(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Gesammelte Schriften V Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie / Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre / Metapsychologie"






^i/UA. (jWfftf+y , 



W* 









SIGM. FREUD 

GESAMMELTE 
SCHRIFTEN 

v 






I 






GESAMMELTE 
SCHRIFTEN 



VON 



SIGM. FREUD 



FÜNFTER BAND 

DREI ABHANDLUNGEN ZUR SEXUAL- 
THEORIE / ARBEITEN ZUM SEXUAL- 
LEBEN UND ZUR NEUROSENLEHRE / 
METAPSYCHOLOGIE 



INTERNATIONALER 

PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

LEIPZIG / WIEN / ZÜRICH 






Die Herausgabe dieses Bandes besorgten 

unter Mitwirkung des Verfassers 

Anna Freud, Otto Rank und A. J. Storfer 



Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung vorbehalten 

Copyright 1924 by „Internationaler Psychoanalytischer 
Verlag, Ges. m. b. H.' ( , Wien 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Gesellschaft für graphische Industrie, Wien, III., Rüdengassc 11 






DREI ABHANDLUNGEN 
ZUR SEXUALTHEORIE 



4 



Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



genetischen Vorgang bemerkbar. Im Grunde aber ist die Disposition 
eben der Niederschlag eines früheren Erlebens der Art, zu welchem das 
neuere Erleben des Einzelwesens als Summe der akzidentellen Momente 
hinzukommt. 

Neben der durchgängigen Abhängigkeit von der psychoanalytischen 
Forschung muß ich die vorsätzliche Unabhängigkeit von der biologischen 
Forschung als Charakter dieser meiner Arbeit hervorheben. Ich habe es 
sorgfältig vermieden, wissenschaftliche Erwartungen aus der allgemeinen 
Sexualbiologie oder aus der spezieller Tierarten in das Studium einzutragen, 
welches uns an der Sexualfunktion des Menschen durch die Technik der 
Psychoanalyse ermöglicht wird. Mein Ziel war allerdings zu erkunden, 
wieviel zur Biologie des menschlichen Sexuallebens mit den Mitteln der 
psychologischen Erforschung zu erraten ist; ich durfte auf Anschlüsse und 
Übereinstimmungen hinweisen, die sich bei dieser Untersuchung ergaben, 
aber ich brauchte mich nicht beirren zu lassen, wenn die psycho- 
analytische Methode in manchen wichtigen Punkten zu Ansichten und 
Ergebnissen führte, die von den bloß biologisch gestützten erheblich 
abwichen. 

Ich habe in dieser dritten Auflage reichliche Einschaltungen vorge- 
nommen, aber darauf verzichtet, dieselben wie in der vorigen Auflage 
durch besondere Zeichen kenntlich zu machen. — Die wissenschaftliche 
Arbeit auf unserem Gebiete hat gegenwärtig ihre Fortschritte verlangsamt, 
doch waren gewisse Ergänzungen dieser Schrift unentbehrlich, wenn sie 
mit der neueren psychoanalytischen Literatur [in Fühlung bleiben sollte. 



Wien, im Oktober 1914. 



VORWORT ZUR VIERTEN AUFLAGE 

Nachdem die Fluten der Kriegszeit sich verzogen haben, darf man mit 
Befriedigung feststellen, daß das Interesse für die psychoanalytische 
Forschung in der großen Welt ungeschädigt gebliehen ist. Doch haben 
nicht alle Teile der Lehre das gleiche Schicksal erfahren. Die rein psycho- 
logischen Aufstellungen und Ermittlungen der Psychoanalyse über das 
Unbewußte, die Verdrängung, den Konflikt, der zur Krankheit führt, den 
Krankheitsgevvinn, die Mechanismen der Symptombildung u. a. erfreuen 
sich wachsender Anerkennung und finden selbst bei prinzipiellen Gegnern 
Beachtung. Das an die Biologie angrenzende Stück der Lehre, dessen 
Grundlage in dieser kleinen Schrift gegeben wird, ruft noch immer unver- 
minderten Widerspruch hervor und hat selbst Personen, die sich eine 
Zeitlang intensiv mit der Psychoanalyse beschäftigt hatten, zum Abfall 
von ihr und zu neuen Auffassungen bewogen, durch welche die Rolle 
des sexuellen Moments für das normale und krankhafte Seelenleben wieder 
eingeschränkt werden sollte. 

Ich kann mich trotzdem nicht zur Annahme entschließen, daß dieser 
Teil der psychoanalytischen Lehre sich von der zu erratenden Wirklichkeit 
viel weiter entfernen könnte als der andere. Erinnerung und immer wieder 
von neuem wiederholte Prüfung sagen mir, daß er aus ebenso sorgfältiger 
und erwartungsloser Beobachtung hervorgegangen ist und die Erklärung 
jener Dissoziation in der öffentlichen Anerkennung bereitet keine Schwierig- 
keiten. Erstens können nur solche Forscher die hier beschriebenen Anfänge 
des menschlichen Sexuallebens bestätigen, die Geduld und technisches' 
Geschick genug besitzen, um die Analyse bis in die ersten Kindheitsjahre 
des Patienten vorzutragen. Es fehlt häufig auch an der Möglichkeit hiezu,. 
da das ärztliche Handeln eine scheinbar raschere Erledigung des Krankheits- 
falles verlangt. Andere aber als Ärzte, welche die Psychoanalyse üben, 
haben überhaupt keinen Zugang zu "diesem Gebiet und keine Möglichkeit, 
sich ein Urteil zu bilden, das der Beeinflussung durch ihre eigenen 






Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



Abneigungen und Vorurteile entzogen wäre. Verstünden es die Menschen, 
aus der direkten Beobachtung der Kinder zu lernen, so hätten diese drei 
Abhandlungen überhaupt ungeschrieben bleiben können. 

Dann aber muß man sich daran erinnern, daß einiges vom Inhalt 
dieser Schrift, die Betonung der Bedeutung des Sexuallebens für alle 
menschlichen Leistungen und die hier versuchte Erweiterung des Begriffes 
der Sexualität, von jeher die stärksten Motive für den Widerstand gegen 
die Psychoanalyse abgegeben hat. In dem Bedürfnis nach volltönenden 
Schlagworten ist man soweit gegangen, von dem „Pansexualismus" der 
Psychoanalyse zu reden und ihr den unsinnigen Vorwurf zu machen, sie 
erkläre „alles" aus der Sexualität. Man könnte sich darüber verwundern, 
wenn man imstande wäre, an die verwirrende und vergeßlich machende 
Wirkung affektiver Momente selbst zu vergessen. Denn der Philosoph 
Arthur Schopenhauer hat bereits vor geraumer Zeit den Menschen 
vorgehalten, in welchem Maß ihr Tun und Trachten durch sexuelle 
Strebungen — im gewohnten Sinne des Wortes — bestimmt wird, und 
eine Welt von Lesern sollte doch unfähig gewesen sein, sich eine so 
packende Mahnung so völlig aus dem Sinne zu schlagen ! Was aber die 
„Ausdehnung" des Begriffes der Sexualität betrifft, die durch die Analyse 
von Kindern und von sogenannten Perversen notwendig wird, so mögen 
alle, die von ihrem höheren Standpunkt verächtlich auf die Psychoanalyse 
herabschauen, sich erinnern lassen, wie nahe die erweiterte Sexualität der 
Psychoanalyse mit dem Eros des göttlichen Plato zusammentrifft. (S. 
Nach man söhn, Freuds Libidotheorie verglichen mit der Eroslehre 
Piatos, Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse, III., 1915.) 



Wien, im Mai ig20. 




DIE SEXUELLEN ABIRRUNGEN 1 

Die Tatsache geschlechtlicher Bedürfnisse bei Mensch und Tier 
drückt man in der Biologie durch die Annahme eines „Geschlechts- 
triebes" aus. Man folgt dabei der Analogie mit dem Trieb nach 
Nahrungsaufnahme, dem Hunger. Eine dem Worte „Hunger" 
entsprechende Bezeichnung fehlt der Volkssprache ; die Wissenschaft 
gebraucht als solche „Libido . 

Die populäre Meinung macht sich ganz bestimmte Vorstellungen 
von der Natur und den Eigenschaften dieses Geschlechtstriebes. 
Er soll der Kindheit fehlen, sich um die Zeit und im Zusammen- 
han g mit dem Reifungsvorgang der Pubertät einstellen, sich in 
den Erscheinungen unwiderstehlicher Anziehung äußern, die das 
eine Geschlecht auf das andere ausübt, und sein Ziel soll die 
geschlechtliche Vereinigung sein oder wenigstens solche Handlungen, 
welche auf dem Wege zu dieser liegen. 

Wir haben aber allen Grund, in diesen Angaben ein sehr 
ungetreues Abbild der Wirklichkeit zu erblicken; faßt man sie 

i) Die in der ersten Abhandlung enthaltenen Angaben sind aus den bekannten 
Publikationen von v. Kr äfft- Ebing, Moll, Moebius, Havelock Ellis. 
v. Schrenck-Notzing, Löwenfeld, Eulenburg, I. Bloch, M. Hirsch- 
feld und aus den Arbeiten in den vom letzteren herausgegebenen „Jahrbuch für 
sexuelle Zwischenstufen" geschöpft. Da an diesen Stellen auch die übrige Literatur 
des Themas aufgeführt ist, habe ich mir detaillierte Nachweise ersparen können. — 
Die durch psychoanalytische Untersuchung Invertierter gewonnenen Einsichten ruhen 
auf Mitteilungen von I. S a d g e r und auf eigener Erfahrung. 

2) Das einzig angemessene Wort der deutschen Sprache „Lust" ist leider vieldeutig 
und" benennt ebensowohl die Empfindung des Bedürfnisses als die der Befriedigung. 



Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



schärfer ins Auge, so erweisen sie sich überreich an Irrtümern, 
Ungenauigkeiten und Voreiligkeiten. 

Führen wir zwei Termini ein : heißen wir die Person, von welcher 
die geschlechtliche Anziehung ausgeht, das Sexualobjekt, die 
Handlung, nach welcher der Trieb drängt, das Sexualziel, so 
weist uns die wissenschaftlich gesichtete Erfahrung zahlreiche 
Abweichungen in Bezug auf beide, Sexualobjekt und Sexualziel, 
nach, deren Verhältnis zur angenommenen Norm eingehende 
Untersuchung fordert. 






erbalten der 

«vertierten 



1) Abweichungen in Bezug auf das Sexualobjekt 

Der populären Theorie des Geschlechtstriebes entspricht am 
schönsten die poetische Fabel von der Teilung des Menschen 
in zwei Hälften — Mann und Weib — , die sich in der Liebe 
wieder zu vereinigen streben. Es wirkt darum wie eine große 
Überraschung zu hören, daß es Männer gibt, für die nicht das 
Weib, sondern der Mann, Weiber, für die nicht der Mann, 
sondern das Weib das Sexualobjekt darstellt. Man heißt solche 
Personen Konträrsexuale oder besser Invertierte, die Tatsache 
die der Inversion. Die Zahl solcher Personen ist sehr 
erheblich, wiewohl deren sichere Ermittlung Schwierigkeiten 
unterliegt. 1 

A) Die Inversion 

Die betreffenden Personen verhalten sich nach verschiedenen 
Richtungen ganz verschieden. 

a) Sie sind absolut invertiert, das heißt ihr Sexualobjekt 
kann nur gleichgeschlechtlich sein, während das gegensätzliche 
Geschlecht für sie niemals Gegenstand der geschlechtlichen Sehnsucht 

1) Vergleiche über diese Schwierigkeiten sowie über Versuche, die Verhältniszahl 
der Invertierten zu eruieren, die Arbeit von M. Hirsch feld im „Jahrbuch für 
sexuelle Zwischenstufen" 1904. 



Die sexuellen Abirrungen 



ist, sondern sie kühl läßt oder selbst sexuelle Abneigung bei ihnen 
hervorruft. Als Männer sind sie dann durch Abneigung unfähig, 
den normalen Geschlechtsakt auszuführen oder vermissen bei 
dessen Ausführung jeden Genuß. 

b) Sie sind amphigen invertiert (psychosexuell-herma- 
phroditisch), das heißt ihr Sexualobjekt kann ebensowohl dem 
gleichen wie dem anderen Geschlecht angehören; der Inversion 
fehlt also der Charakter der Ausschließlichkeit. 

c) Sie sind okkasionell invertiert, das heißt unter gewissen 
äußeren Bedingungen, von denen die Unzugänglichkeit des normalen 
Sexualobjektes und die Nachahmung obenan stehen, können sie 
eine Person des gleichen Geschlechtes zum Sexualobjekt nehmen 
und im Sexualakt mit ihr Befriedigung empfinden. 

Die Invertierten zeigen ferner ein mannigfaltiges Verhalten m 
ihrem Urteil über die Besonderheit ihres Geschlechtstriebes. Die 
einen nehmen die Inversion als selbstverständlich hin wie der 
Normale die Richtung seiner Libido, und vertreten mit Schärfe 
deren Gleichberechtigung mit der normalen. Andere aber lehnen 
sich gegen die Tatsache ihrer Inversion auf und empfinden 
dieselbe als krankhaften Zwang. 1 

Weitere Variationen betreffen die zeitlichen Verhältnisse. Die 
Eigentümlichkeit der Inversion datiert bei dem Individuum 
entweder von jeher, soweit seine Erinnerung zurückreicht, oder 
dieselbe hat sich ihm erst zu einer bestimmten Zeit vor oder 
nach der Pubertät bemerkbar gemacht. 2 Der Charakter bleibt 
entweder durchs ganze Leben erhalten oder tritt zeitweise zurück 
oder stellt eine Episode auf dem Wege zur normalen Entwicklung 



i) Ein solches Sträuben gegen den Zwang zur Inversion könnte die Bedingung 
der Beeinflußbarkeit durch Suggestivbehandlung oder Psychoanalyse abgeben. 

2) Es ist von mehreren Seiten mit Recht betont worden, daß die autobiographischen 
Angaben der Invertierten über das zeitliche Auftreten der Inversionsneigung unzu- 
verlässig sind, da dieselben die Beweise für ihr heterosexuelles Empfinden aus ihrem 
Gedächtnis verdrängt haben könnten. — Die Psychoanalyse hat diesen Verdacht für die 
ihr zugänglich gewordenen Fälle von Inversion bestätigt und deren Anamnese durch 
die Ausfüllung der Kindheitsamnesie in entscheidender Weise verändert. 



i° Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



dar 5 ja er kann sich erst spät im Leben nach Ablauf einer 
langen Periode normaler Sexualtätigkeit äußern. Auch ein periodisches 
Schwanken zwischen dem normalen und dem invertierten Sexual- 
objekt ist beobachtet worden. Besonders interessant sind Fälle, in 
denen sich die Libido im Sinne der Inversion ändert, nachdem 
eine peinliche Erfahrung mit dem normalen Sexualobjekt gemacht 
worden ist. 

Diese verschiedenen Reihen von Variationen bestehen im all- 
gemeinen unabhängig nebeneinander. Von der extremsten Form 
kann man etwa regelmäßig annehmen, daß die Inversion seit 
sehr früher Zeit bestanden hat, und daß die Person sich mit 
ihrer Eigentümlichkeit einig fühlt. 

Viele Autoren würden sich weigern, die hier aufgezählten Fälle; 
zu einer Einheit zusammenzufassen, und ziehen es vor, die 
Unterschiede anstatt der Gemeinsamen dieser Gruppen zu betonen 
was mit der von ihnen beliebten Beurteilung der Inversion 
zusammenhängt. Allein so berechtigt Sonderungen sein mögen, 
so ist doch nicht zu verkennen, daß alle Zwischenstufen reichlich 
aufzufinden sind, so daß die Reihenbildung sich gleichsam von 
selbst aufdrängt. 

Die erste Würdigung der Inversion bestand in der Auffassung, 
Inversion sie sei ein angeborenes Zeichen nervöser Degeneration, und war 
im Einklänge mit der Tatsache, daß die ärztlichen Beobachter 
zuerst bei Nervenkranken oder Personen, die solchen Eindruck 
machten, auf sie gestoßen waren. In dieser Charakteristik sind 
zwei Angaben enthalten, die unabhängig voneinander beurteilt 
werden sollen: das Angeborensein und die Degeneration. 
Degeneration Die Degeneration unterliegt den Einwänden, die sich gegen 
die wahllose Verwendung des Wortes überhaupt erheben. Es 
ist doch Sitte geworden, jede Art von Krankheitsäußerung, die 
nicht gerade traumatischen oder infektiösen Ursprunges ist, der 
Degeneration zuzurechnen. Die Magnansche Einteilung der 
Degenerierten hat es selbst ermöglicht, daß die vorzüglichste 



Auffassung 
der 






Die sexuellen Abirrungen 1 1 

Allgemeingestaltung der Nervenleistung die Anwendbarkeit des 
Begriffes Degeneration nicht auszuschließen braucht. Unter 
solchen Umständen darf man fragen, welchen Nutzen und 
welchen neuen Inhalt das Urteil „Degeneration" überhaupt 
noch besitzt. Es scheint zweckmäßiger, von Degeneration nicht 
zu sprechen: 

1) wo nicht mehrere schwere Abweichungen von der Norm 
zusammentreffen ; 

2) wo nicht Leistungs- und Existenzfähigkeit im allgemeinen 
schwer geschädigt erscheinen. 1 

Daß die Invertierten nicht Degenerierte in diesem berechtigten 
Sinne sind, geht aus mehreren Tatsachen hervor: 

1) Man findet die Inversion bei Personen, die keine sonstigen 
schweren Abweichungen von der Norm zeigen ; 

2) desgleichen bei Personen, deren Leistungsfähigkeit nicht 
gestört ist, ja, die sich durch besonders hohe intellektuelle Ent- 
wicklung und ethische Kultur auszeichnen. 8 

5) Wenn man von den Patienten seiner ärztlichen Erfahrung 
absieht und einen weiteren Gesichtskreis zu umfassen strebt, stößt 
man nach zwei Richtungen auf Tatsachen, welche die Inversion 
als Degenerationszeichen aufzufassen verbieten. 

a) Man muß Wert darauf legen, daß die Inversion eine häufige 
Erscheinung, fast eine mit wichtigen Funktionen betraute Institution 
bei den alten Völkern auf der Höhe ihrer Kultur war; 

b) man findet sie ungemein verbreitet bei vielen wilden und 
primitiven Völkern, während man den Begriff der Degeneration 

1) Mit welchen Vorbehalten die Diagnose auf Degeneration zu stellen ist und 
welch geringe praktische Bedeutung ihr zukommt, kann man aus den Ausführungen 
von Moebius (Über Entartung. Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens. Nr. DX 
1900) entnehmen: „Überblickt man nun das weite Gebiet der Entartung, auf das 
hier einige Schlaglichter geworfen worden sind, so sieht man ohneweiters ein, daß 
es sehr geringen Wert hat. Entartung überhaupt zu diagnostizieren." 

2) Es muß den Wortführern des „Uranismus" zugestanden werden, daß einige der 
hervorragendsten Männer, von denen wir überhaupt Kunde haben, Invertierte, vielleicht 
sogar absolut Invertierte waren. 






12 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



sein 



auf die hohe Zivilisation zu beschränken gewohnt ist (I. B 1 o c h) 9 
selbst unter den zivilisierten Völkern Europas haben Klima und 
Rasse auf die Verbreitung und die Beurteilung der Inversion den 
mächtigsten Einfluß. 1 
Angeboren- Das Angeborensein ist, wie begreiflich, nur für die erste, 
extremste Klasse der Invertierten behauptet worden, und zwar 
auf Grund der Versicherung dieser Personen, daß sich bei ihnen 
zu keiner Zeit des Lebens eine andere Richtung des Sexualtriebes 
gezeigt habe. Schon das Vorkommen der beiden anderen Klassen, 
speziell der dritten, ist schwer mit der Auffassung eines angeborenen 
Charakters zu vereinen. Daher die Neigung der Vertreter dieser 
Ansicht, die Gruppe der absolut Invertierten von allen anderen 
abzulösen, was den Verzicht auf eine allgemein gültige Auffassung 
der Inversion zur Folge hat. Die Inversion wäre demnach in einer 
Reihe von Fällen ein angeborener Charakter; in anderen könnte 
sie auf andere Art entstanden sein. 

Den Gegensatz zu dieser Auffassung bildet die andere, daß die 
Inversion ein erworbener Charakter des Geschlechtstriebes sei. 
Sie stützt sich darauf, daß 

1) bei vielen (auch absolut) Invertierten ein frühzeitig im Leben 
einwirkender sexueller Eindruck nachweisbar ist, als dessen fort- 
dauernde Folge sich die homosexuelle Neigung darstellt, 

2) daß bei vielen anderen sich die äußeren begünstigenden 
und hemmenden Einflüsse des Lebens aufzeigen lassen, die zu 
einer früheren oder späteren Zeit zur Fixierung der Inversion 
geführt haben (ausschließlicher Verkehr mit dem gleichen 
Geschlecht, Gemeinschaft im Kriege, Detention in Gefängnissen, 
Gefahren des heterosexuellen Verkehrs, Zölibat, geschlechtliche 
Schwäche usw.), 

1) In der Auffassung der Inversion sind die pathologischen Gesichtspunkte von 
anthropologischen abgelöst worden. Diese Wandlung bleibt das Verdienst von I. Bloch 
(Beiträge zur Ätiologie der Psychopathia sexualis. a Teile, 1902/5), welcher Autor 
auch die Tatsache der Inversion bei den alten Kulturvölkern nachdrücklich zur 
Geltung gebracht hat. 



Die sexuellen Abirrungen 13 



5) daß die Inversion durch hypnotische Suggestion aufgehoben 
werden kann, was bei einem angeborenen Charakter Wunder 

nehmen würde. 

Vom Standpunkt dieser Anschauung kann man die Sicherheit 
des Vorkommens einer angeborenen Inversion überhaupt bestreiten. 
Man kann einwenden (Havelock Ellis), daß ein genaueres 
Examen der für angeborene Inversion in Anspruch genommenen 
Fälle wahrscheinlich gleichfalls ein für die Richtung der Libido 
bestimmendes Erlebnis der frühen Kindheit zutage fördern würde, 
welches bloß im bewußten Gedächtnis der Person nicht bewahrt 
worden ist, aber durch geeignete Beeinflussung zur Erinnerung 
gebracht werden könnte. Die Inversion könnte man nach diesen 
Autoren nur als eine häufige Variation des Geschlechtstriebes 
bezeichnen, die durch eine Anzahl äußerer Lebensumstände bestimmt 
werden kann. 

Der scheinbar so gewonnenen Sicherheit macht aber die Gegen- 
bemerkung ein Ende, daß nachweisbar viele Personen die nämlichen 
sexuellen Beeinflussungen (auch in früher Jugend: Verführung, 
mutuelle Onanie) erfahren, ohne durch sie invertiert zu werden 
oder dauernd so zu bleiben. So wird man zur Vermutung 
gedrängt, daß die Alternative angeboren — erworben entweder 
unvollständig ist oder die bei der Inversion vorliegenden Verhält- 
nisse nicht deckt. 

Weder mit der Annahme, die Inversion sei angeboren, noch Erklärung der 
mit der anderen, sie werde erworben, ist das Wesen der Inversion 
erklärt. Im ersten Falle muß man sich äußern, was an ihr 
angeboren ist, wenn man sich nicht der rohesten Erklärung 
anschließt, daß eine Person die Verknüpfung des Sexualtriebes mit 
einem bestimmten Sexualobjekt angeboren mitbringt. Im anderen 
Falle fragt es sich, ob die mannigfachen akzidentellen Einflüsse hin- 
reichen, die Erwerbung zu erklären, ohne daß ihnen etwas an dem 
Individuum entgegenkommen müsse. Die Verneinung dieses letzten 
Momentes ist nach unseren früheren Ausführungen unstatthaft. 






14 Drei Abhandlungen zur Sexualiheorie 



e,an£ehun E z ur Erklärung der Möglichkeit einer sexuellen Inversion ist 
inverrion seit Frank Lydstone, Kiernan und Chevalier eine 
Gedankenreihe herangezogen worden, welche einen neuen Wider- 
spruch gegen die populäre Meinung enthält. Dieser gilt ein 
Mensch entweder als Mann oder als Weib. Die Wissenschaft 
kennt aber Fälle, in denen die Geschlechtscharaktere verwischt 
erscheinen und somit die Geschlechtsbestimmung erschwert wird; 
zunächst auf anatomischem Gebiet. Die Genitalien dieser Personen 
vereinigen männliche und weibliche Charaktere (Hermaphroditismus). 
In seltenen Fällen sind nebeneinander beiderlei Geschlechtsapparate 
ausgebildet (wahrer Hermaphroditismus) 5 zu allermeist findet man 
beiderseitige Verkümmerung. 1 

Das Bedeutsame an diesen Abnormitäten ist aber, daß sie in 
unerwarteter Weise das Verständnis der normalen Bildung erleichtern. 
Ein gewisser Grad von anatomischem Hermaphroditismus gehört 
nämlich der Norm an; bei keinem normal gebildeten männlichen 
oder weiblichen Individuum werden die Spuren vom Apparat 
des anderen Geschlechtes vermißt, die entweder funktionslos als 
rudimentäre Organe fortbestehen oder selbst zur Übernahme 
anderer Funktionen umgebildet worden sind. 

Die Auffassung, die sich aus diesen lange bekannten ana- 
tomischen Tatsachen ergibt, ist die einer ursprünglich bisexuellen 
Veranlagung, die sich im Laufe der Entwicklung bis zur Mono- 
sexualität mit geringen Resten des verkümmerten Geschlechtes 
verändert. 

Es lag nahe, diese Auffassung aufs psychische Gebiet zu 
übertragen und die Inversion in ihren Abarten als Ausdruck eines 
psychischen Hermaphroditismus zu verstehen. Um die Frage zu 
entscheiden, bedurfte es nur noch eines regelmäßigen Zusammen- 



1) Vergleiche die letzten ausführlichen Darstellungen des somatischen Herm- 
aphroditismus: Taruffi, Hermaphroditismus und Zeugungsunfühigkeit, Deutsche 
Ausgabe von R. Teuscher, 1903, und die Arbeiten von Neugebauerin mehreren 
Bänden des Jahrbuches für sexuelle Zwischenstufen. 



Die sexuellen Abirrungen 15 

treffens der Inversion mit den seelischen und somatischen Zeichen 
des Hermaphroditismus. 

Allein diese nächste Erwartung schlägt fehl. So nahe darf man 
sich die Beziehungen zwischen dem angenommenen psychischen 
und dem nachweisbaren anatomischen Zwittertum nicht vorstellen. 
Was man bei den Invertierten findet, ist häufig eine Herabsetzung 
des Geschlechtstriebes überhaupt (Havelock Ellis) und leichte 
anatomische Verkümmerung der Organe. Häufig, aber keineswegs 
regelmäßig oder auch nur überwiegend. Somit muß man erkennen, 
daß Inversion und somatischer Hermaphroditismus im ganzen 
unabhängig voneinander sind. 

Man hat ferner großen Wert auf die sogenannten sekundären 
und tertiären Geschlechtscharaktere gelegt und deren gehäuftes- 
Vorkommen bei den Invertierten betont (H. Ellis). Auch daran 
ist vieles zutreffend, aber man darf nicht vergessen, daß die 
sekundären und tertiären Geschlechtscharaktere überhaupt recht 
häufig beim anderen Geschlecht auftreten und so Andeutungen 
von Zwittertum herstellen, ohne daß dabei das Sexualobjekt sich 
im Sinne einer Inversion abgeändert zeigte. 

Der psychische Hermaphroditismus würde an Leibhaftigkeit 
gewinnen, wenn mit der Inversion des Sexualobjektes wenigstens 
ein Umschlag der sonstigen seelischen Eigenschaften, Triebe und 
Charakterzüge in die fürs andere Geschlecht bezeichnende 
Abänderung parallel liefe. Allein eine solche Charakterinversion 
darf man mit einiger Regelmäßigkeit nur bei den invertierten 
Frauen erwarten, bei den Männern ist die vollste seelische Männ- 
lichkeit mit der Inversion vereinbar. Hält man an der Aufstellung 
eines seelischen Hermaphroditismus fest, so muß man hinzufügen, 
daß dessen Äußerungen auf verschiedenen Gebieten eine nur 
geringe gegenseitige Bedingtheit erkennen lassen. Das gleiche 
gilt übrigens auch für das somatische Zwittertum 5 nach H a 1 b a n 1 

1) J. Halb an, Die Entstehung der Geschlechtscharaktere. Archiv für Gynäko- 
logie. Bd. 70, 1903. Siehe dort auch die Literatur des Gegenstandes. 



i6 



Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



sind auch die einzelnen Organverkümmerungen und sekundären 
Geschlechtscharaktere in ihrem Auftreten ziemlich unabhängig 
voneinander. 

Die Bisexualitätslehre ist in ihrer rohesten Form von einem 
Wortführer der männlichen Invertierten ausgesprochen worden: 
weibliches Gehirn im männlichen Körper. Allein wir kennen 
die Charaktere eines „weiblichen Gehirns" nicht. Der Ersatz 
des psychologischen Problems durch das anatomische ist ebenso 
müßig wie unberechtigt. Der Erklärungsversuch v. Krafft- 
E b i n g s scheint exakter gefaßt als der Ulrichs', ist aber im 
Wesen von ihm nicht verschieden ; v. K rafft- Ebing meint, 
daß die bisexuelle Anlage dem Individuum ebenso männliche und 
weibliche Gehirnzentren mitgibt wie somatische Geschlechtsorgane. 
Diese Zentren entwickeln sich erst zurzeit der Pubertät, zumeist 
unter dem Einflüsse der von ihnen in der Anlage unabhängigen 
Geschlechtsdrüse. Von den männlichen und weiblichen „Zentren 
gilt aber dasselbe wie vom männlichen und weiblichen Gehirn, 
und nebenbei wissen wir nicht einmal, ob wir für die Geschlechts- 
funktionen abgegrenzte Gehirnstellen („Zentren") wie etwa für 
die Sprache annehmen dürfen. 1 

Zwei Gedanken bleiben nach diesen Erörterungen immerhin 
bestehen: daß auch für die Inversion eine bisexuelle Veranlagung 
in Betracht kommt, nur daß wir nicht wissen, worin diese 
Anlage über die anatomische Gestaltung hinaus besteht, und daß 
es sich um Störungen handelt, welche den Geschlechtstrieb in 
seiner Entwicklung betreffen. 

1) Der erste, der zur Erklärung der Inversion die Biscxualitüt herangezogen, soll 
(nach einem Litcraturbcricht im sechsten Band des Jahrbuches für sexuelle Zwischen- 
stufen) E. Gley gewesen sein, der einen Aufsatz (Les abörralions de l'instinct 
sexuel) schon im Jänner 1884 in der „Revue philosophique" veröffentlichte. — Es ist 
übrigens bemerkenswert, daQ die Mehrzahl der Autoren, welche die Inversion auf 
Bisexualität zurückführen, dieses Moment nicht allein für die Invertierten, sondern 
für alle Normalgewordenen zur Geltung bringen und folgerichtig die Inversion als 
das Ergebnis einer Entwicklungsstörung auffassen. So bereits Chevalier (Inversion 
sexuelle, 1893). Krafft-Ebing (Zur Erklärung der konträren Sexualempfindung, 
.Jahrbücher für Psychiatrie und Neurologie, XIII. Bd.) spricht davon, daß eine Fülle 



Die sexuellen Abirrungen 17 



Die Theorie des psychischen Hermaphroditismus setzt voraus, Sexualobjekt 
daß das Sexualobjekt des Invertierten das dem normalen entgegen- invertierten 
gesetzte sei. Der invertierte Mann unterliege wie das Weib dem 
Zauber, der von den männlichen Eigenschaften des Körpers und 
der Seele ausgeht, er fühle sich selbst als Weib und suche den 

Mann. 

Aber wiewohl dies für eine ganze Reihe von Invertierten 
zutrifft, so ist es doch weit entfernt, einen allgemeinen Charakter 
der Inversion zu verraten. Es ist kein Zweifel, daß ein großer 
Teil der männlichen Invertierten den psychischen Charakter der 
Männlichkeit bewahrt hat, verhältnismäßig wenig sekundäre 
Charaktere des anderen Geschlechtes an sich trägt und in seinem 
Sexualobjekt eigentlich weibliche psychische Züge sucht. Wäre 
dies anders, so bliebe es unverständlich, wozu die männliche 
Prostitution, die sich den Invertierten anbietet, — heute wie im 
Altertum, — in allen Äußerlichkeiten der Kleidung und Haltung 
die Weiber kopiert; diese Nachahmung müßte ja sonst das Ideal 
der Invertierten beleidigen. Bei den Griechen, wo die männlichsten 
Männer unter den Invertierten erscheinen, ist es klar, daß nicht 
der männliche Charakter des Knaben, sondern seine körperliche 
Annäherung an das Weib sowie seine weiblichen seelischen 

von Beobachtungen bestehen, „aus denen sich mindestens die virtuelle Fortexistenz 
dieses zweiten Zentrums (des unterlegenen Geschlechtes) ergibt." Ein Dr. A r d u i n 
^Die Frauenfrage und die sexuellen Zwischenstufen) stellt im zweiten Band des 
Jahrbuches für sexuelle Zwischeastufen 1900 die Behauptung auf: „daß in jedem 
Menschen männliche und weibliche Elemente vorhanden sind (vgl. dieses Jahrbuch, 
Bd I 1899: ,.Die objektive Diagnose der Homosexualität'' von Dr. M. Hirsch- 
fei d', S. 8—9 "u. f.), nur — der Geschlechtszugehörigkeit entsprechend — die einen 
unverhältnismäßig stärker entwickelt als die anderen, soweit es sich um heterosexuelle 
Personen handelt ..." — Für G. H e r m a n (Genesis, das Gesetz der Zeugung, 
IX Bd Libido und Mania, 1903) steht es fest, „daß in jedem Weibe männliche, in 
jedem Manne weibliche Keime und Eigenschaften enthalten sind" usw. - 1906 hat 
dann W. Fließ (,.Der Ablauf des Lebens") einen Eigentumsanspruch auf die Idee 
der Bisexualität (im Sinne einer Zweigeschlechtigkeit) erhoben. — In 
nicht fachlichen Kreisen wird die Aufstellung der menschlichen Bisexualität als eine 
Leistung des jung verstorbenen Philosophen 0. Weininger betrachtet, der diese 
Idee zur Grundlage eines ziemlich unbesonnenen Buches (Geschlecht und Charakter, 1903) 
genommen hat. Die oben stehenden Nachweise mögen zeigen, wie wenig begründet 
dieser Anspruch ist. 
Freud, V. 



i8 



Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



Eigenschaften, Schüchternheit, Zurückhaltung, Lern- und Hüfs- 
bedürftigkeit die Liebe des Mannes entzündeten. Sobald der Knabe 
ein Mann wurde, hörte er auf, ein Sexualobjekt für den Mann 
zu sein, und wurde etwa selbst ein Knabenliebhaber. Das Sexual- 
objekt ist also in diesem Falle, wie in vielen anderen, nicht das 
gleiche Geschlecht, sondern die Vereinigung beider Geschlechts- 
charaktere, das Kompromiß etwa zwischen einer Regung, die 
nach dem Manne, und einer, die nach dem Weibe verlangt, mit 
der festgehaltenen Bedingung der Männlichkeit des Körpers (der 
Genitalien), sozusagen die Spiegelung der eigenen bisexuellen 
Natur. 1 



i) Die Psychoanalyse hat bisher zwar keine volle Aufklärung über die Herkunft 
der Inversion gebracht, aber doch den psychischen Mechanismus ihrer Entstehung 
aufgedeckt und die in Betracht kommenden Fragestellungen wesentlich bereichert. 
Wir haben bei allen untersuchten Fällen festgestellt, daß die später Invertierten in 
den ersten Jahren ihrer Kindheit eine Phase von sehr intensiver, aber kurzlebiger 
Fixierung an das Weib (meist an die Mutter) durchmachen, nach deren Überwindung 
sie sich mit dem Weib identifizieren und sich selbst zum Sexualobjekt nehmen, das 
heißt vom Narzißmus ausgehend jugendliche und der eigenen Person ähnliche Männer 
aufsuchen, die sie so lieben wollen, wie die Mutter sie geliebt hat. Wir hüben ferner 
sehr häufig gefunden, daß angeblich Invertierte gegen den Reiz des Weibes 
keineswegs unempfindlich waren, sondern die durch das Weib hervorgerufene 
Erregung fortlaufend auf ein männliches Objekt transponierten. Sie wiederholten so 
während ihres ganzen Lebens den Mechanismus, durch welchen ihre Inversion 
entstanden war. Ihr zwanghaftes Streben nach dem Manne erwies sich als bedingt 
durch ihre ruhelose Flucht vor dem Weibe. 

Die psychoanalytische Forschung widersetzt sich mit aller Entschiedenheit dem 
Versuche, die Homosexuellen als eine besonders geartete Gruppe von den anderen 
Menschen abzutrennen. Indem sie auch andere als die manifest kundgegebenen 
Sexualerregungen studiert, erfahrt sie, daß alle Menschen der gleichgeschlechtlichen 
Objektwahl fähig sind und dieselbe auch im Unbewußten vollzogen hallen. Ja die 
Bindungen libidinöser Gefühle an Personen des gleichen Geschlechtes spielen als 
Faktoren im normalen Seelenleben keine geringere, und als Motoren der Erkrankung 
eine größere Rolle als die, welche dem entgegengesetzten Geschlecht gelten. Der 
Psychoanalyse erscheint vielmehr die Unabhängigkeit der Objektwahl vom Geschlecht 
des Objektes, die gleich freie Verfügung über männliche und weibliche Objekte, wie 
sie im Kindesalter, in primitiven Zuständen und frühhistorischen Zeiten zu beobachten 
ist, als das Ursprüngliche, aus dem sich durch Einschränkung nach der einen oder 
der anderen Seite der normale wie der Inversionstypus entwickeln. Im Sinne der 
Psychoanalyse ist also auch das ausschließliche sexuelle Interesse des Mannes für das 
Weib ein der Aufklärung bedürftiges Problem und keine Selbstverständlichkeit, der 
eine im Grunde chemische Anziehung zu unterlegen ist. Die Entscheidung über das 
endgültige Sexualverhalten fällt erst nach der Pubertät und ist das Ergebnis einer 
noch nicht übersehbaren Reihe von Faktoren, die teils konstitutioneller, teils aber 



Die sexuellen Abirrungen 19 



Eindeutiger sind die Verhältnisse beim. Weibe, wo die aktiv 
Invertierten besonders häufig somatische und seelische Charaktere 
des Mannes an sich tragen und das Weibliche von ihrem Sexual- 
objekt verlangen, wiewohl auch hier sich bei näherer Kenntnis 
größere Buntheit herausstellen dürfte. 

Die wichtige festzuhaltende Tatsache ist, daß das Sexualziel sexnaiziei der 

Invertierten 

bei der Inversion keineswegs einheitlich genannt werden kann. 
Bei Männern fällt Verkehr per anum durchaus nicht mit Inversion 
zusammen; Masturbation ist ebenso häufig das ausschließliche 
Ziel und Einschränkungen des Sexualzieles — bis zur bloßen 
Gefühlsergießung — sind hier sogar häufiger als bei der hetero- 
akzidenteller Natur sind. Gewiß können einzelne dieser Paktoren so übergroß aus- 
fallen, daß sie das Resultat in ihrem Sinne beeinflussen. Im allgemeinen aber wird 
die Vielheit der bestimmenden Momente durch die Mannigfaltigkeit der Ausgänge 
im manifesten Sexualverhalten der Menschen gespiegelt. Bei den Inversionstypen ist 
durchwegs das Vorherrschen archaischer Konstitutionen und primitiver psychischer 
Mechanismen zu bestätigen. Die Geltung der narzißtischen Objektwahl 
und die Festhaltung der erotischen Bedeutung der Analzone erscheinen als 
deren wesentlichste Charaktere. Man gewinnt aber nichts, wenn man auf Grund 
solcher konstitutioneller Eigenheiten die extremsten Inversionstypen von den anderen 
sondert. Was sich bei diesen als anscheinend zureichende Begründung findet, läßt 
sich ebenso, nur in geringerer Stärke, in der Konstitution von Übergangstypen und 
bei manifest Normalen nachweisen. Die Unterschiede in den Ergebnissen mögen 
qualitativer Natur sein: die Analyse zeigt, daß die Unterschiede in den Bedingungen 
nur quantitative sind. Unter den akzidentellen Beeinflussungen der Objektwahl haben 
wir die Versagung (die frühzeitige Sexualeinschüchterung") bemerkenswert gefunden 
und sind auch darauf aufmerksam geworden, daß das Vorhandensein beider Eltern- 
teile eine wichtige Rolle spielt. Der Wegfall eines starken Vaters in der Kindheit 
begünstigt nicht selten die Inversion. Man darf endlich die Forderung aufstellen, daß 
die Inversion des Sexualobjektes von der Mischung der Geschlechtscharaktere im 
Subjekt begrifflich strenge zu sondern ist. Ein gewisses Maß von Unabhängigkeit ist 
auch in dieser Relation unverkennbar. 

Eine Reihe bedeutsamer Gesichtspunkte zur Frage der Inversion hat Ferenczi 
in einem Aufsatz: Zur Nosologie der männlichen Homosexualität (Homoerotik) 
(Intern. Zeitschr. f. PsA., II, 1914) vorgebracht. Ferenczi rügt mit Recht, daß 
man unter dem Namen „Homosexualität", den er durch den besseren „Homoerotik" 
ersetzen will, eine Anzahl von sehr verschiedenen, in organischer wie in psychischer 
Hinsicht ungleichwertigen, Zuständen zusammenwirft, weil sie das Symptom der 
Inversion gemeinsam haben. Er fordert scharfe Unterscheidung wenigstens zwischen 
den beiden Typen des Subjekthomoerotikers, der sich als Weib fühlt und 
benimmt, und des Obj ekthomoerotikers, der durchaus männlich ist und nur 
.das weibliche Objekt gegen ein gleichgeschlechtliches vertauscht hat. Den ersteren 
anerkennt er als richtige „sexuelle Zwischenstufe" im Sinne von Magnus Hirsch- 
feld, den zweiten bezeichnet er — minder glücklich — als Zwangsneurotiker. Das 

2* 



20 



Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



Schluß- 
folgerung 



sexuellen Liebe. Auch bei Frauen sind die Sexualziele der 
Invertierten mannigfaltig; darunter scheint die Berührung mit 
der Mundschleimhaut bevorzugt. 

Wir sehen uns zwar außerstande, die Entstehung der Inversion 
aus dem bisher vorliegenden Material befriedigend aufzuklären, 
können aber merken, daß wir bei dieser Untersuchung zu einer 
Einsicht gelangt sind, die uns bedeutsamer werden kann als die 
Lösung der obigen Aufgabe. Wir werden aufmerksam gemacht, 
daß wir uns die Verknüpfung des Sexualtriebes mit dem Sexual- 
objekt als eine zu innige vorgestellt haben. Die Erfahrung an 
den für abnorm gehaltenen Fällen lehrt uns, daß hier zwischen 
Sexualtrieb und Sexualobjekt eine Verlötung vorliegt, die wir bei 



Sträuben gegen die Inversionsneigung sowie die Möglichkeit psychischer Beeinflussung 
kämen nur beim Objekthomoerotiker in Betracht. Auch nach Anerkennung dieser 
beiden Typen darf man hinzufügen, daß bei vielen Personen ein Maß von Subjekt- 
homoerotik mit einem Anteil von Objekthomoerotik vermengt gefunden wird. 

In den letzten Jahren haben Arbeiten von Biologen, in erster Linie die von 
Eugen Steinach, ein helles Licht auf die organischen Bedingungen der Homo- 
erotik sowie der Geschlechtseharaktere überhaupt geworfen. 

Durch das experimentelle Verfahren der Kastration mit nachfolgender Einpflanzung 
von Keimdrüsen des anderen Geschlechtes gelang es, bei verschiedenen Saugetierarten 
Männchen in Weibchen zu verwandeln und umgekehrt. Die Verwandlung betraf 
mehr oder minder vollständig die somatischen Geschlechtseharaktere und das psyeho- 
sexuelle Verhalten (also Subjekt- und Objekterotik). Als Träger dieser geschlechts- 
bestimmenden Kraft wird nicht der Anteil der Keimdrüse betrachtet, welcher die 
Geschlechtszellen bildet, sondern das sogenannte interstitielle Gewebe des Organes 
(die „Pubertätsdrüse"). 

In einem Falle gelang die geschlechtliche Umstimmimg auch bei einem Manne, 
der seine Hoden durch tuberkulöse Erkrankung eingebüßt hatte. Er hatte sich im 
Geschlechtsleben als passiver Homosexueller weiblich benommen und zeigte sehr 
deutlich ausgeprägte weibliche Geschlechtseharaktere sekundärer Art (in Behaarung, 
Bartwuchs, Fettansatz an Mammae und Hüften). Nach der Einpflanzung eines 
kryptorchen Menschenhodens begann dieser Mann sich in männlicher Weise zu 
benehmen und seine Libido in normaler Weise aufs Weib zu richten. Gleichzeitig 
schwanden die somatischen femininen Charaktere. (A. L i p s c h ü t z, Die Pubertäts- 
driise und ihre Wirkungen, Bern, 1919.) 

Es wäre ungerechtfertigt zu behaupten, daß durch diese schönen Versuche die 
Lehre von der Inversion auf eine neue Basis gestellt wird und voreilig von ihnen 
geradezu einen Weg zur allgemeinen „Heilung" der Homosexualität zu erwarten. 
W. Fließ hat mit Becht betont, daß diese experimentellen Erfahrungen die Lehre 
von der allgemeinen bisexuellen Anlage der höheren Tiere nicht entwerten. Es 
erscheint mir vielmehr wahrscheinlich, daß sich aus weiteren solchen Untersuchungen . 
eine direkte Bestätigung der angenommenen Bisexualität ergeben wird. 



Die sexuellen. Abirrungen 21 

der Gleichförmigkeit der normalen Gestaltung, wo der Trieb das 
Objekt mitzubringen scheint, in Gefahr sind zu übersehen. Wir 
werden so angewiesen, die Verknüpfung zwischen Trieb und 
Objekt in unseren Gedanken zu lockern. Der Geschlechtstrieb ist 
wahrscheinlich zunächst unabhängig von seinem Objekt und ver- 
dankt wohl auch nicht den Reizen desselben seine Entstehung. 



B) Geschlechtsunreife und Tiere als Sexualobjekte 

Während die Personen, deren Sexualobjekte nicht dem normaler- 
weise dazu geeigneten Geschlechte angehören, die Invertierten 
also, dem Beobachter als eine gesammelte Anzahl von sonst viel- 
leicht vollwertigen Individuen entgegentreten, erscheinen die 
Fälle, in denen geschlechtsunreife Personen (Kinder) zu Sexual- 
objekten erkoren werden, von vornherein als vereinzelte Ver- 
irrungen. Nur ausnahmsweise sind Kinder die ausschließlichen 
Sexualobjekte ; zumeist gelangen sie zu dieser Rolle, wenn ein 
feige und impotent gewordenes Individuum sich zu solchem 
Surrogat versteht oder ein impulsiver (unaufschiebbarer) Trieb sich 
zurzeit keines geeigneteren Objektes bemächtigen kann. Immer- 
hin wirft es ein Licht auf die Natur des Geschlechtstriebes, daß 
er so viel Variation und solche Herabsetzung seines Objektes 
zuläßt, was der Hunger, der sein Objekt weit energischer festhält, 
nur im äußersten Falle gestatten würde. Eine ähnliche Bemerkung 
gilt für den besonders unter dem Landvolke gar nicht seltenen 
sexuellen Verkehr mit Tieren, wobei sich etwa die Geschlechts- 
anziehung über die Artschranke hinwegsetzt. 

Aus ästhetischen Gründen möchte man gern diese wie andere 
schwere Verirrungen des Geschlechtstriebes den Geisteskranken 
zuweisen, aber dies geht nicht an. Die Erfahrung lehrt, daß man 
bei diesen letzteren keine anderen Störungen des Geschlechtstriebes 
beobachtet als bei Gesunden, ganzen Rassen und Ständen. So 
findet sich sexueller Mißbrauch von Kindern mit unheimlicher 



22 



Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



Häufigkeit bei Lehrern und Wartepersonen, bloß weil sich diesen 
die beste Gelegenheit dazu bietet. Die Geisteskranken zeigen die 
betreffende Verirrung nur etwa gesteigert oder, was besonders 
bedeutsam ist, zur Ausschließlichkeit erhoben und an Stelle der 
normalen Sexualbefriedigung gerückt. 

Dieses sehr merkwürdige Verhältnis der sexuellen Variationen 
zur Stufenleiter von der Gesundheit bis zur Geistesstörung gibt 
zu denken. Ich würde meinen, die zu erklärende Tatsache wäre 
ein Hinweis darauf, daß die Regungen des Geschlechtslebens zu 
jenen gehören, die auch normalerweise von den höheren Seelen- 
tätigkeiten am schlechtesten beherrscht werden. Wer in sonst 
irgendeiner Beziehung geistig abnorm ist, in sozialer, ethischer 
Hinsicht, der ist es nach meiner Erfahrung regelmäßig in seinem 
Sexualleben. Aber viele sind abnorm im Sexualleben, die in allen 
anderen Punkten dem Durchschnitt entsprechen, die menschliche 
Kulturentwicklung, deren schwacher Punkt die Sexualität bleibt, 
in ihrer Person mitgemacht haben. 

Als allgemeinstes Ergebnis dieser Erörterungen würden wir 
aber die Einsicht herausgreifen, daß unter einer großen Anzahl 
von Bedingungen und bei überraschend viel Individuen die Art 
und der Wert des Sexualobjektes in den Hintergrund treten. 
Etwas anderes ist am Sexualtrieb das Wesentliche und Konstante. 1 



2) Abweichungen in Bezug auf das Sexualziel 

Als normales Sexualziel gilt die Vereinigung der Genitalien 
in -dem als Begattung bezeichneten Akte, der zur Lösung der 
sexuellen Spannung und zum zeitweiligen Erlöschen des Sexual- 

1) Der eingreifendste Unterschied zwischen dem Liebeslehen der Alten Welt und 
dem unsrigen liegt wohl darin, daß die Antike den Akzent auf den Trieb selbst, wir 
aber auf dessen Objekt verlegen. Die Alten feierten den Trieb und waren bereit, 
auch ein minderwertiges Objekt durch ihn zu adeln, während wir die Triebbetütigung 
an sich geringschätzen und sie mir durch die Vorzüge des Objekts entschuldigen 
lassen. 



Die sexuellen Abirrungen 25 



triebes führt (Befriedigung analog der Sättigung beim Hunger). 
Doch sind bereits am normalsten Sexualvorgang jene Ansätze 
kenntlich, deren Ausbildung zu den Abirrungen führt, die man als 
Perversionen beschrieben hat. Es werden nämlich gewisse 
intermediäre (auf dem Wege zur Begattung liegende) Beziehungen 
zum Sexualobjekt, wie das Betasten und Beschauen desselben, als 
vorläufige Sexualziele anerkannt. Diese Betätigungen sind einer- 
seits selbst mit Lust verbunden, andererseits steigern sie die 
Erregung, welche bis zur Erreichung des endgültigen Sexual- 
zieles andauern soll. Eine bestimmte dieser Berührungen, die der 
beiderseitigen Lippenschleimhaut, hat ferner als Kuß bei vielen 
Völkern (die höchstzivilisierten darunter) einen hohen sexuellen 
Wert erhalten, obwohl die dabei in Betracht kommenden Körper- 
teile nicht dem Geschlechtsapparat angehören, sondern den Ein- 
gang zum Verdauungskanal bilden. Hiemit sind also Momente 
gegeben, welche die Perversionen an das normale Sexualleben 
anknüpfen lassen und auch zur Einteilung derselben verwendbar 
sind. Die Perversionen sind entweder a) anatomische Über- 
schreitungen der für die geschlechtliche Vereinigung be- 
stimmten Körpergebiete oder b) Verweilungen bei den inter- 
mediären Relationen zum Sexualobjekt, die normalerweise auf 
dem Wege zum endgültigen Sexualziel rasch durchschritten werden 
sollen. 

a) Anatomische Überschreitungen 

Die psychische Wertschätzung, deren das Sexualobjekt dsP^ftZ^ZiF 
Wunschziel des Sexualtriebes teilhaftig wird, beschränkt sich in objeku. 
den seltensten Fällen auf dessen Genitalien, sondern greift auf den 
ganzen Körper desselben über und hat die Tendenz, alle vom 
Sexualobjekt ausgehenden Sensationen mit einzubeziehen. Die 
gleiche Überschätzung strahlt auf das psychische Gebiet aus und 
zeigt sich als logische Verblendung (Urteilsschwäche) angesichts 
der seelischen Leistungen und Vollkommenheiten des Sexual- 



Z± Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



Objektes sowie als gläubige Gefügigkeit gegen die von letzterem 
ausgehenden Urteile. Die Gläubigkeit der Liebe wird so zu einer 
wichtigen, wenn nicht zur uranfänglichen Quelle der Autorität.' 
Diese Sexualüberschätzung ist es nun, welche sich mit der 
Einschränkung des Sexualzieles auf die Vereinigung der eigent- 
lichen Genitalien so schlecht verträgt und Vornahmen an anderen 
Körperteilen zu Sexualzielen erheben hilft. 2 

Die Bedeutung des Moments der Sexualüberschätzung läßt sich 
am ehesten beim Manne studieren, dessen Liebesleben allein der 
Erforschung zugänglich geworden ist, während das des Weibes zum 
Teil infolge der Kulturverkümmerung, zum anderen Teil durch 
die konventionelle Verschwiegenheit und Unaufrichtigkeit der 

SexneUe Ve Fr3Uen ^ ^ "^ Undurchdrin g liches D "nkel gehüllt ist.' 

w e «dung V de r r Die Ve ™endung des Mundes als Sexualorgan gilt als Perversion 
"SÄ" Wenn die Li PP en < Zun £ e ) der einen Person mit den Genitalien' 
der anderen in Berührung gebracht werden, nicht aber, wenn 
beider Teile Lippenschleimhäute einander berühren. In letzterer 
Ausnahme liegt die Anknüpfung ans Normale. Wer die anderen 
wohl seit den Urzeiten der Menschheit gebräuchlichen Praktiken 
als Perversionen verabscheut, der gibt dabei einem deutlichen 
Ekelgefühl nach, welches ihn vor der Annahme eines solchen 

i) Ich kann mir nicht versagen, hiebei an die gläubige Gefügigkeit der Hypno- 
tisierten gegen ihren Hynotiseur zu erinnern, welche mich vermuten läßt, daß das 
vvesen der Hypnose in die unbewußte Fixierimg der Libido auf die Person des 
Hypnotiseurs (vermittels der masochistischen Komponente des Sexualtriebes) zu ver- 

\T n l u ~ ; J l en A Zi hat dieSe " Charakter der Suggerierbarkeit mit dem „Eltern- 
komplex« verknüpft. C Jahrbuch für psychoanalyt. und psychopathol. Forschungen!, ,ooq.) 

TVT.,1 T ^J U , bemerken ' daß die Sexualüberschätzung nicht bei allen 

undlbek^r kl ' r^ 1 ^ aUS « eb 1 i , ldet wird - d d *ß wir spLrhin eine andere 
'v erden S! ÄTf <" * "^ R ° llc *" ° nderen Körperteile kennen lernen 
werden. Das Moment des „Reuhungers", das von Hoche uud I. B 1 o c h zur 

Gern ahen herangezogen wird, scheint mir diese Bedeutung nicht zu verdienen Die 

z;r:Ji ei auf denen / ie n Libid ° wandeit - ^« ** ^ä ™ 

3) Das Weib läßt in typischen Fällen eine „Sexualüberschätzung« des Mannes 
vermissen, versäumt dieselbe aber fast niemals gegen das von ihr geforene Kmd 



Die sexuellen Abirrungen 



25 



Sexualzieles schützt. Die Grenze dieses Ekels ist aber häufig rein 
konventionell; wer etwa mit Inbrunst die Lippen eines schönen 
Mädchens küßt, wird vielleicht das Zahnbürstchen desselben 
nur mit Ekel gebrauchen können, wenngleich kein Grund zur 
Annahme vorliegt, daß seine eigene Mundhöhle, vor der ihm nicht 
ekelt, reinlicher sei als die des Mädchens. Man wird hier auf 
das Moment des Ekels aufmerksam, welches der libidinösen Über- 
schätzung des Sexualobjekts in den Weg tritt, seinerseits aber 
durch die Libido überwunden werden kann. In dem Ekel möchte 
man eine der Mächte erblicken, welche die Einschränkung des 
Sexualzieles zustande gebracht haben. In der Regel machen diese 
vor den Genitalien selbst Halt. Es ist aber kein Zweifel, daß 
auch die Genitalien des anderen Geschlechts an und für sich 
Gegenstand des Ekels sein können, und daß dieses Verhalten zur 
Charakteristik aller Hysterischen (zumal der weiblichen) gehört. 
Die Stärke des Sexualtriebes liebt es, sich in der Überwindung 
dieses Ekels zu betätigen. (S. u.) 

Klarer noch als im früheren Falle erkennt man bei der Inan- Sexuelle Ver- 

J * wendung der 

spruchnahme des Afters, daß es der Ekel ist, welcher dieses ArterSHnung 
Sexualziel zur Perversion stempelt. Man lege mir aber die 
Bemerkung nicht als Parteinahme aus, daß die Begründung dieses 
Ekels diese Körperpartie diene der Exkretion und komme mit 
dem Ekelhaften an sich — den Exkrementen — in Berührung, 
nicht viel stichhältiger ist als etwa die Begründung, welche 
hysterische Mädchen für ihren Ekel vor dem männlichen Genitale 
abgeben: es diene der Harnentleerung. 

Die sexuelle Rolle der Afterschleimhaut ist keineswegs auf ■££■» 
den Verkehr zwischen Männern beschränkt, ihre Bevorzugung K ar P er.teiien 
hat nichts für das invertierte Fühlen Charakteristisches. Es scheint 
im Gegenteil, daß die Pädikatio des Mannes ihre Rolle der Analogie 
mit dem Akt beim Weibe verdankt, während gegenseitige 
Masturbation das Sexualziel ist, welches sich beim Verkehr 
Invertierter am ehesten ergibt. 









26 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 

Das sexuelle Übergreifen auf andere Körperstellen bietet in all 
seinen Variationen nichts prinzipiell Neues, fügt nichts zur Kenntnis 
des Sexualtriebes hinzu, der hierin nur seine Absicht verkündet, 
sich des Sexualobjekts nach allen Richtungen zu bemächtigen. 
Neben der Sexualüberschätzung meldet sich aber bei den 
anatomischen Überschreitungen ein zweites, der populären Kenntnis 
fremdartiges Moment. Gewisse Körperstellen, wie die Mund- 
und Afterschleimhaut, die immer wieder in diesen Praktiken 
auftreten, erheben gleichsam den Anspruch, selbst als Genitalien 
betrachtet und behandelt zu werden. Wir werden hören, wie 
dieser Anspruch durch die Entwicklung des Sexualtriebes gerecht- 
fertigt und wie er in der Symptomatologie gewisser Krankheits- 
zustände erfüllt wird, 
ungeeigneter Einen ganz besonderen Eindruck ergeben jene Fälle, in denen 

Ersatz de» . . 

sexnai- das normale Sexualobjekt ersetzt wird durch ein anderes, das zu 
Fetischiamiu mm m Beziehung steht, dabei aber völlig ungeeignet ist, dem 
normalen Sexualziel zu dienen. Wir hätten nach den Gesichts- 
punkten der Einteilung wohl besser getan, diese höchst interessante 
Gruppe von Abirrungen des Sexualtriebes schon bei den Abweichungen 
in Bezug auf das Sexualobjekt zu erwähnen, verschoben es aber, 
bis wir das Moment der Sexualüberschätzung kennen 
gelernt hatten, von welchem diese Erscheinungen abhängen, mit 
denen ein Aufgeben des Sexualzieles verbunden ist. 

Der Ersatz für das Sexualobjekt ist ein im allgemeinen für 
sexuelle Zwecke sehr wenig geeigneter Körperteil (Fuß, Haar) 
oder ein unbelebtes Objekt, welches in nachweisbarer Relation 
mit der Sexualperson, am besten mit der Sexualität derselben, 
steht. (Stücke der Kleidung, weiße Wäsche.) Dieser Ersatz wird 
nicht mit Unrecht mit dem Fetisch verglichen, in dem der Wilde 
seinen Gott verkörpert sieht. 

Den Übergang zu den Fällen von Fetischismus mit Verzicht 
auf ein normales oder perverses Sexualziel bilden Fälle, in denen 
eine fetischistische Bedingung am Sexualobjekt erfordert wird, 



Die sexuellen Abirrungen 



27 



wenn das Sexualziel erreicht werden soll. (Bestimmte Haarfarbe, 
Kleidung, selbst Körperfehler.) Keine andere ans Pathologische 
streifende Variation des Sexualtriebes hat so viel Anspruch auf 
unser Interesse wie diese durch die Sonderbarkeit der durch sie 
veranlaßten Erscheinungen. Eine gewisse Herabsetzung des Strebens 
nach dem normalen Sexualziel scheint für alle Fälle Voraussetzung 
(exekutive Schwäche des Sexualapparates). 1 Die Anknüpfung ans 
Normale wird durch die psychologisch notwendige Überschätzung 
des Sexualobjektes vermittelt, welche unvermeidlich auf alles mit 
demselben assoziativ Verbundene übergreift. Ein gewisser Grad 
von solchem Fetischismus ist daher dem normalen Lieben regel- 
mäßig eigen, besonders in jenen Stadien der Verliebtheit, in 
welchen das normale Sexualziel unerreichbar oder dessen Erfüllung 
aufgehoben erscheint. 



„Schaff mir ein Halstuch von ihrer Brust, 
Ein Strumpfband meiner Liebeslust ! 



(Faust) 



Der pathologische Fall tritt erst ein, wenn sich das Streben 
nach dem Fetisch über solche Bedingung hinaus fixiert und sich 
an die Stelle des normalen Zieles setzt, ferner wenn sich der 
Fetisch von der bestimmten Person loslöst, zum alleinigen Sexual- 
objekt wird. Es sind dies die allgemeinen Bedingungen für das 
Übergehen bloßer Variationen des Geschlechtstriebes in pathologische 
Verirrungen. 

In der Auswahl des Fetisch zeigt sich, wie Bin et zuerst 
behauptet hat und dann später durch zahlreiche Belege erwiesen 
worden ist, der fortwirkende Einfluß eines zumeist in früher 
Kindheit empfangenen sexuellen Eindruckes, was man der sprich- 
wörtlichen Haftfähigkeit einer ersten Liebe beim Normalen („on 
revient toujours a ses premiers amours") an die Seite stellen darf. 



1) Diese Schwäche entspräche der konstitutionellen Voraussetzung. Die Psycho- 
analyse hat als akzidentelle Bedingung die frühzeitige Sexualeinschüchterung nach- 
gewiesen, welche vom normalen Sexualziel abdrängt und zum Ersatz desselben anregt. 



28 



Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



Eine solche Ableitung ist besonders deutlich bei Fällen mit bloß 
fetischistischer Bedingtheit des Sexualobjektes. Der Bedeutung 
frühzeitiger sexueller Eindrücke werden wir noch an anderer 
Stelle begegnen. 1 

In anderen Fällen ist es eine dem Betroffenen meist nicht 
bewußte symbolische Gedankenverbindung, welche zum Ersatz 
des Objektes durch den Fetisch geführt hat. Die Wege dieser 
Verbindungen sind nicht immer mit Sicherheit nachzuweisen 
(der Fuß ist ein uraltes sexuelles Symbol, schon im Mythus, 3 
„Pelz" verdankt seine Fetischrolle wohl der Assoziation mit 
der Behaarung des Mons veneris) j doch scheint auch solche 
Symbolik nicht immer unabhängig von sexuellen Erlebnissen der 
Kinderzeit. 3 



1) Tiefer eindringende psychoanalytische Untersuchung hat zu einer berechtigten 
Kritik der Bin et sehen Behauptung geführt. Alle hieher gehörigen Beobachtungen 
haben ein erstes Zusammentreffen mit dem Fetisch zum Inhalt, in welchem nah 
dieser bereits im Besitz des sexuellen Interesses zeigt, ohne daß man aus den 
Begleitumständen verstehen könnte, wie er zu diesem Besitz gekommen ist. Auch 
fallen alle diese „frühzeitigen" Sexualeindrücke in die Zeit nach dem fünften, sechsten 
Jahr, während die Psychoanalyse daran zweifeln läßt, ob sich pathologische Fixierungen 
so spat neubildcn können. Der wirkliche Sachverhalt ist der, daß hinter der ersten 
Erinnerung an das Auftreten des Fetisch eine untergegangene und vergessene Phase 
der Sexualentwicklung liegt, die durch den Fetisch wie durch eine „Deckerinnerung" 
vertreten wird, deren Rest und Niederschlag der Fetisch also darstellt Die Wendung 
dieser in die ersten Kindheitsjahre fallenden Phase zum Fetischismus sowie die Aus- 
wahl des Fetisch selbst sind konstitutionell determiniert. 

2) Dementsprechend der Schuh oder Pantoffel Symbol des weiblichen Genitales. 

3) Die Psychoanalyse hat eine der noch vorhandenen Lücken im Verständnis des 
Fetischismus ausgefüllt, indem sie auf die Bedeutimg einer durch Verdrängung 
verloren gegangenen koprophilen R i e c h 1 u s t für die Auswahl des Fetisch hinwies. 
Fuß und Haar sind stark riechende Objekte, die nach dem Verzicht auf die unlustig 
gewordene Geruchsempfindung zu Fetischen erhoben werden. In der dem Fuß- 
fetischismus entsprechenden Perversion ist demgemäß nur der schmutzige und übel- 
riechende Fuß das Sexualobjekt. Ein anderer Beitrag zur Aufklärung der fetischistischen 
Bevorzugung des Fußes ergibt sich aus den infantilen Sexualthcorien. (S. u.) Der Fuß 
ersetzt den schwer vermißten Penis des Weibes. — In manchen Fällen von Fuß- 
fetischismus ließ sich zeigen, daß der ursprünglich auf das Genitale gerichtete 
Schautrieb, der seinem Objekt von unten her nahe kommen wollte, durch Verbot 
und Verdrängung auf dem Wege aufgehalten wurde, und darum Fuß oder Schuh 
als Fetisch festhielt. Das weibliche Genitale wurde dabei, der infantilen Erwartung 
entsprechend, als ein männliches vorgestellt. 



Die sexuellen Abirrungen 29 



b) Fixierungen von vorläufigen Sexualziclen 
Alle äußeren und inneren Bedingungen, welche das Erreichen Auftrete» 

neuer 

des normalen Sexualzieles erschweren oder in die Ferne rücken Absichten 
(Impotenz, Kostbarkeit des Sexualobjektes, Gefahren des Sexual- 
aktes), unterstützen wie begreiflich die Neigung, bei den vor- 
bereitenden Akten zu verweilen und neue Sexualziele aus ihnen 
zu gestalten, die an die Stelle des normalen treten können. Bei 
näherer Prüfung zeigt sich stets, daß die anscheinend fremdartigsten 
dieser neuen Absichten doch bereits beim normalen Sexualvorgang 
angedeutet sind. 

Ein gewisses Maß von Tasten ist wenigstens für den'Menschen "JJJJJ™^* 
zur Erreichung des normalen Sexualzieles unerläßlich. Auch ist 
es allgemein bekannt, welche Lustquelle einerseits, welcher Zufluß 
neuer Erregung andererseits durch die Berührungsempfindungen 
von der Haut des Sexualobjektes gewonnen wird. Somit kann das 
Verweilen beim Betasten, falls der Sexualakt überhaupt nur weiter 
geht, kaum zu den Perversionen gezählt werden. 

Ähnlich ist es mit dem in letzter Linie vom Tasten abgeleiteten 
Sehen. Der optische Eindruck bleibt der Weg, auf dem die 
libidinöse Erregung am häufigsten geweckt wird, und auf dessen 
Gan^barkeit — wenn diese teleologische Betrachtungsweise zulässig 

j st die Zuchtwahl rechnet, indem sie das Sexualobjekt sich 

zur Schönheit entwickeln läßt. Die mit der Kultur fortschreitende 
Verhüllung des Körpers hält die sexuelle Neugierde wach, welche 
danach strebt, sich das Sexualobjekt durch Enthüllung der ver- 
borgenen Teile zu ergänzen, die aber ins Künstlerische abgelenkt 
( sublimiert") werden kann, wenn man ihr Interesse von den 
Genitalien weg auf die Körperbildung im ganzen zu lenken 
vermag.' Ein Verweilen bei diesem intermediären Sexualziel des 



1) Es scheint mir unzweifelhaft, daß der Begriff des „Schönen" auf dem Boden 
der Sexualerregung wurzelt und ursprünglich das sexuell Reizende („die Reize") 
bedeutet. Es steht im Zusammenhange damit, daß wir die Genitalien selbst, deren Anblick 
die stärkste sexuelle Erregung hervorruft, eigentlich niemals „schön" finden können.. 



Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



sexuell betonten Schauens kommt in gewissem Grade den meisten 
Normalen zu, ja es gibt ihnen die Möglichkeit, einen gewissen 
Betrag ihrer Libido auf höhere künstlerische Ziele zu richten. Zur 
Perversion wird die Schaulust im Gegenteil, a) wenn sie sich 
ausschließlich auf die Genitalien einschränkt, b) wenn sie sich 
mit der Überwindung des Ekels verbindet (Voyeurs: Zuschauer 
bei den Exkretionsfunktionen), c) wenn sie das normale Sexualziel 
anstatt es vorzubereiten, verdrängt. Letzteres ist in ausgeprägter 
Weise bei den Exhibitionisten der Fall, die, wenn ich nach 
mehreren Analysen schließen darf, ihre Genitalien zeigen, um als 
Gegenleistung die Genitalien des anderen Teiles zu Gesicht ZU 
bekommen. 1 

Bei der Perversion, deren Streben das Schauen und Beschaut- 
werden ist, tritt ein sehr merkwürdiger Charakter hervor der 
uns bei der nächstfolgenden Abirrung noch intensiver beschäftigen 
wird. Das Sexualziel ist hiebei nämlich in zweifacher Ausbildung 
vorhanden, in aktiver und in passiver Form. 

Die Macht, welche der Schaulust entgegensteht und even- 
tuell durch sie aufgehoben wird, ist die Scbam (wie vorhin 
der Ekel). 

bÜSbl^ Die Nei S un S> dem Sexualobjekt Schmerz zuzufügen und ihr 
Gegenstück, diese häufigste und bedeutsamste aller Perversionen, 
ist in ihren beiden Gestaltungen, der aktiven und der passiven, 
von v. Krafft-Ebing als Sadismus und Masochismus 
(passiv) benannt worden. Andere Autoren ziehen die engere 
Bezeichnung A 1 g o 1 a g n i e vor, welche die Lust am Schmerz, die 
Grausamkeit, betont, während bei den Namen, die v. Krafft- 
Ebing gewählt hat, die Lust an jeder Art von Demütigung und 
Unterwerfung in den Vordergrund gestellt wird. 

l) Der Analyse enthüllt diese Perversion — sowie die meisten ainl.-icn eine 

unerwartete Vielfältigkeit ihrer Motive und Bedeutungen. Der Exliibilionsy.wung nun 
Beispiel ist auch stark abhängig vom Kastrationskoinplex; er betont immer wieder 
die Integrität des eigenen (männlichen) Genitales und wiederholt die infantile Befrie- 
digung über das Fehlen des Gliedes im weiblichen. 



Die sexuellen Abirrungen 31 

Für die aktive Algolagnie, den Sadismus, sind die Wurzeln im 
Normalen leicht nachzuweisen. Die Sexualität der meisten Männer 
zeigt eine Beimengung von Aggression, von Neigung zur 
Überwältigung, deren biologische Bedeutung in der Notwendigkeit 
liegen dürfte, den Widerstand des Sexualobjektes noch anders als 
durch die Akte der Werbung zu überwinden. Der Sadismus 
entspräche dann einer selbständig gewordenen, übertriebenen, durch 
Verschiebung an die Hauptstelle gerückten aggressiven Komponente 
des Sexualtriebes. 

Der Begriff des Sadismus schwankt im Sprachgebrauch von 
einer bloß aktiven, sodann gewalttätigen, Einstellung gegen das 
Sexualobjekt bis zur ausschließlichen Bindung der Befriedigung an 
die Unterwerfung und Mißhandlung desselben. Strenge genommen 
hat nur der letztere extreme Fall Anspruch auf den Namen einer 
Perversion. 

In ähnlicher Weise umfaßt die Bezeichnung Masochismus alle 
passiven Einstellungen zum Sexualleben und Sexualobjekt, als 
deren äußerste die Bindung der Befriedigung an das Erleiden 
von physischem oder seelischem Schmerz von sehen des Sexual- 
objektes erscheint. Der Masochismus als Perversion scheint sich 
vom normalen Sexualziel weiter zu entfernen als sein Gegenstück; 
es darf zunächst bezweifelt werden, ob er jemals primär auftritt oder 
nicht vielmehr regelmäßig durch Umbildung aus dem Sadismus ent- 
steht. 1 Häufig läßt sich erkennen, daß der Masochismus nichts anderes 
ist als eine Fortsetzung des Sadismus in Wendung gegen die 
eigene Person, welche dabei zunächst die Stelle des Sexualobjekts 



1) Spätere Überlegungen, die sich auf bestimmte Annahmen über die Struktur 
des seelischen Apparates und über die in ihm wirksamen Triebarten stützen konnten, 
haben mein Urteil über den Masochismus weitgehend verändert. Ich wurde dazu 
e-eführt, einen primären — erogenen — Masochismus anzuerkennen, aus dem 
sich zwei spätere Formen, der feminine und der moralische Masochismus 
entwickeln. Durch Rückwendung des im Leben unverbrauchten Sadismus gegen die 
eigene Person entsteht ein sekundärer Masochismus, der sich zum primären 
hinzuaddiert. (S. „Das ökonomische Problem des Masochismus" Internat. Zeitschrift 
für Psychoanalyse X, 1924. [Gesamtausgabe Bd. T\). 



3 = 



Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



vertritt. Die klinische Analyse extremer Fälle von masochistischer 
Perversion führt auf das Zusammenwirken einer großen Reihe 
von Momenten, welche die ursprüngliche passive Sexualeinstellung 
übertreiben und fixieren. (Kastrationskomplex, Schuldbewußtsein.) 

Der Schmerz, der hiebei überwunden wird, reiht sich dem 
Ekel und der Scham an, die sich der Libido als Widerstände 
entgegengestellt hatten. 

Sadismus und Masochismus nehmen unter den Perversionen 
eine besondere Stellung ein, da der ihnen zugrunde liegende 
Gegensatz von Aktivität und Passivität zu den allgemeinen 
Charakteren des Sexuallebens gehört. 

Daß Grausamkeit und Sexualtrieb innigst zusammengehören, 
lehrt die Kulturgeschichte der Menschheit über jeden Zweifel, 
aber in der Aufklärung dieses Zusammenhanges ist man über 
die Betonung des aggressiven Moments der Libido nicht hinaus- 
gekommen. Nach einigen Autoren ist diese dem Sexualtrieb 
beigemengte Aggression eigentlich ein Rest kannibalischer Gelüste, 
also eine Mitbeteiligung des Bemächtigungsapparates, welcher der 
Befriedigung des anderen, ontogenetisch älteren, großen Bedürf- 
nisses dient.' Es ist auch behauptet worden, daß jeder Schmerz 
an und für sich die Möglichkeit einer Lustempfindung enthalte. 
Wir wollen uns mit dem Eindruck begnügen, daß die Aufklärung 
dieser Perversion keineswegs befriedigend gegeben ist, und daß 
möglicherweise hiebei mehrere seelische Strebungen sich zu einem 

Effekt vereinigen. 2 

Die auffälligste Eigentümlichkeit dieser Perversion liegt aber 
darin, daß ihre aktive und ihre passive Form regelmäßig bei der 
nämlichen Person mitsammen angetroffen werden. Wer Lust 
daran empfindet, anderen Schmerz in sexueller Relation zu 



1) Vgl. hiezu die spätere Mitteilung über die prägenitnlen Phasen der Sexual- 
entwicklung, in welcher diese Ansicht bestätigt wird. 

2) Aus der zuletzt zitierten Untersuchung leitet sich für das Gcgcnsatzpunr 
Sadismus— Masochismus eine auf den Triebursprung begründete Sonderstellung ab, 
durch welche es aus der Reihe der anderen „Perversionen" herausgehoben wird. 






Die sexuellen Abirrungen 53 

erzeugen, der ist auch befähigt, den Schmerz als Lust zu 
genießen, der ihm aus sexuellen Beziehungen erwachsen kann. 
Ein Sadist ist immer auch gleichzeitig ein Masochist, wenngleich 
die aktive oder die passive Seite der Perversion bei ihm stärker 
ausgebildet sein und seine vorwiegend sexuelle Betätigung dar- 
stellen kann. 1 

Wir sehen so gewisse der Perversionsneigungen regelmäßig als 
Gegensatzpaare auftreten, was mit Hinblick auf später 
beizubringendes Material eine hohe theoretische Bedeutung 
beanspruchen darf. 2 Es ist ferner einleuchtend, daß die Existenz 
des Gegensatzpaares Sadismus — Masochismus aus der Aggressions- 
beimengung nicht ohneweiters ableitbar ist. Dagegen wäre man 
versucht, solche gleichzeitig vorhandene Gegensätze mit dem in 
der Bisexualität vereinten Gegensatz von männlich und weiblich 
in Beziehung zu setzen, für welchen in der Psychoanalyse häufig 
der von aktiv und passiv einzusetzen ist. 

5) Allgemeines über alle Perversionen 

Die Ärzte, welche die Perversionen zuerst an ausgeprägten Variation ud 
Beispielen und unter besonderen Bedingungen studiert haben, 
sind natürlich geneigt gewesen, ihnen den Charakter eines Krankheits- 
oder Degenerationszeichens zuzusprechen, ganz ähnlich wie bei 
der Inversion. Indes ist es hier leichter als dort, diese Auf- 
fassung abzulehnen. Die alltägliche Erfahrung hat gezeigt, daß 
die meisten dieser Überschreitungen, wenigstens die minder argen 
unter ihnen, einen selten fehlenden Bestandteil des Sexuallebens 
der Gesunden bilden und von ihnen wie andere Intimitäten 
auch beurteilt werden. Wo die Verhältnisse es begünstigen, kann 

1) Anstatt vieler Belege für diese Behauptung zitiere ich nur die eine Stelle aus 
Havelock Ellis (Das Gesclüechtsgefühl, 1903): „Alle bekannten Fälle von 
Sadismus und Masochismus, selbst die von v. Krafft-Ebing zitierten, zeigen 
beständig (wie schon Colin, Scott und F£r£ nachgewiesen^ Spuren beider Gruppen 
von Erscheinungen an ein und demselben Individuum." 

2) Vgl. die spätere Erwähnung der „Ambivalenz". 

Freud, V. 5 



34 



Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



auch der Normale eine solche Perversion eine ganze Zeitlang 
an die Stelle des normalen Sexualzieles setzen oder ihr einen 
Platz neben diesem einräumen. Bei keinem Gesunden dürfte 
irgendein pervers zu nennender Zusatz zum normalen Sexualziel 
fehlen und diese Allgemeinheit genügt für sich allein, um die 
Unzweckmäßigkeit einer vorwurfsvollen Verwendung des Namens 
Perversion darzutun. Gerade auf dem Gebiete des Sexuallebens 
stößt man auf besondere, eigentlich derzeit unlösbare Schwierig- 
keiten, wenn man eine scharfe Grenze zwischen bloßer Variation 
innerhalb der physiologischen Breite und krankhaften Symptomen 
ziehen will. 

Bei manchen dieser Perversionen ist immerhin die Qualität 
des neuen Sexualzieles eine solche, daß sie nach besonderer 
Würdigung verlangt. Gewisse der Perversionen entfernen sich 
inhaltlich so weit vom Normalen, daß wir nicht umhin können, 
sie für „krankhaft" zu erklären, insbesondere jene, in denen der 
Sexualtrieb in der Überwindung der Widerstände (Scham, Fkel, 
Grauen, Schmerz) erstaunliche Leistungen vollführt (Kotlecken, 
Leichenmißbrauch). Doch darf man auch in diesen Fällen sich 
nicht der sicheren Erwartung hingeben, in den Tätern regelmäßig 
Personen mit andersartigen schweren Abnormitäten oder Geistes- 
kranke zu entdecken. Man kommt auch hier nicht über die 
Tatsache hinaus, daß Personen, die sich sonst normal verhalten, 
auf dem Gebiete des Sexuallebens allein, unter der Herrschaft 
des ungezügeltsten aller Triebe, sich als Kranke dokumentieren. 
Manifeste Abnormität in anderen Lebensrelationen pflegt hingegen 
jedesmal einen Hintergrund von abnormem sexuellen Verhalten 
zu zeigen. 

In der Mehrzahl der Fälle können wir den Charakter des 
Krankhaften bei der Perversion nicht im Inhalt des neuen Sexual- 
zieles, sondern in dessen Verhältnis zum Normalen finden. Wenn 
die Perversion nicht neben dem Normalen (Sexualziel und 
Objekt) auftritt, wo günstige Umstände dieselbe fördern und 



Die sexuellen Abirrungen 35 

ungünstige das Normale verhindern, sondern wenn sie das Normale 
unter allen Umständen verdrängt und ersetzt hat 5 — in der Aus- 
schließlichkeit und in der Fixierung also der Perversion 
sehen wir zu allermeist die Berechtigung, sie als ein krankhaftes 
Symptom zu beurteilen. 

Vielleicht gerade bei den abscheulichsten Perversionen muß Dle ««eiuAe 

. . . Beteiligung 

man die ausgiebigste psychische Beteiligung zur Umwandlung bei den 
des Sexualtriebes anerkennen. Es ist hier ein Stück seelischer 
Arbeit geleistet, dem man trotz seines greulichen Erfolges den 
Wert einer Idealisierung des Triebes nicht absprechen kann. Die 
Allgewalt der Liebe zeigt sich vielleicht nirgends stärker als in 
diesen ihren Verirrungen. Das Höchste und das Niedrigste hängen 
in der Sexualität überall am innigsten aneinander („vom Himmel 
durch die Welt zur Hölle"). 

Bei dem Studium der Perversionen hat sich uns die Einsicht _ 2 7 el 
ergeben, daß der Sexualtrieb gegen gewisse seelische Mächte als 
Widerstände anzukämpfen hat, unter denen Scham und Ekel am 
deutlichsten hervorgetreten sind. Es ist die Vermutung gestattet, 
daß diese Mächte daran beteiligt sind, den Trieb innerhalb der 
als normal geltenden Schranken zu bannen, und wenn sie sich 
im Individuum früher entwickelt haben, ehe der Sexualtrieb 
seine volle Stärke erlangte, so waren sie es wohl, die ihm die 
Richtung seiner Entwicklung angewiesen haben. 1 

Wir haben ferner die Bemerkung gemacht, daß einige der 
untersuchten Perversionen nur durch das Zusammentreten von 
mehreren Motiven verständlich werden. Wenn sie eine Analyse 
— Zersetzung — zulassen, müssen sie zusammengesetzter Natur 
sein. Hieraus können wir einen Wink entnehmen, daß vielleicht 



Ergebniase 



1) Man muß diese die Sexualentwicklung eindämmenden Mächte — Ekel, Scham 
und Moralität — andererseits auch als historische Niederschläge der äußeren 
Hemmungen ansehen, welche der Sexualtrieb in der Psychogenese der Menschheit 
erfahren hat. Man macht die Beobachtung, daß sie in der Entwicklung des Einzelnen 
au ihrer Zeit wie spontan auf die Winke der Erziehung und Beeinflussung hin 
auftreten. 



56 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 

der Sexualtrieb selbst nichts Einfaches, sondern aus Komponenten 
zusammengesetzt ist, die sich in den Perversionen wieder von 
ihm ablösen. Die Klinik hätte uns so auf Verschmelzungen 
aufmerksam gemacht, die in dem gleichförmigen normalen Verhalten 
ihren Ausdruck eingebüßt haben. 1 

1 

4) Der Sexualtrieb bei den Neurotikern 

Die Psycho- Einen wichtigen Beitrag zur Kenntnis des Sexualtriebes bei 

annlyse ^ ° 

Personen, die den Normalen mindestens nahe stehen, gewinnt 
man aus einer Quelle, die nur auf einem bestimmten Wege 
zugänglich ist. Es gibt nur ein Mittel, über das Geschlechtsleben 
der sogenannten Psychoneurotiker (Hysterie, Zwangsneurose, 
fälschlich sogenannte Neurasthenie, sicherlich auch Dementia 
praecox, Paranoia) gründliche und nicht irre leitende Aufschlüsse 
zu erhalten, nämlich wenn man sie der psychoanalytischen 
Erforschung unterwirft, deren sich das von J. Breuer und 
mir 1893 eingesetzte, damals „kathartisch" genannte Heilverfahren 
bedient. 

Ich muß vorausschicken, respektive aus anderen Veröffent- 
lichungen wiederholen, daß diese Psychoneurosen, soweit meine 
Erfahrungen reichen, auf sexuellen Triebkräften beruhen. Ich 
meine dies nicht etwa so, daß die Energie des Sexualtriebes 
einen Beitrag zu den Kräften liefert, welche die krankhaften 
Erscheinungen (Symptome) unterhalten, sondern ich will aus- 
drücklich behaupten, daß dieser Anteil der einzig konstante und 
die wichtigste Energiequelle der Neurose ist, so daß das Sexual- 
leben der betreffenden Personen sich entweder ausschließlich oder 

1) Ich bemerke vorgreifend über die Entstehung der Perversionen, daß man 
Grund hat anzunehmen, es sei vor der Fixierung derselben, ganz ähnlich wie beim 
Fetischismus, ein Ansatz normaler Sexualentwicklung vorhanden gewesen. Die 
analytische Untersuchung hat bisher in einzelnen Fällen zeigen können, daß auch 
die Perversion der Rückstand einer Entwicklung zum Ödipuskomplex ist, nach dessen 
Verdrängung die der Anlage nach stärkste Komponente des Sexualtriebes wieder 
hervorgetreten ist. 






Die sexuellen Abirrungen 37 

vorwiegend oder nur teilweise in diesen Symptomen äußert. Die 
Symptome sind, wie ich es an anderer Stelle ausgedrückt habe, 
die Sexualbetätigung der Kranken. Den Beweis für diese 
Behauptung hat mir eine seit fünfundzwanzig Jahren sich 
mehrende Anzahl von Psychoanalysen hysterischer und anderer 
Nervöser geliefert, über deren Ergebnisse im einzelnen ich an 
anderen Orten ausführliche Rechenschaft gegeben habe und noch 
weiter geben werde. 1 

Die Psychoanalyse beseitigt die Symptome Hysterischer unter 
der Voraussetzung, daß dieselben der Ersatz — die Transkription 
gleichsam — für eine Reihe von affektbesetzten seelischen 
Vorgängen, Wünschen und Strebungen, sind, denen durch einen 
besonderen psychischen Prozeß (die Verdrängung) der Zugang 
zur Erledigung durch bewußtseinsfähige psychische Tätigkeit 
versagt worden ist. Diese also im Zustande des Unbewußten 
zurückgehaltenen Gedankenbildungen streben nach einem ihrem 
Affektwert gemäßen Ausdruck, einer Abfuhr, und finden eine 
solche bei der Hysterie durch den Vorgang der Konversion 
in somatischen Phänomenen — eben den hysterischen Symptomen. 
Bei der kunstgerechten, mit Hilfe einer besonderen Technik 
durchgeführten Rückverwandlung der Symptome in nun bewußt 
gewordene, affektbesetzte Vorstellungen ist man also imstande, 
über die Natur und die Abkunft dieser früher unbewußten 
psychischen Bildungen das Genaueste zu erfahren. 

Es ist auf diese Weise in Erfahrung gebracht worden, daß die ErgebnUse 

der Psycho- 

Symptome einen Ersatz für Strebungen darstellen, die ihre Kraft anaiy« 
der Quelle des Sexualtriebes entnehmen. Im vollen Einklänge 
damit steht,- was wir über den Charakter der hier zum Muster 
für alle Psychoneurotiker genommenen Hysteriker vor ihrer 



1) Es ist nur eine Vervollständigung- und nicht eine Verringerung dieser Aussage, 
wenn ich sie dahin abändere: Die nervösen Symptome beruhen einerseits auf dem 
Anspruch der libidinösen Triebe, andererseits auf dem Einspruch des Ichs, der 
Reaktion gegen dieselben. 



38 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 

Erkrankung und über die Anlässe zur Erkrankung wissen. Der 
hysterische Charakter läßt ein Stück Sexualverdrängung 
erkennen, welches über das normale Maß hinausgeht, eine 
Steigerung der Widerstände gegen den Sexualtrieb, die uns als 
Scham, Ekel und Moral bekannt geworden sind, eine wie instinktive 
Flucht vor der intellektuellen Beschäftigung mit dem Sexual- 
problem, welche in ausgeprägten Fällen den Erfolg hat, die volle 
sexuelle Unwissenheit noch bis in die Jahre der erlangten 
Geschlechtsreife zu bewahren. 1 

Dieser für die Hysterie wesentliche Charakterzug wird für die 
grobe Beobachtung nicht selten durch das Vorhandensein des 
zweiten konstitutionellen Faktors der Hysterie, durch die über- 
mächtige Ausbildung des Sexualtriebes verdeckt, allein die 
psychologische Analyse weiß ihn jedesmal aufzudecken und die 
widerspruchsvolle Rätselhaftigkeit der Hysterie durch die Fest- 
stellung des Gegensatzpaares von übergroßem sexuellen Bedürfnis 
und zu weit getriebener Sexualablehnung zu lösen. 

Der Anlaß zur Erkrankung ergibt sich für die hysterisch 
disponierte Person, wenn infolge der fortschreitenden eigenen 
Reifung oder äußerer Lebensverhältnisse die reale Sexualforderung 
ernsthaft an sie herantritt. Zwischen dem Drängen des Triebes 
und dem Widerstreben der Sexualablehnung stellt sich dann der 
Ausweg der Krankheit her, der den Konflikt nicht löst, sondern 
ihm durch die Verwandlung der libidinösen Strebungen in 
Symptome zu entgehen sucht. Es ist nur eine scheinbare 
Ausnahme, wenn eine hysterische Person, ein Mann etwa, an 
einer banalen Gemütsbewegung, an einem Konflikt, in dessen 
Mittelpunkt nicht das sexuelle Interesse steht, erkrankt. Die 
Psychoanalyse kann dann regelmäßig nachweisen, daß es die 
sexuelle Komponente des Konflikts ist, welche die Erkrankung 



1) Studien über Hysterie. 1895. [Bd. I der Gesamtausgabe.] J. Breuer sagt von 
seiner Patientin, an der er die kathartische Methode luerst geübt bat : „Das sexuale 
Moment war erstaunlich unentwickelt." 



Die sexuellen Abirrungen 39 

ermöglicht hat, indem sie die seelischen Vorgänge der normalen 
Erledigung entzog. 

Ein guter Teil des Widerspruches gegen diese meine Auf- S ^^J^ 
Stellungen erklärt sich wohl daraus, daß man die Sexualität, von 
welcher ich die psychoneurotischen Symptome ableite, mit dem 
normalen Sexualtrieb zusammenfallen ließ. Allein die Psycho- 
analyse lehrt noch mehr. Sie zeigt, daß die Symptome keineswegs 
allein auf Kosten des sogenannten normalen Sexualtriebes entstehen 
(wenigstens nicht ausschließlich oder vorwiegend), sondern den 
konvertierten Ausdruck von Trieben darstellen, welche man als 
perverse (im weitesten Sinne) bezeichnen würde, wenn sie 
sich ohne Ablenkung vom Bewußtsein direkt in Phantasievorsätzen 
und Taten äußern könnten. Die Symptome bilden sich also zum 
Teil auf Kosten abnormer Sexualität; die Neurose ist 
sozusagen das Negativ der Perversion. 1 

Der Sexualtrieb der Psychoneurotiker läßt alle die Abirrungen 
erkennen, die wir als Variationen des normalen und als Äußerungen 
des krankhaften Sexuallebens studiert haben. 

a) Bei allen Neurotikern (ohne Ausnahme) finden sich im 
unbewußten Seelenleben Regungen von Inversion, Fixierung von 
Libido auf Personen des gleichen Geschlechts. Ohne tief ein- 
dringende Erörterung ist es nicht möglich, die Bedeutung dieses 
Moments für die Gestaltung des Krankheitsbildes entsprechend 
zu würdigen; ich kann nur versichern, daß die unbewußte 
Inversionsneigung niemals fehlt und insbesondere zur Aufklärung 
der männlichen Hysterie die größten Dienste leistet. 2 

1) Die klar bewußten Phantasien, der Perversen, die unter günstigen Umständen 
in Veranstaltungen umgesetzt werden, die in feindlichem Sinne auf andere projizierten 
Wahnbefürchtungen der Paranoiker und die imbewußten Phantasien der Hysteriker, 
die man durch Psychoanalyse hinter ihren Symptomen aufdeckt, fallen inhaltlich bis 
in einielne Details zusammen. 

2) Psychoneurose vergesellschaftet sich auch sehr oft mit manifester Inversion, 
wobei die heterosexuelle Strömung der vollen Unterdrückung zum Opfer gefallen 

i s t. Ich lasse nur einer mir zuteil gewordenen Anregung Recht widerfahren, wenn 

ich mitteile, daß erst private Äußerungen von W. Fließ in Berlin mich auf die 
notwendige Allgemeinheit der Inversionsneigung bei den Psychoneurotikern aufmerksam 



4° Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 






b) Es sind bei den Psychoneurotikern alle Neigungen zu den 
anatomischen Überschreitungen im Unbewußten und als Symptom- 
bildner nachweisbar, unter ihnen mit besonderer Häufigkeit und 
Intensität diejenigen, welche für Mund- und Afterschleimhaut 
die Rolle von Genitalien in Anspruch nehmen. 

c) Eine ganz hervorragende Rolle unter den Symptombildnern 
der Psychoneurosen spielen die zumeist in Gegensatzpaaren 
auftretenden Partialtriebe, die wir als ßringer neuer Sexualziele 
kennen gelernt haben, der Trieb der Schaulust und der 
Exhibition und der aktiv und passiv ausgebildete Trieb zur 
Grausamkeit. Der Beitrag des letzteren ist zum Verständnis der 
Leidensnatur der Symptome unentbehrlich und beherrscht fast 
regelmäßig ein Stück des sozialen Verhaltens der Kranken. Vermittels 
dieser Grausamkeitsverknüpfung der Libido geht auch die 
Verwandlung von Liebe in Haß, von zärtlichen in feindselige 
Regungen vor sich, die für eine große Reihe von neurotischen 
Fällen, ja, wie es scheint, für die Paranoia im ganzen charak- 
teristisch ist. 

Das Interesse an diesen Ergebnissen wird noch durch einige 
Besonderheiten des Tatbestandes erhöht. 

a) Wo ein solcher Trieb im Unbewußten aufgefunden wird, 
welcher der Paarung mit einem Gegensatze fähig ist, da läßt 
sich regelmäßig auch dieser letztere als wirksam nachweisen. 
Jede „aktive" Perversion wird also hier von ihrem passiven 
Widerpart begleitet • wer im Unbewußten Exhibitionist ist, der 
ist auch gleichzeitig Voyeur, wer an den Folgen der Verdrängung 
sadistischer Regungen leidet, bei dem findet sich ein anderer 
Zuzug zu den Symptomen aus den Quellen masochistischer 
Neigung. Die volle Übereinstimmung mit dem Verhalten der 
entsprechenden „positiven" Perversionen ist gewiß sehr beachtens- 



gemacht haben, nachdem ich diese in einzelnen Fällen aufgedeckt hatte. — Diese 
nicht genug gewürdigte Tatsache müßte alle Theorien der Homosexualität entscheidend 
beeinflussen. 



. 



Die sexuellen Abirrungen 41 

wert. Im Krankheitsbilde spielt aber die eine oder die andere der 
gegensätzlichen Neigungen die überwiegende Rolle. 

8) In einem ausgeprägteren Falle von Psychoneurose findet 
man nur selten einen einzigen dieser perversen Triebe entwickelt, 
meist eine größere Anzahl derselben und in der Regel Spuren 
von allen; der einzelne Trieb ist aber in seiner Intensität 
unabhängig von der Ausbildung der anderen. Auch dazu ergibt 
uns das Studium der positiven Perversionen das genaue Gegen- 
stück. 

5) Partialtriebe und erogene Zonen 

Halten wir zusammen, was wir aus der Untersuchung der 
positiven und der negativen Perversionen erfahren haben, so liegt 
es nahe, dieselben auf eine Reihe von „Partialtrieben" zurück- 
zuführen, die aber nichts Primäres sind, sondern eine weitere 
Zerlegung zulassen. Unter einem „Trieb" können wir zunächst 
nichts anderes verstehen als die psychische Repräsentanz einer 
kontinuierlich fließenden, innersomatischen Reizquelle, zum Unter- 
schiede vom „Reiz", der durch vereinzelte und von außen 
kommende Erregungen hergestellt wird. Trieb ist so einer der 
Begriffe der Abgrenzung des Seelischen vom Körperlichen. Die 
einfachste und nächstliegende Annahme über die Natur der 
Triebe wäre, daß sie an sich keine Qualität besitzen, sondern 
nur als Maße von Arbeitsanforderung für das Seelenleben in 
Betracht kommen. Was die Triebe voneinander unterscheidet 
und mit spezifischen Eigenschaften ausstattet, ist deren Beziehung 
zu ihren somatischen Quellen und ihren Zielen. Die Quelle, 
des Triebes ist ein erregender Vorgang in einem Organ und 
das nächste Ziel des Triebes liegt in der Aufhebung dieses 
Organreizes. 1 

1) Die Trieblehre ist das bedeutsamste, aber auch das unfertigste Stück der 
psychoanalytischen Theorie. In meinen späteren Arbeiten („Jenseits des Lustprinzips", 
1921, „Das Ich und das Es", 1925 [Bd. VI der Gesamtausgabe]) habe ich weitere 
Beiträge zur Trieblehre entwickelt. 






4 2 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



Eine weitere vorläufige Annahme in der Trieblehre, welcher 
wir uns nicht entziehen können, besagt, daß von den Körper- 
organen Erregungen von zweierlei Art geliefert werden, die in 
Differenzen chemischer Natur begründet sind. Die eine dieser 
Arten von Erregung bezeichnen wir als die spezifisch sexuelle 
und das betreffende Organ als die „erogene Zone" des von 
ihm ausgehenden sexuellen Partialtriebes. 1 

Bei den Perversionsneigungen, die für Mundhöhle und After- 
eröffnung sexuelle Bedeutung in Anspruch nehmen, ist die Rolle 
der erogenen Zone ohneweiters ersichtlich. Dieselbe benimmt 
sich in jeder Hinsicht wie ein Stück des Geschlechtsapparates. 
Bei der Hysterie werden diese Körperstellen und die von ihnen 
ausgehenden Schleimhauttrakte in ganz ähnlicher Weise der Sitz 
von neuen Sensationen und Innervationsänderungen — ja von 
Vorgängen, die man der Erektion vergleichen kann — wie die 
eigentlichen Genitalien unter den Erregungen der normalen 
Geschlechtsvorgänge. 

Die Bedeutung der erogenen Zonen als Nebenapparate und 
Surrogate der Genitalien tritt unter den Psychoneurosen bei der 
Hysterie am deutlichsten hervor, womit aber nicht behauptet 
werden soll, daß sie für die anderen Erkrankungsformen geringer 
einzuschätzen ist. Sie ist hier nur unkenntlicher, weil sich 
bei diesen (Zwangsneurose, Paranoia) die Symptombildung in 
Regionen des seelischen Apparates vollzieht, die weiter 
ab von den einzelnen Zentralstellen für die Körperbeherr- 
schung liegen. Bei der Zwangsneurose ist die Bedeutung 
der Impulse, welche neue Sexualziele schaffen und von ero- 
genen Zonen unabhängig erscheinen, das Auffälligere. Doch 
entspricht bei der Schau- und Exhibitionslust das Auge einer 



1) Es ist nicht leicht, diese Annahmen, die aus dem Studium einer bestimmten 
Klasse von neurotischen Erkrankungen geschöpft sind, hier zu rechtfertigen. Anderer- 
seits wird es aber unmöglich, etwas Stichhältiges über die Triebe auszusagen, wenn 
man sich die Erwähnung dieser Voraussetzungen erspart. . 



Die sexuellen Abirrungen 45 

erogenen Zone, bei der Schmerz- und Grausamkeitskomponente 
des Sexualtriebes ist es die Haut, welche die gleiche Rolle über- 
nimmt, die Haut, die sich an besonderen Körperstellen zu Sinnes- 
organen differenziert und zur Schleimhaut modifiziert hat, also 
die erogene Zone xaT' &,oyfp. 1 

6) Erklärung des scheinbaren Überwiegens perverser 
Sexualität bei den Psychoneurosen 

Durch die vorstehenden Erörterungen ist die Sexualität der 
Psychoneurotiker in ein möglicherweise falsches Licht gerückt 
worden. Es hat den Anschein bekommen, als näherten sich die 
Psychoneurotiker in ihrem sexuellen Verhalten der Anlage nach 
sehr den Perversen und entfernten sich dafür um ebensoviel von 
den Normalen. Nun ist sehr wohl möglich, daß die konstitutionelle 
Disposition dieser Kranken außer einem übergroßen Maß von 
Sexualverdrängung und einer übermächtigen Stärke des Sexual- 
triebes eine ungewöhnliche Neigung zur Perversion im weitesten 
Sinne mitenthält, allein die Untersuchung leichterer Fälle zeigt, 
daß letztere Annahme nicht unbedingt erforderlich ist, oder daß 
zum mindesten bei der Beurteilung der krankhaften Effekte die 
Wirkung eines Faktors in Abzug gebracht werden muß. Bei den 
meisten Psychoneurotikern tritt die Erkrankung erst nach der 
Pubertätszeit auf unter der Anforderung des normalen Sexual- 
lebens. Gegen dieses richtet sich vor allem die Verdrängung. Oder 
spätere Erkrankungen stellen sich her, indem der Libido auf 
normalem Wege die Befriedigung versagt wird. In beiden Fällen 
verhält sich die Libido wie ein Strom, dessen Hauptbett verlegt 
wird- sie füllt die kollateralen Wege aus, die bisher vielleicht 



1) Man muß hier der Aufstellung von Moll gedenken, welche den Sexualtrieb 
in Xontrektations- und Detumeszenztrieb zerlegt. Kontrektation bedeutet ein Bedürfnis 
nach Hautberührung. 



44 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



leer geblieben waren. Somit kann auch die scheinbar so große 
(allerdings negative) Perversionsneigung der Psychoneurotiker eine 
kollateral bedingte, muß jedenfalls eine kollateral erhöhte sein. 
Die Tatsache ist eben, daß man die Sexualverdrängung als inneres 
Moment jenen äußeren anreihen muß, welche wie Freiheits- 
einschränkung, Unzugänglichkeit des normalen Sexualobjekts, 
Gefahren des normalen Sexualaktes usw. Perversionen bei 
Individuen entstehen lassen, welche sonst vielleicht normal 
geblieben wären. 

In den einzelnen Fällen von Neurose mag es sich hierin 
verschieden verhalten, das einemal die angeborene Höhe der 
Perversionsneigung, das anderemal die kollaterale Hebung derselben 
durch die Abdrängung der Libido vom normalen Sexualziel und 
Sexualobjekt das Maßgebendere sein. Es wäre unrecht, eine Gegen- 
sätzlichkeit zu konstruieren, wo ein Kooperationsverhältnis vorliegt. 
Ihre größten Leistungen wird die Neurose jedesmal zustande 
bringen, wenn Konstitution und Erleben in demselben Sinne 
zusammenwirken. Eine ausgesprochene Konstitution wird etwa 
der Unterstützung durch die Lebenseindrücke entbehren können, 
eine ausgiebige Erschütterung im Leben etwa die Neurose auch 
bei durchschnittlicher Konstitution zustande bringen. Diese Gesichts- 
punkte gelten übrigens in gleicher Weise für die ätiologische 
Bedeutung von Angeborenem und akzidentell Erlebtem auch auf 
anderen Gebieten. 

Bevorzugt man die Annahme, daß eine besonders ausgebildete 
Neigung zu Perversionen doch zu den Eigentümlichkeiten der 
psychoneurotischen Konstitution gehört, so eröffnet sich die 
Aussicht, je nach dem angeborenen Vorwiegen dieser oder jener 
erogenen Zone, dieses oder jenes Partialtriebes, eine Mannigfaltigkeit 
solcher Konstitutionen unterscheiden zu können. Ob der perversen 
Veranlagung eine besondere Beziehung zur Auswahl der Erkrankungs- 
form zukommt, dies ist wie so vieles auf diesem Gebiete noch 
nicht untersucht. 



Die sexuellen Abirrungen 45 

7) Verweis auf den Infantilismus der Sexualität 

Durch den Nachweis der perversen Regungen als Symptom- 
bildner bei den Psychoneurosen haben wir die Anzahl der Menschen, 
die man den Perversen zurechnen könnte, in ganz außerordent- 
licher Weise gesteigert. Nicht nur, daß die Neurotiker selbst 
eine sehr zahlreiche Menschenklasse darstellen, es ist auch in 
Betracht zu ziehen, daß die Neurosen von allen ihren Aus- 
bildungen her in lückenlosen Reihen zur Gesundheit abklingen 5 
hat doch M o e b i u s mit guter Berechtigung sagen können : wir 
sind alle ein wenig hysterisch. Somit werden wir durch die außer- 
ordentliche Verbreitung der Perversionen zu der Annahme gedrängt, 
daß auch die Anlage zu den Perversionen keine seltene Besonder- 
heit, sondern ein Stück der für normal geltenden Konstitution 
sein müsse. 

Wir haben gehört, daß es strittig ist, ob die Perversionen auf 
angeborene Bedingungen zurückgehen oder durch zufällige Erleb- 
nisse entstehen, wie es Bin et für den Fetischismus angenommen 
hat. Nun bietet sich uns die Entscheidung, daß den Perversionen 
allerdings etwas Angeborenes zugrunde liegt, aber etwas, was 
allen Menschen angeboren ist, als Anlage in seiner 
Intensität schwanken mag und der Hervorhebung durch Lebens- 
einflüsse wartet. Es handelt sich um angeborene, in der Konstitution 
gegebene Wurzeln des Sexualtriebes, die sich in der einen Reihe 
von Fällen zu den wirklichen Trägern der Sexualtätigkeit entwickeln 
(Perverse), andere Male eine ungenügende Unterdrückung (Ver- 
drängung) erfahren, so daß sie auf einem Umweg als Krankheits- 
svmptome einen beträchtlichen Teil der sexuellen Energie an sich 
ziehen können, während sie in den günstigsten Fällen zwischen 
beiden Extremen durch wirksame Einschränkung und sonstige 
Verarbeitung das sogenannte normale Sexualleben entstehen lassen. 

Wir werden uns aber ferner sagen, daß die angenommene 
Konstitution, welche die Keime zu allen Per Versionen aufweist, 



46 



Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



nur beim Kinde aufzeigbar sein wird, wenngleich bei ihm alle 
Triebe nur in bescheidenen Intensitäten auftreten können. Ahnt 
uns so die Formel, daß die Neurotiker den infantilen Zustand 
ihrer Sexualität beibehalten haben oder auf ihn zurückversetzt 
worden sind, so wird sich unser Interesse dem Sexualleben des 
Kindes zuwenden und wir werden das Spiel der Einflüsse ver- 
folgen wollen, die den Entwicklungsprozeß der kindlichen 
Sexualität bis zum Ausgang in Perversion, Neurose oder normales 
Geschlechtsleben beherrschen. 



II 

DIE INFANTILE SEXUALITÄT 

Es ist ein Stück der populären Meinung über den Geschlechts- nai||1 ^ t 
trieb daß er der Kindheit fehle und erst in der als Pubertät der 
bezeichneten Lebensperiode erwache. Allein dies ist nicht nur 
ein einfacher, sondern sogar ein folgenschwerer Irrtum, da er 
hauptsächlich unsere gegenwärtige Unkenntnis der grundlegenden 
Verhältnisse des Sexuallebens verschuldet. Ein gründliches Studium 
der Sexualäußerungen in der Kindheit würde uns wahrscheinlich 
die wesentlichen Züge des Geschlechtstriebes aufdecken, seine 
Entwicklung verraten und seine Zusammensetzung aus verschiedenen 
Quellen zeigen. 

Es ist bemerkenswert, daß die Autoren, welche sich mit der 
Erklärung der Eigenschaften und Reaktionen des erwachsenen 
Individuums beschäftigen, jener Vorzeit, welche durch die Lebens- 
dauer der Ahnen gegeben ist, so viel mehr Aufmerksamkeit 
geschenkt, also der Erblichkeit so viel mehr Einfluß zugesprochen 
haben, als der anderen Vorzeit, welche bereits in die individuelle 
Existenz der Person fällt, der Kindheit nämlich. Man sollte doch 
meinen, der Einfluß dieser Lebensperiode wäre leichter zu 
verstehen und hätte ein Anrecht, vor dem der Erblichkeit berück- 
sichtigt zu werden. 1 Man findet zwar in der Literatur gelegent- 
liche Notizen über frühzeitige Sexualbetätigung bei kleinen 



1) Es ist ja auch nicht möglich, den der Erblichkeit gebührenden Anteil richtig 
au erkennen, ehe man den der Kindheit zugehörigen gewürdigt hat 



48 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



Kindern, über Erektionen, Masturbation und selbst koitus- 
ähnliche Vornahmen, aber immer nur als ausnahmsweise Vor- 
gänge, als Kuriosa oder als abschreckende Beispiele voreiliger 
Verderbtheit angeführt. Kein Autor hat meines Wissens die 
Gesetzmäßigkeit eines Sexualtriebes in der Kindheit klar 
erkannt und in den zahlreich gewordenen Schriften über die 
Entwicklung des Kindes wird das Kapitel „Sexuelle Entwick- 
lung" meist übergangen. 1 



1) Die hier niedergeschriebene Behauptung erschien mir selbst nachträglich als 
so gewagt, daß ich mir vorsetzte, sie durch nochmalige Durchsicht der Literatur 
zu prüfen. Das Ergebnis dieser Überprüfung war, daß ich sie unverändert stehen 
ließ. Die wissenschaftliche Bearbeitung der leiblichen wie der seelischen Phänomene 
der Sexualität im Kindesalter befinden sich in den ersten Anfängen. Ein Autor 
S. Bell (A preliminary study of tlie emotion of love between the sexes. American 
Journal of Psychology, XIII, 1902) äußert: I know of no scientist, who has given a 
careful analysis of the emotion as it is Seen in the adolescent. — Somatische Sexual- 
äußerungen aus der Zeit vor der Pubertät haben nur im Zusammenhange mit Ent- 
artungserscheinungen und als Zeichen von Entartung Aufmerksamkeit gewonnen. — 
Ein Kapitel über das Liebesleben der Kinder fehlt in allen Darstellungen der Psycho- 
logie dieses Alters, die ich gelesen habe, so in den bekannten Werken von P r e y e r, 
Baldwin (Die Entwicklung des Geistes beim Kinde und bei der Rasse, 1898), 
Perez (L'enfant de 3 — 7 ans, 1894), Strümpell (Die pädagogische Pathologie, 
1899), Karl Groos (Das Seelenleben des Kindes, 1904;, Th. H e 1 1 e r (Grundriß 
der Heilpädagogik, 1904), Sully (Untersuchungen über die Kindheit, 1897) und 
anderen. Den besten Eindruck von dem heutigen Stande auf diesem Gebiet holt man sich 
aus der Zeitschrift „Die Kinderfehler" (von 1896 an). — Doch gewinnt man die 
Überzeugung, daß die Existenz der Liebe im Kindesalter nicht mehr entdeckt zu 
werden braucht. Perez (1. c.) tritt für sie ein; bei K. Groos (Die Spiele der 
Menschen, 189g) findet sich als allgemein bekannt erwälmt, „daß manche Kinder 
■schon sehr früh für sexuelle Regungen zugänglich sind und dem anderen Geschlecht 
gegenüber einen Drang nach Berührungen empfinden" (S. 336) ; der früheste Fall 
von Auftreten geschlechtlicher Liebesregungen (scx-love) in der Beobachtungsreihe 
von S. Bell betraf ein Kind in der Mitte des dritten Jahres. — Vergleiche hiezu 
noch Havelock Ellis, Das Gcschlechtsgefühl (übersetzt von Kurella), 1905, 
Appendix, n. 

Das obenstehende Urteil über die Literatur der infantilen Sexualität braucht seit 
dem Erscheinen des groß angelegten Werkes von Stanley Hall (Adolescence, its 
psychology and its relations to physiology, anthropology, sociology, sex, crime, 
religion and education. Two volumes, New York, 1908) nicht mehr aufrecht erhalten 
zu werden. — Das rezente Buch von A. Moll, Das Sexualleben des Kindes, Berlin 
1909, bietet keinen Anlaß zu einer solchen Modifikation. Siehe dagegen: Bleuler, 
Sexuelle Abnormitäten der Kinder. (Jahrbuch der schweizerischen Gesellschaft für 
Schulgesundheitspflege, IX, 1908.) — Ein Buch von Frau Dr. H. v. H u g - H e 1 1 m u t h, 
Aus dem Seelenleben des Kindes, 1913, hat seither dem vernachlässigten sexuellen 
Faktor vollauf Rechnung getragen. 



Die infantile Sexualität 49 



Den Grund für diese merkwürdige Vernachlässigung suche ich 
zum Teil in den konventionellen Rücksichten, denen die Autoren 
infolge ihrer eigenen Erziehung Rechnung tragen, zum anderen 
Teil in einem psychischen Phänomen, welches sich bis jetzt selbst 
der Erklärung entzogen hat. Ich meine hiemit die eigentümliche 
Amnesie, welche den meisten Menschen (nicht allen!) die 
ersten Jahre ihrer Kindheit bis zum 6. oder 8. Lebensjahre 
verhüllt. Es ist uns bisher noch nicht eingefallen, uns über die 
Tatsache dieser Amnesie zu verwundern; aber wir hätten guten 
Grund dazu. Denn man berichtet uns, daß wir in diesen Jahren, 
von denen wir später nichts im Gedächtnis behalten haben als 
einige unverständliche Erinnerungsbrocken, lebhaft auf Eindrücke 
reagiert hätten, daß wir Schmerz und Freude in menschlicher 
Weise zu äußern verstanden, Liebe, Eifersucht und andere Leiden- 
schaften gezeigt, die uns damals heftig bewegten, ja daß wir 
Aussprüche getan, die von den Erwachsenen als gute Beweise 
für Einsicht und beginnende Urteilsfähigkeit gemerkt wurden. 
Und von alledem wissen wir als Erwachsene aus eigenem nichts. 
Warum bleibt unser Gedächtnis so sehr hinter unseren anderen 
seelischen Tätigkeiten zurück ? Wir haben doch Grund zu glauben, 
daß es zu keiner anderen Lebenszeit aufhahms- und reproduktions- 
fähiger ist als gerade in den Jahren der Kindheit. 1 

Auf der anderen Seite müssen wir annehmen oder können 
uns durch psychologische Untersuchung an anderen davon über- 
zeugen daß die nämlichen Eindrücke, die wir vergessen haben, 
nichtsdestoweniger die tiefsten Spuren in unserem Seelenleben 
hinterlassen haben und bestimmend für unsere ganze spätere 
Entwicklung geworden sind. Es kann sich also um gar keinen 
wirklichen Untergang der Kindheitseindrücke handeln, sondern 



1) Eines der mit den frühesten Kindheitserirmenmgen verknüpften Probleme habe 
ich in einem Aufsatze „Über Deckerinnerungen" (Monatsschrift für Psychiatrie und 
Neurologie, VI, 189g) zu lösen versucht. [Vgl. „Zur Psychopathologie des Alltags- 
.lebens", IV. Kap. Bd. IV der Gesamtausgabe.] 

Freud, V. + 



Infantile 
Amnesie 






50 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 

um eine Amnesie ähnlich jener, die wir bei den Neurotikern 
für spätere Erlebnisse beobachten, und deren Wesen in einer 
bloßen Abhaltung von Bewußtsein (Verdrängung) besteht. Aber 
welche Kräfte bringen diese Verdrängung der Kindheitseindrücke 
zustande? Wer dieses Rätsel löste, hätte wohl auch die hysterische 
Amnesie aufgeklärt. 

Immerhin wollen wir nicht versäumen hervorzuheben, daß 
die Existenz der infantilen Amnesie einen neuen Vergleichspunkt 
zwischen dem Seelenzustand des Kindes und dem des Psycho- 
neurotikers schafft. Einem anderen sind wir schon früher begegnet, 
als sich uns die Formel aufdrängte, daß die Sexualität der Psycho - 
neurotiker den kindlichen Standpunkt bewahrt hat oder auf ihn 
zurückgeführt worden ist. Wenn nicht am Ende die infantile 
Amnesie selbst wieder mit den sexuellen Regungen der Kindheit 
in Beziehung zu bringen ist! 

Es ist übrigens mehr als ein bloßes Spiel des Witzes, die 
infantile Amnesie mit der hysterischen zu verknüpfen. Die 
hysterische Amnesie, die der Verdrängung dient, wird nur durch 
den Umstand erklärlich, daß das Individuum bereits einen Schatz, 
von Erinnerungsspuren besitzt, welche der bewußten Verfügung 
entzogen sind und die nun mit assoziativer Bindung das an sich 
reißen, worauf vom Bewußten her die abstoßenden Kräfte der 
Verdrängung wirken. 1 Ohne infantile Amnesie, kann man sagen,, 
gäbe es keine hysterische Amnesie. 

Ich meine nun, daß die infantile Amnesie, die für jeden 
einzelnen seine Kindheit zu einer gleichsam prähistorischen 
Vorzeit macht und ihm die Anfänge seines eigenen Geschlechts- 
lebens verdeckt, die Schuld daran trägt, wenn man der kindlichen 
Lebensperiode einen Wert für die Entwicklung des Sexuallebens 
im allgemeinen nicht zutraut. Ein einzelner Beobachter kann 

i) Man kann den Mechanismus der Verdrängung nicht verstellen, wenn man nur 
einen dieser beiden zusammenwirkenden Vorgänge berücksichtigt. Zum Vergleich möge 
die Art dienen, wie der Tourist auf die Spitze der großen Pyramide von Gizeh 
befördert wird; er wird von der einen Seite gestoßen, von der anderen Seite gezogen^ 



w 



Die infantile Sexualität 51 



die so entstandene Lücke in unserem Wissen nicht ausfüllen. 
Ich habe bereits 1896 die Bedeutung der Kinderjahre für die 
Entstehung gewisser wichtiger, vom Geschlechtsleben abhängiger 
Phänomene betont und seither nicht aufgehört, das infantile 
Moment für die Sexualität in den Vordergrund zu rücken. 

Die sexuelle Latenzperiode der Kindheit 
und ihre Durchbrechungen 

Die außerordentlich häufigen Befunde von angeblich regel- 
widrigen und ausnahmsartigen sexuellen Regungen in der Kindheit 
sowie die Aufdeckung der bis dahin unbewußten Kindheits- 
erinnerungen der Neurotiker gestatten etwa folgendes Bild von 
dem sexuellen Verhalten der Kinderzeit zu entwerfen: 1 

Es scheint gewiß, daß das Neugeborene Keime von sexuellen 
Regungen mitbringt, die sich eine Zeitlang weiter entwickeln, 
dann aber einer fortschreitenden Unterdrückung unterliegen, 
welche selbst wieder durch regelrechte Vorstöße der Sexual- 
entwicklung durchbrochen und durch individuelle Eigenheiten 
aufgehalten werden kann. Über die Gesetzmäßigkeit und die 
Periodizität dieses oszillierenden Entwicklungsganges ist nichts 
Gesichertes bekannt. Es scheint aber, daß das Sexualleben der 
Kinder sich zumeist um das dritte oder vierte Lebensjahr in 
einer der Beobachtung zugänglichen Form zum Ausdruck bringt. 2 

1) Letzteres Material wird durch die berechtigte Erwartung verwertbar, daß die 
Kinderjahre der späteren Neurotiker hierin nicht wesentlich, nur in Hinsicht der 
Intensität und Deutlichkeit, von denen später Gesunder abweichen dürften. 

2I Eine mögliche anatomische Analogie zu dem von mir behaupteten Verhalten der 
infantilen Sexualfunktion wäre durch den Fund von Bayer (Deutsches Archiv für klinische 
Medizin, Bd. 75) gegeben, daß die inneren Geschlechtsorgane (Uterus) Neugeborener 
in der Regel größer sind als die älterer Kinder. Indes ist die Auffassung dieser 
durch Halban auch für andere Teile des Genitalapparates festgestellten Involution 
nach der Geburt nicht sichergestellt. Nach Halban (Zeitschrift für Geburtshilfe 
und Gynäkologie, LIII, 1904) ist dieser Rückbildungsvorgang nach wenigen Wochen 
des Extrauterinlebens abgelaufen. — Die Autoren, welche den interstitiellen Anteil 
der Keimdrüse als das geschlechtsbestimmende Organ betrachten, sind durch 



52 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 

Die sexual- Während dieser Periode totaler oder bloß partieller Latenz 

hemmungen _ t 

werden die seelischen Mächte aufgebaut, die später dem Sexual- 
trieb als Hemmnisse in den Weg treten und gleich wie Dämme 
seine Richtung beengen werden (der Ekel, das Schamgefühl, die 
ästhetischen und moralischen Idealanforderungen). Man gewinnt 
beim Kulturkinde den Eindruck, daß der Aufbau dieser Dämme 
ein Werk der Erziehung ist, und sicherlich tut die Erziehung 
viel dazu. In Wirklichkeit ist diese Entwicklung eine organisch 
bedingte, hereditär fixierte und kann sich gelegentlich ganz ohne 
Mithilfe der Erziehung herstellen. Die Erziehung verbleibt durch- 
aus in dem ihr angewiesenen Machtbereich, wenn sie sich darauf 
einschränkt, das organisch Vorgezeichnete nachzuziehen und es 
etwas sauberer und tiefer auszuprägen. 
Heaktions- Mit welchen Mitteln werden diese, für die spätere persönliche 

blldong und * * r 

snbumierung Kultur und Normalität so bedeutsamen Konstruktionen aufgeführt? 
Wahrscheinlich auf Kosten der infantilen Sexualregungen selbst, 
deren Zufluß also auch in dieser Latenzperiode nicht aufgehört 

anatomische Untersuchungen dazu geführt worden, ihrerseits von infantiler Sexualität 
und sexueller Latenzzeit zu reden. Ich zitiere aus dorn S. 20 erwähnten Buche von 
Lip schütz über die Pubertätsdrüse: „Man wird den Tatsachen viel eher gerecht, 
wenn man sagt, daß die Ausreifung der Geschlechtsmerkmale, wie sie sich in der 
Pubertät vollzieht, nur auf einem um diese Zeit stark beschleunigten Ablauf von 
Vorgängen beruht, die schon viel früher begonnen haben — unserer Auffassung 
nach schon im embryonalen Leben." (S. 169.) — „Was man bisher als 
Pubertät schlechtweg bezeichnet hat, ist wahrscheinlich 
nur eine zweite große Phase der Pubertät, die um die Mitte 
des zweiten Jahrzehntes einsetzt... Das Kindesalter, von der Geburt 
bis zu Beginn der zweiten großen Phase gerechnet, könnte man als die inter- 
mediäre Phase der Pubertät' bezeichnen." (S. 170.) — Diese in einem 
Referat von Perenczi (Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse VI, 1920) hervorgehobene 
Übereinstimmung anatomischer Befunde mit der psychologischen Beobachtung wird 
durch die eine Angabe gestört, daß der „erste Gipfelpunkt" der Entwicklung 
des Sexualorgans in die frühe Embryonalzeit fällt, während die kindliche Frühblüte 
des Sexuallebens in das dritte und vierte Lebensjahr zu verlegen ist. Die volle 
Gleichzeitigkeit der anatomischen Ausbildung mit der psychischen Entwicklung ist 
natürlich nicht erforderlich. Die betreffenden Untersuchungen sind an der Keimdrüse 
des Menschen gemacht worden. Da den Tieren eine Latenzzeit im psychologischen 
Sinne nicht zukommt, läge viel daran zu wissen, ob die anatomischen Befunde, auf 
deren Grund die Autoren zwei Gipfelpunkte der Sexualentwicklung annehmen, auch 
an anderen höheren Tieren nachweisbar sind. 



Die infantile Sexualität 53 



hat, deren Energie aber — ganz oder zum größten Teil — von 
der sexuellen Verwendung abgeleitet und anderen Zwecken zuge- 
führt wird. Die Kulturhistoriker scheinen einig in der Annahme, 
daß durch solche Ablenkung sexueller Triebkräfte von sexuellen 
Zielen und Hinlenkung auf neue Ziele, ein Prozeß, der den Namen 
Sublimierung verdient, mächtige Komponenten für alle kul- 
turellen Leistungen gewonnen werden. Wir würden also hinzu- 
fügen, daß der nämliche Prozeß in der Entwicklung des einzelnen 
Individuums spielt und seinen Beginn in die sexuelle Latenz- 
periode der Kindheit verlegen. 1 

Auch über den Mechanismus einer solchen Sublimierung kann 
man eine Vermutung wagen. Die sexuellen Regungen dieser 
Kinderjahre wären einerseits unverwendbar, da die Fortpflanzungs- 
funktionen aufgeschoben sind, was den Hauptcharakter der Latenz- 
periode ausmacht, andererseits wären sie an sich pervers, das heißt 
von erogenen Zonen ausgehend und von Trieben getragen, welche 
bei der Entwicklungsrichtung des Individuums nur Unlust- 
empfindungen hervorrufen könnten. Sie rufen daher seelische 
Gegenkräfte (Reaktionsregungen) wach, die zur wirksamen Unter- 
drückung solcher Unlust die erwähnten psychischen Dämme: 
Ekel, Scham und Moral, aufbauen. 2 

Ohne uns über die hypothetische Natur und die mangelhafte Durci,brü « :h « 

der 

Klarheit unserer Einsichten in die Vorgänge der kindlichen Latenz- L«ten«en 
oder Aufschubsperiode zu täuschen, wollen wir zur Wirklichkeit 
zurückkehren, um anzugeben, daß solche Verwendung der infantilen 
Sexualität ein Erziehungsideal darstellt, von dem die Entwicklung 
der einzelnen meist an irgendeiner Stelle und oft in erheblichem 
Maße abweicht. Es bricht zeitweise ein Stück Sexualäußerung 

1) Die Bezeichnung „sexuelle Latenzperiode" entlehne ich ebenfalls von W. Fließ. 

2) In dem hier besprochenen Falle geht die Sublimierung sexueller Trieb- 
kräfte auf dem Wege der Reaktionsbildung vor sich. Im allgemeinen darf man 
aber Sublimierung und Reaktionsbildung als zwei verschiedene Prozesse begrifflich 
voneinander scheiden. Es kann auch Sublimierungen durch andere und einfachere 
Mechanismen geben. 



54 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



durch, das sich der Sublimierung entzogen hat, oder es erhält 
sich eine sexuelle Betätigung durch die ganze Dauer der Latenz- 
periode bis zum verstärkten Hervorbrechen des Sexualtriebes in 
der Pubertät. Die Erzieher benehmen sich, insofern sie überhaupt 
der Kindersexualität Aufmerksamkeit schenken, genau so, als teilten 
sie unsere Ansichten über die Bildung der moralischen Abwehr- 
mächte auf Kosten der Sexualität und als wüßten sie, daß sexuelle 
Betätigung das Kind unerziehbar macht, denn sie verfolgen alle 
sexuellen Äußerungen des Kindes als „Laster", ohne viel gegen 
sie ausrichten zu können. Wir aber haben allen Grund, diesen 
von der Erziehung gefürchteten Phänomenen Interesse zuzuwenden, 
denn wir erwarten von ihnen den Aufschluß über die ursprüng- 
liche Gestaltung des Geschlechtstriebs. 

Die Äußerungen der infantilen Sexualität 

Da« Lot«*«, Aus später zu ersehenden Motiven wollen wir unter den 
infantilen Sexualäußerungen das Lud ein (Wonnesaugen) zum 
Muster nehmen, dem der ungarische Kinderarzt Lindner eine 
ausgezeichnete Studie gewidmet hat. 1 

Das Ludein oder Lutschen, das schon beim Säugling auf- 
tritt und bis in die Jahre der Reife fortgesetzt werden oder sich 
durchs ganze Leben erhalten kann, besteht in einer rhythmisch 
wiederholten saugenden Berührung mit dem Munde (den Lippen), 
wobei der Zweck der Nahrungsaufnahme ausgeschlossen ist. Ein 
Teil der Lippe selbst, die Zunge, eine beliebige andere erreich- 
bare Hautstelle, — selbst die große Zehe, — werden zum Objekt 
genommen, an dem das Saugen ausgeführt wird. Ein dabei auf- 
tretender Greiftrieb äußert sich etwa durch gleichzeitiges rhyth- 
misches Zupfen am Ohrläppchen und kann sich eines Teiles einer 
anderen Person (meist ihres Ohres) zu gleichem Zwecke bemäch- 
tigen. Das Wonnesaugen ist mit voller Aufzehrung der Aufmerk- 
samkeit verbunden, führt entweder zum Einschlafen oder selbst 

l) Im Jahrbuch für Kinderheilkunde, N. F., XIV. 1879. 






Die infantile Sexualität 55 



zu einer motorischen Reaktion in einer Art von Orgasmus. 1 Nicht 
selten kombiniert sich mit dem Wonnesaugen die reibende 
Berührung gewisser empfindlicher Körperstellen, der Brust, der 
äußeren Genitalien. Auf diesem Wege gelangen viele Kinder vom 
Ludein zur Masturbation. 

L i n d n e r selbst hat die sexuelle Natur dieses Tuns klar erkannt 
und rückhaltlos betont. In der Kinderstube wird das Ludein 
häufig den anderen sexuellen „Unarten" des Kindes gleichgestellt. 
Von seiten zahlreicher Kinder- und Nervenärzte ist ein sehr 
energischer Einspruch gegen diese Auffassung erhoben worden, 
der zum Teil gewiß auf der Verwechslung von „sexuell" und 
„genital" beruht. Dieser Widerspruch wirft die schwierige und 
nicht abzuweisende Frage auf, an welchem allgemeinen Charakter 
wir die sexuellen Äußerungen des Kindes erkennen wollen. Ich 
meine, daß der Zusammenhang der Erscheinungen, in welchen 
wir durch die psychoanalytische Untersuchung Einsicht gewonnen 
haben, uns berechtigt, das Ludein als eine sexuelle Äußerung in 
Anspruch zu nehmen und gerade an ihm die wesentlichen Züge 
der infantilen Sexualbetätigung zu studieren. 2 

Wir haben die Verpflichtung, dieses Beispiel eingehend zu 
würdigen. Heben wir als den auffälligsten Charakter dieser Sexual- 
betätigung hervor, daß der Trieb nicht auf andere Personen 
gerichtet ist; er befriedigt sich am eigenen Körper, er ist auto- 

1) Hier erweist sich bereits, was fürs ganze Leben Gültigkeit hat, daß sexuelle 
Befriedigung das beste Schlafmittel ist. Die meisten Fälle von nervöser Schlaflosig- 
keit gehen auf sexuelle Unbefriedigung zurück. Es ist bekannt, daß gewissenlose 
Kinderfrauen die schreienden Kinder durch Streichen an den Genitalien einschläfern. 

2) Ein Dr. Galant hat 1919 im Neurol. Zentralbl. Nr. 20 unter dem Titel 
Das Lutscherli" das Bekenntnis eines erwachsenen Mädchens veröffentlicht, welches 

diese kindliche Sexualbetätigung nicht aufgegeben hat und die Befriedigung durch 
das Lutschen als völlig analog einer sexuellen Befriedigung, insbesondere durch den 
Kuß des Geliebten, schildert. „Nicht alle Küsse gleichen einem Lutscherli: nein, 
nein, lange nicht alle! Man kann nicht schreiben, wie wohlig es einem durch den 
eanzen Körper beim Lutschen geht; man ist einfach weg von dieser Welt, man ist 
ganz zufrieden und wunschlos glücklich. Es ist ein wunderbares Gefühl; man ver- 
langt nichts als Buhe, Buhe, die gar nicht unterbrochen werden soll. Es ist einfach 
unsagbar schön: man spürt keinen Schmerz, kein Weh und ach, man ist entrückt 
in eine andere Welt." 



Auto- 
erotismns 






56 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 

erotisch, um es mit einem glücklichen, von Havelock Ellis 
eingeführten Namen zu sagen. 1 

Es ist ferner deutlich, daß die Handlung des lutschenden Kindes 
durch das Suchen nach einer — bereits erlebten und nun 
erinnerten — Lust bestimmt wird. Durch das rhythmische Saugen 
an einer Haut- oder Schleimhautstelle findet es dann im einfachsten 
Falle die Befriedigung. Es ist auch leicht zu erraten, bei welchen 
Anlässen das Kind die ersten Erfahrungen dieser Lust gemacht 
hat, die es nun zu erneuern strebt. Die erste und lebenswichtigste 
Tätigkeit des Kindes, das Saugen an der Mutterbrust (oder an 
ihren Surrogaten), muß es bereits mit dieser Lust vertraut 
gemacht haben. Wir würden sagen, die Lippen des Kindes haben 
sich benommen wie eine erogene Zone, und die Reizung 
durch den warmen Milchstrom war wohl die Ursache der Lust- 
empfindung. Anfangs war wohl die Befriedigung der erogenen 
Zone mit der Befriedigung des Nahrungsbedürfnisses vergesell- 
schaftet. Die Sexualbetätigung lehnt sich zunächst an eine der zur 
Lebenserhaltung dienenden Funktionen an und macht sich erst 
später von ihr selbständig. Wer ein Kind gesättigt von der Brust 
zurücksinken sieht, mit geröteten Wangen und seligem Lächeln 
in Schlaf verfallen, der wird sich sagen müssen, daß dieses Bild 
auch für den Ausdruck der sexuellen Befriedigung im späteren 
Leben maßgebend bleibt. Nun wird das Bedürfnis nach Wiederholung 
der sexuellen Befriedigung von dem Bedürfnis nach Nahrungs- 
aufnahme getrennt, eine Trennung, die unvermeidlich ist, wenn 
die Zähne erscheinen und die Nahrung nicht mehr ausschließlich 
eingesogen, sondern gekaut wird. Eines fremden Objektes bedient 
sich das Kind zum Saugen nicht, sondern lieber einer eigenen 
Hautstelle, weil diese ihm bequemer ist, weil es sich so von der 



1) H. Ellis hat den Terminus „autoerotisch" allerdings etwas anders bestimmt, 
im Sinne einer Erregung, die nicht von außen hervorgerufen wird, sondern im Innern 
selbst entspringt. Für die Psychoanalyse ist nicht die Genese, sondern die Beziehung 
zu einem Objekt das Wesentliche. 






Die infantile Sexualität 57 



Außenwelt unabhängig macht, die es zu beherrschen noch nicht 
vermag, und weil es sich solcherart gleichsam eine zweite, 
wenngleich minderwertige, erogene Zone schafft. Die Minder- 
wertigkeit dieser zweiten Stelle wird es später mit dazu veran- 
lassen, die gleichartigen Teile, die Lippen, einer anderen Person 
zu suchen. („Schade, daß ich mich nicht küssen kann," möchte 
man ihm unterlegen.) 

Nicht alle Kinder lutschen. Es ist anzunehmen, daß jene Kinder 
dazu gelangen, bei denen die erogene Bedeutung der Lippenzone 
konstitutionell verstärkt ist. Bleibt diese erhalten, so werden diese 
Kinder als Erwachsene Kußfeinschmecker werden, zu perversen 
Küssen neigen oder als Männer ein kräftiges Motiv zum Trinken 
und Rauchen mitbringen. Kommt aber die Verdrängung hinzu, 
so werden sie Ekel vor dem Essen empfinden und hysterisches 
Erbrechen produzieren. Kraft der Gemeinsamkeit der Lippenzone 
wird die Verdrängung auf den Nahrungstrieb übergreifen. Viele 
meiner Patientinnen mit Eßstörungen, hysterischem Globus, 
Schnüren im Hals und Erbrechen waren in den Kinderjahren 
energische Ludlerinnen gewesen. 

Am Lutschen oder Wonnesaugen haben wir bereits die drei 
wesentlichen Charaktere einer infantilen Sexualäußerung bemerken 
können. Dieselbe entsteht in Anlehnung an eine der lebens- 
wichtigen Körperfunktionen, sie kennt noch kein Sexualobjekt, 
ist autoerotisch, und ihr Sexual ziel steht unter der Herrschaft 
einer erogenen Zone. Nehmen wir vorweg, daß diese 
Charaktere auch für die meisten anderen Betätigungen der 
infantilen Sexualtriebe gelten. 

Das Sexualziel der infantilen Sexualität 

Aus dem Beispiel des Ludeins ist zur Kennzeichnung einer Charaktere 
erogenen Zone noch mancherlei zu entnehmen. Es ist eine Haut- Zonen 
oder Schleimhautstelle, an der Reizungen von gewisser Art eine 






5 8 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



Lustempfindung von bestimmter Qualität hervorrufen. Es ist kein 
Zweifel, daß die lusterzeugenden Reize an besondere Bedingungen 
gebunden sind 5 wir kennen dieselben nicht. Der rhythmische 
Charakter muß unter ihnen eine Rolle spielen, die Analogie mit 
dem Kitzelreiz drängt sich auf. Minder ausgemacht scheint es, 
ob man den Charakter der durch den Reiz hervorgerufenen Lust- 
empfindung als einen „besonderen" bezeichnen darf, wo in dieser 
Besonderheit eben das sexuelle Moment enthalten wäre. In Sachen 
der Lust und Unlust tappt die Psychologie noch so sehr im 
Dunkeln, daß die vorsichtigste Annahme die empfehlenswerteste 
sein wird. Wir werden später vielleicht auf Gründe stoßen, 
welche die Besonderheitsqualität der Lustempfindung zu unter- 
stützen scheinen. 

Die erogene Eigenschaft kann einzelnen Körperstellen in aus- 
gezeichneter Weise anhaften. Es gibt prädestinierte erogene Zonen, 
wie das Beispiel des Ludeins zeigt. Dasselbe Beispiel lehrt aber 
auch, daß jede beliebige andere Haut- und Schleimhautstelle die 
Dienste einer erogenen Zone auf sich nehmen kann, also eine 
gewisse Eignung dazu mitbringen muß. Die Qualität des Reizes 
hat also mit der Erzeugung der Lustempfindung mehr zu tun 
als die Beschaffenheit der Körperstelle. Das ludelnde Kind sucht 
an seinem Körper herum und wählt sich irgendeine Stelle zum 
Wonnesaugen aus, die ihm dann durch Gewöhnung die 
bevorzugte wird; wenn es zufällig dabei auf eine der prä- 
destinierten Stellen stößt (Brustwarze, Genitalien), so verbleibt freilich 
dieser der Vorzug. Die ganz analoge Verschiebbarkeit kehrt dann 
in der Symptomatologie der Hysterie wieder. Bei dieser Neurose 
betrifft die Verdrängung die eigentlichen Genitalzonen am aller- 
meisten, und diese geben ihre Reizbarkeit an die übrigen, sonst 
im reifen Leben zurückgesetzten, erogenen Zonen ab, die sich 
dann ganz wie Genitalien gebärden. Aber außerdem kann ganz 
wie beim Ludein jede beliebige andere Körperstelle mit der 
Erregbarkeit der Genitalien ausgestattet und zur erogenen Zone 



Die infantile Sexualität 59 



erhoben werden. Erogene und hysterogene Zonen zeigen die 
nämlichen Charaktere. 1 

Das Sexualziel des infantilen Triebes besteht darin, die j^^ 
Befriedigung durch die geeignete Reizung der so oder so gewählten 
erogenen Zone hervorzurufen. Diese Befriedigung muß vorher 
erlebt worden sein, um ein Bedürfnis nach ihrer Wiederholung 
zurückzulassen, und wir dürfen darauf vorbereitet sein, daß die 
Natur sichere Vorrichtungen getroffen hat, um dieses Erleben der 
Befriedigung nicht dem Zufalle zu überlassen. 2 Die Veranstaltung, 
welche diesen Zweck für die Lippenzone erfüllt, haben wir 
bereits kennen gelernt, es ist die gleichzeitige Verknüpfung dieser 
Körperstelle mit der Nahrungsaufnahme. Andere ähnliche Vor- 
richtungen werden uns noch als Quellen der Sexualität begegnen. 
Der Zustand des Bedürfnisses nach Wiederholung der Befriedigung 
verrät sich durch zweierlei: durch ein eigentümliches Spannungs- 
gefühl, welches an sich mehr den Charakter der Unlust hat, und 
durch eine zentral bedingte, in die peripherische erogene 
Zone projizierte Juck- oder Reizempfindung. Man kann das 
Sexualziel darum auch so formulieren, es käme darauf an, die 
projizierte Reizempfindung an der erogenen Zone durch denjenigen 
äußeren Reiz zu ersetzen, welcher die Reizempfindung aufhebt, 
indem er die Empfindung der Befriedigung hervorruft. Dieser 
äußere Reiz wird zumeist in einer Manipulation bestehen, die 
analog dem Saugen ist. 

Es ist nur im vollen Einklang mit unserem physiologischen 
Wissen, wenn es vorkommt, daß das Bedürfnis auch peripherisch, 
durch eine wirkliche Veränderung an der erogenen Zone geweckt 



1) Weitere Überlegungen und die Verwertung anderer Beobachtungen führen dazu, 
die Eigenschaft der Erogeneität allen Körperstellen und inneren Organen zuzu- 
sprechen. Vgl. hiezu weiter unten über den Narzißmus. 

2) Man kann es in biologischen Erörterungen kaum vermeiden, sich der teleo- 
logischen Denkweise zu bedienen, obwohl man weiß, daß man im einzelnen Falle 
gegen den Irrtum nicht gesichert ist. 



6o Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



wird. Es wirkt nur einigermaßen befremdend, da der eine Reiz 
zu seiner Aufhebung nach einem zweiten, an derselben Stelle 
angebrachten, zu verlangen scheint. 

Die masturbatorischen Sexualäußerungen 1 

Es kann uns nur höchst erfreulich sein zu finden, daß wir 
von der Sexualbetätigung des Kindes nicht mehr viel Wichtiges 
zu lernen haben, nachdem uns der Trieb von einer einzigen 
erogenen Zone her verständlich geworden ist. Die deutlichsten 
Unterschiede beziehen sich auf die zur Befriedigung notwendige 
Vornahme, die für die Lippenzone im Saugen bestand und die 
je nach Lage und Beschaffenheit der anderen Zonen durch andere 
Muskelaktionen ersetzt werden muß. 

J^AfSöL Die Afterzone ist ähnlich wie die Lippenzone durch ihre Lage 
geeignet, eine Anlehnung der Sexualität an andere Körper- 
funktionen zu vermitteln. Man muß sich die erogene Bedeutung 
dieser Körperstelle als ursprünglich sehr groß vorstellen. Durch 
die Psychoanalyse erfährt man dann nicht ohne Verwunderung, 
welche Umwandlungen mit den von hier ausgehenden sexuellen 
Erregungen normalerweise vorgenommen werden, und wie häufig 
der Zone noch ein beträchtliches Stück genitaler Reizbarkeit fürs 
Leben verbleibt. 2 Die so häufigen Darmstörungen der Kinderjahre 
sorgen dafür, daß es der Zone an intensiven Erregungen nicht 
fehle. Darmkatarrhe im zartesten Alter machen „nervös", wie 
man sich ausdrückt; bei späterer neurotischer Erkrankung nehmen 
sie einen bestimmenden Einfluß auf den symptomatischen Aus- 
druck der Neurose, welcher sie die ganze Summe von Darm- 
störungen zur Verfügung stellen. Mit Hinblick auf die wenigstens 

i) Vgl. hiezu die sehr reichhaltige, aber meist in den Gesichtspunkten unorientierte 
Literatur über Onanie, z. B. Rohleder, Die Masturbation, 1899, ferner das IL Heft 
der „Diskussionen der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung", „Die Onanie", Wies- 
baden 1912. 

2) Vgl. die Aufsätze „Charakter und Analerotik" und „Über Triebumsetzungen 
insbesondere der Analerotik" [Gesamtausgabe, Bd. V]. 



Die infantile Sexualität 61 



in Umwandlung erhalten gebliebene erogene Bedeutung der 
Darmausgangszone darf man auch die hämorrhoidalen Einflüsse 
nicht verlachen, denen die ältere Medizin für die Erklärung 
neurotischer Zustände soviel Gewicht beigelegt hat. 

Kinder, welche die erogene Reizbarkeit der Afterzone ausnützen, 
verraten sich dadurch, daß sie die Stuhlmassen zurückhalten, bis 
dieselben durch ihre Anhäufung heftige Muskelkontraktionen an- 
regen und beim Durchgang durch den After einen starken Reiz 
auf die Schleimhaut ausüben können. Dabei muß wohl neben 
der schmerzhaften die Wollustempfindung zustande kommen. Es 
ist eines der besten Vorzeichen späterer Absonderlichkeit oder 
Nervosität, wenn ein Säugling sich hartnäckig weigert, den Darm 
zu entleeren, wenn er auf den Topf gesetzt wird, also wenn es 
dem Pfleger beliebt, sondern diese Funktion seinem eigenen 
Belieben vorbehält. Es kommt ihm natürlich nicht darauf an, 
sein Lager schmutzig zu machen 5 er sorgt nur, daß ihm der 
Lustnebengewinn bei der Defäkation nicht entgehe. Die Erzieher ^ 
ahnen wiederum das Richtige, wenn sie solche Kinder, die sich I 
diese Verrichtungen „aufheben", schlimm nennen. 

Der Darminhalt, der als Reizkörper für eine sexuell empfind- 
liche Schleimhautfläche sich wie der Vorläufer eines anderen 
Organs benimmt, welches erst nach der Kindheitsphase in Aktion 
treten soll, hat für den Säugling noch andere wichtige Bedeu- 
tungen. Er wird offenbar wie ein zugehöriger Körperteil behandelt, 
stellt das erste „Geschenk" dar, durch dessen Entäußerung die 
Gefügigkeit, durch dessen Verweigerung der Trotz des kleinen 
Wesens gegen seine Umgebung ausgedrückt werden kann. Vom 
Geschenk" aus gewinnt er dann später die Bedeutung des 
Kindes", das nach einer der infantilen Sexualtheorien durch 
Essen erworben und durch den Darm geboren wird. 

Die Zurückhaltung der Fäkalmassen, die also anfangs eine 
absichtliche ist, um sie zur gleichsam masturbatorischen Reizung 
der Afterzone zu benützen, oder in der Relation zu den Pflege- 



6a Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 

personen zu verwenden, ist übrigens eine der Wurzeln der bei 
den Neuropathen so häufigen Obstipation. Die ganze Bedeutung 
der Afterzone spiegelt sich dann in der Tatsache, daß man nur 
wenige Neurotiker findet, die nicht ihre besonderen skatologischen 
Gebräuche, Zeremonien und dergleichen hätten, die von ihnen 
sorgfältig geheim gehalten werden. 1 

Echte masturbatorische Reizung der Afterzone mit Hilfe 
des Fingers, durch zentral bedingtes oder peripherisch unter- 
haltenes Jucken hervorgerufen, ist bei älteren Kindern keines- 
wegs selten. 
Betätigung Unter den erogenen Zonen des kindlichen Körpers befindet 
Geniuizonen sich eine, die gewiß nicht die erste Rolle spielt, auch nicht die 
Trägerin der ältesten sexuellen Regungen sein kann, die aber 
zu großen Dingen in der Zukunft bestimmt ist. Sie ist beim 
männlichen wie beim weiblichen Kind in Beziehung zur Harn- 
entleerung gebracht (Eichel, Klitoris) und beim ersteren in einen 
Schleimhautsack einbezogen, so daß es ihr an Reizungen durch 
Sekrete, welche die sexuelle Erregung frühzeitig anfachen können, 
nicht fehlen kann. Die sexuellen Betätigungen dieser erogenen 
Zone, die den wirklichen Geschlechtsteilen angehört, sind ja der 
Beginn des später „normalen" Geschlechtslebens. 

