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Full text of "Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung"



PROF. SIGM. FREUD 

Zur Gcscmckte. der 
payctioaiialytlstticn JSrwcaune 



L 



Zur Geschichte 
der psychoanalytischen Bewegung 



Von 



Prof. Dr. Sigm. Freud 



Fluctuat nee mergitur 

Im Wappen der Stadt Paris 



1924 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Leipzig / Wien / Zürich 



I 

Alle Rechte, 
insbesonders die der Übersetzung, vorbehalten. 

Copyright 1924 
by „Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Ges. m. b. H. a , "Wien. 



„Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung", im Februar 
19 14 geschrieben, erschien zuerst im „Jahrbuch der Psycho- 
analyse", Band VI, ioi/f- dann in der „Sammlung kleiner 
Schriften zur Neurosenlehre. Von Prof. Dr. Sigm. Freud". Vierte 
Folge, 1918, zweite Auflage, I$22. Die vorliegende Veröffent- 
lichung ist die erste in selbständiger Buchform. 




INTERNATIONAL 

PSYCHÖANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Gesellschaft für Graphische Industrie, Wien, III., Rüdengasse 11. 



Wenn ich im Nachstehenden Beiträge zur Geschichte der 
psychoanalytischen Bewegung bringe, so wird sich über deren 
subjektiven Charakter und über die Rolle, die meiner Person 
darin zufällt, niemand verwundern dürfen. Denn die Psychoanalyse 
ist meine Schöpfung, ich war durch zehn Jahre der einzige, der 
sich mit ihr beschäftigte, und alles Mißvergnügen, welches die 
neue Erscheinung bei den Zeitgenossen hervorrief, hat sich als 
Kritik auf mein Haupt entladen. Ich finde mich berechtigt, den 
Standpunkt zu vertreten, daß auch heute noch, wo ich längst 
nicht mehr der einzige Psychoanalytiker bin, keiner besser als 
ich wissen kann, was die Psychoanalyse ist, wodurch sie sich 
von anderen Weisen, das Seelenleben zu erforschen, unterscheidet, 
und was mit ihrem Namen belegt werden soll oder besser anders 
zu benennen ist. Indem ich so zurückweise, was mir als eine 
kühne Usurpation erscheint, gebe ich unseren Lesern indirekten 
Aufschluß über die Vorgänge, die zum Wechsel in der Redaktion 
und Erscheinungsform dieses Jahrbuches geführt haben. 

Als ich im Jahre 190g auf dem Katheder einer amerikanischen 
Universität zuerst öffentlich von der Psychoanalyse reden durfLe, 
habe ich, von der Bedeutung des Moments für meine Bestrebungen 
ergriffen, erklärt, ich sei es nicht gewesen, der die Psychoanalyse 
ins Leben gerufen. Dies Verdienst habe ein anderer, Josef 
Breuer, erworben zu einer Zeit, da ich Student und mit der 
Ablegung meiner Prüfungen beschäftigt gewesen sei (1880 bis 




Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



]882).' Aber wohlmeinende Freunde haben mir seither die 
Erwägung nahegelegt, ob ich meiner Dankbarkeit damals nicht 
einen unangemessenen Ausdruck gegeben. Ich hätte, wie bei 
früheren Veranlassungen, das „kathartische Verfahren" 
von Breuer als ein Vorstadium der Psychoanalyse würdigen 
und diese selbst erst mit meiner Verwerfung der hypnotischen 
Technik und Einführung der freien Assoziationen beginnen 
lassen sollen. Nun ist es ziemlich gleichgültig, ob man die 
Geschichte der Psychoanalyse vom kathartischen Verfahren an 
oder erst von meiner Modifikation desselben rechnen will. Ich 
gehe auf dieses uninteressante Problem nur ein, weil manche 
Gegner der Psychoanalyse sich gelegentlich darauf zu besinnen 
pflegen, daß ja diese Kunst gar nicht von mir, sondern von 
Breuer herrührt. Dies ereignet sich natürlich nur in dem Falle, 
daß ihnen ihre Stellung gestattet, einiges an der Psychoanalyse 
beachtenswert zu finden; wenn sie sich in der Ablehnung keine 
solche Schranke auferlegen, dann ist die Psychoanalyse immer 
unbestritten mein Werk. Ich habe noch nie erfahren, daß 
Breuers großer Anteil an der Psychoanalyse ihm das ent- 
sprechende Maß von Schimpf und Tadel eingetragen hätte. Da 
ich nun längst erkannt habe, daß es das unvermeidliche Schicksal 
der Psychoanalyse ist, die Menschen zum Widerspruch zu 
reizen und zu erbittern, so habe ich für mich den Schluß 
gezogen, ich müßte doch von allem, was sie auszeichnet, der 
richtige Urheber sein. Mit Befriedigung füge ich hinzu, daß 
keine der Bemühungen, meinen Anteil an der vielgeschmähten 
Analyse zu schmälern, je von Breuer selbst ausgegangen ist 
oder sich seiner Unterstützung rühmen konnte. 

Der Inhalt der Breu ersehen Entdeckung ist so häufig dar- 
gestellt worden, daß deren ausführliche Diskussion hier entfallen 

\) Über Psychoanalyse. Fünf Vorlesungen, gehalten zur 20jährigen Gründungs- 
feier der Clark University in Worcester, Mass., gewidmet Stanley Hall. 5. Auflage, 
1916. Gleichzeitig englisch erschienen im Amer. Journ. of Psychology, March 191»; 
übersetzt ins Holländische, Ungarische, Polnische, Russische, Spanische und Italienische. 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



darf. Die Grundtatsache, daß die Symptome der Hysterischen von 
eindrucksvollen, aber vergessenen Szenen ihres Lebens (Traumen) 
abhängen, die darauf gegründete Therapie, sie diese Erlebnisse in 
der Hypnose erinnern und reproduzieren zu lassen (Katharsis), 
und das daraus folgende Stückchen Theorie, daß diese Symptome 
einer abnormen Verwendung von nicht erledigten Erregungs- 
größen entsprechen (Konversion). Breuer hat jedesmal, wo er in 
seinem theoretischen Beitrag zu den „Studien über Hysterie" 
der Konversion gedenken muß, meinen Namen in Klammern 
hinzugesetzt, als ob dieser erste Versuch einer theoretischen 
Rechenschaft mein geistiges Eigentum wäre. Ich glaube, 
daß sich diese Zuteilung nur auf die Namengebung bezieht, 
während sich die Auffassung uns gleichzeitig und gemeinsam 

ergeben hat. 

Es ist auch bekannt, daß Breuer die kathartische Behandlung 
nach seiner ersten Erfahrung durch eine Reihe von Jahren ruhen 
ließ und sie erst wieder aufnahm, nachdem ich, von Charcot 
zurückgekehrt, ihn dazu veranlaßt hatte. Er war Internist und 
durch eine ausgedehnte ärztliche Praxis in Anspruch genommen; 
ich war nur ungern Arzt geworden, hatte aber damals ein starkes 
Motiv bekommen, den nervösen Kranken helfen oder wenigstens 
etwas von ihren Zuständen verstehen zu wollen. Ich hatte mich 
der physikalischen Therapie anvertraut und fand mich ratlos ange- 
sichts der Enttäuschungen, welche mich die an Ratschlägen und 
Indikationen so reiche „Elektrotherapie" von W. Erb erlaben 
ließ. Wenn ich mich damals nicht selbständig zu dem später von 
Moebius durchgesetzten Urteil durcharbeitete, daß die Erfolge 
der elektrischen Behandlung bei nervösen Störungen Suggestions- 
erfolge seien, so trug gewiß nichts anderes als das Ausbleiben 
dieser versprochenen Erfolge die Schuld daran. Einen ausreichenden 
Ersatz für die verlorene elektrische Therapie schien damals die 
Behandlung mit Suggestionen in tiefer Hypnose zu bieten, die 
ich durch die äußerst eindrucksvollen Demonstrationen von 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



Liebault und Bernheim kennen lernte. Aber die Erforschung 
in der Hypnose, von der ich durch Breuer Kenntnis hatte, 
mußte durch ihre automatische Wirkungsweise und die gleichzeitige 
Befriedigung der Wißbegierde ungleich anziehender wirken, als 
das monotone, gewalttätige, von jeder Forschung ablenkende 
suggestive Verbot. 

Wir haben kürzlich als eine der jüngsten Erwerbungen der 
Psychoanalyse die Mahnung vernommen, den aktuellen Konflikt 
und die Krankheitsveranlassung in den Vordergrund der Analyse 
zu rücken. Nun das ist genau das, was Breuer und ich zu 
Beginn unserer Arbeiten mit der kathartischen Methode getan 
haben. Wir lenkten die Aufmerksamkeit des Kranken direkt auf 
die traumatische Szene, in welcher das Symptom entstanden war, 
suchten in dieser den psychischen Konflikt zu erraten und den 
unterdrückten Affekt frei zu machen. Dabei entdeckten wir den 
für die psychischen Prozesse bei den Neurosen charakteristischen 
Vorgang, den ich später Regression genannt habe. Die Asso- 
ziation des Kranken ging von der Szene, die man aufklären 
wollte, auf frühere Erlebnisse zurück und nötigte die Analyse, 
welche die Gegenwart korrigieren sollte, sich mit der Vergangenheit 
zu beschäftigen. Diese Regression führte immer weiter nach 
rückwärts, zuerst schien es, regelmäßig bis in die Zeit der Pubertät, 
dann lockten Mißerfolge wie Lücken des Verständnisses die 
analytische Arbeit in die dahinterliegenden Jahre der Kindheit, 
die bisher für jede Art von Erforschung unzugänglich gewesen 
waren. Diese regrediente Richtung wurde zu einem wichtigen 
Charakter der Analyse. Eis zeigte sich, daß die Psychoanalyse nichts 
Aktuelles aufklären könne außer durch Zurückführung auf etwas 
Vergangenes, ja daß jedes pathogene Erlebnis ein früheres vor- 
aussetzt, welches, selbst nicht pathogen, doch dem späteren 
Ereignis seine pathogene Eigenschaft verleiht. Die Versuchung, 
bei dem bekannten aktuellen Anlaß zu verbleiben, war aber so 
groß, daß ich ihr noch bei späten Analysen nachgegeben habe. 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 7 

In der 1899 durchgeführten Behandlung der „Dora" genannten 
Patientin war mir die Szene bekannt, welche den Ausbruch der 
aktuellen Erkrankung veranlaßt hatte. Ich bemühte mich unge- 
zählte Male, dieses Erlebnis zur Analyse zu bringen, ohne auf 
meine direkte Aufforderung jemals etwas anderes zu erhalten, als 
die nämliche kärgliche und lückenhafte Beschreibung. Erst nach 
einem langen Umweg, der über die früheste Kindheit der 
Patientin führte, stellte sich ein Traum ein, zu dessen Analyse 
die bis dahin vergessenen Einzelheiten der Szene erinnert wurden, 
womit das Verständnis und die Lösung des aktuellen Konfliktes 
ermöglicht waren. 

Man kann aus diesem einen Beispiel ersehen, wie irre- 
führend die vorhiii erwähnte Mahnung ist, und welcher Betrag 
wissenschaftlicher Regression in der so angeratenen Vernach- 
lässigung der Regression in der analytischen Technik zum Aus- 
druck kommt. 

Die erste Differenz zwischen Breuer und mir trat in einer 
Frage des intimeren psychischen Mechanismus der Hysterie 
zutage. Er bevorzugte eine sozusagen noch physiologische Theorie, 
wollte die seelische Spaltung der Hysterischen durch das Nicht- 
kommunizieren verschiedener seelischer Zustände (oder wie wir 
damals sagten: Bewußtseinszustände) erklären und schuf so die 
Theorie der „hypnoiden Zustände", deren Ergebnisse wie 
unassimilierte Fremdkörper in das „Wachbewußtsein" hineinragen 
sollten. Ich hatte mir die Sache weniger wissenschaftlich zurecht- 
gelegt, witterte überall Tendenzen und Neigungen analog denen 
des täglichen Lebens und faßte die psychische Spaltung selbst als 
Ergebnis eines Abstoßungsvorganges, den ich damals „Abwehr 1 , 
später „Verdrängung" benannte. Ich machte einen kurzlebigen 
Versuch, die beiden Mechanismen nebeneinander bestehen zu 
lassen, aber da mir die Erfahrung stets das nämliche und nur 
eines zeigte, stand bald seiner Hypnoidtheorie meine Abwehrlehre 
gegenüber. 



8 Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 

Ich bin indes ganz sicher, daß dieser Gegensatz nichts mit 
unserer bald darauf eintretenden Trennung zu tun hatte. Dieselbe 
war tiefer motiviert, aber sie kam so, daß ich sie anfangs nicht 
verstand und erst später nach allerlei guten Indizien deuten 
lernte. Man erinnert sich, daß Breuer von seiner berühmten 
ersten Patientin ausgesagt hatte, das sexuale Element sei bei ihr 
erstaunlich unentwickelt gewesen und habe niemals einen Beitrag 
zu ihrem reichen Krankheitsbilde geliefert. Ich habe mich immer 
verwundert, daß die Kritiker diese Versicherung Breuers meiner 
Behauptung von der sexuellen Ätiologie der Neurosen nicht öfter 
entgegengestellt haben, und weiß noch heute nicht, ob ich in 
dieser Unterlassung einen Beweis für ihre Diskretion oder für 
ihre Unachtsamkeit sehen soll. Wer die Breuer sehe Kranken- 
geschichte im Lichte der in den letzten zwanzig Jahren gewonnenen 
Erfahrung von neuem durchliest, wird die Symbolik der Schlangen, 
des Starrwerdens, der Armlähmung nicht mißverstehen und durch 
Einrechnung der Situation am Krankenbette des Vaters die wirk- 
liche Deutung jener Symptombildung leicht erraten. Sein Urteil 
über die Rolle der Sexualität im Seelenleben jenes Mädchens 
wird sich dann von dem ihres Arztes weit entfernen. Breuer 
stand zur Herstellung der Kranken der intensivste suggestive 
Rapport zu Gebote, der uns gerade als Vorbild dessen, was wir 
„Übertragung" heißen, dienen kann. Ich habe nun starke Gründe 
zu vermuten, daß Breuer nach der Beseitigung aller Symptome 
die sexuelle Motivierung dieser Übertragung an neuen Anzeichen 
entdecken mußte, daß ihm aber die allgemeine Natur dieses 
unerwarteten Phänomens entging, so daß er hier, wie von einem 
„untoward event" betroffen, die Forschung abbrach. Er hat mir 
hievon keine direkte Mitteilung gemacht, aber zu verschiedenen 
Zeiten Anhaltspunkte genug gegeben, um diese Kombination zu 
rechtfertigen. Als ich dann immer entschiedener für die Bedeutung 
der Sexualität in der Verursachung der Neurose eintrat, war er 
der erste, der mir jene Reaktionen der unwilligen Ablehnung 




Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 






zeigte, die mir später so vertraut werden sollten, die ich damals 
aber noch nicht als mein unabwendbares Schicksal erkannt hatte. 

Die Tatsache der grob sexuell betonten, zärtlichen oder feind- 
seligen Übertragung, die sich bei jeder Neurosenbehandlung ein- 
stellt, obwohl sie von keinem Teil gewünscht oder herbeigeführt 
wird ist mir immer als der unerschütterlichste Beweis für die Her- 
kunft der Triebkräfte der Neurose aus dem Sexualleben erschienen. 
Dies Argument ist noch lange nicht ernsthaft genug gewürdigt 
worden, denn geschähe dies, so bliebe der Forschung eigentlich 
keine Wahl. Für meine Überzeugung ist es entscheidend geblieben, 
neben und über den speziellen Ergebnissen der Analysenarbeit. 

Ein Trost für die schlechte Aufnahme, welche meine Auf- 
stellung der sexuellen Ätiologie der Neurosen auch im engeren 
Freundeskreis fand — es bildete sich bald ein negativer Raum 
um meine Person — lag doch in der Überlegung, daß ich für 
eine neue und originelle Idee den Kampf aufgenommen hatte. 
Allein eines Tages setzten sich bei mir einige Erinnerungen 
zusammen, welche diese Befriedigung störten und mir dafür einen 
schönen Einblick in den Hergang unseres Schaffens und die 
Natur unseres Wissens gestatteten. Die Idee, für die ich verant- 
wortlich gemacht wurde, war keineswegs in mir entstanden. Sie 
war mir von drei Personen zugetragen worden, deren Meinung 
auf meinen tiefsten Respekt rechnen durfte, von Breuer selbst, 
von Charcot und von dem Gynäkologen unserer Universität 
Chrobak, dem vielleicht hervorragendsten unserer Wiener Ärzte. 
Alle drei Männer hatten mir eine Einsicht überliefert, die sie, 
streng genommen, selbst nicht besaßen. Zwei von ihnen verleugneten 
ihre Mitteilung, als ich sie später daran mahnte, der dritte (Meister 
Charcot) hätte es wahrscheinlich ebenso getan, wenn es mir 
vergönnt gewesen wäre, ihn wiederzusehen. In mir aber hatten 
diese ohne Verständnis aufgenommenen identischen Mitteilungen 
durch Jahre geschlummert, bis sie eines Tages als eine scheinbar 
originelle Erkenntnis erwachten. 




10 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



< 



Als ich eines Tages als junger Spitalsarzt Breuer auf einem 
Spaziergange durch die Stadt begleitete, trat ein Mann an ihn 
heran, der ihn dringend sprechen wollte. Ich blieb zurück, und 
als B r e u-e r frei geworden war, teilte er mir in seiner freundlich 
belehrenden Weise mit, es sei der Mann einer Patientin gewesen, 
der eine Nachricht über sie gebracht hätte. Die Frau, fügte er 
hinzu, benehme sich in Gesellschaften in so auffälliger Art, daß 
man sie ihm als Nervöse zur Behandlung übergeben habe. Das 
sind immer Geheimnisse des Alkovens, schloß er dann. 
Ich fragte erstaunt, was er meine, und er erklärte mir das Wort 
(„des Ehebettes")» weil er nicht verstand, daß mir die Sache so 
unerhört erschienen war. 

Einige Jahre später befand ich mich an einem der Empfangs- 
abende Charcots in der Nähe des verehrten Lehrers, der gerade 
Brouardel eine, wie es schien, sehr interessante Geschichte aus 
der Praxis des Tages erzählte. Ich hörte den Anfang ungenau, 
allmählich fesselte die Erzählung meine Aufmerksamkeit. Ein 
junges Ehepaar von weit her aus dem Orient, die Frau schwer 
leidend, der Mann impotent oder recht ungeschickt. Tächez 
donc, hörte ich Charcot wiederholen, je vous assure, vous 
y arriverez. Brouardel, der weniger laut sprach, muß dann 
seiner Verwunderung Ausdruck gegeben haben, daß unter solchen 
Umständen Symptome wie die der Frau zustande kämen. Denn 
Charcot brach plötzlich mit großer Lebhaftigkeit in die Worte 
aus: Mais, dans des cas pareils c'est toujours la chose genitale, 
toujours . . . toujours . . . toujours. Und dabei kreuzte er die 
Hände vor dem Schoß und hüpfte mit der ihm eigenen Leb- 
haftigkeit mehrmals auf und nieder. Ich weiß, daß ich für 
einen Augenblick in ein fast lähmendes Erstaunen verfiel und 
mir sagte: Ja, wenn er das weiß, warum sagt er das nie? Aber 
der Eindruck war bald vergessen; die Gehirnanatomie und die 
experimentelle Erzeugung hysterischer Lähmungen hatten alles 
Interesse absorbiert. 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 1 1 



Ein Jahr später hatte ich als Privatdozent für Nervenkrankheiten 
meine ärztliche Tätigkeit in Wien begonnen und war in allem, 
was Ätiologie der Neurosen betraf, so unschuldig und so unwissend 
geblieben, wie man es nur von einem hoffnungsvollen Akademiker 
fordern darf. Da traf mich eines Tages ein freundlicher Ruf 
Chrobaks, eine Patientin von ihm zu übernehmen, welcher er 
in seiner neuen Stellung als Universitätslehrer nicht genug Zeit 
widmen könne. Ich kam früher als er zur Kranken und erfuhr, 
daß sie an sinnlosen Angstanfällen leide, die nur durch die sorgfältigste 
Information, wo sich zu jeder Zeit des Tages ihr Arzt befinde, 
beschwichtigt werden könnten. Als Chrobak erschien, nahm er 
mich beiseite und eröffnete mir, die Angst der Patientin rühre 
daher, daß sie trotz achtzehnjähriger Ehe Virgo intacta sei. Der 
Mann sei absolut impotent. Dem Arzt bleibe in solchen Fällen 
nichts übrig, als das häusliche Mißgeschick mit seiner Reputation 
zu decken und es sich gefallen zu lassen, wenn man achsel- 
zuckend über ihn sage: Der kann auch nichts, wenn er sie in 
soviel Jahren nicht hergestellt hat. Das einzige Rezept für solche 
Leiden, fügte er hinzu, ist uns wohl bekannt, aber wir können 
es nicht verordnen. Es lautet: 

Rp. Penis normalis 

dosim 
Repetatur! 

