwandten Charakterzügen.
„Ordentlich" begreift sowohl die körperliche Sauberkeit als auch
Gewissenhaftigkeit in kleinen Pflichterfüllungen und Verläßlichkeit;,
262 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
das Gegenteil davon wäre: unordentlich, nachlässig. Die Sparsamkeit
kann bis zum Geize gesteigert erscheinen; der Eigensinn geht in
Trotz über, an den sich leicht Neigung zur Wut und Rachsucht
knüpfen. Die beiden letzteren Eigenschaften — Sparsamkeit und
Eigensinn — hängen fester miteinander als mit dem ersten, dem
„ordentlich", zusammen; sie sind auch das konstantere Stück des
ganzen Komplexes, doch erscheint es mir unabweisbar, daß irgend-
wie alle drei zusammengehören.
Aus der Kleinkindergeschichte dieser Personen erfährt man
leicht, daß sie verhältnismäßig lange dazu gebraucht haben, bis
sie der infantilen incontinentia alvi Herr geworden sind, und daß
sie vereinzeltes Mißglücken dieser Funktion noch in späteren
Kinderjahren zu beklagen hatten. Sie scheinen zu jenen Säuglingen
gehört zu haben, die sich weigern, den Darm zu entleeren, wenn
sie auf den Topf gesetzt werden, weil sie aus der Defäkation
einen Lustnebengewinn beziehen; 1 denn sie geben an, daß es
ihnen noch in etwas späteren Jahren Vergnügen bereitet hat, den
Stuhl zurückzuhalten, und erinnern, wenngleich eher und leichter
von ihren Geschwistern als von der eigenen Person, allerlei
unziemliche Beschäftigungen mit dem zutage geförderten Kote.
Wir schließen aus diesen Anzeichen auf eine überdeutliche erogene
Betonung der Afterzone in der von ihnen mitgebrachten Sexual-
konstitution; da sich aber nach abgelaufener Kindheit bei diesen
Personen nichts mehr von diesen Schwächen und Eigenheiten
auffinden läßt, müssen wir annehmen, daß die Analzone ihre
erogene Bedeutung im Laufe der Entwicklung eingebüßt hat,
und vermuten dann, daß die Konstanz jener Trias von Eigen-
schaften in ihrem Charakter mit der Aufzehrung der Analerotik
in Verbindung gebracht werden darf.
Ich weiß, daß man sich hat; dadurch wird es erleichtert, daß die frühere Strebung, die
ihr Ziel zu verlieren im Begriffe ist, auf das neu auftauchende
Ziel übergeleitet werde.
Wenn den hier behaupteten Beziehungen zwischen der Anal-
erotik und jener Trias von Charaktereigenschaften etwas Tat-
sächliches zugrunde liegt, so wird man keine besondere Ausprägung
des „Analcharakters 1 ' bei Personen erwarten dürfen, die sich die
erogene Eignung der Analzone für das reife Leben bewahrt haben,
wie z. B. gewisse Homosexuelle. Wenn ich nicht sehr irre,
1) Vergleiche die hysterische Besessenheit und die dämonischen Epidemien.
2) Jeremias, Das Alte Testament im Lichte des alten Orienls, 2. Aufl., iao6,p. 216,
und Babylonisches im Neuen Testament, 1906, p. 96, ,,.l/<i/;ic»i (Mammon) ist babylo-
nisch man-man, ein Beiname Nergals, des Gottes der Unterwelt. Das Gold ist nach
orientalischem Mythus, der in die Sagen und Murchen der Volker übergegangen ist,
Dreck der Hölle ; siehe : Monotheistische Strömungen innerhalb der babylonischen
Religion, S. 16, Anm. 1."
Charakter und Analerotik 267
befindet sich die Erfahrung zumeist in guter Übereinstimmung
mit diesem Schlüsse.
Man müßte überhaupt in Erwägung ziehen, ob nicht auch
andere Charakterkomplexe ihre Zugehörigkeit zu den Erregungen
von bestimmten erogenen Zonen erkennen lassen. Ich kenne bis
jetzt nur noch den unmäßigen „brennenden" Ehrgeiz der
einstigen Enuretiker. Für die Bildung des endgültigen Charakters
aus den konstitutiven Trieben läßt sich allerdings eine Formel J
angeben: Die bleibenden Charakterzüge sind entweder unver-
änderte Fortsetzungen der ursprünglichen Triebe, Sublimierungen •
derselben oder Reaktionsbildungen gegen dieselben.
ÜBER TRIEBUMSETZUNGEN, INSBESONDERE
DER ANALEROTIK
Zuerst erschienen in der „Internationalen Zeitschrift
f. Psychoanalyse", IV, igi6Jiy, dann in der Vierten
Folge der „Sammlung kleiner Schriften zur
Neurosenlchre",
Vor einer Reihe von Jahren habe ich aus der psycho-
analytischen Beobachtung die Vermutung geschöpft, daß das
konstante Zusammentreffen der drei Charaktereigenschaften:
ordentlich, sparsam und eigensinnig auf eine Ver-
stärkung der analerotischen Komponente in der Sexualkonstitution
solcher Personen hindeute, bei denen es aber im Laufe der Ent-
wicklung durch Aufzehrung ihrer Analerotik zur Ausbildung solcher
bevorzugter Reaktions weisen des Ichs gekommen ist. 1
Es lag mir damals daran, eine als tatsächlich erkannte Beziehung
bekanntzugeben; um ihre theoretische Würdigung bekümmerte
ich mich wenig. Seither hat sich wohl allgemein die Auffassung
durchgesetzt, daß jede einzelne der drei Eigenschaften: Geiz,
Pedanterie und Eigensinn aus den Triebquellen der Analerotik
hervorgeht oder — vorsichtiger und vollständiger ausgedrückt —
mächtige Zuschüsse aus diesen Quellen bezieht. Die Fälle, denen
die Vereinigung der erwähnten drei Charakterfehler ein besonderes
Gepräge aufdrückte (Analcharakter), waren eben nur die Extreme,
an denen sich der uns interessierende Zusammenhang auch einer
stumpfen Beobachtung verraten mußte.
Charakter und Analerolik, 1908 [enthalten in diesem Band, S. 261 ff.].
Über Triebumsetzungen, insbesondere der Analerotik 269
Einige Jahre später habe ich aus einer Fülle von Eindrücken,
geleitet durch eine besonders zwingende analytische Erfahrung,
den Schluß gezogen, daß in der Entwicklung der menschlichen
Libido vor der Phase des Genitalprimats eine „prägenitale
Organisation" anzunehmen ist, in welcher der Sadismus und die
Analerotik die leitenden Rollen spielen.'
Die Frage nach dem weiteren Verbleib der analerotischen
Triebregungen war von da an unabweisbar. Welches wurde ihr
Schicksal, nachdem sie durch die Herstellung der endgültigen
Genitalorganisation ihre Bedeutung für das Sexualleben eingebüßt
hatten? Blieben sie als solche, aber nun im Zustande der
Verdrängung, fortbestehen, unterlagen sie der Sublimierung oder
der Aufzehrung unter Umsetzung in Eigenschaften des Charakters,
oder fanden sie Aufnahme in die neue, vom Primat der Genitalien
bestimmte Gestaltung der Sexualität? Oder besser, da wahr-
scheinlich keines dieser Schicksale der Analerotik das ausschließliche
sein dürfte, in welchem Ausmaß und in welcher Weise teilen
sich diese verschiedenen Möglichkeiten in die Entscheidung über
die Schicksale der Analerotik, deren organische Quellen ja
durch das Auftreten der Genitalorganisation nicht verschüttet
werden konnten?
Man sollte meinen, es könnte an Material für die Beantwortung
dieser Fragen nicht fehlen, da die betreffenden Vorgänge von
Entwicklung und Umsetzung sich bei allen Personen vollzogen
haben müssen, die Gegenstand der psychoanalytischen Unter-
suchung werden. Allein dies Material ist so undurchsichtig, die
Fülle von immer wiederkehrenden Eindrücken wirkt so verwirrend,
daß ich auch heute keine vollständige Lösung des Problems,
bloß Beiträge zur Lösung zu geben vermag. Ich brauche dabei
der Gelegenheit nicht aus dem Wege zu gehen, wenn der
Zusammenhang es gestattet, einige andere Triebumsetzungen zu
erwähnen, welche nicht die Analerotik betreffen. Es bedarf endlich
1) Die Disposition zur Zwangsneurose. [S. 277 ff. dieses Bandes.]
2 7° Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosen!,/, ,;■
kaum der Hervorhebung, daß die beschriebenen Entwicklungs-
vorgänge — hier wie anderwärts in der Psychoanalyse — aus
den Regressionen erschlossen worden sind, zu welchen sie durch
die neurotischen Prozesse genötigt wurden.
Ausgangspunkt dieser Erörterungen kann der Anschein werden,
daß in den Produktionen des Unbewußten — Einfällen, Phantasien
und Symptomen — die Begriffe Kot (Geld, Geschenk), Kind
und Penis schlecht auseinandergehalten und leicht miteinander
vertauscht werden. Wenn wir uns so ausdrücken, wissen wir
natürlich, daß wir Bezeichnungen, die für andere Gebiete des
Seelenlebens gebräuchlich sind, mit Unrecht, auf das Unbewußte
übertragen und uns durch den Vorteil, welchen ein Vergleich
mit sich bringt, verleiten lassen. Wiederholen wir also in einwand-
freierer Form, daß diese Elemente im Unbewußten häufig behandelt
werden, als wären sie einander äquivalent und dürften einander
unbedenklich ersetzen.
Für die Beziehungen von „Kind" und „Penis" ist dies am
leichtesten zu sehen. Es kann nicht gleichgültig sein, daß beide
in der Symbolsprache des Traumes wie in der des täglichen
Lebens durch ein gemeinsames Symbol ersetzt werden können.
Das Kind heißt wie der Penis das „Kleine". Es ist bekannt,
daß die Symbolsprache sich oft über den Geschlechtsunterschied
hinaussetzt. Das „Kleine", das ursprünglich das männliche Glied
meinte, mag also sekundär zur Bezeichnung des weiblichen
Genitales gelangt sein.
Forscht man tief genug in der Neurose einer Frau, so stößt
man nicht selten auf den verdrängten Wunsch, einen Penis wie
der Mann zu besitzen. Akzidentelles Mißgeschick im Krauenleben,
oft genug selbst Folge einer stark männlichen Anlage, hat diesen
Kinderwunsch, den wir als „Penisneid" dem Kastrationskomplex
einordnen, wieder aktiviert und ihn durch die Rückströmung
der Libido zum Hauptträger der neurotischen Symptome werden
lassen. Bei anderen Frauen läßt, sich von diesem Wunsch nach
T
Über Triebumsetznngen, insbesondere der Analerotik 271
dem Penis nichts nachweisen; seine Stelle nimmt der Wunsch
nach dem Kind ein, dessen Versagung im Leben dann die
Neurose auslösen kann. Es ist so, als ob diese Frauen begriffen
hätten — was als Motiv doch unmöglich gewesen sein kann, —
daß die Natur dem Weibe das Kind zum Ersatz für das andere
gegeben hat, was sie ihm versagen mußte. Bei noch anderen
Frauen erfährt man, daß beide Wünsche in der Kindheit vor-
handen waren und einander abgelöst haben. Zuerst wollten sie
einen Penis haben wie der Mann, und in einer späteren, immer
noch infantilen Epoche trat der Wunsch nach einem Kind an
die Stelle. Man kann den Eindruck nicht abweisen, daß akzidentelle
Momente des Kinderlebens, die Anwesenheit oder das Fehlen
von Brüdern, das Erleben der Geburt eines neuen Kindes zu
günstiger Lebenszeit, die Schuld an dieser Mannigfaltigkeit tragen,
so daß der Wunsch nach dem Penis doch im Grunde identisch
wäre mit dem nach dem Kinde.
Wir können angeben, welches Schicksal der infantile Wunsch
nach dem Penis erfährt, wenn die Bedingungen der Neurose im
späteren Leben ausbleiben. Er verwandelt sich dann in den
Wunsch nach dem Mann, er läßt sich also den Mann als
Anhängsel an den Penis gefallen. Durch diese Wandlung wird
eine gegen die weibliche Sexual funktion gerichtete Regung zu
einer ihr günstigen. Diesen Frauen wird hiemit ein Liebesleben
nach dem männlichen Typus der Objektliebe ermöglicht, welches
sich neben dem eigentlich weiblichen, vom Narzißmus abgeleiteten,
behaupten kann. Wir haben schon gehört, daß es in anderen
Fällen erst das Kind ist, welches den Übergang von der
narzißtischen Selbstliebe zur Objektliebe herbeiführt. Es kann
also auch in diesem Punkte das Kind durch den Penis vertreten
werden.
Ich hatte einigemal Gelegenheit, Träume von Frauen nach
den ersten Kohabitationen zu erfahren. Diese deckten unverkennbar
den Wunsch auf, den Penis, den sie verspürt hatten, bei sich zu
272 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
behalten, entsprachen also, von der libidinösen Begründung
abgesehen, einer flüchtigen Regression vom Manne auf den Penis
als Wunschobjekt. Man wird gewiß geneigt sein, den Wunsch
nach dem Manne in rein rationalistischer Weise auf den Wunsch
nach dem Kinde zurückführen, da ja irgend einmal verstanden
wird, daß man ohne Dazutun des Mannes ein Kind nicht
bekommen kann. Es dürfte aber eher so zugehen, daß der
Wunsch nach dem Manne unabhängig vom Kindwunsch entsteht
und daß, wenn er aus begreiflichen Motiven, die durchaus der
Ichpsychologie angehören, auftaucht, der alte Wunsch nach
dem Penis sich ihm als unbewußte libidinöse Verstärkung
beigesellt.
Die Bedeutung des beschriebenen Vorganges liegt darin, daß
er ein Stück der narzißtischen Männlichkeit des jungen Weibes
in Weiblichkeit überführt und somit für die weibliche Sexual-
funktion unschädlich macht. Auf einem anderen Wege wird nun
auch ein Anteil der Erotik der prägenitalen Phase für die Ver-
wendung in der Phase des Genitalprimats tauglich. Das Kind
wird doch als „Lumpf" betrachtet (siehe die Analyse des kleinen
Hans), als etwas, was sich durch den Darm vom Körper löst;
somit kann ein Betrag libidinöser Besetzung, welcher dem Darm-
inhalt gegolten hat, auf das durch den Darm geborene Kind
ausgedehnt werden. Ein sprachliches Zeugnis dieser Identität von
Kind und Kot ist in der Redensart: ein Kind schenken
erhalten. Der Kot ist nämlich das erste Geschenk, ein Teil
seines Körpers, von dem sich der Säugling nur auf Zureden der
geliebten Person trennt, mit dem er ihr auch unaufgefordert
seine Zärtlichkeit bezeigt, da er fremde Personen in der Regel
nicht beschmutzt. (Ähnliche, wenn auch nicht so intensive
Reaktionen mit dem Urin.) Bei der Defäkation ergibt sich für
das Kind eine erste Entscheidung zwischen narzißtischer und
objektliebender Einstellung. Es gibt entweder den Kot gefügig
ab, „opfert" ihn der Liebe, oder hält ihn zur autoerotischen
Über Triebumsetzungen, insbesondere der Analerotik 275
Befriedigung, später zur Behauptung seines eigenen Willens, zurück.
Mit letzterer Entscheidung ist der Trotz (Eigensinn) konstituiert,
der also einem narzißtischen Beharren bei der Analerotik
entspringt.
Es ist wahrscheinlich, daß nicht Gold — Geld, sondern
Geschenk die nächste Bedeutung ist, zu welcher das Kot-
interesse fortschreitet. Das Kind kennt kein anderes Geld, als
was ihm geschenkt wird, kein erworbenes und auch kein eigenes,
ererbtes. Da Kot sein erstes Geschenk ist, überträgt es leicht sein
Interesse von diesem Stoff auf jenen neuen, der ihm als wichtigstes
Geschenk im Leben entgegentritt. Wer an dieser Herleitung des
Geschenkes zweifelt, möge seine Erfahrung in der psychoanalytischen
Behandlung zu Bäte ziehen, die Geschenke studieren, die er als
Arzt vom Kranken erhält, und die Übertragungsstürme beachten,
welche er durch ein Geschenk an den Patienten hervorrufen kann.
Das Kotinteresse wird also zum Teil als Geldinteresse fort-
gesetzt, zum anderen Teil in den Wunsch nach dem Kinde
übergeführt. In diesem Kindwunsch treffen nun eine analerotische
und eine genitale Regung (Penisneid) zusammen. Der Penis hat
aber auch eine vom Kindinteresse unabhängige analerotische
Bedeutung. Das Verhältnis zwischen dem Penis und dem von
ihm ausgefüllten und erregten Schleimhautrohr findet sich nämlich
schon in der prägenitalen, sadistisch-analen, Phase vorgebildet.
Der Kotballen — oder die „Kotstange" nach dem Ausdruck
eines Patienten — ist sozusagen der erste Penis, die von ihm
gereizte Schleimhaut die des Enddarmes. Es gibt Personen, deren
Analerotik bis zur Zeit der Vorpubertät (zehn bis zwölf Jahre)
stark und unverändert geblieben ist; von ihnen erfährt man, daß
sie schon während dieser prägenitalen Phase in Phantasien und
perversen Spielereien eine der genitalen analoge Organisation
entwickelt hatten, in welcher Penis und Vagina durch die Kot-
stange und den Darm vertreten waren. Bei anderen — Zwangs-
neurotikern — kann man das Ergebnis einer regressiven Er-
Freud,V. l8
374
Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
niedrigung der Genitalorganisation kennen lernen. Es äußert sich
darin, daß alle ursprünglich genital konzipierten Phantasien ins
Anale versetzt, der Penis durch die Kotstange, die Vagina durch
den Darm ersetzt werden.
Wenn das Kotinteresse in normaler Weise zurückgeht, so wirkt
die hier dargelegte organische Analogie dahin, daß es sich auf
den Penis überträgt. Erfährt man später in der Sexualforschung,
daß das Kind aus dem Darm geboren wird, so wird dieses zum
Haupterben der Analerotik, aber der Vorgänger des Kindes war
der Penis gewesen, in diesem wie in einem anderen Sinne.
Ich bin überzeugt, daß die vielfaltigen Beziehungen in der
Reihe Kot — Penis — Kind nun völlig unübersichtlich geworden
sind, und will darum versuchen, dem Mangel durch eine
graphische Darstellung abzuhelfen, in deren Diskussion dasselbe
Material nochmals, aber in anderer Folge, gewürdigt werden
kann. Leider ist dieses technische Mittel nicht schmiegsam
genug für unsere Absichten, oder wir haben noch nicht gelernt,
es in geeigneter Weise zu gebrauchen. Ich bitte jedenfalls, an
das beistehende Schema keine strengen Anforderungen zu stellen.
Objektstufe
Über Triebumsetzungen, insbesondere der Analerotik 275
Aus der Analerotik geht in narzißtischer Verwendung der Trotz
hervor als eine bedeutsame Reaktion des Ichs gegen Anforderungen
der anderen ; das dem Kot zugewendete Interesse übergeht in Interesse
für das Geschenk und dann für das Geld. Mit dem Auftreten des Penis
entsteht beim Mädchen der Penisneid, der sich später in den Wunsch
nach dem Mann als Träger eines Penis umsetzt. Vorher noch
hat sich der Wunsch nach dem Penis in den Wunsch nach dem
Kind verwandelt, oder der Kindwunsch ist an die Stelle des Penis-
wunsches getreten. Eine organische Analogie zwischen Penis und Kind
(punktierte Linie) drückt sich durch den Besitz eines beiden gemein-
samen Symbols aus („das Kleine")- Vom Kindwunsch führt dann
ein rationeller Weg (doppelte Linie) zum Wunsch nach dem Mann.
Die Bedeutung dieser Triebumsetzung haben wir bereits gewürdigt.
Ein anderes Stück des Zusammenhanges ist weit deutlicher
beim Manne zu erkennen. Es stellt sich her, wenn die Sexual-
forschung des Kindes das Fehlen des Penis beim Weibe in
Erfahrung gebracht hat. Der Penis wird somit als etwas vom
Körper Ablösbares erkannt und tritt in Analogie zum Kot, welcher
das erste Stück Leiblichkeit war, auf das man verzichten mußte.
Der alte Analtrotz tritt so in die Konstitution des Kastrations-
komplexes ein. Die organische Analogie, derzufolge der Darm-
inhalt den Vorläufer des Penis während der prägenitalen Phase
darstellte, kann als Motiv nicht in Betracht kommen; sie findet
aber durch die Sexualforschung einen psychischen Ersatz.
Wenn das Kind auftritt, wird es durch die Sexualforschung
als „Lumpf" erkannt und mit mächtigem, analerotischem Interesse
besetzt. Einen zweiten Zuzug aus gleicher Quelle erhält der
Kindwunsch, wenn die soziale Erfahrung lehrt, daß das Kind als
Liebesbeweis, als Geschenk, aufgefaßt werden kann. Alle drei,
Kotsäule, Penis und Kind, sind feste Körper, welche ein Schleim-
hautrohr (den Enddarm und die ihm nach einem guten Worte
von Lou Andreas-Salome gleichsam abgemietete Vagina) 1 bei
1) „Anal" und „Sexual", Imago, IV, 5. 1916.
18*
276 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlelire
ihrem Eindringen oder Herausdringen erregen. Der infantilen
Sexualforschung kann von diesem Sachverhalt nur bekannt werden,
daß das Kind denselben Weg nimmt wie die Kotsäule; die
Funktion des Penis wird von der kindlichen Forschung in der
Regel nicht aufgedeckt. Doch ist es interessant zu sehen, daß
eine organische Übereinstimmung nach so vielen Umwegen
wieder im Psychischen als eine unbewußte Identität zum Vor-
schein kommt.
DIE DISPOSITION ZUR ZWANGSNEUROSE
Ein Beitrag zum Problem der Neurosemvahl
Vortrag auf dem Psychoanalytischen Kongreß
zu München I pi 5, abgedruckt in der „Internationalen
Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse", I, 1913,
und dann in der Vierten Folge der „Sammlung
kleiner Schriften zur Neurosenlehre".
■
Das Problem, warum und wieso ein Mensch an einer Neurose
erkranken kann, gehört gewiß zu jenen, die von der Psycho-
analyse beantwortet werden sollen. Es ist aber wahrscheinlich, daß
diese Antwort erst über ein anderes und spezielleres wird gegeben
werden können, über das Problem, warum diese und jene
Person gerade an der einen bestimmten Neurose, und an
keiner anderen, erkranken muß. Dies ist das Problem der Neu-
rosenwahl.
Was wissen wir bis jetzt zu diesem Problem? Eigentlich ist
hier nur ein einziger allgemeiner Satz gesichert. Wir unterscheiden
die für die Neurosen in Betracht kommenden Krankheitsursachen
in solche, die der Mensch ins Leben mitbringt, und solche, die
das Leben an ihn heranbringt, konstitutionelle und akzidentelle,
durch deren Zusammenwirken erst in der Regel die Krankheits-
verursachung hergestellt wird. Nun besagt der eben angekündigte
Satz, daß die Gründe für die Entscheidung der Neurosen-
wahl durchwegs von der ersteren Art sind, also von der Natur
der Dispositionen, und unabhängig von den pathogen wirkenden
Erlebnissen.
278 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
Worin suchen wir die Herkunft dieser Dispositionen ? Wir
sind aufmerksam darauf geworden, daß die in Betracht kommenden
psychischen Funktionen — vor allem die Sexualfunktion, aber
ebenso verschiedene wichtige Ichfunktionen — eine lange und
komplizierte Entwicklung durchzumachen haben, bis sie zu dem
für den normalen Erwachsenen charakteristischen Zustand gelangen.
Wir nehmen nun an, daß diese Entwicklungen nicht immer so
tadellos vollzogen werden, daß die gesamte Funktion der fort-
schrittlichen Veränderung unterliege. Wo ein Stück derselben die
vorige Stufe festhält, da ergibt sich eine sogenannte „Fixierungs-
stelle", zu welcher die Funktion im Falle der Erkrankung durch
äußerliche Störung regredieren kann.
Unsere Dispositionen sind also Entwicklungshemmungen. Die
Analogie mit den Tatsachen der allgemeinen Pathologie anderer
Krankheiten bestärkt uns in dieser Auffassung. Bei der Frage,
welche Faktoren solche Störungen der Entwicklung hervorrufen
können, macht aber die psychoanalytische Arbeit Halt und über-
läßt dies Problem der biologischen Forschung.'
Mit Hilfe dieser Voraussetzungen haben wir uns bereits vor
einigen Jahren an das Problem der Neurosenwahl herangewagt.
Unsere Arbeitsrichtung, welche dahin geht, die normalen Ver-
hältnisse aus ihren Störungen zu erraten, hat uns dazu geführt,
einen ganz besonderen und unerwarteten Angriffspunkt zu wählen.
Die Reihenfolge, in welcher die Hauptformen der Psychoneurosen
gewöhnlich aufgeführt werden — Hysterie, Zwangsneurose, Paranoia,
Dementia praecox — entspricht (wenn auch nicht völlig genau) der
Zeitfolge, in der diese Affektionen im Leben hervorbrechen. Die
hysterischen Krankheitsformen können schon in der ersten Kindheit
beobachtet werden, die Zwangsneurose offenbart ihre ersten Sym-
ptome gewöhnlich in der zweiten Periode der Kindheit (von sechs
1) Seitdem die Arbeiten von W. F 1 i c die Bedeutung bestimmter Zeitgroßen
für die Biologie aufgedeckt haben, ist es denkbar geworden, daß sich Entwicklungs-
rtörung auf zeitliche Abänderung von Entwickhmgischüben zurückführt.
Die Disposition zur Zwangsneurose 279
bis acht Jahren an) 5 die beiden anderen, von mir als Paraphrenie
zusammengefaßten Psychoneurosen zeigen sich erst nach der Pubertät
und im Alter der Reife. Diese zuletzt auftretenden Affektionen
haben sich nun unserer Forschung nach den in die Neurosenwahl
auslaufenden Dispositionen zuerst zugänglich erwiesen. Die ihnen
beiden eigentümlichen Charaktere des Größenwahns, der Abwen-
dung von der Welt der Objekte und der Erschwerung der Über-
tragung haben uns zum Schlüsse genötigt, daß deren disponierende
Fixierung in einem Stadium der Libidoentwicklung vor der Her-
stellung der Objektwahl, also in der Phase des Autoerotismus und
des Narzißmus zu suchen ist. Diese so spät auftretenden Erkrankungs-
formen gehen also auf sehr frühzeitige Hemmungen und
Fixierungen zurück.
Demnach würden wir darauf hingewiesen, die Disposition für
Hysterie und Zwangsneurose, die beiden eigentlichen Übertragungs-
neurosen mit frühzeitiger Symptombildung, in den jüngeren Phasen
der Libidoentwicklung zu vermuten. Allein worin wäre hier die
Entwicklungshemmung zu finden und vor allem, welches wäre
der Phasenunterschied, der die Disposition zur Zwangsneurose
im Gegensatz zur Hysterie begründen sollte? Darüber war lange
nichts zu erfahren, und meine früher unternommenen Versuche,
diese beiden Dispositionen zu erraten, z. B. daß die Hysterie durch
Passivität, die Zwangsneurose durch Aktivität im infantilen Erleben
bedingt sein sollte, mußten bald als verfehlt abgewiesen werden.
Ich kehre nun auf den Boden der klinischen Einzelbeobachtung
zurück. Ich habe lange Zeit hindurch eine Kranke studiert, deren
Neurose eine ungewöhnliche Wandlung durchgemacht hatte.
Dieselbe begann nach einem traumatischen Erlebnis als glatte
Angsthysterie und behielt diesen Charakter durch einige Jahre
bei. Eines Tages aber verwandelte sie sich plötzlich in eine
Zwangsneurose von der schwersten Art. Ein solcher Fall mußte
nach mehr als einer Richtung bedeutsam werden. Einerseits konnte
er vielleicht den Wert eines bilinguen Dokuments beanspruchen
s8o Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenielire
und zeigen, wie ein identischer Inhalt von den beiden Neurosen
in verschiedenen Sprachen ausgedrückt wird. Anderseits drohte
er, unserer Theorie der Disposition durch Entwicklungshemmung
überhaupt zu widersprechen, wenn man sich nicht zur Annahme
entschließen wollte, daß eine Person auch mehr als eine einzige
schwache Stelle in ihrer Libidoentwicklung mitbringen könne.
Ich sagte mir, daß man kein Recht habe, diese letztere Möglichkeit
abzuweisen, war aber auf das Verständnis dieses Krankheitsfalles
sehr gespannt.
Als dieses im Laufe der Analyse kam, mußte ich sehen, daß
die Sachlage ganz anders war, als ich sie mir vorgestellt hatte.
Die Zwangsneurose war nicht eine weitere Reaktion auf das
nämliche Trauma, welches zuerst die Angsthysterie hervorgerufen
hatte, sondern auf ein zweites Erlebnis, welches das erste völlig
entwertet hatte. (Also, eine — allerdings noch diskutierbare —
Ausnahme von unserem Satze, der die llnabliängipkeit der Neurosen-
wahl vom Erleben behauptet.)
Ich kann leider — aus bekannten Motiven — auf die Kranken-
geschichte des Falles nicht so weit eingehen, wie ich gern möchte,
sondern muß mich auf nachstehende Mitteilungen beschränken.
Die Patientin war bis zu ihrer Erkrankung eine glückliche, fast
völlig befriedigte Frau gewesen. Sie wünschte sich Kinder aus
Motiven infantiler Wunschfixierung und erkrankte, als sie erfuhr,
daß sie von ihrem ausschließend geliebten Manne keine Kinder
bekommen könne. Die Angsthysterie, mit welcher sie auf diese
Versagung reagierte, entsprach, wie sie bald selbst verstehen
lernte, der Abweisung von Versuchungsphantasien, in denen sich der
festgehaltene Wunsch nach einem Kinde durchsetzte. Sie tat nun
alles dazu, um ihren Mann nicht erraten zu lassen, daß sie infolge
der durch ihn determinierten Versagung erkrankt sei. Aber ich
habe nicht ohne gute Gründe behauptet, daß jeder Mensch in
seinem eigenen Unbewußten ein Instrument besitzt, mit dem er
die Äußerungen des Unbewußten beim anderen zu deuten vermag $
Die Disposition zur "Zwangsneurose 281
der Mann verstand ohne Geständnis oder Erklärung, was die Angst
seiner Frau bedeute, kränkte sich darüber, ohne es zu zeigen, und
reagierte nun seinerseits neurotisch, indem er — zum erstenmal
— beim Eheverkehr versagte. Unmittelbar darauf reiste er ab, die
Frau hielt ihn für dauernd impotent geworden und produzierte
die ersten Zwangssymptome an dem Tage vor seiner erwarteten
Rückkunft.
Der Inhalt ihrer Zwangsneurose bestand in einem peinlichen
Wasch- und Reinlichkeitszwang und in höchst energischen Schutz-
maßregeln gegen böse Schädigungen, welche andere von ihr zu
befürchten hätten, also in Reaktionsbildungen gegen anal-
erotische und sadistische Regungen. In solchen Formen
mußte sich ihr Sexualbedürfnis äußern, nachdem ihr Genital-
leben durch die Impotenz des für sie einzigen Mannes eine volle
Entwertung erfahren hatte.
An diesen Punkt hat das kleine, von mir neugebildete Stückchen
Theorie angeknüpft, welches natürlich nur scheinbar auf dieser
einen Beobachtung ruht, in Wirklichkeit eine große Summe
früherer Eindrücke zusammenfaßt, die aber erst nach dieser letzten
Erfahrung fähig wurden, eine Einsicht zu ergeben. Ich sagte
mir, daß mein Entwicklungsschema der libidinösen Funktion einer
neuen Einschaltung bedarf. Ich hatte zuerst nur unterschieden
die Phase des Autoerotismus, in welcher die einzelnen Partial-
triebe, jeder für sich, ihre Lustbefriedigung am eigenen Leibe
suchen, und dann die Zusammenfassung aller Partialtriebe zur
Objektwahl unter dem Primat der Genitalien im Dienste der
Fortpflanzung. Die Analyse der Paraphrenien hat uns, wie bekannt,
genötigt, dazwischen ein Stadium des Narzißmus einzuschieben,
in dem die Objekt wähl bereits erfolgt ist, aber das Objekt noch
mit dem eigenen Ich zusammenfällt. Und nun sehen wir die
Notwendigkeit ein, ein weiteres Stadium vor der Endgestaltung
gelten zu lassen, in dem die Partialtriebe bereits zur Objekt-
wahl zusammengefaßt sind, das Objekt sich der eigenen Person
2Ö2 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosen leh
re
schon als eine fremde gegenüberstellt, aber der Primat der
Genitalzonen noch nicht aufgerichtet ist. Die
Partialtriebe, welche diese p r ä g e n i t a 1 e Organisation des Sexual-
lebens beherrschen, sind vielmehr die analerotischen und die
sadistischen.
Ich weiß, daß jede solche Aufstellung zunächst befremdend
klingt. Erst durch die Aufdeckung ihrer Beziehungen zu unserem
bisherigen Wissen wird sie uns vertraut, und am Ende ist ihr
Schicksal häufig, daß sie als eine geringfügige, längst geahnte
Neuerung erkannt wird. Wenden wir uns also mit ähnlichen
Erwartungen zur Diskussion der „pn'igenitalen Sexualordnung".
a) Es ist bereits vielen Beobachtern aufgefallen und zuletzt
mit besonderer Schärfe von E. Jones hervorgehoben worden,
welche außerordentliche Rolle die Regungen von Haß und Anal-
erotik in der Symptomatologie der Zwangsneurose spielen. 1 Dies
leitet sich nun unmittelbar aus unserer Aufstellung ab, wenn es
diese Partialtriebe sind, welche in der Neurose die Vertretung der
Genitaltriebe wieder übernommen haben, deren Vorgänger sie in
der Entwicklung waren.
Hier fügt sich nun das bisher zurückgehaltene Stück aus der
Krankengeschichte unseres Falles ein. Das Sexualleben der Patientin
begann im zartesten Kindesalter mit sadistischen Schlagephantasien.
Nach deren Unterdrückung setzte eine ungewöhnlich lange
Latenzzeit ein, in welcher das Mädchen eine hochreichende
moralische Entwicklung durchmachte, ohne zum weiblichen
Sexualempfinden zu erwachen. Mit der in jungen Jahren
geschlossenen Ehe begann eine Periode normaler Sexual betätigung
als glückliche Frau, die durch eine Reihe von Jahren anhielt, bis
die erste große Versagung die hysterische Neurose brachte. Mit der
darauf folgenden Entwertung des Genitallebens sank ihr Sexual-
leben, wie erwähnt, auf die infantile Stufe des Sadismus zurück.
i) E. Jones: Hai) und Anulcrotik in der Zwangsneurose. (Intern. Zeitschrift
für ärztl. Psychoanalyse, 1, 1915, H. 5.)
1
Die Disposition zur Zwangsneurose 285
Eis ist nicht schwer, den Charakter zu bestimmen, in welchem
sich dieser Fall von Zwangsneurose von den häufigeren anderen
unterscheidet, die in jüngeren Jahren beginnen und von da an
chronisch mit mehr oder weniger auffälligen Exazerbationen
verlaufen. In diesen anderen Fällen wird die Sexualorganisation,
welche die Disposition zur Zwangsneurose enthält, einmal her-
gestellt, nie wieder völlig überwunden $ in unserem Falle ist sie
zuerst durch die höhere Entwicklungsstufe abgelöst und dann
durch Regression von dieser her wieder aktiviert worden.
b) Wenn wir von unserer Aufstellung aus den Anschluß an
biologische Zusammenhänge suchen, dürfen wir nicht vergessen,
daß der Gegensatz von männlich und weiblich, welcher von
der Fortpflanzungsfunktion eingeführt wird, auf der Stufe der
prägenitalen Objektwahl noch nicht vorhanden sein kann. An
seiner Statt finden wir den Gegensatz von Strebungen mit aktivem
und passivem Ziel, der sich späterhin mit dem Gegensatz der
Geschlechter verlöten wird. Die Aktivität wird vom gemeinen
Bemächtigungstrieb beigestellt, den wir eben Sadismus heißen,
wenn wir ihn im Dienste der Sexualfunktion finden $ er hat auch
im vollentwickelten normalen Sexualleben wichtige Helferdienste
zu verrichten. Die passive Strömung wird von der Analerotik
gespeist, deren erogene Zone der alten, undifferenzierten Kloake
entspricht. Die Betonung dieser Analerotik auf der prägenitalen
Organisationsstufe wird beim Manne eine bedeutsame Prädispo-
sition zur Homosexualität hinterlassen, wenn die nächste Stufe
der Sexualfunktion, die des Primats der Genitalien, erreicht wird.
Der Aufbau dieser letzten Phase über der vorigen und die
dabei erfolgende Umarbeitung der Libidobesetzungen bietet der
analytischen Forschung die interessantesten Aufgaben.
Man kann der Meinung sein, daß man sich allen hier in
Betracht kommenden Schwierigkeiten und Komplikationen entzieht,
wenn man eine prägenitale Organisation des Sexuallebens verleugnet
und das Sexualleben mit der Genital- und Fortpflanzungsfunktion
284 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosen/ehre
zusammenfallen, wie auch mit ihr heginnen läßt. Von den
Neurosen würde man dann mit Rücksicht auf die nicht miß-
verständlichen Ergebnisse der analytischen Forschung aussagen,
daß sie durch den Prozeß der Sexualverdrängung dazu genötigt
werden, sexuelle Streuungen durch andere nicht sexuelle Triebe
auszudrücken, die letzteren also kompensatorisch zu sexualisieren.
Wenn man so verfahrt, hat. man sich aber außerhalb der Psycho-
analyse begeben. Man steht wieder dort, wo man sich vor der
Psychoanalyse befand, und muß auf das durch sie vermittelte
Verständnis des Zusammenhanges zwischen Gesundheit, Perversion
und Neurose verzichten. Die Psychoanalyse steht und fällt mit
der Anerkennung der sexuellen Partialtriebe, der erogenen Zonen
und der so gewonnenen Ausdehnung des Begriffes ,,Sexual-
funktion" im Gegensatz zur engeren „Cenitalfunktion". Übrigens
reicht die Beobachtung der normalen Entwicklung des Kindes
für sich allein hin, um eine solche Versuchung zurück-
zuweisen.
c) Auf dem Gebiete der Charakterentwicklung müssen wir
denselben Triebkräften begegnen, deren Spul wir in den Neurosen
aufgedeckt haben. Eine scharfe theoretische Scheidung der beiden
wird aber durch den einen Umstand geboten, daß beim Charakter
wegfällt, was dem Neurosenmechanismus eigentümlich ist, das
Mißglücken der Verdrängung und die Wiederkehr des Verdrängten.
Bei der Charakterbildung tritt die Verdrängung entweder nicht
in Aktion oder sie erreicht glatt ihr Ziel, das Verdrängte durch
Reaktionsbildungen und Sublimierungen zu ersetzen. Darum sind
die Prozesse der Charakterbildung undurchsichtiger und der
Analyse unzugänglicher als die ln-urotischen.
Gerade auf dem Gebiete der Charakterentwicklung begegnet
uns aber eine gute Analogie zu dem von uns beschriebenen
Krankheitsfalle, also eine Bekräftigung der prägenitalen sadistisch-
analerotischen Sexualorganisation. Es ist bekannt und hat den
Menschen viel Stoff zur Kluge gegeben, dali die Krauen häufig,
Die Disposition zur 'Zwangsneurose 285
nachdem sie ihre Genitalfunktionen aufgegeben haben, ihren
Charakter in eigentümlicher Weise verändern. Sie werden zänkisch,
quälerisch und rechthaberisch, kleinlich und geizig, zeigen also
typische sadistische und analerotische Züge, die ihnen vorher in
der Epoche der Weiblichkeit nicht eigen waren. Lustspieldichter
und Satiriker haben zu allen Zeiten ihre Invektiven gegen den
„alten Drachen" gerichtet, zu dem das holde Mädchen, die
liebende Frau, die zärtliche Mutter geworden ist. Wir verstehen,
daß diese Charakterwandlung der Regression des Sexuallebens
auf die prägenitale sadistisch-analerotische Stufe entspricht, in
welcher wir die Disposition zur Zwangsneurose gefunden haben.
Sie wäre also nicht nur die Vorläuferin der genitalen Phase,
sondern oft genug auch ihre Nachfolge und Ablösung, nachdem
die Genitalien ihre Funktion erfüllt haben.
Der Vergleich einer solchen Charakterveränderung mit der
Zwangsneurose ist sehr eindrucksvoll. In beiden Fällen das Werk
der Regression, aber im ersten Falle volle Regression nach glatt
vollzogener Verdrängung (oder Unterdrückung); im Falle der
Neurose: Konflikt, Bemühung, die Regression nicht gelten zu
lassen, Reaktionsbildungen gegen dieselbe und Symptombildungen
durch Kompromisse von beiden Seiten her, Spaltung der psychischen
Tätigkeiten in bewußtseinsfähige und unbewußte.
d) Unsere Aufstellung einer prägenitalen Sexualorganisation
ist nach zwei Richtungen hin unvollständig. Sie nimmt erstens
keine Rücksicht auf das Verhalten anderer Partialtriebe, an dem
manches der Erforschung und Erwähnung wert wäre, und begnügt
sich, das auffällige Primat von Sadismus und Analerotik heraus-
zuheben. Besonders vom Wißtrieb gewinnt man häufig den
Eindruck, als ob er im Mechanismus der Zwangsneurose den
Sadismus geradezu ersetzen könnte. Er ist ja im Grunde ein
sublimierter, ins Intellektuelle gehobener Sprößling des Bemäch-
tigungstriebes, seine Zurückweisung in der Form des Zweifels
nimmt im Bilde der Zwangsneurose einen breiten Raum ein.
286 .arbeiten zum Scjruallcbrn und zur hcurosenlehre
Ein zweiter Mangel ist weit bedeutsamer. Wir wissen, daß
die entwicklungsgeschichtliche Disposition für eine Neurose nur
dann vollständig ist, wenn sie die Phase der Ichentwicklung, in
welcher die Fixierung eintritt, ebenso berücksichtigt wie die der
Libidoentwicklung. Unsere Aufstellung hat sich aber nur auf die
letztere bezogen, sie enthält also nicht die ganze Kenntnis, die
wir fordern dürfen. Die Entwicklungsstadien der Ichtriebe sind
uns bis jetzt sehr wenig bekannt; ich weiß nur von einem viel-
versprechenden Versuch von Ferenczi, sich diesen Fragen zu
nähern. 1 Ich weiß nicht, ob es zu gewagt erscheint, wenn ich
den vorhandenen Spuren folgend die Annahme ausspreche, daß
ein zeitliches Voraneilen der Ichentwicklung vor der Libido-
entwicklung in die Disposition zur Zwangsneurose einzutragen
ist. Eine solche Voreiligkeit würde von den Ichtrieben her zur
Objektwahl nötigen, während die Sexualfunktion ihre letzte
Gestaltung noch nicht erreicht hat, um\ somit eine Fixierung
auf der Stufe der prägenitalen Sexualordnung hinterlassen. Erwägt
man, daß die Zwangsneurotiker eine Ubermoral entwickeln müssen,
um ihre Objektliebe gegen die hinter ihr lauernde Feindseligkeit
zu verteidigen, so wird man geneigt sein, ein gewisses Maß von
diesem Voraneilen der Ichentwicklung als typisch für die mensch-
liche Natur hinzustellen und die Fähigkeit zur Entstehung der
Moral in dem Umstand begründet zu finden, daß nach der
Entwicklung der Haß der Vorläufer der Liebe ist. Vielleicht ist
dies die Bedeutung eines Satzes von W. S t e k e 1, der mir seiner-
zeit unfaßbar erschien, daß der Haß und nicht die Liebe die
primäre Gefühlsbeziehung zwischen den Menschen sei. a
e) Für die Hysterie erübrigt nach dem Vorstehenden die innige
Beziehung zur letzten Phase der Libidoentwicklung, die durch
den Primat der Genitalien und die Einführung der Fort-
1) Ferencxi: Entwicklungutufcn Art Wirklichkeitisinnes. (Tntern. Zeitsclir. für
äntl. Piychoanalyte, I, 1913, H. a.)
3) W. St ekel: Die Spruche des Traume«. 1911, S. 556.
Die Disposition zur Zwangsneurose 287
pflanzungsfunktion ausgezeichnet ist. Dieser Erwerb unterliegt in
der hysterischen Neurose der Verdrängung, mit welcher eine
Regression auf die prägenitale Stufe nicht verbunden ist. Die
Lücke in der Bestimmung der Disposition infolge unserer
Unkenntnis der Ichentwicklung ist hier noch fühlbarer als bei
der Zwangsneurose.
Hingegen ist es nicht schwer nachzuweisen, daß eine andere
Regression auf ein früheres Niveau auch der Hysterie zukommt.
Die Sexualität des weiblichen Kindes steht, wie wir wissen,
unter der Herrschaft eines männlichen Leitorgans (der Klitoris)
und benimmt sich vielfach wie die des Knaben. Ein letzter
Entwicklungsschub zur Zeit der Pubertät muß diese männliche
Sexualität wegschaffen und die von der Kloake abgeleitete Vagina
zur herrschenden erogenen Zone erheben. Es ist nun sehr
gewöhnlich, daß in der hysterischen Neurose der Frauen eine
Reaktivierung dieser verdrängten männlichen Sexualität statt hat,
gegen welche sich dann der Abwehrkampf von Seiten der ich-
gerechten Triebe richtet. Doch erscheint es mir vorzeitig, an
dieser Stelle in die Diskussion der Probleme der hysterischen
Disposition einzutreten.
MITTEILUNG EINES DER PSYCHOANALY-
TISCHEN THEORIE WIDERSPRECHENDEN
FALLES VON PARANOIA
Zuerst erschienen in der „Intern. Zeitschr. für
ärztl. Psychoanalyse" i III, Jtflf, dann in der Vierten
Folge der „Sammlung kleiner Schriften zur Neu-
rosenlehre K .
Vor Jahren ersuchte mich ein bekannter Rechtsanwalt um
Begutachtung eines Falles, dessen Auffassung ihm zweifelhaft
erschien. Eine junge Dame hatte sich an ihn gewendet, um
Schutz gegen die Verfolgungen eines Mannes zu finden, der sie
zu einem Liebesverhältnis bewogen hatte. Sie behauptete, daß
dieser Mann ihre Gefügigkeit mißbraucht hatte, um von unge-
sehenen Zuschauern photographische Aufnahmen ihres zärtlichen
Beisammenseins herstellen zu lassen; nun läge es in seiner Hand,
sie durch das Zeigen dieser Bilder zu beschämen und zum
Aufgeben ihrer Stellung zu zwingen. Der Rechtsfreund war
erfahren genug, das krankhafte Gepräge dieser Anklage zu erkennen,
meinte aber, es komme so viel im Leben vor, was man für
unglaubwürdig halten möchte, daß ihm das Urteil eines Psychiaters
über die Sache wertvoll wäre. Er versprach, mich ein nächstes
Mal in Gesellschaft der Klägerin zu besuchen.
Ehe ich meinen Bericht fortsetze, will ich bekennen, daß ich
das Milieu der zu untersuchenden Begebenheit zur Unkennt-
lichkeit verändert habe, aber auch nichts anderes als dies. Ich
halte es sonst für einen Mißbrauch, aus irgend welchen, wenn
Mitteilung eines Falles von Paranoia 289
auch aus den besten Motiven, Züge einer Krankengeschichte in
der Mitteilung zu entstellen, da man unmöglich wissen kann,
welche Seite des Falles ein selbständig urteilender Leser heraus-
greifen wird, und somit Gefahr läuft, diesen letzteren in die Irre
zu führen.
Die Patientin, die ich nun bald darauf kennen lernte, war ein
dreißigjähriges Mädchen von ungewöhnlicher Anmut und Schönheit;
sie schien viel jünger zu sein, als sie angab, und machte einen
echt weiblichen Eindruck. Gegen den Arzt benahm sie sich voll
ablehnend und gab sich keine Mühe, ihr Mißtrauen zu ver-
bergen. Offenbar nur unter dem Drucke des mitanwesenden
Rechtsfreundes erzählte sie die folgende Geschichte, die mir ein
später zu erwähnendes Problem aufgab. Ihre Mienen und Affekt-
äußerungen verrieten dabei nichts von einer schamhaften
Befangenheit, wie sie der Einstellung zu dem fremden Zuhörer
entsprochen hätte. Sie stand ausschließlich unter dem Banne der
Besorgnis, die sich aus ihrem Erlebnis ergeben hatte.
Sie war jahrelang Angestellte in einem großen Institut
gewesen, in dem sie einen verantwortlichen Posten zur eigenen
Befriedigung und zur Zufriedenheit der Vorgesetzten innehatte.
Liebesbeziehungen zu Männern hatte sie nie gesucht; sie lebte
ruhig neben einer alten Mutter, deren einzige Stütze sie war.
Geschwister fehlten, der Vater war vor vielen Jahren gestorben.
In der letzten Zeit hatte sich ein männlicher Beamter desselben
Bureaus ihr genähert, ein sehr gebildeter, einnehmender Mann,
dem auch sie ihre Sympathie nicht versagen konnte. Eine Heirat
zwischen ihnen war durch äußere Verhältnisse ausgeschlossen,
aber der Mann wollte nichts davon wissen, dieser Unmöglichkeit
wegen den Verkehr aufzugeben. Er hielt ihr vor, wie unsinnig
es sei, wegen sozialer Konventionen auf alles zu verzichten, was
sie sich beide wünschten, worauf sie ein unzweifelhaftes Anrecht
hätten, und was wie nichts anderes zur Erhöhung des Lebens
beitrüge. Da er versprochen hatte, sie nicht in Gefahr zu bringen,
Freud, V. 19
290 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
willigte sie endlich ein, ihn in seiner Junggesellenwohnung bei
Tage zu besuchen. Dort kam es nun zu Küssen und Umarmungen,
sie lagerten sich nebeneinander, er bewunderte ihre zum Teil
enthüllte Schönheit. Mitten in dieser Schäferstunde wurde sie
durch ein einmaliges Geräusch wie ein Pochen oder Ticken
erschreckt. Es kam von der Gegend des Schreibtisches her,
welcher schräg vor dem Fenster stand; der Zwischenraum
zwischen Tisch und Fenster war zum Teil von einem schweren
Vorhang eingenommen. Sie erzählte, daß sie den Freund sofort
nach der Bedeutung des Geräusches gefragt und von ihm die
Auskunft bekommen hatte, es rühre wahrscheinlich von der
kleinen, auf dem Schreibtisch befindlichen Stehuhr her; ich werde
mir aber die Freiheit nehmen, zu diesem Teil ihres Berichts
später eine Bemerkung zu machen.
Als sie das Haus verließ, traf sie noch auf der Treppe mit
zwei Männern zusammen, die bei ihrem Anblick einander etwas
zuflüsterten. Einer der beiden Unbekannten trug einen verhüllten
Gegenstand wie ein Kästchen. Die Begegnung beschäftigte ihre
Gedanken; noch auf dem Heimwege bildete sie die Kombination,
dies Kästchen könnte leicht ein photographischer Apparat gewesen
sein, der Mann, der es trug, ein Photograph, der während ihrer
Anwesenheit im Zimmer hinter dem Vorhang versteckt geblieben
war, und das Ticken, das sie gehört, das Geräusch des Abdrückens,
nachdem der Mann die besonders verfängliche Situation heraus-
gefunden, die er im Bilde festhalten wollte. Ihr Argwohn gegen
den Geliebten war von da an nicht mehr zum Schweigen zu
bringen; sie verfolgte ihn mündlich und schriftlich mit der
Anforderung, ihr Aufklärung und Beruhigung zu geben, und
mit Vorwürfen, erwies sich aber unzugänglich gegen die Ver-
sicherungen, die er ihr machte, mit denen er die Aufrichtigkeit
seiner Gefühle und die Grundlosigkeit ihrer Verdächtigung ver
trat. Endlich wandte sie sich an den Advokaten, erzählte ihm
ihr Erlebnis und übergab ihm die Briefe, die sie in dieser
Mitteilimg eines Falles von Paranoia
2gi
Angelegenheit von dem Verdächtigten erhalten hatte. Ich konnte
später in einige dieser Briefe Einsicht nehmen $ sie machten mir
den besten Eindruck ; ihr Hauptinhalt war das Bedauern, daß ein
so schönes, zärtliches Einvernehmen durch diese „unglückselige
krankhafte Idee" zerstört worden sei.
Es bedarf wohl keiner Rechtfertigung, daß ich das Urteil des
Beschuldigten auch zu dem meinigen machte. Aber der Fall
hatte für mich ein anderes als bloß diagnostisches Interesse. Es
war in der psychoanalytischen Literatur behauptet worden, daß
der Paranoiker gegen eine Verstärkung seiner homosexuellen
Strebungen ankämpft, was im Grunde auf eine narzißtische
Objektwahl zurückweist. Es war ferner gedeutet worden, daß der
Verfolger im Grunde der Geliebte oder der ehemals Geliebte sei.
Aus der Zusammensetzung beider Aufstellungen ergibt sich die
Forderung, der Verfolger müsse von demselben Geschlecht sein
wie der Verfolgte. Den Satz von der Bedingtheit der Paranoia
durch die Homosexualität hatten wir allerdings nicht als allgemein
und ausnahmslos gültig hingestellt, aber nur darum nicht, weil
unsere Beobachtungen nicht genug zahlreich waren. Er gehörte
sonst zu jenen, die infolge gewisser Zusammenhänge nur dann
bedeutungsvoll sind, wenn sie Allgemeinheit beanspruchen können.
In der psychiatrischen Literatur fehlte es gewiß nicht an Fällen,
in denen sich der Kranke von Angehörigen des anderen
Geschlechtes verfolgt glaubte, aber es blieb ein anderer Eindruck,
von solchen Fällen zu lesen, als einen derselben selbst vor sich
zu sehen. Was ich und meine Freunde hatten beobachten und
analysieren können, hatte bisher die Beziehung der Paranoia zur
Homosexualität ohne Schwierigkeit bestätigt. Der hier vorgeführte
Fall sprach mit aller Entschiedenheit dagegen. Das Mädchen
schien die Liebe zu einem Mann abzuwehren, indem sie den
Geliebten unmittelbar in den Verfolger verwandelte 5 vom Einfluß
des Weibes, von einem Sträuben gegen eine homosexuelle Bindung
war nichts zu finden.
>9"
292
Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
Bei dieser Sachlage war es wohl das Einfachste, die Partei-
nahme für eine allgemein gültige Abhängigkeit des Verfolgungs-
wahnes von der Homosexualität und alles, was sich weiter daran
knüpfte, wieder aufzugeben. Man mußte wohl auf diese Erkenntnis
verzichten, wenn man sich nicht etwa durch diese Abweichung
von der Erwartung bestimmen ließ, sich auf die Seite des
Rechtsfreundes zu schlagen und wie er ein richtig gedeutetes
Erlebnis anstatt einer paranoischen Kombination anzuerkennen.
Ich sah aber einen anderen Ausweg, welcher die Entscheidung
zunächst hinausschob. Ich erinnerte mich daran, wie oft man in
die Lage gekommen war, psychisch Kranke falsch zu beurteilen,
weil man sich nicht eindringlich genug mit ihnen beschäftigt
und so zu wenig von ihnen erfahren hatte. Ich erklärte also, es
sei mir unmöglich, heute ein Urteil zu äußern, und bitte sie
vielmehr, mich ein zweites Mal zu besuchen, um mir die
Geschichte ausführlicher und mit allen, diesmal vielleicht über-
gangenen, Nebenumständen zu erzählen. Durch die Vermittlung
des Advokaten erreichte ich dies Zugeständnis von der sonst
unwilligen Patientin; er kam mir auch durch die Erklärung zu
Hilfe, daß bei dieser zweiten Unterredung seine Anwesenheit
überflüssig sei.
Die zweite Erzählung der Patientin hob die frühere nicht auf,
brachte aber solche Ergänzungen, daß alle Zweifel und Schwierig-
keiten wegfielen. Vor allem, sie hatte den jungen Mann nicht
einmal, sondern zweimal in seiner Wohnung besucht. Beim
zweiten Zusammensein ereignete sich die Störung durch das
Geräusch, an welches sie ihren Verdacht angeknüpft hatte; den
ersten Besuch hatte sie bei der ersten Mitteilung unterschlagen,
ausgelassen, weil er ihr nicht mehr bedeutsam vorkam. Bei
diesem ersten Besuch hatte sich nichts Auffälliges zugetragen,
wohl aber am Tage nachher. Die Abteilung des großen Unter-
nehmens, bei welcher sie tätig war, stand unter der Leitung
einer alten Dame, die sie mit den Worten beschrieb: Sie hat
.
Mitteilung eines Falles von Paranoia 293
weiße Haare wie meine Mutter. Sie war es gewöhnt, von dieser
alten Vorgesetzten sehr zärtlich behandelt, auch wohl manchmal
geneckt zu werden, und hielt sich für ihren besonderen Liebling.
Am Tage nach ihrem ersten Besuch bei dem jungen Beamten
erschien dieser in den Geschäftsräumen, um der alten Dame
etwas dienstlich mitzuteilen, und während er leise mit dieser
sprach, entstand in ihr plötzlich die Gewißheit, er mache ihr
Mitteilung von dem gestrigen Abenteuer, ja, er unterhalte längst
ein Verhältnis mit ihr, von dem sie selbst nur bisher nichts
gemerkt habe. Die weißhaarige, mütterliche Alte wisse nun alles.
Im weiteren Verlaufe des Tages konnte sie aus dem Benehmen
und den Äußerungen der Alten diesen ihren Verdacht bekräftigen.
Sie ergriff die nächste Gelegenheit, den Geliebten wegen seines
Verrates zur Rede zu stellen. Der sträubte sich natürlich energisch
gegen das, was er eine unsinnige Zumutung hieß, und es gelang
ihm in der Tat, sie für diesmal von ihrem Wahn abzubringen,
so daß sie einige Zeit — ich glaube einige Wochen — später
vertrauensvoll genug war, den Besuch in seiner Wohnung zu
wiederholen. Das Weitere ist uns aus der ersten Erzählung der
Patientin bekannt.
Was wir neu erfahren haben, macht zunächst dem Zweifel
an der krankhaften Natur der Verdächtigung ein Ende. Unschwer
erkennt man, daß die weißhaarige Vorsteherin ein Mutterersatz
ist daß der geliebte Mann trotz seiner Jugend an die Stelle des
Vaters gerückt wird, und daß es die Macht des Mutterkomplexes
ist, welche die Kranke zwingt, ein Liebesverhältnis zwischen den
beiden ungleichen Partnern, aller Unwahrscheinlichkeit zum Trotze
anzunehmen. Damit verflüchtigt sich aber auch der anscheinende
Widerspruch gegen die von der psychoanalytischen Lehre genährte
Erwartung, eine überstarke homosexuelle Bindung werde sich
als die Bedingung zur Entwicklung eines Verfolgungswahnes
herausstellen. Der ursprüngliche Verfolger, die Instanz, deren
Einfluß man sich entziehen will, ist auch in diesem Falle nicht
294 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
der Mann, sondern das Weib. Die Vorsteherin weiß von den
Liebesbeziehungen des Mädchens, mißbilligt sie und gibt ihr
diese Verurteilung durch geheimnisvolle Andeutungen zu erkennen.
Die Bindung an das gleiche Geschlecht widersetzt sich den
Bemühungen, ein Mitglied des anderen Geschlechts zum Liebes-
objekt zu gewinnen. Die Liebe zur Mutter wird zur Wort-
führerin all der Strebungen, welche in der Rolle eines „Gewissens"
das Mädchen bei dem ersten Schritt auf dem neuen, in vielen
Hinsichten gefährlichen Weg zur normalen Sexualbefriedigung
zurückhalten wollen, und sie erreicht es auch, die Beziehung
zum Manne zu stören.
Wenn die Mutter die Sexualbetätigung der Tochter hemmt
oder aufhält, so erfüllt sie eine normale Funktion, welche durch
Kindheitsbeziehungen vorgezeichnet ist, starke, unbewußte Moti-
vierungen besitzt und die Sanktion der Gesellschaft gefunden hat.
Sache der Tochter ist es, sich von diesem Einfluß abzulösen und
sich auf Grund breiter, rationeller Motivierung für ein Maß von
Gestattung oder Versagung des Sexualgenusses zu entscheiden.
Verfällt sie bei dem Versuch dieser Befreiung in neurotische
Erkrankung, so liegt ein in der Regel überstarker, sicherlich aber
unbeherrschter Mutterkomplex vor, dessen Konflikt mit der neuen
libidinösen Strömung je nach der verwendbaren Disposition in
der Form dieser oder jener Neurose erledigt wird. In allen Fällen
werden die Erscheinungen der neurotischen Reaktion nicht
durch die gegenwärtige Beziehung zur aktuellen Mutter, sondern
durch die infantilen Beziehungen zum urzeitlichen Mutterbild
bestimmt werden.
Von unserer Patientin wissen wir, daß sie seit langen Jahren
vaterlos war, wir dürfen auch annehmen, daß sie nicht bis zum
Alter von dreißig Jahren frei vom Manne geblieben wäre, wenn
ihr nicht eine starke Gefühlsbindung an die Mutter eine Stütze
geboten hätte. Diese Stütze wird ihr zur lästigen Fessel, da ihre
Libido auf den Anruf einer eindringlichen Werbung zum Manne
Mitteilung eines Falles von Paranoia 295
zu streben beginnt. Sie sucht sie abzustreifen, sich ihrer homo-
sexuellen Bindung zu entledigen. Ihre Disposition — von der
hier nicht die Rede zu sein braucht — gestattet, daß dies in
der Form der paranoischen Wahnbildung vor sich gehe. Die
Mutter wird also zur feindseligen, mißgünstigen Beobachterin
und Verfolgerin. Sie könnte als solche überwunden werden, wenn
nicht der Mutterkomplex die Macht behielte, die in seiner
Absicht liegende Fernhaltung vom Manne durchzusetzen. Am
Ende dieser ersten Phase des Konflikts hat sie sich also der
Mutter entfremdet und dem Manne nicht angeschlossen. Beide
konspirieren ja gegen sie. Da gelingt es der kräftigen Bemühung
des Mannes, sie entscheidend an sich zu ziehen. Sie überwindet
den Einspruch der Mutter und ist bereit, dem Geliebten eine
neue Zusammenkunft zu gewähren. Die Mutter kommt in den
weiteren Geschehnissen nicht mehr vor; wir dürfen aber daran
festhalten, daß in dieser Phase der geliebte Mann nicht direkt
zum Verfolger geworden war, sondern auf dem Wege über die
Mutter und kraft seiner Beziehung zur Mutter, welcher in der
ersten Wahnbildung die Hauptrolle zugefallen war.
Man sollte nun glauben, der Widerstand sei endgültig über-
wunden und das bisher an die Mutter gebundene Mädchen habe
es erreicht, einen Mann zu lieben. Aber nach dem zweiten
Beisammensein erfolgt eine neue Wahnbildung, welche es durch
geschickte Benützung einiger Zufälligkeiten durchsetzt, diese Liebe
zu verderben, und somit die Absicht des Mutterkomplexes erfolg-
reich fortführt. Es erscheint uns noch immer befremdlich, daß
das Weib sich der Liebe zum Manne mit Hilfe eines paranoischen
Wahnes erwehren sollte. Ehe wir aber dieses Verhältnis näher
beleuchten, wollen wir den Zufälligkeiten einen Blick schenken,
auf welche sich die zweite Wahnbildung, die allein gegen den
Mann gerichtete, stützt.
Halb entkleidet auf dem Divan neben dem Geliebten liegend
hört sie ein Geräusch wie ein Ticken, Klopfen, Pochen, dessen
2g6 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
Ursache sie nicht kennt, das sie aber später deutet, nachdem sie
auf der Treppe des Hauses zwei Männern begegnet ist, von denen
einer etwas wie ein verdecktes Kästchen trägt. Sie gewinnt die
Überzeugung, daß sie im Auftrage des Geliebten während des
intimen Beisammenseins belauscht und photographiert wurde. Es
liegt uns natürlich fern zu denken, wenn dies unglückselige
Geräusch sich nicht ereignet hätte, wäre auch die Wahnbildung
nicht zustandegekommen. Wir erkennen vielmehr hinter dieser
Zufälligkeit etwas Notwendiges, was sich ebenso zwanghaft durch-
setzen mußte wie die Annahme eines Liebesverhältnisses zwischen
dem geliebten Manne und der alten, zum Mutterersatz erkorenen
Vorsteherin. Die Beobachtung des Liebesverkehres der Eltern ist
ein selten vermißtes Stück aus dem Schatze unbewußter Phantasien,
die man bei allen Neurotikern, wahrscheinlich bei allen Menschen-
kindern, durch die Analyse auffinden kann. Ich heiße diese
Phantasiebildungen, die der Beobachtung des elterlichen Geschlechts-
verkehres, die der Verführung, der Kastration und andere,
Urphantasien und werde an anderer Stelle deren Herkunft
sowie ihr Verhältnis zum individuellen Erleben eingehend unter-
suchen. Das zufällige Geräusch spielt also nur die Rolle einer
Provokation, welche die typische, im Elternkomplex enthaltene
Phantasie von der Belauschimg aktiviert. Ja, es ist fraglich, ob
wir es als ein „zufälliges" bezeichnen sollen. Wie O. Rank mir
bemerkt hat, ist es vielmehr ein notwendiges Requisit der
Belauschungsphantasie und wiederholt entweder das Geräusch,
durch welches sich der Verkehr der Eltern verrät, oder auch das,
wodurch sich das lauschende Kind zu verraten fürchtet. Nun
erkennen wir aber mit einem Male, auf welchem Boden wir
uns befinden. Der Geliebte ist noch immer der Vater, an Stelle
der Mutter ist sie selbst getreten. Die Belauschung muß dann
einer fremden Person zugeteilt werden. Es wird uns ersichtlich,
auf welche Weise sie sich von der homosexuellen Abhängigkeit
von der Mutter freigemacht hat. Durch ein Stückchen Regression 5
Mitteilung eines Falles von Paranoia 297
anstatt die Mutter zum Liebesobjekt zu nehmen, hat sie sich
mit ihr identifiziert, ist sie selbst zur Mutter geworden. Die
Möglichkeit dieser Regression weist auf den narzißtischen Ursprung
ihrer homosexuellen Objektwahl und somit auf die bei ihr
vorhandene Disposition zur paranoischen Erkrankung hin. Man
könnte einen Gedankengang entwerfen, der zu demselben Ergebnis
führt wie diese Identifizierung: Wenn die Mutter das tut, darf
ich es auch; ich habe dasselbe Recht wie die Mutter.
Man kann in der Aufhebung der Zufälligkeiten einen Schritt
weiter gehen, ohne zu fordern, daß ihn der Leser mitmache,
denn das Unterbleiben einer tieferen analytischen Untersuchung
macht es in unserem Falle unmöglich, hier über eine gewisse
Wahrscheinlichkeit hinauszukommen. Die Kranke hatte in unserer
ersten Besprechung angegeben, daß sie sich sofort nach der
Ursache des Geräusches erkundigt und die Auskunft erhalten habe,
wahrscheinlich habe die auf dem Schreibtisch befindliche kleine
Standuhr getickt. Ich nehme mir die Freiheit, diese Mitteilung
als eine Erinnerungstäuschung aufzulösen. Es ist mir viel glaub-
hafter daß sie zunächst jede Reaktion auf das Geräusch unter-
lassen und daß ihr dies erst nach dem Zusammentreffen mit den
beiden Männern auf der Treppe bedeutungsvoll erschienen ist.
Den Erklärungsversuch aus dem Ticken der Uhr wird der Mann,
der das Geräusch vielleicht überhaupt nicht gehört hatte, spater
einmal gewagt haben, als ihn der Argwohn des Mädchens
bestürmte. „Ich weiß nicht, was du da gehört haben kannst;
vielleicht hat gerade die Standuhr getickt, wie sie es manchmal
tut." Solche Nachträglichkeit in der Verwertung von Eindrücken
und solche Verschiebung in der Erinnerung sind gerade bei der
Paranoia häufig und für sie charakteristisch. Da ich aber den
Mann nie gesprochen habe und die Analyse des Mädchens nicht
fortsetzen konnte, bleibt meine Annahme unbeweisbar.
Ich könnte es wagen, in der Zersetzung der angeblich realen
„Zufälligkeit" noch weiter zu gehen. Ich glaube überhaupt nicht,
2 9& Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
daß die Standuhr getickt hat, oder daß ein Geräusch zu hören
war. Die Situation, in der sie sich befand, rechtfertigte eine
Empfindung von Pochen oder Klopfen an der Klitoris. Dies war
es dann, was sie nachträglich als Wahrnehmung von einem
äußeren Objekt hinausprojizierte. Ganz Ähnliches ist im Traume
möglich. Eine meiner hysterischen Patientinnen berichtete ein-
mal einen kurzen Wecktraum, zu dem sich kein Material von
Einfällen ergeben wollte. Der Traum hieß: Es klopft, und sie
wachte auf. Es hatte niemand an die Tür geklopft, aber sie war
in den Nächten vorher durch die peinlichen Sensationen von
Pollutionen geweckt worden und hatte nun ein Interesse daran,
zu erwachen, sobald sich die ersten Zeichen der Genitalerregung
einstellten. Es hatte an der Klitoris geklopft. Den nämlichen
Projektionsvorgang möchte ich bei unserer Paranoika an die
Stelle des zufälligen Geräusches setzen. Ich werde selbstverständlich
nicht dafür einstehen, daß mir die Kranke bei einer flüchtigen
Bekanntschaft unter allen Anzeichen eines ihr unliebsamen
Zwanges einen aufrichtigen Bericht über die Vorgänge bei den
beiden zärtlichen Zusammenkünften gegeben, aber die vereinzelte
Klitoriskontraktion stimmt wohl zu ihrer Behauptung, daß eine
Vereinigung der Genitalien dabei nicht stattgefunden habe. An
der resultierenden Ablehnung des Mannes hat sicherlich neben
dem „Gewissen" auch die Unbefriedigung ihren Anteil.
