(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Biodiversity Heritage Library | Children's Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Gesammelte Schriften X Totem und Tabu. Arbeiten zur Anwendung der Psychoanalyse"

I I 



tfaß Ctt*., k+j . 



SIGM. FREUD 

GESAMMELTE 
SCHRIFTEN 

x 







phol. Halberstadt, Humburg 



SIGM. FREUD 

(1922) 






• 

GESAMMELTE 




SCHRIFTEN 




VON 




SIGM. FREUD 




ZEHNTER BAND 




TOTEM UND TABU 




ARBEITEN ZUR ANWENDUNG 
DER PSYCHOANALYSE 




• 








INTERNATIONALER 

PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

LEIPZIG / WIEN / ZÜRICH 





Die Herausgabe dieses Bandes besorgten 

unter Mitwirkung des Verfassers 

Anna Freud, Otto Rank und A. J. Storfer 



Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung vorbehalten 

Copyright 1924 by „Internationaler Psychoanalytischer 
Verlag, Ges. m. b. H.", Wien 







INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Carl Fromme Ges. m. b. H., Wien V 



TOTEM UND TABU 

EINIGE ÜBEREINSTIMMUNGEN IM SEELENLEBEN 
DER WILDEN UND DER NEUROTIKER 



„Totem und Tabu" erschien in Buchform im Verlag Hugo Heller £• Cie., 
Wien. Das Buch enthielt vier Arbeiten (I. Die Inzestscheu. II. Das Tabu 
und die Ambivalenz der GefüJdsregungen. III. Animismus, Magie und Allmacht 
der Gedanken. IV. Die infantile Wiederliehr des Totemismus), die unter dem 
gemeinsamen Titel „Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und 
der Neurotiker" zuerst in der „Imago" erschienen waren, und zwar die ersten 
beiden Aufsätze im I. Band (l<)l2), die beiden letzten im II. Band (iQl)). — 
Die zweite Auflage von „Totem und Tabu" erschien IJ20 im Internationalen 
Psychoanalytischen Verlag, Leipzig, Wien, Zürich, die dritte IJ22 ebendort. 
Autorisierte Übersetzungen von „Totem und Tabu" erschienen in 

ungarischer Sprache (übersetzt von Pdrtos), Budapest IJlS, und in 
englischer Sprache (Brill), New York 191S, 
in Vorbereitung befindet sich die französische, die italienische und die 

spanische Übersetzung. 



VORWORT 

Die nachstehenden vier Aufsätze, die unter dem Untertitel dieses Buches 
in den beiden ersten Jahrgängen der von mir herausgegebenen Zeitschrift 
„Imago erschienen sind, entsprechen einem ersten Versuch von meiner Seite, 
Gesichtspunkte und Ergebnisse der Psychoanalyse auf ungeklärte Probleme 
der Völkerpsychologie anzuwenden. Sie enthalten also einen methodischen 
Gegensatz einerseits zu dem groß angelegten Werke von W. Wundt, welches 
die Annahmen und Arbeitsweisen der nicht analytischen Psychologie der- 
selben Absicht dienstbar macht, und anderseits zu den Arbeiten der Züricher 
psychoanalytischen Schule, die umgekehrt Probleme der Individualpsychologie 
durch Heranziehung von völkerpsychologischem Material zu erledigen streben. 1 
Es sei gern zugestanden, daß von diesen beiden Seiten die nächste Anregung 
zu meinen eigenen Arbeiten ausgegangen ist. 

Die Mängel dieser letzteren sind mir wohlbekannt. Ich will diejenigen 
nicht berühren, die von dem Erstlingscharakter dieser Untersuchungen ab- 
hängen. Andere aber erfordern ein Wort der Einführung. Die vier hier 
vereinigten Aufsätze machen auf das Interesse eines größeren Kreises von 
Gebildeten Anspruch und können eigentlich doch nur von den wenigen 
verstanden und beurteilt werden, denen die Psychoanalyse nach ihrer Eigen- 
art nicht mehr fremd ist. Sie wollen zwischen Ethnologen, Sprachforschern, 
Folkloristen usw. einerseits und Psychoanalytikern anderseits vermitteln und 
können doch beiden nicht geben, was ihnen abgeht: den ersteren eine ge- 
nügende Einführung in die neue psychologische Technik, den letzteren 
eine zureichende Beherrschung des der Verarbeitung harrenden Materials. 
So werden sie sich wohl damit begnügen müssen, hier wie dort Aufmerk- 

1) Jung, Wandlungen und Symbole der Libido, Jahrbuch für psychoanalytische 
und psychopathologische Forschungen, Bd. IV, 1912; derselbe Autor, Versuch einer 
Darstellung der psychoanalytischen Theorie, ibid. Bd. V, 1915. 






Totem und Tabu 



\ 
{ 



samkeit zu erregen und die Erwartung hervorzurufen, daß ein öfteres Zu- 
sammentreffen von beiden Seiten nicht ertraglos für die Forschung bleiben 
kann. 

Die beiden Hauptthemata, welche diesem kleinen Buch den Namen 
geben, der Totem und das Tabu, werden darin nicht in gleichartiger Weise 
abgehandelt. Die Analyse des Tabu tritt als durchaus gesicherter, das Problem 
erschöpfender Lösungsversuch auf. Die Untersuchung über den Totemismus 
bescheidet sich zu erklären: Dies ist, was die psychoanalytische Betrachtung 
zur Klärung der Totemprobleme derzeit beibringen kann. Dieser Unterschied 
hängt damit zusammen, daß das Tabu eigentlich noch in unserer Mitte 
fortbesteht; obwohl negativ gefaßt und auf andere Inhalte gerichtet, ist es 
seiner psychologischen Natur nach doch nichts anderes als der „kategorische 
Imperativ" Kants, der zwangsartig wirken will und jede bewußte Motivierung 
ablehnt. Der Totemismus hingegen ist eine unserem heutigen Fühlen ent- 
fremdete, in Wirklichkeit längst aufgegebene und durch neuere Formen 
ersetzte religiös-soziale Institution, welche nur geringfügige Spuren in Reli- 
gion, Sitte und Gebrauch des Lebens der gegenwärtigen Kulturvölker hinter- 
lassen hat, und selbst bei jenen Völkern große Verwandlung erfahren mußte, 
welche ihm heute noch anhängen. Der soziale und technische Fortschritt 
der Menschheitsgeschichte hat dem Tabu weit weniger anhaben können 
als dem Totem. In diesem Buche ist der Versuch gewagt worden, den ur- 
sprünglichen Sinn des Totemismus aus seinen infantilen Spuren zu erraten, 
aus den Andeutungen, in denen er in der Entwicklung unserer eigenen 
Kinder wieder auftaucht. Die enge Verbindung zwischen Totem und Tabu 
weist die weiteren Wege zu der hier vertretenen Hypothese, und wenn diese 
am Ende recht unwahrscheinlich ausgefallen ist, so ergibt dieser Charakter 
nicht einmal einen Einwand gegen die Möglichkeit, daß sie mehr oder 
weniger nahe an die schwierig zu rekonstruierende Wirklichkeit heran- 
gerückt sein könnte. 



Rom, im September 1913. 



DIE INZESTSCHEU 

Den Menschen der Vorzeit kennen wir in den Entwicklungs- 
stadien, die er durchlaufen hat, durch die unbelebten Denkmäler 
und Geräte, die er uns hinterlassen, durch die Kunde von seiner 
Kunst, seiner Religion und Lebensanschauung, die wir entweder 
direkt oder auf dem Wege der Tradition in Sagen, Mythen und 
Märchen erhalten haben, durch die Überreste seiner Denkweisen 
in unseren eigenen Sitten und Gebräuchen. Außerdem aber ist er 
noch in gewissem Sinne unser Zeitgenosse; es leben Menschen, 
von denen wir glauben, daß sie den Primitiven noch sehr nahe 
stehen, viel näher als wir, in denen wir daher die direkten Ab- 
kömmlinge und Vertreter der früheren Menschen erblicken. Wir 
urteilen so über die sogenannten Wilden und halbwilden Völker, 
deren Seelenleben ein besonderes Interesse für uns gewinnt, wenn 
wir in ihm eine gut erhaltene Vorstufe unserer eigenen Entwicklung 
erkennen dürfen. 

Wenn diese Voraussetzung zutreffend ist, so wird eine Ver- 
gleichung der „Psychologie der Naturvölker", wie die Völker- 
kunde sie lehrt, mit der Psychologie des Neurotikers, wie sie 
durch die Psychoanalyse bekannt geworden ist, zahlreiche Über- 
einstimmungen aufweisen müssen, und wird uns gestatten, bereits 
Bekanntes hier und dort in neuem Lichte zu sehen. 



Totem und Tabu 



Aus äußeren wie aus inneren Gründen wähle ich für diese 
Vergleichung jene Völkerstämme, die von den Ethnographen als 
die zurückgebliebensten, armseligsten Wilden beschrieben worden 
sind, die Ureinwohner des jüngsten Kontinents, Australien, der 
uns auch in seiner Fauna soviel Archaisches, anderswo Unter- 
gegangenes, bewahrt hat. 

Die Ureinwohner Australiens werden als eine besondere Rasse 
betrachtet, die weder physisch noch sprachlich Verwandtschaft mit 
ihren nächsten Nachbarn, den melanesischen, polynesischen und 
malaiischen Völkern erkennen läßt. Sie bauen weder Häuser noch 
feste Hütten, bearbeiten den Boden nicht, halten keine Haustiere 
bis auf den Hund, kennen nicht einmal die Kunst der Töpferei. 
Sie nähren sich ausschließlich von dem Fleische aller möglichen 
Tiere, die sie erlegen, und von Wurzeln, die sie graben. Könige 
oder Häuptlinge sind bei ihnen unbekannt, die Versammlung der 
gereiften Männer entscheidet über die gemeinsamen Angelegen- 
heiten. Es ist durchaus zweifelhaft, ob man ihnen Spuren von 
Religion in Form der Verehrung höherer Wesen zugestehen darf. 
Die Stämme im Innern des Kontinents, die infolge von Wasser- 
armut mit den härtesten Lebensbedingungen zu ringen haben, 
scheinen in allen Stücken primitiver zu sein als die der Küste 
nahewohnenden. 

Von diesen armen, nackten Kannibalen werden wir gewiß nicht 
erwarten, daß sie im Geschlechtsleben in unserem Sinne sittlich 
seien, ihren sexuellen Trieben ein hohes Maß von Beschränkung 
auferlegt haben. Und doch erfahren wir, daß sie sich mit aus- 
gesuchtester Sorgfalt und peinlichster Strenge die Verhütung 
inzestuöser Geschlechtsbeziehungen zum Ziele gesetzt haben. Ja 
ihre gesamte soziale Organisation scheint dieser Absicht zu dienen 
oder mit ihrer Erreichung in Beziehung gebracht worden zu sein. 

An Stelle aller fehlenden religiösen und sozialen Institutionen 
findet sich bei den Australiern das System des Toteraismus. 
Die australischen Stämme zerfallen in kleinere Sippen oder Clans, 



Die Inzestscheu 



von denen sich jeder nach seinem Totem benennt. Was ist nun 
der Totem? In der Regel ein Tier, ein eßbares, harmloses oder 
gefährliches, gefürchtetes, seltener eine Pflanze oder eine Natur- 
kraft (Regen, Wasser), welches in einem besonderen Verhältnis zu 
der ganzen Sippe steht. Der Totem ist erstens der Stammvater 
der Sippe, dann aber auch ihr Schutzgeist und Helfer, der ihnen 
Orakel sendet, und wenn er sonst gefährlich ist, seine Kinder 
kennt und verschont. Die Totemgenossen stehen dafür unter der 
heiligen, sich selbstwirkend strafenden Verpflichtung, ihren Totem 
nicht zu töten (vernichten) und sich seines Fleisches (oder des 
Genusses, den er sonst bietet) zu enthalten. Der Totemcharakter 
haftet nicht an einem Einzeltier oder Einzelwesen, sondern an 
allen Individuen der Gattung. Von Zeit zu Zeit werden Feste 
gefeiert, bei denen die Totemgenossen in zeremoniösen Tänzen 
die Bewegungen und Eigenheiten ihres Totem darstellen oder 
nachahmen. 

Der Totem ist entweder in mütterlicher oder in väterlicher 
Linie erblich; die erstere Art ist möglicherweise überall die ur- 
sprüngliche und erst später durch die letztere abgelöst worden. 
Die Zugehörigkeit zum Totem ist die Grundlage aller sozialen 
Verpflichtungen des Australiers, setzt sich einerseits über die 
Stammesangehörigkeit hinaus und drängt anderseits die Bluts- 
verwandtschaft zurück.' 

An Boden und Örtlichkeit ist der Totem nicht gebunden; die 
Totemgenossen wohnen voneinander getrennt und mit den An- 
hängern anderer Totem friedlich beisammen. 2 



1) Frazer, Totemism and Exogamy, Bd. I, p. 55. The totem band is stronger tlian 
the band qf blood or family in the modern sense. 

2) Dieser knappste Extrakt des totemistischen Systems kann nicht ohne Erläute- 
rungen und Einschränkungen bleiben: Der Marne Totem ist in der Form Totam 
1791 durch den Engländer J. Long von den Rothäuten Nordamerikas übernommen 
worden. Der Gegenstand selbst hat allmählich in der Wissenschaft großes Interesse 
gefunden und eine reichhaltige Literatur hervorgerufen, aus welcher ich als Haupt- 
werke das vierbändige Buch von J. G. Frazer, „Totemism and Exogamy", 1910 und 
Bücher und Schriften von Andrew Lang („The secret of the Totem", 1905) hervor- 



Totem und Tabu 



Und nun müssen wir endlich jener Eigentümlichkeit des tote- 
mistischen Systems gedenken, wegen welcher auch das Interesse 
des Psychoanalytikers sich ihm zuwendet. Fast überall, wo der 
Totem gilt, besteht auch das Gesetz, daß Mitglieder desselben 
Totem nicht in geschlechtliche Beziehungen zueinander 
treten, also auch einander nicht heiraten dürfen. Das ist 
die mit dem Totem verbundene Exogamie. 

Dieses streng gehandhabte Verbot ist sehr merkwürdig. Es wird 
durch nichts vorbereitet, was wir vom Begriff oder den Eigen- 
schaften des Totem bisher erfahren haben; man versteht also nicht, 
wie es in das System des Totemismus hineingeraten ist. Wir ver- 
wundern uns darum nicht, wenn manche Forscher geradezu an- 



hebe. Das Verdienst, die Bedeutung- des Totemismus für die Urgeschichte der Mensch- 
heit erkannt zu haben, gebührt dem Schotten J. Ferguson Mc Lennan (1869./70). 
Totemistische Institutionen wurden oder werden heute noch außer bei den Australiern 
bei den Indianern Nordamerikas beobachtet, ferner bei den Völkern der ozeanischen 
Inselwelt, in Ostindien und in einem großen Teil von Afrika. Manche sonst schwer 
zu deutende Spuren und Überbleibsel lassen aber erschließen, daß der Totemismus 
einst auch bei den arischen und semitischen Urvölkern Europas und Asiens bestanden 
hat, so daß viele Forscher geneigt sind, eine notwendige und überall durchschrittene 
Phase der menschlichen Entwicklung in ihm zu erkennen. 

Wie kamen die vorzeitlichen Menschen nur dazu, sich einen Totem beizulegen, 
d. h. die Abstammung von dem oder jenem Tier zur Grundlage ihrer sozialen Ver- 
pflichtungen und, wie wir hören werden, auch ihrer sexuellen Beschränkungen zu 
machen? Es gibt darüber zahlreiche Theorien, deren Übersicht der deutsche Leser 
in Wundts Völkerpsychologie (Bd. II, Mythus und Religion) finden kann, aber keine 
Einigung. Ich verspreche, das Problem des Totemismus demnächst zum Gegenstand 
einer besonderen Studie zu machen, in welcher dessen Lösung durch Anwendung 
psychoanalytischer Denkweise versucht werden soll. (Vgl. die vierte Abhandlung dieses 
Bandes.) S 

Aber nicht nur, daß die Theorie des Totemismus strittig ist, auch die Tatsachen 
desselben sind kaum in allgemeinen Sätzen auszusprechen, wie oben versucht wurde. 
Es gibt kaum eine Behauptung, zu welcher man nicht Ausnahmen oder Widersprüche 
hinzufügen müßte. Man darf aber nicht vergessen, daß auch die primitivsten und 
konservativsten Völker in gewissem Sinne alte Völker sind und eine lange Zeit hinter 
sich haben, in welcher das Ursprüngliche bei ihnen viel Entwicklung und Entstellung 
erfahren hat. So findet mim den Totemismus heute bei den Völkern, die ihn noch 
zeigen, m den mannigfaltigsten Stadien des Verfalles, der Abbröcklung, des Über- 
ganges zu anderen sozialen und religiösen Institutionen, oder aber in stationären 
Ausgestaltungen, die sich weit genug von seinem ursprünglichen Wesen entfernt 
haben mögen. Die Schwierigkeit liegt dann darin, daß es nicht ganz leicht ist zu 
entscheiden, was an den aktuellen Verhältnissen als getreues Abbild der sinnvollen 
Vergangenheit, was als sekundäre Entstellung derselben gefaßt werden darf. 



Die Inzestscheu q 



nehmen, die Exogamie habe ursprünglich — im Beginne der Zeiten 
und dem Sinne nach — nichts mit dem Totemismus zu tun, 
sondern sei ihm irgend einmal, als sich Heiratsbeschränkungen not- 
wendig erwiesen, ohne tieferen Zusammenhang angefügt worden. 
Wie immer dem sein mag, die Vereinigung von Totemismus und 
Exogamie besteht und erweist sich als eine sehr feste. 

Machen wir uns die Bedeutung dieses Verbots durch weitere 
rLrörterungen klar. 

a) Die Übertretung dieses Verbotes wird nicht einer sozusagen 
automatisch eintretenden Bestrafung der Schuldigen überlassen 
wie bei anderen Totemverboten (z. B. das Totemtier zu töten), 
sondern wird vom ganzen Stamme aufs energischeste geahndet, 
als gelte es eine die ganze Gemeinschaft bedrohende Gefahr oder 
eine sie bedrückende Schuld abzuwehren. Einige Sätze aus dem 
Buche von Frazer 1 mögen zeigen, wie ernst solche Verfehlungen 
von diesen, nach unserem Maßstabe sonst recht unsittlichen Wilden 
behandelt werden. 

„In Australia the regulär penalty for sexual intercourse with 
a person of a forbidden clan is death. It matters not whether the 
woman be of the same local group or has been captured in war 
from another tribe; a man of the wrong clan who uses her as 
his wife is hunted down and killed by his clansmen, and so is 
the woman; though in some cases, if they succeed in eluding capture 
for a certain time, the offence may be condoned. In the Ta-Ta-thi 
tribe, New South Wales, in the rare cases which occur, the man 
is killed but the woman is only beaten or speared, or both, tili 
she is nearly dead; the reason given for not actually killing her 
being that she was probably coerced. Even in casual amours the 
clan prohibitions are strictly observed, any violations of these 
prohibitions ,are regarded with the utmost abhorrence and are 
punished by death' (Howitt)." 



1) Frazer, 1. c. Bd. I, p. 54. 






10 



Totem und Tabu 



b) Da dieselbe harte Bestrafung auch gegen flüchtige Lieb- 
schaften geübt wird, die nicht zur Kindererzeugung geführt 
haben, so werden andere, z. B. praktische Motive des Verbotes 
unwahrscheinlich. 

c) Da der Totem hereditär ist und durch die Heirat nicht ver- 
ändert wird, so lassen sich die Folgen des Verbotes etwa bei mütter- 
licher Erblichkeit leicht übersehen. Gehört der Mann z. B. einem 
Clan mit dem Totem Känguruh an und heiratet eine Frau vom 
Totem Emu, so sind die Kinder, Knaben und Mädchen, alle Emu. 
Einem Sohne dieser Ehe wird also durch die Totemregel der in- 
zestuöse Verkehr mit seiner Mutter und seinen Schwestern, die 
Emu sind wie er, unmöglich gemacht. 1 

d) Es bedarf aber nur einer Mahnung, um einzusehen, daß 
die mit dem Totem verbundene Exogamie mehr leistet, also mehr 
bezweckt, als die Verhütung des Inzests mit Mutter und Schwestern. 
Sie macht dem Manne auch die sexuelle Vereinigung mit allen 
Frauen seiner eigenen Sippe unmöglich, also mit einer Anzahl 
von weiblichen Personen, die ihm nicht blutsverwandt sind, indem 
sie alle diese Frauen wie Blutsverwandte behandelt. Die psycho- 
logische Berechtigung dieser großartigen Einschränkung, die weit 
über alles hinausgeht, was sich ihr bei zivilisierten Völkern an die 
Seite stellen läßt, ist zunächst nicht ersichtlich. Man glaubt nur 
zu verstehen, daß die Rolle des Totem (Tieres) als Ahnherrn dabei 
sehr ernst genommen wird. Alles, was von dem gleichen Totem 
abstammt, ist blutsverwandt, ist eine Familie, und in dieser Familie 
werden die entferntesten Verwandtschaftsgrade als absolutes Hindernis 
der sexuellen Vereinigung anerkannt. 

1) Dem Vater, der Känguruh ist, wird aber — wenigstens durch dieses Verbot — 
der Inzest mit seinen Töchtern, die Emu sind, frei gelassen. Bei väterlicher Vererbung 
des Totem wäre der Vater Känguruh, die Kinder gleichfalls Känguruh, dem Vater 
würde dann der Inzest mit den Töchtern verboten sein, dem Sohne der Inzest mit 
der Mutter freibleiben. Diese Erfolge der Totemverbote ergeben einen Hinweis darauf, 
daß die mütterliche Vererbung älter ist als die väterliche, denn es liegt Grund vor 
anzunehmen, daß die Totemverbote vor allem gegen die inzestuösen Gelüste des 
Sohnes gerichtet sind. 



Die Inzestscheu 



11 



So zeigen uns denn diese Wilden einen ungewohnt hohen Grad 
von Inzestscheu oder Inzestempfindlichkeit, verbunden mit der von 
uns nicht gut verstandenen Eigentümlichkeit, daß sie die reale 
Blutsverwandtschaft durch die Totem Verwandtschaft ersetzen. Wir 
dürfen indes diesen Gegensatz nicht allzusehr übertreiben und 
wollen im Gedächtnis behalten, daß die Totemverbote den realen 
Inzest als Spezialfall miteinschließen. 

Auf welche Weise es dabei zum Ersatz der wirklichen Familie 
durch die Totemsippe gekommen, bleibt ein Rätsel, dessen Lösung 
vielleicht mit der Aufklärung des Totem selbst zusammenfällt. 
Man müßte freilich daran denken, daß bei einer gewissen, über 
die Eheschranken hinausgehenden Freiheit des Sexualverkehrs die 
Blutsverwandtschaft und somit die Inzestverhütung so unsicher 
werden, daß man eine andere Fundierung des Verbotes nicht ent- 
behren kann. Es ist darum nicht überflüssig zu bemerken, daß 
die Sitten der Australier soziale Bedingungen und festliche Gelegen- 
heiten anerkennen, bei denen das ausschließliche Eheanrecht eines 
Mannes auf ein Weib durchbrochen wird. 

Der Sprachgebrauch dieser australischen Stämme' weist eine 
Eigentümlichkeit auf, welche unzweifelhaft in diesen Zusammenhang 
gehört. Die Verwandtschaftsbezeichnungen nämlich, deren sie sich 
bedienen, fassen nicht die Beziehung zwischen zwei Individuen, 
sondern zwischen einem Individuum und einer Gruppe ins Auge; 
sie gehören nach dem Ausdruck L. H. Morgans dem „klassifi- 
zierenden" System an. Das will heißen, ein Mann nennt „Vater" 
nicht nur seinen Erzeuger, sondern auch jeden anderen Mann, 
der nach den Stammessatzungen seine Mutter hätte heiraten und 
so sein Vater hätte werden können; er nennt „Mutter" jede an- 
dere Frau neben seiner Gebärerin, die ohne Verletzung der Stammes- 
gesetze seine Mutter hätte werden können; er heißt „Brüder", 
„Schwestern" nicht nur die Kinder seiner wirklichen Eltern, 



1) Sowie der meisten Totemvölker. 



1 2 Totem und Tabu 



sondern auch die Kinder all der genannten Personen, die in der 
elterlichen Gruppenbeziehung zu ihm stehen usw. Die Verwandt- 
schaftsnamen, die zwei Australier einander geben, deuten also 
nicht notwendig auf eine Blutsverwandtschaft zwischen ihnen hin, 
wie sie es nach unserem Sprachgebrauche müßten; sie bezeichnen 
vielmehr soziale als physische Beziehungen. Eine Annäherung an 
dieses klassifikatorische System findet sich bei uns etwa in der 
Kinderstube, wenn das Kind veranlaßt wird, jeden Freund und 
jede Freundin der Eltern als „Onkel" und „Tante" zu begrüßen, 
oder im übertragenen Sinn, wenn wir von „Brüdern in Apoll", 
„Schwestern in Christo" sprechen. 

Die Erklärung dieses für uns so sehr befremdenden Sprach- 
gebrauches ergibt sich leicht, wenn man ihn als Rest und An- 
zeichen jener Heiratsinstitution auffaßt, die der Rev. L. Fison 
„Gruppenehe" genannt hat, deren Wesen darin besteht, daß 
eine gewisse Anzahl von Männern eheliche Rechte über eine 
gewisse Anzahl von Frauen ausübt. Die Kinder dieser Gruppenehe 
würden dann mit Recht einander als Geschwister betrachten, ob- 
wohl sie nicht alle von derselben Mutter geboren sind, und alle 
Männer der Gruppe für ihre Väter halten. 

Obwohl manche Autoren, wie z. B. Westermarck in seiner 
„Geschichte der menschlichen Ehe", 1 sich den Folgerungen wider- 
setzen, welche andere aus der Existenz der Gruppenverwandt- 
schaftsnamen gezogen haben, so stimmen doch gerade die besten 
Kenner der australischen Wilden darin überein, daß die klassifi- 
katorischen Verwandtschaftsnamen als Überrest aus Zeiten der 
Gruppenehe zu betrachten sind. Ja, nach Spencer und Gillen 2 
läßt sich eine gewisse Form der Gruppenehe bei den Stämmen 
der Urabunna und der Dieri noch als heute bestehend feststellen. 
Die Gruppenehe sei also bei diesen Völkern der individuellen Ehe 

1) 2. Aufl., 1902. • 

2) The Native Tribes of Central Australia, London 1899. 



Die I nzestscheu 1 * 

vorausgegangen und nicht geschwunden, ohne deutliche Spuren 
in Sprache und Sitten zurückzulassen. 

Ersetzen wir aber die individuelle Ehe durch die Gruppenehe, 
so wird uns das scheinbare Übermaß von Inzestvermeidung, welches 
wir bei denselben Völkern angetroffen haben, begreiflich. Die 
Totemexogamie, das Verbot des sexuellen Verkehrs zwischen Mit- 
gliedern desselben Clans, erscheint als das angemessene Mittel zur 
Verhütung des Gruppeninzestes, welches dann fixiert wurde und 
seine Motivierung um lange Zeiten überdauert hat. 

Glauben wir so, die Heiratsbeschränkungen der Wilden Austra- 
liens in ihrer Motivierung verstanden zu haben, so müssen wir 
noch erfahren, daß die wirklichen Verhältnisse eine weit größere, 
auf den ersten Anblick verwirrende, Kompliziertheit erkennen 
lassen. Es gibt nämlich nur wenige Stämme in Australien, die 
kein anderes Verbot als die Totemschranke zeigen. Die meisten 
sind derart organisiert, daß sie zunächst in zwei Abteilungen zer- 
fallen, die man Heiratsklassen (englisch: phrathries) genannt hat. 
Jede dieser Heiratsklassen ist exogam und schließt eine Mehrzahl 
von Totemsippen ein. Gewöhnlich teilt sich noch jede Heirats- 
klasse in zwei Unterklassen (subphrathries), der ganze Stamm also 
in vier; die Unterklassen stehen so zwischen den Phrathrien und 
den Totemsippen. 

Das typische, recht häufig verwirklichte Schema der Organi- 
sation eines australischen Stammes sieht also folgendermaßen aus: 

Phrathrien 




A- -Ä A Ä 



<*PY 6e-»j 1Z3 



* 5 6 



»4 



Totem und Tabu 



Die zwölf Totemsippen sind in vier Unterklassen und zwei 
Klassen untergebracht. Alle Abteilungen sind exogam. 1 Die Sub- 
klasse c bildet mit e, die Subklasse d mit f eine exogame Einheit. 
Der Erfolg, also die Tendenz, dieser Einrichtungen ist nicht zweifel- 
haft: es wird auf diesem Wege eine weitere Einschränkung der 
Heirats wähl und der sexuellen Freiheit herbeigeführt. Bestünden 
nur die zwölf Totemsippen, so wäre jedem Mitglied einer Sippe — 
bei Voraussetzung der gleichen Menschenanzahl in jeder Sippe — 
"/, 2 aller Frauen des Stammes zur Auswahl zugänglich. Die Existenz 
der beiden Phrathrien beschränkt diese Anzahl auf / ia = '/,} ein 
Mann vom Totem a kann nur eine Frau der Sippen 1 bis 6 
heiraten. Bei Einführung der beiden Unterklassen sinkt die Aus- 
wahl auf 3 /i2 = V4? ein Mann vom Totem a muß seine Ehewahl 
auf die Frauen der Totem 4, 5, 6 beschränken. 

Die historischen Beziehungen der Heiratsklassen — deren bei 
einigen Stämmen bis zu acht vorkommen — zu den Totemsippen 
sind durchaus ungeklärt. Man siebt nur, daß diese Einrichtungen 
dasselbe erreichen wollen wie die Totemexogamie und auch noch 
mehr anstreben. Aber während die Totemexogamie den Eindruck 
einer heiligen Satzung macht, die entstanden ist, man weiß nicht 
wie, also einer Sitte, scheinen die komplizierten Institutionen der 
Heiratsklassen, ihrer Unterteilungen uiu\ der daran geknüpften 
Bedingungen zielbewußter Gesetzgebung zu entstammen, die viel- 
leicht die Aufgabe der Inzestverhütung neu aufnahm, weil der 
Einfluß des Totem im Nachlassen war. Und während das Totem- 
system, wie wir wissen, die Grundlage aller anderen sozialen Ver- 
pflichtungen und sittlichen Beschränkungen des Stammes ist, er- 
schöpft sich die Bedeutung der Phrathrien im allgemeinen in der 
durch sie angestrebten Regelung der Ehewahl. 

In der weiteren Ausbildung des Heiratsklassensystems zeigt sich 
ein Bestreben, über die Verhütung des natürlichen und des Gruppen- 



1) Die Anzahl der Totem ist willkürlich gewühlt. 



Die Inzestscheu j r 



\) Artikel Totemism in Encyclopaedia Britannica. Elfte Auflage, 1911 (A. Lang). 

2) Auf diesen Punkt hat erst kürzlich Storfer in seiner Studie: „Zur Sonder- 
stellung des Vatermordes", Schriften zur angewandten Seelenkunde, 12. Heft, Wien 
1911, nachdrücklich aufmerksam gemacht. 









inzests hinauszugehen und Ehen zwischen entfernteren Gruppen 
verwandten zu verbieten, ähnlich wie es die katholische Kirche 
tat, indem sie die seit jeher für Geschwister geltenden Heirats 
verböte auf die Vetternschaft ausdehnte und die geistlichen Ver 
wandtschaftsgrade dazu erfand. 1 

Es würde unserem Interesse wenig dienen, wenn wir in die 
außerordentlich verwickelten und ungeklärten Diskussionen über 
Herkunft und Bedeutung der Heiratsklassen, sowie über deren 
Verhältnis zum Totem, tiefer eindringen wollten. Für unsere 
Zwecke genügt der Hinweis auf die große Sorgfalt, welche die 
Australier sowie andere wilde Völker zur Verhütung des Inzests 
aufwenden. 2 Wir müssen sagen, diese Wilden sind selbst inzest- 
empfindlicher als wir. Wahrscheinlich liegt ihnen die Versuchung 
näher, so daß sie eines ausgiebigeren Schutzes gegen dieselbe be- 
dürfen. 

Die Inzestscheu dieser Völker begnügt sich aber nicht mit der 
Aufrichtung der beschriebenen Institutionen, welche uns haupt- 
sächlich gegen den Gruppeninzest gerichtet scheinen. Wir müssen 
eine Reihe von „Sitten" hinzunehmen, welche den individuellen 
Verkehr naher Verwandter in unserem Sinne behüten, die mit 
geradezu religiöser Strenge eingehalten werden, und deren Absicht 
uns kaum zweifelhaft erscheinen kann. Man kann diese Sitten 
oder Sittenverbote „Vermeidungen" (avoidances) heißen. Ihre Ver- 
breitung geht weit über die australischen Totemvölker hinaus. Ich 
werde aber auch hier die Leser bitten müssen, mit einem frag- 
mentarischen Ausschnitt aus dem reichen Material vorlieb zu nehmen. 

In Melanesien richten sich solche einschränkende Verbote gegen 
den Verkehr des Knaben mit Mutter und Schwestern. So z. B. 
verläßt auf Lepers Island, einer der Neuhebriden, der Knabe 



i6 



Totem und Tabu 



von einem bestimmten Alter an das mütterliche Heim und über- 
siedelt ins „Klubhaus", wo er jetzt regelmäßig schläft und seine 
Mahlzeiten einnimmt. Er darf sein Heim zwar noch besuchen, 
um dort Nahrung zu verlangen; wenn aber seine Schwester zu 
Hause ist, muß er fortgehen, ehe er gegessen hat; ist keine 
Schwester anwesend, so darf er sich in der Nähe der Türe zum 
Essen niedersetzen. Begegnen sieb Bruder und Schwester zufällig 
im Freien, so muß sie weglaufen oder sich seitwärts verstecken. 
Wenn der Knabe gewisse Fußspuren im Sande als die seiner 
Schwester erkennt, so wird er ihnen nicht folgen, ebensowenig 
wie sie den seinigen. Ja, er wird nicht einmal ihren Namen aus- 
sprechen und wird sich hüten, ein geläufiges Wort zu gebrauchen, 
wenn es als Bestandteil in ihrem Namen enthalten ist. Diese Ver- 
meidung, die mit der Pubertätszeremonie beginnt, wird über das 
ganze Leben festgehalten. Die Zurückhaltung zwischen einer Mutter 
und ihrem Sohne nimmt mit den Jahren zu, ist übrigens über- 
wiegend auf Seite der Mutter. Wenn sie ihm etwas zu essen 
bringt, reicht sie es ihm nicht selbst, sondern stellt es vor ilm 



hin, sie redet ihn auch nicht vertraut an, sagt ibm 



nach 



unserem Sprachgebrauch - — nicht „Du", sondern „Sie". Ähnliche 
Gebräuche herrschen in Neukaledonien. Wenn Bruder und 
Schwester einander begegnen, so flüchtet sie ins Gebüsch, und er 
geht vorüber, ohne den Kopf nach ihr zu wenden.' 

Auf der Gazellen-Halbinsel in Newbritannien darf eine 
Schwester von ihrer Heirat an mit ihrem Bruder nicht mehr 
sprechen, sie spricht auch seinen Namen nicht mehr aus, sondern 
bezeichnet ihn mit einer Umschreibung. 2 

Auf Neumecklenburg werden Vetter und Base (obwohl nicht 
jeder Art) von solchen Beschränkungen getroffen, ebenso aber 



i) R. H. Co dring ton, „The Melanesians" bei Fraier, „Totcmism and Exogamy", 
Bd. I, P . 77 . 

2) Fraier, I.e. II, p. 124. nach Kl j inti tschen, Die Küstenbewohncr der Gazellen- 
Halbinsel. 



Die Inzestscheu 



17 



Bruder und Schwester. Sie dürfen sich einander nicht nähern, ein- 
ander nicht die Hand geben, keine Geschenke machen, dürfen aber 
in der Entfernung von einigen Schritten miteinander sprechen. Die 
Strafe für den Inzest mit der Schwester ist der Tod durch Erhängen. 1 
Auf den Fiji-Inseln sind diese Vermeidungsregeln besonders 
strenge; sie betreffen dort nicht nur die blutsverwandte, sondern 
selbst die Gruppenschwester. Um so sonderbarer berührt es uns 
wenn wir hören, daß diese Wilden heilige Orgien kennen in 
denen eben diese verbotenen Verwandtschaftsgrade die geschlecht- 
liche Vereinigung aufsuchen, wenn wir es nicht vorziehen, diesen 
Gegensatz zur Aufklärung des Verbotes zu verwenden, anstatt uns 
über ihn zu verwundern. 2 

Unter den Battas auf Sumatra betreffen die Vermeidungs- 
gebote alle nahen Verwandtschaftsbeziehungen. Es wäre für einen 
Batta z. B. höchst anstößig, seine eigene Schwester zu einer 
Abendgesellschaft zu begleiten. Ein Battabruder wird sich in 
Gesellschaft seiner Schwester unbehaglich fühlen, selbst wenn 
noch andere Personen mit anwesend sind. Wenn der eine von 
ihnen ins Haus kommt, so zieht es der andere Teil vor, weg- 
zugehen. Ein Vater wird auch nicht allein im Hause mit seiner 
Tochter bleiben, ebensowenig wie eine Mutter mit ihrem Sohne. 
Der holländische Missionär, der über diese Sitten berichtet, fügt 
hinzu, er müsse sie leider für sehr wohlbegründet halten. Es 
wird bei diesem Volke ohneweiters angenommen, daß ein Allein- 
sein eines Mannes mit einer Frau zu ungehöriger Intimität 
führen werde, und da sie vom Verkehr naher Blutsverwandter 
alle möglichen Strafen und üblen Folgen erwarten, tun sie recht 
daran, allen Versuchungen durch solche Verbote auszuweichen. 3 
Bei den Barongos an der Delagoa-Bucht in Afrika gelten 
merkwürdigerweise die strengsten Vorsichten der Schwägerin, 



1) Frazer, I.e. II, p. 131, nach P. G. Peckel in Anthropos, 1908. 

2) Frazer, I.e. II, p. 147, nach Rev. L. Fison. 

3) Frazer, 1. c. II, p. 189. 

Freud, X. 



i8 



Totem und Tabu 



der Frau des Bruders der eigenen Frau. Wenn ein Mann diese 
ihm gefahrliche Person irgendwo begegnet, so weicht er ihr 
sorgsam aus. Er wagt es nicht, aus einer Schüssel mit ihr zu 
essen, er spricht sie nur zagend an, getraut sich nicht, in ihre 
Hütte einzutreten, und begrüßt sie nur mit zitternder Stimme. 1 

Bei den Akamba (oder Wakamba) in Britisch-Ostafrika herrscht 
ein Gebot der Vermeidung, welches man häufiger anzutreffen 
erwartet hätte. Ein Mädchen muß zwischen ihrer Pubertät und 
ihrer Verheiratung dem eigenen Vater sorgfältig ausweichen. Sie 
versteckt sich, wenn sie ihn auf der Straße begegnet, sie versucht 
es niemals, sich neben ihn hinzusetzen, und benimmt sich so bis 
zum Moment ihrer Verlobung. Von der Heirat an ist ihrem Ver- 
kehr mit dem Vater kein Hindernis mehr in den Weg gelegt. 2 

Die bei weitem verbreitetste, strengste und auch für zivilisierte 
Völker interessanteste Vermeidung ist die, welche den Verkehr 
zwischen einem Manne und seiner Schwiegermutter einschränkt. 
Sie ist in Australien ganz allgemein, ist aber auch bei den mela- 
nesischen, polynesischen und den Negervölkern Afrikas in Kraft, 
soweit die Spuren des Totemismus und der Gruppenverwandt- 
schaft reichen, und wahrscheinlich noch darüber hinaus. Bei 
manchen dieser Völker bestehen ähnliche Verbote gegen den 
harmlosen Verkehr einer Krau mit ihrem Schwiegervater, doch 
sind sie lange nicht so konstant und so ernsthaft In vereinzelten 
Fällen werden beide Schwiegereltern Gegenstand der Vermeidung. 

Da wir uns weniger für die ethnographische Verbreitung als 
für den Inhalt und die Absicht der Schwiegermuttervermeidung 
interessieren, werde ich mich auch hier auf die Wiedergabe 
weniger Beispiele beschränken. 

Auf den Banks-Inseln sind diese Gebote sehr strenge und 
peinlich genau. Ein Mann wird die Nähe seiner Schwieger- 
mutter meiden, wie sie die seinige. Wenn sie einander zufällig 



1) Frazer, 1. c. II, p. 38S, nach Junod. 

2) Frazer, 1. c. II, p. 424. 



Die Inzestscheu x q 






i) Frazer, 1. c. II, p. 76. 

2) Frazer, 1. c. II, p. 117, nach C. Ribbe, Zwei Jahre unter den Kannibalen der 
Salomons-Insehi, 1905. 

3) Frazer, 1. c. II, p. 385. 






auf einem Pfade begegnen, so tritt das Weib zur Seite und wendet 
ihm den Rücken, bis er vorüber ist, oder er tut das nämliche. 
In Vanna Lava (Port Patteson) wird ein Mann nicht 
einmal hinter seiner Schwiegermutter am Strande einhergehen 
ehe die steigende Flut nicht die Spur ihrer Fußtritte im Sande 
weggeschwemmt hat. Doch dürfen sie aus einer gewissen Ent- 
fernung miteinander sprechen. Es ist ganz ausgeschlossen, daß 
er je den Namen seiner Schwiegermutter ausspricht oder sie den 
ihres Schwiegersohnes. 1 

Auf den Salomons-Inseln darf der Mann von seiner Heirat 
an seine Schwiegermutter weder sehen, noch mit ihr sprechen. 
Wenn er ihr begegnet, tut er nicht, als ob er sie kennen würde, 
sondern läuft, so schnell er kann, davon, um sich zu verstecken. 2 
Bei den Zulukaffern verlangt die Sitte, daß ein Mann sich 
seiner Schwiegermutter schäme, daß er alles tue, um ihrer Gesell- 
schaft auszuweichen. Er tritt nicht in die Hütte ein, in der sie 
sich befindet, und wenn sie einander begegnen, geht er oder sie 
bei Seite, etwa indem sie sich hinter einem Busch versteckt 
während er seinen Schild vors Gesicht hält. Wenn sie einander 
nicht ausweichen können und das Weib nichts anderes hat, um 
sich zu verhüllen, so bindet sie wenigstens ein Grasbüschel um 
ihren Kopf, damit dem Zeremoniell Genüge getan sei. Der Verkehr 
zwischen ihnen muß entweder durch eine dritte Person besorgt 
werden, oder sie dürfen aus einiger Entfernung einander zuschreien 
wenn sie irgend eine Schranke, z. B. die Einfassung des Kraals 
zwischen sich haben. Keiner von ihnen darf den Namen des andern 
in den Mund nehmen. 3 

Bei den Basoga, einem Negerstamme im Quellengebiete des 
Nils, darf ein Mann zu seiner Schwiegermutter nur sprechen, 



20 



Totem und Tabu 



wenn sie in einem anderen Räume des Hauses ist und von ihm 
nicht gesehen wird. Dieses Volk verabscheut übrigens den Inzest 
so sehr, daß es ihn selbst bei Haustieren nicht straflos läßt. 1 

Während Absicht und Bedeutung der anderen Vermeidungen 
zwischen nahen Verwandten einem Zweifel nicht unterliegen, so 
daß sie von allen Beobachtern als Schutzmaßregeln gegen den 
Inzest aufgefaßt werden, haben die Verbote, welche den Verkehr 
mit der Schwiegermutter betreffen, von manchen Seiten eine andere 
Deutung erfahren. Eis erschien mit Recht unverständlich, daß alle 
diese Völker so große Angst, vor der Versuchung zeigen sollten, 
die dem Manne in der Gestalt einer älteren Frau entgegentritt, 
welche seine Mutter sein könnte, ohne es wirklich zu sein. 2 

Diese Einwendung wurde auch gegen die Auffassung von Fison 
erhoben, der darauf aufmerksam machte, daß gewisse Heiratsklassen- 
systeme darin eine Lücke zeigen, daß sie die Ehe zwischen einem 
Manne und seiner Schwiegermutter nicht theoretisch unmöglich 
machen; es hätte darum einer besonderen Sicherung gegen diese 
Möglichkeit bedurft. 

Sir J. Lubbock führt in seinem Werke „Origin of civilisation" 
das Benehmen der Schwiegermutter gegen den Schwiegersohn 
auf die einstige Raubehe (marriage by capture) zurück. „Solange 
der Frauenraub wirklich bestand, wird auch die Entrüstung der 
Eltern ernsthaft genug gewesen sein. Als von dieser Form der Ehe 
nur mehr Symbole übrig waren, wurde auch die Entrüstung der 
Eltern symbolisiert, und diese Sitte hielt noch an, nachdem ihre 
Herkunft vergessen war." Es wird Crawley leicht zu zeigen, wie 
wenig dieser Erklärungsversuch die Einzelheiten der tatsächlichen 
Beobachtung deckt. 

E. B. Tylor meint, die Behandlung des Schwiegersohnes von 
sehen der Schwiegermutter sei nichts anderes als eine Form der 
„Nichtanerkennung" (cutting) von seiten der Familie der Frau. 



1) Frazer, 1. c. II, p. 461. 

a) V. Crawley, The mystic rose. London 1902, p. 405. 



Die Inzestscheu 21 



Der Mann gilt als Fremder, und dies so lange, bis das erste Kind 
geboren wird. Allein abgesehen von den Fällen, in denen letztere 
Bedingung das Verbot nicht aufhebt, unterliegt diese Erklärung 
dem Einwand, daß sie die Orientierung der Sitte auf das Verhältnis 
zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter nicht aufhellt, also 
den geschlechtlichen Faktor übersieht, und daß sie dem Moment 
des geradezu heiligen Abscheus nicht Rechnung trägt, welcher in 
den Vermeidungsgeboten zum Ausdruck kommt. 1 

Eine Zulufrau, die nach der Begründung des Verbotes ge- 
fragt wurde, gab die von Zartgefühl getragene Antwort: Es ist 
nicht recht, daß er die Brüste sehen soll, die seine Frau gesäugt 
haben. 2 

Es ist bekannt, daß das Verhältnis zwischen Schwiegersohn und 
Schwiegermutter auch bei den zivilisierten Völkern zu den heikein 
Seiten der Familienorganisation gehört. Es bestehen in der Gesell- 
schaft der weißen Völker Europas und Amerikas zwar keine Ver- 
meidungsgebote mehr für die beiden, aber es würde oft viel Streit 
und Unlust vermieden, wenn solche noch als Sitte bestünden und 
nicht von den einzelnen Individuen wieder aufgerichtet werden 
müßten. Manchen Europäern mag es als ein Akt hoher Weisheit 
erscheinen, daß die wilden Völker durch ihre Vermeidungsgebote 
die Herstellung eines Einvernehmens zwischen den beiden so nahe 
verwandt gewordenen Personen von vornherein ausgeschlossen 
haben. Es ist kaum zweifelhaft, daß in der psychologischen Situation 
von Schwiegermutter und Schwiegersohn etwas enthalten ist, was 
die Feindseligkeit zwischen ihnen befördert und ihr Zusammen- 
leben erschwert. Daß der Witz der zivilisierten Völker gerade das 
Schwiegermutterthema so gern zum Objekt nimmt, scheint mir 
darauf hinzudeuten, daß die Gefühlsrelationen zwischen den beiden 
außerdem Komponenten führen, die in scharfem Gegensatz zuein- 
ander stehen. Ich meine, daß dies Verhältnis eigentlich ein „am- 

1) Crawley, 1. c, p. 407. 

2) Crawley, 1. c, p. 4 oi. nach Leslie. Among the Zulus and Amatongas, 1875. 



22 



Totern und Tabu 



bivalentes", aus widerstreitenden, zärtlichen und feindseligen Re- 
gungen zusammengesetzt ist. 

Ein gewisser Anteil dieser Regungen liegt klar zutage: Von 
Seiten der Schwiegermutter die Abneigung, auf den Besitz der 
Tochter zu verzichten, das Mißtrauen gegen den Fremden, dem 
sie überantwortet ist, die Tendenz, eine herrschende Position zu 
behaupten, in die sie sich im eigenen Hause eingelebt hatte. Von 
sehen des Mannes die Entschlossenheit, sich keinem fremden Willen 
mehr unterzuordnen, die Eifersucht gegen alle Personen, die vor 
ihm die Zärtlichkeit seines Weibes besaßen, und — last not least — 
die Abneigung dagegen, sich in der Illusion der Sexualüberschätzung 
stören zu lassen. Eine solche Störung geht wohl zumeist von der 
Person der Schwiegermutter aus, die ihn durch so viele gemein- 
same Züge an die Tochter malmt und doch all der Reize der 
Jugend, Schönheit und psychischen Frische entbehrt, welche ihm 
seine Frau wertvoll machen. 

Die Kenntnis versteckter Seelenregungen, welche die psycho- 
analytische Untersuchung einzelner Menschen verleiht, gestattet 
uns, zu diesen Motiven noch andere hinzuzufügen. Wo die psycho- 
sexuellen Bedürfnisse der Frau in der Ehe und im Familienleben 
befriedigt werden sollen, da droht ihr immer die Gefahr der 
Unbefriedigung durch den frühzeitigen Ablauf der ehelichen Be- 
ziehung und die Ereignislosigkeit in ihrem Gefühlsleben. Die 
alternde Mutter schützt sich davor durch Einfühlung in ihre 
Kinder, Identifizierung mit ihnen, indem sie deren gefühlsbetonte 
Erlebnisse zu den eigenen macht. Man sagt, die Eltern bleiben 
jung mit ihren Kindern; es ist dies in der Tat einer der wert- 
vollsten seelischen Gewinste, den Eltern aus ihren Kindern 
ziehen. Im Falle der Kinderlosigkeit entfällt so eine der besten 
Möglichkeiten, die für die eigene Ehe erforderliche Resignation 



zu ertragen. Diese Einfühlung in die Tochter 



geht bei der 



Mutter leicht so weit, daß sie sich in den von ihr geliebten 
Mann — mitverliebt, was in grellen Fällen infolge des heftigen 



Die Inzestscheu 23 



seelischen Sträubens gegen diese Gefühlsanlage zu schweren 
Formen neurotischer Erkrankung führt. Eine Tendenz zu solcher 
Verliebtheit ist bei der Schwiegermutter jedenfalls sehr häufig, 
und entweder diese selbst oder die ihr entgegenarbeitende Strebung 
schließen sich dem Gewühle der miteinander ringenden Kräfte 
in der Seele der Schwiegermutter an. Recht häufig wird gerade 
die unzärtliche, sadistische Komponente der Liebeserregung dem 
Schwiegersöhne zugewendet, um die verpönte, zärtliche um so 
sicherer zu unterdrücken. 

Für den Mann kompliziert sich das Verhältnis zur Schwieger- 
mutter durch ähnliche Regungen, die aber aus anderen Quellen 
stammen. Der Weg der Objektwahl hat ihn regulärerweise über 
das Bild seiner Mutter, vielleicht noch seiner Schwester, zu seinem 
Liebesobjekt geführt; infolge der Inzestschranke glitt seine Vor- 
liebe von beiden teuren Personen seiner Kindheit ab, um bei 
einem fremden Objekt nach deren Ebenbild zu landen. An Stelle 
der eigenen Mutter und Mutter seiner Schwester sieht er nun 
die Schwiegermutter treten; es entwickelt sich eine Tendenz, in 
die vorzeitliche Wahl zurückzusinken, aber dieser widerstrebt alles 
in ihm. Seine Inzestscheu fordert, daß er an die Genealogie seiner 
Liebeswahl nicht erinnert werde; die Aktualität der Schwieger- 
mutter, die er nicht wie die Mutter von jeher gekannt hat, so 
daß ihr Bild im Unbewußten unverändert bewahrt werden konnte, 
macht ihm die Ablehnung leicht. Ein besonderer Zusatz von Reiz- 
barkeit und Gehässigkeit zur Gefühlsmischung läßt uns vermuten, 
daß die Schwiegermutter tatsächlich eine Inzestversuchung für den 
Schwiegersohn darstellt, sowie es anderseits nicht selten vorkommt, 
daß sich ein Mann manifesterweise zunächst in seine spätere 
Schwiegermutter verliebt, ehe seine Neigung auf deren Tochter 
übergeht. 

Ich sehe keine Abhaltung von der Annahme, daß es gerade 
dieser, der inzestuöse Faktor des Verhältnisses ist, welcher die 
Vermeidung zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter bei 






2 4 



Totem und Tabu 



den Wilden motiviert. Wir würden also in der Aufklärung der 
so streng gehandhabten „Vermeidungen" dieser primitiven Völker 
die ursprünglich von Fison geäußerte Meinung bevorzugen, die 
in diesen Vorschriften wiederum nur einen Schutz gegen den 
möglichen Inzest erblickt. Das nämliche würde für alle anderen 
Vermeidungen zwischen Bluts- oder Heiratsverwandten gelten. Nur 
bliebe der Unterschied, daß im ersteren Falle i\er Inzest ein 
direkter ist, die Verhütungsabsicht eine bewußte sein könnte; im 
anderen Falle, der das Schwiegermutterverhältnis mit einschließt, 
wäre der Inzest eine Phantasieversuchung, ein durch unbewußte 
Zwischenglieder vermittelter. 

Wir haben in den vorstehenden Ausführungen wenig Gelegen- 
heit gehabt zu zeigen, daß die Tatsachen der Völkerpsychologie 
durch die Anwendung der psychoanalytischen Betrachtung in neuem 
Verständnis gesehen werden können, denn die Inzestscheu der 
Wilden ist längst als solche erkannt worden und bedarf keiner 
weiteren Deutung. Was wir zu ihrer Würdigung hinzufügen 
können, ist die Aussage, sie sei ein exquisit infantiler Zug und 
eine auffällige Übereinstimmung mit dem seelischen Leben des 
Neurotikers. Die Psychoanalyse hat uns gelehrt, daß die erste 
sexuelle Objektwahl des Knaben eine inzestuöse ist, den verpönten 
Objekten, Mutter und Schwester, gilt, und hat uns auch die Wege 
kennen gelehrt, auf denen sich der Heranwachsende von der 
Anziehung des Inzests frei macht. Der Neurotiker repräsentiert 
uns aber regelmäßig ein Stück des psychischen Infantilismus, er 
hat es entweder nicht vermocht, sich von den kindlichen Ver- 
hältnissen der Psychosexualität zu befreien, oder er ist zu ihnen 
zurückgekehrt. (Entwicklungshemmung und Regression.) In seinem 
unbewußten Seelenleben spielen darum noch immer oder wiederum 
die inzestuösen Fixierungen der Libido eine Hauptrolle. Wir sind 
dahin gekommen, das vom Inzestverlangen beherrschte Verhältnis 
zu den Eltern für den Kern komplex der Neurose zu erklären. 
Die Aufdeckung dieser Bedeutung des Inzests für die Neurose 



Die Inzestscheu 25 



stößt natürlich auf den allgemeinsten Unglauben der Erwachsenen 
und Normalen $ dieselbe Ablehnung wird z. B. auch den Arbeiten 
von Otto Rank entgegentreten, die in immer größerem Aus- 
maß dartun, wie sehr das Inzestthema im Mittelpunkte des dich- 
terischen Interesses steht und in ungezählten Variationen und 
Entstellungen der Poesie den Stoff liefert. Wir sind genötigt zu 
glauben, daß solche Ablehnung vor allem ein Produkt der tiefen 
Abneigung des Menschen gegen seine einstigen, seither der Ver- 
drängung verfallenen Inzestwünsche ist. Es ist uns darum nicht 
unwichtig, an den wilden Völkern zeigen zu können, daß sie die 
zur späteren Unbewußtheit bestimmten Inzestwünsche des Men- 
schen noch als bedrohlich empfinden und der schärfsten Abwehr- 
maßregeln für würdig halten. 



II 

DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ 
DER GEFÜHLSREGUNGEN 



Tabu ist ein polynesisches Wort, dessen Übersetzung uns 
Schwierigkeiten bereitet, weil wir den damit bezeichneten Begriff 
nicht mehr besitzen. Den alten Römern war er noch geläufig, 
ihr sacer war dasselbe wie das Tabu der Polynesien Auch das 
äyog der Griechen, das Kodausch der Hebräer muß das nämliche 
bedeutet haben, was die Polynesier durch ihr Tabu, viele Völker 
in Amerika, Afrika (Madagaskar), Nord- und Zentral-Asien durch 
analoge Bezeichnungen ausdrücken. 

Uns geht die Bedeutung des Tabu nach zwei enl gegengesetzten 
Richtungen auseinander. Es heißt uns einerseits: heilig, geweiht, 
anderseits: unheimlich, gefährlich, verboten, unrein. Der Gegensatz 
von Tabu heißt im Polynesischen noa = gewöhnlich, allgemein 
zugänglich. Somit haftet am Tabu etwas wie der Begriff einer 
Reserve, das Tabu äußert sich auch wesentlich in Verboten und 
Einschränkungen. Unsere Zusammensetzung „heilige Scheu" würde 
sich oft mit dem Sinn des Tabu decken. 

Die Tabubeschränkungen sind etwas anderes als die religiösen oder 
moralischen Verbote. Sie werden nicht auf das Gebot eines Gottes 
zurückgeführt, sondern verbieten sich eigentlich von selbst; von den 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 



27 



Moralverboten scheidet sie das Fehlen der Einreihung in ein System, 
welches ganz allgemein Enthaltungen für notwendig erklärt und diese 
Notwendigkeit auch begründet. Die Tabuverbote entbehren jeder Be- 
gründung; sie sind unbekannter Herkunft; für uns unverständlich, er- 
scheinen sie jenen selbstverständlich, die unter ihrer Herrschaft stehen. 

Wundt 1 nennt das Tabu den ältesten ungeschriebenen Gesetzeskodex 
der Menschheit. Es wird allgemein angenommen, daß das Tabu älter 
ist als die Götter und in die Zeiten vor jeder Religion zurückreicht. 

Da wir einer unparteiischen Darstellung des Tabu bedürfen, 
um dieses der psychoanalytischen Betrachtung zu unterziehen, lasse 
ich nun einen Auszug aus dem Artikel „taboo" der „Encyclopaedia 
Britannica" 2 folgen, der den Anthropologen Northcote W. Thomas 
zum Verfasser hat. 

„Streng genommen umfaßt tabu nur a) den heiligen (oder 
unreinen) Charakter von Personen oder Dingen, b) die Art der 
Beschränkung, welche sich aus diesem Charakter ergibt, und c) die 
Heiligkeit (oder Unreinheit), welche aus der Verletzung dieses 
Verbotes hervorgeht. Das Gegenteil von tabu heißt in Polynesien 
,noa\ was gewöhnlich' oder ,gemein' bedeutet . . . 

„In einem weiteren Sinne kann man verschiedene Arten von 
Tabu unterscheiden: 1. Ein natürliches oder direktes Tabu, 
welches das Ergebnis einer geheimnisvollen Kraft (Mana) ist, die 
an einer Person oder Sache haftet; 2. ein mitgeteiltes oder in- 
direktes Tabu, das auch von jener Kraft ausgeht, aber entweder 
a) erworben ist, oder b) von einem Priester, Häuptling oder sonst 
jemandem übertragen; endlich 5. ein Tabu, das zwischen den beiden 
anderen die Mitte hält, wenn nämlich beide Faktoren in Betracht 
kommen, wie z. B. bei der Aneignung eines Weibes durch einen 
Mann. Der Name Tabu wird auch auf andere rituelle Beschrän- 
kungen angewendet, aber man sollte alles, was besser religiöses 
Verbot heißen könnte, nicht zum Tabu rechnen." 



1) Völkerpsychologie, II. Bd. „Mythus und Religion", 1906, II, p. 508. 

2) Elfte Auflage, 1911. — Daselbst auch die wichtigsten Literaturnachweise. 



28 



Totem und Tabu 



„Die Ziele des Tabu sind mannigfacher Art: Direkte Tabu 
bezwecken a) den Schutz bedeutsamer Personen wie Häuptlinge, 
Priester und Gegenstände u. dgl. gegen mögliche Schädigung; 
b) die Sicherung der Schwachen — Frauen, Kinder und gewöhn- 
licher Menschen im allgemeinen — gegen das mächtige Mana 
(die magische Kraft) der Priester und Häuptlinge; c) den Schutz 
gegen Gefahren, die mit der Berührung von Leichen, mit dem 
Genuß gewisser Speisen usw. verbunden sind; d) die Versicherung 
gegen die Störung wichtiger Lebensakte wie Geburt, Männer- 
weihe, Heirat, sexuelle Tätigkeiten; e) den Schutz menschlicher 
Wesen gegen die Macht oder den Zorn von Göttern und Dämonen;' 
f) die Behütung Ungeborener und kleiner Kinder gegen die 
mannigfachen Gefahren, die ihnen infolge ihrer besonderen sym- 
pathetischen Abhängigkeit von ihren Eltern drohen, wenn diese 
z. B. gewisse Dinge tun oder Speisen zu sich nehmen, deren 
Genuß den Kindern besondere Eigenschaften übertragen könnte. 
Eine andere Verwendung des Tabu ist die zum Schutze des Eigen- 
tums einer Person, ihrer Werkzeuge, ihres Feldes usw gegen 
Diebe." 

„Die Strafe für die Übertretung eines Tabu wird wohl ur- 
sprünglich einer inneren, automatisch wirkenden Einrichtung über- 
lassen. Das verletzte Tabu rächt sich selbst. Wenn Vorstellungen 
von Göttern und Dämonen hinzukommen, mit denen das Tabu 
in Beziehung tritt, so wird von der Macht der Gottheit eine 
automatische Bestrafung erwartet. In anderen Fällen, wahrschein- 
lich infolge einer weiteren Entwicklung des Begriffes, übernimmt 
die Gesellschaft die Bestrafung des Verwegenen, dessen Vorgehen 
seine Genossen in Gefahr gebracht hat. So knüpfen auch die ersten 
Strafsysteme der Menschheit an das Tabu an." 

„Wer ein Tabu übertreten hat, der ist dadurch selbst tabu 
geworden. Gewisse Gefahren, die aus der Verletzung eines Tabu 

i) Diese Verwendimg des Tabu kann auch als eine nicht ursprüngliche in diesem 
Zusammenhange beiseite gelassen werden. 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsr egungen 29 

entstehen, können durch Bußhandlungen und Reinigungszeremo- 
nien beschworen werden." 

„Als die Quelle des Tabu wird eine eigentümliche Zauberkraft 
angesehen, die an Personen und Geistern haftet und von ihnen 
aus durch unbelebte Gegenstände hindurch übertragen werden 
kann. Personen oder Dinge, die tabu sind, können mit elektrisch 
geladenen Gegenständen verglichen werden; sie sind der Sitz einer 
furchtbaren Kraft, welche sich durch Berührung mitteilt und mit 
unheilvollen Wirkungen entbunden wird, wenn der Organismus, 
der die Entladung hervorruft, zu schwach ist, ihr zu widerstehen. 
Der Erfolg einer Verletzung des Tabu hängt also nicht nur von 
der Intensität der magischen Kraft ab, die an dem Tabuobjekt 
haftet, sondern auch von der Stärke des Mana, die sich dieser 
Kraft bei dem Frevler entgegensetzt. So sind z. B. Könige und 
Priester Inhaber einer großartigen Kraft, und es wäre Tod für 
ihre Untertanen, in unmittelbare Berührung mit ihnen zu treten, 
aber ein Minister oder eine andere Person von mehr als gewöhn- 
lichem Mana kann ungefährdet mit ihnen verkehren, und diese 
Mittelspersonen können wiederum ihren Untergebenen ihre An- 
näherung gestatten, ohne sie in Gefahr zu bringen. Auch mit- 
geteilte Tabu hängen in ihrer Bedeutung von dem Mana der 
Person ab, von der sie ausgehen; wenn ein König oder Priester 
ein Tabu auferlegt, ist es wirksamer, als wenn es von einem 
gewöhnlichen Menschen käme." 

Die Übertragbarkeit eines Tabu ist wohl jener Charakter, der 
dazu Veranlassung gegeben hat, seine Beseitigung durch Sühne- 
zeremonien zu versuchen. 

„Es gibt permanente und zeitweilige Tabu. Priester und Häupt- 
linge sind das erstere, ebenso Tote und alles, was zu ihnen 
gehört hat. Zeitweilige Tabu schließen sich an gewisse Zustände 
an, so an die Menstruation und das Kindbett, an den Stand des 
Kriegers vor und nach der Expedition, an die Tätigkeiten des 
Fischens und Jagens u. dgl. Ein allgemeines Tabu kann auch wie 



3° 



Totem und Tabu 



das kirchliche Interdikt über einen großen Bezirk verhängt werden 
und dann jahrelang anhalten." 



Wenn ich die Eindrücke meiner Leser richtig abzuschätzen 
weiß, so getraue ich mich jetzt der Behauptung, sie wüßten 
nach all diesen Mitteilungen über das Tabu erst recht nicht, 
was sie sich darunter vorzustellen haben, und wo sie es in ihrem 
Denken unterbringen können. Dies ist sicherlich die Folge der 
ungenügenden Information, die sie von mir erhalten haben, und 
des Wegfalls aller Erörterungen über die Beziehung des Tabu 
zum Aberglauben, zum Seelenglauben und zur Religion. Aber 
anderseits fürchte ich, eine eingehendere Schilderung dessen, was 
man über das Tabu weiß, hätte noch verwirrender gewirkt, und 
darf versichern, daß die Sachlage in Wirklichkeit recht undurch- 
sichtig ist. Es handelt sich also um eine Reihe von Einschrän- 
kungen, denen sich diese primitiven Völker unterwerfen} dies 
und jenes ist verboten, sie wissen nicht warum, es fällt ihnen 
auch nicht ein, danach zu fragen, sondern sie unterwerfen sich 
ihnen wie selbstverständlich und sind überzeugt, daß eine Über- 
tretung sich von selbst auf die härteste Weise strafen wird. Es 
liegen zuverlässige Berichte vor, daß die unwissentliche Über- 
tretung eines solchen Verbotes sich tatsächlich automatisch gestraft 
hat. Der unschuldige Missetäter, der z. B. von einem ihm ver- 
botenen Tier gegessen hat, wird tief deprimiert, erwartet seinen 
Tod und stirbt dann in allem Ernst. Die Verbote betreffen meist 
Genußfähigkeit, Bewegungs- und Verkehrsfreiheit; sie scheinen in 
manchen Fällen sinnreich, sollen offenbar Enthaltungen und Ent- 
sagungen bedeuten, in anderen Fällen sind sie ihrem Inhalt nach 
ganz unverständlich, betreffen wertlose Kleinigkeiten, scheinen ganz 
von der Art eines Zeremoniells zu sein. All diesen Verboten scheint 
etwas wie eine Theorie zugrunde zu liegen, als ob die Verbote 
notwendig wären, weil gewissen Personen und Dingen eine gefähr- 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 5 1 

liehe Kraft zu eigen ist, die sich durch Berührung mit dem so 
geladenen Objekt überträgt, fast wie eine Ansteckung. Es wird 
auch die Quantität dieser gefährlichen Eigenschaft in Betracht 
gezogen. Der eine oder das eine hat mehr davon als der andere, 
und die Gefahr richtet sich geradezu nach der Differenz der 
Ladungen. Das Sonderbarste daran ist wohl, daß wer es zustande 
gebracht hat, ein solches Verbot zu übertreten, selbst den Charakter 
des Verbotenen gewonnen, gleichsam die ganze gefährliche Ladung 
auf sich genommen hat. Diese Kraft haftet nun an allen Personen, 
die etwas Besonderes sind, wie Könige, Priester, Neugeborene, an 
allen Ausnahmszuständen, wie die körperlichen der Menstruation, 
der Pubertät, der Geburt, an allem Unheimlichen, wie Krankheit 
und Tod, und was kraft der Ansteckungs- oder Ausbreitungs- 
fähigkeit damit zusammenhängt. 

„Tabu" heißt aber alles, sowohl die Personen als auch die 
Örtlichkeiten, Gegenstände und die vorübergehenden Zustände, 
welche Träger oder Quelle dieser geheimnisvollen Eigenschaft 
sind. Tabu heißt auch das Verbot, welches sich aus dieser Eigen- 
schaft herleitet, und Tabu heißt endlich seinem Wortsinn nach 
etwas, was zugleich heilig, über das Gewöhnliche erhaben, wie 
auch gefährlich, unrein, unheimlich umfaßt. 

In diesem Wort und in dem System, das es bezeichnet, drückt 
sich ein Stück Seelenleben aus, dessen Verständnis uns wirklich 
nicht nahegerückt erscheint. Vor allem sollte man meinen, daß 
man sich diesem Verständnis nicht nähern könne, ohne auf den 
für so tiefstehende Kulturen charakteristischen Glauben an Geister 
und Dämonen einzugehen. 

Warum sollen wir überhaupt unser Interesse an das Rätsel 
des Tabu wenden? Ich meine, nicht nur, weil jedes psychologische 
Problem an sich des Versuches einer Lösung wert ist, sondern 
auch noch aus anderen Gründen. Es darf uns ahnen, daß das 
Tabu der Wilden Polynesiens doch nicht so weit von uns abliegt, 
wie wir zuerst glauben wollten, daß die Sitten- und Moral- 



52 



Totem und Tabu 



verböte, denen wir selbst gehorchen, in ihrem Wesen eine Ver- 
wandtschaft mit diesem primitiven Tabu haben könnten, und 
daß die Aufklärung des Tabu ein Licht auf den dunkeln Ursprung 
unseres eigenen „kategorischen Imperativs" zu werfen vermöchte. 

Wir werden also in besonders erwartungsvoller Spannung auf- 
horchen, wenn ein Forscher wie W. Wundt uns seine Auffassung 
des Tabu mitteilt, zumal da er verspricht, „zu den letzten 
Wurzeln der Tabuvorstellungen zurückzugehen."' 

Vom Begriff des Tabu sagt Wundt, daß es „alle die Bräuche 
umfaßt, in denen sich die Scheu vor bestimmten mit den kulti- 
schen Vorstellungen zusammenhängenden Objekten oder vor den 
sich auf diese beziehenden Handlungen ausdrückt. 



II 2 



Ein andermal: „Verstehen wir darunter (unter dem Tabu), wie 
es dem allgemeinen Sinne des Wortes entspricht, jedes in Brauch 
und Sitte oder in ausdrücklich formulierten Gesetzen niedergelegte 
Verbot, einen Gegenstand zu berühren, zu eigenem Gebrauch in 
Anspruch zu nehmen oder gewisse verpönte Worte zu gebrau- 
chen . . .," so gebe es überhaupt kein Volk und keine Kultur- 
stufe, die der Schädigung durch das Tabu entgangen wäre. 

Wundt führt dann aus, weshalb es ihm zweckmäßiger erscheint, 
die Natur des Tabu an den primitiven Verhältnissen der austra- 
lischen Wilden als in der höheren Kultur der polynesischen Völker 
zu studieren. Bei den Australiern ordnet er die Tabuverbote in 
drei Klassen, je nachdem sie Tiere, Menschen oder andere Objekte 
betreffen. Das Tabu der Tiere, das wesentlich im Verbot des 
Tötens und Verzehrens besteht, bildet den Kern des Totemismus. 5 
Das Tabu der zweiten Art, das den Menschen zu seinem Objekt 
hat, ist wesentlich anderen Charakters. Es ist von vornherein auf 
Bedingungen eingeschränkt, die für den Tabuierten eine unge- 
wöhnliche Lebenslage herbeiführen. So sind Jünglinge tabu beim 



1) In der Völkerpsychologie, Band II, „Religion und Mythus", II, p. 300 u. ff. 

2) 1. c, p. 237. 

3} Vgl. darüber die erste und die letzte Abhandlung dieses Buchet. 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 53 

Fest der Männerweihe, Frauen während der Menstruation und 
unmittelbar nach der Geburt, neugeborene Kinder, Kranke und 
vor allem die Toten. Auf dem fortwährend gebrauchten Eigentum 
eines Menschen liegt ein dauerndes Tabu für jeden anderen ; so 
auf seinen Kleidern, Werkzeugen und Waffen. Zum persönlichsten 
Eigentum gehört in Australien auch der neue Name, den ein 
Knabe bei seiner Männerweihe erhält, dieser ist tabu und muß 
geheim gehalten werden. Die Tabu der dritten Art, die auf Bäumen, 
Pflanzen, Häusern, Örtlichkeiten ruhen, sind veränderlicher, scheinen 
nur der Regel zu folgen, daß dem Tabu unterworfen wird, was 
aus irgend welcher Ursache Scheu erregt oder unheimlich ist. 
Die Veränderungen, die das Tabu in der reicheren Kultur der 
Polynesier und der malaiischen Inselwelt erfährt, muß Wundt 
selbst für nicht sehr tiefgehend erklären. Die stärkere soziale Dif- 
ferenzierung dieser Völker macht sich darin geltend, daß Häuptlinge, 
Könige und Priester ein besonders wirksames Tabu ausüben und 
selbst dem stärksten Zwang des Tabu ausgesetzt werden. 

Die eigentlichen Quellen des Tabu liegen aber tiefer als in den 
Interessen der privilegierten Stände; „sie entspringen da, wo die 
primitivsten und zugleich dauerndsten menschlichen Triebe ihren 
Ursprung nehmen, in der Furcht vor der Wirkung dämo- 
nischer Mächte." 1 „Ursprünglich nichts anderes als die objektiv 
gewordene Furcht vor der in dem tabuierten Gegenstand ver- 
borgen gedachten dämonischen Macht, verbietet das Tabu, diese 
Macht zu reizen, und es gebietet, wo es wissentlich oder un- 
wissentlich verletzt worden ist, die Rache des Dämons zu besei- 
tigen." 

Allmählich wird dann das Tabu zu einer in sich selbst begrün- 
deten Macht, die sich vom Dämonismus losgelöst hat. Es wird 
zum Zwang der Sitte und des Herkommens und schließlich des 
Gesetzes. „Das Gebot aber, das unausgesprochen hinter den nach 

1) 1. c, p. 307. 

Freud, X. 3 



34 



Totem und Tabu 



Ort und Zeit mannigfach wechselnden Tabuverboten steht, ist 
ursprünglich das eine: Hüte dich vor dem Zorn der Dämonen." 

Wundt lehrt uns also, das Tabu sei ein Ausdruck und Ausfluß 
des Glaubens der primitiven Völker an dämonische Mächte. Später 
habe sich das Tabu von dieser Wurzel losgelöst und sei eine 
Macht geblieben, einfach weil es eine solche war, infolge einer 
Art von psychischer Beharrung; so sei es selbst die Wurzel un- 
serer Sittengebote und unserer Gesetze geworden. So wenig nun 
der erste dieser Sätze zum Widerspruch reizen kann, so glaube 
ich doch dem Eindruck vieler Leser Worte zu leihen, wenn ich 
die Aufklärung Wundts als eine Enttäuschung anspreche. Das 
heißt wohl nicht, zu den Quellen der Tabuvorstellungen herunter- 
gehen oder ihre letzten Wurzeln aufzeigen. Weder die Angst noch 
die Dämonen können in der Psychologie als letzte Dinge gewertet 
werden, die jeder weiteren Zurücklührung trotzen. Es wäre anders, 
wenn die Dämonen wirklich existierten; aber wir wissen ja, sie 
sind selbst wie die Götter Schöpfungen der Seelenkräfte des Men- 
schen; sie sind von etwas und aus etwas geschaffen worden. 

Über die Doppelbedeutung des Tabu äußert Wundt bedeut- 
same, aber nicht ganz klar zu fassende Ansichten. Für die primi- 
tiven Anfänge des Tabu besteht nach ihm eine Scheidung von 
heilig und unrein noch nicht. Eben darum fehlen hier jene 
Begriffe überhaupt in der Bedeutung, die sie eben erst durch den 
Gegensatz, in den sie zueinander traten, annehmen konnten. Das 
Tier, der Mensch, der Ort, auf dem ein Tabu ruht, sind dämo- 
nisch, nicht heilig und darum auch noch nicht in dem späteren 
Sinne unrein. Gerade für diese noch indifferent in der Mitte 
stehende Bedeutung des Dämonischen, das nicht berührt werden 
darf, ist der Ausdruck Tabu wohl geeignet, da er ein Merkmal 
hervorhebt, das schließlich dem Heiligen wie dem Unreinen für 
alle Zeiten gemeinsam bleibt: die Scheu vor seiner Berührung. 
In dieser bleibenden Gemeinschaft eines wichtigen Merkmals liegt 
aber zugleich ein Hinweis darauf, daß hier zwischen beiden Ge- 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 35 

bieten eine ursprüngliche Übereinstimmung obwaltet, die erst 
infolge weiterer Bedingungen einer Differenzierung gewichen ist, 
durch welche sich beide schließlich zu Gegensätzen entwickelt 
haben. 

Der dem ursprünglichen Tabu eigene Glaube an eine dämo- 
nische Macht, die in dem Gegenstand verborgen ist und dessen 
Berührung oder unerlaubte Verwendung durch Verzauberung des 
Täters rächt, ist eben noch ganz und ausschließlich die objekti- 
vierte Furcht. Diese hat sich noch nicht in die beiden Formen 
gesondert, die sie auf einer entwickelten Stufe annimmt: in die 
Ehrfurcht und in den Abscheu. 

Wie aber entsteht diese Sonderung? Nach Wundt durch die 
Verpflanzung der Tabugebote aus dem Gebiet der Dämonen — 
in das der Göttervorstellungen. Der Gegensatz von heilig und 
unrein fällt mit der Aufeinanderfolge zweier mythologischer Stufen 
zusammen, von denen die frühere nicht vollkommen verschwindet, 
wenn die folgende erreicht ist, sondern in der Form einer nie- 
drigeren und allmählich mit Verachtung sich paarenden Wert- 
schätzung fortbesteht. In der Mythologie gilt allgemein das Gesetz, 
daß eine vorangegangene Stufe eben deshalb, weil sie von der 
höheren überwunden und zurückgedrängt wird, nun neben dieser 
in erniedrigter Form fortbesteht, so daß die Objekte ihrer Ver- 
ehrung in solche des Abscheus sich umwandeln. 1 

Die weiteren Ausführungen Wundts beziehen sich auf das 
Verhältnis der Tabuvorstellungen zur Reinigung und zum Opfer. 

2 

Wer von der Psychoanalyse, das heißt von der Erforschung des 
unbewußten Anteils am individuellen Seelenleben her an das 
Problem des Tabu herantritt, der ward sich nach kurzem Besinnen 
sagen, daß ihm diese Phänomene nicht fremd sind. Er kennt 

1) 1. c, p. 315. 



36 



Totem und Tabu 



Personen, die sich solche Tabuverbote individuell geschaffen haben 
und sie ebenso streng befolgen wie die Wilden die ihrem Stamme 
oder ihrer Gesellschaft gemeinsamen. Wenn er nicht gewohnt 
wäre, diese vereinzelten Personen als „Zw angsk ranke" zu be- 
zeichnen, würde er den Namen „Tabukrankheit" für deren Zu- 
stand angemessen finden müssen. Von dieser Zwangskrankheit hat 
er aber durch die psychoanalytische Untersuchung soviel erfahren, 
die klinische Ätiologie und das Wesentliche des psychischen 
Mechanismus, daß er es sich nicht versagen kann, das hier Gelernte 
zur Aufklärung der entsprechenden völkerpsychologischen Erschei- 
nung zu verwenden. 

Eine Warnung wird bei diesem Versuche angehört werden 
müssen. Die Ähnlichkeit des Tabu mit der Zwangskrankheit mag 
eine rein äußerliche sein, für die Erscheinungsform der beiden 
gelten und sich nicht weiter auf deren Wesen erstrecken. Die 
Natur liebt es, die nämlichen Formen in den verschiedensten 
biologischen Zusammenhängen zu verwenden, z. B. am Korallen- 
stock wie an der Pflanze, ja darüber hinaus an gewissen Kristallen 
oder bei Bildung bestimmter chemischer Niederschläge. Es wäre 
offenbar voreilig und wenig aussichtsvoll, durch diese Überein- 
stimmungen, die auf eine Gemeinsamkeit mechanischer Bedin- 
gungen zurückgehen, Schlüsse zu begründen, die sich auf innere 
Verwandtschaft beziehen. Wir werden dieser Warnung eingedenk 
bleiben, brauchen aber die beabsichtigte Vergleichung dieser Mög- 
lichkeit wegen nicht zu unterlassen. 

Die nächste und auffälligste Übereinstimmung der Zwangsver- 
bote (bei den Nervösen) mit dem Tabu besteht nun darin, daß 
diese Verbote ebenso unmoti viert und in ihrer Herkunft rätsel- 
haft sind. Sie sind irgend einmal aufgetreten und müssen nun 
infolge einer unbezwingbaren Angst gehalten werden. Eine äußere 
Strafandrohung ist überflüssig, weil eine innere Sicherheit (ein 
Gewissen) besteht, die Übertretung werde zu einem unerträglichen 
Unheil führen. Das Äußerste, was die Zwangskranken mitteilen 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 57 

können, ist die unbestimmte Ahnung, es werde eine gewisse Person 
ihrer Umgebung durch die Übertretung zu Schaden kommen. Welches 
diese Schädigung sein soll, wird nicht erkannt, auch erhält man 
diese kümmerliche Auskunft eher bei den später zu besprechenden 
Sühne- und Abwehrhandlungen als bei den Verboten selbst. 

Das Haupt- und Kernverbot der Neurose ist wie beim Tabu 
das der Berührung, daher der Name: Berührungsangst, delire de 
toucher. Das Verbot erstreckt sich nicht nur auf die direkte Be- 
rührung mit dem Körper, sondern nimmt den Umfang der über- 
tragenen Redensart: in Berührung kommen, an. Alles, was die 
Gedanken auf das Verbotene lenkt, eine Gedankenberührung her- 
vorruft, ist ebenso verboten wie der unmittelbare leibliche Kontakt; 
dieselbe Ausdehnung findet sich beim Tabu wieder. 

Ein Teil der Verbote ist nach seiner Absicht ohneweiters verständ- 
lich, ein anderer Teil dagegen erscheint uns unbegreiflich, läppisch, 
sinnlos. Wir bezeichnen solche Gebote als „Zeremoniell" und finden, 
daß die Tabugebräuche dieselbe Verschiedenheit erkennen lassen. 

Den Zwangsverboten ist eine großartige Verschiebbarkeit zu 
eigen, sie dehnen sich auf irgend welchen Wegen des Zusammen- 
hanges von einem Objekt auf das andere aus und machen auch 
dieses neue Objekt, wie eine meiner Kranken treffend sagt, „un- 
möglich". Die Unmöglichkeit hat am Ende die ganze Welt mit 
Beschlag belegt. Die Zwangskranken benehmen sich so, als wären 
die „unmöglichen" Personen und Dinge Träger einer gefährlichen 
Ansteckung, die bereit ist, sich auf alles Benachbarte durch Kon- 
takt zu übertragen. Dieselben Charaktere der Ansteckungsfähigkeit 
und der Übertragbarkeit haben wir eingangs bei der Schilderung 
der Tabuverbote hervorgehoben. Wir wissen auch, wer ein Tabu 
übertreten hat durch die Berührung von etwas, was tabu ist, der 
wird selbst tabu und niemand darf mit ihm in Berührung treten. 

Ich stelle zwei Beispiele von Übertragung (besser Verschiebung) 
des Verbotes zusammen; das eine aus dem Leben der Maori, 
das andere aus meiner Beobachtung an einer zwangskranken Frau. 



38 



Totem und Tabu 






„Ein Maorihäuptling wird kein Feuer mit seinem Hauch an- 
fachen, denn sein geheiligter Atem würde seine Kraft dem Feuer 
mitteilen, dieses dem Topf, der im Feuer steht, der Topf der 
Speise, die in ihm gekocht wird, die Speise der Person, die von 
ihr ißt, und so müßte die Person sterben, die gegessen von der 
Speise, die gekocht in dem Topf, der gestanden im Feuer, in das 
geblasen der Häuptling mit seinem heiligen und gefährlichen 
Hauch." 1 

Die Patientin verlangt, daß ein Gebrauchsgegenstand, den ihr 
Mann vom Einkauf nach Hause gebracht, entfernt werde, er würde 
ihr sonst den Raum, in dem sie wohnt, unmöglich machen. Denn 
sie hat gehört, daß dieser Gegenstand in einem Laden gekauft 
wurde, welcher in der, sagen wir: Hirschengasse liegt. Aber 
Hirsch ist heute der Name einer Freundin, die in einer fernen 
Stadt lebt, und die sie in ihrer Jugend unter ihrem Mädchennamen 
gekannt hat. Diese Freundin ist ihr heute „unmöglich", tabu, und 
der hier in Wien gekaufte Gegenstand ist ebenso tabu wie die 
Freundin selbst, mit der sie nicht in Berührung kommen will. 

Die Zwangsverbote bringen großartigen Verzicht und Einschrän- 
kungen des Lebens mit sich wie die Tabuverbote, aber ein Anteil 
von ihnen kann aufgehoben werden durch die Ausführung ge- 
wisser Handlungen, die nun auch geschehen müssen, die Zwangs- 
charakter haben, — Zwangshandlungen — und deren Natur als 
Buße, Sühne, Ab wehr maß regeln und Reinigung keinem Zweifel 
unterliegt. Die gebräuchlichste dieser Zwangshandlungen ist das 
Abwaschen mit Wasser (Waschzwang). Auch ein Teil der Tabu- 
verbote kann so ersetzt, respektive deren Übertretung durch solches 
„Zeremoniell" gutgemacht werden und die Lustration durch Wasser 
ist auch hier die bevorzugte. 

Resümieren wir nun, in welchen Punkten sich die Überein- 
stimmung der Tabugebräuche mit den Symptomen der Zwangs- 



1) Frazer, The golden bough, II, Taboo and tlie perils of the sonl, 1911, p. 156. 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 



39 



neurose am deutlichsten äußert: 1. In der Unmotiviertheit der 
Gebote, 2. in ihrer Befestigung durch eine innere Nötigung, 5. in 
ihrer Verschiebbarkeit und in der Ansteckungsgefahr durch das 
Verbotene, 4. in der Verursachung von zeremoniösen Handlungen, 
Geboten, die von den Verboten ausgehen. 

Die klinische Geschichte wie der psychische Mechanismus der 
Fälle von Zwangskrankheit sind uns aber durch die Psychoanalyse 
bekannt geworden. Erstere lautet für einen typischen Fall von 
Berührungsangst wie folgt: Zu allem Anfang, in ganz früher 
Kinderzeit, äußerte sich eine starke Berührungslust, deren Ziel 
weit spezialisierter war, als man geneigt wäre zu erwarten. Dieser 
Lust trat alsbald von außen ein Verbot entgegen, gerade diese 
Berührung nicht auszuführen. 1 Das Verbot wurde aufgenommen, 
denn es konnte sich auf starke innere Kräfte stützen; 2 es erwies 
sich stärker als der Trieb, der sich in der Berührung äußern 
wollte. Aber infolge der primitiven psychischen Konstitution des 
Kindes gelang es dem Verbot nicht, den Trieb aufzuheben. Der 
Erfolg des Verbotes war nur, den Trieb — die Berührungs- 
lust — zu verdrängen und ihn ins Unbewußte zu verbannen. 
Verbot und Trieb blieben beide erhalten; der Trieb, weil er nur 
verdrängt, nicht aufgehoben war, das Verbot, weil mit seinem 
Aufhören der Trieb zum Bewußtsein und zur Ausführung durch- 
gedrungen wäre. Es war eine unerledigte Situation, eine psychische 
Fixierung geschaffen, und aus dem fortdauernden Konflikt von 
Verbot und Trieb leitet sich nun alles weitere ab. 

Der Hauptcharakter der psychologischen Konstellation, die so 
fixiert worden ist, liegt in dem, was man das ambivalente Ver- 
halten des Individuums gegen das eine Objekt, vielmehr die eine 
Handlung an ihm, heißen könnte. 3 Es will diese Handlung — die 






1) Beide, Lust und Verbot, bezogen sich auf die Berührung der eigenen Genitalien. 

2) Auf die Beziehung zu den geliebten Personen, von denen das Verbot gegeben 

wurde. 

5) Nach einem trefflichen Ausdruck von Bleuler. 



40 



Totem und Tabu 



Berührung — immer wieder ausführen, es verabscheut sie auch. 
Der Gegensatz der beiden Strömungen ist auf kurzem Wege nicht 
ausgleichbar, weil sie — wir können nur sagen — im Seelenleben 
so lokalisiert sind, daß sie nicht zusammenstoßen können. Das 
Verbot wird laut bewußt, die fortdauernde Berührungslust ist 
unbewußt, die Person weiß nichts von ihr. Bestünde dieses psycho- 
logische Moment nicht, so könnte eine Ambivalenz weder sich 
so lange erhalten, noch könnte sie zu solchen Folgeerscheinungen 
führen. 

In der klinischen Geschichte des Falles haben wir das Ein- 
dringen des Verbotes in so frühem Kindesalter als das maßgebende 
hervorgehoben; für die weitere Gestaltung fällt diese Rolle dem 
Mechanismus der Verdrängung auf dieser Altersstufe zu. Infolge 
der stattgehabten Verdrängung, die mit einem Vergessen — 
Amnesie — verbunden ist, bleibt die Motivierung des bewußt 
gewordenen Verbotes unbekannt und müssen alle Versuche scheitern, 
es intellektuell zu zersetzen, da diese den Punkt nicht finden, an 
dem sie angreifen könnten. Das Verbot verdankt seine Stärke — 
seinen Zwangscharakter — gerade der Beziehung zu seinem un- 
bewußten Gegenpart, der im Verborgenen ungedämpften Lust, 
also einer inneren Notwendigkeit, in welche die bewußte Einsicht 
fehlt. Die Übertragbarkeit und Fortpflanzungsfähigkeit des Ver- 
botes spiegelt einen Vorgang wieder, der sich mit der unbewußten 
Lust zuträgt und unter den psychologischen Bedingungen des 
Unbewußten besonders erleichtert ist. Die Trieblust verschiebt sich 
beständig, um der Absperrung, in der sie sich befindet, zu ent- 
gehen, und sucht Surrogate für das Verbotene — Ersatzobjekte 
und Ersatzhandlungen — zu gewinnen. Darum wandert auch 
das Verbot und dehnt sich auf die neuen Ziele der verpönten 
Regung aus. Jeden neuen Vorstoß der verdrängten Libido beant- 
wortet das Verbot mit einer neuen Verschärfung. Die gegenseitige 
Hemmung der beiden ringenden Mächte erzeugt ein Bedürfnis 
nach Abfuhr, nach Verringerung der herrschenden Spannung, in 






Das Tabu und die Ambivalenz der Gefidilsregungen ai 

welchem man die Motivierung der Zwangshandlungen erkennen 
darf. Diese sind bei der Neurose deutlich Kompromißaktionen, in 
der einen Ansicht Bezeugungen von Reue, Bemühungen zur 
Sühne u. dgl., in der anderen aber gleichzeitig Ersatzhandlungen, 
welche den Trieb für das Verbotene entschädigen. Es ist ein Gesetz 
der neurotischen Erkrankung, daß diese Zwangshandlungen immer 
mehr in den Dienst des Triebes treten und immer näher an die 
ursprünglich verbotene Handlung herankommen. 

Unternehmen wir jetzt den Versuch, das Tabu zu behandeln, 
als wäre es von derselben Natur wie ein Zwangsverbot unserer 
Kranken. Wir machen uns dabei von vornherein klar, daß viele 
der für uns zu beobachtenden Tabuverbote sekundärer, verscho- 
bener und entstellter Art sind, und daß wir zufrieden sein müssen, 
etwas Licht auf die ursprünglichsten und bedeutsamsten Tabu- 
verbote zu werfen. Ferner, daß die Verschiedenheiten in der 
Situation des Wilden und des Neurotikers wichtig genug sein 
dürften, um eine völlige Übereinstimmung auszuschließen, eine 
Übertragung von dem einen auf den anderen, die einer Abbildung 
in jedem Punkte gleichkäme, zu verhindern. 

Wir würden dann zunächst [sagen, es habe keinen Sinn, die 
Wilden nach der wirklichen Motivierung ihrer Verbote, nach der 
Genese des Tabu zu fragen. -Nach unserer Voraussetzung müssen 
sie unfähig sein, darüber etwas mitzuteilen, denn diese Motivierung 
sei ihnen „unbewußt". Wir konstruieren die Geschichte des Tabu 
aber folgendermaßen nach dem Vorbild der Zwangsverbote. Die 
Tabu seien uralte Verbote, einer Generation von primitiven Men- 
schen dereinst von außen aufgedrängt, das heißt also doch wohl 
von der früheren Generation ihr gewalttätig eingeschärft. Diese 
Verbote haben Tätigkeiten betroffen, zu denen eine starke Neigung 
bestand. Die Verbote haben sich nun von Generation zu Generation 
erhalten, vielleicht bloß infolge der Tradition durch elterliche und 
gesellschaftliche Autorität. Vielleicht aber haben sie sich in den 
späteren Organisationen bereits „organisiert" als ein Stück ererbten 



42 



Totem und Tabu 



• 






psychischen Besitzes. Ob es solche „angeborene Ideen" gibt, ob 
sie allein oder im Zusammenwirken mit der Erziehung die Fixie- 
rung der Tabu bewirkt haben, wer vermöchte es gerade für den 
in Rede stehenden Fall zu entscheiden? Aber aus der Festhaltung 
der Tabu ginge eines hervor, daß die ursprüngliche Lust, jenes 
Verbotene zu tun, auch noch bei den Tabuvölkern fortbesteht. 
Diese haben also zu ihren Tabuverboten eine ambivalente Ein- 
stellung; sie möchten im Unbewußten nichts lieber als sie über- 
treten, aber sie fürchten sich auch davor; sie fürchten sich gerade 
darum, weil sie es möchten, und die Furcht ist stärker als die 
Lust. Die Lust dazu ist aber bei jeder Einzelperson des Volkes 
unbewußt wie bei dem Neurotiker. 

Die ältesten und wichtigsten Tabuverbote sind die beiden 
Grundgesetze des Totemismus: Das Totemtier nicht zu töten 
und den sexuellen Verkehr mit den Totemgenossen des anderen 
Geschlechtes zu vermeiden. 

Das müßten also die ältesten und stärksten Gelüste der Men- 
schen sein. Wir können das nicht verstehen und können demnach 
unsere Voraussetzung nicht an diesen Beispielen prüfen, solange 
uns Sinn und Abkunft des totemistischen Systems so völlig unbe- 
kannt sind. Aber wer die Ergebnisse der psychoanalytischen Er- 
forschung des Einzelmenschen kennt, der wird selbst durch den 
Wortlaut dieser beiden Tabu und durch ihr Zusammentreffen an 
etwas ganz Bestimmtes gemahnt, was die Psychoanalytiker für den 
Knotenpunkt des infantilen Wunschlebens und dann für den Kern 
der Neurose erklären. 1 

Die sonstige Mannigfaltigkeit der Tabuerscheinungen, die zu 
den früher mitgeteilten Klassifizierungsversuchen geführt hat, wächst 
für uns auf folgende Art zu einer Einheit zusammen: Grundlage 
des Tabu ist ein verbotenes Tun, zu dem eine starke Neigung 
im Unbewußten besteht. 



i) Vgl. meine in diesen Aufsätzen bereits mehrmals angekündigte Studie über 
den Totemismus. 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefülibregungen 



43 



Wir wissen, ohne es zu verstehen, wer das Verbotene tut, das 
Tabu übertritt, wird selbst tabu. Wie bringen wir aber diese 
Tatsache mit der anderen zusammen, daß das Tabu nicht nur 
an Personen haftet, die das Verbotene getan haben, sondern auch 
an Personen, die sich in besonderen Zuständen befinden, an diesen 
Zuständen selbst und an unpersönlichen Dingen? Was kann das 
für eine gefährliche Eigenschaft sein, die immer die nämliche 
bleibt unter all diesen verschiedenen Bedingungen? Nur die eine: 
die Eignung, die Ambivalenz des Menschen anzufachen und ihn 
in Versuchung zu führen, das Verbot zu übertreten. 

Der Mensch, der ein Tabu übertreten hat, wird selbst tabu, 
weil er die gefährliche Eignung hat, andere zu versuchen, daß 
sie seinem Beispiel folgen. Er erweckt Neid 5 warum sollte ihm 
gestattet sein, was anderen verboten ist? Er ist also wirklich an- 
steckend, insofern jedes Beispiel zur Nachahmung ansteckt, und 
darum muß er selbst gemieden werden. 

Ein Mensch braucht aber kein Tabu übertreten zu haben und 
kann doch permanent oder zeitweilig tabu sein, weil er sich in 
einem Zustand befindet, welcher die Eignung hat, die verbotenen 
Gelüste der anderen anzuregen, den Ambivalenzkonflikt in ihnen 
zu wecken. Die meisten Ausnahmsstellungen und Ausnahmszustände 
sind von solcher Art und haben diese gefährliche Kraft. Der König 
oder Häuptling erweckt den Neid auf seine Vorrechte; es möchte 
vielleicht jeder König sein. Der Tote, das Neugeborene, die Frau 
in ihren Leidenszuständen reizen durch ihre besondere Hilflosig- 
keit, das eben geschlechtsreif gewordene Individuum durch den 
neuen Genuß, den es verspricht. Darum sind alle diese Personen 
und alle diese Zustände tabu, denn der Versuchung darf nicht 
nachgegeben werden. 

Wir verstehen jetzt auch, warum die Manakräfte verschiedener 
Personen sich voneinander abziehen, einander teilweise aufheben 
können. Das Tabu eines Königs ist zu stark für seinen Untertan, 
weil die soziale Differenz zwischen ihnen zu groß ist. Aber ein 






4.4. Totem und Tabu 



Minister kann etwa den unschädlichen Vermittler zwischen ihnen 
machen. Das heißt aus der Sprache des Tahu in die der Normal- 
psychologie übersetzt: Der Untertan, der die großartige Versuchung 
scheut, welche ihm die Berührung mit dem König bereitet, kann 
etwa den Umgang des Beamten vertragen, den er nicht so sehr 
zu beneiden braucht, und dessen Stellung ihm vielleicht selbst 
erreichbar scheint. Der Minister aber kann seinen Neid gegen den 
König durch die Erwägung der Macht ermäßigen, die ihm selbst 
eingeräumt ist. So sind geringere Differenzen der in Versuchung 
führenden Zauberkraft weniger zu fürchten als besonders große. 

Es ist ebenso klar, wieso die Übertretung gewisser Tabuverbote 
eine soziale Gefahr bedeutet, die von allen Mitgliedern der Gesell- 
schaft gestraft oder gesühnt werden muß, wenn sie nicht alle 
schädigen soll. Diese Gefahr besteht wirklich, wenn wir die be- 
wußten Regungen für die unbewußten Gelüste einsetzen. Sie 
besteht in der Möglichkeit der Nachahmung, in deren Folge die 
Gesellschaft bald zur Auflösung käme. Wenn die anderen die 
Übertretung nicht ahnden würden, müßten sie ja inne werden, 
daß sie dasselbe tun wollen wie der Übeltäter. 

Daß die Berührung beim Tabuverbot eine ähnliche Rolle spielt 
wie beim delire de touchcr, obwohl der geheime Sinn des Ver- 
botes beim Tabu unmöglich ein so spezieller sein kann wie bei 
der Neurose, darf uns nicht wundernehmen. Die Berührung ist 
der Beginn jeder Bemächtigung, jedes Versuches, sich eine Person 
oder Sache dienstbar zu machen. 

Wir haben die ansteckende Kraft, die dem Tabu innewohnt, 
durch die Eignung, in Versuchung zu führen, zur Nachahmung 
anzuregen, übersetzt. Dazu scheint es nicht zu stimmen, daß sich 
die Ansteckungsfähigkeit des Tabu vor allem in der Übertragung 
auf Gegenstände äußert, die dadurch selbst Träger des Tabu 
werden. 

Diese Übertragbarkeit des Tabu spiegelt die bei der Neurose 
nachgewiesene Neigung des unbewußten Triebes wieder, sich auf 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 



45 



assoziativen Wegen auf immer neue Objekte zu verschieben. Wir 
werden so aufmerksam gemacht, daß der gefährlichen Zauberkraft 
des „Mana" zweierlei realere Fähigkeiten entsprechen, die Eig- 
nung, den Menschen an seine verbotenen Wünsche zu erinnern, 
und die scheinbar bedeutsamere, ihn zur Übertretung des Verbotes 
im Dienste dieser Wünsche zu verleiten. Beide Leistungen treten 
aber wieder zu einer einzigen zusammen, wenn wir annehmen, 
es läge im Sinne eines primitiven Seelenlebens, daß mit der Er- 
weckung der Erinnerung an das verbotene Tun auch die Erweckung 
der Tendenz, es durchzusetzen, verknüpft sei. Dann fallen Erinne- 
rung und Versuchung wieder zusammen. Man muß auch zuge- 
stehen, wenn das Beispiel eines Menschen, der ein Verbot über- 
treten hat, einen anderen zur gleichen Tat verführt, so hat sich 
der Ungehorsam gegen das Verbot fortgepflanzt wie eine Ansteckung, 
wie sich das Tabu von einer Person auf einen Gegenstand und 
von diesem auf einen anderen überträgt. 

Wenn die Übertretung eines Tabu gutgemacht werden kann 
durch eine Sühne oder Buße, die ja einen Verzicht auf irgend 
ein Gut oder eine Freiheit bedeuten, so ist hiedurch der Beweis 
erbracht, daß die Befolgung der Tabuvorschrift selbst ein Verzicht 
war auf etwas, was man gern gewünscht hätte. Die Unterlassung 
des einen Verzichts wird durch einen Verzicht an anderer Stelle 
abgelöst. Für das Tabuzeremoniell würden wir hieraus den Schluß 
ziehen, daß die Buße etwas Ursprünglicheres ist als die Reinigung. 
Fassen wir nun zusammen, welches Verständnis des Tabu sich 
uns aus der Gleichstellung mit dem Zwangsverbot des Neurotikers 
ergeben hat: Das Tabu ist ein uraltes Verbot, von außen (von 
einer Autorität) aufgedrängt und gegen die stärksten Gelüste der 
Menschen gerichtet. Die Lust, es zu übertreten, besteht in deren 
Unbewußten fort; die Menschen, die dem Tabu gehorchen, haben 
eine ambivalente Einstellung gegen das vom Tabu Betroffene. Die 
dem Tabu zugeschriebene Zauberkraft führt sich auf die Fähigkeit 
zurück, die Menschen in Versuchung zu führen; sie benimmt 



4 6 



Totem und Tabu 



sich wie eine Ansteckung, weil das Beispiel ansteckend ist, und 
weil sich das verbotene Gelüste im Unbewußten auf anderes 
verschiebt. Die Sühne der Übertretung des Tabu durch einen 
Verzicht erweist, daß der Befolgung des Tabu ein Verzicht zu- 
grunde liegt. 

5 

Wir wollen nun wissen, welchen Wert unsere Gleichstellung 
des Tabu mit der Zwangsneurose und die auf Grund dieser Ver- 
gleichung gegebene Auffassung des Tabu beanspruchen kann. Ein 
solcher Wert liegt offenbar nur vor, wenn unsere Auffassung 
einen Vorteil bietet, der sonst nicht zu haben ist, wenn sie ein 
besseres Verständnis des Tabu gestattet, als uns sonst möglich 
wird. Wir sind vielleicht geneigt zu behaupten, daß wir diesen 
Nachweis der Brauchbarkeit im vorstehenden bereits erbracht 
haben; wir werden aber versuchen müssen, ihn zu verstärken, 
indem wir die Erklärung der Tabuverbote und Gebräuche ins 
einzelne fortsetzen. 

Es steht uns aber auch ein anderer Weg offen. Wir können 
die Untersuchung anstellen, ob nicht ein Teil der Voraussetzungen, 
die wir von der Neurose her auf das Tabu übertragen haben, 
oder der Folgerungen, zu denen wir dabei gelangt sind, an den 
Phänomenen des Tabu unmittelbar erweisbar ist. Wir müssen 
uns nur entscheiden, wonach wir suchen wollen. Die Behauptung 
über die Genese des Tabu, es stamme von einem uralten Verbote 
ab, welches dereinst von außen auferlegt worden ist, entzieht sich 
natürlich dem Beweise. Wir werden also eher die psychologischen 
Bedingungen für das Tabu zu bestätigen suchen, welche wir für die 
Zwangsneurose kennen gelernt haben. Wie gelangten wir bei der 
Neurose zur Kenntnis dieser psychologischen Momente? Durch 
das analytische Studium der Symptome, vor allem der Zwangs- 
handlungen, der Abwehrmaßregeln und Zwangsgebote. Wir fanden 
an ihnen die besten Anzeichen für ihre Abstammung von am- 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 47 

bivalenten Regungen oder Tendenzen, wobei sie entweder gleich- 
zeitig dem Wunsche wie dem Gegenwunsche entsprechen oder vor- 
wiegend im Dienste der einen von den beiden entgegengesetzten 
Tendenzen stehen. Wenn es uns nun gelänge, auch an den Tabuvor- 
schriften die Ambivalenz, das Walten entgegengesetzter Tendenzen, 
aufzuzeigen, oder unter ihnen einige aufzufinden, die nach der Art 
von Zwangshandlungen beiden Strömungen gleichzeitigen Ausdruck 
geben, so wäre die psychologische Übereinstimmung zwischen dem 
Tabu und der Zwangsneurose im nahezu wichtigsten Stücke gesichert. 
Die beiden fundamentalen Tabuverbote sind, wie vorhin er- 
wähnt, für unsere Analyse durch die Zugehörigkeit zum Tote- 
mismus unzugänglich; ein anderer Anteil der Tabusatzungen ist 
sekundärer Abkunft und für unsere Absicht nicht verwertbar. 
Das Tabu ist nämlich bei den entsprechenden Völkern die allge- 
meine Form der Gesetzgebung geworden und in den Dienst von 
sozialen Tendenzen getreten, die sicherlich jünger sind als das 
Tabu selbst, wie z. B. die Tabu, die von Häuptlingen und Priestern 
auferlegt werden, um sich Eigentum und Vorrechte zu sichern. 
Doch bleibt uns eine große Gruppe von Vorschriften übrig, an 
denen unsere Untersuchung vorgenommen werden kann; ich hebe 
aus dieser die Tabu heraus, die sich a) an Feinde, b) an Häupt- 
linge, c) an Tote knüpfen, und werde das zu behandelnde 
Material der ausgezeichneten Sammlung von J. G. Frazer in seinem 
großen Werke: „The golden bough" entnehmen. 1 

a) Die Behandlung der Feinde 

Wenn wir geneigt waren, den wilden und halbwilden Völkern 
ungehemmte und reuelose Grausamkeit gegen ihre Feinde zuzu- 
schreiben, so werden wir mit großem Interesse erfahren, daß auch 
bei ihnen die Tötung eines Menschen zur Befolgung einer Reihe 
von Vorschriften zwingt, welche den Tabugebräuchen zugeordnet 






1) Third edition, part II, Taboo and the perils of the soul, 1911. 



4 8 



Totem und Tabu 



werden. Diese Vorschriften sind mit Leichtigkeit in vier Gruppen 
zu bringen; sie fordern 1. Versöhnung des getöteten Feindes, 
2. Beschränkungen und 3. Sühnehandlungen, Reinigungen des 
Mörders und 4. gewisse zeremonielle Vornahmen. Wie allgemein 
oder wie vereinzelt solche Tabugebräuche bei diesen Völkern sein 
mögen, läßt sich einerseits aus unseren unvollständigen Nachrichten 
nicht mit Sicherheit entscheiden, und ist anderseits für unser 
Interesse an diesen Vorkommnissen gleichgültig. Immerhin darf 
man annehmen, daß es sich um weitverbreitete Gebräuche und 
nicht um vereinzelte Sonderbarkeiten handelt. 

Die Versöhnungsgebräuche auf der Insel Timor, nachdem 
eine siegreiche Kriegerschar mit den abgeschnittenen Köpfen der 
besiegten Feinde zurückkehrt, sind darum besonders bedeutsam, 
weil überdies der Führer der Expedition von schweren Beschrän- 
kungen betroffen wird (s. u.). „Bei dem feierlichen Einzug der 
Sieger werden Opfer dargebracht, um die Seelen der Feinde zu 
versöhnen; sonst müßte man Unheil für die Sieger vorhersehen. 
Es wird ein Tanz aufgeführt, und dabei ein Gesang vorgetragen, 
in welchem der erschlagene Feind beklagt und seine Verzeihung er- 
beten wird: ,Zürne uns nicht, weil wir deinen Kopf hier bei uns 
haben; wäre uns das Glück nicht hold gewesen, so hingen jetzt 
vielleicht unsere Köpfe in deinem Dorf. Wir haben dir ein Opfer 
gebracht, um dich zu besänftigen. Nun darf dein Geist zufrieden 
sein und uns in Ruhe lassen. Warum bist du unser Feind ge- 
wesen? Wären wir nicht besser Freunde geblieben? Dann wäre dein 
Blut nicht vergossen und dein Kopf nicht abgeschnitten worden.'" 1 

Ähnliches findet sich bei den Palu in Celebes; die Gallas 
opfern den Geistern ihrer erschlagenen Feinde, ehe sie ihr Heimats- 
dorf betreten. (Nach Paulitschke: Ethnographie Nordostafrikas.) 

Andere Völker haben das Mittel gefunden, um aus ihren 
früheren Feinden nach deren Tod Freunde, Wächter und Beschützer 



1) Fraier, 1. c, p. 166. 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefüfihregungen 49 



zu machen. Es besteht in der zärtlichen Behandlung der abge- 
schnittenen Köpfe, wie manche wilde Stämme Borneos sich deren 
rühmen. Wenn die See-Dayaks von Sarawak von einem Kriegszug 
einen Kopf nach Hause bringen, so wird dieser Monate hindurch 
mit der ausgesuchtesten Liebenswürdigkeit behandelt und mit den 
zärtlichsten Namen angesprochen, über die ihre Sprache verfügt. 
Die besten Bissen von ihren Mahlzeiten werden ihm in den Mund 
gesteckt, Leckerbissen und Zigarren. Er wird wiederholt gebeten, 
seine früheren Freunde zu hassen und seinen neuen Wirten seine 
Liebe zu schenken, da er jetzt einer der Ihrigen ist. Man würde 
sehr irre gehen, wenn man an dieser uns gräßlich erscheinenden 
Behandlung dem Hohn einen Anteil zuschriebe. 1 

Bei mehreren der wilden Stämme Nordamerikas ist die Trauer 
um den erschlagenen und skalpierten Feind den Beobachtern auf- 
gefallen. Wenn ein Choctaw einen Feind getötet hatte, so begann 
für ihn eine monatlange Trauer, während welcher er sich schweren 
Einschränkungen unterwarf. Ebenso trauerten die Dakota-Indianer. 
Wenn die Osagen, bemerkt ein Gewährsmann, ihre eigenen Toten 
betrauert hatten, so trauerten sie dann um den Feind, als ob er 
ein Freund gewesen wäre. 2 

Noch ehe wir auf die anderen Klassen von Tabugebräuchen 
zur Behandlung der Feinde eingehen, müssen wir gegen eine 
naheliegende Einwendung Stellung nehmen. Die Motivierung dieser 
Versöhnungsvorschriften, wird man uns mit Frazer und anderen 
entgegenhalten, ist einfach genug und hat nichts mit einer „Am- 
bivalenz" zu tun. Diese Völker werden von abergläubischer Furcht 
vor den Geistern der Erschlagenen beherrscht, einer Furcht, die 
auch dem klassischen Altertum nicht fremd war, die der große 
britische Dramatiker in den Halluzinationen Macbeths und 
Richards III. auf die Bühne gebracht hat. Aus diesem Aber- 



1) Frazer, Adonis, Attis, Osiris, p. 248, 1907. — Nach Hugh Low, Sarawak, 
London 1848. 

2) J. O. Dorsay bei Frazer, Taboo etc., p. 181. 

Freud, X. . 



. 



e Totem und Tabu 



glauben leiten sich folgerichtig alle die Versöhnungsvorschriften ab, 
wie auch die später zu besprechenden Beschränkungen und Süh- 
nungen; für diese Auffassung sprechen noch die in der vierten 
Gruppe vereinigten Zeremonien, die keine andere Auslegung zu- 
lassen als von Bemühungen, die den Mördern folgenden Geister 
der Erschlagenen zu verjagen. 1 Zum Überfluß gestehen die Wilden 
ihre Angst vor den Geistern der getöteten Feinde direkt ein und 
führen die besprochenen Tabugebräuche selbst auf sie zurück. 

Diese Einwendung ist in der Tat naheliegend, und wenn sie ebenso 
ausreichend wäre, könnten wir uns die Mühe unseres Erklärungs- 
versuches gern ersparen. Wir verschieben es auf später, uns mit ihr 
auseinanderzusetzen, und stellen ihr zunächst nur die Auffassung ent- 
gegen, die sich aus den Voraussetzungen der vorigen Erörterungen 
über das Tabu ableitet. Wir schließen aus all diesen Vorschriften, daß 
im Benehmen gegen die Feinde noch andere als bloß feindselige 
Regungen zum Ausdruck kommen. Wir erblicken in ihnen Äuße- 
rungen der Reue, der Wertschätzung des Feindes, des bösen Ge- 
wissens, ihn ums Leben gebracht zu haben. Es will uns scheinen, 
als wäre auch in diesen Wilden das Gebot lebendig: Du sollst nicht 
töten, welches nicht ungestraft verletzt werden darf, lange vor 
jeder Gesetzgebung, die aus dvn Händen eines Gottes empfangen 

wird. 

Kehren wir nun zu den anderen Klassen von Tabuvorschriften 
zurück. Die Beschränkungen des siegreichen Mörders sind un- 
gemein häufig und meist von ernster Art. Auf Timor (vgl. die 
Versöhnungsgebräuche oben) darf der Führer der Expedition nicht 
ohneweiters in sein Haus zurückkehren. Es wird für ihn eine 
besondere Hütte errichtet, in welcher er zwei Monate mit der 
Befolgung verschiedener Reinigungsvorschriften verbringt. In dieser 
Zeit darf er sein Weib nicht sehen, auch sich nicht selbst ernähren, 

1) Frazer, Taboo, p. 169 usf., p. 174. Diese Zeremonien bestehen in Schlagen 
mit den Schildern, Schreien, Brüllen und Erzeugung von Lärm mit Hilfe von Instru- 
menten usw. 









Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 



51 



eine andere Person muß ihm das Essen in den Mund schieben. 1 
— Bei einigen Dayakstämmen müssen die vom erfolgreichen 
Kriegszug Heimkehrenden einige Tage lang abgesondert bleiben 
und sich gewisser Speisen enthalten, sie dürfen auch kein Essen 
berühren und bleiben ihren Frauen fern. — In Logea, einer 
Insel nahe Neuguinea, schließen sich Männer, die Feinde getötet 
oder daran teilgenommen haben, für eine Woche in ihren Häusern 
ein. Sie vermeiden jeden Umgang mit ihren Frauen und ihren 
Freunden, rühren Nahrungsmittel nicht mit ihren Händen an 
und nähren sich nur von Pflanzenkost, die in besonderen Gefäßen 
für sie gekocht wird. Als Grund für diese letzte Beschränkung 
wird angegeben, daß sie das Blut der Erschlagenen nicht riechen 
dürfen; sie würden sonst erkranken und sterben. — Bei dem 
Toaripi- oder Motumotu-Stamm auf Neuguinea darf ein Mann, 
der einen anderen getötet hat, seinem Weib nicht nahe kommen 
und Nahrung nicht mit seinen Fingern berühren. Er wird von 
anderen Personen mit besonderer Nahrung gefüttert. Dies dauert 
bis zum nächsten Neumond. 

Ich unterlasse es, die bei Frazer mitgeteilten Fälle von Be- 
schränkungen des siegreichen Mörders vollzählig anzuführen, und 
hebe nur noch solche Beispiele hervor, in denen der Tabucharakter 
besonders auffällig ist oder die Beschränkung im Verein mit Sühne, 
Reiniffunff und Zeremoniell auftritt. 

Bei den Monumbos in Deutsch-Neuguinea wird jeder, der 
einen Feind im Kampfe getötet hat, „unrein", wofür dasselbe 
Wort gebraucht wird, das auf Frauen während der Menstruation 
oder des Wochenbettes Anwendung findet. Er darf durch lange 
Zeit das Klubhaus der Männer nicht verlassen, während sich die 
Mitbewohner seines Dorfes um ihn versammeln und seinen Sieg 
mit Liedern und Tänzen feiern. Er darf niemand, nicht einmal 
seine eigene Frau und seine Kinder berühren; täte er es, so würden 

1) Frazer, Taboo, p. 166, nach S. Müller, Reizen en Onderzoekingen in den 
Indischen Archipel, Amsterdam 1857. 



52 



Totem und Tabu 



sie von Geschwüren befallen werden. Er wird dann rein durch 
Waschungen und anderes Zeremoniell. 

Bei den Natchez in Nordamerika waren junge Krieger, die 
den ersten Skalp erbeutet hatten, durch sechs Monate zur Befol- 
gung gewisser Entsagungen genötigt. Sie durften nicht bei ihren 
Frauen schlafen und kein Fleisch essen, erhielten nur Fisch und 
Maispudding zur Nahrung. Wenn ein Choctaw einen Feind ge- 
tötet und skalpiert hatte, begann für ihn eine Trauerzeit von 
einem Monat, während welcher er sein Haar nicht kämmen durfte. 
Wenn es ihn am Kopfe juckte, durfte er sich nicht mit der Hand 
kratzen, sondern bediente sich dazu eines kleinen Steckens. 

Wenn ein Pima-Indianer einen Apachen getötet hatte, so mußte 
er sich schweren Reinigungs- und Sühnezeremonien unterwerfen. 
Während einer sechzehntägigen Fastenzeit durfte er Fleisch und 
Salz nicht berühren, auf kein brennendes Feuer schauen, zu keinem 
Menschen sprechen. Er lebte allein im Wähle, von einer alten 
Frau bedient, die ihm spärliche Nahrung brachte, badete oft im 
nächsten Fluß und trug — als Zeichen der Trauer — einen 
Klumpen Lehm auf seinem Haupte. Am siebzehnten Tage fand 
dann die öffentliche Zeremonie der feierlichen Reinigung des 
Mannes nnd seiner Waffen statt. Da die Pima-Indianer das Tabu 
des Mörders viel ernster nahmen als ihre Feinde und die Sühne 
und Reinigung nicht wie diese bis nach der Beendigung des 
Feldzuges aufzuschieben pflegten, litt ihre Kriegstüchtigkeit sehr 
unter ihrer sittlichen Strenge oder Frömmigkeit, wenn man will. 
Trotz ihrer außerordentlichen Tapferkeit erwiesen sie sich den 
Amerikanern als unbefriedigende Bundesgenossen in ihren Kämpfen 
gegen die Apachen. 

So interessant die Einzelheiten und Variationen der Sühne- und 
Reinigungszeremonien nach Tötung eines Feindes für eine tiefer 
eindringende Betrachtung auch sein mögen, so breche ich deren 
Mitteilung doch ab, weil sie uns keine neuen Gesichtspunkte er- 
öffnen können. Vielleicht führe ich noch an, daß die zeitweilige 












Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 



53 



oder permanente Isolierung des berufsmäßigen Henkers, die sich bis 
in unsere Neuzeit erhalten hat, in diesen Zusammenhang gehört. 
Die Stellung des „Freimannes" in der mittelalterlichen Gesellschaft 
vermittelt in der Tat eine gute Vorstellung von dem „Tabu" der 
Wilden. 1 

In der gangbaren Erklärung all dieser Versöhnungs-, Beschrän- 
kungs-, Sühne- und Reinigungsvorschriften werden zwei Prinzipien 
miteinander kombiniert. Die Fortsetzung des Tabu vom Toten her 
auf alles, was mit ihm in Berührung gekommen ist, und die Furcht 
vor dem Geist des Getöteten. Auf welche Weise diese beiden Mo- 
mente miteinander zur Erklärung des Zeremoniells zu kombinieren 
sind, ob sie als gleichwertig aufgefaßt werden sollen, ob das eine 
das primäre, das andere sekundär ist, und welches, das wird nicht 
gesagt und ist in der Tat nicht leicht anzugeben. Demgegenüber 
betonen wir die Einheitlichkeit unserer Auffassung, wenn wir all 
diese Vorschriften aus der Ambivalenz der Gefühlsregungen gegen 
den Feind ableiten. 



b) Das Tabu der Herrscher 

Das Benehmen primitiver Völker gegen ihre Häuptlinge, Könige, 
Priester wird von zwei Grundsätzen regiert, die einander eher zu 
ergänzen als zu widersprechen scheinen. Man muß sich vor ihnen 
hüten und man muß sie behüten. 2 Beides geschieht vermittels 
einer Unzahl von Tabuvorschriften. Warum man sich vor den 
Herrschern hüten muß, ist uns bereits bekannt geworden: weil sie 
die Träger jener geheimnisvollen und gefährlichen Zauberkraft sind, 
die sich wie eine elektrische Ladung durch Berührung mitteilt 
und dem selbst nicht durch eine ähnliche Ladung Geschützten 
Tod und Verderben bringt. Man vermeidet also jede mittelbare 
oder unmittelbare Berührung mit der gefährlichen Heiligkeit und 

1) Zu diesen Beispielen s. Frazer, Taboo, p. 165 bis 190, „Manslayers tabooed". 

2) Frazer, Taboo, p. 152. „He musi not only he guarded, he must also be guarded 
against." 



54 



Totem und Tabu 



hat, wo solche nicht zu vermeiden ist, ein Zeremoniell gefunden, 
um die gefürchteten Kolgen abzuwenden. Die Nubas in Ostafrika 
glauben z. B., daß sie sterben müssen, wenn sie das Haus ihres 
Priesterkönigs betreten, daß sie aber dieser Gefahr entgehen, wenn 
sie beim Eintritt die linke Schulter entblößen und den König 
veranlassen, diese mit seiner Hand zu berühren. So trifft das 
Merkwürdige ein, daß die Berührung des Königs das Heil- und 
Schutzmittel gegen die Gefahren wird, welche aus der Berührung 
des Königs hervorgehen, aber es handelt sich dabei wohl um die 
Heilkraft der absichtlichen, vom König ausgehenden Berührung 
im Gegensatz zur Gefahr, daß mau ihn berühre, um den Gegen- 
satz der Passivität und der Aktivität gegen den König. 

Wenn es sich um die Heilwirkung der königlichen Berührung 
handelt, brauchen wir die Beispiele nicht bei Wilden zu suchen. 
Die Könige von England haben in Zeiten, die noch nicht weit 
zurückliegen, diese Kraft an der Skrofulöse geübt, die darum den 
Namen: „The King's Evä" trug. Königin Elisabeth entsagte diesem 
Stück ihrer königlichen Prärogative ebensowenig wie irgend einer 
ihrer späteren Nachfolger. Charles I. soll im Jahn' 1 (>->-, hundert 
Kranke auf einen Streich geheilt haben. Unterdessen zuchtlosem Sohn 
Charles 11. feierten nach der Überwindung der großen englischen 
Revolution die Königsheilungen bei Skrofeln ihre höchste Blüte. 

Dieser König soll im Laufe seiner Regierung bei hunderttausend 
Skrofulöse berührt haben. Das Gedränge der I leilungssuchenden 
pflegte bei dieser Gelegenheit so groß ZU sein, daß einmal sechs 
oder sieben von ihnen anstatt der Heilung den Tod durch Er- 
drücktwerden fanden. Der skeptische Oranier Wilhelm III., der nach 
der Vertreibung der Stuarts König von England wurde, weigerte 
sich des Zaubers; das einzigemal, als er sich zu einer solchen Be- 
rührung herbeiließ, tat er es mit den Worten: „Gott gebe Euch 
eine bessere Gesundheit und mehr Verstand. 



1) Frazer, The magic art I, p. 368. 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 



55 



Von der fürchterlichen Wirkung der Berührung, in welcher 
man, oh auch unabsichtlich, gegen den König oder das, was zu 
ihm gehört, aktiv wird, mag folgender Bericht Zeugnis ablegen. 
Ein Häuptling von hohem Rang und großer Heiligkeit auf Neu- 
seeland hatte einst die Reste seiner Mahlzeit am Wege stehen 
lassen. Da kam ein Sklave daher, ein junger, kräftiger, hungriger 
Gesell, sah das Zurückgelassene und machte sich darüber, um es 
aufzuessen. Kaum war er fertig worden, da teilte ihm ein ent- 
setzter Zuschauer mit, daß es die Mahlzeit des Häuptlings gewesen 
sei, an welcher er sich vergangen habe. Er war ein starker, mutiger 
Krieger gewesen, aber sobald er diese Auskunft vernommen hatte, 
stürzte er zusammen, wurde von gräßlichen Zuckungen befallen 
und starb gegen Sonnenuntergang des nächsten Tages. 1 Eine Maori- 
frau hatte gewisse Früchte gegessen und dann erfahren, daß diese 
von einem mit Tabu belegten Orte herrührten. Sie schrie auf, 
der Geist des Häuptlings, den sie so beleidigt, werde sie gewiß 
töten. Dies geschah am Nachmittag und am nächsten Tag um 
zwölf Uhr war sie tot. 2 Das Feuerzeug eines Maori-Häuptlings 
brachte einmal mehrere Personen ums Leben. Der Häuptling hatte 
es verloren, andere fanden es und bedienten sich seiner, um ihre 
Pfeifen anzuzünden. Als sie erfuhren, wessen Eigentum das Feuer- 
zeug sei, starben sie vor Schrecken. 3 

Es ist nicht zu verwundern, wenn sich das Bedürfnis fühlbar machte, 
so gefährliche Personen wie Häuptlinge und Priester von den anderen 
zu isolieren, eine Mauer um sie aufzuführen, hinter welcher sie 
für die anderen unzugänglich waren. Es mag uns die Erkenntnis 
dämmern, daß diese ursprünglich aus Tabuvorschriften gefügte 
Mauer heute noch als höfisches Zeremoniell existiert. 

Aber der vielleicht größere Teil dieses Tabu der Herrscher läßt 
sich nicht auf das Bedürfnis des Schutzes vor ihnen zurückführen. 



1) Old New Zealand, by a Pakeha Maori (London 1884), bei Frazer, Taboo, p. 135. 

2) W. Brown, New Zealand and is Aborigines (London 1845), bei Frazer ibid. 

3) Frazer, 1. c. 



56 Totem und Tabu 



Der andere Gesichtspunkt in der Behandlung der privilegierten 
Personen, das Bedürfnis, sie selbst vor den ihnen drohenden Gefahren 
zu schützen, hat an der Schaffung der Tabu und somit an der 
Entstehung der höfischen Etikette den deutlichsten Anteil gehabt. 

Die Notwendigkeit, den König vor allen erdenklichen Gefahren 
zu schützen, ergibt sich aus seiner ungeheuren Bedeutung für das 
Wohl und Wehe seiner Untertanen. Streng genommen ist es 
seine Person, die den Lauf der Welt reguliert; sein Volk hat ihm 
nicht nur für den Regen und Sonnenschein zu danken, der die 
Früchte der Erde gedeihen läßt, sondern auch für den Wind, 
der Schiffe an ihre Küste bringt, und für den festen Boden, auf 
den sie ihre Füße setzen.' 

Diese Könige der Wilden sind mit einer Machtfülle und einer 
Fähigkeit zu beglücken ausgestattet, die nur Göttern zu eigen ist, 
und an welche auf späteren Stufen der Zivilisation nur die servilsten 
ihrer Höflinge Glauben heucheln werden. 

Es erscheint ein offenbarer Widerspruch, daß Personen von solcher 
Machtvollkommenheit selbst der größten Sorgfalt bedürfen, um vor 
den sie bedrohenden Gefahren beschützt zu werden, aber es ist 
nicht der einzige Widerspruch, der in der Behandlung königlicher 
Personen bei den Wilden zutage tritt. Diese Völker halten es 
auch für notwendig, ihre Könige zu überwachen, daß sie ihre 
Kräfte im rechten Sinne verwenden; sie sind ihrer guten Inten- 
tionen oder ihrer Gewissenhaftigkeit keineswegs sicher. Ein Zug 
von Mißtrauen mengt sich der Motivierung der Tabuvorschriften 
für den König bei. „Die Idee, daß urzeitliches Köuigstum ein Despo- 
tismus ist," sagt Frazer, 2 „demzufolge das Volk nur für seinen 
Herrscher existiert, ist auf die Monarchien, die wir hier im Auge 
haben, ganz und gar nicht anwendbar. Im Gegenteile, in diesen 
lebt der Herrscher nur für seine Untertanen; sein Leben hat einen 
Wert nur so lange, als er die Pflichten seiner Stellung erfüllt, den 

1) Frazer, Taboo. The bürden of royalty, p. 7. 

2) L c, p. 7. 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefülilsregungen 57 

Lauf der Natur zum Besten seines Volkes regelt. Sobald er darin 
nachläßt oder versagt, wandeln sich die Sorgfalt, die Hingebung, 
die religiöse Verehrung, deren Gegenstand er bisher im ausgiebig- 
sten Maße war, in Haß und Verachtung um. Er wird schmählich 
davongejagt und mag froh sein, wenn er das nackte Leben rettet. 
Heute noch als Gott verehrt, mag es ihm passieren, morgen als 
Verbrecher erschlagen zu werden. Aber wir haben kein Recht, 
dies veränderte Benehmen seines Volkes als Unbeständigkeit oder 
Widerspruch zu verurteilen, das Volk bleibt vielmehr durchaus 
konsequent. Wenn ihr König ihr Gott ist, so denken sie, muß 
er sich auch als ihr Beschützer erweisen; und wenn er sie nicht 
beschützen will, soll er einem anderen, der bereitwilliger ist, den 
Platz räumen. Solange er aber ihren Erwartungen entspricht, 
kennt ihre Sorgfalt für ihn keine Grenzen, und sie nötigen ihn 
dazu, sich selbst mit der gleichen Fürsorge zu behandeln. Ein 
solcher König lebt wie eingemauert hinter einem System von 
Zeremoniell und Etikette, eingesponnen in ein Netz von Gebräuchen 
und Verboten, deren Absicht keineswegs dahin geht, seine Würde 
zu erhöhen, noch weniger sein Wohlbehagen zu steigern, sondern 
die einzig und allein bezwecken, ihn vor Schritten zurückzuhalten, 
welche die Harmonie der Natur stören und so ihn, sein Volk und 
das ganze Weltall gleichzeitig zugrunde richten könnten. Diese 
Vorschriften, weit entfernt, seinem Behagen zu dienen, mengen 
sich in jede seiner Handlungen, heben seine Freiheit auf und 
machen ihm das Leben, das sie angeblich versichern wollen, zur 
Bürde und zur Qual." 

