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Full text of "Zur Technik der Psychoanalyse und zur Metapsychologie"

5IGM. FREUD 



,ur 



lecnnik der x^syckoanalyse 

und zur 

Axefap5ycliologie 




i 



j 



Zur Technik der Psychoanalyse 
und zur Metapsychologie 









Von 



Sigm. Freud 



1994 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag 
Leipzig — Wien — Zürich 



Alle Rechte, 
insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten 

Copyright 1924 

by „Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Ges. m. b. H.", Wien 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Gesellschaft für graphische Industrie, Wien, 111., Rüdengnssr 11 




DIE FREUDSCHE PSYCHOANALYTISCHE 

METHODE 

Zuerst erschienen in: Löwenfeld, Psychische 
Zwangserscheinungen, 1904 (ohne Nennung des 
Verfassers); dann in der Ersten Folge der „Sammlung 
kleiner Schriften zur NeurosenIehre u . 

„Die eigentümliche Methode der Psychotherapie, die Freud 
ausübt und als Psychoanalyse bezeichnet, ist aus dem sogenannten 
kathartischen Verfahren hervorgegangen, über welches er seiner- 
zeit in den „Studien über Hysterie" 1895 in Gemeinschaft mit 
J. Breuer berichtet hat. Die kathartische Therapie war eine 
Erfindung Breuers, der mit ihrer Hilfe zuerst etwa ein Dezen- 
nium vorher eine hysterische Kranke hergestellt und dabei Ein- 
sicht in die Pathogenese ihrer Symptome gewonnen hatte. Infolge 
einer persönlichen Anregung Breuers nahm dann Freud das 
Verfahren wieder auf und erprobte es an einer größeren Anzahl 
von Kranken. 

Das kathartische Verfahren setzte voraus, daß der Patient hyp- 
notisierbar sei, und beruhte auf der Erweiterung des Bewußtseins, 
die in der Hypnose eintritt. Es setzte sich die Beseitigung der 
Krankheitssymptome zum Ziele und erreichte dies, indem es den 
Patienten sich in den psychischen Zustand zurückversetzen ließ, 
in welchem das Symptom zum erstenmal aufgetreten war. Es 
tauchten dann bei dem hypnotisierten Kranken Erinnerungen, 
Gedanken und Impulse auf, die in seinem Bewußtsein bisher 
ausgefallen waren, und wenn er diese seine seelischen Vorgänge 



i* 



7,ur Technik 



unter intensiven Affektäußerungen dem Arzte mitgeteilt hatte, 
war das Symptom überwunden, die Wiederkehr desselben auf- 
gehoben. Diese regelmäßig zu wiederholende Erfahrung erläuterten 
die beiden Autoren in ihrer gemeinsamen Arbeit dahin, daß das 
Symptom an Stelle von unterdrückten und nicht zum Bewußtsein 
gelangten psychischen Vorgängen stehe, also eine Umwandlung 
(„Konversion") der letzteren darstelle. Die therapeutische Wirk- 
samkeit ihres Verfahrens erklärten sie sich aus der Abfuhr des 
bis dahin gleichsam „eingeklemmten" Affektes, der an den unter- 
drückten seelischen Aktionen gehaftet hatte („Abreagieren"). Das 
einfache Schema des therapeutischen Ringriffes komplizierte sich 
aber nahezu allemal, indem sich zeigte, daß nicht ein einzelner 
(„traumatischer") Eindruck, sondern meist eine schwer zu über- 
sehende Reihe von solchen an der Entstehung des Symptoms 
beteiligt sei. 

Der Hauptcharakter der kalhartischeu Methode, der sie in 
Gegensatz zu allen anderen Verfahren der Psychotherapie setzt, 
liegt also darin, daß bei ihr die therapeutische Wirksamkeit 
nicht einem suggestiven Verbot des Arztes übertragen wird. Sie 
erwartet vielmehr, daß die Symptome von selbst verschwinden 
werden, wenn es dem Eingriff, der sich auf gewisse Voraus- 
setzungen über den psychischen Mechanismus beruft, gelungen 
ist, seelische Vorgänge zu einem andern als dem bisherigen Ver- 
laufe zu bringen, der in die Symptombildung eingemündet hat. 

Die Abänderungen, welche Freud an dem kathartischen Ver- 
fahren Breuers vornahm, waren zunächst Änderungen der 
Technik; diese brachten aber neue Ergebnisse und haben in 
weiterer Folge zu einer andersartigen, wiewohl der früheren 
nicht widersprechenden Auffassung der therapeutischen Arbeit 
genötigt. 

Hatte die kathartische Methode bereits auf die Suggestion 
verzichtet, so unternahm Freud den weiteren Schritt, auch die 
Hypnose aufzugeben. Er behandelt gegenwärtig seine Kranken, 



Die Freudsche psychoanalytische Methode 



indem er sie ohne andersartige Beeinflussung eine bequeme 
Rückenlage auf einem Ruhebett einnehmen läßt, während er 
selbst, ihrem Anblick entzogen, auf einem Stuhle hinter ihnen 
sitzt. Auch den Verschluß der Augen fordert er von ihnen nicht 
und vermeidet jede Berührung sowie jede andere Prozedur, die 
an Hypnose mahnen könnte. Eine solche Sitzung verläuft also 
wie ein Gespräch zwischen zwei gleich wachen Personen, von 
denen die eine sich jede Muskelanstrengung und jeden ablenken- 
den Sinneseindruck erspart, die sie in der Konzentration ihrer 
Aufmerksamkeit auf ihre eigene seelische Tätigkeit stören könnten. 

Da das Hypnotisiert werden, trotz aller Geschicklichkeit des 
Arztes, bekanntlich in der Willkür des Patienten liegt, und eine 
große Anzahl neurotischer Personen durch kein Verfahren in 
Hypnose zu versetzen ist, so war durch den Verzicht auf die 
Hypnose die Anwendbarkeit des Verfahrens auf eine unein- 
geschränkte Anzahl von Kranken gesichert. Anderseits fiel die 
Erweiterung des Bewußtseins weg, welche dem Arzt gerade jenes 
psychische Material an Erinnerungen und Vorstellungen geliefert 
hatte, mit dessen Hilfe sich die Umsetzung der Symptome und 
die Befreiung der Affekte vollziehen ließ. Wenn für diesen Aus- 
fall kein Ersatz zu schaffen war, konnte auch von einer thera- 
peutischen Einwirkung keine Rede sein. 

Einen solchen völlig ausreichenden Ersatz fand nun Freud 
in den Einfällen der Kranken, das heißt in den ungewollten, 
meist als störend empfundenen und darum unter gewöhnlichen 
Verhältnissen beseitigten Gedanken, die den Zusammenhang einer 
beabsichtigten Darstellung zu durchkreuzen pflegen. Um sich 
dieser Einfälle zu bemächtigen, fordert er die Kranken auf, sich 
in ihren Mitteilungen gehen zu lassen, „wie man es etwa in 
einem Gespräche tut, bei welchem man aus dem Hundertsten in 
das Tausendste gerät." Er schärft ihnen, ehe er sie zur detaillierten 
Erzählung ihrer Krankengeschichte auffordert, ein, alles mit zu 
sagen, was ihnen dabei durch den Kopf geht, auch wenn sie 



Zur Technik 



meinen, es sei unwichtig, oder es gehöre nicht dazu, oder es sei 
unsinnig. Mit besonderem Nachdrucke aber wird von ihnen ver- 
langt, daß sie keinen Gedanken oder Einfall darum von der Mit- 
teilung ausschließen, weil ihnen diese Mitteilung beschämend 
oder peinlich ist. Bei den Bemühungen, dieses Material an sonst 
vernachlässigten Einfällen zu sammeln, machte nun Freud die 
Beobachtungen, die für seine ganze Auffassung bestimmend 
geworden sind. Schon bei der Erzählung der Krankengeschichte 
stellen sich bei den Kranken Lücken der Erinnerung heraus, 
sei es, daß tatsächliche Vorgänge vergessen worden, sei es, daß 
zeitliche Beziehungen verwirrt oder Kausalzusammenhänge zer- 
rissen worden sind, so daß sich unbegreifliche Effekte ergeben. 
Ohne Amnesie irgend einer Art gibt es keine neurotische Kranken- 
geschichte. Drängt man den Erzählenden, diese Lücken seines 
Gedächtnisses durch angestrengte Arbeit der Aufmerksamkeit aus- 
zufüllen, so merkt man, daß die hiezu sich einstellenden Ein- 
falle, von ihm mit allen Mitteln der Kritik zurückgedrängt, 
werden, bis er endlich das direkte Unbehagen verspürt, wenn 
sich die Erinnerung wirklich eingestellt hat. Aus dieser Erfahrung 
schließt Freud, daß die Amnesien das Ergebnis 'eines Vorganges 
sind, den er Verdrängung heißt, und als dessen Motiv er 
Unlustgefühle erkennt. Die psychischen Kräfte, welche diese Ver- 
drängung herbeigeführt haben, meint er in dem Widerstand, 
der sich gegen die Wiederherstellung erhebt, zu verspüren. 

Das Moment des Widerstandes ist eines der Fundamente seiner 
Theorie geworden. Die sonst unter allerlei Vorwänden (wie sie 
die obige Formel aufzählt) beseitigten Einfalle betrachtet er aber 
als Abkömmlinge der verdrängten psychischen Gebilde (Gedanken 
und Regungen), als Entstellungen derselben infolge des gegen 
ihre Reproduktion bestehenden Widerstandes. 

Je größer der Widerstand, desto ausgiebiger diese Entstellung. 
In dieser Beziehung der unbeabsichtigten Einfälle zum ver- 
drängten psychischen Material ruht nun ihr Wert für die thera- 



Die Freudsche psychoanalytische Methode 



peutische Technik. Wenn man ein Verfahren besitzt, welches 
ermöglicht, von den Einfallen aus zu dem Verdrängten, von den 
Entstellungen zum Entstellten zu gelangen, so kann man auch 
ohne Hypnose das früher Unbewußte im Seelenleben dem 
Bewußtsein zugänglich machen. 

Freud hat darauf eine Deutungskunst ausgebildet, welcher 
diese Leistung zufällt, die gleichsam aus den Erzen der unbeab- 
sichtigten Einfälle den Metallgehalt an verdrängten Gedanken 
darstellen soll. Objekt dieser Deutungsarbeit sind nicht allein die 
Einfälle des Kranken, sondern auch seine Träume, die den 
direktesten Zugang zur Kenntnis des Unbewußten eröffnen, seine 
unbeabsichtigten, wie planlosen Handlungen (Symptomhandlungen) 
und die Irrungen seiner Leistungen im Alltagsleben (Versprechen, 
Vergreifen u. dgl.). Die Details dieser Deutungs- oder Über- 
setzungstechnik sind von Freud noch nicht veröffentlicht worden. 
Es sind nach seinen Andeutungen eine Reihe von empirisch 
gewonnenen Regeln, wie aus den Einfällen das unbewußte Material 
zu konstruieren ist, Anweisungen, wie man es zu verstehen habe, 
wenn die Einfälle des Patienten versagen, und Erfahrungen über 
die wichtigsten typischen Widerstände, die sich im Laufe einer 
solchen Behandlung einstellen. Ein umfangreiches Buch über 
„Traumdeutung", 1900 von Freud publiziert, ist als Vorläufer 
einer solchen Einführung in die Technik anzusehen. 

Man könnte aus diesen Andeutungen über die Technik der 
psychoanalytischen Methode schließen, daß deren Erfinder sich 
überflüssige Mühe verursacht und Unrecht getan hat, das wenig 
komplizierte hypnotische Verfahren zu verlassen. Aber einerseits 
ist die Technik der Psychoanalyse viel leichter auszuüben, wenn 
man sie einmal erlernt hat, als es bei einer Beschreibung den 
Anschein hat, anderseits führt kein anderer Weg zum Ziele, und 
darum ist der mühselige Weg noch der kürzeste. Der Hypnose 
ist vorzuwerfen, daß sie den Widerstand verdeckt und dadurch 
dem Arzt den Einblick in das Spiel der psychischen Kräfte ver- 



° Zur Technik 



wehrt hat. Sie räumt aber mit dem Widerstände nicht auf 
sondern weicht ihm nur aus und ergibt darum nur unvoll- 
ständige Auskünfte und nur vorübergehende Erfolge. 

Die Aufgabe, welche die psychoanalytische Methode zu lösen 
bestrebt ist, läßt sich in verschiedenen Formeln ausdrücken, die 
aber ihrem Wesen nach äquivalent sind. Man kann sagen: Auf- 
gabe der Kur sei, die Amnesien aufzuheben. Wenn alle 
Erinnerungslücken ausgefüllt, alle rätselhaften Effekte des psy- 
chischen Lebens aufgeklärt sind, ist der Fortbestand, ja eine 
Neubildung des Leidens unmöglich gemacht. Man kann die 
Bedingung anders fassen: es seien alle Verdrängungen rückgängig 
zu machen ; der psychische Zustand ist dann derselbe, in dem 
alle Amnesien ausgefüllt sind. Weittragender ist eine andere 
Fassung: es handle sich darum, das Unbewußte dem Bewußtsein 
zugänglich zu machen, was durch Überwindung der Widerstände 
geschieht. Man darf aber dabei nicht vergessen, daß ein solcher 
Idealzustand auch beim normalen Menschen nicht besteht, und 
daß man nur selten in die Lage kommen kann, die Behandlung 
annähernd so weit zu treiben. So wie Gesundheit und Krankheit 
nicht prinzipiell geschieden, sondern nur durch eine praktisch 
bestimmbare Summationsgrenze gesondert sind, so wird man sich 
auch nie etwas anderes zum Ziel der Behandlung setzen als die 
praktische Genesung des Kranken, die Herstellung seiner Leistungs- 
und Genußfähigkeit. Bei unvollständiger Kur oder unvoll- 
kommenem Erfolge derselben erreicht man vor allem eine 
bedeutende Hebung des psychischen Allgemeinzustandes, während 
die Symptome, aber mit geminderter Bedeutung für den Kranken 
fortbestehen können, ohne ihn zu einem Kranken zu stempeln. 
Das therapeutische Verfahren bleibt, von geringen Modifikationen 
abgesehen, das nämliche für alle Symptom bilder der vielgestaltigen 
Hysterie und ebenso für alle Ausbildungen der Zwangsneurose. 
Von einer unbeschränkten Anwendbarkeit desselben ist aber keine 
Rede. Die Natur der psychoanalytischen Methode schafft Indika- 



^~- 



Die Freutischt psychoanalytische Methodr 



tionen und Gegenanzeigen sowohl von seiten der zu behandeln- 
den Personen als auch mit Rücksicht auf das Krankheitsbild. Am 
günstigsten für die Psychoanalyse sind die chronischen Fälle von 
Psych oneurosen mit wenig stürmischen oder gefahrdrohenden 
Symptomen, also zunächst alle Arten der Zwangsneurose, 
Zwangsdenken und Zwangshandeln, und Fälle von Hysterie, in 
denen Phobien und Abulien die Hauptrolle spielen, weiterhin 
aber auch alle somatischen Ausprägungen der Hysterie, insoferne 
nicht, wie bei der Anorexie, rasche Beseitigung der Symptome 
zur Hauptaufgabe des Arztes wird. Bei akuten Fällen von Hysterie 
wird man den Eintritt eines ruhigeren Stadiums abzuwarten 
haben; in allen Fällen, bei denen die nervöse Erschöpfung obenan 
steht, wird man ein Verfahren vermeiden, welches selbst Anstrengung 
erfordert, nur langsame Fortschritte zeitigt und auf die Fortdauer 
der Symptome eine Zeitlang keine Rücksicht nehmen kann. 

An die Person, die man mit Vorteil der Psychoanalyse unter- 
ziehen soll, sind mehrfache Forderungen zu stellen. Sie muß 
erstens eines psychischen Normalzustandes fähig sein; in Zeiten 
der Verworrenheit oder melancholischer Depression ist auch bei 
einer Hysterie nichts auszurichten. Man darf ferner ein gewisses 
Maß natürlicher Intelligenz und ethischer Entwicklung fordern; 
bei wertlosen Personen läßt den Arzt bald das Interesse im 
Stiche, welches ihn zur Vertiefung in das Seelenleben des 
Kranken befähigt. Ausgeprägte Charakterverbildungen, Züge von 
wirklich degenerativer Konstitution äußern sich bei der Kur als 
Quelle von kaum zu überwindenden Widerständen. Insoweit setzt 
überhaupt die Konstitution eine Grenze für die Heilbarkeit durch 
Psychotherapie. Auch eine Altersstufe in der Nähe des fünften 
Dezenniums schafft ungünstige Bedingungen für die Psycho- 
analyse. Die Masse des psychischen Materials ist dann nicht 
mehr zu bewältigen, die zur Herstellung erforderliche Zeit wird 
zu lang, und die Fähigkeit, psychische Vorgänge rückgängig zu 
machen, beginnt zu erlahmen. 



io 



Zur Technik 



Trotz aller dieser Einschränkungen ist die Anzahl der für die 
Psychoanalyse geeigneten Personen eine außerordentlich große 
und die Erweiterung unseres therapeutischen Könnens durch 
dieses Verfahren nach den Behauptungen Freuds eine sehr 
beträchtliche. Freud beansprucht lange Zeiträume, ein halbes Jahr 
bis drei Jahre für eine wirksame Behandlung; er gibt aber die 
Auskunft, daß er bisher infolge verschiedener leicht zu erratender 
Umstände meist nur in die Lage gekommen ist, seine Behandlung 
an sehr schweren Fällen zu erproben, Personen mit vieljähriger 
Krankheitsdauer und völliger Leistungsunfähigkeit, die, durch alle 
Behandlungen getäuscht, gleichsam eine letzte Zuflucht bei seinem 
neuen und viel angezweifelten Verfahren gesucht haben. In 
Fällen leichterer Erkrankung dürfte sich die Behandlungsdauer 
sehr verkürzen und ein außerordentlicher Gewinn an Vorbeugung 
für die Zukunft erzielen lassen." 



ÜBER PSYCHOTHERAPIE 

Vortrag, gthalten im Wiener Mtdizmt sehen 
Doktorenkollegium am 12. Dezember tOOd: zuerst er- 
schienen in der „Wiener Medizinischen Presse 11 , lyot, 
Nr. 1, dann in der Ersten Folgt der „Sammlung 
kleiner Schriften zur Nturaienlthrt*. 

Meine Herren! Es sind ungefähr acht Jahre her, seitdem ich 
über Aufforderung Ihres betrauerten Vorsitzenden Professor von 
Red er in Ihrem Kreise über das Thema der Hysterie sprechen 
durfte. Ich hatte kurz zuvor (1895) in Gemeinschaft mit Doktor 
Josef Breuer die „Studien über Hysterie" veröffentlicht und 
den Versuch unternommen, auf Grund der neuen Erkenntnis, 
welche wir diesem Forscher verdanken, eine neuartige Behand- 
lungsweise der Neurose einzuführen. Erfreulicherweise darf ich 
sagen, haben die Bemühungen unserer „Studien" Erfolg gehabt; 
die in ihnen vertretenen Ideen von der Wirkungsweise psychischer 
Traumen durch Zurückhaltung von Affekt und die Auflassung 
der hysterischen Symptome als Erfolge einer aus dem Seelischen 
ins Körperliche versetzten Erregung, Ideen, für welche wir die 
Termini „Abreagieren" und „Konversion" geschaffen hatten, 
sind heute allgemein bekannt und verstanden. Es gibt wenigstens 
in deutschen Landen — keine Darstellung der Hysterie, die 
ihnen nicht bis zu einem gewissen Grade Rechnung tragen 
würde, und keinen Fachgenossen, der nicht zum mindesten ein 
Stück weit mit dieser Lehre ginge. Lud doch mögen diese Sitze 
und diese Termini, solange sie noch frisch waren, befremden.) 
genug geklungen haben! 



12 Zur Technik 




Ich kann nicht dasselbe von dem therapeutischen Verfahren 
sagen, das gleichzeitig mit unserer Lehre den Fachgenossen vor- 
geschlagen wurde. Dasselbe kämpft noch heute um seine Aner- 
kennung. Man mag spezielle Gründe dafür anrufen. Die Technik 
des Verfahrens war damals noch unausgebildet ; ich vermochte 
es nicht, dem ärztlichen Leser des Buches jene Anweisungen zu 
geben, welche ihn befähigt hätten, eine derartige Behandlung 
vollständig durchzuführen. Aber gewiß wirken auch Gründe allge- 
meiner Natur mit. Vielen Ärzten erscheint noch heute die Psycho- 
therapie als ein Produkt des modernen Mystizismus und im 
Vergleiche mit unseren physikalisch-chemischen Heilmitteln, 
deren Anwendung auf physiologische Einsichten gegründet ist, 
als geradezu unwissenschaftlich, des Interesses eines Natur- 
forschers unwürdig. Gestatten Sie mir nun, vor Ihnen die 
Sache der Psychotherapie zu führen und hervorzuheben, was an 
dieser Verurteilung als Unrecht oder Irrtum bezeichnet werden 
kann. 

Lassen Sie mich also fürs erste daran mahnen, daß die Psycho- 
therapie kein modernes Heilverfahren ist. Im Gegenteil, sie ist 
die älteste Therapie, deren sich die Medizin bedient hat. In dem 
lehrreichen Werke von Löwenfeld (Lehrbuch der gesamten 
Psychotherapie) können Sie nachlesen, welche die Methoden der 
primitiven und der antiken Medizin waren. Sie werden dieselben 
zum größten Teil der Psychotherapie zuordnen müssen; man ver- 
setzte die Kranken zum Zwecke der Heilung in den Zustand der 
„gläubigen Erwartung", der uns heute noch das nämliche leistet. 
Auch nachdem die Ärzte andere Heilmittel aufgefunden haben 
sind psychotherapeutische Bestrebungen der einen oder der anderen 
Art in der Medizin niemals untergegangen. 

Fürs zweite mache ich Sie darauf aufmerksam, daß wir Ärzte 
auf die Psychotherapie schon darum nicht verzichten können, weil 
eine andere, beim Heilungsvorgang sehr in Betracht kommende 
Partei — nämlich die Kranken - nicht die Absicht hat, auf sie 



Über Psychotherapie 



■ 



13 



zu verzichten. Sie wissen, welche Aufklärungen wir hierüber 
der Schule von Nancy (Li^bault, Bern heim) verdanken. Ein 
von der psychischen Disposition der Kranken abhängiger Faktor 
tritt, ohne daß wir es beabsichtigen, zur Wirkung eines jeden 
vom Arzte eingeleiteten Heilverfahrens hinzu, meist im begün- 
stigenden, oft auch im hemmenden Sinne. Wir haben für diese 
Tatsache das Wort „Suggestion" anzuwenden gelernt, und 
Moebius hat uns gelehrt, daß die Unverläßlichkeit, die wir an 
so manchen unserer Heilmethoden beklagen, gerade auf die 
störende Einwirkung dieses übermächtigen Moments zurückzu 
führen ist. Wir Arzte, Sie alle, treiben also beständig Psycho- 
therapie, auch wo Sie es nicht wissen und nicht beabsichtigen t 
nur hat es einen Nachteil, daß Sie den psychischen Faktor in 
Ihrer Einwirkung auf den Kranken so ganz dem Kranken über- 
lassen. Er wird auf diese Weise unkontrollierbar, undosierbar, der 
Steigerung unfähig. Ist es dann nicht ein berechtigtes Streben 
des Arztes, sich dieses Faktors zu bemächtigen, sich seiner mit 
Absicht zu bedienen, ihn zu lenken und zu verstärken? Nichts 
anderes als dies ist es, was die wissenschaftliche Psychotherapie 
Ihnen zumutet. 

Zu dritt, meine Herren Kollegen, will ich Sie auf die altbe- 
kannte Erfahrung verweisen, daß gewisse Leiden, und ganz 
besonders die Psychoneurosen, seelischen Einflüssen weit zugäng- 
licher sind, als jeder anderen Medikation. Es ist keine moderne 
Rede, sondern ein Ausspruch alter Ärzte, daß diese Krankheiten 
nicht das Medikament heilt, sondern der Arzt, das heißt wohl die 
Persönlichkeit des Arztes, insofern er psychischen Einfluß durch 
sie ausübt. Ich weiß wohl, meine Herren Kollegen, daß bei 
Ihnen jene Anschauung sehr beliebt ist, welcher der Ästhetiker 
Vischer in seiner Faustparodie (Faust, der Tragödie III. Teil) 
klassischen Ausdruck geliehen hat: 

„Ich weiß, das Physikalische 
Wirkt öfters aufs Moralische." 



14 



Zur Technik 



Aber sollte es nicht adäquater sein und häufiger zutreffen, daß 
man aufs Moralische eines Menschen mit moralischen, das heißt 
psychischen Mitteln einwirken kann? 

Es gibt viele Arten und "Wege der Psychotherapie. Alle sind 
gut, die zum Ziel der Heilung führen. Unsere gewöhnliche 
Tröstung: Es wird schon wieder gut werden! mit der wir den 
Kranken gegenüber so freigebig sind, entspricht einer der psycho- 
therapeutischen Methoden; nur sind wir bei tieferer Einsicht in 
das Wesen der Neurosen nicht genötigt gewesen, uns auf die 
Tröstung einzuschränken. Wir haben die Technik der hypnotischen 
Suggestion, der Psychotherapie durch Ablenkung, durch Übung, 
durch Hervorrufung zweckdienlicher Affekte entwickelt. Ich ver- 
achte keine derselben und würde sie alle unter geeigneten Bedin- 
gungen ausüben. Wenn ich mich in Wirklichkeit auf ein einziges 
Heilverfahren beschränkt habe, auf die von Breuer „kathar- 
tisch" genannte Methode, die ich lieber die „analytische" 
heiße, so sind bloß subjektive Motive für mich maßgebend 
gewesen. Infolge meines Anteiles an der Aufstellung dieser Therapie 
fühle ich die persönliche Verpflichtung, mich ihrer Erforschung 
und dem Ausbau ihrer Technik zu widmen. Ich darf behaupten, 
die analytische Methode der Psychotherapie ist diejenige, welche 
am eindringlichsten wirkt, am weitesten trägt, durch welche man 
die ausgiebigste Veränderung des Kranken erzielt. Wenn ich für 
einen Moment den therapeutischen Standpunkt verlasse, kann ich 
für sie geltend machen, daß sie die interessanteste ist, uns allein 
etwas über die Entstehung und den Zusammenhang der Krank- 
heitserscheinungen lehrt. Infolge der Einsichten in den Mecha- 
nismus des seelischen Krankseins, die sie uns eröffnet, könnte sie 
allein imstande sein, über sich selbst hinauszuführen und uns den 
Weg zu noch anderen Arten therapeutischer Beeinflussung zu weisen. 

In Bezug auf diese kathartische oder analytische Methode der 
Psychotherapie gestatten Sie mir nun, einige Irrtümer zu ver- 
bessern und einige Aufklärungen zu geben. 



^^ Über Psychotherapie X k 

a) Ich merke, daß diese Methode sehr häufig mit der hypno- 
tischen Suggestivbehandlung verwechselt wird, merke es daran, 
daß verhältnismäßig häufig auch Kollegen, deren Vertrauensmann 
ich sonst nicht bin, Kranke zu mir schicken, refraktäre Kranke 
natürlich, mit dem Auftrage, ich solle sie hypnotisieren. Nun habe 
ich seit etwa acht Jahren keine Hypnose mehr zu Zwecken der 
Therapie ausgeübt (vereinzelte Versuche ausgenommen) und pflege 
solche Sendungen mit dem Rate, wer auf die Hypnose baut, 
möge sie selbst machen, zu retournieren. In Wahrheit besteht 
zwischen der suggestiven Technik und der analytischen der größt- 
mögliche Gegensatz, jener Gegensatz, den der große Leonardo 
da Vinci für die Künste in die Formeln per via di porre und 
per via di levare gefaßt hat. Die Malerei, sagt Leonardo, 
arbeitet per via di porre; sie setzt nämlich Farbenhäufchen hin,' 
wo sie früher nicht waren, auf die nichtfarbige Leinwand; die' 
Skulptur dagegen geht per via di levare vor, sie nimmt nämlich 
vom Stein so viel weg, als die Oberfläche der in ihm enthaltenen 
Statue noch bedeckt. Ganz ähnlich, meine Herren, sucht die 
Suggestivtechnik per via di porre zu wirken, sie kümmert sich 
nicht um Herkunft, Kraft und Bedeutung der Krankheitssymptome 
sondern legt etwas auf, die Suggestion nämlich, wovon sie 
erwartet, daß es stark genug sein wird, die pathogene Idee an 
der Äußerung zu hindern. Die analytische Therapie dagegen will 
nicht auflegen, nichts Neues einführen, sondern wegnehmen, 
herausschaffen, und zu diesem Zwecke bekümmert sie sich um 
die Genese der krankhaften Symptome und den psychischen 
Zusammenhang der pathogenen Idee, deren Wegschaffung ihr Ziel 
ist. Auf diesem Wege der Forschung hat sie unserem Verständnis 
sehr bedeutende Förderung gebracht. Ich habe die Suggestionstechnik 
und mit ihr die Hypnose so frühzeitig aufgegeben, weil ich 
daran verzweifelte, die Suggestion so stark und so haltbar zu 
machen, wie es für die dauernde Heilung notwendig wäre. In 
allen schweren Fällen sah ich die darauf gelegte Suggestion 




wieder abbröckeln, und dann war das Kranksei» oder ein dasselbe 
Ersetzendes wieder da. Außerdem mache ich dieser Technik den 
Vorwurf, daß sie uns die Einsicht in das psychische Kräftespiel 
verhüllt,' z. B. uns den Widerstand nicht erkennen läßt, mit 
dem die Kranken an ihrer Krankheit festhalten, mit dem sie sich 
also auch gegen die Genesung sträuben, und der doch allein das 
Verständnis ihres Benehmens im Leben ermöglicht. 

b) Es scheint mir der Irrtum unter (1<mi Kolleg«-» weil ver- 
breitet zu sein, daß die Technik der Forschung nach den Krank- 
heitsanlässen und die Beseitigung der Erscheinungen durch diese 
Erforschung leicht und selbstverständlich sei. Ich schließe dies 
daraus, daß noch keiner von den vielen, die sich für meine 
Therapie interessieren und sichere Urteile über dieselbe von sich 
geben, mich je gefragt hat, wie ich es eigentlich mache. Das 
kann doch nur den einzigen Grund haben, daß sie meinen, es 
sei nichts zu fragen, es verstehe sich ganz von selbst. Auch höre 
ich mitunter mit Erstaunen, daß auf dieser oder jener Abteilung 
eines Spitals ein junger Arzt von seinem Chef den Auftrag 
erhalten hat, bei einer Hysterischen eine „Psychoanalyse" zu 
unternehmen. Ich bin überzeugt, man würde ihm nicht einen 
exstirpierten Tumor zur Untersuchung überlassen, ohne *"'■ 
vorher versichert zu haben, daß er mit der histologischen Technik 
vertraut ist. Ebenso erreicht mich die Nachricht, dieser oder 
jener Kollege richte sich Sprechstunden mit einem Patienten 
ein, um eine psychische Kur mit ihm zu machen, während ich 
sicher bin, daß er die Technik einer solchen Kur nicht kennt. 
Er muß also erwarten, daß ihm der Kranke seine Geheimnisse 
entgegenbringen wird, oder sucht das Heil in irgendeiner Art 
von Beichte oder Anvertrauen. Es würde mich nicht wundern, 
wenn der so behandelte Kranke dabei eher zu Schaden als zum 
Vorteil käme. Das seelische Instrument ist nämlich nicht gar 
leicht zu spielen. Ich muß bei solchen Anlässen an die Rede 
eines weltberühmten Neurotikers denken, der freilich nie m der 



. 



n 



Über Psychotherapie 



»7 



Behandlung eines Arztes gestanden, der nur in der Phantasie 
eines Dichters gelebt hat. Ich meine den Prinzen Hamlet von 
Dänemark. Der König hat die beiden Höflinge Rosenkranz und 
Güldenstem über ihn geschickt, um ihn auszuforschen, ihm das 
Geheimnis seiner Verstimmung zu entreißen. Er wehrt sie ab; 
da werden Flöten auf die Bühne gebracht. Hamlet nimmt eine 
Flöte und bittet den einen seiner Quäler, auf ihr zu spielen, es 
sei so leicht wie lügen. Der Höfling weigert sich, denn er kennt 
keinen Griff, und da er zu dem Versuch des Flötenspiels nicht 
zu bewegen ist, bricht Hamlet endlich los: „Nun seht ihr, welch 
ein nichtswürdiges Ding ihr aus mir macht? Ihr wollt auf mir 
spielen; ihr wollt in das Herz meines Geheimnisses dringen; ihr 
wollt mich von meiner tiefsten Note bis zum Gipfel meiner 
Stimme hinauf prüfen, und in diesem kleinen Instrument hier 
ist viel Musik, eine vortreffliche Stimme, dennoch könnt ihr es 
nicht zum Sprechen bringen. Wetter, denkt ihr, daß ich 
leichter zu spielen bin, als eine Flöte? Nennt mich 
was für ein Instrument ihr wollt, ihr könnt mich 
zwar verstimmen, aber nicht auf mir spielen" 
(III. Akt, 2.) 

c) Sie werden aus gewissen meiner Bemerkungen erraten 
haben, daß der analytischen Kur manche Eigenschaften anhaften, 
die sie von dem Ideal einer Therapie ferne halten. Tuto, cito, 
lucunde; das Forschen und Suchen deutet nicht eben auf Raschheit 
des Erfolges, und die Erwähnung des Widerstandes bereitet Sie 
auf die Erwartung von Unannehmlichkeiten vor. Gewiß, die 
psychoanalytische Behandlung stellt an den Kranken wie an den 
Arzt hohe Ansprüche; von ersterem verlangt sie das Opfer voller 
Aufrichtigkeit, gestaltet sich für ihn zeitraubend und daher auch 
kostspielig; für den Arzt ist sie gleichfalls zeitraubend und wegen 
der Technik, die er zu erlernen und auszuüben hat, ziemlich 
mühselig. Ich finde es auch selbst ganz berechtigt, daß man 
bequemere Heilmethoden in Anwendung bringt, so lange man 






Pftud, Technik 



L 



i8 



Zur Technik 



eben die Aussicht hat, mit diesen letzteren etwas zu erreichen. 
Auf diesen Punkt kommt es allein an; erzielt man mit dem 
mühevolleren und langwierigeren Verfahren erheblich mehr als 
mit dem kurzen und leichten, so ist das erstere trotz alledem 
gerechtfertigt. Denken Sie, meine Herren, um wieviel die 
Finsentherapie des Lupus unbequemer und kostspieliger ist als 
das früher gebräuchliche Ätzen und Schaben, und doch bedeutet 
es einen großen. Fortschritt, bloß weil es mehr leistet; es heilt 
nämlich den Lupus radikal. Nun will ich den Vergleich nicht 
gerade durchsetzen; aber ein ähnliches Vorrecht darf doch die 
psychoanalytische Methode für sich in Anspruch nehmen. In 
Wirklichkeit habe ich meine therapeutische Methode nur an 
schweren und schwersten Fällen ausarbeiten und versuchen 
können; mein Material waren zuerst nur Kranke, die alles erfolglos 
versucht und durch Jahre in Anstalten geweilt hatten. Ich habe 
kaum Erfahrung genug gesammelt, um Ihnen sagen zu können, 
wie sich meine Therapie bei jenen leichteren, episodisch auf- 
tretenden Erkrankungen verhält, die wir unter den verschieden- 
artigsten Einflüssen und auch spontan abheilen sehen. Die 
psychoanalytische Therapie ist an dauernd existenzunfähigen 
Kranken und für solche geschaffen worden, und ihr Triumph 
ist es, daß sie eine befriedigende Anzahl von solchen dauernd 
existenzfähig macht. Gegen diesen Erfolg erscheint dann aller Auf- 
wand geringfügig. Wir können uns nicht verhehlen, daß wir vor 
dem Kranken zu verleugnen pflegen, daß eine schwere Neurose in 
ihrer Bedeutung für das ihr unterworfene Individuum hinter keiner 
Kachexie, keinem der gefürchteten Allgemeinleiden zurücksteht. 
d) Die Indikationen und Gegenanzeigen dieser Behandlung sind 
infolge der vielen praktischen Beschränkungen, die meine Tätigkeit 
betroffen haben, kaum endgültig anzugeben. Indes will ich ver- 
suchen, einige Punkte mit Ihnen zu erörtern: 

1) Man übersehe nicht über die Krankheit den sonstigt n 
Wert einer Person und weise Kranke zurück, welche nicht einen 



Über Psychotherapie 



19 



gewissen Bildungsgrad und einen einigermaßen verläßlichen 
Charakter besitzen. Man darf nicht vergessen, daß es auch Gesunde 
gibt, die nichts taugen, und daß man nur allzu leicht geneigt 
ist, bei solchen minderwertigen Personen alles, was sie existenz- 
unfahig macht, auf die Krankheit zu schieben, wenn sie irgend- 
einen Anflug von Neurose zeigen. Ich stehe auf dem Standpunkt, 
daß die Neurose ihren Träger keineswegs zum degenere stempelt, 
daß sie sich aber häufig genug mit den Erscheinungen der 
Degeneration vergesellschaftet an demselben Individuum findet. 
Die analytische Psychotherapie ist nun kein Verfahren zur 
Behandlung der neuropathischen Degeneration, sie findet im Gegen- 
teil an derselben ihre Schranke. Sie ist auch bei Personen nicht 
anwendbar, die sich nicht selbst durch ihre Leiden zur Therapie 
gedrängt fühlen, sondern sich einer solchen nur infolge des 
Machtgebotes ihrer Angehörigen unterziehen. Die Eigenschaft, 
auf die es für die Brauchbarkeit zur psychoanalytischen Behandlung 
ankommt, die Erziehbarkeit, werden wir noch von einem anderen 
Gesichtspunkte würdigen müssen. 

2) Wenn man sicher gehen will, beschränke man seine Aus- 
wahl auf Personen, die einen Normalzustand haben, da man sich 
im psychoanalytischen Verfahren von diesem aus des Krankhaften 
bemächtigt. Psychosen, Zustände von Verworrenheit und tief- 
greifender (ich möchte sagen: toxischer) Verstimmung sind also 
für die Psychoanalyse, wenigstens wie sie bis jetzt ausgeübt wird, 
ungeeignet. Ich halte es für durchaus nicht ausgeschlossen, daß 
man bei geeigneter Abänderung des Verfahrens sich über diese 
Gegenindikation hinaussetzen und so eine Psychotherapie der 
Psychosen in Angriff nehmen könne. 

3) Das Alter der Kranken spielt bei der Auswahl zur psycho- 
analytischen Behandlung insofern eine Rolle, als bei Personen 
nahe an oder über fünfzig Jahre einerseits die Plastizität der 
seelischen Vorgänge zu fehlen pflegt, auf welche die Therapie 
rechnet — alte Leute sind nicht mehr erziehbar — und als 



a* 



20 Zur Technik 



anderseits das Material, welches durchzuarbeiten ist, die 
Behandlungsdauer ins Unabsehbare verlängert. Die Altersgrenze 
nach unten ist nur individuell zu bestimmen; jugendliche 
Personen noch vor der Pubertät sind oft ausgezeichnet zu 
beeinflussen. 

4) Man wird nicht zur Psychoanalyse greifen, wenn es sich 
um die rasche Beseitigung drohender Erscheinungen handelt, 
also zum Beispiel bei einer hysterischen Anorexie. 

Sie werden nun den Eindruck gewonnen haben, daß das 
Anwendungsgebiet der analytischen • Psychotherapie ein sehr 
beschränktes ist, da Sie eigentlich nichts anderes als Gegen- 
anzeigen von mir gehört haben. Nichtsdestoweniger bleiben Fälle 
und Krankheitsformen genug übrig, an denen diese Therapie 
sich erproben kann, alle chronischen Formen von Hysterie mit 
Resterscheinungen, das große Gebiet der Zwangszustände und 
Abulien und dergleichen. 

Erfreulich ist es, daß man gerade den wertvollsten und sonst 
höchstentwickelten Personen auf solche Weise am ehesten Hilfe 
bringen kann. Wo aber mit der analytischen Psychotherapie nur 
wenig auszurichten war, da, darf man getrost behaupten, hätte 
irgendwelche andere Behandlung sicherlich gar nichts zustande 
gebracht. 

e) Sie werden mich gewiß fragen wollen, wie es bei 
Anwendung der Psychoanalyse mit der Möglichkeit, Schaden zu 
stiften, bestellt ist. Ich kann Ihnen darauf erwidern, wenn Sie 
nur billig urteilen wollen, diesem Verfahren dasselbe kritische 
Wohlwollen entgegenbringen, das Sie für unsere anderen thera- 
peutischen Methoden bereit haben, so werden Sie meiner Meinung 
zustimmen müssen, daß bei einer mit Verständnis geleiteten 
analytischen Kur ein Schaden für den Kranken nicht zu 
befürchten ist. Anders wird vielleicht urteilen, wer als Laie gewohnt 
ist, alles, was sich in einem Krankheitsfalle begibt, der Behandlung 
zur Last zu legen. Es ist ja nicht lange her, daß unseren 



Über Psychotherapie 



21 



Wasserheilanstalten ein ähnliches Vorurteil entgegenstand. So 
mancher, dem man riet, eine solche Anstalt aufzusuchen, wurde 
bedenklich, weil er einen Bekannten gehabt hatte, der als Ner- 
vöser in die Anstalt kam und dort verrückt wurde. Es handelte 
sich, wie Sie erraten, um Fälle von beginnender allgemeiner 
Paralyse, die man im Anfangsstadium noch in einer Wasserheil- 
anstalt unterbringen konnte, und die dort ihren unaufhaltsamen 
Verlauf bis zur manifesten Geistesstörung genommen hatten; für 
die Laien war das Wasser Schuld und Urheber dieser traurigen 
Veränderung. Wo es sich um neuartige Beeinflussungen handelt, 
halten sich auch Ärzte nicht immer von solchen Urteilsfehlern 
frei. Ich erinnere mich, einmal bei einer Frau den Versuch mit 
Psychotherapie gemacht zu haben, bei der ein gutes Stück ihrer 
Existenz in der Abwechslung von Manie und Melancholie ver- 
flossen war. Ich übernahm sie zu Ende einer Melancholie- es 
schien zwei Wochen lang gut zu gehen; in der dritten standen 
wir bereits zu Beginn der neuen Manie. Es war dies sicherlich 
eine spontane Veränderung des Krankheitsbildes, denn zwei 
Wochen sind keine Zeit, in welcher die analytische Psycho- 
therapie irgend etwas zu leisten unternehmen kann, aber der 
hervorragende — jetzt schon verstorbene — Arzt, der mit mir 
die Kranke zu sehen bekam, konnte sich doch nicht der Bemerkung 
enthalten, daß an dieser „Verschlechterung" die Psychotherapie 
schuld sein dürfte. Ich bin ganz überzeugt, daß er sich unter 
anderen Bedingungen kritischer erwiesen hätte. 

f) Zum Schlüsse, meine Herren Kollegen, muß ich mir sagen, 
es geht doch nicht an, Ihre Aufmerksamkeit so lange zugunsten 
der analytischen Psychotherapie in Anspruch zu nehmen, ohne 
Ihnen zu sagen, worin diese Behandlung besteht und worauf sie 
sich gründet. Ich kann es zwar, da ich kurz sein muß, nur mit 
einer Andeutung tun. Diese Therapie ist also auf die Einsicht 
gegründet, daß unbewußte Vorstellungen - besser: die Unbe- 
wußtheit gewisser seelischer Vorgänge — die nächste Ursache 



22 



Zur Technik 



der krankhaften Symptome ist. Eine solche Überzeugung ver- 
treten wir gemeinsam mit der französischen Schule (Jan et), die 
übrigens in arger Schematisierung das hysterische Symptom auf 
die unbewußte ide'e fixe zurückführt. Fürchten Sie nun nicht, 
daß wir dabei zu tief in die dunkelste Philosophie hineingeraten 
werden. Unser Unbewußtes ist nicht ganz dasselbe wie das der 
Philosophen, und überdies wollen die meisten Philosophen vom 
„unbewußten Psychischen" nichts wissen. Stellen Sie sich aber 
auf unseren Standpunkt, so werden Sie einsehen, daß die Über- 
setzung dieses Unbewußten im Seelenleben der Kranken in ein 
Bewußtes den Erfolg haben muß, deren Abweichung vom Nor- 
malen zu korrigieren und den Zwang aufzuheben, unter dem ihr 
Seelenleben steht. Denn der bewußte Wille reicht so weit als 
die bewußten psychischen Vorgänge, und jeder psychische Zwang 
ist durch das Unbewußte begründet. Sie brauchen auch niemals 
zu fürchten, daß der Kranke unter der Erschütterung Schaden 
nehme, welche der Eintritt des Unbewußten in sein Bewußtsein 
mit sich bringt, denn Sie können es sich theoretisch zurecht- 
legen, daß die somatische und affektive Wirkung der bewußt 
gewordenen Regung niemals so groß werden kann wie die der 
unbewußten. Wir beherrschen alle unsere Regungen doch nur 
dadurch, daß wir unsere höchsten, mit Bewußtsein verbundenen 
Seelenleistungen auf sie wenden. 

Sie können aber auch einen anderen Gesichtspunkt für das 
Verständnis der psychoanalytischen Behandlung wählen. Die Auf- 
deckung und Übersetzung des Unbewußten geht unter beständigem 
Widerstand von sehen der Kranken vor sich. Das Auftauchen 
dieses Unbewußten ist mit Unlust verbunden, und wegen dieser 
Unlust wird es von ihm immer wieder zurückgewiesen. In diesen 
Konflikt im Seelenleben des Kranken greifen Sie nun ein; gelingt 
es Ihnen, den Kranken dazu zu bringen, daß er aus Motiven 
besserer Einsicht etwas akzeptiert, was er zufolge der automati- 
schen Unlustregulierung bisher zurückgewiesen (verdrängt) hat, 



Über Psychotherapie 23 



so haben Sie ein Stück Erziehungsarbeit an ihm geleistet. Es ist 
ja schon Erziehung, wenn Sie einen Menschen, der nicht gern 
früh morgens das Bett verläßt, dazu bewegen, es doch zu tun. 
Als eine solche Nacherziehung zur Überwindung 
innerer Widerstände können Sie nun die psychoanalytische 
Behandlung ganz allgemein auffassen. In keinem Punkte aber ist 
solche Nacherziehung bei den Nervösen mehr vonnöten als 
betreffs des seelischen Elements in ihrem Sexualleben. Nirgends 
haben ja Kultur und Erziehung so großen Schaden gestiftet wie 
gerade hier, und hier sind auch, wie Ihnen die Erfahrung zeigen 
wird, die beherrschbaren Ätiologien der Neurosen zu finden- das 
andere ätiologische Element, der konstitutionelle Beitrag, ist uns 
ja als etwas Unabänderliches gegeben. Hieraus erwächst aber eine 
wichtige, an den Arzt zu stellende Anforderung. Er muß nicht 
nur selbst ein integrer Charakter sein — „das Moralische ver- 
steht sich ja von selbst", wie die Hauptperson in Th. Vischers 
„Auch Einer" zu sagen pflegt ; — er muß auch für seine eigene 
Person die Mischung von Lüsternheit und Prüderie überwunden 
haben, mit welcher leider so viele andere den sexuellen Pro- 
blemen entgegenzutreten gewohnt sind. 

Hier ist vielleicht der Platz für eine weitere Bemerkung. Ich 
weiß, daß meine Betonung der Rolle des Sexuellen für die Ent- 
stehung der Psychoneurosen in weiteren Kreisen bekannt geworden 
ist. Ich weiß aber auch, daß Einschränkungen und nähere 
Bestimmungen beim großen Publikum wenig nützen; die Menge 
hat für wenig Raum in ihrem Gedächtnis und behält von einer 
Behauptung doch nur den rohen Kern, schafft sich ein leicht zu 
merkendes Extrem. Es mag auch manchen Ärzten so ergangen 
sein, daß ihnen als Inhalt meiner Lehre vorschwebt, ich führe 
die Neurosen in letzter Linie auf sexuelle Entbehrung zurück. 
An dieser fehlt es nicht unter den Lebensbedingungen unserer 
Gesellschaft. Wie nahe mag es nun bei solcher Voraussetzung 
liegen, den mühseligen Umweg über die psychische Kur zu ver- 



2 4 



Zur Technik 



meiden und direkt die Heilung- anzustreben, indem man die 
sexuelle Betätigung als Heilmittel empfiehlt! Ich weiß nun nicht, 
was mich bewegen könnte, diese Folgerung zu unterdrücken, 
wenn sie berechtigt wäre. Die Sache liegt aber anders. Die 
sexuelle Bedürftigkeit und Entbehrung, das ist bloß der eine 
Faktor, der beim Mechanismus der Neurose ins Spiel tritt; 
bestünde er allein, so würde nicht Krankheit, sondern Aus- 
schweifung die Folge sein. Der andere, ebenso unerläßliche Faktor, 
an den man allzu bereitwillig vergißt, ist die Sexualabneigung 
der Neurotiker, ihre Unfähigkeit zum Lieben, jener psychische 
Zug, den ich „Verdrängung" genannt habe. Erst aus dem Konflikt 
zwischen beiden Strebungen geht die neurotische Erkrankung 
hervor und darum kann der Rat der sexuellen Betätigung bei 
den Psychoneurosen eigentlich nur selten als guter Rat 
bezeichnet werden. 

Lassen Sie mich mit dieser abwehrenden Bemerkung schließen. 
Wir wollen hoffen, daß Ihr von jedem feindseligen Vorurteil 
gereinigtes Interesse für die Psychotherapie uns darin unterstützen 
wird, auch in der Behandlung der schweren Fälle von Psycho- 
neurosen Erfreuliches zu leisten. 



DIE ZUKÜNFTIGEN CHANCEN DER PSYCHO- 
ANALYTISCHEN THERAPIE 

Vortrag, gehalten auf dem zweiten privaten 
Psychoanalytischen Kongreß zu Nürnberg, i 9 io; 
zuerst erschienen im „Zentralblatt für Psycho- 
ana!yse u , I (l 9 io), dann in der Dritten Folge der 
„Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre". 

Meine Herren! Da uns heute vorwiegend praktische Ziele 
zusammengeführt haben, werde auch ich ein praktisches Thema 
zum Gegenstand meines einführenden Vortrages wählen, nicht 
Ihr wissenschaftliches, sondern Ihr ärztliches Interesse anrufen. 
Ich halte mir vor, wie Sie wohl die Erfolge unserer Therapie 
beurteilen, und nehme an, daß die meisten von Ihnen die beiden 
Phasen der Anfängerschaft bereits durchgemacht haben, die des 
Entzückens über die ungeahnte Steigerung unserer therapeutischen 
Leistung und die der Depression über die Größe der Schwierig- 
keiten, die unseren Bemühungen im Wege stehen. Aber an welcher 
Stelle dieses Entwicklungsganges sich die einzelnen von Ihnen 
auch befinden mögen, ich habe heute vor, Ihnen zu zeigen, daß 
wir mit unseren Hilfsmitteln zur Bekämpfung der Neurosen 
keineswegs zu Ende sind, und daß wir von der näheren Zukunft 
noch eine erhebliche Besserung unserer therapeutischen Chancen 
erwarten dürfen. 

Von drei Seiten her, meine ich, wird uns die Verstärkung kommen : 

1) durch inneren Fortschritt, 

2) durch Zuwachs an Autorität, 

3) durch die Allgemeinwirkung unserer Arbeit. 



26 



Z,ur Technik 



Ad i) Unter „innerem Fortschritt" verstehe ich den 
Fortschritt a) in unserem analytischen Wissen, b) in unserer 
Technik. 

a) Zum Fortschritt unseres Wissens: Wir wissen natürlich 
lange noch nicht alles, was wir zum Verständnis des Unbewußten 
bei unseren Kranken brauchen. Nun ist es klar, daß jeder Fort- 
schritt unseres Wissens einen Machtzuwachs für unsere Therapie 
bedeutet. Solange wir nichts verstanden haben, haben wir auch 
nichts ausgerichtet; je mehr wir verstehen lernen, desto mehr 
werden wir leisten. In ihren Anfängen war die psychoanalytische 
Kur unerbittlich und erschöpfend. Der Patient mußte alles selbst 
sagen und die Tätigkeit des Arztes bestand darin, ihn unaus- 
gesetzt zu drängen. Heute sieht es freundlicher aus. Die Kur 
besteht aus zwei Stücken, aus dem, war der Arzt errät und dem 
Kranken sagt, und aus der Verarbeitung dessen, was er gehört 
hat, von seiten des Kranken. Der Mechanismus unserer Hilfe- 
leistung ist ja leicht zu verstehen; wir geben dem Kranken die 
bewußte Er wartungs Vorstellung, nach deren Ähnlichkeit er die 
verdrängte unbewußte bei sich auffindet. Das ist die intellektuelle 
Hilfe, die ihm die Überwindung der Widerstände zwischen 
Bewußtem und Unbewußtem erleichtert. Ich bemerke Ihnen 
nebenbei, es ist nicht der einzige Mechanismus, der in der 
analytischen Kur verwendet wird; Sie kennen ja alle den wii 
kräftigeren, der in der Verwendung der „Übertragung" liegt, leb 
werde mich bemühen, alle diese für das Verständnis der Kur 
wichtigen Verhältnisse demnächst in einer „Allgemeinen Methodik 
der Psychoanalyse" zu behandeln. Auch brauche ich bei Ihnen 
den Einwand nicht zurückzuweisen, daß in der heutigen Praxis 
der Kur die Beweiskraft für die Richtigkeit unserer Voraus- 
setzungen verdunkelt wird; Sie vergessen nicht, daß dies« 
Beweise anderswo zu finden sind, und daß ein therapeutischer 
Eingriff nicht so geführt werden kann wie eine theoretische 
Untersuchung. 



Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie 27 

Lassen Sie mich nun einige Gebiete streifen, auf denen wir 
Neues zu lernen haben und wirklich täglich Neues erfahren. Da 
ist vor allem das der Symbolik im Traum und im Unbewußten. 
Ein hart bestrittenes Thema, wie Sie wissen! Es ist kein geringes 
Verdienst unseres Kollegen W. St ekel, daß er unbekümmert 
um den Einspruch all der Gegner sich in das Studium der 
Traumsymbole begeben hat. Da ist wirklich noch viel zu lernen; 
meine 1899 niedergeschriebene „Traumdeutung" erwartet vom 
Studium der Symbolik wichtige Ergänzungen. 

Über eines dieser neuerkannten Symbole möchte ich Ihnen 
einige Worte sagen: Vor einiger Zeit wurde es mir bekannt 
daß ein uns ferner stehender Psychologe sich an einen von uns 
mit der Bemerkung gewendet, wir überschätzten doch gewiß die 
geheime sexuelle Bedeutung der Träume. Sein häufigster Traum 
sei, eine Stiege hinaufzusteigen, und da sei doch gewiß nichts 
Sexuelles dahinter. Durch diesen Einwand aufmerksam gemacht, 
haben wir dem Vorkommen von Stiegen, Treppen, Leitern im 
Traume Aufmerksamkeit geschenkt und konnten bald feststellen, 
daß die Stiege (und was ihr analog ist) ein sicheres Koitussymbol 
darstellt. Die Grundlage der Vergleichung ist nicht schwer auf- 
zufinden; in rhythmischen Absätzen, unter zunehmender Atem- 
not kommt man auf eine Höhe und kann dann in ein paar 
raschen Sprüngen wieder unten sein. So findet sich der Rhythmus 
des Koitus im Stiegensteigen wieder. Vergessen wir nicht den 
Sprachgebrauch heranzuziehen. Er zeigt uns, daß das „Steigen" 
ohne weiteres als Ersatzbezeichnung der sexuellen Aktion 
gebraucht wird. Man pflegt zu sagen, der Mann ist ein „Steiger", 
„nachsteigen". Im Französischen heißt die Stufe der Treppe: 
la marchei „un vieux iriarcheur" deckt sich ganz mit unserem 
„ein alter Steiger". Das Traummaterial, aus dem diese neu 
erkannten Symbole stammen, wird Ihnen seinerzeit von dem 
Komitee zur Sammelforschung über Symbolik, welches wir ein- 
setzen sollen, vorgelegt werden. Über ein anderes interessantes 



28 



Z,ur Technik 



Symbol, das des „Rettens" und dessen Bedeutungswandel, werden 
Sie im zweiten Band unseres Jahrbuches Angaben finden. Aber 
ich muß hier abbrechen, sonst komme ich nicht zu den anderen 
Punkten. 

Jeder einzelne von Ihnen wird sich aus seiner Erfahrung über- 
zeugen, wie ganz anders er einem neuen Falle gegenübersteht, 
wenn er erst das Gefüge einiger typischer Krankheitsfalle durch- 
schaut hat. Nehmen Sie nun an, daß wir das Gesetzmäßige im 
Aufbau der verschiedenen Formen von Neurosen in ähnlicher 
Weise in knappe Formeln gebannt hätten, wie es uns bis jetzt 
für die hysterische Symptombildung gelungen ist, wie gesichert 
würde dadurch unser prognostisches Urteil. Ja, wie der Geburts- 
helfer durch die Inspektion der Placenta erfährt, ob sie vollständig 
ausgestoßen wurde, oder ob noch schädliche Reste zurückgeblieben 
sind, so würden wir unabhängig vom Erfolg und jeweiligen 
Befinden des Kranken sagen können, ob uns die Arbeit endgültig 
gelungen ist, oder ob wir auf Rückfälle und neuerliche 
Erkrankung gefaßt sein müssen. 

b) Ich eile zu den Neuerungen auf dem Gebiete der Technik, 
wo wirklich das meiste noch seiner definitiven Feststellung harrt, 
und vieles eben jetzt klar zu werden beginnt. Die psycho- 
analytische Technik setzt sich jetzt zweierlei Ziele, dem Arzt 
Mühe zu ersparen und dem Kranken den uneingeschränktesten 
Zugang zu seinem Unbewußten zu eröffnen. Sie wissen, in unserer 
Technik hat eine prinzipielle Wandlung stattgefunder). Zur Zeit 
der kathartischen Kur setzten wir uns die Aufklärung der Sym- 
ptome zum Ziel, dann wandten wir uns von den Symptomen 
ab und setzten die Aufdeckung der „Komplexe" — nach dem 
unentbehrlich gewordenen Wort von Jung — als Ziel an die 
Stelle; jetzt richten wir aber die Arbeit direkt auf die Auffindung 
und Überwindung der „Widerstände" und vertrauen mit Recht 
darauf, daß die Komplexe sich mühelos ergeben werden, sowie 
die Widerstände erkannt und beseitigt sind. Bei manchem von 



Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie 2g 

Ihnen hat sich seither das Bedürfnis gezeigt, diese Widerstände 
übersehen und klassifizieren zu können. Ich bitte Sie nun, an 
Ihrem Material nachzuprüfen, ob Sie folgende Zusammenfassung 
bestätigen können: Bei männlichen Patienten scheinen die bedeut- 
samsten Kurwiderstände vom Vaterkomplex auszugehen und sich 
in Furcht vor dem Vater, Trotz gegen den Vater und Unglauben 
gegen den Vater aufzulösen. 

Andere Neuerungen der Technik betreffen die Person des 
Arztes selbst. Wir sind auf die „Gegenübertragung" aufmerksam 
geworden, die sich beim Arzt durch den Einfluß des Patienten 
auf das unbewußte Fühlen des Arztes einstellt, und sind nicht 
weit davon, die Forderung zu erheben, daß der Arzt diese Gegen- 
übertragung in sich erkennen und bewältigen müsse. Wir haben 
seitdem eine größere Anzahl von Personen die Psychoanalyse 
üben und ihre Erfahrungen untereinander austauschen, bemerkt, 
daß jeder Psychoanalytiker nur so weit kommt, als seine eigenen 
Komplexe und inneren Widerstände es gestatten, und verlangen 
daher, daß er seine Tätigkeit mit einer Selbstanalyse beginne, und 
diese, während er seine Erfahrungen an Kranken macht, fort- 
laufend vertiefe. Wer in einer solchen Selbstanalyse nichts zustande 
bringt, mag sich die Fähigkeit, Kranke analytisch zu behandeln, 
ohne weiteres absprechen. 

Wir nähern uns jetzt auch der Einsicht, daß die analytische 
Technik je nach der Krankheitsform und je nach den beim 
Patienten vorherrschenden Trieben gewisse Modifikationen erfahr, n 
muß. > on der Therapie der Konversionshysterie sind wir ja aus-, 
gegangen ; bei der Angsthysterie (den Phobien) müssen wir unser 
Vorgehen etwas ändern. Diese Kranken können nämlich das für 
die Auflösung der Phobie entscheidende Material nicht bringen, 
solange sie sich durch die Einhaltung der phobischen Bedingung 
geschützt fühlen. Daß sie von Anfang der Kur an auf dir« 
Schutzvorrichtung verzichten und unter den Bedingungen der 
Angst arbeiten, erreicht man natürlich nicht. Man muß ihnen 



Zur Technik 



also so lange Hilfe durch Übersetzung ihres Unbewußten zuführen, 
bis sie sich entschließen können, auf den Schutz der Phobie zu 
verzichten und sich einer nun sehr gemäßigten Angst aussetzen. 
Haben sie das getan, so wird jetzt erst das Material zugänglich, 
dessen Beherrschung zur Lösung der Phobie führt. Andere 
Modifikationen der Technik, die mir noch nicht spruchreif 
scheinen, werden in der Behandlung der Zwangsneurosen erfor- 
derlich sein. Ganz bedeutsame, noch nicht geklärte Fragen tauchen 
in diesem Zusammenhange auf, inwieweit den bekämpften Trieben 
des Kranken ein Stück Befriedigung während der Kur zu gestatten 
ist, und welchen Unterschied es dabei macht, ob diese Triebe 
aktiver (sadistischer) oder passiver (masochistischer) Natur sind. 
Ich hoffe, Sie werden den Eindruck erhalten haben, daß, wenn 
wir all das wüßten, was uns jetzt erst ahnt, und alle Verbesserungen 
der Technik durchgeführt haben werden, zu denen uns die 
vertiefte Erfahrung an unseren Kranken führen muß, daß unser 
ärztliches Handeln dann eine Präzision und Erfolgsicherheit 
erreichen wird, die nicht auf allen ärztlichen Spezialgebieten 
vorhanden sind. 

Ad 2) Ich sagte, wir hätten viel zu erwarten durch den Zuwachs 
an Autorität, der uns im Laufe der Zeit zufallen muß. Über die 
Bedeutung der Autorität brauche ich Ihnen nicht viel zu sagen. 
Die wenigsten Kulturmenschen sind fähig, ohne Anlehnung an 
andere zu existieren oder auch nur ein selbständiges Urteil zu 
fällen. Die Autoritätssucht und innere Haltlosigkeit der Menschen 
können Sie sich nicht arg genug vorstellen. Die außerordentliche 
Vermehrung der Neurosen seit der Entkräftung der Religionen 
mao- Ihnen einen Maßstab dafür geben. Die Verarmung des Ichs 
durch den großen Verdrängungsaufwand, den die Kultur von 
jedem Individuum fordert, mag eine der hauptsächlichsten Ursachen 
dieses Zustandes sein. 