Durch die anatomische Lage, die Überströmung mit Sekreten, 
durch die Waschungen und Reibungen der Körperpflege und 
durch gewisse akzidentelle Erregungen (wie die Wanderungen 
von Eingeweidewürmern bei Mädchen) wird es unvermeidlich, 

1) In einer Arbeit, welche unser Verständnis für die Bedeutung der Analerotik 
außerordentlich vertieft („Anal" und „Sexual", Imago IV, 1916), hat Lou Andreas- 
Salomö ausgeführt, daß die Geschichte des erstes Verbotes, welches an das Kind heran- 
tritt, des Verbotes aus der Analtätigkeit und ihren Produkten Lust zu gewinnen, für 
seine ganze Entwicklung maßgebend wird. Das kleine Wesen muß bei diesem Anlasse 
zuerst die seinen Triebregungen feindliche Umwelt ahnen, sein eigenes Wesen von 
diesem Fremden sondern lernen, und dann die erste „Verdrängung" an seinen Lust- 
möglichkeiten vollziehen. Das „Anale" bleibt von da an das Symbol für alles zu 
Verwerfende, vom Leben Abzuscheidende. Der später geforderten reinlichen Scheidung 
von Anal- und Genitalvorgängen widersetzen sich die nahen anatomischen und funk- 
tionellen Analogien und Beziehungen zwischen beiden. Der Genitalapparat bleibt der 
Kloake benachbart, „ist ihr beim Weibe sogar nur abgemietet". 



Die infantile Sexualität 65 



daß die Lustempfindung, welche diese Körperstelle zu ergeben 
fähig ist, sich dem Kinde schon im Säuglingsalter bemerkbar 
mache und ein Bedürfnis nach ihrer Wiederholung erwecke. Über- 
blickt man die Summe der vorliegenden Einrichtungen und bedenkt, 
daß die Maßregeln zur Reinhaltung kaum anders wirken können 
als die Verunreinigung, so wird man sich kaum der Auffassung 
entziehen können, daß durch die Säuglingsonanie, der kaum ein 
Individuum entgeht, das künftige Primat dieser erogenen Zone 
für die Geschlechtstätigkeit festgelegt wird. Die den Reiz beseiti- 
gende und die Befriedigung auslösende Aktion besteht in einer 
reibenden Berührung mit der Hand oder in einem gewiß reflektorisch 
vorgebildeten Druck durch die Hand oder die zusammenschließenden 
Oberschenkel. Letztere Vornahme ist die beim Mädchen weitaus 
häufigere. Beim Knaben weist die Bevorzugung der Hand bereits 
darauf hin, welchen wichtigen Beitrag zur männlichen Sexual- 
tätigkeit der Bemächtigungstrieb einst leisten wird. 1 

Es wird der Klarheit nur förderlich sein, wenn ich angebe, 
daß man drei Phasen der infantilen Masturbation zu unterscheiden 
hat. Die erste von ihnen gehört der Säuglingszeit an, die zweite 
der kurzen Blütezeit der Sexualbetätigung um das vierte Lebens- 
jahr, erst die dritte entspricht der oft ausschließlich gewürdigten 
Pubertätsonanie. 

Die Säuglingsonanie scheint nach kurzer Zeit zu schwinden, D i« »dte 
doch kann mit der ununterbrochenen Fortsetzung derselben bis der kindlichen 
zur Pubertät bereits die erste große Abweichung von der für nBtIU ' b " HoB 
den Kulturmenschen anzustrebenden Entwicklung gegeben sein. 
Irgend einmal in den Kinderjahren nach der Säuglingszeit, 
gewöhnlich vor dem vierten Jahr, pflegt der Sexualtrieb dieser 
Genitalzone wieder zu erwachen und dann wiederum eine Zeit- 
lang bis zu einer neuen Unterdrückung anzuhalten oder sich 

ohne Unterbrechung fortzusetzen. Die möglichen Verhältnisse 
— - — — — 

1) Ungewöhnliche Techniken bei der Ausführung der Onanie in späteren Jahren 
scheinen auf den Einfluß eines überwundenen Onanieverbotes hinzuweisen. 



64 Drei Abhandlungen zur Sexualtlicorie 

sind sehr mannigfaltig und können nur durch genauere Zer- 
gliederung einzelner Fälle erörtert werden. Aber alle Einzel- 
heiten dieser zweiten infantilen Sexualbetätigung hinterlassen 
die tiefsten (unbewußten) Eindrucksspuren im Gedächtnis der 
Person, bestimmen die Entwicklung ihres Charakters, wenn sie 
gesund bleibt, und die Symptomatik ihrer Neurose, wenn sie 
nach der Pubertät erkrankt. 1 Im letzteren Falle findet man 
diese Sexualperiode vergessen, die für sie zeugenden bewußten 
Erinnerungen verschoben; — ich habe schon erwähnt, daß ich 
auch die normale infantile Amnesie mit dieser infantilen Sexual- 
betätigung in Zusammenhang bringen möchte. Durch psycho- 
analytische Erforschung gelingt es, das Vergessene bewußt zu 
machen und damit einen Zwang zu beseitigen, der vom unbe- 
wußten psychischen Material ausgeht. 
Wi 5*j erl ' ehr Die Sexualerregung der Säuglingszeit kehrt in den bezeichneten 
masturbation Kinderjahren entweder als zentral bedingter Kitzelreiz wieder, 
der zur onanistischen Befriedigung auffordert, oder als pollutions- 
artiger Vorgang, der analog der Pollution der Reifezeit die 
Befriedigung ohne Mithilfe einer Aktion erreicht. Letzterer Fall 
ist der bei Mädchen und in der zweiten Hälfte der Kindheit 
häufigere, in seiner Bedingtheit nicht ganz verständlich und 
scheint oft — nicht regelmäßig — eine Periode früherer aktiver 
Onanie zur Voraussetzung zu haben. Die Symptomatik dieser 
Sexualäußerungen ist armselig; für den noch unentwickelten 
Geschlechtsapparat gibt meist der Harnapparat) gleichsam als 
sein Vormund, Zeichen. Die meisten sogenannten Blasenleiden 
dieser Zeit sind sexuelle Störungen ; die Enuresis nocturna entspricht, 
wo sie nicht einen epileptischen Anfall darstellt, einer Pollution. 

1) Warum das Schuldbewußtsein der Neurotiker regelmäßig;, wie noch kürzlich 
Bleuler anerkannt hat, an die erinnerte onanistischc Betätigung, meist der 
Pubertätszeit, anknüpft, harrt noch einer erschöpfenden analytischen Aufklärung. 
Der gröbste und wichtigste Faktor dieser Bedingtheit dürfte wohl die Tatsache 
sein, daß die Onanie ja die Exekutive der ganzen infantilen Sexualität darstellt und 
darum befähigt ist, das dieser anhaftende Schuldgefühl zu übernehmen. 



Die infantile Sexualität 65 



Für das Wiederauftreten der sexuellen Tätigkeit sind innere 
Ursachen und äußere Anlässe maßgebend, die beide in neuro- 
tischen Erkrankungsfällen aus der Gestaltung der Symptome zu 
erraten und durch die psychoanalytische Forschung mit Sicher- 
heit aufzudecken sind. Von den inneren Ursachen wird später 
die Rede sein; die zufälligen äußeren Anlässe gewinnen um 
diese Zeit eine große und nachhaltige Bedeutung. Voran steht 
der Einfluß der Verführung, die das Kind vorzeitig als Sexual- 
objekt behandelt und es unter eindrucksvollen Umständen die 
Befriedigung von den Genitalzonen kennen lehrt, welche sich 
onanistisch zu erneuern es dann meist gezwungen bleibt. Solche 
Beeinflussung kann von Erwachsenen oder anderen Kindern aus- 
gehen; ich kann nicht zugestehen, daß ich in meiner Abhandlung 
1896 „Über die Ätiologie der Hysterie" die Häufigkeit oder die 
Bedeutung derselben überschätzt habe, wenngleich ich damals 
noch nicht wußte, daß normal gebliebene Individuen in ihren 
Kinderjahren die nämlichen Erlebnisse gehabt haben können, 
und darum die Verführung höher wertete als die in der sexuellen 
Konstitution und Entwicklung gegebenen Faktoren. 1 Es ist selbst- 
verständlich, daß es der Verführung nicht bedarf, um das Sexual- 
leben des Kindes zu wecken, daß solche Erweckung auch spontan 
aus inneren Ursachen vor sich gehen kann. 

Es ist lehrreich, daß das Kind unter dem Einfluß der Ver- Pol y n »»n»i" 
führung polymorph pervers werden, zu allen möglichen Über- Ania~ 
schreitungen verleitet werden kann. Dies zeigt, daß es die Eignung 
dazu in seiner Anlage mitbringt; die Ausführung findet darum 



as 



1) Havelock Ellis bringt in einem Anhang zu seiner Studie über d__ 
„Geschlechtsgefühl" (1903) eine Anzahl autobiographischer Berichte von später 
vorwiegend normal gebliebenen Personen über ihre ersten geschlechtlichen Regungen 
in der Kindheit und die Anlässe derselben. Diese Berichte leiden natürlich an dem 
Mangel, daß sie die durch die infantile Amnesie verdeckte, prähistorische Vorzeit des 
Geschlechtslebens nicht enthalten, welche nur durch Psychoanalyse bei einem 
neurotisch gewordenen Individuum ergänzt werden kann. Dieselben sind aber trotz- 
dem in mehr als einer Hinsicht wertvoll und Erkundigungen der gleichen Art haben 
mich zu der im Text erwähnten Modifikation meiner ätiologischen Annahmen 
bestimmt. 

Freud, V. 



66 Drei Abhandlimgen zur Sexualtheorie 



geringe Widerstände, weil die seelischen Dämme gegen sexuelle 
Ausschreitungen, Scham, Ekel und Moral, je nach dem Alter 
des Kindes noch nicht aufgeführt oder erst in Bildung begriffen 
sind. Das Kind verhält sich hierin nicht anders als etwa das 
unkultivierte Durchschnittsweib, bei dem die nämliche polymorph 
perverse Veranlagung erhalten bleibt. Dieses kann unter den 
gewöhnlichen Bedingungen etwa sexuell normal bleiben, unter 
der Leitung eines geschickten Verführers wird es an allen Per- 
versionen Geschmack finden und dieselben für seine Sexual- 
betätigung festhalten. Die nämliche polymorphe, also infantile, 
Anlage beutet dann die Dirne für ihre Berufstätigkeit aus, und 
bei der riesigen Anzahl der prostituierten Frauen und solcher, 
denen man die Eignung zur Prostitution zusprechen muß, obwohl 
sie dem Berufe entgangen sind, wird es endgültig unmöglich, in 
der gleichmäßigen Anlage zu allen Perversionen nicht das 
allgemein Menschliche und Ursprüngliche zu erkennen. 
p.rtioitriebe Im übrigen hilft der Einfluß der Verführung nicht dazu, 
die anfänglichen Verhältnisse des Geschlechtstriebes zu enthüllen, 
sondern verwirrt unsere Einsicht in dieselben, indem er dem 
Kinde vorzeitig das Sexualobjekt zuführt, nach dem der infantile 
Sexualtrieb zunächst kein Bedürfnis zeigt. Indes müssen wir 
zugestehen, daß auch das kindliche Sexualleben, bei allem Über- 
wiegen der Herrschaft erogener Zonen, Komponenten zeigt, für 
welche andere Personen als Sexualobjekte von Anfang an in 
Betracht kommen. Solcher Art sind die in gewisser Unabhängig- 
keit von erogenen Zonen auftretenden Triebe der Schau- und 
Zeigelust und der Grausamkeit, die in ihre innigen Beziehungen 
zum Genitalleben erst später eintreten, aber schon in den Kinder- 
jahren als zunächst von der erogenen Sexualtätigkeit gesonderte, 
selbständige Strebungen bemerkbar werden. Das kleine Kind ist 
vor allem schamlos und zeigt in gewissen frühen Jahren ein 
unzweideutiges Vergnügen an der Entblößung seines Körpers 
mit besonderer Hervorhebung der Geschlechtsteile. Das Gegen- 



I 



Die infantile Sexualität 



6 7 



stück dieser als pervers geltenden Neigung, die Neugierde, 
Genitalien anderer Personen zu sehen, wird wahrscheinlich erst 
in etwas späteren Kinderjahren offenkundig, wenn das Hindernis 
des Schamgefühles bereits eine gewisse Entwicklung erreicht hat. 
Unter dem Einfluß der Verführung kann die Schauperversion 
eine große Bedeutung für das Sexualleben des Kindes erreichen. 
Doch muß ich aus meinen Erforschungen der Kinderjahre 
Gesunder wie neurotisch Kranker den Schluß ziehen, daß der 
Schautrieb beim Kinde als spontane Sexualäußerung aufzutreten 
vermag. Kleine Kinder, deren Aufmerksamkeit einmal auf die 
eigenen Genitalien — meist masturbatorisch — gelenkt ist, pflegen 
den weiteren Fortschritt ohne fremdes Dazutun zu treffen und 
lebhaftes Interesse für die Genitalien ihrer Gespielen zu ent- 
wickeln. Da sich die Gelegenheit, solche Neugierde zu befriedigen, 
meist nur bei der Befriedigung der beiden exkrementeilen 
Bedürfnisse ergibt, werden solche Kinder zu Voyeurs, eifrigen 
Zuschauern bei der Harn- und Kotentleerung anderer. Nach 
eingetretener Verdrängung dieser Neigungen bleibt die Neugierde, 
fremde Genitalien (des eigenen oder des anderen Geschlechtes) 
zu sehen, als quälender Drang bestehen, der bei manchen neuro- 
tischen Fällen dann die stärkste Triebkraft für die Symptom- 
bildung abgibt. 

In noch größerer Unabhängigkeit von der sonstigen, an 
erogene Zonen gebundenen Sexualbetätigung entwickelt sich beim 
Kinde die Grausamkeitskomponente des Sexualtriebes. Grausam- 
keit liegt dem kindlichen Charakter überhaupt nahe, da . das 
Hemmnis, welches den Bemächtigungstrieb vor dem Schmerz 
des anderen haltmachen läßt, die Fähigkeit zum Mitleiden, 
sich verhältnismäßig spät ausbildet. Die gründliche psycho- 
logische Analyse dieses Triebes ist bekanntlich noch nicht geglückt; 
wir dürfen annehmen, daß die grausame Regung vom 
Bemächtigungstrieb herstammt und zu einer Zeit im Sexualleben 
auftritt, da die Genitalien noch nicht ihre spätere Rolle auf- 

5' 



68 



Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



genommen haben. Sie beherrscht dann eine Phase des Sexual- 
lebens, die wir später als prägenitale Organisation beschreiben 
werden. Kinder, die sich durch besondere Grausamkeit gegen 
Tiere und Gespielen auszeichnen, erwecken gewöhnlich mit Recht 
den Verdacht auf intensive und vorzeitige Sexualbetätigung von 
erogenen Zonen her, und bei gleichzeitiger Frühreife aller sexuellen 
Triebe scheint die erogene Sexualbetätigung doch die primäre 
zu sein. Der Wegfall der Mitleidsschranke bringt die Gefahr mit 
sich, daß diese in der Kindheit erfolgte Verknüpfung der grau- 
samen mit den erogenen Trieben sich späterhin im Leben als 
unlösbar erweise. 

Als eine erogene Wurzel des passiven Triebes zur Grausamkeit 
(des Masochismus) ist die schmerzhafte Reizung der Gesäßhaut 
allen Erziehern seit dem Selbstbekenntnis Jean Jacques Rousseaus 
bekannt. Sie haben hieraus mit Recht die Forderung abgeleitet, 
daß die körperliche Züchtigung, die zumeist diese Körperpartie 
trifft, bei all den Kindern zu unterbleiben habe, bei denen durch 
die späteren Anforderungen der Kulturerziehung die Libido auf 
die kollateralen Wege gedrängt werden mag.' 



Zu den obenstehenden Behauptungen über die infantile Sexualität war ich im 
Jahre 1905 wesentlich durch die Resultate psychoanalytischer Erforschung von 
Erwachsenen berechtigt. Die direkte Beobachtung am Kinde konnte damals nicht 
im vollen Ausmaß benützt werden und hatte nur vereinzelte Winke und wertvolle 
Bestätigungen ergeben. Seither ist es gelungen, durch die Analyse einzelner Falle 
von nervöser Erkrankung im zarten Kindesalter einen direkten Einblick in die 
infantile Psychosexualität zu gewinnen. Ich kann mit Befriedigung darauf verweisen 
daß die direkte Beobachtung die Schlüsse aus der Psychoanalyse voll bekräftigt und 
somit ein gutes Zeugnis für die Verläßlichkeit dieser letzteren I'orschungsmethode 
abgegeben hat. — Die „Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben" [Bd. VIII 
der Gesamtausgabe] hat überdies manches Neue gelehrt, worauf man von der 
Psychoanalyse her nicht vorbereitet war, z. B. das Hinaufreichen einer sexuellen 
Symbolik, einer Darstellung des Sexuellen durch nicht sexuelle Objekte und 
Relationen bis in diese ersten Jahre der Sprachbeherrschung. Ferner wurde ich auf 
einen Mangel der obenstehenden Darstellung aufmerksam gemacht, welche im 
Interesse der Übersichtlichkeit die begriffliche Scheidung der beiden Phasen von 
Autoerotismus und Objektliebe auch als eine zeitliche Trennung beschreibt 
Man erfährt aber aus den zitierten Analysen (sowie aus den Mitteilungen von 
Bell s. o.), daß Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren einer sehr deutlichen, 
von starken Affekten begleiteten Objektwahl fähig sind. 



Die infantile Sexualität 



69 



Die infantile Sexualforschung 

Um dieselbe Zeit, da das Sexualleben des Kindes seine erste Der wuitrieb 
Blüte erreicht, vom dritten bis zum fünften Jahr, stellen sich 
bei ihm auch die Anfänge jener Tätigkeit ein, die man dem 
Wiß- oder Forschertrieb zuschreibt. Der Wißtrieb kann weder 
zu den elementaren Triebkomponenten gerechnet noch ausschließlich 
der Sexualität untergeordnet werden. Sein Tun entspricht einer- 
seits einer sublimierten. Weise der Bemächtigung, anderseits 
arbeitet er mit der Energie der Schaulust. Seine Beziehungen 
zum Sexualleben sind aber besonders bedeutsame, denn wir 
haben aus der Psychoanalyse erfahren, daß der Wißtrieb der 
Kinder unvermutet früh und in unerwartet intensiver Weise 
von den sexuellen Problemen angezogen, ja vielleicht erst durch 
sie geweckt wird. 

Nicht theoretische, sondern praktische Interessen sind es, die d b > rilci 

■ ■ g-y •§ d©r Sphinx 

das Werk der Forschertätigkeit beim Kinde in drang bringen. 
Die Bedrohung seiner Existenzbedingungen durch die erfahrene 
oder vermutete Ankunft eines neuen Kindes, die Furcht vor 
dem mit diesem Ereignis verbundenen Verlust an Fürsorge 
und Liebe machen das Kind nachdenklich und scharfsinnig. 
Das erste Problem, mit dem es sich beschäftigt, ist entsprechend 
dieser Erweckungsgeschichte auch nicht die Frage des Geschlechts- 
unterschiedes, sondern das Rätsel: Woher kommen die Kinder? 
In einer Entstellung, die man leicht rückgängig machen kann, 
ist dies auch das Rätsel, welches die thebaische Sphinx auf- 
zugeben hat. Die Tatsache der beiden Geschlechter nimmt das 
Kind vielmehr zunächst ohne Sträuben und Bedenken hin. Es 
ist dem männlichen Kinde selbstverständlich, ein Genitale wie 
das seinige bei allen Personen, die es kennt, vorauszusetzen, und 
unmöglich, den Mangel eines solchen mit seiner Vorstellung 
dieser anderen zu vereinen. Diese Überzeugung wird vom 
Knaben energisch festgehalten, gegen die sich bald ergebenden 



7° Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



Widersprüche der Beobachtung hartnäckig verteidigt und erst 

E5te°Zi nach scnweren inneren Kämpfen (Kastrationskomplex) aufgegeben. 

Penisneid Die Ersatzbildungen dieses verloren gegangenen Penis des Weibes 

spielen in der Gestaltung mannigfacher Perversionen eine große 



Rolle. 



Die Annahme des nämlichen (männlichen) Genitales bei allen 
Menschen ist die erste der merkwürdigen und folgenschweren 
infantilen Sexualtheorien. Es nützt dem Kinde wenig, wenn die 
biologische Wissenschaft seinem Vorurteile recht geben und die 
weibliche Klitoris als einen richtigen Penisersatz anerkennen muß. 
Das kleine Mädchen verfällt nicht in ähnliche Abweisungen, 
wenn es das anders gestaltete Genitale des Knaben erblickt. Es 
ist sofort bereit, es anzuerkennen, und es unterliegt dem Penis- 
neide, der in dem für die Folge wichtigen Wunsch, auch ein 
Bub zu sein, gipfelt. 
Ceburts- Viele Menschen wissen deutlich zu erinnern, wie intensiv sie 

theoricn 

sich in der Vorpubertätszeit für die Frage interessiert haben, 
woher die Kinder kommen. Die anatomischen Lösungen lauteten 
damals ganz verschiedenartig; sie kommen aus der Brust oder 
werden aus dem Leib geschnitten oder der Nabel öffnet sich, 
um sie durchzulassen. 2 An die entsprechende Forschung der frühen 
Kinderjahre erinnert man sich nur selten außerhalb der Analyse; 
sie ist längst der Verdrängung verfallen, aber ihre Ergebnisse 
waren durchaus einheitliche. Man bekommt die Kinder, indem 
man etwas Bestimmtes ißt (wie im Märchen), und sie werden 
durch den Darm wie ein Stuhlabgang geboren. Diese kindlichen 
Theorien mahnen an Einrichtungen im Tierreiche, speziell an 
die Kloake der Typen, die niedriger stehen als die Säugetiere. 

1) Man hat das Recht, auch von einem Kastrationskomplex bei Frauen zu sprechen. 
Männliche wie weibliche Kinder bilden die Theorie, daß auch das Weib ursprünglich 
einen Penis hatte, der durch Kastration verloren gegangen ist. Die endlich gewonnene 
Überzeugung, daß das Weib keinen Penis besitzt, hinterläßt beim männlichen 
Individuum oft eine dauernde Geringschätzung des anderen Geschlechts. 

2) Der Reichtum an Sexualtlieorien ist in diesen späteren Kinderjahren ein sehr 
großer. Im Text sind hie von nur wenige Beispiele angeführt. 



Die infantile Sexualität 71 



Werden Kinder in so zartem Alter Zuschauer des sexuellen j^*^ 8 ** 
Verkehres zwischen Erwachsenen, wozu die Überzeugung der de» Sexuai- 
Großen, das kleine Kind könne noch nichts Sexuelles verstehen, 
die Anlässe schafft, so können sie nicht umhin, den Sexualakt 
als eine Art von Mißhandlung oder Überwältigung, also im 
sadistischen Sinne aufzufassen. Die Psychoanalyse läßt uns auch 
erfahren, daß ein solcher frühkindlicher Eindruck viel zur 
Disposition für eine spätere sadistische Verschiebung des Sexual- 
zieles beiträgt. Des weiteren beschäftigen sich Kinder viel mit 
dem Problem, worin der Geschlechtsverkehr oder, wie sie es 
erfassen, das Verheiratetsein bestehen mag, und suchen die 
Lösung des Geheimnisses meist in einer Gemeinschaft, die durch 
die Harn- oder Kotfunktion vermittelt wird. 

Im allgemeinen kann man von den kindlichen Sexualtheorien Da« typische 

O _ _ Mißlingen der 

aussagen, daß sie Abbilder der eigenen sexuellen Konstitution kindlichen 
des Kindes sind und trotz ihrer grotesken Irrtümer von mehr f orscnung 
Verständnis für die Sexualvorgänge zeugen, als man ihren Schöpfern 
zugemutet hätte. Die Kinder nehmen auch die Schwangerschafts- 
veränderungen der Mutter wahr und wissen sie richtig zu 
deuten; die Storchfabel wird sehr oft vor Hörern erzählt, die 
ihr ein tiefes, aber meist stummes Mißtrauen entgegenbringen. 
Aber da der kindlichen Sexualforschung zwei Elemente unbe- 
kannt bleiben, die Rolle des befruchtenden Samens und die 
Existenz der weiblichen Geschlechtsöffnung, — die nämlichen 
Punkte übrigens, in denen die infantile Organisation noch rück- 
ständig ist — , bleibt das Bemühen der infantilen Forscher doch 
regelmäßig unfruchtbar und endet in einem Verzicht, der nicht 
selten eine dauernde Schädigung des Wißtriebes zurückläßt. Die 
Sexualforschung dieser frühen Kinderjahre wird immer einsam 
betrieben; sie bedeutet einen ersten Schritt zur selbständigen 
Orientierung in der Welt und setzt eine starke Entfremdung 
des Kindes von den Personen seiner Umgebung, die vorher sein 
volles Vertrauen genossen hatten. 



7 2 



Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



Prlg-enlUle 
Organi- 
sationen 



Entwicklungsphasen der sexuellen Organisation 

Wir haben bisher als Charaktere des infantilen Sexuallebens 
hervorgehoben, daß es wesentlich autoerotisch ist (sein Objekt am 
eigenen Leibe findet), und daß seine einzelnen Partialtriebe im 
ganzen unverknüpft und unabhängig voneinander dem Lust- 
erwerb nachstreben. Den Ausgang der Entwicklung bildet das 
sogenannte normale Sexualleben des Erwachsenen, in welchem 
der Lusterwerb in den Dienst der Fortpflanzungsfunktion getreten 
ist, und die Partialtriebe unter dem Primat einer einzigen erogenen 
Zone eine feste Organisation zur Erreichung des Sexualzieles an 
einem fremden Sexualobjekt gebildet haben. 

Das Studium der Hemmungen und Störungen in diesem Ent- 
wicklungsgange mit Hilfe der Psychoanalyse gestattet uns nun 
Ansätze und Vorstufen einer solchen Organisation der Partialtriebe 
zu erkennen, die gleichfalls eine Art von sexuellem Regime 
ergeben. Diese Phasen der Sexualorganisation werden normaler- 
weise glatt durchlaufen, ohne sich durch mehr als Andeutungen 
zu verraten. Nur in pathologischen Fällen werden sie aktiviert 
und für grobe Beobachtung kenntlich. 

Organisationen des Sexuallebens, in denen die Genitalzonen noch 
nicht in ihre vorherrschende Rolle eingetreten sind, wollen wir 
prägenitale heißen. Wir haben bisher zwei derselben kennen 
gelernt, die wie Rückfälle auf frühtierische Zustände anmuten. 

Eine erste solche prägenitale Sexualorganisation ist die orale 
oder, wenn wir wollen, kannibalische. Die Sexualtätigkeit 
ist hier von der Nahrungsaufnahme noch nicht gesondert, Gegen- 
sätze innerhalb derselben nicht differenziert. Das Objekt der einen 
Tätigkeit ist auch das der anderen, das Sexualziel besteht in der 
Einverleibung des Objektes, dem Vorbild dessen, was später- 
hin als Identifizierung eine so bedeutsame psychische Rolle 
spielen wird. Als Rest dieser fiktiven, uns durch die Pathologie 
aufgenötigten Organisationsphase kann das Lutschen angesehen 



Die infantile Sexualität 



70 



werden, in dem die Sexualtätigkeit, von der Ernährungstätigkeit 
abgelöst, das fremde Objekt gegen eines am eigenen Körper auf- 
gegeben hat. 1 

Eine zweite prägenitale Phase ist die der sadistisch-analen 
Organisation. Hier ist die Gegensätzlichkeit, welche das Sexual- 
leben durchzieht, bereits ausgebildet; sie kann aber noch nicht 
männlich und weiblich, sondern muß aktiv und passiv 
benannt werden. Die Aktivität wird durch den Bemächtigungs- 
trieb von seiten der Körpermuskulatur hergestellt, als Organ mit 
passivem Sexualziel macht sich vor allem die erogene Darm- 
schleimhaut geltend 5 für beide Strebungen sind Objekte vorhanden, 
die aber nicht zusammenfallen. Daneben betätigen sich andere 
Partialtriebe in autoerotischer Weise. In dieser Phase sind also 
die sexuelle Polarität und das fremde Objekt bereits nachweisbar. 
Die Organisation und die Unterordnung unter die Fortpflanzungs- 
funktion stehen noch aus. 2 

Diese Form der Sexualorganisation kann sich bereits durchs Ambivalent 
Leben erhalten und ein großes Stück der Sexualbetätigung dauernd 
an sich reißen. Die Vorherrschaft des Sadismus und die Kloaken- 
rolle der analen Zone geben ihr ein exquisit archaisches Gepräge. 
Als weiterer Charakter gehört ihr an, daß die Triebgegensatzpaare 
in annähernd gleicher Weise ausgebildet sind, welches Verhalten 
mit dem glücklichen, von Bleuler eingeführten Namen Ambi- 
valenz bezeichnet wird. 

Die Annahme der prägenitalen Organisationen des Sexuallebens 
ruht auf der Analyse der Neurosen und ist unabhängig von 



1) Vgl. über Reste dieser Phase bei erwachsenen Neurotikern die Arbeit von 
Abraham, Untersuchungen über die früheste prägenitale Entwicklungsstufe der 
Libido (Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse IV, 1916). In einer späteren Arbeit (Versuch 
einer Entwicklungsgeschichte der Libido 1924) hat Abraham sowohl diese orale als 
auch die spätere sadistisch-anale Phase in zwei Unterabteilungen zerlegt, für welche 
das verschiedene Verhalten zum Objekt charakteristisch ist. 

2) Abraham macht (im letzterwähnten Aufsatze) darauf aufmerksam, daß der 
After aus dem U r m u n d der embryonalen Anlagen hervorgeht, was wie ein bio- 
logisches Vorbild der psychosexuellen Entwicklung erscheint. 



74 



Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



Zweiseitige 

Objekt wähl 



deren Kenntnis kaum zu würdigen. Wir dürfen erwarten, daß 
die fortgesetzte analytische Bemühung uns noch weit mehr Auf- 
schlüsse über Aufbau und Entwicklung der normalen Sexual- 
funktion vorbereitet. 

Um das Bild des infantilen Sexuallebens zu vervollständigen, 
muß man hinzunehmen, daß häufig oder regelmäßig bereits in 
den Kinderjahren eine Objektwahl vollzogen wird, wie wir sie 
als charakteristisch für die Entwicklungsphase der Pubertät hin- 
gestellt haben, in der Weise, daß sämtliche Sexualbestrebungen 
die Richtung auf eine einzige Person nehmen, an der sie ihre 
Ziele erreichen wollen. Dies ist dann die größte Annäherung an 
die definitive Gestaltung des Sexuallebens nach der Pubertät, die 
in den Kinderjahren möglich ist. Der Unterschied von letzterer 
liegt nur noch darin, daß die Zusammenfassung der Partialtriebe 
und deren Unterordnung unter das Primat der Genitalien in 
der Kindheit nicht oder nur sehr unvollkommen durch- 
gesetzt wird. Die Herstellung dieses Primats im Dienste der 
Fortpflanzung ist also die letzte Phase, welche die Sexual- 
organisation durchläuft. 1 

Man kann es als ein typisches Vorkommnis ansprechen, daß 



die Objektwahl zweizeitig, in zwei Schüben erfolgt. Der erste 
Schub nimmt in den Jahren zwischen zwei und fünf seinen 
Anfang und wird durch die Latenzzeit zum Stillstand oder zur 
Rückbildung gebracht; er ist durch die infantile Natur seiner 
S.exualziele ausgezeichnet. Der zweite setzt mit der Pubertät ein 
und bestimmt die definitive Gestaltung des Sexuallebens. 

1) Diese Darstellung habe ich spater (1925) selbst dahin verändert, daß ich nach 
den beiden prägenitalen Organisationen in die Kiiidheilseutwicklung eine dritte Phase 
einschaltete, welche bereits den Namen einer genitalen verdient, ein Sexualobjekt und 
ein Maß von Konvergenz der Sexualstrebungen auf dies Objekt zeigt, sich aber in 
einem wesentlichen Punkt von der definitiven Organisation der Geschlechtsreife unter- 
scheidet. Sie kennt nämlich nur eine Art von Genitale, das männliche. Ich habe sie 
darum die p h a 1 1 i s c h e Organisationsstufe genannt [Die infantile Gcnitalorganisation. 
Intern. Zeitsclir. f.' Psychoanalyse, IX, 1923; Gesamtausgabe Bd. V]. Ihr biologisches 
Vorbild ist nach Abraham die indifferente für beide Geschlechter gleichartige 
Genitalanlage des Embryos. 



Die infantile Sexualität 



75 



Die Tatsache der zweizeitigen Objektwahl, die sich im 
wesentlichen auf die Wirkung der Latenzzeit reduziert, wird 
aber höchst bedeutungsvoll für die Störung dieses Endzustandes. 
Die Ergebnisse der infantilen Objektwahl ragen in die spätere 
Zeit hinein 5 sie sind entweder als solche erhalten geblieben oder 
sie erfahren zur Zeit der Pubertät selbst eine Auffrischung. Infolge 
der Verdrängungsentwicklung, welche zwischen beiden Phasen 
liest, erweisen sie sich aber als unverwendbar. Ihre Sexualziele 
haben eine Milderung erfahren, und sie stellen nun das dar, was 
wir als die zärtliche Strömung des Sexuallebens bezeichnen 
können. Erst die psychoanalytische Untersuchung kann nach- 
weisen, daß sich hinter dieser Zärtlichkeit, Verehrung und 
Hochachtung die alten, jetzt unbrauchbar gewordenen Sexual- 
strebungen der infantilen Partialtriebe verbergen. Die Objekt- 
wahl der Pubertätszeit muß auf die infantilen Objekte verzichten 
und als sinnliche Strömung von neuem beginnen. Das Nicht- 
zusammentreffen der beiden Strömungen hat oft genug die Folge, 
daß eines der Ideale des Sexuallebens, die Vereinigung aller 
Begehrungen in einem Objekt, nicht erreicht werden kann. 

Quellen der infantilen Sexualität 

In dem Bemühen, die Ursprünge des Sexualtriebes zu verfolgen, 
haben wir bisher gefunden, daß die sexuelle Erregung entsteht 
a) als Nachbildung einer im Anschluß an andere organische 
Vorgänge erlebten Befriedigung, b) durch geeignete peripherische 
Reizung erogener Zonen, c) als Ausdruck einiger uns in ihrer 
Herkunft noch nicht voll verständlicher „Triebe" wie der 
Schautrieb und der Trieb zur Grausamkeit. Die aus späterer Zeit 
auf die Kindheit zurückgreifende psychoanalytische Forschung und 
die gleichzeitige Beobachtung des Kindes wirken nun zusammen, um 
uns noch andere regelmäßig fließende Quellen für die sexuelle 
Erregung aufzuzeigen. Die Kindheitsbeobachtung hat den Nach- 
teil, daß sie leicht mißzuverstehende Objekte bearbeitet, die 



7 6 



Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



Psychoanalyse wird dadurch erschwert, daß sie zu ihren Objekten 
wie zu ihren Schlüssen nur auf großen Umwegen gelangen kann; 
in ihrem Zusammenwirken erzielen aber beide Methoden einen 
genügenden Grad von Sicherheit der Erkenntnis. 

Bei der Untersuchung der erogenen Zonen haben wir bereits 
gefunden, daß diese Hautstellen bloß eine besondere Steigerung 
einer Art von Reizbarkeit zeigen, welche in gewissem Grade der 
ganzen Hautoberfläche zukommt. Wir werden also nicht erstaunt 
sein zu erfahren, daß gewissen Arten allgemeiner Hautreizung 
sehr deutliche erogene Wirkungen zuzuschreiben sind. Unter 
diesen heben wir vor allem die Temperaturreize hervor ; vielleicht 
wird so auch unser Verständnis für die therapeutische Wirkung 
warmer Bäder vorbereitet, 
■echaniache Ferner müssen wir hier die Erzeugung sexueller Erregung 
durch rhythmische mechanische Erschütterungen des Körpers 
anreihen, an denen wir dreierlei Reizeinwirkungen zu sondern 
haben, die auf den Sinnesapparat der Vestibularnerven, die auf 
die Haut und auf die tiefen Teile (Muskeln, Gelenkapparate). 
Wegen der dabei entstehenden Lustempfindungen — es ist der 
Hervorhebung wert, daß wir hier eine ganze Strecke weit 
„sexuelle Erregung" und „Befriedigung" unterschiedslos gebrauchen 
dürfen, und legt uns die Pflicht auf, später nach einer Erklärung 
zu suchen 5 — es ist also ein Beweis für die durch gewisse 
mechanische Körpererschütterungen erzeugte Lust, daß Kinder 
passive Bewegungsspiele, wie Schaukeln und Fliegenlassen, so sehr 
lieben und unaufhörlich nach Wiederholung davon verlangen. 1 
Das Wiegen wird bekanntlich zur Einschläferung unruhiger 
Kinder regelmäßig angewendet. Die Erschütterungen der Wagen- 
fahrt und später der Eisenbahnfahrt üben eine so faszinierende 
Wirkung auf ältere Kinder aus, daß wenigstens alle Knaben 
irgend einmal im Leben Kondukteure und Kutscher werden 

1) Manche Personen wissen sich zu erinnern, daß sie beim Schaukeln den Anprall 
der bewegten Luft an den Genitalien direkt als sexuelle Luit verspürt haben. 



Die infantile Sexualität 77 

wollen. Den Vorgängen auf der Eisenbahn pflegen sie ein rätsel- 
haftes Interesse von außerordentlicher Höhe zuzuwenden und 
dieselben im Alter der Phantasietätigkeit (kurz vor der Pubertät) 
zum Kern einer exquisit sexuellen Symbolik zu machen. Der 
Zwang zu solcher Verknüpfung des Eisenbahnfahrens mit der 
Sexualität geht offenbar von dem Lustcharakter der Bewegungs- 
empfindungen aus. Kommt dann die Verdrängung hinzu, die so 
vieles von den kindlichen Bevorzugungen ins Gegenteil um- 
schlagen läßt, so werden dieselben Personen als Heranwachsende 
oder Erwachsene auf Wiegen und Schaukeln mit Üblichkeit 
reagieren, durch eine Eisenbahnfahrt furchtbar erschöpft werden 
oder zu Angstanfällen auf der Fahrt neigen und sich durch 
Eisenbahnangst vor der Wiederholung der peinlichen Erfahrung 
schützen. 

Hier reiht sich dann — noch unverstanden — die Tatsache 
an, daß durch Zusammentreffen von Schreck und mechanischer 
Erschütterung die schwere hysteriforme traumatische Neurose 
erzeugt wird. Man darf wenigstens annehmen, daß diese Einflüsse, 
die in geringen Intensitäten zu Quellen sexueller Erregung werden, 
in übergroßem Maße einwirkend eine tiefe Zerrüttung des 
sexuellen Mechanismus oder Chemismus hervorrufen. 

Daß ausgiebige aktive Muskelbetätigung für das Kind ein Muakd- 
Bedürfnis ist, aus dessen Befriedigung es außerordentliche Lust '"'" ''"' 
schöpft, ist bekannt. Ob diese Lust etwas mit der Sexualität zu 
tun hat, ob sie selbst sexuelle Befriedigung einschließt oder 
Anlaß zu sexueller Erregung werden kann, das mag kritischen 
Erwägungen unterliegen, die sich ja auch wohl gegen die im 
vorigen enthaltene Aufstellung richten werden, daß die Lust 
durch die Empfindungen passiver Bewegung sexueller Art ist 
oder sexuell erregend wirkt. Tatsache ist aber, daß eine Reihe 
von Personen berichten, sie hätten die ersten Zeichen der 
Erregtheit an ihren Genitalien während des Raufens oder Ringens 
mit ihren Gespielen erlebt, in welcher Situation außer der 



7 8 



Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



Affekt- 
vorgänge 



allgemeinen Muskelanstrengung noch die ausgiebige Hautberührung 
mit dem Gegner wirksam wird. Die Neigung zum Muskelstreit 
mit einer bestimmten Person, wie in späteren Jahren zum Wort- 
streit („Was sich liebt, das neckt sich"), gehört zu den guten 
Vorzeichen der auf diese Person gerichteten Objektwahl. In der 
Beförderung der sexuellen Erregung durch Muskel tätigkeit wäre 
eine der Wurzeln des sadistischen Triebes zu erkennen. Für viele 
Individuen wird die infantile Verknüpfung zwischen Raufen und 
sexueller Erregung mitbestimmend für die später bevorzugte 
Richtung ihres Geschlechtstriebes. 1 

Minderem Zweifel unterliegen die weiteren Quellen sexueller 
Erregung beim Kinde. Es ist leicht, durch gleichzeitige Beobachtung 
wie durch spätere Erforschung festzustellen, daß alle intensiveren 
Affektvorgänge, selbst die schreckhaften Erregungen auf die 
Sexualität übergreifen, was übrigens einen Beitrag zum Verständnis 
der pathogenen Wirkung solcher Gemütsbewegungen liefern kann. 
Beim Schulkinde kann die Angst, geprüft zu werden, die Spannung 
einer sich schwer lösenden Aufgabe, für den Durchbruch sexueller 
Äußerungen wie für das Verhältnis zur Schule bedeutsam werden, 
indem unter solchen Umständen häufig genug ein Reizgefühl 
auftritt, welches zur Berührung der Genitalien auffordert, oder 
ein pollutionsartiger Vorgang mit all seinen verwirrenden Folgen. 
Das Benehmen der Kinder in der Schule, welches den Lehrern 
Rätsel genug aufgibt, verdient überhaupt in Beziehung zur 
keimenden Sexualität derselben gesetzt zu werden. Die sexuell 
erregende Wirkung mancher an sich unlustiger Affekte, des 
Angstigens, Schauderns, Grausens erhält sich bei einer großen 
Anzahl Menschen auch durchs reife Leben und ist wohl die 



1) Die Analyse der Fälle von neurotischer Gehstörung und Raumangst hebt den 
Zweifel an der sexuellen Natur der Bewcgungslust auf. Die moderne Kulturerzichung 
bedient sich bekanntlich des Sports im großen Umfang, um die Jugend von der 
Sexualbetätigung abzulenken; richtiger wäre es zu sagen, sie ersetzt ihr den Scxual- 
genuD durch die Bewegungslust und drängt die Scxualbetätigung auf eine ihrer 
autoerotischen Komponenten zurück. 



Die infantile Sexualität 79 



Erklärung dafür, daß soviel Personen der Gelegenheit zu solchen 
Sensationen nachjagen, wenn nur gewisse Nebenumstände (die 
Angehörigkeit zu einer Scheinwelt, Lektüre, Theater) den Ernst 
der Unlustempfindung dämpfen. 

Ließe sich annehmen, daß auch intensiven schmerzhaften 
Empfindungen die gleiche erogene Wirkung zukommt, zumal 
wenn der Schmerz durch eine Nebenbedingung abgetönt oder 
ferner gehalten wird, so läge in diesem Verhältnis eine der 
Hauptwurzeln für den masochistisch-sadistischen Trieb, in dessen 
vielfältige Zusammengesetztheit wir so allmählich Einblick 
gewinnen. 1 

Endlich ist es unverkennbar, daß die Konzentration der intellektuelle 
Aufmerksamkeit auf eine intellektuelle Leistung und geistige 
Anspannung überhaupt bei vielen jugendlichen wie reiferen 
Personen eine sexuelle Miterregung zur Folge hat, die wohl als 
die einzig berechtigte Grundlage für die sonst so zweifelhafte 
Ableitung nervöser Störungen von geistiger „Überarbeitung' zu 
gelten hat. 

Überblicken wir nun nach diesen weder vollständig noch 
vollzählig mitgeteilten Proben und Andeutungen die Quellen der 
kindlichen Sexualerregung, so lassen sich folgende Allgemein- 
heiten ahnen oder erkennen: Es scheint auf die ausgiebigste 
Weise dafür gesorgt, daß der Prozeß der Sexualerregung — 
dessen Wesen uns nun freilich recht rätselhaft geworden ist — in 
Gang gebracht werde. Es sorgen dafür vor allem in mehr oder 
minder direkter Weise die Erregungen der sensiblen Ober- 
flächen — Haut und Sinnesorgane — , am unmittelbarsten die 
Reizeinwirkungen auf gewisse als erogene Zonen zu bezeichnende 
Stellen. Bei diesen Quellen der Sexualerregung ist wohl die 
Qualität der Reize das Maßgebende, wenngleich das Moment 
der Intensität (beim Schmerz) nicht völlig gleichgültig ist. Aber 
überdies sind Veranstaltungen im Organismus vorhanden, welche 



1) (Der sogenannte „erogene" Masochismus). 



8o Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



zur Folge haben, daß die Sexualerregung als Nebenwirkung bei 
einer großen Reihe innerer Vorgänge entsteht, sobald die 
Intensität dieser Vorgänge nur gewisse quantitative Grenzen 
überstiegen hat. Was wir die Partialtriebe der Sexualität genannt 
haben, leitet sich entweder direkt aus diesen inneren Quellen 
der Sexualerregung ab oder setzt sich aus Beiträgen von solchen 
Quellen und von erogenen Zonen zusammen. Es ist möglich, 
daß nichts Bedeutsameres im Organismus vorfällt, was nicht seine 
Komponente zur Erregung des Sexualtriebes abzugeben hätte. 

Es scheint mir derzeit nicht möglich, diese allgemeinen Sätze 
zu größerer Klarheit und Sicherheit zu bringen, und ich mache 
dafür zwei Momente verantwortlich, erstens die Neuheit der 
ganzen Betrachtungsweise und zweitens den Umstand, daß uns 
das Wesen der Sexualerregung völlig unbekannt ist. Doch möchte 
ich auf zwei Bemerkungen nicht verzichten, welche Ausblicke 
ins Weite zu eröffnen versprechen: 
venchiedene a ) Sowie wir vorhin einmal die Möglichkeit sahen, eine 
■utntionen Mannigfaltigkeit der angeborenen sexuellen Konstitutionen durch 
die verschiedenartige Ausbildung der erogenen Zonen zu begründen, 
so können wir nun das gleiche mit Einbeziehung der indirekten 
Quellen der Sexualerregung versuchen. Wir dürfen annehmen, 
daß diese Quellen zwar bei allen Individuen Zuflüsse liefern, aber 
nicht alle bei allen Personen gleich starke, und daß in der 
bevorzugten Ausbildung der einzelnen Quellen zur Sexualerregung 
ein weiterer Beitrag zur Differenzierung der verschiedenen Sexual- 
konstitutionen gelegen sein wird. 1 
irl SuT lL ^ Indem wir die solange festgehaltene figürliche Ausdrucks- 
.einfinMong weise fallen lassen, in der wir von „Quellen" der Sexualerregung 

l) Als unabweisbare Folgerung aus den obigen Ausführungen ergibt sich, daß 
jedem Individuum eine Oral-, Anal-, Harnerotik usw. zugesprochen werden muß, 
und daß die Konstatierung der diesen entsprechenden seelischen Komplexe kein 
Urteil auf Abnormität oder Neurose bedeutet. Die Unterschiede, die das Normale 
vom Abnormen trennen, können nur in der relativen Stärke der einzelnen Kom- 
ponenten des Sexualtriebes und in der Verwendung liegen, die sie im Laufe der 
•Entwicklung erfahren. 



Die infantile Sexualität 81 



sprachen, können wir auf die Vermutung gelangen, daß alle die 
Verbindungswege, die von anderen Funktionen her zur Sexualität 
führen, auch in umgekehrter Richtung gangbar sein müssen. Ist 
wie zum Beispiel der beiden Funktionen gemeinsame Besitz der 
Lippenzone der Grund dafür, daß bei der Nahrungsaufnahme 
Sexualbefriedigung entsteht, so vermittelt uns dasselbe Moment 
auch das Verständnis der Störungen in der Nahrungsaufnahme, 
wenn die erogenen Funktionen der gemeinsamen Zone gestört 
sind. Wissen wir einmal, daß Konzentration der Aufmerksamkeit 
Sexualerregung hervorzurufen vermag, so wird uns die Annahme 
nahegelegt, daß durch Einwirkung auf demselben Wege, nur in 
umgekehrter Richtung, der Zustand der Sexualerregung die 
Verfügbarkeit über die lenkbare Aufmerksamkeit beeinflußt. Ein 
gutes Stück der Symptomatologie der Neurosen, die ich von 
Störungen der Sexualvorgänge ableite, äußert sich in Störungen 
der anderen nicht sexuellen Körperfunktionen, und diese bisher 
unverständliche Einwirkung wird minder rätselhaft, wenn sie nur 
das Gegenstück zu den Beeinflussungen darstellt, unter denen 
die Produktion der Sexualerregung steht. 

Die nämlichen Wege aber, auf denen Sexualstörungen auf die 
übrigen Körperfunktionen übergreifen, müßten auch in der 
Gesundheit einer anderen wichtigen Leistung dienen. Auf ihnen 
müßte sich die Heranziehung der sexuellen Triebkräfte zu 
anderen als sexuellen Zielen, also die Sublimierung der Sexualität 
vollziehen. Wir müssen mit dem Eingeständnis schließen, daß 
über diese gewiß vorhandenen, wahrscheinlich nach beiden 
Richtungen gangbaren Wege noch sehr wenig Sicheres bekannt ist. 



Freud, V. 



III 

DIE UMGESTALTUNGEN DER PUBERTÄT 

Mit dem Eintritt der Pubertät setzen die Wandlungen ein, 
welche das infantile Sexualleben in seine endgültige normale 
Gestaltung überführen sollen. Der Sexualtrieb war bisher vor- 
wiegend autoerotisch, er findet nun das Sexualobjekt. Er betätigte 
sich bisher von einzelnen Trieben und erogenen Zonen aus, die 
unabhängig voneinander eine gewisse Lust als einziges Sexualziel 
suchten. Nun wird ein neues Sexualziel gegeben, zu dessen 
Erreichung alle Partialtriebe zusammenwirken, während die erogenen 
Zonen sich dem Primat der Genitalzone unterordnen.' Da das 
neue Sexualziel den beiden Geschlechtern sehr verschiedene 
Funktionen anweist, geht deren Sexualentwicklung nun weit 
auseinander. Die des Mannes ist die konsequentere, auch unserem 
Verständnis leichter zugängliche, während beim Weibe sogar eine 
Art Rückbildung auftritt. Die Normalität des Geschlechtslebens 
wird nur durch das exakte Zusammentreffen der beiden auf 
Sexualobjekt und Sexualziel gerichteten Strömungen, der zärt- 
lichen und der sinnlichen, gewährleistet, von denen die erstere 
in sich faßt, was von der infantilen Frühblüte der Sexualität 
erübrigt. Es ist wie der Durchschlag eines Tunnels von beiden 
Seiten her. 

l) Die im Text gegebene schcmntische Durstellung will die Differenzen hervor- 
heben. Inwieweit sich die infantile Sexunlität durch ihre Objektwiihl und die Ausbildung 
der phallischen Phase der definitiven Scxualorganisation annähert, ist vorhin S. 74 
ausgeführt worden. 






Die Umgestaltungen der Pubertät 85 



Das neue Sexualziel besteht beim Manne in der Entladung 
der Geschlechtsprodukte; es ist dem früheren, der Erreichung 
von Lust keineswegs fremd, vielmehr ist der höchste Betrag 
von Lust an diesen Endakt des Sexualvorganges geknüpft. Der 
Sexualtrieb stellt sich jetzt in den Dienst der Fortpflanzungs- 
funktion; er wird sozusagen altruistisch. Soll diese Umwandlung 
gelingen, so muß beim Vorgang derselben mit den ursprüng- 
lichen Anlagen und allen Eigentümlichkeiten der Triebe gerechnet 
werden. 

Wie bei jeder anderen Gelegenheit, wo im Organismus neue 
Verknüpfungen und Zusammensetzungen zu komplizierten Mecha- 
nismen stattfinden sollen, ist auch hier die Gelegenheit zu krank- 
haften Störungen durch Unterbleiben dieser Neuordnungen gegeben. 
Alle krankhaften Störungen des Geschlechtslebens sind mit gutem 
Rechte als Entwicklungshemmungen zu betrachten. 

Das Primat der Genitalzoiien und die Vorlust 

Von dem beschriebenen Entwicklungsgang liegen Ausgang und 
Endziel klar vor unseren Augen. Die vermittelnden Übergänge 
sind uns noch vielfach dunkel; wir werden an ihnen mehr als 
ein Rätsel bestehen lassen müssen. 

Man hat das Auffälligste an den Pubertätsvorgängen zum 
Wesentlichen derselben gewählt, das manifeste Wachstum der 
äußeren Genitalien, an denen sich die Latenzperiode der Kindheit 
durch relative Wachstumshemmung geäußert hatte. Gleichzeitig 
ist die Entwicklung der inneren Genitalien so weit vorgeschritten, 
daß sie Geschlechtsprodukte zu liefern, respektive zur Gestaltung 
eines neuen Lebewesens aufzunehmen vermögen. Ein höchst 
komplizierter Apparat ist so fertig geworden, der seiner Inan- 
spruchnahme harrt. 

Dieser Apparat soll durch Reize in Gang gebracht werden 
und nun läßt uns die Beobachtung erkennen, daß Reize ihn auf 
.dreierlei Wegen angreifen können, von der Außenwelt her durch 



84 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



■pannunp 



Erregung der uns schon bekannten orogenen Zonen, von dem 
organischen Innern her auf noch zu erforschenden Wegen und 
von dem Seelenleben aus, welches selbst eine Aufbewahrungs- 
stätte äußerer Eindrücke und eine Aufnahmsstelle innerer Erregungen 
darstellt. Auf allen drei Wegen wird das nämliche hervorgerufen, 
ein Zustand, der als „sexuelle Erregtheit" bezeichnet wird und 
sich durch zweierlei Zeichen kundgibt, seelische und somatische. 
Das seelische Anzeichen besteht in einem eigentümlichen 
Spannungsgefühl von höchst drängendem Charakter; unter den 
mannigfaltigen körperlichen steht an erster Stelle eine Reihe von 
Veränderungen an den Genitalien, die einen unzweifelhaften Sinn 
haben, den der Bereitschaft, der Vorbereitung zum Sexualakt. (Die 
Erektion des männliches Gliedes, das Feuchtwerden der Scheide.) 
Die sexual- An den Spannungscharakt ei der sexuellen Erregtheit knüpft 
ein Problem an, dessen Lösung ebenso schwierig wie für die 
Auffassung der Sexualvorgänge bedeutsam wäre. Trotz aller in 
der Psychologie darüber herrschenden Meinungsverschiedenheiten 
muß ich daran festhalten, daß ein Spannungsgefühl den Unlust- 
charakter an sich tragen muß. Für mich ist entscheidend, daß 
ein solches Gefühl den Drang nach Veränderung der psychischen 
Situation mit sich bringt, treibend wirkt, was dem Wesen der 
empfundenen Lust völlig fremd ist. Rechnet man aber die 
Spannung der sexuellen Erregtheit ZU den Unlustgefühlen, so 
stößt man sich an der Tatsache, daß dieselbe unzweifelhaft 
lustvoll empfunden wird. Überall ist bei der durch die Sexual- 
vorgänge erzeugten Spannung Lust dabei; selbst bei den 
Vorbereitungsveränderungen der Genitalien ist eine Art von 
Befriedigungsgefühl deutlich. Wie hängen nun diese Unlustspannung 
und dieses Lustgefühl zusammen ? 

Alles, was mit dem Lust- und Unlustproblem zusammenhängt, 
rührt an eine der wundesten Stellen der heutigen Psychologie. 
Wir wollen versuchen, möglichst aus den Bedingungen des uns 
vorliegenden Falles zu lernen und es vermeiden, dem Problem 



Die Umgestaltungen der Pubertät 85 

in seiner Gänze näher zu treten. 1 Werfen wir zunächst einen Blick 
auf die Art, wie die erogenen Zonen sich der neuen Ordnung 
einfügen. Ihnen fällt eine wichtige Rolle bei der Einleitung der 
sexuellen Erregung zu. Die dem Sexualobjekt vielleicht entlegenste, 
das Auge, kommt unter den Verhältnissen der Objektwerbung am 
häufigsten in die Lage, durch jene besondere Qualität der Erregung, 
deren Anlaß wir am Sexualobjekt als Schönheit bezeichnen, gereizt 
zu werden. Die Vorzüge des Sexualobjektes werden darum auch 
„Reize" geheißen. Mit dieser Reizung ist einerseits bereits Lust 
verbunden, andererseits ist eine Steigerung der sexuellen Erregtheit 
oder ein Hervorrufen derselben, wo sie noch fehlt, ihre Folge. 
Kommt die Erregung einer anderen erogenen Zone, zum Beispiel 
der tastenden Hand, hinzu, so ist der Effekt der gleiche, Lust- 
empfindung einerseits, die sich bald durch die Lust aus den 
Bereitschaftsveränderungen verstärkt, weitere Steigerung der Sexual- 
spannung andererseits, die bald in deutlichste Unlust übergeht, 
wenn ihr nicht gestattet wird, weitere Lust herbeizuführen. Durch- 
sichtiger ist vielleicht noch ein anderer Fall, wenn zum Beispiel 
bei einer sexuell nicht erregten Person eine erogene Zone, etwa 
die Brusthaut eines Weibes, durch Berührung gereizt wird. Diese 
Berührung ruft bereits ein Lustgefühl hervor, ist aber gleichzeitig 
wie nichts anderes geeignet, die sexuelle Erregung zu wecken, 
die nach einem Mehr von Lust verlangt. Wie es zugeht, daß die 
empfundene Lust das Bedürfnis nach größerer Lust hervorruft, 
das ist eben das Problem. 

Die Rolle aber, die dabei den erogenen Zonen zufällt, ist klar. vorin«t- 
Was für eine galt, gilt für alle. Sie werden sämtlich dazu ver- 
wendet, durch ihre geeignete Reizung einen gewissen Betrag 
von Lust zu liefern, von dem die Steigerung der Spannung 
ausgeht, welche ihrerseits die nötige motorische Energie aufzubringen 

1) Vgl, einen Versuch zur Lösung dieses Problems in den einleitenden Bemerkungen 
meines Aufsatzes „Das ökonomische Problem des Masochisnius" 1924. [Intern. Zeitschr. 
f. PsA., X; Gesamtausgabe Bd. V]. 



86 Drei. Abhandlungen zur Sexualtheorn- 

hat, um den Sexualakt zu Ende zu führen. Das vorletzte Stück 
desselben ist wiederum die geeignete Reizung einer erogenen 
Zone, der Genitalzone selbst an der Glans Penis, durch das dazu 
geeignetste Objekt, die Schleimhaut der Scheide, und unter der 
Lust, welche diese Erregung gewährt, wird diesmal auf reflekto- 
rischem Wege die motorische Energie gewonnen, welche die 
Herausbeförderung der Geschlechtsstoffe besorgt. Diese letzte Lust 
ist ihrer Intensität nach die höchste, in ihrem Mechanismus 
von der früheren verschieden. Sie wird ganz durch Entlastung 
hervorgerufen, ist ganz Befriedigungslust und mit ihr erlischt 
zeitweilig die Spannung der Libido. 

Es scheint mir nicht unberechtigt, diesen Unterschied in dem 
Wesen der Lust durch Erregung erogener Zonen und der anderen 
bei Entleerung der Sexualstoffe durch eine Namengebung zu 
fixieren. Die erstere kann passend als Vorlust bezeichnet werden 
im Gegensatz zur Endlust oder Befriedigungslust der Sexual- 
tätigkeit. Die Vorlust ist dann dasselbe, was bereits der infantile 
Sexualtrieb, wenngleich in verjüngtem Maße, ergeben konnte* 
die Endlust ist neu, also wahrscheinlich an Bedingungen geknüpft, 
die erst mit der Pubertät eingetreten sind. Die Formel für die 
neue Funktion der erogenen Zonen lautete nun : Sie werden dazu 
verwendet, um mittels der von ihnen wie im infantilen Leben 
zu gewinnenden Vorlust die Herbeiführung der größeren Befrie- 
digungslust zu ermöglichen. 

Ich habe vor kurzem ein anderes Beispiel, aus einem ganz 
verschiedenen Gebiet des seelischen Geschehens erläutern können, 
in welchem gleichfalls ein größerer Lusteffekl vermöge einer 
geringfügigeren Lustempfindung, die dabei wie eine Verlockungs- 
prämie wirkt, erzielt wird. Dort ergab sich auch die Gelegenheit, 
auf das Wesen der Lust näher einzugehen. 1 

1) Siehe meine 1905 erschienene Studie „D e r W i 1 1 und seine Beziehung 
zum Unbewußten". (Band IX der Gesamtausgabe.) Die durch die Witztechnik 
gewonnene „Vorlust" wird dazu verwendet, eine größere Lust durch die Aufhebung 
innerer Hemmungen frei zu machen. 



Die Umgestaltungen der Pubertät 87 



Der Zusammenhang der Vorlust aber mit dem infantilen Gefahren 

. der Vortust 

Sexualleben wird durch die pathogene Rolle, die ihr zufallen 
kann, bekräftigt. Aus dem Mechanismus, in dem die Vorlust 
aufgenommen ist, ergibt sich für die Erreichung des normalen 
Sexualzieles offenbar eine Gefahr, die dann eintritt, wenn an 
irgendeiner Stelle der vorbereitenden Sexualvorgänge die Vorlust 
zu groß, ihr Spannungsanteil zu gering ausfallen sollte. Dann 
entfällt die Triebkraft, um den Sexualvorgang weiter fortzusetzen, 
der ganze Weg verkürzt sich, die betreffende vorbereitende Aktion 
tritt an Stelle des normalen Sexualziels. Dieser schädliche Fall hat 
erfahrungsgemäß zur Bedingung, daß die betreffende erogene Zone 
oder der entsprechende Partialtrieb schon im infantilen Leben in 
ungewöhnlichem Maße zur Lustgewinnung beigetragen hatte. 
Kommen noch Momente hinzu, welche auf die Fixierung hin- 
wirken, so entsteht leicht fürs spätere Leben ein Zwang, welcher 
sich der Einordnung dieser einen Vorlust in einen neuen Zusammen- 
hang widersetzt. Solcherart ist in der Tat der Mechanismus vieler 
Perversionen, die ein Verweilen bei vorbereitenden Akten des 
Sexualvorganges darstellen. 

Das Fehlschlagen der Funktion des Sexualmechanismus durch 
die Schuld der Vorlust wird am ehesten vermieden, wenn das 
Primat der Genitalzonen gleichfalls bereits im infantilen Leben 
vorgezeichnet ist. Dazu scheinen die Anstalten wirklich in der 
zweiten Hälfte der Kinderzeit (von acht Jahren bis zur Pubertät) 
getroffen zu sein. Die Genitalzonen benehmen sich in diesen 
Jahren bereits in ähnlicher Weise wie zur Zeit der Reife, sie 
werden der Sitz von Erregungssensationen und Bereitschaftsver- 
änderungen, wenn irgendwelche Lust durch Befriedigung anderer 
erogener Zonen empfunden wird, obwohl dieser Effekt noch 
zwecklos bleibt, das heißt nichts dazu beiträgt, den Sexualvorgang 
fortzusetzen. Es entsteht also bereits in den Kinder jähren neben 
der Befriedigungslust ein gewisser Betrag von Sexualspannung, 
obwohl minder konstant und weniger ausgiebig, und nun können 



I 



88 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 

wir verstehen, warum wir bei der Erörterung der Quellen der 
Sexualität mit ebenso gutem Recht sagen konnten, der betreffende 
Vorgang wirke sexuell befriedigend, wie er wirke sexuell erregend. 
Wir merken, daß wir auf dem Wege zur Erkenntnis uns die 
Unterschiede des infantilen und des reifen Sexuallebens zunächst 
übertrieben groß vorgestellt haben, und tragen nun die Korrektur 
nach. Nicht nur die Abweichungen vom normalen Sexualleben, 
sondern auch die normale Gestaltung desselben wird durch die 
infantilen Äußerungen der Sexualität bestimmt. 

Das Problem der Sexualerregung 

Es ist uns durchaus unaufgeklärt geblieben, woher die Sexual- 
spannung rührt, die bei der Befriedigung erogener Zonen gleich- 
zeitig mit der Lust entsteht, und welches das Wesen derselben 
ist. 1 Die nächste Vermutung, diese Spannung ergebe sich irgendwie 
aus der Lust selbst, ist nicht nur an sich sehr unwahrscheinlich, 
sie wird auch hinfällig, da bei der größten Lust, die an die 
Entleerung der Geschlechtsprodukte geknüpft ist, keine Spannung 
erzeugt, sondern alle Spannung aufgehoben wird. Lust und Scxual- 
spannung können also nur in indirekter Weise zusammenhängen. 
Roiie der Außer der Tatsache, daß normalerweise allein die Entlastung 
von den Sexualstoffen der Sexualerregung ein Ende macht, hat 
man noch andere Anhaltspunkte, die Sexualspnnnung in Beziehung 
zu den Sexualprodukten zu bringen. Bei enthaltsamem Leben pflegt, 
der Geschlechtsapparat in wechselnden, aber nicht regellosen 
Perioden nächtlicherweise sich unter Lustempfindung und während 
der Traumhalluzination eines sexuellen Aktes der Sexualstoffe zu 
entledigen, und für diesen Vorgang — die nächtliche Pollution — 

1) Es ist überaus lehrreich, daß die deutsche Sprache der im Text erwähnten 
Rolle der vorbereitenden sexuellen Erregungen, welche gleichzeitig einen Anteil 
Befriedigung und einen Beitrag zur Sexualspanmuig liefern, im Gebrauche des Worte» 
„Lust" Rechnung trägt. „Lust" ist doppelsinnig und bezeichnet ebensowohl die 
Empfindimg der Sexualsponnung (Ich hübe Lust = ich möchte, ich verspüre den 
Drang) als auch die der Befricdigiuig. 



Die Umgestaltungen der Pubertät 89 



ist die Auffassung schwer abzuweisen, daß die Sexualspannung, die 
den kurzen halluzinatorischen Weg zum Ersatz des Aktes zu finden 
weiß, eine Funktion der Samenanhäufung in den Reservoirs für 
die Geschlechtsprodukte sei. Im gleichen Sinne sprechen die 
Erfahruno-en, die man über die Erschöpfbarkeit des sexuellen 
Mechanismus macht. Bei entleertem Samenvorrat ist nicht nur 
die Ausführung des Sexualaktes unmöglich, es versagt auch die 
Reizbarkeit der erogenen Zonen, deren geeignete Erregung dann 
keine Lust hervorrufen kann. Wir erfahren so nebenbei, daß ein 
gewisses Maß sexueller Spannung selbst für die Erregbarkeit der 
erogenen Zonen erforderlich ist. 

Man würde so zur Annahme gedrängt, die, wenn ich nicht 
irre, ziemlich allgemein verbreitet ist, daß die Anhäufung der 
Sexualstoffe die Sexualspannung schafft und unterhält, etwa indem 
der Druck dieser Produkte auf die Wandung ihrer Behälter als 
Reiz auf ein spinales Zentrum wirkt, dessen Zustand von höheren 
Zentren wahrgenommen wird und dann für das Bewußtsein die 
bekannte Spannungsempfindung ergibt. Wenn die Erregung 
erogener Zonen die Sexualspannung steigert, so könnte dies nur 
so zugehen, daß die erogenen Zonen in vorgebildeter anatomischer 
Verbindung mit diesen Zentren stehen, den Tonus der Erregung 
daselbst erhöhen, bei genügender Sexualspannung den sexuellen 
Akt in Gang bringen und bei ungenügender die Produktion der 
Geschlechtsstoffe anregen. 

Die Schwäche dieser Lehre, die man z. B. in v. Kr äff t- 
Ebings Darstellung der Sexualvorgänge angenommen findet, 
lie<n darin, daß sie, für die Geschlechtstätigkeit des reifen Mannes 
Beschaffen, auf dreierlei Verhältnisse wenig Rücksicht nimmt, 
deren Aufklärung sie gleichfalls liefern sollte. Es sind dies die 
Verhältnisse beim Kinde, beim Weibe und beim männlichen 
Kastraten. In allen drei Fällen ist von einer Anhäufung von 
Geschlechtsprodukten im gleichen Sinne wie beim Manne nicht 
die Rede, was die glatte Anwendung des Schemas erschwert; 



9° 



Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



doch ist ohneweiters zuzugeben, daß sich Auskünfte finden ließen, 
welche die Unterordnung auch dieser Fälle ermöglichen würden. 
Auf jeden Fall bleibt die Warnung bestehen, dem Faktor der 
Anhäufung der Geschlechtsprodukte nicht Leistungen aufzubürden, 
deren er unfähig scheint. 
Ein.chfitmng Daß die Sexualerregung in beachtenswertem Grade unabhängig 
Geschlechts- von der Produktion der Geschlechtsstoffe sein kann, scheinen die 
Beobachtungen an männlichen Kastraten zu ergeben, bei denen 
gelegentlich die Libido der Beeinträchtigung durch die Operation 
entgeht, wenngleich das entgegengesetzte Verhalten, das ja die 
Operation motiviert, die Regel ist. Überdies weiß man ja längst, 
daß Krankheiten, welche die Produktion der männlichen Geschlechts- 
zellen vernichtet haben, die Libido und Potenz des nun sterilen 
Individuums ungeschädigt lassen. Es ist dann keineswegs so ver- 
wunderlich, wie C. Rieger es hinstellt, daß der Verlust der 
männlichen Keimdrüsen im reiferen Alter ohne weiteren Einfluß 
auf das seelische Verhalten des Individuums bleiben kann. Die 
im zarten Alter vor der Pubertät vorgenommene Kastration nähert 
sich zwar in ihrer Wirkung dem Ziel einer Aufhebung der 
Geschlechtscharaktere, allein auch dabei könnte außer dem Verlust 
der Geschlechtsdrüsen an sich eine mit deren Wegfall verknüpfte 
Entwicklungshemmung anderer Faktoren in Betracht kommen. 
Tierversuche mit Entfernung der Keimdrüsen (Hoden und 
Ovarien) und entsprechend variierter Einpflanzung neuer solcher 
Organe bei Wirbeltieren (s. das zitierte Werk von Lipschütz, 
S. 13) haben endlich ein partielles Licht auf die Herkunft der 
Sexualerregung geworfen und dabei die Bedeutung einer etwaigen 
Anhäufung der zelligen Geschlechtsprodukte noch weiter zurück- 
gedrängt. Es ist dem Experiment möglich geworden (E. Steinach), 
ein Männchen in ein Weibchen und umgekehrt ein Weibchen 
in ein Männchen zu verwandeln, wobei sich das psychosexuelle 
Verhalten des Tieres entsprechend den somatischen Geschlechts- 
charakteren und gleichzeitig mit ihnen änderte. Dieser geschlechts- 



chemische 

Theorie 



Die Umgestaltungen der Pubertät 91 



bestimmende Einfluß soll aber nicht dem Anteil der Keimdrüse 
zukommen, welcher die spezifischen Geschlechtszellen (Samenfäden 
und Ei) erzeugt, sondern dem interstitiellen Gewebe derselben, 
welches darum von den Autoren als „Pubertätsdrüse" hervor- 
gehoben wird. Es ist sehr wohl möglich, daß weitere Untersuchungen 
ergeben, die Pubertätsdrüse sei normalerweise zwittrig angelegt, 
wodurch die Lehre von der Bisexualität der höheren Tiere 
anatomisch begründet würde, und es ist schon jetzt wahrscheinlich, 
daß sie nicht das einzige Organ ist, welches mit der Produktion 
der Sexualerregung und der Geschlechtscharaktere zu tun hat. 
Jedenfalls schließt dieser neue biologische Fund an das an, was 
wir schon vorher über die Rolle der Schilddrüse für die Sexualität 
erfahren haben. Wir dürfen nun glauben, daß im interstitiellen 
Anteil der Keimdrüsen besondere chemische Stoffe erzeugt werden, 
die vom Blutstrom aufgenommen die Ladung bestimmter Anteile 
des Zentralnervensystems mit sexueller Spannung zustande kommen 
lassen, wie wir ja solche Umsetzung eines toxischen Reizes in 
einen besonderen Organreiz von anderen dem Körper als fremd 
eingeführten Giftstoffen kennen. Wie die Sexualerregung durch 
Reizung erogener Zonen bei vorheriger Ladung der zentralen 
Apparate entsteht, und welche Verwicklungen von rein toxischen 
und physiologischen Reizwirkungen sich bei diesen Sexualvorgängen 
ergeben, das auch nur hypothetisch zu behandeln, kann keine 
zeitgemäße Aufgabe sein. Es genüge uns als wesentlich an dieser 
Auffassung der Sexualvorgänge, die Annahme besonderer, dem 
Sexualstoffwechsel entstammender Stoffe festzuhalten. Denn diese 
anscheinend willkürliche Aufstellung wird durch eine wenig 
beachtete, aber höchst beachtenswerte Einsicht unterstützt. Die 
Neurosen, welche sich nur auf Störungen des Sexuallebens 
zurückführen lassen, zeigen die größte klinische Ähnlichkeit 
mit den Phänomenen der Intoxikation und Abstinenz, welche 
sich durch die habituelle Einführung Lust erzeugender Giftstoffe 
(Alkaloide) ergeben. 






g2 Drei Abhandlungen zur Sexualtheoric 

Die Libidotheorie 

Mit diesen Vermutungen über die chemische Grundlage der 
Sexualerregung stehen in guter Übereinstimmung die Hilfs- 
vorstellungen, die wir uns zur Bewältigung der psychischen 
Äußerungen des Sexuallebens geschaffen haben. Wir haben uns 
den Begriff der Libido festgelegt als einer quantitativ ver- 
änderlichen Kraft, welche Vorgänge und Umsetzungen auf dein 
Gebiete der Sexualerregung messen könnte. Diese Libido sondern 
wir von der Energie, die den seelischen Prozessen allgemein 
unterzulegen ist, mit Beziehung auf ihren besonderen Ursprung 
und verleihen ihr so auch einen qualitativen Charakter. In der 
Sonderung von libidinöser und anderer psychischer Energie 
drücken wir die Voraussetzung aus, daß sich die Sexualvorgänge 
des Organismus durch einen besonderen Chemismus von den 
Ernährungsvorgängen unterscheiden. Die Analyse der Perversionen 
und Psychoneurosen hat uns zur Einsicht gebracht, daß diese 
Sexualerregung nicht von den sogenannten Geschlechtsteilen 
allein, sondern von allen Körperorganen geliefert wird. Wir bilden 
uns also die Vorstellung eines Libidoquantums, dessen psychische 
Vertretung wir die I c h 1 i b i d o heißen, dessen Produktion, 
Vergrößerung oder Verminderung, Verteilung und Verschiebung 
uns die Erklärungsmöglichkeiten für die beobachteten psycho- 
sexuellen Phänomene bieten soll. 

Dem analytischen Studium bequem zugänglich wird diese Ich- 
libido aber nur, wenn sie die psychische Verwendung zur Besetzung 
von Sexualobjekten gefunden hat, also zur Objektlibido 
geworden ist. Wir sehen sie dann sich auf Objekte konzentrieren, 
an ihnen fixieren oder aber diese Objekte verlassen, von ihnen 
auf andere übergehen und von diesen Positionen aus die Sexual- 
betätigung des Individuums lenken, die zur Befriedigung, das 
heißt zum partiellen und zeitweisen Erlöschen der Libido 
führt. Die Psychoanalyse der sogenannten Ubertragungsneurosen 



Die Umgestaltungen der Pubertät 95 



(Hysterie und Zwangsneurose) gestattet uns hier einen sicheren 

Einblick. 

Von den Schicksalen der Objektlibido können wir noch erkennen, 
daß sie von Acn Objekten abgezogen, in besonderen Spannungs- 
zusländen schwebend erhalten und endlich ins Ich zurückgeholt 
wird, so daß sie wieder zur Ichlibido geworden ist. Die Ichlibido 
heißen wir im Gegensatz zur Objektlibido auch narzißtische 
Libido. Von der Psychoanalyse aus schauen wir wie über eine 
Grenze, deren Überschreitung uns nicht gestattet ist, in das 
Getriebe der narzißtischen Libido hinein und bilden uns eine 
Vorstellung von dem Verhältnis der beiden. 1 Die narzißtische 
oder Ichlibido erscheint uns als das große Reservoir, aus welchem 
die Objektbesetzungen ausgeschickt und in welches sie wieder 
einbezogen werden, die narzißtische Libidobesetzung des Ichs als 
der in der ersten Kindheit realisierte Urzustand, welcher durch 
die späteren Aussendungen der Libido nur verdeckt wird, im 
Grunde hinter denselben erhalten geblieben ist. 

Die Aufgabe einer Libidotheorie der neurotischen und psycho- 
tischen Störungen müßte sein, alle beobachteten Phänomene und 
erschlossenen Vorgänge in den Terminis der Libidoökonomie 
auszudrücken. Es ist leicht zu erraten, daß den Schicksalen der 
Ichlibido dabei die größere Bedeutung zufallen wird, besonders 
wo es sich um die Erklärung der tieferen ps)'chotischen Störungen 
handelt. Die Schwierigkeit liegt dann darin, daß das Mittel 
unserer Untersuchung, die Psychoanalyse, uns vorläufig nur über 
die Wandlungen an der Objektlibido sichere Auskunft bringt, 2 
die Ichlibido aber von den anderen im Ich wirkenden Energien 
nicht ohne weiters zu scheiden vermag. 5 Eine Forlführung der 



1) Diese Beschränkung hat nicht mehr ihre frühere Giltigkeit, seitdem auch andere 
als die ..Übertragungsneurosen" der Psychoanalyse in größerem Ausmaße zugänglich 
geworden sind. 

2) Siehe obige Anmerkimg. 

s) S. Zur Einführung des Narzißmus, Jahrbuch der Psychoanalyse VI, 1915. [Bd. VI 
der Gesamtausgabe.] — Der Terminus „Narzißmus" ist nicht, wie dort irrtümlich 
angegeben, von Na ecke, sondern von H. Ell i s geschaffen worden. 



g4 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



Libidotheorie ist deshalb vorläufig nur auf dem Wege der 
Spekulation möglich. Man verzichtet aber auf allen Gewinn aus 
der bisherigen psychoanalytischen Beobachtung, wenn man nach 
dem Vorgang von C. G. Jung den Begriff der Libido selbst 
verflüchtigt, indem man sie mit der psychischen Triebkraft über- 
haupt zusammenfallen läßt. 

Die Sonderung der sexuellen Triebregungen von den anderen 
und somit die Einschränkung des Begriffes Libido auf diese 
ersteren findet eine starke Unterstützung in der vorhin erörterten 
Annahme eines besonderen Chemismus der Sexualfunktion. 

Differenzierung von Mann und Weib 

Es ist bekannt, daß erst mit der Pubertät sich die scharfe 
Sonderung des männlichen und weiblichen Charakters herstellt, 
ein Gegensatz, der dann wie kein anderer die Lebensgestaltung 
der Menschen entscheidend beeinflußt. Männliche und weibliche 
Anlage sind allerdings schon im Kindesalter gut kenntlich ; die 
Entwicklung der Sexualitätshemmungen (Scham, Ekel, Mitleid usw.) 
erfolgt beim kleinen Mädchen frühzeitiger und gegen geringeren 
Widerstand als beim Knaben; die Neigung zur Sexualverdrängung 
erscheint überhaupt größer; wo sich Partialtriebe der Sexualität 
bemerkbar machen, bevorzugen sie die passive Form. Die auto- 
erotische Betätigung der erogenen Zonen ist aber bei beiden 
Geschlechtern die nämliche und durch diese Übereinstimmung 
ist die Möglichkeit eines Geschlechtsunterschiedes, wie er sich 
nach der Pubertät herstellt, für die Kindheit aufgehoben. Mit 
Rücksicht auf die autoerotischen und masturbatorischen Sexual- 
äußerungen könnte man den Satz aufstellen, die Sexualität der 
kleinen Mädchen habe durchaus männlichen Charakter. Ja, wüßte 
man den Begriffen „männlich und weiblich" einen bestimmteren 
Inhalt zu geben, so ließe sich auch die Behauptung vertreten, 
die Libido sei regelmäßig und gesetzmäßig männlicher Natur, 
.ob sie nun beim Manne oder beim Weibe vorkomme und, 



Die Umgestaltungen der Pubertät 95 

abgesehen von ihrem Objekt, mag dies der Mann oder das 
Weib sein. 1 

Seitdem ich mit dem Gesichtspunkte der Bisexualität bekannt 
geworden bin, halte ich dieses Moment für das hier maßgebende 
und meine, ohne der Bisexualität Rechnung zu tragen, wird man 
kaum zum Verständnis der tatsächlich zu beobachtenden Sexual- 
äußerungen von Mann und Weib gelangen können. 

Von diesem abgesehen, kann ich nur noch folgendes hinzufügen: Leitzonen 

bei Mann und 

Die leitende erogene Zone ist auch beim weiblichen Kinde an weib 

der Klitoris gelegen, der männlichen Genitalzone an der Eichel 

also homolog. Alles, was ich über Masturbation bei kleinen 

Mädchen in Erfahrung bringen konnte, betraf die Klitoris und 

nicht die für die späteren Geschlechtsfunktionen bedeutsamen 

Partien des äußeren Genitales. Ich zweifle selbst daran, daß das 

weibliche Kind unter dem Einflüsse der Verführung zu etwas 

anderem als zur Klitorismasturbation gelangen kann, es sei 

denn ganz ausnahmsweise. Die gerade bei kleinen Mädchen so 

häufigen Spontanentladungen der sexuellen Erregtheit äußern 

1) Es ist unerläßlich, sich klar zu machen, daß die Begriffe „männlich" und 
„weiblich", deren Inhalt der gewöhnlichen Meinung so unzweideutig erscheint, in 
der Wissenschaft zu den verworrensten gehören und nach mindestens drei 
Richtungen zu zerlegen sind. Man gebraucht männlich und weiblich bald im Sinne 
von Aktivität und Passivität, bald im biologischen und dann auch im 
soziologischen Sinne. Die erste dieser drei Bedeutimgen ist die wesentliche 
und die in der Psychoanalyse zumeist verwertbare. Dir entspricht es, wenn die Libido 
oben im Text als männlich bezeichnet wird, denn der Trieb ist immer aktiv, auch 
wo er sich ein passives Ziel gesetzt hat. Die zweite, biologische Bedeutung von 
männlich und weiblich ist die, welche die klarste Bestimmimg zuläßt. Männlich und 
weiblich sind hier durch die Anwesenheit der Samen-, respektive Eizelle und durch 
die von ihnen ausgehenden Funktionen charakterisiert. Die Aktivität und ihre Neben- 
äußerungen, stärkere Muskelentwicklung, Aggression, größere Intensität der Libido, 
sind in der Regel mit der biologischen Männlichkeit verlötet, aber nicht notwendiger- 
weise verknüpft, denn es gibt Tiergattungen, bei denen diese Eigenschaften vielmehr 
dem Weibchen zugeteilt sind. Die dritte, soziologische Bedeutimg erhält ihren Inhalt 
durch die Beobachtung der wirklich existierenden männlichen und weiblichen Individuen. 
Diese ergibt für den Menschen, daß weder im psychologischen noch im biologischen 
Sinne eine reine Männlichkeit oder Weiblichkeit gefunden wird. Jede Einzelperson 
weist vielmehr eine Vermengung ihres biologischen Geschlechtscharakters mit bio- 
logischen Zügen des anderen Geschlechts und eine Vereinigung von Aktivität und 
Passivität auf, sowohl insofern diese psychischen Charakterzüge von den biologischen 
abhängen als auch insoweit sie unabhängig von ihnen sind. 






96 



Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



sich in Zuckungen der Klitoris, und die häufigen Erektionen 
derselben ermöglichen es den Mädchen, die Sexualäußerungen 
des anderen Geschlechts auch ohne Unterweisung richtig zu 
beurteilen, indem sie einfach die Empfindungen der eigenen 
Sexual Vorgänge auf die Knaben übertragen. 

Will man das Weibwerden des kleinen Mädchens verstehen, 
so muß man die weiteren Schicksale dieser Klitoriserregbarkeit 
verfolgen. Die Pubertät, welche dem Knaben jenen großen Vorstoß 
der Libido bringt, kennzeichnet sich für das Mädchen durch eine 
neuerliche Verdrängungswelle, von der gerade die Klitoris- 
sexualität betroffen wird. Es ist ein Stück männlichen Sexual- 
lebens, was dabei der Verdrängung verfällt. Die bei dieser 
Pubertätsverdrängung des Weibes geschaffene Verstärkung der 
Sexualhemmnisse ergibt dann einen Reiz für die Libido des 
Mannes und nötigt dieselbe zur Steigerung ihrer Leistungen: 
mit der Höhe der Libido steigt dann auch die Sexualüber- 
schätzung, die nur für das sich weigernde, seine Sexualität 
verleugnende Weib im vollen Maße zu haben ist. Die Klitoris 
behält' dann die Rolle, wenn sie beim endlich zugelassenen 
Sexualakt selbst erregt wird, diese Erregung an die benachbarten 
weiblichen Teile weiter zu leiten, etwa wie ein Span Kienholz 
dazu benützt werden kann, das härtere Brennholz in Brand zu 
setzen. Es nimmt oft eine gewisse Zeit in Anspruch, bis sich 
diese Übertragung vollzogen hat, während welcher dann das junge 
Weib anästhetisch ist. Diese Anästhesie kann eine dauernde werden, 
wenn die Klitoriszone ihre Erregbarkeit abzugeben sich weigert, 
was gerade durch ausgiebige Betätigung im Kinderleben vor- 
bereitet wird. Es ist bekannt, daß die Anästhesie der Frauen 
häufig nur eine scheinbare, eine lokale ist. Sie sind anästhetisch 
am Scheideneingang, aber keineswegs unerregbar von der Klitoris 
oder selbst von anderen Zonen aus. Zu diesen erogenen Anlässen 
der Anästhesie gesellen sich dann noch die psychischen, gleichfalls 
durch Verdrängung bedingten. 



Die Umgestaltungen der Pubertät 97 

Ist die Übertragung der erogenen Reizbarkeit von der Klitoris 
auf den Scheideneingang gelungen, so hat damit das Weib seine 
für die spätere Sexualbetätigung leitende Zone gewechselt, während 
der Mann die seinige von der Kindheit an beibehalten hat. In 
diesem Wechsel der leitenden erogenen Zone sowie in dem 
Verdrängungsschub der Pubertät, der gleichsam die infantile 
Männlichkeit beiseite schafft, liegen die Hauptbedingungen für 
die Bevorzugung des Weibes zur Neurose, insbesondere zur 
Hysterie. Diese Bedingungen hängen also mit dem Wesen der 
Weiblichkeit innigst zusammen. 

Die Objektfindung 

Während durch die Pubertätsvorgänge das Primat der Genital- 
zonen festgelegt wird und das Vordrängen des erigiert gewordenen 
Gliedes beim Manne gebieterisch auf das neue Sexualziel 
hinweist, auf das Eindringen in eine die Genitalzone erregende 
Körperhöhle, vollzieht sich von psychischer Seite her die Objekt- 
findung, für welche von der frühesten Kindheit an vorgearbeitet 
worden ist. Als die anfänglichste Sexualbefriedigung noch mit 
der Nahrungsaufnahme verbunden war, hatte der Sexualtrieb 
ein Sexualobjekt außerhalb des eigenen Körpers in der Mutter- 
brust. Er verlor es nur später, vielleicht gerade zur Zeit, als es 
dem Kinde möglich wurde, die Gesamtvorstellung der Person, 
welcher das ihm Befriedigung spendende Organ angehörte, zu 
bilden. Der Geschlechtstrieb wird dann in der Regel autoerotisch 
und erst nach Überwindung der Latenzzeit stellt sich das 
ursprüngliche Verhältnis wieder her. Nicht ohne guten Grund 
ist das Saugen des Kindes an der Brust der Mutter vorbildlich 
für jede Liebesbeziehung geworden. Die Objektfindung ist 
eigentlich eine Wiederfindung. 1 

1) Die Psychoanalyse lehrt, daß es zwei Wege der Objektfindung gibt, erstens 
die im Text besprochene, die in Anlehnung an die frühinfantilen Vorbilder vor 
sich geht, und zweitens die narzißtische, die das eigene Ich sucht und im 

Freud, V. 7 



9 8 Drei Abhandlungen zur Sexualtheori* 

s««»-Jobjckt Aber von dieser ersten und wichtigsten aller sexuellen 
- ff_ - Beziehungen bleibt auch nach der Abtrennung der Sexual- 
tätigkeit von der Nahrungsaufnahme ein wichtiges Stück übrig, 
welches die Objektwahl vorbereiten, das verlorene Glück also 
wiederherstellen hilft. Die ganze Latenzzeit über lernt das Kind 
andere Personen, die seiner Hilflosigkeit abhelfen und seine 
Bedürfnisse befriedigen, lieben, durchaus nach dem Muster und 
in Fortsetzung seines Säuglingsverhältnisses zur Amme. Man 
wird sich vielleicht sträuben wollen, die zärtlichen Gefühle und 
die Wertschätzung des Kindes für seine Pflegepersonen mit der 
geschlechtlichen Liebe zu identifizieren, allein ich meine, eine 
genauere psychologische Untersuchung wird diese Identität über 
jeden Zweifel hinaus feststellen können. Der Verkehr des Kindes 
mit seiner Pflegeperson ist für dasselbe eine unaufhörlich fließende 
Quelle sexueller Erregung und Befriedigung von erogenen Zonen 
aus, zumal da letztere in der Regel doch die Mutter das 

Kind selbst mit Gefühlen bedenkt, die aus ihrem Sexualleben 
stammen, es streichelt, küßt und wiegt und ganz deutlich zum 
Ersatz für ein vollgültiges Sexualobjekt nimmt.' Die Mutter 
würde wahrscheinlich erschrecken, wenn man ihr die Aufklärung 
gäbe, daß sie mit all ihren Zärtlichkeiten den Sexualtrieb ihres 
Kindes weckt und dessen spätere Intensität vorbereitet. Sie hält 
ihr Tun für asexuelle „reine" Liebe, da sie es doch sorgsam 
vermeidet, den Genitalien des Kindes mehr Erregungen zuzuführen, 
als bei der Körperpflege unumgänglich ist. Aber der Geschlechts- 
trieb wird nicht nur durch Erregung der Genitalzone geweckt, 
wie wir ja wissen 5 was wir Zärtlichkeit heißen, wird unfehlbar 
eines Tages seine Wirkung auch auf die Genitalzonen äußern. 

anderen wiederfindet. Diese letztere hat eine besonders große Bedeutung für 
die pathologischen Ausgänge, fügt sich aber nicht in den h.er behandelten 

Zusammenhang. ., „ , . , . . 

,) Wem diese Auffassung „frevelhaft" dünkt, der lese die fwt gleichs.nnige 
Behandlung des Verhältnisses zwischen Mutter und Kind bei Havelock Blut 
nach. (Das Geschlechtsgcfüld, S. 16.) 






Die Umgestaltungen der Pubertät 



99 



Verstünde die Mutter mehr von der hohen Bedeutung der Triebe 
für das gesamte Seelenleben, für alle ethischen und psychischen 
Leistungen, so würde sie sich übrigens auch nach der Aufklärung 
alle Selbstvorwürfe ersparen. Sie erfüllt nur ihre Aufgabe, wenn 
sie das Kind lieben lehrt ; es soll ja ein tüchtiger Mensch mit 
energischem Sexualbedürfnis werden und in seinem Leben all 
das vollbringen, wozu der Trieb den Menschen drängt. Ein Zuviel 
von elterlicher Zärtlichkeit wird freilich schädlich werden, indem 
es die sexuelle Reifung beschleunigt, auch dadurch, daß es das 
Kind „verwöhnt", es unfähig macht, im späteren Leben auf 
Liebe zeitweilig zu verzichten oder sich mit einem geringeren 
Maß davon zu begnügen. Es ist eines der besten Vorzeichen 
späterer Nervosität, wenn das Kind sich unersättlich in seinem 
Verlangen nach Zärtlichkeit der Eltern erweist, und anderseits 
werden gerade neuropathische Eltern, die ja meist zur maßlosen 
Zärtlichkeit neigen, durch ihre Liebkosungen die Disposition des 
Kindes zur neurotischen Erkrankung am ehesten erwecken. Man 
ersieht übrigens aus diesem Beispiel, daß es für neurotische Eltern 
direktere Wege als den der Vererbung gibt, ihre Störung auf 
die Kinder zu übertragen. 

Die Kinder selbst benehmen sich von frühen Jahren an, als In£an,,le 
sei ihre Anhänglichkeit an ihre Pflegepersonen von der Natur 
der sexuellen Liebe. Die Angst der Kinder ist ursprünglich nichts 
anderes als der Ausdruck dafür, daß sie die geliebte Person 
vermissen; sie kommen darum jedem Fremden mit Angst entgegen; 
sie fürchten sich in der Dunkelheit, weil man in dieser die 
geliebte Person nicht sieht, und lassen sich beruhigen, wenn sie 
dieselbe in der Dunkelheit bei der Hand fassen können. Man 
überschätzt die Wirkung aller Kinderschrecken und gruseligen 
Erzählungen der Kinderfrauen, wenn man diesen Schuld gibt, 
daß sie die Ängstlichkeit der Kinder erzeugen. Kinder, die zur 
Ängstlichkeit neigen, nehmen nur solche Erzählungen auf, die 
an anderen durchaus nicht haften wollen; und zur Ängstlichkeit 

7* 



Angst 



lOO 



Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



neigen nur Kinder mit übergroßem oder vorzeitig entwickeltem 
oder durch Verzärtelung anspruchsvoll gewordenem Sexualtrieb. 
Das Kind benimmt sich hiebei wie der Erwachsene, indem es 
seine Libido in Angst verwandelt, sowie es sie nicht zur 
Befriedigung zu bringen vermag, und der Erwachsene wird sich 
dafür, wenn er durch unbefriedigte Libido neurotisch geworden 
ist in seiner Angst wie ein Kind benehmen, sich zu fürchten 
beginnen, sowie er allein, das heißt ohne eine Person ist, deren 
Liebe er sicher zu sein glaubt, und diese seine Angst durch die 
kindischesten Maßregeln beschwichtigen wollen.' 

Wenn die Zärtlichkeit der Eltern zum Kinde es glücklich 
vermieden hat, den Sexualtrieb desselben vorzeitig, das heißt ehe 
die körperlichen Bedingungen der Pubertät gegeben sind, in 
solcher Stärke zu wecken, daß die seelische Erregung in unver- 
kennbarer Weise zum Genitalsystem durchbricht, so kann sie ihre 
Aufgabe erfüllen, dieses Kind im Alter der Reife bei der Wahl 
des Sexualobjekts zu leiten. Gewiß läge es dem Kinde am 
nächsten, diejenigen Personen selbst zu Sexualobjekten zu wühlen, 
die es mit einer sozusagen abgedämpften Libido seit seiner Kindheit 
liebt. 3 Aber durch den Aufschub der sexuellen Reifung ist die 
Zeit gewonnen worden, neben anderen Sexualhemmnissen die 
Inzestschranke aufzurichten, jene moralischen Vorschriften in sich 
aufzunehmen, welch e die geliebten Personen der Kindheit als 

Die Aufklärung über die Herkunft der kindlichen Angst verdanke ich einem 
dreijährigen Knaben, den ich einmal aus einem dunklen Zimmer bitten horte: 
„Tante, sprich mit mir; ich fürchte mich, weil es so dunkel ist." Di« Tante rief 
ihn an- „Was hast du denn davon? Du siehst mich ja nicht." „Das macht nichts, 
antwortete das Kind, „wenn jemand spricht, wird es hell.« - - Er fürchtete sieh also 
nicht vor der Dunkelheit, sondern weil er eine geliebte Person vermißte, und konnte 
versprechen sich *u beruhigen, sobald er einen Beweil von deren Anwesenheit 
empfangen hatte. — Daß die neurotische Angst aus der Libido entsteht, ein Um- 
wandlungsprodukt derselben darstellt, sich also etwa so zu ihr verhält, wie der Essig 
zum Wein, ist eines der bedeutsamsten Resultate der psychoanalytischen Forschung. 
Eine weitere Diskussion dieses Problems siehe in meinen „Vorlesungen zur Ein- 
führung in die Psychoanalyse« 1917 [Bd. VII der Gesamtausgabe], woselbst wohl 
auch nicht die endgültige Aufklärung erreicht worden ist. 

2) Vgl. hiezu das auf S. 75 über dio Objektwahl des Kindes Gesagte : die 
„zärtliche Strömung". 



Die Umgestaltungen der Pubertät 101 



Blutsverwandte ausdrücklich von der Objektwahl ausschließen. 
Die Beachtung dieser Schranke ist vor allem eine Kulturforderung 
der Gesellschaft, welche sich gegen die Aufzehrung von Interessen 
durch die Familie wehren muß, die sie für die Herstellung höherer 
sozialer Einheiten braucht, und darum mit allen Mitteln dahin wirkt, 
bei jedem einzelnen, speziell beim Jüngling, den in der Kindheit 
allein maßgebenden Zusammenhang mit seiner Familie zu lockern. 1 
Die Objektwahl wird aber zunächst in der Vorstellung voll- 
zogen und das Geschlechtsleben der eben reifenden Jugend hat 
kaum einen anderen Spielraum, als sich in Phantasien, das heißt 
in nicht zur Ausführung bestimmten Vorstellungen zu ergehen. 2 
In diesen Phantasien treten bei allen Menschen die infantilen 

1) Die Iniestschranke gehört wahrscheinlich zu den historischen Erwerbungen der 
Menschheit und dürfte wie andere Moraltabu bereits bei vielen Individuen durch 
organische Vererbung fixiert sein. [Vgl. meine Schrift: Totem und Tabu 1913, 
Bd. X der Gesamtausgabe.] Doch zeigt die psychoanalytische Untersuchung, wie 
intensiv noch der einzelne in seinen Entwicklungszeiten mit der Inzestversuchung ringt, 
und wie häufig er sie in Phantasien und selbst in der Realität übertritt 

2) Die Phantasien der Pubertätszeit knüpfen an die in der Kindheit verlassene 
infantile Sexualforschung an, reichen wohl auch ein Stück in die Latenzzeit zurück. 
Sie können ganz oder zum großen Teil unbewußt gehalten werden, entziehen sich 
darum häufig einer genauen Datierung. Sie haben große Bedeutung für die Entstehung 
mannigfaltiger Symptome, indem sie geradezu die Vorstufen derselben abgeben, also 
die Formen herstellen, in denen die verdrängten Libidokomponenten ihre Befriedigung 
finden. Ebenso sind sie die Vorlagen der nächtlichen Phantasien, die als Träume bewußt 
werden. Träume sind häufig nichts anderes als Wiederbelebungen solcher Phantasien 
unter dem Einfluß und in Anlehnung an einen aus dem Wachleben erübrigten 
Tagesreiz („Tagesreste"). — Unter den sexuellen Phantasien der Pubertätszeit ragen 
einige hervor, welche durch allgemeinstes Vorkommen und weitgehende Unab- 
hängigkeit vom Erleben des Einzelnen ausgezeichnet sind. So die Phantasien von 
der Belauschung des elterlichen Geschlechtsverkehrs, von der 'frühen Verführimg 
durch geliebte Personen, von der Kastrationsdrohung, die Mutterleibsphantasien, 
deren Inhalt Verweilen und selbst Erlebnisse im Mutterleib sind, und der sogenannte 
„Familienroman", in welchem der Heranwachsende auf den Unterschied seiner 
Einstellung zu den Eltern jetzt und in der Kindheit reagiert. Die nahen Beziehungen 
dieser Phantasien zum Mythus hat für das letzte Beispiel O. Rank in seiner Schrift 
„Der Mythus von der Geburt des Helden" 1909 aufgezeigt. 

Man sagt mit Recht, daß der Ödipuskomplex der Kernkomplex der Neurosen ist, 
das wesentliche Stück im Inhalt der Neurose darstellt. In ihm gipfelt die infantile 
Sexualität, welche durch ihre Nachwirkungen die Sexualität des Erwachsenen 
entscheidend beeinflußt. Jedem menschlichen Neuankömmling ist die Aufgabe gestellt, 
den Ödipuskomplex zu bewältigen; wer es nicht zustande bringt, ist der Neurose 
verfallen. Der Fortschritt der psychoanalytischen Arbeit hat diese Bedeutung des 



102 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 

Neigungen, nun durch den somatischen Nachdruck verstärkt, 
wieder auf, und unter ihnen in gesetzmäßiger Häufigkeit und an 
erster Stelle die meist bereits durch die Geschlechtsanziehung 
differenzierte Sexualregung des Kindes für die Kitern, des Sohnes 
für die Mutter und der Tochter für den Vater. 1 Gleichzeitig mit 
der Überwindung und Verwerfung dieser deutlich inzestuösen^ 
Phantasien wird eine der bedeutsamsten, aber auch schmerz- 
haftesten, psychischen Leistungen der Pubertätszeit vollzogen, die 
Ablösung von der Autorität der Kitern, durch welche erst der 
für den Kulturfortschritt so wichtige Gegensatz der neuen 
Generation zur alten geschaffen wird. Auf jeder der Stationen 
des Entwicklungsganges, den die Individuen durchmachen sollen, 
wird eine Anzahl derselben zurückgehalten, und so gibt es auch 
Personen, welche die Autorität der Kitern nie überwunden und 
ihre Zärtlichkeit von denselben nicht oder nur sehr unvollständig 
zurückgezogen haben. Es sind zumeist Mädchen, die so zur 
Freude der Eltern weit über die Pubertät hinaus bei der vollen 
Kinderliebe verbleiben, und da wird es dann sehr lehrreich zu 
finden, daß es diesen Mädchen in ihrer späteren Ehe an dem 
Vermögen gebricht, ihren Männern das Gebührende zu schenken. 
Sie werden kühle Ehefrauen und bleiben sexuell anästhetisch. 
Man lernt daraus, daß die anscheinend nicht sexuelle Liebe zu 
den Eltern und die geschlechtliche Liebe aus denselben Quellen 
gespeist werden, das heißt, daß die erstere nur einer infantilen 
Fixierung der Libido entspricht. 

Je mehr man sich den tieferen Störungen der psychosexuellen 
Entwicklung nähert, desto unverkennbarer tritt die Bedeutung 

Ödipuskomplexes immer schärfer gezeichnet; seine Anerkennung ist das Schibolcth 
geworden, welches die Anhänger der Psychoanalyse von ihren Gegnern scheidet. 

In einer anderen Schrift (Das Trauma der Gehurt, 1984) hat Rank die Mutter- 
bindung auf die embryonale Vorzeit zurückgeführt und so die biologische Grundlage 
des Ödipuskomplexes aufgezeigt. Die Inzcstschranke leitet er abweichend vom Vor- 
stehenden von dem traumatischen Eindruck der Grhurlsungst ab. 

1) Vergleiche die Ausführungen über das unvermeidliche Verhängnis in der 
Odipusfabel „Traumdeutung", 4. Auflage, S. 198, Bd. 111 u. IV der Gesamtausgabe]. 



Die Umgestaltungen der Pubertät 105 

der inzestuösen Objektwahl hervor. Bei den Psychoneurotikern 
verbleibt infolge von Sexualablehnung ein großes Stück oder das 
Ganze der psychosexuellen Tätigkeit zur Objektfindung im Un- 
bewußten. Für die Mädchen mit übergroßem Zärtlichkeitsbedürfnis 
und eben solchem Grausen vor den realen Anforderungen des 
Sexuallebens wird es zu einer unwiderstehlichen Versuchung, sich 
einerseits das Ideal der asexuellen Liebe im Leben zu verwirk- 
lichen und andererseits ihre Libido hinter einer Zärtlichkeit, die 
sie ohne Selbstvorwurf äußern dürfen, zu verbergen, indem sie 
die infantile, in der Pubertät aufgefrischte Neigung zu Eltern 
oder Geschwistern fürs Leben festhalten. Die Psychoanalyse kann 
solchen Personen mühelos nachweisen, daß sie in diese ihre Bluts- 
verwandten im gemeinverständlichen Sinne des Wortes verliebt 
sind, indem sie mit Hilfe der Symptome und anderen Krankheits- 
äußerungen ihre unbewußten Gedanken aufspürt und in bewußte 
übersetzt. Auch wo ein vorerst Gesunder nach einer unglück- 
lichen Liebeserfahrung erkrankt ist, kann man als den Mecha- 
nismus solcher Erkrankung die Rückwendung seiner Libido auf 
die infantil bevorzugten Personen mit Sicherheit aufdecken. 

Auch wer die inzestuöse Fixierung seiner Libido glücklich Ha«*»!*»»« 

° D der infantilen 

vermieden hat, ist dem Einfluß derselben nicht völlig entzogen. ObjektwaU 
Es ist ein deutlicher Nachklang dieser Entwicklungsphase, wenn 
die erste ernsthafte Verliebtheit des jungen Mannes, wie so häufig, 
einem reifen Weibe, die des Mädchens einem älteren, mit Autorität 
ausgestatteten Manne gilt, die ihnen das Bild der Mutter und 
des Vaters beleben können. 1 In freierer Anlehnung an diese Vor- 
bilder geht wohl die Objekt wähl überhaupt vor sich. Vor allem 
sucht der Mann nach dem Erinnerungsbild der Mutter, wie es 
ihn seit den Anfängen der Kindheit beherrscht; im vollen Ein- 
klang steht es damit, wenn sich die noch lebende Mutter gegen 
diese ihre Erneuerung sträubt und ihr mit Feindseligkeit begegnet. 

1) Siehe meinen Aufsatz „Über einen besonderen Tj-pus der Objektwahl beim . -^ 
Manne", 1910 [Bd. V der Gesamtausgabe]. 



104 



Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



Bei solcher Bedeutung der kindlichen Beziehungen zu den Eltern 
für die spätere Wahl des Sexualobjekts ist es leicht zu verstehen, 
daß jede Störung dieser Kindheitsbeziehungen die schwersten Folgen 
für das Sexualleben nach der Reife zeitigt; auch die Eifersucht 
des Liebenden ermangelt nie der infantilen Wurzel oder wenigstens 
der infantilen Verstärkung. Zwistigkeiten zwischen den Eltern 
selbst, unglückliche Ehe derselben, bedingen die schwerste 
Prädisposition für gestörte Sexualentwicklung oder neurotische 
Erkrankung der Kinder. 

Die infantile Neigung zu den Eltern ist wohl die wichtigste, 
aber nicht die einzige der Spuren, die, in der Pubertät aufge- 
frischt, dann der Objektwahl den Weg weisen. Andere Ansätze 
derselben Herkunft gestatten dem Manne noch immer in Anlehnung 
an seine Kindheit mehr als eine einzige Sexualreihe zu 
entwickeln, ganz verschiedene Bedingungen für die Objektwahl 
auszubilden. 1 
-hütungder Eine bei der Objektwahl sich ergebende Aufgabe liegt darin, 



das entgegengesetzte Geschlecht nicht zu verfehlen. Sie wird, wie 
bekannt, nicht ohne einiges Tasten gelöst. Die ersten Regungen 
nach der Pubertät gehen häufig genug — ohne dauernden 
Schaden — irre. Dessoir hat mit Recht darauf aufmerksam 
gemacht, welche Gesetzmäßigkeit sich in den schwärmerischen 
Freundschaften von Jünglingen und Mädchen für ihresgleichen 
verrät. Die größte Macht, welche eine dauernde Inversion des 
Sexualobjektes abwehrt, ist gewiß die Anziehung, welche die 
entgegengesetzten Geschlechtscharaktere für einander äußern; zur 
Erklärung derselben kann im Zusammenhange dieser Erörterungen 
nichts gegeben werden. 8 Aber dieser Faktor reicht für sich allein 

1) Ungezählte Eigentümlichkeiten des menschlichen Licbeslebons sowie das Zwang- 
hafte der Verliebtheit selbst sind überlmupt nur durch die Rückbeziehung auf die 
Kindheit und als Wirkungsreste derselben zu verstehen. 

a) Es ist hier der Ort, auf eine gewiß phantastische, aber überaus geistreiche 
Schrift von Ferenczi (Versuch einer Gcnitaltheorie, 1924) hinzuweisen, in der 
das Geschlechtsleben der höheren Tiere aus ihrer biologischen Entwicklungsgeschichte 
abgeleitet wird. 



Die Umgestaltungen der Pubertät 105 



nicht hin, die Inversion auszuschließen 5 es kommen wohl allerlei 
unterstützende Momente hinzu. Vor allem die Autoritätshemmung 
der Gesellschaft; wo die Inversion nicht als Verbrechen betrachtet 
wird, da kann man die Erfahrung machen, daß sie den sexuellen 
Neigungen nicht weniger Individuen voll entspricht. Ferner darf 
man für den Mann annehmen, daß die Kindererinnerung an 
die Zärtlichkeit der Mutter und anderer weiblicher Personen, 
denen er als Kind überantwortet war, energisch mithilft, seine 
Wahl auf das Weib zu lenken, während die von seiten des Vaters 
erfahrene frühzeitige Sexualeinschüchterung und die Konkurrenz- 
einstellung zu ihm vom gleichen Geschlechte ablenkt. Beide 
Momente gelten aber auch für das Mädchen, dessen Sexual- 
betätigung unter der besonderen Obhut der Mutter steht. Es 
ergibt sich so eine feindliche Beziehung zum eigenen Geschlecht, 
welche die Objektwahl entscheidend in dem für normal geltenden 
Sinn beeinflußt. Die Erziehung der Knaben durch männliche 
Personen (Sklaven in der antiken Welt) scheint die Homosexualität 
zu begünstigen; beim heutigen Adel wird die Häufigkeit der 
Inversion wohl durch die Verwendung männlicher Dienerschaft 
wie durch die geringere persönliche Fürsorge der Mütter für 
ihre Kinder um etwas verständlicher. Bei manchen Hysterischen 
ergibt sich, daß der frühzeitige Wegfall einer Person des Eltern- 
paares (durch Tod, Ehescheidung, Entfremdung), worauf dann 
die übrigbleibende die ganze Liebe des Kindes an sich gezogen 
hatte, die Bedingung für das Geschlecht der später zum Sexual- 
objekt gewählten Person festgestellt und damit auch die dauernde 
Inversion ermöglicht hat. 



=— 



ZUSAMMENFASSUNG 



Es ist an der Zeit, eine Zusammenfassung zu versuchen. Wir 
sind von den Abirrungen des Geschlechtstriebes in Bezug auf 
sein Objekt und sein Ziel ausgegangen, haben die Fragestellung 
vorgefunden, ob diese aus angeborener Anlage entspringen oder 
infolge der Einflüsse des Lebens erworben werden. Die Beant- 
wortung dieser Frage ergab sich uns aus der Einsicht in die 
Verhältnisse des Geschlechtstriebes bei den Psychoneurotikern, 
einer zahlreichen und den Gesunden nicht ferne stehenden 
Menschengruppe, welche Einsicht wir durch psychoanalytische 
Untersuchung gewonnen hatten. Wir fanden so, daß bei diesen 
Personen die Neigungen zu allen Perversionen als unbewußte 
Mächte nachweisbar sind und sich als Symptombildner verraten, 
und konnten sagen, die Neurose sei gleichsam ein Negativ der 
Perversion. Angesichts der nun erkannten großen Verbreitung der 
Perversionsneigungen drängte sich uns der Gesichtspunkt auf, daß 
die Anlage zu den Perversionen die ursprüngliche allgemeine 
Anlage des menschlichen Geschlechtstriebes sei, aus welcher das 
normale Sexualverhalten infolge organischer Veränderungen und 
psychischer Hemmungen im Laufe der Keifung «Mitwickelt werde. 
Die ursprüngliche Anlage hofften wir im Kindesalter aufzeigen 
zu können; unter den die Richtung des Sexualtriebes einschrän- 
kenden Mächten hoben wir Scham, Ekel, Mitleid und die 
sozialen Konstruktionen der Moral und Autorität hervor. So mußten 
wir in jeder fixierten Abirrung vom normalen Geschlechtsleben 
ein Stück Entwicklungshemmung und Infantilismus erblicken. 



Zusammenfassung 107 



Die Bedeutung der Variationen der ursprünglichen Anlage mußten 
wir in den Vordergrund stellen, zwischen ihnen und den Ein- 
flüssen des Lebens aber ein Verhältnis von Kooperation und nicht 
von Gegensätzlichkeit annehmen. Anderseits erschien uns, da 
die ursprüngliche Anlage eine komplexe sein mußte, der 
Geschlechtstrieb selbst als etwas aus vielen Faktoren Zusammen- 
gesetztes, das in den Perversionen gleichsam in seine Komponenten 
zerfällt. Somit erwiesen sich die Perversionen einerseits als 
Hemmungen, andererseits als Dissoziationen der normalen Ent- 
wicklung. Beide Auffassungen vereinigten sich in der Annahme, 
daß der Geschlechtstrieb des Erwachsenen durch die Zusammen- 
fassung vielfacher Regungen des Kinderlebens zu einer Einheit, 
einer Strebung mit einem einzigen Ziel entstehe. 

Wir fügten noch die Aufklärung für das Überwiegen der 
perversen Neigungen bei den Psychoneurotikern bei, indem wir 
dieses als kollaterale Füllung von Nebenbahnen bei Verlegung 
des Hauptstrombettes durch die „Verdrängung" erkannten, und 
wandten uns dann der Betrachtung des Sexuallebens im Kindes- 
alter zu. 1 Wir fanden es bedauerlich, daß man dem Kindesalter 
den Sexualtrieb abgesprochen und die nicht selten zu beobachtenden 
Sexualäußerungen des Kindes als regelwidrige Vorkommnisse 
beschrieben hat. Es schien uns vielmehr, daß das Kind Keime 
von Sexualtätigkeit mit zur Welt bringt und schon bei der 
Nahrungsaufnahme sexuelle Befriedigung mitgenießt, die es sich 
dann in der gut gekannten Tätigkeit des „Ludeins" immer wieder 
zu verschaffen sucht. Die Sexualbetätigung des Kindes entwickle 
sich aber nicht im gleichen Schritt wie seine sonstigen Funktionen, 
sondern trete nach einer kurzen Blüteperiode vom zweiten bis 
zum fünften Jahre in die sogenannte Latenzperiode ein. In der- 

1) Dies gilt nicht nur für die in der Neurose „negativ" auftretenden Perversions- 
neigungen, sondern ebenso für die positiven, eigentlich so benannten Perversionen. 
Diese letzteren sind also nicht bloß auf die Fixierung der infantilen Neigungen 
lurückzuführen, sondern auch auf die Regression zu denselben infolge der Verlegung 
anderer Bahnen der Sexualströmung. Darum sind auch die positiven Perversionen der 
psychoanalytischen Therapie zugänglich. 



io8 



Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



selben würde die Produktion sexueller Erregung keineswegs 
eingestellt, sondern halte an und liefere einen Vorrat von Energie, 
der großenteils zu anderen als sexuellen Zwecken verwendet 
werde, nämlich einerseits zur Abgabe der sexuellen Komponenten 
für soziale Gefühle, anderseits (vermittels Verdrängung und 
Reaktionsbildung) zum Aufbau der späteren Sexualschranken. 
Demnach würden die Mächte, die dazu bestimmt sind, den 
Sexualtrieb in gewissen Bahnen zu erhalten, im Kindesalter auf 
Kosten der großenteils perversen Sexualregungen und unter 
Mithilfe der Erziehung aufgebaut. Ein anderer Teil der infantilen 
Sexualregungen entgehe diesen Verwendungen und könne sich 
als Sexualbetätigung äußern. Man könne dann erfahren, daß die 
Sexualerregung des Kindes aus vielerlei Quellen fließe. Vor allem 
entstehe Befriedigung durch die geeignete sensible Erregung 
sogenannter erogener Zonen, als welche wahrscheinlich jede 
Hautstelle und jedes Sinnesorgan, wahrscheinlich jedes Organ, 
fungieren könne, während gewisse ausgezeichnete erogene Zonen 
existieren, deren Erregung durch gewisse organische Vorrichtungen 
von Anfang an gesichert sei. Ferner entstehe sexuelle Erregung 
gleichsam als Nebenprodukt bei einer großen Reihe von Vor- 
gängen im Organismus, sobald dieselben nur eine gewisse Intensität 
erreichen, ganz besonders bei allen stärkeren Gemütsbewegungen, 
seien sie auch peinlicher Natur. Die Erregungen aus all diesen 
Quellen setzten sich noch nicht zusammen, sondern verfolgten 
jede vereinzelt ihr Ziel, welches bloß der Gewinn einer gewissen 
Lust ist. Der Geschlechtstrieb sei also im Kindesalter nicht 
zentriert und zunächst objektlos, autoerotisch. 

Noch während der Kinderjahre beginne die erogene Zone der 
Genitalien sich bemerkbar zu machen, entweder in der Art, daß 
sie wie jede andere erogene Zone auf geeignete sensible Reizung 
Befriedigung ergebe, oder indem auf nicht ganz verständliche 
Weise mit der Befriedigung von anderen Quellen her gleich- 
zeitig eine Sexualerregung erzeugt werde, die zu der Genitalzone 



Zusammenfassung iog 



eine besondere Beziehung erhalte. Wir haben es bedauern müssen, 
daß eine genügende Aufklärung des Verhältnisses zwischen Sexual- 
befriedigung und Sexualerregung sowie zwischen der Tätigkeit 
der Genitalzone und der übrigen Quellen der Sexualität nicht zu 
erreichen war. 

Durch das Studium der neurotischen Störungen haben wir 
gemerkt, daß sich im kindlichen Sexualleben von allem Anfang 
an Ansätze zu einer Organisation der sexuellen Triebkomponenten 
erkennen lassen. In einer ersten, sehr frühen Phase steht die 
Oralerotik im Vordergrunde; eine zweite dieser „prä- 
genitalen" Organisationen wird durch die Vorherrschaft des 
Sadismus und der Anal erotik charakterisiert, erst in einer 
dritten Phase (die sich beim Kind nur bis zum Primat des 
Phallus entwickelt) wird das Sexualleben durch den Anteil der 
eigentlichen Genitalzonen mitbestimmt. 

Wir haben dann als eine der überraschendsten Ermittlungen 
feststellen müssen, daß diese Frühblüte des infantilen Sexuallebens 
(zwei bis fünf Jahre) auch eine Objektwahl mit all den reichen, 
seelischen Leistungen zeitigt, so daß die daran geknüpfte, ihr 
entsprechende Phase trotz der mangelnden Zusammenfassung der 
einzelnen Triebkomponenten und der Unsicherheit des Sexual- 
zieles als bedeutsamer Vorläufer der späteren endgültigen Sexual- 
organisation einzuschätzen ist. 

Die Tatsache des zweizeitigen Ansatzes der Sexual- 
entwicklung beim Menschen, also die Unterbrechung dieser Ent- 
wicklung durch die Latenzzeit, erschien uns besonderer Beachtung 
würdig. Sie scheint eine der Bedingungen für die Eignung des 
Menschen zur Entwicklung einer höheren Kultur, aber auch für 
seine Neigung zur Neurose zu enthalten. Bei der tierischen 
Verwandtschaft des Menschen ist unseres Wissens etwas Analoges 
nicht nachweisbar. Die Ableitung der Herkunft dieser mensch- 
lichen Eigenschaft müßte man in der Urgeschichte der Menschenart 
suchen. 



HO 



Drei Abhandlungen zur Sexual thcorie 



Welches Maß von sexuellen Betätigungen im Kindesalter noch 
als normal, der weiteren Entwicklung nicht abträglich, bezeichnet 
werden darf, konnten wir nicht sagen. Der Charakter der Sexual- 
äußerungen erwies sich als vorwiegend masturbatorisch. Wir 
stellten ferner durch Erfahrungen fest, daß die äußeren Einflüsse 
der Verführung vorzeitige Durchbrüche der Latenzzeit bis zur 
Aufhebung derselben hervorrufen können, und daß sich dabei 
der Geschlechtstrieb des Kindes in der Tat als polymorph pervers 
bewährt; ferner, daß jede solche frühzeitige Sexualtätigkeit die 
Erziehbarkeit des Kindes beeinträchtigt. 

Trotz der Lückenhaftigkeit unserer Einsichten in das infantile 
Sexualleben mußten wir dann den Versuch machen, die durch 
das Auftreten der Pubertät gesetzten Veränderungen desselben zu 
studieren. Wir griffen zwei derselben als die maßgebenden heraus, 
die Unterordnung aller sonstigen Ursprünge der Sexualerregung 
unter das Primat der Genitalzonen und den Prozeß der Objekt- 
findung. Beide sind im Kinderleben bereits vorgebildet. Die 
■erstere vollzieht sich durch den Mechanismus der Ausnützung 
der Vorlust, wobei die sonst selbständigen sexuellen Akte, die 
mit Lust und Erregung verbunden sind, zu vorbereitenden 
Akten für das neue Sexualziel, die Entleerung der Geschlechts- 
produkte werden, dessen Erreichung unter riesiger Lust der Sexual- 
erregung ein Ende macht. Wir hatten dabei die Differenzierung 
des geschlechtlichen Wesens zu Mann und Weib zu berücksichtigen 
und fanden, daß zum Weibwerden eine neuerliche Verdrängung 
erforderlich ist, welche ein Stück infantiler Männlichkeit aufhebt 
und das Weib für den Wechsel der leitenden Genitalzone vor- 
bereitet. Die Objektwahl endlich landen wir geleitet durch die 
infantilen, zur Pubertät aufgefrischten Andeutungen sexueller 
Neigung des Kindes zu seinen Eltern und Pflegepersonen und 
durch die mittlerweile aufgerichtete Inzestschranke von diesen 
Personen weg auf ihnen ähnliche gelenkt. Fügen wir endlich 
noch hinzu, daß während der Übergangszeit der Pubertät die 



Zusammenfassung 



111 



somatischen und die psychischen Entwicklungsvorgänge eine Weile 
unverknüpfl nebeneinander hergehen, bis mit dem Durchbruch 
einer intensiven seelischen Liebesregung zur Innervation der 
Genitalien die normalerweise erforderte Einheit der Liebesfunktion 
hergestellt wird. 

Jeder Schritt auf diesem langen Entwicklungswege kann zur EntwicUanga- 
Fixierungsstelle, jede Fuge dieser verwickelten Zusammensetzung Momente 
zum Anlaß der Dissoziation des Geschlechtstriebes werden, wie 
wir bereits an verschiedenen Beispielen erörtert haben. Es erübrigt 
uns noch, eine Übersicht der verschiedenen, die Entwicklung 
störenden, inneren und äußeren Momente zu geben und beizufügen, 
an welcher Stelle des Mechanismus die von ihnen ausgehende 
Störung angreift. Was wir da in einer Reihe anführen, kann 
freilich unter sich nicht gleichwertig sein, und wir müssen auf 
Schwierigkeiten rechnen, den einzelnen Momenten die ihnen 
gebührende Abschätzung zuzuteilen. 

An erster Stelle ist hier die angeborene Verschiedenheit komucbHo. 

und HereditBt 

der sexuellen Konstitution zu nennen, auf die wahr- 
scheinlich das Hauptgewicht entfällt, die aber, wie begreiflich, nur 
aus ihren späteren Äußerungen und dann nicht immer mit 
großer Sicherheit zu erschließen ist. Wir stellen uns unter ihr 
ein Überwiegen dieser oder jener der mannigfachen Quellen der 
Sexualerregung vor und glauben, daß solche Verschiedenheit der 
Anlagen in dem Endergebnis jedenfalls zum Ausdruck kommen 
muß, auch wenn dies sich innerhalb der Grenzen des Normalen 
zu halten vermag. Gewiß sind auch solche Variationen der 
ursprünglichen Anlage denkbar, welche notwendigerweise und 
ohne weitere Mithilfe zur Ausbildung eines abnormen Sexual- 
lebens führen müssen. Man kann dieselben dann „degenerative" 
heißen und als Ausdruck ererbter Verschlechterung betrachten. 
Ich habe in diesem Zusammenhange eine merkwürdige Tatsache 
zu berichten. Bei mehr als der Hälfte meiner psychotherapeutisch 
behandelten schweren Fälle von Hysterie, Zwangsneurose usw. 



112 



Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



ist mir der Nachweis der vor der Ehe überstandenen Syphilis 
der Väter sicher gelungen, sei es, daß diese an Tabes oder 
progressiver Paralyse gelitten hatten, sei es, daß deren luetische 
Erkrankung sich anderswie anamnestisch feststellen ließ. Ich 
bemerke ausdrücklich, daß die später neurotischen Kinder keine 
körperlichen Zeichen von hereditärer Lues an sich trugen, so 
daß eben die abnorme sexuelle Konstitution als der letzte Aus- 
läufer der luetischen Erbschaft zu betrachten war. So fern es 
mir nun liegt, die Abkunft von syphilitischen Eltern als 
regelmäßige oder unentbehrliche ätiologische Bedingung der 
neuropathischen Konstitution hinzustellen, so halte ich doch das 
von mir beobachtete Zusammentreffen für nicht zufällig und 
nicht bedeutungslos. 

Die hereditären Verhältnisse der positiv Perversen sind minder 
gut bekannt, weil dieselben sich der Erkundung zu entziehen 
wissen. Doch hat man Grund anzunehmen, daß bei den 
Perversionen ähnliches wie bei den Neurosen gilt. Nicht selten 
findet man nämlich Perversion und Psychoneurose in denselben 
Familien auf die verschiedenen Geschlechter so verteilt, daß 
die männlichen Mitglieder oder eines derselben positiv pervers, 
die weiblichen aber der Verdrängungsneigung ihres Geschlechts 
entsprechend negativ pervers, hysterisch sind, ein guter Beleg 
für die von uns gefundenen Wesensbeziehungen zwischen den 

beiden Störungen. 

Man kann indes den Standpunkt nicht vertreten, als ob mit 
Verarbeitung dem faggfa der verschiedenen Komponenten in der sexuellen 
Konstitution die Entscheidung über die Gestaltung des Sexual- 
lebens eindeutig bestimmt wäre. Die Bedingtheit setzt sich viel- 
mehr fort und weitere Möglichkeiten ergeben sich je nach dem 
Schicksal, welches die aus den einzelnen Quellen stammenden 
Sexualitätszuflüsse erfahren. Diese weitere Verarbeitung 
ist offenbar das endgültig Entscheidende, während die der 
Beschreibung nach gleiche Konstitution zu drei verschiedenen 



Weitere 






Zusammerifassung 



"3 



Endausgängen führen kann. Wenn sich alle die Anlagen in 
ihrem, als abnorm angenommenen, relativen Verhältnis erhalten 
und mit der Reifung verstärken, so kann nur ein perverses 
Sexualleben das Endergebnis sein. Die Analyse solcher abnormer 
konstitutioneller Anlagen ist noch nicht ordentlich in Angriff 
genommen worden, doch kennen wir bereits Fälle, die in solchen 
Annahmen mit Leichtigkeit ihre Erklärung finden. Die Autoren 
meinen zum Beispiel von einer ganzen Reihe von Fixations- 
perversionen, dieselben hätten eine angeborene Schwäche des 
Sexualtriebes zur notwendigen Voraussetzung. In dieser Form 
scheint mir die Aufstellung unhaltbar; sie wird aber sinnreich, 
wenn eine konstitutionelle Schwäche des einen Faktors des 
Sexualtriebes, der genitalen Zone, gemeint ist, welche Zone 
späterhin die Zusammenfassung der einzelnen Sexualbetätigungen 
zum Ziel der Fortpflanzung als Funktion übernimmt. Diese in der 
Pubertät geforderte Zusammenfassung muß dann mißlingen und 
die stärkste der anderen Sexualitätskomponenten wird ihre Betätigung 
als Perversion durchsetzen. 1 

Ein anderer Ausgang ergibt sich, wenn im Laufe der Entwicklung Verdrängung 
einzelne der überstark angelegten Komponenten den Prozeß der 
Verdrängung erfahren, von dem man festhalten muß, daß 
er einer Aufhebung nicht gleichkommt. Die betreffenden Erregungen 
werden dabei wie sonst erzeugt, aber durch psychische Verhinderung 
von der Erreichung ihres Zieles abgehalten und auf mannigfache 
andere Wege gedrängt, bis sie sich als Symptome zum Ausdruck 
gebracht haben. Das Ergebnis kann ein annähernd normales 
Sexualleben sein, — meist ein eingeschränktes, — aber ergänzt 
durch psychoneurotische Krankheit. Gerade diese Fälle sind uns 
durch die psychoanalytische Erforschung Neurotischer gut bekannt 
geworden. Das Sexualleben solcher Personen hat wie das der 

1) Man sieht dabei häufig, daß in der Pubertätszeit zunächst eine normale Sexual- 
strömung einsetzt, welche aber,infolge ihrer inneren Schwäche vor den ersten äußeren 
Hindernissen zusammenbricht und dann von der Regression auf die perverse Fixierung 
abgelöst wird. 

Freud, V. H 



ii4 



Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



Perversen begonnen, ein ganzes Stück ihrer Kindheit ist mit 
perverser Sexuakätigkeit ausgefüllt, die sich gelegentlich weit 
über die Reifezeit erstreckt; dann erfolgt aus inneren Ursachen 
— meist noch vor der Puberüit, aber hie und da sogar spät 
nachher — ein Verdrängungsumschlag, und von nun an tritt, 
ohne daß die alten Regungen erlöschen, Neurose an die Stelle 
der Perversion. Man wird an das Sprichwort „Junge Hure, alte 
Betschwester" erinnert, nur daß die Jugend hier allzu kurz 
ausgefallen ist. Diese Ablösung der Perversion durch die Neurose 
im Leben derselben Person muß man ebenso wie die vorhin 
angeführte Verteilung von Perversion und Neurose auf verschiedene 
Personen derselben Familie mit der Einsicht, daß die Neurose das 
Negativ der Perversion ist, zusammenhalten. 
s«bUmiem» K Der dritte Ausgang bei abnormer konstitutioneller Anlage 
wird durch den Prozeß der „Sublim i er u ng" ermöglicht, bei 
welchem den überstarken Erregungen aus einzelnen Sexualitäts- 
quellen Abfluß und Verwendung auf andere Gebiete eröffnet 
wird, so daß eine nicht unerhebliche Steigerung der psychischen 
Leistungsfähigkeit aus der an sich gefährlichen Veranlagung 
resultiert. Eine der Quellen der Kunstbetätigung ist hier zu 
finden und, je nachdem solche Sublimierung eine vollständige 
oder unvollständige ist, wird die Charakteranalyse hochbegabter, 
insbesondere künstlerisch veranlagter Personen jedes Mengungs- 
verhältnis zwischen Leistungsfähigkeit, Perversion und Neurose 
ergeben. Eine Unterart der Sublimierung ist wohl die Unter- 
drückung durch Reaktionsbildung, die, wie wir gefunden 
haben, bereits in der Latenzzeit des Kindes beginnt, um sich im 
günstigen Falle durchs ganze Leben fortzusetzen. Was wir den 
„Charakter" eines Menschen heißen, ist zum guten Teil mit 
dem Material sexueller Erregungen aufgebaut und setzt sich aus 
seit der Kindheit fixierten Trieben, aus durch Sublimierung 
gewonnenen und aus solchen Konstruktionen zusammen, die zur 
wirksamen Niederhaltung perverser, als unverwendbar erkannter 



Zicsammetifassung llt i 



Erlebt« 



Regungen bestimmt sind. 1 Somit kann die allgemein perverse 
Sexualanlage der Kindheit als die Quelle einer Reihe unserer 
Tugenden geschätzt werden, insofern sie durch Reaktionsbildung 
zur Schaffung derselben Anstoß gibt. 2 

Gegenüber den Sexualentbindungen, Verdrängungsschüben und Akzidentell 
Sublimierungen, letztere beide Vorgänge, deren innere Bedingungen 
uns völlig unbekannt sind, treten alle anderen Einflüsse weit an 
Bedeutung zurück. Wer Verdrängungen und Sublimierungen mit 
zur konstitutionellen Anlage rechnet, als die Lebensäußerungen' 
derselben betrachtet, der hat allerdings das Recht zu behaupten, 
daß die Endgestaltung des Sexuallebens vor allem das Ergebnis 
der angeborenen Konstitution ist. Indes wird kein Einsichtiger 
bestreiten, daß in solchem Zusammenwirken von Faktoren auch 1 
Raum für die modifizierenden Einflüsse des akzidentell in der 
Kindheit und späterhin Erlebten bleibt. Es ist nicht leicht, die 
Wirksamkeit der konstitutionellen und der akzidentellen Faktoren 
in ihrem Verhältnis zueinander abzuschätzen. In der Theorie neigt 
man immer zur Überschätzung der ersteren; die therapeutische 
Praxis hebt die Bedeutsamkeit der letzteren hervor. Man sollte 
auf keinen Fall vergessen, daß zwischen den beiden ein Verhältnis 
von Kooperation und nicht von Ausschließung besteht. Das 
konstitutionelle Moment muß auf Erlebnisse warten, die es zur 
Geltung bringen, das akzidentelle bedarf einer Anlehnung an 
die Konstitution, um zur Wirkung zu kommen. Man kann sich 
für die Mehrzahl der Fälle eine sogenannte „Ergänzungsreihe" 
vorstellen, in welcher die fallenden Intensitäten des einen Faktors 

i) Bei einigen Charakterzügen ist selbst ein Zusammenhang mit bestimmten | 
erogenen Komponenten erkannt worden. So leiten sich Trotz, Sparsamkeit und I 
Ordentlichkeit aus der Verwendung der Analerotik ab. Der Ehrgeiz wird durch eine 1 
starke urethralerotische Anlage bestimmt. 

2) Ein Menschenkenner wie E. Zola schildert in „La Joie de vivre« ein 
Mädchen, das in heiterer Selbstentäußerung alles, was es besitzt und beanspruchen 
könnte, sein Vermögen und seine Lebenswünsche geliebten Personen ohne Entlohnung 
zum Opfer bringt. Die Kindheit dieses Mädchens ist von einem unersättlichen Zärt- 
lichkcitsbedürfnis beherrscht, das sie bei einer Gelegenheit von Zurücksetzung gegen 
eine andere in Grausamkeit verfallen läßt. 



1x6 



Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



Frühreife 



durch die steigenden des anderen ausgeglichen werden, hat aber 
keinen Grund, die Existenz extremer Fälle an den Knden der 

Reihe zu leugnen. 

Der psychoanalytischen Forschung entspricht es noch besser, 
wenn man den Erlebnissen der frühen Kindheit unter den 
akzidentellen Momenten eine Vorzugsstellung einräumt. Die 
eine ätiologische Reihe zerlegt sich dann in zwei, die man die 
dispositionelle und die definitive heißen kann. In der 
ersteren wirken Konstitution und akzidentelle Kindheitserlebnisse 
ebenso zusammen, wie in der zweiten Disposition und spätere 
traumatische Erlebnisse. Alle die Sexualentwicklung schädigenden 
Momente äußern ihre Wirkung in der Weise, daß sie eine 
Regression, eine Rückkehr zu einer früheren Entwicklungs- 
phase hervorrufen. 

Wir setzen hier unsere Aufgabe fort, die uns als einflußreich 
für die Sexualentwicklung bekannt gewordenen Momente aufzu- 
zählen, sei es, daß diese wirksame Mächte oder bloß Äußerungen 
solcher darstellen. 

Ein solches Moment ist die spontane sexuelle Frühreife, 
die wenigstens in der Ätiologie der Neurosen mit Sicherheit 
nachweisbar ist, wenngleich sie so wenig wie andere Momente 
für sich allein zur Verursachung hinreicht. Sie äußert sich in 
Durchbrechung, Verkürzung oder Aufhebung der infantilen 
Latenzzeit und wird zur Ursache von Störungen, indem sie 
Sexualäußerungen veranlaßt, die einerseits wegen des unfertigen 
Zustandes der Sexualhemmungen, andererseits infolge des unent- 
wickelten Genitalsystems nur den Charakter von Perversionen 
an sich tragen können. Diese Perversionsneignngen mögen sich 
nun als solche erhalten oder nach eingetretenen Verdrängungen 
zu Triebkräften neurotischer Symptome werden; auf alle Fälle 
erschwert die sexuelle Frühreife die wünschenswerte spätere 
Beherrschung des Sexualtriebes durch die höheren seelischen 
Instanzen und steigert den /.wangartigen Charakter, den die 



Zusammenfassung 117 



psychischen Vertretungen des Triebes ohnedies in Anspruch 
nehmen. Die sexuelle Frühreife geht häufig vorzeitiger intel- 
lektueller Entwicklung parallel; als solche findet sie sich in der 
Kindheitsgeschichte der bedeutendsten und leistungsfähigsten 
Individuen 5 sie scheint dann nicht ebenso pathogen zu wirken, 
wie wenn sie isoliert auftritt. 

Ebenso wie die Frühreife fordern andere Momente Berück- ze«*u*e 

Momente 

sichtigung, die man als „zeitliche* mit der Frühreife zusammen- 
fassen kann. Es scheint phylogenetisch festgelegt, in welcher 
Reihenfolge die einzelnen Triebregungen aktiviert werden, und 
wie lange sie sich äußern können, bis sie dem Einfluß einer 
neu auftretenden Triebregung oder einer typischen Verdrängung 
unterliegen. Allein sowohl in dieser zeitlichen Aufeinanderfolge 
wie in der Zeitdauer derselben scheinen Variationen vorzukommen, 
die auf das Endergebnis einen bestimmenden Einfluß üben 
müssen. Es kann nicht gleichgültig sein, ob eine gewisse Strömung 
früher oder später auftritt als ihre Gegenströmung, denn die 
Wirkung einer Verdrängung ist nicht rückgängig zu machen: 
eine zeitliche Abweichung in der Zusammensetzung der Kompo- 
nenten ergibt regelmäßig eine Änderung des Resultats. Andererseits 
nehmen besonders intensiv auftretende Triebregungen oft einen 
überraschend schnellen Ablauf, z. B. die heterosexuelle Bindung 
der spater manifest Homosexuellen. Die am heftigsten einsetzenden 
Strebungen der Kinderjahre rechtfertigen nicht die Befürchtung, 
daß sie den Charakter des Erwachsenen dauernd beherrschen 
werden; man darf ebensowohl erwarten, daß sie verschwinden 
werden, um ihrem Gegenteil Platz zu machen. (Gestrenge 
Herren regieren nicht lange.) Worauf solche zeitliche Verwirrungen 
der Entwicklungsvorgänge rückführbar sind, vermögen wir auch 
nicht in Andeutungen anzugeben. Es eröffnet sich hier ein 
Ausblick auf eine tiefere Phalanx von biologischen, vielleicht auch 
historischen Problemen, denen wir uns noch nicht auf Kampfes- 
weite angenähert haben. 



n8 



Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



Haftbarkeit 



Fixierung 



Die Bedeutung aller frühzeitigen Sexualäußerungen wird durch 
einen psychischen Faktor unbekannter Herkunft gesteigert, den 
man derzeit freilich nur als eine psychologische Vorläufigkeit 
hinstellen kann. Ich meine die erhöhte Haftbarkeit oder 
Fixier barkeit dieser Eindrücke des Sexuallebens, die man bei 
späteren Neurotikem wie bei Perversen zur Ergänzung des Tat- 
bestandes hinzunehmen muß, da die gleichen vorzeitigen Sexual- 
äußerungen bei anderen Personen sich nicht so tiei einprägen 
können, daß sie zwangartig auf Wiederholung hinwirken und dem 
Sexualtrieb für alle Lebenszeit seine Wege vorzuschreiben ver- 
mögen. Vielleicht liegt ein Stück der Aufklärung für diese 
Haftbarkeit in einem anderen psychischen Moment, welches wir 
in der Verursachung der Neurosen nicht, missen können, nämlich 
in dem Übergewicht, welches im Seelenleben den Erinnerungs- 
spuren im Vergleich mit den rezenten Kindrücken zufällt. Dieses 
Moment ist offenbar von der intellektuellen Ausbildung abhängig 
und wächst mit der Höhe der persönlichen Kultur. Im Gegensatz 
hiezu ist der Wilde als das „unglückselige Kind des Augenblickes" 
charakterisiert worden. 1 Wegen der gegensätzlichen Beziehung 
zwischen Kultur und freier SexualitäLsentwicklung, deren Folgen 
weit in die Gestaltung unseres Lebens verfolgt werden können, 
ist es auf niedriger Kultur- oder Gesellschaftsstufe so wenig, auf 
höherer so sehr fürs spätere Leben bedeutsam, wie das sexuelle 
Leben des Kindes verlaufen ist. 

Die Begünstigung durch die eben erwähnten psychischen 
Momente kommt nun den akzidentell erlebten Anregungen der 
kindlichen Sexualität zugute. Die letzteren (Verführung durch 
andere Kinder oder Erwachsene in erster Linie) bringen das Material 
bei, welches mit Hilfe der ersteren zur dauernden Störung fixiert 
werden kann. Ein guter Teil der später beobachteten Abweichungen 
vom normalen Sexualleben ist so bei Neurotikem wie bei 



1) Möglicherweise itt die Erhöhung der Hiifümrkcit auch der Erfolg einer 
besonders intensiven somatischen ScxiinliliiOeriiiiß früherer Jahre. 



Zusammenfassung 1 1 g 



Perversen durch die Eindrücke der angeblich sexualfreien Kindheits- 
periode von Anfang an festgelegt. In die Verursachung teilen sich 
das Entgegenkommen der Konstitution, die Frühreife, die Eigenschaft 
der erhöhten Haftbarkeit und die zufällige Anregung des Sexual- 
triebes durch fremden Einfluß. 

Der unbefriedigende Schluß aber, der sich aus diesen Unter- 
suchungen über die Störungen des Sexuallebens ergibt, geht dahin, 
daß wir von den biologischen Vorgängen, in denen das Wesen 
der Sexualität besteht, lange nicht genug wissen, um aus unseren 
vereinzelten Einsichten eine zum Verständnis des Normalen wie 
des Pathologischen genügende Theorie zu gestalten. 






.1 ' 






. 



ARBEITEN ZUM SEXUALLEBEN 
UND ZUR NEUROSENLEHRE 



Unter dem Titel „Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosen lehre" 
erscheinen hier Arbeiten aneinandergereiht, die, unabhängig voneinander, 
größtenteils in Zeitschriften erschienen waren. (Vgl. die bibliographische Notiz 
am Eingange jeder einzelnen Arbeit.) Die meisten dieser Arbeiten sind auch 
in der „Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre" von Professor 
Sigrru Freud (I. — III. Folge im Verlag Franz Deut icke, Leipzig und 
Wien, IV. und V. Folge im Internationalen Psychoanalytischen Verlag, 
Leipzig, Wien, Zürich) in Buchform erschienen. Die in der I. — ///. Folge 
der „Sammlung" aligedruckten Arbeilen sind in diese Gesamtausgabe mit 
Genehmigung des Verlages Deu ticke aufgenommen worden. 






MEINE ANSICHTEN ÜBER DIE ROLLE 

DER SEXUALITÄT IN DER ÄTIOLOGIE 

DER NEUROSEN 

Diese im Juni ipoj geschriebene Arbeit erschien 
1906 in Löwenfeld: Sexualleben und Nervenleiden, 
IV. Auflage, dann in der „Sammlung kleiner Schriften 
zur Neurosenlehre u , I. Folge. 

Ich bin der Meinung, daß man meine Theorie über die 
ätiologische Bedeutung des sexuellen Momentes für die Neurosen 
am besten würdigt, wenn man ihrer Entwicklung nachgeht. Ich 
habe nämlich keineswegs das Bestreben abzuleugnen, daß sie 
eine Entwicklung durchgemacht und sich während derselben 
verändert hat. Die Fachgenossen könnten in diesem Zugeständnis 
die Gewähr finden, daß diese Theorie nichts anderes ist als 
der Niederschlag fortgesetzter und vertiefter Erfahrungen. Was 
im Gegensatze hierzu der Spekulation entsprungen ist, das kann 
allerdings leicht mit einem Schlage vollständig und dann unver- 
änderlich auftreten. 

Die Theorie bezog sich ursprünglich bloß auf die als 
Neurasthenie" zusammengefaßten Krankheitsbilder, unter denen 
mir zwei, gelegentlich auch rein auftretende Typen auffielen, die 
ich als „eigentliche Neurasthenie" und als „Angst- 
neurose" beschrieben habe. Es war ja immer bekannt, daß 
sexuelle Momente in der Verursachung dieser Formen eine Rolle 
spielen können, aber man fand dieselben weder regelmäßig 
wirksam, noch dachte man daran, ihnen einen Vorrang vor anderen 



12 4 



Arbeiten zum Sexualleben und zur .Xeurosenlehre. 



ätiologischen Einflüssen einzuräumen. Ich wurde zunächst von der 
Häufigkeit grober Störungen in der Vita sexualis der Nervösen 
überrascht; je mehr ich darauf ausging, solche Störungen zu 
suchen, wobei ich mir vorhielt, daß die Menschen alle in sexuellen 
Dingen die Wahrheit verhehlen, und je geschickter ich wurde, 
das Examen trotz einer anfänglichen Verneinung fortzusetzen, 
desto regelmäßiger ließen sich solche krankmachende Momente 
aus dem Sexualleben auffinden, bis mir zu deren Allgemeinheit 
wenig zu fehlen schien. Man mußte aber von vornherein auf 
ein ähnlich häufiges Vorkommen sexueller Unregelmäßigkeiten 
unter dem Drucke der sozialen Verhältnisse in unserer Gesellschaft 
gefaßt sein, und konnte im Zweifel bleiben, welches Maß von 
Abweichung von der normalen Sexualfunktion als Krankheits- 
ursache betrachtet werden dürfe. Ich konnte daher auf den regel- 
mäßigen Nachweis sexueller Noxen nur weniger Wert legen als 
auf eine zweite Erfahrung, die mir eindeutiger erschien. Es ergab 
sich, daß die Form der Erkrankung, ob Neurasthenie oder Angst- 
neurose, eine konstante Beziehung zur Art der sexuellen Schäd- 
lichkeit zeige. In den typischen Fällen der Neurasthenie war 
regelmäßig Masturbation oder gehäufte Pollutionen, bei der 
Angstneurose waren Faktoren wie der Coitus interruptus, die 
„frustrane Erregung" und andere nachweisbar, an denen das 
Moment der ungenügenden Abfuhr der erzeugten Libido das 
Gemeinsame schien. Erst seit dieser leicht zu machenden und 
beliebig oft zu bestätigenden Erfahrung hatte ich den Mut, 
für die sexuellen Einflüsse eine bevorzugte Stellung in der 
Ätiologie der Neurosen zu beanspruchen. Es kam hinzu, daß 
bei den so häufigen Mischformen von Neurasthenie und Angst- 
neurose auch die Vermengung der für die beiden Formen ange- 
nommenen Ätiologien aufzuzeigen war und daß eine solche Zwei- 
teilung in der Erscheinungsform der Neurose zu dem polaren 
Charakter der Sexualität (männlich und weiblich) gut zu stimmen 
schien. 