Eines der grellsten Beispiele von solcher Fesselung und Lähmung 
eines heiligen Herrschers durch das Tabuzeremoniell scheint in 
der Lebensweise des Mikado von Japan in früheren Jahrhunderten 
erzielt worden zu sein. Eine Beschreibung, die jetzt über zwei- 
hundert Jahre alt ist, 1 erzählt: „Der Mikado glaubt, daß es seiner 



1) Kämpfer, History of Japan bei Frazer, 1. c, p. 3. 



5 8 Totem und Tabu 



Würde und Heiligkeit nicht angemessen sei, den Boden mit den 
Füßen zu berühren; wenn er also irgendwohin gehen will, muß er 
auf den Schultern von Männern hingetragen werden. Es geht aber 
noch viel weniger an, daß er seine heilige Person der freien Luft 
aussetze, und die Sonne wird der Ehre nicht gewürdigt, auf sein 
Haupt zu scheinen. Allen Teilen seines Körpers wird eine so hohe 
Heiligkeit zugeschrieben, daß weder sein Haupthaar, noch sein 
Bart geschoren und seine Nägel nicht geschnitten werden dürfen. 
Damit er aber nicht zu sehr verwahrlose, waschen sie ihn nachts, 
wenn er schläft: sie sagen, was man in diesem Zustand von seinem 
Körper nimmt, kann nur als gestohlen aufgefaßt werden, und ein 
solcher Diebstahl tut seiner Würde und Heiligkeit keinen Eintrag. 
In noch früheren Zeiten mußte er jeden Vormittag einige Stunden 
lang mit der Kaiserkrone auf dem Haupte auf dem Throne sitzen, 
aber er mußte sitzen wie eine Statue, ohne Hände, Füße, Kopf 
oder Augen zu bewegen; nur so, meinte man, könne er Ruhe 
und Frieden im Reiche erhalten. Wenn er unseligerweise sich nach 
der einen oder der arideren Seite wenden sollte, oder eine Zeit- 
lang den Blick bloß auf einen Teil seines Reiches richtete, so 
würden Krieg, Hungersnot, Feuer, Pest oder sonst ein großes Unheil 
hereinbrechen, um das Land zu verheeren." 

Einige der Tabu, denen barbarische Könige unterworfen sind, 
mahnen lebhaft an die Beschränkungen der Mörder. In Shark 
Point bei Kap Podron in Unter-Guinea (Westafrika) lebt ein 
Priesterkönig, Kukulu, allein in einem Wald. Er darf kein Weib 
berühren, auch sein Haus nicht verlassen, ja nicht einmal von 
seinem Stuhl aufstehen, in dem er sitzend schlafen muß. Wenn 
er sich niederlegte, würde der Wind aulhören und die Schiffahrt 
gestört sein. Seine Funktion ist es, die Stürme in Schranken zu halten 
und im allgemeinen für einen gleichmäßig gesunden Zustand der 
Atmosphäre zu sorgen. 1 Je mächtiger ein König von Loango ist, sagt 

1) A. Bastian, „Die deutsche Expedition an der Loangokiit t e", Jena 1874, 
bei Frazer, 1. c., p. 5. 




Das Tabu und die Amb ivalenz der Gefühlsregungen 59 

Bastian, desto mehr Tabu muß er beobachten. Auch der Thron- 
folger ist von Kindheit an an sie gebunden, aber sie häufen sich 
um ihn, während er heranwächst; im Momente der Thronbestei- 
gung ist er von ihnen erstickt. 

Unser Raum gestattet es nicht und unser Interesse erfordert es 
nicht, daß wir in die Beschreibung der an der Königs- oder 
Priesterwürde haftenden Tabu weiter eingehen. Führen wir noch 
an, daß Beschränkungen der freien Bewegung und der Diät die Haupt- 
rolle unter ihnen spielen. Wie konservierend aber auf alte Gebräuche 
der Zusammenhang mit diesen privilegierten Personen wirkt, mag 
aus zwei Beispielen von Tabuzeremoniell hervorgehen, die von zivili- 
sierten Völkern, also von weit höheren Kulturstufen, genommen 
sind. 

Der Flamen Dialis, der Oberpriester des Jupiter im alten 
Rom, hatte eine außerordentlich große Anzahl von Tabugeboten 
zu beobachten. Er durfte nicht reiten, kein Pferd, keine Be- 
waffneten sehen, keinen Ring tragen, der nicht zerbrochen war, 
keinen Knoten an seinen Gewändern haben, Weizenmehl und 
Sauerteig nicht berühren, eine Ziege, einen Hund, rohes Fleisch, 
Bohnen und Efeu nicht einmal beim Namen nennen; sein Haar 
durfte nur von einem freien Mann mit einem Bronzemesser ge- 
schnitten, seine Haare und Nägelabfälle mußten unter einem glück- 
bringenden Baum vergraben werden; er durfte keinen Toten an- 
rühren, nicht unbedeckten Hauptes unter freiem Himmel stehen u.dgl. 
Seine Frau, die Flaminica, hatte überdies ihre eigenen Verbote: 
Sie durfte auf einer gewissen Art von Treppen nicht höher als 
drei Stufen steigen, an gewissen Festtagen ihr Haar nicht kämmen; 
das Leder ihrer Schuhe durfte von keinem Tier genommen werden, 
das eines natürlichen Todes gestorben war, sondern nur von einem 
geschlachteten oder geopferten; wenn sie Donner hörte, war sie 
unrein, bis sie ein Sühnopfer dargebracht hatte. 1 



1) Frazer, 1. c, p. 13. 



6o Totem und Tabu 



Die alten Könige von Irland waren einer Reihe von höchst 
sonderbaren Beschränkungen unterworfen, von deren Einhaltung 
aller Segen, von deren Übertretung alles Unheil für das Land 
erwartet wurde. Das vollständige Verzeichnis dieser Tabu ist in 
dem Book of Rights gegeben, dessen älteste handschriftliche 
Exemplare die Jahreszahlen 1590 und 1418 tragen. Die Verbote 
sind äußerst detailliert, betreffen gewisse Tätigkeiten an bestimmten 
Orten und zu bestimmten Zeiten 5 in dieser Stadt darf der König 
nicht an einem gewissen Wochentag weilen, jenen Fluß nicht 
um eine genannte Stunde übersetzen, nicht volle neun Tage auf 
einer gewissen Ebene lagern u. dg].' 

Die Härte der Tabubeschränkungen für die Priesterkönige hat 
bei vielen wilden Völkern eine Folge gehabt, die historisch be- 
deutsam und für unsere Gesichtspunkte besonders interessant ist. 
Die Priersterkönigswürde hörte auf, etwas Begeh rens wertes zu 
sein; wem sie bevorstand, der wandte oft alle Mittel an, um ihr 
zu entgehen. So wird es auf Combodscha, wo es einen Feuer- 
und einen Wasserkönig gibt, oft notwendig, die Nachfolger mit 
Gewalt zur Annahme der Würde zu zwingen. Auf Nine oder 
Savage Island, einer Koralleninsel im Stillen Ozean, kam die 
Monarchie tatsächlich zu Ende, weil sich niemand mehr bereit 
finden wollte, das verantwortliche und gefährliche Amt zu über- 
nehmen. In manchen Teilen von Westafrika wird nach dem Tode 
des Königs ein geheimes Konzil abgehalten, um den Nachfolger 
zu bestimmen. Der, auf welchen die Wald lallt, wird gepackt, 
gebunden und im Fetischhaus in Gewahrsam gehalten, bis er 
sich bereit erklärt hat, die Krone anzunehmen. Gelegentlich findet 
der präsumtive Thronfolger Mittel und Wege, um sich der ihm 
zugedachten Ehre zu entziehen; so wird von einem Häuptling 
berichtet, daß er Tag und Nacht Wallen zu tragen pflegte, um 
jedem Versuch, ihn auf den Thron zu setzen, mit Gewalt zu 



ll Frazer, 1. c, p. 11. 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 



61 



widerstehen. 1 Bei den Negern von Sierra Leone ward das Wider- 
streben gegen die Annahme der Königswürde so groß, daß die 
meisten Stämme genötigt waren, Fremde zu ihren Königen zu 
machen. 

Frazer führt es auf diese Verhältnisse zurück, daß sich in der 
Entwicklung der Geschichte endlich eine Scheidung des ursprüng- 
lichen Priesterkönigtums in eine geistliche und weltliche Macht 
vollzog. Die von der Bürde ihrer Heiligkeit erdrückten Könige 
wurden unfähig, die Herrschaft in realen Dingen auszuüben, und 
mußten diese geringeren, aber tatkräftigen Personen überlassen, 
welche bereit waren, auf die Ehren der Königswürde zu verzichten. 
Aus diesen erwuchsen dann die weltlichen Herrscher, während 
die nun praktisch bedeutungslose geistliche Oberhoheit den früheren 
Tabukönigen verblieb. Es ist bekannt, wieweit diese Aufstellung 
in der Geschichte des alten Japans Bestätigung findet. 

Wenn wir nun das Bild der Beziehungen der primitiven Men- 
schen zu ihren Herrschern überblicken, so regt sich in uns die 
Erwartung, daß uns der Fortschritt von seiner Beschreibung zu 
seinem psychoanalytischen Verständnis nicht schwer fallen wird. 
Diese Beziehungen sind sehr verwickelter Natur und nicht frei 
von Widersprüchen. Man räumt den Herrschern große Vorrechte 
ein, welche sich mit den Tabuverboten der anderen geradezu 
decken. Es sind privilegierte Personen 5 sie dürfen eben das tun 
oder genießen, was den übrigen durch das Tabu vorenthalten ist. 
Im Gegensatz zu dieser Freiheit steht aber, daß sie durch andere 
Tabu beschränkt sind, welche auf die gewöhnlichen Individuen 
nicht drücken. Hier ist also ein erster Gegensatz, fast ein Wider- 
spruch, zwischen einem Mehr von Freiheit und einem Mehr an Beschrän- 
kung für dieselben Personen. Man traut ihnen außerordentliche 
Zauberkräfte zu und fürchtet sich deshalb vor der Berührung mit 
ihren Personen oder ihrem Eigentum, während man anderseits 

1) A. Bastian, „Die deutsche Expedition an der Loangoküste", bei Frazer, 1. c. 



6 2 Totem und Tu Im 



von diesen Berührungen die wohltätigste Wirkung erwartet. Dies 
scheint ein zweiter, besonders greller Widerspruch zu sein; allein 
wir haben bereits erfahren, daß er nur scheinbar ist. Heilend und 
schützend wirkt die Berührung, die vom König selbst in wohl- 
wollender Absicht ausgeht; gefährlich ist nur die Berührung, die 
vom gemeinen Mann am König und am Königlichen verübt wird, 
wahrscheinlich weil sie an aggressive Tendenzen mahnen kann. 
Ein anderer, nicht so leicht auflösbarer Widerspruch äußert sich 
darin, daß man dem Herrscher eine so große Gewalt über die 
Vorgänge der Natur zuschreibt und sich doch für verpflichtet hält, 
ihn mit ganz besonderer Sorgfalt gegen ihm drohende Gefahren zu 
beschützen, als ob seine eigene Macht, die so vieles kann, nicht 
auch dies vermöchte. Eine weitere Erschwerung des Verhältnisses 
stellt sich dann her, indem man dem Herrscher nicht das Zu- 
trauen entgegenbringt, er werde seine ungeheure Macht in der 
richtigen Weise zum Vorteil der Untertanen wie zu seinem eifienen 
Schutz verwenden wollen; man mißtraut ihm also und hält sich 
für berechtigt, ihn zu überwachen. Allen diesen Absichten der 
Bevormundung des Königs, seinem Schutz vor Gelähren und dem 
Schutz der Untertanen vor der Gefahr, die er ihnen bringt, dient 
gleichzeitig die Tabuetikette, der das Leben des Königs unter- 
worfen wird. 

Es liegt nahe, folgende Erklärung für das komplizierte und 
widerspruchsvolle Verhältnis der Primitiven zu ihren Herrschern 
zu geben: Aus abergläubischen und anderen Motiven kommen in 
der Behandlung der Könige mannigfache Tendenzen zum Ausdruck, 
von denen jede ohne Rücksicht auf die anderen zum Extrem ent- 
wickelt wird. Daraus entstehen dann die Widersprüche, an denen 
der Intellekt der Wilden übrigens so wenig Anstoß nimmt wie 
der der Höchstzivilisierten, wenn es sich nur um Verhältnisse der 
Religion oder der „Loyalität" handelt. 

Das wäre soweit gut, aber die psychoanalytische Technik wird 
gestatten, tiefer in den Zusammenhang einzudringen und Näheres 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 



63 



über die Natur dieser mannigfaltigen Tendenzen auszusagen. Wenn 
wir den geschilderten Sachverhalt der Analyse unterziehen, gleich- 
sam als ob er sich im Symptombild einer Neurose fände, so werden 
wir zunächst an das Übermaß von ängstlicher Sorge anknüpfen, 
welches als Begründung des Tabuzeremoniells ausgegeben wird. 
Dies Vorkommen einer solchen Überzärtlichkeit ist in der Neurose, 
speziell bei der Zwangsneurose, die wir in erster Linie zum Ver- 
gleich heranziehen, sehr gewöhnlich. Ihre Herkunft ist uns sehr 
wohl verständlich geworden. Sie tritt überall dort auf, wo außer der 
vorherrschenden Zärtlichkeit eine gegensätzliche aber unbewußte 
Strömung von Feindseligkeit besteht, also der typische Fall der 
ambivalenten Gefühlseinstellung realisiert ist. Dann wird die Feind- 
seligkeit überschrieen durch eine übermäßige Steigerung der 
Zärtlichkeit, die sich als Ängstlichkeit äußert und die zwanghaft 
wird, weil sie sonst ihrer Aufgabe, die unbewußte Gegenströmung 
in der Verdrängung zu erhalten, nicht genügen würde. Jeder 
Psychoanalytiker hat es erfahren, mit welcher Sicherheit die ängst- 
liche Überzärtlichkeit unter den unwahrscheinlichsten Verhältnissen, 
z. B. zwischen Mutter und Kind oder bei zärtlichen Eheleuten, 
diese Auflösung gestattet. Auf die Behandlung der privilegierten 
Personen angewendet, ergäbe sich die Einsicht, daß der Verehrung, 
ja Vergötterung derselben im Unbewußten eine intensive feind- 
selige Strömung entgegensteht, daß also hier, wie wir es erwartet 
haben, die Situation der ambivalenten Gefühlseinstellung verwirk- 
licht ist. Das Mißtrauen, welches als Beitrag zur Motivierung der 
Königstabu unabweisbar erscheint, wäre eine andere direktere Äuße- 
rung derselben unbewußten Feindseligkeit. Ja, wir wären — in- 
folge der Mannigfaltigkeit der Endausgänge eines solchen Kon- 
flikts bei verschiedenen Völkern — nicht um Beispiele verlegen, 
in denen uns der Nachweis einer solchen Feindseligkeit noch viel 
leichter fiele. Die wilden Timmes von Sierra Leone, hören wir 
bei Frazer, 1 haben sich das Recht vorbehalten, ihren gewählten 

1) 1. c, p. 18, nach Zweifel et Monstier, Voyage anx sources du Niger, 1880. 



64 Totem und Tabu 



König am Abend vor seiner Krönung durchzuprügeln, und sie be- 
dienen sich dieses konstitutionellen Vorrechtes mit solcher Gründ- 
lichkeit, daß der unglückliche Herrscher gelegentlich seine Erhe- 
bung auf den Thron um nicht lange Zeit überlebt, daher haben 
es sich die Großen des Volkes zur Regel gemacht, wenn sie einen 
Groll gegen einen bestimmten Mann hüben, diesen zum König 
zu wählen. Immerhin wird auch in solchen grellen Fällen die 
Feindseligkeit sich nicht als solche bekennen, sondern sich als 
Zeremoniell gebärden. 

Ein anderes Stück im Verhalten der Primitiven gegen ihre 
Herrscher ruft die Frinnerung an einen Vorgang wach, der, in 
der Neurose allgemein verbreitet, in dem sogenannten Verfolgungs- 
wahn offen zutage tritt. Es wird hier die Bedeutung einer be- 
stimmten Person außerordentlich erhöht, ihre Machtvollkommen- 
heit ins Unwahrscheinliche gesteigert, um ihr desto eher die Ver- 
antwortlichkeit für alles Widrige, was dem Kranken widerfährt, 
aufladen zu können. Eigentlich verfahren ja die Wilden mit ihren 
Königen nicht anders, wenn sie ihnen die Macht über Regen und 
Sonnenschein, Wind und Wetter zuschreiben und sie dann absetzen 
oder töten, weil die Natur ihre Erwartungen auf eine gute Jagd 
oder eine reiche Ernte enttäuscht hat. Das Vorbild, welches der 
Paranoiker im Verfolgungswahn wiederherstellt, liegt im Verhältnis 
des Kindes zu seinem Vater. Dem Vater kommt eine derartige 
Machtfülle in der Vorstellung des Sohnes regelmäßig zu, und es 
zeigt sich, daß das Mißtrauen gegen den Vater mit seiner Hoch- 
schätzung innig verknüpft ist. Wenn der Paranoiker eine Person 
seiner Lebensbeziehungen zu seinem „Verfolger" ernennt, so hebt 
er sie damit in die Väterreihe, bringt sie unter die Bedingungen, 
die ihm gestatten, sie für alles Unglück seiner Empfindung ver- 
antwortlich zu machen. So mag uns diese zweite Analogie zwi- 
schen dem Wilden und dem Neurotiker die Kinsicht ahnen lassen, 
wie vieles im Verhältnis des Wilden zu seinem Herrscher aus 
der infantilen Einstellung des Kindes zum Vater hervorgeht. 




Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 65 

\ 
Den stärksten Anhaltspunkt für unsere Betrachtungsweise, welche 

die Tabuverbote mit neurotischen Symptomen vergleichen will, 
finden wir aber im Tabuzeremoniell selbst, dessen Bedeutung für 
die Stellung des Königtums vorhin erörtert wurde. Dieses Zere- 
moniell trägt seinen Doppelsinn und seine Herkunft von ambi- 
valenten Tendenzen unverkennbar zur Schau, wenn wir nur an- 
nehmen wollen, daß es die Wirkungen, die es hervorbringt, auch 
von allem Anfang an beabsichtigt hat. Es zeichnet nicht nur die 
Könige aus und erhebt sie über alle gewöhnlichen Sterblichen, es 
macht ihnen auch das Leben zur Qual und zur unerträglichen 
Bürde und zwingt sie in eine Knechtschaft, die weit ärger ist 
als die ihrer Untertanen. Es erscheint uns so als das richtige 
Gegenstück zur Zwangshandlung der Neurose, in der sich der 
unterdrückte Trieb und der ihn unterdrückende zur gleichzeitigen 
und gemeinsamen Befriedigung treffen. Die Zwangshandlung ist 
angeblich ein Schutz gegen die verbotene Handlung; wir möchten 
aber sagen, sie ist eigentlich die Wiederholung des Verbotenen. 
Das „angeblich" wendet sich hier der bewußten, das „eigentlich" 
der unbewußten Instanz des Seelenlebens zu. So ist auch das 
Tabuzeremoniell der Könige angeblich die höchste Ehrung und 
Sicherung derselben, eigentlich die Strafe für ihre Erhöhung, die 
Rache, welche die Untertanen an ihnen nehmen. Die Erfahrungen, 
die Sancho Pansa bei Cervantes als Gouverneur auf seiner 
Insel macht, haben ihn offenbar diese Auffassung des höfischen 
Zeremoniells als die einzig zutreffende erkennen lassen. Es ist sehr 
wohl möglich, daß wir weitere Zustimmungen zu hören bekämen, 
wenn wir Könige und Herrscher von heute zur Äußerung darüber 
veranlassen könnten. 

Warum die Gefühlseinstellung gegen die Herrscher einen so 
mächtigen unbewußten Beitrag von Feindseligkeit enthalten sollte, 
ist ein sehr interessantes, aber die Grenzen dieser Arbeit über- 
schreitendes Problem. Den Hinweis auf den infantilen Vaterkom- 
plex haben wir bereits gegeben; fügen wir hinzu, daß die Ver- 
Freud, X. 5 



, 



66 Totem und Tabu 



folgung der Vorgeschichte des Königtums uns die entscheidenden 
Aufklärungen bringen müßte. Nach Frazers eindrucksvollen, aber 
nach eigenem Zugeständnis nicht ganz zwingenden Erörterungen 
waren die ersten Könige Fremde, die nach kurzer Herrschaft zum 
Opfertod bei feierlichen Festen als Repräsentanten der Gottheit 
bestimmt waren. 1 Noch die Mythen des Christentums wären von 
der Nachwirkung dieser Entwicklungsgeschichte der Könige berührt. 

c) Das Tabu der Toten. 

Wir wissen, daß die Toten mächtige Herrscher sind ; wir werden 
vielleicht erstaunt sein zu erfahren, daß sie als Feinde betrachtet 
werden. 

Das Tabu der Toten erweist, wenn wir auf dem Boden des 
Vergleiches mit der Infektion bleiben dürfen, bei den meisten 
primitiven Völkern eine besondere Virulenz, Es äußert sich zunächst 
in den Folgen, welche die Berührung des Toten nach sieh zieht, 
und in der Behandlung der um den Toten Trauernden. Bei den 
Maori war jeder, der eine Leiche berührt oder an ihrer Grab- 
legung teilgenommen hatte, aufs äußerste unrein und nahezu ab- 
geschnitten von allem Verkehr mit seinen Mitmenschen, sozusagen 
boykottiert. Er konnte kein Haus betreten, keiner Person oder 
Sache nahe kommen, ohne sie mit der gleichen Eigenschaft an- 
zustecken. Ja, er durfte nicht einmal Nahrung mit seinen Händen 
berühren, diese waren ihm durch ihre Unreinheit geradezu un- 
brauchbar geworden. Man stellte ihm das F.ssen auf ihm Boden 
hin, und ihm blieb nichts übrig, als sich dessen mit den Lippen 
und den Zähnen, so gut es eben ging, zu bemächtigen, während 
er seine Hände nach dem Bücken gebogen hielt. Gelegentlich 
war es erlaubt, daß eine andere Person ihn füttere, die es dann 
mit ausgestrecktem Arm tat, sorgsam, den Unseligen nicht selbst zu 

l) Frazer, „The magic art and tlie evolution of king«". a. vol. 1911. (The golden 
bough.) 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 



67 



berühren, aber diese Hilfsperson war dann selbst Einschränkungen 
unterworfen, die nicht viel weniger drückend waren als die eigenen. 
Es gab wohl in jedem Dorf ein ganz verkommenes, von der Ge- 
sellschaft ausgestoßenes Individuum, das in der armseligsten Weise 
von spärlichen Almosen lebte. Diesem Wesen war es allein gestattet, 
sich auf Armeslänge dem zu nähern, der die letzte Pflicht gegen 
einen Verstorbenen erfüllt hatte. War aber dann die Zeit der Ab- 
schließung vorüber, und durfte der durch die Leiche Verunreinigte 
sich wieder unter seine Genossen mengen, so wurde alles Geschirr 
dessen er sich in der gefährlichen Zeit bedient hatte, zerschlagen, 
und alles Zeug weggeworfen, mit dem er bekleidet gewesen war. 
Die Tabugebräuche nach der körperlichen Berührung von Toten 
sind in ganz Polynesien, Melanesien und in einem Teil von Afrika 
die nämlichen; ihr konstantestes Stück ist das Verbot, Nahrung 
selbst zu berühren, und die sich daraus ergebende Notwendigkeit, 
von anderen gefüttert zu werden. Es ist bemerkenswert, daß in 
Polynesien oder vielleicht nur in Hawaii 1 Priesterkönige während 
der Ausübung heiliger Handlungen denselben Beschränkungen 
unterlagen. Bei den Tabu der Toten auf Tonga tritt die Ab- 
stufung und allmähliche Aufhebung der Verbote durch die eigene 
Tabukraft sehr deutlich hervor. Wer den Leichnam eines toten 
Häuptlings berührt hatte, war durch zehn Monate unrein; wenn 
er aber selbst ein Häuptling war, nur durch drei, vier oder fünf 
Monate, je nach dem Rang des Verstorbenen; aber wenn es sich 
um die Leiche des vergötterten Oberhäuptlings handelte, wurden 
selbst die größten Häuptlinge durch zehn Monate tabu. Die Wilden 
glauben fest daran, daß, wer solche Tabuvorschriften übertritt, 
schwer erkranken und sterben muß, so fest, daß sie nach der 
Meinung eines Beobachters noch niemals den Versuch gewagt 
haben, sich vom Gegenteil zu überzeugen. 2 



1) Frazer, Taboo, p. 158 usw. 

2) W. Mariner, „The natives of the Tonga Islands", 1818, bei Frazer, 1. c, 
140. 



68 Totem und Tabu 



Im wesentlichen gleichartig, aber für unsere Zwecke inter- 
essanter sind die Tabubeschrünkungen jener Personen, deren Be- 
rührung mit den Toten im übertragenen Sinne zu verstehen ist, 
der trauernden Angehörigen, der Witwer und Witwen. Sehen 
wir in den bisher erwähnten Vorschriften nur den typischen Aus- 
druck der Virulenz und der Ausbreitungsfähigkeit des Tabu, so 
schimmern in den nun mitzuteilenden die Motive der Tabu durch, 
und zwar sowohl die vorgeblichen als auch solche, die wir für 
die tiefliegenden, echten halten dürfen. 

Bei den Shuswap in Britisch-Kolumbia müssen Witwen 
und Witwer während ihrer Trauerzeit abgesondert leben ; sie dürfen 
weder ihren eigenen Körper noch ihren Kopf mit ihren Händen 
berühren; alles Geschirr, dessen sie sich bedienen, ist dem Gebrauche 
anderer entzogen. Kein Jäger wird sich der Hütte, in welcher 
solche Trauernde wohnen, nähern wollen, denn das brächte ihm 
Unglück; wenn der Schatten eine« Trauernden auf ihn fallen 
würde, müßte er erkranken. Die Trauernden schlafen auf Dorn- 
büschen und umgeben ihr Bett mit solchen. Diese letztere Maß- 
regel ist dazu bestimmt, den Geist des Verstorbenen fernzuhalten, 
und noch deutlicher ist wohl der von anderen nordamerikanischen 
Stämmen berichtete Gebrauch der Witwe, eine Zeitlang nach dem 
Tode des Mannes ein hosenartiges Kleidungsstück aus trockenem 
Gras zu tragen, um sich unzugänglich für die Annäherung des 
Geistes zu machen. So wird uns die Vorstellung nahegelegt, daß 
die Berührung „im übertragenen Sinne" doch nur als ein körper- 
licher Kontakt verstanden wird, da der Geist des Verstorbenen 
nicht von seinen Angehörigen weicht, nicht abläßt, sie während 
der Zeit der Trauer zu „umschweben". 

Bei den Agutainos, die auf Palawan, einer der Philippinen, 
wohnen, darf eine Witwe ihre Hütte die ersten sieben oder acht 
Tage nach dem Todesfall nicht verlassen, es sei denn zur Nacht- 
zeit, wenn sie Begegnungen nicht zu erwarten hat. Wer sie erschaut, 
gerät in Gefahr augenblicklich zu sterben, und darum warnt sie 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 6 g 

selbst vor ihrer Annäherung, indem sie bei jedem Schritt mit 
einem hölzernen Stab gegen die Bäume schlägt; diese Bäume aber 
verdorren. Worin die Gefährlichkeit einer solchen Witwe bestehen 
mag, wird uns durch eine andere Beobachtung erläutert. Im 
Mekeobezirk von Britisch -Neuguinea wird ein Witwer aller 
bürgerlichen Rechte verlustig und lebt für eine Weile wie ein 
Ausgestoßener. Er darf keinen Garten bebauen, sich nicht öffent- 
lich zeigen, das Dorf und die Straße nicht betreten. Er schleicht 
wie ein wildes Tier im hohen Gras oder im Gebüsch umher, und 
muß sich im Dickicht verstecken, wenn er jemanden, besonders aber 
ein Weib, herannahen sieht. Diese letztere Andeutung macht es uns 
leicht, die Gefährlichkeit des Witwers oder der Witwe auf die 
Gefahr der Versuchung zurückzuführen. Der Mann, der sein 
Weib verloren hat, soll dem Begehren nach einem Ersatz aus- 
weichen; die Witwe hat mit demselben Wunsch zu kämpfen und 
mag überdies als herrenlos die Begehrlichkeit anderer Männer 
erwecken. Jede solche Ersatzbefriedigung läuft gegen den Sinn der 
Trauer; sie müßte den Zorn des Geistes auflodern lassen. 1 

Eines der befremdendsten, aber auch lehrreichsten Tabugebräuche 
der Trauer bei den Primitiven ist das Verbot, den Namen des 
Verstorbenen auszusprechen. Es ist ungemein verbreitet, hat mannig- 
faltige Ausführungen erfahren und bedeutsame Konsequenzen 

gehabt. 

Außer bei den Australiern und Polynesiern, welche uns die Tabu- 
gebräuche in ihrer besten Erhaltung zu zeigen pflegen, findet sich 
dieses Verbot bei so entfernten und einander so fremden Völkern 
wie die Samojeden in Sibirien und die Todas in Südindien, die 
Mongolen der Tartarei und die Tuaregs der Sahara, die Aino 
in Japan und die Akamba und Nandi in Zentralafrika, die Tin- 



1) Dieselbe Kranke, deren „Unmöglichkeiten" ich oben (S. 58) mit den Tabu 
zusammengestellt habe, bekannte, daß sie jedesmal in Entrüstung gerate, wenn sie 
einer in Trauer gekleideten Person auf der Straße begegne. Solchen Leuten sollte 
das Ausgehen verboten sein! 



guanen auf den Philippinen und die Einwohner der Niko- 
barischen Inseln, von Madagaskar und Bomeo.' Bei einigen 
dieser Völker gilt das Verbot und die aus ihm sich ableitenden 
Folgen nur für die Zeit der Trauer, bei anderen bleibt es per- 
manent, doch scheint es in allen Fällen mit der Entfernung vom 
Zeitpunkte des Todesfalles ab/u Massen. 

Die Vermeidung des Namens des Verstorbenen wird in der 
Regel außerordentlich streng gehandhabt. So gilt es bei manchen 
südamerikanischen Stämmen als die schwerste ßeleidimme; der 
Überlebenden, den Namen des verstorbenen Angehörigen vor ihnen 
auszusprechen, und die darauf gesetzte Strafe ist nicht geringer 
als die für eine Mordtat selbst festgesetzte. 3 Warum die Nennung 
des Namens so verabscheut werden sollte, ist zunächst nicht leicht 
zu erraten, aber die mit ihr verbundenen Gefahren haben eine 
ganze Reihe von Auskunftsmitteln entstehen lassen, die nach ver- 
schiedenen Richtungen interessant und bedeutungsvoll sind. So 
sind die Masai in Afrika auf die Ausflucht gekommen, den Namen 
des Verstorbenen unmittelbar nach seinem Tode zu ändern; er 
darf nun ohne Scheu mit dem neuen Namen erwähnt werden, 
während alle Verbote an den alten geknüpft bleiben. Es scheint 
dabei vorausgesetzt, daß der Geist seinen neuen Namen nicht 
kennt und nicht erfahren wird. Die australischen Stämme an der 
Adelaide und der Encounter Ray sind in ihrer Vorsicht so 
konsequent, daß nach einem Todesfall alle Personen ihre Namen 
gegen einen anderen vertauschen, welche ebenso oder sehr ähnlich 
geheißen haben wie der Verstorbene. Manchmal wird in weiterer 
Ausdehnung derselben Erwägung die Namensänderung nach einem 
Todesfall bei allen Angehörigen des Verstorbenen vorgenommen, 
ohne Rücksicht auf den Gleichklang der Namen, so bei einigen 
Stämmen in Victoria und in Nord westamerika. Ja bei den 
Guaycurus in Paraguay pflegte der Häuptling bei so traurigem 

1) Fraier, 1. c, p. 555. 

2) Praier, 1. c, p. 352 usw. 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 71 



Anlaß allen Mitgliedern des Stammes neue Namen zu geben, die 
sie fortan erinnerten, als ob sie sie von jeher getragen hätten. 1 

Ferner, wenn der Name des Verstorbenen sich mit der Bezeich- 
nung eines Tieres, Gegenstandes usw. gedeckt hatte, erschien es 
manchen unter den angeführten Völkern notwendig, auch diese 
Tiere und Objekte neu zu benennen, damit man beim Gebrauch 
dieser Worte nicht an den Verstorbenen erinnert werde. Daraus 
mußte sich eine nie zur Ruhe kommende Veränderung des Sprach- 
schatzes ergeben, die den Missionären Schwierigkeiten genug be- 
reitete, besonders wo die Namensverpönung eine permanente war. 
In den sieben Jahren, die der Missionär Dobrizhofer bei den 
Abiponen in Paraguay verbrachte, wurde der Name für Jaguar 
dreimal abgeändert, und die Worte für Krokodil, Dornen und 
Tierschlachten hatten ähnliche Schicksale. 2 Die Scheu, einen Namen 
auszusprechen, der einem Verstorbenen angehört hat, dehnt sich 
aber auch nach der Richtung hin aus, daß man alles zu erwähnen 
vermeidet, wobei dieser Verstorbene eine Rolle spielte, und als 
bedeutsame Folge dieses Unterdrückungsprozesses ergibt sich, daß 
diese Völker keine Tradition, keine historischen Reminiszenzen 
haben und einer Erforschung ihrer Vorgeschichte die größten 
Schwierigkeiten in den Weg legen. Bei einer Reihe dieser pri- 
mitiven Völker haben sich aber auch kompensierende Gebräuche 
eingebürgert, um die Namen der Verstorbenen nach einer langen 
Zeit von Trauer wieder zu erwecken, indem man sie an Kinder 
verleiht, die als die Wiedergeburt der Toten betrachtet werden. 

Das Befremdende dieses Namentabu ermäßigt sich, wenn wir 
daran gemahnt werden, daß für die Wilden der Name ein wesent- 
liches Stück und ein wichtiger Besitz der Persönlichkeit ist, daß 
sie dem Worte volle Dingbedeutung zuschreiben. Dasselbe tun, 
wie ich an anderen Orten ausgeführt habe, unsere Kinder, die 
sich darum niemals mit der Annahme einer bedeutungslosen Wort- 



1) Fraier, 1. c, p. 557, nach einem alten spanischen Beobachter, 1752. 

2) Frazer, 1. c, p. 560. 



72 Totem und Tabu 



Ähnlichkeit begnügen, sondern konsequent schließen, wenn zwei 
Dinge mit gleichklingenden Namen genannt werden, so müßte 
damit eine tiefgehende Übereinstimmung /.wischen beiden bezeichnet 
sein. Auch der zivilisierte Erwachsene mag an manchen Beson- 
derheiten seines Benehmens noch erraten, daß er von dem Voll- 
und Wichtignehmen der Eigennamen nicht so weit entfernt ist, 
wie er glaubt, und daß sein Name in einer ganz besonderen Art 
mit seiner Person verwachsen ist. Es stimmt dann hiezu, wenn 
die psychoanalytische Praxis vielfachen Anlaß findet, auf die 
Bedeutung der Namen in der unbewußten Denktatigkeit hinzu- 



weisen. 1 



Die Zwangsneurotiker benehmen sich dann, wie zu erwarten 
stand, in betreff der Namen ganz wie die Wilden. Sie zeigen die 
volle „Komplexempfindlichkeit" gegen das Aussprechen und An- 
hören bestimmter Worte und Namen (ähnlich wie auch andere 
Neurotiker), und leiten aus ihrer Behandlung des eigenen Namens 
eine gute Anzahl von oft schweren Hemmungen ab. Eine solche 
Tabukranke, die ich kannte, hatte die Vermeidung angenommen, 
ihren Namen niederzuschreiben, aus Angst, er konnte in jemandes 
Hand geraten, der damit in den Besitz eines Stückes von ihrer 
Persönlichkeit gekommen wäre. In der krampfhaften Treue, durch 
die sie sich gegen die Versuchungen ihrer Phantasie schützen 
mußte, hatte sie sich das Gebot geschaffen, „nichts von ihrer 
Person herzugeben". Dazu gehörte zunächst der Name, in weiterer 
Ausdehnung die Handschrift, und darum gab sie schließlich das 
Schreiben auf. 

So finden wir es nicht mehr auffällig, wenn von den Wilden 
der Name des Toten als ein Stück seiner Person gewertet und 
zum Gegenstand des den Toten betreffenden Tabu gemacht wird. 
Auch die Namensnennung des Toten läßt sich auf die Berührung 
mit ihm zurückführen, und wir dürfen uns dem umfassenderen 



1) St ekel, Abraham. 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 73 

Problem zuwenden, weshalb diese Berührung von so strengem 
Tabu betroffen ist. 

Die naheliegendste Erklärung würde auf das natürliche Grauen 
hinweisen, welches der Leichnam und die Veränderungen, die 
alsbald an ihm bemerkt werden, erregt. Daneben müßte man der 
Trauer um den Toten einen Platz einräumen, als Motiv für alles, 
was sich auf diesen Toten bezieht. Allein das Grauen vor dem 
Leichnam deckt offenbar nicht die Einzelheiten der Tabuvor- 
schriften, und die Trauer kann uns niemals erklären, daß die 
Erwähnung des Toten ein schwerer Schimpf für dessen Hinter- 
bliebene ist. Die Trauer liebt es vielmehr, sich mit dem Verstor- 
benen zu beschäftigen, sein Andenken auszuarbeiten und für mög- 
lichst lange Zeit zu erhalten. Für die Eigentümlichkeiten der 
Tabugebräuche muß etwas anderes als die Trauer verantwortlich 
gemacht werden, etwas, das offenbar andere Absichten als diese 
verfolgt. Gerade die Tabu der Namen verraten uns dies noch 
unbekannte Motiv, und sagten es die Gebräuche nicht, so würden 
wir es aus den Angaben der trauernden Wilden selbst erfahren. 

Sie machen nämlich keinen Hehl daraus, daß sie sich vor der 
Gegenwart und der Wiederkehr des Geistes des Verstorbenen 
fürchten; sie üben eine Menge von Zeremonien, um ihn fern- 
zuhalten, ihn zu vertreiben. 1 Seinen Namen auszusprechen, dünkt 
ihnen eine Beschwörung, der seine Gegenwart auf dem Fuße folgen 
wird. 2 Sie tun darum folgerichtig alles, um einer solchen Beschwö- 
rung und Erweckung aus dem Wege zu gehen. Sie verkleiden 
sich, damit der Geist sie nicht erkenne, 5 oder sie entstellen seinen 
oder den eigenen Namen; sie wüten gegen den rücksichtslosen 
Fremden, der den Geist durch Nennung seines Namens auf seine 
Hinterbliebenen hetzt. Es ist unmöglich, der Folgerung auszu- 



1) Als Beispiel eines solchen Bekenntnisses sind bei Frazer, 1. c, p. 555, die 
Tuaregs der Sahara angeführt. 

2) Vielleicht ist hiezu die Bedingung zu fügen: solange noch etwas von seinen, 
körperlichen Überresten existiert. Frazer, 1. c, p. 572. 

3) Auf den Nikobaren. Frazer, 1. c, p. 582. 






74 



Totem und Tabu 



weichen, daß sie, nach Wundts Ausdruck, an der Furcht „vor 
seiner zum Dämon gewordenen Seele" leiden. 1 

Mit dieser Einsicht wären wir hei der Bestätigung der Auf- 
fassung Wundts angelangt, welche das Wesen des Tahu, wie wir 
gehört haben, in der Angst vor den Dämonen findet. 

Die Voraussetzung dieser Lehre, daß das teure Familienmitglied 
mit dem Augenblicke seines Todes zum Dämon wird, von dem 
die Hinterbliebenen nur Feindseliges zu erwarten haben, und 
gegen dessen böse Gelüste sie sich mit allen Mitteln schützen 
müssen, ist so sonderbar, daß man ihr zunächst den Glauben ver- 
sagen wird. Allein so ziemlich alle maßgebenden Autoren sind 
darin einig, den Primitiven diese Auflassung zuzuschreiben. Wester- 
marck, der in seinem Werke: „Ursprung und Entwicklung der 
Moralbegriffe" dem Tabu, nach meiner Schätzung, viel zu wenig 
Beachtung schenkt, äußert in dem Abschnitt: Verhalten gegen 
Verstorbene direkt: „Überhaupt läßt mich mein Tatsachenmaterial 
den Schluß ziehen, daß die Toten häufiger als Feinde denn als 
Freunde angesehen werden 2 und daß Jevons und Grant Allen 
im Irrtum sind mit ihrer Behauptung, man habe früher geglaubt 
die Böswilligkeit der Toten richte sich in der Regel nur gegen 
Fremde, während sie für Leben und Ergehen ihrer Nachkommen 
und Clangenossen väterlich besorg! seien." 

R. Kleinpaul hat in einem eindrucksvollen Buche die Reste 
des alten Seelenglaubens bei den zivilisierten Völkern zur Dar- 
stellung des Verhältnisses zwischen den Lebendigen und den Toten 



1) Wundt, Religion und Mythus, N. Bd., p. 4.9. 

2) Westermarck, 1. c, II. Bd., p. 424. In der Anmerkung und in der Fort- 
setzung des Textes die reiche Fülle von bestätigenden, oft sehr charakteristischen 
Zeugnissen, z. B.: Die Maoris glaubten, „dnQ die nächsten und geliehtesten Ver- 
wandten nach dem Tode ihr Wesen ändern und seihst gegen ihre früheren Lieblinge 
übel gesinnt werden". — Die Auslralneger glauben, jeder Verstorbene sei lange Zeit 
bösartig; je enger die Verwandtschaft, desto großer die Furcht. Die Zentraleskimo 
werden von der Vorstellung beherrscht, daß die Toten erst spät zur Bube gelangen, 
anfänglich aber zu fürchten seien als unheilbriitende Geister, die das Dorf häufig 
umkreisen, um Krankheit, Tod und anderes Unheil zu verbreiten. (Boas.) 



Das Tabu und di e Ambivalenz der Gefühlsregungen 75 

verwertet. 1 Es gipfelt auch nach ihm in der Überzeugung, daß 
die Toten mortl lustig die Lebendigen nach sich ziehen. Die Toten 
töten 5 das Skelett, als welches der Tod heute gebildet wird, stellt 
dar, daß der Tod selbst nur ein Toter ist. Nicht eher fühlte sich 
der Lebendige vor der Nachstellung des Toten sicher, als bis er 
ein trennendes Wasser zwischen sich und ihn gebracht hat. Daher 
begrub man die Toten gern auf Inseln, brachte sie auf die andere 
Seite eines Flusses; die Ausdrücke Diesseits und Jenseits sind hievon 
ausgegangen. Eine spätere Milderung hat die Böswilligkeit der 
Toten auf jene Kategorien beschränkt, denen man ein besonderes 
Recht zum Groll einräumen mußte, auf die Ermordeten, die ihren 
Mörder als böse Geister verfolgen, auf die in ungestillter Sehn- 
sucht Gestorbenen wie die Bräute. Aber ursprünglich, meint Klein- 
paul, waren alle Toten Vampyre, alle grollten den Lebenden und 
trachteten, ihnen zu schaden, sie des Lebens zu berauben. Der 
Leichnam hat überhaupt erst den Begriff eines bösen Geistes ge- 
liefert. 

Die Annahme, die liebsten Verstorbenen wandelten sich nach 
dem Tode zu Dämonen, läßt offenbar eine weitere Fragestellung 
zu. Was bewog die Primitiven dazu, ihren teuren Toten eine 
solche Sinnesänderung zuzuschreiben? Warum machten sie sie zu 
Dämonen? Westermarck glaubt, diese Frage leicht zu beant- 
worten. 2 „Da der Tod zumeist für das schlimmste Unglück ge- 
halten wird, das den Menschen treffen kann, glaubt man, daß die 
Abgeschiedenen mit ihrem Schicksal äußerst unzufrieden seien. 
Nach Auffassung der Naturvölker stirbt man nur durch Tötung, 
sei es gewaltsame, sei es durch Zauberei bewirkte, und schon 
deshalb sieht man die Seele als rachsüchtig und reizbar an; ver- 
meintlich beneidet sie die Lebenden und sehnt sich nach der 
Gesellschaft der alten Angehörigen — es ist daher begreiflich, daß 

1) R. Kleinpaul, Die Lebendigen und die Toten in Volksglauben, Religion und 
Sage, i8g8. 

2^ 1. c, p. 426. 



j6 Totem und Tabu 



sie trachtet, sie durch Krankheiten zu töten, um mit ihnen ver- 
einigt zu werden . . . 

. . . Eine weitere Erklärung der Bösartigkeit, die man den Seelen 
zuschreibt, liegt in der instinktiven Furcht vor diesen, welche Furcht 
ihrerseits das Ergebnis der Angst vor dem Tode ist." 

Das Studium der psychoneurotischen Störungen weist uns auf 
eine umfassendere Erklärung hin, welche die Westermarcksche 
miteinschließt. 

Wenn eine Frau ihren Mann, eine Tochter ihre Mutter durch 
den Tod verloren hat, so ereignet es sich nicht selten, daß die 
Überlebende von peinigenden Bedenken, die wir „Zwangsvorwürfe" 
heißen, befallen wird, ob sie nicht selbst durch eine Unvorsich- 
tigkeit oder Nachlässigkeit den Tod der geliebten Person ver- 
schuldet habe. Keine Erinnerung daran, wie sorgfaltig sie den 
Kranken gepflegt, keine sachliche Zurückweisung der behaupteten 
Verschuldung vermag der Qual ein Ende zu machen, die etwa 
den pathologischen Ausdruck einer Trauer darstellt und mit der 
Zeit langsam abklingt. Die psychoanalytische Untersuchung solcher 
Fälle hat uns die geheimen Triebfedern des Leidens kennen ge- 
lehrt. Wir haben erfahren, daß diese Zwangsvorwürfe in gewissem 
Sinne berechtigt und nur darum gegen Widerlegung und Ein- 
spruch gefeit sind. Nicht als ob die Trauernde den Tod wirklich 
verschuldet oder die Vernachlässigung wirklich begangen hätte, 
wie es der Zwangsvorwurf behauptet; aber es war doch etwas in 
ihr vorhanden, ein ihr selbst unbewußter Wunsch, der mit dem 
Tode nicht unzufrieden war, und der ilm herbeigeführt hätte, 
wenn er im Besitze der Macht gewesen wäre. Gegen diesen un- 
bewußten Wunsch reagiert nun der Vorwurf nach dem Tode der 
geliebten Person. Solche im Unbewußten versteckte Feindseligkeit 
hinter zärtlicher Liebe gibt es nun in fast allen Fällen von in- 
tensiver Bindung des Gefühls an eine hestiminle Person, es ist 
der klassische Fall, das Vorbild, der Ambivalenz menschlicher Ge- 
fühlsregungen. Von solcher Ambivalenz ist bei einem Menschen 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 77 



bald mehr, bald weniger in der Anlage vorgesehen; normalerweise 
ist es nicht so viel, daß die beschriebenen Zwangsvorwürfe daraus 
entstehen können. Wo sie aber ausgiebig angelegt ist, da wird sie 
sich gerade im Verhältnis zu den allergeliebtesten Personen, da, 
wo man es am wenigsten erwarten würde, manifestieren. Die 
Disposition zur Zwangsneurose, die wir in der Tabufrage so oft 
zum Vergleich herangezogen haben, denken wir uns durch ein be- 
sonders hohes Maß solcher ursprünglicher Gefühlsambivalenz aus- 
gezeichnet. 

Wir kennen nun das Moment, welches uns das vermeintliche 
Dämonentum der frisch verstorbenen Seelen und die Notwendig- 
keit, sich durch die Tabuvorschriften gegen ihre Feindschaft zu 
schützen, erklären kann. Wenn wir annehmen, daß dem Gefühls- 
leben der Primitiven ein ähnlich hohes Maß von Ambivalenz zu- 
komme, wie wir es nach den Ergebnissen der Psychoanalyse den 
Zwangskranken zuschreiben, so wird es verständlich, daß nach dem 
schmerzlichen Verlust eine ähnliche Reaktion gegen die im Unbe- 
wußten latente Feindseligkeit notwendig wird, wie sie dort durch 
die Zwangsvorwürfe erwiesen wurde. Diese im Unbewußten als 
Befriedigung über den Todesfall peinlich verspürte Feindseligkeit 
hat aber beim Primitiven ein anderes Schicksal; sie wird abge- 
wehrt, indem sie auf das Objekt der Feindseligkeit, auf den Toten, 
verschoben wird. Wir heißen diesen im normalen wie im krank- 
haften Seelenleben häufigen Abwehrvorgang eine Projektion. Der 
Überlebende leugnet nun, daß er je feindselige Regungen gegen 
den geliebten Verstorbenen gehegt hat; aber die Seele des Ver- 
storbenen hegt sie jetzt und wird sie über die ganze Zeit der 
Trauer zu betätigen bemüht sein. Der Straf- und Reuecharakter 
dieser Gefühlsreaktion wird sich trotz der geglückten Abwehr durch 
Projektion darin äußern, daß man sich fürchtet, sich Verzicht auf- 
erlegt und sich Einschränkungen unterwirft, die man zum Teil 
als Schutzmaßregeln gegen den feindlichen Dämon verkleidet. Wir 
finden so wiederum, daß das Tabu auf dem Boden einer ambi- 



7 8 Totem und Tabu 



valenten Gefühlseinstellung erwachsen ist. Auch das Tabu der 
Toten rührt von dem Gegensatz zwischen dem bewußten Schmerz 
und der unbewußten Befriedigung über den Todesfall her. Bei 
dieser Herkunft des Grolles der Geister ist es selbstverständlich, 
daß gerade die nächsten und früher geliebtesten Hinterbliebenen 
ihn am meisten zu fürchten haben. 

Die Tabuvorschriften benehmen sich auch hier zwiespältig wie 
die neurotischen Symptome. Sie bringen einerseits durch ihren 
Charakter als Einschränkungen die Trauer zum Ausdruck, ander- 
seits aber verraten sie sehr deutlich, was sie verbergen wollen, 
die Feindseligkeit gegen den Toten, die jetzt als Notwehr moti- 
viert ist. Einen gewissen Anteil der Tabuverbote haben wir als 
Versuchungsangst verstehen gelernt Der Tote ist wehrlos, das 
muß zur Befriedigung der feindseligen Gelüste an ihm reizen, 
und dieser Versuchung muß das Verbot entgegengesetzt werden. 

Westermarck hat aber Recht, wenn er für die Auffassung 
der Wilden keinen Unterschied zwischen gewaltsam und natürlich 
Gestorbenen gelten lassen will. Für das unbewußte Denken ist 
auch der ein Gemordeter, der eines natürlichen Todes gestorben 
ist; die bösen Wünsche haben ihn getötet. (Vgl. die nächste 
Abhandlung dieser Reihe: Animismus, Magie und Allmacht der 
Gedanken.) Wer sich für Herkunft und Bedeutung der Träume 
vom Tode teurer Verwandter (der Fltern und Geschwister) inter- 
essiert, der wird beim Träumer, beim Kind und beim Wilden 
die volle Übereinstimmung im Verhallen gegen den Toten, ge- 
gründet auf die nämliche Gefühlsambivalenz, feststellen können. 

Wir haben vorhin einer Auffassung von Wundt widersprochen, 
welche das Wesen des Tabu in der Furcht vor den Dämonen 
findet, und doch haben wir soeben der Erklärung zugestimmt, 
welche das Tabu der Toten auf die Furcht vor der zum Dämon 
gewordenen Seele des Verstorbenen zurückführt. Das schiene ein 
Widerspruch: es wird uns aber nicht schwer werden, ihn aufzu- 
lösen. Wir haben die Dämonen zwar angenommen, aber nicht als 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 



79 



etwas Letztes und für die Psychologie Unauflösbares gelten lassen. 
Wir sind gleichsam hinter die Dämonen gekommen, indem wir 
sie als Projektionen der feindseligen Gefühle erkannten, welche die 
Überlebenden gegen die Toten hegen. 

Die nach unserer gut begründeten Annahme zwiespältigen — 
zärtlichen und feindseligen — Gefühle gegen die nun Verstorbenen 
wollen sich zur Zeit des Verlustes beide zur Geltung bringen, als 
Trauer und als Befriedigung. Zwischen diesen beiden Gegensätzen 
muß es zum Konflikt kommen, und da der eine Gegensatzpartner, 
die Feindseligkeit — ganz oder zum größeren Anteile, — unbewußt 
ist, kann der Ausgang des Konfliktes nicht in einer Subtraktion 
der beiden Intensitäten voneinander mit bewußter Einsetzung des 
Überschusses bestehen, etwa wie man einer geliebten Person eine 
von ihr erlittene Kränkung verzeiht. Der Prozeß erledigt sich 
vielmehr durch einen besonderen psychischen Mechanismus, den 
man in der Psychoanalyse als Projektion zu bezeichnen gewohnt 
ist. Die Feindseligkeit, von der man nichts weiß und auch weiter 
nichts wissen will, wird aus der inneren Wahrnehmung in die 
Außenwelt geworfen, dabei von der eigenen Person gelöst und 
der anderen zugeschoben. Nicht wir, die Überlebenden, freuen 
uns jetzt darüber, daß wir des Verstorbenen ledig sind ; nein, wir 
trauern um ihn, aber er ist merkwürdigerweise ein böser Dämon 
geworden, dem unser Unglück Befriedigung bereiten würde, der 
uns den Tod zu bringen sucht. Die Überlebenden müssen sich 
nun gegen diesen bösen Feind verteidigen j sie sind von der inneren 
Bedrückung entlastet, haben sie aber nur gegen eine Bedrängnis 
von außen eingetauscht. 

Es ist nicht abzuweisen, daß dieser Projektionsvorgang, welcher 
die Verstorbenen zu böswilligen Feinden macht, eine Anlehnung 
an den reellen Feindseligkeiten findet, die man von letzteren er- 
innern und ihnen wirklich zum Vorwurf machen kann. Also an 
ihrer Härte, Herrschsucht, Ungerechtigkeit, und was sonst den 
Hintergrund auch der zärtlichsten Beziehungen unter den Men- 



80 Totem und Tabu 






sehen bildet. Aber es kann nicht so einfach zugehen, daß uns 
dieses Moment für sich allein die Projektionsschöpfung der Dämonen 
begreiflich mache. Die Verschuldungen der Verstorbenen enthalten 
gewiß einen Teil der Motivierung für die Feindseligkeit der Über- 
lebenden, aber sie wären unwirksam, wenn nicht die letzteren diese 
Feindseligkeit aus eigenem entwickeln würden, und der Zeitpunkt 
ihres Todes wäre gewiß der ungeeignetste Anlaß, die Erinnerung 
an die Vorwürfe zu wecken, die man ihnen zu machen berechtigt 
war. Wir können die unbewußte Feindseligkeit als das regelmäßig 
wirkende und eigentlich treibende Motiv nicht entbehren. Diese 
feindselige Strömung gegen die nächsten und teuersten Angehörigen 
konnte zu deren Lebzeiten latent bleiben, das heißt sich dem 
Bewußtsein weder direkt noch indirekt durch irgend eine Ersatz- 
bildung verraten. Mit dem Ableben der gleichzeitig geliebten und 
gehaßten Personen war dies nicht mehr möglich, der Konflikt 
wurde akut. Die aus der gesteigerten Zärtlichkeit stammende Trauer 
wurde einerseits unduldsamer gegen die latente Feindseligkeit, 
anderseits durfte sie es nicht zulassen, daß sich aus letzterer nun 
ein Gefühl der Befriedigung ergebe. Somit kam es zur Verdrän- 
gung der unbewußten Feindseligkeit auf dem Wege der Projektion, 
zur Bildung jenes Zeremoniells, in dem die Furcht vor der Be- 
strafung durch die Dämonen Ausdruck findet, und mit dem zeit- 
lichen Ablauf der Trauer verliert auch der Konflikt an Schärfe, 
so daß das Tabu dieser Toten sich abschwächen oder in Vergessen- 
heit versinken darf. 

4 

Haben wir so den Boden geklärt, auf dem das überaus lehr- 
reiche Tabu der Toten erwachsen ist, so wollen wir nicht ver- 
säumen, einige Bemerkungen anzuknüpfen, die für das Verständnis 
des Tabu überhaupt bedeutungsvoll werden können. 

Die Projektion der unbewußten Feindseligkeit beim Tabu der 
Toten auf die Dämonen ist nur ein einzelnes Beispiel aus einer 



t 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 8 1 

Reihe von Vorgängen, denen der größte Einfluß auf die Gestal- 
tung des primitiven Seelenlebens zugesprochen werden muß. In 
dem betrachteten Falle dient die Projektion der Erledigung eines 
Gefühlskonfliktes; sie findet die nämliche Verwendung in einer 
großen Anzahl von psychischen Situationen, die zur Neurose führen. 
Aber die Projektion ist nicht für die Abwehr geschaffen, sie kommt 
auch zustande, wo es keine Konflikte gibt. Die Projektion innerer 
Wahrnehmungen nach außen ist ein primitiver Mechanismus, dem 
z. B. auch unsere Sinneswahrnehmungen unterliegen, der also 
an der Gestaltung unserer Außenwelt normalerweise den größten 
Anteil hat. Unter noch nicht genügend festgestellten Bedingungen 
werden innere Wahrnehmungen auch von Gefühls- und Denk- 
vorgängen wie die Sinneswahrnehmungen nach außen projiziert, 
zur Ausgestaltung der Außenwelt verwendet, während sie der 
Innenwelt verbleiben sollten. Es hängt dies vielleicht genetisch 
damit zusammen, daß die Funktion der Aufmerksamkeit ursprüng- 
lich nicht der Innenwelt, sondern den von der Außenwelt zu- 
strömenden Reizen zugewendet war, und von den endopsychi- 
schen Vorgängen nur die Nachrichten über Lust- und Unlust- 
entwicklungen empfing. Erst mit der Ausbildung einer abstrakten 
Denksprache, durch die Verknüpfung der sinnlichen Reste der 
Wortvorstellungen mit inneren Vorgängen, wurden diese selbst 
allmählich wahrnehmungsfähig. Bis dahin hatten die primitiven 
Menschen durch Projektion innerer Wahrnehmungen nach außen 
ein Bild der Außenwelt entwickelt, welches wir nun mit er- 
starkter Bewußtseinswahrnehmung in Psychologie zurückübersetzen 
müssen. 

Die Projektion der eigenen bösen Regungen in die Dämonen 
ist nur ein Stück eines Systems, welches die „Weltanschauung" 
der Primitiven geworden ist, und das wir in der nächsten Ab- 
handlung dieser Reihe als das „animistische" kennen lernen werden. 
Wir werden dann die psychologischen Charaktere einer solchen 
Systembildung festzustellen haben und unsere Anhaltspunkte wieder- 
Freud, x. 6 



82 l'uttin miil Tabu 



um in der Analyse jener Systembildungen linden, welche uns die 
Neurosen entgegenbringen. Wir wollen vorläufig nur verraten, daB 
die sogenannte „sekundäre Bearbeitung des Trauininhalts das 
Vorbild für alle diese Systotnbildungen ist. Vergessen wir auch 
nicht daran, daß es vom Stadium der Systembildung an zweierlei 
Ableitungen für jeden vom Bewußtsein beurteilten Akt gibt, die 
systeniHl'iM he und die reale, Niber unbewußte. 1 

VVundt" bemerkt, daß „unter den Wirkungen, die der Mythus 
allerorten den Dämonen zuschreibt, zunächst die unheilvollen 
überwiegen, so daß im (ilaubeu der Völker sichtlich die bösen 
Dämonen älter sind als die guten' . Es LSI nun sehr wohl möglich, 
daß der Begriff des Dämons überhaupt aus der so bedeutsamen 
Relation zu den Toten gewonnen wurde. Die diesem Verhältnis 
innewohnende Ambivalenz hat sich dann im weiteren Verlaufe 
der Menschheitsentwicklung darin geäußert, daß sie aus der näm- 
lichen Wurzel zwei völlig entgegengesetzte psychische Bildungen 
hervorgehen ließ: Dämonen- und Gespensterfurcht einerseits, die 
Ahnenverehrung anderseits. 3 Daß die Dämonen stets als die Geister 
kürzlich Verstorbener gefaßt werden, be/.eugl wie nichts anderes den 

Einfluß der Trauer auf die Entstehung des Dämonenglaubens, Die 
Trauer hat eine ganz bestimmte psychische Aufgabe zu erledigen, sie 
soll die Erinnerungen und Erwartungen der Überlebenden von dm 

Toten ablösen. Ist diese Arbeil geschehen, so läßt (U'V Schmerz nach, 
mit ihm die Reue und der Vorwurf und darum auch die Angst 
vor dem Dämon. Dieselben (ieisler aber, die zunächst als Dämonen 
gefürchtet wurden, gehen nun der freundlicheren Bestimmung 

1) Den Projektta&SgQhöpfungen der Primitiven stehen m'c Personifikationen nahe, 
durch welche der Dichter die in ihm ringenden entgegengesetzten Triebregungen 
als gesonderte Individuen aus sich herausstellt. 

2) „Mythus und Religion", II. S. 129. 

3) In den Psychoanalysen neurotischer Personen, die- an Gespensterangst leiden, 
oder in ihrer Kindheit gelitten haben, RÜ11 es oft nicht schwer, diese Gespenster als 
die Eltern zu entlarven. VgL hiev.w .null die „Soxualgesponstcr" betitelte Mitteilung 
von P. Haebcrlin (Sexualproblcmc, Februar 1912' 1 , in welcher es sich um cino 
ändert- erotisch betonte Person lumdclt, der Vater aber verstorben war. 






Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 



85 



entgegen, als Ahnen verehrt und zur Hilfeleistung angerufen zu 
werden. 

Überblickt man das Verhältnis der Überlebenden zu den Toten 
im Wandel der Zeiten, so ist es unverkennbar, daß dessen Am- 
bivalenz außerordentlich nachgelassen hat. Es gelingt jetzt leicht, 
die unbewußte, immer noch nachweisbare Feindseligkeit gegen 
die Toten niederzuhalten, ohne daß es eines besonderen seelischen 
Aufwandes hiefür bedürfte. Wo früher der befriedigte Haß und 
die schmerzhafte Zärtlichkeit miteinander gerungen haben, da er- 
hebt sich heute wie eine Narbenbildung die Pietät und fordert 
das: De mortuis nil nisi bene. Nur die Neuro tiker trüben noch 
die Trauer um den Verlust eines ihrer Teuren durch Anfälle von 
Zwangsvorwürfen, welche in der Psychoanalyse die alte ambiva- 
lente Gefühlseinstellung als ihr Geheimnis verraten. Auf welchem 
Wege diese Änderung herbeigeführt wurde, inwieweit sich kon- 
stitutionelle Änderung und reale Besserung der familiären Be- 
ziehungen in deren Verursachung teilen, das braucht hier nicht 
erörtert zu werden. Aber man könnte durch dieses Beispiel zur 
Annahme geführt werden, es sei den Seelenregungen der 
Primitiven überhaupt ein höheres Maß von Ambivalenz 
zuzugestehen, als bei dem heute lebenden Kulturmenschen 
aufzufinden ist. Mit der Abnahme dieser Ambivalenz 
schwand auch langsam das Tabu, das Kompromißsymptom 
des Ambivalenzkonfliktes. Von den Neurotikern, welche ge- 
nötigt sind, diesen Kampf und das aus ihm hervorgehende Tabu 
zu reproduzieren, würden wir sagen, daß sie eine archaistische 
Konstitution als atavistischen Rest mit sich gebracht haben, deren 
Kompensation im Dienste der Kulturanforderung sie nun zu so 
ungeheuerlichem seelischen Aufwand zwingt. 

Wir erinnern uns an dieser Stelle der durch ihre Unklarheit 
verwirrenden Auskunft, welche uns Wundt über die Doppel- 
bedeutung des Wortes Tabu: heilig und unrein geboten hat (s. o.). 
Ursprünglich habe das Wort Tabu heilig und unrein noch nicht 



84 Totern und Tabu 



bedeutet, sondern habe das Dämonische bezeichnet, das nicht be- 
rührt werden darf, und somit ein wichtiges, den beiden extremen 
Begriffen gemeinsames Merkmal hervorgehoben, »loch beweise diese 
bleibende Gemeinschaft, daß /.wischen den beiden Gebieten des 
Heiligen und des Unreinen eine ursprüngliche Übereinstimmung 
obwalte, die erst später einer Differenzierung gewichen sei. 

Im Gegensatze hiezu leiten wir aus unseren K.rörterungen mühelos 
ab, daß dem Worte Tabu von allem Anfang an die erwähnte 
Doppelbedeutung zukommt, daß es zur Bezeichnung einer be- 
stimmten Ambivalenz dient und alles dessen, was auf dem Boden 
dieser Ambivalenz erwachsen ist. Tabu ist selbst ein ambivalentes 
Wort, und nachträglich meinen wir, man hätte aus dem festge- 
stellten Sinne dieses Wortes allein erraten können, was sich als 
Ergebnis weitläufiger Untersuchung herausgestellt hat, daß das 
Tabuverbot als das Resultat einer Gefühlsambivalenz zu verstehen 
ist. Das Studium der ältesten Sprachen bat uns belehrt, daß es 
einst viele solche Worte gab, welche Gegensätze in sich faßten, 
in gewissem — wenn auch nicht in ganz dem nämlichen Sinne — 
wie das Wort Tabu ambivalent waren.' Geringe lautliche Modifi- 
kationen des gegensinnigen Urwortes haben später dazu gedient, 
um den beiden hier vereinigten Gegensätzen einen gesonderten 
sprachlichen Ausdruck zu schaffen. 

Das Wort Tabu hat ein anderes Schicksal gehabt; mit der 
abnehmenden Wichtigkeit der von ihm bezeichneten Ambivalenz 
sit es selbst, respektive sind die ihm analogen Worte aus dem 
Sprachschatz geschwunden. Ich hoffe, in späterem Zusammenhange 
wahrscheinlich machen zu können, daß sich hinter dem Schicksal 
dieses Begriffes eine greifbare historische Wandlung verbirgt, daß 
das Wort zuerst an ganz bestimmten menschlichen Relationen 
haftete, denen die große Gelühlsambivalenz eigen war, und daß 
es von hier aus auf andere, analoge Relationen ausgedehnt wurde. 

1) Vgl. mein Referat über Abels „Gegensinn der Urworte" im Jahrbuch für 
psychoanalyt. und psychoputhol. Forschungen, Bd. II, 1910. [Ges. Schriften, Bd. X.] 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 85 

Wenn wir nicht irren, so wirft das Verständnis des Tabu auch 
ein Licht auf die Natur und Entstehung des Gewissens. Man 
kann ohne Dehnung der Begriffe von einem Tabugewissen und 
von einem Tabuschuldbewußtsein nach Übertretung des Tabu 
sprechen. Das Tabugewissen ist wahrscheinlich die älteste Form, 
in welcher uns das Phänomen des Gewissens entgegentritt. 

Denn was ist „Gewissen"? Nach dem Zeugnis der Sprache 
gehört es zu dem, was man am gewissesten weiß; in manchen 
Sprachen scheidet sich seine Bezeichnung kaum von der des Be- 
wußtseins. 

Gewissen ist die innere Wahrnehmung von der Verwerfung 
bestimmter in uns bestehender Wunschregungen; der Ton liegt 
aber darauf, daß diese Verwerfung sich auf nichts anderes zu be- 
rufen braucht, daß sie ihrer selbst gewiß ist. Noch deutlicher wird 
dies beim Schuldbewußtsein, der Wahrnehmung der inneren Ver- 
urteilung solcher Akte, durch die wir bestimmte Wunschregungen 
vollzogen haben. Eine Begründung erscheint hier überflüssig; jeder, 
der ein Gewissen hat, muß die Berechtigung der Verurteilung, 
den Vorwurf der vollzogenen Handlung, in sich verspüren. Diesen 
nämlichen Charakter zeigt aber das Verhalten der Wilden gegen 
das Tabu; das Tabu ist ein Gewissensgebot, seine Verletzung läßt 
ein entsetzliches Schuldgefühl entstehen, welches ebenso selbstver- 
ständlich wie nach seiner Herkunft unbekannt ist. 1 

Also entsteht wahrscheinlich auch das Gewissen auf dem Boden 
einer Gefühlsambivalenz aus ganz bestimmten menschlichen Rela- 
tionen, an denen diese Ambivalenz haftet, und unter den für das 
Tabu und die Zwangsneurose geltend gemachten Bedingungen, 
daß das eine Glied des Gegensatzes unbewußt sei und durch das 
zwanghaft herrschende andere verdrängt erhalten werde. Zu diesem 



1) Es ist eine interessante Parallele, daß das Schuldbewußtsein des Tabu in nichts 
gemindert wird, wenn die Übertretung unwissentlich geschah (s. Beispiel oben), und 
daß noch im griechischen Mythus die Verschuldung des Ödipus nicht aufgehoben 
wird dadurch, daß sie ohne, ja gegen sein Wissen und Wollen erworben wurde. 



86 Totem und Tabu 



Schlüsse stimmt mehrerlei, was wir aus der Analyse der Neurose 
gelernt haben. Erstens, daß im Charakter der Zwangsneurotiker 
der Zug der peinlichen Gewissenhaftigkeit hervortritt als Reaktions- 
symptom gegen die im Unbewußten lauernde Versuchung, und 
daß bei Steigerung i\vs Krankseins die höchsten Grade von Schuld- 
bewußtsein von ihnen entwickelt werden. Man kann in der Tat 
den Ausspruch wagen, wenn wir nicht an den Zwangskranken 
die Herkunft des Schuldbewußtseins ergründen können, so haben 
wir überhaupt keine Aussicht, dieselbe zu erfahren. Die Lösung 
dieser Aufgabe gelingt nun beim ein/einen neurotischen Indivi- 
duum; für die Völker getrauen wir uns eine ähnliche Lösung zu 
erschließen. 

Zweitens muß es uns auffallen, daß das Schuldbewußtsein viel 
von der Natur der Angst hat; es kann ohne Bedenken als „Ge- 
wissensangst" beschrieben werden. Die Angst deutet aber auf un- 
bewußte Quellen hin; wir haben aus der Neurosenpsychologie 
gelernt, daß, wenn Wunschregungen der Verdrängung unterliegen, 
deren Libido in Angst verwandelt wird. Dazu wollen wir er- 
innern, daß auch beim Schuldbewußtsein etwas unbekannt und 
unbewußt ist, nämlich die Motivierung der Verwerfung. Diesem 
Unbekannten entspricht der Angstcharakter des Schuldbewußtseins. 

Wenn das Tabu sich vorwiegend in Verboten äußert, so ist 
eine Überlegung denkbar, die uns sagt, es sei ganz, selbstverständlich 
und bedürfe keines weitläufigen Beweises aus der Analogie mit 
der Neurose, daß ihm eine positive, begehrende Strömung zugrunde 
liege. Denn, was niemand zu tun begehrt, das braucht man doch 
nicht zu verbieten, und jedenfalls muß das, was aufs nachdrück- 
lichste verboten wird, doch Gegenstand eines Begehrens sein. 
Wenden wir diesen plausiblen Salz auf unsere Primitiven an, so 
müßten wir schließen, es gehöre zu ihren stärksten Versuchungen, 
ihre Könige und Priester zu töten, Inzest ZU verüben, ihre Toten zu 
mißhandeln u. dgl. Das ist nun kaum wahrscheinlich; den ent- 
schiedensten Widerspruch erwecken wir aber, wenn wir den nämlichen 









Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 



87 



Satz an den Fällen messen, in welchen wir selbst die Stimme des 
Gewissens am deutlichsten zu vernehmen glauben. Wir würden 
dann mit einer nicht zu übertreffenden Sicherheit behaupten, daß 
Avir nicht die geringste Versuchung verspüren, eines dieser Ge- 
bote zu übertreten, z. B. das Gebot: Du sollst nicht morden, und 
daß wir vor der Übertretung desselben nichts anderes verspüren als 
Abscheu. 

Mißt man dieser Aussage unseres Gewissens die Bedeutung bei, 
die sie beansprucht, so wird einerseits das Verbot überflüssig — das 
Tabu sowohl wie unser Moralverbot, — anderseits bleibt die 
Tatsache des Gewissens unerklärt und die Beziehungen zwischen 
Gewissen, Tabu und Neurose entfallen; es ist. also jener Zustand 
unseres Verständnisses hergestellt, der auch gegenwärtig besteht, 
solange wir nicht psychoanalytische Gesichtspunkte auf das Problem 
anwenden. 

Wenn wir aber der durch die Psychoanalyse — an den Träu- 
men Gesunder — gefundenen Tatsache Rechnung tragen, daß die 
Versuchung, den anderen zu töten, auch bei uns stärker und 
häufiger ist als wir ahnen, und daß sie psychische Wirkungen 
äußert auch wo sie sich unserem Bewußtsein nicht kundgibt, 
wenn wir ferner in den Zwangsvorschriften gewisser Neurotiker 
die Sicherungen und Selbstbestrafungen gegen den verstärkten 
Impuls zu morden erkannt haben, dann werden wir zu dem vorhin 
aufgestellten Satz: Wo ein Verbot vorliegt, muß ein Begehren 
dahinter sein, mit neuer Schätzung zurückkehren. Wir werden an- 
nehmen, daß dies Begehren, zu morden, tatsächlich im Unbe- 
wußten vorhanden ist, und daß das Tabu wie das Moralverbot 
psychologisch keineswegs überflüssig ist, vielmehr durch die am- 
bivalente Einstellung gegen den Mordimpuls erklärt und gerecht- 
fertigt wird. 

Der eine so häufig als fundamental hervorgehobene Charakter 
dieses Ambivalenz Verhältnisses, daß die positive begehrende Strö- 
mung eine unbewußte ist, eröffnet einen Ausblick auf weitere 



88 



Totem und Tabu 



Zusammenhänge und Erklärungsmöglichkeiten. Die psychischen 
Vorgänge im Unbewußten sind nicht durchwegs mit jenen iden- 
tisch, die uns aus unserem bewuf3ten Seelenleben bekannt sind, 
sondern genießen gewisse beachtenswerte Freiheiten, die den letz- 
teren entzogen worden sind. Ein unbewußter Impuls braucht nicht 
dort entstanden zu sein, wo wir seine Äußerung finden; er kann 
von ganz anderer Stelle herstammen, sich ursprünglich auf andere 
Personen und Relationen bezogen haben und durch den Mecha- 
nismus der Verschiebung dorthin gelangt sein, wo er uns auf- 
fällt. Er kann ferner dank der Unzerstörbarkeit und Unkorrigier- 
barkeit unbewußter Vorgänge aus sehr frühen Zeiten, denen er 
angemessen war, in spätere Zeiten und Verhältnisse hinübergerettet 
werden, in denen seine Äußerungen fremdartig erscheinen müssen. 
All dies sind nur Andeutungen, aber eine sorgfältige Ausführung 
derselben würde zeigen, wie wichtig sie für das Verständnis der 
Kulturentwicklung werden können. 

Zum Schlüsse dieser Erörterungen wollen wir eine spätere Unter- 
suchungen vorbereitende Bemerkung nicht versäumen. Wenn wir 
auch an der Wesensgleichheit von Tabuverbot und Moralverbot 
festhalten, so wollen wir doch nicht bestreiten, daß eine psycho- 
logische Verschiedenheit zwischen beiden bestehen muß. Eine Ver- 
änderung in den Verhältnissen der grundlegenden Ambivalenz 
kann allein die Ursache sein, daß das Verbot nicht mehr in der 
Form des Tabu erscheint. 

Wir haben uns bisher in der analytischen Betrachtung der 
Tabuphänomene von den nachweisbaren Übereinstimmungen mit 
der Zwangsneurose leiten lassen, aber das Tabu ist doch keine 
Neurose, sondern eine soziale Bildung; somit obliegt uns die Auf- 
gabe, auch darauf hinzuweisen, worin der prinzipielle Unter- 
schied der Neurose von einer Kulturschöpfung wie das Tabu zu 
suchen ist. 

Ich will hier wiederum eine einzelne Tatsache zum Ausgangs- 
punkt nehmen. Von der Übertretung eines Tabu wird bei den 









Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 8g 

Primitiven eine Strafe befürchtet, meist eine schwere Erkrankung 
oder der Tod. Diese Strafe droht nun dem, der sich die Über- 
tretung hat zuschulden kommen lassen. Bei der Zwangsneurose 
ist dies anders. Wenn der Kranke etwas ihm Verbotenes ausführen 
soll, so fürchtet er die Strafe nicht für sich, sondern für eine 
andere Person, die meist unbestimmt gelassen ist, aber durch die 
Analyse leicht als eine der ihm nächsten und von ihm gelieb- 
testen Personen erkannt wird. Der Neurotiker verhält sich also 
hiebei wie altruistisch, der Primitive wie egoistisch. Erst wenn 
die Tabuübertretung sich im Missetäter nicht spontan gerächt hat, 
dann erwacht bei den Wilden ein kollektives Gefühl, daß sie 
durch den Frevel alle bedroht wären, und sie beeilen sich, die 
ausgebliebene Bestrafung selbst zu vollstrecken. Wir haben es leicht, 
uns den Mechanismus dieser Solidarität zu erklären. Die Angst 
vor dem ansteckenden Beispiel, vor der Versuchung zur Nach- 
ahmung, also vor der Infektionsfähigkeit des Tabu ist hier im 
Spiele. Wenn einer es zustande gebracht hat, das verdrängte Be- 
gehren zu befriedigen, so muß sich in allen Gesellschaftsgenossen 
das gleiche Begehren regen; um diese Versuchung niederzuhalten, 
muß der eigentlich Beneidete um die Frucht seines Wagnisses 
gebracht werden, und die Strafe gibt den Vollstreckern nicht 
selten Gelegenheit, unter der Rechtfertigung der Sühne dieselbe 
frevle Tat auch ihrerseits zu begehen. Es ist dies ja eine der 
Grundlagen der menschlichen Strafordnung, und sie hat, wie 
gewiß richtig, die Gleichartigkeit der verbotenen Regungen 
beim Verbrecher wie bei der rächenden Gesellschaft zur Voraus- 
setzung. 

Die Psychoanalyse bestätigt hier, was die Frommen zu sagen 
pflegen, wir seien alle arge Sünder. Wie soll man nun den un- 
erwarteten Edelsinn der Neurose erklären, die nichts für sich und 
alles für eine geliebte Person fürchtet? Die analytische Unter- 
suchung zeigt, daß er nicht primär ist. Ursprünglich, das heißt 
zu Anfang der Erkrankung, galt die Strafandrohung wie bei den 






9° 



Totem und Tu hu 



Wilden der eigenen Person; man fürchtete in jedem Falle für 
sein eigenes Leben; erst später wurde die Todesangst auf eine andere 
geliebte Person verschoben. Der Vorgang ist einigermaßen kompliziert, 
aber wir übersehen ihn vollständig. Zugrunde der Yerbotbildung 
liegt regelmäßig eine böse Regung — ein Todeswi msch — g e gen 
eine geliebte Person. Diese wird durch ein Verbot verdrängt, das 
Verbot an eine gewisse Handlung geknüpft, welche etwa die feind- 
selige gegen die geliebte Fersen durch Verschiebung vertritt, die 
Ausführung dieser Handlung mit der Todesstrafe bedroht. Aber 
der Prozeß geht weiter, und der ursprüngliche Todes wünsch gegen 
den geliebten anderen ist dann durch die Todesangst um ihn er- 
setzt. Wenn die Neurose sich also SO zärtlich altruistisch erweist, 
so kompensiert sie damit nur die ihr zugrunde liegende 
gegenteilige Einstellung eines brutalen Egoismus. Heißen wir die 
Gefühlsregungen, die durch die Rücksicht auf den anderen be- 
stimmt werden und ihn nicht selbst zum Sexualobjekt nehmen, 
soziale, so können wir das Zurücktreten dieser sozialen Faktoren 

als einen später durch Überkompensatiorj verhüllten Grundzug der 
Neurose heraushebe] i . 

Ohne uns bei der Entstehung dieser sozialen Regungen und 
ihrer Beziehung zu den anderen Grundtrieben dos Menschen auf- 
zuhalten, wollen wir an einem anderen Beispiel den zweiten 
Hauptcharakter der Neurose zum Vorschein bringen. Das Tabu 
hat in seiner Erscheinungsform die größte Ähnlichkeit mit der 
Berührungsangst der Neurotiker, dem tlrlirc t/r toucltcr. Nun 
handelt es sich bei dieser Neurose regelmäßig um das Verbot 
sexueller Berührung, und die Psychoanalyse hat ganz allgemein 
gezeigt, daß die Triebkräfte, welche in der Neurose abgelenkt und 
verschoben werden, sexueller Herkunft sind. Beim Tabu hat die 
verbotene Berührung offenbar nicht nur sexuelle Bedeutung, son- 
dern vielmehr die allgemeinere des Angreifens, der Bemächtigung, 
des Geltendmachens der eigenen Person. Wenn es verboten ist, 
den Häuptling oder etwas, was mit ihm in Berührung war, 






Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 91^ 



selbst zu berühren, so soll damit demselben Impuls eine Hem- 
mung angelegt werden, der sich andere Male in der argwöhni- 
schen Überwachung des Häuptlings, ja in seiner körperlichen 
Mißhandlung vor der Krönung (s. o.) zum Ausdruck bringt. 
Somit ist das Überwiegen der sexuellen Triebanteile 
gegen die sozialen das für die Neurose charakteristische 
Moment. Die sozialen Triebe sind aber selbst durch Zusammen- 
treten von egoistischen und erotischen Komponenten zu beson- 
deren Einheiten entstanden. 

An dem einen Beispiele vom Vergleich des Tabu mit der Zwangs- 
neurose läßt sich bereits erraten, welches das Verhältnis der ein- 
zelnen Formen von Neurose zu den Kulturbildungen ist, und wo- 
durch das Studium der Neurosenpsychologie für das Verständnis 
der Kulturentwickhmg wichtig wird. 

Die Neurosen zeigen einerseits auffällige und tiefreichende 
Übereinstimmungen mit den großen sozialen Produktionen der 
Kunst, der Religion und der Philosophie, anderseits erscheinen 
sie wie Verzerrungen derselben. Man könnte den Ausspruch 
wagen, eine Hysterie sei ein Zerrbild einer Kunstschöpfung, 
eine Zwangsneurose ein Zerrbild einer Religion, ein paranoischer 
Wahn ein Zerrbild eines philosophischen Systems. Diese Ab- 
weichung führt sich in letzter Auflösung darauf zurück, daß 
die Neurosen asoziale Bildungen sind ; sie suchen mit privaten 
Mitteln zu leisten, was in der Gesellschaft durch kollektive 
Arbeit entstand. Bei der Triebanalyse der Neurosen erfährt man, 
daß in ihnen die Triebkräfte sexueller Herkunft den bestim- 
menden Einfluß ausüben, während die entsprechenden Kultur- 
bildungen auf sozialen Trieben ruhen, solchen, die aus der 
Vereinigung egoistischer und erotischer Anteile hervorgegangen 
sind. Das Sexualbedürfnis ist eben nicht imstande, die Menschen 
in ähnlicher Weise wie die Anforderungen der Selbsterhaltung 
zu einigen ; die Sexualbefriedigung ist zunächst die Privatsache 
des Individuums. 



9 2 



Totem und Tabu 



Genetisch ergibt sich die asoziale Natur der Neurose aus deren 
ursprünglichster Tendenz, sich aus einer unbefriedigenden Realität 
in eine lustvollere Phantasiewelt zu flüchten. In dieser vom Neu- 
rotiker gemiedenen realen Welt herrscht die Gesellschaft der Men- 
schen und die von ihnen gemeinsam geschaffenen Institutionen; 
die Abkehrung von der Realität ist gleichzeitig ein Austritt aus 
der menschlichen Gemeinschaft. 






III 

ANIMISMUS, MAGIE UND ALLMACHT DER 

GEDANKEN 

i 

Es ist ein notwendiger Mangel der Arbeiten, welche Gesichts- 
punkte der Psychoanalyse auf Themen der Geisteswissenschaften 
anwenden wollen, daß sie dem Leser von beiden zu wenig bieten 
müssen. Sie beschränken sich darum auf den Charakter von An- 
reo-ungen, sie machen dem Fachmanne Vorschläge, die er bei 
seiner Arbeit in Erwägung ziehen soll. Dieser Mangel wird sich 
aufs äußerste fühlbar machen in einem Aufsatz, welcher das un- 
geheure Gebiet dessen, was man Animismus nennt, behandeln 

will. 1 

Animismus im engeren Sinne heißt die Lehre von den Seelen- 
vorstellungen, im weiteren die von geistigen Wesen überhaupt. 
Man unterscheidet noch Animatismus, die Lehre von der Be- 
lebtheit der uns unbelebt erscheinenden Natur, und reiht hier 
den Animalismus und Manismus an. Der Name Animismus, 
früher für ein bestimmtes philosophisches System verwendet, scheint 

1) Die geforderte Zusammendrängung des Stoffes bringt auch den Verzicht auf 
eingehende Literaturnachweise mit sich. An deren Stelle stehe der Hinweis auf die 
bekannten Werke von Herbert Spencer, J. G. Frazer, A. Lang, E. B. Ty'lor und 
W. YVundt, aus denen alle Behauptungen über Animismus und Magie entnommen 
sind. Die Selbständigkeit des Verfassers kann sich nur in der von ihm getroffenen 
Auswahl der Materien sowie der Meinungen kundgeben. 



94 Totem und Tabu 






■ 



seine gegenwärtige Bedeutung durch I«:. 15. Tylor erhallen zu 
haben. 1 

Was zur Aufstellung dieser Namen Aidaß gegeben hat, ist die 
Einsicht in die höchst merkwürdige Natur- und Weltauffassung 
der uns bekannten primitiven Völker, der historischen sowohl wie 
der jetzt noch lebenden. Diese bevölkern die Well mit einer Un- 
zahl von geistigen Wesen, die ihnen wohlwollend oder übelgesinnt 
sind; sie schreiben diesen Geistern und Dämonen die Verursachung 
der Naturvorgänge zu und hallen nieli! nur die Tiere und Pflanzen, 
sondern auch die unbelebten Dinge der Welt für durch sie belebt 
Ein drittes und vielleicht wichtigstes Stück dieser primitiven 
„Naturphilosophie" erscheint uns weil weniger auffällig, weil wir 
selbst noch nicht weit genug von ihm entfernt sind, während wir 
doch die Existenz der Geister sehr eingeschränkt haben und die 
Naturvorgänge heule durch die Annahme unpersönlicher physi- 
kalischer Kräfte erklären. I )ie Primitiven glauben nämlich an eine 
ähnliche „Heilung" auch der menschlichen Einzelwesen. Die 
menschlichen Personen enthalten Seelen, welche ihren Wohnsitz 
verlassen und in andere Menschen einwandern können; diese 
Seelen sind die Träger der geistigen Tätigkeiten und bis zu einem 
gewissen Grad von den „Leibern" unabhängig. Ursprünglich 
wurden die Seeleu als sehr ähnlich den Individuen vorgestellt und 
erst im Laufe einer langen Entwicklung haben sie die Charaktere 
des Materiellen bis zu einem hohen Grad von ,,Vor»eistiounfi" 
abgestreift. 2 

Die Mehrzahl der Autoren neigt zu der Annahme, daß diese 
Seelenvorstellungen der ursprüngliche Kern des aniini- tischen 
Systems sind, daß die Geister nur selbständig gewordenen Seelen 
entsprechen, und daß auch die Seelen von Tieren, Pflanzen und 
Dingen in Analogie mit den Menschenseelen gebildet wurden. 



™ !l E ' B jT, y ! or ' Primi,ive Cultur«. I. Bd., p. 425 , 4 . Aufl., 1905. - W. Wundt, 
Mythus und Religion, II. Bd., p. 175, i 9 oti. 

2) Wundt, 1. c, JV. Kapitel „Die Seelenvorstellungen". 






Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken 95 



Wie sind die primitiven Menschen zu den eigentümlich dua- 
listischen Grundanschauungen gekommen, auf denen dieses ani- 
mistische System ruht? Man meint, durch die Beobachtung der 
Phänomene des Schlafes (mit dem Traum) und des ihm so ähn- 
lichen Todes, und durch die Bemühung, sich diese jeden Einzelnen 
so nahe angehenden Zustände zu erklären. Vor allem müßte das 
Todesproblem der Ausgangspunkt der Theoriebildung geworden 
sein. Für den Primitiven wäre die Fortdauer des Lebens — die 
Unsterblichkeit das Selbstverständliche. Die Vorstellung des 

Todes ist etwas spät und nur zögernd Rezipiertes, sie ist ja auch 
für uns noch inhaltsleer und unvollziehbar. Über den Anteil, den 
andere Beobachtungen und Erfahrungen an der Gestaltung der 
animistischen Grundlehren gehabt haben mögen, die über Traum- 
bilder, Schatten, Spiegelbilder u. dgl., haben sehr lebhafte, zu 
keinem Abschluß gelangte Diskussionen stattgefunden. 1 

Wenn der Primitive auf die sein Nachdenken anregenden Phä- 
nomene mit der Bildung der Seelenvorstellungen reagierte und 
diese dann auf die Objekte der Außenwelt übertrug, so wird sein 
Verhalten dabei als durchaus natürlich und weiter nicht rätselhaft 
beurteilt. Wundt äußert angesichts der Tatsache, daß sich die 
nämlichen animistischen Vorstellungen bei den verschiedensten 
Völkern und zu allen Zeiten übereinstimmend gezeigt haben, die- 
selben „seien das notwendige psychologische Erzeugnis des mythen- 
bildenden Bewußtseins und der primitive Ammismus dürfte als 
der geistige Ausdruck des menschlichen Naturzustandes gelten, 
insoweit dieser überhaupt für unsere Beobachtung erreichbar ist". 2 
Die Rechtfertigung der Belebung des Unbelebten hat bereits Hume 
in seiner „Natural History of Religion" gegeben, indem er schrieb: 
There is an universal tendcncy amorig mankind to conccive all 
beings like themselves and to transfer to evcry objcct those qualities 



1) Vgl. außer bei Wundt und H. Spencer die orientierenden Artikel der Ency- 
clopaedia Britannica, 1911 (Animism, Mvthology usw.) 

2) 1. c, 1». 154. 



96 Totem und 'Tabu 






with which they are. Jamiliarly acquainted and of which they are 
intimately conscious." l 

Der Animismus ist ein Denksystem, er gibt nicht nur die Er- 
klärung eines einzelnen Phänomens, sondern gestattet es, das Ganze 
der Welt als einen einzigen Zusammenhang, aus einem Punkte, 
zu begreifen. Die Menschheit hat, wenn wir den Autoren folgen 
wollen, drei solcher Denksystenie, drei große Weltanschauungen 
im Laufe der Zeiten hervorgebracht: Die animistische (mytho- 
logische), die religiöse und die wissenschalt liehe. Unter diesen ist 
die erstgeschaffene, die des Animismus, vielleicht die folgerichtigste 
und erschöpfendste, eine, die das Wesen der Welt restlos erklärt. 
Diese erste Weltanschauung der Menschheit ist nun eine psycho- 
logische Theorie. Es geht über unsere Absicht hinaus zu zeigen, 
wieviel von ihr noch im Lehen der Gegenwart nachweisbar ist, 
entweder entwertet in der Form des Aberglaubens, oder lebendig 
als Grundlage unseres Sprechens, Glaubens und Philosophierens. 

Es greift auf die Stufenfolge der drei Weltanschauungen zurück, 
wenn gesagt wird, daß der Animismus selbst noch keine Religion 
ist, aber die Vorbedingungen enthält, auf denen sich später die 
Religionen aufbauen. Es ist auch augenfällig, daß der Mythus auf 
animistischen Voraussetzungen ruht; die Einzelheiten der Beziehung 
von Mythus und Animismus erscheinen aber als in wesentlichen 
Punkten ungeklärt. 



-' 



Unsere psychoanalytische Arbeit wird an anderer Stelle ein- 
setzen. — Man darf nicht annehmen, daß die Menschen sich aus 
reiner spekulativer Wißbegierde zur Schöpfung ihres ersten Welt- 
systems aufgeschwungen haben. Das praktische Bedürfnis, sich der 
Welt zu bemächtigen, muß seinen Anteil an dieser Bemühung 
haben. Wir sind darum nicht erstaunt zu erfahren, daß mit dem 
animistischen System etwas anderes Hand in Hand geht, eine 

1) Bei Tylor, Primitive Culturc, I. Bd., p. 477. 






* 



- 



Anbnismus, Magie und Allmacht der Gedanken 97 

Anweisung, wie man verfahren müsse, um der Menschen, Tiere 
und Dinge, respektive ihrer Geister, Herr zu werden. Diese An- 
weisung, welche unter dem Namen „Zauberei und Magie' 
bekannt ist, will S. Rein ach 1 die Strategie des Animismus heißen 5 
ich würde es vorziehen, sie mit Hubert und Mauß der Technik 
zu vergleichen. 2 

Kann man Zauberei und Magie begrifflich voneinander trennen? 
Eis ist möglich, wenn man sich mit einiger Eigenmächtigkeit über 
die Schwankungen des Sprachgebrauches hinwegsetzen will. Dann 
ist Zauberei im wesentlichen die Kunst, die Geister zu beeinflussen, 
indem man sie behandelt wie unter gleichen Bedingungen die 
Menschen, also indem man sie beschwichtigt, versöhnt, sich ge- 
neigt macht, sie einschüchtert, ihrer Macht beraubt, sie seinem 
Willen unterwirft, durch dieselben Mittel, die man für lebende 
Menschen wirksam gefunden hat. Magie ist aber etwas anderes; 
sie sieht im Grunde von den Geistern ab und sie bedient sich 
besonderer Mittel, nicht der banalen psychologischen Methodik. 
Wir werden leicht erraten, daß die Magie das ursprünglichere 
und bedeutsamere Stück der animistischen Technik ist, denn unter 
den Mitteln, mit denen Geister behandelt werden sollen, befinden 
sich auch magische, 3 und die Magie findet ihre Anwendung auch 
in Fällen, wo die Vergeistigung der Natur, wie uns scheint, nicht 
durchgeführt worden ist. 

Die Magie muß den mannigfaltigsten Absichten dienen, die 
Naturvorgänge dem Willen des Menschen unterwerfen, das Indi- 
viduum gegen Feinde und Gefahren schützen und ihm die Macht 
geben, seine Feinde zu schädigen. Die Prinzipien aber, auf deren 
Voraussetzung das magische Tun beruht — oder vielmehr das 
Prinzip der Magie — ist so auffällig, daß es von allen Autoren 

1) Cultes, Mythes et Religions, T. II, Introduction, p. XV, 1909. 

2) Annee sociologique, VII. Bd., 1904. 

3) Wenn man einen Geist durch Lärm und Geschrei verscheucht, so ist dies eine 
rein zauberische Handlung; wenn man ihn zwingt, indem man sich seines Namens 
bemächtigt, so hat man Magie gegen ihn gebraucht. 

Freud, X. 7 



s 



! 



' 



9 8 Totem und Tabu 



erkannt werden mußte. Man kann es am knappsten, wenn man 
von dem beigefügten Werturteil absieht, mit den Worten E. B. 
Tylors ausdrücken: „mistaking an ideal cormexion for a real 
one." An zwei Gruppen von magischen Handlungen wollen wir 
diesen Charakter erläutern. 

Eine der verbreitetsten magischen Prozeduren, um einem Feind 
zu schaden, besteht darin, sich ein Ebenbild von ihm aus belie- 
bigem Material zu machen. Auf die Ähnlichkeit kommt es dabei 
wenig an. Man kann auch irgend ein Objekt zu seinem Bild 
„ernennen". Was man dann diesem Ebenbild antut, das stößt 
auch dem gehaßten Urbild zu; an welcher Körperstelle man das 
erstere verletzt, an derselben erkrankt das letztere. Man kann die- 
selbe magische Technik anstatt in den Dienst privater Feindselig- 
keit auch in den der Frömmigkeit Meilen und m. Göttern gegen 
böse Dämonen zu Hilfe kommen. Ich zitiere nach Frazer: 1 „Jede 
Nacht, wenn der Sonnengott Ba (im allen Ägypten) zu seinem 
Heim im glühenden Westen herabstieg, hatte er einen bitteren 
Kampf gegen eine Schar von Dämonen zu bestellen, die ihn unter 
der Führung des Erzfeindes Apepi überfielen. Er kämpfte mit ihnen 
die ganze Nacht und häufig waren die Mächte der Finsternis stark 
genug, noch des Tags dunkle Wolken an den blauen Himmel zu 
senden, die seine Kraft schwächten und sein Licht abhielten. Um 
dem Gotte beizustehen, wurde in seinem Tempel zu Theben täglich 
folgende Zeremonie aufgeführt: Es wurde aus Wachs ein Bild seines 
Feindes Apepi gemacht, in der Gestalt eines scheußlichen Krokodils 
oder einer langgeringelten Schlange und der Name des Dämons mit 
grüner Tinte darauf geschrieben. In ein Papyrusgehäuse gehüllt, auf 
dem eine ähnliche Zeichnung angebracht war, wurde dann diese 
Figur mit schwarzem Haar umwickelt, vom Priester angespuckt, 
mit einem Steinmesser bearbeitet und auf den Boden geworfen. 
Dann trat er mit seinem linken Fuß auf sie und endlich verbrannte 
er sie in einem von gewissen Pflanzen genährten Feuer. Nachdem 

1) The mag-ic ort, II, p. 67. 



L 



slnimismiis, Magie und Allmacht der Gedanken 99 

Apepi in solcher Weise beseitigt worden war, geschah mit allen 
Dämonen seines Gefolges das nämliche. Dieser Gottesdienst, bei 
dem gewisse Reden hergesagt werden mußten, wurde nicht nur 
morgens, mittags und abends wiederholt, sondern auch jederzeit 
dazwischen, wenn ein Sturm wütete, wenn ein heftiger Regenguß 
niederging oder schwarze Wolken die Sonnenscheibe am Himmel 
verdeckten. Die bösen Feinde verspürten die Züchtigung, die ihren 
Bildern widerfahren war, als ob sie sie selbst erlitten hätten 5 sie 
flohen und der Sonnengott triumphierte von neuem." 1 

Aus der unübersehbaren Fülle ähnlich begründeter magischer 
Handlungen will ich nur noch zweierlei hervorheben, die bei den 
primitiven Völkern jederzeit eine große Rolle gespielt haben und 
zum Teil im Mythus und Kultus höherer Entwicklungsstufen er- 
halten geblieben sind, nämlich die Arten des Regen- und des 
Fruchtbarkeitzaubers. Man erzeugt den Regen auf magischem Wege, 
indem man ihn imitiert, etwa auch noch die ihn erzeugenden 
Wolken oder den Sturm nachahmt. Es sieht aus, als ob man 
„regnen spielen" wollte. Die japanischen Ainos z. B. machen 
Regen in der Weise, daß ein Teil von ihnen Wasser aus großen 
Sieben ausgießt, während ein anderer eine große Schüssel mit 
Se^el und Ruder ausstattet, als ob sie ein Schiff wäre, und sie so 
um Dorf und Gärten herumzieht. Die Fruchtbarkeit des Bodens 
sicherte man sich aber auf magische Weise, indem man ihm das 
Schauspiel eines menschlichen Geschlechtsverkehrs zeigte. So pflegen 
— ein Beispiel anstatt unendlich vieler — in manchen Teilen 
Javas zur Zeit des Herannahens der Reisblüte Bauer und Bäuerin 
sich nachts auf die Felder zu begeben, um durch das Beispiel, 
das sie ihm geben, den Reis zur Fruchtbarkeit anzuregen. 2 Da- 
gegen fürchtete man von verpönten inzestuösen Geschlechtsbezie- 

1) Das biblische Verbot, sich ein Bild von irgend etwas Lebendem zu machen, 
entstammte wohl keiner prinzipiellen Ablehnimg der bildenden Kunst, sondern sollte 
der von der hebräischen Religion verpönten Magie ein Werkzeug entziehen. Frazer, 
1. c, p. 87, Note. 

2) The magic art, II, p. 98. 









100 Totem und Tabu 



hungen, daß sie Mißwuchs und Unfruchtbarkeit des Bodens er- 
zeugen würden. 1 

Auch gewisse negative Vorschriften — magische Vorsichten also — 
sind dieser ersten Gruppe einzureihen. Wenn ein Teil der Bewohner 
eines Dayakdorfes auf Wildschweinjagd ausgezogen ist, so dürfen 
die Zurückgebliebenen unterdes weder Öl noch Wasser mit ihren 
Händen berühren, sonst würden die Jäger weiche Finger bekommen 
und die Beute aus ihren Händen schlüpfen lassen. 2 Oder, wenn 
ein Gilyakjäger im Walde dem Wilde nachstellt, so ist es seinen 
Kindern zu Hause verboten, Zeichnungen auf Holz oder im Sand 
zu machen. Die Pfade im dichten Wald könnten sonst so ver- 
schlungen werden wie die Linien der Zeichnung, so daß der Jäger 
den Weg nach Hause nicht lande. 3 

Wenn in diesen letzten wie in so vielen anderen Beispielen 
magischer Wirkung die Entfernung keine Rolle spielt, die Tele- 
pathie also als selbstverständlich hingenommen wird, so wird auch 
uns das Verständnis dieser Eigentümlichkeit der Magie keine 
Schwierigkeit bereiten. 

Es unterliegt keinem Zweifel, was an all diesen Beispielen als 
das Wirksame betrachtet wird. Es ist die Ähnlichkeit zwischen 
der vollzogenen Handlung und dem erwarteten Geschehen. Frazer 
nennt darum diese Art der Magie imitative oder homöopathi- 
sche. Wenn ich will, daß es regne, so brauche ich nur etwas zu 
tun, was wie Regen aussieht oder an Regen erinnert In einer 
weiteren Phase der Kulturentwicklung wird man anstatt dieses 
magischen Regenzaubers Bittgänge zu ei nein Gotteshaus veran- 
stalten und den dort wohnenden Heiligen um Regen anflehen. 
Endlich wird man auch diese religiöse Technik aufgeben und dafür 
versuchen, durch welche Einwirkungen auf die Atmosphäre Regen 
erzeugt werden kann. 



1) Davon ein Nachklang im König ödipul des Sophokles. 

2) The rnagic art, I, p. 120. 

3) 1- c., p. 122. 






' 






L 



Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken 101 

In einer anderen Gruppe von magischen Handlungen kommt 
das Prinzip der Ähnlichkeit nicht mehr in Betracht, dafür ein 
anderes, welches sich aus den nachstehenden Beispielen leicht er- 
geben wird. 

Um einem Feinde zu schaden, kann man sich auch eines an- 
deren Verfahrens bedienen. Man bemächtigt sich seiner Haare, Nägel, 
Abfallstoffe oder selbst eines Teiles seiner Kleidung und stellt mit 
diesen Dingen etwas Feindseliges an. Es ist dann gerade so, als 
hätte man sich der Person selbst bemächtigt, und was man den 
von der Person herrührenden Dingen angetan hat, muß ihr selbst 
widerfahren. Zu den wesentlichen Bestandteilen einer Persönlich- 
keit gehört nach der Anschauung der Primitiven ihr Name; wenn 
man also den Namen einer Person oder eines Geistes weiß, hat 
man eine gewisse Macht über den Träger des Namens erworben. 
Daher die merkwürdigen Vorsichten und Beschränkungen im Ge- 
brauche der Namen, die in dem Aufsatz über das Tabu gestreift 
worden sind. 1 Die Ähnlichkeit wird in diesen Beispielen offenbar 
ersetzt durch Zusammengehörigkeit. 

Der Kannibalismus der Primitiven leitet seine sublimere Moti- 
vierung in ähnlicher Weise ab. Indem man Teile vom Leib einer 
Person durch den Akt des Verzehrens in sich aufnimmt, eignet 
man sich auch die Eigenschaften an, welche dieser Person ange- 
hört haben. Daraus erfolgen dann Vorsichten und Beschränkungen 
der Diät unter besonderen Umständen. Eine Frau wird in der 
Gravidität vermeiden, das Fleisch gewisser Tiere zu genießen, weil 
deren unerwünschte Eigenschaften, z. B. die Feigheit, so auf das 
von ihr genährte Kind übergehen könnten. Es macht für die 
magische Wirkung keinen Unterschied, auch wenn der Zusammen- 
hang ein bereits aufgehobener ist, oder wenn er überhaupt nur 
in einmaliger, bedeutungsvoller Berührung bestand. So ist z. B. der 
Glaube an ein magisches Band, welches das Schicksal einer Wunde 
mit dem der Waffe verknüpft, durch welche sie hervorgerufen 

i) Vgl. s. 69 u. ff. 



102 Totem und Tabu 



wurde, unverändert durch Jahrtausende zu verfolgen. Wenn ein 
Melanesier sich des Bogens bemächtigt hat, durch den er ver- 
wundet wurde, so wird er ihn sorgfältig an einem kühlen Ort 
verwahren, um so die Entzündung der Wunde niederzuhalten. 
Ist der Bogen aber im Besitz der Feinde geblieben, so wird er 
gewiß in nächster Nähe eines Feuers aufgehängt werden, damit 
die Wunde nur ja recht entzündet werde und brenne. Plinius 
rät in seiner Nat. Hist. XXVIII, wenn man bereut, einen anderen 
verletzt zu haben, solle man auf die Hand spucken, welche die 
Verletzung verschuldet hat; der Schmerz des Verletzten werde 
dann sofort gelindert. Francis Bacon erwähnt in seiner Natural 
History den allgemein gültigen Glauben, daß das Salben einer 
Waffe, welche eine Wunde geschlagen hat, diese Wunde selbst 
heilt. Die englischen Bauern sollen noch heute nach diesem Rezept 
handeln, und wenn sie sich mit einer Sichel geschnitten haben, 
das Instrument von da an sorgfältig rein halten, damit die Wunde nicht 
in Eiterung gerate. Im Juni des Jahres 1902, berichtete eine 
lokale englische Wochenschrift, stieß sich eine Frau namens Ma- 
tilda Henry in Norwich zufällig einen eisernen Nagel in die 
Sohle. Ohne die Wunde untersuchen zu lassen oder auch nur den 
Strumpf auszuziehen, hieß sie ihre Tochter, den Nagel gut ein- 
ölen, in der Erwartung, daß Ihr dann nichts geschehen könne. 
Sie selbst starb einige Tage später an Wundstarrkrampf 1 infolge 
dieser verschobenen Antisepsis. 

Die Beispiele der letzteren Gruppe erläutern, was Frazer als 
kontagiöse Magie von der imitativen sondert. Was in ihnen 
als wirksam gedacht wird, ist nicht mehr die Ähnlichkeit, sondern 
der Zusammenhang im Raum, die Kontinuität, wenigstens die 
vorgestellte Kontiguität, die Erinnerung an ihr Vorhandensein. Da 
aber Ähnlichkeit und Kontiguität die beiden wesentlichen Prin- 
zipien der Assoziationsvorgänge sind, stellt sich als Erklärung für 
all die Tollheit der magischen Vo rschriften wirklich die Herrschaft 

1) Frazer, The magic art, I, p. 201—203. 






Animismiis, Magie und Allmacht der Gedanken 105 



der Ideenassoziation heraus. Man sieht, wie zutreffend sich Tylors 
oben zitierte Charakteristik der Magie erweist: mistaking an ideal 
connexion for a real one, oder wie es fast gleichlautend Frazer 
ausgedrückt hat: men mistook the order of their ideas for the 
order of nature, and hence imagined that the control which they 
havc, or seem to have, over their thoughts, permitted them to 
exercise a corresponding control over things. 1 

Es wird dann zunächst befremdend wirken, daß diese einleuch- 
tende Erklärung der Magie von manchen Autoren als unbefrie- 
digend verworfen werden konnte. 2 Bei näherer Überlegung muß 
man aber dem Einwand Recht geben, daß die Assoziationstheorie 
der Magie bloß die Wege aufklärt, welche die Magie geht, aber 
nicht deren eigentliches Wesen, nämlich nicht das Mißverständnis, 
welches sie psychologische Gesetze an die Stelle natürlicher setzen 
heißt. Es bedarf hier offenbar eines dynamischen Moments, aber 
während die Suche nach einem solchen die Kritiker der Fr az er- 
sehen Lehre in die Irre führt, wird es leicht, eine befriedigende 
Aufklärung der Magie zu geben, wenn man nur die Assoziations- 
theorie derselben weiterführen und vertiefen will. 

Betrachten wir zunächst den einfacheren und bedeutsameren 
Fall der imitativen Magie. Nach Frazer kann diese allein geübt 
werden, während die kontagiöse Magie in der Regel die imitative 
voraussetzt. 3 Die Motive, welche zur Ausübung der Magie drängen, 
sind leicht zu erkennen, es sind die Wünsche des Menschen. Wir 
brauchen nun bloß anzunehmen, daß der primitive Mensch ein 
großartiges Zutrauen zur Macht seiner Wünsche hat. Im Grund 
muß all das, was er auf magischem Wege herstellt, doch nur 
darum geschehen, weil er es will. So ist anfänglich bloß sein 
Wunsch das Betonte. 

Für das Kind, welches sich unter analogen psychischen Bedin- 

1) The magic art, I, p. 420 ff. 

2) Vgl. den Artikel Magic (N. W. T.) in der xi. Auflage der Encyclopaedia, 
Britannica. 

5) !• c '< P- 54- 



10 4 Totem und Tabu 



gungen befindet, aber motorisch noch nicht leistungsfähig ist, 
haben wir an anderer Stelle die Annahme vertreten, daß es seine 
Wünsche zunächst halluzinatorisch befriedigt, indem es die befrie- 
digende Situation durch die zentrifugalen Erlegungen seiner Sinnes- 
organe herstellen läßt. 1 Für den erwachsenen Primitiven ergibt 
sich ein anderer Weg. An seinem Wunsch hängt ein motorischer 
Impuls, der Wille, und dieser — der später im Dienst der Wunsch- 
befriedigung das Antlitz der Erde verändern wird — wird jetzt 
dazu verwendet, die Befriedigung darzustellen, so daß man sie 
gleichsam durch motorische Halluzinationen erleben kann. Eine 
solche Darstellung des befriedigten Wunsches ist dem Spiele 
der Kinder völlig vergleichbar, welches bei diesen die rein sen- 
sorische Technik der Befriedigung ablöst. Wenn Spiel und imitative 
Darstellung dem Kinde und dem Primitiven genügen, so ist dies 
nicht ein Zeichen von Bescheidenheit in unserem Sinne oder von 
Resignation infolge Erkenntnis ihrer realen Ohnmacht, sondern 
die wohl verständliche Folge der überwiegenden Wertung ihres 
Wunsches, des von ihm abhängigen Willens und der von ihm 
eingeschlagenen Wege. Mit der Zeit verschiebt sich der psychische 
Akzent von den Motiven der magischen Handlung auf deren 
Mittel, auf die Handlung selbst. Vielleicht sagen wir richtiger, an 
diesen Mitteln erst wird ihm die Überschätzung seiner psychischen 
Akte evident. Nun hat es den Anschein, als wäre es nichts an- 
deres als die magische Handlung, die Kraft ihrer Ähnlichkeit mit 
dem Gewünschten dessen Geschehen erzwingt. Auf der Stufe des 
animistischen Denkens gibt es noch keine Gelegenheit, den wahren 
Sachverhalt objektiv zu erweisen, wohl aber auf späteren, wenn 
alle solche Prozeduren noch gepflegt werden, aber das psychische 
Phänomen des Zweifels als Ausdruck einer Verdrängungsneigung 
bereits möglich ist. Dann werden die Menschen zugeben, daß die 
Beschwörungen von Geistern nichts leisten, wenn nicht der Glaube 

i) Formulierung«, über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens. Jahrb. 
f. psychoanalyt. Forschungen, III. Bd., , 9 , 2 , p. a . 






Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken 105 

an sie dabei ist, und daß auch die Zauberkraft des Gebets versagt, 
wenn keine Frömmigkeit dahinter wirkt. 1 

Die Möglichkeit einer auf der Kontiguitätsassoziation beruhenden 
kontagiösen Magie wird uns dann zeigen, daß sich die psychische 
Wertschätzung vom Wunsch und vom Willen her auf alle psychi- 
schen Akte, die dem Willen zu Gebote stehen, ausgedehnt hat. 
Es besteht also jetzt eine allgemeine Überschätzung der seelischen 
Vorgänge, das heißt eine Einstellung zur Welt, welche uns nach 
unseren Einsichten in die Beziehung von Realität und Denken 
als solche Überschätzung des letzteren erscheinen muß. Die Dinge 
treten gegen deren Vorstellungen zurück; was mit den letzteren 
vorgenommen wird, muß sich auch an den ersteren ereignen. Die 
Relationen, die zwischen den Vorstellungen bestehen, werden auch 
zwischen den Dingen vorausgesetzt. Da das Denken keine Ent- 
fernungen kennt, das räumlich Entlegenste wie das zeitlich Ver- 
schiedenste mit Leichtigkeit in einen Bewußtseinsakt zusammen- 
bringt, wird auch die magische Welt sich telepathisch über die 
räumliche Distanz hinaussetzen und ehemaligen Zusammenhang 
w ie gegenwärtigen behandeln. Das Spiegelbild der Innenwelt muß 
im animistischen Zeitalter jenes andere Weltbild, das wir zu er- 
kennen glauben, unsichtbar machen. 

Heben wir übrigens hervor, daß die beiden Prinzipien der 
Assoziation — Ähnlichkeit und Kontiguität — in der höheren 
Einheit der Berührung zusammentreffen. Kontiguitätsassoziation 
ist Berührung im direkten, Ähnlichkeitsassoziation solche im über- 
tragenen Sinne. Eine von uns noch nicht erfaßte Identität im 
psychischen Vorgang wird wohl durch den Gebrauch des näm- 
lichen Wortes für beide Arten der Verknüpfung verbürgt. Es ist 
derselbe Umfang des Begriffes Berührung, der sich bei der Analyse 
des Tabu herausstellte. 2 

1) Der König in „Hamlet" (III, 4..): „My words ßy up, my thoüghts remain below; 
JVords without thoüghts never to heaven go. u 

2) Vgl. die vorige Abhandlung dieser Reihe. 



io6 



Totem und Tabu 



Zusammenfassend können wir nun sagen: das Prinzip, welches 
die Magie, die Technik der anirnistischen Denkweise, regiert, ist 



das der „Allmacht der Gedanken". 



Die Bezeichnung „Allmacht der Gedanken" habe ich von einem 
hochintelligenten, an Zwangsvorstellungen leidenden Manne ange- 
nommen, dem es nach seiner Herstellung durch psychoanalytische 
Behandlung möglich geworden ist, auch seine Tüchtigkeit und 
Verständigkeit zu erweisen.' Kr hatte sich dieses Wort geprägt 
zur Begründung aller jener sonderbaren und unheimlichen Gescheh- 
nisse, die ihn wie andere mit seinem Leiden Behaftete zu ver- 
folgen schienen. Dachte er eben an eine Person, so kam sie ihm 
auch schon entgegen, als ob er sie beschworen hätte; erkundigte 
er sich plötzlich nach dem Befinden eines lange vermißten Be- 
kannten, so mußte er hören, daß dieser eben gestorben sei, so daß 
er glauben konnte, jener habe sich ihm telepathisch bemerkbar 
gemacht; stieß er gegen einen Fremden eine nicht einmal ganz 
ernst gemeinte Verwünschung aus, so durfte er erwarten, daß 
dieser bald darauf starb und ihn mit der Verantwortlichkeit für 
sein Ableben belastete. Von den meisten dieser Fälle konnte er 
mir im Laufe der Behandlung selbst mitteilen, wie der täuschende 
Anschein entstanden war, und was er selbst an Veranstaltungen 
hinzugetan hatte, um sich in sei neu abergläubischen Erwartungen 
zu bestärken. 2 Alle Zwangskranken sind in solcher Weise, meist 
gegen ihre bessere Einsicht, abergläubisch. 

Der Fortbestand der Allmacht der Gedanken tritt uns bei der 
Zwangsneurose am deutlichsten entgegen, die Ergebnisse dieser 
primitiven Denkweise sind hier dem Bewußtsein am nächsten. 
Wir müssen uns aber davor hüten, darin einen auszeichnenden 

1) Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose, 1909. [Ges. Schriften, Bd. X.] 

2) Es scheint, daß wir den Charakter de» „Unheimlichen" solchen Eindrücken 
verleihen, welche die Allmacht der Gedanken und die animistischc Denkweise über- 
haupt bestätigen wollen, wahrend wir uns bereits im Urteil von ihr abgewendet hahen. 



Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken 107 

Charakter dieser Neurose zu erblicken, denn die analytische Unter- 
suchung deckt das nämliche bei den anderen Neurosen auf. Bei 
ihnen allen ist nicht die Realität des Erlebens, sondern die des 
Denkens für die Symptombildung maßgebend. Die Neurotiker 
leben in einer besonderen Welt, in welcher, wie ich es an anderer 
Stelle ausgedrückt habe, nur die „neurotische Währung" gilt, das 
heißt nur das intensiv Gedachte, mit Affekt Vorgestellte ist bei 
ihnen wirksam, dessen Übereinstimmung mit der äußeren Realität 
aber nebensächlich. Der Hysteriker wiederholt in seinen Anfällen 
und fixiert durch seine Symptome Erlebnisse, die sich nur in 
seiner Phantasie so zugetragen haben, allerdings in letzter Auf- 
lösung auf wirkliche Ereignisse zurückgehen oder aus solchen auf- 
gebaut worden sind. Das Schuldbewußtsein der Neurotiker würde 
man ebenso schlecht verstehen, wenn man es auf reale Missetaten 
zurückführen wollte. Ein Zwangsneurotiker kann von einem Schuld- 
bewußtsein gedrückt sein, das einem Massenmörder wohl anstünde; 
er wird sich dabei gegen seine Mitmenschen als der rücksichts- 
vollste und skrupulöseste Genosse benehmen und seit seiner Kind- 
heit so benommen haben. Doch ist sein Schuldgefühl begründet; 
es fußt auf den intensiven und häufigen Todeswünschen, die sich 
in ihm unbewußt gegen seine Mitmenschen regen. Es ist be- 
PTÜndet insofern unbewußte Gedanken und nicht absichtliche 
Taten in Betracht kommen. So erweist sich die Allmacht der 
Gedanken, die Überschätzung der seelischen Vorgänge gegen die 
Realität, als unbeschränkt wirksam im Affektleben des Neurotikers 
und in allen von diesem ausgehenden Folgen. Unterzieht man 
ihn aber der psychoanalytischen Behandlung, welche das bei ihm 
Unbewußte bewußt macht, so wird er nicht glauben können, daß 
Gedanken frei sind, und wird sich jedesmal fürchten, böse Wünsche 
zu äußern, als ob sie infolge dieser Äußerung in Erfüllung gehen 
müßten. Durch dieses Verhalten wie durch seinen im Leben betätigten 
Aberglauben zeigt er uns aber, wie nahe er dem Wilden steht, der 
durch seine bloßen Gedanken die Außenwelt zu verändern vermeint. 



lo8 Totem und Tabu 



Die primären Zwangshandlungen dieser Neurotiker sind eigent- 
lich durchaus magischer Natur. Sie sind, wenn nicht Zauber, so 
doch Gegenzauber, zur Abwehr der Unheilserwartungen bestimmt, 
mit denen die Neurose zu beginnen pflegt So oft ich das Ge- 
heimnis zu durchdringen vermochte, zeigte es sich, daß diese 
Unheilserwartung den Tod zum Inhalt hatte. Das Todesproblem 
steht nach Schopenhauer am Eingang jeder Philosophie; wir 
haben gehört, daß auch die Bildung der Seelenvorstellungen und 
des Dämonenglaubens, die den Animismus kennzeichnen, auf den 
Eindruck zurückgeführt wird, den der Tod auf den Menschen 
macht. Ob diese ersten Zwangs- oder Schutzhandlungen dem 
Prinzip der Ähnlichkeit, respektive des Kontrastes folgen, ist schwer 
zu beurteilen, denn sie werden unter <km Bedingungen der Neu- 
rose gewöhnlich durch die Verschiebung auf irgend ein Kleinstes, 
eine an sich höchst geringfügige Aktion entstellt.' Auch die Schutz- 
formeln der Zwangsneurose finden ihr Gegenstück in den Zauber- 
formeln der Magie. Die Entwicklungsgeschichte der Zwangshand- 
lungen kann man aber beschreiben, indem mau hervorhebt, wie 
sie, vom Sexuellen möglichst weit entfernt, als Zauber gegen 
böse Wünsche beginnen, um als Ersatz für verbotenes sexuelles 
Tun, das sie möglichst getreu nachahmen, zu enden. 

Wenn wir die vorhin erwähnte Entwicklungsgeschichte der 
menschlichen Weltanschauungen annehmen, in welcher die ani- 
mistische Phase von der religiösen, diese von der wissen- 
schaftlichen abgelöst wird, wird es uns nicht schwer, die Schick- 
sale der „Allmacht der Gedanken" durch diese Phasen zu ver- 
folgen. Im animistischen Stadium schreibt der Mensch sich selbst 
die Allmacht zu; im religiösen hat er sie den Göttern abgetreten, 
aber nicht ernstlich auf sie verzichtet, denn er behält sich vor, 
die Götter durch mannigfache Beeinflussungen nach seinen Wün- 
sehen zu lenken. In der w issenschaftlichen Weltanschauung ist • 

.) Ein weiteres Motiv für diese Verschiebung auf eine kleinste Aktion wird sich 
aus den nachstehenden Erörterungen ergeben. 






Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken 



109 



kein Raum mehr für die Allmacht des Menschen, er hat sich zu 
seiner Kleinheit bekannt und sich resigniert dem Tode wie allen 
anderen Naturnotwendigkeiten unterworfen. Aber in dem Ver- 
trauen auf die Macht des Menschengeistes, welcher mit den Ge- 
setzen der Wirklichkeit rechnet, lebt ein Stück des primitiven 
Allmachtglaubens weiter. 

Bei der Rückverfolgung der Entwicklung libidinöser Strebungen 
im Einzelmenschen, von ihrer Gestaltung in der Reife bis zu den 
ersten Anfängen der Kindheit, hat sich zunächst eine wichtige 
Unterscheidung ergeben, die in den „Drei Abhandlungen zur 
Sexualtheorie 1905" niedergelegt ist. Die Äußerungen der sexu- 
ellen Triebe sind von Anfang an zu erkennen, aber sie richten 
sich zuerst noch auf kein äußeres Objekt. Die einzelnen Trieb- 
komponenten der Sexualität arbeiten jede für sich auf Lustgewinn 
und finden ihre Befriedigung am eigenen Körper. Dies Stadium 
heißt das des Autoerotismus, es wird von dem der Objekt- 
wahl abgelöst. 

Es hat sich bei weiterem Studium als zweckmäßig, ja als un- 
abweisbar gezeigt, zwischen diesen beiden Stadien ein drittes ein- 
zuschieben, oder, wenn man so will, das erste Stadium des Auto- 
erotismus in zwei zu zerlegen. In diesem Zwischenstadium, dessen 
Bedeutsamkeit sich der Forschung immer mehr aufdrängt, haben 
die vorher vereinzelten Sexualtriebe sich bereits zu einer Einheit 
zusammengesetzt und auch ein Objekt gefunden; dies Objekt ist 
aber kein äußeres, dem Individuum fremdes, sondern es ist das 
eigene, um diese Zeit konstituierte Ich. Mit Rücksicht auf später 
zu beobachtende pathologische Fixierungen dieses Zustandes heißen 
wir das neue Stadium das des Narzißmus. Die Person verhält 
sich so, als wäre sie in sich selbst verliebt; die Ichtriebe und die 
libidinösen Wünsche sind für unsere Analyse noch nicht vonein- 
ander zu sondern. 

Wenngleich uns eine genügend scharfe Charakteristik dieses 
narzißtischen Stadiums, in welchem die bisher dissoziierten Sexual- 



1 10 



Totem und Tabu 



triebe zu einer Einheit zusammentreten und das Ich als Objekt 
besetzen, noch nicht möglich ist, so ahnen wir doch bereits, daß 
die narzißtische Organisation nie mehr völlig aufgegeben wird. 
Der Mensch bleibt in gewissem Maße narzißtisch, auch nachdem 
er äußere Objekte für seine Libido gefunden hat; die Objekt- 
besetzungen, die er vornimmt, sind gleichsam Emanationen der 
beim Ich verbleibenden Libido und können wieder in dieselbe 
zurückgezogen werden. Die psychologisch so merkwürdigen Zu- 
stände von Verliebtheit, die Normalvorbilder der Psychosen, ent- 
sprechen dem höchsten Stande dieser Emanationen im Vergleich 
zum Niveau der Ichliebe. 

Es liegt nun nahe, die von uns aufgefundene Hochschätzung 
der psychischen Aktionen die wir von unserem Standpunkt 

aus eine Überschätzung heißen - bei den Primitiven und Neu- 
rotikern in Beziehung zum Narzißmus zu bringen und sie als 
wesentliches Teilstück desselben aufzufassen. Wir würden sagen, 
das Denken ist bei den Primitiven noch in hohem Maße sexua- 
hsiert, daher rührt der Glaube an die Allmacht der Gedanken, 
die unerschütterliche Zuversicht auf die Möglichkeit der Welt- 
beherrschung und die Unzugänglichkeit gegen die leicht zu machen- 
den Erfahrungen, welche den Menschen über seine wirkliche 
Stellung in der Welt belehren könnten. Bei den Neurotikern ist 
einerseits ein beträchtliches Stück dieser primitiven Einstellung 
konstitutionell verblieben, anderseits wird durch die bei ihnen 
eingetretene Sexualverdrängung eine neuerliche Sexualisierung der 
Denkvorgänge herbeigeführt. Die psychischen Folgen müssen in 
beiden Fällen dieselben sein, bei ursprünglicher wie bei regressiv 
erzielter libidinöser Überbesetzung des Denkens: intellektueller 
Narzißmus, Allmacht der Gedanken.' 

Wenn wir im Nachweis der Allmacht der Ged anken bei den 

l) „It « almost an axiom with writers on this tubjcct, lhat c sort of Solipsism or BtrkUi- 
amm(Ot Iroßssor Sully unns i, as hc ßnds it in thc Child) optraus in thc savage ,o 

T T? p{"" '" ^^l d ' ath " S " f " C '-" - M " r,M '- l'r.-animi.tic religio,,, Folk- 
lore, AI. Bd., 1900, p. 178. 



Animismus, Magie und Allmacht der Gedan ken 1 1 1 

Primitiven ein Zeugnis für den Narzißmus erblicken dürfen, so 
können wir den Versuch wagen, die Entwicklungsstufen der 
menschlichen Weltanschauung mit den Stadien der libidinösen 
Entwicklung des Einzelnen in Vergleich zu ziehen. Es entspricht 
dann zeitlich wie inhaltlich die animistische Phase dem Narzißmus, 
die religiöse Phase jener Stufe der Objektfindung, welche durch 
die Bindung an die Eltern charakterisiert ist, und die wissen- 
schaftliche Phase hat ihr volles Gegenstück in jenem Reifezustand 
des Individuums, welcher auf das Lustprinzip verzichtet hat und 
unter Anpassung an die Realität sein Objekt in der Außenwelt 
sucht. 1 

Nur auf einem Gebiete ist auch in unserer Kultur die „Allmacht 
der Gedanken" erhalten geblieben, auf dem der Kunst. In der 
Kunst allein kommt es noch vor, daß ein von Wünschen ver- 
zehrter Mensch etwas der Befriedigung Ähnliches macht, und daß 
dieses Spielen — dank der künstlerischen Illusion — Affektwir- 
kungen hervorruft, als wäre es etwas Reales. Mit Recht spricht 
man vom Zauber der Kunst und vergleicht den Künstler mit 
einem Zauberer. Aber dieser Vergleich ist vielleicht bedeutsamer, 
als er zu sein beansprucht. Die Kunst, die gewiß nicht als Vart 
pour Vart begonnen hat, stand ursprünglich im Dienste von Ten- 
denzen die heute zum großen Teil erloschen sind. Unter diesen 
lassen sich mancherlei magische Absichten vermuten. 2 

x ) Es soll hier nur angedeutet werden, daß der ursprüngliche Narzißmus des 
Kindes maßgebend für die Auffassung seiner Cliarakterentwicklung ist und die An- 
nähme eines primitiven Minderwertigkeitsgefühles bei demselben ausschließt. 

2) S. Reinach, L'art et la magie in der Sammlung Cultes, Mythes et Religions, 
I. Bd., p. 125 bis 156. — Reinach meint, die primitiven Künstler, welche uns die 
eingeritzten oder aufgemalten Tierbilder in den Höhlen Frankreichs hinterlassen 
haben, wollten nicht „Gefallen erregen", sondern „beschwören". Er erklärt es so, 
daß sich diese Zeichnungen an den dunkelsten und unzugänglichsten Stellen der 
Höhlen befinden, und daß die Darstellungen der gefürchteten Raubtiere unter ihnen 
fehlen. „Les modernes parlent souvent, par hyperbole, de la magie du pinceau ou du ciseau 
d'un grand artiste et, en gcne'ral, de la magie de Part. Entendu au sens propre, qui est celui 
d'une contrainte mystique exercee par la volonte de Phomme sur d'autrcs volontes ou sur les 
choses, cette expression n'est plus admissible; mais nous avons vu qu'elle e'tait autrefois rigou- 
resement vraie, du moins dans Popinion des artistes" (p. 156). 



1 1 2 Totem und Tabu 



4 

Die erste Weltauffassung, welche den Menschen gelang, die des 
Animismus. war also eine psychologische, sie bedurfte noch keiner 
Wissenschaft zu ihrer Begründung, denn Wissenschaft setzt erst 
ein, wenn man eingesehen hat, daß man die Welt nicht kennt 
und darum nach Wegen suchen muß, um sie kennen zu lernen. 
Der Animismus war aber dem primitiven Menschen natürlich und 
selbstgewiß; er wußte, wie die Dinge der Welt sind, nämlich so wie 
der Mensch sich selbst verspürte. Wir sind also darauf vorbereitet 
zu finden, daß der primitive Mensch Strukturvorhältnisse seiner 
eigenen Psyche in die Außenwelt verlegte, 1 und dürfen anderseits 
den Versuch machen, was der Animismus von der Natur der 
Dinge lehrt, in die menschliche Seele zurückzuversetzen. 