Wir kehren nun zu der auffälligen Tatsache zurück, daß sich
die Kranke der Liebe zum Manne mit Hilfe einer paranoischen
Wahnbildung erwehrt. Den Schlüssel zum Verständnis gibt die
Entwicklungsgeschichte dieses Wahnes. Dieser richtete sich
ursprünglich, wie wir erwarten durften, gegen das Weib, aber
nun wurde auf dem Boden der Paranoia der Fort-
schritt vom Weibe zum Manne als Objekt voll-
zogen. Ein solcher Fortschritt ist bei der Paranoia nicht
gewöhnlich; wir finden in der Regel, daß der Verfolgte an den-
selben Personen, also auch an demselben Geschlecht, fixiert bleibt,
Mitteilung eines Falles von Paranoia sgg
dem seine Liebeswahl vor der paranoischen Umwandlung galt.
Aber er wird durch die neurotische Affektion nicht ausgeschlossen $
unsere Beobachtung dürfte für viele andere vorbildlich sein. Es
gibt außerhalb der Paranoia viele ähnliche Vorgänge, welche
bisher nicht unter diesem Gesichtspunkte zusammengefaßt worden
sind, darunter sehr allgemein bekannte. So wird z. B. der soge-
nannte Neurastheniker durch seine unbewußte Bindung an
inzestuöse Liebesobjekte davon abgehalten, ein fremdes Weib
zum Objekt zu nehmen, und in seiner Sexualbetätigung auf die
Phantasie eingeschränkt. Auf dem Boden der Phantasie bringt er
aber den ihm versagten Fortschritt zustande und kann Mutter
und Schwester durch fremde Objekte ersetzen. Da bei diesen der
Einspruch der Zensur entfallt, wird ihm die Wahl dieser Ersatz-
personen in seinen Phantasien bewußt.
Die Phänomene des versuchten Fortschrittes, von dem neuen
meist regressiv erworbenen Boden her, stellen sich den Bemühungen
zur Seite, welche bei manchen Neurosen unternommen werden,
um eine 'bereits innegehabte, aber verlorene Position der Libido
wieder zu gewinnen. Die beiden Reihen von Erscheinungen sind
begrifflich kaum voneinander zu trennen. Wir neigen allzusehr
zu der Auffassung, daß der Konflikt, welcher der Neurose zu-
grunde liegt, mit der Symptombildung abgeschlossen sei. In
Wirklichkeit geht der Kampf vielfach auch nach der Symptom-
bildung weiter. Auf beiden Seiten tauchen neue Triebanteile auf,
welche ihn fortführen. Das Symptom selbst wird zum Objekt
dieses Kampfes; Strebungen, die es behaupten wollen, messen
sich mit anderen, die seine Aufhebung und die Herstellung des
früheren Zustandes durchzusetzen bemüht sind. Häufig werden
Wege gesucht, um das Symptom zu entwerten, indem man das
Verlorene und durch das Symptom Versagte von anderen Zugängen
her zu gewinnen trachtet. Diese Verhältnisse werfen ein klärendes
Licht auf eine Aufstellung von C. G. Jung, demzufolge eine
eigentümliche psychische Trägheit, die sich der Veränderung und
>oo Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
dem Fortschritt widersetzt, die Grundbedingung der Neurose ist.
Diese Trägheit ist in der Tat sehr eigentümlich; sie ist keine
allgemeine, sondern eine höchst spezialisierte, sie ist auch auf
ihrem Gebiete nicht Alleinherrscherin, sondern kämpft mit Fort-
schritts- und Wiederherstellungstendenzen, die sich selbst nach
der Symptombildung der Neurose nicht beruhigen. Spürt man
dem Ausgangspunkte dieser speziellen Trägheit nach, so enthüllt
sie sich als die Äußerung von sehr frühzeitig erfolgten, sehr
schwer lösbaren Verknüpfungen von Trieben mit Rindrücken und
den in ihnen gegebenen Objekten, durch welche die Weiter-
entwicklung dieser Triebanteile zum Stillstand gebracht wurde.
Oder, um es anders zu sagen, diese spezialisierte „psychische
Trägheit" ist nur ein anderer, kaum ein besserer, Ausdruck für
das, was wir in der Psychoanalyse eine Fixierung zu nennen
gewohnt sind.
DIE PSYCHOGENE SEHSTÖRUNG IN PSYCHO-
ANALYTISCHER AUFFASSUNG
Zuerst erschienen in der „Arztlichen Standes-
zeitung", Wim, Ipio (Festnwnmer für Professor
L. Königstein), dann in der Dritten Folge der
„Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre".
Meine Herren Kollegen! Ich möchte Ihnen an dem Beispiel
der psychogenen Sehstörung zeigen, welche Veränderungen unsere
Auffassung von der Genese solcher Leiden unter dem Einflüsse
der psychoanalytischen Untersuchungsmethode erfahren hat. Sie
wissen, man nimmt die hysterische Blindheit als den Typus einer
psychogenen Sehstörung an. Die Genese einer solchen glaubt
man nach den Untersuchungen der französischen Schule eines
Charcot, Jan et, Binet zu kennen. Man ist ja imstande, eine
solche Blindheit experimentell zu erzeugen, wenn man eine des
Somnambulismus fähige Person zur Verfügung hat. Versetzt man
diese in tiefe Hypnose und suggeriert ihr die Vorstellung, sie
sehe mit dem einen Auge nichts, so benimmt sie sich tatsächlich
wie eine auf diesem Auge Erblindete, wie eine Hysterika mit
spontan entwickelter Sehstörung. Man darf also den Mechanismus
der spontanen hysterischen Sehstörung nach dem Vorbild der
suggerierten hypnotischen konstruieren. Bei der Hysterika entsteht
die Vorstellung, blind zu sein, nicht aus der Eingebung des
Hypnotiseurs, sondern spontan, wie man sagt, durch Autosuggestion,
und diese Vorstellung ist in beiden Fällen so stark, daß sie sich
in Wirklichkeit umsetzt, ganz ähnlich wie eine suggerierte
Halluzination, Lähmung und dergleichen.
5 02 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
Das klingt ja vollkommen verläßlich und muß jeden befriedigen,
der sich über die vielen, hinter den Begriffen Hypnose, Suggestion
und Autosuggestion versteckten Rätselhaftigkeiten hinwegsetzen
kann. Insbesondere die Autosuggestion gibt Anlaß zu weiteren
Fragen. Wann, unter welchen Bedingungen wird eine Vorstellung
so stark, daß sie sich wie eine Suggestion benehmen und ohne
weiteres in Wirklichkeit umsetzen kann? Eingehendere Unter-
suchungen haben da gelehrt, daß man diese Frage nicht beant-
worten kann, ohne den Begriff des „Unbewußten" zu Hilfe zu
nehmen. Viele Philosophen sträuben sich gegen die Annahme
eines solchen seelischen Unbewußten, weil sie sich um die
Phänomene nicht gekümmert haben, die zu seiner Aufstellung
nötigen. Den Psychopathologen ist es unvermeidlich geworden,
mit unbewußten seelischen Vorgängen, unbewußten Vorstellungen
und dergleichen zu arbeiten.
Sinnreiche Versuche haben gezeigt, daß die hysterisch Blinden
doch in gewissem Sinne sehen, wenn auch nicht im vollen Sinne.
Die Erregungen des blinden Auges können doch gewisse psychische
Folgen haben, z. B. Affekte hervorrufen, obgleich sie nicht bewußt
werden. Die hysterisch Blinden sind also nur fürs Bewußtsein
blind, im Unbewußten sind sie sehend. Es sind gerade Erfahrungen
dieser Art, die uns zur Sonderung von bewußten und unbewußten
seelischen Vorgängen nötigen. Wie kommt es, daß sie die unbe-
wußte „Autosuggestion", blind zu sein, entwickeln, während sie
doch im Unbewußten sehen?
Auf diese weitere Frage antwortet die Forschung der Franzosen
mit der Erklärung, daß bei den zur Hysterie disponierten Kranken
von vornherein eine Neigung zur Dissoziation — zur Auflösung
des Zusammenhanges im seelischen Geschehen — bestehe, in
deren Folge manche unbewußte Vorgänge sich nicht zum
Bewußten fortsetzen. Lassen wir nun den Wert dieses Erklärungs-
versuches für das Verständnis der behandelten Erscheinungen ganz
außer Betracht und wenden wir uns einem anderen Gesichts-
Die psychogene Sehstörung in psychoanalytischer Auffassung 303
punkte zu. Sie sehen doch ein, meine Herren, daß die anfänglich
betonte Identität der hysterischen Blindheit mit der durch
Suggestion hervorgerufenen wieder aufgegeben ist. Die Hysterischen
sind nicht infolge der autosuggestiven Vorstellung, daß sie nicht
sehen, blind, sondern infolge der Dissoziation zwischen unbewußten
und bewußten Prozessen im Sehakt; ihre Vorstellung, nicht zu
sehen, ist der berechtigte Ausdruck des psychischen Sachverhalts
und nicht die Ursache desselben.
Meine Herren ! Wenn Sie der vorstehenden Darstellung Unklarheit
zum Vorwurf machen, so wird es mir nicht leicht werden, sie
zu verteidigen. Ich habe versucht, Ihnen eine Synthese aus den
Ansichten verschiedener Forscher zu geben und dabei wahrschein-
lich die Zusammenhänge zu straff angezogen. Ich wollte die
Begriffe, denen man das Verständnis der psychogenen Störungen
unterworfen hat: die Entstehung aus übermächtigen Ideen, die
Unterscheidung bewußter von unbewußten seelischen Vorgängen
und die Annahme der seelischen Dissoziation, zu einer einheit-
lichen Komposition verdichten, und dies konnte mir ebensowenig
gelingen, wie es den französischen Autoren, an ihrer Spitze
P. J a n e t, gelungen ist. Verzeihen Sie mir also nebst der Unklarheit
auch die Untreue meiner Darstellung und lassen Sie sich erzählen,
wie uns die Psychoanalyse zu einer in sich besser gefestigten
und wahrscheinlich lebenswahreren Auffassung der psychogenen
Sehstörungen geführt hat.
Die Psychoanalyse akzeptiert ebenfalls die Annahmen der Dis-
soziation und des Unbewußten, setzt sie aber in eine andere
Beziehung zueinander. Sie ist eine dynamische Auffassung, die
das seelische Leben auf ein Spiel von einander fördernden und
hemmenden Kräften zurückführt. Wenn in einem Falle eine
Gruppe von Vorstellungen im Unbewußten verbleibt, so schließt
sie nicht auf eine konstitutionelle Unfähigkeit zur Synthese, die
sich gerade in dieser Dissoziation kundgibt, sondern behauptet,
daß ein aktives Sträuben anderer Vorstellungsgruppen die Iso-
304 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
lierung und Unbewußtheit der einen Gruppe verursacht hat.
Den Prozeß, der ein solches Schicksal für die eine Gruppe her-
beiführt, heißt sie „Verdrängung" und erkennt in ihm etwas
Analoges, wie es auf logischem Gebiete die Urteilsverwerfung
ist. Sie weist nach, daß solche Verdrängungen eine außerordent-
lich wichtige Rolle in unserem Seelenleben spielen, daß sie
dem Individuum auch häufig mißlingen können, und daß das
Mißlingen der Verdrängung die Vorbedingung der Symptom-
bildung ist.
Wenn also die psychogene Sehstörung, wie wir gelernt haben,
darauf beruht, daß gewisse, an das Sehen geknüpfte Vorstellungen
vom Bewußtsein abgetrennt bleiben, so muß die psychoanalytische
Denkweise annehmen, diese Vorstellungen seien in einen Gegen-
satz zu anderen, stärkeren getreten, für die wir den jeweilig
anders zusammengesetzten Sammelbegriff des „Ichs" verwenden,
und seien darum in die Verdrängung geraten. Woher soll aber
ein solcher, zur Verdrängung auffordernder Gegensatz zwischen
dem Ich und einzelnen Vorstellungsgruppen rühren? Sie merken
wohl, daß diese Fragestellung vor der Psychoanalyse nicht möglich
war, denn vorher wußte man nichts vom psychischen Konflikt
und von der Verdrängung. Unsere Untersuchungen haben uns
nun in den Stand gesetzt, die verlangte Antwort zu geben. Wir
sind auf die Bedeutung der Triebe für das Vorstellungsleben auf-
merksam geworden; wir haben erfahren, daß sich jeder Trieb
durch die Belebung der zu seinen Zielen passenden Vorstellungen
zur Geltung zu bringen sucht. Diese Triebe vertragen sich nicht
immer miteinander $ sie geraten häufig in einen Konflikt der
Interessen; die Gegensätze der Vorstellungen sind nur der Aus-
druck der Kämpfe zwischen den einzelnen Trieben. Von ganz
besonderer Bedeutung für unseren Erklärungsversuch ist der
unleugbare Gegensatz zwischen den Trieben, welche der Sexualität,
der Gewinnung sexueller Lust, dienen, und den anderen, welche
die Selbsterhaltung des Individuums zum Ziele haben, den Ich-
Die psychogene Sehstörung in psychoanalytischer Auffassung 305
trieben. Als „Hunger" oder als „Liebe" können wir nach den
Worten des Dichters alle in unserer Seele wirkenden organischen
Triebe klassifizieren. Wir haben den „Sexualtrieb" von seinen
ersten Äußerungen beim Kinde bis zur Erreichung der als „normal"
bezeichneten Endgestaltung verfolgt und gefunden, daß er aus
zahlreichen „Partialtrieben" zusammengesetzt ist, die an den
Erregungen von Körperregionen haften; wir haben eingesehen,
daß diese Einzeltriebe eine komplizierte Entwicklung durchmachen
müssen, ehe sie sich in zweckmäßiger Weise den Zielen der
Fortpflanzung einordnen können. Die psychologische Beleuchtung
unserer Kulturentwicklung hat uns gelehrt, daß die Kultur
wesentlich auf Kosten der sexuellen Partialtriebe entsteht, daß
diese unterdrückt, eingeschränkt, umgebildet, auf höhere Ziele
gelenkt werden müssen, um die kulturellen seelischen Konstruktionen
herzustellen. Als wertvolles Ergebnis dieser Untersuchungen konnten
wir erkennen, was uns die Kollegen noch nicht glauben wollen,
daß die als „Neurosen" bezeichneten Leiden der Menschen auf
die mannigfachen Weisen des Mißglückens dieser Umbildungs-
vorgänge an den sexuellen Partialtrieben zurückzuführen sind.
Das „Ich" fühlt sich durch die Ansprüche der sexuellen Triebe
bedroht und erwehrt sich ihrer durch Verdrängungen, die aber
nicht immer den erwünschten Erfolg haben, sondern bedrohliche
Ersatzbildungen des Verdrängten und lästige Reaktionsbildungen
des Ichs zur Folge haben. Aus diesen beiden Klassen von
Phänomenen setzt sich zusammen, was wir die Symptome der
Neurosen heißen.
Wir sind von unserer Aufgabe anscheinend weit abgeschweift,
haben aber dabei die Verknüpfung der neurotischen Krankheits-
zustände mit unserem gesamten Geistesleben gestreift. Gehen wir
jetzt zu unserem engeren Problem zurück. Den sexuellen wie den
Ichtrieben stehen im allgemeinen die nämlichen Organe und
Organsysteme zur Verfügung. Die sexuelle Lust ist nicht bloß an
die Funktion der Genitalien geknüpft; der Mund dient dem
F r e u d. V. M
506 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
Küssen ebensowohl wie dem Essen und der sprachlichen Mit-
teilung, die Augen nehmen nicht nur die für die Lebenserhaltung
wichtigen Veränderungen der Außenwelt wahr, sondern auch die
Eigenschaften der Objekte, durch welche diese zu Objekten der
Liebeswahl erhoben werden, ihre „Reize". Es bewahrheitet sich
nun, daß es für niemand leicht wird, zweien Herren zugleich zu
dienen. In je innigere Beziehung ein Organ mit solch doppel-
seitiger Funktion zu dem einen der großen Triebe tritt, desto
mehr verweigert es sich dem anderen. Dies Prinzip muß zu
pathologischen Konsequenzen führen, wenn sich die beiden Grund-
triebe entzweit haben, wenn von Seiten des Ichs eine Verdrängung
gegen den betreffenden sexuellen Partialtrieb unterhalten wird.
Die Anwendung auf das Auge und das Sehen ergibt sich leicht.
Wenn der sexuelle Partialtrieb, der sich des Schauens bedient,
die sexuelle Schaulust, wegen seiner übergroßen Ansprüche die
Gegenwehr der Ichtriebe auf sich gezogen hat, so daß die Vor-
stellungen, in denen sich sein Streben ausdrückt, der Verdrängung
verfallen und vom Bewußtwerden abgehalten werden, so ist damit
die Beziehung des Auges und des Sehens zum Ich und zum
Bewußtsein überhaupt gestört. Das Ich hat seine Herrschaft über
das Organ verloren, welches sich nun ganz dem verdrängten
sexuellen Trieb zur Verfügung stellt. Es macht den Eindruck,
als ginge die Verdrängung von seiten des Ichs zu weit, als
schüttete sie das Kind mit dem Bade aus, indem das Ich jetzt
überhaupt nichts mehr sehen will, seitdem sich die sexuellen
Interessen im Sehen so sehr vorgedrängt haben. Zutreffender
ist aber wohl die andere Darstellung, welche die Aktivität nach
der Seite der verdrängten Schaulust verlegt. Es ist die Rache,
die Entschädigung des verdrängten Triebes, daß er, von weiterer
psychischer Entfaltung abgehalten, seine Herrschaft über das ihm
dienende Organ nun zu steigern vermag. Der Verlust der bewußten
Herrschaft über das Organ ist die schädliche Ersatzbildung für die
mißglückte Verdrängung, die nur um diesen Preis ermöglicht war.
Die psychogene Sehstörung in psychoanalytischer Auffassung 507
Deutlicher noch als am Auge ist diese Beziehung des zwei-
fach in Anspruch genommenen Organs zum bewußten Ich und
zur verdrängten Sexualität an den motorischen Organen ersichtlich,
wenn z. B. die Hand hysterisch gelähmt wird, die eine sexuelle
Aggression ausführen wollte, und nach deren Hemmung nichts
anderes mehr tun kann, gleichsam als bestünde sie eigensinnig
auf der Ausführung der einen verdrängten Innervation, oder
wenn die Finger von Personen, welche der Masturbation entsagt
haben, sich weigern, das feine Bewegungsspiel, welches am Klavier
oder an der Violine erfordert wird, zu erlernen. Für das Auge
pflegen wir die dunkeln psychischen Vorgänge bei der Verdrängung
der sexuellen Schaulust und bei der Entstehung der psychogenen
Sehstörung so zu übersetzen, als erhöbe sich in dem Individuum
eine strafende Stimme, welche sagte: „Weil du dein Sehorgan
zu böser Sinneslust mißbrauchen wolltest, geschieht es dir ganz
recht, wenn du überhaupt nichts mehr siehst", und die so den
Ausgang des Prozesses billigte. Es liegt dann die Idee der Talion
darin, und unsere Erklärung der psychogenen Sehstörung ist
eigentlich mit jener zusammengefallen, die von der Sage, dem
Mythus, der Legende dargeboten wird. In der schönen Sage von
der Lady Godiva verbergen sich alle Einwohner des Städtchens
hinter ihren verschlossenen Fenstern, um der Dame die Aufgabe,
bei hellem Tageslichte nackt durch die Straßen zu reiten, zu
erleichtern. Der einzige, der durch die Fensterläden nach der
entblößten Schönheit späht, wird gestraft, indem er erblindet. Es
ist dies übrigens nicht das einzige Beispiel, welches uns ahnen
läßt, daß die Neurotik auch den Schlüssel zur Mythologie in
sich birgt.
Meine Herren, man macht der Psychoanalyse mit Unrecht
den Vorwurf, daß sie zu rein psychologischen Theorien der
krankhaften Vorgänge führe. Schon die Betonung der pathogenen
Rolle der Sexualität, die doch gewiß kein ausschließlich psychischer
Faktor ist, sollte sie gegen diesen Vorwurf schützen. Die Psycho-
20»
508 .arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
analyse vergißt niemals, daß das Seelische auf dem Organischen
ruht, wenngleich ihre Arbeit es nur bis zu dieser Grundlage und
nicht darüber hinaus verfolgen kann. So ist die Psychoanalyse
auch bereit zuzugeben, ja zu postulieren, daß nicht alle funktionellen
Sehstörungen psychogen sein können wie die durch Verdrängung
der erotischen Schaulust hervorgerufenen. Wenn ein Organ,
welches beiderlei Trieben dient, seine erogene Rolle steigert, so
ist ganz allgemein zu erwarten, daß dies nicht ohne Veränderungen
der Erregbarkeit und der Innervation abgehen wird, die sich bei
der Funktion des Organs im Dienste des Ichs als Störungen kund-
geben werden. Ja, wenn wir sehen, daß ein Organ, welches
sonst der Sinneswahrnehmung dient, sich bei Erhöhung seiner
erogenen Rolle geradezu wie ein Genitale gebärdet, werden wir
auch toxische Veränderungen in demselben nicht für unwahr-
scheinlich halten. Für beide Arten von Funktionsstörungen infolge
der gesteigerten erogenen Bedeutung, die physiologischen wie
die toxischen Ursprunges, wird man, in Ermangelung eines
besseren, den alten, unpassenden Namen „neurotische" Störungen
beibehalten müssen. Die neurotischen Störungen des Sehens
verhalten sich zu den psychogenen wie ganz allgemein die
Aktualneurosen zu den Psychoneurosen; psychogene Sehstörungen
werden wohl kaum jemals ohne neurotische vorkommen können,
wohl aber letztere ohne jene. Leider sind diese „neurotischen"
Symptome heute noch sehr wenig gewürdigt und verstanden,
denn der Psychoanalyse sind sie nicht unmittelbar zugänglich
und die anderen Untersuchungsweisen haben den Gesichtspunkt
der Sexualität außer acht gelassen.
Von der Psychoanalyse zweigt noch ein anderer, in die
organische Forschung reichender Gedankengang ab. Man kann
sich die Frage vorlegen, ob die durch die Lebenseinflüsse erzeugte
Unterdrückung sexueller Partialtriebe für sich allein hinreicht,
die Funktionsstörungen der Organe hervorzurufen, oder ob nicht
besondere konstitutionelle Verhältnisse vorliegen müssen, welche
Die psychogene Sehstörung in psychoanalytischer Auffassung 309
_
erst die Organe zur Übertreibung ihrer erogenen Rolle veran-
lassen und dadurch die Verdrängung der Triebe provozieren. In
diesen Verhältnissen müßte man den konstitutionellen Anteil der
Disposition zur Erkrankung an psychogenen und neurotischen
Störungen erblicken. Es ist dies jenes Moment, welches ich bei
der Hysterie vorläufig als „somatisch es Ent gegenkommen" der
Organe bezeichnet habe.
EINE BEZIEHUNG ZWISCHEN EINEM SYMBOL
UND EINEM SYMPTOM
Erschien zuerst in der „Internal. Zcitschr. für
ärztl. Psychoanalyse 11 , IV, T$l6, dann in der
Vierten Folge der ^Sammlung kleiner Schriften zur
Neurosen leh re u .
Der Hut als Symbol des Genitales, vorwiegend des männlichen,
ist durch die Erfahrung der Traumanalysen hinreichend sicher-
gestellt. Man kann aber nicht behaupten, daß dieses Symbol zu
den begreiflichen gehört. In Phantasien wie in mannigfachen
Symptomen erscheint auch der Kopf als Symbol des männlichen
Genitales, oder wenn man will, als Vertretung desselben. Mancher
Analytiker wird bemerkt haben, daß seine zwangsleidenden
Patienten ein Maß von Abscheu und Entrüstung gegen die Strafe
des Köpfens äußern wie weitaus gegen keine andere Todesart,
und wird sich veranlaßt gesehen haben, ihnen zu erklären, daß
sie das Geköpftwerden wie einen Ersatz des Kastriertwerdens
behandeln. Wiederholt sind Träume jugendlicher Personen oder
aus jungen Jahren analysiert und auch mitgeteilt worden, die
das Thema der Kastration betrafen, und in denen von einer
Kugel die Rede war, welche man als den Kopf des Vaters deuten
mußte. Ich habe kürzlich ein Zeremoniell vor dem Einschlafen
auflösen können, in dem es vorgeschrieben war, daß das kleine
Kopfpolster rautenförmig auf den anderen Polstern liegen und
der Kopf der Schlafenden genau im langen Durchmesser der
Raute ruhen sollte. Die Raute hatte die bekannte, aus Mauer-
I
1
Eine Beziehung zwischen einem Symbol und einem Symptom 511
Zeichnungen vertraute Bedeutung, der Kopf sollte ein männliches
Glied darstellen.
Es könnte nun sein, daß die Symbolbedeutung des Hutes sich
aus der des Kopfes ableitet, insofern der Hut als ein fortgesetzter,
aber abnehmbarer Kopf betrachtet werden kann. In diesem
Zusammenhange erinnerte ich mich eines Symptoms der Zwangs-
neurotiker, aus dem sich diese Kranken eine hartnäckige Quälerei
zu bereiten wissen. Sie lauern auf der Straße unausgesetzt
darauf, ob sie ein Bekannter zuerst durch Hutabnehmen gegrüßt
hat, oder ob er auf ihren Gruß zu warten scheint, und verzichten
auf eine Anzahl von Beziehungen, indem sie die Entdeckung
machen, daß der Betreffende sie nicht mehr grüßt oder ihren
Gruß nicht ordentlich erwidert. Sie finden solcher Grußschwierig-
keiten, die sie nach Stimmung und Belieben aufgreifen, kein
Ende. ' Es ändert an diesem Verhalten auch nichts, wenn man
ihnen vorhält, was sie ohnedies alle wissen, daß der Gruß durch
Hutabnehmen eine Erniedrigung vor dem Begrüßten bedeutet,
daß z- B. ein Grande von Spanien das Vorrecht genoß, in Gegen-
wart des Königs bedeckten Hauptes zu bleiben, und daß ihre
Grußempfindlichkeit also den Sinn hat, sich nicht geringer dar-
zustellen, als der andere sich dünkt. Die Resistenz ihrer Empfind-
lichkeit gegen solche Aufklärung läßt die Vermutung zu, daß
m an die Wirkung eines dem Bewußtsein weniger gut bekannten
Motivs vor sich hat, und die Quelle dieser Verstärkung
könnte leicht in der Beziehung zum Kastrationskomplex gefunden
werden.
ÜBER DIE PSYCHOGENESE EINES FALLES
VON WEIBLICHER HOMOSEXUALITÄT
Erschien zuerst in der „Internationalen Zeitschrift
für Psychoanalyse«, VI, 1920, dann in der Fünften
Folge der „Sammlung kleiner Schriften zur Neurosen-
lehre".
Die weibliche Homosexualität, gewiß nicht weniger häufig als
die männliche, aber doch weit weniger lärmend als diese, ist
nicht nur vom Strafgesetz übergangen, sondern auch von der
psychoanalytischen Forschung vernachlässigt worden. Die Mit-
teilung eines einzelnen, nicht allzu grellen Falles, in dem es möglich
wurde, dessen psychische Entstehungsgeschichte fast lückenlos
und mit voller Sicherheit zu erkennen, mag daher einen gewissen
Anspruch auf Beachtung erheben. Wenn die Darstellung nur die
allgemeinsten Umrisse der Geschehnisse und die aus dem Falle
gewonnenen Einsichten bringt und alle charakteristischen Einzel-
heiten unterschlägt, auf denen die Deutung ruht, so ist diese
Einschränkung durch die von einem frischen Fall geforderte
ärztliche Diskretion leicht erklärlich.
Ein achtzehnjähriges, schönes und kluges Mädchen aus sozial
hochstehender Familie hat das Mißfallen und die Sorge seiner
Eltern durch die Zärtlichkeit erweckt, mit der sie eine etwa zehn
Jahre ältere Dame „aus der Gesellschaft" verfolgt. Die Eltern
behaupten, daß diese Dame trotz ihres vornehmen Namens nichts
anderes sei als eine Kokotte. Es sei von ihr bekannt, daß sie bei
Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität 515
einer verheirateten Freundin lebt, mit der sie intime Beziehungen
unterhält, während sie gleichzeitig in lockeren Liebesverhältnissen
zu einer Anzahl von Männern steht. Das Mädchen bestreitet
diese üble Nachrede nicht, läßt sich aber durch sie in der
Verehrung der Dame nicht beirren, obwohl es ihr an Sinn für
das Schickliche und Reinliche keineswegs gebricht. Kein Verbot
und keine Überwachung hält sie ab, jede der spärlichen Gelegen-
heiten zum Beisammensein mit der Geliebten auszunützen, alle
ihre Lebensgewohnheiten auszukundschaften, stundenlang vor
ihrem Haustor oder an Trambahnhaltestellen auf sie zu warten,
ihr Blumen zu schicken u. dgl. Es ist offenkundig, daß dies eine
Interesse bei dem Mädchen alle anderen verschlungen hat. Sie
kümmert sich nicht um ihre weitere Ausbildung, legt keinen
Wert auf gesellschaftlichen Verkehr und mädchenhafte Vergnügungen
und hält nur den Umgang mit einigen Freundinnen aufrecht,
die ihr als Vertraute oder als Helferinnen dienen können. Wie
weit es zwischen ihrer Tochter und jener zweifelhaften Dame
gekommen ist, ob die Grenzen einer zärtlichen Schwärmerei
bereits überschritten worden sind, wissen die Eltern nicht. Ein
Interesse für junge Männer und Wohlgefallen an deren Huldigungen
haben sie an dem Mädchen nie bemerkt; dagegen sind sie sich
klar darüber, daß diese gegenwärtige Neigung für eine Frau nur
in erhöhtem Maße fortsetzt, was sich in den letzten Jahren für
andere weibliche Personen angezeigt und den Argwohn sowie die
Strenge des Vaters wachgerufen hatte.
Zwei Stücke ihres Benehmens, scheinbar einander gegensätzlich,
wurden dem Mädchen von den Eltern am stärksten verübelt.
Daß sie keine Bedenken trug, sich öffentlich in belebten Straßen
mit der anrüchigen Geliebten zu zeigen und also die Rücksicht
auf ihren eigenen Ruf vernachlässigte, und daß sie kein Mittel
der Täuschung, keine Ausrede und keine Lüge verschmähte, um
die Zusammenkünfte mit ihr zu ermöglichen und zu decken.
Also zuviel Offenheit in dem einen, vollste Verstellung im anderen
314 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosen/ehre
Falle. Eines Tages traf es sich, was ja unter diesen Umständen
einmal geschehen mußte, daß der Vater seine Tochter in Begleitung
jener ihm bekanntgewordenen Dame auf der Straße begegnete.
Er ging mit einem zornigen Blick, der nichts Gutes ankündigte,
an den beiden vorüber. Unmittelbar darauf riß sich das Mädchen
los und stürzte sich über die Mauer in den dort nahen Ein-
schnitt der Stadtbahn. Sie büßte diesen unzweifelhaft ernst
gemeinten Selbstmordversuch mit einem langen Krankenlager,
aber zum Glück mit nur geringer dauernder Schädigung. Nach
ihrer Herstellung fand sie die Situation für ihre Wünsche günstiger
als zuvor. Die Eltern wagten es nicht mehr ihr ebenso entschieden
entgegenzutreten, und die Dame, die sich bis dahin gegen ihre
Werbung spröde ablehnend verhalten hatte, war durch einen so
unzweideutigen Beweis ernster Leidenschaft gerührt und begann
sie freundlicher zu behandeln.
Etwa ein halbes Jahr nach diesem Unfall wendeten sich die
Eltern an den Arzt und stellten ihm die Aufgabe, ihre Tochter
zur Norm zurückzubringen. Der Selbstmordversuch des Mädchens
hatte ihnen wohl gezeigt, daß die Machtmittel der häuslichen
Disziplin nicht imstande waren, die vorliegende Störung zu
bewältigen. Es ist aber gut, hier die Stellung des Vaters und
die der Mutter gesondert zu behandeln. Der Vater war ein
ernsthafter, respektabler Mann, im Grunde sehr zärtlich, durch
seine angenommene Strenge den Kindern etwas entfremdet. Sein
Benehmen gegen die einzige Tochter wurde allzusehr durch
Rücksichten auf seine Frau, ihre Mutter, bestimmt. Als er zuerst
von den homosexuellen Neigungen der Tochter Kenntnis bekam,
wallte er zornig auf und wollte sie durch Drohungen unterdrücken;
er mag damals zwischen verschiedenen, gleich peinlichen Auf-
fassungen geschwankt haben, ob er ein lasterhaftes, ein entartetes
oder ein geisteskrankes Wesen in ihr sehen sollte. Auch nach
dem Unfall brachte er es nicht zur Höhe jener überlegenen
Resignation, welcher einer unserer ärztlichen Kollegen bei einer
Über die Psychogene.se eines Falles von weiblicher Homosexualität 315
irgendwie ähnlichen Entgleisung in seiner Familie durch die
Rede Ausdruck gab: „Es ist eben ein Malheur wie ein anderes!"
Die Homosexualität seiner Tochter hatte etwas, was seine vollste
Erbitterung weckte. Er war entschlossen, sie mit allen Mitteln
zu bekämpfen; die in Wien so allgemein verbreitete Gering-
schätzung der Psychoanalyse hielt ihn nicht ab, sich an sie um
Hilfe zu wenden. Wenn dieser Weg versagte, hatte er noch
immer das stärkste Gegenmittel im Rückhalt; eine rasche Ver-
heiratung sollte die natürlichen Instinkte des Mädchens wach-
rufen und dessen unnatürliche Neigungen ersticken.
Die Einstellung der Mutter des Mädchens war nicht so leicht
zu durchschauen. Sie war eine noch jugendliche Frau, die dem
Anspruch, selbst durch Schönheit zu gefallen, offenbar nicht ent-
sagen wollte. Es war nur klar, daß sie die Schwärmerei ihrer
Tochter nicht so tragisch nahm und sich keineswegs so sehr
darüber entrüstete wie der Vater. Sie hatte sogar durch längere
Zeit das Vertrauen des Mädchens in betreff ihrer Verliebtheit in
jene Dame genossen; ihre Parteinahme dagegen schien wesent-
lich durch die schädliche Offenheit bestimmt, mit der die Tochter
ihre Gefühle vor aller Welt kundgab. Sie war selbst durch mehrere
Jahre neurotisch gewesen, erfreute sich großer Schonung von
seiten ihres Mannes, behandelte ihre Kinder recht ungleichmäßig,
war eigentlich hart gegen die Tochter und überzärtlich mit ihren
drei Knaben, von denen der jüngste ein Spätling war, gegenwärtig
noch nicht drei Jahre alt. Bestimmteres über ihren Charakter zu
erfahren, war nicht leicht, denn infolge von Motiven, die erst
später verstanden werden können, hielten die Angaben der
Patientin über ihre Mutter stets eine Reserve ein, von der im
Falle des Vaters keine Rede war.
Der Arzt, der die analytische Behandlung des Mädchens über-
nehmen sollte, hatte mehrere Gründe, sich unbehaglich zu fühlen.
Er fand nicht die Situation vor, welche die Analyse anfordert,
und in der sie allein ihre Wirksamkeit erproben kann. Diese
3*6 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenle/ire
Situation sieht in ihrer idealen Ausprägung bekanntlich so aus,
daß jemand, der sonst sein eigener Herr ist, an einem inneren
Konflikt leidet, den er allein nicht zu Ende bringen kann, daß
er dann zum Analytiker kommt, es ihm klagt und ihn um seine
Hilfeleistung bittet. Der Arzt arbeitet dann Hand in Hand mit
dem einen Anteil der krankhaft entzweiten Persönlichkeit gegen
den anderen Partner des Konflikts. Andere Situationen als diese
sind für die Analyse mehr oder minder ungünstig, fügen zu den
inneren Schwierigkeiten des Falles neue hinzu. Situationen wie
die des Bauherrn, der beim Architekten eine Villa nach seinem
Geschmack und Bedürfnis bestellt, oder des frommen Stifters, der
sich vom Künstler ein Heiligenbild malen läßt, in dessen Ecke
•dann sein eigenes Porträt als Anbetender Platz findet, sind mit
den Bedingungen der Psychoanalyse im Grunde nicht vereinbar.
Es kommt zwar alle Tage vor, daß sich ein Ehemann an den
Arzt mit der Information wendet: Meine Frau ist nervös, sie
verträgt sich darum schlecht mit mir; machen Sie sie gesund,
so daß wir wieder eine glückliche Ehe führen können. Aber es
stellt sich oft genug heraus, daß ein solcher Auftrag unausführbar
ist, das heißt, daß der Arzt nicht das Ergebnis herstellen kann,
wegen dessen der Mann die Behandlung wünschte. Sowie die
Frau von ihren neurotischen Hemmungen befreit ist, setzt sie
die Trennung der Ehe durch, deren Erhaltung nur unter der
Voraussetzung ihrer Neurose möglich war. Oder Eltern verlangen,
daß man ihr Kind gesund mache, welches nervös und unfügsam
ist. Sie verstehen unter einem gesunden Kind ein solches, das den
Eltern keine Schwierigkeiten bereitet, an dem sie ihre Freude
haben können. Die Herstellung des Kindes mag dem Arzt gelingen,
aber es geht nach der Genesung um so entschiedener seine eigenen
Wege, und die Eltern sind jetzt weit mehr unzufrieden als vor-
her. Kurz, es ist nicht gleichgültig, ob ein Mensch aus eigenem
Streben in die Analyse kommt, oder darum, weil andere ihn
dahin bringen, ob er selbst seine Veränderung wünscht oder nur
Über die Psychogene.se eines Falles von weiblicher Homosexualität 517
seine Angehörigen, die ihn lieben, oder von denen man solche
Liebe erwarten sollte.
Als weitere ungünstige Momente waren die Tatsachen zu
bewerten, daß das Mädchen ja keine Kranke war — sie litt
nicht aus inneren Gründen, beklagte sich nicht über ihren
Zustand — und daß die gestellte Aufgabe nicht darin bestand,
einen neurotischen Konflikt zu lösen, sondern die eine Variante
der genitalen Sexualorganisation in die andere überzuführen.
Diese Leistung, die Beseitigung der genitalen Inversion oder
Homosexualität, ist meiner Erfahrung niemals leicht erschienen.
Ich habe vielmehr gefunden, daß sie nur unter besonders günstigen
Umständen gelingt, und auch dann bestand der Erfolg wesentlich
darin, daß man der homosexuell eingeengten Person den bis
dahin versperrten Weg zum anderen Geschlechte freimachen
konnte, also ihre volle bisexuelle Funktion wiederherstellte. Es
lao- dann in ihrem Belieben, ob sie den anderen, von der Gesell-
schaft geächteten Weg veröden lassen wollte, und in einzelnen
Fällen hat sie es auch so getan. Man muß sich sagen, daß auch
die normale Sexualität auf einer Einschränkung der Objektwahl
beruht, und im allgemeinen ist das Unternehmen, einen voll-
entwickelten Homosexuellen in einen Heterosexuellen zu ver-
wandeln, nicht viel aussichtsreicher als das umgekehrte, nur daß
man dies letztere aus guten praktischen Gründen niemals versucht.
Die Erfolge der psychoanalytischen Therapie in der Behandlung
der allerdings sehr vielgestaltigen Homosexualität sind der Zahl
nach wirklich nicht bedeutsam. In der Regel vermag der Homo-
sexuelle sein Lustobjekt nicht aufzugeben 5 es gelingt nicht,,
ihn zu überzeugen, daß er die Lust, auf die er hier verzichtet,
im Falle der Umwandlung am anderen Objekt wiederfinden
würde. Wenn er sich überhaupt in Behandlung begibt, so haben
ihn zumeist äußere Motive dazu gedrängt, die sozialen Nachteile
und Gefahren seiner Objektwahl, und solche Komponenten des
Selbsterhaltungstriebes erweisen sich als zu schwach im Kampfe
31 8 Arbeiten zum Sexuallebrn und zur Nairosenlehrc
gegen die Sexualstrebungen. Man kann dann bald seinen geheimen
Plan aufdecken, sich durch den eklatanten Mißerfolg dieses Ver-
suches die Beruhigung zu schaffen, daß er das Möglichste
gegen seine Sonderartung getan habe und sich ihr nun mit
gutem Gewissen überlassen könne. Wo die Rücksicht auf geliebte
Eltern und Angehörige den Versuch zur Heilung motiviert hat,
da liegt der Fall etwas anders. Es sind dann wirklich libidinöse
Strebungen vorhanden, die zur homosexuellen Objektwahl gegen-
sätzliche Energien entwickeln können, aber deren Kraft reicht
selten aus. Nur wo die Fixierung an das gleichgeschlechtliche
Objekt noch nicht stark genug geworden ist, oder wo sich erheb-
liche Ansätze und Reste der heterosexuellen Objektwahl vorfinden,
also bei noch schwankender oder bei deutlich bisexueller Organi-
sation, darf die Prognose der psychoanalytischen Therapie günstiger
gestellt werden.
Aus diesen Gründen vermied ich es durchaus, den Eltern die
Erfüllung ihres Wunsches in Aussicht zu stellen. Ich erklärte
mich bloß bereit dazu, das Mädchen durch einige Wochen oder
Monate sorgfältig zu studieren, um mich danach über die Aus-
sichten einer Beeinflussung durch Fortsetzung der Analyse äußern
zu können. In einer ganzen Anzahl von Fällen zerlegt sich ja
die Analyse in zwei deutlich gesonderte Phasen j in einer ersten
verschafft sich der Arzt die notwendigen Kenntnisse vom Patienten,
macht ihn mit den Voraussetzungen und Postulaten der Analyse
bekannt und entwickelt vor ihm die Konstruktion der Entstehung
seines Leidens, zu welcher er sich auf Grund des von der Ana-
lyse gelieferten Materials berechtigt glaubt. In einer zweiten
Phase bemächtigt sich der Patient selbst des ihm vorgelegten
Stoffes, arbeitet an ihm, erinnert von dem bei ihm angeblich
Verdrängten, was er erinnern kann, und trachtet, das andere in
einer Art von Neubelebung zu wiederholen. Dabei kann er die
Aufstellungen des Arztes bestätigen, ergänzen und richtigstellen.
Erst während dieser Arbeit erfährt er durch die Überwindung
Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität 3 1 9
von Widerständen die innere Veränderung, die man erzielen will,
und gewinnt die Überzeugungen, die ihn von der ärztlichen
Autorität unabhängig machen. Nicht immer sind diese beiden
Phasen im Ablauf der analytischen Kur scharf voneinander
geschieden; es kann dies nur geschehen, wenn der Widerstand
bestimmte Bedingungen einhält. Aber wo es der Fall ist, kann
man den Vergleich mit zwei entsprechenden Abschnitten einer
Reise heranziehen. Der erste umfaßt alle notwendigen, heute so
komplizierten und schwer zu erfüllenden Vorbereitungen, bis
man endlich die Fahrkarte gelöst, den Perron betreten und seinen
Platz im Wagen erobert hat. Man hat jetzt das Recht und die
Möglichkeit, in das ferne Land zu reisen, aber man ist nach all
diesen Vorarbeiten noch nicht dort, eigentlich dem Ziele um
keinen Kilometer näher gerückt. Es gehört noch dazu, daß man
die Reise selbst von einer Station zur anderen zurücklege, und
dieses Stück der Reise ist mit der zweiten Phase gut vergleichbar.
Die Analyse bei meiner nunmehrigen Patientin verlief nach
diesem Zweiphasenschema, wurde aber nicht über den Beginn
der zweiten Phase hinaus fortgeführt. Eine besondere Konstellation
des Widerstandes ermöglichte es trotzdem, die volle Bestätigung
meiner Konstruktionen und eine im großen und ganzen zureichende
Einsicht in den Entwicklungsgang ihrer Inversion zu gewinnen.
Ehe ich aber die Ergebnisse der Analyse bei ihr darlege, muß
ich einige Punkte erledigen, die ich entweder schon selbst gestreift
oder die sich dem Leser als die ersten Gegenstände seines
Interesses aufgedrängt haben.
Ich hatte die Prognose zum Teil davon abhängig gemacht,
wie weit das Mädchen in der Befriedigung seiner Leidenschaft
gekommen war. Die Auskunft, die ich während der Analyse
erhielt, schien in dieser Hinsicht günstig. Bei keinem der Objekte
ihrer Schwärmerei hatte sie mehr als einzelne Küsse und Um-
armungen genossen, ihre Genitalkeuschheit, wenn man so sagen
darf, war unversehrt geblieben. Die Halbweltdame gar, die die
320 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
jüngsten und weitaus stärksten Gefühle bei ihr erweckt hatte,
war spröde gegen sie geblieben, hatte ihr nie eine höhere Gunst
gegönnt als die, ihr die Hand küssen zu dürfen. Das Mädchen
machte wahrscheinlich eine Tugend aus ihrer Not, wenn sie
immer wieder die Reinheit ihrer Liebe und ihre physische
Abneigung gegen einen Sexualverkehr betonte. Vielleicht hatte
sie aber nicht ganz unrecht, wenn sie von ihrer hehren Geliebten
rühmte, daß sie, von vornehmer Herkunft, und nur durch widrige
Familienverhältnisse in ihre gegenwärtige Position gedrängt, sich
auch hier noch ein ganzes Stück Würde bewahrt habe. Denn
diese Dame pflegte ihr bei jedem Zusammentreffen zuzureden,
ihre Neigung von ihr und von den Frauen überhaupt abzuwenden,
und hatte sich bis zum Selbstmordversuch immer nur streng
abweisend gegen sie benommen.
Ein zweiter Punkt, den ich alsbald aufzuklären versuchte, betraf
die eigenen Motive des Mädchens, auf welche die analytische
Behandlung sich etwa stützen konnte. Sie versuchte mich nicht
durch die Behauptung zu täuschen, daß es ihr ein dringendes
Bedürfnis sei, von ihrer Homosexualität befreit zu werden. Sie
könne sich im Gegenteil gar keine andere Verliebtheit vorstellen,
aber, setzte sie hinzu, der Eltern wegen wolle sie den
therapeutischen Versuch ehrlich unterstützen, denn sie empfinde
es sehr schwer, den Eltern solchen Kummer zu bereiten. Auch
diese Äußerung mußte ich zunächst als günstig auffassen; ich
konnte nicht ahnen, welche unbewußte Affekteinstellung sich
hinter ihr verbarg. Was hier dann später zum Vorschein kam,
hat die Gestaltung der Kur und deren vorzeitigen Abbruch
entscheidend beeinflußt.
Nichtanalytische Leser werden längst die Beantwortung zweier
anderer Fragen ungeduldig erwarten. Zeigte dieses homosexuelle
Mädchen deutliche somatische Charaktere des anderen Geschlechts
und erwies sie sich als ein Fall von angeborener oder von
erworbener (später entwickelter) Homosexualität?
Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität 521
Ich verkenne die Bedeutung nicht, welche der ersteren Frage
zukommt. Nur möge man diese Bedeutung nicht übertreiben und
zu ihren Gunsten die Tatsachen verdunkeln, daß vereinzelte
sekundäre Merkmale des anderen Geschlechts bei normalen
menschlichen Individuen überhaupt sehr häufig vorkommen, und
daß sehr gut ausgeprägte somatische Charaktere des anderen
Geschlechtes sich an Personen finden können, deren Objektwahl
keine Abänderung im Sinne einer Inversion erfahren hat. Daß
also, anders ausgedrückt, bei beiden Geschlechtern das Maß
des physischen Hermaphroditismus von dem des
psychischen in hohem Grade unabhängig ist. Als
Einschränkung der beiden Sätze ist hinzuzufügen, daß diese
Unabhängigkeit beim Manne deutlicher ist als beim Weibe, wo
die körperliche und die seelische Ausprägung des entgegengesetzten
Geschlechtscharakters eher regelmäßig zusammentreffen. Ich bin
aber doch nicht in der Lage, die erste der hier gestellten Fragen
für meinen Fall befriedigend zu beantworten. Der Psychoanalytiker
pflegt sich ja eine eingehende körperliche Untersuchung seiner
Patienten in bestimmten Fällen zu versagen. Eine auffällige
Abweichung vom körperlichen Typus des Weibes bestand jedenfalls
nicht, auch keine menstruale Störung. Wenn das schöne und
wohlgebildete Mädchen den hohen Wuchs des Vaters und eher
scharfe als mädchenhaft weiche Gesichtszüge zeigte, so mag man
darin Andeutungen einer somatischen Männlichkeit erblicken.
Auf männliches Wesen konnte man auch einige ihrer intellektuellen
Eigenschaften beziehen, so die Schärfe ihres Verständnisses und
die kühle Klarheit ihres Denkens, insoweit sie nicht unter der
Herrschaft ihrer Leidenschaft stand. Doch sind diese Unterschei-
dungen eher konventionell als wissenschaftlich berechtigt. Bedeut-
samer ist gewiß, daß sie in ihrem Verhalten zu ihrem Liebesobjekt
durchaus den männlichen Typus angenommen hatte, also die
Demut und großartige Sexualüberschätzung des liebenden Mannes
zeigte, den Verzicht auf jede narzißtische Befriedigung, die Bevor-
Freud,V. 21
322 Arbeiten zum Sexualleben und zur Ncurosenlchre
zugung des Liebens vor dem Geliebtwerden. Sie hatte also nicht
nur ein weibliches Objekt gewählt, sondern auch eine männliche
Einstellung zu ihm gewonnen.
Die andere Frage, ob ihr Fall einer angeborenen oder einer
erworbenen Homosexualität entsprach, soll durch die ganze
Entwicklungsgeschichte ihrer Störung beantwortet werden. Dabei
wird sich ergeben, inwieweit diese Fragestellung selbst unfruchtbar
und unangemessen ist.
II
Auf eine so weitschweifige Einleitung kann ich nur eine ganz
knappe und übersichtliche Darstellung der Libidogeschichte dieses
Falles folgen lassen. Das Mädchen hatte in den Kinderjahren die
normale Einstellung des weiblichen Ödipuskomplexes' in wenig
auffälliger Weise durchgemacht, später auch begonnen, den Vater
durch den um wenig älteren Bruder zu ersetzen. Sexuelle Traumen
in früher Jugend wurden weder erinnert noch durch die Analyse
aufgedeckt. Die Vergleichung der Genitalien des Bruders mit den
eigenen, die etwa zu Beginn der Latenzzeit (zu fünf Jahren oder
etwas früher) vorfiel, hinterließ ihr einen starken Eindruck und
war in ihren Nachwirkungen weit zu verfolgen. Auf frühinfantile
Onanie deutete sehr wenig, oder die Analyse kam nicht so weit,
um diesen Punkt aufzuklären. Die Geburt eines zweiten Bruders,
als sie zwischen fünf und sechs Jahren alt war, äußerte keinen
besonderen Einfluß auf ihre Entwicklung. In den Schul- und
Vorpubertätsjahren wurde sie allmählich mit den Tatsachen des
Sexuallebens bekannt und empfing dieselben mit dem normal zu
nennenden, auch im Ausmaße nicht übertriebenen Gemenge von
Lüsternheit und erschreckter Ablehnung. Alle diese Auskünfte
erscheinen recht mager, ich kann auch nicht dafür einstehen,
daß sie vollständig sind. Vielleicht war die Jugendgeschichte doch
1) Ich sehe in der Einführung des Terminus „Elektrakomplex" keinen Fortschritt
oder Vorteil und möchte denselben nicht befürworten.
Über die Psycliogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität 325
weit reichhaltiger; ich weiß es nicht. Die Analyse brach, wie
gesagt, nach kurzer Zeit ab und lieferte darum eine Anamnese,
die nicht viel verläßlicher ist als die anderen, mit gutem Recht
beanstandeten Anamnesen von Homosexuellen. Das Mädchen
war auch niemals neurotisch gewesen, brachte nicht ein hysterisches
Symptom in die Analyse mit, so daß sich die Anlässe zur
Durchforschung ihrer Kindergeschichte nicht so bald ergeben
konnten.
Mit dreizehn und vierzehn Jahren zeigte sie eine, nach dem
Urteil aller übertrieben starke, zärtliche Vorliebe für einen kleinen,
noch nicht dreijährigen Jungen, den sie in einem Kinderpark
regelmäßig sehen konnte. Sie nahm sich des Kindes so herzlich
an, daß daraus eine langdauernde freundschaftliche Beziehung zu»
den Eltern des Kleinen entstand. Man darf aus diesem Vorfall
schließen, daß sie damals von einem starken Wunsche, selbst
Mutter zu sein und ein Kind zu haben, beherrscht war. Aber
kurze Zeit nachher wurde ihr der Knabe gleichgültig, und sie
begann ein Interesse für reife, doch noch jugendliche Frauen zu
zeigen, dessen Äußerungen ihr bald eine empfindliche Züchtigung
von Seiten des Vaters zuzogen.
Es wurde über jeden Zweifel sichergestellt, daß diese Wandlung
zeitlich mit einem Ereignis in der Familie zusammenfällt, von
dem wir demnach die Aufklärung der Wandlung erwarten dürfen.
Vorher war ihre Libido auf Mütterlichkeit eingestellt gewesen,
nachher war sie eine in reifere Frauen verliebte Homosexuelle,
was sie seitdem geblieben ist. Dies für unser Verständnis so
bedeutsame Ereignis war eine neue Gravidität der Mutter und
die Geburt eines dritten Bruders, als sie etwa sechzehn Jahre
alt war.
Der Zusammenhang, den ich nun im folgenden aufdecken
werde, ist kein Produkt meiner Kombinationsgabe ; er ist mir
<lurch so vertrauenswürdiges analytisches Material nahegelegt
worden, daß ich objektive Sicherheit für ihn beanspruchen kann.
_
324 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
Insbesondere hat eine Reihe von ineinandergreifenden, leicht
deutbaren Träumen für ihn entschieden.
Die Analyse ließ unzweideutig erkennen, daß die geliebte Dame
ein Ersatz für die — Mutter war. Nun war diese selbst aller-
dings keine Mutter, aber sie war auch nicht die erste Liebe des
Mädchens gewesen. Die ersten Objekte ihrer Neigung seit der
Geburt des letzten Bruders waren wirklich Mütter, Frauen zwischen
dreißig und fünfunddreißig Jahren, die sie mit ihren Kindern in
der Sommerfrische oder im Familienverkehr der Großstadt kennen
lernte. Die Bedingung der Mütterlichkeit wurde später fallen
gelassen, weil sie sich mit einer anderen, die immer gewichtiger
wurde, in der Realität nicht gut vertrug. Die besonders intensive
Bindung an die letzte Geliebte, die „Dame", hatte noch einen
anderen Grund, den das Mädchen eines Tages ohne Mühe auf-
fand. Sie wurde durch die schlanke Erscheinung, die strenge
Schönheit und das rauhe Wesen der Dame an ihren eigenen,
etwas älteren Bruder gemahnt. Das endlich gewählte Objekt
entsprach also nicht nur ihrem Frauen-, sondern auch ihrem
Männerideal, es vereinigte die Befriedigung der homosexuellen
Wunschrichtung mit jener der heterosexuellen. Bekanntlich hat
die Analyse männlicher Homosexueller in zahlreichen Fällen das
nämliche Zusammentreffen gezeigt, ein Wink, sich Wesen und
Entstehung der Inversion nicht allzu einfach vorzustellen und
die durchgängige Bisexualität des Menschen nicht aus dem Auge
zu verlieren. 1
Wie soll man es aber verstehen, daß das Mädchen gerade
durch die Geburt eines späten Kindes, als sie selbst schon reif
geworden war und eigene starke Wünsche hatte, bewogen wurde,
ihre leidenschaftliche Zärtlichkeit der Gebärerin dieses Kindes,
ihrer eigenen Mutter, zuzuwenden und an einer Vertreterin der
Mutter zum Ausdruck zu bringen? Nach allem, was man sonst
1) Vgl. I. S a d g e r : Jahresbericht über sexuelle Perversionen. Jahrbuch der
Psychoanalyse, VI, 1914 und a. a. O.
Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität 325
weiß, hätte man das Gegenteil erwarten sollen. Die Mütter
pflegen sich unter solchen Umständen vor ihren beinahe heirats-
fähigen Töchtern zu genieren, die Töchter haben für die Mutter
ein aus Mitleid, Verachtung und Neid gemischtes Gefühl bereit,
das nichts dazu beiträgt, die Zärtlichkeit für die Mutter zu
steigern. Das Mädchen unserer Beobachtung hatte überhaupt
wenig Grund, für ihre Mutter zärtlich zu empfinden. Der selbst
noch jugendlichen Frau war diese rasch erblühte Tochter eine
unbequeme Konkurrentin, sie setzte sie hinter den Knaben zurück,
schränkte ihre Selbständigkeit möglichst ein und wachte besonders
eifrig darüber, daß sie dem Vater ferne blieb. Ein Bedürfnis nach
einer liebenswürdigeren Mutter mag also bei dem Mädchen von
jeher gerechtfertigt gewesen sein; warum es aber damals und in
Gestalt einer verzehrenden Leidenschaft aufflackerte, ist nicht
begreiflich.
Die Erklärung ist die folgende: Das Mädchen befand sich in
der Phase der Pubertätsauffrischung des infantilen Ödipuskomplexes,
als die Enttäuschung über sie kam. Hell bewußt wurde ihr der
Wunsch, ein Kind zu haben, und zwar ein männliches; daß es
ein Kind vom Vater und dessen Ebenbild sein sollte, durfte ihr
Bewußtes nicht erfahren. Aber da geschah es, daß nicht sie das
Kind bekam, sondern die im Unbewußten gehaßte Konkurrentin,
die Mutter. Empört und erbittert wendete sie sich vom Vater,
ja vom Manne überhaupt ab. Nach diesem ersten großen Mißerfolg
verwarf sie ihre Weiblichkeit und strebte nach einer anderen
Unterbringung ihrer Libido.
Sie benahm sich dabei ganz ähnlich wie viele Männer, die
nach einer ersten peinlichen Erfahrung dauernd mit dem treu-
losen Geschlecht der Frauen zerfallen und Weiberfeinde werden.
Von einer der anziehendsten und unglücklichsten fürstlichen
Persönlichkeiten unserer Lebenszeit wird erzählt, daß er darum
homosexuell geworden, weil ihn die verlobte Braut mit einem
fremden Gesellen hinter gangen hatte. Ich weiß nicht, ob dies
526 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
historische Wahrheit ist, aber ein Stück psychologischer Wahrheit
steckt hinter diesem Gerücht. Unser aller Libido schwankt normaler-
weise lebenslang zwischen dem männlichen und dem weiblichen
Objekt 5 der Junggeselle gibt seine Freundschaften auf, wenn er
heiratet, und kehrt zum Stammtisch zurück, wenn seine Ehe schaal
geworden ist. Freilich, wo die Schwankung so gründlich und so
endgültig ist, da richtet sicli unsere Vermutung auf ein besonderes
Moment, welches die eine oder die andere Seite entscheidend
begünstigt, vielleicht nur auf den geeigneten Zeitpunkt gewartet
hat, um die Objektwahl nach seinem Sinne durchzusetzen.
Unser Mädchen hatte also nach jener Enttäuschung den Wunsch
nach dem Kinde, die Liebe zum Manne und die weibliche Rolle
überhaupt von sich gewiesen. Und nun hätte offenbar sehr
Verschiedenartiges geschehen können; was wirklich geschah, war
das Extremste. Sie wandelte sich zum Manne um und nahm die
Mutter an Stelle des Vaters zum Liebesobjekt. 1 Ihre Beziehung
zur Mutter war sicherlich von Anfang an ambivalent gewesen,
es gelang leicht, die frühere Liebe zur Mutter wiederzubeleben
und mit ihrer Hilfe die gegenwärtige Feindseligkeit gegen die
Mutter zur Überkompensation zu bringen. Da mit der realen
Mutter wenig anzufangen war, ergab sich aus der geschilderten
Gefühlsumsetzung das Suchen nach einem Mutterersatz, an dem
man mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit hängen konnte."
Ein praktisches Motiv aus ihren realen Beziehungen zur Mutter
kam als „Krankheitsgewinn" noch hinsu. Die Mutter legte
1) Es ist gar nicht so selten, daß man eine Licbesbeziehung dadurch abbricht,
daß man sich selbst mit dem Objekt derselben identifiziert, was einer Art von
Regression zum Narzißmus entspricht. Nachdem dies erfolgt ist, kann man bei
neuerlicher Objektwahl leicht das dem früheren entgegengesetzte Geschlecht mit
seiner Libido besetzen.
2) Die hier beschriebenen Verschiebungen der Libido sind gewiß jedem Ana-
lytiker aus der Erforschung der Anamnesen von Ncurotikern bekannt. Nur fallen sie
bei diesen letzteren im zarten Kindesalter, zur Zeit der Frühblüte des Liebeslebens
vor, bei unserem ganz und gar nicht neurotischen Mädchen vollziehen sie sich in
den ersten Jahren nach der Pubertät, übrigens gleichfalls völlig unbewußt. Ob dieses
zeitliche Moment sich nicht einstmals als sehr bedeutsam herausstellen wird?
Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität 327
selbst noch Wert darauf, von Männern hofiert und gefeiert
zu werden. Wenn sie also homosexuell wurde, der Mutter die
Männer überließ, ihr sozusagen „auswich", räumte sie etwas
aus dem Wege, was bisher an der Mißgunst der Mutter Schuld
getragen hatte. 1
Die so gewonnene Libidoeinstellung wurde nun gefestigt, als
das Mädchen merkte, wie unangenehm sie dem Vater war. Seit
jener ersten Züchtigung wegen einer allzu zärtlichen Annäherung
an eine Frau wußte sie, womit sie den Vater kränken, und wie
sie sich an ihm rächen konnte. Sie blieb jetzt homosexuell aus
Trotz gegen den Vater. Sie machte sich auch kein Gewissen
daraus, ihn auf jede Weise zu hintergehen und zu belügen.
Gegen die Mutter war sie ja nur so weit unaufrichtig, als es
nötig war, damit der Vater nichts erfahre. Ich hatte den
1) Da ein solches Ausweichen bisher unter den Ursachen der Homosexualität wie
im Mechanismus der Libidofixierung überhaupt keine Erwähnung gefunden hat,
will ich eine ähnliche analytische Beobachtung hier anschließen, die durch einen
besonderen Umstand interessant ist. Ich habe einst zwei Zwillingsbrüder kennen
gelernt, die beide mit starken libidinösen Impulsen begabt waren. Der eine von
ihnen hatte viel Glück bei Frauen und ließ sich in ungezählte Verhältnisse mit
Frauen und Mädchen ein. Der andere war zuerst auf demselben Wege, aber dann
wurde es ihm unangenehm, dem Bruder ins Gehege zu kommen, infolge seiner
Ähnlichkeit bei intimen Anlässen mit ihm verwechselt zu werden, und er half sich
dadurch, daß er homosexuell wurde. Er überließ dem Bruder die Frauen und war
ihm so „ausgewichen". Ein andermal behandelte ich einen jüngeren Mann, Künstler
und unverkennbar bisexuell angelegt, bei dem sich die Homosexualität gleichzeitig
mit einer Arbeitsstörung durchgesetzt hatte. Er floh in einem die Frauen und sein
Werk. Die Analyse, die ihn zu beiden zurückführen konnte, wies die Scheu vor dem
Vater als das mächtigste psychische Motiv für beide Störungen, eigentlich Ent-
sagungen, nach. In seiner Vorstellung gehörten alle Frauen dem Vater, und er
flüchtete zu den Männern aus Ergebenheit, um dem Konflikt mit dem Vater aus-
zuweichen. Solche Motivierung der homosexuellen Objektwahl muß sich häufiger
finden lassen; in den Urzeiten des Menschengeschlechts war es wohl so, daß alle
Frauen dem Vater und Oberhaupt der Urhorde gehörten. — Bei Geschwistern, die
nicht Zwillinge sind, spielt solches Ausweichen auch auf anderen Gebieten als dem
der Liebeswahl eine große Rolle. Der ältere Bruder pflegt z. B. Musik und findet
dafür Anerkennung, der jüngere, musikalisch weit begabter, bricht trotz seiner
Sehnsucht danach das Musikstudium bald ab und ist nicht mehr zu bewegen,
ein Instrument zu berühren. Es ist dies ein einzelnes Beispiel für ein sehr
häufiges Vorkommen, und die Untersuchung der Motive, die zum Ausweichen
anstatt zur Aufnahme der Konkurrenz führen, deckt sehr komplizierte psychische
Bedingungen auf.
528 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
Eindruck, daß sie nach dem Grundsatz der Talion handelte: Hast
du mich betrogen, so mußt du es dir gefallen lassen, daß ich
auch dich betrüge. Auch die auffälligen Unvorsichtigkeiten des
sonst raffiniert klugen Mädchens kann ich nicht anders beurteilen.
Der Vater mußte doch gelegentlich von ihrem Umgang mit
der Dame erfahren, sonst wäre ihr die Rachebefriedigung, die
ihr die dringendste war, entgangen. So sorgte sie dafür, indem
sie sich mit der Angebeteten öffentlich zeigte, in den Straßen
nahe dem Geschäftslokal des Vaters spazieren ging und dergleichen.
Auch diese Ungeschicklichkeiten geschahen nicht absichtslos. Es
ist übrigens merkwürdig, daß beide Eltern sich so benahmen,
als ob sie die geheime Psychologie der Tochter verstünden. Die
Mutter zeigte sich tolerant, als ob sie das Ausweichen der
Tochter als Gefälligkeit würdigte, der Vater raste, als fühlte er
die gegen seine Person gerichtete Racheabsicht.
Die letzte Kräftigung erfuhr aber die Inversion des Mädchens,
als sie in der „Dame" auf ein Objekt stieß, welches gleichzeitig
dem noch am Bruder haftenden Anteil ihrer heterosexuellen
Libido Befriedigung bot.
III
Die lineare Darstellung eignet sich wenig zur Beschreibung
der verschlungenen und in verschiedenen seelischen Schichten
ablaufenden seelischen Vorgänge. Ich bin genötigt, in der
Diskussion des Falles innezuhalten und einiges von dem Mitge-
teilten zu erweitern und zu vertiefen.
Ich habe erwähnt, daß das Mädchen in ihrem Verhältnis zur
verehrten Dame den männlichen Typus der Liebe annahm. Ihre
Demut und zärtliche Anspruchslosigkeit, „che poco spera e nulla
chiede", die Seligkeit, wenn ihr gestattet wurde, die Dame ein
Stück weit zu begleiten und ihr beim Abschied die Hand zu
küssen, die Freude, wenn sie sie als schön rühmen hörte, während
die Anerkennung ihrer eigenen Schönheit von fremder Seite ihr
gar nichts bedeutete, ihre Pilgerbesuche nach Ortlichkeiten, wo
Über die Psycho genese eines Falles von weiblicher Homosexualität 329
die Geliebte sich vorher einmal aufgehalten hatte, das Verstummen
aller weiter reichenden sinnlichen Wünsche: alle diese kleinen
Züge entsprachen etwa der ersten schwärmerischen Leidenschaft
eines Jünglings für eine gefeierte Künstlerin, die er hoch über
sich stehend glaubt, und zu der er seinen Blick nur schüchtern
zu erheben wagt. Die Übereinstimmung mit einem von mir
beschriebenen „Typus der männlichen Objektwahl", dessen
Besonderheiten ich auf die Bindung an die Mutter zurückgeführt
habe, 1 ging bis in die Einzelheiten. Es konnte auffällig erscheinen,
daß sie durch den schlechten Leumund der Geliebten nicht im
mindesten abgeschreckt wurde, obwohl ihre eigenen Beobachtungen
sie von der Berechtigung dieser Nachrede genügend überzeugten.
Sie war doch eigentlich ein wohlerzogenes und keusches Mädchen,
das für ihre eigene Person sexuellen Abenteuern aus dem Wege
o-egangen war und grobsinnliche Befriedigungen als unästhetisch
empfand. Aber bereits ihre ersten Schwärmereien hatten Frauen
gegolten, denen man keine Neigung zu besonders strenger
Sittlichkeit nachrühmte. Den ersten Protest des Vaters gegen
ihre Liebeswahl hatte sie durch die Hartnäckigkeit hervorgerufen,
mit der sie sich um den Verkehr mit einer Kinoschauspielerin
an jenem Sommerorte bemühte. Dabei hatte es sich keineswegs
um Frauen gehandelt, die etwa im Rufe der Homosexualität
standen und ihr somit Aussicht auf solche Befriedigung geboten
hätten 5 vielmehr warb sie unlogischerweise um kokette Frauen
im gewöhnlichen Sinne des Wortes; eine homosexuelle, ihr
gleichaltrige Freundin, die sich ihr bereitwilligst zur Verfügung
stellte, wies sie ohne Bedenken ab. Der schlechte Ruf der
„Dame" aber war geradezu eine Liebesbedingung für sie, und
alles Rätselhafte dieses Verhaltens verschwindet, wenn wir uns
erinnern, daß auch für jenen von der Mutter abgeleiteten männ-
lichen Typus der Objektwahl die Bedingung besteht, daß die
Geliebte irgendwie „sexuell anrüchig" sei, eigentlich eine Kokotte
1) S. 186 ff. dieses Bandes.
35° Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
genannt werden dürfe. Als sie später erfuhr, in welchem Aus-
maß diese Kennzeichnung für ihre verehrte Dame zutraf, und
daß diese einfach von der Preisgabe ihres Körpers lebte, bestand
ihre Reaktion in einem großen Mitleid und in der Entwicklung
von Phantasien und Vorsätzen, wie sie die Geliebte aus diesen
unwürdigen Verhältnissen „retten" könne. Dieselben Rettungs-
bestrebungen sind uns bei den Männern jenes von mir
beschriebenen Typus aufgefallen, und ich habe an der erwähnten
Stelle die analytische Ableitung dieses Strebens zu geben versucht.