Ich hatte von solchem Rezept nichts gehört und hätte gern 
den Kopf geschüttelt über den Zynismus meines Gönners. 

Ich habe die erlauchte Abkunft der verruchten Idee gewiß 
nicht darum aufgedeckt, weil ich die Verantwortung für sie auf 
andere abwälzen möchte. Ich weiß schon, daß es etwas anderes 
ist, eine Idee ein oder mehrere Male in Form eines flüchtigen 
Apercus auszusprechen — als : ernst mit ihr zu machen, sie wörtlich 
zu nehmen, durch alle widerstrebenden Details hindurchzuführen 
und ihr ihre Stellung unter den anerkannten Wahrheiten zu 
erobern. Es ist der Unterschied zwischen einem leichten Flirt und 



lö Zur Geschickte der psychoanalytischen Bewegung 



einer rechtschaffenen Ehe mit all ihren Pflichten und Schwierig- 
keiten. Epouser les idees de... ist eine wenigstens im Französischen 
gebräuchliche Redewendung. 

Von den anderen Momenten, die durch meine Arbeit zum 
kathartischen Verfahren hinzukamen und es zur Psychoanalyse 
umgestalteten, hebe ich hervor: Die Lehre von der Verdrängung 
und vom Widerstand, die Einsetzung der infantilen Sexualität 
und die Deutung und Verwertung der Träume zur Erkenntnis 
des Unbewußten. 

In der Lehre von der Verdrängung war ich sicherlich selbständig, 
ich weiß von keiner Beeinflussung, die mich in ihre Nähe 
gebracht hätte, und ich hielt diese Idee auch lange Zeit für eine 
originelle, bis uns 0. Rank die Stelle in Schopenhauers 
„Welt als Wille und Vorstellung" zeigte, in welcher sich der 
Philosoph um eine Erklärung des Wahnsinnes bemüht. 1 Was dort 
über das Sträuben gegen die Annahme eines peinlichen Stückes 
der Wirklichkeit gesagt ist, deckt sich so vollkommen mit dem 
Inhalt meines Verdrängungsbegriffes, daß ich wieder einmal 
meiner Unbelesenheit für die Ermöglichung einer Entdeckung 
verpflichtet sein durfte. Indes haben andere diese Stelle gelesen 
und über sie hinweggelesen, ohne diese Entdeckung zu machen, 
und vielleicht wäre es mir ähnlich ergangen, wenn ich in 
früheren Jahren mehr Geschmack an der Lektüre philosophischer 
Autoren gefunden hätte. Den hohen Genuß der Werke 
Nietzsches habe ich mir dann in späterer Zeit mit der 
bewußten Motivierung versagt, daß ich in der Verarbeitung der 
psychoanalytischen Eindrücke durch keinerlei Erwartungsvorstellung 
behindert sein wolle. Dafür mußte ich bereit sein — und ich 
bin es gerne — , auf alle Prioritätsansprüche in jenen häufigen 
Fällen zu verzichten, in denen die mühselige psychoanalytische 
Forschung die intuitiv gewonnenen Einsichten des Philosophen 
nur bestätigen kann. 

1) Zentralblatt für Psychoanalyse, 1911, Bd. I, S. 69. 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 13 



Die Verdrängungslehre ist nun der Grundpfeiler, auf dem das 
Gebäude der Psychoanalyse ruht, so recht das wesentlichste Stück 
derselben und selbst nichts anderes als der theoretische Ausdruck 
einer Erfahrung, die sich beliebig oft wiederholen läßt, wenn 
man ohne Zuhilfenahme der Hypnose an die Analyse eines 
Neurotikers geht. Man bekommt dann einen Widerstand zu 
spüren, welcher sich der analytischen Arbeit widersetzt und einen 
Erinnerungsausfall vorschiebt, um sie zu vereiteln. Diesen Wider- 
stand muß die Anwendung der Hypnose verdecken; darum setzt 
die Geschichte der eigentlichen Psychoanalyse erst mit der 
technischen Neuerung des Verzichts auf die Hypnose ein. Die 
theoretische Würdigung des Umstandes, daß dieser Widerstand mit 
einer Amnesie zusammentrifft, führt dann unvermeidlich zu jener 
Auffassung der unbewußten Seelentätigkeit, welche der Psycho- 
analyse eigentümlich ist und sich von den philosophischen 
Spekulationen über das Unbewußte immerhin merklich unter- 
scheidet. Man darf daher sagen, die psychoanalytische Theorie 
ist ein Versuch, zwei Erfahrungen verständlich zu machen, die 
sich in auffälliger und unerwarteter Weise bei dem Versuche 
ergeben, die Leidenssymptome eines Neurotikers auf ihre Quellen 
in seiner Lebensgeschichte zurückzuführen: die Tatsache der 
Übertragung und die des Widerstandes. Jede Forschungsrichtung, 
welche diese beiden Tatsachen anerkennt und sie zum Ausgangs- 
punkt ihrer Arbeit nimmt, darf sich Psychoanalyse heißen, auch 
wenn sie zu anderen Ergebnissen als den meinigen gelangt. Wer 
aber andere Seiten des Problems in Angriff nimmt und von 
diesen beiden Voraussetzungen abweicht, der wird -dem Vorwurf 
der Besitzstörung durch versuchte Mimikry kaum entgehen, wenn 
er darauf beharrt, sich einen Psychoanalytiker zu nennen. 

Ich würde mich sehr energisch dagegen sträuben, wenn jemand 
die Lehre von der Verdrängung und vom Widerstand zu den Vor- 
aussetzungen anstatt zu den Ergebnissen der Psychoanalyse rechnen 
wollte. Es gibt solche Voraussetzungen allgemein psychologischer und 



; 



biologischer Natur und es wäre zweckmäßig, an anderer Stelle von 
ihnen zu handeln, aber die Lehre von der Verdrängung ist ein 
Erwerb der psychoanalytischen Arbeit, auf legitime Weise als 
theoretischer Extrakt aus unbestimmt vielen Erfahrungen gewonnen. 
Ein ebensolcher Erwerb, nur aus viel späterer Zeit, ist die Auf- 
stellung der infantilen Sexualität, von welcher in den ersten 
Jahren tastender Forschung durch die Analyse noch nicht die 
Rede war. Man merkte zuerst nur, daß man die Wirkung 
aktueller Eindrücke auf Vergangenes zurückführen müßte. Allein, 
„der Sucher fand oft mehr, als er zu finden wünschte". Man 
wurde immer weiter zurück in diese Vergangenheit gelockt und 
endlich hoffte man in der Pubertätszeit verweilen zu dürfen, in 
der Epoche des traditionellen Erwachens der Sexualregungen. 
Vergeblich, die Spuren wiesen noch weiter nach rückwärts, in 
die Kindheit und in frühe Jahre derselben. Auf dem Wege dahin 
galt es, einen Irrtum zu überwinden, der für die junge Forschung 
fast verhängnisvoll geworden wäre. Unter dem Einfluß der an 
Charcot anknüpfenden traumatischen Theorie der Hysterie war 
man leicht geneigt, Berichte der Kranken für real und ätiologisch 
bedeutsam zu halten, welche ihre Symptome auf passive sexuelle 
Erlebnisse in den ersten Kinderjahren, also grob ausgedrückt: auf 
Verführung zurückleiteten. Als diese Ätiologie an ihrer eigenen 
Un Wahrscheinlichkeit und an dem Widerspruche gegen sicher 
festzustellende Verhältnisse zusammenbrach, war ein Stadium 
völliger Ratlosigkeit das nächste Ergebnis. Die Analyse hatte auf 
korrektem Wege bis zu solchen infantilen Sexualtraumen geführt 
und doch waren diese unwahr. Man hatte also den Boden der 
Realität verloren. Damals hätte ich gerne die ganze Arbeit im 
Stiche gelassen, ähnlich wie mein verehrter Vorgänger Breuer 
bei seiner unerwünschten Entdeckung. Vielleicht harrte ich nur aus 
weil ich keine Wahl mehr hatte, etwas anderes zu beginnen. 
Endlich kam die Besinnung, daß man ja kein Recht zum 
Verzagen habe, wenn man nur in seinen Erwartungen getäuscht 






Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 15 

•worden sei, sondern diese Erwartungen revidieren müsse. Wenn 
die Hysteriker ihre Symptome auf erfundene Traumen zurück- 
führen, so ist eben die neue Tatsache die, daß sie solche Szenen 
phantasieren, und die psychische Realität verlangt neben der 
praktischen Realität gewürdigt zu werden. Es folgte bald die 
Einsicht, daß diese Phantasien dazu bestimmt seien, die auto- 
erotische Betätigung der ersten 'Kinderjahre zu verdecken, zu 
beschönigen und auf eine höhere Stufe zu heben, und nun kam 
hinter diesen Phantasien das Sexualleben des Kindes in seinem 
ganzen Umfange zum Vorschein. 

In dieser Sexualtätigkeit der ersten Kinderjahre konnte endlich 
auch die mitgebrachte Konstitution zu ihrem Rechte kommen. 
Anlage und Erleben verknüpften sich hier zu einer unlösbaren 
ätiologischen Einheit, indem die Anlage Eindrücke zu anregenden 
und fixierenden Traumen erhob, welche sonst, durchaus banal, 
wirkungslos geblieben wären, und indem die Erlebnisse Faktoren 
aus der Disposition wachriefen, welche ohne sie lange geschlummert 
hätten und vielleicht unentwickelt geblieben wären. Das letzte 
Wort in der Frage der traumatischen Ätiologie sprach dann 
später Abraham (1907) aus, als er darauf hinwies, wie gerade 
die Eigenart der sexuellen Konstitution des Kindes sexuelle 
Erlebnisse von besonderer Art, also Traumen, zu provozieren 

versteht. 1 

Meine Aufstellungen über die Sexualität des Kindes waren 
anfangs fast ausschließlich auf die Ergebnisse der in die Ver- 
gangenheit rückschreitenden Analyse von Erwachsenen begründet. 
Zu direkten Beobachtungen am Kinde fehlte mir die Gelegenheit. 
Es war also ein außerordentlicher Triumph, als es Jahre später 
gelang, den größten Teil des Erschlossenen durch direkte 
Beobachtung und Analyse von Kindern in sehr frühen Jahren 
zu bestätigen, ein Triumph, der allmählich durch die Über- 

1) Klinische Beiträge zur Psychoanalyse aus den Jakren 1907 — 1920. Intern. 
Psycho analyt. Bibliothek, Band X, 1921. 




i6 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



legung verringert wurde, die Entdeckung sei von solcher Art, 
daß man sich eigentlich schämen müsse, sie gemacht zu haben. 
Je weiter man sich in die Beobachtung des Kindes einließ, desto 
selbstverständlicher wurde die Tatsache, desto sonderbarer aber 
auch der Umstand, daß man sich solche Mühe gegeben hatte 
sie zu übersehen. 

Eine so sichere Überzeugung von der Existenz und Bedeutung 
der Kindersexualität kann man allerdings nur gewinnen, wenn 
man den Weg der Analyse geht, von den Symptomen und 
Eigentümlichkeiten der Neurotiker rückschreitet bis zu den letzten 
Quellen, deren Aufdeckung erklärt, was an ihnen erklärbar ist, 
und zu modifizieren gestattet, was sich etwa abändern läßt. Ich 
verstehe es, daß man zu anderen Resultaten kommt, wenn man, 
wie kürzlich C. G. Jung, sich zunächst eine theoretische Vor- 
stellung von der Natur des Sexualtriebes bildet und von dieser 
aus das Leben des Kindes begreifen will. Eine solche Vorstellung 
kann nicht anders als willkürlich oder mit Rücksicht auf abseits 
liegende Erwägungen gewählt sein und läuft Gefahr, dem Gebiet 
inadäquat, zu werden, auf welches man sie anwenden will. Gewiß 
führt auch der analytische Weg zu gewissen letzten Schwierig- 
keiten und Dunkelheiten in betreff der Sexualität und ihres 
Verhältnisses zum Gesamtleben des Individuums, aber diese können 
nicht durch Spekulationen beseitigt werden, sondern müssen 
bleiben, bis sie Lösung durch andere Beobachtungen oder Beob- 
achtungen auf anderen Gebieten finden. 

Über die Traumdeutung kann ich mich kurz fassen. Sie fiel 
mir zu als Erstlingsfrucht der technischen Neuerung, nachdem 
jch mich, einer dunklen Ahnung folgend, entschlossen hatte, die 
Hypnose mit der freien Assoziation zu vertauschen. Meine Wiß- 
begierde war nicht von vornherein auf das Verständnis der 
Träume gerichtet gewesen. Einflüsse, die mein Interesse gelenkt 
oder mir eine hilfreiche Erwartung geschenkt hätten, sind mir 
nicht bekannt. Ich hatte vor dem Aufhören meines Verkehrs mit 





Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 17 

Breuer kaum noch Zeit, ihm einmal in einem Satze mitzuteilen, 
daß ich jetzt Träume zu übersetzen verstünde. Infolge dieser 
Entdeckungsgeschichte war die Symbolik der Traumsprache so 
ziemlich das letzte, was mir am Traum zugänglich wurde, denn 
für die Kenntnis der Symbole leisten die Assoziationen des 
Träumers nur wenig. Da ich die Gewohnheit festgehalten habe, 
immer zuerst an den Dingen zu studieren, ehe ich in den 
Büchern nachsah, konnte ich mir die Symbolik des Traumes 
sicherstellen, ehe ich durch die Schrift von Scherner auf sie 
hingewiesen wurde. Im vollen Umfange habe ich dieses 
Ausdrucksmittel des Traumes erst später gewürdigt, zum Teil 
unter dem Einflüsse der Arbeiten des zu Anfang so sehr verdienst- 
vollen, später völlig verwahrlosten W. St ekel. Der enge 
Anschluß der psychoanalytischen Traumdeutung an die einst so 
hochgehaltene Traumdeutekunst der Antike wurde mir erst viele 
Jahre nachher klar. Das eigenartigste und bedeutsamste Stück 
meiner Traumtheorie, die Zurückführung der Traumentstellung 
auf einen inneren Konflikt, eine Art von innerer Unaufrichtigkeit, 
fand ich dann bei einem Autor wieder, dem zwar die Medizin, 
aber nicht die Philosophie fremd geblieben war, dem berühmten 
Ingenieur J. Popper, der unter dem Namen Lynkeus 1899 
die „Phantasien eines Realisten" veröffentlicht hatte. 

Die Traumdeutung wurde mir zum Trost und Anhalt in 
jenen schweren ersten Jahren der Analyse, als ich gleichzeitig 
Technik, Klinik und Therapie der Neurosen zu bewältigen hatte, 
gänzlich vereinsamt war und in dem Gewirre von Problemen 
und bei der Häufung der Schwierigkeiten oft Orientierung und 
Zuversicht einzubüßen fürchtete. Die Probe auf meine Voraus- 
setzung, daß eine Neurose durch Analyse verständlich werden 
müssej ließ oft bei dem Kranken verwirrend lange auf sich 
warten; an den Träumen, die man als Analoga der Symptome 
aufTassen konnte, fand diese Voraussetzung eine fast regelmäßige 
Bestätigung. 

Freud, Zur Geschichte. 2 



> 



18 Zw Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 

Nur durch diese Erfolge wurde ich in den Stand gesetzt, 
auszuharren. Ich habe mich darum gewöhnt, das Verständnis 
eines psychologischen Arbeiters an seiner Stellung zu den Problemen 
der Traumdeutung zu messen und mit Genugtuung beobachtet, 
daß die meisten Gegner der Psychoanalyse es überhaupt vermieden, 
diesen Boden zu betreten oder sich höchst ungeschickt benahmen, 
wenn sie es doch versuchten. Meine Selbstanalyse, deren Not- 
wendigkeit mir bald einleuchtete, habe ich mit Hilfe einer 
Serie von eigenen Träumen durchgeführt, die mich durch alle 
Begebenheiten meiner Kinderjahre führten, und ich bin noch 
heute der Meinung, daß bei einem guten Träumer und nicht 
allzu abnormen Menschen diese Art der Analyse genügen kann. 

Durch die Aufrollung dieser Entstehungsgeschichte glaube ich 
besser als durch eine systematische Darstellung gezeigt zu haben, 
was die Psychoanalyse ist. Die besondere Natur meiner Funde 
erkannte ich zunächst nicht. Ich opferte unbedenklich meine 
beginnende Beliebtheit als Arzt und den Zulauf der Nervösen in 
meine Sprechstunde, indem ich konsequent nach der sexuellen 
Verursachung ihrer Neurosen forschte, wobei ich eine Anzahl 
von Erfahrungen machte, die meine Überzeugung von der 
praktischen Bedeutung des sexuellen Moments endgültig fest- 
legten. Ich trat ahnungslos in der Wiener Fachvereinigung, damals 
unter dem Vorsitze von v. K ra f ft-Ebing, als Redner auf, der 
erwartete, durch Interesse und Anerkennung seiner Kollegen für 
seine freiwillige materielle Schädigung entschädigt zu werden. 
Ich behandelte meine Entdeckungen wie indifferente Beiträge zur 
Wissenschaft und hoffte dasselbe von den anderen. Erst die Stille, 
die sich nach meinen Vorträgen erhob, die Leere, die sich um 
meine Person bildete, die Andeutungen, die mir zugetragen 
wurden, ließen mich allmählich begreifen, daß Behauptungen 
über die Rolle der Sexualität in der Ätiologie der Neurosen nicht 
darauf rechnen könnten, so behandelt zu werden wie andere Mit- 
teilungen. Ich verstand, daß ich von jetzt ab zu denen gehörte, 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



19 



die „am Schlaf der Welt gerührt haben", nach Hebbels Aus- 
druck, und daß ich auf Objektivität und Nachsicht nicht zählen 
durfte. Da aber meine Überzeugung von der durchschnittlichen 
Richtigkeit meiner Beobachtungen und Schlußfolgerungen immer 
mehr wuchs und mein Zutrauen zu meinem eigenen Urteile sowie 
mein moralischer Mut nicht eben gering waren, konnte der Ausgang 
dieser Situation nicht zweifelhaft sein. Ich entschloß mich zu glauben, 
daß mir das Glück zugefallen war, besonders bedeutungsvolle Zu- 
sammenhänge aufzudecken, und fand mich bereit, das Schicksal auf 
mich zu nehmen, das mitunter an solches Finden geknüpft ist. 

Dies Schicksal stellte ich mir in folgender Weise vor: Es 
würde mir wahrscheinlich gelingen, mich durch die therapeutischen 
Erfolge des neuen Verfahrens zu erhalten, die Wissenschaft aber 
würde zu meinen Lebzeiten keine Notiz von mir nehmen. Einige 
Dezennien später würde ein anderer unfehlbar auf dieselben, 
jetzt nicht zeitgemäßen Dinge stoßen, ihre Anerkennung durch- 
setzen und mich so als notwendigerweise verunglückten Vorläufer 
zu Ehren bringen. Unterdes richtete ich's mir als Robinson auf 
meiner einsamen Insel möglichst behaglich ein. Wenn ich aus 
den Verwirrungen und Bedrängnissen der Gegenwart auf jene 
einsamen Jahre zurückblicke, will es mir scheinen, es war eine 
schöne heroische Zeit; die splendid Isolation entbehrte nicht 
ihrer Vorzüge und Reize. Ich hatte keine Literatur zu lesen, 
keinen schlecht unterrichteten Gegner anzuhören, ich war keinem 
Einfluß unterworfen, durch nichts gedrängt. Ich erlernte es, 
spekulative Neigungen zu bändigen und nach dem unvergessenen' 
Rat meines Meisters Charcot, dieselben Dinge so oft von 
neuem anzuschauen, bis sie von selbst begannen, etwas auszu- 
sagen. Meine Veröffentlichungen, für die ich mit einiger Mühe 
auch Unterkunft fand, konnten immer weit hinter meinem Wissen 
zurückbleiben, durften beliebig aufgeschoben werden, da keine 
zweifelhafte „Priorität" zu verteidigen war. Die „Traumdeutung" 
zum Beispiel war in allem Wesentlichen anfangs 1896 fertig, sie 

2* 



Zur Geschickte der psychoanalytischen Bewegung 



wurde aber erst im Sommer 1899 niedergeschrieben. Die Behand- 
lung der „Dora" schloß zu Ende 1899 ab, ihre Krankengeschichte 
war in den nächsten zwei Wochen fixiert, wurde aber erst 1905 
veröffentlicht. Unterdes wurden meine Schriften in der Fach- 
literatur nicht referiert oder, wenn dies ausnahmsweise geschah, 
mit höhnischer oder mitleidiger Überlegenheit zurückgewiesen. 
Gelegentlich wandte mir auch ein Fachgenosse in einer seiner 
Publikationen eine Bemerkung zu, die sehr kurz und nicht sehr 
schmeichelhaft war, etwa : verbohrt, extrem, sehr sonderbar. 
Einmal traf es sich, daß ein Assistent der Klinik in Wien, an 
der ich meine Semestralvorlesung abhielt, sich von mir die 
Erlaubnis nahm, diesen Vorlesungen anzuwohnen. Er hörte sehr 
andächtig zu, sagte nichts, bot sich aber nach der letzten Vor- 
lesung zu einer Begleitung an. Während dieses Spazierganges 
eröffnete er mir, er habe mit Wissen seines Chefs ein Buch 
gegen meine Lehre geschrieben, bedauere aber sehr, dieselbe erst 
durch meine Vorlesungen besser kennen gelernt zu haben. Er 
hätte sonst vieles anders geschrieben. Allerdings habe er sich 
auf der Klinik erkundigt, ob er nicht vorher die „Traumdeutung" 
lesen solle, aber man habe ihm abgeraten, es sei nicht der 
'Mühe wert. Er verglich dann selbst mein Lehrgebäude, wie er 
es jetzt verstanden habe, nach der Festigkeit seines inneren 
Gefüges mit der katholischen Kirche. Im Interesse seines Seelen- 
heils will ich annehmen, daß in dieser Äußerung ein Stück 
Anerkennung enthalten war. Er schloß dann aber, es sei zu spät, 
an seinem Buche etwas abzuändern, es sei bereits gedruckt. Der 
betreffende Kollege hatte es auch nicht für nötig erachtet, der 
Mitwelt späterhin etwas von der Änderung seiner Meinungen 
über meine Psychoanalyse bekanntzugeben, sondern es vorgezogen, 
die Entwicklung derselben als ständiger Referent einer medi- 
zinischen Zeitschrift mit spaßhaften Glossen zu begleiten. 