Diese Autorität und die enorme von ihr ausgehende Suggestioi 
war bisher gegen uns. Alle unsere therapeutischen Erfolge si n < 



Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie 



3i 



gegen diese Suggestion erzielt worden ; es ist zu verwundern, daß 
unter solchen Verhältnissen überhaupt Erfolge zu gewinnen 
waren. Ich will mich nicht so weit gehen lassen, Ihnen die 
Annehmlichkeiten jener Zeiten, da ich allein die Psychoanalyse 
vertrat, zu schildern. Ich weiß, die Kranken, denen ich die Ver- 
sicherung gab, ich wüßte ihnen dauernde Abhilfe ihrer Leiden 
zu bringen, sahen sich in meiner bescheidenen Umgebung um, 
dachten an meinen geringen Ruf und Titel und betrachteten 
mich wie etwa einen Besitzer eines unfehlbaren Gewinnsystems 
an dem Orte einer Spielbank, gegen den man einwendet, wenn 
der Mensch das kann, so muß er selbst anders aussehen. Es war 
auch wirklich nicht bequem, psychische Operationen auszuführen, 
während der Kollege, der die Pflicht der Assistenz gehabt hätte, 
sich ein besonderes Vergnügen daraus machte, ins Operationsfeld 
zu spucken, und die Angehörigen den Operateur bedrohten, sobald 
es Blut oder unruhige Bewegungen bei dem Kranken gab. Eine 
Operation darf doch Reaktionserscheinungen machen- in der 
Chirurgie sind wir längst daran gewöhnt. Man glaubte mir ein- 
fach nicht, wie man heute noch uns allen wenig glaubt; unter 
solchen Bedingungen mußte mancher Eingriff mißlingen. Um die 
Vermehrung unserer therapeutischen Chancen zu ermessen, wenn 
sich das allgemeine Vertrauen uns zuwendet, denken Sie an die 
Stellung des Frauenarztes in der Türkei und im Abendlande. 
Alles, was dort der Frauenarzt tun darf, ist, an dem Arm, der 
ihm durch ein Loch in der Wand entgegengestreckt wird, den 
Puls zu fühlen. Einer solchen Unzugänglichkeit des Objektes ent- 
spricht auch die ärztliche Leistung; unsere Gegner im Abend- 
lande wollen uns eine ungefähr ähnliche Verfügung über das 
Seelische unserer Kranken gestatten. Seitdem aber die Suggestion 
der Gesellschaft die kranke Frau zum Gynäkologen drängt, ist 
dieser der Helfer und Retter der Frau geworden. Sagen Sie nun 
nicht, wenn uns die Autorität der Gesellschaft zu Hilfe kommt 
und unsere Erfolge so sehr steigert, so wird dies nichts für die 



» t. ;^r ' ■ ' 



Zur Technik 



5* 

Richtigkeit unserer Voraussetzungen beweisen. Die Suggestion 
kann angeblich alles und unsere Erfolge werden dann Erfolge 
der Suggestion sein und nicht der Psychoanalyse. Die Suggestion 
der Gesellschaft kommt doch jetzt den Wasser-, Diät- und 
elektrischen Kuren bei Nervösen entgegen, ohne daß es diesen 
Maßnahmen gelingt, die Neurosen zu bezwingen. Es wird sich 
zeigen, ob die psychoanalytischen Behandlungen mehr zu leisten 

vermögen. 

Nun muß ich aber Ihre Erwartungen allerdings wieder dampten. 
Die Gesellschaft wird sich nicht beeilen, uns Autorität einzu- 
räumen. Sie muß sich im Widerstände gegen uns befinden, denn 
wir verhalten uns kritisch gegen sie; wir weisen ihr nach, daß 
sie an der Verursachung der Neurosen selbst einen großen Anteil 
hat. Wie wir den einzelnen durch die Aufdeckung des in ihm 
Verdrängten ZU unserem Feinde machen, so kann auch die 
Gesellschaft die rücksichtslose Bloßlegung ihrer Schäden und 
Unzulänglichkeiten nicht mit sympathischem Entgegenkommen 
beantworten; weil wir Illusionen zerstören, wirft man uns vor, 
daß wir die Ideale in Gefahr bringen. So scheint es also, daß 
die Bedingung, von der ich eine so große Förderung unserer 
therapeutischen Chancen erwarte, niemals eintreten wird. Und 
doch ist die Situation nicht so trostlos, wie man jetzt meinen 
sollte. So mächtig auch die Affekte und die Interessen der 
Menschen sein mögen, das Intellektuelle ist doch auch eine 
Macht. Nicht gerade diejenige, welche sich zuerst Geltung ver- 
schafft, aber um so sicherer am Ende. Die einschneidendsten 
Wahrheiten werden endlich gehört und anerkannt, nachdem die 
durch sie verletzten Interessen und die durch sie geweckten 
Affekte sich ausgetobt haben. Es ist bisher noch immer so 
gegangen, und die unerwünschten Wahrheiten, die wir Psycho- 
analytiker der Welt zu sagen haben, werden dasselbe Schicksal 
finden. Nur wird es nicht sehr rasch geschehen; wir müssen 
warten können. 



Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie 



35 



Ad }) Endlich muß ich Ihnen erklären, was ich unter der 

„Allgemein Wirkung" unserer Arbeit verstehe, und wie ich dazu 

komme, Hoffnungen auf diese zu setzen. Es liegt da eine sehr 

merkwürdige therapeutische Konstellation vor, die sich in gleicher 

Weise vielleicht nirgendwo wiederfindet, die Ihnen auch zunächst 

befremdlich erscheinen wird, bis Sie etwas längst Vertrautes in 

ihr erkennen werden. Sie wissen doch, die Psychoneurosen sind 

entstellte Ersatzbefriedigungen von Trieben, deren Existenz man 

vor sich selbst und vor den anderen verleugnen muß. Ihre 

Existenzfähigkeit ruht auf dieser Entstellung und Verkennung. 

Mit der Lösung des Rätsels, das sie bieten, und der Annahme 

dieser Lösung durch die Kranken werden diese Krankheitszustände 

existenzunfähig. Es gibt kaum etwas Ähnliches in der Medizin- 

in den Märchen hören Sie von bösen Geistern, deren Macht 

gebrochen ist, sobald man ihnen ihren geheimgehaltenen Namen 

sagen kann. i 

Nun setzen Sie an die Stelle des einzelnen Kranken die ganze 
an den Neurosen krankende, aus kranken und gesunden Personen 
bestehende Gesellschaft, an Stelle der Annahme der Lösung dort 
die allgemeine Anerkennung hier, so wird Ihnen eine kurze 
Überlegung zeigen, daß diese Ersetzung am Ergebnis nichts zu 
ändern vermag. Der Erfolg, den die Therapie beim einzelnen 
haben kann, muß auch bei der Masse eintreten. Die Kranken 
können ihre verschiedenen Neurosen, ihre ängstliche Über- 
zärtlichkeit, die den Haß verbergen soll, ihre Agoraphobie, die 
von ihrem enttäuschten Ehrgeiz erzählt, ihre Zwangshandlungen, 
die Vorwürfe wegen und Sicherungen gegen böse Vorsätze dar- 
stellen, nicht bekannt werden lassen, wenn allen Angehörigen 
und Fremden, vor denen sie ihre Seelenvorgänge verbergen 
wollen, der allgemeine Sinn der Symptome bekannt ist, und wenn 
sie selbst wissen, daß sie in den Krankheitserscheinungen nichts 
produzieren, was die anderen nicht sofort zu deuten verstehen. 
Die Wirkung wird sich aber nicht auf das — übrigens häufig 



Krcud. Technik. 



-• 1 — •"■ 



am 



54 



Zur Technik 



undurchführbare — Verbergen der Symptome beschränken; denn 
durch dieses Verbergenmüssen wird das Kranksein unverwendbar. 
Die Mitteilung des Geheimnisses hat die „ätiologische Gleichung", 
aus welcher die Neurosen hervorgehen, an ihrem heikelsten 
Punkte angegriffen, sie hat den Krankheitsgewinn illusorisch 
gemacht, und darum kann nichts anderes als die Einstellung der 
Krankheitsproduktion die endliche Folge der durch die Indiskretion 
des Arztes veränderten Sachlage sein. 

Erscheint Ihnen diese Hoffnung utopisch, so lassen Sie sich 
daran erinnern, daß Beseitigung neurotischer Phänomene auf 
diesem Wege wirklich bereits vorgekommen ist, wenngleich in 
ganz vereinzelten Fällen. Denken Sie daran, wie häufig in früheren 
Zeiten die Halluzination der heiligen Jungfrau bei Bauernmädchen 
war. Solange eine solche Erscheinung einen großen Zulauf von 
Gläubigen, etwa noch die Erbauung einer Kapelle am Gnadenorte 
zur Folge hatte, war der visionäre Zustand dieser Mädchen einer 
Beeinflussung unzugänglich. Heute hat selbst die Geistlichkeit 
ihre Stellung zu diesen Erscheinungen verändert; sie gestattet, 
daß der Gendarm und der Arzt die Visionärin besuchen, und 
seitdem erscheint die Jungfrau nur sehr selten. Oder gestatten 
Sie, daß ich dieselben Vorgänge, die ich vorhin in die Zukunft 
verlegt habe, an einer analogen, aber erniedrigten und darum 
leichter übersehbaren Situation mit Ihnen studiere. Nehmen 
Sie an, ein aus Herren und Damen der guten Gesellschaft 
bestehender Kreis habe einen Tagesausflug nach einem im Grünen 
gelegenen Wirtshause verabredet. Die Damen haben miteinander 
ausgemacht, wenn eine von ihnen ein natürliches Bedürfnis 
befriedigen wolle, so werde sie laut sagen : sie gehe jetzt Blumen 
pflücken; ein Boshafter sei aber hinter dieses Geheimnis gekommen 
und habe auf das gedruckte und an die Teilnehmer verschickte 
Programm setzen lassen : Wenn die Damen auf die Seite gehen 
wollen, mögen sie sagen, sie gehen Blumen pflücken. Natürlich 
wird keine der Damen mehr sich dieser Verblümung bedienen 



Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie 55 



wollen, und ebenso erschwert werden ähnliche neu verabredete 
Formeln sein. Was wird die Folge sein? Die Damen werden 
sich ohne Scheu zu ihren natürlichen Bedürfnissen bekennen und 
keiner der Herren wird daran Anstoß nehmen. Kehren wir zu 
unserem ernsthafteren Falle zurück. So und so viele Menschen 
haben sich in Lebenskonflikten, deren Lösung ihnen allzu schwierig 
wurde, in die Neurose geflüchtet und dabei einen unverkenn- 
baren, wenn auch auf die Dauer allzu kostspieligen Krankheits- 
gewinn erzielt. Was werden diese Menschen tun müssen, wenn 
ihnen die Flucht in die Krankheit durch die indiskreten Auf- 
klärungen der Ps}-choanalyse versperrt wird? Sie werden ehrlich 
sein müssen, sich zu den in ihnen rege gewordenen Trieben 
bekennen, im Konflikt standhalten, werden kämpfen oder ver- 
zichten, und die Toleranz der Gesellschaft, die sich im Gefolge 
der psychoanalytischen Aufklärung unabwendbar einstellt, wird 
ihnen zu Hilfe kommen. 

Erinnern wir uns aber, daß man dem Leben nicht als fana- 
tischer Hygieniker oder Therapeut entgegentreten darf. Gestehen 
wir uns ein, daß diese ideale Verhütung der neurotischen Erkrankungen 
nicht allen einzelnen zum Vorteil gereichen wird. Eine gute 
Anzahl derer, die sich heute in die Krankheit flüchten, würde 
unter den von uns angenommenen Bedingungen den Konflikt 
nicht bestehen, sondern rasch zugrunde gehen oder ein Unheil 
anstiften, welches größer ist als ihre eigene neurotische 
Erkrankung. Die Neurosen haben eben ihre biologische Funktion 
als Schutzvorrichtung und ihre soziale Berechtigung; ihr „Krankheits- 
gewinn ist nicht immer ein rein subjektiver. Wer von Ihnen 
hat nicht schon einmal hinter die Verursachung einer Neurose 
geblickt, die er als den mildesten Ausgang unter allen Möglich- 
keiten der Situation gelten lassen mußte? Und soll man wirklich 
gerade der Ausrottung der Neurosen so schwere Opfer bringen, 
wenn doch die Welt voll ist von anderem unabwendbaren 
Elend? 



NM 



36 



Zur Technik 



Sollen wir also unsere Bemühungen zur Aufklärung über den 
geheimen Sinn der Neurotik als im letzten Grunde gefährlich 
für den einzelnen und schädlich für den Betrieb der Gesellschaft 
aufgeben, darauf verzichten, aus einem Stück wissenschaftlicher 
Erkenntnis die praktische Folgerung zu ziehen? Nein, ich meine, 
unsere Pflicht geht doch nach der anderen Richtung. Der 
Krankheitsgewinn der Neurosen ist doch im ganzen und am 
Ende eine Schädigung für die einzelnen wie für die Gesellschaft. 
Das Unglück, das sich infolge unserer Aufklärungsarbeit ergeben 
kann, wird doch nur einzelne betreffen. Die Umkehr zu einem 
wahrheitsgemäßeren und würdigeren Zustand der Gesellschaft 
wird mit diesen Opfern nicht zu teuer erkauft sein. Vor allem 
aber: alle die Energien, die sich heute in der Produktion neuro- 
tischer Symptome im Dienste einer von der Wirklichkeit isolierten 
Phantasiewelt verzehren, werden, wenn sie schon nicht dem Leben 
zugute kommen können, doch den Schrei nach jenen Veränderungen 
in unserer Kultur verstärken helfen, in denen wir allein das Heil 
für die Nachkommenden erblicken können. 

So möchte ich Sie denn mit der Versicherung entlassen, daß 
Sie in mehr als einem Sinne ihre Pflicht tun, wenn Sie Ihre 
Kranken psychoanalytisch behandeln. Sie arbeiten nicht nur im 
Dienste der Wissenschaft, indem Sie die einzige und nie wieder- 
kehrende Gelegenheit ausnützen, die Geheimnisse der Neurosen 
zu durchschauen; Sie geben nicht nur Ihrem Kranken die wirk- 
samste Behandlung gegen seine Leiden, die uns heute zu Gebote 
steht; Sie leisten auch Ihren Beitrag zu jener Aufklärung der 
Masse, von der wir die gründlichste Prophylaxe der neurotischen 
Erkrankungen auf dem Umwege über die gesellschaftliche Autorität 
erwarten. 






ÜBER »WILDE« PSYCHOANALYSE 

Erschien zuerst im „Zentralblatt für Psycho- 

\analyse 11 I (1910), dann in der Dritten Folge der 

„Samttdung kleiner Schriften zur Neurosenlehre 1 '. 

Vor einigen Tagen erschien in meiner Sprechstunde in Beglei- 
tung einer schützenden Freundin eine ältere Dame, die über 
Angstzustände klagte. Sie war in der zweiten Hälfte der Vier- 
zigerjahre, ziemlich gut erhalten, hatte offenbar mit ihrer 
Weiblichkeit noch nicht abgeschlossen. Anlaß des Ausbruches 
der Zustände war die Scheidung von ihrem letzten Manne; die 
Angst hatte aber nach ihrer Angabe eine erhebliche Steigerung 
erfahren, seitdem sie einen jungen Arzt in ihrer Vorstadt kon- 
sultiert hatte 5 denn dieser hatte ihr auseinandergesetzt, daß die 
Ursache ihrer Angst ihre sexuelle Bedürftigkeit sei. Sie könne 
den Verkehr mit dem Manne nicht entbehren, und darum gebe 
es für sie nur drei Wege zur Gesundheit, entweder sie kehre 
zu ihrem Manne zurück, oder sie nehme einen Liebhaber, oder 
sie befriedige sich selbst. Seitdem sei sie überzeugt, daß sie un- 
heilbar sei, denn zu ihrem Manne zurück wolle sie nicht, und 
die beiden anderen Mittel widerstreben ihrer Moral und ihrer 
Religiosität. Zu mir aber sei sie gekommen, weil der Arzt ihr 
gesagt habe, das sei eine neue Einsicht, die man mir verdanke, 
und sie solle sich nur von mir die Bestätigung holen, daß es 
so sei und nicht anders. Die Freundin, eine noch ältere, ver- 
kümmert und ungesund aussehende Frau, beschwor mich dann, 
der Patientin zu versichern, daß sich der Arzt geirrt habe. Es 






38 Zur Technik 



könne doch nicht so sein, denn sie selbst sei seit langen Jahren 
Witwe und doch anständig geblieben, ohne an Angst zu 
leiden. 

Ich will nicht bei der schwierigen Situation verweilen, in die 
ich durch diesen Besuch versetzt wurde, sondern das Verhalten 
des Kollegen beleuchten, der diese Kranke zu mir geschickt 
hatte. Vorher will ich einer Verwahrung gedenken, die vielleicht 
— oder hoffentlich — nicht überflüssig ist. Langjährige Erfah- 
rung hat mich gelehrt — wie sie's auch jeden anderen lehren 
könnte — nicht leichthin als wahr anzunehmen, was Patienten, 
insbesondere Nervöse, von ihrem Arzt erzählen. Der Nervenarzt 
wird nicht nur bei jeder Art von Behandlung leicht das Objekt, 
nach dem mannigfache feindselige Regungen des Patienten zielen; 
er muß es sich auch manchmal gefallen lassen, durch eine Art 
von Projektion die Verantwortung für die geheimen verdrängten 
Wünsche der Nervösen zu übernehmen. Es ist dann eine traurige, 
aber bezeichnende Tatsache, daß solche Anwürfe nirgendwo 
leichter Glauben finden als bei anderen Ärzten. 

Ich habe also das Recht zu hoffen, daß die Dame in meiner 
Sprechstunde mir einen tendenziös entstellten Berioht von den 
Äußerungen ihres Arztes gegeben hat, und daß ich ein Unrecht 
an ihm, der mir persönlich unbekannt ist, begehe, wenn ich 
meine Bemerkungen über „wilde Psychoanalyse gerade an 
diesen Fall anknüpfe. Aber ich halte dadurch vielleicht andere 
ab, an ihren Kranken unrecht zu tun. 

Nehmen wir also an, daß der Arzt genau so gesprochen hat, 
wie mir die Patientin berichtete. 

Es wird dann jeder leicht zu seiner Kritik vorbringen, daß 
ein Arzt, wenn er es für notwendig hält, mit einer Frau über 
das Thema der Sexualität zu verhandeln, dies mit Takt und 
Schonung tun müsse. Aber diese Anforderungen fallen mit der 
Befolgung gewisser technischer Vorschriften der Psycho- 
analyse zusammen, und überdies hätte der Arzt eine Reihe von 



Über „wilde" Psychoanalyse 59 

wissenschaftlichen Lehren der Psychoanalyse verkannt 
oder mißverstanden und dadurch gezeigt, wie wenig weit er 
zum Verständnis von deren Wesen und Absichten vorge- 
drungen ist. 

Beginnen wir mit den letzteren, den wissenschaftlichen Irr- 
tümern. Die Ratschläge des Arztes lassen klar erkennen, in 
welchem Sinne er das „Sexualleben" erfaßt. Im populären näm- 
lich, wobei unter sexuellen Bedürfnissen nichts anderes ver- 
standen wird als das Bedürfnis nach dem Koitus oder analogen, 
den Orgasmus und die Entleerung der Geschlechtsstoffe bewir- 
kenden Vornahmen. Es kann aber dem Arzt nicht unbekannt 
geblieben sein, daß man der Psychoanalyse den Vorwurf zu 
machen pflegt, sie dehne den Begriff des Sexuellen weit über 
den gebräuchlichen Umfang aus. Die Tatsache ist richtig; ob 
sie als Vorwurf verwendet werden darf, soll hier nicht erörtert 
werden. Der Begriff des Sexuellen umfaßt in der Psychoanalyse 
weit mehr; er geht nach unten wie nach oben über den popu- 
lären Sinn hinaus. Diese Erweiterung rechtfertigt sich gene- 
tisch; wir rechnen zum „Sexualleben" auch alle Betätigungen 
zärtlicher Gefühle, die aus der Quelle der primitiven sexuellen 
Regungen hervorgegangen sind, auch wenn diese Regungen 
eine Hemmung ihres ursprünglich sexuellen Zieles erfahren oder 
dieses Ziel gegen ein anderes, nicht mehr sexuelles, vertauscht 
haben. Wir sprechen darum auch lieber von Psychosexua- 
1 i t ä t, legen so Wert darauf, daß man den seelischen Faktor 
des Sexuallebens nicht übersehe und nicht unterschätze. Wir 
gebrauchen das Wort Sexualität in demselben umfassenden 
Sinne, wie die deutsche Sprache das Wort „lieben". Wir wissen 
auch längst, daß seelische Unbefriedigung mit allen ihren 
Folgen bestehen kann, wo es an normalem Sexualverkehr nicht 
mangelt, und halten uns als Therapeuten immer vor, daß von 
den unbefriedigten Sexualstrebungen, deren Ersatzbefriedigungen 
in der Form nervöser Symptome wir bekämpfen, oft nur ein 



!■ 



40 



Zur Technik 



geringes Maß durch den Koitus oder andere Sexualakte abzu- 
führen ist. 

Wer diese Auffassung der Psychosexualität nicht teilt, hat 
kein Recht, sich auf die Lehrsätze der Psychoanalyse zu berufen 
in denen von der ätiologischen Bedeutung der Sexualität ge- 
handelt wird. Er hat sich durch die ausschließliche Betonung 
des somatischen Faktors am Sexuellen das Problem gewiß sehr 
vereinfacht, aber er mag für sein Vorgehen allein die Verant- 
wortung tragen. 

Aus den Ratschlägen des Arztes leuchtet noch ein zweites 
und ebenso arges Mißverständnis hervor. 

Es ist richtig, daß die Psychoanalyse angibt, sexuelle Unbe- 
friedigung sei die Ursache der nervösen Leiden. Aber sagt sie 
nicht noch mehr? Will man als zu kompliziert beiseite lassen, 
daß sie lehrt, die nervösen Symptome entspringen aus einem 
Konflikt zwischen zwei Mächten, einer (meist übergroß gewor- 
denen) Libido und einer allzu strengen Sexualablehnung oder 
Verdrängung? Wer auf diesen zweiten Faktor, dem wirklich 
nicht der zweite Rang angewiesen wurde, nicht vergißt, wird 
nie glauben können, daß Sexualbefriedigung an sich ein allge- 
mein verläßliches Heilmittel gegen die Beschwerden der Ner- 
vösen sei. Ein guter Teil dieser Menschen ist ja der Befriedigung 
unter den gegebenen Umständen oder überhaupt nicht fähig. 
Wären sie dazu fähig, hätten sie nicht ihre inneren Wider- 
stände, so würde die Stärke des Triebes ihnen den Weg zur 
Befriedigung weisen, auch wenn der Arzt nicht dazu raten würde. 
Was soll also ein solcher Rat, wie ihn der Arzt angeblich jener 
Dame erteilt hat? 

Selbst wenn er sich wissenschaftlich rechtfertigen läßt, ist er 
unausführbar für sie. Wenn sie keine inneren Widerstände gegen 
die Onanie oder gegen ein Liebesverhältnis hätte, würde sie ja 
längst zu einem von diesen Mitteln gegriffen haben. Oder meint 
der Arzt, eine Frau von über 40 Jahren wisse nichts davon, 



daß man sich einen Liebhaber nehmen kann, oder überschätzt 
er seinen Einfluß so sehr, daß er meint, ohne ärztliches Gut- 
heißen würde sie sich nie zu einem solchen Schritt entschließen 
können ? 

Das scheint alles sehr klar, und doch ist zuzugeben, daß es 
ein Moment gibt, welches die Urteilsfällung oft erschwert. Manche 
der nervösen Zustände, die sogenannten Aktualneurosen 
wie die typische Neurasthenie und die reine Angstneurose, hängen 
offenbar von dem somatischen Faktor des Sexuallebens ab, 
während wir über die Rolle des psychischen Faktors und der 
Verdrängung bei ihnen noch keine gesicherte Vorstellung haben. 
In solchen Fällen ist es dem Arzte nahegelegt, eine aktuelle 
Therapie, eine Veränderung der somatischen sexuellen Betätigung, 
zunächst ins Auge zu fassen, und er tut dies mit vollem Recht, 
wenn seine Diagnose richtig war. Die Dame, die den jungen 
Arzt konsultierte, klagte vor allem über Angstzustände, und da 
nahm er wahrscheinlich an, sie leide an Angstneurose, und hielt 
sich für berechtigt, ihr eine somatische Therapie zu empfehlen. 
Wiederum ein bequemes Mißverständnis! Wer an Angst leidet, 
hat darum nicht notwendig eine Angstneurose; diese Diagnose ist 
nicht aus dem Namen abzuleiten ; man muß wissen, welche Er- 
scheinungen eine Angstneurose ausmachen, und sie von anderen, 
auch durch Angst manifestierten Krankheitszuständen unter- 
scheiden. Die in Rede stehende Dame litt nach meinem Ein- 
druck an einer Arigsthysterie, und der ganze, aber auch 
voll zureichende Wert solcher nosographischer Unterscheidungen 
liegt dann, daß sie auf eine andere Ätiologie und andere Therapie 
hinweisen. Wer die Möglichkeit einer solchen Angsthysterie ins 
Auge gefaßt hätte, der wäre der Vernachlässigung der psychischen 
Faktoren, wie sie in den Alternativratschlägen des Arztes hervor- 
tritt, nicht verfallen. 

Merkwürdig genug, in dieser therapeutischen Alternative des 
angeblichen Psychoanalytikers bleibt kein Raum — für die Psycho- 






42 



Zur Technik 



analyse. Diese Frau soll von ihrer Angst nur genesen können, 
wenn sie zu ihrem Manne zurückkehrt oder sich auf dem Wege 
der Onanie oder bei einem Liebhaber befriedigt. Und wo hätte 
die analytische Behandlung einzutreten, in der wir das Haupt- 
mittel bei Angstzuständen erblicken ? 

Somit wären wir zu den technischen Verfehlungen gelangt, 
die wir in dem Vorgehen des Arztes im angenommenen Falle 
erkennen. Es ist eine längst überwundene, am oberflächlichen 
Anschein haftende Auffassung, daß der Kranke infolge einer Art 
von Unwissenheit leide, und wenn man diese Unwissenheit 
durch Mitteilung (über die ursächlichen Zusammenhänge seiner 
Krankheit mit seinem Leben, über seine Kindheitserlebnisse usw.) 
aufhebe, müsse er gesund werden. Nicht dies Nichtwissen an 
sich ist das pathogene Moment, sondern die Begründung des 
Nichtwissens in inneren Widerständen, welche das 
Nichtwissen zuerst hervorgerufen haben und es jetzt noch unter- 
halten. In der Bekämpfung dieser Widerstände liegt die Aufgabe 
der Therapie. Die Mitteilung dessen, was der Kranke nicht 
weiß, weil er es verdrängt hat, ist nur eine der notwendigen 
Vorbereitungen für die Therapie. Wäre das Wissen des Unbe- 
wußten für den Kranken so wichtig wie der in der Psychoanalyse 
Unerfahrene glaubt, so müßte es zur Heilung hinreichen, wenn 
der Kranke Vorlesungen anhört oder Bücher liest. Diese Maß- 
nahmen haben aber ebensoviel Einfluß auf die nervösen Leidens- 
symptome wie die Verteilung von Menukarten zur Zeit einer 
Hungersnot auf den Hunger. Der Vergleich ist sogar über seine 
erste Verwendung hinaus brauchbar, denn die Mitteilung des 
Unbewußten an den Kranken hat regelmäßig die Folge, daß der 
Konflikt in ihm verschärft wird und die Beschwerden sich steigern. 

Da die Psychoanalyse aber eine solche Mitteilung nicht 
entbehren kann, schreibt sie vor, daß sie nicht eher zu erfolgen 
habe, als bis zwei Bedingungen erfüllt sind. Erstens bis der 
Kranke durch Vorbereitung selbst in die Nähe des von ihm 



Über „wilde" Psychoanalyse 4.3 

Verdrängten gekommen ist, und zweitens, bis er sich so weit an 
den Arzt attachiert hat (Übertragung), daß ihm die 
Gefühlsbeziehung zum Arzt die neuerliche Flucht unmöglich 
macht. 

Erst durch die Erfüllung dieser Bedingungen wird es möglich, 
die Widerstände, welche zur Verdrängung und zum Nichtwissen 
geführt haben, zu erkennen und ihrer Herr zu weiden. Ein 
psychoanalytischer Eingriff setzt also durchaus einen längeren 
Kontakt mit dem Kranken voraus, und Versuche, den Kranken 
durch die brüske Mitteilung seiner vom Arzt erratenen Geheim- 
nisse beim ersten Besuch in der Sprechstunde zu überrumpeln, 
sind technisch verwerflich und strafen sich meist dadurch, daß 
sie dem Arzt die herzliche Feindschaft des Kranken zuziehen und 
jede weitere Beeinflussung abschneiden. 

Ganz abgesehen davon, daß man manchmal falsch rät und 
niemals imstande ist, alles zu erraten. Durch diese bestimmten 
technischen Vorschriften ersetzt die Psychoanalyse die Forderung 
des unfaßbaren „ärztlichen Taktes , in dem eine besondere 
Begabung gesucht wird. 

Es reicht also für den Arzt nicht hin, einige der Ergebnisse 
der Psychoanalyse zu kennen; man muß sich auch mit ihrer 
Technik vertraut gemacht haben, wenn man sein ärztliches 
Handeln durch die psychoanalytischen Gesichtspunkte leiten 
lassen will. Diese Technik ist heute noch nicht aus Büchern zu 
erlernen und gewiß nur mit großen Opfern an Zeit, Mühe und 
Erfolg selbst zu finden. Man erlernt sie wie andere ärztliche 
Techniken bei denen, die sie bereits beherrschen. Es ist darum 
gewiß für die Beurteilung des Falles, an den ich diese Bemer- 
kungen knüpfe, nicht gleichgültig, daß ich den Arzt, der solche 
Ratschläge gegeben haben soll, nicht kenne und seinen Namen 
nie gehört habe. 

Es ist weder mir noch meinen Freunden und Mitarbeitern 
angenehm, in solcher Weise den Anspruch auf die Ausübung 






44 



Zur Technik 



einer ärztlichen Technik zu monopolisieren. Aber angesichts der 
Gefahren, die die vorherzusehende Übung einer „wilden" Psycho- 
analyse für die Kranken und für die Sache der Psychoanalyse 
mit sich bringt, blieb uns nichts anderes übrig. Wir haben im 
Frühjahr 1910 einen internationalen psychoanalytischen Verein 
gegründet, dessen Mitglieder sich durch Namensveröffentlichung 
zu ihm bekennen, um die Verantwortung für das Tun aller 
jener ablehnen zu können, die nicht zu uns gehören und ihr 
ärztliches Vorgehen „Psychoanalyse" heißen. Denn in Wahrheit 
schaden solche wilde Analytiker doch der Sache mehr als dem 
einzelnen Kranken. Ich habe es häufig erlebt, daß ein so un- 
geschicktes Vorgehen, wenn es zuerst eine Verschlimmerung im 
Befinden des Kranken machte, ihm am Ende doch zum Heile 
gereicht hat. Nicht immer, aber doch oftmals. Nachdem er lange 
genug auf den Arzt geschimpft hat und sich weit genug von seiner 
Beeinflussung weiß, lassen dann seine Symptome nach, oder er 
entschließt sich zu einem Schritt, welcher auf dem Wege zur 
Heilung liegt. Die endliche Besserung ist dann „von selbst" 
eingetreten oder wird der höchst indifferenten Behandlung eines 
Arztes zugeschrieben, an den sich der Kranke später gewendet 
hat. Für den Fall der Dame, deren Anklage gegen den Arzt 
wir gehört haben, möchte ich meinen, der wilde Psychoanalytiker 
habe doch mehr für seine Patientin getan als irgend eine hoch- 
angesehene Autorität, die ihr erzählt hätte, daß sie an einer 
„vasomotorischen Neurose" leide. Er hat ihren Blick auf die 
wirkliche Begründung ihres Leidens oder in dessen Nähe 
gezwungen, und dieser Eingriff wird trotz alles Sträubens der 
Patientin nicht ohne günstige Folgen bleiben. Aber er hat sich 
selbst geschädigt und die Vorurteile steigern geholfen, welche 
sich infolge begreiflicher Affektwiderstände bei den Kranken 
gegen die Tätigkeit des Psychoanalytikers erheben. Und dies 
kann vermieden werden. 



DIE HANDHABUNG DER TRAUMDEUTUNG 
IN DER PSYCHOANALYSE 

Erschien zuerst im „Zentralblatt für Psycho- 
analyse 11 , II (1912), dann in der Vierten Folge der 
„Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehrc". 

Das „ZentralblaLt für Psychoanalyse" hat sich nicht nur die eine 
Aufgabe gesetzt, über die Fortschritte der Psychoanalyse zu 
orientieren und selbst kleinere Beiträge zur Veröffentlichung zu 
bringen, sondern möchte auch den anderen Aufgaben genügen, 
das bereits Erkannte in klarer Fassung dem Lernenden vorzu- 
legen und dem Anfänger in der analytischen Behandlung durcli 
geeignete Anweisungen Aufwand an Zeit und Mühe zu ersparen. 
Es werden darum in dieser Zeitschrift von nun an auch Aufsätze 
didaktischer Natur und technischen Inhaltes erscheinen, an 

denen es nicht wesentlich ist, ob sie auch etwas Neues mit- 
teilen. 

Die Frage, die ich heute zu behandeln gedenke, ist nicht 
die nach der Technik der Traumdeutung. Es soll nicht erörtert 
werden, wie man Träume zu deuten und deren Deutung zu 
verwerten habe, sondern nur, welchen Gebrauch man bei der 
psychoanalytischen Behandlung von Kranken von der Kunst der 
Traumdeutung machen solle. Man kann dabei gewiß in ver- 
schiedener Weise vorgehen, aber die Antwort auf technische 
Fragen ist in der Psychoanalyse niemals selbstverständlich. Wenn 
es vielleicht mehr als nur einen guten Weg gibt, so gibt es 
doch sehr viele schlechte, und eine Vergleichung verschiedener 



4 6 



Zur Technik 



Techniken kann nur aufklärend wirken, auch wenn sie 
nicht zur Entscheidung für eine bestimmte Methode führen 

sollte. 

Wer von der Traumdeutung her zur analytischen Behandlung 

kommt der wird sein Interesse für den Inhalt der Träume 
festhalten und darum jeden Traum, den ihm der Kranke 
erzählt, zur möglichst vollständigen Deutung bringen wollen. 
Er wird aber bald merken können, daß er .sich nun unter ganz 
andersartigen Verhältnissen befindet, und daß er mit den nächsten 
Aufgaben der Therapie in Kollision gerät, wenn er seinen Vor- 
satz durchführen will. Erwies sich etwa der erste Traum des 
Patienten als vortrefflich brauchbar für die Anknüpfung der 
ersten an den Kranken zu richtenden Aufklärungen, so stellen 
sich alsbald Träume ein, die so lang und so dunkel sind, daß 
ihre Deutung in der begrenzten Arbeitsstunde eines Tages nicht 
zu Ende gebracht werden kann. Setzt der Arzt diese Deutungs- 
arbeit durch die nächsten Tage fort, so wird ihm unterdes von 
neuen Träumen berichtet, die zurückgestellt werden müssen, bis 
er den ersten Traum für erledigt halten kann. Gelegentlich ist 
die Traumproduktion so reichlich und der Fortschritt des Kranken 
im Verständnis der Träume dabei so zögernd, daß der Analytiker 
sich der Idee nicht erwehren kann, diese Art der Darreichung 
des Materials sei nur eine Äußerung des Widerstandes, welcher 
sich der Erfahrung bedient, daß die Kur den ihr so gebotenen 
Stoff nicht bewältigen kann. Unterdes ist die Kur aber ein 
ganzes Stück hinter der Gegenwart zurückgeblieben und hat den 
Kontakt mit der Aktualität eingebüßt. Einer solchen Technik muß 
man die Regel entgegenhalten, daß es für die Behandlung von 
größter Bedeutung ist, die jeweilige psychische Oberfläche des 
Kranken zu kennen, darüber orientiert zu sein, welche Kom- 
plexe und welche Widerstände derzeit bei ihm rege gemacht 
sind, und welche bewußte Reaktion dagegen sein Benehmen 
leiten wird. Dieses therapeutische Ziel darf kaum jemals z u 



Die Handhabung der Traumdeutung in der Psychoanalyse 47 

Gunsten des Interesses an der Traumdeutung hintangesetzt 
werden. 

Wie soll man es also mit der Traumdeutung in der Analyse 
halten, wenn man jener Regel eingedenk bleiben will? Etwa 
so: Man begnüge sich jedesmal mit dem Ergebnis an Deutung, 
welches in einer Stunde zu gewinnen ist, und halte es nicht für 
einen Verlust, daß man den Inhalt des Traumes nicht voll- 
ständig erkannt hat. Am nächsten Tage setze man die Deutungs- 
arbeit nicht wie selbstverständlich fort, sondern erst dann, wenn 
man merkt, daß inzwischen nichts anderes sich beim Kranken 
in den Vordergrund gedrängt hat. Man mache also von der 
Regel, immer das zu nehmen, was dem Kranken zunächst in 
den Sinn kommt, zu Gunsten einer unterbrochenen Traum- 
deutung keine Ausnahme. Haben sich neue Träume eingestellt 
ehe man die früheren zu Ende gebracht, so wende man sich 
diesen rezenteren Produktionen zu und mache sich aus der 
Vernachlässigung der älteren keinen Vorwurf. Sind die Träume 
gar zu umfänglich und weitschweifig geworden, so verzichte man 
bei sich von vornherein auf eine vollständige Lösung. Man hüte 
sich im allgemeinen davor, eiu ganz besonderes Interesse für die 
Deutung der Träume an den Tag zu legen oder im Kranken 
die Meinung zu erwecken, daß die Arbeit stille stehen müsse, 
wenn er keine Träume bringe. Man läuft sonst Gefahr, den 
Widerstand auf die Traumproduktion zu lenken und ein Ver- 
siegen der Träume hervorzurufen. Der Analysierte muß vielmehr 
zur Überzeugung erzogen werden, daß die Analyse in jedem 
Falle Material zu ihrer Fortsetzung findet, gleichgültig ob er 
Träume beibringt oder nicht, und in welchem Ausmaße man 
sich mit ihnen beschäftigt. 

Man wird nun fragen: Verzichtet man nicht auf zuviel wert- 
volles Material zur Aufdeckung des Unbewußten, wenn man die 
Traumdeutung nur unter solchen methodischen Einschränkungen 
ausübt ? Darauf ist folgendes zu erwidern : Der Verlust ist keines- 



4 8 Zur Technik 



wegs so groß, wie es bei geringer Vertiefung in den Sachver- 
halt erscheinen wird. Man mache sich einerseits klar, daß irgend 
ausführliche Traumproduktionen bei schweren Fällen von Neu- 
rosen nach allen Voraussetzungen als prinzipiell nicht vollständig 
lösbar beurteilt werden müssen. Ein solcher Traum baut sich oft 
über dem gesamten pathogenen Materini des Falles auf, welches 
Arzt und Patient noch nicht kennen (sogenannte Programm träume, 
biographische Träume); er ist gelegentlich einer Übersetzung des 
o-anzen Inhalts der Neurose in die Traumsprnche gleichzustellen. 
Beim Versuch einen solchen Traum zu deuten, werden alle noch 
unangetastet vorhandenen Widerstände zur Wirkung kommen 
und der Einsicht bald eine Grenze setzen. Die vollständige 
Deutung eines solchen Traumes fällt eben zusammen mit der 
Ausführung der ganzen Analyse. Hat man ihn zu Beginn der 
Analyse notiert, so kann man ihn etwa am Ende derselben, 
nach vielen Monaten, verstehen. Es ist derselbe Fall wie beim 
Verständnis eines einzelnen Symptoms (des Hauptsymptoms etwa). 
Die ganze Analyse dient der Aufklärung desselben; während der 
Behandlung muß man der Reihe nach bald dies bald jenes Stück 
der Symptombedeutung zu erfassen suchen, bis man all diese 
Stücke zusammensetzen kann. Mehr dar! man also auch von 
einem zu Anfang der Analyse vorfallenden Traume nicht ver- 
langen; man muß sich zufrieden geben, wenn man aus dem 
Deutungsversuch zunächst eine einzelne pathogene Wunschregung 

errät. 

Man verzichtet also auf nichts Erreichbares, wenn man die 
Absicht einer vollständigen Traumdeutung aufgibt. Man verliert 
aber auch in der Regel nichts, wenn man die Deutung eines 
älteren Traumes abbricht, um sich einem rezenteren zuzuwenden. 
Wir haben aus schönen Beispielen voll gedeuteter Träume 
erfahren, daß mehrere aufeinanderfolgende Szenen desselben 
Traumes den nämlichen Inhalt haben können, der sich in ihnen 
etwa mit steigender Deutlichkeit durchsetzt. Wir haben ebenso 



Die Handhabung der Traumdeutung i?i der Psychoanalyse 49 

gelernt, daß mehrere in derselben Nacht vorfallende Träume 
nichts anderes zu sein brauchen als Versuche, denselben Inhalt 
in verschiedener Ausdrucksweise darzustellen. Wir können ganz 
allgemein versichert sein, daß jede Wunschregung, die sich heute 
einen Traum schafft, in einem anderen Traume wiederkehren 
wird, solange sie nicht verstanden und der Herrschaft des Unbe- 
, wußten entzogen ist. So wird auch oft der beste Weg, um die 
Deutung eines Traumes zu vervollständigen, darin bestehen, daß 
man ihn verläßt, um sich dem neuen Traume zu widmen, der 
das nämliche Material in vielleicht zugänglicherer Form wieder 
aufnimmt. Ich weiß, daß es nicht nur für^ den Analysierten, 
sondern auch für den Arzt eine starke Zumutung ist, die bewußten 
Zielvorstellungen bei der Behandlung aufzugeben und sich ganz 
einer Leitung zu überlassen, die uns doch immer wieder als 
„zufällig" erscheint. Aber ich kann versichern, es lohnt sich 
jedesmal, wenn man sich entschließt, seinen eigenen theoretischen 
Behauptungen Glauben zu schenken, und sich dazu überwindet, 
die Herstellung des Zusammenhanges der Führung des Unbe- 
wußten nicht streitig zu machen. 

Ich plädiere also dafür, daß die Traumdeutung in der analy- 
tischen Behandlung nicht als Kunst um ihrer selbst willen 
betrieben werden soll, sondern daß ihre Handhabung jenen tech- 
nischen Regeln unterworfen werde, welche die Ausführung der 
Kur überhaupt beherrschen. Natürlich kann man es gelegentlich 
auch anders machen und seinem theoretischen Interesse ein 
Stück weit nachgehen. Man muß dabei aber immer wissen, was 
man tut. Ein anderer Fall ist noch in Betracht zu ziehen, der sich 
ergeben hat, seitdem wir zu unserem Verständnis der Traum- 
symbolik größeres Zutrauen haben und uns von den Einfällen 
der Patienten unabhängiger wissen. Ein besonders geschickter 
Traumdeuter kann sich etwa in der Lage befinden, daß er jeden 
Traum des Patienten durchschaut, ohne diesen zur mühsamen 
und zeitraubenden Bearbeitung des Traumes anhalten zu müssen. 

Freud, Technik. + 



5o 



Zur Technik 



Für einen solchen Analytiker entfallen also alle Konflikte 
zwischen den Anforderungen der Traumdeutung und jenen 
der Therapie. Er wird sich auch versucht fühlen, die Traum- 
deutung jedesmal voll auszunützen und dem Patienten alles 
mitzuteilen, was er aus seinen Träumen erraten hat. Dabei 
hat er aber eine Methodik der Behandlung eingeschlagen, die 
von der regulären nicht unerheblich abweicht, wie ich in 
anderem Zusammenhange dartun werde. Dem Anfänger in der 
psychoanalytischen Behandlung ist jedenfalls zu widerraten, 
daß er sich diesen außergewöhnlichen Fall zum Vorbild 
nehme. 

Gegen die allerersten Träume, die ein Patient in der ana- 
lytischen Behandlung mitteilt, so lange er selbst noch nichts von 
der Technik der Traumübersetzung gelernt hat, verhält sich jeder 
Analytiker wie jener von uns angenommene überlegene Traum- 
deuter. Diese initialen Träume sind sozusagen naiv, sie verraten 
dem Zuhörer sehr viel, ähnlich wie die Träume sogenannt 
gesunder Menschen. Es entsteht nun die Frage, soll der Arzt 
auch sofort dem Kranken alles übersetzen, was er selbst aus dem 
Traume herausgelesen hat. Diese Frage soll aber hier nicht 
beantwortet werden, denn sie ist offenbar der umfassenderen 
Frage untergeordnet, in welchen Phasen der Behandlung und in 
welchem Tempo der Kranke in die Kenntnis des ihm seelisch 
Verhüllten vom Arzte eingeführt werden soll. Je mehr dann der 
Patient von der Übung der Traumdeutung erlernt hat, desto 
dunkler werden in der Regel seine späteren Träume. Alles 
erworbene Wissen um den Traum dient auch der Traumbildung; 
als Warnung. 

In den „wissenschaftlichen" Arbeiten über den Traum, die 
trotz der Ablehnung der Traumdeutung einen neuen Impuls 
durch die Psychoanalyse empfangen haben, findet man immer 
wieder eine recht überflüssige Sorgfalt auf die getreue Erhaltung 
des Traumtextes verlegt, der angeblich vor den Entstellungen 



Die Handhabung der Traumdeutung in der Psychoanalyse 51 



und Usuren der nächsten Tagesstunden bewahrt werden muß. 
Auch manche Psychoanalytiker scheinen sich ihrer Einsicht in 
die Bedingungen der Traumbildung nicht konsequent genug zu 
bedienen, wenn sie dem Behandelten den Auftrag geben, jeden 
Traum unmittelbar nach dem Erwachen schriftlich zu fixieren. 
Diese Maßregel ist in der Therapie überflüssig; auch bedienen 
sich die Kranken der Vorschrift gern, um sich im Schlafe zu 
stören und einen großen Eifer dort anzubringen, wo er nicht 
von Nutzen sein kann. Hat man nämlich auf solche Weise müh- 
selig einen Traumtext gerettet, der sonst vom Vergessen verzehrt 
worden wäre, so kann man sich doch leicht überzeugen, daß für 
den Kranken damit nichts erreicht ist. Zu dem Text stellen sich 
die Einfälle nicht ein, und der Effekt ist der nämliche, als ob 
der Traum nicht erhalten geblieben wäre. Der Arzt hat aller- 
dings in dem einen Falle etwas erfahren, was ihm im anderen 
entgangen wäre. Aber es ist nicht dasselbe, ob der Arzt oder ob 
der Patient etwas weiß; die Bedeutung dieses Unterschiedes für 
die Technik der Psychoanalyse soll ein anderes Mal von uns 
gewürdigt werden. 

Ich will endlich noch einen besonderen Typus von Träumen 
erwähnen, die ihren Bedingungen nach nur in einer psycho- 
analytischen Kur vorkommen können, und die den Anfanger 
befremden oder irreführen mögen. Es sind dies die sogenannten 
nachhinkenden oder bestätigenden Träume, die der Deutung 
leicht zugänglich sind und als Übersetzung nichts anderes ergeben, 
als was die Kur in den letzten Tagen aus dem Material der 
Tageseinfälle erschlossen hatte. Es sieht dann so aus, als hätte 
der Patient die Liebenswürdigkeit gehabt, gerade das in Traum- 
form zu bringen, was man ihm unmittelbar vorher „suggeriert" 
hat. Der geübtere Analytiker hat allerdings Schwierigkeiten, 
seinem Patienten solche Liebenswürdigkeiten zuzumuten; er greift 
solche Träume als erwünschte Bestätigungen auf und konstatiert, 
daß sie nur unter bestimmten Bedingungen der Beeinflussung 

+* 



52 



Zur Technik 



durch die Kur beobachtet werden. Die weitaus zahlreichsten 
Träume eilen ja der Kur voran, so daß sich aus ihnen nach 
Abzug von allem bereits Bekannten und Verständlichen ein mehr 
oder minder deutlicher Hinweis auf etwas, was bisher verborgen 
war, ergibt. 



ZUR DYNAMIK DER ÜBERTRAGUNG 

Erschien zuerst im „Zentralblatt für Psycho- 
analyse«, II (ipi2), dann in der Vierten Folge der 
„Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre 11 . 

Das schwer zu erschöpfende Thema der „Übertragung" ist 
kürzlich in diesem Zentralblatt von W. St ekel in deskriptiver 
Weise behandelt worden. 1 Ich möchte nun hier einige Bemer- 
kungen anfügen, die verstehen lassen sollen, wie die Übertragung 
während einer psychoanalytischen Kur notwendig zustande kommt, 
und wie sie zu der bekannten Rolle während der Behandlung 
gelangt. 

Machen wir uns klar, daß jeder Mensch durch das Zusammen- 
wirken von mitgebrachter Anlage und von Einwirkungen auf 
ihn während seiner Kinderjahre eine bestimmte Eigenart erworben 
hat, wie er das Liebesleben ausübt, also welche Liebes- 
bedingungen er stellt, welche Triebe er dabei befriedigt, und welche I 
Ziele er sich setz t. 2 Das ergibt sozusagen ein Klischee (oder auch 

i) Jahrgang II, Nr. II, S. 26. 

2) Verwahren wir uns an dieser Stelle gegen den mißverständlichen Vorwurf, als 
hatten wir die Bedeutung der angeborenen (konstitutionellen) Momente geleugnet, 
weil wir die der infantilen Eindrücke hervorgehoben haben. Ein solcher Vorwurf stammt 
aus der Enge des Kausalbedürfnisses der Menschen, welches sich im Gegensatz zur 
gewöhnlichen Gestaltung der Realität mit einem einzigen verursachenden Moment 
zufrieden geben will. Die Psychoanalyse hat über die akzidentellen Faktoren der 
Ätiologie viel, über die konstitutionellen wenig geäußert, aber nur darum, weil sie 
zu den enteren etwas Neues beibringen konnte, über die letzteren hingegen zunächst 
nicht mehr wußte, als man sonst weiß. Wir lehnen es ab, einen prinzipiellen Gegen- 
satz zwischen beiden Reihen von ätiologischen Momenten zu statuieren; wir nehmen 
vielmehr ein regelmäßiges Zusammenwirken beider zur Hervorbringung des beob- 
achteten Effekts an. Aacucuv xa*. Tt>x7) bestimmen das Schicksal eines Menschen; 



f.. Zur Technik 






mehrere), welches im Laufe des Lebens regelmäßig wiederholt, 
neu abgedruckt wird, insoweit die äußeren Umstände und die 
Natur der zugänglichen Liebesobjekte es gestatten, welches gewiß 
auch gegen rezente Eindrücke nicht völlig unveränderlich ist. 
Unsere Erfahrungen haben nun ergeben, daß von diesen das 
Liebesleben bestimmenden Regungen nur ein Anteil die volle 
psychische Entwicklung durchgemacht hat 5 dieser Anteil ist der 
Realität zugewendet, steht der bewußten Persönlichkeit zur Ver- 
fügung und macht ein Stück von ihr aus. Ein anderer Teil 
dieser libidinösen Regungen ist in der Entwicklung aufgehalten 
worden, er ist von der bewußten Persönlichkeit wie von der 
Realität abgehalten, durfte sich entweder nur in der Phantasie 
ausbreiten oder ist gänzlich im Unbewußten verblieben, so daß 
er dem Bewußtsein der Persönlichkeit unbekannt ist. Wessen 
Liebesbedürftigkeit nun von der Realität nicht restlos befriedigt 
wird, der muß sich mit libidinösen Erwartungsvorstellungen 
jeder neu auftretenden Person zuwenden, und es ist durchaus 
wahrscheinlich, daß beide Portionen seiner Libido, die bewußt- 
seinsfähige wie die unbewußte an dieser Einstellung Anteil haben. 
Es ist also völlig normal und verständlich, wenn die erwartungs- 
voll bereitgehaltene Libidobesetzung des teilweise Unbefriedigten 
sich auch der Person des Arztes zuwendet. Unserer Voraussetzung 
gemäß, wird sich diese Besetzung an Vorbilder halten, an eines 
der Klischees anknüpfen, die bei der betreffenden Person vor- 
handen sind oder, wie wir auch sagen können, sie wird den 
Arzt in eine der psychischen „Reihen" einfügen, die der Leidende 
bisher gebildet hat. Es entspricht den realen Beziehungen zum 

selten vielleicht niemals, eine dieser Mächte allein. Die Aufteilung der ätiologischen 
Wirksamkeit zwischen den beiden wird sich nur individuell und im einzelnen voll- 
ziehen lassen Die Reihe, in welcher sich wechselnde Grüßen der beiden Faktoren 
zusammensetzen, wird gewiß auch ihre extremen Fälle haben. Je nach dem Stande 
unserer Erkenntnis werden wir den Anteil der Konstitution oder des Erlebens i m 
Einzelfalle anders einschätzen und das Recht behalten, mit der Verändern., g unserer 
Einsichten unser Urteil zu modifizieren. Übrigens könnte man es wagen, die Kon- 
stitution selbst aufzufassen als den Niederschlag aus den akzidentellen Emw.rkungen 
auf die unendlich große Reihe der Ahnen. 



Zur Dynamik der Übertragung 55 

Arzte, wenn für diese Einreihung die Vater-Imago (nach Jungs . 
glücklichem Ausdruck) 1 maßgebend wird. Aber die Übertragung 
ist an dieses Vorbild nicht gebunden, sie kann auch nach der 
Mutter- oder Bruder-Imago usw. erfolgen. Die Besonderheiten 
der Übertragung auf den Arzt, durch welche sie über Maß und 
Art dessen hinausgeht, was sich nüchtern und rationell recht- 
fertigen läßt, werden durch die Erwägung verständlich, daß eben 
nicht nur die bewußten Erwartungsvorstellungen, sondern auch 
die zurückgehaltenen oder unbewußten diese Übertragung 
hergestellt haben. 

Über dieses Verhalten der Übertragung wäre weiter nichts 
zu sagen oder zu grübeln, wenn nicht dabei zwei Punkte 
unerklärt blieben, die für den Psychoanalytiker von besonderem 
Interesse sind. Erstens verstehen wir nicht, daß die Übertragung 
bei neurotischen Personen in der Analyse soviel intensiver aus- 
fällt als bei anderen, nicht analysierten, und zweitens bleibt es 
rätselhaft, weshalb uns bei der Analyse die Übertragung als der 
stärkste Widerstand gegen die Behandlung entgegentritt, 
während wir sie außerhalb der Analyse als Trägerin der Heil- 
wirkung, als Bedingung des guten Erfolges anerkennen müssen. 
Es ist doch eine beliebig oft zu bestätigende Erfahrung, daß, wenn 
die freien Assoziationen eines Patienten versagen 2 , jedesmal die 
Stockung beseitigt werden kann durch die Versicherung, er stehe 
jetzt unter der Herrschaft eines Einfalles, der sich mit der 
Person des Arztes oder mit etwas zu ihm Gehörigen beschäftigt. 
Sobald man diese Aufklärung gegeben hat, ist die Stockung 
beseitigt, oder man hat die Situation des Versagens in die des 
Verschweigens der Einfälle verwandelt. 

Es scheint auf den ersten Blick ein riesiger methodischer Nach- 
teil der Psychoanalyse zu sein, daß sich in ihr die Übertragung, 



1) Symbole und Wandlungen der Libido. Jahrbuch für Psychoanalyse, III, S. 164. 

2) Ich meine, wenn sie wirklich ausbleiben, und nicht etwa infolge eines banalen 
Unlustgefühles von ihm verschwiegen werden. 



56 



Zur Technik 



sonst der mächtigste Hebel des Erfolgs, in das stärkste Mittel 
des Widerstandes verwandelt. Bei näherem Zusehen wird aber 
wenigstens das erste der beiden Probleme weggeräumt. Es ist 
nicht richtig, daß die Übertragung während der Psychoanalyse 
intensiver und ungezügelter auftritt als außerhalb derselben. Man 
beobachtet in Anstalten, in denen Nervöse nicht analytisch behandelt 
werden, die höchsten Intensitäten und die unwürdigsten Formen 
einer bis zur Hörigkeit gehenden Übertragung, auch die unzwei- 
deutigste erotische Färbung derselben. Eine feinsinnige Beobachterin 
wie die Gabriele Reuter hat dies zur Zeit, als es noch kaum eine 
Psychoanalyse gab, in einem merkwürdigen Buche geschildert, 
welches überhaupt die besten Einsichten in das Wesen und die 
Entstehung der Neurosen verrät. 1 Diese Charaktere der Über- 
tragung sind also nicht auf Rechnung der Psychoanalyse zu setzen, 
sondern der Neurose selbst zuzuschreiben. Das zweite Problem 
bleibt vorläufig unangetastet. 

Diesem Problem, der Frage, warum die Übertragung uns in 
der Psychoanalyse als Widerstand entgegentritt, müssen wir nun 
näher rücken. Vergegenwärtigen wir uns die psychologische Situation 
der Behandlung: Eine regelmäßige und unentbehrliche Vor- 
bedingung jeder Erkrankung an einer Psychoneurose ist der 
Vorgang, den Jung treffend als Introversion der Libido 
bezeichnet hat. 2 Das heißt: Der Anteil der bewußtseinsfähigen, 
der Realität zugewendeten Libido wird verringert, der Anteil der 
von der Realität abgewendeten, unbewußten, welche etwa noch 
die Phantasien der Person speisen darf, aber dem Unbewußten 
angehört, um so viel vermehrt. Die Libido hat sich (ganz oder 
teilweise) in die Regression begeben und die infantilen Imagines 
wiederbelebt. 3 Dorthin folgt ihr nun die analytische Kur nach, 

1) Aus guter Familie, 1895. 

2) Wenngleich manche Äußerungen Jungs den Eindruck machen, als sehe er 
in dieser Introversion etwas für die Dementia praecox Charakteristisches, was bei 
anderen Neurosen nicht ebenso in Betracht käme. 

5) Es wäre bequem zu sagen: Sie hat die infantilen „Komplexe" wieder besetzt. 
Aber das wäre unrichtig; einzig zu rechtfertigen wäre die Aussage: Die unbewußten 



Zur Dynamik der Übertragung 57 

welche die Libido aufsuchen, wieder dem Bewußtsein zugänglich 
und endlich der Realität dienstbar machen will. Wo die analytische 
Forschung auf die in ihre Verstecke zurückgezogene Libido stößt, 
muß ein Kampf ausbrechen 5 alle die Kräfte, welche die Regression 
der Libido verursacht haben, werden sich als „Widerstände" gegen 
die Arbeit erheben, um diesen neuen Zustand zu konservieren. 
Wenn nämlich die Introversion oder Regression der Libido nicht 
durch eine bestimmte Relation zur Außenwelt (im allgemeinsten: 
durch die Versagung der Befriedigung) berechtigt und selbst für 
den Augenblick zweckmäßig gewesen wäre, hätte sie überhaupt 
nicht zustande kommen können. Die Widerstände dieser Herkunft 
sind aber nicht die einzigen, nicht einmal die stärksten. Die der 
Persönlichkeit verfügbare Libido hatte immer unter der Anziehung 
der unbewußten Komplexe (richtiger der dem Unbewußten 
angehörenden Anteile dieser Komplexe) gestanden und war in die 
Regression geraten, weil die Anziehung der Realität nachgelassen 
hatte. Um sie frei zu machen, muß nun diese Anziehung des 
Unbewußten überwunden, also die seither in dem Individuum 
konstituierte Verdrängung der unbewußten Triebe und ihrer 
Produktionen aufgehoben werden. Dies ergibt den bei weitem 
großartigeren Anteil des Widerstandes, der ja so häufig die Krankheit 
fortbestehen läßt, auch wenn die Abwendung von der Realität 
die zeitweilige Begründung wieder verloren hat. Mit den Wider- 
ständen aus beiden Quellen hat die Analyse zu kämpfen. Der 
Widerstand begleitet die Behandlung auf jedem Schritt 5 jeder 
einzelne Einfall, jeder Akt des Behandelten muß dem Wider- 
stände Rechnung tragen, stellt sich als ein Kompromiß aus den 

Anteile dieser Komplexe. — Die außerordentliche Verschlungenheit des in dieser 
Arbeit behandelten Themas legt die Versuchung nahe, auf eine Anzahl von anstoßenden 
Problemen einzugehen, deren Klärung eigentlich erforderlich wäre, ehe man von den 
hier zu beschreibenden psychischen Vorgängen in unzweideutigen Worten reden 
könnte. Solche Probleme sind: Die Abgrenzung der Introversion und der Regression 
gegeneinander, die Einfügung der Komplexlehre in die Libidotheorie, die Beziehungen 
des Phantasierens zum Bewußten und Unbewußten wie zur Realität u. a. Es bedarf 
keiner Entschuldigung, wenn ich an dieser Stelle diesen Versuchungen widerstanden 
habe. 



58 



Zur Technik 



zur Genesung zielenden Kräften und den angeführten, ihr wider- 
strebenden, dar. 

Verfolgt man nun einen pathogenen Komplex von seiner (ent- 
weder als Symptom auffälligen oder auch ganz unscheinbaren) 
Vertretung im Bewußten gegen seine Wurzel im Unbewußten 
hin, so wird man bald in eine Region kommen, wo der Wider- 
stand sich so deutlich geltend macht, daß der nächste Einfall ihm 
Rechnung tragen und als Kompromiß zwischen seinen Anforderungen 
und denen der Forschungsarbeit erscheinen muß. Hier tritt nun 
nach dem Zeugnisse der Erfahrung die Übertragung ein. Wenn 
irgend etwas aus dem Komplexstoff (dem Inhalt des Komplexes) 
sich dazu eignet, auf die Person des Arztes übertragen zu werden, 
so stellt sich diese Übertragung her, ergibt den nächsten Einfall 
und kündigt sich durch die Anzeichen eines Widerstandes, etwa 
durch eine Stockung, an. Wir schließen aus dieser Erfahrung, daß 
diese Übertragungsidee darum vor allen anderen Einfallsmöglich- 
keiten zum Bewußtsein durchgedrungen ist, weil sie auch dem 
Widerstände Genüge tut. Ein solcher Vorgang wiederholt sich 
im Verlaufe einer Analyse ungezählte Male. Immer wieder wird, 
wenn man sich einem pathogenen Komplexe annähert, zuerst der 
zur Übertragung befähigte Anteil des Komplexes ins Bewußtsein 
vorgeschoben und mit der größten Hartnäckigkeit verteidigt. 1 

Nach seiner Überwindung macht die der anderen Komplex- 
bestandteile wenig Schwierigkeiten mehr. Je länger 1 eine analytische 
Kur dauert, und je deutlicher der Kranke erkannt hat, daß Ent- 
stellungen des pathogenen Materials allein keinen Schutz gegen 
die Aufdeckung bieten, desto konsequenter bedient er sich der 
einen Art von Entstellung, die ihm offenbar die größten Vorteile 

1) Woraus man aber nicht allgemein auf eine besondere pathogene Bedeutsamkeit 
des zum Übertragungswiderstand gewählten Elementes schließen darf. Wenn in einer 
Schlacht um den Besitz eines gewissen Kirchleins oder eines einzelnen Gehöfts mit 
besonderer Erbitterung gestritten wird, braucht man nicht anzunehmen, daß die 
Kirche etwa ein Nationalheiligtum sei, oder daß das Haus den Armeeschatz berge. 
Der Wert der Objekte kann ein bloß taktischer sein, vielleicht nur in dieser einen 
Schlacht zur Geltung kommen. 