In ganz andere Regionen der Erklärung führt die Analyse
des Selbstmordversuches, den ich als einen ernstgemeinten gelten
lassen muß, der übrigens ihre Position sowohl bei den Eltern
als auch bei der geliebten Dame beträchtlich verbesserte. Sie
ging eines Tages mit ihr in einer Gegend und zu einer Stunde
spazieren, wo eine Begegnung mit dem vom Bureau kommenden
Vater nicht unwahrscheinlich war. Der Vater ging auch an ihnen
vorüber und warf einen wütenden Blick auf sie und die ihm
bereits bekannte Begleiterin. Kurz darauf stürzte sie sich in den
Stadtbahngraben. Ihre Rechenschaft von der näheren Verursachung
ihres Entschlusses klingt nun ganz plausibel. Sie hatte der Dame
eingestanden, daß der Herr, der sie beide so böse angeschaut
hatte, ihr Vater sei, der von diesem Verkehr absolut nichts
wissen wolle. Die Dame war nun aufgebraust, hatte ihr befohlen,
sie sofort zu verlassen und nie mehr zu erwarten oder anzureden,
diese Geschichte müsse nun ein Ende haben. In der Verzweiflung
darüber, daß sie so die Geliebte für immer verloren habe, wollte
sie sich den Tod geben. Die Analyse gestattete aber eine andere
und tiefer greifende Deutung hinter der ihrigen aufzudecken und
durch ihre eigenen Träume zu stützen. Der Selbstmordversuch
war, wie man erwarten durfte, außerdem noch zweierlei: eine
Straferfüllung (Selbstbestrafung) und eine Wunscherfüllung. Als
letztere bedeutete er die Durchsetzung jenes Wunsches, dessen
Enttäuschung sie in die Homosexualität getrieben hatte, nämlich
Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität 531
vom Vater ein Kind zu bekommen, denn nun kam sie durch
die Schuld des Vaters nieder. 1 Es stellt die Verbindung dieser
Tiefendeutung mit der dem Mädchen bewußten, oberflächlichen
her, daß in diesem Moment die Dame genau so gesprochen hatte
wie der Vater und das nämliche Verbot hatte ergehen lassen.
Als Selbstbestrafung bürgt uns die Handlung des Mädchens dafür,
daß sie starke Todeswünsche gegen den einen oder den anderen
Elternteil in ihrem Unbewußten entwickelt hatte. Vielleicht aus
Rachsucht gegen den ihre Liebe störenden Vater, noch wahr-
scheinlicher aber auch gegen die Mutter, als sie mit dem kleinen
Bruder schwanger ging. Denn die Analyse hat uns zum Rätsel
des Selbstmordes die Aufklärung gebracht, daß vielleicht niemand
die psychische Energie sich zu töten findet, der nicht erstens
dabei ein Objekt mittötet, mit dem er sich identifiziert hat, und
der nicht zweitens dadurch einen Todeswunsch gegen sich selbst
wendet, welcher gegen eine andere Person gerichtet war. Die
regelmäßige Aufdeckung solcher unbewußter Todeswünsche beim
Selbstmörder braucht übrigens weder zu befremden, noch als
Bestätigung unserer Ableitungen zu imponieren, denn das Unbe-
wußte aller Lebenden ist von solchen Todeswünschen, selbst
gegen sonst geliebte Personen, übervoll. 2 In der Identifizierung
mit der Mutter, die an der Niederkunft mit diesem, ihr (der
Tochter) vorenthaltenen, Kinde hätte sterben sollen, ist aber
diese Straferfüllung selbst wieder eine Wunscherfüllung. Endlich,
daß die verschiedensten starken Motive zusammenwirken mußten,
um eine Tat wie die unseres Mädchens zu ermöglichen, wird
unserer Erwartung nicht widersprechen.
In der Motivierung des Mädchens kommt der Vater nicht
vor, nicht einmal die Angst vor seinem Zorne wird erwähnt.
1) Diese Deutungen der Wege des Selbstmordes durch sexuelle Wunscherfüllungen
sind längst allen Analytikern vertraut. (Vergiften = schwanger werden, ertränken =
gebären; von einer Höhe herabstürzen = niederkommen.)
2) Vgl. Zeitgemäßes über Krieg und Tod. Imago, IV, 1915. [Enthalten in
Bd. X dieser Gesamtausgabe.]
fl
33 2 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
In der von der Analyse erratenen Motivierung fällt ihm die
Hauptrolle zu. Dieselbe entscheidende Bedeutung hatte das Ver-
hältnis zum Vater auch für den Verlauf* und den Ausgang der
analytischen Behandlung oder vielmehr Exploration. Hinter der
vorgeschützten Rücksicht auf die Eltern, denen zuliebe sie den
Versuch einer Umwandlung unterstützen wollte, verbarg sich die
Trotz- und Racheeinstellung gegen den Vater, welche sie in der
Homosexualität festhielt. Durch solche Deckung gesichert, gab der
Widerstand ein großes Gebiet der analytischen Erforschung frei.
Die Analyse vollzog sich fast ohne Anzeichen von Widerstand,
unter reger intellektueller Beteiligung der Analysierten, aber auch
bei völliger Gemütsruhe derselben. Als ich ihr einmal ein besonders
wichtiges und sie nahe betreffendes Stück der Theorie ausein-
andersetzte, äußerte sie mit unnachahmlicher Betonung: Ach, das
ist ja sehr interessant, wie eine Weltdame, die durch ein Museum
geführt wird und Gegenstände, die ihr vollkommen gleichgültig
sind, durch ein Lorgnon in Augenschein nimmt. Der Eindruck
von ihrer Analyse näherte sich dem einer hypnotischen Behandlung,
in welcher sich der Widerstand gleichfalls bis zu einer bestimmten
Grenze zurückgezogen hat, an der er sich dann als unbesiegbar
erweist. Dieselbe — russische — Taktik, könnte man sie nennen,
befolgt der Widerstand sehr oft in Eällen von Zwangsneurose,
die darum eine Zeitlang die klarsten Ergebnisse liefern und einen
tiefen Einblick in die Verursachung der Symptome gestatten.
Man beginnt dann sich zu wundern, warum so große Fortschritte
im analytischen Verständnis auch nicht die leiseste Änderung in
den Zwängen und Hemmungen des Kranken mit sich bringen,
bis man endlich bemerkt, daß alles, was man zustandegebracht
hat, mit dem Vorbehalt des Zweifels behaftet war, hinter welchem
Schutz wall sich die Neurose sicher fühlen durfte. „Es wäre ja
alles recht schön," heißt es im Kranken, oft auch bewußter-
weise, „wenn ich dem Manne Glauben schenken müßte, aber
davon ist ja keine Rede, und solange das nicht der Fall ist,
Über die Psycho genese eines Falles von weiblicher Homosexualität 333
brauche ich auch nichts zu ändern." Nähert man sich dann der
Motivierung dieses Zweifels, so bricht der Kampf mit den Wider-
ständen ernsthaft los.
Bei unserem Mädchen war es nicht der Zweifel, sondern das
affektive Moment der Rache am Vater, das ihre kühle Reserve
ermöglichte, die Analyse deutlich in zwei Phasen zerlegte und
die Ergebnisse der ersten Phase so vollständig und übersichtlich
werden ließ. Es hatte auch den Anschein, als ob bei dem
Mädchen nichts einer Übertragung auf den Arzt Ähnliches
zustande gekommen wäre. Aber das ist natürlich ein Widersinn
oder eine ungenaue Ausdrucks weise; irgendein Verhältnis zum
Arzt muß sich doch herstellen und dies wird zu allermeist aus
einer infantilen Relation übertragen sein. In Wirklichkeit über-
trug sie auf mich die gründliche Ablehnung des Mannes, von
der sie seit ihrer Enttäuschung durch den Vater beherrscht war.
Die Erbitterung gegen den Mann hat es in der Regel leicht,
sich am Arzt zu befriedigen, sie braucht keine stürmischen Gefühls-
äußerungen hervorzurufen, sie äußert sich einfach in der Ver-
eitlung all seiner Bemühungen und im Festhalten am Kranksein.
Ich weiß aus Erfahrung, wie schwierig es ist, den Analysierten
zum Verständnis gerade dieser stummen Symptomatik zu bringen
und solche latente, oft exzessiv große Feindseligkeit ohne
Gefährdung der Kur bewußt zu machen. Ich brach also ab,
sobald ich die Einstellung des Mädchens zum Vater erkannt hatte,,
und gab den Rat, den therapeutischen Versuch, wenn man Wert
auf ihn legte, bei einer Ärztin fortführen zu lassen. Das Mädchen
hatte unterdes dem Vater das Versprechen abgegeben, wenigstens
den Verkehr mit der „Dame" zu unterlassen, und ich weiß nicht,
ob mein Rat, dessen Motivierung ja durchsichtig ist, befolgt
werden wird.
Ein einziges Mal kam auch in dieser Analyse etwas vor, was
ich als positive Übertragung, als außerordentlich abgeschwächte
Erneuerung der ursprünglichen leidenschaftlichen Verliebtheit in-
334 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
den Vater auffassen konnte. Auch diese Äußerung war vom Zusatz
eines anderen Motivs nicht frei, ich erwähne sie aber, weil sie
nach anderer Richtung ein interessantes Problem der analytischen
Technik zur Frage bringt. Zu einer gewissen Zeit, nicht lange
nach dem Beginne der Kur, brachte das Mädchen eine Reihe von
Träumen vor, die, gebührend entstellt und in korrekter Traum-
sprache abgefaßt, doch leicht und sicher zu übersetzen waren.
Ihr gedeuteter Inhalt war aber auffällig. Sie antizipierten die
Heilung der Inversion durch die Behandlung, drückten ihre
Freude über die ihr nun eröffneten Lebensaussichten aus,
gestanden die Sehnsucht nach der Liebe eines Mannes und nach
Kindern ein und konnten somit als erfreuliche Vorbereitung zur
erwünschten Wandlung begrüßt werden. Der Widerspruch gegen
ihre gleichzeitigen Äußerungen im Wachen war sehr groß. Sie
machte mir kein Hehl daraus, daß sie zwar zu heiraten gedenke,
aber nur um sich der Tyrannei des Vaters zu entziehen und
ungestört ihren wirklichen Neigungen zu leben. Mit dem Manne,
meinte sie etwas verächtlich, würde sie schon fertig werden, und
endlich könne man ja, wie das Beispiel der verehrten Dame
zeige, auch gleichzeitig sexuelle Beziehungen mit einem Manne
und mit einer Frau haben. Durch irgendeinen leisen Eindruck
gewarnt, erklärte ich ihr eines Tages, ich glaube diesen Träumen
nicht, sie seien lügnerisch oder heuchlerisch, und ihre Absicht sei,
mich zu betrügen, wie sie den Vater zu betrügen pflegte. Ich
hatte Recht, diese Art von Träumen blieb von dieser Aufklärung
an aus. Ich glaube aber doch, neben der Absicht der Irreführung
lag auch ein Stück Werbung in diesen Träumen 5 es war auch
ein Versuch, mein Interesse und meine gute Meinung zu
gewinnen, vielleicht um mich später desto gründlicher zu ent-
täuschen.
Ich kann mir vorstellen, daß der Hinweis auf die Existenz
solch lügnerischer Gefälligkeitsträume bei manchen, die sich
Analytiker nennen, einen wahren Sturm von hilfloser Entrüstung
Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität 335
entfesseln wird. „Also kann auch das Unbewußte lügen, der
wirkliche Kern unseres Seelenlebens, dasjenige in uns, was dem
Göttlichen so viel näher ist als unser armseliges Bewußtsein!
Wie kann man dann noch auf die Deutungen der Analyse und
die Sicherheit unserer Erkenntnisse bauen?" Dagegen muß gesagt
werden, daß die Anerkennung solch lügenhafter Träume eine
erschütternde Neuheit nicht bedeutet. Ich weiß zwar, daß das
Bedürfnis der Menschen nach Mystik unausrottbar ist, und daß
es unablässige Versuche macht, das durch die „Traumdeutung"
der Mystik entrissene Gebiet für sie wiederzugewinnen, aber in
dem Falle, der uns beschäftigt, liegt doch alles einfach genug.
Der Traum ist nicht das „Unbewußte", er ist die Form, in
welche ein aus dem Vorbewußten oder selbst aus dem Bewußten
des Wachlebens erübrigter Gedanke dank der Begünstigungen
des Schlafzustandes umgegossen werden konnte. Im Schlafzustand
hat er die Unterstützung unbewußter Wunschregungen gewonnen
und dabei die Entstellung durch die „Traumarbeit" erfahren,
welche durch die fürs Unbewußte geltenden Mechanismen
bestimmt wird. Bei unserer Träumerin stammte die Absicht, mich
irrezuführen, wie sie es beim Vater zu tun pflegte, gewiß aus
dem Vorbewußten, wenn sie nicht etwa gar bewußt war; sie
konnte sich nun durchsetzen, indem sie mit der unbewußten
Wunschregung, dem Vater (oder Vaterersatz) zu gefallen, in Ver-
bindung trat, und schuf so einen lügnerischen Traum. Die beiden
Absichten, den Vater zu betrügen und dem Vater zu gefallen,
stammen aus demselben Komplex; die erstere ist aus der Ver-
drängung der letzteren erwachsen, die spätere wird durch die
Traumarbeit auf die frühere zurückgeführt. Von einer Ent-
würdigung des Unbewußten, von einer Erschütterung des Zutrauens
in die Ergebnisse unserer Analyse kann also nicht die Rede sein.
Ich will die Gelegenheit nicht versäumen, auch einmal das
Erstaunen darüber zu Worte kommen zu lassen, daß die Menschen
so große und bedeutungsvolle Stücke ihres Liebeslebens durch-
356 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
machen können, ohne viel davon zu bemerken, ja mitunter, ohne
das mindeste davon zu ahnen, oder daß sie, wenn es zu ihrem
Bewußtsein kommt, sich mit dein Urteil so gründlich darüber
täuschen. Das geschieht nicht nur unter den Bedingungen der
Neurose, wo wir mit dem Phänomen vertraut sind, sondern
scheint auch sonst recht gewöhnlich zu sein. In unserem Falle
entwickelt ein Mädchen eine Schwärmerei für Frauen, die von
den Eltern zuerst nur als ärgerlich empfunden, aber kaum ernst
genommen wird; sie selbst weiß wohl, wie sehr sie davon in
Anspruch genommen wird, fühlt aber doch nur wenig von den
Sensationen einer intensiven Verliebtheit, bis sich bei einer
bestimmten Versagung eine ganz exzessive Reaktion ergibt, die
allen Teilen zeigt, daß man es mit einer verzehrenden Leiden-
schaft von elementarer Stärke zu tun hat. Von den Voraus-
setzungen, die für das Hervorbrechen eines solchen seelischen
Sturmes erforderlich sind, hat auch das Mädchen niemals etwas
bemerkt. Andere Male trifft man auf Mädchen oder Frauen in
schweren Depressionen, die, nach der möglichen Verursachung
ihres Zustandes befragt, die Auskunft geben, sie haben wohl ein
gewisses Interesse für eine bestimmte Person verspürt, aber es
sei ihnen nicht tief gegangen und sie seien sehr bald damit
fertig geworden, nachdem es aufgegeben werden mußte. Und
doch ist dieser anscheinend so leicht ertragene Verzicht die
Ursache der schweren Störung geworden. Oder man hat es mit
Männern zu tun, die oberflächliche Liebesbeziehungen zu Frauen
erledigt haben und erst aus den Folgeerscheinungen erfahren
müssen, daß sie in das angeblich geringgeschätzte Objekt leiden-
schaftlich verliebt waren. Man erstaunt auch über die ungeahnten
Wirkungen, die von einem künstlichen Abortus, der Tötung
einer Leibesfrucht, ausgehen können, zu der man sich ohne Reue
und Bedenken entschlossen hatte. Man sieht sich so genötigt, den
Dichtern recht zu geben, die uns mit Vorliebe Personen schildern,
welche lieben ohne es zu wissen, oder die es nicht wissen, ob
Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität 537
sie lieben, oder die zu hassen glauben, während sie lieben. Es
scheint, daß gerade die Kunde, die unser Bewußtsein von unserem
Liebesleben erhält, besonders leicht unvollständig, lückenhaft oder
gefälscht sein kann. In diesen Erörterungen habe ich es natür-
lich nicht versäumt, den Anteil eines nachträglichen Vergessens
in Abzug zu bringen.
IV
Ich kehre nun zu der vorhin abgebrochenen Diskussion des
Falles zurück. Wir haben uns einen Überblick über die Kräfte
verschafft, welche die Libido des Mädchens aus der normalen
Ödipuseinstellung in die der Homosexualität überführt haben,
und über die psychischen Wege, die dabei beschritten worden
sind. Obenan unter diesen bewegenden Kräften stand der Ein-
druck der Geburt ihres kleinen Bruders, und somit ist uns nahe-
gelegt, den Fall als einen von spät erworbener Inversion zu
klassifizieren.
Allein hier werden wir auf ein Verhältnis aufmerksam, welches
uns auch bei vielen anderen Beispielen von psychoanalytischer
Aufklärung eines seelischen Vorganges entgegentritt. Solange wir
die Entwicklung von ihrem Endergebnis aus nach rückwärts
verfolgen, stellt sich uns ein lückenloser Zusammenhang her,
und wir halten unsere Einsicht für vollkommen befriedigend,
vielleicht für erschöpfend. Nehmen wir aber den umgekehrten
Weg, gehen wir von den durch die Analyse gefundenen Vor-
aussetzungen aus und suchen diese bis zum Resultat zu verfolgen,
so kommt uns der Eindruck einer notwendigen und auf keine
andere Weise zu bestimmenden Verkettung ganz abhanden. Wir
merken sofort, es hätte sich auch etwas anderes ergeben können,
und dies andere Ergebnis hätten wir ebensogut verstanden und
aufklären können. Die Synthese ist also nicht so befriedigend wie
die Analyse; mit anderen Worten, wir wären nicht imstande,
aus der Kenntnis der Voraussetzungen die Natur des Ergebnisses
vorherzusagen.
Freud, V. 22
558 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
Es ist sehr leicht, diese betrübliche Erkenntnis auf ihre
Ursachen zurückzuführen. Mögen uns auch die ätiologischen
Faktoren, welche für einen bestimmten Erfolg maßgebend sind,
vollständig bekannt sein, wir kennen sie doch nur nach ihrer
qualitativen Eigenart und nicht nach ihrer relativen Stärke. Einige
von ihnen werden als zu schwach von anderen unterdrückt
werden und für das Endergebnis nicht in Betracht kommen. Wir
wissen aber niemals vorher, welche der bestimmenden Momente
sich als die schwächeren oder stärkeren erweisen werden. Wir
sagen nur am Ende, die sich durchgesetzt haben, das waren die
stärkeren. Somit ist die Verursachung in der Richtung der
Analyse jedesmal sicher zu erkennen, deren Vorhersage in der
Richtung der Synthese aber unmöglich.
Wir wollen also nicht behaupten, daß jedes Mädchen, dessen
aus der Ödipuseinst eilung der Pubertätsjahre herrührende Liebes-
sehnsucht eine solche Enttäuschung erfährt, darum notwendiger-
weise der Homosexualität verfallen wird. Andersartige Reaktionen
auf dieses Trauma werden im Gegenteil häufiger sein. Dann
müssen aber bei diesem Mädchen besondere Momente den Aus-
schlag gegeben haben, solche außerhalb des Traumas, wahr-
scheinlich innerer Natur. Es hat auch keine Schwierigkeit, sie
aufzuzeigen.
Bekanntlich braucht es auch beim Normalen eine gewisse Zeit,
bis sich die Entscheidung über das Geschlecht des Liebesobjekts
endgültig durchgesetzt hat. Homosexuelle Schwärmereien, über-
mäßig starke, sinnlich betonte Freundschaften sind bei beiden
Geschlechtern in den ersten Jahren nach der Pubertät recht
gewöhnlich. So war es auch bei unserem Mädchen, aber diese
Neigungen zeigten sich bei ihr unzweifelhaft stärker und hielten
länger an als bei anderen. Dazu kommt, daß diese Vorboten der
späteren Homosexualität immer ihr bewußtes Leben eingenommen
hatten, während die dem Ödipuskomplex entspringende Ein-
stellung unbewußt geblieben war und nur in solchen Anzeichen
Über die Psrchogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität 35g
wie jene Verzärtelung des kleinen Knaben zum Vorschein kam.
Als Schulmädchen war sie lange Zeit verliebt in eine unnahbar
strenge Lehrerin, einen offenkundigen Mutterersatz. Ein besonders
lebhaftes Interesse für manche jungmütterliche Frauen hatte sie
lange vor der Geburt des Bruders und um so sicherer lange Zeit
vor jener ersten Zurechtweisung durch den Vater gezeigt. Ihre
Libido lief also von sehr früher Zeit her in zwei Strömungen,
von denen die oberflächlichere unbedenklich eine homosexuelle
genannt werden darf. Diese war wahrscheinlich die direkte,
unverwandelte Fortsetzung einer infantilen Fixierung an die
Mutter. Möglicherweise haben wir durch unsere Analyse auch
nichts anderes aufgedeckt als den Prozeß, der bei einem geeig-
neten Anlaß auch die tiefere heterosexuelle Libidoströmung in
die manifeste homosexuelle überführte.
Ferner lehrte die Analyse, daß das Mädchen aus ihren Kinder-
jahren einen stark betonten „Männlichkeitskomplex" mitgebracht
hatte. Lebhaft, rauflustig, durchaus nicht gewillt, hinter dem
wenig älteren Bruder zurückzustehen, hatte sie seit jener Inspektion
der Genitalien einen mächtigen Penisneid entwickelt, dessen
Abkömmlinge immer noch ihr Denken erfüllten. Sie war
eigentlich eine Frauenrechtlerin, fand es ungerecht, daß die
Mädchen nicht dieselben Freiheiten genießen sollten wie die
Burschen, und sträubte sich überhaupt gegen das Los der Frau.
Zur Zeit der Analyse waren ihr Schwangerschaft und Kinder-
gebären unliebsame Vorstellungen, wie ich vermute, auch wegen
der damit verbundenen körperlichen Entstellung. Auf diese
Abwehr hatte sich ihr mädchenhafter Narzißmus zurückgezogen, 1
der sich nicht mehr als Stolz auf ihre Schönheit äußerte. Ver-
schiedene Anzeichen wiesen auf eine ehemals sehr starke Schau-
und Exhibitionslust hin. Wer das Recht der Erwerbung in der
Ätiologie nicht verkürzt sehen will, wird aufmerksam machen,
daß das geschilderte Verhalten des Mädchens gerade so war, wie
1) Vgl. Kriemhildes Bekenntnis im Nibelungenlied.
aa'
2^0 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
es durch die vereinte Wirkung der mütterlichen Zurücksetzung
und der Vergleichung ihrer Genitalien mit denen des Bruders bei
starker Mutterfixierung bestimmt werden mußte. Auch hier
besteht eine Möglichkeit, etwas auf Prägung durch frühzeitig
wirksamen äußeren Einfluß zurückzuführen, was man gern als
konstitutionelle Eigenart aufgefaßt hätte. Und auch von dieser
Erwerbung — wenn sie wirklich stattgefunden hat — wird
ein Anteil auf Rechnung der mitgebrachten Konstitution zu
setzen sein. So vermengt und vereinigt sich in der Beobachtung
beständig, was wir in der Theorie zu einem Paar von
Gegensätzen — Vererbung und Erwerbung — auseinanderlegen
möchten.
Hatte ein früherer, vorläufiger Abschluß der Analyse zum
Ausspruch geführt, es handle sich um einen Fall von später
Erwerbung der Homosexualität, so drängt die jetzt vorgenommene
Überprüfung des Materials vielmehr zum Schluß, es liege
angeborene Homosexualität vor, die sich wie gewöhnlich erst in
der Zeit nach der Pubertät fixiert und unverkennbar gezeigt
habe. Jede dieser Klassifizierungen wird nur einem Anteil des
durch Beobachtung festzustellenden Sachverhaltes gerecht, vernach-
lässigt den anderen. Wir treffen das Richtige, wenn wir den
Wert dieser Fragestellung überhaupt gering veranschlagen.
Die Literatur der Homosexualität pflegt die Fragen der Objekt-
wahl einerseits und des Geschlechtscharakters und der geschlecht-
lichen Einstellung anderseits nicht scharf genug zu trennen, als
ob die Entscheidung über den einen Punkt notwendigerweise
mit der des anderen verknüpft wäre. Die Erfahrung zeigt jedoch
das Gegenteil: Ein Mann mit überwiegend männlichen Eigen-
schaften, der auch den männlichen Typus des Liebeslebens zeigt,
kann doch in bezug aufs Objekt invertiert sein, nur Männer
anstatt Frauen lieben. Ein Mann, in dessen Charakter die weib-
lichen Eigenschaften augenfällig vorwiegen, ja, der sich in der
Liebe wie ein Weib benimmt, sollte durch diese weibliche Ein-
Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität 341
Stellung auf den Mann als Liebesobjekt hingewiesen werden; er
kann aber trotzdem heterosexuell sein, nicht mehr Inversion in
bezug aufs Objekt zeigen als durchschnittlich ein Normaler. Das-
selbe gilt für Frauen, auch bei ihnen treffen psychischer
Geschlechtscharakter und Objektwahl nicht zu fester Relation
zusammen. Das Geheimnis der Homosexualität ist also keines-
wegs so einfach, wie man es zum populären Gebrauch gern
darstellt: Eine weibliche Seele, die darum den Mann lieben muß,
zum Unglück in einen männlichen Körper geraten, oder eine
männliche Seele, die unwiderstehlich vom Weib angezogen wird,
leider in einen weiblichen Leib gebannt. Vielmehr handelt es
sich um drei Reihen von Charakteren
Somatische Geschlechtscharaktere — Psychischer Geschlechtscharakter
(Physischer Hermaphroditismus) /mannl. t-. „ v
Ureibl. Einstellung)
— Art der Ohjektwahl,
die bis zu einem gewissen Grade voneinander unabhängig variieren
und sich bei den einzelnen Individuen in mannigfachen Permu-
tationen vorfinden. Die tendenziöse Literatur hat den Einblick
in diese Verhältnisse erschwert, indem sie aus praktischen Motiven
das dem Laien allein auffällige Verhalten im dritten Punkt, dem
der Objektwahl, in den Vordergrund rückt und außerdem die
Festigkeit der Beziehung zwischen diesem und dem ersten Punkt
übertreibt. Sie versperrt sich auch den Weg, der zur tieferen
Einsicht in all das führt, was man uniform als Homosexualität
bezeichnet, indem sie sich gegen zwei Grundtatsachen sträubt,
welche die psychoanalytische Forschung aufgedeckt hat. Die erste,
daß die homosexuellen Männer eine besonders starke Fixierung
an die Mutter erfahren haben; die zweite, daß alle Normalen
neben ihrer manifesten Heterosexualität ein sehr erhebliches Aus-
maß von latenter oder unbewußter Homosexualität erkennen
lassen. Trägt man diesen Funden Rechnung, so ist es allerdings
um die Annahme eines von der Natur in besonderer Laune
geschaffenen „dritten Geschlechts" geschehen.
542 Arbeiten zum Sr.ru/if leben und zur Neurosenlehre
Die Psychoanalyse ist nicht dazu berufen, das Problem der
Homosexualität zu lösen. Sie muß sich damit begnügen, die
psychischen Mechanismen zu enthüllen, die zur Entscheidung in
der Objektwahl geführt haben, und die Wege von ihnen zu den
Triebanlagen zu verfolgen. Dann bricht sie ab und überläßt das
übrige der biologischen Forschung, die gerade jetzt in den Ver-
suchen von S t e i n a c h ' so bedeutungsvolle Aufschlüsse über die
Beeinflussung der obigen zweiten und dritten Reihe durch die
erste zutage fördert. Sie steht auf gemeinsamem Boden mit der
Biologie, indem sie eine ursprüngliche Bisexualität des mensch-
lichen (wie des tierischen) Individuums zur Voraussetzung nimmt.
Aber das Wesen dessen, was man im konventionellen oder im
biologischen Sinne „männlich" und „weiblich" nennt, kann die
Psychoanalyse nicht aufklären, sie übernimmt die beiden Begriffe
und legt sie ihren Arbeiten zugrunde. Beim Versuche einer
weiteren Zurückfühlung verflüchtigt sich ihr die Männlichkeit
zur Aktivität, die Weiblichkeit zur Passivität, und das ist zu
wenig. Inwieweit die Kr Wartung zulässig oder bereits durch
Erfahrung bestätigt ist, es werde sich auch aus dem Stück Auf-
klärungsarbeit, welches in den Bereich der Analyse fällt, eine
Handhabe zur Abänderung der Inversion ergeben, habe ich vor-
hin auszuführen versucht. Vergleicht man dieses Ausmaß von
Beeinflussung mit den großartigen Umwälzungen, die St ei nach
in einzelnen Fällen durch operative Eingriffe erzielt hat, so macht
es wohl keinen imposanten Eindruck. Indes wäre es Voreiligkeit
oder schädliche Übertreibung, wenn wir uns jetzt schon Hoffnung
auf eine allgemein brauchbare „Therapie" der Inversion machten.
Die Fälle von männlicher Homosexualität, in denen S t e i n a c h Erfolg
gehabt hat, erfüllten die nicht immer vorhandene Bedingung
eines überdeutlichen somatischen „Hermaphroditismus". Die
Therapie einer weiblichen Homosexualität auf analogem Wege
l) Siehe A. Lipichüti: Die Pubertiitsdrüse und ihre Wirkimgen. E. Bircher,
Bern, 1919-
Über die Psycho genese eines Falles von weiblicher Homosexualität 545
ist zunächst ganz unklar. Sollte sie in der Entfernung der wahr-
scheinlich hermaphroditischen Ovarien und Einpflanzung anderer,
hoffentlich eingeschlechtiger, bestehen, so würde sie praktisch
wenig Aussicht auf Anwendung haben. Ein weibliches Individuum,
das sich männlich gefühlt und auf männliche Weise geliebt hat,
wird sich kaum in die weibliche Rolle drängen lassen, wenn es
diese nicht durchaus vorteilhafte Umwandlung mit dem Verzicht
auf die Mutterschaft bezahlen muß.
/C^ ,fa. \v~tk "»*«* 6 ^
11
»EIN KIND WIRD GESCHLAGEN«
BEITRAG ZUR KENNTNIS DER ENTSTEHUNG SEXUELLER
I'EKN KKSIONEN
Zuerst erschienen in der „Internat. Zeitschrift
für ärztliche Psychoanalyse," V, IpJ«?, dann in der
Fünften Folge der „Sammlung kleiner Schriften zur
Neuroscnlehrc".
Die Phantasievorstellung: „ein Kind wird geschlagen" wird
mit überraschender Häufigkeit von Personen eingestanden, die
wegen einer Hysterie oder einer Zwangsneurose die analytische
Behandlung aufgesucht haben. Es ist recht wahrscheinlich, daß
sie noch öfter bei anderen vorkommt, die nicht durch manifeste
Erkrankung zu diesem Entschluß genötigt worden sind.
An diese Phantasie sind Lustgefühle geknüpft, wegen welcher
sie ungezählte Male reproduziert worden ist oder noch immer
reproduziert wird. Auf der Höhe der vorgestellten Situation setzt
sich fast regelmäßig eine onanistische Befriedigung (an den
Genitalien also) durch, anfangs mit Willen der Person, aber
ebenso später hin mit Zwangscharakter gegen ihr Widerstreben.
Das Eingeständnis dieser Phantasie erfolgt nur zögernd, die
Erinnerung an ihr erstes Auftreten ist unsicher, der analytischen
Behandlung des Gegenstandes tritt ein unzweideutiger Widerstand
entgegen, Schämen und Schuldbewußtsein regen sich hiebei
vielleicht kräftiger als bei ähnlichen Mitteilungen über die
erinnerten Anfänge des Sexuallebens.
Ein Kind wird geschlagen 345
Es läßt sich endlich feststellen, daß die ersten Phantasien
dieser Art sehr frühzeitig gepflegt worden sind, gewiß vor dem
Schulbesuch, schon im fünften und sechsten Jahr. Wenn das
Kind in der Schule mitangesehen hat, wie andere Kinder vom
Lehrer geschlagen wurden, so hat dies Erleben die Phantasien
wieder hervorgerufen, wenn sie eingeschlafen waren, hat sie ver-
stärkt, wenn sie noch bestanden, und ihren Inhalt in merklicher
Weise modifiziert. Es wurden von da an „unbestimmt viele
Kinder geschlagen. Der Einfluß der Schule war so deutlich, daß
die betreffenden Patienten zunächst versucht waren, ihre Schlage-
phantasien ausschließlich auf diese Eindrücke der Schulzeit, nach
dem sechsten Jahr, zurückzuführen. Allein dies ließ sich niemals
halten; sie waren schon vorher vorhanden gewesen.
Hörte das Schlagen der Kinder in höheren Schulklassen auf,
so wurde dessen Einfluß durch die Einwirkung der bald zu
Bedeutung kommenden Lektüre mehr als nur ersetzt. In dem
Milieu meiner Patienten waren es fast immer die nämlichen,
der Jugend zugänglichen Bücher, aus deren Inhalt sich die
Schlagephantasien neue Anregungen holten: die sogenannte Biblio-
theque rose, Onkel Toms Hütte und dergleichen. Im Wetteifer
mit diesen Dichtungen begann die eigene Phantasietätigkeit des
Kindes, einen Reichtum von Situationen und Institutionen zu
erfinden, in denen Kinder wegen ihrer Schlimmheit und ihrer
Unarten geschlagen oder in anderer Weise bestraft und gezüch-
tigt werden.
Da die Phantasievorstellung, ein Kind wird geschlagen, regel-
mäßig mit hoher Lust besetzt war und in einen Akt lustvoller
autoerotischer Befriedigung auslief, könnte man erwarten, daß auch
das Zuschauen, wie ein anderes Kind in der Schule geschlagen
wurde, eine Quelle ähnlichen Genusses gewesen sei. Allein dies
war nie der Fall. Das Miterleben realer Schlageszenen in der
Schule rief beim zuschauenden Kinde ein eigentümlich aufgeregtes,
wahrscheinlich gemischtes, Gefühl hervor, an dem die Ablehnung
/
346 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
einen großen Anteil hatte. In einigen Fällen wurde das reale
Erleben der Schlageszenen als unerträglich empfunden. Übrigens
wurde auch in den raffinierten Phantasien späterer Jahre an der
Bedingung festgehalten, daß den gezüchtigten Kindern kein ernst-
hafter Schaden zugefügt werde.
Man mußte die Frage aufwerfen, welche Beziehung zwischen
der Bedeutung der Schlagephautasion und der Rolle bestehen
möge, die reale körperliche Züchtigungen in der häuslichen
Erziehung des Kindes gespielt hätten. Die nächstliegende Ver-
mutung, es werde sich hiebei eine umgekehrte Relation ergeben,
ließ sich infolge der Einseitigkeit des Materials nicht erweisen.
Die Personen, die den Stoff für diese Analysen hergaben, waren
in ihrer Kindheit sehr selten geschlagen, waren jedenfalls nicht
mit Hilfe von Prügeln erzogen worden. Jedes dieser Kinder hatte
natürlich doch irgendeinmal die überlegene Körperkraft seiner
Eltern oder Erzieher zu spüren bekommen; daß es an Schläge-
reien zwischen den Kindern selbst in keiner Kinderstube gefehlt,
bedarf keiner ausdrücklichen Hervorhebung,
Bei jenen frühzeitigen und simplen Phantasien, die nicht offen-
kundig auf den Einfluß von Schuleindrücken oder Szenen aus
der Lektüre hinwiesen, wollt«? die Forschung gern mehr erfahren.
Wer war das geschlagene Kind? Das phantasierende selbst oder
ein fremdes? War es immer dasselbe Kind oder beliebig oft ein
anderes? Wer war es, der das Kind schlug? Ein Erwachsener?
Und wer dann? Oder phantasierte das Kind, daß es selbst ein
anderes schlüge? Auf alle diese Fragen kam keine aufklärende
Auskunft, immer nur die eine scheue Antwort: Ich weiß nichts
mehr darüber; ein Kind wird geschlagen.
Erkundigungen nach dem Geschlecht des geschlagenen Kindes
hatten mehr Erfolg, brachten aber auch kein Verständnis. Manch-
mal wurde geantwortet: Immer nur Buben, oder: Nur Mädel;
öfter hieß es: Das weiß ich nicht, oder: Das ist gleichgültig.
Das, worauf es dem Fragenden ankam, eine konstante Beziehung
Ein Kind wird geschlagen 547
zwischen dem Geschlecht des phantasierenden und dem des
geschlagenen Kindes, stellte sich niemals heraus. Gelegentlich
einmal kam noch ein charakteristisches Detail aus dem Inhalt
der Phantasie zum Vorschein: Das kleine Kind wird auf den
nackten Popo geschlagen.
Unter diesen Umständen konnte man vorerst nicht einmal
entscheiden, ob die an der Schlagephantasie haftende Lust als
eine sadistische oder als eine masochistische zu bezeichnen sei.
II
Die Auffassung einer solchen, im frühen Kindesalter vielleicht
bei zufälligen Anlässen auftauchenden, und zur autoerotischen
Befriedigung festgehaltenen Phantasie kann nach unseren bis-
herigen Einsichten nur lauten, daß es sich hiebei um einen
primären Zug von Perversion handle. Eine der Komponenten
der Sexualfunktion sei den anderen in der Entwicklung voran-
geeilt, habe sich vorzeitig selbständig gemacht, sich fixiert und
dadurch den späteren Entwicklungsvorgängen entzogen, damit
aber ein Zeugnis für eine besondere, anormale Konstitution der
Person gegeben. Wir wissen, daß eine solche infantile Perversion
nicht fürs Leben zu verbleiben braucht, sie kann noch später der J\>
Verdrängung verfallen, durch eine Reaktionsbildung ersetzt oder
durch eine Sublimierung umgewandelt werden. (Vielleicht ist es
aber so, daß die Sublimierung aus einem besonderen Prozeß her-
vorgeht, welcher durch die Verdrängung hintan gehalten würde.)
Wenn aber diese Vorgänge ausbleiben, dann erhält sich die Perversion
im reifen Leben, und wo wir beim Erwachsenen eine sexuelle
Abirrung — Perversion, Fetischismus, Inversion — vorfinden, da
erwarten wir mit Recht, ein solches fixierendes Ereignis der
Kinderzeit durch anamnestische Erforschung aufzudecken. Ja lange
vor der Zeit der Psychoanalyse haben Beobachter wie B i n e t die
sonderbaren sexuellen Abirrungen der Reifezeit auf solche Ein-
drücke, gerade der nämlichen Kinderjahre von fünf oder sechs an,
348 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
zurückführen können. Man war hiebei allerdings auf eine Schranke
unseres Verständnisses gestoßen, denn den fixierenden Eindrücken
fehlte jede traumatische Kraft, sie waren zumeist banal und für
andere Individuen nicht aufregend; man konnte nicht sagen,
warum sich das Sexualstreben gerade an sie fixiert hatte. Aber
man konnte ihre Bedeutung darin suchen, daß sie eben der vor-
eiligen und sprungbereiten Sexualkomponente den, wenn auch
zufälligen, Anlaß zur Anheftung geboten hatten, und man mußte
ja darauf vorbereitet sein, daß die Kette der Kausalverknüpfung
irgendwo ein vorläufiges Ende finden werde. Gerade die mitge-
brachte Konstitution schien allen Anforderungen an einen solchen
Haltepunkt zu entsprechen.
Wenn die frühzeitig losgerissene Sexualkomponente die sadi-
stische ist, so bilden wir auf Grund anderswo gewonnener Ein-
sicht die Erwartung, daß durch spätere Verdrängung derselben
eine Disposition zur Zwangsneurose geschaffen werde. Man kann
nicht sagen, daß dieser Erwartung durch das Ergebnis der Unter-
suchung widersprochen wird. Unter den sechs Fällen, auf deren
eingehendem Studium diese kleine Mitteilung aufgebaut ist (vier
Frauen, zwei Männer) befanden sich Fälle von Zwangsneurose,
ein allerschwerster, lebenszerstörender, und ein mittelschwerer,
der Beeinflussung gut zugänglicher, ferner ein dritter, der
wenigstens einzelne deutliche Züge der Zwangsneurose aufwies.
Ein vierter Fall war freilich eine glatte Hysterie mit Schmerzen
und Hemmungen, und ein fünfter, der die Analyse bloß wegen
Unschlüssigkeiten im Leben aufsuchte, wäre von grober klinischer
Diagnostik überhaupt nicht klassifiziert oder als „Psychasthenie"
abgetan worden. Man darf in dieser Statistik keine Enttäuschung
erblicken, denn erstens wissen wir, daß nicht jegliche Disposition
sich zur Affektion weiter entwickeln muß, und zweitens darf es
uns genügen zu erklären, was vorhanden ist, und dürfen wir
uns der Aufgabe, auch verstehen zu lassen, warum etwas nicht
zustande gekommen ist, im allgemeinen entziehen.
Ein Kind wird geschlagen 349
So weit und nicht weiter würden uns unsere gegenwärtigen
Einsichten ins Verständnis der Schlagephantasien eindringen lassen.
Eine Ahnung, daß das Problem hiemit nicht erledigt ist, regt
sich allerdings beim analysierenden Arzte, wenn er sich ein-
gestehen muß, daß diese Phantasien meist abseits vom übrigen
Inhalt der Neurose bleiben und keinen rechten Platz in deren
Gefüge einnehmen; aber man pflegt, wie ich aus eigener Erfahrung
weiß, über solche Eindrücke gern hinwegzugehen.
III
Streng genommen — und warum sollte man dies nicht so~
streng als möglich nehmen? — verdient die Anerkennung als
korrekte Psychoanalyse nur die analytische Bemühung, der es
gelungen ist, die Amnesie zu beheben, welche dem Erwachsenen
die Kenntnis seines Kinderlebens vom Anfang an (das heißt etwa
vom zweiten bis zum fünften Jahr) verhüllt. Man kann das unter
Analytikern nicht laut genug sagen und nicht oft genug wieder-
holen. Die Motive, sich über diese Mahnung hinwegzusetzen,
sind ja begreiflich. Man möchte brauchbare Erfolge in kürzerer
Zeit und mit geringerer Mühe erzielen. Aber gegenwärtig ist
die theoretische Erkenntnis noch ungleich wichtiger für jeden
von uns als der therapeutische Erfolg, und wer die Kindheits-
analyse vernachlässigt, muß notwendig den folgenschwersten
Irrtümern verfallen. Eine Unterschätzung des Einflusses späterer
Erlebnisse wird durch diese Betonung der Wichtigkeit der
frühesten nicht bedingt 5 aber die späteren Lebenseindrücke
sprechen in der Analyse laut genug durch den Mund des Kranken,
für das Anrecht der Kindheit muß erst der Arzt die Stimme
erheben.
Die Kinderzeit zwischen zwei und vier oder fünf Jahren ist
diejenige, in welcher die mitgebrachten libidinösen Faktoren von
den Erlebnissen zuerst geweckt und an gewisse Komplexe gebunden
werden. Die hier behandelten Schlagephantasien zeigen sich erst
55°
Arbeiten tum Seruallehrn und zur Neurosen lehre
zu Ende oder nach Ablauf dieser Zeit. Es könnte also wohl sein,
daß sie eine Vorgeschichte haben, eine Entwicklung; durchmachen,
einem Endausgang, nicht einer Anfangsäußerung entsprechen.
Diese Vermutung wird durch die Analyse bestätigt. Die kon-
sequente Anwendung derselben lehrt, daß die Schlagephantasien
eine gar nicht einfache Entwicklungsgeschichte haben, in deren
Verlauf sich das meiste an ihnen mehr als einmal ändert: ihre
Beziehung zur phantasierenden Person, ihr Objekt, Inhalt und
ihre Bedeutung.
Zur leichteren Verfolgung dieser Wandlungen in den Schlage-
phantasien werde ich mir nun gestatten, meine Beschreibungen
auf die weiblichen Personen einzuschränken, die ohnedies (vier
gegen zwei) die Mehrheit meines Materials ausmachen. An die
Schlagephantasien der Männer knüpft außerdem ein anderes
Thema an, das ich in dieser Mitteilung beiseite lassen will. Ich
werde mich dabei bemühen, nicht mehr zu schematisieren, als
zur Darstellung eines durchschnittlichen Sachverhaltes unvermeid-
lich ist. Mag dann weitere Beobachtung auch eine größere
Mannigfaltigkeit der Verhältnisse ergeben, so bin ich doch sicher,
ein typisches Vorkommnis, und zwar nicht von seltener Art,
erfaßt zu haben.
Die erste Phase der Schlagephantasien bei Mädchen also muß
einer sehr frühen Kinderzeit angehören. Einiges an ihnen bleibt
in merkwürdiger Weise unbestimmbar, als ob es gleichgültig
wäre. Die kärgliche Auskunft, die man von den Patienten bei
der ersten Mitteilung erhalten hat: Ein Kind wird geschlagen,
erscheint für diese Phantasie gerechtfertigt. Allein anderes ist mit
Sicherheit bestimmbar und dann allemal im gleichen Sinne. Das
geschlagene Kind ist nämlich nie das phantasierende, regelmäßig
ein anderes Kind, zumeist ein Geschwisterchen, wo ein solches
vorhanden ist. Da dies Bruder oder Schwester sein kann, kann
sich hier auch keine konstante Beziehung zwischen dem Geschlecht
des phantasierenden und dem des geschlagenen Kindes ergeben.
■,.''■:
Ein Kind wird geschlagen gci
Die Phantasie ist also sicherlich keine masochistische ; man möchte
sie sadistisch nennen, allein man darf nicht außer acht lassen,
daß das phantasierende Kind auch niemals selbst das schlagende
ist. Wer in Wirklichkeit die schlagende Person ist, bleibt zunächst
unklar. Es läßt sich nur feststellen: kein anderes Kind, sondern
ein Erwachsener. Diese unbestimmte erwachsene Person wird
dann späterhin klar und eindeutig als der Vater (des Mädchens)
kenntlich.
Diese erste Phase der Schlagephantasie wird also voll wieder-
gegeben durch den Satz: Der Vater schlägt das Kind. Ich
verrate viel von dem später aufzuzeigenden Inhalt, wenn ich
anstatt dessen sage: Der Vater schlägt das mir verhaßte
Kind. Man kann übrigens schwankend werden, ob man dieser
Vorstufe der späteren Schlagephantasie auch schon den Charakter
einer „Phantasie" zuerkennen soll. Es handelt sich vielleicht
eher um Erinnerungen an solche Vorgänge, die man mitange-
sehen hat, an Wünsche, die bei verschiedenen Anlässen aufgetreten
sind, aber diese Zweifel haben keine Wichtigkeit.
Zwischen dieser ersten und der nächsten Phase haben sich
große Umwandlungen vollzogen. Die schlagende Person ist zwar
die nämliche, die des Vaters, geblieben, aber das geschlagene
Kind ist ein anderes geworden, es ist regelmäßig die des phan-
tasierenden Kindes selbst, die Phantasie ist in hohem Grade
lustbetont und hat sich mit einem bedeutsamen Inhalt erfüllt,
dessen Ableitung uns später beschäftigen wird. Ihr Wortlaut ist
jetzt also: Ich werde vom Vater geschlagen. Sie hat
unzweifelhaft masochistischen Charakter.
Diese zweite Phase ist die wichtigste und folgenschwerste von
allen. Aber man kann in gewissem Sinne von ihr sagen, sie habe
niemals eine reale Existenz gehabt. Sie wird in keinem Falle
erinnert, sie hat es nie zum Bewußtwerden gebracht. Sie ist
eine Konstruktion der Analyse, aber darum nicht minder eine
Notwendigkeit.
352
Arbeiten zum. Sexualleben und zur Neurosenlehre
Die dritte Phase ähnelt wiederum der ersten. Sie hat den aus
der Mitteilung der Patientin bekannten Wortlaut. Die schlagende
Person ist niemals die des Vaters, sie wird entweder wie in
der ersten Phase unbestimmt gelassen, oder in typischer Weise
durch einen Vatervertreter (Lehrer) besetzt. Die eigene Person
des phantasierenden Kindes kommt in der Schlagephantasie nicht
mehr zum Vorschein. Auf eindringliches Befragen äußern die
Patienten nur: Ich schaue wahrscheinlich zu. Anstatt des
einen geschlagenen Kindes sind jetzt meistens viele Kinder vor-
handen. Überwiegend häufig sind es (in den Phantasien der
Mädchen) Buben, die geschlagen werden, aber auch nicht
individuell bekannte. Die ursprüngliche einfache und monotone
Situation des Geschlagenwerdens kann die mannigfaltigsten
Abänderungen und Ausschmückungen erfahren, das Schlagen
selbst durch Strafen und Demütigungen anderer Art ersetzt
werden. Der wesentliche Charakter aber, der auch die einfachsten
Phantasien dieser Phase von denen der ersten unterscheidet und
der die Beziehung zur mittleren Phase herstellt, ist der folgende:
die Phantasie ist jetzt der Träger einer starken, unzweideutig
sexuellen Erregung und vermittelt als solcher die onanistische
Befriedigung. Gerade das ist aber das Rätselhafte; auf welchem
Wege ist die nunmehr sadistische Phantasie, daß fremde und
unbekannte Buben geschlagen werden, zu dem von da an
dauernden Besitz der libidinösen Strebung des kleinen Mädchens
gekommen ?
Wir verhehlen uns auch nicht, daß Zusammenhang und Auf-
einanderfolge der drei Phasen der Schlagephantasie wie alle
ihre anderen Eigentümlichkeiten bisher ganz unverständlich
geblieben sind.
Führt man die Analyse durch jene frühen Zeiten, in die die
Schlagephantasie verlegt und aus denen sie erinnert werden, so zeigt
sie das Kind in die Erregungen seines Elternkomplexes verstrickt.
Ein Kind wird geschlagen
353
Das kleine Mädchen ist zärtlich an den Vater fixiert, der
wahrscheinlich alles getan hat, um seine Liebe zu gewinnen,
und legt dabei den Keim zu einer Haß- und Konkurrenzein-
stellung gegen die Mutter, die neben einer Strömung von zärt-
licher Anhänglichkeit bestehen bleibt, und der vorbehalten sein kann,
mit den Jahren immer stärker und deutlicher bewußt zu werden
oder den Anstoß zu einer übergroßen reaktiven Liebesbindung
an sie zu geben. Aber nicht an das Verhältnis zur Mutter knüpft
die Schlagephantasie an. Es gibt in der Kinderstube noch andere
Kinder, um ganz wenige Jahre älter oder jünger, die man aus
allen anderen Gründen, hauptsächlich aber darum nicht mag,
weil man die Liebe der Eltern mit ihnen teilen soll, und die'
man darum mit der ganzen wilden Energie, die dem Gefühls-
leben dieser Jahre eigen ist, von sich stößt. Ist es ein jüngeres
Geschwisterchen (wie in drei von meinen vier Fällen), so ver-
achtet man es, außerdem daß man es haßt, und muß doch
zusehen, wie es jenen Anteil von Zärtlichkeit an sich zieht, den
die verblendeten Eltern jedesmal für das Jüngste bereit haben.
Man versteht bald, daß Geschlagenwerden, auch wenn es nicht
sehr wehe tut, eine Absage der Liebe und eine Demütigung
bedeutet. So manches Kind, das sich für sicher thronend in der
unerschütterlichen Liebe seiner Eltern hielt, ist durch einen
einzigen Schlag aus allen Himmeln seiner eingebildeten Allmacht
gestürzt worden. Also ist es eine behagliche Vorstellung, daß der
Vater dieses verhaßte Kind schlägt, ganz unabhängig davon, ob
man gerade ihn schlagen gesehen hat. Es heißt: der Vater liebt
dieses andere Kind nicht, er liebt nur mich.
Dies ist also Inhalt und Bedeutung der Schlagephantasie in
ihrer ersten Phase. Die Phantasie befriedigt offenbar die Eifer-
sucht des Kindes und hängt von seinem Liebesleben ab, aber
sie wird auch von dessen egoistischen Interessen kräftig gestützt.
Es bleibt also zweifelhaft, ob man sie als eine rein „sexuelle"
bezeichnen darf; auch eine „sadistische" getraut man sich nicht,
Freud, V.
4-v
23
35+ Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
sie zu nennen. Man weiß ja, daß gegen den Ursprung hin alle
die Kennzeichen zu verschwimmen pflegen, auf welche wir unsere
Unterscheidungen aufzubauen gewohnt sind. Also vielleicht
ähnlich wie die Verheißung der drei Schicksalsschwestern an
Banquo lautete: nicju_sich er sexuell, n icht selbst sadistisch,
aber doch der Stoff, aus dem später beides werden soll. Keines-
falls aber liegt ein Grund zur Vermutung vor, daß schon diese
erste Phase der Phantasie einer Erregung dient, welche sich
unter Inanspruchnahme der Genitalien Abfuhr in einem
onanistischen Akt zu verschaffen lernt.
In dieser vorzeitigen Objektwahl der inzestuösen Liebe erreicht
das Sexualleben des Kindes offenbar die Stufe der genitalen
Organisation. Es ist dies für den Knaben leichter nachzuweisen,
aber auch fürs kleine Mädchen nicht zu bezweifeln. Etwas wie
eine Ahnung der späteren definitiven und normalen Sexualziele
beherrscht das libidinöse Streben des Kindes; man mag sich
füglich verwundern, woher es kommt, darf es aber als Beweis
dafür nehmen, daß die Genitalien ihre Rolle beim Erregungs-
vorgang bereits angetreten haben. Der Wunsch, mit der Mutter
ein Kind zu haben, fehlt nie beim Knaben, der Wunsch, vom
Vater ein Kind zu bekommen, ist beim Mädchen konstant, und
dies bei völliger Unfähigkeit, sich Klarheit über den Weg zu
schaffen, der zur Erfüllung dieser Wünsche führen kann. Daß
die Genitalien etwas damit zu tun haben, scheint beim Kinde
festzustehen, wenngleich seine grübelnde Tätigkeit das Wesen
der zwischen den Eltern vorausgesetzten Intimität in andersartigen
Beziehungen suchen mag, zum Beispiel im Beisammenschlafen,
in gemeinsamer Harnentleerung und dergleichen und solcher
Inhalt eher in Wortvorstellungen erläßt werden kann als das
Dunkle, das mit dem Genitalen zusammenhängt.
Allein es kommt die Zeit, zu der diese frühe Blüte vom Frost
geschädigt wird; keine dieser inzestuösen Verliebtheiten kann dem
Verhängnis der Verdrängung entgehen. Sie verfallen ihr entweder
Ein Kind wird geschlagen
355
bei nachweisbaren äußeren Anlässen, die eine Enttäuschung hervor-
rufen, bei unerwarteten Kränkungen, bei der unerwünschten
Geburt eines neuen Geschwisterchens, die als Treulosigkeit
empfunden wird usw., oder ohne solche Veranlassungen, von innen
heraus, vielleicht nur infolge des Ausbleibens der zu lange
ersehnten Erfüllung. Es ist unverkennbar, daß die Veranlassungen
nicht die wirkenden Ursachen sind, sondern daß es diesen Liebes-
beziehungen bestimmt ist, irgend einmal unterzugehen, wir können
nicht sagen, woran. Am wahrscheinlichsten ist es, daß sie vergehen,
weil ihre Zeit um ist, weil die Kinder in eine neue Entwicklungsphase
eintreten, in welcher sie genötigt sind, die Verdrängung der
inzestuösen Objektwahl aus der Menschheitsgeschichte zu wieder-
holen, wie sie vorher gedrängt waren, solche Objektwahl vor-
zunehmen. (Siehe das Schicksal in der Ödipusmythe.) Was als
psychisches Ergebnis der inzestuösen Liebesregungen unbewußt
vorhanden ist, wird vom Bewußtsein der neuen Phase nicht mehr
übernommen, was davon bereits bewußt geworden war, wieder
herausgedrängt. Gleichzeitig mit diesem Verdrängungsvorgang
erscheint ein Schuldbewußtsein, auch dieses unbekannter Herkunft,
aber ganz unzweifelhaft an jene Inzestwünsche geknüpft und
durch deren Fortdauer im Unbewußten gerechtfertigt. 1
Die Phantasie der inzestuösen Liebeszeit hatte gesagt: Er (der
Vater) liebt nur mich, nicht das andere Kind, denn dieses schlägt
er ja. Das Schuldbewußtsein weiß keine härtere Strafe zu finden
als die Umkehrung dieses Triumphes: „Nein, er liebt dich nicht,
denn er schlägt dich." So würde die Phantasie der zweiten
Phase, selbst vom Vater geschlagen zu werden, zum direkten
Ausdruck des Schuldbewußtseins, dem nun die Liebe zum Vater
unterliegt. Sie ist also masoch istisch^eworden . meines Wissens
ist es immer so, jedesmal ist das Schuldbewußtsein das Moment" '
welches den Jadismus zu rn^Masochisn7u7""um wandelt . DiesTlst
diese! b" F ° rtfÜhrUng " " DCr üntergan * deS Ödipuskomplexes« lg94 . [S . 4 , 3
/fc,
23*
3J) 6 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlchre
aber gewiß nicht der ganze Inhalt des Masochismus. Das Schuld-
bewußtsein kann nicht allein das Feld behauptet haben; der
Liebesregung muß auch ihr Anteil werden. Erinnern wir uns
daran, daß es sich um Kinder handelt, bei denen die sadistische
Komponente aus konstitutionellen Gründen vorzeitig und isoliert
hervortreten konnte. Wir brauchen diesen Gesichtspunkt nicht
aufzugeben. Bei eben diesen Kindern ist ein Rückgreifen auf die
prägenitale, sadistisch-anale Organisation des Sexuallebens besonders
erleichtert. Wenn die kaum erreichte genitale Organisation von
der Verdrängung betroffen wird, so tritt nicht nur die eine Folge
auf, daß jegliche psychische Vertretung der inzestuösen Liebe
unbewußt wird oder bleibt, sondern es kommt noch als andere
Folge hinzu, daß die Genitalorganisation selbst eine regressive
Erniedrigung erfahrt. Das: Der Vater liebt mich, war im genitalen
Sinne gemeint; durch die Regression verwandelt es sich in: Der
Vater schlägt mich (ich werde vorn Vater geschlagen). Dies
Geschlagenwerden ist nun ein Zusammentreffen von Schuld-
bewußtsein und Erotik; es ist nicht nur die Strafe für
die verpönte genitale Beziehung, sondern auch der
regressive Ersatz für sie, und aus dieser letzteren Quelle ^
bezieht es die libidinöse Erregung, die ihm von nun anhaften ^J
und in onanistischen Akten Abfuhr finden wird. Dies ist aber,
erst das Wesen des Masochismus .
= T3ie~"Phantasie der zweiten Phase, selbst vom Vater geschlagen
zu werden, bleibt in der Regel unbewußt, wahrscheinlich infolge
der Intensität der Verdrängung. Ich kann nicht angeben, warum
sie doch in einem meiner sechs Fälle (einem männlichen) bewußt
erinnert wurde. Dieser jetzt erwachsene Mann hatte es klar im
Gedächtnis bewahrt, daß er die Vorstellung, von der Mutter
geschlagen zu werden, zu onanistischen Zwecken zu gebrauchen
pflegte; allerdings ersetzte er die eigene Mutter bald durch die
Mütter von Schulkollegen oder andere, ihr irgendwie ähnliche
Frauen. Es ist nicht zu vergessen, daß bei der Verwandlung
Ein Kind wird geschlagen
357
der inzestuösen Phantasie des Knaben in die entsprechende
masochistische eine Umkehrung mehr vor sich geht als im Falle
des Mädchens, nämlich die Ersetzung von Aktivität durch
Passivität, und dies Mehr von Entstellung mag die Phantasie vor
dem Unbewußtbleiben als Erfolg der Verdrängung schützen. Dem
Schuldbewußtsein hätte so die Regression an Stelle der Verdrängung
genügt; in den weiblichen Fällen wäre das, vielleicht an sich
anspruchsvollere, Schuldbewußtsein erst durch das Zusammenwirken
beider begütigt worden.
In zweien meiner vier weiblichen Fälle hatte sich über der
masochistischen Schlagephantasie ein kunstvoller, für das Leben
der Betreffenden sehr bedeutsamer Überbau von Tagträumen
entwickelt, dem die Funktion zufiel, das Gefühl der befriedigten
Erregung auch bei Verzicht auf den onanistischen Akt möglich
zu machen. In einem dieser Fälle durfte der Inhalt, vom Vater
geschlagen zu werden, sich wieder ins Bewußtsein wagen, wenn
das eigene Ich durch leichte Verkleidung unkenntlich gemacht
war. Der Held dieser Geschichten wurde regelmäßig vom Vater
geschlagen, später nur gestraft, gedemütigt usw.
Ich wiederhole aber, in der Regel bleibt die Phantasie unbewußt
und muß erst in der Analyse rekonstruiert werden. Dies läßt
vielleicht den Patienten recht geben, die sich erinnern wollen,
die Onanie sei bei ihnen früher aufgetreten als die — gleich zu
besprechende — Schlagephantasie der dritten Phase; letztere habe
sich erst später hinzugesellt, etwa unter dem Eindruck von
Schulszenen. So oft wir diesen Angaben Glauben schenkten, waren
wir immer geneigt anzunehmen, die Onanie sei zunächst unter
der_ Herrschaft unbewußter Phantasie gestanden, die später durch
bewußte ersetzt wurden.
Als solchen Ersatz fassen wir dann die bekannte Schlage-
phantasie der dritten Phase auf, die endgültige Gestaltung derselben,
in der das phantasierende Kind höchstens noch als Zuschauer
vorkommt, der Vater in der Person eines Lehrers oder sonstigen
358
Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
A*~'
Vorgesetzten erhalten ist. Die Phantasie, die nun jener der ersten
Phase ähnlich ist, scheint sich wieder ins Sadistische gewendet
zu haben. Es macht den Eindruck, als wäre in dem Satze: Der
Vater schlägt das andere Kind, er liebt nur mich, der Akzent
auf den ersten Teil zurückgewichen, nachdem der zweite der
Verdrängung erlegen ist. Allein nur die Form dieser Phantasie
ist sadistisch, die Befriedigung, die aus ihr gewonnen wird, ist
eine masochistische, ihre Bedeutung liegt darin, daß sie die
libidinöse Besetzung des verdrängten Anteils übernommen hat
und mit dieser auch das am Inhalt haftende Schuldbewußt-
sein. Alle die vielen unbestimmten Kinder, die vom Lehrer
geschlagen werden, sind doch nur Ersetzungen der eigenen
Person.
Hier zeigt sich auch zum erstenmal etwas wie eine Konstanz
des Geschlechtes bei den der Phantasie dienenden Personen. Die
geschlagenen Kinder sind fast durchwegs Knaben, in den Phan-
tasien der Knaben ebensowohl wie in denen der Mädchen. Dieser
Zug erklärt sich greifbarerweise nicht aus einer etwaigen Kon-
kurrenz der Geschlechter, denn sonst müßten ja in den Phan-
tasien der Knaben vielmehr Mädchen geschlagen werden ; er hat
auch nichts mit dem Geschlecht des gehaßten Kindes der ersten
Phase zu tun, sondern er weist auf einen komplizierenden Vor-
gang bei den Mädchen hin. Wenn sie sich von der genital
gemeinten inzestuösen Liebe zum Vater abwenden, brechen
sie überhaupt leicht mit ihrer weiblichen Rolle, beleben
ihren „Männlichkeitskomplex" (van Ophuijsen) und wollen
von da an nur Buben sein. Daher sind auch ihre Prügel-
knaben, die sie vertreten, Buben. In beiden Fällen von Tag-
träumen — der eine erhob sich beinahe zum Niveau einer
Dichtung — waren die Helden immer nur junge Männer,
ja Frauen kamen in diesen Schöpfungen überhaupt nicht
vor und fanden erst nach vielen Jabren in Nebenrollen Auf-
nahme.
Ein Kind wird geschlagen 35g
V
Ich hoffe, ich habe meine analytischen Erfahrungen detailliert
genug vorgetragen und bitte nur noch in Betracht zu ziehen,
daß die oft erwähnten sechs Fälle nicht mein Material erschöpfen,
sondern daß ich auch wie andere Analytiker über eine weit
größere Anzahl von minder gut untersuchten Fällen verfüge.
Diese Beobachtungen können nach mehreren Richtungen ver-
wertet werden, zur Aufklärung über die Genese der Perversionen
überhaupt, im besonderen des Masochismus, und zur Würdigung
der Rolle, welche der Geschlechtsunterschied in der Dynamik
der Neurose spielt.
Das augenfälligste Ergebnis einer solchen Diskussion betrifft
die Entstehung der Perversionen. An der Auffassung, die bei
ihnen die konstitutionelle Verstärkung oder Voreiligkeit einer
Sexualkomponente in den Vordergrund rückt, wird zwar nicht
gerüttelt, aber damit ist nicht alles gesagt. Die Perversion steht
nicht mehr isoliert im Sexualleben des Kindes, sondern sie wird
in den Zusammenhang der uns bekannten typischen — um
nicht zu sagen: normalen — Entwicklungsvorgänge aufgenommen.
Sie wird in Beziehung zur inzestuösen Objektliebe des Kindes,
zum Ödipuskomplex desselben, gebracht, tritt auf dem Boden
dieses Komplexes zuerst hervor, und nachdem er zusammen-
gebrochen ist, bleibt sie, oft allein, von ihm übrig, als Erbe
seiner libidinösen Ladung und belastet mit dem an ihm haften-
den Schuldbewußtsein. Die abnorme Sexualkonstitution hat
schließlich ihre Stärke darin gezeigt, daß sie den Ödipuskomplex
in eine besondere Richtung gedrängt und ihn zu einer ungewöhn-
lichen Resterscheinung gezwungen hat.
Die kindliche Perversion kann, wie bekannt, das Fundament
für die Ausbildung einer gleichsinnigen, durchs Leben bestehen-
den Perversion werden, die das ganze Sexualleben des Menschen
aufzehrt, oder sie kann abgebrochen werden und im Hintergrunde
einer normalen Sexualentwicklung erhalten bleiben, der sie dann
360 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
doch immer einen gewissen Energiebetrag entzieht. Der erstere
Fall ist der bereits in voranalytischen Zeiten erkannte, aber die
Kluft zwischen beiden wird durch die analytische Untersuchung
solcher ausgewachsener Perversionen nahezu ausgefüllt. Man findet
nämlich häufig genug bei diesen Perversen, daß auch sie, gewöhn-
lich in der Pubertätszeit, einen Ansatz zur normalen Sexual-
tätigkeit gebildet haben. Aber der war nicht kräftig genug, wurde
vor den ersten, nie ausbleibenden Hindernissen aufgegeben, und
dann griff die Person endgültig auf die infantile Fixierung zurück.
Es wäre natürlich wichtig zu wissen, ob man die Entstehung
der infantilen Perversionen aus dem Ödipuskomplex ganz allge-
mein behaupten darf. Das kann ja ohne weitere Untersuchungen
nicht entschieden werden, aber unmöglich erschiene es nicht.
Wenn wir der Anamnesen gedenken, die von den Perversionen
Erwachsener gewonnen wurden, so merken wir doch, daß der
maßgebende Eindruck, das „erste Erlebnis", all dieser Perversen,
Fetischisten und dergleichen fast niemals in Zeiten früher als
das sechste Jahr verlegt wird. Um diese Zeit ist die Herrschaft
des Ödipuskomplexes aber bereits abgelaufen; das erinnerte, in so
rätselhafter Weise wirksame Erlebnis könnte sehr wohl die Erb-
schaft desselben vertreten haben. Die Beziehungen zwischen ihm
und dem nun verdrängten Komplex müssen dunkle bleiben,
solange nicht die Analyse in die Zeit hinter dem ersten
„pathogenen" Eindruck Licht getragen hat. Man erwäge nun,
wie wenig Wert zum Beispiel die Behauptung einer angeborenen
Homosexualität hat, die sich auf die Mitteilung stützt, die
betreffende Person habe schon vom achten oder vom sechsten
Jahre an nur Zuneigung zum gleichen Geschlecht verspürt.
Wenn aber die Ableitung der Perversionen aus dem Ödipus-
komplex allgemein durchführbar ist, dann hat. unsere Würdigung
desselben eine neue Bekräftigung erfahren. Wir meinen ja, der
Ödipuskomplex sei der eigentliche Kern der Neurose, die infantile
Sexualität, die in ihm gipfelt, die wirkliche Bedingung der Neu-
Ein Kind wird geschlagen 361
rose, und was von ihm im Unbewußten erübrigt, stelle die
Disposition zur späteren neurotischen Erkrankung des Erwachsenen
dar. Die Schlagephantasie und andere analoge perverse Fixierungen
wären dann auch nur Niederschläge des Ödipuskomplexes, gleich-
sam Narben nach dem abgelaufenen Prozeß, geradeso wie die
berüchtigte „Minderwertigkeit" einer solchen narzißtischen Narbe
entspricht. Ich muß in dieser Auffassung Marcinowski, der
sie kürzlich in glücklicher Weise vertreten hat (Die erotischen
Quellen der Minderwertigkeitsgefühle, Zeitschrift für Sexual-
wissenschaft, IV, 1918), uneingeschränkt beistimmen. Dieser
Kleinheitswahn der Neurotiker ist bekanntlich auch nur ein
partieller und mit der Existenz von Selbstüberschätzung aus
anderen Quellen vollkommen verträglich. Über die Herkunft des
Ödipuskomplexes selbst und über das den Menschen wahrschein-
lich allein unter allen Tieren zugemessene Schicksal, das Sexual-
leben zweimal beginnen zu müssen, zuerst wie alle anderen
Geschöpfe von früher Kindheit an und dann nach langer Unter-
brechung in der Pubertätszeit von neuem, über all das, was mit
seinem „archaischen Erbe" zusammenhängt, habe ich mich an
anderer Stelle geäußert, und darauf gedenke ich hier nicht ein-
zugehen.
Zur Genese des Masochismus liefert die Diskussion unserer
Schlagephantasien nur spärliche Beiträge. Es scheint s ich zunächst
zu_bestätigen, daß der Masochismus keine primäre Triebäußerung
ist, sondern aus einer Rückwendung des Sadismus gegen die
eigene Person, also durch Regressio n vom Objekt aufs Ich entsteht.
(Vgl. „Triebe und Triebschicksale" in Sammlung kleiner Schriften,
IV. Folge, 1918 [enthalten weiter unten in diesem Bande].) Triebe
mit passivem Ziele sind, zumal beim Weibe, von Anfang zuzu-
geben, aber die Passivität ist noch nicht das Ganze des Maso-
chismus ; es gehört noch der Unlustcharakter dazu, der bei einer
Trieberfüllung so befremdlich ist. Die Umwandlung des Sadismus
in Masochismus scheint durch den Einfluß des am Verdrängungs-
562 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
akt beteiligten Schuldbewußtseins zu geschehen. Die Verdrängung
äußert sich also hier in dreierlei Wirkungen ; sie macht die
Erfolge der Genitalorganisation unbewußt, nötigt diese selbst zur
Regression auf die frühere sadistisch-anale Stufe und verwandelt
deren Sadismus in den passiven, in gewissem Sinne wiederum
narzißtischen Masochismus. Der mittlere dieser drei Erfolge wird
durch die in diesen Fällen anzunehmende Schwäche der Genital-
organisation ermöglicht; der dritte wird notwendig, weil das
Schuldbewußtsein am Sadismus ähnlichen Anstoß nimmt wie an
der genital gefaßten inzestuösen Objektwahl. Woher das Schuld-
bewußtsein selbst stammt, sagen wiederum die Analysen nicht.