Was ich an persönlicher Empfindlichkeit besaß, wurde in 
jenen Jahren zu meinem Vorteile abgestumpft. Vor der Verbitterung 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 21 

wurde ich aber durch einen Umstand bewahrt, der nicht allen 
vereinsamten Entdeckern zu Hilfe kommt. Ein solcher quält sich 
ja sonst ab zu ergründen, woher die Teilnahmslosigkeit oder 
Ablehnung seiner Zeitgenossen rührt, und empfindet sie als 
einen peinigenden Widerspruch gegen die Sicherheit seiner 
eigenen Überzeugung. Das brauchte ich nicht, denn die psycho- 
analytische Lehre gestattete mir, dies Verhalten der Umwelt als 
notwendige Folge aus den analytischen Grundannahmen zu ver- 
stehen. Wenn es richtig war, daß die von mir aufgedeckten 
Zusammenhänge dem Bewußtsein der Kranken durch innere 
affektive Widerstände ferngehalten werden, so mußten sich diese 
Widerstände auch bei den Gesunden einstellen, sobald man ihnen 
das Verdrängte durch Mitteilung von außen zuführte. Daß diese 
letzteren die affektiv gebotene Ablehnung durch intellektuelle Be- 
gründung zu motivieren verstanden, war nicht verwunderlich. Es 
ereignete sich bei den Kranken ebenso häufig, und die ins Feld ge- 
führten Argumente — Argumente sind so gemein wie Brombeeren, 
mit Falstaff zu reden — waren die nämlichen und nicht gerade 
scharfsinnig. Der Unterschied war nur, daß man bei den Kranken 
über Pressionsmittel verfügte, um sie ihre Widerstände einsehen und 
überwinden zu lassen, bei den angeblich Gesunden solcher Hilfen 
aber entbehrte. Auf welche Weise man diese Gesunden zu einer 
kühlen, wissenschaftlich objektiven Überprüfung drängen könne, 
war ein ungelöstes Problem, dessen Erledigung am besten der Zeit 
vorbehalten blieb. Man hatte in der Geschichte der Wissenschaften 
oft feststellen können, daß dieselbe Behauptung, die anfangs nur 
Widerspruch hervorgerufen hatte, eine Weile später zur Anerken- 
nung kam, ohne daß neue Beweise für sie erbracht worden wären. 
Paß sich aber in diesen Jahren, als ich allein die Psychoanalyse 
vertrat, ein besonderer Respekt vor dem Urteil der Welt oder 
ein Hang zur intellektuellen Nachgiebigkeit bei mir entwickelt 
habe, wird wohl niemand erwarten dürfen. 



1 



I 

/ 

II 



Vom Jahre 1902 an scharte sich eine Anzahl jüngerer Ärzte 
um mich in der ausgesprochenen Absicht, die Psychoanalyse zu 
erlernen, auszuüben und zu verbreiten. Ein Kollege, welcher die 
gute Wirkung der analytischen Therapie an sich selbst erfahren 
hatte, gab die Anregung dazu. Man kam an bestimmten Abenden 
in meiner Wohnung zusammen, diskutierte nach gewissen Regeln, 
suchte sich in dem befremdlich neuen Forschungsgebiete zu 
orientieren und das Interesse anderer dafür zu gewinnen. Eines 
Tages führte sich ein absolvierter Gewerbeschüler durch ein Manu- 
skript bei uns ein, welches außerordentliches Verständnis verriet. 
Wir bewogen ihn die Gymnasialstudien nachzuholen, die Uni- 
versität zu besuchen und sich den nichtärztlichen Anwendungen 
der Psychoanalyse zu widmen. Der kleine Verein erwarb so einen 
eifrigen und verläßlichen Sekretär, ich gewann an Otto Rank 1 
den treuesten Helfer und Mitarbeiter. 

Der kleine Kreis dehnte sich bald aus, wechselte im Laufe der 
nächsten Jahre vielfach in seiner Zusammensetzung. Im ganzen 
durfte ich mir sagen, in dem Reichtum und der Mannigfaltigkeit 
der Begabungen, die er umschloß, stand er kaum hinter dem 
Stab eines beliebigen klinischen Lehrers zurück. Von Anfangen 
waren jene Männer darunter, die in der Geschichte der psycho- 
analytischen Bewegung später so bedeutungsvolle, wenn auch nicht 

1) Gegenwärtig Leiter des Intern. Psychoanalyt. Verlages und Redakteur der 
„Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse" und der „Imago" von beider Beginnen an. 



.. 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 23 



immer erfreuliche Rollen spielen sollten. Aber diese Entwicklung 
konnte man damals noch nicht ahnen. Ich durfte zufrieden sein, 
und ich meine, ich tat alles, um den anderen zugänglich zu 
machen, was ich wußte und erfahren hatte. Von übler Vor- 
bedeutung waren nur zwei Dinge, die mich endlich dem Kreise 
innerlich entfremdeten. Es gelang mir nicht, unter den Mit- 
gliedern jenes freundschaftliche Einvernehmen herzustellen, das 
unter Männern, welche dieselbe schwere Arbeit leisten, herrschen 
soll, und ebensowenig die Prioritätsstreitigkeiten zu ersticken, zu 
denen unter den Bedingungen der gemeinsamen Arbeit reichlicher 
Anlaß gegeben war. Die Schwierigkeiten der Unterweisung in der 
Ausübung der Psychoanalyse, die ganz besonders groß sind und 
an vielen der heutigen Zerwürfnisse die Schuld tragen, machten 
sich bereits in der privaten Wiener psychoanalytischen Vereinigung 
geltend. Ich selbst wagte es nicht, eine noch unfertige Technik 
und eine im steten Fluß begriffene Theorie mit jener Autorität 
vorzutragen, die den anderen wahrscheinlich manche Irrwege und 
endliche Entgleisungen erspart hätte. Die Selbständigkeit der 
geistigen Arbeiter, ihre frühe Unabhängigkeit vom Lehrer, ist 
psychologisch immer befriedigend 5 ein Gewinn in wissenschaftlicher 
Hinsicht ergibt sich aus ihr nur, wenn bei diesen Arbeitern 
gewisse, nicht allzu häufig vorkommende persönliche Bedingungen 
erfüllt sind. Gerade die Psychoanalyse hätte eine lange und strenge 
Zucht und Erziehung zur Selbstzucht gefordert. Der Tapferkeit 
wegen, die sich in der Hingabe an eine so verpönte und aus- 
sichtslose Sache erwies, war ich geneigt, den Mitgliedern der 
Vereinigung mancherlei angehen zu lassen, woran ich sonst Anstoß 
genommen hätte. Der Kreis umfaßte übrigens nicht nur Ärzte, 
sondern auch andere Gebildete, welche in der Psychoanalyse 
etwas Bedeutsames erkannt hatten, Schriftsteller, Künstler usw. 
Die „Traumdeutung", das Buch über den „Witz" u. a. hatten 
von vornherein gezeigt, daß die Lehren der Psychoanalyse nicht 
auf das ärztliche Gebiet beschränkt bleiben können, sondern der 






24 Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



Anwendung auf verschiedenartige andere Geisteswissenschaften 
fähig sind. 

Von 1907 an änderte sich die Situation gegen alle Erwartungen 
und wie mit einem Schlage. Man erfuhr, daß die Psychoanalyse 
in aller Stille Interesse erweckt und Freunde gefunden habe, ja, 
daß es wissenschaftliche Arbeiter gebe, welche bereit seien, sich 
zu ihr zu bekennen. Eine Zuschrift von Bleuler hatte mich 
schon früher wissen lassen, daß meine Arbeiten im Burghölzli 
studiert und verwertet würden. Im Jänner 1907 kam der erste 
Angehörige der Züricher Klinik, Dr. Eitingon, 1 nach Wien, es 
folgten bald andere Besuche, die einen lebhaften Gedanken- 
austausch anbahnten 5 endlich kam es über Einladung von 
C. G. Jung, damals noch Adjunkt am Burghölzli, zu einer ersten 
Zusammenkunft in Salzburg im Frühjahre 1908, welche die 
Freunde der Psychoanalyse von Wien, Zürich und anderen Orten 
her vereinigte. Eine Frucht dieses ersten psychoanalytischen Kon- 
gresses war die Gründung einer Zeitschrift, welche als „Jahr- 
buch für psychoanalytische und psychopatho- 
logische Forschungen", herausgegeben von Bleuler und 
Freud, redigiert von Jung, im Jahre 1909 zu erscheinen begann. 
Eine innige Arbeitsgemeinschaft zwischen Wien und Zürich fand 
in dieser Publikation ihren Ausdruck. 

Ich habe die großen Verdienste der Züricher psychiatrischen 
Schule um die Ausbreitung der Psychoanalyse, des besonderen 
die von Bleuler und Jung, wiederholt dankend anerkannt und 
stehe nicht an, dies heute, unter so veränderten Verhältnissen, 
von neuem zu tun. Gewiß war es nicht erst die Parteinahme 
der Züricher Schule, welche damals die Aufmerksamkeit der 
wissenschaftlichen Welt auf die Psychoanalyse richtete. Die 
Latenzzeit war eben abgelaufen und an allen Orten wurde die 
Psychoanalyse Gegenstand eines sich steigernden Interesses. Aber 
an allen anderen Orten ergab diese Zuwendung von Interesse 

1) Der spätere Gründer der „Psychoanalytischen Poliklinik" in Berlin. 





Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 25 

zunächst nichts anderes, als eine meist leidenschaftlich akzentuierte 
Ablehnung, in Zürich hingegen wurde die prinzipielle Überein- 
stimmung der Grundton des Verhältnisses. An keiner anderen 
Stelle fand sich auch ein so kompaktes Häuflein von Anhängern 
beisammen, konnte eine öffentliche Klinik in den Dienst der 
psychoanalytischen Forschung gestellt werden, oder war ein 
klinischer Lehrer zu sehen, der die psychoanalytische Lehre als 
integrierenden Bestandteil in den psychiatrischen Unterricht auf- 
nahm. Die Züricher wurden so die Kerntruppe der kleinen, für 
die Würdigung der Analyse kämpfenden Schar. Bei ihnen allein 
war Gelegenheit, die neue Kunst zu erlernen und Arbeiten in 
ihr auszuführen. Die meisten meiner heutigen Anhänger und 
Mitarbeiter sind über Zürich zu mir gekommen, selbst solche, die 
es geographisch weit näher nach Wien hatten als nach der 
Schweiz. Wien liegt exzentrisch für den Westen Europas, der die 
großen Zentren unserer Kultur beherbergt ; sein Ansehen wird 
seit vielen Jahren durch schwerwiegende Vorurteile beeinträchtigt. 
In der geistig so rührigen Schweiz strömen Vertreter der bedeut 
samsten Nationen zusammen , ein Infektionsherd an dieser Stelle 
mußte für die Ausbreitung der psychischen Epidemie, wie H o c h e 
in Freiburg sie genannt hatte, besonders wichtig werden. 

Nach dem Zeugnis eines Kollegen, der die Entwicklung im 
Burghölzli mitgemacht, kann man feststellen, daß die Psycho- 
analyse dort schon sehr frühzeitig Interesse erweckte. In Jungs 
1902 veröffentlichter Schrift über okkulte Phänomene findet sich 
bereits ein erster Hinweis auf die Traumdeutung. Von 1903 oder 
1904 an, berichtet mein Gewährsmann, stand die Psychoanalyse 
im Vordergrunde. Nach der Anknüpfung persönlicher Beziehungen 
zwischen Wien und Zürich bildete sich, Mitte des Jahres 1907, 
auch im Burghölzli ein zwangloser Verein, der in regelmäßigen 
Zusammenkünften die Probleme der Psychoanalyse diskutierte. Bei 
der Union, die sich zwischen der Wiener und der Züricher 
Schule vollzog, waren die Schweizer keineswegs der bloß empfangende 



26 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



Teil. Sie hatten selbst bereits respektable wissenschaftliche Arbeit 
geleistet, deren Ergebnisse der Psychoanalyse zugute kamen. Das 
von der Wun dt sehen Schule angegebene Assoziationsexperiment 
war von ihnen im Sinne der Psychoanalyse gedeutet worden und 
hatte ihnen unerwartete Verwertungen gestattet. Es war so möglich 
geworden, rasche experimentelle Bestätigungen von psycho- 
analytischen Tatbeständen zu erbringen und einzelne Verhältnisse 
dem Lernenden zu demonstrieren, von denen der Analytiker 
nur hätte erzählen können. Es war die erste Brücke geschlagen 
worden, die von der Experimentalpsychologie zur Psychoanalyse 
führte. 

Das Assoziationsexperiment ermöglicht in der psychoanalytischen 
Behandlung eine vorläufige qualitative Analyse des Falles, leistet 
aber keinen wesentlichen Beitrag zur Technik und ist bei der 
Ausführung von Analysen eigentlich entbehrlich. Bedeutsamer 
noch war eine andere Leistung der Züricher Schule oder ihrer 
beiden Führer Bleuler und Jung. Der erstere wies nach, daß 
bei einer ganzen Anzahl von rein psychiatrischen Fällen die 
Erklärung durch solche Vorgänge in Betracht käme, wie sie mit 
Hilfe der Psychoanalyse für den Traum und die Neurosen erkannt 
worden waren („Freudsche Mechanismen")- Jung wendete das 
analytische Deutungsverfahren mit Erfolg auf die sonderbarsten 
und dunkelsten Phänomene der Dementia praecox an, deren 
Herkunft aus der Lebensgeschichte und den Lebensinteressen der 
Kranken dann klar zutage trat. Von da an war es den Psychiatern 
unmöglich gemacht, die Psychoanalyse noch länger zu ignorieren. 
Das große Werk von Bleuler über die Schizophrenie (191 1), 
in welchem die psychoanalytische Betrachtungsweise gleichberechtigt 
neben die klinisch-systematische hingestellt wurde, brachte diesen 
Erfolg zur Vollendung. 

Ich will es nicht unterlassen, auf einen Unterschied hinzu- 
weisen, der schon damals in der Arbeitsrichtung der beiden 
Schulen deutlich war. Ich hatte bereits im Jahre 1897 die Analyse 







Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 27 

eines Falles von Schizophrenie veröffentlicht, der aber paranoides 
Gepräge trug, so daß seine Auflösung den Eindruck der Jung sehen 
Analysen nicht vorwegnehmen konnte. Mir war aber nicht die 
Deutbarkeit der Symptome, sondern der psychische Mechanismus 
der Erkrankung das "Wichtige gewesen, vor allem die Überein- 
stimmung dieses Mechanismus mit dem bereits erkannten der 
Hysterie. Auf die Differenzen zwischen den beiden fiel damals 
noch kein Licht. Ich zielte nämlich bereits zu jener Zeit auf 
eine Libidotherapie der Neurosen hin, welche alle neurotischen 
wie psychotischen Erscheinungen aus abnormen Schicksalen der 
Libido, also aus Ablenkungen derselben von ihrer normalen Ver- 
wendung, erklären sollte. Dieser Gesichtspunkt ging den 
Schweizer Forschern ab. Bleuler hält meines Wissens auch 
heute an einer organischen Verursachung der Formen von 
Dementia praecox fest, und Jung, dessen Buch über diese 
Erkrankung 1907 erschienen war, vertrat 1908 auf dem Salzburger 
Kongresse die toxische Theorie derselben, die sich, allerdings 
ohne sie auszuschließen, über die Libidotheorie hinaussetzt. An 
dem nämlichen Punkte ist er dann später (1912) gescheitert, indem 
er nun zuviel von dem Stoffe nahm, dessen er sich vorher nicht 
bedienen wollte. 

Einen dritten Beitrag der Schweizer Schule, der vielleicht ganz 
auf die Rechnung Jungs zu setzen ist, kann ich nicht so hoch 
einschätzen, wie es von Fernerstehenden geschieht. Ich meine die 
Lehre von den Komplexen, die aus den „Diagnostischen 
Assoziationsstudien" (1906 bis 1910) erwuchs. Sie hat weder 
selbst eine psychologische Theorie ergeben noch eine zwanglose 
Einfügung in den Zusammenhang der psychoanalytischen Lehren 
gestattet. Hingegen hat sich das Wort „Komplex" als bequemer, 
oft unentbehrlicher Terminus zur deskriptiven Zusammenfassung 
psychologischer Tatbestände Bürgerrecht in der Psychoanalyse 
erworben. Kein anderer der von dem psychoanalytischen Bedürfnis 
neugeschaffenen Namen und Bezeichnungen hat eine ähnlich 



28 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



weitgehende Popularität erreicht und so viel mißbräuchliche 
Verwendung zum Schaden schärferer Begriffsbildungen gefunden. 
Man begann in der Umgangssprache der Psychoanalytiker von 
„Komplexrückkehr" zu reden, wo man die „Rückkehr des Ver- 
drängten" meinte, oder man gewöhnte sich zu sagen: Ich habe 
einen Komplex gegen ihn, wo es korrekter nur lauten konnte: 
einen Widerstand. 

In den Jahren von 1907 an, die auf den Zusammenschluß der 
Schulen von Wien und Zürich folgten, nahm die Psychoanalyse 
jenen außerordentlichen Aufschwung, in dessen Zeichen sie sich 
heute noch befindet, und der ebenso sicher bezeugt ist durch die 
Verbreitung der ihr dienenden Schriften und die Zunahme der 
Ärzte, welche sie ausüben oder erlernen wollen, wie durch die 
Häufung der Angriffe gegen sie auf Kongressen und in gelehrten 
Gesellschaften. Sie wanderte in die fernsten Länder, schreckte 
überall nicht nur die Psychiater auf, sondern machte auch die 
gebildeten Laien und die Arbeiter auf anderen Wissensgebieten 
aufhorchend. Havelock Ellis, der ihrer Entwicklung mit 
Sympathie gefolgt war, ohne sich jemals ihren Anhänger zu 
nennen, schrieb 1911 in einem Bericht an den Australasiatischen 
medizinischen Kongreß: „Freuds psychoanalysis is now cham- 
pioned and carried out not only in Austria and in Switzerland, 
but in the United States, in England, in India, in Canada, and, 
I doubt not, in Australasia." 1 Ein (wahrscheinlich deutscher) Arzt 
aus Chile trat auf dem internationalen Kongreß in Buenos Aires 
1910 für die Existenz der infantilen Sexualität ein und lobte die 
Erfolge der psychoanalytischen Therapie bei Zwangssymptomen; 2 
ein englischer Nervenarzt in Zentralindien (Berkeley-Hill) 
ließ mir durch einen distinguierten Kollegen, der nach Europa 
reiste, mitteilen, daß die mohammedanischen Hindus, an denen er 



1) Havelock Ellis, The doctrines of the Freud School. 