Zur Dynamik der Übertragung 59 

bringt, der Entstellung durch Übertragung. Diese Verhältnisse 
nehmen die Richtung nach einer Situation, in welcher schließlich 
alle Konflikte auf dem Gebiete der Übertragung ausgefochten 
werden müssen. 

So erscheint uns die Übertragung in der analytischen Kur 
zunächst immer nur als die stärkste Waffe des Widerstandes, und 
wir dürfen den Schluß ziehen, daß die Intensität und Ausdauer 
der Übertragung eine Wirkung und ein Ausdruck des Wider- 
standes seien. Der Mechanismus der Übertragung ist zwar durch 
ihre Zurückführung auf die Bereitschaft der Libido erledigt, die 
im Besitze infantiler Imagines geblieben ist 5 die Aufklärung ihrer 
Rolle in der Kur gelingt aber nur, wenn man auf ihre Beziehungen 
zum Widerstände eingeht. 

Woher kommt es, daß sich die Übertragung so vorzüglich zum 
Mittel des Widerstandes eignet? Man sollte meinen, diese Antwort 
wäre nicht schwer zu geben. Es ist ja klar, daß das Geständnis 
einer jeden verpönten Wunschregung besonders erschwert wird, 
wenn es vor jener Person abgelegt werden soll, der die Regung 
selbst gilt. Diese Nötigung ergibt Situationen, die in der Wirklichkeit 
als kaum durchführbar erscheinen. Gerade das will nun der 
Analysierte erzielen, wenn er das Objekt seiner Gefühlsregungen 
mit dem Arzte zusammenfallen läßt. Eine nähere Überlegung 
zeigt aber, daß dieser scheinbare Gewinn nicht die Lösung des 
Problems ergeben kann. Eine Beziehung von zärtlicher, hingebungs- 
voller Anhänglichkeit kann ja anderseits über alle Schwierig- 
keiten des Geständnisses hinweghelfen. Man pflegt ja unter 
analogen realen Verhältnissen zu sagen: Vor dir schäme ich mich 
nicht, dir kann ich alles sagen. Die Übertragung auf den Arzt 
könnte also ebensowohl zur Erleichterung des Geständnisses 
dienen, und man verstünde nicht, warum sie eine Erschwerung 
hervorruft. 

Die Antwort auf diese hier wiederholt gestellte Frage wird 
nicht durch weitere Überlegung gewonnen, sondern durch die 



6o 



Zur Technik 



Erfahrung gegeben, die man bei der Untersuchung der einzelnen 
Ubertragswiderstände in der Kur macht. Man merkt endlich, daß 
man die Verwendung der Übertragung zum Widerstände nicht 
verstehen kann, solange man an „Übertragung" schlechtweg 
denkt. Man muß sich entschließen, eine „positive" Übertragung 
von einer „negativen" zu sondern, die Übertragung zärtlicher 
Gefühle von der feindseliger, und beide Arten der Übertragung 
auf den Arzt gesondert zu behandeln. Die positive Übertragung 
zerlegt sich dann noch in die solcher freundlicher oder zärtlicher 
Gefühle, welche bewußtseinsfähig sind, und in die ihrer Fortsetzungen 
ins Unbewußte. Von den letzteren weist die Analyse nach, daß 
sie regelmäßig auf erotische Quellen zurückgehen, so daß wir 
zur Einsicht gelangen müssen, alle unsere im Leben verwertbaren 
Gefühlsbeziehungen von Sympathie, Freundschaft, Zutrauen und 
dergleichen seien genetisch mit der Sexualität verknüpft und 
haben sich durch Abschwächung des Sexualzieles aus rein 
sexuellen Begehrungen entwickelt, so rein und unsinnlich sie sich 
auch unserer bewußten Selbstwahrnehmung darstellen mögen. 
Ursprünglich haben wir nur Sexualobjekte gekannt; die Psycho- 
analyse zeigt uns, daß die bloß geschätzten oder verehrten Personen 
unserer Realität für das Unbewußte in uns immer noch Sexual- 
objekte sein können. 

Die Lösung des Rätsels ist also, daß die Übertragung auf den 
Arzt sich nur insofern zum Widerstände in der Kur eignet, als 
sie negative Übertragung oder positive Von verdrängten erotischen 
Regungen ist. Wenn wir durch Bewußtmachen die Übertragung 
„aufheben", so lösen wir nur diese beiden Komponenten des 
Gefühlsaktes von der Person des Arztes ab ; die andere bewußtseins- 
fähige und unanstößige Komponente bleibt bestehen und ist in 
der Psychoanalyse genau ebenso die Trägerin des Erfolges wie 
bei anderen Behandlungsmethoden. Insofern gestehen wir gerne 
zu, die Resultate der Psychoanalyse beruhten auf Suggestion; 
nur muß man unter Suggestion das verstehen, was wir mit 



Zur Dynamik der Übertragung 61 



ver- 



Ferenczi 1 darin finden: die Beeinflussung eines Menschen 
mittels der bei ihm möglichen Übertragungsphänomene. Für die 
endliche Selbständigkeit des Kranken sorgen wir, indem wir die 
Suggestion dazu benützen, ihn eine psychische Arbeit vollziehen 
zu lassen, die eine dauernde Verbesserung seiner psychischen 
Situation zur notwendigen Folge hat. 

Es kann noch gefragt werden, warum die Widerstands- 
phänomene der Übertragung nur in der Psychoanalyse, nicht 
auch bei indifferenter Behandlung, z. B. in Anstalten zum Vor- 
schein kommen. Die Antwort lautet: sie zeigen sich auch dort 
nur müssen sie als solche gewürdigt werden. Das Hervorbrechen 
der negativen Übertragung ist in Anstalten sogar recht häufig. 
Der Kranke verläßt eben die Anstalt ungeändert oder rückfällig 
sobald er unter die Herrschaft der negativen Übertragung gerät. 
Die erotische Übertragung wirkt in Anstalten nicht so hemmend, 
da sie dort wie im Leben beschönigt, anstatt aufgedeckt wird} 
sie äußert sich aber ganz deutlich als Widerstand gegen die 
Genesung, zwar nicht, indem sie den Kranken aus der Anstalt 
treibt, — sie hält ihn im Gegenteil in der Anstalt zurück, — 
wohl aber dadurch, daß sie ihn vom Leben ferne hält. Für die 
Genesung ist es nämlich recht gleichgültig, ob der Kranke in der 
Anstalt diese oder jene Angst oder Hemmung überwindet $ es 
kommt vielmehr darauf an, daß er auch in der Realität seines 
Lebens davon frei wird. 

Die negative Übertragung verdiente eine eingehende Würdigung, 
die ihr im Rahmen dieser Ausführungen nicht zuteil werden 
kann. Bei den heilbaren Formen von Psychoneurosen findet sie 
sich neben der zärtlichen Übertragung, oft gleichzeitig auf die 
nämliche Person gerichtet, für welchen Sachverhalt Bleuler 
den guten Ausdruck Ambiva lenz geprägt hat. 2 Eine solche 

1) Ferenczi, Introjektion und Übertragung, Jahrbuch für Psychoanalyse, 
Bd. I, igog. 

2) E. Bleuler, Dementia praecox oder Gruppe der Schizophrenien in 
Aschaffenburgs Handbuch der Psychiatrie, 1911. — Vortrag über Ambivalenz. 



62 



Zur Technik 



Ambivalenz der Gefühle scheint bis zu einem gewissen Maße 
normal zu sein, aber ein hoher Grad von Ambivalenz der Gefühle 
ist gewiß eine besondere Auszeichnung neurotischer Personen. 
Bei der Zwangneurose scheint eine frühzeitige „Trennung der 
Gegensatzpaare" für das Triebleben charakteristisch zu sein und 
eine ihrer konstitutionellen Bedingungen darzustellen. Die Ambi- 
valenz der Gefühlsrichtungen erklärt uns am besten die Fähigkeit 
der Neurotiker, ihre Übertragungen in den Dienst des Wider- 
standes zu stellen. Wo die Übertragungsfähigkeit im wesentlichen 
negativ geworden ist, wie bei den Paranoiden, da hört die Mög- 
lichkeit der Beeinflussung und der Heilung auf. 

Mit allen diesen Erörterungen haben wir aber bisher nur eine 
Seite des Übertragungsphänomens gewürdigt; es wird erfordert, 
unsere Aufmerksamkeit einem anderen Aspekt derselben Sache 
zuzuwenden. Wer sich den richtigen Eindruck davon geholt hat, 
wie der Analysierte aus seinen realen Beziehungen zum Arzte 
herausgeschleudert wird, sobald er unter die Herrschaft eines 
ausgiebigen Übertragungswiderstandes gerät, wie er sich dann die 
Freiheit herausnimmt, die psychoanalytische Grundregel zu ver- 
nachlässigen, daß man ohne Kritik alles mitteilen solle, was 
einem in den Sinn kommt, wie er die Vorsätze vergißt, mit 
denen er in die Behandlung getreten war, und wie ihm logische 
Zusammenhänge und Schlüsse nun gleichgültig werden, die ihm 
kurz vorher den größten Eindruck gemacht hatten, der wird das 
Bedürfnis haben, sich diesen Eindruck noch aus anderen als den 
bisher angeführten Momenten zu erklären, und solche liegen in der 
Tat nicht ferne; sie ergeben sich wiederum aus der psychologischen 
Situation, in welche die Kur den Analysierten versetzt hat. 

In der Aufspürung der dem Bewußten abhanden gekommenen 
Libido ist man in den Bereich des Unbewußten eingedrungen. 
Die Reaktionen, die man erzielt, bringen nun manches von den 



in Bern 1910, referiert in diesem Zentralblatt, T, p. 266. — Für die gleichen 
Phänomene hatte W. Stekel vorher die Bezeichnung ..Bipolari tat" vorgeschlagen. 



Zur Dynamik der Übertragung 



65 



Charakteren unbewußter Vorgänge mit ans Licht, wie wir sie 
durch das Studium der Träume kennen gelernt haben. Die 
unbewußten Regungen wollen nicht erinnert werden, wie die 
Kur es wünscht, sondern sie streben danach, sich zu reproduzieren, 
entsprechend der Zeitlosigkeit und der Halluzinationsfähigkeit des 
Unbewußten. Der Kranke spricht ähnlich wie im Traume den 
Ergebnissen der Erweckung seiner unbewußten Regungen Gegen- 
wärtigkeit und Realität zu; er will seine Leidenschaften agieren,, 
ohne auf die reale Situation Rücksicht zu nehmen. Der Arzt 
will ihn dazu nötigen, diese Gefühlsregungen in den Zusammen- 
hang der Behandlung und in den seiner Lebensgeschichte ein- 
zureihen, sie der denkenden Betrachtung unterzuordnen und nach 
ihrem psychischen Werte zu erkennen. Dieser Kampf zwischen 
Arzt und Patienten, zwischen Intellekt und Triebleben, zwischen 
Erkennen und Agierenwollen spielt sich fast ausschließlich an 
den Übertragungsphänomenen ab. Auf diesem Felde muß der 
Sieg gewonnen werden, dessen Ausdruck die dauernde Genesung 
von der Neurose ist. Es ist unleugbar, daß die Bezwingung der 
Übertragungsphänomene dem Psychoanalytiker die größten 
Schwierigkeiten bereitet, aber man darf nicht vergessen, daß 
gerade sie uns den unschätzbaren Dienst erweisen, die verborgenen 
und vergessenen Liebesregungen der Kranken aktuell und mani- 
fest zu machen, denn schließlich kann niemand in absentia oder 
in effigie erschlagen werden. 






RATSCHLÄGE FÜR DEN ARZT BEI DER 
PSYCHOANALYTISCHEN BEHANDLUNG 

Erschien zuerst im ^Zentralblatt für Psycho- 
analyse", II (1012), dann in der Vierten Folge der 
„Sammlung kleiner Schriften zur Neurosmlehre"* 

Die technischen Regeln, die ich hier in Vorschlag bringe, 
haben sich mir aus der langjährigen eigenen Erfahrung ergeben, 
nachdem ich durch eigenen Schaden von der Verfolgung anderer 
Wege zurückgekommen war. Man wird leicht bemerken, daß sie 
sich, wenigstens viele von ihnen, zu einer einzigen Vorschrift 
zusammensetzen. Ich hoffe, daß ihre Berücksichtigung den ana- 
lytisch tätigen Ärzten viel unnützen Aufwand ersparen und sie 
vor manchem Übersehen behüten wird 5 aber ich muß ausdrück- 
lich sagen, diese Technik hat sich als die einzig zweckmäßige 
für meine Individualität ergeben ; ich wage es nicht in Abrede 
zu stellen, daß eine ganz anders konstituierte ärztliche Persön- 
lichkeit dazu gedrängt werden kann, eine andere Einstellung 
gegen den Kranken und gegen die zu lösende Aufgabe zu 

bevorzugen. 

a) Die nächste Aufgabe, vor die sich der Analytiker gestellt 
sieht, der mehr als einen Kranken im Tage so behandelt, wird 
ihm auch als die schwierigste erscheinen. Sie besteht ja darin, 
alle die unzähligen Namen, Daten, Einzelheiten der Erinnerung, 
Einfälle und Krankheitsproduktionen während der Kur, die ein 
Patient im Laufe von Monaten und Jahren vorbringt, im 
Gedächtnis zu behalten und sie nicht mit ähnlichem Material zu. 



Ratschläge ßir den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung 65 

verwechseln, das von anderen gleichzeitig oder früher analysierten 
Patienten herrührt. Ist man gar genötigt, täglich sechs, acht Kranke 
oder selbst mehr zu analysieren, so wird eine Gedächtnisleistung, 
der solches gelingt, bei Außenstehenden Unglauben, Bewunderung 
oder selbst Bedauern wecken. In jedem Falle wird man auf die 
Technik neugierig sein, welche die Bewältigung einer solchen 
Fülle gestattet, und wird erwarten, daß dieselbe sich besonderer 
Hilfsmittel bediene. -. 

Indes ist diese Technik eine sehr einfache. Sie lehnt alle 
Hilfsmittel, wie wir hören werden, selbst das Niederschreiben ab 
und besteht einfach darin, sich nichts besonders merken zu wollen 
und allem, was man zu hören bekommt, die nämliche „gleich- 
schwebende Aufmerksamkeit", wie ich es schon einmal genannt 
habe, entgegenzubringen. Man erspart sich auf diese Weise 
eine Anstrengung der Aufmerksamkeit, die man doch nicht durch 
viele Stunden täglich festhalten könnte, und vermeidet eine 
Gefahr, die von dem absichtlichen Aufmerken unzertrennlich ist. 
Sowie man nämlich seine Aufmerksamkeit absichtlich bis zu einer 
gewissen Höhe anspannt, beginnt man auch unter dem dar- 
gebotenen Materiale auszuwählen 5 man fixiert das eine Stück 
besonders scharf, eliminiert dafür ein anderes, und folgt bei dieser 
Auswahl seinen Erwartungen oder seinen Neigungen. Gerade 
dies darf man aber nicht ; folgt man bei der Auswahl seinen 
Erwartungen, so ist man in Gefahr, niemals etwas anderes zu 
finden, als was man bereits weiß 5 folgt man seinen Neigungen, 
so wird man sicherlich die mögliche Wahrnehmung fälschen. 
Man darf nicht darauf vergessen, daß man ja zumeist Dinge 
zu hören bekommt, deren Bedeutung erst nachträglich erkannt wird. 

Wie man sieht, ist die Vorschrift, sich alles gleichmäßig zu 
merken, das notwendige Gegenstück zu der Anforderung an den 
Analysierten, ohne Kritik und Auswahl alles zu erzählen, was 
ihm einfällt. Benimmt sich der Arzt anders, so macht er zum 
großen Teile den Gewinn zunichte, der aus der Befolgung der 

Freud, Technik. 5 



66 Zur Technik 



„psychoanalytischen Grundregel" von Seiten des Patienten resul- 
tiert. Die Regel für den Arzt läßt sich so aussprechen: Man 
halte alle bewußten Einwirkungen von seiner Merkfähigkeit ferne 
und überlasse sich völlig seinem „unbewußten Gedächtnisse", 
oder rein technisch ausgedrückt: Man höre zu und kümmere 
sich nicht darum, ob man sich etwas merke. 

Was man auf diese Weise bei sich erreicht, genügt allen 
Anforderungen während der Behandlung. Jene Bestandteile des 
Materials, die sich bereits zu einem Zusammenhange fügen, 
werden für den Arzt auch bewußt verfügbar 5 das andere, noch 
zusammenhanglose, chaotisch ungeordnete, scheint zunächst ver- 
sunken, taucht aber bereitwillig im Gedächtnisse auf, sobald der 
Analysierte etwas Neues vorbringt, womit es sich in Beziehung 
bringen und wodurch es sich fortsetzen kann. Man nimmt dann 
lächelnd das unverdiente Kompliment des Analysierten wegen 
eines „besonders guten Gedächtnisses" entgegen, wenn man nach 
Jahr und Tag eine Einzelheit reproduziert, die der bewußten 
Absicht, sie im Gedächtnisse zu fixieren, wahrscheinlich ent- 
gangen wäre. 

Irrtümer in diesem Erinnern ereignen sich nur zu Zeiten und 
an Stellen, wo man durch die Eigenbeziehung gestört wird (siehe 
unten), hinter dem Ideale des Analytikers also in arger Weise 
zurückbleibt. Verwechslungen mit dem Materiale anderer Patienten 
kommen recht selten zustande. In einem Streite mit dem Ana- 
lysierten, ob und wie er etwas einzelnes gesagt habe, bleibt der 
Arzt zumeist im Rechte. 1 

b) Ich kann es nicht empfehlen, während der Sitzungen mit 
dem Analysierten Notizen in größerem Umfange zu machen, 

1) Der Analysierte behauptet oft, eine gewisse Mitteilung bereits früher gemacht 
zu haben, während man ihm mit ruhiger Überlegenheit versichern kann, sie erfolge 
jetzt zum erstenmal. Es stellt sich dann heraus, daß der Analysierte früher einmal 
die Intention zu dieser Mitteilung gehabt hat, an ihrer Ausführung aber durch einen 
noch bestehenden Widerstand gehindert wurde. Die Erinnerung an diese Intention 
ist für ihn ununterscheidbar von der Erinnerung an deren Ausführung. 



Ratschläge für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung 67 

Protokolle anzulegen u. dgl. Abgesehen von dem ungünstigen 
Eindruck, den dies bei manchen Patienten hervorruft, gelten 
dagegen die nämlichen Gesichtspunkte, die wir beim Merken 
gewürdigt haben. Man trifft notgedrungen eine schädliche Aus- 
wahl aus dem Stoffe, während man nachschreibt oder steno- 
graphiert, und man bindet ein Stück seiner eigenen Geistes- 
tätigkeit, das in der Deutung des Angehörten eine bessere Ver- 
wendung finden soll. Man kann ohne Vorwurf Ausnahmen von 
dieser Regel zulassen für Daten, Traumtexte oder einzelne 
bemerkenswerte Ergebnisse, die sich leicht aus dem Zusammen- 
hange lösen lassen und für eine selbständige Verwendung als 
Beispiele geeignet sind. Aber ich pflege auch dies nicht zu tun. 
Beispiele schreibe ich am Abend nach Abschluß der Arbeit aus 
dem Gedächtnis nieder^ Traumtexte, an denen mir gelegen ist 
lasse ich von den Patienten nach der Erzählung des Traumes 
fixieren. 

c) Die Niederschrift während der Sitzung mit dem Patienten 
könnte durch den Vorsatz gerechtfertigt werden, den behandelten 
Fall zum Gegenstande einer wissenschaftlichen Publikation zu 
machen. Das kann man ja prinzipiell kaum versagen. Aber man 
muß doch im Auge behalten, daß genaue Protokolle in einer 
analytischen Krankengeschichte weniger leisten, als man von 
ihnen erwarten sollte. Sie gehören, streng genommen, jener 
Scheinexaktheit an, für welche uns die „moderne" Psychiatrie 
manche auffällige Beispiele zur Verfügung stellt. Sie sind in der 
Regel ermüdend für den Leser und bringen es doch nicht dazu, 
ihm die Anwesenheit bei der Analyse zu ersetzen. Wir haben 
überhaupt die Erfahrung gemacht, daß der Leser, wenn er dem 
Analytiker glauben will, ihm auch Kredit für das bißchen 
Bearbeitung einräumt, das er an seinem Material vorgenommen 
hat 5 wenn er die Analyse und den Analytiker aber nicht ernst 
nehmen will, so setzt er sich auch über getreue Behandlungs- 
protokolle hinweg. Dies scheint nicht der Weg, um dem Mangel 

5* 



68 Zur Technik 



an Evidenz abzuhelfen, der an den psychoanalytischen Dar- 
stellungen gefunden wird. 

d) Es ist zwar einer der Ruhmestitel der analytischen Arbeit, 
daß Forschung und Behandlung bei ihr zusammenfallen, aber die 
Technik, die der einen dient, widersetzt sich von einem gewissen 
Punkte an doch der anderen. Es ist nicht gut, einen Fall wissen- 
schaftlich zu bearbeiten, solange seine Behandlung noch nicht 
abgeschlossen ist, seinen Aufbau zusammenzusetzen, seinen Fort- 
gang erraten zu wollen, von Zeit zu Zeit Aufnahmen des gegen- 
wärtigen Status zu machen, wie das wissenschaftliche Interesse 
es fordern würde. Der Erfolg leidet in solchen Fällen, die man 
von vornherein der wissenschaftlichen Verwertung bestimmt und 
nach deren Bedürfnissen behandelt 5 dagegen gelingen jene Fälle 
am besten, bei denen man wie absichtslos verfährt, sich von jeder 
Wendung überraschen läßt, und denen man immer wieder 
unbefangen und voraussetzungslos entgegentritt. Das richtige Ver- 
halten für den Analytiker wird darin bestehen, sich aus der einen 
psychischen Einstellung nach Bedarf in die andere zu schwingen, 
nicht zu spekulieren und zu grübeln, solange er analysiert, und 
erst dann das gewonnene Material der synthetischen Denkarbeit 
zu unterziehen, nachdem die Analyse abgeschlossen ist. Die 
Unterscheidung der beiden Einstellungen würde bedeutungslos, 
wenn wir bereits im Besitze aller oder doch der wesentlichen 
Erkenntnisse über die Psychologie des Unbewußten und über 
die Struktur der Neurosen wären, die wir aus der psycho- 
analytischen Arbeit gewinnen können. Gegenwärtig sind wir von 
diesem Ziele noch weit entfernt, und dürfen uns die Wege nicht 
verschließen, um das bisher Erkannte nachzuprüfen und Neues 
dazu zu finden. 

e) Ich kann den Kollegen nicht dringend genug empfehlen, 
sich während der psychoanalytischen Behandlung den Chirurgen 
zum Vorbild zu nehmen, der alle seine Affekte und selbst sein 
menschliches Mitleid beiseite drängt und seinen geistigen Kräften 



Ratschläge für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung 69 



ein einziges Ziel setzt: die Operation so kunstgerecht als möglich 
zu vollziehen. Für den Psychoanalytiker wird unter den heute 
waltenden Umständen eine Affektstrebung am gefährlichsten, der 
therapeutische Ehrgeiz, mit seinem neuen und viel angefochtenen 
Mittel etwas zu leisten, was überzeugend auf andere wirken 
kann. Damit bringt er nicht nur sich selbst in eine für die 
Arbeit ungünstige Verfassung, er setzt sich auch wehrlos gewissen 
Widerständen des Patienten aus, von dessen Kräftespiel ja die 
Genesung in erster Linie abhängt. Die Rechtfertigung dieser vom 
Analytiker zu fordernden Gefühlskälte liegt darin, daß sie für 
beide Teile die vorteilhaftesten Bedingungen schafft, für den Arzt 
die wünschenswerte Schonung seines eigenen Affektlebens, für 
den Kranken das größte Ausmaß von Hilfeleistung, das uns heute 
möglich ist. Ein alter Chirurg hatte zu seinem Wahlspruch die 
Worte genommen: Je le pansai, Dieu le guerit. Mit etwas Ähn- 
lichem sollte sich der Analytiker zufrieden geben. 

f) Es ist leicht zu erraten, in welchem Ziele diese einzeln 
vorgebrachten Regeln zusammentreffen. Sie wollen alle beim Arzte 
das Gegenstück zu der für den Analysierten aufgestellten „psycho- 
analytischen Grundregel" schaffen. Wie der Analysierte alles mit- 
teilen soll, was er in seiner Selbstbeobachtung erhascht, mit Hint- 
anhaltung aller logischen und affektiven Einwendungen, die ihn 
bewegen wollen, eine Auswahl zu treffen, so soll sich der Arzt 
in den Stand setzen, alles ihm Mitgeteilte für die Zwecke der 
Deutung, der Erkennung des verborgenen Unbewußten zu ver- 
werten, ohne die vom Kranken aufgegebene Auswahl durch eine 
eigene Zensur zu ersetzen, in eine Formel gefaßt: er soll dem 
gebenden Unbewußten des Kranken sein eigenes Unbewußtes 
als empfangendes Organ zuwenden, sich auf den Analysierten 
einstellen wie der Receiver des Telephons zum Teller einge- 
stellt ist. Wie der Receiver die von Schallwellen angeregten 
elektrischen Schwankungen der Leitung wieder in Schallwellen 
verwandelt, so ist das Unbewußte des Arztes befähigt, aus den 



■"— 



70 Zur Technik 



ihm mitgeteilten Abkömmlingen des Unbewußten dieses Unbewußte, 
welches die Einfälle des Kranken determiniert hat, wiederherzu- 
stellen. 

Wenn der Arzt aber imstande sein soll, sich seines Unbewußten 
in solcher Weise als Instrument bei der Analyse zu bedienen, so 
muß er selbst eine psychologische Bedingung in weitem Ausmaße 
erfüllen. Er darf in sich selbst keine Widerstände dulden, welche 
das von seinem Unbewußten Erkannte von seinem Bewußtsein 
abhalten, sonst würde er eine neue Art von Auswahl und Ent- 
stellung in die Analyse einführen, welche weit schädlicher wäre 
als die durch Anspannung seiner bewußten Aufmerksamkeit her- 
vorgerufene. Es genügt nicht hiefür, daß er selbst ein annähernd 
normaler Mensch sei, man darf vielmehr die Forderung auf- 
stellen, daß er sich einer psychoanalytischen Purifizierung unter- 
zogen und von jenen Eigenkomplexen Kenntnis genommen habe, 
die geeignet wären, ihn in der Erfassung des vom Analysierten 
Dargebotenen zu stören. An der disqualifizierenden Wirkung solcher 
eigener Defekte kann billigerweise nicht gezweifelt werden; jede 
ungelöste Verdrängung beim Arzte entspricht nach einem treffenden 
Worte von W. Stekel einem „blinden Fleck" in seiner ana- 
lytischen Wahrnehmung. 

Vor Jahren erwiderte ich auf die Frage, wie man ein Analytiker 
werden könne: Durch die Analyse seiner eigenen Träume. Gewiß 
reicht diese Vorbereitung für viele Personen aus, aber nicht für 
alle, die die Analyse erlernen möchten. Auch gelingt es nicht 
allen, die eigenen Träume ohne fremde Hilfe zu deuten. Ich 
rechne es zu den vielen Verdiensten der Züricher analytischen 
Schule, daß sie die Bedingung verschärft und in der Forderung 
niedergelegt hat, es solle sich jeder, der Analysen an anderen 
ausführen will, vorher selbst einer Analyse bei einem Sach- 
kundigen unterziehen. Wer es mit der Aufgabe ernst meint, 
sollte diesen Weg wählen, der mehr als einen Vorteil verspricht $ 
das Opfer, sich ohne Krankheitszwang einer fremden Person 



Ratschläge für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung 7 1 



eröffnet zu haben, wird reichlich gelohnt. Man wird nicht nur 
seine Absicht, das Verborgene der eigenen Person kennen zu 
lernen, in weit kürzerer Zeit und mit geringerem affektiven Auf- 
wand verwirklichen, sondern auch Eindrücke und Überzeugungen 
am eigenen Leibe gewinnen, die man durch das Studium von 
Büchern und Anhören von Vorträgen vergeblich anstrebt. Endlich 
ist auch der Gewinn aus der dauernden seelischen Beziehung 
nicht gering anzuschlagen, die sich zwischen dem Analysierten 
und seinem Einführenden herzustellen pflegt. 

Eine solche Analyse eines praktisch Gesunden wird begreif- 
licherweise unabgeschlossen bleiben. Wer den hohen Wert der 
durch sie erworbenen Selbsterkenntnis und Steigerung der Selbst- 
beherrschung zu würdigen weiß, wird die analytische Erforschung 
seiner eigenen Person nachher als Selbstanalyse fortsetzen und 
sich gerne damit bescheiden, daß er in sich wie außerhalb seiner 
immer Neues zu finden erwarten muß. Wer aber als Analytiker 
die Vorsicht der Eigenanalyse verschmäht hat, der wird nicht 
nur durch die Unfähigkeit bestraft, über ein gewisses Maß an 
seinen Kranken zu lernen, er unterliegt auch einer ernsthafteren Ge- 
fahr, die zur Gefahr für andere werden kann. Er wird leicht in die 
Versuchung geraten, was er in dumpfer Selbstwahrnehmung von den 
Eigentümlichkeiten seiner eigenen Person erkennt, als allgemeingültige 
Theorie in die Wissenschaft hinauszuprojizieren, er wird die psycho- 
analytische Methode in Mißkredit bringen und Unerfahrene irreleiten. 

g) Ich füge noch einige andere Regeln an, in welchen der 
Übergang gemacht wird von der Einstellung des Arztes zur 
Behandlung des Analysierten. 

Es ist gewiß verlockend für den jungen und eifrigen Psycho- 
analytiker, daß er viel von der eigenen Individualität einsetze, 
um den Patienten mit sich fortzureißen und ihn im Schwung 
über die Schranken seiner engen Persönlichkeit zu erheben. Man 
sollte meinen, es sei durchaus zulässig, ja zweckmäßig für die 
Überwindung der beim Kranken bestehenden Widerstände, wenn 



y 



72 



Zur Technik 



der Arzt ihm Einblick in die eigenen seelischen Defekte und 
Konflikte gestattet, ihm durch vertrauliche Mitteilungen aus 
seinem Leben die Gleichstellung ermöglicht. Ein Vertrauen ist 
doch das andere wert, und wer Intimität vom anderen fordert, 
muß ihm doch auch solche bezeugen. 

Allein im psychoanalytischen Verkehre läuft manches anders 
ab, als wir es nach den Voraussetzungen der Bewußtseinspsycho- 
logie erwarten dürfen. Die Erfahrung spricht nicht für die Vor- 
züglichkeit einer solchen affektiven Technik. Es ist auch nicht 
schwer einzusehen, daß man mit ihr den psychoanalytischen 
Boden verläßt und sich den Suggestionsbehandlungen annähert. 
Man erreicht so etwa, daß der Patient eher und leichter mit- 
teilt, was ihm selbst bekannt ist, und was er aus konventionellen 
Widerständen noch eine Weile zurückgehalten hätte. Für die 
Aufdeckung des dem Kranken Unbewußten leistet diese Technik 
nichts, sie macht ihn nur noch unfähiger, tiefere Widerstände 
zu überwinden, und sie versagt in schwereren Fällen regelmäßig 
an der rege gemachten Unersättlichkeit des Kranken, der dann 
gerne das Verhältnis umkehren möchte und die Analyse des 
Arztes interessanter findet als die eigene. Auch die Lösung der 
Übertragung, eine der Hauptaufgaben der Kur, wird durch die 
intime Einstellung des Arztes erschwert, so daß der etwaige 
Gewinn zu Anfang schließlich mehr als wettgemacht wird. Ich 
stehe darum nicht an, diese Art der Technik als eine fehlerhafte 
zu verwerfen. Der Arzt soll undurchsichtig für die Analysierten 
sein und wie eine Spiegelplatte nichts anderes zeigen, als was 
ihm gezeigt wird. Es ist allerdings praktisch nichts dagegen zu 
sagen, wenn ein Psychotherapeut ein Stück Analyse mit einer 
Portion Suggestivbeeinflussung vermengt, um in kürzerer Zeit 
sichtbare Erfolge zu erzielen, wie es zum Beispiel in Anstalten 
notwendig wird, aber man darf verlangen, daß er selbst nicht 
im Zweifel darüber sei, was er vornehme, und daß er wisse, 
seine Methode sei nicht die der richtigen Psychoanalyse. 



Ratschläge für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung 75 



h) Eine andere Versuchung ergibt sich aus der erzieherischen 
Tätigkeit, die dem Arzte bei der psychoanalytischen Behandlung 
ohne besonderen Vorsatz zufallt. Bei der Lösung von Entwicklungs- 
hemmungen macht es sich von selbst, daß der Arzt in die Lage 
kommt, den freigewordenen Strebungen neue Ziele anzuweisen. 
Es ist dann nur ein begreiflicher Ehrgeiz, wenn er sich bemüht, 
die Person, auf deren Befreiung von der Neurose er soviel 
Mühe aufgewendet hat, auch zu etwas besonders vortrefflichem 
zu machen, und ihren Wünschen hohe Ziele vorschreibt. Aber 
auch hiebei sollte der Arzt sich in der Gewalt haben und 
weniger die eigenen Wünsche als die Eignung des Analysierten 
zur Richtschnur nehmen. Nicht alle Neurotiker bringen viel 
Talent zur Sublimierung mit; von vielen unter ihnen kann 
man annehmen, daß sie überhaupt nicht erkrankt wären, wenn 
sie die Kunst, ihre Triebe zu süblimieren, besessen hätten. Drängt 
man sie übermäßig zur Sublimierung und schneidet ihnen die 
nächsten und bequemsten Triebbefriedigungen ab, so macht man 
ihnen das Leben meist noch schwieriger, als sie es ohnedies 
empfinden. Als Arzt muß man vor allem tolerant sein gegen die 
Schwäche des Kranken, muß sich bescheiden, auch einem nicht 
Vollwertigen ein Stück Leistungs- und Genußfähigkeit wieder- 
gewonnen zu haben. Der erzieherische Ehrgeiz ist so wenig 
zweckmäßig wie der therapeutische. Es kommt außerdem in 
Betracht, daß viele Personen gerade an dem Versuche erkrankt 
sind, ihre Triebe über das von ihrer Organisation gestattete Maß 
hinaus zu süblimieren, und daß sich bei den zur Sublimierung 
Befähigten dieser Prozeß von selbst zu vollziehen pflegt, sobald 
ihre Hemmungen durch die Analyse überwunden sind. Ich meine 
also, das Bestreben, die analytische Behandlung regelmäßig zur 
Triebsublimierung zu verwenden, ist zwar immer lobenswert, 
aber keineswegs in allen Fällen empfehlenswert. 

i) In welchen Grenzen soll man die intellektuelle Mitarbeit 
des Analysierten bei der Behandlung in Anspruch nehmen? Es 



74 



Zur Technik 



ist schwer, hierüber etwas allgemein Gültiges auszusagen. Die 
Persönlichkeit des Patienten entscheidet in erster Linie. Aber 
Vorsicht und Zurückhaltung sind hiebei jedenfalls zu beobachten. 
Es ist unrichtig, dem Analysierten Aufgaben zu stellen, er solle 
seine Erinnerung sammeln, über eine gewisse Zeit seines Lebens 
nachdenken u. dgl. Er hat vielmehr vor allem zu lernen, was 
keinem leicht fällt anzunehmen, daß durch geistige Tätigkeit von 
der Art des Nachdenkens, daß durch Willens- und Aufmerksam- 
keitsanstrengung keines der Rätsel der Neurose gelöst wird, 
sondern nur durch die geduldige Befolgung der psychoanalytischen 
Regel, welche die Kritik gegen das Unbewußte und dessen 
Abkömmlinge auszuschalten gebietet. Besonders unerbittlich sollte 
man auf der Befolgung dieser Regel bei jenen Kranken bestehen, 
die die Kunst üben, bei der Behandlung ins Intellektuelle aus- 
zuweichen, dann viel und oft sehr weise über ihren Zustand 
reflektieren, und es sich so ersparen, etwas zu seiner Bewältigung 
zu tun. Ich nehme darum bei meinen Patienten auch die Lektüre 
analytischer Schriften nicht gerne zu Hilfe; ich verlange, daß sie 
an der eigenen Person lernen sollen, und versichere ihnen, daß 
sie dadurch mehr und Wertvolleres erfahren werden, als ihnen 
die gesamte psychoanalytische Literatur sagen könnte. Ich sehe 
aber ein, daß es unter den Bedingungen eines Anstaltsaufenthaltes 
sehr vorteilhaft werden kann, sich der Lektüre zur Vorbereitung 
der Analysierten und zur Herstellung einer Atmosphäre von 
Beeinflussung zu bedienen. 

Am dringendsten möchte ich davor warnen, um die Zustimmung 
und Unterstützung von Eltern oder Angehörigen zu werben 
indem man ihnen ein — einführendes oder tiefer gehendes — 
Werk unserer Literatur zu lesen gibt. Meist reicht dieser wohl- 
gemeinte Schritt hin, um die naturgemäße, irgendeinmal unver- 
meidliche Gegnerschaft der Angehörigen gegen die psycho- 
analytische Behandlung der Ihrigen vorzeitig losbrechen zu lassen, 
so daß es überhaupt nicht zum Beginne der Behandlung kommt. 



Ratschläge für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung 75 



Ich gebe der Hoffnung Ausdruck, daß die fortschreitende 
Erfahrung der Psychoanalytiker bald zu einer Einigung über die 
Fragen der Technik führen wird, wie man am zweckmäßigsten 
die Neurotiker behandeln solle. Was die Behandlung der „Ange- 
hörigen" betrifft, so gestehe ich meine völlige Ratlosigkeit ein 
und setze auf deren individuelle Behandlung überhaupt wenig 
Zutrauen. 






ÜBER FAUSSE RECONNAISSANCE (»DEJÄ 
RACONTE«) WÄHREND DER PSYCHO- 
ANALYTISCHEN ARBEIT 1 

Zuerst erschienen in der „Internat. Zeitschr. 
für ärztl. Psychoanalyse«, Bd. II, (1914), dann in 
der Vierten Folge der „Sammlung kleiner Schriften 
zur Neurosenlehre u . 

Es ereignet sich nicht selten während der Arbeit der Analyse 
daß der Patient die Mitteilung eines von ihm erinnerten Faktums 
mit der Bemerkung begleitet, „das habe ich Ihnen 
aber schon erzähl t", während man selbst sicher zu sein 
glaubt, diese Erzählung von ihm noch niemals vernommen zu 
haben. Äußert man diesen Widerspruch gegen den Patienten 
so wird er häufig energisch versichern, er wisse es ganz 
gewiß, er sei bereit, es zu beschwören, usw.; in demselben 
Maße wird aber die eigene Überzeugung von der Neuheit 
des Gehörten stärker. Es wäre nun ganz unpsychologisch, 
einen solchen Streit durch Überschreien oder Überbieten 
mit Beteuerungen entscheiden zu wollen. Ein solches Über- 
zeugungsgefühl von der Treue seines Gedächtnisses hat 
bekanntlich keinen objektiven Wert, und da einer von beiden 
sich notwendigerweise irren muß, kann es ebensowohl der 
Arzt wie der Analysierte sein, welcher der Paramnesie verfallen 
ist. Man gesteht dies dem Patienten zu, bricht den Streit 
ab und verschiebt dessen Erledigung auf eine spätere 
Gelegenheit. 



Über fausse reconnaissance („dejä raconte") 77 

In einer Minderzahl von Fällen erinnert man sich dann selbst, 
die fragliche Mitteilung bereits gehört zu haben, und findet 
gleichzeitig das subjektive, oft weit hergeholte Motiv für deren 
zeitweilige Beseitigung. In der großen Mehrzahl aber ist es der 
Analysierte, der geirrt hat und auch dazu bewogen werden 
kann, es einzusehen. Die Erklärung für dieses häufige Vorkommnis 
scheint zu sein, daß er wirklich bereits die Absicht gehabt hat, 
diese Mitteilung zu machen, daß er eine vorbereitende Äußerung 
wirklich ein oder mehrere Male getan hat, dann aber durch den 
Widerstand abgehalten wurde, seine Absicht auszuführen, und nun 
die Erinnerung an die Intention mit der an die Ausführung der- 
selben verwechselt. 

Ich lasse nun alle die Fälle beiseite, in denen der Sachverhalt 
irgendwie zweifelhaft bleiben kann, und hebe einige andere 
hervor, die ein besonderes theoretisches Interesse haben. Es 
ereignet sich nämlich bei einzelnen Personen, und zwar wieder- 
holt, daß sie die Behauptung, sie hätten dies oder jenes schon 
erzählt, besonders hartnäckig bei Mitteilungen vertreten, wo die 
Sachlage es ganz unmöglich macht, daß sie recht haben können. 
Was sie bereits früher einmal erzählt haben wollen, und jetzt 
als etwas altes, was auch der Arzt wissen müßte, wiedererkennen, 
sind dann Erinnerungen vom höchsten Wert für die Analyse, 
Bestätigungen, auf welche man lange Zeit gewartet, Lösungen, 
die einem Teilstück der Arbeit ein Ende machen, an die der 
analysierende Arzt sicherlich eingehende Erörterungen geknüpft 
hätte. Angesichts dieser Verhältnisse gibt der Patient auch bald 
zu, daß ihn seine Erinnerung getäuscht haben muß, obwohl er 
sich die Bestimmtheit derselben nicht erklären kann. 

Das Phänomen, welches der Analysierte in solchen Fällen 
bietet, hat Anspruch darauf, eine „fausse reconnaissance" genannt 
zu werden, und ist durchaus analog den anderen Fällen, in 
denen man spontan die Empfindung hat: In dieser Situation 
war ich schon einmal, das habe ich schon einmal erlebt (das 



78 Zur Technik 



„deja vu"), ohne daß man je in die Lage käme, diese Über- 
zeugung durch das Wiederauffinden jenes früheren Males im 
Gedächtnisse zu bewahrheiten. Es ist bekannt, daß dies Phänomen 
eine Fülle von Erklärungsversuchen hervorgerufen hat, die sich 
im allgemeinen in zwei Gruppen bringen lassen.' In der einen 
wird der im Phänomen enthaltenen Empfindung Glauben 
geschenkt und angenommen, es handle sich wirklich darum, 
daß etwas erinnert werde; die Frage bleibt nur, was. Zu einer 
bei weitem zahlreicheren Gruppe treten jene Erklärungen zu- 
sammen, die vielmehr behaupten, daß hier eine Täuschung der 
Erinnerung vorliege, und die nun die Aufgabe haben, nachzu- 
spüren, wie es zu dieser paramnestischen Fehlleistung kommen 
könne. Im übrigen umfassen diese Versuche einen weiten Um- 
kreis von Motiven, beginnend mit der uralten, dem Pytha- 
goras zugeschriebenen Auffassung, daß das Phänomen des de ja 
vu einen Beweis für eine frühere individuelle Existenz enthalte 
fortgesetzt über die auf die Anatomie gestützte Hypothese, daß 
ein zeitliches Auseinanderweichen in der Tätigkeit der beiden 
Hirnhemisphären das Phänomen begründe (Wigan 1860), bis 
auf die rein psychologischen Theorien der meisten neueren 
Autoren, welche im deja vu eine Äußerung einer Apperzeptions- 
schwäche erblicken und Ermüdung, Erschöpfung, Zerstreutheit 
für dasselbe verantwortlich machen. 

Grass et 2 hat im Jahre 1904 eine Erklärung des dejh vu 
gegeben, welche zu den „gläubigen" gerechnet werden muß. 
Er meinte, das Phänomen weise darauf hin, daß früher einmal 
eine unbewußte Wahrnehmung gemacht worden sei, welche 
erst jetzt unter dem Einfluß eines neuen und ähnlichen 
Eindruckes das Bewußtsein erreiche. Mehrere andere Autoren 
haben sich ihm angeschlossen und die Erinnerung an vergessenes 

1) Siehe eine der letzten Zusammenstellungen der betreffenden Literatur i n 
H. Ellis „World of Dreams", 1911. 

2) La Sensation du „döjä vu". (Journal de psychologie norm, et patliol. I, 1904.) 



Geträumtes zur Grundlage des Phänomens gemacht. In beiden 
Fällen würde es sich um die Belebung eines unbewußten Ein- 
druckes handeln. 

Ich habe im Jahre 1907, in der zweiten Auflage meiner 
„Psychopathologie des Alltagslebens", eine ganz ähnliche Erklärung 
der angeblichen Paramnesie vertreten, ohne die Arbeit von 
Grasset zu kennen oder zu erwähnen. Zu meiner Entschuldi- 
gung mag dienen, daß ich meine Theorie als Ergebnis einer 
psychoanalytischen Untersuchung gewann, die ich an einem sehr 
deutlichen, aber etwa 28 Jahre zurückliegenden Falle von dejä 
vu bei einer Patientin vornehmen konnte. Ich will die kleine 
Analyse hier nicht wiederholen. Sie ergab, daß die Situation, 
in welcher das dejä vu auftrat, wirklich geeignet war, die Er- 
innerung an ein früheres Erlebnis der Analysierten zu wecken. 
In der Familie, welche das damals zwölfjährige Kind besuchte, 
befand sich ein schwerkranker, dem Tode verfallener Bruder, 
und ihr eigener Bruder war einige Monate vorher in derselben 
Gefahr gewesen. An dies Gemeinsame hatte sich aber im Falle 
des .ersteren Erlebnisses eine bewußtseinsunfahige Phantasie ge- 
knüpft, — der Wunsch, der Bruder solle sterben — und darum 
konnte die Analogie der beiden Fälle nicht bewußt werden. Die 
Empfindung derselben ersetzte sich durch das Phänomen des 
Schon-einmal-erlebt-habens, indem sich die Identität von dem 
Gemeinsamen auf die Lokalität verschob. 

Man weiß, daß der Name „dejä vu" für eine ganze Reihe 
analoger Phänomene steht, für ein „dejä entendu", ein „dejä 
eprouve", ein „dejä senti". Der Fall, den ich an Stelle vieler 
ähnlicher nun berichten werde, enthält ein „dejä raconte", 
welches also von einem unbewußten, unausgeführt gebliebenen 
Vorsatz abzuleiten wäre. 

Ein Patient erzählt im Laufe seiner Assoziationen: „Wie ich 
damals im Alter von fünf Jahren im Garten mit einem Messer 
gespielt und mir dabei den kleinen Finger durchgeschnitten habe 



8o 



Zur Technik 



— oh, ich habe nur geglaubt, daß er durchgeschnitten ist, - 
aber das habe ich Ihnen ja schon erzählt." 

Ich versichere, daß ich mich an nichts Ahnliches zu erinnern 
weiß. Er beteuert immer überzeugter, daß er sich darin nicht 
täuschen kann. Endlich mache ich dem Streit in der eingangs 
angegebenen Weise ein Ende und bitte ihn, die Geschichte auf 
alle Fälle zu wiederholen. Wir würden ja dann sehen. 

„Als ich fünf Jahre alt war, spielte ich im Garten neben 
meiner Kinderfrau und schnitzelte mit meinem Taschenmesser an 
der Rinde eines jener Nußbäume, die auch in meinem Traum 1 
eine Rolle spielen. 2 Plötzlich bemerkte ich mit unaussprechlichem 
Schrecken, daß ich mir den kleinen Finger der (rechten oder 
linken?) Hand so durchgeschnitten hatte, daß er nur noch an der 
Haut hing. Schmerz spürte ich keinen, aber eine große Angst. Ich 
getraute mich nicht, der wenige Schritte entfernten Kinderfrau etwas 
zu sagen, sank auf die nächste Bank und blieb da sitzen, unfähig, noch 
einen Blick auf den Finger zu werfen. Endlich wurde ich ruhig 
faßte den Finger ins Auge, und siehe da, er war ganz unverletzt. 

Wir einigten uns bald darüber, daß er mir diese Vision oder 
Halluzination doch nicht erzählt haben könne. Er verstand sehr 
wohl, daß ich einen solchen Beweis für die Existenz der 
Kastrationsangst in seinem fünften Jahre doch nicht 
unverwertet gelassen hätte. Sein Widerstand gegen die Annahme 
des Kastrationskomplexes war damit gebrochen, aber er warf die 
Frage auf: Warum habe ich so sicher geglaubt, daß ich diese 
Erinnerung schon erzählt habe? 

Dann fiel uns beiden ein, daß er wiederholt, bei verschiedenen 
Anlässen, aber jedesmal ohne Vorteil, folgende kleine Erinnerung 
vorgetragen hatte: 

i) Vgl. Märchenstoffe in Träumen [Ges. Schriften, Bd. III]. 

2) Korrektur bei späterer Erzählung : Ich glaube, ich schnitt nicht in den Baum. 
Das ist eine Verschmelzung mit einer anderen Erinnerung, die auch halluzinatorisch 
gefälscht sein muß, daß ich in einen Baum einen Schnitt mit dem Messer machte, 
und daß dabei Blut aus dem Baume kam. 



Über fausse reconnaissance („dejä raconti ) 



81 



Als der Onkel einmal verreiste, fragte er mich und die 



n 



Schwester, was er uns mitbringen solle. Die Schwester wünschte 
sich ein Buch, ich ein Taschenmesser." Nun verstanden wir 
diesen Monate vorher aufgetauchten Einfall als Deckerinnerung 
für die verdrängte Erinnerung und als Ansatz zu der infolge des 
Widerstandes unterbliebenen Erzählung vom vermeintlichen 
Verlust des kleinen Fingers (eines unverkennbaren Penisäquivalents) . 
Das Messer, welches ihm der Onkel auch wirklich mitgebracht 
hatte, war nach seiner sicheren Erinnerung das nämliche, welches 
in der lange unterdrückten Mitteilung vorkam. 

Ich glaube, es ist überflüssig, zur Deutung dieser kleinen 
Erfahrung, soweit sie auf das Phänomen der „fausse reconnaissance" 
Licht wirft, weiteres hinzuzufügen. Zum Inhalt der Vision des 
Patienten will ich bemerken, daß solche halluzinatorische Täu- 
schungen gerade im Gefüge des Kastrationskomplexes nicht 
vereinzelt sind, und daß sie ebensowohl zur Korrektur uner- 
wünschter Wahrnehmungen dienen können. 

Im Jahre 1911 stellte mir ein akademisch Gebildeter aus einer 
deutschen Universitätsstadt, den ich nicht kenne, dessen Alter mir 
unbekannt ist, folgende Mitteilung aus seiner Kindheit zur freien 
Verfügung : 

„Bei der Lektüre Ihrer , Kindheitserinnerung des Leonardo' 
haben mich die Ausführungen auf pag. 29 bis 51 zu innerem 
Widerspruch gereizt. Ihre Bemerkung, daß das männliche Kind 
von dem Interesse für sein eigenes Genitale beherrscht ist, weckte 
in mir eine Gegenbemerkung von der Art: ,Wenn das ein all- 
gemeines Gesetz ist, so bin Ich jedenfalls eine Ausnahme/ Die 
nun folgenden Zeilen (pag. 51 bis 52 oben) las ich mit dem 
größten Staunen, jenem Staunen, von dem man bei Kenntnis- 
nahme einer ganz neuartigen Tatsache erfaßt wird. Mitten in 
meinem Staunen kommt mir eine Erinnerung, die mich — zu 
meiner eigenen Überraschung — lehrt, daß mir jene Tatsache gar 
nicht so neu sein dürfte. Ich hatte nämlich zur Zeit, da ich 

Freud, Technik. 6 



N 



82 



Zur Technik 



mich mitten in der ,infantilen Sexualforschung' befand, durch 
einen glücklichen Zufall Gelegenheit, ein weibliches Genitale an 
einer kleinen Altersgenossin zu betrachten und habe hiebei 
ganz klar einen Penis von der Art meines 
eigenen bemerkt. Bald darauf hat mich aber der Anblick 
weiblicher Statuen und Akte in neue Verwirrung gestürzt und 
ich habe, um diesem wissenschaftlichen' Zwiespalt zu entrinnen, 
das folgende Experiment ersonnen: Ich brachte mein Genitale 
durch Aneinanderpressen der Oberschenkel zwischen diesen zum 
Verschwinden und konstatierte mit Befriedigung, daß hiedurch 
jeder Unterschied gegen den weiblichen Akt beseitigt sei. Offen- 
bar, so dachte ich mir, war auch beim weiblichen Akt das Genitale 
auf gleiche Weise zum Verschwinden gebracht." 

„Hier nun kommt mir eine andere Erinnerung, die mir 
insofern schon von jeher von größter Wichtigkeit war, als sie 
die eine von den drei Erinnerungen ist, aus welchen meine 
Gesamterinnerung an meine früh verstorbene Mutter besteht. 
Meine Mutter steht vor dem Waschtisch und reinigt die Gläser 
und Waschbecken, während ich im selben Zimmer spiele und 
irgend einen Unfug mache. Zur Strafe wird mir die Hand 
durchgeklopft: da sehe ich zu meinem größten Entsetzen, daß 
mein kleiner Finger herabfällt, und zwar gerade in den Wasser- 
kübel fällt. Da ich meine Mutter erzürnt weiß, getraue ich 
mich nichts zu sagen und sehe mit noch gesteigertem Ent- 
setzen, wie bald darauf der Wasserkübel vom Dienstmädchen 
hinausgetragen wird. Ich war lange überzeugt, daß ich einen 
Finger verloren habe, vermutlich bis in die Zeit, wo ich das 
Zählen lernte." 

„Diese Erinnerung, die mir — wie bereits erwähnt — durch 
ihre Beziehung zu meiner Mutter immer von größter Wichtigkeit 
war, habe ich oft zu deuten versucht: keine dieser Deutungen 
hat mich aber befriedigt. Erst jetzt — nach Lektüre Ihrer Schrift 
— ahne ich eine einfache, befriedigende Lösung des Rätsels." 



Über fausse reconnaissance („dejä raconte") 



83 



Eine andere Art der fausse reconnaissance kommt zur Befrie- 
digung des Therapeuten nicht selten beim Abschluß einer 
Behandlung vor. Nachdem es gelungen ist, das verdrängte 
Ereignis realer oder psychischer Natur gegen alle Widerstände 
zur Annahme durchzusetzen, es gewissermaßen zu rehabilitieren, 
sagt der Patient : Jetzt habe ich die Empfindung, 
ich habe es immer gewußt. Damit ist die analytische 
Aufgabe gelöst. 



ZUR EINLEITUNG DER BEHANDLUNG 

Erschien zuerst in der „Internat. Zeitschrift 
für ärztl. Psychoanalyse", Bd. I (1913), dann in 
der Vierten Folge der „Sammlung kleiner Schriften 
zur Neurosenlehre", gemeinsam mit den beiden 
folgenden Arbeiten unter dem Obertitel „Weitere 
Ratschläge zur Technik der Psychoanalyse? 1 . 

Wer das edle Schachspiel aus Büchern erlernen will, der wird 
bald erfahren, daß nur die Eröffnungen und Endspiele eine 
erschöpfende systematische Darstellung gestatten, während die 
unübersehbare Mannigfaltigkeit der nach der Eröffnung beginnenden 
Spiele sich einer solchen versagt. Eifriges Studium von Partien, 
in denen Meister miteinander gekämpft haben, kann allein die 
Lücke in der Unterweisung ausfüllen. Ähnlichen Einschränkungen 
unterliegen wohl die Regeln, die man für die Ausübung der 
psychoanalytischen Behandlung geben kann. 

Ich werde im folgenden versuchen, einige dieser Regeln für 
die Einleitung der Kur zum Gebrauche des praktischen Analytikers 
zusammenzustellen. Es sind Bestimmungen darunter, die kleinlich 
erscheinen mögen und es wohl auch sind. Zu ihrer Entschuldigung 
diene, daß es eben Spielregeln sind, die ihre Bedeutung aus dem 
Zusammenhange des Spielplanes schöpfen müssen. Ich tue aber 
gut daran, diese Regeln als „Ratschläge" auszugeben und keine 
unbedingte Verbindlichkeit für sie zu beanspruchen. Die außer- 
ordentliche Verschiedenheit der in Betracht kommenden psychi- 
schen Konstellationen, die Plastizität aller seelischen Vorgänge und 
der Reichtum an determinierenden Faktoren widersetzen sich auch 



Zur Einleitung der Behandlung 85 

einer Mechanisierung der Technik und gestatten es, daß ein sonst 
berechtigtes Vorgehen gelegentlich wirkungslos bleibt und ein für 
gewöhnlich fehlerhaftes einmal zum Ziele führt. Diese Verhältnisse 
hindern indes nicht, ein durchschnittlich zweckmäßiges Verhalten 
des Arztes festzustellen. 

Die wichtigsten Indikationen für die Auswahl der Kranken 
habe ich bereits vor Jahren an anderer Stelle angegeben. 1 Ich 
wiederhole sie darum hier nicht; sie haben unterdes die Zustimmung 
anderer Psychoanalytiker gefunden. Ich füge aber hinzu, daß ich 
mich seither gewöhnt habe, Kranke, von denen ich wenig weiß, 
vorerst nur provisorisch, für die Dauer von einer bis zwei Wochen, 
anzunehmen. Bricht man innerhalb dieser Zeit ab, so erspart 
man dem Kranken den peinlichen Eindruck eines verunglückten 
Heilungsversuches. Man hat eben nur eine Sondierung vorge- 
nommen, um den Fall kennen zu lernen und um zu entscheiden, 
ob er für die Psychoanalyse geeignet ist. Eine andere Art der 
Erprobung als einen solchen Versuch hat man nicht zur Ver- 
fügung; noch so lange fortgesetzte Unterhaltungen und Aus- 
fragungen in der Sprechstunde würden keinen Ersatz bieten. 
Dieser Vorversuch aber ist bereits der Beginn der Psychoanalyse 
und soll den Regeln derselben folgen. Man kann ihn etwa dadurch 
gesondert halten, daß man hauptsächlich den Patienten reden läßt 
und ihm von Aufklärungen nicht mehr mitteilt, als zur Fort- 
führung seiner Erzählung durchaus unerläßlich ist. 

Die Einleitung der Behandlung mit einer solchen für einige 
Wochen angesetzten Probezeit hat übrigens auch eine diagnostische 
Motivierung. Oft genug, wenn man eine Neurose mit hysterischen 
oder Zwangssymptomen vor sich hat, von nicht exzessiver Aus- 
prägung und von kürzerem Bestände, also gerade solche Formen, 
die man als günstig für die Behandlung ansehen wollte, muß man 
dem Zweifel Raum geben, ob der Fall nicht einem Vorstadium, 
einer sogenannten Dementia praecox (Schizophrenie nach Bleuler, 

1) Über Psychotherapie, 1905 [S. 11 ff. dieses Bandes]. 



86 



Zur Technik 



Paraphrenie nach meinem Vorschlage) entspricht und nach kürzerer 
oder längerer Zeit ein ausgesprochenes Bild dieser Affektion zeigen 
wird. Ich bestreite es, daß es immer so leicht möglich ist, die 
Unterscheidung zu treffen. Ich weiß, daß es Psychiater gibt, die 
in der Differentialdiagnose seltener schwanken, aber ich habe mich 
überzeugt, daß sie ebenso häufig irren. Der Irrtum ist nur für 
den Psychoanalytiker verhängnisvoller als für den sogenannten 
klinischen Psychiater. Denn der letztere unternimmt in dem 
einen Falle so wenig wie in dem anderen etwas Ersprießliches; 
er läuft nur die Gefahr eines theoretischen Irrtums und seine 
Diagnose hat nur akademisches Interesse. Der Psychoanalytiker 
hat aber im ungünstigen Falle einen praktischen Mißgriff begangen, 
er hat einen vergeblichen Aufwand verschuldet und sein Heil- 
verfahren diskreditiert. Er kann sein Heilungsversprechen nicht 
halten, wenn der Kranke nicht an Hysterie oder Zwangsneurose, 
sondern an Paraphrenie leidet, und hat darum besonders starke 
Motive, den diagnostischen Irrtum zu vermeiden. In einer Probe- 
behandlung von einigen Wochen wird er oft verdächtige Wahr- 
nehmungen machen, die ihn bestimmen können, den Versuch 
nicht weiter fortzusetzen. Ich kann leider nicht behaupten, daß 
ein solcher Versuch regelmäßig eine sichere Entscheidung ermöglicht; 
es ist nur eine gute Vorsicht mehr. 1 

Lange Vorbesprechungen vor Beginn der analytischen Behandlung, 
eine andersartige Therapie vorher, sowie frühere Bekanntschaft 
zwischen dem Arzte und dem zu Analysierenden haben bestimmte 
ungünstige Folgen, auf die man vorbereitet sein muß. Sie machen 
nämlich, daß der Patient dem Arzte in einer fertigen Über- 



1) Über das Thema dieser diagnostischen Unsicherheit, über die Chancen der 
Analyse bei leichten Formen von Paraphrenie und über die Begründung der Ähn- 
lichkeit beider Affektionen wäre sehr viel zu sagen, was ich in diesem Zusammen- 
hange nicht ausführen kann. Gern würde ich nach Jungs Vorgang Hysterie und 
Zwangsneurose als „Übertragungsneurosen" den paraphrenischen Affektionen 
als „Introversionsneurosen" gegenüberstellen, wenn bei diesem Gebrauch 
der Begriff der „Introversion" (der Libido) nicht seinem einzig berechtigten Sinne 
entfremdet würde. 



ef 



Zur Einleitung der Behandlung 87 

tragungseinstellung gegenübertritt, die der Arzt erst langsam auf- 
decken muß, anstatt daß er die Gelegenheit hat, das Wachsen 
und Werden der Übertragung von Anfang an zu beobachten. Der 
Patient hat so eine Zeitlang einen Vorsprung, den man ihm in 
der Kur nur ungern gönnt. 

Gegen alle die, welche die Kur mit einem Aufschübe beginnen 
wollen, sei man mißtrauisch. Die Erfahrung zeigt, daß sie nach 
Ablauf der vereinbarten Frist nicht eintreffen, auch wenn die 
Motivierung dieses Aufschubes, also die Rationalisierung des Vor- 
satzes, dem Uneingeweihten tadellos erscheint. 

Besondere Schwierigkeiten ergeben sich, wenn zwischen dem 
Arzte und dem in die Analyse eintretenden Patienten oder deren 
Familien freundschaftliche oder gesellschaftliche Beziehungen 
bestanden haben. Der Psychoanalytiker, von dem verlangt wird, 
daß er die Ehefrau oder das Kind eines Freundes in Behandlung 
nehme, darf sich darauf vorbereiten, daß ihn das Unternehmen, 
wie immer es ausgehe, die Freundschaft kosten wird. Er muß 
doch das Opfer bringen, wenn er nicht einen vertrauenswürdigen 
Vertreter stellen kann. 