Es scheint von der neuen Phase, in die das Kind eintritt,
mitgebracht zu werden, und wenn es von da an verbleibt, einer
ähnlichen Narbenbildung, wie es das Minderwertigkeitsgefühl ist,
zu entsprechen. Nach unserer bisher noch unsicheren Orientierung
in der Struktur des Ichs, würden wir es jener Instanz zuteilen,
die sich als kritisches Gewissen dem übrigen Ich entgegenstellt,
im Traum das Silberersche funktionale Phänomen erzeugt und
sich im Beachtungswahn vom Ich ablöst.
Im Vorbeigehen wollen wir auch zur Kenntnis nehmen, daß
die Analyse der hier behandelten kindlichen Perversion auch ein
altes Rätsel lösen hilft, welches allerdings die außerhalb der
Analyse Stehenden immer mehr gequält hat als die Analytiker
selbst. Aber noch kürzlich hat selbst E. Bleuler als merkwürdig
und unerklärlich anerkannt, daß von den Neurotikern die Onanie
zum Mittelpunkt ihres Schuldbewußtseins gemacht werde. Wir
haben von jeher angenommen, daß dies Schuldbewußtsein die
frühkindliche und nicht die Pubertätsonanie meine, und daß es
zum größten Teil nicht auf den onanislischen Akt, sondern auf
die ihm zugrunde liegende, wenn auch unbewußte Phantasie —
aus dem Ödipuskomplex also zu beziehen sei.
Ich habe bereits ausgeführt, welche Bedeutung die dritte,
scheinbar sadistische Phase der Schlagephantasie als Träger der
Ein Kind wird geschlagen 363
zur Onanie drängenden Erregung gewinnen, und zu welcher
teils gleichsinnig fortsetzenden, teils kompensatorisch aufhebenden
Phantasietätigkeit sie anzuregen pflegt. Doch ist die zweite,
unbewußte und masochistische Phase, die Phantasie, selbst vom
Vater geschlagen zu werden, die ungleich wichtigere. Nicht nur,
daß sie ja durch Vermittlung der sie ersetzenden fortwirkt 5 es
sind auch Wirkungen auf den Charakter nachzuweisen, welche
sich unmittelbar von ihrer unbewußten Fassung ableiten. Menschen,
die eine solche Phantasie bei sich tragen, entwickeln eine
besondere Empfindlichkeit und Reizbarkeit gegen Personen, die
sie in die Vaterreihe einfügen können; sie lassen sich leicht von
ihnen kränken und bringen so die Verwirklichung der phantasierten
Situation, daß sie vom Vater geschlagen werden, zu ihrem Leid
und Schaden zustande. Ich würde nicht verwundert sein, wenn es
einmal gelänge, dieselbe Phantasie als Grundlage des paranoischen
Querulantenwahns nachzuweisen.
VI
Die Beschreibung der infantilen Schlagephantasien wäre völlig
unübersichtlich geraten, wenn ich sie nicht, von wenigen
Beziehungen abgesehen, auf die Verhältnisse bei weiblichen
Personen eingeschränkt hätte. Ich wiederhole kurz die Ergebnisse:
Die Schlagephantasie der kleinen Mädchen macht drei Phasen
durch, von denen die erste und letzte als bewußt erinnert
werden, die mittlere unbewußt bleibt. Die beiden bewußten
scheinen sadistisch, die mittlere, unbewußte, ist unzweifelhaft
masochistischer Natur; ihr Inhalt ist, vom Vater geschlagen zu
werden, an ihr hängt die libidinöse Ladung und das Schuld-
bewußtsein. Das geschlagene Kind ist in den beiden ersteren
Phantasien stets ein anderes, in der mittleren Phase nur die
eigene Person, in der dritten, bewußten Phase sind es weit
überwiegend nur Knaben, die geschlagen werden. Die schlagende
Person ist von Anfang an der Vater, später ein Stellvertreter
364 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
aus der Vaterreihe. Die unbewußte Phantasie der mittleren Phase
hatte ursprünglich genitale Bedeutung, ist durch Verdrängung
und Regression aus dem inzestuösen Wunsch, vom Vater geliebt
zu werden, hervorgegangen. In anscheinend lockerem Zusammen-
hange schließt sich an, daß die Mädchen zwischen der zweiten
und dritten Phase ihr Geschlecht wechseln, indem sie sich zu
Knaben phantasieren.
In der Kenntnis der Schlagephanlasien der Knaben bin ich,
vielleicht nur durch die Ungunst des Materials, weniger weit
gekommen. Ich habe begreiflicherweise volle Analogie der Ver-
hältnisse bei Knaben und Mädchen erwartet, wobei an die Stelle
des Vaters in der Phantasie die Mutter hätte treten müssen. Die
Erwartung schien sich auch zu bestätigen, denn die für entsprechend
gehaltene Phantasie des Knaben hatte zum Inhalt, von der Mutter
(später von einer Ersatzperson) geschlagen zu werden. Allein
diese Phantasie, in welcher die eigene Person als Objekt fest-
gehalten war, unterschied sich von der zweiten Phase bei Mädchen
dadurch, daß sie bewußt werden konnte. Wollte man sie aber
darum eher der dritten Phase beim Mädchen gleichstellen, so
blieb als neuer Unterschied, daß die eigene Person des Knaben,
nicht durch viele, unbestimmte, fremde, am wenigsten durch
viele Mädchen ersetzt war. Die Erwartung eines vollen Parallelismus
hatte sich also getäuscht.
Mein männliches Material umfaßte nur wenige Fälle mit
infantiler Schlagephantasie ohne sonstige grobe Schädigung der
Sexualtätigkeit, dagegen eine größere Anzahl von Personen, die
als richtige Masochisten im Sinne der sexuellen Perversion
bezeichnet werden mußten. Es waren entweder solche, die ihre
Sexualbefriedigung ausschließlich in Onanie bei masochistischen
Phantasien fanden, oder denen es gelungen war, Masochismus
und Genitalbetätigung so zu verkoppeln, daß sie bei masochistischen
Veranstaltungen und unter ebensolchen Bedingungen Erektion
und Ejakulation erzielten oder zur Ausführung eines normalen
Ein Kind wird geschlagen 565
Koitus befalligt wurden. Dazu kam der seltenere Fall, daß ein
Masochist in seinem perversen Tun durch unerträglich stark
auftretende Zwangsvorstellungen gestört wurde. Befriedigte Perverse
haben nun selten Grund, die Analyse aufzusuchen; für die drei
angeführten Gruppen von Masochisten können sich aber starke
Motive ergeben, die sie zum Analytiker führen. Der masochistische
Onanist findet sich absolut impotent, wenn er endlich doch den
Koitus mit dem Weibe versucht, und wer bisher mit Hilfe einer
masochistischen Vorstellung oder Veranstaltung den Koitus zustande-
gebracht hat, kann plötzlich die Entdeckung machen, daß dies
ihm bequeme Bündnis versagt hat, indem das Genitale auf den
masochistischen Anreiz nicht mehr reagiert. Wir sind gewohnt,,
den psychisch Impotenten, die sich in unsere Behandlung begeben,
zuversichtlich Herstellung zu versprechen, aber wir sollten auch
in dieser Prognose zurückhaltender sein, solange uns die Dynamik
der Störung unbekannt ist. Es ist eine böse Überraschung, wenn
uns die Analyse als Ursache der „bloß psychischen" Impotenz
eine exquisite, vielleicht längst eingewurzelte, masochistische
Einstellung enthüllt.
Bei diesen masochistischen Männern macht man nun eine
Entdeckung, welche uns mahnt, die Analogie mit den Verhält-
nissen beim Weibe vorerst nicht weiter zu verfolgen, sondern den
Sachverhalt selbständig zu beurteilen. Es stellt sich nämlich
heraus, daß sie in den masochistischen Phantasien wie bei den
Veranstaltungen zur Realisierung derselben sich regelmäßig in die
Rolle von Weibern versetzen, daß also ihr Masochismus mit einer
femininen Einstellung zusammenfallt. Dies ist aus den Einzel-
heiten der Phantasien leicht nachzuweisen; viele Patienten wissen
es aber auch und äußern es als eine subjektive Gewißheit. Daran
wird nichts geändert, wenn der spielerische Aufputz der maso-
chistischen Szene an der Fiktion eines unartigen Knaben, Pagen
oder Lehrlings, der gestraft werden soll, festhält. Die züchtigen-
den Personen sind aber in den Phantasien wie in den Veranstal-
3^6 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
tungen je de smal F rauen. Das ist verwirrend genug; man möchte
auch wissen, ob schon der Masochismus der infantilen Schlage-
phantasie auf solcher femininen Einstellung beruht. 1
Lassen wir darum die schwer aufzuklärenden Verhältnisse des
Masochismus der Erwachsenen beiseite und wenden uns zu den
infantilen Schlagephantasien beim männlichen Geschlecht. Hier
gestattet uns die Analyse der frühesten Kinderzeit wiederum,
einen überraschenden Fund zu machen: Die bewußte oder bewußt-
seinsfähige Phantasie des Inhalts, von der Mutter geschlagen zu
werden, ist nicht primär. Sie hat ein Vorstadium, das regelmäßig
unbewußt ist und das den Inhalt hat: Ich werde vom Vater
geschlagen. Dieses Vorstadium entspricht also wirklich der
zweiten Phase der Phantasie beim Mädchen. Die bekannte und
bewußte Phantasie: Ich werde von der Mutter geschlagen, steht
an der Stelle der dritten Phase beim Mädchen, in der, wie
erwähnt, unbekannte Knaben die geschlagenen Objekte sind. Ein
der ersten Phase beim Mädchen vergleichbares Vorstadium
sadistischer Natur konnte ich beim Knaben nicht nachweisen,
aber ich will hier keine endgültige Ablehnung aussprechen, denn
ich sehe die Möglichkeit komplizierterer Typen wohl ein.
Das Geschlagenwerden der männlichen Phantasie, wie ich sie
kurz und hoffentlich nicht mißverständlich nennen werde, ist
gleichfalls ein durch Regression erniedrigtes Geliebtwerden im
genitalen Sinne. Die un bewußte männliche Phantasie hat also
ursprünglich nicht gela utet: Ich werde vom Vater geschlagen,
w ie wir es vorhin vorläufig hinstellten, sondern vielmehr: Ich
werde vom VaJ er geliebt . Sie ist durch die bekannten
Prozesse~ümgewandelt worden in die bewußte Phantasie: Ich
werde von der Mutter geschlagen. Die Schlagephantasie
des Knaben ist also von Anfang an eine passive, wirklich aus der
femininen Einstellung zum Vater hervorgegangen. Sie entspricht
1) Weiteres darüber in „Das ökonomische Problem des Masochismus" 1924.
[S. 374 dieses Bandes.]
Ein Kind wird geschlagen 367
auch ebenso wie die weibliche (die des Mädchens) dem Ödipus-
komplex, nur ist der von uns erwartete Parallelismus zwischen
beiden gegen eine Gemeinsamkeit anderer Art aufzugeben: In
beiden Fällen leitet sich die Schlagephantasie von
der inzestuösen Bindung an den Vater ab.
Es wird der Übersichtlichkeit dienen, wenn ich hier die
anderen Übereinstimmungen und Verschiedenheiten zwischen den
Schlagephantasien der beiden Geschlechter anfüge. Beim Mädchen
geht die unbewußte masochistische Phantasie von der normalen
Ödipuseinstellung aus; beim Knaben von der verkehrten, die den
Vater zum Liebesobjekt nimmt. Beim Mädchen hat die Phantasie
eine Vorstufe (die erste Phase), in welcher das Schlagen in seiner
indifferenten Bedeutung auftritt und eine eifersüchtig gehaßte
Person betrifft; beides entfällt beim Knaben, doch könnte gerade diese
Differenz durch glücklichere Beobachtung beseitigt werden. Beim
Übergang zur ersetzenden bewußten Phantasie hält das Mädchen
die Person des Vaters und somit das Geschlecht der schlagenden
Person fest; es ändert aber die geschlagene Person und ihr
Geschlecht, so daß am Ende ein Mann männliche Kinder schlägt;
der Knabe ändert im Gegenteil Person und Geschlecht des
Schlagenden, indem er Vater durch Mutter ersetzt, und behält
seine Person bei, so daß am Ende der Schlagende und die
geschlagene Person verschiedenen Geschlechts sind. Beim Mädchen
wird die ursprünglich masochistische (passive) Situation durch die
Verdrängung in eine sadistische umgewandelt, deren sexueller
Charakter sehr verwischt ist, beim Knaben bleibt sie masochistisch
und bewahrt infolge der Geschlechtsdifferenz zwischen schlagender
und geschlagener Person mehr Ähnlichkeit mit der ursprüng-
lichen, genital gemeinten Phantasie. Der Knabe entzieht sich
durch die Verdrängung und Umarbeitung der unbewußten Phan-
tasie seiner Homosexualität; das Merkwürdige an seiner späteren
bewußten Phantasie ist, daß sie feminine Einstellung ohne homo-
sexuelle Objektwahl zum Inhalt hat Das Mädchen dagegen ent-
5 68 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
läuft bei dem gleichen Vorgang dem Anspruch des Liebeslebens
überhaupt, phantasiert sich zum Manne, ohne selbst männlich
aktiv zu werden, und wohnt dem Akt, welcher einen sexuellen
ersetzt, nur mehr als Zuschauer bei.
Wir sind berechtigt anzunehmen, daß durch die Verdrängung
der ursprünglichen unbewußten Phantasie nicht allzuviel geändert
wird. Alles fürs Bewußtsein Verdrängte und Ersetzte bleibt im
Unbewußten erhalten und wirkungsfähig. Anders ist es mit dem
Effekt der Regression auf eine frühere Stufe der Sexualorgani-
sation. Von dieser dürfen wir glauben, daß sie auch die Ver-
hältnisse im Unbewußten ändert, so daß nach der Verdrängung
im Unbewußten bei beiden Geschlechtern zwar nicht die (passive)
Phantasie, vom Vater geliebt zu werden, aber doch die maso-
chistische, von ihm geschlagen zu werden, bestehen bleibt. Es
fehlt auch nicht an Anzeichen dafür, daß die Verdrängung ihre
Absicht nur sehr unvollkommen erreicht hat. Der Knabe, der ja
der homosexuellen Objektwahl entfliehen wollte und sein Geschlecht
nicht gewandelt hat, fühlt sich doch in seinen bewußten Phan-
tasien als Weib und stattet die schlagenden Frauen mit männ-
lichen Attributen und Eigenschaften aus. Das Mädchen, das selbst
sein Geschlecht aufgegeben und im ganzen gründlichere Ver-
drängungsarbeit geleistet hat, wird doch den Vater nicht los,
getraut sich nicht selbst zu schlagen, und weil es selbst zum
Buben geworden ist, läßt es hauptsächlich Buben geschlagen
werden.
Ich weiß, daß die hier beschriebenen Unterschiede im Verhalten
der Schlagephantasie bei beiden Geschlechtern nicht genügend
aufgeklärt sind, unterlasse aber den Versuch, diese Komplikationen
durch Verfolgung ihrer Abhängigkeit von anderen Momenten zu
entwirren, weil ich selbst das Material der Beobachtung nicht
für erschöpfend halte. Soweit es aber vorliegt, möchte ich es
zur Prüfung zweier Theorien benützen, die, einander entgegen-
gesetzt, beide die Beziehung der Verdrängung zum -Geschlechts-
Ein Kind wird geschlagen »6 Q
Charakter behandeln und dieselbe, jede in ihrem Sinne, als eine
sehr innige darstellen. Ich schicke voraus, daß ich beide immer
für unzutreffend und irreführend gehalten habe.
Die erste dieser Theorien ist anonym ; sie wurde mir vor
vielen Jahren von einem damals befreundeten Kollegen vorgetragen.
Ihre großzügige Einfachheit wirkt so bestechend, daß man sich
nur verwundert fragen muß, warum sie sich seither in der
Literatur nur durch vereinzelte Andeutungen vertreten findet.
Sie lehnt sich an die bisexuelle Konstitution der menschlichen
Individuen und behauptet, bei jedem einzelnen sei der Kampf
der Geschlechtscharaktere das Motiv der Verdrängung. Das stärker
ausgebildete, in der Person vorherrschende Geschlecht habe die
seelische Vertretung des unterlegenen Geschlechtes ins Unbewußte
verdrängt. Der Kern des Unbewußten, das Verdrängte, sei also
bei jedem Menschen das in ihm vorhandene Gegengeschlechtliche.
Das kann einen greifbaren Sinn wohl nur dann geben, wenn
wir das Geschlecht eines Menschen durch die Ausbildung seiner
Genitalien bestimmt sein lassen, sonst wird ja das stärkere
Geschlecht eines Menschen unsicher, und wir laufen Gefahr, das
was uns als Anhaltspunkt bei der Untersuchung dienen soll,
selbst wieder aus deren Ergebnis abzuleiten. Kurz zusammen-
gefaßt: Beim Manne ist das unbewußte Verdrängte auf
weibliche Triebregungen zurückzuführen; umgekehrt so beim
Weibe.
Die zweite Theorie ist neuerer Herkunft; sie stimmt mit der
ersten darin überein, daß sie wiederum den Kampf der beiden
Geschlechter als entscheidend für die Verdrängung hinstellt. Im
übrigen muß sie mit der ersteren in Gegensatz geraten; sie
beruft sich auch nicht auf biologische, sondern auf soziologische
Stützen. Diese von Alf. Adler ausgesprochene Theorie des
„männlichen Protestes" hat zum Inhalt, daß jedes Individuum
sich sträubt, auf der minderwertigen „weiblichen Linie" zu
verbleiben und zur allein befriedigenden männlichen Linie hin-
Freud, V.
370 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
drängt. Aus diesem männlichen Protest erklärt Adler ganz
allgemein die Charakter- wie die Neurosenbildung. Leider sind
die beiden, doch gewiß auseinander zu haltenden Vorgänge bei
Adler so wenig scharf geschieden und wird die Tatsache der
Verdrängung überhaupt so wenig gewürdigt, daß man sich der
Gefahr eines Mißverständnisses aussetzt, wenn man die Lehre
vom männlichen Protest auf die Verdrängung anzuwenden
versucht. Ich meine, dieser Versuch müßte ergeben, daß der
männliche Protest, das Abrückenwollen von der weiblichen Linie,
in allen Fällen das Motiv der Verdrängung ist. Das Verdrängende
wäre also stets eine männliche, das Verdrängte eine weibliche
Triebregung. Aber auch das Symptom wäre Ergebnis einer
weiblichen Regung, denn wir können den Charakter des
Symptoms, daß es ein Ersatz des Verdrängten sei, der sich der
Verdrängung zum Trotze durchgesetzt hat, nicht aufgeben.
Erproben wir nun die beiden Theorien, denen sozusagen die
Sexualisierung des Verdrängungsvorganges gemeinsam ist, an dem
Beispiel der hier studierten Schlagephantasie. Die ursprüngliche
Phantasie: Ich werde vom Vater geschlagen, entspricht beim
Knaben einer femininen Einstellung, ist also eine Äußerung seiner
gegengeschlechtlichen Anlage. Wenn sie der Verdrängung unter-
liegt, so scheint die erstere Theorie Recht behalten zu sollen,
die ja die Regel aufgestellt hat, das Gegengeschlechtliche deckt
sich mit dem Verdrängten. Es entspricht freilich unseren Erwar-
tungen wenig, wenn das, was sich nach erfolgter Verdrängung
herausstellt, die bewußte Phantasie, doch wiederum die feminine
Einstellung, nur diesmal zur Mutter, aufweist. Aber wir wollen
nicht auf Zweifel eingehen, wo die Entscheidung so nahe bevor-
steht. Die ursprüngliche Phantasie der Mädchen: Ich werde vom
Vater geschlagen (das heißt: geliebt), entspricht doch gewiß als
feminine Einstellung dem bei ihnen vorherrschenden, manifesten
Geschlecht, sie sollte also der Theorie zufolge der Verdrängung
entgehen, brauchte nicht unbewußt zu werden. In Wirklichkeit
Ein Kind wird geschlagen ~ 71
wird sie es doch und erfährt eine Ersetzung durch eine bewußte
Phantasie, welche den manifesten Geschlechtscharakter verleugnet.
Diese Theorie ist also für- das Verständnis der Schlagephantasien
unbrauchbar und durch sie widerlegt. Man könnte einwenden,
es seien eben weibische Knaben und männische Mädchen, bei
denen diese Schlagephantasien vorkommen und die diese Schicksale
erfahren, oder es sei ein Zug von Weiblichkeit beim Knaben
und von Männlichkeit beim Mädchen dafür verantwortlich zu
machen, beim Knaben für die Entstehung der passiven Phantasie,
beim Mädchen für deren Verdrängung. Wir würden dieser Auf-
fassung wahrscheinlich zustimmen, aber die behauptete Beziehung
zwischen manifestem Geschlechtscharakter und Auswahl des
zur Verdrängung Bestimmten wären darum nicht minder
unhaltbar. Wir sehen im Grunde nur, daß bei männlichen und
weiblichen Individuen sowohl männliche wie weibliche Trieb-
regungen vorkommen und ebenso durch Verdrängung unbewußt
werden können.
Sehr viel besser scheint sich die Theorie des männlichen
Protestes gegen die Probe an den Schlagephantasien zu behaupten.
Beim Knaben wie beim Mädchen entspricht die Schlagephantasie
einer femininen Einstellung, also einem Verweilen auf der
weiblichen Linie, und beide Geschlechter beeilen sich, durch
Verdrängung der Phantasie von dieser Einstellung loszukommen.
Allerdings scheint der männliche Protest nur beim Mädchen
vollen Erfolg zu erzielen, hier stellt sich ein geradezu ideales
Beispiel für das Wirken des männlichen Protestes her. Beim
Knaben ist der Erfolg nicht voll befriedigend, die weibliche
Linie wird nicht aufgegeben, der Knabe ist in seiner bewußten
masochistischen Phantasie gewiß nicht „oben". Es entspricht also
der aus der Theorie abgeleiteten Erwartung, wenn wir in
dieser Phantasie ein Symptom erkennen, das durch Mißglücken
des männlichen Protestes entstanden ist. Es stört uns freilich,
daß die aus der Verdrängung hervorgegangene Phantasie des
24*
572 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
Mädchens ebenfalls Wert und Bedeutung eines Symptoms
hat. Hier, wo der männliche Protest seine Absicht voll durch-
gesetzt hat, müßte doch die Bedingung für die Symptombildung
entfallen sein.
Ehe wir noch aus dieser Schwierigkeit die Vermutung schöpfen,
daß die ganze Betrachtungsweise des männlichen Protestes den
Problemen der Neurosen und Perversionen unangemessen und in
ihrer Anwendung auf sie unfruchtbar sei, werden wir unseren
Blick von den passiven Schlagephantasien weg zu anderen Trieb-
äußerungen des kindlichen Sexuallebens richten, die gleichfalls
der Verdrängung unterliegen. Es kann doch niemand daran
zweifeln, daß es auch Wünsche und Phantasien gibt, die von
vornherein die männliche Linie einhalten und Ausdruck männ-
licher Triebregungen sind, z. B. sadistische Impulse oder die aus
dem normalen Ödipuskomplex hervorgehenden Gelüste des
Knaben gegen seine Mutter. Es ist ebensowenig zweifelhaft, daß
auch diese von der Verdrängung befallen werden; wenn der
männliche Protest die Verdrängung der passiven, später maso-
chistischen Phantasien gut erklärt haben sollte, so wird er eben
dadurch für den entgegengesetzten Fall der aktiven Phantasien
völlig unbrauchbar. Das heißt: die Lehre vom männlichen
Protest ist mit der Tatsache der Verdrängung überhaupt
unvereinbar. Nur wer bereit ist, alle psychologischen Erwerbungen
von sich zu werfen, die seit der ersten kathartischen Kur
Breuers und durch sie gemacht worden sind, kann erwarten,
daß dem Prinzip des männlichen Protestes in der Aufklärung
der Neurosen und Perversionen eine Bedeutung zukommen
wird.
Die auf Beobachtung gestützte psychoanalytische Theorie hält
fest daran, daß die Motive der Verdrängung nicht sexualisiert
werden dürfen. Den Kern des seelisch Unbewußten bildet die
archaische Erbschaft des Menschen, und dem Verdrängungs-
prozeß verfällt, was immer davon beim Fortschritt zu späteren
Ein Kind wird geschlagen xyz
Entwicklungsphasen als unbrauchbar, als mit dem Neuen
unvereinbar und ihm schädlich zurückgelassen werden soll. Diese
Auswahl gelingt bei einer Gruppe von Trieben besser als bei
der anderen. Letztere, die Sexualtriebe, vermögen es, kraft
besonderer Verhältnisse, die schon oftmals aufgezeigt worden
sind, die Absicht der Verdrängung zu vereiteln und sich die
Vertretung durch störende Ersatzbildungen zu erzwingen. Daher
ist die der Verdrängung unterliegende infantile Sexualität die
Haupttriebkraft der Symptombildung, und das wesentliche Stück
ihres Inhalts, der Ödipuskomplex, der Kernkomplex der Neurose.
Ich hoffe, in dieser Mitteilung die Erwartung rege gemacht zu
haben, daß auch die sexuellen Abirrungen des kindlichen wie
des reifen Alters von dem nämlichen Komplex abzweigen.
I
DAS ÖKONOMISCHE PROBLEM DES
MASOCHISMUS
Zuerst erschienen in der „Internationalen Zeit-
schrift für Psychoanalyse", X, Bd., Heft 2, 1924.
Man hat ein Recht dazu, die Existenz der masoch istischen
Strebung im menschlichen Triebleben als ökonomisch rätselhaft
zu bezeichnen. Denn, wenn das Lustprinzip die seelischen Vor-
gänge in solcher Weise beherrscht, daß Vermeidung von Unlust
und Gewinnung von Lust deren nächstes Ziel wird, so ist der
Masochismus unverständlich. Wenn Schmerz und Unlust nicht
mehr Warnungen, sondern selbst Ziele sein können, ist das Lust-
prinzip lahmgelegt, der Wächter unseres Seelenlebens gleichsam
narkotisiert.
Der Masochismus erscheint uns so im Lichte einer großen
Gefahr, was für seinen Widerpart, den Sadismus, in keiner Weise
gilt. Wir fühlen uns versucht, das Lustprinzip den Wächter
unseres Lebens anstatt nur unseres Seelenlebens zu heißen. Aber
dann stellt sich die Aufgabe her, das Verhältnis des Lustprinzips
zu den beiden Triebarten, die wir unterschieden haben, den
Todestrieben und den erotischen (libidinösen) Lebenstrieben zu
untersuchen, und wir können in der Würdigung des masochisti-
schen Problems nicht weitergehen, ehe wir nicht diesem Rufe
gefolgt sind.
Wir haben, wie erinnerlich, 1 das Prinzip, welches alle seelischen
Vorgänge beherrscht, als Spezialfall der Fechner'schen Tendenz
1) Jenseits des Lustprinzips, I.
Das ökonomische Problem des Masochismus 375
zur Stabilität aufgefaßt und somit dem seelischen Apparat die
Absicht zugeschrieben, die ihm zuströmende Erregungssumme zu
nichts zu machen oder wenigstens nach Möglichkeit niedrig zu
halten. Barbara Low hat für dies supponierte Bestreben den
Namen Nirwanaprinzip vorgeschlagen, den wir akzeptieren.
Aber wir haben das Lust-Unlustprinzip unbedenklich mit diesem
Nirwanaprinzip identifiziert. Jede Unlust müßte also mit einr Differenz mit seinem Ideal sich
fürchten muß.
Wenn wir gesagt haben, das Ich finde seine Funktion darin,
die Ansprüche der drei Instanzen, denen es dient, miteinander
Das ökonomische Problem des Masochismus 583
zu vereinbaren, sie zu versöhnen, so können wir hinzufügen, es
hat auch dabei sein Vorbild, dem es nachstreben kann, im Über-
ich. Dies Über-Ich ist nämlich ebensosehr der Vertreter des Es
wie der Außenwelt. Es ist dadurch entstanden, daß die ersten
Objekte der libidinösen Regungen des Es, das Elternpaar, ins Ich
introjiziert wurden, wobei die Beziehung zu ihnen desexualisiert
wurde, eine Ablenkung von den direkten Sexualzielen erfuhr. Auf
diese Art wurde erst die Überwindung des Ödipuskomplexes
ermöglicht. Das Über-Ich behielt nun wesentliche Charaktere der
introjizierten Personen bei, ihre Macht, Strenge, Neigung zur
Beaufsichtigung und Bestrafung. Wie an anderer Stelle ausgeführt, 1
ist es leicht denkbar, daß durch die Triebentmischung, welche
mit einer solchen Einführung ins Ich einhergeht, die Strenge
eine Steigerung erfuhr. Das Über-Ich, das in ihm wirksame
Gewissen, kann nun hart, grausam, unerbittlich gegen das von
ihm behütete Ich werden. Der kategorische Imperativ Kants
ist so der direkte Erbe des Ödipuskomplexes.
Die nämlichen Personen aber, welche im Über-Ich als Gewissens-
instanz weiterwirken, nachdem sie aufgehört haben, Objekte der
libidinösen Regungen des Es zu sein, gehören aber auch der
realen Außenwelt an. Dieser sind sie entnommen worden; ihre
Macht, hinter der sich alle Einflüsse der Vergangenheit und
Überlieferung verbergen, war eine der fühlbarsten Äußerungen
der Realität. Dank diesem Zusammenfallen wird das Über-Ich, der
Ersatz des Ödipuskomplexes, auch zum Repräsentanten der realen
Außenwelt und so zum Vorbild für das Streben des Ichs.
Der Ödipuskomplex erweist sich so, wie bereits historisch
gemutmaßt wurde, 2 als die Quelle unserer individuellen Sittlich-
keit (Moral). Im Laufe der Kindheitsentwicklung, welche zur
fortschreitenden Loslösung von den Eltern führt, tritt deren
persönliche Bedeutung für das Über-Ich zurück. An die von ihnen
1) Das Ich lind das Es.
2) Totem irnd Tabu, Abschnitt IV.
584 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
erübrigten Imagines schließen dann die Einflüsse von Lehrern,
Autoritäten, selbstgewählten Vorbildern und sozial anerkannten
Helden an, deren Personen von dem resistenter gewordenen Ich
nicht mehr introjiziert zu werden brauchen. Die letzte Gestalt
dieser mit den Eltern beginnenden Reihe ist die dunkle Macht
des Schicksals, welches erst die wenigsten von uns unpersönlich
zu erfassen vermögen. Wenn der holländische Dichter Multatuli 1
die Mofpa der Griechen durch das Götterpaar A6yo$ xa2 'Aväyy.Tj
ersetzt, so ist dagegen wenig einzuwenden $ aber alle, die die Leitung
des Weltgeschehens der Vorsehung, Gott oder Gott und der Natur
übertragen, erwecken den Verdacht, daß sie diese äußersten und
fernsten Gewalten immer noch wie ein Elternpaar — mytho-
logisch — empfinden und sich mit ihnen durch libidinöse Bindungen
verknüpft glauben. Ich habe im „Ich und Es" den Versuch gemacht,
auch die reale Todesangst der Menschen von einer solchen elter-
lichen Auffassung des Schicksals abzuleiten. Es scheint sehr__schwer,
sich von ihr frei zu machen.
Nach diesen Vorbereitungen können wir zur Würdigung des
moralischen Masochismus zurückkehren. Wir sagten, die betreffen-
den Personen erwecken durch ihr Benehmen — in der Kur und
im Leben — den Eindruck, als seien sie übermäßig moralisch
gehemmt, ständen unter der Herrschaft eines besonders empfind-
lichen Gewissens, obwohl ihnen von solcher Übermoral nichts
bewußt ist. Bei näherem Eingehen bemerken wir wohl
denüntersr.hied , der j gine solche unbewußte Fortsetz ung der
Moral vom moralischen Masochismus trennt. Bei der ersteren
fällt der Akzent auf den gesteigerten Sadismus des Über-Ichs, dem
das Ich sich unterwirft, beim letzteren hingegen auf den eigenen
Masochismus des Ichs, der nach Strafe, sei es vom Über-Ich, sei
es von den Elternmächten draußen, verlangt. Unsere anfängliche
Verwechslung darf entschuldigt werden, denn beide Male handelt
1) Ed. Douwes Dekker (1820—1887).
Das ökonomische Problem des Masochismus 3 8<
es sich um eine Relation zwischen dem Ich und dem Über-Ich
oder ihm gleichstehenden Mächten; in beiden Fällen kommt es
auf ein Bedü-fnis hinaus, das durch Strafe und Leiden befriedigt
wird. Es ist dann ein kaum gleichgültiger Nebenumstand, daß
der Sadismus des Über-Ichs meist grell bewußt wird, während
das masochistische Streben des Ichs in der Regel der Person ver-
borgen bleibt und aus ihrem Verhalten erschlossen werden muß.
Die Unbewußtheit des moralischen Masochismus leitet uns auf
eine naheliegende Spur. Wir konnten den Ausdruck „unbewußtes
Schuldgefühl" übersetzen als Straf bedürfnis von seilen einer
elterlichen Macht. Nun wissen wir, daß der in Phantasien so
häufige Wunsch, vom Vater geschlagen zu werden, dem anderen
sehr nahe steht, in passive (feminine) sexuelle Beziehung zu ihm
zu treten, und nur eine regressive Entstellung desselben ist.
Setzen wir diese Aufklärung in den Inhalt des moralischen
Masochismus ein, so wird dessen geheimer Sinn uns offenbar.
Gewissen und Moral sind durch die Überwindung, Desexualisierung,
des Ödipuskomplexes entstanden; durch, den moralischen Masochismus
wird die Moral wieder sexualisiert, der Ödipuskomplex neu belebt,
eine Regression von der Moral zum Ödipuskomplex angebahnt.'
Dies geschieht weder zum Vorteil der Moral noch des Individuums.
Der Einzelne kann zwar neben seinem Masochismus sein volles
oder ein gewisses Maß von Sittlichkeit bewahrt haben, es kann
aber auch ein gutes Stück seines Gewissens an den Masochismus
verloren gegangen sein. Andererseits schafft der Masochismus die
Versuchung zum „sündhaften" Tun, welches dann durch die
Vorwürfe des sadistischen Gewissens (wie bei so vielen russischen
Charaktertypen) oder durch die Züchtigung der großen Eltern-
macht des Schicksals gesühnt werden muß. Um die Bestrafung
durch diese letzte Elternvertretung zu provozieren, muß der
Masochist das Unzweckmäßige tun, gegen seinen eigenen Vorteil
arbeiten, die Aussichten zerstören, die sich ihm in der realen
Welt eröffnen, und eventuell seine eigene reale Existenz vernichten.
Freud, V
386 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
Die Rückwendung des Sadismus gegen die eigene Person ereignet
sich regelmäßig bei der kulturellen Triebunterdrückung
welche einen großen Teil der destruktiven Triebkomponenten
der Person von der Verwendung im Leben abhält. Man kann
sich vorstellen, daß dieser zurückgetretene Anteil des Destruktions-
triebes als eine Steigerung des Masochismus im Ich zum Vorschein
kommt. Die Phänomene des Gewissens lassen aber erraten, daß
die von der Außenwelt wiederkehrende Destruktion auch ohne
solche Verwandlung vom Über-Ich aufgenommen wird und dessen
Sadismus gegen das Ich erhöht. Der Sadismus des Über-Ichs und
der Masochismus des Ichs ergänzen einander und vereinigen sich
zur Hervorrufung derselben Folgen. Ich meine, nur so kann man
verstehen, daß aus der Triebunterdrückung — häufig oder ganz
allgemein — ein Schuldgefühl resultiert, und daß das Gewissen
um so strenger und empfindlicher wird, je mehr sich die Person
der Aggression gegen andere enthält. Man könnte erwarten, daß
ein Individuum, welches von sich weiß, daß es kulturell uner-
wünschte Aggressionen zu vermeiden pflegt, darum ein gutes
Gewissen hat und sein Ich minder mißtrauisch überwacht. Man
stellt es gewöhnlich so dar, als sei die sittliche Anforderung_das
Primäre und der Triebver/.icht ihre Folge . Dabei bleibt die
Herkunft der Sittlichkeit unerklärt. In Wirklichkeit scheint es
umgekehrt zuzugehen; der erste Triebverzicht ist ein durch äußere
Mächte erzwungener und er schafft erst die Sittlichkeil, die sich
im Gewissen ausdrückt und weiteren Triebverzicht fordert.
So wird «irr moralische Masochismus zum klassischen Zeugen
für die Existenz der Triebvermischung. Seine Gefährlichkeit rührt
daher, daß er vom Todestrieb abstammt, jenem Anteil desselben
entspricht, welcher der Auswärtswendung als Destruktionstrieb
entging. Aber da er anderseits die Bedeutung einer erotischen
Komponente hat, kann auch die Selbstzerstörung der Person nicht
ohne libidinöse Befriedigung erfolgen.
I
ÜBER EINIGE NEUROTISCHE MECHANISMEN
BEI EIFERSUCHT, PARANOIA UND
HOMOSEXUALITÄT
Zuerst erschienen in der „Internationalen Zeit-
schrift für Psychoanalyse 11 , Bd. VIII, rp>22.
A
Die Eifersucht gehört zu den Affektzuständen, die man ähn-
lich wie die Trauer als normal bezeichnen darf. Wo sie im
Charakter und Benehmen eines Menschen zu fehlen scheint, ist
der Schluß gerechtfertigt, daß sie einer starken Verdrängung
erlegen ist und darum im unbewußten Seelenleben eine um so
größere Rolle spielt. Die Fälle von abnorm verstärkter Eifersucht,
mit denen die Analyse zu tun bekommt, erweisen sich als drei-
fach geschichtet. Die drei Schichten oder Stufen der Eifersucht
verdienen die Namen der 1. konkurrieren den oder normalen,
2. der projizierten, 5. der wahn haften.
Über die normale Eifersucht ist analytisch wenig zu sagen.
Es ist leicht zu sehen, daß sie sich wesentlich zusammensetzt
aus der Trauer, dem Schmerz um das verlorengeglaubte Liebes-
objekt, und der narzißtischen Kränkung, soweit sich diese vom
anderen sondern läßt, ferner aus feindseligen Gefühlen gegen den
bevorzugten Rivalen und aus einem mehr oder minder großen
Beitrag von Selbstkritik, die das eigene Ich für den Liebesverlust
verantwortlich machen will. Diese Eifersucht ist, wenn wir sie
auch normal heißen, keineswegs durchaus rationell, das heißt aus
afi*
588 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
aktuellen Beziehungen entsprungen, den wirklichen Verhältnissen
proportional und restlos vom bewußten Ich beherrscht, denn sie
wurzelt tief im Unbewußten, setzt früheste Regungen der kind-
lichen Affektivität fort und stammt aus dem Ödipus- oder aus
dem Geschwisterkomplex der ersten Sexualperiode. Es ist immerhin
bemerkenswert, daß sie von manchen Personen bisexuell erlebt
wird, das heißt beim Manne wird außer dem Schmerz um das
geliebte Weib und dem Haß gegen den männlichen Rivalen
auch Trauer um den unbewußt geliebten Mann und Haß gegen
das Weib als Rivalin bei ihm zur Verstärkung wirksam. Ich
weiß auch von einem Manne, der sehr arg unter seinen
Eifersuchtsanfällen litt und die nach seinen Angaben ärgsten
Qualen in der bewußten Versetzung in das ungetreue Weib
durchmachte. Die Empfindung der Hilflosigkeit, die er dann ver-
spürte, die Bilder, die er für seinen Zustand fand, als ob er wie
Prometheus dem Geierfraß preisgegeben oder gefesselt in ein
Schlangennest geworfen worden wäre, bezog er selbst auf den
Eindruck mehrerer homosexueller Angriffe, die er als Knabe
erlebt hatte.
Die Eifersucht der zweiten Schichte oder die projizierte
geht beim Manne wie beim Weibe aus der eigenen, im Leben
betätigten Untreue oder aus Antrieben zur Untreue hervor, die
der Verdrängung verfallen sind. Es ist eine alltägliche Erfahrung,
daß die Treue, zumal die in der Ehe geforderte, nur gegen
beständige Versuchungen aufrechterhalten werden kann. Wer
dieselben in sich verleugnet, verspürt deren Andrängen doch so
stark, daß er gerne einen unbewußten Mechanismus zu seiner
Erleichterung in Anspruch nimmt. Eine solche Erleichterung, ja
einen Freispruch vor seinem Gewissen erreicht er, wenn er die
eigenen Antriebe zur Untreue auf die andere Partei, welcher er
die Treue schuldig ist, projiziert. Dieses starke Motiv kann sich
dann des Wahrnehmungsmaterials bedienen, welches die gleich-
artigen unbewußten Regungen des anderen Teiles verrät, und
Über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht usw. 38 g
könnte sich durch die Überlegung rechtfertigen, daß der Partner
oder die Partnerin wahrscheinlich auch nicht viel besser ist, als
man selbst. 1
Die gesellschaftlichen Sitten haben diesem allgemeinen Sach-
verhalt in kluger Weise Rechnung getragen, indem sie der Gefall
sucht der verheirateten Frau und der Eroberungssucht des Ehe-
mannes einen gewissen Spielraum gestatten in der Erwartung,
die unabweisbare Neigung zur Untreue dadurch zu drainieren und
unschädlich zu machen. Die Konvention setzt fest, daß beide Teile
diese kleinen Schrittchen in der Richtung der Untreue einander
nicht anzurechnen haben, und erreicht zumeist, daß die am fremden
Objekt entzündete Begierde in einer gewissen Rückkehr zur Treue
am eigenen Objekt befriedigt wird. Der Eifersüchtige will aber
diese konventionelle Toleranz nicht anerkennen, er glaubt nicht,
daß es ein Stillhalten oder Umkehren auf dem einmal betretenen
Weg gibt, daß der gesellschaftliche „Flirt" auch eine Ver-
sicherung gegen wirkliche Untreue sein kann. In der Behandlung
eines solchen Eifersüchtigen muß man es vermeiden, ihm das
Material, auf das er sich stützt, zu bestreiten, man kann ihn
nur zu einer anderen Einschätzung desselben bestimmen wollen.
Die durch solche Projektion entstandene Eifersucht hat zwar
fast wahnhaften Charakter, sie widersteht aber nicht der analyti-
schen Arbeit, welche die unbewußten Phantasien der eigenen
Untreue aufdeckt. Schlimmer ist es mit der Eifersucht der dritten
Schicht, der eigentlich wahn haften. Auch diese geht aus ver-
drängten Untreuestrebungen hervor, aber die Objekte dieser Phan-
tasien sind gleichgeschlechtlicher Art. Die wahnhafte Eifersucht
entspricht einer vergorenen Homosexualität und behauptet mit
Recht ihren Platz unter den klassischen Formen der Paranoia.
l) Vergl. die Strophe im Liede der Desdcmona:
I called him thou false orte, what answered he then ?
If I court more women, you will couch with inore men.
(Ich nannt' ihn: Du Falscher. Was sagt er dazu?
Schau ich nach den Mägdlein, nach den Bühlein schielst du.}
39° Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
Als Versuch zur Abwehr einer überstarken homosexuellen Regung
wäre sie (beim Manne) durch die Formel zu umschreiben :
Ich liebe ihn ja nicht, sie liebt ihn.'
In einem Falle von Eifersuchtswahn wird man darauf vorbereitet
sein, die Eifersucht aus allen drei Schichten zu finden, niemals
die aus der dritten allein.
B
Paranoia. Aus bekannten Gründen entziehen sich Fälle von
Paranoia zumeist der analytischen Untersuchung. Indes konnte ich
doch in letzter Zeit aus dem intensiven Studium zweier Paranoiker
einiges, was mir neu war, entnehmen.
Der erste Fall betraf einen jugendlichen Mann mit voll aus-
gebildeter Eifersuchtsparanoia, deren Objekt seine tadellos getreue
Frau war. Eine stürmische Periode, in der ihn der Wahn ohne
Unterbrechung beherrscht hatte, lag bereits hinter ihm. Als ich
ihn sah, produzierte er nur noch gut gesonderte Anfälle, die
über mehrere Tage anhielten und interessanterweise regelmäßig
am Tage nach einem, übrigens für beide Teile befriedigenden,
Sexualakt auftraten. Es ist der Schluß berechtigt, daß jedesmal
nach der Sättigung der heterosexuellen Libido die mitgereizte
homosexuelle Komponente sich ihren Ausdruck im Eifersuchts-
anfall erzwang.
Sein Material bezog der Anfall aus der Beobachtung der kleinsten
Anzeichen, durch welche sich die völlig unbewußte Koketterie
der Frau, einem anderen unmerklich, ihm verraten hatte. Bald
hatte sie den Herrn, der neben ihr saß, unabsichtlich mit ihrer
Hand gestreift, bald ihr Gesicht zu sehr gegen ihn geneigt oder
ein freundlicheres Lächeln aufgesetzt, als wenn sie mit ihrem
Mann allein war. Für all diese Äußerungen ihres Unbewußten
zeigte er eine außerordentliche Aufmerksamkeit und verstand sie
1) Vergl. die Ausführungen zum Falle Schreber: Psychoanalytische Bemerkungen
über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia (Dementia paranoides)
[enthalten in Band VIII dieser Gesamtausgabe].
Über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht usw. 391
immer richtig zu deuten, so daß er eigehung aus überwundener Rivalität und verdrängter Aggressions-
neigung, mengt sich in manchen Fällen den uns bekannten
typischen Bedingungen bei. Man erfährt nicht selten aus der
Lebensgeschichte Homosexueller, daß ihre Wendung eintrat, nach-
dem die Mutter einen anderen Knaben gelobt und als Vorbild
angepriesen hatte. Dadurch wurde die Tendenz zur narzißtischen
Objektwahl gereizt, und nach einer kurzen Phase scharfer Eifer-
sucht war der Rivale zum Liebesobjekt geworden. Sonst aber
sondert sich der neue Mechanismus dadurch ab, daß bei ihm die
Umwandlung in viel früheren Jahren vor sich geht und die Mutter-
identifizierung in den Hintergrund tritt. Auch führte er in den
von mir beobachteten Fällen nur zu homosexuellen Einstellungen,
welche die Heterosexualität nicht ausschlössen und keinen horror
feminae mit sich brachten.
Es ist bekannt, daß eine ziemliche Anzahl homosexueller
Personen sich durch besondere Entwicklung der sozialen Trieb-
regungen und durch Hingabe an gemeinnützige Interessen aus-
1) Siehe Massenpsychologie und Ich-Analyse, 1921. [Band VI der Gesamtausgabe.]
Über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht usw. 399
zeichnet. Man wäre versucht, dafür die theoretische Erklärung zu
geben, daß ein Mann, der in anderen Männern mögliche Liebes-
objekte sieht, sich gegen die Gemeinschaft der Männer anders
benehmen muß, als ein anderer, der genötigt ist, im Mann
zunächst den Rivalen beim Weibe zu erblicken. Dem steht nur
die Erwägung entgegen, daß es auch bei homosexueller Liebe
Eifersucht und Rivalität gibt, und daß die Gemeinschaft der
Männer auch diese möglichen Rivalen umschließt. Aber auch,
wenn man von dieser spekulativen Begründung absieht, kann die
Tatsache für den Zusammenhang von Homosexualität und
sozialem Empfinden nicht gleichgültig sein, daß die homosexuelle
Objekt wähl nicht selten aus frühzeitiger Überwindung der Rivalität
mit dem Manne hervorgeht.
In der psychoanalytischen Betrachtung sind wir gewöhnt, die
sozialen Gefühle als Sublimierungen homosexueller Objektein-
stellungen aufzufassen. Bei den sozial gesinnten Homosexuellen
wäre die Ablösung der sozialen Gefühle von der Objektwahl nicht
voll geglückt.
ÜBER NEUROTISCHE ERKRANKUNGSTYPEN
Zuerst erschienen im „Zentralblatt für Psycho-
analyse", Bd. II, 1912, dann in der Dritten Folge
der „Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre".
In den nachstehenden Sätzen soll auf Grund empirisch
gewonnener Eindrücke dargestellt werden, welche Veränderungen
der Bedingungen dafür maßgebend sind, daß bei den hiezu
Disponierten eine neurotische Erkrankung zum Ausbruch komme.
Es handelt sich also um die Frage der Krankheitsveranlassungen 5
von den Krankheitsformen wird wenig die Rede sein. Von anderen
Zusammenstellungen der Erkrankungsanlässe wird sich diese durch
den einen Charakter unterscheiden, daß sie die aufzuzählenden
Veränderungen sämtlich auf die Libido des Individuums bezieht
Die Schicksale der Libido erkannten wir ja durch die Psycho-
analyse als entscheidend für nervöse Gesundheit oder Krankheit.
Auch über den Begriff der Disposition ist in diesem Zusammen-
hange kein Wort zu verlieren. Gerade die psychoanalytische
Forschung hat uns ermöglicht, die neurotische Disposition in der
Entwicklungsgeschichte der Libido nachzuweisen und die in ihr
wirksamen Faktoren auf mitgeborene Varietäten der sexuellen
Konstitution und in der frühen Kindheit erlebte Einwirkungen
der Außenwelt zurückzuführen.
a) Der nächstliegende, am leichtesten auffindbare und am
besten verständliche Anlaß zur neurotischen Erkrankung liegt in
jenem äußeren Moment vor, welches allgemein als die Ver-
sagung beschrieben werden kann. Das Individuum war gesund,
Über neurotische Erkrankungstypen 401
I
I
solange seine Liebesbedürftigkeit durch ein reales Objekt der
Außenwelt befriedigt wurde j es wird neurotisch, sobald ihm
dieses Objekt entzogen wird, ohne daß sich ein Ersatz dafür
findet. Glück fällt hier mit Gesundheit, Unglück mit Neurose
zusammen. Die Heilung fällt dem Schicksal, welches für die ver-
lorene Befriedigungsmöglichkeit einen Ersatz schenken kann,
leichter als dem Arzte.
Für diesen Typus, an dem wohl die Mehrzahl der Menschen
Anteil hat, beginnt die Erkrankungsmöglichkeit also erst mit der
Abstinenz, woraus man ermessen kann, wie bedeutungsvoll die
kulturellen Einschränkungen der zugänglichen Befriedigung für
die Veranlassung der Neurosen sein mögen. Die Versagung wirkt
dadurch pathogen, daß sie die Libido aufstaut und nun das
Individuum auf die Probe stellt, wie lange es diese Steigerung
der psychischen Spannung ertragen, und welche Wege es ein-
schlagen wird, sich ihrer zu entledigen. Es gibt nur zwei
Möglichkeiten, sich bei anhaltender realer Versagung der Befriedigung
gesund zu erhalten, erstens, indem man die psychische Spannung
in tatkräftige Energie umsetzt, welche der Außenwelt zugewendet
bleibt und endlich eine reale Befriedigung der Libido von ihr
erzwingt, und zweitens, indem man auf die libidinöse Befriedigung
verzichtet, die aufgestaute Libido sublimiert und zur Erreichung von
Zielen verwendet, die nicht mehr erotische sind und der Versagung
entgehen. Daß beide Möglichkeiten in den Schicksalen der Menschen
zur Verwirklichung kommen, beweist uns, daß Unglück nicht
mit Neurose zusammenfällt, und daß die Versagung nicht allein
über Gesundheit oder Erkrankung der Betroffenen entscheidet.
Die Wirkung der Versagung liegt zunächst darin, daß sie die bis
dahin unwirksamen dispositionellen Momente zur Geltung bringt.
Wo diese in genügend starker Ausbildung vorhanden sind,
besteht die Gefahr, daß die Libido introvertiert werde. 1 Sie
wendet sich von der Realität ab, welche durch die hartnäckige
1) Nach einem von C. G. Jung eingeführten Terminus.
Freud, V. 26
4.02 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
Versagung an Wert für das Individuum verloren hat, wendet
sich dem Phantasieleben zu, in welchem sie neue Wunsch-
bildungen schafft und die Spuren früherer, vergessener Wunsch-
bildungen wiederbelebt. Infolge des innigen Zusammenhanges der
Phantasietätigkeit mit dem in jedem Individuum vorhandenen
infantilen, verdrängten und unbewußt gewordenen Material und
dank der Ausnahmsstellung gegen die Realitätsprüfung, die dem
Phantasieleben eingeräumt ist,' kann die Libido nun weiter
rückläufig werden, auf dem Wege der Regression infantile
Bahnen auffinden und ihnen entsprechende Ziele anstreben. Wenn
diese Strebungen, die mit dem aktuellen Zustand der Individualität
unverträglich sind, genug Intensität erworben haben, muß es
zum Konflikt zwischen ihnen und dem andern Anteil der
Persönlichkeit kommen, welcher in Relation zur Realität geblieben
ist. Dieser Konflikt wird durch Symptombildungen gelöst und
geht in manifeste Erkrankung aus. Daß der ganze Prozeß von
der realen Versagung ausgegangen ist, spiegelt sich in dem
Ergebnis wider, daß die Symptome, mit denen der Boden der
Realität wieder erreicht wird, Ersatzbefriedigungen darstellen.
b) Der zweite Typus der Erkrankungsveranlassung ist keines-
wegs so augenfällig wie der erste und konnte wirklich erst
durch eindringende analytische Studien im Anschluß an die
Komplexlehre der Züricher Schule aufgedeckt werden. 2 Das
Individuum erkrankt hier nicht infolge einer Veränderung in der
Außenwelt, welche an die Stelle der Befriedigung die Versagung
gesetzt hat, sondern infolge einer inneren Bemühung, um sich
die in der Realität zugängliche Befriedigung zu holen. Es erkrankt
an dem Versuch, sich der Realität anzupassen und die Real-
forderung zu erfüllen, wobei es auf unüberwindliche innere
Schwierigkeiten stößt.
1) Vgl. meine „Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen
Geschehens". [Dieser Band S. 409 ff.]
2) Vgl. Jung, Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des Einzelnen. Jahr-
buch für Psychoanalyse I, 1909.
■■
Über neurotische Erkrankungstypen
403
Es empfiehlt sich, die beiden Erkrankungstypen scharf gegen-
einander abzusetzen, schärfer, als es die Beobachtung zumeist
gestattet. Beim ersten Typus drängt sich eine Veränderung in
der Außenwelt vor, beim zweiten fällt der Akzent auf eine
innere Veränderung. Nach dem ersten Typus erkrankt man an
einem Erlebnis, nach dem zweiten an einem Entwicklungs-
vorgang. Im ersten Falle wird die Aufgabe gestellt, auf Befrie-
digung zu verzichten, und das Individuum erkrankt an seiner
Widerstandsunfähigkeit; im zweiten Falle lautet die Aufgabe, eine
Art der Befriedigung gegen eine andere zu vertauschen, und die
Person scheitert an ihrer Starrheit. Im zweiten Falle ist der
Konflikt zwischen dem Bestreben, so zu verharren, wie man ist,
und dem anderen, sich nach neuen Absichten und neuen Real-
forderungen zu verändern, von vornherein gegeben; im früheren
Falle stellt er sich erst her, nachdem die gestaute Libido andere,
und zwar unverträgliche Befriedigungsmöglichkeiten erwählt hat.
Die Rolle des Konflikts und der vorherigen Fixierung der
Libido sind beim zweiten Typus ungleich augenfälliger als beim
ersten, bei dem sich solche unbrauchbare Fixierungen eventuell
erst infolge der äußeren Versagung herstellen mögen.
Ein junger Mann, der seine Libido bisher durch Phantasien
mit Ausgang in Masturbation befriedigt hatte und nun dieses
dem Autoerotismus nahestehende Regime mit der realen Objekt-
wahl vertauschen will, ein Mädchen, das seine ganze Zärtlichkeit
dem Vater oder Bruder geschenkt hatte und nun für einen um
sie werbenden Mann die bisher unbewußten, inzestuösen, Libido-
wünsche bewußt werden lassen soll, eine Frau, die auf ihre
polygamen Neigungen und Prostitutionsphantasien verzichten
möchte, um ihrem Mann eine treue Gefährtin und ihrem Kind
eine tadellose Mutter zu werden: diese alle erkranken an den
lobenswertesten Bestrebungen, wenn die früheren Fixierungen
ihrer Libido stark genug sind, um sich einer Verschiebung zu
widersetzen, wofür wiederum die Faktoren der Disposition
26*
404 Arbeiten zum. Sexualleben und zur Neurosenlehre
konstitutionelle Anlage und infantiles Erleben, entscheidend
werden. Sie erleben alle sozusagen das Schicksal des Bäumleins
im Grimmschen Märchen, das andere Blätter hat gewollt;
vom hygienischen Standpunkt, der hier freilich nicht allein in
Betracht kommt, könnte man ihnen nur wünschen, daß sie
weiterhin so unentwickelt, so minderwertig und nichtsnutzig
geblieben wären, wie sie es vor ihrer Erkrankung waren. Die
Veränderung, welche die Kranken anstreben, aber nur unvoll-
kommen oder gar nicht zustande bringen, hat regelmäßig den
Wert eines Fortschrittes im Sinne des realen Lebens. Anders,
wenn man mit ethischem Maßstabe mißt; man sieht die
Menschen ebenso oft erkranken, wenn sie ein Ideal abstreifen,
als wenn sie es erreichen wollen.
Ungeachtet der sehr deutlichen Verschiedenheiten der beiden
beschriebenen Erkrankungstypen, treffen sie doch im wesentlichen
zusammen und lassen sich unschwer zu einer Einheit zusammen-
fassen. Die Erkrankung an Versagung fallt auch unter den
Gesichtspunkt der Unfähigkeit zur Anpassung an die Realität,
nämlich an den einen Fall, daß die Realität die Befriedigung der
Libido versagt. Die Erkrankung unter den Bedingungen des
zweiten Typus führt ohne weiteres zu einem Sonderfall der
Versagung. Es ist hiebei zwar nicht jede Art der Befriedigung
von der Realität versagt, wohl aber gerade die eine, welche das
Individuum für die ihm einzig mögliche erklärt, und die
Versagung geht nicht direkt von der Außenwelt, sondern primär
von gewissen Strebungen des Ichs aus, aber die Versagung bleibt
das Gemeinsame und Übergeordnete. Infolge des Konflikts, der
beim zweiten Typus sofort einsetzt, werden beide Arten der
Befriedigung, die gewohnte wie die angestrebte, gleichmäßig
gehemmt; es kommt zur Libidostauung mit den von ihr
ablaufenden Folgen wie im ersten Falle. Die psychischen Vorgänge
auf dem Wege zur Symptombildung sind beim zweiten Typus
eher übersichtlicher als beim ersten, da die pathogenen Fixierungen
Über neurotische Erkrankungstypen 405
der Libido liier nicht erst herzustellen waren, sondern während
der Gesundheit in Kraft bestanden hatten. Ein gewisses Maß
von Introversion der Libido war meist schon vorhanden; ein
Stück der Regression zum Infantilen wird dadurch erspart, daß
die Entwicklung noch nicht den ganzen Weg zurückgelegt hatte.
c) Wie eine Übertreibung des zweiten Typus, der Erkrankung
an der Realforderung, erscheint der nächste Typus, den ich
als Erkrankung durch Entwicklungshemmung beschreiben
will. Ein theoretischer Anspruch, ihn abzusondern, läge nicht
vor, wohl aber ein praktischer, da es sich um Personen handelt,
die erkranken, sobald sie das unverantwortliche Kindesalter über-
schreiten, und somit niemals eine Phase von Gesundheit, das
heißt von im ganzen uneingeschränkter Leistungs- und Genuß-
fähigkeit erreicht haben. Das Wesentliche des disponierenden
Prozesses liegt in diesen Fällen klar zutage. Die Libido hat die
infantilen Fixierungen niemals verlassen, die Realforderung tritt
nicht plötzlich einmal an das ganz oder zum Teil gereifte
Individuum heran, sondern wird durch den Tatbestand des
Älterwerdens selbst gegeben, indem sie sich selbstverständlicher-
weise mit dem Alter des Individuums kontinuierlich ändert. Der
Konflikt tritt gegen die Unzulänglichkeit zurück, doch müssen
wir nach allen unseren sonstigen Einsichten ein Bestreben, die
Kindheitsfixierungen zu überwinden, auch hier statuieren, sonst
könnte niemals Neurose, sondern nur stationärer Infantilismus der
Ausgang des Prozesses sein.
d) Wie der dritte Typus uns die disponierende Bedingung fast
isoliert vorgeführt hatte, so macht uns der nun folgende vierte
auf ein anderes Moment aufmerksam, dessen Wirksamkeit in
allen Fällen in Betracht kommt und gerade darum leicht in
einer theoretischen Erörterung übersehen werden könnte. Wir
sehen nämlich Individuen erkranken, die bisher gesund gewesen
waren, an die kein neues Erlebnis herangetreten ist, deren Rela-
tion zur Außenwelt keine Änderung erfahren hat, so daß ihre
40 6 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
Erkrankung den Eindruck des Spontanen machen muß. Nähere
Betrachtung solcher Fälle zeigt uns indes, daß sich in ihnen doch
eine Veränderung vollzogen hat, die wir als höchst bedeutsam
für die Krankheitsverursachung einschätzen müssen. Infolge des
Erreichens eines gewissen Lebensabschnittes und im Anschlüsse
an gesetzmäßige biologische Vorgänge hat die Quantität der
Libido in ihrem seelischen Haushalt eine Steigerung erfahren,
welche für sich allein hinreicht, das Gleichgewicht der Gesund-
heit umzuwerfen und die Bedingungen der Neurose herzustellen.
Wie bekannt, sind solche eher plötzliche Libidosteigerungen mit
der Pubertät und der Menopause, mit dem Erreichen gewisser
Jahreszahlen bei Frauen, regelmäßig verbunden 5 bei manchen
Menschen mögen sie sich überdies in noch unbekannten Periodi-
zitäten äußern. Die Libidostauung ist hier das primäre Moment,
sie wird pathogen infolge der relativen Versagung von Seiten
der Außenwelt, die einem geringeren Libidoanspruch die Befrie-
digung noch gestattet hätte. Die unbefriedigte und gestaute
Libido kann wieder die Wege zur Regression eröffnen und die-
selben Konflikte anfachen, die wir für den Fall der absoluten
äußeren Versagung festgestellt haben. Wir werden auf solche
Weise daran gemahnt, daß wir das quantitative Moment bei keiner
Überlegung über Krankheitsveranlassung außer acht lassen dürfen.
Alle anderen Faktoren, die Versagung, Fixierung, Entwicklungs-
hemmung, bleiben wirkungslos, insofern sie nicht ein gewisses
Maß der Libido betreffen und eine Libidostauung von bestimmter
Höhe hervorrufen. Dieses Maß von Libido, das uns für eine
pathogene Wirkung unentbehrlich dünkt, ist für uns freilich nicht
meßbar; wir können es nur postulieren, nachdem der Krankheits-
erfolg eingetreten ist. Nur nach einer Richtung dürfen wir es
enger bestimmen; wir dürfen annehmen, daß es sich nicht um
eine absolute Quantität handelt, sondern um das Verhältnis des
wirksamen Libidobetrages zu jener Quantität von Libido, welche
das einzelne Ich bewältigen, das heißt in Spannung erhalten,
Über neurotische Erkrankungstypen 407
sublimieren oder direkt verwenden kann. Daher wird eine rela-
tive Steigerung der Libidoquantität dieselben Wirkungen haben
können wie eine absolute. Eine Schwächung des Ichs durch
organische Krankheit oder durch besondere Inanspruchnahme seiner
Energie wird imstande sein, Neurosen zum Vorschein kommen zu
lassen, die sonst trotz aller Disposition latent geblieben wären.
Die Bedeutung, welche wir der Libidoquantität für die Krank-
heitsverursachung zugestehen müssen, stimmt in wünschenswerter
Weise zu zwei Hauptsätzen der Neurosenlehre, die sich aus der
Psychoanalyse ergeben haben. Erstens zu dem Satze, daß die
Neurosen aus dem Konflikt zwischen dem Ich und der Libido
entspringen, zweitens zu der Einsicht, daß keine qualitative Ver-
schiedenheit zwischen den Bedingungen der Gesundheit und denen
der Neurose bestehe, daß die Gesunden vielmehr mit denselben
Aufgaben der Bewältigung der Libido zu kämpfen haben, nur
daß es ihnen besser gelungen ist.
Es erübrigt noch, einige Worte über das Verhältnis dieser
Typen zur Erfahrung zu sagen. Wenn ich die Anzahl von Kranken
überblicke, mit deren Analyse ich gerade jetzt beschäftigt bin, so
muß ich feststellen, daß keiner von ihnen einen der vier
Erkrankungstypen rein realisiert. Ich finde vielmehr bei jedem
ein Stück der Versagung wirksam neben einem Anteil von
Unfähigkeit, sich der Realforderung anzupassen; der Gesichtspunkt
der Entwicklungshemmung, die ja mit der Starrheit der
Fixierungen zusammenfällt, kommt bei allen in Betracht, und die
Bedeutung der Libidoquantität dürfen wir, wie oben ausgeführt,
niemals vernachlässigen. Ja, ich erfahre, daß bei mehreren unter
diesen Kranken die Krankheit in Schüben zum Vorschein gekommen
ist, zwischen welchen Intervalle von Gesundheit lagen, und daß
jeder dieser Schübe sich auf einen anderen Typus von Veran-
lassung zurückführen läßt. Die Aufstellung dieser vier Typen hat
also keinen hohen theoretischen Wert; es sind bloß verschiedene
Wege zur Herstellung einer gewissen pathogenen Konstellation im
408
Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
seelischen Haushalt, nämlich der Libidostauung, welcher sich das
Ich mit seinen Mitteln nicht ohne Schaden erwehren kann. Die
Situation selbst wird aber nur pathogen infolge eines quantita-
tiven Momentes; sie ist nicht etwa eine Neuheit für das Seelen-
leben und durch das Eindringen einer sogenannten „Krankheits-
ursache" geschaffen.
Eine gewisse praktische Bedeutung werden wir den Erkran-
kungstypen gerne zugestehen. Sie sind in einzelnen Fällen auch
rein zu beobachten; auf den dritten und vierten Typus wären
wir nicht aufmerksam geworden, wenn sie nicht die einzigen
Veranlassungen der Erkrankung für manche Individuen enthielten.
Der erste Typus hält uns den außerordentlich mächtigen Einfluß
der Außenwelt vor Augen, der zweite den nicht minder bedeut-
samen der Eigenart des Individuums, welche sich diesem Ein-
flüsse widersetzt. Die Pathologie konnte dem Problem der Krank-
heitsveranlassung bei den Neurosen nicht gerecht werden, solange
sie sich bloß um die Entscheidung bemühte, ob diese Affektionen
endogener oder exogener Natur seien. Allen Erfahrungen,
welche auf die Bedeutung der Abstinenz (im weitesten Sinne)
als Veranlassung hinweisen, mußte sie immer den Einwand ent-
gegensetzen, andere Personen vertrügen dieselben Schicksale, ohne
zu erkranken. Wollte sie aber die Eigenart des Individuums als
das für Krankheit und Gesundheit Wesentliche betonen, so mußte
sie sich die Vorhaltung gefallen lassen, daß Personen mit solcher
Eigenart die längste Zeit über gesund bleiben können, so lange
ihnen nur gestattet ist, diese Eigenart zu bewahren. Die Psycho-
analyse hat uns gemahnt, den unfruchtbaren Gegensatz von
äußeren und inneren Momenten, von Schicksal und Konstitution,
aufzugeben, und hat uns gelehrt, die Verursachung der neu-
rotischen Erkrankung regelmäßig in einer bestimmten psychischen
Situation zu finden, welche auf verschiedenen Wegen hergestellt
werden kann.
FORMULIERUNGEN ÜBER DIE ZWEI
PRINZIPIEN DES PSYCHISCHEN GESCHEHENS
Zuerst erschienen im „Jahrbuch für psycho-
analytische und psychopathologische Forschungen",
Bd. III, '91t) dann in der Dritten Folge der
„Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre".
Wir haben seit langem gemerkt, daß jede Neurose die Folge,
also wahrscheinlich die Tendenz habe, den Kranken aus dem
realen Leben herauszudrängen, ihn der Wirklichkeit zu ent-
fremden. Eine derartige Tatsache konnte auch der Beobachtung
P. Janets nicht entgehen^ er sprach von einem Verluste „de
la fonction du reel u als von einem besonderen Charakter der
Neurotiker, ohne aber den Zusammenhang dieser Störung mit
den Grundbedingungen der Neurose aufzudecken. 1
Die Einführung des Verdrängungsprozesses in die Genese der
Neurose hat uns gestattet, in diesen Zusammenhang Einsicht zu
nehmen. Der Neurotiker wendet sich von der Wirklichkeit ab,
weil er sie — ihr Ganzes oder Stücke derselben — unerträglich
findet. Den extremsten Typus dieser Abwendung von der Realität
zeigen uns gewisse Fälle von halluzinatorischer Psychose, in denen
jenes Ereignis verleugnet werden soll, welches den Wahnsinn
hervorgerufen hat (Griesinger). Eigentlich tut aber jeder
Neurotiker mit einem Stückchen der Realität das gleiche. 2 Es
1) P. Janet, Les Nevroses. 190g. Bibliotheque de Philosophie scientifique.
2) Eine merkwürdig klare Ahnung dieser Verursachung hat kürzlich Otto Rank
in einer Stelle Schopenhauers aufgezeigt. (Die Welt als Wille und Vorstellung,
2. Band. Siehe Zentralblatt für Psychoanalyse, Heft 1/2, 1910.)
e^A
fci ■
4 10 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre.
erwächst uns nun die Aufgabe, die Beziehung des Neurotikers
und des Menschen überhaupt zur Realität auf ihre Entwicklung
zu untersuchen und so die psychologische Bedeutung der realen
Außenwelt in das Gefüge unserer Lehren aufzunehmen.