Die Technik des Animismus, die Magie, zeigt uns am deut- 
lichsten und unvermengtesteu die Absicht, den realen Dingen die 
Gesetze des Seelenlehens aufzuzwingen, wobei Geister noch keine 
Rolle spielen müssen, während auch Geister zu Objekten magi- 
scher Behandlung genommen werden können. Die Voraussetzungen 
der Magie sind also ursprünglicher und älter als die Geisterlehre, 
die den Kern des Animismus bildet. Unsere psychoanalytische 
Betrachtung trifft hier mit einer Lehre von R. R. Marett zu- 
sammen, welcher ein präanimistisches Stadium dem Animismus 
vorhergehen läßt, dessen Charakter am besten durch den Namen 
Animatismus (Lehre von der allgemeinen Belebtheit) angedeutet 
wird. Es ist wenig mehr aus der Erfahrung über den Präanimismus 
zu sagen, da man noch kein Volk anget rollen hat, welches der 
Geistervorstellungeu entbehrte.* 

Während die Magie noch alle Allmacht den Gedanken vorbe- 
hält, hat der Animismus einen Teil dieser Allmacht den Geistern 
abgetreten und damit den Weg zur Bildung einer Religion ein- 

1) Durch sogenannte endopsychisdic Wahrnehmung erkannte. 

2) R. R. Marett, Pre-animistic religion, Folklore, XI. Bd., Nr. 2, London 1900. — 
Vgl. Wundt, Mythus und Religion, II. Bd., p. 171 u. ff. 






^ 



Animismns, Magie und Allmacht der Gedanken 



113 



geschlagen. Was soll nun den Primitiven zu dieser ersten Ver- 
zichtleistung bewogen haben? Kaum die Einsicht in die Unrichtig- 
keit seiner Voraussetzungen, denn er behält ja die magische 
Technik bei. 

Die Geister und Dämonen sind, wie an anderer Stelle ange- 
deutet wurde, nichts als die Projektionen seiner Gefühlsregungen; 1 
er macht seine Affektbesetzungen zu Personen, bevölkert mit ihnen 
die Welt, und findet nun seine inneren seelichen Vorgänge außer 
seiner wieder, ganz ähnlich wie der geistreiche Paranoiker Schreber, 
der die Bindungen und Lösungen seiner Libido in den Schick- 
salen der von ihm kombinierten „Gottesstrahlen" gespiegelt fand. 2 

Wir wollen hier wie bei einem früheren Anlasse 3 dem Problem 
ausweichen, woher die Neigung überhaupt rührt, seelische Vor- 
gänge nach außen zu projizieren. Der einen Annahme dürfen wir 
uns aber getrauen, daß diese Neigung dort eine Verstärkung er- 
fährt, wo die Projektion den Vorteil einer psychischen Erleichte- 
rung mit sich bringt. Ein solcher Vorteil ist mit Bestimmtheit 
zu erwarten, wenn die nach Allmacht strebenden Regungen in 
Konflikt miteinander geraten sind; dann können sie offenbar nicht 
alle allmächtig werden. Der Krankheitsprozeß der Paranoia bedient 
sich tatsächlich des Mechanismus der Projektion, um solche im 
Seelenleben entstandenen Konflikte zu erledigen. Nun ist der vor- 
bildliche Fall eines solchen Konflikts der zwischen den beiden 
Gliedern eines Gegensatzpaares, der Fall der ambivalenten Ein- 
stellung, den wir in der Situation des Trauernden beim Tode 
eines teuern Angehörigen eingehend zergliedert haben. Ein solcher 
Fall wird uns besonders geeignet scheinen, die Schöpfung von 
Projektionsgebilden zu motivieren. Wir treffen hier wiederum mit 

1) Wir nehmen an, daß in diesem frühen narzißtischen Stadium Besetzungen aus 
libidinöser und anderen Erregungs quellen vielleicht noch ununterscheidbar mitein- 
ander vereinigt sind. 

2) Schreber, Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken. 1905. — Freud, Psycho- 
analytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Para- 
noia, 1911 [Ges. Schriften, Bd. VIII]. 

5) Vgl. die letztzitierte Abhandlung über Schreber, Ges. Schriften, VIII, S. 418. 

Freud, X. 8 



ii4 



Totem und Tabu 






Meinungen der Autoren zusammen, welche die bösen Geister für 
die erstgeborenen unter den Geistern erklären und die Entstehung 
der Seelenvorstellungen aus dem Eindruck des Todes auf die Über- 
lebenden ableiten. Wir machen nur den einen Unterschied, daß 
wir nicht das intellektuelle Problem voranstellen, welches der Tod 
dem Lebenden aufgibt, sondern die zur Erforschung treibende 
Kraft in den Gefühlskonflikt verlegen, in welchen diese Situation 
den Überlebenden stürzt. 

Die erste theoretische Leistung des Menschen — die Schöpfung 
der Geister — würde also aus derselben Quelle entspringen wie 
die ersten sittlichen Beschränkungen, denen er sich unterwirft, 
die Tabuvorschriften. Doch soll die Gleichheit des Ursprungs nichts 
für die Gleichzeitigkeit der Entstehung präjudizioren. Wenn es 
wirklich die Situation des Überlebenden gegen den Toten war, 
die den primitiven Menschen zuerst nachdenklich machte, ihn 
nötigte, einen Teil seiner Allmacht an die Geister abzugeben und 
ein Stück der freien Willkür seines Handelns zu opfern, so wären 
diese Kulturschöpfungen eine erste Anerkennung der 'Avayxrj, 
die sich dem menschlichen NarziHmus widersetzt. Der Primitive 
würde sich vor der Übermacht des Todes beugen mit derselben 
Geste, durch die er diesen zu verleugnen scheint. 

Wenn wir den Mut zur weiteren Ausbeutung unserer Voraus- 
setzungen haben, können wir fragen, welches wesentliche Stück 
unserer psychologischen Struktur in der Projektionsschöpfung der 
Seelen und Geister seine Spiegelung und Wiederkehr findet. Es 
ist dann schwer zu bestreiten, daß die primitive Seelenvorstellung, 
soweit sie auch noch von der späteren völlig immateriellen Seele 
absteht, doch im wesentlichen mit dieser zusammentrifft, also 
Person oder Ding als eine Zweiheil auffaßt, auf deren beide Be- 
standteile die bekannten Eigenschaften und Veränderungen des 
Ganzen verteilt sind. Diese ursprüngliche Dualität — nach einem 
Ausdruck von H. S pencer' — ist bereits identisch mit jenem 

O Im I. Band der „Prinzipien der Soziologie". 



Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken 1 1 5 



Dualismus, der sich in der uns geläufigen Trennung von Geist 
und Körper kundgibt, und dessen unzerstörbare sprachliche Äuße- 
rungen wir z. B. in der Beschreibung des Ohnmächtigen oder 
Rasenden: er sei nicht bei sich, erkennen. 1 

Was wir so, ganz ähnlich wie der Primitive, in die äußere 
Realität projizieren, kann kaum etwas anderes sein als die Er- 
kenntnis eines Zustandes, in dem ein Ding den Sinnen und dem 
Bewußtsein gegeben, präsent ist, neben welchem ein anderer 
besteht, in dem dasselbe latent ist, aber wiedererscheinen kann, 
also die Koexistenz von Wahrnehmen und Erinnern, oder, ins 
Allgemeine ausgedehnt, die Existenz unbewußter Seelenvorgänge 
neben den bewußten. 2 Man könnte sagen, der „Geist" einer 
Person oder eines Dinges reduziere sich in letzter Analyse auf 
deren Fähigkeit erinnert und vorgestellt zu werden, wenn sie der 
Wahrnehmung entzogen sind. 

Man wird nun freilich weder von der primitiven noch von der 
heutigen Vorstellung der „Seele" erwarten dürfen, daß ihre Ab- 
grenzung vom anderen Teile die Linien einhalte, welche unsere 
heutige Wissenschaft zwischen der bewußten und der unbewußten 
Seelentätigkeit zieht. Die animistische Seele vereinigt vielmehr 
Bestimmungen von beiden Seiten in sich. Ihre Flüchtigkeit und 
Beweglichkeit, ihre Fähigkeit, den Körper zu verlassen, dauernd 
oder vorübergehend von einem anderen Leibe Besitz zu nehmen 
dies sind Charaktere, die unverkennbar an das Wesen des Bewußt- 
seins erinnern. Aber die Art, wie sie sich hinter der persönlichen 
Erscheinung verborgen hält, mahnt an das Unbewußte; die Un- 
veränderlichkeit und Unzerstörbarkeit schreiben wir heute nicht 
mehr den bewußten, sondern den unbewußten Vorgängen zu, und 
diese betrachten wir auch als die eigentlichen Träger der seelischen 
Tätigkeit. 

1) H. Spencer, 1. c, p. 179. 

2) Vgl. meine kleine Schrift: A note on the Unconscious in Psycho-Analysis ans 
den Proceedings of the Society for Psychical Research, Part LXVI, vol. XXVI, 
London 1912. [Ges. Schriften, Bd. V, S. 435 ff.] 

8- 



n6 



Totem und Tabu 



Wir sagten vorhin, der Animismus sei ein Denksystem, die 
erste vollständige Theorie der Welt, und wollen nun aus der 
psychoanalytischen Auffassung eines solchen Systems gewisse Fol- 
gerungen ableiten. Die Erfahrung jedes unserer Tage kann uns 
die Haupteigenschaften des „Systems" immer von neuem vor- 
führen. Wir träumen in der Nacht und haben es erlernt, am 
Tage den Traum zu deuten. Der Traum kann, ohne seine Natur 
zu verleugnen, wirr und zusammenhanglos erscheinen, er kann 
aber auch im Gegenteil die Ordnung der Eindrücke eines Erleb- 
nisses nachahmen, eine Begebenheit aus der anderen ableiten und 
ein Stück seines Inhaltes auf ein anderes beziehen. Dies scheint 
ihm besser oder schlechter gelungen zu sein, fast niemals gelingt 
es so vollkommen, daß nicht irgendwo eine Absurdität, ein Riß 
im Gefüge zum Vorschein käme. Wenn wir den Traum der Deu- 
tung unterziehen, erfahren wir, daß die inkonstante und ungleich- 
mäßige Anordnung der Traunihestandteile auch etwas für das 
Verständnis i\cs Traumes recht Unwichtiges ist. Das Wesentliche 
am Traum sind die Tiaunigodanken, die allerdings sinnreich, zu- 
sammenhängend und geordnet sind. Aber deren Ordnung ist eine 
ganz andere als die von uns am manifesten Trauminhalt erinnerte. 
Der Zusammenhang der Traumgedanken ist aufgegeben worden 
und kann dann entweder überhaupt verloren bleiben oder durch 
den neuen Zusammenhang des Trauminhalts ersetzt werden. Fast 
regelmäßig hat, außer der Verdichtung der Traumelemente, eine 
Umordnung derselben stattgefunden, die von der früheren Anord- 
nung mehr oder weniger unabhängig ist. Wir sagen abschließend, 
das, was durch die Traumarbeit aus dem Material der Traum- 
gedanken geworden ist, hat eine neue Beeinflussung erfahren, die 
sogenannte „sekundäre Bearbeitung", deren Absicht offenbar 
dahingeht, die aus der Traumarbeit resultierende Zusammenhang- 
losigkeit und Unversländlichkeit zugunsten eines neuen „Sinnes" 
zu beseitigen. Dieser neue, durch die sekundäre Bearbeitung er- 
zielte Sinn ist nicht mehr der Sinn der Traumgedanken. 



, 



lu-1.m 



Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken 1 1 7 

Die sekundäre Bearbeitung des Produkts der Traumarbeit ist 
ein vortreffliches Beispiel für das Wesen und die Ansprüche eines 
Systems. Eine intellektuelle Funktion in uns fordert Vereinheit- 
lichung, Zusammenhang und Verständlichkeit von jedem Material 
der Wahrnehmung oder des Denkens, dessen sie sich bemächtigt, 
und scheut sich nicht, einen unrichtigen Zusammenhang herzu- 
stellen, wenn sie infolge besonderer Umstände den richtigen nicht 
erfassen kann. Wir kennen solche Systembildungen nicht nur vom 
Traume, sondern auch von den Phobien, dem Zwangsdenken und 
den Formen des Wahnes. Bei den Wahnerkrankungen (der Para- 
noia) ist die Systembildung das Sinnfälligste, sie beherrscht das 
Krankheitsbild, sie darf aber auch bei den anderen Formen von 
Neuropsychosen nicht übersehen werden. In allen Fällen können 
wir dann nachweisen, daß eine Umordnung des psychischen 
Materials zu einem neuen Ziel stattgefunden hat, oft eine im 
Grunde recht gewaltsame, wenn sie nur unter dem Gesichtspunkt 
des Systems begreiflich erscheint. Es wird dann zum besten Kenn- 
zeichen der Systembildung, daß jedes der Ergebnisse desselben 
mindestens zwei Motivierungen aufdecken läßt, eine Motivierung 
aus den Voraussetzungen des Systems — also eventuell eine wahn- 
hafte — und eine versteckte, die wir aber als die eigentlich 
wirksame, reale, anerkennen müssen. 

Zur Erläuterung ein Beispiel aus der Neurose: In der Abhand- 
lung über das Tabu erwähnte ich eine Kranke, deren Zwangs- 
verbote die schönsten Übereinstimmungen mit dem Tabu der 
Maori zeigen. 1 Die Neurose dieser Frau ist auf ihren Mann ge- 
richtet; sie gipfelt in der Abwehr des unbewußten Wunsches nach 
seinem Tod. Ihre manifeste, systematische Phobie gilt aber der 
Erwähnung des Todes überhaupt, wobei ihr Mann völlig ausge- 
schaltet ist und niemals Gegenstand bewußter Sorge wird. Eines 
Tages hört sie den Mann den Auftrag erteilen, seine stumpf ge- 
wordenen Rasiermesser sollen in einen bestimmten Laden zum 
1) P . 58. 



1 1 8 Totem und Tabu 



Schleifen gebracht werden. Von einer eigentümlichen Unruhe 
getrieben, macht sie sich selbst auf den Weg nach diesem Laden 
und fordert nach ihrer Rückkehr von dieser Rekognoszierung von 
ihrem Manne, er müsse diese Messer für alle Zeiten aus dem 
Wege räumen, denn sie habe entdeckt, daß neben dem von ihm 
genannten Laden sich eine Niederlage von Särgen, Trauerwaren u. dgl. 
befindet. Die Messer seien durch seine Absicht in eine unlösbare 
Verbindung mit dem Gedanken an den Tod geraten. Dies ist nun 
die systematische Motivierung des Verbotes. Wir dürfen sicher 
sein, daß die Kranke auch ohne die Entdeckung jener Nachbar- 
schaft das Verbot der Rasiermesser nach Hause gebracht hätte. 
Denn es hätte dazu hingereicht, daß sie auf dem Wege nach dem 
Laden einem Leichenwagen, einer Person in Trauerkleidung oder 
einer Trägerin eines Leichenkranzes begegnete. Das Netz der Be- 
dingungen war weit genug ausgespannt, um die Beute in jedem 
Falle zu fangen; es lag dann an ihr, ob sie es zuziehen wollte 
oder nicht. Man konnte mit Sicherheit feststellen, daß sie für 
andere Fälle die Bedingungen des Verbotes nicht aktivierte. Dann 
hieß es eben, es sei ein „besserer Tag" gewesen. Die wirkliche 
Ursache des Verbotes der Rasiermesser war natürlich, wie wir mit 
Leichtigkeit erraten, ihr Sträuben gegen eine Lustbetonung der 
Vorstellung, ihr Mann könne sich mit dem geschärften Rasier- 
messer den Hals abschneiden. 

In ganz ähnlicher Weise vervollständigt und detailliert sich eine 
Gehhemmung, eine Abasie oder Agoraphobie, wenn es diesem 
Symptom einmal gelungen ist, sich zur Vertretung eines unbe- 
wußten Wunsches und der Abwehr gegen denselben aufzuschwingen. 
Was sonst noch an unbewußten Phantasien und an wirksamen 
Reminiszenzen in dem Kranken vorhanden ist, drängt diesem 
einmal eröffneten Ausweg zum symptomatischen Ausdruck zu und 
bringt sich in zweckmäßiger Neuordnung im Rahmen der Geh- 
störung unter. Es wäre also ein vergebliches, eigentlich ein törichtes 
Beginnen, wenn man das symptomatische Gefüge und die Einzel- 






.-Jnimismus, Magie und Allmacht der Gedanken 119 

heiten, z. B. einer Agoraphobie aus der Grundvoraussetzung der- 
selben verstehen wollte. Alle Konsequenz und Strenge des Zu- 
sammenhanges ist doch nur scheinbar. Schärfere Beobachtung kann, 
wie bei der Fassadenbildung des Traumes, die ärgsten Inkon- 
sequenzen und Willkürlichkeiten der Symptombildung aufdecken. 
Die Einzelheiten einer solchen systematischen Phobie entnehmen 
ihre reale Motivierung versteckten Determinanten, die mit der 
Gehhemmung nichts zu tun haben müssen, und darum fallen 
auch die Gestaltungen einer solchen Phobie bei verschiedenen 
Personen so mannigfaltig und so widersprechend aus. 

Suchen wir nun den Rückweg zu dem uns beschäftigenden 
System des Animismus, so schließen wir aus unseren Einsichten 
über andere psychologische Systeme, daß die Motivierung einer 
einzelnen Sitte oder Vorschrift durch den „Aberglauben" auch bei 
den Primitiven nicht die einzige und die eigentliche Motivierung 
zu sein braucht und uns der Verpflichtung nicht überhebt, nach 
den versteckten Motiven derselben zu suchen. Unter der Herr- 
schaft eines animistischen Systems ist es nicht anders möglich, 
als daß jede Vorschrift und jede Tätigkeit eine systematische Be- 
gründung erhalte, welche wir heute eine „abergläubische" heißen. 
„Aberglaube" ist wie „Angst", wie „Traum", wie „Dämon", 
eine der psychologischen Vorläufigkeiten, die vor der psycho- 
analytischen Forschung zergangen sind. Kommt man hinter 
diese, die Erkenntnis wie Wandschirme abwehrenden Konstruk- 
tionen, so ahnt man, daß dem Seelenleben und der Kulturhöhe 
der Wilden ein Stück verdienter Würdigung bisher vorenthalten 
wurde. 

Betrachtet man die Triebverdrängung als ein Maß des erreichten 
Kulturniveaus, so muß man zugestehen, daß auch unter dem ani- 
mistischen System Fortschritte und Entwicklungen vorgefallen sind, 
die man mit Unrecht ihrer abergläubischen Motivierung wegen 
gering schätzt. Wenn wir hören, daß Krieger eines wilden Volks- 
stammes sich die größte Keuschheit und Reinlichkeit auferlegen, 



120 



Totem und Tabu 



sobald sie sich auf den Kriegspfad begeben,' so wird uns die Er- 
klärung nahegelegt, daß sie ihren Unrat beseitigen, damit sich der 
Feind dieses Teiles ihrer Person nicht bemächtige, um ihnen auf 
magische Weise zu schaden, und für ihre Enthaltsamkeit sollen 
wir analoge abergläubische Motivierungen vermuten. Nichtsdesto- 
weniger bleibt die Tatsache des Triebverzichts bestehen, und wir 
verstehen den Fall wohl besser, wenn wir annehmen, daß der 
wilde Krieger sich solche Beschränkungen zur Ausgleichung auf- 
erlegt, weil er im Begriffe steht, sich die sonst untersagte Befrie- 
digung grausamer und feindseliger Regungen im vollen Ausmaße 
zu gestatten. Dasselbe gilt für die /.ahlreichen Fälle von sexueller 
Beschränkung, solange man mit schwierigen oder verantwortlichen 
Arbeiten beschäftigt ist. 2 Mag sich die Begründung dieser Verbote 
immerhin auf einen magischen Zusammenhang berufen, die fun- 
damentale Vorstellung, durch Verzicht auf Triebbefriedigung größere 
Kraft zu gewinnen, bleibt doch unverkennbar, und die hygienische 
Wurzel des Verbotes ist neben der magischen Rationalisierung 
derselben nicht zu vernachlässigen. Wenn die Männer eines wilden 
Volksstammes zur Jagd, zum Fischfang, zum Krieg, zum Ein- 
sammeln kostbarer Pflanzensloffe ausgezogen sind, so bleiben ihre 
Frauen unterdes im Hause zahlreichen drückenden Beschränkungen 
unterworfen, denen von den Wilden selbst eine in die Ferne 
reichende, sympathetische Wirkung auf das Gelingen der Expe- 
dition zugeschrieben wird. Doch gehört wenig Scharfsinn dazu, 
um zu erraten, daß jenes in die Ferne wirkende Moment kein 
anderes als das Heimwärtsdenken, die Sehnsucht der Abwesenden, 
ist, und daß hinter diesen Einkleidungen die gute psychologische 
Einsicht steckt, die Männer werden ihr Bestes nur dann tun, 
wenn sie über den Verbleib der unbeaufsichtigten Frauen vollauf 
beruhigt sind. Andere Male wird es direkt, ohne magische Moti- 
vierung, ausgesprochen, daß die eheliche Untreue der Frau die 

1) Frazer, Taboo and the pcrils of tlic soul, p. 158. 

2) Frazer, 1. c, p. 200. 



Ammismus, Magie und Allma cht der Gedanken 121 

Bemühungen des in verantwortlicher Tätigkeit abwesenden Mannes 
zum Scheitern bringt. 

Die unzähligen Tabuvorschriften, denen die Frauen der Wilden 
während ihrer Menstruation unterliegen, werden durch die aber- 
gläubische Scheu vor dem Blute motiviert und haben in ihr wohl 
auch eine reale Begründung. Aber es wäre unrecht, die Möglichkeit 
zu übersehen, daß diese Blutscheu hier auch ästhetischen und 
hygienischen Absichten dient, die sich in allen Fällen mit magi- 
schen Motivierungen drapieren müßten. 

Wir täuschen uns wohl nicht darüber, daß wir uns durch 
solche Erklärungsversuche dem Vorwurfe aussetzen, daß wir den 
heutigen Wilden eine Feinheit der seelischen Tätigkeiten zumuten, 
die weit über die Wahrscheinlichkeit hinausgeht. Allein ich meine, 
es könnte uns mit der Psychologie dieser Völker, die auf der ani- 
mistischen Stufe stehen geblieben sind, leicht so ergehen wie mit 
dem Seelenleben des Kindes, das wir Erwachsene nicht mehr ver- 
stehen, und dessen Reichhaltigkeit und Feinfühligkeit wir darum 
so sehr unterschätzt haben. 

Ich will noch einer Gruppe von bisher unerklärten Tabuvor- 
schriften gedenken, weil sie eine dem Psychoanalytiker vertraute 
Aufklärung zuläßt. Bei vielen wilden Völkern ist es unter ver- 
schiedenen Verhältnissen verboten, scharfe Waffen und schneidende 
Instrumente im Hause zu halten. 1 Frazer zitiert einen deutschen 
Aberglauben, daß man ein Messer nicht mit der Schneide nach 
oben liegen lassen dürfe. Gott und die Engel könnten sich daran 
verletzen. Soll man in diesem Tabu nicht die Ahnung gewisser 
„Symptomhandlungen" erkennen, zu denen die scharfe Waffe 
durch unbewußte böse Regungen gebraucht werden könnte? 



1) Frazer, 1. c, p. 257. 



IV 

DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES 

TOTEMISMUS 



Von der Psychoanalyse, welche zuerst die regelmäßige Über- 
determinierung psychischer Akte und Bildungen aufgedeckt hat, 
braucht man nicht zu besorgen, daß sie versucht sein werde, 
etwas so Kompliziertes wie die Religion aus einem einzigen Ur- 
sprung abzuleiten. Wenn sie in notgedrnngener, eigentlich pflicht- 
gemäßer Einseitigkeit eine ein/ige der Quellen dieser Institution 
zur Anerkennung bringen will, so beansprucht sie zunächst für 
dieselbe die Ausschließlichkeit so wenig wie den ersten Rang 
unter den zusammenwirkenden Momenten. Erst eine Synthese 
aus verschiedenen Gebieten der Forschung kann entscheiden, 
welche relative Bedeutung dem hier zu erörternden Mechanismus 
m der Genese der Religion zuzuteilen ist; eine solche Arbeit 
überschreitet aber sowohl die Mittel als auch die Absicht des 
Psychoanalytikers. 

l 

In der ersten Abhandlung dieser Reihe haben wir den Begriff 
d.es Totemismus kennen gelernt. Wir haben gehört, daß der Tote- 
mismus ein System ist, welches bei gewissen primitiven Völkern 
in Australien, Amerika, Afrika die Stelle einer Religion vertritt 
und die Grundlage der sozialen Organisation abgibt. Wir wissen, 



Die infantile Wiederkehr des Toteinismus 125 

daß der Schotte Mac Lennan 1869 das allgemeinste Interesse 
für die bis dahin nur als Kuriosa gewürdigten Phänomene des 
Totemismus in Anspruch nahm, indem er die Vermutung aus- 
sprach, eine große Anzahl von Sitten und Gebräuchen in ver- 
schiedenen alten wie modernen Gesellschaften seien als Überreste 
einer totemistischen Epoche zu verstehen. Die Wissenschaft hat 
seither diese Bedeutung des Totemismus im vollen Umfange an- 
erkannt. Als eine der letzten Äußerungen über diese Frage will 
ich eine Stelle aus den Elementen der Völkerpsychologie von 
W. Wundt (1912) zitieren: 1 „Nehmen wir alles dies zusammen, 
so ergibt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit der Schluß, daß die 
totemistische Kultur überall einmal eine Vorstufe der späteren 
Entwicklungen und eine (Jbergangsstufe zwischen dem Zustand 
des primitiven Menschen und dem Helden- und Götterzeitalter 
gebildet hat." 

Die Absichten der vorliegenden Abhandlungen nötigen uns zu 
einem tieferen Eingehen auf die Charaktere des Totemismus. Aus 
Gründen, welche später ersichtlich werden sollen, bevorzuge ich 
hier eine Darstellung von S. Reinach, der im Jahre 1900 nach- 
stehenden Code du totemisme in zwölf Artikeln, gleichsam einen 
Katechismus der totemistischen Religion, entworfen hat: 2 

1. Gewisse Tiere dürfen weder getötet noch gegessen werden, 
aber die Menschen ziehen Individuen dieser Tiergattungen auf 
und schenken ihnen Pflege. 

2. Ein zufällig verstorbenes Tier wird betrauert und unter den 
gleichen Ehrenbezeigungen bestattet wie ein Mitglied des Stammes. 

5. Das Speiseverbot bezieht sich gelegentlich nur auf einen 
bestimmten Körperteil des Tieres. 

4. Wenn man ein für gewöhnlich verschontes Tier unter dem 
Drange der Notwendigkeit töten muß, so entschuldigt man sich 

P- >39- 

2) Revue scientifique, Oktober igoo, abgedruckt in des Autors vierbändigem Werke 
Cultes, Mythes et Religions, 1909, T. I, p. 17 ff. 



124 



Totem und Tabu 



bei ihm und sucht die Verletzung des Tabu, den Mord, durch 
mannigfache Kunstgriffe und Ausflüchte abzuschwächen. 

5. Wenn das Tier rituell geopfert wird, wird es feierlich 
beweint. 

ö. Bei gewissen feierlichen Gelegenheiten, religiösen Zeremonien, 
legt man die Haut bestimmter Tiere an. Wo der Totemismus 
. noch besteht, sind dies die Totemtiere. 

7. Stämme und Einzelpersonen legen sich Tiernamen bei, eben 
die der Totemtiere. 

8. Viele Stämme gebrauchen Tierbilder als Wappen und ver- 
zieren mit ihnen ihre Waffen; Männer malen sich Tierbilder auf 
den Leib oder lassen sich solche durch Tätowierung einritzen. 

9. Wenn der Totem zu den gefürchteten und gefährlichen Tieren 
gehört, so wird angenommen, daß er die Mitglieder des nach 
ihm genannten Stammes verschont. 

10. Das Totemtier beschützt und warnt die Angehörigen des 
Stammes. 

11. Das Totemtier kündigt seinen Getreuen die Zukunft an 
und dient ihnen als luibrer. 

12. Die Mitglieder eines Totemstammes glauben oft daran, daß 
sie mit dem Totemtier durch das Band gemeinsamer Abstammung 
verknüpft sind. 

Man kann diesen Katechismus der Totemreligion erst würdigen, 
wenn man in Betracht zieht, daß Reinach hier auch alle An- 
zeichen und Resterscheinungen eingetragen hat, aus denen man 
den einstigen Bestand des totemistischen Systems erschließen kann. 
Eine besondere Stellung dieses Autors zum Problem zeigt sich 
darin, daß er dafür die wesentlichen Züge des Totemismus einiger- 
maßen vernachlässigt. Wir werden uns überzeugen, daß er von 
den zwei Hauptsätzen des totemistischen Katechismus den einen 
in den Hintergrund gedrängt, den anderen völlig übergangen hat. 

Um von den Charakteren des Totemismus ein richtiges Bild 
zu gewinnen, wenden wir uns an einen Autor, welcher dem 



Die infantile Wiederkehr des Tot emismus 125 

Thema ein vierbändiges Werk gewidmet hat, das die vollständigste 
Sammlung der hieher gehörigen Beobachtungen mit der eingehend- 
sten Diskussion der durch sie angeregten Probleme verbindet. Wir 
werden J. G. Frazer, dem Verfasser von „Totemism and Exogamy" 
(1910), für Genuß und Belehrung verpflichtet bleiben, auch wenn 
die psychoanalytische Untersuchung zu Ergebnissen führen sollte, 
welche weit von den seinigen abweichen. 1 

Ein Totem schrieb Frazer in seinem ersten Aufsatz, 2 ist ein 
materielles Objekt, welchem der Wilde einen abergläubischen 
Respekt bezeugt, weil er glaubt, daß zwischen seiner eigenen Person 
und jedem Ding dieser Gattung eine ganz besondere Beziehung be- 
steht. Die Verbindung zwischen einem Menschen und seinem Totem 
ist eine wechselseitige, der Totem beschützt den Menschen und 

1) Vielleicht tun wir aber vorher gut daran, dem Leser die Schwierigkeiten vor- 
zuführen, mit denen Feststellungen auf diesem Gebiete zu kämpfen haben: 

Zunächst: die Personen, welche die Beobachtungen sammeln, sind nicht dieselben, 
welche sie verarbeiten und diskutieren, die ersteren Reisende und Missionäre, die 
letzteren Gelehrte, welche die Objekte ihrer Forschung vielleicht niemals gesehen 
haben. — Die Verständigung mit den Wilden ist nicht leicht. Nicht alle der Beob- 
achter waren mit den Sprachen derselben vertraut, sondern mußten sich der Hilfe 
von Dolmetschern bedienen oder in der Hilfssprache des piggin-english mit den Aus- 
gefragten verkehren. Die Wilden sind nicht mitteilsam über die intimsten Angelegen- 
heiten ihrer Kultur und eröffnen sich nur solchen Fremden, die viele Jahre in ihrer 
Mitte zugebracht haben. Sie geben aus den verschiedenartigsten Motiven (vgl. Frazer, 
The beginnings of religion and totemism among tlie Australian aborigines, Fort- 
nightly Review, 1905; T. and. Ex. I, p. 150) oft falsche oder mißverständliche Aus- 
künfte. — Man darf nicht daran vergessen, daß die primitiven Völker keine jungen 
Völker sind, sondern eigentlich ebenso alt wie die zivilisiertesten, und daß man kein 
Recht zur Erwartung hat, sie würden ihre ursprünglichen Ideen und Institutionen 
ohne jede Entwicklung und Entstellung für unsere Kenntnisnahme aufbewahrt haben. 
Es ist vielmehr sicher, daß sich bei den Primitiven tiefgreifende Wandlungen nach 
allen Richtungen vollzogen haben, so daß man niemals ohne Bedenken entscheiden 
kann, was an ihren gegenwärtigen Zuständen und Meinungen nach Art eines Petre- 
fakts die ursprüngliche Vergangenheit erhalten hat,- und was einer Entstellung und 
Veränderung derselben entspricht. Daher die überreichlichen Streitigkeiten unter den 
Autoren, was an den Eigentümlichkeiten einer primitiven Kultur als primär und was 
als spätere sekundäre Gestaltung aufzufassen sei. Die Feststellung des ursprünglichen 
Zustandes bleibt also jedesmal eine Sache der Konstruktion — Es ist endlich nicht 
leicht, sich in die Denkungsart der Primitiven einzufühlen. Wir mißverstehen sie 
ebenso leicht wie die Kinder und sind immer geneigt, ihr Tim und Fühlen nach 
unseren eigenen psychischen Konstellationen zu deuten. 

2) Totemism, Edinburgh 1887, abgedruckt im ersten Band des großen Werkes 
T. and Ex. 



1 26 



Totem und Tabu 



der Mensch beweist seine Achtung vor dem Totem auf verschie- 
dene Arten, so z. B. daß er ihn nicht tötet, wenn es ein Tier, 
und nicht abpflückt, wenn es eine Pflanze ist. Der Totem unter-, 
scheidet sich vom Fetisch darin, daß er nie ein Einzelding ist wie 
dieser, sondern immer eine Gattung, in der Regel eine Tier- oder 
Pflanzenart, seltener eine Klasse von unbelebten Dingen und noch 
seltener von künstlich hergestellten Gegenständen. 

Man kann mindestens drei Arien von Totem unterscheiden: 

1. den Stammestotem, an dem ein ganzer Stamm teil hat, und 
der sich erblich von einer Generation auf die nächste überträgt $ 

2. den Geschlechtstotem, der allen männlichen oder allen weib- 
lichen Mitgliedern eines Stammes mit Avisschluß des anderen 
Geschlechtes angehört, und 

5. den individuellen Totem, der einer einzelnen Person eignet 
und nicht auf deren Nachkommenschaft übergeht. Die beiden 
letzten Arten von Totem kommen an Bedeutung gegen den 
Stammestotem nicht in Betracht. Es sind, wenn nicht alles täuscht, 
späte und für das Wesen des Totem wenig bedeutsame Bildungen. 

Der Stammestotem (Clantotem) ist Gegenstand der Verehrung 
einer Gruppe von Männern und Krauen, die sich nach dem 
Totem nennen, sich für blutsverwandte Abkömmlinge eines ge- 
meinsamen Almen halten und durch gemeinsame Pflichten gegen- 
einander wie durch den Glauben au ihren Totem miteinander 
fest verbunden sind. 

Der Totemismus ist sowohl ein religiöses wie ein soziales 
System. Nach seiner religiösen Seite besteht er in den Beziehungen 
gegenseitiger Achtung und Schonung /wischen einem Menschen 
und seinem Totem, nach seiner sozialen Seite in den Verpflich- 
tungen der Clanmitgliedor gegeneinander und gegen andere Stämme. 
In der späteren Geschichte des Totemismus zeigen dessen beide 
Seiten eine Neigung auseinander zu gehen; das soziale System 
überlebt häufig das religiöse und umgekehrt verbleiben Reste von 
Totemismus in der Religion solcher Länder, in denen cias auf den 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus 



127 



Totemismus gegründete soziale System verschwunden ist. Wie 
diese beiden Seiten des Totemismus ursprünglich miteinander 
zusammenhängen, können wir bei unserer Unkenntnis über dessen 
Ursprünge nicht mit Sicherheit sagen. Doch ergibt sich im ganzen 
eine starke Wahrscheinlichkeit dafür, daß die beiden Seiten des 
Totemismus zu Anfang unzertrennlich voneinander waren. Mit 
anderen Worten, je weiter wir zurückgehen, desto deutlicher zeigt 
es sich, daß der Stammesangehörige sich zur selben Art zählt wie 
seinen Totem und sein Verhalten gegen den Totem von dem 
gegen einen Stammesgenossen nicht unterscheidet. 

In der speziellen Beschreibung des Totemismus als eines reli- 
giösen Systems stellt Frazer voran, daß die Mitglieder eines 
Stammes sich nach ihrem Totem nennen und in der Regel 
auch glauben, daß sie von ihm abstammen. Die Folge dieses 
Glaubens ist es, daß sie das Totemtier nicht jagen, nicht töten 
und nicht essen und sich jeden anderen Gebrauch des Totem 
versagen, wenn er etwas anderes als ein Tier ist. Die Verbote, 
den Totem nicht zu töten und nicht zu essen, sind nicht die 
einzigen Tabu, die ihn betreffen; manchmal ist es auch verboten, 
ihn zu berühren, ja, ihn anzuschauen; in einer Anzahl von Fällen 
darf der Totem nicht bei seinem richtigen Namen genannt werden. 
Die Übertretung dieser den Totem schützenden Tabugebote straft 
sich automatisch durch schwere Erkrankungen oder Tod. 1 

Exemplare des Totemtieres werden gelegentlich von dem Clan 
aufgezogen und in der Gefangenschaft gehegt. a Ein tot aufgefun- 
denes Totemtier wird betrauert und bestattet wie ein Clangenosse. 
Mußte man ein Totemtier töten, so geschah es unter einem vor- 
geschriebenen Rituale von Entschuldigungen und Sühnezeremonien. 

Von seinem Totem erwartete der Stamm Schutz und Schonung. 
Wenn er ein gefährliches Tier war (Raubtier, Giftschlange), so 



1) Vgl. die Abhandlung über das Tabu. 

2) Wie heute noch die Wölfe im Käfig an der Kapitolsstiege in Rom, die Bären 
im Zwinger von Bern. 



128 



Totem und Tabu 



setzte man voraus, daß er seinen Genossen nichts zu Leide tun 
würde, und wo sich diese Voraussetzung nicht bestätigte, wurde 
der Beschädigte aus dem Stamme ausgestoßen. Eide, meint Frazer, 
waren ursprünglich Ordalien; viele Abstämmlings- und Echtheits- 
proben wurden so dem Totem zur Entscheidung überlassen. Der 
Totem hilft in Krankheiten, gibt dem Stamme Vorzeichen und 
Warnungen. Die Erscheinung des Totemtieres in der Nähe eines 
Hauses wurde häufig als Ankündigung eines Todesfalles angesehen. 
Der Totem war gekommen, seinen Verwandten zu holen. 1 

Unter verschiedenen bedeutsamen Vorhältnissen sucht der Clan- 
genosse seine Verwandtschaft mit dem Totem zu betonen, indem 
er sich ihm äußerlich ähnlich macht, sich in die Haut des Totem- 
tieres hüllt, sich das Bild desselben einritzt u. dgl. Bei den feierlichen 
Gelegenheiten der Geburt, der Männerweihe, des Begräbnisses wird 
diese Identifizierung mit dein Totem in Taten und Worten durch- 
geführt. Tänze, bei denen alle Genossen des Stammes sich in ihren 
Totem verkleiden und wie er gebärden, dienen mannigfaltigen 
magischen und religiösen Absichten. Endlich gibt es Zeremonien, 
bei denen das Totemtier in feierlicher Weise getötet wird. 2 

Die soziale Seite des Totemismus prägt sich vor allem in einem 
streng gehaltenen Gebot und in einer großartigen Einschränkung 
aus. Die Mitglieder eines Totemclans sind Brüder und Schwestern, 
verpflichtet einander zu helfen und zu beschützen; im Falle der 
Tötung eines Clangenossen durch einen Fremden haftet der ganze 
Stamm des Täters für die Bluttat, und der Clan des Gemordeten 
fühlt sich solidarisch in der Forderung nach Sühne für das ver- 
gossene Blut. Die Toteinbande sind stärker als die Familienbande 
in unserem Sinne; sie fallen mit diesen nicht zusammen, da die 
Übertragung des Totem in der Kegel durch mütterliche Ver- 
erbung geschieht und ursprünglich die väterliche Vererbung 
vielleicht überhaupt nicht in Geltung war. 

1) Also wie die weiße Frau mancher Adelsgeschlechtcr. 

2) 1. c, p. 4.5. — Siehe unten die Erörterung über das Opfer. 



. 



Die infantile Wiederkehr d es Totemismus 129 

Die entsprechende Tabubeschränkung aber besieht in dem 
Verbot, daß Mitglieder desselben Totemclans einander nicht hei- 
raten und überhaupt nicht in Sexualverkehr miteinander treten 
dürfen. Dies ist die berühmte und rätselhafte, mit dem Totemismus 
verknüpfte Exogamie. Wir haben ihr die ganze erste Abhand- 
lung dieser Reihe gewidmet und brauchen darum hier nur an- 
zuführen, daß sie der verschärften Inzestscheu der Primitiven ent- 
springt, daß sie als Sicherung gegen Inzest bei Gruppenehe voll- 
kommen verständlich würde, und daß sie zunächst die Inzestver- 
hütung für die jüngere Generation besorgt und erst in weiterer 
Ausbildung auch der älteren Generation zum Hindernis wird. 1 

* 

An diese Darstellung des Totemismus bei Frazer, eine der 
frühesten in der Literatur des Gegenstandes, will ich nun einige 
Auszüge aus einer der letzten Zusammenfassungen anschließen. 
In den 1912 erschienenen Elementen der Völkerpsychologie sagt 
W. Wundt: 2 „Das Totemtier gilt als Ahnentier der betreffenden 
Gruppe. ,Totem' ist also einerseits Gruppen-, anderseits Abstam- 
mungsname, und in letzterer Beziehung hat dieser Name zugleich 
eine mythologische Bedeutung. Alle diese Verwendungen des Be- 
griffes spielen aber ineinander und die einzelnen dieser Bedeu- 
tungen können zurücktreten, so daß in manchen Fällen die Totems 
fast zu einer bloßen Nomenklatur der Stammesabteilungen ge- 
worden sind, während in anderen die Vorstellung der Abstammung 
oder aber auch die kultische Bedeutung des Totems im Vorder- 
grund steht . . . Der Begriff des Totem wird für die Stammes- 
gliederung und Stammesorganisation maßgebend. Mit diesen 
Normen und mit ihrer Befestigung im Glauben und Fühlen der 
Stammesgenossen hängt es zusammen, daß man das Totemtier 
ursprünglich jedenfalls nicht bloß als einen Namen für eine Gruppe 
von Stammesgliedern betrachtete, sondern daß das Tier meist als 

1) Siehe die erste Abhandlung. 

2) p. 116. 

Freud, X. u 



13° 



Totem und Tabu 



Stammvater der betreffenden Abteilung gilt . . . Damit hängt dann 
zusammen, daß diese Tierahnen einen Kult genießen . . . Dieser 
Tierkult äußert sich ursprünglich, abgesehen von bestimmten 
Zeremonien und zeremoniellen Festen, vor allem in dem Verhalten 
gegenüber dem Totemtier: nicht nur ein einzelnes Tier, sondern 
jeder Repräsentant der gleichen Spezies ist in gewissem Grade 
ein geheiligtes Tier, es ist den Totemgenosson verboten oder nur 
unter gewissen Umständen erlaubt, das Fleisch des Toteintieres 
zu genießen. Dem entspricht die in solchem 'Zusammenhange be- 
deutsame Gegenerscheinung, daß unter gewissen Bedingungen 
eine Art von zeremoniellem Genuß dt'a Totemfleisch.es statt- 
findet . . ." 

„. . . Die wichtigste soziale Seite dieser tot emistischen Stammes- 
gliederung besteht aber darin, daß mit ihr bestimmte Normen 
der Sitte für den Verkehr der Gruppen untereinander verbunden 
sind. Unter diesen Normen stehen in erster Linie die für den 
Eheverkehr. So hängt diese Stammesgliederung mit einer wichtigen 
Erscheinung zusammen, die zum erstenmal im internistischen Zeit- 
alter auftritt: mit der Exogamie." 

Wenn wir durch all das hindurch, was späterer Fortbildung 
oder Abschwächung entsprechen imig, zu einer Charakteristik des 
ursprünglichen Totemismus gelangen wollen, so ergeben sich uns 
folgende wesentliche Züge: Die Totein waren ursprünglich 
nur Tiere, sie galten als die Ahnen der einzelnen Stämme. 
Der Totem vererbte sich nur in weiblicher Linie; es war 
verboten, den Totem zu töten (oder zu essen, was für pri- 
mitive Verhältnisse zusammenfällt); es war den Totemgenossen 
verboten, Sexualverkehr miteinander zu pflegen, 1 



1) Übereinstimmend mit diesem Text lautet das Fazit des Totemisinus, welches 
Frazer in seiner zweiten Arbeit über den Gegenstand 'Die orifjin of Totcmism, 
Fortnigntly Review l8g<)) zieht: „Thus Totemism hat eonmwiily been treated as a primitive 
System both of religion and of Society. As a System of religion it anbraces the mystic union 
of the savage with his totem; as a System of Society it comprises the relations in which tuen 
and women of the samt totem stand to each ather and to the menibers of othtr totemic 






Die infantile Wiederkehr des Totemismus 151 



Es darf uns nun auffallen, daß in dem Code du totemisme, 
den Reinach aufgestellt hat, das eine der Haupttabu, das der 
Exogamie, überhaupt nicht vorkommt, während die Voraussetzung 
des zweiten, die Abstammung vom Totemtier, nur eine beiläufige 
Erwähnung findet. Ich habe aber die Darstellung Reinachs, eines 
um den Gegenstand sehr verdienten Autors, ausgewählt, um auf 
die Meinungsverschiedenheiten unter den Autoren vorzubereiten, 
welche uns nun beschäftigen sollen. 



Je unabweisbarer die Einsicht auftrat, daß der Totemismus eine 
regelmäßige Phase aller Kulturen gebildet habe, desto dringender 
wurde das Bedürfnis, zu einem Verständnis desselben zu gelangen, 
die Rätsel seines Wesens aufzuhellen. Rätselhaft ist wohl alles am 
Totemismus; die entscheidenden Fragen sind die nach der Her- 
kunft der Totemabstammung, nach der Motivierung der Exogamie 
(respektive des durch sie vertretenen Inzesttabu) und nach der 
Beziehung zwischen den beiden, der Totemorganisation und dem 
Inzestverbot. Das Verständnis sollte in einem ein historisches und 
ein psychologisches sein, Auskunft geben, unter welchen Bedin- 
gungen sich diese eigentümliche Institution entwickelt, und welchen 
seelischen Bedürfnissen der Menschen sie Ausdruck gegeben hatte. 

Meine Leser werden nun gewiß erstaunt sein zu hören, von 
wie verschiedenen Gesichtspunkten her die Beantwortung dieser 
Fragen versucht wurde, und wie weit die Meinungen der sach- 
kundigen Forscher hierüber auseinandergehen. Es steht so ziemlich 
alles in Frage, was man allgemein über Totemismus und Exogamie 
behaupten möchte; auch das vorangeschickte, aus einer von Frazer 

groups. And corresponding to these two sides of the System are two rough-and-ready tests or 
canons of Totemism : first, the rule lhat a man may not kill or cat his totem animal or plant, and 
sccond the rule that he may not marry or cohabit with a woman of the same totem. u (p. 191.) 
Frazer fügt dann hinzu, was uns mitten in die Diskussionen über den Totemismus 
hineinführt: Whcther the two sides — the religious and the social — have always coexisted 
or are essemially independcnt, is a question which has becn variously answered. 



1 3 2 



Totem und Tabu 



1887 veröffentlichten Schrift geschöpfte Bild kann der Kritik nicht 
entgehen, eine willkürliche Vorliebe des Referenten auszudrücken, 
und würde heute von Frazer selbst, der seine Ansichten über 
den Gegenstand wiederholt geändert hat, beanständet werden. 1 

Es ist eine naheliegende Annahme, daß man das Wesen des 
Totemismus und der Exogamie am ehesten erfassen könnte, wenn 
man den Ursprüngen der beiden Institutionen näher käme. Dann 
ist aber für die Beurteilung der Sachlage die Bemerkung von 
Andrew Lang nicht zu vergessen, daß auch die primitiven Völker 
uns diese ursprünglichen Formen der Institutionen und die Be- 
dingungen für deren Entstehung nicht mehr aufbewahrt haben, 
so daß wir einzig und allein auf Hypothesen angewiesen bleiben, 
um die mangelnde Beobachtung zu ersetzen. 2 Unter den vorge- 
brachten Erklärungsversuchen erscheinen einige dem Urteil des 
Psychologen von vornherein als inadäquat. Sie sind allzu rationell 
und nehmen auf den Gefühlscharakter der zu erklärenden Dinge 
keine Bücksicht. Andere ruhen auf Voraussetzungen, denen die 
Beobachtung die Bestätigung versagt; noch andere berufen sich 
auf ein Material, welches besser einer anderen Deutung unter- 
worfen weiden sollte. Die Widerlegung der verschiedenen An- 
sichten hat in der Regel wenig Schwierigkeiten; die Autoren sind 
wie gewöhnlich in der Kritik, die sie aneinander üben, stärker 
als in ihren eigenen Produktionen. Ein Non liquet ist für die 
meisten der behandelten Punkte das Endergebnis. Es ist daher 
nicht zu verwundern, wenn in der neuesten, hier meist über- 
gangenen Literatur des Gegenstandes das unverkennbare Bestreben 

1) Anläßlich einer solchen Sinnesänderung schriel» er den schönen Satz nieder: 
„TW my conclusions on these difficult questions are final, I am not so foolish as to pretend. 
I haue changed my views repeatedly, and l am resolvtd to change thtm again with every 
cliange of the evidence, Jor like a charneleon, tht candid enquirer should shift Ins colours with 
the shifting colours of the ground he treads. u Vorrede zum 1. Band von Totemism and 
Exogamy. 1910. 

a) „By the nature of the case, as the origin of totemism lies far beyond our poivers of 
historical examination or of experiment, UM must haue recourse as regards this matter to con- 
jeeture", A. Lang, Sccrct of the Totem, p. 37. — „Nowhcre do we sie ahsolutely pri- 
mitive man, and a totemic System in the making", p. 29. 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus 153 

auftritt, eine allgemeine Lösung der totemistischen Probleme als 
undurchführbar abzuweisen. So z. B. Golden weis er im J. of 
Am. Folk-Lore XXIII, 1910. (Referat in Britannica Year Book 1913.) 
Ich habe mir gestattet, bei der Mitteilung dieser einander wider- 
streitenden Hypothesen von deren Zeitfolge abzusehen. 

a) Die Herkunft des Totemismus 

Die Frage nach der Entstehung des Totemismus läßt sich auch 
so formulieren: Wie kamen primitive Menschen dazu, sich (ihre 
Stämme) nach Tieren, Pflanzen, leblosen Gegenständen zu be- 
nennen? 1 

Der Schotte Mac Lennan, der Totemismus und Exogamie für 
die Wissenschaft entdeckte, 2 enthielt sich, eine Ansicht über die 
Entstehung des Totemismus zu veröffentlichen. Nach einer Mit- 
teilung von A. Lang 3 war er eine Zeitlang geneigt, den Tote- 
mismus auf die Sitte des Tätowierens zurückzuführen. Die ver- 
lautbarten Theorien zur Ableitung des Totemismus möchte ich 
in drei Gruppen bringen, als a) nominalistische, ß) soziologische, 
y) psychologische. 

a) Die nominalistischen Theorien 

Die Mitteilungen über diese Theorien werden deren Zusammen- 
fassung unter dem von mir gebrachten Titel rechtfertigen. 

Schon Garcilaso del Vega, ein Abkömmling der peruanischen 
Inka, der im XVII. Jahrhundert die Geschichte seines Volkes 
schrieb, soll, was ihm von totemistischen Phänomenen bekannt 
war, auf das Bedürfnis der Stämme, sich durch Namen vonein- 
ander zu unterscheiden, zurückgeführt haben. 4 Derselbe Gedanke 

1) Wahrscheinlich ursprünglich nur nach Tieren. 

2) The Worship of Animals and Plants, Fortnightly Review 186g — 1870. Primitive 
marriage 1865 ; beide Arbeiten abgedruckt in Snidies in ancient History, 1876. 2. ed. 1886. 

3) The Secret of the Totem, 1905, p. 34. 

4) Nach A. Lang, Secret of the Totem, p. 34. 



134 



Totem und Tabu 



taucht Jahrhunderte später in der Ethnology von A. K. Keane 
auf: Die Totem seien aus „heraldic badges" (Wappenabzeichen) 
hervorgegangen, durch die Individuen, Familien und Stämme sich 
voneinander unterscheiden wollten.' 

Max Müller äußerte dieselbe Ansicht über die Bedeutung der 
Totem in seinen Conlributions to the Science of Mythology. 2 Ein 
Totem sei: ]. ein Clanabzeichen, 2. ein Clanname, 3. der Name 
des Ahnherrn des Clan, 4. der Name des vom Clan verehrten 
Gegenstandes. Später J. Pikler i8o<»: Die Menschen bedurften 
eines bleibenden, schriftlich fixierbaren Namens für Gemeinschaften 
und Individuen . . . So entspring! also der Totemisinus nicht aus 
dem religiösen, sondern aus dein nüchternen Alltagsbedürfnis der 
Menschheit. Der Kern des Totemismus, die Benennung, ist eine 
Folge der primitiven Schrifttechnik. Der Charakter der Totem ist 
auch der von leicht darstellbaren Schrift/eichen. Wenn die Wilden 
aber erst den Namen eines Tieres trugen, so leiteten sie daraus 
die Idee einer Verwandtschaft mit diesem Tiere ab. 5 

Herbert Spencer* legte gleichfalls der Namengebung die ent- 
scheidende Bedeutung für die Entstehung des Totemismus bei. 
Einzelne Individuen, führte er aus, hätten durch ihre Eigenschaften 
herausgefordert, sie nach Tieren zu benennen, und seien so zu 
Ehrennamen oder Spitznamen gekommen, welche sich auf ihre 
Nachkommen fortsetzten. Infolge der Unbestimmtheit und Unver- 
ständlichkeit der primitiven Sprachen seien diese Namen von den 
späteren Generationen so aufgefaßt worden, als seien sie ein Zeugnis 
für ihre Abstammung von diesen Tieren selbst. Der Totemismus 
hätte sich so als mißverständliche Ahnenverehrung ergeben. 



1) Ibid. 

2) Nach A. Lang. 

5) Pikier und S0111I6, Der Ursprung 1 des Totemismus. 1901. Die Autoren kenn- 
zeichnen ihren Erklärungsversuch mit Recht als „Heitrug zur materialistischen Ge- 
schichtstheorie". 

4) The origin of animnl worship, Fortnightly Review 1870. Prinzipien der Sozio- 
logie, I. Bd., §§ 169 bis 176. 



Die infantile Wieder kehr des Totemismus 155 

Ganz ähnlich, obwohl ohne Hervorhebung des Mißverständnisses 
hat Lord Avebury (bekannter unter seinem früheren Namen Sir 
John Lubbock) die Entstehung des Totemismus beurteilt: Wenn 
wir die Tierverehrung erklären wollen, dürfen wir nicht daran 
vergessen, wie häufig die menschlichen Namen von den Tieren 
entlehnt werden. Die Kinder und das Gefolge eines Mannes, der 
Bär oder Löwe genannt wurde, machten daraus natürlich einen 
Stammesnamen. Daraus ergab sich, daß das Tier selbst zu einer 
gewissen Achtung und endlich Verehrung gelangte. 

Einen, wie es scheint, unwiderleglichen Einwand gegen solche 
Zurückführung der Totemnamen auf die Namen von Individuen 
hat Fison vorgebracht. 1 Er zeigt an den Verhältnissen von Austra- 
lien, daß der Totem stets das Merkzeichen einer Gruppe von 
Menschen, nie eines einzelnen ist. Wäre es aber anders und der 
Totem ursprünglich der Name eines einzelnen Menschen, so könnte 
er bei dem System der mütterlichen Vererbung nie auf dessen 
Kinder übergehen. 

Die bisher mitgeteilten Theorien sind übrigens in offenkun- 
diger Weise unzureichend. Sie erklären etwa die Tatsache der 
Tiernamen für die Stämme der Primitiven, aber niemals die Be- 
deutung, welche diese Namengebung für sie gewonnen hat, das 
totemistische System. Die beachtenswerteste Theorie dieser Gruppe 
ist die von A. Lang in seinen Büchern Social origins 1903 und 
The secret of the totem 1905 entwickelte. Sie macht immer noch 
die Namengebung zum Kern des Problems, aber sie verarbeitet 
zwei interessante psychologische Momente und beansprucht so, 
das Rätsel des Totemismus der endgültigen Lösung zugeführt zu 

haben. 

A. Lang meint, es sei zunächst gleichgültig, auf welche Weise 
die Clans zu ihren Tiernamen gekommen seien. Man wolle nur 
annehmen, sie erwachten eines Tages zum Bewußtsein, daß sie 
solche tragen, und wußten sich keine Rechenschaft zu geben, 

1) Kamilaroi and Kurmai, p. 165, 1880 (nach A. Lang, Secret etc.). 



136 



Totern und Tabu 



woher. Der Ursprung dieser Namen sei vergessen. Dann 
würden sie versuchen, sich durch Spekulation Auskunft darüber 
zu schaffen, und bei ihren Überzeugungen von der Bedeutung der 
Namen müßten sie notwendigerweise zu all den Ideen kommen, 
die im totemistischen System enthalten sind. Namen sind für die 
Primitiven wie für die heutigen Wilden und selbst für unsere 

Kinder 1 — nicht etwa etwas Gleichgültiges und Konventionelles, 
wie sie uns erscheinen, sondern etwas Bedeutungsvolles und Wesent- 
liches. Der Name eines Menschen ist ein Hauptbestandteil seiner 
Person, vielleicht ein Stück seiner Seele. Die Gleichnamigkeit 
mit dem Tiere mußte die Primitiven dazu führen, ein geheimnis- 
volles und bedeutsames Band zwischen ihren Personen und dieser 
Tiergattung anzunehmen. Welches Band konnte da anders in Be- 
tracht kommen als das der Blutsverwandtschall? War diese aber 
infolge der Namensgleichheit einmal angenommen, so ergaben 
sich aus ihr als direkte Folgen des Bluttabu alle Totemvorschriften 
mit Einschluß der Exogamie. 

„No more than these ihres things — a group animal name 
of unknown origin; belief in a transcendcntal connection between 
all bearers, human and bcstial, of the sann- name; and belief in 
die blood supcrstiäons — was needed to give rise to all die 
totemic creeds and praclices, including exogamy." (Secret of the 
Totem, p. 126.) 

Längs Erklärung ist sozusagen zweizeitig. Sie leitet das tote- 
mistische System mit psychologischer Notwendigkeit aus der Tat- 
sache der Totemnamen ab unter der Voraussetzung, daß die Her- 
kunft dieser Namengebung vergessen worden sei. Das andere Stück 
der Theorie sucht nun den Ursprung dieser Namen aufzuklären; 
wir werden sehen, daß es von ganz, anderem Geprägt? ist. 

Dies andere Stück der Langschen Theorie entfernt sich nicht 
wesentlich von den übrigen, die ich „nominaliMisch" genannt habe. 
Das praktische Bedürfnis nach U nterscheidung nötigte die ein- 

1) Vgl. oben die Abhandlung über das Tabu, S. 7». 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus 157 

zelnen Stämme Namen anzunehmen, und darum ließen sie sich 
die Namen gefallen, die jedem Stamm von den anderen gegeben 
wurden. Dies „naming from without" ist die Eigentümlichkeit der 
Langschen Konstruktion. Daß die Namen, die so zustande kamen, 
von Tieren entlehnt waren, ist nicht weiter auffällig und braucht 
von den Primitiven nicht als Schimpf oder Spott empfunden 
worden zu sein. Übrigens hat Lang die keineswegs vereinzelten 
Fälle aus späteren Epochen der Geschichte herangezogen, in denen 
von außen gegebene, ursprünglich als Spott gemeinte Namen von 
den so Bezeichneten akzeptiert und bereitwillig getragen wurden 
(Geusen, Whigs und Tories). Die Annahme, daß die Entstehung 
dieser Namen im Laufe der Zeit vergessen wurde, verknüpft dies 
zweite Stück der Langschen Theorie mit dem vorhin dargestellten 
ersten. 

ß) Die soziologischen Theorien 

S. Reinach, der den Überbleibseln des totemistischen Systems 
in Kult und Sitte späterer Perioden erfolgreich nachgespürt, aber 
von Anfang an das Moment der Abstammung vom Totemtier 
gering geschätzt hat, äußert einmal ohne Bedenken, der Totemismus 
scheine ihm nichts anderes zu sein als „une Hypertrophie de 
Vinstinct social"? 

Dieselbe Auffassung scheint das neue Werk von E. Durkheim: 
Les formes elementaires de la vie religieuse. Le Systeme totemi- 
que en Australie, 1912, zu durchziehen. Der Totem ist der sicht- 
bare Repräsentant der sozialen Religion dieser Völker. Er ver- 
körpert die Gemeinschaft, welche der eigentliche Gegenstand der 
Verehrung ist. 

Andere Autoren haben nach näherer Begründung für diese 
Beteiligung der sozialen Triebe an der Bildung der totemistischen 
Institutionen gesucht. So hat A. C. Haddon angenommen, daß 
jeder primitive Stamm ursprünglich von einer besonderen Tier- 

1) 1. c, T. I, p. 41. 



•38 



Totem und Tabu 



oder Pflanzenart lebte, vielleicht auch mit iliosem Nahrungsmittel 
Haiuli'l trieb und ihn anderen Stämmen im Austausch zuführte. 
So konnte es nicht fehlen, daß der Stamm den anderen unter 
dein Namen des Tieres, welches für ihn eine so wichtige Rolle 
spielte, bekannt winde. Gleit h/eitig mußte sicli hei diesem Stamm 
eine besondere Vertrautheit mit dem betreffenden Tier und eine 
Art von Interesse für dasselbe entwickeln, welches aber auf kein 
anderes psychisches Motiv als auf das elementarste und dringendste 
der menschlichen Bedürfnisse, iV-n Hunger, gegründet war. 1 

Die Einwendungen gegen diese rationalste aller Totemtheorien 
besagen, dal! ein solcher Zustand der Ernährung bei den Primi- 
tiven nirgends gefunden weide u\u\ wahrscheinlich niemals be- 
standen habe. Die Wilden seien omnivor, und /.war tun so mehr, 
je niedriger sie stehen, Ferner sei es nicht zu verstehen, wie aus 
solcher ausschließlicher Diät sich ein fast religiöses Verhältnis zu 
dem Totem entwickelt haben konnte, das in der absoluten Ent- 
haltung von der Vor/.ugsnahrung giplelte. 

Die erste der drei Theorien, welche Frazer über die Ent- 
stehung des Totanismus ausgesprochen, war eine psychologische; 
sie wird an anderer Stelle berichtet werden. 

Die zweite hier zu besprechende Theorie Frazers entstand 
unter dem Eindruck der bedeutungsvollen Publikation zweier 
Forscher über die Eingeborenen von /.eiilralaust iahen. 3 

Spencer und Gillen beschrieben bei einer Gruppe von 
Stämmen, der sogenannten A runtanatiou, eine Reihe von eigen- 
tümlichen Einrichtungen, Gebräuchen und Ansichten, und Frazer 
schloß sich ihrem Urteile an, daß diese Besonderheiten als Züge 
eines primären Zustandes zu betrachten seien und über den ersten 
und eigentlichen Sinn des Totemismus Aufschluß geben können. 



1) Address to tho Anthropological Section, British Association, Belfast 1902. Nach 
Frazer, 1. c, T. IV, p. 50 11. ff. 

a) The native tribes of Central Auitralin von Hnldwin Spencer und H. J. Gillen, 
London 1891. 






i . 



Die infantile Wie derkehr des Totemismus ^39 

Diese Eigentümlichkeiten sind bei dem Aruntastamm selbst 
(einem Teil der Aruntanation) folgende: 

1. Sie haben die Gliederung in Totemclans, aber der Totem 
wird nicht erblich übertragen, sondern (auf später mitzuteilende 
Weise) individuell bestimmt. 

a. Die Totemclans sind nicht exogam, die Heiratsbeschränkungen 
werden durch eine hochentwickelte Gliederung in Heiratsklassen 
hergestellt, welche mit den Totem nichts zu tun haben. 

5. Die Funktion der Totemclans besteht in der Ausführung 
einer Zeremonie, welche auf exquisit magische Weise die Ver- 
mehrung des eßbaren Totemobjekts bezweckt (diese Zeremonie 
heißt Intichiuma). 

4. Die Arunta haben eine eigenartige Konzeptions- und Wieder- 
geburtstheorie. Sie nehmen an, daß an bestimmten Stellen ihres 
Landes die Geister der Verstorbenen desselben Totem auf ihre 
Wiedergeburt warten und in den Leib der Frauen eindringen, 
die jene Stellen passieren. Wird ein Kind geboren, so gibt die 
Mutter an, auf welcher Geisterstätte sie ihr Kind empfangen zu 
haben glaubt. Danach wird der Totem des Kindes bestimmt. Es 
wird ferner angenommen, daß die Geister (der Verstorbenen, wie 
der Wiedergeborenen) an eigentümliche Steinamulette gebunden sind 
(Namens Churinga), welche an jenen Stätten gefunden werden. 

Zwei Momente scheinen Frazer zum Glauben bewogen zu 
haben, daß man in den Einrichtungen der Arunta die älteste 
Form des Totemismus aufgefunden habe. Erstens die Existenz 
gewisser Mythen, welche behaupteten, daß die Ahnen der Arunta 
sich regelmäßig von ihrem Totem genährt und keine anderen 
Frauen als die aus ihrem eigenen Totem geheiratet hätten. Zwei- 
tens die anscheinende Zurücksetzung des Geschlechtsaktes in ihrer 
Konzeptionstheorie. Menschen, die noch nicht erkannt hatten, daß 
die Empfängnis die Folge des Geschlechtsverkehrs sei, dürfte man 
wohl als die zurückgebliebensten und primitivsten unter den heute 
lebenden ansehen. 



i 1" Totem und Tabu 



Indem Frazer sich für die Beurteilung des Totemismus an die 
Intichiumazeremonie hielt, erschien ihm das totemistische System 
auf einmal in gänzlich verändertem Lichte als eine durchwegs 
praktische Organisation zur Bestreitung der natürlichsten Bedürf- 
nisse des Menschen (vgl. oben lladdon). 1 Das System war einfach 
ein grußartiges Stück von ,.r<m/u rative magi< M . Die Primitiven 
hildeten sozusagen einen magischen Produktions- und Konsum- 
verein. Jeder Totennlan hatte die Aufgabe übernommen, für die 
Reichlichkeit eines gewissen Nahrungsmittels zu sorgen. Wenn es 
sich um niebt eßbare Totem handelte, wie um schädliche Tiere, 
um Regen, Wind u. dgl., so war die Pflicht des Totemclan, dieses 
Stück Natur zu beherrschen und dessen Schädlichkeit abzuwehren. 
Die Leistungen eines jeden Clan kamen allen anderen zugute. 
Da der Clan von seinem Totem nie bis oder nur sehr wenig essen 
durfte, so beschallte er dieses wertvolle Gut für die anderen und 
wurde dafür von ihnen mit dem versorgt, was sie selbst als ihre 
soziale Totempflicht zu besorgen hatten. Im Lichte dieser durch 
die Intichiumazeremonie vermittelten Auffassung wollte es Fr azer 
scheinen, als wäre man durch das Verbot, von seinem Totem zu 
essen, verblendet worden, die wichtigere Seite des Verhältnisses 
zu vernachlässigen, nämlich das Gebot, möglichst viel von dem 
eßbaren Totem für den Bedarf der anderen herbeizuschaffen. 

Frazer nahm die Tradition der Annita an, daß jeder Totem- 
clan sich ursprünglich ohne? Einschränkung von seinem Totem 
genährt habe. Dann bereitete es Schwierigkeiten, die folgende 
Entwicklung zu verstehen, die sich damit begnügte, den Totem 
für andere zu sichern, während man selbst auf seinen Genuß fast 
verzichtete. Er nahm dann an, diese Einschränkung sei keines- 
wegs aus einer Art von religiösem Respekt hervorgegangen, son- 
dern vielleicht aus der Beobachtung, daß kein Tier seinesgleichen 

l) „There is nothing vague or mystical about it, nothing oj thul metaphysieal haze xvhich 
iome writers love to conjure up ovtr the humble beginnings oj human speculutian but whick 
is ulterljr fortign to the simple, sensuous, and conerttt modtt oj the savage u (Totcinism and 
Exogamy, I, p. 1 17). 



Die infantile Wiederke hr des Totemismus 141 

zu verzehren pflege, so daß dieser Abbruch der Identifizierung 
mit dem Totem der Macht, die man über denselben zu erlangen 
wünschte, Schaden brächte. Oder aus einem Bestreben, sich das 
Wesen geneigt zu machen, indem man es selbst verschonte. 
Frazer verhehlte sich aber die Schwierigkeiten dieser Erklärung 
nicht 1 und ebensowenig getraute er sich anzugeben, auf welchem 
Wege die von den Mythen der Arunta behauptete Gewohnheit, 
innerhalb des Totem zu heiraten, sich zur Exogamie gewandelt 
habe. 

Die auf das Intichiuma gegründete Theorie Frazers steht 
und fällt mit der Anerkennung der primitiven Natur der Arunta- 
institutionen. Es scheint aber unmöglich, diese letztere gegen die 
von Durkheim 2 und Lang 3 vorgebrachten Einwendungen zu 
halten. Die Arunta scheinen vielmehr die entwickeltsten der 
australischen Stämme zu sein, eher ein Auflösungsstadium als den 
Beginn des Totemismus zu repräsentieren. Die Mythen, welche 
auf Frazer so großen Eindruck gemacht haben, weil sie im 
Gegensatz zu den heute herrschenden Institutionen die Freiheit 
betonen, vom Totem zu essen und innerhalb des Totem zu hei- 
raten, würden sich uns leicht als Wunschphantasien erklären, 
welche in die Vergangenheit projiziert sind, ähnlich wie der 
Mythus vom goldenen Zeitalter. 

y) Die psychologischen Theorien 

Die erste psychologische Theorie Frazers, noch vor seiner Be- 
kanntschaft mit den Beobachtungen von Spencer und Gillen 
geschaffen, ruhte auf dem Glauben an die „äußerliche Seele". 4 
Der Totem sollte einen sicheren Zufluchtsort für die Seele dar- 
stellen, an dem sie deponiert wird, um den Gefahren, die sie be- 

1) 1. c, p. 120. 

2) L'annee sociologique, T. I, V, VIII und an anderen Stellen. Siehe besonders 
die Abhandlung Sur le totemisme. T. V, 1901. 

3) Social Origins und Secret of the Totem. 

4) The Golden Bough II, p. 352- 



14 a 



Totem und Tabu 



drohen, entzogen zu bleiben. Wenn der Primitive seine Seele in 
seinem Totem untergebracht hatte, so war er selbst unverletzlich 
und natürlich hütete er sich, den Träger seiner Seele selbst zu 
beschädigen. Da er aber nicht wußte, welches Individuum der 
Tierart sein Seelenträger war, lag es ihm nahe, die ganze Art zu 
verschonen. Frazer hat diese Allleitung des Totemismus aus dem 
Seelenglauben später selbst aufgegeben. 

Als er mit den Beobachtungen von Spencer und Gillen be- 
kannt wurde, stellte er die andere soziologische Theorie des Tote- 
mismus auf, welche eben vorhin mitgeteilt wurde, aber er fand 
dann selbst, daß das Motiv, aus dem er den Totemismus abge- 
leitet, allzu „rationell" sei, und daß er dabei eine soziale Organi- 
sation vorausgesetzt habe, die allzu kompliziert sei, als tlaß man 
sie primitiv heißen dürfe. 1 Die magischen Kooperativgesellschaften 
erschienen ihm jetzt eher als späte Früchte denn als Keime des 
Totemismus. Er suchte ein einfacheres Moment, einen primitiven 
Aberglauben, hinter diesen Bildungen, um aus ihm die Entstehung 
des Totemismus abzuleiten. Dieses ursprüngliche Moment fand er 
dann in der merkwürdigen Konzoplionslhoorie der Arunta. 

Die Arunta Indien, wie bereits erwähnt, den Zusammenhang 
der Konzeption mit dem Geschlechtsakt auf. Wenn ein Weib sich 
Mutter fühlt, so ist in diesem Augenblick einer der auf Wieder- 
geburt lauernden Geister von der nächstliegenden Geisterstätte in 
ihren Leib eingedrungen und wird von ihr als Kind geboren. 
Dies Kind hat denselben Totem wie alle an der gewissen Stelle 
lauernden Geister. Diese Konzeptionstheorie kann den Totemismus 
nicht erklären, denn sie setzt den Totem voraus. Aber wenn man 
einen Schritt weiter zurückgehen und annehmen will, daß das 
Weib ursprünglich geglaubt, das Tier, die Pflanze, der Stein, das 
Objekt, welches ihre Phantasie in dem Moment beschäftigte, da 

1) It is unlihcly that a Community of savages should dtliberatcly parcel out tht rtalm 
of nature into provinces, assign euch province to a particular band of magicians, and bid all 
tht bands to ivork their magic and wtavt their speüs for tht common good. T. and Ex. IV, p. 5J». 






Die infantile Wiederkehr des Totemismus 



H3 



sie sich zuerst Mutter fühlte, sei wirklich in sie eingedrungen 
und werde dann von ihr in menschlicher Form gehören, dann 
wäre die Identität eines Menschen mit seinem Totem durch den 
Glauben der Mutter wirklich begründet, und alle weiteren Totem- 
gebote (mit Ausschluß der Exogamie) ließen sich leicht daraus 
ableiten. Der Mensch würde sich weigern, von diesem Tier, dieser 
Pflanze zu essen, weil er damit gleichsam sich selbst essen würde. 
Er würde sich aber veranlaßt finden, gelegentlich in zeremoniöser 
Weise etwas von seinem Totem zu genießen, weil er dadurch 
seine Identifizierung mit dem Totem, welche das Wesentliche am 
Totemismus ist, verstärken könnte. Beobachtungen von W. H. R. 
Rivers an den Eingeborenen der Banksinseln schienen die direkte 
Identifizierung der Menschen mit ihrem Totem auf Grund einer 
solchen Konzeptionstheorie zu erweisen. 1 

Die letzte Quelle des Totemismus wäre also die Unwissenheit 
der Wilden über den Prozeß, wie Menschen und Tiere ihr Ge- 
schlecht fortpflanzen. Des besonderen die Unkenntnis der Rolle, 
welche das Männchen bei der Befruchtung spielt. Diese Unkenntnis 
muß erleichtert werden durch das lange Intervall, welches sich 
zwischen den befruchtenden Akt und die Geburt des Kindes (oder 
das Verspüren der ersten Kindsbewegungen) einschiebt. Der Tote- 
mismus ist daher eine Schöpfung nicht des männlichen, sondern 
des weiblichen Geistes. Die Gelüste (sick fancies) des schwan- 
geren Weibes sind die Wurzel desselben. „Anything indeed that 
Struck a woman at that mysterious moment of her life when she 
ßrst knows herseif to he a mother might easily he idenüfied hy 
her with the child in her womb. Such maternal fancies, so natural 
and seemingly so universal, appear to be the root of totemism." 2 

Der Haupteinwand gegen diese dritte Frazersche Theorie ist 
derselbe, der bereits gegen die zweite, soziologische, vorgebracht 
wurde. Die Arunta scheinen sich von den Anfängen des Tote- 



• 






1) T. and Ex. II, p. 89 und IV, p. 59. 

2) 1. c. IV, p. 65. 




144 • 1'otrm und Tabu 



mismus weil weg entfernt /u haben. Ihre Verleugnung der Vater- 
schaft scheint nicht auf primitiver Unwissenheil zu beruhen; sie 
haben selbst in manchen Stinken väterliche Vererbung. Sie scheinen, 
die Vaterschaft einer Art von Spekulation geopfert zu haben, 
welche die Ahnengeister zu Ehren bringen will.' Wenn sie den 
Mythus der unbefleckten Empfängnis durch den (»eist zur allge- 
meinen Konzeptionstheorie erheben, darf man ihnen darum Un- 
wissenheit über die Bedingungen <\w Fortpflanzung ebensowenig 
zumuten, wie den alten Völkern um die Zeit der Entstehung der 
christlichen Mythen. 

Eine andere psychologische Theorie der Herkunft des Tote- 
mismus hat der Hollander G. A. Wilckcu aufgestellt. Sie stellt 
eine Verknüpfung des Totemismus mit der Seelenwanderung her. 
„Dasjenige Tier, in welches die Seelen der Toten nach allge- 
meinem Glauben übergingen, wurde zum Blutsverwandten, Ahn- 
herrn und als solcher verehrt." Aber der Glauben an die Tier- 
wanderung der Seelen mag eher aus dem Totemismus abgeleitet 
sein als umgekehrt. 2 

Eine andere Theorie des Totemismus wird von ausgezeichneten 
amerikanischen Ethnologen, Fr. Boas, Hill-Tout u. a., vertreten. 
Sie gebt von den Beobachtungen an internistischen Indianerstämmen 
aus und behauptet, der Totem sei ursprünglich der Schutzgeist 
eines Ahnen, den dieser durch einen Traum erworben und auf 
seine Nachkommenschaft vererbt habe. Wir haben schon früher 
gehört, welche Schwierigkeiten die Ableitung des Totemismus aus 
der Vererbung von einem einzelnen her bietet; überdies sollen 
die australischen Beobachtungen die '/urückführung des Totem 
auf den Schutzgeist keineswegs unterstützen. 5 

Für die letzte der psychologischen Theorien, die von Wundt 
ausgesprochene, sind die beiden Tatsachen entscheidend geworden, 

i) „That belief is a philosophy far from primitive. 1 ' A. Lang, Secrct of the Totem, p. 192. 
2) Fraxer, T. and Ex. IV, p. 45 u. ff. 
5) Frazer, 1. c, p. 48. 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus 



H5 



daß erstens das ursprüngliche Totemobjekt und das dauernd ver- 
breiterte das Tier ist, und daß zweitens unter den Totemtieren 
wieder die ursprünglichsten mit Seelentieren zusammenfallen. 1 
Seelentiere, wie Vögel, Schlange, Eidechse, Maus eignen sich durch 
ihre schnelle Beweglichkeit, ihren Flug in der Luft, durch andere 
Überraschung und Grauen erregende Eigenschaften dazu, als die 
Träger der den Körper verlassenden Seele erkannt zu werden. Das 
Totemtier ist ein Abkömmling der Tierverwandlungen der Hauch- 
seele. So mündet hier für Wundt der Totemismus unmittelbar 
in den Seelenglauben oder Animismus ein. 



b) und c) Die Herkunft der Exogamie und ihre 
Beziehung zum Totemismus 

Ich habe die Theorien des Totemismus mit einiger Ausführ- 
lichkeit vorgebracht und muß dennoch befürchten, daß ich deren 
Eindruck durch die immerhin notwendige Verkürzung geschadet 
habe. In betreff der weiteren Fragen nehme ich mir im Interesse 
der Leser die Freiheit einer noch weitergehenden Zusammendrän- 
gung. Die Diskussionen über Exogamie der Totemvölker werden 
durch die Natur des dabei verwerteten Materials besonders kom- 
pliziert und unübersehbar; man könnte sagen: verworren. Die 
Ziele dieser Abhandlung gestatten es auch, daß ich mich hier 
auf Hervorhebung einiger Richtlinien beschränke und für eine 
gründlichere Verfolgung des Gegenstandes auf die mehrmals 
zitierten eingehenden Fachschriften verweise. 

Die Stellung eines Autors zu den Problemen der Exogamie ist 
natürlich nicht unabhängig von seiner Parteinahme für diese oder 
jene Totemtheorie. Einige von diesen Erklärungen des Totemismus 
lassen jede Anknüpfung an die Exogamie vermissen, so daß die 
beiden Institutionen glatt auseinanderfallen. So stehen hier zwei 



1) Wundt, Elemente der Völkerpsychologie, p. 190. 
Freud, X. 



10 



i 4 6 



Totem und Tabu 



Anschauungen einander gegenüber, die eine, welche den ursprüng- 
lichen Anschein festhalten will, die Kxogamie sei ein wesentliches 
Stück des totemistischen Systems, und eine andere, welche einen 
solchen Zusammenhang bestreitet und an ein zufälliges Zusammen- 
treffen der beiden Züge ältester Kulturen glaubt. Frazer hat in 
seinen späteren Arbeiten diesen letzteren Staudpunkt mit Ent- 
schiedenheit vertreten. 

„/ must request the reader to bear comtantly in mind that the 
uZ Institution* of toUmism and exogamy are fundamentaUy dis- 
tinct in origin and na tun- diuugh t/iry have accidentaüy crossed 
and blendet* in many tribcs« (T. and Ex., 1., Vorrede XII.) 

Er warnt direkt vor der gegenteiligen Ansicht als einer Quelle 
unendlicher Schwierigkeilen und Milkerständnisse. Im Gegensatz 
hiezu haben andere Autoren den Weg gefunden, die Exogamie 
als notwendige Folge der totemistischen Grundanschuuungen zu 
begreifen. Durkheim bat in seineil Arbeiten 1 ausgeführt, wie 
das an den Totem geknüpfte Tabu das Verbot, mit sieh bringen 
mußte, ein Weib des nämlichen Totem zum geschlechtlichen Ver- 
kehr zu gebrauchen. Der Totem ist von denselben Blut wie der 
Mensch, und darum verbietet der Blutbann (mit Rücksiebt auf 
Defloration und Menstruation) den sexuellen Verkehr mit dem 
Weibe, das demselben Totem angehört.' A. Lang, der sich hierin 
Durkheim anschließt, meint sogar, es bedürfte nicht des Blut- 
tabu, um das Verbot der Frauen des gleichen Stammes zu be- 
wirken. 5 Das allgemeine Tolemtabu, welches /.. B. verbietet, im 
Schauen des Totembaumes /... sitzen, würde hiefür hingereicht 
haben. A. Lang verhebt Übrigens auch eine andere Ableitung 
der Exogamie (s. u.) und läßt es zweifelhaft, wie sich diese beiden 
Erklärungen zueinander verhalten. 

1) L'annee sociologique 1898 — 1904. T 

a) Siehe die Kritik der Erörterungen Dnrk hei ms bei Frun-r. I. ancl M. iv, 

p. 101. 

3) Secret etc., p. 125. 






Die infantile Wiederkehr des Totemismus 



147 



In betreff der zeitlichen Verhältnisse huldigt die Mehrzahl der 
Autoren der Ansicht, der Totemismus sei die ältere Institution, 
die Exogamie später hinzugekommen. 1 

Unter den Theorien, welche die Exogamie unabhängig vom 
Totemismus erklären wollen, seien nur einige hervorgehoben, 
welche die verschiedenen Einstellungen der Autoren zum Inzest- 
problem erläutern. 

Mac Lennan 3 hatte die Exogamie in geistreicher Weise aus 
den Überresten von Sitten erraten, welche auf den ehemaligen 
Frauenraub hindeuteten. Er nahm nun an, daß es in Urzeiten 
allgemein gebräuchlich gewesen sei, sich das Weib aus einem 
fremden Stamm zu holen, und die Heirat mit einem Weib aus 
dem eigenen Stamm sei allmählich unerlaubt geworden, weil sie 
ungewöhnlich war. 3 Das Motiv für diese Gewohnheit der Exogamie 
suchte er in einem Frauenmangel jener primitiven Stämme, der sich 
aus dem Gebrauch, die meisten weiblichen Kinder bei der Geburt 
zu töten, ergeben hatte. Wir haben es hier nicht mit der Nach- 
prüfung zu tun, ob die tatsächlichen Verhältnisse die Annahmen 
MacLennans bestätigen. Weit mehr interessiert uns das Argument, 
daß es unter den Voraussetzungen des Autors doch unerklärlich 
bliebe, warum sich die männlichen Mitglieder des Stammes auch 
die wenigen Frauen aus ihrem Blut unzugänglich machen sollten, und 
die Art, wie hier das Inzestproblem gänzlich beiseite gelassen wird. 4 
Im Gegensatz hiezu und offenbar mit mehr Recht haben an- 
dere Forscher die Exogamie als eine Institution zur Verhütung 
des Inzests erfaßt. 5 

Überblickt man die allmählich wachsende Komplikation der 
australischen Heiratsbeschränkungen, so kann man nicht anders 



1) Zum Beispiel Fraz er, 1. c, IV, p. 75 : „The totemic clan is a totally different social orga- 
nism from tlie exogamous class, and we haue good grounds for thinking that it is far older.« 

2) Primitive marriage 1S65. 

3) „Improper because it was unusual." 

4) Frazer, 1. c. IV, p. 75 bis 92. 

5) Vgl. die erste Abhandlung. 

10* 



!a8 Totem und Tabu 



als der Ansicht von Morgan, Frazer, Howitt, Baldwin Spencer 1 
beistimmen, daß diese Einrichtungen das Gepräge zielbewußter 
Absicht {„deliberate design" nach Frazer) an sich tragen, und 
daß sie das erreichen sollten, was sie tatsächlich geleistet haben. 
„In no ot/ier way does it scem possible tu explain in all its de- 
tails a System at once so complex and so regulär." 2 

Es ist interessant hervorzuheben, daß die ersten der durch die 
Einführung von Heiratsklassen erzeugten Beschränkungen die 
Sexualfreiheit der jüngeren Generation, also den Inzest von Ge- 
schwistern und von Söhnen mit ihrer Mutter trafen, während der 
Inzest zwischen Vater und Tochter erst durch weitergehende Maß- 
regeln aufgehoben wurde. 

Die Zurückführung der exogamischen Sexualbeschränkungen 
auf gesetzgeberische Absicht leistet aber nichts für das Verständnis 
des Motivs, welches diese Institutionen gesi halfen hat. Woher 
stammt in letzter Auflösung die Inzestscheu, welche als die Wurzel 
der Exogamie erkannt werden muß? Es ist offenbar nicht genü- 
gend, sich zur Erklärung der Inzestscheu auf eine instinktive 
Abneigung gegen sexuellen Verkehr unter Blutsverwandten, d. h. 
also auf die Tatsache der Inzestscheu zu berufen, wenn die soziale 
Erfahrung nachweist, daß der Inzest diesem Instinkt zum Trotz 
kein seltenes Vorkommnis selbst in unserer heutigen Gesellschaft 
ist, und wenn die historische Erfahrung Fälle kennen lehrt, in 
denen die inzestuöse Ehe bevorzugten Personen zur Vorschrift 
gemacht wurde. 

Westermarck 3 machte zur Erklärung der Inzestscheu geltend, 
„daß zwischen Personen, die von Kindheit an beisammen leben, 
eine angeborene Abneigung gegen den Geschlechtsverkehr herrscht, 
und daß dieses Gefühl, da diese Personen in der Regel blutsver- 

1) Morgan, Ancient Society 1877. — Frazer, T. and Ex. IV, p. 105fr. 

2) Frazer, 1. c, p. 106. 

5) Ursprung und Entwicklung der Moralbcgriffc. II. Die Ehe. 1909. Dort auch 
die Verteidigung des Autors gegen ihm bekannt gewordene Einwendungen. 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus 149 



wandt sind, in Sitte und Gesetz einen natürlichen Ausdruck findet 
durch den Abscheu vor dem Geschlechtsumgang unter nahen Ver- 
wandten". Havelock Ellis bestritt zwar den triebhaften Charakter 
dieser Abneigung in seinen „Studies in the psychology of sex", 
trat aber sonst im wesentlichen derselben Erklärung bei, indem 
er äußerte: „das normale Unterbleiben des Zutagetretens des 
Paarungstriebes dort, wo es sich um Brüder und Schwestern oder 
um von Kindheit auf beisammenlebende Mädchen und Knaben 
handelt, ist eine rein negative Erscheinung, welche daher kommt, 
daß unter jenen Umständen die den Paarungstrieb erweckenden 
Vorbedingungen durchaus fehlen müssen . . . Zwischen Personen, 
die von Kindheit zusammen aufgewachsen sind, hat die Gewöh- 
nung alle sinnlichen Reize des Sehens, des Hörens und der Be- 
rührung abgestumpft, in die Bahn einer ruhigen Zuneigung ge- 
lenkt und ihrer Macht beraubt, die zur Erzeugung geschlecht- 
licher Tumeszenz erforderliche nötige erethistische Erregung her- 
vorzurufen.' 

Es erscheint mir sehr merkwürdig, daß Westermarck diese 
angeborene Abneigung gegen den Geschlechtsverkehr mit Personen, 
mit denen man die Kindheit geteilt hat, gleichzeitig als psychi- 
sche Repräsentanz der biologischen Tatsache ansieht, daß Inzucht 
eine Schädigung der Gattung bedeutet. Ein derartiger biologischer 
Instinkt würde in seiner psychologischen Äußerung so weit irre- 
gehen, daß er anstatt der für die Fortpflanzung schädlichen Bluts- 
verwandten die in dieser Hinsicht ganz harmlosen Haus- und 
Herdgenossen träfe. Ich kann es mir aber auch nicht versagen, 
die ganz ausgezeichnete Kritik mitzuteilen, welche Frazer der 
Behauptung von Westermarck entgegenstellt. Frazer findet es 
unbegreiflich, daß das sexuelle Empfinden sich heute so gar nicht 
gegen den Verkehr mit Herdgenossen sträubt, während die Inzest- 
scheu, die nur ein Abkömmling von diesem Sträuben sein soll, 
gegenwärtig so übermächtig angewachsen ist. Tiefer dringen aber 
andere Bemerkungen Frazers, die ich unverkürzt hieher setze, 



150 



Totem und Tabu 



weil sie im Wesen mit den in meinem Aufsatz über das Tabu 
entwickelten Argumenten zusammentreffen. 

„Es ist nicbt leicht einzusehen, warum ein tief wurzelnder 
menschlicher Instinkt die Verstärkung durch ein Gesetz benötigen 
sollte. Es gibt kein Gesetz, welches den Menschen befiehlt zu 
essen und zu trinken, oder ihnen verbietet, ihre Hände ins 
Feuer zu stecken. Die Menschen essen und trinken und halten 
ihre Hände vom Feuer weg, instinktgemäß, aus Angst vor natür- 
lichen und nicht vor gesetzlichen Strafen, die sie sich durch Be- 
leidigung dieser Triebe zuziehen würden. Das Gesetz verbietet 
dem Menschen nur, was sie unter dem Drängen ihrer Triebe 
ausführen könnten. Was die Natur selbst verbietet und bestraft, 
das braucht nicht erst das Gesetz zu verbieten und zu strafen. 
Wir dürfen daher auch ruhig annehmen, daß Verbrechen, die 
durch ein Gesetz verboten werden, Verbrechen sind, die viele 
Menschen aus natürlichen Neigungen gern begehen würden. Wenn 
es keine solche Neigung gäbe, kämen keine solche Verbrechen vor, 
und wenn solche Verbrechen nicht begangen würden, wozu 
brauchte man sie zu verbieten? Anstatt also aus dem gesetzlichen 
Verbot des Inzests zu schließen, daß eine natürliche Abneigung 
gegen den Inzest besteht, sollten wir eher den Schluß ziehen, daß 
ein natürlicher Instinkt zum Inzest treibt, und daß, wenn das 
Gesetz diesen Trieb wie andere natürliche Triebe unterdrückt, 
dies seinen Grund in der Einsicht zivilisierter Menschen hat, daß 
die Befriedigung dieser natürlichen Triebe der Gesellschaft Schaden 
bringt." ' 

Ich kann dieser kostbaren Argumentation Frazers noch hin- 
zufügen, daß die Erfahrungen der Psychoanalyse die Annahme 
einer angeborenen Abneigung gegen den Inzest verkehr vollends 
unmöglich machen. Sie haben im Gegenteile geleint, daß die 
ersten sexuellen Begungen des jugendlichen Menschen regelmäßig 
inzestuöser Natur sind, und daß solche verdrängte Begungen als 

x) 1. c, p. 97. 



Die infantile Wiederkehr des Totemismits 15 1 



Triebkräfte der späteren Neurosen eine kaum zu überschätzende 
Rolle spielen. 

Die Auffassung der Inzestscheu als eines angeborenen Instinkts 
muß also fallen gelassen werden. Nicht besser steht es um eine 
andere Ableitung des Inzestverbots, welche sich zahlreicher An- 
hänger erfreut, um die Annahme, daß die primitiven Völker früh- 
zeitig bemerkt haben, mit welchen Gefahren die Inzucht ihr 
Geschlecht bedrohe, und daß sie darum in bewußter Absicht das 
Inzestverbot erlassen hätten. Die Einwendungen gegen diesen Er- 
klärungsversuch drängen einander. 1 Nicht nur, daß das Inzestverbot 
älter sein muß als alle Haustier Wirtschaft, an welcher der Mensch 
Erfahrungen über die Wirkung der Inzucht auf die Eigenschaften 
der Rasse machen konnte, sondern die schädlichen Folgen der 
Inzucht sind auch heute noch nicht über jeden Zweifel sicher- 
gestellt und beim Menschen nur schwer nachweisbar. Ferner 
macht alles, was wir über die heutigen Wilden wissen, es sehr 
unwahrscheinlich, daß die Gedanken ihrer entferntesten Ahnen 
bereits mit der Verhütung von Schäden für ihre spätere Nach- 
kommenschaft beschäftigt waren. Es klingt fast lächerlich, wenn 
man diesen ohne jeden Vorbedacht lebenden Menschenkindern 
hygienische und eugenische Motive zumuten will, wie sie noch 
kaum in unserer heutigen Kultur Berücksichtigung gefunden 
haben. 2 

Endlich wird man auch geltend machen müssen, daß das aus 
praktisch hygienischen Motiven gegebene Verbot der Inzucht als 
eines die Rasse schwächenden Moments ganz unangemessen er- 
scheint, um den tiefen Abscheu zu erklären, welcher sich in un- 
serer Gesellschaft gegen den Inzest erhebt. Wie ich an anderer 
Stelle dargetan habe, 3 erscheint diese Inzestscheu bei den heute 



1) Vgl. Durkheim, La prohibition de l'Inceste. L'amiee sociologique, I, 1896/97. 

2) Ch. Darwin meint von den Wilden: „thcy are not likely to reflect on distant evils 
to their progenf." 

5) Vgl. die erste Abhandlung. 



152 



Totem und Tabu 



lebenden primitiven Völkern eher noch reger und stärker als bei 
den zivilisierten. 

Während man erwarten konnte, auch für die Ableitung der 
Inzestscheu die Wahl zu haben zwischen soziologischen, biologi- 
schen und psychologischen Erklärungsmüglichkeiten, wobei noch 
die psychologischen Motive vielleicht als Repräsentanz von bio- 
logischen Mächten zu würdigen wären, sieht man sich am Ende 
der Untersuchung genötigt, dem resignierten Ausspruch Frazers 
beizutreten: Wir kennen die Herkunft der Inzestscheu nicht und 
wissen selbst nicht, worauf wir raten sollen. Keine der bisher 
vorgebrachten Lösungen des Rätsels erscheint uns befriedigend. 1 

Ich muß noch eines Versuches erwähnen, die Entstehung der 
Inzestscheu zu erklären, welcher von ganz anderer Art ist als die 
bisher betrachteten. Man könnte ihn als eine historische Ableitung 
bezeichnen. 

Dieser Versuch knüpft an eine Hypothese von Ch. Darwin 
über den sozialen Urzustand des Menschen an. Darwin schloß 
aus den Lebensgewohnheiten der höheren Affen, daß auch der 
Mensch ursprünglich in kleineren Horden gelebt habe, innerhalb 
welcher die Eifersucht des ältesten und stärksten Männchens die 
sexuelle Promiskuität verhinderte. „Wir können in der Tat, nach 
dem was wir von der Eifersucht aller Säugetiere wissen, von 
denen viele mit speziellen Wallen zum Kämpfen mit ihren Neben- 
buhlern bewaffnet sind, schließen, daß allgemeine Vermischung 
der Geschlechter im Naturzustand äußerst unwahrscheinlich ist . . . 
Wenn wir daher im Strome der Zeit weit genug zurückblicken 
und nach den sozialen Gewohnheiten des Menschen, wie er jetzt 
existiert, schließen, ist die wahrscheinlichste Ansicht die, daß der 
Mensch ursprünglich in kleinen Gesellschaften lebte, jeder Mann 
mit einer Frau oder, halte er die Macht, mit mehreren, welche 



i) „Thus the ultunate angin of exogamy and with it the law of meist - since acogamy 
was devised to prevent incest — remains a probltm marly U dark as tver.« T. and Ex I 
p. 165. • ' 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus 



153 



er eifersüchtig gegen alle anderen Männer verteidigte. Oder er 
mag kein soziales Tier gewesen sein und doch mit mehreren 
Frauen für sich allein gelebt haben wie der Gorilla; denn alle 
Eingeborenen stimmen darin überein, daß nur ein erwachsenes 
Männchen in einer Gruppe zu sehen ist. Wächst das junge Männ- 
chen heran, so findet ein Kampf um die Herrschaft statt, und der 
Stärkste setzt sich dann, indem er die anderen getötet oder ver- 
trieben hat, als Oberhaupt der Gesellschaft fest (Dr. Sa vage in 
Boston Journal of Natur. Hist. V., 1845 bis 1847). Die jüngeren 
Männchen, welche hiedurch ausgestoßen sind und nun herum- 
wandern, werden auch, wenn sie zuletzt beim Finden einer Gattin 
erfolgreich sind, die zu enge Inzucht innerhalb der Glieder einer 
und derselben Familie verhüten.' 

Atkinson 2 scheint zuerst erkannt zu haben, daß diese Verhält- 
nisse der Darwinschen Urhorde die Exogamie der jungen Männer 
praktisch durchsetzen mußten. Jeder dieser Vertriebenen konnte 
eine ähnliche Horde gründen, in welcher dasselbe Verbot des 
Geschlechtsverkehrs dank der Eifersucht des Oberhauptes galt, und 
im Laufe der Zeit würde sich aus diesen Zuständen die jetzt als 
Gesetz bewußte Regel ergeben haben: Kein Sexual verkehr mit 
den Herdgenossen. Nach Einsetzung des Totemismus hätte sich 
die Regel in die andere Form gewandelt: Kein Sexualverkehr 
innerhalb des Totem. 

A. Lang 3 hat sich dieser Erklärung der Exogamie angeschlossen. 
Er vertritt aber in demselben Buche die andere (Durkheimsche) 
Theorie, welche die Exogamie als Konsequenz aus den Totemgesetzen 
hervorgehen läßt. Es ist nicht ganz einfach, die beiden Auffassungen 
miteinander zu vereinigen ; im ersten Falle hätte die Exogamie vor dem 
Totemismus bestanden, im zweiten wäre sie eine Folge desselben.* 

1) Abstammung des Menschen, übersetzt von V. Carus, II. Bd., Kap. 20, p. 341. 

2) Primal Law, London 1903 (mit A. Lang, Social Origins). 

3) Secret of the Totem, p. 114, 143. 

4 ) „If it be grantcd that exogamy existed in practice, on the hms of Mr. Darwins 
theory, before the totem belief s lent to the practice a sacrcd sonction, our task is relatively 



154 



Totem und Tabu 



Einen einzigen Lichtstrahl wirft die psychoanalytische Erfahrung 
in dieses Dunkel. 

Das Verhältnis des Kindes zum Tiere hat viel Ähnlichkeit mit 
dem des Primitiven zum Tiere. Das Kind zeigt noch keine Spur 
von jenem Hochmut, welcher dann den erwachsenen Kultur- 
menschen bewegt, seine eigene Natur durch eine scharfe Grenz- 
linie von allem anderen Animalischen abzusetzen. Es gesteht dem 
Tiere ohne Bedenken die volle Ebenbürtigkeit zu; im ungehemmten 
Bekennen zu seinen Bedürfnissen fühlt es sich wohl dem Tiere 
verwandter als dem ihm wahrscheinlich rätselhaften l'-rwachsenen. 

In diesem ausgezeichneten Einverständnis zwischen Kind und 
Tier tritt nicht selten eine merkwürdige Störung auf. Das Kind 
beginnt plötzlich eine bestimmte Tierart zu fürchten und sich 
vor der Berührung oder dem Anblick aller einzelnen dieser Art 
zu schützen. Es stellt sich das klinische Bild einer Tierphobie 
her, eine der häufigsten unter den psychoneurotischen Erkran- 
kungen dieses Alters und vielleicht die früheste Form solcher Er- 
krankung. Die Phobie betrifft in der Kegel Tiere, für welche das 
Kind bis dahin ein besonders lebhaftes Interesse gezeigt hatte, sie 
hat mit dem Einzeltier nichts zu tun. Die Auswahl unter den 
Tieren, welche Objekte der Phobie werden können, ist unter 
städtischen Bedingungen nicht groß. Es sind Pferde, Hunde, Katzen, 
seltener Vögel, auffällig häufig kleinste Tiere wie Käfer und 
Schmetterlinge. Manchmal werden Tiere, die dem Kind nur aus 

tasy. Thcßrst practical rulc would be lhat of tlu jealous Sirc ,M> males to tauch the f anales 
m my camp', xvith eapulsion of adolcscent sons. In efflux of limc that rule, become 
habitual would be, ,No marriage wilhin the loci group'. Next Ict the local groups reeeive 
names, such as Emus, Crows, Opossums, Smpes, and the ruh- becomts, ,M> Marriage witlün 
the local group of an i ma l „ame; no Snipe to tnarry a SnipS. But, if the primal groups wert 
not exogamous they ,vould become so, as soon as tutemic myths and tabus wert developed out 
oj the arumal, vegetabh, and other names of snmll local groups.« Secrct of the Totem 
p. 143- (Die Hervorhebung- in der Mitte dieser Stelle ist mein Werk.) - In seiner 
letzten Äußerung über den Gegenstand (Folklore, Dezember .an) teilt A. La» ff 
ubngens mit, daß er die Ableitung der Exogamie aus dem „general totemic" Tab« 
aufgegeben habe. 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus 



155 



Bilderbuch und Märchenerzählung bekannt worden sind, Objekte 
der unsinnigen und unmäßigen Angst, welche sich bei diesen 
Phobien zeigt; selten gelingt es einmal die Wege zu erfahren, 
auf denen sich eine ungewöhnliche Wahl des Angsttieres voll- 
zogen hat. So verdanke ich K. Abraham die Mitteilung eines 
Falles, in welchem ein Kind seine Angst vor Wespen selbst durch 
die Angabe aufklärte, die Farbe und Streifung des Wespenleibes 
hätte es an den Tiger denken lassen, vor dem es sich nach allem 
Gehörten fürchten durfte. 

Die Tierphobien der Kinder sind noch nicht Gegenstand auf- 
merksamer analytischer Untersuchung geworden, obwohl sie es 
im hohen Grade verdienen. Die Schwierigkeiten der Analyse mit 
Kindern in so zartem Alter sind wohl das Motiv der Unterlassung 
gewesen. Man kann daher nicht behaupten, daß man den allge- 
meinen Sinn dieser Erkrankungen kennt, und ich meine selbst, 
daß er sich nicht als einheitlich herausstellen dürfte. Aber einige 
Fälle von solchen auf größere Tiere gerichteten Phobien haben 
sich der Analyse zugänglich erwiesen und so dem Untersucher 
ihr Geheimnis verraten. Es war in jedem Falle das nämliche: die 
An "st galt im Grunde dem Vater, wenn die untersuchten Kinder 
Knaben waren, und war nur auf das Tier verschoben worden. 

Jeder in der Psychoanalyse Erfahrene hat gewiß solche Fälle 
gesehen und von ihnen den nämlichen Eindruck empfangen. Doch 
kann ich mich nur auf wenige ausführliche Publikationen dar- 
über berufen. Es ist dies ein Zufall der Literatur, aus welchem 
nicht geschlossen werden sollte, daß wir unsere Behauptung über- 
haupt nur auf vereinzelte Beobachtungen stützen können. Ich 
erwähne z. B. einen Autor, welcher sich verständnisvoll mit den 
Neurosen des Kindesalters beschäftigt hat, M. Wulff (Odessa). Er 
erzählt im Zusammenhange der Krankengeschichte eines neun- 
jährigen Knaben, daß dieser mit vier Jahren an einer Hundephobie 
gelitten hat. „Als er auf der Straße einen Hund vorbeilaufen sah, 
weinte er und schrie: ,Lieber Hund, fasse mich nicht, ich will 



l Sß Torem und Tabu 



artig sein.' Unter ,artig sein' meinte er: ,nicht mehr Geige spielen* 
(onanieren)." 1 

Derselbe Autor resümiert später: „Seine Hundephobie ist eigent- 
lich die auf die Hunde verschobene Angst vor dem Vater, denn 
seine sonderbare Äußerung: ,Hund, ich will artig sein' — d. h. 
nicht masturbieren — bezieht sich doch eigentlich auf den Vater 
der die Masturbation verboten hat." In einer Anmerkung setzt 
er dann hinzu, was sich eben so völlig mit meiner Erfahrung 
deckt und gleichzeitig die Reichlichkeit solcher Erfahrungen be- 
zeugt: „Solche Phobien (Pferdephobien, Hundephobien, Katzen, 
Hühner und andere Haustiere) sind, glaube ich, im Kindesalter 
mindestens ebenso verbreitet wie der pavor nocturnus und lassen 
sich in der Analyse fast immer als eine Verschiebung der Angst 
von einem der Eltern auf die Tiere entpuppen. Ob die so ver- 
breitete Mäuse- und Rattenphobie denselben Mechanismus hat, 
möchte ich nicht behaupten." 

Im ersten Band des Jahrbuches für psychoanalytische und psycho- 
pathologische Forschungen teilte ich die „Analyse der Phobie 
eines fünfjährigen Knaben" mit, welche mir der Vater des 
kleinen Patienten zur Verfügung gestellt hatte. Es war eine Angst 
vor Pferden, in deren Konsequenz der Knabe sich weigerte, auf 
die Straße zu gehen. Er äußerte die Befürchtung, das Pferd werde 
ms Zimmer kommen, werde ihn beißen. Vj> erwies sich, daß dies 
die Strafe für seinen Wunsch sein sollte, daß das Pferd umfallen 
(sterben) möge. Nachdem man dem Knaben durch Zusicherungen 
die Angst vor dem Vater benommen hatte, ergab es sich, daß er 
gegen Wünsche ankämpfte, die das Wegsein (Abreisen, Sterben) 
des Vaters zum Inhalt hatten. Er empfand den Vater, wie er 
überdeutlich zu erkennen gab, als Konkurrenten in der Gunst 
der Mutter, auf welche seine keimenden Sexual wünsche in dunkeln 
Ahnungen gerichtet w aren. Er befand sich also in jener typischen 

.) M. Wulff, Beiträge zur infantilen Sexualität. Zentralblatt für Psychoanalyse, 
1912, II, Nr. 1, p. 15 ff. J J ' 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus 



157 



Einstellung des männlichen Kindes zu den Eltern, welche wir 
als den „Ödipus-Komplex" bezeichnen, und in der wir den Kern- 
komplex der Neurosen überhaupt erkennen. Was wir neu aus der 
Analyse des „kleinen Hans" erfahren, ist die für den Totemismus 
wertvolle Tatsache, daß das Kind unter solchen Bedingungen einen 
Anteil seiner Gefühle von dem Vater weg auf ein Tier verschiebt. 

Die Analyse weist die inhaltlich bedeutsamen wie die zufälligen 
Assoziationswege nach, auf welchen eine solche Verschiebung vor 
sich geht. Sie läßt auch die Motive derselben erraten. Der aus 
der Nebenbuhlerschaft bei der Mutter hervorgehende Haß kann 
sich im Seelenleben des Knaben nicht ungehemmt ausbreiten, er 
hat mit der seit jeher bestehenden Zärtlichkeit und Bewunderung 
für dieselbe Person zu kämpfen, das Kind befindet sich in doppel- 
sinniger — ambivalenter — Gefühlseinstellung gegen den Vater 
und schafft sich Erleichterung in diesem Ambivalenzkonflikt, wenn 
es seine feindseligen und ängstlichen Gefühle auf ein Vatersurrogat 
verschiebt. Die Verschiebung kann den Konflikt allerdings nicht 
in der Weise erledigen, daß sie eine glatte Scheidung der zärt- 
lichen von den feindseligen Gefühlen herstellt. Der Konflikt setzt 
sich vielmehr auf das Verschiebungsobjekt fort, die Ambivalenz 
greift auf dieses letztere über. Es ist unverkennbar, daß der kleine 
Hans den Pferden nicht nur Angst, sondern auch Respekt und 
Interesse entgegenbringt. Sowie sich seine Angst ermäßigt hat, 
identifiziert er sich selbst mit dem gefürchteten Tier, springt als 
Pferd herum und beißt nun seinerseits den Vater. 1 In einem an- 
deren Auflösungsstadium der Phobie macht es ihm nichts, die 
Eltern mit anderen großen Tieren zu identifizieren. 2 

Man darf den Eindruck aussprechen, daß in diesen Tierphobien 
der Kinder gewisse Züge des Totemismus in negativer Ausprägung 
wiederkehren. Wir verdanken aber S. Ferenczi die vereinzelt 
schöne Beobachtung eines Falles, den man nur als po sitiven Tote- 

1) 1. c. [Ges. Schriften, VIII, S. 169]. 

2) Die Giraffenphantasie [1. c, S. 155]. 



158 Totem und Tabu 



mismus bei einem Kinde bezeichnen kann. 1 Bei dem kleinen Arpdd 
von dem Ferenczi berichtet, erwachen die totemistischen Inter- 
essen allerdings nicht direkt im Zusammenhang des Ödipus-Kom- 
plexes, sondern auf Grund der narzißtischen Voraussetzung des- 
selben, der Kastrationsangst. Wer aber die Geschichte des kleinen 
Hans aufmerksam durchsieht, wird auch in dieser die reichlichsten 
Zeugnisse dafür finden, daß der Vater als der Besitzer des großen 
Genitales bewundert und als der Bedroher des eigenen Genitales 
gefürchtet wird. Im Üdipus- wie im Kastrations-Komplex spielt der 
Vater die nämliche Rolle, die des gefürchteten Gegners der in- 
fantilen Sexualinteressen. Die Kastration und ihr Ersatz durch die 
Blendung ist die von ihm drohende Strafe. 2 

Als der kleine Arpad zweieinhalb Jahre alt war, versuchte er 
einmal in einem Sommeraufenthalte ins Geflügelhaus zu urinieren 
wobei ihn ein Huhn ins Glied biß oder nach seinem Glied 
schnappte. Als er ein Jahr später an denselben Ort zurückkehrte, 
wurde er selbst zum Huhn, er interessierte sich nur mehr für 
das Geflügelhaws und alles, was darin vorging, und gab seine 
menschliche Sprache gegen Gackern und Krähen auf. Zur Zeit 
der Beobachtung (fünf Jahre) sprach er wieder, aber beschäftigte 
sich auch in der Rede ausschließlich nur mit Hühnern und an- 
derem Geflügel. Er spielte mit keinem anderen Spielzeug, sang 
nur Lieder, in denen etwas vom Federvieh vorkam. Sein Benehmen 
gegen sein Toteintier war exquisit ambivalent, übermäßiges Hassen 
und Lieben. Am liebsten spielte er Hühnerschlachten. „Das Schlachten 
des Federviehs ist ihm überhaupt ein Fest. Er ist imstande, stunden- 
lang um die Tierleichen erregt herumzutanzen." Aber dann küßte 
und streichelte er das geschlachtete Tier, reinigte und liebkoste 
die von ihm selbst mißhandelten Ebenbilder von Hühnern. 



1) S. Ferenczi, Ein kleiner Hahneinann. Intern. Zeitschrift für ärztliche Psycho- 
analyse, 1913, I, Nr. 3. 

2) Über den Ersatz der Kastration durch die auch im Odipus-Mythns enthaltene 
Blendung vgl. die Mitteilungen von R eitler, Ferenczi, Rank und Eder in Inter- 
nationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse, 1915, I, Nr. 2. 






Die infantile Wiederkehr des Totemismus 159 



Der kleine Arpäd sorgte selbst dafür, daß der Sinn seines son- 
derbaren Treibens nicht verborgen bleiben konnte. Er übersetzte 
gelegentlich seine Wünsche aus der totemistischen Ausdrucksweise 
zurück in die des Alltagslebens. „Mein Vater ist der Hahn", sagte 
er einmal. „Jetzt bin ich klein, jetzt bin ich ein Küchlein. Wenn 
ich größer werde, bin ich ein Huhn. Wenn ich noch größer 
werde, bin ich ein Hahn." Ein andermal wünscht er sich plötzlich 
eine „eingemachte Mutter" zu essen (nach der Analogie des ein- 
gemachten Huhns). Er war sehr freigebig mit deutlichen Kastra- 
tionsandrohungen gegen andere, wie er sie wegen onanistischer 
Beschäftigung mit seinem Gliede selbst erfahren hatte. 

Über die Quelle seines Interesses für das Treiben im Hühner- 
hof blieb nach Ferenczi kein Zweifel: „Der rege Sexualverkehr 
zwischen Hahn und Henne, das Eierlegen und das Herauskriechen 
der jungen Brut" befriedigten seine sexuelle Wißbegierde, die 
eigentlich dem menschlichen Familienleben galt. Nach dem Vor- 
bild des Hühnerlebens hatte er seine Objektwünsche geformt, 
wenn er einmal der Nachbarin sagte: „Ich werde Sie heiraten 
und Ihre Schwester und meine drei Cousinen und die Köchin, 
nein, statt der Köchin lieber die Mutter." 

"Wir werden an späterer Stelle die Würdigung dieser Beob- 
achtung vervollständigen können; heben wir jetzt nur als wert- 
volle Übereinstimmungen mit dem Totemismus zwei Züge hervor: 
Di e volle Identifizierung mit dem Totemtier 1 und die ambivalente 
Gefühlseinstellung gegen dasselbe. Wir halten uns nach diesen 
Beobachtungen für berechtigt, in die Formel des Totemismus — 
für den Mann — den Vater an Stelle des Totemtieres einzu- 
setzen. Wir merken dann, daß wir damit keinen neuen oder be- 
sonders kühnen Schritt getan haben. Die Primitiven sagen es ja 
selbst und bezeichnen, soweit noch heute das totemistische System 
in Kraft besteht, den Totem als ihren Ahnherrn und Urvater. 

1) In welcher nach Frazer das Wesentliche des Totemismus gegeben ist: 
„Totemism is an identification of a man with his totem." T. and Ex., IV, p. 5. 



> 6o Totem und Tabu 



Wir haben nur eine Aussage dieser Völker wörtlich genommen, mit 
welcher die Ethnologen wenig anzufangen wußten, und die sie darum 
gern in den Hintergrund gerückt haben. Die Psychoanalyse mahnt 
uns, im Gegenteile gerade diesen Punkt hervorzusuchen und an 
ihn den Erklärungsversuch des Totemismus zu knüpfen. 1 

Das erste Ergebnis unserer Ersetzung ist sehr merkwürdig. 
Wenn das Totemtier der Vater ist, dann fallen die beiden Haupt- 
gebote des Totemismus, die beiden Tabuvorschriften, die seinen 
Kern ausmachen, den Totein nicht zu töten und kein Weib, das 
dem Totem angehört, sexuell zu gebrauchen, inhaltlich zusammen 
mit den beiden Verbrechen des Ödipus, der seinen Vater tötete 
und seine Mutter zum Weibe nahm, und mit den beiden Ur- 
wünschen des Kindes, deren ungenügende Verdrängung oder deren 
Wiedererweckung den Kern vielleicht aller Psychoneurosen bildet. 
Sollte diese Gleichung mehr als ein irreleitendes Spiel d^ Zufalls 
sein, so müßte sie uns gestatten, ein Licht auf die Entstehung 
des Totemismus in unvordenklichen Zeiten zu werfen. Mit anderen 
Worten, es müßte uns gelingen wahrscheinlich zu machen, daß 
das totemistische System sich aus den Bedingungen des üdipus- 
Komplexes ergeben hat wie die Tierphobie des „kleinen Hans" 
und die Geflügelperversion des „kleinen Arpäd". Um dieser Mög- 
lichkeit nachzugehen, werden wir im folgenden eine Eigentüm- 
lichkeit des totemistischen Systems oder, wie wir sagen können, 
der Totemreligion studieren, welche bisher kaum Erwähnung 
finden konnte. 

4 

Der im Jahre 1894 verstorbene W. Robertson Smith, Physiker, 
Philologe, Bibelkritiker und Altertumsforscher, ein ebenso viel- 
seitiger wie scharfsichtiger und freidenkender Mann, sprach in 

1) O. Rank verdanke ich die Mitteilung eines Falles von Hundephobie bei einem 
intelligenten jungen Manne, dessen Erklärung, wie er SU seinem Leiden gekommen 
sei, merklich an die oben (S. 158) erwähnte Totemtheorie der Annita anklingt. Er 
meinte, von seinem Vater erfahren zu haben, daß seine Mutter während der Schwanger- 
schaft mit ihm einmal vor einem Hunde erschrocken sei. 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus 161 



seinem 188g veröffentlichten Werke über die Religion der Semiten 1 
die Annahme aus, daß eine eigentümliche Zeremonie, die soge- 
nannte Totemma hl zeit, von allem Anfang an einen integrie- 
renden Bestandteil des totemistischen Systems gebildet habe. Zur 
Stütze dieser Vermutung stand ihm damals nur eine einzige, aus 
dem V. Jahrhundert n. Chr. überlieferte Beschreibung eines solchen 
Aktes zu Gebote, aber er verstand es, die Annahme durch die 
Analyse des Opferwesens bei den alten Semiten zu einem hohen 
Grad von Wahrscheinlichkeit zu erheben. Da das Opfer eine gött- 
liche Person voraussetzt, handelt es sich dabei um den Rück- 
schluß von einer höheren Phase des religiösen Ritus auf die nie- 
drigste des Totemismus. 

Ich will nun versuchen, aus dem ausgezeichneten Buch von 
Robertson Smith die für unser Interesse entscheidenden Sätze 
über Ursprung und Bedeutung des Opferritus herauszuheben unter 
Weglassung aller oft so reizvollen Details und mit konsequenter 
Hintansetzung aller späteren Entwicklungen. Es ist ganz ausge- 
schlossen, in einem solchen Auszug dem Leser etwas von der 
Luzidität oder von der Beweiskraft der Darstellung im Original 
zu übermitteln. 

Robertson Smith führt aus, daß das Opfer am Altar das 
wesentliche Stück im Ritus der alten Religion gewesen ist. Es 
snielt in allen Religionen die nämliche Rolle, so daß man seine 
Entstehung auf sehr allgemeine und überall gleichartig wirkende 
Ursachen zurückführen muß. 

Das Opfer — die heilige Handlung jmm;' igO'/riv (sacrificium, 
leoovQyia) — bedeutete aber ursprünglich etwas anderes, als was 
spätere Zeiten darunter verstanden: die Darbringung an die Gott- 
heit, um sie zu versöhnen oder sich geneigt zu machen. (Von 
dem Nebensinn der Selbstentäußerung ging dann die profane Ver- 
wendung des Wortes aus.) Das Opfer war nachweisbar zuerst 

1) W. Robertson Smith, The religion of the Senates. Second Edition, Lon- 
don 1907. 

Freud, X. " 



1Ö2 Tot im und Tabu 



nichts anderes als „an act of social fellowship between the deity 
and his worshippers", ein Akt der Geselligkeit, eine Kommunion 
der Gläubigen mit ihrem Gotte. 

Als Opfer wurden dargebracht eßbare und trinkbare Dinge$ 
dasselbe, wovon der Mensch sich nährte, Fleisch, Zerealien, Früchte, 
Wein und Öl, das opferte er auch seinem Gotte. Nur in bezug 
auf das Opferfleisch bestanden Einschränkungen und Abweichungen. 
Von den Tieropfern speist der Gott gemeinsam mit seinen An- 
betern, die vegetabilischen Opfer sind ihm allein überlassen. Es 
ist kein Zweifel, daß die Tieropfer die älteren sind und einmal 
die einzigen waren. Die vegetabilischen Opfer sind aus der Dar- 
bringung der Erstlinge aller Früchte hervorgegangen und ent- 
sprechen einem Tribut an ilen Herrn des Hodens und des Landes. 
Das Tieropfer ist aber älter als der Ackerbau. 

Es ist aus sprachlichen Überresten gewiß, daß der dem Gott 
bestimmte Anteil des Opfers zuerst als seine wirkliche Nahrung 
angesehen wurde. Mit der fortschreitenden Doinaterialisierung des 
göttlichen Wesens wurde diese Vorstellung anstößig; man wich 
ihr aus, indem man allein den flüssigen Anteil der Mahlzeit der 
Gottheit zuwies. Später gestattete der Gebrauch des Feuers, welcher 
das Opferfleisch auf dem Altar in Rauch aufgehen ließ, eine Zu- 
richtung der menschlichen Nahrungsmittel, du ich welche sie dem 
göttlichen Wesen angemessener wurden. Die Substanz des Trink- 
opfers war ursprünglich das Blut der Opfert iero$ Wein wurde 
später der Ersatz des Blutes. Der Wein galt den Alten als das 
„Blut der Rebe", wie ihn unsere Dichter jetzt noch heißen. 

Die älteste Form des Opfers, älter als der Gebrauch des Feuers 
und die Kenntnis des Ackerbaues, war also das Tieropfer, dessen 
Fleisch und Blut der Gott und seine Anbeter gemeinsam genossen. 
Es war wesentlich, daß jeder der Teilnehmer seinen Anteil an 
der Mahlzeit erhalte. 

Ein solches Opfer war eine öffentliche Zeremonie, das Fest 
eines ganzen Clan. Die Religion war überhaupt eine allgemeine 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus 165 



Angelegenheit, die religiöse Pflicht ein Stück der sozialen Ver- 
pflichtung. Opfer und Festlichkeit fallen bei allen Völkern zu- 
sammen, jedes Opfer bringt ein Fest mit sich und kein Fest kann 
ohne Opfer gefeiert werden. Das Opferfest war eine Gelegenheit 
der freudigen Erhebung über die eigenen Interessen, der Betonung 
der Zusammengehörigkeit untereinander und mit der Gottheit. 

Die ethische Macht der öffentlichen Opfermahlzeit ruhte auf 
uralten Vorstellungen über die Bedeutung des gemeinsamen Essens 
und Trinkens. Mit einem anderen zu essen und zu trinken, war 
gleichzeitig ein Symbol und eine Bekräftigung von sozialer Ge- 
meinschaft und von Übernahme gegenseitiger Verpflichtungen; die 
Opfermahlzeit brachte zum direkten Ausdruck, daß der Gott und 
seine Anbeter Commensalen sind, aber damit waren alle ihre 
anderen Beziehungen gegeben. Gebräuche, die noch heute unter 
den Arabern der Wüste in Kraft sind, beweisen, daß das Bindende 
an der gemeinsamen Mahlzeit nicht ein religiöses Moment ist, 
sondern der Akt des Essens selbst. Wer den kleinsten Bissen mit 
einem solchen Beduinen geteilt oder einen Schluck von seiner 
Milch getrunken hat, der braucht ihn nicht mehr als Feind zu 
fürchten sondern darf seines Schutzes und seiner Hilfe sicher sein. 
Allerdings nicht für ewige Zeiten; streng genommen, nur für so 
lange als der gemeinsam genossene Stoff der Annahme nach in 
seinem Körper verbleibt. So realistisch wird das Band der Ver- 
einigung aufgefaßt; es bedarf der Wiederholung, um es zu ver- 
stärken und dauerhaft zu machen. 

Warum wird aber dem gemeinsamen Essen und Trinken diese 
bindende Kraft zugeschrieben? In den primitivsten Gesellschaften 
gibt es nur ein Band, welches unbedingt und ausnahmslos einigt, 
das der Stammesgemeinschaft (kinship). Die Mitglieder dieser Ge- 
meinschaft treten solidarisch für einander ein, ein Kin ist eine 
Gruppe von Personen, deren Leben solcherart zu einer physischen 
Einheit verbunden sind, daß man sie wie Stücke eines gemein- 
samen Lebens betrachten kann. Es heißt dann beim Mord eines 



164 Totem und Tabu 



einzelnen aus dem Kin nicht: das Blut dieses oder jenes ist vergossen 
worden, sondern unser Blut ist vergossen worden. Die hebräische 
Phrase, mit welcher die Stammesverwandtschaft anerkannt wird, 
lautet: Du bist mein Bein und mein Fleisch. Kinship bedeutet 
also einen Anteil haben an einer gemeinsamen Substanz. Es ist 
dann natürlich, daß sie nicht nur auf die Talsache gegründet 
wird, daß man ein Teil von der Substanz seiner Mutter ist, von 
der man geboren und mit deren Milch man genährt wurde, son- 
dern daß auch die Nahrung, die mau späterhin genießt und durch 
die man seinen Körper erneuert, Kinship erwerben und bestärken 
kann. Teilte man die Mahlzeit mit seinem Gotte, so drückte es 
die Überzeugung aus, daß mau von einem Stoff mit ihm sei, 
und wen man als Fremden erkannte, mit. dem teilte man keine 
Mahlzeit. 

Die Opfermahlzeit war also ursprünglich ein Festmahl von 
Stammverwandten, dem Gesetze folgend, daß nur Stammverwandte 
miteinander essen. In unserer Gesellschaft einigt die Mahlzeit die 
Mitglieder der Familie, aber mit der Familie hat die Opfermahl- 
zeit nichts zu tun. Kinship ist älter als Familienleben ; die ältesten 
uns bekannten Familien umfassen regelmäßig Personen, die ver- 
schiedenen Verwandtschaftsverbänden angehören. Die Männer hei- 
raten Frauen aus fremden Claus, die Kinder erben den Clan der 
Mutter; es besteht keine Stammesverwandtschaft zwischen dem 
Manne und den übrigen Familienmitgliedein. In einer solchen 
Familie gibt es keine gemeinsame Mahlzeit. Die Wilden essen 
noch heute abseits und allein, und die religiösen Speiseverbote 
des Totemismus machen ihnen oft die F.ßgemeinschaft mit ihren 
Frauen und Kindern unmöglich. 

Wenden wir uns nun zum Opfertier. Es gab, wie wir gehört, 
keine Stammeszusammenkunft ohne Tieropfer, aber — was nun 
bedeutsam ist — auch kein Schlachten eines Tieres außer für 
solche feierliche Gelegenheit. Man nährte sich ohne Bedenken 
von Früchten, Wild und von der Milch der Haustiere, aber reli- 






Die infantile Wiederkehr des Totemismus ^65 



giöse Skrupel machten es dem einzelnen unmöglich, ein Haustier 
für seinen eigenen Gebrauch zu töten. Es leidet nicht den leisesten 
Zweifel, sagt Robertson Smith, daß jedes Opfer ursprünglich 
Clanopfer war, und daß das Töten eines Schlachtopfers ur- 
sprünglich zu jenen Handlungen gehörte, die dem einzelnen 
verboten sind und nur dann gerechtfertigt werden, wenn 
der ganze Stamm die Verantwortlichkeit mit übernimmt. 
Es gibt bei den Primitiven nur eine Klasse von Handlungen, für 
welche diese Charakteristik zutrifft, nämlich Handlungen, welche 
an die Heiligkeit des dem Stamme gemeinsamen Blutes rühren. 
Ein Leben, welches kein einzelner wegnehmen darf, und das nur 
durch die Zustimmung, unter der Teilnahme, aller Clangenossen 
geopfert werden kann, steht auf derselben Stufe wie das Leben 
der Stammesgenossen selbst. Die Regel, daß jeder Gast der Opfer- 
mahlzeit vom Fleisch des Opfertieres genießen müsse, hat den- 
selben Sinn wie die Vorschrift, daß die Exekution an einem 
schuldigen Stammesgenossen von dem ganzen Stamm zu vollziehen 
sei. Mit anderen Worten: Das Opfertier wurde behandelt wie ein 
Stammverwandter, die opfernde Gemeinde, ihr Gott und das 
Opfertier waren eines Blutes, Mitglieder eines Clan. 

Robertson Smith identifiziert auf Grund einer reichen Evi- 
denz das Opfertier mit dem alten Totemtier. Es gab im späteren 
Altertum zwei Arten von Opfern, solche von Haustieren, die auch 
für gewöhnlich gegessen wurden, und ungewöhnliche Opfer von 
Tieren die als unrein verboten waren. Die nähere Erforschung 
zeigt dann, daß diese unreinen Tiere heilige Tiere waren, daß sie 
den Göttern als Opfer dargebracht wurden, denen sie heilig waren, daß 
diese Tiere ursprünglich identisch waren mit den Göttern selbst, 
und daß die Gläubigen in irgend einer Weise beim Opfer ihre 
Blutsverwandtschaft mit dem Tiere und dem Gotte betonten. Für 
noch frühere Zeiten entfällt aber dieser Unterschied zwischen 
gewöhnlichen und „mystischen" Opfern. Alle Tiere sind ursprüng- 
lich heilig, ihr Fleisch ist verboten und darf nur bei feierlichen 









1 66 Totem und Tabu 






Gelegenheiten unter Teilnahme des ganzen Stammes genossen 
werden. Das Schlachten des Tieres kommt dem Vergießen von 
Stammesblut gleich und muß unter den nämlichen Vorsichten 
und Sicherungen gegen Vorwurf geschehen. 

Die Zähmung von Haustieren und das Emporkommen der 
Viehzucht scheint überall dem reinen und strengen Totemismus 
der Urzeit ein Ende bereitet zu haben. 1 Aber was in der nun 
„pastoralen" Religion den Haustieren an Heiligkeit verblieb, ist 
deutlich genug, um den ursprünglichen Totenu harakter derselben 
erkennen zu lassen. Noch in späten klassischen Zeiten schrieb der 
Ritus an verschiedenen Orten dein Opferer vor, nach vollzogenem 
Opfer die Flucht zu ergreifen, wie um sich einer Ahndung zu 
entziehen. In Griechenland muH die Idee, daß die Tötung eines 
Ochsen eigentlich ein Verbrechen sei, einst allgemein geherrscht 
haben. An dem athenischen Fest der ßouphonien wurde nach 
dem Opfer ein förmlicher Prozeß eingeleitet, bei dem alle Betei- 
ligten zum Verhör kamen. Endlich einigte mau sich, die Schuld 
an der Mordtat auf das Messer abzuwälzen, welches dann ins 
Meer geworfen wurde. 