Laien wie Ärzte, welche die Psychoanalyse immer noch gern 
mit einer Suggestivbehandlung verwechseln, pflegen hohen Wert 
auf die Erwartung zu legen, welche der Patient der neuen 
Behandlung entgegenbringt. Sie meinen oft, mit dem einen Kranken 
werde man nicht viel Mühe haben, denn er habe ein großes 
Zutrauen zur Psychoanalyse und sei von ihrer Wahrheit und ihrer 
Leistungsfähigkeit voll überzeugt. Bei einem anderen werde es 
wohl schwerer gehen, denn er verhalte sich skeptisch und wolle 
nichts glauben, ehe er nicht den Erfolg an seiner eigenen Person 
gesehen habe. In Wirklichkeit hat aber diese Einstellung der 
Kranken eine recht geringe Bedeutung; sein vorläufiges Zutrauen 
oder Mißtrauen kommt gegen die inneren Widerstände, welche 
die Neurose verankern, kaum in Betracht. Die Vertrauens- 
seligkeit des Patienten macht ja den ersten Verkehr mit ihm 



88 



Zur Technik 



recht angenehm; man dankt ihm für sie, bereitet ihn aber dar- 
auf vor, daß seine günstige Voreingenommenheit an der ersten 
in der Behandlung auftauchenden Schwierigkeit zerschellen wird. 
Dem Skeptiker sagt man, daß die Analyse kein Vertrauen 
braucht, daß er so kritisch und mißtrauisch sein dürfe, als ihm 
beliebt, daß man seine Einstellung gar nicht auf die Rechnung 
seines Urteiles setzen wolle, denn er sei ja nicht in der Lage, 
sich ein verläßliches Urteil über diese Punkte zu bilden; sein 
Mißtrauen sei eben ein Symptom wie seine anderen Sym- 
ptome, und es werde sich nicht störend erweisen, wenn er nur 
gewissenhaft befolgen wolle, was die Regel der Behandlung von 
ihm fordere. 

Wer mit dem Wesen der Neurose vertraut ist, wird nicht 
erstaunt sein zu hören, daß auch derjenige, der sehr wohl 
befähigt ist, die Psychoanalyse an anderen auszuüben, sich 
benehmen kann wie ein anderer Sterblicher und die intensivsten 
Widerstände zu produzieren imstande ist, sobald er selbst zum 
Objekte der Psychoanalyse gemacht wird. Man bekommt dann 
wieder einmal den Eindruck der psychischen Tiefendimension 
und findet nichts Überraschendes daran, daß die Neurose in 
psychischen Schichten wurzelt, bis zu denen die analytische 
Bildung nicht hinabgedrungen ist. 

Wichtige Punkte zu Beginn der analytischen Kur sind die 
Bestimmungen über Zeit und Geld. 

In betreff der Zeit befolge ich ausschließlich das Prinzip des 
Vermietens einer bestimmten Stunde. Jeder Patient erhält eine 
gewisse Stunde meines verfügbaren Arbeitstages zugewiesen; sie 
ist die seine und er bleibt für sie haftbar, auch wenn er sie 
nicht benützt. Diese Bestimmung, die für den Musik- oder 
Sprachlehrer in unserer guten Gesellschaft als selbstverständlich 
gilt, erscheint beim Arzte vielleicht hart oder selbst standes- 
unwürdig. Man wird geneigt sein, auf die vielen Zufälligkeiten 
hinzuweisen, die den Patienten hindern mögen, jedesmal zu der- 



Zur Einleitung der Behandlung 89 









selben Stunde beim Arzte zu erscheinen, und wird verlangen, 
daß den zahlreichen interkurrenten Erkrankungen Rechnung 
getragen werde, die im Verlaufe einer längeren analytischen 
Behandlung vorfallen können. Allein meine Antwort ist : es geht 
nicht anders. Bei milderer Praxis häufen sich die „gelegentlichen" 
Absagen so sehr, daß der Arzt seine materielle Existenz gefährdet 
findet. Bei strenger Einhaltung dieser Bestimmung stellt sich 
dagegen heraus, daß hinderliche Zufälligkeiten überhaupt nicht 
vorkommen und interkurrente Erkrankungen nur sehr selten. 
Man kommt kaum je in die Lage, eine Muße zu genießen, 
deren man sich als Erwerbender zu schämen hätte; man kann die 
Arbeit ungestört fortsetzen und entgeht der peinlichen, ver- 
wirrenden Erfahrung, daß gerade dann immer eine unverschuldete 
Pause in der Arbeit eintreten muß, wenn sie besonders wichtig 
und inhaltsreich zu werden versprach. Von der Bedeutung der 
Psychogenie im täglichen Leben der Menschen, von der Häufig- 
keit der „Schulkrankheiten" und der Nichtigkeit des Zufalls 
gewinnt man erst eine ordentliche Überzeugung, wenn man einige 
Jahre hindurch Psychoanalyse betrieben hat unter strenger Befolgung 
des Prinzips der Stunden miete. Bei unzweifelhaften organischen 
Affektionen, die durch das psychische Interesse doch nicht aus- 
geschlossen werden können, unterbreche ich die Behandlung, 
halte mich für berechtigt, die frei gewordene Stunde anders zu 
vergeben, und nehme den Patienten wieder auf, sobald er her- 
gestellt ist, und ich eine andere Stunde frei bekommen habe. 
Ich arbeite mit meinen Patienten täglich mit Ausnahme der 
Sonntage und der großen Festtage, also für gewöhnlich sechsmal 
in der Woche. Für leichte Fälle oder Fortsetzungen von weit 
gediehenen Behandlungen reichen auch drei Stunden wöchentlich 
aus. Sonst bringen Einschränkungen an Zeit weder dem Arzte 
noch dem Patienten Vorteil; für den Anfang sind sie ganz zu 
verwerfen. Schon durch kurze Unterbrechungen wird die Arbeit 
immer ein wenig verschüttet; wir pflegten scherzhaft von einer 



9° 



Zur Technik 



„Montagskruste" zu sprechen, wenn wir nach der Sonntagsruhe 
von neuem begannen; bei seltener Arbeit besteht die Gefahr, daß 
man mit dem realen Erleben des Patienten nicht Schritt halten 
kann, daß die Kur den Kontakt mit der Gegenwart verliert und 
auf Seitenwege gedrängt wird. Gelegentlich trifft man auch 
auf Kranke, denen man mehr Zeit als das mittlere Maß von 
einer Stunde widmen muß, weil sie den größeren Teil einer 
Stunde verbrauchen, um aufzutauen, überhaupt mitteilsam zu 
werden. 

Eine dem Arzte unliebsame Frage, die der Kranke zu allem 
Anfange an ihn richtet, lautet: Wie lange Zeit wird die 
Behandlung dauern? Welche Zeit brauchen Sie, um mich von 
meinem Leiden zu befreien? Wenn man eine Probebehandlung 
von einigen Wochen vorgeschlagen hat, entzieht man sich der 
direkten Beantwortung dieser Frage, indem man verspricht, nach 
Ablauf der Probezeit eine zuverlässigere Aussage abgeben zu 
können. Man antwortet gleichsam wie der Äsop der Fabel dem 
Wanderer, der nach der Länge des Weges fragt, mit der Auf- 
forderung: Geh, und erläutert den Bescheid durch die Begründung, 
man müsse zuerst den Schritt des Wanderers kennen lernen, ehe 
man die Dauer seiner Wanderung berechnen könne. Mit dieser 
Auskunft hilft man sich über die ersten Schwierigkeiten hinweg, 
aber der Vergleich ist nicht gut, denn der Neurotiker kann 
leicht sein Tempo verändern und zu Zeiten nur sehr langsame 
Fortschritte machen. Die Frage nach der voraussichtlichen Dauer 
der Behandlung ist in Wahrheit kaum zu beantworten. 

Die Einsichtslosigkeit der Kranken und die Unaufrichtigkeit 
der Ärzte vereinigen sich zu dem Effekt, an die Analyse die 
maßlosesten Ansprüche zu stellen und ihr dabei die knappste 
Zeit einzuräumen. Ich teile zum Beispiel aus dem Briefe einer 
Dame in Rußland, der vor wenigen Tagen an mich gekommen 
ist, folgende Daten mit. Sie ist 55 Jahre alt, seit 25 Jahren 
leidend, seit zehn Jahren keiner anhaltenden Arbeit mehr fähig. 






Zur Einleitung der Behandlung 91 

„Behandlung in mehreren Nervenheilanstalten" hat es nicht 
vermocht, ihr ein „aktives Leben" zu ermöglichen. Sie hofft 
durch die Psychoanalyse, über die sie gelesen hat, ganz geheilt 
zu werden. Aber ihre Behandlung hat ihrer Familie schon so 
viel gekostet, daß sie keinen längeren Aufenthalt in Wien nehmen 
kann als sechs Wochen oder zwei Monate. Dazu kommt die 
Erschwerung, daß sie sich von Anfang an nur schriftlich „deut- 
lich machen" will, denn Antasten ihrer Komplexe würde bei 
ihr eine Explosion hervorrufen oder sie „zeitlich verstummen 
lassen". — Niemand würde sonst erwarten, daß man einen 
schweren Tisch mit zwei Fingern heben werde wie einen leichten 
Schemel, oder daß man ein großes Haus in derselben Zeit bauen 
könne wie ein Holzhüttchen, doch sowie es sich um die Neu- 
rosen handelt, die in den Zusammenhang des menschlichen 
Denkens derzeit noch nicht eingereiht scheinen, vergessen selbst 
intelligente Personen an die notwendige Proportionalität zwischen 
Zeit, Arbeit und Erfolg. Übrigens eine begreifliche Folge der 
tiefen Unwissenheit über die Ätiologie der Neurosen. Dank 
dieser Ignoranz ist ihnen die Neurose eine Art „Mädchen aus 
der Fremde". Man wußte nicht, woher sie kam, und darum 
erwartet man, daß sie eines Tages entschwunden sein wird. 

Die Ärzte unterstützen diese Vertrauensseligkeit; auch wissende 
unter ihnen schätzen häufig die Schwere der neurotischen 
Erkrankungen nicht ordentlich ein. Ein befreundeter Kollege, 
dem ich es hoch anrechne, daß er sich nach mehreren Dezennien 
wissenschaftlicher Arbeit auf anderen Voraussetzungen zur Wür- 
digung der Psychoanalyse bekehrt hat, schrieb mir einmal: Was 
uns nottut, ist eine kurze, bequeme, ambulatorische Behandlung 
der Zwangsneurosen. Ich konnte damit nicht dienen, schämte 
mich und suchte mich mit der Bemerkung zu entschuldigen, 
daß wahrscheinlich auch die Internisten mit einer Therapie der 
Tuberkulose oder des Karzinoms, welche diese Vorzüge vereinte, 
sehr zufrieden sein würden. 



92 Zur Technik 



Um es direkter zu sagen, es handelt sich bei der Psycho- 
analyse immer um lange Zeiträume, halbe oder ganze Jahre, um 
längere, als der Erwartung des Kranken entspricht. Man hat 
daher die Verpflichtung, dem Kranken diesen Sachverhalt zu 
eröffnen, ehe er sich endgültig für die Behandlung entschließt. 
Ich halte es überhaupt für würdiger, aber auch für zweck- 
mäßiger, wenn man ihn, ohne gerade auf seine Abschreckung 
hinzuarbeiten, doch von vornherein auf die Schwierigkeiten und 
Opfer der analytischen Therapie aufmerksam macht und ihm so 
jede Berechtigung nimmt, später einmal zu behaupten, man habe 
ihn in die Behandlung, deren Umfang und Bedeutung er nicht 
gekannt habe, gelockt. Wer sich durch solche Mitteilungen 
abhalten läßt, der hätte sich später doch als unbrauchbar erwiesen. 
Es ist gut, eine derartige Auslese vor dem Beginne der Behandlung 
vorzunehmen. Mit dem Fortschritte der Aufklärung unter den 
Kränken wächst doch die Zahl derjenigen, welche diese erste 
Probe bestehen. 

Ich lehne es ab, die Patienten auf eine gewisse Dauer des 
Ausharrens in der Behandlung zu verpflichten, gestatte jedem, 
die Kur abzubrechen, wann es ihm beliebt, verhehle ihm aber 
nicht, daß ein Abbruch nach kurzer Arbeit keinen Erfolg zurück- 
lassen wird, und ihn leicht wie eine unvollendete Operation in 
einen unbefriedigenden Zustand versetzen kann. In den ersten 
Jahren meiner psychoanalytischen Tätigkeit fand ich die größte 
Schwierigkeit, die Kranken zum Verbleiben zu bewegen; diese 
Schwierigkeit hat sich längst verschoben, ich muß jetzt ängstlich 
bemüht sein, sie auch zum Aufhören zu nötigen. 

Die Abkürzung der analytischen Kur bleibt ein berechtigter 
Wunsch, dessen Erfüllung, wie wir hören werden, auf ver- 
schiedenen Wegen angestrebt wird. Es steht ihr leider ein sehr 
bedeutsames Moment entgegen, die Langsamkeit, mit der sich 
tiefgreifende seelische Veränderungen vollziehen, in letzter Linie 
wohl die „Zeitlosigkeit" unserer unbewußten Vorgänge. Wenn 



Zur Einleitung der Behandlung 93 

die Kranken vor die Schwierigkeit des großen Zeitaufwandes für 
die Analyse gestellt werden, so wissen sie nicht selten ein gewisses 
Auskunftsmittel vorzuschlagen. Sie teilen ihre Beschwerden in 
solche ein, die sie als unerträglich, und andere, die sie als neben- 
sächlich beschreiben, und sagen: Wenn Sie mich nur von dem 
einen (zum Beispiel dem Kopfschmerz, der bestimmten Angst) 
befreien, mit dem anderen will ich schon selbst im Leben fertig 
werden. Sie überschätzen dabei aber die elektive Macht der 
Analyse. Gewiß vermag der analytische Arzt viel, aber er kann 
nicht genau bestimmen, was er zustande bringen wird. Er leitet 
einen Prozeß ein, den der Auflösung der bestehenden Verdrängungen, 
er kann ihn überwachen, fördern, Hindernisse aus dem Wege 
räumen, gewiß auch viel an ihm verderben. Im ganzen aber geht 
der einmal eingeleitete Prozeß seinen eigenen Weg und läßt sich 
weder seine Richtung noch die Reihenfolge der Punkte, die er 
angreift, vorschreiben. Mit der Macht des Analytikers über die 
Krankheitserscheinungen steht es also ungefähr so wie mit der 
männlichen Potenz. Der kräftigste Mann kann zwar ein ganzes 
Kind zeugen, aber nicht im weiblichen Organismus einen Kopf 
allein, einen Arm oder ein Bein entstehen lassen; er kann nicht 
einmal über das Geschlecht des Kindes bestimmen. Er leitet eben 
auch nur einen höchst verwickelten und durch alte Geschehnisse 
determinierten Prozeß ein, der mit der Lösung des Kindes von 
der Mutter endet. Auch die Neurose eines Menschen besitzt die 
Charaktere eines Organismus, ihre Teilerscheinungen sind nicht 
unabhängig voneinander, sie bedingen einander, pflegen sich gegen- 
seitig zu stützen; man leidet immer nur an einer Neurose, nicht 
an mehreren, die zufällig in einem Individuum zusammengetroffen 
sind. Der Kranke, den man nach seinem Wunsche von dem 
einen unerträglichen Symptome befreit hat, könnte leicht die 
Erfahrung machen, daß nun ein bisher mildes Symptom sich zur 
Unerträglichkeit steigert. Wer überhaupt den Erfolg von seinen 
suggestiven (das heißt Übertragungs-) Bedingungen möglichst 



qa Zur Technik 



ablösen will, der tut gut daran, auch auf die Spuren elektiver 
Beeinflussung des Heilerfolges, die dem Arzte etwa zustehen, zu 
verzichten. Dem Psychoanalytiker müssen diejenigen Patienten 
am liebsten sein, welche die volle Gesundheit, soweit sie zu 
haben ist, von ihm fordern, und ihm so viel Zeit zur Verfügung 
stellen, als der Prozeß der Herstellung verbraucht. Natürlich sind 
so günstige Bedingungen nur in wenig Fällen zu erwarten. 

Der nächste Punkt, über den zu Beginn einer Kur entschieden 
werden soll, ist das Geld, das Honorar des Arztes. Der Analytiker 
stellt nicht in Abrede, daß Geld in erster Linie als Mittel zur 
Selbsterhaltung und Machtgewinnung zu betrachten ist, aber er 
behauptet, daß mächtige sexuelle Faktoren an der Schätzung des 
Geldes mitbeteiligt sind. Er kann sich dann darauf berufen, daß 
Geldangelegenheiten von den Kulturmenschen in ganz ähnlicher 
Weise behandelt werden wie sexuelle Dinge, mit derselben 
Zwiespältigkeit, Prüderie und Heuchelei. Er ist also von vorn- 
herein entschlossen, dabei nicht mitzutun, sondern Geldbeziehungen 
mit der nämlichen selbstverständlichen Aufrichtigkeit vor dem 
Patienten zu behandeln, zu der er ihn in Sachen des Sexuallebens 
erziehen will. Er beweist ihm, daß er selbst eine falsche Scham 
abgelegt hat, indem er unaufgefordert mitteilt, wie er seine Zeit 
einschätzt. Menschliche Klugheit gebietet dann, nicht große 
Summen zusammenkommen zu lassen, sondern nach kürzeren 
regelmäßigen Zeiträumen (etwa monatlich) Zahlung zu nehmen. 
(Man erhöht, wie bekannt, die Schätzung der Behandlung beim 
Patienten nicht, wenn man sie sehr wohlfeil gibt.) Das ist, wie 
man weiß, nicht die gewöhnliche Praxis des Nervenarztes oder 
des Internisten in unserer europäischen Gesellschaft. Aber der 
Psychoanalytiker darf sich in die Lage des Chirurgen versetzen, 
der aufrichtig und kostspielig ist, weil er über Behandlungen 
verfügt, welche helfen können. Ich meine, es ist doch würdiger 
und ethisch unbedenklicher, sich zu seinen wirklichen Ansprüchen 
und Bedürfnissen zu bekennen, als, wie es jetzt noch unter 



Zur Einleitung der Behandlung 



95 



Ärzten gebräuchlich ist, den uneigennützigen Menschenfreund 
zu agieren, dessen Situation einem doch versagt ist, und sich 
dafür im Stillen über die Rücksichtslosigkeit und die Aus- 
beutungssucht der Patienten zu grämen oder laut darüber zu 
schimpfen. Der Analytiker wird für seinen Anspruch auf Bezahlung 
noch geltend machen, daß er bei schwerer Arbeit nie so viel 
erwerben kann wie andere medizinische Spezialisten. 

Aus denselben Gründen wird er es auch ablehnen dürfen, 
ohne Honorar zu behandeln, und auch zugunsten der Kollegen 
oder ihrer Angehörigen keine Ausnahme machen. Die letzte 
Forderung scheint gegen die ärztliche Kollegialität zu verstoßen; 
man halte sich aber vor, daß eine Gratisbehandlung für den 
Psychoanalytiker weit mehr bedeutet als für jeden anderen, 
nämlich die Entziehung eines ansehnlichen Bruchteiles seiner für 
den Erwerb verfügbaren Arbeitszeit (eines Achtels, Siebentels u. dgl.) 
auf die Dauer von vielen Monaten. Eine gleichzeitige zweite 
Gratisbehandlung raubt ihm bereits ein Viertel oder Drittel seiner 
Erwerbsfähigkeit, was der Wirkung eines schweren traumatischen 
Unfalles gleichzusetzen wäre. 

Es fragt sich dann, ob der Vorteil für den Kranken das Opfer 
des Arztes einigermaßen aufwiegt. Ich darf mir wohl ein Urteil 
darüber zutrauen, denn ich habe durch etwa zehn Jahre täglich 
eine Stunde, zeitweise auch zwei, Gratisbehandlungen gewidmet, 
weil ich zum Zwecke der Orientierung in der Neurose möglichst 
widerstandsfrei arbeiten wollte. Ich fand dabei die Vorteile nicht, 
die ich suchte. Manche der Widerstände des Neurotikers werden 
durch die Gratisbehandlung enorm gesteigert, so beim jungen Weibe 
die Versuchung, die in der Übertragungsbeziehung enthalten ist, 
beim jungen Manne das aus dem Vaterkomplex stammende 
Sträuben gegen die Verpflichtung der Dankbarkeit, das zu den 
widrigsten Erschwerungen der ärztlichen Hilfeleistung gehört. 
Der Wegfall der Regulierung, die doch durch die Bezahlung an 
den Arzt gegeben ist, macht sich sehr peinlich fühlbar; das ganze 



96 



Zur Technik 



Verhältnis rückt aus der realen Welt heraus 5 ein gutes Motiv, 
die Beendigung der Kur anzustreben, wird dem Patienten entzogen. 
Man kann der asketischen Verdammung des Geldes ganz ferne 
stehen und darf es doch bedauern, daß die analytische Therapie 
aus äußeren wie aus inneren Gründen den Armen fast unzu- 
gänglich ist. Es ist wenig dagegen zu tun. Vielleicht hat die 
viel verbreitete Behauptung recht, daß der weniger leicht der 
Neurose verfällt, wer durch die Not des Lebens zu harter Arbeit 
gezwungen ist. Aber ganz unbestreitbar steht die andere Erfahrung 
da, daß der Arme, der einmal eine Neurose zustande gebracht 
hat, sich dieselbe nur sehr schwer entreißen läßt. Sie leistet ihm 
zu gute Dienste im Kampfe um die Selbstbehauptung ; der 
sekundäre Krankheitsgewinn, den sie ihm bringt, ist allzu 
bedeutend. Das Erbarmen, das die Menschen seiner materiellen 
Not versagt haben, beansprucht er jetzt unter dem Titel seiner 
Neurose und kann sich von der Forderung, seine Armut durch 
Arbeit zu bekämpfen, selbst freisprechen. Wer die Neurose eines 
Armen mit den Mitteln der Psychotherapie angreift, macht also 
in der Regel die Erfahrung, daß in diesem Falle eigentlich eine 
Aktualtherapie ganz anderer Art von ihm gefordert wird, eine 
Therapie, wie sie nach der bei uns heimischen Sage Kaiser 
Josef IL zu üben pflegte. Natürlich findet man doch gelegentlich 
wertvolle und ohne ihre Schuld hilflose Menschen, bei denen die 
unentgeltliche Behandlung nicht auf die angeführten Hindernisse 
stößt und schöne Erfolge erzielt. 

Für den Mittelstand ist der für die Psychoanalyse benötigte 
Geldaufwand nur scheinbar ein übermäßiger. Ganz abgesehen 
davon, daß Gesundheit und Leistungsfähigkeit einerseits, ein 
mäßiger Geldaufwand anderseits überhaupt inkommensurabel 
sind: wenn man die nie aufhörenden Ausgaben für Sanatorien 
und ärztliche Behandlung zusammenrechnet und ihnen die 
Steigerung der Leistungs- und Erwerbsfähigkeit nach glücklich 
beendeter analytischer Kur gegenüberstellt, darf man sagen, daß 



i 



- 



Zur Einleitung der Behandlung 97 

die Kranken einen guten Handel gemacht haben. Es ist nichts 
Kostspieligeres im Leben als die Krankheit und — die Dummheit. 

Ehe ich diese Bemerkungen zur Einleitung der analytischen 
Behandlung beschließe, noch ein Wort über ein gewisses Zere- 
moniell der Situation, in welcher die Kur ausgeführt wird. Ich 
halte an dem Rate fest, den Kranken auf einem Ruhebett lagern 
zu lassen, während man hinter ihm, von ihm ungesehen, Platz 
nimmt. Diese Veranstaltung hat einen historischen Sinn, sie ist 
der Rest der hypnotischen Behandlung, aus welcher sich die 
Psychoanalyse entwickelt hat. Sie verdient aber aus mehrfachen 
Gründen festgehalten zu werden. Zunächst wegen eines persön- 
lichen Motivs, das aber andere mit mir teilen mögen. Ich ver- 
trage es nicht, acht Stunden täglich (oder länger) von anderen 
angestarrt zu werden. Da ich mich während des Zuhörens selbst 
dem Ablauf meiner unbewußten Gedanken überlasse, will ich 
nicht, daß meine Mienen dem Patienten Stoff zu Deutungen 
geben oder ihn in seinen Mitteilungen beeinflussen. Der Patient 
faßt die ihm aufgezwungene Situation gewöhnlich als Entbehrung 
auf und sträubt sich gegen sie, besonders wenn der Schautrieb 
(das Voyeurtum) in seiner Neurose eine bedeutende Rolle spielt. 
Ich beharre aber auf dieser Maßregel, welche die Absicht und 
den Erfolg hat, die unmerkliche Vermengung der Übertragung 
mit den Einfällen des Patienten zu verhüten, die Übertragung 
zu isolieren und sie zur Zeit als Widerstand scharf umschrieben 
hervortreten zu lassen. Ich weiß, daß viele Analytiker es anders 
machen, aber ich weiß nicht, ob die Sucht, es anders zu machen, 
oder ob ein Vorteil, den sie dabei gefunden haben, mehr Anteil 
an ihrer Abweichung hat. 

Wenn nun die Bedingungen der Kur in solcher Weise geregelt 
sind, erhebt sich die Frage, an welchem Punkte und mit welchem 
Materiale soll man die Behandlung beginnen? 

Es ist im ganzen gleichgültig, mit welchem Stoffe man die 
Behandlung beginnt, ob mit der Lebensgeschichte, der Kranken- 
Freud, Technik. 7 



q8 Zur Technik 



geschichte oder den Kindheitserinnerungen des Patienten. Jeden- 
falls aber so, daß' man den Patienten erzählen läßt und ihm die 
Wahl des Anfangspunktes freistellt. Man sagt ihm also: Ehe ich 
Ihnen etwas sagen kann, muß ich viel über Sie erfahren haben; 
bitte teilen Sie mir mit, was Sie von sich wissen. 

Nur für die Grundregel der psychoanalytischen Technik, die 
der Patient zu beobachten hat, macht man eine Ausnahme. Mit 
dieser macht man ihn von allem Anfang an bekannt: Noch 
eines, ehe Sie beginnen. Ihre Erzählung soll sich doch in einem 
Punkte von einer gewöhnlichen Konversation unterscheiden. 
Während Sie sonst mit Recht versuchen, in Ihrer Darstellung 
den Faden des Zusammenhanges festzuhalten und alle störenden 
Einfälle und Nebengedanken abweisen, um nicht, wie man sagt, 
aus dem Hundertsten ins Tausendste zu kommen, sollen Sie hier 
anders vorgehen. Sie werden beobachten, daß Ihnen während 
Ihrer Erzählung verschiedene Gedanken kommen, welche Sie mit 
gewissen kritischen Einwendungen zurückweisen möchten. Sie 
werden versucht sein, sich zu sagen: Dies oder jenes gehört 
nicht hieher, oder es ist ganz unwichtig, oder es ist unsinnig, 
man braucht es darum nicht zu sagen. Geben Sie dieser Kritik 
niemals nach und sagen Sie es trotzdem, ja gerade darum, weil 
Sie eine Abneigung dagegen verspüren. Den Grund für diese 
Vorschrift — eigentlich die einzige, die Sie befolgen sollen — 
werden Sie später erfahren und einsehen lernen. Sagen Sie also 
alles, was Ihnen durch den Sinn geht. Benehmen Sie sich so, 
wie zum Beispiel ein Reisender, der am Fensterplatze des Eisen- 
bahnwagens sitzt und dem im Inneren Untergebrachten beschreibt, 
wie sich vor seinen Blicken die Aussicht verändert. Endlich ver- 
gessen Sie nie daran, daß Sie volle Aufrichtigkeit versprochen 
haben, und gehen Sie nie über etwas hinweg, weil Ihnen dessen 
Mitteilung aus irgendeinem Grunde unangenehm ist. 1 

i) Über die Erfahrungen mit der <|>a Grundregel wäre viel zu sagen. Man trifft 
gelegentlich auf Personen, die sich benehmen, als ob sie sich diese Regel selbst 



Zur Einleitung der Behandlung 



99 



Patienten, die ihr Kranksein von einem bestimmten Momente 
an rechnen, stellen sich gewöhnlich auf die Krankheitsveranlassung 
ein; andere, die den Zusammenhang ihrer Neurose mit ihrer 
Kindheit selbst nicht verkennen, beginnen oft mit der Darstellung 
ihrer ganzen Lebensgeschichte. Eine systematische Erzählung 
erwarte man auf keinen Fall und tue nichts dazu, sie zu fördern. 
Jedes Stückchen der Geschichte wird später von Neuem erzählt 
werden müssen, und erst bei diesen Wiederholungen werden die 
Zusätze erscheinen, welche die wichtigen, dem Kranken unbekannten 
Zusammenhänge vermitteln. 

Es gibt Patienten, die sich von den ersten Stunden an sorg- 
fältig auf ihre Erzählung vorbereiten, angeblich um so die 
bessere Ausnützung der Behandlungszeit zu sichern. Was sich so 



gegeben hätten. Andere sündigen gegen sie von allem Anfang an. Ihre Mitteilung 
ist in den ersten Stadien der Behandlung unerläßlich, auch nutzbringend; später 
unter der Herrschaft der Widerstände versagt der Gehorsam gegen sie, und für jeden 
kommt irgend einmal die Zeit, sich über sie hinauszusetzen. Man muß sich aus 
seiner Selbstanalyse daran erinnern, wie unwiderstehlich die Versuchung auftritt, 
jenen kritischen Vorwänden zur Abweisung von Einfällen nachzugeben. Von der 
geringen Wirksamkeit solcher Verträge, wie man sie durch die Aufstellung der 
tya. Grundregel mit dem Patienten schließt, kann man sich regelmäßig überzeugen, 
wenn sich zum erstenmal etwas Intimes über dritte Personen zur Mitteilung ein- 
stellt. Der Patient weiß, daß er alles sagen soll, aber er macht aus der Diskretion 
gegen andere eine neue Abhaltung. „Soll ich wirklich alles sagen ? Ich habe geglaubt, 
das gilt nur für Dinge, die mich selbst betreffen." Es ist natürlich unmöglich, eine 
analytische Behandlung durchzuführen, bei der die Beziehungen des Patienten zu 
anderen Personen und seine Gedanken über sie von der Mitteilung ausgenommen 
sind. Pour faire wie omelette il faul casser des oeufs. Ein anständiger Mensch ver- 
gißt bereitwillig, was ihm von solchen Geheimnissen fremder Leute nicht wissens- 
wert erscheint. Auch auf die Mitteilung von Namen kann man nicht verzichten; die 
Erzählungen des Patienten bekommen sonst etwas Schattenhaftes wie die Szenen der 
„natürlichen Tochter" Goethes, was im Gedächtnis des Arztes nicht haften will; 
auch decken die zurückgehaltenen Namen den Zugang zu allerlei wichtigen 
Beziehungen. Man kann Namen etwa reservieren lassen, bis der Analysierte mit dem 
Arzt und dem Verfahren vertrauter geworden ist. Es ist sehr merkwürdig, daß die 
ganze Aufgabe unlösbar wird, sowie man die Reserve an einer emzigen Stelle 
gestattet hat. Aber man bedenke, wenn bei uns ein Asylrecht, zum Beispiel für einen 
einzigen Platz in der Stadt, bestände, wie lange es brauchen würde, bis alles Gesindel 
der Stadt auf diesem einen Platze zusammenträfe. Ich behandelte einmal einen 
hohen Funktionär, der durch seinen Diensteid genötigt war, gewisse Dinge als Staats- 
geheimnisse vor der Mitteilung zu bewahren, und scheiterte bei ihm an dieser Ein- 
schränkung. Die psychoanalytische Behandlung muß sich über alle Rücksichten 
hinaussetzen, weil die Neurose und ihre Widerstände rücksichtslos sind. 



10O 



Zur Technik 



als Eifer drapiert, ist Widerstand. Man widerrate solche Vor- 
bereitung, die nur zum Schutze gegen das Auftauchen uner- 
wünschter Einfälle geübt wird. 1 Mag der Kranke noch so auf- 
richtig an seine löbliche Absicht glauben, der Widerstand wird 
seinen Anteil an der absichtlichen Vorbereitungsart fordern und 
es durchsetzen, daß das wertvollste Material der Mitteilung ent- 
schlüpft. Man wird bald merken, daß der Patient noch andere 
Methoden erfindet, um der Behandlung das Verlangte zu ent- 
ziehen. Er wird sich etwa täglich mit einem intimen Freunde 
über die Kur besprechen und in dieser Unterhaltung alle die 
Gedanken unterbringen, die sich ihm im Beisein des Arztes 
aufdrängen sollten. Die Kur hat dann ein Leck, durch das 
gerade das Beste verrinnt. Es wird dann bald an der Zeit sein, 
dem Patienten anzuraten, daß er seine analytische Kur als eine 
Angelegenheit zwischen seinem Arzte und ihm selbst behandle 
und alle anderen Personen, mögen sie noch so nahestehend oder 
noch so neugierig sein, von der Mitwisserschaft ausschließe. In 
späteren Stadien der Behandlung ist der Patient in der Regel 
solchen Versuchungen nicht unterworfen. 

Kranken, die ihre Behandlung geheim halten wollen, oft darum, 
weil sie auch ihre Neurose geheim gehalten haben, lege ich 
keine Schwierigkeiten in den Weg. Es kommt natürlich nicht in 
Betracht, wenn infolge dieser Reservation einige der schönsten 
Heilerfolge ihre Wirkung auf die Mitwelt verfehlen. Die Ent- 
scheidung der Patienten für das Geheimnis bringt selbstverständ- 
lich bereits einen Zug ihrer Geheimgeschichte ans Licht. 

Wenn man den Kranken einschärft, zu Beginn ihrer Behandlung 
möglichst wenig Personen zu Mitwissern zu machen, so schützt 
man sie dadurch auch einigermaßen vor den vielen feindseligen 
Einflüssen, die es versuchen werden, sie der Analyse abspenstig 
zu machen. Solche Beeinflussungen können zu Anfang der Kur 



1) Ausnahmen lasse man nur zu für Daten wie: Familientafel, Aufenthalte, 
Operationen u. dgl. 



TLur Einleitung der Behandlung 101 



verderblich werden. Späterhin sind sie meist gleichgültig oder 
selbst nützlich, um Widerstände, die sich verbergen wollen, zum 
Vorscheine zu bringen. 

Bedarf der Patient während der analytischen Behandlung vor- 
übergehend einer anderen, internen oder spezialistischen Therapie, 
so ist es weit zweckmäßiger, einen nicht analytischen Kollegen 
in Anspruch zu nehmen, als diese andere Hilfeleistung selbst zu 
besorgen. Kombinierte Behandlungen wegen neurotischer Leiden 
mit starker organischer Anlehnung sind meist undurchführbar. 
Die Patienten lenken ihr Interesse von der Analyse ab, sowie 
man ihnen mehr als einen Weg zeigt, der zur Heilung führen 
soll. Am besten schiebt man die organische Behandlung bis nach 
Abschluß der psychischen auf; würde man die erstere voran- 
schicken, so bliebe sie in den meisten Fällen erfolglos. 

Kehren wir zur Einleitung der Behandlung zurück. Man wird 
gelegentlich Patienten begegnen, die ihre Kur mit der ablehnenden 
Versicherung beginnen, daß ihnen nichts einfalle, was sie erzählen 
könnten, obwohl das ganze Gebiet der Lebens- und Krankheits- 
geschichte unberührt vor ihnen liegt. Auf die Bitte, ihnen doch 
anzugeben, wovon sie sprechen sollen, gehe man nicht ein, dieses 
erste Mal so wenig wie spätere Male. Man halte sich vor, womit 
man es in solchen Fällen zu tun hat. Ein starker Widerstand ist 
da in die Front gerückt, um die Neurose zu verteidigen; man 
nehme die Herausforderung sofort an und rücke ihm an den 
Leib. Die energisch wiederholte Versicherung, daß es solches 
Ausbleiben aller Einfälle zu Anfang nicht gibt, und daß es sich 
um einen Widerstand gegen die Analyse handle, nötigt den 
Patienten bald zu den vermuteten Geständnissen oder deckt ein 
erstes Stück seiner Komplexe auf. Es ist böse, wenn er gestehen 
muß, daß er sich während des Anhörens der Grundregel die 
Reservation geschaffen hat, dies oder jenes werde er doch für 
sich behalten. Minder arg, wenn er nur mitzuteilen braucht, 
welches Mißtrauen er der Analyse entgegenbringt, oder was für 



!02 Zur Technik 



abschreckende Dinge er über sie gehört habe. Stellt er diese und 
ähnliche Möglichkeiten, die man ihm vorhält, in Abrede, so kann 
man ihn durch Drängen zum Eingeständnis nötigen, daß er 
doch gewisse Gedanken, die ihn beschäftigen, vernachlässigt hat. 
Er hat an die Kur selbst gedacht, aber an nichts Bestimmtes, 
oder das Bild des Zimmers, in dem er sich befindet, hat ihn 
beschäftigt, oder er muß an die Gegenstände im Behandlungs- 
raum denken, und daß er hier auf einem Divan liegt, was er 
alles durch die Auskunft „Nichts" ersetzt hat. Diese Andeutungen 
sind wohl verständlich; alles was an die gegenwärtige Situation 
anknüpft, entspricht einer Übertragung auf den Arzt, die sich zu 
einem Widerstände geeignet erweist. Man ist so genötigt, mit 
der Aufdeckung dieser Übertragung zu beginnen; von ihr aus 
findet sich rasch der Weg zum Eingange in das pathogene 
Material des Kranken. Frauen, die nach dem Inhalte ihrer Lebens- 
geschichte auf eine sexuelle Aggression vorbereitet sind, Männer 
mit überstarker verdrängter Homosexualität werden am ehesten 
der Analyse eine solche Verweigerung der Einfälle vorausschicken. 
Wie der erste Widerstand, so können auch die ersten Symptome 
oder Zufallshandlungen der Patienten ein besonderes Interesse 
beanspruchen und einen ihre Neurose beherrschenden Komplex 
verraten. Ein geistreicher junger Philosoph, mit exquisiten ästhe- 
tischen Einstellungen, beeilt sich, den Hosenstreif zurechtzu- 
zupfen, ehe er sich zur ersten Behandlung niederlegt; er erweist 
sich als dereinstiger Koprophile von höchstem Raffinement, wie 
es für den späteren Ästheten zu erwarten stand. Ein junges 
Mädchen zieht in der gleichen Situation hastig den Saum ihres 
Rockes über den vorschauenden Knöchel; sie hat damit das Beste 
verraten, was die spätere Analyse aufdecken wird, ihren narziß- 
tischen Stolz auf ihre Körperschönheit und ihre Exhibitionsnei- 

gungen. 

Besonders viele Patienten sträuben sich gegen die ihnen vor- 
geschlagene Lagerung, während der Arzt ungesehen hinter ihnen 



Zur Einleitung der Behandlung 103 






sitzt, und bitten um die Erlaubnis, die Behandlung in anderer 
Position durchzumachen, zumeist, weil sie den Anblick des Arztes 
nicht entbehren wollen. Es wird ihnen regelmäßig verweigert; 
man kann sie aber nicht daran hindern, daß sie sich's einrichten, 
einige Sätze vor Beginn der „Sitzung" zu sprechen oder nach 
der angekündigten Beendigung derselben, wenn sie sich vom 
Lager erhoben haben. Sie teilen sich so die Behandlung in einen 
offiziellen Abschnitt, während dessen sie sich meist sehr gehemmt 
benehmen, und in einen „gemütlichen", in dem sie wirklich frei 
sprechen und allerlei mitteilen, was sie selbst nicht zur Behand- 
lung rechnen. Der Arzt läßt sich diese Scheidung nicht lange 
gefallen, er merkt auf das vor oder nach der Sitzung Gespro- 
chene, und indem er es bei nächster Gelegenheit verwertet, reißt 
er die Scheidewand nieder, die der Patient aufrichten wollte. 
Dieselbe wird wiederum aus dem Material eines Übertragungs- 
widerstandes gezimmert sein. 

Solange nun die Mitteilungen und Einfälle des 
Patienten ohne Stockung erfolgen, lasse man das 
Thema der Übertragung unberührt. Man warte mit 
dieser heikelsten aller Prozeduren, bis die Übertragung zum Wider- 
stände geworden ist. 

Die nächste Frage, vor die wir uns gestellt finden, ist eine 
prinzipielle. Sie lautet: Wann sollen wir mit den Mitteilungen 
an den Analysierten beginnen? Wann ist es Zeit, ihm die 
geheime Bedeutung seiner Einfälle zu enthüllen, ihn in die 
Voraussetzungen und technischen Prozeduren der Analyse einzu- 
weihen? 

Die Antwort hierauf kann nur lauten: Nicht eher, als bis sich 
eine leistungsfähige Übertragung, ein ordentlicher Rapport, bei 
dem Patienten hergestellt hat. Das erste Ziel der Behandlung 
bleibt, ihn an die Kur und an die Person des Arztes zu atta- 
chieren. Man braucht nichts anderes dazu zu tun, als ihm Zeit zu 
lassen. Wenn man ihm ernstes Interesse bezeugt, die anfangs auf- 



10 ^ Zur Technik 



tauchenden Widerstände sorgfältig beseitigt und gewisse Mißgriffe 
vermeidet, stellt der Patient ein solches Attachement von selbst 
her und reiht den Arzt an eine der Imagines jener Personen an, 
von denen er Liebes zu empfangen gewohnt war. Man kann sich 
diesen ersten Erfolg allerdings verscherzen, wenn man von 
Anfang an einen anderen Standpunkt einnimmt als den der Ein- 
fühlung, etwa einen moralisierenden, oder wenn man sich als 
Vertreter oder Mandatar einer Partei gebärdet, des anderen Ehe- 
teiles etwa usw. 

Diese Antwort schließt natürlich die Verurteilung eines Ver- 
fahrens ein, welches dem Patienten die Übersetzungen seiner 
Symptome mitteilen wollte, sobald man sie selbst erraten hat, 
oder gar einen besonderen Triumph darin erblicken würde, ihm 
diese „Lösungen" in der ersten Zusammenkunft ins Gesicht zu 
schleudern. Es wird einem geübteren Analytiker nicht schwer, 
die verhaltenen Wünsche eines Kranken schon aus seinen Klagen 
und seinem Krankenberichte deutlich vernehmbar herauszuhören; 
aber welches Maß von Selbstgefälligkeit und von Unbesonnen- 
heit gehört dazu, um einem Fremden, mit allen analytischen 
Voraussetzungen Unvertrauten, nach der kürzesten Bekanntschaft 
zu eröffnen, er hänge inzestuös an seiner Mutter, er hege Todes- 
wünsche gegen seine angeblich geliebte Frau, er trage sich mit 
der Absicht, seinen Chef zu betrügen u. dgl.! Ich habe gehört, 
daß es Analytiker gibt, die sich mit solchen Augenblicksdiagnosen 
und Schnellbehandlungen brüsten, aber ich warne jedermann 
davor, solchen Beispielen zu folgen. Man wird dadurch sich und 
seine Sache um jeden Kredit bringen und die heftigsten Wider- 
sprüche hervorrufen, ob man nun richtig geraten hat oder nicht, 
ja eigentlich um so heftigeren Widerstand, je eher man richtig 
geraten hat. Der therapeutische Effekt wird in der Regel zunächst 
gleich Null sein, die Abschreckung von der Analyse aber eine 
endgültige. Noch in späteren Stadien der Behandlung wird man 
Vorsicht üben müssen, um eine Symptomlösung und Wunsch- 



^. 



Zur Einleitung der Behandlung 105 

Übersetzung nicht eher mitzuteilen, als bis der Patient knapp 
davor steht, so daß er nur noch einen kurzen Schritt zu machen 
hat, um sich dieser ( Lösung selbst zu bemächtigen. In früheren 
Jahren hatte ich häufig Gelegenheit zu erfahren, daß die vor- 
zeitige Mitteilung einer Lösung der Kur ein vorzeitiges Ende 
bereitete, sowohl infolge der Widerstände, die so plötzlich geweckt 
wurden, als auch auf Grund der Erleichterung, die mit der 
Lösung gegeben war. 

Man wird hier die Einwendung machen: Ist es denn unsere 
Aufgabe, die Behandlung zu verlängern, und nicht vielmehr, sie 
so rasch wie möglich zu Ende zu führen? Leidet der Kranke 
nicht infolge seines Nichtwissens und Nich t verstehen s und ist es 
nicht Pflicht, ihn so bald als möglich wissend zu machen, also 
sobald der Arzt selbst wissend geworden ist? 

Die Beantwortung dieser Frage fordert zu einem kleinen 
Exkurs auf, über die Bedeutung des Wissens und über den 
Mechanismus der Heilung in der Psychoanalyse. 

In den frühesten Zeiten der analytischen Technik haben wir 
allerdings in intellektualistischer Denkeinstellung das Wissen des 
Kranken um das von ihm Vergessene hoch eingeschätzt und 
dabei kaum zwischen unserem Wissen und dem seinigen unter- 
schieden. Wir hielten es für einen besonderen Glücksfall, wenn 
es gelang, Kunde von dem vergessenen Kindheitstrauma von 
anderer Seite her zu bekommen, zum Beispiel von Eltern, Pflege- 
personen oder dem Verführer selbst, wie es in einzelnen Fällen 
möglich wurde, und beeilten uns, dem Kranken die Nachricht 
und die Beweise für ihre Richtigkeit zur Kenntnis zu bringen 
in der sicheren Erwartung, so Neurose und Behandlung zu einem 
schnellen Ende zu führen. Es war eine schwere Enttäuschung, 
als der erwartete Erfolg ausblieb. Wie konnte es nur zugehen, 
daß der Kranke, der jetzt von seinem traumatischen Erlebnis 
wußte, sich doch benahm, als wisse er nicht mehr davon als 
früher? Nicht einmal die Erinnerung an das verdrängte Trauma 



io6 Zur Technik 



wollte infolge der Mitteilung und Beschreibung desselben auf- 
tauchen. 

In einem bestimmten Falle hatte mir die Mutter eines 
hysterischen Mädchens das homosexuelle Erlebnis verraten, dem 
auf die Fixierung der Anfälle des Mädchens ein großer Einfluß 
zukam. Die Mutter hatte die Szene selbst überrascht, die Kranke 
aber dieselbe völlig vergessen, obwohl sie bereits den Jahren der 
Vorpubertät angehörte. Ich konnte nun eine lehrreiche Erfahrung 
machen. Jedesmal, wenn ich die Erzählung der Mutter vor dem 
Mädchen wiederholte, reagierte dieses mit einem hysterischen 
Anfalle und nach diesem war die Mitteilung wieder vergessen. 
Es war kein Zweifel, daß die Kranke den heftigsten Widerstand 
gegen ein ihr aufgedrängtes Wissen äußerte ; sie simulierte end- 
lich Schwachsinn und vollen Gedächtnisverlust, um sich gegen 
meine Mitteilungen zu schützen. So mußte man sich denn ent- 
schließen, dem Wissen an sich die ihm vorgeschriebene Bedeutung 
zu entziehen und den Akzent auf die Widerstände zu legen, 
welche das Nichtwissen seinerzeit verursacht hatten und jetzt 
noch bereit waren, es zu verteidigen. Das bewußte Wissen aber 
war gegen diese Widerstände, auch wenn es nicht wieder aus- 
gestoßen wurde, ohnmächtig. 

Das befremdende Verhalten der Kranken, die ein bewußtes 
Wissen mit dem Nichtwissen zu vereinigen verstehen, bleibt für 
die sogenannte Normalpsychologie unerklärlich. Der Psychoana- 
lyse bereitet es auf Grund ihrer Anerkennung des Unbewußten 
keine Schwierigkeit; das beschriebene Phänomen gehört aber zu 
den besten Stützen einer Auffassung, welche sich die seelischen 
Vorgänge topisch differenziert näher bringt. Die Kranken wissen 
nun von dem verdrängten Erlebnis in ihrem Denken, aber diesem 
fehlt die Verbindung mit jener Stelle, an welcher die verdrängte 
Erinnerung in irgend einer Art enthalten ist. Eine Veränderung 
kann erst eintreten, wenn der bewußte Denkprozeß bis zu dieser 
Stelle vorgedrungen ist und dort die Verdrängungswiderstände 



Zur Einleitung der Behandlung 



107 



überwunden hat. Es ist gerade so, als ob im Justizministerium 
ein Erlaß verlautbart worden wäre, daß man jugendliche Ver- 
gehen in einer gewissen milden Weise richten solle. Solange 
dieser Erlaß nicht zur Kenntnis der einzelnen Bezirksgerichte 
gelangt ist, oder für den Fall, daß die Bezirksrichter nicht die 
Absicht haben, diesen Erlaß zu befolgen, vielmehr auf eigene 
Hand judizieren, kann an der Behandlung der einzelnen jugend- 
lichen Delinquenten nichts geändert sein. Fügen wir noch zur 
Korrektur hinzu, daß die bewußte Mitteilung des Verdrängten 
an den Kranken doch nicht wirkungslos bleibt. Sie wird nicht 
die gewünschte Wirkung äußern, den Symptomen ein Ende zu 
machen, sondern andere Folgen haben. Sie wird zunächst Wider- 
stände, dann aber, wenn deren Überwindung erfolgt ist, einen 
Denkprozeß anregen, in dessen Ablauf sich endlich die erwartete 
Beeinflussung der unbewußten Erinnerung herstellt. 

Es ist jetzt an der Zeit, eine Übersicht des Kräftespieles zu 
gewinnen, welches wir durch die Behandlung in Gang bringen. 
Der nächste Motor der Therapie ist das Leiden des Patienten 
und sein daraus entspringender Heilungswunsch. Von der Größe 
dieser Triebkraft zieht sich mancherlei ab, was erst im Laufe 
der Analyse aufgedeckt wird, vor allem der sekundäre Krank- 
heitsgewinn, aber die Triebkraft selbst muß bis zum Ende der 
Behandlung erhalten bleiben; jede Besserung ruft eine Verringerung 
derselben hervor. Für sich allein ist sie aber unfähig, die Krank- 
heit zu beseitigen; es fehlt ihr zweierlei dazu: sie kennt die 
Wege nicht, die zu diesem Ende einzuschlagen sind, und sie 
bringt die notwendigen Energiebeträge gegen die Widerstände 
nicht auf. Beiden Mängeln hilft die analytische Behandlung ab 
Die zur Überwindung der Widerstände erforderten Affektgrößen 
stellt sie durch die Mobilmachung der Energien bei, welche für 
die Übertragung bereit liegen; durch die rechtzeitigen Mitteilungen 
zeigt sie dem Kranken die Wege, auf welche er diese Energien 
leiten soll. Die Übertragung kann häufig genug die Leidens- 



i o8 Zur Technik 



Symptome allein beseitigen, aber dann nur vorübergehend, 
solange sie eben selbst Bestand hat. Das ist dann eine Suggestiv- 
behandlung, keine Psychoanalyse. Den letzteren Namen verdient 
die Behandlung nur dann, wenn die Übertragung ihre Intensität 
zur Überwindung der Widerstände verwendet hat. Dann allein 
ist das Kranksein unmöglich geworden, auch wenn die Über- 
tragung wieder aufgelöst worden ist, wie ihre Bestimmung es 
verlangt. 

Im Laufe der Behandlung wird noch ein anderes förderndes 
Moment wachgerufen, das intellektuelle Interesse und Verständnis 
des Kranken. Allein dies kommt gegen die anderen miteinander 
ringenden Kräfte kaum in Betracht 5 es droht ihm beständig die 
Entwertung infolge der Urteilstrübung, welche von den Wider- 
ständen ausgeht. Somit erübrigen Übertragung und Unterweisung 
(durch Mitteilung) als die neuen Kraftquellen, welche der Kranke 
dem Analytiker verdankt. Der Unterweisung bedient er sich aber 
nur, insofern er durch die Übertragung dazu bewogen wird, und 
darum soll die erste Mitteilung abwarten, bis sich eine starke 
Übertragung hergestellt hat, und fügen wir hinzu, jede spätere, 
bis die Störung der Übertragung durch die der Reihe nach auf- 
tauchenden Übertragungs widerstände beseitigt ist. 



ERINNERN, WIEDERHOLEN UND 
DURCHARBEITEN 

Erschien zuerst in der „Intern. Zeitschr. für 
ärztliche Psychoanalyse", Bd. II, (1914), dann in 
der Vierten Folge der „Sammlung kleiner Schriften 
zur Neurosenlehre 11 , gemeinsam mit der vorher- 
gehenden und der folgenden Arbeit unter dem Ober- 
titel „Weitere Ratschläge zur Teclmik der Psycho- 
analyse 11 . 

Es scheint mir nicht überflüssig, den Lernenden immer wieder 
daran zu mahnen, welche tiefgreifenden Veränderungen die 
psychoanalytische Technik seit ihren ersten Anfängen erfahren 
hat. Zuerst, in der Phase der Breuer sehen Katharsis, die 
direkte Einstellung des Moments der Symptombildung und das 
konsequent festgehaltene Bemühen, die psychischen Vorgänge 
jener Situation reproduzieren zu lassen, um sie zu einem Ablauf 
durch bewußte Tätigkeit zu leiten. Erinnern und Abreagieren 
waren damals die mit Hilfe des hypnotischen Zustandes zu 
erreichenden Ziele. Sodann, nach dem Verzicht auf die Hypnose, 
drängte sich die Aufgabe vor, aus den freien Einfällen des Ana- 
lysierten zu erraten, was er zu erinnern versagte. Durch die 
Deutungsarbeit und die Mitteilung ihrer Ergebnisse an den 
Kranken sollte der Widerstand umgangen werden; die Einstellung 
auf die Situationen der Symptombildung und jene anderen, die 
sich hinter dem Momente der Erkrankung ergaben, blieb erhalten, 
das Abreagieren trat zurück und schien durch den Arbeitsaufwand 
ersetzt, den der Analysierte bei der ihm aufgedrängten Über- 



===== 



no Zwr Technik 



windung der Kritik gegen seine Einfälle (bei der Befolgung der 
<\><x, Grundregel) zu leisten hatte. Endlich hat sich die konsequente 
heutige Technik herausgebildet, bei welcher der Arzt auf die 
Einstellung eines bestimmten Moments oder Problems verzichtet, 
sich damit begnügt, die jeweilige psychische Oberfläche des Ana- 
lysierten zu studieren und die Deutungskunst wesentlich dazu 
benützt, um die an dieser hervortretenden Widerstände zu erkennen 
und dem Kranken bewußt zu machen. Es stellt sich dann eine 
neue Art von Arbeitsteilung her: der Arzt deckt die dem Kranken 
unbekannten Widerstände auf; sind diese erst bewältigt, so erzählt 
der Kranke oft ohne alle Mühe die vergessenen Situationen und 
Zusammenhänge. Das Ziel dieser Techniken ist natürlich unver- 
ändert geblieben. Deskriptiv: die Ausfüllung der Lücken der 
Erinnerung, dynamisch: die Überwindung der Verdrängungs- 
widerstände. 

Man muß der alten hypnotischen Technik dankbar dafür 
bleiben, daß sie uns einzelne psychische Vorgänge der Analyse 
in Isolierung und Schematisierung vorgeführt hat. Nur dadurch 
konnten wir den Mut gewinnen, komplizierte Situationen in 
der analytischen Kur selbst zu schaffen und durchsichtig zu 
erhalten. 

Das Erinnern gestaltete sich nun in jenen hypnotischen 
Behandlungen sehr einfach. Der Patient versetzte sich in eine 
frühere Situation, die er mit der gegenwärtigen niemals zu ver- 
wechseln schien, teilte die psychischen Vorgänge derselben mit ? 
soweit sie normal geblieben waren, und fügte daran, was sich 
durch die Umsetzung der damals unbewußten Vorgänge in 
bewußte ergeben konnte. 

Ich schließe hier einige Bemerkungen an, die jeder Analytiker 
in seiner Erfahrung bestätigt gefunden hat. Das Vergessen von 
Eindrücken, Szenen, Erlebnissen reduziert sich zumeist auf eine 
„Absperrung" derselben. Wenn der Patient von diesem „Ver- 
gessenen" spricht, versäumt er selten, hinzuzufügen: das habe ich 



.: 



Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten 



111 



eigentlich immer gewußt, nur nicht daran gedacht. Er äußert 
nicht selten seine Enttäuschung darüber, daß ihm nicht genug 
Dinge einfallen wollen, die er als „vergessen" anerkennen kann, 
an die er nie wieder gedacht, seitdem sie vorgefallen sind. Indes 
findet auch diese Sehnsucht, zumal bei Konversionshysterien, ihre 
Befriedigung. Das „Vergessen" erfährt eine weitere Einschränkung 
durch die Würdigung der so allgemein vorhandenen Deck- 
erinnerungen. In manchen Fällen habe ich den Eindruck emp- 
fangen, daß die bekannte, für uns theoretisch so bedeutsame 
Kindheitsamnesie durch die Deckerinnerungen vollkommen auf- 
gewogen wird. In diesen ist nicht nur einiges Wesentliche aus 
dem Kindheitsleben erhalten, sondern eigentlich alles Wesentliche. 
Man muß nur verstehen, es durch die Analyse aus ihnen 
zu entwickeln. Sie repräsentieren die vergessenen Kinderjahre 
so zureichend wie der manifeste Trauminhalt die Traum- 
gedanken. 

Die andere Gruppe von psychischen Vorgängen, die man als 
rein interne Akte den Eindrücken und Erlebnissen entgegenstellen 
kann, Phantasien, Beziehungsvorgänge, Gefühlsregungen, Zusammen- 
hänge, muß in ihrem Verhältnis zum Vergessen und Erinnern 
gesondert betrachtet werden. Hier ereignet es sich besonders 
häufig, daß etwas „erinnert" wird, was nie „vergessen" werden 
konnte, weil es zu keiner Zeit gemerkt wurde, niemals bewußt 
war, und es scheint überdies völlig gleichgültig für den 
psychischen Ablauf, ob ein solcher „Zusammenhang" bewußt war 
und dann vergessen wurde, oder ob er es niemals zum Bewußt- 
sein gebracht hat. Die Überzeugung, die der Kranke im Laufe 
der Analyse erwirbt, ist von einer solchen Erinnerung ganz 
unabhängig. 

Besonders bei den mannigfachen Formen der Zwangsneurose 
schränkt sich das Vergessene meist auf die Auflösung von 
Zusammenhängen, Verkennung von Abfolgen, Isolierung von 
Erinnerungen ein. 



112 



Zur Technik 






Für eine besondere Art von überaus wichtigen Erlebnissen, die 

in sehr frühe Zeiten der Kindheit fallen und seinerzeit ohne 

Verständnis erlebt worden sind, nachträglich aber Verständnis 

und Deutung gefunden haben, läßt sich eine Erinnerung meist 

nicht erwecken. Man gelangt durch Träume zu ihrer Kenntnis 

und wird durch die zwingendsten Motive aus dem Gefüge der 

Neurose genötigt, an sie zu glauben, kann sich auch überzeugen, 

daß der Analysierte nach Überwindung seiner Widerstände das 

Ausbleiben des Erinnerungsgefühles (Bekanntschaftsempfindung) 

nicht gegen deren Annahme verwertet. Immerhin erfordert dieser 

Gegenstand soviel kritische Vorsicht und bringt soviel Neues 

und Befremdendes, daß ich ihn einer gesonderten Behandlung an 

geeignetem Materiale vorbehalte. 

Von diesem erfreulich glatten Ablauf ist nun bei Anwendung 
der neuen Technik sehr wenig, oft nichts, übrig geblieben. Es 
kommen auch hier Fälle vor, die sich ein Stück weit verhalten 
wie bei der hypnotischen Technik und erst spater versagen; 
andere Fälle benehmen sich aber von vornherein anders. Halten 
wir uns zur Kennzeichnung des Unterschiedes an den letzteren 
Typus, so dürfen wir sagen, der Analysierte erinnere über- 
haupt nichts von dem Vergessenen und Verdrängten, sondern er 
agiere es. Er reproduziert es nicht als Erinnerung, sondern als 
Tat er wiederholt es, ohne natürlich zu wissen, daß er es 

wiederholt. 

Zum Beispiel: Der Analysierte erzählt nicht, er erinnere sich, 
daß er trotzig und ungläubig gegen die Autorität der Eltern 
gewesen sei, sondern er benimmt sich in solcher Weise gegen 
den Arzt. Er erinnert nicht, daß er in seiner infantilen Sexual- 
forschung rat- und hilflos stecken geblieben ist, sondern er bringt 
einen Haufen verworrener Träume und Einfälle vor, jammert, 
daß ihm nichts gelinge, und stellt es als sein Schicksal hin, 
niemals eine Unternehmung zu Ende zu führen. Er erinnert 
nicht, daß er sich gewisser Sexualbetätigungen intensiv geschämt 



Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten 113 

und ihre Entdeckung gefürchtet hat, sondern er zeigt, daß er 
sich der Behandlung schämt, der er sich jetzt unterzogen hat, 
und sucht diese vor allen geheim zu halten usw. 

Vor allem beginnt er die Kur mit einer solchen Wiederholung. 
Oft, wenn man einem Patienten mit wechselvoller Lebens- 
geschichte und langer Krankheitsgeschichte die psychoanalytische 
Grundregel mitgeteilt und ihn dann aufgefordert hat, zu sagen, 
was ihm einfalle, und nun erwartet, daß sich seine Mitteilungen 
im Strom ergießen werden, erfährt man zunächst, daß er nichts 
zu sagen weiß. Er schweigt und behauptet, daß ihm nichts ein- 
fallen will. Das ist natürlich nichts anderes als die Wiederholung 
einer homosexuellen Einstellung, die sich als Widerstand gegen 
jedes Erinnern vordrängt. Solange er in Behandlung verbleibt, 
wird er von diesem Zwange zur Wiederholung nicht mehr frei $ 
man versteht endlich, dies ist seine Art zu erinnern. 

Natürlich wird uns das Verhältnis dieses Wiederholungszwanges 
zur Übertragung und zum Widerstände in erster Linie inter- 
essieren. Wir merken bald, die Übertragung ist selbst nur ein 
Stück Wiederholung und die Wiederholung ist die Übertragung 
der vergessenen Vergangenheit nicht nur auf den Arzt, sondern 
auch auf alle anderen Gebiete der gegenwärtigen Situation. Wir 
müssen also darauf gefaßt sein, daß der Analysierte sich dem 
Zwange zur Wiederholung, der nun den Impuls zur Erinnerung 
ersetzt, nicht nur im persönlichen Verhältnis zum Arzte hingibt, 
sondern auch in allen anderen gleichzeitigen Tätigkeiten und 
Beziehungen seines Lebens, zum Beispiel wenn er während der 
Kur ein Liebesobjekt wählt, eine Aufgabe auf sich nimmt, eine 
Unternehmung eingeht. Auch der Anteil des Widerstandes ist 
leicht zu erkennen. Je größer der Widerstand ist, desto aus- 
giebiger wird das Erinnern durch das Agieren (Wiederholen) 
ersetzt sein. Entspricht doch das ideale Erinnern des Vergessenen 
in der Hypnose einem Zustande, in welchem der Widerstand 
völlig bei Seite geschoben ist. Beginnt die Kur unter der 

Freud, Technik. 8 



^ 



ii 4 Zur Technik 



Patronanz einer milden und unausgesprochenen positiven Über- 
tragung, so gestattet sie zunächst ein Vertiefen in die Erinnerung 
wie bei der Hypnose, während dessen selbst die Krankheits- 
symptome schweigen; wird aber im weiteren Verlaufe diese 
Übertragung feindselig oder überstark und darum verdrängungs- 
bedürftig, so tritt sofort das Erinnern dem Agieren den Platz ab. 
Von da an bestimmen dann die Widerstände die Reihenfolge des 
zu Wiederholenden. Der Kranke holt aus dem Arsenale der Ver- 
gangenheit die Waffen hervor, mit denen er sich der Fortsetzung 
der Kur erwehrt, und die wir ihm Stück für Stück entwinden 
müssen. 