Meine Ansichten über die Rolle der Sexualität usw. 125 



Zur gleichen Zeit, während ich der Sexualität diese Bedeutung 
für die Entstehung der einfachen Neurosen zuwies, 1 huldigte ich 
noch in betreff der Psychoneurosen (Hysterie und Zwangsvor- 
stellungen) einer rein psychologischen Theorie, in welcher das 
sexuelle Moment nicht anders als andere emotionelle Quellen in 
Betracht kam. Ich hatte im Verein mit J. Breuer und im 
Anschluß an Beobachtungen, die er gut ein Dezennium vorher 
an einer hysterischen Kranken gemacht hatte, den Mechanismus 
der Entstehung hysterischer Symptome mittels des Erweckens 
von Erinnerungen im hypnotischen Zustande studiert, und wir 
waren zu Aufschlüssen gelangt, welche gestatteten, die Brücke 
von der traumatischen Hysterie Charcots zur gemeinen, nicht 
traumatischen, zu schlagen. 2 Wir waren zur Auffassung gelangt, 
daß die hysterischen Symptome Dauerwirkungen von psychischen 
Traumen sind, deren zugehörige Affektgröße durch besondere 
Bedingungen von bewußter Bearbeitung abgedrängt worden ist 
und sich darum einen abnormen Weg in die Körperinnervation 
gebahnt hat. Die Termini „eingeklemmter Affekt", „Kon- 
version" und „Abreagieren" fassen das Kennzeichnende 
dieser Anschauung zusammen. 

Bei den nahen Beziehungen der Psychoneurosen zu den ein- 
fachen Neurosen, die ja so weit gehen, daß dem Ungeübten die 
diagnostische Unterscheidung nicht immer leicht fällt, konnte es 
aber nicht ausbleiben, daß die für das eine Gebiet gewonnene 
Erkenntnis auch für das andere Platz griff. Überdies führte, von 
solcher Beeinflussung abgesehen, auch die Vertiefung in den 
psychischen Mechanismus der hysterischen Symptome zu dem 
gleichen Ergebnis. Wenn man nämlich bei dem von Breuer 
und mir eingesetzten „kathartischen" Verfahren den psychischen 
Traumen, von denen sich die hysterischen Symptome ableiteten, 

1) Über die Berechtigung, von der Neurasthenie einen bestimmten Symptomen- 
kbmplex als „Angstneurose" abzutrennen. Neurol. Zentralblatt, 1895. [Band I dieser 
Gesamtausgabe.] 

2) Studien über Hysterie. 1905. [Band I dieser Gesamtausgabe.] 



126 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

immer weiter nachspürte, gelangte man endlich zu Erlebnissen, 
welche der Kindheit des Kranken angehörten und sein Sexual- 
leben betrafen, und zwar auch in solchen Fällen, in denen eine 
banale Emotion nicht sexueller Natur den Ausbruch der Krankheit 
veranlaßt hatte. Ohne diese sexuellen Traumen der Kinderzeit 
in Betracht zu ziehen, konnte man weder die Symptome aufklären, 
deren Determinierung verständlich finden, noch deren Wiederkehr 
verhüten. Somit schien die unvergleichliche Bedeutung sexueller 
Erlebnisse für die Ätiologie der Psychoneurosen als unzweifelhaft 
festgestellt, und diese Tatsache ist auch bis heute einer der 
Grundpfeiler der Theorie geblieben. 

Wenn man diese Theorie so darstellt, die Ursache der lebens- 
langen hysterischen Neurose liege in den meist an sich gering- 
fügigen sexuellen Erlebnissen der frühen Kinderzeit, so mag sie 
allerdings befremdend genug klingen. Nimmt man aber auf die 
historische Entwicklung der Lehre Rücksicht, verlegt den Haupt- 
inhalt derselben in den Satz, die Hysterie sei der Ausdruck eines 
besonderen Verhaltens der Sexualfunktion des Individuums, und 
dieses Verhalten werde bereits durch die ersten in der Kindheit 
einwirkenden Einflüsse und Erlebnisse maßgebend bestimmt, so 
sind wir zwar um ein Paradoxon ärmer, aber um ein Motiv 
bereichert worden, den bisher arg vernachlässigten, höchst bedeut- 
samen Nachwirkungen der Kindheitseindrücke überhaupt unsere 
Aufmerksamkeit zu schenken. 

Indem ich mir vorbehalte, die Frage, ob man in den sexuellen 
Kindererlebnissen die Ätiologie der Hysterie (und Zwangsneurose) 
sehen dürfe, weiter unten gründlicher zu behandeln, kehre ich 
zu der Gestaltung der Theorie zurück, welche diese in einigen 
kleinen, vorläufigen Publikationen der Jahre 189g und 1896 
angenommen hat. 1 Die Hervorhebung der angenommenen ätio- 

1) Weitere Bemerkungen über die Abwehr-Ncuropsychosen, Ncurol. Zentral- 
blatt, 1896. — Zur Ätiologie der Hysterie, Wiener klinische Kundschau, 1896 
[Beide Arbeiten in Bd. I dieser Gesamtausgabe.] 



Meine Ansichten über die Rolle der Sexualität usw. 127 



logischen Momente gestattete damals, die gemeinen Neurosen 
als Erkrankungen mit aktueller Ätiologie den Psychoneurosen 
gegenüberzustellen, deren Ätiologie vor allem in den sexuellen 
Erlebnissen der Vorzeit zu suchen war. Die Lehre gipfelte 
in dem Satze: Bei normaler Vita sexualis ist eine Neurose 

unmöglich. 

Wenn ich auch diese Sätze noch heute nicht für unrichtig 
halte, so ist es doch nicht zu verwundern, daß ich in zehn Jahren 
fortgesetzter Bemühung um die Erkenntnis dieser Verhältnisse 
über meinen damaligen Standpunkt ein gutes Stück weit hinaus- 
gekommen bin und mich heute in der Lage glaube, die Unvoll- 
ständigkeit, die Verschiebungen und die Mißverständnisse, an 
denen die Lehre damals litt, durch eingehendere Erfahrung zu 
korrigieren. Ein Zufall des damals noch spärlichen Materials 
hatte mir eine unverhältnismäßig große Anzahl von Fällen 
zugeführt, in deren Kindergeschichte die sexuelle Verführung 
durch Erwachsene oder andere ältere Kinder die Hauptrolle 
spielte. Ich überschätzte die Häufigkeit dieser (sonst nicht anzu- 
zweifelnden) Vorkommnisse, da ich überdies zu jener Zeit nicht 
imstande war, die Erinnerungstäuschungen der Hysterischen über 
ihre Kindheit von den Spuren der wirklichen Vorgänge sicher 
zu unterscheiden, während ich seitdem gelernt habe, so manche 
Verführungsphantasie als Abwehrversuch gegen die Erinnerung 
der eigenen sexuellen Betätigung (Kindermasturbation) aufzulösen. 
Mit dieser Aufklärung entfiel die Betonung des „traumatischen" 
Elementes an den sexuellen Kindererlebnissen, und es blieb die 
Einsicht übrig, daß die infantile Sexualbetätigung (ob spontan 
oder provoziert) dem späteren Sexualleben nach der Reife die 
Richtung vorschreibt. Dieselbe Aufklärung, die ja den bedeut- 
samsten meiner anfänglichen Irrtümer korrigierte, mußte auch 
die Auffassung vom Mechanismus der hysterischen Symptome 
verändern. Dieselben erschienen nun nicht mehr als direkte 
Abkömmlinge der verdrängten Erinnerungen an sexuelle Kindheits- 



12 8 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



erlebnisse, sondern zwischen die Symptome und die infantilen 
Eindrücke schoben sich nun die (meist in den Pubertätsjahren 
produzierten) Phantasien (Erinnerungsdichtungen) der Kranken 
ein, die auf der einen Seite sich aus und über den Kindheits- 
erinnerungen aufbauten, auf der anderen sich unmittelbar in die 
Symptome umsetzten. Erst mit der Einführung des Elements 
der hysterischen Phantasien wurde das Gefüge der Neurose und 
deren Beziehung zum Leben der Kranken durchsichtig; auch 
ergab sich eine wirklich überraschende Analogie zwischen diesen 
unbewußten Phantasien der Hysteriker und den als Wahn bewußt 
gewordenen Dichtungen bei der Paranoia. 

Nach dieser Korrektur waren die „infantilen Sexualtraumen ' 
in gewissem Sinne durch den „Infantilismus der Sexualität" 
ersetzt. Eine zweite Abänderung der ursprünglichen Theorie lag 
nicht ferne. Mit der angenommenen Häufigkeit der Verführung 
in der Kindheit entfiel auch die übergroße Betonung der 
akzidentellen Beeinflussung der Sexualität, welcher ich bei 
der Verursachung des Krankseins die Hauptrolle zuschieben 
wollte, ohne darum konstitutionelle und hereditäre Momente zu 
leugnen. Ich hatte sogar gehofft, das Problem der Neurosenwahl, 
die Entscheidung darüber, welcher Form von Psychoneurose der 
Kranke verfallen solle, durch die Einzelheiten der sexuellen 
Kindererlebnisse zu lösen, und damals — wenn auch mit Zurück- 
haltung — gemeint, daß passives Verhalten bei diesen Szenen 
die spezifische Disposition zur Hysterie, aktives dagegen die für 
die Zwangsneurose ergebe. Auf diese Auffassung mußte ich 
später völlig Verzicht leisten, wenngleich manches Tatsächliche 
den geahnten Zusammenhang zwischen Passivität und Hysterie, 
Aktivität und Zwangsneurose in irgendeiner Weise aufrecht zu 
halten gebietet. Mit dem Rücktritt der akzidentellen Einflüsse 
des Erlebens mußten die Momente der Konstitution und Heredität 
wieder die Oberhand behaupten, aber mit dem Unterschiede 
gegen die sonst herrschende Anschauung, daß bei mir die 



Meine Ansichten über die Rolle der Sexualität usw. iaq 

„sexuelle Konstitution" an die Stelle der allgemeinen neuro- 
pathischen Disposition trat. In meinen jüngst erschienenen „Drei 
Abhandlungen zur Sexualtheorie" (1905) habe ich den Versuch 
gemacht, die Mannigfaltigkeiten dieser sexuellen Konstitution sowie 
die Zusammengesetztheit des Sexualtriebes überhaupt und dessen Her- 
kunft aus verschiedenen Beitragsquellen im Organismus zu schildern. 

Immer noch im Zusammenhange mit der veränderten Auf- 
fassung der „sexuellen Kindertraumen" entwickelte sich nun 
die Theorie nach einer Richtung weiter, die schon in den 
Veröffentlichungen der Jahre 1894. bis 1896 angezeigt worden 
war. Ich hatte bereits damals, und noch ehe die Sexualität in 
die ihr gebührende Stellung in der Ätiologie eingesetzt war, als 
Bedingung für die pathogene Wirksamkeit eines Erlebnisses 
angegeben, daß dieses dem Ich unerträglich erscheinen und ein 
Bestreben zur Abwehr hervorrufen müsse." Auf diese Abwehr 
hatte ich die psychische Spaltung — oder wie man damals sagte: 
die Bewußtseinsspaltung — der Hysterie zurückgeführt. Gelang 
die Abwehr, so war das unerträgliche Erlebnis mit seinen Affekt- 
folgen aus dem Bewußtsein und der Erinnerung des Ichs 
vertrieben; unter gewissen Verhältnissen entfaltete aber das 
Vertriebene als ein nun Unbewußtes seine Wirksamkeit und 
kehrte mittels der Symptome und der an ihnen haftenden Affekte 
ins Bewußtsein zurück, so daß die Erkrankung einem Mißglücken 
der Abwehr entsprach. Diese Auffassung hatte das Verdienst, auf 
das Spiel der psychischen Kräfte einzugehen und somit die 
seelischen Vorgänge der Hysterie den normalen anzunähern, 
anstatt die Charakteristik der Neurose in eine rätselhafte und 
weiter nicht analysierbare Störung zu verlegen. 

Als nun weitere Erkundigungen bei normal gebliebenen 
Personen das unerwartete Ergebnis lieferten, daß deren sexuelle 



1) Die Abwehr-Neuropsychosen. Versuch einer psychologischen Theorie der 
akquirierten Hysterie, vieler Phobien und Zwangsvorstellungen und gewisser 
halluzinatorischer Psychosen. Neurol. Zentralblatt, 1894. [Bd. I dieser Gesamtausgabe.! 

Freud, V. „ 



13 o Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

Kindergeschichte sich nicht wesentlich von dem Kinderleben der 
Neurotiker zu unterscheiden brauche, daß speziell die Rolle der 
Verführung bei ersteren die gleiche sei, traten die akzidentellen 
Einflüsse noch mehr gegen den der „Verdrängung" (wie 
ich anstatt „Abwehr" zu sagen begann) zurück. Es kam also 
nicht darauf an, was ein Individuum in seiner Kindheit an 
sexuellen Erregungen erfahren hatte, sondern vor allem auf seine 
Reaktion gegen diese Erlebnisse, ob es diese Eindrücke mit der 
Verdrängung" beantwortet habe oder nicht. Bei spontaner 
infantiler Sexualbetätigung ließ sich zeigen, daß dieselbe häufig 
im Laufe der Entwicklung durch einen Akt der Verdrängung 
abgebrochen wurde. Das geschlechtsreife neurotische Individuum 
brachte so ein Stück „Sexualverdrängung" regelmäßig aus seiner 
Kindheit mit, das bei den Anforderungen des realen Lebens zur 
Äußerung kam, und die Psychoanalysen Hysterischer zeigten, daß 
ihre Erkrankung ein Erfolg des Konflikts zwischen der Libido 
und der Sexualverdrängung sei und daß ihre Symptome den 
Wert von Kompromissen zwischen beiden seelischen Strömungen 
haben. 

Ohne eine ausführliche Erörterung meiner Vorstellungen von 
der Verdrängung könnte ich diesen Teil der Theorie nicht weiter 
aufklären. Es genüge, hier auf meine „Drei Abhandlungen zur 
Sexualtheorie" (1905) hinzuweisen, wo ich auf die somatischen 
Vorgänge, in denen das Wesen der Sexualität zu suchen ist, ein 
allerdings erst spärliches Licht zu werfen versucht habe. Ich 
habe dort ausgeführt, daß die konstitutionelle sexuelle Anlage 
des Kindes eine ungleich buntere ist, als man erwarten konnte, 
daß sie „polymorph pervers" genannt zu werden verdient, und 
daß aus dieser Anlage durch Verdrängung gewisser Komponenten 
das sogenannte normale Verhalten der Sexualfunktion hervorgeht. 
Ich konnte durch den Hinweis auf die infantilen Charaktere der 
Sexualität eine einfache Verknüpfung zwischen Gesundheit, 
Perversion und Neurose herstellen. Die Norm ergab sich aus der 






Meine Ansichten über die Rolle der Sexualität usw. 



151 



Verdrängung gewisser Partialtriebe und Komponenten der infantilen 
Anlagen und der Unterordnung der übrigen unter das Primat 
der Genitalzonen im Dienste der Fortpflanzungsfunktion ; die 
Perversionen entsprachen Störungen dieser Zusammenfassung 
durch die übermächtige zwangsartige Entwicklung einzelner dieser 
Partialtriebe, und die Neurose führte sich auf eine zu weitgehende 
Verdrängung der libidinösen Strebungen zurück. Da fast alle 
perversen Triebe der infantilen Anlage als symptombildende 
Kräfte bei der Neurose nachweisbar sind, sich aber bei ihr im 
Zustande der Verdrängung befinden, konnte ich die Neurose als 
das „Negativ" der Perversion bezeichnen. 

Ich halte es der Hervorhebung wert, daß meine Anschauungen 
über die Ätiologie der Psychoneurosen bei allen Wandlungen 
doch zwei Gesichtspunkte nie verleugnet oder verlassen haben, 
die Schätzung der Sexualität und des Infantilismus. 
Sonst sind an die Stelle akzidenteller Einflüsse konstitutionelle 
Momente, für die rein psychologisch gemeinte „Abwehr" ist die 
organische „Sexualverdrängung" eingetreten. Sollte nun jemand 
fragen, wo ein zwingender Beweis für die behauptete ätiologische 
Bedeutung sexueller Faktoren bei den Psychoneurosen zu finden 
sei, da man doch diese Erkrankungen auf die banalsten Gemüts- 
bewegungen und selbst auf somatische Anlässe hin ausbrechen 
sieht, auf eine spezifische Ätiologie in Gestalt besonderer Kinder- 
erlebnisse verzichten muß, so nenne ich die psychoanalytische 
Erforschung der Neurotiker als die Quelle, aus welcher die 
bestrittene Überzeugung zufließt. Man erfährt, wenn man sich 
dieser unersetzlichen Untersuchungsmethode bedient, daß die 
Symptome die Sexualbetätigung der Kranken dar- 
stellen, die ganze oder eine partielle, aus den Quellen normaler 
oder perverser Partialtriebe der Sexualität. Nicht nur, daß ein 
guter Teil der hysterischen Symptomatologie direkt aus den 
Äußerungen der sexuellen Erregtheit herstammt, nicht nur, daß 
eine Reihe von erogenen Zonen in der Neurose in Verstärkung 



9* 



13« 



Arbeiten zum Sexualleben und zur Ncurosenlchre 



infantiler Eigenschaften sich zur Bedeutung von Genitalien 
erhebt; die kompliziertesten Symptome selbst enthüllen sich als 
die konvertierten Darstellungen von Phantasien, welche eine 
sexuelle Situation zum Inhalte haben. Wer die Sprache der 
Hysterie zu deuten versteht, kann vernehmen, daß die Neurose 
nur von der verdrängten Sexualität der Kranken handelt. Man 
wolle nur die Sexualfunktion in ihrem richtigen, durch die infantile 
Anlage umschriebenen Umfange verstehen. Wo eine banale 
Emotion zur Verursachung der Erkrankung gerechnet werden 
muß, weist die Analyse regelmäßig nach, daß die nicht fehlende 
sexuelle Komponente des traumatischen Erlebnisses die pathogene 
Wirkung ausgeübt hat. 

Wir sind unversehens von der Frage nach der Verursachung 
der Psychoneurosen zum Problem ihres Wesens vorgedrungen. 
Will man dem Rechnung tragen, was man durch die Psycho- 
analyse erfahren hat, so kann man nur sagen, das Wesen dieser 
Erkrankungen liege in Störungen der Sexualvorgänge, jener 
Vorgänge im Organismus, welche die Bildung und Verwendung 
der geschlechtlichen Libido bestimmen. Es ist kaum zu vermeiden, 
daß man sich diese Vorgänge in letzter Linie als chemische 
vorstelle, so daß man in den sogenannten aktuellen Neurosen 
die somatischen, in den Psychoneurosen außerdem noch die 
psychischen Wirkungen der Störungen im Sexualstoffwechsel 
erkennen dürfte. Die Ähnlichkeit der Neurosen mit den Intoxi- 
kations- und Abstinenzerscheinungen nach gewissen Alkaloiden, 
mit dem Morbus Basedowi und Morbus Addisoni drängt sich 
ohne weiteres klinisch auf, und sowie man diese beiden letzteren 
Erkrankungen nicht mehr als „Nervenkrankheiten" beschreiben 
darf, so werden wohl auch bald die echten „Neurosen" ihrer 
Namengebung zum Trotze aus dieser Klasse entfernt werden 
müssen. 

Zur Ätiologie der Neurosen gehört dann alles, was schädigend 
auf die der Sexualfunktion dienenden Vorgänge einwirken kann. 



Meine Ansichten über die Rolle der Sexualität usw. 133 

In erster Linie also die Noxen, welche die Sexualfunktion 
selbst betreffen, insoferne diese von der mit Kultur und Erziehung 
veränderlichen Sexualkonstitution als Schädlichkeiten angenommen 
werden. In zweiter Linie stehen alle andersartigen Noxen und 
Traumen, welche sekundär durch Allgemeinschädigung des 
Organismus die Sexual Vorgänge in demselben zu schädigen 
vermögen. Man vergesse aber nicht, daß das ätiologische Problem 
bei den Neurosen mindestens ebenso kompliziert ist wie sonst 
bei der Krankheitsverursachung. Eine einzige pathogene Ein- 
wirkung ist fast niemals hinreichend; zu allermeist wird eine 
Mehrheit von ätiologischen Momenten erfordert, die einander 
unterstützen, die man also nicht in Gegensatz zu einander bringen 
darf. Dafür ist auch der Zustand des neurotischen Krankseins 
von dem der Gesundheit nicht scharf geschieden. Die Erkrankung 
ist das Ergebnis einer Summation, und das Maß der ätiologischen 
Bedingungen kann von irgendeiner Seite her voll gemacht 
werden. Die Ätiologie der Neurosen ausschließlich in der 
Heredität oder in der Konstitution zu suchen, wäre keine 
geringere Einseitigkeit, als wenn man einzig die akzidentellen 
Beeinflussungen der Sexualität im Leben zur Ätiologie erheben 
wollte, wenn sich doch die Aufklärung ergibt, daß das Wesen 
dieser Erkrankungen nur in einer Störung der Sexualvorgänge 
im Organismus gelegen ist. 






ZUR SEXUELLEN AUFKLÄRUNG DER 

KINDER 

OFFENER BRIEF AN Dr. M. FÜRST 

Dieser Offene Brief erschien in „Soziale Medizin 
und Hygiene", Bd. II, lyo-j, dann in der Zweiten Folge 
der „Sammlung kleiner Schriften zur Xcurosenlehrc". 

Geehrter Herr Kollege) 

Wenn Sie von mir eine Äußerung über die „sexuelle Auf- 
klärung der Kinder" verlangen, so nehme ich an, daß Sie keine 
regelrechte und förmliche Abhandlung mit Berücksichtigung der 
ganzen, über Gebühr angewachsenen Literatur erwarten, sondern 
das selbständige Urteil eines einzelnen Arztes hören wollen, dem 
seine Berufstätigkeit besondere Anregung geboten hat, sich mit 
den sexuellen Problemen zu beschäftigen. Ich weiß, daß Sie meine 
wissenschaftlichen Bemühungen mit Interesse verfolgt haben und 
mich nicht wie viele andere Kollegen darum ohne Prüfung 
abweisen, weil ich in der psychosexuellen Konstitution und in 
Schädlichkeiten des Sexuallebens die wichtigsten Ursachen der so 
häufigen neurotischen Erkrankungen erblicke; auch meine „Drei 
Abhandlungen zur Sexualtheorie", in denen ich die Zusammen- 
setzung des Geschlechtstriebes und die Störungen in der Entwicklung 
des Geschlechtstriebes zur Sexualfunklion darlege, haben kürzlich 
eine freundliche Erwähnung in Ihrer Zeitschrift gefunden. 

Ich soll Ihnen also die Fragen beantworten, ob man den 
Kindern überhaupt Aufklärungen über die Tatsachen des 
Geschlechtslebens geben darf, in welchem Alter dies geschehen 



Zur sexuellen Aufklärung der Kinder 155 



kann und in welcher Weise. Nehmen Sie nun gleich zu Anfang 
mein Geständnis entgegen, daß ich eine Diskussion über den 
zweiten und dritten Punkt ganz begreiflich finde, daß es aber 
für meine Einsicht völlig unfaßbar ist, wie der erste dieser Frage- 
punkte ein Gegenstand von Meinungsverschiedenheit werden 
konnte. Was will man denn erreichen, wenn man den Kindern 
— oder sagen wir der Jugend — solche Aufklärungen über das 
menschliche Geschlechtsleben vorenthält? Fürchtet man, ihr 
Interesse für diese Dinge vorzeitig zu wecken, ehe es sich in 
ihnen selbst regt? Hofft man, durch solche Verhehlung den 
Geschlechtstrieb überhaupt zurückzuhalten bis zur Zeit, da er 
in die ihm von der bürgerlichen Gesellschaftsordnung allein 
geöffneten Bahnen einlenken kann? Meint man, daß die Kinder 
für die Tatsachen und Rätsel des Geschlechtslebens kein Inter- 
esse oder kein Verständnis zeigten, wenn sie nicht von fremder 
Seite darauf hingewiesen würden? Hält man es für möglich, 
daß ihnen die Kenntnis, welche man ihnen versagt, nicht, auf 
anderen Wegen zugeführt wird? Oder verfolgt man wirklich 
und ernsthaft die Absicht, daß sie späterhin alles Geschlechtliche 
als etwas Niedriges und Verabscheuenswertes beurteilen mögen, 
von dem ihre Eltern und Erzieher sie so lange als möglich fern- 
halten wollten? 

Ich weiß wirklich nicht, in welcher dieser Absichten ich 
das Motiv für das tatsächlich geübte Verstecken des Sexuellen 
vor den Kindern erblicken soll; ich weiß nur, daß sie alle gleich 
töricht sind, und daß es mir schwer fällt, sie durch ernsthafte 
Widerlegungen auszuzeichnen. Ich erinnere mich aber, daß ich 
in den Familienbriefen des großen Denkers und Menschenfreundes 
Multatuli einige Zeilen gefunden habe, die als Antwort mehr 
als bloß genügen können." 

Im allgemeinen werden einzelne Dinge nach meinem Gefühl 
zu sehr umschleiert. Man tut recht, die Phantasie der Kinder 

1) M ul tatul i -Briefe, herausgegeben von W. S p o h r, igo6, Bd. I, S. 26. 



156 



Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehrc 



reinzuhalten, aber diese Reinheit wird nicht bewahrt durch 
Unwissenheit. Ich glaube eher, daß das Verdecken von etwas den 
Knaben und das Mädchen um so mehr die Wahrheit argwöhnen 
läßt. Man spürt aus Neugierde Dingen nach, die uns, wenn sie 
uns ohne viel Umstände mitgeteilt würden, wenig oder kein 
Interesse einflößen würden. Wäre diese Unwissenheit noch zu be- 
wahren, so könnte ich mich damit versöhnen, aber das ist nicht 
möglich; das Kind kommt in Berührung mit anderen Kindern, es 
bekommt Bücher in die Hände, die es zum Nachdenken bringen; 
gerade die Geheimtuerei, womit das dennoch Begriffene von den 
Eltern behandelt wird, erhöht das Verlangen, mehr zu wissen. 
Dieses Verlangen, nur zum Teil, nur heimlich befriedigt, erhitzt 
das Herz und verdirbt die Phantasie, das Kind sündigt bereits, und 
die Eltern meinen noch, daß es nicht weiß, was Sünde ist." 

Ich weiß nicht, was man hierüber Besseres sagen könnte, 
aber vielleicht läßt sich einiges hinzufügen. Es ist gewiß nichts 
anderes als die gewohnte Prüderie und das eigene schlechte 
Gewissen in Sachen der Sexualität, was die Erwachsenen zur 
„Geheimtuerei" vor den Kindern veranlaßt; aber möglicherweise 
wirkt da auch ein Stück theoretischer Unwissenheit mit, dem 
man durch die Aufklärung der Erwachsenen entgegentreten kann. 
Man meint nämlich, daß den Kindern der Geschlechtstrieb fehle 
und sich erst zur Pubertätszeit mit der Reife der Geschlechts- 
organe bei ihnen einstelle. Das ist ein grober, für die Kenntnis 
wie für die Praxis folgenschwerer Irrtum. Es ist so leicht, ihn 
durch die Beobachtung zu korrigieren, daß man sich verwundern 
muß, wie er überhaupt entstehen konnte. In Wahrheit bringt 
das Neugeborene Sexualität mit auf die Welt, gewisse Sexual- 
empfindungen begleiten seine Entwicklung durch die Säuglings- 
und Kinderzeiten, und die wenigsten Kinder dürften sexuellen 
Betätigungen und Empfindungen vor ihrer Pubertät entgehen. 
Wer die ausführliche Darlegung dieser Behauptungen kennen 
lernen will, möge sie in meinen erwähnten „Drei Abhandlungen 



1 



Zur sexuellen Aufklärung der Kinder 157 

zur Sexualtheorie, Wien 1905" aufsuchen. Er wird dort erfahren, 
daß die eigentlichen Reproduktionsorgane nicht die einzigen 
Körperteile sind, welche sexuelle Lustempfindungen vermitteln, 
und daß die Natur es recht zwingend so eingerichtet hat, daß 
selbst Reizungen der Genitalien während der Kinderzeit unver- 
meidlich sind. Man bezeichnet diese Lebenszeit, in welcher durch 
die Erregung verschiedener Hautstellen (erogener Zonen), durch 
die Betätigung gewisser biologischer Triebe und als Miterregung 
bei vielen affektiven Zuständen ein gewisser Betrag von sicher 
sexueller Lust erzeugt wird, mit einem von Havelock Ellis 
eingeführten Ausdrucke als die Periode des Autoerotismus. Die 
Pubertät leistet nichts anderes, als daß sie unter allen lust- 
erzeugenden Zonen und Quellen den Genitalien das Primat 
verschafft und dadurch die Erotik in den Dienst der Fortpflanzungs- 
funktion zwingt, ein Prozeß, der natürlich gewissen Hemmungen 
unterliegen kann und sich bei vielen Personen, den späteren 
Perversen und Neurotikern, nur in unvollkommener Weise voll- 
zieht. Anderseits ist das Kind der meisten psychischen Leistungen 
des Liebeslebens (der Zärtlichkeit, der Hingebung, der Eifersucht) 
lange vor erreichter Pubertät fähig, und oft genug stellt sich auch 
der Durchbruch dieser seelischen Zustände zu den körperlichen 
Empfindungen der Sexualerregung her, so daß das Kind über 
die Zusammengehörigkeit der beiden nicht im Zweifel bleiben 
kann. Kurz gesagt, das Kind ist lange vor der Pubertät ein bis auf 
die Fortpflanzungsfähigkeit fertiges Liebeswesen, und man darf es 
aussprechen, daß man ihm mit jener „Geheimtuerei" nur die Fähig- 
keit zur intellektuellen Bewältigung solcher Leistungen vorenthält, 
für die es psychisch vorbereitet und somatisch eingestellt ist. 

Das intellektuelle Interesse des Kindes für die Rätsel des 
Geschlechtslebens, seine sexuelle Wißbegierde äußert sich denn 
auch zu einer unvermutet frühen Lebenszeit. Es muß wohl so 
zugehen, daß die Eltern für dieses Interesse des Kindes wie mit 
Blindheit geschlagen sind oder sich sofort bemühen, es zu 



13» 



Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenielire 



ersticken, falls sie es nicht übersehen können, wenn Beobachtungen 
wie die nun mitzuteilende nicht häufiger gemacht werden können. 
Ich kenne da einen prächtigen Jungen von jetzt vier Jahren, 
dessen verständige Eltern darauf verzichten, ein Stück der Ent- 
wicklung des Kindes gewaltsam zu unterdrücken. Der kleine 
Hans, der sicherlich keinem verführenden Einflüsse von Seiten 
einer Warteperson unterlegen ist, zeigt schon seit einiger Zeit 
das lebhafteste Interesse für jenes Stück seines Körpers, das er 
als „ Wiwimacher" zu bezeichnen pflegt. Schon mit drei Jahren 
hat er die Mutter gefragt: „Mama, hast du auch einen Wiwi- 
macher?" Worauf die Mama geantwortet: „Natürlich, was hast 
du denn gedacht?" Dieselbe Frage hat er zu wiederholten Malen 
an den Vater gerichtet. Im selben Alter zuerst in einen Stall 
geführt, hat er beim Melken einer Kuh zugeschaut und dann 
verwundert ausgerufen: „Schau, aus dem Wiwimacher kommt 
Milch." Mit dreidreiviertel Jahren ist er auf dem Wege, durch 
seine Beobachtungen selbständig richtige Kategorien zu entdecken. 
Er sieht, wie aus einer Lokomotive Wasser ausgelassen wird und 
sagt: „Schau, die Lokomotive macht Wivvi; wo hat sie denn den 
Wiwimacher?" Später setzt er nachdenklich hinzu: „Ein Hund 
und ein Pferd hat einen Wiwimacher; ein Tisch und ein Sessel 
nicht." Vor kurzem hat er zugesehen, wie man sein ein wöchiges 
Schwesterchen badet, und dabei bemerkt: „Aber ihr Wiwi- 
macher ist noch klein. Wenn sie wächst, wird er schon größer 
werden." (Dieselbe Stellung zum Problem der Geschlechtsunter- 
schiede ist mir auch von arideren Knaben gleichen Alters berichtet 
worden.) Ich möchte ausdrücklich bestreiten, daß der kleine Hans 
ein sinnliches oder gar ein pathologisch veranlagtes Kind sei; ich 
meine nur, er ist nicht eingeschüchtert worden, wird nicht vom 
Schuldbewußtsein geplagt und gibt, darum arglos von seinen 
Denkvorgängen Kunde. 1 

1) [Zusatz 1924:] Über die spätere neurotische Krkrankung und Herstellung dieses 
„kleinen Hans" siehe „Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben" im VIIF. Band 
dieser Gesamtausgabe. 



Zur sexuellen Aufklärung der Kinder 159 

Das zweite große Problem, welches dem Denken der Kinder 
— wohl erst in etwas späteren Jahren — Aufgaben stellt, ist 
die Frage nach der Herkunft der Kinder, die zumeist an die 
unerwünschte Erscheinung eines neuen kleinen Bruders oder 
Schwesterchens anknüpft. Es ist dies die älteste und die brennendste 
Frage der jungen Menschheit; wer Mythen und Überlieferungen 
zu deuten versteht, kann sie aus dem Rätsel heraushören, welches 
die thebaische Sphinx dem Ödipus aufgibt. Durch die in der 
Kinderstube gebräuchlichen Antworten wird der ehrliche Forscher- 
trieb des Kindes verletzt, meist auch dessen Vertrauen zu seinen 
Eltern zum erstenmal erschüttert 5 von da an beginnt es zumeist 
den Erwachsenen zu mißtrauen und seine intimsten Interessen 
vor ihnen geheimzuhalten. Ein kleines Dokument mag zeigen, 
wie quälend sich gerade diese Wißbegierde oft bei älteren Kindern 
gestaltet, der Brief eines mutterlosen, elfeinhalbj ährigen Mädchens, 
welches über das Problem mit seiner jüngeren Schwester 
spekuliert hat : 

„Liebe Tante Mali!" 

„Ich bitte Dich, sei so gut und schreibe mir, wie Du die Christel oder 
den Paul bekommen hast. Du mußt es ja wissen, da Du verheiratet bist. 
Wir haben uns nämlich gestern abend darüber gestritten und wünschen 
die Wahrheit zu wissen. Wir haben ja sonst niemanden, den wir fragen 
könnten. Wann kommt Ihr denn nach Salzburg? Weißt Du, liebe Tante 
Mali, wir können halt nicht begreifen, wie der Storch die Kinder bringt. 
Trudel hat geglaubt, der Storch bringt sie im Hemde. Dann möchten wir 
auch wissen, ob er sie aus dem Teiche nimmt und warum man die 
Kinder nie im Teich sieht. Ich bitte Dich, sag' mir auch, wieso man 
vorher weiß, wann man sie bekommt. Schreibe mir darüber ausführlich 
Antwort. 

Mit tausend Grüßen und Küssen von uns allen 

Deine neugierige Lilli. l 

Ich glaube nicht, daß dieser rührende Brief den beiden Schwestern 
die geforderte Aufklärung brachte. Die Schreiberin ist später an 



14° Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre. 



jener Neurose erkrankt, die sich von unbeantworteten unbewußten 
Fragen ableitet, an Zwangsgrübelsucht. 1 

Ich glaube nicht, daß nur ein einziger Grund vorliegt, um 
Kindern die Aufklärung, nach der ihre Wißbegierde verlangt, zu 
verweigern. Freilich, wenn es die Absicht der Erzieher ist, die 
Fähigkeit der Kinder zum selbständigen Denken möglichst früh- 
zeitig zugunsten der so hochgeschätzten „Bravheit" zu ersticken, 
so kann dies nicht besser als durch Irreführung auf sexuellem 
und durch Einschüchterung auf religiösem Gebiete versucht 
werden. Die stärkeren Naturen widerstehen allerdings diesen 
Beeinflussungen und werden zu Rebellen gegen die elterliche und 
später gegen jede andere Autorität. Erhalten die Kinder jene 
Aufklärungen nicht, um die sie sich an Ältere gewendet haben, 
so quälen sie sich im Geheimen mit dem Problem weiter und 
bringen. Lösungsversuche zustande, in denen das geahnte Richtige 
auf die merkwürdigste Weise mit grotesk Unrichtigem vermengt 
ist, oder sie flüstern einander Mitteilungen zu, in welchen zufolge 
des Schuldbewußtseins der jugendlichen Forscher dem Sexualleben 
das Gepräge des Gräßlichen und Ekelhaften aufgedrückt wird. 
Diese kindlichen Sexualtheorien wären wohl einer Sammlung und 
Würdigung wert. Meist haben die Kinder von diesem Zeitpunkte 
an die einzig richtige Stellung zu den Fragen des Geschlechts 
verloren, und viele unter ihnen finden sie überhaupt nicht 
wieder. 

Es scheint, daß die überwiegende Mehrheit männlicher und 
weiblicher Autoren, welche über die sexuelle Aufklärung der 
Jugend geschrieben haben, sich im bejahenden Sinn entscheiden. 
Aber aus dem Ungeschick der meisten Vorschläge, wann und 
wie dies zu geschehen hat, ist man versucht zu schließen, daß 
dies Zugeständnis den Betreffenden nicht leicht geworden ist. 
Ganz vereinzelt steht nach meiner Literaturkenntnis jener 
reizende Aufklärungsbrief da, de n eine Frau Emma Eckstein 

l) Die Grübelsucht machte aber nach Jahren einer Dementia praecox Platz. 






Zur sexuellen Aufklärung der Kinder 141 



an ihren etwa zehnjährigen Sohn zu schreiben vorgibt.' Wie 
man es sonst macht, daß man den Kindern die längste Zeit jede 
Kenntnis des Sexuellen vorenthält, um ihnen dann einmal in 
schwülstig-feierlichen Worten eine auch nur halb aufrichtige 
Eröffnung zu schenken, die überdies meist zu spät kommt, das 
ist offenbar nicht ganz das Richtige. Die meisten Beantwortungen 
der Frage „wie sag's ich meinem Kinde?" machen mir 
wenigstens einen so kläglichen Eindruck, daß ich vorziehen 
würde, wenn die Eltern sich überhaupt nicht um die Aufklärung 
bekümmern würden. Es kommt vielmehr darauf an, daß die 
Kinder niemals auf die Idee geraten, man wolle ihnen aus den 
Tatsachen des Geschlechtslebens eher ein Geheimnis machen als 
aus anderem, was ihrem Verständnisse noch nicht zugänglich ist 
Und um dies zu erzielen, ist es erforderlich, daß das Geschlecht- 
liche von allem Anfange an gleich wie anderes Wissenswerte 
behandelt werde. Vor allem ist es Aufgabe der Schule, der 
Erwähnung des Geschlechtlichen nicht auszuweichen, die großen 
Tatsachen der Fortpflanzung beim Unterrichte über die Tierwelt 
in ihre Bedeutung einzusetzen und sogleich zu betonen, daß der 
Mensch alles Wesentliche seiner Organisation mit den höheren 
Tieren teilt. Wenn dann das Haus nicht auf Denkabschreckung 
hinarbeitet, wird es sich wohl öfter ereignen, was ich einmal in 
einer Kinderstube belauscht habe, daß ein Knabe seinem jüngeren 
Schwesterchen vorhält: „Aber wie kannst du denken, daß der 
Storch die kleinen Kinder bringt. Du weißt ja, daß der Mensch 
ein Säugetier ist, und glaubst du denn, daß der Storch den 
anderen Säugetieren die Jungen bringt?" Die Neugierde des 
Kindes wird dann nie einen hohen Grad erreichen, wenn sie 
auf jeder Stufe des Lernens die entsprechende Befriedigung findet. 
Die Aufklärung über die spezifisch menschlichen Verhältnisse des 
Geschlechtslebens und der Hinweis auf die soziale Bedeutung 
desselben hätte sich dann am Schlüsse des Volksschulunterrichtes 

1) E. Eckstein, Die Sexualfrage in der Erziehung des Kindes. 1904. 



142 



Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



(und vor Eintritt in die Mittelschule), also nicht nach dem 
Alter von zehn Jahren, anzuschließen. Endlich würde sich der 
Zeitpunkt der Konfirmation wie kein anderer dazu eignen, dem 
bereits über alles Körperliche aufgeklärten Kinde die sittlichen 
Verpflichtungen, welche an die Ausübung des Triebes geknüpft 
sind, darzulegen. Eine solche stufenweise fortschreitende und 
eigentlich zu keiner Zeit unterbrochene Aufklärung über das 
Geschlechtsleben, zu welcher die Schule die Initiative ergreift, 
erscheint mir als die einzige, welche der Entwicklung des Kindes 
Rechnung trägt und darum die vorhandene Gefahr glücklich 
vermeidet. 

Ich halte es für den bedeutsamsten Fortschritt in der Kinder- 
erziehung, daß der französische Staat an Stelle des Katechismus 
ein Elementarbuch eingeführt hat, welches dem Kinde die ersten 
Kenntnisse seiner staatsbürgerlichen Stellung und der ihm dereinst 
zufallenden ethischen Pflichten vermittelt. Aber dieser Elementar- 
unterricht ist in arger Weise unvollständig, wenn er nicht das 
Gebiet des Geschlechtslebens mit umschließt. Hier ist die Lücke, 
deren Ausfüllung Erzieher und Reformer in Angriff nehmen 
sollten! In Staaten, welche die Kindereiziehung ganz oder teil- 
weise in den Händen der Geistlichkeit belassen haben, darf man 
allerdings solche Forderung nicht erheben. Der Geistliche wird 
die Wesensgleichheit von Mensch und Tier nie zugeben, da er 
auf die unsterbliche Seele nicht verrichten kann, die er braucht, 
um die Moralforderung zu begründen. So bewährt es sich denn 
wieder einmal, wie unklug es ist, einem zerlumpten Rock einen 
einzigen seidenen Lappen aufzunähen, wie unmöglich es ist, eine 
vereinzelte Reform durchzuführen, ohne an den Grundlagen des 
vSystems zu ändern ! 



DIE »KULTURELLE« SEXUALMORAL UND 
DIE MODERNE NERVOSITÄT 

Erschien in ^Sexualprobleme", der Zeitschrift 
„Mutterschutz" neue Folge, IV. Jahrg., 1908, dann 
in der Zweiten Folge der „Sammlung kleiner 
Schriften zur Neurosenlehre". Die Arbeit erschien 
in holländischer Übersetzung von A. Stärcke, 1914, 
in russischer von Wyruboiu, Moskau 1912. 

In seiner kürzlich veröffentlichten Sexualethik 1 verweilt 
v. Ehrenfels bei der Unterscheidung der „natürlichen" und 
der „kulturellen" Sexualmoral. Als natürliche Sexualmoral sei 
diejenige zu verstehen, unter deren Herrschaft ein Menschen- 
stamm sich andauernd bei Gesundheit und Lebenstüchtigkeit zu 
erhalten vermag, als kulturelle diejenige, deren Befolgung die 
Menschen vielmehr zu intensiver und produktiver Kulturarbeit 
anspornt. Dieser Gegensatz werde am besten durch die 
Gegenüberstellung von konstitutivem und kulturellem 
Besitz eines Volkes erläutert. Indem ich für die weitere 
Würdigung dieses bedeutsamen Gedankenganges auf die Schrift 
von v. Ehrenfels selbst verweise, will ich aus ihr nur soviel 
herausheben, als es für die Anknüpfung meines eigenen Beitrages 

bedarf. 

Die Vermutung liegt nahe, daß unter der Herrschaft einer 
kulturellen Sexualmoral Gesundheit und Lebenstüchtigkeit der 
einzelnen Menschen Beeinträchtigungen ausgesetzt sein können, 

i) Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens, herausgegeben v. L. Löwenfeld, 
LVI, Wiesbaden 1907. 



i 4 4 



Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



und daß endlich diese Schädigung der Individuen durch die 
ihnen auferlegten Opfer einen so hohen Grad erreiche, daß auf 
diesem Umwege auch das kulturelle Endziel in Gefahr geriete. 
v. Ehrenfels weist auch wirklich der unsere gegenwärtige 
abendländische Gesellschaft beherrschenden Sexualmoral eine 
Reihe von Schäden nach, für die er sie verantwortlich machen 
muß, und obwohl er ihre hohe Eignung zur Förderung der 
Kultur voll anerkennt, gelangt er dazu, sie als reformbedürftig 
zu verurteilen. Für die uns beherrschende kulturelle Sexualmoral 
sei charakteristisch die Übertragung femininer Anforderungen 
auf das Geschlechtsleben des Mannes und die Verpönung eines 
jeden Sexualverkehres mit Ausnahme des ehelich-monogamen. 
Die Rücksicht auf die natürliche Verschiedenheit der Geschlechter 
nötige dann allerdings dazu, Vergehungen des Mannes minder 
rigoros zu ahnden und somit tatsächlich eine doppelte Moral 
für den Mann zuzulassen. Eine Gesellschaft aber, die sich auf 
diese doppelte Moral einläßt, kann es in „Wahrheitsliebe, 
Ehrlichkeit und Humanität"' nicht über ein bestimmtes, eng 
begrenztes Maß hinausbringen, muß ihre Mitglieder zur Ver- 
hüllung der Wahrheit, zur Schönfärberei, zum Selbstbetruge wie 
zum Betrügen anderer anleiten. Noch schädlicher wirkt die 
kulturelle Sexualmoral, indem sie durch die Verherrlichung der 
Monogamie den Faktor der virilen Auslese lahmlegt, durch 
dessen Einfluß allein eine Verbesserung der Konstitution zu 
gewinnen sei, da die vitale Auslese bei den Kulturvölkern 
durch Humanität und Hygiene auf ein Minimum herabgedrückt 
werde. 4 

Unter den der kulturellen Sexualmoral zur Last gelegten 
Schädigungen vermißt nun der Arzt die eine, deren Bedeutung 
hier ausführlich erörtert werden soll. Ich meine die auf sie 
zurückzuführende Förderung der modernen, das heißt in unserer 






1) Sexualethik, S. 52 ff. 
a) a. a. O. S. 35. 



Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität 145 

gegenwärtigen Gesellschaft sich rasch ausbreitenden Nervosität. 
Gelegentlich macht ein nervös Kranker selbst den Arzt auf den 
in der Verursachung des Leidens zu beachtenden Gegensatz von 
Konstitution und Kulturanforderung aufmerksam, indem er äußert: 
„Wir in unserer Familie sind alle nervös geworden, weil wir 
etwas Besseres sein wollten, als wir nach unserer Herkunft sein 
können." Auch wird der Arzt häufig genug durch die Beobachtung 
nachdenklich gemacht, daß gerade die Nachkommen solcher 
Väter der Nervosität verfallen, die, aus einfachen und gesunden 
ländlichen Verhältnissen stammend, Abkömmlinge roher aber 
kräftiger Familien, als Eroberer in die Großstadt kommen 
und ihre Kinder in einem kurzen Zeitraum auf ein kulturell 
hohes Niveau sich erheben lassen. Vor allem aber haben die 
Nervenärzte selbst laut den Zusammenhang der „wachsenden 
Nervosität" mit dem modernen Kulturleben proklamiert. Worin 
sie die Begründung dieser Abhängigkeit suchen, soll durch 
einige Auszüge aus Äußerungen hervorragender Beobachter dar- 
getan werden. 

W. Erb: 1 „Die ursprünglich gestellte Frage lautet nun dahin, 
ob die Ihnen vorgeführten Ursachen der Nervosität in unserem 
modernen Dasein in so gesteigertem Maße gegeben sind, daß 
sie eine erhebliche Zunahme derselben erklärlich machen — und 
diese Frage darf wohl unbedenklich bejaht werden, wie ein 
flüchtiger Blick auf unser modernes Leben und seine Gestaltung 
zeigen wird. 

„Schon aus einer Reihe allgemeiner Tatsachen geht dies 
deutlich hervor: die außerordentlichen Errungenschaften der 
Neuzeit, die Entdeckungen und Erfindungen auf allen Gebieten, 
die Erhaltung des Fortschrittes gegenüber der wachsenden 
Konkurrenz sind nur erworben worden durch große geistige 
Arbeit und können nur mit solcher erhalten werden. Die Ansprüche 
an die Leistungsfähigkeit des einzelnen im Kampfe ums Dasein 

1) Über die wachsende Nervosität unserer Zeit. 1895. 

Freud, V. 10 






146 



Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlchre 



sind erheblich gestiegen, und nur mit Aufbietung all seiner 
geistigen Kräfte kann er sie befriedigen; zugleich sind die 
Bedürfnisse des einzelnen, die Ansprüche an Lebensgenuß in 
allen Kreisen gewachsen, ein unerhörter Luxus hat sich auf 
Bevölkerungsschichten ausgebreitet, die früher davon ganz unberührt 
waren; die Religionslosigkeit, die Unzufriedenheit und Begehr- 
lichkeit haben in weiten Volkskreisen zugenommen; durch den 
ins Ungemessene gesteigerten Verkehr, durch die weltumspannenden 
Drahtnetze des Telegraphen und Telephons haben sich die 
Verhältnisse in Handel und Wandel total verändert: alles geht 
in Hast und Aufregung vor sich, die Nacht wird zum Reisen, 
der Tag für die Geschäfte benützt, selbst die „Erholungsreisen" 
werden zu Strapazen für das Nervensystem; große politische, 
industrielle, finanzielle Krisen tragen ihre Aufregung in viel 
weitere Bevölkerungskreise als früher; ganz allgemein ist die 
Anteilnahme am politischen Leben geworden: politische, religiöse, 
soziale Kämpfe, das Parteitreiben, die Wahlagitationen, das ins 
Maßlose gesteigerte Vereinswesen erhitzen die Köpfe und zwingen 
die Geister zu immer neuen Anstrengungen und rauben die Zeit 
zur Erholung, Schlaf und Ruhe; das Leben in den großen 
Städten ist immer raffinierter und unruhiger geworden. Die 
erschlafften Nerven suchen ihre Erholung in gesteigerten Reizen, 
in stark gewürzten Genüssen, um dadurch noch mehr zu ermüden; 
die moderne Literatur beschäftigt sich vorwiegend mit den 
bedenklichsten Problemen, die alle Leidenschaften aufwühlen, die 
Sinnlichkeit und Genußsucht, die Verachtung aller ethischen 
Grundsätze und aller Ideale fördern; sie bringt pathologische 
Gestalten, psychopathisch-sexuelle, revolutionäre und andere Probleme 
vor den Geist des Lesers; unser Ohr wird von einer in großen 
Dosen verabreichten, aufdringlichen und lärmenden Musik erregt 
und überreizt, die Theater nehmen alle Sinne mit ihren aufregenden 
Darstellungen gefangen; auch die bildenden Künste wenden sich 
mit Vorliebe dem Abstoßenden, Häßlichen und Aufregenden zu 



Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität 147 

und scheuen sich nicht, auch das Gräßlichste, was die Wirklich- 
keit bietet, in abstoßender Realität vor unser Auge zu stellen." 

„So zeigt dies allgemeine Bild schon eine Reihe von Gefahren 
in unserer modernen Kulturentwicklung; es mag im einzelnen 
noch durch einige Züge vervollständigt werden!" 

Binswanger: 1 „Man hat speziell die Neurasthenie als eine 
durchaus moderne Krankheit bezeichnet, und Beard, dem wir 
zuerst eine übersichtliche Darstellung derselben verdanken, glaubte 
daß er eine neue, speziell auf amerikanischem Boden erwachsene 
Nervenkrankheit entdeckt habe. Diese Annahme war natürlich 
eine irrige 5 wohl aber kennzeichnet die Tatsache, daß zuerst ein 
amerikanischer Arzt die eigenartigen Züge dieser Krankheit 
auf Grund einer reichen Erfahrung erfassen und festhalten konnte, 
die nahen Beziehungen, welche das moderne Leben, das ungezügelte 
Hasten und Jagen nach Geld und Besitz, die ungeheuren Fort- 
schritte auf technischem Gebiete, welche alle zeitlichen und 
räumlichen Hindernisse des Verkehrslebens illusorisch gemacht 
haben, zu dieser Krankheit aufweisen." 

v. Krafft-Ebing: 2 „Die Lebensweise unzähliger Kultur- 
menschen weist heutzutage eine Fülle von antihygienischen 
Momenten auf, die es ohne weiteres begreifen lassen, daß die 
Nervosität in fataler Weise um sich greift, denn diese schädlichen 
Momente wirken zunächst und zumeist aufs Gehirn. In den 
politischen und sozialen, speziell den merkantilen, industriellen, 
agrarischen Verhältnissen der Kulturnationen haben sich eben im 
Laufe der letzten Jahrzehnte Änderungen vollzogen, die Beruf, 
bürgerliche Stellung, Besitz gewaltig umgeändert haben, und zwar 
auf Kosten des Nervensystems, das gesteigerten sozialen und 
wirtschaftlichen Anforderungen durch vermehrte Verausgabung 
an Spannkraft bei vielfach ungenügender Erholung gerecht 
werden muß. 

1) Die Pathologie und Therapie der Neurasthenie. 1896. 

2) Nervosität und neurasthenische Zustände, 1895, p. 11. (In Nothnagels 
Handbuch der spez. Pathologie und Therapie.) 

10* 



148 



Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



Ich habe an diesen ■ — und vielen anderen ähnlich klingenden 
— Lehren auszusetzen, nicht daß sie irrtümlich sind, sondern 
daß sie sich unzulänglich erweisen, die Einzelheiten in der 
Erscheinung der nervösen Störungen aufzuklären, und daß sie 
gerade das bedeutsamste der ätiologisch wirksamen Momente außer 
acht lassen. Sieht man von den unbestimmteren Arten, „nervös" 
zu sein, ab und faßt die eigentlichen Formen des nervösen 
Krankseins ins Auge, so reduziert sich der schädigende Einfluß 
der Kultur im wesentlichen auf die schädliche Unterdrückung des 
Sexuallebens der Kulturvölker (oder Schichten) durch die bei 
ihnen herrschende „kulturelle" Sexualmoral. 

Den Beweis für diese Behauptung habe ich in einer Reihe 
fachmännischer Arbeiten zu erbringen gesucht 1 ; er kann hier nicht 
wiederholt werden, doch will ich die wichtigsten Argumente 
aus meinen Untersuchungen auch an dieser Stelle anführen. 

Geschärfte klinische Beobachtung gibt uns das Recht, von den 
nervösen Krankheitszuständen zwei Gruppen zu unterscheiden, 
die eigentlichen Neurosen und die Psychoneurosen. Bei 
den ersteren scheinen die Störungen (Symptome), mögen sie sich 
in den körperlichen oder in den seelischen Leistungen äußern, 
toxischer Natur zu sein: sie verhalten sich ganz ähnlich wie 
die Erscheinungen bei übergroßer Zufuhr oder bei Entbehrung 
gewisser Nervengifte. Diese Neurosen — meist als Neurasthenie 
zusammengefaßt — können nun, ohne daß die Mithilfe einer 
erblichen Belastung erforderlich wäre, durch gewisse schädliche 
Einflüsse des Sexuallebens erzeugt werden, und zwar korre- 
spondiert die Form der Erkrankung mit der Art dieser Schädlich- 
keiten, so daß man oft genug das klinische Bild ohne weiteres 
zum Rückschluß auf die besondere sexuelle Ätiologie verwenden 
kann. Eine solche regelmäßige Entsprechung wird aber zwischen 
der Form der nervösen Erkrankung und den anderen schädigenden 
Kultureinflüssen, welche die Autoren als krankmachend anklagen, 

1) Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlelirc. Wien 1906. (4. Aufl., 192a.) 






Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität 149 

durchaus vermißt. Man darf also den sexuellen Faktor für den 
wesentlichen in der Verursachung der eigentlichen Neurosen 
erklären. 

Bei den Psychoneurosen ist der hereditäre Einfluß bedeutsamer, 
die Verursachung minder durchsichtig. Ein eigentümliches Unter- 
suchungsverfahren, das als Psychoanalyse bekannt ist, hat aber 
gestattet zu erkennen, daß die Symptome dieser Leiden (der 
Hysterie, Zwangsneurose usw.) psychogen sind, von der Wirk- 
samkeit unbewußter (verdrängter) Vorstellungskomplexe abhängen. 
Dieselbe Methode hat uns aber auch diese unbewußten Komplexe 
kennen gelehrt und uns gezeigt, daß sie, ganz allgemein 
gesprochen, sexuellen Inhalt haben; sie entspringen den Sexual- 
bedürfnissen unbefriedigter Menschen und stellen für sie eine 
Art von Ersatzbefriedigung dar. Somit müssen wir in allen 
Momenten, welche das Sexualleben schädigen, seine Betätigung 
unterdrücken, seine Ziele verschieben, pathogene Faktoren auch 
der Psychoneurosen erblicken. 

Der Wert der theoretischen Unterscheidung zwischen den 
toxischen und den psychogenen Neurosen wird natürlich durch 
die Tatsache nicht beeinträchtigt, daß an den meisten nervösen 
Personen Störungen von beiderlei Herkunft zu beobachten sind. 

Wer nun mit mir bereit ist, die Ätiologie der Nervosität vor 
allem in schädigenden Einwirkungen auf das Sexualleben zu 
suchen, der wird auch den nachstehenden Erörterungen folgen 
wollen, welche das Thema der wachsenden Nervosität in einen 
allgemeineren Zusammenhang einzufügen bestimmt sind. 

Unsere Kultur ist ganz allgemein auf der Unterdrückung von 
Trieben aufgebaut. Jeder einzelne hat ein Stück seines Besitzes, ' 
seiner Machtvollkommenheit, der aggressiven und vindikativen 
Neigungen seiner Persönlichkeit abgetreten; aus diesen Beiträgen 
ist der gemeinsame Kulturbesitz an materiellen und ideellen 
Gütern entstanden. Außer der Lebensnot sind es wohl die aus 
der Erotik abgeleiteten Familiengefühle, welche die einzelnen 



5= 



i 5 o 



Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



Individuen zu diesem Verzichte bewogen haben. Der Verzicht 
ist ein im Laufe der Kulturentwicklung progressiver gewesen; 
die einzelnen Fortschritte desselben wurden von der Religion 
sanktioniert; das Stück Triebbefriedigung, auf das man verzichtet 
hatte, wurde der Gottheit zum Opfer gebracht; das so erworbene 
Gemeingut für „heilig" erklärt. Wer kraft seiner unbeugsamen 
Konstitution diese Triebunterdrückung nicht mitmachen kann, 
steht der Gesellschaft als „Verbrecher", als „outlaw" gegenüber, 
insofern nicht seine soziale Position und seine hervorragenden 
Fähigkeiten ihm gestatten, sich in ihr als großer Mann, als „Held" 
durchzusetzen. 

Der Sexualtrieb — oder richtiger gesagt: die Sexualtriebe, denn 
eine analytische Untersuchung lehrt, daß der Sexualtrieb aus 
vielen Komponenten, Partialtrieben, zusammengesetzt ist — ist 
beim Menschen wahrscheinlich stärker ausgebildet als bei den 
meisten höheren Tieren und jedenfalls stetiger, da er die Perio- 
dizität fast völlig überwunden hat, an die er sich bei den Tieren 
gebunden zeigt. Er stellt der Kulturarbeit außerordentlich große 
Kraftmengen zur Verfügung, und dies zwar infolge der bei ihm 
besonders ausgeprägten Eigentümlichkeit, sein Ziel verschieben zu 
können, ohne wesentlich an Intensität abzunehmen. Man nennt 
diese Fähigkeit, das ursprünglich sexuelle Ziel gegen ein anderes, 
nicht mehr sexuelles, aber psychisch mit ihm verwandtes, zu 
vertauschen, die Fähigkeit zur Sublimierung. Im Gegensatze 
zu dieser Verschiebbarkeit, in welcher sein kultureller Wert 
besteht, kommt beim Sexualtrieb auch besonders hartnäckige 
Fixierung vor, durch die er unverwertbar wird und gelegentlich 
zu den sogenannten Abnormitäten entartet. Die ursprüngliche 
Stärke des Sexualtriebes ist wahrscheinlich bei den einzelnen 
Individuen verschieden groß; sicherlich schwankend ist der von 
ihm zur Sublimierung geeignete Betrag. Wir stellen uns vor, 
daß es zunächst durch die mitgebrachte Organisation entschieden 
ist, ein wie großer Anteil des Sexualtriebes sich beim einzelnen 



Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität 151 

als sublimierbar und verwertbar erweisen wird; außerdem gelingt 
es den Einflüssen des Lebens und der intellektuellen Beeinflussung 
des seelischen Apparates einen weiteren Anteil zur Sublimierung 
zu bringen. Ins Unbegrenzte fortzusetzen ist dieser Verschiebungs- 
prozeß aber sicherlich nicht, so wenig wie die Umsetzung der 
Wärme in mechanische Arbeit bei unseren Maschinen. Ein 
gewisses Maß direkter sexueller Befriedigung scheint für die aller- 
meisten Organisationen unerläßlich, und die Versagung dieses 
individuell variablen Maßes straft sich durch Erscheinungen, die 
wir infolge ihrer Funktionsschädlichkeit und ihres subjektiven 
Unlustcharakters zum Kranksein rechnen müssen. 

Weitere Ausblicke eröffnen sich, wenn wir die Tatsache in 
Betracht ziehen, daß der Sexualtrieb des Menschen ursprünglich 
gar nicht den Zwecken der Fortpflanzung dient, sondern bestimmte 
Arten der Lustgewinnung zum Ziele hat. 1 Er äußert sich so in 
der Kindheit des Menschen, wo er sein Ziel der Lustgewinnung 
nicht nur an den Genitalien, sondern auch an anderen Körper- 
stellen (erogenen Zonen) erreicht und darum von anderen als 
diesen bequemen Objekten absehen darf. Wir heißen dieses 
Stadium das des Autoero tismus und weisen der Erziehung 
die Aufgabe, es einzuschränken, zu, weil das Verweilen bei dem- 
selben den Sexualtrieb für später unbeherrschbar und unverwertbar 
machen würde. Die Entwicklung des Sexualtriebes geht dann 
vom Autoerotismus zur Objektliebe und von der Autonomie der 
erogenen Zonen zur Unterordnung derselben unter das Primat 
der in den Dienst der Fortpflanzung gestellten Genitalien. Während 
dieser Entwicklung wird ein Anteil der vom eigenen Körper 
gelieferten Sexualerregung als unbrauchbar für die Fortpflanzungs- 
funktion gehemmt und im günstigen Falle der Sublimierung 
zugeführt. Die für die Kulturarbeit verwertbaren Kräfte werden 
so zum großen Teile durch die Unterdrückung der sogenannt 
perversen Anteile der Sexualerregung gewonnen. 

1) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Wien 1905. (S. 1 ff. dieses Bandes.) 



152 



Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



Mit Bezug auf diese Entwicklungsgeschichte des Sexualtriebes 
könnte man also drei Kulturstufen unterscheiden : Eine erste, auf 
welcher die Betätigung des Sexualtriebes auch über die Ziele der 
Fortpflanzung hinaus frei ist; eine zweite, auf welcher alles am 
Sexualtrieb unterdrückt ist bis auf das, was der Fortpflanzung 
dient, und eine dritte, auf welcher nur die legitime Fortpflanzung 
als Sexualziel zugelassen wird. Dieser dritten Stufe entspricht 
unsere gegenwärtige „kulturelle" Sexualmoral. 

Nimmt man die zweite dieser Stufen zum Niveau, so muß 
man zunächst konstatieren, daß eine Anzahl von Personen aus 
Gründen der Organisation den Anforderungen derselben nicht 
genügt. Bei ganzen Reihen von Individuen hat sich die erwähnte 
Entwicklung des Sexualtriebes vom Autoerotismus zur Objektliebe 
mit dem Ziel der Vereinigung der Genitalien nicht korrekt und 
nicht genug durchgreifend vollzogen, und aus diesen Entwicklungs- 
störungen ergeben sich zweierlei schädliche Abweichungen von 
der normalen, das heißt kulturförderlichen Sexualität, die sich 
zueinander nahezu wie positiv und negativ verhalten. Es sind 
dies zunächst — abgesehen von den Personen mit überstarkem 
und unhemmbarem Sexualtrieb überhaupt — die verschiedenen 
Gattungen der Perversen, bei denen eine infantile Fixierung 
auf ein vorläufiges Sexualziel das Primat der Fortpflanz.ungs- 
funktion aufgehalten hat, und die Homosexuellen oder 
Invertierten, bei denen auf noch nicht ganz aufgeklärte 
Weise das Sexualziel vom entgegengesetzten Geschlecht abgelenkt 
worden ist. Wenn die Schädlichkeit dieser beiden Arten von 
Entwicklungsstörung geringer ausfällt, als man hätte erwarten 
können, so ist diese Erleichterung gerade auf die komplexe 
Zusammensetzung des Sexualtriebes zurückzuführen, welche auch 
dann noch eine brauchbare Endgestaltung des Sexuallebens 
ermöglicht, wenn ein oder mehrere Komponenten des Triebes 
sich von der Entwicklung ausgeschlossen haben. Die Konstitution 
der von der Inversion Betroffenen, der Homosexuellen, zeichnet 



Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität 153 

sich sogar häufig durch eine besondere Eignung des Sexualtriebes \ 
zur kulturellen Sublimierung aus. 

Stärkere und zumal exklusive Ausbildungen der Perversionen und 
der Homosexualität machen allerdings deren Träger sozial unbrauch- 
bar und unglücklich, so daß selbst die Kulturanforderungen der 
zweiten Stufe als eine Quelle des Leidens für einen gewissen 
Anteil der Menschheit anerkannt werden müssen. Das Schicksal 
dieser konstitutiv von den anderen abweichenden Personen ist 
ein mehrfaches, je nachdem sie einen absolut starken oder 
schwächeren Geschlechtstrieb mitbekommen haben. Im letzteren 
Falle, bei allgemein schwachem Sexualtrieb, gelingt den Perversen 
die völlige Unterdrückung jener Neigungen, welche sie in Konflikt 
mit der Moralforderung ihrer Kulturstufe bringen. Aber dies 
bleibt auch, ideell betrachtet, die einzige Leistung, die ihnen 
gelingt, denn für diese Unterdrückung ihrer sexuellen Triebe 
verbrauchen sie die Kräfte, die sie sonst an die Kulturarbeit 
wenden würden. Sie sind gleichsam in sich gehemmt und nach 
außen gelähmt. Es trifft für sie zu, was wir später von der 
Abstinenz der Männer und Frauen, die auf der dritten Kultur- 
stufe gefordert wird, wiederholen werden. 

Bei intensiverem, aber perversem Sexualtrieb sind zwei Fälle 
des Ausganges möglich. Der erste, weiter nicht zu betrachtende, 
ist der, daß die Betroffenen pervers bleiben und die Konsequenzen 
ihrer Abweichung vom Kuiturniveau zu tragen haben. Der zweite 
Fall ist bei weitem interessanter — er besteht darin, daß unter 
dem Einflüsse der Erziehung und der sozialen Anforderungen 
allerdings eine Unterdrückung der perversen Triebe erreicht wird, 
aber eine Art von Unterdrückung, die eigentlich keine solche 
ist, die besser als ein Mißglücken der Unterdrückung bezeichnet 
werden kann. Die gehemmten Sexualtriebe äußern sich zwar dann 
nicht als solche: darin besteht der Erfolg — aber sie äußern 
sich auf andere Weisen, die für das Individuum genau ebenso 
schädlich sind und es für die Gesellschaft ebenso unbrauchbar 



154 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

machen wie die unveränderte Befriedigung jener unterdrückten 
Triebe : darin liegt dann der Mißerfolg des Prozesses, der auf die 
Dauer den Erfolg mehr als bloß aufwiegt. Die Ersatzerscheinungen, 
die hier infolge der Triebunterdrückung auftreten, machen das 
aus, was wir als Nervosität, spezieller als Psychoneurosen (siehe 
eingangs) beschreiben. Die Neurotiker sind jene Klasse von 
Menschen, die es bei widerstrebender Organisation unter dem 
Einflüsse der Kulturanforderungen zu einer nur scheinbaren und 
immer mehr mißglückenden Unterdrückung ihrer Triebe bringen, 
und die darum ihre Mitarbeiterschaft an den Kulturwerken nur 
mit großem Kräfteaufwand, unter innerer Verarmung, aufrecht 
erhalten oder zeitweise als Kranke aussetzen müssen. Die Neurosen 
aber habe ich als das „Negativ" der Perversionen bezeichnet, weil 
sich bei ihnen die perversen Regungen nach der Verdrängung 
aus dem Unbewußten des Seelischen äußern, weil sie dieselben 
Neigungen wie die positiv Perversen im „verdrängten" Zustand 
enthalten. 

Die Erfahrung lehrt, daß es für die meisten Menschen eine 
Grenze gibt, über die hinaus ihre Konstitution der Kultur- 
anforderung nicht folgen kann. Alle, die edler sein wollen, als 
ihre Konstitution es ihnen gestattet, verfallen der Neurose; sie 
hätten sich wohler befunden, wenn es ihnen möglich geblieben 
wäre, schlechter zu sein. Die Einsicht, daß Perversion und Neurose 
sich wie positiv und negativ zueinander verhalten, findet oft eine 
unzweideutige Bekräftigung durch Beobachtung innerhalb der 
nämlichen Generation. Recht häufig ist von Geschwistern der 
Bruder ein sexuell Perverser, die Schwester, die mit dem 
schwächeren Sexualtrieb als Weib ausgestattet ist, eine Neurotika, 
deren Symptome aber dieselben Neigungen ausdrücken wie die 
Perversionen des sexuell aktiveren Bruders, und dementsprechend 
sind überhaupt in vielen Familien die Männer gesund, aber in 
sozial unerwünschtem Maße unmoralisch, die Frauen edel und 
überverfeinert, aber — schwer nervös. 









Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität 155 



Es ist eine der offenkundigen sozialen Ungerechtigkeiten, wenn 
der kulturelle Standard von allen Personen die nämliche Führung 
des Sexuallebens fordert, die den einen dank ihrer Organisation 
mühelos gelingt, während sie den anderen die schwersten 
psychischen Opfer auferlegt, eine Ungerechtigkeit freilich, die 
zumeist durch Nichtbefolgung der Moralvorschriften vereitelt wird. 
Wir haben unseren Betrachtungen bisher die Forderung der 
zweiten, von uns supponierten, Kulturstufe zugrunde gelegt* 
derzufolge jede sogenannte perverse Sexualbetätigung verpönt, der 
normal genannte Sexualverkehr hingegen frei gelassen wird. Wir 
haben gefunden, daß auch bei dieser Verteilung von sexueller 
Freiheit und Einschränkung eine Anzahl von Individuen als 
pervers beiseite geschoben, eine andere, die sich bemühen, nicht 
pervers zu sein, während sie es konstitutiv sein sollten, in die 
Nervosität gedrängt wird. Es ist nun leicht, den Erfolg vorher- 
zusagen, der sich einstellen wird, wenn man die Sexualfreiheit 
weiter einschränkt und die Kultur forderung auf das Niveau der 
dritten Stufe erhöht, also jede andere Sexualbetätigung als die in 
legitimer Ehe verpönt. Die Zahl der Starken, die sich in offenen 
Gegensatz zur Kulturforderung stellen, wird in außerordentlichem 
Maße vermehrt werden, und ebenso die Zahl der Schwächeren, 
die sich in ihrem Konflikte zwischen dem Drängen der kulturellen 
Einflüsse und dem Widerstände ihrer Konstitution in neurotisches 
Kranksein — flüchten. 

Setzen wir uns vor, drei hier entspringende Fragen zu be- 
antworten: 1.) welche Aufgabe die Kulturforderung der dritten 
Stufe an den einzelnen stellt, 2.) ob die zugelassene legitime 
Sexualbefriedigung eine annehmbare Entschädigung für den 
sonstigen Verzicht zu bieten vermag, 5.) in welchem Verhältnisse 
die etwaigen Schädigungen durch diesen Verzicht zu dessen 
kulturellen Ausnützungen stehen. 

Die Beantwortung der ersten Frage rührt an ein oftmals 
behandeltes, hier nicht zu erschöpfendes Problem, das der sexuellen 






*5 6 



Arbeiten zum Sexualleben und zur Neuroscnlehre 



Abstinenz. Was unsere dritte Kulturstufe von dem einzelnen 
fordert, ist die Abstinenz bis zur Ehe für beide Geschlechter, 
die lebenslange Abstinenz für alle solche, die keine legitime Ehe 
eingehen. Die allen Autoritäten genehme Behauptung, die sexuelle 
Abstinenz sei nicht schädlich und nicht gar schwer durchzuführen, 
ist vielfach auch von Ärzten vertreten worden. Man darf sagen, 
die Aufgabe der Bewältigung einer so mächtigen Regung wie 
des Sexualtriebes, anders als auf dem Wege der Befriedigung, ist 
eine, die alle Kräfte eines Menschen in Anspruch nehmen kann. 
Die Bewältigung durch Sublimierung, durch Ablenkung der 
sexuellen Triebkräfte vom sexuellen Ziele weg auf höhere kulturelle 
Ziele gelingt einer Minderzahl, und wobl auch dieser nur zeit- 
weilig, am wenigsten leicht in der Lebenszeit feuriger Jugend- 
kraft. Die meisten anderen weiden neurotisch oder kommen 
sonst zu Schaden. Die Erfahrung zeigt, daß die Mehrzahl der 
unsere Gesellschaft zusammensetzenden Personen der Aufgabe der 
Abstinenz konstitutionell nicht gewachsen ist. Wer auch bei 
milderer Sexualeinschränkung erkrankt wäre, erkrankt unter den 
Anforderungen unserer heutigen kulturellen Sexualmoral um so 
eher und um so intensiver, denn gegen die Bedrohung des 
normalen Sexualstrebens durch fehlerhafte AnIngen und Ent- 
wicklungsstörungen kennen wir keine bessere Sicherung als die 
Sexualbefriedigung selbst. Je mehr jemand zur Neurose disponiert 
ist, desto schlechter verträgt er die Abstinenz; die Partialtriebe, 
die sich der normalen Entwicklung im oben niedergelegten Sinne 
entzogen haben, sind nämlich auch gleichzeitig um soviel 
unhemmbarer geworden. Aber auch diejenigen, welche bei den 
Anforderungen der zweiten Kulturstufe gesund geblieben wären, 
werden nun in großer Anzahl der Neurose zugeführt. Denn der 
psychische Wert der Sexualbefriedigung erhöht sich mit ihrer 
Versagung; die gestaute Libido wird nun in den Stand gesetzt, 
irgendeine der selten fehlenden schwächeren Stellen im Aufbau 
der Vita sexualis auszuspüren, um dort zur neurotischen Ersatz- 



Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität 157 

befriedigung in Form krankhafter Symptome durchzubrechen. Wer 
in die Bedingtheit nervöser Erkrankung einzudringen versteht, 
verschafft sich bald die Überzeugung, daß die Zunahme der nervösen 
Erkrankungen in unserer Gesellschaft von der Steigerung der 
sexuellen Einschränkung herrührt. 

Wir rücken dann der Frage näher, ob nicht der Sexualverkehr 
in legitimer Ehe eine volle Entschädigung für die Einschränkung 
vor der Ehe bieten kann. Das Material zur verneinenden Be- 
antwortung dieser Frage drängt sich da so reichlich auf, daß uns 
die knappste Fassung zur Pflicht wird. Wir erinnern vor allem 
daran, daß unsere kulturelle Sexualmoral auch den sexuellen 
Verkehr in der Ehe selbst beschränkt, indem sie den Eheleuten 
den Zwang auferlegt, sich mit einer meist sehr geringen Anzahl 
von Kinderzeugungen zu begnügen. Infolge dieser Rücksicht gibt 
es befriedigenden Sexualverkehr in der Ehe nur durch einige 
Jahre, natürlich noch mit Abzug der zur Schonung der Frau 
aus hygienischen Gründen erforderten Zeiten. Nach diesen drei, 
vier oder fünf Jahren versagt die Ehe, insofern sie die Befriedigung 
der sexuellen Bedürfnisse versprochen hat; denn alle Mittel, die 
sich bisher zur Verhütung der Konzeption ergeben haben, ver- 
kümmern den sexuellen Genuß, stören die feinere Empfindlichkeit 
beider Teile oder wirken selbst direkt krankmachend; mit der 
Angst vor den Folgen des Geschlechtsverkehres schwindet zuerst 
die körperliche Zärtlichkeit der Ehegatten füreinander, in weiterer 
Folge meist auch die seelische Zuneigung, die bestimmt war, das 
Erbe der anfänglichen stürmischen Leidenschaft zu übernehmen. 
Unter der seelischen Enttäuschung und körperlichen Entbehrung, 
die so das Schicksal der meisten Ehen wird, finden sich beide 
Teile auf den früheren Zustand vor der Ehe zurückversetzt, nur 
um eine Illusion verarmt und von neuem auf ihre Festigkeit, 
den Sexualtrieb zu beherrschen und abzulenken, angewiesen. Es- 
soll nicht untersucht werden, inwieweit diese Aufgabe nun dem 
Manne im reiferen Lebensalter gelingt; erfahrungsgemäß bedient 



i 5 8 



Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlelire 



er sich nun recht häufig des Stückes Sexualfreiheit, welches ihm 
auch von der strengsten Sexualordnung, wenngleich nur still- 
schweigend und widerwillig, eingeräumt wird; die für den Mann 
in unserer Gesellschaft geltende „doppelte" Sexualmoral ist das 
beste Eingeständnis, daß die Gesellschaft seihst, welche die Vor- 
schriften erlassen hat, nicht an deren Durchführbarkeit glaubt. 
Die Erfahrung zeigt aber auch, daß die Frauen, denen als den 
eigentlichen Trägerinnen der Sexualinteressen des Menschen die 
Gabe der Sublimierung des Triebes nur in geringem Maße 
zugeteilt ist, denen als Ersatz des Sexualobjektes zwar der Säugling, 
aber nicht das heranwachsende Kind genügt, daß die Frauen, 
sage ich, unter den Enttäuschungen der Ehe an schweren und 
das Leben dauernd trübenden Neurosen erkranken. Die Ehe hat 
unter den heutigen kulturellen Bedingungen längst aufgehört, 
das Allheilmittel gegen die nervösen Leiden des Weibes zu sein; 
und wenn wir Ärzte auch noch immer in solchen Fällen zu ihr 
raten, so wissen wir doch, daß im Gegenteil ein Mädchen recht 
gesund sein muß, um die Ehe zu „vertragen", und raten unseren 
männlichen Klienten dringend ab, ein bereits vor der Ehe 
nervöses Mädchen zur Frau zu nehmen. Das Heilmittel gegen 
die aus der Ehe entspringende Nervosität wäre vielmehr die 
eheliche Untreue; je strenger eine Frau erzogen ist, je ernsthafter 
sie sich der Kulturforderung unterworfen hat, desto mehr fürchtet 
sie aber diesen Ausweg, und im Konflikte /.wischen ihren Begierden 
und ihrem Pflichtgefühl sucht sie ihre Zuflucht wiederum — in 
der Neurose. Nichts anderes schützt ihre Tugend so sicher wie 
die Krankheit. Der eheliche Zustand, auf den der Sexualtrieb 
des Kulturmenschen während seiner Jugend vertröstet wurde, 
kann also die Anforderungen seiner eigenen Lebenszeit nicht 
decken; es ist keine Rede davon, daß er für den früheren Verzicht 
entschädigen könnte. 

Auch wer diese Schädigungen durch die kulturelle Sexualmoral 
zugibt, kann zur Beantwortung unserer dritten Frage geltend 



Die kultwelle Sexualmoral und die moderne Nervosität 159 

machen, daß der kulturelle Gewinn aus der soweit getriebenen 
Sexualeinschränkung diese Leiden, die in schwerer Ausprägung 
doch nur eine Minderheit betreffen, wahrscheinlich mehr als bloß 
aufwiegt. Ich erkläre mich für unfähig, Gewinn und Verlust 
hier richtig gegeneinander abzuwägen, aber zur Einschätzung der 
Verlustseite könnte ich noch allerlei anführen. Auf das vorhin 
gestreifte Thema der Abstinenz zurückgreifend, muß ich behaupten, 
daß die Abstinenz noch andere Schädigungen bringt als die der 
Neurosen, und daß diese Neurosen meist nicht nach ihrer vollen 
Bedeutung veranschlagt werden. 

Die Verzögerung der Sexualentwicklung und Sexualbetätigung, 
welche unsere Erziehung und Kultur anstrebt, ist zunächst gewiß 
unschädlich ; sie wird zur Notwendigkeit, wenn man in Betracht 
zieht, in wie späten Jahren erst die jungen Leute gebildeter 
Stände zu selbständiger Geltung und zum Erwerb zugelassen 
werden. Man wird hier übrigens an den intimen Zusammenhang 
aller unserer kulturellen Institutionen und an die Schwierigkeit 
gemahnt, ein Stück derselben ohne Rücksicht auf das Ganze 
abzuändern. Die Abstinenz weit über das zwanzigste Jahr hinaus 
ist aber für den jungen Mann nicht mehr unbedenklich und 
führt zu anderen Schädigungen, auch wo sie nicht zur Nervosität 
führt. Man sagt zwar, der Kampf mit dem mächtigen Triebe 
und die dabei erforderliche Betonung aller ethischen und ästhetischen 
Mächte im Seelenleben „stähle" den Charakter, und dies ist für 
einige besonders günstig organisierte Naturen richtig; zuzugeben 
ist auch, daß die in unserer Zeit so ausgeprägte Differenzierung 
der individuellen Charaktere erst mit der Sexualeinschränkung 
möglich geworden ist. Aber in der weitaus größeren Mehrheit 
der Fälle zehrt der Kampf gegen die Sinnlichkeit die verfügbare 
Energie des Charakters auf und dies gerade zu einer Zeit, in 
welcher der junge Mann all seiner Kräfte bedarf, um sich seinen 
Anteil und Platz in der Gesellschaft zu erobern. Das Verhältnis 
zwischen möglicher Sublimierung und notwendiger sexueller 



i6o Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



Betätigung schwankt natürlich sehr für die einzelnen Individuen 
und sogar für die verschiedenen Berufsarten. Ein abstinenter 
Künstler ist kaum recht möglich, ein abstinenter junger Gelehrter 
gewiß keine Seltenheit. Der letztere kann durch Enthaltsamkeit 
freie Kräfte für sein Studium gewinnen, beim ersteren wird 
wahrscheinlich seine künstlerische Leistung durch sein sexuelles 
Erleben mächtig angeregt werden. Im allgemeinen habe ich 
nicht den Eindruck gewonnen, daß die sexuelle Abstinenz 
energische, selbständige Männer der Tat oder originelle Denker, 
kühne Befreier und Reformer heranbilden helfe, weit häufiger 
brave Schwächlinge, welche später in die große Masse eintauchen, 
die den von starken Individuen gegebenen Impulsen widerstrebend 
zu folgen pflegt. 

Daß der Sexualtrieb im ganzen sich eigenwillig und ungefügig 
benimmt, kommt auch in den Ergebnissen der Abstinenz- 
bemühung zum Ausdruck. Die Kulturerziehung strebe etwa nur 
seine zeitweilige Unterdrückung bis zur Eheschließung an und 
beabsichtige ihn dann frei zu lassen, um sich seiner zu bedienen. 
Aber gegen den Trieb gelingen die extremen Beeinflussungen 
leichter noch als die Mäßigungen; die Unterdrückung ist sehr 
oft zu weit gegangen und hat das unerwünschte Resultat ergeben, 
daß der Sexualtrieb nach seiner Freilassung dauernd geschädigt 
erscheint. Darum ist oft volle Abstinenz während der Jugendzeit 
nicht die beste Vorbereitung für die Ehe beim jungen Manne. 
Die Frauen ahnen dies und ziehen unter ihren Bewerbern 
diejenigen vor, die sich schon bei anderen Frauen als Männer 
bewährt haben. Ganz besonders greifbar sind die Schädigungen, 
welche durch die strenge Forderung der Abstinenz bis zur Ehe 
am Wesen der Frau hervorgerufen werden. Die Erziehung nimmt 
die Aufgabe, die Sinnlichkeit des Mädchens bis zu seiner Ver- 
ebelichung zu unterdrücken, offenbar nicht leicht, denn sie 
arbeitet mit den schärfsten Mitteln. Sie untersagt nicht nur den 
sexuellen Verkehr, setzt hohe Prämien auf die Erhaltung der 



L 



Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität 161 



weiblichen Unschuld, sondern sie entzieht das reifende weibliche 

Individuum auch der Versuchung, indem sie es in Unwissenheit 

über alles Tatsächliche der ihm bestimmten Rolle erhält und 

keine Liebesregung, die nicht zur Ehe führen kann, bei ihm 

duldet. Der Erfolg ist, daß die Mädchen, wenn ihnen das 

Verlieben plötzlich von den elterlichen Autoritäten gestattet wird, 

die psychische Leistung nicht zustande bringen und ihrer eigenen 

Gefühle unsicher in die Ehe gehen. Infolge der künstlichen 

Verzögerung der Liebesfunktion bereiten sie dem Manne, der 

all sein Begehren für sie aufgespart hat, nur Enttäuschungen; 

mit ihren seelischen Gefühlen hängen sie noch den Eltern an, 

deren Autorität die Sexualunterdrückung bei ihnen geschaffen 

hat, und im körperlichen Verhalten zeigen sie sich frigid, was 

jeden höherwertigen Sexualgenuß beim Manne verhindert. Ich 

weiß nicht, ob der Typus der anästhetischen Frau auch außerhalb 

der Kulturerziehung vorkommt, halte es aber für wahrscheinlich. 

Jedenfalls wird er durch die Erziehung geradezu gezüchtet, und 

diese Frauen, die ohne Lust empfangen, zeigen dann wenig 

Bereitwilligkeit, des öfteren mit Schmerzen zu gebären. So werden 

durch die Vorbereitung zur Ehe die Zwecke der Ehe selbst 

vereitelt; wenn dann die Entwicklungsverzögerung bei der Frau 

überwunden ist und auf der Höhe ihrer weiblichen Existenz die 

volle Liebesfähigkeit bei ihr erwacht, ist ihr Verhältnis zum 

Ehemanne längst verdorben; es bleibt ihr als Lohn für ihre 

bisherige Gefügigkeit die Wahl zwischen ungestilltem Sehnen, 

Untreue oder Neurose. 

Das sexuelle Verhalten eines Menschen ist oft vorbildlich 
für seine ganze sonstige Reaktionsweise in der Welt Wer als 
Mann sein Sexualobjekt energisch erobert, dem trauen wir ähnliche 
rücksichtslose Energie auch in der Verfolgung anderer Ziele zu. 
Wer hingegen auf die Befriedigung seiner starken sexuellen Triebe 
aus allerlei Rücksichten verzichtet, der wird sich auch ander- 
wärts im Leben eher konziliant und resigniert als tatkräftig 

Freud, V. " 



162 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



benehmen. Eine spezielle Anwendung dieses Satzes von der Vor- 
bildlichkeit des Sexuallebens für andere Funktionsausübung kann 
man leicht am ganzen Geschlechte der Frauen konstatieren. Die 
Erziehung versagt ihnen die intellektuelle Beschäftigung mit den 
Sexualproblemen, für die sie doch die größte Wißbegierde mit- 
bringen, schreckt sie mit der Verurteilung, daß solche Wißbegierde 
unweiblich und Zeichen sündiger Veranlagung sei. Damit sind 
sie vom Denken überhaupt abgeschreckt, wird das Wissen für 
sie entwertet. Das Denkverbot greift über die sexuelle Sphäre 
hinaus, zum Teil infolge der unvermeidlichen Zusammenhänge, 
zum Teil automatisch, ganz ähnlich wie das religiöse Denkverbot 
bei Männern, das loyale bei braven Untertanen. Ich glaube nicht, 
daß der biologische Gegensatz zwischen intellektueller Arbeit und 
Geschlechtstätigkeit den „physiologischen Schwachsinn" der Frau 
erklärt, wie Moebius es in seiner vielfach widersprochenen Schrift 
dargetan hat. Dagegen meine ich, daß die unzweifelhafte Tatsache 
der intellektuellen Inferiorität so vieler Frauen auf die zur Sexual- 
unterdrückung erforderliche Denkhemmung zurückzuführen ist. 
Man unterscheidet viel zu wenig strenge, wenn man die Frage 
der Abstinenz behandelt, zwei Formen derselben, die Enthaltung 
von jeder Sexualbetätigung überhaupt und die Enthaltung vom 
sexuellen Verkehre mit dem anderen Geschlechte. Vielen Personen, 
die sich der gelungenen Abstinenz rühmen, ist dieselbe nur mit 
Hilfe der Masturbation und ähnlicher Befriedigungen möglich 
geworden, die an die autoerotischen Sexualtätigkeiten der frühen 
Kindheit anknüpfen. Aber gerade dieser Beziehung wegen sind 
diese Ersatzmittel zur sexuellen Befriedigung keineswegs harmlos; 
sie disponieren zu den zahlreichen Formen von Neurosen und 
Psychosen, für welche die Rückbildung des Sexuallebens zu seinen 
infantilen Formen die Bedingung ist. Die Masturbation entspricht 
auch keineswegs den idealen Anforderungen der kulturellen 
Sexualmoral und treibt darum die jungen Menschen in die 
nämlichen Konflikte mit dem Erziehungsideale, denen sie durch 






Die kulturelle Sexualmoral und die mode rne Nervosität 163 

die Abstinenz entgehen wollten. Sie verdirbt ferner den Charakter 
durch Verwöhnung auf mehr als eine Weise, erstens, indem 
sie bedeutsame Ziele mühelos, auf bequemen Wegen, anstatt 
durch energische Kraftanspannung erreichen lehrt, also nach dem 
Prinzipe der sexuellen Vorbildlichkeit, und zweitens, 
indem sie in den die Befriedigung begleitenden Phantasien das 
Sexualobjekt zu einer Vorzüglichkeit erhebt, die in der Realität 
nicht leicht wiedergefunden wird. Konnte doch ein geistreicher 
Schriftsteller (Karl Kraus in der Wiener „Fackel"), den Spieß 
umdrehend, die Wahrheit in dem Zynismus aussprechen: Der Koitus 
ist nur ein ungenügendes Surrogat für die Onanie! 

Die Strenge der Kulturforderung und die Schwierigkeit der 
Abstinenzaufgabe haben zusammengewirkt, um die Vermeidung 
der Vereinigung der Genitalien verschiedener Geschlechter zum 
Kerne der Abstinenz zu machen und andere Arten der sexuellen 
Betätigung zu begünstigen, die sozusagen einem Halbgehorsam 
gleichkommen. Seitdem der normale Sexualverkehr von der 
Moral — und wegen der Infektionsmöglichkeiten auch von der 
Hygiene — so unerbittlich verfolgt wird, haben die sogenannten 
perversen Arten des Verkehrs zwischen beiden Geschlechtern, 
bei denen andere Körperstellen die Rolle der Genitalien über- 
nehmen, an sozialer Bedeutung unzweifelhaft zugenommen. Diese 
Betätigungen können aber nicht so harmlos beurteilt werden 
wie analoge Überschreitungen im Liebesverkehre, sie sind ethisch 
verwerflich, da sie die Liebesbeziehungen zweier Menschen aus 
einer ernsten Sache zu einem bequemen Spiele ohne Gefahr und 
ohne seelische Beteiligung herabwürdigen. Als weitere Folge der 
Erschwerung des normalen Sexuallebens ist die Ausbreitung 
homosexueller Befriedigung anzuführen; zu all denen, die schon 
nach ihrer Organisation Homosexuelle sind oder in der Kindheit 
dazu wurden, kommt noch die große Anzahl jener hinzu, bei 
denen in reiferen Jahren wegen der Absperrung des Hauptstromes 
der Libido der homosexuelle Seitenarm breit geöffnet wird. 



ii» 



164 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

Alle diese unvermeidlichen und unbeabsichtigten Konsequenzen 
der Abstinenzforderung treffen in dem einen Gemeinsamen 
zusammen, daß sie die Vorbereitung für die Ehe gründlich ver- 
derben, die doch nach der Absicht der kulturellen Sexualmoral 
die alleinige Erbin der sexuellen Strebungen werden sollte. Alle 
die Männer, die infolge masturbatorischer oder perverser Sexual- 
übung ihre Libido auf andere als die normalen Situationen und 
Bedingungen der Befriedigung eingestellt haben, entwickeln in 
der Ehe eine verminderte Potenz. Auch die Frauen, denen es 
nur durch ähnliche Hilfen möglich blieb, ihre Jungfräulichkeit 
zu bewahren, zeigen sich in der Ehe für den normalen Verkehr 
anästhetisch. Die mit herabgesetzter Liebesfähigkeit beider Teile 
begonnene Ehe verfällt dem Auflösungsprozesse nur noch rascher 
als eine andere. Infolge der geringen Potenz des Mannes wird 
die Frau nicht befriedigt, bleibt auch dann anästhetisch, wenn 
ihre aus der Erziehung mitgebracbte Disposition zur Frigidität 
durch mächtiges sexuelles Erleben überwindbar gewesen wäre. 
Ein solches Paar findet auch die Kinderverhütung schwieriger 
als ein gesundes, da die geschwächte Potenz des Mannes die 
Anwendung der Verhütungsmittel schlecht verträgt. In solcher 
Ratlosigkeit wird der sexuelle Verkehr als die Quelle aller Ver- 
legenheiten bald aufgegeben und damit die Grundlage des Ehe- 
lebens verlassen. 

Ich fordere alle Kundigen auf zu bestätigen, daß ich nicht 
übertreibe, sondern Verhältnisse schildere, die ebenso arg in 
beliebiger Häufigkeit zu beobachten sind. Es ist wirklich für den 
Uneingeweihten ganz unglaublich, wie selten sich normale Potenz 
beim Manne und wie häufig sich Frigidität bei der weiblichen 
Hälfte der Ehepaare findet, die unter der Herrschaft unserer 
kulturellen Sexualmoral stehen, mit welchen Entsagungen, oft 
für beide Teile, die Ehe verbunden ist und worauf das Eheleben, 
das so sehnsüchtig erstrebte Glück, sich einschränkt. Daß unter 
diesen Verhältnissen der Ausgang in Nervosität der nächstliegende 



L 



Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität 165 

ist, habe ich schon ausgeführt; ich will aber noch hinzusetzen, 
in welcher Weise eine solche Ehe auf die in ihr entsprungenen 
— einzigen oder wenig zahlreichen — Kinder fortwirkt. Es 
kommt da der Anschein einer erblichen Übertragung zustande, 
der sich bei schärferem Zusehen in die Wirkung mächtiger 
infantiler Eindrücke auflöst. Die von ihrem Manne unbefriedigte 
neurotische Frau ist als Mutter überzärtlich und überängstlich 
gegen das Kind, auf das sie ihr Liebesbedürfnis überträgt, und 
weckt in demselben die sexuelle Frühreife. Das schlechte Ein- 
verständnis zwischen den Eltern reizt dann das Gefühlsleben 
des Kindes auf, läßt es im zartesten Alter Liebe, Haß und 
Eifersucht intensiv empfinden. Die strenge Erziehung, die keinerlei 
Betätigung des so früh geweckten Sexuallebens duldet, stellt die 
unterdrückende Macht bei, und dieser Konflikt in diesem Alter 
enthält alles, was es zur Verursachung der lebenslangen Nervosität 

bedarf. 

Ich komme nun auf meine frühere Behauptung zurück, daß 
man bei der Beurteilung der Neurosen zumeist nicht deren volle 
Bedeutung in Betracht zieht. Ich meine damit nicht die Unter- 
schätzung dieser Zustände, die sich in leichtsinnigem Beiseite- 
schieben von Seiten der Angehörigen und in großtuerischen Ver- 
sicherungen von seiten der Ärzte äußert, einige Wochen Kalt- 
wasserkur oder einige Monate Ruhe und Erholung könnten den 
Zustand beseitigen. Das sind nur mehr Meinungen von ganz 
unwissenden Ärzten und Laien, zumeist nur Reden, dazu 
bestimmt, den Leidenden einen kurzlebigen Trost zu bieten. Es 
ist vielmehr bekannt, daß eine chronische Neurose, auch wenn 
sie die Existenzfähigkeit nicht völlig aufhebt, eine schwere 
Lebensbelastung des Individuums vorstellt, etwa im Range einer 
Tuberkulose oder eines Herzfehlers. Auch könnte man sich damit 
abfinden, wenn die neurotischen Erkrankungen etwa nur eine 
Anzahl von immerhin schwächeren Individuen von der Kultur- 
arbeit ausschließen und den anderen die Teilnahme daran um 



166 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



den Preis von bloß subjektiven Beschwerden gestatten würden. 
Ich möchte vielmehr auf den Gesichtspunkt aufmerksam machen, 
daß die Neurose, soweit sie reicht und bei wem immer sie sich 
findet, die Kulturabsicht zu vereiteln weiß und somit eigentlich die 
Arbeit der unterdrückten kulturfeindlichen Seelenkräfte besorgt, 
so daß die Gesellschaft nicht einen mit Opfern erkauften 
Gewinn, sondern gar keinen Gewinn verzeichnen darf, wenn sie 
die Gefügigkeit gegen ihre weitgehenden Vorschriften mit der 
Zunahme der Nervosität bezahlt. Gehen wir z. B. auf den so 
häufigen Fall einer Frau ein, die ihren Mann nicht liebt, weil 
sie nach den Bedingungen ihrer Elleschließung und den 
Erfahrungen ihres Ehelebens ihn zu lieben keinen Grund hat, 
die ihren Mann aber durchaus lieben möchte, weil dies allein 
dem Ideal der Ehe, zu dem sie erzogen wurde, entspricht. Sie 
wird dann alle Regungen in sich unterdrücken, die der Wahr- 
heit Ausdruck geben wollen und ihrem Idealbestreben wider- 
sprechen, und wird besondere Mühe aufwenden, eine liebevolle, 
zärtliche und sorgsame Gattin zu spielen. Neurotische Erkrankung 
wird die Folge dieser Selbstunterdrückung sein, und diese Neu- 
rose wird binnen kurzer Zeit an dem ungeliebten Manne Rache 
genommen haben und bei ihm genau soviel Unbefriedigung und 
Sorge hervorrufen, als sich nur aus dem Eingeständnisse des 
wahren Sachverhaltes ergeben hätte. Dieses Beispiel ist für die 
Leistungen der Neurose geradezu typisch. Ein ähnliches Miß- 
lingen der Kompensation beobachtet man auch nach der Unter- 
drückung anderer nicht direkt sexueller, kulturfeindlicher 
Regungen. Wer z. B. in der gewaltsamen Unterdrückung einer 
konstitutionellen Neigung zur Härte und Grausamkeit ein 
Überguter geworden ist, dem wird häufig dabei soviel an 
Energie entzogen, daß er nicht alles ausführt, was seinen Kom- 
pensationsregungen entspricht, und im ganzen doch eher weniger 
an Gutem leistet, als er ohne Unterdrückung zustande gebracht 
hätte 



Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität 167 

Nehmen wir noch hinzu, daß mit der Einschränkung der 
sexuellen Betätigung bei einem Volke ganz allgemein eine 
Zunahme der Lebensängstlichkeit und der Todesangst einher- 
geht, welche die Genußfähigkeit der einzelnen stört und ihre 
Bereitwilligkeit, für irgendwelche Ziele den Tod auf sich zu 
nehmen, aufhebt, welche sich in der verminderten Neigung zur 
Kinderzeugung äußert, und dieses Volk oder diese Gruppe von 
Menschen vom Anteile an der Zukunft ausschließt, so darf man 
wohl die Frage aufwerfen, ob unsere „kulturelle" Sexualmoral 
der Opfer wert ist, welche sie uns auferlegt, zumal, wenn man 
sich vom Hedonismus nicht genug frei gemacht hat, um nicht 
ein gewisses Maß von individueller Glücksbefriedigung unter die 
Ziele unserer Kulturentwicklung aufzunehmen. Es ist gewiß 
nicht Sache des Arztes, selbst mit Reformvorschlägen hervorzu- 
treten ; ich meinte aber, ich könnte die Dringlichkeit solcher 
unterstützen, wenn ich die v. Ehrenf elssche Darstellung der 
Schädigungen durch unsere „kulturelle" Sexualmoral um den 
Hinweis auf deren Bedeutung für die Ausbreitung der modernen 
Nervosität erweitere. 






ÜBER INFANTILE SEXUALTHEORIEN 

Erschien in „Serualproblemc", der Zeitschrift 
„Mutterschutz", Neue Folge, IX. Jahrgang 1908; 
datin in der zweiten Folge der „Sammlung kleiner 
Schriften zur Neuro senlehrc". 

Das Material, auf welches die nachstehende Zusammen- 
stellung sich stützt, stammt aus mehreren Quellen. Erstens aus 
der unmittelbaren Beobachtung der Äußerungen und des Treibens 
der Kinder, zweitens aus den Mitteilungen erwachsener Neuro- 
tiker, die während einer psychoanalytischen Behandlung erzählen, 
was sie von ihrer Kinderzeit bewußt in Erinnerung haben, und 
zum dritten Anteile aus den Schlüssen, Konstruktionen und ins 
Bewußte übersetzten unbewußten Erinnerungen, die sich aus den 
Psychoanalysen mit Neurotikern ergeben. 

Daß die erste dieser drei Quellen nicht für sich allein alles 
Wissenswerte geliefert hat, begründet sich durch das Verhalten 
der Erwachsenen gegen das kindliche Sexualleben. Man mutet 
den Kindern keine Sexualtätigkeit zu, gibt sich darum keine 
Mühe, eine solche zu beobachten, und unterdrückt anderseits die 
Äußerungen derselben, die der Aufmerksamkeit würdig wären. 
Die Gelegenheit, aus dieser lautersten und ergiebigsten Quelle 
zu schöpfen, ist daher eine recht eingeschränkte. Was aus den 
unbeeinflußten Mitteilungen Erwachsener über ihre bewußten 
Kindheitserinnerungen stammt, unterliegt höchstens der Ein- 
wendung der möglichen Verfälschung in der Rückschau, wird 
aber außerdem nach dem Gesichtspunkte zu werten sein, daß 



Über infantile Sexualtheorien 169 

die Gewährspersonen später neurotisch geworden sind. Das 
Material der dritten Herkunft wird allen Anfechtungen unter- 
liegen, die man gegen die Verläßlichkeit der Psychoanalyse und 
die Sicherheit der aus ihr gezogenen Schlüsse ins Feld zu führen 
pflegt; die Rechtfertigung dieses Urteils kann also hier nicht 
versucht werden; ich will nur versichern, daß derjenige, welcher 
die psychoanalytische Technik kennt und ausübt, ein weitgehen- 
des Zutrauen zu ihren Ergebnissen gewinnt. 

Für die Vollständigkeit meiner Resultate kann ich nicht ein- 
stehen, bloß für die Sorgfalt, mit der ich mich um ihre 
Gewinnung bemüht habe. 

Eine schwierige Frage bleibt es, zu entscheiden, inwieweit 
man das, was hier von den Kindern im allgemeinen berichtet 
wird, von allen Kindern, das heißt von jedem einzelnen Kinde, 
voraussetzen darf. Erziehungsdruck und verschiedene Intensität 
des Sexualtriebes werden gewiß große individuelle Schwankungen 
im Sexualverhalten des Kindes ermöglichen, vor allem das zeit- 
liche Auftreten des kindlichen Sexualinteresses beeinflussen. Ich 
habe darum meine Darstellung nicht nach aufeinanderfolgenden 
Kindheitsepochen gegliedert, sondern in einem zusammengefaßt, 
was bei verschiedenen Kindern bald früher, bald später zur 
Geltung kommt. Es ist meine Überzeugung, daß sich doch kein 
m n( j — kein vollsinniges wenigstens oder gar geistig begabtes 

der Beschäftigung mit den sexuellen Problemen in den Jahren 

vor der Pubertät entziehen kann. 

Ich denke nicht groß von dem Einwurfe, daß die Neurotiker 
eine besondere, durch degenerative Anlage ausgezeichnete 
Menschenklasse sind, aus deren Kinderleben auf die Kindheit 
anderer zu schließen untersagt sein müßte. Die Neurotiker sind 
Menschen wie andere auch, von den normalen nicht scharf abzu- 
grenzen, in ihrer Kindheit nicht immer leicht von denjenigen, 
die später gesund bleiben, zu unterscheiden. Es ist eines der wert- 
vollsten Ergebnisse unserer psychoanalytischen Untersuchungen, 



l 7° Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



daß ihre Neurosen keinen besonderen, ihnen eigentümlich und 

allein zukommenden psychischen Inhalt haben, sondern daß sie, 

wie C. G. Jung es ausdrückt, an denselben Komplexen erkranken 

mit denen auch wir Gesunde kämpfen. Der Unterschied ist nur 

der, daß die Gesunden diese Komplexe zu bewältigen wissen 

ohne groben, praktisch nachweisbaren Schaden, während den 

Nervösen die Unterdrückung dieser Komplexe nur um den Preis 

von kostspieligen Ersatzbildungen gelingt, also praktisch mißlängt. 

Nervöse und Normale stehen einander in der Kindheit natürlich noch 

viel näher als im späteren Leben, so daß ich einen methodischen 

Fehler nicht darin erblicken kann, die Mitteilungen von Neu- 

rotikern über ihre Kindheit zu Analogieschlüssen über das normale 

Kindheitsleben zu verwerten. Da aber die späteren Neurotiker 

sehr häufig einen besonders starken Geschlechtstrieb und eine 

Neigung zur Frühreife, vorzeitiger Äußerung desselben, in ihrer 

Konstitution mitbringen, werden sie uns vieles von der infantilen 

Sexualbetätigung greller und deutlicher erkennen lassen, als 

unserer ohnedies stumpfen Beobachtungsgabe an anderen Kindern 

möglich wäre. Der wirkliche Wert dieser von erwachsenen Neu- 

rotikern herrührenden Mitteilungen wird sich allerdings erst 

abschätzen lassen, wenn man nachdem Vorgange von Havelock 

Ellis auch die Kindheitserinnerungen erwachsener Gesunder der 

Sammlung gewürdigt haben wird. 

Infolge der Ungunst äußerer wie innerer Verhältnisse haben 
die nachstehenden Mitteilungen vorwiegend nur auf die Sexual- 
entwicklung des einen Geschlechtes, des männlichen nämlich, 
Bezug. Der Wert einer Sammlung aber, wie ich sie hier versuche, 
braucht kein bloß deskriptiver zu sein. Die Kenntnis der infantilen 
Sexualtheorien, wie sie sich im kindlichen Denken gestalten, kann 
nach verschiedenen Richtungen interessant sein, überraschender- 
weise auch für das Verständnis der Mythen und Märchen. 
Unentbehrlich bleibt sie aber für die Auffassung der Neurosen 
selbst, innerhalb deren diese kindlichen Theorien noch in Geltung 









Über infantile Sexualtheorien 



sind und einen bestimmenden Einfluß auf die Gestaltung der 
Symptome gewinnen. 

* 

Wenn wir unter Verzicht auf unsere Leiblichkeit als bloß 
denkende Wesen, etwa von einem anderen Planeten her, die 
Dinge dieser Erde frisch ins Auge fassen könnten, so würde viel- 
leicht nichts anderes unserer Aufmerksamkeit mehr auffallen als 
die Existenz zweier Geschlechter unter den Menschen, die ein- 
ander sonst so ähnlich, doch durch die äußerlichsten Anzeichen 
ihre Verschiedenheit betonen. Es scheint nun nicht, daß auch die 
Kinder diese Grundtatsache zum Ausgange ihrer Forschungen 
über sexuelle Probleme wählen. Da sie Vater und Mutter kennen, 
soweit sie sich ihres Lebens erinnern, nehmen sie deren Vorhanden- 
sein als eine weiter nicht zu untersuchende Realität hin, und 
ebenso verhält sich der Knabe gegen ein Schwesterchen, von 
dem er nur durch eine geringe Altersdifferenz von ein oder zwei 
Jahren getrennt ist. Der Wissensdrang der Kinder erwacht hier 
überhaupt nicht spontan, etwa infolge eines eingeborenen Kausalitäts- 
bedürfnisses, sondern unter dem Stachel der sie beherrschenden 
eigensüchtigen Triebe, wenn sie — etwa nach Vollendung des 
zweiten Lebensjahres — von der Ankunft eines neuen Kindes 
betroffen werden. Diejenigen Kinder, deren Kinderstube nicht 
im Hause selbst eine solche Einquartierung empfängt, sind dann 
noch imstande, sich nach ihren Beobachtungen in anderen Häusern 
in diese Situation zu versetzen. Der selbst erfahrene oder mit 
Recht befürchtete Entgang an Fürsorge von seiten der Eltern, die 
Ahnung, allen Besitz von nun an für alle Zeiten mit dem Neu- 
ankömmlinge teilen zu müssen, wirken erweckend auf das 
Gefühlsleben des Kindes und verschärfend auf seine Denkfähigkeit. 
Das ältere Kind äußert unverhohlene Feindseligkeit gegen den 
Konkurrenten, die sich in unliebenswürdiger Beurteilung desselben, 
in Wünschen, daß „der Storch ihn wieder mitnehmen möge" 
und dergleichen Luft macht und gelegentlich selbst zu kleinen 



172 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

Attentaten auf das hilflos in der Wiege Daliegende führt. Eine 
größere Altersdifferenz schwächt den Ausdruck dieser primären 
Feindseligkeit in der Regel ab; ebenso kann in etwas späteren 
Jahren, wenn Geschwister ausbleiben, der Wunsch nach einem 
Gespielen, wie das Kind ihn anderswo beobachten konnte, die 
Oberhand erhalten. 

Unter der Anregung dieser Gefühle und Sorgen kommt das 
Kind nun zur Beschäftigung mit dem ersten, großartigen Problem 
des Lebens und stellt sich die Krage, woher die Kinder 
k o m m e n, die wohl zuerst lautet, woher dieses einzelne störende 
Kind gekommen ist. Den Nachklang dieser ersten Rätselfrage 
glaubt man in unbestimmt vielen Rätseln des Mythus und der 
Sage zu vernehmen; die Frage selbst ist, wie alles Forschen, ein 
Produkt der Lebensnot, als ob dem Denken die Aufgabe gestellt 
würde, das Wiedereintreffen so gefürchteter Ereignisse zu verhüten. 
Nehmen wir indes an, daß sich das Denken des Kindes alsbald 
von seiner Anregung frei macht und als selbständiger Forscher- 
trieb weiter arbeitet. Wo das Kind nicht bereits zu sehr einge- 
schüchtert ist, schlägt es früher oder später den nächsten Weg 
ein, Antwort von seinen Eltern und Pflegepersonen, die ihm die 
Quelle des Wissens bedeuten, zu verlangen. Dieser Weg geht 
aber fehl. Das Kind erhält entweder ausweichende Antwort oder 
einen Verweis für seine Wißbegierde oder wird mit jener mytho- 
logisch bedeutsamen Auskunft abgefertigt, die in deutschen Landen 
lautet: Der Storch bringe die Kinder, die er aus dem Wasser 
hole. Ich habe Grund anzunehmen, daß weit mehr Kinder, als 
die Eltern ahnen, mit dieser Lösung unzufrieden sind und ihr 
energische Zweifel entgegensetzen, die nur nicht immer offen 
eingestanden werden. Ich weiß von einem dreijährigen Knaben, 
der nach erhaltener Aufklärung zum Schrecken seiner Kinderfrau 
vermißt wurde und sich am Ufer des großen Schloßteiches 
wiederfand, wohin er geeilt war, um die Kinder im Wasser zu 
beobachten, von einem anderen, der seinem Unglauben keine 



Über infantile Sexualtheorien 173 

andere als die zaghafte Aussprache gestatten konnte, er wisse 
es besser, nicht der Storch bringe die Kinder, sondern der • — 
Fischreiher. Es scheint mir aus vielen Mitteilungen hervorzugehen, 
daß die Kinder der Storchtheorie den Glauben verweigern, von 
dieser ersten Täuschung und Abweisung an aber ein Mißtrauen 
gegen die Erwachsenen in sich nähren, die Ahnung von etwas 
Verbotenem gewinnen, das ihnen von den „Großen" vorenthalten 
wird, und darum ihre weiteren Forschungen mit Geheimnis 
verhüllen. Sie haben dabei aber auch den ersten Anlaß eines 
„psychischen Konflikts" erlebt, indem Meinungen, für die sie 
eine triebartige Bevorzugung empfinden, die aber den Großen 
nicht „recht" sind, in Gegensatz zu anderen geraten, die durch 
die Autorität der „Großen" gehalten werden, ohne ihnen selbst 
genehm zu sein. Aus diesem psychischen Konflikte kann bald 
eine „psychische Spaltung" werden; die eine Meinung, mit der 
die Bravheit, aber auch die Sistierung des Nachdenkens verbunden 
ist, wird zur herrschenden bewußten; die andere, für die die 
Forscherarbeit unterdes neue Beweise erbracht hat, die nicht 
gelten sollen, zur unterdrückten, „unbewußten". Der Kernkomplex 
der Neurose findet sich auf diese Weise konstituiert. 

Ich habe kürzlich durch die Analyse eines fünfjährigen Knaben, 
die dessen Vater mit ihm angestellt und mir dann zur Veröffent- 
lichung überlassen hat, den unwiderleglichen Nachweis für eine 
Einsicht erhalten, auf deren Spur mich die Psychoanalysen 
Erwachsener längst geführt hatten. Ich weiß jetzt, daß die 
Graviditätsveränderung der Mutter den scharfen Augen des 
Kindes nicht entgeht, und daß dieses sehr wohl imstande ist, 
eine Weile nachher den richtigen Zusammenhang zwischen der 
Leibeszunahme der Mutter und dem Erscheinen des Kindes her- 
zustellen. In dem erwähnten Falle war der Knabe dreieinhalb 
Jahre alt, als seine Schwester geboren wurde, und vierdreiviertel, 
als er sein besseres Wissen durch die unverkennbarsten Anspielungen 
erraten ließ. Diese frühzeitige Erkenntnis wird aber immer 



*74 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



geheim gehalten und später im Zusammenhange mit den weiteren 
Schicksalen der kindlichen Sexual forsch ung verdrängt und ver- 
gessen. 

Die „Storchfabel" gehört also nichtzu den infantilen Sexualtheorien; 
es ist im Gegenteile die Beobachtung der Tiere, die ihr Sexual- 
leben so wenig verhüllen, und denen sich das Kind so verwandt 
fühlt, die den Unglauben des Kindes bestärkt. Mit der Erkennt- 
nis, das Kind wachse im Leibe der Mutter, die das Kind noch 
selbständig erwirbt, wäre es auf dem richtigen Wege, das Problem, 
an dem es zuerst seine Denkkraft erprobt, zu lösen. Im weiteren 
Fortschreiten wird es aber gehemmt durch eine Unwissenheit, 
die sich nicht ersetzen läßt, und durch falsche Theorien, welche 
der Zustand der eigenen Sexualität ihm aufdrängt. 

Diese falschen Sexualtheorien, die ich nun erörtern werde, 
haben alle einen sehr merkwürdigen Charakter. Obwohl sie in 
grotesker Weise fehlgehen, enthalten sie doch, jede von ihnen, 
ein Stück echter Wahrheit, in dieser Zusammensetzung analog 
den „genial" geheißenen Lösungsversuchen Erwachsener an den 
für den Menschenverstand überschwierigen Weltproblemen. Das 
Richtige und Triftige an diesen Theorien erklärt sich durch deren 
Abkunft von den Komponenten des Sexualtriebes, die sich bereits 
im kindlichen Organismus regen; denn nicht psychische Willkür 
oder zufällige Kindrücke haben diese Annahmen entstehen lassen, 
sondern die Notwendigkeiten der psychosexuellen Konstitution, 
und darum können wir von typischen Sexualtheorien der Kinder 
sprechen, darum finden wir die nämlichen irrigen Meinungen 
bei allen Kindern, deren Sexualleben uns zugänglich wird. 

Die erste dieser Theorien knüpft an die Vernachlässigung der 
Geschlechtsunterschiede an, die wir eingangs als kennzeichnend 
für das Kind hervorgehoben haben. Sie besteht darin, allen 
Menschen, auch den weiblichen Personen, einen 
Penis zuzusprechen, wie ihn der Knabe vom eigenen 
Körper kennt. Gerade in jener Sexualkonstitution, die wir als die 



Über infantile Sexualtheorien 1?l , 



„normale" anerkennen müssen, ist der Penis schon in der Kind- 
heit die leitende erogene Zone, das hauptsächlichste autoerotische 
Sexualobjekt, und seine Wertschätzung spiegelt sich logisch in 
dem Unvermögen, eine dem Ich ähnliche Persönlichkeit ohne 
diesen wesentlichen Bestandteil vorzustellen. Wenn der kleine 
Knabe das Genitale eines Schwesterchens zu Gesicht bekommt, 
so zeigen seine Äußerungen, daß sein Vorurteil bereits stark genug 
ist, um die Wahrnehmung zu beugen; er konstatiert nicht etwa 
das Fehlen des Gliedes, sondern sagt regelmäßig, wie tröstend 
und vermittelnd: der... ist aber noch klein; nun wenn sie 
größer wird, wird er schon wachsen. Die Vorstellung des Weibes 
mit dem Penis kehrt noch spät in den Träumen des Erwach- 
senen wieder; in nächtlicher sexueller Erregung wirft er ein 
Weib nieder, entblößt es und bereitet sich zum Koitus, um dann 
beim Anblick des wohlausgebildeten Gliedes an Stelle der weib- 
lichen Genitalien den Traum und die Erregung abzubrechen. Die 
zahlreichen Hermaphroditen des klassischen Altertums geben diese 
einst allgemeine infantile Vorstellung getreulich wieder; man kann 
beobachten, daß sie auf die meisten normalen Menschen nicht 
verletzend wirkt, während die wirklich von der Natur zugelassenen 
hermaphroditischen Bildungen der Genitalien fast immer den 
größten Abscheu erregen. 

Wenn sich diese Vorstellung des Weibes mit dem Penis bei 
dem Kinde „fixiert", allen Einflüssen des späteren Lebens wider- 
steht, und den Mann unfähig macht, bei seinem Sexualobjekt auf 
den Penis zu verzichten, so muß ein solches Individuum bei sonst 
normalem Sexualleben ein Homosexueller werden, seine Sexual- 
objekte unter den Männern suchen, die durch andere somatische 
und seelische Charaktere an das Weib erinnern. Das wirkliche 
Weib, wie es später erkannt wird, bleibt als Sexualobjekt unmöglich 
für ihn, da es des wesentlichen sexuellen Reizes entbehrt, ja im 
Zusammenhange mit einem anderen Eindruck des Kinderlebens 
kann es zum Abscheu für ihn werden. Das hauptsächlich von der 



i 7 6 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

Peniserregung beherrschte Kind hat sich gewöhnlich durch Rei- 
zung desselben mit der Hand Lust geschafft, ist von den Eltern 
oder Wartepersonen dabei ertappt und mit der Drohung, man 
werde ihm das Glied abschneiden, geschreckt worden. Die Wir- 
kung dieser „Kastrationsdrohung" ist im richtigen Verhältnisse 
zur Schätzung dieses Körperteiles eine ganz außerordentlich tief- 
greifende und nachhaltige. Sagen und Mythen zeugen von dem 
Aufruhr des kindlichen Gefühlslebens, von dem Entsetzen, das 
sich an den Kastrationskomplex knüpft, der dann später auch ent- 
sprechend widerwillig vom Bewußtsein erinnert wird. An diese 
Drohung mahnt nun das später wahrgenommene, als verstümmelt 
aufgefaßte Genitale des Weibes und darum erweckt es beim 
Homosexuellen Grausen anstatt Lust. An dieser Reaktion kann 
nichts mehr geändert werden, wenn der Homosexuelle von der 
Wissenschaft erfährt, daß die kindliche Annahme, auch die Frau 
besitze einen Penis, doch nicht so irre geht. Die Anatomie hat 
die Klitoris innerhalb der weiblichen Schamspalte als das dem 
Penis homologe Organ erkannt, und die Physiologie der Sexual- 
vorgänge hat hinzufügen können, daß dieser kleine und nicht 
mehr wachsende Penis sich in der Kindheit des Weibes tatsäch- 
lich wie ein echter und rechter Penis benimmt, daß er zum Sitz 
von Erregungen wird, die zu seiner Berührung veranlassen, daß 
seine Reizbarkeit der Sexualbetätigung des kleinen Mädchens männ- 
lichen Charakter verleiht, und daß es eines Verdrängungsschubes 
in den Pubertätsjahren bedarf, um durch Hinwegräumung dieser 
männlichen Sexualität das Weib entstehen zu lassen. Wie nun 
viele Frauen in ihrer Sexualfunktion daran verkümmern, daß 
diese Klitoriserregbarkeit hartnäckig festgehalten wird, so daß sie 
im Koitusverkehr anästhetisch bleiben, oder daß die Verdrängung 
zu übermäßig erfolgt, so daß ihre Wirkung durch hysterische 
Ersatzbildung teilweise aufgehoben wird; dies alles gibt der 
infantilen Sexualtheorie, das Weib besitze wie der Mann einen 
Penis, nicht unrecht. 



I 



Über infantile Sexualtheorien i* 7 



An dem kleinen Mädchen kann man mit Leichtigkeit 
beobachten, daß es die Schätzung des Bruders durchaus teilt. Es 
entwickelt ein großes Interesse für diesen Körperteil beim Knaben, 
das aber alsbald vom Neide kommandiert wird. Es fühlt sich 
benachteiligt, es macht Versuche, in solcher Stellung zu urinieren, 
wie es dem Knaben durch den Besitz des großen Penis ermöglicht 
wird, und wenn es den Wunsch äußert: Ich möchte lieber 
ein Bub sein, so wissen wir, welchem Mangel dieser Wunsch 
abhelfen soll. 

Wenn das Kind den Andeutungen folgen könnte, die von der 
Erregung des Penis ausgehen, so würde es der Lösung seines 
Problems um ein Stück näher rücken. Daß das Kind im Leibe 
der Mutter wächst, ist offenbar nicht genug Erklärung. Wie 
kommt es hinein? Was gibt den Anstoß zu seiner Entwicklung? 
Daß der Vater etwas damit zu tun hat, ist wahrscheinlich; er 
erklärt ja, das Kind sei auch sein Kind. 1 Anderseits hat der 
Penis gewiß auch seinen Anteil an diesen nicht zu erratenden 
Vorgängen, er bezeugt es durch seine Miterregung bei all dieser 
Gedankenarbeit. Mit dieser Erregung sind Antriebe verbunden, 
die das Kind sich nicht zu deuten weiß, dunkle Impulse zu 
gewaltsamem Tun, zum Eindringen, Zerschlagen, irgendwo ein 
Loch aufreißen. Aber wenn das Kind so auf dem besten Wege 
scheint, die Existenz der Scheide zu postulieren und dem Penis 
des Vaters ein solches Eindringen bei der Mutter zuzuschreiben 
als jenen Akt, durch den das Kind im Leibe der Mutter 
entsteht, so bricht an dieser Stelle doch die Forschung ratlos ab, 
denn ihr steht die Theorie im Wege, daß die Mutter einen 
Penis besitzt wie ein Mann, und die Existenz des Hohlraumes, 
der den Penis aufnimmt, bleibt für das Kind unentdeckt. Daß 
die Erfolglosigkeit der Denkbemühung dann ihre Verwerfung 



1) Vgl. hiexu die Analyse des fünfjährigen Knaben im Jahrbuch für psycho- 
analytische und psychopathologische Forschungen. 1. Halbbd. 1909. [Bd. VIII dieser 
Gesamtausgabe.] 

Freud, V. ]a 



178 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

und ihr Vergessen erleichtert, wird man gern annehmen. Dieses 
Grübeln und Zweifeln wird aber vorbildlich für alle spätere 
Denkarbeit an Problemen und der erste Mißerfolg wirkt für alle 
Zeiten lähmend fort. 

Die Unkenntnis der Vagina ermöglicht dem Kinde auch die 
Überzeugung von der zweiten seiner Sexualtheorien. Wenn das 
Kind im Leibe der Mutter wächst und aus diesem entfernt 
wird, so kann dies nur auf dem einzig möglichen Wege der 
Darmöffnung geschehen. Das Kind muß entleert werden 
wie ein Exkrement, ein Stuhlgang. Wenn dieselbe Frage 
in späteren Kinderjahren Gegenstand des einsamen Nachdenkens 
oder der Besprechung zwischen zwei Kindern wird, so stellen 
sich wohl die Auskünfte ein, das Kind komme aus dem sich 
öffnenden Nabel, oder der Bauch werde aufgeschnitten und das 
Kind herausgenommen, wie es dem Wolfe im Märchen von 
Rotkäppchen geschieht. Diese Theorien werden laut ausgesprochen 
und später auch bewußt erinnert; sie enthalten nichts Anstößiges 
mehr. Dieselben Kinder haben dann völlig vergessen, daß sie 
in früheren Jahren au eine andere Geburtstheorie glaubten, 
welcher gegenwärtig die seither eingetretene Verdrängung der 
analen Sexualkomponente im Wege steht. Damals war der 
Stuhlgang etwas, wovon in der Kinderstube ohne Scheu gesprochen 
werden durfte, das Kind stand seinen konstitutionellen koprophilen 
Neigungen noch nicht so ferne; es war keine Degradation, so 
zur Welt zu kommen wie ein Haufen Kot, den der Ekel noch 
nicht verdammt hatte. Die Kloakentheorie, die für so viele 
Tiere ja zu Recht besteht, war die natürlichste und die einzige, 
die sich dem Kinde als wahrscheinlich aufdrängen konnte. 

Dann war es aber nur konsequent, daß das Kind das schmerzliche 
Vorrecht des Weibes, Kinder zu gebären, nicht gelten ließ. Wenn 
die Kinder durch den After geboren werden, so kann der Mann 
ebensogut gebären wie das Weib. Der Knabe kann also auch 
phantasieren, daß er selbst Kinder bekommt, ohne daß wir ihn 






Über infantile Sexualtheorien 



J 79 



darum femininer Neigungen zu beschuldigen brauchen. Er betätigt 
dabei nur seine noch regsame Analerotik. 

Wenn sich die Kloakentheorie der Geburt im Bewußtsein 
späterer Kinderjahre erhält, was gelegentlich vorkommt, so bringt 
sie auch eine allerdings nicht mehr ursprüngliche Lösung der 
Frage nach der Entstehung der Kinder mit sich. Es ist dann 
wie im Märchen. Man ißt etwas Bestimmtes und davon bekommt 
man ein Kind. Die Geisteskranke belebt diese infantile Geburts- 
theorie dann wieder. Die Maniaka etwa führt den besuchenden 
Arzt zu einem Häufchen Kot, das sie in einer Ecke ihre Zelle 
abgesetzt hat, und sagt ihm lachend: Das ist das Kind, das ich 
heute geboren habe. 

Die dritte der typischen Sexualtheorien ergibt sich den Kindern 
wenn sie durch irgendeine der häuslichen Zufälligkeiten zu 
Zeugen des elterlichen Sexualverkehrs werden, über den sie 
dann doch nur sehr unvollständige Wahrnehmungen machen 
können. Welches Stück desselben dann immer in ihre Beob- 
achtung fällt, ob die gegenseitige Lage der beiden Personen 
oder die Geräusche oder gewisse Nebenumstände, sie gelangen 
in allen Fällen zur nämlichen, wir können sagen sadistischen 
Auffassung des Koitus, sehen in ihm etwas, was der 
stärkere Teil dem schwächeren mit Gewalt antut, und vergleichen 
ihn, zumal die Knaben, mit einer Rauferei, wie sie sie aus ihrem 
Kinderverkehr kennen, und die ja auch der Beimengung sexueller 
Erregung nicht ermangelt. Ich habe nicht feststellen können, 
daß die Kinder diesen von ihnen beobachteten Vorgang zwischen 
den Eltern als das zur Lösung des Kinderproblems erforderliche 
Stück agnoszieren würden ; öfter hatte es den Anschein, als würde 
diese Beziehung von den Kindern gerade darum verkannt, weil 
sie dem Liebesakte solche Deutung ins Gewalttätige gegeben 
haben. Aber diese Auffassung macht selbst den Eindruck einer 
Wiederkehr jenes dunkeln Impulses zur grausamen Betätigung, 
der sich beim ersten Nachdenken über das Rätsel, woher die 



12* 



180 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

Kinder kommen, an die Peniserregung knüpfte. Es ist auch die 
Möglichkeit nicht abzuleugnen, daß jener frühzeitige sadistische 
Impuls, der den Koitus beinahe hätte erraten lassen, selbst unter 
dem Einflüsse dunkelster Erinnerungen an den Verkehr der Eltern 
aufgetreten ist, für die das Kind, als es noch in den ersten 
Lebensjahren das Schlafzimmer der Eltern teilte, das Material 
aufgenommen hatte, ohne es damals zu verwerten.' 

Die sadistische Theorie des Koitus, die in ihrer Isoliertheit 
zur Irreführung wird, wo sie hätte Bestätigung bringen können, 
ist wiederum der Ausdruck einer der angeborenen sexuellen 
Komponenten, die bei dem einzelnen Kinde mehr oder minder 
stark ausgeprägt sein mag, und sie hat daher ein Stück weit 
recht, errät zum Teil das Wesen des Geschlechtsaktes und den 
„Kampf der Geschlechter", der ihm vorhergeht. Nicht selten ist 
das Kind auch in der Lage, diese seine Auffassung durch 
akzidentelle Wahrnehmungen zu stützen, die es zum Teil richtig, 
zum anderen wieder falsch, ja gegensätzlich erfaßt. In vielen 
Ehen sträubt sich die Frau wirklich regelmäßig gegen die 
eheliche Umarmung, die ihr keine Lust und die Gefahr neuer 
Schwangerschaft bringt, und so mag die Mutter dem für schlafend 
gehaltenen (oder sich schlafend stellenden) Kinde einen Eindruck 
bieten, der gar nicht anders denn als ein Wehren gegen eine 
Gewalttat gedeutet weiden kann. Andere Male noch gibt die 
ganze Ehe dem aufmerksamen Kinde das Schauspiel eines unaus- 
gesetzten, in lauten Worten und unfreundlichen Gebärden sich 
äußernden Streites, wo dann das Kind sich nicht zu wundern 
braucht, daß dieser Streit sich auch in die Nacht fortsetzt und 
endlich durch dieselben Methoden ausgetragen wird, die das Kind 
im Verkehre mit seinen Geschwistern oder Spielgenossen zu 
gebrauchen gewöhnt ist. 



1) In dem 1794 veröffentlichten, autobiographischen Buche „Monsieur Nicolas" 
bestätigt Restif de la Brc tonne dieses sadistische Mißverständnis des Koitus, 
in der Erzählung eines Eindruckes aus seinem vierten Lebensjahre. 



Über infantile Sexualtheorien 181 



Als eine Bestätigung seiner Auffassung sieht das Kind es aber 
auch an, wenn es Blutspuren im Bett oder an der Wäsche der 
Mutter entdeckt. Diese sind ihm ein Beweis dafür, daß in der 
Nacht wieder ein solcher Überfall des Vaters auf die Mutter 
stattgefunden hat, während wir dieselbe frische Blutspur lieber 
als Anzeichen einer Pause im sexuellen Verkehre deuten werden. 
Manche sonst unerklärliche „Blutscheu" der Nervösen findet 
durch diesen Zusammenhang ihre Aufklärung. Der Irrtum des 
Kindes deckt wiederum ein Stückchen Wahrheit j unter gewissen, 
bekannten Verhältnissen wird die Blutspur allerdings als Zeichen 
des eingeleiteten sexuellen Verkehres gewürdigt. 

In loserem Zusammenhange mit dem unlösbaren Problem, 
woher die Kinder kommen, beschäftigt sich das Kind mit der 
Frage, was das Wesen und der Inhalt des Zustandes sei, den 
man „Verheiratetsein" heißt, und beantwortet diese Frage ver- 
schieden, je nach dem Zusammentreffen von zufälligen Wahr- 
nehmungen bei den Eltern mit den eigenen noch lustbetonten 
Trieben. Nur daß es sich vom Verheiratetsein Lustbefriedigung 
verspricht und ein Hinwegsetzen über die Scham vermutet, 
scheint allen diesen Beantwortungen gemeinsam. Die Auffassung, 
die ich am häufigsten gefunden habe, lautet, daß „man vor 
einander uriniert" 5 eine Abänderung, die so klingt, als ob 
sie symbolisch ein Mehr wissen andeuten wollte: daß der Mann 
in den Topf der Frau uriniert. Andere Male wird der 
Sinn des Heiratens darin verlegt : daß man einander den 
Popo zeigt (ohne sich zu schämen). In einem Falle, in dem es 
der Erziehung gelungen war, die Sexualerfahrung besonders lange 
aufzuschieben, kam das vierzehnjährige und bereits menstruierte 
Mädchen über Anregung der Lektüre auf die Idee, das Verheiratet- 
sein bestehe in einer „Mischung des Blutes", und da die eigene 
Schwester noch nicht die Periode hatte, versuchte die Lüsterne 
ein Attentat auf eine Besucherin, welche gestanden hatte, eben zu 
menstruieren, um sie zu dieser „Blutvermischung" zu nötigen. 



182 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

Die infantilen Meinungen über das Wesen der Ehe, die nicht 
selten von der bewußten Erinnerung festgehalten werden, haben 
für die Symptomatik späterer neurotischer Erkrankung große 
Bedeutung. Sie schaffen sich zunächst Ausdruck in Kinderspielen, in 
denen man das miteinander tut, was das Verheiratetsein ausmacht, 
und dann später einmal kann sich der Wunsch verheiratet zu sein 
die infantile Ausdrucksform wählen, um in einer zunächst unkennt- 
lichen Phobie oder einem entsprechenden Symptom aufzutreten. 1 

Es wären dies die wichtigsten der typischen, in frühen Kind- 
heitsjahren und spontan, nur unter dem Einflüsse der sexuellen 
Triebkomponenten produzierten Sexualtheorien des Kindes. Ich 
weiß, daß ich weder die Vollständigkeit des Materials noch die 
Herstellung des lückenlosen Zusammenhanges mit dem sonstigen 
Kinderleben erreicht habe. Einzelne Nachträge kann ich hier 
noch anfügen, die sonst jeder Kundige vermißt hätte. So zum 
Beispiel die bedeutsame Theorie, daß man ein Kind durch einen 
Kuß bekommt, die wie selbstverständlich die Vorherrschaft der 
erogenen Mundzone verrät. Nach meiner Erfahrung ist diese 
Theorie ausschließlich feminin und wird als pathogen manchmal 
bei Mädchen angetroffen, bei denen die Sexualforschung in der 
Kindheit die stärksten Hemmungen erfahren hat. Eine meiner 
Patientinnen gelangte durch eine zufällige Wahrnehmung zur 
Theorie der „Couvade", die bekanntlich bei manchen Völkern 
allgemeine Sitte ist und wahrscheinlich die Absicht hat, dem nie 
völlig zu besiegenden Zweifel an der Paternität zu widersprechen. 
Da ein etwas sonderbarer Onkel nach der Geburt seines Kindes 
tagelang zu Hause blieb und die Besucher im Schlafrock empfing, 
schloß sie, daß bei einer Geburt beide Eltern beteiligt seien und 
zu Bette gehen müßten. 

Um das zehnte oder elfte Lebensjahr tritt die sexuelle Mit- 
teilung an die Kinder heran. Ein Kind, welches in ungehemmteren 

i) Die für die spätere Neurose bedeutsamsten Kinderspiele sind das „Doklorspiel" 
und „Papa- und Mama"-Spielcn. 



. 



Über infantile Sexualtheorien 183 

sozialen Verhältnissen aufgewachsen ist oder sonst glücklichere 
Gelegenheit zur Beobachtung gefunden hat, teilt anderen mit, 
was es weiß, weil es sich dabei reif und überlegen empfinden 
kann. Was die Kinder so erfahren, ist meist das Richtige, das 
heißt es wird ihnen die Existenz der Vagina und deren Bestimmung 
verraten, aber sonst sind diese Aufklärungen, die sie voneinander 
entlehnen, nicht selten mit Falschem vermengt, mit Überresten 
der älteren infantilen Sexualtheorien behaftet. Vollständig und 
zur Lösung des uralten Problems ausreichend sind sie fast nie. 
Wie früher die Unkenntnis der Vagina, so hindert jetzt die des 
Samens die Einsicht in den Zusammenhang. Das Kind kann 
nicht erraten, daß aus dem männlichen Geschlechtsglied noch 
eine andere Substanz entleert wird als der Harn, und gelegentlich 
zeigt sich ein „unschuldiges Mädchen" noch in der Brautnacht 
entrüstet darüber, daß der Mann „in sie hineinuriniere". An 
diese Mitteilungen in den Jahren der Vorpubertät schließt sich 
nun ein neuer Aufschwung der kindlichen Sexualforschung; aber 
die Theorien, welche die Kinder jetzt schaffen, haben nicht mehr 
das typische und ursprüngliche Gepräge, das für die frühkind- 
lichen, primären, charakteristisch war, solange die infantilen 
Sexualkomponenten ungehemmt und unverwandelt ihren Ausdruck 
in Theorien durchsetzen konnten. Die späteren Denkbemühungen 
zur Lösung der sexuellen Rätsel schienen mir die Sammlung 
nicht zu verlohnen, sie können auch auf pathogene Bedeutung 
wenig Anspruch mehr erheben. Ihre Mannigfaltigkeit ist natürlich 
in erster Linie von der Natur der erhaltenen Aufklärung 
abhängig; ihre Bedeutung liegt vielmehr darin, daß sie die 
unbewußt gewordenen Spuren jener ersten Periode des sexuellen 
Interesses wieder erwecken, so daß nicht selten masturbatorische 
Sexualbetätigung und ein Stück der Gefühlsablösung von den 
Eltern an sie anknüpft. Daher das verdammende Urteil der 
Erzieher, daß solche Aufklärung in diesen Jahren die Kinder 
„verderbe . 



1^4 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenle/nr 




Einige wenige Beispiele mögen zeigen, welche Elemente oft 
in diese späten Grübeleien der Kinder über das Sexualleben ein- 
gehen. Ein Mädchen hat von den Schulkolleginnen gehört, daß 
der Mann der Frau ein Ei gibt, welches sie in ihrem Leibe 
ausbrütet. Ein Knabe, der auch vom Ei gehört hat, identifiziert 
dieses „Ei" mit dem vulgär ebenso benannten Hoden und zer- 
bricht sich den Kopf darüber, wie denn der Inhalt des Hoden- 
sackes sich immer wieder erneuern kann. Die Aufklärungen 
reichen selten so weit, um wesentliche Unsicherheiten über die 
Geschlechtsvorgänge zu verhüten. So können Mädchen zur 
Erwartung kommen, der Geschlechtsverkehr finde nur ein einziges- 
mal statt, dauere aber da sehr lange, vierundzwanzig Stunden, 
und von diesem einen Male kämen der Reihe nach alle Kinder. 
Man sollte meinen, dieses Kind habe Kenntnis von dem Fort- 
pflanzungsvorgang bei gewissen Insekten gewonnen; aber diese 
Vermutung bestätigt sich nicht, die Theorie erscheint als eine 
selbständige Schöpfung. Andere Mädchen übersehen die Tragzeit, 
das Leben im Mutterleibe, und nehmen an, daß das Kind unmittelbar 
nach der Nacht des ersten Verkehrs zum Vorschein komme. 
Marcell Prävost hat diesen Jungmädchenirrtum in einer der 
„Lettresde femmes" zu einer lustigen Geschichte verarbeitet. Schwer 
zu erschöpfen und vielleicht im allgemeinen nicht uninteressant 
ist das Thema dieser späten Sexualforschung der Kinder oder auf 
der kindlichen Stufe zurückgehaltenen Adoleszenten, aber es liegt 
meinem Interesse ferner, und ich muß nur noch hervorheben, 
daß dabei von den Kindern viel Unrechtes zutage gefördert wird, 
was dazu bestimmt ist, älterer, besserer, aber unbewußt gewordener 
und verdrängter Erkenntnis zu widersprechen. 

Auch die Art, wie die Kinder sich gegen die ihnen zugehenden 
Mitteilungen verhalten, hat ihre Bedeutung. Bei manchen ist die 
Sexualverdrängung soweit gediehen, daß sie nichts anhören wollen, 
und diesen gelingt es auch, bis in späte Jahre unwissend zu 
bleiben, scheinbar unwissend wenigstens, bis in der Psychoanalyse 






- 



Über infantile Sexualtheorien 185 

der Neurotischen das aus früher Kindheit stammende "Wissen zum 
Vorschein kommt. Ich weiß auch von zwei Knaben zwischen 
zehn und dreizehn Jahren, welche die sexuelle Aufklärung zwar 
anhörten, aber dem Gewährsmanne die ablehnende Antwort 
gaben: Es ist möglich, daß dein Vater und andere Leute so 
etwas tun, aber von meinem Vater weiß ich es gewiß, daß er 
es nie tun würde. Wie mannigfaltig immer dieses spätere 
Benehmen der Kinder gegen die Befriedigung der sexuellen 
Wißbegierde sein mag, für ihre ersten Kinderjahre dürfen 
wir ein durchaus gleichförmiges Verhalten annehmen und 
glauben, daß sie damals alle aufs eifrigste bestrebt waren 
zu erfahren, was die Eltern miteinander tun, woraus dann die 
Kinder werden. 



TT 






BEITRÄGE ZUR PSYCHOLOGIE 
DES LIEBESLEBENS 



i 

ÜBER EINEN BESONDEREN TYPUS DER OBJEKTWAHL 

BEIM MANNE 

Wir haben es bisher den Dichtern überlassen, uns zu schildern, 
nach welchen „Liebesbedingungen" die Menschen ihre Objekt wähl 
treffen, und wie sie die Anforderungen ihrer Phantasie mit der 
Wirklichkeit in Einklang bringen. Die Dichter verfügen auch 
über manche Eigenschaften, welche sie zur Lösung einer solchen 
Aufgabe befähigen, vor allem über die Feinfühligkeit für die 
Wahrnehmung verborgener Seelenregungen bei anderen und den 
Mut, ihr eigenes Unbewußtes laut werden zu lassen. Aber der 
Erkenntniswert ihrer Mitteilungen wird durch einen Umstand 
herabgesetzt. Die Dichter sind an die Bedingung gebunden, 
intellektuelle und ästhetische Lust sowie bestimmte Gefühls- 
wirkungen zu erzielen, und darum können sie den Stoff der 
Realität nicht unverändert darstellen, sondern müssen Teilstücke 
desselben isolieren, störende Zusammenhänge auflösen, das Ganze 
mildern und Fehlendes ersetzen. Es sind dies Vorrechte der soge- 
nannten „poetischen Freiheit". Auch können sie nur wenig 



|) 



Der erste Beitrag erschien zuerst Ipio im 
„Jahrbuch für psychoanalytische und psychopatho- 
logische Forschungen"', Hand 11; der zweite lpt2, 
ebcndort, Hand IV; beide dann, mitsamt dem dritten, 
unter dem gemeinsamen Obertitel in der Vierten Folge 
der „Sammlung kleiner Schriften zur Ncuroscnlehre". 



- 



Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 187 

Interesse für die Herkunft und Entwicklung solcher seelischer 
Zustände äußern, die sie als fertige beschreiben. Somit wird es 
doch unvermeidlich, daß die Wissenschaft mit plumperen Händen 
und zu geringerem Lustgewinne sich mit denselben Materien 
beschäftige, an deren dichterischer Bearbeitung sich die Menschen 
seit Tausenden von Jahren erfreuen. Diese Bemerkungen mögen 
zur Rechtfertigung einer streng wissenschaftlichen Bearbeitung 
auch des menschlichen Liebeslebens dienen. Die Wissenschaft ist 
eben die vollkommenste Lossagung vom Lustprinzip, die unserer 
psychischen Arbeit möglich ist. 

Während der psychoanalytischen Behandlungen hat man reich- 
lich Gelegenheit, sich Eindrücke aus dem Liebesleben der Neurotiker 
zu holen, und kann sich dabei erinnern, daß man ähnliches Verhalten 
auch bei durchschnittlich Gesunden oder selbst bei hervorragenden 
Menschen beobachtet oder erfahren hat. Durch Häufung der 
Eindrücke infolge zufälliger Gunst des Materials treten dann 
einzelne Typen deutlicher hervor. Einen solchen Typus der männ- 
lichen Objektwahl will ich hier zuerst beschreiben, weil er 
sich durch eine Reihe von „Liebesbedingungen" auszeichnet, 
deren Zusammentreffen nicht verständlich, ja eigentlich befrem- 
dend ist, und weil er eine einfache psychoanalytische Aufklärung 

zuläßt. 

1 .) Die erste dieser Liebesbedingungen ist als geradezu spezifisch 
zu bezeichnen; sobald man sie vorfindet, darf man nach dem 
Vorhandensein der anderen Charaktere dieses Typus suchen. Man 
kann sie die Bedingung des „Geschädigten Dritten" nennen; 
ihr Inhalt geht dahin, daß der Betreffende niemals ein Weib 
zum Liebesobjekt wählt, welches noch frei ist, also ein Mädchen 
oder eine alleinstehende Frau, sondern nur ein solches Weib, auf 
das ein anderer Mann als Ehegatte, Verlobter, Freund Eigentums- 
rechte geltend machen kann. Diese Bedingung zeigt sich in 
manchen Fällen so unerbittlich, daß dasselbe Weib zuerst über 



i88 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



sehen oder selbst verschmäht werden kann, solange es niemandem 
angehört, während es sofort Gegenstand der Verliebtheit wird, 
sobald es in eine der genannten Beziehungen zu einem anderen 
Manne tritt. 

ö.) Die zweite Bedingung ist vielleicht minder konstant, aber 
nicht weniger auffällig. Der Typus wird erst durch ihr Zusammen- 
treffen mit der ersten erfüllt, während die erste auch für sich 
allein in großer Häufigkeit vorzukommen scheint. Diese zweite 
Bedingung besagt, daß das keusche und unverdächtige Weib 
niemals den Reiz ausübt, der es zum Liebesobjekt erhebt, sondern 
nur das irgendwie sexuell anrüchige, an dessen Treue und Ver- 
läßlichkeit ein Zweifel gestattet ist. Dieser letztere Charakter mag 
in einer bedeutungsvollen Reihe variieren, von dem leisen 
Schatten auf dem Ruf einer dem Flirt nicht abgeneigten Ehefrau 
bis zur offenkundig polygamen Lebensführung einer Kokotte 
oder Liebeskünstlerin, aber auf irgend etwas dieser Art wird 
von den zu unserem Typus Gehörigen nicht verzichtet. Man mag 
diese Bedingung mit etwas Vergröberung die der „Dirnen liebe" 
heißen. 

Wie die erste Bedingung Anlaß zur Befriedigung von agonalen, 
feindseligen Regungen gegen den Mann gibt, dem man das 
geliebte Weib entreißt, so steht die zweite Bedingung, die der 
Dirnenhaftigkeit des Weibes, in Beziehung zur Betätigung der 
Eifersucht, die für Liebende dieses Typus ein Bedürfnis zu 
sein scheint. Erst wenn sie eifersüchtig sein können, erreicht die 
Leidenschaft ihre Höhe, gewinnt das Weib seinen vollen Wert, 
und sie versäumen nie, sich eines Anlasses zu bemächtigen, der 
ihnen das Erleben dieser stärksten Empfindungen gestattet. Merk- 
würdigerweise ist es nicht der rechtmäßige Besitzer der Geliebten, 
gegen den sich diese Eifersucht richtet, sondern neu auf- 
tauchende Fremde, mit denen man die Geliebte in Verdacht 
bringen kann. In grellen Fällen zeigt der Liebende keinen Wunsch, 
das Weib für sich allein zu besitzen, und scheint sich in dem 



Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 189 

dreieckigen Verhältnis durchaus wohl zu fühlen. Einer meiner 
Patienten, der unter den Seitensprüngen seiner Dame entsetzlich 
gelitten hatte, hatte doch gegen ihre Verheiratung nichts einzu- 
wenden, sondern förderte diese mit allen Mitteln; gegen den 
Mann zeigte er dann durch Jahre niemals eine Spur von Eifer- 
sucht. Ein anderer typischer Fall war in seinen ersten Liebes- 
beziehungen allerdings sehr eifersüchtig gegen den Ehegatten 
gewesen und hatte die Dame genötigt, den ehelichen Verkehr 
mit diesem einzustellen 5 in seinen zahlreichen späteren Verhält- 
nissen benahm er sich aber wie die anderen und faßte den 
legitimen Mann nicht mehr als Störuug auf. 