Wir haben uns in der auf Psychoanalyse begründeten Psycho-
logie gewöhnt, die unbewußten seelischen Vorgänge zum Aus-
gange zu nehmen, deren Eigentümlichkeiten uns durch die
Analyse bekannt worden sind. Wir halten diese für die älteren,
primären, für Überreste aus einer Entwicklungsphase, in welcher
sie die einzige Art von seelischen Vorgängen waren. Die oberste
Tendenz, welcher diese primären Vorgänge gehorchen, ist leicht
zu erkennen 5 sie wird als das Lust-Unlust-Prinzip (oder kürzer
als das Lustprinzip) bezeichnet. Diese Vorgänge streben danach,
Lust zu gewinnen 5 von solchen Akten, welche Unlust erregen
können, zieht sich die psychische Tätigkeit zurück (Verdrängung).
Unser nächtliches Träumen, unsere Wachtendenz, uns von pein-
lichen Eindrücken loszureißen, sind Reste von der Herrschaft
dieses Prinzips und Beweise für dessen Mächtigkeit.
Ich greife auf Gedankengänge zurück, die ich an anderer
Stelle (im allgemeinen Abschnitt der Traumdeutung) entwickelt
habe, wenn ich supponiere, daß der psychische Ruhezustand
anfänglich durch die gebieterischen Forderungen der inneren
Bedürfnisse gestört wurde. In diesem Falle wurde das Gedachte
(Gewünschte) einfach halluzinatorisch gesetzt, wie es heute noch
allnächtlich mit unseren Traumgedanken geschieht. 1 Erst das
Ausbleiben der erwarteten Befriedigung, die Enttäuschung, hatte
zur Folge, daß dieser Versuch der Befriedigung auf halluzina-
torischem Wege aufgegeben wurde. Anstatt seiner mußte sich
der psychische Apparat entschließen, die realen Verhältnisse der
Außenwelt vorzustellen und die reale Veränderung anzustreben.
1) Der Schlafzustand kann das Ebenbila des Seelenlebens vor der Anerkennung
der Realität wiederbringen, weil er die absichtliche Verleugnung derselben (Schlaf-
wunsch) zur Voraussetzung nimmt.
Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens 411
Damit war ein neues Prinzip der seelischen Tätigkeit eingeführt $
es wurde nicht mehr vorgestellt, was angenehm, sondern was
real war, auch wenn es unangenehm sein sollte. 1 Diese Ein-
setzung des Realitätsprinzips erwies sich als ein folgen-
schwerer Schritt.
i) Zunächst machten die neuen Anforderungen eine Reihe
von Adaptierungen des psychischen Apparats nötig, die wir
infolge von ungenügender oder unsicherer Einsicht nur ganz
beiläufig aufführen können.
Die erhöhte Bedeutung der äußeren Realität hob auch die
Bedeutung der jener Außenwelt zugewendeten Sinnesorgane und
des an sie geknüpften Bewußtseins, welches außer den bisher
allein interessanten Lust- und Unlustqualitäten die Sinnes-
qualitäten auffassen lernte. Es wurde eine besondere Funktion
eingerichtet, welche die Außenwelt periodisch abzusuchen hatte,
damit die Daten derselben im vorhinein bekannt wären, wenn
sich ein unaufschiebbares inneres Bedürfnis einstellte, die Auf-
1) Ich will versuchen, die obige schematische Darstellung durch einige Aus-
führungen zu ergänzen: Es wird mit Recht eingewendet werden, daß eine solche
Organisation, die dem Lustprinzip frönt und die Realität der Außenwelt vernach-
lässigt, sich nicht die kürzeste Zeit am Leben erhalten könnte, so daß sie überhaupt
nicht hätte entstehen können. Die Verwendung einer derartigen Fiktion rechtfertigt
sich aber durch die Bemerkung, daß der Säugling, wenn man nur die Mntterpflege
hinzunimmt, ein solches psychisches System nahezu realisiert. Er halluziniert wahr-
scheinlich die Erfüllung seiner inneren Bedürfnisse, verrät seine Unlust bei steigendem
Reiz und ausbleibender Befriedigung durch die motorische Abfuhr des Schreiens und
Zappeins und erlebt darauf die halluzinierte Befriedigung. Er erlernt es später als
Kind, diese Abfuhräußerungen absichtlich als Ausdrucksmittel zu gebrauchen. Da die
Säuglingspflege das Vorbild der späteren Kinderfürsorge ist, kann die Herrschaft des
Lustprinzips eigentlich erst mit der vollen psychischen Ablösung von den Eltern ein
Ende nehmen. — Ein schönes Beispiel eines von den Reizen der Außenwelt abge-
schlossenen psychischen Systems, welches selbst seine Ernälirungsbedürfnisse autistisch
(nach einem Worte Bleulers) befriedigen kann, gibt das mit seinem Nahnings-
vorrat in die Eischale eingeschlossene Vogelei, für das sich die Mutterpflege auf die
Wärmezufuhr einschränkt. — Ich werde es nicht als Korrektur, sondern nur als
Erweiterung des in Rede stehenden Schemas ansehen, wenn man für das nach dem
Lustprinzip lebende System Einrichtungen fordert, mittels deren es sich den Reizen
der Realität entziehen kann. Diese Einrichtungen sind nur das Korrelat der „Ver-
drängung", welche innere Unlustreize so behandelt, als ob sie äußere wären, sie also
zur Außenwelt schlägt.
412 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre •
merksamkeit. Diese Tätigkeit geht den Sinneseindrücken
entgegen, anstatt ihr Auftreten abzuwarten. Wahrscheinlich wurde
gleichzeitig damit ein System von Merken eingesetzt, welches
die Ergebnisse dieser periodischen Bewußtseinstätigkeit zu
deponieren hatte, ein Teil von dem, was wir Gedächtnis
heißen.
An Stelle der Verdrängung, welche einen Teil der auftauchen-
den Vorstellungen als unlusterzeugend von der Besetzung aus-
schloß, trat die unparteiische Urteils fällung, welche ent-
scheiden sollte, ob eine bestimmte Vorstellung wahr oder falsch,
das heißt im Einklang mit der Realität sei oder nicht, und
durch Vergleichung mit den Erinnerungsspuren der Realität
darüber entschied.
Die motorische Abfuhr, die während der Herrschaft des Lust-
prinzips zur Entlastung des seelischen Apparats von Reiz-
zuwächsen gedient hatte und dieser Aufgabe durch ins Innere
des Körpers gesandte Innervationen (Mimik, Affektäußerungen)
nachgekommen war, erhielt jetzt eine neue Funktion, indem sie
zur zweckmäßigen Veränderung der Realität verwendet wurde.
Sie wandelte sich zum Handeln.
Die notwendig gewordene Aufhaltung der motorischen Abfuhr
(des Handelns) wurde durch den Denkprozeß besorgt, welcher
sich aus dem Vorstellen herausbildete. Das Denken wurde mit
Eigenschaften ausgestattet, welche dem seelischen Apparat das
Ertragen der erhöhten Reizspannung während des Aufschubs
der Abfuhr ermöglichten. Es ist im wesentlichen ein Probe-
handeln mit Verschiebung kleinerer Besetzungsquantitäten, unter
geringer Verausgabung (Abfuhr) derselben. Dazu war eine Über-
führung der frei verschiebbaren Besetzungen in gebundene
erforderlich, und eine solche wurde mittels einer Niveau-
erhöhung des ganzen Besetzungsvorganges erreicht. Das Denken
war wahrscheinlich ursprünglich unbewußt, insoweit es sich
über das bloße Vorstellen erhob und sich den Relationen der
'
Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens 413
Objekteindrücke zuwendete, und erhielt weitere für das Bewußt-
sein wahrnehmbare Qualitäten erst durch die Bindung an die
Wortreste.
2) Eine allgemeine Tendenz unseres seelischen Apparats, die
man auf das ökonomische Prinzip der Aufwandersparnis zurück-
führen kann, scheint sich in der Zähigkeit des Festhaltens an
den zur Verfügung stehenden Lustquellen und in der Schwierig-
keit des Verzichts auf dieselben zu äußern. Mit der Einsetzung
des Realitätsprinzips wurde eine Art Denktätigkeit abgespalten,
die von der Realitätsprüfung frei gehalten und allein dem Lust-
prinzip unterworfen blieb. 1 Es ist dies das Phantasieren,
welches bereits mit dem Spielen der Kinder beginnt und später
als Tagträumen fortgesetzt die Anlehnung an reale Objekte
aufgibt.
5) Die Ablösung des Lustprinzips durch das Realitätsprinzip
mit den aus ihr hervorgehenden psychischen Folgen, die hier in
einer schematisierenden Darstellung in einen einzigen Satz
gebannt ist, vollzieht sich in Wirklichkeit nicht auf einmal und
nicht gleichzeitig auf der ganzen Linie. Während aber diese
Ezitwicklung an den Ichtrieben vor sich geht, lösen sich die
Sexualtriebe in sehr bedeutsamer Weise von ihnen ab. Die
Sexualtriebe benehmen sich zunächst autoerotisch, sie finden ihre
Befriedigung am eigenen Leib und gelangen daher nicht in die
Situation der Versagung, welche die Einsetzung des Realitäts-
prinzips erzwungen hat. Wenn dann später bei ihnen der Prozeß
der Objektfindung beginnt, erfährt er alsbald eine lange Unter-
brechung durch die Latenzzeit, welche die Sexualentwicklung
bis zur Pubertät verzögert. Diese beiden Momente — Auto-
erotismus und Latenzperiode — haben zur Folge, daß der
Sexualtrieb in seiner psychischen Ausbildung aufgehalten wird
1) Ähnlich wie eine Nation, deren Reichtum auf der Ausbeutung ihrer Boden-
schätze beruht, doch ein bestimmtes Gebiet reserviert, das im Urzustände belassen
und von den Veränderungen der Kultur verschont werden soll (Yellowstonepark).
4 1 4 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
und weit länger unter der Herrschaft des Lustprinzips verbleibt,
welcher er sich bei vielen Personen überhaupt niemals zu ent-
ziehen vermag.
Infolge dieser Verhältnisse stellt sich eine nähere Beziehung
her zwischen dem Sexualtrieb und der Phantasie einerseits, den
Ichtrieben und den Bewußtseinstätigkeiten anderseits. Diese
Beziehung tritt uns bei Gesunden wie Neurotikern als eine sehr
innige entgegen, wenngleich sie durch diese Erwägungen aus der
genetischen Psychologie als eine sekundäre erkannt wird. Der
fortwirkende Autoerotismus macht es möglich, daß die leichtere
momentane und phantastische Befriedigung am Sexualobjekte so
lange an Stelle der realen, aber Mühe und Aufschub erfordern-
den, festgehalten wird. Die Verdrängung bleibt im Reiche des
Phantasierens allmächtig; sie bringt es zustande, Vorstellungen in
statu nascendi, ehe sie dem Bewußtsein auffallen können, zu
hemmen, wenn deren Besetzung zur Unlustentbindung Anlaß
geben kann. Dies ist die schwache Stelle unserer psychischen
Organisation, die dazu benutzt werden kann, um bereits rationell
gewordene Denkvorgänge wieder unter die Herrschaft des Lust-
prinzips zu bringen. Ein wesentliches Stück der psychischen
Disposition zur Neurose ist demnach durch die verspätete
Erziehung des Sexualtriebs zur Beachtung der Realität und des
weiteren durch die Bedingungen, welche diese Verspätung ermög-
lichen, gegeben.
4) Wie das Lust-Ich nichts anderes kann als wünschen,
nach Lustgewinn arbeiten und der Unlust ausweichen, so
braucht das Real-Ich nichts anderes zu tun als nach Nutzen zu
streben und sich gegen Schaden zu sichern. 1 In Wirklichkeit bedeutet
die Ersetzung des Lustprinzips durch das Realitätsprinzip keine
Absetzung des Lustprinzips, sondern nur eine Sicherung des-
1) Den Vorzug des Real-Ichs vor dem Lust-Ich drückt Beraard Shaw treffend
in den Worten aus: To be able to clioose the line of grcatest advantagc insiead of yielding
in the direction of the hast resistance. (Man and Superman. A comedy and a philosophy.)
Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens 415
selben. Eine momentane, in ihren Folgen unsichere Lust wird
aufgegeben, aber nur darum, um auf dem neuen Wege eine
später kommende, gesicherte zu gewinnen. Doch ist der endo-
psychische Eindruck dieser Ersetzung ein so mächtiger gewesen,
daß er sich in einem besonderen religiösen Mythus spiegelt. Die
Lehre von der Belohnung im Jenseits für den — freiwilligen
oder aufgezwungenen — Verzicht auf irdische Lüste ist nichts
anderes als die mythische Projektion dieser psychischen
Umwälzung. Die Religionen haben in konsequenter Ver-
folgung dieses Vorbildes den absoluten Lustverzicht im Leben
gegen Versprechen einer Entschädigung in einem künftigen
Dasein durchsetzen können; eine Überwindung des Lustprinzips
haben sie auf diesem Wege nicht erreicht. Am ehesten gelingt
diese Überwindung der Wissen seh aft, die aber auch intellek-
tuelle Lust während der Arbeit bietet und endlichen praktischen
Gewinn verspricht.
5) Die Erziehung kann ohne weitere Bedenken als Anregung
zur Überwindung des Lustprinzips, zur Ersetzung desselben durch
das Realitätsprinzip beschrieben werden; sie will also jenem das
Ich betreffenden Entwicklungsprozeß eine Nachhilfe bieten, bedient
sich zu diesem Zwecke der Liebesprämien von seiten der Erzieher
und schlägt darum fehl, wenn das verwöhnte Kind glaubt, daß es
diese Liebe ohnedies besitzt und ihrer unter keinen Umständen
verlustig werden kann.
6) Die Kunst bringt auf einem eigentümlichen Weg eine
Versöhnung der beiden Prinzipien zustande. Der Künstler ist ,
ursprünglich ein Mensch, welcher sich von der Realität abwendet,
weil er sich mit dem von ihr zunächst geforderten Verzicht
auf Triebbefriedigung nicht befreunden kann, und seine erotischen (
und ehrgeizigen Wünsche im Phantasieleben gewähren läßt. Er
findet aber den Rückweg aus dieser Phantasiewelt zur Realität,
indem er dank besonderer Begabungen seine Phantasien zu einer
neuen Art von Wirklichkeiten gestaltet, die von den Menschen
ai 6 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
als wertvolle Abbilder der Realität zur Geltung zugelassen werden.
Es wird so auf eine gewisse "Weise wirklich der Held, König,
Schöpfer, Liebling, der er werden wollte, ohne den gewaltigen
Umweg über die wirkliche Veränderung der Außenwelt einzu-
schlagen. Er kann dies aber nur darum erreichen, weil die anderen
Menschen die nämliche Unzufriedenheit mit dem real erforder-
lichen Verzicht verspüren wie er selbst, weil diese bei der Ersetzung
des Lustprinzips durch das Realitätsprinzip resultierende Unzu-
friedenheit selbst ein Stück der Realität ist. 1
7) Während das Ich die Umwandlung von Lust-Ich zum
Real -Ich durchmacht, erfahren die Sexualtriebe jene Verände-
rungen, die sie vom anfänglichen Autoerotismus durch verschiedene
Zwischenphasen zur Objektliebe im Dienste der Fortpflanzungs-
funktion führen. Wenn es richtig ist, daß jede Stufe dieser beiden
Entwicklungsgänge zum Sitz einer Disposition für spätere neuro-
tische Erkrankung werden kann, liegt es nahe, die Entscheidung
über die Form der späteren Erkrankung (die Neurosenwahl)
davon abhängig zu machen, in welcher Phase der Ich- und der
Libidoentwicklung die disponierende Entwicklungshemmung ein-
getroffen ist. Die noch nicht studierten zeitlichen Charaktere der
beiden Entwicklungen, deren mögliche Verschiebung gegeneinander,
kommen so zu unvermuteter Bedeutung.
8) Der befremdendste Charakter der unbewußten (verdrängten)
Vorgänge, an den sich jeder Untersucher nur mit großer Selbst-
überwindung gewöhnt, ergibt sich daraus, daß bei ihnen die
Realitätsprüfung nichts gilt, die Denkrealität gleichgesetzt wird
der äußeren Wirklichkeit, der Wunsch der Erfüllung, dem Ereignis,
wie es sich aus der Herrschaft des alten Lustprinzips ohneweiters
ableitet. Darum wird es auch so schwer, unbewußte Phantasien
von unbewußt gewordenen Erinnerungen zu unterscheiden. Man
lasse sich aber nie dazu verleiten, die Realitätswertung in die
verdrängten psychischen Bildungen einzutragen und etwa Phantasien
1) Vgl. Ähnliches hei O. Rank, Der Künstler, Wien 1907.
Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens
417
darum für die Symptombildung gering zu schätzen, weil sie eben
keine Wirklichkeiten sind, oder ein neurotisches Schuldgefühl
anderswoher abzuleiten, weil sich kein wirklich ausgeführtes Ver-
brechen nachweisen läßt. Man hat die Verpflichtung, sich jener
Währung zu bedienen, die in dem Lande, das man durchforscht,
eben die herrschende ist, in unserem Falle der neurotischen
Währung. Man versuche z. B., einen Traum wie den folgenden
zu lösen. Ein Mann, der einst seinen Vater während seiner langen
und qualvollen Todeskrankheit gepflegt, berichtet, daß er in den
nächsten Monaten nach dessen Ableben wiederholt geträumt habe:
der Vater sei wieder am Leben und er spreche mit ihm wie
sonst. Dabei habe er es aber äußerst schmerzlich empfunden,
daß der Vater doch schon gestorben war und es nur nicht
wußte. Kein anderer Weg führt zum Verständnis des widersinnig
klingenden Traumes, als die Anfügung „nach seinem Wunsch" oder
„infolge seines Wunsches" nach den Worten, „daß der Vater doch
gestorben war" und der Zusatz, „daß er es wünschte", zu den letzten
Worten. Der Traumgedanke lautet dann : Es sei eine schmerzliche
Erinnerung für ihn, daß er dem Vater den Tod (als Erlösung)
wünschen mußte, als er noch lebte, und wie schrecklich, wenn
der Vater dies geahnt hätte. Es handelt sich dann um den bekannten
Fall der Selbstvorwürfe nach dem Verlust einer geliebten Person,
und der Vorwurf greift in diesem Beispiel auf die infantile
Bedeutung des Todeswunsches gegen den Vater zurück.
Die Mängel dieses kleinen, mehr vorbereitenden als ausführenden
Aufsatzes sind vielleicht nur zum geringen Anteil entschuldigt, wenn
ich sie für unvermeidlich ausgebe. In den wenigen Sätzen über die
psychischen Folgen der Adaptierung an das Realitätsprinzip mußte
ich Meinungen andeuten, die ich lieber noch zurückgehalten hätte,
und deren Rechtfertigung gewiß keine kleine Mühe kosten wird. Doch
will ich hoffen, daß es wohlwollenden Lesern nicht entgehen wird,
wo auch in dieser Arbeit die Herrschaft des Realitätsprinzips beginnt.
Freud, V. 27
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_
NEUROSE UND PSYCHOSE
Zuerst erschienen in der „Internationalen Zeit-
schrift für Psychoanalyse", X. Band (1924), Heft I.
In meiner kürzlich erschienenen Schrift „Das Ich und das
Es" habe ich eine Gliederung des seelischen Apparates angegeben,
auf deren Grund sich eine Reihe von Beziehungen in einfacher
und übersichtlicher Weise darstellen läßt. In anderen Punkten,
zum Beispiel was die Herkunft und Rolle des Über-Ichs betrifft,
bleibt genug des Dunkeln und Unerledigten. Man darf nun
fordern, daß eine solche Aufstellung sich auch für andere Dinge
als brauchbar und förderlich erweise, wäre es auch nur, um
bereits Bekanntes in neuer Auffassung zu sehen, es anders zu
gruppieren und überzeugender zu beschreiben. Mit solcher An-
wendung könnte auch eine vorteilhafte Rückkehr von der grauen
Theorie zur ewig grünenden Erfahrung verbunden sein.
Am genannten Orte sind die vielfältigen Abhängigkeiten des
Ichs geschildert, seine Mittelstellung zwischen Außenwelt und Es
und sein Bestreben, all seinen Herren gleichzeitig zu Willen zu
sein. Im Zusammenhange eines von anderer Seite angeregten
Gedankenganges, der sich mit der Entstehung und Verhütung
der Psychosen beschäftigte, ergab sich mir nun eine einfache
Formel, welche die vielleicht wichtigste genetische Differenz
zwischen Neurose und Psychose behandelt: die Neurose sei
der Erfolg eines Konflikts zwischen dem Ich und
seinem Es, die Psychose aber der analoge Ausgang
einer solchen Störung in den Beziehungen zwischen
Ich und Außenwelt.
Neurose und Psychose 41Q
Es ist sicherlich eine berechtigte Mahnung, daß man gegen so
einfache Problemlösungen mißtrauisch sein soll. Auch wird
unsere äußerste Erwartung nicht weiter gehen, als daß diese
Formel sich im Gröbsten als richtig erweise. Aber auch das wäre
schon etwas. Man besinnt sich auch sofort an eine ganze Reihe
von Einsichten und Funden, welche unseren Satz zu bekräftigen
scheinen. Die Übertragungsneurosen entstehen nach dem Ergebnis
aller unserer Analysen dadurch, daß das Ich eine im Es mächtige
Triebregung nicht aufnehmen und nicht zur motorischen Erledigung
befördern will, oder ihr das Objekt bestreitet, auf das sie zielt.
Das Ich erwehrt sich ihrer dann durch den Mechanismus der
Verdrängung; das Verdrängte sträubt sich gegen dieses Schicksal,
schafft sich auf Wegen, über die das Ich keine Macht hat, eine
Ersatzvertretung, die sich dem Ich auf dem Wege des Kompromisses
aufdrängt, das Symptom; das Ich findet seine Einheitlichkeit
durch diesen Eindringling bedroht und geschädigt, setzt den
Kampf gegen das Symptom fort, wie es sich gegen die ursprüngliche
Triebregung gewehrt hatte, und dies alles ergibt das Bild der
Neurose. Es ist kein Einwand, daß das Ich, wenn es die Ver-
drängung vornimmt, im Grunde den Geboten seines Über-Ichs
folgt, die wiederum solchen Einflüssen der realen Außenwelt
entstammen, welche im Über-Ich ihre Vertretung gefunden
haben. Es bleibt doch dabei, daß das Ich sich auf die Seite dieser
Mächte geschlagen hat, daß in ihm deren Anforderungen stärker
sind als die Triebansprüche des Es, und daß das Ich die Macht
ist, welche die Verdrängung gegen jenen Anteil des Es ins Werk
setzt und durch die Gegenbesetzung des Widerstandes befestigt.
Im Dienste des Über-Ichs und der Realität ist das Ich in Konflikt
mit dem Es geraten und dies ist der Sachverhalt bei allen
Übertragungsneurosen.
Auf der anderen Seite wird es uns ebenso leicht, aus unserer
bisherigen Einsicht in den Mechanismus der Psychosen Beispiele
anzuführen, welche auf die Störung des Verhältnisses zwischen
27»
_
4 20 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
Ich und Außenwelt hinweisen. Bei der Amentia Meynerts,
der akuten halluzinatorischen Verworrenheit, der vielleicht extremsten
und frappantesten Form von Psychose, wird die Außenwelt
entweder gar nicht wahrgenommen oder ihre Wahrnehmung
bleibt völlig unwirksam. Normalerweise beherrscht ja die Außen-
welt das Ich auf zwei Wegen: erstens durch die immer von
neuem möglichen aktuellen Wahrnehmungen, zweitens durch den
Erinnerungsschatz früherer Wahrnehmungen, die als „Innenwelt"
einen Besitz und Bestandteil des Ichs bilden. In der Amentia
wird nun nicht nur die Annahme neuer Wahrnehmungen verweigert,
es wird auch der Innenwelt, welche die Außenwelt als ihr
Abbild bisher vertrat, die Bedeutung (Besetzung) entzogen; das
Ich schafft sich selbstherrlich eine neue Außen- und Innenwelt
und es ist kein Zweifel an zwei Tatsachen, daß diese neue Welt
im Sinne der Wunschregungen des Es aufgebaut ist, und daß eine
schwere, unerträglich erscheinende Wunschversagung der Realität
das Motiv dieses Zerfalles mit der Außenwelt ist. Die innere
Verwandtschaft dieser Psychose mit dem normalen Traum ist
nicht zu verkennen. Die Bedingung des Träumens ist aber der
Schlafzustand, zu dessen Charakteren die volle Abwendung von
Wahrnehmung und Außenwelt gehört.
Von anderen Formen von Psychose, den Schizophrenien, weiß
man, daß sie zum Ausgang in affektiven Stumpfsinn, das heißt
zum Verlust alles Anteiles an der Außenwelt tendieren. Über die
Genese der Wahnbildungen haben uns einige Analysen gelehrt,
daß der Wahn wie ein aufgesetzter Fleck dort gefunden wird,
wo ursprünglich ein Einriß in der Beziehung des Ichs zur Außen-
welt entstanden war. Wenn die Bedingung des Konflikts mit
der Außenwelt nicht noch weit auffälliger ist, als wir sie jetzt
erkennen, so hat dies seinen Grund in der Tatsache, daß im
Krankheitsbild der Psychose die Erscheinungen des pathogenen
Vorganges oft von denen eines Heilungs- oder Rekonstruktions-
versuches überdeckt werden.
Neurose und Psychose 421
Die gemeinsame Ätiologie für den Ausbruch einer Psycho-
neurose oder Psychose bleibt immer die Versagung, die Nicht-
erfüllung eines jener ewig unbezwungenen Kindheitswünsche,
die so tief in unserer phylogenetisch bestimmten Organisation
wurzeln. Diese Versagung ist im letzten Grunde immer eine
äußere; im einzelnen Fall kann sie von jener inneren Instanz
(im Über-Ich) ausgehen, welche die Vertretung der Realitäts-
forderung übernommen hat. Der pathogene Effekt hängt nun
davon ab, ob das Ich in solcher Konfliktspannung seiner Ab-
hängigkeit von der Außenwelt treu bleibt und das Es zu knebeln
versucht, oder ob es sich vom Es überwältigen und damit von
der Realität losreißen läßt. Eine Komplikation wird in diese an-
scheinend einfache Lage aber durch die Existenz des Über-Ichs
eingetragen, welches in noch nicht durchschauter Verknüpfung
Einflüsse aus dem Es wie aus der Außenwelt in sich vereinigt,
gewissermaßen ein Idealvorbild für das ist, worauf alles Streben
des Ichs abzielt, die Versöhnung seiner mehrfachen Abhängig-
keiten. Das Verhalten des Über-Ichs wäre, was bisher nicht
geschehen ist, bei allen Formen psychischer Erkrankung in
Betracht zu ziehen. Wir können aber vorläufig postulieren, es
muß auch Affektionen geben, denen ein Konflikt zwischen Ich
und Über-Ich zugrunde liegt. Die Analyse gibt uns ein Recht
anzunehmen, daß die Melancholie ein Muster dieser Gruppe ist,
und dann würden wir für solche Störungen den Namen „narzißtische
• Psychoneurosen" in Anspruch nehmen. Es stimmt ja nicht übel
zu unseren Eindrücken, wenn wir Motive finden, Zustände wie
die Melancholie von den anderen Psychosen zu sondern. Dann
merken wir aber, daß wir unsere einfache genetische Formel
vervollständigen konnten, ohne sie fallen zu lassen. Die Über-
tragungsneurose entspricht dem Konflikt zwischen Ich und Es,
^die narzißtische Neurose dem zwischen Ich und Über-Ich, die
Psychose dem zwischen Ich und Außenwelt. Wir wissen freilich
zunächst nicht zu sagen, ob wir wirklich neue Einsichten gewonnen
M
422 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
oder nur unseren Formelschatz bereichert haben, aber ich meine,
diese Anwendungsmöglichkeit muß uns doch Mut machen, die
vorgeschlagene Gliederung des seelischen Apparates in Ich,
Über-Ich und Es weiter im Auge zu behalten.
Die Behauptung, daß Neurosen und Psychosen durch die
Konflikte des Ichs mit seinen verschiedenen herrschenden
Instanzen entstehen, also einem Fehlschlagen in der Funktion
des Ichs entsprechen, das doch das Bemühen zeigt, all die ver-
schiedenen Ansprüche miteinander zu versöhnen, fordert eine
andere Erörterung zu ihrer Ergänzung heraus. Man möchte
wissen, unter welchen Umständen und durch welche Mittel es
dem Ich gelingt, aus solchen gewiß immer vorhandenen Kon-
flikten ohne Erkrankung zu entkommen. Dies ist nun ein neues
Forschungsgebiet, auf dem sich gewiß die verschiedensten Faktoren
zur Berücksichtigung einfinden werden. Zwei Momente lassen
sich aber sofort herausheben. Der Ausgang aller solchen Situationen
wird unzweifelhaft von ökonomischen Verhältnissen, von den
relativen Größen der miteinander ringenden Strebungen abhängen.
Und ferner: es wird dem Ich möglich sein, den Bruch nach
irgendeiner Seite dadurch zu vermeiden, daß es sich selbst
deformiert, sich Einbußen an seiner Einheitlichkeit gefallen läßt,
eventuell sogar sich zerklüftet oder zerteilt. Damit rückten die
Inkonsequenzen, Verschrobenheiten und Narrheiten der Menschen
in ein ähnliches Licht wie ihre sexuellen Perversionen, durch
deren Annahme sie sich ja Verdrängungen ersparen.
Zum Schlüsse ist der Frage zu gedenken, welches der einer
Verdrängung analoge Mechanismus sein mag, durch den das Ich
sich von der Außenwelt ablöst. Ich meine, dies ist ohne neue
Untersuchungen nicht zu beantworten, aber er müßte, wie die
Verdrängung, eine Abziehung der vom Ich ausgeschickten
Besetzung zum Inhalt haben.
DER UNTERGANG DES ÖDIPUSKOMPLEXES
Zuerst erschienen in der „Internationalen Zeit-
schrifi für Psychoanalyse", X. Band (1924), Heft 3.
Immer mehr enthüllt der Ödipuskomplex seine Bedeutung als das
zentrale Phänomen der frühkindlichen Sexualperiode. Dann geht
er unter, er erliegt der Verdrängung, wie wir sagen, und ihm folgt
die Latenzzeit. Es ist aber noch nicht klar geworden, woran er
zugrunde geht; die Analysen scheinen zu lehren: an den vor-
fallenden schmerzhaften Enttäuschungen. Das kleine Mädchen,
das sich für die bevorzugte Geliebte des Vaters halten will, muß
einmal eine harte Züchtigung durch den Vater erleben und sieht
sich aus allen Himmeln gestürzt. Der Knabe, der die Mutter
als sein Eigentum betrachtet, macht die Erfahrung, daß sie Liebe
und Sorgfalt von ihm weg auf einen neu Angekommenen richtet.
Die Überlegung vertieft den Wert dieser Einwirkungen, indem
sie betont, daß solche peinliche Erfahrungen, die dem Inhalt des
Komplexes widerstreiten, unvermeidlich sind. Auch wo nicht besondere
Ereignisse, wie die als Proben erwähnten, vorfallen, muß das
Ausbleiben der erhofften Befriedigung, die fortgesetzte Versagung
des gewünschten Kindes, es dahin bringen, daß sich der kleine
Verliebte von seiner hoffnungslosen Neigung abwendet. Der Ödipus-
komplex ginge so zugrunde an seinem Mißerfolg, dem Ergebnis
seiner inneren Unmöglichkeit.
Eine andere Auffassung wird sagen, der Ödipuskomplex muß fallen,
weil die Zeit für seine Auflösung gekommen ist, wie die Milchzähne
ausfallen, wenn die definitiven nachrücken. Wenn der Ödipuskomplex
424 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
auch von den meisten Menschenkindern individuell durchlebt wird,
so ist er doch ein durch die Heredität bestimmtes, von ihr angelegtes
Phänomen, welches programmgemäß vergehen muß, wenn die
nächste vorherbestimmte Entwicklungsphase einsetzt. Es ist dann
ziemlich gleichgültig, auf welche Anlässe hin das geschieht, oder
ob solche überhaupt nicht ausfindig zu machen sind.
Beiden Auffassungen kann man ihr Recht nicht abstreiten. Sie
vertragen sich aber auch miteinander; es bleibt Raum für die
ontogenetische neben der weiter schauenden phylogenetischen.
Auch dem ganzen Individuum ist es ja schon bei seiner Geburt
bestimmt zu sterben und seine Organanlage enthält vielleicht
bereits den Hinweis, woran. Doch bleibt es von Interesse zu
verfolgen, wie dies mitgebrachte Programm ausgeführt wird, in
welcher Weise zufällige Schädlichkeiten die Disposition ausnützen.
Unser Sinn ist neuerlich für die Wahrnehmung geschärft
worden, daß die Sexualentwicklung des Kindes bis zu einer Phase
fortschreitet, in der das Genitale bereits die führende Rolle über-
nommen hat. Aber dies Genitale ist allein das männliche, genauer
bezeichnet der Penis, das weibliche ist unentdeckt geblieben.
Diese phallische Phase, gleichzeitig die des Ödipuskomplexes,
entwickelt sich nicht weiter zur endgültigen Genitalorganisation,
sondern sie versinkt und wird von der Latenzzeit abgelöst. Ihr
Ausgang vollzieht sich aber in typischer Weise und in Anlehnung
an regelmäßig wiederkehrende Geschehnisse.
Wenn das (männliche) Kind sein Interesse dem Genitale
zugewendet hat, so verrät es dies auch durch ausgiebige manuelle
Beschäftigung mit demselben und muß dann die Erfahrung
machen, daß die Erwachsenen mit diesem Tun nicht einverstanden
sind. Es tritt mehr oder minder deutlich, mehr oder weniger
brutal, die Drohung auf, daß man ihn dieses von ihm hoch-
geschätzten Teiles berauben werde. Meist sind es Frauen, von
denen die Kastrationsdrohung ausgeht, häufig suchen sie ihre
Autorität dadurch zu verstärken, daß sie sich auf den Vater oder
Der Untergang des Ödipuskomplexes 425
den Doktor berufen, der nach ihrer Versicherung die Strafe voll-
ziehen wird. In einer Anzahl von Fällen nehmen die Frauen
selbst eine symbolische Milderung der Androhung vor, indem sie
nicht die Beseitigung des eigentlich passiven Genitales, sondern
die der aktiv sündigenden Hand ankündigen. Ganz besonders
häufig geschieht es, daß das Knäblein nicht darum von der
Kastrationsdrohung betroffen wird, weil es mit der Hand am
Penis spielt, sondern weil es allnächtlich sein Lager näßt und
nicht rein zu bekommen ist. Die Pflegepersonen benehmen sich
so, als wäre diese nächtliche Inkontinenz Folge von und Beweis
für allzueifrige Beschäftigung mit dem Penis und haben wahr-
scheinlich Recht darin. Jedenfalls ist das andauernde Bettnässen
der Pollution des Erwachsenen gleichzustellen, ein Ausdruck der
nämlichen Genitalerregung, welche das Kind um diese Zeit zur
Masturbation gedrängt hat.
Die Behauptung ist nun, daß die phallische Genitalorganisation
des Kindes an dieser Kastrationsdrohung zugrunde geht. Aller-
dings nicht sofort und nicht ohne daß weitere Einwirkungen
dazukommen. Denn der Knabe schenkt der Drohung zunächst
keinen Glauben und keinen Gehorsam. Die Psychoanalyse hat
neuerlichen Wert auf zweierlei Erfahrungen gelegt, die keinem
Kinde erspart bleiben und durch die es auf den Verlust wert-
geschätzter Körperteile vorbereitet sein sollte, auf die zunächst
zeitweilige, später einmal endgültige Entziehung der Mutterbrust
und auf die täglich erforderte Abtrennung des Darminhaltes.
Aber man merkt nichts davon, daß diese Erfahrungen beim
Anlaß der Kastrationsdrohung zur Wirkung kommen würden.
Erst nachdem eine neue Erfahrung gemacht worden ist, beginnt
das Kind mit der Möglichkeit einer Kastration zu rechnen, auch
dann nur zögernd, widerwillig und nicht ohne das Bemühen, die
Tragweite der eigenen Beobachtung zu verkleinern.
Die Beobachtung, welche den Unglauben des Kindes endlich
bricht, ist die des weiblichen Genitales. Irgend einmal bekommt
426 Arbeiten zum Sexualleben und zur Ncuroscnlehre
das auf seinen Penisbesitz stolze Kind die Genitalregion eines
kleinen Mädchens zu Gesicht und muß sich von dem Mangel
eines Penis bei einem ihm so ähnlichen Wesen überzeugen. Damit
ist auch der eigene Penisverlust vorstellbar geworden, die Kastrations-
drohung gelangt nachträglich zur Wirkung.
Wir dürfen nicht so kurzsichtig sein wie die mit der Kastration
drohende Pflegeperson und sollen nicht übersehen, daß sich das
Sexualleben des Kindes um diese Zeit keineswegs in der Mastur-
bation erschöpft. Es steht nachweisbar in der Ödipuseinstellung
zu seinen Eltern, die Masturbation ist nur die genitale Abfuhr
der zum Komplex gehörigen Sexualerregung und wird dieser
Beziehung ihre Bedeutung für alle späteren Zeiten verdanken.
Der Ödipuskomplex bot dem Kinde zwei Möglichkeiten der
Befriedigung, eine aktive und eine passive. Es konnte sich in
männlicher Weise an die Stelle des Vaters setzen und wie er
mit der Mutter verkehren, wobei der Vater bald als Hindernis
empfunden wurde, oder es wollte die Mutter ersetzen und sich
vom Vater lieben lassen, wobei die Mutter überflüssig wurde.
Worin der befriedigende Liebesverkehr bestehe, darüber mochte
das Kind nur sehr unbestimmte Vorstellungen haben; gewiß
spielte aber der Penis dabei eine Rolle, denn dies bezeugten seine
Organgefühle. Zum Zweifel am Penis des Weibes war noch kein
Anlaß. Die Annahme der Kastrationsmöglichkeit, die Einsicht, daß
das Weib kastriert sei, machte nun beiden Möglichkeiten der
Befriedigung aus dem Ödipuskomplex ein Ende. Beide brachten
ja den Verlust des Penis mit sich, die eine, männliche, als Straf-
folge, die andere, weibliche, als Voraussetzung. Wenn die Liebes-
befriedigung auf dem Boden des Ödipuskomplexes den Penis
kosten soll, so muß es zum Konflikt zwischen dem narzißtischen
Interesse an diesem Körperteile und der libidinösen Besetzung
der elterlichen Objekte kommen. In diesem Konflikt siegt normaler-
weise die erstere Macht; das Ich des Kindes wendet sich vom
Ödipuskomplex ab.
Der Untergang des Ödipuskomplexes 4 2 7
Ich habe an anderer Stelle ausgeführt, in welcher Weise dies
vor sich geht. Die Objektbesetzungen werden aufgegeben und
durch Identifizierung ersetzt. Die ins Ich introjizierte Vater- oder
Elternautorität bildet dort den Kern des Über-Ichs, welches vom
Vater die Strenge entlehnt, sein Inzestverbot perpetuiert und so
das Ich gegen die Wiederkehr der libidinösen Objektbesetzung
versichert. Die dem Ödipuskomplex zugehörigen libidinösen
Strebungen werden zum Teil desexualisiert und sublimiert, was
wahrscheinlich bei jeder Umsetzung in Identifizierung geschieht,
zum Teil zielgehemmt und in zärtliche Regungen verwandelt.
Der ganze Prozeß hat einerseits das Genitale gerettet, die Gefahr
des Verlustes von ihm abgewendet, anderseits es lahmgelegt, seine
Funktion aufgehoben. Mit ihm setzt die Latenzzeit ein, die nun
die Sexualentwicklung des Kindes unterbricht.
Ich sehe keinen Grund, der Abwendung des Ichs vom Odipus- i
komplex den Namen einer „Verdrängung" zu versagen, obwohl
spätere Verdrängungen meist unter der Beteiligung des Über-Ichs
Zustandekommen werden, welches hier erst gebildet wird. Aber
der beschriebene Prozeß ist mehr als eine Verdrängung, er kommt,
wenn ideal vollzogen, einer Zerstörung und Aufhebung des
Komplexes gleich. Es liegt nahe anzunehmen, daß wir hier auf
die niemals ganz scharfe Grenzscheide zwischen Normalem und
Pathologischem gestoßen sind. Wenn das Ich wirklich nicht viel
mehr als eine Verdrängung des Komplexes erreicht hat, dann
bleibt dieser im Es unbewußt bestehen und wird später seine
pathogene Wirkung äußern.
Solche Zusammenhänge zwischen phallischer Organisation,
Ödipuskomplex, Kastrationsdrohung, Über-Ichbildung und Latenz-
periode läßt die analytische Beobachtung erkennen oder erraten.
Sie rechtfertigen den Satz, daß der Ödipuskomplex an der
Kastrationsdrohung zugrunde geht. Aber damit ist das Problem
nicht erledigt, es bleibt Raum für eine theoretische Spekulation,
welche das gewonnene Resultat umwerfen oder in ein neues
428 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
Licht rücken kann. Ehe wir aber diesen Weg beschreiten, müssen
wir uns einer Frage zuwenden, welche sich während unserer
bisherigen Erörterungen erhoben hat und so lange zur Seite
gedrängt wurde. Der beschriebene Vorgang bezieht sich, wie
ausdrücklich gesagt, nur auf das männliche Kind. Wie vollzieht
sich die entsprechende Entwicklung beim kleinen Mädchen?
Unser Material wird hier — unverständlicherweise — weit
dunkler und lückenhafter. Auch das weibliche Geschlecht ent-
wickelt einen Ödipuskomplex, ein Über-Ich und eine Latenzzeit.
Kann man ihm auch eine phallische Organisation und einen
Kastrationskomplex zusprechen? Die Antwort lautet bejahend,
aber es kann nicht dasselbe sein wie beim Knaben. Die femi-
nistische Forderung nach Gleichberechtigung der Geschlechter
trägt hier nicht weit, der morphologische Unterschied muß sich
in Verschiedenheiten der psychischen Entwicklung äußern. Die
Anatomie ist das Schicksal, um ein Wort Napoleons zu variieren.
Die Klitoris des Mädchens benimmt sich zunächst ganz wie ein
Penis, aber das Kind nimmt durch die Vergleichung mit einem
männlichen Gespielen war, daß es „zu kurz gekommen" ist, und
empfindet diese Tatsache als Benachteiligung und Grund zur
Minderwertigkeit. Es tröstet sich noch eine Weile mit der
Erwartung, später, wenn es heranwächst, ein ebenso großes
Anhängsel wie ein Bub zu bekommen. Hier zweigt dann der
Männlichkeitskomplex des Weibes ab. Seinen aktuellen Mangel ver-
steht das weibliche Kind aber nicht als Geschlechtscharakter, sondern
erklärt ihn durch die Annahme, daß es früher einmal ein ebenso großes
Glied besessen und dann durch Kastration verloren hat. Es scheint
diesen Schluß nicht von sich auf andere, erwachsene Frauen aus-
zudehnen, sondern diesen, ganz im Sinne der phallischen Phase, ein
großes und vollständiges, also männliches, Genitale zuzumuten.
Es ergibt sich also der wesentliche Unterschied, daß das Mädchen
die Kastration als vollzogene Tatsache akzeptiert, während sich
der Knabe vor der Möglichkeit ihrer Vollziehung fürchtet.
Der Untergang des Ödipuskomplexes 429
Mit der Ausschaltung der Kastrationsangst entfällt auch ein
mächtiges Motiv zur Aufrichtung des Über-Ichs und zum Abbruch
der infantilen Genitalorganisation. Diese Veränderungen scheinen
weit eher als beim Knaben Erfolg der Erziehung, der äußeren Ein-
schüchterung zu sein, die mit dem Verlust des Geliebtwerdens droht.
Der Ödipuskomplex des Mädchens ist weit eindeutiger als der des
kleinen Penisträgers, er geht nach meiner Erfahrung nur selten
über die Substituierung der Mutter und die feminine Einstellung
zum Vater hinaus. Der Verzicht auf den Penis wird nicht ohne
einen Versuch der Entschädigung vertragen. Das Mädchen gleitet
— man möchte sagen: längs einer symbolischen Gleichung —
vom Penis auf das Kind hinüber, sein Ödipuskomplex gipfelt in
dem lange festgehaltenen Wunsch, vom Vater ein Kind als
Geschenk zu erhalten, ihm ein Kind zu gebären. Man hat den
Eindruck, daß der Ödipuskomplex dann langsam verlassen wird,
weil dieser Wunsch sich nie erfüllt. Die beiden Wünsche nach
dem Besitz eines Penis und eines Kindes bleiben im Unbewußten
stark besetzt erhalten und helfen dazu, das weibliche Wesen für
seine spätere geschlechtliche Rolle bereit zu machen. Die
geringere Stärke des sadistischen Beitrages zum Sexualtrieb, die
man wohl mit der Verkümmerung des Penis zusammenbringen
darf, erleichtert die Verwandlung der direkt sexuellen Strebungen
in zielgehemmte zärtliche. Im ganzen muß man aber zugestehen,
daß unsere Einsichten in diese Entwicklungsvorgänge beim
Mädchen unbefriedigend, lücken- und schattenhaft sind.
Ich zweifle nicht daran, daß die hier beschriebenen zeitlichen
und kausalen Beziehungen zwischen Ödipuskomplex, Sexual-
einschüchterung (Kastrationsdrohung), Über-Ichbildung und Eintritt
der Latenzzeit von typischer Art sind; ich will aber nicht
behaupten, daß dieser Typus der einzig mögliche ist. Abänderungen
in der Zeitfolge und in der Verkettung dieser Vorgänge müssen
für die Entwicklung des Individuums sehr bedeutungsvoll
werden.
43° Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre
Seit der Veröffentlichung von 0. Ranks interessanter Studie
über das „Trauma der Geburt" kann man auch das Resultat
dieser kleinen Untersuchung, der Ödipuskomplex des Knaben
gehe an der Kastrationsangst zugrunde, nicht ohne weitere Dis-
kussion hinnehmen. Es erscheint mir aber vorzeitig, heute in
diese Diskussion einzugehen, vielleicht auch unzweckmäßig, die
Kritik oder Würdigung der Rankschen Auffassung an solcher
Stelle zu beginnen.
METAPSYCHOLOGIE
Unter dem Sammeltitel „Metapsychologie" sind hier eine Reihe von Arbeiten
vereinigt, die — ursprünglich für eine Veröffentlichung in Buchform unter
dem Titel »Zur Vorbereitung einer Metapsychologie" bestimmt {vgl. Fuß-
note auf Seite jaO dieses Bandes) — im Laufe der Jahre I Q I) — I9 l 7
einzeln und selbständig in der „Internationalen Zeitschrift für Psycho-
analyse" erschienen sind; und zwar erschien „Einige Bemerkungen über den
Begriff des Unbewußten in der Psychoanalyse" (welche Arbeit zuerst eng-
lisch in „Proceedings of the Society for Psychical Research", Part. LXVI,
Vol. XXVI veröffentlicht wurde) im I. Bd. (19 iß), „Triebe und Trieb-
schicksale", „Die Verdrängung" und „Das Unbewußte" im III. Bd. (ijjlf),
„Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre" und „ Trauer und Melan-
cholie" im IV. Bd. (1916/17) der genannten Zeitschrift. Alle diese Arbeiten
erschienen außerdem in der Vierten Folge der „Sammlung kleiner Schriften
zur Neurosenlehre" .
EINIGE BEMERKUNGEN
ÜBER DEN BEGRIFF DES UNBEWUSSTEN
IN DER PSYCHOANALYSE
Ich möchte mit wenigen Worten und so klar als möglich
darlegen, welcher Sinn dem Ausdruck „Unbewußtes" in der
Psychoanalyse, nur in der Psychoanalyse, zukommt.
Eine Vorstellung — oder jedes andere psychische Element —
kann jetzt in meinem Bewußtsein gegenwärtig sein und im
nächsten Augenblick daraus verschwinden; sie kann nach einer
Zwischenzeit ganz unverändert wiederum auftauchen, und zwar,
wie wir es ausdrücken, aus der Erinnerung, nicht als Folge einer
neuen Sinneswahrnehmung. Um dieser Tatsache Rechnung zu
tragen, sind wir zu der Annahme genötigt, daß die Vorstellung
auch während der Zwischenzeit in unserem Geiste gegenwärtig
gewesen sei, wenn sie auch im Bewußtsein latent blieb. In
welcher Gestalt sie aber existiert haben kann, während sie im
Seelenleben gegenwärtig und im Bewußtsein latent war, darüber
können wir keine Vermutungen aufstellen.
An diesem Punkte müssen wir darauf gefaßt sein, dem philo-
sophischen Einwurf zu begegnen, daß die latente Vorstellung
nicht als Objekt der Psychologie vorhanden gewesen sei, sondern
nur als physische Disposition für den Wiederablauf desselben
psychischen Phänomens, nämlich eben jener Vorstellung. Aber
wir können darauf erwidern, daß eine solche Theorie das Gebiet
der eigentlichen Psychologie weit überschreitet, daß sie das Problem
einfach umgeht, indem sie daran festhält, daß „bewußt" und
Freud, V. a8
.,, Metapsychologie
„psychisch" identische Begriffe sind, und daß sie offenbar im
Unrecht ist, wenn sie der Psychologie das Recht bestreitet, eine
ihrer gewöhnlichsten Tatsachen, wie das Gedächtnis, durch ihre
eigenen Hilfsmittel zu erklären.
Wir wollen nun die Vorstellung, die in unserem Bewußtsein
gegenwärtig ist und die wir wahrnehmen, „bewußt" nennen
und nur dies als Sinn des Ausdruckes „bewußt" gelten lassen;
hingegen sollen latente Vorstellungen, wenn wir Grund zur An-
nahme haben, daß sie im Seelenleben enthalten sind — wie es
beim Gedächtnis der Fall war — mit dem Ausdruck „unbewußt"
gekennzeichnet werden.
Eine unbewußte Vorstellung ist dann eine solche, die wir
nicht bemerken, deren Existenz wir aber trotzdem auf Grund
anderweitiger Anzeichen und Beweise zuzugeben bereit sind.
Dies könnte als eine recht uninteressante deskriptive oder
klassifikatorische Arbeit aufgefaßt werden, wenn keine andere
Erfahrung für unser Urteil in Betracht käme als die Tatsachen
des Gedächtnisses oder die der Assoziation über unbewußte Mittel-
glieder. Aber das wohlbekannte Experiment der „posthypnotischen
Suggestion" lehrt uns an der Wichtigkeit der Unterscheidung
zwischen bewußt und unbewußt festhalten und scheint ihren
Wert zu erhöhen.
Bei diesem Experiment, wie es Bernheim ausgeführt hat,
wird eine Person in einen hypnotischen Zustand versetzt und
dann daraus erweckt. Während sie sich in dem hypnotischen
Zustande, unter dem Einflüsse des Arztes, befand, wurde ihr der
Auftrag erteilt, eine bestimmte Handlung zu einem genau be-
stimmten Zeitpunkt, z. B. eine halbe Stunde später, auszuführen.
Nach dem Erwachen ist allem Anscheine nach volles Bewußtsein
und die gewöhnliche Geistesverfassung wiederum eingetreten, eine
Erinnerung an den hypnotischen Zustand ist nicht vorhanden,
und trotzdem drängt sich in dem vorher festgesetzten Augenblick
der Impuls, dieses oder jenes zu tun, dem Geiste auf, und die
Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten 435
Handlung wird mit Bewußtsein, wenn auch ohne zu wissen
weshalb, ausgeführt. Es dürfte kaum möglich sein, eine andere
Beschreibung des Phänomens zu geben, als mit den Worten, daß
der Vorsatz im Geiste jener Person in latenter Form oder
unbewußt vorhanden war, bis der gegebene Moment kam, in
dem er dann bewußt geworden ist. Aber nicht in seiner Gänze
ist er im Bewußtsein aufgetaucht, sondern nur die Vorstellung
des auszuführenden Aktes. Alle anderen mit dieser Vorstellung
assoziierten Ideen — der Auftrag, der Einfluß des Arztes, die
Erinnerung an den hypnotischen Zustand, blieben auch dann
noch unbewußt.
Wir können aber aus einem solchen Experiment noch mehr
lernen. Wir werden von einer rein beschreibenden zu einer
dynamischen Auffassung des Phänomens hinübergeleitet. Die
Idee der in der Hypnose aufgetragenen Handlung wurde in einem
bestimmten Augenblick nicht bloß ein Objekt des Bewußtseins,
sondern sie wurde auch wirksam, und dies ist die auffallendere
Seite des Tatbestandes; sie wurde in Handlung übertragen, sobald
das Bewußtsein ihre Gegenwart bemerkt hatte. Da der wirkliche
Antrieb zum Handeln der Auftrag des Arztes ist, kann man kaum
anders als einräumen, daß auch die Idee des Auftrages wirksam
geworden ist.
Dennoch wurde dieser letztere Gedanke nicht ins Bewußtsein
aufgenommen, wie es mit seinem Abkömmling, der Idee der
Handlung, geschah; er verblieb unbewußt und war daher gleich-
zeitig wirksam und unbewußt.
Die posthypnotische Suggestion ist ein Produkt des Labora-
toriums, eine künstlich geschaffene Tatsache. Aber wenn wir die
Theorie der hysterischen Phänomene, die zuerst durch P. Janet
aufgestellt und von Breuer und mir ausgearbeitet wurde, an-
nehmen, so stehen uns natürliche Tatsachen in Fülle zur Ver-
fügung, die den psychologischen Charakter der posthypnotischen
Suggestion sogar noch klarer und deutlicher zeigen.
45 6
Metapsychologie
Das Seelenleben des hysterischen Patienten ist erfüllt mit
wirksamen, aber unbewußten Gedanken; von ihnen stammen
alle Symptome ab. Es ist in der Tat der auffälligste Charakter-
zug der hysterischen Geistesverfassung, daß sie von unbewußten
Vorstellungen beherrscht wird. Wenn eine hysterische Frau
erbricht, so kann sie dies wohl infolge der Idee tun, daß sie
schwanger sei. Dennoch hat sie von dieser Idee keine Kenntnis,
obwohl dieselbe durch eine der technischen Prozeduren der
Psychoanalyse leicht in ihrem Seelenleben entdeckt und für sie
bewußt gemacht werden kann. Wenn sie die Zuckungen und
Gesten ausführt, die ihren „Anfall" ausmachen, so stellt sie sich
nicht einmal die von ihr beabsichtigten Aktionen bewußt vor
und beobachtet sie vielleicht mit den Gefühlen eines unbeteiligten
Zuschauers. Nichtsdestoweniger vermag die Analyse nachzuweisen,
daß sie ihre Rolle in der dramatischen Wiedergabe einer Szene
aus ihrem Leben spielte, deren Erinnerung während der Attacke
unbewußt wirksam war. Dasselbe Vorwalten wirksamer unbewußter
Ideen wird durch die Analyse als das Wesentliche in der Psycho-
logie aller anderen Formen von Neurose enthüllt.
Wir lernen also aus der Analyse neurotischer Phänomene, daß
ein latenter oder unbewußter Gedanke nicht notwendigerweise
schwach sein muß, und daß die Anwesenheit eines solchen Ge-
dankens im Seelenleben indirekte Beweise der zwingendsten Art
gestattet, die dem direkten durch das Bewußtsein gelieferten Be-
weis fast gleichwertig sind. Wir fühlen uns gerechtfertigt, unsere
Klassifikation mit dieser Vermehrung unserer Kenntnisse in Über-
einstimmung zu bringen, indem wir eine grundlegende Unter-
scheidung zwischen verschiedenen Arten von latenten und unbe-
wußten Gedanken einführen. Wir waren gewohnt zu denken,
daß jeder latente Gedanke dies infolge seiner Schwäche war, und
daß er bewußt wurde, sowie er Kraft erhielt. Wir haben nun
die Überzeugung gewonnen, daß es gewisse latente Gedanken
gibt, die nicht ins Bewußtsein eindringen, wie stark sie auch
Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten 437
sein mögen. Wir wollen daher die latenten Gedanken der ersten
Gruppe vorbewußt nennen, während wir den Ausdruck unbe-
wußt (im eigentlichen Sinne) für die zweite Gruppe reservieren,
die wir bei den Neurosen betrachtet haben. Der Ausdruck un-
bewußt, den wir bisher bloß im beschreibenden Sinne benützt
haben, erhält jetzt eine erweiterte Bedeutung. Er bezeichnet nicht
bloß latente Gedanken im allgemeinen, sondern besonders solche
mit einem bestimmten dynamischen Charakter, nämlich diejenigen,
die sich trotz ihrer Intensität und Wirksamkeit dem Bewußtsein
ferne halten.
Ehe ich meine Auseinandersetzungen fortführe, will ich auf
zwei Einwendungen Bezug nehmen, die sich voraussichtlich an
diesem Punkte erheben. Die erste kann folgendermaßen formuliert
werden: anstatt uns die Hypothese der unbewußten Gedanken,
von denen wir nichts wissen, anzueignen, täten wir besser anzu-
nehmen, daß das Bewußtsein geteilt werden kann, so daß ein-
zelne Gedanken oder andere Seelenvorgänge ein gesondertes Be-
wußtsein bilden können, das von der Hauptmasse bewußter psy-
chischer Tätigkeit losgelöst und ihr entfremdet wurde. Wohl-
bekannte pathologische Fälle, wie jener des Dr. Azam, scheinen
sehr geeignet zu sein, zu beweisen, daß die Teilung des Bewußt-
seins keine phantastische Einbildung ist.
Ich gestatte mir, dieser Theorie entgegenzuhalten, daß sie ein-
fach aus dem Mißbrauch mit dem Worte „bewußt" Kapital
schlägt. Wir haben kein Recht, den Sinn dieses Wortes so weit
auszudehnen, daß damit auch ein Bewußtsein bezeichnet werden
kann, von dem sein Besitzer nichts weiß. Wenn Philosophen eine
Schwierigkeit darin finden, an die Existenz eines unbewußten
Gedankens zu glauben, so scheint mir die Existenz eines unbewußten
Bewußtseins noch angreifbarer. Die Fälle, die man als Teilung
des Bewußtseins beschreibt, wie der des Dr. Azam, können besser
als Wandern des Bewußtseins angesehen werden, wobei diese
Funktion — oder was immer es sein mag — zwischen zwei ver-
4 j 8 Metapsychologie
schiedenen psychischen Komplexen hin- und herschwankt, die ab-
wechselnd bewußt und unbewußt werden.
Der andere Einwand, der voraussichtlich erhoben werden wird,
wäre der, daß wir auf die Psychologie der Normalen Folgerungen
anwenden, die hauptsächlich aus dem Studium pathologischer Zu-
stände stammen. Wir können ihn durch eine Tatsache erledigen,
deren Kenntnis wir der Psychoanalyse verdanken. Gewisse Funk-
tionsstörungen, die sich bei Gesunden höchst häufig ereignen,
z. B. Lapsus linguae, Gedächtnis- und Sprachirrtümer, Namen-
vergessen usw. können leicht auf die Wirksamkeit starker unbe-
wußter Gedanken zurückgeführt werden, gerade so wie die neu-
rotischen Symptome. Wir werden mit einem zweiten, noch über-
zeugenderen Argument in einem späteren Abschnitt dieser Er-
örterung zusammentreffen.
Durch die Auseinanderhaltung vorbewußter und unbewußter
Gedanken werden wir dazu veranlaßt, das Gebiet der Klassifi-
kation zu verlassen und uns über die funktionalen und dynami-
schen Relationen in der Tätigkeit der Psyche eine Meinung zu
bilden. Wir fänden ein wirksames Vorbewußtes, das ohne
Schwierigkeit ins Bewußtsein übergeht, und ein wirksames Un-
bewußtes, das unbewußt bleibt und vom Bewußtsein abge-
schnitten zu sein scheint.
Wir wissen nicht, ob diese zwei Arten psychischer Tätigkeit
von Anfang an identisch oder ihrem Wesen nach entgegengesetzt
sind, aber wir können uns fragen, warum sie im Verlaufe der
psychischen Vorgänge verschieden geworden sein sollten. Auf diese
Frage gibt uns die Psychoanalyse ohne Zögern klare Antwort. Es
ist dem Erzeugnis des wirksamen Unbewußten keineswegs un-
möglich, ins Bewußtsein einzudringen, aber zu dieser Leistung
ist ein gewisser Aufwand von Anstrengung notwendig. Wenn
wir es an uns selbst versuchen, erhalten wir das deutliche Gefühl
einer Abwehr, die bewältigt werden muß, und wenn wir es bei
einem Patienten hervorrufen, so erhalten wir die unzweideutigsten
Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten 439
Anzeichen von dem, was wir Widerstand dagegen nennen. So
lernen wir, daß der unbewußte Gedanke vom Bewußtsein durch
lebendige Kräfte ausgeschlossen wird, die sich seiner Aufnahme
entgegenstellen, während sie anderen Gedanken, den vorbewußten,
nichts in den Weg legen. Die Psychoanalyse läßt keine Möglich-
keit übrig, daran zu zweifeln, daß die Abweisung unbewußter
Gedanken bloß durch die in ihrem Inhalt verkörperten Tendenzen
hervorgerufen wird. Die nächstliegende und wahrscheinlichste
Theorie, die wir in diesem Stadium unseres Wissens bilden können,
ist die folgende: Das Unbewußte ist eine regelmäßige und unver-
meidliche Phase in den Vorgängen, die unsere psychische Tätig-
keit begründen 5 jeder psychische Akt beginnt als unbewußter und
kann entweder so bleiben oder sich weiter entwickelnd zum Be-
wußtsein fortschreiten, je nachdem, ob er auf Widerstand trifft
oder nicht. Die Unterscheidung zwischen vorbewußter und unbe-
wußter Tätigkeit ist keine primäre, sondern wird erst hergestellt,
nachdem die „Abwehr" ins Spiel getreten ist. Erst dann gewinnt
der Unterschied zwischen vorbewußten Gedanken, die im Bewußt-
sein erscheinen und jederzeit dahin zurückkehren können, und
unbewußten Gedanken, denen dies versagt bleibt, theoretischen
sowie praktischen Wert. Eine grobe, aber ziemlich angemessene
Analogie dieses supponierten Verhältnisses der bewußten Tätigkeit
zur unbewußten bietet das Gebiet der gewöhnlichen Photographie.
Das erste Stadium der Photographie ist das Negativ; jedes photo-
graphische Bild muß den „Negativprozeß" durchmachen, und
einige dieser Negative, die in der Prüfung gut bestanden haben,
werden zu dem „Positivprozeß" zugelassen, der mit dem Bilde
endigt.
Aber die Unterscheidung zwischen vorbewußter und unbewußter
Tätigkeit und die Erkenntnis der sie trennenden Schranke ist
weder das letzte noch das bedeutungsvollste Resultat der psycho-
analytischen Durchforschung des Seelenlebens. Es gibt ein psychi-
sches Produkt, das bei den normalsten Personen anzutreffen ist,
44» Metapsychologie
und doch eine höchst auffallende Analogie zu den wildesten Er-
zeugnissen des Wahnsinns bietet und den Philosophen nicht
verständlicher war als der Wahnsinn selbst. Ich meine die Träume.
Die Psychoanalyse gründet sich auf die Traumanalyse; die Traum-
deutung ist das vollständigste Stück Arbeit, das die junge Wissen-
schaft bis heute geleistet hat. Ein typischer Fall der Traum-
bildung kann folgendermaßen beschrieben werden: Ein Gedanken-
zug ist durch die geistige Tätigkeit des Tages wachgerufen wor-
den und hat etwas von seiner Wirkungsfähigkeit zurückbehalten,
durch die er dem allgemeinen Absinken des Interesses, welches
den Schlaf herbeiführt und die geistige Vorbereitung für das
Schlafen bildet, entgangen ist. Während der Nacht gelingt es
diesem Gedankenzug, die Verbindung zu einem der unbewußten
Wünsche zu finden, die von Kindheit an im Seelenleben des
Träumers immer gegenwärtig, aber für gewöhnlich verdrängt
und von seinem bewußten Dasein ausgeschlossen sind. Durch die
von dieser unbewußten Unterstützung geliehene Kraft können
die Gedanken, die Überbleibsel der Tagesarbeit, nun wiederum
wirksam werden und im Bewußtsein in der Gestalt eines Traumes
auftauchen. Es haben sich also dreierlei Dinge ereignet:
1) die Gedanken haben eine Verwandlung, Verkleidung und
Entstellung durchgemacht, welche den Anteil des unbewußten
Bundesgenossen darstellt;
2) den Gedanken ist es gelungen, das Bewußtsein zu einer
Zeit zu besetzen, wo es ihnen nicht zugänglich hätte sein sollen;
3) ein Stück des Unbewußten, dem dies sonst unmöglich ge-
wesen wäre, ist im Bewußtsein aufgetaucht.
Wir haben die Kunst gelernt, die „Tagesreste" und die
latenten Traumgedanken herauszufinden; durch ihren Ver-
gleich mit dem manifesten Trauminhalt sind wir befähigt,
uns ein Urteil über die Wandlungen, die sie durchgemacht
haben, und über die Art und Weise, wie diese zustande ge-
kommen sind, zu bilden.
Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten 441
Die latenten Traumgedanken unterscheiden sich in keiner Weise
von den Erzeugnissen unserer gewöhnlichen bewußten Seelen-
tätigkeit. Sie verdienen den Namen von vorbewußten Gedanken
und können in der Tat in einem Zeitpunkte des Wachlebens
bewußt gewesen sein. Aber durch die Verbindung mit den un-
bewußten Strebungen, die sie während der Nacht eingegangen
sind, wurden sie den letzteren assimiliert, gewissermaßen auf den
Zustand unbewußter Gedanken herabgedrückt und den Gesetzen,
durch welche die unbewußte Tätigkeit geregelt wird, unterworfen.
Hier ergibt sich die Gelegenheit zu lernen, was wir auf Grund
von Überlegungen oder aus irgend einer anderen Quelle empiri-
schen Wissens nicht hätten erraten können, daß die Gesetze der
unbewußten Seelentätigkeit sich im weiten Ausmaß von jenen
der bewußten unterscheiden. Wir gewinnen durch Detailarbeit
die Kenntnis der Eigentümlichkeiten des Unbewußten und
können hoffen, daß wir durch gründlichere Erforschung der Vor-
gänge bei der Traumbildung noch mehr lernen werden.
Diese Untersuchung ist noch kaum zur Hälfte beendet und
eine Darlegung der bis jetzt erhaltenen Resultate ist nicht möglich,
ohne in die höchst verwickelten Probleme der Traumdeutung
einzugehen. Aber ich wollte diese Erörterung nicht abbrechen,
ohne auf die Wandlung und den Fortschritt unseres Verständ-
nisses des Unbewußten hinzuweisen, welche wir dem psycho-
analytischen Studium der Träume verdanken.
Das Unbewußte schien uns anfangs bloß ein rätselhafter Cha-
rakter eines bestimmten psychischen Vorganges; nun bedeutet es
uns mehr, es ist ein Anzeichen dafür, daß dieser Vorgang an
der Natur einer gewissen psychischen Kategorie teilnimmt, die
uns durch andere bedeutsamere Charakterzüge bekannt ist, und
daß er zu einem System psychischer Tätigkeit gehört, das unsere
vollste Aufmerksamkeit verdient. Der Wert des Unbewußten als
Index hat seine Bedeutung als Eigenschaft bei weitem hinter sich
gelassen. Das System, welches sich uns durch das Kennzeichen
44 2 Metapsychologie
kundgibt, daß die einzelnen Vorgänge, die es zusammensetzen,
unbewußt sind, belegen wir mit dem Namen „das Unbewußte",
in Ermangelung eines besseren und weniger zweideutigen Aus-
druckes. Ich schlage als Bezeichnung dieses Systems die Buch-
staben „Ubw", eine Abkürzung des Wortes „Unbewußt" vor.
Dies ist der dritte und wichtigste Sinn, den der Ausdruck
„unbewußt" in der Psychoanalyse erworben hat.
f
TRIEBE UND TRIEBSCHICKSALE
Wir haben oftmals die Forderung vertreten gehört, daß eine
Wissenschaft über klaren und scharf definierten Grundbegriffen
aufgebaut sein soll. In Wirklichkeit beginnt keine Wissenschaft
u mit solchen Definitionen, auch die exaktesten nicht. Der richtige
Anfang der wissenschaftlichen Tätigkeit besteht vielmehr in der
Beschreibung von Erscheinungen, die dann weiterhin gruppiert,
angeordnet und in Zusammenhänge eingetragen werden. Schon
bei der Beschreibung kann man es nicht vermeiden, gewisse ab-
strakte Ideen auf das Material anzuwenden, die man irgendwoher,
gewiß nicht aus der neuen Erfahrung allein, herbeiholt. Noch
unentbehrlicher sind solche Ideen — die späteren Grundbegriffe
der Wissenschaft — bei der weiteren Verarbeitung des Stoffes.
Sie müssen zunächst ein gewisses Maß von Unbestimmtheit an
sich tragen 5 von einer klaren Umzeichnung ihres Inhaltes kann
keine Rede sein. Solange sie sich in diesem Zustande befinden,
verständigt man sich über ihre Bedeutung durch den wieder-
holten Hinweis auf das Erfahrungsmaterial, dem sie entnommen
scheinen, das aber in Wirklichkeit ihnen unterworfen wird. Sie
haben also strenge genommen den Charakter von Konventionen,
wobei aber alles darauf ankommt, daß sie doch nicht willkürlich
gewählt werden, sondern durch bedeutsame Beziehungen zum
empirischen Stoffe bestimmt sind, die man zu erraten vermeint,
^ noch ehe man sie erkennen und nachweisen kann. Erst nach
gründlicherer Erforschung des betreffenden Erscheinungsgebietes
kann man auch dessen wissenschaftliche Grundbegriffe schärfer
444 Metapsychologie
l
erfassen und sie fortschreitend so abändern, daß sie in großem
Umfange brauchbar und dabei durchaus widerspruchsfrei werden.
Dann mag es auch an der Zeit sein, sie in Definitionen zu
bannen. Der Fortschritt der Erkenntnis duldet aber auch keine
Starrheit der Definitionen. Wie das Beispiel der Physik in glän-
zender Weise lehrt, erfahren auch die in Definitionen festgelegten
„Grundbegriffe" einen stetigen Inhaltswandel.