2) G. G r e v e. Sobre Psicologia y Psicoterapia de ciertos Estados angustiosos. 
S. Zentralbl. f. Psychoanalyse, Bd. I, S. 594. 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 29 

die Analyse ausübe, keine andere Ätiologie ihre Neurosen erkennen 
ließen als unsere europäischen Patienten. 

Die Einführung der Psychoanalyse in Nordamerika ging unter 
besonders ehrenvollen Anzeichen vor sich. Im Herbst 1909 wurden 
Jung und ich von Stanley Hall, dem Präsidenten der Clark 
University in Worcester (bei Boston), eingeladen, uns an der 
zwanzigjährigen Gründungsfeier des Institutes durch Abhaltung 
von Vorträgen in deutscher Sprache zu beteiligen. Wir fanden zu 
unserer großen Überraschung, daß die vorurteilslosen Männer 
jener kleinen, aber angesehenen pädagogisch-philosophischen 
Universität alle psychoanalytischen Arbeiten kannten und in 
den Vorträgen für ihre Schüler gewürdigt hatten. In dem 
so prüden Amerika konnte man wenigstens in akademischen 
Kreisen alles, was im Leben als anstößig galt, frei be- 
sprechen und wissenschaftlich behandeln. Die fünf Vorträge, 
die ich in Worcester improvisiert habe, erschienen dann im 
American Journ. of Psychology in englischer Übersetzung, bald 
darauf deutsch unter dem Titel „Über Psychoanalyse"; Jung 
las über diagnostische Assoziationsstudien und über „Konflikte der 
kindlichen Seele". Wir wurden dafür mit dem Ehrentitel von 
LL. D. (Doktoren beider Rechte) belohnt. Die Psychoanalyse war 
während jener Festwoche in Worcester durch fünf Personen ver- 
treten, außer Jung und mir waren es Ferenczi, der sich mir 
als Reisebegleiter angeschlossen hatte, Ernest Jones, damals an 
der Universität in Toronto (Kanada), jetzt in London, und A. Brill, 
der bereits in New York analytische Praxis ausübte. 

Die bedeutsamste persönliche Beziehung, die sich in Worcester 
noch ergab, war die zu James J. P u t n a m, dem Lehrer der 
Neuropathologie an der Harvard University, der vor Jahren ein 
abfälliges Urteil über die Psychoanalyse ausgesprochen hatte, sich 
jetzt aber rasch mit ihr befreundete und sie in zahlreichen inhalt- 
reichen wie formschönen Vorträgen seinen Landsleuten und 
Fachgenossen empfahl. Der Respekt, den sein Charakter ob seiner 



3<> 



Z«r Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



hohen Sittlichkeit und kühnen Wahrheitsliebe in Amerika genoß 
kam der Psychoanalyse zugute und deckte sie gegen die Denun- 
ziationen, denen sie sonst wahrscheinlich zeitig erlegen wäre. 
Putnam hat dann später dem großen ethischen und philosophischen 
Bedürfnis seiner Natur allzusehr nachgegeben und an die Psychoanalyse 
die, wie ich meine, unerfüllbare Forderung gestellt, daß sie sich in 
den Dienst einer bestimmten sittlich-philosophischen Weltanschauung 
finden solle ; er ist aber die Hauptstütze der psychoanalytischen 
Bewegung in seinem Heimatlande geblieben. 1 

Um die Ausbreitung dieser Bewegung erwarben sich dann 
Brill und Jones die größten Verdienste, indem sie in ihren 
Arbeiten in selbstverleugnender Emsigkeit die leicht zu beob- 
achtenden Grundtatsachen des Alltagslebens, des Traumes und 
der Neurose immer wieder von neuem ihren Landsleuten vor 
Augen führten. Brill hat diese Einwirkung durch seine ärztliche 
Tätigkeit und durch die Übersetzung meiner Schriften, Jones 
durch lehrreiche Vorträge und schlagfertige Diskussionen auf den 
amerikanischen Kongressen verstärkt. 3 

Der Mangel einer eingewurzelten wissenschaftlichen Tradition 
und die geringere Strammheit der offiziellen Autorität sind der 
von Stanley Hall für Amerika gegebenen Anregung entschieden 
vorteilhaft gewesen. Es war dort auch von allem Anfang an 
charakteristisch, daß sich Professoren und Leiter von Irrenanstalten 
in gleichem Maße wie selbständige Praktiker an der Analyse 
beteiligt zeigten. Aber gerade darum ist es klar, daß der Kampf 
um die Analyse dort seine Entscheidung finden muß, wo sich 
die größere Resistenz ergeben hat, auf dem Boden der alten 
Kulturzentren. 



1) S. J. J. Putnam, Addresses on Psycho-Analysis, Internat. Psycho-Analytical 
Library Nr. i, 1921. — Putnam starb 1918. 

2) Die Publikationen beider Autoren sind gesammelt erschienen: Brill, Psych- 
analysis, Its theories and practical applications, 1912, und E. Jones, Papers on 
Psychoanalysis, 1913. Vom ersten Buch ist 1914, vom anderen 1918 eine sehr ver- 
stärkte Second Edition (1923 eine dritte) erschienen. 




Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 31 

Von den europäischen Ländern hat bisher Frankreich sich am 
unempfänglichsten für die Psychoanalyse erwiesen, obwohl verdienst- 
volle Arbeiten des Züricher A. M a e d e r dem französischen Leser 
einen bequemen Zugang zu deren Lehren, eröffnet hatten. Die 
ersten Regungen von Teilnahme kamen aus der französischen 
Provinz. Morichau-Beauchant (Poitiers) war der erste 
Franzose, der sich öffentlich zur Psychoanalyse bekannte. Regis 
und Hesnard (Bordeaux) haben erst kürzlich (1915) in einer 
ausführlichen, nicht immer verständnisvollen Darstellung, die an 
der Symbolik besonderen Anstoß nimmt, die Vorurteile ihrer 
Landsleute gegen die neue Lehre zu zerstreuen gesucht. In Paris 
selbst scheint noch die Überzeugung zu herrschen, der auf dem 
Londoner Kongreß 1915 Janet so beredten Ausdruck gab, daß 
alles, was gut an der Psychoanalyse sei, mit geringen Abänderungen 
die Janetschen Ansichten wiederhole, alles darüber hinaus aber 
sei von Übel. Janet mußte sich noch auf diesem Kongreß 
selbst eine Reihe von Zurechtweisungen von E. Jones gefallen 
lassen, der ihm seine geringe Sachkenntnis vorhalten konnte. Seine 
Verdienste um die Psychologie der Neurosen können wir trotzdem 
nicht vergessen, auch wenn wir seine Ansprüche zurückweisen. 

In Italien blieb nach einigen vielversprechenden Anfangen die 
weitere Beteiligung aus. In Holland fand die Analyse durch 
persönliche Beziehungen frühzeitig Eingang; van Emden, van 
Ophuijsen, van Renterghem („Freud en zijn School") 
und die beiden Stärcke sind dort theoretisch und praktisch 
mit Erfolg tätig. 1 Das Interesse der wissenschaftlichen Kreise 
Englands für die Analyse hat sich sehr langsam entwickelt, aber 
alle Anzeichen sprechen dafür, daß ihr gerade dort, begünstigt von 
dem Sinn der Engländer für Tatsächliches und ihrer leidenschaft- 
lichen Parteinahme für Gerechtigkeit, eine hohe Blüte bevorsteht. 

i) Die erste offizielle Anerkennung, welcher Traumdeutung und Psychoanalyse in 
Europa teilhaftig wurden, spendete ihnen der Psychiater Jelgersma als Rektor 
der Universität Leiden in seiner Rektorsrede vom 9. Februar 1914. („Unbewußtes 
Geistesleben". Beihefte der Intern. Zeitschrift für Psychoanalyse, Nr. 1.) 



32 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



In Schweden hat P. B j e r r e, der Nachfolger in der ärztlichen 
Tätigkeit Wetterstrands, die hypnotische Suggestion für die 
analytische Behandlung, wenigstens zeitweilig, aufgegeben. R. Vogt 
(Kristiania) hat bereits 1907 die Psychoanalyse in seinem 
„Psykiatriens grundtraek" gewürdigt, so daß das erste Lehrbuch 
der Psychiatrie, welches von der Psychoanalyse Kenntnis nahm 
ein in norwegischer Sprache geschriebenes war. In Rußland ist 
die Psychoanalyse sehr allgemein bekannt und verbreitet worden - 
fast alle meine Schriften sowie die anderer Anhänger der 
Analyse sind ins Russische übersetzt. Ein tieferes Verständnis der 
analytischen Lehren hat sich aber in Rußland noch nicht ergeben. 
Die Beiträge russischer Ärzte sind derzeit unbeträchtlich zu 
nennen. Nur Odessa besitzt in der Person von M. Wulff 
einen geschulten Analytiker. Die Einführung der Psychoanalyse 
in die polnische Wissenschaft und Literatur ist hauptsächlich das 
Verdienst von L. Jekels. Das Österreich geographisch so nahe 
verbundene, ihm wissenschaftlich so entfremdete Ungarn hat der 
Psychoanalyse bisher nur einen Mitarbeiter geschenkt, S. Ferenczi 
aber einen solchen, der wohl einen Verein aufwiegt. 1 

1) [Zusatz Tpaj'i ■] Es kann nicht meine Absicht sein, diese 1914 entworfene Schil- 
derung up to date zu führen. Nur einzelne Bemerkungen sollen andeuten, wie sich 
in der Zwischenzeit, die den Weltkrieg einschließt, das Bild geändert hat. In 
Deutschland setzt sich eine langsame, nicht immer zugestandene Infiltration der 
analytischen Lehren in die klinische Psychiatrie durch; die in den letzten Jahren 
erschienenen französischen Übersetzungen meiner Schriften haben endlich auch in 
Frankreich ein starkes Interesse an der Psychoanalyse erweckt, das derzeit in 
literarischen Kreisen wirksamer ist als in wissenschaftlichen. In Italien sind M. Levi 
B i a n c h i n i (Nocera sup.) und Edoardo Weiss (Trieste) als Übersetzer und 
Vorkämpfer der Psychoanalyse aufgetreten („Biblioteca Psicoanalitica Italiana"). Der 
lebhaften Anteilnahme in den spanisch redenden Ländern (Prof. H. Delgado 
in Lima) trägt eine in Madrid erscheinende Gesamtausgabe meiner Werke Rechnung 
(übersetzt von Lopez-Ballesteros). Für England scheint sich die oben 
ausgesprochene Vorhersage stetig zu erfüllen, in Britisch-Indien (Kalkutta) hat 
sich eine besondere Pflegestätte der Analyse gebildet. Die Vertiefung der Analyse 
in Nordamerika hält noch immer nicht Schritt mit ihrer Popularität. In 
Rußland hat die psychoanalytische Arbeit nach dem Umsturz an mehreren Zentren 
neu begonnen. In polnischer Sprache erscheint jetzt die^Polska Bibljoteka Psycho- 
analityczna". In Ungarn ist unter der Leitung von Ferenczi eine glänzende ana- 
lytische Schule aufgeblüht. (Vgl. „Festschrift zum 50. Geburtstag von Dr. S. Ferenczi".) 
Am abweisendsten verhalten sich derzeit noch die skandinavischen Länder. 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung x* 



rDen Stand der Psychoanalyse in Deutschland kann man nicht 
anders beschreiben, als indem man konstatiert, sie stehe im 
Mittelpunkte der wissenschaftlichen Diskussion und rufe bei 
Ärzten wie bei Laien Äußerungen entschiedenster Ablehnung 
hervor, welche aber bisher kein Ende gefunden haben, sondern 
sich immer wieder von neuem erheben und zeitweise verstärken. 
Keine offizielle Lehranstalt hat bisher die Psychoanalyse zugelassen, 
erfolgreiche Praktiker, die sie ausüben, sind nur in geringer 
Anzahl vorhanden; nur wenige Anstalten, wie die von Bins- 
wan.ger in Kreuzungen (auf Schweizer Boden), Marcinowski 
in Holstein, haben sich ihr eröffnet. Auf dem kritischen Boden 
von Berlin behauptet sich einer der hervorragendsten Vertreter 
der Analyse, K. Abraham, ein früherer Assistent von Bleuler. 
Man könnte sich verwundern, daß dieser Stand der Dinge sich 
nun schon seit einer Reihe von Jahren unverändert erhalten hat, 
wenn man nicht wüßte, daß die obige Schilderung nur den 
äußeren Anschein wiedergibt. Man darf die Ablehnung der 
offiziellen Vertreter der Wissenschaft und der Anstaltsleiter sowie 
des von ihnen abhängigen Nachwuchses in seiner Bedeutung 
nicht überschätzen. Es ist begreiflich, daß die Gegner laut die 
Stimme erheben, während die Anhänger eingeschüchtert Ruhe 
halten. Manche der letzteren, deren erste Beiträge zur Analyse 
gute Erwartungen erwecken mußten, haben sich denn auch unter 
dem Drucke der Verhältnisse von der Bewegung zurückgezogen. 
Aber diese selbst schreitet im stillen unaufhaltsam fort, wirbt 
immer neue Anhänger unter den Psychiatern wie den Laien, 
führt der psychoanalytischen Literatur eine stetig sich steigernde 
Anzahl von Lesern zu und nötigt eben darum die Gegner zu 
immer heftigeren Abwehrversuchen. Ich habe etwa ein Dutzend 
Male im Laufe, dieser Jahre, in Berichten über die Verhandlungen 
bestimmter Kongresse, und wissenschaftlicher Vereinssitzungen 
oder in Referaten nach gewissen Publikationen zu lesen bekommen: 
Nun sei die Psychoanalyse tot, endgültig überwunden und 

Freud, Zur Geschichte. 



34 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 






erledigt! Die Antwort hätte ähnlich lauten müssen wie das 
Telegramm Mark Twains an die Zeitung, welche fälschlich seinen 
Tod gemeldet hatte: Nachricht von meinem Ableben 
stark übertrieben. Nach jeder dieser Totsagungen hat die 
Psychoanalyse neue Anhänger und Mitarbeiter gewonnen oder 
sich neue Organe geschaffen. Totgesagt war doch ein Fortschritt 
gegen Totgeschwiegen! 

Gleichzeitig mit der geschilderten räumlichen Expansion der 
Psychoanalyse vollzog sich deren inhaltliche Ausdehnung durch 
Übergreifen auf andere Wissensgebiete von der Neurosenlehre 
und Psychiatrie her. Ich werde dieses Stück der Entwicklungs- 
geschichte unserer Disziplin nicht eingehend behandeln, weil eine 
vortreffliche Arbeit von Rank und Sachs (in den Löwen- 
feld sehen „Grenzfragen") vorliegt, welche gerade diese 
Leistungen der Analysenarbeit ausführlich darstellt. Es ist 
hier übrigens alles im ersten Beginn, wenig ausgearbeitet, meist 
nur Ansätze und mitunter auch nichts anderes als Vorsätze. Wer 
billig denkt, wird darin keinen Grund zum Vorwurf finden. Den 
ungeheuren Mengen der Aufgaben steht eine kleine Zahl von 
Arbeitern gegenüber, von denen die meisten ihre Haupt- 
beschäftigung anderswo haben und die Fachprobleme der fremden 
Wissenschaft mit dilettantischer Vorbereitung angreifen müssen. 
Diese von der Psychoanalyse herkommenden Arbeiter machen 
aus ihrem Dilettantentum kein Hehl, sie wollen nur Wegweiser 
und Platzhalter für die Fachmänner sein, und ihnen die ana- 
lytischen Techniken und Voraussetzungen empfohlen haben, wenn 
sie selbst an die Arbeit gehen werden. Wenn die erzielten Auf- 
schlüsse doch schon jetzt nicht unbeträchtlich sind, so ist dies 
Resultat einerseits der Fruchtbarkeit der analytischen Methodik, 
andererseits dem Umstände zu danken, daß es auch jetzt schon 
einige Forscher gibt, die, ohne Ärzte zu sein, die Anwendung 
der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften zu ihrer Lebens- 
aufgabe gemacht haben. 



TjW Geschichte der psychoanalytischen Bewegung xr 

Die meisten, dieser Anwendungen gehen, wie begreiflich auf 
eine Anregung aus meinen ersten analytischen Arbeiten zurück. 
Die analytische Untersuchung der Nervösen und der neurotischen 
Symptome Normaler nötigte zur Annahme psychologischer Verhält- 
nisse, welche unmöglich nur für das Gebiet gelten konnten, auf 
dem sie kenntlich geworden waren. So schenkte uns die Analyse 
nicht nur die Aufklärung pathologischer Vorkommnisse, sondern 
zeigte auch deren Zusammenhang mit dem normalen Seelenleben 
auf und enthüllte ungeahnte Beziehungen zwischen der Psychiatrie 
und den verschiedensten anderen Wissenschaften, deren Inhalt 
eine Seelentätigkeit war. Von gewissen typischen Träumen aus 
ergab sich z. B. das Verständnis mancher Mythen und Märchen. 
R i k 1 i n und Abraham folgten diesem Winke und leiteten 
jene Forschungen über die Mythen ein, die dann in den allen 
fachmännischen Ansprüchen gerechten Arbeiten Ranks zur 
Mythologie ihre Vollendung fanden. Die Verfolgung der Traum- 
symbolik führte mitten in die Probleme der Mythologie, des 
Folklore (Jones, Storfer) und der religiösen Abstraktionen. / 
Auf einem der psychoanalytischen Kongresse machte es allen 
Zuhörern einen tiefen Eindruck, als ein Schüler Jungs die 
Übereinstimmung der schizophrenen Phantasiebildungen mit den 
Kosmogonien primitiver Zeiten und Völker nachwies. Eine nicht 
mehr einwandfreie, doch sehr interessante Verarbeitung fand 
später das Material der Mythologien in den Arbeiten Jungs, 
welche zwischen der Neurotik, den religiösen und den mytho- 
logischen Phantasien vermitteln wollten. 

Ein anderer Weg leitete von der Traumforschung zur Analyse 
der dichterischen Schöpfungen und endlich der Dichter und Künstler 
selbst. Auf seiner ersten Station ergab sich, daß von Dichtern erfundene 
Träume sich oft der Analyse gegenüber wie genuine verhalten 
(„Gradiva"). Die Auffassung der unbewußten seelischen Tätigkeit 
gestattete eine erste Vorstellung vom Wesen der dichterischen 
Schöpfungsarbeit; die Würdigung der Triebregungen, zu der man in 



36 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



der Neurotik genötigt war, ließ die Quellen des künstlerischen Schaffens 
erkennen und stellte die Probleme auf, wie der Künstler auf diese 
Anregungen reagiere und mit welchen Mitteln er seine Reaktionen 
verkleide (Rank: „Der Künstler"; Dichteranalysen vonSadger, 
Reik u. a.', meine kleine Schrift über eine Kindheitserinnerung 
des Leonardo da Vinci, Abrahams Analyse von Segantini). 
Die meisten Analytiker mit allgemeinen Interessen haben in 
ihren Arbeiten Beiträge zur Behandlung dieser Probleme geliefert, 
der reizvollsten, die sich unter den Anwendungen der Psycho- 
analyse ergeben. Natürlich blieb auch hier der Widerspruch von 
Seite der nicht mit der Analyse Vertrauten nicht aus und äußerte 
sich in den nämlichen Mißverständnissen und leidenschaftlichen 
Ablehnungen, wie auf dem Mutterboden der Psychoanalyse. Es 
stand ja von vornherein zu erwarten, daß überall, wohin die 
Psychoanalyse dringe, sie den nämlichen Kampf mit den Ansässigen 
zu bestehen haben werde. Nur, daß die Invasionsversuche noch 
nicht auf allen Gebieten die Aufmerksamkeit geweckt haben, die 
ihnen in der Zukunft bevorsteht. Unter den strenge literarwissen- 
schaftlichen Anwendungen der Analyse steht das gründliche Werk 
von Rank über das Inzestmotiv obenan, dessen Inhalt der größten 
Unliebsamkeit sicher ist. Sprachwissenschaftliche und historische 
Arbeiten auf Basis der Psychoanalyse sind erst wenige vorhanden. 
Die erste Antastung der religions-psychologischen Probleme habe 
ich 1910 selbst gewagt, indem ich das religiöse Zeremoniell in 
Vergleich mit dem neurotischen zog. Der Pfarrer Dr. P fister 
in Zürich hat in seiner Arbeit über die Frömmigkeit des Grafen 
von Zinzendorf (sowie in anderen Beiträgen) die Zurückführung 
religiöser Schwärmerei auf perverse Erotik durchgeführt; in den 
letzten Arbeiten der Züricher Schule kommt eher eine Durch- 
dringung der Analyse mit religiösen Vorstellungen als das beab- 
sichtigte Gegenteil zustande. 