Die folgenden Punkte schildern nicht mehr die vom Liebesobjekt 
geforderten Bedingungen, sondern das Verhalten des Liebenden 
gegen das Objekt seiner Wahl. 

5.) Im normalen Liebesleben wird der Wert des Weibes durch 
seine sexuelle Integrität bestimmt und durch die Annäherung an 
den Charakter der Dirnenhaftigkeit herabgesetzt. Es erscheint 
daher als eine auffällige Abweichung vom Normalen, daß von 
den Liebenden unseres Typus die mit diesem Charakter behafteten 
Frauen als höchstwertige Liebesobjekte behandelt wer- 
den. Die Liebesbeziehungen zu diesen Frauen werden mit dem 
höchsten psychischen Aufwand bis zur Aufzehrung aller anderen 
Interessen betrieben; sie sind die einzigen Personen, die man 
lieben kann, und die Selbstanforderung der Treue wird jedesmal 
wieder erhoben, so oft sie auch in der Wirklichkeit durchbrochen 
werden mag. In diesen Zügen der beschriebenen Liebesbeziehungen 
prägt sich überdeutlich der zwanghafte Charakter aus, welcher 
ja in gewissem Grade jedem Falle von Verliebtheit eignet. Man 
darf aber aus der Treue und Intensität der Bindung nicht die 
Erwartung ableiten, daß ein einziges solches Liebesverhältnis das 
Liebesleben der Betreffenden ausfülle oder sich nur einmal innerhalb 
desselben abspiele. Vielmehr wiederholen sich Leidenschaften dieser 
Art mit den gleichen Eigentümlichkeiten — die eine das genaue 



1 9° Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



Abbild der anderen — mehrmals im Leben der diesem Typus 
Angehörigen, ja die Liebesobjekte können nach äußeren Bedin- 
gungen, z. B. Wechsel von Aufenthalt und Umgebung, einander 
so häufig ersetzen, daß es zur Bildung einer langen Beihe 
kommt. 

4.) Am überraschendsten wirkt auf den Beobachter die bei den 
Liebenden dieses Typus sich äußernde Tendenz, die Geliebte zu 
„retten". Der Mann ist überzeugt, daß die Geliebte seiner 
bedarf, daß sie ohne ihn jeden sittlichen Halt verlieren und rasch 
auf ein bedauernswertes Niveau herabsinken würde. Er rettet sie 
also, indem er nicht von ihr läßt. Die Bettungsabsicht kann sich 
in einzelnen Fällen durch die Berufung auf die sexuelle Unver- 
läßlichkeit und die sozial gefährdete Position der Geliebten recht- 
fertigen; sie tritt aber nicht minder deutlich hervor, wo solche 
Anlehnungen an die Wirklichkeit fehlen. Einer der zum beschrie- 
benen Typus gehörigen Männer, der seine Damen durch kunst- 
volle Verführung und spitzfindige Dialektik zu gewinnen verstand, 
scheute dann im Liebesverhältnis keine Anstrengung, um die 
jeweilige Geliebte durch selbstverfaßte Traktate auf dem Wege 
der „Tugend" zu erhalten. 

Überblickt man die einzelnen Züge des hier geschilderten 
Bildes, die Bedingungen der Unfreiheit und der Dirnenhaftigkeit 
der Geliebten, die hohe Wertung derselben, das Bedürfnis nach 
Eifersucht, die Treue, die sich doch mit der Auflösung in eine 
lange Beihe verträgt, und die Bettungsabsicht, so wird man eine 
Ableitung derselben aus einer einzigen Quelle für wenig wahr- 
scheinlich halten. Und doch ergibt sich eine solche leicht bei 
psychoanalytischer Vertiefung in die Lebensgeschichte der in 
Betracht kommenden Personen. Diese eigentümlich bestimmte 
Objektwahl und das so sonderbare Liebesverhalten haben dieselbe 
psychische Abkunft wie im Liebesleben des Normalen, sie ent- 
springen aus der infantilen Fixierung der Zärtlichkeit an die 
Mutter und stellen einen der Ausgänge dieser Fixierung dar. Im 



Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 191 

normalen Liebesleben erübrigen nur wenige Züge, welche das 
mütterliche Vorbild der Objektwahl unverkennbar verraten, so 
zum Beispiel die Vorliebe junger Männer für gereiftere Frauen y 
die Ablösung der Libido von der Mutter hat sich verhältnis- 
mäßig rasch vollzogen. Bei unserem Typus hingegen hat die 
Libido auch nach dem Eintritt der Pubertät so lange bei der 
Mutter verweilt, daß den später gewählten Liebesobjekten die 
mütterlichen Charaktere eingeprägt bleiben, daß diese alle zu 
leicht kenntlichen Muttersurrogaten werden. Es drängt sich hier 
der Vergleich mit der Schädelformation des Neugeborenen auf; 
nach protrahierter Geburt muß der Schädel des Kindes den Aus- 
guß der mütterlichen Beckenenge darstellen. 

Es obliegt uns nun, wahrscheinlich zu machen, daß die charakte- 
ristischen Züge unseres Typus, Liebesbedingungen wie Liebes- 
verhalten, wirklich der mütterlichen Konstellation entspringen. 
Am leichtesten dürfte dies für die erste Bedingung, die der 
Unfreiheit des Weibes oder des geschädigten Dritten, gelingen. 
Man sieht ohne weiteres ein, daß bei dem in der Familie auf- 
wachsenden Kinde die Tatsache, daß die Mutter dem Vater 
gehört, zum unabtrennbaren Stück des mütterlichen Wesens wird, 
und daß kein anderer als der Vater selbst der geschädigte Dritte 
ist. Ebenso ungezwungen fügt sich der überschätzende Zug, daß 
die Geliebte die Einzige, Unersetzliche ist, in den infantilen 
Zusammenhang ein, denn niemand besitzt mehr als eine 
Mutter, und die Beziehung zu ihr ruht auf dem Fundament 
eines jedem Zweifel entzogenen und nicht zu wiederholenden 
Ereignisses. 

Wenn die Liebesobjekte bei unserem Typus vor allem Mutter- 
surrogate sein sollen, so wird auch die Reihenbildung verständ- 
lich, welche der Bedingung der Treue so direkt zu widersprechen 
scheint. Die Psychoanalyse belehrt uns auch durch andere Bei- 
spiele, daß das im Unbewußten wirksame Unersetzliche sich 
häufig durch die Auflösung in eine unendliche Reihe kundgibt, 



19 2 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



unendlich darum, weil jedes Surrogat doch die erstrebte Befrie- 
digung vermissen läßt. So erklärt sich die unstillbare Fragelust 
der Kinder in gewissem Alter daraus, daß sie eine einzige Frage 
zu stellen haben, die sie nicht über ihre Lippen bringen, die 
Geschwätzigkeit mancher neurotisch geschädigter Personen aus dem 
Drucke eines Geheimnisses, das zur Mitteilung drängt, und das 
sie aller Versuchung zum Trotze doch nicht verraten. 

Dagegen scheint die zweite Liebesbedingung, die der Dirnen- 
haftigkeit des gewählten Objekts, einer Ableitung aus dem 
Mutterkomplex energisch zu widerstreben. Dem bewußten Denken 
des Erwachsenen erscheint die Mutter gern als Persönlichkeit 
von unantastbarer sittlicher Reinheit, und wenig anderes wirkt, 
wenn es von außen kommt, so beleidigend, oder wird, wenn es 
von innen aufsteigt, so peinigend empfunden wie ein Zweifel an 
diesem Charakter der Mutter. Gerade dieses Verhältnis von 
schärfstem Gegensatze zwischen der „Mutter" und der „Dirne" 
wird uns aber anregen, die Entwicklungsgeschichte und das unbe- 
wußte Verhältnis dieser beiden Komplexe zu erforschen, wenn 
wir längst erfahren haben, daß im Unbewußten häufig in Eines 
zusammenfällt, was im Bewußtsein in zwei Gegensätze gespalten 
vorliegt. Die Untersuchung führt uns dann in die Lebenszeit 
zurück, in welcher der Knabe zuerst eine vollständigere Kenntnis 
von den sexuellen Beziehungen zwischen den Erwachsenen 
gewinnt, etwa in die Jahre der Vorpubertät. Brutale Mitteilungen 
von unverhüllt herabsetzender und aufrührerischer Tendenz machen 
ihn da mit dem Geheimnis des Geschlechtslebens bekannt, zer- 
stören die Autorität der Erwachsenen, die sich als unvereinbar mit 
der Enthüllung ihrer Sexualbetätigung erweist. Was in diesen 
Eröffnungen den stärksten Einfluß auf den Neueingeweihten 
nimmt, das ist deren Beziehung zu den eigenen Eltern. Dieselbe 
wird oft direkt von dem Hörer abgelehnt, etwa mit den Worten : 
Es ist möglich, daß deine Eltern und andere Leute so etwas 
miteinander tun, aber von meinen Eltern ist es ganz unmöglich. 









Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 193 

Als selten fehlendes Korollar zur „sexuellen Aufklärung" 
gewinnt der Knabe auch gleichzeitig die Kenntnis von der 
Existenz gewisser Frauen, die den geschlechtlichen Akt erwerbs- 
mäßig ausüben und darum allgemein verachtet werden. Ihm 
selbst muß diese Verachtung ferne sein 5 er bringt für diese 
Unglücklichen nur eine Mischung von Sehnsucht und Grausen 
auf, sobald er weiß, daß auch er von ihnen in das Geschlechts- 
leben eingeführt werden kann, welches ihm bisher als der aus- 
schließliche Vorbehalt der „Großen" galt. Wenn er dann den 
Zweifel nicht mehr festhalten kann, der für seine Eltern eine 
Ausnahme von den häßlichen Normen der Geschlechtsbetätigung 
fordert, so sagt er sich mit zynischer Korrektheit, daß der Unter- 
schied zwischen der Mutter und der Hure doch nicht so groß 
sei, daß sie im Grunde das nämliche tun. Die aufklärenden Mit- 
teilungen haben nämlich die Erinnerungsspuren seiner frühinfantilen 
Eindrücke und Wünsche in ihm geweckt und von diesen aus 
gewisse seelische Regungen bei ihm wieder zur Aktivität gebracht. 
Er beginnt die Mutter selbst in dem neugewonnenen Sinne zu 
bege hren und den V ater als Nebenbuhler, der diesem Wunsche 
im Wege steht, von neuem zu hassen; er gerät, wie wir sagen, 
unter die Herrschaft des Ödipuskomplexes. Er vergißt es der 
Mutter nicht und betrachtet es im Lichte einer Untreue, daß sie 
die Gunst des sexuellen Verkehres nicht ihm, sondern dem Vater 
geschenkt hat. Diese Regungen haben, wenn sie nicht rasch 
vorüberziehen, keinen anderen Ausweg, als sich in Phantasien 
auszuleben, welche die Sexualbetätigung der Mutter unter den 
mannigfachsten Verhältnissen zum Inhalte haben, deren Spannung 
auch besonders leicht zur Lösung im onanistischen Akte führt. 
Infolge des beständigen Zusammenwirkens der beiden treibenden 
Motive, der Begehrlichkeit und der Rachsucht, sind Phantasien 
von der Untreue der Mutter die bei weitem bevorzugten; der 
Liebhaber, mit dem die Mutter die Untreue begeht, trägt fast 
immer die Züge des eigenen Ichs, richtiger gesagt, der eigenen, 

Freud, V. 13 






1 94 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

idealisierten, durch Altersreifung auf das Niveau des Vaters 
gehobenen Persönlichkeit. Was ich an anderer Stelle 1 als „Familien- 
roman" geschildert habe, umfaßt die vielfältigen Ausbildungen 
dieser Phantasietätigkeit und deren Verwebung mit verschiedenen 
egoistischen Interessen dieser Lebenszeit. Nach Einsicht in dieses 
Stück seelischer Entwicklung können wir es aber nicht mehr 
widerspruchsvoll und unbegreiflich finden, daß die Bedingung 
der Dirnenhaftigkeit der Geliebten sich direkt aus dem Mutter- 
komplex ableitet. Der von uns beschriebene Typus des männlichen 
Liebeslebens trägt die Spuren dieser Entwicklungsgeschichte an 
sich und läßt sich einfach verstehen als Fixierung an die Pubertäts- 
phantasien des Knaben, die späterhin den Ausweg in die Realität 
des Lebens doch noch gefunden haben. Es macht keine 
Schwierigkeiten anzunehmen, daß die eifrig geübte Onanie der 
Pubertätsjahre ihren Beitrag zur Fixierung jener Phantasien 
geleistet hat. 

Mit diesen Phantasien, welche sich zur Beherrschung des 
realen Liebeslebens aufgeschwungen haben, scheint die Tendenz, 
die Geliebte zu retten, nur in lockerer, oberflächlicher und 
durch bewußte Begründung erschöpfbarer Verbindung zu stehen. 
Die Geliebte bringt sich durch ihre Neigung zur Unbeständigkeit 
und Untreue in Gefahren, also ist es begreiflich, daß der Liebende 
sich bemüht, sie vor diesen Gefahren zu behüten, indem er ihre 
Tugend überwacht und ihren schlechten Neigungen entgegen- 
arbeitet. Indes zeigt das Studium der Deckerinnerungen, Phan- 
tasien und nächtlichen Träume der Menschen, daß hier eine 
vortrefflich gelungene „Rationalisierung" eines unbewußten 
Motivs vorliegt, die einer gut geratenen sekundären Bearbeitung 
im Traume gleichzusetzen ist. In Wirklichkeit hat das Rettungs- 
motiv seine eigene Bedeutung und Geschichte und ist ein 
selbständiger Abkömmling des Mutter- oder, richtiger gesagt, des 

1) O. Rank, Der Mythus von der Geburt des Helden, 1909. (Schriften zur ange- 
wandten Seelenkunde, Heft 5.) 2. Auflage 1922. 



Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens ig5 

Elternkomplexes. Wenn das Kind hört, daß es sein Leben den 
Eltern verdankt, daß ihm die Mutter „das Leben 
geschenkt" hat, so vereinen sich bei ihm zärtliche mit groß- 
mannssüchtigen, nach Selbständigkeit ringenden Regungen, um 
den Wunsch entstehen zu lassen, den Eltern dieses Geschenk 
zurückzuerstatten, es ihnen durch ein gleichwertiges zu vergelten. 
Es ist, wie wenn der Trotz des Knaben sagen wollte : Ich brauche 
nichts vom Vater, ich will ihm alles zurückgeben, was ich ihn 
gekostet habe. Er bildet dann die Phantasie, den Vater aus 
einer Lebensgefahr zu retten, wodurch er mit ihm quitt 
wird, und diese Phantasie verschiebt sich häufig genug auf den 
Kaiser, König oder sonst einen großen Herrn und wird nach 
dieser Entstellung bewußtseinsfähig und selbst für den Dichter 
verwertbar. In der Anwendung auf den Vater überwiegt bei 
weitem der trotzige Sinn der Rettungsphantasie, der Mutter 
wendet sie meist ihre zärtliche Bedeutung zu. Die Mutter hat 
dem Kinde das Leben geschenkt, und es ist nicht leicht, dies 
eigenartige Geschenk durch etwas Gleichwertiges zu ersetzen. Bei 
geringem Bedeutungswandel, wie er im Unbewußten erleichtert 
ist — was man etwa dem bewußten Ineinanderfließen der Begriffe 
gleichstellen kann — gewinnt das Retten der Mutter die Bedeu- 
tung von: ihr ein Kind schenken oder machen, natürlich ein 
Kind, wie man selbst ist. Die Entfernung vom ursprünglichen 
Sinne der Rettung ist keine allzu große, der Bedeutungswandel 
kein willkürlicher. Die Mutter hat einem ein Leben geschenkt, 
das eigene, und man schenkt ihr dafür ein anderes Leben, das 
eines Kindes, das mit dem eigenen Selbst die größte Ähnlichkeit 
hat. Der Sohn erweist sich dankbar, indem er sich wünscht, von 
der Mutter einen Sohn zu haben, der ihm selbst gleich ist, das 
heißt, in der Rettungsphantasie identifiziert er sich völlig mit 
dem Vater. Alle Triebe, die zärtlichen, dankbaren, lüsternen, 
trotzigen, selbstherrlichen, sind durch den einen Wunsch befriedigt, 
sein eigener Vater zu sein. Auch das Moment der Gefahr 

'5* 






ig6 



Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



ist bei dem Bedeutungswandel nicht verloren gegangen; der 
Geburtsakt selbst ist nämlich die Gefahr, aus der man durch die 
Anstrengung der Mutter gerettet wurde. Die Geburt ist ebenso 
die allererste Lebensgefahr wie das Vorbild aller späteren, vor 
denen wir Angst empfinden, und das Erleben der Geburt hat 
uns wahrscheinlich den Affektausdruck, den wir Angst heißen, 
hinterlassen. Der Macduff der schottischen Sage, den seine 
Mutter nicht geboren hatte, der aus seiner Mutter Leib geschnitten 
wurde, hat darum auch die Angst nicht gekannt. 

Der alte Traumdeuter Artemidoros hatte sicherlich Recht 
mit der Behauptung, der Traum wandle seinen Sinn je nach der 
Person des Träumers. Nach den für den Ausdruck unbewußter 
Gedanken geltenden Gesetzen kann das „Retten" seine Bedeutung 
variieren, je nachdem es von einer Frau oder von einem Manne 
phantasiert wird. Es kann ebensowohl bedeuten : ein Kind machen 
= zur Geburt bringen (für den Mann) wie: selbst ein Kind 
gebären (für die Frau). 

Insbesondere in der Zusammensetzung mit dem Wasser lassen 
sich diese verschiedenen Bedeutungen des Rettens in Träumen 
und Phantasien deutlich erkennen. Wenn ein Mann im Traume 
eine Frau aus dem Wasser rettet, so heißt das : er macht sie zur 
Mutter, was nach den vorstehenden Erörterungen gleichsinnig 
ist dem Inhalte: er macht sie zu seiner Mutter. Wenn eine Frau 
einen anderen (ein Kind) aus dem Wasser rettet, so bekennt sie 
sich damit wie die Königstochter in der Mosessage 1 als seine Mutter, 
die ihn geboren hat. 

Gelegentlich enthält auch die auf den Vater gerichtete Rettungs- 
phantasie einen zärtlichen Sinn. Sie will dann den Wunsch aus- 
drücken, den Vater zum Sohne zu haben, das heißt einen Sohn 
zu haben, der so ist wie der Vater. Wegen all dieser Beziehungen 
des Rettungsmotivs zum Elternkomplex bildet die Tendenz, die 



1) Rank, 1. c. 



1 97 



Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 

Geliebte zu retten, einen wesentlichen Zug des hier beschriebenen 
Liebestypus. 

Ich halte es nicht für notwendig, meine Arbeitsweise zu recht- 
fertigen, die hier wie bei der Aufstellung der Analerotik 
darauf hinausgeht, aus dem Beobachtungsmaterial zunächst extreme 
und scharf umschriebene Typen herauszuheben. Es gibt in beiden 
Fällen weit zahlreichere Individuen, in denen nur einzelne Züge 
dieses Typus, oder diese nur in unscharfer Ausprägung festzustellen 
sind, und es ist selbstverständlich, daß erst die Darlegung des 
ganzen Zusammenhanges, in den diese Typen aufgenommen sind, 
deren richtige Würdigung ermöglicht. 



II 

ÜBER DIE ALLGEMEINSTE ERNIEDRIGUNG DES 

LIEBESLEBENS 



Wenn der psychoanalytische Praktiker sich fragt, wegen 
welches Leidens er am häufigsten um Hilfe angegangen wird, 
so muß er — absehend von der vielgestaltigen Angst — ant- 
worten: wegen psychischer Impotenz. Diese sonderbare Störung 
betrifft Männer von stark libidinösem Wesen und äußert sich 
darin, daß die Exekutivorgane der Sexualität die Ausführung des 
geschlechtlichen Aktes verweigern, obwohl sie sich vorher und 
nachher als intakt und leistungsfähig erweisen können, und 
obwohl eine starke psychische Geneigtheit zur Ausführung des 
Aktes besteht. Die erste Anleitung zum Verständnis seines 
Zustandes erhält der Kranke selbst, wenn er die Erfahrung macht, 
daß ein solches Versagen nur beim Versuch mit gewissen Personen 
auftritt, während es bei anderen niemals in Frage kommt. Er 
weiß dann, daß es eine Eigenschaft des Sexualobjekts ist, von 
welcher die Hemmung seiner männlichen Potenz ausgeht, und 
berichtet manchmal, er habe die Empfindung eines Hindernisses 
in seinem Innern, die Wahrnehmung eines Gegenwillens, der 
die bewußte Absicht mit Erfolg störe. Er kann aber nicht 
erraten, was dies innere Hindernis ist und welche Eigenschaft 
des Sexualobjekts es zur Wirkung bringt. Hat er solches 
Versagen wiederholt erlebt, so urteilt er wohl in bekannter 



Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens lgg 

fehlerhafter Verknüpfung, die Erinnerung an das erste Mal habe 
als störende Angstvorstellung die Wiederholungen erzwungen; 
das erste Mal selbst führt er aber auf einen „zufälligen" Eindruck 
zurück. 

Psychoanalytische Studien über die psychische Impotenz sind 
bereits von mehreren Autoren angestellt und veröffentlicht 
worden. 1 Jeder Analytiker kann die dort gebotenen Aufklärungen 
aus eigener ärztlicher Erfahrung bestätigen. Es handelt sich 
wirklich um die hemmende Einwirkung gewisser psychischer 
Komplexe, die sich der Kenntnis des Individuums entziehen. Als 
allgemeinster Inhalt dieses pathogenen Materials hebt sich die 
nicht überwundene inzestuöse Fixierung an Mutter und Schwester 
hervor. Außerdem ist der Einfluß von akzidentellen peinlichen 
Eindrücken, die sich an die infantile Sexualbetätigung knüpfen, 
zu berücksichtigen und jene Momente, die ganz allgemein die 
auf das weibliche Sexualobjekt zu richtende Libido verringern. 2 

Unterzieht man Fälle von greller psychischer Impotenz einem 
eindringlichen Studium mittels der Psychoanalyse, so gewinnt 
man folgende Auskunft über die dabei wirksamen psychosexuellen 
Vorgänge. Die Grundlage des Leidens ist hier wiederum — wie 
sehr wahrscheinlich bei allen neurotischen Störungen — eine 
Hemmung in der Entwicklungsgeschichte der Libido bis zu ihrer 
normal zu nennenden Endgestaltung. Es sind hier zwei Strö- 
mungen nicht zusammengetroffen, deren Vereinigung erst ein 
völlig normales Liebes verhalten sichert, zwei Strömungen, die 
wir als die zärtliche und die sinnliche voneinander unter- 
scheiden können. 

Von diesen beiden Strömungen ist die zärtliche die ältere. Sie 
stammt aus den frühesten Kinderjahren, hat sich auf Grund der 



1) M. Steiner: Die funktionelle Impotenz des Mannes und ihre Behandlung, 
j 90?i _ W. St ekel: In „Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung", Wien 
1908 (II. Auflage 1912). — Perenczi: Analytische Deutung und Behandlung der 
psychosexuellen Impotenz beim Manne. (Psychiat.-neurol. Wochenschrift, 1908.) 

2) W. Stekel: 1. c, S. 191 ff. 






aoo 



Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



Interessen des Selbsterhaltungstriebes gebildet und richtet sich 
auf die Personen der Familie und die Vollzieher der Kinderpflege. 
Sie hat von Anfang an Beiträge von den Sexualtrieben, Kom- 
ponenten von erotischem Interesse mitgenommen, die schon in 
der Kindheit mehr oder minder deutlich sind, beim Neurotiker 
in allen Fällen durch die spätere Psychoanalyse aufgedeckt 
werden. Sie entspricht der primären kindlichen Objekt- 
wahl. Wir ersehen aus ihr, daß die Sexualtriebe ihre ersten 
Objekte in der Anlehnung an die Schätzungen der Ichtriebe 
finden, gerade so, wie die ersten Sexualbefriedigungen in 
Anlehnung an die zur Lebenserhaltung notwendigen Körper- 
funktionen erfahren werden. Die „Zärtlichkeit" der Eltern und 
Pflegepersonen, die ihren erotischen Charakter selten verleugnet 
(„das Kind ein erotisches Spielzeug"), tut sehr viel dazu, die 
Beiträge der Erotik zu den Besetzungen der Ichtriebe beim 
Kinde zu erhöhen und sie auf ein Maß zu bringen, welches 
in der späteren Entwicklung in Betracht kommen muß, 
besonders wenn gewisse andere Verhältnisse dazu ihren Beistand 
leihen. 

Diese zärtlichen Fixierungen des Kindes setzen sich durch die 
Kindheit fort und nehmen immer wieder Erotik mit sich, welche 
dadurch von ihren sexuellen Zielen abgelenkt wird. Im Lebens- 
alter der Pubertät tritt nun die mächtige „sinnliche" Strömung 
hinzu, die ihre Ziele nicht mehr verkennt. Sie versäumt es 
anscheinend niemals, die früheren Wege zu gehen und nun mit 
weit stärkeren Libidobeträgen die Objekte der primären infantilen 
Wahl zu besetzen. Aber da sie dort auf die unterdessen auf- 
gerichteten Hindernisse der Inzestschranke stößt, wird sie das 
Bestreben äußern, von diesen real ungeeigneten Objekten möglichst 
bald den Übergang zu anderen, fremden Objekten zu finden, mit 
denen sich ein reales Sexualleben durchführen läßt. Diese fremden 
Objekte werden immer noch nach dem Vorbild (der Imago) der 
infantilen gewählt werden, aber sie werden mit der Zeit die 



Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 201 

Zärtlichkeit an sich ziehen, die an die früheren gekettet war. 
Der Mann wird Vater und Mutter verlassen — nach der 
biblischen Vorschrift — und seinem Weibe nachgehen, Zärt- 
lichkeit und Sinnlichkeit sind dann beisammen. Die höchsten 
Grade von sinnlicher Verliebtheit werden die höchste psychische 
Wertschätzung mit sich bringen. (Die normale Überschätzung 
des Sexualobjekts von sehen des Mannes.) 

Für das Mißlingen dieses Fortschrittes im Entwicklungsgang 
der Libido werden zwei Momente maßgebend sein. Erstens das 
Maß von realer Versagung, welches sich der neuen Objekt- 
wahl entgegensetzen und sie für das Individuum entwerten wird. 
Es hat ja keinen Sinn, sich der Objektwahl zuzuwenden, wenn 
man überhaupt nicht wählen darf oder keine Aussicht hat, 
etwas Ordentliches wählen zu können. Zweitens das Maß der 
Anziehung, welches die zu verlassenden infantilen Objekte 
äußern können, und das proportional ist der erotischen Besetzung, 
die ihnen noch in der Kindheit zuteil wurde. Sind diese beiden 
Faktoren stark genug, so tritt der allgemeine Mechanismus der 
Neurosenbildung in Wirksamkeit. Die Libido wendet sich von 
der Realität ab, wird von der Phantasietätigkeit aufgenommen 
(Introversion), verstärkt die Bilder der ersten Sexualobjekte, fixiert 
sich an dieselben. Das Inzesthindernis nötigt aber die diesen 
Objekten zugewendete Libido, im Unbewußten zu verbleiben. Die 
Betätigung der jetzt dem Unbewußten angehörigen sinnlichen 
Strömung in onanistischen Akten tut das Ihrige dazu, um diese 
Fixierung zu verstärken. Es ändert nichts an diesem Sachverhalt, 
wenn der Fortschritt nun in der Phantasie vollzogen wird, der 
in der Realität mißglückt ist, wenn in den zur onanistischen 
Befriedigung führenden Phantasiesituationen die ursprünglichen 
Sexualobjekte durch fremde ersetzt werden. Die Phantasien 
werden durch diesen Ersatz bewußtseinsfähig, an der realen 
Unterbringung der Libido wird ein Fortschritt nicht voll- 
zogen. 



202 



Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosen lehre 



Es kann auf diese Weise geschehen, daß die ganze Sinnlichkeit 
eines jungen Menschen im Unbewußten an inzestuöse Objekte 
gebunden oder, wie wir auch sagen können, an unbewußte 
inzestuöse Phantasien fixiert wird. Das Ergebnis ist dann eine 
absolute Impotenz, die etwa noch durch die gleichzeitig erworbene 
wirkliche Schwächung der den Sexualakt ausführenden Organe 
versichert wird. 

Für das Zustandekommen der eigentlich sogenannten psychischen 
Impotenz werden mildere Bedingungen erfordert. Die sinnliche 
Strömung darf nicht in ihrem ganzen Betrag dem Schicksal 
verfallen, sich hinter der zärtlichen verbergen zu müssen, sie 
muß stark oder ungehemmt genug geblieben sein, um sich zum 
Teil den Ausweg in die Realität zu erzwingen. Die Sexual- 
betätigung solcher Personen läßt aber an den deutlichsten Anzeichen 
erkennen, daß nicht die volle psychische Triebkraft hinter ihr 
steht. Sie ist launenhaft, leicht zu stören, oft in der Ausführung 
inkorrekt, wenig genußreich. Vor allem aber muß sie der 
zärtlichen Strömung ausweichen. Es ist also eine Beschränkung 
in der Objektwahl hergestellt worden. Die aktiv gebliebene 
sinnliche Strömung sucht nur nach Objekten, die nicht an die 
ihr verpönten inzestuösen Personen mahnen; wenn von einer 
Person ein Eindruck ausgeht, der zu boher psychischer Wert- 
schätzung führen könnte, so läuft er nicht in Erregung der 
Sinnlichkeit, sondern in erotisch unwirksame Zärtlichkeit aus. 
Das Liebesleben solcher Menschen bleibt in die zwei Richtungen 
gespalten, die von der Kunst als himmlische und irdische (oder 
tierische) Liebe personifiziert werden. Wo sie lieben, begehren 
sie nicht, und wo sie begehren, können sie nicht lieben. Sie 
suchen nach Objekten, die sie nicht zu lieben brauchen, um ihre 
Sinnlichkeit von ihren geliebten Objekten fernzuhalten, und das 
sonderbare Versagen der psychischen Impotenz tritt nach den 
Gesetzen der „Komplexempfindlichkeit" und der „Rückkehr des 
Verdrängten" dann auf, wenn an dem zur Vermeidung des 



Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 205 

Inzests gewählten Objekt ein oft unscheinbarer Zug an das zu 
vermeidende Objekt erinnert. 

Das Hauptschutzmittel gegen solche Störung, dessen sich der 
Mensch in dieser Liebesspaltung bedient, besteht in der psychischen 
Erniedrigung des Sexualobjektes, während die dem Sexual- 
objekt normalerweise zustehende Überschätzung dem inzestuösen 
Objekt und dessen Vertretungen reserviert wird. Sowie die 
Bedingung der Erniedrigung erfüllt ist, kann sich die Sinnlichkeit 
frei äußern, bedeutende sexuelle Leistungen und hohe Lust 
entwickeln. Zu diesem Ergebnis trägt noch ein anderer Zusammen- 
hang bei. Personen, bei denen die zärtliche und die sinnliche 
Strömung nicht ordentlich zusammengeflossen sind, haben auch 
meist ein wenig verfeinertes Liebesleben ; perverse Sexualziele 
sind bei ihnen erhalten geblieben, deren Nichterfüllung als 
empfindliche Lusteinbuße verspürt wird, deren Erfüllung aber 
nur am erniedrigten, geringgeschätzten Sexualobjekt möglich 

erscheint. 

Die in dem ersten Beitrag 1 erwähnten Phantasien des Knaben, 
welche die Mutter zur Dirne herabsetzen, werden nun nach 
ihren Motiven verständlich. Es sind Bemühungen, die Kluft 
zwischen den beiden Strömungen des Liebeslebens wenigstens in 
der Phantasie zu überbrücken, die Mutter durch Erniedrigung 
zum Objekt für die Sinnlichkeit zu gewinnen. 

2 

Wir haben uns bisher mit einer ärztlich-psychologischen Unter- 
suchung der psychischen Impotenz beschäftigt, welche in der 
Überschrift dieser Abhandlung keine Rechtfertigung findet. Es 
wird sich aber zeigen, daß wir dieser Einleitung bedurft haben, 
um den Zugang zu unserem eigentlichen Thema zu gewinnen. 

Wir haben die psychische Impotenz reduziert auf das Nicht- 
zusammentreffen der zärtlichen und der sinnlichen Strömung im 

1) s. 193 uff. 



20 4 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



Liebesleben und diese Entwicklungshemmung selbst erklärt durch 
die Einflüsse der starken Kindheitsfixierungen und der späteren 
Versagung in der Realität bei Dazwischenkunft der Inzestschranke. 
Gegen diese Lehre ist vor allem eines einzuwenden: sie gibt 
uns zu viel, sie erklärt uns, warum gewisse Personen an psychischer 
Impotenz leiden, läßt uns aber rätselhaft erscheinen, daß andere 
diesem Leiden entgehen konnten. Da alle in Betracht kommen- 
den ersichtlichen Momente, die starke Kindheitsfixierung, die 
Inzestschranke und die Versagung in den Jahren der Entwicklung 
nach der Pubertät bei so ziemlich allen Kulturmenschen als 
vorhanden anzuerkennen sind, wäre die Erwartung berechtigt, 
daß die psychische Impotenz ein allgemeines Kulturleiden und 
nicht die Krankheit einzelner sei. 

Es läge nahe, sich dieser Folgerung dadurch zu entziehen, 
daß man auf den quantitativen Faktor der Krankheitsverursachung 
hinweist, auf jenes Mehr oder Minder im Beitrag der einzelnen 
Momente, von dem es abhängt, ob ein kenntlicher Krankheits- 
erfolg zustandekommt oder nicht. Aber obwohl ich diese 
Antwort als richtig anerkennen möchte, habe ich doch nicht die 
Absicht, die Folgerung selbst hiemit abzuweisen. Ich will im 
Gegenteil die Behauptung aufstellen, daß die psychische Impotenz 
weit verbreiteter ist, als man glaubt, und daß ein gewisses Maß 
dieses Verhaltens tatsächlich das Liebesleben des Kulturmenschen 
charakterisiert. 

Wenn man den Begriff der psychischen Impotenz weiter faßt 
und ihn nicht mehr auf das Versagen der Koitusaktion bei vor- 
handener Lustabsicht und bei intaktem Genitalapparat einschränkt, 
so kommen zunächst alle jene Männer hinzu, die man als 
Psychanästhetiker bezeichnet, denen die Aktion nie versagt, die 
sie aber ohne besonderen Lustgewinn vollziehen; Vorkommnisse 
die häufiger sind, als man glauben möchte. Die psychoanalytische 
Untersuchung solcher Fälle deckt die nämlichen ätiologischen 
Momente auf, welche wir bei der psychischen Impotenz im 




Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 205 

engeren Sinne gefunden haben, ohne daß die symptomatischen 
Unterschiede zunächst eine Erklärung finden. Von den anästhetischen 
Männern führt eine leicht zu rechtfertigende Analogie zur 
ungeheuren Anzahl der frigiden Frauen, deren Liebesverhalten 
tatsächlich nicht besser beschrieben oder verstanden werden kann 
als durch die Gleichstellung mit der geräuschvolleren psychischen 
Impotenz des Mannes. 1 

Wenn wir aber nicht nach einer Erweiterung des Begriffes 
der psychischen Impotenz, sondern nach den Abschattungen ihrer 
Symptomatologie ausschauen, dann können wir uns der Einsicht 
nicht verschließen, daß das Liebesverhalten des Mannes in unserer 
heutigen Kulturwelt überhaupt den Typus der psychischen Impo- 
tenz an sich trägt. Die zärtliche und die sinnliche Strömung 
sind bei den wenigsten unter den Gebildeten gehörig mit- 
einander verschmolzen ; fast immer fühlt sich der Mann in seiner 
sexuellen Betätigung durch den Respekt vor dem Weibe beengt 
und entwickelt seine volle Potenz erst, wenn er ein erniedrigtes 
Sexualobjekt vor sich hat, was wiederum durch den Umstand 
mitbegründet ist, daß in seine Sexualziele perverse Komponenten 
eingehen, die er am geachteten Weibe zu befriedigen sich nicht 
getraut. Einen vollen sexuellen Genuß gewährt es ihm nur, wenn 
er sich ohne Rücksicht der Befriedigung hingeben darf, was er 
zum Beispiel bei seinem gesitteten Weibe nicht wagt. Daher 
rührt dann sein Bedürfnis nach einem erniedrigten Sexualobjekt, 
einem Weibe, das ethisch minderwertig ist, dem er ästhetische 
Bedenken nicht zuzutrauen braucht, das ihn nicht in seinen 
anderen Lebensbeziehungen kennt und beurteilen kann. Einem 
solchen Weibe widmet er am liebsten seine sexuelle Kraft, auch 
wenn seine Zärtlichkeit durchaus einem höherstehenden gehört. 
Möglicherweise ist auch die so häufig zu beobachtende Neigung 
von Männern der höchsten Gesellschaftsklassen, ein Weib aus 

1) Wobei gerne zugestanden sein soll, daß die Frigidität der Frau ein komplexes, 
auch von anderer Seite her zugängliches Thema ist. 



20Ö 



Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



niederem Stande zur dauernden Geliebten oder selbst zur Ehefrau 
zu wählen, nichts anderes als die Folge des Bedürfnisses nach 
dem erniedrigten Sexualobjekt, mit welchem psychologisch die 
Möglichkeit der vollen Befriedigung verknüpft ist. 

Ich stehe nicht an, die beiden bei der echten psychischen 
Impotenz wirksamen Momente, die intensive inzestuöse Fixierung 
der Kindheit und die reale Versagung der Jünglingszeit auch für 
dies so häufige Verhalten der kulturellen Männer im Liebesleben 
verantwortlich zu machen. Es klingt wenig anmutend und über- 
dies paradox, aber es muß doch gesagt werden, daß, wer im 
Liebesleben wirklich frei und damit auch glücklich werden soll, 
den Respekt vor dem Weibe überwunden, sich mit der Vorstellung 
des Inzests mit Mutter oder Schwester befreundet haben muß. 
Wer sich dieser Anforderung gegenüber einer ernsthaften Selbst- 
prüfung unterwirft, wird ohne Zweifel in sich finden, daß er 
den Sexualakt im Grunde doch als etwas Erniedrigendes beur- 
teilt, was nicht nur leiblich befleckt und verunreinigt. Die Ent- 
stehung dieser Wertung, die er sich gewiß nicht gerne bekennt, 
wird er nur in jener Zeit seiner Jugend suchen können, in 
welcher seine sinnliche Strömung bereits stark entwickelt, ihre 
Befriedigung aber am fremden Objekt fast ebenso verboten war 
wie die am inzestuösen. 

Die Frauen stehen in unserer Kulturwelt unter einer ähnlichen 
Nachwirkung ihrer Erziehung und überdies unter der Rückwir- 
kung des Verhaltens der Männer. Es ist für sie natürlich eben- 
sowenig günstig, wenn ihnen der Mann nicht mit seiner vollen 
Potenz entgegentritt, wie wenn die anfängliche Überschätzung der 
Verliebtheit nach der Besitzergreifung von Geringschätzung abge- 
löst wird. Von einem Bedürfnis nach Erniedrigung des Sexual- 
objekts ist bei der Frau wenig zu bemerken; im Zusammen- 
hange damit steht es gewiß, wenn sie auch etwas der Sexual- 
überschätzung beim Manne Ähnliches in der Regel nicht zustande 
bringt. Die lange Abhaltung von der Sexualität und das Ver- 



Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 207 

weilen der Sinnlichkeit in der Phantasie hat für sie aber eine 
andere bedeutsame Folge. Sie kann dann oft die Verknüpfung der 
sinnlichen Betätigung mit dem Verbot nicht mehr auflösen und 
erweist sich als psychisch impotent, d. h. frigid, wenn ihr solche 
Betätigung endlich gestattet wird. Daher rührt bei vielen Frauen 
das Bestreben, das Geheimnis noch bei erlaubten Beziehungen 
eine Weile festzuhalten, bei anderen die Fähigkeit normal zu 
empfinden, sobald die Bedingung des Verbots in einem geheimen 
Liebesverhältnis wiederhergestellt ist; dem Manne untreu, sind sie 
imstande, dem Liebhaber eine Treue zweiter Ordnung zu bewahren. 

Ich meine, die Bedingung des Verbotenen im weiblichen Liebes- 
leben ist dem Bedürfnis nach Erniedrigung des Sexualobjekts 
beim Manne gleichzustellen. Beide sind Folgen des langen Auf- 
schubes zwischen Geschlechtsreife und Sexualbetätigung, den die 
Erziehung aus kulturellen Gründen fordert. Beide suchen die psy- 
chische Impotenz aufzuheben, welche aus dem Nichtzusammen- 
treffen zärtlicher und sinnlicher Regungen resultiert. Wenn der 
Erfolg der nämlichen Ursachen beim Weibe so sehr verschieden 
von dem beim Manne ausfällt, so läßt sich dies vielleicht auf 
einen anderen Unterschied im Verhalten der beiden Geschlechter 
zurückführen. Das kulturelle Weib pflegt das Verbot der Sexual- 
betätigung während der Wartezeit nicht zu überschreiten und 
erwirbt so die innige Verknüpfung zwischen Verbot und Sexuali- 
tät. Der Mann durchbricht zumeist dieses Verbot unter der 
Bedingung der Erniedrigung des Objekts und nimmt daher diese 
Bedingung in sein späteres Liebesleben mit. 

Angesichts der in der heutigen Kulturwelt so lebhaften; 
Bestrebungen nach einer Reform des Sexuallebens, ist es nicht 
überflüssig, daran zu erinnern, daß die psychoanalytische Forschung 
Tendenzen so wenig kennt wie irgendeine andere. Sie will 
nichts anderes als Zusammenhänge aufdecken, indem sie Offen- 
kundiges auf Verborgenes zurückführt. Es soll ihr dann recht 
sein, wenn die Reformen sich ihrer Ermittlungen bedienen, um 



208 



Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



Vorteilhafteres an Stelle des Schädlichen zu setzen. Sie kann 
aber nicht vorhersagen, ob andere Institutionen nicht andere, 
vielleicht schwerere Opfer zur Folge haben müßten. 



Die Tatsache, daß die kulturelle Zügelung des Liebeslebens 
eine allgemeinste Erniedrigung der Sexualobjekte mit sich bringt, 
mag uns veranlassen, unseren Blick von den Objekten weg auf 
die Triebe selbst zu lenken. Der Schaden der anfänglichen 
Versagung des Sexualgenusses äußert sich darin, daß dessen 
spätere Freigebung in der Ehe nicht mehr voll befriedigend 
wirkt. Aber auch die uneingeschränkte Sexualfreiheit von Anfang 
an führt zu keinem besseren Ergebnis. Es ist leicht festzustellen, 
daß der psychische Wert des Liebesbedürfnisses sofort sinkt, 
sobald ihm die Befriedigung bequem gemacht wird. Es bedarf 
eines Hindernisses, um die Libido in die Höhe zu treiben, und 
wo die natürlichen Widerstände gegen die Befriedigung nicht 
ausreichen, haben die Menschen zu allen Zeiten konventionelle 
eingeschaltet, um die Liebe genießen zu können. Dies gilt für 
Individuen wie für Völker. Jn Zeiten, in denen die Liebes- 
befriedigung keine Schwierigkeiten fand, wie etwa während des 
Niederganges der antiken Kultur, wurde die Liebe wertlos, das 
Leben leer, und es bedurfte starker Reaktionsbildungen, um die 
unentbehrlichen Affektwerte wieder herzustellen. In diesem 
Zusammenhange kann man behaupten, daß die asketische Strömung 
des Christentums für die Liebe psychische Wertungen geschaffen 
hat, die ihr das heidnische Altertum nie verleihen konnte. 
Zur höchsten Bedeutung gelangte sie bei den asketischen Mönchen, 
deren Leben fast allein von dem Kampfe gegen die libidinöse 
Versuchung ausgefüllt war. 

Man ist gewiß zunächst geneigt, die Schwierigkeiten, die sich 
hier ergeben, auf allgemeine Eigenschaften unserer organischen 
Triebe zurückzuführen. Es ist gewiß auch allgemein richtig, daß 



Beitrüge zur Psychologie des Liebeslebens 209 



die psychische Bedeutung eines Triebes mit seiner Versagung 
steigt. Man versuche es, eine Anzahl der allerdifferenziertesten 
Menschen gleichmäßig dem Hungern auszusetzen. Mit der Zunahme 
des gebieterischen Nahrungsbedürfnisses werden alle individuellen 
Differenzen sich verwischen und an ihrer Statt die uniformen 
Äußerungen des einen ungestillten Triebes auftreten. Aber trifft 
es auch zu, daß mit der Befriedigung eines Triebes sein psychischer 
Wert allgemein so sehr herabsinkt? Man denke z. B. an das 
Verhältnis des Trinkers zum Wein. Ist es nicht richtig, daß dem 
Trinker der Wein immer die gleiche toxische Befriedigung bietet, 
die man mit der erotischen so oft in der Poesie verglichen 
hat und auch vom Standpunkte der wissenschaftlichen Auffassung 
vergleichen darf? Hat man je davon gehört, daß der Trinker 
genötigt ist, sein Getränk beständig zu wechseln, weil ihm das 
gleichbleibende bald nicht mehr schmeckt? Im Gegenteil, die 
Gewöhnung knüpft das Band zwischen dem Manne und der 
Sorte Wein, die er trinkt, immer enger. Kennt man beim 
Trinker ein Bedürfnis in ein Land zu gehen, in dem der Wein 
teurer oder der Weingenuß verboten ist, um seiner sinkenden 
Befriedigung durch die Einschiebung solcher Erschwerungen 
aufzuhelfen? Nichts von alldem. Wenn man die Äußerungen 
unserer großen Alkoholiker, z. B. Bock lins, über ihr Verhältnis 
zum Wein anhört, 1 es klingt wie die reinste Harmonie, ein 
Vorbild einer glücklichen Ehe. Warum ist das Verhältnis des 
Liebenden zu seinem Sexualobjekt so sehr anders? 

Ich glaube, man müßte sich, so befremdend es auch klingt, 
mit der Möglichkeit beschäftigen, daß etwas in der Natur des 
Sexualtriebes selbst dem Zustandekommen der vollen Befriedigung 
nicht günstig ist. Aus der langen und schwierigen Entwicklungs- 
geschichte des Triebes heben sich sofort zwei Momente hervor, 
die man für solche Schwierigkeit verantwortlich machen könnte. 
Erstens ist infolge des zweimaligen Ansatzes zur Objektwahl mit 

1) G. Floerke: Zehn Jahre mit Böcklin. 2. Aufl. 1902, S. 16. 

Freud, V. , + 



210 



Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre. 



Dazwischenkunft der Inzestschranke das endgültige Objekt des 
Sexualtriebes nie mehr das ursprüngliche, sondern nur ein 
Surrogat dafür. Die Psychoanalyse hat uns aber gelehrt: wenn 
das ursprüngliche Objekt einer Wunschregung infolge von 
Verdrängung verloren gegangen ist, so wird es häufig durch 
eine unendliche Reihe von Ersatzobjekten vertreten, von denen 
doch keines voll genügt. Dies mag uns die Unbeständigkeit in 
der Objektwahl, den „Reizhunger" erklären, der dem Liebesleben 
der Erwachsenen so häufig eignet. 

Zweitens wissen wir, daß der Sexualtrieb anfänglich in eine 
große Reihe von Komponenten zerfällt, — vielmehr aus einer 
solchen hervorgeht, — von denen nicht alle in dessen spätere 
Gestaltung aufgenommen werden können, sondern vorher unter- 
drückt oder anders verwendet werden müssen. Es sind vor allem 
die koprophilen Triebanteile, die sich als unverträglich mit 
unserer ästhetischen Kultur erwiesen, wahrscheinlich, seitdem wir 
durch den aufrechten Gang unser Riechorgan von der Erde 
abgehoben haben ; ferner ein gutes Stück der sadistischen Antriebe, 
die zum Liebesleben gehören. Aber alle solche Entwicklungs- 
vorgänge betreffen nur die oberen Schichten der komplizierten 
Struktur. Die fundamentellen Vorgänge, welche die Liebes- 
erregung liefern, bleiben ungeändert. Das Exkrementelle ist allzu 
innig und untrennbar mit dem Sexuellen verwachsen, die Lage 
der Genitalien — inter urinas et faeces — bleibt das bestimmende 
unveränderliche Moment. Man könnte hier, ein bekanntes Wort 
des großen Napoleon variierend, sagen: die Anatomie ist das 
Schicksal. Die Genitalien selbst haben die Entwicklung der 
menschlichen Körperformen zur Schönheit nicht mitgemacht, sie 
sind tierisch geblieben, und so ist auch die Liebe im Grunde 
heute ebenso animalisch, wie sie es von jeher war. Die Liebes- 
triebe sind schwer erziehbar, ihre Erziehung ergibt bald zu viel, 
bald zu wenig. Das, was die Kultur aus ihr machen will, scheint 
ohne fühlbare Einbuße an Lust nicht erreichbar, die Fortdauer 



Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 



21 1 



der unverwerteten Regungen gibt sich bei der Sexualtätigkeit als 
Unbefriedigung zu erkennen. 

So müßte man sich denn vielleicht mit dem Gedanken 
befreunden, daß eine Ausgleichung der Ansprüche des Sexual- 
triebes mit den Anforderungen der Kultur überhaupt nicht 
möglich ist, daß Verzicht und Leiden sowie in weitester Ferne 
die Gefahr des Erlöschens des Menschengeschlechts infolge seiner 
Kulturentwicklung nicht abgewendet werden können. Diese trübe 
Prognose ruht allerdings auf der einzigen Vermutung, daß die 
kulturelle Unbefriedigung die notwendige Folge gewisser 
Besonderheiten ist, welche der Sexualtrieb unter dem Drucke der 
Kultur angenommen hat. Die nämliche Unfähigkeit des Sexual- 
triebes, volle Befriedigung zu ergeben, sobald er den ersten 
Anforderungen der Kultur unterlegen ist, wird aber zur Quelle 
der großartigsten Kulturleistungen, welche durch immer weiter 
gehende Sublimierung seiner Triebkomponenten bewerkstelligt 
werden. Denn welches Motiv hätten die Menschen, sexuelle 
Triebkräfte anderen Verwendungen zuzuführen, wenn sich aus 
denselben bei irgendeiner Verteilung volle Lustbefriedigung 
ergeben hätte? Sie kämen von dieser Lust nicht wieder los und 
brächten keinen weiteren Fortschritt zustande. So scheint es, 
daß sie durch die unausgleichbare Differenz zwischen den 
Anforderungen der beiden Triebe — des sexuellen und des 
egoistischen — zu immer höheren Leistungen befähigt werden, 
allerdings unter einer beständigen Gefährdung, welcher die 
Schwächeren gegenwärtig in der Form der Neurose erliegen. 

Die Wissenschaft hat weder die Absicht zu schrecken noch zu 
trösten. Aber ich bin selbst gern bereit zuzugeben, daß so weit- 
tragende Schlußfolgerungen, wie die obenstehenden, auf breiterer 
Basis aufgebaut sein sollten, und daß vielleicht andere Entwicklungs- 
einrichtungen der Menschheit das Ergebnis der hier isoliert 
behandelten zu korrigieren vermögen. 



u" 



ILI 
DAS TABU DER VIRGINITÄT 

Wenige Einzelheiten des Sexuallebens primitiver Völker wirken 
so befremdend auf unser Gefühl wie deren Einschätzung der 
Virginität, der weiblichen Unberührtheit. Uns erscheint die 
Wertschätzung der Virginität von seiten des werbenden Mannes 
so feststehend und selbstverständlich, daß wir beinahe in Ver- 
legenheit geraten, wenn wir dieses Urteil begründen sollen. Die 
Forderung, das Mädchen dürfe in die Ehe mit dem einen 
Manne nicht die Erinnerung an Sexualverkehr mit einem anderen 
mitbringen, ist ja nichts anderes als die konsequente Fortführung 
des ausschließlichen Besitzrechtes auf ein Weib, welches das 
Wesen der Monogamie ausmacht, die Erstreckung dieses Monopols 
auf die Vergangenheit. 

Es fällt uns dann nicht schwer, was zuerst ein Vorurteil zu 
sein schien, aus unseren Meinungen über das Liebesleben des 
Weibes zu rechtfertigen. Wer zuerst die durch lange Zeit müh- 
selig zurückgehaltene Liebessehnsucht der Jungfrau befriedigt 
und dabei die Widerstände überwunden hat, die in ihr durch 
die Einflüsse von Milieu und Erziehung aufgebaut waren, der 
wird von ihr in ein dauerndes Verhältnis gezogen, dessen 
Möglichkeit sich keinem anderen mehr eröffnet. Auf Grund dieses 
Erlebnisses stellt sich bei der Frau ein Zustand von Hörigkeit 
her, der die ungestörte Fortdauer ihres Besitzes verbürgt und sie 
widerstandsfähig macht gegen neue Eindrücke und fremde 
Versuchungen. 



Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 213 

Den Ausdruck „geschlechtliche Hörigkeit" hat 1892 v. Krafft- 
Ebing' zur Bezeichnung der Tatsache gewählt, daß eine Person 
einen ungewöhnlich hohen Grad von Abhängigkeit und Unselb- 
ständigkeit gegen eine andere Person erwerben kann, mit welcher 
sie im Sexualverkehr steht. Diese Hörigkeit kann gelegentlich 
sehr weit gehen, bis zum Verlust jedes selbständigen Willens 
und bis zur Erduldung der schwersten Opfer am eigenen Interesse; 
der Autor hat aber nicht versäumt zu bemerken, daß ein 
gewisses Maß solcher Abhängigkeit „durchaus notwendig ist, 
wenn die Verbindung einige Dauer haben soll." Ein solches 
Maß von sexueller Hörigkeit ist in der Tat unentbehrlich zur 
Aufrechterhaltung der kulturellen Ehe und zur Hintanhaltung 
der sie bedrohenden polygamen Tendenzen, und in unserer 
sozialen Gemeinschaft wird dieser Faktor regelmäßig in Anrechnung 
gebracht. 

Ein „ungewöhnlicher Grad von Verliebtheit und Charakter- 
schwäche" einerseits, uneingeschränkter Egoismus beim anderen 
Teil, aus diesem Zusammentreffen leitet v. Krafft-Ebing die 
Entstehung der sexuellen Hörigkeit ab. Analytische Erfahrungen 
gestatten es aber nicht, sich mit diesem einfachen Erklärungs- 
versuch zu begnügen. Man kann vielmehr erkennen, daß die 
Größe des überwundenen Sexualwiderstandes das entscheidende 
Moment ist, dazu die Konzentration und Einmaligkeit des 
Vorganges der Überwindung. Die Hörigkeit ist demgemäß ungleich 
häufiger und intensiver beim Weibe als beim Manne, bei 
letzterem aber in unseren Zeiten immerhin häufiger als in der 
Antike. Wo wir die sexuelle Hörigkeit bei Männern studieren 
konnten, erwies sie sich als Erfolg der Überwindung einer 
psychischen Impotenz durch ein bestimmtes Weib, an welches 
der betreffende Mann von da an gebunden blieb. Viele auffällige 
Eheschließungen und manches tragische Schicksal — selbst von 



1) v. Krafft-Ebing: Bemerkungen über „geschlechtliche Hörigkeit" und 
Masochismus. (Jahrbücher für Psychiatrie, X. Bd., 1892.) 



»i 4 



Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



weitreichendem Belange — scheint in diesem Hergange seine 
Aufklärung zu finden. 

Das nun zu erwähnende Verhalten primitiver Völker beschreibt 
man nicht richtig, wenn man aussagt, sie legten keinen Wert 
auf die Virginität, und zum Beweise dafür vorbringt, daß sie die 
Defloration der Mädchen außerhalb der Ehe und vor dem ersten 
ehelichen Verkehre vollziehen lassen. Es scheint im Gegenteile, 
daß auch für sie die Defloration ein bedeutungsvoller Akt ist, 
aber sie ist Gegenstand eines Tabu, eines religiös zu nennenden 
Verbotes, geworden. Anstatt sie dem Bräutigam und späteren 
Ehegatten des Mädchens vorzubehalten, fordert die Sitte, daß 
dieser einer solchen Leistung ausweiche.' 

Es liegt nicht in meiner Absicht, die literarischen Zeugnisse 
für den Bestand dieses vSittenverbotes vollständig zu sammeln, 
die geographische Verbreitung desselben zu verfolgen und alle 
Formen, in denen es sich äußert, aufzuzählen. Ich begnüge mich 
also mit der Feststellung, daß eine solche, außerhalb der späteren 
Ehe fallende Beseitigung des Hymens bei den heute lebenden 
primitiven Völkern etwas sehr Verbreitetes ist. So äußert 
C r a w 1 e y: 2 This marriagc ceremony consists in Perforation of 
the. liymen by soinr appointed pcrson ot/irr tlian t/ir husband; 
it is most common in thr lowest stages of culture, espr.cially in 
Australia. 

Wenn aber die Defloration nicht durch den ersten ehelichen 
Verkehr erfolgen soll, so muß sie vorher auf irgendeine 

Weise und von irgendwelcher Seite — vorgenommen worden 
sein. Ich werde einige Stellen aus Crawleys obenerwähntem 
Buche anführen, welche über diese Punkte Auskunft geben, die 
uns aber auch zu einigen kritischen Bemerkungen berechtigen. 



1) Crawley: The mystic rose, a study of primitive marriage, London 1902; 
Bartels -PI D: Das Weib in der Natur- und Völkerkunde. 1891; verschiedene 
Stellen in Fraier: Taboo and the perils of the soul, und Havelock Ellis: 
Studies in the psychology of sex. 

2) 1. c. p. 547. 



Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 215 

S. 191: „Bei den Dieri und einigen Nachbarstämmen (in 
Australien) ist es allgemeiner Brauch, das Hymen zu zerstören, 
wenn das Mädchen die Pubertät erreicht hat. Bei den Portland- 
und Glenelg-Stämmen fällt es einer alten Frau zu, dies bei der 
Braut zu tun, und mitunter werden auch weiße Männer in 
solcher Absicht aufgefordert, Mädchen zu entjungfern. 1 

S. 507: „Die absichtliche Zerreißung des Hymens wird manchmal 
in der Kindheit, gewöhnlich aber zur Zeit der Pubertät aus- 
geführt . . . Sie wird oft — wie in Australien — mit einem 
offiziellen Begattungsakte kombiniert. 2 

S. 548: (Von australischen Stämmen, bei denen die bekannten 
exogamischen Heiratsbeschränkungen bestehen, nach Mitteilung 
von Spencer und Gillen): „Das Hymen wird künstlich durch- 
bohrt, und die Männer, die bei dieser Operation zugegen waren, 
führen dann in festgesetzter Reihenfolge einen (wohlgemerkt: 
zeremoniellen) Koitus mit dem Mädchen aus . . . Der ganze Vor- 
gang hat sozusagen zwei Akte: Die Zerstörung des Hymens und 
darauf den Geschlechtsverkehr." 5 

S. 34g: „Bei den Masai (im äquatorialen Afrika) gehört die 
Vornahme dieser Operation zu den wichtigsten Vorbereitungen 
für die Ehe. Bei den Sakais (Malaien), den Battas (Sumatra) und 
den Alfoers auf Celebes wird die Defloration vom Vater der 
Braut ausgeführt. Auf den Philippinen gab es bestimmte Männer, 
die den Beruf hatten, Bräute zu deflorieren, falls das Hymen 
nicht schon in der Kindheit von einer dazu beauftragten alten 
Frau zerstört worden war. Bei einigen Eskimostämmen wurde 

1) „Thus in the Dieri and neighbouring tribes it is the universal custom uilien a girl 
reaches puberty to rupture the hymen. u (Jonrn. Anthrop. Inst., XXIV, 169.) In the Port- 
land and Glenelg tribes this is done to the bride by an old woman; and sometimes white 
men are asked for this reason to deßower maidens. (Brough Smith, op. cit., II, 519.) 

2) The artißcial rupture of the hymen sometimes takes place in infancy, but generally ai 
puberty . . . lt is often combined, as in Australia, with a ceremonial act of intercourse. 

5) The hyinen is artißcially perforated, and then assisting men haue access (ceremonial, be 
it obsented) to the girl in a stated order . . . The act is in two parts, perforation and inter- 
course. 



2l6 



Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



die Entjungferung der Braut dem A n g e k o k oder Priester über- 
lassen." 1 

Die Bemerkungen, die ich angekündigt habe, beziehen sich auf 
zwei Punkte. Es ist erstens zu bedauern, daß in diesen Angaben 
nicht sorgfältiger zwischen der bloßen Zerstörung des Hymens 
ohne Koitus und dem Koitus zum Zwecke solcher Zerstörung 
unterschieden wird. Nur an einer Stelle hörten wir ausdrücklich, 
daß der Vorgang sich in zwei Akte zerlegt, in die (manuelle 
oder instrumentale) Defloration und den darauffolgenden 
Geschlechtsakt. Das sonst sehr reichliche Material bei Bartels- 
P 1 o ß wird für unsere Zwecke nahezu unbrauchbar, weil in dieser 
Darstellung die psychologische Bedeutsamkeit des Deflorations- 
aktes gegen dessen anatomischen Erfolg völlig verschwindet. 
Zweitens möchte man gerne darüber belehrt werden, wodurch 
sich der „zeremonielle" (rein formale, feierliche, offizielle) Koitus 
bei diesen Gelegenheiten vom regelrechten Geschlechtsverkehr 
unterscheidet. Die Autoren, zu denen ich Zugang hatte, waren 
entweder zu schämig, sich darüber zu äußern, oder haben wiederum 
die psychologische Bedeutung solcher sexueller Details unterschätzt. 
Wir können hoffen, daß die Originalberichte der Reisenden und 
Missionäre ausführlicher und unzweideutiger sind, aber bei der 
heutigen Unzugänglichkeit dieser meist fremdländischen Literatur 
kann ich nichts Sicheres darüber sagen. Übrigens darf man sich 
über die Zweifel in diesem zweiten Punkte mit der Erwägung 
hinwegsetzen, daß ein zeremonieller Scheinkoitus doch nur den 
Ersatz und vielleicht die Ablösung für einen in früheren Zeiten 
voll ausgeführten darstellen würde. 2 

1) An important preliminnry of marriage amongst the Masai is the Performance of this 
Operation on the girl. (J. "Thomson, op. cit. 258.) This deßaration is performed by the 
father of the bride amongst the Sakais, liattas, and Alfters of Celebes. (PloO 11. Bartels, op. 
cit. II, 40,0.) In the Pliilippines thcre were certain inen whase profession it was to deßouer 
brides, in case the Ityinen liad not becn ruptured in cliildhood by an old woman who was 
sometimes employed for this. (Feathermun, op. cit. II, 474.) The defloration of the bride 
was amongst some Eskimo tribes entrusted to the angekok, or priest, (id. III, 406.) 

2) Für zahlreiche andere Fülle von Hochzuilszcremonicll leidet es keinen Zweifel, 
daß anderen Personen als dem Bräutigam, z. B. den Gehilfen und Geführten desselben 



Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 217 

Zur Erklärung dieses Tabu der Virginität kann man ver- 
schiedenartige Momente heranziehen, die ich in flüchtiger Dar- 
stellung würdigen will. Bei der Defloration der Mädchen wird 
in der Regel Blut vergossen; der erste Erklärungsversuch beruft 
sich denn auch auf die Blutscheu der Primitiven, die das Blut 
für den Sitz des Lebens halten. Dieses Bluttabu ist durch viel- 
fache Vorschriften, die mit der Sexualität nichts zu tun haben, 
erwiesen, es hängt offenbar mit dem Verbote, nicht zu morden, 
zusammen und bildet eine Schutzwehr gegen den ursprünglichen 
Blutdurst, die Mordlust des Urmenschen. Bei dieser Auffassung 
wird das Tabu der Virginität mit dem fast ausnahmslos einge- 
haltenen Tabu der Menstruation zusammengebracht. Der Primi- 
tive kann das rätselhafte Phänomen des blutigen Monatsflusses 
nicht von sadistischen Vorstellungen ferne halten. Die Men- 
struation, zumal die erste, deutet er als den Biß eines geister- 
haften Tieres, vielleicht als Zeichen des sexuellen Verkehrs mit 
diesem Geist. Gelegentlich gestattet ein Bericht, diesen Geist als 
den eines Ahnen zu erkennen, und dann verstehen wir in 
Anlehnung an andere Einsichten, 1 daß das menstruierende Mädchen 
als Eigentum dieses Ahnengeistes tabu ist. 

Von anderer Seite werden wir aber gewarnt, den Einfluß 
eines Moments wie die Blutscheu nicht zu überschätzen. Diese 
hat es doch nicht vermocht, Gebräuche wie die Beschneidung 
der Knaben und die noch grausamere der Mädchen (Exzision der 
Klitoris und der kleinen Labien), die zum Teile bei den näm- 
lichen Völkern geübt werden, zu unterdrücken oder die Geltung 
von anderem Zeremoniell, bei dem Blut vergossen wird, aufzu- 
heben. Es wäre also auch nicht zu verwundern, wenn sie bei 
der ersten Kohabitation zugunsten des Ehemannes überwunden 
würde. 



(den . Kranzelherren" unserer Sitte) die sexuelle Verfügung über die Braut voll ein- 
geräumt wird. 

1) Siehe Totem und Tabu, »913. 



*iS Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



Eine zweite Erklärung sieht gleichfalls vom Sexuellen ab, greift 
aber viel weiter ins Allgemeine aus. Sie führt an, daß der Pri- 
mitive die Beute einer beständig lauernden Angstbereitschaft ist, 
ganz ähnlich, wie wir es in der psychoanalytischen Neurosenlehre 
vom Angstneurotiker behaupten. Diese Angstbereitschaft wird 
sich am stärksten bei allen Gelegenheiten zeigen, die irgendwie 
vom Gewohnten abweichen, die etwas Neues, Unerwartetes, 
Unverstandenes, Unheimliches mit sich bringen. Daher stammt 
auch das weit in die späteren Religionen hineinreichende Zere- 
moniell, das mit dem Beginne jeder neuen Verrichtung, dem 
Anfange jedes Zeitabschnittes, dein Erst lingsert rag von Mensch, 
Tier und Frucht verknüpft ist. Die Gefahren, von denen sich 
der Ängstliche bedroht glaubt, treten niemals stärker in seiner 
Erwartung auf als zu Beginn der gefahrvollen Situation, und 
dann ist es auch allein zweckmäßig, sich gegen sie zu schützen. 
Der erste Sexual verkehr in der Ehe hat nach seiner Bedeutung 
gewiß einen Anspruch darauf, von diesen Vorsichtsmaßregeln 
eingeleitet zu werden. Die beiden Erklärungsversuche, der aus 
der Blutscheu und der aus der Erstlingsangst, widersprechen 
einander nicht, verstärken einander vielmehr. Der erste Sexual- 
verkehr ist gewiß ein bedenklicher Akt, um so mehr, wenn bei 
ihm Blut fließen muß. 

Eine dritte Erklärung — es ist die von Crawley bevorzugte 
— macht darauf aufmerksam, daß das Tabu der Virginität in 
einen großen, das ganze Sexualleben umfassenden Zusammenhang 
gehört. Nicht nur der erste Koitus mit dem Weibe ist tabu, 
sondern der Sexualverkehr überhaupt; beinahe könnte man sagen, 
das Weib sei im ganzen tabu. Das Weib ist nicht nur tabu in 
den besonderen, aus seinem Geschlechtsleben abfolgenden Situationen 
der Menstruation, der Schwangerschaft, der Entbindung und des 
Kindbettes, auch außerhalb derselben unterliegt der Verkehr mit 
dem Weibe so ernsthaften und so reichlichen Einschränkungen, 
daß wir allen Grund haben, die angebliche Sexual freiheit der 



Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens a 1 9 

Wilden zu bezweifeln. Es ist richtig, daß die Sexualität der 
Primitiven bei bestimmten Anlässen sich über alle Hemmungen 
hinaussetzt; gewöhnlich aber scheint sie stärker durch Verbote 
eingeschnürt als auf höheren Kulturstufen. Sowie der Mann etwas 
Besonderes unternimmt, eine Expedition, eine Jagd, einen Kriegs- 
zug, muß er sich vom Weibe, zumal vom Sexualverkehr mit 
dem Weibe fernhalten 5 es würde sonst seine Kraft lähmen und 
ihm Mißerfolg bringen. Auch in den Gebräuchen des täglichen 
Lebens ist ein Streben nach dem Auseinanderhalten der Geschlechter 
unverkennbar. Weiber leben mit Weibern, Männer mit Männern 
zusammen $ ein Familienleben in unserem Sinne soll es bei vielen 
primitiven Stämmen kaum geben. Die Trennung geht mitunter 
so weit, daß das eine Geschlecht die persönlichen Namen des 
anderen Geschlechts nicht aussprechen darf, daß die Frauen eine 
Sprache mit besonderem Wortschatze entwickeln. Das sexuelle 
Bedürfnis darf diese Trennungsschranken immer wieder von neuem 
durchbrechen, aber bei manchen Stämmen müssen selbst die 
Zusammenkünfte der Ehegatten außerhalb des Hauses und im 
Geheimen stattfinden. 

Wo der Primitive ein Tabu hingesetzt hat, da fürchtet er eine 
Gefahr, und es ist nicht abzuweisen, daß sich in all diesen Ver- 
meidungsvorschriften eine prinzipielle Scheu vor dem Weibe 
äußert. Vielleicht ist diese Scheu darin begründet, daß das Weib 
anders ist als der Mann, ewig unverständlich und geheimnisvoll, 
fremdartig und darum feindselig erscheint. Der Mann fürchtet, 
vom Weibe geschwächt, mit dessen Weiblichkeit angesteckt zu 
werden und sich dann untüchtig zu zeigen. Die erschlaffende, 
Spannungen lösende Wirkung des Koitus mag für diese Befürchtung 
vorbildlich sein, und die Wahrnehmung des Einflusses, den das 
Weib durch den Geschlechtsverkehr auf den Mann gewinnt, die 
Rücksicht, die es sich dadurch erzwingt, die Ausbreitung dieser 
Angst rechtfertigen. An all dem ist nichts, was veraltet wäre, was 
nicht unter uns weiter lebte. 



2 2o Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

Viele Beobachter der heute lebenden Primitiven haben das 
Urteil gefällt, daß deren Liebesstreben verhältnismäßig schwach 
sei und niemals die Intensitäten erreiche, die wir bei der 
Kulturmenschheit zu finden gewohnt sind. Andere haben dieser 
Schätzung widersprochen, aber jedenfalls zeugen die aufge- 
zählten Tabugebräuche von der Existenz einer Macht, die sich 
der Liebe widersetzt, indem sie das Weib als fremd und feind- 
selig ablehnt. 

In Ausdrücken, welche sich nur wenig von der gebräuchlichen 
Terminologie der Psychoanalyse unterscheiden, legt Crawley 
dar, daß jedes Individuum sich durch ein „taboo of personal 
Isolation" von den anderen absondert, und daß gerade die kleinen 
Unterschiede bei sonstiger Ähnlichkeit die Gefühle von Fremdheit 
und Feindseligkeit zwischen ihnen begründen. Es wäre verlockend, 
dieser Idee nachzugehen und aus diesem „Narzißmus der kleinen 
Unterschiede die Feindseligkeit alsz-uleiten, die wir in allen 
menschlichen Beziehungen erfolgreich gegen die Gefühle von 
Zusammengehörigkeit streiten und das Gebot der allgemeinen 
Menschenliebe überwältigen sehen. Von der Begründung der 
narzißtischen, reichlich mit Geringschätzung versetzten Ablehnung 
des Weibes durch den Mann glaubt die Psychoanalyse ein 
Hauptstück erraten zu haben, indem sie auf den Kastrations- 
komplex und dessen Einfluß auf die Beurteilung des Weibes 
verweist. 

Wir merken indes, daß wir mit diesen letzten Erwägungen 
weit über unser Thema hinausgegriffen haben. Das allgemeine 
Tabu des Weibes wirft kein Licht auf die besonderen Vorschriften 
für den ersten Sexualakt mit dem jungfräulichen Individuum. 
Hier bleiben wir auf die beiden ersten Erklärungen der Blut- 
scheu und der Erstlingsscheu angewiesen, und selbst von diesen 
müßten wir aussagen, daß sie den Kern des in Rede stehenden 
Tabugebotes nicht treffen. Diesem liegt ganz offenbar die Absicht 
zugrunde, gerade dem späteren Ehe manne etwas zu 






Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 221 



versagen oder zu ersparen, was von dem ersten Sexual- 
akt nicht loszulösen ist, wiewohl sich nach unserer eingangs 
gemachten Bemerkung von dieser selben Beziehung eine besondere 
Bindung des Weibes an diesen einen Mann ableiten müßte. 

Es ist diesmal nicht unsere Aufgabe, die Herkunft und letzte 
Bedeutung der Tabuvorschriften zu erörtern. Ich habe dies in 
meinem Buche „Totem und Tabu" getan, dort die Bedingung 
einer ursprünglichen Ambivalenz für das Tabu gewürdigt und 
die Entstehung desselben aus den vorzeitlichen Vorgängen ver- 
fochten, welche zur Gründung der menschlichen Familie geführt 
haben. Aus den heute beobachteten Tabugebräuchen der Primitiven 
läßt sich eine solche Vorbedeutung nicht mehr erkennen. Wir 
vergessen bei solcher Forderung allzu leicht, daß auch die primi- 
tivsten Völker in einer von der urzeitlichen weit entfernten 
Kultur leben, die zeitlich ebenso alt ist wie die unsrige, und 
gleichfalls einer späteren, wenn auch andersartigen Entwicklungs- 
stufe entspricht. 

Wir finden heute das Tabu bei den Primitiven bereits zu 
einem kunstvollen System ausgesponnen, ganz wie es unsere 
Neurotiker in ihren Phobien entwickeln, und alte Motive durch 
neuere, harmonisch zusammenstimmende, ersetzt. Mit Hinweg- 
setzung über jene genetischen Probleme wollen wir darum auf 
die Einsicht zurückgreifen, daß der Primitive dort ein Tabu 
anbringt, wo er eine Gefahr befürchtet. Diese Gefahr ist, allgemein 
gefaßt, eine psychische, denn der Primitive ist nicht dazu gedrängt, 
hier zwei Unterscheidungen vorzunehmen, die uns als unaus- 
weichlich erscheinen. Er sondert die materielle Gefahr nicht von 
der psychischen und die reale nicht von der imaginären. In seiner 
konsequent durchgeführten animistischen Weltauffassung stammt 
ja jede Gefahr aus der feindseligen Absicht eines gleich ihm 
beseelten Wesens, sowohl die Gefahr, die von einer Naturkraft 
droht, wie die von anderen Menschen oder Tieren. Anderseits 
aber ist er gewohnt, seine eigenen inneren Regungen von Feind- 



222 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



Seligkeit in die Außenwelt zu projizieren, sie also den Objekten, 
die er als unliebsam oder auch nur als fremd empfindet, zuzu- 
schieben. Als Quelle solcher Gefahren wird nun auch das Weib 
erkannt und der erste Sexualakt mit dem Weibe als eine besonders 
intensive Gefahr ausgezeichnet. 

Ich glaube nun, wir werden einigen Aufschluß darüber erhalten, 
welches diese gesteigerte Gefahr ist, und warum sie gerade den 
späteren Ehemann bedroht, wenn wir das Verhalten der heute 
lebenden Frauen unserer Kulturstufe unter den gleichen Ver- 
hältnissen genauer untersuchen. Ich stelle als das Ergebnis dieser 
Untersuchung voran, daß eine solche Gefahr wirklich besteht, so 
daß der Primitive sich mit dem Tabu der Virginität gegen eine 
richtig geahnte, wenn auch psychische Gefahr verteidigt. 

Wir schätzen es als die normale Reaktion ein, daß die Frau 
nach dem Koitus auf der Höhe der Befriedigung den Mann 
umarmend an sich preßt, sehen darin einen Ausdruck ihrer 
Dankbarkeit und eine Zusage dauernder Hörigkeit. Wir wissen 
aber, es ist keineswegs die Regel, daß auch der erste Verkehr 
dies Benehmen zur Folge hätte; sehr häufig bedeutet er bloß 
eine Enttäuschung für das Weib, das kühl und unbefriedigt 
bleibt, und es bedarf gewöhnlich längerer Zeit und häufigerer 
Wiederholung des Sexualaktes, bis sich bei diesem die Befriedigung 
auch für das Weib einstellt. Von diesen Fällen bloß anfänglicher 
und bald vorübergehender Frigidität führt eine stetige Reihe bis 
zu dem unerfreulichen Ergebnis einer stetig anhaltenden Frigidität, 
die durch keine zärtliche Bemühung des Mannes überwunden 
wird. Ich glaube, diese Frigidität des Weibes ist noch nicht 
genügend verstanden und fordert bis auf jene Fälle, die man 
der ungenügenden Potenz des Mannes zur Last legen muß, die 
Aufklärung, womöglich durch ihr nahestehende Erscheinungen, 
heraus. 

Die so häufigen Versuche, vor dem ersten Sexualverkehr die 
Flucht zu ergreifen, möchte ich hier nicht heranziehen, weil 



Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 225 

sie mehrdeutig und in erster Linie, wenn auch nicht durchaus, 
als Ausdruck des allgemeinen weiblichen Abwehrbestrebens auf- 
zufassen sind. Dagegen glaube ich, daß gewisse pathologische 
Fälle ein Licht auf das Rätsel der weiblichen Frigidität werfen, 
in denen die Frau nach dem ersten, ja nach jedem neuerlichen 
Verkehr ihre Feindseligkeit gegen den Mann unverhohlen zum 
Ausdruck bringt, indem sie ihn beschimpft, die Hand gegen ihn 
erhebt oder ihn tatsächlich schlägt. In einem ausgezeichneten 
Falle dieser Art, den ich einer eingehenden Analyse unterziehen 
konnte, geschah dies, obwohl die Frau den Mann sehr liebte, 
den Koitus selbst zu fordern pflegte und in ihm unverkennbar 
hohe Befriedigung fand. Ich meine, daß diese sonderbare konträre 
Reaktion der Erfolg der nämlichen Regungen ist, die sich für 
gewöhnlich nur als Frigidität äußern können, das heißt imstande 
sind, die zärtliche Reaktion aufzuhalten, ohne sich dabei selbst 
zur Geltung zu bringen. In dem pathologischen Falle ist sozusagen 
in seine beiden Komponenten zerlegt, was sich bei der weit 
häufigeren Frigidität zu einer Hemmungswirkung vereinigt, ganz 
ähnlich, wie wir es an den sogenannten „zweizeitigen" Symptomen 
der Zwangsneurose längst erkannt haben. Die Gefahr, welche so 
durch die Defloration des Weibes rege gemacht wird, bestünde 
darin, sich die Feindseligkeit desselben zuzuziehen, und gerade 
der spätere Ehemann hätte allen Grund, sich solcher Feindschaft 
zu entziehen. 

Die Analyse läßt nun ohne Schwierigkeit erraten, welche 
Regungen des Weibes am Zustandekommen jenes paradoxen 
Verhaltens beteiligt sind, in dem ich die Aufklärung der Frigidität 
zu finden erwarte. Der erste Koitus macht eine Reihe solcher 
Regungen mobil, die für die erwünschte weibliche Einstellung 
unverwendbar sind, von denen einige sich auch bei späterem 
Verkehr nicht zu wiederholen brauchen. In erster Linie wird 
man hier an den Schmerz denken, welcher der Jungfrau bei der 
Defloration zugefügt wird, ja vielleicht geneigt sein, dies Moment 



324 



Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



für entscheidend zu halten und von der Suche nach anderen 
abzustehen. Man kann aber eine solche Bedeutung nicht gut 
dem Schmerze zuschreiben, muß vielmehr an seine Stelle die 
narzißtische Kränkung setzen, die aus der Zerstörung eines 
Organs erwächst, und die in dem Wissen um die Herabsetzung 
des sexuellen Wertes der Deflorierten selbst eine rationelle Ver- 
tretung findet. Die Hochzeitsgebräuche der Primitiven enthalten 
aber eine Warnung vor solcher Überschätzung. Wir haben gehört, 
daß in manchen Fällen das Zeremoniell ein zweizeitiges ist; nach 
der (mit Hand oder Instrument) durchgeführten Zerreißung des 
Hymens folgt noch ein offizieller Koitus oder Scheinverkehr mit 
den Vertretern des Mannes, und dies beweist uns, daß der Sinn 
der Tabuvorschrift durch die Vermeidung der anatomischen 
Defloration nicht erfüllt ist, daß dem Ehemann noch etwas anderes 
erspart werden soll als die Reaktion der Frau auf die schmerz- 
hafte Verletzung. 

Wir finden als weiteren Grund für die Enttäuschung durch 
den ersten Koitus, daß für ihn, beim Kulturweibe wenigstens, 
Erwartung und Erfüllung nicht zusammenstimmen können. Der 
Sexualverkehr war bisher aufs stärkste mit dem Verbot assoziiert, 
der legale und erlaubte Verkehr wird darum nicht als das 
nämliche empfunden. Wie innig diese Verknüpfung sein kann, 
erhellt in beinahe komischer Weise aus dem Bestreben so vieler 
Bräute, die neuen Liebesbeziehungen vor allen Fremden, ja selbst 
vor den Eltern geheim zu halten, wo eine wirkliche Nötigung 
dazu nicht besteht und ein Einspruch nicht zu erwarten ist. Die 
Mädchen sagen es offen, daß ihre Liebe an Wert für sie verliert, 
wenn andere davon wissen. Gelegentlich kann dies Motiv über- 
mächtig werden und die Entwicklung der Liebesfähigkeit in der 
Ehe überhaupt verhindern. Die Frau findet ihre zärtliche 
Empfindlichkeit erst in einem unerlaubten, geheim zu haltenden 
Verhältnis wieder, wo sie sich allein des eigenen unbeeinflußten 
Willens sicher weiß. 



Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 225 

Indes, auch dieses Motiv führt nicht tief genug; außerdem 
läßt es, an Kulturbedingungen gebunden, eine gute Beziehung zu 
den Zuständen der Primitiven vermissen. Um so bedeutungsvoller 
ist das nächste, auf der Entwicklungsgeschichte der Libido fußende 
Moment. Es ist uns durch die Bemühungen der Analyse bekannt 
geworden, wie regelmäßig und wie mächtig die frühesten Unter- 
bringungen der Libido sind. Es handelt sich dabei um fest- 
gehaltene Sexual wünsche der Kindheit, beim Weibe zumeist um 
Fixierung der Libido an den Vater oder an den ihn ersetzenden 
Bruder, Wünsche, die häufig genug auf anderes als den Koitus 
gerichtet waren oder ihn nur als unscharf erkanntes Ziel einschlössen. 
Der Ehemann ist sozusagen immer nur ein Ersatzmann, niemals 
der Richtige; den ersten Satz auf die Liebesfähigkeit der Frau hat ein 
anderer, in typischen Fällen der Vater, er höchstens den zweiten. Es 
kommt nun darauf an, wie intensiv diese Fixierung ist und wie zähe 
sie festgehalten wird, damit der Ersatzmann als unbefriedigend abge- 
lehnt werde. Die Frigidität steht somit unter den genetischen Be- 
dingungen der Neurose. Je mächtiger das psychische Element im 
Sexualleben der Frau ist, desto widerstandsfähiger wird sich ihre 
Libidoverteilung gegen die Erschütterung des ersten Sexualaktes er- 
weisen, desto weniger überwältigend wird ihre körperliche Besitznahme 
wirken können. Die Frigidität mag sich dann als neurotische Hemmung 
festsetzen oder den Boden für die Entwicklung anderer Neurosen 
abgeben, und auch nur mäßige Herabsetzungen der männlichen 
Potenz kommen dabei als Helfer sehr in Betracht. 

Dem Motiv des früheren Sexualwunsches scheint die Sitte der 
Primitiven Rechnung zu tragen, welche die Defloration einem 
Ältesten, Priester, heiligen Mann, also einem Vaterersatz (siehe 
oben), überträgt. Von hier aus scheint mir ein gerader Weg 
zum vielbestrittenen Ius primae noctis des mittelalterlichen 
Gutsherrn zu führen. A. J. Storfer 1 hat dieselbe Auffassung 

1) Zur Sonderstellung des Vatermordes, 1911. (Schriften zur angewandten Seelen- 
kunde, XII.) 

Freud, V. , 5 



226 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosen lehre 

vertreten, überdies die weitverbreitete Institution der „Tobiasehe" 
(der Sitte der Enthaltsamkeit in den ersten drei Nächten) als 
eine Anerkennung der Vorrechte des Patriarchen gedeutet, wie 
vor ihm bereits C. G. Jung. 1 Es entspricht dann nur unserer 
Erwartung, wenn wir unter den mit der Defloration betrauten 
Vatersurrogaten auch das Götterbild finden. In manchen Gegenden 
von Indien mußte die Neuvermählte das Hymen dem hölzernen 
Lingam opfern, und nach dem Berichte des heiligen Augustinus 
bestand im römischen Heiratszeremoniell (seiner Zeit?) dieselbe 
Sitte mit der Abschwächung, daß sich die junge Frau auf den 
riesigen Steinphallus des Priapus nur zu setzen brauchte. 3 

In noch tiefere Schichten greift ein anderes Motiv zurück, 
welches nachweisbar an der paradoxen Reaktion gegen den Mann 
die Hauptschuld trägt, und dessen Einfluß sich nach meiner 
Meinung noch in der Frigidität der Frau äußert. Durch den 
ersten Koitus werden beim Weibe noch andere alte Regungen 
als die beschriebenen aktiviert, die der weiblichen Funktion und 
Rolle überhaupt widerstreben. 

Wir wissen aus der Analyse vieler neurotischer Frauen, daß 
sie ein frühes Stadium durchmachen, in dem sie den Bruder 
um das Zeichen der Männlichkeit beneiden und sich wegen 
seines Fehlens (eigentlich seiner Verkleinerung) benachteiligt und 
zurückgesetzt fühlen. Wir ordnen diesen „Penisneid" dem 
„Kastrationskomplex" ein. Wenn man unter „männlich" das 
Männlichsein wollen mitversteht, so paßt auf dieses Verhalten die 
Bezeichnung „männlicher Protest", die Alf. Adler geprägt hat, 
um diesen Faktor zum Träger der Neurose überhaupt zu prokla- 
mieren. In dieser Phase machen die Mädchen aus ihrem Neid 
und der daraus abgeleiteten Feindseligkeit gegen den begünstigten 
Bruder oft kein Hehl: sie versuchen es auch, aufrechtstehend 

1) Die Bedeutimg des Vaters für da« Schicksal des Einzelnen. (Jahrbuch für 
Ptychoanalysc, I, 190g.) 

2) PloO und Bartels: Das Weib I, XII, und Dulnure: Des Divinites 
generatrices. Paris 1885 (reimprime snr l'edition de 1825), p. 143 u. ff. 



! 



. 






Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 227 



wie der Bruder zu urinieren, um ihre angebliche Gleichberech- 
tigung zu vertreten. In dem bereits erwähnten Falle von unein- 
geschränkter Aggression gegen den sonst geliebten Mann nach 
dem Koitus konnte ich feststellen, daß diese Phase vor der 
Objektwahl bestanden hatte. Erst später wandte sich die Libido 
des kleinen Mädchens dem Vater zu, und dann wünschte sie 
sich anstatt des Penis — ein Kind. 1 

Ich würde nicht überrascht sein, wenn sich in anderen Fällen 
die Zeitfolge dieser Regungen umgekehrt fände und dies Stück 
des Kastrationskomplexes erst nach erfolgter Objektwahl zur 
Wirkung käme. Aber die männliche Phase des Weibes, in der es 
den Knaben um den Penis beneidet, ist jedenfalls die entwicklungs- 
geschichtlich frühere und steht dem ursprünglichen Narzißmus 
näher als der Objektliebe. 

Vor einiger Zeit gab mir ein Zufall Gelegenheit, den Traum 
einer Neuvermählten zu erfassen, der sich als Reaktion auf ihre 
Entjungferung erkennen ließ. Er verriet ohne Zwang den Wunsch 
des Weibes, den jungen Ehemann zu kastrieren und seinen Penis 
bei sich zu behalten. Es war gewiß auch Raum für die harm- 
losere Deutung, es sei die Verlängerung und Wiederholung des 
Aktes gewünscht worden, allein manche Einzelheiten des Traumes 
gingen über diesen Sinn hinaus, und der Charakter wie das 
spätere Benehmen der Träumerin legten Zeugnis für die ernstere 
Auffassung ab. Hinter diesem Penisneid kommt nun die feind- 
selige Erbitterung des Weibes gegen den Mann zum Vorschein, 
die in den Beziehungen der Geschlechter niemals ganz zu verkennen 
ist, und von der in den Bestrebungen und literarischen Produk- 
tionen der „Emanzipierten" die deutlichsten Anzeichen vorliegen. 
Diese Feindseligkeit des Weibes führt Ferenczi — ich weiß 
nicht, ob als erster — in einer paläobiologischen Spekulation bis 
auf die Epoche der Differenzierung der Geschlechter zurück. 

1) Siehe: Über Triebumsetzungen insbesondere der Analerotik. Intern. Zeitschr. 
f. PsA. IV, 1916/17, [Gesamtausgabe Bd. V.] 

15* 



az8 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

Anfänglich, meint er, fand die Kopulation zwischen zwei gleich- 
artigen Individuen statt, von denen sich aber eines zum stärkeren 
entwickelte und das schwächere zwang, die geschlechtliche 
Vereinigung zu erdulden. Die Erbitterung über dies Unterlegensein 
setze sich noch in der heutigen Anlage des Weibes fort. Ich halte 
es für vorwurfsfrei, sich solcher Spekulationen zu bedienen, solange 
man es vermeidet, sie zu über werten. 

Nach dieser Aufzählung der Motive für die in der Frigidität 
spurweise fortgesetzte paradoxe Reaktion des Weibes auf die 
Defloration, darf man es zusammenfassend aussprechen, daß sich 
die unfertige Sexualität des Weibes an dem Manne 
entlädt, der sie zuerst den Sexualakt kennen lehrt. Dann ist 
aber das Tabu der Virginität sinnreich genug, und wir verstehen 
die Vorschrift, welche gerade den Mann solche Gefahren vermeiden 
heißt, der in ein dauerndes Zusammenleben mit dieser Frau 
eintreten soll. Auf höheren Kulturstufen ist die Schätzung dieser 
Gefahr gegen die Verheißung der Hörigkeit und gewiß auch 
gegen andere Motive und Verlockungen zurückgetreten; die 
Virginität wird als ein Gut betrachtet, auf welches der Mann 
nicht verzichten soll. Aber die Analyse der Ehestörungen lehrt, 
daß die Motive, welche das Weib dazu nötigen wollen, Rache 
ür ihre Defloration zu nehmen, auch im Seelenleben des Kultur- 
weibes nicht ganz erloschen sind. Ich meine, es muß dem 
Beobachter auffallen, in einer wie ungewöhnlich großen Anzahl 
von Fällen das Weib in einer ersten Ehe frigid bleibt und sich 
unglücklich fühlt, während sie nach Lösung dieser Ehe ihrem 
zweiten Manne eine zärtliche und beglückende Frau wird. Die 
archaische Reaktion hat sich sozusagen am ersten Objekt erschöpft. 

Das Tabu der Virginität ist aber auch sonst in unserem Kultur- 
leben nicht untergegangen. Die Volksseele weiß von ihm und 
Dichter haben sich gelegentlich dieses Stoffes bedient. Anzen- 
gruber stellt in einer Komödie dar, wie sich ein einfältiger 
Bauernbursche abhalten läßt, die ihm zugedachte Braut zu 






Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 22g 

heiraten, weil sie „a Dirn' is, was ihrem ersten 's Leben kost'". 
Er willigt darum ein, daß sie einen anderen heirate, und will 
sie dann als Wittfrau nehmen, wo sie ungefährlich ist. Der 
Titel des Stückes: „Das Jungferngift" erinnert daran, daß 
Schlangenbändiger die Giftschlange vorerst in ein Tüchlein beißen 
lassen, um sie dann ungefährdet zu handhaben. 1 

Das Tabu der Virginität und ein Stück seiner Motivierung hat 
seine mächtigste Darstellung in einer bekannten dramatischen 
Gestalt gefunden, in der Judith in Hebbels Tragödie „Judith 
und Holofernes". Judith ist eine jener Frauen, deren Virginität 
durch ein Tabu geschützt ist. Ihr erster Mann wurde in der 
Brautnacht durch eine rätselhafte Angst gelähmt und wagte es 
nie mehr, sie zu berühren. „Meine Schönheit ist die der Toll- 
kirsche," sagt sie. „Ihr Genuß bringt Wahnsinn und Tod." Als 
der assyrische Feldherr ihre Stadt bedrängt, faßt sie den Plan, 
ihn durch ihre Schönheit zu verführen und zu verderben, 
verwendet so ein patriotisches Motiv zur Verdeckung eines 
sexuellen. Nach der Defloration durch den gewaltigen, sich seiner 
Stärke und Rücksichtslosigkeit rühmenden Mann findet sie in 
ihrer Empörung die Kraft, ihm den Kopf abzuschlagen, und wird 
so zur Befreierin ihres Volkes. Köpfen ist uns als symbolischer 
Ersatz für Kastrieren wohlbekannt; danach ist Judith das Weib, 
das den Mann kastriert, von dem sie defloriert wurde, wie es 
auch der von mir berichtete Traum einer Neuvermählten wollte. 
Hebbel hat die patriotische Erzählung aus den Apokryphen 
des Alten Testaments in klarer Absichtlichkeit sexualisiert, denn 

1) Eine meisterhaft knappe Erzählung von A. Schnitzler („Das Schicksal 
des Freiherrn v. Leisenbogh") verdient trotz der Abweichung in der Situation hier 
angereiht zu werden. Der durch einen Unfall verunglückte Liebhaber einer in der 
Liebe vielerfahrenen Schauspielerin hat ihr gleichsam eine neue Virginität geschaffen, 
indem er den Todesflnch über den Mann ausspricht, der sie zuerst nach ihm besitzen 
wird. Das mit diesem Tabu belegte Weib getraut sich auch eine Weile des Liebes- 
verkehres nicht. Nachdem sie sich aber in einen Sänger verliebt hat, greift sie zur 
Auskunft, vorher dem Freiherrn v. Leisenbogh eine Nacht zu schenken, der sich seit 
Jahren erfolglos um sie bemüht. An ihm erfüllt sich auch der Fluch; er wird vom 
Schlag getroffen, sobald er das Motiv seines unverhofften Liebesglückes erfährt. 



250 



Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenb-hre 



dort kann Judith nach ihrer Rückkehr rühmen, daß sie nicht 
verunreinigt worden ist, auch fehlt im Text der Bibel jeder 
Hinweis auf ihre unheimliche Hochzeitsnacht. Wahrscheinlich 
hat er aber mit dem Feingefühl des Dichters das uralte Motiv 
verspürt, das in jene tendenziöse Krzählung eingegangen war, 
und dem Stoff nur seinen früheren Gehalt wiedergegeben. 

I. Sadger hat in einer trefflichen Analyse ausgeführt, wie 
Hebbel durch seinen eigenen Elternkomplex in seiner Stoffwahl 
bestimmt wurde, und wie er dazu kam, so regelmäßig im Kampfe 
der Geschlechter für das Weib Partei zu nehmen und sich in 
dessen verborgenste Seelenregungen einzufühlen. ' Er zitiert auch 
die Motivierung, die der Dichter selbst für die von ihm einge- 
führte Abänderung des Stoffes gegeben hat, und findet sie mit 
Recht gekünstelt und wie dazu bestimmt, etwas dem Dichter 
selbst Unbewußtes nur äußerlich zu rechtfertigen und im Grunde 
zu verdecken. Sadgers Erklärung, warum die nach der biblischen 
Erzählung verwitwete Judith zur jungfräulichen Witwe werden 
mußte, will ich nicht antasten. Er weist auf die Absicht der 
kindlichen Phantasie hin, den sexuellen Verkehr der Eltern zu 
verleugnen und die Mutter zur unberührten Jungfrau zu machen. 
Aber ich setze fort: Nachdem der Dichter die Jungfräulichkeit 
seiner Heldin festgelegt hatte, verweilte seine nachfühlende 
Phantasie bei der feindseligen Reaktion, die durch die Verletzung 
der Virginität ausgelöst wird. 

Wir dürfen also abschließend sagen: Die Defloration hat nicht 
nur die eine kulturelle Folge, das Weib dauernd an den Mann 
zu fesseln ; sie entfesselt auch eine archaische Reaktion von Feind- 
seligkeit gegen den Mann, welche pathologische Formen annehmen 
kann, die sich häufig genug durch Hemmungserscheinungen im 
Liebesleben der Ehe äußern, und der man es zuschreiben darf, 
daß zweite Ehen so oft besser geraten als die ersten. Das 
befremdende Tabu der Virginität, die Scheu, mit welcher bei den 

1) Von der Pathographie zur Psychogrupluc. lnnigo, I., 1912. 



Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens 251 

Primitiven der Ehemann der Defloration aus dem Wege geht, 
finden in dieser feindseligen Reaktion ihre volle Rechtfertigung. 
Es ist nun interessant, daß man als Analytiker Frauen begegnen 
kann, bei denen die entgegengesetzten Reaktionen von Hörigkeit 
und Feindseligkeit beide zum Ausdruck gekommen und in inniger 
Verknüpfung miteinander geblieben sind. Es gibt solche Frauen, 
die mit ihren Männern völlig zerfallen scheinen und doch nur 
vergebliche Bemühungen machen können, sich von ihnen zu 
lösen. So oft sie es versuchen, ihre Liebe einem anderen Manne 
zuzuwenden, tritt das Bild des ersten, doch nicht mehr geliebten, 
hemmend dazwischen. Die Analyse lehrt dann, daß diese Frauen 
allerdings noch in Hörigkeit an ihren ersten Männern hängen, 
aber nicht mehr aus Zärtlichkeit. Sie kommen von ihnen nicht 
frei, weil sie ihre Rache an ihnen nicht vollendet, in ausgeprägten 
Fällen die rachsüchtige Regung sich nicht einmal zum Bewußt- 
sein gebracht haben. 



DIE INFANTILE GENITALORGANISATION 

(Eine Einschaltung in die Sexual thcoric) 

Zurrst erschienen in der „Internationalen Zeit- 
schriftfür Psychoanalyse", Band IX, i 9 2}, S. 168 jf. 

Es ist recht bezeichnend für die Schwierigkeit der Forschungs- 
arbeit in der Psychoanalyse, daß es möglich ist, allgemeine Züge 
und charakteristische Verhältnisse trotz unausgesetzter jahrzehnte- 
langer Beobachtung zu übersehen, bis sie einem endlich einmal 
unverkennbar entgegentreten ; eine solche Vernachlässigung auf 
dem Gebiet der infantilen Sexualentwicklung möchte ich durch 
die nachstehenden Bemerkungen gutmachen. 

Den Lesern meiner „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" 
(1905) wird es bekannt sein, daß ich in den späteren Ausgaben 
dieser Schrift niemals eine Umarbeitung vorgenommen, sondern 
die ursprüngliche Anordnung gewahrt habe und den Fortschritten 
unserer Einsicht durch Einschaltungen und Abänderungen des 
Textes gerecht geworden bin. Dabei mag es oft vorgekommen 
sein, daß das Alte und das Neuere sich nicht gut zu einer wider- 
spruchsfreien Einheit verschmelzen ließen. Anfänglich ruhte ja 
der Akzent auf der Darstellung der fundamentalen Verschiedenheit 
im Sexualleben der Kinder und der Erwachsenen, später drängten 
sich die prägenitalen Organisationen der Libido in den 
Vordergrund und die merkwürdige und folgenschwere Tatsache 
des zweizeitigen Ansatzes der Sexualentwicklung. Endlich 
nahm die infantile Sexualforschung unser Interesse in 
Anspruch, und von ihr aus ließ sich die weitgehende Annäherung 



Die infantile Genitalorganiaation 



'oo 



des Ausganges der kindlichen Sexualität (um das 
fünfte Lebensjahr) an die Endgestaltung beim Erwachsenen 
erkennen. Dabei bin ich in der letzten Auflage der Sexualtheorie 
(1922) stehen geblieben. 

Auf Seite 65 derselben 1 erwähne ich, daß „häufig oder regel- 
mäßig bereits in den Kinderjahren eine Objektwahl vollzogen 
wird, wie wir sie als charakteristisch für die Entwicklungsphase 
der Pubertät hingestellt haben, in der Weise, daß sämtliche 
Sexualstrebungen die Richtung auf eine einzige Person nehmen, 
an der sie ihre Ziele erreichen wollen. Dies ist dann die größte 
Annäherung an die definitive Gestaltung des Sexuallebens nach 
der Pubertät, die in den Kinderjahren möglich ist. Der Unter- 
schied von letzterer liegt nur noch darin, daß die Zusammen- 
fassung der Partialtriebe und deren Unterordnung unter das 
Primat der Genitalien in der Kindheit nicht oder nur sehr unvoll- 
kommen durchgesetzt wird. Die Herstellung dieses Primats im 
Dienste der Fortpflanzung ist also die letzte Phase, welche die 
Sexualorganisation durchläuft. 

Mit dem Satz, das Primat der Genitalien sei in der früh- 
infantilen Periode nicht oder nur sehr unvollkommen durchgeführt, 
würde ich mich heute nicht mehr zufrieden geben. Die Annäherung 
des kindlichen Sexuallebens an das der Erwachsenen geht viel 
weiter und bezieht sich nicht nur auf das Zustandekommen einer 
Objektwahl. Wenn es auch nicht zu einer richtigen Zusammen- 
fassung der Partialtriebe unter das Primat der Genitalien kommt, 
so gewinnt doch auf der Höhe des Entwicklungsganges der 
infantilen Sexualität das Interesse an den Genitalien und die 
Genitalbetätigung eine dominierende Bedeutung, die hinter der 
in der Reifezeit wenig zurücksteht. Der Hauptcharakter dieser 
„infantilen Genitalorganisation" ist zugleich ihr Unter- 
schied von der endgültigen Genitalorganisation der Erwachsenen. 
Er liegt darin, daß für beide Geschlechter nur ein Genitale, 

1) [= Gesamtausgabe Bd. V, S. 74.] 



254 



Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



das männliche, eine Rolle spielt. Es besteht also nicht ein Genital- 
primat, sondern ein Primat des Phallus. 

Leider können wir diese Verhältnisse nur für das männliche 
Kind beschreiben, in die entsprechenden Vorgänge beim kleinen 
Mädchen fehlt uns die Einsicht. Der kleine Knabe nimmt sicherlich 
den Unterschied von Männern und Frauen wahr, aber er hat 
zunächst keinen Anlaß, ihn mit einer Verschiedenheit ihrer 
Genitalien zusammenzubringen. Es ist ihm natürlich, ein ähnliches 
Genitale, wie er es selbst besitzt, bei allen anderen Lebewesen, 
Menschen und Tieren, vorauszusetzen, ja wir wissen, daß er auch 
an unbelebten Dingen nach einem seinem Gliede analogen Gebilde 
forscht. 1 Dieser leicht erregte, veränderliche, an Empfindungen so 
reiche Körperteil beschäftigt das Interesse des Knaben in hohem 
Grade und stellt seinem Forschertrieb unausgesetzt neue Aufgaben. 
Er möchte ihn auch bei anderen Personen sehen, um ihn mit 
seinem eigenen zu vergleichen, er benimmt sich, als ob ihm 
vorschwebte, daß dieses Glied größer sein könnte und sollte j die 
treibende Kraft, welche dieser männliche Teil später in der 
Pubertät entfalten wird, äußert sich um diese Lebenszeit 
wesentlich als Forsch ungsd rang, als sexuelle Neugierde. Viele der 
Exhibitionen und Aggressionen, welche das Kind vornimmt und 
die man im späteren Alter unbedenklich als Äußerungen von 
Lüsternheit beurteilen würde, erweisen sich der Analyse als 
Experimente im Dienste der Sexual forsch ung angestellt. 

Im Laufe dieser Untersuchungen gelangt das Kind zur Ent- 
deckung, daß der Penis nicht ein Gemeingut aller ihm ähnlichen 
Wesen sei. Der zufällige Anblick der Genitalien einer kleinen 
Schwester oder Gespielin gibt hiezu den Anstoß; scharfsinnige 
Kinder haben schon vorher aus ihren Wahrnehmungen beim 
Urinieren der Mädchen, weil sie eine andere Stellung sehen und 

1) Es ist übrigens merkwürdig, ein wie geringes Maß von Aufmerksamkeit der 
andere Teil des männlichen Genitales, da* Siickchen mit seinen Einschlüssen, beim 
Kinde auf sich zieht. Aus den Analysen künntc mun nicht erraten, dnß noch etwas 
anderes als der Penis zum Genitale gehört. 



Die infantile Genitalorganisation 255 



ein anderes Geräusch hören, den Verdacht geschöpft, daß hier 
etwas anders sei, und dann versucht, solche Beobachtungen in 
aufklärender Weise zu wiederholen. Es ist bekannt, wie sie auf 
die ersten Eindrücke des Penismangels reagieren. Sie leugnen 
diesen Mangel, glauben doch ein Glied zu sehen, beschönigen 
den Widerspruch zwischen Beobachtung und Vorurteil durch die 
Auskunft, es sei noch klein und werde erst wachsen, und kommen 
dann langsam zu dem affektiv bedeutsamen Schluß, es sei doch 
wenigstens vorhanden gewesen und dann weggenommen worden. 
Der Penismangel wird als Ergebnis einer Kastration erfaßt und 
das Kind steht nun vor der Aufgabe, sich mit der Beziehung 
der Kastration zu seiner eigenen Person auseinanderzusetzen. Die 
weiteren Entwicklungen sind zu sehr allgemein bekannt, als 
daß es notwendig wäre, sie hier zu wiederholen. Es scheint mir 
nur, daß man die Bedeutung des Kastrationsko m- 
plexes erst richtig würdigen kann, wenn man seine 
Entstehung in der Phase des Phallusprimats mit- 
berücksichtigt. 1 

Es ist auch bekannt, wie viel Herabwürdigung des Weibes, 
Grauen vor dem Weib, Disposition zur Homosexualität sich aus 
der endlichen Überzeugung von der Penislosigkeit des Weibes 
ableitet. Ferenczi hat kürzlich mit vollem Recht das mytho- 
logische Symbol des Grausens, das Medusenhaupt, auf den Ein- 
druck des penislosen weiblichen Genitales zurückgeführt. 2 

Doch darf man nicht glauben, daß das Kind seine Beobachtung, 
manche weibliche Personen besitzen keinen Penis, so rasch und 

j) Es ist mit Recht darauf hingewiesen worden, daß das Kind die Vorstellung; 
einer narzißtischen Schädigung durch Körperverlust aus dem Verlieren der Mutter- 
brust nach dem Saugen, aus der täglichen Abgabe der Fäzes, ja schon aus der 
Trennung vom Mutterleib bei der Geburt gewinnt. Von einem Kastrationskomplex 
sollte man aber doch erst sprechen, wenn sich diese Vorstellung eines Verlustes mit 
dem männlichen Genitale verknüpft hat. 

2) Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, IX, 1925, Heft 1. Ich möchte hin- 
zufügen, daß im Mythos das Genitale der Mutter gemeint ist. Athene, die das 
Medusenhaupt an ihrem Panzer trägt, wird eben dadurch das unnahbare Weib, dessen 
Anblick jeden Gedanken an sexuelle Annäherung erstickt. 



236 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



bereitwillig verallgemeinert; dem steht schon die Annahme, daß 
die Penislosigkeit die Folge der Kastration als einer Strafe sei, 
im Wege. Im Gegenteile, das Kind meint, nur unwürdige weibliche 
Personen, die sich wahrscheinlich ähnlicher unerlaubter Regungen 
schuldig gemacht haben wie es selbst, hätten das Genitale ein- 
gebüßt. Respektierte Frauen aber wie die Mutter behalten den 
Penis noch lange. Weibsein fällt eben für das Kind noch nicht 
mit Penismangel zusammen.' Erst später, wenn das Kind die 
Probleme der Entstehung und Geburt der Kinder angreift und 
errät, daß nur Frauen Kinder gebären können, wird auch die 
Mutter des Penis verlustig und mitunter werden ganz komplizierte 
Theorien aufgebaut, die den Umtausch des Penis gegen ein Kind 
erklären sollen. Das weibliche Genitale scheint dabei niemals 
entdeckt zu werden. Wie wir wissen, lebt das Kind im Leib (Darm) 
der Mutter und wird durch den Darmausgang geboren. Mit diesen 
letzten Theorien greifen wir über die Zeitdauer der infantilen 
Sexualperiode hinaus. 

Es ist nicht unwichtig, sich vorzuhalten, welche Wandlungen 
die uns geläufige geschlechtliche Polarität während der kindlichen 
Sexualentwicklung durchmacht. Ein erster Gegensatz wird mit 
der Objektwahl, die ja Subjekt und Objekt voraussetzt, eingeführt. 
Auf der Stufe der prägenitalen sadistisch-analen Organisation ist 
von männlich und weiblich noch nicht zu reden, der Gegensatz 
von aktiv und passiv ist der herrschende. 3 Auf der nun folgenden 
Stufe der infantilen Genitalorganisation gibt es zwar ein 
männlich, aber kein weiblich ; der Gegensatz lautet hier : 
männliches Genitale oder kastriert. Erst mit der Voll- 
endung der Entwicklung zur Zeit der Pubertät fällt die sexuelle 

1) Aus der Analyse einer jungen Frau erfuhr ich, daG sie, die keinen Vater und 
mehrere Tanten hatte, bis weit in die Latenzzeit nn dem Penis der Mutter und einiger 
Tanten festhielt. Eine schwachsinnige Tante über hielt sie für kastriert, wie sie sich 
felbst empfand. 

2) Siehe: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, 5. Aufloge, S. 6a. [= Gesamt- 
ausgabe Bd. V, S. 75.] 






Die infantile Genitalorganisation 257 

Polarität mit männlich und weiblich zusammen. Das 
Männliche faßt das Subjekt, die Aktivität und den Besitz des 
Penis zusammen, das Weibliche setzt das Objekt und die Passivität 
fort. Die Vagina wird nun als Herberge des Penis geschätzt, sie 
tritt das Erbe des Mutterleibes an. 



ZWEI KINDERLÜGEN 

Zuerst erschienen in der „Internat. Zeitschrift 
für ärztliche Psychoanalyse" , /., 191 }, dann in 
der Vierten Folge der „Sammlung kleiner Schriften 
zur Neurosenlehre". 

Es ist begreiflich, daß Kinder lügen, wenn sie damit die 
Lügen der Erwachsenen nachahmen. Aber eine Anzahl von Lügen 
von gut geratenen Kindern haben eine besondere Bedeutung und 
sollten die Erzieher nachdenklich machen anstatt sie zu erbittern. 
Sie erfolgen unter dem Einfluß überstarker Liebesmotive und 
werden verhängnisvoll, wenn sie ein Mißverständnis zwischen 
dem Kinde und der von ihm geliebten Person herbeiführen. 



Das siebenjährige Mädchen (im zweiten Schuljahr) hat vom 
Vater Geld verlangt, um Farben zum Bemalen von Ostereiern 
zu kaufen. Der Vater hat es abgeschlagen mit der Begründung, 
er habe kein Geld. Kurz darauf verlangt es vom Vater Geld, 
um zu einem Kranz für die verstorbene Landesfürstin beizusteuern. 
Jedes der Schulkinder soll fünfzig Pfennige bringen. Der Vater 
gibt ihr zehn Mark; sie bezahlt ihren Beitrag, legt dem Vater 
neun Mark auf den Schreibtisch und hat für die übrigen fünfzig 
Pfennige Farben gekauft, die sie im Spielschrank verbirgt. Bei 
Tisch fragt der Vater argwöhnisch, was sie mit den fehlenden 
fünfzig Pfennigen gemacht, und ob sie dafür nicht doch Farben 
gekauft hat. Sie leugnet es, aber der um zwei Jahre ältere 
Bruder, mit dem gemeinsam sie die Eier bemalen wollte, verrät 



Zwei Killderlügen 259 



sie; die Farben werden im Schrank gefunden. Der erzürnte 
Vater überläßt die Missetäterin der Mutter zur Züchtigung, die 
sehr energisch ausfällt. Die Mutter ist nachher selbst erschüttert, 
als sie merkt, wie sehr das Kind verzweifelt ist. Sie liebkost es 
nach der Züchtigung, geht mit ihm spazieren, um es zu trösten. 
Aber die Wirkungen dieses Erlebnisses, von der Patientin selbst 
als „Wendepunkt" ihrer Jugend bezeichnet, erweisen sich als 
unaufhebbar. Sie war bis dahin ein wildes, zuversichtliches Kind, 
sie wird von da an scheu und zaghaft. In ihrer Brautzeit gerät 
sie in eine ihr unverständliche Wut, als die Mutter ihr die 
Möbel und Aussteuer besorgt. Es schwebt ihr vor, es ist doch 
ihr Geld, dafür darf kein anderer etwas kaufen. Als junge Frau 
scheut sie sich, von ihrem Manne Ausgaben für ihren persön- 
lichen Bedarf zu verlangen und scheidet in überflüssiger Weise 
„ihr" Geld von seinem Geld. Während der Zeit der Behandlung 
trifft es sich einige Male, daß die Geldzusendungen ihres Mannes 
sich verspäten, so daß sie in der fremden Stadt mittellos bleibt. 
Nachdem sie mir dies einmal erzählt hat, will ich ihr das 
Versprechen abnehmen, in der Wiederholung dieser Situation 
die kleine Summe, die sie unterdes braucht, von mir zu entlehnen. 
Sie gibt dieses Versprechen, hält es aber bei der nächsten Geld- 
verlegenheit nicht ein und zieht es vor, ihre Schmuckstücke zu 
verpfänden. Sie erklärt, sie kann kein Geld von mir nehmen. 

Die Aneignung der fünfzig Pfennige in der Kindheit hatte 
eine Bedeutung, die der Vater nicht ahnen konnte. Einige Zeit 
vor der Schule hatte sie ein merkwürdiges Stückchen mit Geld 
aufgeführt. Eine befreundete Nachbarin hatte sie mit einem 
kleinen Geldbetrag als Begleiterin ihres noch jüngeren Söhnchens 
in einen Laden geschickt, um irgendetwas einzukaufen. Den 
Rest des Geldes nach dem Einkäufe trug sie als die ältere nach 
Hause. Als sie aber auf der Straße dem Dienstmädchen der 
Nachbarin begegnete, warf sie das Geld auf das Straßenpflaster 
hin. Zur Analyse dieser ihr selbst unerklärlichen Handlung fiel 



240 



Arbeiten zum Sexualleben und zur Ncurosenlchre 



ihr Judas ein, der die Silberlinge hinwarf, die er für den Verrat 
am Herrn bekommen. Sie erklärt es für sicher, daß sie mit der 
Passionsgeschichte schon vor dem Schulbesuch bekannt wurde. 
Aber inwiefern durfte sie sich mit Judas identifizieren? 

Im Alter von dreieinhalb Jahren hatte sie ein Kindermädchen, 
dem sie sich sehr innig anschloß. Dieses Mädchen geriet in 
erotische Beziehungen zu einem Arzt, dessen Ordination sie mit 
dem Kinde besuchte. Es scheint, daß das Kind damals Zeuge 
verschiedener sexueller Vorgänge wurde. Ob sie sah, daß der 
Arzt dem Mädchen Geld gab, ist nicht sichergestellt; unzweifel- 
haft aber, daß das Mädchen dem Kinde kleine Münzen schenkte, 
um sich seiner Verschwiegenheit zu versichern, für welche auf 
dem Heimwege Einkäufe (wohl an Süßigkeiten) gemacht wurden. 
Es ist auch möglich, daß der Arzt selbst dem Kinde gelegentlich 
Geld schenkte. Dennoch verriet das Kind sein Mädchen an die 
Mutter, aus Eifersucht. Es spielte so auffällig mit den heim- 
gebrachten Groschen, daß die Mutter fragen mußte: Woher hast 
du das Geld? Das Mädchen wurde weggeschickt. 

Geld von jemandem nehmen hatte also für sie frühzeitig die 
Bedeutung der körperlichen Hingebung, der Liebesbeziehung, 
bekommen. Vom Vater Geld nehmen hatte den Wert einer 
Liebeserklärung. Die Phantasie, daß der Vater ihr Geliebter sei, 
war so verführerisch, daß der Kinderwunsch nach den Farben 
für die Ostereier sich mit ihrer Hilfe gegen das Verbot leicht 
durchsetzte. Eingestehen konnte sie aber die Aneignung des 
Geldes nicht, sie mußte leugnen, weil das Motiv der Tat, ihr 
selbst unbewußt, nicht einzugestehen war. Die Züchtigung des 
Vaters war also eine Abweisung der ihm angebotenen Zärtlichkeit, 
eine Verschmähung, und brach darum ihren Mut. In der 
Behandlung brach ein schwerer Verstimmungszustand los, dessen 
Auflösung zu der Erinnerung des hier Mitgeteilten führte, als ich 
einmal genötigt war, die Verschmähung zu kopieren, indem 
ich sie bat, keine Blumen mehr zu bringen. 



Zwei Kinderlügen 24,1 



Für den Psychoanalytiker bedarf es kaum der Hervorhebung, 
daß in dem kleinen Erlebnis des Kindes einer jener so überaus 
häufigen Fälle von Fortsetzung der früheren Analerotik in das 
spätere Liebesleben vorliegt. Auch die Lust, die Eier farbig zu 
bemalen, entstammt derselben Quelle. 

II 

Eine heute infolge einer Versagung im Leben schwerkranke 
Frau war früher einmal ein besonders tüchtiges, wahrheits- 
liebendes, ernsthaftes und gutes Mädchen gewesen und dann eine 
zärtliche Frau geworden. Noch früher aber, in den ersten Lebens- 
jahren, war sie ein eigensinniges und unzufriedenes Kind 
gewesen, und während sie sich ziemlich rasch zur Übergüte und 
Übergewissenhaftigkeit wandelte, ereigneten sich noch in ihrer 
Schulzeit Dinge, die ihr in den Zeiten der Krankheit schwere 
Vorwürfe einbrachten und von ihr als Beweise gründlicher 
Verworfenheit beurteilt wurden. Ihre Erinnerung sagte ihr, daß 
sie damals oft geprahlt und gelogen hatte. Einmal rühmte sich 
auf dem Schulweg eine Kollegin: Gestern haben wir zu Mittag 
Eis gehabt. Sie erwiderte: Oh, Eis haben wir alle Tage. In 
Wirklichkeit verstand sie nicht, was Eis zur Mittagsmahlzeit bedeuten 
sollte; sie kannte das Eis nur in den langen Blöcken, wie es auf 
Wagen verführt wird, aber sie nahm an, es müsse etwas 
Vornehmes damit gemeint sein, und darum wollte sie hinter der 
Kollegin nicht zurückbleiben. 

Als sie zehn Jahre alt war, wurde in der Zeichenstunde 
einmal die Aufgabe gegeben, aus freier Hand einen Kreis zu 
ziehen. Sie bediente sich dabei aber des Zirkels, brachte so leicht 
einen vollkommenen Kreis zustande und zeigte ihre Leistung 
triumphierend ihrer Nachbarin. Der Lehrer kam hinzu, hörte 
die Prahlerin, entdeckte die Zirkelspuren in der Kreislinie und 
stellte das Mädchen zur Rede. Dieses aber leugnete hartnäckig, 
ließ sich durch keine Beweise überführen und half sich durch 

Freud, V. 16 



242 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

trotziges Verstummen. Der Lehrer konferierte darüber mit 
dem Vater; beide ließen sich durch die sonstige Bravheit 
des Mädchens bestimmen, dem Vergehen keine weitere Folge zu 
geben. 

Beide Lügen des Kindes waren durch den nämlichen Komplex 
motiviert. Als älteste von fünf Geschwistern entwickelte die 
Kleine frühzeitig eine ungewöhnlich intensive Anhänglichkeit an 
den Vater, an welcher dann in reifen Jahren ihr Lebensglück 
scheitern sollte. Sie mußte aber bald die Entdeckung machen, 
daß dem geliebten Vater nicht die Größe zukomme, die sie ihm 
zuzuschreiben bereit war. Er hatte mit Geldschwierigkeiten zu 
kämpfen, er war nicht so mächtig oder so vornehm, wie sie 
gemeint hatte. Diesen Abzug von ihrem Ideal konnte sie sich 
aber nicht gefallen lassen. Indem sie nach Art des Weibes ihren 
ganzen Ehrgeiz auf den geliebten Mann verlegte, wurde es 
zum überstarken Motiv für sie, den Vater gegen die Welt zu 
stützen. Sie prahlte also vor den Kolleginnen, um den Vater 
nicht verkleinern zu müssen. Als sie später das Eis beim 
Mittagessen mit „Glace" übersetzen lernte, war der Weg 
gebahnt, auf welchem dann der Vorwurf wegen dieser Reminiszenz 
in eine Angst vor Glasscherben und Splittern einmünden 
konnte. 

Der Vater war ein vorzüglicher Zeichner und hatte durch 
die Proben seines Talents oft genug das Entzücken und die 
Bewunderung der Kinder hervorgerufen. In der Identifizierung 
mit dem Vater zeichnete sie in der Schule jenen Kreis, der ihr 
nur durch betrügerische Mittel gelingen konnte. Es war, als ob 
sie sich rühmen wollte: Schau her, was mein Vater kann! Das 
Schuldbewußtsein, das der überstarken Neigung zum Vater 
anhaftete, fand in dem versuchten Betrug seinen Ausdruck; ein 
Geständnis war aus demselben Grunde unmöglich wie in der 
vorstehenden Beobachtung, es hätte das Geständnis der verborgenen 
inzestuösen Liebe sein müssen. 






Zwei Kinderlügen 



2 43 



Man möge nicht gering denken von solchen Episoden des 
Kinderlebens. Es wäre eine arge Verfehlung, wenn man aus 
solchen kindlichen Vergehen die Prognose auf Entwicklung eines 
unmoralischen Charakters stellen würde. Wohl aber hängen sie 
mit den stärksten Motiven der kindlichen Seele zusammen und 
künden die Dispositionen zu späteren Schicksalen oder künftigen 
Neurosen an. 



i6* 









GEDANKENASSOZIATION EINES VIER- 
JÄHRIGEN KINDES 

Zurrst erschienen in der „Internationalen Zeit- 
schrift für Psychoanalyse 11 , VI, 1920. 

Aus dorn Brief einer amerikanist hon Mutter: „Ich muß Dir 
erzählen, was die Klein«' gestern gesagt hat. Ich kann mich noch 
gar nicht fassen darüber. Cousine Emily sprach davon, daß sie 
sich eine Wohnung nehmen wird. Da sagte das Kind: Wenn 
Emily heiratet, wird sie ein Baby bekommen. Ich war sehr über- 
rascht und fragte sie: Ja, woher weißt du denn das? Und sie 
darauf: Ja, wenn jemand heiratet, dann kommt immer ein Baby. 
Ich wiederholte: Aber wie kannst du das wissen? Und die 
Kleine: Oh, ich weiß noch sehr viel, ich weiß auch, daß die 
Bäume in der Erde wachsen (in ihr g round). Denke Dir die 
sonderbare Gedankenverbindung! Das ist ja gerade das, was ich 
ihr eines Tages zur Aufklärung sagen will. Und dann setzt sie 
noch fort: Ich weiß auch, daß der liebe Gott die Welt schafft 
(makes thr World). Wenn sie solche Beden führt, kann ich mir's 
kaum glauben, daß sie noch nicht einmal vier Jahre alt ist." 

Es scheint, daß die Mutter den Übergang von der ersten 
Äußerung des Kindes zur zweiten selbst verstanden hat. Das 
Kind will sagen: Ich weiß, daß die Kinder in der Mutter 
wachsen, und drückt, dies Wissen nicht direkt, sondern symbolisch 
aus, indem es die Mutter durch die Mutter Erde ersetzt. Wir 
haben bereits aus vielen unzweifelhaften Beobachtungen erfahren, 
wie frühzeitig sich die Kinder der Symbole zu bedienen wissen. 






: 



Gedankenassoziation eines vierjährigen Kindes 245 

Aber auch die dritte Äußerung der Kleinen verläßt den Zusammen- 
hang nicht. Wir können nur annehmen, daß das Kind als ein 
weiteres Stück seines Wissens über die Herkunft der Kinder 
mitteilen wollte: Ich weiß auch, das ist alles das Werk des 
Vaters. Aber diesmal ersetzt sie den direkten Gedanken durch 
die dazugehörige Sublimierung, daß der liebe Gott die Welt 
schafft. 












HYSTERISCHE PHANTASIEN UND IHRE 
BEZIEHUNG ZUR BISEXUAUTÄT 

Zuerst erschienen in der „Zeitsclirift für Sexual- 
wissenschaft* (lierausg. von M. Hirschfeld) I, looS, 
dann in der Zweiten Folge der „Sammlung kleiner 
Schriften zur Ncurosenlehrt." 

Allgemein bekannt sind die Walmdichtungen der Paranoiker, 
welche die Größe und die Leiden des eigenen Ichs zum Inhalt 
haben und in ganz typischen, fast monotonen Formen auftreten. 
Durch zahlreiche Mitteilungen sind uns ferner die sonderbaren 
Veranstaltungen bekannt geworden, unter denen gewisse Perverse 
ihre sexuelle Befriedigung in der Idee oder Realität — in 

Szene setzen. Dagegen dürfte es manchen wie eine Neuheit 
klingen, zu erfahren, daß ganz analoge psychische Bildungen bei 
allen Psychoneurosen, speziell bei Hysterie, regelmäßig vorkommen, 
und daß diese — die sogenannten hysterischen Phantasien — 
wichtige Beziehungen zur Verursachung der neurotischen Symptome 
erkennen lassen. 

Gemeinsame Quelle und normales Vorbild all dieser phan- 
tastischen Schöpfungen sind die sogenannten Tagträume der 
Jugend, die in der Literatur bereits eine gewisse, obwohl noch 
nicht zureichende, Beachtung gefunden haben. 1 Bei beiden Ge- 

i) Vgl. Breuer und Freud: Studien über Hysterie, 1895. (4. Aufl. 1922.) 
[Bd. I dieier Gesamtausgabe.] — P. Janet: Nevroses et idecs fixes, I. (Les reveries 
subconscientes.) 1898. — Havelock Ellii: Gescblechutrieb und Scbamgefübl 
(deutsch von Kotscher). 1900. — Freud: Traumdeutung, 1900, 7. Aufl.. 1922. 
[Bd. II und III dieser Gesamtausgabe.] — A. Pick: Über pathologische Träumerei 
und ihre Beziehungen lur Hysterie, Jalirbuch für Psychiatrie und Neurologie, 
XIV, 1896. 



X 



Hysterische Phantasien und i/ire Beziehung zur Bisexualität 247 

schlechtem vielleicht gleich häufig, scheinen sie bei Mädchen 
und Frauen durchweg erotischer, bei Männern erotischer oder 
ehrgeiziger Natur zu sein. Doch darf man die Bedeutung des 
erotischen Moments auch bei Männern nicht in die zweite 
Linie rücken wollen 5 bei näherem Eingehen in den Tagtraum 
des Mannes ergibt sich gewöhnlich, daß all diese Heldentaten 
nur verrichtet, alle Erfolge nur errungen werden, um einem 
Weib zu gefallen und von ihr anderen Männern vorgezogen zu 
werden. 1 Diese Phantasien sind Wunschbefriedigungen, aus der 
Entbehrung und der Sehnsucht hervorgegangen; sie führen den 
Namen „Tagträume" mit Recht, denn sie geben den Schlüssel 
zum Verständnis der nächtlichen Träume, in denen nichts anderes 
als solche komplizierte, entstellte und von der bewußten psychischen 
Instanz mißverstandene Tagesphantasien den Kern der Traum- 
bildung herstellen. 2 

Diese Tagträume werden mit großem Interesse besetzt, sorg- 
fältig gepflegt und meist sehr schamhaft behütet, als ob sie zu 
den intimsten Gütern der Persönlichkeit zählten. Auf der Straße 
erkennt man aber leicht den im Tagtraum Begriffenen an einem 
plötzlichen, wie abwesenden Lächeln, am Selbstgespräch oder an 
der laufartigen Beschleunigung des Ganges, womit er den Höhe- 
punkt der erträumten Situation bezeichnet. — Alle hysterischen 
Anfälle, die ich bisher untersuchen konnte, erwiesen sich 
nun als solche unwillkürlich hereinbrechende Tagträume. Die 
Beobachtung läßt nämlich keinen Zweifel darüber, daß es 
solche Phantasien ebensowohl unbewußt gibt wie bewußt, und 
sobald dieselben zu unbewußten geworden sind, können sie 
auch pathogen werden, d. h. sich in Symptomen und Anfällen 
ausdrücken. Unter günstigen Umständen kann man eine solche P-y.^ipyx. 
unbewußte Phantasie noch mit dem Bewußtsein erhaschen. Eine 
meiner Patientinnen, die ich auf ihre Phantasien aufmerksam 

1) Ähnlich urteilt hierüber H. E 1 1 i s, 1. c, 185 f. 

2) Vgl. Freud: Traumdeutung, -. Aufl., S. 355. 



248 



Arbeiten zum Sexualleben und zur \eurosenlehre 






gemacht hatte, erzählte mir, sie habe sich einmal auf der Straße 
plötzlich in Tränen gefunden, und bei raschem Besinnen, worüber 






*u 



sie eigentlich weine, sei sie der Phantasie habhaft geworden, daß 
sie mit einem stadtbekannten (ihr aber persönlich unbekannten) 
Klaviervirtuosen ein zärtliches Verhältnis eingegangen sei, ein 
Kind von ihm bekommen habe (sie war kinderlos), und dann 
mit dem Kinde von ihm im Klrnd verlassen worden sei. An 
dieser Stelle des Romanos brachen ihre Tränen hervor. 

Die unbewußten Phantasien sind entweder von jeher unbewußt 
gewesen, im Unbewußten gebildet worden oder, was der häufigere 
Fall ist, sie waren einmal bewußte Phantasien, Tagträume, und 
sind dann mit Absicht vergessen worden, durch die „Verdrängung' 
ins Unbewußte geraten. Ihr Inhalt ist dann entweder der nämliche 
geblieben oder er hat Abänderungen erfahren, so daß die jetzt 
unbewußte Phantasie einen Abkömmling der einst bewußten 
darstellt. Die unbewußte Phantasie steht nun in einer sehr 
wichtigen Beziehung zum Sexualleben der Person; sie ist nämlich 
identisch mit der Phantasie, welche derselben während einer 
Periode von Masturbation zur sexuellen Befriedigung gedient hat. 
Der masturba torische (im weitesten Sinne: onanistische) Akt setzte 
sich damals aus zwei Stücken zusammen, aus der Hervorrufung 
der Phantasie und aus der aktiven Leistung zur Selbstbefriedigung 
auf der Höhe derselben. Diese Zusammensetzung ist bekanntlich 
selbst eine Verlötung.' Ursprünglich war die Aktion eine rein 
autoerotische Vornahme zur Lustgewinnung von einer bestimmten, 
erogen ZU nennenden Körperstelle. Später verschmolz diese Aktion 
mit einer Wunschvorstellung aus dem Kreise der Objektliebe und 
diente zur teilweisen Realisierung der Situation, in welcher diese 
Phantasie gipfelte. Wenn dann die Person auf diese Art der 
masturbatorisch-phantastischen Befriedigung verzichtet, so wird 
die Aktion unterlassen, die Phantasie aber wird aus einer bewußten 

1) Vgl. Freud: Drei Abhandlungen zur Srxuulthrorie, 1905, 5. Aufl.. 192a. 
[Enthalten in diesem Bond, S 1 ff.] 



Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität 249 

zu einer unbewußten. Tritt keine andere Weise der sexuellen 
Befriedigung ein, verbleibt die Person in der Abstinenz und 
gelingt es ihr nicht, ihre Libido zu sublimieren, das heißt die 
sexuelle Erregung auf ein höheres Ziel abzulenken, so ist jetzt 
die Bedingung dafür gegeben, daß die unbewußte Phantasie 
aufgefrischt werde, wuchere und sich mit der ganzen Macht des 
Liebesbedürfnisses wenigstens in einem Stück ihres Inhalts als 
Krankheitssymptom durchsetze. 

Für eine ganze Reihe von hysterischen Symptomen sind solcher 
Art die unbewußten Phantasien die nächsten psychischen Vor- 
stufen. Die hysterischen Symptome sind nichts anderes als die 
durch „Konversion" zur Darstellung gebrachten unbewußten 
Phantasien, und insofern es somatische Symptome sind, werden 
sie häufig genug aus dem Kreise der nämlichen Sexualempfindungen 
und motorischen Innervationen entnommen, welche ursprünglich 
die damals noch bewußte Phantasie begleitet hatten. Auf diese ' 
Weise wird die Onanieentwöhnung eigentlich rückgängig gemacht , 
und das Endziel des ganzen pathologischen Vorganges, die Her- 
stellung der seinerzeitigen primären Sexualbefriedigung, wird 
dabei zwar niemals vollkommen, aber immer in einer Art von 
Annäherung erreicht. 

Das Interesse desjenigen, der die Hysterie studiert, wendet 
sich alsbald von den Symptomen derselben ab und den Phantasien 
zu, aus welchen erstere hervorgehen. Die Technik der Psycho- 1 
analyse gestattet es, von den Symptomen aus diese unbewußten 
Phantasien zunächst zu erraten und dann im Kranken bewußt 
werden zu lassen. Auf diesem Wege ist nun gefunden worden, ' 
daß die unbewußten Phantasien der Hysteriker den bewußt durch- 
geführten Befriedigungssituationen der Perversen inhaltlich völlig 
entsprechen, und wenn man um Beispiele solcher Art verlegen 
ist, braucht man sich nur an die welthistorischen Veranstaltungen 
der römischen Cäsaren zu erinnern, deren Tollheit natürlich nur 
durch die uneingeschränkte Machtfülle der Phantasiebildner bedingt 



250 



Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 






ist. Die Wahnbildungen der Parnnoiker sind ebensolche, aber 
unmittelbar bewußt gewordene Phantasien, die von der maso- 
chistisch-sadistischen Komponente des Sexualtriebes getragen werden 
und gleichfalls in gewissen unbewußten Phantasien der Hysterischen 
ihre vollen Gegenstücke finden können. Bekannt ist übrigens der 
auch praktisch bedeutsame Fall, daß Hysteriker ihre Phantasien 
nicht als Symptome, sondern in bewußter Realisierung zum Aus- 
drucke bringen und somit Attentate, Mißhandlungen, sexuelle 
Aggressionen fingieren und in Szene setzen. 

Alles, was man über die Sexualität der Psychoneurotiker 
erfahren kann, wird auf diesem Wege der psychoanalytischen 
Untersuchung, der von den aufdringlichen Symptomen zu den 
verborgenen unbewußten Phantasien führt, ermittelt, darunter also 
auch das Faktum, dessen Mitteilung in den Vordergrund dieser 
kleinen vorläufigen Veröffentlichung gerückt werden soll. 

Wahrscheinlich infolge der Schwierigkeiten, die dem Bestreben 
der unbewußten Phantasien, sich Ausdruck zu verschaffen, im 
Wege stehen, ist das Verhältnis der Phantasien zu den Symptomen 
kein einfaches, sondern ein mehrfach kompliziertes. 1 In der Regel, 
das heißt bei voller Kntwicklung und nach längerem Bestände 
der Neurose, entspricht ein Symptom nicht einer einzigen unbe- 
wußten Phantasie, sondern einer Mehrzahl von solchen, und zwar 
nicht in willkürlicher Weise, sondern in gesetzmäßiger Zusammen- 
setzung. Zu Beginn des Krankheitsfalles werden wohl nicht alle 
diese Komplikationen entwickelt sein. 

Dem allgemeinen Interesse zuliebe überschreite ich hier den 
Zusammenhang dieser Mitteilung und füge eine Reihe von 
Formeln ein, die sich bemühen, das Wesen der hysterischen 
Symptome fortschreitend zu erschöpfen. Sie widersprechen 
einander nicht, sondern entsprechen teils vollständigeren und 

1) Da» nämliche gilt für die Beziehung iwiichen den „lotenten" Traumgedaxiken 
und den Elementen des „manifesten" Trauminhaltei. Siehe den Abschnitt über die 
„Traumnrbeit" in des Verfassers „Tratinideutung". 






Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität 251 

schärferen Fassungen, teils der Anwendung verschiedener Gesichts- 
punkte. 

1.) Das hysterische Symptom ist das Erinnerungssymbol 
gewisser wirksamer (traumatischer) Eindrücke und Erlebnisse. 

2.) Das hysterische Symptom ist der durch „Konversion" 
erzeugte Ersatz für die assoziative Wiederkehr dieser traumatischen 
Erlebnisse. 

5.) Das hysterische Symptom ist — wie auch andere psychische 
Bildungen — Ausdruck einer Wunsch erfüllung. . 

4.) Das hysterische Symptom ist die Realisierung einer der 
Wunscherfüllung dienenden, unbewußten Phantasie. 

5.) Das hysterische Symptom dient der sexuellen Befriedigung 
und stellt einen Teil des Sexuallebens der Person dar (ent- 
sprechend einer der Komponenten ihres Sexualtriebs.) 

6.) Das hysterische Symptom entspricht der Wiederkehr einer 
Weise der Sexualbefriedigung, die im infantilen Leben real 
gewesen und seither verdrängt worden ist. 

7.) Das hysterische Symptom entsteht als Kompromiß aus zwei 
gegensätzlichen Affekt- oder Triebregungen, von denen die eine 
einen Partialtrieb oder eine Komponente der Sexualkonstitution 
zum Ausdrucke zu bringen, die andere dieselbe zu unterdrücken 
bemüht ist. 

8.) Das hysterische Symptom kann die Vertretung verschiedener 
unbewußter, nicht sexueller Regungen übernehmen, einer sexuellen 
Bedeutung aber nicht entbehren. 

Unter diesen verschiedenen Bestimmungen ist es die siebente, 
welche das Wesen des hysterischen Symptoms als Realisierung 
einer unbewußten Phantasie am erschöpfendsten zum Ausdrucke 
bringt und mit der achten die Bedeutung des sexuellen Moments 
in richtiger Weise würdigt. Manche der vorhergehenden Formeln 
sind als Vorstufen in dieser Formel enthalten. 

Infolge dieses Verhältnisses zwischen Symptomen und Phantasien 
gelingt es unschwer, von der Psychoanalyse der Symptome zur 



252 



Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



Kenntnis der das Individuum beherrschenden Komponenten des 
Sexualtriebes zu gelangen, wie ich es in den „Drei Abhandlungen 
zur Sexualtheorie" ausgeführt habe. Diese Untersuchung ergibt 
aber für manche Fälle ein unerwartetes Resultat. Sie zeigt, daß 
für viele Symptome die Auflösung durch eine unbewußte sexuelle 
Phantasie, oder durch eine Reihe von Phantasien, von denen 
eine, die bedeutsamste und ursprünglichste, sexueller Natur ist, 
nicht genügt, sondern daß man zur Lösung des Symptoms zweier 
sexueller Phantasien bedarf, von denen die eine männlichen, die 
andere weiblichen Charakter hat, so daß eine dieser Phantasien 
einer homosexuellen Regung entspringt. Der in Formel 7 aus- 
gesprochene Satz wird durch diese Neuheit nicht berührt, so daß 
ein hysterisches Symptom notwendigerweise einem Kompromiß 
zwischen einer libid inÖsen und einer Verdrängungsregung ent- 
spricht, nebstbei aber einer Vereinigung zweier libidinöser 
Phantasien von entgegengesetztem Geschlechtscharakter entsprechen 
kann. 

Ich enthalte mich, Beispiele für diesen Satz zu geben. Die 
Erfahrung hat mich gelehrt, daß kurze, zu einem Extrakt 
zusammengedrängte Analysen niemals ihm beweisenden Kindruck 
machen können, wegen dessen man sie herangezogen hat. Die 
Mitteilung voll analysierter Krankheitsfälle muH aber für einen 
anderen Ort aufgespart werden. 

Ich begnüge mich also damit, den Satz aufzustellen und seine 
Bedeutung zu erläutern : 

9.) Ein hysterisches Symptom ist der Ausdruck einerseits einer 
männlichen, anderseits einer weiblichen, unbewußten sexuellen 
Phantasie. 

Ich bemerke ausdrücklich, daß ich diesem Satze eine ähnliche 
Allgemeingültigkeit nicht zusprechen kann, wie ich sie für die 
anderen Formeln in Anspruch genommen habe. Er trifft, soviel 
ich sehen kann, weder für alle Symptome eines Falles, noch für 
alle Fälle zu. Es ist im Gegenteile nicht schwer, Fälle aufzuzeigen. 



Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität 255 

bei denen die entgegengesetztgeschlechtlichen Regungen gesonderten 
symptomatischen Ausdruck gefunden haben, so daß sich die 
Symptome der Hetero- und der Homosexualität so scharf von- 
einander scheiden lassen, wie die hinter ihnen verborgenen Phan- 
tasien. Doch ist das in der neunten Formel behauptete Verhältnis 
häufig genug, und wo es sich findet, bedeutsam genug, um eine 
besondere Hervorhebung zu verdienen. Es scheint mir die höchste 
Stufe der Kompliziertheit, zu der sich die Determinierung eines 
hysterischen Symptoms erheben kann, zu bedeuten, und ist also 
nur bei langem Bestände einer Neurose und bei großer Organi- 
sationsarbeit innerhalb derselben zu erwarten. 1 

Die in immerhin zahlreichen Fällen nachweisbare bisexuelle 
Bedeutung hysterischer Symptome ist gewiß ein interessanter 
Beleg für die von mir aufgestellte Behauptung, 2 daß die supponierte 
bisexuelle Anlage des Menschen sich bei den Psychoneurotikern 
durch Psychoanalyse besonders deutlich erkennen läßt. Ein durchaus 
analoger Vorgang aus dem nämlichen Gebiete ist es, wenn der 
Masturbant in seinen bewußten Phantasien sich sowohl in den 
Mann, als auch in das Weib der vorgestellten Situation einzu- 
fühlen versucht, und weitere Gegenstücke zeigen gewisse hysterische 
Anfälle, in denen die Kranke gleichzeitig beide Rollen der zugrunde 
liegenden sexuellen Phantasie spielt, also zum Beispiel wie in 
einem Falle meiner Beobachtung, mit der einen Hand das 
Gewand an den Leib preßt (als Weib), mit der anderen es 
abzureißen sucht (als Mann). Diese widerspruchsvolle Gleichzeitigkeit 
bedingt zum guten Teile die Unverständlichkeit der doch sonst 
im Anfalle so plastisch dargestellten Situation und eignet sich 
also vortrefflich zur Verhüllung der wirksamen unbewußten 
Phantasie. 

1) I. Sadger, der kürzlich den in Rede stehenden Satz durch eigene Psycho- 
analysen selbständig aufgefunden hat (Die Bedeutung der psychoanalytischen Methode 
nach Freud, Zentralbl. f. Nerv. u. Psych., Nr. 229,1907), tritt allerdings für dessen 
allgemeine Gültigkeit ein. 

2) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 



2 54 arbeiten zürn Sexualleben und zur Neurosenlehre 

Bei der psychoanalytischen Behandlung ist es sehr wichtig, daß 
man auf die bisexuelle Bedeutung eines Symptomes vorbereitet sei. 
Man braucht sich dann nicht zu verwundern und nicht irre zu 
werden, wenn ein Symptom anscheinend ungemindert fortbesteht, 
obwohl man die eine seiner sexuellen Bedeutungen bereits gelöst 
hat. Es stützt sich dann noch auf die vielleicht nicht vermutete 
entgegengesetztgeschlechtliche. Auch kann man bei der Behandlung 
solcher Fälle beobachten, wie der Kranke sich der Bequemlichkeit 
bedient, während der Analyse der einen sexuellen Bedeutung mit 
seinen Einfällen fortwährend in das Gebiet der konträren Bedeutung, 
wie auf ein benachbartes Geleise, auszuweichen. 









ALLGEMEINES ÜBER DEN HYSTERISCHEN 

ANFALL 

Zuerst erschienen in der „Zeitschrift für Psycho- 
therapie u. medizinische Psychologie" (herausgegeben 
von A. Moll) I, 1909, dann in der Zweiten Folge der 
^Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre". 



Wenn man eine Hysterika, deren Leiden sich in Anfällen äußert, 
der Psychoanalyse unterzieht, so überzeugt man sich leicht, daß 
diese Anfälle nichts anderes sind als ins Motorische übersetzte, 
auf die Motilität projizierte, pantomimisch dargestellte Phantasien. 
Unbewußte Phantasien zwar, aber sonst von derselben Art, wie 
man sie in den Tagträumen unmittelbar erfassen, aus den nächt- 
lichen Träumen durch Deutung entwickeln kann. Häufig ersetzt 
ein Traum einen Anfall, noch häufiger erläutert er ihn, indem 
die nämliche Phantasie zu verschiedenartigem Ausdruck im Traume 
wie im Anfalle gelangt. Man sollte nun erwarten, durch die 
Anschauung des Anfalles zur Kenntnis der in ihm dargestellten 
Phantasie zu kommen; allein dies gelingt nur selten. In der 
Regel hat die pantomimische Darstellung der Phantasie unter 
dem Einflüsse der Zensur ganz analoge Entstellungen wie die 
halluzinatorische des Traumes erfahren, so daß die eine wie die 
andere zunächst für das eigene Bewußtsein wie für das Verständnis 
des Zuschauers undurchsichtig geworden ist. Der hysterische 
Anfall bedarf also der gleichen deutenden Bearbeitung, wie 
wir sie mit den nächtlichen Träumen vornehmen. Aber nicht 



\ 



256 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

nur die Mächte, von denen die Entstellung ausgeht, und 
die Absicht dieser Entstellung, auch die Technik derselben 
ist die nämliche, die uns durch die Traumdeutung bekannt 
geworden ist. 

1.) Der Anfall wird dadurch unverständlich, daß er in dem- 
selben Material gleichzeitig mehrere Phantasien zur Darstellung 
bringt, also durch Verdichtung. Die Gemeinsamen der beiden 
(oder mehreren) Phantasien bilden wie im Traume den Kern 
der Darstellung. Die so zur Deckung gebrachten Phantasien sind 
oft ganz verschiedener Art, z. B. ein rezenter Wunsch und die 
Wiederbelebung eines infantilen Eindrucks; dieselben Inner- 
vationen dienen dann beiden Absichten, oft in der geschicktesten 
Weise. Hysteriker, die sich der Verdichtung im großen Ausmaße 
bedienen, finden etwa mit einer einzigen Anfallsform ihr Auslangen; 
andere drücken eine Mehrheit von pathogenen Phantasien auch 
durch Vervielfältigung der Anfallsformen aus. 

2.) Der Anfall wird dadurch undurchsichtig, daß die Kranke 
die Tätigkeiten beider in der Phantasie auftretenden Personen 
auszuführen unternimmt, also durch mehrfache Identifi- 
zierung. Vergleiche etwa das Beispiel, welches ich in dem Aufsatze 
„Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität'" 
in Hirsch felds Zeitschrift für Sexualwissenschaft, Bd. I, Nr. 1, 1 
erwähnt habe, indem die Kranke mit der einen Hand (als Mann) 
das Kleid herunterreißt, während sie es mit der anderen (als 
Weib) an den Leib preßt. 

3.) Ganz außerordentlich entstellend wirkt die antago- 
nistische Verkehrung der Innervationen, welche der 
in der Traumarbeit üblichen Verwandlung eines Elementes in 
sein Gegenteil analog ist, z. B. wenn im Anfall eine Umarmung 
dadurch dargestellt wird, daß die Arme krampfhaft nach rück- 
wärts gezogen werden, bis sich die Hände über der Wirbelsäule 

begegnen. — Möglicherweise ist der bekannte Are de cercle der 

« 

1) S, 246 ff. dieses Bandes. 