Trotz der Scheu, welche das Leben des heiligen Tieres als 
eines Stammesgenossen schützt, wird es zur Notwendigkeit, ein 
solches Tier von Zeit zu Zeit in feierlicher Gemeinschaft zu töten 
und Fleisch und Blut desselben unter die Clangenossen zu ver- 
teilen. Das Motiv, welches diese Tat gebietet, gibt den tiefsten 
Sinn des Opferwesens preis. Wir haben gehört, daß in späteren 
Zeiten jedes gemeinsame Essen, die Teilnahme an der nämlichen 
Substanz, welche in ihre Körper eindringt, ein heiliges Band 
zwischen den Commensalen herstellt; in ältesten Zeiten scheint 
diese Bedeutung nur der Teilnahme au der Substanz eines hei- 
ligen Opfers zuzukommen. Das heilige Mysterium des Opfer- 

l) „The inftrence is ihat the domestication to which toiemism invariablf leads (when there 
are any aniinah capablc of donusiication) is final to totemism." Jevons, An introduetion 
to the history of religion 1911, fifth cdition, p. uo. 









Die infantile Wiederkehr des Totemismus 167 



todes rechtfertigt sich, indem nur auf diesem Wege das 
heilige Band hergestellt werden kann, welches die Teil- 
nehmer untereinander und mit ihrem Gotte einigt. 1 

Dieses Band ist nichts anderes als das Leben des Opfertieres, 
welches in seinem Fleisch und in seinem Blute wohnt und durch 
die Opfermahlzeit allen Teilnehmern mitgeteilt wird. Eine solche 
Vorstellung liegt allen Blutbündnissen zugrunde, durch die 
sich noch in späten Zeiten Menschen gegeneinander verpflichten. 
Die durchaus realistische Auffassung der Blutsgemeinschaft als 
Identität der Substanz läßt die Notwendigkeit verstehen, sie von 
Zeit zu Zeit durch den physischen Prozeß der Opfermahlzeit zu 

erneuern. 

Brechen wir hier die Mitteilung der Gedankengänge von Robert- 
son Smith ab, um ihren Kern in gedrängtester Kürze zu resü- 
mieren: Als die Idee des Privateigentums aufkam, wurde das 
Opfer als eine Gabe an die Gottheit, als eine Übertragung aus 
dem Eigentum des Menschen in das des Gottes aufgefaßt. Allein 
diese Deutung ließ alle Eigentümlichkeiten des Opferrituals un- 
aufgeklärt. In ältesten Zeiten war das Opfertier selbst heilig, sein 
Leben unverletzlich gewesen; es konnte nur unter der Teilnahme 
und Mitschuld des ganzen Stammes und in Gegenwart des Gottes 
genommen werden, um die heilige Substanz zu liefern, durch 
deren Genuß die Clangenossen sich ihrer stofflichen Identität 
untereinander und mit der Gottheit versicherten. Das Opfer war 
ein Sakrament, das Opfertier selbst ein Stammesgenosse. Es war 
in Wirklichkeit das alte Totemtier, der primitive Gott selbst, 
durch dessen Tötung und Verzehrung die Clangenossen ihre Gott 
Ähnlichkeit auffrischten und versicherten. 

Aus dieser Analyse des Opferwesens zog Robertson Smith 
den Schluß, daß die periodische Tötung und Aufzehrung des 
Totem in Zeiten vor der Verehrung anthropomorpher Gott- 

1) 1. c. p. 115- 



i68 



Totem und Tabu 



heiten ein bedeutsames Stück der Totemreligion gewesen sei. 
Das Zeremoniell einer solchen Totemmahlzeit, meinte er, sei uns 
in der Beschreibung eines Opfers aus späteren Zeiten erhalten. 
Der hl. Nilus berichtet von einer Opfersitte der Beduinen in der 
sinaitischen Wüste um das Ende des vierten Jahrhunderts nach Christi 
Geburt. Das Opfer, ein Kamel, wurde gebunden auf einen rohen 
Altar von Steinen gelegt; der Anführer des Stammes ließ die 
Teilnehmer dreimal unter Gesängen um den Altar herumgehen, 
brachte dem Tiere die erste Wunde bei und trank gierig das 
hervorquellende Blut; dann stürzte sich die ganze Gemeinde auf 
das Opfer, hieb mit den Schwertern Stücke des zuckenden Flei- 
sches los und verzehrte sie roh in solcher Hast, daß in der kurzen 
Zwischenzeit zwischen dem Aufgang des Morgensterns, dem dieses 
Opfer galt, und dem Krblassen des Gestirns vor den Sonnen- 
strahlen alles vom Opfertier, Leib, Knochen, Haut, Fleisch und 
Eingeweide vertilgt war. Dieser barbarische, von höchster Alter- 
tümlichkeit zeugende Ritus war allen Beweismitteln nach kein 
vereinzelter Gebrauch, sondern die allgemeine ursprüngliche Form 
des Totemopfers, die in späterer Zeit die verschiedensten Ab- 
schwächungen erfuhr. 

Viele Autoren haben sich geweigert, der Konzeption der Totem- 
mahlzeit Gewicht beizulegen, weil sie durch die direkte Beob- 
achtung auf der Stufe des Totemismus nicht erhärtet werden 
konnte. Robertson Smith hat noch selbst auf die Beispiele hin- 
gewiesen, in denen die sakramentale Bedeutung der Opfer gesichert 
scheint, z. B. bei den Menschenopfern der Azteken, und auf andere, 
welche an die Bedingungen der Totemmahlzeit erinnern, die 
Bärenopfer des Bärenstamines der Ouataouaks in Amerika und 
die Bärenfeste der Ainos in Japan. Frazer hat diese und ähnliche 
Fälle in den beiden letzterschienenen Abteilungen seines großen 
Werkes ausfü hrlich mitgeteilt.' Ein Indianerstamm in Kalifornien, 

i) The Golden Bougli, Part V, Spirili of the com and of tho wild; 191a, in den 
Abschnitten: Kating the God und Killi.ig the divine animol. 



I 



Die i nfantile Wiederkehr des Totemismus l6 9 

der einen großen Raubvogel (Bussard) verehrt, tötet diesen in 
feierlicher Zeremonie einmal im Jahre, worauf er betrauert und 
seine Haut mit den Federn aufbewahrt wird. Die Zuniindianer 
in Neumexiko verfahren ebenso mit ihrer heiligen Schildkröte. 

In den Intichiumazeremonien der zentralaustralischen Stämme 
ist ein Zug beobachtet worden, welcher zu den Voraussetzungen 
von Robertson Smith vortrefflich stimmt. Jeder Stamm, der für 
die Vermehrung seines Totem, dessen Genuß ihm doch selbst 
verwehrt ist, Magie treibt, ist gehalten, bei der Zeremonie etwas 
von seinem Totem selbst zu genießen, ehe derselbe den anderen 
Stämmen zugänglich wird. Das schönste Beispiel für den sakra- 
mentalen Genuß des sonst verbotenen Totem soll sich nach Frazer 
bei den Bini in Westafrika in Verbindung mit dem Begrabms- 
zeremoniell dieser Stämme finden. 1 

Wir aber wollen Robertson Smith in der Annahme folgen, 
daß die sakramentale Tötung und gemeinsame Aufzehrung des 
sonst verbotenen Totemtieres ein bedeutungsvoller Zug der Totem- 
religion gewesen sei. 2 

5 
Stellen wir uns nun die Szene einer solchen Totemmahlzeit 
vor und statten sie noch mit einigen wahrscheinlichen Zügen 
aus die bisher nicht gewürdigt werden konnten. Der Clan, der 
sein Totemtier bei feierlichem Anlasse auf grausame Art tötet 
tnd es roh verzehrt, Blut, Fleisch und Knochen j dabex sind die 
Stammesgenossen in die Ähnlichkeit des Totem verkleidet, imi- 
tieren es in Lauten und Bewegungen, als ob sie seine und ihre 
Identität betonen wollten. Es ist das Bewußtsein dabei, daß man 
eine jedem einzelnen verbotene Handlung ausführt, die nur durch 

i) Frazer, T. and Ex. T. II, p. 590. 

2) Die von verschiedenen Autoren (Mariliier, Hubert und Mauss u. a.) 
gegen diese Theorie des Opfers vorgebrachten Einwendungen sind mir nicht unbe- 
kannt geblieben, haben aber den Eindruck der Lehren von Robertson Smith im 
wesentlichen nicht beeinträchtigt. 



170 Totem und Tabu 



die Teilnahme aller gerechtfertigt werden kann; es darf sich auch 



keiner von der Tötung und der Mahlzeit ausschließen. Nach der 
Tat wird das hingemordete Tier beweint und beklagt. Die Toten- 
klage ist eine zwangsmäßige, durch die Furcht vor einer drohenden 
Vergeltung erzwungene, ihre I lauptabsicht geht dahin, wie Ro- 
bertson Smith bei einer analogen Gelegenheit bemerkt, die 
Verantwortlichkeit für die Tötung von sich abzuwälzen.' 

Aber nach dieser Trauer folgt die lauteste Festfreude, die Ent- 
fesselung aller Triebe und Gestattung aller Befriedigungen. Die 
Einsicht in das Wesen des Festes fällt uns hier ohne jede 
Mühe zu. 

Ein Fest ist ein gestatteter, vielmehr ein gebotener Exzeß, ein 
feierlicher Durchbruch eines Verbotes. Nicht weil die Menschen 
infolge irgend einer Vorschrift froh gestimmt sind, begehen sie 
die Ausschreitungen, sondern der Exzeß liegt im Wesen des Festes; 
die festliche Stimmung wird durch die Freigebung des sonst Ver- 
botenen erzeugt. 

Was soll aber die Einleitung zu dieser Festesfreude, die Trauer 
über den Tod des Totemticres? Wenn man sich über die Tötung 
des Totem, die sonst versagt ist, freut, warum trauert man auch 
über sie? 

Wir haben gehört, daß sich die Clangenossen durch den Genuß 
des Totem heiligen, in ihrer Identifizierung mit ihm und unter- 
einander bestärken. Daß sie das heilige Leben, dessen Träger die 
Substanz des Totem ist, in sich aulgenommen haben, könnte ja 
die festliche Stimmung und alles, was aus ihr folgt, erklären. 

Die Psychoanalyse hat uns verraten, daß dasTotemtier wirklich der 
Ersatz des Vaters ist, und dazu stimmte wohl der Widerspruch, 
daß es sonst verboten ist, es zu töten, und daß seine Tötung zur 
Festlichkeit wird, daß man das Tier tötet und es doch betrauert. 
Die ambivalente Gefühlseinstellung, welche den Vaterkomplex 
heute noch bei unseren Kindern auszeichnet und sich oft ins 

1) Religion of tlie Semite», 2>>d edition 1907, p. 41a. 







Die infantile Wiederkehr des Totemismus 1_7* 



Leben der Erwachsenen fortsetzt, würde sich auch auf den Vater- 
ersatz des Totemtieres erstrecken. 

Allein, wenn man die von der Psychoanalyse gegebene Über- 
setzung des Totem mit der Tatsache der Totemmahlzeit und der 
Darwinschen Hypothese über den Urzustand der menschlichen 
Gesellschaft zusammenhält, ergibt sich die Möglichkeit eines 
tieferen Verständnisses, der Ausblick auf eine Hypothese, die phan- 
tastisch erscheinen mag, aber den Vorteil bietet, eine unvermutete 
Einheit zwischen bisher gesonderten Reihen von Phänomenen 

herzustellen. 

Die Darwinsche Urhorde hat natürlich keinen Raum für die 
Anfänge des Totemismus. Ein gewalttätiger, eifersüchtiger Vater, 
der alle Weibchen für sich behält und die heranwachsenden Söhne 
vertreibt, nichts weiter. Dieser Urzustand der Gesellschaft ist nir- 
gends Gegenstand der Beobachtung geworden. Was wir als primi- 
tivste Organisation finden, was noch heute bei gewissen Stämmen 
in Kraft besteht, das sind Männerverbände, die aus gleichbe- 
rechtigten Mitgliedern bestehen und den Einschränkungen des 
totemistischen Systems unterliegen, dabei mütterliche Erblichkeit. 
Kann das eine aus dem anderen hervorgegangen sein und auf 
welchem Wege war es möglich? 

Die Berufung auf die Feier der Totemmahlzeit gestattet uns 
eine Antwort zu geben: Eines Tages 1 taten sich die ausgetrie- 
benen Brüder zusammen, erschlugen und verzehrten den Vater 
und machten so der Vaterhorde ein Ende. Vereint wagten sie 
und brachten zustande, was dem einzelnen unmöglich geblieben 
wäre. (Vielleicht hatte ein Kulturfortschritt, die Handhabung einer 
neuen Waffe, ihnen das Gefühl der Überlegenheit gegeben.) Daß 
sie den Getöteten auch verzehrten, ist für den kannibalen Wilden 
selbstverständlich. Der gewalttätige Urvater war gewiß das benei- 
dete und gefürchtete Vorbild eines jeden aus der Brüderschar 

i) Zu dieser Darstellung, die sonst mißverständlich würde, bitte ich die Schluß- 
sätze der nachfolgenden Anmerkung als Korrektiv hinzuzunehmen. 






»7 2 Totem und Tabu 



gewesen. Nun setzten sie im Akte des Verzelirens die Identifizie- 
rung mit ihm durch, eigneten sich ein jeder ein Stück seiner 
Stärke an. Die 1 otemmahlzeit, vielleicht das erste Fest der Mensch- 
heit, wäre die Wiederholung und die Gedenkfeier dieser denk- 
würdigen, verbrecherischen Tat, mit welcher so vieles seinen 
Anfang nahm, die sozialen Organisationen, die sittlichen Ein- 
schränkungen und die Religion. 1 

Um, von der Voraussetzung absehend, diese Kolgen glaubwürdig 
zu linden, braucht man nur anzunehmen, daß die sich zusammen- 
rottende Hrüderschar von denselben einander widersprechenden 
Gefühlen gegen den Vater beherrscht war, die wir als Inhalt der 
Ambivalenz des Vaterkomplexes bei jedem unserer Kinder und 

i) Die ungeheuerlich erscheinende Annahme der Überwältigung und Tatung des 
tyranmschen Vaters durch die Vereinigung der ausgetriebenen Sühne hat sich auch 
Atkinson als direkte Folgerung aus den Verhältnissen der Darwinschen Urhorde 
ergeben. „A youthful band of broüurs living logether in foretd ctlibacy, or at most in 
polyandrous relatwn with samt Single Janalc captwe. A horde at yet weak in their impubescence 
Ihey are, but they wouid, when strtngth was gained with timt intvitably wrench by combincd 
attacks rrnewtd agam and again and again, both wife and life fron, tht paUrnal tJTWÜ« 
(Pnmnl Law, pag. 220-221). Atkinson, der Übrigens sein Leben in Neu-Caledonien 
verbrachte und ungewöhnliche Gelegenheit zum Studium der Eingeborenen hatte, 
beruft sich auch darauf, daß die von Darwin «upponicrtrn Zustande der Urhorde 
bei wilden Rinder- und Pferdeherden leicht zu beobachten sind und regelmäßig zur 
Tötung des Vatertiercs führen. Er nimmt dann weiter an, dal) nach der Beseitigung 
des Vaters ein Zerfall der Horde durch den erbitterten Kampf der siegreichen Söhne 
untereinander eintritt. Auf diese Weise käme eine neue Organisation der Gesellschaft 
niemals zustande: „an ever recurring violent suectssion tu tl,e solilary pattrnal tyrant by 
sons, whose parricidal hands wtrt so soon again clrnched in fratricidal strifc" 
(p. 228). Atkinson, dem die Winke der Psychoanalyse nicht zu Gebote standen, und 
dem die Studien von Robertson Smith nicht bekannt waren, findet einen minder 
gewaltsamen Übergang von der Urhorde zur nächsten sozialen Stufe, auf welcher 
zahlreiche Männer in friedlicher Gemeinschaft zusammenleben. Er läßt es die Mutter- 
liebe durchsetzen, daß anfangs nur die jüngsten, später auch andere Sühne in der 
Horde verbleiben, wofür diese Geduldeten das sexuelle Vorrecht des Vaters in Form 
der von ihnen geübten Entsagung gegen Mutter und Schwestern anerkennen. 

So viel über d.e höchst bemerkenswerte Theorie von Atkinson, ihre Überein- 
stimmung mit der hier vorgetragenen im wesentlichen Punkte und ihre Abwei- 
chung davon, welche den Verzicht auf den Zusammenhang mit so vielem anderen 
mit sich bringt. 

Die Unbestimmtheit, die zeitliche Verkürzung und inhaltliche Zusammendrängung 
der Angaben m meinen obenstchenden Ausführungen darf ich als eine durch die 
Natur des Gegenstandes geforderte Enthaltung hinstellen. Es wäre ebenso unsinnig, 
in dieser Materie Exaktheit anzustreben, wie es unbillig wäre, Sicherheiten zu fordern. 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus 173 



unserer Neurotiker nachweisen können. Sie haßten den Vater, der 
ihrem Machtbedürfnis und ihren sexuellen Ansprüchen so mächtig 
im Wege stand, aber sie liebten und bewunderten ihn auch. 
Nachdem sie ihn beseitigt, ihren Haß befriedigt und ihren Wunsch 
nach Identifizierung mit ihm durchgesetzt hatten, mußten sich 
die dabei überwältigten zärtlichen Regungen zur Geltung bringen. 1 
Es geschah in der Form der Reue, es entstand ein Schuldbewußt- 
sein, welches hier mit der gemeinsam empfundenen Reue zu- 
sammenfällt. Der Tote wurde nun stärker, als der Lebende gewesen 
war; all dies, wie wir es noch heute an Menschenschicksalen 
sehen. Was er früher durch seine Existenz verhindert hatte, das 
verboten sie sich jetzt selbst in der psychischen Situation des uns 
aus den Psychoanalysen so wohl bekannten „nachträglichen 
Gehorsams". Sie widerriefen ihre Tat, indem sie die Tötung 
des Vaterersatzes, des Totem, für unerlaubt erklärten, und ver- 
zichteten auf deren Früchte, indem sie sich die freigewordenen 
Frauen versagten. So schufen sie aus dem Schuldbewußtsein 
des Sohnes die beiden fundamentalen Tabu des Totemismus, die 
eben dämm mit den beiden verdrängten Wünschen des Ödipus- 
Komplexes übereinstimmen mußten. Wer dawiderhandelte, machte 
sich der beiden einzigen Verbrechen schuldig, welche die primi- 
tive Gesellschaft bekümmerten. 2 

Die beiden Tabu des Totemismus, mit denen die Sittlichkeit 
der Menschen beginnt, sind psychologisch nicht gleichwertig. Nur 
das eine, die Schonung des Totemtieres, ruht ganz auf Gefühls- 
motiven;' der Vater war ja beseitigt, in der Realität war nichts 
mehr gutzumachen. Das andere aber, das Inzestverbot, hatte auch 

° : a) Dieser neuen Gefühlseinstellung mußte auch zugute kommen, daß die Tat 
keinem der Täter die volle Befriedigung bringen konnte. Sic war in gewisser Hin- 
sicht vergeblich geschehen. Keiner der Söhne konnte ja seinen ursprünglichen Wunsch 
durchsetzen, die Stelle des Vaters einzunehmen. Der Mißerfolg ist aber, wie wir 
wissen, der moralischen Reaktion weit günstiger als die Befriedigung. 

2) „Murder and incest, or offences of a like hind against the sacred law of blood are in 
primitive society the only crimes of which the Community as such takes cognizance . . ." Re- 
ligion of the Senates, p. 419. 









174 Totem und Tabu 



eine starke praktische Begründung. Das sexuelle Bedürfnis einigt 
die Männer nicht, sondern entzweit sie. Hatten sich die Brüder 
verbündet, um den Vater zu überwältigen, so war jeder des an- 
deren Nebenbuhler bei den Frauen. Jeder hätte sie wie der Vater 
alle für sich haben wollen, und in dem Kampfe aller gegen alle 
wäre die neue Organisation zugrunde gegangen. Es war kein 
Überstarker mehr da, der die Rolle des Vaters mit Erfolg hätte 
aufnehmen können. Somit blieb den Brüdern, wenn sie mitein- 
ander leben wollten, nichts übrig, als — vielleicht nach Über- 
windung schwerer Zwischenfälle — das I n/est verbot aufzurichten, 
mit welchem sie alle zugleich auf die von ihnen begehrten Frauen 
verzichteten, um deren wegen sie doch in erster Linie den Vater 
beseitigt hatten. Sie retteten so die Organisation, welche sie stark 
gemacht hatte, und die auf homosexuellen Gefühlen und Betäti- 
gungen ruhen konnte, welche sich in der Zeit der Vertreibung 
bei ihnen eingestellt haben mochten. Vielleicht war es auch diese 
Situation, welche den Keim zu den von Bachofen erkannten 
Institutionen des Mutterrechts legte, bis dieses von der patri- 
archalischen Familienordnung abgelöst wurde. 

An das andere Tabu, welches das Leben des Totemlieres be- 
schützt, knüpft hingegen der Anspruch des Totemismus an, als 
erster Versuch einer Religion gewertet zu werden. Bot sich dem 
Empfinden der Söhne das Tier als natürlicher und nächstliegender 
Ersatz des Vaters, so fand sich in der ihnen zwanghaft gebotenen Be- 
handlung desselben doch noch mehr Ausdruck als das Bedürfnis, 
ihre Reue zur Darstellung zu bringen. Es konnte mit dem Vater- 
surrogat der Versuch gemacht werden, das brennende Schuldgefühl 
zu beschwichtigen, eine Art von Aussöhnung mit dem Vater zu 
bewerkstelligen. Das totemistische System war gleichsam ein Ver- 
trag mit dem Vater, in dem der letztere all das zusagte, was die 
kindliche Phantasie vom Vater erwarten durfte, Schutz, Fürsorge 
und Schonung, wogegen man sich verpflichtete, sein Leben zu 
ehren, das heißt die Tat an ihm nicht zu wiederholen, durch die 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus 175 



der wirkliche Vater zugrunde gegangen war. Es lag auch ein 
Rechtfertigungsversuch im Totemismus. „Hätte der Vater uns 
behandelt wie der Totem, wir wären nie in die Versuchung ge- 
kommen, ihn zu töten." So verhalf der Totemismus dazu, die 
Verhältnisse zu beschönigen und das Ereignis vergessen zu machen, 
dem er seine Entstehung verdankte. 

Es wurden hiebei Züge geschaffen, die fortan für den Charakter 
der Religion bestimmend blieben. Die Totemreligion war aus dem 
Schuldbewußtsein der Söhne hervorgegangen als Versuch, dies 
Gefühl zu beschwichtigen und den beleidigten Vater durch den 
nachträglichen Gehorsam zu versöhnen. Alle späteren Religionen 
erweisen sich als Lösungsversuche desselben Problems, variabel je 
nach dem kulturellen Zustand, in dem sie unternommen werden, 
und nach den Wegen, die sie einschlagen, aber es sind alle gleich- 
zielende Reaktionen auf dieselbe große Begebenheit, mit der die 
Kultur begonnen hat, und die seitdem die Menschheit nicht zur 
Ruhe kommen läßt. 

Auch ein anderer Charakter, den die Religion treu bewahrt 
hat, ist damals schon im Totemismus hervorgetreten. Die Ambi- 
valenzspannung war wohl zu groß, um durch irgend eine Veran- 
staltung ausgeglichen zu werden, oder die psychologischen Bedin- 
gungen sind der Erledigung dieser Gefühlsgegensätze überhaupt 
nicht günstig. Man merkt jedenfalls, daß die dem Vaterkomplex 
anhaftende Ambivalenz sich auch in den Totemismus und in die 
Religionen überhaupt fortsetzt. Die Religion des Totem umfaßt 
nicht nur die Äußerungen der Reue und die Versuche der Ver- 
söhnung, sondern dient auch der Erinnerung an den Triumph 
über den Vater. Die Befriedigung darüber läßt das Erinnerungs- 
fest der Totemmahlzeit einsetzen, bei dem die Einschränkungen 
des nachträglichen Gehorsams wegfallen, macht es zur Pflicht, das 
Verbrechen des Vatermordes in der Opferung des Totemtieres 
immer wieder von neuem zu wiederholen, so oft der festgehaltene 
Erwerb jener Tat, die Aneignung der Eigenschaften des Vaters, 



176 



Totem und Tabu 



infolge der verändernden Einflüsse des Lebens zu entschwinden 
droht. Wir werden nicht überrascht sein zu finden, daü auch der 
Anteil des Söhnest rot/es, oft in den merkwürdigsten Verkleidungen 
und Umwendungen, in späteren Religionsbildungen wieder auftaucht. 

Verfolgen wir in Religion und sittlicher Vorschrift, die im 
Totemisinus noch wenig scharf gesondert sind, bisher die Folgen 
der in Reue verwandelten zärtlichen Strömung gegen den Vater, 
SO wollen wir doch nicht übersehen, daß im wisentlichen die 
Tendenzen, welche zum Vatermord gedrängt haben, den Sieg be- 
halten. Die sozialen Brudergefühle, auf denen die große Um- 
wälzung ruht, bewahren von nun an über lange '/.eilen den tiefst- 
gehenden Einfluß auf die Entwicklung der Gesellschaft. Sie 
schaffen sich Ausdruck in der Heiligung des gemeinsamen 
Blutes, in der Betonung der Solidarität aller Leben desselben 
Clan. Indem die Brüder sich einander so das Leben zusichern, 
sprechen sie aus, daß niemand von ihnen vom anderen behan- 
delt werden dürfe, wie der Vater von ihnen allen gemeinsam. 
Sie schließen eine Wiederholung des Vaterschicksals aus. Zum 
religiös begründeten Verbot, den Totem zu töten, kommt nun 
das sozial begründete Verbot des Brudermordes hinzu. Es wird 
dann noch lange währen, bis das Gebot die Einschränkung auf 
den Stammesgenossen abstreifen und den einfachen Wortlaut an- 
nehmen wird: Du sollst nicht morden. Zunächst ist an Stelle der 
Vaterhorde der Brüderclan getreten, welcher sich durch das 
Blutband versichert hat. Die Gesellschaft ruht jetzt auf der Mit- 
schuld an dem gemeinsam verübten Verbrechen, die Religion auf 
dem Schuldbewußtsein und der Reue darüber, die Sittlichkeit 
teils auf den Notwendigkeiten dieser Gesellschaft, zum anderen 
Teil auf den vorn Schuldbewußtsein geforderten Bußen. 

Im Gegensatz zu den neueren und in Anlehnung an die älteren 
Auffassungen des totemistischen Systems heißt uns also die Psycho- 
analyse einen innigen Zusammenhang und gleichzeitigen Ursprung 
von Totemisinus und Exogamie vertreten. 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus 177 

6 

Ich stehe unter der Einwirkung einer großen Anzahl von 
starken Motiven, die mich vom Versuche zurückhalten werden, 
die weitere Entwicklung der Religionen von ihrem Beginn im 
Totemismus an bis zu ihrem heutigen Stande zu schildern. Ich 
will nur zwei Fäden hindurch verfolgen, wo ich sie im Gewebe 
besonders deutlich auftauchen sehe: Das Motiv des Totemopfers 
und das Verhältnis des Sohnes zum Vater. 1 

Robertson Smith hat uns belehrt, daß die alte Totemmahlzeit 
in der ursprünglichen Form des Opfers wiederkehrt. Der Sinn 
der Handlung ist derselbe: Die Heiligung durch die Teilnahme 
an der gemeinsamen Mahlzeit 5 auch das Schuldbewußtsein ist 
dabei geblieben, welches nur durch die Solidarität aller Teilnehmer 
beschwichtigt werden kann. Neu hinzugekommen ist die Stammes- 
gottheit, in deren gedachter Gegenwart das Opfer stattfindet, die 
an dem Mahle teilnimmt wie ein Stammesgenosse, und mit der 
man sich durch den Genuß am Opfer identifiziert. Wie kommt 
der Gott in die ihm ursprünglich fremde Situation? 

Die Antwort könnte lauten, es sei unterdes — unbekannt woher — 
die Gottesidee aufgetaucht, habe sich das ganze religiöse Leben 
unterworfen, und wie alles andere, was bestehen bleiben wollte, 
hätte auch die Totemmahlzeit den Anschluß an das neue System 
gewinnen müssen. Allein die psychoanalytische Erforschung des 
einzelnen Menschen lehrt mit einer ganz besonderen Nachdrück- 
lichkeit, daß für jeden der Gott nach dem Vater gebildet ist, daß 
sein persönliches Verhältnis zu Gott von seinem Verhältnis zum 
leiblichen Vater abhängt, mit ihm schwankt und sich verwandelt 
und daß Gott im Grunde nichts anderes ist als ein erhöhter Vater. 
Die Psychoanalyse rät auch hier wie im Falle des Totemismus, 
den Gläubigen Glauben zu schenken, die Gott Vater nennen, wie 

1) Vgl. die zum Teil von abweichenden Gesichtspunkten beherrschte Arbeit von 
C. G. Jung, Wandlungen und Symbole der Libido. Jahrbuch für psychoanalytische 
Forschungen, IV, 1912. 

Freud, X. 13 



178 Totem und Tabu 



sie den Totem Ahnherrn genannt haben. Wenn die Psychoana- 
lyse irgendwelche Beachtung verdient, so muß, unbeschadet aller 
anderen Ursprünge und Bedeutungen Gottes, auf welche die Psycho- 
analyse kein Licht werfen kann, der Vateranteil an der Gottes- 
idee ein sehr gewichtiger sein. Dann wäre aber in der Situation 
des primitiven Opfers der Vater zweimal vertreten, einmal als 
Gott und dann als das Totemopfertier, und bei allem Bescheiden 
mit der geringen Mannigfaltigkeit der psychoanalytischen Lösungen 
müssen wir fragen, ob das möglich ist und welchen Sinn es haben 
kann. 

Wir wissen, daß mehrfache Beziehungen zwischen dem Gott 
und dem heiligen Tier (Totem, Opfertier) bestehen : 1 . Jedem 
Gott ist gewöhnlich ein Tier heilig, nicht selten selbst mehrere; 
2. in gewissen, besonders heiligen Opfern, den „mystischen", wurde 
dem Gotte gerade das ihm geheiligte Tier zum Opfer dargebracht; 1 
5. der Gott wurde häufig in der Gestalt eines Tieres verehrt 
oder, anders gesehen, Tiere genossen göttliche Verehrung lange 
nach dem Zeitalter des Totemismus; 4. in den Mythen verwandelt 
sich der Gott häufig in ein Tier, oft in das ihm geheiligte. So 
läge die Annahme nahe, daß der Gott selbst das Totemtier wäre, 
sich auf einer späteren Stufe des religiösen Fühlens aus dem 
Totemtier entwickelt hätte. Aller weiteren Diskussion überhebt 
uns aber die Erwägung, daß der Totem selbst nichts anderes ist 
als ein Vaterersatz. So mag er die erste Form des Vaterersatzes 
sein, der Gott aber eine spätere, in welcher der Vater seine 
menschliche Gestalt wiedergewonnen. Eine solche Neuschöpfung 
aus der Wurzel aller Beligionsbildung, der Vatersehnsucht, 
konnte möglich werden, wenn sich im Laufe der Zeiten am Ver- 
hältnis zum Vater — und vielleicht auch zum Tiere — Wesent- 
liches geändert hatte. 

Solche Veränderungen lassen sich leicht erraten, auch wenn 
man von dem Beginn einer psychischen Entfremdung von dem 



1) Robertson Smith, Religion of tlic Semitc*. 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus 17g 

Tiere und von der Zersetzung des Totemismus durch die Dome- 
stikation absehen will. 1 In der durch die Beseitigung des Vaters 
hergestellten Situation lag ein Moment, welches im Laufe der 
Zeit eine außerordentliche Steigerung der Vatersehnsucht erzeugen 
mußte. Die Brüder, welche sich zur Tötung des Vaters zusammen- 
getan hatten, waren ja jeder für sich vom Wunsche beseelt ge- 
wesen, dem Vater gleich zu werden, und hatten diesem Wunsche 
durch Einverleibung von Teilen seines Ersatzes in der Totem- 
mahlzeit Ausdruck gegeben. Dieser Wunsch mußte infolge des 
Druckes, welchen die Bande des Brüderclan auf jeden Teilnehmer 
übten, unerfüllt bleiben. Es konnte und durfte niemand mehr 
die Machtvollkommenheit des Vaters erreichen, nach der sie doch 
alle gestrebt hatten. Somit konnte im Laufe langer Zeiten die 
Erbitterung gegen den Vater, die zur Tat gedrängt hatte, nach- 
lassen, die Sehnsucht nach ihm wachsen, und es konnte ein Ideal 
entstehen, welches die Machtfülle und Unbeschränktheit des einst be- 
kämpften Urvaters und die Bereitwilligkeit, sich ihm zu unterwerfen, 
zum Inhalt hatte. Die ursprüngliche demokratische Gleichstellung 
aller einzelnen Stammesgenossen war infolge einschneidender kul- 
tureller Veränderungen nicht mehr festzuhalten ; somit zeigte sich 
eine Geneigtheit, in Anlehnung an die Verehrung einzelner Men- 
schen die sich vor anderen hervorgetan hatten, das alte Vater- 
ideal in der Schöpfung von Göttern wieder zu beleben. Daß ein 
Mensch zum Gott wird und daß ein Gott stirbt, was uns heute 
als empörende Zumutung erscheint, war ja noch für das Vor- 
stellungsvermögen des klassischen Altertums keineswegs anstößig. 2 
Die Erhöhung des einst gemordeten Vaters zum Gott, von dem 
nun der Stamm seine Herkunft ableitete, war aber ein weit 

1) Siehe o. S. 167. 

2) „To us moderns for whom the breach which divides the human and the divine has 
decpened into an impassible gulf such mimicry may appear impious, but it was othenvise uriih 
the ancients. To their thinking gods and men were ahin, for manjr farmlies traced their descent 
frort! a divinity, and the deification of a man probably seemed as little extraordinary to them 
as the canonisation of a saint seems to a modern catholic." Frazer, Golden Bough, I. The 
magic art and the evolution of kings, II, p. 177. 

12- 



180 Tot ein und Tabu 



ernsthafterer Sühneversuch als seinerzeit der Vertrag mit dem 
Totem. 

Wo sich in dieser Entwicklung die Stelle für die großen Mutter- 
gottheiten findet, die vielleicht allgemein den Vatergöltern vor- 
hergegangen sind, weiß ich nicht anzugeben. Sicher scheint aber, 
daß die Wandlung im Verhältnis zum Vater sich nicht auf das 
religiöse Gebiet beschränkte, sondern folgerichtig auf die andere 
durch die Beseitigung des Vaters beeinflußte Seite des mensch- 
lichen Lebens, auf die soziale Organisation, übergriff. Mit der 
Einsetzung der Vatergottheiten wandelte sich die vaterlose Gesell- 
schaft allmählich in die patriarchalisch geordnete um. Die Familie 
war eine Wiederherstellung der einstigen Urhorde und gab den 
Vätern auch ein großes Stück ihrer früheren Rechte wieder. Es 
gab jetzt wieder Väter, aber die sozialen Krrungenschaften des 
Brüderclan waren nicht aufgegeben worden, und der faktische 
Abstand der neuen Familienväter vom unumschränkten Urvater 
der Horde war groß genug, um die Fortdauer des religiösen Be- 
dürfnisses, die Erhaltung der ungestillten Vatersehnsucht, zu ver- 
sichern. 

In der Opferszene vor dem Stammesgott ist also der Vater 
wirklich zweimal enthalten, als Gott und als Totemopfertier. Aber 
bei dem Versuch, diese Situation zu verstehen, werden wir uns 
vor Deutungen in acht nehmen, welche sie in flächenhafter Auf- 
fassung wie eine Allegorie übersetzen wollen und dabei der histo- 
rischen Schichtung vergessen. Die zweifache Anwesenheit des 
Vaters entspricht den zwei einander zeitlich ablösenden Bedeu- 
tungen der Szene. Die ambivalente Einstellung gegen den Vater 
hat hier plastischen Ausdruck gefunden und ebenso der Sieg der 
zärtlichen Gefühlsregungen des Sohnes über seine feindseligen. 
Die Szene der Überwältigung des Vaters, seiner größten Ernie- 
drigung, ist hier zum Material für eine Darstellung seines höchsten 
Triumphes geworden. Die Bedeutung, die das Opfer ganz allge- 
mein gewonnen hat, liegt eben darin, daß es dem Vater die Ge- 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus 181 

nugtuung für die an ihm verübte Schmach in derselben Hand- 
lung bietet, welche die Erinnerung an diese Untat fortsetzt. 

In weiterer Folge verliert das Tier seine Heiligkeit und das 
Opfer die Beziehung zur Totemfeier; es wird zu einer einfachen 
Darbringung an die Gottheit, zu einer Selbstentäußerung zugunsten 
des Gottes. Gott selbst ist jetzt so hoch über dem Menschen er- 
haben, daß man mit ihm nur durch die Vermittlung des Priesters 
verkehren kann. Gleichzeitig kennt die soziale Ordnung götter- 
gleiche Könige, welche das patriarchalische System auf den Staat 
übertragen. Wir müssen sagen, die Rache des gestürzten und 
wiedereingesetzten Vaters ist eine harte geworden, die Herrschaft 
der Autorität steht auf ihrer Höhe. Die unterworfenen Söhne 
haben das neue Verhältnis dazu benützt, um ihr Schuldbewußt- 
sein noch weiter zu entlasten. Das Opfer, wie es jetzt ist, fällt 
ganz aus ihrer Verantwortlichkeit heraus. Gott selbst hat es ver- 
langt und angeordnet. Zu dieser Phase gehören Mythen, in wel- 
chen der Gott selbst das Tier tötet, das ihm heilig ist, das er 
eigentlich selbst ist. Dies ist die äußerste Verleugnung der großen 
Untat, mit welcher die Gesellschaft und das Schuldbewußtsein 
begann. Eine zweite Bedeutung dieser letzteren Opferdarstellung 
ist nicht zu verkennen. Sie drückt die Befriedigung darüber aus, 
daß man den früheren Vaterersatz zugunsten der höheren Gottes- 
vorstellung verlassen hat. Die flach allegorische Übersetzung der 
Szene fällt hier ungefähr mit ihrer psychoanalytischen Deutung 
zusammen. Jene lautet: Es werde dargestellt, daß der Gott den 
tierischen Anteil seines Wesens überwindet. 1 

Es wäre indes irrig, wenn man glauben wollte, in diesen Zeiten 
der erneuerten Vaterautorität seien die feindseligen Regungen, 



1) Die Überwindung- einer Göttergeneration durch eine andere in den Mythologien 
bedeutet bekanntlich den historischen Vorgang der Ersetzung eines religiösen Systems 
durch ein neues, sei es infolge von Eroberung durch ein Fremdvolk oder auf dem 
Wege psychologischer Entwicklung. Im letzteren Falle nähert sich der Mythus den 
„funktionalen Phänomenen" im Sinne von H. Silber er. Daß der das Tier tötende Gott 
ein Libidosymbol ist, wie C. G. Jung (1. c.) behauptet, setzt einen anderen Begriff der 
Libido als den bisher verwendeten voraus und erscheint mir überhaupt fragwürdig. 



i8a 



Totrm und Tahu 



welche dem Vaterkomplex zugohören, völlig verstummt. Aus den 
ersten Phasen der Herrschaft der hei den neuen Vaterersatzbildungen, 
der Götter und der Könige, kennen wir vielmehr die energi- 
schesten Äußerungen jener Ambivalenz, welche für die Religion 
charakteristisch bleibt. 

Frazer hat in seinem grollen Werk „The Golden Bough" die 
Vermutung ausgesprochen, daß die ersten Könige der lateinischen 
Stämme Fremde waren, welche die Rolle einer Gottheit spielten 
und in dieser Rolle an einem bestimmten Festtage feierlich hin- 
gerichtet wurden. Die jährliche Opferung (Variante: Selbstopferung) 
eines Gottes scheint ein wesentlicher Zug der semitischen Reli- 
gionen gewesen zu sein. Das Zeremoniell der Menschenopfer an 
den verschiedensten Stellen der bewohnten Erde läßt wenig Zweifel 
darüber, daß diese Menschen als Repräsentanten der Gottheit ihr 
Ende fanden, und in der Ersetzung des lebenden Menschen durch 
eine leblose Nachahmung (Puppe) läßt sich dieser Opfergebrauch 
noch in späte Zeiten verfolgen. Das theanthropische Gottesopfer, 
welches ich hier leider nicht mit der gleichen Vertiefung wie 
das Tieropfer behandeln kann, wirft ein helles Licht nach rück- 
wärts auf den Sinn der älteren Opferformen. Es bekennt mit 
kaum zu überbietender Aufrichtigkeit, daß das Objekt der Opfer- 
handlung immer das nämliche war, dasselbe, was nun als Gott 
verehrt wird, der Vater also. Die Frage na« h dem Verhältnis von 
Tier- und Menschenopfer findet jetzt eine einfache Lösung. Das 
ursprüngliche Tieropfer war bereits ein Ersatz für ein Menschen- 
opfer, für die feierliche Tötung des Vaters, und als der Vater- 
ersatz seine menschliche Gestalt wieder erhielt, konnte sich das 
Tieropfer auch wieder in das Menschenopfer verwandeln. 

So hatte sich die Erinnerung an jene erste große Opfertat als 
unzerstörbar erwiesen, trotz aller Bemühungen, sie zu vergessen, 
und gerade als man sich von ihren Motiven am weitesten ent- 
fernen wollte, mußte in der Form des Gottesopfers ihre unent- 
stellte Wiederholung zutage treten. Welche Entwicklungen des 



Die infantile Wiederkeh r des Totemismus 183 

religiösen Denkens als Rationalisierungen diese Wiederkehr er- 
möglicht haben, brauche ich an dieser Stelle nicht auszuführen. 
Robertson Smith, dem ja unsere Zurückführung des Opfers auf 
jenes große Ereignis der menschlichen Urgeschichte fern liegt, 
gibt an, daß die Zeremonien jener Feste, mit denen die alten 
Semiten den Tod einer Gottheit feierten, als „commemoration of 
a mythical tragedy" ausgelegt wurden, und daß die Klage dabei 
nicht den Charakter einer spontanen Teilnahme hatte, sondern 
etwas Zwangsmäßiges, von der Furcht vor dem göttlichen Zorn 
Gebotenes an sich trug. 1 Wir glauben zu erkennen, daß diese 
Auslegung im Rechte war, und daß die Gefühle der Feiernden 
in der zugrunde liegenden Situation ihre gute Aufklärung fanden. 

Nehmen wir es nun als Tatsache hin, daß auch in der weiteren 
Entwicklung der Religionen die beiden treibenden Faktoren, das 
Schuldbewußtsein des Sohnes und der Sohnestrotz, niemals er- 
löschen. Jeder Lösungsversuch des religiösen Problems, jede Art 
der Versöhnung der beiden widerstreitenden seelischen Mächte 
wird allmählich hinfällig, wahrscheinlich unter dem kombinierten 
Einfluß von historischen Ereignissen, kulturellen Änderungen und 
inneren psychischen Wandlungen. 

Mit immer größerer Deutlichkeit tritt das Bestreben des Sohnes 
hervor, sich an die Stelle des Vatergottes zu setzen. Mit der Ein- 
führung des Ackerbaues hebt sich die Bedeutung des Sohnes in 
der patriarchalischen Familie. Er getraut sich neuer Äußerungen 
seiner inzestuösen Libido, die in der Bearbeitung der Mutter Erde 
eine symbolische Befriedigung findet. Es entstehen die Götter- 
gestalten des Attis, Adonis, Tammuz u. a., Vegetationsgeister und 
zugleich jugendliche Gottheiten, welche die Liebesgunst mütter- 
licher Gottheiten genießen, den Mutterinzest dem Vater zum 

1) Religion of the Senates, p. 412—413. „The mourning is not a spontaneous ex- 
pression of sympathy with the divinc trageäy but ohligatory and enforced by fear of super- 
natural anger. And a chief object of the mourners is to disclaim responsibility for 
the g od' 5 death — a point which has already come before us in connection with thean- 
thropic scicrifices, such as tlie ,oxmurder at Athens'." 



184 



Totem und 'Tabu 



Trotze durchsetzen. Allein das Schuldbewußtsein, welches durch 
diese Schöpfungen nicht beschwichtigt ist, drückt sich in den 
Mythen aus, die diesen jugendlichen Geliebten der Muttergöttinnen 
ein kurzes Leben und eine Bestrafung durch Entmannung oder 
durch den Zorn des Vatergottes in Tierform bescheiden. Adonis 
wird durch den Eber gelötet, das heilige Tier der Aphrodite; 
Attis, der Geliebte der Kybele, stirbt an Entmannung. 1 Die Be- 
weinung und die Ereude über die Auferstehung dieser Götter ist 
in das Rituale einer anderen Sohnesgottheit übergegangen, welche 
zu dauerndem Erfolge bestimmt war. 

Als das Christentum seinen Einzug in die antike Welt begann, 
traf es auf die Konkurrenz der Mitbrasreligion, und es war für 
eine Weile zweifelhaft, welcher Gottheit der Sieg zufallen würde. 

Die lichtumflossene Gestalt des persischen Götterjünglings ist 
doch unserem Verständnis dunkel geblieben. Vielleicht darf man 
aus den Darstellungen der Stiertötungen durch Mithras schließen, 
daß er jenen Sohn vorstellte, der die Opferung des Vaters allein 
vollzog und somit die Brüder von der sie drückenden Mitschuld 
an der Tat erlöste. Es gab einen anderen Weg zur Beschwichti- 
gung dieses Schuldbewußtseins und diesen beschritt erst Christus. 
Er ging hin und opferte sein eigenes Leben und dadurch erlöste 
er die Brüderschar von der Erbsünde. 

Die Lehre von der Erbsünde ist orphischer Herkunft; sie 
wurde in den Mysterien erhallen und drang von da aus in die 

i) Die Kastrationsangst spielt eine außerordentlich große Rollo in der Störung 
des Verhältnisses zum Vater bei unseren jugendlichen Neurotikern. Aus der schönen 
Beobachtung von Ferenczi haben wir ersehen, wie der Knabe seinen Totem in 
dem Tier erkennt, welches nach seinem kleinen Glicdc schnappt. Wenn unsere Kinder von 
der rituellen Beschneidung erfahren, stellen sie dieselbe der Kastration gleich. Die 
Volker-psychologische Parallele zu diesem Verhalten der Kinder ist meines Wissens 
noch nicht ausgeführt worden. Die in der Urzeit und bei primitiven Völkern so 
häufige Beschneidung gehört dem Zeitpunkt der Miinncrweihe an, wo sie ilire Be- 
deutung finden muß, und ist erst sekundär in frühere Lebenszeiten zurückgeschoben 
worden. Es ist überaus interessant, daß die Beschneidung bei den Primitiven mit 
Haarabschneiden und Zalinausschlagen kombiniert oder durch sie ersetzt ist, und daß 
unsere Kinder, die von diesem Sachverhalt nichts wissen können, in ihren Angst- 
reakt.onen diese beiden Operationen wirklich wie Äquivalente der Kastration behandeln. 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus 185 

Philosophenschulen des griechischen Altertums ein. 1 Die Menschen 
waren die Nachkommen von Titanen, welche den jungen Dionysos- 
Zagreus getötet und zerstückelt hatten 5 die Last dieses Verbrechens 
drückte auf sie. In einem Fragment von Anaximander wird 
gesagt, daß die Einheit der Welt durch ein urzeitliches Verbrechen 
zerstört worden sei, und daß alles, was daraus hervorgegangen, 
die Strafe dafür weiter tragen muß. 2 Erinnert die Tat der Titanen 
durch die Züge der Zusammenrottung, der Tötung und Zerreißung 
deutlich genug an das von St. Nilus beschriebene Totemopfer, 
— wie übrigens viele andere Mythen des Altertums, z. B. der 
Tod des Orpheus selbst, — so stört uns hier doch die Abwei- 
chung, daß die Mordtat an einem jugendlichen Gotte vollzogen 
wird. 

Im christlichen Mythus ist die Erbsünde des Menschen un- 
zweifelhaft eine Versündigung gegen Gottvater. Wenn nun Christus 
die Menschen von dem Drucke der Erbsünde erlöst, indem er 
sein eigenes Leben opfert, so zwingt er uns zu dem Schlüsse, daß 
diese Sünde eine Mordtat war. Nach dem im menschlichen Fühlen 
tiefge wurzelten Gesetz der Talion kann ein Mord nur durch die 
Opferung eines anderen Lebens gesühnt werden; die Selbstauf- 
opferung weist auf eine Blutschuld zurück. 3 Und wenn dies 
Opfer des eigenen Lebens die Versöhnung mit Gottvater herbei- 
führt so kann das zu sühnende Verbrechen kein anderes als der 
Mord am Vater gewesen sein. 

So bekennt sich denn in der christlichen Lehre die Menschheit 
am unverhülltesten zu der schuldvollen Tat der Urzeit, weil sie 
nun im Opfertod des einen Sohnes die ausgiebigste Sühne für 
sie gefunden hat. Die Versöhnung mit dem Vater ist um so 
gründlicher, weil gleichzeitig mit diesem Opfer der volle Verzicht 
auf das Weib erfolgt, um dessenwillen man sich gegen den Vater 

1) Reinach, Cultes, Mythes et Religions, II, p. 75 ff. 

2) „Une Sorte de piche proethnique" 1. c. p. 76. 

5) Die Selbstmordimpulse unserer Neurotiker erweisen sich regelmäßig als Selbst- 
bestrafungen für Todeswünsche, die gegen andere gerichtet sind. 



i86 Totem und Tabu 



empört hatte. Aber nun fordert auch das psychologische Verhängnis 
der Ambivalenz seine Rechte. Mit der gleichen Tat, welche dem 
Vater die größtmögliche Sühne bietet, erreicht auch der Sohn 
das Ziel seiner Wünsche gegen den Vater. Er wird selbst zum 
Gott neben, eigentlich an Stelle des Vaters. Die Sohnesreligion 
löst die Vaterreligion ab. Zum Zeichen dieser Ersetzung wird die 
alte Totemmahlzeit als Kommunion wieder belebt, in welcher nun 
die Brüderschar vom Fleisch und Blut des Sohnes, nicht mehr 
des Vaters, genießt, sich durch diesen Genuß heiligt und mit ihm 
identifiziert. Unser Blick verfolgt durch die Länge der Zeiten die 
Identität der Toteinmahlzeit mit dein Tieroplor, dem theanthropi- 
schen Menschenopfer und mit der christlichen Eucharistie und 
erkennt in all diesen Feierlichkeiten die Nachwirkung jenes Ver- 
brechens, welches die Menschen so sehr bedrückte, und auf das 
sie doch so stolz sein mußten. Die christliche Kommunion ist 
aber im Grunde eine neuerliche Beseitigung des Vaters, eine 
Wiederholung der zu sühnenden Tat. Wir merken, wie berechtigt 
der Satz von Frazer ist, daß „the Christian communion has ab- 
sorbed within itself a sacrament wlrich is doubtless far oldcr than 
Christianity." l 



Ein Vorgang wie die Beseitigung des Urvaters durch die Brüder- 
schar mußte unvertilgbare Spuren in der Geschichte der Mensch- 
heit hinterlassen und sich in desto zahlreicheren Ersatzbildungen 
zum Ausdruck bringen, je weniger er selbst erinnert werden 
sollte. 2 Ich gehe der Versuchung aus dem Wege, diese Spuren in 

1) Eating the God, p. 51. ... Niemand, der mit der Literatur des Gegenstandes 
vertraut ist, wird annehmen, daß die Zurückfiihrung der christlichen Kommunion 
auf die Totemmahlzeit eine Idee des Schreibers dieses Aufsatzes sei. 

2) Ariel im „Sturm": 

Füll fathom ßvt thy fathtr lies : 
Of his bones are coral madt; 
Those are pearls that were his eyes; 
Nothing of him that doth fade 




Die infantile Wiederkehr des Totemismus 187 

der Mythologie, wo sie nicht schwer zu finden sind, nachzu- 
weisen und wende mich einem anderen Gebiete zu, indem ich 
einem Fingerzeig von S. Reinach in einer inhaltsreichen Ab- 
handlung über den Tod des Orpheus folge. 1 

In der Geschichte der griechischen Kunst gibt es eine Situation, 
welche auffällige Ähnlichkeiten und nicht minder tiefgehende 
Verschiedenheiten mit der von Robertson Smith erkannten Szene 
der Totemmahlzeit zeigt. Es ist die Situation der ältesten griechi- 
schen Tragödie. Eine Schar von Personen, alle gleich benannt und 
gleich gekleidet, umsteht einen einzigen, von dessen Reden und 
Handeln sie alle abhängig sind : es ist der Chor und der ursprüng- 
lich einzige Heldendarsteller. Spätere Entwicklungen brachten einen 
zweiten und dritten Schauspieler, um Gegenspieler und Abspal- 
tungen des Helden darzustellen, aber der Charakter des Helden 
wie sein Verhältnis zum Chor blieben unverändert. Der Held der 
Tragödie mußte leiden 5 dies ist noch heute der wesentliche In- 
halt einer Tragödie. Er hatte die sogenannte „tragische Schuld 
auf sich geladen, die nicht immer leicht zu begründen ist} sie 
ist oft keine Schuld im Sinne des bürgerlichen Lebens. Zumeist 
bestand sie in der Auflehnung gegen eine göttliche oder mensch- 
liche Autorität, und der Chor begleitete den Helden mit seinen 
sympathischen Gefühlen, suchte ihn zurückzuhalten, zu warnen, 
zu mäßigen und beklagte ihn, nachdem er für sein kühnes Unter- 
nehmen die als verdient hingestellte Bestrafung gefunden hatte. 



But doth suffer a sea-change 
Into something rieh and Strange. 

In der schönen Übersetzung von Schlegel: 

Fünf Faden tief liegt Vater dein. 
Sein Gebein wird zu Korallen, 
Perlen sind die Augen sein. 
Nichts an ihm, das soll verfallen, 
Das nicht wandelt Meeres-Hut 
In ein reich und seltnes Gut. 

1) La Mort d'Orphee in dem hier oft zitierten Buche: Cultes, Mythes et Religions. 
T. II, p. 100 ff. 



i88 



Totem und Tabu 



Warum muß aber der Held der Tragödie leiden und was be- 
deutet seine „tragische" Schuld? Wir wollen die Diskussion durch 
rasche Beantwortung abschneiden. Er muß leiden, weil er der 
Urvater, der Held jener großen urzeitlichen Tragödie ist, die hier 
eine tendenziöse Wiederholung findet, und die tragische Schuld 
ist jene, die er auf sich nehmen muß, um den Chor von seiner 
Schuld zu entlasten. Die Szene auf der Huhne ist durch zweck- 
mäßige Entstellung, man könnte sagen: im Dienste raffinierter 
Heuchelei, aus der historischen Szene hervorgegangen. In jener 
alten Wirklichkeit waren es gerade die Chorgenossen, die das 
Leiden des Helden verursachten $ hier aber erschöpfen sie sich in 
Teilnahme und Bedauern, und der Held ist selbst an seinem 
Leiden schuld. Das auf ihn gewälzte Verbrechen, die Überhebung 
und Auflehnung gegen eine große Autorität, ist genau dasselbe, 
was in Wirklichkeit die Genossen des Chors, die Brüderschar, 
bedrückt. So wird der tragische Held — noch wider seinen 
Willen — zum Erlöser des Chors gemacht. 

Waren spezioll in der griechischen Tragödie die Leiden des 
göttlichen Bockes Dionysos und die Klage des mit ihm sich identifi- 
zierenden Gefolges von Böcken der Inhalt der Aufführung, so 
wird es leicht verständlich, daß das bereits erloschene Drama sich 
im Mittelalter an der Passion Christi neu entzündete. 

So möchte ich denn zum Schlüsse dieser mit äußerster Ver- 
kürzung geführten Untersuchung das Ergebnis aussprechen, daß 
im Odipus-Komplex die Anfange von Religion, Sittlichkeit, Gesell- 
schaft und Kunst zusammentreffen, in voller Übereinstimmung 
mit der Feststellung der Psychoanalyse, daß dieser Komplex den 
Kern aller Neurosen bildet, so weit sie bis jetzt unserem Ver- 
ständnis nachgegeben haben. Es erscheint mir als eine große Über- 
raschung, daß auch diese Probleme des Völkerseelenlebens eine 
Auflösung von einem einzigen konkreten Punkte her, wie es das 
Verhältnis zum Vater ist, gestatten sollten. Vielleicht ist selbst ein 
anderes psychologisches Problem in diesen Zusammenhang einzu- 




Die infantile Wiederkehr des Totemismus 18g 

beziehen. Wir haben so oft Gelegenheit gehabt, die Gefühlsambi- 
valenz im eigentlichen Sinne, also das Zusammentreffen von Liebe 
und Haß gegen dasselbe Objekt, an der Wurzel wichtiger Kultur- 
bildungen aufzuzeigen. Wir wissen nichts über die Herkunft dieser 
Ambivalenz. Man kann die Annahme machen, daß sie ein funda- 
mentales Phänomen unseres Gefühlslebens sei. Aber auch die an- 
dere Möglichkeit scheint mir wohl beachtenswert, daß sie, dem 
Gefühlsleben ursprünglich fremd, von der Menschheit an dem 
Vaterkomplex 1 erworben wurde, wo die psychoanalytische Erfor- 
schung des Einzelmenschen heute noch ihre stärkste Ausprägung 
nachweist. 2 

Bevor ich nun abschließe, muß ich der Bemerkung Raum geben, 
daß der hohe Grad von Konvergenz zu einem umfassenden Zu- 
sammenhange, den wir in diesen Ausführungen erreicht haben, 
uns nicht gegen die Unsicherheiten unserer Voraussetzungen und 
die Schwierigkeiten unserer Resultate verblenden kann. Von den 
letzteren will ich nur noch zwei behandeln, die sich manchem 
Leser aufgedrängt haben dürften. 

Es kann zunächst niemandem entgangen sein, daß wir überall 
die Annahme einer Massenpsyche zugrunde legen, in welcher 
sich die seelischen Vorgänge vollziehen wie im Seelenleben eines 
einzelnen. Wir lassen vor allem das Schuldbewußtsein wegen einer 
Tat über viele Jahrtausende fortleben und in Generationen wirksam 
bleiben welche von dieser Tat nichts wissen konnten. Wir lassen 



1) Respektive Elternkomplex. 

2) Der Mißverständnisse gewöhnt, halte ich es nicht für überflüssig, ausdrücklich 
hervorzuheben, daß die hier gegebenen Zurückführnngen an die komplexe Natur der 
abzuleitenden Phänomene keineswegs vergessen haben, und daß sie nur den Anspruch 
erheben, zu den bereits bekannten oder noch unerkannten Ursprüngen der Religion, 
Sittlichkeit und der Gesellschaft ein neues Moment hinzufügen, welches sich aus 
der Berücksichtigung der psychoanalytischen Anforderungen ergibt. Die Synthese zu 
einem Ganzen der Erklärung muß ich anderen überlassen. Es geht aber diesmal aus 
der Natur dieses neuen Beitrages hervor, daß er in einer solchen Synthese keine 
andere als die zentrale Rolle spielen könnte, wenngleich die Überwindung von großen 
affektiven Widerständen erfordert werden dürfte, ehe man ihm eine solche Bedeutung 
zugesteht. 



igo 



Totem und Tabu 



einen Gefühlsprozeß, wie er bei Generationen von Söhnen ent- 
stehen konnte, die von ihrem Vater mißhandelt wurden, sich auf 
neue Generationen fortsetzen, welche einer solchen Behandlung 
gerade durch die Beseitigung des Vaters entzogen worden waren. 
Dies scheinen allerdings schwerwiegende Bedenken, und jede an- 
dere Erklärung scheint den Vorzug zu verdienen, welche solche 
Voraussetzungen vermeiden kann. 

Allein eine weitere Erwägung zeigt, daß wir die Verantwort- 
lichkeit für solche Kühnheit nicht allein zu tragen haben. Ohne 
die Annahme einer Massenpsyche, einer Kontinuität im Ge- 
fühlsleben der Menschen, welche gestattet, sich über die Unter- 
brechungen der seelischen Akte durch das Vergehen der Individuen 
hinwegzusetzen, kann die Völkerpsychologie überhaupt nicht be- 
stehen. Setzen sich die psychischen Prozesse der einen Generation 
nicht auf die nächste fort, müßte jede ihre Einstellung zum Leben 
neu erwerben, so gäbe es auf diesem Gebiet keinen Fortschritt 
und so gut wie keine Entwicklung. Es erheben sich nun zwei 
neue Fragen, wieviel man der psychischen Kontinuität innerhalb 
der Generationsreihen zutrauen kann, und welcher Mittel und 
Wege sich die eine Generation bedient, um ihre psychischen Zu- 
stände auf die nächste zu übertragen. Ich werde nicht behaupten, 
daß diese Probleme weit genug geklärt sind, oder daß die direkte 
Mitteilung und Tradition, an die man zunächst denkt, für das Er- 
fordernis hinreichen. Im nilgemeinen kümmert sich die Völkerpsycho- 
logie wenig darum, auf welche Weise die verlangte Kontinuität im 
Seelenleben der einander ablösenden Generationen hergestellt wird. 
Ein Teil der Aufgabe scheint durch die Vererbung psychischer Dis- 
positionen besorgt zu werden, welche aber doch gewisser Anstöße 
im individuellen Leben bedürfen, um zur Wirksamkeit zu erwachen. 
Es mag dies der Sinn des Dichterwortes sein: Was du ererbt von 
deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen. Das Problem 
erschiene noch schwieriger, wenn wir zugestehen könnten, daß es 
seelische Regungen gibt, welche so spurlos unterdrückt werden 



T 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus 191 



können, daß sie keine Resterscheinungen zurücklassen. Allein solche 
gibt es nicht. Die stärkste Unterdrückung muß Raum lassen für 
entstellte Ersatzregungen und aus ihnen folgende Reaktionen. Dann 
dürfen wir aber annehmen, daß keine Generation imstande ist, be- 
deutsamere seelische Vorgänge vor der nächsten zu verbergen. Die 
Psychoanalyse hat uns nämlich gelehrt, daß jeder Mensch in seiner 
unbewußten Geistestätigkeit einen Apparat besitzt, der ihm gestattet, 
die Reaktionen anderer Menschen zu deuten, das heißt die Ent- 
stellungen wieder rückgängig zu machen, welche der andere an dem 
Ausdruck seiner Gefühlsregungen vorgenommen hat. Auf diesem 
Wege des unbewußten Verständnisses all der Sitten, Zeremonien und 
Satzungen, welche das ursprüngliche Verhältnis zum Urvater zurück- 
gelassen hatte, mag auch den späteren Generationen die Übernahme 
jener Gefühlserbschaft gelungen sein. 

Ein anderes Bedenken dürfte gerade von seiten der analytischen 
Denkweise erhoben werden. 

Wir haben die t ersten Moral Vorschriften und sittlichen Beschrän- 
kungen der primitiven Gesellschaft als Reaktion auf eine Tat auf- 
gefaßt, welche ihren Urhebern den Begriff des Verbrechens gab. 
Sie bereuten diese Tat und beschlossen, daß sie nicht mehr wieder- 
holt werden solle, und daß ihre Ausführung keinen Gewinn ge- 
bracht haben dürfe. Dies schöpferische Schuldbewußtsein ist nun 
unter uns nicht erloschen. Wir finden es bei den Neurotikern 
in asozialer Weise wirkend, um neue Moralvorschriften, fortgesetzte 
Einschränkungen zu produzieren, als Sühne für die begangenen 
und als Vorsicht gegen neu zu begehende Untaten. 1 Wenn wir 
aber bei diesen Neurotikern nach den Taten forschen, welche 
solche Reaktionen wachgerufen haben, so werden wir enttäuscht. 
Wir finden nicht Taten, sondern nur Impulse, Gefühlsregungen, 
welche nach dem Bösen verlangen, aber von der Ausführung ab- 
gehalten worden sind. Dem Schuldbewußtsein der Neurotiker 

Vgl. den zweiten Aufsatz dieser Reihe über das Tabu. 



11)- 



Totem und Tabu 



liegen nur psychische Realitäten zugrunde, nicht faktische. Die 
Neurose ist dadurch charakterisiert, daß sie die psychische Realität 
über die faktische setzt, auf Gedanken ebenso ernsthaft reagiert 
wie die Normalen nur auf Wirklichkeiten. 

Kann es sich bei den Primitiven nicht ähnlich verhalten haben? 
Wir sind berechtigt, ihnen eine außerordentliche Überschätzung 
ihrer psychischen Akte als Teilerscheinung ihrer narzißtischen 
Organisation zuzuschreiben. 1 Demnach könnten die bloßen Impulse 
von Feindseligkeit gegen den Vater, die Kxistenz der Wunsch- 
phantasie, ihn zu töten und zu verzehren, hingereicht haben, um 
jene moralische Reaktion zu erzeugen, die Toteinismus und Tabu 
geschaffen hat. Man würde so der Notwendigkeit entgehen, den 
Beginn unseres kulturellen Besitzes, auf den wir mit Recht so 
stolz sind, auf ein gräßliches, alle unsere Gefühle beleidigendes 
Verbrechen zurückzuführen. Die kausale, von jenem Anfang bis 
in unsere Gegenwart reichende Verknüpfung litte dabei keinen 
Schaden, denn die psychische Realiläl wäre bedeutsam genug, um 
alle diese Folgen zu tragen. Man wird dagegen einwenden, daß 
ja eine Veränderung der Gesellschaft von der Form der Vater- 
horde zu der des Brüderclan wirklich vorgefallen ist. Dies ist ein 
starkes Argument, aber doch nicht entscheidend. Die Veränderung 
könnte auf minder gewaltsame Weise erreicht worden sein und 
doch die Bedingung für das Hervortreten der moralischen Re- 
aktion enthalten haben. Solange der Druck des Urvaters sich 
fühlbar machte, waren die feindseligen Gefühle gegen ihn be- 
rechtigt, und die Reue über sie mußte einen anderen Zeitpunkt 
abwarten. Ebensowenig ist der zweite Einwand stichhaltig, daß 
alles, was sich aus der ambivalenten Relation zum Vater ableitet, 
Tabu und Opfervorschrift, den Charakter des höchsten Ernstes 
und der vollsten Realität an sich trägt. Auch das Zeremoniell und 
die Hemmungen der Zwangsneurotiker zeigen diesen Charakter 



4. 



1) Siehe den Aufsatz über Animismus, Mngie und Allmacht der Ciedanketi. 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus 193 



und gehen doch nur auf psychische Realität, auf Vorsatz und 
nicht auf Ausführungen zurück. Wir müssen uns hüten, aus 
unserer nüchternen Welt, die voll ist von materiellen Werten, 
die Geringschätzung des bloß Gedachten und Gewünschten in 
die nur innerlich reiche Welt des Primitiven und des Neurotikers 
einzutragen. 

Wir stehen hier vor einer Entscheidung, die uns wirklich nicht 
leicht gemacht ist. Beginnen wir aber mit dem Bekenntnis, daß 
der Unterschied, der anderen fundamental erscheinen kann, für 
unser Urteil nicht das Wesentliche des Gegenstandes trifft. Wenn 
für den Primitiven Wünsche und Impulse den vollen Wert von 
Tatsachen haben, so ist es an uns, solcher Auffassung verständnis- 
voll zu folgen, anstatt sie nach unserem Maßstab zu korrigieren. 
Dann aber wollen wir das Vorbild der Neurose, das uns in diesen 
Zweifel gebracht hat, selbst schärfer ins Auge fassen. Es ist nicht 
richtig, daß die Zwangsneurotiker, welche heute unter dem Drucke 
einer Übermoral stehen, sich nur gegen die psychische Realität 
von Versuchungen verteidigen und wegen bloß verspürter Impulse 
bestrafen. Es ist auch ein Stück historischer Realität dabei; in 
ihrer Kindheit hatten diese Menschen nichts anderes als die bösen 
Impulse, und insoweit sie in der Ohnmacht des Kindes es konnten, 
haben sie diese Impulse auch in Handlungen umgesetzt. Jeder 
von diesen Überguten hatte in der Kindheit seine böse Zeit, eine 
perverse Phase als Vorläufer und Voraussetzung der späteren über- 
moralischen. Die Analogie der Primitiven mit den Neuro tikern 
wird also viel gründlicher hergestellt, wenn wir annehmen, daß 
auch bei den ersteren die psychische Realität, an deren Gestaltung 
kein Zweifel ist, anfänglich mit der faktischen Realität zusammen- 
fiel, daß die Primitiven das wirklich getan haben, was sie nach 
allen Zeugnissen zu tun beabsichtigten. 

Allzuweit dürfen wir unser Urteil über die Primitiven auch 
nicht durch die Analogie mit den Neurotikern beeinflussen lassen. 
Es sind auch die Unterschiede in Rechnung zu ziehen. Gewiß 

Freud, X. 



t 






194 



Totem uiul Tabu 



sind bei beiden, Wilden wie Neurotikern, die scharfen Scheidungen 
zwischen Denken und Tun, wie wir sie ziehen, nicht vorhanden. 
Allein der Neuroliker ist vor allem im Handeln gehemmt, bei 
ihm ist der Gedanke der volle Ersatz für die Tat. Der Primitive 
ist ungehemmt, der Gedanke setzt ach ohneweiters in Tat um, 
die Tat ist ihm sozusagen eher ein Ersatz des Gedankens, und 
darum meine ich, ohne selbst für die letzte Sicherheit der Ent- 
scheidung einzutreten, man darf in dem Falle, den wir diskutieren, 
wohl annehmen: Im Anfang war die Tat. 



ARBEITEN ZUR ANWENDUNG 
DER PSYCHOANALYSE 



lg" 



Von den hier unter dem Titel „Arbeiten zur Anwendung der Psycho- 
analyse" vereinigten Abhandlungen sind die ersten vier, die in Buchform 
zuerst in der Zweiten, beziehungsweise Dritten Folge der „Sammlung kleiner 
Schriften zur Neuroserdehre" erschienen sind, mit Genehmigung des Verlages 
Franz Deuticke, Leipzig und Wien, in diese Gesamtausgabe aufgenommen 
worden. 



TATBESTANDSDIAGNOSTIK UND 
PSYCHOANALYSE 

Vortrag, gehalten in Prof. Löfflers Seminar 
an der Universität Wien im Juni 1906; zuerst 
erschienen im „Archiv für Kriminalanthropologie 
und Kriminalistik" von Hans Groß, Bd. 26, 1906, 
dann in der Zweiten Folge der „Sammlung kleiner 
Schriften zur Neurosenlehrt a . 

Meine Herren! Die wachsende Einsicht in die Unzuverlässigkeit 
der Zeugenaussage, welche doch gegenwärtig die Grundlage so 
vieler Verurteilungen in Streitfällen bildet, hat bei Ihnen allen, 
künftigen Richtern und Verteidigern, das Interesse für ein neues 
Untersuchungsverfahien gesteigert, welches den Angeklagten selbst 
nötigen soll, seine Schuld oder Unschuld durch objektive Zeichen 
zu erweisen. Dieses Verfahren besteht in einem psychologischen 
Experimente und ist auf psychologische Arbeiten begründet} es 
hängt innig mit gewissen Anschauungen zusammen, die in der 
medizinischen Psychologie erst kürzlich zur Geltung gekommen 
sind. Ich weiß, daß Sie damit beschäftigt sind, die Handhabung 
und Tragweite dieser neuen Methode zunächst in Versuchen, die 
man „Phantomübungen" nennen könnte, zu prüfen, und bin bereit- 
willig der Aufforderung Ihres Vorsitzenden, Prof. Löffler, gefolgt, 
Ihnen die Beziehungen dieses Verfahrens zur Psychologie ausführ- 
licher auseinanderzusetzen. 

Ihnen allen ist das Gesellschafts- und Kinderspiel bekannt, in 
dem der eine dem anderen ein beliebiges Wort zuruft, zu welchem 



19 8 Zur Anwendung der Psychoanalyse 



dieser ein zweites Wort fügen soll, das mit dem ersten ein zu- 
sammengesetztes Wort ergibt. Zum Beispiel Dampf-Schiff; also 
Dampfschiff. Nichts anderes als eine Modifikation dieses Kinder- 
spieles ist der von der Wundtschen Schule in die Psychologie ein- 
geführte Assoziationsversuch, der bloß auf eine Bedingtheit jenes 
Spieles verzichtet hat. Er besteht also darin, daß man einer Person 
ein Wort zuruft, — das Reizwort, — worauf sie möglichst rasch 
mit einem zweiten Wort antwortet, das ihr dazu einfällt, der so- 
genannten „Reaktion", ohne daß sie in der Wahl dieser Reaktion 
durch irgend etwas beengt worden wäre. Die Zeit, die zur Reaktion 
verbraucht wird, und das Verhältnis von Reizwort und Reaktion, 
das sehr mannigfaltig sein kann, sind die Gegenstände der Beob- 
achtung. Man kann nun nicht behaupten, daß bei diesen Ver- 
suchen zunächst viel herausgekommen ist. Begreiflich, denn sie 
waren ohne sichere Fragestellung gemacht, und es fehlte an einer 
Idee, die auf die Ergebnisse anzuwenden wäre. Sinnvoll und fruchtbar 
wurden sie erst, als Bleuler in Zürich und seine Schüler, ins- 
besondere Jung, sich mit solchen „Assoziationsexperimenten zu 
beschäftigen begannen. Wert erhielten ihre Versuche aber durch 
die Voraussetzung, daß die Reaktion auf das Reizwort nichts Zu- 
fälliges sein könne, sondern durch einen beim Reagierenden vor- 
handenen Vorstellungsinhalt determiniert sein müsse. 

Man hat sich gewöhnt, einen solchen Vorstellungsinhalt, der 
imstande ist, die Reaktion auf das Reizwort zu beeinflussen, einen 
„Komplex" zu heißen. Die Beeinflussung geht entweder so vor 
sich, indem das Reizwort den Komplex direkt streift, oder indem 
es letzterem gelingt, sich durch Mittelglieder mit dem Reizwort 
in Verbindung zu setzen. Diese Determinierung der Reaktion ist 
eine sehr merkwürdige Tatsache; Sie können die Verwunderung 
darüber in der Literatur des Gegenstandes unverhohlen ausge- 
drückt finden. Aber an ihrer Richtigkeit ist nicht zu zweifeln, 
denn Sie können in der Regel den beeinflussenden Komplex nach- 
weisen und die sonst unverständlichen Reaktionen aus ihm ver- 



Tatbestandsdiagnostik und Psychoanalyse 199 



stehen, wenn Sie die reagierende Person selbst nach den Gründen 
ihrer Reaktion befragen. Beispiele wie die auf Seite 6 und 8 bis 9 
der Jungschen Abhandlung 1 sind sehr geeignet, uns am Zufalle 
und an der angeblichen Willkür im seelischen Geschehen zweifeln 

zu machen. 

Nun werfen Sie mit mir einen Blick auf die Vorgeschichte 
des Bleuler-Jungschen Gedankens von der Determinierung der 
Reaktion durch den Komplex bei der examinierten Person. Im 
Jahre 1901 habe ich in einer Abhandlung 2 dargetan, daß eine 
ganze Reihe von Aktionen, die man für unmotiviert hielt, vielmehr 
strenge determiniert sind und um soviel die psychische Willkür 
einschränken geholfen. Ich habe die kleinen Fehlleistungen des 
Vergessens, Versprechens, Verschreibens, Verlegern zum Gegen- 
stande genommen und gezeigt, daß, wenn ein Mensch sich ver- 
spricht, nicht der Zufall, auch nicht allein Artikulationsschwierig- 
keiten und Lautähnlichkeiten dafür verantwortlich zu machen 
sind, sondern daß jedesmal ein störender Vorstellungsinhalt — 
Komplex — nachweisbar ist, welcher die intendierte Rede in 
seinem Sinne, anscheinend zum Fehler, abändert. Ich habe ferner 
die kleinen, anscheinend absichtslosen und zufälligen Handlungen 
der Menschen, ihr Tändeln, Spielen usw. in Betracht gezogen 
und sie als „Symptomhandlungen" entlarvt, die mit einem ver- 
borgenen Sinn in Beziehung stehen und diesem einen unauffälligen 
Ausdruck verschaffen sollen. Es hat sich mir ferner ergeben, daß 
man sich nicht einmal einen Vornamen willkürlich einfallen lassen 
kann der sich nicht als durch einen mächtigen Vorstellungskomplex 
bestimmt erwiese, ja, daß Zahlen, die man anscheinend willkürhch 
wählt sich auf einen solchen verborgenen Komplex zurückführen 
lassen! Ein Kollege, Dr ^lfred Adler, hat einige Jahre später diese 

l) Jung: Die psychologische Diagnose des Tatbestandes, 1906. (Juristisch-psy- 

^"fzu; £*5B*! ^es Alltagslebens. Monatsschrift für Psychiatrie und 
Neurologie, Bd. I[i W l Buch erschienen, !0. Aufl. l 9Hi Gesammelte Sehr*« 
Bd. IV.] 



~o» '/.i/r .'] nu-endung der Psychoanalyse 



befremdendste meiner Aufstellungen durch einige schöne Beispiele 
belegen können. 1 Hat man sich nun an solche Auffassung der 
Bedingtheit im psychischen Leben gewöhnt, so ergibt sich als 
eine berechtigte Ableitung aus den Resultaten der Psychopathologie 
des Alltagslebens, daß auch die Einfälle der Person beim Assozia- 
tionsexperimente nicht willkürlich, sondern durch einen in ihr 
wirksamen Vorstellungsinhalt bedingt sein mögen. 

Nun, meine Herren, kehren wir zum Assoziationsexperimente 
zurück! In den bisher betrachteten Fällen war es die examinierte 
Person, die uns über die Herkunft der Reaktionen aufklärte, und 
diese Bedingung macht den Versuch eigentlich für die Rechtspflege 
uninteressant. Wie aber, wenn wir die Versuchsanordnungen ab- 
ändern, etwa wie man eine Gleichung mit mehreren Größen nach 
der einen oder der anderen auflösen, das a oder das b in ihr zum 
gesuchten x machen kann? Bisher war uns Prüfern der Komplex 
unbekannt, wir prüften mit beliebig gewählten Reizworten, und 
die Versuchsperson denunzierte uns den Komplex, der durch die 
Reizworte zur Äußerung gebracht worden war. Machen wir es 
nun anders, nehmen wir einen uns bekannten Komplex her, 
reagieren auf ihn mit absichtlich gewählten Reizworten, wälzen 
das x auf die Seite der reagierenden Person, ist es dann möglich, 
aus dem Ausfalle der Reaktionen zu entscheiden, ob die exami- 
nierte Person den gewählten Komplex gleichfalls in sich trägt? 
Sie sehen ein, diese Versuchsanordnung entspricht genau dem Falle 
des Untersuchungsrichters, der erfahren möchte, ob ein gewisser 
ihm bekannter Tatbestand auch dem Angeklagten als Täter be- 
kannt ist. Es scheint, daß Wertheimer und Klein, zwei Schüler 
des Strafrechtslehrers Hans Groß in Prag, zuerst diese für Sie 
bedeutsame Abänderung der Versuchsanordnung vorgenommen 
haben. 2 



1) Adler: Drei Psychoanalysen von Zahleneinfällen und obsedierenden Zahlen. 
Psychiatrisch-neurologische Wochenschrift von B res ler, 1905, Nr. 28. 

2) Nach Jung, 1. c. 



Tatbestandsdiagnostik und Psychoanalyse 201 

Sie wissen bereits aus Ihren eigenen Versuchen, daß sich bei 
solcher Fragestellung an den Reaktionen viererlei Anhaltspunkte 
zur Entscheidung der Frage ergeben, ob die examinierte Person 
den Komplex besitzt, auf den Sie mit Reizworten reagieren. Ich 
will Ihnen dieselben der Reihe nach aufzählen: i) Der unge- 
wöhnliche Inhalt der Reaktion, der ja Aufklärung forciert. 2) Die 
Verlängerung der Reaktionszeit, indem es sich herausstellt, daß 
Reizworte, welche den Komplex getroffen haben, erst nach deut- 
licher Verspätung (oft das Mehrfache der sonstigen Reaktionszeit) 
mit der Reaktion beantwortet werden. )) Der Irrtum bei der 
Reproduktion. Sie wissen, welche merkwürdige Tatsache damit 
gemeint ist. Wenn man eine kurze Zeit nach dem Abschlüsse 
des Versuches mit einer längeren Reihe von Reizwörtern dieselben 
dem Examinierten nochmals vorlegt, so wiederholt er die näm- 
lichen Reaktionen wie beim ersten Male. Nur bei denjenigen 
Reizworten, welche den Komplex direkt getroffen haben, ersetzt 
er die frühere Reaktion leicht durch eine andere. 4) Die Tatsache 
der Perseveration (vielleicht sagten wir besser: Nachwirkung). Es 
kommt nämlich häufig vor, daß die Wirkung der Erweckung des 
Komplexes durch ein ihn betreffendes („kritisches") Reizwort, also 
z. B. die Verlängerung der Reaktionszeit, anhält und noch die 
Reaktionen auf die nächsten nicht kritischen Worte verändert. Wo 
nun alle oder mehrere dieser Anzeichen zusammentreffen, da hat 
sich der uns bekannte Komplex als beim Angerufenen störend 
vorhanden erwiesen. Sie verstehen diese Störung in der Weise, 
daß der beim Angerufenen vorhandene Komplex mit Affekt besetzt 
und befähigt ist, der Aufgabe des Reagierens Aufmerksamkeit zu 
entziehen, finden also in dieser Störung einen „psychischen Selbst- 
verrat". 

Ich weiß, daß Sie gegenwärtig mit den Chancen und Schwierig- 
keiten dieses Verfahrens, welches den Beschuldigten zum objek- 
tiven Selbstverrat bringen soll, beschäftigt sind, und lenke Ihre 
Aufmerksamkeit darum auf die Mitteilung, daß ein ganz analoges 



' 






202 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

Aufdeckungsverfahren für verborgenes oder verheimlichtes Seeli- 
sches seit länger als einem Dezennium auf einem anderen Ge- 
biete in Übung ist. Es soll meine Aufgabe sein, Ihnen die Ähn- 
lichkeit und die Verschiedenheit der Verhältnisse hier und dort 
vorzuführen. 

Dies Gebiet ist ein von dem Ihrigen wohl recht verschiedenes. 
Ich meine nämlich die Therapie gewisser „Nervenkrankheiten", 
der sogenannten Psychoneurosen, für welche Sie Hysterie und 
Zwangsvorstellen als Muster nehmen können. Das Verfahren 
heißt dort Psychoanalyse und ist von mir aus dem zuerst von 
J. Breuer 1 in Wien geübten „kathartischen" Heilverfahren ent- 
wickelt worden. Um Ihrer Verwunderung zu begegnen, muß 
ich eine Analogie zwischen dem Verbrecher und dem Hysteriker 
durchführen. Bei beiden handelt es sich um ein Geheimnis, um 
etwas Verborgenes. Aber, um nicht paradox zu werden, muß 
ich auch gleich den Unterschied hervorheben. Beim Verbz-echer 
handelt es sich um ein Geheimnis, das er weiß und vor 
Ihnen verbirgt, beim Hysteriker um ein Geheimnis, das auch 
er selbst nicht weiß, das sich vor ihm selbst verbirgt. Wie ist 
das möglich? Nun, wir wissen durch mühevolle Erforschungen, 
daß alle diese Erkrankungen darauf beruhen, daß solche Per- 
sonen es zustande gebracht haben, gewisse stark affektbesetzte 
Vorstellungen und Erinnerungen und die auf sie gebauten 
Wünsche so zu verdrängen, daß sie in ihrem Denken keine 
Rolle spielen, in ihrem Bewußtsein nicht auftreten und somit 
ihnen selbst geheim bleiben. Aus diesem verdrängten psychi- 
schen Material, aus diesen „Komplexen", rühren aber die somati- 
schen und psychischen Symptome her, welche ganz nach Art 
eines bösen Gewissens die Kranken quälen. Der Unterschied 
zwischen dem Verbrecher und dem Hysteriker ist also in diesem 
einen Punkte fundamental. 

1) J.Breuer und Sigm. Freud: Studien über Hysterie. 1895. [Gesammelte Schriften, 
Bd. I.] 



Tatbestandsdiagnostik und Psychoanalyse 205 

Die Aufgabe des Therapeuten ist aber die nämliche wie die 
des Untersuchungsrichters ; wir sollen das verborgene Psychische 
aufdecken und haben zu diesem Zwecke eine Reihe von Detektiv- 
künsten erfunden, von denen uns also jetzt die Herren Juristen 
einige nachahmen werden. 

Es wird Sie für Ihre Arbeit interessieren zu hören, in welcher 
Weise wir Ärzte bei der Psychoanalyse vorgehen. Nachdem der 
Kranke ein erstes Mal seine Geschichte erzählt hat, fordern wir 
ihn auf, sich ganz seinen Einfällen zu überlassen und ohne jeden 
kritischen Rückhalt vorzubringen, was ihm in den Sinn kommt. 
Wir gehen also von der Voraussetzung aus, die er gar nicht teilt, 
daß diese Einfälle nicht willkürliche, sondern durch che Beziehung 
zu seinem Geheimnisse, seinem „Komplex", bestimmt sein werden, 
sozusagen als Abkömmlinge dieses Komplexes aufgefaßt werden 
können. Sie sehen, es ist die nämliche Voraussetzung, mit deren 
Hilfe Sie die Assoziationsexperimente deutbar gefunden haben. 
Der Kranke aber, dem man die Befolgung der Regel aufträgt, 
alle seine Einfälle mitzuteilen, scheint nicht imstande zu sein, dies 
zu tun. Er hält doch bald diesen, bald jenen Einfall zurück und 
bedient sich dabei verschiedener Motivierungen, entweder: das sei 
o-anz unwichtig, oder: es gehört nicht dazu, oder: es sei über- 
haupt ganz sinnlos. Wir verlangen dann, daß er den Einfall trotz 
dieser Einwendungen mitteile und verfolge; denn gerade die sich 
geltend machende Kritik ist uns ein Beweis für die Zugehörigkeit 
des Einfalles zum „Komplex", den wir aufzudecken suchen. In 
solchem Verhalten der Kranken erblicken wir eine Äußerung des 
in ihm vorhandenen „Widerstandes", deruns während der ganzen 
Dauer der Behandlung nicht verläßt. Ich will nur kurz andeuten, 
daß der Begriff des Widerstandes für unser Verständnis der Krank- 
heitsgenese wie des Heilungsmechanismus die größte Bedeutung 
gewonnen hat. 

Eine derartige Kritik der Einfälle beobachten Sie nun bei Ihren 
Versuchen nicht direkt; dafür sind wir bei der Psychoanalyse in 



2 °4 Z«r Anwendung der Psychoanalyse 



der Lage, alle Ihnen auffälligen Zeichen eines Komplexes zu 
beobachten. Wenn der Kranke es nicht mehr wagt, die ihm 
gegebene Regel zu verletzen, so merken wir doch, daß er zeit- 
weilig in der Reproduktion der Einfälle stockt, zögert, Pausen 
macht. Jede solche Zögernng ist uns eine Äußerung des Wider- 
standes und dient uns als Zeichen der Zugehörigkeit zum „Kom- 
plex . Ja, sie ist uns das wichtigste Anzeichen solcher Bedeutung, 
ganz wie Ihnen die analoge Verlängerung der Reaktionszeit. Wir sind 
gewöhnt, die Zögerung in diesem Sinne zu deuten, auch wenn der 
Inhalt des zurückgehaltenen Einfalles gar keinen Anstoß zu bieten 
scheint, wenn der Kranke versichert, er könne sich gar nicht 
denken, warum er zögern sollte, ihn mitzuteilen. Die Pausen, 
die in der Psychoanalyse vorkommen, sind in der Regel vielmals 
größer als die Verspätungen, die Sie bei den Reaktionsversuchen 
notieren. 

Auch das andere Ihrer Komplexanzeichen, die inhaltliche Ver- 
änderung der Reaktion, spielt seine Rolle in der Technik der 
Psychoanalyse. Wir pflegen selbst leise Abweichungen von der 
gebräuchlichen Ausdrucksweise bei unseren Kranken ganz allge- 
mein als Anzeichen für einen verborgenen Sinn anzusehen und 
setzen uns selbst mit solchen Deutungen gerne für eine Weile 
seinem Spotte aus. Wir lauern bei ihm geradezu auf Reden, die 
ins Zweideutige schillern, und bei denen der verborgene Sinn 
durch den harmlosen Ausdruck hindurchschimmert. Nicht nur 
der Kranke, auch Kollegen, die der psychoanalytischen Technik 
und ihrer besonderen Verhältnisse unkundig sind, versagen uns 
da ihren Glauben und werfen uns Witzelei und Wortklauberei 
vor, aber wir behalten fast immer Recht. Es ist schließlich nicht 
schwer zu verstehen, daß ein sorgfältig gehütetes Geheimnis sich 
nur durch feine, höchstens durch zweideutige Andeutungen verrät. 
Der Kranke gewöhnt sich schließlich daran, uns in sogenannter 
„indirekter Darstellung" all das zu geben, was wir zur Auf- 
deckung des Komplexes benötigen. 



Tatbesta/idsdiagnostik und Psychoanalyse 205 



Auf einem beschränkteren Gebiet verwerten wir in der Technik 
der Psychoanalyse das dritte Ihrer Komplexanzeichen, den Irrtum, 
d. h. die Abänderung bei der Reproduktion. Eine Aufgabe, die 
uns häufig gestellt wird, ist die Deutung von Träumen, das ist 
die Übersetzung des erinnerten Trauminhaltes in dessen verborgenen 
Sinn. Es kommt dabei vor, daß wir unschlüssig sind, an welcher 
Stelle wir die Aufgabe anfassen sollen, und in diesem Falle können 
wir uns einer empirisch gefundenen Regel bedienen, welche uns 
rät, die Traumerzählung wiederholen zu lassen. Der Träumer 
verändert dabei gewöhnlich seine Ausdrucksweise an manchen 
Stellen, während er sich an anderen getreulich wiederholt. Wir 
aber klammern uns an die Stellen, in denen die Reproduktion 
durch Abänderung, oft auch durch Auslassung, fehlerhaft ist, 
weil uns diese Untreue die Zugehörigkeit zum Komplex ver- 
bürgt und den besten Zugang zum geheimen Sinn des Traumes 
verspricht. 1 

Sie sollen nun nicht den Eindruck empfangen, als hätte die 
von mir verfolgte Übereinstimmung ein Ende gefunden, wenn 
ich Ihnen gestehe, daß ein der „Perseveration" ähnliches Phänomen 
in der Psychoanalyse nicht zum Vorschein kommt. Dieser schein- 
bare Unterschied rührt nur von den besonderen Bedingungen 
Ihrer Experimente her. Sie lassen ja der Komplex wirkung eigent- 
lich keine Zeit sich zu entwickeln; kaum daß sie begonnen hat, 
rufen Sie die Aufmerksamkeit des Examinierten durch ein neues, 
wahrscheinlich harmloses Reizwort wieder ab und dann können 
Sie beobachten, daß die Versuchsperson manchmal trotz Ihrer 
Störungen bei der Beschäftigung mit dem Komplex verharrt. Wir 
aber vermeiden solche Störungen in der Psychoanalyse, wir erhalten 
den Kranken bei seiner Beschäftigung mit dem Komplex, und 
weil bei uns sozusagen alles Perseveration ist, können wir dies 
Phänomen nicht als vereinzeltes Vorkommnis beobachten. 



1) Vgl. meine „Traumdeutung", 1900. [Gesammelte Schriften, Bd. II und III.] 



2 °6 Zur An wendung der Psychoanalyse 

Wir dürfen die Behauptung aufstellen, daß es uns durch 
Techniken wie die mitgeteilten prinzipiell gelingt, dem Kranken 
das Verdrängte, sein Geheimnis, bewußt zu machen und dadurch 
die psychologische Bedingtheit seiner Leidenssymptome aufzu- 
heben. Ehe Sie nun aus diesem Erfolge Schlüsse auf die Chancen 
Ihrer Arbeiten ziehen, wollen wir die Unterschiede in der psycho- 
logischen Situation hier und dort beleuchten. 

Den Hauptunterschied haben wir schon genannt: Beim Neu- 
rotiker Geheimnis vor seinem eigenen Bewußtsein, beim Verbrecher 
nur vor Ihnen; beim ersteren ein echtes Nichtwissen, obwohl nicht 
in jedem Sinne, beim letzteren nur Simulation des Nichtwissens. 
Damit ist ein anderer, praktisch wichtiger Unterschied verknüpft. 
In der Psychoanalyse hilft der Kranke mit seiner bewußten Be- 
mühung gegen seinen Widerstand, denn er hat ja einen Nutzen 
von dem Examen zu erwarten, die Heilung; der Verbrecher hin- 
gegen arbeitet nicht mit Ihnen, er würde gegen sein ganzes Ich 
arbeiten. Wie zur Ausgleichung kommt es bei Ihrer Unter- 
suchung nur darauf an, daß Sie eine objektive Überzeugung ge- 
winnen, während bei der Therapie gefordert wird, daß der Kranke 
selbst sich die gleiche Überzeugung schaffe. Es bleibt aber abzu- 
warten, welche Erschwerungen oder Abänderungen an Ihrem Ver- 
fahren Ihnen der Wegfall der Mitarbeiterschaft des Untersuchten 
bereiten wird. Es ist dies auch ein Fall, den Sie sich in Ihren 
Seminarversuchen niemals herstellen können, denn Ihr Kollege, 
der sich in die Rolle des Beschuldigten fügt, bleibt doch Ihr 
Mitarbeiter und hilft Ihnen trotz seines bewußten Vorsatzes, sich 
nicht zu verraten. 

Wenn Sie auf die Vergleichung der beiden Situationen näher 
eingehen, so ergibt sich Ihnen überhaupt, daß in der Psycho- 
analyse ein einfacherer, ein Spezialfall der Aufgabe, Verborgenes 
im Seelenleben aufzudecken, vorliegt, in Ihrer Arbeit dagegen ein 
umfassenderer. Daß es sich bei den Psychoneurotikern ganz regel- 
mäßig um einen verdrängten sexuellen Komplex (im weitesten 



Tatbestandsdiagnostik und Psychoanalyse 207 



Sinne genommen) handelt, das kommt als Unterschied für Sie 
nicht in Betracht. Wohl aber etwas anderes. Die Aufgabe der 
Psychoanalyse lautet ganz uniform für alle Fälle, es seien Komplexe 
aufzudecken, die infolge von Unlustgefühlen verdrängt sind und 
beim Versuch der Einführung ins Bewußtsein Anzeichen des 
Widerstandes von sich geben. Dieser Widerstand ist gleichsam 
lokalisiert, er entsteht an dem Grenzübergang zwischen Unbe- 
wußtem und Bewußtem. In Ihren Fällen handelt es sich um 
einen Widerstand, der ganz aus dem Bewußtsein herrührt. Sie 
werden diese Ungleichheit nicht ohneweiters vernachlässigen können 
und erst durch Versuche festzustellen haben, ob sich der bewußte 
Widerstand durch ganz dieselben Anzeichen verrät wie der unbe- 
wußte. Ferner meine ich, daß Sie noch nicht sicher sein können, 
ob Sie Ihre objektiven Komplexanzeichen so wie wir Psycho- 
therapeuten als „Widerstand" deuten dürfen. Wenn auch nicht 
sehr häufig bei Verbrechern, so doch bei Ihren Versuchspersonen 
mag sich der Fall ereignen, daß der Komplex, an den Sie streifen, 
ein mit Lust betonter ist, und es fragt sich, ob dieser dieselben 
Beaktionen geben wird wie ein mit Unlust betonter. 

Ich möchte auch hervorheben, daß Ihr Versuch möglicherweise 
einer Einmengung unterliegen kann, die in der Psychoanalyse 
wie selbstverständlich entfällt. Sie können nämlich bei Ihrer Unter- 
suchung vom Neurotiker irregeführt werden, der so reagiert, als 
ob er schuldig wäre, obwohl er unschuldig ist, weil ein in ihm 
bereitliegendes und lauerndes Schuldbewußtsein sich der Beschuldi- 
gung des besonderen Falles bemächtigt. Halten Sie diesen Fall 
nicht für eine müßige Erfindung 5 denken Sie an die Kinderstube, 
in der man ihn häufig genug beobachten kann. Es kommt vor, 
daß ein Kind, dem man eine Untat vorwirft, die Schuld mit 
Entschiedenheit leugnet, dabei aber weint wie ein überführter 
Sünder. Sie werden vielleicht meinen, daß das Kind lügt, während 
es seine Unschuld versichert, aber der Fall kann anders liegen. 
Das Kind hat die eine Untat, die Sie ihm zur Last legen, wirklich 



2 °8 Zur Anw endung der Psychoanalyse 

nicht verübt, aber dafür eine andere, ähnliche, von der Sie nichts 
wissen und deren Sie es nicht beschuldigen. Es leugnet also mit 
Recht seine Schuld — an dem einen, — und dabei verrät sich 
doch sein Schuldbewußtsein — wegen des anderen. Der erwachsene 
Neurotiker verhält sich in diesem — wie in vielen anderen 
Punkten — ganz so wie ein Kind 5 es gibt viele solcher Men- 
schen, und es ist noch fraglich, ob es Ihrer Technik gelingen 
wird, solche Selbstbeschuldiger von den wirklich Schuldigen zu 
unterscheiden. Endlich noch eines: Sie wissen, daß Sie nach 
Ihrer Strafprozeßordnung den Angeklagten durch kein Verfahren 
überrumpeln dürfen. Er wird also wissen, daß es sich beim 
Experiment darum handelt, sich nicht zu verraten, und es ent- 
steht die weitere Frage, ob man auf dieselben Reaktionen zu 
rechnen hat, wenn die Aufmerksamkeit dem Komplex zugewendet 
ist wie bei abgewendeter, und wie weit der Vorsatz zu ver- 
bergen bei verschiedenen Personen in die Reaktionsweise hinein- 
reichen kann. 

Gerade weil die Ihren Untersuchungen unterliegenden Situa- 
tionen so mannigfaltig sind, ist die Psychologie an dem Ausfall 
derselben lebhaft interessiert, und man möchte Sie bitten, an der 
praktischen Verwertbarkeit derselben ja nicht zu rasch zu ver- 
zweifeln. Gestatten Sie mir, der ich der praktischen Rechtspflege 
so ferne stehe, noch einen anderen Vorschlag! So unentbehrlich 
Experimente im Seminar zur Vorbereitung und Fragestellung sein 
mögen, so werden Sie doch die gleiche psychologische Situation 
wie bei der Untersuchung Beschuldigter im Straffalle hier nie 
herstellen können. Es bleiben Phantomübungen, auf welche sich 
die praktische Verwendung im Strafprozeß niemals begründen 
läßt. Wenn wir auf letztere nicht verzichten wollen, so bietet sich 
folgender Ausweg. Es möge Ihnen verstattet, ja zur Pflicht gemacht 
werden, solche Untersuchungen durch eine Reihe von Jahren an 
allen realen Fällen von Strafbeschuldigung vorzunehmen, ohne 
daß den Ergebnissen derselben ein Einfluß auf die Ent- 



Tatbestandsdiagnostik und Psychoanalyse 209 

Scheidung der richtenden Instanz zugestanden würde. Am 
besten, wenn die letztere überhaupt nicht zur Kenntnis Ihrer aus 
der Untersuchung gezogenen Schlußfolgerung über die Schuld des An- 
geklagten kommt, Nach jahrelanger Sammlung und vergleichender 
Bearbeitung der so gewonnenen Erfahrungen müßten wohl alle 
Zweifel an der Brauchbarkeit dieses psychologischen Untersuchungs- 
verfahrens gelöst sein. Ich weiß freilich, daß die Verwirklichung 
dieses Vorschlages nicht allein von Ihnen und Ihrem geschätztem 
Lehrer abhängt. 



Freud, x. 



ZWANGSHANDLUNGEN UND RELIGIONS- 
ÜBUNGEN 

Zuerst erschienen in der „Zeitschrift, für 
Religionspsychologie", herausgegeben von Bresler 
und Vorbrodt, Bd. I, Heft I, 190J ; dann in der 
Zweiten Folge der „Sammlung kleiner Schriften 
zur Ncuroscnlehre". 

Ich bin gewiß nicht der erste, dem die Ähnlichkeit der soge- 
nannten Zwangshandlungen Nervöser mit den Verrichtungen auf- 
gefallen ist, durch welche der Gläubige seine Frömmigkeit bezeugt. 
Der Name „Zeremoniell" bürgt mir dafür, mit dem man gewisse 
dieser Zwangshandlungen belegt hat. Doch scheint mir diese Ähnlich- 
keit eine mehr als oberflächliche zu sein, so daß man aus einer Ein- 
sicht in die Entstehung des neurotischen Zeremoniells Analogie- 
schlüsse auf die seelischen Vorgänge des religiösen Lebens wagen 
dürfte. 

Die Leute, die Zwangshandlungen oder Zeremoniell ausüben, 
gehören nebst jenen, die an Zwangsdenken, Zwangsvorstellungen, 
Zwangsimpulsen u. dgl. leiden, zu einer besonderen klinischen 
Einheit, für deren Affektion der Name „Zwangsneurose" gebräuch- 
lich ist. 1 Man möge aber nicht versuchen, die Eigenart dieses 
Leidens aus seinem Namen abzuleiten, denn streng genommen 
haben andersartige krankhafte Seelenerscheinungen den gleichen 
Anspruch auf den sogenannten „Zwangscharakter". An Stelle einer 

1) Vgl. Löwenfeld: Die psychischen Zwangserscheinungen, 190 i. 



Zwangshandlungen und Religionsübungen 



21 1 



Definition muß derzeit noch die Detailkenntnis dieser Zustände 
treten, da es bisher nicht gelungen ist, das wahrscheinlich tief 
liegende Kriterium der Zwangsneurose aufzuzeigen, dessen Vor- 
handensein man doch in ihren Äußerungen allenthalben zu spüren 
vermeint. 

Das neurotische Zeremoniell besteht in kleinen Verrichtungen, 
Zutaten, Einschränkungen, Anordnungen, die bei gewissen Hand- 
lungen des täglichen Lebens in immer gleicher oder gesetzmäßig 
abgeänderter Weise vollzogen werden. Diese Tätigkeiten machen 
uns den Eindruck von bloßen „Formalitäten" 5 sie erscheinen uns 
völlig bedeutungslos. Nicht anders erscheinen sie dem Kranken 
selbst, und doch ist er unfähig, sie zu unterlassen, denn jede Ab- 
weichung von dem Zeremoniell straft sich durch unerträgliche 
Angst, die sofort die Nachholung des Unterlassenen erzwingt. Ebenso 
kleinlich wie die Zeremoniellhandlungen selbst sind die Anlässe 
und Tätigkeiten, welche durch das Zeremoniell verziert, erschwert 
und jedenfalls auch verzögert werden, z. B. das Ankleiden und 
Auskleiden, das Zubettegehen, die Befriedigung der körperlichen 
Bedürfnisse. Man kann die Ausübung eines Zeremoniells beschreiben, 
indem man es gleichsam durch eine Reihe ungeschriebener Gesetze 
ersetzt, also z. B. für das Bettzeremoniell: der Sessel muß in 
solcher bestimmter Stellung vor dem Bette stehen, auf ihm die 
Kleider in gewisser Ordnung gefaltet liegen; die Bettdecke muß 
am Fußende eingesteckt sein, das Bettuch glatt gestrichen; die 
Polster müssen so und so verteilt liegen, der Körper selbst in 
einer genau bestimmten Lage sein; dann erst darf man ein- 
schlafen. In leichten Fällen sieht das Zeremoniell so der Über- 
treibung einer gewohnten und berechtigten Ordnung gleich. Aber 
die besondere Gewissenhaftigkeit der Ausführung und die Angst 
bei der Unterlassung kennzeichnen das Zeremoniell als „heilige 
Handlung". Störungen derselben werden meist schlecht vertragen; 
die Öffentlichkeit, die Gegenwart anderer Personen während der I 
Vollziehung ist fast immer ausgeschlossen. 

.+• 



212 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

Zu Zwangshandlungen im weiteren Sinne können alle beliebigen 
Tätigkeiten werden, wenn sie durch kleine Zutaten verziert, durch 
Pausen und Wiederholungen rhythmiert werden. Eine scharfe 
Abgrenzung des „Zeremoniells" von den „Zwangshandlungen" 
wird man zu finden nicht erwarten. Meist sind die Zwangs- 
handlungen aus Zeremoniell hervorgegangen. Neben diesen beiden 
bilden den Inhalt des Leidens Verbote und Verhinderungen 
(Abulien), die ja eigentlich das Werk der Zwangshandlungen 
nur fortsetzen, indem dem Kranken einiges überhaupt nicht 
erlaubt ist, anderes nur unter Befolgung eines vorgeschriebenen 
Zeremoniells. 

Merkwürdig ist, daß Zwang wie Verbote (das eine tun müssen, 
das andere nicht tun dürfen) anfänglich nur die einsamen Tätig- 
keiten der Menschen betreffen und deren soziales Verhalten lange 
Zeit unbeeinträchtigt lassen; daher können solche Kranke ihr 
Leiden durch viele Jahre als ihre Privatsache behandeln und ver- 
bergen. Auch leiden viel mehr Personen an solchen Formen der 
Zwangsneurose, als den Ärzten bekannt wird. Das Verbergen wird 
ferner vielen Kranken durch den Umstand erleichtert, daß sie 
sehr wohl imstande sind, über einen Teil des Tages ihre sozialen 
Pflichten zu erfüllen, nachdem sie eine Anzahl von Stunden 
in melusinenhafter Abgeschiedenheit ihrem geheimnisvollen Tun 
gewidmet haben. 

Es ist leicht einzusehen, worin die Ähnlichkeit des neurotischen 
Zeremoniells mit den heiligen Handlungen des religiösen Ritus 
gelegen ist, in der Gewissensangst bei der Unterlassung, in der 
vollen Isolierung von allem anderen Tun (Verbot der Störung) 
und in der Gewissenhaftigkeit der Ausführung im kleinen. Aber 
ebenso augenfällig sind die Unterscheidungen, von denen einige 
so grell sind, daß sie den Vergleich zu einem sakrilegischen 
werden lassen. Die größere individuelle Mannigfaltigkeit der 
Zeremoniellhandlungen im Gegensatze zur Stereotypie des Ritus 
(Gebet, Proskinesis usw.), der Privatcharakter derselben im Gegen- 



Zwangshandlungen und Religionsübungen 215 

satze zur Öffentlichkeit und Gemeinsamkeit der Religionsübung j 
vor allem aber der eine Unterschied, daß die kleinen Zutaten des 
religiösen Zeremoniells sinnvoll und symbolisch gemeint sind, 
während die des neurotischen läppisch und sinnlos erscheinen. 
Die Zwangsneurose liefert hier ein halb komisches, halb trauriges 
Zerrbild einer Privatreligion. Indes wird gerade dieser ein- 
schneidendste Unterschied zwischen neurotischem und religiösem 
Zeremoniell beseitigt, wenn man mit Hilfe der psychoanalytischen 
Untersuchungstechnik zum Verständnis der Zwangshandlungen 
durchdringt. 1 Bei dieser Untersuchung wird der Anschein, als ob 
Zwangshandlungen läppisch und sinnlos wären, gründlich zerstört 
und die Begründung dieses Scheines aufgedeckt. Man erfährt, daß 
die Zwangshandlungen durchwegs und in all ihren Einzelheiten 
sinnvoll sind, im Dienste von bedeutsamen Interessen der Persön- 
lichkeit stehen und fortwirkende Erlebnisse sowie affektbesetzte 
Gedanken derselben zum Ausdrucke bringen. Sie tun dies in 
zweierlei Art, entweder als direkte oder als symbolische Dar- 
stellungen; sie sind demnach entweder historisch oder symbolisch 
zu deuten. 

Einige Beispiele, die diese Behauptung erläutern sollen, darf ich 
mir hier wohl nicht ersparen. Wer mit den Ergebnissen der 
psychoanalytischen Forschung bei den Psychoneurosen vertraut ist, 
wird nicht überrascht sein zu hören, daß das durch die Zwangs- 
handlungen oder das Zeremoniell Dargestellte sich aus dem in- 
timsten, meist aus dem -sexuellen Erleben der Betroffenen ableitet: 

a) Ein Mädchen meiner Beobachtung stand unter dem Zwange, 
nach dem Waschen die Waschschüssel mehrmals herumzuschwenken. 
Die Bedeutung dieser Zeremoniellhandlung lag in dem sprich- 
wörtlichen Satze: Man soll schmutziges Wasser nicht ausgießen, 
ehe man reines hat. Die Handlung war dazu bestimmt, ihre ge- 
liebte Schwester zu mahnen und zurückzuhalten, daß sie sich von 

1) Vgl. Freud: Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. Wien 1906. 
(,3. Aufl., 1920.) 



214 "Lur Anwendung der Psychoanalyse 

ihrem unerfreulichen Manne nicht eher scheiden lasse, als bis sie 
eine Beziehung zu einem besseren angeknüpft habe. 

b) Eine von ihrem Manne getrennt lebende Frau folgte beim 
Essen dem Zwange, das Beste stehen zu lassen, z. B. von einem 
Stück gebratenen Fleisch nur die Ränder zu genießen. Dieser 
Verzicht erklärte sich durch das Datum seiner Entstehung. Er 
war am Tage aufgetreten, nachdem sie ihrem Manne den ehe- 
lichen Verkehr gekündigt, d. h. aufs Beste verzichtet hatte. 

c) Dieselbe Patientin konnte eigentlich nur auf einem einzigen 
Sessel sitzen und konnte sich nur mit Schwierigkeit von ihm er- 
heben. Der Sessel symbolisierte ihr mit Beziehung auf bestimmte 
Details ihres Ehelebens den Mann, dem sie die Treue hielt. Sie 
fand zur Aufklärung ihres Zwanges den Satz: „Man trennt sich 
so schwer von einem (Manne, Sessel), auf dem man einmal ge- 
sessen ist." 

d) Sie pflegte eine Zeit hindurch eine besonders auffällige und 
sinnlose Zwangshandlung zu wiederholen. Sie lief dann aus ihrem 
Zimmer in ein anderes, in dessen Mitte ein Tisch stand, rückte 
die auf ihm liegende Tischdecke in gewisser Art zurecht, schellte 
dem Stubenmädchen, das an den Tisch herantreten mußte, und 
entließ sie wieder mit einem gleichgültigen Auftrag. Bei den 
Bemühungen, diesen Zwang aufzuklären, fiel ihr ein, daß die 
betreffende Tischdecke an einer Stelle einen mißfarbigen Fleck 
hatte, und daß sie jedesmal die Decke so legte, daß der Fleck 
dem Stubenmädchen in die Augen fallen mußte. Das Ganze war 
dann eine Reproduktion eines Erlebnisses aus ihrer Ehe, welches 
ihren Gedanken später ein Problem zu lösen gegeben hatte. Ihr 
Mann war in der Brautnacht von einem nicht ungewöhnlichen 
Mißgeschick befallen worden. Er fand sich impotent und „kam 
viele Male im Laufe der Nacht aus seinem Zimmer in ihres ge- 
rannt", um den Versuch, ob es nicht doch gelänge, zu wieder- 
holen. Am Morgen äußerte er, er müsse sich ja vor dem Hotel- 
stubenmädchen schämen, welches die Betten in Ordnung bringen 



; 



Z wangshandlungcn und Religionsübungen 21 5 



werde, ergriff darum ein Fläschchen mit roter Tinte und goß 
dessen Inhalt über das Bettuch aus, aber so ungeschickt, daß der 
rote Fleck an einer für seine Absicht sehr ungeeigneten Stelle 
zustande kam. Sie spielte also Brautnacht mit jener Zwangshand- 
lung. „Tisch und Bett" machen zusammen die Ehe aus. 

e) Wenn sie den Zwang angenommen hatte, die Nummer jeder 
Geldnote zu notieren, ehe sie dieselbe aus ihren Händen gab, so 
war dies gleichfalls historisch aufzuklären. Zur Zeit, als sie sich 
noch mit der Absicht trug, ihren Mann zu verlassen, wenn sie 
einen anderen, vertrauenswürdigeren fände, ließ sie sich in einem 
Badeorte die höflichen Bemühungen eines Herrn gefallen, über 
dessen Bereitschaft, Ernst zu machen, sie doch im Zweifel blieb. 
Eines Tages um Kleingeld verlegen, bat sie ihn, ihr ein Fünf- 
kronenstück zu wechseln. Er tat es, steckte das große Geldstück 
ein und äußerte galant, er gedenke sich von diesem nie wieder 
zu trennen, da es durch ihre Hand gegangen sei. Bei späterem 
Beisammensein war sie nun oft in Versuchung, ihn aufzufordern, 
er möge ihr das Fünfkronenstück vorzeigen, gleichsam um sich so 
zu überzeugen, ob sie seinen Huldigungen Glauben schenken 
dürfe. Sie unterließ es aber mit der guten Begründung, daß man 
gleichwertige Münzen nicht voneinander unterscheiden könne. 
Der Zweifel blieb also ungelöst; er hinterließ ihr den Zwang, die 
Nummern der Geldnoten, durch welche jede einzelne von allen 
ihr gleichwertigen individuell unterschieden ist, zu notieren. 

Diese wenigen Beispiele, aus der Fülle meiner Erfahrung heraus- 
gehoben, sollen nur den Satz, daß alles an den Zwangshandlungen 
sinnvoll und deutbar ist, erläutern. Das gleiche gilt für das eigent- 
liche Zeremoniell, nur daß hier der Beweis umständlichere Mit- 
teilung erfordern würde. Ich verkenne es keineswegs, wie sehr 
wir uns bei den Aufklärungen der Zwangshandlungen vom Ge- 
dankenkreise der Religion zu entfernen scheinen. 

Es gehört zu den Bedingungen des Krankseins, daß die dem 
Zwange folgende Person ihn ausübe, ohne seine Bedeutung 



3i6 Zur Anwendung der Psychoanalyse 



wenigstens seine Hauptbedeutung — zu kennen. Erst durch die 
Bemühung der psychoanalytischen Therapie wird ihr der Sinn 
der Zwangshandlung und damit die zu ihr treibenden Motive 
bewußt gemacht. Wir sprechen diesen bedeutsamen Sachverhalt 
in den Worten aus, daß die Zwangshandlung unbewußten Mo- 
tiven und Vorstellungen zum Ausdruck diene. Darin scheint nun 
ein neuerlicher Unterschied gegen die Religionsübung zu liegen 5 
aber man muß daran denken, daß auch der einzelne Fromme in der 
Regel das religiöse Zeremoniell ausübt, ohne nach dessen Bedeutung 
zu fragen, während allerdings der Priester und der Forscher mit 
dem meist symbolischen Sinn des Ritus bekannt sein mögen. Die 
Motive, die zur Religionsübung drängen, sind aber allen Gläubigen 
unbekannt oder werden in ihrem Bewußtsein durch vorgeschobene 
Motive vertreten. 

Die Analyse der Zwangshandlungen hat uns bereits eine Art 
von Einsicht in die Verursachung derselben und in die Verkettung 
der für sie maßgebenden Motive ermöglicht. Man kann sagen, 
der an Zwang und Verboten Leidende benimmt sich so, als stehe 
er unter der Herrschaft eines Schuldbewußtseins, von dem er 
allerdings nichts weiß, eines unbewußten Schuldbewußtseins also, 
wie man es ausdrücken muß mit Hinwegsetzung über das Sträuben 
der hier zusammentreffenden Worte. Dies Schuldbewußtsein hat 
seine Quelle in gewissen frühzeitigen Seelenvorgängen, findet aber 
eine beständige Auffrischung in der bei jedem rezenten Anlaß 
erneuerten Versuchung und läßt anderseits eine immer lauernde 
Er wartungsangst, Unheilser Wartung, entstehen, die durch den 
Begriff der Bestrafung an die innere Wahrnehmung der Ver- 
suchung geknüpft ist. Zu Beginn der Zeremoniellbildung wird 
dem Kranken noch bewußt, daß er dies oder jenes tun müsse, 
sonst werde Unheil geschehen, und in der Regel wird die Art 
des zu erwartenden Unheils noch seinem Bewußtsein genannt. 
Der jedesmal nachweisbare Zusammenhang zwischen dem Anlasse, 
bei dem die Erwartungsangst auftritt, und dem Inhalte, mit dem 



Zwangshandlungen und Religionsübungen 217 

sie droht, ist dem Kranken bereits verhüllt. Das Zeremoniell be- 
ginnt so als Abwehr- oder Versicherungshandlung, Schutz- 
maßregel. 

Dem Schuldbewußtsein der Zwangsneurotiker entspricht die 
Beteuerung der Frommen, sie wüßten, daß sie im Herzen arge 
Sünder seien; den Wert von Abwehr- und Schutzmaßregeln 
scheinen die frommen Übungen (Gebete, Anrufungen usw.) zu 
haben, mit denen sie jede Tätigkeit des Tages und zumal jede 
außergewöhnliche Unternehmung einleiten. 

Einen tieferen Einblick m den Mechanismus der Zwangsneu- 
rose gewinnt man, wenn man die ihr zugrunde liegende erste 
Tatsache in Würdigung zieht: diese ist allemal die Verdrängung 
einer Triebregung (einer Komponente des Sexualtriebes), welche 
in der Konstitution der Person enthalten war, im kindlichen Leben 
derselben sich eine Weile äußern durfte und darauf der Unter- 
drückung verfiel. Eine spezielle, auf die Ziele dieses Triebes ge- 
richtete Gewissenhaftigkeit wird bei der Verdrängung des- 
selben geschaffen, aber diese psychische Reaktionsbildung fühlt 
sich nicht sicher, sondern von dem im Unbewußten lauernden 
Triebe beständig bedroht. Der Einfluß des verdrängten Triebes 
wird als Versuchung empfunden, beim Prozeß der Verdrängung 
selbst entsteht die Angst, die sich als Erwartungsangst der Zukunft 
bemächtigt. Der Verdrängungsprozeß, der zur Zwangsneurose führt, 
ist als ein unvollkommen gelungener zu bezeichnen, der immer 
mehr zu mißlingen droht. Er ist daher einem nicht abzuschließenden 
Konflikt zu vergleichen 5 es werden immer neue psychische An- 
strengungen erfordert, um dem konstanten Andrängen des Triebes 
das Gleichgewicht zu halten. Die Zeremoniell- und Zwangshand- 
lungen entstehen so teils zur Abwehr der Versuchung, teils zum 
Schutze gegen das erwartete Unheil. Gegen die Versuchung scheinen 
die Schutzhandlungen bald nicht auszureichen 5 es treten dann die 
Verbote auf, welche die Situation der Versuchung ferne legen 
sollen. Verbote ersetzen Zwangshandlungen, wie man sieht, ebenso 



218 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

wie eine Phobie den hysterischen Anfall zu ersparen bestimmt 
ist. Anderseits stellt das Zeremoniell die Summe der Bedingungen 
dar, unter denen anderes, noch nicht absolut Verbotenes erlaubt 
ist, ganz ähnlich wie das kirchliche Ehezeremoniell dem Frommen 
die Gestattung des sonst sündhaften Sexualgenusses bedeutet. Zum 
Charakter der Zwangsneurose wie aller ähnlichen Affektionen ge- 
hört noch, daß ihre Äußerungen (Symptome, darunter auch die 
Zwangshandlungen) die Bedingung eines Kompromisses zwischen 
den streitenden seelischen Mächten erfüllen. Sie bringen also auch 
immer etwas von der Lust wieder, die sie zu verhüten bestimmt 
sind, dienen dem verdrängten Triebe nicht minder als den ihn 
verdrängenden Instanzen. Ja, mit dem Fortschritte der Krankheit 
nähern sich die ursprünglich eher die Abwehr besorgenden Hand- 
lungen immer mehr den verpönten Aktionen an, durch welche 
sich der Trieb in der Kindheit äußern durfte. 

Von diesen Verhältnissen wäre etwa folgendes auch auf dem 
Gebiete des religiösen Lebens wiederzufinden: Auch der Religions- 
bildung scheint die Unterdrückung, der Verzicht auf gewisse 
Trieb regungen zugrunde zu liegen; es sind aber nicht wie bei 
der Neurose ausschließlich sexuelle Komponenten, sondern eigen- 
süchtige, sozialschädliche Triebe, denen übrigens ein sexueller 
Beitrag meist nicht versagt ist. Das Schuldbewußtsein in der 
Folge der nicht erlöschenden Versuchung, die Erwartungsangst 
als Angst vor göttlichen Strafen sind uns ja auf religiösem Ge- 
biete früher bekannt geworden als auf dem der Neurose. Viel- 
leicht wegen der beigemengten sexuellen Komponenten, viel- 
leicht infolge allgemeiner Eigenschaften der Triebe erweist sich 
die Triebunterdrückung auch im religiösen Leben als eine un- 
zureichende und nicht abschließbare. Volle Rückfälle in die 
Sünde sind beim Frommen sogar häufiger als beim Neurotiker 
und begründen eine neue Art von religiösen Betätigungen, die 
Bußhandlungen, zu denen man in der Zwangsneurose die Gegen- 
stücke findet. 



Zwangshandlungen und Rehgionsübungen 219 

Einen eigentümlichen und entwürdigenden Charakter der 
Zwangsneurose sahen wir darin, daß das Zeremoniell sich an 
kleine Handlungen des täglichen Lebens anschließt und sich in 
läppischen Vorschriften und Einschränkungen derselben äußert. 
Man versteht diesen auffälligen Zug in der Gestaltung des Krank- 
heitsbildes erst, wenn man erfährt, daß der Mechanismus der 
psychischen Verschiebung, den ich zuerst bei der Traumbildung 1 
aufgefunden, die seelischen Vorgänge der Zwangsneurose beherrscht. 
In den wenigen Beispielen von Zwangshandlungen ist bereits er- 
sichtlich, wie durch eine Verschiebung vom Eigentlichen, Bedeut- 
samen, auf ein ersetzendes Kleines, z. B. vom Mann auf den Sessel, 
die Symbolik und das Detail der Ausführung Zustandekommen. 
Diese Neigung zur Verschiebung ist es, die das Bild der Krank- 
heitserscheinungen immer weiter abändert und es endlich dahin 
bringt, das scheinbar Geringfügigste zum Wichtigsten und Drin- 
gendsten zu machen. Es ist nicht zu verkennen, daß auf dem 
religiösen Gebiete eine ähnliche Neigung zur Verschiebung des 
psychischen Wertes, und zwar in gleichem Sinne, besteht, so daß 
allmählich das kleinliche Zeremoniell der Religionsübung zum 
Wesentlichen wird, welches deren Gedankeninhalt beiseite gedrängt 
hat. Darum unterliegen die Religionen auch ruckweise einsetzenden 
Reformen, welche das ursprüngliche Wertverhältnis herzustellen 
bemüht sind. 

Der Kompromißcharakter der Zwangshandlungen als neuroti- 
scher Symptome wird an dem entsprechenden religiösen Tun am 
wenigsten deutlich zu erkennen sein. Und doch wird man auch 
an diesen Zug der Neurose gemahnt, wenn man erinnert, wie 
häufig alle Handlungen, welche die Religion verpönt — Äuße- 
rungen der von der Religion unterdrückten Triebe — gerade im 
Namen und angeblich zugunsten der Religion vollführt werden. 

Nach diesen Übereinstimmungen und Analogien könnte man 
sich getrauen, die Zwangsneurose als pathologisches Gegenstück 

1) Vgl. Freud: Die Traumdeutung, 1900. [Ges. Schriften, Bd. II u. III.] 



220 Zur Anwendung der Psychoanalyse 



zur Religionsbildung aufzufassen, die Neurose als eine individuelle 
Religiosität, die Religion als eine universelle Zwangsneurose zu 
bezeichnen. Die wesentlichste Übereinstimmung läge in dem zu- 
grunde liegenden Verzicht auf die Betätigung von konstitutionell 
gegebenen Trieben ; der entscheidendste Unterschied in der Natur 
dieser Triebe, die bei der Neurose ausschließlich sexueller, bei der 
Religion egoistischer Herkunft sind. 

Ein fortschreitender Verzicht auf konstitutionelle Triebe, deren 
Betätigung dem Ich primäre Lust gewähren könnte, scheint eine 
der Grundlagen der menschlichen Kulturentwicklung zu sein. 
Ein Stück dieser Triebverdrängung wird von den Religionen ge- 
leistet, indem sie den einzelnen seine Trieblust der Gottheit zum 
Opfer bringen lassen. „Die Rache ist mein", spricht der Herr. 
An der Entwicklung der alten Religionen glaubt man zu erkennen, 
daß vieles, worauf der Mensch als „Frevel" verzichtet hatte, dem 
Gotte abgetreten und noch im Namen des Gottes erlaubt war, 
so daß die Überlassung an die Gottheit der Weg war, auf welchem 
sich der Mensch von der Herrschaft böser, sozialschädlicher Triebe 
befreite. Es ist darum wohl kein Zufall, daß den alten Göttern 
alle menschlichen Eigenschaften — mit den aus ihnen folgenden 
Missetaten — in uneingeschränktem Maße zugeschrieben wurden, 
und kein Widerspruch, daß es doch nicht erlaubt war, die eigenen 
Frevel durch das göttliche Beispiel zu rechtfertigen. 



ÜBER DEN GEGENSINN DER URWORTE 

Dieses Referat über die gleichnamige Broschüre 
von Karl Abel (1SS4) erschien zuerst im „Jahr- 
buch für psychoanalytische und psychopatho- 
logische Forschungen" , Bd. II (1910), dann 
in der Dritten Folge der „Sammlung kleiner 
Schriften zur Neurosenlehre u . 

In meiner „Traumdeutung" habe ich als unverstandenes Er- 
gebnis der analytischen Bemühung eine Behauptung aufgestellt, 
die ich nun zu Eingang dieses Referates wiederholen werde: 1 

„Höchst auffällig ist das Verhalten des Traumes gegen die 
Kategorie von Gegensatz und Widerspruch. Dieser wird schlechtweg 
vernachlässigt. Das „Nein" scheint für den Traum nicht zu 
existieren. Gegensätze werden mit besonderer Vorliebe zu einer 
Einheit zusammengezogen oder in einem dargestellt. Der Traum 
nimmt sich ja auch die Freiheit, ein beliebiges Element durch 
seinen Wunschgegensatz darzustellen, so daß man zunächst von 
keinem eines Gegenteils fähigen Elemente weiß, ob es in den 
Traumgedanken positiv oder negativ enthalten ist.' 

Die Traumdeuter des Altertums scheinen von der Voraus- 
setzung, daß ein Ding im Traume sein Gegenteil bedeuten könne, 
den ausgiebigsten Gebrauch gemacht zu haben. Gelegentlich ist 
diese Möglichkeit auch von modernen Traumforschern, insofern 
sie dem Traume überhaupt Sinn und Deutbarkeit zugestanden 

1) 2. Aufl., S. 252, im Abschnitte VI: Die Traumarbeit. 






222 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

haben, erkannt. 1 Ich glaube auch keinen Widerspruch hervorzu- 
rufen, wenn ich annehme, daß alle diejenigen die oben zitierte 
Behauptung bestätigt gefunden haben, welche mir auf den Weg 
einer wissenschaftlichen Traumdeutung gefolgt sind. 

Zum Verständnisse der sonderbaren Neigung der Traumarbeit, 
von der Verneinung abzusehen und durch dasselbe Darstellungs- 
mittel Gegensätzliches zum Ausdrucke zu bringen, bin ich erst 
durch die zufällige Lektüre einer Arbeit des Sprachforschers 
K. Abel gelangt, welche, 1884 als selbständige Broschüre ver- 
öffentlicht, im nächsten Jahre auch unter die „Sprachwissenschaft- 
lichen Abhandlungen" des Verfassers aufgenommen worden ist. 
Das Interesse des Gegenstandes wird es rechtfertigen, wenn ich 
die entscheidenden Stellen der Ab eischen Abhandlung nach ihrem 
vollen Wortlaute (wenn auch mit Weglassung der meisten Bei- 
spiele) hier anführe. Wir erhalten nämlich die erstaunliche Auf- 
klärung, daß die angegebene Praxis der Traumarbeit sich mit 
einer Eigentümlichkeit der ältesten uns bekannten Sprachen deckt. 

Nachdem Abel das Alter der ägyptischen Sprache hervor- 
gehoben, die lange Zeiten vor den ersten hieroglyphischen In- 
schriften entwickelt worden sein muß, fährt er fort (S. 4): 

„In der ägyptischen Sprache nun, dieser einzigen Reliquie einer 
primitiven Welt, findet sich eine ziemliche Anzahl von Worten 
mit zwei Bedeutungen, deren eine das gerade Gegenteil der 
andern besagt. Man denke sich, wenn man solch augenschein- 
lichen Unsinn zu denken vermag, daß das Wort ,stark' in der 
deutschen Sprache sowohl ,stark' als ,schwach' bedeute; daß das 
Nomen ,Licht' in Berlin gebraucht werde, um sowohl ,Licht als 
,Dunkelheit' zu bezeichnen; daß ein Münchener Bürger das Bier 
,Bier' nennte, während ein anderer dasselbe Wort anwendete, 
wenn er vom Wasser spräche, und man hat die erstaunliche 
Praxis, welcher sich die alten Ägypter in ihrer Sprache gewohnheits- 

1) Siehe z. B. G. H. v. Schubert: Die Symbolik des Traumes, 4. Aufl., 1862, 
Kap. 2. Die Sprache des Traumes. 



Über den Gegensinn der Urworte 225 

mäßig hinzugeben pflegten. Wem kann man es verargen, wenn 
er dazu ungläubig den Kopf schüttelt? ..." (Beispiele.) 

(S. 7): „Angesichts dieser und vieler ähnlicher Fälle anti- 
thetischer Bedeutung (siehe Anhang) kann es keinem Zweifel 
unterliegen, daß es in einer Sprache wenigstens eine Fülle von 
Worten gegeben hat, welche ein Ding und das Gegenteil dieses 
Dinges gleichzeitig bezeichneten. Wie erstaunlich es sei, wir stehen 
vor der Tatsache und haben damit zu rechnen." 

Der Autor weist nun die Erklärung dieses Sachverhaltes durch 
zufälligen Gleichlaut ab und verwahrt sich mit gleicher Ent- 
schiedenheit gegen die Zurückführung desselben auf den Tiefstand 
der ägyptischen Geistesentwicklung: 

(S. 9): „Nun war aber Ägypten nichts weniger als eine Heimat 
des Unsinnes. Es war im Gegenteil eine der frühesten Ent- 
wicklungsstätten der menschlichen Vernunft ... Es kannte eine 
reine und würdevolle Moral und hatte einen großen Teil der 
zehn Gebote formuliert, als diejenigen Völker, welchen die heutige 
Zivilisation gehört, blutdürstigen Idolen Menschenopfer zu schlachten 
pflegten. Ein Volk, welches die Fackel der Gerechtigkeit und 
Kultur in so dunklen Zeiten entzündete, kann doch in seinem 
alltäglichen Reden und Denken nicht geradezu stupid gewesen 
sein . . • Wer Glas machen und ungeheure Blöcke maschinenmäßig 
zu heben und zu bewegen vermochte, muß doch mindestens Ver- 
nunft genug gehabt haben, um ein Ding nicht für sich selbst 
und gleichzeitig für sein Gegenteil anzusehen. Wie vereinen wir 
es nun damit, daß die Ägypter sich eine so sonderbare kontra- 
diktorische Sprache gestatteten? . . . daß sie überhaupt den feind- 
lichsten Gedanken ein und denselben lautlichen Träger zu geben 
und das, was sich gegenseitig am stärksten opponierte, in einer 
Art unlöslicher Union zu verbinden pflegten?" 