In den vier Aufsätzen über „Totem und Tabu" habe ich den 
Versuch gemacht, Probleme der Völkerpsychologie mittels der 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



37 



Analyse zu behandeln, welche unmittelbar zu den Ursprüngen 
unserer wichtigsten Kulturinstitutionen führen, der staatlichen 
Ordnungen, der Sittlichkeit, der Religion, aber auch des Inzest- 
verbotes und des Gewissens. Inwieweit die Zusammenhänge, die 
sich dabei ergeben haben, der Kritik standhalten werden, läßt 
sich heute wohl nicht angeben. 

Von der Anwendung analytischen Denkens auf ästhetische 
Themata hat mein Buch über den „Witz" ein erstes Beispiel 
gegeben. Alles Weitere harrt noch der Bearbeiter, die gerade auf 
diesem Gebiete reiche Ernte erwarten dürfen. Es fehlt hier 
überall an den Arbeitskräften aus den entsprechenden Fachwissen- 
schaften, zu deren Anlockung Hanns Sachs 1912 die von ihm 
und Rank redigierte Zeitschrift „Imago" gegründet hat. Mit 
der psychoanalytischen Beleuchtung von philosophischen Systemen 
und Persönlichkeiten haben Hitschmann und v. Winter- 
stein daselbst einen Anfang gemacht, dem Fortführung und 
Vertiefung zu wünschen bleibt. 

Die revolutionär wirkenden Ermittlungen der Psychoanalyse 
über das Seelenleben des Kindes, die Rolle der sexuellen Regungen 
in demselben (v. Hu g- Hellmuth) und die Schicksale solcher 
Anteile der Sexualität, welche für das Fortpflanzungsgeschäft 
unbrauchbar werden, mußten frühzeitig die Aufmerksamkeit auf 
die Pädagogik lenken und den Versuch anregen, auf diesem 
Gebiete analytische Gesichtspunkte in den Vordergrund zu rücken. 
Es ist das Verdienst des Pfarrers Pf ist er, diese Anwendung der 
Analyse mit ehrlichem Enthusiasmus angegriffen und sie Seel- 
sorgern und Erziehern nahegelegt zu haben. (Die psychoanalytische 
Methode, 1913. Erster Band des Pädagogiums von Meumann 
und Messmer.) Es ist ihm gelungen, eine ganze Reihe von 
Pädagogen in der Schweiz zu Teilnehmern an seinem Interesse 
zu gewinnen. Andere seiner Berufsgenossen sollen angeblich seine 
Überzeugungen teilen, haben es aber vorgezogen, sich vorsichtiger- 
weise im Hintergrunde zu verhalten. Ein Bruchteil der Wiener 




38 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



Analytiker scheint auf dem Rückweg von der Psychoanalyse bei 
einer Art von ärztlichen Pädagogik gelandet zu sein (Adler und 
Furtmüller, Heilen und Bilden, 1915). 

In diesen unvollständigen Andeutungen habe ich versucht, auf 
die noch nicht übersehbare Fülle von Beziehungen hinzuweisen, 
welche sich zwischen der ärztlichen Psychoanalyse und anderen 
Gebieten der Wissenschaft ergeben haben. Es ist da Stoff für 
die Arbeit einer Generation von Forschern gegeben, und ich 
zweifle nicht, daß diese Arbeit geleistet werden wird, wenn erst 
die Widerstände gegen die Analyse auf ihrem Mutterboden über- 
wunden sind. 1 

Die Geschichte dieser Widerstände zu schreiben, halte ich 
gegenwärtig für unfruchtbar und unzeitgemäß. Sie ist nicht sehr 
ruhmvoll für die Männer der Wissenschaft unserer Tage. Ich 
will aber gleich hinzusetzen, es ist mir nie eingefallen, die Gegner 
der Psychoanalyse bloß darum, weil sie Gegner waren, in Bausch 
und Bogen verächtlich zu schimpfen. Von wenigen unwürdigen 
Individuen abgesehen, Glücksrittern und Beutehaschern, wie sie 
sich in Zeiten des Kampfes auf beiden Seiten einzufinden pflegen. 
Ich wußte mir ja das Benehmen dieser Gegner zu erklären und 
hatte überdies erfahren, daß die Psychoanalyse das Schlechteste 
eines jeden Menschen zum Vorschein bringt. Aber ich beschloß, 
nicht zu antworten und, soweit mein Einfluß reichte, auch 
andere von der Polemik zurückzuhalten. Der Nutzen öffentlicher 
oder literarischer Diskussion erschien mir unter den besonderen 
Bedingungen des Streites um die Psychoanalyse sehr zweifelhaft, 
die Majorisierung auf Kongressen und in Vereinssitzungen sicher, 
und mein Zutrauen auf die Billigkeit oder Vornehmheit der 
Herren Gegner war immer gering. Die Beobachtung zeigt, daß 
es den wenigsten Menschen möglich ist, im wissenschaftlichen 
Streit manierlich, geschweige denn sachlich zu bleiben, und der 

1) Vgl. noch meine beiden Aufsätze in der „Scientia" (vol. XIV, 1913): Das 
Interesse an der Psychoanalyse. 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



39 



Eindruck eines wissenschaftlichen Gezänkes war mir von jeher 
eine Abschreckung. Vielleicht hat man dieses mein Benehmen 
mißverstanden, mich für so gutmütig oder so eingeschüchtert 
gehalten, daß man auf mich weiter keine Rücksicht zu nehmen 
brauchte. Mit Unrecht; ich kann so gut schimpfen und wüten 
wie ein anderer, aber ich verstehe es nicht, die Äußerungen der 
zugrunde liegenden Affekte literaturfähig zu machen, und darum 
ziehe ich die völlige Enthaltung vor. 

Vielleicht wäre es nach manchen Richtungen besser gewesen, 
wenn ich den Leidenschaften bei mir und denen um mich 
freien Lauf gelassen hätte. Wir haben alle den interessanten 
Erklärungsversuch der Entstehung der Psychoanalyse aus dem 
Wiener Milieu vernommen 5 Jan et hat es noch 1915 nicht 
verschmäht, sich seiner zu bedienen, obwohl er gewiß stolz 
darauf ist, Pariser zu sein . und Paris kaum den Anspruch erheben 
kann, eine sittenstrengere Stadt zu sein als Wien. Das Apercu 
lautet, die Psychoanalyse, respektive die Behauptung, die Neurosen 
führen sich auf Störungen des Sexuallebens zurück, könne nur 
in einer Stadt wie Wien entstanden sein, in einer Atmosphäre 
von Sinnlichkeit und Unsittlichkeit, wie sie anderen Städten fremd 
sei, und stelle einfach das Abbild, sozusagen die theoretische 
Projektion dieser besonderen Wiener Verhältnisse dar. Nun, ich 
bin wahrhaftig kein Lokalpatriot, aber diese Theorie ist mir 
immer ganz besonders unsinnig erschienen, so unsinnig, daß ich 
manchmal geneigt war, anzunehmen, der Vorwurf des Wienertums 
sei nur eine euphemistische Vertretung für einen anderen, den 
man nicht gern öffentlich vorbringen wolle. Wenn die Voraus- 
setzungen die gegensätzlichen wären, dann ließe sich die Sache 
hören. Angenommen, es gäbe eine Stadt, deren Bewohner sich 
besondere Einschränkungen in der sexuellen Befriedigung auf- 
erlegten und gleichzeitig eine besondere Neigung zu schweren 
neurotischen Erkrankungen zeigten, dann wäre diese Stadt aller- 
dings der Boden, auf dem ein Beobachter den Einfall bekommen 



4 o 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



könnte, diese beiden Tatsachen miteinander zu verknüpfen und 
die eine aus der anderen abzuleiten. Nun trifft keine der beiden 
Voraussetzungen für Wien zu. Die Wiener sind weder abstinenter 
noch nervöser als andere Großstädter. Die Geschlechtsbeziehungen 
sind etwas unbefangener, die Prüderie ist geringer als in den auf 
ihre Keuschheit stolzen Städten des Westens und Nordens. Diese 
wienerischen Eigentümlichkeiten müßten den angenommenen 
Beobachter eher in die Irre führen als ihn über die Verursachung 
der Neurosen aufklären. 

Die Stadt Wien hat aber auch alles dazugetan, um ihren 
Anteil an der Entstehung der Psychoanalyse zu verleugnen. An 
keinem anderen Orte ist die feindselige Indifferenz der gelehrten 
und gebildeten Kreise dem Analytiker so deutlich verspürbar wie 
gerade in Wien. 

Vielleicht bin ich mitschuldig daran durch meine, die breite 
Öffentlichkeit vermeidende Politik. Wenn ich veranlaßt oder 
zugegeben hätte, daß die Psychoanalyse die ärztlichen Gesell- 
schaften Wiens in lärmenden Sitzungen beschäftigte, wobei sich 
alle Leidenschaften entladen hätten, alle Vorwürfe und Invektiven 
laut geworden wären, die man gegeneinander auf der Zunge 
oder im Sinne trägt, vielleicht wäre heute der Bann gegen die 
Psychoanalyse überwunden und diese keine Fremde mehr in ihrer 
Heimatstadt. So aber — mag der Dichter recht behalten, der 
seinen Wallenstein sagen läßt: 



Doch das vergeben mir die Wiener nicht, 
daß ich um ein Spektakel sie betrog. 

Die Aufgabe, der ich nicht gewachsen war, den Gegnern der 
Psychoanalyse suaviter in modo ihr Unrecht und ihre Willkür- 
lichkeiten vorzuhalten, hat dann Bleuler 1911 in seiner 
Schrift „Die Psychoanalyse Freuds, Verteidigung und kritische 
Bemerkungen" aufgenommen und in ehrenvollster Weise gelöst. 
Eine Anpreisung dieser nach zwei Seiten hin kritischen Arbeit 




Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 41 

durch meine Person wäre so selbstverständlich, daß ich mich 
beeilen will, zu sagen, was ich an ihr auszusetzen habe. Sie 
scheint mir noch immer parteiisch zu sein, allzu nachsichtig 
gegen die Fehler der Gegner, allzu scharf gegen die Verfehlungen 
der Anhänger. Dieser *Charakterzug mag dann auch erklären, 
warum, das Urteil eines Psychiaters von so hohem Ansehen, von 
so unzweifelhafter Kompetenz und Unabhängkeit nicht mehr 
Einfluß auf seine Fachgenossen geübt hat. Der Autor der „Affek- 
tivität" (1906) darf sich nicht darüber verwundern, wenn die 
Wirkung einer Arbeit sich nicht von ihrem Argumentwert, 
sondern von ihrem Affektton bestimmt zeigt. Einen anderen Teil 
dieser Wirkung — die auf die Anhänger der Psychoanalyse — 
hat Bleuler später selbst zerstört, indem er in seiner „Kritik 
der Freudschen Theorie" (1915) die Kehrseite seiner Einstellung 
zur Psychoanalyse zum Vorschein brachte. Er trägt darin so viel 
von dem Gebäude der psychoanalytischen Lehre ab, daß die 
Gegner mit der Hilfeleistung dieses Verteidigers wohl zufrieden 
sein könnten. Als Richtschnur dieser Verurteilungen Bleulers 
dienen aber nicht neue Argumente oder bessere Beobachtungen, 
sondern einzig die Berufung auf den Stand der eigenen Erkenntnis, 
deren Unzulänglichkeit der Autor nicht mehr wie in früheren 
Arbeiten selbst bekennt. Hier schien der Psychoanalyse also ein 
schwer zu verschmerzender Verlust zu drohen. Allein in seiner 
letzten Äußerung (Die Kritiken der Schizophrenie 1914) rafft sich 
Bleuler, angesichts der Angriffe, welche ihm die Einführung 
der Psychoanalyse in sein Buch über die Schizophrenie eingetragen 
haben, zu dem auf, was er selbst eine „Überhebung" heißt. „Jetzt 
aber will ich die Überhebung begehen: Ich meine, daß die ver- 
schiedenen bisherigen Psychologien zur Erklärung der Zusammen- 
hänge psychogenetischer Symptome und Krankheiten arg wenig 
geleistet haben, daß aber die Tiefenpsychologie ein Stück der- 
jenigen erst noch zu schaffenden Psychologie gibt, welcher der 
Arzt bedarf, um seine Kranken zu verstehen und rationell zu 






42 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



heilen, und ich meine sogar, daß ich in meiner Schizophrenie 
einen ganz kleinen Schritt zu diesem Verständnis getan habe. Die 
ersten beiden Behauptungen sind sicher richtig, die letztere mag 
ein Irrtum sein." 

Da mit der „Tiefenpsychologie" nichts anderes gemeint ist als 
die Psychoanalyse, können wir mit solchem Bekenntnis vorder- 
hand zufrieden sein. 



III 

Mach es kurz! 

Am Jüngsten Tag ist's nur ein Furz. 

Goethe. 

Zwei Jahre nach dem ersten fand der zweite Privatkongreß 
der Psychoanalytiker, diesmal in Nürnberg, statt (März 1910). 
In der Zwischenzeit hatte sich bei mir, unter dem Eindruck der 
Aufnahme in Amerika, der steigenden Anfeindung in den deutschen 
Ländern und der ungeahnten Verstärkung durch den Zuzug der 
Züricher, eine Absicht gebildet, die ich mit Beihilfe meines 
Freundes S. Ferenczi auf jenem zweiten Kongreß zur Aus- 
führung brachte. Ich gedachte, die psychoanalytische Bewegung 
zu organisieren, ihren Mittelpunkt nach Zürich zu verlegen und 
ihr ein Oberhaupt zu geben, welches ihre Zukunft in acht 
nehmen sollte. Da diese meine Gründung viel Widerspruch unter 
den Anhängern der Analyse gefunden hat, will ich meine Motive/ 
ausführlicher darlegen. Ich hoffe dann gerechtfertigt zu sein, auch 
wenn sich herausstellen sollte, daß ich wirklich nichts Kluges 
getan habe. 

Ich urteilte, daß der Zusammenhang mit Wien keine Empfehlung, 
sondern ein Hemmnis für die junge Bewegung wäre. Ein Ort wie 
Zürich, im Herzen von Europa, an welchem der akademische 
Lehrer sein Institut der Psychoanalyse geöffnet hatte, erschien 
mir weit aussichtsvoller. Ich nahm ferner an, ein zweites 
Hindernis sei meine Person, deren Schätzung allzusehr durch 
der Parteien Gunst und Haß verwirrt wurde; man verglich mich 




44 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



entweder mit Columbus, Darwin und Kepler oder schimpfte 
mich einen Paralytiker. Ich wollte also mich ebenso in den 
Hintergrund rücken wie die Stadt, von der die Psychoanalyse 
ausgegangen war. Auch war ich nicht mehr jugendlich, sah einen 
langen Weg vor mir und empfand es als drückend, daß mir in 
so späten Jahren die Verpflichtung, Führer zu sein, zugefallen 
war. Ein Oberhaupt, meinte ich aber, müsse es geben. Ich wußte 
zu genau, welche Irrtümer auf jeden lauerten, der die Beschäfti- 
gung mit der Analyse unternahm, und hoffte, man könnte viele 
derselben ersparen, wenn man eine Autorität aufrichtete, die zur 
Unterweisung und Abmahnung bereit sei. Eine solche Autorität 
war 'zunächst mir zugefallen infolge des uneinbringlichen Vor- 
sprunges einer etwa 15 jährigen Erfahrung. Es lag mir also daran, 
diese Autorität auf einen jüngeren Mann zu übertragen, der nach 
meinem Ausscheiden wie selbstverständlich mein Ersatz werden 
sollte. Dies konnte nur C. G. Jung sein, denn Bleuler war 
mein Altersgenosse, für Jung sprachen aber seine hervorragende 
Begabung, die Beiträge zur Analyse, die er bereits geleistet hatte, 
seine unabhängige Stellung und der Eindruck von sicherer Energie 
den sein Wesen machte. Er schien überdies bereit, in freundschaft- 
liche Beziehungen zu mir zu treten und mir zuliebe Rassen- 
vorurteile aufzugeben, die er sich bis dahin gestattet hatte. Ich ahm 
damals nicht, daß diese Wahl trotz aller aufgezählten Vorzüge ein« 
sehr unglückliche war, daß sie eine Person getroffen hatte, welch« 
unfähig, die Autorität eines anderen zu ertragen, noch wenigei 
geeignet war, selbst eine Autorität zu bilden, und deren Energie 
in der rücksichtslosen Verfolgung der eigenen Interessen aufging. 

Die Form einer offiziellen Vereinigung hielt ich für notwendig 
weil ich den Mißbrauch fürchtete, welcher sich der Psychoanalyse 
bemächtigen würde, sobald sie einmal in die Popularität geriete. 
Es sollte dann eine Stelle geben, welcher die Erklärung zustände .- 
Mit all dem Unsinn hat die Analyse nichts zu tun, das ist nicht 
die Psychoanalyse. In den Sitzungen der Ortsgruppen, aus denei 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



45 



sich die internationale Vereinigung zusammensetzte, sollte gelehrt 
werden, wie die Psychoanalyse zu betreiben sei, und sollten Ärzte 
ihre Ausbildung finden, für deren Tätigkeit eine Art von Garantie 
geleistet werden konnte. Auch schien es mir wünschenswert, daß 
sich die Anhänger der Psychoanalyse zum freundschaftlichen 
Verkehr und zur gegenseitigen Unterstützung zusammenfänden, 
nachdem die offizielle Wissenschaft den großen Bann über sie 
ausgesprochen und den Boykott über die Ärzte und Anstalten 
verhängt hatte, die sie übten. 

Dies alles und nichts anderes wollte ich durch die Gründung 
der „Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung" erreichen. 
Bis war wahrscheinlich mehr, als zu erreichen möglich war. Wie 
meine Gegner die Erfahrung machen mußten, daß es nicht 
möglich sei, die neue Bewegung aufzuhalten, so stand mir die 
Erfahrung bevor, daß sie sich auch nicht auf die Wege leiten 
lasse, die ich ihr anweisen wollte. Der von Ferenczi in Nürn- 
berg vorgelegte Antrag wurde zwar angenommen, Jung zum 
Präsidenten gewählt, der Ri kl in zu seinem Sekretär machte, 
es wurde auch die Herausgabe eines Korrespondenzblattes beschlossen, 
durch welches die Zentrale mit den Ortsgruppen verkehrte. Als 
Zweck der Vereinigung wurde erklärt: „Pflege und Förderung 
der von Freud begründeten psychoanalytischen Wissenschaft 
sowohl als reiner Psychologie als auch in ihrer Anwendung in 
der Medizin und den Geisteswissenschaften; gegenseitige Unter- 
stützung der Mitglieder in allen Bestrebungen zum Erwerben 
und Verbreiten von psychoanalytischen Kenntnissen." Allein von 
seiten der Wiener war dem Projekt lebhaft opponiert worden. 
Adler sprach in leidenschaftlicher Erregung die Befürchtung 
aus, daß eine „Zensur und Einschränkung der wissenschaftlichen 
Freiheit" beabsichtigt sei. Die Wiener fügten sich dann, nachdem 
sie durchgesetzt hatten, daß nicht Zürich zum Sitz der Vereinigung 
erhoben wurde, sondern der Wohnort des jeweiligen, auf zwei 
Jahre gewählten Präsidenten. 



4-6 Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



Auf dem Kongreß selbst konstituierten sich drei Ortsgruppen 
die in Berlin unter dem Vorsitz von Abraham, die in 
Zürich, die ihren Obmann an die Zentralleitung der Vereinigung 
abgegeben hatte, und die Wiener Gruppe, deren Leitung ich 
Adler überließ. Eine vierte Gruppe, die in Budapest, konnte 
sich erst später herstellen. Bleuler war, durch Krankheit ver- 
hindert, vom Kongreß ferngeblieben, er zeigte dann später 
prinzipielle Bedenken gegen den Eintritt in den Verein, ließ sich 
zwar durch mich nach einer persönlichen Aussprache dazu be- 
stimmen, war aber kurze Zeit nachher infolge von Mißhelligkeiten 
in Zürich wieder außerhalb. Die Verbindung zwischen der Züricher 
Ortsgruppe und der Anstalt Burghölzli war damit aufgehoben. 

Eine Folge des Nürnberger Kongresses war auch die Gründung 
des „Zentralblattes für Psychoanalyse", zu welcher sich Adler 
und Stekel vereinigten. Es hatte offenbar ursprünglich eine 
oppositionelle Tendenz und sollte Wien die durch die Wahl 
Jungs bedrohte Hegemonie zurückgewinnen. Als aber die beiden 
Unternehmer des Blattes unter dem Drucke der Schwierigkeit, 
einen Verleger zu finden, mich ihrer friedlichen Absichten ver- 
sicherten und mir als Unterpfand ihrer Gesinnung ein Vetorecht 
einräumten, nahm ich die Herausgeberschaft an und beteiligte 
mich eifrig an dem neuen Organ, dessen erste Nummer i m 
September 1910 erschien. 