Wir haben nun gehört, der Analysierte wiederholt anstatt zu 
erinnern, er wiederholt unter den Bedingungen des Widerstandes; 
wir dürfen jetzt fragen, was wiederholt oder agiert er eigentlich? 
Die Antwort lautet, er wiederholt alles, was sich aus den Quellen 
seines Verdrängten bereits in seinem offenkundigen Wesen durch- 
gesetzt hat, seine Hemmungen und unbrauchbaren Einstellungen, 
seine pathologischen Charakterzüge. Er wiederholt ja auch 
während der Behandlung alle seine Symptome. Und nun können 
wir merken, daß wir mit der Hervorhebung des Zwanges zur 
Wiederholung keine neue Tatsache, sondern nur eine einheitlichere 
Auffassung gewonnen haben. Wir machen uns nur klar, daß das 
Kranksein des Analysierten nicht mit dem Beginne seiner Analyse 
aufhören kann, daß wir seine Krankheit nicht als eine histo- 
rische Angelegenheit, sondern als eine aktuelle .Macht zu behandeln 
haben. Stück für Stück dieses Krankseins wird nun in den 
Horizont und in den Wirkungsbereich der Kur gerückt, und 
während der Kranke es als etwas Reales und Aktuelles erlebt, 
haben wir daran die therapeutische Arbeit zu leisten, die zum 
guten Teile in der Zurückführung auf die Vergangenheit besteht. 

Das Erinnernlassen in der Hypnose mußte den Eindruck eines 
Experiments im Laboratorium machen. Das Wiederholenlassen 
während der analytischen Behandlung nach der neueren Technik 



Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten 115 



heißt ein Stück realen Lebens heraufbeschwören und kann darum 
nicht in allen Fällen harmlos und unbedenklich sein. Das ganze 
Problem der oft unausweichlichen „Verschlimmerung während 
der Kur" schließt hier an. 

Vor allem bringt es schon die Einleitung der Behandlung mit 
sich, daß der Kranke seine bewußte Einstellung zur Krankheit 
ändere. Er hat sich gewöhnlich damit begnügt, sie zu bejammern, 
sie als Unsinn zu verachten, in ihrer Bedeutung zu unterschätzen, 
hat aber sonst das verdrängende Verhalten, die Vogel-Strauß-Politik, 
die er gegen ihre Ursprünge übte, auf ihre Äußerungen fort- 
gesetzt. So kann es kommen, daß er die Bedingungen seiner 
Phobie nicht ordentlich kennt, den richtigen Wortlaut seiner 
Zwangsideen nicht anhört oder die eigentliche Absicht seines 
Zwangsimpulses nicht erfaßt. Das kann die Kur natürlich nicht 
brauchen. Er muß den Mut erwerben, seine Aufmerksamkeit mit 
den Erscheinungen seiner Krankheit zu beschäftigen. Die Krank- 
heit selbst darf ihm nichts Verächtliches mehr sein, vielmehr 
ein würdiger Gegner werden, ein Stück seines Wesens, das sich 
auf gute Motive stützt, aus dem es Wertvolles für sein späteres 
Leben zu holen gilt. Die Versöhnung mit dem Verdrängten, 
welches sich in den Symptomen äußert, wird so von Anfang an 
vorbereitet, aber es wird auch eine gewisse Toleranz fürs Krank- 
sein eingeräumt. Werden nun durch dies neue Verhältnis zur 
Krankheit Konflikte verschärft und Symptome hervorgedrängt, die 
früher noch undeutlich waren, so kann man den Patienten dar- 
über leicht durch die Bemerkung trösten, daß dies nur not- 
wendige, aber vorübergehende Verschlechterungen sind, und daß 
man keinen Feind umbringen kann, der abwesend oder nicht 
nahe genug ist. Der Widerstand kann aber die Situation für 
seine Absichten ausbeuten und die Erlaubnis, krank zu sein, 
mißbrauchen wollen. Er scheint dann zu demonstrieren: Schau 
her, was dabei herauskommt, wenn ich mich wirklich auf diese 
Dinge einlasse. Hab' ich nicht recht getan, sie der Verdrängung 



x ! 6 Zur Technik 



zu überlassen? Besonders jugendliche und kindliche Personen 
pflegen die in der Kur erforderliche Einlenkung auf das Krank- 
sein gern zu einem Schwelgen in den Krankheitssymptomen zu 

benützen. 

Weitere Gefahren entstehen dadurch, daß im Fortgange der 
Kur auch neue, tiefer liegende Triebregungen, die sich noch 
nicht durchgesetzt hatten, zur Wiederholung gelangen können. 
Endlich können die Aktionen des Patienten außerhalb der Über- 
tragung vorübergehende Lebensschädigungen mit sich bringen 
oder sogar so gewählt sein, daß sie die zu erreichende Gesund- 
heit dauernd entwerten. 

Die Taktik, welche der Arzt in dieser Situation einzuschlagen 
hat, ist leicht zu rechtfertigen. Für ihn bleibt das Erinnern 
nach alter Manier, das Reproduzieren auf psychischem Gebiete, 
das Ziel, an welchem er festhält, wenn er auch weiß, daß es 
bei der neuen Technik nicht zu erreichen ist. Er richtet sich 
auf einen beständigen Kampf mit dem Patienten ein, um alle 
Impulse auf psychischem Gebiete zurückzuhalten, welche dieser 
aufs Motorische lenken möchte, und feiert es als einen Triumph 
der Kur, wenn es gelingt, etwas durch die Erinnerungsarbeit zu 
erledigen, was der Patient durch eine Aktion abführen möchte. 
Wenn die Bindung durch die Übertragung eine irgend brauch- 
bare geworden ist, so bringt es die Behandlung zustande, den 
Kranken an allen bedeutungsvolleren Wiederholungsaktionen zu 
hindern und den Vorsatz dazu in statu nascendi als Material für 
die therapeutische Arbeit zu verwenden. Vor der Schädigung 
durch die Ausführung seiner Impulse behütet man den Kranken 
am besten, wenn man ihn dazu verpflichtet, während der Dauer 
der Kur keine lebenswichtigen Entscheidungen zu treffen, etwa 
keinen Beruf, kein definitives Liebesobjekt zu wählen, sondern 
für alle diese Absichten den Zeitpunkt der Genesung abzuwarten. 

Man schont dabei gern, was von der persönlichen Freiheit 
des Analysierten mit diesen Vorsichten vereinbar ist, hindert ihn 



Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten 



117 



nicht an der Durchsetzung belangloser, wenn auch törichter 
Absichten, und vergißt nicht daran, daß der Mensch eigentlich 
nur durch Schaden und eigene Erfahrung klug werden kann. 
Es gibt wohl auch Fälle, die man nicht abhalten kann, sich 
während der Behandlung in irgend eine ganz unzweckmäßige 
Unternehmung einzulassen, und die erst nachher mürbe und für 
die analytische Bearbeitung zugänglich werden. Gelegentlich muß 
es auch vorkommen, daß man nicht die Zeit hat, den wilden 
Trieben den Zügel der Übertragung anzulegen, oder daß der 
Patient in einer Wiederholungsaktion das Band zerreißt, das ihn 
an die Behandlung knüpft. Ich kann als extremes Beispiel den 
Fall einer älteren Dame wählen, die wiederholt in Dämmer- 
zuständen ihr Haus und ihren Mann verlassen hatte und irgend- 
wohin geflüchtet war, ohne sich je eines Motives für dieses 
„Durchgehen" bewußt zu werden. Sie kam mit einer gut aus- 
gebildeten zärtlichen Übertragung in meine Behandlung, steigerte 
dieselbe in unheimlich rascher Weise in den ersten Tagen und 
war am Ende einer Woche auch von mir „durchgegangen", ehe 
ich noch Zeit gehabt hatte, ihr etwas zu sagen, was sie an dieser 
Wiederholung hätte hindern können. 

Das Hauptmittel aber, den Wiederholungszwang des Patienten 
zu bändigen und ihn zu einem Motiv fürs Erinnern umzu- 
schaffen, liegt in der Handhabung der Übertragung. Wir machen 
ihn unschädlich, ja vielmehr nutzbar, indem wir ihm sein Recht 
einräumen, ihn auf einem bestimmten Gebiete gewähren lassen. 
Wir eröffnen ihm die Übertragung als den Tummelplatz, auf 
dem ihm gestattet wird, sich in fast völliger Freiheit zu ent- 
falten, und auferlegt ist, uns alles vorzuführen, was sich an patho- 
genen Trieben im Seelenleben des Analysierten verborgen hat. 
Wenn der Patient nur so viel Entgegenkommen zeigt, daß er 
die Existenzbedingungen der Behandlung respektiert, gelingt es 
uns regelmäßig, allen Symptomen der Krankheit eine neue Über- 
tragungsbedeutung zu geben, seine gemeine Neurose durch 



n8 Zur Technik 



eine Übertragungsneurose zu ersetzen, von der er durch die 
therapeutische Arbeit geheilt werden kann. Die Übertragung 
schafft so ein Zwischenreich zwischen der Krankheit und dem 
Leben, durch welches sich der Übergang von der ersteren zum 
letzteren vollzieht. Der neue Zustand hat alle Charaktere der 
Krankheit übernommen, aber er stellt eine artefizielle Krankheit 
dar, die überall unseren Eingriffen zugänglich ist. Er ist gleich- 
zeitig ein Stück des realen Erlebens, aber durch besonders 
günstige Bedingungen ermöglicht und von der Natur eines 
Provisoriums. Von den Wiederholungsreaktionen, die sich in der 
Übertragung zeigen, führen dann die bekannten "Wege zur 
Erweckung der Erinnerungen, die sich nach Überwindung der 
Widerstände wie mühelos einstellen. 

Ich könnte hier abbrechen, wenn nicht die Überschrift dieses 
Aufsatzes mich verpflichten würde, ein weiteres Stück der analy- 
tischen Technik in die Darstellung zu ziehen. Die Überwindung 
der Widerstände wird bekanntlich dadurch eingeleitet, daß der 
Arzt den vom Analysierten niemals erkannten Widerstand auf- 
deckt und ihn dem Patienten mitteilt. Es scheint nun, daß 
Anfänger in der Analyse geneigt sind, diese Einleitung für die 
ganze Arbeit zu halten. Ich bin oft in Fällen zu Rate gezogen 
worden, in denen der Arzt darüber klagte, er habe dem Kranken 
seinen Widerstand vorgestellt, und doch habe sich nichts geändert, 
ja der Widerstand sei erst recht erstarkt und die ganze Situation 
sei noch undurchsichtiger geworden. Die Kur scheine nicht 
weiter zu gehen. Diese trübe Erwartung erwies sich dann immer 
als irrig. Die Kur war in der Regel im besten Fortgange $ der 
Arzt hatte nur vergessen, daß das Benennen des Widerstandes 
nicht das unmittelbare Aufhören desselben zur Folge haben kann. 
Man muß dem Kranken die Zeit lassen, sich in den ihm unbe- 
kannten Widerstand zu vertiefen, ihn durchzuarbeiten, ihn 
zu überwinden, indem er ihm zum Trotze die Arbeit nach der 
analytischen Grundregel fortsetzt. Erst auf der Höhe desselben 



Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten 119 

findet man dann in gemeinsamer Arbeit mit dem Analysierten 
die verdrängten Triebregungen auf, welche den Widerstand speisen 
und von deren Existenz und Mächtigkeit sich der Patient durch 
solches Erleben überzeugt. Der Arzt hat dabei nichts anderes 
zu tun, als zuzuwarten und einen Ablauf zuzulassen, der nicht 
vermieden, auch nicht immer beschleunigt werden kann. Hält er 
an dieser Einsicht fest, so wird er sich oftmals die Täuschung, 
gescheitert zu sein, ersparen, wo er doch die Behandlung längs 
der richtigen Linie fortführt. 

Dieses Durcharbeiten der Widerstände mag in der Praxis zu 
einer beschwerlichen Aufgabe für den Analysierten und zu einer 
Geduldprobe für den Arzt werden. Es ist aber jenes Stück der 
Arbeit, welches die größte verändernde Einwirkung auf den 
Patienten hat und das die analytische Behandlung von jeder 
Suggestionsbeeinflussung unterscheidet. Theoretisch kann man es 
dem „Abreagieren" der durch die Verdrängung eingeklemmten 
Affektbeträge gleichstellen, ohne welches die hypnotische Behand- 
lung einflußlos blieb. 



BEMERKUNGEN ÜBER DIE 
ÜBERTRAGUNGSLIEBE 

Erschien zuerst in der „Internationalen Zeit- 
schrift für ärztliche Psychoanalyse 11 , Bd. III (igif), 
dann in der Vierten Folge der „Sammlung kleiner 
Schriften zur Neurosadehre u , gemeinsam mit den 
beiden vorhergegangenen arbeiten unter dem Ober- 
titel „Weitere Ratschläge zur Technik der Psycho- 
\ analyse a . 

Jeder Anfanger in der Psychoanalyse bangt wohl zuerst vor 
den Schwierigkeiten, welche ihm die Deutung der Einfalle 
des Patienten und die Aufgabe der Reproduktion des Ver- 
drängten bereiten werden. Es steht ihm aber bevor, diese 
Schwierigkeiten bald gering einzuschätzen und dafür die 
Überzeugung einzutauschen, daß die einzigen wirklich ernst- 
haften Schwierigkeiten bei der Handhabung der Übertragung 
anzutreffen sind. 

Von den Situationen, die sich hier ergeben, will ich eine 
einzige, scharf umschriebene, herausgreifen, sowohl wegen ihrer 
Häufigkeit und realen Bedeutsamkeit als auch wegen ihres theo- 
retischen Interesses. Ich meine den Fall, daß eine weibliche 
Patientin durch unzweideutige Andeutungen erraten läßt oder es 
direkt ausspricht, daß sie sich wie ein anderes sterbliches Weib 
in den sie analysierenden Arzt verliebt hat. Diese Situation hat 
ihre peinlichen und komischen Seiten wie ihre ernsthaften; sie 
ist auch so verwickelt und vielseitig bedingt, so unvermeidlich 



Bemerkungen über die Übertragungsliebe 121 

und so schwer lösbar, daß ihre Diskussion längst ein vitales 
Bedürfnis der analytischen Technik erfüllt hätte. Aber da wir 
selbst nicht immer frei sind, die wir über die Fehler der anderen 
spotten, haben wir uns zur Erfüllung dieser Aufgabe bisher nicht 
eben gedrängt. Immerwieder stoßen wir hier mit der Pflicht 
der ärztlichen Diskretion zusammen, die im Leben nicht zu ent- 
behren, in unserer Wissenschaft aber nicht zu brauchen ist. 
Insoferne die Literatur der Psychoanalytik auch dem realen Leben 
angehört, ergibt sich hier ein unlösbarer Widerspruch. Ich habe 
mich kürzlich an einer Stelle über die Diskretion hinausgesetzt 
und angedeutet, daß die nämliche Übertragungssituation die Ent- 
wicklung der psychoanalytischen Therapie um ihr erstes Jahr- 
zehnt verzögert hat. 1 

Für den wohlerzogenen Laien — ein solcher ist wohl der 
ideale Kulturmensch der Psychoanalyse gegenüber — sind Liebes- 
begebenheiten mit allem anderen inkommensurabel 5 sie stehen 
gleichsam auf einem besonderen Blatte, das keine andere Beschrei- 
bung verträgt. Wenn sich also die Patientin in den Arzt verliebt 
hat, wird er meinen, dann kann es nur zwei Ausgänge haben, 
den selteneren, daß alle Umstände die dauernde legitime Ver- 
einigung der Beiden gestatten, und den häufigeren, daß Arzt und 
Patientin auseinandergehen und die begonnene Arbeit, welche 
der Herstellung dienen sollte, als durch ein Elementarereignis 
gestört aufgeben. Gewiß ist auch ein dritter Ausgang denkbar, 
der sich sogar mit der Fortsetzung der Kur zu vertragen scheint, 
die Anknüpfung illegitimer und nicht für die Ewigkeit bestimmter 
Liebesbeziehungen; aber dieser ist wohl durch die bürgerliche 
Moral wie durch die ärztliche Würde unmöglich gemacht. Immer- 
hin würde der Laie bitten, durch eine möglichst deutliche Ver- 
sicherung des Analytikers über den Ausschluß dieses dritten Falles 
beruhigt zu werden. 

1) Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung (1914). [S. Gesammelte 
Schriften, Bd. IV.] 



122 



Zur Technik 



Es ist evident, daß der Standpunkt des Psychoanalytikers ein 

anderer sein muß. 

Setzen wir der» Fall des zweiten Ausganges der Situation, die 
wir besprechen, Arzt und Patientin gehen auseinander, nachdem 
sich die Patientin in den Arzt verliebt hat 5 die Kur wird auf- 
gegeben. Aber der Zustand der Patientin macht bald einen 
zweiten analytischen Versuch bei einem anderen Arzte notwendige 
da stellt es sich denn ein, daß sich die Patientin auch in diesen 
zweiten Arzt verliebt fühlt, und ebenso, wenn sie wieder abbricht 
und von neuem anfängt, in den dritten usw. Diese mit Sicher- 
heit eintreffende Tatsache, bekanntlich eine der Grundlagen der 
psychoanalytischen Theorie, gestattet zwei Verwertungen, eine für 
den analysierenden Arzt, die andere für die der Analyse bedürf- 
tige Patientin. 

Für den Arzt bedeutet sie eine kostbare Aufklärung und eine 
gute Warnung vor einer etwa bei ihm bereitliegenden Gegen- 
übertragung. Er muß erkennen, daß das Verlieben der Patientin 
durch die analytische Situation erzwungen wird und nicht etwa 
den Vorzügen seiner Person zugeschrieben werden kann, daß er 
also gar keinen Grund hat, auf eine solche „Eroberung", wie 
man sie außerhalb der Analyse heißen würde, stolz zu sein. Und 
es ist immer gut, daran gemahnt zu werden. Für die Patientin 
ergibt sich aber eine Alternative: entweder sie muß auf eine 
psychoanalytische Behandlung verzichten oder sie muß sich die 
Verliebtheit in den Arzt als unausweichliches Schicksal gefallen 
lassen. 1 

Ich zweifle nicht daran, daß sich die Angehörigen der Patientin 
mit ebensolcher Entschiedenheit für die erste der beiden Mög- 
lichkeiten erklären werden wie der analysierende Arzt für die 
zweite. Aber ich meine, es ist dies ein Fall, in welchem der 
zärtlichen — oder vielmehr egoistisch eifersüchtigen — Sorge 

1) Daß die Übertragung sich in anderen und minder zärtlichen Gefühlen äußern 
kann, ist hekannt und soll in diesem Aufsatze nicht behandelt werden. 



Bemerkungen Über die Übertragungsliebe 123 

der Angehörigen die Entscheidung nicht überlassen werden kann. 
Nur das Interesse der Kranken sollte den Ausschlag geben. Die 
Liebe der Angehörigen kann aber keine Neurose heilen. Der 
Psychoanalytiker braucht sich nicht aufzudrängen, er darf sich 
aber als unentbehrlich für gewisse Leistungen hinstellen. Wer als 
Angehöriger die Stellung Tolstois zu diesem Probleme zu der 
seinigen macht, mag im ungestörten Besitze seiner Frau oder 
Tochter bleiben und muß es zu ertragen suchen, daß diese auch 
ihre Neurose und die mit ihr verknüpfte Störung ihrer Liebes- 
fähigkeit beibehält. Es ist schließlich ein ähnlicher Fall wie der 
der gynäkologischen Behandlung. Der eifersüchtige Vater oder 
Gatte irrt übrigens groß, wenn er meint, die Patientin werde 
der Verliebtheit in den Arzt entgehen, wenn er sie zur Bekämp- 
fung ihrer Neurose eine andere als die analytische Behandlung 
einschlagen läßt. Der Unterschied wird vielmehr nur sein, daß 
eine solche Verliebtheit, die dazu bestimmt ist, unausgesprochen 
und unanalysiert zu bleiben, niemals jenen Beitrag zur Her- 
stellung der Kranken leisten wird, den ihr die Analyse abzwingen 
würde. 

Es ist mir bekannt geworden, daß einzelne Ärzte, welche die 
Analyse ausüben, die Patienten häufig auf das Erscheinen der 
Liebesübertragung vorbereiten oder sie sogar auffordern, sich „nur 
in den Arzt zu verlieben, damit die Analyse vorwärtsgehe". Ich 
kann mir nicht leicht eine unsinnigere Technik vorstellen. Man 
raubt damit dem Phänomen den überzeugenden Charakter der 
Spontaneität und bereitet sich selbst schwer zu beseitigende Hin- 
dernisse. 

Zunächst hat es allerdings nicht den Anschein, als ob aus der 
Verliebtheit in der Übertragung etwas für die Kur Förderliches 
entstehen könnte. Die Patientin, auch die bisher fügsamste, hat 
plötzlich Verständnis und Interesse für die Behandlung verloren, 
will von nichts anderem sprechen und hören als von ihrer Liebe, 
für die sie Entgegnung fordert $ sie hat ihre Symptome aufge- 



124 



TLur Technik 



geben oder vernachlässigt sie, ja, sie erklärt sich für gesund. 
Es gibt einen völligen Wechsel der Szene, wie wenn ein Spiel 
durch eine plötzlich hereinbrechende Wirklichkeit abgelöst würde, 
etwa wie wenn sich während einer Theatervorstellung Feuera- 
larm erhebt. Wer dies als Arzt zum erstenmal erlebt, hat es nicht 
leicht, die analytische Situation festzuhalten und sich der 
Täuschung zu entziehen, daß die Behandlung wirklich zu 
Ende sei. 

Mit etwas Besinnung findet man sich dann zurecht. Vor allem 
gedenkt man des Verdachtes, daß alles, was die Fortsetzung der 
Kur stört, eine Widerstandsäußerung sein mag. An dem Auf- 
treten der stürmischen Liebesforderung hat der Widerstand 
unzweifelhaft einen großen Anteil. Man hatte ja die Anzeichen 
einer zärtlichen Übertragung bei der Patientin längst bemerkt und 
durfte ihre Gefügigkeit, ihr Eingehen auf die Erklärungen der 
Analyse, ihr ausgezeichnetes Verständnis und die hohe Intelligenz, 
die sie dabei erwies, gewiß auf Rechnung einer solchen Ein- 
stellung gegen den Arzt schreiben. Nun ist das alles wie weg- 
gefegt, die Kranke ist ganz einsichtslos geworden, sie scheint in 
ihrer Verliebtheit aufzugehen, und diese Wandlung ist ganz regel- 
mäßig in einem Zeitpunkte aufgetreten, da man ihr gerade 
zumuten mußte, ein besonders peinliches und schwer verdrängtes 
Stück ihrer Lebensgeschichte zuzugestehen oder zu erinnern. Die 
Verliebtheit ist also längst dagewesen, aber jetzt beginnt der 
Widerstand sich ihrer zu bedienen, um die Fortsetzung der Kur 
zu hemmen, um alles Interesse von der Arbeit abzulenken und 
um den analysierenden Arzt in eine peinliehe Verlegenheit zu 
bringen. 

Sieht man näher zu, so kann man in der Situation auch den 
Einfluß komplizierender Motive erkennen, zum Teile solcher, die 
sich der Verliebtheit anschließen, zum anderen Teile aber beson- 
derer Äußerungen des Widerstandes. Von der ersteren Art ist das 
Bestreben der Patientin, sich ihrer Unwiderstehlichkeit zu ver- 



Bemerkungen über die Übertragungsliebe 125 

sichern, die Autorität des Arztes durch seine Herabsetzung zum 
Geliebten zu brechen und was sonst als Nebengewinn bei der 
Liebesbefriedigung winkt. Vom Widerstände darf man vermuten, 
daß er gelegentlich die Liebeserklärung als Mittel benützt, um 
den gestrengen Analytiker auf die Probe zu stellen, worauf er im 
Falle seiner Willfährigkeit eine Zurechtweisung zu erwarten 
hätte. Vor allem aber hat man den Eindruck, daß der Wider- 
stand als agent provocateur die Verliebtheit steigert und die 
Bereitwilligkeit zur sexuellen Hingabe übertreibt^ um dann desto 
nachdrücklicher unter Berufung auf die Gefahren einer solchen 
Zuchtlosigkeit das Wirken der Verdrängung zu rechtfertigen. All 
dieses Beiwerk, das in reineren Fällen auch wegbleiben kann, 
ist von Alf. Adler bekanntlich als das Wesentliche des ganzen 
Vorganges angesehen worden. 

Wie muß sich aber der Analytiker benehmen, um nicht an 
dieser Situation zu scheitern, wenn es für ihn feststeht, daß die 
Kur trotz dieser Liebesübertragung und durch dieselbe hindurch 
fortzusetzen ist? 

Ich hätte es nun leicht, unter nachdrücklicher Betonung der 
allgemein gültigen Moral zu postulieren, daß der Analytiker nie 
und nimmer die ihm angebotene Zärtlichkeit annehmen oder 
erwidern dürfe. Er müsse vielmehr den Moment für gekommen 
erachten, um die sittliche Forderung und die Notwendigkeit des 
Verzichtes vor dem verliebten Weibe zu vertreten und es bei 
ihr zu erreichen, daß sie von ihrem Verlangen ablasse und mit 
Überwindung des animalischen Anteils an ihrem Ich die analy- 
tische Arbeit fortsetze. 

Ich werde aber diese Erwartungen nicht erfüllen, weder den 
ersten noch den zweiten Teil derselben. Den ersten nicht, weil 
ich nicht für die Klientel schreibe, sondern für Ärzte, die mit 
ernsthaften Schwierigkeiten zu ringen haben, und weil ich über- 
dies hier die Moralvorschrift auf ihren Ursprung, das heißt auf 
Zweckmäßigkeit zurückführen kann. Ich bin diesmal in der glück- 



126 Tmt Technik 



liehen Lage, das moralische Oktroi ohne Veränderung des Ergeb- 
nisses durch Rücksichten der analytischen Technik zu ersetzen. 

Noch entschiedener werde ich aber dem zweiten Teile der 
angedeuteten Erwartung absagen. Zur Triebunterdrückung, zum 
Verzicht und zur Sublimierung auffordern, sobald die Patientin 
ihre Liebesübertragung eingestanden hat, hieße nicht analytisch, 
sondern sinnlos handeln. Es wäre nicht anders, als wollte man 
mit kunstvollen Beschwörungen einen Geist aus der Unterwelt 
zum Aufsteigen zwingen, um ihn dann ungefragt wieder hin- 
unter zu schicken. Man hätte ja dann das Verdrängte nur zum 
Bewußtsein gerufen, um es erschreckt von neuem zu verdrängen. 
Auch über den Erfolg eines solchen Vorgehens braucht man sich 
nicht zu täuschen. Gegen Leidenschaften richtet man mit 
sublimen Redensarten bekanntlich wenig aus. Die Patientin wird 
nur die Verschmähung empfinden und nicht versäumen, sich für 
sie zu rächen. 

Ebensowenig kann ich zu einem Mittelwege raten, der sich 
manchen als besonders klug empfehlen würde, welcher darin 
besteht, daß man die zärtlichen Gefühle der Patientin zu 
erwidern behauptet und dabei allen körperlichen Betätigungen 
dieser Zärtlichkeit ausweicht, bis man das Verhältnis in ruhigere 
Bahnen lenken und auf eine höhere Stufe heben kann. Ich habe 
gegen dieses Auskunftsmittel einzuwenden, daß die psychoanaly- 
tische Behandlung auf Wahrhaftigkeit aufgebaut ist. Darin liegt 
ein gutes Stück ihrer erziehlichen Wirkung und ihres ethischen 
Wertes. Es ist gefährlich, dieses Fundament zu verlassen. Wer 
sich in die analytische Tecknik eingelebt hat, trifft das dem Arzte 
sonst unentbehrliche Lügen und Vorspiegeln überhaupt nicht 
mehr und pflegt sich zu verraten, wenn er es in bester Absicht 
einmal versucht. Da man vom Patienten strengste Wahrhaftigkeit 
fordert, setzt man seine ganze Autorität aufs Spiel, wenn man 
sich selbst von ihm bei einer Abweichung von der Wahrheit 
ertappen läßt. Außerdem ist der Versuch, sich in zärtliche 



Bemerkungen über die Übertragungsliebe 127 



Gefühle gegen die Patientin gleiten zu lassen, nicht ganz unge- 
fährlich. Man beherrscht sich nicht so gut, daß man nicht plötzlich 
einmal weiter gekommen wäre, als man beabsichtigt hatte. Ich 
meine also, man darf die Indifferenz, die man sich durch die 
Niederhaltung der Gegenübertragung erworben hat, nicht ver- 
leugnen. 

Ich habe auch bereits erraten lassen, daß die analytische 
Technik es dem Arzte zum Gebote macht, der liebesbedürftigen 
Patientin die verlangte Befriedigung zu versagen. Die Kur muß 
in der Abstinenz durchgeführt werden 5 ich meine dabei nicht 
allein die körperliche Entbehrung, auch nicht die Entbehrung 
von allem, was man begehrt, denn dies würde vielleicht kein 
Kranker vertragen. Sondern ich will den Grundsatz aufstellen, 
daß man Bedürfnis und Sehnsucht als zur Arbeit und Ver- 
änderung treibende Kräfte bei der Kranken bestehen lassen und 
sich hüten muß, dieselben durch Surrogate zu beschwichtigen. 
Anderes als Surrogate könnte man ja nicht bieten, da die Kranke 
infolge ihres Zustandes, solange ihre Verdrängungen nicht behoben 
sind, einer wirklichen Befriedigung nicht fähig ist. 

Gestehen wir zu, daß der Grundsatz, die analytische Kur solle 
in der Entbehrung durchgeführt werden, weit über den hier 
betrachteten Einzelfall hinausreicht und einer eingehenden Dis- 
kussion bedarf, durch welche die Grenzen seiner Durchführbar- 
keit abgesteckt werden sollen. Wir wollen es aber vermeiden, 
dies hier zu tun, und uns möglichst enge an die Situation halten, 
von der wir ausgegangen sind. Was würde geschehen, wenn der 
Arzt anders vorginge und die etwa beiderseits gegebene Freiheit 
ausnützen würde, um die Liebe der Patientin zu erwidern und 
ihr Bedürfnis nach Zärtlichkeit zu stillen? 

Wenn ihn dabei die Berechnung leiten sollte, durch solches 
Entgegenkommen würde er sich die Herrschaft über die Patientin 
sichern und sie so bewegen, die Aufgaben der Kur zu lösen, 
also ihre dauernde Befreiung von der Neurose zu erwerben, so 



1 28 Zur Technik 



müßte ihm die Erfahrung zeigen, daß er sich verrechnet hat. 
Die Patientin würde ihr Ziel erreichen, er niemals das seinige. 
Es hätte sich zwischen Arzt und Patientin nur wieder abgespielt, 
was eine lustige Geschichte vom Pastor und vom Versicherungs- 
agenten erzählt. Zu dem ungläubigen und schwerkranken Ver- 
sicherungsagenten wird auf Betreiben der Angehörigen ein 
frommer Mann gebracht, der ihn vor seinem Tode bekehren soll. 
Die Unterhaltung dauert so lange, daß die Wartenden Hoffnung 
schöpfen. Endlich öffnet sich die Tür des Krankenzimmers. Der 
Ungläubige ist nicht bekehrt worden, aber der Pastor geht ver- 
sichert weg. 

Es wäre ein großer Triumph für die Patientin, wenn ihre 
Liebeswerbung Erwiderung fände, und eine volle Niederlage für 
die Kur. Die Kranke hätte erreicht, wonach alle Kranken in der 
Analyse streben, etwas zu agieren, im Leben zu wiederholen, 
was sie nur erinnern, als psychisches Material reproduzieren und 
auf psychischem Gebiete erhalten soll. 1 Sie würde im weiteren 
Verlaufe des Liebesverhältnisses alle Hemmungen und patho- 
logischen Reaktionen ihres Liebeslebens zum Vorscheine bringen, 
ohne daß eine Korrektur derselben möglich wäre, und das pein- 
liche Erlebnis mit Reue und großer Verstärkung ihrer Ver- 
drängungsneigung abschließen. Das Liebesverhältnis macht eben 
der Beeinflußbarkeit durch die analytische Behandlung ein Ende$ 
eine Vereinigung von beiden ist ein Unding. 

Die Gewährung des Liebesverlangens der Patientin ist also 
ebenso verhängnisvoll für die Analyse wie die Unterdrückung 
desselben. Der Weg des Analytikers ist ein anderer, ein solcher, 
für den das reale Leben kein Vorbild liefert. Man hütet sich, 
von der Liebesübertragung abzulenken, sie zu verscheuchen oder 
der Patientin zu verleiden 5 man enthält sich ebenso standhaft 
jeder Erwiderung derselben. Man hält die Liebesübertragung fest, 
behandelt sie aber als etwas Unreales, als eine Situation, die in 

1) Siehe die vorhergehende Abhandlung über „Erinnern . . ." usw. 



Bemerkungen über die Übertragungsliebe 12g 

der Kur durchgemacht, auf ihre unbewußten Ursprünge zurück- 
geleitet werden soll und dazu verhelfen muß, das Verborgenste 
des Liebeslebens der Kranken dem Bewußtsein und damit der 
Beherrschung zuzuführen. Je mehr man den Eindruck macht, 
selbst gegen jede Versuchung gefeit zu sein, desto eher 
wird man der Situation ihren analytischen Gehalt entziehen 
können. Die Patientin, deren Sexualverdrängung doch nicht 
aufgehoben, bloß in den Hintergrund geschoben ist, wird 
sich dann sicher genug fühlen, um alle Liebesbedingungen, alle 
Phantasien ihrer Sexualsehnsucht, alle Einzelcharaktere ihrer 
Verliebtheit zum Vorscheine zu bringen, und von diesen aus 
dann selbst den Weg zu den infantilen Begründungen ihrer 
Liebe eröffnen. 

Bei einer Klasse von Frauen wird dieser Versuch, die Liebes- 
übertragung für die analytische Arbeit zu erhalten, ohne sie zu 
befriedigen, allerdings nicht gelingen. Es sind das Frauen von 
elementarer Leidenschaftlichkeit, welche keine Surrogate verträgt, 
Naturkinder, die das Psychische nicht für das Materielle nehmen 
wollen, die nach des Dichters Worten nur zugänglich sind „für 
Suppenlogik mit Knödelargumenten." Bei diesen Personen steht 
man vor der Wahl: entweder Gegenliebe zeigen oder die volle 
Feindschaft des verschmähten Weibes auf sich laden. In keinem 
von beiden Fällen kann man die Interessen der Kur wahr- 
nehmen. Man muß sich erfolglos zurückziehen und kann sich 
etwa das Problem vorhalten, wie sich die Fähigkeit zur Neurose 
mit so unbeugsamer Liebesbedürftigkeit vereinigt. 

Die Art, wie man andere, minder gewalttätige Verliebte all- 
mählich zur analytischen Auffassung nötigt, dürfte sich vielen 
Analytikern in gleicher Weise ergeben haben. Man betont vor 
allem den unverkennbaren Anteil des Widerstandes an dieser 
„Liebe". Eine wirkliche Verliebtheit würde die Patientin gefügig 
machen und ihre Bereitwilligkeit steigern, um die Probleme 
ihres Falles zu lösen, bloß darum, weil der geliebte Mann es 

Freud, Technik. o 



jgo Zur Technik 



fordert. Eine solche würde gern den Weg über die Vollendung 
der Kur wählen, um sich dem Arzte wertvoll zu machen 
und die Realität vorzubereiten, in welcher die Liebesneigung 
ihren Platz finden könnte. Anstatt dessen zeige sich die Patientin 
eigensinnig und ungehorsam, habe alles Interesse für die Behandlung 
von sich geworfen und offenbar auch keine Achtung vor den 
tief begründeten Überzeugungen des Arztes. Sie produziere also 
einen Widerstand in der Erscheinungsform der Verliebtheit und 
trage überdies kein Bedenken, ihn in die Situation der soge- 
nannten „Zwickmühle" zu bringen. Denn wenn er ablehne, 
wozu seine Pflicht und sein Verständnis ihn nötigen, werde sie 
die Verschmähte spielen können und sich dann aus Rachsucht 
und Erbitterung der Heilung durch ihn entziehen, wie jetzt 
infolge der angeblichen Verliebtheit. 

Als zweites Argument gegen die Echtheit dieser Liebe führt 
man die Behauptung ein, daß dieselbe nicht einen einzigen neuen, 
aus der gegenwärtigen Situation entspringenden Zug an sich trage, 
sondern sich durchwegs aus Wiederholungen und Abklatschen 
früherer, auch infantiler, Reaktionen zusammensetze^. Man macht 
sich anheischig, dies durch die detaillierte Analyse des Liebes- 
verhaltens der Patientin zu erweisen. 

Wenn man zu diesen Argumenten noch das erforderliche Maß 
von Geduld hinzufügt, gelingt es zumeist, die schwierige Situation 
zu überwinden und entweder mit einer ermäßigten oder mit der 
„umgeworfenen" Verliebtheit die Arbeit fortzusetzen, deren Ziel 
dann die Aufdeckung der infantilen Objektwahl und der sie 
umspinnenden Phantasien ist. Ich möchte aber die erwähnten 
Argumente kritisch beleuchten und die Frage aufwerfen, ob 
wir mit ihnen der Patientin die Wahrheit sagen oder in 
unserer Notlage zu Verhehlungen und Entstellungen Zuflucht 
genommen haben. Mit anderen Worten: ist die in der analy- 
tischen Kur manifest werdende Verliebtheit wirklich keine reale 

i 

zu nennen? 



Bemerkungen über die Übertraglingsliebe 151 

Ich meine, wir haben der Patientin die Wahrheit gesagt, aber 
doch nicht die ganze, um das Ergebnis unbekümmerte. Von 
unseren beiden Argumenten ist das erste das stärkere. Der Anteil 
des Widerstandes an der Übertragungsliebe ist unbestreitbar und 
sehr beträchtlich. Aber der Widerstand hat diese Liebe doch nicht 
geschaffen, er findet sie vor, bedient sich ihrer und übertreibt 
ihre Äußerungen. Die Echtheit des Phänomens wird auch durch 
den Widerstand nicht entkräftet. Unser zweites Argument ist 
weit schwächer; es ist wahr, daß diese Verliebtheit aus Neuauf- 
lagen alter Züge besteht und infantile Reaktionen wiederholt. 
Aber dies ist der wesentliche Charakter jeder Verliebtheit. Es 
gibt keine, die nicht infantile Vorbilder wiederholt. Gerade das, 
was ihren zwanghaften, ans Pathologische mahnenden Charakter 
ausmacht, rührt von ihrer infantilen Bedingtheit her. Die Über- 
tragungsliebe hat vielleicht einen Grad von Freiheit weniger als 
die im Leben vorkommende, normal genannte, läßt die Abhängig- 
keit von der infantilen Vorlage deutlicher erkennen, zeigt sich 
weniger schmiegsam und modifikationsfähig, aber das ist auch 
alles und nicht das Wesentliche. 

Woran soll man die Echtheit einer Liebe sonst erkennen? An 
ihrer Leistungsfähigkeit, ihrer Brauchbarkeit zur Durchsetzung 
des Liebeszieles? In diesem Punkte scheint die Übertragungsliebe 
hinter keiner anderen zurückzustehen; man hat den Eindruck, 
daß man alles von ihr erreichen könnte. 

Resümieren wir also: Man hat kein Anrecht, der in der ana- 
lytischen Behandlung zutage tretenden Verliebtheit den Charakter 
einer „echten" Liebe abzustreiten. Wenn sie so wenig normal 
erscheint, so erklärt sich dies hinreichend aus dem Umstände, 
daß auch die sonstige Verliebtheit außerhalb der analytischen 
Kur eher an die abnormen als an die normalen seelischen 
Phänomene erinnert. Immerhin ist sie durch einige Züge aus- 
gezeichnet, welche ihr eine besondere Stellung sichern. Sie ist 
1. durch die analytische Situation provoziert, 2. durch den diese 

9* 



132 Zur Technik 



Situation beherrschenden Widerstand in die Höhe getrieben, und 
5., sie entbehrt in hohem Grade der Rücksicht auf die Realität, 
sie ist unkluger, unbekümmerter um ihre Konsequenzen, ver- 
blendeter in der Schätzung der geliebten Person, als wir einer 
normalen Verliebtheit gerne zugestehen wollen. Wir dürfen aber 
nicht vergessen, daß gerade diese von der Norm abweichenden 
Züge das Wesentliche einer Verliebtheit ausmachen. 

Für das Handeln des Arztes ist die erste der drei erwähnten 
Eigenheiten der Übertragungsliebe das Maßgebende. Er hat diese 
Verliebtheit durch die Einleitung der analytischen Behandlung 
zur Heilung der Neurose hervorgelockt 5 sie ist für ihn das 
unvermeidliche Ergebnis einer ärztlichen Situation, ähnlich wie 
die körperliche Entblößung eines Kranken oder wie die Mit- 
teilung eines lebenswichtigen Geheimnisses. Damit steht es für 
ihn fest, daß er keinen persönlichen Vorteil aus ihr ziehen darf. 
Die Bereitwilligkeit der Patientin ändert nichts daran, wälzt nur 
die ganze Verantwortlichkeit auf seine eigene Person. Die Kranke 
war ja, wie er wissen muß, auf keinen anderen Mechanismus 
der Heilung vorbereitet. Nach glücklicher Überwindung aller 
Schwierigkeiten gesteht sie oft die Erwartungsphantasie ein, mit 
der sie in die Kur eingetreten war: Wenn sie sich brav benehme, 
werde sie am Ende durch die Zärtlichkeit des Arztes belohnt 
werden. 

Für den Arzt vereinigen sich nun ethische Motive mit den 
technischen, um ihn von der Liebesgewährung an die Kranke 
zurückzuhalten. Er muß das Ziel im Auge behalten, daß das in 
seiner Liebesfähigkeit durch infantile Fixierungen behinderte 
Weib zur freien Verfügung über diese für sie unschätzbar wichtige 
Funktion gelange, aber sie nicht in der Kur verausgabe, sondern 
sie fürs reale Leben bereithalte, wenn dessen Forderungen nach 
der Behandlung an sie herantreten. Er darf nicht die Szene 
des Hundewettrennens mit ihr aufführen, bei dem ein Kranz von 
Würsten als Preis ausgesetzt ist, und das ein Spaßvogel verdirbt, 



Bemerkungen über die Übertragungsliebe 135 

indem er eine einzelne Wurst in die Rennbahn wirft. Über die 
fallen die Hunde her und vergessen ans Wettrennen und an den 
in der Ferne winkenden Kranz für den Sieger. Ich will nicht 
behaupten, daß es dem Arzte immer leicht wird, sich innerhalb 
der ihm von Ethik und Technik vorgeschriebenen Schranken 
zu halten. Besonders der jüngere und noch nicht fest gebundene 
Mann mag die Aufgabe als eine harte empfinden. Unzweifelhaft 
ist die geschlechtliche Liebe einer der Hauptinhalte des Lebens 
und die Vereinigung seelischer und köperlicher Befriedigung im 
Liebesgenusse geradezu einer der Höhepunkte desselben. Alle 
Menschen bis auf wenige verschrobene Fanatiker wissen das und 
richten ihr Leben danach ein 5 nur in der Wissenschaft ziert 
man sich, es zuzugestehen. Anderseits ist es eine peinliche Rolle 
für den Mann, den Abweisenden und Versagenden zu spielen, 
wenn das Weib um Liebe wirbt, und von einer edlen Frau, die 
sich zu ihrer Leidenschaft bekennt, geht trotz Neurose und Wider- 
stand ein unvergleichbarer Zauber aus. Nicht das grobsinnliche Ver- 
langen der Patientin stellt die Versuchung her. Dies wirkt ja eher 
abstoßend und ruft alle Toleranz auf, um es als natürliches Phänomen 
gelten zu lassen. Die feineren und zielgehemmten Wunschregungen 
des Weibes sind es vielleicht, die die Gefahr mit sich bringen, 
Technik und ärztliche Aufgabe über ein schönes Erlebnis zu 
vergessen. 

Und doch bleibt für den Analytiker das Nachgeben ausgeschlossen. 
So hoch er die Liebe schätzen mag, er muß es höher stellen, 
daß er die Gelegenheit hat, seine Patientin über eine ent- 
scheidende Stufe ihres Lebens zu heben. Sie hat von ihm die 
Überwindung des Lustprinzips zu lernen, den Verzicht auf eine 
naheliegende, aber sozial nicht eingeordnete Befriedigung zugunsten 
einer entfernteren, vielleicht überhaupt unsicheren, aber 
psychologisch wie sozial untadeligen. Zum Zwecke dieser Über- 
windung soll sie durch die Urzeiten ihrer seelischen Entwicklung 
durchgeführt werden und auf diesem Wege jenes Mehr von 



tv— 



1 34 Zur Technik 



seelischer Freiheit erwerben, durch welches sich die bewußte 
Seelentätigkeit — im systematischen Sinne — von der unbe- 
wußten unterscheidet. 

Der analytische Psychotherapeut hat so einen dreifachen Kampf 
zu führen, in seinem Inneren gegen die Mächte, welche ihn 
von dem analytischen Niveau herabziehen möchten, außerhalb 
der Analyse gegen die Gegner, die ihm die Bedeutung der 
sexuellen Triebkräfte bestreiten und es ihm verwehren, sich ihrer 
in seiner wissenschaftlichen Technik zu bedienen, und in der 
Analyse gegen seine Patienten, die sich anfangs wie die Gegner 
gebärden, dann aber die sie beherrschende Überschätzung des 
Sexuallebens kundgeben und den Arzt mit ihrer sozial unge- 
bändigten Leidenschaftlichkeit gefangen nehmen wollen. 

Die Laien, von deren Einstellung zur Psychoanalyse ich ein- 
gangs sprach, werden gewiß auch diese Erörterungen über die 
Übertragungsliebe zum Anlasse nehmen, um die Aufmerksamkeit 
der Welt auf die Gefährlichkeit dieser therapeutischen Methode 
zu lenken. Der Psychoanalytiker weiß, daß er mit den explo- 
sivsten Kräften arbeitet und derselben Vorsicht und Gewissen- 
haftigkeit bedarf wie der Chemiker. Aber wann ist dem Chemiker 
je die Beschäftigung mit den ob ihrer Wirkung unentbehrlichen 
Explosivstoffen wegen deren Gefährlichkeit untersagt worden ? 
Es ist merkwürdig, daß sich die Psychoanalyse alle Lizenzen erst 
neu erobern muß, die anderen ärztlichen Tätigkeiten längst 
zugestanden sind. Ich bin gewiß nicht dafür, daß die harmlosen 
Behandlungsmethoden aufgegeben werden sollen. Sie reichen für 
manche Fälle aus, und schließlich kann die menschliche 
Gesellschaft den furor sanandi ebensowenig brauchen wie irgend 
einen anderen Fanatismus. Aber es heißt die Psychoneurosen nach 
ihrer Herkunft und ihrer praktischen Bedeutung arg unterschätzen, 
wenn man glaubt, diese Affektionen müßten durch Operationen 
mit harmlosen Mittelchen zu besiegen sein. Nein, im ärztlichen 
Handeln wird neben der medicina immer ein Raum bleiben für 



Bemerkungen über die Übertragungsliebe 



155 



das ferrum und für das igrds, und so wird auch die kunst- 
gerechte, unabgeschwächte Psychoanalyse nicht zu entbehren sein, 
die sich nicht scheut, die gefährlichsten seelischen Regungen 
zu handhaben und zum Wohle des Kranken zu meistern. 



WEGE DER PSYCHOANALYTISCHEN 

THERAPIE 

Rede, gelmlten auf dem V. Psychoanalytischen 
Kongreß in Budapest, September 191 8. Zuerst 
erschienen in der „Internationalen Zeitschrift für 
ärztliche Psychoanalyse", Bd. V {191g), dann in 
der Fünften Folge der „Sammlung kleiner Schriften 
zur Neurosenlehre' 1 . 

Meine Herren Kollegen! 

Sie wissen, wir waren nie stolz auf die Vollständigkeit und 
Abgeschlossenheit unseres Wissens und Könnens $ wir sind wie 
früher so auch jetzt, immer bereit, die Unvollkommenheiten 
unserer Erkenntnis zuzugeben, Neues dazuzulernen und an 
unserem Vorgehen abzuändern, was sich durch Besseres ersetzen 
läßt. 

Da wir nun nach langen, schwer durchlebten Jahren der 
Trennung wieder einmal zusammengetroffen sind, reizt es mich, 
den Stand unserer Therapie zu revidieren, der wir ja unsere 
Stellung in der menschlichen Gesellschaft danken, und Ausschau 
zu halten, nach welchen neuen Richtungen sie sich entwickeln 
könnte. 

Wir haben als unsere ärztliche Aufgabe formuliert, den neu- 
rotisch Kranken zur Kenntnis der in ihm bestehenden unbe- 
wußten, verdrängten Regungen zu bringen und zu diesem 
Zwecke die Widerstände aufzudecken, die sich in ihm gegen 
solche Erweiterungen seines Wissens von der eigenen Person 



Wege der psychoanalytischen Therapie 157 

sträuben. Wird mit der Aufdeckung dieser Widerstände auch 
deren Überwindung gewährleistet? Gewiß nicht immer, aber wir 
hoffen, dieses Ziel zu erreichen, indem wir seine Übertragung 
auf die Person des Arztes ausnützen, um unsere Überzeugung 
von der Unzweckmäßigkeit der in der Kindheit vorgefallenen 
Verdrängungsvorgänge und von der Undurchführbarkeit eines 
Lebens nach dem Lustprinzip zu der seinigen werden zu lassen. 
Die dynamischen Verhältnisse des neuen Konflikts, durch den 
wir den Kranken führen, den wir an die Stelle des früheren 
Krankheitskonflikts bei ihm gesetzt haben, sind von mir an 
anderer Stelle klargelegt worden. Daran weiß ich derzeit nichts 
zu ändern. 

Die Arbeit, durch welche wir dem Kranken das verdrängte 
Seelische in ihm zum Bewußtsein bringen, haben wir Psycho- 
analyse genannt. Warum „Analyse", was Zerlegung, Zersetzung 
bedeutet und an eine Analogie mit der Arbeit des Chemikers an 
den Stoffen denken läßt, die er in der Natur vorfindet und in 
sein Laboratorium bringt? Weil eine solche Analogie in einem 
wichtigen Punkte wirklich besteht. Die Symptome und krank- 
haften Äußerungen des Patienten sind wie alle seine seelischen 
Tätigkeiten hochzusammengesetzter Natur; die Elemente dieser 
Zusammensetzung sind im letzten Grunde Motive, Triebregungen. 
Aber der Kranke weiß von diesen elementaren Motiven nichts 
oder nur sehr Ungenügendes. Wir lehren ihn nun die Zusammen- 
setzung dieser hochkomplizierten seelischen Bildungen verstehen, 
führen die Symptome auf die sie motivierenden Triebregungen 
zurück, weisen diese dem Kranken bisher unbekannten Trieb- 
motive in den Symptomen nach, wie der Chemiker den Grund- 
stoff, das chemische Element, aus dem Salz ausscheidet, in dem 
es in Verbindung mit anderen Elementen unkenntlich geworden 
war. Und ebenso zeigen wir dem Kranken an seinen nicht für 
krankhaft gehaltenen seelischen Äußerungen, daß ihm deren 
Motivierung nur unvollkommen bewußt war, daß andere 



Triebmotive bei ihnen mitgewirkt haben, die ihm unerkannt 
geblieben sind. 

Auch das Sexualstreben der Menschen haben wir erklärt, 
indem wir es in seine Komponenten zerlegten, und wenn wir 
einen Traum deuten, gehen wir so vor, daß wir den Traum als 
Ganzes vernachlässigen und die Assoziation an seine einzelnen 
Elemente anknüpfen. 

Aus diesem berechtigten Vergleich der ärztlichen psycho- 
analytischen Tätigkeit mit einer chemischen Arbeit könnte sich 
nun eine Anregung zu einer neuen Richtung unserer Therapie 
ergeben. Wir haben den Kranken analysiert, das heißt seine 
Seelentätigkeit in ihre elementaren Bestandteile zerlegt, diese 
Triebelemente einzeln und isoliert in ihm aufgezeigt 5 was läge 
nun näher als zu fordern, daß wir ihm auch bei einer neuen 
und besseren Zusammensetzung derselben behilflich sein müssen? 
Sie wissen, diese Forderung ist auch wirklich erhoben worden. 
Wir haben gehört: Nach der Analyse des kranken Seelenlebens 
muß die Synthese desselben folgen! Und bald hat sich daran 
auch die Besorgnis geknüpft, man könnte zu viel Analyse und 
zu wenig Synthese geben, und das Bestreben, das Hauptgewicht 
der psychotherapeutischen Einwirkung auf diese Synthese, eine 
Art Wiederherstellung des gleichsam durch die Vivisektion Zer- 
störten, zu verlegen. 

Ich kann aber nicht glauben, meine Herren, daß uns in 
dieser Psychosynthese eine neue Aufgabe zuwächst. Wollte ich 
mir gestatten, aufrichtig und unhöflich zu sein, so würde ich 
sagen, es handelt sich da um eine gedankenlose Phrase. Ich 
bescheide mich zu bemerken, daß nur eine inhaltsleere Über- 
dehnung eines Vergleiches, oder, wenn Sie wollen, eine unbe- 
rechtigte Ausbeutung einer Namengebung vorliegt. Aber ein 
Name ist nur eine Etikette, zur Unterscheidung von anderem, 
ähnlichem, angebracht, kein Programm, keine Inhaltsangabe oder 
Definition. Und ein Vergleich braucht das Verglichene nur an 



. 



Wege der psychoanalytischen Therapie 139 

einem Punkte zu tangieren und kann sich in allen anderen weit 
von ihm entfernen. Das Psychische ist etwas so einzig Besonderes, 
daß kein vereinzelter Vergleich seine Natur wiedergeben kann. 
Die psychoanalytische Arbeit bietet Analogien mit der chemischen 
Analyse, aber ebensolche mit dem Eingreifen des Chirurgen 
oder der Einwirkung des Orthopäden oder der Beeinflussung des 
Erziehers. Der Vergleich mit der chemischen Analyse findet seine 
Begrenzung darin, daß wir es im Seelenleben mit Strebungen 
zu tun haben, die einem Zwang zur Vereinheitlichung und 
Zusammenfassung unterliegen. Ist es uns gelungen, ein Symptom 
zu zersetzen, eine Triebregung aus einem Zusammenhange zu 
befreien, so bleibt sie nicht isoliert, sondern tritt sofort in einen 

neuen ein. 1 

Ja, im Gegenteil! Der neurotisch Kranke bringt uns ein zer- 
rissenes, durch Widerstände zerklüftetes Seelenleben entgegen, und 
während wir daran analysieren, die Widerstände beseitigen, wächst 
dieses Seelenleben zusammen, fügt die große Einheit, die wir 
sein Ich heißen, sich alle die Triebregungen ein, die bisher von 
ihm abgespalten und abseits gebunden waren. So vollzieht sich bei 
dem analytisch Behandelten die Psychosynthese ohne unser Ein- 
greifen, automatisch und unausweichlich. Durch die Zersetzung 
der Symptome und die Aufhebung der Widerstände haben wir 
die Bedingungen für sie geschaffen. Es ist nicht wahr, daß 
etwas in dem Kranken in seine Bestandteile zerlegt ist, was nun 
ruhig darauf wartet, bis wir es irgendwie zusammensetzen. 

Die Entwicklung unserer Therapie wird also wohl andere 
Wege einschlagen, vor allem jenen, den kürzlich Ferenczi in 
seiner Arbeit über „Technische Schwierigkeiten einer Hysterie- 
analyse" (Internat. Zschr. f. Psychoanalyse V, 1919) als die 
, Aktivität" des Analytikers gekennzeichnet hat. 

1) Ereignet sich doch während der chemischen Analyse etwas ganz Ähnliches. 
Gleichzeitig mit den Isolierungen, die der Chemiker erzwingt, vollziehen sich von 
Ihm ungewollte Synthesen dank der freigewordenen Affinitäten und der Wahl- 
verwandtschaft der Stoffe. 






H Zur Technik 



Einigen wir uns rasch, was unter dieser Aktivität zu ver- 
stehen ist. Wir umschrieben unsere therapeutische Aufgabe durch 
die zwei Inhalte: Bewußtmachen des Verdrängten und Aufdeckung 
der Widerstände. Dabei sind wir allerdings aktiv genug. Aber 
sollen wir es dem Kranken überlassen, allein mit den ihm auf- 
gezeigten Widerständen fertig zu werden? Können wir ihm dabei 
keine andere Hilfe leisten, als er durch den Antrieb der Über- 
tragung erfährt? Liegt es nicht vielmehr sehr nahe, ihm auch 
dadurch zu helfen, daß wir ihn in jene psychische Situation 
versetzen, welche für die erwünschte Erledigung des Konflikts die 
günstigste ist? Seine Leistung ist doch auch abhängig von einer 
Anzahl von äußerlich konstellierenden Umständen. Sollen wir 
uns da bedenken, diese Konstellation durch unser Eingreifen in 
geeigneter Weise zu verändern? Ich meine, eine solche Aktivität 
des analytisch behandelnden Arztes ist einwandfrei und durchaus 
gerechtfertigt. 

Sie bemerken, daß sich hier für uns ein neues Gebiet der 
analytischen Technik eröffnet, dessen Bearbeitung eingehende 
Bemühung erfordern und ganz bestimmte Vorschriften ergeben 
wird. Ich werde heute nicht versuchen, Sie in diese noch in 
Entwicklung begriffene Technik einzuführen, sondern mich damit 
begnügen, einen Grundsatz hervorzuheben, dem wahrscheinlich 
die Herrschaft auf diesem Gebiete zufallen wird. Er lautet: 
Die analytische Kur soll, soweit es möglich ist, in 
der Entbehrung — Abstinenz — durchgeführt 
werden. 

Wie weit es möglich ist, dies festzustellen, bleibe einer detail- 
lierten Diskussion überlassen. Unter Abstinenz ist aber nicht die 
Entbehrung einer jeglichen Befriedigung zu verstehen — das 
wäre natürlich undurchführbar — auch nicht, was man im 
populären Sinne darunter versteht, die Enthaltung vom sexuellen 
Verkehr, sondern etwas anderes, was mit der Dynamik der 
Erkrankung und der Herstellung weit mehr zu tun hat. 




Wege der psychoanalytischen Therapie 141 

Sie erinnern sich daran, daß es eine Versagung war, die 
den Patienten krank gemacht hat, daß seine Symptome ihm 
den pienst von Ersatzbefriedigungen leisten. Sie können während 
der Kur beobachten, daß jede Besserung seines Leidenszustandes 
das Tempo der Herstellung verzögert und die Triebkraft ver- 
ringert, die zur Heilung drängt. Auf diese Triebkraft können wir 
aber nicht verzichten; eine Verringerung derselben ist für unsere 
Heilungsabsicht gefährlich. Welche Folgerung drängt sich uns 
also unabweisbar auf? Wir müssen, so grausam es klingt, dafür 
sorgen, daß das Leiden des Kranken in irgendeinem wirksamen 
Maße kein vorzeitiges Ende finde. Wenn es durch die Zersetzung 
und Entwertung der Symptome ermäßigt worden ist, müssen wir 
es irgendwo anders als eine empfindliche Entbehrung wieder 
aufrichten, sonst laufen wir Gefahr, niemals mehr als bescheidene 
und nicht haltbare Besserungen zu erreichen. 

Die Gefahr droht, soviel ich sehe, besonders von zwei Seiten. 
Einerseits ist der Patient, dessen Kranksein durch die Analyse 
erschüttert worden ist, aufs emsigste bemüht, sich an Stelle seiner 
Symptome neue Ersatzbefriedigungen zu schaffen, denen nun der 
Leidenscharakter abgeht. Er bedient sich der großartigen Ver- 
schiebbarkeit der zum Teil freigewordenen Libido, um die mannig- 
fachsten Tätigkeiten, Vorlieben, Gewohnheiten, auch solche, die 
bereits früher bestanden haben, mit Libido zu besetzen und sie 
zu Ersatzbefriedigungen zu erheben. Er findet immer wieder 
neue solche Ablenkungen, durch welche die zum Betrieb der 
Kur erforderte Energie versickert, und weiß sie eine Zeitlang 
geheim zu halten. Man hat die Aufgabe, alle diese Abwege auf- 
zuspüren und jedesmal von ihm den Verzicht zu verlangen, so 
harmlos die zur Befriedigung führende Tätigkeit auch an sich 
erscheinen mag. Der Halbgeheilte kann aber auch minder harm- 
lose Wege einschlagen, zum Beispiel indem er, wenn ein Mann, 
eine voreilige Bindung an ein Weib aufsucht. Nebenbei bemerkt, 
unglückliche Ehe und körperliches Siechtum sind die gebrauch- 



■ •■ 



142 Zur Technik 



lichsten Ablösungen der Neurose. Sie befriedigen insbesondere das 
Schuldbewußtsein (Strafbedürfnis), welches viele Kranke so zähe 
an ihrer Neurose festhalten läßt. Durch eine ungeschickte Ehe- 
wahl bestrafen sie sich selbst 5 langes organisches Kranksein nehmen 
sie als eine Strafe des Schicksals an und verzichten dann häufig 
auf eine Fortführung der Neurose. 

Die Aktivität des Arztes muß sich in all solchen Situationen 
als energisches Einschreiten gegen die voreiligen Ersatz- 
befriedigungen äußern. Leichter wird ihm aber die Verwahrung 
gegen die zweite, nicht zu unterschätzende Gefahr, von der die 
Triebkraft der Analyse bedroht wird. Der Kranke sucht vor 
allem die Ersatzbefriedigung in der Kur selbst im Übertragungs- 
verhältnis zum Arzt und kann sogar danach streben, sich auf 
diesem Wege für allen ihm sonst auferlegten Verzicht zu ent- 
schädigen. Einiges muß man ihm ja wohl gewähren, mehr oder 
weniger, je nach der Natur des Falles und der Eigenart des 
Kranken. Aber es ist nicht gut, wenn es zu viel wird. Wer als 
Analytiker etwa aus der Fülle seines hilfsbereiten Herzens dem 
Kranken alles spendet, was ein Mensch vom anderen erhoffen 
kann, der begeht denselben ökonomischen Fehler, dessen sich 
unsere nicht analytischen Nervenheilanstalten schuldig machen. 
Diese streben nichts anderes an, als es dem Kranken möglichst 
angenehm zu machen, damit er sich dort wohlfühle und gerne 
wieder aus den Schwierigkeiten des Lebens seine Zuflucht dorthin 
nehme. Dabei verzichten sie darauf, ihn für das Leben stärker, 
für seine eigentlichen Aufgaben leistungsfähiger zu machen. In 
der analytischen Kur muß jede solche Verwöhnung vermieden 
werden. Der Kranke soll, was sein Verhältnis zum Arzt betrifft, 
unerfüllte Wünsche reichlich übrig behalten. Es ist zweckmäßig, 
ihm gerade die Befriedigungen zu versagen, die er am inten- 
sivsten wünscht und am dringendsten äußert. 