Allgemeines über den hysterischen Anfall 257 

großen hysterischen Attacke nichts anderes als eine solche 
energische Verleugnung einer für den sexuellen Verkehr geeig- 
neten Körperstellung durch antagonistische Innervation. 

4.) Kaum minder verwirrend und irreführend wirkt dann die 
Umkehrung in der Zeitfolge innerhalb der dargestellten 
Phantasie, was wiederum sein volles Gegenstück in manchen 
Träumen findet, die mit dem Ende der Handlung beginnen, um 
dann mit deren Anfang zu schließen. So z. B. wenn die 
Verführungsphantasie einer Hysterika zum Inhalte hat, wie sie 
lesend in einem Park sitzt, das Kleid ein wenig gehoben, so daß 
der Fuß sichtbar wird, ein Herr sich ihr nähert, der sie anspricht, 
sie dann mit ihm an einen anderen Ort geht und dort zärtlich 
mit ihm verkehrt, und sie diese Phantasie im Anfalle derart 
spielt, daß sie mit dem Krampfstadium beginnt, welches dem 
Koitus entspricht, dann aufsteht, in ein anderes Zimmer geht, 
sich dort hinsetzt, um zu lesen und dann auf eine imaginäre 
Anrede Antwort gibt. 

Die beiden letztangeführten Entstellungen können uns die 
Intensität der Widerstände ahnen lassen, denen das Verdrängte 
noch bei seinem Durchbruche im hysterischen Anfalle Rechnung 
tragen muß. 

B 

Das Auftreten der hysterischen Anfälle folgt leichtverständlichen 
Gesetzen. Da der verdrängte Komplex aus Libidobesetzung und 
Vorstellungsinhalt (Phantasie) besteht, kann der Anfall wach- 
gerufen werden: 1.) assoziativ, wenn der (genügend besetzte) 
Komplexinhalt durch eine Anknüpfung des bewußten Lebens 
angespielt wird, 2.) organisch, wenn aus inneren somatischen 
Gründen und durch psychische Beeinflussung von außen die 
Libidobesetzung über ein gewisses Maß steigt, 5.) im Dienste der 
primären Tendenz, als Ausdruck der „Flucht in die Krank- 
heit", wenn die Wirklichkeit peinlich oder schreckhaft wird, 

Fr e u d, V. 17 



258 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

also zur Tröstung, 4.) im Dienste der sekundären 
Tendenzen, mit denen sich das Kranksein verbündet hat, 
sobald durch die Produktion des Anfalles ein dem Kranken 
nützlicher Zweck erreicht werden kann. Im letzteren Falle ist 
der Anfall für gewisse Personen berechnet, kann für sie zeitlich 
verschoben werden und macht den Eindruck bewußter Simulation. 

C 

Die Erforschung der Kindergeschichte Hysterischer lehrt, daß 
der hysterische Anfall zum Ersätze einer ehemals geübten und 
seither aufgegebenen autoerotischen Befriedigung bestimmt 
ist. In einer großen Zahl von Fällen kehrt diese Befriedigung 
(die Masturbation durch Berührung oder Schenkeldruck, die 
Zungenbewegung u. dgl.) auch im Anfalle selbst unter Abwendung 
des Bewußtseins wieder. Das Auftreten des Anfalles durch Libido- 
steigerung und im Dienste der primären Tendenz als Tröstung 
wiederholt auch genau die Bedingungen, unter denen diese auto- 
erotische Befriedigung seinerzeit vom Kranken mit Absicht aufge- 
sucht wurde. Die Anamnese des Kranken ergibt folgende Stadien: 
a) autoerotische Befriedigung ohne Vorstellungsinhalt, b) die 
nämliche im Anschlüsse an eine Phantasie, welche in die 
Befriedigungsaktion ausläuft, c) Verzicht auf die Aktion mit 
Beibehaltung der Phantasie, d) Verdrängung dieser Phantasie, die 
sich dann, entweder unverändert oder modifiziert und neuen 
Lebenseindrücken angepaßt, im hysterischen Anfalle durchsetzt 
und e) eventuell selbst die ihr zugehörige, angeblich abgewöhnte 
Befriedigungsaktion wiederbringt. Ein typischer Zyklus von 
infantiler Sexualbetätigung — Verdrängung — Mißglücken der 
Verdrängung und Wiederkehr des Verdrängten. 

Der unwillkürliche Harnabgang darf gewiß nicht für unver- 
einbar mit der Diagnose des hysterischen Anfalls gehalten 
werden; er wiederholt bloß die infantile Form der stürmischen 
Pollution. Übrigens kann man auch ihm Zungenbiß bei unzweifel- 



Allgemeines über den hy sterischen Anfall 259 

hafter Hysterie antreffen; er widerspricht der Hysterie so wenig 
wie dem Liebesspiele; sein Auftreten im Anfalle wird erleichtert 
wenn die Kranke durch ärztliche Erkundigung auf die differential- 
diagnostischen Schwierigkeiten aufmerksam gemacht worden ist. 
Selbstbeschädigung im hysterischen Anfalle kann (häufiger bei 
Männern) vorkommen, wo sie einen Unfall des kindlichen Lebens 
(z. B. den Erfolg einer Rauferei) wiederholt. 

Der Bewußtseinsverlust, die Absence des Iberischen Anfalles 
geht aus jenem flüchtigen, aber unverkennbaren Bewußtseins- 
entgang hervor, der auf der Höhe einer jeden intensiven Sexual- 
befriedigung (auch der autoerotischen) zu verspüren ist. Bei der 
Entstehung hysterischer Absencen aus den Pollutionsanwandlungen 
junger weiblicher Individuen ist diese Entwicklung am sichersten 
zu verfolgen. Die sogenannten hypnoiden Zustände, die Absencen 
während der Träumerei, die bei Hysterischen so häufig sind, 
lassen die gleiche Herkunft erkennen. Der Mechanismus dieser 
Absencen ist ein relativ einfacher. Zunächst wird alle Aufmerk- 
samkeit auf den Ablauf des Befriedigungsvorganges eingestellt, 
und mit dem Eintritte der Befriedigung wird diese ganze 
Aufmerksamkeitsbesetzung plötzlich aufgehoben, so daß eine 
momentane Bewußtseinsleere entsteht. Diese sozusagen physio- 
logische Bewußtseinslücke wird dann im Dienste der Verdrängung 
erweitert, bis sie all das aufnehmen kann, was die verdrängende 
Instanz von sich weist. 

D 

Die Einrichtung, welche der verdrängten Libido den Weg zur 
motorischen Abfuhr im Anfalle weist, ist der bei jedermann, 
auch beim Weibe, bereitgehaltene Reflexmechanismus der 
Koitusaktion, den wir bei schrankenloser Hingabe an die Sexual- 
tätigkeit manifest werden sehen. Schon die Alten sagten, der 
Koitus sei eine „kleine Epilepsie". Wir dürfen abändern! Der 
hysterische Krampfanfall ist ein Koitusäquivalent. Die Analogie 

'7* 



26o 



Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



mit dem epileptischen Anfalle hilft uns wenig, da dessen Genese 
doch unverstandener ist als die des hysterischen. 

Im ganzen setzt der hysterische Anfall, wie die Hysterie über- 
haupt, beim Weibe ein Stück Sexualbetätigung wieder ein, das 
in den Kinder jähren bestanden hatte und damals exquisit männ- 
lichen Charakter erkennen ließ. Man kann es häufig beobachten, 
daß gerade Mädchen, die bis in die Jahre der Vorpubertät 
bubenhaftes Wesen und Neigungen zeigten, von der Pubertät an 
hysterisch werden. In einer ganzen Reihe von Fällen entspricht 
die hysterische Neurose nur einer exzessiven Ausprägung jenes 
typischen Verdrängungsschubes, welcher durch Wegschaffung der 
männlichen Sexualität das Weib entstehen läßt. (Vgl.: Drei 
Abhandlungen über Sexualtheorie, 1905.) 



CHARAKTER UND ANALEROTIK 

Zuerst erschienen in der Psycluatrisch-Neuro- 
logischen Wochenschrift, redigiert von Dr. Johann 
Bresler, Lublinitz (Schlesien), IX. Jahrg., Nr. J2, 
iyo8, dann in der Zweiten Folge der „Sammlung 
kleiner Schriften zur Neurosenlehre." 

Unter den Personen, denen man durch psychoanalytische 
Bemühung Hilfe zu leisten sucht, begegnet man eigentlich recht 
häufig einem Typus, der durch das Zusammentreffen bestimmter 
Charaktereigenschaften ausgezeichnet ist, während das Verhalten 
einer gewissen Körperfunktion und der an ihr beteiligten Organe 
in der Kindheit dieser Personen die Aufmerksamkeit auf sich 
zieht. Ich weiß heute nicht mehr anzugeben, aus welchen ein- 
zelnen Veranlassungen mir der Eindruck erwuchs, daß zwischen 
jenem Charakter und diesem Organverhalten ein organischer 
Zusammenhang bestehe, aber ich kann versichern, daß theoretische 
Erwartung keinen Anteil an diesem Eindrucke hatte. 

Infolge gehäufter Erfahrung hat sich der Glaube an solchen 
Zusammenhang bei mir so sehr verstärkt, daß ich von ihm Mit- 
teilung zu machen wage. 

Die Personen, die ich beschreiben will, fallen dadurch auf, daß 
sie in regelmäßiger Vereinigung die nachstehenden drei Eigen- 
schaften zeigen : sie sind besonders ordentlich, sparsam und 
eigensinnig. Jedes dieser Worte deckt eigentlich eine kleine 
Gruppe oder Reihe von miteinander verwandten Charakterzügen. 
„Ordentlich" begreift sowohl die körperliche Sauberkeit als auch 
Gewissenhaftigkeit in kleinen Pflichterfüllungen und Verläßlichkeit;, 



262 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

das Gegenteil davon wäre: unordentlich, nachlässig. Die Sparsamkeit 
kann bis zum Geize gesteigert erscheinen; der Eigensinn geht in 
Trotz über, an den sich leicht Neigung zur Wut und Rachsucht 
knüpfen. Die beiden letzteren Eigenschaften — Sparsamkeit und 
Eigensinn — hängen fester miteinander als mit dem ersten, dem 
„ordentlich", zusammen; sie sind auch das konstantere Stück des 
ganzen Komplexes, doch erscheint es mir unabweisbar, daß irgend- 
wie alle drei zusammengehören. 

Aus der Kleinkindergeschichte dieser Personen erfährt man 
leicht, daß sie verhältnismäßig lange dazu gebraucht haben, bis 
sie der infantilen incontinentia alvi Herr geworden sind, und daß 
sie vereinzeltes Mißglücken dieser Funktion noch in späteren 
Kinderjahren zu beklagen hatten. Sie scheinen zu jenen Säuglingen 
gehört zu haben, die sich weigern, den Darm zu entleeren, wenn 
sie auf den Topf gesetzt werden, weil sie aus der Defäkation 
einen Lustnebengewinn beziehen; 1 denn sie geben an, daß es 
ihnen noch in etwas späteren Jahren Vergnügen bereitet hat, den 
Stuhl zurückzuhalten, und erinnern, wenngleich eher und leichter 
von ihren Geschwistern als von der eigenen Person, allerlei 
unziemliche Beschäftigungen mit dem zutage geförderten Kote. 
Wir schließen aus diesen Anzeichen auf eine überdeutliche erogene 
Betonung der Afterzone in der von ihnen mitgebrachten Sexual- 
konstitution; da sich aber nach abgelaufener Kindheit bei diesen 
Personen nichts mehr von diesen Schwächen und Eigenheiten 
auffinden läßt, müssen wir annehmen, daß die Analzone ihre 
erogene Bedeutung im Laufe der Entwicklung eingebüßt hat, 
und vermuten dann, daß die Konstanz jener Trias von Eigen- 
schaften in ihrem Charakter mit der Aufzehrung der Analerotik 
in Verbindung gebracht werden darf. 

Ich weiß, daß man sich nicht getraut, an einen Sachverhalt 
zu glauben, solange er unbegreiflich erscheint, der Erklärung 

1) Drei Abhandlungen zur Sexualtheoric, II, p. 41, 1905; 5. Aufl., 1922. [Enthalten 
in diesem Bund der Gesamtausgabe.] 



1 









Charakter und Analerotik 263 

nicht irgendeine Anknüpfung bietet. Wenigstens das Grundlegende 
desselben können wir nun unserem Verständnisse mit Hilfe der 
Voraussetzungen näher bringen, die in den „Drei Abhandlungen 
zur Sexualtheorie" 1905 dargelegt sind. Ich suche dort zu zeigen, 
daß der Sexualtrieb des Menschen hoch zusammengesetzt ist, aus 
Beiträgen zahlreicher Komponenten und Partialtriebe entsteht. 
Wesentliche Beiträge zur „Sexualerregung" leisten die peripheri- 
schen Erregungen gewisser ausgezeichneter Körperstellen (Genitalien, 
Mund, After, Blasenausgang), welche den Namen „erogene Zonen" 
verdienen. Die von diesen Stellen her eintreffenden Erregungs- 
größen erfahren aber nicht alle und nicht zu jeder Lebenszeit 
das gleiche Schicksal. Allgemein gesprochen kommt nur ein Teil 
von ihnen dem Sexualleben zugute; ein anderer Teil wird von 
den sexuellen Zielen abgelenkt und auf andere Ziele gewendet, 
ein Prozeß, der den Namen „Sublimierung^ verdient. Um die 
Lebenszeit, welche als „sexuelle Latenzperiode" bezeichnet werden 
darf, vom vollendeten fünften Jahre bis zu den ersten Äußerungen 
der Pubertät (ums elfte Jahr) werden sogar auf Kosten dieser von 
erogenen Zonen gelieferten Erregungen im Seelenleben Reaktions- 
bildungen, Gegenmächte, geschaffen wie Scham, Ekel und Moral, 
die sich gleichwie Dämme der späteren Betätigung der Sexual- 
triebe entgegensetzen. Da nun die Analerotik zu jenen Komponenten 
des Triebes gehört, die im Laufe der Entwicklung und im Sinne 
unserer heutigen Kulturerziehung für sexuelle Zwecke unver- 
wendbar werden, läge es nahe, in den bei ehemaligen Anal- 
erotikern so häufig hervortretenden Charaktereigenschaften — 
Ordentli chkeit, Sparsamkeit u nd Eigensinn — die nächsten und 
konstantesten Ergebnisse der Sublimierung der Analerotik zu 
erkennen. 1 _f> 

1) Da gerade die Bemerkungen über die Analerotik des Säuglings in den „Drei 
Abhandlungen zur Sexualtheorie" bei unverständigen Lesern besonderen Anstoß erregt 
haben, gestatte ich mir an dieser Stelle die Einschaltung einer Beobachtung, die ich 
einem sehr intelligenten Patienten verdanke: „Ein Bekannter, der die Abhandlung 
über ,Sexualtheorie" gelesen hat, spricht über das Buch, erkennt es vollkommen an, 



264 



Arbeiten zum Sexualleben und zur Ncurosenleltre 



Die innere Notwendigkeit dieses Zusammenhanges ist mir 
natürlich selbst nicht durchsichtig, doch kann ich einiges anführen, 
was als Hilfe für ein Verständnis desselben verwertet werden 
kann. Die Sauberkeit, Ordentlichkeit, Verläßlichkeit macht ganz 
den Eindruck einer Reaktionsbildung gegen das Interesse am 
Unsauberen, Störenden, nicht zum Körper gehörigen („Dirt is 
matter in the wrong place"). Den Eigensinn mit dem Defäkations- 
interesse in Beziehung zu bringen, scheint keine leichte Aufgabe, 
doch mag man sich daran erinnern, daß schon der Säugling sich 
beim Absetzen des Stuhles eigenwillig benehmen kann (s. o.), und 
daß schmerzhafte Reize auf die mit der erogenen Afterzone 






nur eine Stelle darin sei ihm — obwohl er auch diese inhaltlich natürlich billige 
und begreife — so grotesk und komisch vorgekommen, ilnD er sich hingesetzt und eine 
Viertelstunde darüber gelacht habe. Diese Stelle lnutct: ,Es ist eines der besten Vor- 
zeichen späterer Absondcrlichhoit oder Nervosität, wenn ein Säugling sich hartnäckig 
weigert, den Darm zu entleeren, wenn er auf den Topf gesetzt wird, also wenn es 
dem Pfleger beliebt, sondern diese Funktion seinem eigenen Belieben vorbehält. Es 
kommt ihm natürlich nicht darauf an, sein Luger schmutzig zu machen; er sorgt 
nur, daß ihm der Lustnebengewinn bei der Defäkation nicht entgehe.' Die Vorstellung 
dieses auf dem Topfe sitzenden Säuglings, Act überlege, ob er sich eine derartige 
Einschränkung seiner persönlichen Willensfreiheit gefallen lassen solle, und der außer- 
dem sorge, daß ihm der Lustgewinn bei der Defäkation nicht entgehe, habe seine 
ausgiebige Heiterkeit erregt. — Etwa zwanzig Minuten später, bei der Jause, beginnt 
mein Bekannter plötzlich gänzlich unvermittelt: ,ün, mir füllt da gerade, weil ich den 
Kakao vor mir sehe, eine Idee ein, die ich als Kind immer gehabt habe. Da habe ich 
mir immer vorgestellt, ich bin der Kakaofabrikant Van Honten (er sprach ,Van 
Hauten" aus), und ich habe ein großartiges Geheimnis zur Bereitung dieses Kakaos, 
und nun bemühen sich alle Leute, mir dieses weltbeglückcnde Geheimnis zu ent- 
reißen, das ich sorgsam hüte. Warum ich gerade auf Van H outen verfallen bin, weiß 
ich nicht. Wahrscheinlich hat mir seine Reklame am meisten imponiert.' Lachend, 
und ohne noch eigentlich so recht eine tiefere Absicht damit zu verbinden, meinte 
ich: ,Wann haut'n die Mutter?!' Erst eine Weile später erkannte ich, daß mein 
Wortwitz tatsächlich den Schlüssel zu dieser ganzen, plötzlich aufgetauchten Kindheits- 
erinnerung enthielt, die ich nun als glänzendes Beispiel einer Dockphantasie begriff, 
welche unter Beibehaltung des eigentlich Talsächlichen (Nahrungsprozeß) und auf 
Grund phonetischer Assoziationen (.Kakao', .Wann haut'n — ') das Schuld- 
bewußtsein durch eine komplette Umwertung des Erinnerungsinhaltes 
beruhigt. (Verlegung von rückwärts nach vorne, Nahrungsabgabe wird zur Nahrungs- 
aufnahme, der beschämende und zu verdeckende Inhalt zum weltbcglückenden 
Geheimnisse.) Interessant war mir, wie hier uuf eine Abwehr hin, die freilich die 
mildere Form formaler Beanstandung annahm, dem Betreffenden ohne seinen Willen 
eine Viertelstunde später der schlagendste Beweis aus dem eigenen Unbewußten 
heraufgereicht wurde." 



Charakter und Analerotik 265 



verknüpfte Gesäßhaut allgemein der Erziehung dazu dienen, den 
Eigensinn des Kindes zu brechen, es gefügig zu machen. Zum 
Ausdrucke des Trotzes und der trotzenden Verhöhnung wird bei 
uns immer noch wie in alter Zeit eine Aufforderung verwendet, 
die die Liebkosung der Afterzone zum Inhalte hat, also eigentlich 
eine von der Verdrängung betroffene Zärtlichkeit bezeichnet. Die 
Entblößung des Hintern stellt die Abschwächung dieser Rede 
zur Geste dar; in Goethes Götz von Berlichingen finden sich beide, 
Rede wie Geste, an passendster Stelle als Ausdruck des Trotzes 

angebracht. 

Am ausgiebigsten erscheinen die Beziehungen, welche sich 
zwischen den anscheinend so disparaten Komplexen des Geld- 
interesses und der Defäkation ergeben. Jedem Arzte, der die 
Psychoanalyse geübt hat, ist es wohl bekannt geworden, daß sich 
auf diesem Wege die hartnäckigsten und langdauerndsten soge- 
nannten habituellen Stuhlverstopfungen Nervöser beseitigen lassen. 
Das Erstaunen hierüber wird durch die Erinnerung gemäßigt, daß 
diese Funktion sich ähnlich gefügig auch gegen die hypnotische 
Suggestion erwiesen hat. In der Psychoanalyse erzielt man diese 
Wirkung aber nur dann, wenn man den Geldkomplex der 
Betreffenden berührt und sie veranlaßt, denselben mit all seinen 
Beziehungen zum Bewußtsein zu bringen. Man könnte meinen, 
daß die Neurose hierbei nur einem Winke des Sprachgebrauchs 
folgt, der eine Person, die das Geld allzu ängstlich zurückhält, 
„schmutzig" oder „filzig" (englisch: filthy = schmutzig) 
nennt. Allein dieses wäre eine allzu oberflächliche Würdigung. In 
Wahrheit ist überall, wo die archaische Denkweise herrschend 
war oder geblieben ist, in den alten Kulturen, im Mythus, 
Märchen, Aberglauben, im unbewußten Denken, im Traume und 
in der Neurose das Geld in innigste Beziehungen zum Drecke 
gebracht. Es ist bekannt, daß das Gold, welches der Teufel seinen 
Buhlen schenkt, sich nach seinem Weggehen in Dreck verwandelt, 
und der Teufel ist doch gewiß nichts anderes als die Personifikation 



266 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



des verdrängten unbewußten Trieblebens. 1 Bekannt ist ferner der 
Aberglaube, der die Auffindung von Schätzen mit der Defäkation 
zusammenbringt, und jedermann vertraut ist die Figur des 
„Uukatenscheißers". Ja, schon in der altbabylonischen Lehre ist 
Gold der Kot der Hölle, Mammon = ilu manmaru 2 Wenn also 
die Neurose dem Sprachgebrauche folgt, so nimmt sie hier wie 
anderwärts die Worte in ihrem ursprünglichen, bedeutungs- 
vollen Sinne, und wo sie ein Wort bildlich darzustellen scheint, 
stellt sie in der Regel nur die alle Bedeutung des Wortes 
wieder her. 

Es ist möglich, daß der Gegensatz zwischen dem Wertvollsten, 
das der Mensch kennen gelernt hat, und dem Wertlosesten, das 
er als Abfall („refuse") von sich wirft, zu dieser bedingten 
Identifizierung von Gold und Kot geführt hat. 

Im Denken der Neurose kommt dieser Gleichstellung wohl 
noch ein anderer Umstand zu Hilfe. Das ursprünglich erotische 
Interesse an der Defäkation ist, wie wir ja wissen, zum Erlöschen 
in reiferen Jahren bestimmt; in diesen Jahren tritt das Interesse 
am Gelde als ein neues auf, welches der Kindheit noch gefehlt 
hat; dadurch wird es erleichtert, daß die frühere Strebung, die 
ihr Ziel zu verlieren im Begriffe ist, auf das neu auftauchende 
Ziel übergeleitet werde. 

Wenn den hier behaupteten Beziehungen zwischen der Anal- 
erotik und jener Trias von Charaktereigenschaften etwas Tat- 
sächliches zugrunde liegt, so wird man keine besondere Ausprägung 
des „Analcharakters 1 ' bei Personen erwarten dürfen, die sich die 
erogene Eignung der Analzone für das reife Leben bewahrt haben, 
wie z. B. gewisse Homosexuelle. Wenn ich nicht sehr irre, 

1) Vergleiche die hysterische Besessenheit und die dämonischen Epidemien. 

2) Jeremias, Das Alte Testament im Lichte des alten Orienls, 2. Aufl., iao6,p. 216, 
und Babylonisches im Neuen Testament, 1906, p. 96, ,,.l/<i/;ic»i (Mammon) ist babylo- 
nisch man-man, ein Beiname Nergals, des Gottes der Unterwelt. Das Gold ist nach 
orientalischem Mythus, der in die Sagen und Murchen der Volker übergegangen ist, 
Dreck der Hölle ; siehe : Monotheistische Strömungen innerhalb der babylonischen 
Religion, S. 16, Anm. 1." 



Charakter und Analerotik 267 

befindet sich die Erfahrung zumeist in guter Übereinstimmung 
mit diesem Schlüsse. 

Man müßte überhaupt in Erwägung ziehen, ob nicht auch 
andere Charakterkomplexe ihre Zugehörigkeit zu den Erregungen 
von bestimmten erogenen Zonen erkennen lassen. Ich kenne bis 
jetzt nur noch den unmäßigen „brennenden" Ehrgeiz der 
einstigen Enuretiker. Für die Bildung des endgültigen Charakters 
aus den konstitutiven Trieben läßt sich allerdings eine Formel J 
angeben: Die bleibenden Charakterzüge sind entweder unver- 
änderte Fortsetzungen der ursprünglichen Triebe, Sublimierungen • 
derselben oder Reaktionsbildungen gegen dieselben. 



ÜBER TRIEBUMSETZUNGEN, INSBESONDERE 

DER ANALEROTIK 

Zuerst erschienen in der „Internationalen Zeitschrift 
f. Psychoanalyse", IV, igi6Jiy, dann in der Vierten 
Folge der „Sammlung kleiner Schriften zur 
Neurosenlchre", 

Vor einer Reihe von Jahren habe ich aus der psycho- 
analytischen Beobachtung die Vermutung geschöpft, daß das 
konstante Zusammentreffen der drei Charaktereigenschaften: 
ordentlich, sparsam und eigensinnig auf eine Ver- 
stärkung der analerotischen Komponente in der Sexualkonstitution 
solcher Personen hindeute, bei denen es aber im Laufe der Ent- 
wicklung durch Aufzehrung ihrer Analerotik zur Ausbildung solcher 
bevorzugter Reaktions weisen des Ichs gekommen ist. 1 

Es lag mir damals daran, eine als tatsächlich erkannte Beziehung 
bekanntzugeben; um ihre theoretische Würdigung bekümmerte 
ich mich wenig. Seither hat sich wohl allgemein die Auffassung 
durchgesetzt, daß jede einzelne der drei Eigenschaften: Geiz, 
Pedanterie und Eigensinn aus den Triebquellen der Analerotik 
hervorgeht oder — vorsichtiger und vollständiger ausgedrückt — 
mächtige Zuschüsse aus diesen Quellen bezieht. Die Fälle, denen 
die Vereinigung der erwähnten drei Charakterfehler ein besonderes 
Gepräge aufdrückte (Analcharakter), waren eben nur die Extreme, 
an denen sich der uns interessierende Zusammenhang auch einer 
stumpfen Beobachtung verraten mußte. 

Charakter und Analerolik, 1908 [enthalten in diesem Band, S. 261 ff.]. 






Über Triebumsetzungen, insbesondere der Analerotik 269 



Einige Jahre später habe ich aus einer Fülle von Eindrücken, 
geleitet durch eine besonders zwingende analytische Erfahrung, 
den Schluß gezogen, daß in der Entwicklung der menschlichen 
Libido vor der Phase des Genitalprimats eine „prägenitale 
Organisation" anzunehmen ist, in welcher der Sadismus und die 
Analerotik die leitenden Rollen spielen.' 

Die Frage nach dem weiteren Verbleib der analerotischen 
Triebregungen war von da an unabweisbar. Welches wurde ihr 
Schicksal, nachdem sie durch die Herstellung der endgültigen 
Genitalorganisation ihre Bedeutung für das Sexualleben eingebüßt 
hatten? Blieben sie als solche, aber nun im Zustande der 
Verdrängung, fortbestehen, unterlagen sie der Sublimierung oder 
der Aufzehrung unter Umsetzung in Eigenschaften des Charakters, 
oder fanden sie Aufnahme in die neue, vom Primat der Genitalien 
bestimmte Gestaltung der Sexualität? Oder besser, da wahr- 
scheinlich keines dieser Schicksale der Analerotik das ausschließliche 
sein dürfte, in welchem Ausmaß und in welcher Weise teilen 
sich diese verschiedenen Möglichkeiten in die Entscheidung über 
die Schicksale der Analerotik, deren organische Quellen ja 
durch das Auftreten der Genitalorganisation nicht verschüttet 

werden konnten? 

Man sollte meinen, es könnte an Material für die Beantwortung 
dieser Fragen nicht fehlen, da die betreffenden Vorgänge von 
Entwicklung und Umsetzung sich bei allen Personen vollzogen 
haben müssen, die Gegenstand der psychoanalytischen Unter- 
suchung werden. Allein dies Material ist so undurchsichtig, die 
Fülle von immer wiederkehrenden Eindrücken wirkt so verwirrend, 
daß ich auch heute keine vollständige Lösung des Problems, 
bloß Beiträge zur Lösung zu geben vermag. Ich brauche dabei 
der Gelegenheit nicht aus dem Wege zu gehen, wenn der 
Zusammenhang es gestattet, einige andere Triebumsetzungen zu 
erwähnen, welche nicht die Analerotik betreffen. Es bedarf endlich 

1) Die Disposition zur Zwangsneurose. [S. 277 ff. dieses Bandes.] 



2 7° Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosen!,/, ,;■ 




kaum der Hervorhebung, daß die beschriebenen Entwicklungs- 
vorgänge — hier wie anderwärts in der Psychoanalyse — aus 
den Regressionen erschlossen worden sind, zu welchen sie durch 
die neurotischen Prozesse genötigt wurden. 

Ausgangspunkt dieser Erörterungen kann der Anschein werden, 
daß in den Produktionen des Unbewußten — Einfällen, Phantasien 
und Symptomen — die Begriffe Kot (Geld, Geschenk), Kind 
und Penis schlecht auseinandergehalten und leicht miteinander 
vertauscht werden. Wenn wir uns so ausdrücken, wissen wir 
natürlich, daß wir Bezeichnungen, die für andere Gebiete des 
Seelenlebens gebräuchlich sind, mit Unrecht, auf das Unbewußte 
übertragen und uns durch den Vorteil, welchen ein Vergleich 
mit sich bringt, verleiten lassen. Wiederholen wir also in einwand- 
freierer Form, daß diese Elemente im Unbewußten häufig behandelt 
werden, als wären sie einander äquivalent und dürften einander 
unbedenklich ersetzen. 

Für die Beziehungen von „Kind" und „Penis" ist dies am 
leichtesten zu sehen. Es kann nicht gleichgültig sein, daß beide 
in der Symbolsprache des Traumes wie in der des täglichen 
Lebens durch ein gemeinsames Symbol ersetzt werden können. 
Das Kind heißt wie der Penis das „Kleine". Es ist bekannt, 
daß die Symbolsprache sich oft über den Geschlechtsunterschied 
hinaussetzt. Das „Kleine", das ursprünglich das männliche Glied 
meinte, mag also sekundär zur Bezeichnung des weiblichen 
Genitales gelangt sein. 

Forscht man tief genug in der Neurose einer Frau, so stößt 
man nicht selten auf den verdrängten Wunsch, einen Penis wie 
der Mann zu besitzen. Akzidentelles Mißgeschick im Krauenleben, 
oft genug selbst Folge einer stark männlichen Anlage, hat diesen 
Kinderwunsch, den wir als „Penisneid" dem Kastrationskomplex 
einordnen, wieder aktiviert und ihn durch die Rückströmung 
der Libido zum Hauptträger der neurotischen Symptome werden 
lassen. Bei anderen Frauen läßt, sich von diesem Wunsch nach 



T 



Über Triebumsetznngen, insbesondere der Analerotik 271 

dem Penis nichts nachweisen; seine Stelle nimmt der Wunsch 
nach dem Kind ein, dessen Versagung im Leben dann die 
Neurose auslösen kann. Es ist so, als ob diese Frauen begriffen 
hätten — was als Motiv doch unmöglich gewesen sein kann, — 
daß die Natur dem Weibe das Kind zum Ersatz für das andere 
gegeben hat, was sie ihm versagen mußte. Bei noch anderen 
Frauen erfährt man, daß beide Wünsche in der Kindheit vor- 
handen waren und einander abgelöst haben. Zuerst wollten sie 
einen Penis haben wie der Mann, und in einer späteren, immer 
noch infantilen Epoche trat der Wunsch nach einem Kind an 
die Stelle. Man kann den Eindruck nicht abweisen, daß akzidentelle 
Momente des Kinderlebens, die Anwesenheit oder das Fehlen 
von Brüdern, das Erleben der Geburt eines neuen Kindes zu 
günstiger Lebenszeit, die Schuld an dieser Mannigfaltigkeit tragen, 
so daß der Wunsch nach dem Penis doch im Grunde identisch 
wäre mit dem nach dem Kinde. 

Wir können angeben, welches Schicksal der infantile Wunsch 
nach dem Penis erfährt, wenn die Bedingungen der Neurose im 
späteren Leben ausbleiben. Er verwandelt sich dann in den 
Wunsch nach dem Mann, er läßt sich also den Mann als 
Anhängsel an den Penis gefallen. Durch diese Wandlung wird 
eine gegen die weibliche Sexual funktion gerichtete Regung zu 
einer ihr günstigen. Diesen Frauen wird hiemit ein Liebesleben 
nach dem männlichen Typus der Objektliebe ermöglicht, welches 
sich neben dem eigentlich weiblichen, vom Narzißmus abgeleiteten, 
behaupten kann. Wir haben schon gehört, daß es in anderen 
Fällen erst das Kind ist, welches den Übergang von der 
narzißtischen Selbstliebe zur Objektliebe herbeiführt. Es kann 
also auch in diesem Punkte das Kind durch den Penis vertreten 
werden. 

Ich hatte einigemal Gelegenheit, Träume von Frauen nach 
den ersten Kohabitationen zu erfahren. Diese deckten unverkennbar 
den Wunsch auf, den Penis, den sie verspürt hatten, bei sich zu 



272 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

behalten, entsprachen also, von der libidinösen Begründung 
abgesehen, einer flüchtigen Regression vom Manne auf den Penis 
als Wunschobjekt. Man wird gewiß geneigt sein, den Wunsch 
nach dem Manne in rein rationalistischer Weise auf den Wunsch 
nach dem Kinde zurückführen, da ja irgend einmal verstanden 
wird, daß man ohne Dazutun des Mannes ein Kind nicht 
bekommen kann. Es dürfte aber eher so zugehen, daß der 
Wunsch nach dem Manne unabhängig vom Kindwunsch entsteht 
und daß, wenn er aus begreiflichen Motiven, die durchaus der 
Ichpsychologie angehören, auftaucht, der alte Wunsch nach 
dem Penis sich ihm als unbewußte libidinöse Verstärkung 
beigesellt. 

Die Bedeutung des beschriebenen Vorganges liegt darin, daß 
er ein Stück der narzißtischen Männlichkeit des jungen Weibes 
in Weiblichkeit überführt und somit für die weibliche Sexual- 
funktion unschädlich macht. Auf einem anderen Wege wird nun 
auch ein Anteil der Erotik der prägenitalen Phase für die Ver- 
wendung in der Phase des Genitalprimats tauglich. Das Kind 
wird doch als „Lumpf" betrachtet (siehe die Analyse des kleinen 
Hans), als etwas, was sich durch den Darm vom Körper löst; 
somit kann ein Betrag libidinöser Besetzung, welcher dem Darm- 
inhalt gegolten hat, auf das durch den Darm geborene Kind 
ausgedehnt werden. Ein sprachliches Zeugnis dieser Identität von 
Kind und Kot ist in der Redensart: ein Kind schenken 
erhalten. Der Kot ist nämlich das erste Geschenk, ein Teil 
seines Körpers, von dem sich der Säugling nur auf Zureden der 
geliebten Person trennt, mit dem er ihr auch unaufgefordert 
seine Zärtlichkeit bezeigt, da er fremde Personen in der Regel 
nicht beschmutzt. (Ähnliche, wenn auch nicht so intensive 
Reaktionen mit dem Urin.) Bei der Defäkation ergibt sich für 
das Kind eine erste Entscheidung zwischen narzißtischer und 
objektliebender Einstellung. Es gibt entweder den Kot gefügig 
ab, „opfert" ihn der Liebe, oder hält ihn zur autoerotischen 



Über Triebumsetzungen, insbesondere der Analerotik 275 

Befriedigung, später zur Behauptung seines eigenen Willens, zurück. 
Mit letzterer Entscheidung ist der Trotz (Eigensinn) konstituiert, 
der also einem narzißtischen Beharren bei der Analerotik 
entspringt. 

Es ist wahrscheinlich, daß nicht Gold — Geld, sondern 
Geschenk die nächste Bedeutung ist, zu welcher das Kot- 
interesse fortschreitet. Das Kind kennt kein anderes Geld, als 
was ihm geschenkt wird, kein erworbenes und auch kein eigenes, 
ererbtes. Da Kot sein erstes Geschenk ist, überträgt es leicht sein 
Interesse von diesem Stoff auf jenen neuen, der ihm als wichtigstes 
Geschenk im Leben entgegentritt. Wer an dieser Herleitung des 
Geschenkes zweifelt, möge seine Erfahrung in der psychoanalytischen 
Behandlung zu Bäte ziehen, die Geschenke studieren, die er als 
Arzt vom Kranken erhält, und die Übertragungsstürme beachten, 
welche er durch ein Geschenk an den Patienten hervorrufen kann. 

Das Kotinteresse wird also zum Teil als Geldinteresse fort- 
gesetzt, zum anderen Teil in den Wunsch nach dem Kinde 
übergeführt. In diesem Kindwunsch treffen nun eine analerotische 
und eine genitale Regung (Penisneid) zusammen. Der Penis hat 
aber auch eine vom Kindinteresse unabhängige analerotische 
Bedeutung. Das Verhältnis zwischen dem Penis und dem von 
ihm ausgefüllten und erregten Schleimhautrohr findet sich nämlich 
schon in der prägenitalen, sadistisch-analen, Phase vorgebildet. 
Der Kotballen — oder die „Kotstange" nach dem Ausdruck 
eines Patienten — ist sozusagen der erste Penis, die von ihm 
gereizte Schleimhaut die des Enddarmes. Es gibt Personen, deren 
Analerotik bis zur Zeit der Vorpubertät (zehn bis zwölf Jahre) 
stark und unverändert geblieben ist; von ihnen erfährt man, daß 
sie schon während dieser prägenitalen Phase in Phantasien und 
perversen Spielereien eine der genitalen analoge Organisation 
entwickelt hatten, in welcher Penis und Vagina durch die Kot- 
stange und den Darm vertreten waren. Bei anderen — Zwangs- 
neurotikern — kann man das Ergebnis einer regressiven Er- 

Freud,V. l8 



374 



Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



niedrigung der Genitalorganisation kennen lernen. Es äußert sich 
darin, daß alle ursprünglich genital konzipierten Phantasien ins 
Anale versetzt, der Penis durch die Kotstange, die Vagina durch 
den Darm ersetzt werden. 

Wenn das Kotinteresse in normaler Weise zurückgeht, so wirkt 
die hier dargelegte organische Analogie dahin, daß es sich auf 
den Penis überträgt. Erfährt man später in der Sexualforschung, 
daß das Kind aus dem Darm geboren wird, so wird dieses zum 
Haupterben der Analerotik, aber der Vorgänger des Kindes war 
der Penis gewesen, in diesem wie in einem anderen Sinne. 

Ich bin überzeugt, daß die vielfaltigen Beziehungen in der 
Reihe Kot — Penis — Kind nun völlig unübersichtlich geworden 
sind, und will darum versuchen, dem Mangel durch eine 
graphische Darstellung abzuhelfen, in deren Diskussion dasselbe 
Material nochmals, aber in anderer Folge, gewürdigt werden 
kann. Leider ist dieses technische Mittel nicht schmiegsam 
genug für unsere Absichten, oder wir haben noch nicht gelernt, 
es in geeigneter Weise zu gebrauchen. Ich bitte jedenfalls, an 
das beistehende Schema keine strengen Anforderungen zu stellen. 







Objektstufe 



Über Triebumsetzungen, insbesondere der Analerotik 275 

Aus der Analerotik geht in narzißtischer Verwendung der Trotz 
hervor als eine bedeutsame Reaktion des Ichs gegen Anforderungen 
der anderen ; das dem Kot zugewendete Interesse übergeht in Interesse 
für das Geschenk und dann für das Geld. Mit dem Auftreten des Penis 
entsteht beim Mädchen der Penisneid, der sich später in den Wunsch 
nach dem Mann als Träger eines Penis umsetzt. Vorher noch 
hat sich der Wunsch nach dem Penis in den Wunsch nach dem 
Kind verwandelt, oder der Kindwunsch ist an die Stelle des Penis- 
wunsches getreten. Eine organische Analogie zwischen Penis und Kind 
(punktierte Linie) drückt sich durch den Besitz eines beiden gemein- 
samen Symbols aus („das Kleine")- Vom Kindwunsch führt dann 
ein rationeller Weg (doppelte Linie) zum Wunsch nach dem Mann. 
Die Bedeutung dieser Triebumsetzung haben wir bereits gewürdigt. 
Ein anderes Stück des Zusammenhanges ist weit deutlicher 
beim Manne zu erkennen. Es stellt sich her, wenn die Sexual- 
forschung des Kindes das Fehlen des Penis beim Weibe in 
Erfahrung gebracht hat. Der Penis wird somit als etwas vom 
Körper Ablösbares erkannt und tritt in Analogie zum Kot, welcher 
das erste Stück Leiblichkeit war, auf das man verzichten mußte. 
Der alte Analtrotz tritt so in die Konstitution des Kastrations- 
komplexes ein. Die organische Analogie, derzufolge der Darm- 
inhalt den Vorläufer des Penis während der prägenitalen Phase 
darstellte, kann als Motiv nicht in Betracht kommen; sie findet 
aber durch die Sexualforschung einen psychischen Ersatz. 

Wenn das Kind auftritt, wird es durch die Sexualforschung 
als „Lumpf" erkannt und mit mächtigem, analerotischem Interesse 
besetzt. Einen zweiten Zuzug aus gleicher Quelle erhält der 
Kindwunsch, wenn die soziale Erfahrung lehrt, daß das Kind als 
Liebesbeweis, als Geschenk, aufgefaßt werden kann. Alle drei, 
Kotsäule, Penis und Kind, sind feste Körper, welche ein Schleim- 
hautrohr (den Enddarm und die ihm nach einem guten Worte 
von Lou Andreas-Salome gleichsam abgemietete Vagina) 1 bei 

1) „Anal" und „Sexual", Imago, IV, 5. 1916. 



18* 



276 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlelire 

ihrem Eindringen oder Herausdringen erregen. Der infantilen 
Sexualforschung kann von diesem Sachverhalt nur bekannt werden, 
daß das Kind denselben Weg nimmt wie die Kotsäule; die 
Funktion des Penis wird von der kindlichen Forschung in der 
Regel nicht aufgedeckt. Doch ist es interessant zu sehen, daß 
eine organische Übereinstimmung nach so vielen Umwegen 
wieder im Psychischen als eine unbewußte Identität zum Vor- 
schein kommt. 



DIE DISPOSITION ZUR ZWANGSNEUROSE 

Ein Beitrag zum Problem der Neurosemvahl 

Vortrag auf dem Psychoanalytischen Kongreß 
zu München I pi 5, abgedruckt in der „Internationalen 
Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse", I, 1913, 
und dann in der Vierten Folge der „Sammlung 

kleiner Schriften zur Neurosenlehre". 

■ 

Das Problem, warum und wieso ein Mensch an einer Neurose 
erkranken kann, gehört gewiß zu jenen, die von der Psycho- 
analyse beantwortet werden sollen. Es ist aber wahrscheinlich, daß 
diese Antwort erst über ein anderes und spezielleres wird gegeben 
werden können, über das Problem, warum diese und jene 
Person gerade an der einen bestimmten Neurose, und an 
keiner anderen, erkranken muß. Dies ist das Problem der Neu- 
rosenwahl. 

Was wissen wir bis jetzt zu diesem Problem? Eigentlich ist 
hier nur ein einziger allgemeiner Satz gesichert. Wir unterscheiden 
die für die Neurosen in Betracht kommenden Krankheitsursachen 
in solche, die der Mensch ins Leben mitbringt, und solche, die 
das Leben an ihn heranbringt, konstitutionelle und akzidentelle, 
durch deren Zusammenwirken erst in der Regel die Krankheits- 
verursachung hergestellt wird. Nun besagt der eben angekündigte 
Satz, daß die Gründe für die Entscheidung der Neurosen- 
wahl durchwegs von der ersteren Art sind, also von der Natur 
der Dispositionen, und unabhängig von den pathogen wirkenden 
Erlebnissen. 



278 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



Worin suchen wir die Herkunft dieser Dispositionen ? Wir 
sind aufmerksam darauf geworden, daß die in Betracht kommenden 
psychischen Funktionen — vor allem die Sexualfunktion, aber 
ebenso verschiedene wichtige Ichfunktionen — eine lange und 
komplizierte Entwicklung durchzumachen haben, bis sie zu dem 
für den normalen Erwachsenen charakteristischen Zustand gelangen. 
Wir nehmen nun an, daß diese Entwicklungen nicht immer so 
tadellos vollzogen werden, daß die gesamte Funktion der fort- 
schrittlichen Veränderung unterliege. Wo ein Stück derselben die 
vorige Stufe festhält, da ergibt sich eine sogenannte „Fixierungs- 
stelle", zu welcher die Funktion im Falle der Erkrankung durch 
äußerliche Störung regredieren kann. 

Unsere Dispositionen sind also Entwicklungshemmungen. Die 
Analogie mit den Tatsachen der allgemeinen Pathologie anderer 
Krankheiten bestärkt uns in dieser Auffassung. Bei der Frage, 
welche Faktoren solche Störungen der Entwicklung hervorrufen 
können, macht aber die psychoanalytische Arbeit Halt und über- 
läßt dies Problem der biologischen Forschung.' 

Mit Hilfe dieser Voraussetzungen haben wir uns bereits vor 
einigen Jahren an das Problem der Neurosenwahl herangewagt. 
Unsere Arbeitsrichtung, welche dahin geht, die normalen Ver- 
hältnisse aus ihren Störungen zu erraten, hat uns dazu geführt, 
einen ganz besonderen und unerwarteten Angriffspunkt zu wählen. 
Die Reihenfolge, in welcher die Hauptformen der Psychoneurosen 
gewöhnlich aufgeführt werden — Hysterie, Zwangsneurose, Paranoia, 
Dementia praecox — entspricht (wenn auch nicht völlig genau) der 
Zeitfolge, in der diese Affektionen im Leben hervorbrechen. Die 
hysterischen Krankheitsformen können schon in der ersten Kindheit 
beobachtet werden, die Zwangsneurose offenbart ihre ersten Sym- 
ptome gewöhnlich in der zweiten Periode der Kindheit (von sechs 



1) Seitdem die Arbeiten von W. F 1 i c die Bedeutung bestimmter Zeitgroßen 
für die Biologie aufgedeckt haben, ist es denkbar geworden, daß sich Entwicklungs- 
rtörung auf zeitliche Abänderung von Entwickhmgischüben zurückführt. 



Die Disposition zur Zwangsneurose 279 

bis acht Jahren an) 5 die beiden anderen, von mir als Paraphrenie 
zusammengefaßten Psychoneurosen zeigen sich erst nach der Pubertät 
und im Alter der Reife. Diese zuletzt auftretenden Affektionen 
haben sich nun unserer Forschung nach den in die Neurosenwahl 
auslaufenden Dispositionen zuerst zugänglich erwiesen. Die ihnen 
beiden eigentümlichen Charaktere des Größenwahns, der Abwen- 
dung von der Welt der Objekte und der Erschwerung der Über- 
tragung haben uns zum Schlüsse genötigt, daß deren disponierende 
Fixierung in einem Stadium der Libidoentwicklung vor der Her- 
stellung der Objektwahl, also in der Phase des Autoerotismus und 
des Narzißmus zu suchen ist. Diese so spät auftretenden Erkrankungs- 
formen gehen also auf sehr frühzeitige Hemmungen und 
Fixierungen zurück. 

Demnach würden wir darauf hingewiesen, die Disposition für 
Hysterie und Zwangsneurose, die beiden eigentlichen Übertragungs- 
neurosen mit frühzeitiger Symptombildung, in den jüngeren Phasen 
der Libidoentwicklung zu vermuten. Allein worin wäre hier die 
Entwicklungshemmung zu finden und vor allem, welches wäre 
der Phasenunterschied, der die Disposition zur Zwangsneurose 
im Gegensatz zur Hysterie begründen sollte? Darüber war lange 
nichts zu erfahren, und meine früher unternommenen Versuche, 
diese beiden Dispositionen zu erraten, z. B. daß die Hysterie durch 
Passivität, die Zwangsneurose durch Aktivität im infantilen Erleben 
bedingt sein sollte, mußten bald als verfehlt abgewiesen werden. 

Ich kehre nun auf den Boden der klinischen Einzelbeobachtung 
zurück. Ich habe lange Zeit hindurch eine Kranke studiert, deren 
Neurose eine ungewöhnliche Wandlung durchgemacht hatte. 
Dieselbe begann nach einem traumatischen Erlebnis als glatte 
Angsthysterie und behielt diesen Charakter durch einige Jahre 
bei. Eines Tages aber verwandelte sie sich plötzlich in eine 
Zwangsneurose von der schwersten Art. Ein solcher Fall mußte 
nach mehr als einer Richtung bedeutsam werden. Einerseits konnte 
er vielleicht den Wert eines bilinguen Dokuments beanspruchen 



s8o Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenielire 

und zeigen, wie ein identischer Inhalt von den beiden Neurosen 
in verschiedenen Sprachen ausgedrückt wird. Anderseits drohte 
er, unserer Theorie der Disposition durch Entwicklungshemmung 
überhaupt zu widersprechen, wenn man sich nicht zur Annahme 
entschließen wollte, daß eine Person auch mehr als eine einzige 
schwache Stelle in ihrer Libidoentwicklung mitbringen könne. 
Ich sagte mir, daß man kein Recht habe, diese letztere Möglichkeit 
abzuweisen, war aber auf das Verständnis dieses Krankheitsfalles 
sehr gespannt. 

Als dieses im Laufe der Analyse kam, mußte ich sehen, daß 
die Sachlage ganz anders war, als ich sie mir vorgestellt hatte. 
Die Zwangsneurose war nicht eine weitere Reaktion auf das 
nämliche Trauma, welches zuerst die Angsthysterie hervorgerufen 
hatte, sondern auf ein zweites Erlebnis, welches das erste völlig 
entwertet hatte. (Also, eine — allerdings noch diskutierbare — 
Ausnahme von unserem Satze, der die llnabliängipkeit der Neurosen- 
wahl vom Erleben behauptet.) 

Ich kann leider — aus bekannten Motiven — auf die Kranken- 
geschichte des Falles nicht so weit eingehen, wie ich gern möchte, 
sondern muß mich auf nachstehende Mitteilungen beschränken. 
Die Patientin war bis zu ihrer Erkrankung eine glückliche, fast 
völlig befriedigte Frau gewesen. Sie wünschte sich Kinder aus 
Motiven infantiler Wunschfixierung und erkrankte, als sie erfuhr, 
daß sie von ihrem ausschließend geliebten Manne keine Kinder 
bekommen könne. Die Angsthysterie, mit welcher sie auf diese 
Versagung reagierte, entsprach, wie sie bald selbst verstehen 
lernte, der Abweisung von Versuchungsphantasien, in denen sich der 
festgehaltene Wunsch nach einem Kinde durchsetzte. Sie tat nun 
alles dazu, um ihren Mann nicht erraten zu lassen, daß sie infolge 
der durch ihn determinierten Versagung erkrankt sei. Aber ich 
habe nicht ohne gute Gründe behauptet, daß jeder Mensch in 
seinem eigenen Unbewußten ein Instrument besitzt, mit dem er 
die Äußerungen des Unbewußten beim anderen zu deuten vermag $ 



Die Disposition zur "Zwangsneurose 281 

der Mann verstand ohne Geständnis oder Erklärung, was die Angst 
seiner Frau bedeute, kränkte sich darüber, ohne es zu zeigen, und 
reagierte nun seinerseits neurotisch, indem er — zum erstenmal 
— beim Eheverkehr versagte. Unmittelbar darauf reiste er ab, die 
Frau hielt ihn für dauernd impotent geworden und produzierte 
die ersten Zwangssymptome an dem Tage vor seiner erwarteten 
Rückkunft. 

Der Inhalt ihrer Zwangsneurose bestand in einem peinlichen 
Wasch- und Reinlichkeitszwang und in höchst energischen Schutz- 
maßregeln gegen böse Schädigungen, welche andere von ihr zu 
befürchten hätten, also in Reaktionsbildungen gegen anal- 
erotische und sadistische Regungen. In solchen Formen 
mußte sich ihr Sexualbedürfnis äußern, nachdem ihr Genital- 
leben durch die Impotenz des für sie einzigen Mannes eine volle 
Entwertung erfahren hatte. 

An diesen Punkt hat das kleine, von mir neugebildete Stückchen 
Theorie angeknüpft, welches natürlich nur scheinbar auf dieser 
einen Beobachtung ruht, in Wirklichkeit eine große Summe 
früherer Eindrücke zusammenfaßt, die aber erst nach dieser letzten 
Erfahrung fähig wurden, eine Einsicht zu ergeben. Ich sagte 
mir, daß mein Entwicklungsschema der libidinösen Funktion einer 
neuen Einschaltung bedarf. Ich hatte zuerst nur unterschieden 
die Phase des Autoerotismus, in welcher die einzelnen Partial- 
triebe, jeder für sich, ihre Lustbefriedigung am eigenen Leibe 
suchen, und dann die Zusammenfassung aller Partialtriebe zur 
Objektwahl unter dem Primat der Genitalien im Dienste der 
Fortpflanzung. Die Analyse der Paraphrenien hat uns, wie bekannt, 
genötigt, dazwischen ein Stadium des Narzißmus einzuschieben, 
in dem die Objekt wähl bereits erfolgt ist, aber das Objekt noch 
mit dem eigenen Ich zusammenfällt. Und nun sehen wir die 
Notwendigkeit ein, ein weiteres Stadium vor der Endgestaltung 
gelten zu lassen, in dem die Partialtriebe bereits zur Objekt- 
wahl zusammengefaßt sind, das Objekt sich der eigenen Person 



2Ö2 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosen leh 



re 



schon als eine fremde gegenüberstellt, aber der Primat der 
Genitalzonen noch nicht aufgerichtet ist. Die 
Partialtriebe, welche diese p r ä g e n i t a 1 e Organisation des Sexual- 
lebens beherrschen, sind vielmehr die analerotischen und die 
sadistischen. 

Ich weiß, daß jede solche Aufstellung zunächst befremdend 
klingt. Erst durch die Aufdeckung ihrer Beziehungen zu unserem 
bisherigen Wissen wird sie uns vertraut, und am Ende ist ihr 
Schicksal häufig, daß sie als eine geringfügige, längst geahnte 
Neuerung erkannt wird. Wenden wir uns also mit ähnlichen 
Erwartungen zur Diskussion der „pn'igenitalen Sexualordnung". 

a) Es ist bereits vielen Beobachtern aufgefallen und zuletzt 
mit besonderer Schärfe von E. Jones hervorgehoben worden, 
welche außerordentliche Rolle die Regungen von Haß und Anal- 
erotik in der Symptomatologie der Zwangsneurose spielen. 1 Dies 
leitet sich nun unmittelbar aus unserer Aufstellung ab, wenn es 
diese Partialtriebe sind, welche in der Neurose die Vertretung der 
Genitaltriebe wieder übernommen haben, deren Vorgänger sie in 
der Entwicklung waren. 

Hier fügt sich nun das bisher zurückgehaltene Stück aus der 
Krankengeschichte unseres Falles ein. Das Sexualleben der Patientin 
begann im zartesten Kindesalter mit sadistischen Schlagephantasien. 
Nach deren Unterdrückung setzte eine ungewöhnlich lange 
Latenzzeit ein, in welcher das Mädchen eine hochreichende 
moralische Entwicklung durchmachte, ohne zum weiblichen 
Sexualempfinden zu erwachen. Mit der in jungen Jahren 
geschlossenen Ehe begann eine Periode normaler Sexual betätigung 
als glückliche Frau, die durch eine Reihe von Jahren anhielt, bis 
die erste große Versagung die hysterische Neurose brachte. Mit der 
darauf folgenden Entwertung des Genitallebens sank ihr Sexual- 
leben, wie erwähnt, auf die infantile Stufe des Sadismus zurück. 



i) E. Jones: Hai) und Anulcrotik in der Zwangsneurose. (Intern. Zeitschrift 
für ärztl. Psychoanalyse, 1, 1915, H. 5.) 



1 



Die Disposition zur Zwangsneurose 285 

Eis ist nicht schwer, den Charakter zu bestimmen, in welchem 
sich dieser Fall von Zwangsneurose von den häufigeren anderen 
unterscheidet, die in jüngeren Jahren beginnen und von da an 
chronisch mit mehr oder weniger auffälligen Exazerbationen 
verlaufen. In diesen anderen Fällen wird die Sexualorganisation, 
welche die Disposition zur Zwangsneurose enthält, einmal her- 
gestellt, nie wieder völlig überwunden $ in unserem Falle ist sie 
zuerst durch die höhere Entwicklungsstufe abgelöst und dann 
durch Regression von dieser her wieder aktiviert worden. 

b) Wenn wir von unserer Aufstellung aus den Anschluß an 
biologische Zusammenhänge suchen, dürfen wir nicht vergessen, 
daß der Gegensatz von männlich und weiblich, welcher von 
der Fortpflanzungsfunktion eingeführt wird, auf der Stufe der 
prägenitalen Objektwahl noch nicht vorhanden sein kann. An 
seiner Statt finden wir den Gegensatz von Strebungen mit aktivem 
und passivem Ziel, der sich späterhin mit dem Gegensatz der 
Geschlechter verlöten wird. Die Aktivität wird vom gemeinen 
Bemächtigungstrieb beigestellt, den wir eben Sadismus heißen, 
wenn wir ihn im Dienste der Sexualfunktion finden $ er hat auch 
im vollentwickelten normalen Sexualleben wichtige Helferdienste 
zu verrichten. Die passive Strömung wird von der Analerotik 
gespeist, deren erogene Zone der alten, undifferenzierten Kloake 
entspricht. Die Betonung dieser Analerotik auf der prägenitalen 
Organisationsstufe wird beim Manne eine bedeutsame Prädispo- 
sition zur Homosexualität hinterlassen, wenn die nächste Stufe 
der Sexualfunktion, die des Primats der Genitalien, erreicht wird. 
Der Aufbau dieser letzten Phase über der vorigen und die 
dabei erfolgende Umarbeitung der Libidobesetzungen bietet der 
analytischen Forschung die interessantesten Aufgaben. 

Man kann der Meinung sein, daß man sich allen hier in 
Betracht kommenden Schwierigkeiten und Komplikationen entzieht, 
wenn man eine prägenitale Organisation des Sexuallebens verleugnet 
und das Sexualleben mit der Genital- und Fortpflanzungsfunktion 



284 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosen/ehre 

zusammenfallen, wie auch mit ihr heginnen läßt. Von den 
Neurosen würde man dann mit Rücksicht auf die nicht miß- 
verständlichen Ergebnisse der analytischen Forschung aussagen, 
daß sie durch den Prozeß der Sexualverdrängung dazu genötigt 
werden, sexuelle Streuungen durch andere nicht sexuelle Triebe 
auszudrücken, die letzteren also kompensatorisch zu sexualisieren. 
Wenn man so verfahrt, hat. man sich aber außerhalb der Psycho- 
analyse begeben. Man steht wieder dort, wo man sich vor der 
Psychoanalyse befand, und muß auf das durch sie vermittelte 
Verständnis des Zusammenhanges zwischen Gesundheit, Perversion 
und Neurose verzichten. Die Psychoanalyse steht und fällt mit 
der Anerkennung der sexuellen Partialtriebe, der erogenen Zonen 
und der so gewonnenen Ausdehnung des Begriffes ,,Sexual- 
funktion" im Gegensatz zur engeren „Cenitalfunktion". Übrigens 
reicht die Beobachtung der normalen Entwicklung des Kindes 
für sich allein hin, um eine solche Versuchung zurück- 
zuweisen. 

c) Auf dem Gebiete der Charakterentwicklung müssen wir 
denselben Triebkräften begegnen, deren Spul wir in den Neurosen 
aufgedeckt haben. Eine scharfe theoretische Scheidung der beiden 
wird aber durch den einen Umstand geboten, daß beim Charakter 
wegfällt, was dem Neurosenmechanismus eigentümlich ist, das 
Mißglücken der Verdrängung und die Wiederkehr des Verdrängten. 
Bei der Charakterbildung tritt die Verdrängung entweder nicht 
in Aktion oder sie erreicht glatt ihr Ziel, das Verdrängte durch 
Reaktionsbildungen und Sublimierungen zu ersetzen. Darum sind 
die Prozesse der Charakterbildung undurchsichtiger und der 
Analyse unzugänglicher als die ln-urotischen. 

Gerade auf dem Gebiete der Charakterentwicklung begegnet 
uns aber eine gute Analogie zu dem von uns beschriebenen 
Krankheitsfalle, also eine Bekräftigung der prägenitalen sadistisch- 
analerotischen Sexualorganisation. Es ist bekannt und hat den 
Menschen viel Stoff zur Kluge gegeben, dali die Krauen häufig, 



Die Disposition zur 'Zwangsneurose 285 

nachdem sie ihre Genitalfunktionen aufgegeben haben, ihren 
Charakter in eigentümlicher Weise verändern. Sie werden zänkisch, 
quälerisch und rechthaberisch, kleinlich und geizig, zeigen also 
typische sadistische und analerotische Züge, die ihnen vorher in 
der Epoche der Weiblichkeit nicht eigen waren. Lustspieldichter 
und Satiriker haben zu allen Zeiten ihre Invektiven gegen den 
„alten Drachen" gerichtet, zu dem das holde Mädchen, die 
liebende Frau, die zärtliche Mutter geworden ist. Wir verstehen, 
daß diese Charakterwandlung der Regression des Sexuallebens 
auf die prägenitale sadistisch-analerotische Stufe entspricht, in 
welcher wir die Disposition zur Zwangsneurose gefunden haben. 
Sie wäre also nicht nur die Vorläuferin der genitalen Phase, 
sondern oft genug auch ihre Nachfolge und Ablösung, nachdem 
die Genitalien ihre Funktion erfüllt haben. 

Der Vergleich einer solchen Charakterveränderung mit der 
Zwangsneurose ist sehr eindrucksvoll. In beiden Fällen das Werk 
der Regression, aber im ersten Falle volle Regression nach glatt 
vollzogener Verdrängung (oder Unterdrückung); im Falle der 
Neurose: Konflikt, Bemühung, die Regression nicht gelten zu 
lassen, Reaktionsbildungen gegen dieselbe und Symptombildungen 
durch Kompromisse von beiden Seiten her, Spaltung der psychischen 
Tätigkeiten in bewußtseinsfähige und unbewußte. 

d) Unsere Aufstellung einer prägenitalen Sexualorganisation 
ist nach zwei Richtungen hin unvollständig. Sie nimmt erstens 
keine Rücksicht auf das Verhalten anderer Partialtriebe, an dem 
manches der Erforschung und Erwähnung wert wäre, und begnügt 
sich, das auffällige Primat von Sadismus und Analerotik heraus- 
zuheben. Besonders vom Wißtrieb gewinnt man häufig den 
Eindruck, als ob er im Mechanismus der Zwangsneurose den 
Sadismus geradezu ersetzen könnte. Er ist ja im Grunde ein 
sublimierter, ins Intellektuelle gehobener Sprößling des Bemäch- 
tigungstriebes, seine Zurückweisung in der Form des Zweifels 
nimmt im Bilde der Zwangsneurose einen breiten Raum ein. 



286 .arbeiten zum Scjruallcbrn und zur hcurosenlehre 

Ein zweiter Mangel ist weit bedeutsamer. Wir wissen, daß 
die entwicklungsgeschichtliche Disposition für eine Neurose nur 
dann vollständig ist, wenn sie die Phase der Ichentwicklung, in 
welcher die Fixierung eintritt, ebenso berücksichtigt wie die der 
Libidoentwicklung. Unsere Aufstellung hat sich aber nur auf die 
letztere bezogen, sie enthält also nicht die ganze Kenntnis, die 
wir fordern dürfen. Die Entwicklungsstadien der Ichtriebe sind 
uns bis jetzt sehr wenig bekannt; ich weiß nur von einem viel- 
versprechenden Versuch von Ferenczi, sich diesen Fragen zu 
nähern. 1 Ich weiß nicht, ob es zu gewagt erscheint, wenn ich 
den vorhandenen Spuren folgend die Annahme ausspreche, daß 
ein zeitliches Voraneilen der Ichentwicklung vor der Libido- 
entwicklung in die Disposition zur Zwangsneurose einzutragen 
ist. Eine solche Voreiligkeit würde von den Ichtrieben her zur 
Objektwahl nötigen, während die Sexualfunktion ihre letzte 
Gestaltung noch nicht erreicht hat, um\ somit eine Fixierung 
auf der Stufe der prägenitalen Sexualordnung hinterlassen. Erwägt 
man, daß die Zwangsneurotiker eine Ubermoral entwickeln müssen, 
um ihre Objektliebe gegen die hinter ihr lauernde Feindseligkeit 
zu verteidigen, so wird man geneigt sein, ein gewisses Maß von 
diesem Voraneilen der Ichentwicklung als typisch für die mensch- 
liche Natur hinzustellen und die Fähigkeit zur Entstehung der 
Moral in dem Umstand begründet zu finden, daß nach der 
Entwicklung der Haß der Vorläufer der Liebe ist. Vielleicht ist 
dies die Bedeutung eines Satzes von W. S t e k e 1, der mir seiner- 
zeit unfaßbar erschien, daß der Haß und nicht die Liebe die 
primäre Gefühlsbeziehung zwischen den Menschen sei. a 

e) Für die Hysterie erübrigt nach dem Vorstehenden die innige 
Beziehung zur letzten Phase der Libidoentwicklung, die durch 
den Primat der Genitalien und die Einführung der Fort- 

1) Ferencxi: Entwicklungutufcn Art Wirklichkeitisinnes. (Tntern. Zeitsclir. für 
äntl. Piychoanalyte, I, 1913, H. a.) 

3) W. St ekel: Die Spruche des Traume«. 1911, S. 556. 



Die Disposition zur Zwangsneurose 287 

pflanzungsfunktion ausgezeichnet ist. Dieser Erwerb unterliegt in 
der hysterischen Neurose der Verdrängung, mit welcher eine 
Regression auf die prägenitale Stufe nicht verbunden ist. Die 
Lücke in der Bestimmung der Disposition infolge unserer 
Unkenntnis der Ichentwicklung ist hier noch fühlbarer als bei 
der Zwangsneurose. 

Hingegen ist es nicht schwer nachzuweisen, daß eine andere 
Regression auf ein früheres Niveau auch der Hysterie zukommt. 
Die Sexualität des weiblichen Kindes steht, wie wir wissen, 
unter der Herrschaft eines männlichen Leitorgans (der Klitoris) 
und benimmt sich vielfach wie die des Knaben. Ein letzter 
Entwicklungsschub zur Zeit der Pubertät muß diese männliche 
Sexualität wegschaffen und die von der Kloake abgeleitete Vagina 
zur herrschenden erogenen Zone erheben. Es ist nun sehr 
gewöhnlich, daß in der hysterischen Neurose der Frauen eine 
Reaktivierung dieser verdrängten männlichen Sexualität statt hat, 
gegen welche sich dann der Abwehrkampf von Seiten der ich- 
gerechten Triebe richtet. Doch erscheint es mir vorzeitig, an 
dieser Stelle in die Diskussion der Probleme der hysterischen 
Disposition einzutreten. 



MITTEILUNG EINES DER PSYCHOANALY- 
TISCHEN THEORIE WIDERSPRECHENDEN 
FALLES VON PARANOIA 

Zuerst erschienen in der „Intern. Zeitschr. für 
ärztl. Psychoanalyse" i III, Jtflf, dann in der Vierten 
Folge der „Sammlung kleiner Schriften zur Neu- 
rosenlehre K . 

Vor Jahren ersuchte mich ein bekannter Rechtsanwalt um 
Begutachtung eines Falles, dessen Auffassung ihm zweifelhaft 
erschien. Eine junge Dame hatte sich an ihn gewendet, um 
Schutz gegen die Verfolgungen eines Mannes zu finden, der sie 
zu einem Liebesverhältnis bewogen hatte. Sie behauptete, daß 
dieser Mann ihre Gefügigkeit mißbraucht hatte, um von unge- 
sehenen Zuschauern photographische Aufnahmen ihres zärtlichen 
Beisammenseins herstellen zu lassen; nun läge es in seiner Hand, 
sie durch das Zeigen dieser Bilder zu beschämen und zum 
Aufgeben ihrer Stellung zu zwingen. Der Rechtsfreund war 
erfahren genug, das krankhafte Gepräge dieser Anklage zu erkennen, 
meinte aber, es komme so viel im Leben vor, was man für 
unglaubwürdig halten möchte, daß ihm das Urteil eines Psychiaters 
über die Sache wertvoll wäre. Er versprach, mich ein nächstes 
Mal in Gesellschaft der Klägerin zu besuchen. 

Ehe ich meinen Bericht fortsetze, will ich bekennen, daß ich 
das Milieu der zu untersuchenden Begebenheit zur Unkennt- 
lichkeit verändert habe, aber auch nichts anderes als dies. Ich 
halte es sonst für einen Mißbrauch, aus irgend welchen, wenn 



Mitteilung eines Falles von Paranoia 289 

auch aus den besten Motiven, Züge einer Krankengeschichte in 
der Mitteilung zu entstellen, da man unmöglich wissen kann, 
welche Seite des Falles ein selbständig urteilender Leser heraus- 
greifen wird, und somit Gefahr läuft, diesen letzteren in die Irre 
zu führen. 

Die Patientin, die ich nun bald darauf kennen lernte, war ein 
dreißigjähriges Mädchen von ungewöhnlicher Anmut und Schönheit; 
sie schien viel jünger zu sein, als sie angab, und machte einen 
echt weiblichen Eindruck. Gegen den Arzt benahm sie sich voll 
ablehnend und gab sich keine Mühe, ihr Mißtrauen zu ver- 
bergen. Offenbar nur unter dem Drucke des mitanwesenden 
Rechtsfreundes erzählte sie die folgende Geschichte, die mir ein 
später zu erwähnendes Problem aufgab. Ihre Mienen und Affekt- 
äußerungen verrieten dabei nichts von einer schamhaften 
Befangenheit, wie sie der Einstellung zu dem fremden Zuhörer 
entsprochen hätte. Sie stand ausschließlich unter dem Banne der 
Besorgnis, die sich aus ihrem Erlebnis ergeben hatte. 

Sie war jahrelang Angestellte in einem großen Institut 
gewesen, in dem sie einen verantwortlichen Posten zur eigenen 
Befriedigung und zur Zufriedenheit der Vorgesetzten innehatte. 
Liebesbeziehungen zu Männern hatte sie nie gesucht; sie lebte 
ruhig neben einer alten Mutter, deren einzige Stütze sie war. 
Geschwister fehlten, der Vater war vor vielen Jahren gestorben. 
In der letzten Zeit hatte sich ein männlicher Beamter desselben 
Bureaus ihr genähert, ein sehr gebildeter, einnehmender Mann, 
dem auch sie ihre Sympathie nicht versagen konnte. Eine Heirat 
zwischen ihnen war durch äußere Verhältnisse ausgeschlossen, 
aber der Mann wollte nichts davon wissen, dieser Unmöglichkeit 
wegen den Verkehr aufzugeben. Er hielt ihr vor, wie unsinnig 
es sei, wegen sozialer Konventionen auf alles zu verzichten, was 
sie sich beide wünschten, worauf sie ein unzweifelhaftes Anrecht 
hätten, und was wie nichts anderes zur Erhöhung des Lebens 
beitrüge. Da er versprochen hatte, sie nicht in Gefahr zu bringen, 

Freud, V. 19 



290 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

willigte sie endlich ein, ihn in seiner Junggesellenwohnung bei 
Tage zu besuchen. Dort kam es nun zu Küssen und Umarmungen, 
sie lagerten sich nebeneinander, er bewunderte ihre zum Teil 
enthüllte Schönheit. Mitten in dieser Schäferstunde wurde sie 
durch ein einmaliges Geräusch wie ein Pochen oder Ticken 
erschreckt. Es kam von der Gegend des Schreibtisches her, 
welcher schräg vor dem Fenster stand; der Zwischenraum 
zwischen Tisch und Fenster war zum Teil von einem schweren 
Vorhang eingenommen. Sie erzählte, daß sie den Freund sofort 
nach der Bedeutung des Geräusches gefragt und von ihm die 
Auskunft bekommen hatte, es rühre wahrscheinlich von der 
kleinen, auf dem Schreibtisch befindlichen Stehuhr her; ich werde 
mir aber die Freiheit nehmen, zu diesem Teil ihres Berichts 
später eine Bemerkung zu machen. 

Als sie das Haus verließ, traf sie noch auf der Treppe mit 
zwei Männern zusammen, die bei ihrem Anblick einander etwas 
zuflüsterten. Einer der beiden Unbekannten trug einen verhüllten 
Gegenstand wie ein Kästchen. Die Begegnung beschäftigte ihre 
Gedanken; noch auf dem Heimwege bildete sie die Kombination, 
dies Kästchen könnte leicht ein photographischer Apparat gewesen 
sein, der Mann, der es trug, ein Photograph, der während ihrer 
Anwesenheit im Zimmer hinter dem Vorhang versteckt geblieben 
war, und das Ticken, das sie gehört, das Geräusch des Abdrückens, 
nachdem der Mann die besonders verfängliche Situation heraus- 
gefunden, die er im Bilde festhalten wollte. Ihr Argwohn gegen 
den Geliebten war von da an nicht mehr zum Schweigen zu 
bringen; sie verfolgte ihn mündlich und schriftlich mit der 
Anforderung, ihr Aufklärung und Beruhigung zu geben, und 
mit Vorwürfen, erwies sich aber unzugänglich gegen die Ver- 
sicherungen, die er ihr machte, mit denen er die Aufrichtigkeit 
seiner Gefühle und die Grundlosigkeit ihrer Verdächtigung ver 
trat. Endlich wandte sie sich an den Advokaten, erzählte ihm 
ihr Erlebnis und übergab ihm die Briefe, die sie in dieser 



Mitteilimg eines Falles von Paranoia 



2gi 



Angelegenheit von dem Verdächtigten erhalten hatte. Ich konnte 
später in einige dieser Briefe Einsicht nehmen $ sie machten mir 
den besten Eindruck ; ihr Hauptinhalt war das Bedauern, daß ein 
so schönes, zärtliches Einvernehmen durch diese „unglückselige 
krankhafte Idee" zerstört worden sei. 

Es bedarf wohl keiner Rechtfertigung, daß ich das Urteil des 
Beschuldigten auch zu dem meinigen machte. Aber der Fall 
hatte für mich ein anderes als bloß diagnostisches Interesse. Es 
war in der psychoanalytischen Literatur behauptet worden, daß 
der Paranoiker gegen eine Verstärkung seiner homosexuellen 
Strebungen ankämpft, was im Grunde auf eine narzißtische 
Objektwahl zurückweist. Es war ferner gedeutet worden, daß der 
Verfolger im Grunde der Geliebte oder der ehemals Geliebte sei. 
Aus der Zusammensetzung beider Aufstellungen ergibt sich die 
Forderung, der Verfolger müsse von demselben Geschlecht sein 
wie der Verfolgte. Den Satz von der Bedingtheit der Paranoia 
durch die Homosexualität hatten wir allerdings nicht als allgemein 
und ausnahmslos gültig hingestellt, aber nur darum nicht, weil 
unsere Beobachtungen nicht genug zahlreich waren. Er gehörte 
sonst zu jenen, die infolge gewisser Zusammenhänge nur dann 
bedeutungsvoll sind, wenn sie Allgemeinheit beanspruchen können. 
In der psychiatrischen Literatur fehlte es gewiß nicht an Fällen, 
in denen sich der Kranke von Angehörigen des anderen 
Geschlechtes verfolgt glaubte, aber es blieb ein anderer Eindruck, 
von solchen Fällen zu lesen, als einen derselben selbst vor sich 
zu sehen. Was ich und meine Freunde hatten beobachten und 
analysieren können, hatte bisher die Beziehung der Paranoia zur 
Homosexualität ohne Schwierigkeit bestätigt. Der hier vorgeführte 
Fall sprach mit aller Entschiedenheit dagegen. Das Mädchen 
schien die Liebe zu einem Mann abzuwehren, indem sie den 
Geliebten unmittelbar in den Verfolger verwandelte 5 vom Einfluß 
des Weibes, von einem Sträuben gegen eine homosexuelle Bindung 
war nichts zu finden. 

>9" 



292 



Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 






Bei dieser Sachlage war es wohl das Einfachste, die Partei- 
nahme für eine allgemein gültige Abhängigkeit des Verfolgungs- 
wahnes von der Homosexualität und alles, was sich weiter daran 
knüpfte, wieder aufzugeben. Man mußte wohl auf diese Erkenntnis 
verzichten, wenn man sich nicht etwa durch diese Abweichung 
von der Erwartung bestimmen ließ, sich auf die Seite des 
Rechtsfreundes zu schlagen und wie er ein richtig gedeutetes 
Erlebnis anstatt einer paranoischen Kombination anzuerkennen. 
Ich sah aber einen anderen Ausweg, welcher die Entscheidung 
zunächst hinausschob. Ich erinnerte mich daran, wie oft man in 
die Lage gekommen war, psychisch Kranke falsch zu beurteilen, 
weil man sich nicht eindringlich genug mit ihnen beschäftigt 
und so zu wenig von ihnen erfahren hatte. Ich erklärte also, es 
sei mir unmöglich, heute ein Urteil zu äußern, und bitte sie 
vielmehr, mich ein zweites Mal zu besuchen, um mir die 
Geschichte ausführlicher und mit allen, diesmal vielleicht über- 
gangenen, Nebenumständen zu erzählen. Durch die Vermittlung 
des Advokaten erreichte ich dies Zugeständnis von der sonst 
unwilligen Patientin; er kam mir auch durch die Erklärung zu 
Hilfe, daß bei dieser zweiten Unterredung seine Anwesenheit 
überflüssig sei. 

Die zweite Erzählung der Patientin hob die frühere nicht auf, 
brachte aber solche Ergänzungen, daß alle Zweifel und Schwierig- 
keiten wegfielen. Vor allem, sie hatte den jungen Mann nicht 
einmal, sondern zweimal in seiner Wohnung besucht. Beim 
zweiten Zusammensein ereignete sich die Störung durch das 
Geräusch, an welches sie ihren Verdacht angeknüpft hatte; den 
ersten Besuch hatte sie bei der ersten Mitteilung unterschlagen, 
ausgelassen, weil er ihr nicht mehr bedeutsam vorkam. Bei 
diesem ersten Besuch hatte sich nichts Auffälliges zugetragen, 
wohl aber am Tage nachher. Die Abteilung des großen Unter- 
nehmens, bei welcher sie tätig war, stand unter der Leitung 
einer alten Dame, die sie mit den Worten beschrieb: Sie hat 



. 



Mitteilung eines Falles von Paranoia 293 

weiße Haare wie meine Mutter. Sie war es gewöhnt, von dieser 
alten Vorgesetzten sehr zärtlich behandelt, auch wohl manchmal 
geneckt zu werden, und hielt sich für ihren besonderen Liebling. 
Am Tage nach ihrem ersten Besuch bei dem jungen Beamten 
erschien dieser in den Geschäftsräumen, um der alten Dame 
etwas dienstlich mitzuteilen, und während er leise mit dieser 
sprach, entstand in ihr plötzlich die Gewißheit, er mache ihr 
Mitteilung von dem gestrigen Abenteuer, ja, er unterhalte längst 
ein Verhältnis mit ihr, von dem sie selbst nur bisher nichts 
gemerkt habe. Die weißhaarige, mütterliche Alte wisse nun alles. 
Im weiteren Verlaufe des Tages konnte sie aus dem Benehmen 
und den Äußerungen der Alten diesen ihren Verdacht bekräftigen. 
Sie ergriff die nächste Gelegenheit, den Geliebten wegen seines 
Verrates zur Rede zu stellen. Der sträubte sich natürlich energisch 
gegen das, was er eine unsinnige Zumutung hieß, und es gelang 
ihm in der Tat, sie für diesmal von ihrem Wahn abzubringen, 
so daß sie einige Zeit — ich glaube einige Wochen — später 
vertrauensvoll genug war, den Besuch in seiner Wohnung zu 
wiederholen. Das Weitere ist uns aus der ersten Erzählung der 

Patientin bekannt. 

Was wir neu erfahren haben, macht zunächst dem Zweifel 
an der krankhaften Natur der Verdächtigung ein Ende. Unschwer 
erkennt man, daß die weißhaarige Vorsteherin ein Mutterersatz 
ist daß der geliebte Mann trotz seiner Jugend an die Stelle des 
Vaters gerückt wird, und daß es die Macht des Mutterkomplexes 
ist, welche die Kranke zwingt, ein Liebesverhältnis zwischen den 
beiden ungleichen Partnern, aller Unwahrscheinlichkeit zum Trotze 
anzunehmen. Damit verflüchtigt sich aber auch der anscheinende 
Widerspruch gegen die von der psychoanalytischen Lehre genährte 
Erwartung, eine überstarke homosexuelle Bindung werde sich 
als die Bedingung zur Entwicklung eines Verfolgungswahnes 
herausstellen. Der ursprüngliche Verfolger, die Instanz, deren 
Einfluß man sich entziehen will, ist auch in diesem Falle nicht 



294 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

der Mann, sondern das Weib. Die Vorsteherin weiß von den 
Liebesbeziehungen des Mädchens, mißbilligt sie und gibt ihr 
diese Verurteilung durch geheimnisvolle Andeutungen zu erkennen. 
Die Bindung an das gleiche Geschlecht widersetzt sich den 
Bemühungen, ein Mitglied des anderen Geschlechts zum Liebes- 
objekt zu gewinnen. Die Liebe zur Mutter wird zur Wort- 
führerin all der Strebungen, welche in der Rolle eines „Gewissens" 
das Mädchen bei dem ersten Schritt auf dem neuen, in vielen 
Hinsichten gefährlichen Weg zur normalen Sexualbefriedigung 
zurückhalten wollen, und sie erreicht es auch, die Beziehung 
zum Manne zu stören. 

Wenn die Mutter die Sexualbetätigung der Tochter hemmt 
oder aufhält, so erfüllt sie eine normale Funktion, welche durch 
Kindheitsbeziehungen vorgezeichnet ist, starke, unbewußte Moti- 
vierungen besitzt und die Sanktion der Gesellschaft gefunden hat. 
Sache der Tochter ist es, sich von diesem Einfluß abzulösen und 
sich auf Grund breiter, rationeller Motivierung für ein Maß von 
Gestattung oder Versagung des Sexualgenusses zu entscheiden. 
Verfällt sie bei dem Versuch dieser Befreiung in neurotische 
Erkrankung, so liegt ein in der Regel überstarker, sicherlich aber 
unbeherrschter Mutterkomplex vor, dessen Konflikt mit der neuen 
libidinösen Strömung je nach der verwendbaren Disposition in 
der Form dieser oder jener Neurose erledigt wird. In allen Fällen 
werden die Erscheinungen der neurotischen Reaktion nicht 
durch die gegenwärtige Beziehung zur aktuellen Mutter, sondern 
durch die infantilen Beziehungen zum urzeitlichen Mutterbild 
bestimmt werden. 

Von unserer Patientin wissen wir, daß sie seit langen Jahren 
vaterlos war, wir dürfen auch annehmen, daß sie nicht bis zum 
Alter von dreißig Jahren frei vom Manne geblieben wäre, wenn 
ihr nicht eine starke Gefühlsbindung an die Mutter eine Stütze 
geboten hätte. Diese Stütze wird ihr zur lästigen Fessel, da ihre 
Libido auf den Anruf einer eindringlichen Werbung zum Manne 






Mitteilung eines Falles von Paranoia 295 

zu streben beginnt. Sie sucht sie abzustreifen, sich ihrer homo- 
sexuellen Bindung zu entledigen. Ihre Disposition — von der 
hier nicht die Rede zu sein braucht — gestattet, daß dies in 
der Form der paranoischen Wahnbildung vor sich gehe. Die 
Mutter wird also zur feindseligen, mißgünstigen Beobachterin 
und Verfolgerin. Sie könnte als solche überwunden werden, wenn 
nicht der Mutterkomplex die Macht behielte, die in seiner 
Absicht liegende Fernhaltung vom Manne durchzusetzen. Am 
Ende dieser ersten Phase des Konflikts hat sie sich also der 
Mutter entfremdet und dem Manne nicht angeschlossen. Beide 
konspirieren ja gegen sie. Da gelingt es der kräftigen Bemühung 
des Mannes, sie entscheidend an sich zu ziehen. Sie überwindet 
den Einspruch der Mutter und ist bereit, dem Geliebten eine 
neue Zusammenkunft zu gewähren. Die Mutter kommt in den 
weiteren Geschehnissen nicht mehr vor; wir dürfen aber daran 
festhalten, daß in dieser Phase der geliebte Mann nicht direkt 
zum Verfolger geworden war, sondern auf dem Wege über die 
Mutter und kraft seiner Beziehung zur Mutter, welcher in der 
ersten Wahnbildung die Hauptrolle zugefallen war. 

Man sollte nun glauben, der Widerstand sei endgültig über- 
wunden und das bisher an die Mutter gebundene Mädchen habe 
es erreicht, einen Mann zu lieben. Aber nach dem zweiten 
Beisammensein erfolgt eine neue Wahnbildung, welche es durch 
geschickte Benützung einiger Zufälligkeiten durchsetzt, diese Liebe 
zu verderben, und somit die Absicht des Mutterkomplexes erfolg- 
reich fortführt. Es erscheint uns noch immer befremdlich, daß 
das Weib sich der Liebe zum Manne mit Hilfe eines paranoischen 
Wahnes erwehren sollte. Ehe wir aber dieses Verhältnis näher 
beleuchten, wollen wir den Zufälligkeiten einen Blick schenken, 
auf welche sich die zweite Wahnbildung, die allein gegen den 
Mann gerichtete, stützt. 

Halb entkleidet auf dem Divan neben dem Geliebten liegend 
hört sie ein Geräusch wie ein Ticken, Klopfen, Pochen, dessen 



2g6 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

Ursache sie nicht kennt, das sie aber später deutet, nachdem sie 
auf der Treppe des Hauses zwei Männern begegnet ist, von denen 
einer etwas wie ein verdecktes Kästchen trägt. Sie gewinnt die 
Überzeugung, daß sie im Auftrage des Geliebten während des 
intimen Beisammenseins belauscht und photographiert wurde. Es 
liegt uns natürlich fern zu denken, wenn dies unglückselige 
Geräusch sich nicht ereignet hätte, wäre auch die Wahnbildung 
nicht zustandegekommen. Wir erkennen vielmehr hinter dieser 
Zufälligkeit etwas Notwendiges, was sich ebenso zwanghaft durch- 
setzen mußte wie die Annahme eines Liebesverhältnisses zwischen 
dem geliebten Manne und der alten, zum Mutterersatz erkorenen 
Vorsteherin. Die Beobachtung des Liebesverkehres der Eltern ist 
ein selten vermißtes Stück aus dem Schatze unbewußter Phantasien, 
die man bei allen Neurotikern, wahrscheinlich bei allen Menschen- 
kindern, durch die Analyse auffinden kann. Ich heiße diese 
Phantasiebildungen, die der Beobachtung des elterlichen Geschlechts- 
verkehres, die der Verführung, der Kastration und andere, 
Urphantasien und werde an anderer Stelle deren Herkunft 
sowie ihr Verhältnis zum individuellen Erleben eingehend unter- 
suchen. Das zufällige Geräusch spielt also nur die Rolle einer 
Provokation, welche die typische, im Elternkomplex enthaltene 
Phantasie von der Belauschimg aktiviert. Ja, es ist fraglich, ob 
wir es als ein „zufälliges" bezeichnen sollen. Wie O. Rank mir 
bemerkt hat, ist es vielmehr ein notwendiges Requisit der 
Belauschungsphantasie und wiederholt entweder das Geräusch, 
durch welches sich der Verkehr der Eltern verrät, oder auch das, 
wodurch sich das lauschende Kind zu verraten fürchtet. Nun 
erkennen wir aber mit einem Male, auf welchem Boden wir 
uns befinden. Der Geliebte ist noch immer der Vater, an Stelle 
der Mutter ist sie selbst getreten. Die Belauschung muß dann 
einer fremden Person zugeteilt werden. Es wird uns ersichtlich, 
auf welche Weise sie sich von der homosexuellen Abhängigkeit 
von der Mutter freigemacht hat. Durch ein Stückchen Regression 5 






Mitteilung eines Falles von Paranoia 297 



anstatt die Mutter zum Liebesobjekt zu nehmen, hat sie sich 
mit ihr identifiziert, ist sie selbst zur Mutter geworden. Die 
Möglichkeit dieser Regression weist auf den narzißtischen Ursprung 
ihrer homosexuellen Objektwahl und somit auf die bei ihr 
vorhandene Disposition zur paranoischen Erkrankung hin. Man 
könnte einen Gedankengang entwerfen, der zu demselben Ergebnis 
führt wie diese Identifizierung: Wenn die Mutter das tut, darf 
ich es auch; ich habe dasselbe Recht wie die Mutter. 

Man kann in der Aufhebung der Zufälligkeiten einen Schritt 
weiter gehen, ohne zu fordern, daß ihn der Leser mitmache, 
denn das Unterbleiben einer tieferen analytischen Untersuchung 
macht es in unserem Falle unmöglich, hier über eine gewisse 
Wahrscheinlichkeit hinauszukommen. Die Kranke hatte in unserer 
ersten Besprechung angegeben, daß sie sich sofort nach der 
Ursache des Geräusches erkundigt und die Auskunft erhalten habe, 
wahrscheinlich habe die auf dem Schreibtisch befindliche kleine 
Standuhr getickt. Ich nehme mir die Freiheit, diese Mitteilung 
als eine Erinnerungstäuschung aufzulösen. Es ist mir viel glaub- 
hafter daß sie zunächst jede Reaktion auf das Geräusch unter- 
lassen und daß ihr dies erst nach dem Zusammentreffen mit den 
beiden Männern auf der Treppe bedeutungsvoll erschienen ist. 
Den Erklärungsversuch aus dem Ticken der Uhr wird der Mann, 
der das Geräusch vielleicht überhaupt nicht gehört hatte, spater 
einmal gewagt haben, als ihn der Argwohn des Mädchens 
bestürmte. „Ich weiß nicht, was du da gehört haben kannst; 
vielleicht hat gerade die Standuhr getickt, wie sie es manchmal 
tut." Solche Nachträglichkeit in der Verwertung von Eindrücken 
und solche Verschiebung in der Erinnerung sind gerade bei der 
Paranoia häufig und für sie charakteristisch. Da ich aber den 
Mann nie gesprochen habe und die Analyse des Mädchens nicht 
fortsetzen konnte, bleibt meine Annahme unbeweisbar. 

Ich könnte es wagen, in der Zersetzung der angeblich realen 
„Zufälligkeit" noch weiter zu gehen. Ich glaube überhaupt nicht, 



2 9& Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 






daß die Standuhr getickt hat, oder daß ein Geräusch zu hören 
war. Die Situation, in der sie sich befand, rechtfertigte eine 
Empfindung von Pochen oder Klopfen an der Klitoris. Dies war 
es dann, was sie nachträglich als Wahrnehmung von einem 
äußeren Objekt hinausprojizierte. Ganz Ähnliches ist im Traume 
möglich. Eine meiner hysterischen Patientinnen berichtete ein- 
mal einen kurzen Wecktraum, zu dem sich kein Material von 
Einfällen ergeben wollte. Der Traum hieß: Es klopft, und sie 
wachte auf. Es hatte niemand an die Tür geklopft, aber sie war 
in den Nächten vorher durch die peinlichen Sensationen von 
Pollutionen geweckt worden und hatte nun ein Interesse daran, 
zu erwachen, sobald sich die ersten Zeichen der Genitalerregung 
einstellten. Es hatte an der Klitoris geklopft. Den nämlichen 
Projektionsvorgang möchte ich bei unserer Paranoika an die 
Stelle des zufälligen Geräusches setzen. Ich werde selbstverständlich 
nicht dafür einstehen, daß mir die Kranke bei einer flüchtigen 
Bekanntschaft unter allen Anzeichen eines ihr unliebsamen 
Zwanges einen aufrichtigen Bericht über die Vorgänge bei den 
beiden zärtlichen Zusammenkünften gegeben, aber die vereinzelte 
Klitoriskontraktion stimmt wohl zu ihrer Behauptung, daß eine 
Vereinigung der Genitalien dabei nicht stattgefunden habe. An 
der resultierenden Ablehnung des Mannes hat sicherlich neben 
dem „Gewissen" auch die Unbefriedigung ihren Anteil. 

Wir kehren nun zu der auffälligen Tatsache zurück, daß sich 
die Kranke der Liebe zum Manne mit Hilfe einer paranoischen 
Wahnbildung erwehrt. Den Schlüssel zum Verständnis gibt die 
Entwicklungsgeschichte dieses Wahnes. Dieser richtete sich 
ursprünglich, wie wir erwarten durften, gegen das Weib, aber 
nun wurde auf dem Boden der Paranoia der Fort- 
schritt vom Weibe zum Manne als Objekt voll- 
zogen. Ein solcher Fortschritt ist bei der Paranoia nicht 
gewöhnlich; wir finden in der Regel, daß der Verfolgte an den- 
selben Personen, also auch an demselben Geschlecht, fixiert bleibt, 



Mitteilung eines Falles von Paranoia sgg 

dem seine Liebeswahl vor der paranoischen Umwandlung galt. 
Aber er wird durch die neurotische Affektion nicht ausgeschlossen $ 
unsere Beobachtung dürfte für viele andere vorbildlich sein. Es 
gibt außerhalb der Paranoia viele ähnliche Vorgänge, welche 
bisher nicht unter diesem Gesichtspunkte zusammengefaßt worden 
sind, darunter sehr allgemein bekannte. So wird z. B. der soge- 
nannte Neurastheniker durch seine unbewußte Bindung an 
inzestuöse Liebesobjekte davon abgehalten, ein fremdes Weib 
zum Objekt zu nehmen, und in seiner Sexualbetätigung auf die 
Phantasie eingeschränkt. Auf dem Boden der Phantasie bringt er 
aber den ihm versagten Fortschritt zustande und kann Mutter 
und Schwester durch fremde Objekte ersetzen. Da bei diesen der 
Einspruch der Zensur entfallt, wird ihm die Wahl dieser Ersatz- 
personen in seinen Phantasien bewußt. 

Die Phänomene des versuchten Fortschrittes, von dem neuen 
meist regressiv erworbenen Boden her, stellen sich den Bemühungen 
zur Seite, welche bei manchen Neurosen unternommen werden, 
um eine 'bereits innegehabte, aber verlorene Position der Libido 
wieder zu gewinnen. Die beiden Reihen von Erscheinungen sind 
begrifflich kaum voneinander zu trennen. Wir neigen allzusehr 
zu der Auffassung, daß der Konflikt, welcher der Neurose zu- 
grunde liegt, mit der Symptombildung abgeschlossen sei. In 
Wirklichkeit geht der Kampf vielfach auch nach der Symptom- 
bildung weiter. Auf beiden Seiten tauchen neue Triebanteile auf, 
welche ihn fortführen. Das Symptom selbst wird zum Objekt 
dieses Kampfes; Strebungen, die es behaupten wollen, messen 
sich mit anderen, die seine Aufhebung und die Herstellung des 
früheren Zustandes durchzusetzen bemüht sind. Häufig werden 
Wege gesucht, um das Symptom zu entwerten, indem man das 
Verlorene und durch das Symptom Versagte von anderen Zugängen 
her zu gewinnen trachtet. Diese Verhältnisse werfen ein klärendes 
Licht auf eine Aufstellung von C. G. Jung, demzufolge eine 
eigentümliche psychische Trägheit, die sich der Veränderung und 



>oo Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



dem Fortschritt widersetzt, die Grundbedingung der Neurose ist. 
Diese Trägheit ist in der Tat sehr eigentümlich; sie ist keine 
allgemeine, sondern eine höchst spezialisierte, sie ist auch auf 
ihrem Gebiete nicht Alleinherrscherin, sondern kämpft mit Fort- 
schritts- und Wiederherstellungstendenzen, die sich selbst nach 
der Symptombildung der Neurose nicht beruhigen. Spürt man 
dem Ausgangspunkte dieser speziellen Trägheit nach, so enthüllt 
sie sich als die Äußerung von sehr frühzeitig erfolgten, sehr 
schwer lösbaren Verknüpfungen von Trieben mit Rindrücken und 
den in ihnen gegebenen Objekten, durch welche die Weiter- 
entwicklung dieser Triebanteile zum Stillstand gebracht wurde. 
Oder, um es anders zu sagen, diese spezialisierte „psychische 
Trägheit" ist nur ein anderer, kaum ein besserer, Ausdruck für 
das, was wir in der Psychoanalyse eine Fixierung zu nennen 
gewohnt sind. 



DIE PSYCHOGENE SEHSTÖRUNG IN PSYCHO- 
ANALYTISCHER AUFFASSUNG 

Zuerst erschienen in der „Arztlichen Standes- 
zeitung", Wim, Ipio (Festnwnmer für Professor 
L. Königstein), dann in der Dritten Folge der 
„Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre". 

Meine Herren Kollegen! Ich möchte Ihnen an dem Beispiel 
der psychogenen Sehstörung zeigen, welche Veränderungen unsere 
Auffassung von der Genese solcher Leiden unter dem Einflüsse 
der psychoanalytischen Untersuchungsmethode erfahren hat. Sie 
wissen, man nimmt die hysterische Blindheit als den Typus einer 
psychogenen Sehstörung an. Die Genese einer solchen glaubt 
man nach den Untersuchungen der französischen Schule eines 
Charcot, Jan et, Binet zu kennen. Man ist ja imstande, eine 
solche Blindheit experimentell zu erzeugen, wenn man eine des 
Somnambulismus fähige Person zur Verfügung hat. Versetzt man 
diese in tiefe Hypnose und suggeriert ihr die Vorstellung, sie 
sehe mit dem einen Auge nichts, so benimmt sie sich tatsächlich 
wie eine auf diesem Auge Erblindete, wie eine Hysterika mit 
spontan entwickelter Sehstörung. Man darf also den Mechanismus 
der spontanen hysterischen Sehstörung nach dem Vorbild der 
suggerierten hypnotischen konstruieren. Bei der Hysterika entsteht 
die Vorstellung, blind zu sein, nicht aus der Eingebung des 
Hypnotiseurs, sondern spontan, wie man sagt, durch Autosuggestion, 
und diese Vorstellung ist in beiden Fällen so stark, daß sie sich 
in Wirklichkeit umsetzt, ganz ähnlich wie eine suggerierte 
Halluzination, Lähmung und dergleichen. 



5 02 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



Das klingt ja vollkommen verläßlich und muß jeden befriedigen, 
der sich über die vielen, hinter den Begriffen Hypnose, Suggestion 
und Autosuggestion versteckten Rätselhaftigkeiten hinwegsetzen 
kann. Insbesondere die Autosuggestion gibt Anlaß zu weiteren 
Fragen. Wann, unter welchen Bedingungen wird eine Vorstellung 
so stark, daß sie sich wie eine Suggestion benehmen und ohne 
weiteres in Wirklichkeit umsetzen kann? Eingehendere Unter- 
suchungen haben da gelehrt, daß man diese Frage nicht beant- 
worten kann, ohne den Begriff des „Unbewußten" zu Hilfe zu 
nehmen. Viele Philosophen sträuben sich gegen die Annahme 
eines solchen seelischen Unbewußten, weil sie sich um die 
Phänomene nicht gekümmert haben, die zu seiner Aufstellung 
nötigen. Den Psychopathologen ist es unvermeidlich geworden, 
mit unbewußten seelischen Vorgängen, unbewußten Vorstellungen 
und dergleichen zu arbeiten. 

Sinnreiche Versuche haben gezeigt, daß die hysterisch Blinden 
doch in gewissem Sinne sehen, wenn auch nicht im vollen Sinne. 
Die Erregungen des blinden Auges können doch gewisse psychische 
Folgen haben, z. B. Affekte hervorrufen, obgleich sie nicht bewußt 
werden. Die hysterisch Blinden sind also nur fürs Bewußtsein 
blind, im Unbewußten sind sie sehend. Es sind gerade Erfahrungen 
dieser Art, die uns zur Sonderung von bewußten und unbewußten 
seelischen Vorgängen nötigen. Wie kommt es, daß sie die unbe- 
wußte „Autosuggestion", blind zu sein, entwickeln, während sie 
doch im Unbewußten sehen? 

Auf diese weitere Frage antwortet die Forschung der Franzosen 
mit der Erklärung, daß bei den zur Hysterie disponierten Kranken 
von vornherein eine Neigung zur Dissoziation — zur Auflösung 
des Zusammenhanges im seelischen Geschehen — bestehe, in 
deren Folge manche unbewußte Vorgänge sich nicht zum 
Bewußten fortsetzen. Lassen wir nun den Wert dieses Erklärungs- 
versuches für das Verständnis der behandelten Erscheinungen ganz 
außer Betracht und wenden wir uns einem anderen Gesichts- 



Die psychogene Sehstörung in psychoanalytischer Auffassung 303 

punkte zu. Sie sehen doch ein, meine Herren, daß die anfänglich 
betonte Identität der hysterischen Blindheit mit der durch 
Suggestion hervorgerufenen wieder aufgegeben ist. Die Hysterischen 
sind nicht infolge der autosuggestiven Vorstellung, daß sie nicht 
sehen, blind, sondern infolge der Dissoziation zwischen unbewußten 
und bewußten Prozessen im Sehakt; ihre Vorstellung, nicht zu 
sehen, ist der berechtigte Ausdruck des psychischen Sachverhalts 
und nicht die Ursache desselben. 

Meine Herren ! Wenn Sie der vorstehenden Darstellung Unklarheit 
zum Vorwurf machen, so wird es mir nicht leicht werden, sie 
zu verteidigen. Ich habe versucht, Ihnen eine Synthese aus den 
Ansichten verschiedener Forscher zu geben und dabei wahrschein- 
lich die Zusammenhänge zu straff angezogen. Ich wollte die 
Begriffe, denen man das Verständnis der psychogenen Störungen 
unterworfen hat: die Entstehung aus übermächtigen Ideen, die 
Unterscheidung bewußter von unbewußten seelischen Vorgängen 
und die Annahme der seelischen Dissoziation, zu einer einheit- 
lichen Komposition verdichten, und dies konnte mir ebensowenig 
gelingen, wie es den französischen Autoren, an ihrer Spitze 
P. J a n e t, gelungen ist. Verzeihen Sie mir also nebst der Unklarheit 
auch die Untreue meiner Darstellung und lassen Sie sich erzählen, 
wie uns die Psychoanalyse zu einer in sich besser gefestigten 
und wahrscheinlich lebenswahreren Auffassung der psychogenen 
Sehstörungen geführt hat. 

Die Psychoanalyse akzeptiert ebenfalls die Annahmen der Dis- 
soziation und des Unbewußten, setzt sie aber in eine andere 
Beziehung zueinander. Sie ist eine dynamische Auffassung, die 
das seelische Leben auf ein Spiel von einander fördernden und 
hemmenden Kräften zurückführt. Wenn in einem Falle eine 
Gruppe von Vorstellungen im Unbewußten verbleibt, so schließt 
sie nicht auf eine konstitutionelle Unfähigkeit zur Synthese, die 
sich gerade in dieser Dissoziation kundgibt, sondern behauptet, 
daß ein aktives Sträuben anderer Vorstellungsgruppen die Iso- 



304 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



lierung und Unbewußtheit der einen Gruppe verursacht hat. 
Den Prozeß, der ein solches Schicksal für die eine Gruppe her- 
beiführt, heißt sie „Verdrängung" und erkennt in ihm etwas 
Analoges, wie es auf logischem Gebiete die Urteilsverwerfung 
ist. Sie weist nach, daß solche Verdrängungen eine außerordent- 
lich wichtige Rolle in unserem Seelenleben spielen, daß sie 
dem Individuum auch häufig mißlingen können, und daß das 
Mißlingen der Verdrängung die Vorbedingung der Symptom- 
bildung ist. 

Wenn also die psychogene Sehstörung, wie wir gelernt haben, 
darauf beruht, daß gewisse, an das Sehen geknüpfte Vorstellungen 
vom Bewußtsein abgetrennt bleiben, so muß die psychoanalytische 
Denkweise annehmen, diese Vorstellungen seien in einen Gegen- 
satz zu anderen, stärkeren getreten, für die wir den jeweilig 
anders zusammengesetzten Sammelbegriff des „Ichs" verwenden, 
und seien darum in die Verdrängung geraten. Woher soll aber 
ein solcher, zur Verdrängung auffordernder Gegensatz zwischen 
dem Ich und einzelnen Vorstellungsgruppen rühren? Sie merken 
wohl, daß diese Fragestellung vor der Psychoanalyse nicht möglich 
war, denn vorher wußte man nichts vom psychischen Konflikt 
und von der Verdrängung. Unsere Untersuchungen haben uns 
nun in den Stand gesetzt, die verlangte Antwort zu geben. Wir 
sind auf die Bedeutung der Triebe für das Vorstellungsleben auf- 
merksam geworden; wir haben erfahren, daß sich jeder Trieb 
durch die Belebung der zu seinen Zielen passenden Vorstellungen 
zur Geltung zu bringen sucht. Diese Triebe vertragen sich nicht 
immer miteinander $ sie geraten häufig in einen Konflikt der 
Interessen; die Gegensätze der Vorstellungen sind nur der Aus- 
druck der Kämpfe zwischen den einzelnen Trieben. Von ganz 
besonderer Bedeutung für unseren Erklärungsversuch ist der 
unleugbare Gegensatz zwischen den Trieben, welche der Sexualität, 
der Gewinnung sexueller Lust, dienen, und den anderen, welche 
die Selbsterhaltung des Individuums zum Ziele haben, den Ich- 



Die psychogene Sehstörung in psychoanalytischer Auffassung 305 

trieben. Als „Hunger" oder als „Liebe" können wir nach den 
Worten des Dichters alle in unserer Seele wirkenden organischen 
Triebe klassifizieren. Wir haben den „Sexualtrieb" von seinen 
ersten Äußerungen beim Kinde bis zur Erreichung der als „normal" 
bezeichneten Endgestaltung verfolgt und gefunden, daß er aus 
zahlreichen „Partialtrieben" zusammengesetzt ist, die an den 
Erregungen von Körperregionen haften; wir haben eingesehen, 
daß diese Einzeltriebe eine komplizierte Entwicklung durchmachen 
müssen, ehe sie sich in zweckmäßiger Weise den Zielen der 
Fortpflanzung einordnen können. Die psychologische Beleuchtung 
unserer Kulturentwicklung hat uns gelehrt, daß die Kultur 
wesentlich auf Kosten der sexuellen Partialtriebe entsteht, daß 
diese unterdrückt, eingeschränkt, umgebildet, auf höhere Ziele 
gelenkt werden müssen, um die kulturellen seelischen Konstruktionen 
herzustellen. Als wertvolles Ergebnis dieser Untersuchungen konnten 
wir erkennen, was uns die Kollegen noch nicht glauben wollen, 
daß die als „Neurosen" bezeichneten Leiden der Menschen auf 
die mannigfachen Weisen des Mißglückens dieser Umbildungs- 
vorgänge an den sexuellen Partialtrieben zurückzuführen sind. 
Das „Ich" fühlt sich durch die Ansprüche der sexuellen Triebe 
bedroht und erwehrt sich ihrer durch Verdrängungen, die aber 
nicht immer den erwünschten Erfolg haben, sondern bedrohliche 
Ersatzbildungen des Verdrängten und lästige Reaktionsbildungen 
des Ichs zur Folge haben. Aus diesen beiden Klassen von 
Phänomenen setzt sich zusammen, was wir die Symptome der 
Neurosen heißen. 

Wir sind von unserer Aufgabe anscheinend weit abgeschweift, 
haben aber dabei die Verknüpfung der neurotischen Krankheits- 
zustände mit unserem gesamten Geistesleben gestreift. Gehen wir 
jetzt zu unserem engeren Problem zurück. Den sexuellen wie den 
Ichtrieben stehen im allgemeinen die nämlichen Organe und 
Organsysteme zur Verfügung. Die sexuelle Lust ist nicht bloß an 
die Funktion der Genitalien geknüpft; der Mund dient dem 

F r e u d. V. M 



506 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

Küssen ebensowohl wie dem Essen und der sprachlichen Mit- 
teilung, die Augen nehmen nicht nur die für die Lebenserhaltung 
wichtigen Veränderungen der Außenwelt wahr, sondern auch die 
Eigenschaften der Objekte, durch welche diese zu Objekten der 
Liebeswahl erhoben werden, ihre „Reize". Es bewahrheitet sich 
nun, daß es für niemand leicht wird, zweien Herren zugleich zu 
dienen. In je innigere Beziehung ein Organ mit solch doppel- 
seitiger Funktion zu dem einen der großen Triebe tritt, desto 
mehr verweigert es sich dem anderen. Dies Prinzip muß zu 
pathologischen Konsequenzen führen, wenn sich die beiden Grund- 
triebe entzweit haben, wenn von Seiten des Ichs eine Verdrängung 
gegen den betreffenden sexuellen Partialtrieb unterhalten wird. 
Die Anwendung auf das Auge und das Sehen ergibt sich leicht. 
Wenn der sexuelle Partialtrieb, der sich des Schauens bedient, 
die sexuelle Schaulust, wegen seiner übergroßen Ansprüche die 
Gegenwehr der Ichtriebe auf sich gezogen hat, so daß die Vor- 
stellungen, in denen sich sein Streben ausdrückt, der Verdrängung 
verfallen und vom Bewußtwerden abgehalten werden, so ist damit 
die Beziehung des Auges und des Sehens zum Ich und zum 
Bewußtsein überhaupt gestört. Das Ich hat seine Herrschaft über 
das Organ verloren, welches sich nun ganz dem verdrängten 
sexuellen Trieb zur Verfügung stellt. Es macht den Eindruck, 
als ginge die Verdrängung von seiten des Ichs zu weit, als 
schüttete sie das Kind mit dem Bade aus, indem das Ich jetzt 
überhaupt nichts mehr sehen will, seitdem sich die sexuellen 
Interessen im Sehen so sehr vorgedrängt haben. Zutreffender 
ist aber wohl die andere Darstellung, welche die Aktivität nach 
der Seite der verdrängten Schaulust verlegt. Es ist die Rache, 
die Entschädigung des verdrängten Triebes, daß er, von weiterer 
psychischer Entfaltung abgehalten, seine Herrschaft über das ihm 
dienende Organ nun zu steigern vermag. Der Verlust der bewußten 
Herrschaft über das Organ ist die schädliche Ersatzbildung für die 
mißglückte Verdrängung, die nur um diesen Preis ermöglicht war. 



Die psychogene Sehstörung in psychoanalytischer Auffassung 507 

Deutlicher noch als am Auge ist diese Beziehung des zwei- 
fach in Anspruch genommenen Organs zum bewußten Ich und 
zur verdrängten Sexualität an den motorischen Organen ersichtlich, 
wenn z. B. die Hand hysterisch gelähmt wird, die eine sexuelle 
Aggression ausführen wollte, und nach deren Hemmung nichts 
anderes mehr tun kann, gleichsam als bestünde sie eigensinnig 
auf der Ausführung der einen verdrängten Innervation, oder 
wenn die Finger von Personen, welche der Masturbation entsagt 
haben, sich weigern, das feine Bewegungsspiel, welches am Klavier 
oder an der Violine erfordert wird, zu erlernen. Für das Auge 
pflegen wir die dunkeln psychischen Vorgänge bei der Verdrängung 
der sexuellen Schaulust und bei der Entstehung der psychogenen 
Sehstörung so zu übersetzen, als erhöbe sich in dem Individuum 
eine strafende Stimme, welche sagte: „Weil du dein Sehorgan 
zu böser Sinneslust mißbrauchen wolltest, geschieht es dir ganz 
recht, wenn du überhaupt nichts mehr siehst", und die so den 
Ausgang des Prozesses billigte. Es liegt dann die Idee der Talion 
darin, und unsere Erklärung der psychogenen Sehstörung ist 
eigentlich mit jener zusammengefallen, die von der Sage, dem 
Mythus, der Legende dargeboten wird. In der schönen Sage von 
der Lady Godiva verbergen sich alle Einwohner des Städtchens 
hinter ihren verschlossenen Fenstern, um der Dame die Aufgabe, 
bei hellem Tageslichte nackt durch die Straßen zu reiten, zu 
erleichtern. Der einzige, der durch die Fensterläden nach der 
entblößten Schönheit späht, wird gestraft, indem er erblindet. Es 
ist dies übrigens nicht das einzige Beispiel, welches uns ahnen 
läßt, daß die Neurotik auch den Schlüssel zur Mythologie in 
sich birgt. 

Meine Herren, man macht der Psychoanalyse mit Unrecht 
den Vorwurf, daß sie zu rein psychologischen Theorien der 
krankhaften Vorgänge führe. Schon die Betonung der pathogenen 
Rolle der Sexualität, die doch gewiß kein ausschließlich psychischer 
Faktor ist, sollte sie gegen diesen Vorwurf schützen. Die Psycho- 

20» 



508 .arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

analyse vergißt niemals, daß das Seelische auf dem Organischen 
ruht, wenngleich ihre Arbeit es nur bis zu dieser Grundlage und 
nicht darüber hinaus verfolgen kann. So ist die Psychoanalyse 
auch bereit zuzugeben, ja zu postulieren, daß nicht alle funktionellen 
Sehstörungen psychogen sein können wie die durch Verdrängung 
der erotischen Schaulust hervorgerufenen. Wenn ein Organ, 
welches beiderlei Trieben dient, seine erogene Rolle steigert, so 
ist ganz allgemein zu erwarten, daß dies nicht ohne Veränderungen 
der Erregbarkeit und der Innervation abgehen wird, die sich bei 
der Funktion des Organs im Dienste des Ichs als Störungen kund- 
geben werden. Ja, wenn wir sehen, daß ein Organ, welches 
sonst der Sinneswahrnehmung dient, sich bei Erhöhung seiner 
erogenen Rolle geradezu wie ein Genitale gebärdet, werden wir 
auch toxische Veränderungen in demselben nicht für unwahr- 
scheinlich halten. Für beide Arten von Funktionsstörungen infolge 
der gesteigerten erogenen Bedeutung, die physiologischen wie 
die toxischen Ursprunges, wird man, in Ermangelung eines 
besseren, den alten, unpassenden Namen „neurotische" Störungen 
beibehalten müssen. Die neurotischen Störungen des Sehens 
verhalten sich zu den psychogenen wie ganz allgemein die 
Aktualneurosen zu den Psychoneurosen; psychogene Sehstörungen 
werden wohl kaum jemals ohne neurotische vorkommen können, 
wohl aber letztere ohne jene. Leider sind diese „neurotischen" 
Symptome heute noch sehr wenig gewürdigt und verstanden, 
denn der Psychoanalyse sind sie nicht unmittelbar zugänglich 
und die anderen Untersuchungsweisen haben den Gesichtspunkt 
der Sexualität außer acht gelassen. 

Von der Psychoanalyse zweigt noch ein anderer, in die 
organische Forschung reichender Gedankengang ab. Man kann 
sich die Frage vorlegen, ob die durch die Lebenseinflüsse erzeugte 
Unterdrückung sexueller Partialtriebe für sich allein hinreicht, 
die Funktionsstörungen der Organe hervorzurufen, oder ob nicht 
besondere konstitutionelle Verhältnisse vorliegen müssen, welche 



Die psychogene Sehstörung in psychoanalytischer Auffassung 309 
_ 

erst die Organe zur Übertreibung ihrer erogenen Rolle veran- 
lassen und dadurch die Verdrängung der Triebe provozieren. In 
diesen Verhältnissen müßte man den konstitutionellen Anteil der 
Disposition zur Erkrankung an psychogenen und neurotischen 
Störungen erblicken. Es ist dies jenes Moment, welches ich bei 
der Hysterie vorläufig als „somatisch es Ent gegenkommen" der 
Organe bezeichnet habe. 






EINE BEZIEHUNG ZWISCHEN EINEM SYMBOL 
UND EINEM SYMPTOM 

Erschien zuerst in der „Internal. Zcitschr. für 
ärztl. Psychoanalyse 11 , IV, T$l6, dann in der 
Vierten Folge der ^Sammlung kleiner Schriften zur 
Neurosen leh re u . 

Der Hut als Symbol des Genitales, vorwiegend des männlichen, 
ist durch die Erfahrung der Traumanalysen hinreichend sicher- 
gestellt. Man kann aber nicht behaupten, daß dieses Symbol zu 
den begreiflichen gehört. In Phantasien wie in mannigfachen 
Symptomen erscheint auch der Kopf als Symbol des männlichen 
Genitales, oder wenn man will, als Vertretung desselben. Mancher 
Analytiker wird bemerkt haben, daß seine zwangsleidenden 
Patienten ein Maß von Abscheu und Entrüstung gegen die Strafe 
des Köpfens äußern wie weitaus gegen keine andere Todesart, 
und wird sich veranlaßt gesehen haben, ihnen zu erklären, daß 
sie das Geköpftwerden wie einen Ersatz des Kastriertwerdens 
behandeln. Wiederholt sind Träume jugendlicher Personen oder 
aus jungen Jahren analysiert und auch mitgeteilt worden, die 
das Thema der Kastration betrafen, und in denen von einer 
Kugel die Rede war, welche man als den Kopf des Vaters deuten 
mußte. Ich habe kürzlich ein Zeremoniell vor dem Einschlafen 
auflösen können, in dem es vorgeschrieben war, daß das kleine 
Kopfpolster rautenförmig auf den anderen Polstern liegen und 
der Kopf der Schlafenden genau im langen Durchmesser der 
Raute ruhen sollte. Die Raute hatte die bekannte, aus Mauer- 



I 






1 



Eine Beziehung zwischen einem Symbol und einem Symptom 511 

Zeichnungen vertraute Bedeutung, der Kopf sollte ein männliches 

Glied darstellen. 

Es könnte nun sein, daß die Symbolbedeutung des Hutes sich 
aus der des Kopfes ableitet, insofern der Hut als ein fortgesetzter, 
aber abnehmbarer Kopf betrachtet werden kann. In diesem 
Zusammenhange erinnerte ich mich eines Symptoms der Zwangs- 
neurotiker, aus dem sich diese Kranken eine hartnäckige Quälerei 
zu bereiten wissen. Sie lauern auf der Straße unausgesetzt 
darauf, ob sie ein Bekannter zuerst durch Hutabnehmen gegrüßt 
hat, oder ob er auf ihren Gruß zu warten scheint, und verzichten 
auf eine Anzahl von Beziehungen, indem sie die Entdeckung 
machen, daß der Betreffende sie nicht mehr grüßt oder ihren 
Gruß nicht ordentlich erwidert. Sie finden solcher Grußschwierig- 
keiten, die sie nach Stimmung und Belieben aufgreifen, kein 
Ende. ' Es ändert an diesem Verhalten auch nichts, wenn man 
ihnen vorhält, was sie ohnedies alle wissen, daß der Gruß durch 
Hutabnehmen eine Erniedrigung vor dem Begrüßten bedeutet, 
daß z- B. ein Grande von Spanien das Vorrecht genoß, in Gegen- 
wart des Königs bedeckten Hauptes zu bleiben, und daß ihre 
Grußempfindlichkeit also den Sinn hat, sich nicht geringer dar- 
zustellen, als der andere sich dünkt. Die Resistenz ihrer Empfind- 
lichkeit gegen solche Aufklärung läßt die Vermutung zu, daß 
m an die Wirkung eines dem Bewußtsein weniger gut bekannten 
Motivs vor sich hat, und die Quelle dieser Verstärkung 
könnte leicht in der Beziehung zum Kastrationskomplex gefunden 
werden. 



ÜBER DIE PSYCHOGENESE EINES FALLES 
VON WEIBLICHER HOMOSEXUALITÄT 

Erschien zuerst in der „Internationalen Zeitschrift 
für Psychoanalyse«, VI, 1920, dann in der Fünften 
Folge der „Sammlung kleiner Schriften zur Neurosen- 
lehre". 



Die weibliche Homosexualität, gewiß nicht weniger häufig als 
die männliche, aber doch weit weniger lärmend als diese, ist 
nicht nur vom Strafgesetz übergangen, sondern auch von der 
psychoanalytischen Forschung vernachlässigt worden. Die Mit- 
teilung eines einzelnen, nicht allzu grellen Falles, in dem es möglich 
wurde, dessen psychische Entstehungsgeschichte fast lückenlos 
und mit voller Sicherheit zu erkennen, mag daher einen gewissen 
Anspruch auf Beachtung erheben. Wenn die Darstellung nur die 
allgemeinsten Umrisse der Geschehnisse und die aus dem Falle 
gewonnenen Einsichten bringt und alle charakteristischen Einzel- 
heiten unterschlägt, auf denen die Deutung ruht, so ist diese 
Einschränkung durch die von einem frischen Fall geforderte 
ärztliche Diskretion leicht erklärlich. 

Ein achtzehnjähriges, schönes und kluges Mädchen aus sozial 
hochstehender Familie hat das Mißfallen und die Sorge seiner 
Eltern durch die Zärtlichkeit erweckt, mit der sie eine etwa zehn 
Jahre ältere Dame „aus der Gesellschaft" verfolgt. Die Eltern 
behaupten, daß diese Dame trotz ihres vornehmen Namens nichts 
anderes sei als eine Kokotte. Es sei von ihr bekannt, daß sie bei 



Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität 515 

einer verheirateten Freundin lebt, mit der sie intime Beziehungen 
unterhält, während sie gleichzeitig in lockeren Liebesverhältnissen 
zu einer Anzahl von Männern steht. Das Mädchen bestreitet 
diese üble Nachrede nicht, läßt sich aber durch sie in der 
Verehrung der Dame nicht beirren, obwohl es ihr an Sinn für 
das Schickliche und Reinliche keineswegs gebricht. Kein Verbot 
und keine Überwachung hält sie ab, jede der spärlichen Gelegen- 
heiten zum Beisammensein mit der Geliebten auszunützen, alle 
ihre Lebensgewohnheiten auszukundschaften, stundenlang vor 
ihrem Haustor oder an Trambahnhaltestellen auf sie zu warten, 
ihr Blumen zu schicken u. dgl. Es ist offenkundig, daß dies eine 
Interesse bei dem Mädchen alle anderen verschlungen hat. Sie 
kümmert sich nicht um ihre weitere Ausbildung, legt keinen 
Wert auf gesellschaftlichen Verkehr und mädchenhafte Vergnügungen 
und hält nur den Umgang mit einigen Freundinnen aufrecht, 
die ihr als Vertraute oder als Helferinnen dienen können. Wie 
weit es zwischen ihrer Tochter und jener zweifelhaften Dame 
gekommen ist, ob die Grenzen einer zärtlichen Schwärmerei 
bereits überschritten worden sind, wissen die Eltern nicht. Ein 
Interesse für junge Männer und Wohlgefallen an deren Huldigungen 
haben sie an dem Mädchen nie bemerkt; dagegen sind sie sich 
klar darüber, daß diese gegenwärtige Neigung für eine Frau nur 
in erhöhtem Maße fortsetzt, was sich in den letzten Jahren für 
andere weibliche Personen angezeigt und den Argwohn sowie die 
Strenge des Vaters wachgerufen hatte. 

Zwei Stücke ihres Benehmens, scheinbar einander gegensätzlich, 
wurden dem Mädchen von den Eltern am stärksten verübelt. 
Daß sie keine Bedenken trug, sich öffentlich in belebten Straßen 
mit der anrüchigen Geliebten zu zeigen und also die Rücksicht 
auf ihren eigenen Ruf vernachlässigte, und daß sie kein Mittel 
der Täuschung, keine Ausrede und keine Lüge verschmähte, um 
die Zusammenkünfte mit ihr zu ermöglichen und zu decken. 
Also zuviel Offenheit in dem einen, vollste Verstellung im anderen 



314 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosen/ehre 

Falle. Eines Tages traf es sich, was ja unter diesen Umständen 
einmal geschehen mußte, daß der Vater seine Tochter in Begleitung 
jener ihm bekanntgewordenen Dame auf der Straße begegnete. 
Er ging mit einem zornigen Blick, der nichts Gutes ankündigte, 
an den beiden vorüber. Unmittelbar darauf riß sich das Mädchen 
los und stürzte sich über die Mauer in den dort nahen Ein- 
schnitt der Stadtbahn. Sie büßte diesen unzweifelhaft ernst 
gemeinten Selbstmordversuch mit einem langen Krankenlager, 
aber zum Glück mit nur geringer dauernder Schädigung. Nach 
ihrer Herstellung fand sie die Situation für ihre Wünsche günstiger 
als zuvor. Die Eltern wagten es nicht mehr ihr ebenso entschieden 
entgegenzutreten, und die Dame, die sich bis dahin gegen ihre 
Werbung spröde ablehnend verhalten hatte, war durch einen so 
unzweideutigen Beweis ernster Leidenschaft gerührt und begann 
sie freundlicher zu behandeln. 

Etwa ein halbes Jahr nach diesem Unfall wendeten sich die 
Eltern an den Arzt und stellten ihm die Aufgabe, ihre Tochter 
zur Norm zurückzubringen. Der Selbstmordversuch des Mädchens 
hatte ihnen wohl gezeigt, daß die Machtmittel der häuslichen 
Disziplin nicht imstande waren, die vorliegende Störung zu 
bewältigen. Es ist aber gut, hier die Stellung des Vaters und 
die der Mutter gesondert zu behandeln. Der Vater war ein 
ernsthafter, respektabler Mann, im Grunde sehr zärtlich, durch 
seine angenommene Strenge den Kindern etwas entfremdet. Sein 
Benehmen gegen die einzige Tochter wurde allzusehr durch 
Rücksichten auf seine Frau, ihre Mutter, bestimmt. Als er zuerst 
von den homosexuellen Neigungen der Tochter Kenntnis bekam, 
wallte er zornig auf und wollte sie durch Drohungen unterdrücken; 
er mag damals zwischen verschiedenen, gleich peinlichen Auf- 
fassungen geschwankt haben, ob er ein lasterhaftes, ein entartetes 
oder ein geisteskrankes Wesen in ihr sehen sollte. Auch nach 
dem Unfall brachte er es nicht zur Höhe jener überlegenen 
Resignation, welcher einer unserer ärztlichen Kollegen bei einer 



Über die Psychogene.se eines Falles von weiblicher Homosexualität 315 



irgendwie ähnlichen Entgleisung in seiner Familie durch die 
Rede Ausdruck gab: „Es ist eben ein Malheur wie ein anderes!" 
Die Homosexualität seiner Tochter hatte etwas, was seine vollste 
Erbitterung weckte. Er war entschlossen, sie mit allen Mitteln 
zu bekämpfen; die in Wien so allgemein verbreitete Gering- 
schätzung der Psychoanalyse hielt ihn nicht ab, sich an sie um 
Hilfe zu wenden. Wenn dieser Weg versagte, hatte er noch 
immer das stärkste Gegenmittel im Rückhalt; eine rasche Ver- 
heiratung sollte die natürlichen Instinkte des Mädchens wach- 
rufen und dessen unnatürliche Neigungen ersticken. 

Die Einstellung der Mutter des Mädchens war nicht so leicht 
zu durchschauen. Sie war eine noch jugendliche Frau, die dem 
Anspruch, selbst durch Schönheit zu gefallen, offenbar nicht ent- 
sagen wollte. Es war nur klar, daß sie die Schwärmerei ihrer 
Tochter nicht so tragisch nahm und sich keineswegs so sehr 
darüber entrüstete wie der Vater. Sie hatte sogar durch längere 
Zeit das Vertrauen des Mädchens in betreff ihrer Verliebtheit in 
jene Dame genossen; ihre Parteinahme dagegen schien wesent- 
lich durch die schädliche Offenheit bestimmt, mit der die Tochter 
ihre Gefühle vor aller Welt kundgab. Sie war selbst durch mehrere 
Jahre neurotisch gewesen, erfreute sich großer Schonung von 
seiten ihres Mannes, behandelte ihre Kinder recht ungleichmäßig, 
war eigentlich hart gegen die Tochter und überzärtlich mit ihren 
drei Knaben, von denen der jüngste ein Spätling war, gegenwärtig 
noch nicht drei Jahre alt. Bestimmteres über ihren Charakter zu 
erfahren, war nicht leicht, denn infolge von Motiven, die erst 
später verstanden werden können, hielten die Angaben der 
Patientin über ihre Mutter stets eine Reserve ein, von der im 
Falle des Vaters keine Rede war. 

Der Arzt, der die analytische Behandlung des Mädchens über- 
nehmen sollte, hatte mehrere Gründe, sich unbehaglich zu fühlen. 
Er fand nicht die Situation vor, welche die Analyse anfordert, 
und in der sie allein ihre Wirksamkeit erproben kann. Diese 






3*6 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenle/ire 



Situation sieht in ihrer idealen Ausprägung bekanntlich so aus, 
daß jemand, der sonst sein eigener Herr ist, an einem inneren 
Konflikt leidet, den er allein nicht zu Ende bringen kann, daß 
er dann zum Analytiker kommt, es ihm klagt und ihn um seine 
Hilfeleistung bittet. Der Arzt arbeitet dann Hand in Hand mit 
dem einen Anteil der krankhaft entzweiten Persönlichkeit gegen 
den anderen Partner des Konflikts. Andere Situationen als diese 
sind für die Analyse mehr oder minder ungünstig, fügen zu den 
inneren Schwierigkeiten des Falles neue hinzu. Situationen wie 
die des Bauherrn, der beim Architekten eine Villa nach seinem 
Geschmack und Bedürfnis bestellt, oder des frommen Stifters, der 
sich vom Künstler ein Heiligenbild malen läßt, in dessen Ecke 
•dann sein eigenes Porträt als Anbetender Platz findet, sind mit 
den Bedingungen der Psychoanalyse im Grunde nicht vereinbar. 
Es kommt zwar alle Tage vor, daß sich ein Ehemann an den 
Arzt mit der Information wendet: Meine Frau ist nervös, sie 
verträgt sich darum schlecht mit mir; machen Sie sie gesund, 
so daß wir wieder eine glückliche Ehe führen können. Aber es 
stellt sich oft genug heraus, daß ein solcher Auftrag unausführbar 
ist, das heißt, daß der Arzt nicht das Ergebnis herstellen kann, 
wegen dessen der Mann die Behandlung wünschte. Sowie die 
Frau von ihren neurotischen Hemmungen befreit ist, setzt sie 
die Trennung der Ehe durch, deren Erhaltung nur unter der 
Voraussetzung ihrer Neurose möglich war. Oder Eltern verlangen, 
daß man ihr Kind gesund mache, welches nervös und unfügsam 
ist. Sie verstehen unter einem gesunden Kind ein solches, das den 
Eltern keine Schwierigkeiten bereitet, an dem sie ihre Freude 
haben können. Die Herstellung des Kindes mag dem Arzt gelingen, 
aber es geht nach der Genesung um so entschiedener seine eigenen 
Wege, und die Eltern sind jetzt weit mehr unzufrieden als vor- 
her. Kurz, es ist nicht gleichgültig, ob ein Mensch aus eigenem 
Streben in die Analyse kommt, oder darum, weil andere ihn 
dahin bringen, ob er selbst seine Veränderung wünscht oder nur 



Über die Psychogene.se eines Falles von weiblicher Homosexualität 517 






seine Angehörigen, die ihn lieben, oder von denen man solche 
Liebe erwarten sollte. 

Als weitere ungünstige Momente waren die Tatsachen zu 
bewerten, daß das Mädchen ja keine Kranke war — sie litt 
nicht aus inneren Gründen, beklagte sich nicht über ihren 
Zustand — und daß die gestellte Aufgabe nicht darin bestand, 
einen neurotischen Konflikt zu lösen, sondern die eine Variante 
der genitalen Sexualorganisation in die andere überzuführen. 
Diese Leistung, die Beseitigung der genitalen Inversion oder 
Homosexualität, ist meiner Erfahrung niemals leicht erschienen. 
Ich habe vielmehr gefunden, daß sie nur unter besonders günstigen 
Umständen gelingt, und auch dann bestand der Erfolg wesentlich 
darin, daß man der homosexuell eingeengten Person den bis 
dahin versperrten Weg zum anderen Geschlechte freimachen 
konnte, also ihre volle bisexuelle Funktion wiederherstellte. Es 
lao- dann in ihrem Belieben, ob sie den anderen, von der Gesell- 
schaft geächteten Weg veröden lassen wollte, und in einzelnen 
Fällen hat sie es auch so getan. Man muß sich sagen, daß auch 
die normale Sexualität auf einer Einschränkung der Objektwahl 
beruht, und im allgemeinen ist das Unternehmen, einen voll- 
entwickelten Homosexuellen in einen Heterosexuellen zu ver- 
wandeln, nicht viel aussichtsreicher als das umgekehrte, nur daß 
man dies letztere aus guten praktischen Gründen niemals versucht. 

Die Erfolge der psychoanalytischen Therapie in der Behandlung 
der allerdings sehr vielgestaltigen Homosexualität sind der Zahl 
nach wirklich nicht bedeutsam. In der Regel vermag der Homo- 
sexuelle sein Lustobjekt nicht aufzugeben 5 es gelingt nicht,, 
ihn zu überzeugen, daß er die Lust, auf die er hier verzichtet, 
im Falle der Umwandlung am anderen Objekt wiederfinden 
würde. Wenn er sich überhaupt in Behandlung begibt, so haben 
ihn zumeist äußere Motive dazu gedrängt, die sozialen Nachteile 
und Gefahren seiner Objektwahl, und solche Komponenten des 
Selbsterhaltungstriebes erweisen sich als zu schwach im Kampfe 



31 8 Arbeiten zum Sexuallebrn und zur Nairosenlehrc 



gegen die Sexualstrebungen. Man kann dann bald seinen geheimen 
Plan aufdecken, sich durch den eklatanten Mißerfolg dieses Ver- 
suches die Beruhigung zu schaffen, daß er das Möglichste 
gegen seine Sonderartung getan habe und sich ihr nun mit 
gutem Gewissen überlassen könne. Wo die Rücksicht auf geliebte 
Eltern und Angehörige den Versuch zur Heilung motiviert hat, 
da liegt der Fall etwas anders. Es sind dann wirklich libidinöse 
Strebungen vorhanden, die zur homosexuellen Objektwahl gegen- 
sätzliche Energien entwickeln können, aber deren Kraft reicht 
selten aus. Nur wo die Fixierung an das gleichgeschlechtliche 
Objekt noch nicht stark genug geworden ist, oder wo sich erheb- 
liche Ansätze und Reste der heterosexuellen Objektwahl vorfinden, 
also bei noch schwankender oder bei deutlich bisexueller Organi- 
sation, darf die Prognose der psychoanalytischen Therapie günstiger 
gestellt werden. 

Aus diesen Gründen vermied ich es durchaus, den Eltern die 
Erfüllung ihres Wunsches in Aussicht zu stellen. Ich erklärte 
mich bloß bereit dazu, das Mädchen durch einige Wochen oder 
Monate sorgfältig zu studieren, um mich danach über die Aus- 
sichten einer Beeinflussung durch Fortsetzung der Analyse äußern 
zu können. In einer ganzen Anzahl von Fällen zerlegt sich ja 
die Analyse in zwei deutlich gesonderte Phasen j in einer ersten 
verschafft sich der Arzt die notwendigen Kenntnisse vom Patienten, 
macht ihn mit den Voraussetzungen und Postulaten der Analyse 
bekannt und entwickelt vor ihm die Konstruktion der Entstehung 
seines Leidens, zu welcher er sich auf Grund des von der Ana- 
lyse gelieferten Materials berechtigt glaubt. In einer zweiten 
Phase bemächtigt sich der Patient selbst des ihm vorgelegten 
Stoffes, arbeitet an ihm, erinnert von dem bei ihm angeblich 
Verdrängten, was er erinnern kann, und trachtet, das andere in 
einer Art von Neubelebung zu wiederholen. Dabei kann er die 
Aufstellungen des Arztes bestätigen, ergänzen und richtigstellen. 
Erst während dieser Arbeit erfährt er durch die Überwindung 






Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität 3 1 9 

von Widerständen die innere Veränderung, die man erzielen will, 
und gewinnt die Überzeugungen, die ihn von der ärztlichen 
Autorität unabhängig machen. Nicht immer sind diese beiden 
Phasen im Ablauf der analytischen Kur scharf voneinander 
geschieden; es kann dies nur geschehen, wenn der Widerstand 
bestimmte Bedingungen einhält. Aber wo es der Fall ist, kann 
man den Vergleich mit zwei entsprechenden Abschnitten einer 
Reise heranziehen. Der erste umfaßt alle notwendigen, heute so 
komplizierten und schwer zu erfüllenden Vorbereitungen, bis 
man endlich die Fahrkarte gelöst, den Perron betreten und seinen 
Platz im Wagen erobert hat. Man hat jetzt das Recht und die 
Möglichkeit, in das ferne Land zu reisen, aber man ist nach all 
diesen Vorarbeiten noch nicht dort, eigentlich dem Ziele um 
keinen Kilometer näher gerückt. Es gehört noch dazu, daß man 
die Reise selbst von einer Station zur anderen zurücklege, und 
dieses Stück der Reise ist mit der zweiten Phase gut vergleichbar. 

Die Analyse bei meiner nunmehrigen Patientin verlief nach 
diesem Zweiphasenschema, wurde aber nicht über den Beginn 
der zweiten Phase hinaus fortgeführt. Eine besondere Konstellation 
des Widerstandes ermöglichte es trotzdem, die volle Bestätigung 
meiner Konstruktionen und eine im großen und ganzen zureichende 
Einsicht in den Entwicklungsgang ihrer Inversion zu gewinnen. 
Ehe ich aber die Ergebnisse der Analyse bei ihr darlege, muß 
ich einige Punkte erledigen, die ich entweder schon selbst gestreift 
oder die sich dem Leser als die ersten Gegenstände seines 
Interesses aufgedrängt haben. 

Ich hatte die Prognose zum Teil davon abhängig gemacht, 
wie weit das Mädchen in der Befriedigung seiner Leidenschaft 
gekommen war. Die Auskunft, die ich während der Analyse 
erhielt, schien in dieser Hinsicht günstig. Bei keinem der Objekte 
ihrer Schwärmerei hatte sie mehr als einzelne Küsse und Um- 
armungen genossen, ihre Genitalkeuschheit, wenn man so sagen 
darf, war unversehrt geblieben. Die Halbweltdame gar, die die 



320 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

jüngsten und weitaus stärksten Gefühle bei ihr erweckt hatte, 
war spröde gegen sie geblieben, hatte ihr nie eine höhere Gunst 
gegönnt als die, ihr die Hand küssen zu dürfen. Das Mädchen 
machte wahrscheinlich eine Tugend aus ihrer Not, wenn sie 
immer wieder die Reinheit ihrer Liebe und ihre physische 
Abneigung gegen einen Sexualverkehr betonte. Vielleicht hatte 
sie aber nicht ganz unrecht, wenn sie von ihrer hehren Geliebten 
rühmte, daß sie, von vornehmer Herkunft, und nur durch widrige 
Familienverhältnisse in ihre gegenwärtige Position gedrängt, sich 
auch hier noch ein ganzes Stück Würde bewahrt habe. Denn 
diese Dame pflegte ihr bei jedem Zusammentreffen zuzureden, 
ihre Neigung von ihr und von den Frauen überhaupt abzuwenden, 
und hatte sich bis zum Selbstmordversuch immer nur streng 
abweisend gegen sie benommen. 

Ein zweiter Punkt, den ich alsbald aufzuklären versuchte, betraf 
die eigenen Motive des Mädchens, auf welche die analytische 
Behandlung sich etwa stützen konnte. Sie versuchte mich nicht 
durch die Behauptung zu täuschen, daß es ihr ein dringendes 
Bedürfnis sei, von ihrer Homosexualität befreit zu werden. Sie 
könne sich im Gegenteil gar keine andere Verliebtheit vorstellen, 
aber, setzte sie hinzu, der Eltern wegen wolle sie den 
therapeutischen Versuch ehrlich unterstützen, denn sie empfinde 
es sehr schwer, den Eltern solchen Kummer zu bereiten. Auch 
diese Äußerung mußte ich zunächst als günstig auffassen; ich 
konnte nicht ahnen, welche unbewußte Affekteinstellung sich 
hinter ihr verbarg. Was hier dann später zum Vorschein kam, 
hat die Gestaltung der Kur und deren vorzeitigen Abbruch 
entscheidend beeinflußt. 

Nichtanalytische Leser werden längst die Beantwortung zweier 
anderer Fragen ungeduldig erwarten. Zeigte dieses homosexuelle 
Mädchen deutliche somatische Charaktere des anderen Geschlechts 
und erwies sie sich als ein Fall von angeborener oder von 
erworbener (später entwickelter) Homosexualität? 



Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität 521 

Ich verkenne die Bedeutung nicht, welche der ersteren Frage 
zukommt. Nur möge man diese Bedeutung nicht übertreiben und 
zu ihren Gunsten die Tatsachen verdunkeln, daß vereinzelte 
sekundäre Merkmale des anderen Geschlechts bei normalen 
menschlichen Individuen überhaupt sehr häufig vorkommen, und 
daß sehr gut ausgeprägte somatische Charaktere des anderen 
Geschlechtes sich an Personen finden können, deren Objektwahl 
keine Abänderung im Sinne einer Inversion erfahren hat. Daß 
also, anders ausgedrückt, bei beiden Geschlechtern das Maß 
des physischen Hermaphroditismus von dem des 
psychischen in hohem Grade unabhängig ist. Als 
Einschränkung der beiden Sätze ist hinzuzufügen, daß diese 
Unabhängigkeit beim Manne deutlicher ist als beim Weibe, wo 
die körperliche und die seelische Ausprägung des entgegengesetzten 
Geschlechtscharakters eher regelmäßig zusammentreffen. Ich bin 
aber doch nicht in der Lage, die erste der hier gestellten Fragen 
für meinen Fall befriedigend zu beantworten. Der Psychoanalytiker 
pflegt sich ja eine eingehende körperliche Untersuchung seiner 
Patienten in bestimmten Fällen zu versagen. Eine auffällige 
Abweichung vom körperlichen Typus des Weibes bestand jedenfalls 
nicht, auch keine menstruale Störung. Wenn das schöne und 
wohlgebildete Mädchen den hohen Wuchs des Vaters und eher 
scharfe als mädchenhaft weiche Gesichtszüge zeigte, so mag man 
darin Andeutungen einer somatischen Männlichkeit erblicken. 
Auf männliches Wesen konnte man auch einige ihrer intellektuellen 
Eigenschaften beziehen, so die Schärfe ihres Verständnisses und 
die kühle Klarheit ihres Denkens, insoweit sie nicht unter der 
Herrschaft ihrer Leidenschaft stand. Doch sind diese Unterschei- 
dungen eher konventionell als wissenschaftlich berechtigt. Bedeut- 
samer ist gewiß, daß sie in ihrem Verhalten zu ihrem Liebesobjekt 
durchaus den männlichen Typus angenommen hatte, also die 
Demut und großartige Sexualüberschätzung des liebenden Mannes 
zeigte, den Verzicht auf jede narzißtische Befriedigung, die Bevor- 

Freud,V. 21 



322 Arbeiten zum Sexualleben und zur Ncurosenlchre 

zugung des Liebens vor dem Geliebtwerden. Sie hatte also nicht 
nur ein weibliches Objekt gewählt, sondern auch eine männliche 
Einstellung zu ihm gewonnen. 

Die andere Frage, ob ihr Fall einer angeborenen oder einer 
erworbenen Homosexualität entsprach, soll durch die ganze 
Entwicklungsgeschichte ihrer Störung beantwortet werden. Dabei 
wird sich ergeben, inwieweit diese Fragestellung selbst unfruchtbar 
und unangemessen ist. 

II 

Auf eine so weitschweifige Einleitung kann ich nur eine ganz 
knappe und übersichtliche Darstellung der Libidogeschichte dieses 
Falles folgen lassen. Das Mädchen hatte in den Kinderjahren die 
normale Einstellung des weiblichen Ödipuskomplexes' in wenig 
auffälliger Weise durchgemacht, später auch begonnen, den Vater 
durch den um wenig älteren Bruder zu ersetzen. Sexuelle Traumen 
in früher Jugend wurden weder erinnert noch durch die Analyse 
aufgedeckt. Die Vergleichung der Genitalien des Bruders mit den 
eigenen, die etwa zu Beginn der Latenzzeit (zu fünf Jahren oder 
etwas früher) vorfiel, hinterließ ihr einen starken Eindruck und 
war in ihren Nachwirkungen weit zu verfolgen. Auf frühinfantile 
Onanie deutete sehr wenig, oder die Analyse kam nicht so weit, 
um diesen Punkt aufzuklären. Die Geburt eines zweiten Bruders, 
als sie zwischen fünf und sechs Jahren alt war, äußerte keinen 
besonderen Einfluß auf ihre Entwicklung. In den Schul- und 
Vorpubertätsjahren wurde sie allmählich mit den Tatsachen des 
Sexuallebens bekannt und empfing dieselben mit dem normal zu 
nennenden, auch im Ausmaße nicht übertriebenen Gemenge von 
Lüsternheit und erschreckter Ablehnung. Alle diese Auskünfte 
erscheinen recht mager, ich kann auch nicht dafür einstehen, 
daß sie vollständig sind. Vielleicht war die Jugendgeschichte doch 



1) Ich sehe in der Einführung des Terminus „Elektrakomplex" keinen Fortschritt 
oder Vorteil und möchte denselben nicht befürworten. 



Über die Psycliogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität 325 

weit reichhaltiger; ich weiß es nicht. Die Analyse brach, wie 
gesagt, nach kurzer Zeit ab und lieferte darum eine Anamnese, 
die nicht viel verläßlicher ist als die anderen, mit gutem Recht 
beanstandeten Anamnesen von Homosexuellen. Das Mädchen 
war auch niemals neurotisch gewesen, brachte nicht ein hysterisches 
Symptom in die Analyse mit, so daß sich die Anlässe zur 
Durchforschung ihrer Kindergeschichte nicht so bald ergeben 
konnten. 

Mit dreizehn und vierzehn Jahren zeigte sie eine, nach dem 
Urteil aller übertrieben starke, zärtliche Vorliebe für einen kleinen, 
noch nicht dreijährigen Jungen, den sie in einem Kinderpark 
regelmäßig sehen konnte. Sie nahm sich des Kindes so herzlich 
an, daß daraus eine langdauernde freundschaftliche Beziehung zu» 
den Eltern des Kleinen entstand. Man darf aus diesem Vorfall 
schließen, daß sie damals von einem starken Wunsche, selbst 
Mutter zu sein und ein Kind zu haben, beherrscht war. Aber 
kurze Zeit nachher wurde ihr der Knabe gleichgültig, und sie 
begann ein Interesse für reife, doch noch jugendliche Frauen zu 
zeigen, dessen Äußerungen ihr bald eine empfindliche Züchtigung 
von Seiten des Vaters zuzogen. 

Es wurde über jeden Zweifel sichergestellt, daß diese Wandlung 
zeitlich mit einem Ereignis in der Familie zusammenfällt, von 
dem wir demnach die Aufklärung der Wandlung erwarten dürfen. 
Vorher war ihre Libido auf Mütterlichkeit eingestellt gewesen, 
nachher war sie eine in reifere Frauen verliebte Homosexuelle, 
was sie seitdem geblieben ist. Dies für unser Verständnis so 
bedeutsame Ereignis war eine neue Gravidität der Mutter und 
die Geburt eines dritten Bruders, als sie etwa sechzehn Jahre 
alt war. 