Ein solcher konventioneller, vorläufig noch ziemlich dunkler
Grundbegriff, den wir aber in der Psychologie nicht entbehren
können, ist der des Triebes. Versuchen wir es, ihn von ver-
schiedenen Seiten her mit Inhalt zu erfüllen.
Zunächst von seiten der Physiologie. Diese hat uns den Begriff
des Reizes und das Reflexschema gegeben, demzufolge ein von
außen her an das lebende Gewebe (der Nervensubstanz) gebrachter
Reiz durch Aktion nach außen abgeführt wird. Diese Aktion
wird dadurch zweckmäßig, daß sie die gereizte Substanz der Ein-
wirkung des Reizes entzieht, aus dem Bereich der Reizwirkung
entrückt.
Wie verhält sich nun der „Trieb" zum „Reiz"? Es hindert
uns nichts, den Begriff des Triebes unter den des Reizes zu sub-
summieren: der Trieb sei ein Reiz für das Psychische. Aber wir
werden sofort davor gewarnt, Trieb und psychischen Reiz gleich-
zusetzen. Es gibt offenbar für das Psychische noch andere Reize
als die Triebreize, solche, die sich den physiologischen Reizen
weit ähnlicher benehmen. Wenn z. B. ein starkes Licht auf das
Auge fällt, so ist das kein Triebreiz ; wohl aber, wenn sich die
Austrocknung der Schlundschleimhaut fühlbar macht oder die
Anätzung der Magenschleimhaut. 1
Wir haben nun Material für die Unterscheidung von Trieb-
reiz und anderem (physiologischem) Reiz, der auf das Seelische
einwirkt, gewonnen. Erstens: Der Triebreiz stammt nicht aus
1) Vorausgesetzt nämlich, daß diese inneren Vorgänge die organischen Grund-
lagen der Bedürfnisse Durst und Hunger sind.
Triebe und Triebschicksale 445
der Außenwelt, sondern aus dem Innern des Organismus selbst.
Er wirkt darum auch anders auf das Seelische und erfordert zu
seiner Beseitigung andere Aktionen. Ferner: Alles für den Reiz
Wesentliche ist gegeben, wenn wir annehmen, er wirke wie ein
einmaliger Stoß; er kann dann auch durch eine einmalige zweck-
mäßige Aktion erledigt werden, als deren Typus die motorische
Flucht vor der Reizquelle hinzustellen ist. Natürlich können sich
diese Stöße auch wiederholen und summieren, aber das ändert
nichts an der Auffassung des Vorganges und an den Bedingungen
der Reizaufhebung. Der Trieb hingegen wirkt nie wie eine mo-
mentane Stoßkraft, sondern immer wie eine konstante Kraft.
Da er nicht von außen, sondern vom Körperinnern her angreift,
kann auch keine Flucht gegen ihn nützen. Wir heißen den Trieb-
reiz besser „Bedürfnis" 5 was dieses Bedürfnis aufhebt, ist die
Befriedigung". Sie kann nur durch eine zielgerechte (adäquate)
Veränderung der inneren Reizquelle gewonnen werden.
Stellen wir uns auf den Standpunkt eines fast völlig hilflosen,
in der Welt noch unorientierten Lebewesens, welches Reize in
seiner Nervensubstanz auffängt. Dies Wesen wird sehr bald in
die Lage kommen, eine erste Unterscheidung zu machen und
eine erste Orientierung zu gewinnen. Es wird einerseits Reize
verspüren, denen es sich durch eine Muskelaktion (Flucht) ent-
ziehen kann, diese Reize rechnet es zu einer Außenwelt; ander-
seits aber auch noch Reize, gegen welche eine solche Aktion
nutzlos bleibt, die trotzdem ihren konstant drängenden Charakter
behalten; diese Reize sind das Kennzeichen einer Innenwelt, der
Beweis für Triebbedürfnisse. Die wahrnehmende Substanz des
Lebewesens wird so an der Wirksamkeit ihrer Muskeltätigkeit
einen Anhaltspunkt gewonnen haben, um ein „außen von einem
„innen" zu scheiden.
Wir finden also das Wesen des Triebes zunächst in seinen
Hauptcharakteren, der Herkunft von Reizquellen im Innern des
Organismus, dem Auftreten als konstante Kraft, und leiten davon
*
44-6 Metapsychologie
eines seiner weiteren Merkmale, seine Unbe/.wingbarkeit durch
Fluchtaktionen ab. Während dieser Erörterungen mußte uns aber
etwas auffallen, was uns ein weiteres Eingeständnis abnötigt. Wir
bringen nicht nur gewisse Konventionen als Grundbegriffe an
unser Erfahrungsmaterial heran, sondern bedienen uns auch
mancher komplizierter Voraussetzungen, um uns bei der Be-
arbeitung der psychologischen Erscheinungswelt leiten zu lassen.
Die wichtigste dieser Voraussetzungen haben wir bereits angeführt;
es erübrigt uns nur noch, sie ausdrücklich hervorzuheben. Sie
ist biologischer Natur, arbeitet mit dem Begriff der Tendenz
(eventuell der Zweckmäßigkeit) und lautet: Das Nervensystem ist
ein Apparat, dem die Funktion erteilt ist, die anlangenden Reize
wieder zu beseitigen, auf möglichst niedriges Niveau herabzu-
setzen, oder der, wenn es nur möglich wäre, sich überhaupt
reizlos erhalten wollte. Nehmen wir an der Unbestimmtheit dieser
Idee vorläufig keinen Anstoß und geben wir dem Nervensystem
die Aufgabe — allgemein gesprochen: der Reizbewältigung.
Wir sehen dann, wie sehr die Einführung der Triebe das ein-
fache physiologische Reflexschema kompliziert. Die äußeren Reize
stellen nur die eine Aufgabe, sich ihnen zu entziehen, dies ge-
schieht dann durch Muskelbewegungen, von denen endlich eine
das Ziel erreicht und dann als die zweckmäßige zur erblichen
Disposition wird. Die im Innern des Organismus entstehenden
Triebreize sind durch diesen Mechanismus nicht zu erledigen.
Sie stellen also weit höhere Anforderungen an das Nervensystem,
veranlassen es zu verwickelten, ineinander greifenden Tätigkeiten,
welche die Außenwelt so weit verändern, daß sie der inneren
Reizquelle die Befriedigung bietet, und nötigen es vor allem,
auf seine ideale Absicht der Reizfernhaltung zu verzichten, da
sie eine unvermeidliche kontinuierliche Rei/.znfuhr unterhalten.
Wir dürfen also wohl schließen, daß sie, die Triebe, und nicht
die äußeren Reize, die eigentlichen Motoren der Fortschritte sind,
welche das so unendlich leistungsfähige Nervensystem auf seine
Triebe und Triebschicksale 4.47
gegenwärtige Entwicklungshöhe gebracht haben. Natürlich steht
nichts der Annahme im Wege, daß die Triebe selbst, wenigstens
zum Teil, Niederschläge äußerer Reizwirkungen sind, welche im
Laufe der Phylogenese auf die lebende Substanz verändernd ein-
wirkten.
Wenn wir dann finden, daß die Tätigkeit auch der höchst-
entwickelten Seelenapparate dem Lustprinzip unterliegt, d. h.
durch Empfindungen der Lust-Unlustreihe automatisch reguliert
wird, so können wir die weitere Voraussetzung schwerlich ab-
weisen, daß diese Empfindungen die Art, wie die Reizbewälti-
gung vor sich geht, wiedergeben. Sicherlich in dem Sinne, daß
die Unlustempfindung mit Steigerung, die Lustempfindung mit
Herabsetzung des Reizes zu tun hat. Die weitgehende Unbe-
stimmtheit dieser Annahme wollen wir aber sorgfältig festhalten,
bis es uns etwa gelingt, die Art der Beziehung zwischen Lust-
Unlust und den Schwankungen der auf das Seelenleben wirken-
den Reizgrößen zu erraten. Es sind gewiß sehr mannigfache
und nicht sehr einfache solcher Beziehungen möglich.
Wenden wir uns nun von der biologischen Seite her der Be-
trachtung des Seelenlebens zu, so erscheint uns der „Trieb" als
ein Grenzbegriff zwischen Seelischem und Somatischem, als psy-
chischer Repräsentant der aus dem Körperinnern stammenden, in
die Seele gelangenden Reize, als ein Maß der Arbeitsanforderung,
die dem Seelischen infolge seines Zusammenhanges mit dem
Körperlichen auferlegt ist.
Wir können nun einige Termini diskutieren, welche im Zu-
sammenhang mit dem Begriffe Trieb gebraucht werden, wie:
Drang, Ziel, Objekt, Quelle des Triebes.
Unter dem Drange eines Triebes versteht man dessen moto-
risches Moment, die Summe von Kraft oder das Maß von Arbeits-
anforderung, das er repräsentiert. Der Charakter des Drängenden
ist eine allgemeine Eigenschaft der Triebe, ja das Wesen der-
selben. Jeder Trieb ist ein Stück Aktivität; wenn man lässiger-
448 Metapsychologie
weise von passiven Trieben spricht, kann man nichts anderes
meinen als Triebe mit passivem Ziele.
Das Ziel eines Triebes ist allemal die Befriedigung, die nur
durch Aufhebung des Reizzustandes an der Triebquelle erreicht
werden kann. Aber wenn auch dies Endziel für jeden Trieb un-
veränderlich bleibt, so können doch verschiedene Wege zum
gleichen Endziel führen, so daß sich mannigfache nähere oder
intermediäre Ziele für einen Trieb ergeben können, die mit-
einander kombiniert oder gegeneinander vertauscht werden. Die
Erfahrung gestattet uns auch, von „zielgehemmten" Trieben
zu sprechen bei Vorgängen, die ein Stück weit in der Richtung
der Triebbefriedigung zugelassen werden, dann aber eine Hemmung
oder Ablenkung erfahren. Es ist anzunehmen, daß auch mit
solchen Vorgängen eine partielle Befriedigung verbunden ist.
Das Objekt des Triebes ist dasjenige, an welchem oder durch
welches der Trieb sein Ziel erreichen kann. Es ist das variabelste
am Triebe, nicht ursprünglich mit ihm verknüpft, sondern ihm
nur infolge seiner Eignung zur Ermöglichung der Befriedigung
zugeordnet. Es ist nicht notwendig ein fremder Gegenstand,
sondern ebensowohl ein Teil des eigenen Körpers. Es kann im
Laufe der Lebensschicksale des Triebes beliebig oft gewechselt
werden ^ dieser Verschiebung des Triebes fallen die bedeutsamsten
Rollen zu. Es kann der Fall vorkommen, daß dasselbe Objekt
gleichzeitig mehreren Trieben zur Befriedigung dient, nach Alfred
Adler der Fall der Triebverschränkung. Eine besonders innige
Bindung des Triebes an das Objekt wird als Fixierung desselben
hervorgehoben. Sie vollzieht sich oft in sehr frühen Perioden der
Triebentwicklung und macht der Beweglichkeit des Triebes ein
Ende, indem sie der Lösung intensiv widerstrebt.
Unter der Quelle des Triebes versteht man jenen somatischen
Vorgang in einem Organ oder Körperteil, dessen Reiz im Seelen-
leben durch den Trieb repräsentiert ist. Es ist unbekannt, ob
dieser Vorgang regelmäßig chemischer Natur ist oder auch der
Triebe und Triebschicksale
44 9
Entbindung anderer, z. B. mechanischer Kräfte entsprechen kann.
Das Studium der Triebquellen gehört der Psychologie nicht mehr
an; obwohl die Herkunft aus der somatischen Quelle das schlecht-
weg Entscheidende für den Trieb ist, wird er uns im Seelen-
leben doch nicht anders als durch seine Ziele bekannt. Die ge-
nauere Erkenntnis der Triebquellen ist für die Zwecke der psycho-
logischen Forschung nicht durchwegs erforderlich. Manchmal ist der
Rückschluß aus den Zielen des Triebes auf dessen Quellen gesichert.
Soll man annehmen, daß die verschiedenen aus dem Körper-
lichen stammenden, auf das Seelische wirkenden Triebe auch
durch verschiedene Qualitäten ausgezeichnet sind und darum in
qualitativ verschiedener Art sich im Seelenleben benehmen? Es
scheint nicht gerechtfertigt; man reicht vielmehr mit der ein-
facheren Annahme aus, daß die Triebe alle qualitativ gleichartig
sind und ihre Wirkung nur den Erregungsgrößen, die sie führen,
verdanken, vielleicht noch gewissen Funktionen dieser Quantität.
Was die psychischen Leistungen der einzelnen Triebe von ein-
ander unterscheidet, läßt sich auf die Verschiedenheit der Trieb-
quellen zurückführen. Es kann allerdings erst in einem späteren
Zusammenhange klargelegt werden, was das Problem der Trieb-
qualität bedeutet.
Welche Triebe darf man aufstellen und wie viele? Dabei ist
offenbar der Willkür ein weiter Spielraum gelassen. Man kann
nichts dagegen einwenden, wenn jemand den Begriff eines Spiel-
triebes, Destruktionstriebes, Geselligkeitstriebes in Anwendung
bringt, wo der Gegenstand es fordert und die Beschränkung der
psychologischen Analyse es zuläßt. Man sollte aber die Frage
nicht außer acht lassen, ob diese einerseits so sehr spezialisierten
Triebmotive nicht eine weitere Zerlegung in der Richtung nach
den Triebquellen gestatten, so daß nur die weiter nicht zerleg-
baren Urtriebe eine Bedeutung beanspruchen können.
Ich habe vorgeschlagen, von solchen Urtrieben zwei Gruppen
zu unterscheiden, die der Ich- oder Selbsterhaltungstriebe
Freud, V.
29
450 Metapsychologie
und die der Sexualtriebe. Dieser Aufstellung kommt aber nicht
die Bedeutung einer notwendigen Voraussetzung zu, wie z. B.
der Annahme über die biologische Tendenz des seelischen Appa-
rates (s. o.); sie ist eine bloße Hilfskonstruktion, die nicht länger
festgehalten werden soll, als sie sich nützlich erweist, und deren
Ersetzung durch eine andere an den Ergebnissen unserer be-
schreibenden und ordnenden Arbeit wenig ändern wird. Der
Anlaß zu dieser Aufstellung hat sich aus der Entwicklungs-
geschichte der Psychoanalyse ergeben, welche die Psychoneurosen,
und zwar die als „Übertragungsneurosen" zu bezeichnende Gruppe
derselben (Hysterie und Zwangsneurose) zum ersten Objekt nahm
und an ihnen zur Einsicht gelangte, daß ein Konflikt zwischen
den Ansprüchen der Sexualität und denen des Ichs an der Wurzel
jeder solchen Affektion zu linden sei. Es ist immerhin möglich,
daß ein eindringendes Studium der anderen neurotischen Affek-
tionen (vor allem der narzißtischen Psychoneurosen: der Schizo-
phrenien) zu einer Abänderung dieser Formel und somit zu einer
anderen Gruppierung der Urtriebe nötigen wird. Aber gegen-
wärtig kennen wir diese neue Formel nicht und haben auch
noch kein Argument gefunden, welches der Gegenüberstellung
von Ich- und Sexualtrieben ungünstig wäre.
Es ist mir überhaupt zweifelhaft, ob es möglich sein wird, auf
Grund der Bearbeitung des psychologischen Materials entschei-
dende Winke zur Scheidung und Klassifizierung der Triebe zu
gewinnen. Es erscheint vielmehr notwendig, zum Zwecke dieser
Bearbeitung bestimmte Annahmen über das Triebleben an das
Material heranzubringen, und es wäre wünschenswert, daß man
diese Annahmen einem anderen Gebiete entnehmen könnte, um
sie auf die Psychologie zu übertragen. Was die Biologie hiefür
leistet, läuft der Sonderung von Ich- und Sexualtrieben gewiß
nicht zuwider. Die Biologie lehrt, daß die Sexualität nicht gleich-
zustellen ist den anderen Funktionen des Individuums, da ihre
Tendenzen über das Individuum hinausgehen und die Produktion
Triebe und Triebschicksale .^
neuer Individuen, also die Erhaltung der Art, zum Inhalt haben.
Sie zeigt uns ferner, daß zwei Auffassungen des Verhältnisses
zwischen Ich und Sexualität wie gleichberechtigt nebeneinander
stehen, die eine, nach welcher das Individuum die Hauptsache
ist und die Sexualität als eine seiner Betätigungen, die Sexual-
befriedigung als eines seiner Bedürfnisse wertet, und eine andere,
derzufolge das Individuum ein zeitweiliger und vergänglicher
Anhang an das quasi unsterbliche Keimplasma ist, welches ihm
von der Generation anvertraut wurde. Die Annahme, daß sich
die Sexualfunktion durch einen besonderen Chemismus von den
anderen Körpervorgängen scheidet, bildet, soviel ich weiß, auch
eine Voraussetzung der Ehrlichschen biologischen Forschung.
Da das Studium des Trieblebens vom Bewußtsein her kaum
übersteigbare Schwierigkeiten bietet, bleibt die psychoanalytische
Erforschung der Seelenstörungen die Hauptquelle unserer Kenntnis.
Ihrem Entwicklungsgang entsprechend hat uns aber die Psycho-
analyse bisher nur über die Sexualtriebe einigermaßen befriedi-
gende Auskünfte bringen können, weil sie gerade nur diese Trieb-
gruppe an den Psychoneurosen wie isoliert beobachten konnte.
Mit der Ausdehnung der Psychoanalyse auf die anderen neuroti-
schen Affektionen wird gewiß auch unsere Kenntnis der Ichtriebe
begründet werden, obwohl es vermessen erscheint, auf diesem
weiteren Forschungsgebiete ähnlich günstige Bedingungen für die
Beobachtung zu erwarten.
Zu einer allgemeinen Charakteristik der Sexualtriebe kann man
folgendes aussagen: Sie sind zahlreich, entstammen vielfältigen
organischen Quellen, betätigen sich zunächst unabhängig von-
einander und werden erst spät zu einer mehr oder minder voll-
kommenen Synthese zusammengefaßt. Das Ziel, das jeder von
ihnen anstrebt, ist die Erreichung der Organlust; erst nach voll-
zogener Synthese treten sie in den Dienst der Fortpflanzungs-
funktion, womit sie dann als Sexualtriebe allgemein kenntlich
werden. Bei ihrem ersten Auftreten lehnen sie sich zuerst an
29"
452 Metapsychologie
die Erhaltungstriebe an, von denen sie sich erst allmählich ab-
lösen, folgen auch bei der Objektfindung den Wegen, die ihnen
die Ichtriebe weisen. Ein Anteil von ihnen bleibt den Ichtrieben
zeitlebens gesellt und stattet diese mit libidinösen Komponenten
aus welche während der normalen Funktion leicht übersehen
und erst durch die Erkrankung klargelegt werden. Sie sind da-
durch ausgezeichnet, daß sie in großem Ausmaße vikariierend
für einander eintreten und leicht ihre Objekte wechseln können.
Infolge der letztgenannten Eigenschaften sind sie zu Leistungen
befähigt, die weitab von ihren ursprünglichen Zielhandlungen
liegen. (Sublimierung.)
Die Untersuchung, welche Schicksale Triebe im Laufe der
Entwicklung und des Lebens erfahren können, werden wir auf
die uns besser bekannten Sexualtriebe einschränken müssen. Die
Beobachtung lehrt uns als solche Triebschicksale folgende kennen :
Die Verkehrung ins Gegenteil.
Die Wendung gegen die eigene Person.
Die Verdrängung.
Die Sublimierung.
Da ich die Sublimierung hier nicht zu behandeln gedenke,
die Verdrängung aber ein besonderes Kapitel beansprucht, er-
übrigt uns nur Beschreibung und Diskussion der beiden ersten
Punkte. Mit Rücksicht auf Motive, welche einer direkten Fort-
setzung der Triebe entgegenwirken, kann man die Triebschick-
sale auch als Arten der Abwehr gegen die Triebe darstellen.
Die Verkehrung ins Gegenteil löst sich bei näherem Zu-
sehen in zwei verschiedene Vorgänge auf, in die Wendung eines
Triebes von der Aktivität zur Passivität und in die inhalt-
liche Verkehrung. Beide Vorgänge sind, weil wesensver-
schieden, auch gesondert zu behandeln.
Beispiele für den ersteren Vorgang ergeben die Gegensatz-
paare Sadismus — Masochismus und Schaulust — Exhibition. Die
Verkehrung betrifft nur die Ziele des Triebes; für das aktive
Triebe und Triebschicksale 45*
Ziel: quälen, beschauen, wird das passive: gequält werden, be-
schaut werden eingesetzt. Die inhaltliche Verkehrung findet sich
in dem einen Falle der Verwandlung des Liebens in ein Hassen.
Die Wendung gegen die eigene Person wird uns durch
die Erwägung nahegelegt, daß der Masochismus ja ein gegen
das eigene Ich gewendeter Sadismus ist, die Exhibition das Be-
schauen des eigenen Körpers mit einschließt. Die analytische
Beobachtung läßt auch keinen Zweifel daran bestehen, daß der
Masochist das Wüten gegen seine Person, der Exhibitionist das
Entblößen derselben mitgenießt. Das Wesentliche an dem Vor-
gang ist also der Wechsel des Objektes bei ungeändertem Ziel.
Es kann uns indes nicht entgehen, daß Wendung gegen die
eigene Person und Wendung von der Aktivität zur Passivität in
diesen Beispielen zusammentreffen oder zusammenfallen. Zur
Klarstellung der Beziehungen wird eine gründlichere Unter-
suchung unerläßlich.
Beim Gegensatzpaar Sadismus — Masochismus kann man den
Vorgang folgendermaßen darstellen:
a) Der Sadismus besteht in Gewalttätigkeit, Machtbetätigung
gegen eine andere Person als Objekt.
b) Dieses Objekt wird aufgegeben und durch die eigene Person
ersetzt. Mit der Wendung gegen die eigene Person ist auch die
Verwandlung des aktiven Triebzieles in ein passives vollzogen.
c) Es wird neuerdings eine fremde Person als Objekt gesucht,
welche infolge der eingetretenen Zielverwandlung die Rolle des
Subjekts übernehmen muß.
Fall c ist der des gemeinhin so genannten Masochismus. Die Be-
friedigung erfolgt auch bei ihm auf dem Wege des ursprünglichen
Sadismus, indem sich das passive Ich phantastisch in seine frühere
Stelle versetzt, die jetzt dem fremden Subjekt überlassen ist. Ob
es auch eine direktere masochistische Befriedigung gibt, ist durch-
aus zweifelhaft. Ein ursprünglicher Masochismus, der nicht auf die
beschriebene Art aus dem Sadismus entstanden wäre, scheint nicht
454 Metapsychologie
vorzukommen. 1 Daß die Annahme der Stufe b nicht überflüssig ist,
geht wohl aus dem Verhalten des sadistischen Triebes bei der
Zwangsneurose hervor. Hier findet sich die Wendung gegen die
eigene Person ohne die Passivität gegen eine neue. Die Verwandlung
geht nur bis zur Stufe b. Aus der Quälsucht wird Selbstquälerei,
Selbstbestrafung, nicht Masochismus. Das aktive Verbum wandelt
sich nicht in das Passivum, sondern in ein reflexives Medium.
Die Auffassung des Sadismus wird auch durch den Umstand be-
einträchtigt, daß dieser Trieb neben seinem allgemeinen Ziel (viel-
leicht besser: innerhalb desselben) eine ganz spezielle Zielhandlung
anzustreben scheint. Neben der Demütigung, Überwältigung, die
Zufügung von Schmerzen. Nun scheint die Psychoanalyse zu zeigen,
daß das Schmerzzufügen unter den ursprünglichen Zielhandlungen
des Triebes keine Rolle spielt. Das sadistische Kind zieht die Zu-
fügung von Schmerzen nicht in Betracht und beabsichtigt sie nicht.
Wenn sich aber einmal die Umwandlung in Masochismus vollzogen
hat, eignen sich die Schmerzen sehr wohl, ein passives masochisti-
sches Ziel abzugeben, denn wir haben allen Grund anzunehmen,
daß auch die Schmerz- wie andere Unlustempfindungen auf die
Sexualerregung übergreifen und einen lustvollen Zustand erzeugen,
um dessentwillen man sich auch die Unlust des Schmerzes gefallen
lassen kann. Ist das Empfinden von Schmerzen einmal ein masochis-
tisches Ziel geworden, so kann sich rückgreifend auch das sadistische
Ziel, Schmerzen zuzufügen, ergeben, die man, während man sie
anderen erzeugt, selbst masochistisch in der Identifizierung mit dem
leidenden Objekt genießt. Natürlich genießt man in beiden Fällen
nicht den Schmerz selbst, sondern die ihn begleitende Sexual-
erregung, und dies dann als Sadist besonders bequem. Das Schmerz-
genießen wäre also ein ursprünglich masochistisches Ziel, das aber
nur beim ursprünglich Sadistischen zum Triebziele werden kann.
1) [Zusatz 1924:) In späteren Arbeiten (siehe: Das ökonomische Problem des
Masochismus, 1924.; S. 374 dieses Bandes) habe ich im Zusammenhang mit Problemen
des Trieblebens mich zu einer gegenteiligen Auffassung bekannt.
Triebe und Triebschicksale 455
Der Vollständigkeit zuliebe füge ich an, daß das Mitleid
nicht als ein Ergebnis der Triebverwandlung beim Sadismus be-
schrieben werden kann, sondern die Auffassung einer Reaktions-
bildung gegen den Trieb (über den Unterschied s. später) er-
fordert.
Etwas andere und einfachere Ergebnisse liefert die Unter-
suchung eines anderen Gegensatzpaares, der Triebe, die das
Schauen und sich Zeigen zum Ziele haben. (Voyeur und Ex-
hibitionist in der Sprache der Per Versionen). Auch hier kann
man die nämlichen Stufen aufstellen wie im vorigen Falle:
a) Das Schauen als Aktivität gegen ein fremdes Objekt gerichtet;
b) das Aufgeben des Objektes, die Wendung des Schautriebes
gegen einen Teil des eigenen Körpers, damit die Verkehrung in
Passivität und die Aufstellung des neuen Zieles: beschaut zu
werden j c) die Einsetzung eines neuen Subjektes, dem man sich
zeigt, um von ihm beschaut zu werden. Es ist auch kaum zweifel-
haft, daß das aktive Ziel früher auftritt als das passive, das
Schauen dem Beschaut werden vorangeht. Aber eine bedeutsame
Abweichung vom Falle des Sadismus liegt darin, daß beim Schau-
trieb eine noch frühere Stufe als die mit a bezeichnete zu er-
kennen ist. Der Schautrieb ist nämlich zu Anfang seiner Be-
tätigung autoerotisch, er hat wohl ein Objekt, aber er findet es
am eigenen Körper. Erst späterhin wird er dazu geleitet (auf
dem Wege der Vergleichung), dies Objekt mit einem analogen
des fremden Körpers zu vertauschen (Stufe d). Diese Vorstufe ist
nun dadurch interessant, daß aus ihr die beiden Situationen des
resultierenden Gegensatzpaares hervorgehen, je nachdem der
Wechsel an der einen oder anderen Stelle vorgenommen wird.
Das Schema für den Schautrieb könnte lauten:
a) Selbst ein Sexualglied beschauen = Sexualglied von eigener Person beschaut werden
ß) Selbst fremdes Objekt beschauen y) Eigenes Objekt von fremder
(aktive Schaulust) Person beschaut werden.
(Zeigelust, Exhibition).
r
456 Metapsychohgie
Eine solche Vorstufe fehlt dem Sadismus, der sich von vorn-
herein auf ein fremdes Objekt richtet, obwohl es nicht gerade
widersinnig wäre, sie aus den Bemühungen des Kindes, das
seiner eigenen Glieder Herr werden will, zu konstruieren. 1
Für beide hier betrachteten Triebbeispiele gilt die Bemerkung,
daß die Triebverwandlung durch Verkehrung der Aktivität in
Passivität und Wendung gegen die eigene Person eigentlich nie-
mals am ganzen Betrag der Triebregung vorgenommen wird.
Die ältere aktive Triebrichtung bleibt in gewissem Ausmaße
neben der jüngeren passiven bestehen, auch wenn der Prozeß
der Triebumwandlung sehr ausgiebig ausgefallen ist. Die einzig
richtige Aussage über den Schautrieb müßte lauten, daß alle
Entwicklungsstufen des Triebes, die autoerotische Vorstufe wie
die aktive und passive Endgestaltung nebeneinander bestehen
bleiben, und diese Behauptung wird evident, wenn man anstatt
der Triebhandlungen den Mechanismus der Befriedigung zur
Grundlage seines Urteiles nimmt. Vielleicht ist übrigens noch
eine andere Auffassungs- und Darlegungsweise gerechtfertigt.
Man kann sich jedes Triebleben in einzelne zeitlich geschiedene
und innerhalb der (beliebigen) Zeiteinheit gleichartige Schübe
zerlegen, die sich etwa zueinander verhalten wie sukzessive Lava-
eruptionen. Dann kann man sich etwa vorstellen, die erste und
ursprünglichste Trieberuption setze sich ungeändert fort und er-
fahre überhaupt keine Entwicklung. Ein nächster Schub unter-
liege von Anfang an einer Veränderung, etwa der Wendung zur
Passivität, und addiere sich nun mit diesem neuen Charakter
zum früheren hinzu usw. Überblickt man dann die Triebregung
von ihrem Anfang an bis zu einem gewissen Haltepunkt, so muß
die beschriebene Sukzession der Schübe das Bild einer bestimmten
Entwicklung des Triebes ergeben.
Die Tatsache, daß zu jener späteren Zeit der Entwicklung
neben einer Triebregung ihr (passiver) Gegensatz zu beobachten
1) Siehe Anmerkung auf Seite 454..
Triebe und Triebschicksale 457
ist, verdient die Hervorhebung durch den trefflichen, von Bleuler
eingeführten Namen: Ambivalenz.
Die Triebentwicklung wäre unserem Verständnis durch den
Hinweis auf die Entwicklungsgeschichte des Triebes und die
Permanenz der Zwischenstufen nahe gerückt. Das Ausmaß der
nachweisbaren Ambivalenz wechselt erfahrungsgemäß in hohem
Grade bei Individuen, Menschengruppen oder Rassen. Eine aus-
giebige Triebambivalenz bei einem heute Lebenden kann als
archaisches Erbteil aufgefaßt werden, da wir Grund zur An-
nahme haben, der Anteil der unverwandelten aktiven Regungen
am Triebleben sei in Urzeiten größer gewesen als durchschnitt-
lich heute.
Wir haben uns daran gewöhnt, die frühe Entwicklungsphase
des Ichs, während welcher dessen Sexualtriebe sich autoerotisch
befriedigen, Narzißmus zu heißen, ohne zunächst die Beziehung
zwischen Autoerotismus und Narzißmus in Diskussion zu ziehen.
Dann müssen wir von der Vorstufe des Schautriebes, auf der
die Schaulust den eigenen Körper zum Objekt hat, sagen, sie
gehöre dem Narzißmus an, sei eine narzißtische Bildung. Aus
ihr entwickelt sich der aktive Schautrieb, indem er den Narziß-
mus verläßt, der passive Schautrieb halte aber das narzißtische
Objekt fest. Ebenso bedeute die Umwandlung des Sadismus in
Masochismus eine Rückkehr zum narzißtischen Objekt, während
in beiden Fällen das narzißtische Subjekt durch Identifizierung
mit einem anderen fremden Ich vertauscht wird. Mit Rück-
sichtnahme auf die konstruierte narzißtische Vorstufe des Sadis-
mus nähern wir uns so der allgemeineren Einsicht, daß die
Triebschicksale der Wendung gegen das eigene Ich und der
Verkehrung von Aktivität in Passivität von der narzißtischen
Organisation des Ichs abhängig sind und den Stempel dieser
Phase an sich tragen. Sie entsprechen vielleicht den Abwehr-
versuchen, die auf höheren Stufen der Ichentwicklung mit an-
deren Mitteln durchgeführt werden.
458 Metapsychologie
Wir besinnen uns hier, daß wir bisher nur die zwei Trieb-
gegensatzpaare: Sadismus — Masochismus und Schaulust — Zeige-
lust in Erörterung gezogen haben. Es sind dies die bestbekannten
ambivalent auftretenden Sexualtriebe. Die anderen Komponenten
der späteren Sexualfunktion sind der Analyse noch nicht genug
zugänglich geworden, um sie in ähnlicher Weise diskutieren zu
können. Wir können von ihnen allgemein aussagen, daß sie sich
autoerotisch betätigen, d. h., ihr Objekt verschwindet gegen
das Organ, das ihre Quelle ist, und fällt in der Regel mit diesem
zusammen. Das Objekt des Schautriebes, obwohl auch zuerst ein
Teil des eigenen Körpers, ist doch nicht das Auge selbst, und
beim Sadismus weist die Organquelle, wahrscheinlich die aktions-
fähige Muskulatur, direkt auf ein anderes Objekt, sei es auch
am eigenen Körper hin. Bei den autoerotischen Trieben ist die
Rolle der Organquelle so ausschlaggebend, daß nach einer an-
sprechenden Vermutung von P. Federn und L. Jekels 1 Form
und Funktion des Organs über die Aktivität und Passivität des
Triebzieles entscheiden.
Die Verwandlung eines Triebes in sein (materielles) Gegen-
teil wird nur in einem Falle beobachtet, bei der Umsetzung
von Liebe in Haß. Da diese beiden besonders häufig
gleichzeitig auf dasselbe Objekt gerichtet vorkommen, ergibt
diese Koexistenz auch das bedeutsamste Beispiel einer Gefühls-
ambivalenz.
Der Fall von Liebe und Haß erwirbt ein besonderes Interesse
durch den Umstand, daß er der Einreihung in unsere Dar-
stellung der Triebe widerstrebt. Man kann an der innigsten Be-
ziehung zwischen diesen beiden Gefühlsgegensätzen und dem
Sexualleben nicht zweifeln, muß sich aber natürlich dagegen
sträuben, das Lieben etwa als einen besonderen Partialtrieb der
Sexualität wie die anderen aufzufassen. Man möchte eher das
Lieben als den Ausdruck der ganzen Sexualstrebung ansehen,
1) Intern. Zeitschrift für Psychoanalyse, I, 1913.
Triebe und Triebschicksale 45g
kommt aber auch damit nicht zurecht und weiß nicht, wie
man ein materielles Gegenteil dieser Strebung verstehen soll.
Das Lieben ist nicht nur eines, sondern dreier Gegensätze
fähig. Außer dem Gegensatz: lieben — hassen gibt es den anderen:
lieben — geliebt werden, und überdies setzen sich lieben und
hassen zusammengenommen dem Zustande der Indifferenz oder
Gleichgültigkeit entgegen. Von diesen drei Gegensätzen entspricht
der zweite, der von lieben — geliebt werden, durchaus der Wen-
dung von der Aktivität zur Passivität und läßt auch die näm-
liche Zurückführung auf eine Grundsituation wie beim Schau-
trieb zu. Diese heißt: sich selbst lieben, was für uns die
Charakteristik des Narzißmus ist. Je nachdem nun das Objekt
oder das Subjekt gegen ein fremdes vertauscht wird, ergibt
sich die aktive Zielstrebung des Liebens oder die passive des
Geliebtwerdens, von denen die letztere dem Narzißmus nahe
verbleibt.
Vielleicht kommt man dem Verständnis der mehrfachen Gegen-
teile des Liebens näher, wenn man sich besinnt, daß das seelische
Leben überhaupt von drei Polaritäten beherrscht wird, den
Gegensätzen von:
Subjekt (Ich) — Objekt (Außenwelt).
Lust — Unlust.
Aktiv — Passiv.
Der Gegensatz von Ich — Nicht-Ich (Außen), (Subjekt — Objekt),
wird dem Einzelwesen, wie wir bereits erwähnt haben, frühzeitig
aufgedrängt durch die Erfahrung, daß es Außenreize durch seine
Muskelaktion zum Schweigen bringen kann, gegen Triebreize
aber wehrlos ist. Er bleibt vor allem in der intellektuellen Be-
tätigung souverän und schafft die Grundsituation für die Forschung,
die durch kein Bemühen abgeändert werden kann. Die Polarität
von Lust — Unlust haftet an einer Empfindungsreihe, deren un-
übertroffene Bedeutung für die Entscheidung unserer Aktionen
(Wille) bereits betont worden ist. Der Gegensatz von Aktiv —
460 Metapsychologie
Passiv ist nicht mit dem von Ich-Subjekt — Außen-Objekt zu ver-
wechseln. Das Ich verhält sich passiv gegen die Außenwelt, in-
soweit es Reize von ihr empfängt, aktiv, wenn es auf dieselben
reagiert. Zu ganz besonderer Aktivität gegen die Außenwelt
wird es durch seine Triebe gezwungen, so daß man unter Her-
vorhebung des Wesentlichen sagen könnte: Das Ich-Subjekt sei
passiv gegen die äußeren Reize, aktiv durch seine eigenen Triebe.
Der Gegensatz Aktiv — Passiv verschmilzt späterhin mit dem von
Männlich — Weiblich, der, ehe dies geschehen ist, keine psycho-
logische Bedeutung hat. Die Verlötung der Aktivität mit der
Männlichkeit, der Passivität mit der Weiblichkeit tritt uns näm-
lich als biologische Tatsache entgegen; sie ist aber keineswegs so
regelmäßig durchgreifend und ausschließlich, wie wir anzunehmen
geneigt sind.
Die drei seelischen Polaritäten gehen die bedeutsamsten Ver-
knüpfungen miteinander ein. Es gibt eine psychische Ursituation,
in welcher zwei derselben zusammentreffen. Das Ich findet sich
ursprünglich, zu allem Anfang des Seelenlebens, triebbesetzt und
zum Teil fähig, seine Triebe an sich selbst zu befriedigen. Wir
heißen diesen Zustand den des Narzißmus, die Befriedigungs-
möglichkeit die autoerotische. 1 Die Außenwelt ist derzeit nicht
mit Interesse (allgemein gesprochen) besetzt und für die Befrie-
digung gleichgültig. Es fällt also um diese Zeit das Ich-Subjekt
mit dem Lustvollen, die Außenwelt mit dem Gleichgültigen
(eventuell als Reizquelle Unlustvollen) zusammen. Definieren wir
zunächst das Lieben als die Relation des Ichs zu seinen Lust-
1) Ein Anteil der Sexualtriebe ist, wie wir wissen, dieser autoerotischen Be-
friedigung fähig, eignet sich also zum Träger der nachstehend geschilderten Ent-
wicklung unter der Herrschaft des Lustprinzips. Die Sexualtriebe, welche von vorn-
herein ein Objekt fordern, und die autoerotisch niemals zu befriedigenden Bedürf-
nisse der Ichtriebe stören natürlich diesen Zustand und bereiten die Fortschritte vor.
Ja, der narzißtische Urzustand könnte nicht jene Entwicklung nehmen, wenn nicht
jedes Einzelwesen eine Periode von Hilflosigkeit und Pflege durchmachte,
während dessen seine drängenden Bedürfnisse durch Dazutun von Außen befriedigt
und somit von der Entwicklung abgehalten würden.
Triebe und Triebschicksale 461
quellen, so erläutert die Situation, in der es nur sich selbst liebt
und gegen die Welt gleichgültig ist, die erste der Gegensatzbe-
ziehungen, in denen wir das „Lieben" gefunden haben.
Das Ich bedarf der Außenwelt nicht, insofern es autoerotisch
ist, es bekommt aber Objekte aus ihr infolge der Erlebnisse der
Icherhaltungstriebe und kann doch nicht umhin, innere Trieb-
reize als unlustvoll für eine Zeit zu verspüren. Unter der Herr-
schaft des Lustprinzips vollzieht sich nun in ihm eine weitere
Entwicklung. Es nimmt die dargebotenen Objekte, insofern sie
Lustquellen sind, in sein Ich auf, introjiziert sich dieselben (nach
dem Ausdrucke Ferenczis) und stößt anderseits von sich aus,
was ihm im eigenen Innern Unlustanlaß wird. (Siehe später den
Mechanismus der Projektion.)
Es wandelt sich so aus dem anfänglichen Real-Ich, welches
Innen und Außen nach einem guten objektiven Kennzeichen
unterschieden hat, in ein purifiziertes Lust-Ich, welches den
Lustcharakter über jeden anderen setzt. Die Außenwelt zerfällt
ihm in einen Lustanteil, den es sich einverleibt hat, und einen
Rest, der ihm fremd ist. Aus dem eigenen Ich hat es einen Bestandteil
ausgesondert, den es in die Außenwelt wirft und als feindlich
empfindet. Nach dieser Umordnung ist die Deckung der beiden
Polaritäten
Ich-Subjekt — mit Lust
Außenwelt — mit Unlust (von früher her Indifferenz)
wieder hergestellt.
Mit dem Eintreten des Objekts in die Stufe des primären
Narzißmus erreicht auch der zweite Gegensinn des Liebens, das
Hassen, seine Ausbildung.
Das Objekt wird dem Ich, wie wir gehört haben, zuerst von
den Selbsterhaltungstrieben aus der Außenwelt gebracht, und es
ist nicht abzuweisen, daß auch der ursprüngliche Sinn des Hassens
die Relation gegen die fremde und reizzuführende Außenwelt
bedeutet. Die Indifferenz ordnet sich dem Haß, der Abneigung,
462 Metapsychologie
als Spezialfall ein, nachdem sie zuerst als dessen Vorläufer auf-
getreten ist. Das Äußere, das Objekt, das Gehaßte wären zu
allem Anfang identisch. Erweist sich späterhin das Objekt als
Lustquelle, so wird es geliebt, aber auch dem Ich einverleibt,
so daß für das purifizierte Lust-Ich das Objekt doch wiederum
mit dem Fremden und Gehaßten zusammenfällt.
Wir merken aber jetzt auch, wie das Gegensatzpaar Liebe —
Indifferenz die Polarität Ich — Außenwelt spiegelt, so reproduziert
der zweite Gegensatz Liebe — Haß die mit der ersteren verknüpfte
Polarität von Lust — Unlust. Nach der Ablösung der rein narziß-
tischen Stufe durch die Objektstufe bedeuten Lust und Unlust
Relationen des Ichs zum Objekt. Wenn das Objekt die Quelle
von Lustempfindungen wird, so stellt sich eine motorische Ten-
denz heraus, welche dasselbe dem Ich annähern, ins Ich einver-
leiben will; wir sprechen dann auch von der „Anziehung", die
das lustspendende Objekt ausübt, und sagen, daß wir das Objekt
„lieben". Umgekehrt, wenn das Objekt Quelle von Unlustem-
pfindungen ist, bestrebt sich eine Tendenz, die Distanz zwischen
ihm und dem Ich zu vergrößern, den ursprünglichen Fluchtver-
such vor der reizausschickenden Außenwelt an ihm zu wieder-
holen. Wir empfinden die „Abstoßung" des Objekts und hassen
es; dieser Haß kann sich dann zur Aggressionsneigung gegen
das Objekt, zur Absicht, es zu vernichten, steigern.
Man könnte zur Not von einem Trieb aussagen, daß er das
Objekt „liebt", nach dem er zu seiner Befriedigung strebt. Daß
ein Trieb ein Objekt „haßt", klingt uns aber befremdend, so
daß wir aufmerksam werden, die Beziehungen Liebe und Haß
seien nicht für die Relationen der Triebe zu ihren Objekten
verwendbar, sondern für die Relation des Gesamt-Ichs zu den
Objekten reserviert. Die Beobachtung des gewiß sinnvollen Sprach-
gebrauches zeigt uns aber eine weitere Einschränkung in der
Bedeutung von Liebe und Haß. Von den Objekten, welche der
Icherhaltung dienen, sagt man nicht aus, daß man sie liebt,
Triebe und Triebschicksale 463
sondern betont, daß man ihrer bedarf, und gibt etwa einem
Zusatz von andersartiger Relation Ausdruck, indem man Worte
gebraucht, die ein sehr abgeschwächtes Lieben andeuten, wie:
gerne haben, gerne sehen, angenehm finden.
Das Wort „lieben" rückt also immer mehr in die Sphäre der
reinen Lustbeziehung des Ichs zum Objekt und fixiert sich
schließlich an die Sexualobjekte im engeren Sinne und an solche
Objekte, welche die Bedürfnisse sublimierter Sexualtriebe befriedigen.
Die Scheidung der Ichtriebe von den Sexualtrieben, welche wir
unserer Psychologie aufgedrängt haben, erweist sich so als konform
mit dem Geiste unserer Sprache. Wenn wir nicht gewohnt sind
zu sagen, der einzelne Sexualtrieb liebe sein Objekt, aber die
adäquateste Verwendung des Wortes „lieben" in der Beziehung
des Ichs zu seinem Sexualobjekt finden, so lehrt uns diese Be-
obachtung, daß dessen Verwendbarkeit in dieser Relation erst mit
der Synthese aller Partialtriebe der Sexualität unter dem Primat
der Genitalien und im Dienste der Fortpflanzungsfunktion beginnt.
Es ist bemerkenswert, daß im Gebrauche des Wortes „hassen"
keine so innige Beziehung zur Sexuallust und Sexualfunktion zum
Vorschein kommt, sondern die Unlustrelation die einzig ent-
scheidende scheint. Das Ich haßt, verabscheut, verfolgt mit Zer-
störungsabsichten alle Objekte, die ihm zur Quelle von Unlust-
empfindungen werden, gleichgültig ob sie ihm eine Versagung
sexueller Befriedigung oder der Befriedigung von Erhaltungs-
bedürfnissen bedeuten. Ja, man kann behaupten, daß die richtigen
Vorbilder für die Haßrelation nicht aus dem Sexualleben, sondern
aus dem Ringen des Ichs um seine Erhaltung und Behauptung
stammen.
Liebe und Haß, die sich uns als volle materielle Gegensätze
vorstellen, stehen also doch in keiner einfachen Beziehung zueinander.
Sie sind nicht aus der Spaltung eines Urgemeinsamen hervor-
gegangen, sondern haben verschiedene Ursprünge und haben ein
jedes seine eigene Entwicklung durchgemacht, bevor sie sich unter
464 Metapsychologie
dem Einfluß der Lust-Unlustrelation zu Gegensätzen formiert
haben. Es erwächst uns hier die Aufgabe, zusammenzustellen, was
wir von der Genese von Liebe und Haß wissen.
Die Liebe stammt von der Fähigkeit des Ichs, einen Anteil
seiner Triebregungen autoerotisch, durch die Gewinnung von
Organlust zu befriedigen. Sie ist ursprünglich narzißtisch, übergeht
dann auf die Objekte, die dem erweiterten Ich einverleibt worden
sind, und drückt das motorische Streben des Ichs nach diesen
Objekten als Lustquellen aus. Sie verknüpft sich innig mit der
Betätigung der späteren Sexualtriebe und fällt, wenn deren Synthese
vollzogen ist, mit dem Ganzen der Sexualstrebung zusammen.
Vorstufen des Liebens ergeben sich als vorläufige Sexualziele,
während die Sexualtriebe ihre komplizierte Entwicklung durch-
laufen. Als erste derselben erkennen wir das sich Einverleiben
oder Fressen, eine Art der Liebe, welche mit der Aufhebung
der Sonderexistenz des Objekts vereinbar ist, also als ambivalent
bezeichnet werden kann. Auf der höheren Stufe der prägenitalen
sadistisch-analen Organisation tritt das Streben nach dem Objekt
in der Form des Bemächtigungsdranges auf, dem die Schädigung
oder Vernichtung des Objekts gleichgültig ist. Diese Form und
Vorstufe der Liebe ist in ihrem Verhalten gegen das Objekt vom
Haß kaum zu unterscheiden. Erst mit der Herstellung der Genital-
organisation ist die Liebe zum Gegensatz vom Haß geworden.
Der Haß ist als Relation zum Objekt älter als die Liebe, er
entspringt der uranfänglichen Ablehnung der reizspendenden
Außenwelt von seiten des narzißtischen Ichs. Als Äußerung der
durch Objekte hervorgerufenen Unlustreaktion bleibt er immer
in inniger Beziehung zu den Trieben der Icherhaltung, so daß
Ichtriebe und Sexualtriebe leicht in einen Gegensatz geraten
können, der den von Hassen und Lieben wiederholt. Wenn die
Ichtriebe die Sexualfunktion beherrschen wie auf der Stufe der
sadistisch-analen Organisation, so leihen sie auch dem Triebziel
die Charaktere des Hasses.
Triebe und Triebschicksale .q-
Die Entstehungs- und Beziehungsgeschichte der Liebe macht
es uns verständlich, daß sie so häufig „ambivalent", d. h. in Be-
gleitung von Haßregungen gegen das nämliche Objekt auftritt.
Der der Liebe beigemengte Haß rührt zum Teil von den nicht
völlig überwundenen Vorstufen des Liebens her, zum anderen
Teil begründet er sich durch Ablehnungsreaktionen der Ichtriebe,
die sich bei den häufigen Konflikten zwischen Ich- und Liebes-
interessen auf reale und aktuelle Motive berufen können. In
beiden Fällen geht also der beigemengte Haß auf die Quelle der
Icherhaltungstriebe zurück. Wenn die Liebesbeziehung zu einem
bestimmten Objekt abgebrochen wird, so tritt nicht selten Haß
an deren Stelle, woraus wir den Eindruck einer Verwandlung
der Liebe in Haß empfangen. Über diese Deskription hinaus führt
dann die Auffassung, daß dabei der real motivierte Haß durch
die Regression des Liebens auf die sadistische Vorstufe verstärkt
wird, so daß das Hassen einen erotischen Charakter erhält und
die Kontinuität einer Liebesbeziehung gewährleistet wird.
Die dritte Gegensätzlichkeit des Liebens, die Verwandlung des
Liebens in ein Geliebtwerden entspricht der Einwirkung der
Polarität von Aktivität und Passivität und unterliegt derselben
Beurteilung wie die Fälle des Schautriebes und des Sadismus.
Wir dürfen zusammenfassend hervorheben, die Triebschicksale
bestehen im wesentlichen darin, daß die Triebregungen den
Einflüssen der drei großen das Seelenleben beherr-
schenden Polaritäten unterzogen werden. Von diesen drei
Polaritäten könnte man die der Aktivität — Passivität als die bio-
logische, die Ich-Außenwelt als die reale, endlich die von Lust —
Unlust als die ökonomische bezeichnen.
Das Triebschicksal der Verdrängung wird den Gegenstand
einer anschließenden Untersuchung bilden.
Freud, V. 3o
DIE VERDRÄNGUNG
Es kann das Schicksal einer Triebregung werden, daß sie auf
Widerstände stößt, welche sie unwirksam machen wollen. Unter
Bedingungen, deren nähere Untersuchung uns bevorsteht, gelangt
sie dann in den Zustand der Verdrängung. Handelte es sich
um die Wirkung eines äußeren Reizes, so wäre offenbar die
Flucht das geeignete Mittel. Im Falle des Triebes kann die Flucht
nichts nützen, denn das Ich kann sich nicht selbst entfliehen.
Später einmal wird in der Urteilsverwerfung (Verurteilung)
ein gutes Mittel gegen die Triebregung gefunden werden. Eine
Vorstufe der Verurteilung, ein Mittelding zwischen Flucht und
Verurteilung ist die Verdrängung, deren Begriff in der Zeit vor
den psychoanalytischen Studien nicht aufgestellt werden konnte.
Die Möglichkeit einer Verdrängung ist theoretisch nicht leicht
abzuleiten. Warum sollte eine Triebregung einem solchen Schick-
sal verfallen? Offenbar muß hier die Bedingung erfüllt sein, daß
die Erreichung des Triebzieles Unlust an Stelle von Lust be-
reitet. Aber dieser Fall ist nicht gut denkbar. Solche Triebe gibt
es nicht, eine Triebbefriedigung ist immer lustvoll. Es müßten
besondere Verhältnisse anzunehmen sein, irgend ein Vorgang,
durch den die Befriedigungslust in Unlust verwandelt wird.
Wir können zur besseren Abgrenzung der Verdrängung einige
andere Triebsituationen in Erörterung ziehen. Es kann vor-
kommen, daß sich ein äußerer Reiz, z. B. dadurch, daß er ein
Organ anätzt und zerstört, verinnerlicht und so eine neue Quelle
Die Verdrängung ^Q ?
beständiger Erregung und Spannungsvermehrung ergibt. Er er-
wirbt damit eine weitgehende Ähnlichkeit mit einem Trieb.
Wir wissen, daß wir diesen Fall als Schmerz empfinden. Das
Ziel dieses Pseudotriebes ist aber nur das Aufhören der Organ-
veränderung und der mit ihr verbundenen Unlust. Andere, direkte
Lust kann aus dem Aufhören des Schmerzes nicht gewonnen
werden. Der Schmerz ist auch imperativ j er unterliegt nur noch
der Einwirkung einer toxischen Aufhebung und der Beein-
flussung durch psychische Ablenkung.
Der Fall des Schmerzes ist zu wenig durchsichtig, um etwas
für unsere Absicht zu leisten. Nehmen wir den Fall, daß ein
Triebreiz wie der Hunger unbefriedigt bleibt. Er wird dann
imperativ, ist durch nichts anderes als durch die Befriedigungs-
aktion zu beschwichtigen, unterhält eine beständige Bedürfnis-
spannung. Etwas wie eine Verdrängung scheint hier auf lange
hinaus nicht in Betracht zu kommen.
Der Fall der Verdrängung ist also gewiß nicht gegeben, wenn
die Spannung infolge von Unbefriedigung einer Triebregung
unerträglich groß wird. Was dem Organismus an Abwehrmitteln
gegen diese Situation gegeben ist, muß in anderem Zusammen-
hang erörtert werden.
Halten wir uns lieber an die klinische Erfahrung, wie sie uns
in der psychoanalytischen Praxis entgegentritt. Dann werden
wir belehrt, daß die Befriedigung des der Verdrängung unter-
liegenden Triebes wohl möglich und daß sie auch jedesmal an
sich lustvoll wäre, aber sie wäre mit anderen Ansprüchen und
Vorsätzen unvereinbar; sie würde also Lust an der einen, Unlust
an anderer Stelle erzeugen. Zur Bedingung der Verdrängung ist
dann geworden, daß das Unlustmotiv eine stärkere Macht ge-
winnt als die Befriedigungslust. Wir werden ferner durch die
psychoanalytische Erfahrung an den Übertragungsneurosen zu
dem Schluß genötigt, daß die Verdrängung kein ursprünglich
vorhandener Abwehrmechanismus ist, daß sie nicht eher ent-
30*
468 Metapsychologie
stehen kann, als bis sich eine scharfe Sonderung von bewußter
und unbewußter Seelentätigkeit hergestellt hat, und daß ihr
Wesen nur in der Abweisung und Fernhaltung vom Be-
wußten besteht. Diese Auffassung der Verdrängung würde
durch die Annahme ergänzt werden, daß vor solcher Stufe der
seelischen Organisation die anderen Triebschicksale wie die Ver-
wandlung ins Gegenteil, die Wendung gegen die eigene Person,
die Aufgabe der Abwehr von Triebregungen bewältigen.
Wir meinen jetzt auch, Verdrängung und Unbewußtes seien
in so großem Ausmaße korrelativ, daß wir die Vertiefung in
das Wesen der Verdrängung aufschieben müssen, bis wir mehr
von dem Aufbau des psychischen Instanzenzuges und der Differen-
zierung von Unbewußt und Bewußt erfahren haben. Vorher
können wir nur noch einige klinisch erkannte Charaktere der
Verdrängung in rein deskriptiver Weise zusammenstellen, auf die
Gefahr hin, vieles anderwärts Gesagte ungeändert zu wiederholen.
Wir haben also Grund, eine Urverdrängung anzunehmen,
eine erste Phase der Verdrängung, die darin besteht, daß der
psychischen (Vorstellungs-) Repräsentanz des Triebes die Über-
nahme ins Bewußte versagt wird. Mit dieser ist eine Fixierung
gegeben; die betreffende Repräsentanz bleibt von da an unver-
änderlich bestehen und der Trieb an sie gebunden. Dies geschieht
infolge der später zu besprechenden Eigenschaften unbewußter
Vorgänge.
Die zweite Stufe der Verdrängung, die eigentliche Ver-
drängung, betrifft psychische Abkömmlinge der verdrängten
Repräsentanz, oder solche Gedankenzüge, die, anderswoher stam-
mend, in assoziative Beziehung zu ihr geraten sind. Wegen dieser
Beziehung erfahren diese Vorstellungen dasselbe Schicksal wie
das Urverdrängte. Die eigentliche Verdrängung ist also ein Nach-
drängen. Man tut übrigens unrecht, wenn man nur die Ab-
stoßung hervorhebt, die vom Bewußten her auf das zu Verdrän-
gende wirkt. Es kommt ebensosehr die Anziehung in Betracht,
Die Verdrängung 46 9
welche das Ur verdrängte auf alles ausübt, womit es sich in Ver-
bindung setzen kann. Wahrscheinlich würde die Verdrängungs-
tendenz ihre Absicht nicht erreichen, wenn diese Kräfte nicht
zusammenwirkten, wenn es nicht ein vorher Verdrängtes gäbe,
welches das vom Bewußten Abgestoßene aufzunehmen bereit
wäre.
Unter dem Einfluß des Studiums der Psychoneurosen, welches
uns die bedeutsamen Wirkungen der Verdrängung vorführt,
werden wir geneigt, deren psychologischen Inhalt zu über-
schätzen, und vergessen zu leicht, daß die Verdrängung die
Triebrepräsentanz nicht daran hindert, im Unbewußten fortzu-
bestehen, sich weiter zu organisieren, Abkömmlinge zu bilden
und Verbindungen anzuknüpfen. Die Verdrängung stört wirklich
nur die Beziehung zu einem psychischen System, dem des Be-
wußten.
Die Psychoanalyse kann uns noch anderes zeigen, was für
das Verständnis der Wirkungen der Verdrängung bei den Psycho-
neurosen bedeutsam ist. Z. B., daß die Triebrepräsentanz sich
ungestörter und reichhaltiger entwickelt, wenn sie durch die
Verdrängung dem bewußten Einfluß entzogen ist. Sie wuchert
dann sozusagen im Dunkeln und findet extreme Ausdrucks-
formen, welche, wenn sie dem Neurotiker übersetzt und vor-
gehalten werden, ihm nicht nur fremd erscheinen müssen, sondern
ihn auch durch die Vorspiegelung einer außerordentlichen und
gefährlichen Triebstärke schrecken. Diese täuschende Triebstärke
ist das Ergebnis einer ungehemmten Entfaltung in der Phantasie
und der Aufstauung infolge versagter Befriedigung. Daß dieser
letztere Erfolg an die Verdrängung geknüpft ist, weist darauf
hin, worin wir ihre eigentliche Bedeutung zu suchen haben.
Indem wir aber noch zur Gegenansicht zurückkehren, stellen
wir fest, es sei nicht einmal richtig, daß die Verdrängung alle
Abkömmlinge des Urverdrängten vom Bewußten abhalte. Wenn
sich diese weit genug von der verdrängten Repräsentanz entfernt
47 o Metapsychologie
haben, sei es durch Annahme von Entstellungen oder durch die
Anzahl der eingeschobenen Mittelglieder, so steht ihnen der Zu-
gang zum Bewußten ohne weiteres frei. Es ist, als ob der Wider-
stand des Bewußten gegen sie eine Funktion ihrer Entfernung
vom ursprünglich Verdrängten wäre. Während der Ausübung der
psychoanalytischen Technik fordern wir den Patienten unausgesetzt
dazu auf, solche Abkömmlinge des Verdrängten zu produzieren,
die infolge ihrer Entfernung oder Entstellung die Zensur des
Bewußten passieren können. Nichts anderes sind ja die Einfälle,
die wir unter Verzicht auf alle bewußten Zielvorstellungen und
alle Kritik von ihm verlangen, und aus denen wir eine bewußte
Übersetzung der verdrängten Repräsentanz wiederherstellen. Wir
beobachten dabei, daß der Patient eine solche Einfallsreihe fort-
spinnen kann, bis er in ihrem Ablauf auf eine Gedankenbildung
stößt, bei welcher die Beziehung zum Verdrängten so intensiv
durchwirkt, daß er seinen Verdrängungsversuch wiederholen muß.
Auch die neurotischen Symptome müssen der obigen Bedingung
genügt haben, denn sie sind Abkömmlinge des Verdrängten,
welches sich mittels dieser Bildungen den ihm versagten Zugang
zum Bewußtsein endlich erkämpft hat.
Wie weit die Entstellung und Entfernung vom Verdrängten
gehen muß, bis der Widerstand des Bewußten aufgehoben ist,
läßt sich allgemein nicht angeben. Es findet dabei eine feine
Abwägung statt, deren Spiel uns verdeckt ist, deren Wirkungs-
weise uns aber erraten läßt, es handle sich darum, vor einer
bestimmten Intensität der Besetzung des Unbewußten haltzumachen,
mit deren Überschreitung es zur Befriedigung durchdringen würde.
Die Verdrängung arbeitet also höchst individuell; jeder einzelne
Abkömmling des Verdrängten kann sein besonderes Schicksal
haben; ein wenig mehr oder weniger von Entstellung macht,
daß der ganze Erfolg umschlägt. In demselben Zusammenhang ist
auch zu begreifen, daß die bevorzugten Objekte der Menschen,
ihre Ideale, aus denselben Wahrnehmungen und Erlebnissen
Die Verdrängung 47 1
stammen wie die von ihnen am meisten verabscheuten, und sich
ursprünglich nur durch geringe Modifikationen voneinander unter-
scheiden. Ja, es kann, wie wir's bei der Entstehung des Fetisch
gefunden haben, die ursprüngliche Triebrepräsentanz in zwei
Stücke zerlegt worden sein, von denen das eine der Verdrängung
verfiel, während der Rest, gerade wegen dieser innigen Ver-
knüpftheit, das Schicksal der Idealisierung erfuhr.
Dasselbe, was ein Mehr oder Weniger an Entstellung leistet,
kann auch sozusagen am anderen Ende des Apparates durch eine
Modifikation in den Bedingungen der Lust-Unlustproduktion erzielt
werden. Es sind besondere Techniken ausgebildet worden deren
Absicht dahin geht, solche Veränderungen des psychischen Krafte-
spieles herbeizuführen, daß dasselbe, was sonst Unlust erzeugt,
auch einmal lustbringend wird, und so oft solch ein technisches
Mittel in Aktion tritt, wird die Verdrängung für eine sonst ab-
gewiesene Triebrepräsentanz aufgehoben. Diese Techniken sind
bisher nur für den Witz genauer verfolgt worden. In der Regel
ist die Aufhebung der Verdrängung nur eine vorübergehende ;
sie wird alsbald wiederhergestellt.
Erfahrungen dieser Art reichen aber hin, uns auf weitere
Charaktere der Verdrängung aufmerksam zu machen. Sie ist nicht
nur, wie eben ausgeführt, individuell, sondern auch im hohen
Grade mobil. Man darf sich den Verdrängungsvorgang nicht wie
ein einmaliges Geschehen mit Dauererfolg vorstellen, etwa wie
wenn man etwas Lebendes erschlagen hat, was von da an tot
ist: sondern die Verdrängung erfordert einen anhaltenden Kraft-
aufwand, mit dessen Unterlassung ihr Erfolg in Frage gestellt
wäre, so daß ein neuerlicher Verdrängungsakt notwendig wurde.
Wir dürfen uns vorstellen, daß das Verdrängte einen kontinuierlichen
Druck in der Richtung zum Bewußten hin ausübt, dem durch
unausgesetzten Gegendruck das Gleichgewicht gehalten werden
muß Die Erhaltung einer Verdrängung setzt also eine bestandige
Kraftausgabe voraus und ihre Aufhebung bedeutet ökonomisch
a« 3 Metapsychologie
eine Ersparung. Die Mobilität der Verdrängung findet übrigens
auch einen Ausdruck in den psychischen Charakteren des Schlaf-
zustandes, welcher allein die Traumbildung ermöglicht. Mit dem
Erwachen werden die eingezogenen Verdrängungsbesetzungen
wieder ausgeschickt.
Wir dürfen endlich nicht vergessen, daß wir von einer Trieb-
regung erst sehr wenig ausgesagt haben, wenn wir feststellen,
sie sei eine verdrängte. Sie kann sich unbeschadet der Verdrängung
in sehr verschiedenen Zuständen befinden, inaktiv sein, d. h. sehr
wenig mit psychischer Energie besetzt, oder in wechselndem
Grade besetzt und damit zur Aktivität befähigt. Ihre Aktivierung
wird zwar nicht die Folge haben, daß sie die Verdrängung direkt
aufhebt, wohl aber alle die Vorgänge anregen, welche mit dem
Durchdringen zum Bewußtsein auf Umwegen einen Abschluß
finden. Bei unverdrängten Abkömmlingen des Unbewußten ent-
scheidet oft das Ausmaß der Aktivierung oder Besetzung über das
Schicksal der einzelnen Vorstellung. Es ist ein alltägliches Vor-
kommnis, daß ein solcher Abkömmling unverdrängt bleibt, solange
er eine geringe Energie repräsentiert, obwohl sein Inhalt geeignet
wäre, einen Konflikt mit dem bewußt Herrschenden zu ergeben.
Das quantitative Moment zeigt sich aber als entscheidend für den
Konflikt; sobald die im Grunde anstößige Vorstellung sich über
ein gewisses Maß verstärkt, wird der Konflikt aktuell und gerade
die Aktivierung zieht die Verdrängung nach sich. Zunahme der
Energiebesetzung wirkt also in Sachen der Verdrängung gleichsinnig
wie Annäherung an das Unbewußte, Abnahme derselben wie Ent-
fernung davon oder Entstellung. Wir verstehen, daß die ver-
drängenden Tendenzen in der Abschwächung des Unliebsamen
einen Ersatz für dessen Verdrängung finden können.
In den bisherigen Erörterungen behandelten wir die Ver-
drängung einer Triebrepräsentanz und verstanden unter einer
solchen eine Vorstellung oder Vorstellungsgruppe, welche vom
Trieb her mit einem bestimmten Betrag von psychischer Energie
Die Verdrängung 473
■
>
(Libido, Interesse) besetzt ist. Die klinische Beobachtung nötigt
uns nun zu zerlegen, was wir bisher einheitlich aufgefaßt hatten,
denn sie zeigt uns, daß etwas anderes, was den Trieb repräsentiert,
neben der Vorstellung in Betracht kommt, und daß dieses andere
ein Verdrängungsschicksal erfährt, welches von dem der Vor-
stellung ganz verschieden sein kann. Für dieses andere Element
der psychischen Repräsentanz hat sich der Name Affektbetrag
eingebürgert; es entspricht dem Triebe, insofern er sich von der
Vorstellung abgelöst hat und einen seiner Quantität gemäßen
Ausdruck in Vorgängen findet, welche als Affekte der Empfindung
bemerkbar werden. Wir werden von nun an, wenn wir einen
Fall von Verdrängung beschreiben, gesondert verfolgen müssen,
was durch die Verdrängung aus der Vorstellung und was aus
der an ihr haftenden Triebenergie geworden ist.
Gern würden wir über beiderlei Schicksale etwas allgemeines
aussagen wollen. Dies wird uns auch nach einiger Orientierung
möglich. Das allgemeine Schicksal der den Trieb repräsentieren-
den Vorstellung kann nicht leicht etwas anderes sein, als daß sie
aus dem Bewußten verschwindet, wenn sie früher bewußt war,
oder vom Bewußtsein abgehalten wird, wenn sie im Begriffe
war, bewußt zu werden. Der Unterschied ist nicht mehr bedeut-
sam; er kommt etwa darauf hinaus, ob ich einen unliebsamen
Gast aus meinem Salon hinausbefördere oder aus meinem Vor-
zimmer oder ihn, nachdem ich ihn erkannt habe, überhaupt
nicht über die Schwelle der Wohnungstür treten lasse. 1 Das
Schicksal des quantitativen Faktors der Triebrepräsentanz kann
ein dreifaches sein, wie uns eine flüchtige Übersicht über die in
der Psychoanalyse gemachten Erfahrungen lehrt: Der Trieb wird
entweder ganz unterdrückt, so daß man nichts von ihm auf-
1) Dieses für den Verdrängungsvorgang brauchbare Gleichnis kann auch über
einen früher erwähnten Charakter der Verdrängung ausgedehnt werden. Ich brauche
nur hinzuzufügen, daß ich die dem Gast verbotene Tür durch einen standigen
Wächter bewachen lassen muß, weil der Abgewiesene sie sonst aufsprengen wurde. (S.o.)
474 . — ■
findet, oder er kommt als irgendwie qualitativ gefärbter Affekt
zum Vorschein, oder er wird in Angst verwandelt Die beiden
letzteren Möglichkeiten stellen nns die Aufgabe die Umsetzung
der psychischen Energien der Triebe in Affekte und ganz be-
sonders in Angst als neues Triebschicksal ms Auge zu fassen.
Wir erinnern" uns, daß Motiv und Absicht der Verdrängung
nichts anderes als die Vermeidung von Unlust war. Daraus folgt^
daß das Schicksal des Affektbetrags der Repräsentanz bei weitem
wichtiger ist als das der Vorstellung, und daß dies über d» B»
Äj des Verdrängungsvorganges entscheide, Gelingt es einer
Verdra/gung nicht, l Entstehung von ™-«^»^«
Angst zu verhüten, so dürfen wir sagen, sie sei *ckt,
tenngleich sie ihr Ziel an dem Vorstellungsante.l erreicht haben
m ag. Natürlich wird die mißglückte Verdrängung mehr Anspruch
auf unser Interesse erheben als die etwa geglückte, du. s.ch zu-
meist unserem Studium entziehen wird. v „ r dran-
Wir wollen nun Einblick in den Mechanismus des Verdran
gungsvorganges gewinnen und vor allem wissen ob es nur
52 einzigen Mechanismus der Verdrängung gibt od« **££
und ob vießeicht jede der Psychoneurosen durch einen ihr eigen
tümlichen Mechanismus der Verdrängung ausgezeichnet ist M
Beginn dieser Untersuchung stoßen wir aber auf Komplikationen.
Der Mechanismus einer Verdrängung wird uns nur zugänglich,
wenn wir aus den Erfolgen der Verdrängung au ihn zuruck-
schheßen. Beschränken wir die Beobachtung auf die Erfolge an
dem Vorstellungsanteil der Repräsentanz, so erfahren wir daß
die Verdrängung in der Regel eine Ersatzbildung schafft.
Welches ist "nun der Mechanismus einer solchen Ersatzbildung
„der gibt es hier auch mehrere Mechanismen zu unterscheiden
Wir wissen auch, daß die Verdrängung Symptome hinterlaßt.