Ich setze die Geschichte der psychoanalytischen Kongresse fort. 
Der dritte Kongreß fand im September 1911 zu Weimar statt 
und übertraf noch seine Vorgänger an Stimmung und wissen- 
schaftlichem Interesse. J. Putnam, der dieser Versammlung bei- 
gewohnt hatte, äußerte dann in Amerika sein Wohlgefallen und 
sdinen Respekt vor the mental attitude der Teilnehmer und zitierte 
ein Wort von mir, das ich in Bezug auf diese letzteren gebraucht 
haben soll: „Sie haben gelernt, ein Stück Wahrheit zu ertragen." 1 

1) On Freuds Psycho-Analytic Method and its evolution. Boston medical and 
surgical Journal, 25. Jan. 1912. 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



47 




In der Tat mußte jedem, der wissenschaftliche Kongresse besucht 
hatte, ein Eindruck zugunsten der Psychoanalytischen Vereinigung 
verbleiben. Ich hatte die beiden früheren Kongresse selbst geleitet, 
jedem Vortragenden Zeit für seine Mitteilung gelassen und die 
Diskussion darüber auf den privaten Gedankenaustausch gewiesen 
Jung, der in Weimar als Präsident die Leitung übernahm, setzte 
die Diskussion nach jedem Vortrage wieder ein, was sich aber 
damals noch nicht störend erwies. 

Ein ganz anderes Bild bot der vierte Kongreß zu München 
zwei Jahre später, im September 1915, der allen Teilnehmern noch 
in frischer Erinnerung ist. Er wurde von Jung in unliebens- 
würdiger und inkorrekter Weise geleitet, die Vortragenden waren 
in der Zeit beschränkt, die Diskussionen überwucherten die Vor- 
träge. Der böse Geist H o c h e hatte infolge einer boshaften Laune 
des Zufalls seinen Wohnsitz in demselben Hause aufgeschlagen, in 
welchem die Analytiker ihre Sitzungen abhielten. Ho che hätte 
sich ohne Mühe überzeugen können, wie sie seine Charakteristik 
einer fanatischen Sekte, welche ihrem Oberhaupte blind ergeben 
folgt, ad absurdum führten. Die ermüdenden und unerquicklichen 
Verhandlungen brachten auch die Wiederwahl Jungs zum Prä- 
sidenten der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung, welche 
Jung annahm, wiewohl zwei Fünftel der Anwesenden ihm ihr 
Vertrauen verweigerten. Man schied voneinander ohne das Bedürfnis, 
sich wiederzusehen. 

Der Besitzstand der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 
war um die Zeit dieses Kongresses der folgende: Die Ortsgruppen 
Wien, Berlin, Zürich hatten sich schon auf dem Kongreß in 
Nürnberg 1910 konstituiert. Im Mai 1911 kam eine Gruppe in 
München unter dem Vorsitz von Dr. L. Seif hinzu. In demselben 
Jahre bildete sich die erste amerikanische Ortsgruppe unter dem 
Namen „The New York Psychoanalytic Society" unter dem Vor- 
sitze von A. Brill. Auf dem Weimarer Kongreß wurde die 
Gründung einer zweiten amerikanischen Gruppe genehmigt die 



4 8 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 




im Laufe des nächsten Jahres als „American Psychoanalytic 
Association" ins Leben trat, Mitglieder aus Kanada und ganz 
Amerika umfaßte und P u t n a m zu ihrem Präsidenten, E.Jones 
zum Sekretär wählte. Kurz vor dem Kongreß in München 1913 
wurde die Budapester Ortsgruppe unter dem Vorsitze von 
S. Ferenczi aktiviert. Bald nach demselben gründete der 
nach London übersiedelte E. Jones dort die erste englische 
Gruppe. Die Mitgliederzahl der nun vorhandenen acht Orts- 
gruppen gibt natürlich keinen Maßstab für die Beurteilung der 
Anzahl der nicht organisierten Schüler und Anhänger der Psycho- 
analyse. 

Auch die Entwicklung der periodischen Literatur der Psycho- 
analyse verdient eine kurze Erwähnung. Die erste periodische 
Publikation, welche der Analyse diente, waren die „Schriften 
zur angewandten Seelenkunde", die in zwangloser Folge 
seit 1907 erscheinen und gegenwärtig beim fünfzehnten Heft 
angelangt sind. (Verleger zuerst H. Heller in Wien, dann 
F. Deuticke.) Sie haben Arbeiten gebracht von Freud (1 und 7) 
Riklin, Jung, Abraham (4 und 11), Rank (5 und 13), 
Sadger, Pfister, M. Graf, Jones (10 und 14), Storfer 
und v. Hug-Hellmuth.' Die später zu erwähnende Gründung 
der „Imago" hat den Wert dieser Publikationsform einiger- 
maßen herabgesetzt. Nach der Zusammenkunft in Salzburg 1908 
wurde das „Jahrbuch für psychoanalytische und 
psychopathologische Forschungen" ins Leben gerufen, 
welches unter der Redaktion von Jung fünf Jahrgänge erlebt 
hat und nun unter neuer Leitung und etwas verändertem Titel 
als „Jahrbuch der Psychoanalyse" von neuem an die 
Öffentlichkeit herantritt. Es will auch nicht mehr wie in den 
letzten Jahren ein Archiv sein, welches einschlägige Arbeiten 
sammelt, sondern seiner Aufgabe durch redaktionelle Tätigkeit 
gerecht werden, welche alle Vorgänge und alle Erwerbungen auf 

l) Später sind noch erschienen: Sadger (16 und i8\ Kielholz (17). 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung aq 

dem Gebiete der Psychoanalyse zu würdigen versucht. 1 Das 
„Zentralblatt für Psychoanalyse", wie erwähnt, von 
Adler und S t e k e 1 nach der Gründung des Internationalen 
Vereines (Nürnberg 1910) entworfen, hat in kurzer Zeit bewegte 
Schicksale durchgemacht. Schon die zehnte Nummer des ersten 
Bandes bringt an ihrer Spitze die Nachricht, daß sich Dr. Alfred 
Adler wegen wissenschaftlicher Differenzen mit dem Herausgeber 
entschlossen hat, freiwillig aus der Redaktion auszuscheiden. 
Dr. S t e k e 1 blieb von da an alleiniger Redakteur. (Sommer 1911.) 
Auf dem Kongreß zu Weimar wurde das Zentralblatt zum offi- 
ziellen Organ des Internationalen Vereines erhoben und allen 
Mitgliedern gegen Erhöhung ihrer Jahresbeiträge zugänglich 
gemacht. Von der dritten Nummer des zweiten Jahrganges an 
(Winter 1912) ist St ekel für den Inhalt des Blattes allein ver- 
antwortlich geworden. Sein in der Öffentlichkeit schwer darstell- 
bares Verhalten hatte mich genötigt, die Herausgeberschaft nieder- 
zulegen und der Psychoanalyse in aller Eile ein neues Organ in 
der „Internationalen Zeitschrift für ärztliche 
Psychoanalyse" zu schaffen. Unter Mithilfe fast aller Mit- 
arbeiter und des neuen Verlegers H. Heller konnte das erste Heft 
dieser Zeitschrift im Jänner 1915 erscheinen und sich als offizielles 
Organ der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung an die 
Stelle des Zentral blattes setzen. 

Inzwischen war mit Anfang 1912 von Dr. Hanns Sachs und 
Dr. Otto Rank eine neue Zeitschrift „Imago" (Verlag von 
Heller) geschaffen worden, welche ausschließlich für die Anwen- 
dungen der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften bestimmt 
wurde. „Imago" befindet sich gegenwärtig in der Mitte ihres 
dritten Jahrganges und erfreut sich des steigenden Interesses auch 
solcher Leser, welche der ärztlichen Analyse fernstehen. 3 

1) Mit Kriegsbeginn eingestellt. 

2) Diese beiden Zeitschriften sind 1919 in den Internationalen Psycho- 
analytischen Verlag übergegangen und befinden sich derzeit (1923) im 
IX. Jahrgang. (Eigentlich befindet sich die „Internationale Zeitschrift" in ihrem 11. 

Freud, Zur Geschichte. 




50 "Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 

Von diesen vier periodischen Publikationen („Schriften zur 
angewandten Seelenkunde", „Jahrbuch", „Internationale Zeitschrift" 
und „Imago") abgesehen, bringen auch andere deutsche und fremd- 
sprachige Journale Arbeiten, welche in der Literatur der Psycho- 
analyse eine Stelle beanspruchen können. Das von Morton 
Prince herausgegebene „Journal of abnormal psychology" enthält 
in der Regel so viele gute analytische Beiträge, daß es als Haupt- 
vertretung der analytischen Literatur in Amerika eingeschätzt 
werden muß. Im Winter 1915 haben White und Jelliffe in 
New York eine neue, ausschließlich der Psychoanalyse gewidmete 
Zeitschrift („The Psychoanalytic Review") ins Leben gerufen 
welche wohl mit der Tatsache rechnet, daß den meisten der an 
der Analyse interessierten Ärzte Amerikas die deutsche Sprache 
eine Erschwerung ist. 1 

* 

Ich habe nun zweier Abfallsbewegungen zu gedenken, welche 
sich innerhalb der Anhängerschaft der Psychoanalyse vollzogen 
haben, die erste von ihnen zwischen der Vereinsgründung 1910 
und dem Weimarer Kongreß 1911, die zweite nach diesem, so 
daß sie in München 1913 zutage trat. Die Enttäuschung, welche 
sie mir bereiteten, wäre zu vermeiden gewesen, wenn man besser 
auf die Vorgänge bei den in analytischer Behandlung Stehenden 
geachtet hätte. Ich verstand es nämlich sehr wohl, daß jemand 
bei der ersten Annäherung an die unliebsamen analytischen 
Wahrheiten die Flucht ergreifen kann, hatte auch selbst immer 
behauptet, daß eines jeden Verständnis durch seine eigenen Ver- 
drängungen aufgehalten wird (respektive durch die sie erhaltenden 
Widerstände), so daß er in seinem Verhältnis zur Analyse nicht 
über einen bestimmten Punkt hinauskommt. Aber ich hatte es 

die „Imago" im 12. Lebensjahr; zufolge der Kriegsverhältnisse umfaßte jedoch der 
IV. Bd. der „Zeitschrift" mehr als ein Jahr, d. h. die Jahre 1916 — 1918, der V. Bd. 
der „Imago" die Jahre 1917 — 1918.) Im Titel der „Internationalen Zeitschrift für 
Psychoanalyse" entfiel mit Beginn des VI. Bandes die Bezeichnung „ärztlich e". 
1) 1920 hat E. Jones die Gründung des für .England und Amerika bestimmten 
„International Journal of Psycho-Analysis" unternommen. 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 51 



nicht erwartet, daß jemand, der die Analyse bis zu einer gewissen 
Tiefe verstanden hat, auf sein Verständnis wieder verzichten, es 
verlieren könne. Und doch hatte die tägliche Erfahrung an den 
Kranken gezeigt, daß die totale Reflexion der analytischen Erkennt- 
nisse von jeder tieferen Schicht her erfolgen kann, an welcher 
sich ein besonders starker Widerstand vorfindet; hat man bei 
einem solchen Kranken durch mühevolle Arbeit erreicht, daß er 
Stücke des analytischen Wissens begriffen hat und wie seinen 
eigenen Besitz handhabt, so kann man an ihm doch erfahren, 
daß er unter der Herrschaft des nächsten Widerstandes alles 
Erlernte in den Wind schlägt und sich wehrt wie in seinen 
schönsten Neulingstagen. Ich hatte zu lernen, daß es bei Psycho- 
analytikern ebenso gehen kann wie bei den Kranken in der Analyse. 
Es ist keine leichte oder beneidenswerte Aufgabe, die Geschichte 
dieser beiden Abfallsbewegungen zu schreiben, denn einerseits 
fehlen mir dazu die starken persönlichen Antriebe — ich habe 
weder Dankbarkeit erwartet, noch bin ich in einem wirksamen 
Ausmaße rachsüchtig — andererseits weiß ich, daß ich mich 
hiebei den Invektiven von wenig rücksichtsvollen Gegnern aus- 
setze und den Feinden der Analyse das heißerwünschte Schauspiel 
bereite, wie „die Psychoanalytiker sich untereinander zerfleischen. 
Ich habe so viel Überwindung daran gesetzt, mich nicht mit den 
Gegnern außerhalb der Analyse herumzuschlagen, und nun sehe 
ich mich genötigt, den Kampf mit früheren Anhängern, oder 
solchen, die es' jetzt noch heißen wollen, aufzunehmen. Aber ich 
habe da keine Wahl; Schweigen wäre Bequemlichkeit oder Feigheit 

ind würde der Sache mehr schaden als die offene Aufdeckung 
der vorhandenen Schäden. Wer andere wissenschaftliche Bewe- 
gungen verfolgt hat, wird wissen, daß ganz analoge Störungen 
und Mißhelligkeiten auch dort vorzufallen pflegen. Vielleicht daß 
man sie anderswo sorgfältiger verheimlicht; die Psychoanalyse, die 
viele konventionelle Ideale verleugnet, ist auch in diesen Dingen 

mfrichtiger. 



52 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 






Ein anderer, schwer fühlbarer Übelstand liegt darin, daß ich 
eine analytische Beleuchtung der beiden Gegnerschaften nicht 
gänzlich vermeiden kann. Die Analyse eignet sich aber nicht zum 
polemischen Gebrauche ; sie setzt durchaus die Einwilligung des 
Analysierten und die Situation eines Überlegenen und eines Unter- 
geordneten voraus. Wer also eine Analyse in polemischer Absicht 
unternimmt, muß sich darauf gefaßt machen, daß der Analysierte 
seinerseits die Analyse gegen ihn wendet, und daß die Diskussion 
in einen Zustand gerät, in welchem die Erweckung von Über- 
zeugung bei einem unparteiischen Dritten ausgeschlossen ist. Ich 
werde also die Verwendung der Analyse, damit die Indiskretion 
und die Aggression gegen meine Gegner, auf ein Mindestmaß 
beschränken und überdies anführen, daß ich keine wissenschaft- 
liche Kritik auf dieses Mittel gründe. Ich habe es nicht mit dem 
etwaigen Wahrheitsgehalt der zurückzuweisenden Lehren zu tun 
versuche keine Widerlegung derselben. Das bleibe anderen 
berufenen Arbeitern auf dem Gebiete der Psychoanalyse vorbe- 
halten, ist auch zum Teil bereits geschehen. Ich will bloß zeigen, 
daß — und in welchen Punkten — diese Lehren die Grundsätze 
der Analyse verleugnen und darum nicht unter diesem Namen 
behandelt werden sollen. Ich brauche also die Analyse nur dazu, 
um verständlich zu machen, wie diese Abweichungen von der 
Analyse bei Analytikern entstehen konnten. An den Ablösungs- 
stellen muß ich allerdings auch mit rein kritischen Bemerkungen 
das gute Recht der Psychoanalyse verteidigen. 

Die Psychoanalyse hat die Erklärung der Neurosen als nächste 
Aufgabe vorgefunden, hat die beiden Tatsachen des Widerstandes 
und der Übertragung zu Ausgangspunkten genommen und für 
sie mit Rücksicht auf die dritte Tatsache der Amnesie in den 
Theorien von der Verdrängung, den sexuellen Triebkräften der 
Neurose und dem Unbewußten Rechenschaft gegeben. Sie hat 
niemals beansprucht, eine vollständige Theorie des menschlichen 
Seelenlebens überhaupt zu geben, sondern verlangte nur, daß ihre 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 5z 

Ermittlungen zur Ergänzung und Korrektur unserer anderswie 
erworbenen Erkenntnis verwendet werden sollten. Die Theorie 
von Alfred Adler geht nun weit über dieses Ziel hinaus, sie 
will Benehmen und Charakter der Menschen mit demselben Griff 

rerständlich machen, wie diß neurotischen und psychotischen 
rkrankungen derselben 5 sie ist in Wirklichkeit jedem anderen 
Gebiete adäquater als dem der Neurose, welches sie aus den 
Motiven ihrer Entstehungsgeschichte noch immer voranstellt. Ich 
hatte viele Jahre hindurch Gelegenheit, Dr. Adler zu studieren, 
und habe ihm das Zeugnis eines bedeutenden, insbesondere speku- 
lativ veranlagten Kopfes nie versagt. Als Probe der „Verfolgungen", 
die er von mir erfahren zu haben behauptet, kann ich ja gelten 
lassen, daß ich ihm nach der Vereinsgründung die Leitung der 
Wiener Gruppe übertrug. Erst durch dringende Aufforderung 
von sehen aller Vereinsmitglieder ließ ich mich bewegen, den 
Vorsitz in den wissenschaftlichen Verhandlungen wieder anzu- 
nehmen. Als ich seine geringe Begabung gerade für die Würdigung 
des unbewußten Materials erkannt hatte, verlegte ich meine 
Erwartung dahin, er werde die Verbindungen von der Psycho- 
analyse zur Psychologie und zu den biologischen Grundlagen der 
Triebvorgänge aufzudecken wissen, wozu seine wertvollen ^Studien 
über die Organminderwertigkeit auch in gewissem Sinne berech- 
tigten. Er schuf denn auch wirklich etwas Ähnliches, aber sein 
Werk fiel so aus, als ob es — in seinem eigenen Jargon zu 
reden — für den Nachweis bestimmt wäre, daß die Psycho- 
analyse in allem unrecht habe, und die Bedeutung der sexuellen 
Triebkräfte nur infolge ihrer Leichtgläubigkeit gegen die Darstellung 
der Neurotiker vertreten hätte. Über das persönliche Motiv seiner 
Arbeit darf man auch vor der Öffentlichkeit sprechen, da er es 
selbst in Gegenwart eines kleinen Kreises von Mitgliedern der 
Wiener Gruppe geoffenbart hat. „Glauben Sie denn, daß es ein 
so großes Vergnügen für mich ist, mein ganzes Leben lang in 
Ihrem Schatten zu stehen?" Ich finde nun nichts Verwerfliches 




54 Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 

darin, wenn ein jüngerer Mann sich frei zu dem Ehrgeiz bekennt, 
den man als eine der Triebfedern seiner Arbeit ohnedies ver- 
muten würde. Aber selbst unter der Herrschaft eines solchen 
Motives müßte man "es zu vermeiden wissen, daß man nicht 
werde, was die Engländer mit ihrem feinen sozialen Takt unfair 
heißen, wofür den Deutschen nur ein weit gröberes Wort zur 
Verfügung steht. Wie wenig dies Adler gelungen ist, zeigt die 
Fülle von kleinlichen Bosheiten, die seine Arbeiten entstellen, und 
die Züge von unbändiger Prioritätssucht, die sich in ihnen ver- 
raten. In der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung bekamen 
wir einmal direkt zu hören, daß er die Priorität für die Gesichts- 
punkte der „Einheit der Neurosen" und der „dynamischen Auf- 
fassung" derselben für sich beanspruche. Es war eine große 
Überraschung für mich, da ich immer geglaubt hatte, diese beiden 
Prinzipien seien von mir vertreten worden, ehe ich noch Adler 
kennen gelernt hatte. 