Ich glaube nicht, daß ich den Umfang der erwünschten 
Aktivität des Arztes mit dem Satze: In der Kur sei die Ent- 



Wege der psychoanalytischen Therapie 



H5 



behrung aufrecht zu halten, erschöpft habe. Eine andere Richtung 
der analytischen Aktivität ist, wie Sie sich erinnern werden, 
bereits einmal ein Streitpunkt zwischen uns und der Schweizer 
Schule gewesen. Wir haben es entschieden abgelehnt, den 
Patienten, der sich Hilfe suchend in unsere Hand begibt, zu 
unserem Leibgut zu machen, sein Schicksal für ihn zu formen, 
ihm unsere Ideale aufzudrängen und ihn im Hochmut des 
Schöpfers zu unserem Ebenbild, an dem wir Wohlgefallen haben 
sollen, zu gestalten. Ich halte an dieser Ablehnung auch heute 
noch fest und meine, daß hier die Stelle für die ärztliche Dis- 
kretion ist, über die wir uns in anderen Beziehungen hinweg- 
setzen müssen, habe auch erfahren, daß eine so weit gehende 
Aktivität gegen den Patienten für die therapeutische Absicht gar 
nicht erforderlich ist. Denn ich habe Leuten helfen können, mit 
denen mich keinerlei Gemeinsamkeit der Rasse, Erziehung, 
sozialen Stellung und Weltanschauung verband, ohne sie in ihrer 
Eigenart zu stören. Ich habe damals, zur Zeit jener Streitigkeiten, 
allerdings den Eindruck empfangen, daß der Einspruch unserer 
Vertreter — ich glaube, es war in erster Linie E. Jones — 
allzu schroff und unbedingt ausgefallen ist. Wir können es nicht 
vermeiden, auch Patienten anzunehmen, die so haltlos und existenz- 
unfähig sind, daß man bei ihnen die analytische Beeinflussung 
mit der erzieherischen vereinigen muß, und auch bei den meisten 
anderen wird sich hie und da eine Gelegenheit ergeben, wo 
der Arzt als Erzieher und Ratgeber aufzutreten genötigt ist. 
Aber dies soll jedesmal mit großer Schonung geschehen, 
und der Kranke soll nicht zur Ähnlichkeit mit uns, sondern 
zur Befreiung und Vollendung seines eigenen Wesens erzogen 

werden. 

Unser verehrter Freund J. Putnam in dem uns jetzt 
feindlichen Amerika muß es uns verzeihen, wenn wir 



so 



auch seine Forderung nicht annehmen können, die Psycho- 
analyse möge sich in den Dienst einer bestimmten philosophischen 



144 Zur Technik 



Weltanschauung stellen und diese dem Patienten zum Zwecke 
seiner Veredlung aufdrängen. Ich möchte sagen, dies ist doch 
nur Gewaltsamkeit, wenn auch durch die edelsten Absichten 
gedeckt. 

Eine letzte, ganz anders geartete Aktivität wird uns durch die 
allmählich wachsende Einsicht aufgenötigt, daß die verschiedenen 
Krankheitsformen, die wir behandeln, nicht durch die nämliche . 
Technik erledigt werden können. Es wäre voreilig, hierüber aus 
führlich zu handeln, aber an zwei Beispielen kann ich erläutern, 
inwiefern dabei eine neue Aktivität in Betracht kommt. Unsere 
Technik ist an der Behandlung der Hysterie erwachsen und noch 
immer auf diese Affektion eingerichtet. Aber schon die Phobien 
nötigen uns, über unser bisheriges Verhalten hinauszugehen. Man 
wird kaum einer Phobie Herr, wenn man abwartet, bis sich der 
Kranke durch die Analyse bewegen läßt, sie aufzugeben. Er bringt 
dann niemals jenes Material in die Analyse, das zur überzeugenden 
Lösung der Phobie unentbehrlich ist. Man muß anders vorgehen. 
Nehmen Sie das Beispiel eines Agoraphoben; es gibt zwei Klassen 
von solchen, eine leichtere und eine schwerere. Die ersteren 
haben zwar jedesmal unter der Angst zu leiden, wenn sie allein 
auf die Straße gehen, aber sie haben darum das Alleingehen noch 
nicht aufgegeben ; die anderen schützen sich vor der Angst, indem 
sie auf das Alleingehen verzichten. Bei diesen letzteren hat man 
nur dann Erfolg, wenn man sie durch den Einfluß der Analyse 
bewegen kann, sich wieder wie Phobiker des ersten Grades zu 
benehmen, also auf die Straße zu gehen und während dieses Ver- 
suches mit der Angst zu kämpfen. Man bringt es also zunächst dahin, 
die Phobie so weit zu ermäßigen, und erst wenn dies durch die 
Forderung des Arztes erreicht ist, wird der Kranke jener Einfälle 
und Erinnerungen habhaft, welche die Lösung der Phobie 
ermöglichen. 

Noch weniger angezeigt scheint ein passives Zuwarten bei den 
schweren Fällen von Zwangshandlungen, die ja im allgemeinen 



Wege der psychoanalytischen Therapie 145 

zu einem „asymptotischen" Heilungsvorgang, zu einer unendlichen 
Behandlungsdauer neigen, deren Analyse immer in Gefahr ist, 
sehr viel zutage zu fördern und nichts zu ändern. Es scheint 
mir wenig zweifelhaft, daß die richtige Technik hier nur darin 
bestehen kann, abzuwarten, bis die Kur selbst zum Zwang ge- 
worden ist, und dann mit diesem Gegenzwang den Krankheits- 
zwang gewaltsam zu unterdrücken. Sie verstehen aber, daß ich 
Ihnen in diesen zwei Fällen nur Proben der neuen Entwicklungen 
vorgelegt habe, denen unsere Therapie entgegengeht. 

Und nun möchte ich zum Schlüsse eine Situation ins Auge 
fassen, die der Zukunft angehört, die vielen von ihnen phantastisch 
erscheinen wird, die aber doch verdient, sollte ich meinen, daß 
man sich auf sie in Gedanken vorbereitet. Sie wissen, daß unsere 
therapeutische Wirksamkeit keine sehr intensive ist. Wir sind nur 
eine Handvoll Leute, und jeder von uns kann auch bei ange- 
strengter Arbeit sich in einem Jahr nur einer kleinen Anzahl von 
Kranken widmen. Gegen das Übermaß von neurotischem Elend, 
das es in der Welt gibt und vielleicht nicht zu geben braucht, 
kommt das, was wir davon wegschaffen können, quantitativ 
kaum in Betracht. Außerdem sind wir durch die Bedingungen 
unserer Existenz auf die wohlhabenden Oberschichten der Gesell- 
schaft eingeschränkt, die ihre Ärzte selbst zu wählen pflegen 
und bei dieser Wahl durch alle Vorurteile von der Psycho- 
analyse abgelenkt werden. Für die breiten Volksschichten, die 
ungeheuer schwer unter den Neurosen leiden, können wir derzeit 
nichts tun. 

Nun lassen Sie uns annehmen, durch irgend eine Organisation 
gelänge es uns, unsere Zahl so weit zu vermehren, daß wir zur 
Behandlung von größeren Menschenmassen ausreichen. Anderseits 
läßt sich vorhersehen: Irgend einmal wird das Gewissen der 
Gesellschaft erwachen und sie mahnen, daß der Arme ein eben- 
solches Anrecht auf seelische Hilfeleistung hat wie bereits jetzt 
auf lebensrettende chirurgische. Und daß die Neurosen die Volks- 

Freud, Technik. . 10 



1 46 Zur Technik 



gesundheit nicht minder bedrohen als die Tuberkulose und eben- 
sowenig wie diese der ohnmächtigen Fürsorge des Einzelnen aus 
dem Volke überlassen werden können. Dann werden also Anstalten 
oder Ordinationsinstitute errichtet werden, an denen psycho- 
analytisch ausgebildete Ärzte angestellt sind, um die Männer, die 
sich sonst dem Trunk ergeben würden, die Frauen, die unter der 
Last der Entsagungen zusammenzubrechen drohen, die Kinder, 
denen nur die Wahl zwischen Verwilderung und Neurose bevor- 
steht, durch Analyse Widerstands- und leistungsfähig zu erhalten. 
Diese Behandlungen werden unentgeltliche sein. Es mag lange 
dauern, bis der Staat diese Pflichten als dringende empfindet. 
Die gegenwärtigen Verhältnisse mögen den Termin noch länger 
hinausschieben, es ist wahrscheinlich, daß private Wohltätigkeit 
mit solchen Instituten den Anfang machen wird; aber irgend 
einmal wird es dazu kommen müssen. 

Dann wird sich für uns die Aufgabe ergeben, unsere Technik 
den neuen Bedingungen anzupassen. Ich zweifle nicht daran, daß 
die Triftigkeit unserer psychologischen Annahmen auch auf den 
Ungebildeten Eindruck machen wird, aber wir werden den ein- 
fachsten und greifbarsten Ausdruck unserer theoretischen Lehren 
suchen müssen. Wir werden wahrscheinlich die Erfahrung machen 
daß der Arme noch weniger zum Verzicht auf seine Neurose 
bereit ist als der Reiche, weil das schwere Leben, das auf ihn 
wartet, ihn nicht lockt, und das Kranksein ihm einen Anspruch 
mehr auf soziale Hilfe bedeutet. Möglicherweise werden wir oft 
nur dann etwas leisten können, wenn wir die seelische Hilfe- 
leistung mit materieller Unterstützung nach Art des Kaiser 
Josef vereinigen können. Wir werden auch sehr wahrscheinlich V 
genötigt sein, in der Massenanwendung unserer Therapie das 
reine Gold der Analyse reichlich mit dem Kupfer der direkten 
Suggestion zu legieren, und auch die hypnotische Beeinflussung 
könnte dort wie bei der Behandlung der Kriegsneurotiker wieder 
eine Stelle finden. Aber wie immer sich auch diese Psycho- 




Wege der psychoanalytischen Therapie 147 



therapie fürs Volk gestalten, aus welchen Elementen sie sich 
zusammensetzen mag, ihre wirksamsten und wichtigsten Bestand- 
teile werden gewiß die bleiben, die von der strengen, der tendenz- 
losen Psychoanalyse entlehnt worden sind. 



10" 



ZUR VORGESCHICHTE DER ANALYTISCHEN 

TECHNIK 

Zuerst erschienen (ohne Nennung des Verfassers 
nur mit F. gezeichnet^ in der „Internationalen Zeit- 
schrift für Psychoanalyse 11 , Bd. VI (1920J, dann 
in der Fünften Folge der „Sammlung kleiner 
Schriften zur Neurosenlehre 11 . 

In einem neuen Buche von Havelock Ellis, dem hoch- 
verdienten Sexualforscher und vornehmen Kritiker der Psycho- 
analyse, betitelt „The Philosophy of Conflict and other essays 
in war-time, second series", London 1919, ist ein Aufsatz: 
„ Psycho- Analysis in relation to sex" enthalten, der sich nach- 
zuweisen bemüht, daß das Werk des Schöpfers der Analyse 
nicht als ein Stück wissenschaftlicher Arbeit, sondern als eine 
künstlerische Leistung gewertet werden sollte. Es liegt uns 
nahe, in dieser Auffassung eine neue Wendung des Widerstandes 
und eine Ablehnung der Analyse zu sehen, wenngleich ' sie in 
liebenswürdiger, ja in allzu schmeichelhafter Weise verkleidet 
ist. Wir sind geneigt, ihr aufs entschiedenste zu widersprechen. 

Doch nicht solcher Widerspruch ist das Motiv unserer 
Beschäftigung mit dem Essay von Havelock Ellis, sondern 
die Tatsache, daß er durch seine große Belesenheit in die Lage 
gekommen ist, einen Autor anzuführen, der die freie Assoziation 
als Technik geübt und empfohlen hat, wenngleich zu anderen 
Zwecken, und somit ein Recht hat, in dieser Hinsicht als Vor- 



/ 




Zur Vorgeschichte der analytischen Technik 140 

läufer der Psychoanalytiker genannt zu werden. „Im Jahre 1857", 
schreibt Havelock Ellis, „veröffentlichte Dr. J. J. G a r t h 
Wilkinson, besser bekannt als Dichter und Mystiker von 
der Richtung Swedenborgs denn als Arzt, einen Band 
mystischer Gedichte in Knüttelversen, durch eine angeblich neue 
Methode, die er ,Impression' nennt, hervorgebracht." „Man 
wählt ein Thema", sagt er, „oder schreibt es nieder; sobald dies 
geschehen ist, darf man den ersten Einfall (impression upon the 
mind), der sich nach der Niederschrift des Titels ergibt, als den 
Beginn der Ausarbeitung des Themas betrachten, gleichgültig wie 
sonderbar oder nicht dazu gehörig das betreffende Wort oder der 
Satz erscheinen mag." „Die erste Regung des Geistes, das erste 
Wort, das sich einstellt, ist der Erfolg des Bestrebens, sich in das 
gegebene Thema zu vertiefen." Man setzt das Verfahren in kon- 
sequenter Weise fort, und Garth Wilkinson sagt : „Ich 
habe immer gefunden, daß es wie infolge eines untrüglichen 
Instinkts ins Innere der Sache führt." Diese Technik entsprach 
nach Wilkinsons Ansicht einem aufs höchste gesteigerten 
Sich-gehen-lassen, einer Aufforderung an die tiefstliegenden 
unbewußten Regungen, sich zur Äußerung zu bringen. Wille 
und Überlegung mahnte er, sind beiseite zu lassen; man ver- 
traut sich der Eingebung (influx) an und kann dabei finden, 
daß sich die geistigen Fähigkeiten auf unbekannte Ziele ein- 
stellen." 

„Man darf nicht außer acht lassen, daß Wilkinson, obwohl 
er Arzt war, diese Technik zu religiösen und literarischen, nie- 
mals zu ärztlichen oder wissenschaftlichen Zwecken in Anwendung 
zog, aber es ist leicht einzusehen, daß es im wesentlichen 
die psychoanalytische Technik ist, die hier die eigene Person 
zum Objekt nimmt, ein Beweis mehr dafür, daß das Verfahren 
Freuds das eines Künstlers (artist) ist." 

Kenner der psychoanalytischen Literatur werden sich hier jener 
schönen Stelle im Briefwechsel Schillers mit Körner 



150 



Zur Technik 



erinnern, 1 in welcher der große Dichter und Denker (1788) 
demjenigen, der produktiv sein möchte, die Beachtung des freien 
Einfalles empfiehlt. Es ist zu vermuten, daß die angeblich neue 
Wilkinson sehe Technik bereits vielen anderen vorgeschwebt 
hat, und ihre systematische Anwendung in der Psychoanalyse 
wird uns nicht so sehr als Beweis für die künstlerische Artung 
Freuds erscheinen, wie als Konsequenz seiner nach Art 
eines Vorurteils festgehaltenen Überzeugung von der durch- 
gängigen Determinierung alles seelischen Geschehens. Die 
Zugehörigkeit des freien Einfalles zum fixierten Thema ergab 
sich dann als die nächste und wahrscheinlichste Möglichkeit, 
welche auch durch die Erfahrung in der Analyse bestätigt wird 
insofern nicht übergroße Widerstände den vermuteten Zusammen- 
hang unkenntlich machen. 

Indes darf man es als sicher annehmen, daß weder 
Schiller noch Garth Wilkinson auf die Wahl der 
psychoanalytischen Technik Einfluß geübt haben. Mehr persön- 
liche Beziehung scheint sich von einer anderen Seite her anzudeuten. 

Vor kurzem machte Dr. Hugo Dubowitz in Budapest 
Dr. F e r e n c z i auf einen kleinen, nur 4% Seiten umfassenden 
Aufsatz von Ludwig Börne aufmerksam, der, 1825 verfaßt 
im ersten Band seiner Gesammelten Schriften (Ausgabe von 
1862) abgedruckt ist. Er ist betitelt: „Die Kunst, in drei Tagen 
ein Originalschriftsteller zu werden" und trägt die bekannten 
Eigentümlichkeiten des Jean Paul sehen Stils, dem Börne 
damals huldigte, an sich. Er schließt mit den Sätzen : „Und hier 
folgt die versprochene Nutzanwendung. Nehmt einige Bogen 
Papier und schreibt drei Tage hintereinander, ohne Falsch und 
Heuchelei, alles nieder, was euch durch den Kopf geht. Schreibt, 
was ihr denkt von euch selbst, von euren Weibern, von dem 
Türkenkrieg, von Goethe, von Fonks Kriminalprozeß, vom jüngsten 

1) Entdeckt von O. Rank und zitiert in der Traumdeutung, siebente Auflage, 
1922, Seite 72. [Ges. Schriften, Bd. IL] 



Zur Vorgeschichte der analytischen Technik 151 

Gericht, von euren Vorgesetzten — und nach Verlauf der drei 
Tage werdet ihr vor Verwunderung, was ihr für neue unerhörte 
Gedanken gehabt, ganz außer euch kommen. Das ist die Kunst, 
in drei Tagen ein Originalschriftsteller zu werden!" 

Als Prof. Freud veranlaßt wurde, diesen Börne sehen 
Aufsatz zu lesen, machte er eine Reihe von Angaben, die für 
die hier berührte Frage nach der Vorgeschichte der psychoana- 
lytischen Einfallsverwertung bedeutungsvoll sein können. Er 
erzählte, daß er Börnes Werke im vierzehnten Jahr zum 
Geschenk bekommen habe und dieses Buch heute, fünfzig Jahre 
später, noch immer als das einzige aus seiner Jugendzeit besitze. 
Dieser Schriftsteller sei der erste gewesen, in dessen Schriften er 
sich vertieft habe. An den in Rede stehenden Aufsatz könne er 
sich nicht erinnern, aber andere, in denselben Band aufgenom- 
mene, wie die Denkrede auf Jean Paul, Der Eßkünstler, Der 
Narr im weißen Schwan, seien durch lange Jahre ohne ersicht- 
lichen Grund immer wieder in seiner Erinnerung aufgetaucht. 
Er war besonders erstaunt, in der Anweisung zum Original- 
schriftsteller einige Gedanken ausgesprochen zu finden, die er 
selbst immer gehegt und vertreten habe, zum Beispiel : „Eine 
schimpfliche Feigheit zu denken, hält uns alle zurück. Drückender 
als die Zensur der Regierungen ist die Zensur, welche die öffent- 
liche Meinung über unsere Geisteswerke ausübt." (Hier findet 
sich übrigens die „Zensur" erwähnt, die in der Psychoanalyse 
als Traumzensur wiedergekommen ist . . .) „Nicht an Geist, an 
Charakter mangelt es den meisten Schriftstellern, um besser zu 
sein, als sie sind . . . Aufrichtigkeit ist die Quelle aller Genialität, 
und die Menschen wären geistreicher, wenn sie sittlicher wären ..." 

Es scheint uns also nicht ausgeschlossen, daß dieser Hinweis 
vielleicht jenes Stück Kryptomnesie aufgedeckt hat, das in so 
vielen Fällen hinter einer anscheinenden Originalität vermutet 
werden darf. 



\ 



/ 



\ 



METAPSYCHOLOGIE 




Unter dem Sammeltitel „Metapsychologie" sind hier eine Reihe von Arbeiten 
vereinigt, die — ursprünglich, für eine Veröffentlichung in Buchform unter 
dem Titel „Zur Vorbereitung einer Metapsychologie" bestimmt (vgl. Fuß- 
note auf Seite 2^2 dieses Buches) — im Laufe der Jahre Iplß — Ip ij 
einzeln und selbständig in der „Internationalen Zeitschrift für Psycho- 
analyse erschienen sind; und zwar erschien „Einige Bemerkungen über den 
Regriff des Unbewußten in der Psyclwanalyse" (welche Arbeit zuerst eng- 
lisch in „Proceedings of the Society for Psychical Research", Part. LXVI, 
Vol. XXVI veröffentlicht wurde) im I. Bd. (1913), „Triebe und Trieb- 
schicksale", „Die Verdrängung" und „Das Unbewußte" im III. Bd. (r$ij) } 
„Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre" und „Trauer und Melan- 
cholie" im IV. Bd. (1916/17) der genannten Zeitschrift. Alle diese Arbeiten 
erschienen außerdem in der Teerten Folge der „Sammlung kleiner Schriften 
zur Neurosenlehre" '. 




EINIGE BEMERKUNGEN 

ÜBER DEN BEGRIFF DES UNBEWUSSTEN 

IN DER PSYCHOANALYSE 

Ich möchte mit wenigen Worten und so klar als möglich 
darlegen, welcher Sinn dem Ausdruck „Unbewußtes" in der 
Psychoanalyse, nur in der Psychoanalyse, zukommt. 

Eine Vorstellung — oder jedes andere psychische Element — 
kann jetzt in meinem Bewußtsein gegenwärtig sein und im 
nächsten Augenblick daraus verschwinden; sie kann nach einer 
Zwischenzeit ganz unverändert wiederum auftauchen, und zwar, 
wie wir es ausdrücken, aus der Erinnerung, nicht als Folge einer 
neuen Sinnes Wahrnehmung. Um dieser Tatsache Rechnung zu 
tragen, sind wir zu der Annahme genötigt, daß die Vorstellung 
auch während der Zwischenzeit in unserem Geiste gegenwärtig 
gewesen sei, wenn sie auch im Bewußtsein latent blieb. In 
welcher Gestalt sie aber existiert haben kann, während sie im 
Seelenleben gegenwärtig und im Bewußtsein latent war, darüber 
können wir keine Vermutungen aufstellen. 

An diesem Punkte müssen wir darauf gefaßt sein, dem philo- 
sophischen Einwurf zu begegnen, daß die latente Vorstellung 
nicht als Objekt der Psychologie vorhanden gewesen sei, sondern 
nur als physische Disposition für den Wiederablauf desselben 
psychischen Phänomens, nämlich eben jener Vorstellung. Aber 
wir können darauf erwidern, daß eine solche Theorie das Gebiet 
der eigentlichen Psychologie weit überschreitet, daß sie das Problem 
einfach umgeht, indem sie daran festhält, daß „bewußt" und 



156 Metapsychologie 



„psychisch" identische Begriffe sind, und daß sie offenbar im 
Unrecht ist, wenn sie der Psychologie das Recht bestreitet, eine 
ihrer gewöhnlichsten Tatsachen, wie das Gedächtnis, durch ihre 
eigenen Hilfsmittel zu erklären. 

Wir wollen nun die Vorstellung, die in unserem Bewußtsein 
gegenwärtig ist und die wir wahrnehmen, „bewußt" nennen 
und nur dies als Sinn des Ausdruckes „bewußt" gelten lassen; 
hingegen sollen latente Vorstellungen, wenn wir Grund zur An- 
nahme haben, daß sie im Seelenleben enthalten sind — wie es 
beim Gedächtnis der Fall war — mit dem Ausdruck „unbewußt" 
gekennzeichnet werden. 

Eine unbewußte Vorstellung ist dann eine solche, die wir 
nicht bemerken, deren Existenz wir aber trotzdem auf Grund 
anderweitiger Anzeichen und Beweise zuzugeben bereit sind. 

Dies könnte als eine recht uninteressante deskriptive oder 
klassifikatorische Arbeit aufgefaßt werden, wenn keine andere 
Erfahrung für unser Urteil in Betracht käme als die Tatsachen 
des Gedächtnisses oder die der Assoziation über unbewußte Mittel- 
glieder. Aber das wohlbekannte Experiment der „posthypnotischen 
Suggestion" lehrt uns an der Wichtigkeit der Unterscheidung 
zwischen bewußt und unbewußt festhalten und scheint ihren 
Wert zu erhöhen. 

Bei diesem Experiment, wie es Bernheim ausgeführt hat 
wird eine Person in einen hypnotischen Zustand versetzt und 
dann daraus erweckt. Während sie sich in dem hypnotischen 
Zustande, unter dem Einflüsse des Arztes, befand, wurde ihr der 
Auftrag erteilt, eine bestimmte Handlung zu einem genau be- 
stimmten Zeitpunkt, z. B. eine halbe Stunde später, auszuführen. 
Nach dem Erwachen ist allem Anscheine nach volles Bewußtsein 
und die gewöhnliche Geistesverfassung wiederum eingetreten, eine 
Erinnerung an den hypnotischen Zustand ist nicht vorhanden, 
und trotzdem drängt sich in dem vorher festgesetzten Augenblick 
der Impuls, dieses oder jenes zu tun, dem Geiste auf, und die 



Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten 1 57 

Handlung wird mit Bewußtsein, wenn auch ohne zu wissen 
weshalb, ausgeführt. Es dürfte kaum möglich sein, eine andere 
Beschreibung des Phänomens zu geben, als mit den Worten, daß 
der Vorsatz im Geiste jener Person in latenter Form oder 
unbewußt vorhanden war, bis der gegebene Moment kam, in 
dem er dann bewußt geworden ist. Aber nicht in seiner Gänze 
ist er im Bewußtsein aufgetaucht, sondern nur die Vorstellung 
des auszuführenden Aktes. Alle anderen mit dieser Vorstellung 
assoziierten Ideen — der Auftrag, der Einfluß des Arztes, die 
Erinnerung an den hypnotischen Zustand, blieben auch dann 
noch unbewußt. 

Wir können aber aus einem solchen Experiment noch mehr 
lernen. Wir werden von einer rein beschreibenden zu einer 
dynamischen Auffassung des Phänomens hinübergeleitet. Die 
Idee der in der Hypnose aufgetragenen Handlung wurde in einem 
bestimmten Augenblick nicht bloß ein Objekt des Bewußtseins, 
sondern sie wurde auch wirksam, und dies ist die auffallendere 
Seite des Tatbestandes; sie wurde in Handlung übertragen, sobald 
das Bewußtsein ihre Gegenwart bemerkt hatte. Da der wirkliche 
Antrieb zum Handeln der Auftrag des Arztes ist, kann man kaum 
anders als einräumen, daß auch die Idee des Auftrages wirksam 
geworden ist. 

Dennoch wurde dieser letztere Gedanke nicht ins Bewußtsein 
aufgenommen, wie es mit seinem Abkömmling, der Idee der 
Handlung, geschah 5 er verblieb unbewußt und war daher gleich- 
zeitig wirksam und unbewußt. 

Die posthypnotische Suggestion ist ein Produkt des Labora- 
toriums, eine künstlich geschaffene Tatsache. Aber wenn wir die 
Theorie der hysterischen Phänomene, die zuerst durch P. Jan et 
aufgestellt und von .Breuer und mir ausgearbeitet wurde, an- 
nehmen, so stehen uns natürliche Tatsachen in Fülle zur Ver- 
fügung, die den psychologischen Charakter der posthypnotischen 
Suggestion sogar noch klarer und deutlicher zeigen. 



1 5 8 Metapsychologie 



Das Seelenleben des hysterischen Patienten ist erfüllt mit 
wirksamen, aber unbewußten Gedanken; von ihnen stammen 
alle Symptome ab. Es ist in der Tat der auffälligste Charakter- 
zug der hysterischen Geistesverfassung, daß sie von unbewußten 
Vorstellungen beherrscht wird. Wenn eine hysterische Frau 
erbricht, so kann sie dies wohl infolge der Idee tun, daß sie 
schwanger sei. Dennoch hat sie von dieser Idee keine Kenntnis, 
obwohl dieselbe durch eine der technischen Prozeduren der 
Psychoanalyse leicht in ihrem Seelenleben entdeckt und für sie 
bewußt gemacht werden kann. Wenn sie die Zuckungen und 
Gesten ausführt, die ihren „Anfall" ausmachen, so stellt sie sich 
nicht einmal die von ihr beabsichtigten Aktionen bewußt vor 
und beobachtet sie vielleicht mit den Gefühlen eines unbeteiligten 
Zuschauers. Nichtsdestoweniger vermag die Analyse nachzuweisen 
daß sie ihre Rolle in der dramatischen Wiedergabe einer Szene 
aus ihrem Leben spielte, deren Erinnerung während der Attacke 
unbewußt wirksam war. Dasselbe Vorwalten wirksamer unbewußter 
Ideen wird durch die Analyse als das Wesentliche in der Psycho- 
logie aller anderen Formen von Neurose enthüllt. 

Wir lernen also aus der Analyse neurotischer Phänomene, daß 
ein latenter oder unbewußter Gedanke nicht notwendigerweise 
schwach sein muß, und daß die Anwesenheit eines solchen Ge- 
dankens im Seelenleben indirekte Beweise der zwingendsten Art 
gestattet, die dem direkten durch das Bewußtsein gelieferten Be- 
weis fast gleichwertig sind. Wir fühlen uns gerechtfertigt, unsere 
Klassifikation mit dieser Vermehrung unserer Kenntnisse in Über- 
einstimmung zu bringen, indem wir eine grundlegende Unter- 
scheidung zwischen verschiedenen Arten von latenten und unbe- 
wußten Gedanken einführen. Wir waren gewohnt zu denken, 
daß jeder latente Gedanke dies infolge seiner Schwäche war, und 
daß er bewußt wurde, sowie er Kraft erhielt. Wir haben nun 
die Überzeugung gewonnen, daß es gewisse latente Gedanken 
gibt, die nicht ins Bewußtsein eindringen, wie stark sie auch 






Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten 159 

sein mögen. Wir wollen daher die latenten Gedanken der ersten 
Gruppe vorbewußt nennen, während wir den Ausdruck unbe- 
wußt (im eigentlichen Sinne) für die zweite Gruppe reservieren, 
die wir bei den Neurosen betrachtet haben. Der Ausdruck un- 
bewußt, den wir bisher bloß im beschreibenden Sinne benützt 
haben, erhält jetzt eine erweiterte Bedeutung. Er bezeichnet nicht 
bloß latente Gedanken im allgemeinen, sondern besonders solche 
mit einem bestimmten dynamischen Charakter, nämlich diejenigen, 
die sich trotz ihrer Intensität und Wirksamkeit dem Bewußtsein 
ferne halten. 

Ehe ich meine Auseinandersetzungen fortführe, will ich auf 
zwei Einwendungen Bezug nehmen, die sich voraussichtlich an 
diesem Punkte erheben. Die erste kann folgendermaßen formuliert 
werden: anstatt uns die Hypothese der unbewußten Gedanken, 
von denen wir nichts wissen, anzueignen, täten wir besser anzu- 
nehmen, daß das Bewußtsein geteilt werden kann, so daß ein- 
zelne Gedanken oder andere Seelen Vorgänge ein gesondertes Be- 
wußtsein bilden können, das von der Hauptmasse bewußter psy- 
chischer Tätigkeit losgelöst und ihr entfremdet wurde. Wohl- 
bekannte pathologische Fälle, wie jener des Dr. Azam, scheinen 
sehr geeignet zu sein, zu beweisen, daß die Teilung des Bewußt- 
seins keine phantastische Einbildung ist. 

Ich gestatte mir, dieser Theorie entgegenzuhalten, daß sie ein- 
fach aus dem Mißbrauch mit dem Worte „bewußt" Kapital 
schlägt. Wir haben kein Recht, den Sinn dieses Wortes so weit 
auszudehnen, daß damit auch ein Bewußtsein bezeichnet werden 
kann, von dem sein Besitzer nichts weiß. Wenn Philosophen eine 
Schwierigkeit darin finden, an die Existenz eines unbewußten 
Gedankens zu glauben, so scheint mir die Existenz eines unbewußten 
Bewußtseins noch angreifbarer. Die Fälle, die man als Teilung 
des Bewußtseins beschreibt, wie der des Dr. Azam, können besser 
als Wandern des Bewußtseins angesehen werden, wobei diese 
Funktion — oder was immer es sein mag — zwischen zwei ver- 



i 6o Metapsychologie 



schiedenen psychischen Komplexen hin- und herschwankt, die ab- 
wechselnd bewußt und unbewußt werden. 

Der andere Einwand, der voraussichtlich erhoben werden wird, 
wäre der, daß wir auf die Psychologie der Normalen Folgerungen 
anwenden, die hauptsächlich aus dem Studium pathologischer Zu- 
stände stammen. Wir können ihn durch eine Tatsache erledigen, 
deren Kenntnis wir der Psychoanalyse verdanken. Gewisse Funk- 
tionsstörungen, die sich bei Gesunden höchst häufig ereignen, 
z. B. Lapsus linguae, Gedächtnis- und Sprachirrtümer, Namen- 
vergessen usw. können leicht auf die Wirksamkeit starker unbe- 
wußter Gedanken zurückgeführt werden, gerade so wie die neu- 
rotischen Symptome. Wir werden mit einem zweiten, noch über- 
zeugenderen Argument in einem späteren Abschnitt dieser Er- 
örterung zusammentreffen. 

Durch die Auseinanderhaltung vorbewußter und unbewußter 
Gedanken werden wir dazu veranlaßt, das Gebiet der Klassifi- 
kation zu verlassen und uns über die funktionalen und dynami- 
schen Relationen in der Tätigkeit der Psyche eine Meinung zu 
bilden. Wir fanden ein wirksames Vorbewußtes, das ohne 
Schwierigkeit ins Bewußtsein übergeht, und ein wirksames Un- 
bewußtes, das unbewußt bleibt und vom Bewußtsein abge- 
schnitten zu sein scheint. 

Wir wissen nicht, ob diese zwei Arten psychischer Tätigkeit 
von Anfang an identisch oder ihrem Wesen nach entgegengesetzt 
sind, aber wir können uns fragen, warum sie im Verlaufe der 
psychischen Vorgänge verschieden geworden sein sollten. Auf diese 
Frage gibt uns die Psychoanalyse ohne Zögern klare Antwort. Es 
ist dem Erzeugnis des wirksamen Unbewußten keineswegs un- 
möglich, ins Bewußtsein einzudringen, aber zu dieser Leistung 
ist ein gewisser Aufwand von Anstrengung notwendig. Wenn - 
wir es an uns selbst versuchen, erhalten wir das deutliche Gefühl 
einer Abwehr, die bewältigt werden muß, und wenn wir es bei 
einem Patienten hervorrufen, so erhalten wir die unzweideutigsten 



Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten 161 

Anzeichen von dem, was wir Widerstand dagegen nennen. So 
lernen wir, daß der unbewußte Gedanke vom Bewußtsein durch 
lebendige Kräfte ausgeschlossen wird, die sich seiner Aufnahme 
entgegenstellen, während sie anderen Gedanken, den vorbewußten, 
nichts in den Weg legen. Die Psychoanalyse läßt keine Möglich- 
keit übrig, daran zu zweifeln, daß die Abweisung unbewußter 
Gedanken bloß durch die in ihrem Inhalt verkörperten Tendenzen 
hervorgerufen wird. Die nächstliegende und wahrscheinlichste 
Theorie, die wir in diesem Stadium unseres Wissens bilden können, 
ist die folgende: Das Unbewußte ist eine regelmäßige und unver- 
meidliche Phase in den Vorgängen, die unsere psychische Tätig- 
keit begründen 5 jeder psychische Akt beginnt als unbewußter und 
kann entweder so bleiben oder sich weiter entwickelnd zum Be- 
wußtsein fortschreiten, je nachdem, ob er auf Widerstand trifft 
oder nicht. Die Unterscheidung zwischen vorbewußter und unbe- 
wußter Tätigkeit ist keine primäre, sondern wird erst hergestellt,, 
nachdem die „Abwehr" ins Spiel getreten ist. Erst dann gewinnt 
der Unterschied zwischen vorbewußten Gedanken, die im Bewußt- 
sein erscheinen und jederzeit dahin zurückkehren können, und 
unbewußten Gedanken, denen dies versagt bleibt, theoretischen 
sowie praktischen Wert. Eine grobe, aber ziemlich angemessene 
Analogie dieses supponierten Verhältnisses der bewußten Tätigkeit 
zur unbewußten bietet das Gebiet der gewöhnlichen Photographie. 
Das erste Stadium der Photographie ist das Negativ 5 jedes photo- 
graphische Bild muß den „Negativprozeß" durchmachen, und 
einige dieser Negative, die in der Prüfung gut bestanden haben, 
werden zu dem „Positivprozeß" zugelassen, der mit dem Bilde 
endigt. 

Aber die Unterscheidung zwischen vorbewußter und unbewußter 
Tätigkeit und die Erkenntnis der sie trennenden Schranke ist 
weder das letzte noch das bedeutungsvollste Resultat der psycho- 
analytischen Durchforschung des Seelenlebens. Es gibt ein psychi- 
sches Produkt, das bei den normalsten Personen anzutreffen ist, 



Freud, Technik 



11 



162 Metapsychologie 



und doch eine höchst auffallende Analogie zu den wildesten Er- 
zeugnissen des Wahnsinns bietet und den Philosophen nicht 
verständlicher war als der Wahnsinn selbst. Ich meine die Träume. 
Die Psychoanalyse gründet sich auf die Traumanalyse; die Traum- 
deutung ist das vollständigste Stück Arbeit, das die junge Wissen- 
schaft bis heute geleistet hat. Ein typischer Fall der Traum- 
bildung kann folgendermaßen beschrieben werden: Ein Gedanken- 
zug ist durch die geistige Tätigkeit des Tages wachgerufen wor- 
den und hat etwas von seiner Wirkungsfähigkeit zurückbehalten, 
durch die er dem allgemeinen Absinken des Interesses, welches 
den Schlaf herbeiführt und die geistige Vorbereitung für das 
Schlafen bildet, entgangen ist. Während der Nacht gelingt es 
diesem Gedankenzug, die Verbindung zu einem der unbewußten 
Wünsche zu finden, die von Kindheit an im Seelenleben des 
Träumers immer gegenwärtig, aber für gewöhnlich verdrängt 
und von seinem bewußten Dasein ausgeschlossen sind. Durch die 
von dieser unbewußten Unterstützung geliehene Kraft können 
die Gedanken, die Überbleibsel der Tagesarbeit, nun wiederum 
wirksam werden und im Bewußtsein in der Gestalt eines Traumes 
auftauchen. Es haben sich also dreierlei Dinge ereignet: 

l) die Gedanken haben eine Verwandlung, Verkleidung und 
Entstellung durchgemacht, welche den Anteil des unbewußten 
Bundesgenossen darstellt; 

Q) den Gedanken ist es gelungen, das Bewußtsein zu einer 
Zeit zu besetzen, wo es ihnen nicht zugänglich hätte sein sollen; 

5) ein Stück des Unbewußten, dem dies sonst unmöglich ge- 
wesen wäre, ist im Bewußtsein aufgetaucht. 

Wir haben die Kunst gelernt, die „Tagesreste" und die 
latenten Traumgedanken herauszufinden; durch ihren Ver- 
gleich mit dem manifesten Trauminhalt sind wir befähigt, 
uns ein Urteil über die Wandlungen, die sie durchgemacht 
haben, und über die Art und Weise, wie diese zustande ge- 



kommen sind, zu bilden. 



Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten 163 

Die latenten Traumgedanken unterscheiden sich in keiner Weise 
von den Erzeugnissen unserer gewöhnlichen bewußten Seelen- 
tätigkeit. Sie verdienen den Namen von vorbewußten Gedanken 
und können in der Tat in einem Zeitpunkte des Wachlebens 
bewußt gewesen sein. Aber durch die Verbindung mit den un- 
bewußten Strebungen, die sie während der Nacht eingegangen 
sind, wurden sie den letzteren assimiliert, gewissermaßen auf den 
Zustand unbewußter Gedanken herabgedrückt und den Gesetzen, 
durch welche die unbewußte Tätigkeit geregelt wird, unterworfen. 
Hier ergibt sich die Gelegenheit zu lernen, was wir auf Grund 
von Überlegungen oder aus irgend einer anderen Quelle empiri- 
schen Wissens nicht hätten erraten können, daß die Gesetze der 
unbewußten Seelentätigkeit sich im weiten Ausmaß von jenen 
der bewußten unterscheiden. Wir gewinnen durch Detailarbeit 
die Kenntnis der Eigentümlichkeiten des Unbewußten und 
können hoffen, daß wir durch gründlichere Erforschung der Vor- 
gänge bei der Traumbildung noch mehr lernen werden. 

Diese Untersuchung ist noch kaum zur Hälfte beendet und 
eine Darlegung der bis jetzt erhaltenen Resultate ist nicht möglich, 
ohne in die höchst verwickelten Probleme der Traumdeutung 
einzugehen. Aber ich wollte diese Erörterung nicht abbrechen, 
ohne auf die Wandlung und den Fortschritt unseres Verständ- 
nisses des Unbewußten hinzuweisen, welche wir dem psycho- 
analytischen Studium der Träume verdanken. 

Das Unbewußte schien uns anfangs bloß ein rätselhafter Cha- 
rakter eines bestimmten psychischen Vorganges; nun bedeutet es 
uns mehr, es ist ein Anzeichen dafür, daß dieser Vorgang an 
der Natur einer gewissen psychischen Kategorie teilnimmt, die 
uns durch, andere bedeutsamere Charakterzüge bekannt ist, und 
daß er zu einem System psychischer Tätigkeit gehört, das unsere 
vollste Aufmerksamkeit verdient. Der Wert des Unbewußten als 
Index hat seine Bedeutung als Eigenschaft bei weitem hinter sich 
gelassen. Das System, welches sich uns durch das Kennzeichen 



164 Metapsychologie 



kundgibt, daß die einzelnen Vorgänge, die es zusammensetzen, 
unbewußt sind, belegen wir mit dem Namen „das Unbewußte", 
in Ermangelung eines besseren und weniger zweideutigen Aus- 
druckes. Ich schlage als Bezeichnung dieses Systems die Buch- 
staben „Ubw", eine Abkürzung des Wortes „Unbewußt" vor. 
Dies ist der dritte und wichtigste Sinn, den der Ausdruck 
„unbewußt" in der Psychoanalyse erworben hat. 




1 



TRIEBE UND TRIEBSCHICKSALE 

Wir haben oftmals die Forderung vertreten gehört, daß eine 
Wissenschaft über klaren und scharf definierten Grundbegriffen 
aufgebaut sein soll. In Wirklichkeit beginnt keine Wissenschaft 
mit solchen Definitionen, auch die exaktesten nicht. Der richtige 
Anfang der wissenschaftlichen Tätigkeit besteht vielmehr in der 
Beschreibung von Erscheinungen, die dann weiterhin gruppiert, 
angeordnet und in Zusammenhänge eingetragen werden. Schon 
bei der Beschreibung kann man es nicht vermeiden, gewisse ab- 
strakte Ideen auf das Material anzuwenden, die man irgendwoher, 
gewiß nicht aus der neuen Erfahrung allein, herbeiholt. Noch 
unentbehrlicher sind solche Ideen — die späteren Grundbegriffe 
der Wissenschaft — bei der weiteren Verarbeitung des Stoffes. 
Sie müssen zunächst ein gewisses Maß von Unbestimmtheit an 
sich tragen; von einer klaren Umzeichnung ihres Inhaltes kann 
keine Rede sein. Solange sie sich in diesem Zustande befinden, 
verständigt man sich über ihre Bedeutung durch den wieder- 
holten Hinweis auf das Erfahrungsmaterial, dem sie entnommen 
scheinen, das aber in Wirklichkeit ihnen unterworfen wird. Sie 
haben also strenge genommen den Charakter von Konventionen, 
wobei aber alles darauf ankommt, daß sie doch nicht willkürlich 
gewählt werden, sondern durch bedeutsame Beziehungen zum 
empirischen Stoffe bestimmt sind, die man zu erraten vermeint, 
noch ehe man sie erkennen und nachweisen kann. Erst nach 
gründlicherer Erforschung des betreffenden Erscheinungsgebietes 
kann man auch dessen wissenschaftliche Grundbegriffe schärfer 



i66 Metapsychologie 



erfassen und sie fortschreitend so abändern, daß sie in großem 
Umfange brauchbar und dabei durchaus widerspruchsfrei werden. 
Dann mag es auch an der Zeit sein, sie in Definitionen zu 
bannen. Der Fortschritt der Erkenntnis duldet aber auch keine 
Starrheit der Definitionen. Wie das Beispiel der Physik in glän- 
zender Weise lehrt, erfahren auch die in Definitionen festgelegten 
„Grundbegriffe" einen stetigen Inhaltswandel. 

Ein solcher konventioneller, vorläufig noch ziemlich dunkler 
Grundbegriff, den wir aber in der Psychologie nicht entbehren 
können, ist der des Triebes. Versuchen wir es, ihn von ver- 
schiedenen Seiten her mit Inhalt zu erfüllen. 

Zunächst von Seiten der Physiologie. Diese hat uns den Begriff 
des Reizes und das Reflexschema gegeben, demzufolge ein von 
außen her an das lebende Gewebe (der Nervensubstanz) gebrachter 
Reiz durch Aktion nach außen abgeführt wird. Diese Aktion 
wird dadurch zweckmäßig, daß sie die gereizte Substanz der Ein- 
wirkung des Reizes entzieht, aus dem Bereich der Reizwirkung 
entrückt. 

Wie verhält sich nun der „Trieb" zum „Reiz"? Es hindert 
uns nichts, den Begriff des Triebes unter den des Reizes zu sub- 
summieren : der Trieb sei ein Reiz für das Psychische. Aber wir 
werden sofort davor gewarnt, Trieb und psychischen Reiz gleich- 
zusetzen. Es gibt offenbar für das Psychische noch andere Reize 
als die Triebreize, solche, die sich den physiologischen Reizen 
weit ähnlicher benehmen. Wenn z. B. ein starkes Licht auf das 
Auge fällt, so ist das kein Triebreiz 5 wohl aber, wenn sich die 
Austrocknung der Schlundschleimhaut fühlbar macht oder die 
Anätzung der Magenschleimhaut. 1 

Wir haben nun Material für die Unterscheidung von Trieb- 
reiz und anderem (physiologischem) Reiz, der auf das Seelische 
einwirkt, gewonnen. Erstens: Der Triebreiz stammt nicht aus 

1) Vorausgesetzt nämlich, daß diese inneren Vorgänge die organischen Grund- 
lagen der Bedürfnisse Durst und Hunger sind. 



Triebe und Triebschicksale 



167 



der Außenwelt, sondern aus dem Innern des Organismus selbst. 
Er wirkt darum auch anders auf das Seelische und erfordert zu 
seiner Beseitigung andere Aktionen. Ferner: Alles für den Reiz 
Wesentliche ist gegeben, wenn wir annehmen, er wirke wie ein 
einmaliger Stoß; er kann dann auch durch eine einmalige zweck- 
mäßige Aktion erledigt werden, als deren Typus die motorische 
Flucht vor der Reizquelle hinzustellen ist. Natürlich können sich 
diese Stöße auch wiederholen und summieren, aber das ändert 
nichts an der Auffassung des Vorganges und an den Bedingungen 
der Reizaufhebung. Der Trieb hingegen wirkt nie wie eine mo- 
mentane Stoßkraft, sondern immer wie eine konstante Kraft. 
Da er nicht von außen, sondern vom Körperinnern her angreift, 
kann auch keine Flucht gegen ihn nützen. Wir heißen den Trieb- 
reiz besser „Bedürfnis"; was dieses Bedürfnis aufhebt, ist die 
„Befriedigung". Sie kann nur durch eine zielgerechte (adäquate) 
Veränderung der inneren Reizquelle gewonnen werden. 

Stellen wir uns auf den Standpunkt eines fast völlig hilflosen, 
in der Welt noch unorientierten Lebewesens, welches Reize in 
seiner Nervensubstanz auffängt. Dies Wesen wird sehr bald in 
die Lage kommen, eine erste Unterscheidung zu machen und 
eine erste Orientierung zu gewinnen. Es wird einerseits Reize 
verspüren, denen es sich durch eine Muskelaktion (Flucht) ent- 
ziehen kann, diese Reize rechnet es zu einer Außenwelt; ander- 
seits aber auch noch Reize, gegen welche eine solche Aktion 
nutzlos bleibt, die trotzdem ihren konstant drängenden Charakter 
behalten; diese Reize sind das Kennzeichen einer Innenwelt, der 
Beweis für Triebbedürfnisse. Die wahrnehmende Substanz des 
Lebewesens wird so an der Wirksamkeit ihrer Muskeltätigkeit 
einen Anhaltspunkt gewonnen haben, um ein „außen" von einem 
„innen" zu scheiden. 

Wir finden also das Wesen des Triebes zunächst in seinen 
Hauptcharakteren, der Herkunft von Reizquellen im Innern des 
Organismus, dem Auftreten als konstante Kraft, und leiten davon 



i68 Metapsychologie 



eines seiner weiteren Merkmale, seine Unbezwingbarkeit durch 
Fluchtaktionen ab. Während dieser Erörterungen mußte uns aber 
etwas auffallen, was uns ein weiteres Eingeständnis abnötigt. Wir 
bringen nicht nur gewisse Konventionen als Grundbegriffe an 
unser Erfahrungsmaterial heran, sondern bedienen uns auch 
mancher komplizierter Voraussetzungen, um uns bei der Be- 
arbeitung der psychologischen Erscheinungswelt leiten zu lassen. 
Die wichtigste dieser Voraussetzungen haben wir bereits angeführt^ 
es erübrigt uns nur noch, sie ausdrücklich hervorzuheben. Sie 
ist biologischer Natur, arbeitet mit dem Begriff der Tendenz 
(eventuell der Zweckmäßigkeit) und lautet: Das Nervensystem ist 
ein Apparat, dem die Funktion erteilt ist, die anlangenden Reize 
wieder zu beseitigen, auf möglichst niedriges Niveau herabzu- 
setzen, oder der, wenn es nur möglich wäre, sich überhaupt 
reizlos erhalten wollte. Nehmen wir an der Unbestimmtheit dieser 
Idee vorläufig keinen Anstoß und geben wir dem Nervensystem 
die Aufgabe — allgemein gesprochen: der Reizbewältigung. 
Wir sehen dann, wie sehr die Einführung der Triebe das ein- 
fache physiologische Reflexschema kompliziert. Die äußeren Reize 
stellen nur die eine Aufgabe, sich ihnen zu entziehen, dies ge- 
schieht dann durch Muskelbewegungen, von denen endlich eine 
das Ziel erreicht und dann als die zweckmäßige zur erblichen 
Disposition wird. Die im Innern des Organismus entstehenden 
Triebreize sind durch diesen Mechanismus nicht zu erledigen. 
Sie stellen also weit höhere Anforderungen an das Nervensystem 
veranlassen es zu verwickelten, ineinander greifenden Tätigkeiten 
welche die Außenwelt so weit verändern, daß sie der inneren 
Reizquelle die Befriedigung bietet, und nötigen es vor allem, 
auf seine ideale Absicht der Reizfernhaltung zu verzichten, da 
sie eine unvermeidliche kontinuierliche Reizzufuhr unterhalten. 
Wir dürfen also wohl schließen, daß sie, die Triebe, und nicht 
die äußeren Reize, die eigentlichen Motoren der Fortschritte sind, 
welche das so unendlich leistungsfähige Nervensystem auf seine 






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Triebe und Triebschicksale i69 

gegenwärtige Entwicklungshöhe gebracht haben. Natürlich steht 
nichts der Annahme im Wege, daß die Triebe selbst, wenigstens 
zum Teil, Niederschläge äußerer Reizwirkungen sind, welche im 
Laufe der Phylogenese auf die lebende Substanz verändernd ein- 
wirkten. 

Wenn wir dann finden, daß die Tätigkeit auch der höchst- 
entwickelten Seelenapparate dem Lustprinzip unterliegt, d. h. 
durch Empfindungen der Lust-Unlustreihe automatisch reguliert 
wird, so können wir die weitere Voraussetzung schwerlich ab- 
weisen, daß diese Empfindungen die Art, wie die Reizbewälti- 
gung vor sich geht, wiedergeben. Sicherlich in dem Sinne, daß 
die Unlustempfindung mit Steigerung, die Lustempfindung mit 
Herabsetzung des Reizes zu tun hat. Die weitgehende Unbe- 
stimmtheit dieser Annahme wollen wir aber sorgfältig festhalten, 
bis es uns etwa gelingt, die Art der Beziehung zwischen Lust- 
Unlust und den Schwankungen der auf das Seelenleben wirken- 
den Reizgrößen zu erraten. Es sind gewiß sehr mannigfache 
und nicht sehr einfache solcher Beziehungen möglich. 

Wenden wir uns nun von der biologischen Seite her der Be- 
trachtung des Seelenlebens zu, so erscheint uns der „Trieb" als 
ein Grenzbegriff zwischen Seelischem und Somatischem, als psy^ 
chischer Repräsentant der aus dem Körperinnern stammenden, in 
die Seele gelangenden Reize, als ein Maß der Arbeitsanforderung, 
die dem Seelischen infolge seines Zusammenhanges mit dem 
Körperlichen auferlegt ist. 

Wir können nun einige Termini diskutieren, welche im Zu- 
sammenhang mit dem Begriffe Trieb gebraucht werden, wie: 
Drang, Ziel, Objekt, Quelle des Triebes. 

Unter dem Drange eines Triebes versteht man dessen moto- 
risches Moment, die Summe von Kraft oder das Maß von Arbeits- 
anforderung, das er repräsentiert. Der Charakter des Drängenden 
ist eine allgemeine Eigenschaft der Triebe, ja das Wesen der- 
selben. Jeder Trieb ist ein Stück Aktivität} wenn man lässiger- 






- 



17° Metapsychologie 



weise von passiven Trieben spricht, kann man nichts anderes 
meinen als Triebe mit passivem Ziele. 

Das Ziel eines Triebes ist allemal die Befriedigung, die nur 
durch Aufhebung des Reizzustandes an der Triebquelle erreicht 
werden kann. Aber wenn auch dies Endziel für jeden Trieb un- 
veränderlich bleibt, so können doch verschiedene Wege zum 
gleichen Endziel führen, so daß sich mannigfache nähere oder 
intermediäre Ziele für einen Trieb ergeben können, die mit- 
einander kombiniert oder gegeneinander vertauscht werden. Die 
Erfahrung gestattet uns auch, von „zielgehemmten" Trieben 
zu sprechen bei Vorgängen, die ein Stück weit in der Richtung 
der Triebbefriedigung zugelassen werden, dann aber eine Hemmung 
oder Ablenkung erfahren. Es ist anzunehmen, daß auch mit 
solchen Vorgängen eine partielle Befriedigung verbunden ist. 

Das Objekt des Triebes ist dasjenige, an welchem oder durch 
welches der Trieb sein Ziel erreichen kann. Es ist das variabelste 
am Triebe, nicht ursprünglich mit ihm verknüpft, sondern ihm 
nur infolge seiner Eignung zur Ermöglichung der Befriediguno- 
zugeordnet. Es ist nicht notwendig ein fremder Gegenstand, 
sondern ebensowohl ein Teil des eigenen Körpers. Es kann im 
Laufe der Lebensschicksale des Triebes beliebig oft gewechselt 
werden; dieser Verschiebung des Triebes fallen die bedeutsamsten 
Rollen zu. Es kann der Fall vorkommen, daß dasselbe Objekt 
gleichzeitig mehreren Trieben zur Befriedigung dient, nach Alfred 
Adler der Fall der Triebverschränkung. Eine besonders innige 
Bindung des Triebes an das Objekt wird als Fixierung desselben 
hervorgehoben. Sie vollzieht sich oft in sehr frühen Perioden der 
Triebentwicklung und macht der Beweglichkeit des Triebes ein 
Ende, indem sie der Lösung intensiv widerstrebt. 

Unter der Quelle des Triebes versteht man jenen somatischen 
Vorgang in einem Organ oder Körperteil, dessen Reiz im Seelen- 
leben durch den Trieb repräsentiert ist. Es ist unbekannt, ob 
dieser Vorgang regelmäßig chemischer Natur ist oder auch der 



Triebe und Triebschicksale 171 

Entbindung anderer, z. B. mechanischer Kräfte entsprechen kann. 
Das Studium der Triebquellen gehört der Psychologie nicht mehr 
an; obwohl die Herkunft aus der somatischen Quelle das schlecht- 
weg Entscheidende für den Trieb ist, wird er uns im Seelen- 
leben doch nicht anders als durch seine Ziele bekannt. Die ge- 
nauere Erkenntnis der Triebquellen ist für die Zwecke der psycho- 
logischen Forschung nicht durchwegs erforderlich. Manchmal ist der 
Rückschluß aus den Zielen des Triebes auf dessen Quellen gesichert. 

Soll man annehmen, daß die verschiedenen aus dem Körper- 
lichen stammenden, auf das Seelische wirkenden Triebe auch 
durch verschiedene Qualitäten ausgezeichnet sind und darum in 
qualitativ verschiedener Art sich im Seelenleben benehmen? Es 
scheint nicht gerechtfertigt; man reicht vielmehr mit der ein- 
facheren Annahme aus, daß die Triebe alle qualitativ gleichartig 
sind und ihre Wirkung nur den Erregungsgrößen, die sie führen, 
verdanken, vielleicht noch gewissen Funktionen dieser Quantität. 
Was die psychischen Leistungen der einzelnen Triebe von ein- 
ander unterscheidet, läßt sich auf die Verschiedenheit der Trieb- 
quellen zurückführen. Es kann allerdings erst in einem späteren 
Zusammenhange klargelegt werden, was das Problem der Trieb- 
qualität bedeutet. 

Welche Triebe darf man aufstellen und wie viele? Dabei ist 
offenbar der Willkür ein weiter Spielraum gelassen. Man kann 
nichts dagegen einwenden, wenn jemand den Begriff eines Spiel- 
triebes, Destruktionstriebes, Geselligkeitstriebes in Anwendung 
bringt, wo der Gegenstand es fordert und die Beschränkung der 
psychologischen Analyse es zuläßt. Man sollte aber die Frage 
nicht außer acht lassen, ob diese einerseits so sehr spezialisierten 
Triebmotive nicht eine weitere Zerlegung in der Richtung nach 
den Triebquellen gestatten, so daß nur die weiter nicht zerleg- 
baren Urtriebe eine Bedeutung beanspruchen können. 

Ich habe vorgeschlagen, von solchen Urtrieben zwei Gruppen 
zu unterscheiden, die der Ich- oder Selbsterhaltungstriebe 



_ 






17 2 Metapsychologie 



und die der Sexualtriebe. Dieser Aufstellung kommt aber nicht 
die Bedeutung einer notwendigen Voraussetzung zu, wie z. B. 
der Annahme über die biologische Tendenz des seelischen Appa- 
rates (s. o.)j sie ist eine bloße Hilfskonstruktion, die nicht länger 
festgehalten werden soll, als sie sich nützlich erweist, und deren 
Ersetzung durch eine andere an den Ergebnissen unserer be- 
schreibenden und ordnenden Arbeit wenig ändern wird. Der 
Anlaß zu dieser Aufstellung hat sich aus der Entwicklungs- 
geschichte der Psychoanalyse ergeben, welche die Psychoneurosen 
und zwar die als „Übertragungsneurosen" zu bezeichnende Gruppe 
derselben (Hysterie und Zwangsneurose) zum ersten Objekt nahm 
und an ihnen zur Einsicht gelangte, daß ein Konflikt zwischen 
den Ansprüchen der Sexualität und denen des Ichs an der Wurzel 
jeder solchen Affektion zu finden sei. Es ist immerhin möglich, 
daß ein eindringendes Studium der anderen neurotischen Affek- 
tionen (vor allem der narzißtischen Psychoneurosen: der Schizo- 
phrenien) zu einer Abänderung dieser Formel und somit zu einer 
anderen Gruppierung der Urtriebe nötigen wird. Aber gegen- 
wärtig kennen wir diese neue Formel nicht und haben auch 
noch kein Argument gefunden, welches der Gegenüberstellung 
von Ich- und Sexualtrieben ungünstig wäre. 

Es ist mir überhaupt zweifelhaft, ob es möglich sein wird, auf 
Grund der Bearbeitung des psychologischen Materials entschei- 
dende Winke zur Scheidung und Klassifizierung der Triebe zu 
gewinnen. Es erscheint vielmehr notwendig, zum Zwecke dieser 
Bearbeitung bestimmte Annahmen über das Triebleben an das 
Material heranzubringen, und es wäre wünschenswert, daß man 
diese Annahmen einem anderen Gebiete entnehmen könnte, um 
sie auf die Psychologie zu übertragen. Was die Biologie hiefür 
leistet, läuft der Sonderung von Ich- und Sexualtrieben gewiß 
nicht zuwider. Die Biologie lehrt, daß die Sexualität nicht gleich- 
zustellen ist den anderen Funktionen des Individuums, da ihre 
Tendenzen über das Individuum hinausgehen und die Produktion 









Triebe und Triebschicksale 



173 



neuer Individuen, also die Erhaltung der Art, zum Inhalt haben. 
Sie zeigt uns ferner, daß zwei Auffassungen des Verhältnisses 
zwischen Ich und Sexualität wie gleichberechtigt nebeneinander 
stehen, die eine, nach welcher das Individuum die Hauptsache 
ist und die Sexualität als eine seiner Betätigungen, die Sexual- 
befriedigung als eines seiner Bedürfnisse wertet, und eine andere, 
derzufolge das Individuum ein zeitweiliger und vergänglicher 
Anhang an das quasi unsterbliche Keimplasma ist, welches ihm 
von der Generation anvertraut wurde. Die Annahme, daß sich 
die Sexualfunktion durch einen besonderen Chemismus von den 
anderen Körpervorgängen scheidet, bildet, soviel ich weiß, auch 
eine Voraussetzung der Ehrlich sehen biologischen Forschung. 

Da das Studium des Trieblebens vom Bewußtsein her kaum 
übersteigbare Schwierigkeiten bietet, bleibt die psychoanalytische 
Erforschung der Seelenstörungen die Hauptquelle unserer Kenntnis. 
Ihrem Entwicklungsgang entsprechend hat uns aber die Psycho- 
analyse bisher nur über die Sexualtriebe einigermaßen befriedi- 
gende Auskünfte bringen können, weil sie gerade nur diese Trieb- 
gruppe an den Psychoneurosen wie isoliert beobachten konnte. 
Mit der Ausdehnung der Psychoanalyse auf die anderen neuroti- 
schen Affektionen wird gewiß auch unsere Kenntnis der Ichtriebe 
begründet werden, obwohl es vermessen erscheint, auf diesem 
weiteren Forschungsgebiete ähnlich günstige Bedingungen für die 
Beobachtung zu erwarten. 

Zu einer allgemeinen Charakteristik der Sexualtriebe kann man 
folgendes aussagen: Sie sind zahlreich, entstammen vielfältigen 
organischen Quellen, betätigen sich zunächst unabhängig von- 
einander und werden erst spät zu einer mehr oder minder voll- 
kommenen Synthese zusammengefaßt. Das Ziel, das jeder von 
ihnen anstrebt, ist die Erreichung der Organlust; erst nach voll- 
zogener Synthese treten sie in den Dienst der Fortpflanzungs- 
funktion, womit sie dann als Sexualtriebe allgemein kenntlich 
werden. Bei ihrem ersten Auftreten lehnen sie sich zuerst an 



174 



Metapsychologie 



die Erhaltungstriebe an, von denen sie sich erst allmählich ab- 
lösen, folgen auch bei der Objektfindung den Wegen, die ihnen 
die Ichtriebe weisen. Ein Anteil von ihnen bleibt den Ichtrieben 
zeitlebens gesellt und stattet diese mit libidinösen Komponenten 
aus, welche während der normalen Funktion leicht übersehen 
und erst durch die Erkrankung klargelegt werden. Sie sind da- 
durch ausgezeichnet, daß sie in großem Ausmaße vikariierend 
für einander eintreten und leicht ihre Objekte wechseln können. 
Infolge der letztgenannten Eigenschaften sind sie zu Leistungen 
befähigt, die weitab von ihren ursprünglichen Zielhandlungen 
liegen. (Sublimierung.) 