Der Zusammenhang, den ich nun im folgenden aufdecken 
werde, ist kein Produkt meiner Kombinationsgabe ; er ist mir 
<lurch so vertrauenswürdiges analytisches Material nahegelegt 
worden, daß ich objektive Sicherheit für ihn beanspruchen kann. 



_ 






324 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

Insbesondere hat eine Reihe von ineinandergreifenden, leicht 
deutbaren Träumen für ihn entschieden. 

Die Analyse ließ unzweideutig erkennen, daß die geliebte Dame 
ein Ersatz für die — Mutter war. Nun war diese selbst aller- 
dings keine Mutter, aber sie war auch nicht die erste Liebe des 
Mädchens gewesen. Die ersten Objekte ihrer Neigung seit der 
Geburt des letzten Bruders waren wirklich Mütter, Frauen zwischen 
dreißig und fünfunddreißig Jahren, die sie mit ihren Kindern in 
der Sommerfrische oder im Familienverkehr der Großstadt kennen 
lernte. Die Bedingung der Mütterlichkeit wurde später fallen 
gelassen, weil sie sich mit einer anderen, die immer gewichtiger 
wurde, in der Realität nicht gut vertrug. Die besonders intensive 
Bindung an die letzte Geliebte, die „Dame", hatte noch einen 
anderen Grund, den das Mädchen eines Tages ohne Mühe auf- 
fand. Sie wurde durch die schlanke Erscheinung, die strenge 
Schönheit und das rauhe Wesen der Dame an ihren eigenen, 
etwas älteren Bruder gemahnt. Das endlich gewählte Objekt 
entsprach also nicht nur ihrem Frauen-, sondern auch ihrem 
Männerideal, es vereinigte die Befriedigung der homosexuellen 
Wunschrichtung mit jener der heterosexuellen. Bekanntlich hat 
die Analyse männlicher Homosexueller in zahlreichen Fällen das 
nämliche Zusammentreffen gezeigt, ein Wink, sich Wesen und 
Entstehung der Inversion nicht allzu einfach vorzustellen und 
die durchgängige Bisexualität des Menschen nicht aus dem Auge 
zu verlieren. 1 

Wie soll man es aber verstehen, daß das Mädchen gerade 
durch die Geburt eines späten Kindes, als sie selbst schon reif 
geworden war und eigene starke Wünsche hatte, bewogen wurde, 
ihre leidenschaftliche Zärtlichkeit der Gebärerin dieses Kindes, 
ihrer eigenen Mutter, zuzuwenden und an einer Vertreterin der 
Mutter zum Ausdruck zu bringen? Nach allem, was man sonst 



1) Vgl. I. S a d g e r : Jahresbericht über sexuelle Perversionen. Jahrbuch der 
Psychoanalyse, VI, 1914 und a. a. O. 



Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität 325 

weiß, hätte man das Gegenteil erwarten sollen. Die Mütter 
pflegen sich unter solchen Umständen vor ihren beinahe heirats- 
fähigen Töchtern zu genieren, die Töchter haben für die Mutter 
ein aus Mitleid, Verachtung und Neid gemischtes Gefühl bereit, 
das nichts dazu beiträgt, die Zärtlichkeit für die Mutter zu 
steigern. Das Mädchen unserer Beobachtung hatte überhaupt 
wenig Grund, für ihre Mutter zärtlich zu empfinden. Der selbst 
noch jugendlichen Frau war diese rasch erblühte Tochter eine 
unbequeme Konkurrentin, sie setzte sie hinter den Knaben zurück, 
schränkte ihre Selbständigkeit möglichst ein und wachte besonders 
eifrig darüber, daß sie dem Vater ferne blieb. Ein Bedürfnis nach 
einer liebenswürdigeren Mutter mag also bei dem Mädchen von 
jeher gerechtfertigt gewesen sein; warum es aber damals und in 
Gestalt einer verzehrenden Leidenschaft aufflackerte, ist nicht 
begreiflich. 

Die Erklärung ist die folgende: Das Mädchen befand sich in 
der Phase der Pubertätsauffrischung des infantilen Ödipuskomplexes, 
als die Enttäuschung über sie kam. Hell bewußt wurde ihr der 
Wunsch, ein Kind zu haben, und zwar ein männliches; daß es 
ein Kind vom Vater und dessen Ebenbild sein sollte, durfte ihr 
Bewußtes nicht erfahren. Aber da geschah es, daß nicht sie das 
Kind bekam, sondern die im Unbewußten gehaßte Konkurrentin, 
die Mutter. Empört und erbittert wendete sie sich vom Vater, 
ja vom Manne überhaupt ab. Nach diesem ersten großen Mißerfolg 
verwarf sie ihre Weiblichkeit und strebte nach einer anderen 
Unterbringung ihrer Libido. 

Sie benahm sich dabei ganz ähnlich wie viele Männer, die 
nach einer ersten peinlichen Erfahrung dauernd mit dem treu- 
losen Geschlecht der Frauen zerfallen und Weiberfeinde werden. 
Von einer der anziehendsten und unglücklichsten fürstlichen 
Persönlichkeiten unserer Lebenszeit wird erzählt, daß er darum 
homosexuell geworden, weil ihn die verlobte Braut mit einem 
fremden Gesellen hinter gangen hatte. Ich weiß nicht, ob dies 



526 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



historische Wahrheit ist, aber ein Stück psychologischer Wahrheit 
steckt hinter diesem Gerücht. Unser aller Libido schwankt normaler- 
weise lebenslang zwischen dem männlichen und dem weiblichen 
Objekt 5 der Junggeselle gibt seine Freundschaften auf, wenn er 
heiratet, und kehrt zum Stammtisch zurück, wenn seine Ehe schaal 
geworden ist. Freilich, wo die Schwankung so gründlich und so 
endgültig ist, da richtet sicli unsere Vermutung auf ein besonderes 
Moment, welches die eine oder die andere Seite entscheidend 
begünstigt, vielleicht nur auf den geeigneten Zeitpunkt gewartet 
hat, um die Objektwahl nach seinem Sinne durchzusetzen. 

Unser Mädchen hatte also nach jener Enttäuschung den Wunsch 
nach dem Kinde, die Liebe zum Manne und die weibliche Rolle 
überhaupt von sich gewiesen. Und nun hätte offenbar sehr 
Verschiedenartiges geschehen können; was wirklich geschah, war 
das Extremste. Sie wandelte sich zum Manne um und nahm die 
Mutter an Stelle des Vaters zum Liebesobjekt. 1 Ihre Beziehung 
zur Mutter war sicherlich von Anfang an ambivalent gewesen, 
es gelang leicht, die frühere Liebe zur Mutter wiederzubeleben 
und mit ihrer Hilfe die gegenwärtige Feindseligkeit gegen die 
Mutter zur Überkompensation zu bringen. Da mit der realen 
Mutter wenig anzufangen war, ergab sich aus der geschilderten 
Gefühlsumsetzung das Suchen nach einem Mutterersatz, an dem 
man mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit hängen konnte." 

Ein praktisches Motiv aus ihren realen Beziehungen zur Mutter 
kam als „Krankheitsgewinn" noch hinsu. Die Mutter legte 



1) Es ist gar nicht so selten, daß man eine Licbesbeziehung dadurch abbricht, 
daß man sich selbst mit dem Objekt derselben identifiziert, was einer Art von 
Regression zum Narzißmus entspricht. Nachdem dies erfolgt ist, kann man bei 
neuerlicher Objektwahl leicht das dem früheren entgegengesetzte Geschlecht mit 
seiner Libido besetzen. 

2) Die hier beschriebenen Verschiebungen der Libido sind gewiß jedem Ana- 
lytiker aus der Erforschung der Anamnesen von Ncurotikern bekannt. Nur fallen sie 
bei diesen letzteren im zarten Kindesalter, zur Zeit der Frühblüte des Liebeslebens 
vor, bei unserem ganz und gar nicht neurotischen Mädchen vollziehen sie sich in 
den ersten Jahren nach der Pubertät, übrigens gleichfalls völlig unbewußt. Ob dieses 
zeitliche Moment sich nicht einstmals als sehr bedeutsam herausstellen wird? 



Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität 327 

selbst noch Wert darauf, von Männern hofiert und gefeiert 
zu werden. Wenn sie also homosexuell wurde, der Mutter die 
Männer überließ, ihr sozusagen „auswich", räumte sie etwas 
aus dem Wege, was bisher an der Mißgunst der Mutter Schuld 
getragen hatte. 1 

Die so gewonnene Libidoeinstellung wurde nun gefestigt, als 
das Mädchen merkte, wie unangenehm sie dem Vater war. Seit 
jener ersten Züchtigung wegen einer allzu zärtlichen Annäherung 
an eine Frau wußte sie, womit sie den Vater kränken, und wie 
sie sich an ihm rächen konnte. Sie blieb jetzt homosexuell aus 
Trotz gegen den Vater. Sie machte sich auch kein Gewissen 
daraus, ihn auf jede Weise zu hintergehen und zu belügen. 
Gegen die Mutter war sie ja nur so weit unaufrichtig, als es 
nötig war, damit der Vater nichts erfahre. Ich hatte den 



1) Da ein solches Ausweichen bisher unter den Ursachen der Homosexualität wie 
im Mechanismus der Libidofixierung überhaupt keine Erwähnung gefunden hat, 
will ich eine ähnliche analytische Beobachtung hier anschließen, die durch einen 
besonderen Umstand interessant ist. Ich habe einst zwei Zwillingsbrüder kennen 
gelernt, die beide mit starken libidinösen Impulsen begabt waren. Der eine von 
ihnen hatte viel Glück bei Frauen und ließ sich in ungezählte Verhältnisse mit 
Frauen und Mädchen ein. Der andere war zuerst auf demselben Wege, aber dann 
wurde es ihm unangenehm, dem Bruder ins Gehege zu kommen, infolge seiner 
Ähnlichkeit bei intimen Anlässen mit ihm verwechselt zu werden, und er half sich 
dadurch, daß er homosexuell wurde. Er überließ dem Bruder die Frauen und war 
ihm so „ausgewichen". Ein andermal behandelte ich einen jüngeren Mann, Künstler 
und unverkennbar bisexuell angelegt, bei dem sich die Homosexualität gleichzeitig 
mit einer Arbeitsstörung durchgesetzt hatte. Er floh in einem die Frauen und sein 
Werk. Die Analyse, die ihn zu beiden zurückführen konnte, wies die Scheu vor dem 
Vater als das mächtigste psychische Motiv für beide Störungen, eigentlich Ent- 
sagungen, nach. In seiner Vorstellung gehörten alle Frauen dem Vater, und er 
flüchtete zu den Männern aus Ergebenheit, um dem Konflikt mit dem Vater aus- 
zuweichen. Solche Motivierung der homosexuellen Objektwahl muß sich häufiger 
finden lassen; in den Urzeiten des Menschengeschlechts war es wohl so, daß alle 
Frauen dem Vater und Oberhaupt der Urhorde gehörten. — Bei Geschwistern, die 
nicht Zwillinge sind, spielt solches Ausweichen auch auf anderen Gebieten als dem 
der Liebeswahl eine große Rolle. Der ältere Bruder pflegt z. B. Musik und findet 
dafür Anerkennung, der jüngere, musikalisch weit begabter, bricht trotz seiner 
Sehnsucht danach das Musikstudium bald ab und ist nicht mehr zu bewegen, 
ein Instrument zu berühren. Es ist dies ein einzelnes Beispiel für ein sehr 
häufiges Vorkommen, und die Untersuchung der Motive, die zum Ausweichen 
anstatt zur Aufnahme der Konkurrenz führen, deckt sehr komplizierte psychische 
Bedingungen auf. 



528 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

Eindruck, daß sie nach dem Grundsatz der Talion handelte: Hast 

du mich betrogen, so mußt du es dir gefallen lassen, daß ich 

auch dich betrüge. Auch die auffälligen Unvorsichtigkeiten des 

sonst raffiniert klugen Mädchens kann ich nicht anders beurteilen. 

Der Vater mußte doch gelegentlich von ihrem Umgang mit 

der Dame erfahren, sonst wäre ihr die Rachebefriedigung, die 

ihr die dringendste war, entgangen. So sorgte sie dafür, indem 

sie sich mit der Angebeteten öffentlich zeigte, in den Straßen 

nahe dem Geschäftslokal des Vaters spazieren ging und dergleichen. 

Auch diese Ungeschicklichkeiten geschahen nicht absichtslos. Es 

ist übrigens merkwürdig, daß beide Eltern sich so benahmen, 

als ob sie die geheime Psychologie der Tochter verstünden. Die 

Mutter zeigte sich tolerant, als ob sie das Ausweichen der 

Tochter als Gefälligkeit würdigte, der Vater raste, als fühlte er 

die gegen seine Person gerichtete Racheabsicht. 

Die letzte Kräftigung erfuhr aber die Inversion des Mädchens, 

als sie in der „Dame" auf ein Objekt stieß, welches gleichzeitig 

dem noch am Bruder haftenden Anteil ihrer heterosexuellen 

Libido Befriedigung bot. 

III 

Die lineare Darstellung eignet sich wenig zur Beschreibung 
der verschlungenen und in verschiedenen seelischen Schichten 
ablaufenden seelischen Vorgänge. Ich bin genötigt, in der 
Diskussion des Falles innezuhalten und einiges von dem Mitge- 
teilten zu erweitern und zu vertiefen. 

Ich habe erwähnt, daß das Mädchen in ihrem Verhältnis zur 
verehrten Dame den männlichen Typus der Liebe annahm. Ihre 
Demut und zärtliche Anspruchslosigkeit, „che poco spera e nulla 
chiede", die Seligkeit, wenn ihr gestattet wurde, die Dame ein 
Stück weit zu begleiten und ihr beim Abschied die Hand zu 
küssen, die Freude, wenn sie sie als schön rühmen hörte, während 
die Anerkennung ihrer eigenen Schönheit von fremder Seite ihr 
gar nichts bedeutete, ihre Pilgerbesuche nach Ortlichkeiten, wo 



Über die Psycho genese eines Falles von weiblicher Homosexualität 329 

die Geliebte sich vorher einmal aufgehalten hatte, das Verstummen 
aller weiter reichenden sinnlichen Wünsche: alle diese kleinen 
Züge entsprachen etwa der ersten schwärmerischen Leidenschaft 
eines Jünglings für eine gefeierte Künstlerin, die er hoch über 
sich stehend glaubt, und zu der er seinen Blick nur schüchtern 
zu erheben wagt. Die Übereinstimmung mit einem von mir 
beschriebenen „Typus der männlichen Objektwahl", dessen 
Besonderheiten ich auf die Bindung an die Mutter zurückgeführt 
habe, 1 ging bis in die Einzelheiten. Es konnte auffällig erscheinen, 
daß sie durch den schlechten Leumund der Geliebten nicht im 
mindesten abgeschreckt wurde, obwohl ihre eigenen Beobachtungen 
sie von der Berechtigung dieser Nachrede genügend überzeugten. 
Sie war doch eigentlich ein wohlerzogenes und keusches Mädchen, 
das für ihre eigene Person sexuellen Abenteuern aus dem Wege 
o-egangen war und grobsinnliche Befriedigungen als unästhetisch 
empfand. Aber bereits ihre ersten Schwärmereien hatten Frauen 
gegolten, denen man keine Neigung zu besonders strenger 
Sittlichkeit nachrühmte. Den ersten Protest des Vaters gegen 
ihre Liebeswahl hatte sie durch die Hartnäckigkeit hervorgerufen, 
mit der sie sich um den Verkehr mit einer Kinoschauspielerin 
an jenem Sommerorte bemühte. Dabei hatte es sich keineswegs 
um Frauen gehandelt, die etwa im Rufe der Homosexualität 
standen und ihr somit Aussicht auf solche Befriedigung geboten 
hätten 5 vielmehr warb sie unlogischerweise um kokette Frauen 
im gewöhnlichen Sinne des Wortes; eine homosexuelle, ihr 
gleichaltrige Freundin, die sich ihr bereitwilligst zur Verfügung 
stellte, wies sie ohne Bedenken ab. Der schlechte Ruf der 
„Dame" aber war geradezu eine Liebesbedingung für sie, und 
alles Rätselhafte dieses Verhaltens verschwindet, wenn wir uns 
erinnern, daß auch für jenen von der Mutter abgeleiteten männ- 
lichen Typus der Objektwahl die Bedingung besteht, daß die 
Geliebte irgendwie „sexuell anrüchig" sei, eigentlich eine Kokotte 

1) S. 186 ff. dieses Bandes. 






35° Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

genannt werden dürfe. Als sie später erfuhr, in welchem Aus- 
maß diese Kennzeichnung für ihre verehrte Dame zutraf, und 
daß diese einfach von der Preisgabe ihres Körpers lebte, bestand 
ihre Reaktion in einem großen Mitleid und in der Entwicklung 
von Phantasien und Vorsätzen, wie sie die Geliebte aus diesen 
unwürdigen Verhältnissen „retten" könne. Dieselben Rettungs- 
bestrebungen sind uns bei den Männern jenes von mir 
beschriebenen Typus aufgefallen, und ich habe an der erwähnten 
Stelle die analytische Ableitung dieses Strebens zu geben versucht. 
In ganz andere Regionen der Erklärung führt die Analyse 
des Selbstmordversuches, den ich als einen ernstgemeinten gelten 
lassen muß, der übrigens ihre Position sowohl bei den Eltern 
als auch bei der geliebten Dame beträchtlich verbesserte. Sie 
ging eines Tages mit ihr in einer Gegend und zu einer Stunde 
spazieren, wo eine Begegnung mit dem vom Bureau kommenden 
Vater nicht unwahrscheinlich war. Der Vater ging auch an ihnen 
vorüber und warf einen wütenden Blick auf sie und die ihm 
bereits bekannte Begleiterin. Kurz darauf stürzte sie sich in den 
Stadtbahngraben. Ihre Rechenschaft von der näheren Verursachung 
ihres Entschlusses klingt nun ganz plausibel. Sie hatte der Dame 
eingestanden, daß der Herr, der sie beide so böse angeschaut 
hatte, ihr Vater sei, der von diesem Verkehr absolut nichts 
wissen wolle. Die Dame war nun aufgebraust, hatte ihr befohlen, 
sie sofort zu verlassen und nie mehr zu erwarten oder anzureden, 
diese Geschichte müsse nun ein Ende haben. In der Verzweiflung 
darüber, daß sie so die Geliebte für immer verloren habe, wollte 
sie sich den Tod geben. Die Analyse gestattete aber eine andere 
und tiefer greifende Deutung hinter der ihrigen aufzudecken und 
durch ihre eigenen Träume zu stützen. Der Selbstmordversuch 
war, wie man erwarten durfte, außerdem noch zweierlei: eine 
Straferfüllung (Selbstbestrafung) und eine Wunscherfüllung. Als 
letztere bedeutete er die Durchsetzung jenes Wunsches, dessen 
Enttäuschung sie in die Homosexualität getrieben hatte, nämlich 






Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität 531 

vom Vater ein Kind zu bekommen, denn nun kam sie durch 
die Schuld des Vaters nieder. 1 Es stellt die Verbindung dieser 
Tiefendeutung mit der dem Mädchen bewußten, oberflächlichen 
her, daß in diesem Moment die Dame genau so gesprochen hatte 
wie der Vater und das nämliche Verbot hatte ergehen lassen. 
Als Selbstbestrafung bürgt uns die Handlung des Mädchens dafür, 
daß sie starke Todeswünsche gegen den einen oder den anderen 
Elternteil in ihrem Unbewußten entwickelt hatte. Vielleicht aus 
Rachsucht gegen den ihre Liebe störenden Vater, noch wahr- 
scheinlicher aber auch gegen die Mutter, als sie mit dem kleinen 
Bruder schwanger ging. Denn die Analyse hat uns zum Rätsel 
des Selbstmordes die Aufklärung gebracht, daß vielleicht niemand 
die psychische Energie sich zu töten findet, der nicht erstens 
dabei ein Objekt mittötet, mit dem er sich identifiziert hat, und 
der nicht zweitens dadurch einen Todeswunsch gegen sich selbst 
wendet, welcher gegen eine andere Person gerichtet war. Die 
regelmäßige Aufdeckung solcher unbewußter Todeswünsche beim 
Selbstmörder braucht übrigens weder zu befremden, noch als 
Bestätigung unserer Ableitungen zu imponieren, denn das Unbe- 
wußte aller Lebenden ist von solchen Todeswünschen, selbst 
gegen sonst geliebte Personen, übervoll. 2 In der Identifizierung 
mit der Mutter, die an der Niederkunft mit diesem, ihr (der 
Tochter) vorenthaltenen, Kinde hätte sterben sollen, ist aber 
diese Straferfüllung selbst wieder eine Wunscherfüllung. Endlich, 
daß die verschiedensten starken Motive zusammenwirken mußten, 
um eine Tat wie die unseres Mädchens zu ermöglichen, wird 
unserer Erwartung nicht widersprechen. 

In der Motivierung des Mädchens kommt der Vater nicht 
vor, nicht einmal die Angst vor seinem Zorne wird erwähnt. 



1) Diese Deutungen der Wege des Selbstmordes durch sexuelle Wunscherfüllungen 
sind längst allen Analytikern vertraut. (Vergiften = schwanger werden, ertränken = 
gebären; von einer Höhe herabstürzen = niederkommen.) 

2) Vgl. Zeitgemäßes über Krieg und Tod. Imago, IV, 1915. [Enthalten in 
Bd. X dieser Gesamtausgabe.] 



fl 



33 2 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



In der von der Analyse erratenen Motivierung fällt ihm die 
Hauptrolle zu. Dieselbe entscheidende Bedeutung hatte das Ver- 
hältnis zum Vater auch für den Verlauf* und den Ausgang der 
analytischen Behandlung oder vielmehr Exploration. Hinter der 
vorgeschützten Rücksicht auf die Eltern, denen zuliebe sie den 
Versuch einer Umwandlung unterstützen wollte, verbarg sich die 
Trotz- und Racheeinstellung gegen den Vater, welche sie in der 
Homosexualität festhielt. Durch solche Deckung gesichert, gab der 
Widerstand ein großes Gebiet der analytischen Erforschung frei. 
Die Analyse vollzog sich fast ohne Anzeichen von Widerstand, 
unter reger intellektueller Beteiligung der Analysierten, aber auch 
bei völliger Gemütsruhe derselben. Als ich ihr einmal ein besonders 
wichtiges und sie nahe betreffendes Stück der Theorie ausein- 
andersetzte, äußerte sie mit unnachahmlicher Betonung: Ach, das 
ist ja sehr interessant, wie eine Weltdame, die durch ein Museum 
geführt wird und Gegenstände, die ihr vollkommen gleichgültig 
sind, durch ein Lorgnon in Augenschein nimmt. Der Eindruck 
von ihrer Analyse näherte sich dem einer hypnotischen Behandlung, 
in welcher sich der Widerstand gleichfalls bis zu einer bestimmten 
Grenze zurückgezogen hat, an der er sich dann als unbesiegbar 
erweist. Dieselbe — russische — Taktik, könnte man sie nennen, 
befolgt der Widerstand sehr oft in Eällen von Zwangsneurose, 
die darum eine Zeitlang die klarsten Ergebnisse liefern und einen 
tiefen Einblick in die Verursachung der Symptome gestatten. 
Man beginnt dann sich zu wundern, warum so große Fortschritte 
im analytischen Verständnis auch nicht die leiseste Änderung in 
den Zwängen und Hemmungen des Kranken mit sich bringen, 
bis man endlich bemerkt, daß alles, was man zustandegebracht 
hat, mit dem Vorbehalt des Zweifels behaftet war, hinter welchem 
Schutz wall sich die Neurose sicher fühlen durfte. „Es wäre ja 
alles recht schön," heißt es im Kranken, oft auch bewußter- 
weise, „wenn ich dem Manne Glauben schenken müßte, aber 
davon ist ja keine Rede, und solange das nicht der Fall ist, 






Über die Psycho genese eines Falles von weiblicher Homosexualität 333 

brauche ich auch nichts zu ändern." Nähert man sich dann der 
Motivierung dieses Zweifels, so bricht der Kampf mit den Wider- 
ständen ernsthaft los. 

Bei unserem Mädchen war es nicht der Zweifel, sondern das 
affektive Moment der Rache am Vater, das ihre kühle Reserve 
ermöglichte, die Analyse deutlich in zwei Phasen zerlegte und 
die Ergebnisse der ersten Phase so vollständig und übersichtlich 
werden ließ. Es hatte auch den Anschein, als ob bei dem 
Mädchen nichts einer Übertragung auf den Arzt Ähnliches 
zustande gekommen wäre. Aber das ist natürlich ein Widersinn 
oder eine ungenaue Ausdrucks weise; irgendein Verhältnis zum 
Arzt muß sich doch herstellen und dies wird zu allermeist aus 
einer infantilen Relation übertragen sein. In Wirklichkeit über- 
trug sie auf mich die gründliche Ablehnung des Mannes, von 
der sie seit ihrer Enttäuschung durch den Vater beherrscht war. 
Die Erbitterung gegen den Mann hat es in der Regel leicht, 
sich am Arzt zu befriedigen, sie braucht keine stürmischen Gefühls- 
äußerungen hervorzurufen, sie äußert sich einfach in der Ver- 
eitlung all seiner Bemühungen und im Festhalten am Kranksein. 
Ich weiß aus Erfahrung, wie schwierig es ist, den Analysierten 
zum Verständnis gerade dieser stummen Symptomatik zu bringen 
und solche latente, oft exzessiv große Feindseligkeit ohne 
Gefährdung der Kur bewußt zu machen. Ich brach also ab, 
sobald ich die Einstellung des Mädchens zum Vater erkannt hatte,, 
und gab den Rat, den therapeutischen Versuch, wenn man Wert 
auf ihn legte, bei einer Ärztin fortführen zu lassen. Das Mädchen 
hatte unterdes dem Vater das Versprechen abgegeben, wenigstens 
den Verkehr mit der „Dame" zu unterlassen, und ich weiß nicht, 
ob mein Rat, dessen Motivierung ja durchsichtig ist, befolgt 
werden wird. 

Ein einziges Mal kam auch in dieser Analyse etwas vor, was 
ich als positive Übertragung, als außerordentlich abgeschwächte 
Erneuerung der ursprünglichen leidenschaftlichen Verliebtheit in- 



334 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

den Vater auffassen konnte. Auch diese Äußerung war vom Zusatz 
eines anderen Motivs nicht frei, ich erwähne sie aber, weil sie 
nach anderer Richtung ein interessantes Problem der analytischen 
Technik zur Frage bringt. Zu einer gewissen Zeit, nicht lange 
nach dem Beginne der Kur, brachte das Mädchen eine Reihe von 
Träumen vor, die, gebührend entstellt und in korrekter Traum- 
sprache abgefaßt, doch leicht und sicher zu übersetzen waren. 
Ihr gedeuteter Inhalt war aber auffällig. Sie antizipierten die 
Heilung der Inversion durch die Behandlung, drückten ihre 
Freude über die ihr nun eröffneten Lebensaussichten aus, 
gestanden die Sehnsucht nach der Liebe eines Mannes und nach 
Kindern ein und konnten somit als erfreuliche Vorbereitung zur 
erwünschten Wandlung begrüßt werden. Der Widerspruch gegen 
ihre gleichzeitigen Äußerungen im Wachen war sehr groß. Sie 
machte mir kein Hehl daraus, daß sie zwar zu heiraten gedenke, 
aber nur um sich der Tyrannei des Vaters zu entziehen und 
ungestört ihren wirklichen Neigungen zu leben. Mit dem Manne, 
meinte sie etwas verächtlich, würde sie schon fertig werden, und 
endlich könne man ja, wie das Beispiel der verehrten Dame 
zeige, auch gleichzeitig sexuelle Beziehungen mit einem Manne 
und mit einer Frau haben. Durch irgendeinen leisen Eindruck 
gewarnt, erklärte ich ihr eines Tages, ich glaube diesen Träumen 
nicht, sie seien lügnerisch oder heuchlerisch, und ihre Absicht sei, 
mich zu betrügen, wie sie den Vater zu betrügen pflegte. Ich 
hatte Recht, diese Art von Träumen blieb von dieser Aufklärung 
an aus. Ich glaube aber doch, neben der Absicht der Irreführung 
lag auch ein Stück Werbung in diesen Träumen 5 es war auch 
ein Versuch, mein Interesse und meine gute Meinung zu 
gewinnen, vielleicht um mich später desto gründlicher zu ent- 
täuschen. 

Ich kann mir vorstellen, daß der Hinweis auf die Existenz 
solch lügnerischer Gefälligkeitsträume bei manchen, die sich 
Analytiker nennen, einen wahren Sturm von hilfloser Entrüstung 



Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität 335 

entfesseln wird. „Also kann auch das Unbewußte lügen, der 
wirkliche Kern unseres Seelenlebens, dasjenige in uns, was dem 
Göttlichen so viel näher ist als unser armseliges Bewußtsein! 
Wie kann man dann noch auf die Deutungen der Analyse und 
die Sicherheit unserer Erkenntnisse bauen?" Dagegen muß gesagt 
werden, daß die Anerkennung solch lügenhafter Träume eine 
erschütternde Neuheit nicht bedeutet. Ich weiß zwar, daß das 
Bedürfnis der Menschen nach Mystik unausrottbar ist, und daß 
es unablässige Versuche macht, das durch die „Traumdeutung" 
der Mystik entrissene Gebiet für sie wiederzugewinnen, aber in 
dem Falle, der uns beschäftigt, liegt doch alles einfach genug. 
Der Traum ist nicht das „Unbewußte", er ist die Form, in 
welche ein aus dem Vorbewußten oder selbst aus dem Bewußten 
des Wachlebens erübrigter Gedanke dank der Begünstigungen 
des Schlafzustandes umgegossen werden konnte. Im Schlafzustand 
hat er die Unterstützung unbewußter Wunschregungen gewonnen 
und dabei die Entstellung durch die „Traumarbeit" erfahren, 
welche durch die fürs Unbewußte geltenden Mechanismen 
bestimmt wird. Bei unserer Träumerin stammte die Absicht, mich 
irrezuführen, wie sie es beim Vater zu tun pflegte, gewiß aus 
dem Vorbewußten, wenn sie nicht etwa gar bewußt war; sie 
konnte sich nun durchsetzen, indem sie mit der unbewußten 
Wunschregung, dem Vater (oder Vaterersatz) zu gefallen, in Ver- 
bindung trat, und schuf so einen lügnerischen Traum. Die beiden 
Absichten, den Vater zu betrügen und dem Vater zu gefallen, 
stammen aus demselben Komplex; die erstere ist aus der Ver- 
drängung der letzteren erwachsen, die spätere wird durch die 
Traumarbeit auf die frühere zurückgeführt. Von einer Ent- 
würdigung des Unbewußten, von einer Erschütterung des Zutrauens 
in die Ergebnisse unserer Analyse kann also nicht die Rede sein. 
Ich will die Gelegenheit nicht versäumen, auch einmal das 
Erstaunen darüber zu Worte kommen zu lassen, daß die Menschen 
so große und bedeutungsvolle Stücke ihres Liebeslebens durch- 



356 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

machen können, ohne viel davon zu bemerken, ja mitunter, ohne 
das mindeste davon zu ahnen, oder daß sie, wenn es zu ihrem 
Bewußtsein kommt, sich mit dein Urteil so gründlich darüber 
täuschen. Das geschieht nicht nur unter den Bedingungen der 
Neurose, wo wir mit dem Phänomen vertraut sind, sondern 
scheint auch sonst recht gewöhnlich zu sein. In unserem Falle 
entwickelt ein Mädchen eine Schwärmerei für Frauen, die von 
den Eltern zuerst nur als ärgerlich empfunden, aber kaum ernst 
genommen wird; sie selbst weiß wohl, wie sehr sie davon in 
Anspruch genommen wird, fühlt aber doch nur wenig von den 
Sensationen einer intensiven Verliebtheit, bis sich bei einer 
bestimmten Versagung eine ganz exzessive Reaktion ergibt, die 
allen Teilen zeigt, daß man es mit einer verzehrenden Leiden- 
schaft von elementarer Stärke zu tun hat. Von den Voraus- 
setzungen, die für das Hervorbrechen eines solchen seelischen 
Sturmes erforderlich sind, hat auch das Mädchen niemals etwas 
bemerkt. Andere Male trifft man auf Mädchen oder Frauen in 
schweren Depressionen, die, nach der möglichen Verursachung 
ihres Zustandes befragt, die Auskunft geben, sie haben wohl ein 
gewisses Interesse für eine bestimmte Person verspürt, aber es 
sei ihnen nicht tief gegangen und sie seien sehr bald damit 
fertig geworden, nachdem es aufgegeben werden mußte. Und 
doch ist dieser anscheinend so leicht ertragene Verzicht die 
Ursache der schweren Störung geworden. Oder man hat es mit 
Männern zu tun, die oberflächliche Liebesbeziehungen zu Frauen 
erledigt haben und erst aus den Folgeerscheinungen erfahren 
müssen, daß sie in das angeblich geringgeschätzte Objekt leiden- 
schaftlich verliebt waren. Man erstaunt auch über die ungeahnten 
Wirkungen, die von einem künstlichen Abortus, der Tötung 
einer Leibesfrucht, ausgehen können, zu der man sich ohne Reue 
und Bedenken entschlossen hatte. Man sieht sich so genötigt, den 
Dichtern recht zu geben, die uns mit Vorliebe Personen schildern, 
welche lieben ohne es zu wissen, oder die es nicht wissen, ob 



Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität 537 

sie lieben, oder die zu hassen glauben, während sie lieben. Es 
scheint, daß gerade die Kunde, die unser Bewußtsein von unserem 
Liebesleben erhält, besonders leicht unvollständig, lückenhaft oder 
gefälscht sein kann. In diesen Erörterungen habe ich es natür- 
lich nicht versäumt, den Anteil eines nachträglichen Vergessens 

in Abzug zu bringen. 

IV 

Ich kehre nun zu der vorhin abgebrochenen Diskussion des 
Falles zurück. Wir haben uns einen Überblick über die Kräfte 
verschafft, welche die Libido des Mädchens aus der normalen 
Ödipuseinstellung in die der Homosexualität überführt haben, 
und über die psychischen Wege, die dabei beschritten worden 
sind. Obenan unter diesen bewegenden Kräften stand der Ein- 
druck der Geburt ihres kleinen Bruders, und somit ist uns nahe- 
gelegt, den Fall als einen von spät erworbener Inversion zu 
klassifizieren. 

Allein hier werden wir auf ein Verhältnis aufmerksam, welches 
uns auch bei vielen anderen Beispielen von psychoanalytischer 
Aufklärung eines seelischen Vorganges entgegentritt. Solange wir 
die Entwicklung von ihrem Endergebnis aus nach rückwärts 
verfolgen, stellt sich uns ein lückenloser Zusammenhang her, 
und wir halten unsere Einsicht für vollkommen befriedigend, 
vielleicht für erschöpfend. Nehmen wir aber den umgekehrten 
Weg, gehen wir von den durch die Analyse gefundenen Vor- 
aussetzungen aus und suchen diese bis zum Resultat zu verfolgen, 
so kommt uns der Eindruck einer notwendigen und auf keine 
andere Weise zu bestimmenden Verkettung ganz abhanden. Wir 
merken sofort, es hätte sich auch etwas anderes ergeben können, 
und dies andere Ergebnis hätten wir ebensogut verstanden und 
aufklären können. Die Synthese ist also nicht so befriedigend wie 
die Analyse; mit anderen Worten, wir wären nicht imstande, 
aus der Kenntnis der Voraussetzungen die Natur des Ergebnisses 
vorherzusagen. 

Freud, V. 22 



558 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



Es ist sehr leicht, diese betrübliche Erkenntnis auf ihre 
Ursachen zurückzuführen. Mögen uns auch die ätiologischen 
Faktoren, welche für einen bestimmten Erfolg maßgebend sind, 
vollständig bekannt sein, wir kennen sie doch nur nach ihrer 
qualitativen Eigenart und nicht nach ihrer relativen Stärke. Einige 
von ihnen werden als zu schwach von anderen unterdrückt 
werden und für das Endergebnis nicht in Betracht kommen. Wir 
wissen aber niemals vorher, welche der bestimmenden Momente 
sich als die schwächeren oder stärkeren erweisen werden. Wir 
sagen nur am Ende, die sich durchgesetzt haben, das waren die 
stärkeren. Somit ist die Verursachung in der Richtung der 
Analyse jedesmal sicher zu erkennen, deren Vorhersage in der 
Richtung der Synthese aber unmöglich. 

Wir wollen also nicht behaupten, daß jedes Mädchen, dessen 
aus der Ödipuseinst eilung der Pubertätsjahre herrührende Liebes- 
sehnsucht eine solche Enttäuschung erfährt, darum notwendiger- 
weise der Homosexualität verfallen wird. Andersartige Reaktionen 
auf dieses Trauma werden im Gegenteil häufiger sein. Dann 
müssen aber bei diesem Mädchen besondere Momente den Aus- 
schlag gegeben haben, solche außerhalb des Traumas, wahr- 
scheinlich innerer Natur. Es hat auch keine Schwierigkeit, sie 
aufzuzeigen. 

Bekanntlich braucht es auch beim Normalen eine gewisse Zeit, 
bis sich die Entscheidung über das Geschlecht des Liebesobjekts 
endgültig durchgesetzt hat. Homosexuelle Schwärmereien, über- 
mäßig starke, sinnlich betonte Freundschaften sind bei beiden 
Geschlechtern in den ersten Jahren nach der Pubertät recht 
gewöhnlich. So war es auch bei unserem Mädchen, aber diese 
Neigungen zeigten sich bei ihr unzweifelhaft stärker und hielten 
länger an als bei anderen. Dazu kommt, daß diese Vorboten der 
späteren Homosexualität immer ihr bewußtes Leben eingenommen 
hatten, während die dem Ödipuskomplex entspringende Ein- 
stellung unbewußt geblieben war und nur in solchen Anzeichen 



Über die Psrchogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität 35g 

wie jene Verzärtelung des kleinen Knaben zum Vorschein kam. 
Als Schulmädchen war sie lange Zeit verliebt in eine unnahbar 
strenge Lehrerin, einen offenkundigen Mutterersatz. Ein besonders 
lebhaftes Interesse für manche jungmütterliche Frauen hatte sie 
lange vor der Geburt des Bruders und um so sicherer lange Zeit 
vor jener ersten Zurechtweisung durch den Vater gezeigt. Ihre 
Libido lief also von sehr früher Zeit her in zwei Strömungen, 
von denen die oberflächlichere unbedenklich eine homosexuelle 
genannt werden darf. Diese war wahrscheinlich die direkte, 
unverwandelte Fortsetzung einer infantilen Fixierung an die 
Mutter. Möglicherweise haben wir durch unsere Analyse auch 
nichts anderes aufgedeckt als den Prozeß, der bei einem geeig- 
neten Anlaß auch die tiefere heterosexuelle Libidoströmung in 
die manifeste homosexuelle überführte. 

Ferner lehrte die Analyse, daß das Mädchen aus ihren Kinder- 
jahren einen stark betonten „Männlichkeitskomplex" mitgebracht 
hatte. Lebhaft, rauflustig, durchaus nicht gewillt, hinter dem 
wenig älteren Bruder zurückzustehen, hatte sie seit jener Inspektion 
der Genitalien einen mächtigen Penisneid entwickelt, dessen 
Abkömmlinge immer noch ihr Denken erfüllten. Sie war 
eigentlich eine Frauenrechtlerin, fand es ungerecht, daß die 
Mädchen nicht dieselben Freiheiten genießen sollten wie die 
Burschen, und sträubte sich überhaupt gegen das Los der Frau. 
Zur Zeit der Analyse waren ihr Schwangerschaft und Kinder- 
gebären unliebsame Vorstellungen, wie ich vermute, auch wegen 
der damit verbundenen körperlichen Entstellung. Auf diese 
Abwehr hatte sich ihr mädchenhafter Narzißmus zurückgezogen, 1 
der sich nicht mehr als Stolz auf ihre Schönheit äußerte. Ver- 
schiedene Anzeichen wiesen auf eine ehemals sehr starke Schau- 
und Exhibitionslust hin. Wer das Recht der Erwerbung in der 
Ätiologie nicht verkürzt sehen will, wird aufmerksam machen, 
daß das geschilderte Verhalten des Mädchens gerade so war, wie 

1) Vgl. Kriemhildes Bekenntnis im Nibelungenlied. 

aa' 



2^0 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

es durch die vereinte Wirkung der mütterlichen Zurücksetzung 
und der Vergleichung ihrer Genitalien mit denen des Bruders bei 
starker Mutterfixierung bestimmt werden mußte. Auch hier 
besteht eine Möglichkeit, etwas auf Prägung durch frühzeitig 
wirksamen äußeren Einfluß zurückzuführen, was man gern als 
konstitutionelle Eigenart aufgefaßt hätte. Und auch von dieser 
Erwerbung — wenn sie wirklich stattgefunden hat — wird 
ein Anteil auf Rechnung der mitgebrachten Konstitution zu 
setzen sein. So vermengt und vereinigt sich in der Beobachtung 
beständig, was wir in der Theorie zu einem Paar von 
Gegensätzen — Vererbung und Erwerbung — auseinanderlegen 
möchten. 

Hatte ein früherer, vorläufiger Abschluß der Analyse zum 
Ausspruch geführt, es handle sich um einen Fall von später 
Erwerbung der Homosexualität, so drängt die jetzt vorgenommene 
Überprüfung des Materials vielmehr zum Schluß, es liege 
angeborene Homosexualität vor, die sich wie gewöhnlich erst in 
der Zeit nach der Pubertät fixiert und unverkennbar gezeigt 
habe. Jede dieser Klassifizierungen wird nur einem Anteil des 
durch Beobachtung festzustellenden Sachverhaltes gerecht, vernach- 
lässigt den anderen. Wir treffen das Richtige, wenn wir den 
Wert dieser Fragestellung überhaupt gering veranschlagen. 

Die Literatur der Homosexualität pflegt die Fragen der Objekt- 
wahl einerseits und des Geschlechtscharakters und der geschlecht- 
lichen Einstellung anderseits nicht scharf genug zu trennen, als 
ob die Entscheidung über den einen Punkt notwendigerweise 
mit der des anderen verknüpft wäre. Die Erfahrung zeigt jedoch 
das Gegenteil: Ein Mann mit überwiegend männlichen Eigen- 
schaften, der auch den männlichen Typus des Liebeslebens zeigt, 
kann doch in bezug aufs Objekt invertiert sein, nur Männer 
anstatt Frauen lieben. Ein Mann, in dessen Charakter die weib- 
lichen Eigenschaften augenfällig vorwiegen, ja, der sich in der 
Liebe wie ein Weib benimmt, sollte durch diese weibliche Ein- 



Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität 341 

Stellung auf den Mann als Liebesobjekt hingewiesen werden; er 
kann aber trotzdem heterosexuell sein, nicht mehr Inversion in 
bezug aufs Objekt zeigen als durchschnittlich ein Normaler. Das- 
selbe gilt für Frauen, auch bei ihnen treffen psychischer 
Geschlechtscharakter und Objektwahl nicht zu fester Relation 
zusammen. Das Geheimnis der Homosexualität ist also keines- 
wegs so einfach, wie man es zum populären Gebrauch gern 
darstellt: Eine weibliche Seele, die darum den Mann lieben muß, 
zum Unglück in einen männlichen Körper geraten, oder eine 
männliche Seele, die unwiderstehlich vom Weib angezogen wird, 
leider in einen weiblichen Leib gebannt. Vielmehr handelt es 
sich um drei Reihen von Charakteren 

Somatische Geschlechtscharaktere — Psychischer Geschlechtscharakter 

(Physischer Hermaphroditismus) /mannl. t-. „ v 

Ureibl. Einstellung) 

— Art der Ohjektwahl, 

die bis zu einem gewissen Grade voneinander unabhängig variieren 
und sich bei den einzelnen Individuen in mannigfachen Permu- 
tationen vorfinden. Die tendenziöse Literatur hat den Einblick 
in diese Verhältnisse erschwert, indem sie aus praktischen Motiven 
das dem Laien allein auffällige Verhalten im dritten Punkt, dem 
der Objektwahl, in den Vordergrund rückt und außerdem die 
Festigkeit der Beziehung zwischen diesem und dem ersten Punkt 
übertreibt. Sie versperrt sich auch den Weg, der zur tieferen 
Einsicht in all das führt, was man uniform als Homosexualität 
bezeichnet, indem sie sich gegen zwei Grundtatsachen sträubt, 
welche die psychoanalytische Forschung aufgedeckt hat. Die erste, 
daß die homosexuellen Männer eine besonders starke Fixierung 
an die Mutter erfahren haben; die zweite, daß alle Normalen 
neben ihrer manifesten Heterosexualität ein sehr erhebliches Aus- 
maß von latenter oder unbewußter Homosexualität erkennen 
lassen. Trägt man diesen Funden Rechnung, so ist es allerdings 
um die Annahme eines von der Natur in besonderer Laune 
geschaffenen „dritten Geschlechts" geschehen. 



542 Arbeiten zum Sr.ru/if leben und zur Neurosenlehre 

Die Psychoanalyse ist nicht dazu berufen, das Problem der 
Homosexualität zu lösen. Sie muß sich damit begnügen, die 
psychischen Mechanismen zu enthüllen, die zur Entscheidung in 
der Objektwahl geführt haben, und die Wege von ihnen zu den 
Triebanlagen zu verfolgen. Dann bricht sie ab und überläßt das 
übrige der biologischen Forschung, die gerade jetzt in den Ver- 
suchen von S t e i n a c h ' so bedeutungsvolle Aufschlüsse über die 
Beeinflussung der obigen zweiten und dritten Reihe durch die 
erste zutage fördert. Sie steht auf gemeinsamem Boden mit der 
Biologie, indem sie eine ursprüngliche Bisexualität des mensch- 
lichen (wie des tierischen) Individuums zur Voraussetzung nimmt. 
Aber das Wesen dessen, was man im konventionellen oder im 
biologischen Sinne „männlich" und „weiblich" nennt, kann die 
Psychoanalyse nicht aufklären, sie übernimmt die beiden Begriffe 
und legt sie ihren Arbeiten zugrunde. Beim Versuche einer 
weiteren Zurückfühlung verflüchtigt sich ihr die Männlichkeit 
zur Aktivität, die Weiblichkeit zur Passivität, und das ist zu 
wenig. Inwieweit die Kr Wartung zulässig oder bereits durch 
Erfahrung bestätigt ist, es werde sich auch aus dem Stück Auf- 
klärungsarbeit, welches in den Bereich der Analyse fällt, eine 
Handhabe zur Abänderung der Inversion ergeben, habe ich vor- 
hin auszuführen versucht. Vergleicht man dieses Ausmaß von 
Beeinflussung mit den großartigen Umwälzungen, die St ei nach 
in einzelnen Fällen durch operative Eingriffe erzielt hat, so macht 
es wohl keinen imposanten Eindruck. Indes wäre es Voreiligkeit 
oder schädliche Übertreibung, wenn wir uns jetzt schon Hoffnung 
auf eine allgemein brauchbare „Therapie" der Inversion machten. 
Die Fälle von männlicher Homosexualität, in denen S t e i n a c h Erfolg 
gehabt hat, erfüllten die nicht immer vorhandene Bedingung 
eines überdeutlichen somatischen „Hermaphroditismus". Die 
Therapie einer weiblichen Homosexualität auf analogem Wege 

l) Siehe A. Lipichüti: Die Pubertiitsdrüse und ihre Wirkimgen. E. Bircher, 
Bern, 1919- 



Über die Psycho genese eines Falles von weiblicher Homosexualität 545 

ist zunächst ganz unklar. Sollte sie in der Entfernung der wahr- 
scheinlich hermaphroditischen Ovarien und Einpflanzung anderer, 
hoffentlich eingeschlechtiger, bestehen, so würde sie praktisch 
wenig Aussicht auf Anwendung haben. Ein weibliches Individuum, 
das sich männlich gefühlt und auf männliche Weise geliebt hat, 
wird sich kaum in die weibliche Rolle drängen lassen, wenn es 
diese nicht durchaus vorteilhafte Umwandlung mit dem Verzicht 
auf die Mutterschaft bezahlen muß. 



/C^ ,fa. \v~tk "»*«* 6 ^ 




11 



»EIN KIND WIRD GESCHLAGEN« 

BEITRAG ZUR KENNTNIS DER ENTSTEHUNG SEXUELLER 

I'EKN KKSIONEN 

Zuerst erschienen in der „Internat. Zeitschrift 
für ärztliche Psychoanalyse," V, IpJ«?, dann in der 
Fünften Folge der „Sammlung kleiner Schriften zur 
Neuroscnlehrc". 



Die Phantasievorstellung: „ein Kind wird geschlagen" wird 
mit überraschender Häufigkeit von Personen eingestanden, die 
wegen einer Hysterie oder einer Zwangsneurose die analytische 
Behandlung aufgesucht haben. Es ist recht wahrscheinlich, daß 
sie noch öfter bei anderen vorkommt, die nicht durch manifeste 
Erkrankung zu diesem Entschluß genötigt worden sind. 

An diese Phantasie sind Lustgefühle geknüpft, wegen welcher 
sie ungezählte Male reproduziert worden ist oder noch immer 
reproduziert wird. Auf der Höhe der vorgestellten Situation setzt 
sich fast regelmäßig eine onanistische Befriedigung (an den 
Genitalien also) durch, anfangs mit Willen der Person, aber 
ebenso später hin mit Zwangscharakter gegen ihr Widerstreben. 

Das Eingeständnis dieser Phantasie erfolgt nur zögernd, die 
Erinnerung an ihr erstes Auftreten ist unsicher, der analytischen 
Behandlung des Gegenstandes tritt ein unzweideutiger Widerstand 
entgegen, Schämen und Schuldbewußtsein regen sich hiebei 
vielleicht kräftiger als bei ähnlichen Mitteilungen über die 
erinnerten Anfänge des Sexuallebens. 






Ein Kind wird geschlagen 345 

Es läßt sich endlich feststellen, daß die ersten Phantasien 
dieser Art sehr frühzeitig gepflegt worden sind, gewiß vor dem 
Schulbesuch, schon im fünften und sechsten Jahr. Wenn das 
Kind in der Schule mitangesehen hat, wie andere Kinder vom 
Lehrer geschlagen wurden, so hat dies Erleben die Phantasien 
wieder hervorgerufen, wenn sie eingeschlafen waren, hat sie ver- 
stärkt, wenn sie noch bestanden, und ihren Inhalt in merklicher 
Weise modifiziert. Es wurden von da an „unbestimmt viele 
Kinder geschlagen. Der Einfluß der Schule war so deutlich, daß 
die betreffenden Patienten zunächst versucht waren, ihre Schlage- 
phantasien ausschließlich auf diese Eindrücke der Schulzeit, nach 
dem sechsten Jahr, zurückzuführen. Allein dies ließ sich niemals 
halten; sie waren schon vorher vorhanden gewesen. 

Hörte das Schlagen der Kinder in höheren Schulklassen auf, 
so wurde dessen Einfluß durch die Einwirkung der bald zu 
Bedeutung kommenden Lektüre mehr als nur ersetzt. In dem 
Milieu meiner Patienten waren es fast immer die nämlichen, 
der Jugend zugänglichen Bücher, aus deren Inhalt sich die 
Schlagephantasien neue Anregungen holten: die sogenannte Biblio- 
theque rose, Onkel Toms Hütte und dergleichen. Im Wetteifer 
mit diesen Dichtungen begann die eigene Phantasietätigkeit des 
Kindes, einen Reichtum von Situationen und Institutionen zu 
erfinden, in denen Kinder wegen ihrer Schlimmheit und ihrer 
Unarten geschlagen oder in anderer Weise bestraft und gezüch- 
tigt werden. 

Da die Phantasievorstellung, ein Kind wird geschlagen, regel- 
mäßig mit hoher Lust besetzt war und in einen Akt lustvoller 
autoerotischer Befriedigung auslief, könnte man erwarten, daß auch 
das Zuschauen, wie ein anderes Kind in der Schule geschlagen 
wurde, eine Quelle ähnlichen Genusses gewesen sei. Allein dies 
war nie der Fall. Das Miterleben realer Schlageszenen in der 
Schule rief beim zuschauenden Kinde ein eigentümlich aufgeregtes, 
wahrscheinlich gemischtes, Gefühl hervor, an dem die Ablehnung 



/ 






346 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

einen großen Anteil hatte. In einigen Fällen wurde das reale 
Erleben der Schlageszenen als unerträglich empfunden. Übrigens 
wurde auch in den raffinierten Phantasien späterer Jahre an der 
Bedingung festgehalten, daß den gezüchtigten Kindern kein ernst- 
hafter Schaden zugefügt werde. 

Man mußte die Frage aufwerfen, welche Beziehung zwischen 
der Bedeutung der Schlagephautasion und der Rolle bestehen 
möge, die reale körperliche Züchtigungen in der häuslichen 
Erziehung des Kindes gespielt hätten. Die nächstliegende Ver- 
mutung, es werde sich hiebei eine umgekehrte Relation ergeben, 
ließ sich infolge der Einseitigkeit des Materials nicht erweisen. 
Die Personen, die den Stoff für diese Analysen hergaben, waren 
in ihrer Kindheit sehr selten geschlagen, waren jedenfalls nicht 
mit Hilfe von Prügeln erzogen worden. Jedes dieser Kinder hatte 
natürlich doch irgendeinmal die überlegene Körperkraft seiner 
Eltern oder Erzieher zu spüren bekommen; daß es an Schläge- 
reien zwischen den Kindern selbst in keiner Kinderstube gefehlt, 
bedarf keiner ausdrücklichen Hervorhebung, 

Bei jenen frühzeitigen und simplen Phantasien, die nicht offen- 
kundig auf den Einfluß von Schuleindrücken oder Szenen aus 
der Lektüre hinwiesen, wollt«? die Forschung gern mehr erfahren. 
Wer war das geschlagene Kind? Das phantasierende selbst oder 
ein fremdes? War es immer dasselbe Kind oder beliebig oft ein 
anderes? Wer war es, der das Kind schlug? Ein Erwachsener? 
Und wer dann? Oder phantasierte das Kind, daß es selbst ein 
anderes schlüge? Auf alle diese Fragen kam keine aufklärende 
Auskunft, immer nur die eine scheue Antwort: Ich weiß nichts 
mehr darüber; ein Kind wird geschlagen. 

Erkundigungen nach dem Geschlecht des geschlagenen Kindes 
hatten mehr Erfolg, brachten aber auch kein Verständnis. Manch- 
mal wurde geantwortet: Immer nur Buben, oder: Nur Mädel; 
öfter hieß es: Das weiß ich nicht, oder: Das ist gleichgültig. 
Das, worauf es dem Fragenden ankam, eine konstante Beziehung 



Ein Kind wird geschlagen 547 

zwischen dem Geschlecht des phantasierenden und dem des 
geschlagenen Kindes, stellte sich niemals heraus. Gelegentlich 
einmal kam noch ein charakteristisches Detail aus dem Inhalt 
der Phantasie zum Vorschein: Das kleine Kind wird auf den 
nackten Popo geschlagen. 

Unter diesen Umständen konnte man vorerst nicht einmal 
entscheiden, ob die an der Schlagephantasie haftende Lust als 
eine sadistische oder als eine masochistische zu bezeichnen sei. 

II 

Die Auffassung einer solchen, im frühen Kindesalter vielleicht 
bei zufälligen Anlässen auftauchenden, und zur autoerotischen 
Befriedigung festgehaltenen Phantasie kann nach unseren bis- 
herigen Einsichten nur lauten, daß es sich hiebei um einen 
primären Zug von Perversion handle. Eine der Komponenten 
der Sexualfunktion sei den anderen in der Entwicklung voran- 
geeilt, habe sich vorzeitig selbständig gemacht, sich fixiert und 
dadurch den späteren Entwicklungsvorgängen entzogen, damit 
aber ein Zeugnis für eine besondere, anormale Konstitution der 
Person gegeben. Wir wissen, daß eine solche infantile Perversion 
nicht fürs Leben zu verbleiben braucht, sie kann noch später der J\> 
Verdrängung verfallen, durch eine Reaktionsbildung ersetzt oder 
durch eine Sublimierung umgewandelt werden. (Vielleicht ist es 
aber so, daß die Sublimierung aus einem besonderen Prozeß her- 
vorgeht, welcher durch die Verdrängung hintan gehalten würde.) 
Wenn aber diese Vorgänge ausbleiben, dann erhält sich die Perversion 
im reifen Leben, und wo wir beim Erwachsenen eine sexuelle 
Abirrung — Perversion, Fetischismus, Inversion — vorfinden, da 
erwarten wir mit Recht, ein solches fixierendes Ereignis der 
Kinderzeit durch anamnestische Erforschung aufzudecken. Ja lange 
vor der Zeit der Psychoanalyse haben Beobachter wie B i n e t die 
sonderbaren sexuellen Abirrungen der Reifezeit auf solche Ein- 
drücke, gerade der nämlichen Kinderjahre von fünf oder sechs an, 



348 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

zurückführen können. Man war hiebei allerdings auf eine Schranke 
unseres Verständnisses gestoßen, denn den fixierenden Eindrücken 
fehlte jede traumatische Kraft, sie waren zumeist banal und für 
andere Individuen nicht aufregend; man konnte nicht sagen, 
warum sich das Sexualstreben gerade an sie fixiert hatte. Aber 
man konnte ihre Bedeutung darin suchen, daß sie eben der vor- 
eiligen und sprungbereiten Sexualkomponente den, wenn auch 
zufälligen, Anlaß zur Anheftung geboten hatten, und man mußte 
ja darauf vorbereitet sein, daß die Kette der Kausalverknüpfung 
irgendwo ein vorläufiges Ende finden werde. Gerade die mitge- 
brachte Konstitution schien allen Anforderungen an einen solchen 
Haltepunkt zu entsprechen. 

Wenn die frühzeitig losgerissene Sexualkomponente die sadi- 
stische ist, so bilden wir auf Grund anderswo gewonnener Ein- 
sicht die Erwartung, daß durch spätere Verdrängung derselben 
eine Disposition zur Zwangsneurose geschaffen werde. Man kann 
nicht sagen, daß dieser Erwartung durch das Ergebnis der Unter- 
suchung widersprochen wird. Unter den sechs Fällen, auf deren 
eingehendem Studium diese kleine Mitteilung aufgebaut ist (vier 
Frauen, zwei Männer) befanden sich Fälle von Zwangsneurose, 
ein allerschwerster, lebenszerstörender, und ein mittelschwerer, 
der Beeinflussung gut zugänglicher, ferner ein dritter, der 
wenigstens einzelne deutliche Züge der Zwangsneurose aufwies. 
Ein vierter Fall war freilich eine glatte Hysterie mit Schmerzen 
und Hemmungen, und ein fünfter, der die Analyse bloß wegen 
Unschlüssigkeiten im Leben aufsuchte, wäre von grober klinischer 
Diagnostik überhaupt nicht klassifiziert oder als „Psychasthenie" 
abgetan worden. Man darf in dieser Statistik keine Enttäuschung 
erblicken, denn erstens wissen wir, daß nicht jegliche Disposition 
sich zur Affektion weiter entwickeln muß, und zweitens darf es 
uns genügen zu erklären, was vorhanden ist, und dürfen wir 
uns der Aufgabe, auch verstehen zu lassen, warum etwas nicht 
zustande gekommen ist, im allgemeinen entziehen. 



Ein Kind wird geschlagen 349 

So weit und nicht weiter würden uns unsere gegenwärtigen 
Einsichten ins Verständnis der Schlagephantasien eindringen lassen. 
Eine Ahnung, daß das Problem hiemit nicht erledigt ist, regt 
sich allerdings beim analysierenden Arzte, wenn er sich ein- 
gestehen muß, daß diese Phantasien meist abseits vom übrigen 
Inhalt der Neurose bleiben und keinen rechten Platz in deren 
Gefüge einnehmen; aber man pflegt, wie ich aus eigener Erfahrung 
weiß, über solche Eindrücke gern hinwegzugehen. 

III 

Streng genommen — und warum sollte man dies nicht so~ 
streng als möglich nehmen? — verdient die Anerkennung als 
korrekte Psychoanalyse nur die analytische Bemühung, der es 
gelungen ist, die Amnesie zu beheben, welche dem Erwachsenen 
die Kenntnis seines Kinderlebens vom Anfang an (das heißt etwa 
vom zweiten bis zum fünften Jahr) verhüllt. Man kann das unter 
Analytikern nicht laut genug sagen und nicht oft genug wieder- 
holen. Die Motive, sich über diese Mahnung hinwegzusetzen, 
sind ja begreiflich. Man möchte brauchbare Erfolge in kürzerer 
Zeit und mit geringerer Mühe erzielen. Aber gegenwärtig ist 
die theoretische Erkenntnis noch ungleich wichtiger für jeden 
von uns als der therapeutische Erfolg, und wer die Kindheits- 
analyse vernachlässigt, muß notwendig den folgenschwersten 
Irrtümern verfallen. Eine Unterschätzung des Einflusses späterer 
Erlebnisse wird durch diese Betonung der Wichtigkeit der 
frühesten nicht bedingt 5 aber die späteren Lebenseindrücke 
sprechen in der Analyse laut genug durch den Mund des Kranken, 
für das Anrecht der Kindheit muß erst der Arzt die Stimme 
erheben. 

Die Kinderzeit zwischen zwei und vier oder fünf Jahren ist 
diejenige, in welcher die mitgebrachten libidinösen Faktoren von 
den Erlebnissen zuerst geweckt und an gewisse Komplexe gebunden 
werden. Die hier behandelten Schlagephantasien zeigen sich erst 



55° 



Arbeiten tum Seruallehrn und zur Neurosen lehre 






zu Ende oder nach Ablauf dieser Zeit. Es könnte also wohl sein, 
daß sie eine Vorgeschichte haben, eine Entwicklung; durchmachen, 
einem Endausgang, nicht einer Anfangsäußerung entsprechen. 

Diese Vermutung wird durch die Analyse bestätigt. Die kon- 
sequente Anwendung derselben lehrt, daß die Schlagephantasien 
eine gar nicht einfache Entwicklungsgeschichte haben, in deren 
Verlauf sich das meiste an ihnen mehr als einmal ändert: ihre 
Beziehung zur phantasierenden Person, ihr Objekt, Inhalt und 
ihre Bedeutung. 

Zur leichteren Verfolgung dieser Wandlungen in den Schlage- 
phantasien werde ich mir nun gestatten, meine Beschreibungen 
auf die weiblichen Personen einzuschränken, die ohnedies (vier 
gegen zwei) die Mehrheit meines Materials ausmachen. An die 
Schlagephantasien der Männer knüpft außerdem ein anderes 
Thema an, das ich in dieser Mitteilung beiseite lassen will. Ich 
werde mich dabei bemühen, nicht mehr zu schematisieren, als 
zur Darstellung eines durchschnittlichen Sachverhaltes unvermeid- 
lich ist. Mag dann weitere Beobachtung auch eine größere 
Mannigfaltigkeit der Verhältnisse ergeben, so bin ich doch sicher, 
ein typisches Vorkommnis, und zwar nicht von seltener Art, 
erfaßt zu haben. 

Die erste Phase der Schlagephantasien bei Mädchen also muß 
einer sehr frühen Kinderzeit angehören. Einiges an ihnen bleibt 
in merkwürdiger Weise unbestimmbar, als ob es gleichgültig 
wäre. Die kärgliche Auskunft, die man von den Patienten bei 
der ersten Mitteilung erhalten hat: Ein Kind wird geschlagen, 
erscheint für diese Phantasie gerechtfertigt. Allein anderes ist mit 
Sicherheit bestimmbar und dann allemal im gleichen Sinne. Das 
geschlagene Kind ist nämlich nie das phantasierende, regelmäßig 
ein anderes Kind, zumeist ein Geschwisterchen, wo ein solches 
vorhanden ist. Da dies Bruder oder Schwester sein kann, kann 
sich hier auch keine konstante Beziehung zwischen dem Geschlecht 
des phantasierenden und dem des geschlagenen Kindes ergeben. 






■,.''■: 

Ein Kind wird geschlagen gci 

Die Phantasie ist also sicherlich keine masochistische ; man möchte 
sie sadistisch nennen, allein man darf nicht außer acht lassen, 
daß das phantasierende Kind auch niemals selbst das schlagende 
ist. Wer in Wirklichkeit die schlagende Person ist, bleibt zunächst 
unklar. Es läßt sich nur feststellen: kein anderes Kind, sondern 
ein Erwachsener. Diese unbestimmte erwachsene Person wird 
dann späterhin klar und eindeutig als der Vater (des Mädchens) 
kenntlich. 

Diese erste Phase der Schlagephantasie wird also voll wieder- 
gegeben durch den Satz: Der Vater schlägt das Kind. Ich 
verrate viel von dem später aufzuzeigenden Inhalt, wenn ich 
anstatt dessen sage: Der Vater schlägt das mir verhaßte 
Kind. Man kann übrigens schwankend werden, ob man dieser 
Vorstufe der späteren Schlagephantasie auch schon den Charakter 
einer „Phantasie" zuerkennen soll. Es handelt sich vielleicht 
eher um Erinnerungen an solche Vorgänge, die man mitange- 
sehen hat, an Wünsche, die bei verschiedenen Anlässen aufgetreten 
sind, aber diese Zweifel haben keine Wichtigkeit. 

Zwischen dieser ersten und der nächsten Phase haben sich 
große Umwandlungen vollzogen. Die schlagende Person ist zwar 
die nämliche, die des Vaters, geblieben, aber das geschlagene 
Kind ist ein anderes geworden, es ist regelmäßig die des phan- 
tasierenden Kindes selbst, die Phantasie ist in hohem Grade 
lustbetont und hat sich mit einem bedeutsamen Inhalt erfüllt, 
dessen Ableitung uns später beschäftigen wird. Ihr Wortlaut ist 
jetzt also: Ich werde vom Vater geschlagen. Sie hat 
unzweifelhaft masochistischen Charakter. 

Diese zweite Phase ist die wichtigste und folgenschwerste von 
allen. Aber man kann in gewissem Sinne von ihr sagen, sie habe 
niemals eine reale Existenz gehabt. Sie wird in keinem Falle 
erinnert, sie hat es nie zum Bewußtwerden gebracht. Sie ist 
eine Konstruktion der Analyse, aber darum nicht minder eine 
Notwendigkeit. 



352 



Arbeiten zum. Sexualleben und zur Neurosenlehre 






Die dritte Phase ähnelt wiederum der ersten. Sie hat den aus 
der Mitteilung der Patientin bekannten Wortlaut. Die schlagende 
Person ist niemals die des Vaters, sie wird entweder wie in 
der ersten Phase unbestimmt gelassen, oder in typischer Weise 
durch einen Vatervertreter (Lehrer) besetzt. Die eigene Person 
des phantasierenden Kindes kommt in der Schlagephantasie nicht 
mehr zum Vorschein. Auf eindringliches Befragen äußern die 
Patienten nur: Ich schaue wahrscheinlich zu. Anstatt des 
einen geschlagenen Kindes sind jetzt meistens viele Kinder vor- 
handen. Überwiegend häufig sind es (in den Phantasien der 
Mädchen) Buben, die geschlagen werden, aber auch nicht 
individuell bekannte. Die ursprüngliche einfache und monotone 
Situation des Geschlagenwerdens kann die mannigfaltigsten 
Abänderungen und Ausschmückungen erfahren, das Schlagen 
selbst durch Strafen und Demütigungen anderer Art ersetzt 
werden. Der wesentliche Charakter aber, der auch die einfachsten 
Phantasien dieser Phase von denen der ersten unterscheidet und 
der die Beziehung zur mittleren Phase herstellt, ist der folgende: 
die Phantasie ist jetzt der Träger einer starken, unzweideutig 
sexuellen Erregung und vermittelt als solcher die onanistische 
Befriedigung. Gerade das ist aber das Rätselhafte; auf welchem 
Wege ist die nunmehr sadistische Phantasie, daß fremde und 
unbekannte Buben geschlagen werden, zu dem von da an 
dauernden Besitz der libidinösen Strebung des kleinen Mädchens 

gekommen ? 

Wir verhehlen uns auch nicht, daß Zusammenhang und Auf- 
einanderfolge der drei Phasen der Schlagephantasie wie alle 
ihre anderen Eigentümlichkeiten bisher ganz unverständlich 
geblieben sind. 

Führt man die Analyse durch jene frühen Zeiten, in die die 
Schlagephantasie verlegt und aus denen sie erinnert werden, so zeigt 
sie das Kind in die Erregungen seines Elternkomplexes verstrickt. 



Ein Kind wird geschlagen 



353 



Das kleine Mädchen ist zärtlich an den Vater fixiert, der 
wahrscheinlich alles getan hat, um seine Liebe zu gewinnen, 
und legt dabei den Keim zu einer Haß- und Konkurrenzein- 
stellung gegen die Mutter, die neben einer Strömung von zärt- 
licher Anhänglichkeit bestehen bleibt, und der vorbehalten sein kann, 
mit den Jahren immer stärker und deutlicher bewußt zu werden 
oder den Anstoß zu einer übergroßen reaktiven Liebesbindung 
an sie zu geben. Aber nicht an das Verhältnis zur Mutter knüpft 
die Schlagephantasie an. Es gibt in der Kinderstube noch andere 
Kinder, um ganz wenige Jahre älter oder jünger, die man aus 
allen anderen Gründen, hauptsächlich aber darum nicht mag, 
weil man die Liebe der Eltern mit ihnen teilen soll, und die' 
man darum mit der ganzen wilden Energie, die dem Gefühls- 
leben dieser Jahre eigen ist, von sich stößt. Ist es ein jüngeres 
Geschwisterchen (wie in drei von meinen vier Fällen), so ver- 
achtet man es, außerdem daß man es haßt, und muß doch 
zusehen, wie es jenen Anteil von Zärtlichkeit an sich zieht, den 
die verblendeten Eltern jedesmal für das Jüngste bereit haben. 
Man versteht bald, daß Geschlagenwerden, auch wenn es nicht 
sehr wehe tut, eine Absage der Liebe und eine Demütigung 
bedeutet. So manches Kind, das sich für sicher thronend in der 
unerschütterlichen Liebe seiner Eltern hielt, ist durch einen 
einzigen Schlag aus allen Himmeln seiner eingebildeten Allmacht 
gestürzt worden. Also ist es eine behagliche Vorstellung, daß der 
Vater dieses verhaßte Kind schlägt, ganz unabhängig davon, ob 
man gerade ihn schlagen gesehen hat. Es heißt: der Vater liebt 
dieses andere Kind nicht, er liebt nur mich. 

Dies ist also Inhalt und Bedeutung der Schlagephantasie in 
ihrer ersten Phase. Die Phantasie befriedigt offenbar die Eifer- 
sucht des Kindes und hängt von seinem Liebesleben ab, aber 
sie wird auch von dessen egoistischen Interessen kräftig gestützt. 
Es bleibt also zweifelhaft, ob man sie als eine rein „sexuelle" 
bezeichnen darf; auch eine „sadistische" getraut man sich nicht, 

Freud, V. 

4-v 



23 






35+ Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

sie zu nennen. Man weiß ja, daß gegen den Ursprung hin alle 
die Kennzeichen zu verschwimmen pflegen, auf welche wir unsere 
Unterscheidungen aufzubauen gewohnt sind. Also vielleicht 
ähnlich wie die Verheißung der drei Schicksalsschwestern an 
Banquo lautete: nicju_sich er sexuell, n icht selbst sadistisch, 
aber doch der Stoff, aus dem später beides werden soll. Keines- 
falls aber liegt ein Grund zur Vermutung vor, daß schon diese 
erste Phase der Phantasie einer Erregung dient, welche sich 
unter Inanspruchnahme der Genitalien Abfuhr in einem 
onanistischen Akt zu verschaffen lernt. 

In dieser vorzeitigen Objektwahl der inzestuösen Liebe erreicht 
das Sexualleben des Kindes offenbar die Stufe der genitalen 
Organisation. Es ist dies für den Knaben leichter nachzuweisen, 
aber auch fürs kleine Mädchen nicht zu bezweifeln. Etwas wie 
eine Ahnung der späteren definitiven und normalen Sexualziele 
beherrscht das libidinöse Streben des Kindes; man mag sich 
füglich verwundern, woher es kommt, darf es aber als Beweis 
dafür nehmen, daß die Genitalien ihre Rolle beim Erregungs- 
vorgang bereits angetreten haben. Der Wunsch, mit der Mutter 
ein Kind zu haben, fehlt nie beim Knaben, der Wunsch, vom 
Vater ein Kind zu bekommen, ist beim Mädchen konstant, und 
dies bei völliger Unfähigkeit, sich Klarheit über den Weg zu 
schaffen, der zur Erfüllung dieser Wünsche führen kann. Daß 
die Genitalien etwas damit zu tun haben, scheint beim Kinde 
festzustehen, wenngleich seine grübelnde Tätigkeit das Wesen 
der zwischen den Eltern vorausgesetzten Intimität in andersartigen 
Beziehungen suchen mag, zum Beispiel im Beisammenschlafen, 
in gemeinsamer Harnentleerung und dergleichen und solcher 
Inhalt eher in Wortvorstellungen erläßt werden kann als das 
Dunkle, das mit dem Genitalen zusammenhängt. 

Allein es kommt die Zeit, zu der diese frühe Blüte vom Frost 
geschädigt wird; keine dieser inzestuösen Verliebtheiten kann dem 
Verhängnis der Verdrängung entgehen. Sie verfallen ihr entweder 



Ein Kind wird geschlagen 



355 

bei nachweisbaren äußeren Anlässen, die eine Enttäuschung hervor- 
rufen, bei unerwarteten Kränkungen, bei der unerwünschten 
Geburt eines neuen Geschwisterchens, die als Treulosigkeit 
empfunden wird usw., oder ohne solche Veranlassungen, von innen 
heraus, vielleicht nur infolge des Ausbleibens der zu lange 
ersehnten Erfüllung. Es ist unverkennbar, daß die Veranlassungen 
nicht die wirkenden Ursachen sind, sondern daß es diesen Liebes- 
beziehungen bestimmt ist, irgend einmal unterzugehen, wir können 
nicht sagen, woran. Am wahrscheinlichsten ist es, daß sie vergehen, 
weil ihre Zeit um ist, weil die Kinder in eine neue Entwicklungsphase 
eintreten, in welcher sie genötigt sind, die Verdrängung der 
inzestuösen Objektwahl aus der Menschheitsgeschichte zu wieder- 
holen, wie sie vorher gedrängt waren, solche Objektwahl vor- 
zunehmen. (Siehe das Schicksal in der Ödipusmythe.) Was als 
psychisches Ergebnis der inzestuösen Liebesregungen unbewußt 
vorhanden ist, wird vom Bewußtsein der neuen Phase nicht mehr 
übernommen, was davon bereits bewußt geworden war, wieder 
herausgedrängt. Gleichzeitig mit diesem Verdrängungsvorgang 
erscheint ein Schuldbewußtsein, auch dieses unbekannter Herkunft, 
aber ganz unzweifelhaft an jene Inzestwünsche geknüpft und 
durch deren Fortdauer im Unbewußten gerechtfertigt. 1 

Die Phantasie der inzestuösen Liebeszeit hatte gesagt: Er (der 
Vater) liebt nur mich, nicht das andere Kind, denn dieses schlägt 
er ja. Das Schuldbewußtsein weiß keine härtere Strafe zu finden 
als die Umkehrung dieses Triumphes: „Nein, er liebt dich nicht, 
denn er schlägt dich." So würde die Phantasie der zweiten 
Phase, selbst vom Vater geschlagen zu werden, zum direkten 
Ausdruck des Schuldbewußtseins, dem nun die Liebe zum Vater 
unterliegt. Sie ist also masoch istisch^eworden . meines Wissens 
ist es immer so, jedesmal ist das Schuldbewußtsein das Moment" ' 
welches den Jadismus zu rn^Masochisn7u7""um wandelt . DiesTlst 

diese! b" F ° rtfÜhrUng " " DCr üntergan * deS Ödipuskomplexes« lg94 . [S . 4 , 3 



/fc, 



23* 



3J) 6 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlchre 

aber gewiß nicht der ganze Inhalt des Masochismus. Das Schuld- 
bewußtsein kann nicht allein das Feld behauptet haben; der 
Liebesregung muß auch ihr Anteil werden. Erinnern wir uns 
daran, daß es sich um Kinder handelt, bei denen die sadistische 
Komponente aus konstitutionellen Gründen vorzeitig und isoliert 
hervortreten konnte. Wir brauchen diesen Gesichtspunkt nicht 
aufzugeben. Bei eben diesen Kindern ist ein Rückgreifen auf die 
prägenitale, sadistisch-anale Organisation des Sexuallebens besonders 
erleichtert. Wenn die kaum erreichte genitale Organisation von 
der Verdrängung betroffen wird, so tritt nicht nur die eine Folge 
auf, daß jegliche psychische Vertretung der inzestuösen Liebe 
unbewußt wird oder bleibt, sondern es kommt noch als andere 
Folge hinzu, daß die Genitalorganisation selbst eine regressive 
Erniedrigung erfahrt. Das: Der Vater liebt mich, war im genitalen 
Sinne gemeint; durch die Regression verwandelt es sich in: Der 
Vater schlägt mich (ich werde vorn Vater geschlagen). Dies 
Geschlagenwerden ist nun ein Zusammentreffen von Schuld- 
bewußtsein und Erotik; es ist nicht nur die Strafe für 
die verpönte genitale Beziehung, sondern auch der 
regressive Ersatz für sie, und aus dieser letzteren Quelle ^ 
bezieht es die libidinöse Erregung, die ihm von nun anhaften ^J 
und in onanistischen Akten Abfuhr finden wird. Dies ist aber, 
erst das Wesen des Masochismus . 

= T3ie~"Phantasie der zweiten Phase, selbst vom Vater geschlagen 
zu werden, bleibt in der Regel unbewußt, wahrscheinlich infolge 
der Intensität der Verdrängung. Ich kann nicht angeben, warum 
sie doch in einem meiner sechs Fälle (einem männlichen) bewußt 
erinnert wurde. Dieser jetzt erwachsene Mann hatte es klar im 
Gedächtnis bewahrt, daß er die Vorstellung, von der Mutter 
geschlagen zu werden, zu onanistischen Zwecken zu gebrauchen 
pflegte; allerdings ersetzte er die eigene Mutter bald durch die 
Mütter von Schulkollegen oder andere, ihr irgendwie ähnliche 
Frauen. Es ist nicht zu vergessen, daß bei der Verwandlung 



Ein Kind wird geschlagen 



357 



der inzestuösen Phantasie des Knaben in die entsprechende 
masochistische eine Umkehrung mehr vor sich geht als im Falle 
des Mädchens, nämlich die Ersetzung von Aktivität durch 
Passivität, und dies Mehr von Entstellung mag die Phantasie vor 
dem Unbewußtbleiben als Erfolg der Verdrängung schützen. Dem 
Schuldbewußtsein hätte so die Regression an Stelle der Verdrängung 
genügt; in den weiblichen Fällen wäre das, vielleicht an sich 
anspruchsvollere, Schuldbewußtsein erst durch das Zusammenwirken 
beider begütigt worden. 

In zweien meiner vier weiblichen Fälle hatte sich über der 
masochistischen Schlagephantasie ein kunstvoller, für das Leben 
der Betreffenden sehr bedeutsamer Überbau von Tagträumen 
entwickelt, dem die Funktion zufiel, das Gefühl der befriedigten 
Erregung auch bei Verzicht auf den onanistischen Akt möglich 
zu machen. In einem dieser Fälle durfte der Inhalt, vom Vater 
geschlagen zu werden, sich wieder ins Bewußtsein wagen, wenn 
das eigene Ich durch leichte Verkleidung unkenntlich gemacht 
war. Der Held dieser Geschichten wurde regelmäßig vom Vater 
geschlagen, später nur gestraft, gedemütigt usw. 

Ich wiederhole aber, in der Regel bleibt die Phantasie unbewußt 
und muß erst in der Analyse rekonstruiert werden. Dies läßt 
vielleicht den Patienten recht geben, die sich erinnern wollen, 
die Onanie sei bei ihnen früher aufgetreten als die — gleich zu 
besprechende — Schlagephantasie der dritten Phase; letztere habe 
sich erst später hinzugesellt, etwa unter dem Eindruck von 
Schulszenen. So oft wir diesen Angaben Glauben schenkten, waren 
wir immer geneigt anzunehmen, die Onanie sei zunächst unter 
der_ Herrschaft unbewußter Phantasie gestanden, die später durch 
bewußte ersetzt wurden. 

Als solchen Ersatz fassen wir dann die bekannte Schlage- 
phantasie der dritten Phase auf, die endgültige Gestaltung derselben, 
in der das phantasierende Kind höchstens noch als Zuschauer 
vorkommt, der Vater in der Person eines Lehrers oder sonstigen 



358 



Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



A*~' 



Vorgesetzten erhalten ist. Die Phantasie, die nun jener der ersten 
Phase ähnlich ist, scheint sich wieder ins Sadistische gewendet 
zu haben. Es macht den Eindruck, als wäre in dem Satze: Der 
Vater schlägt das andere Kind, er liebt nur mich, der Akzent 
auf den ersten Teil zurückgewichen, nachdem der zweite der 
Verdrängung erlegen ist. Allein nur die Form dieser Phantasie 
ist sadistisch, die Befriedigung, die aus ihr gewonnen wird, ist 
eine masochistische, ihre Bedeutung liegt darin, daß sie die 
libidinöse Besetzung des verdrängten Anteils übernommen hat 
und mit dieser auch das am Inhalt haftende Schuldbewußt- 
sein. Alle die vielen unbestimmten Kinder, die vom Lehrer 
geschlagen werden, sind doch nur Ersetzungen der eigenen 
Person. 

Hier zeigt sich auch zum erstenmal etwas wie eine Konstanz 
des Geschlechtes bei den der Phantasie dienenden Personen. Die 
geschlagenen Kinder sind fast durchwegs Knaben, in den Phan- 
tasien der Knaben ebensowohl wie in denen der Mädchen. Dieser 
Zug erklärt sich greifbarerweise nicht aus einer etwaigen Kon- 
kurrenz der Geschlechter, denn sonst müßten ja in den Phan- 
tasien der Knaben vielmehr Mädchen geschlagen werden ; er hat 
auch nichts mit dem Geschlecht des gehaßten Kindes der ersten 
Phase zu tun, sondern er weist auf einen komplizierenden Vor- 
gang bei den Mädchen hin. Wenn sie sich von der genital 
gemeinten inzestuösen Liebe zum Vater abwenden, brechen 
sie überhaupt leicht mit ihrer weiblichen Rolle, beleben 
ihren „Männlichkeitskomplex" (van Ophuijsen) und wollen 
von da an nur Buben sein. Daher sind auch ihre Prügel- 
knaben, die sie vertreten, Buben. In beiden Fällen von Tag- 
träumen — der eine erhob sich beinahe zum Niveau einer 
Dichtung — waren die Helden immer nur junge Männer, 
ja Frauen kamen in diesen Schöpfungen überhaupt nicht 
vor und fanden erst nach vielen Jabren in Nebenrollen Auf- 
nahme. 



Ein Kind wird geschlagen 35g 

V 

Ich hoffe, ich habe meine analytischen Erfahrungen detailliert 
genug vorgetragen und bitte nur noch in Betracht zu ziehen, 
daß die oft erwähnten sechs Fälle nicht mein Material erschöpfen, 
sondern daß ich auch wie andere Analytiker über eine weit 
größere Anzahl von minder gut untersuchten Fällen verfüge. 
Diese Beobachtungen können nach mehreren Richtungen ver- 
wertet werden, zur Aufklärung über die Genese der Perversionen 
überhaupt, im besonderen des Masochismus, und zur Würdigung 
der Rolle, welche der Geschlechtsunterschied in der Dynamik 
der Neurose spielt. 

Das augenfälligste Ergebnis einer solchen Diskussion betrifft 
die Entstehung der Perversionen. An der Auffassung, die bei 
ihnen die konstitutionelle Verstärkung oder Voreiligkeit einer 
Sexualkomponente in den Vordergrund rückt, wird zwar nicht 
gerüttelt, aber damit ist nicht alles gesagt. Die Perversion steht 
nicht mehr isoliert im Sexualleben des Kindes, sondern sie wird 
in den Zusammenhang der uns bekannten typischen — um 
nicht zu sagen: normalen — Entwicklungsvorgänge aufgenommen. 
Sie wird in Beziehung zur inzestuösen Objektliebe des Kindes, 
zum Ödipuskomplex desselben, gebracht, tritt auf dem Boden 
dieses Komplexes zuerst hervor, und nachdem er zusammen- 
gebrochen ist, bleibt sie, oft allein, von ihm übrig, als Erbe 
seiner libidinösen Ladung und belastet mit dem an ihm haften- 
den Schuldbewußtsein. Die abnorme Sexualkonstitution hat 
schließlich ihre Stärke darin gezeigt, daß sie den Ödipuskomplex 
in eine besondere Richtung gedrängt und ihn zu einer ungewöhn- 
lichen Resterscheinung gezwungen hat. 

Die kindliche Perversion kann, wie bekannt, das Fundament 
für die Ausbildung einer gleichsinnigen, durchs Leben bestehen- 
den Perversion werden, die das ganze Sexualleben des Menschen 
aufzehrt, oder sie kann abgebrochen werden und im Hintergrunde 
einer normalen Sexualentwicklung erhalten bleiben, der sie dann 



360 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

doch immer einen gewissen Energiebetrag entzieht. Der erstere 
Fall ist der bereits in voranalytischen Zeiten erkannte, aber die 
Kluft zwischen beiden wird durch die analytische Untersuchung 
solcher ausgewachsener Perversionen nahezu ausgefüllt. Man findet 
nämlich häufig genug bei diesen Perversen, daß auch sie, gewöhn- 
lich in der Pubertätszeit, einen Ansatz zur normalen Sexual- 
tätigkeit gebildet haben. Aber der war nicht kräftig genug, wurde 
vor den ersten, nie ausbleibenden Hindernissen aufgegeben, und 
dann griff die Person endgültig auf die infantile Fixierung zurück. 

Es wäre natürlich wichtig zu wissen, ob man die Entstehung 
der infantilen Perversionen aus dem Ödipuskomplex ganz allge- 
mein behaupten darf. Das kann ja ohne weitere Untersuchungen 
nicht entschieden werden, aber unmöglich erschiene es nicht. 
Wenn wir der Anamnesen gedenken, die von den Perversionen 
Erwachsener gewonnen wurden, so merken wir doch, daß der 
maßgebende Eindruck, das „erste Erlebnis", all dieser Perversen, 
Fetischisten und dergleichen fast niemals in Zeiten früher als 
das sechste Jahr verlegt wird. Um diese Zeit ist die Herrschaft 
des Ödipuskomplexes aber bereits abgelaufen; das erinnerte, in so 
rätselhafter Weise wirksame Erlebnis könnte sehr wohl die Erb- 
schaft desselben vertreten haben. Die Beziehungen zwischen ihm 
und dem nun verdrängten Komplex müssen dunkle bleiben, 
solange nicht die Analyse in die Zeit hinter dem ersten 
„pathogenen" Eindruck Licht getragen hat. Man erwäge nun, 
wie wenig Wert zum Beispiel die Behauptung einer angeborenen 
Homosexualität hat, die sich auf die Mitteilung stützt, die 
betreffende Person habe schon vom achten oder vom sechsten 
Jahre an nur Zuneigung zum gleichen Geschlecht verspürt. 

Wenn aber die Ableitung der Perversionen aus dem Ödipus- 
komplex allgemein durchführbar ist, dann hat. unsere Würdigung 
desselben eine neue Bekräftigung erfahren. Wir meinen ja, der 
Ödipuskomplex sei der eigentliche Kern der Neurose, die infantile 
Sexualität, die in ihm gipfelt, die wirkliche Bedingung der Neu- 






Ein Kind wird geschlagen 361 



rose, und was von ihm im Unbewußten erübrigt, stelle die 
Disposition zur späteren neurotischen Erkrankung des Erwachsenen 
dar. Die Schlagephantasie und andere analoge perverse Fixierungen 
wären dann auch nur Niederschläge des Ödipuskomplexes, gleich- 
sam Narben nach dem abgelaufenen Prozeß, geradeso wie die 
berüchtigte „Minderwertigkeit" einer solchen narzißtischen Narbe 
entspricht. Ich muß in dieser Auffassung Marcinowski, der 
sie kürzlich in glücklicher Weise vertreten hat (Die erotischen 
Quellen der Minderwertigkeitsgefühle, Zeitschrift für Sexual- 
wissenschaft, IV, 1918), uneingeschränkt beistimmen. Dieser 
Kleinheitswahn der Neurotiker ist bekanntlich auch nur ein 
partieller und mit der Existenz von Selbstüberschätzung aus 
anderen Quellen vollkommen verträglich. Über die Herkunft des 
Ödipuskomplexes selbst und über das den Menschen wahrschein- 
lich allein unter allen Tieren zugemessene Schicksal, das Sexual- 
leben zweimal beginnen zu müssen, zuerst wie alle anderen 
Geschöpfe von früher Kindheit an und dann nach langer Unter- 
brechung in der Pubertätszeit von neuem, über all das, was mit 
seinem „archaischen Erbe" zusammenhängt, habe ich mich an 
anderer Stelle geäußert, und darauf gedenke ich hier nicht ein- 
zugehen. 

Zur Genese des Masochismus liefert die Diskussion unserer 
Schlagephantasien nur spärliche Beiträge. Es scheint s ich zunächst 
zu_bestätigen, daß der Masochismus keine primäre Triebäußerung 
ist, sondern aus einer Rückwendung des Sadismus gegen die 
eigene Person, also durch Regressio n vom Objekt aufs Ich entsteht. 
(Vgl. „Triebe und Triebschicksale" in Sammlung kleiner Schriften, 
IV. Folge, 1918 [enthalten weiter unten in diesem Bande].) Triebe 
mit passivem Ziele sind, zumal beim Weibe, von Anfang zuzu- 
geben, aber die Passivität ist noch nicht das Ganze des Maso- 
chismus ; es gehört noch der Unlustcharakter dazu, der bei einer 
Trieberfüllung so befremdlich ist. Die Umwandlung des Sadismus 
in Masochismus scheint durch den Einfluß des am Verdrängungs- 



562 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

akt beteiligten Schuldbewußtseins zu geschehen. Die Verdrängung 
äußert sich also hier in dreierlei Wirkungen ; sie macht die 
Erfolge der Genitalorganisation unbewußt, nötigt diese selbst zur 
Regression auf die frühere sadistisch-anale Stufe und verwandelt 
deren Sadismus in den passiven, in gewissem Sinne wiederum 
narzißtischen Masochismus. Der mittlere dieser drei Erfolge wird 
durch die in diesen Fällen anzunehmende Schwäche der Genital- 
organisation ermöglicht; der dritte wird notwendig, weil das 
Schuldbewußtsein am Sadismus ähnlichen Anstoß nimmt wie an 
der genital gefaßten inzestuösen Objektwahl. Woher das Schuld- 
bewußtsein selbst stammt, sagen wiederum die Analysen nicht. 
Es scheint von der neuen Phase, in die das Kind eintritt, 
mitgebracht zu werden, und wenn es von da an verbleibt, einer 
ähnlichen Narbenbildung, wie es das Minderwertigkeitsgefühl ist, 
zu entsprechen. Nach unserer bisher noch unsicheren Orientierung 
in der Struktur des Ichs, würden wir es jener Instanz zuteilen, 
die sich als kritisches Gewissen dem übrigen Ich entgegenstellt, 
im Traum das Silberersche funktionale Phänomen erzeugt und 
sich im Beachtungswahn vom Ich ablöst. 

Im Vorbeigehen wollen wir auch zur Kenntnis nehmen, daß 
die Analyse der hier behandelten kindlichen Perversion auch ein 
altes Rätsel lösen hilft, welches allerdings die außerhalb der 
Analyse Stehenden immer mehr gequält hat als die Analytiker 
selbst. Aber noch kürzlich hat selbst E. Bleuler als merkwürdig 
und unerklärlich anerkannt, daß von den Neurotikern die Onanie 
zum Mittelpunkt ihres Schuldbewußtseins gemacht werde. Wir 
haben von jeher angenommen, daß dies Schuldbewußtsein die 
frühkindliche und nicht die Pubertätsonanie meine, und daß es 
zum größten Teil nicht auf den onanislischen Akt, sondern auf 
die ihm zugrunde liegende, wenn auch unbewußte Phantasie — 
aus dem Ödipuskomplex also zu beziehen sei. 

Ich habe bereits ausgeführt, welche Bedeutung die dritte, 
scheinbar sadistische Phase der Schlagephantasie als Träger der 



Ein Kind wird geschlagen 363 

zur Onanie drängenden Erregung gewinnen, und zu welcher 
teils gleichsinnig fortsetzenden, teils kompensatorisch aufhebenden 
Phantasietätigkeit sie anzuregen pflegt. Doch ist die zweite, 
unbewußte und masochistische Phase, die Phantasie, selbst vom 
Vater geschlagen zu werden, die ungleich wichtigere. Nicht nur, 
daß sie ja durch Vermittlung der sie ersetzenden fortwirkt 5 es 
sind auch Wirkungen auf den Charakter nachzuweisen, welche 
sich unmittelbar von ihrer unbewußten Fassung ableiten. Menschen, 
die eine solche Phantasie bei sich tragen, entwickeln eine 
besondere Empfindlichkeit und Reizbarkeit gegen Personen, die 
sie in die Vaterreihe einfügen können; sie lassen sich leicht von 
ihnen kränken und bringen so die Verwirklichung der phantasierten 
Situation, daß sie vom Vater geschlagen werden, zu ihrem Leid 
und Schaden zustande. Ich würde nicht verwundert sein, wenn es 
einmal gelänge, dieselbe Phantasie als Grundlage des paranoischen 
Querulantenwahns nachzuweisen. 

VI 

Die Beschreibung der infantilen Schlagephantasien wäre völlig 
unübersichtlich geraten, wenn ich sie nicht, von wenigen 
Beziehungen abgesehen, auf die Verhältnisse bei weiblichen 
Personen eingeschränkt hätte. Ich wiederhole kurz die Ergebnisse: 
Die Schlagephantasie der kleinen Mädchen macht drei Phasen 
durch, von denen die erste und letzte als bewußt erinnert 
werden, die mittlere unbewußt bleibt. Die beiden bewußten 
scheinen sadistisch, die mittlere, unbewußte, ist unzweifelhaft 
masochistischer Natur; ihr Inhalt ist, vom Vater geschlagen zu 
werden, an ihr hängt die libidinöse Ladung und das Schuld- 
bewußtsein. Das geschlagene Kind ist in den beiden ersteren 
Phantasien stets ein anderes, in der mittleren Phase nur die 
eigene Person, in der dritten, bewußten Phase sind es weit 
überwiegend nur Knaben, die geschlagen werden. Die schlagende 
Person ist von Anfang an der Vater, später ein Stellvertreter 



364 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

aus der Vaterreihe. Die unbewußte Phantasie der mittleren Phase 
hatte ursprünglich genitale Bedeutung, ist durch Verdrängung 
und Regression aus dem inzestuösen Wunsch, vom Vater geliebt 
zu werden, hervorgegangen. In anscheinend lockerem Zusammen- 
hange schließt sich an, daß die Mädchen zwischen der zweiten 
und dritten Phase ihr Geschlecht wechseln, indem sie sich zu 
Knaben phantasieren. 

In der Kenntnis der Schlagephanlasien der Knaben bin ich, 
vielleicht nur durch die Ungunst des Materials, weniger weit 
gekommen. Ich habe begreiflicherweise volle Analogie der Ver- 
hältnisse bei Knaben und Mädchen erwartet, wobei an die Stelle 
des Vaters in der Phantasie die Mutter hätte treten müssen. Die 
Erwartung schien sich auch zu bestätigen, denn die für entsprechend 
gehaltene Phantasie des Knaben hatte zum Inhalt, von der Mutter 
(später von einer Ersatzperson) geschlagen zu werden. Allein 
diese Phantasie, in welcher die eigene Person als Objekt fest- 
gehalten war, unterschied sich von der zweiten Phase bei Mädchen 
dadurch, daß sie bewußt werden konnte. Wollte man sie aber 
darum eher der dritten Phase beim Mädchen gleichstellen, so 
blieb als neuer Unterschied, daß die eigene Person des Knaben, 
nicht durch viele, unbestimmte, fremde, am wenigsten durch 
viele Mädchen ersetzt war. Die Erwartung eines vollen Parallelismus 
hatte sich also getäuscht. 

Mein männliches Material umfaßte nur wenige Fälle mit 
infantiler Schlagephantasie ohne sonstige grobe Schädigung der 
Sexualtätigkeit, dagegen eine größere Anzahl von Personen, die 
als richtige Masochisten im Sinne der sexuellen Perversion 
bezeichnet werden mußten. Es waren entweder solche, die ihre 
Sexualbefriedigung ausschließlich in Onanie bei masochistischen 
Phantasien fanden, oder denen es gelungen war, Masochismus 
und Genitalbetätigung so zu verkoppeln, daß sie bei masochistischen 
Veranstaltungen und unter ebensolchen Bedingungen Erektion 
und Ejakulation erzielten oder zur Ausführung eines normalen 



Ein Kind wird geschlagen 565 

Koitus befalligt wurden. Dazu kam der seltenere Fall, daß ein 
Masochist in seinem perversen Tun durch unerträglich stark 
auftretende Zwangsvorstellungen gestört wurde. Befriedigte Perverse 
haben nun selten Grund, die Analyse aufzusuchen; für die drei 
angeführten Gruppen von Masochisten können sich aber starke 
Motive ergeben, die sie zum Analytiker führen. Der masochistische 
Onanist findet sich absolut impotent, wenn er endlich doch den 
Koitus mit dem Weibe versucht, und wer bisher mit Hilfe einer 
masochistischen Vorstellung oder Veranstaltung den Koitus zustande- 
gebracht hat, kann plötzlich die Entdeckung machen, daß dies 
ihm bequeme Bündnis versagt hat, indem das Genitale auf den 
masochistischen Anreiz nicht mehr reagiert. Wir sind gewohnt,, 
den psychisch Impotenten, die sich in unsere Behandlung begeben, 
zuversichtlich Herstellung zu versprechen, aber wir sollten auch 
in dieser Prognose zurückhaltender sein, solange uns die Dynamik 
der Störung unbekannt ist. Es ist eine böse Überraschung, wenn 
uns die Analyse als Ursache der „bloß psychischen" Impotenz 
eine exquisite, vielleicht längst eingewurzelte, masochistische 
Einstellung enthüllt. 

Bei diesen masochistischen Männern macht man nun eine 
Entdeckung, welche uns mahnt, die Analogie mit den Verhält- 
nissen beim Weibe vorerst nicht weiter zu verfolgen, sondern den 
Sachverhalt selbständig zu beurteilen. Es stellt sich nämlich 
heraus, daß sie in den masochistischen Phantasien wie bei den 
Veranstaltungen zur Realisierung derselben sich regelmäßig in die 
Rolle von Weibern versetzen, daß also ihr Masochismus mit einer 
femininen Einstellung zusammenfallt. Dies ist aus den Einzel- 
heiten der Phantasien leicht nachzuweisen; viele Patienten wissen 
es aber auch und äußern es als eine subjektive Gewißheit. Daran 
wird nichts geändert, wenn der spielerische Aufputz der maso- 
chistischen Szene an der Fiktion eines unartigen Knaben, Pagen 
oder Lehrlings, der gestraft werden soll, festhält. Die züchtigen- 
den Personen sind aber in den Phantasien wie in den Veranstal- 



3^6 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



tungen je de smal F rauen. Das ist verwirrend genug; man möchte 
auch wissen, ob schon der Masochismus der infantilen Schlage- 
phantasie auf solcher femininen Einstellung beruht. 1 

Lassen wir darum die schwer aufzuklärenden Verhältnisse des 
Masochismus der Erwachsenen beiseite und wenden uns zu den 
infantilen Schlagephantasien beim männlichen Geschlecht. Hier 
gestattet uns die Analyse der frühesten Kinderzeit wiederum, 
einen überraschenden Fund zu machen: Die bewußte oder bewußt- 
seinsfähige Phantasie des Inhalts, von der Mutter geschlagen zu 
werden, ist nicht primär. Sie hat ein Vorstadium, das regelmäßig 
unbewußt ist und das den Inhalt hat: Ich werde vom Vater 
geschlagen. Dieses Vorstadium entspricht also wirklich der 
zweiten Phase der Phantasie beim Mädchen. Die bekannte und 
bewußte Phantasie: Ich werde von der Mutter geschlagen, steht 
an der Stelle der dritten Phase beim Mädchen, in der, wie 
erwähnt, unbekannte Knaben die geschlagenen Objekte sind. Ein 
der ersten Phase beim Mädchen vergleichbares Vorstadium 
sadistischer Natur konnte ich beim Knaben nicht nachweisen, 
aber ich will hier keine endgültige Ablehnung aussprechen, denn 
ich sehe die Möglichkeit komplizierterer Typen wohl ein. 

Das Geschlagenwerden der männlichen Phantasie, wie ich sie 
kurz und hoffentlich nicht mißverständlich nennen werde, ist 
gleichfalls ein durch Regression erniedrigtes Geliebtwerden im 
genitalen Sinne. Die un bewußte männliche Phantasie hat also 
ursprünglich nicht gela utet: Ich werde vom Vater geschlagen, 
w ie wir es vorhin vorläufig hinstellten, sondern vielmehr: Ich 
werde vom VaJ er geliebt . Sie ist durch die bekannten 
Prozesse~ümgewandelt worden in die bewußte Phantasie: Ich 
werde von der Mutter geschlagen. Die Schlagephantasie 
des Knaben ist also von Anfang an eine passive, wirklich aus der 
femininen Einstellung zum Vater hervorgegangen. Sie entspricht 

1) Weiteres darüber in „Das ökonomische Problem des Masochismus" 1924. 
[S. 374 dieses Bandes.] 



Ein Kind wird geschlagen 367 

auch ebenso wie die weibliche (die des Mädchens) dem Ödipus- 
komplex, nur ist der von uns erwartete Parallelismus zwischen 
beiden gegen eine Gemeinsamkeit anderer Art aufzugeben: In 
beiden Fällen leitet sich die Schlagephantasie von 
der inzestuösen Bindung an den Vater ab. 

Es wird der Übersichtlichkeit dienen, wenn ich hier die 
anderen Übereinstimmungen und Verschiedenheiten zwischen den 
Schlagephantasien der beiden Geschlechter anfüge. Beim Mädchen 
geht die unbewußte masochistische Phantasie von der normalen 
Ödipuseinstellung aus; beim Knaben von der verkehrten, die den 
Vater zum Liebesobjekt nimmt. Beim Mädchen hat die Phantasie 
eine Vorstufe (die erste Phase), in welcher das Schlagen in seiner 
indifferenten Bedeutung auftritt und eine eifersüchtig gehaßte 
Person betrifft; beides entfällt beim Knaben, doch könnte gerade diese 
Differenz durch glücklichere Beobachtung beseitigt werden. Beim 
Übergang zur ersetzenden bewußten Phantasie hält das Mädchen 
die Person des Vaters und somit das Geschlecht der schlagenden 
Person fest; es ändert aber die geschlagene Person und ihr 
Geschlecht, so daß am Ende ein Mann männliche Kinder schlägt; 
der Knabe ändert im Gegenteil Person und Geschlecht des 
Schlagenden, indem er Vater durch Mutter ersetzt, und behält 
seine Person bei, so daß am Ende der Schlagende und die 
geschlagene Person verschiedenen Geschlechts sind. Beim Mädchen 
wird die ursprünglich masochistische (passive) Situation durch die 
Verdrängung in eine sadistische umgewandelt, deren sexueller 
Charakter sehr verwischt ist, beim Knaben bleibt sie masochistisch 
und bewahrt infolge der Geschlechtsdifferenz zwischen schlagender 
und geschlagener Person mehr Ähnlichkeit mit der ursprüng- 
lichen, genital gemeinten Phantasie. Der Knabe entzieht sich 
durch die Verdrängung und Umarbeitung der unbewußten Phan- 
tasie seiner Homosexualität; das Merkwürdige an seiner späteren 
bewußten Phantasie ist, daß sie feminine Einstellung ohne homo- 
sexuelle Objektwahl zum Inhalt hat Das Mädchen dagegen ent- 



5 68 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



läuft bei dem gleichen Vorgang dem Anspruch des Liebeslebens 
überhaupt, phantasiert sich zum Manne, ohne selbst männlich 
aktiv zu werden, und wohnt dem Akt, welcher einen sexuellen 
ersetzt, nur mehr als Zuschauer bei. 

Wir sind berechtigt anzunehmen, daß durch die Verdrängung 
der ursprünglichen unbewußten Phantasie nicht allzuviel geändert 
wird. Alles fürs Bewußtsein Verdrängte und Ersetzte bleibt im 
Unbewußten erhalten und wirkungsfähig. Anders ist es mit dem 
Effekt der Regression auf eine frühere Stufe der Sexualorgani- 
sation. Von dieser dürfen wir glauben, daß sie auch die Ver- 
hältnisse im Unbewußten ändert, so daß nach der Verdrängung 
im Unbewußten bei beiden Geschlechtern zwar nicht die (passive) 
Phantasie, vom Vater geliebt zu werden, aber doch die maso- 
chistische, von ihm geschlagen zu werden, bestehen bleibt. Es 
fehlt auch nicht an Anzeichen dafür, daß die Verdrängung ihre 
Absicht nur sehr unvollkommen erreicht hat. Der Knabe, der ja 
der homosexuellen Objektwahl entfliehen wollte und sein Geschlecht 
nicht gewandelt hat, fühlt sich doch in seinen bewußten Phan- 
tasien als Weib und stattet die schlagenden Frauen mit männ- 
lichen Attributen und Eigenschaften aus. Das Mädchen, das selbst 
sein Geschlecht aufgegeben und im ganzen gründlichere Ver- 
drängungsarbeit geleistet hat, wird doch den Vater nicht los, 
getraut sich nicht selbst zu schlagen, und weil es selbst zum 
Buben geworden ist, läßt es hauptsächlich Buben geschlagen 
werden. 

Ich weiß, daß die hier beschriebenen Unterschiede im Verhalten 
der Schlagephantasie bei beiden Geschlechtern nicht genügend 
aufgeklärt sind, unterlasse aber den Versuch, diese Komplikationen 
durch Verfolgung ihrer Abhängigkeit von anderen Momenten zu 
entwirren, weil ich selbst das Material der Beobachtung nicht 
für erschöpfend halte. Soweit es aber vorliegt, möchte ich es 
zur Prüfung zweier Theorien benützen, die, einander entgegen- 
gesetzt, beide die Beziehung der Verdrängung zum -Geschlechts- 



Ein Kind wird geschlagen »6 Q 

Charakter behandeln und dieselbe, jede in ihrem Sinne, als eine 
sehr innige darstellen. Ich schicke voraus, daß ich beide immer 
für unzutreffend und irreführend gehalten habe. 

Die erste dieser Theorien ist anonym ; sie wurde mir vor 
vielen Jahren von einem damals befreundeten Kollegen vorgetragen. 
Ihre großzügige Einfachheit wirkt so bestechend, daß man sich 
nur verwundert fragen muß, warum sie sich seither in der 
Literatur nur durch vereinzelte Andeutungen vertreten findet. 
Sie lehnt sich an die bisexuelle Konstitution der menschlichen 
Individuen und behauptet, bei jedem einzelnen sei der Kampf 
der Geschlechtscharaktere das Motiv der Verdrängung. Das stärker 
ausgebildete, in der Person vorherrschende Geschlecht habe die 
seelische Vertretung des unterlegenen Geschlechtes ins Unbewußte 
verdrängt. Der Kern des Unbewußten, das Verdrängte, sei also 
bei jedem Menschen das in ihm vorhandene Gegengeschlechtliche. 
Das kann einen greifbaren Sinn wohl nur dann geben, wenn 
wir das Geschlecht eines Menschen durch die Ausbildung seiner 
Genitalien bestimmt sein lassen, sonst wird ja das stärkere 
Geschlecht eines Menschen unsicher, und wir laufen Gefahr, das 
was uns als Anhaltspunkt bei der Untersuchung dienen soll, 
selbst wieder aus deren Ergebnis abzuleiten. Kurz zusammen- 
gefaßt: Beim Manne ist das unbewußte Verdrängte auf 
weibliche Triebregungen zurückzuführen; umgekehrt so beim 
Weibe. 

Die zweite Theorie ist neuerer Herkunft; sie stimmt mit der 
ersten darin überein, daß sie wiederum den Kampf der beiden 
Geschlechter als entscheidend für die Verdrängung hinstellt. Im 
übrigen muß sie mit der ersteren in Gegensatz geraten; sie 
beruft sich auch nicht auf biologische, sondern auf soziologische 
Stützen. Diese von Alf. Adler ausgesprochene Theorie des 
„männlichen Protestes" hat zum Inhalt, daß jedes Individuum 
sich sträubt, auf der minderwertigen „weiblichen Linie" zu 
verbleiben und zur allein befriedigenden männlichen Linie hin- 

Freud, V. 



370 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

drängt. Aus diesem männlichen Protest erklärt Adler ganz 
allgemein die Charakter- wie die Neurosenbildung. Leider sind 
die beiden, doch gewiß auseinander zu haltenden Vorgänge bei 
Adler so wenig scharf geschieden und wird die Tatsache der 
Verdrängung überhaupt so wenig gewürdigt, daß man sich der 
Gefahr eines Mißverständnisses aussetzt, wenn man die Lehre 
vom männlichen Protest auf die Verdrängung anzuwenden 
versucht. Ich meine, dieser Versuch müßte ergeben, daß der 
männliche Protest, das Abrückenwollen von der weiblichen Linie, 
in allen Fällen das Motiv der Verdrängung ist. Das Verdrängende 
wäre also stets eine männliche, das Verdrängte eine weibliche 
Triebregung. Aber auch das Symptom wäre Ergebnis einer 
weiblichen Regung, denn wir können den Charakter des 
Symptoms, daß es ein Ersatz des Verdrängten sei, der sich der 
Verdrängung zum Trotze durchgesetzt hat, nicht aufgeben. 

Erproben wir nun die beiden Theorien, denen sozusagen die 
Sexualisierung des Verdrängungsvorganges gemeinsam ist, an dem 
Beispiel der hier studierten Schlagephantasie. Die ursprüngliche 
Phantasie: Ich werde vom Vater geschlagen, entspricht beim 
Knaben einer femininen Einstellung, ist also eine Äußerung seiner 
gegengeschlechtlichen Anlage. Wenn sie der Verdrängung unter- 
liegt, so scheint die erstere Theorie Recht behalten zu sollen, 
die ja die Regel aufgestellt hat, das Gegengeschlechtliche deckt 
sich mit dem Verdrängten. Es entspricht freilich unseren Erwar- 
tungen wenig, wenn das, was sich nach erfolgter Verdrängung 
herausstellt, die bewußte Phantasie, doch wiederum die feminine 
Einstellung, nur diesmal zur Mutter, aufweist. Aber wir wollen 
nicht auf Zweifel eingehen, wo die Entscheidung so nahe bevor- 
steht. Die ursprüngliche Phantasie der Mädchen: Ich werde vom 
Vater geschlagen (das heißt: geliebt), entspricht doch gewiß als 
feminine Einstellung dem bei ihnen vorherrschenden, manifesten 
Geschlecht, sie sollte also der Theorie zufolge der Verdrängung 
entgehen, brauchte nicht unbewußt zu werden. In Wirklichkeit 



Ein Kind wird geschlagen ~ 71 

wird sie es doch und erfährt eine Ersetzung durch eine bewußte 
Phantasie, welche den manifesten Geschlechtscharakter verleugnet. 
Diese Theorie ist also für- das Verständnis der Schlagephantasien 
unbrauchbar und durch sie widerlegt. Man könnte einwenden, 
es seien eben weibische Knaben und männische Mädchen, bei 
denen diese Schlagephantasien vorkommen und die diese Schicksale 
erfahren, oder es sei ein Zug von Weiblichkeit beim Knaben 
und von Männlichkeit beim Mädchen dafür verantwortlich zu 
machen, beim Knaben für die Entstehung der passiven Phantasie, 
beim Mädchen für deren Verdrängung. Wir würden dieser Auf- 
fassung wahrscheinlich zustimmen, aber die behauptete Beziehung 
zwischen manifestem Geschlechtscharakter und Auswahl des 
zur Verdrängung Bestimmten wären darum nicht minder 
unhaltbar. Wir sehen im Grunde nur, daß bei männlichen und 
weiblichen Individuen sowohl männliche wie weibliche Trieb- 
regungen vorkommen und ebenso durch Verdrängung unbewußt 
werden können. 

Sehr viel besser scheint sich die Theorie des männlichen 
Protestes gegen die Probe an den Schlagephantasien zu behaupten. 
Beim Knaben wie beim Mädchen entspricht die Schlagephantasie 
einer femininen Einstellung, also einem Verweilen auf der 
weiblichen Linie, und beide Geschlechter beeilen sich, durch 
Verdrängung der Phantasie von dieser Einstellung loszukommen. 
Allerdings scheint der männliche Protest nur beim Mädchen 
vollen Erfolg zu erzielen, hier stellt sich ein geradezu ideales 
Beispiel für das Wirken des männlichen Protestes her. Beim 
Knaben ist der Erfolg nicht voll befriedigend, die weibliche 
Linie wird nicht aufgegeben, der Knabe ist in seiner bewußten 
masochistischen Phantasie gewiß nicht „oben". Es entspricht also 
der aus der Theorie abgeleiteten Erwartung, wenn wir in 
dieser Phantasie ein Symptom erkennen, das durch Mißglücken 
des männlichen Protestes entstanden ist. Es stört uns freilich, 
daß die aus der Verdrängung hervorgegangene Phantasie des 

24* 



572 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



Mädchens ebenfalls Wert und Bedeutung eines Symptoms 
hat. Hier, wo der männliche Protest seine Absicht voll durch- 
gesetzt hat, müßte doch die Bedingung für die Symptombildung 
entfallen sein. 

Ehe wir noch aus dieser Schwierigkeit die Vermutung schöpfen, 
daß die ganze Betrachtungsweise des männlichen Protestes den 
Problemen der Neurosen und Perversionen unangemessen und in 
ihrer Anwendung auf sie unfruchtbar sei, werden wir unseren 
Blick von den passiven Schlagephantasien weg zu anderen Trieb- 
äußerungen des kindlichen Sexuallebens richten, die gleichfalls 
der Verdrängung unterliegen. Es kann doch niemand daran 
zweifeln, daß es auch Wünsche und Phantasien gibt, die von 
vornherein die männliche Linie einhalten und Ausdruck männ- 
licher Triebregungen sind, z. B. sadistische Impulse oder die aus 
dem normalen Ödipuskomplex hervorgehenden Gelüste des 
Knaben gegen seine Mutter. Es ist ebensowenig zweifelhaft, daß 
auch diese von der Verdrängung befallen werden; wenn der 
männliche Protest die Verdrängung der passiven, später maso- 
chistischen Phantasien gut erklärt haben sollte, so wird er eben 
dadurch für den entgegengesetzten Fall der aktiven Phantasien 
völlig unbrauchbar. Das heißt: die Lehre vom männlichen 
Protest ist mit der Tatsache der Verdrängung überhaupt 
unvereinbar. Nur wer bereit ist, alle psychologischen Erwerbungen 
von sich zu werfen, die seit der ersten kathartischen Kur 
Breuers und durch sie gemacht worden sind, kann erwarten, 
daß dem Prinzip des männlichen Protestes in der Aufklärung 
der Neurosen und Perversionen eine Bedeutung zukommen 
wird. 

Die auf Beobachtung gestützte psychoanalytische Theorie hält 
fest daran, daß die Motive der Verdrängung nicht sexualisiert 
werden dürfen. Den Kern des seelisch Unbewußten bildet die 
archaische Erbschaft des Menschen, und dem Verdrängungs- 
prozeß verfällt, was immer davon beim Fortschritt zu späteren 



Ein Kind wird geschlagen xyz 

Entwicklungsphasen als unbrauchbar, als mit dem Neuen 
unvereinbar und ihm schädlich zurückgelassen werden soll. Diese 
Auswahl gelingt bei einer Gruppe von Trieben besser als bei 
der anderen. Letztere, die Sexualtriebe, vermögen es, kraft 
besonderer Verhältnisse, die schon oftmals aufgezeigt worden 
sind, die Absicht der Verdrängung zu vereiteln und sich die 
Vertretung durch störende Ersatzbildungen zu erzwingen. Daher 
ist die der Verdrängung unterliegende infantile Sexualität die 
Haupttriebkraft der Symptombildung, und das wesentliche Stück 
ihres Inhalts, der Ödipuskomplex, der Kernkomplex der Neurose. 
Ich hoffe, in dieser Mitteilung die Erwartung rege gemacht zu 
haben, daß auch die sexuellen Abirrungen des kindlichen wie 
des reifen Alters von dem nämlichen Komplex abzweigen. 



I 






DAS ÖKONOMISCHE PROBLEM DES 
MASOCHISMUS 

Zuerst erschienen in der „Internationalen Zeit- 
schrift für Psychoanalyse", X, Bd., Heft 2, 1924. 

Man hat ein Recht dazu, die Existenz der masoch istischen 
Strebung im menschlichen Triebleben als ökonomisch rätselhaft 
zu bezeichnen. Denn, wenn das Lustprinzip die seelischen Vor- 
gänge in solcher Weise beherrscht, daß Vermeidung von Unlust 
und Gewinnung von Lust deren nächstes Ziel wird, so ist der 
Masochismus unverständlich. Wenn Schmerz und Unlust nicht 
mehr Warnungen, sondern selbst Ziele sein können, ist das Lust- 
prinzip lahmgelegt, der Wächter unseres Seelenlebens gleichsam 
narkotisiert. 

Der Masochismus erscheint uns so im Lichte einer großen 
Gefahr, was für seinen Widerpart, den Sadismus, in keiner Weise 
gilt. Wir fühlen uns versucht, das Lustprinzip den Wächter 
unseres Lebens anstatt nur unseres Seelenlebens zu heißen. Aber 
dann stellt sich die Aufgabe her, das Verhältnis des Lustprinzips 
zu den beiden Triebarten, die wir unterschieden haben, den 
Todestrieben und den erotischen (libidinösen) Lebenstrieben zu 
untersuchen, und wir können in der Würdigung des masochisti- 
schen Problems nicht weitergehen, ehe wir nicht diesem Rufe 
gefolgt sind. 

Wir haben, wie erinnerlich, 1 das Prinzip, welches alle seelischen 
Vorgänge beherrscht, als Spezialfall der Fechner'schen Tendenz 

1) Jenseits des Lustprinzips, I. 



Das ökonomische Problem des Masochismus 375 

zur Stabilität aufgefaßt und somit dem seelischen Apparat die 
Absicht zugeschrieben, die ihm zuströmende Erregungssumme zu 
nichts zu machen oder wenigstens nach Möglichkeit niedrig zu 
halten. Barbara Low hat für dies supponierte Bestreben den 
Namen Nirwanaprinzip vorgeschlagen, den wir akzeptieren. 
Aber wir haben das Lust-Unlustprinzip unbedenklich mit diesem 
Nirwanaprinzip identifiziert. Jede Unlust müßte also mit einer 
Erhöhung, jede Lust mit einer Erniedrigung der im Seelischen 
vorhandenen Reizspannung zusammenfallen, das Nirwana- (und 
das mit ihm angeblich identische Lust-)prinzip würde ganz 
im Dienst der Todestriebe stehen, deren Ziel die Überführung 
des unsteten Lebens in die Stabilität des anorganischen Zustandes 
ist, und würde die Funktion haben, vor den Ansprüchen der 
Lebenstriebe, der Libido, zu warnen, welche den angestrebten 
Ablauf des Lebens zu stören versuchen. Allein diese Auffassung 
kann nicht richtig sein. Es scheint, daß wir Zunahme und 
Abnahme der Reizgrößen direkt in der Reihe der Spannungs- 
gefühle empfinden, und es ist nicht zu bezweifeln, daß es lust- 
volle Spannungen und unlustige Entspannungen gibt. Der Zustand 
der Sexualerregung ist das aufdringlichste Beispiel einer solchen 
lustvollen Reizvergrößerung, aber gewiß nicht das einzige. Lust 
und Unlust können also nicht auf Zunahme oder Abnahme einer 
Quantität, die wir Reizspannung heißen, bezogen werden, wenn- 
gleich sie offenbar mit diesem Moment viel zu tun haben. Es 
scheint, daß sie nicht an diesem quantitativen Faktor hängen, 
sondern an einem Charakter desselben, den wir nur als qualitativ 
bezeichnen können. Wir wären viel weiter in der Psychologie, 
wenn wir anzugeben wüßten, welches dieser qualitative Charakter 
ist. Vielleicht ist es der Rhythmus, der zeitliche Ablauf in den 
Veränderungen, Steigerungen und Senkungen der Reizquantität ; 
wir wissen es nicht. 

Auf jeden Fall müssen wir inne werden, daß das dem Todes- 
trieb zugehörige Nirwanaprinzip im Lebewesen eine Modifikation 



37 6 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



erfahren hat, durch die es zum Lustprinzip wurde, und werden 
es von nun an vermeiden, die beiden Prinzipien für eines zu 
halten. Von welcher Macht diese Modifikation ausging, ist, wenn 
man dieser Überlegung überhaupt folgen will, nicht schwer zu 
erraten. Es kann nur der Lebenstrieb, die Libido, sein, der sich 
in solcher Weise seinen Anteil an der Regulierung der Lebens- 
vorgänge neben dem Todestrieb erzwungen hat. Wir erhalten so 
eine kleine, aber interessante Beziehungsreihe: das Nirwana- 
prinzip drückt die Tendenz des Todestriebes aus, das Lust- 
prinzip vertritt den Anspruch der Libido und dessen Modifikation, 
das Realitätsprinzip, den Einfluß der Außenwelt. 

Keines dieser drei Prinzipien wird eigentlich vom anderen 
außer Kraft gesetzt. Sie wissen sich in der Regel miteinander 
zu vertragen, wenngleich es gelegentlich zu Konflikten führen 
muß, daß von einer Seite die quantitative Herabminderung der 
Reizbelastung, von der anderen ein qualitativer Charakter der- 
selben, und endlich ein zeitlicher Aufschub der Reizabfuhr und 
ein zeitweiliges Gewährenlassen der Unlustspannung zum Ziel 
gesetzt ist. 

Der Schluß aus diesen Erörterungen ist, daß die Bezeichnung des 
Lustprinzips als Wächter des Lebens nicht abgelehnt werden kann. 

Kehren wir zum Masochismus zurück. Er tritt unserer Beob- 
achtung in drei Gestalten entgegen, als eine Bedingtheit der 
Sexualerregung, als ein Ausdruck des femininen Wesens und als 
eine Norm des Lebens Verhaltens (behaviour). Man kann dem- 
entsprechend einen erogenen, femininen und m o ralischen 
Masochismus unterscheiden. Der erstere, der erogene Masochismus, 
die Schmerzlust, liegt auch den beiden anderen Formen zugrunde, 
er ist biologisch und konstitutionell zu begründen, bleibt unver- 
ständlich, wenn man sich nicht zu einigen Annahmen über ganz 
dunkle Verhältnisse entschließt. Die dritte, in gewisser Hinsicht 
^ wichtigste Erscheinungsform des Masochismus, ist als meist unbe- 
wußtes Schuldgefühl erst neuerlich von der Psychoanalyse gewürdigt 



i 







l Das ökonomische Problem des Masochismus 577 

worden, läßt aber bereits eine volle Aufklärung und Einreihung 
in unsere sonstige Erkenntnis zu. Der feminine Masochismus 
dagegen ist unserer Beobachtung am besten zugänglich, am 
wenigsten rätselhaft und in all seinen Beziehungen zu übersehen. 
Mit ihm mag unsere Darstellung beginnen. 

Wir kennen diese Art des Masochismus beim Manne (auf den 
ich mich aus Gründen des Materials hier beschränke) in 
zureichender Weise aus den Phantasien masochistischer (häufig 
darum impotenter) Personen, die entweder in den onanistischen 
Akt auslaufen oder für sich allein die Sexualbefriedigung dar- 
stellen. Mit den Phantasien stimmen vollkommen überein die 
realen Veranstaltungen masochistischer Perverser, sei es, daß sie 
als Selbstzweck durchgeführt werden oder zur Herstellung der 
Potenz und Einleitung des Geschlechtsakts dienen. In beiden 
Fällen — die Veranstaltungen sind ja nur die spielerische Aus- 
führung der Phantasien — ist der manifeste Inhalt: geknebelt, 
gebunden, in schmerzhafter Weise geschlagen, gepeitscht, irgendwie 
mißhandelt, zum unbedingten Gehorsam gezwungen, beschmutzt, 
erniedrigt zu werden. Weit seltener und nur mit großen Ein- 
schränkungen werden auch Verstümmelungen in diesen Inhalt 
aufgenommen. Die nächste, bequem zu erreichende Deutung ist, 
daß der Masochist wie ein kleines, hilfloses und abhängiges Kind 
behandelt werden will, besonders aber wie ein schlimmes Kind. 
Es ist überflüssig, Kasuistik anzuführen, das Material ist sehr 
gleichartig, jedem Beobachter, auch dem Nichtanalytiker, zugänglich. 
Hat man aber Gelegenheit Fälle zu studieren, in denen die / 
masochistischen Phantasien eine besonders reiche Verarbeitung 
erfahren haben, so macht man leicht die Entdeckung, daß sie 
die Person in eine für die Weiblichkeit charakteristische Situation 
versetzen, also Kastriertwerden, Koitiertwerden oder Gebären 
bedeuten. Ich habe darum diese Erscheinungsform des Masochismus 
den femininen, gleichsam a poliori, genannt, obwohl so viele 
seiner Elemente auf das Infantilleben hinweisen. Diese Über- 









378 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

einanderschichtung des Infantilen und des Femininen wird später 
ihre einfache Aufklärung finden. Die Kastration oder die sie ver- 
tretende Blendung hat oft in den Phantasien ihre negative Spur 
in der Bedingung hinterlassen, daß gerade den Genitalien oder 
den Augen kein Schaden geschehen darf. (Die masochistischen 
Quälereien machen übrigens selten einen so ernsthaften Eindruck 
wie die — phantasierten oder inszenierten — Grausamkeiten 
des Sadismus.) Im manifesten Inhalt der masochistischen Phan- 
tasien kommt auch ein Schuldgefühl zum Ausdruck, indem 
angenommen wird, daß die betreffende Person etwas verbrochen 
habe (was unbestimmt gelassen wird), was durch alle die schmerz- 
haften und quälerischen Prozeduren gesühnt werden soll. Das 
sieht wie eine oberflächliche Rationalisierung der masochistischen 
Inhalte aus, es steckt aber die Beziehung zur infantilen Mastur- 
bation dahinter. Anderseits leitet dieses Schuldmoment zur 
dritten, moralischen, Form des Masochismus über. 

Der beschriebene feminine Masochismus ruht ganz auf dem 
primären, erogenen, der Schmerzlust, deren Erklärung nicht ohne 
weit rückgreifende Erwägungen gelingt. 

Ich habe in den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" im 
Abschnitt über die Quellen der infantilen Sexualität die Behauptung 
aufgestellt, daß die Sexualerregung als Nebenwirkung bei einer 
großen Reihe innerer Vorgänge entsteht, sobald die Intensität 
dieser Vorgänge nur gewisse quantitative Grenzen überstiegen 
hat. Ja, daß vielleicht nichts Bedeutsameres im Organismus vor- 
fällt, was nicht seine Komponente zur Erregung des Sexualtriebs 
abzugeben hätte. Demnach müßte auch die Schmerz- und Unlust- 
erregung diese Folge haben. Diese libidinöse Miterregung bei 
Schmerz- und Unlustspannung wäre ein infantiler physiologischer 
Mechanismus, der späterhin versiegt. Sie würde in den ver- 
schiedenen Sexualkonstitutionen eine verschieden große Ausbildung 
erfahren, jedenfalls die physiologische Grundlage abgeben, die dann 
als erogener Masochismus psychisch überbaut wird. 



Das ökonomische Problem des Masochismus 



379 






Die Unzulänglichkeit dieser Erklärung zeigt sich aber darin 
daß in ihr kein Licht auf die regelmäßigen und intimen Bezie- 
hungen des Masochismus zu seinem Widerpart im Triebleben, dem 
Sadismus, geworfen wird. Geht man ein Stück weiter zurück bis 
zur Annahme der zwei Triebarten, die wir uns im Lebewesen 
wirksam denken, so kommt man zu einer anderen, aber der 
obigen nicht widersprechenden Ableitung. Die Libido trifft in 
(vielzelligen) Lebewesen auf den dort herrschenden Todes- oder 
Destruktionstrieb, welcher dies Zellenwesen zersetzen und jeden 
einzelnen Elementarorganismus in den Zustand der anorganischen 
Stabilität (wenn diese auch nur relativ sein mag) überführen 
möchte. Sie hat die Aufgabe, diesen destruierenden Trieb un- 
schädlich zu machen, und entledigt sich ihrer, indem sie ihn zum 
großen Teil und bald mit Hilfe eines besonderen Organsystems, 
der Muskulatur, nach außen ableitet, gegen die Objekte der Außen- 
welt richtet. Er heiße dann Destruktionstrieb, Bemächtigungstrieb, 
Wille zur Macht. Ein Anteil dieses Triebes wird direkt in den 
Dienst der Sexualfunktion gestellt, wo er Wichtiges zu leisten 
hat. Dies ist der eigentliche Sadismus. Ein anderer Anteil macht 
diese Verlegung nach außen nicht mit, er verbleibt im Orga- 
nismus und wird dort mit Hilfe der erwähnten sexuellen Mit- 
erregung libidinös gebunden ; in ihm haben wir den ursprüng- 
lichen, erogenen Masochismus zu erkennen. 

Es fehlt uns jedes physiologische Verständnis dafür, auf welchen 
Wegen und mit welchen Mitteln sich diese Bändigung des 
Todestriebes durch die Libido vollziehen mag. Im psychoana- 
lytischen Gedankenkreis können wir nur annehmen, daß eine 
sehr ausgiebige, in ihren Verhältnissen variable Vermischung und 
Verquickung der beiden Triebarten zustande kommt, so daß wir 
überhaupt nicht mit reinen Todes- und Lebenstrieben, sondern 
nur mit verschiedenwertigen Vermengungen derselben rechnen 
sollten. Der Trieb Vermischung mag unter gewissen Einwirkungen 
eine Entmischung derselben entsprechen. Wie groß die Anteile 






580 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

der Todestriebe sind, welche sich solcher Bändigung durch die 
Bindung an libidinöse Zusätze entziehen, läßt sich derzeit nicht 
erraten. 

Wenn man sich über einige Ungenauigkeit hinaussetzen will, 
kann man sagen, der im Organismus wirkende Todestrieb — der 
Ursadismus — sei mit dem Masochismus identisch. Nachdem sein 
Hauptanteil nach außen auf die Objekte verlegt worden ist, ver- 
bleibt als sein Residuum im Inneren der eigentliche erogene 
Masochismus, der einerseits eine Komponente der Libido geworden 
ist, anderseits noch immer das eigene Wesen zum Objekt hat. 
So wäre dieser Masochismus ein Zeuge und Überrest jener 
Bildungsphase, in der die für das Leben so wichtige Legierung 
von Todestrieb und Eros geschah. Wir werden nicht erstaunt 
sein zu hören, daß unter bestimmten Verhältnissen der nach 
außen gewendete, projizierte, Sadismus oder Destruktionstrieb 
wieder introjiziert, nach innen gewendet werden kann, solcher- 
art in seine frühere Situation regrediert. Er ergibt dann den 
sekundären Masochismus, der sich zum ursprünglichen hinzuaddiert. 

Der erogene Masochismus macht alle Entwicklungsphasen der 
Libido mit und entnimmt ihnen seine wechselnden psychischen 
Umkleidungen. Die Angst, vom Totemtier (Vater) gefressen zu 
werden, stammt aus der primitiven oralen Organisation, der 
Wunsch, vom Vater geschlagen zu werden, aus der darauffolgenden 
sadistisch-analen Phase; als Niederschlag der phallischen Organi- 
sationsstufe 1 tritt die Kastration, obwohl später verleugnet, in 
den Inhalt der masochistischen Phantasien ein, von der endgültigen 
Genitalorganisation leiten sich natürlich die für die Weiblichkeit 
charakteristischen Situationen des Koitiertwerdens und des Gebarens 
ab. Auch die Rolle der Nates im Masochismus ist, abgesehen von 
der offenkundigen Realbegründung, leicht zu verstehen. Die Nates 
sind die erogen bevorzugte Körperpartie der sadistisch-analen 
Phase wie die Mamma der oralen, der Penis der genitalen. 

>) S. Die infantile Genitalorganisation [S. 232 dieses Bandes]. 



Das ökonomische Problem des Masochismus 381 

Die dritte Form des Masochismus, der moralische Masoc hismus 
ist vor allem dadurch bemerkenswert, daß sie ihre Beziehung zu 
dem, was wir als Sexualität erkennen, gelockert hat. An allen 
masochistischen Leiden haftet sonst die Bedingung, daß sie von 
der geliebten Person ausgehen, auf ihr Geheiß erduldet werden; 
diese Einschränkung ist beim moralischen Masochismus" fallen 
gelassen. Das Leiden selbst ist das, worauf es ankommt $ ob es \ 
von einer geliebten oder gleichgültigen Person verhängt wird, 
spielt keine Rolle $ es mag auch von unpersönlichen Mächten 
oder Verhältnissen verursacht sein, der richtige Masochist hält 
immer seine Wange hin, wo er Aussicht hat, einen Schlag zu 
bekommen. Es liegt sehr nahe, in der Erklärung dieses Verhaltens 
die Libido bei Seite zu lassen und sich auf die Annahme zu 
beschränken, daß hier der Destruktionstrieb wieder nach innen 
gewendet wurde und nun gegen das eigene Selbst wütet, aber 
es sollte doch einen Sinn haben, daß der Sprachgebrauch die 
Beziehung dieser Norm des Lebensverhaltens zur Erotik nicht 
aufgegeben hat und auch solche Selbstbeschädiger Masochisten heißt. 

Einer technischen Gewöhnung getreu wollen wir uns zuerst 
mit der extremen, unzweifelhaft pathologischen Form dieses 
Masochismus beschäftigen. Ich habe an anderer Stelle 1 ausgeführt, 
daß wir in der analytischen Behandlung auf Patienten stoßen, 
deren Benehmen gegen die Einflüsse der Kur uns nötigt, ihnen 
ein „unbewußtes" Schuldgefühl zuzuschreiben. Ich habe dort 
angegeben, woran man diese Personen erkennt („die negative 
therapeutische Reaktion"), und auch nicht verhehlt, daß die Stärke 
einer solchen Regung einen der schwersen Widerstände und die 
größte Gefahr für den Erfolg unserer ärztlichen oder erzieherischen 
Absichten bedeutet. Die Befriedigung dieses unbewußten Schuld- 
gefühls ist der vielleicht mächtigste Posten des in der Regel 
zusammengesetzten Krankheitsgewinnes, der Kräftesumme, welche 
sich gegen die Genesung sträubt und das Kranksein nicht auf- 

1) Das Ich und das Es. 

/■1<~cO^—-. - /6s^ *t+^ ^/W^*«,, cV<V6 A-*, •fr 



( 



382 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

geben will $ das Leiden, das die Neurose mit sich bringt, ist 
gerade das Moment, durch das sie der masochistischen Tendenz 
wertvoll wird. Es ist auch lehrreich zu erfahren, daß gegen alle 
Theorie und Erwartung eine Neurose, die allen therapeutischen 
f Bemühungen getrotzt hat, verschwinden kann, wenn die Person 
\ /in das Elend einer unglücklichen Ehe geraten ist, ihr Vermögen 

\ verloren oder eine bedrohliche organische Erkrankung erworben 
/ hat. Eine Form des Leidens ist dann durch eine andere abgelöst 
\ worden und wir sehen, es kam nur darauf an, ein gewisses Maß 
von Leiden festhalten zu können. 

Das unbewußte Schuldgefühl wird uns von den Patienten 
nicht leicht geglaubt. Sie wissen zu gut, in welchen Qualen 
(Gewissensbissen) sich ein bewußtes Schuldgefühl, Schuldbewußt- 
sein, äußert, und können darum nicht zugeben, daß sie ganz 
analoge Regungen in sich beherbergen sollten, von denen sie so 
gar nichts verspüren. Ich meine, wir tragen ihrem Einspruch in 
gewissem Maße Rechnung, wenn wir auf die ohnehin psycho- 
logisch inkorrekte Benennung „unbewußtes Schuldgefühl" ver- 
zichten und dafür „Strafbedürfnis" sagen, womit wir den beob- 
achteten Sachverhalt ebenso treffend decken. Wir können uns 
aber nicht abhalten lassen, dies unbewußte Schuldgefühl nach 
dem Muster des bewußten zu beurteilen und zu lokalisieren. 

Wir haben dem Über-Ich die Funktion des Gewissens zuge- 
schrieben und im Schuldbewußtsein den Ausdruck einer Spannung 
zwischen Ich und Über-Ich erkannt. Das Ich reagiert mit Angst- 
gefühlen (Gewissensangst) auf die Wahrnehmung, daß es hinter 
den von seinem Ideal, dem Über-Ich, gestellten Anforderungen 
zurückgeblieben ist. Nun verlangen wir zu wissen, wie das 
Über-Ich zu dieser anspruchsvollen Rolle gekommen ist, und 
warum das Ich im Falle einer Differenz mit seinem Ideal sich 
fürchten muß. 

Wenn wir gesagt haben, das Ich finde seine Funktion darin, 
die Ansprüche der drei Instanzen, denen es dient, miteinander 



Das ökonomische Problem des Masochismus 583 

zu vereinbaren, sie zu versöhnen, so können wir hinzufügen, es 
hat auch dabei sein Vorbild, dem es nachstreben kann, im Über- 
ich. Dies Über-Ich ist nämlich ebensosehr der Vertreter des Es 
wie der Außenwelt. Es ist dadurch entstanden, daß die ersten 
Objekte der libidinösen Regungen des Es, das Elternpaar, ins Ich 
introjiziert wurden, wobei die Beziehung zu ihnen desexualisiert 
wurde, eine Ablenkung von den direkten Sexualzielen erfuhr. Auf 
diese Art wurde erst die Überwindung des Ödipuskomplexes 
ermöglicht. Das Über-Ich behielt nun wesentliche Charaktere der 
introjizierten Personen bei, ihre Macht, Strenge, Neigung zur 
Beaufsichtigung und Bestrafung. Wie an anderer Stelle ausgeführt, 1 
ist es leicht denkbar, daß durch die Triebentmischung, welche 
mit einer solchen Einführung ins Ich einhergeht, die Strenge 
eine Steigerung erfuhr. Das Über-Ich, das in ihm wirksame 
Gewissen, kann nun hart, grausam, unerbittlich gegen das von 
ihm behütete Ich werden. Der kategorische Imperativ Kants 
ist so der direkte Erbe des Ödipuskomplexes. 

Die nämlichen Personen aber, welche im Über-Ich als Gewissens- 
instanz weiterwirken, nachdem sie aufgehört haben, Objekte der 
libidinösen Regungen des Es zu sein, gehören aber auch der 
realen Außenwelt an. Dieser sind sie entnommen worden; ihre 
Macht, hinter der sich alle Einflüsse der Vergangenheit und 
Überlieferung verbergen, war eine der fühlbarsten Äußerungen 
der Realität. Dank diesem Zusammenfallen wird das Über-Ich, der 
Ersatz des Ödipuskomplexes, auch zum Repräsentanten der realen 
Außenwelt und so zum Vorbild für das Streben des Ichs. 

Der Ödipuskomplex erweist sich so, wie bereits historisch 
gemutmaßt wurde, 2 als die Quelle unserer individuellen Sittlich- 
keit (Moral). Im Laufe der Kindheitsentwicklung, welche zur 
fortschreitenden Loslösung von den Eltern führt, tritt deren 
persönliche Bedeutung für das Über-Ich zurück. An die von ihnen 



1) Das Ich lind das Es. 

2) Totem irnd Tabu, Abschnitt IV. 



584 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

erübrigten Imagines schließen dann die Einflüsse von Lehrern, 
Autoritäten, selbstgewählten Vorbildern und sozial anerkannten 
Helden an, deren Personen von dem resistenter gewordenen Ich 
nicht mehr introjiziert zu werden brauchen. Die letzte Gestalt 
dieser mit den Eltern beginnenden Reihe ist die dunkle Macht 
des Schicksals, welches erst die wenigsten von uns unpersönlich 
zu erfassen vermögen. Wenn der holländische Dichter Multatuli 1 
die Mofpa der Griechen durch das Götterpaar A6yo$ xa2 'Aväyy.Tj 
ersetzt, so ist dagegen wenig einzuwenden $ aber alle, die die Leitung 
des Weltgeschehens der Vorsehung, Gott oder Gott und der Natur 
übertragen, erwecken den Verdacht, daß sie diese äußersten und 
fernsten Gewalten immer noch wie ein Elternpaar — mytho- 
logisch — empfinden und sich mit ihnen durch libidinöse Bindungen 
verknüpft glauben. Ich habe im „Ich und Es" den Versuch gemacht, 
auch die reale Todesangst der Menschen von einer solchen elter- 
lichen Auffassung des Schicksals abzuleiten. Es scheint sehr__schwer, 
sich von ihr frei zu machen. 

Nach diesen Vorbereitungen können wir zur Würdigung des 
moralischen Masochismus zurückkehren. Wir sagten, die betreffen- 
den Personen erwecken durch ihr Benehmen — in der Kur und 
im Leben — den Eindruck, als seien sie übermäßig moralisch 
gehemmt, ständen unter der Herrschaft eines besonders empfind- 
lichen Gewissens, obwohl ihnen von solcher Übermoral nichts 
bewußt ist. Bei näherem Eingehen bemerken wir wohl 
denüntersr.hied , der j gine solche unbewußte Fortsetz ung der 
Moral vom moralischen Masochismus trennt. Bei der ersteren 
fällt der Akzent auf den gesteigerten Sadismus des Über-Ichs, dem 
das Ich sich unterwirft, beim letzteren hingegen auf den eigenen 
Masochismus des Ichs, der nach Strafe, sei es vom Über-Ich, sei 
es von den Elternmächten draußen, verlangt. Unsere anfängliche 
Verwechslung darf entschuldigt werden, denn beide Male handelt 

1) Ed. Douwes Dekker (1820—1887). 



Das ökonomische Problem des Masochismus 3 8< 



es sich um eine Relation zwischen dem Ich und dem Über-Ich 
oder ihm gleichstehenden Mächten; in beiden Fällen kommt es 
auf ein Bedü-fnis hinaus, das durch Strafe und Leiden befriedigt 
wird. Es ist dann ein kaum gleichgültiger Nebenumstand, daß 
der Sadismus des Über-Ichs meist grell bewußt wird, während 
das masochistische Streben des Ichs in der Regel der Person ver- 
borgen bleibt und aus ihrem Verhalten erschlossen werden muß. 
Die Unbewußtheit des moralischen Masochismus leitet uns auf 
eine naheliegende Spur. Wir konnten den Ausdruck „unbewußtes 
Schuldgefühl" übersetzen als Straf bedürfnis von seilen einer 
elterlichen Macht. Nun wissen wir, daß der in Phantasien so 
häufige Wunsch, vom Vater geschlagen zu werden, dem anderen 
sehr nahe steht, in passive (feminine) sexuelle Beziehung zu ihm 
zu treten, und nur eine regressive Entstellung desselben ist. 
Setzen wir diese Aufklärung in den Inhalt des moralischen 
Masochismus ein, so wird dessen geheimer Sinn uns offenbar. 
Gewissen und Moral sind durch die Überwindung, Desexualisierung, 
des Ödipuskomplexes entstanden; durch, den moralischen Masochismus 
wird die Moral wieder sexualisiert, der Ödipuskomplex neu belebt, 
eine Regression von der Moral zum Ödipuskomplex angebahnt.' 
Dies geschieht weder zum Vorteil der Moral noch des Individuums. 
Der Einzelne kann zwar neben seinem Masochismus sein volles 
oder ein gewisses Maß von Sittlichkeit bewahrt haben, es kann 
aber auch ein gutes Stück seines Gewissens an den Masochismus 
verloren gegangen sein. Andererseits schafft der Masochismus die 
Versuchung zum „sündhaften" Tun, welches dann durch die 
Vorwürfe des sadistischen Gewissens (wie bei so vielen russischen 
Charaktertypen) oder durch die Züchtigung der großen Eltern- 
macht des Schicksals gesühnt werden muß. Um die Bestrafung 
durch diese letzte Elternvertretung zu provozieren, muß der 
Masochist das Unzweckmäßige tun, gegen seinen eigenen Vorteil 
arbeiten, die Aussichten zerstören, die sich ihm in der realen 
Welt eröffnen, und eventuell seine eigene reale Existenz vernichten. 

Freud, V 



386 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



Die Rückwendung des Sadismus gegen die eigene Person ereignet 
sich regelmäßig bei der kulturellen Triebunterdrückung 
welche einen großen Teil der destruktiven Triebkomponenten 
der Person von der Verwendung im Leben abhält. Man kann 
sich vorstellen, daß dieser zurückgetretene Anteil des Destruktions- 
triebes als eine Steigerung des Masochismus im Ich zum Vorschein 
kommt. Die Phänomene des Gewissens lassen aber erraten, daß 
die von der Außenwelt wiederkehrende Destruktion auch ohne 
solche Verwandlung vom Über-Ich aufgenommen wird und dessen 
Sadismus gegen das Ich erhöht. Der Sadismus des Über-Ichs und 
der Masochismus des Ichs ergänzen einander und vereinigen sich 
zur Hervorrufung derselben Folgen. Ich meine, nur so kann man 
verstehen, daß aus der Triebunterdrückung — häufig oder ganz 
allgemein — ein Schuldgefühl resultiert, und daß das Gewissen 
um so strenger und empfindlicher wird, je mehr sich die Person 
der Aggression gegen andere enthält. Man könnte erwarten, daß 
ein Individuum, welches von sich weiß, daß es kulturell uner- 
wünschte Aggressionen zu vermeiden pflegt, darum ein gutes 
Gewissen hat und sein Ich minder mißtrauisch überwacht. Man 
stellt es gewöhnlich so dar, als sei die sittliche Anforderung_das 
Primäre und der Triebver/.icht ihre Folge . Dabei bleibt die 
Herkunft der Sittlichkeit unerklärt. In Wirklichkeit scheint es 
umgekehrt zuzugehen; der erste Triebverzicht ist ein durch äußere 
Mächte erzwungener und er schafft erst die Sittlichkeil, die sich 
im Gewissen ausdrückt und weiteren Triebverzicht fordert. 

So wird «irr moralische Masochismus zum klassischen Zeugen 
für die Existenz der Triebvermischung. Seine Gefährlichkeit rührt 
daher, daß er vom Todestrieb abstammt, jenem Anteil desselben 
entspricht, welcher der Auswärtswendung als Destruktionstrieb 
entging. Aber da er anderseits die Bedeutung einer erotischen 
Komponente hat, kann auch die Selbstzerstörung der Person nicht 
ohne libidinöse Befriedigung erfolgen. 



I 



ÜBER EINIGE NEUROTISCHE MECHANISMEN 

BEI EIFERSUCHT, PARANOIA UND 

HOMOSEXUALITÄT 

Zuerst erschienen in der „Internationalen Zeit- 
schrift für Psychoanalyse 11 , Bd. VIII, rp>22. 