Dürfen wir nun Ersatzbildung und Symptombildung zusammen-
fallen lassen, und wenn dies im Ganzen angeht, deckt sich der
Mechanismus der Symptombildung mit dem der Verdrängung,"
Die Verdrängung 475
■
Die vorläufige Wahrscheinlichkeit scheint dafür zu sprechen, daß
beide weit auseinandergehen, daß es nicht die Verdrängung selbst
ist, welche Ersatzbildungen und Symptome schafft, sondern daß
diese letzteren als Anzeichen einer Wiederkehr des Verdrängten
ganz anderen Vorgängen ihr Entstehen verdanken. Es scheint
sich auch zu empfehlen, daß man die Mechanismen der Ersatz-
und Symptombildung vor denen der Verdrängung in Unter-
suchung ziehe.
Es ist klar, daß die Spekulation hier weiter nichts zu suchen
hat, sondern durch die sorgfältige Analyse der bei den einzelnen
Neurosen zu beobachtenden Erfolge der Verdrängung abgelöst
werden muß. Ich muß aber den Vorschlag machen, auch diese
Arbeit aufzuschieben, bis wir uns verläßliche Vorstellungen über
das Verhältnis des Bewußten zum Unbewußten gebildet haben.
Nur um die vorliegende Erörterung nicht ganz unfruchtbar
ausgehen zu lassen, will ich vorwegnehmen, daß 1. der Mecha-
nismus der Verdrängung tatsächlich nicht mit dem oder den
Mechanismen der Ersatzbildung zusammenfäUt, 2. daß es sehr
verschiedene Mechanismen der Ersatzbildung gibt, und 5. daß
den Mechanismen der Verdrängung wenigstens eines gemeinsam
ist, die Entziehung der Energiebesetzung (oder Libido,
wenn wir von Sexualtrieben handeln).
Ich will auch unter Einschränkung auf die drei bekanntesten
Psychoneurosen an einigen Beispielen zeigen, wie die hier ein-
geführten Begriffe auf das Studium der Verdrängung Anwendung
finden. Von der Angsthysterie werde ich das gut analysierte
Beispiel einer Tierphobie wählen. Die der Verdrängung unter-
liegende Triebregung ist eine libidinöse Einstellung zum Vater,
gepaart mit der Angst vor demselben. Nach der Verdrängung
ist diese Regung aus dem Bewußtsein geschwunden, der Vater
kommt als Objekt der Libido nicht darin vor. Als Ersatz findet
sich an analoger Stelle ein Tier, das sich mehr oder weniger gut
zum Angstobjekt eignet. Die Ersatzbildung des Vorstellungsan-
g Metap sychologie
teile* hat sich auf dem Wege der Verschiebung läng, eines in
bestimmter Weise determinierten Zusammenhanges bergest Ut
Der quantitative Anteil ist nicht verschwunden, sondern hat s.ch
in Angst umgesetzt. Das Ergebnis ist eine Angst vor dem Wolf
an Stet eine" Liebesanspruches an den Vater. Natürlich re.chen
"r ™r "ä£ sr^Ä^
^ solche Verdrängung wie * "* ^ ^11 Werk tr
als eine W^f^^SS^^ *
IL ru'ht d» Arbeit der Neurose auch mcht sondern , . «
sich in einem zweiten Tempo fort, um Ar nächstes, w.cht.geres
ZM zu erreichen. Es kommt zur Bildung eines Fluchtversuch«,
£ frühen Phobie, einer Anzahl ^er-idungen, welch
die Amrstentbindung ausschließen seilen. Durch welchen Media
^ Phobie afsZiel gelang,, können wir in einer spedieren
Untersuchung verstehen lernen.
"temer anz anderen Würdigung ^'TSTmX
aL RiW tler echten Konversionshysterie. Hier ist
SKÜ S. es gelmgen kann, den *«£. ~
;r/r^I" r :— ha, Andere Male gehngtd.se
Unterdrückung nicht se vollständig, em Anten pamkcte *~
tionen knüpft sich an die Symptome se bst, oder em ^^
entbindun/hat sich nicht vermeiden lassen, das semerse, s den
££2m der Phobiebildung ins Werk setzt. Der Vorstelhtng ;
Inhalt der Triebrepräsentanz ist dem Bewußtsem »*-£**
zo R en ; als Ersatzbildung - und gleichzog als Symptom
Zet sich eine überstarke - in den vorbildlichen Fällen soma-
Die Verdrängung 477
tische — Innervation, bald sensorischer, bald motorischer Natur,
entweder als Erregung oder als Hemmung. Die ^ ri ™»*
Stelle erweist sich bei näherer Betrachtung als ein Stück der
verdrängten Triebrepräsentanz selbst, welches <™ *^J- .
dichtung die gesamte Besetzung auf steh gezogen hat. Natürlich
d cken auch diese Bemerkungen den Mechanismus einer Konver-
satnshyTerie nicht restlos auf; vor allem ist noch das Moment der
Regression hinzuzufügen, das in anderem Zusammenhang ge-
würdigt werden soll. mißglückt be-
Die Verdrängung der Wj£»J " ^Ersetzungen
urteilt werden, msofern «. nur du c ^J ^ ^
aberTder Regel einen vollen Erfolg. Der Verdrängungsvorgang
t Konversionslysterie ist dann auch mit der ^*
abgeschlossen und braucht sich nicht wie be, Angsthystene zwei
,eL - oder eigentlich unbegrenzt - fortzusetzen.
Enr ganz andeL Ansehen zeigt die Verdrängung weder be,
J"*£: Anektion, die wir zu -r ^h^hera,
ziehen, bei der ^««""^ ^«^ ^*
Zw eifel, was man als Jte de. V „drang g^ JS ^^
S^gTetnsichtUrührt daher, daß die Zwangsneurose
!uf der Voraussetzung einer Regression ruht, durch welche e ne
adistile Strebung § an die Stelle der -J*»^X*
Dieser feindselige Impuls gegen eme gehebte *»"£
welcher der Verdrängung unterliegt. Der Effekt st n e ner
ersten Phase der Verdrängungsarbeit ein ganz anderer als spater.
Zunächst hat diese vollen Erfolg, der Vorstellungsmhah wvr ab-
gewiesen und der Affekt zum Verschw.nden gebracht. Als H.r
SIbildung ffndet sich eine Ichveränderung, die Steigerung der
Gewissenhaftigkeit, die man nicht gut ein Symptom h^Ben ^
Ersatz- und Symptombildung fallen hier auseinander. Hier erfahrt
g Metapsychologie
man auch etwas über den Mechanismus der Verdrängung. Diese
hat wie überall eine Libidoentziehung zu stände gebracht, aber
sich zu diesem Zwecke der Reaktionsbildung durch Ver-
stärkung eines Gegensatzes bedient. Die Ersatzbildung hat also
hier denselben Mechanismus wie die Verdrängung und fällt im
Grunde mit ihr zusammen, sie trennt sich aber zeitlich, wie be-
grifflich, von der Symptombildung. Es ist sehr wahrscheinlich,
daß das Ambivalenzverhältnis, in welches der zu verdrängende
sadistische Impuls eingetragen ist, den ganzen Vorgang ermöglicht.
Die anfänglich gute Verdrängung hält aber nicht Stand, im
weiteren Verlaufe drängt sich das Mißglücken der Verdrängung
immer mehr vor. Die Ambivalenz, welche die Verdrängung
durch Reaktionsbildung gestattet hat, ist auch die Stelle, an
welcher dem Verdrängten die Wiederkehr gelingt. Der ver-
schwundene Affekt kommt in der Verwandlung zur sozialen
Angst, Gewissensangst, Vorwurf ohne Ersparnis wieder; die ab-
gewiesene Vorstellung ersetzt sich durch Verschiebungsersatz,
oft durch Verschiebung auf Kleinstes, Indifferentes. Eine Tendenz
zur intakten Herstellung der verdrängten Vorstellung ist meist
unverkennbar. Das Mißglücken in der Verdrängung des quanti-
tativen, affektiven Faktors bringt denselben Mechanismus der
Flucht durch Vermeidungen und Verbote ins Spiel, den wir bei
der Bildung der hysterischen Phobie kennen gelernt haben. Die
Abweisung der Vorstellung vom Bewußten wird aber hartnäckig
festgehalten, weil mit ihr die Abhaltung von der Aktion, die
motorische Fesselung des Impulses, gegeben ist. So lauft die
Verdrängungsarbeit der Zwangsneurose in ein erfolgloses und unab-
schließbares Ringen aus.
Aus der kleinen, hier vorgebrachten Vergleichsreihe kann man
sich die Überzeugung holen, daß es noch umfassender Unter-
suchungen bedarf, ehe man hoffen kann, die mit der Verdrän-
gung und neurotischen Symptombildung zusammenhängenden Vor-
gänge zu durchschauen. Die außerordentliche Verschlungenheit
Die Verdrängung 47"
aller in Betracht kommenden Momente läßt uns nur einen
Weg zur Darstellung frei. Wir müssen bald den einen, bald den
anderen Gesichtspunkt herausgreifen und ihn durch das Material
hindurchverfolgen, solange seine Anwendung etwas zu leisten
scheint. Jede einzelne dieser Bearbeitungen wird an sich unvoll-
ständig sein und dort Unklarheiten nicht vermeiden können, wo
sie an das noch nicht Bearbeitete anrührt, wir dürfen aber
hoffen, daß sich aus der endlichen Zusammensetzung em gutes
Verständnis ergeben wird.
DAS UNBEWUSSTE
Wir haben aus der Psychoanalyse erfahren, das Wesen des
Prozesses der Verdrängung bestehe nicht darin, eine den Trieb
repräsentierende Vorstellung aufzuheben, zu vernichten, sondern
sie vom Bewußtwerden abzuhalten. Wir sagen dann, sie befinde
sich im Zustande des „Unbewußten", und haben gute Beweise
dafür vorzubringen, daß sie auch unbewußt Wirkungen äußern
kann, auch solche, die endlich das Bewußtsein erreichen. Alles
Verdrängte muß unbewußt bleiben, aber wir wollen gleich ein-
gangs feststellen, daß das Verdrängte nicht alles Unbewußte
deckt. Das Unbewußte hat den weiteren Umfang; das Verdrängte
ist ein Teil des Unbewußten.
Wie sollen wir zur Kenntnis des Unbewußten kommen? Wir
kennen es natürlich nur als Bewußtes, nachdem es eine Um-
setzung oder Übersetzung in Bewußtes erfahren hat. Die psycho-
analytische Arbeit läßt uns alltäglich die Erfahrung machen, daß
solche Übersetzung möglich ist. Es wird hiezu erfordert, daß der
Analysierte gewisse Widerstände überwinde, die nämlichen, welche
es seinerzeit durch Abweisung vom Bewußten zu einem Ver-
drängten gemacht haben.
/
Die Rechtfertigung des Unbewußten
Die Berechtigung, ein unbewußtes Seelisches anzunehmen und
mit dieser Annahme wissenschaftlich zu arbeiten, wird uns von
vielen Seiten bestritten. Wir können dagegen anführen, daß die
Annahme des Unbewußten notwendig und legitim ist, und
Das Unbewußte 481
daß wir für die Existenz des Unbewußten mehrfache Beweise
besitzen. Sie ist notwendig, weil die Daten des Bewußtseins in
hohem Grade lückenhaft sind ; sowohl bei Gesunden als bei
Kranken kommen häufig psychische Akte vor, welche zu ihrer
Erklärung andere Akte voraussetzen, für die aber das Bewußt-
sein nicht zeugt. Solche Akte sind nicht nur die Fehlhandlungen
und die Träume bei Gesunden, alles, was man psychische Sym-
ptome und Zwangserscheinungen heißt, bei Kranken — unsere
persönlichste tägliche Erfahrung macht uns mit Einfällen bekannt,
deren Herkunft wir nicht kennen, und mit Denkresultaten, deren
Ausarbeitung uns verborgen geblieben ist. Alle diese bewußten
Akte blieben zusammenhanglos und unverständlich, wenn wir
den Anspruch festhalten wollen, daß wir auch alles durchs Be-
wußtsein erfahren müssen, was an seelischen Akten in uns vor-
geht, und ordnen sich in einen aufzeigbaren Zusammenhang
ein, wenn wir die erschlossenen unbewußten Akte interpolieren.
Gewinn an Sinn und Zusammenhang ist aber ein vollberechtigtes
Motiv, das uns über die unmittelbare Erfahrung hinaus führen
darf. 'Zeigt es sich dann noch, daß wir auf die Annahme des
Unbewußten ein erfolgreiches Handeln aufbauen können, durch
welches wir den Ablauf der bewußten Vorgänge zweckdienlich
beeinflussen, so haben wir in diesem Erfolg einen unanfecht-
baren Beweis für die Existenz des Angenommenen gewonnen.
Man muß sich dann auf den Standpunkt stellen, es sei nichts
anderes als eine unhaltbare Anmaßung, zu fordern, daß alles,
was im Seelischen vorgeht, auch dem Bewußtsein bekannt werden
müsse.
Man kann weiter gehen und zur Unterstützung eines unbe-
wußten psychischen Zustandes anführen, daß das Bewußtsein in
jedem Moment nur einen geringen Inhalt umfaßt, so daß der
größte Teil dessen, was wir bewußte Kenntnis heißen, sich ohne-
dies über die längsten Zeiten im Zustande der Latenz, also in
einem Zustande von psychischer Unbewußtheit, befinden muß.
Freud. V. 51
48a Metapsychologie
Der Widerspruch gegen das Unbewußte würde mit Rücksicht
auf alle unsere latenten Erinnerungen völlig unbegreiflich werden.
Wir stoßen dann auf den Einwand, daß diese latenten Erinne-
rungen nicht mehr als psychisch zu bezeichnen seien, sondern
den Resten von somatischen Vorgängen entsprechen, aus denen
das Psychische wieder hervorgehen kann. Es liegt nahe zu er-
widern, die latente Erinnerung sei im Gegenteil ein unzweifel-
hafter Rückstand eines psychischen Vorganges. Wichtiger ist es
aber sich klarzumachen, daß der Einwand auf der nicht ausge-
sprochenen, aber von vornherein fixierten Gleichstellung des Be-
wußten mit dem Seelischen ruht. Diese Gleichstellung ist ent-
weder eine petitio principii, welche die Frage, ob alles Psychische
auch bewußt sein müsse, nicht zuläßt, oder eine Sache der Kon-
vention, der Nomenklatur. In letzterem Charakter ist sie natür-
lich wie jede Konvention unwiderlegbar. Es bleibt nur die Frage
offen, ob sie sich als so zweckmäßig erweist, daß man sich ihr
anschließen muß. Man darf antworten, die konventionelle Gleich-
stellung des Psychischen mit dem Bewußten ist durchaus un-
zweckmäßig. Sie zerreißt die psychischen Kontinuitäten, stürzt
uns in die unlösbaren Schwierigkeiten des psychophysischen
Parallelismus, unterliegt dem Vorwurf, daß sie ohne einsichtliche
Begründung die Rolle des Bewußtseins überschätzt, und nötigt
uns, das Gebiet der psychologischen Forschung vorzeitig zu ver-
lassen, ohne uns von anderen Gebieten her Entschädigung bringen
zu können.
Immerhin ist es klar, daß die Frage, ob man die unabweis-
baren latenten Zustände des Seelenlebens als unbewußte seelische
oder als physische auffassen soll, auf einen Wortstreit hinauszu-
laufen droht. Es ist darum ratsam, das in den Vordergrund zu
rücken, was uns von der Natur dieser fraglichen Zustände mit
Sicherheit bekannt ist. Nun sind sie uns nach ihren physischen
Charakteren vollkommen unzugänglich; keine physiologische Vor-
stellung, kein chemischer Prozeß kann uns eine Ahnung von
Das Unbewußte 483
ihrem Wesen vermitteln. Auf der anderen Seite steht fest, daß
sie mit den bewußten seelischen Vorgängen die ausgiebigste Be-
rührung haben; sie lassen sich mit einer gewissen Arbeitsleistung
in sie umsetzen, durch sie ersetzen, und sie können mit all den
Kategorien beschrieben werden, die wir auf die bewußten Seelen-
akte anwenden, als Vorstellungen, Strebungen, Entschließungen
u. dgl. Ja, von manchen dieser latenten Zustände müssen wir
aussagen, sie unterscheiden sich von den bewußten eben nur
durch den Wegfall des Bewußtseins. Wir werden also nicht
zögern, sie als Objekte psychologischer Forschung und in innigstem
Zusammenhang mit den bewußten seelischen Akten zu behandeln.
Die hartnäckige Ablehnung des psychischen Charakters der
latenten seelischen Akte erklärt sich daraus, daß die meisten der
in Betracht kommenden Phänomene außerhalb der Psychoanalyse
nicht Gegenstand des Studiums geworden sind. Wer die patho-
logischen Tatsachen nicht kennt, die Fehlhandlungen der Nor-
malen als Zufälligkeiten gelten läßt und sich bei der alten Weis-
heit bescheidet, Träume seien Schäume, der braucht dann nur
noch einige Rätsel der Bewußtseinspsychologie zu vernachlässigen,
um sich die Annahme unbewußter seelischer Tätigkeit zu er-
sparen. Übrigens haben die hypnotischen Experimente, besonders
die posthypnotische Suggestion, Existenz und Wirkungsweise des
seelisch Unbewußten bereits vor der Zeit der Psychoanalyse sinn-
fällig demonstriert.
Die Annahme des Unbewußten ist aber auch eine völlig
legitime, insofern wir bei ihrer Aufstellung keinen Schritt von
unserer gewohnten, für korrekt gehaltenen Denkweise abweichen.
Das Bewußtsein vermittelt jedem einzelnen von uns nur die
Kenntnis von eigenen Seelenzuständen ; daß auch ein anderer
Mensch ein Bewußtsein hat, ist ein Schluß, der per analogiam
auf Grund der wahrnehmbaren Äußerungen und Handlungen
dieses anderen gezogen wird, um uns dieses Benehmen des an-
deren verständlich zu machen. (Psychologisch richtiger ist wohl
3''
484 Metapsychologie
die Beschreibung, daß wir ohne besondere Überlegung jedem
anderen außer uns unsere eigene Konstitution, und also auch
unser Bewußtsein, beilegen, und daß diese Identifizierung die
Voraussetzung unseres Verständnisses ist.) Dieser Schluß — oder
diese Identifizierung — wurde einst vom Ich auf andere Men-
schen, Tiere, Pflanzen, Unbelebtes und auf das Ganze der Welt
ausgedehnt und erwies sich als brauchbar, solange die Ähnlich-
keit mit dem Einzel-Ich eine überwältigend große war, wurde
aber in dem Maße unverläßlicher, als sich das Andere vom Ich
entfernte. Unsere heutige Kritik wird bereits beim Bewußtsein
der Tiere unsicher, verweigert sich dem Bewußtsein der Pflanzen
und weist die Annahme eines Bewußtseins des Unbelebten der
Mystik zu. Aber auch, wo die ursprüngliche Identifizierungs-
neigung die kritische Prüfung bestanden hat, bei dem uns
nächsten menschlichen Anderen, ruht die Annahme eines Be-
wußtseins auf einem Schluß und kann nicht die unmittelbare
Sicherheit unseres eigenen Bewußtseins teilen.
Die Psychoanalyse fordert nun nichts anderes, als daß dieses
Schluß verfahren auch gegen die eigene Person gewendet werde,
wozu eine konstitutionelle Neigung allerdings nicht besteht. Geht
man so vor, so muß man sagen, alle die Akte und Äußerungen,
die ich an mir bemerke und mit meinem sonstigen psychischen
Leben nicht zu verknüpfen weiß, müssen beurteilt werden, als
ob sie einer anderen Person angehörten, und sollen durch ein
ihr zugeschriebenes Seelenleben Aufklärung finden. Die Erfahrung
zeigt auch, daß man dieselben Akte, denen man bei der eigenen
Person die psychische Anerkennung verweigert, bei anderen sehr
wohl zu deuten d. h. in den seelischen Zusammenhang einzu-
reihen versteht. Unsere Forschung wird hier offenbar durch ein
besonderes Hindernis von der eigenen Person abgelenkt und an
deren richtiger Erkenntnis behindert.
Dies trotz inneren Widerstrebens gegen die eigene Person ge-
wendete Schlußverfahren führt nun nicht zur Aufdeckung eines
1
Das Unbewußte 485
Unbewußten, sondern korrekterweise zur Annahme eines anderen,
zweiten Bewußtseins, welches mit dem mir bekannten in meiner
Person vereinigt ist. Allein hier findet die Kritik berechtigten
Anlaß, einiges einzuwerfen. Erstens ist ein Bewußtsein, von dem
der eigene Träger nichts weiß, noch etwas anderes als ein
fremdes Bewußtsein, und es wird fraglich, ob ein solches Be-
wußtsein, dem der wichtigste Charakter abgeht, überhaupt noch
Diskussion verdient. Wer sich gegen die Annahme eines unbe-
wußten Psychischen gesträubt hat, der wird nicht zufrieden sein
können, dafür ein unbewußtes Bewußtsein einzutauschen.
Zweitens weist die Analyse darauf hin, daß die einzelnen latenten
Seelenvorgänge, die wir erschließen, sich eines hohen Grades von
gegenseitiger Unabhängigkeit erfreuen, so als ob sie miteinander
nicht in Verbindung stünden und nichts voneinander wüßten.
Wir müssen also bereit sein, nicht nur ein zweites Bewußtsein
in uns anzunehmen, sondern auch ein drittes, viertes, vielleicht
eine unabschließbare Reihe von Bewußtseinszuständen, die sämt-
lich uns und miteinander unbekannt sind. Drittens kommt als
schwerstes Argument in Betracht, daß wir durch die analytische
Untersuchung erfahren, ein Teil dieser latenten Vorgänge besitze
Charaktere und Eigentümlichkeiten, welche uns fremd, selbst un-
glaublich erscheinen und den uns bekannten Eigenschaften des
Bewußtseins direkt zuwiderlaufen. Somit werden wir Grund haben,
den gegen die eigene Person gewendeten Schluß dahin abzu-
ändern, er beweise uns nicht ein zweites Bewußtsein in uns,
sondern die Existenz von psychischen Akten, welche des Bewußt-
seins entbehren. Wir werden auch die Bezeichnung eines „Unter-
bewußtseins" als inkorrekt und irreführend ablehnen dürfen. Die
bekannten Fälle von „double conscie7ice" (Bewußtseinsspaltung)
beweisen nichts gegen unsere Auffassung. Sie lassen sich am zu-
treffendsten beschreiben als Fälle von Spaltung der seelischen Tätig-
keiten in zwei Gruppen, wobei sich dann das nämliche Bewußt-
sein alternierend dem einen oder dem anderen Lager zuwendet.
486 Metapsychohgie
Es bleibt uns in der Psychoanalyse gar nichts anderes übrig,
als die seelischen Vorgänge für an sich unbewußt zu erklären
und ihre Wahrnehmung durch das Bewußtsein mit der Wahr-
nehmung der Außenwelt durch die Sinnesorgane zu vergleichen.
Wir hoffen sogar aus diesem Vergleich einen Gewinn für unsere
Erkenntnis zu ziehen. Die psychoanalytische Annahme der un-
bewußten Seelentätigkeit erscheint uns einerseits als eine weitere
Fortbildung des primitiven Animismus, der uns überall Ebenbilder
unseres Bewußtseins vorspiegelte, und anderseits als die Fort-
setzung der Korrektur, die Kant an unserer Auffassung der
äußeren Wahrnehmung vorgenommen hat. Wie Kant uns ge-
warnt hat, die subjektive Bedingtheit unserer Wahrnehmung
nicht zu übersehen und unsere Wahrnehmung nicht für identisch
mit dem unerkennbaren Wahrgenommenen zu halten, so mahnt
die Psychoanalyse, die Bewußtseinswahrnehmung nicht an die
Stelle des unbewußten psychischen Vorganges zu setzen, welcher
ihr Objekt ist. Wie das Physische, so braucht auch das Psychische
nicht in Wirklichkeit so zu sein, wie es uns erscheint. Wir
werden uns aber mit Befriedigung auf die Erfahrung vorbereiten,
daß die Korrektur der inneren Wahrnehmung nicht ebenso große
Schwierigkeit bietet wie die der äußeren, daß das innere Objekt
minder unerkennbar ist als die Außenwelt.
//
Die Vieldeutigkeit des Unbewußten und
der topische Gesichtspunkt
Ehe wir weitergehen, wollen wir die wichtige, aber auch be-
schwerliche Tatsache feststellen, daß die Unbewußtheit nur ein
Merkmal des Psychischen ist, welches für dessen Charakteristik
keineswegs ausreicht. Es gibt psychische Akte von sehr ver-
schiedener Dignität, die doch in dem Charakter, unbewußt zu
sein, übereinstimmen. Das Unbewußte umfaßt einerseits Akte,
die bloß latent, zeitweilig unbewußt sind, sich aber sonst von
Das Unbewußte
487
den bewußten in nichts unterscheiden, und anderseits Vorgänge
wie die verdrängten, die, wenn sie bewußt würden, sich von
den übrigen bewußten aufs grellste abheben müßten. Es würde
allen Mißverständnissen ein Ende machen, wenn wir von nun
an bei der Beschreibung der verschiedenartigen psychischen Akte
ganz davon absehen würden, ob sie bewußt oder unbewußt sind,
und sie bloß nach ihrer Beziehung zu den Trieben und Zielen,
nach ihrer Zusammensetzung und Angehörigkeit zu den einander
übergeordneten psychischen Systemen klassifizieren und in Zu-
sammenhang bringen würden. Dies ist aber aus verschiedenen
Gründen undurchführbar, und somit können wir der Zweideutig-
keit nicht entgehen, daß wir die Worte bewußt und unbewußt
bald im deskriptiven Sinne gebrauchen, bald im systematischen,
wo sie dann Zugehörigkeit zu bestimmten Systemen und Be-
gabung mit gewissen Eigenschaften bedeuten. Man könnte noch
den Versuch machen, die Verwirrung dadurch zu vermeiden, daß
man die erkannten psychischen Systeme mit willkürlich gewählten
Namen bezeichnet, in denen die Bewußtheit nicht gestreift wird.
Allein man müßte vorher Rechenschaft ablegen, worauf man die
Unterscheidung der Systeme gründet, und könnte dabei die Be-
wußtheit nicht umgehen, da sie den Ausgangspunkt aller unserer
Untersuchungen bildet. Wir können vielleicht einige Abhilfe von
dem Vorschlag erwarten, wenigstens in der Schrift Bewußtsein
durch die Darstellung Bw und Unbewußtes durch die ent-
sprechende Abkürzung Ubw zu ersetzen, wenn wir die beiden
Worte im systematischen Sinne gebrauchen.
In positiver Darstellung sagen wir nun als Ergebnis der
Psychoanalyse aus, daß ein psychischer Akt im allgemeinen zwei
Zustandsphasen durchläuft, zwischen welche eine Art Prüfung
(Zensur) eingeschaltet ist. In der ersten Phase ist er unbewußt
und gehört dem System Ubw an 9 wird er bei der Prüfung von
der Zensur abgewiesen, so ist ihm der Übergang in die zweite
Phase versagt; er heißt dann „verdrängt" und muß unbewußt
! I
488 Metapsychologie
bleiben. Besteht er aber diese Prüfung, so tritt er in die zweite
Phase ein und wird dem zweiten System zugehörig, welches wir
das System Bw nennen wollen. Sein Verhältnis zum Bewußtsein
ist aber durch diese Zugehörigkeit noch nicht eindeutig bestimmt.
Er ist noch nicht bewußt, wohl aber bewußtseinsfähig (nach
dem Ausdruck von J. Breuer), d. h. er kann nun ohne be-
sonderen Widerstand beim Zutreffen gewisser Bedingungen Objekt
des Bewußtseins werden. Mit Rücksicht auf diese Bewußtseins-
fähigkeit heißen wir das System Bw auch das „Vorbewußte".
Sollte es sich herausstellen, daß auch das Bewußtwerden des
Vorbewußten durch eine gewisse Zensur mitbestimmt wird, so
werden wir die Systeme Vbw und Bw strenger voneinander
sondern. Vorläufig genüge es festzuhalten, daß das System Vbw
die Eigenschaften des Systems Bw teilt, und daß die strenge
Zensur am Übergang vom Ubw zum Vbw (oder Bw) ihres
Amtes waltet.
Mit der Aufnahme dieser (zwei oder drei) psychischen Systeme
hat sich die Psychoanalyse einen Schritt weiter von der deskrip-
tiven Bewußtseinspsychologie entfernt, sich eine neue Fragestel-
lung und einen neuen Inhalt beigelegt. Sie unterschied sich von
der Psychologie bisher hauptsächlich durch die dynamische
Auffassung der seelischen Vorgänge; nun kommt hinzu, daß sie
auch die psychische Topik berücksichtigen und von einem be-
liebigen seelischen Akt angeben will, innerhalb welchen Systems
oder zwischen welchen Systemen er sich abspielt. Wegen dieses
Bestrebens hat sie auch den Namen einer Tiefenpsychologie
erhalten. Wir werden hören, daß sie auch noch um einen anderen
Gesichtspunkt bereichert werden kann.
Wollen wir mit einer Topik der seelischen Akte Ernst machen,
so müssen wir unser Interesse einer an dieser Stelle auftauchen-
den Zweifelfrage zuwenden. Wenn ein psychischer Akt (be-
schränken wir uns hier auf einen solchen von der Natur einer
Vorstellung) die Umsetzung aus dem System Ubw in das System
Das Unbewußte
489
Bw (oder Vbw) erfährt, sollen wir annehmen, daß mit dieser
Umsetzung eine neuerliche Fixierung, gleichsam eine zweite
Niederschrift der betreffenden Vorstellung verbunden ist, die also
auch in einer neuen psychischen Lokalität enthalten sein kann,
und neben welcher die ursprüngliche unbewußte Niederschrift
fortbesteht? Oder sollen wir eher glauben, daß die Umsetzung
in einer Zustandsänderung besteht, welche sich an dem näm-
lichen Material und an derselben Lokalität vollzieht? Diese Frage
kann abstrus erscheinen, muß aber aufgeworfen werden, wenn
wir uns von der psychischen Topik, der psychischen Tiefen-
dimension, eine bestimmtere Idee bilden wollen. Sie ist schwierig,
weil sie über das rein Psychologische hinausgeht und die Be-
ziehungen des seelischen Apparates zur Anatomie streift. Wir
wissen, daß solche Beziehungen im Gröbsten existieren. Es ist
ein unerschütterliches Resultat der Forschung, daß die seelische
Tätigkeit an die Funktion des Gehirns gebunden ist wie an kein
anderes Organ. Ein Stück weiter — es ist nicht bekannt, wie
weit _ führt die Entdeckung von der Ungleichwertigkeit der
Gehirnteile und deren Sonderbeziehung zu bestimmten Körper-
teilen und geistigen Tätigkeiten. Aber alle Versuche, von da aus
eine Lokalisation der seelischen Vorgänge zu erraten, alle Be-
mühungen, die Vorstellungen in Nervenzellen aufgespeichert zu
denken und die Erregungen auf Nervenfasern wandern zu lassen,
sind gründlich gescheitert. Dasselbe Schicksal würde einer Lehre
bevorstehen, die etwa den anatomischen Ort des Systems Bw, der
bewußten Seelentätigkeit, in der Hirnrinde erkennen und die
unbewußten Vorgänge in die subkortikalen Hirnpartien ver-
setzen wollte. Es klafft hier eine Lücke, deren Ausfüllung der-
zeit nicht möglich ist, auch nicht zu den Aufgaben der Psycho-
logie gehört. Unsere psychische Topik hat vorläufig nichts mit
der Anatomie zu tun; sie bezieht sich auf Regionen des seeli-
schen Apparats, wo immer sie im Körper gelegen sein mögen,
und nicht auf anatomische Örtlichkeiten.
4 9 o Metapsychologie
Unsere Arbeit ist also in dieser Hinsicht frei und darf nach
ihren eigenen Bedürfnissen vorgehen. Es wird auch förderlich
sein, wenn wir uns daran mahnen, daß unsere Annahmen zu-
nächst nur den Wert von Veranschaulichungen beanspruchen.
Die erstere der beiden in Betracht gezogenen Möglichkeiten,
nämlich daß die bw Phase der Vorstellung eine neue, an anderem
Orte befindliche Niederschrift derselben bedeute, ist unzweifelhaft
die gröbere, aber auch die bequemere. Die zweite Annahme, die
einer bloß funktionellen Zustandsänderung, ist die von vorn-
herein wahrscheinlichere, aber sie ist minder plastisch, weniger
leicht zu handhaben. Mit der ersten, der topischen Annahme ist
die einer topischen Trennung der Systeme Ubw und Bw und
die Möglichkeit verknüpft, daß eine Vorstellung gleichzeitig an
zwei Stellen des psychischen Apparats vorhanden sei, ja, daß sie,
wenn durch die Zensur ungehemmt, regelmäßig von dem einen
Ort an den anderen vorrücke, eventuell, ohne ihre erste Nieder-
lassung oder Niederschrift zu verlieren. Das mag befremdlich
aussehen, kann sich aber an Eindrücke aus der psychoanalytischen
Praxis anlehnen.
Wenn man einem Patienten eine seinerzeit von ihm ver-
drängte Vorstellung, die man erraten hat, mitteilt, so ändert dies
zunächst an seinem psychischen Zustand nichts. Es hebt vor
allem nicht die Verdrängung auf, macht deren Folgen nicht
rückgängig, wie man vielleicht erwarten konnte, weil die früher
unbewußte Vorstellung nun bewußt geworden ist. Man wird im
Gegenteil zunächst nur eine neuerliche Ablehnung der ver-
drängten Vorstellung erzielen. Der Patient hat aber jetzt tat-
sächlich dieselbe Vorstellung in zweifacher Form an verschiedenen
Stellen seines seelischen Apparats, erstens hat er die bewußte
Erinnerung an die Gehörspur der Vorstellung durch die Mit-
teilung, zweitens trägt er daneben, wie wir mit Sicherheit wissen,
die unbewußte Erinnerung an das Erlebte in der früheren Form
in sich. In Wirklichkeit tritt nun eine Aufhebung der Verdrän-
Das Unbewußte 49 1
gung nicht eher ein, als bis die bewußte Vorstellung sich nach
Überwindung der Widerstände mit der unbewußten Erinnerungs-
spur in Verbindung gesetzt hat. Erst durch das Bewußtmachen
dieser letzteren selbst wird der Erfolg erreicht. Damit schiene ja
für oberflächliche Erwägung erwiesen, daß bewußte und unbe-
wußte Vorstellungen verschiedene und topisch gesonderte Nieder-
schriften des nämlichen Inhaltes sind. Aber die nächste Über-
legung zeigt, daß die Identität der Mitteilung mit der ver-
drängten Erinnerung des Patienten nur eine scheinbare ist. Das
Gehörthaben und das Erlebthaben sind zwei nach ihrer psycho-
logischen Natur ganz verschiedene Dinge, auch wenn sie den
nämlichen Inhalt haben.
Wir sind also zunächst nicht imstande, zwischen den beiden
erörterten Möglichkeiten zu entscheiden. Vielleicht treffen wir
späterhin auf Momente, welche für eine von beiden den Aus-
schlag geben können. Vielleicht steht uns die Entdeckung bevor,
daß unsere Fragestellung unzureichend war, und daß die Unter-
scheidung der unbewußten Vorstellung von der bewußten noch
ganz anders zu bestimmen ist.
///
Unbewußte Gefühle
Wir haben die vorstehende Diskussion auf Vorstellungen ein-
geschränkt und können nun eine neue Frage aufwerfen, deren
Beantwortung zur Klärung unserer theoretischen Ansichten bei-
tragen muß. Wir sagten, es gäbe bewußte und unbewußte Vor-
stellungen 3 gibt es aber auch unbewußte Triebregungen, Gefühle,
Empfindungen, oder ist es diesmal sinnlos, solche Zusammen-
setzungen zu bilden?
Ich meine wirklich, der Gegensatz von Bewußt und Unbewußt
hat auf den Trieb keine Anwendung. Ein Trieb kann nie Ob-
jekt des Bewußtseins werden, nur die Vorstellung, die ihn re-
präsentiert. Er kann aber auch im Unbewußten nicht anders als
492 Metapsychologie
durch die Vorstellung repräsentiert sein. Würde der Trieb sich
nicht an eine Vorstellung heften oder nicht als ein Affektzustand
zum Vorschein kommen, so könnten wir nichts von ihm wissen.
Wenn wir aber doch von einer unbewußten Triebregung oder
einer verdrängten Triebregung reden, so ist dies eine harmlose
Nachlässigkeit des Ausdrucks. Wir können nichts anderes meinen
als eine Triebregung, deren Vorstellungsrepräsentanz unbewußt
ist, denn etwas anderes kommt nicht in Betracht.
Man sollte meinen, die Antwort auf die Frage nach den un-
bewußten Empfindungen, Gefühlen, Affekten sei ebenso leicht zu
geben. Zum Wesen eines Gefühls gehört es doch, daß es ver-
spürt, also dem Bewußtsein bekannt wird. Die Möglichkeit einer
Unbewußtheit würde also für Gefühle, Empfindungen, Affekte
völlig entfallen. Wir sind aber in der psychoanalytischen Praxis
gewöhnt, von unbewußter Liebe, Haß, Wut usw. zu sprechen
und finden selbst die befremdliche Vereinigung „unbewußtes
Schuldbewußtsein" oder eine paradoxe „unbewußte Angst" un-
vermeidlich. Geht dieser Sprachgebrauch an Bedeutung über den
im Falle des „unbewußten Triebes" hinaus?
Der Sachverhalt ist hier wirklich ein anderer. Es kann zu-
nächst vorkommen, daß eine Affekt- oder Gefühlsregung wahr-
genommen, aber verkannt wird. Sie ist durch die Verdrängung
ihrer eigentlichen Repräsentanz zur Verknüpfung mit einer an-
deren Vorstellung genötigt worden und wird nun vom Bewußt-
sein für die Äußerung dieser letzteren gehalten. Wenn wir den
richtigen Zusammenhang wieder herstellen, heißen wir die ur-
sprüngliche Affektregung eine „unbewußte", obwohl ihr Affekt nie-
mals unbewußt war, nur ihre Vorstellung der Verdrängung erlegen
ist. Der Gebrauch der Ausdrücke „unbewußter Affekt und unbe-
wußtes Gefühl" weist überhaupt auf die Schicksale des quantitativen
Faktors der Triebregung infolge der Verdrängung zurück (siehe
die Abhandlung über Verdrängung). Wir wissen, daß dies Schick-
sal ein dreifaches sein kann; der Affekt bleibt entweder — ganz
Das Unbewußte 493
oder teilweise — als solcher bestehen, oder er erfährt eine Ver-
wandlung in einen qualitativ anderen Affektbetrag, vor allem in
Angst, oder er wird unterdrückt, d. h. seine Entwicklung über-
haupt verhindert. (Diese Möglichkeiten sind an der Traumarbeit
vielleicht noch leichter zu studieren als bei den Neurosen.) Wir
wissen auch, daß die Unterdrückung der Affektentwicklung das
eigentliche Ziel der Verdrängung ist, und daß deren Arbeit un-
abgeschlossen bleibt, wenn das Ziel nicht erreicht wird. In allen
Fällen, wo der Verdrängung die Hemmung der Affektentwick-
lung gelingt, heißen wir die Affekte, die wir im Redressement
der Verdrängungsarbeit wieder einsetzen, „unbewußte". Dem
Sprachgebrauch ist also die Konsequenz nicht abzustreiten; es
besteht aber im Vergleiche mit der unbewußten Vorstellung der
bedeutsame Unterschied, daß die unbewußte Vorstellung nach
der Verdrängung als reale Bildung im System Ubw bestehen
bleibt, während dem unbewußten Affekt ebendort nur eine An-
satzm'öglichkeit, die nicht zur Entfaltung kommen durfte, ent-
spricht. Streng genommen und obwohl der Sprachgebrauch tadel-
los bleibt, gibt es also keine unbewußten Affekte, wie es unbe-
wußte Vorstellungen gibt. Es kann aber sehr wohl im System
Ubw Affektbildungen geben, die wie andere bewußt werden. Der
ganze Unterschied rührt daher, daß Vorstellungen Besetzungen
— im Grunde von Erinnerungsspuren — sind, während die
Affekte und Gefühle Abfuhrvorgängen entsprechen, deren letzte
Äußerungen als Empfindungen wahrgenommen werden. Im
gegenwärtigen Zustand unserer Kenntnis von den Affekten und
Gefühlen können wir diesen Unterschied nicht klarer ausdrücken.
Die Feststellung, daß es der Verdrängung gelingen kann, die
Umsetzung der Triebregung in Affektäußerung zu hemmen, ist
für uns von besonderem Interesse. Sie zeigt uns, daß das System
Bw normalerweise die Affektivität wie den Zugang zur Motilität
beherrscht, und hebt den Wert der Verdrängung, indem sie als
deren Folgen nicht nur die Abhaltung vom Bewußtsein, sondern
4Ö4 Metapsychologie
auch von der Affektentwicklung und von der Motivierung der
Muskeltätigkeit aufzeigt. Wir können auch in umgekehrter Dar-
stellung sagen: Solange das System Bw Affektivität und Motili-
tät beherrscht, heißen wir den psychischen Zustand des Individuums
normal. Indes ist ein Unterschied in der Beziehung des herrschenden
Systems zu den beiden einander nahe stehenden Abfuhraktionen
unverkennbar. 1 Während die Herrschaft des Bw über die will-
kürliche Motilität fest gegründet ist, dem Ansturm der Neurose
regelmäßig widersteht und erst in der Psychose zusammenbricht,
ist die Beherrschung der Affektentwicklung durch Bw minder
gefestigt. Noch innerhalb des normalen Lebens läßt sich ein be-
ständiges Ringen der beiden Systeme Bw und Ubw um den
Primat in der Affektivität erkennen, grenzen sich gewisse Ein-
flußsphären voneinander ab und stellen sich Vermengungen der
wirksamen Kräfte her.
Die Bedeutung des Systems Bw (Vbw) für die Zugänge zur
Affektentbindung und Aktion macht uns auch die Rolle ver-
ständlich, welche in der Krankheitsgestaltung der Ersatzvorstellung
zufällt. Es ist möglich, daß die Affektentwicklung direkt vom
System Ubw ausgeht, in diesem Falle hat sie immer den Charakter
der Angst, gegen welche alle „verdrängten" Affekte eingetauscht
werden. Häufig aber muß die Triebregung warten, bis sie eine
Ersatzvorstellung im System Bw gefunden hat. Dann ist die
Affektentwicklung von diesem bewußten Ersatz her ermöglicht
und der qualitative Charakter des Affekts durch dessen Natur
bestimmt. Wir haben behauptet, daß bei der Verdrängung eine
Trennung des Affekts von seiner Vorstellung stattfindet, worauf
beide ihren gesonderten Schicksalen entgegengehen. Das ist des-
kriptiv unbestreitbar; der wirkliche Vorgang aber ist in der Regel,
1) Die Affektivität äußert sich wesentlich in motorischer (sekretorischer, gefäß-
regulierender) Abfuhr zur (inneren) Veränderung des eigenen Körpers ohne Be-
ziehung zur Außenwelt, die Motilität in Aktionen, die zur Veränderung der Außen-
welt bestimmt sind.
Das Unbewußte 495
daß ein Affekt so lange nicht zu stände kommt, bis nicht der
Durchbruch zu einer neuen Vertretung im System Bw gelungen ist.
IV
Topik und Dynamik der Verdrängung
Wir haben das Resultat erhalten, daß die Verdrängung im
wesentlichen ein Vorgang ist, der sich an Vorstellungen an der
Grenze der Systeme Ubw und Vbw (Bw) vollzieht, und können
nun einen neuerlichen Versuch machen, diesen Vorgang eingehender
zu beschreiben. Es muß sich dabei um eine Entziehung von
Besetzung handeln, aber es fragt sich, in welchem System findet
die Entziehung statt, und welchem System gehört die entzogene
Besetzung an.
Die verdrängte Vorstellung bleibt im Ubw aktionsfähig; sie
muß also ihre Besetzung behalten haben. Das Entzogene muß
etwas anderes sein. Nehmen wir den Fall der eigentlichen Ver-
drängung vor (des Nachdrängens), wie sie sich an der vorbe-
wußten oder selbst bereits bewußten Vorstellung abspielt, dann
kann die Verdrängung nur darin bestehen, daß der Vorstellung
die (vor)bewußte Besetzung entzogen wird, die dem System Vbw
angehört. Die Vorstellung bleibt dann unbesetzt oder sie erhält
Besetzung vom Ubw her, oder sie behält die ubw Besetzung,
die sie schon früher hatte. Also Entziehung der vorbewußten,
Erhaltung der unbewußten Besetzung oder Ersatz der vorbe-
wußten Besetzung durch eine unbewußte. Wir bemerken übrigens,
daß wir dieser Betrachtung wie unabsichtlich die Annahme zu
Grunde gelegt haben, der Übergang aus dem System Ubw in
ein nächstes geschehe nicht durch eine neue Niederschrift,
sondern durch eine Zustandsänderung, einen Wandel in der Be-
setzung. Die funktionale Annahme hat hier die topische mit
leichter Mühe aus dem Felde geschlagen.
Dieser Vorgang der Libidoentziehung reicht aber nicht aus,
um einen anderen Charakter der Verdrängung begreiflich zu
49 6 Metapsychologie
machen. Es ist nicht einzusehen, warum die besetzt gebliebene
oder vom Ubw her mit Besetzung versehene Vorstellung nicht
den Versuch erneuern sollte, kraft ihrer Besetzung in das System
Vbw einzudringen. Dann müßte sich die Libidoentziehung an
ihr wiederholen, und dasselbe Spiel würde sich unabgeschlossen
fortsetzen, das Ergebnis aber nicht das der Verdrängung sein.
Ebenso würde der besprochene Mechanismus der Entziehung
vorbewußter Besetzung versagen, wenn es sich um die Darstellung
der Urverdrängung handelt ; in diesem Falle liegt ja eine unbe-
wußte Vorstellung vor, die noch keine Besetzung vom Vbw er-
halten hat, der eine solche also auch nicht entzogen werden kann.
Wir bedürfen also hier eines anderen Vorganges, welcher im
ersten Falle die Verdrängung unterhält, im zweiten ihre Her-
stellung und Fortdauer besorgt, und können diesen nur in der
Annahme einer Gegenbesetzung finden, durch welche sich das
System Vbw gegen das Andrängen der unbewußten Vorstellung
schützt. Wie sich eine solche Gegenbesetzung, die im System Vbw
vor sich geht, äußert, werden wir an klinischen Beispielen sehen.
Sie ist es, welche den Daueraufwand einer Urverdrängung
repräsentiert, aber auch deren Dauerhaftigkeit verbürgt. Die
Gegenbesetzung ist der alleinige Mechanismus der Urverdrängung;
bei der eigentlichen Verdrängung (dem Nachdrängen) kommt
die Entziehung der vbw Besetzung hinzu. Es ist sehr wohl
möglich, daß gerade die der Vorstellung entzogene Besetzung zur
Gegenbesetzung verwendet wird.
Wir merken, wie wir allmählich dazu gekommen sind, in der
Darstellung psychischer Phänomene einen dritten Gesichtspunkt
zur Geltung zu bringen, außer dem dynamischen und dem
topischen den ökonomischen, der die Schicksale der Erregungs-
größen zu verfolgen und eine wenigstens relative Schätzung
derselben zu gewinnen strebt. Wir werden es nicht unbillig
finden, die Betrachtungsweise, welche die Vollendung der psycho-
analytischen Forschung ist, durch einen besonderen Namen aus-
Das Unbewußte aqj
zuzeichnen. Ich schlage vor, daß es eine metapsychologische
Darstellung genannt werden soll, wenn es uns gelingt, einen
psychischen Vorgang nach seinen dynamischen, topischen und
ökonomischen Beziehungen zu beschreiben. Es ist vorherzu-
sagen, daß es uns bei dem gegenwärtigen Stand unserer Ein-
sichten nur an vereinzelten Stellen gelingen wird.
Machen wir einen zaghaften Versuch, eine metapsychologische
Beschreibung des Verdrängungsvorganges bei den drei bekannten
Übertragungsneurosen zu geben. Wir dürfen dabei „Besetzung"
durch „Libido" ersetzen, weil es sich ja, wie wir wissen, um
die Schicksale von Sexualtrieben handelt.
Eine erste Phase des Vorganges bei der Angsthysterie wird
häufig übersehen, vielleicht auch wirklich übergangen, ist aber
bei sorgfältiger Beobachtung gut kenntlich. Sie besteht darin,
daß Angst auftritt, ohne daß wahrgenommen würde, wovor. Es
ist anzunehmen, daß im Ubw eine Liebesregung vorhanden war,
die nach der Umsetzung ins System Vbw verlangte; aber die
von diesem System her ihr zugewendete Besetzung zog sich
nach Art eines Fluchtversuches von ihr zurück, und die unbe-
wußte Libidobesetzung der zurückgewiesenen Vorstellung wurde
»als Angst abgeführt. Bei einer etwaigen Wiederholung des Vor-
ganges wurde ein erster Schritt zur Bewältigung der unliebsamen
Angstentwicklung unternommen. Die fliehende Besetzung wendete
sich einer Ersatzvorstellung zu, die einerseits assoziativ mit der
abgewiesenen Vorstellung zusammenhing, anderseits durch die
Entfernung von ihr der Verdrängung entzogen war (Verschiebungs-
ersatz) und eine Bationalisierung der noch unhemmbaren Angst-
entwicklung gestattete. Die Ersatzvorstellung spielt nun für das
System Bw (Vbw) die Rolle einer Gegenbesetzung, indem sie
es gegen das Auftauchen der verdrängten Vorstellung im Bw
versichert, anderseits ist sie die Ausgangsstelle der nun erst recht
unhemmbaren Angstaffektentbindung oder benimmt sich als solche.
Die klinische Beobachtung zeigt, daß z. B. das an der Tierphobie
Freud, V. *fi
^
49 8 Metapsychohgie
leidende Kind nun unter zweierlei Bedingungen Angst verspürt,
erstens wenn die verdrängte Liebesregung eine Verstärkung er-
fährt, und zweitens wenn das Angsttier wahrgenommen wird.
Die Ersatzvorstellung benimmt sich in dem einen Falle wie die
Stelle einer Überleitung aus dem System Ubw in das System Bw,
im anderen wie eine selbständige Quelle der Angstentbindung.
Die Ausdehnung der Herrschaft des Systems Bw pflegt sich
darin zu äußern, daß die erste Erregungs weise der Ersatzvor-
stellung gegen die zweite immer mehr zurücktritt. Vielleicht
benimmt sich am Ende das Kind so, als hätte es gar keine
Neigung zu dem Vater, wäre ganz von ihm freigeworden, und
als hätte es wirklich Angst vor dem Tier. Nur daß diese Tier-
angst, aus der unbewußten Triebquelle gespeist, sich widerspenstig
und übergroß gegen alle Beeinflussungen aus dem System Bw
erweist und dadurch ihre Herkunft aus dem System Ubw verrät.
Die Gegenbesetzung aus dem System Bw hat also in der
zweiten Phase der Angsthysterie zur Ersatzbildung geführt. Der-
selbe Mechanismus findet bald eine neuerliche Anwendung. Der
Verdrängungsvorgang ist, wie wir wissen, noch nicht abgeschlossen
und findet ein weiteres Ziel in der Aufgabe, die vom Ersatz
ausgehende Angstentwicklung zu hemmen. Dies geschieht in der
Weise, daß die gesamte assoziierte Umgebung der Ersatzvorstel-
lung mit besonderer Intensität besetzt wird, so daß sie eine hohe
Empfindlichkeit gegen Erregung bezeigen kann. Eine Erregung
irgend einer Stelle dieses Vorbaues muß zufolge der Verknüpfung
mit der Ersatzvorstellung den Anstoß zu einer geringen Angst-
entwicklung geben, welche nun als Signal benützt wird, um
durch neuerliche Flucht der Besetzung den weiteren Fortgang
der Angstentwicklung zu hemmen. Je weiter weg vom gefürch-
teten Ersatz die empfindlichen und wachsamen Gegenbesetzungen
angebracht sind, desto präziser kann der Mechanismus funktio-
nieren, der die Ersatzvorstellung isolieren und neue Erregungen
von ihr abhalten soll. Diese Vorsichten schützen natürlich nur
Das Unbewußte
4 99
gegen Erregungen, die von außen, durch die Wahrnehmung an
die Ersatzvorstellung herantreten, aber niemals gegen die Trieb-
erregung, die von der Verbindung mit der verdrängten Vor-
stellung her die Ersatzvorstellung trifft. Sie beginnen also erst zu
wirken, wenn der Ersatz die Vertretung des Verdrängten gut
übernommen hat, und können niemals ganz verläßlich wirken.
Bei jedem Ansteigen der Trieberregung muß der schützende
Wall um die Ersatzvorstellung um ein Stück weiter hinaus ver-
legt werden. Die ganze Konstruktion, die in analoger Weise bei
den anderen Neurosen hergestellt wird, trägt den Namen einer
Phobie. Der Ausdruck der Flucht vor bewußter Besetzung der
Ersatzvorstellung sind die Vermeidungen, Verzichte und Verbote,
an denen man die Angsthysterie erkennt. Überschaut man den
ganzen Vorgang, so kann man sagen, die dritte Phase hat die
Arbeit der zweiten in größerem Ausmaß wiederholt. Das System
Bw schützt sich jetzt gegen die Aktivierung der Ersatzvorstellung
durch die Gegenbesetzung der Umgebung, wie es sich vorhin
durch die Besetzung der Ersatzvorstellung gegen das Auftauchen
der verdrängten Vorstellung gesichert hatte. Die Ersatzbildung
durch Verschiebung hat sich in solcher Weise fortgesetzt. Man
muß auch hinzufügen, daß das System Bw früher nur eine
kleine Stelle besaß, die eine Einbruchspforte der verdrängten
Triebregung war, die Ersatzvorstellung nämlich, daß aber am
Ende der ganze phobische Vorbau einer solchen Enklave des un-
bewußten Einflusses entspricht. Man kann ferner den interes-
santen Gesichtspunkt hervorheben, daß durch den ganzen ins
Werk gesetzten Abwehrmechanismus eine Projektion der Trieb-
gefahr nach außen erreicht worden ist. Das Ich benimmt sich
so, als ob ihm die Gefahr der Angstentwicklung nicht von einer
Triebregung, sondern von einer Wahrnehmung her drohte, und
darf darum gegen diese äußere Gefahr mit den Fluchtversuchen
der phobischen Vermeidungen reagieren. Eines gelingt bei diesem
Vorgang der Verdrängung: die Entbindung von Angst läßt sich
52*
goo Metapsychohgie
einigermaßen eindämmen, aber nur unter schweren Opfern an
persönlicher Freiheit. Fluchtversuche vor Triebansprüchen sind
aber im allgemeinen nutzlos, und das Ergebnis der phobischen
Flucht bleibt doch unbefriedigend.
Von den Verhältnissen, die wir bei der Angsthysterie erkannt
haben, gilt ein großer Anteil auch für die beiden anderen Neu-
rosen, so daß wir die Erörterung auf die Unterschiede und die
Rolle der Gegenbesetzung beschränken können. Bei der Kon-
version shysterie wird die Triebbesetzung der verdrängten Vor-
stellung in die Innervation des Symptoms umgesetzt. Inwieweit
und unter welchen Umständen die unbewußte Vorstellung durch
diese Abfuhr zur Innervation drainiert ist, so daß sie ihr Andrängen
gegen das System Bw aufgeben kann, diese und ähnliche Fragen
bleiben besser einer speziellen Untersuchung der Hysterie vorbe-
halten. Die Rolle der Gegenbesetzung, die vom System Bw (Vbw)
ausgeht, ist bei der Konversionshysterie deutlich und kommt
in der Symptombildung zum Vorschein. Die Gegenbesetzung ist
es, welche die Auswahl trifft, auf welches Stück der Triebreprä-
sentanz die ganze Besetzung derselben konzentriert werden darf.
Dies zum Symptom erlesene Stück erfüllt die Bedingung, daß es
dem Wunschziel der Triebregung ebensosehr Ausdruck gibt wie
dem Abwehr- oder Strafbestreben des Systems Bw, es wird also
überbesetzt und von beiden Seiten her gehalten wie die Ersatzvor-
stellung der Angsthysterie. Wir können aus diesem Verhältnis
ohne weiteres den Schluß ziehen, daß der Verdrängungsauf-
wand des Systems Bw nicht so groß zu sein braucht wie die
Besetzungsenergie des Symptoms, denn die Stärke der Ver-
drängung wird durch die aufgewendete Gegenbesetzung gemessen,
und das Symptom stützt sich nicht nur auf die Gegenbesetzung,
sondern auch auf die in ihm verdichtete Triebbesetzung aus dem
System Ubw.
Für die Zwangsneurose hätten wir den in der vorigen Ab-
handlung enthaltenen Bemerkungen nur hinzuzufügen, daß hier
Das Unbewußte
501
die Gegenbesetzung des Systems Bw am sinnfälligsten in den
Vordergrund tritt. Sie ist es, die als Reaktionsbildung organisiert
die erste Verdrängung besorgt, und an welcher später der Durch-
bruch der verdrängten Vorstellung erfolgt. Man darf der Ver-
mutung Raum geben, daß es an dem Vorwiegen der Gegenbe-
setzung und Ausfallen einer Abfuhr liegt, wenn das Werk der
Verdrängung bei Angsthysterie und Zwangsneurose weit weniger
geglückt erscheint als bei der Konversionshysterie.
V
Die besonderen Eigenschaften des Systems Ubw
Eine neue Bedeutung erhält die Unterscheidung der beiden
psychischen Systeme, wenn wir darauf aufmerksam werden, daß
die Vorgänge des einen Systems, des Ubw, Eigenschaften zeigen,
die sich in dem nächst höheren nicht wiederfinden.
Der Kern des Ubw besteht aus Triebrepräsentanzen, die ihre
Besetzung abführen wollen, also aus Wunschregungen. Diese
Triebregungen sind einander koordiniert, bestehen unbeeinflußt
nebeneinander, widersprechen einander nicht. Wenn zwei Wunsch-
regungen gleichzeitig aktiviert werden, deren Ziele uns unver-
einbar erscheinen müssen, so ziehen sich die beiden Regungen
nicht etwa voneinander ab oder heben einander auf, sondern sie
treten zur Bildung eines mittleren Zieles, eines Kompromisses,
zusammen.
Es gibt in diesem System keine Negation, keinen Zweifel,
keine Grade von Sicherheit. All dies wird erst durch die Arbeit
der Zensur zwischen Ubw und Vbw eingetragen. Die Negation
ist ein Ersatz der Verdrängung von höherer Stufe. Im Ubw gibt
es nur mehr oder weniger stark besetzte Inhalte.
Es herrscht eine weit größere Beweglichkeit der Besetzungs-
intensitäten. Durch den Prozeß der Verschiebung kann eine
Vorstellung den ganzen Betrag ihrer Besetzung an eine andere
abgeben, durch den der Verdichtung die ganze Besetzung
502 Metapsychologie
mehrerer anderer an sich nehmen. Ich habe vorgeschlagen, diese
beiden Prozesse als Anzeichen des sogenannten psychischen
Primärvorganges anzusehen. Im System Vbw herrscht der
Sekundärvorgang; 1 wo ein solcher Primärvorgang sich an
Elementen des Systems Vbw abspielen darf, erscheint er „komisch"
und erregt Lachen.
Die Vorgänge des Systems Ubw sind zeitlos, d. h. sie sind
nicht zeitlich geordnet, werden durch die verlaufende Zeit nicht
abgeändert, haben überhaupt keine Beziehung zur Zeit. Auch die
Zeitbeziehung ist an die Arbeit des Üw-Systems geknüpft.
Ebensowenig kennen die Ubw- Vorgänge eine Rücksicht auf
die Realität. Sie sind dem Lustprinzip unterworfen; ihr Schick-
sal hängt nur davon ab, wie stark sie sind, und ob sie die An-
forderungen der Lust-Unlustregulierung erfüllen.
Fassen wir zusammen: Widerspruchslosigkeit, Primär-
vorgang (Beweglichkeit der Besetzungen), Zeitlosigkeit und
Ersetzung der äußeren Realität durch die psychische
sind die Charaktere, die wir an zum System Ubw gehörigen
Vorgängen zu finden erwarten dürfen. 2
Die unbewußten Vorgänge werden für uns nur unter den
Bedingungen des Träumens und der Neurosen erkennbar, also
dann, wenn Vorgänge des höheren Vbw-SysXems durch eine Er-
niedrigung (Regression) auf eine frühere Stufe zurückversetzt
werden. An und für sich sind sie unerkennbar, auch existenz-
unfähig, weil das System Ubw sehr frühzeitig von dem Vbw
überlagert wird, welches den Zugang zum Bewußtsein und zur
Motilität an sich gerissen hat. Die Abfuhr des Systems Ubw
geht in die Körperinnervation zur Affektentwicklung, aber auch
dieser Entladungsweg wird ihm, wie wir gehört haben, vom
1) Siehe die Ausführungen im VII. Abschnitt der Traumdeutung [Gesamtausgabe,
Band 111], welche sich auf die von J. Breuer in den „Studien über Hysterie" ent-
wickelten Ideen stützt.
2) Die Erwähnung eines anderen bedeutsamen Vorrechtes des Ubw sparen wir
für einen anderen Zusammenhang auf.
Das Unbewußte 503
Vbw streitig gemacht. Für sich allein könnte das Ubw- System
unter normalen Verhältnissen keine zweckmäßige Muskelaktion
zu stände bringen, mit Ausnahme jener, die als Reflexe bereits
organisiert sind.
Die volle Bedeutung der beschriebenen Charaktere des Systems
Ubw könnte uns erst einleuchten, wenn wir sie den Eigen-
schaften des Systems Vbw gegenüberstellen und an ihnen messen
würden. Allein dies würde uns so weitab führen, daß ich vor-
schlage, wiederum einen Aufschub gutzuheißen und die Ver-
gleichung der beiden Systeme erst im Anschluß an die Wür-
digung des höheren Systems vorzunehmen. Nur das Aller-
dringendste soll schon jetzt seine Erwähnung finden.
Die Vorgänge des Systems Vbw zeigen — und zwar gleich-
gültig, ob sie bereits bewußt oder nur bewußtseinsfähig sind —
eine Hemmung der Abfuhrneigung von den besetzten Vor-
stellungen. Wenn der Vorgang von einer Vorstellung auf eine
andere übergeht, so hält die erstere einen Teil ihrer Besetzung
fest und nur ein kleiner Anteil erfährt die Verschiebung. Ver-
schiebungen und Verdichtungen wie beim Primärvorgang sind
ausgeschlossen oder sehr eingeschränkt. Dieses Verhältnis hat
J. Breuer veranlaßt, zwei verschiedene Zustände der Besetzungs-
energie im Seelenleben anzunehmen, einen tonisch gebundenen
und einen frei beweglichen, der Abfuhr zustrebenden. Ich glaube,
daß diese Unterscheidung bis jetzt unsere tiefste Einsicht in das
Wesen der nervösen Energie darstellt, und sehe nicht, wie man
um sie herumkommen soll. Es wäre ein dringendes Bedürfnis
der metapsychologischen Darstellung — vielleicht aber noch ein
allzu gewagtes Unternehmen — an dieser Stelle die Diskussion
fortzuführen.
Dem System Vbw fallen ferner zu die Herstellung einer Ver-
kehrsfähigkeit unter den Vorstellungsinhalten, so daß sie einander
beeinflussen können, die zeitliche Anordnung derselben, die Ein-
führung der einen Zensur oder mehrerer Zensuren, die Realitäts-
504 Metapsychologie
Prüfung und das Realitätsprinzip. Auch das bewußte Gedächtnis
scheint ganz am Vbw zu hängen, es ist scharf von den Erinnerungs-
spuren zu scheiden, in denen sich die Erlebnisse des Ubw fixieren,
und entspricht wahrscheinlich einer besonderen Niederschrift, wie
wir sie für das Verhältnis der bewußten zur unbewußten Vor-
stellung annehmen wollten, aber bereits verworfen haben. In
diesem Zusammenhang werden wir auch die Mittel finden,
unserem Schwanken in der Benennung des höheren Systems, das
wir jetzt richtungslos bald Vbw bald Bw heißen, ein Ende zu
machen.
Es wird auch die Warnung am Platze sein, nicht voreilig zu
verallgemeinern, was wir hier über die Verteilung der seelischen
Leistungen an die beiden Systeme zu Tage gefördert haben. Wir
beschreiben die Verhältnisse, wie sie sich beim reifen Menschen
zeigen, bei dem das System Ubw streng genommen nur als Vor-
stufe der höheren Organisation funktioniert. Welchen Inhalt und
welche Beziehungen dies System während der individuellen
Entwicklung hat, und welche Bedeutung ihm beim Tiere zu-
kommt, das soll nicht aus unserer Beschreibung abgeleitet,
sondern selbständig erforscht werden. Wir müssen auch beim
Menschen darauf gefaßt sein, etwa krankhafte Bedingungen zu
finden, unter denen die beiden Systeme Inhalt wie Charaktere
ändern oder selbst miteinander tauschen.
VI
Der Verkehr der beiden Systeme
Es wäre doch unrecht sich vorzustellen, daß das Ubw in Ruhe
verbleibt, während die ganze psychische Arbeit vom Vbw ge-
leistet wird, daß das Ubw etwas Abgetanes, ein rudimentäres
Organ, ein Residuum der Entwicklung sei. Oder anzunehmen,
daß sich der Verkehr der beiden Systeme auf den Akt der Ver-
drängung beschränkt, indem das Vbw alles, was ihm störend er-
scheint, in den Abgrund des Ubw wirft. Das Ubw ist vielmehr
Das Unbewußte 505
lebend, entwicklungsfähig und unterhält eine Anzahl von anderen
Beziehungen zum Vbw, darunter auch die der Kooperation. Man
muß zusammenfassend sagen, das Ubw setzt sich in die soge-
nannten Abkömmlinge fort, es ist den Einwirkungen des Lebens
zugänglich, beeinflußt beständig das Vbw und ist seinerseits sogar
Beeinflussungen von Seiten des Vbw unterworfen.
Das Studium der Abkömmlinge des Ubw wird unseren Er-
wartungen einer schematisch reinlichen Scheidung zwischen den
beiden psychischen Systemen eine gründliche Enttäuschung be-
reiten. Das wird gewiß Unzufriedenheit mit unseren Ergebnissen
erwecken und wahrscheinlich dazu benützt werden, den Wert
unserer Art der Trennung der psychischen Vorgänge in Zweifel
zu ziehen. Allein, wir werden geltend machen, daß wir keine
andere Aufgabe haben, als die Ergebnisse der Beobachtung in
Theorie umzusetzen, und die Verpflichtung von uns weisen, auf
den ersten Anlauf eine glatte und durch Einfachheit sich em-
pfehlende Theorie zu erreichen. Wir vertreten deren Komplika-
tionen, solange sie sich der Beobachtung adäquat erweisen, und
geben die Erwartung nicht auf, gerade durch sie zur endlichen
Erkenntnis eines Sachverhaltes geleitet zu werden, der, an sich
einfach, den Komplikationen der Realität gerecht werden kann.
Unter den Abkömmlingen der ubw Triebregungen vom be-
schriebenen Charakter gibt es welche, die entgegengesetzte Be-
stimmungen in sich vereinigen. Sie sind einerseits hochorganisiert,
widerspruchsfrei, haben allen Erwerb des Systems Bw verwertet
und würden sich für unser Urteil von den Bildungen dieses
Systems kaum unterscheiden. Anderseits sind sie unbewußt und
unfähig, bewußt zu werden. Sie gehören also qualitativ zum
System Vbw, faktisch aber zum Ubw. Ihre Herkunft bleibt das
für ihr Schicksal Entscheidende. Man muß sie mit den Misch-
lingen menschlicher Rassen vergleichen, die im großen und
ganzen bereits den Weißen gleichen, ihre farbige Abkunft aber
durch den einen oder anderen auffälligen Zug verraten und
darum von der Gesellschaft ausgeschlossen bleiben und keines
der Vorrechte der Weißen genießen. Solcher Art sind die
Phantasiebildungen der Normalen wie der Neurotiker, die wir
als Vorstufen der Traum- wie der Symptombildung erkannt
haben, und die trotz ihrer hohen Organisation verdrängt bleiben
und als solche nicht bewußt werden können. Sie kommen nahe
ans Bewußtsein heran, bleiben ungestört, solange sie keine inten-
sive Besetzung haben, werden aber zurückgeworfen, sobald sie
eine gewisse Höhe der Besetzung überschreiten. Ebensolche höher
organisierte Abkömmlinge des Ubw sind die Ersatzbildungen,
denen aber der Durchbruch zum Bewußtsein dank einer günstigen
Relation gelingt, wie z. B. durch das Zusammentreffen mit einer
Gegenbesetzung des Vbw.
Wenn wir an anderer Stelle die Bedingungen des Bewußt-
werdens eingehender untersuchen, wird uns ein Teil der hier
auftauchenden Schwierigkeiten lösbar werden. Hier mag es uns
vorteilhaft erscheinen, der bisherigen vom Ubw her aufsteigenden
Betrachtung eine vom Bewußtsein ausgehende gegenüberzustellen.
Dem Bewußtsein tritt die ganze Summe der psychischen Vor-
gänge als das Reich des Vorbewußten entgegen. Ein sehr großer
Anteil dieses Vorbewußten stammt aus dem Unbewußten, hat
den Charakter der Abkömmlinge desselben und unterliegt einer
Zensur, ehe er bewußt werden kann. Ein anderer Anteil des
Vbw ist ohne Zensur bewußtseinsfähig. Wir gelangen hier zu
einem Widerspruch gegen eine frühere Annahme. In der Be-
trachtung der Verdrängung wurden wir genötigt, die für das
Bewußtwerden entscheidende Zensur zwischen die Systeme Ubw
und Vbw zu verlegen. Jetzt wird uns eine Zensur zwischen Vbw
und Bw nahegelegt. Wir tun aber gut daran, in dieser Kompli-
kation keine Schwierigkeit zu erblicken, sondern anzunehmen,
daß jedem Übergang von einem System zum nächst höheren,
also jedem Fortschritt zu einer höheren Stufe psychischer Organi-
sation eine neue Zensur entspreche. Die Annahme einer fort-
Das Unbewußte 507
laufenden Erneuerung der Niederschriften ist damit allerdings
abgetan.