Vor jedem Versuche einer Erklärung muß noch einer Steige- 
rung dieses unbegreiflichen Verfahrens der ägyptischen Sprache 
gedacht werden. „Von allen Exzentrizitäten des ägyptischen Lexikons 



224 Zur Anwendung der Psychoanalyse 



ist es vielleicht die außerordentlichste, daß es, außer den Worten, 
die entgegengesetzte Bedeutungen in sich vereinen, andere zu- 
sammengesetzte Worte besitzt, in denen zwei Vokabeln von ent- 
gegengesetzter Bedeutung zu einem Kompositum vereint werden, 
welches die Bedeutung nur eines von seinen beiden konstitu- 
ierenden Gliedern besitzt. Es gibt also in dieser außerordentlichen 
Sprache nicht allein Worte, die sowohl »stark als ,schwach' oder 
sowohl ,befehlen' als ,gehorchen' besagen; es gibt auch Kom- 
posita wie ,altjung', ,fernnah', ,bindentrennen', ,außeninnen' . . ., 
die trotz ihrer, das Verschiedenste einschließenden Zusammen- 
setzung das erste nur ,jung', das zweite nur ,nah', das dritte 
nur ,verbinden', das vierte nur ,innen' bedeuten . . . Man hat 
also bei diesen zusammengesetzten Worten begriffliche Wider- 
sprüche geradezu absichtlich vereint, nicht um einen dritten Be- 
griff zu schaffen, wie im Chinesischen mitunter geschieht, sondern 
nur, um durch das Kompositum die Bedeutung eines seiner 
kontradiktorischen Glieder, das allein dasselbe bedeutet haben 
würde, auszudrücken ..." 

Indes ist das Rätsel leichter gelöst, als es scheinen will. Unsere 
Begriffe entstehen durch Vergleichung. „Wäre es immer hell, so 
würden wir zwischen hell und dunkel nicht unterscheiden und 
demgemäß weder den Begriff noch das Wort der Helligkeit haben 
können . . ." „Es ist offenbar, alles auf diesem Planeten ist relativ 
und hat unabhängige Existenz, nur insofern es in seinen Be- 
ziehungen zu und von anderen Dingen unterschieden wird ..." 
„Da jeder Begriff somit der Zwilling seines Gegensatzes ist, wie 
konnte er zuerst gedacht, wie konnte er anderen, die ihn zu 
denken versuchten, mitgeteilt werden, wenn nicht durch die 
Messung an seinem Gegensatz? . . ." (S. 15): „Da man den Be- 
griff der Stärke nicht konzipieren konnte, außer im Gegensatze 
zur Schwäche, so enthielt das Wort, welches ,stark' besagte, eine 
gleichzeitige Erinnerung an »schwach', als durch welche es erst 
zum Dasein gelangte. Dieses Wort bezeichnete in Wahrheit weder 



Über den Gegensinn der Urworte 225 

,stark noch ,schwach', sondern das Verhältnis zwischen beiden und 
den Unterschied beider, welcher beide gleichmäßig erschuf ..." 
„Der Mensch hat eben seine ältesten und einfachsten Begriffe 
nicht anders erringen können als im Gegensatze zu ihrem Gegen- 
satz, und erst allmählich die beiden Seiten der Antithese sondern 
und die eine ohne bewußte Messung an der andern denken 
gelernt." 

Da die Sprache nicht nur zum Ausdruck der eigenen Gedanken, 
sondern wesentlich zur Mitteilung derselben an andere dient, kann 
man die Frage auf werfen, auf welche Weise hat der „Urägypter" 
dem Nebenmenschen zu erkennen gegeben, „welche Seite des 
Zwitterbegriffes er jedesmal meinte"? In der Schrift geschah dies 
mit Hilfe der sogenannten „determinativen" Bilder, welche, hinter 
die Buchstabenzeichen gesetzt, den Sinn derselben angeben und 
selbst nicht zur Aussprache bestimmt sind. (S. 18): „Wenn das 
ägyptische Wort ken ,stark' bedeuten soll, steht hinter seinem 
alphabetisch geschriebenen Laut das Bild eines aufrechten, be- 
waffneten Mannes; wenn dasselbe Wort ,schwach' auszudrücken 
hat, folgt den Buchstaben, die den Laut darstellen, das Bild eines 
hockenden, lässigen Menschen. In ähnlicher Weise werden die 
meisten anderen zweideutigen Worte von erklärenden Bildern 
begleitet." In der Sprache diente nach Abels Meinung die Geste 
dazu dem gesprochenen Worte das gewünschte Vorzeichen zu 

geben. 

Die „ältesten Wurzeln" sind es, nach Abel, an denen die 
Erscheinung des antithetischen Doppelsinnes beobachtet wird. Im 
weiteren Verlaufe der Sprachentwicklung schwand nun diese Zwei- 
deutigkeit, und im Altägyptischen wenigstens lassen sich alle 
Übergänge bis zur Eindeutigkeit des modernen Sprachschatzes 
verfolgen. „Die ursprünglich doppelsinnigen Worte legen sich in 
der späteren Sprache in je zwei einsinnige auseinander, indem 
jeder der beiden entgegengesetzten Sinne je eine lautliche Er- 
mäßigung' (Modifikation) derselben Wurzel für sich allein okku- 

Freud, X. '5 



226 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

piert." So z. B, spaltet sich schon im Hieroglyphischen selbst ken 
„starkschwach" in ken „stark" und kan „schwach". „Mit anderen 
Worten, die Begriffe, die nur antithetisch gefunden werden konnten, 
werden dem menschlichen Geiste im Laufe der Zeit genügend 
angeübt, um jedem ihrer beiden Teile eine selbständige Existenz 
zu ermöglichen und jedem somit seinen separaten lautlichen Ver- 
treter zu verschaffen/ 

Der fürs Ägyptische leicht zu führende Nachweis kontra- 
diktorischer Urbedeutungen läßt sich nach Abel auch auf die 
semitischen und indoeuropäischen Sprachen ausdehnen. „Wie weit 
dieses in anderen Sprachfamilien geschehen kann, bleibt abzu- 
warten 5 denn obschon der Gegensinn ursprünglich den Denkenden 
jeder Rasse gegenwärtig gewesen sein muß, so braucht derselbe 
nicht überall in den Bedeutungen erkennbar geworden oder 
erhalten zu sein." 

Abel hebt ferner hervor, daß der Philosoph Bain diesen Doppel- 
sinn der Worte, wie es scheint, ohne Kenntnis der tatsächlichen 
Phänomene aus rein theoretischen Gründen als eine logische Not- 
wendigkeit gefordert hat. Die betreffende Stelle (Logic I, 54) 
beginnt mit den Sätzen: 

The essential relativity of all knowledge, thought or consciousness 
cannot but show itself in language. If cverything ihat we can 
know is viewed as a transition from something eise, every ezperience 
must have two sidesj and either every name must haue a double 
meaning, or eise for every meaning there must be two names. 

Aus dem „Anhang von Beispielen des ägyptischen, indogerma- 
nischen und arabischen Gegensinnes" hebe ich einige Fälle hervor, 
die auch uns Sprachunkundigen Eindruck machen können: Im 
Lateinischen heißt altus hoch und tief, sacer heilig und verflucht, 
wo also noch der volle Gegensinn ohne Modifikation des Wort- 
lautes besteht. Die phonetische Abänderung zur Sonderung der 
Gegensätze wird belegt durch Beispiele wie clamare schreien — 
dam leise, still; siccus trocken — succus Saft. Im Deutschen 



Über den Gegensinn der Urworte 227 

bedeutet Boden heute noch das Oberste wie das Unterste im 
Haus. Unserem bös (schlecht) entspricht ein bass (gut), im Alt- 
sächsischen bat (gut) gegen englisch bad (schlecht) $ im Englischen 
to lock (schließen) gegen deutsch Lücke, Loch. Deutsch kleben — 
englisch to cleave (spalten); deutsch Stumm — Stimme usw. So 
käme vielleicht noch die vielbelachte Ableitung lucus a non 
lucendo zu einem guten Sinn. 

In seiner Abhandlung über den „Ursprung der Sprache" (a. a. O. 
S. 505) macht Abel noch auf andere Spuren alter Denkmühen 
aufmerksam. Der Engländer sagt noch heute, um „ohne" auszu- 
drücken, wilhout, also „mitohne" und ebenso der Ostpreuße. JVith 
selbst, das heute unserem „mit" entspricht, hat ursprünglich 
sowohl „mit" als auch „ohne" geheißen, wie noch aus withdraw 
(fortgehen), withhold (entziehen) zu erkennen ist. Dieselbe Wand- 
lung erkennen wir im deutschen wider (gegen) und wieder 
(zusammen mit). 

Für den Vergleich mit der Traumarbeit hat noch eine andere, 
höchst sonderbare Eigentümlichkeit der altägyptischen Sprache 
Bedeutung. „Im Ägyptischen können die Worte — wir wollen 
zunächst sagen, scheinbar — sowohl Laut wie Sinn um- 
drehen. Angenommen, das deutsche Wort gut wäre ägyptisch, 
so könnte es neben gut auch schlecht bedeuten, neben gut auch 
tug lauten. Von solchen Lautumdrehungen, die zu zahlreich sind, 
um durch Zufälligkeit erklärt zu werden, kann man auch reich- 
liche Beispiele aus den arischen und semitischen Sprachen bei- 
bringen. Wenn man sich zunächst aufs Germanische beschränkt, 
merke man : Topf — pot, boat — tub, wait — täuwen, hurry — 
Ruhe, care — rech, Balken — klobe, club. Zieht man die 
anderen indogermanischen Sprachen mit in Betracht, so wächst 
die Zahl der dazugehörigen Fälle entsprechend, z. B.: capere — 
packen, ren — Niere, theleaf (Blatt) — folium, dum-a, "&v[iog — 
sanskrit medh, müdha, Mut, Rauchen — russisch Kur-iti, krei- 
schen — to shriek usw." 

>5* 



228 Z«r Anwendung der Psychoanalyse 



Das Phänomen der Lautumdrehung sucht Abel aus einer 
Doppelung, Reduplikation der Wurzel zu erklären. Hier würden 
wir eine Schwierigkeit empfinden, dem Sprachforscher zu folgen. 
Wir erinnern uns daran, wie gerne die Kinder mit der Um- 
kehrung des Wortlautes spielen, und wie häufig sich die Traum- 
arbeit der Umkehrung ihres Darstellungsmaterials zu verschiedenen 
Zwecken bedient. (Hier sind es nicht mehr Buchstaben, sondern 
Bilder, deren Reihenfolge verkehrt wird.) Wir würden also eher 
geneigt sein, die Lautumdrehung auf ein tiefer greifendes Moment 
zurückzuführen. 1 

In der Übereinstimmung zwischen der eingangs hervorgehobenen 
Eigentümlichkeit der Traumarbeit und der von dem Sprach- 
forscher aufgedeckten Praxis der ältesten Sprachen dürfen wir eine 
Bestätigung unserer Auffassung vom regressiven, archaischen Cha- 
rakter des Gedankenausdruckes im Traume erblicken. Und als 
unabweisbare Vermutung drängt sich uns Psychiatern auf, daß 
wir die Sprache des Traumes besser verstellen und leichter über- 
setzen würden, wenn wir von der Entwicklung der Sprache mehr 
wüßten. 2 



i) Über das Phänomen der Lautumdrehung (Metathesis), welches zur Traum- 
arbeit vielleicht noch innigere Beziehungen hat als der Gegensinn (Antithese), 
vgl. noch W. Meyer -Rinteln in: Kölnische Zeitung vom 7. März 1909. 

2) Es liegt auch nahe anzunehmen, daß der ursprüngliche Gegensinn der Worte 
den vorgebildeten Mechanismus darstellt, der von dem Versprechen zum Gegenteile 
im Dienste mannigfacher Tendenzen ausgenützt wird. 






. 



DER DICHTER UND DAS PHANTASIEREN 

Zuerst erschienen in der „Neuen Revue", I. Jg. 
(ipoS), dann in der Zweiten Folge der „Sanunlung 
kleiner Schriften zur Neurosenlehre 11 . 

Uns Laien hat es immer mächtig gereizt zu wissen, woher diese 
merkwürdige Persönlichkeit, der Dichter, seine Stoffe nimmt, — 
etwa im Sinne der Frage, die jener Kardinal an den Ariosto 
richtete, — und wie er es zustande bringt, uns mit ihnen so zu 
ergreifen, Erregungen in uns hervorzurufen, deren wir uns viel- 
leicht nicht einmal für fähig gehalten hätten. Unser Interesse | 
hiefür wird nur gesteigert durch den Umstand, daß der Dichter 
selbst, wenn wir ihn befragen, uns keine oder keine befriedigende 
Auskunft gibt, und wird gar nicht gestört durch unser Wissen, 
daß die beste Einsicht in die Bedingungen der dichterischen Stoff- 
wahl und in das Wesen der poetischen Gestaltungskunst nichts 
dazu beitragen würde, uns selbst zu Dichtern zu machen. 

Wenn wir wenigstens bei uns oder bei unsergleichen eine dem 
Dichten irgendwie verwandte Tätigkeit auffinden könnten! Die 
Untersuchung derselben ließe uns hoffen, eine erste Aufklärung 
über das Schaffen des Dichters zu gewinnen. Und wirklich, dafür 
ist Aussicht vorhanden : — die Dichter selbst lieben es ja, den 
Abstand zwischen ihrer Eigenart und allgemein menschlichem .«.,; 

Wesen zu verringern; sie versichern uns so häufig, daß in jedem 
Menschen ein Dichter stecke und daß der letzte Dichter erst mit ' 
dem letzten Menschen sterben werde. 

i 



- 



fA. 



250 Zwr Anwendung der Psychoanalyse 

Sollten wir die ersten Spuren dichterischer Betätigung nicht 
schon beim Kinde suchen? Die liebste und intensivste Beschäfti- 
gung des Kindes ist das Spiel. Vielleicht dürfen wir sagen: Jedes 
spielende Kind benimmt sich wie ein Dichter, indem es sich 
eine eigene Welt erschafft oder, richtiger gesagt, die Dinge seiner 
Welt in eine neue, ihm gefällige Ordnung versetzt. Es wäre dann 
unrecht zu meinen, es nähme diese Welt nicht ernst ; im Gegen- 
teil, es nimmt sein Spiel sehr ernst, es verwendet große Affekt- 
beträge darauf. Der Gegensatz zu Spiel ist nicht Ernst, sondern — 
Wirklichkeit. Das Kind unterscheidet seine Spielwelt sehr wohl, 
trotz aller Affektbesetzung, von der Wirklichkeit und lehnt seine 
imaginierten Objekte und Verhältnisse gerne an greifbare und 
sichtbare Dinge der wirklichen Welt an. Nichts anderes als diese 
Anlehnung unterscheidet das „Spielen" des Kindes noch vom 
„Phantasieren . 

Der Dichter tut nun dasselbe wie das spielende Kind; er erschafft 
eine Phantasiewelt, die er sehr ernst nimmt, d. h. mit großen Affekt- 
beträgen ausstattet, während er sie von der Wirklichkeit scharf 
sondert. Und die Sprache hat diese Verwandtschaft von Kinder- 
spiel und poetischem Schaffen festgehalten, indem sie solche Ver- 
anstaltungen des Dichters, welche der Anlehnung an greifbare 
Objekte bedürfen, welche der Darstellung fähig sind, als Spiele: 
Lustspiel, Trauerspiel, und die Person, welche sie darstellt, 
als Schauspieler bezeichnet. Aus der Unwirklichkeit der dichteri- 
schen Welt ergeben sich aber sehr wichtige Folgen für die künst- 
lerische Technik, denn vieles, was als real nicht Genuß bereiten 
könnte, kann dies doch im Spiele der Phantasie, viele an sich 
eigentlich peinliche Erregungen können für den Hörer und Zu- 
schauer des Dichters zur Quelle der Lust werden. 

Verweilen wir einer anderen Beziehung wegen noch einen 
Augenblick bei dem Gegensatze von Wirklichkeit und Spiel! 
Wenn das Kind herangewachsen ist und aufgehört hat zu spielen, 
wenn es sich durch Jahrzehnte seelisch bemüht hat, die Wirklich- 



Der Dichter und das Pfiantasieren 251 



keiten des Lebens mit dem erforderlichen Ernste zu erfassen, so 
kann es eines Tages in eine seelische Disposition geraten, welche 
den Gegensatz zwischen Spiel und Wirklichkeit wieder aufhebt. 
Der Erwachsene kann sich darauf besinnen, mit welchem hohen 
Ernst er einst seine Kinderspiele betrieb, und indem er nun seine 
vorgeblich ernsten Beschäftigungen jenen Kinderspielen gleich- 
stellt, wirft er die allzu schwere Bedrückung durch das Leben 
ab und erringt sich den hohen Lustgewinn des Humors. 

Der Heranwachsende hört also auf zu spielen, er verzichtet 
scheinbar auf den Lustgewinn, den er aus dem Spiele bezog. 
Aber wer das Seelenleben des Menschen kennt, der weiß, daß 
ihm kaum etwas anderes so schwer wird wie der Verzicht auf 
einmal gekannte Lust. Eigentlich können wir auf nichts ver- 
zichten, wir vertauschen nur eines mit dem andern; was ein 
Verzicht zu sein scheint, ist in Wirklichkeit eine Ersatz- oder 
Surrogatbildung. So gibt auch der Heranwachsende, wenn er auf- 
hört zu spielen, nichts anderes auf als die Anlehnung an reale 
Objekte; anstatt zu spielen phantasiert er jetzt. Er baut sich 
Luftschlösser, schafft das, was man Tagträume nennt. Ich glaube, 
daß die meisten Menschen zu Zeiten ihres Lebens Phantasien 
bilden. Es ist das eine Tatsache, die man lange Zeit übersehen 
und deren Bedeutung man darum nicht genug gewürdigt hat. 

Das Phantasieren der Menschen ist weniger leicht zu beob- 
achten als das Spielen der Kinder. Das Kind spielt zwar auch 
allein oder es bildet mit anderen Kindern ein geschlossenes 
psychisches System zum Zwecke des Spieles, aber wenn es auch 
den Erwachsenen nichts vorspielt, so verbirgt es doch sein Spielen 
nicht vor ihnen. Der Erwachsene aber schämt sich seiner Phantasien 
und versteckt sie vor anderen, er hegt sie als seine eigensten 
Intimitäten, er würde in der Regel lieber seine Vergehungen ein- 
gestehen als seine Phantasien mitteilen. Es mag vorkommen, daß 
er sich darum für den einzigen hält, der solche Phantasien bildet, 
und von der allgemeinen Verbreitung ganz ähnlicher Schöpfungen 






-., /, ..>.-*' *£ 



C<>-' '•'■■,- 



. 



232 Zur Anwendung der Psychoanalyse 



bei anderen nichts ahnt. Dies verschiedene Verhalten des Spielenden 
und des Phantasierenden findet seine gute Begründung in den 
Motiven der beiden einander doch fortsetzenden Tätigkeiten. 

Das Spielen des Kindes wurde von Wünschen dirigiert, eigentlich 
von dem einen Wunsche, der das Kind erziehen hilft, vom Wunsche: 
groß und erwachsen zu sein. Es spielt immer „groß sein", imitiert 
im Spiele, was ihm vom Leben der Großen bekannt geworden 
ist. Es hat nun keinen Grund, diesen Wunsch zu verbergen. 
Anders der Erwachsene 5 dieser weiß einerseits, daß man von ihm 
erwartet, nicht mehr zu spielen oder zu phantasieren, sondern in 
der wirklichen Welt zu handeln, und anderseits sind unter den 
seine Phantasien erzeugenden Wünschen manche, die es über- 
haupt zu verbergen nottut; darum schämt er sich seines Phanta- 
sierens als kindisch und als unerlaubt. 

Sie werden fragen, woher man denn über das Phantasieren 
der Menschen so genau Bescheid wisse, wenn es von ihnen mit 
soviel Geheimtun verhüllt wird. Nun, es gibt eine Gattung von 
Menschen, denen zwar nicht ein Gott, aber eine strenge Göttin — 
die Notwendigkeit — den Auftrag erteilt hat zu sagen, was sie 
leiden und woran sie sich erfreuen. Es sind dies die Nervösen, 
die dem Arzte, von dem sie Herstellung durch psychische Be- 
handlung erwarten, auch ihre Phantasien eingestehen müssen; 
aus dieser Quelle stammt unsere beste Kenntnis, und wir sind 
dann zu der wohl begründeten Vermutung gelangt, daß unsere 
Kranken uns nichts anderes mitteilen, als was wir auch von den 
Gesunden erfahren könnten. 

Gehen wir daran, einige der Charaktere des Phantasierens 
kennen zu lernen. Man darf sagen, der Glückliche phantasiert 
nie, nur der Unbefriedigte. Unbefriedigte Wünsche sind die Trieb- 
kräfte der Phantasien, und jede einzelne Phantasie ist eine Wunsch- 
erfüllung, eine Korrektur der unbefriedigenden Wirklichkeit. Die 
treibenden Wünsche sind verschieden je nach Geschlecht, Charakter 
und Lebensverhältnissen der phantasierenden Persönlichkeit; sie 



■ 



Der Dichter und das Phantasieren 233 



lassen sich aber ohne Zwang nach zwei Hauptrichtungen gruppieren. 
Es sind entweder ehrgeizige Wünsche, welche der Erhöhung der 
Persönlichkeit dienen, oder erotische. Beim jungen Weibe herr- 
schen die erotischen Wünsche fast ausschließend, denn sein Ehr- 
geiz wird in der Regel vom Liebesstreben aufgezehrt ; beim jungen 
Manne sind neben den erotischen die eigensüchtigen und ehr- 
geizigen Wünsche vordringlich genug. Doch wollen wir nicht 
den Gegensatz beider Richtungen, sondern vielmehr deren häufige 
Vereinigung betonen 5 wie in vielen Altarbildern in einer Ecke 
das Bildnis des Stifters sichtbar ist, so können wir an den meisten 
ehrgeizigen Phantasien in irgend einem Winkel die Dame ent- 
decken, für die der Phantast all diese Heldentaten vollführt, der 
er alle Erfolge zu Füßen legt. Sie sehen, hier liegen genug starke 
Motive zum Verbergen vor; dem wohlerzogenen Weibe wird ja 
überhaupt nur ein Minimum von erotischer Bedürftigkeit zuge- 
billigt, und der junge Mann soll das Übermaß von Selbstgefühl, 
welches er aus der Verwöhnung der Kindheit mitbringt, zum 
Zwecke der Einordnung in die an ähnlich anspruchsvollen Indi- 
viduen so reiche Gesellschaft unterdrücken lernen. 

Die Produkte dieser phantasierenden Tätigkeit, die einzelnen 
Phantasien, Luftschlösser oder Tagträume dürfen wir uns nicht 
als starr und unveränderlich vorstellen. Sie schmiegen sich viel- 
mehr den wechselnden Lebenseindrücken an, verändern sich mit 
jeder Schwankung der Lebenslage, empfangen von jedem wirk- 
samen neuen Eindrucke eine sogenannte „Zeitmarke". Das Ver- 
hältnis der Phantasie zur Zeit ist überhaupt sehr bedeutsam. 
Man darf sagen: eine Phantasie schwebt gleichsam zwischen drei 
Zeiten, den drei Zeitmomenten unseres Vorstellens. Die seelische 
Arbeit knüpft an einen aktuellen Eindruck, einen Anlaß in der 
Gegenwart an, der imstande war, einen der großen Wünsche der 
Person zu wecken, greift von da aus auf die Erinnerung eines 
früheren, meist infantilen, Erlebnisses zurück, in dem jener Wunsch 
erfüllt war, und schafft nun eine auf die Zukunft bezogene Situation, 



• 



Q34 Zur Anwendung der Psychoanalyse 



welche sich als die Erfüllung jenes Wunsches darstellt, eben den 
Tagtraum oder die Phantasie, die nun die Spuren ihrer Herkunft 
vom Anlasse und von der Erinnerung an sich trägt. Also Ver- 
gangenes, Gegenwärtiges, Zukünftiges wie an der Schnur des 
durchlaufenden Wunsches aneinandergereiht. 

Das banalste Beispiel mag Ihnen meine Aufstellung erläutern. 
Nehmen Sie den Fall eines armen und verwaisten Jünglings an, 
welchem Sie die Adresse eines Arbeitgebers genannt haben, bei 
dem er vielleicht eine Anstellung finden kann. Auf dem Wege 
dahin mag er sich in einem Tagtraum ergehen, wie er ange- 
messen aus seiner Situation entspringt. Der Inhalt dieser Phantasie 
wird etwa sein, daß er dort angenommen wird, seinem neuen Chef 
gefällt, sich im Geschäfte unentbehrlich macht, in die Familie des 
Herrn gezogen wird, das reizende Töchterchen des Hauses heiratet 
und dann selbst als Mitbesitzer wie später als Nachfolger das Ge- 
schäft leitet. Und dabei hat sich der Träumer ersetzt, was er in der 
glücklichen Kindheit besessen: das schützende Haus, die liebenden 
Eltern und die ersten Objekte seiner zärtlichen Neigung. Sie sehen 
an solchem Beispiele, wie der Wunsch einen Anlaß der Gegen- 
wart benützt, um sich nach dem Muster der Vergangenheit ein 
Zukunftsbild zu entwerfen. 

Es wäre noch vielerlei über die Phantasien zu sagen; ich will 
mich aber auf die knappsten Andeutungen beschränken. Das Über- 
wuchern und Übermächtigwerden der Phantasien stellt die Be- 
dingungen für den Verfall in Neurose oder Psychose her; die 
Phantasien sind auch die nächsten seelischen Vorstufen der Leidens- 
symptome, über welche unsere Kranken klagen. Hier zweigt ein 
breiter Seitenweg zur Pathologie ab. 

Nicht übergehen kann ich aber die Beziehung der Phantasien 
zum Traume. Auch unsere nächtlichen Träume sind nichts anderes 
als solche Phantasien, wie wir durch die Deutung der Träume 
evident machen können. 1 Die Sprache hat in ihrer unübertreff- 

Vgl. des Verfassers „Traumdeutung", 1900. [Ges. Schriften, Bd. II und III.] 



Der Dichter und das Phantasieren 235 

liehen Weisheit die Frage nach dem Wesen der Träume längst 
entschieden, indem sie die luftigen Schöpfungen Phantasierender 
auch „Tagträume" nennen ließ. Wenn trotz dieses Fingerzeiges 
der Sinn unserer Träume uns zumeist undeutlich bleibt, so rührt 
dies von dem einen Umstände her, daß nächtlicherweise auch 
solche Wünsche in uns rege werden, deren wir uns schämen 
und die wir vor uns selbst verbergen müssen, die eben darum 
verdrängt, ins Unbewußte geschoben wurden. Solchen verdrängten 
Wünschen und ihren Abkömmlingen kann nun kein anderer als 
ein arg entstellter Ausdruck gegönnt werden. Nachdem die Auf- 
klärung der Traumentstellung der wissenschaftlichen Arbeit 
gelungen war, fiel es nicht mehr schwer zu erkennen, daß die 
nächtlichen Träume ebensolche Wunscherfüllungen sind wie die 
Tagträume, die uns allen so wohlbekannten Phantasien. 

Soviel von den Phantasien, und nun zum Dichter! Dürfen wir 
wirklich den Versuch machen, den Dichter mit dem „Träumer 
am hellichten Tag", seine Schöpfungen mit Tagträumen zu ver- 
gleichen? Da drängt sich wohl eine erste Unterscheidung auf; 
wir müssen die Dichter, die fertige Stoffe übernehmen wie die 
alten Epiker und Tragiker, sondern von jenen, die ihre Stoffe frei 
zu schaffen scheinen. Halten wir uns an die letzteren und suchen 
wir für unsere Vergleichung nicht gerade jene Dichter aus, die 
von der Kritik am höchsten geschätzt werden, sondern die an- 'V? 

spruchsloseren Erzähler von Romanen, Novellen und Geschichten, 
die dafür die zahlreichsten und eifrigsten Leser und Leserinnen 
finden. An den Schöpfungen dieser Erzähler muß uns vor allem 
ein Zug auffällig werden; sie alle haben einen Helden, der im 
Mittelpunkt des Interesses steht, für den der Dichter unsere 
Sympathie mit allen Mitteln zu gewinnen sucht, und den er wie 
mit einer besonderen Vorsehung zu beschützen scheint. Wenn ich 
am Ende eines Romankapitels den Helden bewußtlos, aus schweren 
Wunden blutend verlassen habe, so bin ich sicher, ihn zu Beginn 
des nächsten in sorgsamster Pflege und auf dem Wege der Her- 






j3i*Cs X **»*<*■ cb/^ £*t*<~ — 



236 



Zur Anwendung der Psychoanalyse 



% 






6^A. 



/ 



— 






Stellung zu finden, und wenn der erste Band mit dem Unter- 
gange des Schiffes im Seesturme geendigt hat, auf dem unser Held 
sich befand, so bin ich sicher, zu Anfang des zweiten Bandes 
von seiner wunderbaren Rettung zu lesen, ohne die der Roman 
ja keinen Fortgang hätte. Das Gefühl der Sicherheit, mit dem 
ich den Helden durch seine gefährlichen Schicksale begleite, ist 
das nämliche, mit dem ein wirklicher Held sich ins Wasser stürzt, 
um einen Ertrinkenden zu retten, oder sich dem feindlichen Feuer 
aussetzt, um eine Batterie zu stürmen, jenes eigentliche Helden- 
gefühl, dem einer unserer besten Dichter den köstlichen Ausdruck 
. geschenkt hat: „Es kann dir nix g'schehen." (Anzengruber.) Ich 
meine aber, an diesem verräterischen Merkmal der Unverletzlich- 
keit erkennt man ohne Mühe — Seine Majestät das Ich, den 
Helden aller Tagträume wie aller Romane. 

Noch andere typische Züge dieser egozentrischen Erzählungen 
deuten auf die gleiche Verwandtschaft hin. Wenn sich stets alle 
Frauen des Romans in den Helden verlieben, so ist das kaum als 
Wirklichkeitsschilderung aufzufassen, aber leicht als notwendiger Be- 
stand des Tagtraumes zu verstehen. Ebenso wenn die anderen Personen 
des Romans sich scharf in gute und böse scheiden, unter Verzicht 
auf die in der Realität zu beobachtende Buntheit menschlicher 
Charaktere; die „guten" sind eben die Helfer, die „bösen" aber 
die Feinde und Konkurrenten des zum Helden gewordenen Ichs. 

Wir verkennen nun keineswegs, daß sehr viele dichterische 
Schöpfungen sich von dem Vorbilde des naiven Tagtraumes weit 
entfernt halten, aber ich kann doch die Vermutung nicht unter- 
drücken, daß auch die extremsten Abweichungen durch eine 
lückenlose Reihe von Übergängen mit diesem Modelle in Be- 
ziehung gesetzt werden könnten. Noch in vielen der sogenannten 
psychologischen Romane ist mir aufgefallen, daß nur eine Person, 
wiederum der Held, von innen geschildert wird; in ihrer Seele 
sitzt gleichsam der Dichter und schaut die anderen Personen von 
außen an. Der psychologische Roman verdankt im ganzen wohl 



Der Dichter und das Phantasieren 237 



seine Besonderheit der Neigung des modernen Dichters, sein Ich 
durch Selbstbeobachtung in Partial-Ichs zu zerspalten und dem- 
zufolge die Konfliktströmungen seines Seelenlebens in mehreren 
Helden zu personifizieren. In einem ganz besonderen Gegensatze 
zum Typus des Tagtraumes scheinen die Romane zu stehen, die 
man als „exzentrische" bezeichnen könnte, in denen die als Held 
eingeführte Person die geringste tätige Rolle spielt, vielmehr wie 
ein Zuschauer die Taten und Leiden der anderen an sich vorüber- 
ziehen sieht. Solcher Art sind mehrere der späteren Romane Zolas. 
Doch muß ich bemerken, daß die psychologische Analyse nicht 
dichtender, in manchen Stücken von der sogenannten Norm ab- 
weichender Individuen uns analoge Variationen der Tagträume 
kennen gelehrt hat, in denen sich das Ich mit der Rolle des 
Zuschauers bescheidet. 

Wenn unsere Gleichstellung des Dichters mit dem Tagträumer, 
der poetischen Schöpfung mit dem Tagtraum, wertvoll werden 
soll so muß sie sich vor allem in irgend einer Art fruchtbar 
erweisen. Versuchen wir etwa, unseren vorhin aufgestellten Satz 
von der Beziehung der Phantasie zu den drei Zeiten und zum 
durchlaufenden Wunsche auf die Werke der Dichter anzuwenden 
und die Beziehungen zwischen dem Leben des Dichters und seinen 
Schöpfungen mit dessen Hilfe zu studieren. Man hat in der Regel 
nicht gewußt, mit welchen Erwartungsvorstellungen man an dieses 
Problem herangehen soll; häufig hat man sich diese Beziehung 
viel zu einfach vorgestellt. Von der an den Phantasien gewonnenen 
Einsicht her müßten wir folgenden Sachverhalt erwarten: Ein 
starkes aktuelles Erlebnis weckt im Dichter die Erinnerung an 
ein früheres, meist der Kindheit angehöriges Erlebnis auf, von 
welchem nun der Wunsch ausgeht, der sich in der Dichtung 
seine Erfüllung schafft; die Dichtung selbst läßt sowohl Elemente 
des frischen Anlasses als auch der alten Erinnerung erkennen. 

Erschrecken Sie nicht über die Kompliziertheit dieser Formel; 
ich vermute, daß sie sich in Wirklichkeit als ein zu dürftiges 






258 Zur Anwendung der Psychoanalyse 



Schema erweisen wird, aber eine erste Annäherung an den realen 
Sachverhalt könnte doch in ihr enthalten sein, und nach einigen 
Versuchen, die ich unternommen habe, sollte ich meinen, daß 
eine solche Betrachtungsweise dichterischer Produktionen nicht 
unfruchtbar ausfallen kann. Sie vergessen nicht, daß die vielleicht 
befremdende Betonung der Kindheitserinnerung im Leben des 
Dichters sich in letzter Linie von der Voraussetzung ableitet, daß 
die Dichtung wie der Tagtraum Fortsetzung und Ersatz des ein- 
stigen kindlichen Spielens ist. 

Versäumen wir nicht, auf jene Klasse von Dichtungen zurück- 
zugreifen, in denen wir nicht freie Schöpfungen, sondern Bearbei- 
tungen fertiger und bekannter Stoffe erblicken müssen. Auch 
dabei verbleibt dem Dichter ein Stück Selbständigkeit, das sich 
in der Auswahl des Stoffes und in der oft weitgehenden Abände- 
rung desselben äußern darf. Soweit die Stoffe aber gegeben sind, 
entstammen sie dem Volksschatze an Mythen, Sagen und Märchen. 
Die Untersuchung dieser völkerpsychologischen Bildungen ist nun 
keineswegs abgeschlossen, aber es ist z. B. von den Mythen durch- 
aus wahrscheinlich, daß sie den entstellten Überresten von Wunsch- 
phantasien ganzer Nationen, den Säkularträumen der jungen 
Menschheit, entsprechen. 

Sie werden sagen, daß ich Ihnen von den Phantasien weit 
mehr erzählt habe als vom Dichter, den ich doch im Titel meines 
Vortrages vorangestellt. Ich weiß das und versuche es durch den 
Hinweis auf den heutigen Stand unserer Erkenntnis zu entschul- 
digen. Ich konnte Ihnen nur Anregungen und Aufforderungen 
bringen, die von dem Studium der Phantasien her auf das Problem 
der dichterischen Stoffwahl übergreifen. Das andere Problem, mit 
welchen Mitteln der Dichter bei uns die Affektwirkungen erziele, 
die er durch seine Schöpfungen hervorruft, haben wir überhaupt 
noch nicht berührt. Ich möchte Ihnen wenigstens noch zeigen, 
welcher Weg von unseren Erörterungen über die Phantasien zu 
den Problemen der poetischen Effekte führt. 






Der Dichter und das Phantasieren 259 

Sie erinnern sich, wir sagten, daß der Tagträumer seine Phan- 
tasien vor anderen sorgfaltig verbirgt, weil er Gründe verspürt, 
sich ihrer zu schämen. Ich füge nun hinzu, selbst wenn er sie 
uns mitteilen würde, könnte er uns durch solche Enthüllung 
keine Lust bereiten. Wir werden von solchen Phantasien, wenn 
wir sie erfahren, abgestoßen oder bleiben höchstens kühl gegen 
sie. Wenn aber der Dichter uns seine Spiele vorspielt oder uns 
das erzählt, was wir für seine persönlichen Tagträume zu erklären 
geneigt sind, so empfinden wir hohe, wahrscheinlich aus vielen 
Quellen zusammenfließende Lust. Wie der Dichter das zustande 
bringt, das ist sein eigenstes Geheimnis; in der Technik der Über- 
windung jener Abstoß ung, die gewiß mit den Schranken zu tun 
hat, welche sich zwischen jedem einzelnen Ich und den anderen 
erheben, liegt die eigentliche Ars poetica. Zweierlei Mittel dieser 
Technik können wir erraten: Der Dichter mildert den Charakter 
des egoistischen Tagtraumes durch Abänderungen und Verhüllungen 
und besticht uns durch rein formalen, d. h. ästhetischen Lust- 
gewinn, den er uns in der Darstellung seiner Phantasien bietet. 
Man nennt einen solchen Lustgewinn, der uns geboten wird, um 
mit ihm die Entbindung größerer Lust aus tiefer reichenden 
psychischen Quellen zu ermöglichen, eine Verlockungsprämie 
oder eine Vorlust. Ich bin der Meinung, daß alle ästhetische 
Lust, die uns der Dichter verschafft, den Charakter solcher Vor- 
lust trägt, und daß der eigentliche Genuß des Dichtwerkes aus 
der Befreiung von Spannungen in unserer Seele hervorgeht. Viel- 
leicht trägt es sogar zu diesem Erfolge nicht wenig bei, daß uns 
der Dichter in den Stand setzt, unsere eigenen Phantasien nun- 
mehr ohne jeden Vorwurf und ohne Schämen zu genießen. Hier 
stünden wir nun am Eingange neuer, interessanter und ver- 
wickelter Untersuchungen, aber, wenigstens für diesmal, am Ende 
unserer Erörterungen. 



MYTHOLOGISCHE PARALLELE ZU EINER 
PLASTISCHEN ZWANGSVORSTELLUNG 

Zuerst erschienen in der „I/U ernationalen Zeit- 
schrift für ärztliche Psychoanalyse", IV (ipiö), 
dann in der Vierten Folge der „Sammlung kleiner 
Schriften zur Neurosenlehre". 

Bei einem etwa 21jährigen Kranken werden die Produkte der 
unbewußten Geistesarbeit nicht nur als Zwangsgedanken, sondern 
auch als Zwangsbilder bewußt. Die beiden können einander 
begleiten oder unabhängig voneinander auftreten. Zu einer ge- 
wissen Zeit traten bei ihm innig verknüpft ein Zwangswort 
und ein Zwangsbild auf, wenn er seinen Vater ins Zimmer 
kommen sah. Das Wort lautete: „Vaterarsch", das begleitende 
Bild stellte den Vater als einen nackten, mit Armen und Beinen 
versehenen Unterkörper dar, dem Kopf und Oberkörper fehlten. 
Die Genitalien waren nicht angezeigt, die Gesichtszüge auf dem 
Bauch aufgemalt. 

Zur Erläuterung dieser mehr als gewöhnlich tollen Symptom- 
bildung ist zu bemerken, daß der intellektuell vollentwickelte 
und ethisch hochstrebende Mann bis über sein zehntes Jahr eine 
sehr lebhafte Analerotik in den verschiedensten Formen betätigt 
hatte. Nachdem sie überwunden war, wurde sein Sexualleben durch 
den späteren Kampf gegen die Genitalerotik auf die anale Vor- 
stufe zurückgedrängt. Seinen Vater liebte und respektierte er sehr, 
fürchtete ihn auch nicht wenig; vom Standpunkte seiner hohen 



Mythologische Parallele zu einer plastischen Zwangsvorstellung 241 

Ansprüche an Triebunterdrückung und Askese erschien ihm der 
Vater aber als der Vertreter der „Völlerei", der aufs Materielle 
gerichteten Genußsucht. 

„Vaterarsch" erklärte sich bald als mutwillige Verdeutschung 
des Ehrentitels „Patriarch". Das Zwangsbild ist eine offenkundige 
Karikatur. Es erinnert an andere Darstellungen, die in herab- 
setzender Absicht die ganze Person durch ein einziges Organ, 
z. B. ihr Genitale ersetzen, an unbewußte Phantasien, welche zur 
Identifizierung des Genitales mit dem ganzen Menschen führen, 
und an scherzhafte Redensarten wie: „Ich bin ganz Ohr." 

Die Anbringung der Gesichtszüge auf dem Bauche der Spottfigur 
erschien mir zunächst sehr sonderbar. Ich erinnerte mich aber bald, 
ähnliches an französischen Karikaturen gesehen zu haben. 1 Der Zufall 
hat mich dann mit einer antiken Darstellung bekannt gemacht, die 
volle Übereinstimmung mit dem Zwangsbild meines Patienten zeigt. 

Nach der griechischen Sage war Demeter auf der Suche nach 
ihrer geraubten Tochter nach Eleusis gekommen, fand Aufnahme 
bei Dysaules und seiner Frau Baubo, verweigerte aber in ihrer 
tiefen Trauer, Speise und Trank zu berühren. Da brachte sie die 
Wirtin Baubo zum Lachen, indem sie plötzlich ihr Kleid aufhob 
und ihren Leib enthüllte. Die Diskussion dieser Anekdote, die 
wahrscheinlich ein nicht mehr verstandenes magisches Zeremoniell 
erklären soll, findet sich im vierten Bande des Werkes „Cultes, 
Mythes et Religions", 1912, von Salomon Reinach. Ebendort 




wird auch erwähnt, daß sich bei den Ausgrabungen des klein- 
asiatischen Priene Terrakotten gefunden haben, welche diese 

1) Vgl.: Das unanständige Albion, Karikatur von Jean Veloer aus dem Jahre 1901 
auf England in Eduard Fuchs: Das erotische Element in der Karikatur, 1904. 

Freud, X. !6 






242 



Zur Anwendung der Psychoanalyse 



Baubo darstellen. Sie zeigen einen Frauenleib ohne Kopf und 
Brust, auf dessen Bauch ein Gesicht gebildet ist; der auf- 
gehobene Rock umrahmt dieses Gesicht wie eine Haarkrone. 
(S. Reinach, 1. c. p. 117.) 




DAS MOTIV DER KÄSTCHENWAHL 



Zuerst erschienen in Imago, Bd. II [.1913), 
dann in der Vierten Folge der „Sammlung kleiner 
Schriften zur Neurosenlehre". 



Zwei Szenen aus Shakespeare, eine heitere und tragische, haben 
mir kürzlich den Anlaß zu einer kleinen Problemstellung und 
Lösung gegeben. 

Die heitere ist die Wahl der Freier zwischen, drei Kästchen 
im „Kaufmann von Venedig". Die schöne und kluge Porzia ist 
durch den Willen ihres Vaters gebunden, nur den von ihren 
Bewerbern zum Manne zu nehmen, der von drei ihm vorgelegten 
Kästchen das richtige wählt. Die drei Kästchen sind von Gold, 
von Silber und von Blei; das richtige ist jenes, welches ihr Bildnis 
einschließt. Zwei Bewerber sind bereits erfolglos abgezogen, sie 
hatten Gold und Silber gewählt. Bassanio, der dritte, entscheidet 
sich für das Blei; er gewinnt damit die Braut, deren Neigung 
ihm bereits vor der Schicksalsprobe gehört hat. Jeder der Freier 
hatte seine Entscheidung durch eine Rede motiviert, in welcher 
er das von ihm bevorzugte Metall anpries, während er die beiden 
anderen herabsetzte. Die schwerste Aufgabe war dabei dem glück- 
lichen dritten Freier zugefallen; was er zur Verherrlichung des 
Bleis gegen Gold und Silber sagen kann, ist wenig und klingt 
gezwungen. Stünden wir in der psychoanalytischen Praxis vor 

16- 



244 ^ ur Anwendung der Psychoanalyse 

solcher Rede, so würden wir hinter der unbefriedigenden Begrün- 
dung geheimgehaltene Motive wittern. 

Shakespeare hat das Orakel der Kästchenwahl nicht selbst 
erfunden, er nahm es aus einer Erzählung der „Gesta Roma- 
norum", in welcher ein Mädchen dieselbe Wahl vornimmt, um 
den Sohn des Kaisers zu gewinnen. 1 Auch hier ist das dritte 
Metall, das Blei, das Glückbringende. Es ist nicht schwer zu er- 
raten, daß hier ein altes Motiv vorliegt, welches nach Deutung, 
Ableitung und Zurückführung verlangt. Eine erste Vermutung, was 
wohl die Wahl zwischen Gold, Silber und Blei bedeuten möge, 
findet bald Bestätigung durch eine Äußerung von Ed. Stucken, 2 
der sich in weitausgreifendem Zusammenhang mit dem nämlichen 
Stoffe beschäftigt. Er sagt : „Wer die drei Freier Porzias sind, er- 
hellt aus dem, was sie wählen: Der Prinz von Marokko wählt 
den goldenen Kasten: er ist die Sonne; der Prinz von Arragon 
wählt den silbernen Kasten: er ist der Mond; Bassanio wählt den 
bleiernen Kasten: er ist der Sternenknabe." Zur Unterstützung 
dieser Deutung zitiert er eine Episode aus dem estnischen Volks- 
epos Kalewipoeg, in welcher die drei Freier unverkleidet als 
Sonnen-, Mond- und Sternenjüngling („des Polarsterns ältestes 
Söhnchen") auftreten und die Braut wiederum dem Dritten zu- 
fällt. 

So führte also unser kleines Problem auf einen Astralmythus! 
Nur schade, daß wir mit dieser Aufklärung nicht zu Ende ge- 
kommen sind. Das Fragen setzt sich weiter fort, denn wir glauben 
nicht mit manchen Mythenforschern, daß die Mythen vom Himmel 
herabgelesen worden sind, vielmehr urteilen wir mit O. Rank, 3 
daß sie auf den Himmel projiziert wurden, nachdem sie anderswo 
unter rein menschlichen Bedingungen entstanden waren. Diesem 
menschlichen Inhalte gilt aber unser Interesse. 

1) G. Brandes, William Shakespeare, 1896. 

2) Ed. Stucken, Astralmythen, p. 655, Leipzig 1907. 

3) O. Rank, Der Mythus von der Geburt des Helden, 1909, p. 8 ff. 



Das Motiv der Kästchenwahl 245 

Fassen wir unseren Stoff nochmals ins Auge. Im estnischen 
Epos wie in der Erzählung der Gesta Romanorum handelt es sich 
um die Wahl eines Mädchens zwischen drei Freiern, in der Szene 
des „Kaufmann von Venedig" anscheinend um das nämliche, aber 
gleichzeitig tritt an dieser letzten Stelle etwas wie eine Umkeh- 
rung des Motivs auf: Ein Mann wählt zwischen drei — Kästchen. 
Wenn wir es mit einem Traum zu tun hätten, würden wir so- 
fort daran denken, daß die Kästchen auch Frauen sind, Symbole 
des Wesentlichen an der Frau und darum der Frau selbst, wie 
Büchsen, Dosen, Schachteln, Körbe usw. Gestatten wir uns eine solche 
symbolische Ersetzung auch beim Mythus anzunehmen, so wird 
die Kästchenszene im „Kaufmann von Venedig" wirklich zur 
Umkehrung, die wir vermutet haben. Mit einem Rucke, wie er 
sonst nur im Märchen beschrieben wird, haben wir unserem 
Thema das astrale Gewand abgestreift und sehen nun, es behan- 
delt ein menschliches Motiv, die Wahl eines Mannes zwischen 
drei Frauen. 

Dasselbe ist aber der Inhalt einer anderen Szene Shakespeares 
in einem der erschütterndsten seiner Dramen, keine Brautwahl 
diesmal, aber doch durch so viel geheime Ähnlichkeiten mit der 
Kästchenwahl im „Kaufmann" verknüpft. Der alte König Lear 
beschließt, noch bei Lebzeiten sein Reich unter seine drei Töchter 
zu verteilen, je nach Maßgabe der Liebe, die sie für ihn äußern. 
Die beiden älteren, Goneril und Regan, erschöpfen sich in Be- 
teuerungen und Anpreisungen ihrer Liebe, die dritte, Cordelia, 
weigert sich dessen. Er hätte diese unscheinbare, wortlose Liebe 
der Dritten erkennen und belohnen sollen, aber er verkennt sie, 
verstößt Cordelia und teilt das Reich unter die beiden anderen, 
zu seinem und aller Unheil. Ist das nicht wieder eine Szene der 
Wahl zwischen drei Frauen, von denen die jüngste die beste, die 
vorzüglichste ist? 

Sofort fallen uns nun aus Mythus, Märchen und Dichtung 
andere Szenen ein, welche die nämliche Situation zum Inhalte 



246 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

haben: Der Hirte Paris hat die Wahl zwischen drei Göttinnen, 
von denen er die dritte zur Schönsten erklärt. Aschenputtel ist 
eine ebensolche Jüngste, die der Königssohn den beiden Älteren 
vorzieht, Psyche im Märchen des Apulejus ist die jüngste und 
schönste von drei Schwestern, Psyche, die einerseits als menschlich 
gewordene Aphrodite verehrt wird, anderseits von dieser Göttin 
behandelt wird wie Aschenputtel von ihrer Stiefmutter, einen 
vermischten Haufen von Samenkörnern schlichten soll und es 
mit Hilfe von kleinen Tieren (Tauben bei Aschenputtel, Ameisen 
bei Psyche) zustandebringt. 1 Wer sich weiter im Materiale umsehen 
wollte, würde gewiß noch andere Gestaltungen desselben Motivs 
mit Erhaltung derselben wesentlichen Züge auffinden können. 

Begnügen wir uns mit Cordelia, Aphrodite, Aschenputtel und 
Psyche! Die drei Frauen, von denen die dritte die vorzüglichste 
ist, sind wohl als irgendwie gleichartig aufzufassen, wenn sie als 
Schwestern vorgeführt werden. Es soll uns nicht irre machen, 
wenn es bei Lear die drei Töchter des Wählenden sind, das be- 
deutet Adelleicht nichts anderes, als daß Lear als alter Mann dar- 
gestellt werden soll. Den alten Mann kann man nicht leicht 
anders zwischen drei Frauen wählen lassen; darum werden diese 
zu seinen Töchtern. 

Wer sind aber diese drei Schwestern und warum muß die 
Wahl auf die dritte fallen? Wenn wir diese Frage beantworten 
könnten, wären wir im Besitze der gesuchten Deutung. Nun 
haben wir uns bereits einmal der Anwendung psychoanalytischer 
Techniken bedient, als wir uns die drei Kästchen symbolisch als 
drei Frauen aufklärten. Haben wir den Mut, ein solches Ver- 
fahren fortzusetzen, so betreten wir einen Weg, der zunächst ins 
Unvorhergesehene, Unbegreifliche, auf Umwegen vielleicht zu 
einem Ziele führt. 

Es darf uns auffallen, daß jene vorzügliche Dritte in mehreren 
Fällen außer ihrer Schönheit noch gewisse Besonderheiten hat. 

1) Den Hinweis auf diese Übereinstimmungen verdanke ich Dr. O. Rank. 




Das Motiv der Kästchenwahl 247 



Es sind Eigenschaften, die nach irgend einer Einheit zu streben 
scheinen 5 wir dürfen gewiß nicht erwarten, sie in allen Beispielen 
gleich gut ausgeprägt zu finden. Cordelia macht sich unkenntlich, 
unscheinbar wie das Blei, sie bleibt stumm, sie „liebt und schweigt". 
Aschenputtel verbirgt sich, so daß sie nicht aufzufinden ist. Wir 
dürfen vielleicht das Sichverbergen dem Verstummen gleichsetzen. 
Dies wären allerdings nur zwei Fälle von den fünf, die wir her- 
ausgesucht haben. Aber eine Andeutung davon findet sich merk- 
würdigerweise auch noch bei zwei anderen. Wir haben uns ja 
entschlossen, die widerspenstig ablehnende Cordelia dem Blei zu 
vergleichen. Von diesem heißt es in der kurzen Rede des Bassanio 
während der Kästchen wähl, eigentlich so ganz unvermittelt: 

Thy paleness moves me more than eloqueiice 
{plainness nach anderer Leseart). 

Also: Deine Schlichtheit geht mir näher als der beiden anderen 
schreiendes Wesen. Gold und Silber sind „laut", das Blei ist 
stumm, wirklich wie Cordelia, die „liebt und schweigt". 1 

In den altgriechischen Erzählungen des Parisurteils ist von einer 
solchen Zurückhaltung der Aphrodite nichts enthalten. Jede der 
drei Göttinnen spricht zu dem Jüngling und sucht ihn durch 
Verheißungen zu gewinnen. Aber in einer ganz modernen Be- 
arbeitung derselben Szene kommt der uns auffällig gewordene 
Zu°- der Dritten sonderbarerweise wieder zum Vorscheine. Im 
Libretto der „Schönen Helena" erzählt Paris, nachdem er von 
den Werbungen der beiden anderen Göttinnen berichtet, wie sich 
Aphrodite in diesem Wettkampfe um den Schönheitspreis be- 
nommen: Und die Dritte _ j a die Dritte — 
Stand daneben und blieb stumm. 
Ihr mußt' ich den Apfel geben usw. 



1) In der Schlegelschen Übersetzung geht diese Anspielung ganz verloren, ja 
sie wird zur Gegenseite gewendet: 

Dein schlichtes Wesen spricht beredt mich an. 



248 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

Entschließen wir uns, die Eigentümlichkeiten unserer Dritten 
in der „Stummheit" konzentriert zu sehen, so sagt uns die Psycho- 
analyse: Stummheit ist im Traume eine gebräuchliche Darstellung 
des Todes. 1 

Vor mehr als zehn Jahren teilte mir ein hochintelligenter Mann 
einen Traum mit, den er als Beweis für die telepathische Natur 
der Träume verwerten wollte. Er sah einen abwesenden Freund, 
von dem er überlange keine Nachricht erhalten hatte, und machte ihm 
eindringliche Vorwürfe über sein Stillschweigen. Der Freund gab 
keine Antwort. Es stellte sich dann heraus, daß er ungefähr um 
die Zeit dieses Traumes durch Selbstmord geendet hatte. Lassen 
wir das Problem der Telepathie beiseite; daß die Stummheit im 
Traume zur Darstellung des Todes wird, scheint hier nicht zweifel- 
haft. Auch das Sichverbergen, Unauffindbarsein, wie es der Märchen- 
prinz dreimal beim Aschenputtel erlebt, ist im Traume ein un- 
verkennbares Todessymbol; nicht minder die auffällige Blässe, an 
welche die paleness des Bleis in der einen Leseart des Shake- 
speareschen Textes erinnert. 2 Die Übertragung dieser Deutungen 
aus der Sprache des Traumes auf die Ausdrucksweise des uns 
beschäftigenden Mythus wird uns aber wesentlich erleichtert, wenn 
wir wahrscheinlich machen können, daß die Stummheit auch in 
anderen Produktionen, die nicht Träume sind, als Zeichen des 
Totseins gedeutet werden muß. 

Ich greife hier das neunte der Grimmschen Volksmärchen 
heraus, welches die Überschrift hat: „Die zwölf Brüder." 3 Ein 
König und eine Königin hatten zwölf Kinder, lauter Buben. Da 
sagte der König, wenn das dreizehnte Kind ein Mädchen ist, 
müssen die Buben sterben. In Erwartung dieser Geburt läßt er 
zwölf Särge machen. Die zwölf Söhne flüchten sich mit Hilfe der 



1) Auch in Stekels „Sprache des Traumes", 1911, unter den Todessymbolen 
angeführt (S. 551). 

2) Stekel, 1. c. 

3) S. 50 der Reklamausgabe, I. Bd. 



Das Motiv der Kästchenwahl 



2 49 



Mutter in einen versteckten Wald und schwören jedem Mädchen 
den Tod, das sie begegnen sollten. 

Ein Mädchen wird geboren, wächst heran und erfährt einmal 
von der Mutter, daß es zwölf Brüder gehabt hat. Es beschließt 
sie aufzusuchen, und findet im Walde den Jüngsten, der sie er- 
kennt, aber verbergen möchte wegen des Eides der Brüder. Die 
Schwester sagt: Ich will gerne sterben, wenn ich damit meine 
zwölf Brüder erlösen kann. Die Brüder nehmen sie aber herzlich 
auf, sie bleibt bei ihnen und besorgt ihnen das Haus. 

In einem kleinen Garten bei dem Hause wachsen zwölf Lilien- 
blumen ; die bricht das Mädchen ab, um jedem Bruder eine zu 
schenken. In diesem Augenblicke werden die Brüder in Raben 
verwandelt und verschwinden mit Haus und Garten. — Die 
Raben sind Seelenvögel, die Tötung der zwölf Brüder durch ihre 
Schwester wird durch das Abpflücken der Blumen von neuem 
dargestellt wie zu Eingang durch die Särge und das Verschwinden 
der Brüder. Das Mädchen, das wiederum bereit ist, seine Brüder 
vom Tode zu erlösen, erfährt nun als Bedingung, daß sie sieben 
Jahre stumm sein, kein einziges Wort sprechen darf. Sie unter- 
zieht sich dieser Probe, durch die sie selbst in Lebensgefahr gerät, 
d. h. sie stirbt selbst für die Brüder, wie sie es vor dem Zusam- 
mentreffen mit den Brüdern gelobt hat. Durch die Einhaltung 
der Stummheit gelingt ihr endlich die Erlösung der Raben. 

Ganz ähnlich werden im Märchen von den „sechs Schwänen" 
die in Vögel verwandelten Brüder durch die Stummheit der 
Schwester erlöst, d. h. wiederbelebt. Das Mädchen hat den festen 
Entschluß gefaßt, seine Brüder zu erlösen, und „wenn es auch 
sein Leben kostete" und bringt als Gemahlin des Königs wiederum 
ihr eigenes Leben in Gefahr, weil sie gegen böse Anklagen ihre 
Stummheit nicht aufgeben will. 

Wir würden sicherlich aus den Märchen noch andere Beweise 
erbringen können, daß die Stummheit als Darstellung des Todes 
verstanden werden muß. Wenn wir diesen Anzeichen folgen 



250 Zur Anwendung der Psychoanalyse 



dürfen, so wäre die dritte unserer Schwestern, zwischen denen 
die Wahl stattfindet, eine Tote. Sie kann aber auch etwas anderes 
sein, nämlich der Tod selbst, die Todesgöttin. Vermöge einer gar 
nicht seltenen Verschiebung werden die Eigenschaften, die eine 
Gottheit den Menschen zuteilt, ihr selbst zugeschrieben. Am we- 
nigsten wird uns solche Verschiebung bei der Todesgöttin befremden, 
denn in der modernen Auffassung und Darstellung, die hier vor- 
weggenommen würde, ist der Tod selbst nur ein Toter. 

Wenn aber die dritte der Schwestern die Todesgöttin ist, so 
kennen wir die Schwestern. Es sind die Schicksalsschwestern, die 
Moiren oder Parzen oder Nomen, deren dritte Atropos heißt: 
die Unerbittliche. 

II 

Stellen wir die Sorge, wie die gefundene Deutung in unseren 
Mythus einzufügen ist, einstweilen beiseite, und holen wir uns bei 
den Mythologen Belehrung über Rolle und Herkunft der Schick- 
salsgöttinnen. 1 

Die älteste griechische Mythologie kennt nur eine MoiQa als 
Personifikation des unentrinnbaren Schicksals (bei Homer). Die 
Fortentwicklung dieser einen Moira zu einem Schwesterverein von 
drei (seltener zwei) Gottheiten erfolgte wahrscheinlich in Anleh- 
nung an andere Göttergestalten, denen die Moiren nahestehen, 
die Chariten und die Hören. 

Die Hören sind ursprünglich Gottheiten der himmlischen Ge- 
wässer, die Regen und Tau spenden, der Wolken, aus denen der 
Regen niederfällt, und da diese Wolken als Gespinst erfaßt werden, 
ergibt sich für diese Göttinnen der Charakter der Spinnerinnen, 
der dann an den Moiren fixiert wird. In den von der Sonne 
verwöhnten Mittelmeerländern ist es der Regen, von dem die 
Fruchtbarkeit des Bodens abhängig wird, und darum wandeln 
sich die Hören zu Vegetationsgottheiten. Man dankt ihnen die 

1) Das folgende nach Roschers Lexikon der griechischen und römischen Mytho- 
logie unter den entsprechenden Titeln. 



Das Motiv der Kästchenwahl 



251 



Schönheit der Blumen und den Reichtum der Früchte, stattet sie 
mit einer Fülle von liebenswürdigen und anmutigen Zügen aus. 
Sie werden zu den göttlichen Vertreterinnen der Jahreszeiten und 
erwerben vielleicht durch diese Beziehung ihre Dreizahl, wenn 
die heilige Natur der Drei zu deren Aufklärung nicht genügen 
sollte. Denn diese alten Völker unterschieden zuerst nur drei 
Jahreszeiten: Winter, Frühling und Sommer. Der Herbst kam 
erst in späten griechisch-römischen Zeiten hinzu ; dann bildete die 
Kunst häufig vier Hören ab. 

Die Beziehung zur Zeit blieb den Hören erhalten; sie wachten 
später über die Tageszeiten wie zuerst über die Zeiten des Jahres; 
endlich sank ihr Name zur Bezeichnung der Stunde (heure, ora) 
herab. Die den Hören und Moiren wesensverwandten Nomen der 
deutschen Mythologie tragen diese Zeitbedeutung in ihren Namen 
zur Schau. Es konnte aber nicht ausbleiben, daß das Wesen dieser 
Gottheiten tiefer erfaßt und in das Gesetzmäßige im Wandel der 
Zeiten verlegt wurde; die Hören wurden so zu Hüterinnen des 
Naturgesetzes und der heiligen Ordnung, welche mit unabänder- 
licher Reihenfolge in der Natur das gleiche wiederkehren läßt. 

Diese Erkenntnis der Natur wirkte zurück auf die Auffassung 
des menschlichen Lebens. Der Naturmythus wandelte sich zum 
Menschenmythus; aus den Wettergöttinnen wurden Schicksals- 
gottheiten. Aber diese Seite der Hören kam erst in den Moiren 
zum Ausdrucke, die über die notwendige Ordnung im Menschen- 
leben so unerbittlich wachen wie die Hören über die Gesetz- 
mäßigkeit der Natur. Das unabwendbar Strenge des Gesetzes, die 
Beziehung zu Tod und Untergang, die an den lieblichen Gestalten 
der Hören vermieden worden waren, sie prägten sich nun an 
den Moiren aus, als ob der Mensch den ganzen Ernst des Natur- 
gesetzes erst dann empfände, wenn er ihm die eigene Person 

unterordnen soll. 

Die Namen der drei Spinnerinnen haben auch bei den Mytho- 
logen bedeutsames Verständnis gefunden. Die zweite Lachesis 



25 2 Zur Amvendung der Psychoanalyse 



scheint das „innerhalb der Gesetzmäßigkeit des Schicksals Zufällige" 
zu bezeichnen 1 — wir würden sagen: das Erleben — wie Atro- 
pos das Unabwendbare, den Tod, und dann bliebe für Klotho 
die Bedeutung der verhängnisvollen, mitgebrachten Anlage. 

Und nun ist es Zeit, zu dem der Deutung unterliegenden 
Motive der Wahl zwischen drei Schwestern zurückzukehren. Mit 
tiefem Mißvergnügen werden wir bemerken, wie unverständlich 
die betrachteten Situationen werden, wenn wir in sie die gefun- 
dene Deutung einsetzen, und welche Widersprüche zum schein- 
baren Inhalte derselben sich dann ergeben. Die dritte der Schwe- 
stern soll die Todesgöttin sein, der Tod selbst, und im Parisurteile 
ist es die Liebesgöttin, im Märchen des Apulejus eine dieser 
letzteren vergleichbare Schönheit, im „Kaufmann" die schönste 
und klügste Frau, im Lear die einzige treue Tochter. Kann ein 
Widerspruch vollkommener gedacht werden? Doch vielleicht ist 
diese unwahrscheinliche Steigerung ganz in der Nähe. Sie liegt 
wirklich vor, wenn in unserem Motive jedesmal zwischen den 
Frauen frei gewählt wird, und wenn die Wahl dabei auf den 
Tod fallen soll, den doch niemand wählt, dem man durch ein 
Verhängnis zum Opfer fällt. 

Indes Widersprüche von einer gewissen Art, Ersetzungen durch 
das volle kontradiktorische Gegenteil bereiten der analytischen 
Deutungsarbeit keine ernste Schwierigkeit. Wir werden uns hier 
nicht darauf berufen, daß Gegensätze in den Ausdrucksweisen des 
Unbewußten wie im Traume so häufig durch eines und das näm- 
liche Element dargestellt werden. Aber wir werden daran 
denken, daß es Motive im Seelenleben gibt, welche die Ersetzung 
durch das Gegenteil als sogenannte Reaktionsbildung herbeiführen, 
und können den Gewinn unserer Arbeit gerade in der Aufdeckung 
solcher verborgener Motive suchen. Die Schöpfung der Moiren 
ist der Erfolg einer Einsicht, welche den Menschen mahnt, auch 
er sei ein Stück der Natur und darum dem unabänderlichen 

1) J. Röscher nach Preller-Robert, Griechische Mythologie. 



Das Motiv der Kästchenwahl 



255 



Gesetze des Todes unterworfen. Gegen diese Unterwerfung mußte 
sich etwas im Menschen sträuben, der nur höchst ungern auf 
seine Ausnahmsstellung verzichtet. Wir wissen, daß der Mensch 
seine Phantasietätigkeit zur Befriedigung seiner von der Realität 
unbefriedigten Wünsche verwendet. So lehnte sich denn seine 
Phantasie gegen die im Moirenmythus verkörperte Einsicht auf 
und schuf den davon abgeleiteten Mythus, in dem die Todes- 
göttin durch die Liebesgöttin, und was ihr an menschlichen Ge- 
staltungen gleichkommt, ersetzt ist. Die dritte der Schwestern ist 
nicht mehr der Tod, sie ist die schönste, beste, begehrenswerteste, 
liebenswerteste der Frauen. Und diese Ersetzung war technisch 
keineswegs schwer 5 sie war durch eine alte Ambivalenz vorbe- 
reitet, sie vollzog sich längs eines uralten Zusammenhanges, der 
noch nicht lange vergessen sein konnte. Die Liebesgöttin selbst, 
die jetzt an die Stelle der Todesgöttin trat, war einst mit ihr 
identisch gewesen. Noch die griechische Aphrodite entbehrte nicht 
völlig der Beziehungen zur Unterwelt, obwohl sie ihre chthonische 
Rolle längst an andere Göttergestalten, an die Persephone, die 
dreigestaltige Artemis-Hekate, abgegeben hatte. Die großen Mutter- 
gottheiten der orientalischen Völker scheinen aber alle ebenso- 
wohl Zeugerinnen wie Vernichterinnen, Göttinnen des Lebens 
und der Befruchtung wie Todesgöttinnen gewesen zu sein. So 
greift die Ersetzung durch ein Wunschgegenteil bei unserem 
Motive auf eine uralte Identität zurück. 

Dieselbe Erwägung beantwortet uns die Frage, woher der Zug 
der Wahl in den Mythus von den drei Schwestern geraten ist. 
Es hat hier wiederum eine Wunschverkehrung stattgefunden. 
Wahl steht an der Stelle von Notwendigkeit, von Verhängnis. So 
überwindet der Mensch den Tod, den er in seinem Denken an- 
erkannt hat. Es ist kein stärkerer Triumph der Wunscherfüllung 
denkbar. Man wählt dort, wo man in Wirklichkeit dem Zwange 
gehorcht, und die man wählt, ist nicht die Schreckliche, sondern 
die Schönste und Begehrenswerteste. 



254 ^ ur -Anw endung der Psychoanalyse ___^_^_ 

Bei näherem Zusehen merken wir freilich, daß die Entstellungen 
des ursprünglichen Mythus nicht gründlich genug sind, um sich 
nicht durch Resterscheinungen zu verraten. Die freie Wahl zwi- 
schen den drei Schwestern ist eigentlich keine freie Wahl, denn 
sie muß notwendigerweise die dritte treffen, wenn nicht, wie im 
Lear, alles Unheil aus ihr entstehen soll. Die Schönste und Beste, 
welche an Stelle der Todesgöttin getreten ist, hat Züge behalten, 
die an das Unheimliche streifen, so daß wir aus ihnen das Ver- 
borgene erraten konnten. 1 

Wir haben bisher den Mythus und seine Wandlung verfolgt 
und hoffen die geheimen Gründe dieser Wandlung aufgezeigt zu 
haben. Nun darf uns wohl die Verwendung des Motivs beim 
Dichter interessieren. Wir bekommen den Eindruck, als ginge 
beim Dichter eine Reduktion des Motivs auf den ursprünglichen 
Mythus vor sich, so daß der ergreifende, durch die Entstellung 
abgeschwächte Sinn des letzteren von uns wieder verspürt wird. 
Durch diese Reduktion der Entstellung, die teilweise Rückkehr 
zum Ursprünglichen, erziele der Dichter die tiefere Wirkung, die 
er bei uns erzeugt. 

Um Mißverständnissen vorzubeugen, will ich sagen, ich habe 
nicht die Absicht zu widersprechen, daß das Drama vom König 
Lear die beiden weisen Lehren einschärfen wolle, man solle auf 
sein Gut und seine Rechte nicht zu Lebzeiten verzichten, und 



Auch die Psyche des Apulejus hat reichlich Züge hewahrt, welche an ihre 
Beziehung zum Tode mahnen. Ihre Hochzeit wird gerüstet wie eine Leichenfeier, 
sie muß in die Unterwelt hinabsteigen und versinkt nachher in einen totenähnlichen 
Schlaf (O. Rank). 

Über die Bedeutung der Psyche als Frühlingsgottheit und als „Braut des Todes" 
siehe A. Zinzow: „Psyche und Eros" (Halle 1881). 

In einem anderen Grimmschen Märchen (Nr. 179, Die Gänsehirtin am Brunnen) 
findet sich wie beim Aschenputtel die Abwechslung von schöner und häßlicher Ge- 
stalt der dritten Tochter, in der man wohl eine Andeutung von deren Doppelnatur 
— vor und nach der Ersetzung — erblicken darf. Diese dritte wird von ihrem Vater 
nach einer Probe verstoßen, welche mit der im König Lear fast zusammenfällt. Sie 
soll wie die anderen Schwestern angeben, wie lieb sie den Vater hat, findet aber 
keinen anderen Ausdruck ihrer Liebe als den Vergleich mit dem Salze. (Freundliche 
Mitteilung von Dr. Hanns Sachs.) 



Das Motiv der Kästchenwahl 255 



man müsse sich hüten, Schmeichelei für bare Münze zu nehmen. 
Diese und ähnliche Mahnungen ergeben sich wirklich aus dem 
Stücke, aber es erscheint mir ganz unmöglich, die ungeheure 
Wirkung des Lear aus dem Eindrucke dieses Gedankeninhaltes 
zu erklären oder anzunehmen, daß die persönlichen Motive des 
Dichters mit der Absicht, diese Lehren vorzutragen, erschöpft seien. 
Auch die Auskunft, der Dichter habe uns die Tragödie der Un- 
dankbarkeit vorspielen wollen, deren Bisse er wohl am eigenen 
Leibe verspürt, und die Wirkung des Spieles beruhe auf dem 
rein formalen Momente der künstlerischen Einkleidung, scheint 
mir das Verständnis nicht zu ersetzen, welches uns durch die 
Würdigung des Motivs der Wahl zwischen den drei Schwestern 
eröffnet wird. 

Lear ist ein alter Mann. Wir sagten schon, darum erscheinen 
die drei Schwestern als seine Töchter. Das Vaterverhältnis, aus 
dem so viel fruchtbare dramatische Antriebe erfließen könnten, 
wird im Drama weiter nicht verwertet. Lear ist aber nicht nur 
ein Alter, sondern auch ein Sterbender. Die so absonderliche Vor- 
aussetzung der Erbteilung verliert dann alles Befremdende. Dieser 
dem Tode Verfallene will aber auf die Liebe des Weibes nicht 
verzichten, er will hören, wie sehr er geliebt wird. Nun denke 
man an die erschütternde letzte Szene, einen der Höhepunkte der 
Tragik im modernen Drama: Lear trägt den Leichnam der Cor- 
delia auf die Bühne. Cordelia ist der Tod. Wenn man die Situa- 
tion umkehrt, wird sie uns verständlich und vertraut. Es ist die 
Todesgöttin, die den gestorbenen Helden vom Kampfplatze weg- 
trägt, wie die Walküre in der deutschen Mythologie. Ewige 
Weisheit im Gewände des uralten Mythus rät dem alten Manne, 
der Liebe zu entsagen, den Tod zu wählen, sich mit der Not- 
wendigkeit des Sterbens zu befreunden. 

Der Dichter bringt uns das alte Motiv näher, indem er die 
Wahl zwischen den drei Schwestern von einem Gealterten und 
Sterbenden vollziehen läßt. Die regressive Bearbeitung, die er so 



256 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

mit dem durch Wunschverwandlung entstellten Mythus vorge- 
nommen, läßt dessen alten Sinn so weit durchschimmern, daß 
uns vielleicht auch eine flächenhafte, allegorische Deutung der 
drei Frauengestalten des Motivs ermöglicht wird. Man könnte 
sagen, es seien die drei für den Mann unvermeidlichen Bezie- 
hungen zum Weibe, die hier dargestellt sind: Die Gebärerin, die 
Genossin und die Verderberin. Oder die drei Formen, zu denen 
sich ihm das Bild der Mutter im Laufe des Lebens wandelt: Die 
Mutter selbst, die Geliebte, die er nach deren Ebenbild gewählt, 
und zuletzt die Mutter Erde, die ihn wieder aufnimmt. Der alte 
Mann aber hascht vergebens nach der Liebe des Weibes, wie er 
sie zuerst von der Mutter empfangen 5 nur die dritte der Schick- 
salsfrauen, die schweigsame Todesgöttin, wird ihn in ihre Arme 
nehmen. 



DER MOSES DES MICHELANGELO 

Diese Arbeit erschien zuerst im Februar 1914 
in „Imago u , III. Bd., Heft 1, ohne Nennung 
des Verfassers, mit folgender redaktioneller Notiz 
eingeleitet: „Die Redaktion hat diesem, strenge 
genommen nicht prograiwngerechten Beitrage die 
Aufnahme nicht versagt, weil der ihr bekannte 
Verfasser analytischen Kreisen nahe steht, und 
weil seine Denkweise immerhin eine gewisse 
Ähnlichkeit mit der Methodik der Psychoanalyse 
zeigt." 

Ich schicke voraus, daß ich kein Kunstkenner bin, sondern Laie. 
Ich habe oft bemerkt, daß mich der Inhalt eines Kunstwerkes 
stärker anzieht als dessen formale und technische Eigenschaften, 
auf welche doch der Künstler in erster Linie Wert legt. Für viele 
Mittel und manche Wirkungen der Kunst fehlt mir eigentlich das 
richtige Verständnis. Ich muß dies sagen, um mir eine nachsich- 
tige Beurteilung meines Versuches zu sichern. 

Aber Kunstwerke üben eine starke Wirkung auf mich aus, ins- 
besondere Dichtungen und Werke der Plastik, seltener Malereien. 
Ich bin so veranlaßt worden, bei den entsprechenden Gelegen- 
heiten lange vor ihnen zu verweilen, und wollte sie auf meine 
Weise erfassen, d. h. mir begreiflich machen, wodurch sie wirken. 
Wo ich das nicht kann, z. B. in der Musik, bin ich fast genuß- 
unfähig. Eine rationalistische oder vielleicht analytische Anlage 
sträubt sich in mir dagegen, daß ich ergriffen sein und dabei 
nicht wissen solle, warum ich es bin, und was mich ergreift. 

Freud, X. 17 






L 



258 Zur Anwendung der Psychoanalyse 



Ich bin dabei auf die anscheinend paradoxe Tatsache aufmerk- 
sam geworden, daß gerade einige der großartigsten und über- 
wältigendsten Kunstschöpfungen unserem Verständnis dunkel ge- 
blieben sind. Man bewundert sie, man fühlt sich von ihnen be- 
zwungen, aber man weiß nicht zu sagen, was sie vorstellen. Ich 
bin nicht belesen genug, um zu wissen, ob dies schon bemerkt 
worden ist, oder ob nicht ein Ästhetiker gefunden hat, solche 
Ratlosigkeit unseres begreifenden Verstandes sei sogar eine not- 
wendige Bedingung für die höchsten Wirkungen, die ein Kunst- 
werk hervorrufen soll. Ich könnte mich nur schwer entschließen, 
an diese Bedingung zu glauben. 

Nicht etwa daß die Kunstkenner oder Enthusiasten keine Worte 
fanden, wenn sie uns ein solches Kunstwerk anpreisen. Sie haben 
deren genug, sollte ich meinen. Aber vor einer solchen Meister- 
schöpfung des Künstlers sagt in der Regel jeder etwas anderes 
und keiner das, was dem schlichten Bewunderer das Rätsel löst. 
Was uns so mächtig packt, kann nach meiner Auffassung doch 
nur die Absicht des Künstlers sein, insofern es ihm gelungen 
ist, sie in dem Werke auszudrücken und von uns erfassen zu 
lassen. Ich weiß, daß es sich um kein bloß verständnismäßiges 
Erfassen handeln kann; es soll die Affektlage, die psychische Kon- 
stellation, welche beim Künstler die Triebkraft zur Schöpfung 
abgab, bei uns wieder hervorgerufen werden. Aber warum soll 
die Absicht des Künstlers nicht angebbar und in Worte zu fassen 
sein wie irgend eine andere Tatsache des seelischen Lebens? Viel- 
leicht daß dies bei den großen Kunstwerken nicht ohne Anwen- 
dung der Analyse gelingen wird. Das Werk selbst muß doch diese 
Analyse ermöglichen, wenn es der auf uns wirksame Ausdruck 
der Absichten und Regungen des Künstlers ist. Und um diese 
Absicht zu erraten, muß ich doch vorerst den Sinn und Inhalt 
des im Kunstwerk Dargestellten herausfinden, also es deuten 
können. Es ist also möglich, daß ein solches Kunstwerk der Deu- 
tung bedarf, und daß ich erst nach Vollziehung derselben erfahren 






Der Moses des Michelangelo 259 

kann, warum ich einem so gewaltigen Eindruck unterlegen bin. 
Ich hege selbst die Hoffnung, daß dieser Eindruck keine Ab- 
schwächung erleiden wird, wenn uns eine solche Analyse ge- 
glückt ist. 

Nun denke man an den Hamlet, das über dreihundert Jahre 
alte Meisterstück Shakespeares. 1 Ich verfolge die psychoanalytische 
Literatur und schließe mich der Behauptung an, daß erst die 
Psychoanalyse durch die Zurückführung des Stoffes auf das üdypus- 
Thema das Rätsel der Wirkung dieser Tragödie gelöst hat. Aber 
vorher, welche Überfülle von verschiedenen, miteinander unver- 
träglichen Deutungsversuchen, welche Auswahl von Meinungen 
über den Charakter des Helden und die Absichten des Dichters! 
Hat Shakespeare unsere Teilnahme für einen Kranken in Anspruch 
genommen oder für einen unzulänglichen Minderwertigen, oder 
für einen Idealisten, der nur zu gut ist für die reale Welt? Und 
wie viele dieser Deutungen lassen uns so kalt, daß sie für die Er- 
klärung der Wirkung der Dichtung nichts leisten können, und 
uns eher darauf verweisen, deren Zauber allein auf den Eindruck 
der Gedanken und den Glanz der Sprache zu begründen! Und 
doch, sprechen nicht gerade diese Bemühungen dafür, daß ein 
Bedürfnis verspürt wird, eine weitere Quelle dieser Wirkung auf- 
zufinden? 

Ein anderes dieser rätselvollen und großartigen Kunstwerke ist 
die Marmorstatue des Moses, in der Kirche von S. Pietro in 
Vincoli zu Rom von Michelangelo aufgestellt, bekanntlich nur ein 
Teilstück jenes riesigen Grabdenkmals, welches der Künstler für 
den gewaltigen Papstherrn Julius II. errichten sollte. 2 Ich freue 
mich jedesmal, wenn ich eine Äußerung über diese Gestalt lese 
wie: sie sei „die Krone der modernen Skulptur" (Herman Grimm). 
Denn ich habe von keinem Bildwerk je eine stärkere Wirkung 

1) Vielleicht 1602 zuerst gespielt. 

2) Nach Henry Thode ist die Statue in den Jahren 1512 bis 1516 ausgeführt 
worden. 

17* 



2 6o Zur Anwendung der Psychoanalyse 



erfahren. Wie oft bin ich die steile Treppe vom unschönen 
Corso Cavour hinaufgestiegen zu dem einsamen Platz, auf dem 
die verlassene Kirche steht, habe immer versucht, dem verächtlich- 
zürnenden Blick des Heros standzuhalten, und manchmal habe ich 
mich dann behutsam aus dem Halbdunkel des Innenraumes ge- 
schlichen, als gehörte ich selbst zu dem Gesindel, auf das sein 
Auge gerichtet ist, das keine Überzeugung festhalten kann, das 
nicht warten und nicht vertrauen will und jubelt, wenn es die 
Illusion des Götzenbildes wieder bekommen hat. 

Aber warum nenne ich diese Statue rätselvoll? Es besteht nicht 
der leiseste Zweifel, daß sie Moses darstellt, den Gesetzgeber der 
Juden, der die Tafeln mit den heiligen Geboten hält. Soviel ist 
sicher, aber auch nichts darüber hinaus. Ganz kürzlich erst (1912) 
hat ein Kunstschriftsteller (Max Sauerlandt) den Ausspruch machen 
können: „Über kein Kunstwerk der Welt sind so widersprechende 
Urteile gefällt worden wie über diesen panköpfigen Moses. Schon 
die einfache Interpretation der Figur bewegt sich in vollkommenen 
Widersprüchen ..." An der Hand einer Zusammenstellung, die 
nur um fünf Jahre zurückliegt, werde ich darlegen, welche Zweifel 
sich an die Auffassung der Figur des Moses knüpfen, und es wird 
nicht schwer sein zu zeigen, daß hinter ihnen das Wesentliche 
und Beste zum Verständnis dieses Kunstwerkes verhüllt liegt. 1 

I 
Der Moses des Michelangelo ist sitzend dargestellt, den Rumpf 
nach vorne gerichtet, den Kopf mit dem mächtigen Bart und den 
Blick nach links gewendet, den rechten Fuß auf dem Boden 
ruhend, den linken aufgestellt, so daß er nur mit den Zehen den 
Boden berührt, den rechten Arm mit den Tafeln und einem Teil 
des Bartes in Beziehung; der linke Arm ist in den Schoß gelegt. 
Wollte ich eine genauere Beschreibung geben, so müßte ich dem 

1) Henry Thode: Michelangelo, Kritische Untersuchungen üher seine Werke, 
I. Bd., 1908. 






Der Moses des Michelangelo 261 



vorgreifen, was ich später vorzubringen habe. Die Beschreibungen 
der Autoren sind mitunter in merkwürdiger Weise unzutreffend. 
Was nicht verstanden war, wurde auch ungenau wahrgenommen 
oder wiedergegeben. H. Grimm sagt, daß die rechte Hand, „unter 
deren Arme die Gesetzestafeln ruhen, in den Bart greife". Ebenso 
W. Lübke: „Erschüttert greift er mit der Rechten in den herr- 
lich herabflutenden Bart . . ."; Springer: „Die eine (linke) Hand 
drückt Moses an den Leib, mit der anderen greift er wie unbe- 
wußt in den mächtig wallenden Bart." C. Justi findet, daß die 
Finger der (rechten) Hand mit dem Bart spielen, „wie der zivili- 
sierte Mensch in der Aufregung mit der Uhrkette". Das Spielen 
mit dem Bart hebt auch Müntz hervor. H. Thode spricht von 
der „ruhig festen Haltung der rechten Hand auf den aufge- 
stemmten Tafeln". Selbst in der rechten Hand erkennt er nicht 
ein Spiel der Aufregung, wie Justi und ähnlich Boito wollen. 
„Die Hand verharrt so, wie sie den Bart greifend, gehalten ward, 
ehe der Titan den Kopf zur Seite wandte." Jakob Burkhardt 
stellt aus, „daß der berühmte linke Arm im Grunde nichts an- 
deres zu tun habe, als diesen Bart an den Leib zu drücken". 

Wenn die Beschreibungen nicht übereinstimmen, werden wir 
uns über die Verschiedenheit in der Auffassung einzelner Züge 
der Statue nicht verwundern. Ich meine zwar, wir können den 
Gesichtsausdruck des Moses nicht besser charakterisieren als Thode, 
der eine „Mischung von Zorn, Schmerz und Verachtung" aus 
ihm las, „den Zorn in den dräuend zusammengezogenen Augen- 
brauen, den Schmerz in dem Blick der Augen, die Verachtung 
in der vorgeschobenen Unterlippe und den herabgezogenen Mund- 
winkeln". Aber andere Bewunderer müssen mit anderen Augen 
gesehen haben. So hatte Dupaty geurteilt: Ce front auguste 
semble n'etre qu'un voile transparent, qui couvre a peine un esprit 
immense. 1 Dagegen meint Lübke: „In dem Kopfe würde man ver- 
gebens den Ausdruck höherer Intelligenz suchen; nichts als die 

1) Thode, 1. c, p. igr. 






262 Zur Anwendung der Psychoanalyse 



Fähigkeit eines ungeheuren Zornes, einer alles durchsetzenden 
Energie spricht sich in der zusammengedrängten Stirne aus." Noch 
weiter entfernt sich in der Deutung des Gesichtsausdruckes Guil- 
laume (1875), der keine Erregung darin fand, „mir stolze Ein- 
fachheit, beseelte Würde, Energie des Glaubens. Moses' Blick gehe 
in die Zukunft, er sehe die Dauer seiner Rasse, die Unveränder- 
lichkeit seines Gesetzes voraus". Ähnlich läßt Müntz „die Blicke 
Moses' weit über das Menschengeschlecht hinschweifen 5 sie seien 
auf die Mysterien gerichtet, die er als Einziger gewahrt hat". 
Ja, für Steinmann ist dieser Moses „nicht mehr der starre Ge- 
setzgeber, nicht mehr der fürchterliche Feind der Sünde mit dem 
Jehovazorn, sondern der königliche Priester, welchen das Alter 
nicht berühren darf, der segnend und weissagend, den Abglanz 
der Ewigkeit auf der Stirne, von seinem Volke den letzten Ab- 
schied nimmt". 

Es hat noch andere gegeben, denen der Moses des Michelangelo 
überhaupt nichts sagte, und die ehrlich genug waren, es zu äußern. 
So ein Rezensent in der „Quarterly Review" 1858: „Therc is 
an absence of meaning in the general conception, whlch pre- 
cludes the idea of a self-sufßcing whole. . . ." Und man ist er- 
staunt zu erfahren, daß noch andere nichts an dem Moses zu 
bewundern fanden, sondern sich auflehnten gegen ihn, die 
Brutalität der Gestalt anklagten und die Tierähnlichkeit des 
Kopfes. 

Hat der Meister wirklich so undeutliche oder zweideutige Schrift 
in den Stein geschrieben, daß so verschiedenartige Lesungen mög- 
lich wurden? 

Es erhebt sich aber eine andere Frage, welcher sich die er- 
wähnten Unsicherheiten leicht unterordnen. Hat Michelangelo in 
diesem Moses ein „zeitloses Charakter- und Stimmungsbild" schaffen 
wollen oder hat er den Helden in einem bestimmten, dann aber 
höchst bedeutsamen Moment seines Lebens dargestellt? Eine Mehr- 
zahl von Beurteilern entscheidet sich für das letztere und weiß 



Der Moses des Michelangelo 263 

auch die Szene aus dem Leben Moses' anzugeben, welche der 
Künstler für die Ewigkeit festgebannt hat. Es handelt sich hier 
um die Herabkunft vom Sinai, woselbst er die Gesetzestafeln von 
Gott in Empfang genommen hat, und um die Wahrnehmung, 
daß die Juden unterdes ein goldenes Kalb gemacht haben, das sie 
jubelnd umtanzen. Auf dieses Bild ist sein Blick gerichtet, dieser 
Anblick ruft die Empfindungen hervor, die in seinen Mienen aus- 
gedrückt sind und die gewaltige Gestalt alsbald in die heftigste 
Aktion versetzen werden. Michelangelo hat den Moment der letzten 
Zögerung, der Ruhe vor dem Sturm, zur Darstellung gewählt; 
im nächsten wird Moses aufspringen — der linke Fuß ist schon 
vom Boden abgehoben — die Tafeln zu Boden schmettern und 
seinen Grimm über die Abtrünnigen entladen. 

In Einzelheiten dieser Deutung weichen auch deren Vertreter 
voneinander ab. 

Jak. Burkhardt: „Moses scheint in dem Momente dargestellt, 
da er die Verehrung des goldenen Kalbes erblickt und aufspringen 
will. Es lebt in seiner Gestalt die Vorbereitung zti einer gewal- 
tigen Bewegung, wie man sie von der physischen Macht, mit der 
er ausgestattet ist, nur mit Zittern erwarten mag." 

W. Lübke: „Als sähen die blitzenden Augen eben den Frevel 
der Verehrung des goldenen Kalbes, so gewaltsam durchzuckt eine 
innere Bewegung die ganze Gestalt. Erschüttert greift er mit der 
Rechten in den herrlich herabflutenden Bart, als wolle er seiner 
Bewegung noch einen Augenblick Herr bleiben, um dann um so 
zerschmetternder loszufahren." 

Springer schließt sich dieser Ansicht an, nicht ohne ein Be- 
denken vorzutragen, welches weiterhin noch unsere Aufmerksam- 
keit beanspruchen wird: „Durchglüht von Kraft und Eifer kämpft 
der Held nur mühsam die innere Erregung nieder . . . Man denkt 
daher unwillkürlich an eine dramatische Szene und meint, Moses 
sei in dem Augenblick dargestellt, wie er die Verehrung des gol- 
denen Kalbes erblickt und im Zorn aufspringen will. Diese Ver- 



264 Zz/r Anwendung der Psychoanalyse 

mutung trifft zwar schwerlich die wahre Absicht des Künstlers, 
da ja Moses, wie die übrigen fünf sitzenden Statuen des Ober- 
baues 1 vorwiegend dekorativ wirken sollte; sie darf aber als ein 
glänzendes Zeugnis für die Lebensfülle und das persönliche Wesen 
der Mosesgestalt gelten." 

Einige Autoren, die sich nicht gerade für die Szene des gol- 
denen Kalbes entscheiden, treffen doch mit dieser Deutung in dem 
wesentlichen Punkte zusammen, daß dieser Moses im Begriffe sei 
aufzuspringen und zur Tat überzugehen. 

Herman Grimm: „Eine Hoheit erfüllt sie (diese Gestalt), ein 
Selbstbewußtsein, ein Gefühl, als stünden diesem Manne die Donner 
des Himmels zu Gebote, doch er bezwänge sich, ehe er sie ent- 
fesselte, erwartend, ob die Feinde, die er vernichten will, ihn an- 
zugreifen wagten. Er sitzt da, als wollte er eben aufspringen, das 
Haupt stolz aus den Schultern in die Höhe gereckt, mit der Hand, 
unter deren Arme die Gesetzestafeln ruhen, in den Bart greifend, 
der in schweren Strömen auf die Brust sinkt, mit weit atmenden 
Nüstern und mit einem Munde, auf dessen Lippen die Worte 
zu zittern scheinen." 

Heath Wilson sagt, Moses' Aufmerksamkeit sei durch etwas 
erregt, er sei im Begriffe aufzuspringen, doch zögere er noch. Der 
Blick, in dem Entrüstung und Verachtung gemischt seien, könne 
sich noch in Mitleid verändern. 

Wölfflin spricht von „gehemmter Bewegung". Der Hem- 
mungsgrund liegt hier im Willen der Person selbst, es ist der 
letzte Moment des Ansichhaltens vor dem Losbrechen, d. h. vor 
dem Aufspringen. 

Am eingehendsten hat C. Justi die Deutung auf die Wahr- 
nehmung des goldenen Kalbes begründet und sonst nicht beachtete 
Einzelheiten der Statue in Zusammenhang mit dieser Auffassung 
gebracht. Er lenkt unseren Blick auf die in der Tat auffällige 
Stellung der beiden Gesetzestafeln, welche im Begriffe seien, auf 

1) Vom Grabdenkmal des Papstes nämlich. 






Der Moses des Michelangelo 265 

den Steinsitz herabzugleiten: „Er (Moses) könnte also entweder 
in der Richtung des Lärmes schauen mit dem Ausdruck böser 
Ahnungen, oder es wäre der Anblick des Gräuels selbst, der ihn 
wie ein betäubender Schlag trifft. Durchbebt von Abscheu und 
Schmerz hat er sich niedergelassen. 1 Er war auf dem Berge vierzig 
Tage und Nächte geblieben, also ermüdet. Das Ungeheure, ein 
großes Schicksal, Verbrechen, selbst ein Glück kann zwar in einem 
Augenblick wahrgenommen, aber nicht gefaßt werden nach Wesen, 
Tiefe, Folgen. Einen Augenblick scheint ihm sein Werk zerstört, 
er verzweifelt an diesem Volke. In solchen Augenblicken verrät 
sich der innere Aufruhr in unwillkürlichen kleinen Bewegungen. 
Er läßt die beiden Tafeln, die er in der Rechten hielt, auf den 
Steinsitz herabrutschen, sie sind über Eck zu stehen gekommen, 
vom Unterarm an die Seite der Brust gedrückt. Die Hand aber 
fährt an Brust und Bart, bei der Wendung des Halses nach 
rechts muß sie den Bart nach der linken Seite ziehen und die 
Symmetrie dieser breiten männlichen Zierde aufheben; es sieht 
aus, als spielten die Finger mit dem Bart, wie der zivilisierte 
Mensch in der Aufregung mit der Uhrkette. Die Linke gräbt 
sich in den Rock am Bauch (im alten Testament sind die Ein- 
geweide Sitz der Affekte). Aber das linke Bein ist bereits zurück- 
gezogen und das rechte vorgesetzt; im nächsten Augenblick 
wird er auffahren, die psychische Kraft von der Empfindung 
auf den Willen überspringen, der rechte Arm sich bewegen, 
die Tafeln werden zu Boden fallen und Ströme Blutes die 
Schmach des Abfalls sühnen . . ." „Es ist hier noch nicht 
der Spannungsmoment der Tat. Noch waltet der Seelenschmerz 
fast lähmend." 

Ganz ähnlich äußert sich Fritz Knapp; nur daß er die Ein- 
gangssituation dem vorhin geäußerten Bedenken entzieht, auch 

1) Es ist zu bemerken, daß die sorgfältige Anordnung des Mantels um die Beine 
der sitzenden Gestalt dieses erste Stück der Auslegimg Justis unhaltbar macht. Man 
müßte vielmehr annehmen, es sei dargestellt, wie Moses im ruhigen erwartungslosen 
Dasitzen durch eine plötzliche Wahrnehmung aufgeschreckt werde. 



266 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

die angedeutete Bewegung der Tafeln konsequenter weiterführt: 
„Ihn, der soeben noch mit seinem Gotte allein war, lenken irdische 
Geräusche ab. Er hört Lärm, das Geschrei von gesungenen Tanz- 
reigen weckt ihn aus dem Traume. Das Auge, der Kopf wenden 
sich hin zu dem Geräusch. Schrecken, Zorn, die ganze Furie wilder 
Leidenschaften durchfahren im Moment die Riesengestalt. Die 
Gesetzestafeln fangen an herabzugleiten, sie werden zur Erde 
fallen und zerbrechen, wenn die Gestalt auffährt, um die donnern- 
den Zornesworte in die Massen des abtrünnigen Volkes zu schleu- 
dern . . . Dieser Moment höchster Spannung ist gewählt . . ." 
Knapp betont also die Vorbereitung zur Handlung und bestreitet 
die Darstellung der anfänglichen Hemmung infolge der überge- 
waltigen Erregung. 

Wir werden nicht in Abrede stellen, daß Deutungsversuche 
wie die letzterwähnten von Justi und Knapp etwas ungemein 
Ansprechendes haben. Sie verdanken diese Wirkung dem Umstände, 
daß sie nicht bei dem Gesamteindruck der Gestalt stehen bleiben, 
sondern einzelne Charaktere derselben würdigen, welche man sonst, 
von der Allgemeinwirkung überwältigt und gleichsam gelähmt, 
zu beachten versäumt. Die entschiedene Seitenwendung von Kopf 
und Augen der im übrigen nach vorne gerichteten Figur stimmt 
gut zu der Annahme, daß dort etwas erblickt wird, was plötzlich 
die Aufmerksamkeit des Ruhenden auf sich zieht. Der vom Boden 
abgehobene Fuß läßt kaum eine andere Deutung zu, als die einer 
Vorbereitung zum Aufspringen, 1 und die ganz sonderbare Haltung 
der Tafeln, die doch etwas hochheiliges sind und nicht wie ein 
beliebiges Beiwerk irgendwie im Raum untergebracht werden 
dürfen, findet ihre gute Aufklärung in der Annahme, sie glitten 
infolge der Erregung ihres Trägers herab und würden dann zu 
Boden fallen. So wüßten wir also, daß diese Statue des Moses 
einen bestimmten bedeutsamen Moment aus dem Leben des 

1) Obwohl der linke Fuß des ruhig sitzenden Giuliano in der Medicikapelle 
ähnlich abgehoben ist. 



Der Moses des Michelangelo 267 



Mannes darstellt, und wären auch nicht in Gefahr, diesen Moment 
zu verkennen. 

Allein zwei Bemerkungen von Thode entreißen uns wieder, 
was wir schon zu besitzen glaubten. Dieser Beobachter sagt, er 
sehe die Tafeln nicht herabgleiten, sondern „fest verharren". Er 
konstatiert, „die ruhig feste Haltung der rechten Hand auf den 
aufgestemmten Tafeln". Blicken wir selbst hin, so müssen wir 
Thode ohne Rückhalt recht geben. Die Tafeln sind festgestellt 
und nicht in Gefahr zu gleiten. Die rechte Hand stützt sie oder 
stützt sich auf sie. Dadurch ist ihre Aufstellung zwar nicht er- 
klärt, aber sie wird für die Deutung von Justi und anderen 
unverwendbar. 

Eine zweite Bemerkung trifft noch entscheidender. Thode mahnt 
daran, daß „diese Statue als eine von sechsen gedacht war und 
daß sie sitzend dargestellt ist. Beides widerspricht der Annahme, 
Michelangelo habe einen bestimmten historischen Moment fixieren 
wollen. Denn, was das erste anbetrifft, so schloß die Aufgabe, 
nebeneinander sitzende Figuren als Typen menschlichen Wesens 
(Vita activa! Vita contemplativa !) zu geben, die Vorstellung ein- 
zelner historischer Vorgänge aus. Und bezüglich des zweiten wider- 
spricht die Darstellung des Sitzens, welche durch die gesamte 
künstlerische Konzeption des Denkmals bedingt war, dem Charakter 
ienes Vorganges, nämlich dem Herabsteigen vom Berge Sinai zu 

dem Lager". 

Machen wir uns dies Bedenken Thodes zu eigen; ich meine, 
wir werden seine Kraft noch steigern können. Der Moses sollte 
mit fünf (in einem späteren Entwurf drei) anderen Statuen das 
Postament des Grabmals zieren. Sein nächstes Gegenstück hätte 
ein Paulus werden sollen. Zwei der anderen, die Vita activa und 
contemplativa sind als Lea und Rahel an dem heute vorhandenen, 
kläglich verkümmerten Monument ausgeführt worden, allerdings 
stehend. Diese Zugehörigkeit des Moses zu einem Ensemble macht 
die Annahme unmöglich, daß die Figur in dem Beschauer die 




268 Zur Anunulunp: der Psychoanalyse 



Erwartung erwecken solle, sie werde nun gleich von ihrem Sitze 
aufspringen, etwa davonstürmen und auf eigene Faust Lärm 
schlagen. Wenn die anderen Figuren nicht gerade auch in der 
Vorbereitung zu so heftiger Aktion dargestellt waren, — was sehr 
unwahrscheinlich ist, — so würde es den übelsten Eindruck 
machen, wenn gerade die eine uns die Illusion geben könnte, sie 
werde ihren Platz und ihre Genossen verlassen, also sich ihrer 
Aufgabe im Gefüge des Denkmals entziehen. Das ergäbe eine 
grobe Inkohärenz, die man dem großen Künstler nicht ohne die 
äußerste Nötigung zumuten dürfte. Eine in solcher Art davon- 
stürmende Figur wäre mit der Stimmung, welche das ganze Grab- 
monument erwecken soll, aufs äußerste unverträglich. 

Also dieser Moses darf nicht aufspringen wollen, er muß in 
hehrer Ruhe verharren können, wie die anderen Figuren, wie 
das beabsichtigte (dann nicht von Michelangelo ausgeführte) Bild 
des Papstes selbst. Dann aber kann der Moses, den wir betrachten, 
nicht die Darstellung des von Zorn erfaßten Mannes sein, der 
vom Sinai herabkommend, sein Volk abtrünnig findet und die 
heiligen Tafeln hinwirft, daß sie zerschmettern. Und wirklich, 
ich weiß mich an meine Enttäuschung zu erinnern, wenn ich 
bei früheren Besuchen in S. Pietro in Vincoli mich vor die Statue 
hinsetzte, in der Erwartung, ich werde nun seilen, wie sie auf 
dem aufgestellten Fuß emporschnellen, wie sie die Tafeln zu Boden 
schleudern und ihren Zorn entladen werde. Nichts davon geschah; 
anstatt dessen wurde der Stein immer starrer, eine fast erdrückende 
heilige Stille ging von ihm aus, und ich mußte fühlen, hier sei 
etwas dargestellt, was unverändert so bleiben könne, dieser Moses 
werde ewig so dasitzen und so zürnen. 

Wenn wir aber die Deutung der Statue mit dem Moment vor 
dem losbrechenden Zorn beim Anblick des Götzenbildes aufgeben 
müssen, so bleibt uns wenig mehr übrig als eine der Auffassungen 
anzunehmen, welche in diesem Moses ein Charakterbild erkennen 
wollen. Am ehesten von Willkür frei und am besten auf die 



Der Moses des Michelangelo 269 

Analyse der Bewegungsmotive der Gestalt gestützt erscheint dann 
das Urteil von Thode: „Hier, wie immer, ist es ihm um die 
Gestaltung eines Charaktertypus zu tun. Er schafft das Bild eines 
leidenschaftlichen Führers der Menschheit, der, seiner göttlichen 
gesetzgebenden Aufgabe bewußt, dem unverständigen Widerstand 
der Menschen begegnet. Einen solchen Mann der Tat zu kenn- 
zeichnen, gab es kein anderes Mittel, als die Energie des Willens 
zu verdeutlichen, und dies war möglich durch die Veranschau- 
lichung einer die scheinbare Ruhe durchdringenden Bewegung, 
wie sie in der Wendung des Kopfes, der Anspannung der Mus- 
keln, der Stellung des linken Beines sich äußert. Es sind dieselben 
Erscheinungen wie bei dem vir activus der Medicikapelle Giuliano. 
Diese allgemeine Charakteristik wird weiter vertieft durch die 
Hervorhebung des Konfliktes, in welchen ein solcher die Mensch- 
heit gestaltender Genius zu der Allgemeinheit tritt: die Affekte 
des Zornes, der Verachtung, des Schmerzes gelangen zu typischem 
Ausdruck. Ohne diesen war das Wesen eines solchen Übermen- 
schen nicht zu verdeutlichen. Nicht ein Historienbild, sondern 
einen Charaktertypus unüberwindlicher Energie, welche die wider- 
strebende Welt bändigt, hat Michelangelo geschaffen, die in der 
Bibel gegebenen Züge, die eigenen inneren Erlebnisse, Eindrücke 
der Persönlichkeit Julius', und wie ich glaube auch solche der 
Savonarolaschen Kampfestätigkeit gestaltend." 

In die Nähe dieser Ausführungen kann man etwa die Bemer- 
kung von Knackfuß rücken: Das Hauptgeheimnis der Wirkung 
des Moses liege in dem künstlerischen Gegensatz zwischen dem 
inneren Feuer und der äußerlichen Ruhe der Haltung. 

Ich finde nichts in mir, was sich gegen die Erklärung von 
Thode sträuben würde, aber ich vermisse irgend etwas. Vielleicht, 
daß sich ein Bedürfnis äußert nach einer innigeren Beziehung 
zwischen dem Seelenzustand des Helden und dem in seiner Hal- 
tung ausgedrückten Gegensatz von „scheinbarer Ruhe" und „innei'er 
Bewegtheit". 



270 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

II 

Lange bevor ich etwas von der Psychoanalyse hören konnte, 
erfuhr ich, daß ein russischer Kunstkenner, Ivan Lermolieff," 
dessen erste Aufsätze 1874 bis 1876 in deutscher Sprache ver- 
öffentlicht wurden, eine Umwälzung in den Galerien Europas 
hervorgerufen hatte, indem er die Zuteilung vieler Bilder an die 
einzelnen Maler revidierte, Kopien von Originalen mit Sicherheit 
unterscheiden lehrte und aus den von ihren früheren Bezeich- 
nungen frei gewordenen Werken neue Künstlerindividualitäten 
konstruierte. Er brachte dies zustande, indem er vom Gesamt- 
eindruck und von den großen Zügen eines Gemäldes absehen 
hieß und die charakteristische Bedeutung von untergeordneten 
Details hervorhob, von solchen Kleinigkeiten wie die Bildung der 
Fingernägel, der Ohrläppchen, des Heiligenscheines und anderer 
unbeachteter Dinge, die der Kopist nachzuahmen vernachlässigt, 
und die doch jeder Künster in einer ihn kennzeichnenden Weise 
ausführt. Es hat mich dann sehr interessiert zu erfahren, daß sich 
hinter dem russischen Pseudonym ein italienischer Arzt, namens 
Morelli, verborgen hatte. Er ist 1891 als Senator des König- 
reiches Italien gestorben. Ich glaube, sein Verfahren ist mit der 
Technik der ärztlichen Psychoanalyse nahe verwandt. Auch diese 
ist gewöhnt, aus gering geschätzten oder nicht beachteten Zügen, 
aus dem Abhub — dem „refuse" — der Beobachtung, Geheimes 
und Verborgenes zu erraten. 

An zwei Stellen der Mosesfigur finden sich nun Details, die 
bisher nicht beachtet, ja eigentlich noch nicht richtig beschrieben 
worden sind. Sie betreffen die Haltung der rechten Hand und die 
Stellung der beiden Tafeln. Man darf sagen, daß diese Hand in 
sehr eigentümlicher, gezwungener, Erklärung heischender Weise 
zwischen den Tafeln und dem — Bart des zürnenden Helden 
vermittelt. Es ist gesagt worden, daß sie mit den Fingern im 
Barte wühlt, mit den Strängen desselben spielt, während sie 
sich mit dem Kleinfingerrand auf die Tafeln stützt. Aber dies 









Der Moses des Michelangelo 



trifft offenbar nicht zu. Es verlohnt sich, sorgfältiger ins Auge 
zu fassen, was die Finger dieser rechten Hand tun, und den 
mächtigen Bart, zu dem sie in Beziehung treten, genau zu be- 
schreiben. 1 

Man sieht dann mit aller Deutlichkeit: Der Daumen dieser 
Hand ist versteckt, der Zeigefinger und dieser allein ist mit dem 
Bart in wirksamer Berührung. Er drückt sich so tief in die wei- 
chen Haarmassen ein, daß sie ober und unter ihm (kopfwärts 
und bauchwärts vom drückenden Finger) über sein Niveau her- 
vorquellen. Die anderen drei Finger stemmen sich, in den kleinen 
Gelenken gebeugt, an die Brustwand, sie werden von der äußer- 
sten rechten Flechte des Bartes, die über sie hinwegsetzt, bloß 
gestreift. Sie haben sich dem Barte sozusagen entzogen. Man kann 
also nicht sagen, die rechte Hand spiele mit dem Bart oder wühle 
in ihm} nichts anderes ist richtig, als daß der eine Zeigefinger 
über einen Teil des Bartes gelegt ist und eine tiefe Rinne in ihm 
hervorruft. Mit einem Finger auf seinen Bart drücken, ist gewiß 
eine sonderbare und schwer verständliche Geste. 

Der viel bewunderte Bart des Moses läuft von Wangen, Ober- 
lippe und Kinn in einer Anzahl von Strängen herab, die man 
noch in ihrem Verlauf voneinander unterscheiden kann. Einer der 
äußersten rechten Haarsträhne, der von der Wange ausgeht, läuft 
auf den oberen Rand des lastenden Zeigefingers zu, von dem er 
aufgehalten wird. Wir können annehmen, er gleitet zwischen 
diesem und dem verdeckten Daumen weiter herab. Der ihm ent- 
sprechende Strang der linken Seite fließt fast ohne Ablenkung 
bis weit auf die Brust herab. Die dicke Haarmasse nach innen 
von diesem letzteren Strang, von ihm bis zur Mittellinie reichend, 
hat das auffälligste Schicksal erfahren. Sie kann der Wendung des 
Kopfes nach links nicht folgen, sie ist genötigt, einen sich weich 
aufrollenden Bogen, ein Stück einer Guirlande, zu bilden, welche 
die inneren rechten Haarmassen überkreuzt. Sie wird nämlich 



1) Siehe die Beilage. 



272 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

von dem Druck des rechten Zeigefingers festgehalten, obwohl sie 
links von der Mittellinie entsprungen ist und eigentlich den 
Hauptanteil der linken Barthälfte darstellt. Der Bart erscheint so 
in seiner Hauptmasse nach rechts geworfen, obwohl der Kopf 
scharf nach links gewendet ist. An der Stelle, wo der rechte Zeige- 
finger sich eindrückt, hat sich etwas wie ein Wirbel von Haaren 
gebildet; hier liegen Stränge von links über solchen von rechts, 
beide durch den gewalttätigen Finger komprimiert. Erst jenseits 
von dieser Stelle brechen die von ihrer Richtung abgelenkten 
Haarmassen frei hervor, um nun senkrecht herabzulaufen, bis ihre 
Enden von der im Schoß ruhenden, geöffneten linken Hand auf- 
genommen werden. 

Ich gebe mich keiner Täuschung über die Einsichtlichkeit 
meiner Beschreibung hin und getraue mich keines Urteils dar- 
über, ob uns der Künstler die Auflösung jenes Knotens im Bart 
wirklich leicht gemacht hat. Aber über diesen Zweifel hinweg 
bleibt die Tatsache bestehen, daß der Druck des Zeigefingers der 
rechten Hand hauptsächlich Haarstränge der linken Barthälfte 
betrifft, und daß durch diese übergreifende Einwirkung der Bart 
zurückgehalten wird, die Wendung des Kopfes und Blickes nach 
der linken Seite mitzumachen. Nun darf man fragen, was diese 
Anordnung bedeuten soll und welchen Motiven sie ihr Dasein 
verdankt. Wenn es wirklich Rücksichten der Linienführung und 
Raumausfüllung waren, die den Künstler dazu bewogen haben, 
die herabwallende Barimasse des nach links schauenden Moses 
nach rechts herüber zu streichen, wie sonderbar ungeeignet er- 
scheint als Mittel hiefür der Druck des einen Fingers? Und wer, 
der aus irgend einem Grund seinen Bart auf die andere Seite 
gedrängt hat, würde dann darauf verfallen, durch den Druck 
eines Fingers die eine Barthälfte über der anderen zu fixieren? 
Vielleicht aber bedeuten diese im Grunde geringfügigen Züge 
nichts und wir zerbrechen uns den Kopf über Dinge, die dem 
Künstler gleichgültig waren? 






Der Moses des Michelangelo 273 



Setzen wir unter der Voraussetzung fort, daß auch diese Details 
eine Bedeutung haben. Es gibt dann eine Lösung, welche die 
Schwierigkeiten aufhebt und uns einen neuen Sinn ahnen läßt. 
Wenn an der Figur des Moses die linken Bartstränge unter dem 
Druck des rechten Zeigefingers liegen, so läßt sich dies vielleicht 
als der Rest einer Beziehung zwischen der rechten Hand und 
der linken Barthälfte verstehen, welche in einem früheren Mo- 
mente als dem dargestellten eine weit innigere war. Die rechte 
Hand hatte vielleicht den Bart weit energischer angefaßt, war bis 
zum linken Rand desselben vorgedrungen, und als sie sich in die 
Haltung zurückzog, welche wir jetzt an der Statue sehen, folgte 
ihr ein Teil des Bartes nach und legt nun Zeugnis ab von der 
Bewegung, die hier abgelaufen ist. Die Bartguirlande wäre die Spur 
des von dieser Hand zurückgelegten Weges. 

So hätten wir also eine Rückbewegung der rechten Hand er- 
schlossen. Die eine Annahme nötigt uns andere wie unvermeid- 
lich auf. Unsere Phantasie vervollständigt den Vorgang, von dem 
die durch die Bartspur bezeugte Bewegung ein Stück ist, und 
führt uns zwanglos zur Auffassung zurück, welche den ruhenden 
Moses durch den Lärm des Volkes und den Anblick des goldenen 
Kalbes aufschrecken läßt. Er saß ruhig da, den Kopf mit dem 
herabwallenden Bart nach vorne gerichtet, die Hand hatte wahr- 
scheinlich nichts mit dem Barte zu tun. Da schlägt das Geräusch 
an sein Ohr, er wendet Kopf und Blick nach der Richtung, aus 
der die Störung kommt, erschaut die Szene und versteht sie. Nun 
packen ihn Zorn und Empörung, er möchte aufspringen, die 
Frevler bestrafen, vernichten. Die Wut, die sich von ihrem Ob- 
jekt noch entfernt weiß, richtet sich unterdes als Geste gegen 
den eigenen Leib. Die ungeduldige, zur Tat bereite Hand greift 
nach vorne in den Bart, welcher der Wendung des Kopfes gefolgt 
war, preßt ihn mit eisernem Griffe zwischen Daumen und Hand- 
fläche mit den zusammenschließenden Fingern, eine Gebärde von 
einer Kraft und Heftigkeit, die an andere Darstellungen Michel- 
Freud, x. l8 






2 74 Z«r Anwendung der Psychoana l yse 

angelos erinnern mag. Dann aber tritt, wir wissen noch nicht 
wie und warum, eine Änderung ein, die vorgestreckte, in den 
Bart versenkte Hand wird eilig zurückgezogen, ihr Griff gibt den 
Bart frei, die Finger lösen sich von ihm, aber so tief waren sie 
in ihn eingegraben, daß sie bei ihrem Rückzug einen mächtigen 
Strang von der linken Seite nach rechts herüberziehen, wo er 
unter dem Druck des einen, längsten und obersten Fingers die 
rechten Bartflechten überlagern muß. Und diese neue Stellung, 
die nur durch die Ableitung aus der ihr vorhergehenden ver- 
ständlich ist, wird jetzt festgehalten. 

Es ist Zeit, uns zu besinnen. Wir haben angenommen, daß die 
rechte Hand zuerst außerhalb des Bartes war, daß sie sich dann 
in einem Moment hoher Affektspannung nach links herüberstreckte, 
um den Bart zu packen, und daß sie endlich wieder zurückfuhr, 
wobei sie einen Teil des Bartes mitnahm. Wir haben mit dieser 
rechten Hand geschaltet, als ob wir frei über sie verfügen dürften. 
Aber dürfen wir dies? Ist diese Hand denn frei? Hat sie nicht 
die heiligen Tafeln zu halten oder zu tragen, sind ihr solche mi- 
mische Exkursionen nicht durch ihre wichtige Aufgabe untersagt? 
Und weiter, was soll sie zu der Rückbewegung veranlassen, wenn 
sie einem starken Motiv gefolgt war, um ihre anfängliche Lage 
zu verlassen? 

Das sind nun wirklich neue Schwierigkeiten. Allerdings gehört 
die rechte Hand zu den Tafeln. Wir können hier auch nicht in 
Abrede stellen, daß uns ein Motiv fehlt, welches die rechte Hand 
zu dem erschlossenen Rückzug veranlassen könnte. Aber wie wäre 
es, wenn sich beide Schwierigkeiten miteinander lösen ließen und 
erst dann einen ohne Lücke verständlichen Vorgang ergeben 
würden? Wenn gerade etwas, was an den Tafeln geschieht, uns 
die Bewegungen der Hand aufklärte? 

An diesen Tafeln ist einiges zu bemerken, was bisher der Be- 
obachtung nicht wert gefunden wurde.' Man sagte: Die Hand 

1) Siehe das Detail Figur D. 




Der Moses des Michelangelo 275 



stützt sich auf die Tafeln oder: die Hand stützt die Tafeln. Man 
sieht auch ohneweiters die beiden rechteckigen, aneinander gelegten 
Tafeln auf der Kante stehen. Schaut man näher zu, so findet man, 
daß der untere Rand der Tafeln anders gebildet ist als der obere, 
schräg nach vorne geneigte. Dieser obere ist geradlinig begrenzt, 
der untere aber zeigt in seinem vordem Anteil einen Vorsprung 
wie ein Hörn, und gerade mit diesem Vorsprung berühren die 
Tafeln den Steinsitz. Was kann die Bedeutung dieses Details sein, 
welches übrigens an einem großen Gipsabguß in der Sammlung 
der Wiener Akademie der bildenden Künste ganz unrichtig wieder- 
gegeben ist? Es ist kaum zweifelhaft, daß dieses Hörn den der 
Schrift nach oberen Rand der Tafeln auszeichnen soll. Nur der 
obere Rand solcher rechteckigen Tafeln pflegt abgerundet oder 
ausgeschweift zu sein. Die Tafeln stehen also hier auf dem Kopf. 
Das ist nun eine sonderbare Behandlung so heiliger Gegenstände. 
Sie sind auf den Kopf gestellt und werden fast auf einer Spitze 
balanciert. Welches formale Moment kann bei dieser Gestaltung 
mitwirken? Oder soll auch dieses Detail dem Künstler gleichgültig 
gewesen sein? 

Da stellt sich nun die Auffassung ein, daß auch die Tafeln 
durch eine abgelaufene Bewegung in diese Position gekommen 
sind, daß diese Bewegung abhängig war von der erschlossenen 
Ortsveränderung der rechten Hand, und daß sie dann ihrerseits 
diese Hand zu ihrer späteren Rückbewegung gezwungen hat. Die 
Vorgänge an der Hand und die an den Tafeln setzen sich zu 
folgender Einheit zusammen: Anfänglich, als die Gestalt in Ruhe 
dasaß, trug sie die Tafeln aufrecht unter dem rechten Arm. Die 
rechte Hand faßte deren untere Ränder und fand dabei eine 
Stütze an dem nach vorn gerichteten Vorsprung. Diese Erleichte- 
rung des Tragens erklärt ohneweiters, warum die Tafeln umge- 
kehrt gehalten waren. Dann kam der Moment, in dem die Ruhe 
durch das Geräusch gestört wurde. Moses wendete den Kopf hin, 
und als er die Szene erschaut hatte, machte sich der Fuß zum 



lH" 



276 



Zur Anwendung der Psychoanalyse 



Aufspringen bereit, die Hand ließ ihren Griff an den Tafeln los 
und fuhr nach links und oben in den Bart, wie um ihr Unge- 
stüm am eigenen Leibe zu betätigen. Die Tafeln waren nun dem 
Druck des Armes anvertraut, der sie an die Brustwand pressen 
sollte. Aber diese Fixierung reichte nicht aus, sie begannen nach 
vorn und unten zu gleiten, der früher horizontal gehaltene obere 





Fig. D 



Fig. 1 



Rand richtete sich nach vorn und abwärts, der seiner Stütze be- 
raubte untere Rand näherte sich mit seiner vorderen Spitze dem 
Steinsitz. Einen Augenblick weiter und die Tafeln hätten sich um 
den neu gefundenen Stützpunkt drehen müssen, mit dem früher 
oberen Rande zuerst den Boden erreichen und an ihm zerschellen. 
Um dies zu verhüten, fährt die rechte Hand zurück, und ent- 
läßt den Bart, von dem ein Teil ohne Absicht mitgezogen wird, 
erreicht noch den Rand der Tafeln und stützt sie nahe ihrer 
hinteren, jetzt zur obersten gewordenen Ecke. So leitet sich das 



Der Moses des Michelangelo 



277 






sonderbar gezwungen scheinende Ensemble von Bart, Hand und 
auf die Spitze gestelltem Tafelpaar aus der einen leidenschaft- 
lichen Bewegung der Hand und deren gut begründeten Folgen 
ab. Will man die Spuren des abgelaufenen Bewegungssturmes 
rückgängig machen, so muß man die vordere obere Ecke der 
Tafeln heben und in die Bildebene zurückschieben, damit die 





Fig. 2 



Fig-3 



vordere untere Ecke (mit dem Vorsprung) vom Steinsitz entfernen, 
die Hand senken und sie unter den nun horizontal stehenden 
unteren Tafelrand führen. 

Ich habe mir von Künstlerhand drei Zeichnungen machen 
lassen, welche meine Beschreibung verdeutlichen sollen. Die dritte 
derselben gibt die Statue wieder, wie wir sie sehen; die beiden 
anderen stellen die Vorstadien dar, welche meine Deutung postu- 
liert, die erste das der Ruhe, die zweite das der höchsten Span- 
nung, der Bereitschaft zum Aufspringen, der Abwendung der Hand 



278 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

von den Tafeln und des beginnenden Herabgleitens derselben. Es 
ist nun bemerkenswert, wie die beiden von meinem Zeichner 
ergänzten Darstellungen die unzutreffenden Beschreibungen früherer 
Autoren zu Ehren bringen. Ein Zeitgenosse Michelangelos, 
Condivi, sagte: „Moses, der Herzog und Kapitän der Hebräer, 
sitzt in der Stellung eines sinnenden Weisen, hält unter dem 
rechten Arm die Gesetzestafeln und stützt mit der linken 
Hand das Kinn (!), wie einer, der müde und voll von Sorgen." 
Das ist nun an der Statue Michelangelos nicht zu sehen, aber 
es deckt sich fast mit der Annahme, welche der ersten Zeichnung 
zugrunde liegt. W. Lübke hatte wie andere Beobachter geschrieben: 
„Erschüttert greift er mit der Rechten in den herrlich herab- 
flutenden Bart . . ." Das ist nun unrichtig, wenn man es auf die 
Abbildung der Statue bezieht, trifft aber für unsere zweite Zeich- 
nung zu. Justi und Knapp haben, wie erwähnt, gesehen, daß die 
Tafeln im Herabgleiten sind und in der Gefahr schweben, zu 
zerbrechen. Sie mußten sich von Thode berichtigen lassen, daß 
die Tafeln durch die rechte Hand sicher fixiert seien, aber sie 
hätten recht, wenn sie nicht die Statue, sondern unser mittleres 
Stadium beschreiben würden. Man könnte fast meinen, diese Au- 
toren hätten sich von dem Gesichtsbild der Statue frei gemacht 
und hätten unwissentlich eine Analyse der Bewegungsmotive der- 
selben begonnen, durch welche sie zu denselben Anforderungen 
geführt wurden, wie wir sie bewußter und ausdrücklicher auf- 
gestellt haben. 

III 

Wenn ich nicht irre, wird es uns jetzt gestattet sein, die Früchte 
unserer Bemühung zu ernten. Wir haben gehört, wie vielen, die 
unter dem Eindruck der Statue standen, sich die Deutung auf- 
gedrängt hat, sie stelle Moses dar unter der Einwirkung des An- 
blicks, daß sein Volk abgefallen sei und um ein Götzenbild tanze. 
Aber diese Deutung mußte aufgegeben werden, denn sie fand 
ihre Fortsetzung in der Erwartung, er werde im nächsten Mo- 






Der Moses des Michelangelo 279 



ment aufspringen, die Tafeln zertrümmern und das Werk der 
Rache vollbringen. Dies widersprach aber der Bestimmung der 
Statue als Teilstück des Grabdenkmals Julius IL neben drei oder 
fünf anderen sitzenden Figuren. Wir dürfen nun diese verlassene 
Deutung wieder aufnehmen, denn unser Moses wird nicht auf- 
springen und die Tafeln nicht von sich schleudern. Was wir an 
ihm sehen, ist nicht die Einleitung zu einer gewaltsamen Aktion, 
sondern der Rest einer abgelaufenen Bewegung. Er wollte es in 
einem Anfall von Zorn, aufspringen, Rache nehmen, an die Tafeln 
vergessen, aber er hat die Versuchung überwunden, er wird jetzt 
so sitzen bleiben in gebändigter Wut, in mit Verachtung ge- 
mischtem Schmerz. Er wird auch die Tafeln nicht wegwerfen, 
daß sie am Stein zerschellen, denn gerade ihretwegen hat er 
seinen Zorn bezwungen, zu ihrer Rettung seine Leidenschaft 
beherrscht. Als er sich seiner leidenschaftlichen Empörung über- 
ließ, mußte er die Tafeln vernachlässigen, die Hand, die sie 
trug, von ihnen abziehen. Da begannen sie herabzugleiten, ge- 
rieten in Gefahr zu zerbrechen. Das mahnte ihn. Er gedachte 
seiner Mission und verzichtete für sie auf die Befriedigung seines 
Affekts. Seine Hand fuhr zurück und rettete die sinkenden Tafeln, 
noch ehe sie fallen konnten. In dieser Stellung blieb er ver- 
harrend, und so hat ihn Michelangelo als Wächter des Grab- 
mals dargestellt. 

Eine dreifache Schichtung drückt sich in seiner Figur in verti- 
kaler Richtung aus. In den Mienen des Gesichts spiegeln sich die 
Affekte, welche die herrschenden geworden sind, in der Mitte der 
Figur sind die Zeichen der unterdrückten Bewegung sichtbar, der 
Fuß zeigt noch die Stellung der beabsichtigten Aktion, als wäre 
die Beherrschung von oben nach unten vorgeschritten. Der linke 
Arm, von dem noch nicht die Rede war, scheint seinen Anteil 
an unserer Deutung zu fordern. Seine Hand ist mit weicher 
Gebärde in den Schoß gelegt und umfängt wie liebkosend die 
letzten Enden des herabfallenden Bartes. Es macht den Eindruck, 



280 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

als wollte sie die Gewaltsamkeit aufheben, mit der einen Moment 
vorher die andere Hand den Bart mißhandelt hatte. 

Nun wird man uns aber entgegenhalten: Das ist also doch nicht 
der Moses der Bibel, der wirklich in Zorn geriet und die Tafeln 
hinwarf, daß sie zerbrachen. Das wäre ein ganz anderer Moses 
von der Empfindung des Künstlers, der sich dabei herausgenommen 
hätte, den heiligen Text zu emendieren und den Charakter des 
göttlichen Mannes zu verfälschen. Dürfen wir Michelangelo 
diese Freiheit zumuten, die vielleicht nicht weit von einem Frevel 
am Heiligen liegt? 

Die Stelle der Heiligen Schrift, in welcher das Benehmen Moses' 
bei der Szene des goldenen Kalbes berichtet wird, lautet folgen- 
dermaßen (ich bitte um Verzeihung, daß ich mich in anachro- 
nistischer Weise der Übersetzung Luthers bediene): 

(IL B. Kap. 32.) „7) Der Herr sprach aber zu Mose: Geh', 
steig hinab; denn dein Volk, das du aus Ägyptenland geführt 
hast, hat's verderbt. 8) Sie sind schnell von dem Wege getreten, 
den ich ihnen geboten habe. Sie haben sich ein gegossen Kalb 
gemacht, und haben's angebetet, und ihm geopfert, und gesagt: 
Das sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägyptenland geführt 
haben. 9) Und der Herr sprach zu Mose: Ich sehe, daß es ein 
halsstarrig Volk ist. 10) Und nun laß mich, daß mein Zorn über 
sie ergrimme, und sie vertilge; so will ich dich zum großen Volk 
machen. 1 1 ) Mose aber flehte vor dem Herrn, seinem Gott und 
sprach: Ach, Herr, warum will dein Zorn ergrimmen über dein 
Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand hast aus Ägypten- 
land geführt? . . . 

... 14) Also gereuete dorn Herrn das Übel, das er dräuete 
seinem Volk zu tun. 1 5) Moses wandte sich, und stieg vom Berge, 
und hatte zwo Tafeln des Zeugnisses in seiner Hand, die waren 
geschrieben auf beiden Seiten. 16') Und Gott hatte sie selbst 
gemacht, und selber die Schrift drein gegraben. 17) Da nun Josua 
hörte des Volkes Geschrei, daß sie jauchzeten, sprach er zu Mose: 



Der Moses des Michelangelo 281 

Es ist ein Geschrei im Lager wie im Streit. 18) Er antwortete: 
Es ist nicht ein Geschrei gegeneinander derer die obsiegen und 
unterliegen, sondern ich höre ein Geschrei eines Siegestanzes. 
19) Als er aber nahe zum Lager kam, und das Kalb und den 
Reigen sah, ergrimmte er mit Zorn, und warf die Tafeln aus 
seiner Hand, und zerbrach sie unten am Berge; 20) und nahm 
das Kalb, das sie gemacht hatten, und zerschmelzte es mit Feuer, 
und zermalmte es mit Pulver, und stäubte es aufs Wasser, und 
gab's den Kindern Israels zu trinken ; . . . 