A 

Die Eifersucht gehört zu den Affektzuständen, die man ähn- 
lich wie die Trauer als normal bezeichnen darf. Wo sie im 
Charakter und Benehmen eines Menschen zu fehlen scheint, ist 
der Schluß gerechtfertigt, daß sie einer starken Verdrängung 
erlegen ist und darum im unbewußten Seelenleben eine um so 
größere Rolle spielt. Die Fälle von abnorm verstärkter Eifersucht, 
mit denen die Analyse zu tun bekommt, erweisen sich als drei- 
fach geschichtet. Die drei Schichten oder Stufen der Eifersucht 
verdienen die Namen der 1. konkurrieren den oder normalen, 
2. der projizierten, 5. der wahn haften. 

Über die normale Eifersucht ist analytisch wenig zu sagen. 
Es ist leicht zu sehen, daß sie sich wesentlich zusammensetzt 
aus der Trauer, dem Schmerz um das verlorengeglaubte Liebes- 
objekt, und der narzißtischen Kränkung, soweit sich diese vom 
anderen sondern läßt, ferner aus feindseligen Gefühlen gegen den 
bevorzugten Rivalen und aus einem mehr oder minder großen 
Beitrag von Selbstkritik, die das eigene Ich für den Liebesverlust 
verantwortlich machen will. Diese Eifersucht ist, wenn wir sie 
auch normal heißen, keineswegs durchaus rationell, das heißt aus 

afi* 



588 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



aktuellen Beziehungen entsprungen, den wirklichen Verhältnissen 
proportional und restlos vom bewußten Ich beherrscht, denn sie 
wurzelt tief im Unbewußten, setzt früheste Regungen der kind- 
lichen Affektivität fort und stammt aus dem Ödipus- oder aus 
dem Geschwisterkomplex der ersten Sexualperiode. Es ist immerhin 
bemerkenswert, daß sie von manchen Personen bisexuell erlebt 
wird, das heißt beim Manne wird außer dem Schmerz um das 
geliebte Weib und dem Haß gegen den männlichen Rivalen 
auch Trauer um den unbewußt geliebten Mann und Haß gegen 
das Weib als Rivalin bei ihm zur Verstärkung wirksam. Ich 
weiß auch von einem Manne, der sehr arg unter seinen 
Eifersuchtsanfällen litt und die nach seinen Angaben ärgsten 
Qualen in der bewußten Versetzung in das ungetreue Weib 
durchmachte. Die Empfindung der Hilflosigkeit, die er dann ver- 
spürte, die Bilder, die er für seinen Zustand fand, als ob er wie 
Prometheus dem Geierfraß preisgegeben oder gefesselt in ein 
Schlangennest geworfen worden wäre, bezog er selbst auf den 
Eindruck mehrerer homosexueller Angriffe, die er als Knabe 

erlebt hatte. 

Die Eifersucht der zweiten Schichte oder die projizierte 
geht beim Manne wie beim Weibe aus der eigenen, im Leben 
betätigten Untreue oder aus Antrieben zur Untreue hervor, die 
der Verdrängung verfallen sind. Es ist eine alltägliche Erfahrung, 
daß die Treue, zumal die in der Ehe geforderte, nur gegen 
beständige Versuchungen aufrechterhalten werden kann. Wer 
dieselben in sich verleugnet, verspürt deren Andrängen doch so 
stark, daß er gerne einen unbewußten Mechanismus zu seiner 
Erleichterung in Anspruch nimmt. Eine solche Erleichterung, ja 
einen Freispruch vor seinem Gewissen erreicht er, wenn er die 
eigenen Antriebe zur Untreue auf die andere Partei, welcher er 
die Treue schuldig ist, projiziert. Dieses starke Motiv kann sich 
dann des Wahrnehmungsmaterials bedienen, welches die gleich- 
artigen unbewußten Regungen des anderen Teiles verrät, und 






Über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht usw. 38 g 

könnte sich durch die Überlegung rechtfertigen, daß der Partner 
oder die Partnerin wahrscheinlich auch nicht viel besser ist, als 
man selbst. 1 

Die gesellschaftlichen Sitten haben diesem allgemeinen Sach- 
verhalt in kluger Weise Rechnung getragen, indem sie der Gefall 
sucht der verheirateten Frau und der Eroberungssucht des Ehe- 
mannes einen gewissen Spielraum gestatten in der Erwartung, 
die unabweisbare Neigung zur Untreue dadurch zu drainieren und 
unschädlich zu machen. Die Konvention setzt fest, daß beide Teile 
diese kleinen Schrittchen in der Richtung der Untreue einander 
nicht anzurechnen haben, und erreicht zumeist, daß die am fremden 
Objekt entzündete Begierde in einer gewissen Rückkehr zur Treue 
am eigenen Objekt befriedigt wird. Der Eifersüchtige will aber 
diese konventionelle Toleranz nicht anerkennen, er glaubt nicht, 
daß es ein Stillhalten oder Umkehren auf dem einmal betretenen 
Weg gibt, daß der gesellschaftliche „Flirt" auch eine Ver- 
sicherung gegen wirkliche Untreue sein kann. In der Behandlung 
eines solchen Eifersüchtigen muß man es vermeiden, ihm das 
Material, auf das er sich stützt, zu bestreiten, man kann ihn 
nur zu einer anderen Einschätzung desselben bestimmen wollen. 

Die durch solche Projektion entstandene Eifersucht hat zwar 
fast wahnhaften Charakter, sie widersteht aber nicht der analyti- 
schen Arbeit, welche die unbewußten Phantasien der eigenen 
Untreue aufdeckt. Schlimmer ist es mit der Eifersucht der dritten 
Schicht, der eigentlich wahn haften. Auch diese geht aus ver- 
drängten Untreuestrebungen hervor, aber die Objekte dieser Phan- 
tasien sind gleichgeschlechtlicher Art. Die wahnhafte Eifersucht 
entspricht einer vergorenen Homosexualität und behauptet mit 
Recht ihren Platz unter den klassischen Formen der Paranoia. 



l) Vergl. die Strophe im Liede der Desdcmona: 

I called him thou false orte, what answered he then ? 

If I court more women, you will couch with inore men. 

(Ich nannt' ihn: Du Falscher. Was sagt er dazu? 

Schau ich nach den Mägdlein, nach den Bühlein schielst du.} 



39° Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

Als Versuch zur Abwehr einer überstarken homosexuellen Regung 
wäre sie (beim Manne) durch die Formel zu umschreiben : 

Ich liebe ihn ja nicht, sie liebt ihn.' 

In einem Falle von Eifersuchtswahn wird man darauf vorbereitet 
sein, die Eifersucht aus allen drei Schichten zu finden, niemals 
die aus der dritten allein. 

B 

Paranoia. Aus bekannten Gründen entziehen sich Fälle von 
Paranoia zumeist der analytischen Untersuchung. Indes konnte ich 
doch in letzter Zeit aus dem intensiven Studium zweier Paranoiker 
einiges, was mir neu war, entnehmen. 

Der erste Fall betraf einen jugendlichen Mann mit voll aus- 
gebildeter Eifersuchtsparanoia, deren Objekt seine tadellos getreue 
Frau war. Eine stürmische Periode, in der ihn der Wahn ohne 
Unterbrechung beherrscht hatte, lag bereits hinter ihm. Als ich 
ihn sah, produzierte er nur noch gut gesonderte Anfälle, die 
über mehrere Tage anhielten und interessanterweise regelmäßig 
am Tage nach einem, übrigens für beide Teile befriedigenden, 
Sexualakt auftraten. Es ist der Schluß berechtigt, daß jedesmal 
nach der Sättigung der heterosexuellen Libido die mitgereizte 
homosexuelle Komponente sich ihren Ausdruck im Eifersuchts- 
anfall erzwang. 

Sein Material bezog der Anfall aus der Beobachtung der kleinsten 
Anzeichen, durch welche sich die völlig unbewußte Koketterie 
der Frau, einem anderen unmerklich, ihm verraten hatte. Bald 
hatte sie den Herrn, der neben ihr saß, unabsichtlich mit ihrer 
Hand gestreift, bald ihr Gesicht zu sehr gegen ihn geneigt oder 
ein freundlicheres Lächeln aufgesetzt, als wenn sie mit ihrem 
Mann allein war. Für all diese Äußerungen ihres Unbewußten 
zeigte er eine außerordentliche Aufmerksamkeit und verstand sie 

1) Vergl. die Ausführungen zum Falle Schreber: Psychoanalytische Bemerkungen 
über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia (Dementia paranoides) 
[enthalten in Band VIII dieser Gesamtausgabe]. 



Über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht usw. 391 

immer richtig zu deuten, so daß er eigentlich immer Recht 
hatte und die Analyse noch zur Rechtfertigung seiner Eifer- 
sucht anrufen konnte. Eigentlich reduzierte sich seine Abnormität 
darauf, daß er das Unbewußte seiner Frau schärfer beobachtete 
und dann weit höher einschätzte, als einem anderen eingefallen 
wäre. 

Wir erinnern uns daran, daß auch die verfolgten Paranoiker 
sich ganz ähnlich benehmen. Auch sie anerkennen bei Anderen 
nichts Indifferentes und verwerten in ihrem „Beziehungswahn" 
die kleinsten Anzeichen, die ihnen diese Anderen, Fremden geben. 
Der Sinn ihres Beziehungswahnes ist nämlich, daß sie von allen 
Fremden etwas wie Liebe erwarten 5 diese Anderen zeigen ihnen 
aber nichts dergleichen, sie lachen vor sich hin, fuchteln mit 
ihren Stöcken oder spucken sogar auf den Boden, wenn sie 
vorbeigehen, und das tut man wirklich nicht, wenn man an der 
Person, die in der Nähe ist, irgendein freundliches Interesse 
nimmt. Man tut es nur dann, wenn einem diese Person ganz 
gleichgültig ist, wenn man sie als Luft behandeln kann, und 
der Paranoiker hat bei der Grundverwandtschaft der Begriffe 
„fremd" und „feindlich" nicht so unrecht, wenn er solche In- 
differenz im Verhältnis zu seiner Liebesforderung als Feindseligkeit 
empfindet. 

Es ahnt uns nun, daß wir das Verhalten des eifersüchtigen | 
wie des verfolgten Paranoikers sehr ungenügend beschreiben, wenn 
wir sagen, sie projizieren nach außen auf Andere hin, was sie im ■ 
eigenen Innern nicht wahrnehmen wollen. 

Gewiß tun sie das, aber sie projizieren sozusagen nicht ins 
Blaue hinaus, nicht dorthin, wo sich nichts Ähnliches findet, 
sondern sie lassen sich von ihrer Kenntnis des Unbewußten leiten 
und verschieben auf das Unbewußte der Anderen die Aufmerk- 

i 

samkeit, die sie dem eigenen Unbewußten entziehen. Unser Eifer- 
süchtiger erkennt die Untreue seiner Frau an Stelle seiner eigenen ; 
indem er die seiner Frau sich in riesiger Vergrößerung bewußt 






59 2 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



macht, gelingt es ihm, die eigene unbewußt zu erhalten. Wenn 
wir sein Beispiel für maßgebend erachten, dürfen wir schließen, 
daß auch die Feindseligkeit, die der Verfolgte bei Anderen findet, 
der Widerschein der eigenen feindseligen Gefühle gegen diese 
Anderen ist. Da wir wissen, daß beim Paranoiker gerade die 
geliebteste Person des gleichen Geschlechts zum Verfolger wird, 
entsteht die Frage, woher diese Affektumkehrung rührt, und die 
naheliegende Antwort wäre, daß die stets vorhandene Gefühls- 
ambivalenz die Grundlage für den Haß abgibt und die Nicht- 
erfüllung der Liebesansprüche ihn verstärkt. So leistet die Gefühls- 
ambivalenz dem Verfolgten denselben Dienst zur Abwehr der 
Homosexualität wie unserem Patienten die Eifersucht. 

Die Träume meines Eifersüchtigen bereiteten mir eine große 
Überraschung. Sie zeigten sich zwar nicht gleichzeitig mit dem 
Ausbruch des Anfalls, aber doch noch unter der Herrschaft 
des Wahns, waren vollkommen wahnfrei und ließen die 
zugrundeliegenden homosexuellen Regungen in nicht stärkerer 
Verkleidung als sonst gewöhnlich erkennen. Bei meiner geringen 
Erfahrung über die Träume von Paranoikern lag es mir damals 
nahe, allgemein anzunehmen, die Paranoia dringe nicht in den 
Traum. 

Der Zustand der Homosexualität war bei diesem Patienten 
leicht zu überblicken. Er hatte keine Freundschaft und keine 
sozialen Interessen gebildet; man mußte den Eindruck bekommen, 
als ob erst der Wahn die weitere Entwicklung seiner Beziehungen 
zum Manne übernommen hätte, wie um ein Stück des Versäumten 
nachzuholen. Die geringe Bedeutung des Vaters in seiner Familie 
und ein beschämendes homosexuelles Trauma in frühen Knaben- 
jahren hatten zusammengewirkt, um seine Homosexualität in die 
Verdrängung zu treiben und ihr den Weg zur Sublimierung zu 
verlegen. Seine ganze Jugendzeit war von einer starken Mutter- 
bindung beherrscht. Unter vielen Söhnen war er der erklärte 
Liebling der Mutter und entwickelte auf sie bezüglich eine starke 



Über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht usw. 393 

Eifersucht von normalem Typus. Als er später eine Ehewahl traf 
wesentlich unter der Herrschaft des Motivs, die Mutter reich zu 
machen, äußerte sich sein Bedürfnis nach einer virginalen Mutter 
in zwanghaften Zweifeln an der Virginität seiner Braut. Die ersten 
Jahre seiner Ehe waren von Eifersucht frei. Er wurde dann seiner 
Frau untreu und ging ein langdauerndes Verhältnis mit einer 
anderen ein. Erst als er diese Liebesbeziehung, durch einen 
bestimmten Verdacht geschreckt, aufgegeben hatte, brach bei ihm 
eine Eifersucht vom zweiten, vom Projektionstypus, los, mit 
welcher er die Vorwürfe wegen seiner Untreue beschwichtigen 
konnte. Sie komplizierte sich bald durch das Hinzutreten der 
homosexuellen Regungen, deren Objekt der Schwiegervater war, 
zur vollen Eifersuchtsparanoia. 

Mein zweiter Fall wäre wahrscheinlich ohne Analyse nicht 
als Paranoia persecutoria klassifiziert worden, aber ich mußte den 
jungen Mann als einen Kandidaten für diesen Krankheitsausgang 
auffassen. Es bestand bei ihm eine Ambivalenz im Verhältnis zum 
Vater von ganz außerordentlicher Spannweite. Er war einerseits 
der ausgesprochenste Rebell, der sich manifest in allen Stücken 
von den Wünschen und Idealen des Vaters weg entwickelt hatte, 
anderseits in tieferer Schicht noch immer der unterwürfigste 
Sohn, der nach dem Tode des Vaters sich in zärtlichem Schuld- 
bewußtsein den Genuß des Weibes versagte. Seine realen Beziehungen 
zu Männern standen offenbar unter dem Zeichen des Mißtrauens 5 
mit seinem starken Intellekte wußte er diese Einstellung zu 
rationalisieren und verstand es so einzurichten, daß er von 
Bekannten und Freunden betrogen und ausgebeutet wurde. Was 
ich Neues an ihm lernte, war, daß klassische Verfolgungs- 
gedanken vorhanden sein können, ohne Glauben und Anwert zu 
finden. Sie blitzten während seiner Analyse gelegentlich auf, aber 
er legte ihnen keine Bedeutung bei und bespöttelte sie regel- 
mäßig. Dies mag in vielen Fällen von Paranoia ähnlich vor- 
kommen, und wenn eine solche Erkrankung losbricht, halten 






394 Arbeiten zum Sexuallehen und zur Neurosenlehre 

wir vielleicht die geäußerten Wahnideen für Neuproduktionen, 
während sie längst bestanden haben mögen. 

Es scheint mir eine wichtige Einsicht, daß ein qualitatives 
Moment, das Vorhandensein gewisser neurotischer Bildungen, 
praktisch weniger bedeutet als das quantitative Moment, welchen 
Grad von Aufmerksamkeit, richtiger, welches Maß von Besetzung 
diese Gebilde an sich ziehen können. Die Erörterung unseres 
ersten Falles, der Eifersuchtsparanoia, hatte uns zur gleichen 
Wertschätzung des quantitativen Moments aufgefordert, indem 
sie uns zeigte, daß dort die Abnormität wesentlich in der Über- 
besetzung der Deutungen des fremden Unbewußten bestand. Aus 
der Analyse der Hysterie kennen wir längst eine analoge Tat- 
sache. Die pathogenen Phantasien, Abkömmlinge verdrängter 
Triebregungen, werden lange Zeit neben dem normalen Seelen- 
leben geduldet und wirken nicht eher pathogen, als bis sie aus 
einem Umschwung der Libidoökonomie eine Überbesetzung erhalten ; 
erst dann bricht der Konflikt los, der zur Symptombildung führt. 
Wir werden so im Fortschritt unserer Erkenntnis immer mehr 
dazu gedrängt, den ökonomischen Gesichtspunkt in den 
Vordergrund zu rücken. Ich möchte aucli die Frage aufwerfen, 
ob das hier betonte quantitative Moment nicht hinreicht, um 
die Phänomene zu decken, für die Bleuler und andere neuer- 
dings den Begriff der „Schaltung" einführen wollen. Man müßte 
nur annehmen, daß eine Widerstandssteigerung in einer 
Richtung des psychischen Ablaufs eine Überbesetzung eines anderen 
Weges und damit die Einschaltung desselben in den Ablauf zur 
Folge hat. 

Ein lehrreicher Gegensatz zeigte sich bei meinen zwei Fällen 
von Paranoia im Verhalten der Träume. Während im ersten Fall 
die Träume, wie erwähnt, wahnfrei waren, produzierte der andere 
Patient in großer Zahl Verfolgungsträume, die man als Vorläufer 
oder Ersatzbildungen für die Wahnideen gleichen Inhalts ansehen 
kann. Das Verfolgende, dem er sich nur mit großer Angst ent- 



Über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht usw. 305 

ziehen konnte, war in der Regel ein starker Stier oder ein 
anderes Symbol der Männlichkeit, das er manchmal noch im 
Traum selbst als Vatervertretung erkannte. Einmal berichtete er 
einen sehr charakteristischen paranoischen Übertragungstraum. Er 
sah, daß ich mich in seiner Gegenwart rasierte, und merkte am 
Gerüche, daß ich dabei dieselbe Seife wie sein Vater gebrauchte. 
Das tat ich, um ihn zur Vaterübertragung auf meine Person zu 
nötigen. In der Wahl der geträumten Situation erwies sich 
unverkennbar die Geringschätzung des Patienten für seine 
paranoischen Phantasien und sein Unglaube gegen sie, denn der 
tägliche Augenschein konnte ihn belehren, daß ich überhaupt 
nicht in die Lage komme, mich einer Rasierseife zu bedienen 
und also in diesem Punkte der Vaterübertragung keinen Anhalt 
biete. 

Der Vergleich der Träume bei unseren beiden Patienten 
belehrt uns aber, daß unsere Fragestellung, ob die Paranoia (oder 
eine andere Psychoneurose) auch in den Traum dringen könne, 
nur auf einer unrichtigen Auffassung des Traumes beruht. Der 
Traum unterscheidet sich vom Wachdenken darin, daß er Inhalte 
(aus dem Bereich des Verdrängten) aufnehmen kann, die im 
Wachdenken nicht vorkommen dürfen. Davon abgesehen ist er 
nur eine Form des Denkens, eine Umformung des vorbe- 
wußten Denkstoffes durch die Traumarbeit und ihre Bedingungen. 
Auf das Verdrängte ist unsere Terminologie der Neurosen nicht 
anwendbar, es kann weder hysterisch, noch zwangsneurotisch, 
noch paranoisch genannt werden. Dagegen kann der andere 
Anteil des Stoffes, welcher der Traumbildung unterliegt, die 
vorbewußten Gedanken, normal sein oder den Charakter irgend- 
einer Neurose an sich tragen. Die vorbewußten Gedanken mögen 
Ergebnisse all jener pathogenen Prozesse sein, in denen wir das 
Wesen einer Neurose erkennen. Es ist nicht einzusehen, warum 
nicht jede solche krankhafte Idee die Umformung in einen 
Traum erfahren sollte. Ein Traum kann also ohne weiteres einer 



39^ Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



hysterischen Phantasie, einer Zwangsvorstellung, einer Wahnidee 
entsprechen, das heißt bei seiner Deutung eine solche ergeben. 
In unserer Beobachtung an zwei Paranoikern finden wir, daß 
der Traum des einen normal ist, während sich der Mann im 
Anfall befindet, und daß der des anderen einen paranoischen 
Inhalt hat, während der Mann noch über seine Wahnideen 
spottet. Der Traum hat also in beiden Fällen aufgenommen, was 
im Wachleben derzeit zurückgedrängt war. Aber auch das braucht 
nicht die Regel zu sein. 

C 

Homosexualität. Die Anerkennung des organischen Faktors 
der Homosexualität überhebt uns nicht der Verpflichtung, die 
psychischen Vorgänge bei ihrer Entstehung zu studieren. Der 
typische, bereits bei einer Unzahl von Fällen festgestellte Vorgang 
besteht darin, daß der bis dahin intensiv an die Mutter fixierte 
junge Mann einige Jahre nach abgelaufener Pubertät eine 
Wendung vornimmt, sich selbst mit der Mutter identifiziert und 
nach Liebesobjekten ausschaut, in denen er sich selbst wieder- 
finden kann, die er dann lieben möchte, wie die Mutter ihn 
geliebt hat. Als Merkzeichen dieses Prozesses stellt sich gewöhnlich 
für viele Jahre die Liebesbedingung her, daß die männlichen 
Objekte das Alter haben müssen, in dem bei ihm die Umwandlung 
erfolgt ist. Wir haben verschiedene Faktoren kennen gelernt, die 
wahrscheinlich in wechselnder Stärke zu diesem Ergebnis beitragen. 
Zunächst die Mutterfixierung, die den Übergang zu einem anderen 
Weibobjekt erschwert. Die Identifizierung mit der Mutter ist ein 
Ausgang dieser Objektbindung und ermöglicht es gleichzeitig, 
diesem ersten Objekt in gewissem Sinne treu zu bleiben. Sodann 
die Neigung zur narzißtischen Objektwahl, die im allgemeinen 
näher liegt und leichter auszuführen ist als die Wendung zum 
anderen Geschlecht. Hinter diesem Moment verbirgt sich ein 
anderes von ganz besonderer Stärke oder es fällt vielleicht mit 



Über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht usw. 397 

ihm zusammen: die Hochschätzung des männlichen Organs und 
die Unfähigkeit, auf dessen Vorhandensein beim Liebesobjekt zu 
verzichten. Die Geringschätzung des Weibes, die Abneigung gegen 
dasselbe, ja der Abscheu vor ihm, leiten sich in der Regel von 
der früh gemachten Entdeckung ab, daß das Weib keinen Penis 
besitzt. Später haben wir noch als mächtiges Motiv für die 
homosexuelle Objektwahl die Rücksicht auf den Vater oder die 
Angst vor ihm kennen gelernt, da der Verzicht auf das Weib 
die Bedeutung hat, daß man der Konkurrenz mit ihm (oder 
allen männlichen Personen, die für ihn eintreten) ausweicht. Die 
beiden letzten Motive, das Festhalten an der Penisbedingung 
sowie das Ausweichen, können dem Kastrationskomplex zugezählt 
werden. Mutterbindung — Narzißmus — Kastrationsangst, diese 
übrigens in keiner Weise spezifischen Momente hatten wir bisher 
in der psychischen Ätiologie der Homosexualität aufgefunden, 
und zu ihnen gesellten sich noch der Einfluß der Verführung, 
welche eine frühzeitige Fixierung der Libido verschuldet, sowie 
der des organischen Faktors, der die passive Rolle im Liebesleben 
begünstigt. 

Wir haben aber niemals geglaubt, daß diese Analyse der Entstehung 
der Homosexualität vollständig ist. Ich kann heute auf einen 
neuen Mechanismus hinweisen, der zur homosexuellen Objektwahl 
führt, wenngleich ich nicht angeben kann, wie groß seine Rolle 
bei der Gestaltung der extremen, der manifesten und ausschließ- 
lichen Homosexualität anzuschlagen ist. Die Beobachtung machte 
mich auf mehrere Fälle aufmerksam, bei denen in früher Kindheit 
besonders starke eifersüchtige Regungen aus dem Mutterkomplex 
gegen Rivalen, meist ältere Brüder, aufgetreten waren. Diese 
Eifersucht führte zu intensiv feindseligen und aggressiven Ein- 
stellungen gegen die Geschwister, die sich bis zum Todeswunsch 
steigern konnten, aber der Entwicklung nicht standhielten. Unter 
den Einflüssen der Erziehung, gewiß auch infolge der anhaltenden 
Ohnmacht dieser Regungen, kam es zur Verdrängung derselben 



398 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

und zu einer Gefühlsumwandlung, so daß die früheren Rivalen 
nun die ersten homosexuellen Liebesobjekte wurden. Ein solcher 
Ausgang der Mutterbindung zeigt mehrfache interessante Beziehungen 
zu anderen uns bekannten Prozessen. Er ist zunächst das volle 
Gegenstück zur Entwicklung der Paranoia persecutoria, bei welcher 
die zuerst geliebten Personen zu den gehaßten Verfolgern werden, 
während hier die gehaßten Rivalen sich in Liebesobjekte umwandeln. 
Er stellt sich ferner als eine Übertreibung des Vorganges dar, 
welcher nach meiner Anschauung zur individuellen Genese der 
sozialen Triebe führt. 1 Hier wie dort sind zunächst eifersüchtige 
und feindselige Regungen vorhanden, die es nicht zur Befriedigung 
bringen können, und die zärtlichen wie die sozialen Identifizierungs- 
gefühle entstehen als Reaktionsbildungen gegen die verdrängten 
Aggressionsimpulse. 

Dieser neue Mechanismus der homosexuellen Objekt wähl, die 
Entstehung aus überwundener Rivalität und verdrängter Aggressions- 
neigung, mengt sich in manchen Fällen den uns bekannten 
typischen Bedingungen bei. Man erfährt nicht selten aus der 
Lebensgeschichte Homosexueller, daß ihre Wendung eintrat, nach- 
dem die Mutter einen anderen Knaben gelobt und als Vorbild 
angepriesen hatte. Dadurch wurde die Tendenz zur narzißtischen 
Objektwahl gereizt, und nach einer kurzen Phase scharfer Eifer- 
sucht war der Rivale zum Liebesobjekt geworden. Sonst aber 
sondert sich der neue Mechanismus dadurch ab, daß bei ihm die 
Umwandlung in viel früheren Jahren vor sich geht und die Mutter- 
identifizierung in den Hintergrund tritt. Auch führte er in den 
von mir beobachteten Fällen nur zu homosexuellen Einstellungen, 
welche die Heterosexualität nicht ausschlössen und keinen horror 
feminae mit sich brachten. 

Es ist bekannt, daß eine ziemliche Anzahl homosexueller 
Personen sich durch besondere Entwicklung der sozialen Trieb- 
regungen und durch Hingabe an gemeinnützige Interessen aus- 

1) Siehe Massenpsychologie und Ich-Analyse, 1921. [Band VI der Gesamtausgabe.] 



Über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht usw. 399 

zeichnet. Man wäre versucht, dafür die theoretische Erklärung zu 
geben, daß ein Mann, der in anderen Männern mögliche Liebes- 
objekte sieht, sich gegen die Gemeinschaft der Männer anders 
benehmen muß, als ein anderer, der genötigt ist, im Mann 
zunächst den Rivalen beim Weibe zu erblicken. Dem steht nur 
die Erwägung entgegen, daß es auch bei homosexueller Liebe 
Eifersucht und Rivalität gibt, und daß die Gemeinschaft der 
Männer auch diese möglichen Rivalen umschließt. Aber auch, 
wenn man von dieser spekulativen Begründung absieht, kann die 
Tatsache für den Zusammenhang von Homosexualität und 
sozialem Empfinden nicht gleichgültig sein, daß die homosexuelle 
Objekt wähl nicht selten aus frühzeitiger Überwindung der Rivalität 
mit dem Manne hervorgeht. 

In der psychoanalytischen Betrachtung sind wir gewöhnt, die 
sozialen Gefühle als Sublimierungen homosexueller Objektein- 
stellungen aufzufassen. Bei den sozial gesinnten Homosexuellen 
wäre die Ablösung der sozialen Gefühle von der Objektwahl nicht 
voll geglückt. 



ÜBER NEUROTISCHE ERKRANKUNGSTYPEN 

Zuerst erschienen im „Zentralblatt für Psycho- 
analyse", Bd. II, 1912, dann in der Dritten Folge 
der „Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre". 

In den nachstehenden Sätzen soll auf Grund empirisch 
gewonnener Eindrücke dargestellt werden, welche Veränderungen 
der Bedingungen dafür maßgebend sind, daß bei den hiezu 
Disponierten eine neurotische Erkrankung zum Ausbruch komme. 
Es handelt sich also um die Frage der Krankheitsveranlassungen 5 
von den Krankheitsformen wird wenig die Rede sein. Von anderen 
Zusammenstellungen der Erkrankungsanlässe wird sich diese durch 
den einen Charakter unterscheiden, daß sie die aufzuzählenden 
Veränderungen sämtlich auf die Libido des Individuums bezieht 
Die Schicksale der Libido erkannten wir ja durch die Psycho- 
analyse als entscheidend für nervöse Gesundheit oder Krankheit. 
Auch über den Begriff der Disposition ist in diesem Zusammen- 
hange kein Wort zu verlieren. Gerade die psychoanalytische 
Forschung hat uns ermöglicht, die neurotische Disposition in der 
Entwicklungsgeschichte der Libido nachzuweisen und die in ihr 
wirksamen Faktoren auf mitgeborene Varietäten der sexuellen 
Konstitution und in der frühen Kindheit erlebte Einwirkungen 
der Außenwelt zurückzuführen. 

a) Der nächstliegende, am leichtesten auffindbare und am 
besten verständliche Anlaß zur neurotischen Erkrankung liegt in 
jenem äußeren Moment vor, welches allgemein als die Ver- 
sagung beschrieben werden kann. Das Individuum war gesund, 



Über neurotische Erkrankungstypen 401 



I 

I 



solange seine Liebesbedürftigkeit durch ein reales Objekt der 
Außenwelt befriedigt wurde j es wird neurotisch, sobald ihm 
dieses Objekt entzogen wird, ohne daß sich ein Ersatz dafür 
findet. Glück fällt hier mit Gesundheit, Unglück mit Neurose 
zusammen. Die Heilung fällt dem Schicksal, welches für die ver- 
lorene Befriedigungsmöglichkeit einen Ersatz schenken kann, 
leichter als dem Arzte. 

Für diesen Typus, an dem wohl die Mehrzahl der Menschen 
Anteil hat, beginnt die Erkrankungsmöglichkeit also erst mit der 
Abstinenz, woraus man ermessen kann, wie bedeutungsvoll die 
kulturellen Einschränkungen der zugänglichen Befriedigung für 
die Veranlassung der Neurosen sein mögen. Die Versagung wirkt 
dadurch pathogen, daß sie die Libido aufstaut und nun das 
Individuum auf die Probe stellt, wie lange es diese Steigerung 
der psychischen Spannung ertragen, und welche Wege es ein- 
schlagen wird, sich ihrer zu entledigen. Es gibt nur zwei 
Möglichkeiten, sich bei anhaltender realer Versagung der Befriedigung 
gesund zu erhalten, erstens, indem man die psychische Spannung 
in tatkräftige Energie umsetzt, welche der Außenwelt zugewendet 
bleibt und endlich eine reale Befriedigung der Libido von ihr 
erzwingt, und zweitens, indem man auf die libidinöse Befriedigung 
verzichtet, die aufgestaute Libido sublimiert und zur Erreichung von 
Zielen verwendet, die nicht mehr erotische sind und der Versagung 
entgehen. Daß beide Möglichkeiten in den Schicksalen der Menschen 
zur Verwirklichung kommen, beweist uns, daß Unglück nicht 
mit Neurose zusammenfällt, und daß die Versagung nicht allein 
über Gesundheit oder Erkrankung der Betroffenen entscheidet. 
Die Wirkung der Versagung liegt zunächst darin, daß sie die bis 
dahin unwirksamen dispositionellen Momente zur Geltung bringt. 
Wo diese in genügend starker Ausbildung vorhanden sind, 
besteht die Gefahr, daß die Libido introvertiert werde. 1 Sie 
wendet sich von der Realität ab, welche durch die hartnäckige 

1) Nach einem von C. G. Jung eingeführten Terminus. 

Freud, V. 26 



4.02 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

Versagung an Wert für das Individuum verloren hat, wendet 
sich dem Phantasieleben zu, in welchem sie neue Wunsch- 
bildungen schafft und die Spuren früherer, vergessener Wunsch- 
bildungen wiederbelebt. Infolge des innigen Zusammenhanges der 
Phantasietätigkeit mit dem in jedem Individuum vorhandenen 
infantilen, verdrängten und unbewußt gewordenen Material und 
dank der Ausnahmsstellung gegen die Realitätsprüfung, die dem 
Phantasieleben eingeräumt ist,' kann die Libido nun weiter 
rückläufig werden, auf dem Wege der Regression infantile 
Bahnen auffinden und ihnen entsprechende Ziele anstreben. Wenn 
diese Strebungen, die mit dem aktuellen Zustand der Individualität 
unverträglich sind, genug Intensität erworben haben, muß es 
zum Konflikt zwischen ihnen und dem andern Anteil der 
Persönlichkeit kommen, welcher in Relation zur Realität geblieben 
ist. Dieser Konflikt wird durch Symptombildungen gelöst und 
geht in manifeste Erkrankung aus. Daß der ganze Prozeß von 
der realen Versagung ausgegangen ist, spiegelt sich in dem 
Ergebnis wider, daß die Symptome, mit denen der Boden der 
Realität wieder erreicht wird, Ersatzbefriedigungen darstellen. 

b) Der zweite Typus der Erkrankungsveranlassung ist keines- 
wegs so augenfällig wie der erste und konnte wirklich erst 
durch eindringende analytische Studien im Anschluß an die 
Komplexlehre der Züricher Schule aufgedeckt werden. 2 Das 
Individuum erkrankt hier nicht infolge einer Veränderung in der 
Außenwelt, welche an die Stelle der Befriedigung die Versagung 
gesetzt hat, sondern infolge einer inneren Bemühung, um sich 
die in der Realität zugängliche Befriedigung zu holen. Es erkrankt 
an dem Versuch, sich der Realität anzupassen und die Real- 
forderung zu erfüllen, wobei es auf unüberwindliche innere 
Schwierigkeiten stößt. 

1) Vgl. meine „Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen 
Geschehens". [Dieser Band S. 409 ff.] 

2) Vgl. Jung, Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des Einzelnen. Jahr- 
buch für Psychoanalyse I, 1909. 



■■ 



Über neurotische Erkrankungstypen 



403 



Es empfiehlt sich, die beiden Erkrankungstypen scharf gegen- 
einander abzusetzen, schärfer, als es die Beobachtung zumeist 
gestattet. Beim ersten Typus drängt sich eine Veränderung in 
der Außenwelt vor, beim zweiten fällt der Akzent auf eine 
innere Veränderung. Nach dem ersten Typus erkrankt man an 
einem Erlebnis, nach dem zweiten an einem Entwicklungs- 
vorgang. Im ersten Falle wird die Aufgabe gestellt, auf Befrie- 
digung zu verzichten, und das Individuum erkrankt an seiner 
Widerstandsunfähigkeit; im zweiten Falle lautet die Aufgabe, eine 
Art der Befriedigung gegen eine andere zu vertauschen, und die 
Person scheitert an ihrer Starrheit. Im zweiten Falle ist der 
Konflikt zwischen dem Bestreben, so zu verharren, wie man ist, 
und dem anderen, sich nach neuen Absichten und neuen Real- 
forderungen zu verändern, von vornherein gegeben; im früheren 
Falle stellt er sich erst her, nachdem die gestaute Libido andere, 
und zwar unverträgliche Befriedigungsmöglichkeiten erwählt hat. 
Die Rolle des Konflikts und der vorherigen Fixierung der 
Libido sind beim zweiten Typus ungleich augenfälliger als beim 
ersten, bei dem sich solche unbrauchbare Fixierungen eventuell 
erst infolge der äußeren Versagung herstellen mögen. 

Ein junger Mann, der seine Libido bisher durch Phantasien 
mit Ausgang in Masturbation befriedigt hatte und nun dieses 
dem Autoerotismus nahestehende Regime mit der realen Objekt- 
wahl vertauschen will, ein Mädchen, das seine ganze Zärtlichkeit 
dem Vater oder Bruder geschenkt hatte und nun für einen um 
sie werbenden Mann die bisher unbewußten, inzestuösen, Libido- 
wünsche bewußt werden lassen soll, eine Frau, die auf ihre 
polygamen Neigungen und Prostitutionsphantasien verzichten 
möchte, um ihrem Mann eine treue Gefährtin und ihrem Kind 
eine tadellose Mutter zu werden: diese alle erkranken an den 
lobenswertesten Bestrebungen, wenn die früheren Fixierungen 
ihrer Libido stark genug sind, um sich einer Verschiebung zu 
widersetzen, wofür wiederum die Faktoren der Disposition 



26* 



404 Arbeiten zum. Sexualleben und zur Neurosenlehre 

konstitutionelle Anlage und infantiles Erleben, entscheidend 
werden. Sie erleben alle sozusagen das Schicksal des Bäumleins 
im Grimmschen Märchen, das andere Blätter hat gewollt; 
vom hygienischen Standpunkt, der hier freilich nicht allein in 
Betracht kommt, könnte man ihnen nur wünschen, daß sie 
weiterhin so unentwickelt, so minderwertig und nichtsnutzig 
geblieben wären, wie sie es vor ihrer Erkrankung waren. Die 
Veränderung, welche die Kranken anstreben, aber nur unvoll- 
kommen oder gar nicht zustande bringen, hat regelmäßig den 
Wert eines Fortschrittes im Sinne des realen Lebens. Anders, 
wenn man mit ethischem Maßstabe mißt; man sieht die 
Menschen ebenso oft erkranken, wenn sie ein Ideal abstreifen, 
als wenn sie es erreichen wollen. 

Ungeachtet der sehr deutlichen Verschiedenheiten der beiden 
beschriebenen Erkrankungstypen, treffen sie doch im wesentlichen 
zusammen und lassen sich unschwer zu einer Einheit zusammen- 
fassen. Die Erkrankung an Versagung fallt auch unter den 
Gesichtspunkt der Unfähigkeit zur Anpassung an die Realität, 
nämlich an den einen Fall, daß die Realität die Befriedigung der 
Libido versagt. Die Erkrankung unter den Bedingungen des 
zweiten Typus führt ohne weiteres zu einem Sonderfall der 
Versagung. Es ist hiebei zwar nicht jede Art der Befriedigung 
von der Realität versagt, wohl aber gerade die eine, welche das 
Individuum für die ihm einzig mögliche erklärt, und die 
Versagung geht nicht direkt von der Außenwelt, sondern primär 
von gewissen Strebungen des Ichs aus, aber die Versagung bleibt 
das Gemeinsame und Übergeordnete. Infolge des Konflikts, der 
beim zweiten Typus sofort einsetzt, werden beide Arten der 
Befriedigung, die gewohnte wie die angestrebte, gleichmäßig 
gehemmt; es kommt zur Libidostauung mit den von ihr 
ablaufenden Folgen wie im ersten Falle. Die psychischen Vorgänge 
auf dem Wege zur Symptombildung sind beim zweiten Typus 
eher übersichtlicher als beim ersten, da die pathogenen Fixierungen 



Über neurotische Erkrankungstypen 405 

der Libido liier nicht erst herzustellen waren, sondern während 
der Gesundheit in Kraft bestanden hatten. Ein gewisses Maß 
von Introversion der Libido war meist schon vorhanden; ein 
Stück der Regression zum Infantilen wird dadurch erspart, daß 
die Entwicklung noch nicht den ganzen Weg zurückgelegt hatte. 

c) Wie eine Übertreibung des zweiten Typus, der Erkrankung 
an der Realforderung, erscheint der nächste Typus, den ich 
als Erkrankung durch Entwicklungshemmung beschreiben 
will. Ein theoretischer Anspruch, ihn abzusondern, läge nicht 
vor, wohl aber ein praktischer, da es sich um Personen handelt, 
die erkranken, sobald sie das unverantwortliche Kindesalter über- 
schreiten, und somit niemals eine Phase von Gesundheit, das 
heißt von im ganzen uneingeschränkter Leistungs- und Genuß- 
fähigkeit erreicht haben. Das Wesentliche des disponierenden 
Prozesses liegt in diesen Fällen klar zutage. Die Libido hat die 
infantilen Fixierungen niemals verlassen, die Realforderung tritt 
nicht plötzlich einmal an das ganz oder zum Teil gereifte 
Individuum heran, sondern wird durch den Tatbestand des 
Älterwerdens selbst gegeben, indem sie sich selbstverständlicher- 
weise mit dem Alter des Individuums kontinuierlich ändert. Der 
Konflikt tritt gegen die Unzulänglichkeit zurück, doch müssen 
wir nach allen unseren sonstigen Einsichten ein Bestreben, die 
Kindheitsfixierungen zu überwinden, auch hier statuieren, sonst 
könnte niemals Neurose, sondern nur stationärer Infantilismus der 
Ausgang des Prozesses sein. 

d) Wie der dritte Typus uns die disponierende Bedingung fast 
isoliert vorgeführt hatte, so macht uns der nun folgende vierte 
auf ein anderes Moment aufmerksam, dessen Wirksamkeit in 
allen Fällen in Betracht kommt und gerade darum leicht in 
einer theoretischen Erörterung übersehen werden könnte. Wir 
sehen nämlich Individuen erkranken, die bisher gesund gewesen 
waren, an die kein neues Erlebnis herangetreten ist, deren Rela- 
tion zur Außenwelt keine Änderung erfahren hat, so daß ihre 



40 6 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

Erkrankung den Eindruck des Spontanen machen muß. Nähere 
Betrachtung solcher Fälle zeigt uns indes, daß sich in ihnen doch 
eine Veränderung vollzogen hat, die wir als höchst bedeutsam 
für die Krankheitsverursachung einschätzen müssen. Infolge des 
Erreichens eines gewissen Lebensabschnittes und im Anschlüsse 
an gesetzmäßige biologische Vorgänge hat die Quantität der 
Libido in ihrem seelischen Haushalt eine Steigerung erfahren, 
welche für sich allein hinreicht, das Gleichgewicht der Gesund- 
heit umzuwerfen und die Bedingungen der Neurose herzustellen. 
Wie bekannt, sind solche eher plötzliche Libidosteigerungen mit 
der Pubertät und der Menopause, mit dem Erreichen gewisser 
Jahreszahlen bei Frauen, regelmäßig verbunden 5 bei manchen 
Menschen mögen sie sich überdies in noch unbekannten Periodi- 
zitäten äußern. Die Libidostauung ist hier das primäre Moment, 
sie wird pathogen infolge der relativen Versagung von Seiten 
der Außenwelt, die einem geringeren Libidoanspruch die Befrie- 
digung noch gestattet hätte. Die unbefriedigte und gestaute 
Libido kann wieder die Wege zur Regression eröffnen und die- 
selben Konflikte anfachen, die wir für den Fall der absoluten 
äußeren Versagung festgestellt haben. Wir werden auf solche 
Weise daran gemahnt, daß wir das quantitative Moment bei keiner 
Überlegung über Krankheitsveranlassung außer acht lassen dürfen. 
Alle anderen Faktoren, die Versagung, Fixierung, Entwicklungs- 
hemmung, bleiben wirkungslos, insofern sie nicht ein gewisses 
Maß der Libido betreffen und eine Libidostauung von bestimmter 
Höhe hervorrufen. Dieses Maß von Libido, das uns für eine 
pathogene Wirkung unentbehrlich dünkt, ist für uns freilich nicht 
meßbar; wir können es nur postulieren, nachdem der Krankheits- 
erfolg eingetreten ist. Nur nach einer Richtung dürfen wir es 
enger bestimmen; wir dürfen annehmen, daß es sich nicht um 
eine absolute Quantität handelt, sondern um das Verhältnis des 
wirksamen Libidobetrages zu jener Quantität von Libido, welche 
das einzelne Ich bewältigen, das heißt in Spannung erhalten, 



Über neurotische Erkrankungstypen 407 

sublimieren oder direkt verwenden kann. Daher wird eine rela- 
tive Steigerung der Libidoquantität dieselben Wirkungen haben 
können wie eine absolute. Eine Schwächung des Ichs durch 
organische Krankheit oder durch besondere Inanspruchnahme seiner 
Energie wird imstande sein, Neurosen zum Vorschein kommen zu 
lassen, die sonst trotz aller Disposition latent geblieben wären. 

Die Bedeutung, welche wir der Libidoquantität für die Krank- 
heitsverursachung zugestehen müssen, stimmt in wünschenswerter 
Weise zu zwei Hauptsätzen der Neurosenlehre, die sich aus der 
Psychoanalyse ergeben haben. Erstens zu dem Satze, daß die 
Neurosen aus dem Konflikt zwischen dem Ich und der Libido 
entspringen, zweitens zu der Einsicht, daß keine qualitative Ver- 
schiedenheit zwischen den Bedingungen der Gesundheit und denen 
der Neurose bestehe, daß die Gesunden vielmehr mit denselben 
Aufgaben der Bewältigung der Libido zu kämpfen haben, nur 
daß es ihnen besser gelungen ist. 

Es erübrigt noch, einige Worte über das Verhältnis dieser 
Typen zur Erfahrung zu sagen. Wenn ich die Anzahl von Kranken 
überblicke, mit deren Analyse ich gerade jetzt beschäftigt bin, so 
muß ich feststellen, daß keiner von ihnen einen der vier 
Erkrankungstypen rein realisiert. Ich finde vielmehr bei jedem 
ein Stück der Versagung wirksam neben einem Anteil von 
Unfähigkeit, sich der Realforderung anzupassen; der Gesichtspunkt 
der Entwicklungshemmung, die ja mit der Starrheit der 
Fixierungen zusammenfällt, kommt bei allen in Betracht, und die 
Bedeutung der Libidoquantität dürfen wir, wie oben ausgeführt, 
niemals vernachlässigen. Ja, ich erfahre, daß bei mehreren unter 
diesen Kranken die Krankheit in Schüben zum Vorschein gekommen 
ist, zwischen welchen Intervalle von Gesundheit lagen, und daß 
jeder dieser Schübe sich auf einen anderen Typus von Veran- 
lassung zurückführen läßt. Die Aufstellung dieser vier Typen hat 
also keinen hohen theoretischen Wert; es sind bloß verschiedene 
Wege zur Herstellung einer gewissen pathogenen Konstellation im 



408 



Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



seelischen Haushalt, nämlich der Libidostauung, welcher sich das 
Ich mit seinen Mitteln nicht ohne Schaden erwehren kann. Die 
Situation selbst wird aber nur pathogen infolge eines quantita- 
tiven Momentes; sie ist nicht etwa eine Neuheit für das Seelen- 
leben und durch das Eindringen einer sogenannten „Krankheits- 
ursache" geschaffen. 

Eine gewisse praktische Bedeutung werden wir den Erkran- 
kungstypen gerne zugestehen. Sie sind in einzelnen Fällen auch 
rein zu beobachten; auf den dritten und vierten Typus wären 
wir nicht aufmerksam geworden, wenn sie nicht die einzigen 
Veranlassungen der Erkrankung für manche Individuen enthielten. 
Der erste Typus hält uns den außerordentlich mächtigen Einfluß 
der Außenwelt vor Augen, der zweite den nicht minder bedeut- 
samen der Eigenart des Individuums, welche sich diesem Ein- 
flüsse widersetzt. Die Pathologie konnte dem Problem der Krank- 
heitsveranlassung bei den Neurosen nicht gerecht werden, solange 
sie sich bloß um die Entscheidung bemühte, ob diese Affektionen 
endogener oder exogener Natur seien. Allen Erfahrungen, 
welche auf die Bedeutung der Abstinenz (im weitesten Sinne) 
als Veranlassung hinweisen, mußte sie immer den Einwand ent- 
gegensetzen, andere Personen vertrügen dieselben Schicksale, ohne 
zu erkranken. Wollte sie aber die Eigenart des Individuums als 
das für Krankheit und Gesundheit Wesentliche betonen, so mußte 
sie sich die Vorhaltung gefallen lassen, daß Personen mit solcher 
Eigenart die längste Zeit über gesund bleiben können, so lange 
ihnen nur gestattet ist, diese Eigenart zu bewahren. Die Psycho- 
analyse hat uns gemahnt, den unfruchtbaren Gegensatz von 
äußeren und inneren Momenten, von Schicksal und Konstitution, 
aufzugeben, und hat uns gelehrt, die Verursachung der neu- 
rotischen Erkrankung regelmäßig in einer bestimmten psychischen 
Situation zu finden, welche auf verschiedenen Wegen hergestellt 
werden kann. 



FORMULIERUNGEN ÜBER DIE ZWEI 
PRINZIPIEN DES PSYCHISCHEN GESCHEHENS 

Zuerst erschienen im „Jahrbuch für psycho- 
analytische und psychopathologische Forschungen", 
Bd. III, '91t) dann in der Dritten Folge der 
„Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre". 

Wir haben seit langem gemerkt, daß jede Neurose die Folge, 
also wahrscheinlich die Tendenz habe, den Kranken aus dem 
realen Leben herauszudrängen, ihn der Wirklichkeit zu ent- 
fremden. Eine derartige Tatsache konnte auch der Beobachtung 
P. Janets nicht entgehen^ er sprach von einem Verluste „de 
la fonction du reel u als von einem besonderen Charakter der 
Neurotiker, ohne aber den Zusammenhang dieser Störung mit 
den Grundbedingungen der Neurose aufzudecken. 1 

Die Einführung des Verdrängungsprozesses in die Genese der 
Neurose hat uns gestattet, in diesen Zusammenhang Einsicht zu 
nehmen. Der Neurotiker wendet sich von der Wirklichkeit ab, 
weil er sie — ihr Ganzes oder Stücke derselben — unerträglich 
findet. Den extremsten Typus dieser Abwendung von der Realität 
zeigen uns gewisse Fälle von halluzinatorischer Psychose, in denen 
jenes Ereignis verleugnet werden soll, welches den Wahnsinn 
hervorgerufen hat (Griesinger). Eigentlich tut aber jeder 
Neurotiker mit einem Stückchen der Realität das gleiche. 2 Es 

1) P. Janet, Les Nevroses. 190g. Bibliotheque de Philosophie scientifique. 

2) Eine merkwürdig klare Ahnung dieser Verursachung hat kürzlich Otto Rank 
in einer Stelle Schopenhauers aufgezeigt. (Die Welt als Wille und Vorstellung, 
2. Band. Siehe Zentralblatt für Psychoanalyse, Heft 1/2, 1910.) 



e^A 



fci ■ 






4 10 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre. 



erwächst uns nun die Aufgabe, die Beziehung des Neurotikers 
und des Menschen überhaupt zur Realität auf ihre Entwicklung 
zu untersuchen und so die psychologische Bedeutung der realen 
Außenwelt in das Gefüge unserer Lehren aufzunehmen. 

Wir haben uns in der auf Psychoanalyse begründeten Psycho- 
logie gewöhnt, die unbewußten seelischen Vorgänge zum Aus- 
gange zu nehmen, deren Eigentümlichkeiten uns durch die 
Analyse bekannt worden sind. Wir halten diese für die älteren, 
primären, für Überreste aus einer Entwicklungsphase, in welcher 
sie die einzige Art von seelischen Vorgängen waren. Die oberste 
Tendenz, welcher diese primären Vorgänge gehorchen, ist leicht 
zu erkennen 5 sie wird als das Lust-Unlust-Prinzip (oder kürzer 
als das Lustprinzip) bezeichnet. Diese Vorgänge streben danach, 
Lust zu gewinnen 5 von solchen Akten, welche Unlust erregen 
können, zieht sich die psychische Tätigkeit zurück (Verdrängung). 
Unser nächtliches Träumen, unsere Wachtendenz, uns von pein- 
lichen Eindrücken loszureißen, sind Reste von der Herrschaft 
dieses Prinzips und Beweise für dessen Mächtigkeit. 

Ich greife auf Gedankengänge zurück, die ich an anderer 
Stelle (im allgemeinen Abschnitt der Traumdeutung) entwickelt 
habe, wenn ich supponiere, daß der psychische Ruhezustand 
anfänglich durch die gebieterischen Forderungen der inneren 
Bedürfnisse gestört wurde. In diesem Falle wurde das Gedachte 
(Gewünschte) einfach halluzinatorisch gesetzt, wie es heute noch 
allnächtlich mit unseren Traumgedanken geschieht. 1 Erst das 
Ausbleiben der erwarteten Befriedigung, die Enttäuschung, hatte 
zur Folge, daß dieser Versuch der Befriedigung auf halluzina- 
torischem Wege aufgegeben wurde. Anstatt seiner mußte sich 
der psychische Apparat entschließen, die realen Verhältnisse der 
Außenwelt vorzustellen und die reale Veränderung anzustreben. 

1) Der Schlafzustand kann das Ebenbila des Seelenlebens vor der Anerkennung 
der Realität wiederbringen, weil er die absichtliche Verleugnung derselben (Schlaf- 
wunsch) zur Voraussetzung nimmt. 



Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens 411 

Damit war ein neues Prinzip der seelischen Tätigkeit eingeführt $ 
es wurde nicht mehr vorgestellt, was angenehm, sondern was 
real war, auch wenn es unangenehm sein sollte. 1 Diese Ein- 
setzung des Realitätsprinzips erwies sich als ein folgen- 
schwerer Schritt. 

i) Zunächst machten die neuen Anforderungen eine Reihe 
von Adaptierungen des psychischen Apparats nötig, die wir 
infolge von ungenügender oder unsicherer Einsicht nur ganz 
beiläufig aufführen können. 

Die erhöhte Bedeutung der äußeren Realität hob auch die 
Bedeutung der jener Außenwelt zugewendeten Sinnesorgane und 
des an sie geknüpften Bewußtseins, welches außer den bisher 
allein interessanten Lust- und Unlustqualitäten die Sinnes- 
qualitäten auffassen lernte. Es wurde eine besondere Funktion 
eingerichtet, welche die Außenwelt periodisch abzusuchen hatte, 
damit die Daten derselben im vorhinein bekannt wären, wenn 
sich ein unaufschiebbares inneres Bedürfnis einstellte, die Auf- 

1) Ich will versuchen, die obige schematische Darstellung durch einige Aus- 
führungen zu ergänzen: Es wird mit Recht eingewendet werden, daß eine solche 
Organisation, die dem Lustprinzip frönt und die Realität der Außenwelt vernach- 
lässigt, sich nicht die kürzeste Zeit am Leben erhalten könnte, so daß sie überhaupt 
nicht hätte entstehen können. Die Verwendung einer derartigen Fiktion rechtfertigt 
sich aber durch die Bemerkung, daß der Säugling, wenn man nur die Mntterpflege 
hinzunimmt, ein solches psychisches System nahezu realisiert. Er halluziniert wahr- 
scheinlich die Erfüllung seiner inneren Bedürfnisse, verrät seine Unlust bei steigendem 
Reiz und ausbleibender Befriedigung durch die motorische Abfuhr des Schreiens und 
Zappeins und erlebt darauf die halluzinierte Befriedigung. Er erlernt es später als 
Kind, diese Abfuhräußerungen absichtlich als Ausdrucksmittel zu gebrauchen. Da die 
Säuglingspflege das Vorbild der späteren Kinderfürsorge ist, kann die Herrschaft des 
Lustprinzips eigentlich erst mit der vollen psychischen Ablösung von den Eltern ein 
Ende nehmen. — Ein schönes Beispiel eines von den Reizen der Außenwelt abge- 
schlossenen psychischen Systems, welches selbst seine Ernälirungsbedürfnisse autistisch 
(nach einem Worte Bleulers) befriedigen kann, gibt das mit seinem Nahnings- 
vorrat in die Eischale eingeschlossene Vogelei, für das sich die Mutterpflege auf die 
Wärmezufuhr einschränkt. — Ich werde es nicht als Korrektur, sondern nur als 
Erweiterung des in Rede stehenden Schemas ansehen, wenn man für das nach dem 
Lustprinzip lebende System Einrichtungen fordert, mittels deren es sich den Reizen 
der Realität entziehen kann. Diese Einrichtungen sind nur das Korrelat der „Ver- 
drängung", welche innere Unlustreize so behandelt, als ob sie äußere wären, sie also 
zur Außenwelt schlägt. 



412 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre • 

merksamkeit. Diese Tätigkeit geht den Sinneseindrücken 
entgegen, anstatt ihr Auftreten abzuwarten. Wahrscheinlich wurde 
gleichzeitig damit ein System von Merken eingesetzt, welches 
die Ergebnisse dieser periodischen Bewußtseinstätigkeit zu 
deponieren hatte, ein Teil von dem, was wir Gedächtnis 
heißen. 

An Stelle der Verdrängung, welche einen Teil der auftauchen- 
den Vorstellungen als unlusterzeugend von der Besetzung aus- 
schloß, trat die unparteiische Urteils fällung, welche ent- 
scheiden sollte, ob eine bestimmte Vorstellung wahr oder falsch, 
das heißt im Einklang mit der Realität sei oder nicht, und 
durch Vergleichung mit den Erinnerungsspuren der Realität 
darüber entschied. 

Die motorische Abfuhr, die während der Herrschaft des Lust- 
prinzips zur Entlastung des seelischen Apparats von Reiz- 
zuwächsen gedient hatte und dieser Aufgabe durch ins Innere 
des Körpers gesandte Innervationen (Mimik, Affektäußerungen) 
nachgekommen war, erhielt jetzt eine neue Funktion, indem sie 
zur zweckmäßigen Veränderung der Realität verwendet wurde. 
Sie wandelte sich zum Handeln. 

Die notwendig gewordene Aufhaltung der motorischen Abfuhr 
(des Handelns) wurde durch den Denkprozeß besorgt, welcher 
sich aus dem Vorstellen herausbildete. Das Denken wurde mit 
Eigenschaften ausgestattet, welche dem seelischen Apparat das 
Ertragen der erhöhten Reizspannung während des Aufschubs 
der Abfuhr ermöglichten. Es ist im wesentlichen ein Probe- 
handeln mit Verschiebung kleinerer Besetzungsquantitäten, unter 
geringer Verausgabung (Abfuhr) derselben. Dazu war eine Über- 
führung der frei verschiebbaren Besetzungen in gebundene 
erforderlich, und eine solche wurde mittels einer Niveau- 
erhöhung des ganzen Besetzungsvorganges erreicht. Das Denken 
war wahrscheinlich ursprünglich unbewußt, insoweit es sich 
über das bloße Vorstellen erhob und sich den Relationen der 



' 



Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens 413 

Objekteindrücke zuwendete, und erhielt weitere für das Bewußt- 
sein wahrnehmbare Qualitäten erst durch die Bindung an die 
Wortreste. 

2) Eine allgemeine Tendenz unseres seelischen Apparats, die 
man auf das ökonomische Prinzip der Aufwandersparnis zurück- 
führen kann, scheint sich in der Zähigkeit des Festhaltens an 
den zur Verfügung stehenden Lustquellen und in der Schwierig- 
keit des Verzichts auf dieselben zu äußern. Mit der Einsetzung 
des Realitätsprinzips wurde eine Art Denktätigkeit abgespalten, 
die von der Realitätsprüfung frei gehalten und allein dem Lust- 
prinzip unterworfen blieb. 1 Es ist dies das Phantasieren, 
welches bereits mit dem Spielen der Kinder beginnt und später 
als Tagträumen fortgesetzt die Anlehnung an reale Objekte 
aufgibt. 

5) Die Ablösung des Lustprinzips durch das Realitätsprinzip 
mit den aus ihr hervorgehenden psychischen Folgen, die hier in 
einer schematisierenden Darstellung in einen einzigen Satz 
gebannt ist, vollzieht sich in Wirklichkeit nicht auf einmal und 
nicht gleichzeitig auf der ganzen Linie. Während aber diese 
Ezitwicklung an den Ichtrieben vor sich geht, lösen sich die 
Sexualtriebe in sehr bedeutsamer Weise von ihnen ab. Die 
Sexualtriebe benehmen sich zunächst autoerotisch, sie finden ihre 
Befriedigung am eigenen Leib und gelangen daher nicht in die 
Situation der Versagung, welche die Einsetzung des Realitäts- 
prinzips erzwungen hat. Wenn dann später bei ihnen der Prozeß 
der Objektfindung beginnt, erfährt er alsbald eine lange Unter- 
brechung durch die Latenzzeit, welche die Sexualentwicklung 
bis zur Pubertät verzögert. Diese beiden Momente — Auto- 
erotismus und Latenzperiode — haben zur Folge, daß der 
Sexualtrieb in seiner psychischen Ausbildung aufgehalten wird 



1) Ähnlich wie eine Nation, deren Reichtum auf der Ausbeutung ihrer Boden- 
schätze beruht, doch ein bestimmtes Gebiet reserviert, das im Urzustände belassen 
und von den Veränderungen der Kultur verschont werden soll (Yellowstonepark). 



4 1 4 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

und weit länger unter der Herrschaft des Lustprinzips verbleibt, 
welcher er sich bei vielen Personen überhaupt niemals zu ent- 
ziehen vermag. 

Infolge dieser Verhältnisse stellt sich eine nähere Beziehung 
her zwischen dem Sexualtrieb und der Phantasie einerseits, den 
Ichtrieben und den Bewußtseinstätigkeiten anderseits. Diese 
Beziehung tritt uns bei Gesunden wie Neurotikern als eine sehr 
innige entgegen, wenngleich sie durch diese Erwägungen aus der 
genetischen Psychologie als eine sekundäre erkannt wird. Der 
fortwirkende Autoerotismus macht es möglich, daß die leichtere 
momentane und phantastische Befriedigung am Sexualobjekte so 
lange an Stelle der realen, aber Mühe und Aufschub erfordern- 
den, festgehalten wird. Die Verdrängung bleibt im Reiche des 
Phantasierens allmächtig; sie bringt es zustande, Vorstellungen in 
statu nascendi, ehe sie dem Bewußtsein auffallen können, zu 
hemmen, wenn deren Besetzung zur Unlustentbindung Anlaß 
geben kann. Dies ist die schwache Stelle unserer psychischen 
Organisation, die dazu benutzt werden kann, um bereits rationell 
gewordene Denkvorgänge wieder unter die Herrschaft des Lust- 
prinzips zu bringen. Ein wesentliches Stück der psychischen 
Disposition zur Neurose ist demnach durch die verspätete 
Erziehung des Sexualtriebs zur Beachtung der Realität und des 
weiteren durch die Bedingungen, welche diese Verspätung ermög- 
lichen, gegeben. 

4) Wie das Lust-Ich nichts anderes kann als wünschen, 
nach Lustgewinn arbeiten und der Unlust ausweichen, so 
braucht das Real-Ich nichts anderes zu tun als nach Nutzen zu 
streben und sich gegen Schaden zu sichern. 1 In Wirklichkeit bedeutet 
die Ersetzung des Lustprinzips durch das Realitätsprinzip keine 
Absetzung des Lustprinzips, sondern nur eine Sicherung des- 

1) Den Vorzug des Real-Ichs vor dem Lust-Ich drückt Beraard Shaw treffend 
in den Worten aus: To be able to clioose the line of grcatest advantagc insiead of yielding 
in the direction of the hast resistance. (Man and Superman. A comedy and a philosophy.) 



Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens 415 

selben. Eine momentane, in ihren Folgen unsichere Lust wird 
aufgegeben, aber nur darum, um auf dem neuen Wege eine 
später kommende, gesicherte zu gewinnen. Doch ist der endo- 
psychische Eindruck dieser Ersetzung ein so mächtiger gewesen, 
daß er sich in einem besonderen religiösen Mythus spiegelt. Die 
Lehre von der Belohnung im Jenseits für den — freiwilligen 
oder aufgezwungenen — Verzicht auf irdische Lüste ist nichts 
anderes als die mythische Projektion dieser psychischen 
Umwälzung. Die Religionen haben in konsequenter Ver- 
folgung dieses Vorbildes den absoluten Lustverzicht im Leben 
gegen Versprechen einer Entschädigung in einem künftigen 
Dasein durchsetzen können; eine Überwindung des Lustprinzips 
haben sie auf diesem Wege nicht erreicht. Am ehesten gelingt 
diese Überwindung der Wissen seh aft, die aber auch intellek- 
tuelle Lust während der Arbeit bietet und endlichen praktischen 
Gewinn verspricht. 

5) Die Erziehung kann ohne weitere Bedenken als Anregung 
zur Überwindung des Lustprinzips, zur Ersetzung desselben durch 
das Realitätsprinzip beschrieben werden; sie will also jenem das 
Ich betreffenden Entwicklungsprozeß eine Nachhilfe bieten, bedient 
sich zu diesem Zwecke der Liebesprämien von seiten der Erzieher 
und schlägt darum fehl, wenn das verwöhnte Kind glaubt, daß es 
diese Liebe ohnedies besitzt und ihrer unter keinen Umständen 
verlustig werden kann. 

6) Die Kunst bringt auf einem eigentümlichen Weg eine 
Versöhnung der beiden Prinzipien zustande. Der Künstler ist , 
ursprünglich ein Mensch, welcher sich von der Realität abwendet, 
weil er sich mit dem von ihr zunächst geforderten Verzicht 
auf Triebbefriedigung nicht befreunden kann, und seine erotischen ( 
und ehrgeizigen Wünsche im Phantasieleben gewähren läßt. Er 
findet aber den Rückweg aus dieser Phantasiewelt zur Realität, 
indem er dank besonderer Begabungen seine Phantasien zu einer 
neuen Art von Wirklichkeiten gestaltet, die von den Menschen 



ai 6 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



als wertvolle Abbilder der Realität zur Geltung zugelassen werden. 
Es wird so auf eine gewisse "Weise wirklich der Held, König, 
Schöpfer, Liebling, der er werden wollte, ohne den gewaltigen 
Umweg über die wirkliche Veränderung der Außenwelt einzu- 
schlagen. Er kann dies aber nur darum erreichen, weil die anderen 
Menschen die nämliche Unzufriedenheit mit dem real erforder- 
lichen Verzicht verspüren wie er selbst, weil diese bei der Ersetzung 
des Lustprinzips durch das Realitätsprinzip resultierende Unzu- 
friedenheit selbst ein Stück der Realität ist. 1 

7) Während das Ich die Umwandlung von Lust-Ich zum 
Real -Ich durchmacht, erfahren die Sexualtriebe jene Verände- 
rungen, die sie vom anfänglichen Autoerotismus durch verschiedene 
Zwischenphasen zur Objektliebe im Dienste der Fortpflanzungs- 
funktion führen. Wenn es richtig ist, daß jede Stufe dieser beiden 
Entwicklungsgänge zum Sitz einer Disposition für spätere neuro- 
tische Erkrankung werden kann, liegt es nahe, die Entscheidung 
über die Form der späteren Erkrankung (die Neurosenwahl) 
davon abhängig zu machen, in welcher Phase der Ich- und der 
Libidoentwicklung die disponierende Entwicklungshemmung ein- 
getroffen ist. Die noch nicht studierten zeitlichen Charaktere der 
beiden Entwicklungen, deren mögliche Verschiebung gegeneinander, 
kommen so zu unvermuteter Bedeutung. 

8) Der befremdendste Charakter der unbewußten (verdrängten) 
Vorgänge, an den sich jeder Untersucher nur mit großer Selbst- 
überwindung gewöhnt, ergibt sich daraus, daß bei ihnen die 
Realitätsprüfung nichts gilt, die Denkrealität gleichgesetzt wird 
der äußeren Wirklichkeit, der Wunsch der Erfüllung, dem Ereignis, 
wie es sich aus der Herrschaft des alten Lustprinzips ohneweiters 
ableitet. Darum wird es auch so schwer, unbewußte Phantasien 
von unbewußt gewordenen Erinnerungen zu unterscheiden. Man 
lasse sich aber nie dazu verleiten, die Realitätswertung in die 
verdrängten psychischen Bildungen einzutragen und etwa Phantasien 

1) Vgl. Ähnliches hei O. Rank, Der Künstler, Wien 1907. 



Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens 



417 



darum für die Symptombildung gering zu schätzen, weil sie eben 
keine Wirklichkeiten sind, oder ein neurotisches Schuldgefühl 
anderswoher abzuleiten, weil sich kein wirklich ausgeführtes Ver- 
brechen nachweisen läßt. Man hat die Verpflichtung, sich jener 
Währung zu bedienen, die in dem Lande, das man durchforscht, 
eben die herrschende ist, in unserem Falle der neurotischen 
Währung. Man versuche z. B., einen Traum wie den folgenden 
zu lösen. Ein Mann, der einst seinen Vater während seiner langen 
und qualvollen Todeskrankheit gepflegt, berichtet, daß er in den 
nächsten Monaten nach dessen Ableben wiederholt geträumt habe: 
der Vater sei wieder am Leben und er spreche mit ihm wie 
sonst. Dabei habe er es aber äußerst schmerzlich empfunden, 
daß der Vater doch schon gestorben war und es nur nicht 
wußte. Kein anderer Weg führt zum Verständnis des widersinnig 
klingenden Traumes, als die Anfügung „nach seinem Wunsch" oder 
„infolge seines Wunsches" nach den Worten, „daß der Vater doch 
gestorben war" und der Zusatz, „daß er es wünschte", zu den letzten 
Worten. Der Traumgedanke lautet dann : Es sei eine schmerzliche 
Erinnerung für ihn, daß er dem Vater den Tod (als Erlösung) 
wünschen mußte, als er noch lebte, und wie schrecklich, wenn 
der Vater dies geahnt hätte. Es handelt sich dann um den bekannten 
Fall der Selbstvorwürfe nach dem Verlust einer geliebten Person, 
und der Vorwurf greift in diesem Beispiel auf die infantile 
Bedeutung des Todeswunsches gegen den Vater zurück. 

Die Mängel dieses kleinen, mehr vorbereitenden als ausführenden 
Aufsatzes sind vielleicht nur zum geringen Anteil entschuldigt, wenn 
ich sie für unvermeidlich ausgebe. In den wenigen Sätzen über die 
psychischen Folgen der Adaptierung an das Realitätsprinzip mußte 
ich Meinungen andeuten, die ich lieber noch zurückgehalten hätte, 
und deren Rechtfertigung gewiß keine kleine Mühe kosten wird. Doch 
will ich hoffen, daß es wohlwollenden Lesern nicht entgehen wird, 
wo auch in dieser Arbeit die Herrschaft des Realitätsprinzips beginnt. 



Freud, V. 27 



(/cn/W «' l% *3 c ** e ~4> °^ %*-ry*~ " **/"* ■ $J.& 



f 



_ 






NEUROSE UND PSYCHOSE 

Zuerst erschienen in der „Internationalen Zeit- 
schrift für Psychoanalyse", X. Band (1924), Heft I. 

In meiner kürzlich erschienenen Schrift „Das Ich und das 
Es" habe ich eine Gliederung des seelischen Apparates angegeben, 
auf deren Grund sich eine Reihe von Beziehungen in einfacher 
und übersichtlicher Weise darstellen läßt. In anderen Punkten, 
zum Beispiel was die Herkunft und Rolle des Über-Ichs betrifft, 
bleibt genug des Dunkeln und Unerledigten. Man darf nun 
fordern, daß eine solche Aufstellung sich auch für andere Dinge 
als brauchbar und förderlich erweise, wäre es auch nur, um 
bereits Bekanntes in neuer Auffassung zu sehen, es anders zu 
gruppieren und überzeugender zu beschreiben. Mit solcher An- 
wendung könnte auch eine vorteilhafte Rückkehr von der grauen 
Theorie zur ewig grünenden Erfahrung verbunden sein. 

Am genannten Orte sind die vielfältigen Abhängigkeiten des 
Ichs geschildert, seine Mittelstellung zwischen Außenwelt und Es 
und sein Bestreben, all seinen Herren gleichzeitig zu Willen zu 
sein. Im Zusammenhange eines von anderer Seite angeregten 
Gedankenganges, der sich mit der Entstehung und Verhütung 
der Psychosen beschäftigte, ergab sich mir nun eine einfache 
Formel, welche die vielleicht wichtigste genetische Differenz 
zwischen Neurose und Psychose behandelt: die Neurose sei 
der Erfolg eines Konflikts zwischen dem Ich und 
seinem Es, die Psychose aber der analoge Ausgang 
einer solchen Störung in den Beziehungen zwischen 
Ich und Außenwelt. 






Neurose und Psychose 41Q 

Es ist sicherlich eine berechtigte Mahnung, daß man gegen so 
einfache Problemlösungen mißtrauisch sein soll. Auch wird 
unsere äußerste Erwartung nicht weiter gehen, als daß diese 
Formel sich im Gröbsten als richtig erweise. Aber auch das wäre 
schon etwas. Man besinnt sich auch sofort an eine ganze Reihe 
von Einsichten und Funden, welche unseren Satz zu bekräftigen 
scheinen. Die Übertragungsneurosen entstehen nach dem Ergebnis 
aller unserer Analysen dadurch, daß das Ich eine im Es mächtige 
Triebregung nicht aufnehmen und nicht zur motorischen Erledigung 
befördern will, oder ihr das Objekt bestreitet, auf das sie zielt. 
Das Ich erwehrt sich ihrer dann durch den Mechanismus der 
Verdrängung; das Verdrängte sträubt sich gegen dieses Schicksal, 
schafft sich auf Wegen, über die das Ich keine Macht hat, eine 
Ersatzvertretung, die sich dem Ich auf dem Wege des Kompromisses 
aufdrängt, das Symptom; das Ich findet seine Einheitlichkeit 
durch diesen Eindringling bedroht und geschädigt, setzt den 
Kampf gegen das Symptom fort, wie es sich gegen die ursprüngliche 
Triebregung gewehrt hatte, und dies alles ergibt das Bild der 
Neurose. Es ist kein Einwand, daß das Ich, wenn es die Ver- 
drängung vornimmt, im Grunde den Geboten seines Über-Ichs 
folgt, die wiederum solchen Einflüssen der realen Außenwelt 
entstammen, welche im Über-Ich ihre Vertretung gefunden 
haben. Es bleibt doch dabei, daß das Ich sich auf die Seite dieser 
Mächte geschlagen hat, daß in ihm deren Anforderungen stärker 
sind als die Triebansprüche des Es, und daß das Ich die Macht 
ist, welche die Verdrängung gegen jenen Anteil des Es ins Werk 
setzt und durch die Gegenbesetzung des Widerstandes befestigt. 
Im Dienste des Über-Ichs und der Realität ist das Ich in Konflikt 
mit dem Es geraten und dies ist der Sachverhalt bei allen 
Übertragungsneurosen. 

Auf der anderen Seite wird es uns ebenso leicht, aus unserer 
bisherigen Einsicht in den Mechanismus der Psychosen Beispiele 
anzuführen, welche auf die Störung des Verhältnisses zwischen 

27» 



_ 



4 20 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



Ich und Außenwelt hinweisen. Bei der Amentia Meynerts, 
der akuten halluzinatorischen Verworrenheit, der vielleicht extremsten 
und frappantesten Form von Psychose, wird die Außenwelt 
entweder gar nicht wahrgenommen oder ihre Wahrnehmung 
bleibt völlig unwirksam. Normalerweise beherrscht ja die Außen- 
welt das Ich auf zwei Wegen: erstens durch die immer von 
neuem möglichen aktuellen Wahrnehmungen, zweitens durch den 
Erinnerungsschatz früherer Wahrnehmungen, die als „Innenwelt" 
einen Besitz und Bestandteil des Ichs bilden. In der Amentia 
wird nun nicht nur die Annahme neuer Wahrnehmungen verweigert, 
es wird auch der Innenwelt, welche die Außenwelt als ihr 
Abbild bisher vertrat, die Bedeutung (Besetzung) entzogen; das 
Ich schafft sich selbstherrlich eine neue Außen- und Innenwelt 
und es ist kein Zweifel an zwei Tatsachen, daß diese neue Welt 
im Sinne der Wunschregungen des Es aufgebaut ist, und daß eine 
schwere, unerträglich erscheinende Wunschversagung der Realität 
das Motiv dieses Zerfalles mit der Außenwelt ist. Die innere 
Verwandtschaft dieser Psychose mit dem normalen Traum ist 
nicht zu verkennen. Die Bedingung des Träumens ist aber der 
Schlafzustand, zu dessen Charakteren die volle Abwendung von 
Wahrnehmung und Außenwelt gehört. 

Von anderen Formen von Psychose, den Schizophrenien, weiß 
man, daß sie zum Ausgang in affektiven Stumpfsinn, das heißt 
zum Verlust alles Anteiles an der Außenwelt tendieren. Über die 
Genese der Wahnbildungen haben uns einige Analysen gelehrt, 
daß der Wahn wie ein aufgesetzter Fleck dort gefunden wird, 
wo ursprünglich ein Einriß in der Beziehung des Ichs zur Außen- 
welt entstanden war. Wenn die Bedingung des Konflikts mit 
der Außenwelt nicht noch weit auffälliger ist, als wir sie jetzt 
erkennen, so hat dies seinen Grund in der Tatsache, daß im 
Krankheitsbild der Psychose die Erscheinungen des pathogenen 
Vorganges oft von denen eines Heilungs- oder Rekonstruktions- 
versuches überdeckt werden. 



Neurose und Psychose 421 



Die gemeinsame Ätiologie für den Ausbruch einer Psycho- 
neurose oder Psychose bleibt immer die Versagung, die Nicht- 
erfüllung eines jener ewig unbezwungenen Kindheitswünsche, 
die so tief in unserer phylogenetisch bestimmten Organisation 
wurzeln. Diese Versagung ist im letzten Grunde immer eine 
äußere; im einzelnen Fall kann sie von jener inneren Instanz 
(im Über-Ich) ausgehen, welche die Vertretung der Realitäts- 
forderung übernommen hat. Der pathogene Effekt hängt nun 
davon ab, ob das Ich in solcher Konfliktspannung seiner Ab- 
hängigkeit von der Außenwelt treu bleibt und das Es zu knebeln 
versucht, oder ob es sich vom Es überwältigen und damit von 
der Realität losreißen läßt. Eine Komplikation wird in diese an- 
scheinend einfache Lage aber durch die Existenz des Über-Ichs 
eingetragen, welches in noch nicht durchschauter Verknüpfung 
Einflüsse aus dem Es wie aus der Außenwelt in sich vereinigt, 
gewissermaßen ein Idealvorbild für das ist, worauf alles Streben 
des Ichs abzielt, die Versöhnung seiner mehrfachen Abhängig- 
keiten. Das Verhalten des Über-Ichs wäre, was bisher nicht 
geschehen ist, bei allen Formen psychischer Erkrankung in 
Betracht zu ziehen. Wir können aber vorläufig postulieren, es 
muß auch Affektionen geben, denen ein Konflikt zwischen Ich 
und Über-Ich zugrunde liegt. Die Analyse gibt uns ein Recht 
anzunehmen, daß die Melancholie ein Muster dieser Gruppe ist, 
und dann würden wir für solche Störungen den Namen „narzißtische 

• Psychoneurosen" in Anspruch nehmen. Es stimmt ja nicht übel 
zu unseren Eindrücken, wenn wir Motive finden, Zustände wie 
die Melancholie von den anderen Psychosen zu sondern. Dann 
merken wir aber, daß wir unsere einfache genetische Formel 
vervollständigen konnten, ohne sie fallen zu lassen. Die Über- 
tragungsneurose entspricht dem Konflikt zwischen Ich und Es, 

^die narzißtische Neurose dem zwischen Ich und Über-Ich, die 
Psychose dem zwischen Ich und Außenwelt. Wir wissen freilich 
zunächst nicht zu sagen, ob wir wirklich neue Einsichten gewonnen 



M 



422 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

oder nur unseren Formelschatz bereichert haben, aber ich meine, 
diese Anwendungsmöglichkeit muß uns doch Mut machen, die 
vorgeschlagene Gliederung des seelischen Apparates in Ich, 
Über-Ich und Es weiter im Auge zu behalten. 

Die Behauptung, daß Neurosen und Psychosen durch die 
Konflikte des Ichs mit seinen verschiedenen herrschenden 
Instanzen entstehen, also einem Fehlschlagen in der Funktion 
des Ichs entsprechen, das doch das Bemühen zeigt, all die ver- 
schiedenen Ansprüche miteinander zu versöhnen, fordert eine 
andere Erörterung zu ihrer Ergänzung heraus. Man möchte 
wissen, unter welchen Umständen und durch welche Mittel es 
dem Ich gelingt, aus solchen gewiß immer vorhandenen Kon- 
flikten ohne Erkrankung zu entkommen. Dies ist nun ein neues 
Forschungsgebiet, auf dem sich gewiß die verschiedensten Faktoren 
zur Berücksichtigung einfinden werden. Zwei Momente lassen 
sich aber sofort herausheben. Der Ausgang aller solchen Situationen 
wird unzweifelhaft von ökonomischen Verhältnissen, von den 
relativen Größen der miteinander ringenden Strebungen abhängen. 
Und ferner: es wird dem Ich möglich sein, den Bruch nach 
irgendeiner Seite dadurch zu vermeiden, daß es sich selbst 
deformiert, sich Einbußen an seiner Einheitlichkeit gefallen läßt, 
eventuell sogar sich zerklüftet oder zerteilt. Damit rückten die 
Inkonsequenzen, Verschrobenheiten und Narrheiten der Menschen 
in ein ähnliches Licht wie ihre sexuellen Perversionen, durch 
deren Annahme sie sich ja Verdrängungen ersparen. 

Zum Schlüsse ist der Frage zu gedenken, welches der einer 
Verdrängung analoge Mechanismus sein mag, durch den das Ich 
sich von der Außenwelt ablöst. Ich meine, dies ist ohne neue 
Untersuchungen nicht zu beantworten, aber er müßte, wie die 
Verdrängung, eine Abziehung der vom Ich ausgeschickten 
Besetzung zum Inhalt haben. 






DER UNTERGANG DES ÖDIPUSKOMPLEXES 

Zuerst erschienen in der „Internationalen Zeit- 
schrifi für Psychoanalyse", X. Band (1924), Heft 3. 

Immer mehr enthüllt der Ödipuskomplex seine Bedeutung als das 
zentrale Phänomen der frühkindlichen Sexualperiode. Dann geht 
er unter, er erliegt der Verdrängung, wie wir sagen, und ihm folgt 
die Latenzzeit. Es ist aber noch nicht klar geworden, woran er 
zugrunde geht; die Analysen scheinen zu lehren: an den vor- 
fallenden schmerzhaften Enttäuschungen. Das kleine Mädchen, 
das sich für die bevorzugte Geliebte des Vaters halten will, muß 
einmal eine harte Züchtigung durch den Vater erleben und sieht 
sich aus allen Himmeln gestürzt. Der Knabe, der die Mutter 
als sein Eigentum betrachtet, macht die Erfahrung, daß sie Liebe 
und Sorgfalt von ihm weg auf einen neu Angekommenen richtet. 
Die Überlegung vertieft den Wert dieser Einwirkungen, indem 
sie betont, daß solche peinliche Erfahrungen, die dem Inhalt des 
Komplexes widerstreiten, unvermeidlich sind. Auch wo nicht besondere 
Ereignisse, wie die als Proben erwähnten, vorfallen, muß das 
Ausbleiben der erhofften Befriedigung, die fortgesetzte Versagung 
des gewünschten Kindes, es dahin bringen, daß sich der kleine 
Verliebte von seiner hoffnungslosen Neigung abwendet. Der Ödipus- 
komplex ginge so zugrunde an seinem Mißerfolg, dem Ergebnis 
seiner inneren Unmöglichkeit. 

Eine andere Auffassung wird sagen, der Ödipuskomplex muß fallen, 
weil die Zeit für seine Auflösung gekommen ist, wie die Milchzähne 
ausfallen, wenn die definitiven nachrücken. Wenn der Ödipuskomplex 



424 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

auch von den meisten Menschenkindern individuell durchlebt wird, 
so ist er doch ein durch die Heredität bestimmtes, von ihr angelegtes 
Phänomen, welches programmgemäß vergehen muß, wenn die 
nächste vorherbestimmte Entwicklungsphase einsetzt. Es ist dann 
ziemlich gleichgültig, auf welche Anlässe hin das geschieht, oder 
ob solche überhaupt nicht ausfindig zu machen sind. 

Beiden Auffassungen kann man ihr Recht nicht abstreiten. Sie 
vertragen sich aber auch miteinander; es bleibt Raum für die 
ontogenetische neben der weiter schauenden phylogenetischen. 
Auch dem ganzen Individuum ist es ja schon bei seiner Geburt 
bestimmt zu sterben und seine Organanlage enthält vielleicht 
bereits den Hinweis, woran. Doch bleibt es von Interesse zu 
verfolgen, wie dies mitgebrachte Programm ausgeführt wird, in 
welcher Weise zufällige Schädlichkeiten die Disposition ausnützen. 

Unser Sinn ist neuerlich für die Wahrnehmung geschärft 
worden, daß die Sexualentwicklung des Kindes bis zu einer Phase 
fortschreitet, in der das Genitale bereits die führende Rolle über- 
nommen hat. Aber dies Genitale ist allein das männliche, genauer 
bezeichnet der Penis, das weibliche ist unentdeckt geblieben. 
Diese phallische Phase, gleichzeitig die des Ödipuskomplexes, 
entwickelt sich nicht weiter zur endgültigen Genitalorganisation, 
sondern sie versinkt und wird von der Latenzzeit abgelöst. Ihr 
Ausgang vollzieht sich aber in typischer Weise und in Anlehnung 
an regelmäßig wiederkehrende Geschehnisse. 

Wenn das (männliche) Kind sein Interesse dem Genitale 
zugewendet hat, so verrät es dies auch durch ausgiebige manuelle 
Beschäftigung mit demselben und muß dann die Erfahrung 
machen, daß die Erwachsenen mit diesem Tun nicht einverstanden 
sind. Es tritt mehr oder minder deutlich, mehr oder weniger 
brutal, die Drohung auf, daß man ihn dieses von ihm hoch- 
geschätzten Teiles berauben werde. Meist sind es Frauen, von 
denen die Kastrationsdrohung ausgeht, häufig suchen sie ihre 
Autorität dadurch zu verstärken, daß sie sich auf den Vater oder 



Der Untergang des Ödipuskomplexes 425 

den Doktor berufen, der nach ihrer Versicherung die Strafe voll- 
ziehen wird. In einer Anzahl von Fällen nehmen die Frauen 
selbst eine symbolische Milderung der Androhung vor, indem sie 
nicht die Beseitigung des eigentlich passiven Genitales, sondern 
die der aktiv sündigenden Hand ankündigen. Ganz besonders 
häufig geschieht es, daß das Knäblein nicht darum von der 
Kastrationsdrohung betroffen wird, weil es mit der Hand am 
Penis spielt, sondern weil es allnächtlich sein Lager näßt und 
nicht rein zu bekommen ist. Die Pflegepersonen benehmen sich 
so, als wäre diese nächtliche Inkontinenz Folge von und Beweis 
für allzueifrige Beschäftigung mit dem Penis und haben wahr- 
scheinlich Recht darin. Jedenfalls ist das andauernde Bettnässen 
der Pollution des Erwachsenen gleichzustellen, ein Ausdruck der 
nämlichen Genitalerregung, welche das Kind um diese Zeit zur 
Masturbation gedrängt hat. 

Die Behauptung ist nun, daß die phallische Genitalorganisation 
des Kindes an dieser Kastrationsdrohung zugrunde geht. Aller- 
dings nicht sofort und nicht ohne daß weitere Einwirkungen 
dazukommen. Denn der Knabe schenkt der Drohung zunächst 
keinen Glauben und keinen Gehorsam. Die Psychoanalyse hat 
neuerlichen Wert auf zweierlei Erfahrungen gelegt, die keinem 
Kinde erspart bleiben und durch die es auf den Verlust wert- 
geschätzter Körperteile vorbereitet sein sollte, auf die zunächst 
zeitweilige, später einmal endgültige Entziehung der Mutterbrust 
und auf die täglich erforderte Abtrennung des Darminhaltes. 
Aber man merkt nichts davon, daß diese Erfahrungen beim 
Anlaß der Kastrationsdrohung zur Wirkung kommen würden. 
Erst nachdem eine neue Erfahrung gemacht worden ist, beginnt 
das Kind mit der Möglichkeit einer Kastration zu rechnen, auch 
dann nur zögernd, widerwillig und nicht ohne das Bemühen, die 
Tragweite der eigenen Beobachtung zu verkleinern. 

Die Beobachtung, welche den Unglauben des Kindes endlich 
bricht, ist die des weiblichen Genitales. Irgend einmal bekommt 



426 Arbeiten zum Sexualleben und zur Ncuroscnlehre 

das auf seinen Penisbesitz stolze Kind die Genitalregion eines 
kleinen Mädchens zu Gesicht und muß sich von dem Mangel 
eines Penis bei einem ihm so ähnlichen Wesen überzeugen. Damit 
ist auch der eigene Penisverlust vorstellbar geworden, die Kastrations- 
drohung gelangt nachträglich zur Wirkung. 

Wir dürfen nicht so kurzsichtig sein wie die mit der Kastration 
drohende Pflegeperson und sollen nicht übersehen, daß sich das 
Sexualleben des Kindes um diese Zeit keineswegs in der Mastur- 
bation erschöpft. Es steht nachweisbar in der Ödipuseinstellung 
zu seinen Eltern, die Masturbation ist nur die genitale Abfuhr 
der zum Komplex gehörigen Sexualerregung und wird dieser 
Beziehung ihre Bedeutung für alle späteren Zeiten verdanken. 
Der Ödipuskomplex bot dem Kinde zwei Möglichkeiten der 
Befriedigung, eine aktive und eine passive. Es konnte sich in 
männlicher Weise an die Stelle des Vaters setzen und wie er 
mit der Mutter verkehren, wobei der Vater bald als Hindernis 
empfunden wurde, oder es wollte die Mutter ersetzen und sich 
vom Vater lieben lassen, wobei die Mutter überflüssig wurde. 
Worin der befriedigende Liebesverkehr bestehe, darüber mochte 
das Kind nur sehr unbestimmte Vorstellungen haben; gewiß 
spielte aber der Penis dabei eine Rolle, denn dies bezeugten seine 
Organgefühle. Zum Zweifel am Penis des Weibes war noch kein 
Anlaß. Die Annahme der Kastrationsmöglichkeit, die Einsicht, daß 
das Weib kastriert sei, machte nun beiden Möglichkeiten der 
Befriedigung aus dem Ödipuskomplex ein Ende. Beide brachten 
ja den Verlust des Penis mit sich, die eine, männliche, als Straf- 
folge, die andere, weibliche, als Voraussetzung. Wenn die Liebes- 
befriedigung auf dem Boden des Ödipuskomplexes den Penis 
kosten soll, so muß es zum Konflikt zwischen dem narzißtischen 
Interesse an diesem Körperteile und der libidinösen Besetzung 
der elterlichen Objekte kommen. In diesem Konflikt siegt normaler- 
weise die erstere Macht; das Ich des Kindes wendet sich vom 
Ödipuskomplex ab. 



Der Untergang des Ödipuskomplexes 4 2 7 

Ich habe an anderer Stelle ausgeführt, in welcher Weise dies 
vor sich geht. Die Objektbesetzungen werden aufgegeben und 
durch Identifizierung ersetzt. Die ins Ich introjizierte Vater- oder 
Elternautorität bildet dort den Kern des Über-Ichs, welches vom 
Vater die Strenge entlehnt, sein Inzestverbot perpetuiert und so 
das Ich gegen die Wiederkehr der libidinösen Objektbesetzung 
versichert. Die dem Ödipuskomplex zugehörigen libidinösen 
Strebungen werden zum Teil desexualisiert und sublimiert, was 
wahrscheinlich bei jeder Umsetzung in Identifizierung geschieht, 
zum Teil zielgehemmt und in zärtliche Regungen verwandelt. 
Der ganze Prozeß hat einerseits das Genitale gerettet, die Gefahr 
des Verlustes von ihm abgewendet, anderseits es lahmgelegt, seine 
Funktion aufgehoben. Mit ihm setzt die Latenzzeit ein, die nun 
die Sexualentwicklung des Kindes unterbricht. 

Ich sehe keinen Grund, der Abwendung des Ichs vom Odipus- i 
komplex den Namen einer „Verdrängung" zu versagen, obwohl 
spätere Verdrängungen meist unter der Beteiligung des Über-Ichs 
Zustandekommen werden, welches hier erst gebildet wird. Aber 
der beschriebene Prozeß ist mehr als eine Verdrängung, er kommt, 
wenn ideal vollzogen, einer Zerstörung und Aufhebung des 
Komplexes gleich. Es liegt nahe anzunehmen, daß wir hier auf 
die niemals ganz scharfe Grenzscheide zwischen Normalem und 
Pathologischem gestoßen sind. Wenn das Ich wirklich nicht viel 
mehr als eine Verdrängung des Komplexes erreicht hat, dann 
bleibt dieser im Es unbewußt bestehen und wird später seine 
pathogene Wirkung äußern. 

Solche Zusammenhänge zwischen phallischer Organisation, 
Ödipuskomplex, Kastrationsdrohung, Über-Ichbildung und Latenz- 
periode läßt die analytische Beobachtung erkennen oder erraten. 
Sie rechtfertigen den Satz, daß der Ödipuskomplex an der 
Kastrationsdrohung zugrunde geht. Aber damit ist das Problem 
nicht erledigt, es bleibt Raum für eine theoretische Spekulation, 
welche das gewonnene Resultat umwerfen oder in ein neues 



428 Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 

Licht rücken kann. Ehe wir aber diesen Weg beschreiten, müssen 
wir uns einer Frage zuwenden, welche sich während unserer 
bisherigen Erörterungen erhoben hat und so lange zur Seite 
gedrängt wurde. Der beschriebene Vorgang bezieht sich, wie 
ausdrücklich gesagt, nur auf das männliche Kind. Wie vollzieht 
sich die entsprechende Entwicklung beim kleinen Mädchen? 

Unser Material wird hier — unverständlicherweise — weit 
dunkler und lückenhafter. Auch das weibliche Geschlecht ent- 
wickelt einen Ödipuskomplex, ein Über-Ich und eine Latenzzeit. 
Kann man ihm auch eine phallische Organisation und einen 
Kastrationskomplex zusprechen? Die Antwort lautet bejahend, 
aber es kann nicht dasselbe sein wie beim Knaben. Die femi- 
nistische Forderung nach Gleichberechtigung der Geschlechter 
trägt hier nicht weit, der morphologische Unterschied muß sich 
in Verschiedenheiten der psychischen Entwicklung äußern. Die 
Anatomie ist das Schicksal, um ein Wort Napoleons zu variieren. 
Die Klitoris des Mädchens benimmt sich zunächst ganz wie ein 
Penis, aber das Kind nimmt durch die Vergleichung mit einem 
männlichen Gespielen war, daß es „zu kurz gekommen" ist, und 
empfindet diese Tatsache als Benachteiligung und Grund zur 
Minderwertigkeit. Es tröstet sich noch eine Weile mit der 
Erwartung, später, wenn es heranwächst, ein ebenso großes 
Anhängsel wie ein Bub zu bekommen. Hier zweigt dann der 
Männlichkeitskomplex des Weibes ab. Seinen aktuellen Mangel ver- 
steht das weibliche Kind aber nicht als Geschlechtscharakter, sondern 
erklärt ihn durch die Annahme, daß es früher einmal ein ebenso großes 
Glied besessen und dann durch Kastration verloren hat. Es scheint 
diesen Schluß nicht von sich auf andere, erwachsene Frauen aus- 
zudehnen, sondern diesen, ganz im Sinne der phallischen Phase, ein 
großes und vollständiges, also männliches, Genitale zuzumuten. 
Es ergibt sich also der wesentliche Unterschied, daß das Mädchen 
die Kastration als vollzogene Tatsache akzeptiert, während sich 
der Knabe vor der Möglichkeit ihrer Vollziehung fürchtet. 



Der Untergang des Ödipuskomplexes 429 



Mit der Ausschaltung der Kastrationsangst entfällt auch ein 
mächtiges Motiv zur Aufrichtung des Über-Ichs und zum Abbruch 
der infantilen Genitalorganisation. Diese Veränderungen scheinen 
weit eher als beim Knaben Erfolg der Erziehung, der äußeren Ein- 
schüchterung zu sein, die mit dem Verlust des Geliebtwerdens droht. 
Der Ödipuskomplex des Mädchens ist weit eindeutiger als der des 
kleinen Penisträgers, er geht nach meiner Erfahrung nur selten 
über die Substituierung der Mutter und die feminine Einstellung 
zum Vater hinaus. Der Verzicht auf den Penis wird nicht ohne 
einen Versuch der Entschädigung vertragen. Das Mädchen gleitet 
— man möchte sagen: längs einer symbolischen Gleichung — 
vom Penis auf das Kind hinüber, sein Ödipuskomplex gipfelt in 
dem lange festgehaltenen Wunsch, vom Vater ein Kind als 
Geschenk zu erhalten, ihm ein Kind zu gebären. Man hat den 
Eindruck, daß der Ödipuskomplex dann langsam verlassen wird, 
weil dieser Wunsch sich nie erfüllt. Die beiden Wünsche nach 
dem Besitz eines Penis und eines Kindes bleiben im Unbewußten 
stark besetzt erhalten und helfen dazu, das weibliche Wesen für 
seine spätere geschlechtliche Rolle bereit zu machen. Die 
geringere Stärke des sadistischen Beitrages zum Sexualtrieb, die 
man wohl mit der Verkümmerung des Penis zusammenbringen 
darf, erleichtert die Verwandlung der direkt sexuellen Strebungen 
in zielgehemmte zärtliche. Im ganzen muß man aber zugestehen, 
daß unsere Einsichten in diese Entwicklungsvorgänge beim 
Mädchen unbefriedigend, lücken- und schattenhaft sind. 

Ich zweifle nicht daran, daß die hier beschriebenen zeitlichen 
und kausalen Beziehungen zwischen Ödipuskomplex, Sexual- 
einschüchterung (Kastrationsdrohung), Über-Ichbildung und Eintritt 
der Latenzzeit von typischer Art sind; ich will aber nicht 
behaupten, daß dieser Typus der einzig mögliche ist. Abänderungen 
in der Zeitfolge und in der Verkettung dieser Vorgänge müssen 
für die Entwicklung des Individuums sehr bedeutungsvoll 
werden. 



43° Arbeiten zum Sexualleben und zur Neurosenlehre 



Seit der Veröffentlichung von 0. Ranks interessanter Studie 
über das „Trauma der Geburt" kann man auch das Resultat 
dieser kleinen Untersuchung, der Ödipuskomplex des Knaben 
gehe an der Kastrationsangst zugrunde, nicht ohne weitere Dis- 
kussion hinnehmen. Es erscheint mir aber vorzeitig, heute in 
diese Diskussion einzugehen, vielleicht auch unzweckmäßig, die 
Kritik oder Würdigung der Rankschen Auffassung an solcher 
Stelle zu beginnen. 



METAPSYCHOLOGIE 



Unter dem Sammeltitel „Metapsychologie" sind hier eine Reihe von Arbeiten 
vereinigt, die — ursprünglich für eine Veröffentlichung in Buchform unter 
dem Titel »Zur Vorbereitung einer Metapsychologie" bestimmt {vgl. Fuß- 
note auf Seite jaO dieses Bandes) — im Laufe der Jahre I Q I) — I9 l 7 
einzeln und selbständig in der „Internationalen Zeitschrift für Psycho- 
analyse" erschienen sind; und zwar erschien „Einige Bemerkungen über den 
Begriff des Unbewußten in der Psychoanalyse" (welche Arbeit zuerst eng- 
lisch in „Proceedings of the Society for Psychical Research", Part. LXVI, 
Vol. XXVI veröffentlicht wurde) im I. Bd. (19 iß), „Triebe und Trieb- 
schicksale", „Die Verdrängung" und „Das Unbewußte" im III. Bd. (ijjlf), 
„Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre" und „ Trauer und Melan- 
cholie" im IV. Bd. (1916/17) der genannten Zeitschrift. Alle diese Arbeiten 
erschienen außerdem in der Vierten Folge der „Sammlung kleiner Schriften 
zur Neurosenlehre" . 



EINIGE BEMERKUNGEN 

ÜBER DEN BEGRIFF DES UNBEWUSSTEN 

IN DER PSYCHOANALYSE 

Ich möchte mit wenigen Worten und so klar als möglich 
darlegen, welcher Sinn dem Ausdruck „Unbewußtes" in der 
Psychoanalyse, nur in der Psychoanalyse, zukommt. 

Eine Vorstellung — oder jedes andere psychische Element — 
kann jetzt in meinem Bewußtsein gegenwärtig sein und im 
nächsten Augenblick daraus verschwinden; sie kann nach einer 
Zwischenzeit ganz unverändert wiederum auftauchen, und zwar, 
wie wir es ausdrücken, aus der Erinnerung, nicht als Folge einer 
neuen Sinneswahrnehmung. Um dieser Tatsache Rechnung zu 
tragen, sind wir zu der Annahme genötigt, daß die Vorstellung 
auch während der Zwischenzeit in unserem Geiste gegenwärtig 
gewesen sei, wenn sie auch im Bewußtsein latent blieb. In 
welcher Gestalt sie aber existiert haben kann, während sie im 
Seelenleben gegenwärtig und im Bewußtsein latent war, darüber 
können wir keine Vermutungen aufstellen. 

An diesem Punkte müssen wir darauf gefaßt sein, dem philo- 
sophischen Einwurf zu begegnen, daß die latente Vorstellung 
nicht als Objekt der Psychologie vorhanden gewesen sei, sondern 
nur als physische Disposition für den Wiederablauf desselben 
psychischen Phänomens, nämlich eben jener Vorstellung. Aber 
wir können darauf erwidern, daß eine solche Theorie das Gebiet 
der eigentlichen Psychologie weit überschreitet, daß sie das Problem 
einfach umgeht, indem sie daran festhält, daß „bewußt" und 

Freud, V. a8 



.,, Metapsychologie 

„psychisch" identische Begriffe sind, und daß sie offenbar im 
Unrecht ist, wenn sie der Psychologie das Recht bestreitet, eine 
ihrer gewöhnlichsten Tatsachen, wie das Gedächtnis, durch ihre 
eigenen Hilfsmittel zu erklären. 

Wir wollen nun die Vorstellung, die in unserem Bewußtsein 
gegenwärtig ist und die wir wahrnehmen, „bewußt" nennen 
und nur dies als Sinn des Ausdruckes „bewußt" gelten lassen; 
hingegen sollen latente Vorstellungen, wenn wir Grund zur An- 
nahme haben, daß sie im Seelenleben enthalten sind — wie es 
beim Gedächtnis der Fall war — mit dem Ausdruck „unbewußt" 
gekennzeichnet werden. 

Eine unbewußte Vorstellung ist dann eine solche, die wir 
nicht bemerken, deren Existenz wir aber trotzdem auf Grund 
anderweitiger Anzeichen und Beweise zuzugeben bereit sind. 

Dies könnte als eine recht uninteressante deskriptive oder 
klassifikatorische Arbeit aufgefaßt werden, wenn keine andere 
Erfahrung für unser Urteil in Betracht käme als die Tatsachen 
des Gedächtnisses oder die der Assoziation über unbewußte Mittel- 
glieder. Aber das wohlbekannte Experiment der „posthypnotischen 
Suggestion" lehrt uns an der Wichtigkeit der Unterscheidung 
zwischen bewußt und unbewußt festhalten und scheint ihren 

Wert zu erhöhen. 

Bei diesem Experiment, wie es Bernheim ausgeführt hat, 
wird eine Person in einen hypnotischen Zustand versetzt und 
dann daraus erweckt. Während sie sich in dem hypnotischen 
Zustande, unter dem Einflüsse des Arztes, befand, wurde ihr der 
Auftrag erteilt, eine bestimmte Handlung zu einem genau be- 
stimmten Zeitpunkt, z. B. eine halbe Stunde später, auszuführen. 
Nach dem Erwachen ist allem Anscheine nach volles Bewußtsein 
und die gewöhnliche Geistesverfassung wiederum eingetreten, eine 
Erinnerung an den hypnotischen Zustand ist nicht vorhanden, 
und trotzdem drängt sich in dem vorher festgesetzten Augenblick 
der Impuls, dieses oder jenes zu tun, dem Geiste auf, und die 



Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten 435 



Handlung wird mit Bewußtsein, wenn auch ohne zu wissen 
weshalb, ausgeführt. Es dürfte kaum möglich sein, eine andere 
Beschreibung des Phänomens zu geben, als mit den Worten, daß 
der Vorsatz im Geiste jener Person in latenter Form oder 
unbewußt vorhanden war, bis der gegebene Moment kam, in 
dem er dann bewußt geworden ist. Aber nicht in seiner Gänze 
ist er im Bewußtsein aufgetaucht, sondern nur die Vorstellung 
des auszuführenden Aktes. Alle anderen mit dieser Vorstellung 
assoziierten Ideen — der Auftrag, der Einfluß des Arztes, die 
Erinnerung an den hypnotischen Zustand, blieben auch dann 
noch unbewußt. 

Wir können aber aus einem solchen Experiment noch mehr 
lernen. Wir werden von einer rein beschreibenden zu einer 
dynamischen Auffassung des Phänomens hinübergeleitet. Die 
Idee der in der Hypnose aufgetragenen Handlung wurde in einem 
bestimmten Augenblick nicht bloß ein Objekt des Bewußtseins, 
sondern sie wurde auch wirksam, und dies ist die auffallendere 
Seite des Tatbestandes; sie wurde in Handlung übertragen, sobald 
das Bewußtsein ihre Gegenwart bemerkt hatte. Da der wirkliche 
Antrieb zum Handeln der Auftrag des Arztes ist, kann man kaum 
anders als einräumen, daß auch die Idee des Auftrages wirksam 
geworden ist. 

Dennoch wurde dieser letztere Gedanke nicht ins Bewußtsein 
aufgenommen, wie es mit seinem Abkömmling, der Idee der 
Handlung, geschah; er verblieb unbewußt und war daher gleich- 
zeitig wirksam und unbewußt. 

Die posthypnotische Suggestion ist ein Produkt des Labora- 
toriums, eine künstlich geschaffene Tatsache. Aber wenn wir die 
Theorie der hysterischen Phänomene, die zuerst durch P. Janet 
aufgestellt und von Breuer und mir ausgearbeitet wurde, an- 
nehmen, so stehen uns natürliche Tatsachen in Fülle zur Ver- 
fügung, die den psychologischen Charakter der posthypnotischen 
Suggestion sogar noch klarer und deutlicher zeigen. 



45 6 



Metapsychologie 



Das Seelenleben des hysterischen Patienten ist erfüllt mit 
wirksamen, aber unbewußten Gedanken; von ihnen stammen 
alle Symptome ab. Es ist in der Tat der auffälligste Charakter- 
zug der hysterischen Geistesverfassung, daß sie von unbewußten 
Vorstellungen beherrscht wird. Wenn eine hysterische Frau 
erbricht, so kann sie dies wohl infolge der Idee tun, daß sie 
schwanger sei. Dennoch hat sie von dieser Idee keine Kenntnis, 
obwohl dieselbe durch eine der technischen Prozeduren der 
Psychoanalyse leicht in ihrem Seelenleben entdeckt und für sie 
bewußt gemacht werden kann. Wenn sie die Zuckungen und 
Gesten ausführt, die ihren „Anfall" ausmachen, so stellt sie sich 
nicht einmal die von ihr beabsichtigten Aktionen bewußt vor 
und beobachtet sie vielleicht mit den Gefühlen eines unbeteiligten 
Zuschauers. Nichtsdestoweniger vermag die Analyse nachzuweisen, 
daß sie ihre Rolle in der dramatischen Wiedergabe einer Szene 
aus ihrem Leben spielte, deren Erinnerung während der Attacke 
unbewußt wirksam war. Dasselbe Vorwalten wirksamer unbewußter 
Ideen wird durch die Analyse als das Wesentliche in der Psycho- 
logie aller anderen Formen von Neurose enthüllt. 

Wir lernen also aus der Analyse neurotischer Phänomene, daß 
ein latenter oder unbewußter Gedanke nicht notwendigerweise 
schwach sein muß, und daß die Anwesenheit eines solchen Ge- 
dankens im Seelenleben indirekte Beweise der zwingendsten Art 
gestattet, die dem direkten durch das Bewußtsein gelieferten Be- 
weis fast gleichwertig sind. Wir fühlen uns gerechtfertigt, unsere 
Klassifikation mit dieser Vermehrung unserer Kenntnisse in Über- 
einstimmung zu bringen, indem wir eine grundlegende Unter- 
scheidung zwischen verschiedenen Arten von latenten und unbe- 
wußten Gedanken einführen. Wir waren gewohnt zu denken, 
daß jeder latente Gedanke dies infolge seiner Schwäche war, und 
daß er bewußt wurde, sowie er Kraft erhielt. Wir haben nun 
die Überzeugung gewonnen, daß es gewisse latente Gedanken 
gibt, die nicht ins Bewußtsein eindringen, wie stark sie auch 



Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten 437 

sein mögen. Wir wollen daher die latenten Gedanken der ersten 
Gruppe vorbewußt nennen, während wir den Ausdruck unbe- 
wußt (im eigentlichen Sinne) für die zweite Gruppe reservieren, 
die wir bei den Neurosen betrachtet haben. Der Ausdruck un- 
bewußt, den wir bisher bloß im beschreibenden Sinne benützt 
haben, erhält jetzt eine erweiterte Bedeutung. Er bezeichnet nicht 
bloß latente Gedanken im allgemeinen, sondern besonders solche 
mit einem bestimmten dynamischen Charakter, nämlich diejenigen, 
die sich trotz ihrer Intensität und Wirksamkeit dem Bewußtsein 
ferne halten. 

Ehe ich meine Auseinandersetzungen fortführe, will ich auf 
zwei Einwendungen Bezug nehmen, die sich voraussichtlich an 
diesem Punkte erheben. Die erste kann folgendermaßen formuliert 
werden: anstatt uns die Hypothese der unbewußten Gedanken, 
von denen wir nichts wissen, anzueignen, täten wir besser anzu- 
nehmen, daß das Bewußtsein geteilt werden kann, so daß ein- 
zelne Gedanken oder andere Seelenvorgänge ein gesondertes Be- 
wußtsein bilden können, das von der Hauptmasse bewußter psy- 
chischer Tätigkeit losgelöst und ihr entfremdet wurde. Wohl- 
bekannte pathologische Fälle, wie jener des Dr. Azam, scheinen 
sehr geeignet zu sein, zu beweisen, daß die Teilung des Bewußt- 
seins keine phantastische Einbildung ist. 

Ich gestatte mir, dieser Theorie entgegenzuhalten, daß sie ein- 
fach aus dem Mißbrauch mit dem Worte „bewußt" Kapital 
schlägt. Wir haben kein Recht, den Sinn dieses Wortes so weit 
auszudehnen, daß damit auch ein Bewußtsein bezeichnet werden 
kann, von dem sein Besitzer nichts weiß. Wenn Philosophen eine 
Schwierigkeit darin finden, an die Existenz eines unbewußten 
Gedankens zu glauben, so scheint mir die Existenz eines unbewußten 
Bewußtseins noch angreifbarer. Die Fälle, die man als Teilung 
des Bewußtseins beschreibt, wie der des Dr. Azam, können besser 
als Wandern des Bewußtseins angesehen werden, wobei diese 
Funktion — oder was immer es sein mag — zwischen zwei ver- 



4 j 8 Metapsychologie 



schiedenen psychischen Komplexen hin- und herschwankt, die ab- 
wechselnd bewußt und unbewußt werden. 

Der andere Einwand, der voraussichtlich erhoben werden wird, 
wäre der, daß wir auf die Psychologie der Normalen Folgerungen 
anwenden, die hauptsächlich aus dem Studium pathologischer Zu- 
stände stammen. Wir können ihn durch eine Tatsache erledigen, 
deren Kenntnis wir der Psychoanalyse verdanken. Gewisse Funk- 
tionsstörungen, die sich bei Gesunden höchst häufig ereignen, 
z. B. Lapsus linguae, Gedächtnis- und Sprachirrtümer, Namen- 
vergessen usw. können leicht auf die Wirksamkeit starker unbe- 
wußter Gedanken zurückgeführt werden, gerade so wie die neu- 
rotischen Symptome. Wir werden mit einem zweiten, noch über- 
zeugenderen Argument in einem späteren Abschnitt dieser Er- 
örterung zusammentreffen. 

Durch die Auseinanderhaltung vorbewußter und unbewußter 
Gedanken werden wir dazu veranlaßt, das Gebiet der Klassifi- 
kation zu verlassen und uns über die funktionalen und dynami- 
schen Relationen in der Tätigkeit der Psyche eine Meinung zu 
bilden. Wir fänden ein wirksames Vorbewußtes, das ohne 
Schwierigkeit ins Bewußtsein übergeht, und ein wirksames Un- 
bewußtes, das unbewußt bleibt und vom Bewußtsein abge- 
schnitten zu sein scheint. 

Wir wissen nicht, ob diese zwei Arten psychischer Tätigkeit 
von Anfang an identisch oder ihrem Wesen nach entgegengesetzt 
sind, aber wir können uns fragen, warum sie im Verlaufe der 
psychischen Vorgänge verschieden geworden sein sollten. Auf diese 
Frage gibt uns die Psychoanalyse ohne Zögern klare Antwort. Es 
ist dem Erzeugnis des wirksamen Unbewußten keineswegs un- 
möglich, ins Bewußtsein einzudringen, aber zu dieser Leistung 
ist ein gewisser Aufwand von Anstrengung notwendig. Wenn 
wir es an uns selbst versuchen, erhalten wir das deutliche Gefühl 
einer Abwehr, die bewältigt werden muß, und wenn wir es bei 
einem Patienten hervorrufen, so erhalten wir die unzweideutigsten 



Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten 439 

Anzeichen von dem, was wir Widerstand dagegen nennen. So 
lernen wir, daß der unbewußte Gedanke vom Bewußtsein durch 
lebendige Kräfte ausgeschlossen wird, die sich seiner Aufnahme 
entgegenstellen, während sie anderen Gedanken, den vorbewußten, 
nichts in den Weg legen. Die Psychoanalyse läßt keine Möglich- 
keit übrig, daran zu zweifeln, daß die Abweisung unbewußter 
Gedanken bloß durch die in ihrem Inhalt verkörperten Tendenzen 
hervorgerufen wird. Die nächstliegende und wahrscheinlichste 
Theorie, die wir in diesem Stadium unseres Wissens bilden können, 
ist die folgende: Das Unbewußte ist eine regelmäßige und unver- 
meidliche Phase in den Vorgängen, die unsere psychische Tätig- 
keit begründen 5 jeder psychische Akt beginnt als unbewußter und 
kann entweder so bleiben oder sich weiter entwickelnd zum Be- 
wußtsein fortschreiten, je nachdem, ob er auf Widerstand trifft 
oder nicht. Die Unterscheidung zwischen vorbewußter und unbe- 
wußter Tätigkeit ist keine primäre, sondern wird erst hergestellt, 
nachdem die „Abwehr" ins Spiel getreten ist. Erst dann gewinnt 
der Unterschied zwischen vorbewußten Gedanken, die im Bewußt- 
sein erscheinen und jederzeit dahin zurückkehren können, und 
unbewußten Gedanken, denen dies versagt bleibt, theoretischen 
sowie praktischen Wert. Eine grobe, aber ziemlich angemessene 
Analogie dieses supponierten Verhältnisses der bewußten Tätigkeit 
zur unbewußten bietet das Gebiet der gewöhnlichen Photographie. 
Das erste Stadium der Photographie ist das Negativ; jedes photo- 
graphische Bild muß den „Negativprozeß" durchmachen, und 
einige dieser Negative, die in der Prüfung gut bestanden haben, 
werden zu dem „Positivprozeß" zugelassen, der mit dem Bilde 
endigt. 

Aber die Unterscheidung zwischen vorbewußter und unbewußter 
Tätigkeit und die Erkenntnis der sie trennenden Schranke ist 
weder das letzte noch das bedeutungsvollste Resultat der psycho- 
analytischen Durchforschung des Seelenlebens. Es gibt ein psychi- 
sches Produkt, das bei den normalsten Personen anzutreffen ist, 



44» Metapsychologie 



und doch eine höchst auffallende Analogie zu den wildesten Er- 
zeugnissen des Wahnsinns bietet und den Philosophen nicht 
verständlicher war als der Wahnsinn selbst. Ich meine die Träume. 
Die Psychoanalyse gründet sich auf die Traumanalyse; die Traum- 
deutung ist das vollständigste Stück Arbeit, das die junge Wissen- 
schaft bis heute geleistet hat. Ein typischer Fall der Traum- 
bildung kann folgendermaßen beschrieben werden: Ein Gedanken- 
zug ist durch die geistige Tätigkeit des Tages wachgerufen wor- 
den und hat etwas von seiner Wirkungsfähigkeit zurückbehalten, 
durch die er dem allgemeinen Absinken des Interesses, welches 
den Schlaf herbeiführt und die geistige Vorbereitung für das 
Schlafen bildet, entgangen ist. Während der Nacht gelingt es 
diesem Gedankenzug, die Verbindung zu einem der unbewußten 
Wünsche zu finden, die von Kindheit an im Seelenleben des 
Träumers immer gegenwärtig, aber für gewöhnlich verdrängt 
und von seinem bewußten Dasein ausgeschlossen sind. Durch die 
von dieser unbewußten Unterstützung geliehene Kraft können 
die Gedanken, die Überbleibsel der Tagesarbeit, nun wiederum 
wirksam werden und im Bewußtsein in der Gestalt eines Traumes 
auftauchen. Es haben sich also dreierlei Dinge ereignet: 

1) die Gedanken haben eine Verwandlung, Verkleidung und 
Entstellung durchgemacht, welche den Anteil des unbewußten 
Bundesgenossen darstellt; 

2) den Gedanken ist es gelungen, das Bewußtsein zu einer 
Zeit zu besetzen, wo es ihnen nicht zugänglich hätte sein sollen; 

3) ein Stück des Unbewußten, dem dies sonst unmöglich ge- 
wesen wäre, ist im Bewußtsein aufgetaucht. 

Wir haben die Kunst gelernt, die „Tagesreste" und die 
latenten Traumgedanken herauszufinden; durch ihren Ver- 
gleich mit dem manifesten Trauminhalt sind wir befähigt, 
uns ein Urteil über die Wandlungen, die sie durchgemacht 
haben, und über die Art und Weise, wie diese zustande ge- 
kommen sind, zu bilden. 



Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten 441 

Die latenten Traumgedanken unterscheiden sich in keiner Weise 
von den Erzeugnissen unserer gewöhnlichen bewußten Seelen- 
tätigkeit. Sie verdienen den Namen von vorbewußten Gedanken 
und können in der Tat in einem Zeitpunkte des Wachlebens 
bewußt gewesen sein. Aber durch die Verbindung mit den un- 
bewußten Strebungen, die sie während der Nacht eingegangen 
sind, wurden sie den letzteren assimiliert, gewissermaßen auf den 
Zustand unbewußter Gedanken herabgedrückt und den Gesetzen, 
durch welche die unbewußte Tätigkeit geregelt wird, unterworfen. 
Hier ergibt sich die Gelegenheit zu lernen, was wir auf Grund 
von Überlegungen oder aus irgend einer anderen Quelle empiri- 
schen Wissens nicht hätten erraten können, daß die Gesetze der 
unbewußten Seelentätigkeit sich im weiten Ausmaß von jenen 
der bewußten unterscheiden. Wir gewinnen durch Detailarbeit 
die Kenntnis der Eigentümlichkeiten des Unbewußten und 
können hoffen, daß wir durch gründlichere Erforschung der Vor- 
gänge bei der Traumbildung noch mehr lernen werden. 

Diese Untersuchung ist noch kaum zur Hälfte beendet und 
eine Darlegung der bis jetzt erhaltenen Resultate ist nicht möglich, 
ohne in die höchst verwickelten Probleme der Traumdeutung 
einzugehen. Aber ich wollte diese Erörterung nicht abbrechen, 
ohne auf die Wandlung und den Fortschritt unseres Verständ- 
nisses des Unbewußten hinzuweisen, welche wir dem psycho- 
analytischen Studium der Träume verdanken. 

Das Unbewußte schien uns anfangs bloß ein rätselhafter Cha- 
rakter eines bestimmten psychischen Vorganges; nun bedeutet es 
uns mehr, es ist ein Anzeichen dafür, daß dieser Vorgang an 
der Natur einer gewissen psychischen Kategorie teilnimmt, die 
uns durch andere bedeutsamere Charakterzüge bekannt ist, und 
daß er zu einem System psychischer Tätigkeit gehört, das unsere 
vollste Aufmerksamkeit verdient. Der Wert des Unbewußten als 
Index hat seine Bedeutung als Eigenschaft bei weitem hinter sich 
gelassen. Das System, welches sich uns durch das Kennzeichen 



44 2 Metapsychologie 



kundgibt, daß die einzelnen Vorgänge, die es zusammensetzen, 
unbewußt sind, belegen wir mit dem Namen „das Unbewußte", 
in Ermangelung eines besseren und weniger zweideutigen Aus- 
druckes. Ich schlage als Bezeichnung dieses Systems die Buch- 
staben „Ubw", eine Abkürzung des Wortes „Unbewußt" vor. 
Dies ist der dritte und wichtigste Sinn, den der Ausdruck 
„unbewußt" in der Psychoanalyse erworben hat. 



f 



TRIEBE UND TRIEBSCHICKSALE 

Wir haben oftmals die Forderung vertreten gehört, daß eine 
Wissenschaft über klaren und scharf definierten Grundbegriffen 
aufgebaut sein soll. In Wirklichkeit beginnt keine Wissenschaft 

u mit solchen Definitionen, auch die exaktesten nicht. Der richtige 
Anfang der wissenschaftlichen Tätigkeit besteht vielmehr in der 
Beschreibung von Erscheinungen, die dann weiterhin gruppiert, 
angeordnet und in Zusammenhänge eingetragen werden. Schon 
bei der Beschreibung kann man es nicht vermeiden, gewisse ab- 
strakte Ideen auf das Material anzuwenden, die man irgendwoher, 
gewiß nicht aus der neuen Erfahrung allein, herbeiholt. Noch 
unentbehrlicher sind solche Ideen — die späteren Grundbegriffe 
der Wissenschaft — bei der weiteren Verarbeitung des Stoffes. 
Sie müssen zunächst ein gewisses Maß von Unbestimmtheit an 
sich tragen 5 von einer klaren Umzeichnung ihres Inhaltes kann 
keine Rede sein. Solange sie sich in diesem Zustande befinden, 
verständigt man sich über ihre Bedeutung durch den wieder- 
holten Hinweis auf das Erfahrungsmaterial, dem sie entnommen 
scheinen, das aber in Wirklichkeit ihnen unterworfen wird. Sie 
haben also strenge genommen den Charakter von Konventionen, 
wobei aber alles darauf ankommt, daß sie doch nicht willkürlich 
gewählt werden, sondern durch bedeutsame Beziehungen zum 
empirischen Stoffe bestimmt sind, die man zu erraten vermeint, 

^ noch ehe man sie erkennen und nachweisen kann. Erst nach 
gründlicherer Erforschung des betreffenden Erscheinungsgebietes 
kann man auch dessen wissenschaftliche Grundbegriffe schärfer 



444 Metapsychologie 



l 



erfassen und sie fortschreitend so abändern, daß sie in großem 
Umfange brauchbar und dabei durchaus widerspruchsfrei werden. 
Dann mag es auch an der Zeit sein, sie in Definitionen zu 
bannen. Der Fortschritt der Erkenntnis duldet aber auch keine 
Starrheit der Definitionen. Wie das Beispiel der Physik in glän- 
zender Weise lehrt, erfahren auch die in Definitionen festgelegten 
„Grundbegriffe" einen stetigen Inhaltswandel. 

Ein solcher konventioneller, vorläufig noch ziemlich dunkler 
Grundbegriff, den wir aber in der Psychologie nicht entbehren 
können, ist der des Triebes. Versuchen wir es, ihn von ver- 
schiedenen Seiten her mit Inhalt zu erfüllen. 

Zunächst von seiten der Physiologie. Diese hat uns den Begriff 
des Reizes und das Reflexschema gegeben, demzufolge ein von 
außen her an das lebende Gewebe (der Nervensubstanz) gebrachter 
Reiz durch Aktion nach außen abgeführt wird. Diese Aktion 
wird dadurch zweckmäßig, daß sie die gereizte Substanz der Ein- 
wirkung des Reizes entzieht, aus dem Bereich der Reizwirkung 
entrückt. 

Wie verhält sich nun der „Trieb" zum „Reiz"? Es hindert 
uns nichts, den Begriff des Triebes unter den des Reizes zu sub- 
summieren: der Trieb sei ein Reiz für das Psychische. Aber wir 
werden sofort davor gewarnt, Trieb und psychischen Reiz gleich- 
zusetzen. Es gibt offenbar für das Psychische noch andere Reize 
als die Triebreize, solche, die sich den physiologischen Reizen 
weit ähnlicher benehmen. Wenn z. B. ein starkes Licht auf das 
Auge fällt, so ist das kein Triebreiz ; wohl aber, wenn sich die 
Austrocknung der Schlundschleimhaut fühlbar macht oder die 
Anätzung der Magenschleimhaut. 1 

Wir haben nun Material für die Unterscheidung von Trieb- 
reiz und anderem (physiologischem) Reiz, der auf das Seelische 
einwirkt, gewonnen. Erstens: Der Triebreiz stammt nicht aus 

1) Vorausgesetzt nämlich, daß diese inneren Vorgänge die organischen Grund- 
lagen der Bedürfnisse Durst und Hunger sind. 



Triebe und Triebschicksale 445 

der Außenwelt, sondern aus dem Innern des Organismus selbst. 
Er wirkt darum auch anders auf das Seelische und erfordert zu 
seiner Beseitigung andere Aktionen. Ferner: Alles für den Reiz 
Wesentliche ist gegeben, wenn wir annehmen, er wirke wie ein 
einmaliger Stoß; er kann dann auch durch eine einmalige zweck- 
mäßige Aktion erledigt werden, als deren Typus die motorische 
Flucht vor der Reizquelle hinzustellen ist. Natürlich können sich 
diese Stöße auch wiederholen und summieren, aber das ändert 
nichts an der Auffassung des Vorganges und an den Bedingungen 
der Reizaufhebung. Der Trieb hingegen wirkt nie wie eine mo- 
mentane Stoßkraft, sondern immer wie eine konstante Kraft. 
Da er nicht von außen, sondern vom Körperinnern her angreift, 
kann auch keine Flucht gegen ihn nützen. Wir heißen den Trieb- 
reiz besser „Bedürfnis" 5 was dieses Bedürfnis aufhebt, ist die 
Befriedigung". Sie kann nur durch eine zielgerechte (adäquate) 
Veränderung der inneren Reizquelle gewonnen werden. 

Stellen wir uns auf den Standpunkt eines fast völlig hilflosen, 
in der Welt noch unorientierten Lebewesens, welches Reize in 
seiner Nervensubstanz auffängt. Dies Wesen wird sehr bald in 
die Lage kommen, eine erste Unterscheidung zu machen und 
eine erste Orientierung zu gewinnen. Es wird einerseits Reize 
verspüren, denen es sich durch eine Muskelaktion (Flucht) ent- 
ziehen kann, diese Reize rechnet es zu einer Außenwelt; ander- 
seits aber auch noch Reize, gegen welche eine solche Aktion 
nutzlos bleibt, die trotzdem ihren konstant drängenden Charakter 
behalten; diese Reize sind das Kennzeichen einer Innenwelt, der 
Beweis für Triebbedürfnisse. Die wahrnehmende Substanz des 
Lebewesens wird so an der Wirksamkeit ihrer Muskeltätigkeit 
einen Anhaltspunkt gewonnen haben, um ein „außen von einem 
„innen" zu scheiden. 

Wir finden also das Wesen des Triebes zunächst in seinen 
Hauptcharakteren, der Herkunft von Reizquellen im Innern des 
Organismus, dem Auftreten als konstante Kraft, und leiten davon 



* 



44-6 Metapsychologie 



eines seiner weiteren Merkmale, seine Unbe/.wingbarkeit durch 
Fluchtaktionen ab. Während dieser Erörterungen mußte uns aber 
etwas auffallen, was uns ein weiteres Eingeständnis abnötigt. Wir 
bringen nicht nur gewisse Konventionen als Grundbegriffe an 
unser Erfahrungsmaterial heran, sondern bedienen uns auch 
mancher komplizierter Voraussetzungen, um uns bei der Be- 
arbeitung der psychologischen Erscheinungswelt leiten zu lassen. 
Die wichtigste dieser Voraussetzungen haben wir bereits angeführt; 
es erübrigt uns nur noch, sie ausdrücklich hervorzuheben. Sie 
ist biologischer Natur, arbeitet mit dem Begriff der Tendenz 
(eventuell der Zweckmäßigkeit) und lautet: Das Nervensystem ist 
ein Apparat, dem die Funktion erteilt ist, die anlangenden Reize 
wieder zu beseitigen, auf möglichst niedriges Niveau herabzu- 
setzen, oder der, wenn es nur möglich wäre, sich überhaupt 
reizlos erhalten wollte. Nehmen wir an der Unbestimmtheit dieser 
Idee vorläufig keinen Anstoß und geben wir dem Nervensystem 
die Aufgabe — allgemein gesprochen: der Reizbewältigung. 
Wir sehen dann, wie sehr die Einführung der Triebe das ein- 
fache physiologische Reflexschema kompliziert. Die äußeren Reize 
stellen nur die eine Aufgabe, sich ihnen zu entziehen, dies ge- 
schieht dann durch Muskelbewegungen, von denen endlich eine 
das Ziel erreicht und dann als die zweckmäßige zur erblichen 
Disposition wird. Die im Innern des Organismus entstehenden 
Triebreize sind durch diesen Mechanismus nicht zu erledigen. 
Sie stellen also weit höhere Anforderungen an das Nervensystem, 
veranlassen es zu verwickelten, ineinander greifenden Tätigkeiten, 
welche die Außenwelt so weit verändern, daß sie der inneren 
Reizquelle die Befriedigung bietet, und nötigen es vor allem, 
auf seine ideale Absicht der Reizfernhaltung zu verzichten, da 
sie eine unvermeidliche kontinuierliche Rei/.znfuhr unterhalten. 
Wir dürfen also wohl schließen, daß sie, die Triebe, und nicht 
die äußeren Reize, die eigentlichen Motoren der Fortschritte sind, 
welche das so unendlich leistungsfähige Nervensystem auf seine 



Triebe und Triebschicksale 4.47 

gegenwärtige Entwicklungshöhe gebracht haben. Natürlich steht 
nichts der Annahme im Wege, daß die Triebe selbst, wenigstens 
zum Teil, Niederschläge äußerer Reizwirkungen sind, welche im 
Laufe der Phylogenese auf die lebende Substanz verändernd ein- 
wirkten. 

Wenn wir dann finden, daß die Tätigkeit auch der höchst- 
entwickelten Seelenapparate dem Lustprinzip unterliegt, d. h. 
durch Empfindungen der Lust-Unlustreihe automatisch reguliert 
wird, so können wir die weitere Voraussetzung schwerlich ab- 
weisen, daß diese Empfindungen die Art, wie die Reizbewälti- 
gung vor sich geht, wiedergeben. Sicherlich in dem Sinne, daß 
die Unlustempfindung mit Steigerung, die Lustempfindung mit 
Herabsetzung des Reizes zu tun hat. Die weitgehende Unbe- 
stimmtheit dieser Annahme wollen wir aber sorgfältig festhalten, 
bis es uns etwa gelingt, die Art der Beziehung zwischen Lust- 
Unlust und den Schwankungen der auf das Seelenleben wirken- 
den Reizgrößen zu erraten. Es sind gewiß sehr mannigfache 
und nicht sehr einfache solcher Beziehungen möglich. 

Wenden wir uns nun von der biologischen Seite her der Be- 
trachtung des Seelenlebens zu, so erscheint uns der „Trieb" als 
ein Grenzbegriff zwischen Seelischem und Somatischem, als psy- 
chischer Repräsentant der aus dem Körperinnern stammenden, in 
die Seele gelangenden Reize, als ein Maß der Arbeitsanforderung, 
die dem Seelischen infolge seines Zusammenhanges mit dem 
Körperlichen auferlegt ist. 

Wir können nun einige Termini diskutieren, welche im Zu- 
sammenhang mit dem Begriffe Trieb gebraucht werden, wie: 
Drang, Ziel, Objekt, Quelle des Triebes. 

Unter dem Drange eines Triebes versteht man dessen moto- 
risches Moment, die Summe von Kraft oder das Maß von Arbeits- 
anforderung, das er repräsentiert. Der Charakter des Drängenden 
ist eine allgemeine Eigenschaft der Triebe, ja das Wesen der- 
selben. Jeder Trieb ist ein Stück Aktivität; wenn man lässiger- 



448 Metapsychologie 



weise von passiven Trieben spricht, kann man nichts anderes 
meinen als Triebe mit passivem Ziele. 

Das Ziel eines Triebes ist allemal die Befriedigung, die nur 
durch Aufhebung des Reizzustandes an der Triebquelle erreicht 
werden kann. Aber wenn auch dies Endziel für jeden Trieb un- 
veränderlich bleibt, so können doch verschiedene Wege zum 
gleichen Endziel führen, so daß sich mannigfache nähere oder 
intermediäre Ziele für einen Trieb ergeben können, die mit- 
einander kombiniert oder gegeneinander vertauscht werden. Die 
Erfahrung gestattet uns auch, von „zielgehemmten" Trieben 
zu sprechen bei Vorgängen, die ein Stück weit in der Richtung 
der Triebbefriedigung zugelassen werden, dann aber eine Hemmung 
oder Ablenkung erfahren. Es ist anzunehmen, daß auch mit 
solchen Vorgängen eine partielle Befriedigung verbunden ist. 

Das Objekt des Triebes ist dasjenige, an welchem oder durch 
welches der Trieb sein Ziel erreichen kann. Es ist das variabelste 
am Triebe, nicht ursprünglich mit ihm verknüpft, sondern ihm 
nur infolge seiner Eignung zur Ermöglichung der Befriedigung 
zugeordnet. Es ist nicht notwendig ein fremder Gegenstand, 
sondern ebensowohl ein Teil des eigenen Körpers. Es kann im 
Laufe der Lebensschicksale des Triebes beliebig oft gewechselt 
werden ^ dieser Verschiebung des Triebes fallen die bedeutsamsten 
Rollen zu. Es kann der Fall vorkommen, daß dasselbe Objekt 
gleichzeitig mehreren Trieben zur Befriedigung dient, nach Alfred 
Adler der Fall der Triebverschränkung. Eine besonders innige 
Bindung des Triebes an das Objekt wird als Fixierung desselben 
hervorgehoben. Sie vollzieht sich oft in sehr frühen Perioden der 
Triebentwicklung und macht der Beweglichkeit des Triebes ein 
Ende, indem sie der Lösung intensiv widerstrebt. 

Unter der Quelle des Triebes versteht man jenen somatischen 
Vorgang in einem Organ oder Körperteil, dessen Reiz im Seelen- 
leben durch den Trieb repräsentiert ist. Es ist unbekannt, ob 
dieser Vorgang regelmäßig chemischer Natur ist oder auch der 



Triebe und Triebschicksale 



44 9 



Entbindung anderer, z. B. mechanischer Kräfte entsprechen kann. 
Das Studium der Triebquellen gehört der Psychologie nicht mehr 
an; obwohl die Herkunft aus der somatischen Quelle das schlecht- 
weg Entscheidende für den Trieb ist, wird er uns im Seelen- 
leben doch nicht anders als durch seine Ziele bekannt. Die ge- 
nauere Erkenntnis der Triebquellen ist für die Zwecke der psycho- 
logischen Forschung nicht durchwegs erforderlich. Manchmal ist der 
Rückschluß aus den Zielen des Triebes auf dessen Quellen gesichert. 
Soll man annehmen, daß die verschiedenen aus dem Körper- 
lichen stammenden, auf das Seelische wirkenden Triebe auch 
durch verschiedene Qualitäten ausgezeichnet sind und darum in 
qualitativ verschiedener Art sich im Seelenleben benehmen? Es 
scheint nicht gerechtfertigt; man reicht vielmehr mit der ein- 
facheren Annahme aus, daß die Triebe alle qualitativ gleichartig 
sind und ihre Wirkung nur den Erregungsgrößen, die sie führen, 
verdanken, vielleicht noch gewissen Funktionen dieser Quantität. 
Was die psychischen Leistungen der einzelnen Triebe von ein- 
ander unterscheidet, läßt sich auf die Verschiedenheit der Trieb- 
quellen zurückführen. Es kann allerdings erst in einem späteren 
Zusammenhange klargelegt werden, was das Problem der Trieb- 
qualität bedeutet. 

Welche Triebe darf man aufstellen und wie viele? Dabei ist 
offenbar der Willkür ein weiter Spielraum gelassen. Man kann 
nichts dagegen einwenden, wenn jemand den Begriff eines Spiel- 
triebes, Destruktionstriebes, Geselligkeitstriebes in Anwendung 
bringt, wo der Gegenstand es fordert und die Beschränkung der 
psychologischen Analyse es zuläßt. Man sollte aber die Frage 
nicht außer acht lassen, ob diese einerseits so sehr spezialisierten 
Triebmotive nicht eine weitere Zerlegung in der Richtung nach 
den Triebquellen gestatten, so daß nur die weiter nicht zerleg- 
baren Urtriebe eine Bedeutung beanspruchen können. 

Ich habe vorgeschlagen, von solchen Urtrieben zwei Gruppen 
zu unterscheiden, die der Ich- oder Selbsterhaltungstriebe 

Freud, V. 



29 



450 Metapsychologie 



und die der Sexualtriebe. Dieser Aufstellung kommt aber nicht 
die Bedeutung einer notwendigen Voraussetzung zu, wie z. B. 
der Annahme über die biologische Tendenz des seelischen Appa- 
rates (s. o.); sie ist eine bloße Hilfskonstruktion, die nicht länger 
festgehalten werden soll, als sie sich nützlich erweist, und deren 
Ersetzung durch eine andere an den Ergebnissen unserer be- 
schreibenden und ordnenden Arbeit wenig ändern wird. Der 
Anlaß zu dieser Aufstellung hat sich aus der Entwicklungs- 
geschichte der Psychoanalyse ergeben, welche die Psychoneurosen, 
und zwar die als „Übertragungsneurosen" zu bezeichnende Gruppe 
derselben (Hysterie und Zwangsneurose) zum ersten Objekt nahm 
und an ihnen zur Einsicht gelangte, daß ein Konflikt zwischen 
den Ansprüchen der Sexualität und denen des Ichs an der Wurzel 
jeder solchen Affektion zu linden sei. Es ist immerhin möglich, 
daß ein eindringendes Studium der anderen neurotischen Affek- 
tionen (vor allem der narzißtischen Psychoneurosen: der Schizo- 
phrenien) zu einer Abänderung dieser Formel und somit zu einer 
anderen Gruppierung der Urtriebe nötigen wird. Aber gegen- 
wärtig kennen wir diese neue Formel nicht und haben auch 
noch kein Argument gefunden, welches der Gegenüberstellung 
von Ich- und Sexualtrieben ungünstig wäre. 

Es ist mir überhaupt zweifelhaft, ob es möglich sein wird, auf 
Grund der Bearbeitung des psychologischen Materials entschei- 
dende Winke zur Scheidung und Klassifizierung der Triebe zu 
gewinnen. Es erscheint vielmehr notwendig, zum Zwecke dieser 
Bearbeitung bestimmte Annahmen über das Triebleben an das 
Material heranzubringen, und es wäre wünschenswert, daß man 
diese Annahmen einem anderen Gebiete entnehmen könnte, um 
sie auf die Psychologie zu übertragen. Was die Biologie hiefür 
leistet, läuft der Sonderung von Ich- und Sexualtrieben gewiß 
nicht zuwider. Die Biologie lehrt, daß die Sexualität nicht gleich- 
zustellen ist den anderen Funktionen des Individuums, da ihre 
Tendenzen über das Individuum hinausgehen und die Produktion 



Triebe und Triebschicksale .^ 



neuer Individuen, also die Erhaltung der Art, zum Inhalt haben. 
Sie zeigt uns ferner, daß zwei Auffassungen des Verhältnisses 
zwischen Ich und Sexualität wie gleichberechtigt nebeneinander 
stehen, die eine, nach welcher das Individuum die Hauptsache 
ist und die Sexualität als eine seiner Betätigungen, die Sexual- 
befriedigung als eines seiner Bedürfnisse wertet, und eine andere, 
derzufolge das Individuum ein zeitweiliger und vergänglicher 
Anhang an das quasi unsterbliche Keimplasma ist, welches ihm 
von der Generation anvertraut wurde. Die Annahme, daß sich 
die Sexualfunktion durch einen besonderen Chemismus von den 
anderen Körpervorgängen scheidet, bildet, soviel ich weiß, auch 
eine Voraussetzung der Ehrlichschen biologischen Forschung. 

Da das Studium des Trieblebens vom Bewußtsein her kaum 
übersteigbare Schwierigkeiten bietet, bleibt die psychoanalytische 
Erforschung der Seelenstörungen die Hauptquelle unserer Kenntnis. 
Ihrem Entwicklungsgang entsprechend hat uns aber die Psycho- 
analyse bisher nur über die Sexualtriebe einigermaßen befriedi- 
gende Auskünfte bringen können, weil sie gerade nur diese Trieb- 
gruppe an den Psychoneurosen wie isoliert beobachten konnte. 
Mit der Ausdehnung der Psychoanalyse auf die anderen neuroti- 
schen Affektionen wird gewiß auch unsere Kenntnis der Ichtriebe 
begründet werden, obwohl es vermessen erscheint, auf diesem 
weiteren Forschungsgebiete ähnlich günstige Bedingungen für die 
Beobachtung zu erwarten. 

Zu einer allgemeinen Charakteristik der Sexualtriebe kann man 
folgendes aussagen: Sie sind zahlreich, entstammen vielfältigen 
organischen Quellen, betätigen sich zunächst unabhängig von- 
einander und werden erst spät zu einer mehr oder minder voll- 
kommenen Synthese zusammengefaßt. Das Ziel, das jeder von 
ihnen anstrebt, ist die Erreichung der Organlust; erst nach voll- 
zogener Synthese treten sie in den Dienst der Fortpflanzungs- 
funktion, womit sie dann als Sexualtriebe allgemein kenntlich 
werden. Bei ihrem ersten Auftreten lehnen sie sich zuerst an 

29" 






452 Metapsychologie 



die Erhaltungstriebe an, von denen sie sich erst allmählich ab- 
lösen, folgen auch bei der Objektfindung den Wegen, die ihnen 
die Ichtriebe weisen. Ein Anteil von ihnen bleibt den Ichtrieben 
zeitlebens gesellt und stattet diese mit libidinösen Komponenten 
aus welche während der normalen Funktion leicht übersehen 
und erst durch die Erkrankung klargelegt werden. Sie sind da- 
durch ausgezeichnet, daß sie in großem Ausmaße vikariierend 
für einander eintreten und leicht ihre Objekte wechseln können. 
Infolge der letztgenannten Eigenschaften sind sie zu Leistungen 
befähigt, die weitab von ihren ursprünglichen Zielhandlungen 
liegen. (Sublimierung.) 

Die Untersuchung, welche Schicksale Triebe im Laufe der 
Entwicklung und des Lebens erfahren können, werden wir auf 
die uns besser bekannten Sexualtriebe einschränken müssen. Die 
Beobachtung lehrt uns als solche Triebschicksale folgende kennen : 

Die Verkehrung ins Gegenteil. 

Die Wendung gegen die eigene Person. 

Die Verdrängung. 

Die Sublimierung. 

Da ich die Sublimierung hier nicht zu behandeln gedenke, 
die Verdrängung aber ein besonderes Kapitel beansprucht, er- 
übrigt uns nur Beschreibung und Diskussion der beiden ersten 
Punkte. Mit Rücksicht auf Motive, welche einer direkten Fort- 
setzung der Triebe entgegenwirken, kann man die Triebschick- 
sale auch als Arten der Abwehr gegen die Triebe darstellen. 

Die Verkehrung ins Gegenteil löst sich bei näherem Zu- 
sehen in zwei verschiedene Vorgänge auf, in die Wendung eines 
Triebes von der Aktivität zur Passivität und in die inhalt- 
liche Verkehrung. Beide Vorgänge sind, weil wesensver- 
schieden, auch gesondert zu behandeln. 

Beispiele für den ersteren Vorgang ergeben die Gegensatz- 
paare Sadismus — Masochismus und Schaulust — Exhibition. Die 
Verkehrung betrifft nur die Ziele des Triebes; für das aktive 



Triebe und Triebschicksale 45* 



Ziel: quälen, beschauen, wird das passive: gequält werden, be- 
schaut werden eingesetzt. Die inhaltliche Verkehrung findet sich 
in dem einen Falle der Verwandlung des Liebens in ein Hassen. 

Die Wendung gegen die eigene Person wird uns durch 
die Erwägung nahegelegt, daß der Masochismus ja ein gegen 
das eigene Ich gewendeter Sadismus ist, die Exhibition das Be- 
schauen des eigenen Körpers mit einschließt. Die analytische 
Beobachtung läßt auch keinen Zweifel daran bestehen, daß der 
Masochist das Wüten gegen seine Person, der Exhibitionist das 
Entblößen derselben mitgenießt. Das Wesentliche an dem Vor- 
gang ist also der Wechsel des Objektes bei ungeändertem Ziel. 

Es kann uns indes nicht entgehen, daß Wendung gegen die 
eigene Person und Wendung von der Aktivität zur Passivität in 
diesen Beispielen zusammentreffen oder zusammenfallen. Zur 
Klarstellung der Beziehungen wird eine gründlichere Unter- 
suchung unerläßlich. 

Beim Gegensatzpaar Sadismus — Masochismus kann man den 
Vorgang folgendermaßen darstellen: 

a) Der Sadismus besteht in Gewalttätigkeit, Machtbetätigung 
gegen eine andere Person als Objekt. 

b) Dieses Objekt wird aufgegeben und durch die eigene Person 
ersetzt. Mit der Wendung gegen die eigene Person ist auch die 
Verwandlung des aktiven Triebzieles in ein passives vollzogen. 

c) Es wird neuerdings eine fremde Person als Objekt gesucht, 
welche infolge der eingetretenen Zielverwandlung die Rolle des 
Subjekts übernehmen muß. 

Fall c ist der des gemeinhin so genannten Masochismus. Die Be- 
friedigung erfolgt auch bei ihm auf dem Wege des ursprünglichen 
Sadismus, indem sich das passive Ich phantastisch in seine frühere 
Stelle versetzt, die jetzt dem fremden Subjekt überlassen ist. Ob 
es auch eine direktere masochistische Befriedigung gibt, ist durch- 
aus zweifelhaft. Ein ursprünglicher Masochismus, der nicht auf die 
beschriebene Art aus dem Sadismus entstanden wäre, scheint nicht 



454 Metapsychologie 



vorzukommen. 1 Daß die Annahme der Stufe b nicht überflüssig ist, 
geht wohl aus dem Verhalten des sadistischen Triebes bei der 
Zwangsneurose hervor. Hier findet sich die Wendung gegen die 
eigene Person ohne die Passivität gegen eine neue. Die Verwandlung 
geht nur bis zur Stufe b. Aus der Quälsucht wird Selbstquälerei, 
Selbstbestrafung, nicht Masochismus. Das aktive Verbum wandelt 
sich nicht in das Passivum, sondern in ein reflexives Medium. 