Die Untersuchung, welche Schicksale Triebe im Laufe der 
Entwicklung und des Lebens erfahren können, werden wir auf 
die uns besser bekannten Sexualtriebe einschränken müssen. Die 
Beobachtung lehrt uns als solche Triebschicksale folgende kennen: 

Die Verkehrung ins Gegenteil. 

Die Wendung gegen die eigene Person. 

Die Verdrängung. 

Die Sublimierung. 

Da ich die Sublimierung hier nicht zu behandeln gedenke 
die Verdrängung aber ein besonderes Kapitel beansprucht, er- 
übrigt uns nur Beschreibung und Diskussion der beiden ersten 
Punkte. Mit Rücksicht auf Motive, welche einer direkten Fort- 
setzung der Triebe entgegenwirken, kann man die Triebschick- 
sale auch als Arten der Abwehr gegen die Triebe darstellen. 

Die Verkehrung ins Gegenteil löst sich bei näherem Zu- 
sehen in zwei verschiedene Vorgänge iuf, in die Wendung eines 
Triebes von der Aktivität zur Passivität und in die inhalt- 
liche Verkehrung. Beide Vorgänge sind, weil wesensver- 
schieden, auch gesondert zu behandeln. 

Beispiele für den ersteren Vorgang ergeben die Gegensatz- 
paare Sadismus — Masochismus und Schaulust — Exhibition. Die 
Verkehrung betrifft nur die Ziele des Triebes; für das aktive 



Triebe und Triebschicksale 



175 



Ziel: quälen, beschauen, wird das passive: gequält werden, be- 
schaut werden eingesetzt. Die inhaltliche Verkehrung findet sich 
in dem einen Falle der Verwandlung des Liebens in ein Hassen. 

Die Wendung gegen die eigene Person wird uns durch 
die Erwägung nahegelegt, daß der Masochismus ja ein gegen 
das eigene Ich gewendeter Sadismus ist, die Exhibition das Be- 
schauen des eigenen Körpers mit einschließt. Die analytische 
Beobachtung läßt auch keinen Zweifel daran bestehen, daß der 
Masochist das Wüten gegen seine Person, der Exhibitionist das 
Entblößen derselben mitgenießt. Das Wesentliche an dem Vor- 
gang ist also der Wechsel des Objektes bei ungeändertem Ziel. 

Es kann uns indes nicht entgehen, daß Wendung gegen die 
eigene Person und Wendung von der Aktivität zur Passivität in 
diesen Beispielen zusammentreffen oder zusammenfallen. Zur 
Klarstellung der Beziehungen wird eine gründlichere Unter- 
suchung unerläßlich. 

Beim Gegensatzpaar Sadismus — Masochismus kann man den 
Vorgang folgendermaßen darstellen: 

a) Der Sadismus besteht in Gewalttätigkeit, Machtbetätigung 
gegen eine andere Person als Objekt. 

b) Dieses Objekt wird aufgegeben und durch die eigene Person 
ersetzt. Mit der Wendung gegen die eigene Person ist auch die 
Verwandlung des aktiven Triebzieles in ein passives vollzogen. 

c) Es wird neuerdings eine fremde Person als Objekt gesucht, 
welche infolge der eingetretenen Zielverwandlung die Rolle des 
Subjekts übernehmen muß. 

Fall c ist der des gemeinhin so genannten Masochismus. Die Be- 
friedigung erfolgt auch bei ihm auf dem Wege des ursprünglichen 
Sadismus, indem sich das passive Ich phantastisch in seine frühere 
Stelle versetzt, die jetzt dem fremden Subjekt überlassen ist. Ob 
es auch eine direktere masochistische Befriedigung gibt, ist durch- 
aus zweifelhaft. Ein ursprünglicher Masochismus, der nicht auf die 
beschriebene Art aus dem Sadismus entstanden wäre, scheint nicht 



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176 Metapsychologie 



vorzukommen. 1 Daß die Annahme der Stufe b nicht überflüssig ist, 
geht wohl aus dem Verhalten des sadistischen Triebes bei der 
Zwangsneurose hervor. Hier findet sich die Wendung gegen die 
eigene Person ohne die Passivität gegen eine neue. Die Verwandlung 
geht nur bis zur Stufe b. Aus der Quälsucht wird Selbstquälerei, 
Selbstbestrafung, nicht Masochismus. Das aktive Verbum wandelt 
sich nicht in das Passivum, sondern in ein reflexives Medium. 

Die Auffassung des Sadismus wird auch durch den Umstand be- 
einträchtigt, daß dieser Trieb neben seinem allgemeinen Ziel (viel- 
leicht besser: innerhalb desselben) eine ganz spezielle Zielhandlung 
anzustreben scheint. Neben der Demütigung, Überwältigung, die 
Zufügung von Schmerzen. Nun scheint die Psychoanalyse zu zeigen, 
daß das Schmerzzufügen unter den ursprünglichen Zielhandlungen 
des Triebes keine Rolle spielt. Das sadistische Kind zieht die Zu- 
fügung von Schmerzen nicht in Betracht und beabsichtigt sie nicht. 
Wenn sich aber einmal die Umwandlung in Masochismus vollzogen 
hat, eignen sich die Schmerzen sehr wohl, ein passives masochisti- 
sches Ziel abzugeben, denn wir haben allen Grund anzunehmen, 
daß auch die Schmerz- wie andere Unlustempfindungen auf die 
Sexualerregung übergreifen und einen lustvollen Zustand erzeugen, 
um dessentwillen man sich auch die Unlust des Schmerzes gefallen 
lassen kann. Ist das Empfinden von Schmerzen einmal ein masochis- 
tisches Ziel geworden, so kann sich rückgreifend auch das sadistische 
Ziel, Schmerzen zuzufügen, ergeben, die man, während man sie 
anderen erzeugt, selbst masochistisch in der Identifizierung mit dem 
leidenden Objekt genießt. Natürlich genießt man in beiden Fällen 
nicht den Schmerz selbst, sondern die ihn begleitende Sexual- 
erregung, und dies dann als Sadist besonders bequem. Das Schmerz- 
genießen wäre also ein ursprünglich masochistisches Ziel, das aber 
nur beim ursprünglich Sadistischen zum Triebziele werden kann. 

1) [Zusatz ip24:] In späteren Arbeiten (siehe: Das ökonomische Problem des 
Masochismus, 1924; Ges. Schriften, Bd. V, S. 374) habe ich im Zusammenhang mit 
Problemen des Trieblebens mich zu einer gegenteiligen Auffassung bekannt. 



Triebe und Trieb Schicksale 



177 



Der Vollständigkeit zuliebe füge ich an, daß das Mitleid 
nicht als ein Ergebnis der Triebverwandlung beim Sadismus be- 
schrieben werden kann, sondern die Auffassung einer Reaktions- 
bildung gegen den Trieb (über den Unterschied s. später) er- 
fordert. 

Etwas andere und einfachere Ergebnisse liefert die Unter- 
suchung eines anderen Gegensatzpaares, der Triebe, die das 
Schauen und sich Zeigen zum Ziele haben. (Voyeur und Ex- 
hibitionist in der Sprache der Perversionen). Auch hier kann 
man die nämlichen Stufen aufstellen wie im vorigen Falle: 

a) Das Schauen als Aktivität gegen ein fremdes Objekt gerichtet; 

b) das Aufgeben des Objektes, die Wendung des Schautriebes 
gegen einen Teil des eigenen Körpers, damit die Verkehrung in 
Passivität und die Aufstellung des neuen Zieles: beschaut zu 
werden; c) die Einsetzung eines neuen Subjektes, dem man sich 
zeigt, um von ihm beschaut zu werden. Es ist auch kaum zweifel- 
haft, daß das aktive Ziel früher auftritt als das passive, das 
Schauen dem Beschautwerden vorangeht. Aber eine bedeutsame 
Abweichung vom Falle des Sadismus liegt darin, daß beim Schau- 
trieb eine noch frühere Stufe als die mit a bezeichnete zu er- 
kennen ist. Der Schautrieb ist nämlich zu Anfang seiner Be- 
tätigung autoerotisch, er hat wohl ein Objekt, aber er findet es 
am eigenen Körper. Erst späterhin wird er dazu geleitet (auf 
dem Wege der Vergleichung), dies Objekt mit einem analogen 
des fremden Körpers zu vertauschen (Stufe d). Diese Vorstufe ist 
nun dadurch interessant, daß aus ihr die beiden Situationen des 
resultierenden Gegensatzpaares hervorgehen, je nachdem der 
Wechsel an der einen oder anderen Stelle vorgenommen wird. 
Das Schema für den Schautrieb könnte lauten: 

cc) Selbst ein Sexualglied beschauen = Sexualglied von eigener Person beschaut werden 



ß) Selbst fremdes Objekt beschauen 
(aktive Schaulust) 

Freud, Technik 



y) Eigenes Objekt von fremder 

Person beschaut werden. 

(Zeigelust, Exhibition). 






178 Metapsychologie 



Eine solche Vorstufe fehlt dem Sadismus, der sich von vorn- 
herein auf ein fremdes Objekt richtet, obwohl es nicht gerade 
widersinnig wäre, sie aus den Bemühungen des Kindes, das 
seiner eigenen Glieder Herr werden will, zu konstruieren. 1 

Für beide hier betrachteten Triebbeispiele gilt die Bemerkung, 
daß die Triebverwandlung durch Verkehrung der Aktivität in 
Passivität und Wendung gegen die eigene Person eigentlich nie- 
mals am ganzen Betrag der Triebregung vorgenommen wird. 
Die ältere aktive Triebrichtung bleibt in gewissem Ausmaße 
neben der jüngeren passiven bestehen, auch wenn der Prozeß 
der Triebumwandlung sehr ausgiebig ausgefallen ist. Die einzig 
richtige Aussage über den Schautrieb müßte lauten, daß alle 
Entwicklungsstufen des Triebes, die autoerotische Vorstufe wie 
die aktive und passive Endgestaltung nebeneinander bestehen 
bleiben, und diese Behauptung wird evident, wenn man anstatt 
der Triebhandlungen den Mechanismus der Befriedigung zur 
Grundlage seines Urteiles nimmt. Vielleicht ist übrigens noch 
eine andere Auffassungs- und Darlegungs weise gerechtfertigt. 
Man kann sich jedes Triebleben in einzelne zeitlich geschiedene 
und innerhalb der (beliebigen) Zeiteinheit gleichartige Schübe 
zerlegen, die sich etwa zueinander verhalten wie sukzessive Lava- 
eruptionen. Dann kann man sich etwa vorstellen, die erste und 
ursprünglichste Trieberuption setze sich ungeändert fort und er- 
fahre überhaupt keine Entwicklung. Ein nächster Schub unter- 
liege von Anfang an einer Veränderung, etwa der Wendung zur 
Passivität, und addiere sich nun mit diesem neuen Charakter 
zum früheren hinzu usw. Überblickt man dann die Triebregung 
von ihrem Anfang an bis zu einem gewissen Haltepunkt, so muß 
die beschriebene Sukzession der Schübe das Bild einer bestimmten 
Entwicklung des Triebes ergeben. 

Die Tatsache, daß zu jener späteren Zeit der Entwicklung 
neben einer Triebregung ihr (passiver) Gegensatz zu beobachten 



1) Siehe Anmerkung auf Seite 176. 



Triebe und Triebschicksale 



179 



ist, verdient die Hervorhebung durch den trefflichen, von Bleuler 
eingeführten Namen: Ambivalenz. 

Die Triebentwicklung wäre unserem Verständnis durch den 
Hinweis auf die Entwicklungsgeschichte des Triebes und die 
Permanenz der Zwischenstufen nahe gerückt. Das Ausmaß der 
nachweisbaren Ambivalenz wechselt erfahrungsgemäß in hohem 
Grade bei Individuen, Menschengruppen oder Rassen. Eine aus- 
giebige Triebambivalenz bei einem heute Lebenden kann als 
archaisches Erbteil aufgefaßt werden, da wir Grund zur An- 
nahme haben, der Anteil der unverwandelten aktiven Regungen 
am Triebleben sei in Urzeiten größer gewesen als durchschnitt- 
lich heute. 

Wir haben uns daran gewöhnt, die frühe Entwicklungsphase 
des Ichs, während welcher dessen Sexualtriebe sich autoerotisch 
befriedigen, Narzißmus zu heißen, ohne zunächst die Beziehung 
zwischen Autoerotismus und Narzißmus in Diskussion zu ziehen. 
Dann müssen wir von der Vorstufe des Schautriebes, auf der 
die Schaulust den eigenen Körper zum Objekt hat, sagen, sie 
gehöre dem Narzißmus an, sei eine narzißtische Bildung. Aus 
ihr entwickelt sich der aktive Schautrieb, indem er den Narziß- 
mus verläßt, der passive Schautrieb halte aber das narzißtische 
Objekt fest. Ebenso bedeute die Umwandlung des Sadismus in 
Masochismus eine Rückkehr zum narzißtischen Objekt, während 
in beiden Fällen das narzißtische Subjekt durch Identifizierung 
mit einem anderen fremden Ich vertauscht wird. Mit Rück- 
sichtnahme auf die konstruierte narzißtische Vorstufe des Sadis- 
mus nähern wir uns so der allgemeineren Einsicht, daß die 
Triebschicksale der Wendung gegen das eigene Ich und der 
Verkehrung von Aktivität in Passivität von der narzißtischen 
Organisation des Ichs abhängig sind und den Stempel dieser 
Phase an sich tragen. Sie entsprechen vielleicht den Abwehr- 
versuchen, die auf höheren Stufen der Ichentwicklung mit an- 
deren Mitteln durchgeführt werden. 

12* 



1 8 o Metapsychologie 



Wir besinnen uns hier, daß wir bisher nur die zwei Trieb- 
gegensatzpaare: Sadismus — Masochismus und Schaulust — Zeige- 
lust in Erörterung gezogen haben. Es sind dies die bestbekannten 
ambivalent auftretenden Sexualtriebe. Die anderen Komponenten 
der späteren Sexualfunktion sind der Analyse noch nicht genug 
zugänglich geworden, um sie in ähnlicher Weise diskutieren zu 
können. Wir können von ihnen allgemein aussagen, daß sie sich 
autoerotisch betätigen, d. h., ihr Objekt verschwindet gegen 
das Organ, das ihre Quelle ist, und fällt in der Regel mit diesem, 
zusammen. Das Objekt des Schautriebes, obwohl auch zuerst ein 
Teil des eigenen Körpers, ist doch nicht das Auge selbst, und 
beim Sadismus weist die Organquelle, wahrscheinlich die aktions- 
fähige Muskulatur, direkt auf ein anderes Objekt, sei es auch 
am eigenen Körper hin. Bei den autoerotischen Trieben ist die 
Rolle der Organquelle so ausschlaggebend, daß nach einer an- 
sprechenden Vermutung von P. Federn und L. Jekels 1 Form 
und Funktion des Organs über die Aktivität und Passivität des 
Triebzieles entscheiden. 

Die Verwandlung eines Triebes in sein (materielles) Gegen- 
teil wird nur in einem Falle beobachtet, bei der Umsetzung 
von Liebe in Haß. Da diese beiden besonders häufig 
gleichzeitig auf dasselbe Objekt gerichtet vorkommen, ergibt 
diese Koexistenz auch das bedeutsamste Beispiel einer Gefühls- 
ambivalenz. 

Der Fall von Liebe und Haß erwirbt ein besonderes Interesse 
durch den Umstand, daß er der Einreihung in unsere Dar- 
stellung der Triebe widerstrebt. Man kann an der innigsten Be- 
ziehung zwischen diesen beiden Gefühlsgegensätzen und dem 
Sexualleben nicht zweifeln, muß sich aber natürlich dagegen 
sträuben, das Lieben etwa als einen besonderen Partialtrieb der 
Sexualität wie die anderen aufzufassen. Man möchte eher das 
Lieben als den Ausdruck der ganzen Sexualstrebung ansehen, 

l) Intern. Zeitschrift für Psychoanalyse, I, 1913. 



Triebe und Triebschicksale 181 

kommt aber auch damit nicht zurecht und weiß nicht, wie 
man ein materielles Gegenteil dieser Strebung verstehen soll. 

Das Lieben ist nicht nur eines, sondern dreier Gegensätze 
fähig. Außer dem Gegensatz: lieben — hassen gibt es den anderen: 
lieben — geliebt werden, und überdies setzen sich lieben und 
hassen zusammengenommen dem Zustande der Indifferenz oder 
Gleichgültigkeit entgegen. Von diesen drei Gegensätzen entspricht 
der zweite, der von lieben — geliebt werden, durchaus der Wen- 
dung von der Aktivität zur Passivität und läßt auch die näm- 
liche Zurückführung auf eine Grundsituation .wie beim Schau- 
trieb zu. Diese heißt: sich selbst lieben, was für uns die 
Charakteristik des Narzißmus ist. Je nachdem nun das Objekt 
oder das Subjekt gegen ein fremdes vertauscht wird, ergibt 
sich die aktive Zielstrebung des Liebens oder die passive des 
Geliebtwerdens, von denen die letztere dem Narzißmus nahe 
verbleibt. 

Vielleicht kommt man dem Verständnis der mehrfachen Gegen- 
teile des Liebens näher, wenn man sich besinnt, daß das seelische 
Leben überhaupt von drei Polaritäten beherrscht wird, den 
Gegensätzen von: 

Subjekt (Ich) — Objekt (Außenwelt). 

Lust — Unlust. 

Aktiv — Passiv. 

Der Gegensatz von Ich — Nicht-Ich (Außen), (Subjekt — Objekt), 
wird dem Einzelwesen, wie wir bereits erwähnt haben, frühzeitig 
aufgedrängt durch die Erfahrung, daß es Außenreize durch seine 
Muskelaktion zum Schweigen bringen kann, gegen Triebreize 
aber wehrlos ist. Er bleibt vor allem in der intellektuellen Be- 
tätigung souverän und schafft die Grundsituation für die Forschung, 
die durch kein Bemühen abgeändert werden kann. Die Polarität 
von Lust — Unlust haftet an einer Empfindungsreihe, deren un- 
übertroffene Bedeutung für die Entscheidung unserer Aktionen 
(Wille) bereits betont worden ist. Der Gegensatz von Aktiv — 



1 8 2 Metapsychologie 



Passiv ist nicht mit dem von Ich-Subjekt — Außen-Objekt zu ver- 
wechseln. Das Ich verhält sich passiv gegen die Außenwelt, in- 
soweit es Reize von ihr empfängt, aktiv, wenn es auf dieselben 
reagiert. Zu ganz besonderer Aktivität gegen die Außenwelt 
wird es durch seine Triebe gezwungen, so daß man unter Her- 
vorhebung des Wesentlichen sagen könnte: Das Ich-Subjekt sei 
passiv gegen die äußeren Reize, aktiv durch seine eigenen Triebe. 
Der Gegensatz Aktiv — Passiv verschmilzt späterhin mit dem von 
Männlich — Weiblich, der, ehe dies geschehen ist, keine psycho- 
logische Bedeutung hat. Die Verlötung der Aktivität mit der 
Männlichkeit, der Passivität mit der Weiblichkeit tritt uns näm- 
lich als biologische Tatsache entgegen 5 sie ist aber keineswegs so 
regelmäßig durchgreifend und ausschließlich, wie wir anzunehmen 
geneigt sind. 

Die drei seelischen Polaritäten gehen die bedeutsamsten Ver- 
knüpfungen miteinander ein. Es gibt eine psychische Ursituation, 
in welcher zwei derselben zusammentreffen. Das Ich findet sich 
ursprünglich, zu allem Anfang des Seelenlebens, triebbesetzt und 
zum Teil fähig, seine Triebe an sich selbst zu befriedigen. Wir 
heißen diesen Zustand den des Narzißmus, die Befriedigungs- 
möglichkeit die autoerotische. 1 Die Außenwelt ist derzeit nicht 
mit Interesse (allgemein gesprochen) besetzt und für die Befrie- 
digung gleichgültig. Es fällt also um diese Zeit das Ich-Subjekt 
mit dem Lustvollen, die Außenwelt mit dem Gleichgültigen 
(eventuell als Reizquelle Unlustvollen) zusammen. Definieren wir 
zunächst das Lieben als die Relation des Ichs zu seinen Lust- 



1) Ein Anteil der Sexualtriebe ist, wie wir wissen, dieser autoerotischen Be- 
friedigung fähig, eignet sich also zum Träger der nachstehend geschilderten Ent- 
wicklung unter der Herrschaft des Lustprinzips. Die Sexualtriebe, welche von vorn- 
herein ein Objekt fordern, und die autoerotisch niemals zu befriedigenden Bedürf- 
nisse der Ichtriebe stören natürlich diesen Zustand und bereiten die Fortschritte vor. 
Ja, der narzißtische Urzustand könnte nicht jene Entwicklung nehmen, wenn nicht 
jedes Einzelwesen eine Periode von Hilflosigkeit und Pflege durchmachte, 
während dessen seine drängenden Bedürfnisse durch Dazutun von Außen befriedigt 
und somit von der Entwicklung abgehalten wurden. 



Triebe und Triebschicksale 183 



quellen, so erläutert die Situation, in der es nur sich selbst liebt 
und gegen die Welt gleichgültig ist, die erste der Gegensatzbe- 
ziehungen, in denen wir das „Lieben" gefunden haben. 

Das Ich bedarf der Außenwelt nicht, insofern es autoerotisch 
ist, es bekommt aber Objekte aus ihr infolge der Erlebnisse der 
Icherhaltungstriebe und kann doch nicht umhin, innere Trieb- 
reize als unlustvoll für eine Zeit zu verspüren. Unter der Herr- 
schaft des Lustprinzips vollzieht sich nun in ihm eine weitere 
Entwicklung. Es nimmt die dargebotenen Objekte, insofern sie 
Lustquellen sind, in sein Ich auf, introjiziert sich dieselben (nach 
dem Ausdrucke Ferenczis) und stößt anderseits von sich aus, 
was ihm im eigenen Innern Unlustanlaß wird. (Siehe später den 
Mechanismus der Projektion.) 

Es wandelt sich so aus dem anfänglichen Real-Ich, welches 
Innen und Außen nach einem guten objektiven Kennzeichen 
unterschieden hat, in ein purifiziertes Lust-Ich, welches den 
Lustcharakter über jeden anderen setzt. Die Außenwelt zerfällt 
ihm in einen Lustanteil, den es sich einverleibt hat, und einen 
Rest der ihm fremd ist. Aus dem eigenen Ich hat es einen Bestandteil 
ausgesondert, den es in die Außenwelt wirft und als feindlich 
empfindet. Nach dieser Umordnung ist die Deckung der beiden 
Polaritäten 

Ich-Subjekt — mit Lust 

Außenwelt — mit Unlust (von früher her Indifferenz) 

wieder hergestellt. 

Mit dem Eintreten des Objekts in die Stufe des primären 
Narzißmus erreicht auch der zweite Gegensinn des Liebens, das 
Hassen, seine Ausbildung. 

Das Objekt wird dem Ich, wie wir gehört haben, zuerst von 
den Selbsterhaltungstrieben aus der Außenwelt gebracht, und es 
ist nicht abzuweisen, daß auch der ursprüngliche Sinn des Hassens 
die Relation gegen die fremde und reizzuführende Außenwelt 
bedeutet. Die Indifferenz ordnet sich dem Haß, der Abneigung, 



184 



Metapsychologie 



als Spezialfall ein, nachdem sie zuerst als dessen Vorläufer auf- 
getreten ist. Das Äußere, das Objekt, das Gehaßte wären zu 
allem Anfang identisch. Erweist sich späterhin das Objekt als 
Lustquelle, so wird es geliebt, aber auch dem Ich einverleibt, 
so daß für das purifizierte Lust-Ich das Objekt doch wiederum 
mit dem Fremden und Gehaßten zusammenfällt. 

Wir merken aber jetzt auch, wie das Gegensatzpaar Liebe — 
Indifferenz die Polarität Ich — Außenwelt spiegelt, so reproduziert 
der zweite Gegensatz Liebe — Haß die mit der ersteren verknüpfte 
Polarität von Lust — Unlust. Nach der Ablösung der rein narziß- 
tischen Stufe durch die Objektstufe bedeuten Lust und Unlust 
Relationen des Ichs zum Objekt. Wenn das Objekt die Quelle 
von Lustempfindungen wird, so stellt sich eine motorische Ten- 
denz heraus, welche dasselbe dem Ich annähern, ins Ich einver- 
leiben will; wir sprechen dann auch von der „Anziehung", die 
das lustspendende Objekt ausübt, und sagen, daß wir das Objekt 
„lieben". Umgekehrt, wenn das Objekt Quelle von Unlustem- 
pfindungen ist, bestrebt sich eine Tendenz, die Distanz zwischen 
ihm und dem Ich zu vergrößern, den ursprünglichen Fluchtver- 
such vor der reizausschickenden Außenwelt an ihm zu wieder- 
holen. Wir empfinden die „Abstoßung" des Objekts und hassen 
es; dieser Haß kann sich dann zur Aggressionsneigung gegen 
das Objekt, zur Absicht, es zu vernichten, steigern. 

Man könnte zur Not von einem Trieb aussagen, daß er das 
Objekt „liebt", nach dem er zu seiner Befriedigung strebt. Daß 
ein Trieb ein Objekt „haßt", klingt uns aber befremdend, so 
daß wir aufmerksam werden, die Beziehungen Liebe und Haß 
seien nicht für die Relationen der Triebe zu ihren Objekten 
verwendbar, sondern für die Relation des Gesamt-Ichs zu den 
Objekten reserviert. Die Beobachtung des gewiß sinnvollen Sprach- 
gebrauches zeigt uns aber eine weitere Einschränkung in der 
Bedeutung von Liebe und Haß. Von den Objekten, welche der 
Icherhaltung dienen, sagt man nicht aus, daß man sie liebt, 




Triebe und Triebschicksale 185 

sondern betont, daß man ihrer bedarf, und gibt etwa einem 
Zusatz von andersartiger Relation Ausdruck, indem man Worte 
gebraucht, die ein sehr abgeschwächtes Lieben andeuten, wie: 
gerne haben, gerne sehen, angenehm finden. 

Das Wort „lieben" rückt also immer mehr in die Sphäre der 
reinen Lustbeziehung des Ichs zum Objekt und fixiert sich 
schließlich an die Sexualobjekte im engeren Sinne und an solche 
Objekte, welche die Bedürfhisse sublimierter Sexualtriebe befriedigen. 
Die Scheidung der Ichtriebe von den Sexualtrieben, welche wir 
unserer Psychologie aufgedrängt haben, erweist sich so als konform 
mit dem Geiste unserer Sprache. Wenn wir nicht gewohnt sind 
zu sagen, der einzelne Sexualtrieb liebe sein Objekt, aber die 
adäquateste Verwendung des Wortes „lieben" in der Beziehung 
des Ichs zu seinem Sexualobjekt finden, so lehrt uns diese Be- 
obachtung, daß dessen Verwendbarkeit in dieser Relation erst mit 
der Synthese aller Partialtriebe der Sexualität unter dem Primat 
der Genitalien und im Dienste der Fortpflanzungsfunktion beginnt. 

Es ist bemerkenswert, daß im Gebrauche des Wortes „hassen" 
keine so innige Beziehung zur Sexuallust und Sexualfunktion zum 
Vorschein kommt, sondern die Unmstrelation die einzig ent- 
scheidende scheint. Das Ich haßt, verabscheut, verfolgt mit Zer- 
störungsabsichten alle Objekte, die ihm zur Quelle von Unlust- 
empfindungen werden, gleichgültig ob sie ihm eine Versagung 
sexueller Befriedigung oder der Befriedigung von Erhaltungs- 
bedürfnissen bedeuten. Ja, man kann behaupten, daß die richtigen 
Vorbilder für die Haßrelation nicht aus dem Sexualleben, sondern 
aus dem Ringen des Ichs um seine Erhaltung und Behauptung 
stammen. 

Liebe und Haß, die sich uns als volle materielle Gegensätze 
vorstellen, stehen also doch in keiner einfachen Beziehung zueinander. 
Sie sind nicht aus der Spaltung eines Urgemeinsamen hervor- 
gegangen, sondern haben verschiedene Ursprünge und haben ein 
jedes seine eigene Entwicklung durchgemacht, bevor sie sich unter 



i86 Metapsychologie 



dem Einfluß der Lust-Unlustrelation zu Gegensätzen formiei 
haben. Es erwächst uns hier die Aufgabe, zusammenzustellen, was 
wir von der Genese von Liebe und Haß wissen. 

Die Liebe stammt von der Fähigkeit des Ichs, einen Anteil 
seiner Triebregungen autoerotisch, durch die Gewinnung von 
Organlust zu befriedigen. Sie ist ursprünglich narzißtisch, übergeht 
dann auf die Objekte, die dem erweiterten Ich einverleibt worden 
sind, und drückt das motorische Streben des Ichs nach diesen 
Objekten als Lustquellen aus. Sie verknüpft sich innig mit der 
Betätigung der späteren Sexualtriebe und fällt, wenn deren Synthese 
vollzogen ist, mit dem Ganzen der Sexualstrebung zusammen. 
Vorstufen des Liebens ergeben sich als vorläufige Sexualziele, 
während die Sexualtriebe ihre komplizierte Entwicklung durch- 
laufen. Als erste derselben erkennen wir das sich Einverleiben 
oder Fressen, eine Art der Liebe, welche mit der Aufhebung 
der Sonderexistenz des Objekts vereinbar ist, also als ambivalent 
bezeichnet werden kann. Auf der höheren Stufe der prägenitalen 
sadistisch-analen Organisation tritt das Streben nach dem Objekt 
in der Form des Bemächtigungsdranges auf, dem die Schädigung 
oder Vernichtung des Objekts gleichgültig ist. Diese Form und 
Vorstufe der Liebe ist in ihrem Verhalten gegen das Objekt vom 
Haß kaum zu unterscheiden. Erst mit der Herstellung der Genital- 
organisation ist die Liebe zum Gegensatz vom Haß geworden. 

Der Haß ist als Relation zum Objekt älter als die Liebe, er 
entspringt der uranfänglichen Ablehnung der reizspendenden 
Außenwelt von Seiten des narzißtischen Ichs. Als Äußerung der 
durch Objekte hervorgerufenen Unlustreaktion bleibt er immer 
in inniger Beziehung zu den Trieben der Icherhaltung, so daß 
Ichtriebe und Sexualtriebe leicht in einen Gegensatz geraten 
können, der den von Hassen und Lieben wiederholt. Wenn die 
Ichtriebe die Sexualfunktion beherrschen wie auf der Stufe der 
sadistisch-analen Organisation, so leihen sie auch dem Triebziel 
die Charaktere des Hasses. 



Triebe und Triebschicksale 187 

Die Entstehungs- und Beziehungsgeschichte der Liebe macht 
es uns verständlich, daß sie so häufig „ambivalent , d. h. in Be- 
gleitung von Haßregungen gegen das nämliche Objekt auftritt. 
Der der Liebe beigemengte Haß rührt zum Teil von den nicht 
völlig überwundenen Vorstufen des Liebens her, zum anderen 
Teil begründet er sich durch Ablehnungsreaktionen der Ichtriebe, 
die sich bei den häufigen Konflikten zwischen Ich- und Liebes- 
interessen auf reale und aktuelle Motive berufen können. In 
beiden Fällen geht also der beigemengte Haß auf die Quelle der 
Icherhaltungstriebe zurück. Wenn die Liebesbeziehung zu einem 
bestimmten Objekt abgebrochen wird, so tritt nicht selten Haß 
an deren Stelle, woraus wir den Eindruck einer Verwandlung 
der Liebe in Haß empfangen. Über diese Deskription hinaus führt 
dann die Auffassung, daß dabei der real motivierte Haß durch 
die Repression des Liebens auf die sadistische Vorstufe verstärkt 
wird, so daß das Hassen einen erotischen Charakter erhält und 
die Kontinuität einer Liebesbeziehung gewährleistet wird. 

Die dritte Gegensätzlichkeit des Liebens, die Verwandlung des 
Liebens in ein Geliebtwerden entspricht der Einwirkung der 
Polarität von Aktivität und Passivität und unterliegt derselben 
Beurteilung wie die Fälle des Schautriebes und des Sadismus. 
Wir dürfen zusammenfassend hervorheben, die Triebschicksale 
bestehen im wesentlichen darin, daß die Tr'iebregungen den 
Einflüssen der drei großen das Seelenleben beherr- 
schenden Polaritäten unterzogen werden. Von diesen drei 
Polaritäten könnte man die der Aktivität — Passivität als die bio- 
logische, die Ich-Außenwelt als die reale, endlich die von Lust — 
Unlust als die ökonomische bezeichnen. 

Das Triebschicksal der Verdrängung wird den Gegenstand 
einer anschließenden Untersuchung bilden. 



DIE VERDRÄNGUNG 

Es kann das Schicksal einer Triebregung werden, daß sie auf 
Widerstände stößt, welche sie unwirksam machen wollen. Unter 
Bedingungen, deren nähere Untersuchung uns bevorsteht, gelangt 
sie dann in den Zustand der Verdrängung. Handelte es sich 
um die Wirkung eines äußeren Reizes, so wäre offenbar die 
Flucht das geeignete Mittel. Im Falle des Triebes kann die Flucht 
nichts nützen, denn das Ich kann sich nicht selbst entfliehen. 
Später einmal wird in der Urteilsverwerfung (Verurteilung) 
ein gutes Mittel gegen die Triebregung gefunden werden. Eine 
Vorstufe der Verurteilung, ein Mittelding zwischen Flucht und 
Verurteilung ist die Verdrängung, deren Begriff in der Zeit vor 
den psychoanalytischen Studien nicht aufgestellt werden konnte. 

Die Möglichkeit einer Verdrängung ist theoretisch nicht leicht 
abzuleiten. Warum sollte eine Triebregung einem solchen Schick- 
sal verfallen? Offenbar muß hier die Bedingung erfüllt sein, daß 
die Erreichung des Triebzieles Unlust an Stelle von Lust be- 
reitet. Aber dieser Fall ist nicht gut denkbar. Solche Triebe gibt 
es nicht, eine Triebbefriedigung ist immer lustvoll. Es müßten 
besondere Verhältnisse anzunehmen sein, irgend ein Vorgang, 
durch den die Befriedigungslust in Unlust verwandelt wird. 

Wir können zur besseren Abgrenzung der Verdrängung einige 
andere Triebsituationen in Erörterung ziehen. Es kann vor- 
kommen, daß sich ein äußerer Reiz, z. B. dadurch, daß er ein 
Organ anätzt und zerstört, verinnerlicht und so eine neue Quelle 









Die Verdrängung 189 



beständiger Erregung und Spannungs Vermehrung ergibt. Er er- 
wirbt damit eine weitgehende Ähnlichkeit mit einem Trieb. 
Wir wissen, daß wir diesen Fall als Schmerz empfinden. Das 
Ziel dieses Pseudotriebes ist aber nur das Aufhören der Organ- 
veränderung und der mit ihr verbundenen Unlust. Andere, direkte 
Lust kann aus dem Aufhören des Schmerzes nicht gewonnen 
werden. Der Schmerz ist auch imperativ; er unterliegt nur noch 
der Einwirkung einer toxischen Aufhebung und der Beein- 
flussung durch psychische Ablenkung. 

Der Fall des Schmerzes ist zu wenig durchsichtig, um etwas 
für unsere Absicht zu leisten. Nehmen wir den Fall, daß ein 
Triebreiz wie der Hunger unbefriedigt bleibt. Er wird dann 
imperativ, ist durch nichts anderes als durch die Befriedigungs- 
aktion zu beschwichtigen, unterhält eine beständige Bedürfnis- 
spannung. Etwas wie eine Verdrängung scheint hier auf lange 
hinaus nicht in Betracht zu kommen. 

Der Fall der Verdrängung ist also gewiß nicht gegeben, wenn 
die Spannung infolge von Unbefriedigung einer Triebregung 
unerträglich groß wird. Was dem Organismus an Abwehrmitteln 
gegen diese Situation gegeben ist, muß in anderem Zusammen- 
hang erörtert werden. 

Halten wir uns lieber an die klinische Erfahrung, wie sie uns 
in der psychoanalytischen Praxis entgegentritt. Dann werden 
wir belehrt, daß die Befriedigung des der Verdrängung unter- 
liegenden Triebes wohl möglich und daß sie auch jedesmal an 
sich lustvoll wäre, aber sie wäre mit anderen Ansprüchen und 
Vorsätzen unvereinbar; sie würde also Lust an der einen, Unlust 
an anderer Stelle erzeugen. Zur Bedingung der Verdrängung ist 
dann geworden, daß das Unlustmotiv eine stärkere Macht ge- 
winnt als die Befriedigungslust. Wir werden ferner durch die 
psychoanalytische Erfahrung an den Übertragungsneurosen zu 
dem Schluß genötigt, daß die Verdrängung kein ursprünglich 
vorhandener Abwehrmechanismus ist, daß sie nicht eher ent- 









19° Metapsychologie 



stehen kann, als bis sich eine scharfe Sonderung von bewußter 
und unbewußter Seelentätigkeit hergestellt hat, und daß ihr 
Wesen nur in der Abweisung und Fernhaltung vom Be- 
wußten besteht. Diese Auffassung der Verdrängung würde 
durch die Annahme ergänzt werden, daß vor solcher Stufe der 
seelischen Organisation die anderen Triebschicksale wie die Ver- 
wandlung ins Gegenteil, die Wendung gegen die eigene Person, 
die Aufgabe der Abwehr von Triebregungen bewältigen. 

Wir meinen jetzt auch, Verdrängung und Unbewußtes seien 
in so großem Ausmaße korrelativ, daß wir die Vertiefung in 
das Wesen der Verdrängung aufschieben müssen, bis wir mehr 
von dem Aufbau des psychischen Instanzenzuges und der Differen- 
zierung von Unbewußt und Bewußt erfahren haben. Vorher 
können wir nur noch einige klinisch erkannte Charaktere der 
Verdrängung in rein deskriptiver Weise zusammenstellen, auf die 
Gefahr hin, vieles anderwärts Gesagte ungeändert zu wiederholen. 

Wir haben also Grund, eine Urverdrängung anzunehmen, 
eine erste Phase der Verdrängung, die darin besteht, daß der 
psychischen (Vorstellungs-) Repräsentanz des Triebes die Über- 
nahme ins Bewußte versagt wird. Mit dieser ist eine Fixierung 
gegeben 5 die betreffende Repräsentanz bleibt von da an unver- 
änderlich bestehen und der Trieb an sie gebunden. Dies geschieht 
infolge der später zu besprechenden Eigenschaften unbewußter 
Vorgänge. 

Die zweite Stufe der Verdrängung, die eigentliche Ver- 
drängung, betrifft psychische Abkömmlinge der verdrängten 
Repräsentanz, oder solche Gedankenzüge, die, anderswoher stam- 
mend, in assoziative Beziehung zu ihr geraten sind. Wegen dieser 
Beziehung erfahren diese Vorstellungen dasselbe Schicksal wie 
das Ur verdrängte. Die eigentliche Verdrängung ist also ein Nach- 
drängen. Man tut übrigens unrecht, wenn man nur die Ab- 
stoßung hervorhebt, die vom Bewußten her auf das zu Verdrän- 
gende wirkt. Es kommt ebensosehr die Anziehung in Betracht, 



Die Verdrängung i9i 



welche das Urverdrängte auf alles ausübt, womit es sich in Ver- 
bindung setzen kann. Wahrscheinlich würde die Verdrängungs- 
tendenz ihre Absicht nicht erreichen, wenn diese Kräfte nicht 
zusammenwirkten, wenn es nicht ein vorher Verdrängtes gäbe, 
welches das vom Bewußten Abgestoßene aufzunehmen bereit 

wäre. 

Unter dem Einfluß des Studiums der Psychoneurosen, welches 
uns die bedeutsamen Wirkungen der Verdrängung vorführt, 
werden wir geneigt, deren psychologischen Inhalt zu über- 
schätzen, und vergessen zu leicht, daß die Verdrängung die 
Triebrepräsentanz nicht daran hindert, im Unbewußten fortzu- 
bestehen, sich weiter zu organisieren, Abkömmlinge zu bilden 
und Verbindungen anzuknüpfen. Die Verdrängung stört wirklich 
nur die Beziehung zu ^ einem psychischen System, dem des Be- 
wußten. 

Die Psychoanalyse kann uns noch anderes zeigen, was für 
das Verständnis der Wirkungen der Verdrängung bei den Psycho- 
neurosen bedeutsam ist. Z. B., daß die Triebrepräsentanz sich 
ungestörter und reichhaltiger entwickelt, wenn sie durch die 
Verdrängung dem bewußten Einfluß entzogen ist. Sie wuchert 
dann sozusagen im Dunkeln und findet extreme Ausdrucks- 
formen, welche, wenn sie dem Neurotiker übersetzt und vor- 
gehalten werden, ihm nicht nur fremd erscheinen müssen, sondern 
ihn auch durch die Vorspiegelung . einer außerordentlichen und 
gefährlichen Triebstärke schrecken. Diese täuschende Triebstärke 
ist das Ergebnis einer ungehemmten Entfaltung in der Phantasie 
und der Aufstauung infolge versagter Befriedigung. Daß dieser 
letztere Erfolg an die Verdrängung geknüpft ist, weist darauf 
hin worin wir ihre eigentliche Bedeutung zu suchen haben. 

Indem wir aber noch zur Gegenansicht zurückkehren, stellen 
wir fest, es sei nicht einmal richtig, daß die Verdrängung alle 
Abkömmlinge des Urverdrängten vom Bewußten abhalte. Wenn 
sich diese weit genug von der verdrängten Repräsentanz entfernt 



1 9 2 Metapsychologie 



haben, sei es durch Annahme von Entstellungen oder durch die 
Anzahl der eingeschobenen Mittelglieder, so steht ihnen der Zu- 
gang zum Bewußten ohne weiteres frei. Es ist, als ob der Wider- 
stand des Bewußten gegen sie eine Funktion ihrer Entfernung 
vom ursprünglich Verdrängten wäre. Während der Ausübung der 
psychoanalytischen Technik fordern wir den Patienten unausgesetzt 
dazu auf, solche Abkömmlinge des Verdrängten zu produzieren 
die infolge ihrer Entfernung oder Entstellung die Zensur des 
Bewußten passieren können. Nichts anderes sind ja die Einfälle 
die wir unter Verzicht auf alle bewußten Zielvorstellungen und 
alle Kritik von ihm verlangen, und aus denen wir eine bewußte 
Übersetzung der verdrängten Repräsentanz wiederherstellen. Wir 
beobachten dabei, daß der Patient eine solche Einfallsreihe fort- 
spinnen kann, bis er in ihrem Ablauf auf eine Gedankenbildung 
stößt, bei welcher die Beziehung zum Verdrängten so intensiv 
durchwirkt, daß er seinen Verdrängungsversuch wiederholen muß. 
Auch die neurotischen Symptome müssen der obigen Bedingung 
genügt haben, denn sie sind Abkömmlinge des Verdrängten, 
welches sich mittels dieser Bildungen den ihm versagten Zugang 
zum Bewußtsein endlich erkämpft hat. 

Wie weit die Entstellung und Entfernung vom Verdrängten 
gehen muß, bis der Widerstand des Bewußten aufgehoben ist, 
läßt sich allgemein nicht angeben. Es findet dabei eine feine 
Abwägung statt, deren Spiel uns verdeckt ist, deren Wirkungs- 
weise uns aber erraten läßt, es handle sich darum, vor einer 
bestimmten Intensität der Besetzung des Unbewußten haltzumachen, 
mit deren Überschreitung es zur Befriedigung durchdringen würde. 
Die Verdrängung arbeitet also höchst individuell; jeder einzelne 
Abkömmling des Verdrängten kann sein besonderes Schicksal 
haben; ein wenig mehr oder weniger von Entstellung macht, 
daß der ganze Erfolg umschlägt. In demselben Zusammenhang ist 
auch zu begreifen, daß die bevorzugten Objekte der Menschen, 
ihre Ideale, aus denselben Wahrnehmungen und Erlebnissen 






Die Verdrängung 193 



stammen wie die von ihnen am meisten verabscheuten, und sich 
ursprünglich nur durch geringe Modifikationen voneinander unter- 
scheiden. Ja, es kann, wie wir's bei der Entstehung des Fetisch 
gefunden haben, die ursprüngliche Triebrepräsentanz in zwei 
Stücke zerlegt worden sein, von denen das eine der Verdrängung 
verfiel, während der Rest, gerade wegen dieser innigen Ver- 
knüpftheit, das Schicksal der Idealisierung erfuhr. 

Dasselbe, was ein Mehr oder Weniger an Entstellung leistet, 
kann auch sozusagen am anderen Ende des Apparates durch eine 
Modifikation in den Bedingungen der Lust-Unlustproduktion erzielt 
werden. Es sind besondere Techniken ausgebildet worden, deren 
Absicht dahin geht, solche Veränderungen des psychischen Kräfte- 
spieles herbeizuführen, daß dasselbe, was sonst Unlust erzeugt, 
auch einmal lustbringend wird, und so oft solch ein technisches 
Mittel in Aktion tritt, wird die Verdrängung für eine sonst ab- 
gewiesene Triebrepräsentanz aufgehoben. Diese Techniken sind 
bisher nur für den Witz genauer verfolgt worden. In der Regel 
ist die Aufhebung der Verdrängung nur eine vorübergehende; 
sie wird alsbald wiederhergestellt. 

Erfahrungen dieser Art reichen aber hin, uns auf weitere 
Charaktere der Verdrängung aufmerksam zu machen. Sie ist nicht 
nur, wie eben ausgeführt, individuell, sondern auch im hohen 
Grade mobil. Man darf sich den Verdrängungsvorgang nicht wie 
ein einmaliges Geschehen mit Dauererfolg vorstellen, etwa wie 
wenn man etwas Lebendes erschlagen hat, was von da an tot 
ist; sondern die Verdrängung erfordert einen anhaltenden Kraft- 
aufwand, mit dessen Unterlassung ihr Erfolg in Frage gestellt 
wäre, so daß ein neuerlicher Verdrängungsakt notwendig würde. 
Wir dürfen uns vorstellen, daß das Verdrängte einen kontinuierlichen 
Druck in der Richtung zum Bewußten hin ausübt, dem durch 
unausgesetzten Gegendruck das Gleichgewicht gehalten werden 
muß. Die Erhaltung einer Verdrängung setzt also eine beständige 
Kraftausgabe voraus und ihre Aufhebung bedeutet ökonomisch 

Freud, Technik i_ 






1 94 Metapsychologie 



eine Ersparung. Die Mobilität der Verdrängung findet übrigens 
auch einen Ausdruck in den psychischen Charakteren des Schlaf- 
zustandes, welcher allein die Traumbildung ermöglicht. Mit dem 
Erwachen werden die eingezogenen Verdrängungsbesetzungen 
wieder ausgeschickt. 

Wir dürfen endlich nicht vergessen, daß wir von einer Trieb- 
regung erst sehr wenig ausgesagt haben, wenn wir feststellen, 
sie sei eine verdrängte. Sie kann sich unbeschadet der Verdrängung 
in sehr verschiedenen Zuständen befinden, inaktiv sein, d. h. sehr 
wenig mit psychischer Energie besetzt, oder in wechselndem 
Grade besetzt und damit zur Aktivität befähigt. Ihre Aktivierung 
wird zwar nicht die Folge haben, daß sie die Verdrängung direkt 
aufhebt, wohl aber alle die Vorgänge anregen, welche mit dem 
Durchdringen zum Bewußtsein auf Umwegen einen Abschluß 
finden. Bei unverdrängten Abkömmlingen des Unbewußten ent- 
scheidet oft das Ausmaß der Aktivierung oder Besetzung über das 
Schicksal der einzelnen Vorstellung. Es ist ein alltägliches Vor- 
kommnis, daß ein solcher Abkömmling unverdrängt bleibt, solange 
er eine geringe Energie repräsentiert, obwohl sein Inhalt geeignet 
wäre, einen Konflikt mit dem bewußt Herrschenden zu ergeben. 
Das quantitative Moment zeigt sich aber als entscheidend für den 
Konflikt; sobald die im Grunde anstößige Vorstellung sich über 
ein gewisses Maß verstärkt, wird der Konflikt aktuell und gerade 
die Aktivierung zieht die Verdrängung nach sich. Zunahme der 
Energiebesetzung wirkt also in Sachen der Verdrängung gleichsinnig 
wie Annäherung an das Unbewußte, Abnahme derselben wie Ent- 
fernung davon oder Entstellung. Wir verstehen, daß die ver- 
drängenden Tendenzen in der Abschwächung des Unliebsamen 
einen Ersatz für dessen Verdrängung finden können. 

In den bisherigen Erörterungen behandelten wir die Ver- 
drängung einer Triebrepräsentanz und verstanden unter einer 
solchen eine Vorstellung oder Vorstellungsgruppe, welche vom 
Trieb her mit einem bestimmten Betrag von psychischer Energie 



^ 



Die Verdrängung i95 



(Libido, Interesse) besetzt ist. Die klinische Beobachtung nötigt 
uns nun zu zerlegen, was wir bisher einheitlich aufgefaßt hatten, 
denn sie zeigt uns, daß etwas anderes, was den Trieb repräsentiert, 
neben der Vorstellung in Betracht kommt, und daß dieses andere 
ein Verdrängungsschicksal erfährt, welches von dem der Vor- 
stellung ganz verschieden sein kann. Für dieses andere Element 
der psychischen Repräsentanz hat sich der Name Affektbetrag 
eingebürgert; es entspricht dem Triebe, insofern er sich von der 
Vorstellung abgelöst hat und einen seiner Quantität gemäßen 
Ausdruck in Vorgängen findet, welche als Affekte der Empfindung 
bemerkbar werden. Wir werden von nun an, wenn wir einen 
Fall von Verdrängung beschreiben, gesondert verfolgen müssen, 
was durch die Verdrängung aus der Vorstellung und was aus 
der an ihr haftenden Triebenergie geworden ist. 

Gern würden wir über beiderlei Schicksale etwas allgemeines 
aussagen wollen. Dies wird uns auch nach einiger Orientierung 
möglich. Das allgemeine Schicksal der den Trieb repräsentieren- 
den Vorstellung kann nicht leicht etwas anderes sein, als daß sie 
aus dem Bewußten verschwindet, wenn sie früher bewußt war, 
oder vom Bewußtsein abgehalten wird, wenn sie im Begriffe 
war, bewußt zu werden. Der Unterschied ist nicht mehr bedeut- 
sam; er kommt etwa darauf hinaus, ob ich einen unliebsamen 
Gast aus meinem Salon hinausbefördere oder aus meinem Vor- 
zimmer oder ihn, nachdem ich ihn erkannt habe, überhaupt 
nicht über die Schwelle der Wohnungstür treten lasse. 1 Das 
Schicksal des quantitativen Faktors der Triebrepräsentanz kann 
ein dreifaches sein, wie uns eine flüchtige Übersicht über die in 
der Psychoanalyse gemachten Erfahrungen lehrt: Der Trieb wird 
entweder ganz unterdrückt, so daß man nichts von ihm auf- 



1) Dieses für den Verdrängungsvorgang brauchbare Gleichnis kann auch über 
einen früher erwähnten Charakter der Verdrängung ausgedehnt werden. Ich brauche 
nur hinzu2ufügen, daß ich die dem Gast verbotene Tür durch einen ständigen 
Wächter bewachen lassen muß, weil der Abgewiesene sie sonst aufsprengen würde. (S.o.) 






15* 



=£5 









1 9 6 Metapsych ologie 



findet, oder er kommt als irgendwie qualitativ gefärbter Affekt 
zum Vorschein, oder er wird in Angst verwandelt. Die beiden 
letzteren Möglichkeiten stellen uns die Aufgabe, die Umsetzung 
der psychischen Energien der Triebe in Affekte und ganz be- 
sonders in Angst als neues Triebschicksal ins Auge zu fassen. 

Wir erinnern uns, daß Motiv und Absicht der Verdrängung 
nichts anderes als die Vermeidung von Unlust war. Daraus folgt, 
daß das Schicksal des Affektbetrags der Repräsentanz bei weitem 
wichtiger ist als das der Vorstellung, und daß dies über die Be- 
urteilung des Verdrängungsvorganges entscheidet. Gelingt es einer 
Verdrängung nicht, die Entstehung von Unlustempfindungen oder 
Angst zu verhüten, so dürfen wir sagen, sie sei mißglückt, 
wenngleich sie ihr Ziel an dem Vorstellungsanteil erreicht haben 
mag. Natürlich wird die mißglückte Verdrängung mehr Anspruch 
auf unser Interesse erheben als die etwa geglückte, die sich zu- 
meist unserem Studium entziehen wird. 

Wir wollen nun Einblick in den Mechanismus des Verdrän- 
gungsvorganges gewinnen und vor allem wissen, ob es nur 
einen einzigen Mechanismus der Verdrängung gibt oder mehrere, 
und ob vielleicht jede der Psychoneurosen durch einen ihr eigen- 
tümlichen Mechanismus der Verdrängung ausgezeichnet ist. Zu 
Beginn dieser Untersuchung stoßen wir aber auf Komplikationen. 
Der Mechanismus einer Verdrängung wird uns nur zugänglich, 
wenn wir aus den Erfolgen der Verdrängung auf ihn zurück- 
schließen. Beschränken wir die Beobachtung auf die Erfolge an 
dem Vorstellungsanteil der Repräsentanz, so erfahren wir, daß 
die Verdrängung in der Regel eine Ersatzbildung schafft. 
Welches ist nun der Mechanismus einer solchen Ersatzbildung, 
oder gibt es hier auch mehrere Mechanismen zu unterscheiden? 
Wir wissen auch, daß die Verdrängung Symptome hinterläßt. 
Dürfen wir nun Ersatzbildung und Symptom bildung zusammen- 
fallen lassen, und wenn dies im Ganzen angeht, deckt sich der 
Mechanismus der Symptombildung mit dem der Verdrängung? 



r 



Die Verdrängung 197 



Die vorläufige Wahrscheinlichkeit scheint dafür zu sprechen, daß 
beide weit auseinandergehen, daß es nicht die Verdrängung selbst 
ist, welche Ersatzbildungen und Symptome schafft, sondern daß 
diese letzteren als Anzeichen einer Wiederkehr des Verdrängten 
ganz anderen Vorgängen ihr Entstehen verdanken. Es scheint 
sich auch zu empfehlen, daß man die Mechanismen der Ersatz- 
und Symptombildung vor denen der Verdrängung in Unter- 
suchung ziehe. 

Es ist klar, daß die Spekulation hier weiter nichts zu suchen 
hat, sondern durch die sorgfältige Analyse der bei den einzelnen 
Neurosen zu beobachtenden Erfolge der Verdrängung abgelöst 
werden muß. Ich muß aber den Vorschlag machen, auch diese 
Arbeit aufzuschieben, bis wir uns verläßliche Vorstellungen über 
das Verhältnis des Bewußten zum Unbewußten gebildet haben. 
Nur um die vorliegende Erörterung nicht ganz unfruchtbar 
ausgehen zu lassen, will ich vorwegnehmen, daß 1. der Mecha- 
nismus der Verdrängung tatsächlich nicht mit dem oder den 
Mechanismen der Ersatzbildung zusammenfällt, 2. daß es sehr 
verschiedene Mechanismen der Ersatzbildung gibt, und 3. daß 
den Mechanismen der Verdrängung wenigstens eines gemeinsam 
ist, die Entziehung der Energiebesetzung (oder Libido, 
wenn wir von Sexualtrieben handeln). 

Ich will auch unter Einschränkung auf die drei bekanntesten 
Psychoneurosen an einigen Beispielen zeigen, wie die hier ein- 
geführten Begriffe auf das Studium der Verdrängung Anwendung 
finden. Von der Angsthysterie werde ich das gut analysierte 
Beispiel einer Tierphobie wählen. Die der Verdrängung unter- 
liegende Triebregung ist eine libidinöse Einstellung zum Vater, 
gepaart mit der Angst vor demselben. Nach der Verdrängung 
ist diese Regung aus dem Bewußtsein geschwunden, der Vater 
kommt als Objekt der Libido nicht darin vor. Als Ersatz findet 
sich an analoger Stelle ein Tier, das sich mehr oder weniger gut 
zum Angstobjekt eignet. Die Ersatzbildung des Vorstellungsan- 






1 98 Metapsychologie 



teiles hat sich auf dem Wege der Verschiebung längs eines in 
bestimmter Weise determinierten Zusammenhanges hergestellt. 
Der quantitative Anteil ist nicht verschwunden, sondern hat sich 
in Angst umgesetzt. Das Ergebnis ist eine Angst vor dem Wolf 
an Stelle eines Liebesanspruches an den Vater. Natürlich reichen 
die hier verwendeten Kategorien nicht aus, um den Erklärungs- 
ansprüchen auch nur des einfachsten Falles von Psychoneurose 
zu genügen. Es kommen immer noch andere Gesichtspunkte in 
Betracht. 

Eine solche Verdrängung wie im Falle der Tierphobie darf 
als eine gründlich mißglückte bezeichnet werden. Das Werk der 
Verdrängung besteht nur in der Beseitigung und Ersetzung der 
Vorstellung, die Unlustersparnis ist überhaupt nicht gelungen. 
Deshalb ruht die Arbeit der Neurose auch nicht, sondern setzt 
sich in einem zweiten Tempo fort, um ihr nächstes, wichtigeres 
Ziel zu erreichen. Es kommt zur Bildung eines Fluchtversuches 
der eigentlichen Phobie, einer Anzahl von Vermeidungen, welche 
die Angstentbindung ausschließen sollen. Durch welchen Mecha- 
nismus die Phobie ans Ziel gelangt, können wir in einer spezielleren 
Untersuchung verstehen lernen. 

Zu einer ganz anderen Würdigung des Verdrängungsvorganges 
nötigt uns das Bild der echten Konversionshysterie. Hier ist 
das Hervorstechende, daß es gelingen kann, den Affektbetrag zum 
völligen Verschwinden zu bringen. Der Kranke zeigt dann gegen 
seine Symptome das Verhalten, welches Charcot n la belle indif- 
ference des hysteriques" genannt hat. Andere Male gelingt diese 
Unterdrückung nicht so vollständig, ein Anteil peinlicher Sensa- 
tionen knüpft sich an die Symptome selbst, oder ein Stück Angst- 
entbindung hat sich nicht vermeiden lassen, das seinerseits den 
Mechanismus der Phobiebildung ins Werk setzt. Der Vorstellungs- 
inhalt der Triebrepräsentanz ist dem Bewußtsein gründlich ent- 
zogen 5 als Ersatzbildung — und gleichzeitig als Symptom — 
findet sich eine überstarke — in den vorbildlichen Fällen soma- 






Die Verdrängung i99 



tische — Innervation, bald sensorischer, bald motorischer Natur, 
entweder als Erregung oder als Hemmung. Die überinnervierte 
Stelle erweist sich bei näherer Betrachtung als ein Stück der 
verdrängten Triebrepräsentanz selbst, welches wie durch Ver- 
dichtung die gesamte Besetzung auf sich gezogen hat. Natürlich 
decken auch diese Bemerkungen den Mechanismus einer Konver- 
sationshysterie nicht restlos auf; vor allem ist noch das Moment der 
Regression hinzuzufügen, das in anderem Zusammenhang ge- 
würdigt werden soll. 

Die Verdrängung der Hysterie kann als völlig mißglückt be- 
urteilt werden, insofern sie nur durch ausgiebige Ersatzbildungen 
ermöglicht worden ist; mit Bezug auf die Erledigung des Affekt- 
betrages, die eigentliche Aufgabe der Verdrängung, bedeutet sie 
aber in der Regel einen vollen Erfolg. Der Verdrängungsvorgang 
der Konversionshysterie ist dann auch mit der Symptombildung 
abgeschlossen und braucht sich nicht wie bei Angsthysterie zwei- 
zeitig — oder eigentlich unbegrenzt — fortzusetzen. 

Ein ganz anderes Ansehen zeigt die Verdrängung wieder bei 
der dritten Affektion, die wir zu dieser Vergleichung heran- 
ziehen, bei der Zwangsneurose. Hier gerät man zuerst in 
Zweifel, was man als die der Verdrängung unterliegende Reprä- 
sentanz anzusehen hat, eine libidinöse oder eine feindselige 
Strebung. Die Unsicherheit rührt daher, daß die Zwangsneurose 
auf der Voraussetzung einer Regression ruht, durch welche eine 
sadistische Strebung an die Stelle der zärtlichen getreten ist. 
Dieser feindselige Impuls gegen eine geliebte Person ist es, 
welcher der Verdrängung unterliegt. Der Effekt ist in einer 
ersten Phase der Verdrängungsarbeit ein ganz anderer als später. 
Zunächst hat diese vollen Erfolg, der Vorstellungsinhalt wird ab- 
gewiesen und der Affekt zum Verschwinden gebracht. Als Er- 
satzbildung findet sich eine Ichveränderurig, die Steigerung der 
Gewissenhaftigkeit, die man nicht gut ein Symptom heißen kann. 
Ersatz- und Symptombildung fallen hier auseinander. Hier erfährt 



200 



Metapsychologie 



man auch etwas über den Mechanismus der Verdrängung. Diese 
hat wie überall eine Libidoentziehung zu stände gebracht, aber 
sich zu diesem Zwecke der Reaktionsbildung durch Ver- 
stärkung eines Gegensatzes bedient. Die Ersatzbildung hat also 
hier denselben Mechanismus wie die Verdrängung und fällt im 
Grunde mit ihr zusammen, sie trennt sich aber zeitlich, wie be- 
grifflich, von der Symptombildung. Es ist sehr wahrscheinlich, 
daß das Ambivalenzverhältnis, in welches der zu verdrängende 
sadistische Impuls eingetragen ist, den ganzen Vorgang ermöglicht. 
Die anfänglich gute Verdrängung hält aber nicht Stand, im 
weiteren Verlaufe drängt sich das Mißglücken der Verdrängung 
immer mehr vor. Die Ambivalenz, welche die Verdrängung 
durch Reaktionsbildung gestattet hat, ist auch die Stelle, an 
welcher dem Verdrängten die Wiederkehr gelingt. Der ver- 
schwundene Affekt kommt in der Verwandlung zur sozialen 
Angst, Gewissensangst, Vorwurf ohne Ersparnis wieder; die ab- 
gewiesene Vorstellung ersetzt sich durch Verschiebungsersatz, 
oft durch Verschiebung auf Kleinstes, Indifferentes. Eine Tendenz 
zur intakten Herstellung der verdrängten Vorstellung ist meist 
unverkennbar. Das Mißglücken in der Verdrängung des quanti- 
tativen, affektiven Faktors bringt denselben Mechanismus der 
Flucht durch Vermeidungen und Verbote ins Spiel, den wir bei 
der Bildung der hysterischen Phobie kennen gelernt haben. Die 
Abweisung der Vorstellung vom Bewußten wird aber hartnäckig 
festgehalten, weil mit ihr die Abhaltung von der Aktion, die 
motorische Fesselung des Impulses, gegeben ist. So läuft die 
Verdrängungsarbeit der Zwangsneurose in ein erfolgloses und unab- 
6chließbares Ringen aus. 