Dies Streben Adlers nach einem Platz an der Sonne hat 
indes auch eine Folge gehabt, welche die Psychoanalyse als 
wohltätig empfinden muß. Als ich nach dem Hervortreten der 
unvereinbaren wissenschaftlichen Gegensätze Adler zum Aus- 
scheiden aus der Redaktion des Zentralblattes veranlaßte, verließ 
er auch die Vereinigung und gründete einen neuen Verein, der 
sich zuerst den geschmackvollen Namen „Verein für freie 
Psychoanalyse" beilegte. Allein die Menschen draußen, die der 
Analyse ferne stehen, sind offenbar so wenig geschickt, die 
Differenzen in den Anschauungen zweier Psychoanalytiker zu 
würdigen, wie wir Europäer, die Nuancen zu erkennen, welche 
zwei Chinesengesichter voneinander unterscheiden. Die „freie" 
Psychoanalyse blieb im Schatten der „offiziellen", „orthodoxen" 
und wurde nur als Anhang an dieselbe abgehandelt. Da tat 
Adler den dankenswerten Schritt, die Verbindung mit der 
Psychoanalyse völlig zu lösen und seine Lehre als „Individual- 
psychologie" von ihr abzusondern. Es ist soviel Platz auf Gottes 




Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 55 

Erde und es ist gewiß berechtigt, daß sich jeder, der es vermag, 
ungehemmt auf ihr herumtummle, aber es ist nicht wünschens- 
wert, daß man unter einem Dach zusammenwohnen bleibe, wenn 
man sich nicht mehr versteht und nicht mehr verträgt. Die 
„Individualpsychologie" Adlers ist jetzt eine der vielen psycho- 
logischen Richtungen, welche der Psychoanalyse gegnerisch sind, 
und deren weitere Entwicklung außerhalb ihres Interesses fällt. 
Die A dl ersehe Theorie war von allem Anfang ein „System", 
was die Psychoanalyse sorgfältig zu sein vermied. Sie ist auch 
ein ausgezeichnetes Beispiel einer „sekundären Bearbeitung", wie 
sie z. B. vom Wachdenken am Traummaterial vorgenommen 
wird. Das Traummaterial wird in diesem Falle durch das neu- 
gewonnene Material der psychoanalytischen Studien ersetzt, dies 
wird nun durchwegs vom Standpunkte des Ichs erfaßt, unter 
die dem Ich geläufigen Kategorien gebracht, übersetzt, gewendet 
und genau so, wie es bei der Traumbildung geschieht, mißver- 
standen. Die A dl ersehe Lehre ist denn auch weniger durch das 
charakterisiert, was sie behauptet, als durch das, was sie verleugnet j 
sie besteht demnach aus drei recht ungleichwertigen Elementen, 
den guten Beiträgen zur Ichpsychologie, den — überflüssigen, 
aber zulässigen — Übersetzungen der analytischen Tatsachen in 
den neuen Jargon, und in den Entstellungen und Verdrehungen 
der letzteren, soweit sie nicht zu den Ichvoraussetzungen passen. 
Die Elemente der ersteren Art sind von der Psychoanalyse niemals 
verkannt worden, wenngleich sie ihnen keine besondere Auf- 
merksamkeit schuldig war. Sie hatte ein größeres Interesse daran 
zu zeigen, daß sich allen Ichbestrebungen libidinöse Komponenten 
beimengen. Die Ad ler sehe Lehre hebt das Gegenstück hiezu 
hervor, den egoistischen Zusatz zu den libidinösen Triebregungen. 
Dies wäre nun ein greifbarer Gewinn, wenn Adler diese Fest- 
stellung nicht dazu benützen würde, um jedesmal zugunsten der 
Ichtriebkomponente die libidinöse Regung zu verleugnen. Seine 
Theorie tut damit dasselbe, was alle Kranken und was unser 



5 6 Zur Geschickte der psychoanalytischen Bewegung 



Bewußtdenken überhaupt tut, nämlich die Rationalisierung, wie 
Jones es genannt hat, zur Verdeckung des unbewußten Motives 
gebrauchen. Adler ist hierin so konsequent, daß er die Absicht, 
dem Weib den Herrn zu zeigen, oben zu sein, sogar als die 
stärkste Triebfeder des Sexualaktes preist. Ich weiß nicht, ob er 
diese Ungeheuerlichkeiten auch in seinen Schriften vertreten hat. 
Die Psychoanalyse hatte frühzeitig erkannt, daß jedes neurotische 
Symptom seine Existenzmöglichkeit einem Kompromiß verdankt. 
Es muß darum auch den Anforderungen des die Verdrängung 
handhabenden Ichs irgendwie gerecht werden, einen Vorteil bieten 
eine nützliche Verwendung zulassen, sonst würde es eben dem- 
selben Schicksal unterliegen wie die ursprüngliche abgewehrte 
Triebregung selbst. Der Terminus des „Krankheitsgewinnes" hat 
diesem Sachverhalt Rechnung getragen; man wäre noch berechtigt 
den primären Gewinn für das Ich, der schon bei der Entstehung 
wirksam sein muß, von einem „sekundären" Anteil zu unter- 
scheiden, welcher in Anlehnung an andere Absichten des Ichs 
hinzutritt, wenn sich das Symptom behaupten soll. Auch daß die 
Entziehung dieses Krankheitsgewinnes oder das Aufhören des- 
selben infolge einer realen Veränderung einen der Mechanismen 
der Heilung vom Symptom ergibt, ist der Analyse längst bekannt 
gewesen. Auf diese unschwer festzustellenden und mühelos ein- 
zusehenden Beziehungen fällt in der Adlerschen Lehre der 
Hauptakzent, wobei gänzlich übersehen wird, daß das Ich unge- 
zählte Male bloß aus der Not eine Tugend macht, indem es 
sich das unerwünschteste, ihm aufgezwungene Symptom wegen 
des daran gehängten Nutzens gefallen läßt, z. B. wenn es die 
Angst als Sicherungsmittel akzeptiert. Das Ich spielt dabei die 
lächerliche Rolle des dummen August im Zirkus, der den 
Zuschauern durch seine Gesten die Überzeugung beibringen will 
daß sich alle Veränderungen in der Manege nur infolge seines 
Kommandos vollziehen. Aber nur die Jüngsten unter den 

Zuschauern schenken ihm Glauben. 

r' 





Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 57 

Für den zweiten Bestandteil der Ad ler sehen Lehre muß die 
Psychoanalyse einstehen wie für eigenes Gut. Er ist auch nichts 
anderes als psychoanalytische Erkenntnis, die der Autor aus den 
allen zugänglichen Quellen während der zehn Jahre gemeinsamer 
Arbeit geschöpft und dann durch Veränderung der Nomenklatur 
zu seinem Eigentum gestempelt hat. Ich halte z. B. selbst 
„Sicherung" für ein besseres Wort als das von mir gebrauchte 
„Schutzmaßregel", aber ich kann einen neuen Sinn darin nicht 
finden. Ebenso würden in den Adler sehen Behauptungen eine 
Menge altbekannter Züge hervortreten, wenn man anstatt 
„fingiert, fiktiv und Fiktion" das ursprünglichere „phantasiert 
und „Phantasie" wieder einsetzen würde. Von seiten der Psycho- 
analyse würde diese Identität betont werden, auch wenn der 
Autor nicht durch lange Jahre an den gemeinsamen Arbeiten 
teilgenommen hätte. 

Der dritte Anteil der A dl ersehen Lehre, die Umdeutungen 
und Entstellungen der unbequemen analytischen Tatsachen, ent- 
hält das, was die nunmehrige „Individualpsychologie" endgültig 
von der Analyse trennt. Der Systemgedanke Adlers lautet 
bekanntlich, es sei die Absicht der Selbstbehauptung des Indivi- 
duums, sein „Wille zur Macht", der sich in der Form des 
„männlichen Protests" in Lebensführung, Charakterbildung und 
Neurose dominierend kundgibt. Dieser männliche Protest, der 
A dl ersehe Motor, ist aber nichts anderes als die von ihrem 
psychologischen Mechanismus losgelöste Verdrängung, die über- 
dies sexualisiert ist, was mit der gerühmten Vertreibung der 
Sexualität aus ihrer Rolle im Seelenleben schlecht zusammen- 
stimmt. Der männliche Protest existiert nun sicherlich, aber bei 
seiner Konstituierung zum Motor des seelischen Geschehens hat 
die Beobachtung nur die Rolle des Sprungbrettes gespielt, welches 
man verläßt, um sich zu erheben. Nehmen wir eine der Grund- 
situationen des infantilen Begehrens vor, die Beobachtung des 
Geschlechtsaktes zwischen Erwachsenen durch das Kind. Dann 






•1 



58 Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 

weist die Analyse bei jenen Personen, deren Lebensgeschichte 
später den Arzt beschäftigen wird, nach, daß sich in jenem 
Moment zwei Regungen des unmündigen Zuschauers bemächtigt 
haben, die eine, wenn es ein Knabe ist, sich an die Stelle des 
aktiven Mannes zu setzen, und die andere, die Gegenstrebung, 
sich mit dem leidenden Weibe zu identifizieren. Beide Strebungen 
erschöpfen miteinander die Lustmöglichkeiten, die sich aus der 
Situation ergeben. Nur die erstere läßt sich dem männlichen 
Protest unterordnen, wenn dieser Begriff überhaupt einen Sinn 
behalten soll. Die zweite, um deren Schicksal sich Adler nicht 
kümmert oder die er nicht kennt, ist aber die, welche es zu 
einer größeren Bedeutung für die spätere Neurose bringen wird. 
Adler hat sich so ganz in die eifersüchtige Beschränktheit des 
Ichs versetzt, daß er nur jenen Triebregungen Rechnung trägt, 
welche dem Ich genehm sind und von ihm gefördert werden- 
gerade der Fall der Neurose, daß sich diese Regungen dem Ich 
widersetzen, liegt außerhalb seines Horizonts. 

Bei dem durch die Psychoanalyse unabweisbar gewordenen 
Versuch, das Grundprinzip der Lehre an das Seelenleben des 
Kindes anzuknüpfen, haben sich für Adler die schwersten 
Abweichungen von der Realität der Beobachtung und die tief- 
gehendsten Begriffsverwirrungen ergeben. Der biologische, soziale 
und psychologische Sinn von „männlich" und „weiblich" sind 
dabei zu hoffnungsloser Mischbildung vermengt. Es ist unmöglich 
und durch die Beobachtung zurückzuweisen, daß das — männ- 
liche oder weibliche — Kind seinen Lebensplan auf eine 
ursprüngliche Geringschätzung des weiblichen Geschlechts 
begründen und sich zur Leitlinie den Wunsch machen könne: 
ich will ein rechter Mann werden. Das Kind ahnt die Bedeu- 
tung des Geschlechtsunterschiedes anfänglich nicht, geht viel- 
mehr von der Voraussetzung aus, daß beiden Geschlechtern das 
nämliche (männliche) Genitale zukomme, beginnt seine Sexual- 
forschung nicht mit dem Problem der GeschlechtsdifTerenz und 




Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 5 g 

steht der sozialen Minderschätzung des Weibes völlig ferne. Es 
gibt Frauen, in deren Neurose der Wunsch, ein Mann zu sein, 
keine Rolle gespielt hat. Was vom männlichen Protest zu 
konstatieren ist, führt sich leicht auf die Störung des uranfäng- 
lichen Narzißmus durch die Kastrationsdrohung, respektive auf 
die ersten Behinderungen der Sexualbetätigung zurück. Aller 
Streit um die Psychogenese der Neurosen muß schließlich auf 
dem Gebiete der Kinderneurosen zum Austrage kommen. Die 
sorgfältige Zergliederung einer Neurose im frühkindlichen Alter 
macht allen Irrtümern in betreff der Ätiologie der Neurosen 
und Zweifeln an der Rolle der Sexualtriebe ein Ende. Darum 
mußte auch Adler in seiner Kritik der Jungschen Arbeit 
„Konflikte der kindlichen Seele" zu der Unterstellung greifen, 
das Material des Falles sei „wohl vom Vater" einheitlich 

gerichtet worden. 1 

Ich werde nicht weiter bei der biologischen Seite der Ad ler sehen 
Theorie verweilen und nicht untersuchen, ob die greifbare Organ- 
minderwertigkeit oder das subjektive Gefühl derselben — man weiß 
nicht, welches von beiden — wirklich imstande ist, als Grundlage 
das Adler sehe System zu tragen. Nur der Bemerkung sei Raum 
gegönnt, daß die Neurose dann ein Nebenerfolg der allgemeinen 
Verkümmerung würde, während die Beobachtung lehrt, daß 
eine erdrückend große Mehrheit von Häßlichen, Mißgestalteten, 
Verkrüppelten, Verelendeten es unterläßt, auf ihre Mängel mit 
der Entwicklung von Neurose zu reagieren. Auch die interessante 
Auskunft, die Minderwertigkeit ins Kindheitsgefühl zu verlegen, 
lasse ich beiseite. Sie zeigt uns, in welcher Verkleidung das in 
der Analyse so sehr betonte Moment des Infantilismus in der 
Individualpsychologie wiederkehrt. Dagegen obliegt es mir, hervor- 
lheben, wie alle psychologischen Erwerbungen der Psychoanalyse 
bei Adler in den Wind geschlagen worden sind. Das Unbewußte 
tritt noch im „nervösen Charakter" als eine psychologische Be- 

1) Zentralblatt für Psychoanalyse, Bd. I, S. 122. 



6o 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



Sonderheit auf, aber ohne alle Beziehung zum System. Später hat 
er folgerichtig erklärt, es sei ihm gleichgültig, ob eine Vorstellung 
bewußt oder unbewußt sei. Für die Verdrängung fand sich bei 
Adler von vornherein kein Verständnis. In dem Referat über 
einen Vortrag im Wiener Verein (Februar 1911) heißt es: „An 
der Hand eines Falles wird darauf hingewiesen, daß der Patient 
weder seine Libido verdrängt hatte, vor der er sich ja fortwährend 
zu sichern suchte ..." * In einer Wiener Diskussion äußerte er bald 
darauf: „Wenn Sie fragen, woher kommt die Verdrängung, so 
bekommen Sie die Antwort: Von der Kultur. Wenn Sie aber 
dann fragen: Woher kommt die Kultur?, so antwortet man Ihnen: 
Von der Verdrängung. Sie sehen also, es handelt sich nur um 
ein Spiel mit Worten." Ein kleiner Bruchteil des Scharfsinnes, mit 
dem Adler die Verteidigungskünste seines „nervösen Charakters" 
entlarvt hat, hätte hingereicht, ihm den Ausweg aus diesem 
rabulistischen Argument zu zeigen. Es ist nichts anderes dahinter 
als daß die Kultur auf den Verdrängungsleistungen früherer 
Generationen ruht, und daß jede neue Generation aufgefordert 
wird, diese Kultur durch Vollziehung derselben Verdrängungen 
zu erhalten. Ich habe von einem Kinde gehört, welches sich für 
gefoppt hielt und zu schreien begann, weil es auf die Frage: 
Woher kommen die Eier? zur Antwort erhalten hatte: Von den 
Hühnern, auf die weitere Frage: Woher kommen die Hühner? 
aber die Auskunft bekam: Aus den Eiern. Und doch hatte man 
da nicht mit Worten gespielt, sondern dem Kinde etwas Wahres 
gesagt. 

Ebenso kläglich und inhaltsleer ist alles, was Adler über den 
Traum, dieses Schiboleth der Psychoanalyse, geäußert hat. Der 
Traum war ihm zuerst eine Wendung von der weiblichen auf 
die männliche Linie, was nichts anderes besagt, als die Über- 
setzung der Lehre von der Wunscherfüllung im Traume in die 
Sprache des „männlichen Protestes". Später findet er das Wesen 

1) Korrespondenzblatt Nr. 5, Zürich, April 1911. 






Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 61 

des Traumes darin, daß der Mensch sich durch ihn unbewußt 
ermögliche, was bewußt versagt sei. Auch die Priorität für die 
Verwechslung des Traumes mit den latenten Traumgedanken, 
auf der die Erkenntnis seiner „prospektiven Tendenz" ruht, ist 
Adler zuzusprechen. Maeder ist ihm hierin später nachge- 
kommen. Dabei übersieht man bereitwillig, daß jede Deutung 
eines Traumes, der in seiner manifesten Erscheinung überhaupt 
nichts Verständliches sagt, auf der Anwendung der nämlichen 
Traumdeutung beruht, deren Voraussetzungen und Folgerungen 
man bestreitet. Vom Widerstand weiß Adler anzugeben, daß 
er der Durchsetzung des Kranken gegen den Arzt dient. Dies 
ist gewiß richtig; es heißt soviel als : er dient dem Widerstände. 
Woher er aber kommt, und wie es zugeht, daß seine Phänomene 
der Absicht des Kranken zu Gebote stehen, das wird, als für das 
Ich uninteressant, nicht weiter erörtert. Die Detailmechanismen 
der Symptome und Phänomene, die Begründung der Mannig- 
faltigkeit von Krankheiten und Krankheitsäußerungen finden 
überhaupt keine Berücksichtigung, da doch alles in gleicher Weise 
dem männlichen Protest, der Selbstbehauptung, der Erhöhung der 
Persönlichkeit dienstbar ist. Das System ist fertig, es hat eine 
außerordentliche Umdeutungsarbeit gekostet, dafür auch nicht 
eine einzige neue Beobachtung geliefert. Ich glaube, gezeigt zu 
haben, daß es mit Psychoanalyse nichts zu schaffen hat. 

Das Lebensbild, welches aus dem Adler sehen System hervor- 
geht, ist ganz auf den Aggressionstrieb gegründet; es läßt keinen 
Raum für die Liebe. Man könnte sich ja verwundern, daß eine 
so trostlose Weltanschauung überhaupt Beachtung gefunden hat; 
aber man darf nicht daran vergessen, daß die vom Joch ihrer 
Sexualbedürfnisse bedrückte Menschheit bereit ist, alles anzu- 
nehmen, wenn man ihr nur die „Überwindung der Sexualität" 
als Köder hinhält. 

Die Adlersche Abfallsbewegung vollzog sich vor dem Kongreß 
in Weimar 191 1; nach diesem Datum setzte die der Schweizer 



62 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



ein. Ihre ersten Anzeichen waren sonderbarerweise einige Äuße- 
rungen Riklins in populären Aufsätzen der schweizerischen 
Literatur, aus denen die Umwelt also früher als die nächsten 
Fachgenossen erfuhr, daß die Psychoanalyse einige bedauerliche, 
sie diskreditierende Irrtümer überwunden habe. 1912 rühmte 
sich Jung in einem Briefe aus Amerika, daß seine Modifikationen 
der Psychoanalyse die Widerstände bei vielen Personen über- 
wunden hätten, die bis dahin nichts von ihr hatten wissen wollen. 
Ich antwortete, das sei kein Ruhmestitel, und je mehr er von 
den mühselig erworbenen Wahrheiten der Psychoanalyse opfere 
desto mehr werde er den Widerstand schwinden sehen. Die 
Modifikation, auf deren Einführung die Schweizer sich so stolz 
zeigten, war wiederum keine andere als die theoretische Zurück- 
drängung des sexuellen Moments. Ich gestehe, daß ich von allem 
Anfang an diesen „Fortschritt" als eine zuweitgehende Anpassung 
an die Anforderungen der Aktualität auffaßte. 

Die beiden rückläufigen, von der Psychoanalyse wegstrebenden 
Bewegungen, die ich nun zu vergleichen habe, zeigen auch die 
Ähnlichkeit, daß sie durch gewisse" hochragende Gesichtspunkte 
wie sub specie aeternitatis um ein günstiges Vorurteil werben. 
Bei Adler spielt die Relativität aller Erkenntnis und das Recht 
der Persönlichkeit, den Wissensstoff individuell künstlerisch zu 
gestalten, diese Rolle; bei Jung wird auf das kulturhistorische 
Recht der Jugend gepocht, Fesseln abzuwerfen, in welche sie das 
tyrannische, in. seinen Anschauungen erstarrte Alter schlagen 
möchte. Diese Argumente machen einige abweisende Worte not- 
wendig. Die Relativität unserer Erkenntnis ist ein Bedenken 
welches jeder anderen Wissenschaft ebensowohl entgegengesetzt 
werden kann wie der Psychoanalyse. Es entstammt bekannten 
reaktionären, der Wissenschaft feindlichen Strömungen der 
Gegenwart und will den Schein einer Überlegenheit in Anspruch 
nehmen, die uns nicht gebührt. Keiner von uns kann ahnen, 
welches das endgültige Urteil der Menschheit über unsere 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 6* 

theoretischen Bemühungen sein wird. Man hat Beispiele dafür 
daß die Abweisung der nächsten drei Generationen noch von 
der nächstfolgenden korrigiert und in Anerkennung verwandelt 
wurde. Es bleibt dem einzelnen nichts übrig, als seine auf 
Erfahrung gestützte Überzeugung mit all seinen Kräften zu 
vertreten, nachdem er die eigene kritische Stimme sorgfaltig und 
die der Gegner mit einiger Aufmerksamkeit angehört hat. Man 
begnüge sich damit, seine Sache ehrlich zu führen, und maße 
sich nicht ein Richteramt an, das einer fernen Zukunft vorbehalten 
ist. Die Betonung der persönlichen Willkür in wissenschaftlichen 
Dingen ist arg; sie will der Psychoanalyse offenbar den Wert 
einer Wissenschaft bestreiten, der allerdings durch die vorher- 
gehende Bemerkung bereits herabgesetzt ist. Wer das wissen- 
schaftliche Denken hochstellt, wird eher nach Mitteln und 
Methoden suchen, um den Faktor der persönlichen künstlerischen 
Willkür dort möglichst einzuschränken, wo er noch eine über- 
große Rolle spielt. Übrigens darf man sich rechtzeitig erinnern, 
daß aller Eifer der Verteidigung unangebracht ist. Diese Argumente 
Adlers sind nicht ernst gemeinte 5 sie sollen nur gegen den 
Gegner verwertet werden, respektieren aber die eigenen Theorien. 
Sie haben auch Adlers Anhänger nich^ abgehalten, ihn als den 
Messias zu feiern, auf dessen Erscheinen die harrende Menschheit 
durch so und so viel Vorläufer vorbereitet worden ist. Der Messias 
ist gewiß nichts Relatives mehr. 