Die Auffassung des Sadismus wird auch durch den Umstand be- 
einträchtigt, daß dieser Trieb neben seinem allgemeinen Ziel (viel- 
leicht besser: innerhalb desselben) eine ganz spezielle Zielhandlung 
anzustreben scheint. Neben der Demütigung, Überwältigung, die 
Zufügung von Schmerzen. Nun scheint die Psychoanalyse zu zeigen, 
daß das Schmerzzufügen unter den ursprünglichen Zielhandlungen 
des Triebes keine Rolle spielt. Das sadistische Kind zieht die Zu- 
fügung von Schmerzen nicht in Betracht und beabsichtigt sie nicht. 
Wenn sich aber einmal die Umwandlung in Masochismus vollzogen 
hat, eignen sich die Schmerzen sehr wohl, ein passives masochisti- 
sches Ziel abzugeben, denn wir haben allen Grund anzunehmen, 
daß auch die Schmerz- wie andere Unlustempfindungen auf die 
Sexualerregung übergreifen und einen lustvollen Zustand erzeugen, 
um dessentwillen man sich auch die Unlust des Schmerzes gefallen 
lassen kann. Ist das Empfinden von Schmerzen einmal ein masochis- 
tisches Ziel geworden, so kann sich rückgreifend auch das sadistische 
Ziel, Schmerzen zuzufügen, ergeben, die man, während man sie 
anderen erzeugt, selbst masochistisch in der Identifizierung mit dem 
leidenden Objekt genießt. Natürlich genießt man in beiden Fällen 
nicht den Schmerz selbst, sondern die ihn begleitende Sexual- 
erregung, und dies dann als Sadist besonders bequem. Das Schmerz- 
genießen wäre also ein ursprünglich masochistisches Ziel, das aber 
nur beim ursprünglich Sadistischen zum Triebziele werden kann. 



1) [Zusatz 1924:) In späteren Arbeiten (siehe: Das ökonomische Problem des 
Masochismus, 1924.; S. 374 dieses Bandes) habe ich im Zusammenhang mit Problemen 
des Trieblebens mich zu einer gegenteiligen Auffassung bekannt. 



Triebe und Triebschicksale 455 



Der Vollständigkeit zuliebe füge ich an, daß das Mitleid 
nicht als ein Ergebnis der Triebverwandlung beim Sadismus be- 
schrieben werden kann, sondern die Auffassung einer Reaktions- 
bildung gegen den Trieb (über den Unterschied s. später) er- 
fordert. 

Etwas andere und einfachere Ergebnisse liefert die Unter- 
suchung eines anderen Gegensatzpaares, der Triebe, die das 
Schauen und sich Zeigen zum Ziele haben. (Voyeur und Ex- 
hibitionist in der Sprache der Per Versionen). Auch hier kann 
man die nämlichen Stufen aufstellen wie im vorigen Falle: 

a) Das Schauen als Aktivität gegen ein fremdes Objekt gerichtet; 

b) das Aufgeben des Objektes, die Wendung des Schautriebes 
gegen einen Teil des eigenen Körpers, damit die Verkehrung in 
Passivität und die Aufstellung des neuen Zieles: beschaut zu 
werden j c) die Einsetzung eines neuen Subjektes, dem man sich 
zeigt, um von ihm beschaut zu werden. Es ist auch kaum zweifel- 
haft, daß das aktive Ziel früher auftritt als das passive, das 
Schauen dem Beschaut werden vorangeht. Aber eine bedeutsame 
Abweichung vom Falle des Sadismus liegt darin, daß beim Schau- 
trieb eine noch frühere Stufe als die mit a bezeichnete zu er- 
kennen ist. Der Schautrieb ist nämlich zu Anfang seiner Be- 
tätigung autoerotisch, er hat wohl ein Objekt, aber er findet es 
am eigenen Körper. Erst späterhin wird er dazu geleitet (auf 
dem Wege der Vergleichung), dies Objekt mit einem analogen 
des fremden Körpers zu vertauschen (Stufe d). Diese Vorstufe ist 
nun dadurch interessant, daß aus ihr die beiden Situationen des 
resultierenden Gegensatzpaares hervorgehen, je nachdem der 
Wechsel an der einen oder anderen Stelle vorgenommen wird. 
Das Schema für den Schautrieb könnte lauten: 

a) Selbst ein Sexualglied beschauen = Sexualglied von eigener Person beschaut werden 

ß) Selbst fremdes Objekt beschauen y) Eigenes Objekt von fremder 

(aktive Schaulust) Person beschaut werden. 

(Zeigelust, Exhibition). 



r 



456 Metapsychohgie 



Eine solche Vorstufe fehlt dem Sadismus, der sich von vorn- 
herein auf ein fremdes Objekt richtet, obwohl es nicht gerade 
widersinnig wäre, sie aus den Bemühungen des Kindes, das 
seiner eigenen Glieder Herr werden will, zu konstruieren. 1 

Für beide hier betrachteten Triebbeispiele gilt die Bemerkung, 
daß die Triebverwandlung durch Verkehrung der Aktivität in 
Passivität und Wendung gegen die eigene Person eigentlich nie- 
mals am ganzen Betrag der Triebregung vorgenommen wird. 
Die ältere aktive Triebrichtung bleibt in gewissem Ausmaße 
neben der jüngeren passiven bestehen, auch wenn der Prozeß 
der Triebumwandlung sehr ausgiebig ausgefallen ist. Die einzig 
richtige Aussage über den Schautrieb müßte lauten, daß alle 
Entwicklungsstufen des Triebes, die autoerotische Vorstufe wie 
die aktive und passive Endgestaltung nebeneinander bestehen 
bleiben, und diese Behauptung wird evident, wenn man anstatt 
der Triebhandlungen den Mechanismus der Befriedigung zur 
Grundlage seines Urteiles nimmt. Vielleicht ist übrigens noch 
eine andere Auffassungs- und Darlegungsweise gerechtfertigt. 
Man kann sich jedes Triebleben in einzelne zeitlich geschiedene 
und innerhalb der (beliebigen) Zeiteinheit gleichartige Schübe 
zerlegen, die sich etwa zueinander verhalten wie sukzessive Lava- 
eruptionen. Dann kann man sich etwa vorstellen, die erste und 
ursprünglichste Trieberuption setze sich ungeändert fort und er- 
fahre überhaupt keine Entwicklung. Ein nächster Schub unter- 
liege von Anfang an einer Veränderung, etwa der Wendung zur 
Passivität, und addiere sich nun mit diesem neuen Charakter 
zum früheren hinzu usw. Überblickt man dann die Triebregung 
von ihrem Anfang an bis zu einem gewissen Haltepunkt, so muß 
die beschriebene Sukzession der Schübe das Bild einer bestimmten 
Entwicklung des Triebes ergeben. 

Die Tatsache, daß zu jener späteren Zeit der Entwicklung 
neben einer Triebregung ihr (passiver) Gegensatz zu beobachten 



1) Siehe Anmerkung auf Seite 454.. 



Triebe und Triebschicksale 457 



ist, verdient die Hervorhebung durch den trefflichen, von Bleuler 
eingeführten Namen: Ambivalenz. 

Die Triebentwicklung wäre unserem Verständnis durch den 
Hinweis auf die Entwicklungsgeschichte des Triebes und die 
Permanenz der Zwischenstufen nahe gerückt. Das Ausmaß der 
nachweisbaren Ambivalenz wechselt erfahrungsgemäß in hohem 
Grade bei Individuen, Menschengruppen oder Rassen. Eine aus- 
giebige Triebambivalenz bei einem heute Lebenden kann als 
archaisches Erbteil aufgefaßt werden, da wir Grund zur An- 
nahme haben, der Anteil der unverwandelten aktiven Regungen 
am Triebleben sei in Urzeiten größer gewesen als durchschnitt- 
lich heute. 

Wir haben uns daran gewöhnt, die frühe Entwicklungsphase 
des Ichs, während welcher dessen Sexualtriebe sich autoerotisch 
befriedigen, Narzißmus zu heißen, ohne zunächst die Beziehung 
zwischen Autoerotismus und Narzißmus in Diskussion zu ziehen. 
Dann müssen wir von der Vorstufe des Schautriebes, auf der 
die Schaulust den eigenen Körper zum Objekt hat, sagen, sie 
gehöre dem Narzißmus an, sei eine narzißtische Bildung. Aus 
ihr entwickelt sich der aktive Schautrieb, indem er den Narziß- 
mus verläßt, der passive Schautrieb halte aber das narzißtische 
Objekt fest. Ebenso bedeute die Umwandlung des Sadismus in 
Masochismus eine Rückkehr zum narzißtischen Objekt, während 
in beiden Fällen das narzißtische Subjekt durch Identifizierung 
mit einem anderen fremden Ich vertauscht wird. Mit Rück- 
sichtnahme auf die konstruierte narzißtische Vorstufe des Sadis- 
mus nähern wir uns so der allgemeineren Einsicht, daß die 
Triebschicksale der Wendung gegen das eigene Ich und der 
Verkehrung von Aktivität in Passivität von der narzißtischen 
Organisation des Ichs abhängig sind und den Stempel dieser 
Phase an sich tragen. Sie entsprechen vielleicht den Abwehr- 
versuchen, die auf höheren Stufen der Ichentwicklung mit an- 
deren Mitteln durchgeführt werden. 



458 Metapsychologie 



Wir besinnen uns hier, daß wir bisher nur die zwei Trieb- 
gegensatzpaare: Sadismus — Masochismus und Schaulust — Zeige- 
lust in Erörterung gezogen haben. Es sind dies die bestbekannten 
ambivalent auftretenden Sexualtriebe. Die anderen Komponenten 
der späteren Sexualfunktion sind der Analyse noch nicht genug 
zugänglich geworden, um sie in ähnlicher Weise diskutieren zu 
können. Wir können von ihnen allgemein aussagen, daß sie sich 
autoerotisch betätigen, d. h., ihr Objekt verschwindet gegen 
das Organ, das ihre Quelle ist, und fällt in der Regel mit diesem 
zusammen. Das Objekt des Schautriebes, obwohl auch zuerst ein 
Teil des eigenen Körpers, ist doch nicht das Auge selbst, und 
beim Sadismus weist die Organquelle, wahrscheinlich die aktions- 
fähige Muskulatur, direkt auf ein anderes Objekt, sei es auch 
am eigenen Körper hin. Bei den autoerotischen Trieben ist die 
Rolle der Organquelle so ausschlaggebend, daß nach einer an- 
sprechenden Vermutung von P. Federn und L. Jekels 1 Form 
und Funktion des Organs über die Aktivität und Passivität des 
Triebzieles entscheiden. 

Die Verwandlung eines Triebes in sein (materielles) Gegen- 
teil wird nur in einem Falle beobachtet, bei der Umsetzung 
von Liebe in Haß. Da diese beiden besonders häufig 
gleichzeitig auf dasselbe Objekt gerichtet vorkommen, ergibt 
diese Koexistenz auch das bedeutsamste Beispiel einer Gefühls- 
ambivalenz. 

Der Fall von Liebe und Haß erwirbt ein besonderes Interesse 
durch den Umstand, daß er der Einreihung in unsere Dar- 
stellung der Triebe widerstrebt. Man kann an der innigsten Be- 
ziehung zwischen diesen beiden Gefühlsgegensätzen und dem 
Sexualleben nicht zweifeln, muß sich aber natürlich dagegen 
sträuben, das Lieben etwa als einen besonderen Partialtrieb der 
Sexualität wie die anderen aufzufassen. Man möchte eher das 
Lieben als den Ausdruck der ganzen Sexualstrebung ansehen, 

1) Intern. Zeitschrift für Psychoanalyse, I, 1913. 



Triebe und Triebschicksale 45g 

kommt aber auch damit nicht zurecht und weiß nicht, wie 
man ein materielles Gegenteil dieser Strebung verstehen soll. 

Das Lieben ist nicht nur eines, sondern dreier Gegensätze 
fähig. Außer dem Gegensatz: lieben — hassen gibt es den anderen: 
lieben — geliebt werden, und überdies setzen sich lieben und 
hassen zusammengenommen dem Zustande der Indifferenz oder 
Gleichgültigkeit entgegen. Von diesen drei Gegensätzen entspricht 
der zweite, der von lieben — geliebt werden, durchaus der Wen- 
dung von der Aktivität zur Passivität und läßt auch die näm- 
liche Zurückführung auf eine Grundsituation wie beim Schau- 
trieb zu. Diese heißt: sich selbst lieben, was für uns die 
Charakteristik des Narzißmus ist. Je nachdem nun das Objekt 
oder das Subjekt gegen ein fremdes vertauscht wird, ergibt 
sich die aktive Zielstrebung des Liebens oder die passive des 
Geliebtwerdens, von denen die letztere dem Narzißmus nahe 

verbleibt. 

Vielleicht kommt man dem Verständnis der mehrfachen Gegen- 
teile des Liebens näher, wenn man sich besinnt, daß das seelische 
Leben überhaupt von drei Polaritäten beherrscht wird, den 
Gegensätzen von: 

Subjekt (Ich) — Objekt (Außenwelt). 

Lust — Unlust. 

Aktiv — Passiv. 

Der Gegensatz von Ich — Nicht-Ich (Außen), (Subjekt — Objekt), 
wird dem Einzelwesen, wie wir bereits erwähnt haben, frühzeitig 
aufgedrängt durch die Erfahrung, daß es Außenreize durch seine 
Muskelaktion zum Schweigen bringen kann, gegen Triebreize 
aber wehrlos ist. Er bleibt vor allem in der intellektuellen Be- 
tätigung souverän und schafft die Grundsituation für die Forschung, 
die durch kein Bemühen abgeändert werden kann. Die Polarität 
von Lust — Unlust haftet an einer Empfindungsreihe, deren un- 
übertroffene Bedeutung für die Entscheidung unserer Aktionen 
(Wille) bereits betont worden ist. Der Gegensatz von Aktiv — 



460 Metapsychologie 



Passiv ist nicht mit dem von Ich-Subjekt — Außen-Objekt zu ver- 
wechseln. Das Ich verhält sich passiv gegen die Außenwelt, in- 
soweit es Reize von ihr empfängt, aktiv, wenn es auf dieselben 
reagiert. Zu ganz besonderer Aktivität gegen die Außenwelt 
wird es durch seine Triebe gezwungen, so daß man unter Her- 
vorhebung des Wesentlichen sagen könnte: Das Ich-Subjekt sei 
passiv gegen die äußeren Reize, aktiv durch seine eigenen Triebe. 
Der Gegensatz Aktiv — Passiv verschmilzt späterhin mit dem von 
Männlich — Weiblich, der, ehe dies geschehen ist, keine psycho- 
logische Bedeutung hat. Die Verlötung der Aktivität mit der 
Männlichkeit, der Passivität mit der Weiblichkeit tritt uns näm- 
lich als biologische Tatsache entgegen; sie ist aber keineswegs so 
regelmäßig durchgreifend und ausschließlich, wie wir anzunehmen 
geneigt sind. 

Die drei seelischen Polaritäten gehen die bedeutsamsten Ver- 
knüpfungen miteinander ein. Es gibt eine psychische Ursituation, 
in welcher zwei derselben zusammentreffen. Das Ich findet sich 
ursprünglich, zu allem Anfang des Seelenlebens, triebbesetzt und 
zum Teil fähig, seine Triebe an sich selbst zu befriedigen. Wir 
heißen diesen Zustand den des Narzißmus, die Befriedigungs- 
möglichkeit die autoerotische. 1 Die Außenwelt ist derzeit nicht 
mit Interesse (allgemein gesprochen) besetzt und für die Befrie- 
digung gleichgültig. Es fällt also um diese Zeit das Ich-Subjekt 
mit dem Lustvollen, die Außenwelt mit dem Gleichgültigen 
(eventuell als Reizquelle Unlustvollen) zusammen. Definieren wir 
zunächst das Lieben als die Relation des Ichs zu seinen Lust- 



1) Ein Anteil der Sexualtriebe ist, wie wir wissen, dieser autoerotischen Be- 
friedigung fähig, eignet sich also zum Träger der nachstehend geschilderten Ent- 
wicklung unter der Herrschaft des Lustprinzips. Die Sexualtriebe, welche von vorn- 
herein ein Objekt fordern, und die autoerotisch niemals zu befriedigenden Bedürf- 
nisse der Ichtriebe stören natürlich diesen Zustand und bereiten die Fortschritte vor. 
Ja, der narzißtische Urzustand könnte nicht jene Entwicklung nehmen, wenn nicht 
jedes Einzelwesen eine Periode von Hilflosigkeit und Pflege durchmachte, 
während dessen seine drängenden Bedürfnisse durch Dazutun von Außen befriedigt 
und somit von der Entwicklung abgehalten würden. 



Triebe und Triebschicksale 461 

quellen, so erläutert die Situation, in der es nur sich selbst liebt 
und gegen die Welt gleichgültig ist, die erste der Gegensatzbe- 
ziehungen, in denen wir das „Lieben" gefunden haben. 

Das Ich bedarf der Außenwelt nicht, insofern es autoerotisch 
ist, es bekommt aber Objekte aus ihr infolge der Erlebnisse der 
Icherhaltungstriebe und kann doch nicht umhin, innere Trieb- 
reize als unlustvoll für eine Zeit zu verspüren. Unter der Herr- 
schaft des Lustprinzips vollzieht sich nun in ihm eine weitere 
Entwicklung. Es nimmt die dargebotenen Objekte, insofern sie 
Lustquellen sind, in sein Ich auf, introjiziert sich dieselben (nach 
dem Ausdrucke Ferenczis) und stößt anderseits von sich aus, 
was ihm im eigenen Innern Unlustanlaß wird. (Siehe später den 
Mechanismus der Projektion.) 

Es wandelt sich so aus dem anfänglichen Real-Ich, welches 
Innen und Außen nach einem guten objektiven Kennzeichen 
unterschieden hat, in ein purifiziertes Lust-Ich, welches den 
Lustcharakter über jeden anderen setzt. Die Außenwelt zerfällt 
ihm in einen Lustanteil, den es sich einverleibt hat, und einen 
Rest, der ihm fremd ist. Aus dem eigenen Ich hat es einen Bestandteil 
ausgesondert, den es in die Außenwelt wirft und als feindlich 
empfindet. Nach dieser Umordnung ist die Deckung der beiden 
Polaritäten 

Ich-Subjekt — mit Lust 

Außenwelt — mit Unlust (von früher her Indifferenz) 

wieder hergestellt. 

Mit dem Eintreten des Objekts in die Stufe des primären 
Narzißmus erreicht auch der zweite Gegensinn des Liebens, das 
Hassen, seine Ausbildung. 

Das Objekt wird dem Ich, wie wir gehört haben, zuerst von 
den Selbsterhaltungstrieben aus der Außenwelt gebracht, und es 
ist nicht abzuweisen, daß auch der ursprüngliche Sinn des Hassens 
die Relation gegen die fremde und reizzuführende Außenwelt 
bedeutet. Die Indifferenz ordnet sich dem Haß, der Abneigung, 



462 Metapsychologie 



als Spezialfall ein, nachdem sie zuerst als dessen Vorläufer auf- 
getreten ist. Das Äußere, das Objekt, das Gehaßte wären zu 
allem Anfang identisch. Erweist sich späterhin das Objekt als 
Lustquelle, so wird es geliebt, aber auch dem Ich einverleibt, 
so daß für das purifizierte Lust-Ich das Objekt doch wiederum 
mit dem Fremden und Gehaßten zusammenfällt. 

Wir merken aber jetzt auch, wie das Gegensatzpaar Liebe — 
Indifferenz die Polarität Ich — Außenwelt spiegelt, so reproduziert 
der zweite Gegensatz Liebe — Haß die mit der ersteren verknüpfte 
Polarität von Lust — Unlust. Nach der Ablösung der rein narziß- 
tischen Stufe durch die Objektstufe bedeuten Lust und Unlust 
Relationen des Ichs zum Objekt. Wenn das Objekt die Quelle 
von Lustempfindungen wird, so stellt sich eine motorische Ten- 
denz heraus, welche dasselbe dem Ich annähern, ins Ich einver- 
leiben will; wir sprechen dann auch von der „Anziehung", die 
das lustspendende Objekt ausübt, und sagen, daß wir das Objekt 
„lieben". Umgekehrt, wenn das Objekt Quelle von Unlustem- 
pfindungen ist, bestrebt sich eine Tendenz, die Distanz zwischen 
ihm und dem Ich zu vergrößern, den ursprünglichen Fluchtver- 
such vor der reizausschickenden Außenwelt an ihm zu wieder- 
holen. Wir empfinden die „Abstoßung" des Objekts und hassen 
es; dieser Haß kann sich dann zur Aggressionsneigung gegen 
das Objekt, zur Absicht, es zu vernichten, steigern. 

Man könnte zur Not von einem Trieb aussagen, daß er das 
Objekt „liebt", nach dem er zu seiner Befriedigung strebt. Daß 
ein Trieb ein Objekt „haßt", klingt uns aber befremdend, so 
daß wir aufmerksam werden, die Beziehungen Liebe und Haß 
seien nicht für die Relationen der Triebe zu ihren Objekten 
verwendbar, sondern für die Relation des Gesamt-Ichs zu den 
Objekten reserviert. Die Beobachtung des gewiß sinnvollen Sprach- 
gebrauches zeigt uns aber eine weitere Einschränkung in der 
Bedeutung von Liebe und Haß. Von den Objekten, welche der 
Icherhaltung dienen, sagt man nicht aus, daß man sie liebt, 






Triebe und Triebschicksale 463 

sondern betont, daß man ihrer bedarf, und gibt etwa einem 
Zusatz von andersartiger Relation Ausdruck, indem man Worte 
gebraucht, die ein sehr abgeschwächtes Lieben andeuten, wie: 
gerne haben, gerne sehen, angenehm finden. 

Das Wort „lieben" rückt also immer mehr in die Sphäre der 
reinen Lustbeziehung des Ichs zum Objekt und fixiert sich 
schließlich an die Sexualobjekte im engeren Sinne und an solche 
Objekte, welche die Bedürfnisse sublimierter Sexualtriebe befriedigen. 
Die Scheidung der Ichtriebe von den Sexualtrieben, welche wir 
unserer Psychologie aufgedrängt haben, erweist sich so als konform 
mit dem Geiste unserer Sprache. Wenn wir nicht gewohnt sind 
zu sagen, der einzelne Sexualtrieb liebe sein Objekt, aber die 
adäquateste Verwendung des Wortes „lieben" in der Beziehung 
des Ichs zu seinem Sexualobjekt finden, so lehrt uns diese Be- 
obachtung, daß dessen Verwendbarkeit in dieser Relation erst mit 
der Synthese aller Partialtriebe der Sexualität unter dem Primat 
der Genitalien und im Dienste der Fortpflanzungsfunktion beginnt. 

Es ist bemerkenswert, daß im Gebrauche des Wortes „hassen" 
keine so innige Beziehung zur Sexuallust und Sexualfunktion zum 
Vorschein kommt, sondern die Unlustrelation die einzig ent- 
scheidende scheint. Das Ich haßt, verabscheut, verfolgt mit Zer- 
störungsabsichten alle Objekte, die ihm zur Quelle von Unlust- 
empfindungen werden, gleichgültig ob sie ihm eine Versagung 
sexueller Befriedigung oder der Befriedigung von Erhaltungs- 
bedürfnissen bedeuten. Ja, man kann behaupten, daß die richtigen 
Vorbilder für die Haßrelation nicht aus dem Sexualleben, sondern 
aus dem Ringen des Ichs um seine Erhaltung und Behauptung 

stammen. 

Liebe und Haß, die sich uns als volle materielle Gegensätze 
vorstellen, stehen also doch in keiner einfachen Beziehung zueinander. 
Sie sind nicht aus der Spaltung eines Urgemeinsamen hervor- 
gegangen, sondern haben verschiedene Ursprünge und haben ein 
jedes seine eigene Entwicklung durchgemacht, bevor sie sich unter 



464 Metapsychologie 



dem Einfluß der Lust-Unlustrelation zu Gegensätzen formiert 
haben. Es erwächst uns hier die Aufgabe, zusammenzustellen, was 
wir von der Genese von Liebe und Haß wissen. 

Die Liebe stammt von der Fähigkeit des Ichs, einen Anteil 
seiner Triebregungen autoerotisch, durch die Gewinnung von 
Organlust zu befriedigen. Sie ist ursprünglich narzißtisch, übergeht 
dann auf die Objekte, die dem erweiterten Ich einverleibt worden 
sind, und drückt das motorische Streben des Ichs nach diesen 
Objekten als Lustquellen aus. Sie verknüpft sich innig mit der 
Betätigung der späteren Sexualtriebe und fällt, wenn deren Synthese 
vollzogen ist, mit dem Ganzen der Sexualstrebung zusammen. 
Vorstufen des Liebens ergeben sich als vorläufige Sexualziele, 
während die Sexualtriebe ihre komplizierte Entwicklung durch- 
laufen. Als erste derselben erkennen wir das sich Einverleiben 
oder Fressen, eine Art der Liebe, welche mit der Aufhebung 
der Sonderexistenz des Objekts vereinbar ist, also als ambivalent 
bezeichnet werden kann. Auf der höheren Stufe der prägenitalen 
sadistisch-analen Organisation tritt das Streben nach dem Objekt 
in der Form des Bemächtigungsdranges auf, dem die Schädigung 
oder Vernichtung des Objekts gleichgültig ist. Diese Form und 
Vorstufe der Liebe ist in ihrem Verhalten gegen das Objekt vom 
Haß kaum zu unterscheiden. Erst mit der Herstellung der Genital- 
organisation ist die Liebe zum Gegensatz vom Haß geworden. 

Der Haß ist als Relation zum Objekt älter als die Liebe, er 
entspringt der uranfänglichen Ablehnung der reizspendenden 
Außenwelt von seiten des narzißtischen Ichs. Als Äußerung der 
durch Objekte hervorgerufenen Unlustreaktion bleibt er immer 
in inniger Beziehung zu den Trieben der Icherhaltung, so daß 
Ichtriebe und Sexualtriebe leicht in einen Gegensatz geraten 
können, der den von Hassen und Lieben wiederholt. Wenn die 
Ichtriebe die Sexualfunktion beherrschen wie auf der Stufe der 
sadistisch-analen Organisation, so leihen sie auch dem Triebziel 
die Charaktere des Hasses. 



Triebe und Triebschicksale .q- 



Die Entstehungs- und Beziehungsgeschichte der Liebe macht 
es uns verständlich, daß sie so häufig „ambivalent", d. h. in Be- 
gleitung von Haßregungen gegen das nämliche Objekt auftritt. 
Der der Liebe beigemengte Haß rührt zum Teil von den nicht 
völlig überwundenen Vorstufen des Liebens her, zum anderen 
Teil begründet er sich durch Ablehnungsreaktionen der Ichtriebe, 
die sich bei den häufigen Konflikten zwischen Ich- und Liebes- 
interessen auf reale und aktuelle Motive berufen können. In 
beiden Fällen geht also der beigemengte Haß auf die Quelle der 
Icherhaltungstriebe zurück. Wenn die Liebesbeziehung zu einem 
bestimmten Objekt abgebrochen wird, so tritt nicht selten Haß 
an deren Stelle, woraus wir den Eindruck einer Verwandlung 
der Liebe in Haß empfangen. Über diese Deskription hinaus führt 
dann die Auffassung, daß dabei der real motivierte Haß durch 
die Regression des Liebens auf die sadistische Vorstufe verstärkt 
wird, so daß das Hassen einen erotischen Charakter erhält und 
die Kontinuität einer Liebesbeziehung gewährleistet wird. 

Die dritte Gegensätzlichkeit des Liebens, die Verwandlung des 
Liebens in ein Geliebtwerden entspricht der Einwirkung der 
Polarität von Aktivität und Passivität und unterliegt derselben 
Beurteilung wie die Fälle des Schautriebes und des Sadismus. 
Wir dürfen zusammenfassend hervorheben, die Triebschicksale 
bestehen im wesentlichen darin, daß die Triebregungen den 
Einflüssen der drei großen das Seelenleben beherr- 
schenden Polaritäten unterzogen werden. Von diesen drei 
Polaritäten könnte man die der Aktivität — Passivität als die bio- 
logische, die Ich-Außenwelt als die reale, endlich die von Lust — 
Unlust als die ökonomische bezeichnen. 

Das Triebschicksal der Verdrängung wird den Gegenstand 
einer anschließenden Untersuchung bilden. 



Freud, V. 3o 






DIE VERDRÄNGUNG 

Es kann das Schicksal einer Triebregung werden, daß sie auf 
Widerstände stößt, welche sie unwirksam machen wollen. Unter 
Bedingungen, deren nähere Untersuchung uns bevorsteht, gelangt 
sie dann in den Zustand der Verdrängung. Handelte es sich 
um die Wirkung eines äußeren Reizes, so wäre offenbar die 
Flucht das geeignete Mittel. Im Falle des Triebes kann die Flucht 
nichts nützen, denn das Ich kann sich nicht selbst entfliehen. 
Später einmal wird in der Urteilsverwerfung (Verurteilung) 
ein gutes Mittel gegen die Triebregung gefunden werden. Eine 
Vorstufe der Verurteilung, ein Mittelding zwischen Flucht und 
Verurteilung ist die Verdrängung, deren Begriff in der Zeit vor 
den psychoanalytischen Studien nicht aufgestellt werden konnte. 

Die Möglichkeit einer Verdrängung ist theoretisch nicht leicht 
abzuleiten. Warum sollte eine Triebregung einem solchen Schick- 
sal verfallen? Offenbar muß hier die Bedingung erfüllt sein, daß 
die Erreichung des Triebzieles Unlust an Stelle von Lust be- 
reitet. Aber dieser Fall ist nicht gut denkbar. Solche Triebe gibt 
es nicht, eine Triebbefriedigung ist immer lustvoll. Es müßten 
besondere Verhältnisse anzunehmen sein, irgend ein Vorgang, 
durch den die Befriedigungslust in Unlust verwandelt wird. 

Wir können zur besseren Abgrenzung der Verdrängung einige 
andere Triebsituationen in Erörterung ziehen. Es kann vor- 
kommen, daß sich ein äußerer Reiz, z. B. dadurch, daß er ein 
Organ anätzt und zerstört, verinnerlicht und so eine neue Quelle 



Die Verdrängung ^Q ? 



beständiger Erregung und Spannungsvermehrung ergibt. Er er- 
wirbt damit eine weitgehende Ähnlichkeit mit einem Trieb. 
Wir wissen, daß wir diesen Fall als Schmerz empfinden. Das 
Ziel dieses Pseudotriebes ist aber nur das Aufhören der Organ- 
veränderung und der mit ihr verbundenen Unlust. Andere, direkte 
Lust kann aus dem Aufhören des Schmerzes nicht gewonnen 
werden. Der Schmerz ist auch imperativ j er unterliegt nur noch 
der Einwirkung einer toxischen Aufhebung und der Beein- 
flussung durch psychische Ablenkung. 

Der Fall des Schmerzes ist zu wenig durchsichtig, um etwas 
für unsere Absicht zu leisten. Nehmen wir den Fall, daß ein 
Triebreiz wie der Hunger unbefriedigt bleibt. Er wird dann 
imperativ, ist durch nichts anderes als durch die Befriedigungs- 
aktion zu beschwichtigen, unterhält eine beständige Bedürfnis- 
spannung. Etwas wie eine Verdrängung scheint hier auf lange 
hinaus nicht in Betracht zu kommen. 

Der Fall der Verdrängung ist also gewiß nicht gegeben, wenn 
die Spannung infolge von Unbefriedigung einer Triebregung 
unerträglich groß wird. Was dem Organismus an Abwehrmitteln 
gegen diese Situation gegeben ist, muß in anderem Zusammen- 
hang erörtert werden. 

Halten wir uns lieber an die klinische Erfahrung, wie sie uns 
in der psychoanalytischen Praxis entgegentritt. Dann werden 
wir belehrt, daß die Befriedigung des der Verdrängung unter- 
liegenden Triebes wohl möglich und daß sie auch jedesmal an 
sich lustvoll wäre, aber sie wäre mit anderen Ansprüchen und 
Vorsätzen unvereinbar; sie würde also Lust an der einen, Unlust 
an anderer Stelle erzeugen. Zur Bedingung der Verdrängung ist 
dann geworden, daß das Unlustmotiv eine stärkere Macht ge- 
winnt als die Befriedigungslust. Wir werden ferner durch die 
psychoanalytische Erfahrung an den Übertragungsneurosen zu 
dem Schluß genötigt, daß die Verdrängung kein ursprünglich 
vorhandener Abwehrmechanismus ist, daß sie nicht eher ent- 

30* 



468 Metapsychologie 

stehen kann, als bis sich eine scharfe Sonderung von bewußter 
und unbewußter Seelentätigkeit hergestellt hat, und daß ihr 
Wesen nur in der Abweisung und Fernhaltung vom Be- 
wußten besteht. Diese Auffassung der Verdrängung würde 
durch die Annahme ergänzt werden, daß vor solcher Stufe der 
seelischen Organisation die anderen Triebschicksale wie die Ver- 
wandlung ins Gegenteil, die Wendung gegen die eigene Person, 
die Aufgabe der Abwehr von Triebregungen bewältigen. 

Wir meinen jetzt auch, Verdrängung und Unbewußtes seien 
in so großem Ausmaße korrelativ, daß wir die Vertiefung in 
das Wesen der Verdrängung aufschieben müssen, bis wir mehr 
von dem Aufbau des psychischen Instanzenzuges und der Differen- 
zierung von Unbewußt und Bewußt erfahren haben. Vorher 
können wir nur noch einige klinisch erkannte Charaktere der 
Verdrängung in rein deskriptiver Weise zusammenstellen, auf die 
Gefahr hin, vieles anderwärts Gesagte ungeändert zu wiederholen. 

Wir haben also Grund, eine Urverdrängung anzunehmen, 
eine erste Phase der Verdrängung, die darin besteht, daß der 
psychischen (Vorstellungs-) Repräsentanz des Triebes die Über- 
nahme ins Bewußte versagt wird. Mit dieser ist eine Fixierung 
gegeben; die betreffende Repräsentanz bleibt von da an unver- 
änderlich bestehen und der Trieb an sie gebunden. Dies geschieht 
infolge der später zu besprechenden Eigenschaften unbewußter 

Vorgänge. 

Die zweite Stufe der Verdrängung, die eigentliche Ver- 
drängung, betrifft psychische Abkömmlinge der verdrängten 
Repräsentanz, oder solche Gedankenzüge, die, anderswoher stam- 
mend, in assoziative Beziehung zu ihr geraten sind. Wegen dieser 
Beziehung erfahren diese Vorstellungen dasselbe Schicksal wie 
das Urverdrängte. Die eigentliche Verdrängung ist also ein Nach- 
drängen. Man tut übrigens unrecht, wenn man nur die Ab- 
stoßung hervorhebt, die vom Bewußten her auf das zu Verdrän- 
gende wirkt. Es kommt ebensosehr die Anziehung in Betracht, 



Die Verdrängung 46 9 

welche das Ur verdrängte auf alles ausübt, womit es sich in Ver- 
bindung setzen kann. Wahrscheinlich würde die Verdrängungs- 
tendenz ihre Absicht nicht erreichen, wenn diese Kräfte nicht 
zusammenwirkten, wenn es nicht ein vorher Verdrängtes gäbe, 
welches das vom Bewußten Abgestoßene aufzunehmen bereit 

wäre. 

Unter dem Einfluß des Studiums der Psychoneurosen, welches 
uns die bedeutsamen Wirkungen der Verdrängung vorführt, 
werden wir geneigt, deren psychologischen Inhalt zu über- 
schätzen, und vergessen zu leicht, daß die Verdrängung die 
Triebrepräsentanz nicht daran hindert, im Unbewußten fortzu- 
bestehen, sich weiter zu organisieren, Abkömmlinge zu bilden 
und Verbindungen anzuknüpfen. Die Verdrängung stört wirklich 
nur die Beziehung zu einem psychischen System, dem des Be- 
wußten. 

Die Psychoanalyse kann uns noch anderes zeigen, was für 
das Verständnis der Wirkungen der Verdrängung bei den Psycho- 
neurosen bedeutsam ist. Z. B., daß die Triebrepräsentanz sich 
ungestörter und reichhaltiger entwickelt, wenn sie durch die 
Verdrängung dem bewußten Einfluß entzogen ist. Sie wuchert 
dann sozusagen im Dunkeln und findet extreme Ausdrucks- 
formen, welche, wenn sie dem Neurotiker übersetzt und vor- 
gehalten werden, ihm nicht nur fremd erscheinen müssen, sondern 
ihn auch durch die Vorspiegelung einer außerordentlichen und 
gefährlichen Triebstärke schrecken. Diese täuschende Triebstärke 
ist das Ergebnis einer ungehemmten Entfaltung in der Phantasie 
und der Aufstauung infolge versagter Befriedigung. Daß dieser 
letztere Erfolg an die Verdrängung geknüpft ist, weist darauf 
hin, worin wir ihre eigentliche Bedeutung zu suchen haben. 

Indem wir aber noch zur Gegenansicht zurückkehren, stellen 
wir fest, es sei nicht einmal richtig, daß die Verdrängung alle 
Abkömmlinge des Urverdrängten vom Bewußten abhalte. Wenn 
sich diese weit genug von der verdrängten Repräsentanz entfernt 



47 o Metapsychologie 

haben, sei es durch Annahme von Entstellungen oder durch die 
Anzahl der eingeschobenen Mittelglieder, so steht ihnen der Zu- 
gang zum Bewußten ohne weiteres frei. Es ist, als ob der Wider- 
stand des Bewußten gegen sie eine Funktion ihrer Entfernung 
vom ursprünglich Verdrängten wäre. Während der Ausübung der 
psychoanalytischen Technik fordern wir den Patienten unausgesetzt 
dazu auf, solche Abkömmlinge des Verdrängten zu produzieren, 
die infolge ihrer Entfernung oder Entstellung die Zensur des 
Bewußten passieren können. Nichts anderes sind ja die Einfälle, 
die wir unter Verzicht auf alle bewußten Zielvorstellungen und 
alle Kritik von ihm verlangen, und aus denen wir eine bewußte 
Übersetzung der verdrängten Repräsentanz wiederherstellen. Wir 
beobachten dabei, daß der Patient eine solche Einfallsreihe fort- 
spinnen kann, bis er in ihrem Ablauf auf eine Gedankenbildung 
stößt, bei welcher die Beziehung zum Verdrängten so intensiv 
durchwirkt, daß er seinen Verdrängungsversuch wiederholen muß. 
Auch die neurotischen Symptome müssen der obigen Bedingung 
genügt haben, denn sie sind Abkömmlinge des Verdrängten, 
welches sich mittels dieser Bildungen den ihm versagten Zugang 
zum Bewußtsein endlich erkämpft hat. 

Wie weit die Entstellung und Entfernung vom Verdrängten 
gehen muß, bis der Widerstand des Bewußten aufgehoben ist, 
läßt sich allgemein nicht angeben. Es findet dabei eine feine 
Abwägung statt, deren Spiel uns verdeckt ist, deren Wirkungs- 
weise uns aber erraten läßt, es handle sich darum, vor einer 
bestimmten Intensität der Besetzung des Unbewußten haltzumachen, 
mit deren Überschreitung es zur Befriedigung durchdringen würde. 
Die Verdrängung arbeitet also höchst individuell; jeder einzelne 
Abkömmling des Verdrängten kann sein besonderes Schicksal 
haben; ein wenig mehr oder weniger von Entstellung macht, 
daß der ganze Erfolg umschlägt. In demselben Zusammenhang ist 
auch zu begreifen, daß die bevorzugten Objekte der Menschen, 
ihre Ideale, aus denselben Wahrnehmungen und Erlebnissen 



Die Verdrängung 47 1 



stammen wie die von ihnen am meisten verabscheuten, und sich 
ursprünglich nur durch geringe Modifikationen voneinander unter- 
scheiden. Ja, es kann, wie wir's bei der Entstehung des Fetisch 
gefunden haben, die ursprüngliche Triebrepräsentanz in zwei 
Stücke zerlegt worden sein, von denen das eine der Verdrängung 
verfiel, während der Rest, gerade wegen dieser innigen Ver- 
knüpftheit, das Schicksal der Idealisierung erfuhr. 

Dasselbe, was ein Mehr oder Weniger an Entstellung leistet, 
kann auch sozusagen am anderen Ende des Apparates durch eine 
Modifikation in den Bedingungen der Lust-Unlustproduktion erzielt 
werden. Es sind besondere Techniken ausgebildet worden deren 
Absicht dahin geht, solche Veränderungen des psychischen Krafte- 
spieles herbeizuführen, daß dasselbe, was sonst Unlust erzeugt, 
auch einmal lustbringend wird, und so oft solch ein technisches 
Mittel in Aktion tritt, wird die Verdrängung für eine sonst ab- 
gewiesene Triebrepräsentanz aufgehoben. Diese Techniken sind 
bisher nur für den Witz genauer verfolgt worden. In der Regel 
ist die Aufhebung der Verdrängung nur eine vorübergehende ; 
sie wird alsbald wiederhergestellt. 

Erfahrungen dieser Art reichen aber hin, uns auf weitere 
Charaktere der Verdrängung aufmerksam zu machen. Sie ist nicht 
nur, wie eben ausgeführt, individuell, sondern auch im hohen 
Grade mobil. Man darf sich den Verdrängungsvorgang nicht wie 
ein einmaliges Geschehen mit Dauererfolg vorstellen, etwa wie 
wenn man etwas Lebendes erschlagen hat, was von da an tot 
ist: sondern die Verdrängung erfordert einen anhaltenden Kraft- 
aufwand, mit dessen Unterlassung ihr Erfolg in Frage gestellt 
wäre, so daß ein neuerlicher Verdrängungsakt notwendig wurde. 
Wir dürfen uns vorstellen, daß das Verdrängte einen kontinuierlichen 
Druck in der Richtung zum Bewußten hin ausübt, dem durch 
unausgesetzten Gegendruck das Gleichgewicht gehalten werden 
muß Die Erhaltung einer Verdrängung setzt also eine bestandige 
Kraftausgabe voraus und ihre Aufhebung bedeutet ökonomisch 



a« 3 Metapsychologie 



eine Ersparung. Die Mobilität der Verdrängung findet übrigens 
auch einen Ausdruck in den psychischen Charakteren des Schlaf- 
zustandes, welcher allein die Traumbildung ermöglicht. Mit dem 
Erwachen werden die eingezogenen Verdrängungsbesetzungen 

wieder ausgeschickt. 

Wir dürfen endlich nicht vergessen, daß wir von einer Trieb- 
regung erst sehr wenig ausgesagt haben, wenn wir feststellen, 
sie sei eine verdrängte. Sie kann sich unbeschadet der Verdrängung 
in sehr verschiedenen Zuständen befinden, inaktiv sein, d. h. sehr 
wenig mit psychischer Energie besetzt, oder in wechselndem 
Grade besetzt und damit zur Aktivität befähigt. Ihre Aktivierung 
wird zwar nicht die Folge haben, daß sie die Verdrängung direkt 
aufhebt, wohl aber alle die Vorgänge anregen, welche mit dem 
Durchdringen zum Bewußtsein auf Umwegen einen Abschluß 
finden. Bei unverdrängten Abkömmlingen des Unbewußten ent- 
scheidet oft das Ausmaß der Aktivierung oder Besetzung über das 
Schicksal der einzelnen Vorstellung. Es ist ein alltägliches Vor- 
kommnis, daß ein solcher Abkömmling unverdrängt bleibt, solange 
er eine geringe Energie repräsentiert, obwohl sein Inhalt geeignet 
wäre, einen Konflikt mit dem bewußt Herrschenden zu ergeben. 
Das quantitative Moment zeigt sich aber als entscheidend für den 
Konflikt; sobald die im Grunde anstößige Vorstellung sich über 
ein gewisses Maß verstärkt, wird der Konflikt aktuell und gerade 
die Aktivierung zieht die Verdrängung nach sich. Zunahme der 
Energiebesetzung wirkt also in Sachen der Verdrängung gleichsinnig 
wie Annäherung an das Unbewußte, Abnahme derselben wie Ent- 
fernung davon oder Entstellung. Wir verstehen, daß die ver- 
drängenden Tendenzen in der Abschwächung des Unliebsamen 
einen Ersatz für dessen Verdrängung finden können. 

In den bisherigen Erörterungen behandelten wir die Ver- 
drängung einer Triebrepräsentanz und verstanden unter einer 
solchen eine Vorstellung oder Vorstellungsgruppe, welche vom 
Trieb her mit einem bestimmten Betrag von psychischer Energie 



Die Verdrängung 473 



■ 



> 



(Libido, Interesse) besetzt ist. Die klinische Beobachtung nötigt 
uns nun zu zerlegen, was wir bisher einheitlich aufgefaßt hatten, 
denn sie zeigt uns, daß etwas anderes, was den Trieb repräsentiert, 
neben der Vorstellung in Betracht kommt, und daß dieses andere 
ein Verdrängungsschicksal erfährt, welches von dem der Vor- 
stellung ganz verschieden sein kann. Für dieses andere Element 
der psychischen Repräsentanz hat sich der Name Affektbetrag 
eingebürgert; es entspricht dem Triebe, insofern er sich von der 
Vorstellung abgelöst hat und einen seiner Quantität gemäßen 
Ausdruck in Vorgängen findet, welche als Affekte der Empfindung 
bemerkbar werden. Wir werden von nun an, wenn wir einen 
Fall von Verdrängung beschreiben, gesondert verfolgen müssen, 
was durch die Verdrängung aus der Vorstellung und was aus 
der an ihr haftenden Triebenergie geworden ist. 

Gern würden wir über beiderlei Schicksale etwas allgemeines 
aussagen wollen. Dies wird uns auch nach einiger Orientierung 
möglich. Das allgemeine Schicksal der den Trieb repräsentieren- 
den Vorstellung kann nicht leicht etwas anderes sein, als daß sie 
aus dem Bewußten verschwindet, wenn sie früher bewußt war, 
oder vom Bewußtsein abgehalten wird, wenn sie im Begriffe 
war, bewußt zu werden. Der Unterschied ist nicht mehr bedeut- 
sam; er kommt etwa darauf hinaus, ob ich einen unliebsamen 
Gast aus meinem Salon hinausbefördere oder aus meinem Vor- 
zimmer oder ihn, nachdem ich ihn erkannt habe, überhaupt 
nicht über die Schwelle der Wohnungstür treten lasse. 1 Das 
Schicksal des quantitativen Faktors der Triebrepräsentanz kann 
ein dreifaches sein, wie uns eine flüchtige Übersicht über die in 
der Psychoanalyse gemachten Erfahrungen lehrt: Der Trieb wird 
entweder ganz unterdrückt, so daß man nichts von ihm auf- 



1) Dieses für den Verdrängungsvorgang brauchbare Gleichnis kann auch über 
einen früher erwähnten Charakter der Verdrängung ausgedehnt werden. Ich brauche 
nur hinzuzufügen, daß ich die dem Gast verbotene Tür durch einen standigen 
Wächter bewachen lassen muß, weil der Abgewiesene sie sonst aufsprengen wurde. (S.o.) 






474 . — ■ 

findet, oder er kommt als irgendwie qualitativ gefärbter Affekt 
zum Vorschein, oder er wird in Angst verwandelt Die beiden 
letzteren Möglichkeiten stellen nns die Aufgabe die Umsetzung 
der psychischen Energien der Triebe in Affekte und ganz be- 
sonders in Angst als neues Triebschicksal ms Auge zu fassen. 
Wir erinnern" uns, daß Motiv und Absicht der Verdrängung 
nichts anderes als die Vermeidung von Unlust war. Daraus folgt^ 
daß das Schicksal des Affektbetrags der Repräsentanz bei weitem 
wichtiger ist als das der Vorstellung, und daß dies über d» B» 
Äj des Verdrängungsvorganges entscheide, Gelingt es einer 
Verdra/gung nicht, l Entstehung von ™-«^»^« 
Angst zu verhüten, so dürfen wir sagen, sie sei *ckt, 
tenngleich sie ihr Ziel an dem Vorstellungsante.l erreicht haben 
m ag. Natürlich wird die mißglückte Verdrängung mehr Anspruch 
auf unser Interesse erheben als die etwa geglückte, du. s.ch zu- 
meist unserem Studium entziehen wird. v „ r dran- 
Wir wollen nun Einblick in den Mechanismus des Verdran 
gungsvorganges gewinnen und vor allem wissen ob es nur 
52 einzigen Mechanismus der Verdrängung gibt od« **££ 
und ob vießeicht jede der Psychoneurosen durch einen ihr eigen 
tümlichen Mechanismus der Verdrängung ausgezeichnet ist M 
Beginn dieser Untersuchung stoßen wir aber auf Komplikationen. 
Der Mechanismus einer Verdrängung wird uns nur zugänglich, 
wenn wir aus den Erfolgen der Verdrängung au ihn zuruck- 
schheßen. Beschränken wir die Beobachtung auf die Erfolge an 
dem Vorstellungsanteil der Repräsentanz, so erfahren wir daß 
die Verdrängung in der Regel eine Ersatzbildung schafft. 
Welches ist "nun der Mechanismus einer solchen Ersatzbildung 
„der gibt es hier auch mehrere Mechanismen zu unterscheiden 
Wir wissen auch, daß die Verdrängung Symptome hinterlaßt. 
Dürfen wir nun Ersatzbildung und Symptombildung zusammen- 
fallen lassen, und wenn dies im Ganzen angeht, deckt sich der 
Mechanismus der Symptombildung mit dem der Verdrängung," 



Die Verdrängung 475 



■ 



Die vorläufige Wahrscheinlichkeit scheint dafür zu sprechen, daß 
beide weit auseinandergehen, daß es nicht die Verdrängung selbst 
ist, welche Ersatzbildungen und Symptome schafft, sondern daß 
diese letzteren als Anzeichen einer Wiederkehr des Verdrängten 
ganz anderen Vorgängen ihr Entstehen verdanken. Es scheint 
sich auch zu empfehlen, daß man die Mechanismen der Ersatz- 
und Symptombildung vor denen der Verdrängung in Unter- 

suchung ziehe. 

Es ist klar, daß die Spekulation hier weiter nichts zu suchen 
hat, sondern durch die sorgfältige Analyse der bei den einzelnen 
Neurosen zu beobachtenden Erfolge der Verdrängung abgelöst 
werden muß. Ich muß aber den Vorschlag machen, auch diese 
Arbeit aufzuschieben, bis wir uns verläßliche Vorstellungen über 
das Verhältnis des Bewußten zum Unbewußten gebildet haben. 
Nur um die vorliegende Erörterung nicht ganz unfruchtbar 
ausgehen zu lassen, will ich vorwegnehmen, daß 1. der Mecha- 
nismus der Verdrängung tatsächlich nicht mit dem oder den 
Mechanismen der Ersatzbildung zusammenfäUt, 2. daß es sehr 
verschiedene Mechanismen der Ersatzbildung gibt, und 5. daß 
den Mechanismen der Verdrängung wenigstens eines gemeinsam 
ist, die Entziehung der Energiebesetzung (oder Libido, 
wenn wir von Sexualtrieben handeln). 

Ich will auch unter Einschränkung auf die drei bekanntesten 
Psychoneurosen an einigen Beispielen zeigen, wie die hier ein- 
geführten Begriffe auf das Studium der Verdrängung Anwendung 
finden. Von der Angsthysterie werde ich das gut analysierte 
Beispiel einer Tierphobie wählen. Die der Verdrängung unter- 
liegende Triebregung ist eine libidinöse Einstellung zum Vater, 
gepaart mit der Angst vor demselben. Nach der Verdrängung 
ist diese Regung aus dem Bewußtsein geschwunden, der Vater 
kommt als Objekt der Libido nicht darin vor. Als Ersatz findet 
sich an analoger Stelle ein Tier, das sich mehr oder weniger gut 
zum Angstobjekt eignet. Die Ersatzbildung des Vorstellungsan- 



g Metap sychologie 

teile* hat sich auf dem Wege der Verschiebung läng, eines in 
bestimmter Weise determinierten Zusammenhanges bergest Ut 
Der quantitative Anteil ist nicht verschwunden, sondern hat s.ch 
in Angst umgesetzt. Das Ergebnis ist eine Angst vor dem Wolf 
an Stet eine" Liebesanspruches an den Vater. Natürlich re.chen 

"r ™r "ä£ sr^Ä^ 

^ solche Verdrängung wie * "* ^ ^11 Werk tr 
als eine W^f^^SS^^ * 

IL ru'ht d» Arbeit der Neurose auch mcht sondern , . « 
sich in einem zweiten Tempo fort, um Ar nächstes, w.cht.geres 
ZM zu erreichen. Es kommt zur Bildung eines Fluchtversuch«, 
£ frühen Phobie, einer Anzahl ^er-idungen, welch 
die Amrstentbindung ausschließen seilen. Durch welchen Media 
^ Phobie afsZiel gelang,, können wir in einer spedieren 
Untersuchung verstehen lernen. 

"temer anz anderen Würdigung ^'TSTmX 
aL RiW tler echten Konversionshysterie. Hier ist 

SKÜ S. es gelmgen kann, den *«£. ~ 

;r/r^I" r :— ha, Andere Male gehngtd.se 
Unterdrückung nicht se vollständig, em Anten pamkcte *~ 
tionen knüpft sich an die Symptome se bst, oder em ^^ 
entbindun/hat sich nicht vermeiden lassen, das semerse, s den 
££2m der Phobiebildung ins Werk setzt. Der Vorstelhtng ; 
Inhalt der Triebrepräsentanz ist dem Bewußtsem »*-£** 
zo R en ; als Ersatzbildung - und gleichzog als Symptom 
Zet sich eine überstarke - in den vorbildlichen Fällen soma- 



Die Verdrängung 477 



tische — Innervation, bald sensorischer, bald motorischer Natur, 
entweder als Erregung oder als Hemmung. Die ^ ri ™»* 
Stelle erweist sich bei näherer Betrachtung als ein Stück der 
verdrängten Triebrepräsentanz selbst, welches <™ *^J- . 
dichtung die gesamte Besetzung auf steh gezogen hat. Natürlich 
d cken auch diese Bemerkungen den Mechanismus einer Konver- 
satnshyTerie nicht restlos auf; vor allem ist noch das Moment der 
Regression hinzuzufügen, das in anderem Zusammenhang ge- 
würdigt werden soll. mißglückt be- 
Die Verdrängung der Wj£»J " ^Ersetzungen 
urteilt werden, msofern «. nur du c ^J ^ ^ 

aberTder Regel einen vollen Erfolg. Der Verdrängungsvorgang 
t Konversionslysterie ist dann auch mit der ^* 
abgeschlossen und braucht sich nicht wie be, Angsthystene zwei 
,eL - oder eigentlich unbegrenzt - fortzusetzen. 

Enr ganz andeL Ansehen zeigt die Verdrängung weder be, 
J"*£: Anektion, die wir zu -r ^h^hera, 

ziehen, bei der ^««""^ ^«^ ^* 
Zw eifel, was man als Jte de. V „drang g^ JS ^^ 

S^gTetnsichtUrührt daher, daß die Zwangsneurose 
!uf der Voraussetzung einer Regression ruht, durch welche e ne 
adistile Strebung § an die Stelle der -J*»^X* 
Dieser feindselige Impuls gegen eme gehebte *»"£ 
welcher der Verdrängung unterliegt. Der Effekt st n e ner 
ersten Phase der Verdrängungsarbeit ein ganz anderer als spater. 
Zunächst hat diese vollen Erfolg, der Vorstellungsmhah wvr ab- 
gewiesen und der Affekt zum Verschw.nden gebracht. Als H.r 
SIbildung ffndet sich eine Ichveränderung, die Steigerung der 
Gewissenhaftigkeit, die man nicht gut ein Symptom h^Ben ^ 
Ersatz- und Symptombildung fallen hier auseinander. Hier erfahrt 


















g Metapsychologie 






man auch etwas über den Mechanismus der Verdrängung. Diese 
hat wie überall eine Libidoentziehung zu stände gebracht, aber 
sich zu diesem Zwecke der Reaktionsbildung durch Ver- 
stärkung eines Gegensatzes bedient. Die Ersatzbildung hat also 
hier denselben Mechanismus wie die Verdrängung und fällt im 
Grunde mit ihr zusammen, sie trennt sich aber zeitlich, wie be- 
grifflich, von der Symptombildung. Es ist sehr wahrscheinlich, 
daß das Ambivalenzverhältnis, in welches der zu verdrängende 
sadistische Impuls eingetragen ist, den ganzen Vorgang ermöglicht. 
Die anfänglich gute Verdrängung hält aber nicht Stand, im 
weiteren Verlaufe drängt sich das Mißglücken der Verdrängung 
immer mehr vor. Die Ambivalenz, welche die Verdrängung 
durch Reaktionsbildung gestattet hat, ist auch die Stelle, an 
welcher dem Verdrängten die Wiederkehr gelingt. Der ver- 
schwundene Affekt kommt in der Verwandlung zur sozialen 
Angst, Gewissensangst, Vorwurf ohne Ersparnis wieder; die ab- 
gewiesene Vorstellung ersetzt sich durch Verschiebungsersatz, 
oft durch Verschiebung auf Kleinstes, Indifferentes. Eine Tendenz 
zur intakten Herstellung der verdrängten Vorstellung ist meist 
unverkennbar. Das Mißglücken in der Verdrängung des quanti- 
tativen, affektiven Faktors bringt denselben Mechanismus der 
Flucht durch Vermeidungen und Verbote ins Spiel, den wir bei 
der Bildung der hysterischen Phobie kennen gelernt haben. Die 
Abweisung der Vorstellung vom Bewußten wird aber hartnäckig 
festgehalten, weil mit ihr die Abhaltung von der Aktion, die 
motorische Fesselung des Impulses, gegeben ist. So lauft die 
Verdrängungsarbeit der Zwangsneurose in ein erfolgloses und unab- 

schließbares Ringen aus. 

Aus der kleinen, hier vorgebrachten Vergleichsreihe kann man 
sich die Überzeugung holen, daß es noch umfassender Unter- 
suchungen bedarf, ehe man hoffen kann, die mit der Verdrän- 
gung und neurotischen Symptombildung zusammenhängenden Vor- 
gänge zu durchschauen. Die außerordentliche Verschlungenheit 



Die Verdrängung 47" 



aller in Betracht kommenden Momente läßt uns nur einen 
Weg zur Darstellung frei. Wir müssen bald den einen, bald den 
anderen Gesichtspunkt herausgreifen und ihn durch das Material 
hindurchverfolgen, solange seine Anwendung etwas zu leisten 
scheint. Jede einzelne dieser Bearbeitungen wird an sich unvoll- 
ständig sein und dort Unklarheiten nicht vermeiden können, wo 
sie an das noch nicht Bearbeitete anrührt, wir dürfen aber 
hoffen, daß sich aus der endlichen Zusammensetzung em gutes 
Verständnis ergeben wird. 






DAS UNBEWUSSTE 

Wir haben aus der Psychoanalyse erfahren, das Wesen des 
Prozesses der Verdrängung bestehe nicht darin, eine den Trieb 
repräsentierende Vorstellung aufzuheben, zu vernichten, sondern 
sie vom Bewußtwerden abzuhalten. Wir sagen dann, sie befinde 
sich im Zustande des „Unbewußten", und haben gute Beweise 
dafür vorzubringen, daß sie auch unbewußt Wirkungen äußern 
kann, auch solche, die endlich das Bewußtsein erreichen. Alles 
Verdrängte muß unbewußt bleiben, aber wir wollen gleich ein- 
gangs feststellen, daß das Verdrängte nicht alles Unbewußte 
deckt. Das Unbewußte hat den weiteren Umfang; das Verdrängte 
ist ein Teil des Unbewußten. 

Wie sollen wir zur Kenntnis des Unbewußten kommen? Wir 
kennen es natürlich nur als Bewußtes, nachdem es eine Um- 
setzung oder Übersetzung in Bewußtes erfahren hat. Die psycho- 
analytische Arbeit läßt uns alltäglich die Erfahrung machen, daß 
solche Übersetzung möglich ist. Es wird hiezu erfordert, daß der 
Analysierte gewisse Widerstände überwinde, die nämlichen, welche 
es seinerzeit durch Abweisung vom Bewußten zu einem Ver- 
drängten gemacht haben. 

/ 

Die Rechtfertigung des Unbewußten 

Die Berechtigung, ein unbewußtes Seelisches anzunehmen und 

mit dieser Annahme wissenschaftlich zu arbeiten, wird uns von 

vielen Seiten bestritten. Wir können dagegen anführen, daß die 

Annahme des Unbewußten notwendig und legitim ist, und 



Das Unbewußte 481 



daß wir für die Existenz des Unbewußten mehrfache Beweise 
besitzen. Sie ist notwendig, weil die Daten des Bewußtseins in 
hohem Grade lückenhaft sind ; sowohl bei Gesunden als bei 
Kranken kommen häufig psychische Akte vor, welche zu ihrer 
Erklärung andere Akte voraussetzen, für die aber das Bewußt- 
sein nicht zeugt. Solche Akte sind nicht nur die Fehlhandlungen 
und die Träume bei Gesunden, alles, was man psychische Sym- 
ptome und Zwangserscheinungen heißt, bei Kranken — unsere 
persönlichste tägliche Erfahrung macht uns mit Einfällen bekannt, 
deren Herkunft wir nicht kennen, und mit Denkresultaten, deren 
Ausarbeitung uns verborgen geblieben ist. Alle diese bewußten 
Akte blieben zusammenhanglos und unverständlich, wenn wir 
den Anspruch festhalten wollen, daß wir auch alles durchs Be- 
wußtsein erfahren müssen, was an seelischen Akten in uns vor- 
geht, und ordnen sich in einen aufzeigbaren Zusammenhang 
ein, wenn wir die erschlossenen unbewußten Akte interpolieren. 
Gewinn an Sinn und Zusammenhang ist aber ein vollberechtigtes 
Motiv, das uns über die unmittelbare Erfahrung hinaus führen 
darf. 'Zeigt es sich dann noch, daß wir auf die Annahme des 
Unbewußten ein erfolgreiches Handeln aufbauen können, durch 
welches wir den Ablauf der bewußten Vorgänge zweckdienlich 
beeinflussen, so haben wir in diesem Erfolg einen unanfecht- 
baren Beweis für die Existenz des Angenommenen gewonnen. 
Man muß sich dann auf den Standpunkt stellen, es sei nichts 
anderes als eine unhaltbare Anmaßung, zu fordern, daß alles, 
was im Seelischen vorgeht, auch dem Bewußtsein bekannt werden 

müsse. 

Man kann weiter gehen und zur Unterstützung eines unbe- 
wußten psychischen Zustandes anführen, daß das Bewußtsein in 
jedem Moment nur einen geringen Inhalt umfaßt, so daß der 
größte Teil dessen, was wir bewußte Kenntnis heißen, sich ohne- 
dies über die längsten Zeiten im Zustande der Latenz, also in 
einem Zustande von psychischer Unbewußtheit, befinden muß. 

Freud. V. 51 



48a Metapsychologie 



Der Widerspruch gegen das Unbewußte würde mit Rücksicht 
auf alle unsere latenten Erinnerungen völlig unbegreiflich werden. 
Wir stoßen dann auf den Einwand, daß diese latenten Erinne- 
rungen nicht mehr als psychisch zu bezeichnen seien, sondern 
den Resten von somatischen Vorgängen entsprechen, aus denen 
das Psychische wieder hervorgehen kann. Es liegt nahe zu er- 
widern, die latente Erinnerung sei im Gegenteil ein unzweifel- 
hafter Rückstand eines psychischen Vorganges. Wichtiger ist es 
aber sich klarzumachen, daß der Einwand auf der nicht ausge- 
sprochenen, aber von vornherein fixierten Gleichstellung des Be- 
wußten mit dem Seelischen ruht. Diese Gleichstellung ist ent- 
weder eine petitio principii, welche die Frage, ob alles Psychische 
auch bewußt sein müsse, nicht zuläßt, oder eine Sache der Kon- 
vention, der Nomenklatur. In letzterem Charakter ist sie natür- 
lich wie jede Konvention unwiderlegbar. Es bleibt nur die Frage 
offen, ob sie sich als so zweckmäßig erweist, daß man sich ihr 
anschließen muß. Man darf antworten, die konventionelle Gleich- 
stellung des Psychischen mit dem Bewußten ist durchaus un- 
zweckmäßig. Sie zerreißt die psychischen Kontinuitäten, stürzt 
uns in die unlösbaren Schwierigkeiten des psychophysischen 
Parallelismus, unterliegt dem Vorwurf, daß sie ohne einsichtliche 
Begründung die Rolle des Bewußtseins überschätzt, und nötigt 
uns, das Gebiet der psychologischen Forschung vorzeitig zu ver- 
lassen, ohne uns von anderen Gebieten her Entschädigung bringen 
zu können. 

Immerhin ist es klar, daß die Frage, ob man die unabweis- 
baren latenten Zustände des Seelenlebens als unbewußte seelische 
oder als physische auffassen soll, auf einen Wortstreit hinauszu- 
laufen droht. Es ist darum ratsam, das in den Vordergrund zu 
rücken, was uns von der Natur dieser fraglichen Zustände mit 
Sicherheit bekannt ist. Nun sind sie uns nach ihren physischen 
Charakteren vollkommen unzugänglich; keine physiologische Vor- 
stellung, kein chemischer Prozeß kann uns eine Ahnung von 



Das Unbewußte 483 



ihrem Wesen vermitteln. Auf der anderen Seite steht fest, daß 
sie mit den bewußten seelischen Vorgängen die ausgiebigste Be- 
rührung haben; sie lassen sich mit einer gewissen Arbeitsleistung 
in sie umsetzen, durch sie ersetzen, und sie können mit all den 
Kategorien beschrieben werden, die wir auf die bewußten Seelen- 
akte anwenden, als Vorstellungen, Strebungen, Entschließungen 
u. dgl. Ja, von manchen dieser latenten Zustände müssen wir 
aussagen, sie unterscheiden sich von den bewußten eben nur 
durch den Wegfall des Bewußtseins. Wir werden also nicht 
zögern, sie als Objekte psychologischer Forschung und in innigstem 
Zusammenhang mit den bewußten seelischen Akten zu behandeln. 

Die hartnäckige Ablehnung des psychischen Charakters der 
latenten seelischen Akte erklärt sich daraus, daß die meisten der 
in Betracht kommenden Phänomene außerhalb der Psychoanalyse 
nicht Gegenstand des Studiums geworden sind. Wer die patho- 
logischen Tatsachen nicht kennt, die Fehlhandlungen der Nor- 
malen als Zufälligkeiten gelten läßt und sich bei der alten Weis- 
heit bescheidet, Träume seien Schäume, der braucht dann nur 
noch einige Rätsel der Bewußtseinspsychologie zu vernachlässigen, 
um sich die Annahme unbewußter seelischer Tätigkeit zu er- 
sparen. Übrigens haben die hypnotischen Experimente, besonders 
die posthypnotische Suggestion, Existenz und Wirkungsweise des 
seelisch Unbewußten bereits vor der Zeit der Psychoanalyse sinn- 
fällig demonstriert. 

Die Annahme des Unbewußten ist aber auch eine völlig 
legitime, insofern wir bei ihrer Aufstellung keinen Schritt von 
unserer gewohnten, für korrekt gehaltenen Denkweise abweichen. 
Das Bewußtsein vermittelt jedem einzelnen von uns nur die 
Kenntnis von eigenen Seelenzuständen ; daß auch ein anderer 
Mensch ein Bewußtsein hat, ist ein Schluß, der per analogiam 
auf Grund der wahrnehmbaren Äußerungen und Handlungen 
dieses anderen gezogen wird, um uns dieses Benehmen des an- 
deren verständlich zu machen. (Psychologisch richtiger ist wohl 

3'' 



484 Metapsychologie 



die Beschreibung, daß wir ohne besondere Überlegung jedem 
anderen außer uns unsere eigene Konstitution, und also auch 
unser Bewußtsein, beilegen, und daß diese Identifizierung die 
Voraussetzung unseres Verständnisses ist.) Dieser Schluß — oder 
diese Identifizierung — wurde einst vom Ich auf andere Men- 
schen, Tiere, Pflanzen, Unbelebtes und auf das Ganze der Welt 
ausgedehnt und erwies sich als brauchbar, solange die Ähnlich- 
keit mit dem Einzel-Ich eine überwältigend große war, wurde 
aber in dem Maße unverläßlicher, als sich das Andere vom Ich 
entfernte. Unsere heutige Kritik wird bereits beim Bewußtsein 
der Tiere unsicher, verweigert sich dem Bewußtsein der Pflanzen 
und weist die Annahme eines Bewußtseins des Unbelebten der 
Mystik zu. Aber auch, wo die ursprüngliche Identifizierungs- 
neigung die kritische Prüfung bestanden hat, bei dem uns 
nächsten menschlichen Anderen, ruht die Annahme eines Be- 
wußtseins auf einem Schluß und kann nicht die unmittelbare 
Sicherheit unseres eigenen Bewußtseins teilen. 

Die Psychoanalyse fordert nun nichts anderes, als daß dieses 
Schluß verfahren auch gegen die eigene Person gewendet werde, 
wozu eine konstitutionelle Neigung allerdings nicht besteht. Geht 
man so vor, so muß man sagen, alle die Akte und Äußerungen, 
die ich an mir bemerke und mit meinem sonstigen psychischen 
Leben nicht zu verknüpfen weiß, müssen beurteilt werden, als 
ob sie einer anderen Person angehörten, und sollen durch ein 
ihr zugeschriebenes Seelenleben Aufklärung finden. Die Erfahrung 
zeigt auch, daß man dieselben Akte, denen man bei der eigenen 
Person die psychische Anerkennung verweigert, bei anderen sehr 
wohl zu deuten d. h. in den seelischen Zusammenhang einzu- 
reihen versteht. Unsere Forschung wird hier offenbar durch ein 
besonderes Hindernis von der eigenen Person abgelenkt und an 
deren richtiger Erkenntnis behindert. 

Dies trotz inneren Widerstrebens gegen die eigene Person ge- 
wendete Schlußverfahren führt nun nicht zur Aufdeckung eines 



1 



Das Unbewußte 485 



Unbewußten, sondern korrekterweise zur Annahme eines anderen, 
zweiten Bewußtseins, welches mit dem mir bekannten in meiner 
Person vereinigt ist. Allein hier findet die Kritik berechtigten 
Anlaß, einiges einzuwerfen. Erstens ist ein Bewußtsein, von dem 
der eigene Träger nichts weiß, noch etwas anderes als ein 
fremdes Bewußtsein, und es wird fraglich, ob ein solches Be- 
wußtsein, dem der wichtigste Charakter abgeht, überhaupt noch 
Diskussion verdient. Wer sich gegen die Annahme eines unbe- 
wußten Psychischen gesträubt hat, der wird nicht zufrieden sein 
können, dafür ein unbewußtes Bewußtsein einzutauschen. 
Zweitens weist die Analyse darauf hin, daß die einzelnen latenten 
Seelenvorgänge, die wir erschließen, sich eines hohen Grades von 
gegenseitiger Unabhängigkeit erfreuen, so als ob sie miteinander 
nicht in Verbindung stünden und nichts voneinander wüßten. 
Wir müssen also bereit sein, nicht nur ein zweites Bewußtsein 
in uns anzunehmen, sondern auch ein drittes, viertes, vielleicht 
eine unabschließbare Reihe von Bewußtseinszuständen, die sämt- 
lich uns und miteinander unbekannt sind. Drittens kommt als 
schwerstes Argument in Betracht, daß wir durch die analytische 
Untersuchung erfahren, ein Teil dieser latenten Vorgänge besitze 
Charaktere und Eigentümlichkeiten, welche uns fremd, selbst un- 
glaublich erscheinen und den uns bekannten Eigenschaften des 
Bewußtseins direkt zuwiderlaufen. Somit werden wir Grund haben, 
den gegen die eigene Person gewendeten Schluß dahin abzu- 
ändern, er beweise uns nicht ein zweites Bewußtsein in uns, 
sondern die Existenz von psychischen Akten, welche des Bewußt- 
seins entbehren. Wir werden auch die Bezeichnung eines „Unter- 
bewußtseins" als inkorrekt und irreführend ablehnen dürfen. Die 
bekannten Fälle von „double conscie7ice" (Bewußtseinsspaltung) 
beweisen nichts gegen unsere Auffassung. Sie lassen sich am zu- 
treffendsten beschreiben als Fälle von Spaltung der seelischen Tätig- 
keiten in zwei Gruppen, wobei sich dann das nämliche Bewußt- 
sein alternierend dem einen oder dem anderen Lager zuwendet. 



486 Metapsychohgie 



Es bleibt uns in der Psychoanalyse gar nichts anderes übrig, 
als die seelischen Vorgänge für an sich unbewußt zu erklären 
und ihre Wahrnehmung durch das Bewußtsein mit der Wahr- 
nehmung der Außenwelt durch die Sinnesorgane zu vergleichen. 
Wir hoffen sogar aus diesem Vergleich einen Gewinn für unsere 
Erkenntnis zu ziehen. Die psychoanalytische Annahme der un- 
bewußten Seelentätigkeit erscheint uns einerseits als eine weitere 
Fortbildung des primitiven Animismus, der uns überall Ebenbilder 
unseres Bewußtseins vorspiegelte, und anderseits als die Fort- 
setzung der Korrektur, die Kant an unserer Auffassung der 
äußeren Wahrnehmung vorgenommen hat. Wie Kant uns ge- 
warnt hat, die subjektive Bedingtheit unserer Wahrnehmung 
nicht zu übersehen und unsere Wahrnehmung nicht für identisch 
mit dem unerkennbaren Wahrgenommenen zu halten, so mahnt 
die Psychoanalyse, die Bewußtseinswahrnehmung nicht an die 
Stelle des unbewußten psychischen Vorganges zu setzen, welcher 
ihr Objekt ist. Wie das Physische, so braucht auch das Psychische 
nicht in Wirklichkeit so zu sein, wie es uns erscheint. Wir 
werden uns aber mit Befriedigung auf die Erfahrung vorbereiten, 
daß die Korrektur der inneren Wahrnehmung nicht ebenso große 
Schwierigkeit bietet wie die der äußeren, daß das innere Objekt 
minder unerkennbar ist als die Außenwelt. 

// 
Die Vieldeutigkeit des Unbewußten und 
der topische Gesichtspunkt 

Ehe wir weitergehen, wollen wir die wichtige, aber auch be- 
schwerliche Tatsache feststellen, daß die Unbewußtheit nur ein 
Merkmal des Psychischen ist, welches für dessen Charakteristik 
keineswegs ausreicht. Es gibt psychische Akte von sehr ver- 
schiedener Dignität, die doch in dem Charakter, unbewußt zu 
sein, übereinstimmen. Das Unbewußte umfaßt einerseits Akte, 
die bloß latent, zeitweilig unbewußt sind, sich aber sonst von 



Das Unbewußte 



487 



den bewußten in nichts unterscheiden, und anderseits Vorgänge 
wie die verdrängten, die, wenn sie bewußt würden, sich von 
den übrigen bewußten aufs grellste abheben müßten. Es würde 
allen Mißverständnissen ein Ende machen, wenn wir von nun 
an bei der Beschreibung der verschiedenartigen psychischen Akte 
ganz davon absehen würden, ob sie bewußt oder unbewußt sind, 
und sie bloß nach ihrer Beziehung zu den Trieben und Zielen, 
nach ihrer Zusammensetzung und Angehörigkeit zu den einander 
übergeordneten psychischen Systemen klassifizieren und in Zu- 
sammenhang bringen würden. Dies ist aber aus verschiedenen 
Gründen undurchführbar, und somit können wir der Zweideutig- 
keit nicht entgehen, daß wir die Worte bewußt und unbewußt 
bald im deskriptiven Sinne gebrauchen, bald im systematischen, 
wo sie dann Zugehörigkeit zu bestimmten Systemen und Be- 
gabung mit gewissen Eigenschaften bedeuten. Man könnte noch 
den Versuch machen, die Verwirrung dadurch zu vermeiden, daß 
man die erkannten psychischen Systeme mit willkürlich gewählten 
Namen bezeichnet, in denen die Bewußtheit nicht gestreift wird. 
Allein man müßte vorher Rechenschaft ablegen, worauf man die 
Unterscheidung der Systeme gründet, und könnte dabei die Be- 
wußtheit nicht umgehen, da sie den Ausgangspunkt aller unserer 
Untersuchungen bildet. Wir können vielleicht einige Abhilfe von 
dem Vorschlag erwarten, wenigstens in der Schrift Bewußtsein 
durch die Darstellung Bw und Unbewußtes durch die ent- 
sprechende Abkürzung Ubw zu ersetzen, wenn wir die beiden 
Worte im systematischen Sinne gebrauchen. 

In positiver Darstellung sagen wir nun als Ergebnis der 
Psychoanalyse aus, daß ein psychischer Akt im allgemeinen zwei 
Zustandsphasen durchläuft, zwischen welche eine Art Prüfung 
(Zensur) eingeschaltet ist. In der ersten Phase ist er unbewußt 
und gehört dem System Ubw an 9 wird er bei der Prüfung von 
der Zensur abgewiesen, so ist ihm der Übergang in die zweite 
Phase versagt; er heißt dann „verdrängt" und muß unbewußt 



! I 



488 Metapsychologie 



bleiben. Besteht er aber diese Prüfung, so tritt er in die zweite 
Phase ein und wird dem zweiten System zugehörig, welches wir 
das System Bw nennen wollen. Sein Verhältnis zum Bewußtsein 
ist aber durch diese Zugehörigkeit noch nicht eindeutig bestimmt. 
Er ist noch nicht bewußt, wohl aber bewußtseinsfähig (nach 
dem Ausdruck von J. Breuer), d. h. er kann nun ohne be- 
sonderen Widerstand beim Zutreffen gewisser Bedingungen Objekt 
des Bewußtseins werden. Mit Rücksicht auf diese Bewußtseins- 
fähigkeit heißen wir das System Bw auch das „Vorbewußte". 
Sollte es sich herausstellen, daß auch das Bewußtwerden des 
Vorbewußten durch eine gewisse Zensur mitbestimmt wird, so 
werden wir die Systeme Vbw und Bw strenger voneinander 
sondern. Vorläufig genüge es festzuhalten, daß das System Vbw 
die Eigenschaften des Systems Bw teilt, und daß die strenge 
Zensur am Übergang vom Ubw zum Vbw (oder Bw) ihres 

Amtes waltet. 

Mit der Aufnahme dieser (zwei oder drei) psychischen Systeme 
hat sich die Psychoanalyse einen Schritt weiter von der deskrip- 
tiven Bewußtseinspsychologie entfernt, sich eine neue Fragestel- 
lung und einen neuen Inhalt beigelegt. Sie unterschied sich von 
der Psychologie bisher hauptsächlich durch die dynamische 
Auffassung der seelischen Vorgänge; nun kommt hinzu, daß sie 
auch die psychische Topik berücksichtigen und von einem be- 
liebigen seelischen Akt angeben will, innerhalb welchen Systems 
oder zwischen welchen Systemen er sich abspielt. Wegen dieses 
Bestrebens hat sie auch den Namen einer Tiefenpsychologie 
erhalten. Wir werden hören, daß sie auch noch um einen anderen 
Gesichtspunkt bereichert werden kann. 

Wollen wir mit einer Topik der seelischen Akte Ernst machen, 
so müssen wir unser Interesse einer an dieser Stelle auftauchen- 
den Zweifelfrage zuwenden. Wenn ein psychischer Akt (be- 
schränken wir uns hier auf einen solchen von der Natur einer 
Vorstellung) die Umsetzung aus dem System Ubw in das System 



Das Unbewußte 



489 



Bw (oder Vbw) erfährt, sollen wir annehmen, daß mit dieser 
Umsetzung eine neuerliche Fixierung, gleichsam eine zweite 
Niederschrift der betreffenden Vorstellung verbunden ist, die also 
auch in einer neuen psychischen Lokalität enthalten sein kann, 
und neben welcher die ursprüngliche unbewußte Niederschrift 
fortbesteht? Oder sollen wir eher glauben, daß die Umsetzung 
in einer Zustandsänderung besteht, welche sich an dem näm- 
lichen Material und an derselben Lokalität vollzieht? Diese Frage 
kann abstrus erscheinen, muß aber aufgeworfen werden, wenn 
wir uns von der psychischen Topik, der psychischen Tiefen- 
dimension, eine bestimmtere Idee bilden wollen. Sie ist schwierig, 
weil sie über das rein Psychologische hinausgeht und die Be- 
ziehungen des seelischen Apparates zur Anatomie streift. Wir 
wissen, daß solche Beziehungen im Gröbsten existieren. Es ist 
ein unerschütterliches Resultat der Forschung, daß die seelische 
Tätigkeit an die Funktion des Gehirns gebunden ist wie an kein 
anderes Organ. Ein Stück weiter — es ist nicht bekannt, wie 
weit _ führt die Entdeckung von der Ungleichwertigkeit der 
Gehirnteile und deren Sonderbeziehung zu bestimmten Körper- 
teilen und geistigen Tätigkeiten. Aber alle Versuche, von da aus 
eine Lokalisation der seelischen Vorgänge zu erraten, alle Be- 
mühungen, die Vorstellungen in Nervenzellen aufgespeichert zu 
denken und die Erregungen auf Nervenfasern wandern zu lassen, 
sind gründlich gescheitert. Dasselbe Schicksal würde einer Lehre 
bevorstehen, die etwa den anatomischen Ort des Systems Bw, der 
bewußten Seelentätigkeit, in der Hirnrinde erkennen und die 
unbewußten Vorgänge in die subkortikalen Hirnpartien ver- 
setzen wollte. Es klafft hier eine Lücke, deren Ausfüllung der- 
zeit nicht möglich ist, auch nicht zu den Aufgaben der Psycho- 
logie gehört. Unsere psychische Topik hat vorläufig nichts mit 
der Anatomie zu tun; sie bezieht sich auf Regionen des seeli- 
schen Apparats, wo immer sie im Körper gelegen sein mögen, 
und nicht auf anatomische Örtlichkeiten. 



4 9 o Metapsychologie 



Unsere Arbeit ist also in dieser Hinsicht frei und darf nach 
ihren eigenen Bedürfnissen vorgehen. Es wird auch förderlich 
sein, wenn wir uns daran mahnen, daß unsere Annahmen zu- 
nächst nur den Wert von Veranschaulichungen beanspruchen. 
Die erstere der beiden in Betracht gezogenen Möglichkeiten, 
nämlich daß die bw Phase der Vorstellung eine neue, an anderem 
Orte befindliche Niederschrift derselben bedeute, ist unzweifelhaft 
die gröbere, aber auch die bequemere. Die zweite Annahme, die 
einer bloß funktionellen Zustandsänderung, ist die von vorn- 
herein wahrscheinlichere, aber sie ist minder plastisch, weniger 
leicht zu handhaben. Mit der ersten, der topischen Annahme ist 
die einer topischen Trennung der Systeme Ubw und Bw und 
die Möglichkeit verknüpft, daß eine Vorstellung gleichzeitig an 
zwei Stellen des psychischen Apparats vorhanden sei, ja, daß sie, 
wenn durch die Zensur ungehemmt, regelmäßig von dem einen 
Ort an den anderen vorrücke, eventuell, ohne ihre erste Nieder- 
lassung oder Niederschrift zu verlieren. Das mag befremdlich 
aussehen, kann sich aber an Eindrücke aus der psychoanalytischen 

Praxis anlehnen. 

Wenn man einem Patienten eine seinerzeit von ihm ver- 
drängte Vorstellung, die man erraten hat, mitteilt, so ändert dies 
zunächst an seinem psychischen Zustand nichts. Es hebt vor 
allem nicht die Verdrängung auf, macht deren Folgen nicht 
rückgängig, wie man vielleicht erwarten konnte, weil die früher 
unbewußte Vorstellung nun bewußt geworden ist. Man wird im 
Gegenteil zunächst nur eine neuerliche Ablehnung der ver- 
drängten Vorstellung erzielen. Der Patient hat aber jetzt tat- 
sächlich dieselbe Vorstellung in zweifacher Form an verschiedenen 
Stellen seines seelischen Apparats, erstens hat er die bewußte 
Erinnerung an die Gehörspur der Vorstellung durch die Mit- 
teilung, zweitens trägt er daneben, wie wir mit Sicherheit wissen, 
die unbewußte Erinnerung an das Erlebte in der früheren Form 
in sich. In Wirklichkeit tritt nun eine Aufhebung der Verdrän- 



Das Unbewußte 49 1 



gung nicht eher ein, als bis die bewußte Vorstellung sich nach 
Überwindung der Widerstände mit der unbewußten Erinnerungs- 
spur in Verbindung gesetzt hat. Erst durch das Bewußtmachen 
dieser letzteren selbst wird der Erfolg erreicht. Damit schiene ja 
für oberflächliche Erwägung erwiesen, daß bewußte und unbe- 
wußte Vorstellungen verschiedene und topisch gesonderte Nieder- 
schriften des nämlichen Inhaltes sind. Aber die nächste Über- 
legung zeigt, daß die Identität der Mitteilung mit der ver- 
drängten Erinnerung des Patienten nur eine scheinbare ist. Das 
Gehörthaben und das Erlebthaben sind zwei nach ihrer psycho- 
logischen Natur ganz verschiedene Dinge, auch wenn sie den 
nämlichen Inhalt haben. 

Wir sind also zunächst nicht imstande, zwischen den beiden 
erörterten Möglichkeiten zu entscheiden. Vielleicht treffen wir 
späterhin auf Momente, welche für eine von beiden den Aus- 
schlag geben können. Vielleicht steht uns die Entdeckung bevor, 
daß unsere Fragestellung unzureichend war, und daß die Unter- 
scheidung der unbewußten Vorstellung von der bewußten noch 
ganz anders zu bestimmen ist. 

/// 
Unbewußte Gefühle 

Wir haben die vorstehende Diskussion auf Vorstellungen ein- 
geschränkt und können nun eine neue Frage aufwerfen, deren 
Beantwortung zur Klärung unserer theoretischen Ansichten bei- 
tragen muß. Wir sagten, es gäbe bewußte und unbewußte Vor- 
stellungen 3 gibt es aber auch unbewußte Triebregungen, Gefühle, 
Empfindungen, oder ist es diesmal sinnlos, solche Zusammen- 
setzungen zu bilden? 

Ich meine wirklich, der Gegensatz von Bewußt und Unbewußt 
hat auf den Trieb keine Anwendung. Ein Trieb kann nie Ob- 
jekt des Bewußtseins werden, nur die Vorstellung, die ihn re- 
präsentiert. Er kann aber auch im Unbewußten nicht anders als 






492 Metapsychologie 



durch die Vorstellung repräsentiert sein. Würde der Trieb sich 
nicht an eine Vorstellung heften oder nicht als ein Affektzustand 
zum Vorschein kommen, so könnten wir nichts von ihm wissen. 
Wenn wir aber doch von einer unbewußten Triebregung oder 
einer verdrängten Triebregung reden, so ist dies eine harmlose 
Nachlässigkeit des Ausdrucks. Wir können nichts anderes meinen 
als eine Triebregung, deren Vorstellungsrepräsentanz unbewußt 
ist, denn etwas anderes kommt nicht in Betracht. 

Man sollte meinen, die Antwort auf die Frage nach den un- 
bewußten Empfindungen, Gefühlen, Affekten sei ebenso leicht zu 
geben. Zum Wesen eines Gefühls gehört es doch, daß es ver- 
spürt, also dem Bewußtsein bekannt wird. Die Möglichkeit einer 
Unbewußtheit würde also für Gefühle, Empfindungen, Affekte 
völlig entfallen. Wir sind aber in der psychoanalytischen Praxis 
gewöhnt, von unbewußter Liebe, Haß, Wut usw. zu sprechen 
und finden selbst die befremdliche Vereinigung „unbewußtes 
Schuldbewußtsein" oder eine paradoxe „unbewußte Angst" un- 
vermeidlich. Geht dieser Sprachgebrauch an Bedeutung über den 
im Falle des „unbewußten Triebes" hinaus? 

Der Sachverhalt ist hier wirklich ein anderer. Es kann zu- 
nächst vorkommen, daß eine Affekt- oder Gefühlsregung wahr- 
genommen, aber verkannt wird. Sie ist durch die Verdrängung 
ihrer eigentlichen Repräsentanz zur Verknüpfung mit einer an- 
deren Vorstellung genötigt worden und wird nun vom Bewußt- 
sein für die Äußerung dieser letzteren gehalten. Wenn wir den 
richtigen Zusammenhang wieder herstellen, heißen wir die ur- 
sprüngliche Affektregung eine „unbewußte", obwohl ihr Affekt nie- 
mals unbewußt war, nur ihre Vorstellung der Verdrängung erlegen 
ist. Der Gebrauch der Ausdrücke „unbewußter Affekt und unbe- 
wußtes Gefühl" weist überhaupt auf die Schicksale des quantitativen 
Faktors der Triebregung infolge der Verdrängung zurück (siehe 
die Abhandlung über Verdrängung). Wir wissen, daß dies Schick- 
sal ein dreifaches sein kann; der Affekt bleibt entweder — ganz 



Das Unbewußte 493 



oder teilweise — als solcher bestehen, oder er erfährt eine Ver- 
wandlung in einen qualitativ anderen Affektbetrag, vor allem in 
Angst, oder er wird unterdrückt, d. h. seine Entwicklung über- 
haupt verhindert. (Diese Möglichkeiten sind an der Traumarbeit 
vielleicht noch leichter zu studieren als bei den Neurosen.) Wir 
wissen auch, daß die Unterdrückung der Affektentwicklung das 
eigentliche Ziel der Verdrängung ist, und daß deren Arbeit un- 
abgeschlossen bleibt, wenn das Ziel nicht erreicht wird. In allen 
Fällen, wo der Verdrängung die Hemmung der Affektentwick- 
lung gelingt, heißen wir die Affekte, die wir im Redressement 
der Verdrängungsarbeit wieder einsetzen, „unbewußte". Dem 
Sprachgebrauch ist also die Konsequenz nicht abzustreiten; es 
besteht aber im Vergleiche mit der unbewußten Vorstellung der 
bedeutsame Unterschied, daß die unbewußte Vorstellung nach 
der Verdrängung als reale Bildung im System Ubw bestehen 
bleibt, während dem unbewußten Affekt ebendort nur eine An- 
satzm'öglichkeit, die nicht zur Entfaltung kommen durfte, ent- 
spricht. Streng genommen und obwohl der Sprachgebrauch tadel- 
los bleibt, gibt es also keine unbewußten Affekte, wie es unbe- 
wußte Vorstellungen gibt. Es kann aber sehr wohl im System 
Ubw Affektbildungen geben, die wie andere bewußt werden. Der 
ganze Unterschied rührt daher, daß Vorstellungen Besetzungen 
— im Grunde von Erinnerungsspuren — sind, während die 
Affekte und Gefühle Abfuhrvorgängen entsprechen, deren letzte 
Äußerungen als Empfindungen wahrgenommen werden. Im 
gegenwärtigen Zustand unserer Kenntnis von den Affekten und 
Gefühlen können wir diesen Unterschied nicht klarer ausdrücken. 
Die Feststellung, daß es der Verdrängung gelingen kann, die 
Umsetzung der Triebregung in Affektäußerung zu hemmen, ist 
für uns von besonderem Interesse. Sie zeigt uns, daß das System 
Bw normalerweise die Affektivität wie den Zugang zur Motilität 
beherrscht, und hebt den Wert der Verdrängung, indem sie als 
deren Folgen nicht nur die Abhaltung vom Bewußtsein, sondern 



4Ö4 Metapsychologie 



auch von der Affektentwicklung und von der Motivierung der 
Muskeltätigkeit aufzeigt. Wir können auch in umgekehrter Dar- 
stellung sagen: Solange das System Bw Affektivität und Motili- 
tät beherrscht, heißen wir den psychischen Zustand des Individuums 
normal. Indes ist ein Unterschied in der Beziehung des herrschenden 
Systems zu den beiden einander nahe stehenden Abfuhraktionen 
unverkennbar. 1 Während die Herrschaft des Bw über die will- 
kürliche Motilität fest gegründet ist, dem Ansturm der Neurose 
regelmäßig widersteht und erst in der Psychose zusammenbricht, 
ist die Beherrschung der Affektentwicklung durch Bw minder 
gefestigt. Noch innerhalb des normalen Lebens läßt sich ein be- 
ständiges Ringen der beiden Systeme Bw und Ubw um den 
Primat in der Affektivität erkennen, grenzen sich gewisse Ein- 
flußsphären voneinander ab und stellen sich Vermengungen der 
wirksamen Kräfte her. 

Die Bedeutung des Systems Bw (Vbw) für die Zugänge zur 
Affektentbindung und Aktion macht uns auch die Rolle ver- 
ständlich, welche in der Krankheitsgestaltung der Ersatzvorstellung 
zufällt. Es ist möglich, daß die Affektentwicklung direkt vom 
System Ubw ausgeht, in diesem Falle hat sie immer den Charakter 
der Angst, gegen welche alle „verdrängten" Affekte eingetauscht 
werden. Häufig aber muß die Triebregung warten, bis sie eine 
Ersatzvorstellung im System Bw gefunden hat. Dann ist die 
Affektentwicklung von diesem bewußten Ersatz her ermöglicht 
und der qualitative Charakter des Affekts durch dessen Natur 
bestimmt. Wir haben behauptet, daß bei der Verdrängung eine 
Trennung des Affekts von seiner Vorstellung stattfindet, worauf 
beide ihren gesonderten Schicksalen entgegengehen. Das ist des- 
kriptiv unbestreitbar; der wirkliche Vorgang aber ist in der Regel, 



1) Die Affektivität äußert sich wesentlich in motorischer (sekretorischer, gefäß- 
regulierender) Abfuhr zur (inneren) Veränderung des eigenen Körpers ohne Be- 
ziehung zur Außenwelt, die Motilität in Aktionen, die zur Veränderung der Außen- 
welt bestimmt sind. 



Das Unbewußte 495 



daß ein Affekt so lange nicht zu stände kommt, bis nicht der 
Durchbruch zu einer neuen Vertretung im System Bw gelungen ist. 

IV 
Topik und Dynamik der Verdrängung 

Wir haben das Resultat erhalten, daß die Verdrängung im 
wesentlichen ein Vorgang ist, der sich an Vorstellungen an der 
Grenze der Systeme Ubw und Vbw (Bw) vollzieht, und können 
nun einen neuerlichen Versuch machen, diesen Vorgang eingehender 
zu beschreiben. Es muß sich dabei um eine Entziehung von 
Besetzung handeln, aber es fragt sich, in welchem System findet 
die Entziehung statt, und welchem System gehört die entzogene 

Besetzung an. 

Die verdrängte Vorstellung bleibt im Ubw aktionsfähig; sie 
muß also ihre Besetzung behalten haben. Das Entzogene muß 
etwas anderes sein. Nehmen wir den Fall der eigentlichen Ver- 
drängung vor (des Nachdrängens), wie sie sich an der vorbe- 
wußten oder selbst bereits bewußten Vorstellung abspielt, dann 
kann die Verdrängung nur darin bestehen, daß der Vorstellung 
die (vor)bewußte Besetzung entzogen wird, die dem System Vbw 
angehört. Die Vorstellung bleibt dann unbesetzt oder sie erhält 
Besetzung vom Ubw her, oder sie behält die ubw Besetzung, 
die sie schon früher hatte. Also Entziehung der vorbewußten, 
Erhaltung der unbewußten Besetzung oder Ersatz der vorbe- 
wußten Besetzung durch eine unbewußte. Wir bemerken übrigens, 
daß wir dieser Betrachtung wie unabsichtlich die Annahme zu 
Grunde gelegt haben, der Übergang aus dem System Ubw in 
ein nächstes geschehe nicht durch eine neue Niederschrift, 
sondern durch eine Zustandsänderung, einen Wandel in der Be- 
setzung. Die funktionale Annahme hat hier die topische mit 
leichter Mühe aus dem Felde geschlagen. 

Dieser Vorgang der Libidoentziehung reicht aber nicht aus, 
um einen anderen Charakter der Verdrängung begreiflich zu 



49 6 Metapsychologie 



machen. Es ist nicht einzusehen, warum die besetzt gebliebene 
oder vom Ubw her mit Besetzung versehene Vorstellung nicht 
den Versuch erneuern sollte, kraft ihrer Besetzung in das System 
Vbw einzudringen. Dann müßte sich die Libidoentziehung an 
ihr wiederholen, und dasselbe Spiel würde sich unabgeschlossen 
fortsetzen, das Ergebnis aber nicht das der Verdrängung sein. 
Ebenso würde der besprochene Mechanismus der Entziehung 
vorbewußter Besetzung versagen, wenn es sich um die Darstellung 
der Urverdrängung handelt ; in diesem Falle liegt ja eine unbe- 
wußte Vorstellung vor, die noch keine Besetzung vom Vbw er- 
halten hat, der eine solche also auch nicht entzogen werden kann. 

Wir bedürfen also hier eines anderen Vorganges, welcher im 
ersten Falle die Verdrängung unterhält, im zweiten ihre Her- 
stellung und Fortdauer besorgt, und können diesen nur in der 
Annahme einer Gegenbesetzung finden, durch welche sich das 
System Vbw gegen das Andrängen der unbewußten Vorstellung 
schützt. Wie sich eine solche Gegenbesetzung, die im System Vbw 
vor sich geht, äußert, werden wir an klinischen Beispielen sehen. 
Sie ist es, welche den Daueraufwand einer Urverdrängung 
repräsentiert, aber auch deren Dauerhaftigkeit verbürgt. Die 
Gegenbesetzung ist der alleinige Mechanismus der Urverdrängung; 
bei der eigentlichen Verdrängung (dem Nachdrängen) kommt 
die Entziehung der vbw Besetzung hinzu. Es ist sehr wohl 
möglich, daß gerade die der Vorstellung entzogene Besetzung zur 
Gegenbesetzung verwendet wird. 

Wir merken, wie wir allmählich dazu gekommen sind, in der 
Darstellung psychischer Phänomene einen dritten Gesichtspunkt 
zur Geltung zu bringen, außer dem dynamischen und dem 
topischen den ökonomischen, der die Schicksale der Erregungs- 
größen zu verfolgen und eine wenigstens relative Schätzung 
derselben zu gewinnen strebt. Wir werden es nicht unbillig 
finden, die Betrachtungsweise, welche die Vollendung der psycho- 
analytischen Forschung ist, durch einen besonderen Namen aus- 



Das Unbewußte aqj 



zuzeichnen. Ich schlage vor, daß es eine metapsychologische 
Darstellung genannt werden soll, wenn es uns gelingt, einen 
psychischen Vorgang nach seinen dynamischen, topischen und 
ökonomischen Beziehungen zu beschreiben. Es ist vorherzu- 
sagen, daß es uns bei dem gegenwärtigen Stand unserer Ein- 
sichten nur an vereinzelten Stellen gelingen wird. 

Machen wir einen zaghaften Versuch, eine metapsychologische 
Beschreibung des Verdrängungsvorganges bei den drei bekannten 
Übertragungsneurosen zu geben. Wir dürfen dabei „Besetzung" 
durch „Libido" ersetzen, weil es sich ja, wie wir wissen, um 
die Schicksale von Sexualtrieben handelt. 

Eine erste Phase des Vorganges bei der Angsthysterie wird 
häufig übersehen, vielleicht auch wirklich übergangen, ist aber 
bei sorgfältiger Beobachtung gut kenntlich. Sie besteht darin, 
daß Angst auftritt, ohne daß wahrgenommen würde, wovor. Es 
ist anzunehmen, daß im Ubw eine Liebesregung vorhanden war, 
die nach der Umsetzung ins System Vbw verlangte; aber die 
von diesem System her ihr zugewendete Besetzung zog sich 
nach Art eines Fluchtversuches von ihr zurück, und die unbe- 
wußte Libidobesetzung der zurückgewiesenen Vorstellung wurde 
»als Angst abgeführt. Bei einer etwaigen Wiederholung des Vor- 
ganges wurde ein erster Schritt zur Bewältigung der unliebsamen 
Angstentwicklung unternommen. Die fliehende Besetzung wendete 
sich einer Ersatzvorstellung zu, die einerseits assoziativ mit der 
abgewiesenen Vorstellung zusammenhing, anderseits durch die 
Entfernung von ihr der Verdrängung entzogen war (Verschiebungs- 
ersatz) und eine Bationalisierung der noch unhemmbaren Angst- 
entwicklung gestattete. Die Ersatzvorstellung spielt nun für das 
System Bw (Vbw) die Rolle einer Gegenbesetzung, indem sie 
es gegen das Auftauchen der verdrängten Vorstellung im Bw 
versichert, anderseits ist sie die Ausgangsstelle der nun erst recht 
unhemmbaren Angstaffektentbindung oder benimmt sich als solche. 
Die klinische Beobachtung zeigt, daß z. B. das an der Tierphobie 

Freud, V. *fi 









^ 



49 8 Metapsychohgie 



leidende Kind nun unter zweierlei Bedingungen Angst verspürt, 
erstens wenn die verdrängte Liebesregung eine Verstärkung er- 
fährt, und zweitens wenn das Angsttier wahrgenommen wird. 
Die Ersatzvorstellung benimmt sich in dem einen Falle wie die 
Stelle einer Überleitung aus dem System Ubw in das System Bw, 
im anderen wie eine selbständige Quelle der Angstentbindung. 
Die Ausdehnung der Herrschaft des Systems Bw pflegt sich 
darin zu äußern, daß die erste Erregungs weise der Ersatzvor- 
stellung gegen die zweite immer mehr zurücktritt. Vielleicht 
benimmt sich am Ende das Kind so, als hätte es gar keine 
Neigung zu dem Vater, wäre ganz von ihm freigeworden, und 
als hätte es wirklich Angst vor dem Tier. Nur daß diese Tier- 
angst, aus der unbewußten Triebquelle gespeist, sich widerspenstig 
und übergroß gegen alle Beeinflussungen aus dem System Bw 
erweist und dadurch ihre Herkunft aus dem System Ubw verrät. 
Die Gegenbesetzung aus dem System Bw hat also in der 
zweiten Phase der Angsthysterie zur Ersatzbildung geführt. Der- 
selbe Mechanismus findet bald eine neuerliche Anwendung. Der 
Verdrängungsvorgang ist, wie wir wissen, noch nicht abgeschlossen 
und findet ein weiteres Ziel in der Aufgabe, die vom Ersatz 
ausgehende Angstentwicklung zu hemmen. Dies geschieht in der 
Weise, daß die gesamte assoziierte Umgebung der Ersatzvorstel- 
lung mit besonderer Intensität besetzt wird, so daß sie eine hohe 
Empfindlichkeit gegen Erregung bezeigen kann. Eine Erregung 
irgend einer Stelle dieses Vorbaues muß zufolge der Verknüpfung 
mit der Ersatzvorstellung den Anstoß zu einer geringen Angst- 
entwicklung geben, welche nun als Signal benützt wird, um 
durch neuerliche Flucht der Besetzung den weiteren Fortgang 
der Angstentwicklung zu hemmen. Je weiter weg vom gefürch- 
teten Ersatz die empfindlichen und wachsamen Gegenbesetzungen 
angebracht sind, desto präziser kann der Mechanismus funktio- 
nieren, der die Ersatzvorstellung isolieren und neue Erregungen 
von ihr abhalten soll. Diese Vorsichten schützen natürlich nur 



Das Unbewußte 



4 99 



gegen Erregungen, die von außen, durch die Wahrnehmung an 
die Ersatzvorstellung herantreten, aber niemals gegen die Trieb- 
erregung, die von der Verbindung mit der verdrängten Vor- 
stellung her die Ersatzvorstellung trifft. Sie beginnen also erst zu 
wirken, wenn der Ersatz die Vertretung des Verdrängten gut 
übernommen hat, und können niemals ganz verläßlich wirken. 
Bei jedem Ansteigen der Trieberregung muß der schützende 
Wall um die Ersatzvorstellung um ein Stück weiter hinaus ver- 
legt werden. Die ganze Konstruktion, die in analoger Weise bei 
den anderen Neurosen hergestellt wird, trägt den Namen einer 
Phobie. Der Ausdruck der Flucht vor bewußter Besetzung der 
Ersatzvorstellung sind die Vermeidungen, Verzichte und Verbote, 
an denen man die Angsthysterie erkennt. Überschaut man den 
ganzen Vorgang, so kann man sagen, die dritte Phase hat die 
Arbeit der zweiten in größerem Ausmaß wiederholt. Das System 
Bw schützt sich jetzt gegen die Aktivierung der Ersatzvorstellung 
durch die Gegenbesetzung der Umgebung, wie es sich vorhin 
durch die Besetzung der Ersatzvorstellung gegen das Auftauchen 
der verdrängten Vorstellung gesichert hatte. Die Ersatzbildung 
durch Verschiebung hat sich in solcher Weise fortgesetzt. Man 
muß auch hinzufügen, daß das System Bw früher nur eine 
kleine Stelle besaß, die eine Einbruchspforte der verdrängten 
Triebregung war, die Ersatzvorstellung nämlich, daß aber am 
Ende der ganze phobische Vorbau einer solchen Enklave des un- 
bewußten Einflusses entspricht. Man kann ferner den interes- 
santen Gesichtspunkt hervorheben, daß durch den ganzen ins 
Werk gesetzten Abwehrmechanismus eine Projektion der Trieb- 
gefahr nach außen erreicht worden ist. Das Ich benimmt sich 
so, als ob ihm die Gefahr der Angstentwicklung nicht von einer 
Triebregung, sondern von einer Wahrnehmung her drohte, und 
darf darum gegen diese äußere Gefahr mit den Fluchtversuchen 
der phobischen Vermeidungen reagieren. Eines gelingt bei diesem 
Vorgang der Verdrängung: die Entbindung von Angst läßt sich 

52* 



goo Metapsychohgie 



einigermaßen eindämmen, aber nur unter schweren Opfern an 
persönlicher Freiheit. Fluchtversuche vor Triebansprüchen sind 
aber im allgemeinen nutzlos, und das Ergebnis der phobischen 
Flucht bleibt doch unbefriedigend. 

Von den Verhältnissen, die wir bei der Angsthysterie erkannt 
haben, gilt ein großer Anteil auch für die beiden anderen Neu- 
rosen, so daß wir die Erörterung auf die Unterschiede und die 
Rolle der Gegenbesetzung beschränken können. Bei der Kon- 
version shysterie wird die Triebbesetzung der verdrängten Vor- 
stellung in die Innervation des Symptoms umgesetzt. Inwieweit 
und unter welchen Umständen die unbewußte Vorstellung durch 
diese Abfuhr zur Innervation drainiert ist, so daß sie ihr Andrängen 
gegen das System Bw aufgeben kann, diese und ähnliche Fragen 
bleiben besser einer speziellen Untersuchung der Hysterie vorbe- 
halten. Die Rolle der Gegenbesetzung, die vom System Bw (Vbw) 
ausgeht, ist bei der Konversionshysterie deutlich und kommt 
in der Symptombildung zum Vorschein. Die Gegenbesetzung ist 
es, welche die Auswahl trifft, auf welches Stück der Triebreprä- 
sentanz die ganze Besetzung derselben konzentriert werden darf. 
Dies zum Symptom erlesene Stück erfüllt die Bedingung, daß es 
dem Wunschziel der Triebregung ebensosehr Ausdruck gibt wie 
dem Abwehr- oder Strafbestreben des Systems Bw, es wird also 
überbesetzt und von beiden Seiten her gehalten wie die Ersatzvor- 
stellung der Angsthysterie. Wir können aus diesem Verhältnis 
ohne weiteres den Schluß ziehen, daß der Verdrängungsauf- 
wand des Systems Bw nicht so groß zu sein braucht wie die 
Besetzungsenergie des Symptoms, denn die Stärke der Ver- 
drängung wird durch die aufgewendete Gegenbesetzung gemessen, 
und das Symptom stützt sich nicht nur auf die Gegenbesetzung, 
sondern auch auf die in ihm verdichtete Triebbesetzung aus dem 
System Ubw. 

Für die Zwangsneurose hätten wir den in der vorigen Ab- 
handlung enthaltenen Bemerkungen nur hinzuzufügen, daß hier 



Das Unbewußte 



501 



die Gegenbesetzung des Systems Bw am sinnfälligsten in den 
Vordergrund tritt. Sie ist es, die als Reaktionsbildung organisiert 
die erste Verdrängung besorgt, und an welcher später der Durch- 
bruch der verdrängten Vorstellung erfolgt. Man darf der Ver- 
mutung Raum geben, daß es an dem Vorwiegen der Gegenbe- 
setzung und Ausfallen einer Abfuhr liegt, wenn das Werk der 
Verdrängung bei Angsthysterie und Zwangsneurose weit weniger 
geglückt erscheint als bei der Konversionshysterie. 

V 
Die besonderen Eigenschaften des Systems Ubw 

Eine neue Bedeutung erhält die Unterscheidung der beiden 
psychischen Systeme, wenn wir darauf aufmerksam werden, daß 
die Vorgänge des einen Systems, des Ubw, Eigenschaften zeigen, 
die sich in dem nächst höheren nicht wiederfinden. 
Der Kern des Ubw besteht aus Triebrepräsentanzen, die ihre 
Besetzung abführen wollen, also aus Wunschregungen. Diese 
Triebregungen sind einander koordiniert, bestehen unbeeinflußt 
nebeneinander, widersprechen einander nicht. Wenn zwei Wunsch- 
regungen gleichzeitig aktiviert werden, deren Ziele uns unver- 
einbar erscheinen müssen, so ziehen sich die beiden Regungen 
nicht etwa voneinander ab oder heben einander auf, sondern sie 
treten zur Bildung eines mittleren Zieles, eines Kompromisses, 
zusammen. 

Es gibt in diesem System keine Negation, keinen Zweifel, 
keine Grade von Sicherheit. All dies wird erst durch die Arbeit 
der Zensur zwischen Ubw und Vbw eingetragen. Die Negation 
ist ein Ersatz der Verdrängung von höherer Stufe. Im Ubw gibt 
es nur mehr oder weniger stark besetzte Inhalte. 

Es herrscht eine weit größere Beweglichkeit der Besetzungs- 
intensitäten. Durch den Prozeß der Verschiebung kann eine 
Vorstellung den ganzen Betrag ihrer Besetzung an eine andere 
abgeben, durch den der Verdichtung die ganze Besetzung 



502 Metapsychologie 



mehrerer anderer an sich nehmen. Ich habe vorgeschlagen, diese 
beiden Prozesse als Anzeichen des sogenannten psychischen 
Primärvorganges anzusehen. Im System Vbw herrscht der 
Sekundärvorgang; 1 wo ein solcher Primärvorgang sich an 
Elementen des Systems Vbw abspielen darf, erscheint er „komisch" 
und erregt Lachen. 

Die Vorgänge des Systems Ubw sind zeitlos, d. h. sie sind 
nicht zeitlich geordnet, werden durch die verlaufende Zeit nicht 
abgeändert, haben überhaupt keine Beziehung zur Zeit. Auch die 
Zeitbeziehung ist an die Arbeit des Üw-Systems geknüpft. 

Ebensowenig kennen die Ubw- Vorgänge eine Rücksicht auf 
die Realität. Sie sind dem Lustprinzip unterworfen; ihr Schick- 
sal hängt nur davon ab, wie stark sie sind, und ob sie die An- 
forderungen der Lust-Unlustregulierung erfüllen. 

Fassen wir zusammen: Widerspruchslosigkeit, Primär- 
vorgang (Beweglichkeit der Besetzungen), Zeitlosigkeit und 
Ersetzung der äußeren Realität durch die psychische 
sind die Charaktere, die wir an zum System Ubw gehörigen 
Vorgängen zu finden erwarten dürfen. 2 

Die unbewußten Vorgänge werden für uns nur unter den 
Bedingungen des Träumens und der Neurosen erkennbar, also 
dann, wenn Vorgänge des höheren Vbw-SysXems durch eine Er- 
niedrigung (Regression) auf eine frühere Stufe zurückversetzt 
werden. An und für sich sind sie unerkennbar, auch existenz- 
unfähig, weil das System Ubw sehr frühzeitig von dem Vbw 
überlagert wird, welches den Zugang zum Bewußtsein und zur 
Motilität an sich gerissen hat. Die Abfuhr des Systems Ubw 
geht in die Körperinnervation zur Affektentwicklung, aber auch 
dieser Entladungsweg wird ihm, wie wir gehört haben, vom 

1) Siehe die Ausführungen im VII. Abschnitt der Traumdeutung [Gesamtausgabe, 
Band 111], welche sich auf die von J. Breuer in den „Studien über Hysterie" ent- 
wickelten Ideen stützt. 

2) Die Erwähnung eines anderen bedeutsamen Vorrechtes des Ubw sparen wir 
für einen anderen Zusammenhang auf. 






Das Unbewußte 503 



Vbw streitig gemacht. Für sich allein könnte das Ubw- System 
unter normalen Verhältnissen keine zweckmäßige Muskelaktion 
zu stände bringen, mit Ausnahme jener, die als Reflexe bereits 

organisiert sind. 

Die volle Bedeutung der beschriebenen Charaktere des Systems 
Ubw könnte uns erst einleuchten, wenn wir sie den Eigen- 
schaften des Systems Vbw gegenüberstellen und an ihnen messen 
würden. Allein dies würde uns so weitab führen, daß ich vor- 
schlage, wiederum einen Aufschub gutzuheißen und die Ver- 
gleichung der beiden Systeme erst im Anschluß an die Wür- 
digung des höheren Systems vorzunehmen. Nur das Aller- 
dringendste soll schon jetzt seine Erwähnung finden. 

Die Vorgänge des Systems Vbw zeigen — und zwar gleich- 
gültig, ob sie bereits bewußt oder nur bewußtseinsfähig sind — 
eine Hemmung der Abfuhrneigung von den besetzten Vor- 
stellungen. Wenn der Vorgang von einer Vorstellung auf eine 
andere übergeht, so hält die erstere einen Teil ihrer Besetzung 
fest und nur ein kleiner Anteil erfährt die Verschiebung. Ver- 
schiebungen und Verdichtungen wie beim Primärvorgang sind 
ausgeschlossen oder sehr eingeschränkt. Dieses Verhältnis hat 
J. Breuer veranlaßt, zwei verschiedene Zustände der Besetzungs- 
energie im Seelenleben anzunehmen, einen tonisch gebundenen 
und einen frei beweglichen, der Abfuhr zustrebenden. Ich glaube, 
daß diese Unterscheidung bis jetzt unsere tiefste Einsicht in das 
Wesen der nervösen Energie darstellt, und sehe nicht, wie man 
um sie herumkommen soll. Es wäre ein dringendes Bedürfnis 
der metapsychologischen Darstellung — vielleicht aber noch ein 
allzu gewagtes Unternehmen — an dieser Stelle die Diskussion 
fortzuführen. 

Dem System Vbw fallen ferner zu die Herstellung einer Ver- 
kehrsfähigkeit unter den Vorstellungsinhalten, so daß sie einander 
beeinflussen können, die zeitliche Anordnung derselben, die Ein- 
führung der einen Zensur oder mehrerer Zensuren, die Realitäts- 



504 Metapsychologie 






Prüfung und das Realitätsprinzip. Auch das bewußte Gedächtnis 
scheint ganz am Vbw zu hängen, es ist scharf von den Erinnerungs- 
spuren zu scheiden, in denen sich die Erlebnisse des Ubw fixieren, 
und entspricht wahrscheinlich einer besonderen Niederschrift, wie 
wir sie für das Verhältnis der bewußten zur unbewußten Vor- 
stellung annehmen wollten, aber bereits verworfen haben. In 
diesem Zusammenhang werden wir auch die Mittel finden, 
unserem Schwanken in der Benennung des höheren Systems, das 
wir jetzt richtungslos bald Vbw bald Bw heißen, ein Ende zu 
machen. 

Es wird auch die Warnung am Platze sein, nicht voreilig zu 
verallgemeinern, was wir hier über die Verteilung der seelischen 
Leistungen an die beiden Systeme zu Tage gefördert haben. Wir 
beschreiben die Verhältnisse, wie sie sich beim reifen Menschen 
zeigen, bei dem das System Ubw streng genommen nur als Vor- 
stufe der höheren Organisation funktioniert. Welchen Inhalt und 
welche Beziehungen dies System während der individuellen 
Entwicklung hat, und welche Bedeutung ihm beim Tiere zu- 
kommt, das soll nicht aus unserer Beschreibung abgeleitet, 
sondern selbständig erforscht werden. Wir müssen auch beim 
Menschen darauf gefaßt sein, etwa krankhafte Bedingungen zu 
finden, unter denen die beiden Systeme Inhalt wie Charaktere 
ändern oder selbst miteinander tauschen. 

VI 

Der Verkehr der beiden Systeme 

Es wäre doch unrecht sich vorzustellen, daß das Ubw in Ruhe 
verbleibt, während die ganze psychische Arbeit vom Vbw ge- 
leistet wird, daß das Ubw etwas Abgetanes, ein rudimentäres 
Organ, ein Residuum der Entwicklung sei. Oder anzunehmen, 
daß sich der Verkehr der beiden Systeme auf den Akt der Ver- 
drängung beschränkt, indem das Vbw alles, was ihm störend er- 
scheint, in den Abgrund des Ubw wirft. Das Ubw ist vielmehr 



Das Unbewußte 505 






lebend, entwicklungsfähig und unterhält eine Anzahl von anderen 
Beziehungen zum Vbw, darunter auch die der Kooperation. Man 
muß zusammenfassend sagen, das Ubw setzt sich in die soge- 
nannten Abkömmlinge fort, es ist den Einwirkungen des Lebens 
zugänglich, beeinflußt beständig das Vbw und ist seinerseits sogar 
Beeinflussungen von Seiten des Vbw unterworfen. 

Das Studium der Abkömmlinge des Ubw wird unseren Er- 
wartungen einer schematisch reinlichen Scheidung zwischen den 
beiden psychischen Systemen eine gründliche Enttäuschung be- 
reiten. Das wird gewiß Unzufriedenheit mit unseren Ergebnissen 
erwecken und wahrscheinlich dazu benützt werden, den Wert 
unserer Art der Trennung der psychischen Vorgänge in Zweifel 
zu ziehen. Allein, wir werden geltend machen, daß wir keine 
andere Aufgabe haben, als die Ergebnisse der Beobachtung in 
Theorie umzusetzen, und die Verpflichtung von uns weisen, auf 
den ersten Anlauf eine glatte und durch Einfachheit sich em- 
pfehlende Theorie zu erreichen. Wir vertreten deren Komplika- 
tionen, solange sie sich der Beobachtung adäquat erweisen, und 
geben die Erwartung nicht auf, gerade durch sie zur endlichen 
Erkenntnis eines Sachverhaltes geleitet zu werden, der, an sich 
einfach, den Komplikationen der Realität gerecht werden kann. 

Unter den Abkömmlingen der ubw Triebregungen vom be- 
schriebenen Charakter gibt es welche, die entgegengesetzte Be- 
stimmungen in sich vereinigen. Sie sind einerseits hochorganisiert, 
widerspruchsfrei, haben allen Erwerb des Systems Bw verwertet 
und würden sich für unser Urteil von den Bildungen dieses 
Systems kaum unterscheiden. Anderseits sind sie unbewußt und 
unfähig, bewußt zu werden. Sie gehören also qualitativ zum 
System Vbw, faktisch aber zum Ubw. Ihre Herkunft bleibt das 
für ihr Schicksal Entscheidende. Man muß sie mit den Misch- 
lingen menschlicher Rassen vergleichen, die im großen und 
ganzen bereits den Weißen gleichen, ihre farbige Abkunft aber 
durch den einen oder anderen auffälligen Zug verraten und 



darum von der Gesellschaft ausgeschlossen bleiben und keines 
der Vorrechte der Weißen genießen. Solcher Art sind die 
Phantasiebildungen der Normalen wie der Neurotiker, die wir 
als Vorstufen der Traum- wie der Symptombildung erkannt 
haben, und die trotz ihrer hohen Organisation verdrängt bleiben 
und als solche nicht bewußt werden können. Sie kommen nahe 
ans Bewußtsein heran, bleiben ungestört, solange sie keine inten- 
sive Besetzung haben, werden aber zurückgeworfen, sobald sie 
eine gewisse Höhe der Besetzung überschreiten. Ebensolche höher 
organisierte Abkömmlinge des Ubw sind die Ersatzbildungen, 
denen aber der Durchbruch zum Bewußtsein dank einer günstigen 
Relation gelingt, wie z. B. durch das Zusammentreffen mit einer 
Gegenbesetzung des Vbw. 

Wenn wir an anderer Stelle die Bedingungen des Bewußt- 
werdens eingehender untersuchen, wird uns ein Teil der hier 
auftauchenden Schwierigkeiten lösbar werden. Hier mag es uns 
vorteilhaft erscheinen, der bisherigen vom Ubw her aufsteigenden 
Betrachtung eine vom Bewußtsein ausgehende gegenüberzustellen. 
Dem Bewußtsein tritt die ganze Summe der psychischen Vor- 
gänge als das Reich des Vorbewußten entgegen. Ein sehr großer 
Anteil dieses Vorbewußten stammt aus dem Unbewußten, hat 
den Charakter der Abkömmlinge desselben und unterliegt einer 
Zensur, ehe er bewußt werden kann. Ein anderer Anteil des 
Vbw ist ohne Zensur bewußtseinsfähig. Wir gelangen hier zu 
einem Widerspruch gegen eine frühere Annahme. In der Be- 
trachtung der Verdrängung wurden wir genötigt, die für das 
Bewußtwerden entscheidende Zensur zwischen die Systeme Ubw 
und Vbw zu verlegen. Jetzt wird uns eine Zensur zwischen Vbw 
und Bw nahegelegt. Wir tun aber gut daran, in dieser Kompli- 
kation keine Schwierigkeit zu erblicken, sondern anzunehmen, 
daß jedem Übergang von einem System zum nächst höheren, 
also jedem Fortschritt zu einer höheren Stufe psychischer Organi- 
sation eine neue Zensur entspreche. Die Annahme einer fort- 



Das Unbewußte 507 

laufenden Erneuerung der Niederschriften ist damit allerdings 

abgetan. 

Der Grund all dieser Schwierigkeiten ist darin zu suchen, daß 
die Bewußtheit, der einzige uns unmittelbar gegebene Charakter 
der psychischen Vorgänge, sich zur Systemunterscheidung in 
keiner Weise eignet. Abgesehen davon, daß das Bewußte nicht 
immer bewußt, sondern zeitweilig auch latent ist, hat uns die 
Beobachtung gezeigt, daß vieles, was die Eigenschaften des Systems 
Vbw teilt, nicht bewußt wird, und haben wir noch zu erfahren, 
daß das Bewußtwerden durch gewisse Richtungen seiner Auf- 
merksamkeit eingeschränkt ist. Das Bewußtsein hat so weder zu 
den Systemen noch zur Verdrängung ein einfaches Verhältnis. 
Die Wahrheit ist, daß nicht nur das psychisch Verdrängte dem 
Bewußtsein fremd bleibt, sondern auch ein Teil der unser Ich 
beherrschenden Regungen, also der stärkste funktionelle Gegen- 
satz des Verdrängten. In dem Maße, als wir uns zu einer meta- 
psychologischen Betrachtung des Seelenlebens durchringen wollen, 
müssen wir lernen, uns von der Bedeutung des Symptoms 
„Bewußtheit" zu emanzipieren. 

Solange wir noch an diesem haften, sehen wir unsere Allge- 
meinheiten regelmäßig durch Ausnahmen durchbrochen. Wir 
sehen, daß Abkömmlinge des Vbw als Ersatzbildungen und als 
Symptome bewußt werden, in der Regel nach großen Entstel- 
lungen gegen das Unbewußte, aber oft mit Erhaltung vieler 
zur Verdrängung auffordernder Charaktere. Wir finden, daß viele 
vorbewußte Bildungen unbewußt bleiben, die, sollten wir meinen, 
ihrer Natur nach sehr wohl bewußt werden dürften. Wahr- 
scheinlich macht sich bei ihnen die stärkere Anziehung des Ubw 
geltend. Wir werden darauf hingewiesen, die bedeutsamere 
Differenz nicht zwischen dem Bewußten und dem Vorbewußten, 
sondern zwischen dem Vorbewußten und dem Unbewußten zu 
suchen. Das Ubw wird an der Grenze des Vbw durch die Zensur 
zurückgewiesen, Abkömmlinge desselben können diese Zensur 



508 Metapsychologie 



umgehen, sich hoch organisieren, im Vbw bis zu einer gewissen 
Intensität der Besetzung heranwachsen, werden aber dann, wenn 
sie diese überschritten haben und sich dem Bewußtsein auf- 
drängen wollen, als Abkömmlinge des Ubw erkannt und an der 
neuen Zensurgrenze zwischen Vbw und Bw neuerlich verdrängt. 
Die erstere Zensur funktioniert so gegen das Ubw selbst, die 
letztere gegen die vbw Abkömmlinge derselben. Man könnte 
meinen, die Zensur habe sich im Laufe der individuellen Ent- 
wicklung um ein Stück vorgeschoben. 

In der psychoanalytischen Kur erbringen wir den unanfecht- 
baren Beweis für die Existenz der zweiten Zensur, der zwischen 
den Systemen Vbw und Bw. Wir fordern den Kranken auf, 
reichlich Abkömmlinge des Ubw zu bilden, verpflichten ihn dazu, 
die Einwendungen der Zensur gegen das Bewußtwerden dieser 
vorbewußten Bildungen zu überwinden, und bahnen uns durch 
die Besiegung dieser Zensur den Weg zur Aufhebung der Ver- 
drängung, die das Werk der früheren Zensur ist. Fügen wir 
noch die Bemerkung an, daß die Existenz der Zensur zwischen 
Vbw und Bw uns mahnt, das Bewußtwerden sei kein bloßer 
Wahrnehmungsakt, sondern wahrscheinlich auch eine Uber- 
besetzung, ein weiterer Fortschritt der psychischen Organisation. 

Wenden wir uns zum Verkehr des Ubw mit den anderen 
Systemen, weniger um Neues festzustellen, als um nicht das 
Sinnfälligste zu übergehen. An den Wurzeln der Triebtätigkeit 
kommunizieren die Systeme aufs ausgiebigste miteinander. Ein 
Anteil der hier erregten Vorgänge geht durch das Ubw wie 
durch eine Vorbereitungsstufe durch und erreicht die höchste 
psychische Ausbildung im Bw, ein anderer wird als Ubw zurück- 
gehalten. Das Ubw wird aber auch von den aus der äußeren 
Wahrnehmung stammenden Erlebnissen getroffen. Alle Wege von 
der Wahrnehmung zum Ubw bleiben in der Norm frei; erst 
die vom Ubw weiter führenden Wege unterliegen der Sperrung 
durch die Verdrängung. 



Das Unbewußte 



5<>9 



Es ist sehr bemerkenswert, daß das Ubw eines Menschen mit 
Umgehung des Bw auf das Ubw eines anderen reagieren kann. 
Die Tatsache verdient eingehendere Untersuchung, besonders 
nach der Richtung, ob sich vorbewußte Tätigkeit dabei aus- 
schließen läßt, ist aber als Beschreibung unbestreitbar. 

Der Inhalt des Systems Vbw (oder Bw) entstammt zu einem 
Teile dem Triebleben (durch Vermittlung des Ubw), zum anderen 
Teile der Wahrnehmung. Es ist zweifelhaft, inwieweit die Vor- 
gänge dieses Systems eine direkte Einwirkung auf das Ubw 
äußern können; die Erforschung pathologischer Fälle zeigt oft 
eine kaum glaubliche Selbständigkeit und Unbeeinflußbarkeit des 
Ubw. Ein völliges Auseinandergehen der Strebungen, ein abso- 
luter Zerfall der beiden Systeme ist überhaupt die Charakteristik des 
Krankseins. Allein die psychoanalytische Kur ist auf die Beeinflussung 
des Ubw vom Bw her gebaut und zeigt jedenfalls, daß solche, wie- 
wohl mühsam, nicht unmöglich ist. Die zwischen beiden Systemen 
vermittelnden Abkömmlinge des Ubw bahnen uns, wie schon er- 
wähnt, den Weg zu dieser Leistung. Wir dürfen aber wohl annehmen, 
daß die spontan erfolgende Veränderung des Ubw von Seiten des 
Bw ein schwieriger und langsam verlaufender Prozeß ist. 

Eine Kooperation zwischen einer vorbewußten und einer unbe- 
wußten, selbst intensiv verdrängten Regung kann zu stände 
kommen, wenn es die Situation ergibt, daß die unbewußte 
Regung gleichsinnig mit einer der herrschenden Strebungen 
wirken kann. Die Verdrängung wird für diesen Fall aufgehoben, 
die verdrängte Aktivität als Verstärkung der vom Ich beabsich- 
tigten zugelassen. Das Unbewußte wird für diese eine Konstel- 
lation ichgerecht, ohne daß sonst an seiner Verdrängung etwas 
abgeändert würde. Der Erfolg des Ubw ist bei dieser Kooperation 
unverkennbar; die verstärkten Strebungen benehmen sich doch 
anders als die normalen, sie befähigen zu besonders vollkommener 
Leistung und sie zeigen gegen Widersprüche eine ähnliche 
Resistenz wie etwa die Zwangssymptome. 



510 Metapsychologie 



Den Inhalt des Ubw kann man einer psychischen Urbevölkerung 
vergleichen. Wenn es beim Menschen ererbte psychische Bil- 
dungen, etwas dem Instinkt der Tiere Analoges gibt, so macht 
dies den Kern des Ubw aus. Dazu kommt später das während 
der Kindheitsentwicklung als unbrauchbar Beseitigte hinzu, was 
seiner Natur nach von dem Ererbten nicht verschieden zu sein 
braucht. Eine scharfe und endgültige Scheidung des Inhaltes der 
beiden Systeme stellt sich in der Regel erst mit dem Zeitpunkte 
der Pubertät her. 

VII 
Die Agnoszierung des Unbewußten 

Soviel, als wir in den vorstehenden Erörterungen zusammen- 
getragen haben, läßt sich etwa über das Ubw aussagen, solange 
man nur aus der Kenntnis des Traumlebens und der Über- 
tragungsneurosen schöpft. Es ist gewiß nicht viel, macht stellen- 
weise den Eindruck des Ungeklärten und Verwirrenden und 
läßt vor allem die Möglichkeit vermissen, das Ubw an einen 
bereits bekannten Zusammenhang anzuordnen oder es in ihn 
einzureihen. Erst die Analyse einer der Affektionen, die wir 
narzißtische Psychoneurosen heißen, verspricht uns Auffassungen zu 
liefern, durch welche uns das rätselvolle Ubw näher gerückt und 
gleichsam greifbar gemacht wird. 

Seit einer Arbeit von Abraham (1908), welche der gewissen- 
hafte Autor auf meine Anregung zurückgeführt hat, versuchen 
wir die Dementia praecox Kraepelins (Schizophrenie Bleulers) 
durch ihr Verhalten zum Gegensatz von Ich und Objekt zu 
charakterisieren. Bei den Übertragungsneurosen (Angst- und Kon- 
versionshysterie, Zwangsneurose) lag nichts vor, was diesen Gegen- 
satz in den Vordergrund gerückt hätte. Man wußte zwar, daß 
die Versagung des Objekts den Ausbruch der Neurose herbeiführt, 
und daß die Neurose den Verzicht auf das reale Objekt involviert, 
auch daß die dem realen Objekt entzogene Libido auf ein phan- 



Das Unbewußte 



5" 



tasiertes Objekt und von da aus auf ein verdrängtes zurückgeht 
(Introversion). Aber die Objektbesetzung überhaupt wird bei 
ihnen mit großer Energie festgehalten, und die feinere Unter- 
suchung des Verdrängungsvorganges hat uns anzunehmen ge- 
nötigt, daß die Objektbesetzung im System Ubw trotz der Ver- 
drängung — vielmehr infolge derselben — fortbesteht. Die 
Fähigkeit zur Übertragung, welche wir bei diesen Affektionen 
therapeutisch ausnützen, setzt ja die ungestörte Objektbesetzung 

voraus. 

Bei der Schizophrenie hat sich uns dagegen die Annahme auf- 
gedrängt, daß nach dem Prozesse der Verdrängung die abge- 
zogene Libido kein neues Objekt suche, sondern ins Ich zurück- 
trete, daß also hier die Objektbesetzungen aufgegeben und ein 
primitiver objektloser Zustand von Narzißmus wieder hergestellt 
werde. Die Unfähigkeit dieser Patienten zur Übertragung — so- 
weit der Krankheitsprozeß reicht, — ihre daraus folgende thera- 
peutische Unzugänglichkeit, die ihnen eigentümliche Ablehnung 
der Außenwelt, das Auftreten von Zeichen einer Überbesetzung 
des eigenen Ichs, der Ausgang in völlige Apathie, all diese 
klinischen Charaktere scheinen zu der Annahme eines Aufgebens 
der Objektbesetzungen trefflich zu stimmen. Von sehen des Ver- 
hältnisses der beiden psychischen Systeme wurde allen Beobachtern 
auffällig, daß bei der Schizophrenie vieles als bewußt geäußert 
wird, was wir bei den Übertragungsneurosen erst durch Psycho- 
analyse im Ubw nachweisen müssen. Aber es gelang zunächst 
nicht, zwischen der Ich-Objektbeziehung und den Bewußtseins- 
relationen eine verständliche Verknüpfung herzustellen. 

Das Gesuchte scheint sich auf folgendem unvermuteten Wege 
zu ergeben. Bei den Schizophrenen beobachtet man, zumal in 
den so lehrreichen Anfangsstadien, eine Anzahl von Verände- 
rungen der Sprache, von denen einige es verdienen, unter einem 
bestimmten Gesichtspunkt betrachtet zu werden. Die Ausdrucks- 
weise wird oft Gegenstand einer besonderen Sorgfalt, sie wird 



512 Metapsychologie 



„gewählt", „geziert". Die Sätze erfahren eine besondere Des- 
organisation des Aufbaues, durch welche sie uns unverständlich 
werden, so daß wir die Äußerungen der Kranken für unsinnig 
halten. Im Inhalt dieser Äußerungen wird oft eine Beziehung 
zu Körperorganen oder Körperinnervationen in den Vordergrund 
gerückt. Dem kann man anreihen, daß in solchen Symptomen 
der Schizophrenie, welche hysterischen oder zwangsneurotischen 
Ersatzbildungen gleichen, doch die Beziehung zwischen dem Er- 
satz und dem Verdrängten Eigentümlichkeiten zeigt, welche uns 
bei den beiden genannten Neurosen befremden würden. 

Herr Dr. V. Tausk (Wien) hat mir einige seiner Beobach- 
tungen bei beginnender Schizophrenie zur Verfügung gestellt, 
die durch den Vorzug ausgezeichnet sind, daß die Kranke selbst 
noch die Aufklärung ihrer Reden geben wollte. Ich will nun an 
zweien seiner Beispiele zeigen, welche Auffassung ich zu ver- 
treten beabsichtige, zweifle übrigens nicht daran, daß es jedem 
Beobachter leicht sein würde, solches Material in Fülle vorzu- 
bringen. 

Eine der Kranken Tausks, ein Mädchen, das nach einem 
Zwist mit ihrem Geliebten auf die Klinik gebracht wurde, klagt: 

Die Augen sind nicht richtig, sie sind verdreht. Das 
erläutert sie selbst, indem sie in geordneter Sprache eine Reihe 
von Vorwürfen gegen den Geliebten vorbringt. „Sie kann ihn 
gar nicht verstehen, er sieht jedesmal anders aus, er ist ein 
Heuchler, ein Augenverdreher, er hat ihr die Augen verdreht, 
jetzt hat sie verdrehte Augen, es sind nicht mehr ihre Augen, 
sie sieht die Welt jetzt mit anderen Augen." 

Die Äußerungen der Kranken zu ihrer unverständlichen Rede 
haben den Wert einer Analyse, da sie deren Äquivalent in all- 
gemein verständlicher Ausdrucksweise enthalten; sie geben gleich- 
zeitig Aufschluß über Bedeutung und über Genese der schizo- 
phrenen Wortbildung. In Übereinstimmung mit Tausk hebe ich 
aus diesem Beispiel hervor, daß die Beziehung zum Organ (zum 



Das Unbewußte 



515 



Auge) sich zur Vertretung des ganzen Inhaltes aufgeworfen hat. 
Die schizophrene Rede hat hier einen hypochondrischen Zug sie 
ist Organsprache geworden. 

Eine zweite Mitteilung derselben Kranken: „Sie steht in der 
Kirche, plötzlich gibt es ihr einen Ruck, sie muß sich anders 
stellen, als stellte sie jemand, als würde sie gestellt." 

Dazu die Analyse durch eine neue Reihe von Vorwürfen 
gegen den Geliebten, „der ordinär ist, der sie, die vom Hause 
aus fein war, auch ordinär gemacht hat. Er hat sie sich ähnlich 
gemacht, indem er sie glauben machte, er sei ihr überlegen^ 
nun sei sie so geworden, wie er ist, weil sie glaubte, sie werde 
besser sein, wenn sie ihm gleich werde. Er hat sich verstellt, 
sie ist jetzt so wie er (Identifizierung!) er hat sie verstellt." 

Die Bewegung „des sich anders Stellen", bemerkt Tausk, ist 
eine Darstellung des Wortes „verstellen" und der Identifizierung 
mit dem Geliebten. Ich hebe wiederum die Prävalenz jenes Ele- 
ments des ganzen Gedankenganges hervor, welches eine körper- 
liche Innervation (vielmehr deren Empfindung) zum Inhalt hat. 
Eine Hysterika hätte übrigens im ersten Falle krampfhaft die 
Augen verdreht, im zweiten den Ruck wirklich ausgeführt, an- 
statt den Impuls dazu oder die Sensation davon zu verspüren, 
und in beiden Fällen hätte sie keinen bewußten Gedanken da- 
bei gehabt und wäre auch nachträglich nicht im stände ge- 
wesen, solche zu äußern. 

Soweit zeugen diese beiden Beobachtungen für das, was wir 
hypochondrische oder Organsprache genannt haben. Sie mahnen 
aber auch, was uns wichtiger erscheint, an einen anderen Sach- 
verhalt, der sich beliebig oft z. B. an den in Bleulers Mono- 
graphie gesammelten Beispielen nachweisen und in eine be- 
stimmte Formel fassen läßt. Bei der Schizophrenie werden die 
Worte demselben Prozeß unterworfen, der aus den latenten 
Traumgedanken die Traumbilder macht, den wir den psychi- 
schen Primärvorgang geheißen haben. Sie werden verdichtet 



Freud, V. 



35 



5 1 4 Metapsychologie 






und übertragen einander ihre Besetzungen restlos durch Ver- 
schiebung; der Prozeß kann so weit gehen, daß ein einziges, 
durch mehrfache Beziehungen dazu geeignetes Wort die Ver- 
tretung einer ganzen Gedankenkette übernimmt. Die Arbeiten 
von Bleuler, Jung und ihren Schülern haben gerade für diese 
Behauptung reichliches Material ergeben. 1 

Ehe wir aus solchen Eindrücken einen Schluß ziehen, wollen 
wir noch der feinen, aber doch befremdlich wirkenden Unter- 
schiede zwischen der schizophrenen und der hysterischen und 
zwangsneurotischen Ersatzbildung gedenken. Ein Patient, den ich 
gegenwärtig beobachte, läßt sich durch den schlechten Zustand 
seiner Gesichtshaut von allen Interessen des Lebens abziehen. Er 
behauptet, Mitesser zu haben und tiefe Löcher im Gesicht, die 
ihm jedermann ansieht. Die Analyse weist nach, daß er seinen 
Kastrationskomplex an seiner Haut abspielt. Er beschäftigte sich 
zunächst reuelos mit seinen Mitessern, deren Ausdrücken ihm 
große Befriedigung bereitete, weil dabei etwas herausspritzte, wie 
er sagt. Dann begann er zu glauben, daß überall dort, wo er 
einen Comedo beseitigt hatte, eine tiefe Grube entstanden sei, 
und er machte sich die heftigsten Vorwürfe, durch sein „bestän- 
diges Herumarbeiten mit der Hand" seine Haut für alle Zeiten 
verdorben zu haben. Es ist evident, daß ihm das Auspressen des 
Inhaltes der Mitesser ein Ersatz für die Onanie ist. Die Grube, 
die darauf durch seine Schuld entsteht, ist das weibliche Genitale, 
d. h. die Erfüllung der durch die Onanie provozierten Kastrations- 
drohung (resp. der sie vertretenden Phantasie.) Diese Ersatzbildung 
hat trotz ihres hypochondrischen Charakters viel Ähnlichkeit mit 
einer hysterischen Konversion, und doch wird man das Gefühl 
haben, daß hier etwas anderes vorgehen müsse, daß man solche 
Ersatzbildung einer Hysterie nicht zutrauen dürfe, noch ehe man 



i) Gelegentlich behandelt die Traumarbeit die Worte wie die Dinge und schafft 
dann sehr ähnliche „schizophrene" Reden oder Wortneubildungen. 



Das Unbewußte 



515 



sagen kann, worin die Verschiedenheit begründet ist. Ein win- 
ziges Grübchen wie eine Hautpore wird ein Hysteriker kaum 
zum Symbol der Vagina nehmen, die er sonst mit allen mög- 
lichen Gegenständen vergleicht, welche einen Hohlraum um- 
schließen. Auch meinen wir, daß die Vielheit der Grübchen ihn 
abhalten wird, sie als Ersatz für das weibliche Genitale zu ver- 
wenden. Ähnliches gilt für einen jugendlichen Patienten, über 
den Tausk vor Jahren der Wiener Psychoanalytischen Gesell- 
schaft berichtet hat. Er benahm sich sonst ganz wie ein Zwangs- 
neurotiker, verbrauchte Stunden für seine Toilette u. dgl. Es 
war aber an ihm auffällig, daß er widerstandslos die Bedeutung 
seiner Hemmungen mitteilen konnte. Beim Anziehen der Strümpfe 
störte ihn z. B. die Idee, daß er die Maschen des Gewebes, 
also Löcher, auseinanderziehen müsse, und jedes Loch war ihm 
Symbol der weiblichen Geschlechtsöffnung. Auch dies ist einem 
Zwangsneurotiker nicht zuzutrauen; ein solcher, aus der Beob- 
achtung von R. Reitler, der am gleichen Verweilen beim 
Strumpfanziehen litt, fand nach Überwindung der Widerstände 
die Erklärung, daß der Fuß ein Penissymbol sei, das Überziehen 
des Strumpfes ein onanistischer Akt, und er mußte den Strumpf 
fortgesetzt an- und ausziehen, zum Teil, um das Bild der Onanie 
zu vervollkommnen, zum Teil, um sie ungeschehen zu machen. 
Fragen wir uns, was der schizophrenen Ersatzbildung und dem 
Symptom den befremdlichen Charakter verleiht, so erfassen wir 
endlich, daß es das Überwiegen der Wortbeziehung über die 
Sachbeziehung ist. Zwischen dem Ausdrücken eines Mitessers und 
einer Ejakulation aus dem Penis besteht eine recht geringe Sach- 
ähnlichkeit, eine noch geringere zwischen den unzähligen seichten 
Hautporen und der Vagina; aber im ersten Falle spritzt beide 
Male etwas heraus, und für den zweiten gilt wörtlich der zynische 
Satz: Loch ist Loch. Die Gleichheit des sprachlichen Ausdruckes, 
nicht die Ähnlichkeit der bezeichneten Dinge, hat den Ersatz 
vorgeschrieben. Wo die beiden — Wort und Ding — sich nicht 

55* 



5 1 6 Metapsychologie 



decken, weicht die schizophrene Ersatzbildung von der bei den 
Übertragungsneurosen ab. 

Setzen wir diese Einsicht mit der Annahme zusammen, daß 
bei der Schizophrenie die Objektbesetzungen aufgegeben werden. 
Wir müssen dann modifizieren: die Besetzung der Wortvor- 
stellungen der Objekte wird festgehalten. Was wir die bewußte 
Objektvorstellung heißen durften, zerlegt sich uns jetzt in die 
Wortvorstellung und in die Sachvorstellung, die in der Be- 
setzung, wenn nicht der direkten Sacherinnerungsbilder, doch 
entfernterer und von ihnen abgeleiteter Erinnerungsspuren be- 
steht. Mit einem Male glauben wir nun zu wissen, wodurch 
sich eine bewußte Vorstellung von einer unbewußten unter- 
scheidet. Die beiden sind nicht, wie wir gemeint haben, ver- 
schiedene Niederschriften desselben Inhaltes an verschiedenen 
psychischen Orten, auch nicht verschiedene funktionelle Be- 
setzungszustände an demselben Orte, sondern die bewußte Vor- 
stellung umfaßt die Sachvorstellung plus der zugehörigen Wort- 
vorstellung, die unbewußte ist die Sach Vorstellung allein. Das 
System Ubw enthält die Sachbesetzungen der Objekte, die ersten 
und eigentlichen Objektbesetzungen ; das System Vbw entsteht, 
indem diese Sachvorstellung durch die Verknüpfung mit den ihr 
entsprechenden Wortvorstellungen überbesetzt wird. Solche Über- 
besetzungen, können wir vermuten, sind es, welche eine höhere 
psychische Organisation herbeiführen und die Ablösung des Primär- 
vorganges durch den im Vbw herrschenden Sekundärvorgang er- 
möglichen. Wir können jetzt auch präzise ausdrücken, was die 
Verdrängung bei den Übertragungsneurosen der zurückgewiesenen 
Vorstellung verweigert: Die Übersetzung in Worte, welche mit 
dem Objekt verknüpft bleiben sollen. Die nicht in Worte gefaßte 
Vorstellung oder der nicht überbesetzte psychische Akt bleibt 
dann im Ubw als verdrängt zurück. 

Ich darf darauf aufmerksam machen, wie frühzeitig wir bereits 
die Einsicht besessen haben, die uns heute einen der auffälligsten 



Das Unbewußte 517 



Charaktere der Schizophrenie verständlich macht. Auf den letzten 
Seiten der 1900 veröffentlichten „Traumdeutung" ist ausgeführt, 
daß die Denkvorgänge, d. i. die von den Wahrnehmungen ent- 
fernteren Besetzungsakte an sich qualitätslos und unbewußt sind 
und ihre Fähigkeit, bewußt zu werden, nur durch die Ver- 
knüpfung mit den Resten der Wortwahrnehmungen erlangen. 
Die Wortvorstellungen entstammen ihrerseits der Sinneswahr- 
nehmung in gleicher Weise wie die Sachvorstellungen, so daß 
man die Frage aufwerfen könnte, warum die Objektvorstellungen 
nicht mittels ihrer eigenen Wahrnehmungsreste bewußt werden 
können. Aber wahrscheinlich geht das Denken in Systemen vor 
sich, die von den ursprünglichen Wahrnehmungsresten so weit 
entfernt sind, daß sie von deren Qualitäten nichts mehr er- 
halten haben und zum Bewußtwerden einer Verstärkung durch 
neue Qualitäten bedürfen. Außerdem können durch die Ver- 
knüpfung mit Worten auch solche Besetzungen mit Qualität 
versehen werden, die aus den Wahrnehmungen selbst keine 
Qualität mitbringen konnten, weil sie bloß Relationen zwischen 
den Objektvorstellungen entsprechen. Solche erst durch Worte 
faßbar gewordene Relationen sind ein Hauptbestandteil unserer 
Denkvorgänge. Wir verstehen, daß die Verknüpfung mit Wort- 
vorstellungen noch nicht mit dem Bewußtwerden zusammenfällt, 
sondern bloß die Möglichkeit dazu gibt, daß sie also kein anderes 
System als das des Vbw charakterisiert. Nun merken wir aber, 
daß wir mit diesen Erörterungen unser eigentliches Thema ver- 
lassen und mitten in die Probleme des Vorbewußten und Be- 
wußten geraten, die wir zweckmäßiger Weise einer gesonderten 
Behandlung vorbehalten. 

Bei der Schizophrenie, die wir ja hier auch nur so weit be- 
rühren, a