Der Grund all dieser Schwierigkeiten ist darin zu suchen, daß
die Bewußtheit, der einzige uns unmittelbar gegebene Charakter
der psychischen Vorgänge, sich zur Systemunterscheidung in
keiner Weise eignet. Abgesehen davon, daß das Bewußte nicht
immer bewußt, sondern zeitweilig auch latent ist, hat uns die
Beobachtung gezeigt, daß vieles, was die Eigenschaften des Systems
Vbw teilt, nicht bewußt wird, und haben wir noch zu erfahren,
daß das Bewußtwerden durch gewisse Richtungen seiner Auf-
merksamkeit eingeschränkt ist. Das Bewußtsein hat so weder zu
den Systemen noch zur Verdrängung ein einfaches Verhältnis.
Die Wahrheit ist, daß nicht nur das psychisch Verdrängte dem
Bewußtsein fremd bleibt, sondern auch ein Teil der unser Ich
beherrschenden Regungen, also der stärkste funktionelle Gegen-
satz des Verdrängten. In dem Maße, als wir uns zu einer meta-
psychologischen Betrachtung des Seelenlebens durchringen wollen,
müssen wir lernen, uns von der Bedeutung des Symptoms
„Bewußtheit" zu emanzipieren.
Solange wir noch an diesem haften, sehen wir unsere Allge-
meinheiten regelmäßig durch Ausnahmen durchbrochen. Wir
sehen, daß Abkömmlinge des Vbw als Ersatzbildungen und als
Symptome bewußt werden, in der Regel nach großen Entstel-
lungen gegen das Unbewußte, aber oft mit Erhaltung vieler
zur Verdrängung auffordernder Charaktere. Wir finden, daß viele
vorbewußte Bildungen unbewußt bleiben, die, sollten wir meinen,
ihrer Natur nach sehr wohl bewußt werden dürften. Wahr-
scheinlich macht sich bei ihnen die stärkere Anziehung des Ubw
geltend. Wir werden darauf hingewiesen, die bedeutsamere
Differenz nicht zwischen dem Bewußten und dem Vorbewußten,
sondern zwischen dem Vorbewußten und dem Unbewußten zu
suchen. Das Ubw wird an der Grenze des Vbw durch die Zensur
zurückgewiesen, Abkömmlinge desselben können diese Zensur
508 Metapsychologie
umgehen, sich hoch organisieren, im Vbw bis zu einer gewissen
Intensität der Besetzung heranwachsen, werden aber dann, wenn
sie diese überschritten haben und sich dem Bewußtsein auf-
drängen wollen, als Abkömmlinge des Ubw erkannt und an der
neuen Zensurgrenze zwischen Vbw und Bw neuerlich verdrängt.
Die erstere Zensur funktioniert so gegen das Ubw selbst, die
letztere gegen die vbw Abkömmlinge derselben. Man könnte
meinen, die Zensur habe sich im Laufe der individuellen Ent-
wicklung um ein Stück vorgeschoben.
In der psychoanalytischen Kur erbringen wir den unanfecht-
baren Beweis für die Existenz der zweiten Zensur, der zwischen
den Systemen Vbw und Bw. Wir fordern den Kranken auf,
reichlich Abkömmlinge des Ubw zu bilden, verpflichten ihn dazu,
die Einwendungen der Zensur gegen das Bewußtwerden dieser
vorbewußten Bildungen zu überwinden, und bahnen uns durch
die Besiegung dieser Zensur den Weg zur Aufhebung der Ver-
drängung, die das Werk der früheren Zensur ist. Fügen wir
noch die Bemerkung an, daß die Existenz der Zensur zwischen
Vbw und Bw uns mahnt, das Bewußtwerden sei kein bloßer
Wahrnehmungsakt, sondern wahrscheinlich auch eine Uber-
besetzung, ein weiterer Fortschritt der psychischen Organisation.
Wenden wir uns zum Verkehr des Ubw mit den anderen
Systemen, weniger um Neues festzustellen, als um nicht das
Sinnfälligste zu übergehen. An den Wurzeln der Triebtätigkeit
kommunizieren die Systeme aufs ausgiebigste miteinander. Ein
Anteil der hier erregten Vorgänge geht durch das Ubw wie
durch eine Vorbereitungsstufe durch und erreicht die höchste
psychische Ausbildung im Bw, ein anderer wird als Ubw zurück-
gehalten. Das Ubw wird aber auch von den aus der äußeren
Wahrnehmung stammenden Erlebnissen getroffen. Alle Wege von
der Wahrnehmung zum Ubw bleiben in der Norm frei; erst
die vom Ubw weiter führenden Wege unterliegen der Sperrung
durch die Verdrängung.
Das Unbewußte
5<>9
Es ist sehr bemerkenswert, daß das Ubw eines Menschen mit
Umgehung des Bw auf das Ubw eines anderen reagieren kann.
Die Tatsache verdient eingehendere Untersuchung, besonders
nach der Richtung, ob sich vorbewußte Tätigkeit dabei aus-
schließen läßt, ist aber als Beschreibung unbestreitbar.
Der Inhalt des Systems Vbw (oder Bw) entstammt zu einem
Teile dem Triebleben (durch Vermittlung des Ubw), zum anderen
Teile der Wahrnehmung. Es ist zweifelhaft, inwieweit die Vor-
gänge dieses Systems eine direkte Einwirkung auf das Ubw
äußern können; die Erforschung pathologischer Fälle zeigt oft
eine kaum glaubliche Selbständigkeit und Unbeeinflußbarkeit des
Ubw. Ein völliges Auseinandergehen der Strebungen, ein abso-
luter Zerfall der beiden Systeme ist überhaupt die Charakteristik des
Krankseins. Allein die psychoanalytische Kur ist auf die Beeinflussung
des Ubw vom Bw her gebaut und zeigt jedenfalls, daß solche, wie-
wohl mühsam, nicht unmöglich ist. Die zwischen beiden Systemen
vermittelnden Abkömmlinge des Ubw bahnen uns, wie schon er-
wähnt, den Weg zu dieser Leistung. Wir dürfen aber wohl annehmen,
daß die spontan erfolgende Veränderung des Ubw von Seiten des
Bw ein schwieriger und langsam verlaufender Prozeß ist.
Eine Kooperation zwischen einer vorbewußten und einer unbe-
wußten, selbst intensiv verdrängten Regung kann zu stände
kommen, wenn es die Situation ergibt, daß die unbewußte
Regung gleichsinnig mit einer der herrschenden Strebungen
wirken kann. Die Verdrängung wird für diesen Fall aufgehoben,
die verdrängte Aktivität als Verstärkung der vom Ich beabsich-
tigten zugelassen. Das Unbewußte wird für diese eine Konstel-
lation ichgerecht, ohne daß sonst an seiner Verdrängung etwas
abgeändert würde. Der Erfolg des Ubw ist bei dieser Kooperation
unverkennbar; die verstärkten Strebungen benehmen sich doch
anders als die normalen, sie befähigen zu besonders vollkommener
Leistung und sie zeigen gegen Widersprüche eine ähnliche
Resistenz wie etwa die Zwangssymptome.
510 Metapsychologie
Den Inhalt des Ubw kann man einer psychischen Urbevölkerung
vergleichen. Wenn es beim Menschen ererbte psychische Bil-
dungen, etwas dem Instinkt der Tiere Analoges gibt, so macht
dies den Kern des Ubw aus. Dazu kommt später das während
der Kindheitsentwicklung als unbrauchbar Beseitigte hinzu, was
seiner Natur nach von dem Ererbten nicht verschieden zu sein
braucht. Eine scharfe und endgültige Scheidung des Inhaltes der
beiden Systeme stellt sich in der Regel erst mit dem Zeitpunkte
der Pubertät her.
VII
Die Agnoszierung des Unbewußten
Soviel, als wir in den vorstehenden Erörterungen zusammen-
getragen haben, läßt sich etwa über das Ubw aussagen, solange
man nur aus der Kenntnis des Traumlebens und der Über-
tragungsneurosen schöpft. Es ist gewiß nicht viel, macht stellen-
weise den Eindruck des Ungeklärten und Verwirrenden und
läßt vor allem die Möglichkeit vermissen, das Ubw an einen
bereits bekannten Zusammenhang anzuordnen oder es in ihn
einzureihen. Erst die Analyse einer der Affektionen, die wir
narzißtische Psychoneurosen heißen, verspricht uns Auffassungen zu
liefern, durch welche uns das rätselvolle Ubw näher gerückt und
gleichsam greifbar gemacht wird.
Seit einer Arbeit von Abraham (1908), welche der gewissen-
hafte Autor auf meine Anregung zurückgeführt hat, versuchen
wir die Dementia praecox Kraepelins (Schizophrenie Bleulers)
durch ihr Verhalten zum Gegensatz von Ich und Objekt zu
charakterisieren. Bei den Übertragungsneurosen (Angst- und Kon-
versionshysterie, Zwangsneurose) lag nichts vor, was diesen Gegen-
satz in den Vordergrund gerückt hätte. Man wußte zwar, daß
die Versagung des Objekts den Ausbruch der Neurose herbeiführt,
und daß die Neurose den Verzicht auf das reale Objekt involviert,
auch daß die dem realen Objekt entzogene Libido auf ein phan-
Das Unbewußte
5"
tasiertes Objekt und von da aus auf ein verdrängtes zurückgeht
(Introversion). Aber die Objektbesetzung überhaupt wird bei
ihnen mit großer Energie festgehalten, und die feinere Unter-
suchung des Verdrängungsvorganges hat uns anzunehmen ge-
nötigt, daß die Objektbesetzung im System Ubw trotz der Ver-
drängung — vielmehr infolge derselben — fortbesteht. Die
Fähigkeit zur Übertragung, welche wir bei diesen Affektionen
therapeutisch ausnützen, setzt ja die ungestörte Objektbesetzung
voraus.
Bei der Schizophrenie hat sich uns dagegen die Annahme auf-
gedrängt, daß nach dem Prozesse der Verdrängung die abge-
zogene Libido kein neues Objekt suche, sondern ins Ich zurück-
trete, daß also hier die Objektbesetzungen aufgegeben und ein
primitiver objektloser Zustand von Narzißmus wieder hergestellt
werde. Die Unfähigkeit dieser Patienten zur Übertragung — so-
weit der Krankheitsprozeß reicht, — ihre daraus folgende thera-
peutische Unzugänglichkeit, die ihnen eigentümliche Ablehnung
der Außenwelt, das Auftreten von Zeichen einer Überbesetzung
des eigenen Ichs, der Ausgang in völlige Apathie, all diese
klinischen Charaktere scheinen zu der Annahme eines Aufgebens
der Objektbesetzungen trefflich zu stimmen. Von sehen des Ver-
hältnisses der beiden psychischen Systeme wurde allen Beobachtern
auffällig, daß bei der Schizophrenie vieles als bewußt geäußert
wird, was wir bei den Übertragungsneurosen erst durch Psycho-
analyse im Ubw nachweisen müssen. Aber es gelang zunächst
nicht, zwischen der Ich-Objektbeziehung und den Bewußtseins-
relationen eine verständliche Verknüpfung herzustellen.
Das Gesuchte scheint sich auf folgendem unvermuteten Wege
zu ergeben. Bei den Schizophrenen beobachtet man, zumal in
den so lehrreichen Anfangsstadien, eine Anzahl von Verände-
rungen der Sprache, von denen einige es verdienen, unter einem
bestimmten Gesichtspunkt betrachtet zu werden. Die Ausdrucks-
weise wird oft Gegenstand einer besonderen Sorgfalt, sie wird
512 Metapsychologie
„gewählt", „geziert". Die Sätze erfahren eine besondere Des-
organisation des Aufbaues, durch welche sie uns unverständlich
werden, so daß wir die Äußerungen der Kranken für unsinnig
halten. Im Inhalt dieser Äußerungen wird oft eine Beziehung
zu Körperorganen oder Körperinnervationen in den Vordergrund
gerückt. Dem kann man anreihen, daß in solchen Symptomen
der Schizophrenie, welche hysterischen oder zwangsneurotischen
Ersatzbildungen gleichen, doch die Beziehung zwischen dem Er-
satz und dem Verdrängten Eigentümlichkeiten zeigt, welche uns
bei den beiden genannten Neurosen befremden würden.
Herr Dr. V. Tausk (Wien) hat mir einige seiner Beobach-
tungen bei beginnender Schizophrenie zur Verfügung gestellt,
die durch den Vorzug ausgezeichnet sind, daß die Kranke selbst
noch die Aufklärung ihrer Reden geben wollte. Ich will nun an
zweien seiner Beispiele zeigen, welche Auffassung ich zu ver-
treten beabsichtige, zweifle übrigens nicht daran, daß es jedem
Beobachter leicht sein würde, solches Material in Fülle vorzu-
bringen.
Eine der Kranken Tausks, ein Mädchen, das nach einem
Zwist mit ihrem Geliebten auf die Klinik gebracht wurde, klagt:
Die Augen sind nicht richtig, sie sind verdreht. Das
erläutert sie selbst, indem sie in geordneter Sprache eine Reihe
von Vorwürfen gegen den Geliebten vorbringt. „Sie kann ihn
gar nicht verstehen, er sieht jedesmal anders aus, er ist ein
Heuchler, ein Augenverdreher, er hat ihr die Augen verdreht,
jetzt hat sie verdrehte Augen, es sind nicht mehr ihre Augen,
sie sieht die Welt jetzt mit anderen Augen."
Die Äußerungen der Kranken zu ihrer unverständlichen Rede
haben den Wert einer Analyse, da sie deren Äquivalent in all-
gemein verständlicher Ausdrucksweise enthalten; sie geben gleich-
zeitig Aufschluß über Bedeutung und über Genese der schizo-
phrenen Wortbildung. In Übereinstimmung mit Tausk hebe ich
aus diesem Beispiel hervor, daß die Beziehung zum Organ (zum
Das Unbewußte
515
Auge) sich zur Vertretung des ganzen Inhaltes aufgeworfen hat.
Die schizophrene Rede hat hier einen hypochondrischen Zug sie
ist Organsprache geworden.
Eine zweite Mitteilung derselben Kranken: „Sie steht in der
Kirche, plötzlich gibt es ihr einen Ruck, sie muß sich anders
stellen, als stellte sie jemand, als würde sie gestellt."
Dazu die Analyse durch eine neue Reihe von Vorwürfen
gegen den Geliebten, „der ordinär ist, der sie, die vom Hause
aus fein war, auch ordinär gemacht hat. Er hat sie sich ähnlich
gemacht, indem er sie glauben machte, er sei ihr überlegen^
nun sei sie so geworden, wie er ist, weil sie glaubte, sie werde
besser sein, wenn sie ihm gleich werde. Er hat sich verstellt,
sie ist jetzt so wie er (Identifizierung!) er hat sie verstellt."
Die Bewegung „des sich anders Stellen", bemerkt Tausk, ist
eine Darstellung des Wortes „verstellen" und der Identifizierung
mit dem Geliebten. Ich hebe wiederum die Prävalenz jenes Ele-
ments des ganzen Gedankenganges hervor, welches eine körper-
liche Innervation (vielmehr deren Empfindung) zum Inhalt hat.
Eine Hysterika hätte übrigens im ersten Falle krampfhaft die
Augen verdreht, im zweiten den Ruck wirklich ausgeführt, an-
statt den Impuls dazu oder die Sensation davon zu verspüren,
und in beiden Fällen hätte sie keinen bewußten Gedanken da-
bei gehabt und wäre auch nachträglich nicht im stände ge-
wesen, solche zu äußern.
Soweit zeugen diese beiden Beobachtungen für das, was wir
hypochondrische oder Organsprache genannt haben. Sie mahnen
aber auch, was uns wichtiger erscheint, an einen anderen Sach-
verhalt, der sich beliebig oft z. B. an den in Bleulers Mono-
graphie gesammelten Beispielen nachweisen und in eine be-
stimmte Formel fassen läßt. Bei der Schizophrenie werden die
Worte demselben Prozeß unterworfen, der aus den latenten
Traumgedanken die Traumbilder macht, den wir den psychi-
schen Primärvorgang geheißen haben. Sie werden verdichtet
Freud, V.
35
5 1 4 Metapsychologie
und übertragen einander ihre Besetzungen restlos durch Ver-
schiebung; der Prozeß kann so weit gehen, daß ein einziges,
durch mehrfache Beziehungen dazu geeignetes Wort die Ver-
tretung einer ganzen Gedankenkette übernimmt. Die Arbeiten
von Bleuler, Jung und ihren Schülern haben gerade für diese
Behauptung reichliches Material ergeben. 1
Ehe wir aus solchen Eindrücken einen Schluß ziehen, wollen
wir noch der feinen, aber doch befremdlich wirkenden Unter-
schiede zwischen der schizophrenen und der hysterischen und
zwangsneurotischen Ersatzbildung gedenken. Ein Patient, den ich
gegenwärtig beobachte, läßt sich durch den schlechten Zustand
seiner Gesichtshaut von allen Interessen des Lebens abziehen. Er
behauptet, Mitesser zu haben und tiefe Löcher im Gesicht, die
ihm jedermann ansieht. Die Analyse weist nach, daß er seinen
Kastrationskomplex an seiner Haut abspielt. Er beschäftigte sich
zunächst reuelos mit seinen Mitessern, deren Ausdrücken ihm
große Befriedigung bereitete, weil dabei etwas herausspritzte, wie
er sagt. Dann begann er zu glauben, daß überall dort, wo er
einen Comedo beseitigt hatte, eine tiefe Grube entstanden sei,
und er machte sich die heftigsten Vorwürfe, durch sein „bestän-
diges Herumarbeiten mit der Hand" seine Haut für alle Zeiten
verdorben zu haben. Es ist evident, daß ihm das Auspressen des
Inhaltes der Mitesser ein Ersatz für die Onanie ist. Die Grube,
die darauf durch seine Schuld entsteht, ist das weibliche Genitale,
d. h. die Erfüllung der durch die Onanie provozierten Kastrations-
drohung (resp. der sie vertretenden Phantasie.) Diese Ersatzbildung
hat trotz ihres hypochondrischen Charakters viel Ähnlichkeit mit
einer hysterischen Konversion, und doch wird man das Gefühl
haben, daß hier etwas anderes vorgehen müsse, daß man solche
Ersatzbildung einer Hysterie nicht zutrauen dürfe, noch ehe man
i) Gelegentlich behandelt die Traumarbeit die Worte wie die Dinge und schafft
dann sehr ähnliche „schizophrene" Reden oder Wortneubildungen.
Das Unbewußte
515
sagen kann, worin die Verschiedenheit begründet ist. Ein win-
ziges Grübchen wie eine Hautpore wird ein Hysteriker kaum
zum Symbol der Vagina nehmen, die er sonst mit allen mög-
lichen Gegenständen vergleicht, welche einen Hohlraum um-
schließen. Auch meinen wir, daß die Vielheit der Grübchen ihn
abhalten wird, sie als Ersatz für das weibliche Genitale zu ver-
wenden. Ähnliches gilt für einen jugendlichen Patienten, über
den Tausk vor Jahren der Wiener Psychoanalytischen Gesell-
schaft berichtet hat. Er benahm sich sonst ganz wie ein Zwangs-
neurotiker, verbrauchte Stunden für seine Toilette u. dgl. Es
war aber an ihm auffällig, daß er widerstandslos die Bedeutung
seiner Hemmungen mitteilen konnte. Beim Anziehen der Strümpfe
störte ihn z. B. die Idee, daß er die Maschen des Gewebes,
also Löcher, auseinanderziehen müsse, und jedes Loch war ihm
Symbol der weiblichen Geschlechtsöffnung. Auch dies ist einem
Zwangsneurotiker nicht zuzutrauen; ein solcher, aus der Beob-
achtung von R. Reitler, der am gleichen Verweilen beim
Strumpfanziehen litt, fand nach Überwindung der Widerstände
die Erklärung, daß der Fuß ein Penissymbol sei, das Überziehen
des Strumpfes ein onanistischer Akt, und er mußte den Strumpf
fortgesetzt an- und ausziehen, zum Teil, um das Bild der Onanie
zu vervollkommnen, zum Teil, um sie ungeschehen zu machen.
Fragen wir uns, was der schizophrenen Ersatzbildung und dem
Symptom den befremdlichen Charakter verleiht, so erfassen wir
endlich, daß es das Überwiegen der Wortbeziehung über die
Sachbeziehung ist. Zwischen dem Ausdrücken eines Mitessers und
einer Ejakulation aus dem Penis besteht eine recht geringe Sach-
ähnlichkeit, eine noch geringere zwischen den unzähligen seichten
Hautporen und der Vagina; aber im ersten Falle spritzt beide
Male etwas heraus, und für den zweiten gilt wörtlich der zynische
Satz: Loch ist Loch. Die Gleichheit des sprachlichen Ausdruckes,
nicht die Ähnlichkeit der bezeichneten Dinge, hat den Ersatz
vorgeschrieben. Wo die beiden — Wort und Ding — sich nicht
55*
5 1 6 Metapsychologie
decken, weicht die schizophrene Ersatzbildung von der bei den
Übertragungsneurosen ab.
Setzen wir diese Einsicht mit der Annahme zusammen, daß
bei der Schizophrenie die Objektbesetzungen aufgegeben werden.
Wir müssen dann modifizieren: die Besetzung der Wortvor-
stellungen der Objekte wird festgehalten. Was wir die bewußte
Objektvorstellung heißen durften, zerlegt sich uns jetzt in die
Wortvorstellung und in die Sachvorstellung, die in der Be-
setzung, wenn nicht der direkten Sacherinnerungsbilder, doch
entfernterer und von ihnen abgeleiteter Erinnerungsspuren be-
steht. Mit einem Male glauben wir nun zu wissen, wodurch
sich eine bewußte Vorstellung von einer unbewußten unter-
scheidet. Die beiden sind nicht, wie wir gemeint haben, ver-
schiedene Niederschriften desselben Inhaltes an verschiedenen
psychischen Orten, auch nicht verschiedene funktionelle Be-
setzungszustände an demselben Orte, sondern die bewußte Vor-
stellung umfaßt die Sachvorstellung plus der zugehörigen Wort-
vorstellung, die unbewußte ist die Sach Vorstellung allein. Das
System Ubw enthält die Sachbesetzungen der Objekte, die ersten
und eigentlichen Objektbesetzungen ; das System Vbw entsteht,
indem diese Sachvorstellung durch die Verknüpfung mit den ihr
entsprechenden Wortvorstellungen überbesetzt wird. Solche Über-
besetzungen, können wir vermuten, sind es, welche eine höhere
psychische Organisation herbeiführen und die Ablösung des Primär-
vorganges durch den im Vbw herrschenden Sekundärvorgang er-
möglichen. Wir können jetzt auch präzise ausdrücken, was die
Verdrängung bei den Übertragungsneurosen der zurückgewiesenen
Vorstellung verweigert: Die Übersetzung in Worte, welche mit
dem Objekt verknüpft bleiben sollen. Die nicht in Worte gefaßte
Vorstellung oder der nicht überbesetzte psychische Akt bleibt
dann im Ubw als verdrängt zurück.
Ich darf darauf aufmerksam machen, wie frühzeitig wir bereits
die Einsicht besessen haben, die uns heute einen der auffälligsten
Das Unbewußte 517
Charaktere der Schizophrenie verständlich macht. Auf den letzten
Seiten der 1900 veröffentlichten „Traumdeutung" ist ausgeführt,
daß die Denkvorgänge, d. i. die von den Wahrnehmungen ent-
fernteren Besetzungsakte an sich qualitätslos und unbewußt sind
und ihre Fähigkeit, bewußt zu werden, nur durch die Ver-
knüpfung mit den Resten der Wortwahrnehmungen erlangen.
Die Wortvorstellungen entstammen ihrerseits der Sinneswahr-
nehmung in gleicher Weise wie die Sachvorstellungen, so daß
man die Frage aufwerfen könnte, warum die Objektvorstellungen
nicht mittels ihrer eigenen Wahrnehmungsreste bewußt werden
können. Aber wahrscheinlich geht das Denken in Systemen vor
sich, die von den ursprünglichen Wahrnehmungsresten so weit
entfernt sind, daß sie von deren Qualitäten nichts mehr er-
halten haben und zum Bewußtwerden einer Verstärkung durch
neue Qualitäten bedürfen. Außerdem können durch die Ver-
knüpfung mit Worten auch solche Besetzungen mit Qualität
versehen werden, die aus den Wahrnehmungen selbst keine
Qualität mitbringen konnten, weil sie bloß Relationen zwischen
den Objektvorstellungen entsprechen. Solche erst durch Worte
faßbar gewordene Relationen sind ein Hauptbestandteil unserer
Denkvorgänge. Wir verstehen, daß die Verknüpfung mit Wort-
vorstellungen noch nicht mit dem Bewußtwerden zusammenfällt,
sondern bloß die Möglichkeit dazu gibt, daß sie also kein anderes
System als das des Vbw charakterisiert. Nun merken wir aber,
daß wir mit diesen Erörterungen unser eigentliches Thema ver-
lassen und mitten in die Probleme des Vorbewußten und Be-
wußten geraten, die wir zweckmäßiger Weise einer gesonderten
Behandlung vorbehalten.
Bei der Schizophrenie, die wir ja hier auch nur so weit be-
rühren, als uns zur allgemeinen Erkennung des Ubw unerläßlich
scheint, muß uns der Zweifel auftauchen, ob der hier Ver-
drängung genannte Vorgang überhaupt noch etwas mit der Ver-
drängung bei den Übertragungsneurosen gemein hat. Die Formel,
5 1 8 Metapsychologie
die Verdrängung sei ein Vorgang zwischen dem System Ubw
und dem Vbw (oder Biv) mit dem Erfolg der Fernhaltung vom
Bewußtsein, bedarf jedenfalls einer Abänderung, um den Fall der
Dementia praecox und anderer narzißtischer Affektionen mitein-
schließen zu können. Aber der Fluchtversuch des Ichs, der sich
in der Abziehung der bewußten Besetzung äußert, bleibt immer-
hin als das Gemeinsame bestehen. Um wie vieles gründlicher
und tiefgreifender dieser Fluchtversuch, diese Flucht des Ichs bei
den narzißtischen Neurosen ins Werk gesetzt wird, lehrt die
oberflächlichste Überlegung.
Wenn diese Flucht bei der Schizophrenie in der Einziehung
der Triebbesetzung von den Stellen besteht, welche die unbe-
wußte Objektvorstellung repräsentieren, so mag es befremdlich
erscheinen, daß der dem System Vbw angehörige Teil derselben
Objektvorstellung — die ihr entsprechenden Wortvorstellungen
— vielmehr eine intensivere Besetzung erfahren sollen. Man
könnte eher erwarten, daß die Wortvorstellung als der vorbe-
wußte Anteil den ersten Stoß der Verdrängung auszuhalten hat,
und daß sie ganz und gar unbesetzbar wird, nachdem sich die
Verdrängung bis zu den unbewußten Sachvorstellungen fortgesetzt
hat. Dies ist allerdings eine Schwierigkeit des Verständnisses. Es
ergibt sich die Auskunft, daß die Besetzung der Wortvorstellung
nicht zum Verdrängungsakt gehört, sondern den ersten der Her-
stellungs- oder Heilungsversuche darstellt, welche das klinische
Bild der Schizophrenie so auffällig beherrschen. Diese Bemühungen
wollen die verlorenen Objekte wieder gewinnen, und es mag
wohl sein, daß sie in dieser Absicht den Weg zum Objekt über
den Wortanteil desselben einschlagen, wobei sie sich aber dann
mit den Worten an Stelle der Dinge begnügen müssen. Unsere
seelische Tätigkeit bewegt sich ja ganz allgemein in zwei ent-
gegengesetzten Verlaufsrichtungen, entweder von den Trieben
her durch das System Ubw zur bewußten Denkarbeit, oder auf
Anregung von außen durch das System des Bw und Vbw bis
Das Unbewußte 519
zu den ubw Besetzungen des Ichs und der Objekte. Dieser zweite
Weg muß trotz der vorgefallenen Verdrängung passierbar bleiben
und steht den Bemühungen der Neurose, ihre Objekte wieder
zu gewinnen, ein Stück weit offen. Wenn wir abstrakt denken,
sind wir in Gefahr, die Beziehungen der Worte zu den unbe-
wußten Sachvorstellungen zu vernachlässigen, und es ist nicht zu
leugnen, daß unser Philosophieren dann eine unerwünschte Ähn-
lichkeit in Ausdruck und Inhalt mit der Arbeitsweise der Schizo-
phrenen gewinnt. Anderseits kann man von der Denkweise der
Schizophrenen die Charakteristik versuchen, sie behandeln konkrete
Dinge, als ob sie abstrakte wären.
Wenn wir wirklich das Ubw agnosziert und den Unterschied
einer unbewußten Vorstellung von einer vorbewußten richtig
bestimmt haben, so werden unsere Untersuchungen von vielen
anderen Stellen her zu dieser Einsicht zurückführen müssen.
METAPSYCHOLOGISCHE ERGÄNZUNG
ZUR TRAUMLEHRE 1
Wir werden bei verschiedenen Anlässen die Erfahrung machen
können, wie vorteilhaft es für unsere Forschung ist, wenn wir
gewisse Zustände und Phänomene zur Vergleichung heranziehen,
die man als Normal Vorbilder krankhafter Affektionen auffassen
kann. Dahin gehören Affektzustände wie Trauer und Verliebt-
heit, aber auch der Zustand des Schlafes und das Phänomen des
Träumens.
Wir sind nicht gewöhnt, viele Gedanken daran zu knüpfen,
daß der Mensch allnächtlich die Hüllen ablegt, die er über
seine Haut gezogen hat, und etwa noch die Ergänzungsstücke
seiner Körperorgane, soweit es ihm gelungen ist, deren Mängel
durch Ersatz zu decken, also die Brille, falschen Haare, Zähne
usw. Man darf hinzufügen, daß er beim Schlafengehen eine ganz
analoge Entkleidung seines Psychischen vornimmt, auf die meisten
seiner psychischen Erwerbungen verzichtet und so von beiden
Seiten her eine außerordentliche Annäherung an die Situation
herstellt, welche der Ausgang seiner Lebensentwicklung war.
Das Schlafen ist somatisch eine Reaktivierung des Aufenthalts
im Mutterleibe mit der Erfüllung der Bedingungen von Ruhe-
lage, Wärme und Reizabhaltung ; ja viele Menschen nehmen im
1) Die beiden nachstehenden Abhandlungen schließen an die vorangehenden an und
stammen aus einer Sammlung, die ich ursprünglich unter dem Titel „Zur Vorbereitung
einer Metapsychologie" veröffentlichen wollte. Absicht dieser Reihe ist die Klärung
und Vertiefung der theoretischen Annahmen, die man einem psychoanalytischen
System zu Grunde legen könnte. [Vgl. die bibliographische Notiz auf S. 432.]
Metapsychohgische Ergänzun g zur Traumlehre 521
Schlafe die fötale Körperhaltung wieder ein. Der psychische Zu-
stand der Schlafenden charakterisiert sich durch nahezu völlige
Zurückziehung aus der Welt der Umgebung und Einstellung
alles Interesses für sie.
Wenn man die psychoneurotischen Zustände untersucht, wird
man veranlaßt, in jedem derselben die sogenannten zeitlichen
Regressionen hervorzuheben, den Betrag des ihm eigentümlichen
Rückgreifens in der Entwicklung. Man unterscheidet zwei solcher
Regressionen, die der Ich- und die der Libidoentwicklung. Die
letztere reicht beim Schlaf zustand bis zur Herstellung des primi-
tiven Narzißmus, die erstere bis zur Stufe der halluzina-
torischen Wunschbefriedigung.
Was man von den psychischen Charakteren des Schlafzustandes
weiß, hat man natürlich durch das Studium des Traumes er-
fahren. Zwar zeigt uns der Traum den Menschen, insofern er
nicht schläft, aber er kann doch nicht umhin, uns dabei auch
Charaktere des Schlafes selbst zu verraten. Wir haben aus der
Beobachtung einige Eigentümlichkeiten des Traumes kennen ge-
lernt, die wir zunächst nicht verstehen konnten und nun mit
leichter Mühe einreihen können. So wissen wir, der Traum sei
absolut egoistisch, und die Person, die in seinen Szenen die
Hauptrolle spiele, sei immer als die eigene zu agnoszieren. Das
leitet sich nun leicht begreiflicherweise von dem Narzißmus des
Schlafzustandes ab. Narzißmus und Egoismus fallen ja zusammen;
das Wort „Narzißmus" will nur betonen, daß der Egoismus
auch ein libidinöses Phänomen sei, oder, um es anders auszu-
drücken, der Narzißmus kann als die libidinöse Ergänzung des
Egoismus bezeichnet werden. Ebenso verständlich wird auch die
allgemein anerkannte und für rätselhaft gehaltene „diagnostische"
Fähigkeit des Traumes, in welchem beginnende Körperleiden oft
früher und deutlicher als im Wachen verspürt werden, und alle
gerade aktuellen Körperempfindungen ins Riesenhafte vergrößert
auftreten. Diese Vergrößerung ist hypochondrischer Natur, sie hat
522 Metapsychologie
zur Voraussetzung, daß alle psychische Besetzung von der Außenwelt
auf das eigene Ich zurückgezogen wurde, und sie ermöglicht nun
die frühzeitige Erkennung von körperlichen Veränderungen, die im
Wachleben noch eine Weile unbemerkt geblieben wären.
Ein Traum zeigt uns an, daß etwas vorging, was den Schlaf
stören wollte, und gestattet uns Einsicht in die Art, wie diese
Störung abgewehrt werden konnte. Am Ende hat der Schlafende
geträumt und kann seinen Schlaf fortsetzen; an Stelle des inneren
Anspruches, der ihn beschäftigen wollte, ist ein äußeres Erlebnis
getreten, dessen Anspruch erledigt worden ist. Ein Traum ist
also auch eine Projektion, eine Veräußerlichung eines inneren
Vorganges. Wir erinnern uns, daß wir die Projektion bereits an
anderer Stelle unter den Mitteln der Abwehr begegnet haben.
Auch der Mechanismus der hysterischen Phobie gipfelte darin,
daß das Individuum sich durch Fluchtversuche vor einer äußeren
Gefahr schützen durfte, welche an die Stelle eines inneren Trieb-
anspruches getreten war. Eine gründliche Erörterung der Projek-
tion sparen wir uns aber auf, bis wir zur Zergliederung jener
narzißtischen Affektion gekommen sind, bei welcher dieser
Mechanismus die auffälligste Rolle spielt.
Auf welche Weise kann aber der Fall herbeigeführt werden,
daß die Absicht zu schlafen eine Störung erfährt? Die Störung
kann von innerer Erregung oder von äußerem Reiz ausgehen.
Wir wollen den minder durchsichtigen und interessanteren Fall
der Störung von innen zuerst in Betracht ziehen ; die Erfahrung
zeigt uns als Erreger des Traumes Tagesreste, Denkbesetzungen,
welche sich der allgemeinen Abziehung der Besetzungen nicht
gefügt und ihr zum Trotz ein gewisses Maß von libidinösem
oder anderem Interesse behalten haben. Der Narzißmus des
Schlafes hat also hier von vornherein eine Ausnahme zulassen
müssen, und mit dieser hebt die Traumbildung an. Diese Tages-
reste lernen wir in der Analyse als latente Traumgedanken
kennen und müssen sie nach ihrer Natur wie zufolge der ganzen
Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre 533
Situation als vorbewußte Vorstellungen, als Angehörige des
Systems Vbw gelten lassen.
Die weitere Aufklärung der Traumbildung gelingt nicht ohne
Überwindung gewisser Schwierigkeiten. Der Narzißmus des
Schlafzustandes bedeutet ja die Abziehung der Besetzung von
allen Objektvorstellungen, sowohl der unbewußten wie der vor-
bewußten Anteile derselben. Wenn also gewisse „Tagesreste"
besetzt geblieben sind, so hat es Bedenken anzunehmen, daß
diese zur Nachtzeit soviel Energie erwerben, um sich die Be-
achtung des Bewußtseins zu erzwingen; man ist eher geneigt
anzunehmen, daß die ihnen verbliebene Besetzung um vieles
schwächer ist, als die ihnen tagsüber eigen war. Die Analyse
überhebt uns hier weiterer Spekulationen, indem sie uns nach-
weist, daß diese Tagesreste eine Verstärkung aus den Quellen
unbewußter Triebregungen bekommen müssen, wenn sie als
Traumbildner auftreten sollen. Diese Annahme hat zunächst
keine Schwierigkeiten, denn wir müssen glauben, daß die Zensur
zwischen Vbw und Ubw im Schlafe sehr herabgesetzt, der Ver-
kehr zwischen beiden Systemen also eher erleichtert ist.
Aber ein anderes Bedenken darf nicht verschwiegen werden.
Wenn der narzißtische Schlafzustand die Einziehung aller Be-
setzungen der Systeme Ubw und Vbw zur Folge gehabt hat, so
entfällt ja auch die Möglichkeit, daß die vorbewußten Tages-
reste eine Verstärkung aus den unbewußten Triebregungen be-
ziehen, die selbst ihre Besetzungen an das Ich abgegeben haben.
Die Theorie der Traumbildung läuft hier in einen Widerspruch
aus, oder sie muß durch eine Modifikation der Annahme über
den Schlafnarzißmus gerettet werden.
Eine solche einschränkende Annahme wird, wie sich später
ergeben soll, auch in der Theorie der Dementia praecox unab-
weisbar. Sie kann nur lauten, daß der verdrängte Anteil des
Systems Ubw dem vom Ich ausgehenden Schlafwunsche nicht
gehorcht, seine Besetzung ganz oder teilweise behält und sich
524 Metapsychologie
überhaupt infolge der Verdrängung ein gewisses Maß von Un-
abhängigkeit vom Ich geschaffen hat. In weiterer Entsprechung
müßte auch ein gewisser Betrag des Verdrängungsaufwandes (der
Gegenbesetzung) die Nacht über aufrecht erhalten werden,
um der Triebgefahr zu begegnen, obwohl die Unzugänglichkeit
aller Wege zur Affektentbindung und zur Motilität die Höhe
der notwendigen Gegenbesetzung erheblich herabsetzen mag.
Wir würden uns also die zur Traumbildung führende Situation
folgender Art ausmalen: Der Schlaf wünsch versucht alle vom
Ich ausgeschickten Besetzungen einzuziehen und einen absoluten
Narzißmus herzustellen. Das kann nur teilweise gelingen, denn
das Verdrängte des Systems Ubw folgt dem Schlafwunsche nicht.
Es muß also auch ein Teil der Gegenbesetzungen aufrecht er-
halten werden und die Zensur zwischen Ubw und Vbw, wenn-
gleich nicht in voller Stärke, verbleiben. Soweit die Herrschaft
des Ichs reicht, sind alle Systeme von Besetzungen entleert. Je
stärker die ubw Triebbesetzungen sind, desto labiler ist der
Schlaf. Wir kennen auch den extremen Fall, daß das Ich den
Schlafwunsch aufgibt, weil es sich unfähig fühlt, die während
des Schlafes frei gewordenen verdrängten Regungen zu hemmen,
mit anderen Worten, daß es auf den Schlaf verzichtet, weil es
sich vor seinen Träumen fürchtet.
Wir werden später die Annahme von der Widersetzlichkeit
der verdrängten Regungen als eine folgenschwere schätzen lernen.
Verfolgen wir nun die Situation der Traumbildung weiter.
Als zweiten Einbruch in den Narzißmus müssen wir die vor-
hin erwähnte Möglichkeit würdigen, daß auch einige der vor-
bewußten Tagesgedanken sich resistent erweisen und einen Teil
ihrer Besetzung festhalten. Die beiden Fälle können im Grunde
identisch sein 5 die Resistenz der Tagesreste mag sich auf die
bereits im Wachleben bestehende Verknüpfung mit unbewußten
Regungen zurückführen, oder es geht etwas weniger einfach zu,
und die nicht ganz entleerten Tagesreste setzen sich erst im
Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre
525
Schlafzustand, dank der erleichterten Kommunikation zwischen
Vbw und Ubw, mit dem Verdrängten in Beziehung. In beiden
Fällen erfolgt nun der nämliche entscheidende Fortschritt der
Traumbildung: Es wird der vorbewußte Traumwunsch geformt,
welcher der unbewußten Regung Ausdruck gibt in dem
Material der vorbewußten Tagesreste. Diesen Traumwunsch
sollte man von den Tagesresten scharf unterscheiden; er muß im
Wachleben nicht bestanden haben, er kann bereits den irratio-
nellen Charakter zeigen, den alles Unbewußte an sich trägt,
wenn man es ins Bewußte übersetzt. Der Traumwunsch darf
auch nicht mit den Wunschregungen verwechselt werden, die
sich möglicherweise, aber gewiß nicht notwendigerweise, unter
den vorbewußten (latenten) Traumgedanken befunden haben.
Hat es aber solche vorbewußte Wünsche gegeben, so gesellt
sich ihnen der Traumwunsch als wirksamste Verstärkung hinzu.
Es handelt sich nun um die weiteren Schicksale dieser in
ihrem Wesen einen unbewußten Triebanspruch vertretenden
Wunschregung, die sich im Vbw als Traumwunsch (wunscher-
füllende Phantasie) gebildet hat. Sie könnte ihre Erledigung auf
drei verschiedenen Wegen finden, sagt uns die Überlegung. Ent-
weder auf dem Wege, der im Wachleben der normale wäre,
aus dem Vbw zum Bewußtsein drängen, oder sich mit Umgehung
des Bw direkte motorische Abfuhr schaffen, oder den unver-
muteten Weg nehmen, den uns die Beobachtung wirklich ver-
folgen läßt. Im ersteren Falle würde sie zu einer Wahnidee
mit dem Inhalt der Wunscherfüllung, aber das geschieht im
Schlafzustande nie. (Mit den metapsychologischen Bedingungen
der seelischen Prozesse so wenig vertraut, können wir aus dieser
Tatsache vielleicht den Wink entnehmen, daß die völlige Ent-
leerung eines Systems es für Anregungen wenig ansprechbar
macht.) Der zweite Fall, die direkte motorische Abfuhr, sollte
durch das nämliche Prinzip ausgeschlossen sein, denn der Zu-
gang zur Motilität liegt normalerweise noch ein Stück weiter
526 Metapsychologie
weg von der Bewußtseinszensur, aber er kommt ausnahmsweise
als Somnambulismus zur Beobachtung. Wir wissen nicht, welche
Bedingungen dies ermöglichen, und warum er sich nicht häu-
figer ereignet. Was bei der Traumbildung wirklich geschieht, ist
eine sehr merkwürdige und ganz unvorhergesehene Entscheidung.
Der im Vbw angesponnene und durch das Ubw verstärkte
Vorgang nimmt einen rückläufigen Weg durch das Ubw zu
der dem Bewußtsein sich aufdrängenden Wahrnehmung. Diese
Regression ist die dritte Phase der Traumbildung. Wir
wiederholen hier zur Übersicht die früheren: Verstärkung
der vbw Tagesreste durch das Ubw — Herstellung des Traum-
wunsches.
Wir heißen eine solche Regression eine topische zum Unter-
schied von der vorhin erwähnten zeitlichen oder entwicklungs-
geschichtlichen. Die beiden müssen nicht immer zusammenfallen,
tun es aber gerade in dem uns vorliegenden Beispiele. Die
Rückwendung des Ablaufes der Erregung vom Vbw durch das
Ubw zur Wahrnehmung ist gleichzeitig die Rückkehr zu der
frühen Stufe der halluzinatorischen Wunscherfüllung.
Es ist aus der „Traumdeutung" bekannt, in welcher Weise
die Regression der vorbewußten Tagesreste bei der Traumbildung
vor sich geht. Gedanken werden dabei in — vorwiegend visuelle —
Bilder umgesetzt, also Wortvorstellungen auf die ihnen ent-
sprechenden Sachvorstellungen zurückgeführt, im ganzen so, als
ob eine Rücksicht auf Darstellbarkeit den Prozeß beherrschen
würde. Nach vollzogener Regression erübrigt eine Reihe von
Besetzungen im System Ubw, Besetzungen von Sacherinnerungen,
auf welche der psychische Primärvorgang einwirkt, bis er durch
deren Verdichtung und Verschiebung der Besetzungen zwischen
ihnen den manifesten Trauminhalt gestaltet hat. Nur wo die
Wortvorstellungen in den Tagesresten frische, aktuelle Reste von
Wahrnehmungen sind, nicht Gedankenausdruck, werden sie wie
Sachvorstellungen behandelt und unterliegen an sich den Ein-
Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre 527
Aussen der Verdichtung und Verschiebung. Daher die in der
Traumdeutung gegebene, seither zur Evidenz bestätigte Regel,
daß Worte und Reden im Trauminhalt nicht neugebildet,
sondern Reden des Traumtages (oder sonstigen frischen Ein-
drücken, auch aus Gelesenem) nachgebildet werden. Es ist sehr
bemerkenswert, wie wenig die Traumarbeit an den Wortvor-
stellungen festhält; sie ist jederzeit bereit, die Worte miteinander
zu vertauschen, bis sie jenen Ausdruck findet, welcher der
plastischen Darstellung die günstigste Handhabe bietet. 1
In diesem Punkte zeigt sich nun der entscheidende Unterschied
zwischen der Traumarbeit und der Schizophrenie. Bei letzterer
werden die Worte selbst, in denen der vorbewußte Gedanke
ausgedrückt war, Gegenstand der Bearbeitung durch den Primär-
vorgang; im Traume sind es nicht die Worte, sondern die Sach-
vorstellungen, auf welche die Worte zurückgeführt wurden. Der
Traum kennt eine topische Regression, die Schizophrenie nicht;
beim Traume ist der Verkehr zwischen (vbw) Wortbesetzungen
und (vbw) Sachbesetzungen frei; für die Schizophrenie bleibt
charakteristisch, daß er abgesperrt ist. Der Eindruck dieser Ver-
schiedenheit wird gerade durch die Traumdeutungen, die wir
in der psychoanalytischen Praxis vornehmen, abgeschwächt. Indem
die Traumdeutung den Verlauf der Traumarbeit aufspürt, die
1) Der Rücksicht auf Darstellbarkeit schreibe ich auch die von Silber er be-
tonte und vielleicht von ihm überschätzte Tatsache zu, daß manche Träume zwei
gleichzeitig zutreffende und doch wesensverschiedene Deutungen gestatten, von denen
Silberer die eine die analytische, die andere die anagogische heißt. Es handelt
sich dann immer um Gedanken von sehr abstrakter Natur, die der Darstellung im
Traume große Schwierigkeiten bereiten mußten. Man halte sich zum Vergleiche
etwa die Aufgabe vor, den Leitartikel einer politischen Zeitung durch Illustrationen
zu ersetzen! In solchen Fällen muß die Traumarbeit den abstrakten Gedankentext
erst durch einen konkreteren ersetzen, welcher mit ihm irgendwie durch Vergleich,
Symbolik, allegorische Anspielung, am besten aber genetisch verknüpft ist, und der
nun an seiner Stelle Material der Traumarbeit wird. Die abstrakten Gedanken er-
geben die sogenannte anagogische Deutung, die wir bei der Deutungsarbeit leichter
erraten als die eigentlich analytische. Nach einer richtigen Bemerkung von 0. Rank
sind gewisse Kurträume von analytisch behandelten Patienten die besten Vorbilder
für die Auffassung solcher Träume mit mehrfacher Deutung.
528 Metapsychologie
Wege verfolgt, die von den latenten Gedanken zu den Traum-
elementen führen, die Ausbeutung der Wortzweideutigkeiten
aufdeckt und die Wortbrücken zwischen verschiedenen Material-
kreisen nachweist, macht sie einen bald witzigen, bald schizo-
phrenen Eindruck und läßt uns daran vergessen, daß alle Opera-
tionen an Worten für den Traum nur Vorbereitung zur Sach-
regression sind.
Die Vollendung des Traumvorganges liegt darin, daß der
regressiv verwandelte, zu einer Wunschphantasie umgearbeitete
Gedankeninhalt als sinnliche Wahrnehmung bewußt wird, wobei
er die sekundäre Bearbeitung erfährt, welcher jeder Wahrneh-
mungsinhalt unterliegt. Wir sagen, der Traumwunsch wird
halluziniert und findet als Halluzination den Glauben an die
Realität seiner Erfüllung. Gerade an dieses abschließende Stück
der Traumbildung knüpfen sich die stärksten Unsicherheiten, zu
deren Klärung wir den Traum in Vergleich mit ihm verwandten
pathologischen Zuständen bringen wollen.
Die Bildung der Wunschphantasie und deren Regression zur
Halluzination sind die wesentlichsten Stücke der Traumarbeit,
doch kommen sie ihm nicht ausschließend zu. Vielmehr finden
sie sich ebenso bei zwei krankhaften Zuständen, bei der akuten
halluzinatorischen Verworrenheit, der Amentia (Meynerts), und
in der halluzinatorischen Phase der Schizophrenie. Das halluzi-
natorische Delir der Amentia ist eine deutlich kennbare Wunsch-
phantasie, oft völlig geordnet wie ein schöner Tagtraum. Man
könnte ganz allgemein von einer halluzinatorischen Wunsch-
psychose sprechen und sie dem Traume wie der Amentia in
gleicher Weise zuerkennen. Es kommen auch Träume vor, welche
aus nichts anderem als aus sehr reichhaltigen, unentstellten Wunsch-
phantasien bestehen. Die halluzinatorische Phase der Schizophrenie
ist minder gut studiert ; sie scheint in der Regel zusammenge-
setzter Natur zu sein, dürfte aber im wesentlichen einem neuen
Restitutionsversuch entsprechen, der die libidinöse Besetzung zu
Metapsychologische Er gänzung zur Traumlehre 529
den Objektvorstellungen zurückbringen will. 1 Die anderen hallu-
zinatorischen Zustände bei mannigfaltigen pathologischen Affek-
tionen kann ich nicht zum Vergleich heranziehen, weil ich hier
weder über eigene Erfahrung verfüge, noch die Anderer ver-
werten kann.
Machen wir uns klar, daß die halluzinatorische Wunschpsychose —
im Traume oder anderwärts — zwei keineswegs ineinander fal-
lende Leistungen vollzieht. Sie bringt nicht nur verborgene oder
verdrängte Wünsche zum Bewußtsein, sondern stellt sie auch
unter vollem Glauben als erfüllt dar. Es gilt dieses Zusammen-
treffen zu verstehen. Man kann keineswegs behaupten, die un-
bewußten Wünsche müßten für Realitäten gehalten werden,
nachdem sie einmal bewußt geworden sind, denn unser Urteil
ist bekanntermaßen sehr wohl imstande, Wirklichkeiten von
noch so intensiven Vorstellungen und Wünschen zu unterscheiden.
Dagegen scheint es gerechtfertigt anzunehmen, daß der Realitäts-
glaube an die Wahrnehmung durch die Sinne geknüpft ist.
Wenn einmal ein Gedanke den Weg zur Regression bis zu den
unbewußten Objekterinnerungsspuren und von da bis zur Wahr-
nehmung gefunden hat, so anerkennen wir seine Wahrnehmung
als real. Die Halluzination bringt also den Realitätsglauben mit
sich. Es fragt sich nun, welches die Bedingung für das Zustande-
kommen einer Halluzination ist. Die erste Antwort würde lauten:
Die Regression, und somit die Frage nach der Entstehung der
Halluzination durch die nach dem Mechanismus der Regression
ersetzen. Die Antwort darauf brauchten wir für den Traum
nicht lange schuldig zu bleiben. Die Regression der vbw Traum-
gedanken zu den Sacherinnerungsbildern ist offenbar die Folge
der Anziehung, welche diese ubw Triebrepräsentanzen — z. B.
verdrängte Erlebniserinnerungen — auf die in Worte gefaßten
Gedanken ausüben. Allein wir merken bald, daß wir auf falsche
1) Als ersten solchen Versuch haben wir in der Abhandlung über das »Unbe-
wußte" die Überbesetzung der Wortvorstellungen kennen gelernt.
Freud, V.
53° Metapsychologie
Fährte geraten sind. Wäre das Geheimnis der Halluzination kein
anderes als das der Regression, so müßte jede genug intensive
Regression eine Halluzination mit Realitätsglauben ergeben. Wir
kennen aber sehr wohl die Fälle, in denen ein regressives Nach-
denken sehr deutliche visuelle Erinnerungsbilder zum Bewußtsein
bringt, die wir darum keinen Augenblick für reale Wahrnehmung
halten. Wir könnten uns auch sehr wohl vorstellen, daß die
Traumarbeit bis zu solchen Erinnerungsbildern vordringt, uns
die bisher unbewußten bewußt macht und uns eine Wunsch-
phantasie vorspiegelt, die wir sehnsüchtig empfinden, aber nicht
als die reale Erfüllung des Wunsches anerkennen würden. Die
Halluzination muß also mehr sein als die regressive Belebung
der an sich ubw Erinnerungsbilder.
Halten wir uns noch vor, daß es von großer praktischer Be-
deutung ist, Wahrnehmungen von noch so intensiv erinnerten
Vorstellungen zu unterscheiden. Unser ganzes Verhältnis zur
Außenwelt, zur Realität, hängt von dieser Fähigkeit ab. Wir
haben die Fiktion aufgestellt, daß wir diese Fähigkeit nicht
immer besaßen, und daß wir zu Anfang unseres Seelenlebens
wirklich das befriedigende Objekt halluzinierten, wenn wir das
Bedürfnis nach ihm verspürten. Aber die Befriedigung blieb in
solchem Falle aus, und der Mißerfolg muß uns sehr bald be-
wogen haben, eine Einrichtung zu schaffen, mit deren Hilfe
eine solche Wunschwahrnehmung von einer realen Erfüllung unter-
schieden und im weiteren vermieden werden konnte. Wir haben
mit anderen Worten sehr frühzeitig die halluzinatorische Wunsch-
befriedigung aufgegeben und eine Art der Realitätsprüfung
eingerichtet. Die Frage erhebt sich nun, worin bestand diese
Realitätsprüfung, und wie bringt es die halluzinatorische Wunsch-
psychose des Traumes und der Amentia u. dgl. zu stände, sie aufzu-
heben und den alten Modus der Befriedigung wieder herzustellen.
Die Antwort läßt sich geben, wenn wir nun daran gehen, das
dritte unserer psychischen Systeme, das System Bw, welches wir
Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre 551
bisher vom Vbw nicht scharf gesondert haben, näher zu be-
stimmen. Wir haben uns schon in der Traumdeutung ent-
schließen müssen, die bewußte Wahrnehmung als die Leistung
eines besonderen Systems in Anspruch zu nehmen, dem wir ge-
wisse merkwürdige Eigenschaften zugeschrieben haben und mit
guten Gründen noch weitere Charaktere beilegen werden. Dieses
dort W genannte System bringen wir zur Deckung mit dem
System Bw, an dessen Arbeit in der Regel das Bewußtwerden
hängt. Noch immer aber deckt sich die Tatsache des Bewußt-
werdens nicht völlig mit der Systemzugehörigkeit, denn wir haben
ja erfahren, daß sinnliche Erinnerungsbilder bemerkt werden
können, denen wir unmöglich einen psychischen Ort im System
Bw oder W zugestehen können.
Allein die Behandlung dieser Schwierigkeit darf wiederum
aufgeschoben werden, bis wir das System Bw selbst als Mittel-
punkt unseres Interesses einstellen können. Für unseren gegen-
wärtigen Zusammenhang darf uns die Annahme gestattet werden,
daß die Halluzination in einer Besetzung des Systems Bw (W)
besteht, die aber nicht wie normal von außen, sondern von innen
her erfolgt, und daß sie zur Bedingung hat, die Regression
müsse so weit gehen, daß sie dies System selbst erreicht und sich
dabei über die Realitätsprüfung hinaussetzen kann. 1
Wir haben in einem früheren Zusammenhang („Triebe und
Triebschicksale") für den noch hilflosen Organismus die Fähigkeit
in Anspruch genommen, mittels seiner Wahrnehmungen eine
erste Orientierung in der Welt zu schaffen, indem er „außen
und „innen" nach der Beziehung zu einer Muskelaktion unter-
scheidet. Eine Wahrnehmung, die durch eine Aktion zum Ver-
schwinden gebracht wird, ist als eine äußere, als Realität er-
kannt; wo solche Aktion nichts ändert, kommt die Wahrnehmung
aus dem eigenen Körperinnern, sie ist nicht real. Es ist dem
1) Ich füge ergänzend hinzu, daß ein Erklärungsversuch der Halluzination nicht
an der positiven, sondern vielmehr an der negativen Halluzination angreifen müßte.
54"
53 2 Metapsychologie
Individuum wertvoll, daß es ein solches Kennzeichen der Realität
besitzt, welches gleichzeitig eine Abhilfe gegen sie bedeutet, und
es wollte gern mit ähnlicher Macht gegen seine oft unerbitt-
lichen Triebansprüche ausgestattet sein. Darum wendet es solche
Mühe daran, was ihm von innen her beschwerlich wird, nach
außen zu versetzen, zu projizieren.
Diese Leistung der Orientierung in der Welt durch Unter-
scheidung von innen und außen müssen wir nun nach einer
eingehenden Zergliederung des seelischen Apparates dem System
Bw (W) allein zuschreiben. Bw muß über eine motorische Inner-
vation verfügen, durch welche festgestellt wird, ob die Wahr-
nehmung zum Verschwinden zu bringen ist oder sich resistent
verhält. Nichts anderes als diese Einrichtung braucht die Reali-
tätsprüfung zu sein. 1 Näheres darüber können wir nicht aus-
sagen, da Natur und Arbeitsweise des Systems Bw noch zu wenig
bekannt sind. Die Realitätsprüfung werden wir als eine der großen
Institutionen des Ichs neben die uns bekannt gewordenen
Zensuren zwischen den psychischen Systemen hinstellen und
erwarten, daß uns die Analyse der narzißtischen Affektionen
andere solcher Institutionen aufzudecken verhilft.
Hingegen können wir schon jetzt aus der Pathologie erfahren,
auf welche Weise die Realitätsprüfung aufgehoben oder außer
Tätigkeit gesetzt werden kann, und zwar werden wir es in der
Wunschpsychose, der Amentia, unzweideutiger erkennen als am
Traum: Die Amentia ist die Reaktion auf einen Verlust, den
die Realität behauptet, der aber vom Ich als unerträglich ver-
leugnet werden soll. Darauf bricht das Ich die Beziehung zur
Realität ab, es entzieht dem System der Wahrnehmungen Bw
die Besetzung oder vielleicht besser eine Besetzung, deren be-
sondere Natur noch Gegenstand einer Untersuchung werden kann.
Mit dieser Abwendung von der Realität ist die Realitätsprüfung
1) Über die Unterscheidung einer Aktualitäts- von einer Realitätsprüfung siehe an
späterer Stelle.
Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre 553
beseitigt, die — unverdrängten, durchaus bewußten — Wunsch-
phantasien können ins System vordringen und werden von dort
aus als bessere Realität anerkannt. Eine solche Entziehung darf
den Verdrängungsvorgängen beigeordnet werden; die Amentia
bietet uns das interessante Schauspiel einer Entzweiung des Ichs
mit einem seiner Organe, welches ihm vielleicht am getreuesten
diente und am innigsten verbunden war. 1
Was bei der Amentia die „Verdrängung" leistet, das macht
beim Traum der freiwillige Verzicht. Der Schlafzustand will
nichts von der Außenwelt wissen, interessiert sich nicht für die
Realität oder nur insoweit, als das Verlassen des Schlafzustandes,
das Erwachen, in Betracht kommt. Er zieht also auch die Be-
setzung vom System Bw ab, wie von den anderen Systemen,
dem Vbw und dem Ubw, soweit die in ihnen vorhandenen
Positionen dem Schlafwunsch gehorchen. Mit dieser Unbesetztheit
des Systems Bw ist die Möglichkeit einer Realitätsprüfung auf-
gegeben, und die Erregungen, welche vom Schlafzustand unab-
hängig den Weg der Regression eingeschlagen haben, werden
ihn frei finden bis zum System Bw, in welchem sie als un-
bestrittene Realität gelten werden. 2 Für die halluzinatorische
Psychose der Dementia praecox werden wir aus unseren Er-
wägungen ableiten, daß sie nicht zu den Eingangssymptomen
der Affektion gehören kann. Sie wird erst ermöglicht, wenn das
Ich des Kranken soweit zerfallen ist, daß die Realitätsprüfung
nicht mehr die Halluzination verhindert.
1) Man kann von hier aus die Vermutung wagen, daß auch die toxischen Halluzi-
nosen, z. B. das Alkoholdelirium, in analoger Weise zu verstehen sind. Der uner-
trägliche Verlust, der von der Realität auferlegt wird, wäre eben der des Alkohols,
Zuführung desselben hebt die Halluzinationen auf.
2) Das Prinzip der Unerregbarkeit unbesetzter Systeme erscheint hier für das Bw
(W) außer Kraft gesetzt. Aber es kann sich um nur teilweise Aufhebung der Besetzung
handeln, und gerade für das Wahrnehmungssystem werden wir eine Anzahl von Er-
regungsbedingungen annehmen müssen, die von denen anderer Systeme weit ab-
weichen. — Der unsicher tastende Charakter dieser metapsychologischen Erörterungen
soll natürlich in keiner Weise verschleiert oder beschönigt werden. Erst weitere Ver-
tiefung kann zu einem gewissen Grade von Wahrscheinlichkeit führen.
554 Metapsychologie
Zur Psychologie der Traumvorgänge erhalten wir das Resul-
tat, daß alle wesentlichen Charaktere des Traumes durch die
Bedingung des Schlafzustandes determiniert werden. Der alte
Aristoteles behält mit seiner unscheinbaren Aussage, der Traum
sei die seelische Tätigkeit des Schlafenden, in allen Stücken recht.
Wir konnten ausführen: Ein Rest von seelischer Tätigkeit, da-
durch ermöglicht, daß sich der narzißtische Schlafzustand nicht aus-
nahmslos durchsetzen ließ. Das lautet ja nicht viel anders, als was
Psychologen und Philosophen von jeher gesagt haben, ruht aber
auf ganz abweichenden Ansichten über den Bau und die Leistung
des seelischen Apparates, die den Vorzug vor den früheren haben,
daß sie auch alle Einzelheiten des Traumes unserem Verständnis
nahe bringen konnten.
Werfen wir am Ende noch einen Blick auf die Bedeutung,
welche eine Topik des Verdrängungsvorganges für unsere Ein-
sicht in den Mechanismus der seelischen Störungen gewinnt.
Beim Traum betrifft die Entziehung der Besetzung (Libido,
Interesse) alle Systeme gleichmäßig, bei den Übertragungsneu-
rosen wird die Vbw Besetzung zurückgezogen, bei der Schizo-
phrenie die des Ubw, bei der Amentia die des Bw.
TRAUER UND MELANCHOLIE
Nachdem uns der Traum als Normalvorbild der narzißtischen
Seelenstörungen gedient hat, wollen wir den Versuch machen,
das Wesen der Melancholie durch ihre Vergleichung mit dem
Normalaffekt der Trauer zu erhellen. Wir müssen aber diesmal
ein Bekenntnis vorausschicken, welches vor Überschätzung des
Ergebnisses warnen soll. Die Melancholie, deren Begriffsbe-
stimmung auch in der deskriptiven Psychiatrie schwankend ist,
tritt in verschiedenartigen klinischen Formen auf, deren Zusammen-
fassung zur Einheit nicht gesichert scheint, von denen einige
eher an somatische als an psychogene Affektionen mahnen. Unser
Material beschränkt sich, abgesehen von den Eindrücken, die
jedem Beobachter zu Gebote stehen, auf eine kleine Anzahl von
Fällen, deren psychogene Natur keinem Zweifel unterlag. So
werden wir den Anspruch auf allgemeine Gültigkeit unserer Er-
gebnisse von vornherein fallen lassen und uns mit der Erwägung
trösten, daß wir mit unseren gegenwärtigen Forschungsmitteln
kaum etwas finden können, was nicht typisch wäre, wenn
nicht für eine ganze Klasse von Affektionen, so doch für eine
kleinere Gruppe.
Die Zusammenstellung von Melancholie und Trauer erscheint
durch das Gesamtbild der beiden Zustände gerechtfertigt. 1 Auch
die Anlässe zu beiden aus den Lebenseinwirkungen fallen dort,
wo sie überhaupt durchsichtig sind, zusammen. Trauer ist regel-
1) Auch Abraham, dem wir die bedeutsamste unter den wenigen analytischen
Studien über den Gegenstand verdanken, ist von dieser Vergleichung ausgegangen.
(Zentralblatt für Psychoanalyse, II, 6, 1912.)
53 ^ Metapsychologie
mäßig die Reaktion auf den Verlust einer geliebten Person oder
einer an ihre Stelle gerückten Abstraktion wie Vaterland, Frei-
heit, ein Ideal usw. Unter den nämlichen Einwirkungen zeigt
sich bei manchen Personen, die wir darum unter den Verdacht
einer krankhaften Disposition setzen, an Stelle der Trauer eine
Melancholie. Es ist auch sehr bemerkenswert, daß es uns niemals
einfällt, die Trauer als einen krankhaften Zustand zu betrachten
und dem Arzt zur Behandlung zu übergeben, obwohl sie schwere
Abweichungen vom normalen Lebensverhalten mit sich bringt.
Wir vertrauen darauf, daß sie nach einem gewissen Zeitraum
überwunden sein wird, und halten eine Störung derselben für
unzweckmäßig, selbst für schädlich.
Die Melancholie ist seelisch ausgezeichnet durch eine tief
schmerzliche Verstimmung, eine Aufhebung des Interesses für
die Außenwelt, durch den Verlust der Liebesfähigkeit, durch die
Hemmung jeder Leistung und die Herabsetzung des Selbst-
gefühls, die sich in Selbstvorwürfen und Selbstbeschimpfungen
äußert und bis zur wahnhaften Erwartung von Strafe steigert.
Dies Bild wird unserem Verständnis näher gerückt, wenn wir
erwägen, daß die Trauer dieselben Züge aufweist, bis auf einen
einzigen; die Störung des Selbstgefühls fällt bei ihr weg. Sonst
aber ist es dasselbe. Die schwere Trauer, die Reaktion auf den
Verlust einer geliebten Person, enthält die nämliche schmerz-
liche Stimmung, den Verlust des Interesses für die Außenwelt —
soweit sie nicht an den Verstorbenen mahnt, — den Verlust der
Fähigkeit, irgend ein neues Liebesobjekt zu wählen — was den
Betrauerten ersetzen hieße, — die Abwendung von jeder Leistung,
die nicht mit dem Andenken des Verstorbenen in Beziehung steht.
Wir fassen es leicht, daß diese Hemmung und Einschränkung
des Ichs der Ausdruck der ausschließlichen Hingabe an die Trauer
ist, wobei für andere Absichten und Interessen nichts übrig bleibt.
Eigentlich erscheint uns dieses Verhalten nur darum nicht patho-
logisch, weil wir es so gut zu erklären wissen.
Trauer und Melancholie 5x7
Wir werden auch den Vergleich gutheißen, der die Stimmung
der Trauer eine „schmerzliche" nennt. Seine Berechtigung wird
uns wahrscheinlich einleuchten, wenn wir im stände sind, den
Schmerz ökonomisch zu charakterisieren.
Worin besteht nun die Arbeit, welche die Trauer leistet? Ich
glaube, daß es nichts Gezwungenes enthalten wird, sie in folgender
Art darzustellen: Die Realitätsprüfung hat gezeigt, daß das ge-
liebte Objekt nicht mehr besteht, und erläßt nun die Aufforderung,
alle Libido aus ihren Verknüpfungen mit diesem Objekt abzu-
ziehen. Dagegen erhebt sich ein begreifliches Sträuben, — es
ist allgemein zu beobachten, daß der Mensch eine Libidoposition
nicht gern verläßt, selbst dann nicht, wenn ihm Ersatz bereits
winkt. Dies Sträuben kann so intensiv sein, daß eine Abwendung
von der Realität und ein Festhalten des Objekts durch eine
halluzinatorische Wunschpsychose (siehe die vorige Abhandlung)
zu stände kommt. Das Normale ist, daß der Respekt vor der
Realität den Sieg behält. Doch kann ihr Auftrag nicht sofort er-
füllt werden. Er wird nun im einzelnen unter großem Aufwand
von Zeit und Besetzungsenergie durchgeführt und unterdes die
Existenz des verlorenen Objekts psychisch fortgesetzt. Jede ein-
zelne der Erinnerungen und Erwartungen, in denen die Libido
an das Objekt geknüpft war, wird eingestellt, überbesetzt und an
ihr die Lösung der Libido vollzogen. Warum diese Kompromiß-
leistung der Einzeldurchführung des Realitätsgebotes so außer-
ordentlich schmerzhaft ist, läßt sich in ökonomischer Begründung
gar nicht leicht angeben. Es ist merkwürdig, daß uns diese
Schmerzunlust selbstverständlich erscheint. Tatsächlich wird aber
das Ich nach der Vollendung der Trauerarbeit wieder frei und
ungehemmt.
Wenden wir nun auf die Melancholie an, was wir von der
Trauer erfahren haben. In einer Reihe von Fällen ist es offen-
bar, daß auch sie Reaktion auf den Verlust eines geliebten Objekts
sein kann 5 bei anderen Veranlassungen kann man erkennen, daß
558 Metapsychologie
der Verlust von mehr ideeller Natur ist. Das Objekt ist nicht
etwa real gestorben, aber es ist als Liebesobjekt verlorengegangen
(z. B. der Fall einer verlassenen Braut.) In noch anderen Fällen
glaubt man an der Annahme eines solchen Verlustes festhalten
zu sollen, aber man kann nicht deutlich erkennen, was verloren
wurde, und darf um so eher annehmen, daß auch der Kranke
nicht bewußt erfassen kann, was er verloren hat. Ja, dieser Fall
könnte auch dann noch vorliegen, wenn der die Melancholie
veranlassende Verlust dem Kranken bekannt ist, indem er zwar
weiß wen, aber nicht, was er an ihm verloren hat. So würde
uns nahe gelegt, die Melancholie irgendwie auf einen dem Be-
wußtsein entzogenen Objektverlust zu beziehen, zum Unterschied
von der Trauer, bei welcher nichts an dem Verlust