... 30) Des Morgens sprach Mose zum Volk: Ihr habt eine 
große Sünde getan; nun will ich hinaufsteigen zu dem Herrn, 
ob ich vielleicht eure Sünde versöhnen möge. 51) Als nun Mose 
wieder zum Herrn kam, sprach er: Ach, das Volk hat eine große 
Sünde getan, und haben sich güldene Götter gemacht. 32) Nun 
vergib ihnen ihre Sünde; wo nicht, so tilge mich auch aus deinem 
Buch, das du geschrieben hast. 33) Der Herr sprach zu Mose: 
Was? Ich will den aus meinem Buch tilgen, der an mir sündiget. 
34) So gehe nun hin \\n& führe das Volk, dahin ich dir gesagt 
habe. Siehe, mein Engel soll vor dir hergehen. Ich werde ihre 
Sünde wohl heimsuchen, wenn meine Zeit kommt heimzusuchen. 
7 j) Also strafte der Herr das Volk, daß sie das Kalb hatten ge- 
macht, welches Aaron gemacht hatte." 

Unter dem Einfluß der modernen Bibelkritik wird es uns un- 
möglich, diese Stelle zu lesen, ohne in ihr die Anzeichen unge- 
schickter Zusammensetzung aus mehreren Quellberichten zu finden. 
In Vers 8 teilt der Herr selbst Moses mit, daß das Volk abge- 
fallen sei und sich ein Götzenbild gemacht habe. Moses bittet für 
die Sünder. Doch benimmt er sich in Vers 18 gegen Josua, als 
wüßte er es nicht, und wallt im plötzlichen Zorn auf (.Vers 19), 
wie er die Szene des Götzendienstes erblickt. In Vers 14 hat er 
die Verzeihung Gottes für sein sündiges Volk bereits erlangt, doch 
begibt er sich Vers 3 1 ff. wieder auf den Berg, um diese Ver- 
zeihung zu erflehen, berichtet dem Herrn von dem Abfall des 



28 2 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

Volkes und erhält die Versicherung des Strafaufschubes. Vers 35 
bezieht sich auf eine Bestrafung des Volkes durch Gott, von der 
nichts mitgeteilt wird, während in den Versen zwischen 20 und 30 
das Strafgericht, das Moses selbst vollzogen hat, geschildert wurde. 
Es ist bekannt, daß die historischen Partien des Buches, welches 
vom Auszug handelt, von noch auffälligeren Inkongruenzen und 
Widersprüchen durchsetzt sind. 

Für die Menschen der Renaissance gab es solche kritische Ein- 
stellung zum Bibeltexte natürlich nicht, sie mußten den Bericht 
als einen zusammenhängenden auffassen und fanden dann wohl, 
daß er der darstellenden Kunst keine gute Anknüpfung bot. Der 
Moses der Bibelstelle war von dem Götzendienst des Volkes bereits 
unterrichtet worden, hatte sich auf die Seite der Milde und Ver- 
zeihung gestellt und erlag dann doch einem plötzlichen Wutanfall, 
als er des goldenen Kalbes und der tanzenden Menge ansichtig 
wurde. Es wäre also nicht zu verwundern, wenn der Künstler, 
der die Reaktion des Helden auf diese schmerzliche Überraschung 
darstellen wollte, sich aus inneren Motiven von dem Bibeltext 
unabhängig gemacht hätte. Auch war solche Abweichung vom 
Wortlaut der Heiligen Schrift aus geringeren Motiven keineswegs 
ungewöhnlich oder dem Künstler versagt. Ein berühmtes Gemälde 
des Parmigiano in seiner Vaterstadt zeigt uns den Moses, wie 
er auf der Höhe eines Berges sitzend die Tafeln zu Boden schleu- 
dert, obwohl der Bibel vers ausdrücklich besagt: er zerbrach sie 
am Fuße des Berges. Schon die Darstellung eines sitzenden Moses 
findet keinen Anhalt am Bibeltext und scheint eher jenen Beur- 
teilern recht zu geben, welche annahmen, dal} die Statue Michel- 
angelos kein bestimmtes Moment aus dem Leben des Helden 
festzuhalten beabsichtige. 

Wichtiger als die Untreue gegen den heiligen Text ist wohl 
die Umwandlung, die Michelangelo nach unserer Deutung mit 
dem Charakter des Moses vorgenommen hat. Der Mann Moses 
war nach den Zeugnissen der -Tradition jähzornig und Aufwallungen 



Der Moses des Michelangelo 285 



von Leidenschaft unterworfen. In einem solchen Anfalle von hei- 
ligem Zorne hatte er den Ägypter erschlagen, der einen Israeliten 
mißhandelte, und mußte deshalb aus dem Lande in die Wüste 
fliehen. In einem ähnlichen Affektausbruch zerschmetterte er die 
beiden Tafeln, die Gott selbst beschrieben hatte. Wenn die Tra- 
dition solche Charakterzüge berichtet, ist sie wohl tendenzlos und 
hat den Eindruck einer großen Persönlichkeit, die einmal gelebt 
hat, erhalten. Aber Michelangelo hat an das Grabdenkmal des 
Papstes einen anderen Moses hingesetzt, welcher dem historischen 
oder traditionellen Moses überlegen ist. Er hat das Motiv der 
zerbrochenen Gesetzestafeln umgearbeitet, er läßt sie nicht durch 
den Zorn Moses' zerbrechen, sondern diesen Zorn durch die 
Drohung, daß sie zerbrechen könnten, beschwichtigen oder wenig- 
stens auf dem Wege zur Handlung hemmen. Damit hat er etwas 
Neues, Übermenschliches in die Figur des Moses gelegt, und die 
gewaltige Körpermasse und kraftstrotzende Muskulatur der Gestalt 
wird nur zum leiblichen Ausdrucksmittel für die höchste psychi- 
sche Leistung, die einem Menschen möglich ist, für das Nieder- 
ringen der eigenen Leidenschaft zugunsten und im Auftrage einer 
Bestimmung, der man sich geweiht hat. 

Hier darf die Deutung der Statue Michelangelos ihr Ende 
erreichen. Man kann noch die Frage aufwerfen, welche Motive 
in dem Künstler tätig waren, als er den Moses, und zwar einen 
so umgewandelten Moses, für das Grabdenkmal des Papstes Julius IL 
bestimmte. Von vielen Seiten wurde übereinstimmend darauf hin- 
gewiesen, daß diese Motive in dem Charakter des Papstes und im 
Verhältnis des Künstlers zu ihm zu suchen seien. Julius IL war 
Michelangelo darin verwandt, daß er Großes und Gewaltiges 
zu verwirklichen suchte, vor allem das Große der Dimension. Er 
war ein Mann der Tat, sein Ziel war angebbar, er strebte nach 
der Einigung Italiens unter der Herrschaft des Papsttums. Was 
erst mehrere Jahrhunderte später einem Zusammenwirken von 
anderen Mächten gelingen sollte, das wollte er allein erreichen, 



284 Zur Anwendung der Psychoanalyse 



ein Einzelner in der kurzen Spanne Zeit und Herrschaft, die ihm 
gegönnt war, ungeduldig mit gewalttätigen Mitteln. Er wußte 
Michelangelo als seinesgleichen zu schätzen, aber er ließ ihn 
oft leiden unter seinem Jähzorn und seiner Rücksichtslosigkeit. 
Der Künstler war sich der gleichen Heftigkeit des Strebens be- 
wußt und mag als tiefer blickender Grübler die Erfolglosigkeit 
geahnt haben, zu der sie beide verurteilt waren. So brachte er 
seinen Moses an dem Denkmal des Papstes an, nicht ohne Vor- 
wurf gegen den Verstorbenen, zur Mahnung für sich selbst, sich 
mit dieser Kritik über die eigene Natur erhebend. 

IV 

Im Jahre 1865 hat ein Engländer W. Watkiss Lloyd dem 
Moses von Michelangelo ein kleines Büchlein gewidmet. 1 Als 
es mir gelang, dieser Schrift von 46 Seiten habhaft zu werden, 
nahm ich ihren Inhalt mit gemischten Empfindungen zur Kenntnis. 
Es war eine Gelegenheit, wieder an der eigenen Person zu er- 
fahren, was für unwürdige infantile Motive zu unserer Arbeit 
im Dienste einer großen Sache beizutragen pflegen. Ich bedauerte, 
daß Lloyd so vieles vorweg genommen hatte, was mir als Ergebnis 
meiner eigenen Bemühung wertvoll war, und erst in zweiter Instanz 
konnte ich mich über die unerwartete Bestätigung freuen. An einem 
entscheidenden Punkte trennen sich allerdings unsere Wege. 

Lloyd hat zuerst bemerkt, daß die gewöhnlichen Beschrei- 
bungen der Figur unrichtig sind, daß Moses nicht im Begriffe 
ist, aufzustehen, 2 daß die rechte Hand nicht in den Bart greift, 
daß nur deren Zeigefinger noch auf dem Barte ruht. 5 Er hat auch, 

1) W. Watkiss Lloyd, The Moses of Michelangelo. London, Williams and 
Norgate, 1863. 

2) But he is not rising or prcparing to rise; the bust is fully upright, not thrown for- 
ward for the alteration of balancc prcparatory for such a movement . . . (j>. 1 o). 

3) Such a description is altogethcr erroncous ; the fillets of the heard are detained by the 
right hand, but they are not held, nor grasped, enclosed or taken hold of. They are even 
detained but momentarily — momentarily engaged, they are on the point of bcing free for 
disengagement (p. 11). 



Der Moses des Michelangelo 285 



was weit mehr besagen will, eingesehen, daß die dargestellte 
Haltung der Gestalt nur durch die Rückbeziehung auf einen 
früheren, nicht dargestellten, Moment aufgeklärt werden kann, 
und daß das Herüberziehen der linken Bartstränge nach rechts 
andeuten solle, die rechte Hand und die linke Hälfte des Bartes 
seien vorher in inniger, natürlich vermittelter Beziehung gewesen. 
Aber er schlägt einen anderen Weg ein, um diese mit Notwen- 
digkeit erschlossene Nachbarschaft wieder herzustellen, er läßt 
nicht die Hand in den Bart gefahren, sondern den Bart bei der 
Hand gewesen sein. Er erklärt, man müsse sich vorstellen, „der 
Kopf der Statue sei einen Moment vor der plötzlichen Störung 
voll nach rechts gewendet gewesen über der Hand, welche da- 
mals wie jetzt die Gesetztafeln hält". Der Druck auf die Hohl- 
hand (durch die Tafeln) läßt deren Finger sich natürlich unter 
den herabwallenden Locken öffnen, und die plötzliche Wendung 
des Kopfes nach der anderen Seite hat zur Folge, daß ein Teil 
der Haarstränge für einen Augenblick von der nicht bewegten 
Hand zurückgehalten wird und jene Haarguirlande bildet, die als 
Wegspur („wake") verstanden werden soll. 

Von der anderen Möglichkeit einer früheren Annäherung von 
rechter Hand und linker Barthälfte läßt sich Lloyd durch eine 
Erwägung zurückhalten, welche beweist, wie nahe er an unserer 
Deutung vorbeigegangen ist. Es sei nicht möglich, daß der Pro- 
phet, selbst nicht in höchster Erregung, die Hand vorgestreckt 
haben könne, um seinen Bart so beiseite zu ziehen. In dem 
Falle wäre die Haltung der Finger eine ganz andere geworden, 
und überdies hätten infolge dieser Bewegung die Tafeln herab- 
fallen müssen, welche nur vom Druck der rechten Hand gehalten 
werden, es sei denn, man mute der Gestalt, um die Tafeln 
auch dann noch zu erhalten, eine sehr ungeschickte Bewegung 
zu deren Vorstellung eigentlich eine Entwürdigung enthalte. 
(„Unless clutched by a gesture so awkward, that to imagine it is 
profanation." ) 



286 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

Es ist leicht zu sehen, worin die Versäumnis des Autors liegt. 
Er hat die Auffälligkeiten des Bartes richtig als Anzeichen einer 
abgelaufenen Bewegung gedeutet, es aber dann unterlassen, den- 
selben Schluß auf die nicht weniger gezwungenen Einzelheiten 
in der Stellung der Tafeln anzuwenden. Er verwertet nur die 
Anzeichen vom Bart, nicht auch die von den Tafeln, deren Stel- 
lung er als die ursprüngliche hinnimmt. So verlegt er sich den 
Weg zu einer Auffassung wie die unsrige, welcbe durch die Wer- 
tung gewisser unscheinbarer Details zu einer überraschenden Deu- 
tung der ganzen Figur und ihrer Absichten gelangt. 

Wie nun aber, wenn wir uns beide auf einem Irrwege be- 
fänden? Wenn wir Einzelheiten schwer und bedeutungsvoll auf- 
nehmen würden, die dem Künstler gleichgültig waren, die er 
rein willkürlich oder auf gewisse formale Anlässe hin nur eben 
so gestaltet hätte, wie sie sind, ohne etwas Geheimes in sie hinein- 
zulegen? Wenn wir dem Los so vieler Interpreten verfallen wären, 
die deutlich zu sehen glauben, was der Künstler weder bewußt 
noch unbewußt schaffen gewollt hat? Darüber kann ich nicht 
entscheiden. Ich weiß nicht zu sagen, ob es angeht, einem Künstler 
wie Michelangelo, in dessen Werken soviel Gedankeninhalt nach 
Ausdruck ringt, eine solche naive Unbestimmtheit zuzutrauen, und 
ob dies gerade für die auffälligen und sonderbaren Züge der 
Mosesstatue annehmbar ist. Endlich darf man noch in aller 
Schüchternheit hinzufügen, daß sich in die Verscbuldung dieser 
Unsicherheit der Künstler mit dem Interpreten zu teilen habe. 
Michelangelo ist oft genug in seinen Schöpfungen bis an die 
äußerste Grenze dessen, was die Kunst, ausdrücken kann, gegangen; 
vielleicht ist es ihm auch beim Moses nicht völlig geglückt, wenn 
es seine Absicht war, den Sturm heftiger Erregung aus den An- 
zeichen erraten zu lassen, die nach seinem Ablauf in der Ruhe 
zurückblieben. 






EINIGE CHARAKTERTYPEN 
AUS DER PSYCHOANALYTISCHEN ARBEIT 

Zuerst erschienen in „Imago", IV (ipif/iö), 
dann i/i der Vierten Folge der „Sammlung kleiner 
Schriften zur Neuroseniehref'. 

Wenn der Arzt die psychoanalytische Behandlung eines Nervösen 
durchführt, so ist sein Interesse keineswegs in erster Linie auf 
dessen Charakter gerichtet. Er möchte viel eher wissen, was 
seine Symptome bedeuten, welche Triebregungen sich hinter 
ihnen verbergen und durch sie befriedigen, und über welche 
Stationen der geheimnisvolle Weg von jenen Trieb wünschen zu 
diesen Symptomen geführt hat. Aber die Technik, der er folgen 
muß nötigt den Arzt bald, seine Wißbegierde vorerst auf andere 
Objekte zu richten. Er bemerkt, daß seine Forschung durch 
Widerstände bedroht wird, die ihm der Kranke entgegensetzt, 
und darf diese Widerstände dem Charakter des Kranken zu- 
rechnen. Nun hat dieser Charakter den ersten Anspruch an sein 
Interesse. 

Was sich der Bemühung des Arztes widersetzt, sind nicht immer 
die Charakterzüge, zu denen sich der Kranke bekennt, und die 
ihm von seiner Umgebung zugesprochen werden. Oft zeigen sich 
Eigenschaften des Kranken bis zu ungeahnten Intensitäten ge- 
steigert, von denen er nur ein bescheidenes Maß zu besitzen 
schien, oder es kommen Einstellungen bei ihm zum Vorschein, 






288 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

die sich in anderen Beziehungen des Lebens nicht verraten hatten. 
Mit der Beschreibung und Zurückführung einiger von diesen über- 
raschenden Charakterzügen werden sich die nachstehenden Zeilen 
beschäftigen. 

I 

Die Ausnahmen 

Die psychoanalytische Arbeit sieht sich immer wieder vor die 
Aufgabe gestellt, den Kranken zum Verzicht auf einen nahe- 
liegenden und unmittelbaren Lustgew hin zu bewegen. Er soll 
nicht auf Lust überhaupt verzichten; das kann man vielleicht 
keinem Menschen zumuten, und selbst die Beligion muß ihre 
Forderung, irdische Lust fahren zu lassen, mit dem Versprechen 
begründen, dafür ein ungleich höheres Maß von wertvollerer Lust 
in einem Jenseits zu gewähren. Nein, der Kranke soll bloß auf 
solche Befriedigungen verzichten, denen eine Schädigung unfehl- 
bar nachfolgt, er soll bloß zeitweilig entbehren, nur den unmittel- 
baren Lustgewinn gegen einen besser gesicherten, wenn auch auf- 
geschobenen, eintauschen lernen. Oder mit anderen Worten, er 
soll unter der ärztlichen Leitung jenen Fortschritt vom Lust- 
prinzip zum Realitätsprinzip machen, durch welchen sich der 
reife Mann vom Kinde scheidet. Bei diesem Erziehungswerk spielt 
die bessere Einsicht des Arztes kaum eine entscheidende Rolle; 
er weiß ja in der Regel dem Kranken nichts anderes zu sagen, 
als was diesem sein eigener Verstand sagen kann. Aber es ist nicht 
dasselbe, etwas bei sich zu wissen und dasselbe von anderer 
Seite zu hören; der Arzt übernimmt die Rolle dieses wirksamen 
anderen; er bedient sich des Einflusses, den ein Mensch auf den 
anderen ausübt. Oder: erinnern wir uns daran, daß es in der 
Psychoanalyse üblich ist, das Ursprüngliche und Wurzelhafte an 
Stelle des Abgeleiteten und Gemilderten einzusetzen, und sagen 
wir, der Arzt bedient sich bei seinem Erziehungswerk irgend 
einer Komponente der Liebe. Er wiederholt bei solcher Nach- 






Einige Charakter typen aus der psychoanalytischen Arbeit 289 

erziehung wahrscheinlich nur den Vorgang, der überhaupt die 
erste Erziehung ermöglicht hat. Neben der Lebensnot ist die 
Liebe die große Erzieherin, und der unfertige Mensch wird 
durch die Liebe der ihm Nächsten dazu bewogen, auf die Ge- 
bote der Not zu achten und sich die Strafen für deren Über- 
tretung zu ersparen. 

Fordert man so von den Kranken einen vorläufigen Verzicht 
auf irgend eine Lustbefriedigung, ein Opfer, eine Bereitwilligkeit, 
zeitweilig für ein besseres Ende Leiden auf sich zu nehmen, oder 
auch nur den Entschluß, sich einer für alle geltenden Notwendig- 
keit zu unterwerfen, so stößt man auf einzelne Personen, die sich 
mit einer besonderen Motivierung gegen solche Zumutung sträuben. 
Sie sagen, sie haben genug gelitten und entbehrt, sie haben An- 
spruch darauf, von weiteren Anforderungen verschont zu werden, 
sie unterwerfen sich keiner unliebsamen Notwendigkeit mehr, denn 
sie seien Ausnahmen und gedenken es auch zu bleiben. Bei 
einem Kranken solcher Art war dieser Anspruch zu der Über- 
zeugung gesteigert, daß eine besondere Vorsehung über ihn wache, 
die ihn vor derartigen schmerzlichen Opfern bewahren werde. 
Gegen innere Sicherheiten, die sich mit solcher Stärke äußern, 
richten die Argumente des Arztes nichts aus, aber auch sein 
Einfluß versagt zunächst, und er wird darauf hingewiesen, den 
Quellen nachzuspüren, aus welchen das schädliche Vorurteil ge- 
speist wird. 

Nun ist es wohl unzweifelhaft, daß ein jeder sich für eine 
Ausnahme" ausgeben und Vorrechte vor den anderen bean- 
spruchen möchte. Aber gerade darum bedarf es einer besonderen 
und nicht überall vorfindlichen Begründung, wenn er sich wirklich 
als Ausnahme verkündet und benimmt. Es mag mehr als nur 
eine solche Begründung geben; in den von mir untersuchten Fällen 
gelang es, eine gemeinsame Eigentümlichkeit der Kranken in deren 
früheren Lebensschicksalen nachzuweisen: Ihre Neurose 
knüpfte an ein Erlebnis oder an ein Leiden an, das sie in den 

Freud, X. '9 












2go Zur Anwendung der Psychoanalyse 

ersten Kinderzeiten betroffen hatte, an dem sie sich unschuldig 
wußten, und das sie als eine ungerechte Benachteiligung ihrer 
Person bewerten konnten. Die Vorrechte, die sie aus diesem Un- 
recht ableiteten, und die Unbotmäßigkeit, die sich daraus ergab, 
hatten nicht wenig dazu beigetragen, um die Konflikte, die später 
zum Ausbruch der Neurose führten, zu verschärfen. Bei einer 
dieser Patientinnen wurde die besprochene Einstellung zum Leben 
vollzogen, als sie erfuhr, daß ein schmerzhaftes organisches Leiden, 
welches sie an der Erreichung ihrer Lebensziele gehindert hatte, 
kongenitalen Ursprungs war. Solange sie dieses Leiden für eine 
zufällige spätere Erwerbung hielt, ertrug sie es geduldig; von 
ihrer Aufklärung an, es sei ein Stück mitgebrachter Erbschaft, 
wurde sie rebellisch. Der junge Mann, der sich von einer be- 
sonderen Vorsehung bewacht glaubte, war als Säugling das Opfer 
einer zufälligen Infektion durch seine Amme geworden und hatte 
sein ganzes späteres Leben von seinen Entschädigungsansprüchen 
wie von einer Unfallsrente gezehrt, ohne zu ahnen, worauf er 
seine Ansprüche gründete. In seinem Falle wurde die Analyse, 
welche dieses Ergebnis aus dunklen Erinnerungsresten und Symptom- 
deutungen konstruierte, durch Mitteilungen der Familie objektiv 
bestätigt. 

Aus leicht verständlichen Gründen kann ich von diesen und 
anderen Krankengeschichten ein mehreres nicht mitteilen. Ich 
will auch auf die naheliegende Analogie mit der Charakter- 
verbildung nach langer Kränklichkeit der Kinderjahre und im 
Benehmen ganzer Völker mit leidenschwerer Vergangenheit nicht 
eingehen. Dagegen werde ich es mir nicht versagen, auf jene 
von dem größten Dichter geschaffene Gestalt hinzuweisen, in 
deren Charakter der Ausnahmsanspruch mit dem Momente der 
kongenitalen Benachteiligung so innig verknüpft und durch dieses 
motiviert ist. 

Im einleitenden Monolog zu Shakespeares Richard III. sagt 
Gloster, der spätere König: 



Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit 291 

Doch ich, zu Possenspielen nicht gemacht, 

Noch um zu buhlen mit verliebten Spiegeln; 

Ich, roh geprägt, entblößt von Liebes-Majestät 

Vor leicht sich dreh'nden Nymphen sich zu brüsten ; 

Ich, um dies schöne Ebenmaß verkürzt, 

Von der Natur um Bildung falsch betrogen, 

Entstellt, verwahrlost, vor der Zeit gesandt 

In diese Welt des Atmens, halb kaum fertig 

Gemacht, und zwar so lahm und ungeziemend, 

Daß Hunde bellen, hink' ich wo vorbei; 

Und darum, weil ich nicht als ein Verliebter 
Kann kürzen diese fein beredten Tage, 
Bin ich gewillt ein Bösewicht zu werden 
Und Feind den eitlen Freuden dieser Tage. 

Unser erster Eindruck von dieser Programmrede wird vielleicht 
die Beziehung zu unserem Thema vermissen. Richard scheint 
nichts anderes zu sagen als: Ich langweile mich in dieser müßigen 
Zeit und ich will mich amüsieren. Weil ich aber wegen meiner 
Mißgestalt mich nicht als Liebender unterhalten kann, werde ich 
den Bösewicht spielen, intrigieren, morden, und was mir sonst 
gefällt. Eine so frivole Motivierung müßte jede Spur von Anteil- 
nahme beim Zuschauer ersticken, wenn sich nichts Ernsteres hinter 
ihr verbärge. Dann wäre aber auch das Stück psychologisch un- 
möglich, denn der Dichter muß hei uns einen geheimen Hinter- 
grund von Sympathie für seinen Helden zu schaffen verstehen, 
wenn wir die Bewunderung für seine Kühnheit und Geschick- 
lichkeit ohne inneren Einspruch verspüren sollen, und solche 
Sympathie kann nur im Verständnis, im Gefühle einer möglichen 
inneren Gemeinschaft mit ihm, begründet sein. 

Ich meine darum, der Monolog Richards sagt nicht alles 5 er 
deutet bloß an und überläßt es uns, das Angedeutete auszuführen. 
Wenn wir aber diese Vervollständigung vornehmen, dann schwindet 
der Anschein von Frivolität, dann kommt die Bitterkeit und Aiis- 
fühiiichkeit, mit der Richard seine Mißgestalt geschildert hat, zu 

19- 



2Q2 7 m r Anwendung der Psychoanalyse 

ihrem Rechte, und uns wird die Gemeinsamkeit klar gemacht, 
die unsere Sympathie auch für den Bösewicht erzwingt. Es heißt 
dann: Die Natur hat ein schweres Unrecht an mir begangen, 
indem sie mir die Wohlgestalt versagt hat, welche die Liebe der 
Menschen gewinnt. Das Leben ist mir eine Entschädigung dafür 
schuldig, die ich mir holen werde. Ich habe den Anspruch darauf, 
eine Ausnahme zu sein, mich über die Bedenken hinwegzusetzen, 
durch die sich andere hindern lassen. Ich darf selbst Unrecht tun, 
denn an mir ist Unrecht geschehen, — und nun fühlen wir, daß 
wir selbst so werden könnten wie Richard, ja daß wir es im 
kleinen Maßstabe bereits sind. Richard ist eine gigantische Ver- 
größerung dieser einen Seite, die wir auch in uns finden. Wir 
glauben alle Grund zu haben, daß wir mit Natur und Schicksal 
wegen kongenitaler und infantiler Benachteiligung grollen $ wir 
fordern alle Entschädigung für frühzeitige Kränkungen unseres 
Narzißmus, unserer Eigenliebe. Warum hat uns die Natur nicht 
die goldenen Locken Balders geschenkt oder die Stärke Siegfrieds 
oder die hohe Stirne des Genies, den edlen Gesichtsschnitt des 
Aristokraten? Warum sind wir in der Bürgerstube geboren anstatt 
im Königsschloß? Wir würden es ebenso gut treffen, schön und 
vornehm zu sein wie alle, die wir jetzt darum beneiden müssen. 

Es ist aber eine feine ökonomische Kunst des Dichters, daß er 
seinen Helden nicht alle Geheimnisse seiner Motivierung laut und 
restlos aussprechen läßt. Dadurch nötigt er uns, sie zu ergänzen, 
beschäftigt unsere geistige Tätigkeit, lenkt sie vom kritischen Denken 
ab und hält uns in der Identifizierung mit dem Helden fest. Ein 
Stümper an seiner Stelle würde alles, was er uns mitteilen will, 
in bewußten Ausdruck fassen und fände sich dann unserer kühlen, 
frei beweglichen Intelligenz gegenüber, die eine Vertiefung der 
Illusion unmöglich macht. 

Wir wollen aber die „Ausnahmen" nicht verlassen, ohne zu 
bedenken, daß der Anspruch der Frauen auf Vorrechte und Be- 
freiung von soviel Nötigungen des Lebens auf demselben Grunde 






Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit 295 

ruht. Wie wir aus der psychoanalytischen Arbeit erfahren, be- 
trachten sich die Frauen als infantil geschädigt, ohne ihre Schuld 
um ein Stück verkürzt und zurückgesetzt, und die Erbitterung 
so mancher Tochter gegen ihre Mutter hat zur letzten Wurzel 
den Vorwurf, daß sie sie als Weib anstatt als Mann zur Welt 
gebracht hat. 

II 
Die am Erfolge scheitern 

Die psychoanalytische Arbeit hat uns den Satz geschenkt: Die 
Menschen erkranken neurotisch infolge der Versagung. Die 
Versagung der Befriedigung für ihre libidinösen Wünsche ist 
gemeint, und ein längerer Umweg ist nötig, um den Satz zu 
verstehen. Denn zur Entstehung der Neurose bedarf es eines Kon- 
flikts zwischen den libidinösen Wünschen eines Menschen und 
jenem Anteil seines Wesens, den wir sein Ich heißen, der Aus- 
druck seiner Selbsterhaltungstriebe ist und seine Ideale von seinem 
eigenen Wesen einschließt. Ein solcher pathogener Konflikt kommt 
nur dann zustande, wenn sich die Libido auf Wege und Ziele 
werfen will, die vom Ich längst überwunden und geächtet sind, 
die es also auch für alle Zukunft verboten hat, und das tut die 
Libido erst dann, wenn ihr die Möglichkeit einer ichgerechten 
idealen Befriedigung benommen ist. Somit wird die Entbehrung, 
die Versagung einer realen Befriedigung, die erste Bedingung 
für die Entstehung der Neurose, wenn auch lange nicht die 
einzige. 

Um so mehr muß es überraschend, ja verwirrend wirken, wenn 
man als Arzt die Erfahrung macht, daß Menschen gelegentlich 
gerade dann erkranken, wenn ihnen ein tief begründeter und 
lange gehegter Wunsch in Erfüllung gegangen ist. Es sieht dann 
so aus, als ob sie ihr Glück nicht vertragen würden, denn an 
dem ursächlichen Zusammenhange zwischen dem Erfolge und der 



\ 






2 94 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

Erkrankung kann man nicht zweifeln. So hatte ich Gelegenheit, 
in das Schicksal einer Frau Einsicht zu nehmen, das ich als vor- 
bildlich für solche tragische Wendungen beschreiben will. 

Von guter Herkunft und wohlerzogen, konnte sie als ganz 
junges Mädchen ihre Lebenslust nicht zügeln, riß sich vom Eltern- 
hause los und trieb sich abenteuernd in der Welt herum, bis sie 
die Bekanntschaft eines Künstlers machte, der ihren weiblichen 
Reiz zu schätzen wußte, aber auch die feinere Anlage an der 
Herabgewürdigten zu ahnen verstand. Er nahm sie in sein Haus 
und gewann an ihr eine treue Lebensgefährtin, der zum vollen 
Glück nur die bürgerliche Rehabilitierung zu fehlen schien. Nach 
jahrelangem Zusammenleben setzte er es durch, daß seine Familie 
sich mit ihr befreundete und war nun bereit, sie zu seiner Frau 
vor dem Gesetze zu machen. In diesem Moment begann sie zu 
versagen. Sie vernachlässigte das Haus, dessen rechtmäßige Herrin 
sie nun werden sollte, hielt sich für verfolgt von den Verwandten, 
die sie in die Familie aufnehmen wollten, sperrte dem Manne 
durch sinnlose Eifersucht jeden Verkehr, hinderte ihn an seiner 
künstlerischen Arbeit und verfiel bald in unheilbare seelische 
Erkrankung. 

Eine andere Beobachtung zeigte mir einen höchst respektablen 
Mann, der, selbst akademischer Lehrer, durch viele Jahre den 
begreiflichen Wunsch genährt hatte, der Nachfolger seines Meisters 
zu werden, der ihn selbst in die Wissenschaft eingeführt hatte. 
Als nach dem Rücktritte jenes Alten die Kollegen ihm mitteilten, 
daß kein anderer als er zu dessen Nachfolger ausersehen sei, be- 
gann er zaghaft zu werden, verkleinerte seine Verdienste, erklärte 
sich für unwürdig, die ihm zugedachte Stellung auszufüllen, und 
verfiel in eine Melancholie, die ihn für die nächsten Jahre von 
jeder Tätigkeit ausschaltete. 

So verschieden diese beiden Fälle sonst sind, so treffen sie doch 
in dem einen zusammen, daß die Erkrankung auf die Wunsch- 
erfüllung hin auftritt und den Genuß derselben zunichte macht. 



Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit 295 



Der Widerspruch zwischen solchen Erfahrungen und dem Satze, 
der Mensch erkranke an Versagung, ist nicht unlösbar. Die Unter- 
scheidung einer äußerlichen von einer inneren Versagung hebt 
ihn auf. Wenn in der Realität das Objekt weggefallen ist, an 
dem die Libido ihre Befriedigung finden kann, so ist dies eine 
äußerliche Versagung. Sie ist an sich wirkungslos, noch nicht 
pathogen, solange sich nicht eine innere Versagung zu ihr gesellt. 
Diese muß vom Ich ausgehen und der Libido andere Objekte 
streitig machen, deren sie sich nun bemächtigen will. Erst dann 
entsteht ein Konflikt und die Möglichkeit einer neurotischen Er- 
krankung, d. h. einer Ersatzbefriedigung auf dem Umwege über 
das verdrängte Unbewußte. Die innere Versagung kommt also 
in allen Fällen in Betracht, nur tritt sie nicht eher in Wirkung, 
als bis die äußerliche reale Versagung die Situation für sie vor- 
bereitet hat. In den Ausnahmsfällen, wenn die Menschen am 
Erfolge erkranken, hat die innere Versagung für sich allein ge- 
wirkt, ja sie ist erst hervorgetreten, nachdem die äußerliche Ver- 
sagung der Wunscherfüllung Platz gemacht hat. Daran bleibt 
etwas für den ersten Anschein Auffälliges, aber bei näherer Er- 
wägung besinnen wir uns doch, es sei gar nicht ungewöhnlich, 
daß das Ich einen Wunsch als harmlos toleriert, solange er ein 
Dasein als Phantasie führt und ferne von der Erfüllung scheint, 
während es sich scharf gegen ihn zur Wehr setzt, sobald er sich 
der Erfüllung nähert und Realität zu werden droht. Der Unter- 
schied gegen wohlbekannte Situationen der Neurosenbildung liegt 
nur darin, daß sonst innerliche Steigerungen der Libidobesetzung 
die bisher geringgeschätzte und geduldete Phantasie zum gefürch- 
teten Gegner machen, während in unseren Fällen das Signal 
zum Ausbruch des Konflikts durch eine reale äußere Wandlung 

gegeben wird. 

Die analytische Arbeit zeigt uns leicht, daß es Gewissens- 
mächte sind, welche der Person verbieten, aus der glücklichen 
realen Veränderung den lange erhofften Gewinn zu ziehen. Eine 



296 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

schwierige Aufgabe aber ist es, Wesen und Herkunft dieser rich- 
tenden und strafenden Tendenzen zu erkunden, die uns durch 
ihre Existenz oft dort überraschen, wo wir sie zu finden nicht 
erwarteten. Was wir darüber wissen oder vermuten, will ich aus 
den bekannten Gründen nicht an Fällen der ärztlichen Beobach- 
tung, sondern an Gestalten erörtern, die große Dichter aus der 
Fülle ihrer Seelenkenntnis erschaffen haben. 

Eine Person, die nach erreichtem Erfolge zusammenbricht, nach- 
dem sie mit unbeirrter Energie um ihn gerungen hat, ist Shake- 
speares Lady Macbeth. Es ist vorher kein Schwanken und kein 
Anzeichen eines inneren Kampfes in ihr, kein anderes Streben, 
als die Bedenken ihres ehrgeizigen und doch mildfühlenden Mannes 
zu besiegen. Dem Mordvorsatz will sie selbst ihre Weiblichkeit 
opfern, ohne zu erwägen, welche entscheidende Rolle dieser Weib- 
lichkeit zufallen muß, wenn es dann gelten soll, das durch Ver- 
brechen erreichte Ziel ihres Ehrgeizes zu behaupten. 

(Akt I, Szene 5): 

„Kommt, ihr Geister, 
Die ihr auf Mordgedanken lauscht, entweiht mich. 
— — — — — — — — — An meine Brüste, 

Ihr Mordhelfer! Saugt mir Milch zu Galle! 

(Akt I, Szene 7): 

„Ich gab die Brust und weiß, 
Wie zärtlich man das Kind liebt, das man tränkt. 
Und doch, dieweil es mir ins Antlitz lächelt, 
Wollt' reißen ich von meinem Mutterbusen 
Sein zahnlos Mündlein, und sein Hirn ausschmettern, 
Hätt' ich's geschworen, wie du jenes schwurst!" 

Eine einzige leise Regung des Widerstrebens ergreift sie vor 
der Tat: 

(Akt II, Szene %\: 

„Hätt' er geglichen meinem Vater nicht 
Als er so schlief, ich hätt's getan." 



Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit 20,7 

Nun, da sie Königin geworden durch den Mord an Duncan, 
meldet sich flüchtig etwas wie eine Enttäuschung, wie ein Über- 
druß. Wir wissen nicht, woher. 

■ 

(Akt in, Szene 2): 

„Nichts hat man, alles Lüge, 

Gelingt der Wunsch, und fehlt doch die Genüge, 

's ist sichrer das zu sein, was wir zerstören, 

Als durch Zerstörung ew'ger Angst zu schwören." 

Doch hält sie aus. In der nach diesen Worten folgenden Szene 
des Banketts bewahrt sie allein die Besinnung, deckt die Ver- 
wirrung ihres Mannes, findet einen Vorwand, um die Gäste zu 
entlassen. Und dann entschwindet sie uns. Wir sehen sie (in der 
ersten Szene des fünften Aktes) als Somnambule wieder, an die 
Eindrücke jener Mordnacht fixiert. Sie spricht ihrem Manne wieder 
Mut zu wie damals: 

„Pfui, mein Gemahl, pfui, ein Soldat und furchtsam? — Was 
haben wir zu fürchten, wer es weiß? Niemand zieht unsere Macht 
zur Rechenschaft." — — — 

Sie hört das Klopfen ans Tor, das ihren Mann nach der Tat 
erschreckte. Daneben aber bemüht sie sich, „die Tat ungeschehen 
zu machen, die nicht mehr ungeschehen werden" kann. Sie wäscht 
ihre Hände, die mit Blut befleckt sind und nach Blut riechen, 
und wird der Vergeblichkeit dieser Bemühung bewußt. Die Reue 
scheint sie niedergeworfen zu haben , die so reuelos schien. Als 
sie stirbt, findet Macbeth, der unterdes so unerbittlich geworden 
ist, wie sie sich anfänglich zeigte, nur die eine kurze Nachrede 
für sie : , , , . , r c . 

(Akt V, Szene 5): 

„Sie konnte später sterben. 

Es war noch Zeit genug für solch ein Wort." 

Und nun fragt man sich, was hat diesen Charakter zerbrochen, 
der aus dem härtesten Metall geschmiedet schien? Ist's nur die 



298 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

Enttäuschung, das andere Gesicht, das die vollzogene Tat zeigt, 
sollen wir rückschließen, daß auch in der Lady Macbeth ein ur- 
sprünglich weiches und weiblich mildes Seelenleben sich zu einer 
Konzentration und Hochspannung emporgearbeitet hatte, der keine 
Andauer beschieden sein konnte, oder dürfen wir nach Anzeichen 
forschen, die uns diesen Zusammenbruch durch eine tiefere Moti- 
vierung menschlich näher bringen? 

Ich halte es für unmöglich, hier eine Entscheidung zu treffen. 
Shakespeares Macbeth ist ein Gelegenheitsstück, zur Thron- 
besteigung des bisherigen Schottenkönigs James gedichtet. Der 
Stoff war gegeben und gleichzeitig von anderen Autoren behan- 
delt worden, deren Arbeit Shakespeare wahrscheinlich in ge- 
wohnter Weise genützt hat. Er bot merkwürdige Anspielungen 
an die gegenwärtige Situation. Die „jungfräuliche" Elisabeth, von 
der ein Gerede wissen wollte, daß sie nie imstande gewesen wäre, 
ein Kind zu gebären, die sich einst bei der Nachricht von James' 
Geburt im schmerzlichen Aufschrei als „einen dürren Stamm" 
bezeichnet hatte, 1 war eben durch ihre Kinderlosigkeit genötigt 
worden, den Schottenkönig zu ihrem Nachfolger werden zu lassen. 
Der war aber der Sohn jener Marin, deren Hinrichtung sie, wenn 
auch widerwillig, angeordnet hatte, und die trotz aller Trübung 
der Beziehungen durch politische Rücksichten doch ihre Bluts- 
verwandte und ihr Gast genannt werden konnte. 

Die Thronbesteigung Jakobs I. war wie eine Demonstration 
des Fluches der Unfruchtbarkeit und der Segnungen der fort- 
laufenden Generation. Und auf diesen nämlichen Gegensatz ist 
die Entwicklung in Shakespeares Macbeth eingestellt. Die Schick- 
salsschwestern haben ihm verheißen, daß er selbst König werden, 



1) Vgl. Macbeth (Akt II, Szene i) : 



„Auf mein Haupt setzten sie unfruchtbar Gold, 
Ein dürres Zepter reichten sie der Faust, 
Daß es entgleite dann in fremde Hand, 
Da nicht mein Sohn mir nachfolgt." — — — 












Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit 299 

dem Banquo aber, daß seine Kinder die Krone überkommen sollen. 
Macbeth empört sich gegen diesen Schicksalsspruch, er begnügt 
sich nicht mit der Befriedigung des eigenen Ehrgeizes, er will 
Gründer einer Dynastie sein und nicht zum Vorteile Fremder 
gemordet haben. Man übersieht diesen Punkt, wenn man in 
Shakespeares Stück nur die Tragödie des Ehrgeizes erblicken will. 
Es ist klar, da Macbeth selbst nicht ewig leben kann, so gibt es 
für ihn nur einen Weg, den Teil der Prophezeiung, der ihm 
widerstrebt, zu entkräften, wenn er nämlich selbst Kinder hat, 
die ihm nachfolgen können. Er scheint sie auch von seinem starken 
Weibe zu erwarten: 

(Akt I, Szene 7): 

„Du, gebier nur Söhne, 

Nur Männer sollte dein unschreckbar Mark 

Zusammensetzen." — — — — — — — — 

Und ebenso klar ist, wenn er in dieser Erwartung getäuscht 
wird, dann muß er sich dem Schicksal unterwerfen, oder sein 
Handeln verliert Ziel und Zweck und verwandelt sich in das 
blinde Wüten eines zum Untergange Verurteilten, der vorher 
noch, was ihm erreichbar ist, vernichten will. Wir sehen, daß 
Macbeth diese Entwicklung durchmacht, und auf der Höhe der 
Tragödie finden wir jenen erschütternden, so oft schon als viel- 
deutig erkannten Ausruf, der den Schlüssel für seine Wandlung 
enthalten könnte, den Ausruf Macduffs: 

(Akt IV, Szene 3): 
„Er hat keine Kinder." 

Das heißt gewiß: Nur weil er selbst kinderlos ist, konnte er 
meine Kinder morden, aber es kann auch mehr in sich fassen 
und vor allem könnte er das tiefste Motiv bloßlegen, welches 
sowohl Macbeth weit über seine Natur hinausdrängt, als auch 
den Charakter der harten Frau an seiner einzigen schwachen Stelle 
trifft. Hält man aber Umschau von dem Gipfelpunkt, den diese Worte 



_ 



300 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

Macduffs bezeichnen, so sieht man das ganze Stück von Beziehungen 
auf das Vater-Kinderverhältnis durchsetzt. Der Mord des gütigen 
Duncan ist wenig anders als ein Vatermord; im Falle Banquos 
hat Macbeth den Vater getötet, während ihm der Sohn entgeht; 
bei Macduff tötet er die Kinder, weil ihm der Vater entflohen 
ist. Ein blutiges und gekröntes Kind lassen ihm die Schicksals- 
schwestern in der Beschwörungsszene erscheinen; das bewaffnete 
Haupt vorher ist wohl Macbeth selbst. Im Hintergrunde aber er- 
hebt sich die düstere Gestalt des Rächers Macduff, der selbst eine 
Ausnahme von den Gesetzen der Generation ist, da er nicht von 
seiner Mutter geboren, sondern aus ihrem Leib geschnitten wurde. 

Es wäre nun durchaus im Sinne der auf Talion aufgebauten 
poetischen Gerechtigkeit, wenn die Kinderlosigkeit Macbeths und 
die Unfruchtbarkeit seiner Lady die Strafe wären für ihre Ver- 
brechen gegen die Heiligkeit der Generation, wenn Macbeth nicht 
Vater werden könnte, weil er den Kindern den Vater und dem 
Vater die Kinder geraubt, und wenn sich so an der Lady Mac- 
beth die Entweihung vollzogen hätte, zu der sie die Geister des 
Mordes aufgerufen hat. Ich glaube, man verstünde ohneweiters 
die Erkrankung der Lady, die Verwandlung ihres Frevelmuts in 
Reue, als Reaktion auf ihre Kinderlosigkeit, durch die sie von 
ihrer Ohnmacht gegen die Satzungen der Natur überzeugt und 
gleichzeitig daran gemahnt wird, daß ihr Verbrechen durch ihr 
eigenes Verschulden um den besseren Teil seines Ertrags ge- 
bracht worden ist. 

In der Chronik von Holinshed (1577), aus welcher Shake- 
speare den Stoff des Macbeth schöpfte, findet die Lady nur 
eine einzige Erwähnung als Ehrgeizige, die ihren Mann zum 
Morde aufstachelt, um selbst Königin zu werden. Von ihren wei- 
teren Schicksalen und von einer Entwicklung ihres Charakters 
ist nicht die Rede. Dagegen scheint es, als ob dort die Wandlung 
im Charakter Macbeths zum blutigen Wüterich ähnlich moti- 
viert werden sollte, wie wir es eben versucht haben. Denn bei 



Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit 301 

Holinshed liegen zwischen dem Morde an Duncan, durch den 
Macbeth König wird, und seinen weiteren Missetaten zehn Jahre, 
in denen er sich als strenger, aber gerechter Herrscher erweist. 
Erst nach diesem Zeiträume tritt bei ihm die Änderung ein, unter 
dem Einflüsse der quälenden Befürchtung, daß die Banquo erteilte 
Prophezeiung sich ebenso erfüllen könne wie die seines eigenen 
Schicksals. Nun erst läßt er Banquo töten und wird wie bei 
Shakespeare von einem Verbrechen zum andern fortgerissen. Es 
wird auch bei Holinshed nicht ausdrücklich gesagt, daß es seine 
Kinderlosigkeit ist, welche ihn auf diesem Weg treibt, aber es 
bleibt Zeit und Raum für diese naheliegende Motivierung. Anders 
bei Shakespeare. In atemraubender Hast jagen in der Tragödie 
die Ereignisse an uns vorüber, so daß sich aus den Angaben der 
Personen im Stücke etwa eine Woche als die Zeitdauer ihres 
Ablaufes berechnen läßt. 1 Durch diese Beschleunigung wird all 
unseren Konstruktionen über die Motivierung des Umschwungs 
im Charakter Macbeths und seiner Lady der Boden entzogen. Es 
fehlt die Zeit, innerhalb welcher die fortgesetzte Enttäuschung 
der Kinderhoffnung das Weib zermürben und den Mann in trotzige 
Baserei treiben könnte, und es bleibt der Widerspruch bestehen, 
daß so viele feine Zusammenhänge innerhalb des Stückes und 
zwischen ihm und seinem Anlaß ein Zusammentreffen im Motiv 
der Kinderlosigkeit anstreben, während die zeitliche Ökonomie 
der Tragödie eine Charakterentwicklung aus anderen als den inner- 
lichsten Motiven ausdrücklich ablehnt. 

Welches aber diese Motive sein können, die in so kurzer Zeit 
aus dem zaghaften Ehrgeizigen einen hemmungslosen Wüterich 
und aus der stahlharten Anstifterin eine von Reue zerknirschte 
Kranke machen, das läßt sich meines Erachtens nicht erraten. 
Ich meine, wir müssen darauf verzichten, das dreifach geschich- 
tete Dunkel zu durchdringen, zu dem sich die schlechte Erhal- 
tung des Textes, die unbekannte Intention des Dichters und der 

ll J. Darmstetter, Macbeth, Edition classique, p. LXXV, Paris 1887. 






jo2 Zur Anwendung der Psychoanalyse 



geheime Sinn der Sage hier verdichtet haben. Ich möchte es auch 
nicht gelten lassen, daß jemand einwende, solche Untersuchungen 
seien müßig angesichts der großartigen Wirkung, die die Tragödie 
auf den Zuschauer ausübt. Der Dichter kann uns zwar durch 
seine Kunst während der Darstellung überwältigen und unser 
Denken dabei lähmen, aber er kann uns nicht daran hindern, 
daß wir uns nachträglich bemühen, diese Wirkung aus ihrem 
psychologischen Mechanismus ZU begreifen. Auch die Bemerkung, 
es stehe dem Dichter frei, die natürliche Zeitfolge der von ihm 
vorgeführten Begebenheiten in beliebiger Weise zu verkürzen, 
wenn er durch das Opfer der gemeinen Wahrscheinlichkeit eine 
Steigerung des dramatischen Effekts erzielen kann, scheint mir 
hier nicht an ihrem Platze. Denn ein solches Opfer ist doch nur 
zu rechtfertigen, wo es bloß die Wahrscheinlichkeit stört, 1 
aber nicht, wo es die kausale Verknüpfung aufhebt, und der 
dramatischen Wirkung wäre kaum Abbruch geschehen, wenn der 
Zeitablauf unbestimmt gelassen wäre, anstatt durch ausdrückliche 
Äußerungen auf wenige Tage eingeengt zu werden. 

Es fällt so schwer, ein Problem wie das des Macbeth als un- 
lösbar zu verlassen, daß ich noch den Versuch wage, eine Bemer- 
kung anzufügen, die nach einem neuen Ausweg weist. Ludwig 
Jekels hat kürzlich in einer Shakespeare-Studie ein Stück der 
Technik des Dichters zu erraten geglaubt, welches auch für Mac- 
beth in Betracht kommen könnte. Er meint, daß Shakespeare 
häufig einen Charakter in zwei Personen zerlegt, von denen dann 
jede unvollkommen begreiflich erscheint, solange man sie nicht mit 
der anderen wiederum zur Einheit zusammensetzt. So könnte es 
auch mit Macbeth und der Lady sein, und dann würde es natür- 
lich zu nichts führen, wollte man sie als selbständige Person 
fassen und nach der Motivierung ihrer Umwandlung forschen, 
ohne auf den sie ergänzenden Macbeth Rücksicht zu nehmen. 

l) Wie in der Werbung Richards III. um Anna, an der Bahre des von ihm er- 
mordeten Königs. 









Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit 503 

Ich folge dieser Spur nicht weiter, aber ich will doch anführen, 
was in so auffälliger Weise diese Auffassung stützt, daß die Angst- 
keime, die in der Mordnacht bei Macbeth hervorbrechen, nicht 
bei ihm, sondern bei der Lady zur Entwicklung gelangen. 1 Er 
ist es, der vor der Tat die Halluzination des Dolches gehabt hat, 
aber sie, die später der geistigen Erkrankung verfällt; er hat nach 
dem Morde im Hause schreien gehört: Schlaft nicht mehr, Mac- 
beth mordet den Schlaf und also soll Macbeth nicht mehr schlafen, 
aber wir vernehmen nichts davon, daß König Macbeth nicht mehr 
schläft, während wir sehen, daß die Königin aus ihrem Schlafe 
aufsteht und nachtwandelnd ihre Schuld verrät; er stand hilflos 
da mit blutigen Händen und klagte, daß all des Meergottes Flut 
nicht reinwasche seine Hand; sie tröstete damals: Ein wenig 
Wasser spült uns ab die Tat, aber dann ist sie es, die eine Viertel- 
stunde lang ihre Hände wäscht und die Befleckung des Blutes 
nicht beseitigen kann. „Alle Wohlgerüche Arabiens machen nicht 
süßduftend diese kleine Hand." (Akt V, Szene 1.) So erfüllt sich 
an ihr, was er in seiner Gewissensangst gefürchtet; sie wird die 
Reue nach der Tat, er wird der Trotz, sie erschöpfen mitein- 
ander die Möglichkeiten der Reaktion auf das Verbrechen, wie 
zwei uneinige Anteile einer einzigen psychischen Individualität 
und vielleicht Nachbilder eines einzigen Vorbildes. 

Haben wir an der Gestalt der Lady Macbeth die Frage nicht 
beantworten können, warum sie nach dem Erfolge als Kranke 
zusammenbricht, so winkt uns vielleicht eine bessere Aussicht bei 
der Schöpfung eines anderen großen Dramatikers, der die Auf- 
gabe der psychologischen Rechenschaft mit unnachsichtiger Strenge 
zu verfolgen liebt. 

Rebekka Gamvik, die Tochter einer Hebamme, ist von ihrem 
Adoptivvater Doktor West zur Freidenkerin und Verächterin jener 
Fesseln erzogen worden, welche eine auf religiösem Glauben ge- 
gründete Sittlichkeit den Lebenswünschen anlegen möchte. Nach 

1) Vgl. Darmstetter a. a. 0. 






504 Zt/r Anwendung der Psychoanalyse 

dem Tode des Doktors verschafft sie sich Aufnahme in Rosmers- 
holm, dem Stammsitze eines alten Geschlechtes, dessen Mitglieder 
das Lachen nicht kennen und die Freude einer starren Pflicht- 
erfüllung geopfert haben. Auf Rosmersholm hausen der Pastor 
Johannes Rosmer und seine kränkliche, kinderlose Gattin Beate. 
.Von wildem, unbezwinglichem Gelüst" nach der Liebe des ade- 
ligen Mannes ergriffen, beschließt Rebekka, die Frau, die ihr im 
Wege steht, wegzuräumen, und bedient sich dabei ihres „mutigen, 
freigeborenen", durch keine Rücksichten gehemmten Willens. Sie 
spielt ihr ein ärztliches Buch in die Hand, in dem die Kinder- 
erzeugung als der Zweck der Ehe hingestellt wird, so daß die 
Arme an der Berechtigung ihrer Ehe irre wird, sie läßt sie erraten, 
daß Rosmer, dessen Lektüre und Gedankengänge sie teilt, im Be- 
griffe ist, sich vom alten Glauben loszumachen und die Partei der 
Aufklärung zu nehmen, und nachdem sie so das Vertrauen der 
Frau in die sittliche Verläßlichkeit ihres Mannes erschüttert hat, 
gibt sie ihr endlich zu verstehen, daß sie selbst, Rebekka, bald 
das Haus verlassen wird, um die Folgen eines unerlaubten Ver- 
kehrs mit Rosmer zu verheimlichen. Der verbrecherische Plan 
gelingt. Die arme Frau, die für schwermütig und unzurechnungs- 
fähig gegolten hat, stürzt sich vom Mühlensteg herab ins Wasser, 
im Gefühle des eigenen Unwertes und um dem Glücke des ge- 
liebten Mannes nicht im Wege zu sein. 

Seit Jahr und Tag leben nun Rebekka und Rosmer allein auf 
Rosmersholm in einem Verhältnis, welches er für eine rein geistige 
und ideelle Freundschaft halten will. Als aber von außen her die 
ersten Schatten der Nachrede auf dieses Verhältnis fallen, und 
gleichzeitig quälende Zweifel in Rosmer rege gemacht werden, 
aus welchen Motiven seine Frau in den Tod gegangen ist, bittet 
er Rebekka, seine zweite Frau zu werden, um der traurigen Ver- 
gangenheit eine neue lebendige Wirklichkeit entgegenstellen zu 
können. (Akt II.) Sie jubelt bei diesem Antrage einen Augenblick 
lang auf, aber schon im nächsten erklärt sie, es sei unmöglich, 



Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit 305 

und wenn er weiter in sie dringe, werde sie „den Weg gehen, 
den Beate gegangen ist". Verständnislos nimmt Rosmer die Ab- 
weisung entgegen; noch unverständlicher aber ist sie für uns, die 
wir mehr von Rebekkas Tun und Absichten wissen. Wir dürfen 
bloß nicht daran zweifeln, daß ihr Nein ernst gemeint ist. 

Wie konnte es kommen, daß die Abenteurerin mit dem mutigen, 
freigeborenen Willen, die sich ohne jede Rücksicht den Weg zur 
Verwirklichung ihrer Wünsche gebahnt, nun nicht zugreifen will, 
da ihr angeboten wird, die Frucht des Erfolges zu pflücken? Sie 
gibt uns selbst die Aufklärung im vierten Akt: „Das ist doch eben 
das Furchtbare, jetzt, da alles Glück der Welt mir mit vollen 
Händen geboten wird, — jetzt bin ich eine solche geworden, 
daß meine eigene Vergangenheit mir den Weg zum Glück ver- 
sperrt." Sie ist also eine andere geworden unterdes, ihr Gewissen 
ist erwacht, sie hat ein Schuldbewußtsein bekommen, welches ihr 
den Genuß versagt. 

Und wodurch wurde ihr Gewissen geweckt? Hören wir sie 
selbst und überlegen wir dann, ob wir ihr voll Glauben schenken 
dürfen: „Es ist die Lebensanschauung des Hauses Rosmer — oder 
wenigstens deine Lebensanschauung, — die meinen Willen ange- 
steckt hat . . . Und ihn krank gemacht hat. Ihn geknechtet hat 
mit Gesetzen, die früher für mich nicht gegolten haben. Das 
Zusammenleben mit dir, — du, das hat meinen Sinn geadelt." 

Dieser Einfluß, ist hinzuzunehmen, hat sich erst geltend ge- 
macht, als sie mit Rosmer allein zusammenleben durfte: „ — in 
Stille, — in Einsamkeit, — als du mir deine Gedanken alle ohne 
Vorbehalt gabst, — eine jegliche Stimmung, so weich und so fein 
wie du sie fühltest, — da trat die große Umwandlung ein." 

Kurz vorher hatte sie die andere Seite dieser Wandlung beklagt: 
„Weil Rosmersholm mir die Kraft genommen hat, hier ist mein 
mutiger Wille gelähmt worden. Und verschandelt! Für mich ist 
die Zeit vorbei, da ich alles und jedes wagen durfte. Ich habe 
die Energie zum Handeln verloren, Rosmer." 

Freud, X. 20 






306 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

Diese Erklärung gibt Rebekka, nachdem sie sich durch ein frei- 
williges Geständnis vor Rosmer und dem Rektor Kroll, dem Bruder 
der von ihr beseitigten Frau, als Verbrecherin bloßgestellt hat. 
Ibsen hat durch kleine Züge von meisterhafter Feinheit festgelegt, 
daß diese Rebekka nicht lügt, aber auch nie ganz aufrichtig ist. 
Wie sie trotz aller Freiheit von Vorurteilen ihr Alter um ein 
Jahr herabgesetzt hat, so ist auch ihr Geständnis vor den beiden 
Männern unvollständig und wird durch das Drängen Krolls in 
einigen wesentlichen Punkten ergänzt. Auch uns bleibt die Frei- 
heit anzunehmen, daß die Aufklärung ihres Verzichts das eine 
nur preisgibt, um ein anderes zu verschweigen. 

Gewiß, wir haben keinen Grund, ihrer Aussage zu mißtrauen, 
daß die Luft auf Rosmersholm, ihr Umgang mit dem edlen Rosmer, 
veredelnd und — lähmend auf sie gewirkt hat. Sie sagt damit, 
was sie weiß und empfunden hat. Aber es brauchte nicht alles 
zu sein, was in ihr vorgegangen ist; auch ist es nicht notwendig, 
daß sie sich über alles Rechenschaft geben konnte. Der Einfluß 
Rosmers konnte auch nur ein Deckmantel sein, hinter dem sich 
eine andere Wirkung verbirgt, und nach dieser anderen Richtung 
weist ein bemerkenswerter Zug. 

Noch nach ihrem Geständnis, in der letzten Unterredung, die 
das Stück beendet, bittet sie Rosmer nochmals, seine Frau zu 
werden. Er verzeiht ihr, was sie aus Liebe zu ihm verbrochen 
hat. Und nun antwortet sie nicht, was sie sollte, daß keine Ver- 
zeihung ihr das Schamgefühl nehmen könne, das sie durch den 
tückischen Betrug an der armen Beate erworben, sondern sie 
belastet sich mit einem anderen Vorwurf, der uns bei der Frei- 
denkerin fremdartig berühren muß, keinesfalls die Stelle verdient, 
an die er von Rebekka gesetzt wird: „Ach, mein Freund, — 
komm nie wieder darauf! Es ist ein Ding der Unmöglichkeit — ! 
Denn du mußt wissen, Rosmer, ich habe eine Vergangenheit." 
Sie will natürlich andeuten, daß sie sexuelle Beziehungen zu einem 
anderen Manne gehabt hat, und wir wollen uns merken, daß ihr 



1 



Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit 507 

diese Beziehungen zu einer Zeit, da sie frei und niemandem ver- 
antwortlich war, ein stärkeres Hindernis der Vereinigung mit 
Rosmer dünken als ihr wirklich verbrecherisches Benehmen gegen 
seine Frau. 

Rosmer lehnt es ab, von dieser Vergangenheit zu hören. Wir 
können sie erraten, obwohl alles, was dahin weist, im Stücke 
sozusagen unterirdisch bleibt und aus Andeutungen erschlossen 
werden muß. Aus Andeutungen freilich, die mit solcher Kunst 
eingefügt sind, daß ein Mißverständnis derselben unmöglich wird. 

Zwischen Rebekkas erster Ablehnung und ihrem Geständnis 
geht etwas vor, was von entscheidender Bedeutung für ihr wei- 
teres Schicksal ist. Der Rektor Kroll besucht sie, um sie durch 
die Mitteilung zu demütigen, er wisse, daß sie ein illegitimes Kind 
sei, die Tochter eben jenes Doktors West, der sie nach dem Tode 
ihrer Mutter adoptiert hat. Der Haß hat seinen Spürsinn ge- 
schärft, aber er meint nicht, ihr damit etwas Neues zu sagen. 
„In der Tat, ich meinte, Sie wüßten ganz genau Bescheid. Es 
wäre doch sonst recht merkwürdig gewesen, daß Sie sich von 
Doktor West adoptieren ließen — ." „Und da nimmt er Sie zu 
sich — gleich nach dem Tode Ihrer Mutter. Er behandelt Sie 
hart. Und doch bleiben Sie bei ihm. Sie wissen, daß er Ihnen 
nicht einen Pfennig hinterlassen wird. Sie haben ja auch nur 
eine Kiste Bücher bekommen. Und doch halten Sie bei ihm aus. 
Ertragen seine Launen. Pflegen ihn bis zum letzten Augenblick." — 
„Was Sie für ihn getan haben, das leite ich aus dem natürlichen 
Instinkt der Tochter her. Ihr ganzes übriges Auftreten halte ich 
für ein natürliches Ergebnis Ihrer Herkunft." 

Aber Kroll war im Irrtum. Rebekka hatte nichts davon gewußt, 
daß sie die Tochter des Doktors West sein sollte. Als Kroll mit 
dunklen Anspielungen auf ihre Vergangenheit begann, mußte sie 
annehmen, er meine etwas anderes. Nachdem sie begriffen hat, 
worauf er sich bezieht, kann sie noch eine Weile ihre Fassung 
bewahren, denn sie darf glauben, daß ihr Feind seiner Berechnung 

20« 






308 Zur Anivendung der Psychoanalyse 

jenes Alter zugrunde gelegt hat, das sie ihm bei einem früheren 
Besuche fälschlich angegeben. Aber nachdem Kroll diese Einwendung 
siegreich zurückgewiesen: „Mag sein. Aber die Rechnung mag 
dennoch richtig sein, denn ein Jahr, ehe er angestellt wurde, ist 
West dort oben vorübergehend zu Besuch gewesen", nach dieser 
neuen Mitteilung verliert sie jeden Halt. „Das ist nicht wahr." — 
Sie geht umher und ringt die Hände: „Es ist unmöglich. Sie 
wollen mir das bloß einreden. Das kann ja nun und nimmer- 
mehr wahr sein. Kann nicht wahr sein! Nun und nimmermehr — !" 
Ihre Ergriffenheit ist so arg, daß Kroll sie nicht auf seine Mit- 
teilung zurückzuführen vermag. 

Kroll: „Aber, meine Liebe, — warum um Gottes willen, werden Sie 
denn so heftig? Sie machen mir geradezu Angst? Was soll ich glauben 
und denken — l" 

Rebekka: „Nichts. Sie sollen weder etwas glauben noch etwas denken. 

Kroll: „Dann müßten Sie mir aber wirklich erklären, warum Sie sich 
diese Sache — diese Möglichkeit so zu Herzen nehmen. 

Rebekka (faßt sich wieder): „Das ist doch sehr einfach, Herr Rektor. 
Ich habe doch keine Lust, für ein uneheliches Kind zu gelten. 

Das Rätsel im Benehmen Rebekkas läßt nur eine Lösung zu. 
Die Mitteilung, daß Dr. West ihr Vater sein kann, ist der schwerste 
Schlag, der sie betreffen konnte, denn sie war nicht nur die 
Adoptivtochter, sondern auch die Geliebte dieses Mannes. Als Kroll 
seine Reden begann, meinte sie, er wolle auf diese Beziehungen 
anspielen, die sie wahrscheinlich unter Berufung auf ihre Freiheit 
einbekannt hätte. Aber das lag dem Rektor ferne; er wußte nichts 
von dem Liebesverhältnis mit Doktor West, wie sie nichts von 
dessen Vaterschaft. Nichts anderes als dieses Liebesverhältnis kann 
sie im Sinne haben, wenn sie bei der letzten Weigerung gegen 
Rosmer vorschützt, sie habe eine Vergangenheit, die sie unwürdig 
mache, seine Frau zu werden. Wahrscheinlich hätte sie Rosmer, 
wenn er gewollt hätte, auch nur die eine Hälfte ihres Geheim- 
nisses mitgeteilt und den schwereren Anteil desselben verschwiegen. 



Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit 509 

Aber nun verstehen wir freilich, daß diese Vergangenheit ihr 
als das schwerere Hindernis der Eheschließung erscheint, als das 
schwerere — Verbrechen. 

Nachdem sie erfahren hat, daß sie die Geliebte ihres eigenen 
Vaters gewesen ist, unterwirft sie sich ihrem jetzt übermächtig 
hervorbrechenden Schuldgefühl. Sie legt vor Rosmer und Kroll 
das Geständnis ab, durch das sie sich zur Mörderin stempelt, ver- 
zichtet endgültig auf das Glück, zu dem sie sich durch Verbrechen 
den Weg gebahnt hatte, und rüstet zur Abreise. Aber das eigent- 
liche Motiv ihres Schuldbewußtseins, welches sie am Erfolge 
scheitern läßt, bleibt geheim. Wir haben gesehen, es ist noch 
etwas ganz anderes als die Atmosphäre von Rosmersholm und 
der sittigende Einfluß Rosmers. 

Wer uns so weit gefolgt ist, wird jetzt nicht versäumen, einen 
Einwand vorzubringen, der dann manchen Zweifel rechtfertigen 
kann. Die erste Abweisung Rosmers durch Rebekka erfolgt ja 
vor dem zweiten Besuch Krolls, also vor seiner Aufdeckung ihrer 
unehelichen Geburt, und zu einer Zeit, da sie um ihren Inzest 
noch nicht weiß, — wenn wir den Dichter richtig verstanden 
haben. Doch ist diese Abweisung energisch und ernst gemeint. 
Das Schuldbewußtsein, das sie auf den Gewinn aus ihren Taten 
verzichten heißt, ist also schon vor ihrer Kenntnis um ihr Kapital- 
verbrechen wirksam, und wenn wir so viel zugeben, dann ist der 
Inzest als Quelle des Schuldbewußtseins vielleicht überhaupt zu 
streichen. 

Wir haben bisher Rebekka West behandelt, als wäre sie eine 
lebende Person und nicht eine Schöpfung der von dem kritischesten 
Verstand geleiteten Phantasie des Dichters Ibsen. Wir dürfen ver- 
suchen, bei der Erledigung dieses Einwandes denselben Standpunkt 
festzuhalten. Der Einwand ist gut, ein Stück Gewissen war auch 
vor der Kenntnis des Inzests bei Rebekka erwacht. Es steht nichts 
im Wege, für diese Wandlung den Einfluß verantwortlich zu 
machen, den Rebekka selbst anerkennt und anklagt. Aber damit 



5 1 o Zur Anwendung der Psychoanalyse 

kommen wir von der Anerkennung des zweiten Motivs nicht frei. 
Das Benehmen Rebekkas bei der Mitteilung des Rektors, ihre 
unmittelbar darauffolgende Reaktion durch das Geständnis lassen 
keinen Zweifel daran, daß erst jetzt das stärkere und das ent- 
scheidende Motiv des Verzichts in Wirkung tritt. Es liegt eben 
ein Fall von mehrfacher Motivierung vor, bei dem hinter dem 
oberflächlicheren Motiv ein tieferes zum Vorschein kommt. Gebote 
der poetischen Ökonomie hießen den Fall so gestalten, denn dies 
tiefere Motiv sollte nicht laut erörtert werden, es mußte gedeckt 
bleiben, der bequemen Wahrnehmung des Zuhörers im Theater 
oder des Lesers entzogen, sonst hätten sich bei diesem schwere 
Widerstände erhoben, auf die peinlichsten Gefühle begründet, 
welche die Wirkung des Schauspiels in Frage stellen können. 

Mit Recht dürfen wir aber verlangen, daß das vorgeschobene 
Motiv nicht ohne inneren Zusammenhang mit dem von ihm ge- 
deckten sei, sondern sich als eine Milderung und Ableitung aus 
dem letzteren erweise. Und wenn wir dem Dichter zutrauen 
dürfen, daß seine bewußte poetische Kombination folgerichtig aus 
unbewußten Voraussetzungen hervorgegangen ist, so können wir 
auch den Versuch machen zu zeigen, daß er diese Forderung er- 
füllt hat. Rebekkas Schuldbewußtsein entspringt aus der Quelle 
des Inzestvorwurfs, noch ehe der Rektor ihr diesen mit analyti- 
scher Schärfe zum Bewußtsein gebracht hat. Wenn wir ausfüh- 
rend und ergänzend ihre vom Dichter angedeutete Vergangenheit 
rekonstruieren, so werden wir sagen, sie kann nicht ohne Ahnung 
der intimen Beziehung zwischen ihrer Mutter und dem Doktor 
West gewesen sein. Es muß ihr einen großen Eindruck gemacht 
haben, als sie die Nachfolgerin der Mutter bei diesem Manne 
wurde, und sie stand unter der Herrschaft des Ödipus-Komplexes, 
auch wenn sie nicht wußte, daß diese allgemeine Phantasie in 
ihrem Falle zur Wirklichkeit geworden war. Als sie nach Rosmers- 
holm kam, trieb sie die innere Gewalt jenes ersten Erlebnisses 
dazu an, durch tatkräftiges Handeln dieselbe Situation herbei- 



Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit 311 

zuführen, die sich das erstemal ohne ihr Dazutun verwirklicht 
hatte, die Frau und Mutter zu beseitigen, um beim Manne und 
Vater ihre Stelle einzunehmen. Sie schildert mit überzeugender 
Eindringlichkeit, wie sie gegen ihren Willen genötigt wurde, 
Schritt um Schritt zur Beseitigung Beatens zu tun. 

„Aber glaubt Ihr denn, ich ging und handelte mit kühler Überlegung! 
Damals war ich doch nicht, was ich heute bin, wo ich vor Euch stehe 
und erzähle. Und dann gibt es doch auch, sollte ich meinen, zwei Arten 
Willen in einem Menschen. Ich wollte Beate weg haben! Auf irgend eine 
Art. Aber ich glaubte doch nicht, es würde jemals dahin kommen. Bei 
jedem Schritt, den es mich reizte, vorwärts zu wagen, war es mir, als 
schrie etwas in mir: Nun nicht weiter! Keinen Schritt mehr! — Und 
doch konnte ich es nicht lassen. Ich mußte noch ein winziges Spürchen 
weiter. Und noch ein einziges Spürchen. Und dann noch eins — und 
immer noch eins — . Und so ist es geschehen. Auf diese Weise geht so 
etwas vor sich." 

Das ist nicht Beschönigung, sondern wahrhafte Rechenschaft. 
Alles, was auf Rosmersholm mit ihr vorging, die Verliebtheit in 
Rosmer und die Feindseligkeit gegen seine Frau, war bereits Erfolg 
des Ödipus-Komplexes, erzwungene Nachbildung ihres Verhältnisses 
zu ihrer Mutter und zu Doktor West. 

Und darum ist das Schuldgefühl, das sie zuerst die Werbung 
Rosmers abweisen läßt, im Grunde nicht verschieden von jenem 
größeren, das sie nach der Mitteilung Krolls zum Geständnis 
zwingt. Wie sie aber unter dem Einfluß des Doktor West zur 
Freidenkerin und Verächterin der religiösen Moral geworden war, so 
wandelte sie sich durch die neue Liebe zu Rosmer zum Gewissens- 
und Adelsmenschen. Soviel verstand sie selbst von ihren inneren 
Vorgängen, und darum durfte sie mit Recht den Einfluß Rosmers 
als das ihr zugänglich gewordene Motiv ihrer Änderung be- 
zeichnen. 

Der psychoanalytisch arbeitende Arzt weiß, wie häufig oder 
wie regelmäßig das Mädchen, welches als Dienerin, Gesellschafterin, 
Erzieherin in ein Haus eintritt, dort bewußt oder unbewußt am 



5 12 Zur Anwendung der Psychoanalyse 



Tagtraum spinnt, dessen Inhalt dem Ödipus-Komplex entnommen 
ist, daß die Frau des Hauses irgendwie wegfallen und der Herr 
an deren Stelle sie zur Frau nehmen wird. „Rosmersholm" ist 
das höchste Kunstwerk der Gattung, welche diese alltägliche 
Phantasie der Mädchen behandelt. Es wird eine tragische Dichtung 
durch den Zusatz, daß dem Tagtraum der Heldin die ganz ent- 
sprechende Wirklichkeit in ihrer Vorgeschichte vorausgegangen ist. 1 
Nach langem Aufenthalte bei der Dichtung kehren wir nun 
zur ärztlichen Erfahrung zurück. Aber nur, um mit wenigen 
Worten die volle Übereinstimmung beider festzustellen. Die psycho- 
analytische Arbeit lehrt, daß die Gewissenskräfte, welche am Er- 
folg erkranken lassen anstatt wie sonst an der Versagung, in in- 
timer Weise mit dem Ödipus-Komplex zusammenhängen, mit dem 
Verhältnis zu Vater und Mutter, wie vielleicht unser Schuld- 
bewußtsein überhaupt. 

III 

Die Verbrecher aus Schuldbewußtsein 

In den Mitteilungen über ihre Jugend, besonders über die Jahre 
der Vorpubertät, haben mir oft später sehr anständige Personen 
von unerlaubten Handlungen berichtet, die sie sich damals hatten 
zu Schulden kommen lassen, von Diebstählen, Betrügereien und 
selbst Brandstiftungen. Ich pflegte über diese Angaben mit der 
Auskunft hinwegzugehen, daß die Schwäche der moralischen 
Hemmungen in dieser Lebenszeit bekannt sei, und versuchte nicht, 
sie in einen bedeutsameren Zusammenhang einzureihen. Aber 
endlich wurde ich durch grelle und günstigere Fälle, bei denen 
solche Vergehen begangen wurden, während die Kranken sich in 
meiner Behandlung befanden, und wo es sich um Personen jen- 
seits jener jungen Jahre handelte, zum gründlicheren Studium 



l) Der Nachweis des Inzestthemas in „Rosmersholm" ist bereits mit denselben 
Mitteln wie hier, in dem überaus reichhaltigen Werke von O. Rank, Das Inzest- 
motiv in Dichtung und Sage, 1912, erbracht worden. 



Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit 513 

solcher Vorfälle aufgefordert. Die analytische Arbeit brachte dann 
das überraschende Ergebnis, daß solche Taten vor allem darum 
vollzogen wurden, weil sie verboten und weil mit ihrer Ausfüh- 
rung eine seelische Erleichterung für den Täter verbunden war. 
Er litt an einem drückenden Schuldbewußtsein unbekannter Her- 
kunft, und nachdem er ein Vergehen begangen hatte, war der 
Druck gemildert. Das Schuldbewußtsein war wenigstens irgendwie 
untergebracht. 

So paradox es klingen mag, ich muß behaupten, daß das Schuld- 
bewußtsein früher da war als das Vergehen, daß es nicht aus 
diesem hervorging, sondern umgekehrt, das Vergehen aus dem 
Schuldbewußtsein. Diese Personen durfte man mit gutem Recht 
als Verbrecher aus Schuldbewußtsein bezeichnen. Die Präexistenz 
des Schuldgefühls hatte sich natürlich durch eine ganze Reihe 
von anderen Äußerungen und Wirkungen nachweisen lassen. 

Die Feststellung eines Kuriosums setzt der wissenschaftlichen 
Arbeit aber kein Ziel. Es sind zwei weitere Fragen zu beant- 
worten, woher das dunkle Schuldgefühl vor der Tat stammt, und 
ob es wahrscheinlich ist, daß eine solche Art der Verursachung 
an den Verbrechen der Menschen einen größeren Anteil hat. 

Die Verfolgung der ersten Frage versprach eine Auskunft über 
die Quelle des menschlichen Schuldgefühls überhaupt. Das regel- 
mäßige Ergebnis der analytischen Arbeit lautete, daß dieses dunkle 
Schuldgefühl aus dem Ödipus-Komplex stamme, eine Reaktion 
sei auf die beiden großen verbrecherischen Absichten, den Vater 
zu töten und mit der Mutter sexuell zu verkehren. Im Vergleich 
mit diesen beiden waren allerdings die zur Fixierung des Schuld- 
gefühls begangenen Verbrechen Erleichterungen für den Gequälten. 
Man muß sich hier daran erinnern, daß Vatermord und Mutter- 
inzest die beiden großen Verbrechen der Menschen sind, die ein- 
zigen, die in primitiven Gesellschaften als solche verfolgt und ver- 
abscheut werden. Auch daran, wie nahe wir durch andere Unter 
suchungen der Annahme gekommen sind, daß die Menschheit 



314 Zur Anwendung der Psychoanalyse 






ihr Gewissen, das nun als vererbte Seelenmacht auftritt, am 
Ödipus-Komplex erworben hat. 

Die Beantwortung der zweiten Frage geht über die psycho- 
analytische Arbeit hinaus. Bei Kindern kann man ohneweiters 
beobachten, daß sie „schlimm" werden, um Strafe zu provozieren, 
und nach der Bestrafung beruhigt und zufrieden sind. Eine spätere 
analytische Untersuchung führt oft auf die Spur des Schuldgefühls, 
welches sie die Strafe suchen hieß. Von den erwachsenen Ver- 
brechern muß man wohl alle die abziehen, die ohne Schuldgefühl 
Verbrechen begehen, die entweder keine moralischen Hemmungen 
entwickelt haben oder sich im Kampf mit der Gesellschaft zu 
ihrem Tun berechtigt glauben. Aber bei der Mehrzahl der an- 
deren Verbrecher, bei denen, für die die Strafsatzungen eigent- 
lich gemacht sind, könnte eine solche Motivierung des Verbrechens 
sehr wohl in Betracht kommen, manche dunkle Punkte in der 
Psychologie des Verbrechers erhellen, und der Strafe eine neue 
psychologische Fundierung geben. 

Ein Freund hat mich dann darauf aufmerksam gemacht, daß der 
„Verbrecher aus Schuldgefühl" auch Nietzsche bekannt war. Die 
Präexistenz des Schuldgefühls und die Verwendung der Tat zur 
Rationalisierung desselben schimmern uns aus den Reden Zara- 
thustras „Über den bleichen Verbrecher" entgegen. Überlassen 
wir es zukünftiger Forschung zu entscheiden, wie viele von den 
Verbrechern zu diesen „bleichen" zu rechnen sind. 



ZEITGEMÄSSES ÜBER KRIEG UND TOD 

Zuerst erschienen anfangs IQIJ in „Imago", 
Bd. V, dann in der Vierten Folge der „Sammlung 
kleiner Schriften zur Neurosenlehre" . Eine hollän- 
dische Übersetzung (von Dr. Jan van Emden) 
erschien 1917 (unter dem Titel „Oorlog en 
Dood u ), eine englische (von Brill und Kuttner) 
l 9 lS. 

1 

DIE ENTTÄUSCHUNG DES KRIEGES 

Von dem Wirbel dieser Kriegszeit gepackt, einseitig unterrichtet, 
ohne Distanz von den großen Veränderungen, die sich bereits 
vollzogen haben oder zu vollziehen beginnen, und ohne Witterung 
der sich gestaltenden Zukunft, werden wir selbst irre an der Be- 
deutung der Eindrücke, die sich uns aufdrängen, und an dem 
Werte der Urteile, die wir bilden. Es will uns scheinen, als hätte 
noch niemals ein Ereignis so viel kostbares Gemeingut der Mensch- 
heit zerstört, so viele der klarsten Intelligenzen verwirrt, so gründ- 
lich das Hohe erniedrigt. Selbst die Wissenschaft hat ihre leiden- 
schaftslose Unparteilichkeit verloren; ihre aufs tiefste erbitterten 
Diener suchen ihr Waffen zu entnehmen, um einen Beitrag zur 
Bekämpfung des Feindes zu leisten. Der Anthropologe muß den 
Gegner für minderwertig und degeneriert erklären, der Psychiater 
die Diagnose seiner Geistes- oder Seelenstörung verkünden. Aber 
wahrscheinlich empfinden wir das Böse dieser Zeit unmäßig stark 



31 6 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

und haben kein Recht, es mit dem Bösen anderer Zeiten zu ver- 
gleichen, die wir nicht erlebt haben. 

Der Einzelne, der nicht selbst ein Kämpfer und somit ein Par- 
tikelchen der riesigen Kriegsmaschinerie geworden ist, fühlt sich 
in seiner Orientierung verwirrt und in seiner Leistungsfähigkeit 
gehemmt. Ich meine, ihm wird jeder kleine Wink willkommen 
sein, der es ihm erleichtert, sich wenigstens in seinem eigenen 
Innern zurechtzufinden. Unter den Momenten, welche das seeli- 
sche Elend der Daheimgebliebenen verschuldet haben, und deren 
Bewältigung ihnen so schwierige Aufgaben stellt, möchte ich zwei 
hervorheben und an dieser Stelle behandeln: Die Enttäuschung, 
die dieser Krieg hervorgerufen hat, und die veränderte Einstel- 
lung zum Tode, zu der er uns — wie alle anderen Kriege — 
nötigt. 

Wenn ich von Enttäuschung rede, weiß jedermann sofort, was 
damit gemeint ist. Man braucht kein Mitleidsschwärmer zu sein, 
man kann die biologische und psychologische Notwendigkeit des 
Leidens für die Ökonomie des Menschenlebens einsehen und darf 
doch den Krieg in seinen Mitteln und Zielen verurteilen und 
das Aufhören der Kriege herbeisehnen. Man sagte sich zwar, die 
Kriege könnten nicht aufhören, solange die Völker unter so ver- 
schiedenartigen Existenzbedingungen leben, solange die Wertungen 
des Einzellebens bei ihnen weit auseinandergehen, und solange 
die Gehässigkeiten, welche sie trennen, so starke seelische Trieb- 
kräfte repräsentieren. Man war also darauf vorbereitet, daß Kriege 
zwischen den primitiven und den zivilisierten Völkern, zwischen 
den Menschenrassen, die durch die Hautfarbe voneinander ge- 
schieden werden, ja Kriege mit und unter den wenig entwickelten 
oder verwilderten Völkerindividuen Europas die Menschheit noch 
durch geraume Zeit in Anspruch nehmen werden. Aber man 
getraute sich etwas anderes zu hoffen. Von den großen weltbe- 
herrschenden Nationen weißer Rasse, denen die Führung des 
Menschengeschlechtes zugefallen ist, die man mit der Pflege weit- 



Zeitgemäßes über Krieg und Tod 317 



umspannender Interessen beschäftigt wußte, deren Schöpfungen 
die technischen Fortschritte in der Beherrschung der Natur wie 
die künstlerischen und wissenschaftlichen Kulturwerte sind, von 
diesen Völkern hatte man erwartet, daß sie es verstehen würden, 
Mißhelligkeiten und Interessenkonflikte auf anderem Wege zum 
Austrage zu bringen. Innerhalb jeder dieser Nationen waren hohe 
sittliche Normen für den einzelnen aufgestellt worden, nach denen 
er seine Lebensführung einzurichten hatte, wenn er an der Kultur- 
gemeinschaft teilnehmen wollte. Diese oft überstrengen Vor- 
schriften forderten viel von ihm, eine ausgiebige Selbstbeschrän- 
kung, einen weitgehenden Verzicht auf Triebbefriedigung. Es war 
ihm vor allem versagt, sich der außerordentlichen Vorteile zu 
bedienen, die der Gebrauch von Lüge und Betrug im Wett- 
kampfe mit den Nebenmenschen schafft. Der Kulturstaat hielt 
diese sittlichen Normen für die Grundlage seines Bestandes, er 
schritt ernsthaft ein, wenn man sie anzutasten wagte, erklärte es 
oft für untunlich, sie auch nur einer Prüfung durch den kriti- 
schen Verstand zu unterziehen. Es war also anzunehmen, daß er 
sie selbst respektieren wolle und nichts gegen sie zu unternehmen 
gedenke, wodurch er der Begründung seiner eigenen Existenz 
widersprochen hätte. Endlich konnte man zwar die Wahrnehmung 
machen, daß es innerhalb dieser Kulturnationen gewisse einge- 
sprengte Völkerreste gäbe, die ganz allgemein unliebsam wären 
und darum nur widerwillig, auch nicht im vollen Umfange, zur 
Teilnahme an der gemeinsamen Kulturarbeit zugelassen würden, 
für die sie sich als genug geeignet erwiesen hatten. Aber die 
großen Völker selbst, konnte man meinen, hätten so viel Ver- 
ständnis für ihre Gemeinsamkeiten und so viel Toleranz für ihre 
Verschiedenheiten erworben, daß „fremd" und „feindlich" nicht 
mehr wie noch im klassischen Altertume für sie zu einem Be- 
griffe verschmelzen durften. 

Vertrauend auf diese Einigung der Kulturvölker haben unge- 
zählte Menschen ihren Wohnort in der Heimat gegen den Auf- 






3 1 8 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

enthalt in der Fremde eingetauscht und ihre Existenz an die 
Verkehrsbeziehungen zwischen den befreundeten Völkern geknüpft. 
Wen aber die Not des Lebens nicht ständig an die nämliche Stelle 
bannte, der konnte sich aus allen Vorzügen und Reizen der Kultur- 
länder ein neues größeres Vaterland zusammensetzen, in dem er 
sich ungehemmt und unverdächtigt erging. Er genoß so das blaue 
und das graue Meer, die Schönheit der Schneeberge und die der 
grünen Wiesenflächen, den Zauber des nordischen Waldes und 
die Pracht der südlichen Vegetation, die Stimmung der Land- 
schaften, auf denen große historische Erinnerungen ruhen, und 
die Stille der unberührten Natur. Dies neue Vaterland war für 
ihn auch ein Museum, erfüllt mit allen Schätzen, welche die 
Künstler der Kulturmenschheit seit vielen Jahrhunderten geschaffen 
und hinterlassen hatten. Während er von einem Saale dieses 
Museums in einen andern wanderte, konnte er in parteiloser 
Anerkennung feststellen, was für verschiedene Typen von Voll- 
kommenheit, Blutmischung, Geschichte und die Eigenart der Mutter 
Erde an seinen weiteren Kompatrioten ausgebildet hatten. Hier 
war die kühle unbeugsame Energie aufs höchste entwickelt, dort 
die graziöse Kunst, das Leben zu verschönern, anderswo der Sinn 
für Ordnung und Gesetz oder andere der Eigenschaften, die den 
Menschen zum Herrn der Erde gemacht haben. 

Vergessen wir auch nicht, daß jeder Kulturweltbürger sich 
einen besonderen „Parnaß" und eine „Schule von Athen' ge- 
schaffen hatte. Unter den großen Denkern, Dichtern, Künstlern 
aller Nationen, hatte er die ausgewählt, denen er das Beste zu 
schulden vermeinte, was ihm an Lebensgenuß und Lebensver- 
ständnis zugänglich geworden war, und sie den unsterblichen 
Alten in seiner Verehrung zugesellt wie den vertrauten Meistern 
seiner eigenen Zunge. Keiner von diesen Großen war ihm darum 
fremd erschienen, weil er in anderer Sprache geredet hatte, weder 
der unvergleichliche Ergründer der menschlichen Leidenschaften, 
noch der schönheitstrunkene Schwärmer oder der gewaltig drohende 



Zeitgemäßes über Krieg und Tod 319 

Prophet, der feinsinnige Spötter, und niemals warf er sich dabei 
vor, abtrünnig geworden zu sein der eigenen Nation und der 
geliebten Muttersprache. 

Der Genuß der Kulturgemeinschaft wurde gelegentlich durch 
Stimmen gestört, welche warnten, daß infolge altüberkommener 
Differenzen Kriege auch unter den Mitgliedern derselben unver- 
meidlich wären. Man wollte nicht daran glauben, aber wie stellte 
man sich einen solchen Krieg vor, wenn es dazu kommen sollte? 
Als eine Gelegenheit die Fortschritte im Gemeingefühle der 
Menschen aufzuzeigen seit jener Zeit, da die griechischen Am- 
phiktyonien verboten hatten, eine dem Bündnisse angehörige Stadt 

(zu zerstören, ihre Ölbäume umzuhauen und ihr das Wasser ab- 
zuschneiden. Als einen ritterlichen Waffen gang, der sich darauf 
beschränken wollte, die Überlegenheit des einen Teiles festzu- 
stellen, unter möglichster Vermeidung schwerer Leiden, die zu 
dieser Entscheidung nichts beitragen könnten, mit voller Schonung 
für den Verwundeten, der aus dem Kampfe ausscheiden muß, 
und für den Arzt und Pfleger, der sich seiner Herstellung widmet. 
Natürlich mit allen Rücksichten für den nicht kriegführenden 
Teil der Bevölkerung, für die Frauen, die dem Kriegshandwerk 
ferne bleiben, und für die Kinder, die, herangewachsen, einander 
von beiden Seiten Freunde und Mithelfer werden sollen. Auch 
mit Erhaltung all der internationalen Unternehmungen und Insti- 
tutionen, in denen sich die Kulturgemeinschaft der Friedenszeit 
verkörpert hatte. 

Ein solcher Krieg hätte immer noch genug des Schrecklichen 
und schwer zu Ertragenden enthalten, aber er hätte die Entwick- 
lung ethischer Beziehungen zwischen den Großindividuen der 
Menschheit, den Völkern und Staaten, nicht unterbrochen. 

Der Krieg, an den wir nicht glauben wollten, brach nun aus 
und er brachte die — Enttäuschung. Er ist nicht nur blutiger 
und verlustreicher als einer der Kriege vorher, infolge der mächtig 
vervollkommneten Waffen des Angriffes und der Verteidigung, 






320 Zur Anwendung der Psychoanalyse 



sondern mindestens ebenso grausam, erbittert, schonungslos wie 
irgend ein früherer. Er setzt sich über alle Einschränkungen hinaus, 
zu denen man sich in friedlichen Zeiten verpflichtet, die man das 
Völkerrecht genannt hatte, anerkennt nicht die Vorrechte des 
Verwundeten und des Arztes, die Unterscheidung des friedlichen 
und des kämpfenden Teiles der Bevölkerung, die Ansprüche des 
Privateigentums. Er wirft nieder, was ihm im Wege steht, in 
blinder Wut, als sollte es keine Zukunft und keinen Frieden 
unter den Menschen nach ihm geben. Er zerreißt alle Bande der 
Gemeinschaft unter den miteinander ringenden Völkern und droht 
eine Erbitterung zu hinterlassen, welche eine Wiederanknüpfung 
derselben für lange Zeit unmöglich machen wird. 

Er brachte auch das kaum begreifliche Phänomen zum Vor- 
scheine, daß die Kulturvölker einander so wenig kennen und ver- 
stehen, daß sich das eine mit Haß und Abscheu gegen das andere 
wenden kann. Ja, daß eine der großen Kulturnationen so allge- 
mein mißliebig ist, daß der Versuch gewagt werden kann, sie als 
„barbarisch" von der Kulturgemeinschaft auszuschließen, obwohl 
sie ihre Eignung durch die großartigsten Beitragsleistungen längst 
erwiesen hat. Wir leben der Hoffnung, eine unparteiische Ge- 
schichtsschreibung werde den Nachweis erbringen, daß gerade 
(diese Nation, die, in deren Sprache wir schreiben, für deren Sieg 
unsere Lieben kämpfen, sich am wenigsten gegen die Gesetze der 
menschlichen Gesittung vergangen habe, aber wer darf in solcher 
Zeit als Richter auftreten in eigener Sache? 

Völker werden ungefähr durch die Staaten, die sie bilden, 
repräsentiert ; diese Staaten durch die Regierungen, die sie leiten. 
Der einzelne Volksangehörige kann in diesem Kriege mit Schrecken 
feststellen, was sich ihm gelegentlich schon in Friedenszeiten auf- 
drängen wollte, daß der Staat dem Einzelnen den Gebrauch des 
Unrechts untersagt hat, nicht weil er es abschaffen, sondern weil 
er es monopolisieren will wie Salz und Tabak. Der kriegführende 
Staat gibt sich jedes Unrecht, jede Gewalttätigkeit frei, die den 



Zeitgemäßes über Krieg und Tod 321 

Einzelnen entehren würde. Er bedient sich nicht nur der erlaubten 
List, sondern auch der bewußten Lüge und des absichtlichen Be- 
truges gegen den Feind, und dies zwar in einem Maße, welches 
das in früheren Kriegen Gebräuchliche zu übersteigen scheint. 
Der Staat fordert das Äußerste an Gehorsam und Aufopferung 
von seinen Bürgern, entmündigt sie aber dabei durch ein Über- 
maß von Verheimlichung und eine Zensur der Mitteilung und 
Meinungsäußerung, welche die Stimmung der so intellektuell 
Unterdrückten wehrlos macht gegen jede ungünstige Situation 
und jedes wüste Gerücht. Er löst sich los von Zusicherungen und 
Verträgen, durch die er sich gegen andere Staaten gebunden hatte, 
bekennt sich ungescheut zu seiner Habgier und seinem Macht- 
streben, die dann der Einzelne aus Patriotismus gutheißen soll. 

Man wende nicht ein, daß der Staat auf den Gebrauch des 
Unrechts nicht verzichten kann, weil er sich dadurch in Nach- 
teil setzte. Auch für den Einzelnen ist die Befolgung der sitt- 
lichen Normen, der Verzicht auf brutale Machtbetätigung in der 
Regel sehr unvorteilhaft, und der Staat zeigt sich nur selten dazu 
fähig, den Einzelnen für das Opfer zu entschädigen, das er von 
ihm gefordert hat. Man darf sich auch nicht darüber verwundern, 
daß die Lockerung aller sittlichen Beziehungen zwischen den Groß- 
individuen der Menschheit eine Rückwirkung auf die Sittlichkeit 
der Einzelnen geäußert hat, denn unser Gewissen ist nicht der 
unbeugsame Richter, für den die Ethiker es ausgeben, es ist in 
seinem Ursprünge „soziale Angst" und nichts anderes. Wo die 
Gemeinschaft den Vorwurf aufhebt, hört auch die Unterdrückung 
der bösen Gelüste auf, und die Menschen begehen Taten von 
Grausamkeit, Tücke, Verrat und Roheit, deren Möglichkeit man 
mit ihrem kulturellen Niveau für unvereinbar gehalten hätte. 

So mag der Kulturweltbürger, den ich vorhin eingeführt habe, 
ratlos dastehen in der ihm fremd gewordenen Welt, sein großes 
Vaterland zerfallen, die gemeinsamen Besitztümer verwüstet, die 
Mitbürger entzweit und erniedrigt! 

Freud, X. 21 



j22 Z ur Anwendung der Psychoanalyse 

Zur Kritik seiner Enttäuschung wäre einiges zu bemerken. Sie 
ist, strenge genommen, nicht berechtigt, denn sie besteht in der 
Zerstörung einer Illusion. Illusionen empfehlen sich uns dadurch, 
daß sie Unlustgefühle ersparen und uns an ihrer Statt Befriedi- 
gungen genießen lassen. Wir müssen es dann ohne Klage hin- 
nehmen, daß sie irgend einmal mit einem Stücke der Wirklich- 
keit zusammenstoßen, an dem sie zerschellen. 

Zweierlei in diesem Kriege hat unsere Enttäuschung rege ge- 
macht: die geringe Sittlichkeit der Staaten nach außen, die sich 
nach innen als die Wächter der sittlichen Normen gebärden, und 
die Brutalität im Benehmen der Einzelnen, denen man als Teil- 
nehmer an der höchsten menschlichen Kultur ähnliches nicht zu- 
getraut hat. 

Beginnen wir mit dem zweiten Punkte und versuchen wir es, 
die Anschauung, die wir kritisieren wollen, in einen einzigen 
knappen Satz zu fassen. Wie stellt man sich denn eigentlich den 
Vorgang vor, durch welchen ein einzelner Mensch zu einer 
höheren Stufe von Sittlichkeit gelangt? Die erste Antwort wird 
wohl lauten: Er ist eben von Geburt und von Anfang an gut 
und edel. Sie soll hier weiter nicht berücksichtigt werden. Eine 
zweite Antwort wird auf die Anregung eingehen, daß hier ein 
Entwicklungsvorgang vorliegen müsse, und wird wohl annehmen, 
diese Entwicklung bestehe darin, daß die bösen Neigungen des 
Menschen in ihm ausgerottet und unter dem Einflüsse von Er- 
ziehung und Kulturumgebung durch Neigungen zum Guten ersetzt 
werden. Dann darf man sich allerdings verwundern, daß bei dem 
so Erzogenen das Böse wieder so tatkräftig zum Vorschein kommt. 

Aber diese Antwort enthält auch den Satz, dem wir wider- 
sprechen wollen. In Wirklichkeit gibt es keine „Ausrottung" des 
Bösen. Die psychologische — im strengeren Sinne die psycho- 
analytische — Untersuchung zeigt vielmehr, daß das tiefste Wesen 
des Menschen in Triebregungen besteht, die elementarer Natur, 
bei allen Menschen gleichartig sind und auf die Befriedigung 









Zeitgemäßes über Krieg und Tod 525 

gewisser ursprünglicher Bedürfnisse zielen. Diese Triebregungen 
sind an sich weder gut noch böse. Wir klassifizieren sie und ihre 
Äußerungen in solcher Weise, je nach ihrer Beziehung zu den 
Bedürfnissen und Anforderungen der menschlichen Gemeinschaft. 
Zugegeben ist, daß alle die Regungen, welche von der Gesell- 
schaft als böse verpönt werden — nehmen wir als Vertretung 
derselben die eigensüchtigen und die grausamen — sich unter 
diesen primitiven befinden. 

Diese primitiven Regungen legen einen langen Entwicklungs- 
weg zurück, bis sie zur Betätigung beim Erwachsenen zugelassen 
werden. Sie werden gehemmt, auf andere Ziele und Gebiete 
gelenkt, gehen Verschmelzungen miteinander ein, wechseln ihre 
Objekte, wenden sich zum Teil gegen die eigene Person. Reaktions- 
bildungen gegen gewisse Triebe täuschen die inhaltliche Verwand- 
lung derselben vor, als ob aus Egoismus — Altruismus, aus Grau- 
samkeit — Mitleid geworden wäre. Diesen Reaktionsbildungen 
kommt zugute, daß manche Triebregungen fast von Anfang an in 
Gegensatzpaaren auftreten, ein sehr merkwürdiges und der 
populären Kenntnis fremdes Verhältnis, das man die „Gefühls- 
ambivalenz" benannt hat. Am leichtesten zu beobachten und vom 
Verständnis zu bewältigen ist die Tatsache, daß starkes Lieben und 
starkes Hassen so häufig miteinander bei derselben Person vereint 
vorkommen. Die Psychoanalyse fügt dem zu, daß die beiden ent- 
gegengesetzten Gefühlsregungen nicht selten auch die nämliche 
Person zum Objekte nehmen. 

Erst nach Überwindung all solcher „Triebschicksale" stellt 
sich das heraus, was man den Charakter eines Menschen nennt, 
und was mit „gut" oder „böse" bekanntlich nur sehr unzu- 
reichend klassifiziert werden kann. Der Mensch ist selten im 
ganzen gut oder böse, meist „gut" in dieser Relation, „böse" in 
einer anderen oder „gut" unter solchen äußeren Bedingungen, 
unter anderen entschieden „böse". Interessant ist die Erfahrung, 
daß die kindliche Präexistenz starker „böser" Regungen oft 



21* 



324 Zw Anwendimg der Psychoanalyse 



geradezu die Bedingung wird für eine besonders deutliche Wen- 
dung des Erwachsenen zum „Guten". Die stärksten kindlichen 
Egoisten können die hilfreichsten und aufopferungsfähigsten Bür- 
ger werden 5 die meisten Mitleidsschwärmer, Menschenfreunde, 
Tierschützer haben sich aus kleinen Sadisten und Tierquälern 

entwickelt. 

Die Umbildung der „bösen" Triebe ist das Werk zweier im 
gleichen Sinne wirkenden Faktoren, eines inneren und eines 
äußeren. Der innere Faktor besteht in der Beeinflussung der 
bösen — sagen wir: eigensüchtigen — Triebe durch die Erotik, 
das Liebesbedürfnis des Menschen im weitesten Sinne genommen. 
Durch die Zumischung der erotischen Komponenten werden die 
eigensüchtigen Triebe in soziale umgewandelt. Man lernt das 
Geliebtwerden als einen Vorteil schätzen, wegen dessen man auf 
andere Vorteile verzichten darf. Der äußere Faktor ist der Zwang 
der Erziehung, welche die Ansprüche der kulturellen Umgebung 
vertritt, und die dann durch die direkte Einwirkung des Kultur- 
milieus fortgesetzt wird. Kultur ist durch Verzicht auf Trieb- 
befriedigung gewonnen worden und fordert von jedem neu An- 
kommenden, daß er denselben Triebverzicht leiste. Während des 
individuellen Lebens findet eine beständige Umsetzung von äußerem 
Zwange in inneren Zwang statt. Die Kultureinflüsse leiten dazu 
an, daß immer mehr von den eigensüchtigen Strebungen durch 
erotische Zusätze in altruistische, soziale, verwandelt werden. Man 
darf endlich annehmen, daß aller innere Zwang, der sich in der 
Entwicklung des Menschen geltend macht, ursprünglich, d. h. in 
der Menschheitsgeschichte nur äußerer Zwang war. Die 
Menschen, die heute geboren werden, bringen ein Stück Neigung 
(Disposition) zur Umwandlung der egoistischen in soziale Triebe 
als ererbte Organisation mit, die auf leichte Anstöße hin diese 
Umwandlung durchführt. Ein anderes Stück dieser Triebumwand- 
lung muß im Leben selbst geleistet werden. In solcher Art steht 
der einzelne Mensch nicht nur unter der Einwirkung seines gegen- 



L 



Zeitgemäßes über Krieg und Tod 325 

wärtigen Kulturmilieus, sondern unterliegt auch dem Einflüsse der 
Kulturgeschichte seiner Vorfahren. 

Heißen wir die einem Menschen zukommende Fähigkeit zur 
Umbildung der egoistischen Triebe unter dem Einflüsse der Erotik 
seine Kultureignung, so können wir aussagen, daß dieselbe aus 
zwei Anteilen besteht, einem angeborenen und einem im Leben 
erworbenen, und daß das Verhältnis der beiden zueinander und 
zu dem unverwandelt gebliebenen Anteile des Trieblebens ein sehr 
variables ist. 

Im allgemeinen sind wir geneigt, den angeborenen Anteil 
zu hoch zu veranschlagen, und überdies laufen wir Gefahr, 
die gesamte Kultureignung in ihrem Verhältnisse zum primitiv 
gebliebenen Triebleben zu überschätzen, d. h. wir werden dazu 
verleitet, die Menschen „besser" zu beurteilen, als sie in Wirk- 
lichkeit sind. Es besteht nämlich noch ein anderes Moment, 
welches unser Urteil trübt und das Ergebnis im günstigen Sinne 
verfälscht. 

Die Triebregungen eines anderen Menschen sind unserer Wahr- 
nehmung natürlich entrückt. Wir schließen auf sie aus seinen Hand- 
lungen und seinem Benehmen, welche wir auf Motive aus seinem 
Triebleben zurückführen. Ein solcher Schluß geht notwendigerweise 
in einer Anzahl von Fällen irre. Die nämlichen, kulturell „guten" 
Handlungen können das einemal von „edlen" Motiven her- 
stammen, das anderemal nicht. Die theoretischen Ethiker heißen 
nur solche Handlungen „gut", welche der Ausdruck guter Trieb- 
regungen sind, den anderen versagen sie ihre Anerkennung. Die 
von praktischen Absichten geleitete Gesellschaft kümmert sich aber 
im ganzen um diese Unterscheidung nicht 5 sie begnügt sich 
damit, daß ein Mensch sein Benehmen und seine Handlungen 
nach den kulturellen Vorschriften richte, und fragt wenig nach 
seinen Motiven. 

Wir haben gehört, daß der äußere Zwang, den Erziehung 
und Umgebung auf den Menschen üben, eine weitere Umbildung 












326 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

seines Trieblebens zum Guten, eine Wendung vom Egoismus zum 
Altruismus herbeiführt. Aber dies ist nicht die notwendige oder 
regelmäßige Wirkung des äußeren Zwanges. Erziehung und Um- 
gebung haben nicht nur Liebesprämien anzubieten, sondern 
arbeiten auch mit Vorteilsprämien anderer Art, mit Lohn und 
Strafen. Sie können also die Wirkung äußern, daß der ihrem 
Einflüsse Unterliegende sich zum guten Handeln im kulturellen 
Sinne entschließt, ohne daß sich eine Triebveredlung, eine Um- 
setzung egoistischer in soziale Neigungen, in ihm vollzogen hat. 
Der Erfolg wird im groben derselbe sein; erst unter besonderen 
Verhältnissen wird es sich zeigen, daß der eine immer gut handelt, 
weil ihn seine Triebneigungen dazu nötigen, der andere nur gut 
ist, weil, insolange und insoweit dies kulturelle Verhalten seinen 
eigensüchtigen Absichten Vorteile bringt. Wir aber werden bei 
oberflächlicher Bekanntschaft mit den Einzelnen kein Mittel haben, 
die beiden Fälle zu unterscheiden, und gewiß durch unseren 
Optimismus verführt werden, die Anzahl der kulturell veränderten 
Menschen arg zu überschätzen. 

Die Kulturgesellschaft, die die gute Handlung fordert, und sich 
um die Triebbegründung derselben nicht kümmert, hat also eine 
große Zahl von Menschen zum Kulturgehorsam gewonnen, die 
dabei nicht ihrer Natur folgen. Durch diesen Erfolg ermutigt, hat 
sie sich verleiten lassen, die sittlichen Anforderungen möglichst 
hoch zu spannen und so ihre Teilnehmer zu noch weiterer Ent- 
fernung von ihrer Triebveranlagung gezwungen. Diesen ist nun 
eine fortgesetzte Triebunterdrückung auferlegt, deren Spannung 
sich in den merkwürdigsten Reaktions- und Kompensations- 
erscheinungen kundgibt. Auf dem Gebiete der Sexualität, wo 
solche Unterdrückung am wenigsten durchzuführen ist, kommt es 
so zu den Reaktionserscheinungen der neurotischen Erkrankungen. 
Der sonstige Druck der Kultur zeitigt zwar keine pathologische 
Folgen, äußert sich aber in Charakterverbildungen und in der 
steten Bereitschaft der gehemmten Triebe, bei passender Gelegen- 



Zeitgemäßes über Krieg und Tod 327 



heit zur Befriedigung durchzubrechen. Wer so genötigt wird, 
dauernd im Sinne von Vorschriften zu reagieren, die nicht der 
Ausdruck seiner Triebneigungen sind, der lebt, psychologisch ver- 
standen, über seine Mittel und darf objektiv als Heuchler bezeichnet 
werden, gleichgültig ob ihm diese Differenz klar bewußt worden 
ist oder nicht. Es ist unleugbar, daß unsere gegenwärtige Kultur 
die Ausbildung dieser Art von Heuchelei in außerordentlichem 
Umfange begünstigt. Man könnte die Behauptung wagen, sie sei 
auf solcher Heuchelei aufgebaut und müßte sich tiefgreifende 
Abänderungen gefallen lassen, wenn es die Menschen unternehmen 
würden, der psychologischen Wahrheit nachzuleben. Es gibt also 
ungleich mehr Kulturheuchler als wirklich kulturelle Menschen, ja 
man kann den Standpunkt diskutieren, ob ein gewisses Maß von 
Kulturheuchelei nicht zur Aufrechterhaltung der Kultur unerläßlich 
sei, weil die bereits organisierte Kultureignung der heute lebenden 
Menschen vielleicht für diese Leistung nicht zureichen würde. 
Anderseits bietet die Aufrechterhaltung der Kultur auch auf so 
bedenklicher Grundlage die Aussicht, bei jeder neuen Generation 
eine weitergehende Triebumbildung als Trägerin einer besseren 
Kultur anzubahnen. 

Den bisherigen Erörterungen entnehmen wir bereits den einen 
Trost, daß unsere Kränkung und schmerzliche Enttäuschung wegen 
des unkulturellen Benehmens unserer Weltmitbürger in diesem 
Kriege unberechtigt waren. Sie beruhten auf einer Illusion, der 
wir uns gefangen gaben. In Wirklichkeit sind sie nicht so tief 
gesunken, wie wir fürchten, weil sie gar nicht so hoch gestiegen 
waren, wie wirs von ihnen glaubten. Daß die menschlichen Groß- 
individuen, die Völker und Staaten, die sittlichen Beschränkungen 
gegeneinander fallen ließen, wurde ihnen zur begreiflichen An- 
regung, sich für eine Weile dem bestehenden Drucke der Kultur 
zu entziehen und ihren zurückgehaltenen Trieben vorübergehend 
Befriedigung zu gönnen. Dabei geschah ihrer relativen Sittlichkeit 
innerhalb ihres Volkstumes wahrscheinlich kein Abbruch. 



5 g 8 Zur Anwendung der Psychoanalyse 



Wir können uns aber das Verständnis der Veränderung, die der 
Krieg an unseren früheren Kompatrioten zeigt, noch vertiefen und 
empfangen dabei eine Warnung, kein Unrecht an ihnen zu 
begehen. Seelische Entwicklungen besitzen nämlich eine Eigen- 
tümlichkeit, welche sich bei keinem anderen Entwicklungsvorgang 
mehr vorfindet. Wenn ein Dorf zur Stadt, ein Kind zum Manne 
heranwächst, so gehen dabei Dorf und Kind in Stadt und Mann 
unter. Nur die Erinnerung kann die alten Züge in das neue Bild 
einzeichnen; in Wirklichkeit sind die alten Materialien oder 
Formen beseitigt und durch neue ersetzt worden. Anders geht es 
bei einer seelischen Entwicklung zu. Man kann den nicht zu ver- 
gleichenden Sachverhalt nicht anders beschreiben als durch die 
Behauptung, daß jede frühere Entwicklungsstufe neben der späteren, 
die aus ihr geworden ist, erhalten bleibt; die Sukzession bedingt 
eine Koexistenz mit, obwohl es doch dieselben Materialien sind, 
an denen die ganze Reihenfolge von Veränderungen abgelaufen 
ist. Der frühere seelische Zustand mag sich jahrelang nicht 
geäußert haben, er bleibt doch soweit bestehen, daß er eines 
Tages wiederum die Äußerungsform der seelischen Kräfte werden 
kann, und zwar die einzige, als ob alle späteren Entwicklungen 
annulliert, rückgängig gemacht worden wären. Diese außerordent- 
liche Plastizität der seelischen Entwicklungen ist in ihrer Richtung 
nicht unbeschränkt; man kann sie als eine besondere Fähigkeit 
zur Rückbildung — Regression — bezeichnen, denn es kommt 
wohl vor, daß eine spätere und höhere Entwicklungsstufe, die 
verlassen wurde, nicht wieder erreicht werden kann. Aber die 
primitiven Zustände können immer wieder hergestellt werden; 
das primitive Seelische ist im vollsten Sinne unvergänglich. 

Die sogenannten Geisteskrankheiten müssen beim Laien den 
Eindruck hervorrufen, daß das Geistes- und Seelenleben der Zer- 
störung anheimgefallen sei. In Wirklichkeit betrifft die Zerstörung 
nur spätere Erwerbungen und Entwicklungen. Das Wesen der 
Geisteskrankheit besteht in der Rückkehr zu früheren Zuständen 









Zeitgemäßes über Krieg und Tod 329 



des Affektlebens und der Funktion. Ein ausgezeichnetes Beispiel 
für die Plastizität des Seelenlebens gibt der Schlafzustand, den wir 
allnächtlich anstreben. Seitdem wir auch tolle und verworrene 
Träume zu übersetzen verstehen, wissen wir, daß wir mit jedem 
Einschlafen unsere mühsam erworbene Sittlichkeit wie ein Gewand 
von uns werfen — um es am Morgen wieder anzutun. Diese 
Entblößung ist natürlich ungefährlich, weil wir durch den Schlaf- 
zustand gelähmt, zur Inaktivität verurteilt sind. Nur der Traum 
kann von der Regression unseres Gefühllebens auf eine der frü- 
hesten Entwicklungsstufen Kunde geben. So ist es z. B. bemer- 
kenswert, daß alle unsere Träume von rein egoistischen Motiven 
beherrscht werden. Einer meiner englischen Freunde vertrat diesen 
Satz vor einer wissenschaftlichen Versammlung in Amerika, wor- 
auf ihm eine anwesende Dame die Bemerkung machte, das möge 
vielleicht für Österreich richtig sein, aber sie dürfe von sich und 
ihren Freunden behaupten, daß sie auch noch im Traume al- 
truistisch fühlen. Mein Freund, obwohl selbst ein Angehöriger der 
englischen Rasse, mußte auf Grund seiner eigenen Erfahrungen 
in der Traumanalyse der Dame energisch widersprechen: Im 
Traume sei auch die edle Amerikanerin ebenso egoistisch wie der 
Österreicher. 

Es kann also auch die Triebumbildung, auf welcher unsere Kultur- 
eignung beruht, durch Einwirkungen des Lebens — dauernd oder 
zeitweilig — rückgängig gemacht werden. Ohne Zweifel gehören 
die Einflüsse des Krieges zu den Mächten, welche solche Rück- 
bildung erzeugen können, und darum brauchen wir nicht allen 
jenen, die sich gegenwärtig unkulturell benehmen, die Kultur- 
eignung abzusprechen, und dürfen erwarten, daß sich ihre Trieb- 
veredlung in ruhigeren Zeiten wieder herstellen wird. 

Vielleicht hat uns aber ein anderes Symptom bei unseren Welt- 
mitbürgern nicht weniger überrascht und geschreckt als das so 
schmerzlich empfundene Herabsinken von ihrer ethischen Höhe. 
Ich meine die Einsichtslosigkeit, die sich bei den besten Köpfen 






33"° Zur Anwendung der Psychoanalyse 

zeigt, ihre Verstocktheit, Unzugänglichkeit gegen die eindringlich- 
sten Argumente, ihre kritiklose Leichtgläubigkeit für die anfecht- 
barsten Behauptungen. Dies ergibt freilich ein trauriges Bild, und 
ich will ausdrücklich betonen, daß ich keineswegs als verblendeter 
Parteigänger alle intellektuellen Verfehlungen nur auf einer der 
beiden Seiten finde. Allein diese Erscheinung ist noch leichter zu 
erklären und weit weniger bedenklich als die vorhin gewürdigte. 
Menschenkenner und Philosophen haben uns längst belehrt, daß 
wir Unrecht daran tun, unsere Intelligenz als selbständige Macht 
zu schätzen und ihre Abhängigkeit vom Gefühlsleben zu über- 
sehen. Unser Intellekt könne nur verläßlich arbeiten, wenn er 
den Einwirkungen starker Gefühlsregungen entrückt sei; im gegen- 
teiligen Falle benehme er sich einfach wie ein Instrument zu 
Händen eines Willens und liefere das Resultat, das ihm von diesem 
aufgetragen sei. Logische Argumente seien also ohnmächtig gegen 
affektive Interessen, und darum sei das Streiten mit Gründen, 
die nach Falstaffs Wort so gemein sind wie Brombeeren, in der 
Welt der Interessen so unfruchtbar. Die psychoanalytische Erfah- 
rung hat diese Behauptung womöglich noch unterstrichen. Sie 
kann alle Tage zeigen, daß sich die scharfsinnigsten Menschen 
plötzlich einsichtslos wie Schwachsinnige benehmen, sobald die 
verlangte Einsicht einem Gefühlswiderstand bei ihnen begegnet, 
aber auch alles Verständnis wieder erlangen, wenn dieser Wider- 
stand überwunden ist. Die logische Verblendung, die dieser Krieg 
oft gerade bei den besten unserer Mitbürger hervorgezaubert hat, 
ist also ein sekundäres Phänomen, eine Folge der Gefühlserregung, 
und hoffentlich dazu bestimmt, mit ihr zu verschwinden. 

Wenn wir solcher Art unsere uns entfremdeten Mitbürger 
wieder verstehen, werden wir die Enttäuschung, die uns die Groß- 
individuen der Menschheit, die Völker, bereitet haben, um vieles 
leichter ertragen; denn an diese dürfen wir nur weit bescheidenere 
Ansprüche stellen. Dieselben wiederholen vielleicht die Entwick- 
lung der Individuen und treten uns heute noch auf sehr primi- 















Zeitgemäßes über Krieg und Tod 531 

tiven Stufen der Organisation, der Bildung höherer Einheiten, 
entgegen. Dementsprechend ist das erziehliche Moment des äußeren 
Zwanges zur Sittlichkeit, welches wir beim Einzelnen so wirksam 
fanden, bei ihnen noch kaum nachweisbar. Wir hatten zwar ge- 
hofft, daß die großartige, durch Verkehr und Produktion her- 
gestellte Interessengemeinschaft den Anfang eines solchen Zwanges 
ergeben werde, allein es scheint, die Völker gehorchen ihren 
Leidenschaften derzeit weit mehr als ihren Interessen. Sie bedienen 
sich höchstens der Interessen, um die Leidenschaften zu ratio- 
nalisieren; sie schieben ihre Interessen vor, um die Befriedigung 
ihrer Leidenschaften begründen zu können. Warum die Völker- 
individuen einander eigentlich geringschätzen, hassen, verabscheuen, 
und zwar auch in Friedenszeiten, und jede Nation die andere, 
das ist freilich rätselhaft. Ich weiß es nicht zu sagen. Es ist in 
diesem Falle gerade so, als ob sich alle sittlichen Erwerbungen 
der Einzelnen auslöschten, wenn man eine Mehrheit oder gar 
Millionen Menschen zusammennimmt, und nur die primitivsten, 
ältesten und rohesten, seelischen Einstellungen übrig blieben. An 
diesen bedauerlichen Verhältnissen werden vielleicht erst späte 
Entwicklungen etwas ändern können. Aber etwas mehr Wahr- 
haftigkeit und Aufrichtigkeit allerseits, in den Beziehungen der 
Menschen zueinander und zwischen ihnen und den sie Regieren- 
den, dürfte auch für diese Umwandlung die Wege ebnen. 



II 

UNSER VERHÄLTNIS ZUM TODE 

Das zweite Moment, von dem ich es ableite, daß wir uns so 
befremdet fühlen in dieser einst so schönen und trauten Welt, 
ist die Störung des bisher von uns festgehaltenen Verhältnisses zum 
Tode. 

Dies Verhältnis war kein aufrichtiges. Wenn man uns anhörte, 
so waren wir natürlich bereit zu vertreten, daß der Tod der not- 
wendige Ausgang alles Lebens sei, daß jeder von uns der Natur 
einen Tod schulde und vorbereitet sein müsse, die Schuld zu be- 
zahlen, kurz, daß der Tod natürlich sei, unableugbar und unver- 
meidlich. In Wirklichkeit pflegten wir uns aber zu benehmen, 
als ob es anders wäre. Wir haben die unverkennbare Tendenz 
gezeigt, den Tod beiseite zu schieben, ihn aus dem Leben zu 
eliminieren. Wir haben versucht, ihn totzuschweigen 5 wir besitzen 
ja auch das Sprichwort: man denke an etwas wie an den Tod. 
Wie an den eigenen natürlich. Der eigene Tod ist ja auch un- 
vorstellbar, und so oft wir den Versuch dazu machen, können wir 
bemerken, daß wir eigentlich als Zuschauer weiter dabei bleiben. 
So konnte in der psychoanalytischen Schule der Ausspruch gewagt 
werden: Im Grunde glaube niemand an seinen eigenen Tod oder, 
was dasselbe ist: Im Unbewußten sei jeder von uns von seiner 
Unsterblichkeit überzeugt. 






Zeitgemäßes über Krieg und Tod 555 



Was den Tod eines anderen betrifft, so wird der Kulturmensch 
es sorgfältig vermeiden, von dieser Möglichkeit zu sprechen, wenn 
der zum Tode Bestimmte es hören kann. Nur Kinder setzen sich 
über diese Beschränkung hinweg? sie drohen einander ungescheut 
mit den Chancen des Sterbens und bringen es auch zustande, 
einer geliebten Person dergleichen ins Gesicht zu sagen, wie z. B. : 
Liebe Mama, wenn du leider gestorben sein wirst, werde ich 
dies oder jenes. Der erwachsene Kultivierte wird den Tod eines 
anderen auch nicht gern in seine Gedanken einsetzen, ohne sich 
hart oder böse zu erscheinen; es sei denn, daß er berufsmäßig 
als Arzt, Advokat u. dgl. mit dem Tode zu tun habe. Am wenig- 
sten wird er sich gestatten, an den Tod des anderen zu denken, 
wenn mit diesem Ereignis ein Gewinn an Freiheit, Besitz, Stellung 
verbunden ist. Natürlich lassen sich Todesfälle durch dies unser 
Zartgefühl nicht zurückhalten; wenn sie sich ereignet haben, sind 
wir jedesmal tief ergriffen und wie in unseren Erwartungen er- 
schüttert. Wir betonen regelmäßig die zufällige Veranlassung des 
Todes, den Unfall, die Erkrankung, die Infektion, das hohe Alter, 
und verraten so unser Bestreben, den Tod von einer Notwendig- 
keit zu einer Zufälligkeit herabzudrücken. Eine Häufung von 
Todesfällen erscheint uns als etwas überaus Schreckliches. Dem 
Verstorbenen selbst bringen wir ein besonderes Verhalten ent- 
gegen, fast wie eine Bewunderung für einen, der etwas sehr 
Schwieriges zustande gebracht hat. Wir stellen die Kritik gegen 
ihn ein, sehen ihm sein etwaiges Unrecht nach, geben den 
Befehl aus: de mortuis nil nisi bene, und finden es gerecht- 
fertigt, daß man ihm in der Leichenrede und auf dem Grab- 
steine das Vorteilhafteste nachrühmt. Die Rücksicht auf den 
Toten, deren er doch nicht mehr bedarf, steht uns über der 
Wahrheit, den meisten von uns gewiß auch über der Rücksicht 
für den Lebenden. 

Diese kulturell-konventionelle Einstellung gegen den Tod ergänzt 
sich nun durch unseren völligen Zusammenbruch, wenn das Sterben 









334 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

eine der uns nahestehenden Personen, einen Eltern- oder Gatten- 
teil, ein Geschwister, Kind oder teuren Freund getroffen hat. Wir 
begraben mit ihm unsere Hoffnungen, Ansprüche, Genüsse, lassen 
uns nicht trösten und weigern uns, den Verlorenen zu ersetzen. 
Wir benehmen uns dann wie eine Art von Asra, welche mit- 
sterben, wenn die sterben, die sie lieben. 

Dies unser Verhältnis zum Tode hat aber eine starke Wirkung 
auf unser Leben. Das Leben verarmt, es verliert an Interesse, 
wenn der höchste Einsatz in den Lebensspielen, eben . das Leben 
selbst, nicht gewagt werden darf. Es wird so schal, gehaltlos wie 
etwa ein amerikanischer Flirt, bei dem es von vornherein fest- 
steht, daß nichts vorfallen darf, zum Unterschied von einer kon- 
tinentalen Liebesbeziehung, bei welcher beide Partner stets der 
ernsten Konsequenzen eingedenk bleiben müssen. Unsere Gefühls- 
bindungen, die unerträgliche Intensität unserer Trauer, machen 
uns abgeneigt, für uns und die unserigen Gefahren aufzusuchen. 
Wir getrauen uns nicht, eine Anzahl von Unternehmungen in 
Betracht zu ziehen, die gefährlich, aber eigentlich unerläßlich sind 
wie Flugversuche, Expeditionen in ferne Länder, Experimente mit 
explodierbaren Substanzen. Uns lähmt dabei das Bedenken, wer 
der Mutter den Sohn, der Gattin den Mann, den Kindern den 
Vater ersetzen soll, wenn ein Unglück geschieht. Die Neigung, 
den Tod aus der Lebensrechnung auszuschließen, hat so viele 
andere Verzichte und Ausschließungen im Gefolge. Und doch hat 
der Wahlspruch der Hansa gelautet: Nävi gare necesse est, vivere 
non necesse! Seefahren muß man, leben muß man nicht. 

Es kann dann nicht anders kommen, als daß wir in der Welt 
der Fiktion, in der Literatur, im Theater Ersatz suchen für die 
Einbuße des Lebens. Dort finden wir noch Menschen, die zu 
sterben verstehen, ja, die es auch zustande bringen, einen anderen 
zu töten. Dort allein erfüllt sich uns auch die Bedingung, unter 
welcher wir uns mit dem Tode versöhnen könnten, wenn wir 
nämlich hinter allen Wechselfällen des Lebens noch ein unantast- 









"Zeitgemäßes über Krieg und Tod 535 

bares Leben übrig behielten. Es ist doch zu traurig, daß es im 
Leben zugehen kann wie im Schachspiel, wo ein falscher Zug 
uns zwingen kann, die Partie verloren zu geben, mit dem Unter- 
schiede aber, daß wir keine zweite, keine Revanchepartie beginnen 
können. Auf dem Gebiete der Fiktion finden wir jene Mehrheit 
von Leben, deren wir bedürfen. Wir sterben in der Identifizierung 
mit dem einen Helden, überleben ihn aber doch und sind bereit,, 
ebenso ungeschädigt ein zweites Mal mit einem anderen Helden 
zu sterben. 

Es ist evident, daß der Krieg diese konventionelle Behandlung 
des Todes hinwegfegen muß. Der Tod läßt sich jetzt nicht mehr 
verleugnen; man muß an ihn glauben. Die Menschen sterben 
wirklich, auch nicht mehr einzeln, sondern viele, oft Zehntausende 
an einem Tage. Es ist auch kein Zufall mehr. Es scheint freilich 
noch zufällig, ob diese Kugel den einen trifft oder den anderen - 7 
aber diesen anderen mag leicht eine zweite Kugel treffen, die 
Häufung macht dem Eindruck des Zufälligen ein Ende. Das Leben 
ist freilich wieder interessant geworden, es hat seinen vollen In- 
halt wieder bekommen. 

Man müßte hier eine Scheidung in zwei Gruppen vornehmen,, 
diejenigen, die selbst im Kampfe ihr Leben preisgeben, trennen 
von den anderen, die zu Hause geblieben sind und nur zu er- 
warten haben, einen ihrer Lieben an den Tod durch Verletzung, 
Krankheit oder Infektion zu verlieren. Es wäre gewiß sehr inter- 
essant, die Veränderungen in der Psychologie der Kämpfer zu 
studieren, aber ich weiß zu wenig darüber. Wir müssen uns an 
die zweite Gruppe halten, zu der wir selbst gehören. Ich 
sagte schon, daß ich meine, die Verwirrung und die Läh- 
mung unserer Leistungsfähigkeit, unter denen wir leiden, seien 
wesentlich mitbestimmt durch den Umstand, daß wir unser bis- 
heriges Verhältnis zum Tode nicht aufrecht halten können und 
ein neues noch nicht gefunden haben. Vielleicht hilft es uns dazu, 
wenn wir unsere psychologische Untersuchung auf zwei andere 



336 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

Beziehungen zum Tode richten, auf jene, die wir dem Ur- 
menschen, dem Menschen der Vorzeit, zuschreiben dürfen, und 
jene andere, die in jedem von uns noch erhalten ist, aber sich 
unsichtbar für unser Bewußtsein in tieferen Schichten unseres 
Seelenlebens verbirgt. 

Wie sich der Mensch der Vorzeit gegen den Tod verhalten, 
wissen wir natürlich nur durch Rückschlüsse und Konstruktionen, 
aber ich meine, daß diese Mittel uns ziemlich vertrauenswürdige 
Auskünfte ergeben haben. 

Der Urmensch hat sich in sehr merkwürdiger Weise zum Tode 
eingestellt. Gar nicht einheitlich, vielmehr recht widerspruchsvoll. 
Er hat einerseits den Tod ernst genommen, ihn als Aufhebung 
des Lebens anerkannt und sich seiner in diesem Sinne bedient, 
anderseits aber auch den Tod geleugnet, ihn zu nichts herabge- 
drückt. Dieser Widerspruch wurde durch den Umstand ermög- 
licht, daß er zum Tode des anderen, des Fremden, des Feindes, 
eine radikal andere Stellung einnahm als zu seinem eigenen. Der 
Tod des anderen war ihm recht, galt ihm als Vernichtung des 
Verhaßten, und der Urmensch kannte kein Bedenken, ihn herbei- 
zuführen. Er war gewiß ein sehr leidenschaftliches Wesen, grau- 
samer und bösartiger als andere Tiere. Er mordete gerne und 
wie selbstverständlich. Den Instinkt, der andere Tiere davon ab- 
halten soll, Wesen der gleichen Art zu töten und zu verzehren, 
brauchen wir ihm nicht zuzuschreiben. 