Das Jung sehe Argument ad captandam benevolentiam ruht 
auf der allzu optimistischen Voraussetzung, als hätte sich der 
Fortschritt der Menschheit, der Kultur, des Wissens, stets in 
ungebrochener Linie vollzogen. Als hätte es niemals Epigonen 
gegeben, Reaktionen und Restaurationen nach jeder Revolution, 
Geschlechter, die durch einen Rückschritt auf den Erwerb einer 
früheren Generation verzichtet hätten. Die Annäherung an den 
Standpunkt der Menge, das Aufgeben einer als unliebsam 
empfundenen Neuerung, machen es von vornherein unwahr- 



64 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



scheinlich, daß die Jungsche Korrektur der Psychoanalyse den 
Anspruch auf eine befreiende Jugendtat sollte erheben können. 
Endlich sind es nicht die Jahre des Täters, welche hierüber ent- 
scheiden, sondern der Charakter der Tat. 

Von den beiden hier behandelten Bewegungen ist die 
Adlersche unzweifelhaft die bedeutsamere $ radikal falsch, ist sie 
doch durch Konsequenz und Kohärenz ausgezeichnet. Sie ist auch 
noch immer auf eine Trieblehre gegründet. Die Jung sehe 
Modifikation dagegen hat den Zusammenhang der Phänomene 
mit dem Triebleben gelockert 5 sie ist übrigens, wie ihre Kritiker 
(Abraham, Ferenczi, Jones) hervorgehoben, so unklar, undurch- 
sichtig und verworren, daß es nicht leicht ist, Stellung zu ihr 
zu nehmen. Wo man sie antastet, muß man darauf vorbereitet 
sein, zu hören, daß man sie mißverstanden hat, und man weiß 
nicht, wie man zu ihrem richtigen Verständnis kommen soll. Sie 
stellt sich selbst in eigentümlich schwankender Weise vor, bald 
als „ganz zahme Abweichung, die das Geschrei nicht wert sei 
das sich darum erhoben habe" (Jung), bald als neue Heilsbotschaft, 
mit der eine neue Epoche für die Psychoanalyse beginne, ja, eine 
neue Weltanschauung für alle übrigen. 

Unter dem Eindruck der Unstimmigkeiten zwischen den einzelnen 
privaten und öffentlichen Äußerungen der Jungschen Richtung 
wird man sich fragen müssen, wie groß daran der Anteil der 
eigenen Unklarheit und der der Unaufrichtigkeit sei. Man wird 
aber zugestehen, daß sich die Vertreter der neuen Lehre in einer 
schwierigen Situation befinden. Sie bekämpfen nun Dinge, welche 
sie früher selbst verteidigt haben, und zwar nicht auf Grund 
neuer Beobachtungen, von denen sie sich belehren lassen konnten, 
sondern infolge von Umdeutungen, welche ihnen jetzt die Dinge 
anders erscheinen lassen, als sie sie vorher sahen. Darum wollen 
sie den Zusammenhang mit der Psychoanalyse, als deren Vertreter 
sie der Welt bekannt wurden, nicht aufgeben und ziehen es vor 
zu verkünden, daß die Psychoanalyse sich geändert hat. Auf dem 




Zw Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 6* 

Münchner Kongreß sah ich mich genötigt, dieses Halbdunkel 
aufzuhellen, und tat es durch die Erklärung, daß ich die Neue- 
rungen der Schweizer nicht als legitime Fortsetzung und Weiter- 
entwicklung der von mir ausgehenden Psychoanalyse anerkenne. 
Außenstehende Kritiker (wie Furtmüller) hatten diesen Sach- 
verhalt schon vorher erkannt, und Abraham spricht mit Recht 
davon, daß sich Jung auf dem vollen Rückzuge von der Psycho- 
analyse befinde. Ich bin natürlich gern bereit zuzugestehen, daß 
ein jeder das Recht hat, zu denken und zu schreiben, was er 
will, aber er hat nicht das Recht, es für etwas anderes auszugeben, 
als es wirklich ist. / 

Wie die Adler sehe Forschung der Psychoanalyse etwas Neues 
brachte, ein Stück der Ichpsychologie, und sich dieses Geschenk 
allzu teuer bezahlen lassen wollte durch die Verwerfung aller 
grundlegenden analytischen Lehren, so haben auch Jung und 
seine Anhänger ihren Kampf gegen die Psychoanalyse an eine 
Neuerwerbung für dieselbe angeknüpft. Sie haben im einzelnen 
verfolgt (worin ihnen Pf ist er vorangegangen war), wie das 
Material der sexuellen Vorstellungen aus dem Familienkomplex 
und der inzestuösen Objektwahl zur Darstellung der höchsten 
ethischen und religiösen Interessen der Menschen verwendet wird, 
also einen bedeutsamen Fall von Sublimierung der erotischen 
Triebkräfte und Umsetzung derselben in nicht mehr erotisch zu 
nennende Strebungen aufgeklärt. Dies stand im besten Einklang 
mit den in der Psychoanalyse enthaltenen Erwartungen und 
hätte sich vortrefflich mit der Auffassung vertragen, daß in 
Traum und Neurose die regressive Auflösung dieser wie aller 
anderen Sublimierungen sichtbar wird. Allein die Welt hätte 
empört gerufen, man habe Ethik und Religion sexualisiert ! Ich 
kann es nun nicht vermeiden, einmal „final" zu denken und 
anzunehmen, daß sich die Entdecker diesem Entrüstungssturm 
nicht gewachsen fühlten. Vielleicht begann er auch in der eigenen 
Brust zu toben. Die theologische Vorgeschichte so vieler Schweizer 

Freud, Zur Geschichte. 



66 Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



ist für ihre Stellung zur Psychoanalyse so wenig gleichgültig wie 
die sozialistische Adlers für die Entwicklung seiner Psychologie. 
Man wird an die berühmte Geschichte Mark Twains von den 
Schicksalen seiner Uhr erinnert und an die Verwunderung, mit 
der sie schließt: And he used to wonder what became of all 
the unsuccessful tinkers, and gunsmiths, and shoemakers, and 
blacksmiths; but nobody could euer teil him. 

Ich will den Weg des Gleichnisses betreten und annehmen, 
in einer Gesellschaft lebe ein Emporkömmling, der sich der Ab- 
stammung von uradeliger, aber ortsfremder Familie rühme. Nun 
werde ihm nachgewiesen, daß seine Eltern irgendwo in der 
Nähe leben und sehr bescheidene Leute seien. Jetzt steht ihm 
noch ein Auskunftsmittel zu Gebote und zu diesem greift er auch. 
Er kann die Eltern nicht mehr verleugnen, aber er behauptet, 
die seien selbst hochadelig, nur herabgekommen, und verschafft 
ihnen bei einem gefälligen Amt ein Abkunftsdokument. Ich meine, 
so ähnlich haben sich die Schweizer benehmen müssen. Wenn 
Ethik und Religion, nicht sexualisiert werden durften, sondern 
von Anfang an etwas „Höheres" waren, die Herleitung ihrer 
Vorstellungen aus dem Familien- und Ödipuskomplex aber unab- 
weisbar erschien, so ergab sich nur eine Auskunft: diese Komplexe 
selbst durften von Anfang an nicht bedeuten, was sie auszusagen 
schienen, sondern jenen höheren, „anagogischen" Sinn (nach 
Silberers Namengebung) haben, mit dem sie sich in ihre Ver- 
wendung in den abstrakten Gedankengängen der Ethik und der 
religiösen Mystik einfügten. 

Ich bin nun gefaßt darauf, wiederum zu hören, daß ich Inhalt 
und Absicht der Neu-Züricher Lehre mißverstanden habe, aber 
ich verwahre mich von vornherein dagegen, daß die Widersprüche 
gegen meine Auffassung, die sich aus den Veröffentlichungen 
dieser Schule ergeben, mir, anstatt ihnen selbst zur Last gelegt 
sein sollen. Auf keine andere Art kann ich mir das Ensemble der 
J u n g sehen Neuerungen verständlich machen und im Zusammen- 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 67 

hange begreifen. Von der Absicht, das Anstößige der Familien- 



• 



komplexe zu beseitigen, um dies Anstößige nicht in Religion 
und Ethik wiederzufinden, strahlen alle die Abänderungen aus, 
welche' Jung an der Psychoanalyse vorgenommen hat. Die 
sexuelle Libido wurde durch einen abstrakten Begriff ersetzt, von 
dem man behaupten darf, daß er für Weise wie für Toren gleich 
geheimnisvoll und unfaßbar geblieben ist. Der Ödipuskomplex 
war nur „symbolisch" gemeint, die Mutter darin bedeutete das 
Unerreichbare, auf welches man im Interesse der Kultur- 
entwicklung verzichten muß; der Vater, der im Ödipusmythus 
getötet wird, ist der „innerliche" Vater, von dem man sich 
freizumachen hat, um selbständig zu werden. Andere Stücke des 
sexuellen Vorstellungsmaterials werden im Laufe der Zeit sicherlich 
ähnliche Umdeutungen erfahren. An Stelle des Konfliktes zwischen 
ich widrigen erotischen Strebungen und der Ichbehauptung trat 
der Konflikt zwischen der „Lebensaufgabe" und der „psychischen 
Trägheit"; das neurotische Schuldbewußtsein entsprach dem 
Vorwurf, seiner Lebensaufgabe nicht gerecht zu werden. Ein 
neues religiös-ethisches System wurde so geschaffen, welches ganz 
wie das Ad ler sehe die tatsächlichen Ergebnisse der Analyse 
umdeuten, verzerren oder beseitigen mußte. In Wirklichkeit hatte 
man aus der Symphonie des Weltgeschehens ein paar kulturelle 
Obertöne herausgehört und die urgewaltige Triebmelodie wieder 
einmal überhört. 

Um dieses System zu halten, war eine volle Abwendung von 
der Beobachtung und von der Technik der Psychoanalyse not- 
wendig. Gelegentlich gestattete die Begeisterung für die hehre 
Sache auch eine Geringschätzung der wissenschaftlichen Logik, 
wie wenn Jung den Ödipuskomplex nicht „spezifisch" genug 
für die Ätiologie der Neurosen findet und diese Spezifität der 
Trägheit, also der allgemeinsten Eigenschaft belebter wie unbelebter 
Körper zuerkennt! Dabei ist zu bemerken, daß der „Ödipus- 
komplex" nur einen Inhalt darstellt, an dem sich die Seelenkräfte 

5' 



I 



68 Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 

des Individuums messen, und nicht selbst eine Kraft ist, wie die 
„psychische Trägheit". Die Erforschung des einzelnen Menschen 
hatte ergeben und wird immer von neuem ergeben, daß die 
sexuellen Komplexe in ihrem ursprünglichen Sinne in ihm lebendig 
sind. Darum wurde die Individualforschung zurückgedrängt und 
durch die Beurteilung nach Anhaltspunkten aus der Völker- 
forschung ersetzt. In der frühen Kindheit eines jeden Menschen 
war man am ehesten der Gefahr ausgesetzt, auf den ursprüng- 
lichen und unverhüllten Sinn der umgedeuteten Komplexe zu 
stoßen, daher ergab sich für die Therapie die Vorschrift, bei 
dieser Vergangenheit so kurz als möglich zu verweilen und den 
Hauptakzent auf die Rückkehr zum aktuellen Konflikt zu legen, 
an dem aber beileibe nicht das Zufällige und Persönliche, sondern 
das Generelle, eben das Nichterfüllen der Lebensaufgabe, das 
Wesentliche ist. Wir haben aber gehört, daß der aktuelle Konflikt 
des Neurotikers erst verständlich und lösbar wird, wenn man ihn 
auf die Vorgeschichte des Kranken zurückfuhrt, den Weg geht, 
den seine Libido bei der Erkrankung gegangen ist. 

Wie sich die Neu-Züricher Therapie unter solchen Tendenzen 
gestaltet hat, kann ich nach den Angaben eines Patienten mit- 
teilen, der sie an sich selbst erfahren mußte. „Diesmal keine 
Spur von Rücksicht auf Vergangenheit und Übertragung. Wo 
ich letztere zu greifen glaubte, wurde sie für reines Libidosymbol 
ausgegeben. Die moralischen Belehrungen waren sehr schön und 
ich lebte ihnen getreulich nach, aber ich kam keinen Schritt 
vorwärts. Es war mir noch unangenehmer als ihm, aber was 
konnte ich dafür? . . . Statt analytisch zu befreien, brachte jede 
Stunde neue ungeheure Forderungen, an deren Erfüllung die 
Überwindung der Neurose geknüpft wurde, z. B. innerliche 
Konzentration durch Introversion, religiöse Vertiefung, neues 
Gemeinschaftsleben mit meiner Frau in liebevoller Hingabe usw. 
Es ging fast über die Kraft, lief es doch auf eine radikale 
Umgestaltung des ganzen inneren Menschen hinaus. Man verließ 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 69 

die Analyse als armer Sünder mit den stärksten Zerknirschungs- V 
gefühlen und den besten Vorsätzen, aber gleichzeitig in tiefster 
Entmutigung. Was er mir empfahl, hätte jeder Pfarrer mir auch 
geraten, aber woher die Kraft?" Der Patient teilt zwar mit, er 
habe gehört, daß die Vergangenheits- und Übertragungsanalyse 
vorangehen müsse. Ihm wurde gesagt, daß er davon genug gehabt 
habe. Da sie nicht mehr geholfen hat, scheint mir der Schluß 
gerechtfertigt, daß der Patient von der ersteren Art der Analyse 
nicht genug bekommen hat. Keinesfalls hat das daraufgesetzte 
Stück Behandlung mehr geholfen, welches auf den Namen einer 
Psychoanalyse keinen Anspruch mehr hat. Es ist zu verwundern, 
daß die Züricher den langen Umweg über Wien gebraucht haben, 
um endlich nach dem so nahen Bern zu kommen, in dem 
Dubois Neurosen durch ethische Aufmunterung in schonungs- 
vollerer Weise heilt. 1 

Der völlige Zerfall dieser neuen Richtung mit der Psycho- 
analyse erweist sich natürlich auch in der Behandlung der 
Verdrängung, welche in den Schriften Jungs kaum mehr erwähnt 
wird, in der Verkennung des Traumes, den sie wie Adler 
unter Verzicht auf die Traumpsychologie mit den latenten 
Traumgedanken verwechselt, in dem Verlust des Verständnisses 
für das Unbewußte, kurz in all den Punkten, in welche ich die 
Wesenheit der Psychoanalyse verlegen konnte. Wenn man von 
Jung hört, der Inzestkomplex sei nur symbolisch, er habe 
doch keine reale Existenz, der Wilde verspüre doch kein 
Gelüste nach der alten Vettel, sondern ziehe ein junges und 
schönes Weib vor, so ist man versucht anzunehmen, daß 
symbolisch' und ,keine reale Existenz' eben das bedeuten, was 



1) Ich kenne die Bedenken, welche der Verwertung einer Patientenaussage im 
Wege stehen, und will darum ausdrücklich versichern, daß mein Gewährsmann eine 
ebenso vertrauenswürdige wie urteilsfähige Persönlichkeit ist. Er hat mich informiert, 
ohne daß ich ihn dazu aufgefordert, und ich bediene mich seiner Mitteilung, ohne 
seine Zustimmung einzuholen, weil ich nicht zugeben kann, daß eine psychoanalytische 
Technik den Schutz der Diskretion beanspruchen sollte. 



70 Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 

man in der Psychoanalyse mit Rücksicht auf seine Äußerungen 
und pathogenen Wirkungen als „unbewußt existent" bezeichnet, 
um auf solche Weise den scheinbaren Widerspruch zu erledigen. 

Wenn man sich vorhält, daß der Traum noch etwas anderes 
ist als die latenten Traumgedanken, die er verarbeitet, so wird 
man sich nicht wundern, daß die Kranken von den Dingen 
träumen, mit denen man ihren Sinn während der Behandlung 
erfüllt hat, sei es die „Lebensaufgabe" oder das „Oben- und 
Untensein". Gewiß sind die Träume der Analysierten lenkbar, in 
ähnlicher Art, wie man Träume durch experimentell angebrachte 
Reize beeinflussen kann. Man kann einen Teil des Materials be- 
stimmen, welches in den Träumen vorkommt; am Wesen und am 
Mechanismus des Traumes wird hiedurch nichts geändert. Ich 
glaube auch nicht daran, daß die sogenannten „biographischen" 
Träume sich außerhalb der Analyse ereignen. Analysiert man 
hingegen Träume, die vor der Behandlung vorgefallen sind, oder 
achtet man darauf, was der Träumer zu den ihm in der Kur 
gegebenen Anregungen hinzufügt, oder kann man es vermeiden, 
ihm solche Aufgaben zu stellen, so überzeugt man sich, wie 
ferne es dem Traume liegt, gerade nur Lösungs versuche der 
Lebensaufgabe zu liefern. Der Traum ist ja nur eine Form des 
Denkens; das Verständnis dieser Form kann man nie aus dem 
Inhalt seiner Gedanken gewinnen, dazu führt nur die Würdigung 
der Traum arbeit. 

Die faktische Widerlegung der Jungschen Mißverständnisse 
und Abweichungen von der Psychoanalyse ist nicht schwierig. 
Jede regelrecht ausgeführte Analyse, ganz besonders aber jede 
Analyse am Kinde, bestärkt die Überzeugungen, auf denen die 
Theorie der Psychoanalyse ruht, und weist die Umdeutungen des 
Adler sehen wie des Jung sehen Systems zurück. Jung selbst 
hat in der Zeit vor seiner Erleuchtung eine solche Kinderanalyse 
durchgeführt und publiziert; es ist abzuwarten, ob er eine neue 
Deutung derselben mit Hilfe einer anderen „einheitlichen Richtung 









Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung n\ 

der Tatsachen" (nach dem hierauf bezüglichen Ausdruck Adlers) 
vornehmen wird. 

Die Ansicht, daß die sexuelle Darstellung „höherer" Gedanken 
in Traum und Neurose nichts anderes als eine archaische Aus- 
drucksweise bedeute, ist natürlich mit der Tatsache unvereinbar, 
daß sich diese sexuellen Komplexe in der Neurose als die Träger 
jener Libidoquantitäten erweisen, welche dem realen Leben 
entzogen worden sind. Handelte es sich nur um einen sexuellen 
Jargon, so könnte dadurch an der Ökonomie der Libido nichts 
geändert worden sein. Jung selbst gesteht dies noch in seiner 
„Darstellung der psychoanalytischen Theorie" zu und formuliert 
als therapeutische Aufgabe, daß diesen Komplexen die Libido- 
besetzung entzogen werden solle. Dies gelingt aber niemals durch 
Wegweisen von ihnen und Drängen zur Sublimierung, sondern 
nur durch eingehendste Beschäftigung mit ihnen und durch 
Bewußtmachen im vollen Umfange. Das erste Stück der Realität, 
dem der Kranke Rechnung zu tragen hat, ist eben seine Krankheit. 
Bemühungen, ihn dieser Aufgabe zu entziehen, deuten auf eine 
Unfähigkeit des Arztes, ihm zur Überwindung der Widerstände 
zu verhelfen, oder auf eine Scheu des Arztes vor den Ergebnissen 
dieser Arbeit. 

Ich möchte abschließend sagen, Jung hat mit seiner „Modi- 
fikation" der Psychoanalyse ein Gegenstück zum berühmten 
L ich tenb er g sehen Messer geliefert. Er hat das Heft verändert 
und eine neue Klinge eingesetzt; weil dieselbe Marke darauf 
eingeritzt ist, sollen wir nun dies Instrument für das frühere 
halten. 

Ich glaube im Gegenteile gezeigt zu haben, daß die neue Lehre, 
welche die Psychoanalyse substituieren möchte, ein Aufgeben der 
Analyse und einen Abfall von ihr bedeutet. Man wird vielleicht 
der Befürchtung zuneigen, daß dieser Abfall für ihr Schicksal 
verhängnisvoller werden müsse als ein anderer, weil er von Personen 
ausgeht, welche eine so große Rolle in der Bewegung gespielt 




7 2 Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 

und sie um ein so großes Stück gefördert haben. Ich teile diese 
Befürchtung nicht. 

Menschen sind stark, solange sie eine starke Idee vertreten 9 
sie werden ohnmächtig, wenn sie sich ihr widersetzen. Die 
Psychoanalyse wird diesen Verlust ertragen und für diese Anhänger 
andere gewinnen. Ich kann nur mit dem Wunsche schließen, 
daß das Schicksal allen eine bequeme Auffahrt bescheren möge, 
denen der Aufenthalt in der Unterwelt der Psychoanalyse 
unbehaglich geworden ist. Den anderen möge es gestattet sein, 
ihre Arbeiten in der Tiefe unbelästigt zu Ende zu führen.