Die Urgeschichte der Menschheit ist denn auch vom Morde 
erfüllt. Noch heute ist das, was unsere Kinder in der Schule als 
Weltgeschichte lernen, im wesentlichen eine Reihenfolge von 
Völkermorden. Das dunkle Schuldgefühl, unter dem die Mensch- 
heit seit Urzeiten steht, das sich in manchen Religionen zur An- 
nahme einer Urschuld, einer Erbsünde, verdichtet hat, ist wahr- 
scheinlich der Ausdruck einer Blutschuld, mit welcher sich die 
urzeitliche Menschheit beladen hat. Ich habe in meinem Buche 
„Totem und Tabu" (1913), den Winken von W. Robertson 









Zeitgemäßes über Krieg und Tod 337 

Smith, Atkinson und Ch. Darwin folgend, die Natur dieser 
alten Schuld erraten wollen, und meine, daß noch die heutige 
christliche Lehre uns den Rückschluß auf sie ermöglicht. Wenn 
Gottes Sohn sein Leben opfern mußte, um die Menschheit von 
der Erbsünde zu erlösen, so muß nach der Regel der Talion, der 
Vergeltung durch Gleiches, diese Sünde eine Tötung, ein Mord 
gewesen sein. Nur dies konnte zu seiner Sühne das Opfer eines 
Lebens erfordern. Und wenn die Erbsünde ein Verschulden gegen 
Gott- Vater war, so muß das älteste Verbrechen der Menschheit 
ein Vatermord gewesen sein, die Tötung des Urvaters der primi- 
tiven Menschenhorde, dessen Erinnerungsbild später zur Gottheit 
verklärt wurde. 1 

Der eigene Tod war dem Urmenschen gewiß ebenso unvor- 
stellbar und unwirklich, wie heute noch jedem von uns. Es ergab 
sich aber für ihn ein Fall, in dem die beiden gegensätzlichen 
Einstellungen zum Tode zusammenstießen und in Konflikt mit- 
einander gerieten, und dieser Fall wurde sehr bedeutsam und 
reich an fernwirkenden Folgen. Er ereignete sich, wenn der Ur- 
mensch einen seiner Angehörigen sterben sah, sein Weib, sein 
Kind, seinen Freund, die er sicherlich ähnlich liebte wie wir die 
unseren, denn die Liebe kann nicht um vieles jünger sein als 
die Mordlust. Da mußte er in seinem Schmerz die Erfahrung 
machen, daß man auch selbst sterben könne, und sein ganzes 
Wesen empörte sich gegen dieses Zugeständnis 5 jeder dieser 
Lieben war ja doch ein Stück seines eigenen geliebten Ichs. 
Anderseits war ihm ein solcher Tod doch auch recht, denn in 
jeder der geliebten Personen stak auch ein Stück Fremdheit. Das 
Gesetz der Gefühlsambivalenz, das heute noch unsere Gefühls- 
beziehungen zu den von uns geliebtesten Personen beherrscht, 
galt in Urzeiten gewiß noch uneingeschränkter. Somit waren 
diese geliebten Verstorbenen doch auch Fremde und Feinde ge- 

1) Vgl. „Die infantile Wiederkehr des Totemismus" (die letzte Abhandlung in 
„Totem und Tabu"). 

Freud. X. 32 






358 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

wesen, die einen Anteil von feindseligen Gefühlen bei ihm her- 
vorgerufen hatten. 1 

Die Philosophen haben behauptet, das intellektuelle Rätsel, 
welches das Bild des Todes dem Urmenschen aufgab, habe sein 
Nachdenken erzwungen und sei der Ausgang jeder Spekulation 
geworden. Ich glaube, die Philosophen denken da zu — philo- 
sophisch, nehmen zu wenig Rücksicht auf die primär wirksamen 
Motive. Ich möchte darum die obige Behauptung einschränken 
und korrigieren: an der Leiche des erschlagenen Feindes wird 
der Urmensch triumphiert haben, ohne einen Anlaß zu finden, 
sich den Kopf über die Rätsel des Lebens und Todes zu zer- 
brechen. Nicht das intellektuelle Rätsel und nicht jeder Todesfall, 
sondern der Gefühlskonflikt beim Tode geliebter und dabei doch 
auch fremder und gehaßter Personen hat die Forschung der Men- 
schen entbunden. Aus diesem Gefühlskonflikt wurde zunächst die 
Psychologie geboren. Der Mensch konnte den Tod nicht mehr 
von sich ferne halten, da er ihn in dem Schmerz um den Ver- 
storbenen verkostet hatte, aber er wollte ihn doch nicht zuge- 
stehen, da er sich selbst nicht tot vorstellen konnte. So ließ er 
sich auf Kompromisse ein, gab den Tod auch für sich zu, bestritt 
ihm aber die Bedeutung der Lebensvernichtung, wofür ihm beim 
Tode des Feindes jedes Motiv gefehlt hatte. An der Leiche der 
geliebten Person ersann er die Geister, und sein Schuldbewußt- 
sein ob der Befriedigung, die der Trauer beigemengt war, be- 
wirkte, daß diese erstgeschaffenen Geister böse Dämonen wurden, 
vor denen man sich ängstigen mußte. Die Veränderungen des 
Todes legten ihm die Zerlegung des Individuums in einen Leib 
und in eine — ursprünglich mehrere — Seelen nahe; in solcher 
Weise ging sein Gedankengang dem Zersetzungsprozeß, den der 
Tod einleitet, parallel. Die fortdauernde Erinnerung an den Ver- 
storbenen wurde die Grundlage der Annahme anderer Existenz- 

1) Siehe „Tabu und Ambivalenz" (die zweite Abhandlung in „Totem und Tabu"). 



Zeitgemäßes über Krieg und Tod 55g 

formen, gab ihm die Idee eines Fortlebens nach dem anschei- 
nenden Tode. 

Diese späteren Existenzen waren anfänglich nur Anhängsel an 
die durch den Tod abgeschlossene, schattenhaft, inhaltsleer und 
bis in späte Zeiten hinauf geringgeschätzt; sie trugen noch den 
Charakter kümmerlicher Auskünfte. Wir erinnern, was die Seele 
des Achilleus dem Odysseus erwidert: 

Denn dich Lebenden einst verehrten wir, gleich den Göttern, 
Argos Söhn'; und jetzo gebietest du mächtig den Geistern, 
Wohnend allhier. Drum laß dich den Tod nicht reuen, Achilleus. 
Also ich selbst; und sogleich antwortet' er, solches erwidernd: 
Nicht mir rede vom Tod ein Trostwort, edler Odysseus! 
Lieber ja wollt' ich das Feld als Tagelöhner bestellen 
Einem dürftigen Mann, ohn' Erb' und eigenen Wohlstand, 
Als die sämtliche Schar der geschwundenen Toten beherrschen. 

(Odyssee XI v. 484 — 491.) 

Oder in der kraftvollen, bitter-parodistischen Fassung von H. Heine: 

Der kleinste lebendige Philister 

Zu Stuckert am Neckar 

Viel glücklicher ist er 

Als ich, der Pelide, der tote Held, 

Der Schattenfürst in der Unterwelt. 

Erst später brachten es die Religionen zustande, diese Nach- 
existenz für die wertvollere, vollgültige auszugeben und das durch 
den Tod abgeschlossene Leben zu einer bloßen Vorbereitung herab- 
zudrücken. Es war dann nur konsequent, wenn man auch das 
Leben in die Vergangenheit verlängerte, die früheren Existenzen, 
die Seelenwanderung und Wiedergeburt ersann, alles in der Ab- 
sicht, dem Tode seine Bedeutung als Aufhebung des Lebens zu 
rauben. So frühzeitig hat die Verleugnung des Todes, die wir 
als konventionell-kulturell bezeichnet haben, ihren Anfang ge- 






nommen. 

An der Leiche der geliebten Person entstanden nicht nur die 
Seelenlehre, der Unsterblichkeitsglaube und eine mächtige Wurzel 

aa' 



540 Zur An wendung der Psychoanalyse 

des menschlichen Schuldbewußtseins, sondern auch die ersten 
ethischen Gebote. Das erste und bedeutsamste Verbot des er- 
wachenden Gewissens lautete: Du sollst nicht töten. Es war 
als Reaktion gegen die hinter der Trauer versteckte Haßbefriedigung 
am geliebten Toten gewonnen worden und wurde allmählich auf 
den ungeliebten Fremden und endlich auch auf den Feind aus- 
gedehnt. 

An letzterer Stelle wird es vom Kulturmenschen nicht mehr 
verspürt. Wenn das wilde Ringen dieses Krieges seine Entschei- 
dung gefunden hat, wird jeder der siegreichen Kämpfer froh in 
sein Heim zurückkehren, zu seinem Weibe und Kindern, unver- 
weilt und ungestört durch Gedanken an die Feinde, die er im 
Nahkampfe oder durch die fernwirkende Waffe getötet hat. Es 
ist bemerkenswert, daß sich die primitiven Völker, die noch auf 
der Erde leben und dem Urmenschen gewiß näher stehen als 
wir, in diesem Punkte anders verhalten — oder verhalten haben, 
solange sie noch nicht den Einfluß unserer Kultur erfahren hatten. 
Der Wilde — Australier, Buschmann, Feuerländer — ist keines- 
wegs ein reueloser Mörder; wenn er als Sieger vom Kriegspfade 
heimkehrt, darf er sein Dorf nicht betreten und sein Weib nicht 
berühren, ehe er seine kriegerischen Mordtaten durch oft lang- 
wierige und mühselige Bußen gesühnt hat. Natürlich liegt die 
Erklärung aus seinem Aberglauben nahe; der Wilde fürchtet noch 
die Geisterrache der Erschlagenen. Aber die Geister der erschla- 
genen Feinde sind nichts anderes als der Ausdruck seines bösen 
Gewissens ob seiner Blutschuld; hinter diesem Aberglauben ver- 
birgt sich ein Stück ethischer Feinfühligkeit, welches uns Kultur- 
menschen verloren gegangen ist. 1 

Fromme Seelen, welche unser Wesen gerne von der Berührung 
mit Bösem und Gemeinem ferne wissen möchten, werden gewiß 
nicht versäumen, aus der Frühzeitigkeit und Eindringlichkeit des 

1) Siehe „Totem und Tabu". 









Zeitgemäßes über Krieg und Tod 34.1 

Mordverbotes befriedigende Schlüsse zu ziehen auf die Stärke 
ethischer Regungen, welche uns eingepflanzt sein müssen. Leider 
beweist dieses Argument noch mehr für das Gegenteil. Ein so 
starkes Verbot kann sich nur gegen einen ebenso starken Impuls 
richten. Was keines Menschen Seele begehrt, braucht man nicht 
zu verbieten, 1 es schließt sich von selbst aus. Gerade die Betonung 
des Gebotes: Du sollst nicht töten, macht uns sicher, daß wir 
von einer unendlich langen Generationsreihe von Mördern ab- 
stammen, denen die Mordlust, wie vielleicht noch uns selbst, im 
Blute lag. Die ethischen Strebungen der Menschheit, an deren 
Stärke und Bedeutsamkeit man nicht zu nörgeln braucht, sind 
ein Erwerb der Menschengeschichte; in leider sehr wechselndem 
Ausmaße sind sie dann zum ererbten Besitze der heute lebenden 
Menschheit geworden. 

Verlassen wir nun den Urmenschen und wenden wir uns dem 
Unbewußten im eigenen Seelenleben zu. Wir fußen hier ganz 
auf der Untersuchungsmethode der Psychoanalyse, der einzigen, 
die in solche Tiefen reicht. Wir fragen: wie verhält sich unser 
Unbewußtes zum Problem des Todes? Die Antwort muß lauten: 
fast genau so wie der Urmensch. In dieser wie in vielen anderen 
Hinsichten lebt der Mensch der Vorzeit ungeändert in unserem 
Unbewußten fort. Also unser Unbewußtes glaubt nicht an den 
eigenen Tod, es gebärdet sich wie unsterblich. Was wir unser 
„Unbewußtes" heißen, die tiefsten, aus Triebregungen bestehenden 
Schichten unserer Seele, kennt überhaupt nichts Negatives, keine 
Verneinung — Gegensätze fallen in ihm zusammen — und kennt 
darum auch nicht den eigenen Tod, dem wir nur einen nega- 
tiven Inhalt geben können. Dem Todesglauben kommt also nichts 
Triebhaftes in uns entgegen. Vielleicht ist dies sogar das Geheimnis 
des Heldentums. Die rationelle Begründung des Heldentums ruht 
auf dem Urteile, daß das eigene Leben nicht so wertvoll sein 

:) Vgl. die glänzende Argumentation von Frazer (Freud, „Totem und Tabu"'. 






342 7-iir .-lrurrndiing der Psychoanalyse 

kann wie gewisse abstrakte und allgemeine Güter. Aber ich meine, 
häufiger dürfte das instinktive und impulsive Heldentum sein, 
welches von solcher Motivierung absieht und einfach nach der 
Zusicherung des Anzengruberschen Steinklopferhanns: Es kann 
dir nix g'scheh'n, den Gefahren trotzt. Oder jene Motivierung 
dient nur dazu, die Bedenken wegzuräumen, welche die dem 
Unbewußten entsprechende heldenhafte Reaktion hintanhalten 
können. Die Todesangst, unter deren Herrschaft wir häufiger 
stehen, als wir selbst wissen, ist dagegen etwas Sekundäres, und 
meist aus Schuldbewußtsein hervorgegangen. 

Anderseits anerkennen wir den Tod für Fremde und Feinde 
und verhängen ihn über sie ebenso bereitwillig und unbedenklich 
wie der Urmensch. Hier zeigt sich freilich ein Unterschied, den 
man in der Wirklichkeit für entscheidend erklären wird. Unser 
Unbewußtes führt die Tötung nicht aus, es denkt und wünscht 
sie bloß. Aber es wäre unrecht, diese psychische Realität im 
Vergleiche zur faktischen so ganz zu unterschätzen. Sie ist be- 
deutsam und folgenschwer genug. Wir beseitigen in unseren un- 
bewußten Regungen täglich und stündlich alle, die uns im Wege 
stehen, die uns beleidigt und geschädigt haben. Das „Hol 1 ihn 
der Teufel", das sich so häufig in scherzendem Unmute über 
unsere Lippen drängt, und das eigentlich sagen will: „Hol' ihn 
der Tod", in unserem Unbewußten ist es ernsthafter, kraftvoller 
Todeswunsch. Ja, unser Unbewußtes mordet selbst für Kleinig- 
keiten; wie die alte athenische Gesetzgebung des Drakon kennt 
es für Verbrechen keine andere Strafe als den Tod, und dies mit 
einer gewissen Konsequenz, denn jede Schädigung unseres all- 
mächtigen und selbstherrlichen Ichs ist im Grunde ein crimen 
laesae majeslatis. 

So sind wir auch selbst, wenn man uns nach unseren unbe- 
wußten Wunschregungen beurteilt, wie die Urmenschen eine Rotte 
von Mördern. Es ist ein Glück, daß alle diese Wünsche nicht die 
Kraft besitzen, die ihnen die Menschen in Urzeiten noch zu- 



Zeitgemäßes über Krieg und Tod 345 

trauten; 1 in dem Kreuzfeuer der gegenseitigen Verwünschungen 
wäre die Menschheit längst zugrunde gegangen, die besten und 
weisesten der Männer darunter wie die schönsten und holdesten 
der Frauen. 

Mit Aufstellungen wie diesen findet die Psychoanalyse bei den 
Laien meist keinen Glauben. Man weist sie als Verleumdungen 
zurück, welche gegen die Versicherungen des Bewußtseins nicht 
in Betracht kommen, und übersieht geschickt die geringen An- 
zeichen, durch welche sich auch das Unbewußte dem Bewußtsein 
zu verraten pflegt. Es ist darum am Platze darauf hinzuweisen, 
daß viele Denker, die nicht von der Psychoanalyse beeinflußt sein 
konnten, die Bereitschaft unserer stillen Gedanken, mit Hinweg- 
setzung über das Mordverbot zu beseitigen, was uns im Wege 
steht, deutlich genug angeklagt haben. Ich wähle hiefür ein ein- 
ziges berühmt gewordenes Beispiel an Stelle vieler anderer: 

Im „Pere Goriot" spielt Balzac auf eine Stelle in den Werken 
J. J. Rousseaus an, in welcher dieser Autor den Leser fragt, 
was er wohl tun würde, wenn er — ohne Paris zu verlassen 
und natürlich ohne entdeckt zu werden — einen alten Mandarin 
in Peking durch einen bloßen Willensakt töten könnte, dessen 
Ableben ihm einen großen Vorteil einbringen müßte. Er läßt 
erraten, daß er das Leben dieses Würdenträgers für nicht sehr 
gesichert hält. „Tuer son mandarin" ist dann sprichwörtlich 
geworden für diese geheime Bereitschaft auch der heutigen 
Menschen. 

Es gibt auch eine ganze Anzahl von zynischen Witzen und 
Anekdoten, welche nach derselben Richtung Zeugnis ablegen, wie 
z. B. die dem Ehemanne zugeschriebene Äußerung: Wenn einer 
von uns beiden stirbt, übersiedle ich nach Paris. Solche zynische 
1 Witze wären nicht möglich, wenn sie nicht eine verleugnete 

Wahrheit mitzuteilen hätten, zu der man sich nicht bekennen 



1) Vgl. über „Allmacht der Gedanken" in „Totem und Tabu". 



344 Zz/r Anwendung der P sychoanalyse 

darf, wenn sie ernsthaft und unverhüllt ausgesprochen wird. Im 
Scherz darf man bekanntlich sogar die Wahrheit sagen. 

Wie für den Urmenschen so ergibt sich auch für unser Un- 
bewußtes ein Fall, in dem die beiden entgegengesetzten Ein- 
stellungen gegen den Tod, die eine, welche ihn als Lebensver- 
nichtung anerkennt, und die andere, die ihn als unwirklich 
verleugnet, zusammenstoßen und in Konflikt geraten. Und dieser 
Fall ist der nämliche wie in der Urzeit, der Tod oder die Todes- 
gefahr eines unserer Lieben, eines Eltern- oder Gattenteils, eines 
Geschwisters, Kindes oder lieben Freundes. Diese Lieben sind uns 
einerseits ein innerer Besitz, Bestandteile unseres eigenen Ichs, 
anderseits aber auch teilweise Fremde, ja Feinde. Den zärtlichsten 
und innigsten unserer Liebesbeziehungen hängt mit Ausnahme 
ganz weniger Situationen ein Stückchen Feindseligkeit an, welches 
den unbewußten Todeswunsch anregen kann. Aus diesem Ambi- 
valenzkonflikt geht aber nicht wie dereinst die Seelenlehre und 
die Ethik hervor, sondern die Neurose, die uns tiefe Einblicke 
auch in das normale Seelenleben gestattet. Wie häufig haben die 
psychoanalytisch behandelnden Ärzte mit dem Symptom der über- 
zärtlichen Sorge um das Wohl der Angehörigen oder mit völlig 
unbegründeten Selbstvorwürfen nach dem Tode einer geliebten 
Person zu tun gehabt. Das Studium dieser Vorfälle hat ihnen über 
die Verbreitung und Bedeutung der unbewußten Todeswünsche 
keinen Zweifel gelassen. 

Der Laie empfindet ein außerordentliches Grauen vor dieser 
Gefühlsmöglichkeit und nimmt diese Abneigung als legitimen 
Grund zum Unglauben gegen die Behauptungen der Psycho- 
analyse. Ich meine mit Unrecht. Es wird keine Herabsetzung 
unseres Liebeslebens beabsichtigt, und es liegt auch keine solche 
vor. Unserem Verständnis wie unserer Empfindung liegt es freilich 
ferne, Liebe und Haß in solcher Weise miteinander zu ver- 
koppeln, aber indem die Natur mit diesem Gegensatzpaar arbeitet, 
bringt sie es zustande, die Liebe immer wach und frisch zu 



Zeitgemäßes über Krieg und Tod 345 

erhalten, um sie gegen den hinter ihr lauernden Haß zu ver- 
sichern. Man darf sagen, die schönsten Entfaltungen unseres I. 
Liebeslebens danken wir der Reaktion gegen den feindseligen ; 
Impuls, den wir in unserer Brust verspüren. 

Resümieren wir nun: unser Unbewußtes ist gegen die Vor- 
stellung des eigenen Todes ebenso unzugänglich, gegen den 
Fremden ebenso mordlustig, gegen die geliebte Person ebenso 
zwiespältig (ambivalent) wie der Mensch der Urzeit. Wie weit 
haben wir uns aber in der konventionell-kulturellen Einstellung 
gegen den Tod von diesem Urzustände entfernt! 

Es ist leicht zu sagen, wie der Krieg in diese Entzweiung ein- 
greift. Er streift uns die späteren Kulturauflagerungen ab und 
läßt den Urmenschen in uns wieder zum Vorschein kommen. Er 
zwingt uns wieder, Helden zu sein, die an den eigenen Tod 
nicht glauben können; er bezeichnet uns die Fremden als Feinde, 
deren Tod man herbeiführen oder herbeiwünschen soll; er rät 
uns, uns über den Tod geliebter Personen hinwegzusetzen. Der 
Krieg ist aber nicht abzuschaffen; solange die Existenzbedingungen 
der Völker so verschieden und die Abstoßungen unter ihnen so 
heftig sind, wird es Kriege geben müssen. Da erhebt sich denn 
die Frage: Sollen wir nicht diejenigen sein, die nachgeben und 
sich ihm anpassen? Sollen wir nicht zugestehen, daß wir mit 
unserer kulturellen Einstellung zum Tode psychologisch wieder 
einmal über unseren Stand gelebt haben, und vielmehr ura- 

f kehren und die Wahrheit fatieren? Wäre es nicht besser, dem 

Tode den Platz in der Wirklichkeit und in unseren Gedanken 
einzuräumen, der ihm gebührt, und unsere unbewußte Ein- 
stellung zum Tode, die wir bisher so sorgfältig unterdrückt 
haben, ein wenig mehr hervorzukehren? Es scheint das keine 
Höherleistung zu sein, eher ein Rückschritt in manchen Stücken, 
eine Regression, aber es hat den Vorteil, der Wahrhaftigkeit 
mehr Rechnung zu tragen und uns das Leben wieder erträg- 
licher zu machen. Das Leben zu ertragen, bleibt ja doch die 









546 7,ur Anwendung der Psychoanalyse 

erste Pflicht aller Lebenden. Die Illusion wird wertlos, wenn sie 
uns darin stört. 

Wir erinnern uns des alten Spruches: Si vis pacem, para 
bellum. Wenn du den Frieden erhalten willst, so rüste zum 
Kriege. 

Es wäre zeitgemäß, ihn abzuändern: Si vis vitam, para 
mortem. Wenn du das Leben aushalten willst, richte dich auf 
den Tod ein. 






EINE SCHWIERIGKEIT DER 
PSYCHOANALYSE 

Erschien zuerst in ungarischer Sprache in 
der Zeitschrift „Njrugat", herausgegeben von 
H. Ignotus, Budapest 1917, dann in „Imago", 
Bd. V, 191 7, und in der Vierten Folge der 
„Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre". 

Ich will gleich zum Eingang sagen, daß ich nicht eine intellek- 
tuelle Schwierigkeit meine, etwas, was die Psychoanalyse für das 
Verständnis des Empfängers (Hörers oder Lesers) unzugänglich 
macht, sondern eine affektive Schwierigkeit: etwas, wodurch sich 
die Psychoanalyse die Gefühle des Empfängers entfremdet, so daß 
er weniger geneigt wird, ihr Interesse oder Glauben zu schenken. 
Wie man merkt, kommen beiderlei Schwierigkeiten auf dasselbe 
hinaus. Wer für eine Sache nicht genug Sympathie aufbringen 
kann, wird sie auch nicht so leicht verstehen. 

Aus Rücksicht auf den Leser, den ich mir noch als völlig 
unbeteiligt vorstelle, muß ich etwas weiter ausholen. In der 
Psychoanalyse hat sich aus einer großen Zahl von Einzelbeob- 
achtungen und Eindrücken endlich etwas wie eine Theorie 
gestaltet, die unter dem Namen der Libidotheorie bekannt ist. Die 
Psychoanalyse beschäftigt sich bekanntlich mit der Aufklärung und 
der Beseitigung der sogenannten nervösen Störungen. Für dieses 
Problem mußte ein Angriffspunkt gefunden werden, und man 
entschloß sich, ihn im Triebleben der Seele zu suchen. An- 



348 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

nahmen über das menschliche Triebleben wurden also die Grund 
läge unserer Auffassung der Nervosität. 

Die Psychologie, die auf unseren Schulen gelehrt wird, gibt 
uns nur sehr wenig befriedigende Antworten, wenn wir sie nach 
den Problemen des Seelenlebens befragen. Auf keinem Gebiet sind 
aber ihre Auskünfte kümmerlicher als auf dem der Triebe. 

Es bleibt uns überlassen, wie wir uns hier eine erste Orientie- 
rung schaffen wollen. Die populäre Auffassung trennt Hunger und 
Liebe als Vertreter der Triebe, welche das Einzelwesen zu erhalten, 
und jener, die es fortzupflanzen streben. Indem wir uns dieser so 
naheliegenden Sonderung anschließen, unterscheiden wir auch in 
der Psychoanalyse die Selbsterhaltungs- oder Ich-Triebe von den 
Sexualtrieben und nennen die Kraft, mit welcher der Sexualtrieb 
im Seelenleben auftritt, Libido — sexuelles Verlangen — als 
etwas dem Hunger, dem Machtwillen u. dgl. bei den Ich-Trieben 
Analoges. 

Auf dem Boden dieser Annahme machen wir dann die erste 
bedeutungsvolle Entdeckung. Wir erfahren, daß für das Ver- 
ständnis der neurotischen Erkrankungen den Sexualtrieben die 
weitaus größere Bedeutung zukommt, daß die Neurosen sozusagen 
die spezifischen Erkrankungen der Sexualfunktion sind. Daß es 
von der Quantität der Libido und von der Möglichkeit, sie zu 
befriedigen und durch Befriedigung abzuführen, abhängt, ob ein 
Mensch überhaupt an einer Neurose erkrankt. Daß die Form der 
Erkrankung bestimmt wird durch die Art, wie der einzelne den 
Entwicklungsweg der Sexualfunktion zurückgelegt hat, oder, wie 
wir sagen, durch die Fixierungen, welche seine Libido im Laufe 
ihrer Entwicklung erfahren hat. Und daß wir in einer gewissen, 
nicht sehr einfachen Technik der psychischen Beeinflussung ein 
Mittel haben, manche Gruppen der Neurosen gleichzeitig aufzu- 
klären und rückgängig zu machen. Den besten Erfolg hat unsere 
therapeutische Bemühung bei einer gewissen Klasse von Neurosen, 
die aus dem Konflikt zwischen den Ich-Trieben und den Sexual- 



Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse 



549 






trieben hervorgehen. Beim Menschen kommt es nämlich vor, daß 
die Anforderungen der Sexualtriebe, die ja weit über das Einzel- 
wesen hinausgreifen, dem Ich als Gefahr erscheinen, die seine 
Selbsterhaltung oder seine Selbstachtung bedrohen. Dann setzt sich 
das Ich zur Wehr, versagt den Sexualtrieben die gewünschte 
Befriedigung, nötigt sie zu jenen Umwegen einer Ersatzbefriedi- 
gung, die sich als nervöse Symptome kundgeben. 

Die psychoanalytische Therapie bringt es dann zustande, den 
Verdrängungsprozeß einer Revision zu unterziehen und den Kon- 
flikt zu einem besseren, mit der Gesundheit verträglichen Aus- 
gang zu leiten. Unverständige Gegnerschaft wirft uns dann unsere 
Schätzung der Sexualtriebe als einseitig vor: Der Mensch habe 
noch andere Interessen als die sexuellen. Das haben wir keinen 
Augenblick lang vergessen oder verleugnet. Unsere Einseitigkeit 
ist wie die des Chemikers, der alle Konstitutionen auf die Kraft 
der chemischen Attraktion zurückführt. Er leugnet darum die 
Schwerkraft nicht, er überläßt ihre Würdigung dem Physiker. 

Während der therapeutischen Arbeit müssen wir uns um die 
Verteilung der Libido bei dem Kranken bekümmern, wir forschen 
nach, an welche Objektvorstellungen seine Libido gebunden ist, 
und machen sie frei, um sie dem Ich zur Verfügung zu stellen. 
Dabei sind wir dazu gekommen, uns ein sehr merkwürdiges Bild 
von der anfänglichen, der Urverteilung der Libido beim Menschen 
zu machen. Wir mußten annehmen, daß zu Beginn der indivi- 
duellen Entwicklung alle Libido (alles erotische Streben, alle Liebes- 
fähigkeit) an die eigene Person geknüpft ist, wie wir sagen, das 
eigene Ich besetzt. Erst später geschieht es in Anlehnung an die 
Befriedigung der großen Lebensbedürfnisse, daß die Libido vom 
Ich auf die äußeren Objekte überfließt, wodurch wir erst in 
die Lage kommen, die libidinösen Triebe als solche zu erkennen 
und von den Ich-Trieben zu unterscheiden. Von diesen Objekten 
kann die Libido wieder abgelöst und ins Ich zurückgezogen 
werden. 



35o Zur Anwendung der Psychoanalyse 

Den Zustand, in dem das Ich die Libido bei sich behält, 
heißen wir Narzißmus, in Erinnerung der griechischen Sage 
vom Jüngling Narzissus, der in sein eigenes Spiegelbild ver- 
liebt blieb. 

Wir schreiben also dem Individuum einen Fortschritt zu vom 
Narzißmus zur Objektliebe. Aber wir glauben nicht, daß jemals 
die gesamte Libido des Ichs auf die Objekte übergeht. Ein ge- 
wisser Betrag von Libido verbleibt immer beim Ich, ein gewisses 
Maß von Narzißmus bleibt trotz hochentwickelter Objektliebe 
fortbestehen. Das Ich ist ein großes Reservoir, aus dem die für 
die Objekte bestimmte Libido ausströmt, und dem sie von den 
Objekten her wieder zufließt. Die Objektlibido war zuerst Ich- 
Libido und kann sich wieder in Ich-Libido umsetzen. Es ist für 
die volle Gesundheit der Person wesentlich, daß ihre Libido die 
volle Beweglichkeit nicht verliere. Zur Versinnlichung dieses Ver- 
hältnisses denken wir an ein Protoplasmatierchen, dessen zäh- 
flüssige Substanz Pseudopodien (Scheinfüßchen) aussendet, Fort- 
setzungen, in welche sich die Leibessubstanz hineinerstreckt, die 
aber jederzeit wieder eingezogen werden können, so daß die Form 
des Protoplasmaklümpchens wieder hergestellt wird. 

Was ich durch diese Andeutungen zu beschreiben versucht 
habe, ist die Libidotheorie der Neurosen, auf welche alle unsere 
Auffassungen vom Wesen dieser krankhaften Zustände und unser 
therapeutisches Vorgehen gegen dieselben begründet sind. Es ist 
selbstverständlich, daß wir die Voraussetzungen der Libidotheorie 
auch für das normale Verhalten geltend machen. Wir sprechen 
vom Narzißmus des kleinen Kindes und wir schreiben es dem 
überstarken Narzißmus des primitiven Menschen zu, daß er an 
die Allmacht seiner Gedanken glaubt und darum den Ablauf der 
Begebenheiten in der äußeren Welt durch die Technik der Magie 
beeinflussen will. 

Nach dieser Einleitung möchte ich ausführen, daß der allge- 
meine Narzißmus, die Eigenliebe der Menschheit, bis jetzt drei 



Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse 351 

schwere Kränkungen von Seiten der wissenschaftlichen Forschung 
erfahren hat. 

a) Der Mensch glaubte zuerst in den Anfängen seiner For- 
schung, daß sich sein Wohnsitz, die Erde, ruhend im Mittelpunkte 
des Weltalls befinde, während Sonne, Mond und Planeten sich 
in kreisförmigen Bahnen um die Erde bewegen. Er folgte dabei 
in naiver Weise dem Eindruck seiner Sinneswahrnehmungen, 
denn eine Bewegung der Erde verspürt er nicht, und wo immer 
er frei um sich blicken kann, findet er sich im Mittelpunkt eines 
Kreises, der die äußere Welt umschließt. Die zentrale Stellung 
der Erde war ihm aber eine Gewähr für ihre herrschende Rolle 
im Weltall und schien in guter Übereinstimmung mit seiner 
Neigung, sich als den Herrn dieser Welt zu fühlen. 

Die Zerstörung dieser narzißtischen Illusion knüpft sich für 
uns an den Namen und das Werk des Nik. Kopernikus im 
sechzehnten Jahrhundert. Lange vor ihm hatten die Pythagoräer 
an der bevorzugten Stellung der Erde gezweifelt, und Aristarch 
von Samos hatte im dritten vorchristlichen Jahrhundert ausge- 
sprochen, daß die Erde viel kleiner sei als die Sonne und sich 
um diesen Himmelskörper bewege. Auch die große Entdeckung 
des Kopernikus war also schon vor ihm gemacht worden. Als 
sie aber allgemeine Anerkennung fand, hatte die menschliche 
Eigenliebe ihre erste, die kosmologische Kränkung erfahren. 

b) Der Mensch warf sich im Laufe seiner Kulturentwicklung 
zum Herrn über seine tierischen Mitgeschöpfe auf. Aber mit dieser 
Vorherrschaft nicht zufrieden, begann er eine Kluft zwischen 
ihr und sein Wesen zu legen. Er sprach ihnen die Ver- 
nunft ab und legte sich eine unsterbliche Seele bei, berief sich 
auf eine hohe göttliche Abkunft, die das Band der Gemeinschaft 
mit der Tierwelt zu zerreißen gestattete. Es ist merkwürdig, daß 
diese Überhebung dem kleinen Kinde wie dem primitiven und 
dem Urmenschen noch ferne liegt. Sie ist das Ergebnis einer 
späteren anspruchsvollen Entwicklung. Der Primitive fand es auf 












352 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

der Stufe des Totemismus nicht anstößig, seinen Stamm auf einen 
tierischen Ahnherrn zurückzuleiten. Der Mythus, welcher den 
Niederschlag jener alten Denkungsart enthält, läßt die Götter 
Tiergestalt annehmen, und die Kunst der ersten Zeiten bildet die 
Götter mit Tierköpfen. Das Kind empfindet keinen Unterschied 
zwischen dem eigenen Wesen und dem des Tieres; es läßt die 
Tiere ohne Verwunderung im Märchen denken und sprechen; 
es verschiebt einen Angstaffekt, der dem menschlichen Vater gilt, 
auf den Hund oder auf das Pferd, ohne damit eine Herabsetzung 
des Vaters zu beabsichtigen. Erst wenn es erwachsen ist, wird 
es sich dem Tiere soweit entfremdet haben, daß es den Menschen 
mit dem Namen des Tieres beschimpfen kann. 

Wir wissen es alle, daß die Forschung Ch. Darwins, seiner 
Mitarbeiter und Vorgänger, vor wenig mehr als einem halben 
Jahrhundert dieser Überhebung des Menschen ein Ende bereitet 
hat. Der Mensch ist nichts anderes und nichts Besseres als die 
Tiere, er ist selbst aus der Tierreihe hervorgegangen, einigen Arten 
näher, anderen ferner verwandt. Seine späteren Erwerbungen ver- 
mochten es nicht, die Zeugnisse der Gleichwertigkeit zu verwischen, 
die in seinem Körperbau wie in seinen seelischen Anlagen ge- 
geben sind. Dies ist aber die zweite, die biologische Kränkung 
des menschlichen Narzißmus. 

c) Am empfindlichsten trifft wohl die dritte Kränkung, die 
psychologischer Natur ist. 

Der Mensch, ob auch draußen erniedrigt, fühlt sich souverän 
in seiner eigenen Seele. Irgendwo im Kern seines Ichs hat er 
sich ein Aufsichtsorgan geschaffen, welches seine eigenen Regungen 
und Handlungen überwacht, ob sie mit seinen Anforderungen 
zusammenstimmen. Tun sie das nicht, so werden sie unerbittlich 
gehemmt und zurückgezogen. Seine innere Wahrnehmung, das 
Bewußtsein, gibt dem Ich Kunde von allen bedeutungsvollen Vor- 
gängen im seelischen Getriebe, und der durch diese Nachrichten 
gelenkte Wille führt aus, was das Ich anordnet, ändert ab, was 






Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse 555 



sich selbständig vollziehen möchte. Denn diese Seele ist nichts 
Einfaches, vielmehr eine Hierarchie von über- und untergeord- 
neten Instanzen, ein Gewirre von Impulsen, die unabhängig von- 
einander zur Ausführung drängen, entsprechend der Vielheit von 
Trieben und von Beziehungen zur Außenwelt, viele davon ein- 
ander gegensätzlich und miteinander unverträglich. Es ist für die 
Funktion erforderlich, daß die oberste Instanz von allem Kenntnis 
erhalte, was sich vorbereitet, und daß ihr Wille überallhin dringen 
könne, um seinen Einfluß zu üben. Aber das Ich fühlt sich sicher 
sowohl der Vollständigkeit und Verläßlichkeit der Nachrichten als 
auch der Wegsamkeit für seine Befehle. 

In gewissen Krankheiten, allerdings gerade bei den von uns 
studierten Neurosen, ist es anders. Das Ich fühlt sich unbehaglich, 
es stößt auf Grenzen seiner Macht in seinem eigenen Haus, der 
Seele. Es tauchen plötzlich Gedanken auf, von denen man nicht 
weiß, woher sie kommen; man kann auch nichts dazu tun, sie 
zu vertreiben. Diese fremden Gäste scheinen selbst mächtiger zu sein 
als die dem Ich unterworfenen; sie widerstehen allen sonst so 
erprobten Machtmitteln des Willens, bleiben unbeirrt durch die 
logische Widerlegung, unangetastet durch die Gegenaussage der 
Realität. Oder es kommen Impulse, die wie die eines Fremden 
sind, so daß das Ich sie verleugnet, aber es muß sich doch vor 
ihnen fürchten und Vorsichten gegen sie treffen. Das Ich sagt 
sich, das ist eine Krankheit, eine fremde Invasion, es verschärft 
seine Wachsamkeit, aber es kann nicht verstehen, warum es sich 
in so seltsamer Weise gelähmt fühlt. 

Die Psychiatrie bestreitet zwar für solche Vorfälle, daß sich 
böse, fremde Geister ins Seelenleben eingedrängt haben, aber sonst 
sagt sie nur achselzuckend: Degeneration, hereditäre Disposition, 
konstitutionelle Minderwertigkeit! Die Psychoanalyse unternimmt 
es, diese unheimlichen Krankheitsfälle aufzuklären, sie stellt sorg- 
fältige und langwierige Untersuchungen an, schafft sich Hilfs- 
beffriffe und wissenschaftliche Konstruktionen und kann dem Ich 

O 

Freud, X. 2 3 






554 Zur Anwendimg der Psy choanalyse 

endlich sagen: „Es ist nichts Fremdes in dich gefahren; ein Teil 
von deinem eigenen Seelenleben hat sich deiner Kenntnis und 
der Herrschaft deines Willens entzogen. Darum bist du auch so 
schwach in der Abwehr; du kämpfst mit einem Teil deiner Kraft 
gegen den anderen Teil, kannst nicht wie gegen einen äußeren 
Feind deine ganze Kraft zusammennehmen. Und es ist nicht 
einmal der schlechteste oder unwichtigste Anteil deiner seelischen 
Kräfte, der so in Gegensatz zu dir getreten und unabhängig von 
dir geworden ist. Die Schuld, muß ich sagen, liegt an dir selbst. 
Du hast deine Kraft überschätzt, wenn du geglaubt hast, du 
könntest mit deinen Sexualtrieben anstellen, was du willst, und 
brauchtest auf ihre Absichten nicht die mindeste Rücksicht zu 
nehmen. Da haben sie sich denn empört und sind ihre eigenen 
dunklen Wege gegangen, um sich der Unterdrückung zu ent- 
ziehen, haben sich ihr Recht geschaffen auf eine Weise, die dir 
nicht mehr recht sein kann. Wie sie das zustande gebracht haben, 
und welche Wege sie gewandelt sind, das hast du nicht erfahren; 
nur das Ergebnis dieser Arbeit, das Symptom, das du als Leiden 
empfindest, ist zu deiner Kenntnis gekommen. Du erkennst es 
dann nicht als Abkömmling deiner eigenen verstoßenen Triebe 
und weißt nicht, daß es deren Ersatzbefriedigung ist." 

„Der ganze Vorgang wird aber nur durch den einen Umstand 
möglich, daß du dich auch in einem anderen wichtigen Punkte 
im Irrtum befindest. Du vertraust darauf, daß du alles erfährst, 
was in deiner Seele vorgeht, wenn es nur wichtig genug ist, 
weil dein Bewußtsein es dir dann meldet. Und wenn du von 
etwas in deiner Seele keine Nachricht bekommen hast, nimmst 
du zuversichtlich an, es sei nicht in ihr enthalten. Ja, du gehst 
so weit, daß du ,seelisch' für identisch hältst mit ,bewußt', d. h. 
dir bekannt, trotz der augenscheinlichsten Beweise, daß in deinem 
Seelenleben beständig viel mehr vor sich gehen muß, als deinem 
Bewußtsein bekannt werden kann. Laß dich doch in diesem einen 
Punkt belehren! Das Seelische in dir fällt nicht mit dem dir 



Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse 555 






Bewußten zusammen; es ist etwas anderes, ob etwas in deiner 
Seele vorgeht, und ob du es auch erfährst. Für gewöhnlich, ich 
will es zugeben, reicht der Nachrichtendienst an dein Bewußtsein 
für deine Bedürfnisse aus. Du darfst dich in der Illusion wiegen, 
daß du alles Wichtigere erfährst. Aber in manchen Fällen, z. B. 
in dem eines solchen Triebkonflikts, versagt er und dein Wille 
reicht dann nicht weiter als dein Wissen. In allen Fällen aber 
sind diese Nachrichten deines Bewußtseins unvollständig und häufig 
unzuverlässig; auch trifft es sich oft genug, daß du von den 
Geschehnissen erst Kunde bekommst, wenn sie bereits vollzogen 
sind und du nichts mehr an ihnen ändern kannst. Wer kann, 
selbst wenn du nicht krank bist, ermessen, was sich alles in deiner 
Seele regt, wovon du nichts erfährst, oder worüber du falsch be- 
richtet wirst. Du benimmst dich wie ein absoluter Herrscher, der 
es sich an den Informationen seiner obersten Hofämter genügen 
läßt und nicht zum Volk herabsteigt, um dessen Stimme zu hören. 
Geh in dich, in deine Tiefen und lerne dich erst kennen, dann 
wirst du verstehen, warum du krank werden mußt, und vielleicht 
vermeiden, krank zu werden." 

So wollte die Psychoanalyse das Ich belehren. Aber die beiden 
Aufklärungen, daß das Triebleben der Sexualität in uns nicht voll 
zu bändigen ist, und daß die seelischen Vorgänge an sich unbe- 
wußt sind und nur durch eine unvollständige und unzuverlässige 
Wahrnehmung dem Ich zugänglich und ihm unterworfen werden, 
kommen der Behauptung gleich, daß das Ich nicht Herr sei 
in seinem eigenen Haus. Sie stellen miteinander die dritte 
Kränkung der Eigenliebe dar, die ich die psychologische nennen 
möchte. Kein Wunder daher, daß das Ich der Psychoanalyse nicht 
seine Gunst zuwendet und ihr hartnäckig den Glauben ver- 
weigert. 

Die wenigsten Menschen dürften sich klar gemacht haben, 
einen wie folgenschweren Schritt die Annahme unbewußter seeli- 
scher Vorgänge für Wissenschaft und Leben bedeuten würde. 

23" 



556 Z ur Anwendung der Psychoanalyse 

Beeilen wir uns aber hinzuzufügen, daß nicht die Psychoanalyse 
diesen Schritt zuerst gemacht hat. Es sind namhafte Philosophen 
als Vorgänger anzuführen, vor allen der große Denker Schopen- 
hauer, dessen unbewußter „Wille" den seelischen Trieben der 
Psychoanalyse gleichzusetzen ist. Derselbe Denker übrigens, der 
in Worten von unvergeßlichem Nachdruck die Menschen an die 
immer noch unterschätzte Bedeutung ihres Sexualstrebens gemahnt 
hat. Die Psychoanalyse hat nur das eine voraus, daß sie die beiden 
dem Narzißmus so peinlichen Sätze von der psychischen Bedeu- 
tung der Sexualität und von der Unbewußtheit des Seelenlebens 
nicht abstrakt behauptet, sondern an einem Material erweist, 
welches jeden einzelnen persönlich angeht und seine Stellung- 
nahme zu diesen Problemen erzwingt. Aber gerade darum lenkt 
sie die Abneigung und die Widerstände auf sich, welche den 
großen Namen des Philosophen noch scheu vermeiden. 



EINE KINDHEITSERINNERUNG 
AUS »DICHTUNG UND WAHRHEIT« 

Zuerst erschienen in „Imago", Bd. V (igij), 
dann in der Vierten Folge der „Sammlung kleiner 
Schriften zur Neuro scnlehre u . 

„Wenn man sich erinnern will, was uns in der frühesten 
Zeit der Kindheit begegnet ist, so kommt man oft in den Fall, 
dasjenige, was wir von anderen gehört, mit dem zu verwechseln, 
was wir wirklich aus eigener anschauender Erfahrung besitzen." 
Diese Bemerkung macht Goethe auf einem der ersten Blätter 
der Lebensbeschreibung, die er im Alter von sechzig Jahren auf- 
zuzeichnen begann. Vor ihr stehen nur einige Mitteilungen über 
seine „am 28. August 1749, mittags mit dem Glockenschlag 
zwölf" erfolgte Geburt. Die Konstellation der Gestirne war ihm 
günstig und mag wohl Ursache seiner Erhaltung gewesen sein, 
denn er kam „für tot" auf die Welt, und nur durch vielfache 
Bemühungen brachte man es dahin, daß er das Licht erblickte. 
Nach dieser Bemerkung folgt eine kurze Schilderung des Hauses 
und der Räumlichkeit, in welcher sich die Kinder — er und 
seine jüngere Schwester — am liebsten aufhielten. Dann aber 
erzählt Goethe eigentlich nur eine einzige Begebenheit, die man 
die „früheste Zeit der Kindheit" (in die Jahre bis vier?) ver- 






' 



in 



n 



setzen kann, und an welche er eine eigene Erinnerung bewahrt 
zu haben scheint. 






358 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

Der Bericht hierüber lautet: „und mich gewannen drei gegen- 
über wohnende Brüder von Ochsenstein, hinterlassene Söhne des 
verstorbenen Schultheißen, gar lieb, und beschäftigten und neckten 
sich mit mir auf mancherlei Weise.' 

„Die Meinigen erzählten gern allerlei Eulenspiegeleien, zu denen 
mich jene sonst ernsten und einsamen Männer angereizt. Ich 
führe nur einen von diesen Streichen an. Es war eben Topfmarkt 
gewesen und man hatte nicht allein die Küche für die nächste 
Zeit mit solchen Waren versorgt, sondern auch uns Kindern der- 
gleichen Geschirr im kleinen zu spielender Beschäftigung einge- 
kauft. An einem schönen Nachmittag, da alles ruhig im Hause 
war, trieb ich im Geräms (der erwähnten gegen die Straße ge- 
richteten Örtlichkeit) mit meinen Schüsseln und Töpfen mein 
Wesen und da weiter nichts dabei herauskommen wollte, warf 
ich ein Geschirr auf die Straße und freute mich, daß es so lustig 
zerbrach. Die von Ochsenstein, welche sahen, wie ich mich daran 
ergötzte, daß ich so gar fröhlich in die Händchen patschte, riefen: 
Noch mehr! Ich säumte nicht, sogleich einen Topf und auf immer 
fortwährendes Rufen: Noch mehr! nach und nach sämtliche Schüssel- 
chen, Tiegelchen, Kännchen gegen das Pflaster zu schleudern. 
Meine Nachbarn fuhren fort, ihren Beifall zu bezeigen und ich 
war höchlich froh, ihnen Vergnügen zu machen. Mein Vorrat 
aber war aufgezehrt, und sie riefen immer: Noch mehr! Ich eilte 
daher stracks in die Küche und holte die irdenen Teller, welche 
nun freilich im Zerbrechen ein noch lustigeres Schauspiel gaben; 
und so lief ich hin und wieder, brachte einen Teller nach dem 
anderen, wie ich sie auf dem Topfbrett der Reihe nach erreichen 
konnte, und weil sich jene gar nicht zufrieden gaben, so stürzte 
ich alles, was ich von Geschirr erschleppen konnte, in gleiches Ver- 
derben. Nur später erschien jemand zu hindern und zu wehren. Das 
Unglück war geschehen, und man hatte für so viel zerbrochene 
Töpferware wenigstens eine lustige Geschichte, an der sich be- 
sonders die schalkischen Urheber bis an ihr Lebensende ergötzten." 



Eine Kindheitserinnerung ans „Dichtung und Wahrheit" 359 






Dies konnte man in voranalytischen Zeiten ohne Anlaß zum 
Verweilen und ohne Anstoß lesen; aber später wurde das analy- 
tische Gewissen rege. Man hatte sich ja über Erinnerungen aus der 
frühesten Kindheit bestimmte Meinungen und Erwartungen gebildet, 
für die man gerne allgemeine Gültigkeit in Anspruch nahm. Es 
sollte nicht gleichgültig oder bedeutungslos sein, welche Einzelheit 
des Kindheitslebens sich dem allgemeinen Vergessen der Kindheit 
entzogen hatte. Vielmehr durfte man vermuten, daß dies im Ge- 
dächtnis Erhaltene auch das Bedeutsamste des ganzen Lebens- 
abschnittes sei, und zwar entweder so, daß es solche Wichtigkeit 
schon zu seiner Zeit besessen oder anders, daß es sie durch den 
Einfluß späterer Erlebnisse nachträglich erworben habe. 

Allerdings war die hohe Wertigkeit solcher Kindheitserinne- 
rungen nur in seltenen Fällen offensichtlich. Meist erschienen sie 
gleichgültig, ja nichtig, und es blieb zunächst unverstanden, daß 
es gerade ihnen gelungen war, der Amnesie zu trotzen ; auch 
wußte derjenige, der sie als sein eigenes Erinnerungsgut seit 
langen Jahren bewahrt hatte, sie so wenig zu würdigen wie der 
Fremde, dem er sie erzählte. Um sie in ihrer Bedeutsamkeit zu 
erkennen, bedurfte es einer gewissen Deutungsarbeit, die entweder 
nachwies, wie ihr Inhalt durch einen anderen zu ersetzen sei, 
oder ihre Beziehung zu anderen, unverkennbar wichtigen Erleb- 
nissen aufzeigte, für welche sie als sogenannte Deckerinnerungen 

eingetreten waren. 

In jeder psychoanalytischen Bearbeitung einer Lebensgeschichte 
gelingt es, die Bedeutung der frühesten Kindheitserinnerungen in 
solcher Weise aufzuklären. Ja, es ergibt sich in der Regel, daß 
gerade diejenige Erinnerung, die der Analysierte voranstellt, die 
er zuerst erzahlt, mit der er seine Lebensbeichte einleitet, sich 
als die wichtigste erweist, als diejenige, welche die Schlüssel zu 
den Geheimfächern seines Seelenlebens in sich birgt. Aber im 
Falle jener kleinen Kinderbegebenheit, die in „Dichtung und 
Wahrheit" erzählt wird, kommt unseren Erwartungen zu wenig 



• 



560 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

entgegen. Die Mittel und Wege, die bei unseren Patienten zur 
Deutung führen, sind uns hier natürlich unzugänglich; der Vorfall 
an sich scheint einer aufspürbaren Beziehung zu wichtigen Lebens- 
eindrücken späterer Zeit nicht fähig zu sein. Ein Schabernack 
zum Schaden der häuslichen Wirtschaft, unter fremdem Einfluß 
verübt, ist sicherlich keine passende Vignette für all das, was 
Goethe aus seinem reichen Leben mitzuteilen hat. Der Eindruck 
der vollen Harmlosigkeit und Beziehungslosigkeit will sich für 
diese Kindererinnerung behaupten, und wir mögen die Mahnung 
mitnehmen, die Anforderungen der Psychoanalyse nicht zu über- 
spannen oder am ungeeigneten Orte vorzubringen. 

So hatte ich denn das kleine Problem längst aus meinen Ge- 
danken fallen lassen, als mir der Zufall einen Patienten zuführte, 
bei dem sich eine ähnliche Kindheitserinnerung in durchsichti- 
gerem Zusammenhange ergab. Es war ein siebenundzwanzigjähriger, 
hochgebildeter und begabter Mann, dessen Gegenwart durch einen 
Konflikt mit seiner Mutter ausgefüllt war, der sich so ziemlich 
auf alle Interessen des Lebens erstreckte, unter dessen Wirkung 
die Entwicklung seiner Liebesfähigkeit und seiner selbständigen 
Lebensführung schwer gelitten hatte. Dieser Konflikt ging weit 
in die Kindheit zurück; man kann wohl sagen, bis in sein viertes 
Lebensjahr. Vorher war er ein sehr schwächliches, immer krän- 
kelndes Kind gewesen, und doch hatten seine Erinnerungen diese 
üble Zeit zum Paradies verklärt, ihnm damals besaß er die un- 
eingeschränkte, mit niemandem geteilte Zärtlichkeit der Mutter. 
Als er noch nicht vier Jahre war, wurde ein — heute noch 
lebender — Bruder geboren, und in der Reaktion auf diese Stö- 
rung wandelte er sich zu einem eigensinnigen, unbotmäßigen 
Jungen, der unausgesetzt die Strenge der Mutter herausforderte. 
Er kam auch nie mehr in das richtige Geleise. 

Als er in meine Behandlung trat — nicht zum mindesten 
darum, weil die bigotte Mutter die Psychoanalyse verabscheute — 
war die Eifersucht auf den nachgeborenen Bruder, die sich seiner- 



Eine Kindheitserinnerung aus „Dichtung und Wahrheit" 561 

zeit selbst in einem Attentat auf den Säugling in der Wiege 
geäußert hatte, längst vergessen. Er behandelte jetzt seinen jün- 
geren Bruder sehr rücksichtsvoll, aber sonderbare Zufallshandlungen, 
durch die er sonst geliebte Tiere wie seinen Jagdhund oder sorgsam 
von ihm gepflegte Vögel plötzlich zu schwerem Schaden brachte, 
waren wohl als Nachklänge jener feindseligen Impulse gegen den 
kleinen Bruder zu verstehen. 

Dieser Patient berichtete nun, daß er um die Zeit des Attentats 
gegen das ihm verhaßte Kind einmal alles ihm erreichbare Ge- 
schirr aus dem Fenster des Landhauses auf die Straße geworfen. 
Also dasselbe, was Goethe in Dichtung und Wahrheit aus seiner 
Kindheit erzählt! Ich bemerke, daß mein Patient von fremder 
Nationalität und nicht in deutscher Bildung erzogen war; er hatte 
Goethes Lebensbeschreibung niemals gelesen. 

Diese Mitteilung mußte mir den Versuch nahe legen, die 
Kindheitserinnerung Goethes in dem Sinne zu deuten, der durch 
die Geschichte meines Patienten unabweisbar geworden war. Aber 
waren in der Kindheit des Dichters die für solche Auffassung 
erforderlichen Bedingungen nachzuweisen? Goethe selbst macht 
zwar die Aneiferung der Herren von Ochsenstein für seinen 
Kinderstreich verantwortlich. Aber seine Erzählung selbst läßt 
erkennen, daß die erwachsenen Nachbarn ihn nur zur Fortsetzung 
seines Treibens aufgemuntert hatten. Den Anfang dazu hatte er 
spontan gemacht, und die Motivierung, die er für dies Beginnen 
gibt: „Da weiter nichts dabei (beim Spiele) herauskommen wollte", 
läßt sich wohl ohne Zwang als Geständnis deuten, daß ihm ein 
wirksames Motiv seines Handelns zur Zeit der Niederschrift und 
wahrscheinlich auch lange Jahre vorher nicht bekannt war. 

Es ist bekannt, daß Joh. Wolfgang und seine Schwester Cor- 
nelia die ältesten Überlebenden einer größeren, recht hinfälligen 
Kinderreihe waren. Dr. Hanns Sachs war so freundlich, mir die 
Daten zu verschaffen, die sich auf diese früh verstorbenenen 
Geschwister Goethes beziehen. 






362 Z ur Anwendung der Psychoanalyse 

Geschwister Goethes: 

a) Hermann Jakob, getauft Montag, den 27. November 1752, 
erreichte ein Alter von sechs Jahren und sechs Wochen, be- 
erdigt 15. Jänner 1759. 

b) Katharina Elisabeths, getauft Montag, den 9. September 1 754, 
beerdigt Donnerstag, den 22. Dezember 1755 (ein Jahr, vier 
Monate alt). 

c) Johanna Maria, getauft Dienstag, den 29. März 1757 und 
beerdigt Samstag, den 11. August 1759 (zwei Jahre, vier 
Monate alt). (Dies war jedenfalls das von ihrem Bruder ge- 
rühmte sehr schöne und angenehme Mädchen). 

d) Georg Adolph, getauft Sonntag, den 15. Juni 17G0; be- 
erdigt, acht Monate alt, Mittwoch, den 18. Februar 1761. . 

Goethes nächste Schwester, Cornelia Friederica Christiana, 
war am 7. Dezember 1750 geboren, als er fünfviertel Jahre alt 
war. Durch diese geringe Altersdifferenz ist sie als Objekt der 
Eifersucht so gut wie ausgeschlossen. Man weiß, daß Kinder, 
wenn ihre Leidenschaften erwachen, niemals so heftige Reaktionen 
gegen die Geschwister entwickeln, welche sie vorfinden, sondern 
ihre Abneigung gegen die neu Ankommenden richten. Auch ist die 
Szene, um deren Deutung wir uns bemühen, mit dem zarten Alter 
Goethes bei oder bald nach der Geburt Cornelias unvereinbar. 

Bei der Geburt des ersten Brüderchens Hermann Jakob war 
Joh. Wolfgang dreieinviertel Jahre alt. Ungefähr zwei Jahre später, 
als er etwa fünf Jahre alt war, wurde die zweite Schwester ge- 
boren. Beide Altersstufen kommen für die Datierung des Geschirr- 
hinauswerfens in Betracht; die erstere verdient vielleicht den Vor- 
zug, sie würde auch die bessere Übereinstimmung mit dem Falle 
meines Patienten ergeben, der bei der Geburt seines Bruders 
etwa dreidreiviertel Jahre zählte. 

Der Bruder Hermann Jakob, auf den unser Deutungsversuch 
in solcher Art hingelenkt wird, war übrigens kein so flüchtiger 
Gast in der Goetheschen Kinderstube wie die späteren Geschwister. 



Eine Kindheitserinnerung aus „Dichtung und Wahrheit" 363 



Man könnte sich verwundern, daß die Lebensgeschichte seines 
großen Bruders nicht ein Wörtchen des Gedenkens an ihn bringt. 1 
Er wurde über sechs Jahre alt und Joh. Wolfgang war nahe an 
zehn Jahre, als er starb. Dr. Ed. Hitschmann, der so freundlich 
war, mir seine Notizen über diesen Stoff zur Verfügung zu stellen, 

meint : 

„Auch der kleine Goethe hat ein Brüderchen nicht un- 
gern sterben gesehen. Wenigstens berichtete seine Mutter nach 
Bettina Brentanos Wiedererzählung folgendes: ,Sonderbar fiel 
es der Mutter auf, daß er bei dem Tode seines jüngeren Bruders 
Jakob, der sein Spielkamerad war, keine Träne vergoß, er schien 
vielmehr eine Art Ärger über die Klagen der Eltern und Ge- 
schwister zu haben 5 da die Mutter nun später den Trotzigen 
fragte, ob er den Bruder nicht lieb gehabt habe, lief er in seine 
Kammer, brachte unter dem Bett hervor eine Menge Papiere, 
die mit Lektionen und Geschichtchen beschrieben waren, er sagte 
ihr, daß er dies alles gemacht habe, um es dem Bruder zu lehren. 
Der ältere Bruder hätte also immerhin gern Vater mit dem 
Jüngeren gespielt und ihm seine Überlegenheit gezeigt. 

Wir könnten uns also die Meinung bilden, das Geschirrhinaus- 
werfen sei eine symbolische, oder sagen wir es richtiger: eine 
magische Handlung, durch welche das Kind (Goethe sowie 
mein Patient) seinen Wunsch nach Beseitigung des störenden Ein- 
dringlings zu kräftigem Ausdruck bringt. Wir brauchen das Ver- 
gnügen des Kindes beim Zerschellen der Gegenstände nicht zu 
bestreiten ; wenn eine Handlung bereits an sich lustbringend ist, 
so ist dies keine Abhaltung, sondern eher eine Verlockung, sie 
auch im Dienste anderer Absichten zu «wiederholen. Aber wir 

1) [Zusatz 1924 :] Ich bediene mich dieser Gelegenheit, um eine unrichtige Be- 
hauptung, die nicht hätte vorfallen sollen, zurückzunehmen. An einer späteren Stelle 
dieses ersten Buches wird der jüngere Bruder doch erwähnt und geschildert. Es 
geschieht hei der Erinnerung an die lästigen Kinderkrankheiten, unter denen auch 
dieser Bruder „nicht wenig litt". „Er war von zarter Natur, still und eigensinnig 
und wir hatten niemals ein eigentliches Verhältnis zusammen. Auch überlebte er 
kaum die Kinder] ahre." 






364 Zur Auwetulung der Psychoanalyse 

glauben nicht, daß es die Lust am Klirren und Brechen war, 
welche solchen Kinderstreichen einen dauernden Platz in der Er- 
innerung des Erwachsenen sichern konnte. Wir sträuben uns auch 
nicht, die Motivierung der Handlung um einen weiteren Beitrag 
zu komplizieren. Das Kind, welches das Geschirr zerschlägt, weiß 
wohl, daß es etwas Schlechtes tut, worüber die Erwachsenen 
schelten werden, und wenn es sich durch dieses Wissen nicht 
zurückhalten läßt, so hat es wahrscheinlich einen Groll gegen die 
Eltern zu befriedigen; es will sich schlimm zeigen. 

Der Lust am Zerbrechen und am Zerbrochenen wäre auch 
Genüge getan, wenn das Kind die gebrechlichen Gegenstände 
einfach auf den Boden würfe. Die Hinausbeförderung durch das 
Fenster auf die Straße bliebe dabei ohne Erklärung. Dies „Hinaus" 
scheint aber ein wesentliches Stück der magischen Handlung zu 
sein und dem verborgenen Sinn derselben zu entstammen. Das 
neue Kind soll fortgeschafft werden, durchs Fenster möglicher- 
weise darum, weil es durchs Fenster gekommen ist. Die ganze 
Handlung wäre dann gleichwertig jener uns bekannt gewordenen 
wörtlichen Reaktion eines Kindes, als man ihm mitteilte, daß der 
Storch ein Geschwisterchen gebracht. „Er soll es wieder mit- 
nehmen", lautete sein Bescheid. 

Indes, wir verhehlen uns nicht, wie mißlich es — von allen 
inneren Unsicherheiten abgesehen — bleibt, die Deutung einer 
Kinderhandlung auf eine einzige Analogie zu begründen. Ich hatte 
darum auch meine Auffassung der kleinen Szene aus „Dichtung 
und Wahrheit" durch Jahre zurückgehalten. Da bekam ich eines 
Tages einen Patienten, der seine Analyse mit folgenden, wort- 
getreu fixierten Sätzen einleitete: 

„Ich bin das älteste von acht oder neun Geschwistern. 1 Eine 
meiner ersten Erinnerungen ist, daß der Vater, in Nachtkleidung 

1) Ein flüchtiger Irrtum auffalliger Natur. Es ist nicht abzuweisen, daß er bereits 
durch die Beseitigungstendcnz gegen den Bruder induziert ist. (Vgl. Ferenczi: Über 
passagere Symptombildungen während der Analyse. Zentralbl. f. Psychoanalyse II, 1912.) 



Eine Kindheitserinnerung aus „Dichtung und Wahrheit" 56; 






* 



auf seinem Bette sitzend, mir lachend erzählt, daß ich einen 
Bruder bekommen habe. Ich war damals dreidreiviertel Jahre alt; 
so groß ist der Altersunterschied zwischen mir und meinem 
nächsten Bruder. Dann weiß ich, daß ich kurze Zeit nachher 
(oder war es ein Jahr vorher?) 1 einmal verschiedene Gegenstände, 
Bürsten — oder war es nur eine Bürste? — Schuhe und anderes 
aus dem Fenster auf die Straße geworfen habe. Ich habe auch 
noch eine frühere Erinnerung. Als ich zwei Jahre alt war, über- 
nachtete ich mit den Eltern in einem Hotelzimmer in Linz auf 
der Reise ins Salzkammergut. Ich war damals so unruhig in der 
Nacht und machte ein solches Geschrei, daß mich der Vater 
schlagen mußte." 

Vor dieser Aussage ließ ich jeden Zweifel fallen. Wenn bei 
analytischer Einstellung zwei Dinge unmittelbar nacheinander, wie 
in einem Atem vorgebracht werden, so sollen wir diese Annähe- 
rung auf Zusammenhang umdeuten. Es war also so, als ob der 
Patient gesagt hätte: Weil ich erfahren, daß ich einen Bruder 
bekommen habe, habe ich einige Zeit nachher jene Gegenstände 
auf die Straße geworfen. Das Hinauswerfen der Bürsten, Schuhe usw. 
gibt sich als Reaktion auf die Geburt des Bruders zu erkennen. 
Es ist auch nicht unerwünscht, daß die fortgeschafften Gegen- 
stände in diesem Falle nicht Geschirr, sondern andere Dinge 
waren, wahrscheinlich solche, wie sie das Kind eben erreichen 
konnte . . . Das Hinausbefördern (durchs Fenster auf die Straße) 
erweist sich so als das Wesentliche der Handlung, die Lust am 
Zerbrechen, am Klirren und die Art der Dinge, an denen „die 
Exekution vollzogen wird", als inkonstant und unwesentlich. 

Natürlich gilt die Forderung des Zusammenhanges auch für 
die dritte Kindheitserinnerung des Patienten, die, obwohl die 
früheste, an das Ende der kleinen Reihe gerückt ist. Es ist leicht, 
sie zu erfüllen. Wir verstehen, daß das zweijährige Kind darum 



1) Dieser den wesentlichen Punkt der Mitteilung als Widerstand annagende 
Zweifel wurde vom Patienten bald nachher selbständig zurückgezogen. 



366 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

so unruhig war, weil es das Beisammensein von Vater und Mutter 
im Bette nicht leiden wollte. Auf der Reise war es wohl nicht 
anders möglich, als das Kind zum Zeugen dieser Gemeinschaft 
werden zu lassen. Von den Gefühlen, die sich damals in dem 
kleinen Eifersüchtigen regten, ist ihm die Erbitterung gegen 
das Weib verblieben, und diese hat eine dauernde Störung seiner 
Liebesentwicklung zur Folge gehabt. 

Als ich nach diesen beiden Erfahrungen im Kreise der psycho- 
analytischen Gesellschaft die Erwartung äußerte, Vorkommnisse 
solcher Art dürften bei kleinen Kindern nicht zu den Seltenheiten 
gehören, stellte mir Frau Dr. v. Hug-Hellmulh zwei weitere 
Beobachtungen zur Verfügung, die ich hier folgen lasse: 



Mit zirka dreieinhalb Jahren hatte der kleine Erich „urplötzlich" die 
Gewohnheit angenommen, alles, was ihm nicht paßte, zum Fenster hinaus- 
zuwerfen. Aber er tat es auch mit Gegenständen, die ihm nicht im Wege 
waren und ihn nichts angingen. Gerade am Geburtstag des Vaters — da 
zählte er drei Jahre viereinhalb Monate — warf er eine schwere Teigwalze, 
die er flugs aus der Küche ins Zimmer geschleppt hatte, aus einem Fenster 
der im dritten Stockwerk gelegenen Wohnung auf die Straße. Einige Tage 
später ließ er den Mörserstöße], dann ein Paar schwerer Bergschuhe des 
Vaters, die er erst aus dem Kasten nehmen mußte, folgen. 1 

Damals machte die Mutter im siebenten oder achten Monate ihrer Schwanger- 
schaft eine fausse couche, nach der das Kind „wie ausgewechselt brav und zärtlich 
still" war. Im fünften oder sechsten Monate sagte er wiederholt zur Mutter: 
„Mutti, ich spring' dir auf den Bauch" oder „Mutti, ich drück' dir den 
Bauch ein". Und kurz vor der fausse couche, im Oktober: „Wenn ich schon 
einen Bruder bekommen soll, so wenigstens erst nach dem Christkindl. 

II 

Eine junge Dame von neunzehn Jahren gibt spontan als früheste Kind- 
heitserinnerung folgende: 

„Ich sehe mich furchtbar ungezogen, zum Hervorkriechen bereit, unter 
dem Tische im Speisezimmer sitzen. Auf dem Tische steht meine Kaffee- 
schale — ich sehe noch jetzt deutlich das Muster des Porzellans vor mir, — 

1) Immer wählte er schwere Gegenstände. 



* 



Eine Kindheitserinnerung aus „Dichtung und Wahrheit" 367 



die ich in dem Augenblick, als Großmama ins Zimmer trat, zum Fenster 
hinauswerfen wollte. 

Es hatte sich nämlich niemand um mich gekümmert, und indessen hatte 
sich auf dem Kaffee eine „Haut" gebildet, was mir immer fürchterlich war 
und heute noch ist. 

An diesem Tage wurde mein um zweieinhalb Jahre jüngerer Bruder ge- 
boren, deshalb hatte niemand Zeit für mich. 

Man erzählt mir noch immer, daß ich an diesem Tage unausstehlich war; 
zu Mittag hatte ich das Lieblingsglas des Papas vom Tische geworfen, tags- 
über mehrmals mein Kleidchen beschmutzt und war von früh bis abends 
übelster Laune. Auch ein Badepüppchen hatte ich in meinem Zorne zer- 
trümmert. 

Diese beiden Fälle bedürfen kaum eines Kommentars. Sie be- 
stätigen ohne weitere analytische Bemühung, daß die Erbitterung 
des Kindes über das erwartete oder erfolgte Auftreten eines Kon- 
kurrenten sich in dem Hinausbefördern von Gegenständen durch 
das Fenster wie auch durch andere Akte von Schlimmheit und 
Zerstörungssucht zum Ausdruck bringt. In der ersten Beobachtung 
symbolisieren wohl die „schweren Gegenstände" die Mutter selbst, 
gegen welche sich der Zorn des Kindes richtet, solange das neue 
Kind noch nicht da ist. Der dreieinhalbjährige Knabe weiß um 
die Schwangerschaft der Mutter und ist nicht im Zweifel darüber, 
daß sie das Kind in ihrem Leibe beherbergt. Man muß sich 
hiebei an den „kleinen Hans" 1 erinnern und an seine besondere 
Angst vor schwer beladenen Wagen. 2 An der zweiten Beobach- 
tung ist das frühe Alter des Kindes, zweieinhalb Jahre, bemer- 
kenswert. 












1) Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben [Ges. Schriften, Bd. VIII]. 

2) Für diese Symbolik der Schwangerschaft hat mir vor einiger Zeit eine mehr 
als fünfzigjährige Dame eine weitere Bestätigung erbracht. Es war ihr wiederholt 
erzählt worden, daß sie als kleines Kind, das kaum sprechen konnte, den Vater auf- 
geregt zum Fenster zu ziehen pflegte, wenn ein schwerer Möbelwagen auf der Straße 
vorbeifuhr. Mit Rücksicht auf ihre Wohnungscrinnerungen läßt sich feststellen, daß 
sie damals jünger war als zweidreiviertel Jahre. Um diese Zeit wurde ihr nächster 
Bruder geboren und infolge dieses Zuwachses die Wohnung gewechselt. Ungefähr 
gleichzeitig hatte sie oft vor dem Einschlafen die ängstliche Empfindung von etwas 
unheimlich Großem, das auf sie zukam, und dabei „wurden ihr die Hände so 
dick". 






368 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

Wenn wir nun zur Kindheitserinnerung Goethes zurückkehren 
und an ihrer Stelle in „Dichtung und Wahrheit" einsetzen, was 
wir aus der Beobachtung anderer Kinder erraten zu haben glauben, 
so stellt sich ein tadelloser Zusammenhang her, den wir sonst 
nicht entdeckt hätten. Es heißt dann: Ich bin ein Glückskind 
gewesen 5 das Schicksal hat mich am Leben erhalten, obwohl ich 
für tot zur Welt gekommen bin. Meinen Bruder aber hat es be- 
seitigt, so daß ich die Liebe der Mutter nicht mit ihm zu teilen 
brauchte. Und dann geht der Gedankenweg weiter, zu einer 
anderen in jener Frühzeit Verstorbenen, der Großmutter, die wie 
ein freundlicher, stiller Geist in einem anderen Wohnraum hauste. 

Ich habe es aber schon an anderer Stelle ausgesprochen: Wenn 
man der unbestrittene Liebling der Mutter gewesen ist, so behält 
man fürs Leben jenes Eroberergefühl, jene Zuversicht des Erfolges, 
welche nicht selten wirklich den Erfolg nach sich zieht. Und 
eine Bemerkung solcher Art wie : Meine Stärke wurzelt in meinem 
Verhältnis zur Mutter, hätte Goethe seiner Lebensgeschichte mit 
Recht voranstellen dürfen. 



DAS UNHEIMLICHE 






Zuerst erschienen in „Image-", Bd. V (ipicj), 
dann in der Fünften Folge der ^Sammlung 
kleiner Schriften zur Neurosenlehre" . 



Der Psychoanalytiker verspürt nur selten den Antrieb zu ästhe- 
tischen Untersuchungen, auch dann nicht, wenn man die Ästhetik 
nicht auf die Lehre vom Schönen einengt, sondern sie als Lehre 
von den Qualitäten unseres Fühlens beschreibt. Er arbeitet in 
anderen Schichten des Seelenlebens und hat mit den ziel- 
gehemmten, gedämpften, von so vielen begleitenden Konstella- 
tionen abhängigen Gefühlsregungen, die zumeist der Stoff der 
Ästhetik sind, wenig zu tun. Hie und da trifft es sich doch, daß 
er sich für ein bestimmtes Gebiet der Ästhetik interessieren muß, 
und dann ist dies gewöhnlich ein abseits liegendes, von der ästhe- 
tischen Fachliteratur vernachlässigtes. 

Ein solches ist das „Unheimliche". Kein Zweifel, daß es zum 
Schreckhaften, Angst- und Grauenerregenden gehört, und ebenso 
sicher ist es, daß dies Wort nicht immer in einem scharf zu 
bestimmenden Sinne gebraucht wird, so daß es eben meist mit 
dem Angsterregenden überhaupt zusammenfällt. Aber man darf 
doch erwarten, daß ein besonderer Kern vorhanden ist, der die 
Verwendung eines besonderen Begriffswortes rechtfertigt. Man 
möchte wissen, was dieser gemeinsame Kern ist, der etwa ge- 

Frrud, X. =+ 



370 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

stattet, innerhalb des Ängstlichen ein „Unheimliches" zu unter- 
scheiden. 

Darüber findet man nun so viel wie nichts in den ausführ- 
lichen Darstellungen der Ästhetik, die sich überhaupt lieber mit 
den schönen, großartigen, anziehenden, also mit den positiven 
Gefühlsarten, ihren Bedingungen und den Gegenständen, die sie 
hervorrufen, als mit den gegensätzlichen, abstoßenden, peinlichen 
beschäftigen. Von seiten der ärztlich-psychologischen Literatur 
kenne ich nur die eine, inhaltsreiche, aber nicht erschöpfende 
Abhandlung von E. Jentsch. 1 Allerdings muß ich gestehen, daß 
aus leicht zu erratenden, in der Zeit liegenden Gründen die 
Literatur zu diesem kleinen Beitrag, insbesondere die fremd- 
sprachige, nicht gründlich herausgesucht wurde, weshalb er denn 
auch ohne jeden Anspruch auf Priorität vor den Leser tritt. 

Als Schwierigkeit beim Studium des Unheimlichen betont 
Jentsch mit vollem Recht, daß die Empfindlichkeit für diese 
Gefühlsqualität bei verschiedenen Menschen so sehr verschieden 
angetroffen wird. Ja, der Autor dieser neuen Unternehmung muß 
sich einer besonderen Stumpfheit in dieser Sache anklagen, wo 
große Feinfühligkeit eher am Platze wäre. Er hat schon lange 
nichts erlebt oder kennen gelernt, was ihm den Eindruck des 
Unheimlichen gemacht hätte, muß sich erst in das Gefühl hinein- 
versetzen, die Möglichkeit desselben in sich wachrufen. Indes sind 
Schwierigkeiten dieser Art auch auf vielen anderen Gebieten der 
Ästhetik mächtig; man braucht darum die Erwartung nicht auf- 
zugeben, daß sich die Fälle werden herausheben lassen, in denen 
der fragliche Charakter von den meisten widerspruchslos aner- 
kannt wird. 

Man kann nun zwei Wege einschlagen: nachsuchen, welche 
Bedeutung die Sprachentwicklung in dem Worte „unheimlich" 
niedergelegt hat, oder zusammentragen, was an Personen und 

1) Zur Psychologie des Unheimlichen, Psychiatr.-neurolog. Wochenschrift 1906, 
Nr. 22 lind 23. 



Das TJrüieimliche 371 



Dingen, Sinneseindrücken, Erlebnissen und Situationen das Gefühl 
des Unheimlichen in uns wachruft, und den verhüllten Charakter 
des Unheimlichen aus einem allen Fällen Gemeinsamen erschließen. 
Ich will gleich verraten, daß beide Wege zum nämlichen Ergebnis 
führen, das Unheimliche sei jene Art des Schreckhaften, welche 
auf das Altbekannte, Längstvertraute zurückgeht. Wie das möglich 
ist, unter welchen Bedingungen das Vertraute unheimlich, schreck- 
haft werden kann, das wird aus dem Weiteren ersichtlich werden. 
Ich bemerke noch, daß diese Untersuchung in Wirklichkeit den 
Weg über eine Sammlung von Einzelfällen genommen und erst 
später die Bestätigung durch die Aussage des Sprachgebrauches 
gefunden hat. In dieser Darstellung werde ich aber den umge- 
kehrten W 7 eg gehen. 

Das deutsche Wort „unheimlich" ist offenbar der Gegensatz zu 
heimlich, heimisch, vertraut und der Schluß liegt nahe, es sei 
etwas eben darum schreckhaft, weil es nicht bekannt und ver- 
traut ist. Natürlich ist aber nicht alles schreckhaft, was neu und 
nicht vertraut ist; die Beziehung ist nicht umkehrbar. Man kann 
nur sagen, was neuartig ist, wird leicht schreckhaft und unheim- 
lich- einiges Neuartige ist schreckhaft, durchaus nicht alles. Zum 
Neuen und Nichtvertrauten muß erst etwas hinzukommen, was 
es zum Unheimlichen macht. 

Jentsch ist im ganzen bei dieser Beziehung des Unheimlichen 
zum Neuartigen, Nichtvertrauten, stehen geblieben. Er findet die 
wesentliche Bedingung für das Zustandekommen des unheimlichen 
Gefühls in der intellektuellen Unsicherheit. Das Unheimliche wäre 
eigentlich immer etwas, worin man sich sozusagen nicht aus- 
kennt. Je besser ein Mensch in der Umwelt orientiert ist, desto 
weniger leicht wird er von den Dingen oder Vorfällen in ihr 
den Eindruck der Unheimlichkeit empfangen. 

Wir haben es leicht zu urteilen, daß diese Kennzeichnung nicht 
erschöpfend ist, und versuchen darum, über die Gleichung 
unheimlich = nicht vertraut hinauszugehen. Wir wenden uns 









- 






372 Zur An wendung der Psychoanalyse 

zunächst an andere Sprachen. Aber die Wörterbücher, in denen 
wir nachschlagen, sagen uns nichts Neues, vielleicht nur darum 
nicht, weil wir selbst Fremdsprachige sind. Ja, wir gewinnen den 
Eindruck, daß vielen Sprachen ein Wort für diese besondere 
Nuance des Schreckhaften abgeht. 1 

Lateinisch (nach K. E. Georges, Kl. Deutschlatein. Wörterbuch 1898): 
ein unheimlicher Ort — locus suspectus; in unheimlicher Nachtzeit — 
intempesta nocte. 

Griechisch (Wörterbücher von Rost und von Schenkl): §£P0£ — 
also fremd, fremdartig. 

Englisch (aus den Wörterbüchern von Lucas, ßellow, Flügel, 
Muret-Sanders): uncomfortable, uneasy, gloomy, dismtil, uncanny, ghastly, 
von einem Hause : haunted, von einem Menschen : a repulswe fellow. 

Französisch (Sachs-Villatte): inquietant, sinistre, lugubre, mal ä 



son aise. 



Spanisch (Tollhausen 1889): sospechoso, de mal aguero, lugubre, 
siniestro. 

Das Italienische und Portugiesische scheinen sich mit Worten 
zu begnügen, die wir als Umschreibungen bezeichnen würden. 
Im Arabischen und Hebräischen fällt unheimlich mit dämonisch, 
schaurig zusammen. 

Kehren wir darum zur deutschen Sprache zurück. 

In Daniel Sanders' Wörterbuch der Deutschen Sprache 1860 
finden sich folgende Angaben zum Worte heimlich, die ich hier 
ungekürzt abschreiben und aus denen ich die eine und die andere 
Stelle durch Unterstreichung hervorheben will (I. Bd., p. 72g): 

Heimlich, a. (-keit, f. -en): 1. auch Heimelich, heimelig, zum Hause 
gehörig, nicht fremd, vertraut, zahm, traut und traulich, anheimelnd etc. 
a) (veralt.) zum Haus, zur Familie gehörig, oder: wie dazu gehörig 
betrachtet, vgl. lat. familiaris, vertraut: Die Heimlichen, die Hausgenossen; 
Der heimliche Rat. 1. Mos. 41, 45; 2. Sam. 23, 23. 1. Chr. 12, 25. 

1) Für die nachstehenden Auszüge hin ich Herrn Dr. Th. Reik iu Dank ver- 
pflichtet. 



Das Unheimliche 373 



Weish. 8, 4., wofür jetzt: Geheimer (s. dl.) Rat üblich ist, s. Heim- 
licher — b) von Thieren zahm, sich den Menschen traulich anschließend. 
Ggstz. wild, z. B. Tier, die weder wild noch heimlich sind etc. Eppen- 
dorf. 88; Wilde Thier ... so man sie h. und gewohnsam um die Leute 
aufzeucht. 92. So diese Thierle von Jugend bei den Menschen erzogen, 
werden sie ganz h., freundlich etc. Stumpf 608a etc. — So noch: So h. 
ist's (das Lamm) und frißt aus meiner Hand. Hölty; Ein schöner, heime- 
licher (s. c) Vogel bleibt der Storch immerhin. Linck. Schi. 146. s. Häus- 
lich. 1 etc. — c) traut, traulich anheimelnd; das Wohlgefühl stiller 
Befriedigung etc., behaglicher Ruhe u. sichern Schutzes, wie das um- 
schlossne wohnliche Haus erregend (vgl. Geheuer) : Ist dir's h. noch im 
Lande, wo die Fremden deine Wälder roden? Alexis H. 1, 1, 289. Es war 
ihr nicht allzu h. bei ihm. Brentano Wehm. 92; Aui einem hohen h — en 
Schattenpfade . . ., längs dem rieselnden rauschenden und plätschernden 
Waldbach. Forster B. 1,417. Die H — keit der Heimath zerstören. Gervinus 
Lit. 5, 375- So vertraulich und heimlich habe ich nicht leicht ein 
Plätzchen gefunden. G. 14, 14; Wir dachten es uns so bequem, so artig, 
so gemütlich und h. 15, 9; In stiller H — keit, umzielt von engen 
Schranken. Haller: Einer sorglichen Hausfrau, die mit dem Wenigsten 
eine vergnügliche H — keit (Häuslichkeit) zu schaffen versteht. Hartmann 
Unst. 1, 188; Desto h — er kam ihm jetzt der ihm erst kurz noch so 
fremde Mann vor. Kerner 540 ; Die protestantischen Besitzer fühlen sich . . . 
nicht h. unter ihren katholischen Unterthanen. Kohl. Irl. 1, 172; Wenns h. 
wird und leise / die Abendstille nur an deiner Zelle lauscht. Tiedge 
2, 39; Still und lieb und h., als sie sich / zum Ruhen einen Platz nur 
wünschen möchten. W. 11, 144; Es war ihm garnicht h. dabei 27, 
170 etc. — Auch: Der Platz war so still, so einsam, so schatten-h. Scherr 
Pilg. 1, 17°; Die ab- und zuströmenden Fluthwellen, träumend und 
wiegenlied-h. Körner, Seh. 3, 320 etc. — Vgl. namentl. Un-h. — Namentl. 
bei schwäb., schwzr. Schriftst. oft dreisilbig: Wie „heimelich" war es dann 
Ivo Abends wieder, als er zu Hause lag. Auerbach, D. 1, 249; In dem 
Haus ist mir's so heimelig gewesen. 4. 307; Die warme Stube, der 
heimelige Nachmittag. Gotthelf, Seh. 127, 148; Das ist das wahre Heimelig, 
wenn der Mensch so von Herzen fühlt, wie wenig er ist, wie groß der 
Herr ist. 147; Wurde man nach und nach recht gemütlich und heimelig 
mit einander, U. 1, 297; Die trauliche Heimeligkeit. 380, 2, 86; Heime- 
licher wird es mir wohl nirgends werden als hier. 327; Pestalozzi 4, 240; 
Was von ferne herkommt . . . lebt gw. nicht ganz heimelig (heimatlich, 









37 4 Zur Anwendung der Psychoanalyse 



freundnachbarlich) mit den Leuten. 325; Die Hütte, wo / er sonst so 
heimelig, so froh/ ... im Kreis der Seinen oft gesessen. Reithard 20; Da 
klingt das Hörn des Wächters so heimelig vom Thurm — da ladet seine 
Stimme so gastlich. 49 ; Es schläft sich da so lind und warm / so wunder- 
heim'ligein. 23 etc. — Diese Weise verdiente allgemein zu werden, 
um das gute Wort vor dem Veralten wegen nahe liegender Ver- 
wechslung mit 2 zu bewahren, vgl: „Die Zecks sind alle h. (2)" 
H . . .? Was verstehen sie unter h . . .? — „Nun ... es kommt mir 
mit ihnen vor, wie mit einem zugegrabenen Brunnen oder 
einem ausgtrockneten Teich. Man kann nicht darüber gehen, 
ohne daß es Einem immer ist, als könnte da wieder einmal 
Wasser zum Vorschein kommen." Wir nennen das un— h.; Sie 
nennen's h. Worin finden Sie denn, daß diese Familie etwas 
Verstecktes und Unzuverlässiges hat? etc. Gutzkow R. 2, 61. 1 — 
d) (s. c) namentl. schles.: fröhlich, heiter, auch vom Wetter, s. Adelung 
und Weinhold. — 2. versteckt, verborgen gehalten, so daß man Andre 
nicht davon oder darum wissen lassen, es ihnen verbergen will, vgl. 
Geheim (2), von welchem erst nhd. Ew. es doch zumal in der älteren 
Sprache, z. B. in der Bibel, wie Hiob 11, 6; 15, 8, Weish. 2, 22; 
1. Korr. 2, 7 etc. und so auch H — keit statt Geheimnis. Math. 13, 35 etc. 
nicht immer genau geschieden wird: H. (hinter Jemandes Rücken) Etwas 
thun, treiben; Sich h. davon schleichen; H— e Zusammenkünfte, Ver- 
abredungen; Mit h— er Schadenfreude zusehen; II. seufzen, weinen; 
H. thun, als ob man etwas zu verbergen hätte; H — e Liebe, Liebschaft, 
Sünde; H — e Orte (die der Wohlstand zu verhüllen gebietet). 1. Sam. 5, 6; 
Das h— e Gemach (Abtritt) 2. Kön. 10, 27; W. 5, 256 etc., auch: Der 
h— e Stuhl, Zinkgräf 1, 249; In Graben, in H— keiten werfen. 3, 75; 
RoUenhagen Fr. 83 etc. — Führte, h. vor Laomedon / die Stuten vor. 
B. 161 b etc. — Ebenso versteckt, h., hinterlistig und boshaft gegen 
grausame Herren . . . wie offen, frei, theilnehmend und dienstwillig gegen 
den leidenden Freund. Burmeister gB 2, 157; Dusollst mein h. Heiligstes 
noch wissen. Chamisso 4, 56; Die h — e Kunst (der Zauberei). 3, 224; 
Wo die öffentliche Ventilation aufhören muß, fängt die h— e Machination 
an. Forster, Br. 2, 135; Freiheit ist die leise Parole h. Verschworener, das 
laute Feldgeschrei der öffentlich Umwälzenden. G. 4, 222; Ein heilig, h. 
Wirken. 15; Ich habe Wurzeln / die sind gar L, /im tiefen Boden / bin 
ich gegründet. 2, 109; Meine h — e Tücke (vgl. Heimtücke). 30, 344; 

1) Sperrdruck (auch im folgenden) vom Referenten. 



Das Unheimliche 575 



Empfängt er es nicht offenbar und gewissenhaft, so mag er es h. und 
gewissenlos ergreifen. 39 , 22; Ließ h. und geheimnisvoll achromatische 
Fernröhre zusammensetzen. 575; Von nun an, will ich, sei nichts H— es 
mehr unter uns. Seh. 369 b. — Jemandes H— keiten entdecken, offenbaren, 
verrathen; H— keiten hinter meinem Rücken zu brauen. Alexis. H. a, 3, 
168; Zu meiner Zeit / befliß man sich der H— keit. Hagedorn 3, 92; Die 
H— kalt und das Gepuschele unter der Hand. Immermann, M. 5, 289; 
Der H— keit (des verborgnen Golds) unmächtigen Bann / kann nur die 
Hand der Einsicht lösen. Novalis. 1, 69; / Sag an, wo du sie verbirgst . . . 
in welches Ortes verschwiegener H. Sehr. 495^; Ihr Bienen, die ihr 
knetet /der H— keiten Schloß (Wachs zum Siegeln). Tieck, Cymb. 3, 2; 
Erfahren in seltnen H— keiten (Zauberkünsten). Schlegel Sh. 6, 10a etc. 

vgl. Geheimnis L. 10: 291fr. 

Zssztg. s. ic, so auch nam. der Ggstz.: ün-: unbehagliches, banges 
Grauen erregend: Der schier ihm un-h., gespenstisch erschien. Chamisso 
3, 238; Der Nacht un-h. bange Stunden. 4, 148; Mir war schon lang' 
un-h., ja graulich zu Mute. 242; Nun fängts mir an, un-h. zu werden. 
Gutzkow R. 2, 82; Empfindet ein u— es Grauen. Verm. 1, 5X5 Un-h. 
und starr wie ein Steinbild. Reis, 1, 10; Den u— en Nebel, Haarrauch 
geheißen. Immermann M., 3, 299; Diese blassen Jungen sind un-h. und 
brauen Gott weiß was Schlimmes. Laube, Band 1, 119; Unh. nennt man 
Alles, was im Geheimnis, im Verborgenen . . . bleiben sollte und 
hervorgetreten ist. Schelling, 2, 2, 649 etc. — Das Göttliche zu 
verhüllen, mit einer gewissen U— keit zu umgeben 658 etc. — Unüblich als 
Ggstz. von (2). wie es Campe ohne Beleg anführt. 

Aus diesem langen Zitat ist für uns am interessantesten, daß 
das Wörtchen heimlich unter den mehrfachen Nuancen seiner 
Bedeutung auch eine zeigt, in der es mit seinem Gegensatz un- 
heimlich zusammenfällt. Das heimliche wird dann zum unheim- 
lichen; vgl. das Beispiel von Gutzkow: „Wir nennen das un- 
heimlich, Sie nennen's heimlich." Wir werden überhaupt daran 
gemahnt, daß dies Wort heimlich nicht eindeutig ist, sondern 
zwei Vorstellungskreisen zugehört, die, ohne gegensätzlich zu sein, 
einander doch recht fremd sind, dem des Vertrauten, Behaglichen 
und dem des Versteckten, Verborgengehaltenen. Unheimlich sei 
nur als Gegensatz zur ersten Bedeutung, nicht auch zur zweiten 






376 Zur Amvendung der Psychoanalyse 

gebräuchlich. Wir erfahren bei Sanders nichts darüber, ob nicht 
doch eine genetische Beziehung zwischen diesen zwei Bedeutungen 
anzunehmen ist. Hingegen werden wir auf eine Bemerkung von 
Schelling aufmerksam, die vom Inhalt des Begriffes Unheimlich 
etwas ganz Neues aussagt, auf das unsere Erwartung gewiß nicht 
eingestellt war. Unheimlich sei alles, was ein Geheimnis, im Ver- 
borgenen bleiben sollte und hervorgetreten ist. 

Ein Teil der so angeregten Zweifel wird durch die Angaben 
in Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch, Leipzig 
1877 (IV/a, p. 8741) geklärt: 

„Heimlich; adj. und adv. veniaculus, occultus; mhd. heimelich, heimlich. 
S. 874: In etwas anderem sinne: es ist mir heimlich, wohl, frei von 
furcht . . . 

b) heimlich ist auch der von gespensterhaften freie ort . . . 
S. 875: ß) vertraut; freundlich, zutraulich. 

4. aus dem heimatlichen, häuslichen entwickelt sich weiter 
der begriff des fremden äugen entzogenen, verborgenen, gehei- 
men, eben auch in mehrfacher beziehung ausgebildet . . . 

5. 876: „links am see 

liegt eine matte heimlich im gehölz." 

Schiller, Teil I, 4. 
. . . frei und für den modernen Sprachgebrauch ungewöhnlich . . . heimlich 
ist zu einem verbum des verbergens gestellt : er verbirgt mich heimlich 
in seinem gezelt. ps. 27, 5. (. . . heimliche orte am menschlichen Körper, 
pudenda . . . welche leute nicht stürben, die wurden geschlagen an heim- 
lichen orten. 1 Samuel 5, 12 . . .) 

c) beamtete, die wichtige und geheim zu haltende ratschlage in staats- 
sachen ertheilen, heiszen heimliche räthe, das adjektiv nach heutigem 
Sprachgebrauch durch geheim (s. d.) ersetzt: . . . (Pharao) nennet ihn 
(Joseph) den heimlichen rath. 1. Mos. 41, 45; 

S. 878: 6. heimlich für die erkenntnis, mystisch, allegorisch: heimliche 
bedeutung, mysticus, divinus, occultus, Jiguratus. 

S. 878: anders ist heimlich im folgenden, der erkenntnis entzogen, 
unbewuszt: . . . 

dann aber ist heimlich auch verschlossen, undurchdringlich in bezug 
auf erforschung: . . . 



■ 



Das Unheimliche 377 



„merkst du wohl? sie trauen mir nicht, 

fürchten des Friedländers heimlich gesicht." 

Wallensteins lager, 2. aufz. 

g. die bedeutung des versteckten, gefährlichen, die in der 
vorigen nummer hervortritt, entwickelt sich noch weiter, so 
dasz heimlich den sinn empfängt, den sonst unheimlich (gebildet 
nach heimlich, $b, sp. 874) hat: „mir ist zu Zeiten wie dem menschen 
der in nacht wandelt und an gespenster glaubt, jeder winkel ist ihm 
heimlich und schauerhaft." Klinger, theater, 5, 298. 

Also heimlich ist ein "Wort, das seine Bedeutung nach einer 
Ambivalenz hin entwickelt, bis es endlich mit seinem Gegensatz 
unheimlich zusammenfällt. Unheimlich ist irgendwie eine Art von 
heimlich. Halten wir dies noch nicht recht geklärte Ergebnis mit 
der Definition des Unheimlichen von Schelling zusammen. Die 
Einzeluntersuchung der Fälle des Unheimlichen wird uns diese 
Andeutungen verständlich machen. 

II 

Wenn wir jetzt an die Musterung der Personen und Dinge, 
Eindrücke, Vorgänge und Situationen herangehen, die das Gefühl 
des Unheimlichen in besonderer Stärke und Deutlichkeit m uns 
zu erwecken vermögen, so ist die Wahl eines glücklichen ersten 
Beispiels offenbar das nächste Erfordernis. E. Jentsch hat als aus- 
gezeichneten Fall den „Zweifel an der Beseelung eines anschei- 
nend lebendigen Wesens und umgekehrt darüber, ob ein lebloser 
Gegenstand nicht etwa beseelt sei" hervorgehoben und sich dabei 
auf den Eindruck von Wachsfiguren, kunstvollen Puppen und 
Automaten berufen. Er reiht dem das Unheimliche des epilepti- 
schen Anfalls und der Äußerungen des Wahnsinnes an, weil durch 
sie in dem Zuschauer Ahnungen von automatischen — mecha- 
nischen — Prozessen geweckt werden, die hinter dem gewohnten 
Bilde der Beseelung verborgen sein mögen. Ohne nun von dieser 
Ausführung des Autors voll überzeugt zu sein, wollen wir unsere 






37 8 Zur Anwendung der Psychoanalyse 






eigene Untersuchung an ihn anknüpfen, weil er uns im weiteren 
an einen Dichter mahnt, dem die Erzeugung unheimlicher Wir- 
kungen so gut wie keinem anderen gelungen ist. 

„Einer der sichersten Kunstgriffe, leicht unheimliche Wirkungen 
durch Erzählungen hervorzurufen", schreibt Jentsch, „beruht 
nun darauf, daß man dem Leser im Ungewissen darüber läßt, 
ob er in einer bestimmten Figur eine Person oder etwa einen 
Automaten vor sich habe, und zwar so, daß diese Unsicherheit 
nicht direkt in den Brennpunkt seiner Aufmerksamkeit tritt, da- 
mit er nicht veranlaßt werde, die Sache sofort zu untersuchen 
und klarzustellen, da hiedurch, wie gesagt, die besondere Gefühls- 
wirkung leicht schwindet. E. T. A. Hoff mann hat in seinen 
Phantasiestücken dieses psychologische Manöver wiederholt mit 
Erfolg zur Geltung gebracht." 

Diese gewiß richtige Bemerkung zielt vor allem auf die Er- 
zählung „Der Sandmann" in den „Nachtstücken" (dritter Band 
der Grisebachschen Ausgabe von Hoffmanns sämtlichen Werken), 
aus welcher die Figur der Puppe Olimpia in den ersten Akt der 
Offenbachschen Oper „Hoffmanns Erzählungen" gelangt ist. 
Ich muß aber sagen — und ich hoffe, die meisten Leser der 
Geschichte werden mir beistimmen, — daß das Motiv der belebt 
scheinenden Puppe Olimpia keineswegs das einzige ist, welches 
für die unvergleichlich unheimliche Wirkung der Erzählung ver- 
antwortlich gemacht werden muß, ja nicht einmal dasjenige, dem 
diese Wirkung in erster Linie zuzuschreiben wäre. Es kommt 
dieser Wirkung auch nicht zustatten, daß die Olimpia-Episode vom 
Dichter selbst eine leise Wendung ins Satirische erfährt und von 
ihm zum Spott auf die Liebesüberschätzung von seiten des jungen 
Mannes gebraucht wird. Im Mittelpunkt der Erzählung steht viel- 
mehr ein anderes Moment, nach dem sie auch den Namen trägt, 
und das an den entscheidenden Stellen immer wieder hervorge- 
kehrt wird: das Motiv des Sandmannes, der den Kindern die 
Augen ausreißt. 



Das Unheimliche 579 



Der Student Nathaniel, mit dessen Kindheitserinnerungen die 
phantastische Erzählung anhebt, kann trotz seines Glückes in der 
Gegenwart die Erinnerungen nicht bannen, die sich ihm an den 
rätselhaft erschreckenden Tod des geliebten Vaters knüpfen. An 
gewissen Abenden pflegte die Mutter die Kinder mit der Mahnung 
zeitig zu Bette zu schicken: Der Sandmann kommt, und wirklich 
hört das Kind dann jedesmal den schweren Schritt eines Besuchers, 
der den Vater für diesen Abend in Anspruch nimmt. Die Mutter, 
nach dem Sandmann befragt, leugnet dann zwar, daß ein solcher 
anders denn als Redensart existiert, aber eine Kinderfrau weiß 
greifbarere Auskunft zu geben: „Das ist ein böser Mann, der 
kommt zu den Kindern, wenn sie nicht zu Bette gehen wollen, 
und wirft ihnen Hände voll Sand in die Augen, daß sie blutig 
zum Kopfe herausspringen, die wirft er dann in den Sack und 
trägt sie in den Halbmond zur Atzung für seine Kinderchen, die 
sitzen dort im Nest und haben krumme Schnäbel, wie die Eulen, 
damit picken sie der unartigen Menschenkindlein Augen auf.' 

Obwohl der kleine Nathaniel alt und verständig genug war, 
um so schauerliche Zutaten zur Figur des Sandmannes abzuweisen, 
so setzte sich doch die Angst vor diesem selbst in ihm fest. Er 
beschloß zu erkunden, wie der Sandmann aussehe, und verbarg 
sich eines Abends, als er wieder erwartet wurde, im Arbeitszimmer 
des Vaters. In dem Besucher erkennt er dann den Advokaten 
Coppelius, eine abstoßende Persönlichkeit, vor der sich die Kinder 
zu scheuen pflegten, wenn er gelegentlich als Mittagsgast erschien, 
und identifiziert nun diesen Coppelius mit dem gefürchteten Sand- 
mann. Für den weiteren Fortgang dieser Szene macht es der 
Dichter bereits zweifelhaft, ob wir es mit einem ersten Delirium 
des angstbesessenen Knaben oder mit einem Bericht zu tun haben, 
der als real in der Darstellungswelt der Erzählung aufzufassen ist. 
Vater und Gast machen sich an einem Herd mit flammender 
Glut zu schaffen. Der kleine Lauscher hört Coppelius rufen: 
„Augen her, Augen her", verrät sich durch seinen Aufschrei und 



580 Zur Anwendung der Psychoanalyse 



wird von Coppelius gepackt, der ihm glutrote Körner aus der 
Flamme in die Augen streuen will, um sie dann auf den Herd 
zu werfen. Der Vater bittet die Augen des Kindes frei. Eine tiefe 
Ohnmacht und lange Krankheit beenden das Erlebnis. Wer sich 
für die rationalistische Deutung des Sandmannes entscheidet, wird 
in dieser Phantasie des Kindes den fortwirkenden Einfluß jener 
Erzählung der Kinderfrau nicht verkennen. Anstatt der Sandkörner 
sind es glutrote Flammenkörner, die dem Kinde in die Augen 
gestreut werden sollen, in beiden Fällen, damit die Augen heraus- 
springen. Bei einem weiteren Besuche des Sandmannes ein Jahr 
später wird der Vater durch eine Explosion im Arbeitszimmer 
getötet; der Advokat Coppelius verschwindet vom Orte, ohne eine 
Spur zu hinterlassen. 

Diese Schreckgestalt seiner Kinderjahre glaubt nun der Student 
Nathaniel in einem herumziehenden italienischen Optiker Giuseppe 
Coppola zu erkennen, der ihm in der Universitätsstadt Wetter- 
gläser zum Kauf anbietet und nach seiner Ablehnung hinzusetzt: 
„Ei, nix Wetterglas, nix Wetterglas! — hab auch sköne Oke — 
sköne Oke." Das Entsetzen des Studenten wird beschwichtigt, da 
sich die angebotenen Augen als harmlose Brillen herausstellen; 
er kauft dem Coppola ein Taschenperspektiv ab und späht mit 
dessen Hilfe in die gegenüberliegende Wohnung des Professors 
Spalanzani, wo er dessen schöne, aber rätselhaft wortkarge und 
unbewegte Tochter Olimpia erblickt. In diese verliebt er sich 
bald so heftig, daß er seine kluge und nüchterne Braut über sie 
vergißt. Aber Olimpia ist ein Automat, an dem Spalanzani das 
Räderwerk gemacht und dem Coppola — der Sandmann — 
die Augen eingesetzt hat. Der Student kommt hinzu, wie die 
beiden Meister sich um ihr Werk streiten; der Optiker hat die 
hölzerne, augenlose Puppe davongetragen und der Mechaniker, 
Spalanzani, wirft Nathaniel die auf dem Boden liegenden blutigen 
Augen Olimpias an die Brust, von denen er sagt, daß Coppola 
sie dem Nathaniel gestohlen. Dieser wird von einem neuer- 






Das Unheimliche 581 



liehen Wahnsinnsanfall ergriffen, in dessen Delirium sich die 
Reminiszenz an den Tod des Vaters mit dem frischen Eindruck 
verbindet: „Hui — hui — hui! — Feuerkreis — Feuerkreis! 
Dreh' dich, Feuerkreis — lustig — lustig! Holzpüppchen hui, 
schön Holzpüppchen dreh' dich — ." Damit wirft er sich auf 
den Professor, den angeblichen Vater Olimpias, und will ihn 

erwürgen. 

Aus langer, schwerer Krankheit erwacht, scheint Nathaniel 
endlich genesen. Er gedenkt, seine wiedergefundene Braut zu hei- 
raten. Sie ziehen beide eines Tages durch die Stadt, auf deren 
Markt der hohe Ratsturm seinen Riesenschatten wirft. Das Mäd- 
chen schlägt ihrem Bräutigam vor, auf den Turm zu steigen, 
während der das Paar begleitende Bruder der Braut unten ver- 
bleibt. Oben zieht eine merkwürdige Erscheinung von etwas, was 
sich auf der Straße heranbewegt, die Aufmerksamkeit Claras auf 
sich. Nathaniel betrachtet dasselbe Ding durch Coppolas Perspektiv, 
das er in seiner Tasche findet, wird neuerlich vom Wahnsinn 
ergriffen und mit den Worten: Holzpüppchen, dreh' dich, will er 
das Mädchen in die Tiefe schleudern. Der durch ihr Geschrei 
herbeigeholte Bruder rettet sie und eilt mit ihr herab. Oben läuft 
der Rasende mit dem Ausruf herum: Feuerkreis, dreh' dich, dessen 
Herkunft wir ja verstehen. Unter den Menschen, die sich unten 
ansammeln, ragt der Advokat Coppelius hervor, der plötzlich 
wieder erschienen ist. Wir dürfen annehmen, daß es der Anblick 
seiner Annäherung war, der den Wahnsinn bei Nathaniel zum 
Ausbruch brachte. Man will hinauf, um sich des Rasenden zn 
bemächtigen, aber Coppelius' lacht: „wartet nur, der kommt schon 
herunter von selbst." Nathaniel bleibt plötzlich stehen, wird den 
Coppelius gewahr und wirft sich mit dem gellenden Schrei: Ja! 

Sköne Oke — Sköne Oke" über das Geländer herab. Sowie er 



1) Zur Ableitung des Namens: Cappella = Probiertiegel (die chemischen Opera- 
tionen, bei denen der Vater verunglückt); coppo = Augenhöhle (nach einer Bemer- 
kung von Frau Dr. Rank). 






1/ 



y. 



382 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

mit zerschmettertem Kopf auf dem Straßenpflaster liegt, ist der 
Sandmann im Gewühl verschwunden. 

Diese kurze Nacherzählung wird wohl keinen Zweifel darüber 
bestehen lassen, daß das Gefühl des Unheimlichen direkt an der 
Gestalt des Sandmannes, also an der Vorstellung, der Augen 
beraubt zu werden, haftet, und daß eine intellektuelle Unsicher- 
heit im Sinne von Jentsch mit dieser Wirkung nichts zu tun 
hat. Der Zweifel an der Beseeltheit, den wir bei der Puppe 
Olimpia gelten lassen mußten, kommt bei diesem stärkeren Bei- 
spiel des Unheimlichen überhaupt nicht in Betracht. Der Dichter 
erzeugt zwar in uns anfänglich eine Art von Unsicherheit, indem 
er uns, gewiß nicht ohne Absicht, zunächst nicht erraten läßt, 
ob er uns in die reale Welt oder in eine ihm beliebige phan- 
tastische Welt einführen wird. Er hat ja bekanntlich das Recht, 
das eine oder das andere zu tun, und wenn er z. B. eine Welt, 
in der Geister, Dämonen und Gespenster agieren, zum Schauplatz 
seiner Darstellungen gewählt hat, wie Shakespeare im Hamlet, 
Macbeth und in anderem Sinne im Sturm und im Sommer- 
nachtstraum, so müssen wir ihm darin nachgeben und diese Welt 
seiner Voraussetzung für die Dauer unserer Hingegebenheit wie 
eine Realität behandeln. Aber im Verlaufe der Hoffmannschen 
Erzählung schwindet dieser Zweifel, wir merken, daß der Dichter 
uns selbst durch die Brille oder das Perspektiv des dämonischen 
Optikers schauen lassen will, ja daß er vielleicht in höchsteigener 
Person durch solch ein Instrument geguckt hat. Der Schluß der 
Erzählung macht es ja klar, daß der Optiker Coppola wirklich 
der Advokat Coppelius und also auch der Sandmann ist. 

Eine „intellektuelle Unsicherheit" kommt hier nicht mehr in 
Frage: wir wissen jetzt, daß uns nicht die Phantasiegebilde eines 
Wahnsinnigen vorgeführt werden sollen, hinter denen wir in 
rationalistischer Überlegenheit den nüchternen Sachverhalt erkennen 
mögen, und — der Eindruck des Unheimlichen hat sich durch 
diese Aufklärung nicht im mindesten verringert. Eine intellek- 



Das Unheimliche 3&3 



tuelle Unsicherheit leistet uns also nichts für das Verständnis 
dieser unheimlichen Wirkung. 

Hingegen mahnt uns die psychoanalytische Erfahrung daran, 
daß es eine schreckliche Kinderangst ist, die Augen zu beschädigen 
oder zu verlieren. Vielen Erwachsenen ist diese Ängstlichkeit ver- 
blieben und sie fürchten keine andere Organverletzung so sehr 
wie die des Auges. Ist man doch auch gewohnt zu sagen, daß 
man etwas behüten werde wie seinen Augapfel. Das Studium der 
Träume, der Phantasien und Mythen hat uns dann gelehrt, daß 
die Angst um die Augen, die Angst zu erblinden, häufig genug 
ein Ersatz für die Kastrationsangst ist. Auch die Selbstblendung 
des mythischen Verbrechers Ödipus ist nur eine Ermäßigung für 
die Strafe der Kastration, die ihm nach der Regel der Talion 
allein angemessen wäre. Man mag es versuchen, in ratio- 
nalistischer Denkweise die Zurückführung der Augenangst auf die 
Kastrationsangst abzulehnen; man findet es begreiflich, daß ein so 
kostbares Organ wie das Auge von einer entsprechend großen Angst 
bewacht wird, ja man kann weitergehend behaupten, daß kein 
tieferes Geheimnis und keine andere Bedeutung sich hinter der 
Kastrationsangst verberge. Aber man wird damit doch nicht der 
Ersatzbeziehung gerecht, die sich in Traum, Phantasie und Mythus 
zwischen Auge und männlichem Glied kundgibt, und kann dem 
Eindruck nicht widersprechen, daß ein besonders starkes und 
dunkles Gefühl sich gerade gegen die Drohung, das Geschlechts- 
glied einzubüßen erhebt, und daß dieses Gefühl erst der Vor- 
stellung vom Verlust anderer Organe den Nachhall verleiht. Jeder 
weitere Zweifel schwindet dann, wenn man aus den Analysen an 
Neurotikern die Details des „Kastrationskomplexes" erfahren und 
dessen großartige Rolle in ihrem Seelenleben zur Kenntnis ge- 

nommen hat. 

Auch würde ich keinem Gegner der psychoanalytischen Ab- 
fassung raten, sich für die Behauptung, die Augenangst sei etwas 
vom Kastrationskomplex Unabhängiges, gerade auf die Hoff- 









584 Zur Anwendung der Psychoanalyse 



mannsche Erzählung vom „Sandmann" zu berufen. Denn warum 
ist die Augenangst hier mit dem Tode des Vaters in innigste 
Beziehung gebracht? Warum tritt der Sandmann jedesmal als 
Störer der Liebe auf? Er entzweit den unglücklichen Studenten 
mit seiner Braut und ihrem Bruder, der sein bester Freund ist, 
er vernichtet sein zweites Liebesobjekt, die schöne Puppe Olimpia, 
und zwingt ihn selbst zum Selbstmord, wie er unmittelbar vor der 
beglückenden Vereinigung mit seiner wiedergewonnenen Clara 
steht. Diese sowie viele andere Züge der Erzählung erscheinen 
willkürlich und bedeutungslos, wenn man die Beziehung der 
Augenangst zur Kastration ablehnt, und werden sinnreich, sowie 
man für den Sandmann den gefürchteten Vater einsetzt, von dem 
man die Kastration erwartet. 1 

1) In der Tat hat die Phantasiebearbeituiig des Dichters die Elemente des 
Stoffes nicht so wild herumgewirbelt, daß man ihre ursprüngliche Anordnung nicht 
wiederherstellen könnte. In der Kindergeschichtc stellen der Vater und Coppelius die 
durch Ambivalenz in zwei Gegensätze zerlegte Vater- Imngo dar; der eine droht mit 
der Blendung (Kastration), der andere, der gute Vater, bittet die Augen des Kindes 
frei. Das von der Verdrängung am stärksten betroffene Stück des Komplexes, der 
Todeswunsch gegen den bösen Vater, findet seine Darstellung in dem Tod des guten 
Vaters, der dem Coppelius zur Last gelegt wird. Diesem Väterpaar entsprechen in 
der späteren Lebensgeschichte des Studenten der Professor Spalanzani und der 
Optiker Coppola, der Professor an sich eine Figur der Vaterreihe, Coppola als 
identisch mit dem Advokaten Coppelius erkannt. Wie sie damals zusammen am 
geheimnisvollen Herd arbeiteten, so haben sie nun gemeinsam die Puppe Olimpia 
verfertigt; der Professor heißt auch der Vater Olimpias. Durch diese zweimalige 
Gemeinsamkeit verraten sie sich als Spaltungen der Vater-Imago, d. h. sowohl der 
Mechaniker als auch der Optiker sind der Vater der Olimpia wie des Nathaniel. In 
der Schreckensszene der Kinderzeit hatte Coppelius, nachdem er auf die Blendung 
des Kleinen verzichtet, ihm probeweise Arme und Beine abgeschraubt, also wie ein 
Mechaniker an einer Puppe an ihm gearbeitet. Dieser sonderbare Zug, der ganz aus 
dem Rahmen der Sandmannvorstellung heraustritt, bringt ein neues Äquivalent der 
Kastration ins Spiel; er weist aber auch auf die innere Identität des Coppelius mit 
seinem späteren Widerpart, dem Mechaniker Spalanzani, hin und bereitet uns für 
die Deutung der Olimpia vor. Diese automatische Puppe kann nichts anderes sein 
als die Materialisation von Nathaniels femininer Einstellung zu seinem Vater in 
früher Kindheit. Ihre Väter — Spalanzani und Coppola — sind ja nur neue Auflagen, 
'Reinkarnationen von Nathaniels Väterpaar; die sonst unverständliche Angabe des 
Spalanzani, daß der Optiker dem Nathaniel die Augen gestohlen (s. o.), um sie der 
Puppe einzusetzen, gewinnt so als Beweis für die Identität von Olimpia und Nathaniel 
ihre Bedeutung. Olimpia ist sozusagen ein von Nathaniel losgelöster Komplex, der 
ihm als Person entgegentritt; die Beherrschung durch diesen Komplex findet in der 
unsinnig zwanghaften Liebe zur Olimpia ihren Ausdruck. Wir haben das Recht, 



Das Unheimliche 385 



I 


















Wir würden es also wagen, das Unheimliche des Sandmannes 
auf die Angst des kindlichen Kastrationskomplexes zurückzuführen. 
Sowie aber die Idee auftaucht, ein solches infantiles Moment für 
die Entstehung des unheimlichen Gefühls in Anspruch zu nehmen, 
werden wir auch zum Versuch getrieben, dieselbe Ableitung für 
andere Beispiele des Unheimlichen in Betracht zu ziehen. Im 
Sandmann findet sich noch das Motiv der belebt scheinenden 
Puppe, das Jentsch hervorgehoben hat. Nach diesem Autor ist 
es eine besonders günstige Bedingung für die Erzeugung unheim- 
licher Gefühle, wenn eine intellektuelle Unsicherheit geweckt 
wird, ob etwas belebt oder leblos sei, und wenn das Leblose die 
Ähnlichkeit mit dem Lebenden zu weit treibt. Natürlich sind wir 
aber gerade mit den Puppen vom Kindlichen nicht weit entfernt. 
Wir erinnern uns, daß das Kind im frühen Alter des Spielens 
überhaupt nicht scharf zwischen Belebtem und Leblosem unter- 
scheidet und daß es besonders gern seine Puppe wie ein lebendes 
Wesen behandelt. Ja, man hört gelegentlich von einer Patientin 
erzählen, sie habe noch im Alter von acht Jahren die Über- 
zeugung gehabt, wenn sie ihre Puppen auf eine gewisse Art, 
möglichst eindringlich, anschauen würde, müßten diese lebendig 
werden. Das infantile Moment ist also auch hier leicht nachzu- 
weisen j aber merkwürdig, im Falle des Sandmannes handelte es 
sich um die Erweckung einer alten Kinderangst, bei der lebenden 
Puppe ist von Angst keine Rede, das Kind hat sich vor dem 
Beleben seiner Puppen nicht gefürchtet, vielleicht es sogar 

diese Liebe eine narzißtische zu heißen, und verstehen, daß der ihr Verfallene 
sich dem realen Liebesobjekt entfremdet. Wie psychologisch richtig es aber ist, 
daß der durch den Kastrationskomplex an den Vater fixierte Jüngling der Liebe 
zum Weibe unfähig wird, zeigen zahlreiche Krankenanalysen, deren Inhalt zwar 
weniger phantastisch, aber kaum minder traurig ist als die Geschichte des Studenten 
Nathaniel. 

E. T. A. Hoffmann war das Kind einer imglücklichen Ehe. Als er drei Jahre 
war, trennte sich der Vater von seiner kleinen Familie und lebte nie wieder mit ihr 
vereint. Nach den Belegen, die E. Griesebach in der biographischen Einleitung zu 
Hoffmanns Werken beibringt, war die Beziehung zum Vater immer eine der 
wundesten Stellen in des Dichters Gefühlsleben. 



Freud, X. 25 






' 






386 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

gewünscht. Die Quelle des unheimlichen Gefühls wäre also hier 
nicht eine Kinderangst, sondern ein Kinderwunsch oder auch nur 
ein Kinderglaube. Das scheint ein Widerspruch; möglicherweise 
ist es nur eine Mannigfaltigkeit, die späterhin unserem Verständnis 
förderlich werden kann. 

E. T. A. Hoff mann ist der unerreichte Meister des Unheim- 
lichen in der Dichtung. Sein Roman „Die Elixiere des Teufels" 
weist ein ganzes Bündel von Motiven auf, denen man die un- 
heimliche Wirkung der Geschichte zuschreiben möchte. Der Inhalt 
des Romans ist zu reichhaltig und verschlungen, als daß man 
einen Auszug daraus wagen könnte. Zu Ende des Buches, wenn 
die dem Leser bisher vorenthaltenen Voraussetzungen der Hand- 
lung nachgetragen werden, ist das Ergebnis nicht die Aufklärung 
des Lesers, sondern eine volle Verwirrung desselben. Der Dichter 
hat zu viel Gleichartiges gehäuft; der Eindruck des Ganzen leidet 
nicht darunter, wohl aber das Verständnis. Man muß sich damit 
begnügen, die hervorstechendsten unter jenen unheimlich wir- 
kenden Motiven herauszuheben, um zu untersuchen, ob auch für 
sie eine Ableitung aus infantilen Quellen zulässig ist. Es sind dies 
das Doppelgängertum in all seinen Abstufungen und Ausbildungen, 
also das Auftreten von Personen, die wegen ihrer gleichen Er- 
scheinung für identisch gehalten werden müssen, die Steigerung 
dieses Verhältnisses durch Überspringen seelischer Vorgänge von 
einer dieser Personen auf die andere — was wir Telepathie 
heißen würden, — so daß der eine das Wissen, Fühlen und 
Erleben des anderen mitbesitzt, die Identifizierung mit einer 
anderen Person, so daß man an seinem Ich irre wird oder 
das fremde Ich an die Stelle des eigenen versetzt, also Ich- 
Verdopplung, Ich -Teilung, Ich -Vertauschung — und endlich 
die beständige Wiederkehr des Gleichen, die Wiederholung der 
nämlichen Gesichtszüge, Charaktere, Schicksale, verbrecherischen 
Taten, ja der Namen durch mehrere aufeinanderfolgende Gene- 
rationen. 



Das Unheimliche 587 



Das Motiv des Doppelgängers hat in einer gleichnamigen 
Arbeit von 0. Rank eine eingehende Würdigung gefunden. 1 
Dort werden die Beziehungen des Doppelgängers zum Spiegel- und 
Schattenbild, zum Schutzgeist, zur Seelenlehre und zur Todesfurcht 
untersucht, es fällt aber auch helles Licht auf die überraschende 
Entwicklungsgeschichte des Motivs. Denn der Doppelgänger war 
ursprünglich eine Versicherung gegen den Untergang des Ichs, 
eine „energische Dementierung der Macht des Todes" (0. Rank) 
und wahrscheinlich war die „unsterbliche" Seele der erste Doppel- 
gänger des Leibes. Die Schöpfung einer solchen Verdopplung zur 
Abwehr gegen die Vernichtung hat ihr Gegenstück in einer Dar- 
stellung der Traumsprache, welche die Kastration durch Verdopp- 
lung oder Vervielfältigung des Genitalsymbols auszudrücken liebt; 
sie wird in der Kultur der alten Ägypter ein Antrieb für die f 
Kunst, das Bild des Verstorbenen in dauerhaftem Stoff zu formen. 
Aber diese Vorstellungen sind auf dem Boden der uneingeschränkten 
Selbstliebe entstanden, des primären Narzißmus, welcher das Seelen- 
leben des Kindes wie des Primitiven beherrscht, und mit der 
Überwindung dieser Phase ändert sich das Vorzeichen des Doppel- 
gängers, aus einer Versicherung des Fortlebens wird er zum un- 
heimlichen Vorboten des Todes. 

Die Vorstellung des Doppelgängers braucht nicht mit diesem 
uranfänglichen Narzißmus unterzugehen; denn sie kann aus den 
späteren Entwicklungsstufen des Ichs neuen Inhalt gewinnen. Im 
Ich bildet sich langsam eine besondere Instanz heraus, welche 
sich dem übrigen Ich entgegenstellen kann, die der Selbstbeob- 
achtung und Selbstkritik dient, die Arbeit der psychischen Zensur 
leistet und unserem Bewußtsein als „Gewissen" bekannt wird. 
Im pathologischen Falle des Beachtungswahnes wird sie isoliert, 
vom Ich abgespalten, dem Arzte bemerkbar. Die Tatsache, daß 
eine solche Instanz vorhanden ist, welche das übrige Ich wie ein 



1) O. Rank, Der Doppelgänger. Imago III, 1914. 

25* 



388 Zur Anwendung der Psychoanalyse. 



Objekt behandeln kann, also daß der Mensch der Selbstbeobach- 
tung fähig ist, macht es möglich, die alte Doppelgängervorstellung 
mit neuem Inhalt zu erfüllen und ihr mancherlei zuzuweisen, 
vor allem all das, was der Selbstkritik als zugehörig zum alten 
überwundenen Narzißmus der Urzeit erscheint. 1 

Aber nicht nur dieser der Ich-Kritik anstößige Inhalt kann dem 
Doppelgänger einverleibt werden, sondern ebenso alle unterblie- 
benen Möglichkeiten der Geschicksgestaltung, an denen die Phan- 
tasie noch festhalten will, und alle Ich-Strebungen, die sich infolge 
äußerer Ungunst nicht durchsetzen konnten, sowie alle die unter- 
drückten Willensentscheidungen, die die Illusion des freien Willens 

ergeben haben. 2 

Nachdem wir aber so die manifeste Motivierung der Doppel- 
gängergestalt betrachtet haben, müssen wir uns sagen: Nichts von 
alledem macht uns den außerordentlich hohen Grad von Unheim- 
lichkeit, der ihr anhaftet, verständlich, und aus unserer Kenntnis 
der pathologischen Seelenvorgänge dürfen wir hinzusetzen, nichts 
von diesem Inhalt könnte das Abwehrbestreben erklären, das ihn 
als etwas Fremdes aus dem Ich hinausprojiziert. Der Charakter 
des Unheimlichen kann doch nur daher rühren, daß der Doppel- 
gänger eine den überwundenen seelischen Urzeiten angehörige 
Bildung ist, die damals allerdings einen freundlicheren Sinn hatte. 
Der Doppelgänger ist zum Schreckbild geworden, wie die Götter 
nach dem Sturz ihrer Religion zu Dämonen werden (Heine, Die 
Götter im Exil). 

ll Ich glaube, wenn die Dichter klagen, daß zwei Seelen in des Menschen Brust 
I wohnen, und wenn die Populärpsychologen von der Spaltung des Ichs im Menschen 
reden, so schwebt ihnen diese Entzweiung, der Ich-Psychologie angehörig, zwischen 
der kritischen Instanz und dem Ich-Rest vor und nicht die von der Psychoanalyse 
aufgedeckte Gegensätzlichkeit zwischen dem Ich und dem unbewußten Verdrängten. 
Der Unterschied wird allerdings dadurch verwischt, daß sich unter dem von der 
Ich-Kritik Verworfenen zunächst die Abkömmlinge des Verdrängten befinden. 

2) In der H. H. Ewers sehen Dichtung „Der Student von Prag", von welcher die 
Ranksche Studie über den Doppelgänger ausgegangen ist, hat der Held der Geliebten 
versprochen, seinen Duellgegner nicht zu töten. Auf dem Wege zum Duellplatz be- 
gegnet ihm aber der Doppelgänger, welcher den Nebenbuhler bereits erledigt hat. 















Das Unheimliche 5 8 9 



Die anderen bei Hoff mann verwendeten Ich-Störungen sind 
nach dem Muster des Doppelgängermotivs leicht zu beurteilen. 
Es handelt sich bei ihnen um ein Rückgreifen auf einzelne Phasen 
in der Entwicklungsgeschichte des Ich-Gefühls, um eine Regression 
in Zeiten, da das Ich sich noch nicht scharf von der Außenwelt 
und vom anderen abgegrenzt hatte. Ich glaube, daß diese Motive 
den Eindruck des Unheimlichen mitverschulden, wenngleich es 
nicht leicht ist, ihren Anteil an diesem Eindruck isoliert heraus- 
zugreifen. 

Das Moment der Wiederholung des Gleichartigen wird als 
Quelle des unheimlichen Gefühls vielleicht nicht bei jedermann 
Anerkennung finden. Nach meinen Beobachtungen ruft es unter 
gewissen Bedingungen und in Kombination mit bestimmten Um- 
ständen unzweifelhaft ein solches Gefühl hervor, das überdies an 
die Hilflosigkeit mancher Traumzustände mahnt. Als ich einst an 
einem heißen Sommernachmittag die mir unbekannten, menschen- 
leeren Straßen einer italienischen Kleinstadt durchstreifte, geriet 
ich in eine Gegend, über deren Charakter ich nicht lange in 
Zweifel bleiben konnte. Es waren nur geschminkte Frauen an 
den Fenstern der kleinen Häuser zu sehen, und ich beeilte mich, 
die enge Straße durch die nächste Einbiegung zu verlassen. Aber 
nachdem ich eine Weile führerlos herumgewandert war, fand ich 
mich plötzlich in derselben Straße wieder, in der ich nun Auf- 
sehen zu erregen begann, und meine eilige Entfernung hatte nur 
die Folge, daß ich auf einem neuen Umwege zum drittenmal 
dahingeriet. Dann aber erfaßte mich ein Gefühl, das ich nur als 
unheimlich bezeichnen kann, und ich war froh, als ich unter 
Verzicht auf weitere Entdeckungsreisen auf die kürzlich von mir 
verlassene Piazza zurückfand. Andere Situationen, die die unbeab- 
sichtigte Wiederkehr mit der eben beschriebenen gemein haben 
und sich in den anderen Punkten gründlich von ihr unterscheiden, 
haben doch dasselbe Gefühl von Hilflosigkeit und Unheimlichkeit 
zur Folge. Zum Beispiel, wenn man sich im Hochwald, etwa vom 



1 



y ^ 



3g o Zur Anwendung der Psychoanalyse 

Nebel überrascht, verirrt hat und nun trotz aller Bemühungen, 
einen markierten oder bekannten Weg zu finden, wiederholt zu 
der einen, durch eine bestimmte Formation gekennzeichneten 
Stelle zurückkommt. Oder wenn man im unbekannten, dunkeln 
Zimmer wandert, um die Tür oder den Lichtschalter aufzusuchen 
und dabei zum xtenmal mit demselben Möbelstück zusammen- 
stößt, eine Situation, die Mark Twain allerdings durch groteske 
Übertreibung in eine unwiderstehlich komische umgewandelt hat. 
An einer anderen Reihe von Erfahrungen erkennen wir auch 
mühelos, daß es nur das Moment der unbeabsichtigten Wieder- 
holung ist, welches das sonst Harmlose unheimlich macht und 
uns die Idee des Verhängnisvollen, Unentrinnbaren aufdrängt, wo 
wir sonst nur von „Zufall" gesprochen hätten. So ist es z. B. ge- 
wiß ein gleichgültiges Erlebnis, wenn man für seine in einer 
Garderobe abgegebenen Kleider einen Schein mit einer gewissen 
Zahl — sagen wir: 62 — erhält oder wenn man findet, daß 
die zugewiesene Schiffskabine diese Nummer trägt. Aber dieser 
Eindruck ändert sich, wenn beide an sich indifferenten Begeben- 
heiten nahe aneinanderrücken, so daß einem die Zahl 62 mehr- 
mals an demselben Tage entgegentritt, und wenn man dann etwa gar 
die Beobachtung machen sollte, daß alles, was eine Zahlenbezeich- 
nung trägt, Adressen, Hotelzimmer, Eisenbahnwagen u. dgl. immer 
wieder die nämliche Zahl, wenigstens als Bestandteil, wiederbringt. 
Man findet das „unheimlich", und wer nicht stich- und hiebfest 
gegen die Versuchungen des Aberglaubens ist, wird sich geneigt 
finden, dieser hartnäckigen Wiederkehr der einen Zahl eine ge- 
heime Bedeutung zuzuschreiben, etwa einen Hinweis auf das ihm 
bestimmte Lebensalter darin zu sehen. Oder wenn man eben mit 
dem Studium der Schriften des großen Physiologen H. Hering 
beschäftigt ist, und nun wenige Tage auseinander Briefe von zwei 
Personen dieses Namens aus verschiedenen Ländern empfängt, 
während man bis dahin niemals mit Leuten, die so heißen, in 
Beziehung getreten war. Ein geistvoller Naturforscher hat vor 



Das Unheimliche 39 l 



kurzem den Versuch unternommen, Vorkommnisse solcher Art 
gewissen Gesetzen unterzuordnen, wodurch der Eindruck des Un- 
heimlichen aufgehoben werden müßte. Ich getraue mich nicht zu 
entscheiden, ob es ihm gelungen ist. 1 

Wie das Unheimliche der gleichartigen Wiederkehr aus dem 
infantilen Seelenleben abzuleiten ist, kann ich hier nur andeuten 
und muß dafür auf eine bereitliegende ausführliche Darstellung 
in anderem Zusammenhange verweisen. Im seelisch Unbewußten 
läßt sich nämlich die Herrschaft eines von den Triebregungen 
ausgehenden Wiederholungszwanges erkennen, der wahrschein- 
lich von der innersten Natur der Triebe selbst abhängt, stark 
genug ist, sich über das Lustprinzip hinauszusetzen, gewissen 
Seiten des Seelenlebens den dämonischen Charakter verleiht, sich 
in den Strebungen des kleinen Kindes noch sehr deutlich äußert 
und ein Stück vom Ablauf der Psychoanalyse des Neurotikers 
beherrscht. Wir sind durch alle vorstehenden Erörterungen darauf 
vorbereitet, daß dasjenige als unheimlich verspürt werden wird, 
-was an diesen inneren Wiederholungszwang mahnen kann. 

Nun, denke ich aber, ist es Zeit, uns von diesen immerhin 
schwierig zu beurteilenden Verhältnissen abzuwenden und un- 
zweifelhafte Fälle des Unheimlichen aufzusuchen, von deren Analyse 
wir die endgültige Entscheidung über die Geltung unserer An- 
nahme erwarten dürfen. 

Im „Ring des Polykrates" wendet sich der Gast mit Grausen, 
weil er" merkt, daß jeder Wunsch des Freundes sofort in Erfüllung 
geht, jede seiner Sorgen vom Schicksal unverzüglich aufgehoben 
wird. Der Gastfreund ist ihm „unheimlich" geworden. Die Aus- 
kunft, die er selbst gibt, daß der allzu Glückliche den Neid der 
Götter zu fürchten habe, erscheint uns noch undurchsichtig, ihr 
Sinn ist mythologisch verschleiert. Greifen wir darum ein anderes 
Beispiel aus weit schlichteren Verhältnissen heraus: In der Kranken- 









r) P. Kämmerer, Das Gesetz der Serie. Wien 1919. 



gg2 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

geschichte eines Zwangsneurotikers 1 habe ich erzählt, daß dieser 
Kranke einst einen Aufenthalt in einer Wasserheilanstalt genom- 
men hatte, aus dem er sich eine große Besserung holte. Er war 
aber so klug, diesen Erfolg nicht der Heilkraft des Wassers, son- 
dern der Lage seines Zimmers zuzuschreiben, welches der Kammer 
einer liebenswürdigen Pflegerin unmittelbar benachbart war. Als 
er dann zum zweitenmal in diese Anstalt kam, verlangte er das- 
selbe Zimmer wieder, mußte aber hören, daß es bereits von 
einem alten Herrn besetzt sei, und gab seinem Unmut darüber 
in den Worten Ausdruck : Dafür soll ihn aber der Schlag treffen. 
Vierzehn Tage später erlitt der alte Herr wirklich einen Schlag- 
anfall. Für meinen Patienten war dies ein „unheimliches" Er- 
lebnis. Der Eindruck des Unheimlichen wäre noch stärker ge- 
wesen, wenn eine viel kürzere Zeit zwischen jener Äußerung 
und dem Unfall gelegen wäre, oder wenn der Patient über zahl- 
reiche ganz ähnliche Erlebnisse hätte berichten können. In der 
Tat war er um solche Bestätigungen nicht verlegen, aber nicht 
er allein, alle Zwangsneurotiker, die ich studiert habe, wußten 
Analoges von sich zu erzählen. Sie waren gar nicht überrascht, 
regelmäßig der Person zu begegnen, an die sie eben — viel- 
leicht nach langer Pause — gedacht hatten; sie pflegten regel- 
mäßig am Morgen einen Brief von einem Freund zu be- 
kommen, wenn sie am Abend vorher geäußert hatten: Von dem 
hat man aber jetzt lange nichts gehört, und besonders Unglücks- 
oder Todesfälle ereigneten sich nur selten, ohne eine Weile 
vorher durch ihre Gedanken gehuscht zu sein. Sie pflegten 
diesem Sachverhalt in der bescheidensten Weise Ausdruck zu geben, 
indem sie behaupteten, „Ahnungen" zu haben, die „meistens" 
eintreffen. 

Eine der unheimlichsten und verbreiterten Formen des Aber- 
glaubens ist die Angst vor dem „bösen Blick", welcher bei dem 

1) Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose [Ges. Schriften, Bd. VIII]. 



Das Unheimliche 593 






1 















Hamburger Augenarzt S. Seligmann 1 eine gründliche Behand- 
lung gefunden hat. Die Quelle, aus welcher diese Angst schöpft, 
scheint niemals verkannt worden zu sein. Wer etwas Kostbares 
und doch Hinfälliges besitzt, fürchtet sich vor dem Neid der an- 
deren, indem er jenen Neid auf sie projiziert, den er im umge- 
kehrten Falle empfunden hätte. Solche Regungen verrät man 
durch den Blick, auch wenn man ihnen den Ausdruck in Worten 
versagt, und wenn jemand durch auffällige Kennzeichen, beson- 
ders unerwünschter Art, vor den anderen hervorsticht, traut man 
ihm zu, daß sein Neid eine besondere Stärke erreichen und dann 
auch diese Stärke in Wirkung umsetzen wird. Man fürchtet also 
eine geheime Absicht zu schaden, und auf gewisse Anzeichen 
hin nimmt man an, daß dieser Absicht auch die Kraft zu Ge- 
bote steht. 

Die letzterwähnten Beispiele des Unheimlichen hängen von dem 
Prinzip ab, das ich, der Anregung eines Patienten folgend, die 
„Allmacht der Gedanken" benannt habe. Wir können nun nicht 
mehr verkennen, auf welchem Boden wir uns befinden. Die Ana- 
lyse der Fälle des Unheimlichen hat uns zur alten Weltauffassung 
des Animismus zurückgeführt, die ausgezeichnet war durch die 
Erfüllung der Welt mit Menschengeistern, durch die narzißtische 
Überschätzung der eigenen seelischen Vorgänge, die Allmacht der 
Gedanken und die darauf aufgebaute Technik der Magie, die 
Zuteilung von sorgfältig abgestuften Zauberkräften an fremde 
Personen und Dinge (Mana), sowie durch alle die Schöpfungen, 
mit denen sich der uneingeschränkte Narzißmus jener Entwick- 
lungsperiode gegen den unverkennbaren Einspruch der Realität 
zur Wehr setzte. Es scheint, daß wir alle in unserer individuellen 
Entwicklung eine diesem Animismus der Primitiven entsprechende 
Phase durchgemacht haben, daß sie bei keinem von uns abge- 
laufen ist, ohne noch äußerungsfähige Reste und Spuren zu hinter- 



1) Der böse Blick und Verwandtes. 2 Bde., Berlin 1910 u. 1911. 



594 



Zur Anwendung der Psychoanalyse 



lassen, und daß alles, was uns heute als „unheimlich" erscheint, 
die Bedingung erfüllt, daß es an diese Reste animistischer Seelen- 
tätigkeit rührt und sie zur Äußerung anregt. 1 

Hier ist nun der Platz für zwei Bemerkungen, in denen ich 
den wesentlichen Inhalt dieser kleinen Untersuchung niederlegen 
möchte. Erstens, wenn die psychoanalytische Theorie in der Be- 
hauptung recht hat, daß jeder Affekt einer Gefühlsregung, gleich- 
gültig von welcher Art, durch die Verdrängung in Angst ver- 
wandelt wird, so muß es unter den Fällen des Ängstlichen eine 
Gruppe geben, in der sich zeigen läßt, daß dies Ängstliche etwas 
wiederkehrendes Verdrängtes ist. Diese Art des Ängstlichen wäre 
eben das Unheimliche und dabei muß es gleichgültig sein, ob 
es ursprünglich selbst ängstlich war oder von einem anderen 
Affekt getragen. Zweitens, wenn dies wirklich die geheime Natur 
des Unheimlichen ist, so verstehen wir, daß der Sprachgebrauch 
das Heimliche in seinen Gegensatz, das Unheimliche übergehen 
läßt (S. 372 f.), denn dies Unheimliche ist wirklich nichts Neues 
oder Fremdes, sondern etwas dem Seelenleben von alters her Ver- 
trautes, das ihm nur durch den Prozeß der Verdrängung ent- 
fremdet worden ist. Die Beziehung auf die Verdrängung erhellt 
uns jetzt auch die Schellingsche Definition, das Unheimliche 
sei etwas, was im Verborgenen hätte bleiben sollen und hervor- 
getreten ist. 

Es erübrigt uns nur noch, die Einsicht, die wir gewonnen 
haben, an der Erklärung einiger anderer Fälle des Unheimlichen 
zu erproben. 

Im allerhöchsten Grade unheimlich erscheint vielen Menschen, 
was mit dem Tod, mit Leichen und mit der Wiederkehr der 
Toten, mit Geistern und Gespenstern, zusammenhängt. Wir haben 

1) Vgl. hiezu den Abschnitt III „Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken" 
in des Verf. Buch „Totem und Tabu", 1913. Dort auch die Bemerkung: „Es scheint, 
daß wir den Charakter des .Unheimlichen' solchen Eindrücken verleihen, welche d.e 
Allmacht der Gedanken und die animistische Denkweise überhaupt bestätigen wollen, 
während wir uns bereits im Urteil von ihr abgewendet haben." 



Das Unheimliche 595 



ja gehört, daß manche moderne Sprachen unseren Ausdruck: 
ein unheimliches Haus gar nicht anders wiedergeben können als 
durch die Umschreibung: ein Haus, in dem es spukt. Wir hätten 
eigentlich unsere Untersuchung mit diesem, vielleicht stärksten 
Beispiel von Unheimlichkeit heginnen können, aber wir taten es 
nicht, weil hier das Unheimliche zu sehr mit dem Grauenhaften 
vermengt und zum Teil von ihm gedeckt ist. Aber auf kaum 
einem anderen Gebiete hat sich unser Denken und Fühlen seit 
den Urzeiten so wenig verändert, ist das Alte unter dünner Decke 
so gut erhalten geblieben, wie in unserer Beziehung zum Tode. 
Zwei Momente geben für diesen Stillstand gute Auskunft: Die 
Stärke unserer ursprünglichen Gefühlsreaktionen und die Unsicher- 
heit unserer wissenschaftlichen Erkenntnis. Unsere Biologie hat 
es noch nicht entscheiden können, ob der Tod das notwendige 
Schicksal jedes Lebewesens oder nur ein regelmäßiger, vielleicht 
aber vermeidlicher Zufall innerhalb des Lebens ist. Der Satz: alle 
Menschen müssen sterben, paradiert zwar in den Lehrbüchern 
der Logik als Vorbild einer allgemeinen Behauptung, aber keinem 
Menschen leuchtet er ein, und unser Unbewußtes hat jetzt so 
wenig Raum wie vormals für die Vorstellung der eigenen Sterb- 
lichkeit. Die Religionen bestreiten noch immer der unableugbaren 
Tatsache des individuellen Todes ihre Bedeutung und setzen die 
Existenz über das Lebensende hinaus fort; die staatlichen Ge- 
walten meinen die moralische Ordnung unter den Lebenden nicht 
aufrecht erhalten zu können, wenn man auf die Korrektur des 
Erdenlebens durch ein besseres Jenseits verzichten soll; auf den 
Anschlagsäulen unserer Großstädte werden Vorträge angekündigt, 
welche Belehrungen spenden wollen, wie man sich mit den Seelen 
der Verstorbenen in Verbindung setzen kann, und es ist unleugbar, 
daß mehrere der feinsten Köpfe und schärfsten Denker unter den 
Männern der Wissenschaft, zumal gegen das Ende ihrer eigenen 
Lebenszeit, geurteilt haben, daß es an Möglichkeiten für solchen 
Verkehr nicht fehle. Da fast alle von uns in diesem Punkt noch 






396 Zur Anwendun g der Psychoanalyse 

so denken wie die Wilden, ist es auch nicht zu verwundern, daß 
die primitive Angst vor dem Toten bei uns noch so mächtig ist 
und bereit liegt, sich zu äußern, sowie irgend etwas ihr entgegen- 
kommt. Wahrscheinlich hat sie auch noch den alten Sinn, der Tote 
sei zum Feind des Überlebenden geworden und beabsichtige, ihn 
mit sich zu nehmen, als Genossen seiner neuen Existenz. Eher 
könnte man bei dieser Unveränderlichkeit der Einstellung zum Tode 
fragen, wo die Bedingung der Verdrängung bleibt, die erfordert 
wird, damit das Primitive als etwas Unheimliches wiederkehren 
könne. Aber die besteht doch auch; offiziell glauben die soge- 
nannten Gebildeten nicht mehr an das Sichtbarwerden der Ver- 
storbenen als Seelen, haben deren Erscheinung an entlegene und 
selten verwirklichte Bedingungen geknüpft, und die ursprünglich 
höchst zweideutige, ambivalente Gefühlseinstellung zum Toten ist 
für die höheren Schichten des Seelenlebens zur eindeutigen der 
Pietät abgeschwächt worden. 1 

Es bedarf jetzt nur noch weniger Ergänzungen, denn mit dem 
Animismus, der Magie und Zauberei, der Allmacht der Gedanken, 
der Beziehung zum Tode, der unbeabsichtigten Wiederholung 
und dem Kastrationskomplex haben wir den Umfang der Momente, 
die das Ängstliche zum Unheimlichen machen, so ziemlich er- 
schöpft. 

Wir heißen auch einen lebenden Menschen unheimlich, und 
zwar dann, wenn wir ihm böse Absichten zutrauen. Aber das 
reicht nicht hin, wir müssen noch hinzutun, daß diese seine Ab- 
sichten, uns zu schaden, sich mit Hilfe besonderer Kräfte ver- 
wirklichen werden. Der „Gettatore" ist ein gutes Beispiel hiefür, 
" diese unheimliche Gestalt des romanischen Aberglaubens, die 
Albrecht Seh äff er in dem Buche „Josef Montfort" mit poeti- 
scher Intuition und tiefem psychoanalytischen Verständnis zu einer 
sympathischen Figur umgeschaffen hat. Aber mit diesen geheimen 

1) Vgl.: Das Tabu und die Ambivalenz in „Totem und Tabu". 



Das Unheimliche 597 



Kräften stehen wir bereits wieder auf dem Boden des Animismus. 
Die Ahnung solcher Geheimkräfte ist es, die dem frommen Gest- 
ehen den Mephisto so unheimlich werden läßt: 

Sie ahnt, daß ich ganz sicher ein Genie, 
Vielleicht sogar der Teufel bin. 

Das Unheimliche der Fallsucht, des Wahnsinns, hat denselben 
Ursprung. Der Laie sieht hier die Äußerung von Kräften vor 
sich, die er im Nebenmenschen nicht vermutet hat, deren Regung 
er aber in entlegenen Winkeln der eigenen Persönlichkeit dunkel 
zu spüren vermag. Das Mittelalter hatte konsequenterweise und 
psychologisch beinahe korrekt alle diese Krankheitsäußerungen der 
Wirkung von Dämonen zugeschrieben. Ja, ich würde mich nicht 
verwundern zu hören, daß die Psychoanalyse, die sich mit der 
Aufdeckung dieser geheimen Kräfte beschäftigt, vielen Menschen 
darum selbst unheimlich geworden ist. In einem Falle, als mir 
die Herstellung eines seit vielen Jahren siechen Mädchens — 
wenn auch nicht sehr rasch — gelungen war, habe ich's von der 
Mutter der für lange Zeit Geheilten selbst gehört. 

Abgetrennte Glieder, ein abgehauener Kopf, eine vom Arm 
gelöste Hand wie in einem Märchen von Hauff, Füße, die für 
sich allein tanzen wie in dem erwähnten Buche von A. Schaeffer, 
haben etwas ungemein Unheimliches an sich, besonders wenn 
ihnen wie im letzten Beispiel noch eine selbständige Tätigkeit 
zugestanden wird. Wir wissen schon, daß diese Unheimlichkeit 
von der Annäherung an den Kastrationskomplex herrührt. Manche 
Menschen würden die Krone der Unheimlichkeit der Vorstellung 
zuweisen, scheintot begraben zu werden. Allein die Psychoanalyse 
hat uns gelehrt, daß diese schreckende Phantasie nur die Um- 
wandlung einer anderen ist, die ursprünglich nichts Schreckhaftes 
war, sondern von einer gewissen Lüsternheit getragen wurde, 
nämlich der Phantasie vom Leben im Mutterleib. 



59^ Zur Anwendung der Psychoanalyse 



Tragen wir noch etwas Allgemeines nach, was streng genommen 
bereits in unseren bisherigen Behauptungen über den Animismus 
und die überwundenen Arbeitsweisen des seelischen Apparats ent- 
halten ist, aber doch einer besonderen Hervorhebung würdig 
scheint, daß es nämlich oft und leicht unheimlich wirkt, wenn 
die Grenze zwischen Phantasie und Wirklichkeit verwischt wird, 
wenn etwas real vor uns hintritt, was wir bisher für phantastisch 
gehalten haben, wenn ein Symbol die volle Leistung und Bedeu- 
tung des Symbolisierten übernimmt und dergleichen mehr. Hierauf 
| beruht auch ein gutes Stück der Unheimlichkeit, die den magi- 
schen Praktiken anhaftet. Das Infantile daran, was auch das Seelen- 
leben der Neurotiker beherrscht, ist die Überbetonung der psychi- 
schen Realität im Vergleich zur materiellen, ein Zug, welcher 
sich der Allmacht der Gedanken anschließt. Mitten in der Ab- 
sperrung des Weltkrieges kam eine Nummer des englischen 
Magazins „Strand" in meine Hände, in der ich unter anderen 
ziemlich überflüssigen Produktionen eine Erzählung las, wie ein 
junges Paar eine möblierte Wohnung bezieht, in der sich ein 
seltsam geformter Tisch mit holzgeschnitzten Krokodilen befindet. 
Gegen Abend pflegt sich dann ein unerträglicher, charakteristischer 
Gestank in der Wohnung zu verbreiten, man stolpert im Dunkeln 
über irgend etwas, man glaubt zu sehen, wie etwas Undefinier- 
bares über die Treppe huscht, kurz, man soll erraten, daß infolge 
der Anwesenheit dieses Tisches gespenstische Krokodile im Hause 
spuken, oder daß die hölzernen Scheusale im Dunkeln Leben 
bekommen oder etwas Ähnliches. Es war eine recht einfältige 
Geschichte, aber ihre unheimliche Wirkung verspürte man als 
ganz hervorragend. 

Zum Schlüsse dieser gewiß noch unvollständigen Beispielsamm- 
lung soll eine Erfahrung aus der psychoanalytischen Arbeit er- 
wähnt werden, die, wenn sie nicht auf einem zufälligen Zusam- . 
mentreffen beruht, die schönste Bekräftigung unserer Auffassung 
des Unheimlichen mit sich bringt. Es kommt oft vor, daß neu- 



Das Unheimliche 399 



rotische Männer erklären, das weibliche Genitale sei ihnen etwas 
Unheimliches. Dieses Unheimliche ist aber der Eingang zur alten 
Heimat des Menschenkindes, zur Örtlichkeit, in der jeder einmal 
und zuerst geweilt hat. „Liebe ist Heimweh", behauptet ein 
Scherzwort, und wenn der Träumer von einer Örtlichkeit oder 
Landschaft noch im Traume denkt: Das ist mir bekannt, da war 
ich schon einmal, so darf die Deutung dafür das Genitale oder 
den Leib der Mutter einsetzen. Das Unheimliche ist also auch 
in diesem Falle das ehemals Heimische, Altvertraute. Die Vorsilbe 
„un" an diesem Worte ist aber die Marke der Verdrängung. 

in 

Schon während der Lektüre der vorstehenden Erörterungen 
werden sich beim Leser Zweifel geregt haben, denen jetzt ge- 
stattet werden soll, sich zu sammeln und laut zu werden. 

Es mag zutreffen, daß das Unheimliche das Heimliche-Heimi- 
sche ist, das eine Verdrängung erfahren hat und aus ihr wieder- 
gekehrt ist, und daß alles Unheimliche diese Bedingung erfüllt. 
Aber mit dieser Stoffwahl scheint das Rätsel des Unheimlichen 
nicht gelöst. Unser Satz verträgt offenbar keine Umkehrung. Nicht 
alles was an verdrängte Wunschregungen und überwundene Denk- 
weisen der individuellen Vorzeit und der Völkerurzeit mahnt, ist 
darum auch unheimlich. 

Auch wollen wir es nicht verschweigen, daß sich fast zu jedem 
Beispiel, welches unseren Satz erweisen sollte, ein analoges finden 
läßt das ihm widerspricht. Die abgehauene Hand z. B. im Hauff- 
schen Märchen „Die Geschichte von der abgehauenen Hand" 
wirkt gewiß unheimlich, was wir auf den Kastrationskomplex 
zurückgeführt haben. Aber in der Erzählung des Herodot vom 
Schatz des Rhampsenit läßt der Meisterdieb, den die Prinzessin 
bei der Hand festhalten will, ihr die abgehauene Hand seines 
Bruders zurück, und andere werden wahrscheinlich ebenso wie ich 
urteilen, daß dieser Zug keine unheimliche Wirkung hervorruft. 






400 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

Die prompte Wunscherfüllung im „Ring des Polykrates" wirkt 
auf uns sicherlich ebenso unheimlich wie auf den König von 
Ägypten selbst. Aber in unseren Märchen wimmelt es von so- 
fortigen Wunscherfüllungen und das Unheimliche bleibt dabei 
aus. Im Märchen von den drei Wünschen läßt sich die Frau 
durch den Wohlgeruch einer Bratwurst verleiten zu sagen, daß 
sie auch so ein Würstchen haben möchte. Sofort liegt es vor ihr 
auf dem Teller. Der Mann wünscht im Ärger, daß es der Vor- 
witzigen an der Nase hängen möge. Flugs baumelt es an ihrer 
Nase. Das ist sehr eindrucksvoll, aber nicht im geringsten un- 
heimlich. Das Märchen stellt sich überhaupt ganz offen auf den 
animistischen Standpunkt der Allmacht von Gedanken und Wün- 
schen, und ich wüßte doch kein echtes Märchen zu nennen, in 
dem irgend etwas Unheimliches vorkäme. Wir haben gehört, daß 
es in hohem Grade unheimlich wirkt, wenn leblose Dinge, Bilder, 
Puppen, sich beleben, aber in den And er senschen Märchen leben 
die Hausgeräte, die Möbel, der Zinnsoldat und nichts ist vielleicht 
vom Unheimlichen entfernter. Auch die Belebung der schönen 
Statue des Pygmalion wird man kaum als unheimlich emp- 
finden. 

Scheintod und Wiederbelebung von Toten haben wir als sehr 
unheimliche Vorstellungen kennen gelernt. Dergleichen ist aber 
wiederum im Märchen sehr gewöhnlich; wer wagte es unheim- 
lich zu nennen, wenn z. B. Schneewittchen die Augen wieder 
aufschlägt? Auch die Erweckung von Toten in den Wunder- 
geschichten, z. B. des Neuen Testaments, ruft Gefühle hervor, 
die nichts mit dem Unheimlichen zu tun haben. Die unbeabsich- 
tigte Wiederkehr des Gleichen, die uns so unzweifelhafte unheim- 
liche Wirkungen ergeben hat, dient doch in einer Reihe von 
Fällen anderen, und zwar sehr verschiedenen Wirkungen. Wir 
haben schon einen Fall kennen gelernt, in dem sie als Mittel 
zur Hervorrufung des komischen Gefühls gebraucht wird, und 
können Beispiele dieser Art häufen. Andere Male wirkt sie als 



Das Unheimliche 401 



Verstärkung u. dgl., ferner: woher rührt die Unheimlichkeit der 
Stille, des Alleinseins, der Dunkelheit? Deuten diese Momente 
nicht auf die Rolle der Gefahr bei der Entstehung des Unheim- 
lichen, wenngleich es dieselben Bedingungen sind, unter denen 
wir die Kinder am häufigsten Angst äußern sehen? Und können 
wir wirklich das Moment der intellektuellen Unsicherheit ganz 
vernachlässigen, da wir doch seine Bedeutung für das Unheim- 
liche des Todes zugegeben haben? 

So müssen wir wohl bereit sein anzunehmen, daß für das Auf- 
treten des unheimlichen Gefühls noch andere als die von uns 
vorangestellten stofflichen Bedingungen maßgebend sind. Man 
könnte zwar sagen, mit jener ersten Feststellung sei das psycho- 
analytische Interesse am Problem des Unheimlichen erledigt, der 
Rest erfordere wahrscheinlich eine ästhetische Untersuchung. Aber 
damit würden wir dem Zweifel das Tor öffnen, welchen Wert 
unsere Einsicht in die Herkunft des Unheimlichen vom verdrängten 
Heimischen eigentlich beanspruchen darf. 

Eine Beobachtung kann uns den Weg zur Lösung dieser Un- 
sicherheiten weisen. Fast alle Beispiele, die unseren Erwartungen 
widersprechen, sind dem Bereich der Fiktion, der Dichtung, ent- 
nommen. Wir erhalten so einen Wink, einen Unterschied zu 
machen zwischen dem Unheimlichen, das man erlebt, und dem 
Unheimlichen, das man sich bloß vorstellt, oder von dem man 
liest. 

Das Unheimliche des Erlebens hat weit einfachere Bedingungen, 
umfaßt aber weniger zahlreiche Fälle. Ich glaube, es fügt sich 
ausnahmslos unserem Lösungsversuch, läßt jedesmal die Zurück- 
führung auf aitvertrautes Verdrängtes zu. Doch ist auch hier eine 
wichtige und psychologisch bedeutsame Scheidung des Materials 
vorzunehmen, die wir am besten an geeigneten Beispielen er- 
kennen werden. 

Greifen wir das Unheimliche der Allmacht der Gedanken, der 
prompten Wunscherfüllung, der geheimen schädigenden Kräfte, 

Freud, X. 26 



r ' 






402 Z«r Anwendun g der Psychoanalyse 

der Wiederkehr der Toten heraus. Die Bedingung, unter der hier 
das Gefühl des Unheimlichen entsteht, ist nicht zu verkennen. 
Wir — oder unsere primitiven Urahnen — haben dereinst diese 
Möglichkeiten für Wirklichkeit gehalten, waren von der Realität 
dieser Vorgänge überzeugt. Heute glauben wir nicht mehr daran, 
wir haben diese Denkweisen überwunden, aber wir fühlen uns 
dieser neuen Überzeugungen nicht ganz sicher, die alten leben 
noch in uns fort und lauern auf Bestätigung. Sowie sich nun 
etwas in unserem Leben ereignet, was diesen alten abgelegten 
Überzeugungen eine Bestätigung zuzuführen scheint, haben wir 
das Gefühl des Unheimlichen, zu dem man das Urteil ergänzen 
kann: Also ist es doch wahr, daß man einen anderen durch den 
bloßen Wunsch töten kann, daß die Toten weiterleben und an 
der Stätte ihrer früheren Tätigkeit sichtbar werden u. dgl.! Wer 
im Gegenteil diese animistischen Überzeugungen bei sich gründlich 
und endgültig erledigt hat, für den entfällt das Unheimliche 
dieser Art. Das merkwürdigste Zusammentreffen von Wunsch und 
Erfüllung, die rätselhafteste Wiederholung ähnlicher Erlebnisse an 
demselben Ort oder zum gleichen Datum, die täuschendsten 
Gesichtswahrnehmungen und verdächtigsten Geräusche werden 
ihn nicht irre machen, keine Angst in ihm erwecken, die man 
als Angst vor dem „Unheimlichen" bezeichnen kann. Es handelt 
sich hier also rein um eine Angelegenheit der Realitätsprüfung, 
um eine Frage der materiellen Realität. 1 

1) Da auch das Unheimliche des Doppelgängers von dieser Gattung ist, wird es 
interessant, die Wirkung au erfahren, wenn uns einmal das Bild der eigenen Per- 
sönlichkeit ungerufen und unvermutet entgegentritt. E. Mach berichtet zwei solcher 
Beobachtungen in der „Analyse der Empfindungen", 1900, Seite 5. Er erschrak das 
eine Mal nicht wenig, als er erkannte, daß das gesehene Gesicht das eigene sei, 
das andere Mal fällte er ein sehr ungünstiges Urteil über den anscheinend Fremden, 
der in seinen Omnibus einstieg, „Was steigt doch da für ein herabgekommener 
Schulmeister ein." — Ich kann ein ähnliches Abenteuer erzählen: Ich saß allein im 
Abteil des Schlafwagens, als bei einem heftigeren Ruck der Fahrtbewegung die zur 
anstoßenden Toilette führende Tür aufging und ein älterer Herr im Schlafrock, die 
Reisemütze auf dem Kopfe, bei mir eintrat. Ich nahm an, daß er sich beim Verlassen 
des zwischen zwei Abteüen befindlichen Kabinetts in der Richtung geirrt hatte und 
fälschlich in mein Abteil gekommen war, sprang auf, um ihn aufzuklären, erkannte 



Das Unheimliche 4.05 



Anders verhält es sich mit dem Unheimlichen, das von ver- 
drängten infantilen Komplexen ausgeht, vom Kastrationskomplex, 
der Mutterleibsphantasie usw., nur daß reale Erlebnisse, welche 
diese Art von Unheimlichem erwecken, nicht sehr häufig sein 
können. Das Unheimliche des Erlebens gehört zumeist der früheren 
Gruppe an, für die Theorie ist aber die Unterscheidung der beiden 
sehr bedeutsam. Beim Unheimlichen aus infantilen Komplexen 
kommt die Frage der materiellen Realität gar nicht in Betracht, 
die psychische Realität tritt an deren Stelle. Es handelt sich um 
wirkliche Verdrängung eines Inhalts und um die Wiederkehr 
des Verdrängten, nicht um die Aufhebung des Glaubens an die 
Realität dieses Inhalts. Man könnte sagen, in dem einen Falle 
sei ein gewisser Vorstellungsinhalt, im anderen der Glaube an 
seine (materielle) Realität verdrängt. Aber die letztere Ausdrucks- 
weise dehnt wahrscheinlich den Gebrauch des Terminus „Ver- 
drängung" über seine rechtmäßigen Grenzen aus. Es ist korrekter, 
wenn wir einer hier spürbaren psychologischen Differenz Rech- 
nung tragen und den Zustand, in dem sich die animistischen 
Überzeugungen des Kulturmenschen befinden, als ein — mehr 
oder weniger vollkommenes — Überwundensein bezeichnen. 
Unser Ergebnis lautete dann: Das Unheimliche des Erlebens 
kommt zustande, wenn verdrängte infantile Komplexe durch 
einen Eindruck wieder belebt werden, oder wenn überwundene 
primitive Überzeugungen wieder bestätigt scheinen. Endlich darf 
man sich durch die Vorliebe für glatte Erledigung und durch- 
sichtige Darstellung nicht vom Bekenntnis abhalten lassen, daß 
die beiden hier aufgestellten Arten des Unheimlichen im Erleben 
nicht immer scharf zu sondern sind. Wenn man bedenkt, daß 

aber bald verdutzt, daß der Eindringling' mein eigenes, vom Spiegel in der Verbin- 
dungstür entworfenes Bild war. Ich weiß noch, daß mir die Erscheinung gründlich 
mißfallen hatte. Anstatt also über den Doppelgänger zu erschrecken, hatten beide — 
Mach wie ich — ihn einfach nicht agnosziert. Ob aber das Mißfallen dabei nicht 
doch ein Rest jener archaischen Reaktion war, die den Doppelgänger als unheim- 
lich empfindet? 

26* 



404 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

die primitiven Überzeugungen auf das innigste mit den infantilen 
Komplexen zusammenhängen und eigentlich in ihnen wurzeln, 
wird man sich über diese Verwischung der Abgrenzungen nicht 
viel verwundern. 

Das Unheimliche der Fiktion — der Phantasie, der Dichtung — 
verdient in der Tat eine gesonderte Betrachtung. Es ist vor allem 
weit reichhaltiger als das Unheimliche des Erlebens, es umfaßt 
dieses in seiner Gänze und dann noch anderes, was unter den 
Bedingungen des Erlebens nicht vorkommt. Der Gegensatz zwischen 
Verdrängtem und Überwundenem kann nicht ohne tiefgreifende 
Modifikation auf das Unheimliche der Dichtung übertragen werden, 
denn das Reich der Phantasie hat ja zur Voraussetzung seiner 
Geltung, daß sein Inhalt von der Realitätsprüfung enthoben ist. 
Das paradox klingende Ergebnis ist, daß in der Dichtung 
vieles nicht unheimlich ist, was unheimlich wäre, wenn 
es sich im Leben ereignete, und daß in der Dichtung 
viele Möglichkeiten bestehen, unheimliche Wirkungen 
zu erzielen, die fürs Leben wegfallen. 

Zu den vielen Freiheiten des Dichters gehört auch die, seine 
Darstellungswelt nach Belieben so zu wählen, daß sie mit der 
uns vertrauten Realität zusammenfällt, oder sich irgendwie von 
ihr entfernt. Wir folgen ihm in jedem Falle. Die Welt des 
Märchens z. B. hat den Boden der Realität von vornherein ver- 
lassen und sich offen zur Annahme der animistischen Überzeu- 
gungen bekannt. Wunscherfüllungen, geheime Kräfte, Allmacht 
der Gedanken, Belebung des Leblosen, die im Märchen ganz ge- 
wöhnlich sind, können hier keine unheimliche Wirkung äußern, 
denn für die Entstehung des unheimlichen Gefühls ist, wie wir 
gehört haben, der Urteilsstreit erforderlich, ob das überwundene 
Unglaubwürdige nicht doch real möglich ist, eine Frage, die durch 
die Voraussetzungen der Märchenwelt überhaupt aus dem Wege 
geräumt ist. So verwirklicht das Märchen, das uns die meisten 
Beispiele von Widerspruch gegen unsere Lösung des Unheim- 






. 



Das Unheimliche 



4°5 



liehen geliefert hat, den zuerst erwähnten Fall, daß im Reiche 
der Fiktion vieles nicht unheimlich ist, was unheimlich wirken 
müßte, wenn es sich im Leben ereignete. Dazu kommen fürs 
Märchen noch andere Momente, die später kurz berührt werden 
sollen. 

Der Dichter kann sich auch eine Welt erschaffen haben, die, 
minder phantastisch als die Märchenwelt, sich von der realen 
doch durch die Aufnahme von höheren geistigen Wesen, Dämonen 
oder Geistern Verstorbener scheidet. Alles Unheimliche, was diesen 
Gestalten anhaften könnte, entfällt dann, soweit die Voraus- 
setzungen dieser poetischen Realität reichen. Die Seelen der Dante- 
schen Hölle oder die Geistererscheinungen in Shakespeares 
Hamlet, Macbeth, Julius Caesar mögen düster und schreckhaft 
genug sein, aber unheimlich sind sie im Grunde ebensowenig wie 
etwa die heitere Götterwelt Homers. Wir passen unser Urteil 
den Bedingungen dieser vom Dichter fingierten Realität an und 
behandeln Seelen, Geister und Gespenster, als wären sie vollbe- 
rechtigte Existenzen, wie wir es selbst in der materiellen Realität 
sind. Auch dies ist ein Fall, in dem Unheimlichkeit erspart wird. 

Anders nun, wenn der Dichter sich dem Anscheine nach auf 
den Boden der gemeinen Realität gestellt hat. Dann übernimmt 
er auch alle Bedingungen, die im Erleben für die Entstehung des 
unheimlichen Gefühls gelten, und alles was im Leben unheimlich 
wirkt, wirkt auch so in der Dichtung. Aber in diesem Falle kann 
der Dichter auch das Unheimliche weit über das im Erleben 
mögliche Maß hinaus steigern und vervielfältigen, indem er solche 
Ereignisse vorfallen läßt, die in der Wirklichkeit nicht oder nur 
sehr selten zur Erfahrung gekommen wären. Er verrät uns dann 
gewissermaßen an unseren für überwunden gehaltenen Aber- 
glauben, er betrügt uns, indem er uns die gemeine Wirklichkeit 
verspricht und dann doch über diese hinausgeht. Wir reagieren 
auf seine Fiktionen so, wie wir auf eigene Erlebnisse reagiert 
hätten 5 wenn wir den Betrug merken, ist es zu spät, der Dichter 



40 6 Zur Anwendung der Psychoanalyse 



hat seine Absicht bereits erreicht, aber ich muß behaupten, er 
hat keine reine Wirkung erzielt. Bei uns bleibt ein Gefühl von 
Unbefriedigung, eine Art von Groll über die versuchte Täuschung, 
wie ich es besonders deutlich nach der Lektüre von Schnitzlers 
Erzählung „Die Weissagung" und ähnlichen mit dem Wunder- 
baren liebäugelnden Produktionen verspürt habe. Der Dichter hat 
dann noch ein Mittel zur Verfügung, durch welches er sich dieser 
unserer Auflehnung entziehen und gleichzeitig die Bedingungen 
für das Erreichen seiner Absichten verbessern kann. Es besteht 
darin, daß er uns lange Zeit über nicht erraten läßt, welche Voraus- 
setzungen er eigentlich für die von ihm angenommene Welt ge- 
wählt hat, oder daß er kunstvoll und arglistig einer solchen ent- 
scheidenden Aufklärung bis zum Ende ausweicht. Im ganzen wird 
aber hier der vorhin angekündigte Fall verwirklicht, daß die 
Fiktion neue Möglichkeiten des unheimlichen Gefühls erschafft, 
die im Erleben wegfallen würden. 

Alle diese Mannigfaltigkeiten beziehen sich streng genommen 
nur auf das Unheimliche, das aus dem Überwundenen entsteht. 
Das Unheimliche aus verdrängten Komplexen ist resistenter, es 
bleibt in der Dichtung — von einer Bedingung abgesehen — 
ebenso unheimlich wie im Erleben. Das andere Unheimliche, das 
aus dem Überwundenen, zeigt diesen Charakter im Erleben und 
in der Dichtung, die sich auf den Boden der materiellen Realität 
stellt, kann ihn aber in den fiktiven, vom Dichter geschaffenen 
Realitäten einbüßen. 

Es ist offenkundig, daß die Freiheiten des Dichters und damit 
die Vorrechte der Fiktion in der Hervorrufung und Hemmung 
des unheimlichen Gefühls durch die vorstehenden Bemerkungen 
nicht erschöpft werden. Gegen das Erleben verhalten wir uns im 
allgemeinen gleichmäßig passiv und unterliegen der Einwirkung 
des Stofflichen. Für den Dichter sind wir aber in besonderer 
Weise lenkbar; durch die Stimmung, in die er uns versetzt, durch 
die Erwartungen, die er in uns erregt, kann er unsere Gefühls- 



Das Unheimliche 407 



prozesse von dem einen Erfolg ablenken und auf einen anderen 
einstellen, und kann aus demselben Stoff oft sehr verschieden- 
artige Wirkungen gewinnen. Dies ist alles längst bekannt und 
wahrscheinlich von den berufenen Ästhetikern eingehend gewür- 
digt worden. Wir sind auf dieses Gebiet der Forschung ohne 
rechte Absicht geführt worden, indem wir der Versuchung nach- 
gaben, den Widerspruch gewisser Beispiele gegen unsere Ableitung 
des Unheimlichen aufzuklären. Zu einzelnen dieser Beispiele wollen 
wir darum auch zurückkehren. 

Wir fragten vorhin, warum die abgehauene Hand im Schatz 
des Rhampsenit nicht unheimlich wirke wie etwa in der Hauff- 
schen „Geschichte von der abgehauenen Hand". Die Frage er- 
scheint uns jetzt bedeutsamer, da wir die größere Resistenz des 
Unheimlichen aus der Quelle verdrängter Komplexe erkannt haben. 
Die Antwort ist leicht zu geben. Sie lautet, daß wir in dieser 
Erzählung nicht auf die Gefühle der Prinzessin, sondern auf die 
überlegene Schlauheit des „Meisterdiebes" eingestellt werden. Der 
Prinzessin mag das unheimliche Gefühl dabei nicht erspart worden 
sein, wir wollen es selbst für glaubhaft halten, daß sie in Ohn- 
macht gefallen ist, aber wir verspüren nichts Unheimliches, denn 
wir versetzen uns nicht in sie, sondern in den anderen. Durch 
eine andere Konstellation wird uns der Eindruck des Unheimlichen 
in der Nestroyschen Posse „Der Zerrissene" erspart, wenn der 
Geflüchtete, der sich für einen Mörder hält, aus jeder Falltür 
deren Deckel er aufhebt, das vermeintliche Gespenst des Ermor- 
deten aufsteigen sieht und verzweifelt ausruft: Ich hab' doch nur 
einen umgebracht. Zu was diese gräßliche Multiplikation? Wir 
kennen die Vorbedingungen dieser Szene, teilen den Irrtum des 
„Zerrissenen" nicht, und darum wirkt, was für ihn unheimlich, 
sein muß, auf uns mit unwiderstehlicher Komik. Sogar ein „wirk- 
liches" Gespenst wie das in O. Wildes Erzählung „Der Geist 
von Canterville" muß all seiner Ansprüche, wenigstens Grauen 
zu erregen, verlustig werden, wenn der Dichter sich den Scherz 






/ 



408 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

macht, es zu ironisieren und hänseln zu lassen. So unabhängig 
kann in der Welt der Fiktion die Gefühlswirkung von der Stoff- 
wahl sein. In der Welt der Märchen sollen Angstgefühle, also 
auch unheimliche Gefühle überhaupt nicht erweckt werden. Wir 
verstehen das und sehen darum auch über die Anlässe hinweg, 
bei denen etwas Derartiges möglich wäre. 

Von der Einsamkeit, Stille und Dunkelheit können wir nichts 
anderes sagen, als daß dies wirklich die Momente sind, an welche 
die bei den meisten Menschen nie ganz erlöschende Kinderangst 
geknüpft ist. Die psychoanalytische Forschung hat sich mit dem 
Problem derselben an anderer Stelle auseinandergesetzt. 



EINE TEUFELSNEUROSE 
IM SIEBZEHNTEN JAHRHUNDERT 

Erschienen zuerst in „Imago", IX. Bd. (l<}2}), 
Heft I (Religionspsychologisches Heft). 

An den Neurosen der Kinderzeit haben wir gelernt, daß manches 
hier mühelos mit freiem Auge zu sehen ist, was sich späterhin 
nur gründlicher Forschung zu erkennen gibt. Eine ähnliche Er- 
wartung wird sich für die neurotischen Erkrankungen früherer 
Jahrhunderte ergeben, wenn wir nur darauf gefaßt sind, dieselben 
unter anderen Überschriften als unsere heutigen Neurosen zu 
finden. Wir dürfen nicht erstaunt sein, wenn die Neurosen dieser 
frühen Zeiten im dämonologischen Gewände auftreten, während 
die der unpsychologischen Jetztzeit im hypochondrischen, als or- 
ganische Krankheiten verkleidet, erscheinen. Mehrere Autoren, 
voran Charcot, haben bekanntlich in den Darstellungen der Be- 
sessenheit und Verzückung, wie sie uns die Kunst hinterlassen 
hat, die Äußerungsformen der Hysterie agnosziert; es wäre nicht 
schwer gewesen, in den Geschichten dieser Kranken die Inhalte 
der Neurose wiederzufinden, wenn man ihnen damals mehr Auf- 
merksamkeit geschenkt hätte. 

Die dämonologische Theorie jener dunkeln Zeiten hat gegen 
alle somatischen Auffassungen der „exakten" Wissenschaftsperiode 
recht behalten. Die Besessenheiten entsprechen unseren Neurosen > 



410 Zur Anwe ndung der Psychoanalyse 

zu deren Erklärung wir wieder psychische Mächte heranziehen. 
Die Dämonen sind uns böse, verworfene Wünsche, Abkömmlinge 
abgewiesener, verdrängter Triebregungen. Wir lehnen bloß die 
Projektion in die äußere Welt ab, welche das Mittelalter mit 
diesen seelischen Wesen vornahm ; wir lassen sie im Innenleben 
der Kranken, wo sie hausen, entstanden sein. 



DIE GESCHICHTE DES MALERS CHRISTOPH 

HAITZMANN 

Einen Einblick in eine solche dämonologische Neurose des sieb- 
zehnten Jahrhunderts verdanke ich dem freundlichen Interesse 
des Herrn Hofrats Dr. R. Payer-Thurn, Direktor der ehemals 
k. k. Fideikommißbibliothek in Wien. Payer-Thurn hatte in 
der Bibliothek ein aus dem Gnadenort Mariazell stammendes 
Manuskript aufgefunden, in dem über eine wunderbare Erlösung 
von einem Teufelspakt durch die Gnade der heiligen Maria aus- 
führlich berichtet wird. Sein Interesse wurde durch die Beziehung 
dieses Inhalts zur Faustsage geweckt und wird ihn zu einer ein- 
gehenden Darstellung und Bearbeitung des Stoffes veranlassen. 
Da er aber fand, daß die Person, deren Erlösung beschrieben 
wird, an Krampfanfällen und Visionen litt, wandte er sich an 
mich um eine ärztliche Begutachtung des Falles. Wir sind über- 
eingekommen, unsere Arbeiten unabhängig voneinander und ge- 
sondert zu veröffentlichen. Ich statte ihm für seine Anregung, 
wie für mancherlei Hilfeleistung beim Studium des Manuskripts 
meinen Dank ab. 

Diese dämonologische Krankengeschichte bringt wirklich einen 
wertvollen Fund, der ohne viel Deutung klar zutage liegt, wie 
manche Fundstelle als gediegenes Metall liefert, was anderwärts 
mühsam aus dem Erz geschmolzen werden muß. 



. _ 



Eine Teufelsneurose im siebzehnten Jahrhundert 



411 



Das Manuskript, von dem mir eine genaue Abschrift vorliegt, 
zerlegt sich uns in zwei Stücke von ganz verschiedener Natur: 
in den lateinisch abgefaßten Bericht des mönchischen Schreibers 
oder Kompilators und in ein deutsch geschriebenes Tagebuch- 
bruchstück des Patienten. Der erste Teil enthält den Vorbericht 
und die eigentliche Wunderheilung; der zweite Teil kann für die 
geistlichen Herren nicht von Bedeutung gewesen sein, um so wert- 
voller ist er für uns. Er trägt viel dazu bei, unser sonst schwan- 
kendes Urteil über den Krankheitsfall zu festigen, und wir haben 
guten Grund, den Geistlichen zu danken, daß sie dies Dokument 
erhalten haben, obgleich es ihrer Tendenz nichts mehr leistet, ja 
diese eher gestört haben mag. 

Ehe ich aber in die Zusammensetzung der kleinen handschrift- 
lichen Broschüre, die den Titel 

„ Trophaeum Mariano-Cellense" 

führt, weiter eingehe, muß ich ein Stück ihres Inhalts erzählen, 
das ich dem Vorbericht entnehme. 

Am 5. September 1677 wurde der Maler Christoph Haitzmann, 
ein Bayer, mit einem Geleitbrief des Pfarrers von Pottenbrunn 
(in Niederösterreich) nach dem nahen Mariazell gebracht. 1 Er habe 
sich in Ausübung seiner Kunst mehrere Monate in Pottenbrunn 
aufgehalten, sei dort am 29. August in der Kirche von schreck- 
lichen Krämpfen befallen worden, und als sich diese in den 
nächsten Tagen wiederholten, habe ihn der Praefectus Dominii 
Pottenbrunnensis examiniert, was ihn wohl bedrücke, ob er sich 
wohl in unerlaubten Verkehr mit dem bösen Geist eingelassen 
habe. 8 Worauf er gestanden, daß er wirklich vor neun Jahren 
zu einer Zeit der Verzagtheit an seiner Kunst und des Zweifels 
an seiner Selbsterhaltung dem Teufel, der ihn neunmal versucht, 



1) Das Alter des Malers ist nirgends angegeben. Der Zusammenhang läßt einen 
Mann zwischen 30 und 40, wahrscheinlich der unteren Grenze näher, erraten. Er 
verstarb, wie wir hören werden, im Jahre 1700. 

2) Die Möglichkeit, daß diese Fragestellung dem Leidenden die Phantasie seines 
Teufelspaktes eingegeben, „suggeriert" hat, sei hier nur gestreift. 



412 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

nachgegeben und sich schriftlich verpflichtet, ihm nach Ablauf 
dieser Zeit mit Leib und Seele anzugehören. Das Ende des Ter- 
mins nahe mit dem 24. des laufenden Monats. 1 Der Unglückliche 
bereue und sei überzeugt, daß nur die Gnade der Mutter Gottes 
von Mariazell ihn retten könne, indem sie den Bösen zwinge, 
ihm die mit Blut geschriebene Verschreibung herauszugeben. Aus 
diesem Grund erlaube man sich miserum hunc hominem omni 
auxilio destitutum dem Wohlwollen der Herren von Mariazell zu 
empfehlen. 

Soweit der Pfarrer von Pottenbrunn, Leopoldus Braun, am 
1. September 1677. 

Ich kann nun in der Analyse des Manuskripts fortfahren. Es 
besteht also aus drei Teilen: 

1. einem farbigen Titelblatt, welches die Szene der Verschrei- 
bung und die der Erlösung in der Kapelle von Mariazell darstellt; 
auf dem nächsten Blatt sind acht ebenfalls farbige Zeichnungen 
der späteren Erscheinungen des Teufels mit kurzen Beischriften 
in deutscher Sprache. Diese Bilder sind nicht Originale, sondern 
Kopien — wie uns feierlich versichert wird: getreue Kopien — 
nach den ursprünglichen Malereien des Chr. Haitzmann; 

2. aus dem eigentlichen Trophaeum Mariano-Cellense (lateinisch), 
dem Werk eines geistlichen Kompilators, der sich am Ende P. A. E. 
unterzeichnet und diesen Buchstaben vier Verszeilen, welche seine 
Biographie enthalten, beifügt. Den Abschluß bildet ein Zeugnis 
des Abtes Kilian von St. Lambert vom 12. September 1729, 
welches in anderer Schrift als der des Kompilators die genaue 
Übereinstimmung des Manuskripts und der Bilder mit den im 
Archiv aufbewahrten Originalen bestätigt. Es ist nicht angegeben, 
in welchem Jahr das Trophaeum angefertigt wurde. Es steht uns 
frei anzunehmen, daß es im gleichen Jahr geschah, in dem der 
Abt Kilian das Zeugnis ausstellte, also 172g oder, da 1714 die 
letzte im Text genannte Jahreszahl ist, das Werk des Kompilators 

1) quorwn et finis 24 mensis hujus futurus appropinquat. 



Eine Teufelsneurose im siebzehnten Jahrhundert 



413 



in irgend eine Zeit zwischen 1714 und 1729 zu verlegen. Das 
Wunder, welches durch diese Schrift vor Vergessenheit bewahrt 
werden sollte, hat sich im Jahr 1677 zugetragen, also 57 bis 
52 Jahre vorher 5 

5. aus dem deutsch abgefaßten Tagebuch des Malers, welches 
von der Zeit seiner Erlösung in der Kapelle bis zum 15. Januar 
des nächsten Jahres 1678 reicht. Es ist in den Text des Trophaeum 
kurz vor dessen Ende eingeschaltet. 

Den Kern des eigentlichen Trophaeum bilden zwei Schrift- 
stücke, der bereits erwähnte Geleitbrief des Pfarrers Leopold Braun 
von Pottenbrunn vom 1. September 1677, und der Bericht des 
Abtes Franciscus von Mariazeil und St. Lambert, der die Wunder- 
heilung schildert, vom 12. September 1677, also nur wenige 
Tage später datiert. Die Tätigkeit des Redakteurs oder Kompilators 
P. A. E. hat eine Einleitung geliefert, welche die beiden Akten- 
stücke gleichsam verschmilzt, ferner einige wenig bedeutsame 
Verbindungsstücke und am Schluß einen Bericht über die weiteren 
Schicksale des Malers nach einer im Jahre 1714 eingeholten Er- 
kundigung beigefügt. 1 

Die Vorgeschichte des Malers wird also im Trophaeum dreimal 
erzählt, 

1. im Geleitbrief des Pfarrers von Pottenbrunn, 

2. im feierlichen Bericht des Abtes Franciscus und 

5. in der Einleitung des Redakteurs. Beim Vergleich dieser drei 
Quellen stellen sich gewisse Unstimmigkeiten heraus, die zu ver- 
folgen nicht unwichtig sein wird. 

Ich kann jetzt die Geschichte des Malers fortsetzen. Nach- 
dem er in Mariazeil lange gebüßt und gebetet, erhält er am 
8. September, dem Tag Maria Geburt, um die zwölfte Nacht- 
stunde vom Teufel, der in der heiligen Kapelle als geflügelter 
Drache erscheint, den mit Blut geschriebenen Pakt zurück. 

1) Dies würde dafür sprechen, daß 1714 auch das Datum der Abfassung des 
Trophaeum ist. 



414 Zur Anwendung der Psychoanalyse 



Wir werden später zu unserem Befremden erfahren, daß in 
der Geschichte des Malers Chr. Haitzmann zwei Verschreibungen 
an den Teufel vorkommen, eine frühere, mit schwarzer Tinte 
und eine spätere, mit Blut geschriebene. In der mitgeteilten 
Beschwörungsszene handelt es sich, wie auch noch das Bild 
auf dem Titelblatt erkennen läßt, um die blutige, also um die 
spätere. 

An dieser Stelle könnte sich bei uns ein Bedenken gegen die 
Glaubwürdigkeit der geistlichen Berichterstatter erheben, das uns 
mahnen würde, doch nicht unsere Arbeit an ein Produkt mönchi- 
schen Aberglaubens zu verschwenden. Es wird erzählt, daß mehrere, 
mit Namen benannte Geistliche dem Exorzierten während der 
ganzen Zeit Beistand leisteten und auch während der Teufels- 
erscheinung in der Kapelle anwesend waren. Wenn behauptet 
würde, daß auch sie den teuflischen Drachen gesehen haben, wie 
er dem Maler den rot beschriebenen Zettel hinhält (Schedam 
sibi porrigentcm conspexisset), so stünden wir vor mehreren un- 
angenehmen Möglichkeiten, unter denen die einer kollektiven 
Halluzination noch die mildeste wäre. Allein der Wortlaut des 
vom Abt Franciscus ausgestellten Zeugnisses schlägt dieses Bedenken 
nieder. Es wird darin keineswegs behauptet, daß auch die geist- 
lichen Beistände den Teufel erschaut haben, sondern es heißt 
ehrlich und nüchtern, daß der Maler sich plötzlich von den Geist- 
lichen, die ihn hielten, losgerissen, in die Ecke der Kapelle, wo 
er die Erscheinung sah, gestürmt und dann mit dem Zettel in 
der Hand zurückgekommen sei. 1 

Das Wunder war groß, der Sieg der heiligen Mutter über 
Satan unzweifelhaft, die Heilung aber leider nicht beständig. Es 
sei nochmals zur Ehre der geistlichen Herren hervorgehoben, daß 
sie diese Tatsache nicht verschweigen. Der Maler verließ Mariazell 

1) . . . ipswnque Daemoncm ad Aram Sac. Cellae per fenestrellam in cornu Epistolae Schedam 
sibi porrigentem conspexisset eo advolans e Religiosorum manibus, qui ewn tcncbant, tpsam 
Schedam ad manum obtinuit, . . . 



Eine Teufehneurose im siebzehnten Jahrhundert 



4*5 



nach kurzer Zeit im besten Wohlbefinden und begab sich dann 
nach Wien, wo er bei einer verheirateten Schwester wohnte. Dort 
fingen am 1 1 . Oktober neuerliche, zum Teil sehr schwere Anfalle 
an, über die das Tagebuch bis zum 13. Januar berichtet. Es 
waren Visionen, Abwesenheiten, in denen er die mannigfaltigsten 
Dinge sah und erlebte, Krampf zustände, begleitet von den schmerz- 
haftesten Sensationen, einmal ein Zustand von Lähmung der 
Beine u. dgl. Diesmal plagte ihn aber nicht der Teufel, sondern 
es waren heilige Gestalten, die ihn heimsuchten, Christus, die 
heilige Jungfrau selbst. Merkwürdig, daß er unter diesen himm- 
lischen Erscheinungen und den Strafen, die sie über ihn ver- 
hängten, nicht minder litt, als früher unter dem Verkehr mit 
dem Teufel. Er faßte auch diese neuen Erlebnisse im Tagebuch 
als Erscheinungen des Teufels zusammen und beklagte sich über 
maligni Spiritus manifestationes, als er im Mai 1678 nach Mariazell 
zurückkehrte. 

Den geistlichen Herren gab er als Motiv seiner Rückkehr an, 
daß er auch eine andere, frühere, mit Tinte geschriebene Ver- 
schreibung vom Teufel zu fordern habe.' Auch diesmal verhalfen 
ihm die heilige Maria und die frommen Patres zur Erfüllung 
seiner Bitte. Aber der Bericht, wie das geschah, ist schweigsam. 
Es heißt nur mit kurzen Worten: qua iuxta votum reddita. Er 
betete wieder und er erhielt den Vertrag zurück. Dann fühlte 
er sich ganz frei und trat in den Orden der Barmherzigen 
Brüder ein. 

Man hat wiederum Anlaß anzuerkennen, daß die offenkundige 
Tendenz seiner Bemühung den Kompilator nicht dazu verführt 
hat, die von einer Krankengeschichte zu fordernde Wahrhaftigkeit 
zu verleugnen. Denn er verschweigt nicht, was die Erkundigung 
nach dem Ausgang des Malers beim Vorstand des Klosters der 
Barmherzigen Brüder im Jahre 1714 ergeben. Der R. P r - Pro- 

1) Diese wäre, im September 1668 ausgestellt, g'/ f Jahre später, im Mai 1678 
längst verfallen gewesen. 



ai 6 Zur Anwendung der Psychoanalyse 



vincialis berichtet, daß Bruder Chrysostomus noch wiederholt 
Anfechtungen des bösen Geistes erfahren hat, der ihn zu einem 
neuen Pakt verleiten wollte, und zwar nur dann, „wenn er etwas 
mehrers von Wein getrunken", durch die Gnade Gottes sei es 
aber immer möglich gewesen ihn abzuweisen. Bruder Chrysostomus 
sei dann im Kloster des Ordens Neustatt an der Moldau im 
Jahre 1700 „sanft und trostreich" an der Hektica verstorben. 

II 
DAS MOTIV DES TEUFELSPAKTS 

Wenn wir diese Teufelsverschreibung wie eine neurotische 
Krankengeschichte betrachten, wendet sich unser Interesse zunächst 
der Frage nach ihrer Motivierung zu, die ja mit der Veranlassung 
innig zusammenhängt. Warum verschreibt man sich dem Teufel? 
Dr. Faust fragt zwar verächtlich: Was willst du armer Teufel 
geben? Aber er hat nicht recht, der Teufel hat als Entgelt für 
die unsterbliche Seele allerlei zu bieten, was die Menschen hoch 
einschätzen: Reichtum, Sicherheit vor Gefahren, Macht über die 
Menschen und über die Kräfte der Natur, selbst Zauberkünste 
und vor allem anderen: Genuß, Genuß bei schönen Frauen. Diese 
Leistungen oder Verpflichtungen des Teufels pflegen auch im 
Vertrag mit ihm ausdrücklich erwähnt zu werden. 1 Was ist nun 
für Christoph Haitzmann das Motiv seines Pakts gewesen? 

Merkwürdigerweise keiner von all diesen so natürlichen Wün- 
schen. Um jeden Zweifel daran zu bannen, braucht man nur die 
kurzen Bemerkungen einzusehen, die der Maler zu den von ihm 
abgebildeten Teufelserscheinungen hinzusetzt. Zum Beispiel lautet 
die Note zur dritten Vision: 



1) Siehe in Faust I, Studierzimmer: 

Ich will mich hier zu deinem Dienst verbinden, 
Auf deinen Wink nicht rasten und nicht ruhn; 
Wenn wir uns drüben wieder finden, 
So sollst du mir das Gleiche thun. 



„Zum driten ist er mir in anderthalb Jahren in dißer abscheüh- 
lichen Gestalt erschinen, mit einen Buuch in der Handt, darin 
lauter Zauberey und schwarze Kunst war begrüffen . . ." 

Aber aus der Beischrift zu einer späteren Erscheinung er- 
fahren wir, daß der Teufel ihm heftige Vorwürfe macht, warum 
er „sein vorgemeldtes Buuch verbrennt' 1 , und ihn zu zerreißen 
droht, wenn er es ihm nicht wieder beschafft. 

Bei der vierten Erscheinung zeigt er ihm einen großen gelben 
Beutel und einen großen Dukaten und verspricht ihm jederzeit 
soviel davon, als er nur haben will, „aber ich solliches gar nicht 
angenomben", kann sich der Maler rühmen. 

Ein anderes Mal verlangt er von ihm, er solle sich amüsieren, 
unterhalten lassen. Wozu der Maler bemerkt, „welliches zwar 
auch auf sein begehren geschehen aber ich yber drey Tag nit 
continuirt, vnd gleich widerumb aufgelöst worden". 

Da er nun Zauberkünste, Geld und Genuß zurückweist, wenn 
der Teufel sie ihm bietet, geschweige denn, daß er sie zu Bedin- 
gungen des Pakts gemacht hätte, wird es wirklich dringlich zu 
wissen, was dieser Maler eigentlich vom Teufel wollte, als er sich 
ihm verschrieb. Irgend ein Motiv sich mit dem Teufel einzulassen, 
muß er doch gehabt haben. 

Das Trophaeum gibt auch sichere Auskunft über diesen Punkt. 
Er war schwermütig geworden, konnte nicht, oder wollte nicht recht 
arbeiten und hatte Sorge um die Erhaltung seiner Existenx, also 
melancholische Depression mit Arbeitshemmung und (berechtigter) 
Lebenssorge. Wir sehen, daß wir es wirklich mit einer Kranken- 
geschichte zu tun haben, erfahren auch, welches die Veranlassung 
dieser Erkrankung war, die der Maler selbst in den Bemerkungen 
zu den Teufelsbildern geradezu eine Melancholie nennt („solte 
mich darmit belustigen und melancoley vertreiben"). Von unseren 
drei Quellen erwähnt zwar die erste, der Geleitbrief des Pfarrers, 
nur den Depressionszustand („dum artis suae progressum emolu- 
mentumque secuturum pusillanimis per pender et"), aber die zweite, 

Freud, X. 



27 



4 i 8 Z ur Anwendung der Psychoanalyse 

der Bericht des Abtes Franciscus weiß auch die Quelle dieser 
Verzagtheit oder Verstimmung zu nennen, denn hier heißt es 
„accepta aliquä pusillanimitate ex morte parentis" und dem- 
entsprechend auch in der Einleitung des Kompilators mit den 
nämlichen, nur umgestellten Worten: ex morte parentis accepta 
aliquä pusillanimitate. Es war also sein Vater gestorben, er 
darüber in eine Melancholie verfallen, da näherte sich ihm der 
Teufel, fragte ihn, warum er so bestürzt und traurig sei, und 
versprach ihm „auf alle Weiß zu helfen und an die Handt zu 

gehen". 1 

Da verschreibt sich also einer dem Teufel, um von einer Gemüts- 
depression befreit zu werden. Gewiß ein ausgezeichnetes Motiv 
nach dem Urteil eines jeden, der sich in die Qualen eines solchen 
Zustandes einfühlen kann und der überdies weiß, wie wenig 
ärztliche Kunst von diesem Leiden zu lindern versteht. Doch 
würde keiner, der dieser Erzählung soweit gefolgt ist, erraten 
können, wie der Wortlaut der Verschreibung an den Teufel (oder 
vielmehr der beiden Verschreibungen, einer ersten, mit Tinte und 
einer zweiten, etwa ein Jahr später, mit Blut geschriebenen, beide 
angeblich noch in der Schatzkammer von Mariazell vorhanden 
und im Trophaeum mitgeteilt), wie also der Wortlaut dieser Ver- 
schreibungen gelautet hat. 

Diese Verschreibungen bringen uns zwei starke Überraschungen. 
Erstens nennen sie nicht eine Verpflichtung des Teufels, für deren 
Einhaltung die ewige Seligkeit verpfändet wird, sondern nur eine 
Forderung des Teufels, die der Maler einhalten soll. Es berührt 
uns als ganz unlogisch, absurd, daß dieser Mensch seine Seele 
einsetzt nicht für etwas, was er vom Teufel bekommen, sondern 
was er dem Teufel leisten soll. Noch sonderbarer klingt die Ver- 
pflichtung des Malers. 

Erste, mit schwarzer Tinte geschriebene „Syngrapha": 

l) Bild 1 und Legende daiu auf dem Titelblatt, der Teufel in Gestalt eines 
T Ersamen Bürgers". 



Fine Teufelsneurose im siebzehnten Jahrhunder t 419 

Ich Christoph Haitzmann vndterschreibe mich diesen 
Herrn sein leibeigener Sohn auf Q Jahr. 1669 Jahr. 

Zweite, mit Blut geschrieben: 

Anno 1669 
Christoph Haizmann. Ich verschreibe, mich dißen 
Satan, ich sein leibeigner Sohn zu sein, und in 
o Jahr ihm mein Leib und Seel zuzugeheren. 

Alles Befremden entfällt aber, wenn wir den Text der Ver- 
schreibungen so zurechtrücken, daß in ihr als Forderung des Teufels 
dargestellt wird, was vielmehr seine Leistung, also Forderung des 
Malers ist. Dann bekäme der unverständliche Pakt einen geraden 
Sinn und könnte solcherart ausgelegt werden: Der Teufel ver- 
pflichtet sich, dem Maler durch neun Jahre den verlorenen Vater 
zu ersetzen. Nach Ablauf dieser Zeit verfällt der Maler mit Leib 
und Seele dem Teufel, wie es bei diesen Händeln allgemein 
üblich war. Der Gedankengang des Malers, der seinen Pakt 
motiviert, scheint ja der folgende zu sein: Durch den Tod des 
Vaters hat er Stimmung und Arbeitsfähigkeit eingebüßt; wenn 
er nun einen Vaterersatz bekommt, hofft er das Verlorene wieder 
zu gewinnen. 

Jemand, der durch den Tod seines Vaters melancholisch ge- 
worden ist, muß doch diesen Vater lieb gehabt haben. Dann ist 
es aber sehr sonderbar, daß ein solcher Mensch auf die Idee 
kommen kann, den Teufel zum Ersatz für den geliebten Vater 
zu nehmen. 

III 
DER TEUFEL ALS VATERERSATZ 

Ich besorge, eine nüchterne Kritik wird uns nicht zugeben, 
daß wir mit jener Umdeutung den Sinn des Teufelspakts bloß- 
gelegt haben. Sie wird zweierlei Einwendungen dagegen erheben. 
Erstens: es sei nicht notwendig, die Verschreibung als einen Ver- 

37' 



420 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

trag anzusehen, in dem die Verpflichtungen beider Teile Platz 
gefunden haben. Sie enthalte vielmehr nur die Verpflichtung des 
Malers, die des Teufels sei außerhalb ihres Textes geblieben, 
gleichsam „sousentendue". Der Maler verpflichtet sich aber zu 
zweierlei, erstens zur Teufelssohnschaft durch neun Jahre und 
zweitens dazu, ihm nach dem Tode ganz anheimzufallen. Damit 
ist eine der Begründungen unseres Schlusses weggeräumt. 

Die zweite Einwendung wird sagen, es sei nicht berechtigt auf 
den Ausdruck, des Teufels leibeigener Sohn zu sein, besonderes 
Gewicht zu legen. Das sei eine geläufige Redensart, die jeder so 
auffassen könne, wie die geistlichen Herren sie verstanden haben 
mögen. Diese übersetzen die in den Verschreibungen versprochene 
Sohnschaft nicht in ihr Latein, sondern sagen nur, daß der Maler 
sich dem Bösen „mancipavit" , zu eigen gegeben, es auf sich ge- 
nommen habe, ein sündhaftes Leben zu führen und Gott und 
die heilige Dreieinigkeit zu verleugnen. Warum sollten wir uns 
von dieser naheliegenden und ungezwungenen Auffassung ent- 
fernen? 1 Der Sachverhalt wäre dann einfach der, daß sich jemand 
in der Qual und Ratlosigkeit einer melancholischen Depression 
dem Teufel verschreibt, dem er auch das stärkste therapeutische 
Können zutraut. Daß diese Verstimmung aus dem Tod des 
Vaters hervorging, komme nicht weiter in Betracht, es hätte auch 
ein anderer Anlaß sein können. Das klingt stark und vernünftig. 
Gegen die Psychoanalyse erhebt sich wieder der Vorwurf, daß sie 
einfache Verhältnisse in spitzfindiger Weise kompliziert, Geheim- 
nisse und Probleme dort sieht, wo sie nicht existieren, und daß 
sie dies bewerkstelligt, indem sie kleine und nebensächliche Züge, 
wie man sie überall finden kann, übermäßig betont und zu 
Trägern der weitgehendsten und fremdartigsten Schlüsse erhebt. 
Vergeblich würden wir dagegen geltend machen, daß durch 

1) In der Tat werden wir später, wenn wir erwägen, wann und für wen diese 
Verschreibungen abgefaßt wurden, selbst einsehen, daß ihr Text unauffällig und nil- 
gemein verständlich lauten mußte. Es reicht uns aber hin, wenn er eine Zweideu- 
tigkeit bewahrt, an welche auch unsere Auslegung anknüpfen kann. 



Eine Teufehneurose im siebzehnten Jahrhundert. 421 

diese Abweisung so viele schlagende Analogien aufgehoben und 
feine Zusammenhänge zerrissen werden, die wir in diesem 
Falle aufzeigen können. Die Gegner werden sagen, diese Ana- 
logien und Zusammenhänge bestehen eben nicht, sondern 
werden von uns mit überflüssigem Scharfsinn in den Fall 
hineingetragen. 

Nun, ich werde meine Entgegnung nicht mit den Worten ein- 
leiten: seien wir ehrlich oder seien wir aufrichtig, denn das muß 
man immer sein können, ohne einen besonderen Anlauf dazu zu 
nehmen, sondern ich werde mit schlichten Worten versichern, 
daß ich wohl weiß, wenn jemand nicht bereits an die Berechti- 
gung der psychoanalytischen Denkweise glaubt, werde er diese 
Überzeugung auch nicht aus dem Fall des Malers Chr. Haitzmann 
im siebzehnten Jahrhundert gewinnen. Es ist auch gar nicht meine 
Absicht, diesen Fall als Beweismittel für die Gültigkeit der Psycho- 
analyse zu verwerten; ich setze vielmehr die Psychoanalyse als 
gültig voraus und verwende sie dazu, um die dämonologische 
Erkrankung des Malers aufzuklären. Die Berechtigung hiezu nehme 
ich aus dem Erfolg unserer Forschungen über das Wesen der 
Neurosen überhaupt. In aller Bescheidenheit darf man es aus- 
sprechen, daß heute selbst die Stumpferen unter unseren Zeit- 
und Fachgenossen einzusehen beginnen, daß ein Verständnis der 
neurotischen Zustände ohne Hilfe der Psychoanalyse nicht zu 
erreichen ist. 

„Die Pfeile nur erobern Troja, sie allein" 

bekennt der Odysseus in Sophokles 1 Philoktet. 

Wenn es richtig ist, die Teufelsverschreibung unseres Malers 
als neurotische Phantasie anzusehen, so bedarf eine psychoanalyti- 
sche Würdigung derselben keiner weiteren Entschuldigimg. Auch 
kleine Anzeichen haben ihren Sinn und Weit, ganz besonders 
unter den Entstehungsbedingungen der Neurose. Man kann sie 
freilich ebensowohl überschätzen wie unterschätzen, und es bleibt 



422 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

eine Sache des Takts, wie weit man in ihrer Verwertung gehen 
will. Wenn aber jemand nicht an die Psychoanalyse und nicht ein- 
mal an den Teufel glaubt, muß es ihm überlassen bleiben, was 
er mit dem Fall des Malers anfangen will, sei es, daß er dessen 
Erklärung aus eigenen Mitteln bestreiten kann, sei es, daß er 
nichts der Erklärung Bedürftiges an ihm findet. 

Wir kehren also zu unserer Annahme zurück, daß der Teufel, 
dem unser Maler sich verschreibt, ihm ein direkter Vaterersatz 
ist. Dazu stimmt auch die Gestalt, in der er ihm zuerst erscheint, 
als ehrsamer älterer Bürgersmann mit braunem Vollbart, in rotem 
Mantel, schwarzem Hut, die Rechte auf den Stock gestützt, einen 
schwarzen Hund neben sich (Bild l). 1 Später wird seine Erschei- 
nung immer schreckhafter, man möchte sagen mythologischer: 
Hörn er, Adlerklauen, Fledermausflügel werden zu ihrer Ausstattung 
verwendet. Zum Schluß erscheint er in der Kapelle als fliegender 
Drache. Auf ein bestimmtes Detail seiner körperlichen Gestaltung 
werden wir später zurückkommen müssen. 

Daß der Teufel zum Ersatz eines geliebten Vaters gewählt 
wird, klingt wirklich befremdend, aber doch nur, wenn wir zum 
erstenmal davon hören, denn wir wissen mancherlei, was die 
Überraschung mindern kann. Zunächst, daß Gott ein Vaterersatz 
ist oder richtiger: ein erhöhter Vater oder noch anders: ein Nach- 
bild des Vaters, wie man ihn in der Kindheit sah und erlebte, 
der Einzelne in seiner eigenen Kindheit und das Menschen- 
geschlecht in seiner Vorzeit als Vater der primitiven Urhorde. 
Später sah der Einzelne seinen Vater anders und geringer, aber 
das kindliche Vorstellungsbild blieb erhalten und verschmolz mit 
der überlieferten Erinnerungsspur des Urvaters zur Gottesvor- 
stellung des Einzelnen. Wir wissen auch aus der Geheimgeschichte 
des Individuums, welche die Analyse aufdeckt, daß das Verhältnis 
zu diesem Vater vielleicht vom Anfang an ein ambivalentes war, 

1) Aus einem solchen schwarzen Hund entwickelt sich bei Goethe der Teufel 

selbst. 



Eine Teufelsneurose im siebzehnten Jahrhundert 425 



jedenfalls bald so wurde, d. h. es umfaßte zwei einander ent- 
gegengesetzte Gefühlsregungen, nicht nur eine zärtlich unter- 
würfige, sondern auch eine feindselig trotzige. Dieselbe Ambi- 
valenz beherrscht nach unserer Auffassung das Verhältnis der 
Menschenart zu ihrer Gottheit. Aus dem nicht zu Ende ge- 
kommenen Widerstreit von Vatersehnsucht einerseits, Angst und 
Sohnestrotz anderseits haben wir uns wichtige Charaktere und 
entscheidende Schicksale der Religionen erklärt.' 

Vom bösen Dämon wissen wir, daß er als Widerpart Gottes 
gedacht ist und doch seiner Natur sehr nahe steht. Seine Geschichte 
ist allerdings nicht so gut erforscht wie die Gottes, nicht alle 
Religionen haben den bösen Geist, den Gegner Gottes, aufge- 
nommen, sein Vorbild im individuellen Leben bleibt zunächst im 
Dunkeln. Aber eines steht fest, Götter können zu bösen Dämonen 
werden, wenn neue Götter sie verdrängen. Wenn ein Volk von 
einem anderen besiegt wird, so wandeln sich die gestürzten Götter 
der Besiegten nirht selten für das Siegervolk in Dämonen um. 
Der böse Dämon des christlichen Glaubens, der Teufel des Mittel- 
alters, war nach der christlichen Mythologie selbst ein gefallener 
Engel und gottgleicher Natur. Es braucht nicht viel analytischen 
Scharfsinns, um zu erraten, daß Gott und Teufel ursprünglich 
identisch waren, eine einzige Gestalt, die später in zwei mit 
entgegengesetzten Eigenschaften zerlegt wurde. 2 In den Ur- 
zeiten der Religionen trug Gott selbst noch alle die schreckenden 
Züge, die in der Folge zu einem Gegenstück von ihm vereinigt 
wurden. 

Es ist der von uns wohlbekannte Vorgang der Zerlegung einer 
Vorstellung mit gegensinnigem — ambivalentem — Inhalt in 
zwei scharf kontrastierende Gegensätze. Die Widersprüche in der 
ursprünglichen Natur Gottes sind aber eine Spiegelung der Am- 

1) Siehe Totem und Tabu und im Einzelnen Th. Reik, Probleme der Religions- 

psychologic I, 1919. 

a) Siehe Th. Reik. Der eigene und der fremde Gott (Imago-Bücher III, 1925) 
im Kapitel: Gott und Teufel. 



424 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

bivalenz, welche das Verhältnis des Einzelnen zu seinem persön- 
lichen Vater beherrscht. Wenn der gütige und gerechte Gott ein 
Vaterersatz ist, so darf man sich nicht darüber wundern, daß auch 
die feindliche Einstellung, die ihn haßt und fürchtet und sich 
über ihn beklagt, in der Schöpfung des Satans zum Ausdruck 
gekommen ist. Der Vater wäre also das individuelle Urbild sowohl 
Gottes wie des Teufels. Die Religionen würden aber unter der 
untilgbaren Nachwirkung der Tatsache stehen, daß der primitive 
Urvater ein uneingeschränkt böses Wesen war, Gott weniger ähnlich 
als dem Teufel. 

Freilich, so leicht ist es nicht, die Spur der satanischen Auf- 
fassung des Vaters im Seelenleben des Einzelnen aufzuzeigen. 
Wenn der Knabe Fratzen und Karikaturen zeichnet, so gelingt 
es etwa nachzuweisen, daß er in ihnen den Vater verhöhnt, und 
wenn beide Geschlechter sich nächtlicherweise vor Räubern und 
Einbrechern schrecken, so hat die Erkennung derselben als Ab- 
spaltungen des Vaters keine Schwierigkeit.' Auch die in den Tier- 
phobien der Kinder auftretenden Tiere sind am häufigsten Vater- 
ersatz wie in der Urzeit das Totemtier. So deutlich aber wie bei 
unserem neurotischen Maler des siebzehnten Jahrhunderts hört 
man sonst nicht, daß der Teufel ein Nachbild des Vaters ist und 
als Ersatz für ihn eintreten kann. Darum sprach ich eingangs 
dieser Arbeit die Erwartung aus, eine solche dämonologische 
Krankengeschichte werde uns als gediegenes Metall zeigen, was 
in den Neurosen einer späteren, nicht mehr abergläubischen 
aber dafür hypochondrischen Zeit mühselig durch analytische 
Arbeit aus dem Erz der Einfälle und Symptome dargestellt werden 
muß. 2 

1) Als Einbrecher erscheint der Vater Wolf auch in dem bekannten Märchen 
von den sieben GeiOlein. 

2) Wenn es uns so selten gelingt, in unseren Analysen den Teufel als Vaterersatz 
aufzufinden, so mag dies darauf hinweisen, daß diese Figur der mittelalterlichen 
Mythologie bei den Personen, die sich unserer Analyse unterziehen, ihre Rolle längst 
ausgespielt hat. Dem frommen Christen früherer Jahrhunderte war der Glaube an 
den Teufel nicht weniger Pflicht als der Glaube an Gott. In der Tat brauchte er 



Eine Teufelsneurose im siebzehnten Jahrhundert 425 

Stärkere Überzeugung werden wir wahrscheinlich gewinnen, 
wenn wir tiefer in die Analyse der Erkrankung bei unserem 
Maler eindringen. Daß ein Mann durch den Tod seines Vaters 
eine melancholische Depression und Arbeitshemmung erwirbt, ist 
nichts Ungewöhnliches. Wir schließen daraus, daß er an diesem 
Vater mit besonders starker Liebe gehangen hat, und erinnern 
uns daran, wie oft auch die schwere Melancholie als neurotische 
Form der Trauer auftritt. 

Darin haben wir gewiß recht, nicht aber, wenn wir weiter 
schließen, daß dies Verhältnis eitel Liebe gewesen sei. Im Gegen- 
teil, eine Trauer nach dem Verlust des Vaters wird sich um so 
eher in Melancholie umwandeln, je mehr das Verhältnis zu ihm 
im Zeichen der Ambivalenz stand. Die Hervorhebung dieser Am- 
bivalenz bereitet uns aber auf die Möglichkeit der Erniedrigung 
des Vaters vor, wie sie in der Teufelsneurose des Malers zum 
Ausdruck kommt. Könnten wir nun von Chr. Haitzmann so viel 
erfahren wie von einem Patienten, der sich unserer Analyse unter- 
zieht, so wäre es ein leichtes, diese Ambivalenz zu entwickeln, 
ihm zur Erinnerung zu bringen, wann und bei welchen Anlässen 
er Grund bekam, seinen Vater zu fürchten und zu hassen, vor 
allem aber die akzidentellen Momente aufzudecken, die zu den 
typischen Motiven des Vaterhasses hinzugekommen sind, welche 
in der natürlichen Sohn-Vaterbeziehung unvermeidlich wurzeln. 
Vielleicht fände dann die Arbeitshemmung eine spezielle Auf- 
klärung. Es ist möglich, daß der Vater sich dem Wunsch des 
Sohnes, Maler zu werden, widersetzt hatte; dessen Unfähigkeit, 
seine Kunst nach dem Tode des Vaters auszuüben, wäre dann 
einerseits ein Ausdruck des bekannten „nachträglichen Gehorsams", 

den Teufel, 11 in an Gott festhalten tu können. Der Rückgang der Gläubigkeit hat 
dann aus verschiedenen Gründen zuerst und zunächst die Person des Teufels be- 
troffen. 

Wenn man sich getraut, die Idee des Teufels als Vaterersatz kulturgeschichtlich 
zu verwerten, so kann man auch die Hexenprozesse des Mittelalters in einem neuen 
Lichte sehen. 






226 Zur Amvendung der Psychoanalyse 

anderseits würde sie, die den Sohn zur Selbsterhaltung unfähig 
macht, die Sehnsucht nach dem Vater als Beschützer vor der 
Lebenssorge steigern müssen. Als nachträglicher Gehorsam wäre 
sie auch eine Äußerung der Reue und eine erfolgreiche Selbst- 
bestrafung. 

Da wir eine solche Analyse mit Chr. Haitzmann, T 1700, nicht 
anstellen können, müssen wir uns darauf beschränken, diejenigen 
Züge seiner Krankengeschichte hervorzuheben, welche auf die 
typischen Anlässe zu einer negativen Vatereinstellung hinweisen 
können. Es sind nur wenige, nicht sehr auffällig, aber recht 
interessant. 

Vorerst die Rolle der Zahl Neun. Der Pakt mit dem Bösen 
wird auf neun Jahre geschlossen. Der gewiß unverdächtige Be- 
richt des Pfarrers von Pottenbrunn äußert sich klar darüber: pro 
novem annis Syngraphen scriptam tradidit. Dieser vom 1. Sep- 
tember 1677 datierte Geleitbrief weiß auch anzugeben, daß die 
Frist in wenigen Tagen abgelaufen wäre: quorum et Jinis 24 
mensis hujus futurus appropinquat. Die Verschreibung wäre also 
am 24. September 166' 8 erfolgt. 1 Ja in diesem Bericht hat die 
Zahl Neun noch eine andere Verwendung. Nonies — neunmal — 
will der Maler den Versuchungen des Bösen widerstanden haben, 
ehe er sich ihm ergab. Dies Detail wird in den späteren Berichten 
nicht mehr erwähnt; „Post annos novem" heißt es dann auch 
im Attest des Abtes und „ad novem annos", wiederholt der Kora- 
pilator in seinem Auszug, ein Beweis, daß diese Zahl nicht als 
gleichgültig angesehen wurde. 

Die Neunzahl ist uns aus neurotischen Phantasien wohl be- 
kannt. Sie ist die Zahl der Schwangerschaftsmonate und lenkt, wo 
immer sie vorkommt, unsere Aufmerksamkeit auf eine Schwanger- 
schaftsphantasie hin. Bei unserem Maler handelt es sich freilich 
um neun Jahre, nicht um neun Monate, und die Neun, wird 

1) Der Widerspruch, dal) die wiedergegebenen Versclireibungcn beide die Jahres- 
zahl 1669 zeigen, wird uns später beschäftigen. 



Eine Teufelsneurose im siebzehnten Jahrhundert 427 



man sagen, ist auch sonst eine bedeutungsvolle Zahl. Aber wer 
weiß, ob die Neun nicht überhaupt ein gutes Teil ihrer Heilig- 
keit ihrer Rolle in der Schwangerschaft verdankt; und die Wand- 
lung von neun Monaten zu neun Jahren braucht uns nicht zu 
beirren. Wir wissen vom Traum her, wie die „unbewußte Geistes- 
tätigkeit" mit den Zahlen umspringt. Treffen wir z. B. im Traum 
auf eine Fünf, so ist diese jedesmal auf eine bedeutsame Fünf des 
Wachlebens zurückzuführen, aber in der Realität waren es fünf 
Jahre Altersunterschied oder eine Gesellschaft von fünf Personen, 
im Traum erscheinen sie als fünf Geldscheine oder fünf Stücke 
Obst. Das heißt die Zahl wird beibehalten, aber ihr Nenner be- 
liebig, je nach den Anforderungen der Verdichtung und Verschie- 
bung vertauscht. Neun Jahre im Traum können also ganz leicht 
neun Monaten der Wirklichkeit entsprechen. Auch spielt die 
Traumarbeit noch in anderer Weise mit den Zahlen des Wach- 
lebens, indem sie mit souveräner Gleichgültigkeit sich um die 
Nullen nicht bekümmert, sie gar nicht wie Zahlen behandelt. 
Fünf Dollars im Traum können fünfzig, fünfhundert, fünftausend 
Dollars der Realität vertreten. 

Ein anderes Detail in den Beziehungen des Malers zum Teufel 
weist uns gleichfalls auf die Sexualität hin. Das erstemal sieht 
er wie schon erwähnt, den Bösen in der Erscheinung eines ehr- 
samen Bürgers. Aber schon das nächste Mal ist er nackt, miß- 
gestaltet und hat zwei Paar weiblicher Brüste. Die Brüste, bald 
einfach, bald mehrfach vorhanden, fehlen nun in keiner der fol- 
genden Erscheinungen. Nur in einer derselben zeigt der Teufel 
außer den Brüsten einen großen, in eine Schlange auslaufenden 
Penis. Diese Betonung des weiblichen Geschlechtscharakters durch 
große, hängende Brüste (nie findet sich eine Andeutung des weib- 
lichen Genitales) muß uns als auffälliger Widerspruch gegen 
unsere Annahme erscheinen, der Teufel bedeute unserem Maler 
einen Vaterersatz. Eine solche Darstellung des Teufels ist auch 
an und für sich ungewöhnlich. Wo Teufel ein Gattungsbegriff 



■ |.2fl '/.iir Anuvn/Iime: der Psychoanalyse 

ist, also Teufel in der Mehrzahl auftreten, hat auch die Dar- 
stellung von weiblichen Teufeln nichts Befremdendes, aber daß 
der eine Teufel, der eine große Individualität ist, der Herr der 
Hölle und Widersacher Gottes, anders als männlich, ja übermänn- 
lich mit Hörnern, Schweif und großer Penisschlange gebildet 
werde, scheint mir nicht vorzukommen. 

Aus diesen beiden kleinen Anzeichen läßt sich doch erraten, 
welches typische Moment den negativen Anteil seines Vaterver- 
hältnisses bedingt. Das, wogegen er sich sträubt, ist die feminine 
Einstellung zum Vater, die in der Phantasie, ihm ein Kind zu 
gebären (neun Jahre) gipfelt. Wir kennen diesen Widerstand genau 
aus unseren Analysen, wo er in der Übertragung sehr merkwür- 
dige Formen annimmt und uns viel zu schaffen macht. Mit der 
Trauer um den verlorenen Vater, mit der Steigerung der Sehn- 
sucht nach ihm, wird bei unserem Maler auch die längst ver- 
drängte Schwangerschaftsphantasie reaktiviert, gegen die er sich 
durch Neurose und Vatererniedrigung wehren muß. 

Warum trägt aber der zum Teufel herabgesetzte Vater das 
körperliche Merkmal des Weibes an sich? Dieser Zug erscheint 
anfangs schwer deutbar, bald aber ergeben sich zwei Erklärungen 
für ihn, die miteinander konkurrieren ohne einander auszuschließen. 
Die feminine Einstellung zum Vater unterlag der Verdrängung, 
sobald der Knabe verstand, daß der Wettbewerb mit dem Weib 
um die Liebe des Vaters das Aufgeben des eigenen männlichen 
Genitales, also die Kastration, zur Bedingung hat. Die Ablehnung 
der femininen Einstellung ist also die Folge des Sträubens gegen 
die Kastration, sie findet regelmäßig ihren stärksten Ausdruck in 
der gegensätzlichen Phantasie, den Vater selbst zu kastrieren, ihn 
zum Weib zu machen. Die Brüste des Teufels entsprächen also 
einer Projektion der eigenen Weiblichkeit auf den Vaterersatz. 
Die andere Erklärung dieser Ausstattung des Teufelskörpers hat 
nicht mehr feindseligen, sondern zärtlichen Sinn; sie erblickt in 
dieser Gestaltung ein Anzeichen dafür, daß die infantile Zärtlich- 






Eine Teufelsneurose im siebzehnten Jahrhundert 4 2 9 



keit von der Mutter her auf den Vater verschoben worden ist, 
und deutet so eine starke, vorgängige Mutterfixierung an, die 
ihrerseits wieder für ein Stück der Feindseligkeit gegen den Vater 
verantwortlich ist. Die großen Brüste sind das positive Geschlechts- 
kennzeichen der Mutter, auch zu einer Zeit, wo der negative 
Charakter des Weibes, der Penismangel, dem Kinde noch nicht 
bekannt ist. 1 

Wenn das Widerstreben gegen die Annahme der Kastration 
unserem Maler die Erledigung seiner Vatersehnsucht unmöglich 
macht, so ist es überaus verständlich, daß er sich um Hilfe und 
Rettung an das Bild der Mutter wendet. Darum erklärt er, daß 
nur die heilige Mutter Gottes von Mariazeil ihn vom Pakt mit 
dem Teufel lösen kann, und erhält am Geburtstag der Mutter 
(8. September) seine Freiheit wieder. Ob der Tag, an dem der 
Pakt geschlossen wurde, der 24. September, nicht auch ein in 
ähnlicher Weise ausgezeichneter Tag war, werden wir natürlich 
nie erfahren. 

Kaum ein anderes Stück der psychoanalytischen Ermittlungen 
aus dem Seelenleben des Kindes klingt dem normalen Erwachsenen 
so abstoßend und unglaubwürdig wie die feminine Einstellung 
zum Vater und die aus ihr folgende Schwangerschaftsphantasie 
des Knaben. Wir können erst ohne Besorgnis und ohne Bedürfnis 
nach Entschuldigung von ihr reden, seitdem der sächsische Senats- 
präsident Daniel Paul Schreber die Geschichte seiner psycho- 
tischen Erkrankung und weitgehenden Herstellung bekannt gemacht 
hat. 2 Aus dieser unschätzbaren Veröffentlichung erfahren wir, daß 
der Herr Senatspräsident etwa um das fünfzigste Jahr seines Lebens 
die sichere Überzeugung bekam, daß Gott — der übrigens deut- 
liche Züge seines Vaters, des verdienten Arztes Dr. Schreber an 



1) Vgl. Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci [Ges. Schriften, Bd. IX]. 

2) D. P. Schreber, Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken, Leipzig 1903. Vgl. 
meine Analyse des Falles Schreber [Psychoanalytische Bemerkungen über einen 
autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia. Ges. Schriften, Bd. VIII]. 



43° 7^ur Anwendung der Psychoanalyse 

sich trägt — den Entschluß gefaßt, ihn zu entmannen, als Weib 
zu gebrauchen und aus ihm neue Menschen von Schreberschem 
Geist entstehen zu lassen. (Er war selbst in seiner Ehe kinderlos 
geblieben.) An dem Sträuben gegen diese Absicht Gottes, welche 
ihm höchst ungerecht und „weltordnungswidrig" vorkam, er- 
krankte er unter den Erscheinungen einer Paranoia, die sich aber 
im Laufe der Jahre bis auf einen geringen Rest rückbildete. Der 
geistvolle Verfasser seiner eigenen Krankengeschichte konnte wohl 
nicht ahnen, daß er in ihr ein typisches pathogenes Moment auf- 
gedeckt hatte. 

Dieses Sträuben gegen die Kastration oder die feminine Ein- 
stellung hat Alf. Adler aus seinen organischen Zusammenhängen 
gerissen, in seichte oder falsche Beziehungen zum Machtstreben 
gebracht und als „männlichen Protest" selbständig hingestellt. Da 
eine Neurose immer nur aus dem Konflikt zweier Strebungen 
hervorgehen kann, ist es ebenso berechtigt, im männlichen Protest 
die Verursachung „aller" Neurosen zu sehen wie in der femininen 
Einstellung, gegen welche protestiert wird. Richtig ist, daß dieser 
männliche Protest einen regelmäßigen Anteil an der Charakter- 
bildung hat, bei manchen Typen einen sehr großen, und daß er uns 
als scharfer Widerstand bei der Analyse neurotischer Männer ent- 
gegentritt. Die Psychoanalyse würdigt den männlichen Protest im 
Zusammenhang des Kastrationskomplexes, ohne seine Allmacht 
oder Allgegenwart bei den Neurosen vertreten zu können. Der 
ausgeprägteste Fall von männlichem Protest in allen manifesten 
Reaktionen und Charakterzügen, der meine Behandlung aufgesucht 
hat, bedurfte ihrer wegen einer Zwangsneurose mit Obsessionen, 
in denen der ungelöste Konflikt zwischen männlicher und weib- 
licher Einstellung (Kastrationsangst und Kastrationslust) zu deut- 
lichem Ausdruck kam. Überdies hatte der Patient masochistische 
Phantasien entwickelt, die durchaus auf den Wunsch, die Kastra- 
tion anzunehmen, zurückgingen, und war selbst von diesen Phan- 
tasien zur realen Befriedigung in perversen Situationen vorge- 



Eine Teufelsneurose. im siebzehnten Jahrhundert 43 1 

schritten. Das Ganze seines Zustandes beruhte — wie die Adler- 
sche Theorie überhaupt — auf der Verdrängung, Verleugnung 
frühinfantiler Liebesfixierungen. 

Der Senatspräsident Schreber fand seine Heilung, als er sich 
entschloß, den Widerstand gegen die Kastration aufzugeben und 
sich in die ihm von Gott zugedachte weibliche Rolle zu fügen. 
Er wurde dann klar und ruhig, konnte seine Entlassung aus der 
Anstalt selbst durchsetzen und führte ein normales Leben bis auf 
den einen Punkt, daß er einige Stunden täglich der Pflege seiner 
Weiblichkeit widmete, von deren langsamem Fortschreiten bis zu 
dem von Gott bestimmten Ziel er überzeugt blieb. 



IV 
DIE ZWEI VERSCHREIBUNGEN 

Ein merkwürdiges Detail in der Geschichte unseres Malers ist 
die Angabe, daß er dem Teufel zwei verschiedene Verschrei 
bungen ausgestellt. 

Die erste, mit schwarzer Tinte geschriebene, hatte den Wortlaut: 
„Ich Chr. H. vndtcr schreibe mich diesen Herrn sein leibeigener 
Sohn au ff Q Jahr." 

Die zweite, mit Blut geschrieben, lautet: 

„Ch. H. Ich verschreibe mich dißen Satan ich sein leibeigener 
Sohn zu sein vnd in 9. Jahr ihm mein Leib und Seel zuzuge- 
heren." 

Beide sollen zur Zeit der Abfassung des Trophaeum im Archiv 
von Mariazeil im Original vorhanden gewesen sein, beide tragen 
die nämliche Jahreszahl 1669. 

Ich habe die beiden Verschreibungen bereits mehrmals erwähnt 
und unternehme es jetzt, mich eingehender mit ihnen zu be- 
schäftigen, obwohl gerade hier die Gefahr, Kleinigkeiten zu über- 
schätzen, besonders drohend erscheint. 



432 Zur Anwend ung der Psychoanalyse 

Die Tatsache, daß sich einer dem Teufel zweimal verschreibt, 
so daß die erste Schrift durch die zweite ersetzt wird, ohne aber 
ihre eigene Gültigkeit zu verlieren, ist ungewöhnlich. Vielleicht 
befremdet sie andere weniger, die mit dem Teufelsstoff vertrauter 
sind. Ich konnte nur eine besondere Eigentümlichkeit unseres 
Falles darin sehen und wurde mißtrauisch, als ich fand, daß die 
Berichte gerade in diesem Punkt nicht zusammenstimmen. Die 
Verfolgung dieser Widersprüche wird uns in unerwarteter Weise 
zu einem tieferen Verständnis der Krankengeschichte leiten. 

Das Geleitschreiben des Pfarrers von Pottenbrunn weist die 
einfachsten und klarsten Verhältnisse auf. In ihm ist nur von 
einer Verschreibung die Rede, die der Maler vor neun Jahren 
mit Blut gefertigt, und die nun in den nächsten Tagen, am 
24. September fällig wird, sie wäre also am 24. September 1668 
ausgestellt worden; leider ist diese Jahreszahl, die sich mit Sicher- 
heit ableiten läßt, nicht ausdrücklich genannt. 

Der Attest des Abtes Franciscus, wie wir wissen, wenige Tage 
später datiert (12. Sept. 1677), erwähnt bereits einen komplizier- 
teren Sachverhalt. Es liegt nahe anzunehmen, daß der Maler in- 
zwischen genauere Mitteilungen gemacht hatte. In diesem Attest 
wird erzählt, daß der Maler zwei Verschreibungen von sich ge- 
geben, die eine im Jahre 1668 (wie es auch nach dem Geleit- 
brief sein müßte) mit schwarzer Tinte geschrieben, die andere 
aber sequenti anno 1669 mit Blut geschrieben. Die Verschreibung, 
die er am Tage Maria Geburt zurückbekam, war die mit Blut 
geschriebene, also die spätere, 1669 ausgestellte. Dies geht nicht 
aus dem Attest des Abtes hervor, denn dort heißt es im weiteren 
einfach: schedam r edder et und schedam sibi porrigentem con- 
spexisset, als ob es sich nur um ein einziges Schriftstück handeln 
könnte. Aber wohl folgt es aus dem weiteren Verlauf der Ge- 
schichte sowie aus dem farbigen Titelblatt des Trophaeum, wo 
auf dem Zettel, den der dämonische Drache hält, deutlich rote 
Schrift zu sehen ist. Der weitere Verlauf ist, wie bereits erwähnt 



Eine Teufelsneurose im siebzehnten Jahrhundert 433 

der, daß der Maler im Mai 1678 nach Mariazeil wiederkehrt, 
nachdem er in Wien neuerliche Anfechtungen des Bösen erfahren, 
und das Ansuchen stellt, es möge ihm durch einen neuerlichen 
Gnadenakt der heiligen Mutter auch dies erste, mit Tinte ge- 
schriebene Dokument wiedergegeben werden. Auf welche Weise 
dies geschieht, wird nicht mehr so ausführlich wie das erstemal 
beschrieben. Es heißt nur qua iuxta votum reddita und an an- 
derer Stelle erzählt der Kompilator, daß gerade diese Verschrei- 
bung „zusammen geknäult und in vier Stücke zerrissen" dem Maler 
am 9. Mai 1678 um die neunte Abendstunde vom Teufel zuge- 
worfen wurde. 

Die Verschreibungen tragen aber beide dasselbe Datum: Jahr 
166g. 

Dieser Widerspruch bedeutet entweder gar nichts oder er führt 
auf folgende Spur: 

Wenn wir von der Darstellung des Abtes als der ausführ- 
licheren ausgehen, ergeben sich mancherlei Schwierigkeiten. 
Als Chr. H. dem Pfarrer von Pottenbrunn bekannte, er sei in 
Teufelsnöten, der Termin laufe bald ab, kann er (im Jahre 1677) 
nur an die im Jahre 1668 ausgestellte Verschreibung gedacht 
haben, also an die erste, schwarze (die im Geleitbrief allerdings 
einzig genannt und als die blutige bezeichnet wird). Wenige 
Tage später, in Mariazeil, bekümmert er sich aber nur darum, 
die spätere, blutige, zurückzubekommen, die noch gar nicht fällig 
ist (166g — 1677), und läßt die erste überfällig werden. Diese 
wird erst 1678, also im zehnten Jahr zurückerbeten. Ferner, 
warum sind beide Verschreibungen aus dem gleichen Jahr 166g 
datiert, wenn die eine ausdrücklich „anno subsequenti" zu- 
geteilt ist? 

Der Kompilator muß diese Schwierigkeiten verspürt haben, 
denn er macht einen Versuch, sie zu beheben. In seiner Einleituno- 
schließt er sich der Darstellung des Abtes an, modifiziert sie aber 
in einem Punkte. Der Maler, sagt er, habe sich im Jahre 1669 

Freud, X. ^ 






' 









434 Zur Anwe ndung der Psychoanalyse 

dem Teufel mit Tinte verschrieben, „deinde vero", später aber 
mit Blut. Er setzt sich also über die ausdrückliche Angabe der 
beiden Berichte, daß eine Verschreibung ins Jahr 1668 fallt, hinweg 
und vernachlässigt die Bemerkung im Attest des Abtes, daß sich 
zwischen beiden Verschreibungen die Jahreszahl geändert, um im 
Einklang mit der Datierung der beiden, vom Teufel zurückge- 
gebenen Schriftstücke zu bleiben. 

Im Attest des Abtes findet sich nach den Worten sequenti vero 
anno 1669 eine in Klammern eingeschlossene Stelle, welche lautet: 
sumitur hie alter annus pro nondum completo uti saepe in lo- 
quendo fieri solet, nam eundum annum indicant Syngraphae quarum 
atramento scripta ante praesentem attestationem nondum habita 
fuit. Diese Stelle ist ein unzweifelhaftes Einschiebsel des Kom- 
pilators, denn der Abt, der nur eine Verschreibung gesehen hat, 
kann doch nicht aussagen, daß beide dasselbe Datum tragen. Sie 
soll wohl auch durch die Klammern als ein dem Zeugnis fremder 
Zusatz kenntlich gemacht werden. Was sie enthält, ist ein anderer 
Versuch des Kompilators, die vorliegenden Widersprüche zu ver- 
söhnen. Er meint, es sei zwar richtig, daß die erste Verschreibung 
im Jahre 1668 gegeben worden ist, aber da das Jahr schon vor- 
gerückt war (September), habe der Maler sie um ein Jahr vor- 
datiert, so daß beide Verschreibungen die gleiche Jahreszahl zeigen 
konnten. Seine Berufung darauf, man mache es ja im mündlichen 
Verkehr oft ähnlich, verurteilt wohl diesen ganzen Erklärungs- 
versuch als eine „faule Ausrede". 

Ich weiß nun nicht, ob meine Darstellung dem Leser irgend 
einen Eindruck gemacht und ob sie ihn in Stand gesetzt hat, 
sich für diese Winzigkeiten zu interessieren. Ich fand es unmöglich, 
den richtigen Sachverhalt in unzweifelhafter Weise festzustellen, 
bin aber beim Studium dieser verworrenen Angelegenheit auf eine 
Vermutung gekommen, die den Vorzug hat, den natürlichsten Her- 
gang einzusetzen, wenngleich die schriftlichen Zeugnisse sich auch 
ihr nicht völlig fügen. 



Eine Teufehneurose im siebzehnten Jahrhundert 435 

Ich meine, als der Maler zuerst nach Mariazell kam, sprach er 
nur von einer regelrecht mit Blut geschriebenen Verschreibung, 
die bald verfallen sollte, also im September 1668 gegeben war, 
ganz so wie es im Geleitbrief des Pfarrers mitgeteilt ist. In Mariazell 
präsentierte er auch diese blutige Verschreibung als diejenige, die 
ihm der Dämon unter dem Zwang der heiligen Mutter zurück- 
gegeben hatte. Wir wissen, was weiter geschah. Der Maler ver- 
ließ bald darauf den Gnadenort und ging nach Wien, wo er sich 
auch bis Mitte Oktober frei fühlte. Aber dann fingen Leiden und 
Erscheinungen, in denen er das Werk des bösen Geistes sah, 
wieder an. Er fühlte sich wieder erlösungsbedürftig, fand sich 
aber vor der Schwierigkeit, aufzuklären, warum ihm die Beschwö- 
rung in der heiligen Kapelle keine dauernde Erlösung gebracht 
hatte. Als ungeheilter Rückfälliger wäre er wohl in Mariazell 
nicht willkommen gewesen. In dieser Not erfand er eine frühere, 
erste Verschreibung, die aber mit Tinte geschrieben sein sollte, 
damit ihr Zurückstehen gegen eine spätere, blutige, plausibel 
erscheinen konnte. Nach Mariazell zurückgekommen, ließ er sich 
auch diese angeblich erste Verschreibung zurückgeben. Dann 
hatte er Ruhe vor dem Bösen, allerdings tat er gleichzeitg etwas 
anderes, was uns auf den Hintergrund dieser Neurose hinweisen 
wird. 

Die Zeichnungen fertigte er gewiß erst bei seinem zweiten 
Aufenthalt in Mariazell an; das einheitlich komponierte Titelblatt 
enthält die Darstellung beider Verschreibungsszenen. Bei dem 
Versuch, seine neueren Angaben mit seinen früheren in Einklang 
zu bringen, mag er wohl in Verlegenheiten geraten sein. Es war 
für ihn ungünstig, daß er nur eine frühere, nicht eine spätere 
Verschreibung hinzudichten konnte. So konnte er das ungeschickte 
Ergebnis nicht vermeiden, daß er die eine, die blutige Verschrei- 
bung zu früh (im achten Jahr), die andere, die schwarze, zu spät 
(im zehnten Jahr) eingelöst hatte. Als verräterische Anzeichen 
seiner zweifachen Redaktion ereignete es sich ihm, daß er sich 

28* 



436 Zur Anwendung der Psychoanalyse 



in der Datierung der Verschreibungen irrte und auch die frühere 
in das Jahr 1669 setzte. Dieser Irrtum hat die Bedeutung einer 
ungewollten Aufrichtigkeit 5 er läßt uns erraten, daß die angeblich 
frühere Verschreibung zu einem späteren Termin hergestellt wurde. 
Der Kompilator, der den Stoff gewiß nicht früher als 1714, viel- 
leicht erst 1729 zur Bearbeitung übernahm, mußte sich bemühen, 
die nicht unwesentlichen Widersprüche, so gut er konnte, weg- 
zuschaffen. Da die beiden Verschreibungen, die ihm vorlagen, auf 
1669 lauteten, half er sich durch die Ausrede, die er in das 
Zeugnis des Abtes einschaltete. 

Man erkennt leicht, worin die Schwäche dieser sonst anspre- 
chenden Konstruktion gelegen ist. Die Angabe zweier Verschrei- 
bungen, einer schwarzen und einer blutigen, findet sich bereits 
im Zeugnis des Abtes Franciscus. Ich habe also die Wahl, ent- 
weder dem Kompilator unterzuschieben, daß er an diesem Zeugnis 
im engen Anschluß an seine Einschaltung auch etwas geändert 
hat, oder ich muß bekennen, daß ich die Verwirrung nicht zu 
lösen vermag. 1 



1) Der Kompilator, meine ich, fand sich zwischen zwei fixen Punkten eingeengt. 
Einerseits fand er sowohl im Geleitbrief des Pfarrers wie im Attest des Abtes die 
Angabe, daß die Verschreibung (zumindest die erste) im Jahre 1668 ausgestellt 
worden sei, anderseits zeigten beide im Archiv aufbewahrten Verschreibungen die 
Jahreszahl 1669; da er zwei Verschreibungen vor sich liegen hatte, stand es für ihn 
fest, daß zwei Verschreibungen erfolgt waren. Wenn im Zeugnis des Abtes nur von 
einer die Rede war, wie ich glaube, so mußte er in dieses Zeugnis die Erwähnung 
der anderen einsetzen und dann den Widerspruch durch die Annahme einer Vor- 
datierung aufheben. Die Abänderung des Textes, die er vornahm, stößt an die Ein- 
schaltung, die nur von ihm herrühren kann, unmittelbar an. Er war gezwungen, 
Einschaltung und Abänderung durch die Worte sequenti vero anno 166g zu verbinden, 
weil der Maler in der (sehr beschädigten) Legende zum Titelbilde ausdrücklich 
geschrieben hatte : 

Nach einem Jahr wiirdt Er 

. . . schrökhliche betrohungen in ab- 

gestalt Nr. 2 bezwungen sich, 

n Bluut zu verschreiben. 

Das „Verschreiben" des Malers, als er die Syngraphae anfertigte, durch das ich 
zu meinem Erklärungsversuch genötigt worden bin, erscheint mir nicht .weniger 
interessant als seine Verschreibungen selbst. 



Eine Teufelsneurose im siebzehnten Jahrhundert 437 

Die ganze Diskussion wird den Lesern längst überflüssig und 
die in ihr behandelten Details zu unwichtig erschienen sein. Aber 
die Sache gewinnt ein neues Interesse, wenn man sie nach einer 
bestimmten Richtung hin verfolgt. 

Ich habe eben vom Maler ausgesagt, daß er, durch den Ver- 
lauf seiner Krankheit unliebsam überrascht, eine frühere Verschrei- 
bung (die mit Tinte) erfunden habe, um seine Position gegen 
die geistlichen Herren in Mariazeil behaupten zu können. Nun 
schreibe ich für Leser, die zwar an die Psychoanalyse glauben, 
aber nicht an den Teufel, und diese könnten mir vorhalten, es 
sei unsinnig, dem armen Kerl von Maler — hunc miserum nennt 
ihn der Geleitbrief — einen solchen Vorwurf zu machen. Die 
blutige Verschreibung war ja genau so phantasiert wie die an- 
geblich frühere mit Tinte. In Wirklichkeit ist ihm ja überhaupt 
kein Teufel erschienen, der ganze Pakt mit dem Teufel existierte 
ja nur in seiner Phantasie. Ich sehe das ein; man kann dem 
Armen das Recht nicht bestreiten, seine ursprüngliche Phantasie 
durch eine neue zu ergänzen, wenn die geänderten Verhältnisse 
es zu erfordern schienen. 

Aber auch hier gibt es noch eine Fortsetzung. Die beiden Ver- 
schreibungen sind ja nicht Phantasien wie die Teufelsvisionen; sie 
waren Dokumente, nach der Versicherung des Abschreibers wie 
nach dem Zeugnis des spätereren Abtes Kilian im Archiv von 
Mariazell für alle sichtbar und greifbar aufbewahrt. Also stehen 
wir hier vor einem Dilemma. Entweder haben wir anzunehmen, 
daß der Maler die beiden ihm angeblich durch göttliche Huld 
zurückgestellten Schedae selbst zur Zeit verfertigt, da er sie brauchte, 
oder wir müssen den geistlichen Herren von Mariazell und Sankt 
Lambert trotz aller feierlichen Versicherungen, Bestätigungen durch 
Zeugen mit beigefügten Siegeln usw. die Glaubwürdigkeit ver- 
weigern. Ich gestehe, die Verdächtigung der geistlichen Herren 
fiele mir nicht leicht. Ich neige zwar zur Annahme, daß der 
Kompilator im Interesse der Konkordanz einiges am Zeugnis des 



I 



458 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

ersten Abtes verfälscht hat, aber diese „sekundäre Bearbeitung" 
geht nicht weit über ähnliche Leistungen, auch moderner und 
weltlicher Geschichtsschreiber, hinaus und geschah jedenfalls im 
guten Glauben. Nach anderer Richtung haben sich die geistlichen 
Herren gegründeten Anspruch auf unser Vertrauen erworben. Ich 
sagte es schon, nichts hätte sie hindern können, die Berichte über 
die Unvollständigkeit der Heilung und die Fortdauer der Ver- 
suchungen zu unterdrücken, und auch die Schilderung der Be- 
schwörungsszene in der Kapelle, der man mit einigem Bangen 
entgegensehen durfte, ist nüchtern und glaubwürdig geraten. Es 
bleibt also nichts übrig, als den Maler zu beschuldigen. Die rote 
Verschreibung hatte er wohl bei sich, als er sich zum Bußgebet 
in die Kapelle begab, und zog sie dann hervor, als er von seiner 
Begegnung mit dem Dämon zu den geistlichen Beiständen zurück- 
kehrte. Es muß auch gar nicht derselbe Zettel gewesen sein, der 
später im Archiv aufbewahrt wurde, sondern nach unserer Kon- 
struktion kann er die Jahreszahl 1668 (neun Jahre vor der Be- 
schwörung) getragen haben. 

V 
DIE WEITERE NEUROSE 

Aber das wäre Betrug und nicht Neurose, der Maler ein Simu- 
lant und Fälscher, nicht ein kranker Besessener! Nun, die Über- 
gänge zwischen Neurose und Simulation sind bekanntlich fließende. 
Ich finde auch keine Schwierigkeit anzunehmen, daß der Maler 
diesen Zettel ebenso wie die späteren in einem besonderen, seinen 
Visionen gleichzustellenden Zustand geschrieben und mit sich ge- 
nommen hat. Wenn er die Phantasie vom Teufelspakt und von 
der Erlösung durchführen wollte, konnte er ja gar nichts an- 
deres tun. 

Den Stempel der Wahrhaftigkeit trägt dagegen das Tagebuch 
aus Wien an sich, das er bei seinem zweiten Aufenthalt zu Mariazell 



Eine Teufelsneurose im siebzehnten Jahrhundert 459 



den Geistlichen übergab. Es läßt uns freilich tief in die Motivie- 
rung oder sagen wir lieber Verwertung der Neurose blicken. 

Die Aufzeichnungen reichen von seiner erfolgreichen Beschwö- 
rung bis zum 15. Januar des nächsten Jahres 1678. Bis zum 
11. Oktober erging es ihm in Wien, wo er bei einer verheirateten 
Schwester wohnte, recht gut, dann aber fingen neue Zustände 
mit Visionen und Krämpfen, Bewußtlosigkeit und schmerzhaften 
Sensationen an, die dann auch zu seiner Rückkehr nach Mariazeil 
im Mai 1678 führten. 

Die neue Leidensgeschichte gliedert sich in drei Phasen. Zuerst 
meldet sich die Versuchung in Gestalt eines schön gekleideten 
Kavaliers, der ihm zureden will, den Zettel wegzuwerfen, der 
seine Aufnahme in die Bruderschaft vom heiligen Rosenkranz 
bescheinigt. Da er widerstand, wiederholte sich dieselbe Erschei- 
nung am nächsten Tag, aber diesmal in einem prächtig ge- 
schmückten Saal, in dem vornehme Herren mit schönen Damen 
tanzten. Derselbe Kavalier, der ihn schon einmal versucht, machte 
ihm einen auf Malerei bezüglichen Antrag 1 und versprach ihm 
dafür ein schönes Stück Geld. Nachdem er diese Vision durch 
Gebete zum Verschwinden gebracht, wiederholte sie sich einige 
Tage später in noch eindringlicherer Form. Diesmal schickte 
der Kavalier eine der schönsten Frauen, die an der Festtafel 
saßen, zu ihm hin, um ihn zur Gesellschaft zu bringen, und 
er hatte Mühe, sich der Verführerin zu erwehren. Am er- 
schreckendsten war aber die bald darauf folgende Vision eines 
noch prunkvolleren Saales, in dem ein von „Goldstuckh auf- 
gerichteter Thron" war. Kavaliere standen herum und erwarteten 
die Ankunft ihres Königs. Dieselbe Person, die sich schon so oft 
um ihn bekümmert hatte, ging auf ihn zu und forderte ihn auf, 
den Thron zu besteigen, sie „wollten ihn für ihren König halten 
und in Ewigkeit verehren". Mit dieser Ausschweifung seiner 

1) Eine mir unverständliche Stelle. 



; 



44° Zur Anwendung der Psychoanalyse 

Phantasie schließt die erste, recht durchsichtige Phase der Ver- 
suchungsgeschichte ab. 

Es mußte jetzt zu einer Gegenwirkung kommen. Die asketische 
Reaktion erhob ihr Haupt. Am 20. Oktober erschien ihm ein 
großer Glanz, eine Stimme daraus gab sich als Christus zu er- 
kennen und forderte von ihm, daß er dieser bösen Welt entsagen 
und sechs Jahre lang in einer Wüste Gott dienen solle. Der 
Maler litt unter diesen heiligen Erscheinungen offenbar mehr als 
unter den früheren dämonischen. Aus diesem Anfall erwachte er 
erst nach 2 1 / a Stunden. Im nächsten war die von Glanz umgebene 
heilige Person weit unfreundlicher, drohte ihm, weil er den gött- 
lichen Vorschlag nicht angenommen hatte, und führte ihn in die 
Hölle, damit er durch das Los der Verdammten geschreckt werde. 
Offenbar blieb aber die Wirkung aus, denn die Erscheinungen 
der Person im Glänze, die Christus sein sollte, wiederholten sich 
noch mehrmals, jedesmal mit stundenlanger Geistesabwesenheit 
und Verzücktheit für den Maler. In der großartigsten dieser Ver- 
zücktheiten führte ihn die Person im Glänze zuerst in eine Stadt, 
in deren Straßen die Menschen alle Werke der Finsternis übten, 
und dann zum Gegensatz auf eine schöne Au, in der Einsiedler 
ihr gottgefälliges Leben führten und greifbare Beweise von Gottes 
Gnade und Fürsorge erhielten. Dann erschien an Stelle Christi 
die heilige Mutter selbst, die ihn unter Berufung auf ihre früher 
geleistete Hilfe mahnte, dem Befehl ihres lieben Sohnes nach- 
zukommen. „Da er sich hiezu nicht recht resolviret", kam Christus 
am nächsten Tage wieder und setzte ihm mit Drohungen und 
Versprechungen tüchtig zu. Da gab er endlich nach, beschloß aus 
diesem Leben auszutreten und zu tun, was von ihm verlangt 
wurde. Mit dieser Entschließung endet die zweite Phase. Der 
Maler konstatiert, daß er von dieser Zeit an keine Erscheinung 
oder Anfechtung mehr gehabt hat. 

Indes muß dieser Entschluß nicht sehr gefestigt oder seine 
Ausführung allzulang aufgeschoben worden sein, denn als er am 



Eine Teufelsneurose im siebzehnten Jahrhundert 441 

26. Dezember in St. Stephan seine Andacht verrichtete, konnte 
er sich beim Anblick einer wackeren Jungfrau, die mit einem 
wohlaufgeputzten Herrn ging, der Idee nicht erwehren, er könnte 
selbst an Stelle dieses Herrn sein. Das forderte Strafe, noch am 
selben Abend traf es ihn wie ein Donnerschlag, er sah sich in 
hellen Flammen und fiel in Ohnmacht. Man bemühte sich, ihn 
zu erwecken, aber er wälzte sich in der Stube, bis Blut aus Mund 
und Nase kam, verspürte, daß er sich in Hitze und Gestank be- 
fand, und hörte eine Stimme sagen, daß ihm dieser Zustand als 
Strafe für seine unnützen und eiteln Gedanken geschickt worden 
sei. Später wurde er dann von bösen Geistern mit Stricken ge- 
geißelt und ihm versprochen, daß er alle Tage so gepeinigt werden 
solle, bis er sich entschlossen habe, in den Einsiedlerorden einzu- 
treten. Diese Erlebnisse setzten sich, soweit die Aufzeichnungen 
reichen (15. Januar) fort. 

Wir sehen, wie bei unserem armen Maler die Versuchungs- 
phantasien von asketischen und endlich von Straf phantasien ab- 
gelöst werden; das Ende der Leidensgeschichte kennen wir bereits. 
Er begibt sich im Mai nach Mariazell, bringt dort die Ge- 
schichte von einer früheren, mit schwarzer Tinte geschriebenen 
Verschreibung vor, der er es offenbar zuschreibt, daß er noch 
vom Teufel geplagt werden kann, erhält auch diese zurück und 
ist geheilt. 

Während dieses zweiten Aufenthaltes malt er die Bilder, die 
im Trophaeum kopiert sind, dann aber tut er etwas, was mit 
der Forderung der asketischen Phase seines Tagebuches zusammen- 
trifft. Er geht zwar nicht in die Wüste, um Einsiedler zu werden, 
aber er tritt in den Orden der Barmherzigen Brüder ein: religiosus 

/actus est. 

Bei der Lektüre des Tagebuches gewinnen wir Verständnis für 
ein neues Stück des Zusammenhangs. Wir erinnern uns, daß der 
Maler sich dem Teufel verschrieben, weil er nach dem Tode des 
Vaters, verstimmt und arbeitsunfähig, Sorge hatte, seine Existenz 



442 Zur Anwendung der Psychoanalyse 

zu erhalten. Diese Momente, Depression, Arbeitshemmung und 
Trauer um den Vater sind irgendwie, auf einfache oder kompli- 
ziertere Art miteinander verknüpft. Vielleicht waren die Erschei- 
nungen des Teufels darum so überreichlich mit Brüsten ausge- 
stattet, weil der Böse sein Nährvater werden sollte. Die Hoffnung 
erfüllte sich nicht, es ging ihm auch weiterhin schlecht, er konnte 
nicht ordentlich arbeiten oder er hatte kein Glück und fand nicht 
genug Arbeit. Der Geleitbrief des Pfarrers spricht von ihm als 
„hunc miserum omni auxilio destitutu/n" . Er war also nicht nur 
in moralischen Nöten, er litt auch materielle Not. In die Wieder- 
gabe seiner späteren Visionen finden sich Bemerkungen einge- 
streut, die wie die Inhalte der ex-schauten Szenen zeigen, daß sich 
auch nach der erfolgreichen ersten Beschwörung daran nichts 
geändert hatte. Wir lernen einen Menschen kennen, der es zu 
nichts bringt, dem man auch darum kein Vertrauen schenkt. In 
der ersten Vision fragt ihn der Kavalier, was er eigentlich an- 
fangen wolle, da sich niemand seiner annehme („dieweillen ich von 
iedermann izt verlassen, waß ich anfangen würde"). Die erste 
Reihe der Visionen in Wien entspricht durchaus den Wunsch- 
phantasien des Armen, nach Genuß Hungernden, Verkommenen: 
Herrliche Säle, Wohlleben, silbernes Tafelgeschirr und schöne 
Frauen ; hier wird nachgeholt, was wir im Teufelsverhältnis ver- 
mißt haben. Damals bestand eine Melancholie, die ihn genuß- 
unfähig machte, auf die lockendsten Anerbieten verzichten hieß. 
Seit der Beschwörung scheint die Melancholie überwunden, alle 
Gelüste des Weltkindes sind wieder rege. 

In einer der asketischen Visionen beklagt er sich gegen die 
ihn führende Person (Christus), daß ihm niemand glauben wolle, 
so daß er dessentwegen, was ihm anbefohlen, nicht vollziehen 
könne. Die Antwort, die er darauf erhält, bleibt uns leider dunkel 
(„so fer man mir nit glauben, waß aber geschechen, waiß ich 
wol, ist mir aber selbes auszuspröchen vnmöglich"). Besonders auf- 
klärend ist aber, was ihn sein göttlicher Führer bei den Ein- 



Eine Teufelsneu rose im siebzehnten Jahrhundert 443 

Siedlern erleben läßt. Er kommt in eine Höhle, in der ein alter 
Mann schon seit sechzig Jahren sitzt, und erfährt auf seine Frage, 
daß dieser Alte täglich von den Engeln Gottes gespeist wird. Und 
dann sieht er selbst, wie ein Engel dem Alten zu essen bringt: 
„Drei Schüßerl mit Speiß, ein Brot und ein Knödl und Getränk." 
Nachdem der Einsiedler gespeist, nimmt der Engel alles zusammen 
und trägt es ab. Wir verstehen, welche Versuchung die frommen 
Visionen zu bieten haben, sie wollen ihn bewegen, eine Form 
der Existenz zu wählen, in der ihm die Nahrungssorgen abge- 
nommen sind. Beachtenswert sind auch die Reden Christi in der 
letzten Vision. Nach der Drohung, wenn er sich nicht füge, werde 
etwas geschehen, daß er und die Leute [daran] glauben müßten, 
mahnt er direkt: „Ich solle die Leith nit achten, obwollen ich von 
ihnen verfolgt wurdte, oder von ihnen keine hilfflaistung empfienge, 
Gott würde mich nit verlasßen." 

Ch. Haitzmann war soweit Künstler und Weltkind, daß es ihm 
nicht leicht fiel, dieser sündigen Welt zu entsagen. Aber endlich 
tat er es doch mit Rücksicht auf seine hilflose Lage. Er trat in 
einen geistlichen Orden ein ; damit war sein innerer Kampf wie 
seine materielle Not zu Ende. In seiner Neurose spiegelt sich 
dieser Ausgang darin, daß die Rückstellung einer angeblich ersten 
Verschreibung seine Anfälle und Visionen beseitigt. Eigentlich 
hatten beide Abschnitte seiner dämonologischen Erkrankung den- 
selben Sinn gehabt. Er wollte immer nur sein Leben sichern, das 
erste Mal mit Hilfe des Teufels auf Kosten seiner Seligkeit, und 
als dieser versagt hatte und aufgegeben werden mußte, mit 
Hilfe des geistlichen Standes auf Kosten seiner Freiheit und der 
meisten Genußmöglichkeiten des Lebens. Vielleicht war Chr. 
Haitzmann nur selbst ein armer Teufel, der eben kein Glück 
hatte, vielleicht war er zu ungeschickt oder zu unbegabt, um 
sich selbst zu erhalten, und zählte zu jenen Typen, die als 
„ewige Säuglinge" bekannt sind, die sich von der beglückenden 
Situation an der Mutterbrust nicht losreißen können und durchs 



444 Z?/r Anwendung der Psychoanalyse 



ganze Leben den Anspruch festhalten, von jemand anderem 
ernährt zu werden. Und so legte er in dieser Krankengeschichte 
den Weg vom Vater über den Teufel als Vaterersatz zu den 
frommen Patres zurück. 

Seine Neurose erscheint oberflächlicher Betrachtung als ein 
Gaukelspiel, welches ein Stück des ernsthaften, aber banalen 
Lebenskampfes überdeckt. Dies Verhältnis ist gewiß nicht immer 
so, aber es kommt auch nicht gar so selten vor. Die Analytiker 
erleben es oft, wie unvorteilhaft es ist, einen Kaufmann zu be- 
handeln, der „sonst gesund, seit einiger Zeit die Erscheinungen 
einer Neurose zeigt". Die geschäftliche Katastrophe, von der sich 
der Kaufmann bedroht fühlt, wirft als Nebenwirkung diese Neurose 
auf, von der er auch den Vorteil hat, daß er hinter ihren Sym- 
ptomen seine realen Lebenssorgen verheimlichen kann. Sonst aber 
ist sie überaus unzweckmäßig, da sie Kräfte in Anspruch nimmt, 
die vorteihafter zur besonnenen Erledigung der gefährlichen Lage 
Verwendung fänden. 

In weit zahlreicheren Fällen ist die Neurose selbständiger und 
unabhängiger von den Interessen der Lebenserhaltung und Be- 
hauptung. Im Konflikt, der die Neurose schafft, stehen entweder 
nur libidinöse Interessen auf dem Spiel oder libidinöse in inniger 
Verknüpfung mit solchen der Lebensbehauptung. Der Dynamis- 
mus der Neurose ist in allen drei Fällen der gleiche. Eine nicht 
real zu befriedigende Libidostauung schafft sich mit Hilfe der 
Regression zu alten Fixierungen Abfluß durch das verdrängte 
Unbewußte. Soweit das Ich des Kranken aus diesem Vor- 
gang einen Krankheitsgewinn ziehen kann, läßt es die Neurose 
gewähren, deren ökonomische Schädlichkeit doch keinem Zweifel 
unterliegt. 

Auch die üble Lebenslage unseres Malers hätte keine Teufels- 
neurose bei ihm hervorgerufen, wenn aus seiner Not nicht eine 
verstärkte Vatersehnsucht erwachsen wäre. Nachdem aber die 
Melancholie und der Teufel abgetan waren, kam es bei ihm 



Eine Teufelsneurose im siebzehnten Jahrhundert 



445 



noch zum Kampf zwischen der libidinösen Lebenslust und der 
Einsicht, daß das Interesse der Lebenserhaltung gebieterisch Ver- 
zicht und Askese fordere. Es ist interessant, daß der Maler die 
Einheitlichkeit der beiden Stücke seiner Leidensgeschichte sehr 
wohl verspürt, denn er führt die eine wie die andere auf Ver- 
schreibungen, die er dem Teufel gegeben, zurück. Anderseits 
unterscheidet er nicht scharf zwischen den Einwirkungen des bösen 
Geistes und jenen der göttlichen Mächte, er hat für beide eine 
Bezeichnung: Erscheinungen des Teufels. 






INHALT DES ZEHNTEN BANDES 

Totem und Tabu ¥* 



3 

Vorwort 

, . 5 

I. Die Iniestscheu 

IL Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 
III. Animismus, Magie un 



d Allmacht der Gedanken 93 



IV. Die infantile Wiederkehr des Totemismus 



122 



Arbeiten zur Anwendung der Psychoanalyse 

Tatbestandsdiagnostik und Psychoanalyse W 

Zwangshandlungen und Religionsübungen »° 

Über den Gegensinn der Urworte 

Der Dichter und das Phantasieren 

Mythologische Parallele zu einer plastischen Zwangsvorstellung . . . »40 

Das Motiv der Kästchenwahl 8 + 3 

Der Moses des Michelangelo * 5 J 

Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit »»7 

i 2 SS 

I, Die Ausnahmen 

II. Die am Erfolge scheitern 93 

III. Die Verbrecher aus Schuldbewußtsein - • 5 1S 

Zeitgemäßes über Krieg und Tod 5*5 

I. Die Enttäuschung des Krieges 5*5 

n. Unser Verhältnis zum Tode 55 2 

Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse ^ 347 

Eine Kindheitserinnerung aus „Dichtung und Wahrheit" 357 

Das Unheimliche 5 9 

Eine Teufelsneurose im siebzehnten Jahrhundert 4°9 

I. Die Geschichte des Malers Christoph Haitzmann 4'° 

II. Das Motiv des Teufelspakts *» 

III. Der Teufel als Vaterersatz • • 4*9 

IV. Die zwei Verschreibimgen *3* 

. 47.8 
V. Die weitere Neurose 

KUNSTBEILAGEN: 

. am Anfang des Bandes 
Sigm. Freud (,9») . ... nach Seite ^ 

Michelangelo: Moses 



I 




FRE UD 

E SAMMELTE 
SCHRIFTEN 
X 



TOTEM U. TABU 



:UR ANWENDUNG 
DER 
JYCHOANALYSE