Aus der kleinen, hier vorgebrachten Vergleichsreihe kann man 
sich die Überzeugung holen, daß es noch umfassender Unter- 
suchungen bedarf, ehe man hoffen kann, die mit der Verdrän- 
gung und neurotischen Symptombildung zusammenhängenden Vor- 
gänge zu durchschauen. Die außerordentliche Verschlungenheit 



Die Verdrängung 201 



aller in Betracht kommenden Momente läßt uns nur einen 
Weg zur Darstellung frei. Wir müssen bald den einen, bald den 
anderen Gesichtspunkt herausgreifen und ihn durch das Material 
hindurchverfolgen, solange seine Anwendung etwas zu leisten 
scheint. Jede einzelne dieser Bearbeitungen wird an sich unvoll- 
ständig sein und dort, Unklarheiten nicht vermeiden können, wo 
sie an das noch nicht Bearbeitete anrührt; wir dürfen aber 
hoffen, daß sich aus der endlichen Zusammensetzung ein gutes 
Verständnis ergeben wird. 






DAS UNBEWUSSTE 

Wir haben aus der Psychoanalyse erfahren, das Wesen des 
Prozesses der Verdrängung bestehe nicht darin, eine den Trieb 
repräsentierende Vorstellung aufzuheben, zu vernichten, sondern 
sie vom Bewußtwerden abzuhalten. Wir sagen dann, sie befinde 
sich im Zustande des „Unbewußten", und haben gute Beweise 
dafür vorzubringen, daß sie auch unbewußt Wirkungen äußern 
kann, auch solche, die endlich das Bewußtsein erreichen. Alles 
Verdrängte muß unbewußt bleiben, aber wir wollen gleich ein- 
gangs feststellen, daß das Verdrängte nicht alles Unbewußte 
deckt. Das Unbewußte hat den weiteren Umfang; das Verdrängte 
ist ein Teil des Unbewußten. 

Wie sollen wir zur Kenntnis des Unbewußten kommen? Wir 
kennen es natürlich nur als Bewußtes, nachdem es eine Um- 
setzung oder Übersetzung in Bewußtes erfahren hat. Die psycho- 
analytische Arbeit läßt uns alltäglich die Erfahrung machen, daß 
solche Übersetzung möglich ist. Es wird hiezu erfordert, daß der 
Analysierte gewisse Widerstände überwinde, die nämlichen, welche 
es seinerzeit durch Abweisung vom Bewußten zu einem Ver- 
drängten gemacht haben. 

/ 

Die Rechtfertigung des Unbewußten 

Die Berechtigung, ein unbewußtes Seelisches anzunehmen und 
mit dieser Annahme wissenschaftlich zu arbeiten, wird uns von 
vielen Seiten bestritten. Wir können dagegen anführen, daß die 
Annahme des Unbewußten notwendig und legitim ist, und 



Das Unbewußte 203 



daß wir für die Existenz des Unbewußten mehrfache Beweise 
besitzen. Sie ist notwendig, weil die Daten des Bewußtseins in 
hohem Grade lückenhaft sind $ sowohl bei Gesunden als bei 
Kranken kommen häufig psychische Akte vor, welche zu ihrer 
Erklärung andere Akte voraussetzen, für die aber das Bewußt- 
sein nicht zeugt. Solche Akte sind nicht nur die Fehlhandlungen 
und die Träume bei Gesunden, alles, was man psychische Sym- 
ptome und Zwangserscheinungen heißt, bei Kranken — unsere 
persönlichste tägliche Erfahrung macht uns mit Einfällen bekannt, 
deren Herkunft wir nicht kennen, und mit Denkresultaten, deren 
Ausarbeitung uns verborgen geblieben ist. Alle diese bewußten 
Akte blieben zusammenhanglos und unverständlich, wenn wir 
den Anspruch festhalten wollen, daß wir auch alles durchs Be- 
wußtsein erfahren müssen, was an seelischen Akten in uns vor- 
geht, und ordnen sich in einen aufzeigbaren Zusammenhang 
ein wenn wir die erschlossenen unbewußten Akte interpolieren. 
Gewinn an Sinn und Zusammenhang ist aber ein vollberechtigtes 
Motiv, das uns über, die unmittelbare Erfahrung hinaus führen 
darf. Zeigt es sich dann noch, daß wir auf die Annahme des 
Unbewußten ein erfolgreiches Handeln aufbauen können, durch 
welches wir den Ablauf der bewußten Vorgänge zweckdienlich 
beeinflussen, so haben wir in diesem Erfolg einen unanfecht- 
baren Beweis für die Existenz des Angenommenen gewonnen. 
Man muß sich dann auf den Standpunkt stellen, es sei nichts 
anderes als eine unhaltbare Anmaßung, zu fordern, daß alles, 
was im Seelischen vorgeht, auch dem Bewußtsein bekannt werden 



müsse. 



Man kann weiter gehen und zur Unterstützung eines unbe- 
wußten psychischen Zustandes anführen, daß das Bewußtsein in 
jedem Moment nur einen geringen Inhalt umfaßt, so daß der 
größte Teil dessen, was wir bewußte Kenntnis heißen, sich ohne- 
dies über die längsten Zeiten im Zustande der Latenz, also in 
einem Zustande von psychischer Unbewußtheit, befinden muß- 



r 



204, 



Metapsychologie 



Der Widerspruch gegen das Unbewußte würde mit Rücksicht 
auf alle unsere latenten Erinnerungen völlig unbegreiflich werden. 
Wir stoßen dann auf den Einwand, daß diese latenten Erinne- 
rungen nicht mehr als psychisch zu bezeichnen seien, sondern 
den Resten von somatischen Vorgängen entsprechen, aus denen 
das Psychische wieder hervorgehen kann. Es liegt nahe zu er- 
widern, die latente Erinnerung sei im Gegenteil ein unzweifel- 
hafter Rückstand eines psychischen Vorganges. Wichtiger ist es 
aber sich klarzumachen, daß der Einwand auf der nicht ausge- 
sprochenen, aber von vornherein fixierten Gleichstellung des Be- 
wußten mit dem Seelischen ruht. Diese Gleichstellung ist ent- 
weder eine petitio principii, welche die Frage, ob alles Psychische 
auch bewußt sein müsse, nicht zuläßt, oder eine Sache der Kon- 
vention, der Nomenklatur. In letzterem Charakter ist sie natür- 
lich wie jede Konvention unwiderlegbar. Es bleibt nur die Frage 
offen, ob sie sich als so zweckmäßig erweist, daß man sich ihr 
anschließen muß. Man darf antworten, die konventionelle Gleich- 
stellung des Psychischen mit dem Bewußten ist durchaus un- 
zweckmäßig. Sie zerreißt die psychischen Kontinuitäten, stürzt 
uns in die unlösbaren Schwierigkeiten des psychophysischen 
Parallelismus, unterliegt dem Vorwurf, daß sie ohne einsichtliche 
Begründung die Rolle des Bewußtseins überschätzt, und nötigt 
uns, das Gebiet der psychologischen Forschung vorzeitig zu ver- 
lassen, ohne uns von anderen Gebieten her Entschädigung bringen 
zu können. 

Immerhin ist es klar, daß die Frage, ob man die unabweis- 
baren latenten Zustände des Seelenlebens als unbewußte seelische 
oder als physische auffassen soll, auf einen Wortstreit hinauszu- 
laufen droht. Es ist darum ratsam, das in den Vordergrund zu 
rücken, was uns von der Natur dieser fraglichen Zustände mit 
Sicherheit bekannt ist. Nun sind sie uns nach ihren physischen 
Charakteren vollkommen unzugänglich; keine physiologische Vor- 
stellung, kein chemischer Prozeß kann uns eine Ahnung von 



Das Unbewußte 205 

ihrem Wesen vermitteln. Auf der anderen Seite steht fest, daß 
sie mit den bewußten seelischen Vorgängen die ausgiebigste Be- 
rührung haben; sie lassen sich mit einer gewissen Arbeitsleistung 
in sie umsetzen, durch sie ersetzen, und sie können mit all den 
Kategorien beschrieben werden, die wir auf die bewußten Seelen- 
akte anwenden, als Vorstellungen, Strebungen, Entschließungen 
u. dgl. Ja, von manchen dieser latenten Zustände müssen wir 
aussagen, sie unterscheiden sich von den bewußten eben nur 
durch den Wegfall des Bewußtseins. Wir werden also nicht 
zögern, sie als Objekte psychologischer Forschung und in innigstem 
Zusammenhang mit den bewußten seelischen Akten zu behandeln. 

Die hartnäckige Ablehnung des psychischen Charakters der 
latenten seelischen Akte erklärt sich daraus, daß die meisten der 
in Betracht kommenden Phänomene außerhalb der Psychoanalyse 
nicht Gegenstand des Studiums geworden sind. Wer die patho- 
logischen Tatsachen nicht kennt, die Fehlhandlungen der Nor- 
malen als Zufälligkeiten gelten läßt und sich bei der alten Weis- 
heit bescheidet, Träume seien Schäume, der braucht dann nur 
noch einige Rätsel der Bewußtseinspsychologie zu vernachlässigen, 
um sich die Annahme unbewußter seelischer Tätigkeit zu er- 
sparen. Übrigens haben die hypnotischen Experimente, besonders 
die posthypnotische Suggestion, Existenz und Wirkungsweise des 
seelisch Unbewußten bereits vor der Zeit der Psychoanalyse sinn- 
fällig demonstriert. 

Die Annahme des Unbewußten ist aber auch eine völlig 
legitime, insofern wir bei ihrer Aufstellung keinen Schritt von 
unserer gewohnten, für korrekt gehaltenen Denkweise abweichen. 
Das Bewußtsein vermittelt jedem einzelnen von uns nur die 
Kenntnis von eigenen Seelenzuständen $ daß auch ein anderer 
Mensch ein Bewußtsein hat, ist ein Schluß, der per analogiam 
auf Grund der wahrnehmbaren Äußerungen und Handlungen 
dieses anderen gezogen wird, um uns dieses Benehmen des an- 
deren verständlich zu machen. (Psychologisch richtiger ist wohl 



20 6 Metapsychologie 




die Beschreibung, daß wir ohne besondere Überlegung jedem 
anderen außer uns unsere eigene Konstitution, und also auch 
unser Bewußtsein, beilegen, und daß diese Identifizierung die 
Voraussetzung unseres Verständnisses ist.) Dieser Schluß — oder 
diese Identifizierung — wurde einst vom Ich auf andere Men- 
schen, Tiere, Pflanzen, Unbelebtes und auf das Ganze der Welt 
ausgedehnt und erwies sich als brauchbar, solange die Ähnlich- 
keit mit dem Einzel-Ich eine überwältigend große war, wurde 
aber in dem Maße unverläßlicher, als sich das Andere vom Ich 
entfernte. Unsere heutige Kritik wird bereits beim Bewußtsein 
der Tiere unsicher, verweigert sich dem Bewußtsein der Pflanzen 
und weist die Annahme eines Bewußtseins des Unbelebten der 
Mystik zu. Aber auch, wo die ursprüngliche Identifizierungs- 
neigung die kritische Prüfung bestanden hat, bei dem uns 
nächsten menschlichen Anderen, ruht die Annahme eines Be- 
wußtseins auf einem Schluß und kann nicht die unmittelbare 
Sicherheit unseres eigenen Bewußtseins teilen. 

Die Psychoanalyse fordert nun nichts anderes, als daß dieses 
Schluß verfahren auch gegen die eigene Person gewendet werde 
wozu eine konstitutionelle Neigung allerdings nicht besteht. Geht 
man so vor, so muß man sagen, alle die Akte und Äußerungen, 
die ich an mir bemerke und mit meinem sonstigen psychischen 
Leben nicht zu verknüpfen weiß, müssen beurteilt werden, als 
ob sie einer anderen Person angehörten, und sollen durch ein 
ihr zugeschriebenes Seelenleben Aufklärung finden. Die Erfahrung 
zeigt auch, daß man dieselben Akte, denen man bei der eigenen 
Person die psychische Anerkennung verweigert, bei anderen sehr 
wohl zu deuten d. h. in den seelischen Zusammenhang einzu- 
reihen versteht. Unsere Forschung wird hier offenbar durch ein 
besonderes Hindernis von der eigenen Person abgelenkt und an 
deren richtiger Erkenntnis behindert. 

Dies trotz inneren Widerstrebens gegen die eigene Person ge- 
wendete Schlußverfahren führt nun nicht zur Aufdeckung eines 



■L 






Das Unbewußte 207 



Unbewußten, sondern korrekterweise zur Annahme eines anderen 
zweiten Bewußtseins, welches mit dem mir Bekannten in meiner 
Person vereinigt ist. Allein hier findet die Kritik berechtigten 
Anlaß, einiges einzuwerfen. Erstens ist ein Bewußtsein, von dem 
der eigene Träger nichts weiß, noch etwas anderes als ein 
fremdes Bewußtsein, und es wird fraglich, ob ein solches Be- 
wußtsein, dem der wichtigste Charakter abgeht, überhaupt noch 
Diskussion verdient. Wer sich gegen die Annahme eines unbe- 
wußten Psychischen gesträubt hat, der wird nicht zufrieden sein 
können, dafür ein unbewußtes Bewußtsein einzutauschen. 
Zweitens weist die Analyse darauf hin, daß die einzelnen latenten 
Seelenvorgänge, die wir erschließen, sich eines hohen Grades von 
gegenseitiger Unabhängigkeit erfreuen, so als ob sie miteinander 
nicht in Verbindung stünden und nichts voneinander wüßten. 
Wir müssen also bereit sein, nicht nur ein zweites Bewußtsein 
in uns anzunehmen, sondern auch ein drittes, viertes, vielleicht 
eine unabschließbare Reihe von Bewußtseinszuständen, die sämt- 
lich uns und miteinander unbekannt sind. Drittens kommt als 
schwerstes Argument in Betracht, daß wir durch die analytische 
Untersuchung erfahren, ein Teil dieser latenten Vorgänge besitze 
Charaktere und Eigentümlichkeiten, welche uns fremd, selbst un- 
glaublich erscheinen und den uns bekannten Eigenschaften des 
Bewußtseins direkt zuwiderlaufen. Somit werden wir Grund haben, 
den gegen die eigene Person gewendeten Schluß dahin abzu- 
ändern, er beweise uns nicht ein zweites Bewußtsein in uns, 
sondern die Existenz von psychischen Akten, welche des Bewußt- 
seins entbehren. Wir werden auch die Bezeichnung eines „Unter- 
bewußtseins" als inkorrekt und irreführend ablehnen dürfen. Die 
bekannten Fälle von „double conscience" (Bewußtseinsspaltung) 
beweisen nichts gegen unsere Auffassung. Sie lassen sich am zu- 
treffendsten beschreiben als Fälle von Spaltung der seelischen Tätig- 
keiten in zwei Gruppen, wobei sich dann das nämliche Bewußt- 
sein alternierend dem einen oder dem anderen Lager ( zuwendet. 






2 o 8 Metapsychologie 



Es bleibt uns in der Psychoanalyse gar nichts anderes übrig, 
als die seelischen Vorgänge für an sich unbewußt zu erklären 
und ihre Wahrnehmung durch das Bewußtsein mit der Wahr- 
nehmung der Außenwelt durch die Sinnesorgane zu vergleichen. 
Wir hoffen sogar aus diesem Vergleich einen Gewinn für unsere 
Erkenntnis zu ziehen. Die psychoanalytische Annahme der un- 
bewußten Seelentätigkeit erscheint uns einerseits als eine weitere 
Fortbildung des primitiven Animismus, der uns überall Ebenbilder 
unseres Bewußtseins vorspiegelte, und anderseits als die Fort- 
setzung der Korrektur, die Kant an unserer Auffassung der 
äußeren Wahrnehmung vorgenommen hat. Wie Kant uns ge- 
warnt hat, die subjektive Bedingtheit unserer Wahrnehmung 
nicht zu übersehen und unsere Wahrnehmung nicht für identisch 
mit dem unerkennbaren Wahrgenommenen zu halten, so mahnt 
die Psychoanalyse, die Bewußtseinswahrnehmung nicht an die 
Stelle des unbewußten psychischen Vorganges zu setzen, -welcher 
ihr Objekt ist. Wie das Physische, so braucht auch das Psychische 
nicht in Wirklichkeit so zu sein, wie es uns erscheint. Wir 
werden uns aber mit Befriedigung auf die Erfahrung vorbereiten, 
daß die Korrektur der inneren Wahrnehmung nicht ebenso große 
Schwierigkeit bietet wie die der äußeren, daß das innere Objekt 
minder unerkennbar ist als die Außenwelt. 

II 

Die Vieldeutigkeit des Unbewußten und 
der topische Gesichtspunkt 

Ehe wir weitergehen, wollen wir die wichtige, aber auch be- 
schwerliche Tatsache feststellen, daß die Unbewußtheit nur ein 
Merkmal des Psychischen ist, welches für dessen Charakteristik 
keineswegs ausreicht. Es gibt psychische Akte von sehr ver- 
schiedener Dignität, die doch in dem Charakter, unbewußt zu 
sein, übereinstimmen. Das Unbewußte umfaßt einerseits Akte, 
die bloß latent, zeitweilig unbewußt sind, sich aber sonst von 



^ 



T 



Das Unbewußte 



209 



den bewußten in nichts unterscheiden, und anderseits Vorgänge 
wie die verdrängten, die, wenn sie bewußt würden, sich von 
den übrigen bewußten aufs grellste abheben müßten. Es würde 
allen Mißverständnissen ein Ende machen, wenn wir von nun 
an bei der Beschreibung der verschiedenartigen psychischen Akte 
ganz davon absehen würden, ob sie bewußt oder unbewußt sind, 
und sie bloß nach ihrer Beziehung zu den Trieben und Zielen, 
nach ihrer Zusammensetzung und Angehörigkeit zu den einander 
übergeordneten psychischen Systemen klassifizieren und in Zu- 
sammenhang bringen würden. Dies ist aber aus verschiedenen 
Gründen undurchführbar, und somit können wir der Zweideutig- 
keit nicht entgehen, daß wir die Worte bewußt und unbewußt 
bald im deskriptiven Sinne gebrauchen, bald im systematischen, 
wo sie dann Zugehörigkeit zu bestimmten Systemen und Be- 
gabung mit gewissen Eigenschaften bedeuten. Man könnte noch 
den Versuch machen, die Verwirrung dadurch zu vermeiden, daß 
man die erkannten psychischen Systeme mit willkürlich gewählten 
Namen bezeichnet, in denen die Bewußtheit nicht gestreift wird. 
Allein man müßte vorher Rechenschaft ablegen, worauf man die 
Unterscheidung der Systeme gründet, und könnte dabei die Be- 
wußtheit nicht umgehen, da sie den Ausgangspunkt aller unserer 
Untersuchungen bildet. Wir können vielleicht einige Abhilfe von 
dem Vorschlag erwarten, wenigstens in der Schrift Bewußtsein 
durch die Darstellung Bw und Unbewußtes durch die ent- 
sprechende Abkürzung Ubw zu ersetzen, wenn wir die beiden 
Worte im systematischen Sinne gebrauchen. 

In positiver Darstellung sagen wir nun als Ergebnis der 
Psychoanalyse aus, daß ein psychischer Akt im allgemeinen zwei 
Zustandsphasen durchläuft, zwischen welche eine Art Prüfung 
(Zensur) eingeschaltet ist. In der ersten Phase ist er unbewußt 
und gehört dem System Ubw an; wird er bei der Prüfung von 
der Zensur abgewiesen, so ist ihm der Übergang in die zweite 
Phase versagt; er heißt dann „verdrängt" und muß unbewußt 



Freud, Technik 



H 



CIO 



Metapsychologie 



bleiben. Besteht er aber diese Prüfung, so tritt er in die zweite 
Phase ein und wird dem zweiten System zugehörig, welches wir 
das System Bw nennen wollen. Sein Verhältnis zum Bewußtsein 
ist aber durch diese Zugehörigkeit noch nicht eindeutig bestimmt. 
Er ist noch nicht bewußt, wohl aber bewußtseinsfähig (nach 
dem Ausdruck von J. Breuer), d. h. er kann nun ohne be- 
sonderen Widerstand beim Zutreffen gewisser Bedingungen Objekt 
des Bewußtseins werden. Mit Rücksicht auf diese Bewußtseins- 
fähigkeit heißen wir das System Bw auch das „Vorbewußte". 
Sollte es sich herausstellen, daß auch das Bewußtwerden des 
Vorbewußten durch eine gewisse Zensur mitbestimmt wird, so 
werden wir die Systeme Vbw und Bw strenger voneinander 
sondern. Vorläufig genüge es festzuhalten, daß das System Vbw 
die Eigenschaften des Systems Bw teilt, und daß die strenge 
Zensur am Übergang vom Ubw zum Vbw (oder Bw) ihres 
Amtes waltet. 

Mit der Aufnahme dieser (zwei oder drei) psychischen Systeme 
hat sich die Psychoanalyse einen Schritt weiter von der deskrip- 
tiven Bewußtseinspsychologie entfernt, sich eine neue Fragestel- 
lung und einen neuen Inhalt beigelegt. Sie unterschied sich von 
der Psychologie bisher hauptsächlich durch die dynamische 
Auffassung der seelischen Vorgänge; nun kommt hinzu, daß sie 
auch die psychische Topik berücksichtigen und von einem be- 
liebigen seelischen Akt angeben will, innerhalb welchen Systems 
oder zwischen welchen Systemen er sich abspielt. Wegen dieses 
Bestrebens hat sie auch den Namen einer Tiefenpsychologie 
erhalten. Wir werden hören, daß sie auch noch um einen anderen 
Gesichtspunkt bereichert werden kann. 

Wollen wir mit einer Topik der seelischen Akte Ernst machen, 
so müssen wir unser Interesse einer an dieser Stelle auftauchen- 
den Zweifelfrage zuwenden. Wenn ein psychischer Akt (be- 
schränken wir uns hier auf einen solchen von der Natur einer 
Vorstellung) die Umsetzung aus dem System Ubw in das System 



Das Unbewußte 211 



Bw (oder Vbw) erfährt, sollen wir annehmen, daß mit dieser 
Umsetzung eine neuerliche Fixierung, gleichsam eine zweite 
Niederschrift der betreffenden Vorstellung verbunden ist, die also 
auch in einer neuen psychischen Lokalität enthalten sein kann, 
und neben welcher die ursprüngliche unbewußte Niederschrift 
fortbesteht? Oder sollen wir eher glauben, daß die Umsetzung 
in einer Zustandsänderung besteht, welche sich an dem näm- 
lichen Material und an derselben Lokalität vollzieht? Diese Frage 
kann abstrus erscheinen, muß aber aufgeworfen werden, wenn 
wir uns von der psychischen Topik, der psychischen Tiefen- 
dimension, eine bestimmtere Idee bilden wollen. Sie ist schwierig, 
weil sie über das rein Psychologische hinausgeht und die Be- 
ziehungen des seelischen Apparates zur Anatomie streift. Wir 
wissen, daß solche Beziehungen im Gröbsten existieren. Es ist 
ein unerschütterliches Resultat der Forschung, daß die seelische 
Tätigkeit an die Funktion des Gehirns gebunden ist wie an kein 
anderes Organ. Ein Stück weiter — es ist nicht bekannt, wie 
weit — führt die Entdeckung von der Ungleichwertigkeit der 
Gehirnteile und deren Sonderbeziehung zu bestimmten Körper- 
teilen und geistigen Tätigkeiten. Aber alle Versuche, von da aus 
eine Lokalisation der seelischen Vorgänge zu erraten, alle Be- 
mühungen, die Vorstellungen in Nervenzellen aufgespeichert zu 
denken und die Erregungen auf Nervenfasern wandern zu lassen, 
sind gründlich gescheitert. Dasselbe Schicksal würde einer Lehre 
bevorstehen, die etwa den anatomischen Ort des Systems Bw, der 
bewußten Seelentätigkeit, in der Hirnrinde erkennen und die 
unbewußten Vorgänge in die subkortikalen Hirnpartien ver- 
setzen wollte. Es klafft hier eine Lücke, deren Ausfüllung der- 
zeit nicht möglich ist, auch nicht zu den Aufgaben der Psycho- 
logie gehört. Unsere psychische Topik hat vorläufig nichts mit 
der Anatomie zu tun; sie bezieht sich auf Regionen des seeli- 
schen Apparats, wo immer sie im Körper gelegen sein mögen, 
und nicht auf anatomische Ortlichkeiten. 



2152 



Metapsychologie 



Unsere Arbeit ist also in dieser Hinsicht frei und darf nach 
ihren eigenen Bedürfnissen vorgehen. Es wird auch förderlich 
sein, wenn wir uns daran mahnen, daß unsere Annahmen zu- 
nächst nur den Wert von Veranschaulichungen beanspruchen. 
Die erstere der beiden in Betracht gezogenen Möglichkeiten , 
nämlich daß die bw Phase der Vorstellung eine neue, an anderem 
Orte befindliche Niederschrift derselben bedeute, ist unzweifelhaft 
die gröbere, aber auch die bequemere. Die zweite Annahme, die 
einer bloß funktionellen Zustandsänderung, ist die von vorn- 
herein wahrscheinlichere, aber sie ist minder plastisch, weniger 
leicht zu handhaben. Mit der ersten, der topischen Annahme ist 
die einer topischen Trennung der Systeme Ubw und Bw und 
die Möglichkeit verknüpft, daß eine Vorstellung gleichzeitig an 
zwei Stellen des psychischen Apparats vorhanden sei, ja, daß sie, 
wenn durch die Zensur ungehemmt, regelmäßig von dem einen 
Ort an den anderen vorrücke, eventuell, ohne ihre erste Nieder- 
lassung oder Niederschrift zu verlieren. Das mag befremdlich 
aussehen, kann sich aber an Eindrücke aus der psychoanalytischen 
Praxis anlehnen. 

Wenn man einem Patienten eine seinerzeit von ihm ver- 
drängte Vorstellung, die man erraten hat, mitteilt, so ändert dies 
zunächst an seinem psychischen Zustand nichts. Es hebt vor 
allem nicht die Verdrängung auf, macht deren Folgen nicht 
rückgängig, wie man vielleicht erwarten konnte, weil die früher 
unbewußte Vorstellung nun bewußt geworden ist. Man wird im 
Gegenteil zunächst nur eine neuerliche Ablehnung der ver- 
drängten Vorstellung erzielen. Der Patient hat aber jetzt tat- 
sächlich dieselbe Vorstellung in zweifacher Form an verschiedenen 
Stellen seines seelischen Apparats, erstens hat er die bewußte 
Erinnerung an die Gehörspur der Vorstellung durch die Mit- 
teilung, zweitens trägt er daneben, wie wir mit Sicherheit wissen, 
die unbewußte Erinnerung an das Erlebte in der früheren Form 
in sich. In Wirklichkeit tritt nun eine Aufhebung der Verdrän- 



j. 



Das Unbewußte <lix 



gung nicht eher ein, als bis die bewußte Vorstellung sich nach 
Überwindung der Widerstände mit der unbewußten Erinnerungs- 
spur in Verbindung gesetzt hat. Erst durch das Bewußtmachen 
dieser letzteren selbst wird der Erfolg erreicht. Damit schiene ja 
für oberflächliche Erwägung erwiesen, daß bewußte und unbe- 
wußte Vorstellungen verschiedene und topisch gesonderte Nieder- 
schriften des nämlichen Inhaltes sind. Aber die nächste Über- 
legung zeigt, daß die Identität der Mitteilung mit der ver- 
drängten Erinnerung des Patienten nur eine scheinbare ist. Das 
Gehörthaben und das Erlebthaben sind zwei nach ihrer psycho- 
logischen Natur ganz verschiedene Dinge, auch wenn sie den 
nämlichen Inhalt haben. 

Wir sind also zunächst nicht imstande, zwischen den beiden 
erörterten Möglichkeiten zu entscheiden. Vielleicht treffen wir 
späterhin auf Momente, welche für eine von beiden den Aus- 
schlag geben können. Vielleicht steht uns die Entdeckung bevor, 
daß unsere Fragestellung unzureichend war, und daß die Unter- 
scheidung der unbewußten Vorstellung von der bewußten noch 
ganz anders zu bestimmen ist. 

III 

Unbewußte Gefühle 

Wir haben die vorstehende Diskussion auf Vorstellungen ein- 
geschränkt und können nun eine neue Frage aufwerfen, deren 
Beantwortung zur Klärung unserer theoretischen Ansichten bei- 
tragen muß. Wir sagten, es gäbe bewußte und unbewußte Vor- 
stellungen; gibt es aber auch unbewußte Triebregungen, Gefühle, 
Empfindungen, oder ist es diesmal sinnlos, solche Zusammen- 
setzungen zu bilden? 

Ich meine wirklich, der Gegensatz von Bewußt und Unbewußt 
hat auf den Trieb keine Anwendung. Ein Trieb kann nie Ob- 
jekt des Bewußtseins werden, nur die Vorstellung, die ihn re- 
präsentiert. Er kann aber auch im Unbewußten nicht anders als 






Bi/j, Metapsychohgie 



durch die Vorstellung repräsentiert sein. Würde der Trieb sich 
nicht an eine Vorstellung heften oder nicht als ein Affektzustand 
zum Vorschein kommen, so könnten wir nichts von ihm wissen. 
Wenn wir aber doch von einer unbewußten Triebregung oder 
einer verdrängten Triebregung reden, so ist dies eine harmlose 
Nachlässigkeit des Ausdrucks. Wir können nichts anderes meinen 
als eine Triebregung, deren Vorstellungsrepräsentanz unbewußt 
ist, denn etwas anderes kommt nicht in Betracht. 

Man sollte meinen, die Antwort auf die Frage nach den un- 
bewußten Empfindungen, Gefühlen, Affekten sei ebenso leicht zu 
geben. Zum Wesen eines Gefühls gehört es doch, daß es ver- 
spürt, also dem Bewußtsein bekannt wird. Die Möglichkeit einer 
Unbewußtheit würde also für Gefühle, Empfindungen, Affekte 
völlig entfallen. Wir sind aber in der psychoanalytischen Praxis 
gewöhnt, von unbewußter Liebe, Haß, Wut usw. zu sprechen 
und finden selbst die befremdliche Vereinigung „unbewußtes 
Schuldbewußtsein" oder eine paradoxe „unbewußte Angst" un- 
vermeidlich. Geht dieser Sprachgebrauch an Bedeutung über den 
im Falle des „unbewußten Triebes" hinaus? 

Der Sachverhalt ist hier wirklich ein anderer. Es kann zu- 
nächst vorkommen, daß eine Affekt- oder Gefühlsregung wahr- 
genommen, aber verkannt wird. Sie ist durch die Verdrängung 
ihrer eigentlichen Repräsentanz zur Verknüpfung mit einer an- 
deren Vorstellung genötigt worden und wird nun vom Bewußt- 
sein für die Äußerung dieser letzteren gehalten. Wenn wir den 
richtigen Zusammenhang wieder herstellen, heißen wir die ur- 
sprüngliche Affektregung eine „unbewußte", obwohl ihr Affekt nie- 
mals unbewußt war, nur ihre Vorstellung der Verdrängung erlegen 
ist. Der Gebrauch der Ausdrücke „unbewußter Affekt und unbe- 
wußtes Gefühl" weist überhaupt auf die Schicksale des quantitativen 
Faktors der Triebregung infolge der Verdrängung zurück (siehe 
die Abhandlung über Verdrängung). Wir wissen, daß dies Schick- 
sal ein dreifaches sein kann 5 der Affekt bleibt entweder — ganz 



1 



Das Unbewußte 215 



oder teilweise — als solcher bestehen, oder er erfährt eine Ver- 
wandlung in einen qualitativ anderen Affektbetrag, vor allem in 
Angst, oder er wird unterdrückt, d. h. seine Entwicklung über- 
haupt verhindert. (Diese Möglichkeiten sind an der Traumarbeit 
vielleicht noch leichter zu studieren als bei den Neurosen.) Wir 
wissen auch, daß die Unterdrückung der Affektentwicklung das 
eigentliche Ziel der Verdrängung ist, und daß deren Arbeit un- 
abgeschlossen bleibt, wenn das Ziel nicht erreicht wird. In allen 
Fällen, wo der Verdrängung die Hemmung der Affektentwick- 
lung gelingt, heißen wir die Affekte, die wir im Redressement 
der Verdrängungsarbeit wieder einsetzen, „unbewußte". Dem 
Sprachgebrauch ist also die Konsequenz nicht abzustreiten 5 es 
besteht aber im Vergleiche mit der unbewußten Vorstellung der 
bedeutsame Unterschied, daß die unbewußte Vorstellung nach 
der Verdrängung als reale Bildung im System Ubw bestehen 
bleibt, während dem unbewußten Affekt ebendort nur eine An- 
satzmöglichkeit, die nicht zur Entfaltung kommen durfte, ent- 
spricht. Streng genommen und obwohl der Sprachgebrauch tadel- 
los bleibt, gibt es also keine unbewußten Affekte, wie es unbe- 
wußte Vorstellungen gibt. Es kann aber sehr wohl im System 
Ubw Affektbildungen geben, die wie andere bewußt werden. Der 
ganze Unterschied rührt daher, daß Vorstellungen Besetzungen 
— im Grunde von Erinnerungsspuren — sind, während die 
Affekte und Gefühle Abfuhrvorgängen entsprechen, deren letzte 
Äußerungen als Empfindungen wahrgenommen werden. Im 
gegenwärtigen Zustand unserer Kenntnis von den Affekten und 
Gefühlen können wir diesen Unterschied nicht klarer ausdrücken. 
Die Feststellung, daß es der Verdrängung gelingen kann, die 
Umsetzung der Triebregung in Affektäußerung zu hemmen, ist 
für uns von besonderem Interesse. Sie zeigt uns, daß das System 
Bw normalerweise die Affektivität wie den Zugang zur Motilität 
beherrscht, und hebt den Wert der Verdrängung, indem sie als 
deren Folgen nicht nur die Abhaltung vom Bewußtsein, sondern 









2 1 6 Metapsychologie 



auch von der Affektentwicklung und von der Motivierung der 
Muskeltätigkeit aufzeigt. Wir können auch in umgekehrter Dar- 
stellung sagen: Solange das System Bw Affektivität und Motili- 
tät beherrscht, heißen wir den psychischen Zustand des Individuums 
normal. Indes ist ein Unterschied in der Beziehung des herrschenden 
Systems zu den beiden einander nahe stehenden Abfuhraktionen 
unverkennbar. 1 Während die Herrschaft des Bw über die will- 
kürliche Motilität fest gegründet ist, dem Ansturm der Neurose 
regelmäßig widersteht und erst in der Psychose zusammenbricht, 
ist die Beherrschung der Affektentwicklung durch Bw minder 
gefestigt. Noch innerhalb des normalen Lebens läßt sich ein be- 
ständiges Ringen der beiden Systeme Bw und TJbw um den 
Primat in der Affektivität erkennen, grenzen sich gewisse Ein- 
flußsphären voneinander ab und stellen sich Vermengungen der 
wirksamen Kräfte her. 

Die Bedeutung des Systems Bw (Vbw) für die Zugänge zur 
Affektentbindung und Aktion macht uns auch die Rolle ver- 
ständlich, welche in der Krankheitsgestaltung der Ersatzvorstellung 
zufällt. Es ist möglich, daß die Affektentwicklung direkt vom 
System Ubw ausgeht, in diesem Falle hat sie immer den Charakter 
der Angst, gegen welche alle „verdrängten" Affekte* eingetauscht 
werden. Häufig aber muß die Triebregung warten, bis sie eine 
Ersatz Vorstellung im System Bw gefunden hat. Dann ist die 
Affektentwicklung von diesem bewußten Ersatz her ermöglicht 
und der qualitative Charakter des Affekts durch dessen Natur 
bestimmt. Wir haben behauptet, daß bei der Verdrängung eine 
Trennung des Affekts von seiner Vorstellung stattfindet, worauf 
beide ihren gesonderten Schicksalen entgegengehen. Das ist des- 
kriptiv unbestreitbar; der wirkliche Vorgang aber ist in der Regel, 



i) Die Affektivität äußert sich wesentlich in motorischer (sekretorischer, gefäß- 
regulierender) Abfuhr zur (inneren) Veränderung des eigenen Körpers ohne Be- 
ziehung zur Außenwelt, die Motilität in Aktionen, die zur Veränderung der Außen- 
welt bestimmt sind. 



Das Unbewußte 217 



daß ein Affekt so lange nicht zu stände kommt, bis nicht der 
Durchbruch zu einer neuen Vertretung im System Bw gelungen ist. 

Topik und Dynamik der Verdrängung 

Wir haben das Resultat erhalten, daß die Verdrängung im 
wesentlichen ein Vorgang ist, der sich an Vorstellungen an der 
Grenze der Systeme Ubw und Vbw (Bw) vollzieht, und können 
nun einen neuerlichen Versuch machen, diesen Vorgang eingehender 
zu beschreiben. Es muß sich dabei um eine Entziehung von 
Besetzung handeln, aber es fragt sich, in welchem System findet 
die Entziehung statt, und welchem System gehört die entzogene 

Besetzung an. 

Die verdrängte Vorstellung bleibt im Ubw aktionsfähig ; sie 
muß also ihre Besetzung behalten haben. Das Entzogene muß 
etwas anderes sein. Nehmen wir den Fall der eigentlichen Ver- 
drängung vor (des Nachdrängens), wie sie sich an der vorbe- 
wußten oder selbst bereits bewußten Vorstellung abspielt, dann 
kann die Verdrängung nur darin bestehen, daß der Vorstellung 
die (vor) bewußte Besetzung entzogen wird, die dem System Vbw 
angehört. Die Vorstellung bleibt dann unbesetzt oder sie erhält 
Besetzung vom Ubw her, oder sie behält die ubw Besetzung, 
die sie schon früher hatte. Also Entziehung der vorbewußten, 
Erhaltung der unbewußten Besetzung oder Ersatz der vorbe- 
wußten Besetzung durch eine unbewußte. Wir bemerken übrigens, 
daß wir dieser Betrachtung wie unabsichtlich die Annahme zu 
Grunde gelegt haben, der Übergang aus dem System Ubw in 
ein nächstes geschehe nicht durch eine neue Niederschrift, 
sondern durch eine Zustandsänderung, einen Wandel in der Be- 
setzung. Die funktionale Annahme hat hier die topische mit 
leichter Mühe aus dem Felde geschlagen. 

Dieser Vorgang der Libidoentziehung reicht aber nicht aus, 
um einen arideren Charakter der Verdrängung begreiflich zu 






2 1 8 Metapsychologie 



machen. Es ist nicht einzusehen, warum die besetzt gebliebene 
oder vom Ubw her mit Besetzung versehene Vorstellung nicht 
den Versuch erneuern sollte, kraft ihrer Besetzung in das System 
Vbw einzudringen. Dann müßte sich die Libidoentziehung an 
ihr wiederholen, und dasselbe Spiel würde sich unabgeschlossen 
fortsetzen, das Ergebnis aber nicht das der Verdrängung sein. 
Ebenso würde der besprochene Mechanismus der Entziehung 
vorbewußter Besetzung versagen, wenn es sich um die Darstellung 
der Urverdrängung handelt; in diesem Falle liegt ja eine unbe- 
wußte Vorstellung vor, die noch keine Besetzung vom Vbw er- 
halten hat, der eine solche also auch nicht entzogen werden kann. 
Wir bedürfen also hier eines anderen Vorganges, welcher im 
ersten Falle die Verdrängung unterhält, im zweiten ihre Her- 
stellung und Fortdauer besorgt, und können diesen nur in der 
Annahme einer Gegenbesetzung finden, durch welche sich das 
System Vbw gegen das Andrängen der unbewußten Vorstellung 
schützt. Wie sich eine solche Gegenbesetzung, die im System Vbw 
vor sich geht, äußert, werden wir an klinischen Beispielen sehen. 
Sie ist es, welche den Daueraufwand einer Urverdrängung 
repräsentiert, aber auch deren Dauerhaftigkeit verbürgt. Die 
Gegenbesetzung ist der alleinige Mechanismus der Urverdrängung; 
bei der eigentlichen Verdrängung (dem Nachdrängen) kommt 
die Entziehung der vbw Besetzung hinzu. Es ist sehr wohl 
möglich, daß gerade die der Vorstellung entzogene Besetzung zur 
Gegenbesetzung verwendet wird. 

Wir merken, wie wir allmählich dazu gekommen sind, in der 
Darstellung psychischer Phänomene einen dritten Gesichtspunkt 
zur Geltung zu bringen, außer dem dynamischen und dem 
topischen den ökonomischen, der die Schicksale der Erregungs- 
größen zu verfolgen und eine wenigstens relative Schätzung 
derselben zu gewinnen strebt. Wir werden es nicht unbillig 
finden, die Betrachtungsweise, welche die Vollendung der psycho- 
analytischen Forschung ist, durch einen besonderen Namen aus- 




Das Unbewußte 21 9 



zuzeichnen. Ich schlage vor, daß es eine metapsychologische 
Darstellung genannt werden soll, wenn es uns gelingt, einen 
psychischen Vorgang nach seinen dynamischen, topischen und 
ökonomischen Beziehungen zu beschreiben. Es ist vorherzu- 
sagen, daß es uns bei dem gegenwärtigen Stand unserer Ein- 
sichten nur an vereinzelten Stellen gelingen wird. 

Machen wir einen zaghaften Versuch, eine metapsychologische 
Beschreibung des Verdrängungsvorganges bei den drei bekannten 
Übertragungsneurosen zu geben. Wir dürfen dabei „Besetzung' 
durch „Libido" ersetzen, weil es sich ja, wie wir wissen, um 
die Schicksale von Sexualtrieben handelt. 

Eine erste Phase des Vorganges bei der Angsthysterie wird 
häufig übersehen, vielleicht auch wirklich übergangen, ist aber 
bei sorgfältiger Beobachtung gut kenntlich. Sie besteht darin, 
daß Angst auftritt, ohne daß wahrgenommen würde, wovor. Es 
ist anzunehmen, daß im Ubw eine Liebesregung vorhanden war, 
die nach der Umsetzung ins System Vbw verlangte ; aber die 
von diesem System her ihr zugewendete Besetzung zog sich 
nach Art eines Fluchtversuches von ihr zurück, und die unbe- 
wußte Libidobesetzung der zurückgewiesenen Vorstellung wurde 
als Angst abgeführt. Bei einer etwaigen Wiederholung des Vor- 
ganges wurde ein erster Schritt zur Bewältigung der unliebsamen 
Angstentwicklung unternommen. Die fliehende Besetzung wendete 
sich einer Ersatzvorstellung zu, die einerseits assoziativ mit der 
abgewiesenen Vorstellung zusammenhing, anderseits durch die 
Entfernung von ihr der Verdrängung entzogen war (Verschiebungs- 
ersatz) und eine Rationalisierung der noch unhemmbaren Angst- 
entwicklung gestattete. Die Ersatzvorstellung spielt nun für das 
System Bw (Vbw) die Rolle einer Gegenbesetzung, indem sie 
es gegen das Auftauchen der verdrängten Vorstellung im Bw 
versichert, anderseits ist sie die Ausgangsstelle der nun erst recht 
unhemmbaren Angstaffektentbindung oder benimmt sich als solche. 
Die klinische Beobachtung zeigt, daß z. B. das an der Tierphobie 



220 Metapsychologie 



leidende Kind nun unter zweierlei Bedingungen Angst verspürt, 
erstens wenn die verdrängte Liebesregung eine Verstärkung er- 
fährt, und zweitens wenn das Angsttier wahrgenommen wird. 
Die Ersatzvorstellung benimmt sich in dem einen Falle wie die 
Stelle einer Überleitung aus dem System Ubw in das System Bw 
im anderen wie eine selbständige Quelle der Angstentbindung. 
Die Ausdehnung der Herrschaft des Systems Bw pflegt sich 
darin zu äußern, daß die erste Erregungsweise der Ersatzvor- 
stellung gegen die zweite immer mehr zurücktritt. Vielleicht 
benimmt sich am Ende das Kind so, als hätte es gar keine 
Neigung zu dem Vater, wäre ganz von ihm freigeworden, und 
als hätte es wirklich Angst vor dem Tier. Nur daß diese Tier- 
angst, aus der unbewußten Triebquelle gespeist, sich widerspenstig 
und übergroß gegen alle Beeinflussungen aus dem System Bw 
erweist und dadurch ihre Herkunft aus dem System Ubw verrät. 
Die Gegenbesetzung aus dem System Bw hat also in der 
zweiten Phase der Angsthysterie zur Ersatzbildung geführt. Der- 
selbe Mechanismus findet bald eine neuerliche Anwendung. Der 
Verdrängungsvorgang ist, wie wir wissen, noch nicht abgeschlossen 
und findet ein weiteres Ziel in der Aufgabe, die vom Ersatz 
ausgehende Angstentwicklung zu hemmen. Dies geschieht in der 
Weise, daß die gesamte assoziierte Umgebung der Ersatzvorstel- 
lung mit besonderer Intensität besetzt wird, so daß sie eine hohe 
Empfindlichkeit gegen Erregung bezeigen kann. Eine Erregung 
irgend einer Stelle dieses Vorbaues muß zufolge der Verknüpfung 
mit der Ersatzvorstellung den Anstoß zu einer geringen Angst- 
entwicklung geben, welche nun als Signal benützt wird, um 
durch neuerliche Flucht der Besetzung den weiteren Fortgang 
der Angstentwicklung zu hemmen. Je weiter weg vom gefürch- 
teten Ersatz die empfindlichen und wachsamen Gegenbesetzungen 
angebracht sind, desto präziser kann der Mechanismus funktio- 
nieren, der die Ersatzvorstellung isolieren und neue Erregungen 
von ihr abhalten soll. Diese Vorsichten schützen natürlich nur 



Das Unbewußte 22 1 



gegen Erregungen, die von außen, durch die Wahrnehmung an 
die Ersatz Vorstellung herantreten, aber niemals gegen die Trieb- 
erregung, die von der Verbindung mit der verdrängten Vor- 
stellung her die Ersatzvorstellung trifft. Sie beginnen also erst zu 
wirken, wenn der Ersatz die Vertretung des Verdrängten gut 
übernommen hat, und können niemals ganz verläßlich wirken. 
Bei jedem Ansteigen der Trieberregung muß der schützende 
Wall um die Ersatzvorstellung um ein Stück weiter hinaus ver- 
legt werden. Die ganze Konstruktion, die in analoger Weise bei 
den anderen Neurosen hergestellt wird, trägt den Namen einer 
Phobie. Der Ausdruck der Flucht vor bewußter Besetzung der 
Ersatz Vorstellung sind die Vermeidungen, Verzichte und Verbote, 
an denen man die Angsthysterie erkennt. Überschaut man den 
ganzen Vorgang, so kann man sagen, die dritte Phase hat die 
Arbeit der zweiten in größerem Ausmaß wiederholt. Das System 
Bw schützt sich jetzt gegen die Aktivierung der Ersatzvorstellung 
durch die Gegenbesetzung der Umgebung, wie es sich vorhin 
durch die Besetzung der Ersatzvorstellung gegen das Auftauchen 
der verdrängten Vorstellung gesichert hatte. Die Ersatzbildung 
durch Verschiebung hat sich in solcher Weise fortgesetzt. Man 
muß auch hinzufügen, daß das System Bw früher nur eine 
kleine Stelle besaß, die eine Einbruchspforte der verdrängten 
Triebregung war, die Ersatzvorstellung nämlich, daß aber am 
Ende der ganze phobische Vorbau einer solchen Enklave des un- 
bewußten Einflusses entspricht. Man kann ferner den interes- 
santen Gesichtspunkt hervorheben, daß durch den ganzen ins 
Werk gesetzten Abwehrmechanismus eine Projektion der Trieb- 
gefahr nach außen erreicht worden ist. Das Ich benimmt sich 
so, als ob ihm die Gefahr der Angstentwicklung nicht von einer 
Triebregung, sondern von einer Wahrnehmung her drohte, und 
darf darum gegen diese äußere Gefahr mit den Fluchtversuchen 
der phobischen Vermeidungen reagieren. Eines gelingt bei diesem 
Vorgang der Verdrängung: die Entbindung von Angst läßt sich 







222 Metapsychohgie 



einigermaßen eindämmen, aber nur unter schweren Opfern an 
persönlicher Freiheit. Fluchtversuche vor Triebansprüchen sind 
aber im allgemeinen nutzlos, und das Ergebnis der phobischen 
Flucht bleibt doch unbefriedigend. 

Von den Verhältnissen, die wir bei der Angsthysterie erkannt 
haben, gilt ein großer Anteil auch für die beiden anderen Neu- 
rosen, so daß wir die Erörterung auf die Unterschiede und die 
Rolle der Gegenbesetzung beschränken können. Bei der Kon- 
version shysterie wird die Triebbesetzung der verdrängten Vor- 
stellung in die Innervation des Symptoms umgesetzt. Inwieweit 
und unter welchen Umständen die unbewußte Vorstellung durch 
diese Abfuhr zur Innervation drainiert ist, so daß sie ihr Andrängen 
gegen das System Bw aufgeben kann, diese und ähnliche Fragen 
bleiben besser einer speziellen Untersuchung der Hysterie vorbe- 
halten. Die Rolle der Gegenbesetzung, die vom System Bw (Vbw) 
ausgeht, ist bei der Konversionshysterie deutlich und kommt 
in der Symptombildung zum Vorschein. Die Gegenbesetzung ist 
es, welche die Auswahl trifft, auf welches Stück der Triebreprä- 
sentanz die ganze Besetzung derselben konzentriert werden darf. 
Dies zum Symptom erlesene Stück erfüllt die Bedingung, daß es 
dem Wunschziel der Triebregung ebensosehr Ausdruck gibt wie 
dem Abwehr- oder Straf bestreben des Systems Bw; es wird also 
überbesetzt und von beiden Seiten her gehalten wie die Ersatzvor- 
stellung der Angsthysterie. Wir können aus diesem Verhältnis 
ohne weiteres den Schluß ziehen, daß der Verdrängungsauf- 
wand des Systems Bio nicht so groß zu sein braucht wie die 
Besetzungsenergie des Symptoms, denn die Stärke der Ver- 
drängung wird durch die aufgewendete Gegenbesetzung gemessen, 
und das Symptom stützt sich nicht nur auf die Gegenbesetzung, 
sondern auch auf die in ihm verdichtete Triebbesetzung aus dem 
System Ubw. 

Für die Zwangsneurose hätten wir den in der vorigen Ab- 
handlung enthaltenen Bemerkungen nur hinzuzufügen, daß hier 



Das Unbewußte 223 



die Gegenbesetzung des Systems Bw am sinnfälligsten in den 
Vordergrund tritt. Sie ist es, die als Reaktionsbildung organisiert 
die erste Verdrängung besorgt, und an welcher später der Durch- 
bruch der verdrängten Vorstellung erfolgt. Man darf der Ver- 
mutung Raum geben, daß es an dem Vorwiegen der Gegenbe- 
setzung und Ausfallen einer Abfuhr liegt, wenn das Werk der 
Verdrängung bei Angsthysterie und Zwangsneurose weit weniger 
geglückt erscheint als bei der Konversionshysterie. 

V 
Die besonderen Eigenschaften des Systems Ubw 

Eine neue Bedeutung erhält die Unterscheidung der beiden 
psychischen Systeme, wenn wir darauf aufmerksam werden, daß 
die Vorgänge des einen Systems, des Ubw, Eigenschaften zeigen, 
die sich in dem nächst höheren nicht wiederfinden. 

Der Kern des Ubw besteht aus Triebrepräsentanzen, die ihre 
Besetzung abführen wollen, also aus Wunschregungen. Diese 
Triebregungen sind einander koordiniert, bestehen unbeeinflußt 
nebeneinander, widersprechen einander nicht. Wenn zwei Wunsch- 
regungen gleichzeitig aktiviert werden, deren Ziele uns unver- 
einbar erscheinen müssen, so ziehen sich die beiden Regungen 
nicht etwa voneinander ab oder heben einander auf, sondern sie 
treten zur Bildung eines mittleren Zieles, eines Kompromisses, 

zusammen. 

Es gibt in diesem System keine Negation, keinen Zweifel, 
keine Grade von Sicherheit. All dies wird erst durch die Arbeit 
der Zensur zwischen Ubw und Vbw eingetragen. Die Negation 
ist ein Ersatz der Verdrängung von höherer Stufe. Im Ubw gibt 
es nur mehr oder weniger stark besetzte Inhalte. 

Es herrscht eine weit größere Beweglichkeit der Besetzungs- 
intensitäten. Durch den Prozeß der Verschiebung kann eine 
Vorstellung den ganzen Betrag ihrer Besetzung an eine andere 
abgeben, durch den der Verdichtung die ganze Besetzung 






224 Metapsychologie 



mehrerer anderer an sich nehmen. Ich habe vorgeschlagen, diese 
beiden Prozesse als Anzeichen des sogenannten psychischen 
Primärvorganges anzusehen. Im System Vbw herrscht der 
Sekundärvorgang; 1 wo ein solcher Primärvorgang sich an 
Elementen des Systems Vbw abspielen darf, erscheint er „komisch" 
und erregt Lachen. 

Die Vorgänge des Systems Ubw sind zeitlos, d. h. sie sind 
nicht zeitlich geordnet, werden durch die verlaufende Zeit nicht 
abgeändert, haben überhaupt keine Beziehung zur Zeit. Auch die 
Zeitbeziehung ist an die Arbeit des i3^-Systems geknüpft. 

Ebensowenig kennen die Ubw- Vorgänge eine Rücksicht auf 
die Realität. Sie sind dem Lustprinzip unterworfen 5 ihr Schick- 
sal hängt nur davon ab, wie stark sie sind, und ob sie die An- 
forderungen der Lust-Unlustregulierung erfüllen. 

Fassen wir zusammen: Widerspruchslosigkeit, Primär- 
vorgang (Beweglichkeit der Besetzungen), Zeitlosigkeit und 
Ersetzung der äußeren Realität durch die psychische 
sind die Charaktere, die wir an zum System Ubw gehörigen 
Vorgängen zu finden erwarten dürfen. 2 

Die unbewußten Vorgänge werden für uns nur unter den 
Bedingungen des Träumens und der Neurosen erkennbar, also 
dann, wenn Vorgänge des höheren £7w- Systems durch eine Er- 
niedrigung (Regression) auf eine frühere Stufe zurückversetzt 
werden. An und für sich sind sie unerkennbar, auch existenz- 
unfähig, weil das System Ubw sehr frühzeitig von dem Vbw 
überlagert wird, welches den Zugang zum Bewußtsein und zur 
Motilität an sich gerissen hat. Die Abfuhr des Systems Ubio 
geht in die Körperinnervation zur Affektentwicklung, aber auch 
dieser Entladungsweg wird ihm, wie wir gehört haben, vom 

1) Siehe die Ausführungen im VII. Abschnitt der Traumdeutung [Gesamtausgabe, 
Band III], welche sich auf die von J. Breuer in den „Studien über Hysterie" ent- 
wickelten Ideen stützt. 

2) Die Erwähnung eines anderen bedeutsamen Vorrechtes des Ubw sparen wir 
für einen anderen Zusammenhang auf. 



Das Unbewußte 22 < 



Vbw streitig gemacht. Für sich allein könnte das Ubw- System 
unter normalen Verhältnissen keine zweckmäßige Muskelaktion 
zu stände bringen, mit Ausnahme jener, die als Reflexe bereits 
organisiert sind. 

Die volle Bedeutung der beschriebenen Charaktere des Systems 
Ubw könnte uns erst einleuchten, wenn wir sie den Eigen- 
schaften des Systems Vbw gegenüberstellen und an ihnen messen 
würden. Allein dies würde uns so weitab führen, daß ich vor- 
schlage, wiederum einen Aufschub gutzuheißen und die Ver- 
gleichung der beiden Systeme erst im Anschluß an die Wür- 
digung des höheren Systems vorzunehmen. Nur das Aller- 
dringendste soll schon jetzt seine Erwähnung finden. 

Die Vorgänge des Systems Vbw zeigen — und zwar gleich- 
gültig, ob sie bereits bewußt oder nur bewußtseinsfähig sind — 
eine Hemmung der Abfuhrneigung von den besetzten Vor- 
stellungen. Wenn der Vorgang von einer Vorstellung auf eine 
andere übergeht, so hält die erstere einen Teil ihrer Besetzung 
fest und nur ein kleiner Anteil erfährt die Verschiebung. Ver- 
schiebungen und Verdichtungen wie beim Primär Vorgang sind 
ausgeschlossen oder sehr eingeschränkt. Dieses Verhältnis hat 
J. Breuer veranlaßt, zwei verschiedene Zustände der Besetzungs- 
energie im Seelenleben anzunehmen, einen tonisch gebundenen 
und einen frei beweglichen, der Abfuhr zustrebenden. Ich glaube, 
daß diese Unterscheidung bis jetzt unsere tiefste Einsicht in das 
Wesen der nervösen Energie darstellt, und sehe nicht, wie man 
um sie herumkommen soll. Es wäre ein dringendes Bedürfnis 
der metapsychologischen Darstellung — vielleicht aber noch ein 
allzu gewagtes Unternehmen — an dieser Stelle die Diskussion 
fortzuführen. 

Dem System Vbw fallen ferner zu die Herstellung einer Ver- 
kehrsfähigkeit unter den Vorstellungsinhalten, so daß sie einander 
beeinflussen können, die zeitliche Anordnung derselben, die Ein- 
führung der einen Zensur oder mehrerer Zensuren, die Realitäts- 
Freud, Technik 

l 5 






I 



226 Metapsychologie 



prüfung und das Realitätsprinzip. Auch das bewußte Gedächtnis 
scheint ganz am Vbw zu hängen, es ist scharf von den Erinnerungs- 
spuren zu scheiden, in denen sich die Erlebnisse des Ubw fixieren, 
und entspricht wahrscheinlich einer besonderen Niederschrift, wie 
wir sie für das Verhältnis der bewußten zur unbewußten Vor- 
stellung annehmen wollten, aber bereits verworfen haben. In 
diesem Zusammenhang werden wir auch die Mittel finden, 
unserem Schwanken in der Benennung des höheren Systems, das 
wir jetzt richtungslos bald Vbw bald Bw heißen, ein Ende zu 
machen. i 

Es wird auch die Warnung am Platze sein, nicht voreilig zu 
verallgemeinern, was wir hier über die Verteilung der seelischen 
Leistungen an die beiden Systeme zu Tage gefördert haben. Wir 
beschreiben die Verhältnisse, wie sie sich beim reifen Menschen 
zeigen, bei dem das System Ubw streng genommen nur als Vor- 
stufe der höheren Organisation funktioniert. Welchen Inhalt und 
welche Beziehungen dies System während der individuellen 
Entwicklung hat, und welche Bedeutung ihm beim Tiere zu- 
kommt, das soll nicht aus unserer Beschreibung abgeleitet, 
sondern selbständig erforscht werden. Wir müssen auch beim 
Menschen darauf gefaßt sein, etwa krankhafte Bedingungen zu 
finden, unter denen die beiden Systeme Inhalt wie Charaktere 
ändern oder selbst miteinander tauschen. 

VI 

Der Verkehr der beiden Systeme 

Es wäre doch unrecht sich vorzustellen, daß das Ubw in Ruhe 
verbleibt, während die ganze psychische Arbeit vom Vbw ge- 
leistet wird, daß das Ubw etwas Abgetanes, ein rudimentäres 
Organ, ein Residuum der Entwicklung sei. Oder anzunehmen, 
daß sich der Verkehr der beiden Systeme auf den Akt der Ver- 
drängung beschränkt, indem das Vbw alles, was ihm störend er- 
scheint, in den Abgrund des Ubw wirft. Das Ubw ist vielmehr 



lebend, entwicklungsfähig und unterhält eine Anzahl von anderen 
Beziehungen zum Vbw, darunter auch die der Kooperation. Man 
muß zusammenfassend sagen, das Ubw setzt sich in die soge- 
nannten Abkömmlinge fort, es ist den Einwirkungen des Lebens 
zugänglich, beeinflußt beständig das Vbw und ist seinerseits sogar 
Beeinflussungen von Seiten des Vbw unterworfen. 

Das Studium der Abkömmlinge des Ubw wird unseren Er- 
wartungen einer schematisch reinlichen Scheidung zwischen den 
beiden psychischen Systemen eine gründliche Enttäuschung be- 
reiten. Das wird gewiß Unzufriedenheit mit unseren Ergebnissen 
erwecken und wahrscheinlich dazu benützt werden, den Wert 
unserer Art der Trennung der psychischen Vorgänge in Zweifel 
zu ziehen. Allein, wir werden geltend machen, daß wir keine 
andere Aufgabe haben, als die Ergebnisse der Beobachtung in 
Theorie umzusetzen, und die Verpflichtung von uns weisen, auf 
den ersten Anlauf eine glatte und durch Einfachheit sich em- 
pfehlende Theorie zu erreichen. Wir vertreten deren Komplika- 
tionen, solange sie sich der Beobachtung adäquat erweisen, und 
geben die Erwartung nicht auf, gerade durch sie zur endlichen 
Erkenntnis eines Sachverhaltes geleitet zu werden, der, an sich 
einfach, den Komplikationen der Realität gerecht werden kann. 

Unter den Abkömmlingen der ubw Triebregungen vom be- 
schriebenen Charakter gibt es welche, die entgegengesetzte Be- 
stimmungen in sich vereinigen. Sie sind einerseits hochorganisiert, 
widerspruchsfrei, haben allen Erwerb des Systems Bw verwertet 
und würden sich für unser Urteil von den Bildungen dieses 
Systems kaum unterscheiden. Anderseits sind sie unbewußt und 
unfähig, bewußt zu werden. Sie gehören also qualitativ zum 
System Vbw, faktisch aber zum Ubw. Ihre Herkunft bleibt das 
für ihr Schicksal Entscheidende. Man muß sie mit den Misch- 
lingen menschlicher Rassen vergleichen, die im großen und 
ganzen bereits den Weißen gleichen, ihre farbige Abkunft aber 
durch den einen oder anderen auffälligen Zug verraten und 

15* 



228 Metapsychologie 



darum von der Gesellschaft ausgeschlossen bleiben und keines 
der Vorrechte der Weißen genießen. Solcher Art sind die 
Phantasiebildungen der Normalen wie der Neurotiker, die wir 
als Vorstufen der Traum- wie der Symptombildung erkannt 
haben, und die trotz ihrer hohen Organisation verdrängt bleiben 
und als solche nicht bewußt werden können. Sie kommen nahe 
ans Bewußtsein heran, bleiben ungestört, solange sie keine inten- 
sive Besetzung haben, werden aber zurückgeworfen, sobald sie 
eine gewisse Höhe der Besetzung überschreiten. Ebensolche höher 
organisierte Abkömmlinge des Ubw sind die Ersatzbildungen, 
denen aber der Durchbruch zum Bewußtsein dank einer günstigen 
Relation gelingt, wie z. B. durch das Zusammentreffen mit einer 
Gegenbesetzung des Vbw. 

Wenn wir an anderer Stelle die Bedingungen des Bewußt- 
werdens eingehender untersuchen, wird uns ein Teil der hier 
auftauchenden Schwierigkeiten lösbar werden. Hier mag es uns 
vorteilhaft erscheinen, der bisherigen vom Ubw her aufsteigenden. 
Betrachtung eine vom Bewußtsein ausgehende gegenüberzustellen. 
Dem Bewußtsein tritt die ganze Summe der psychischen Vor- 
gänge als das Reich des Vorbewußten entgegen. Ein sehr großer 
Anteil dieses Vorbewußten stammt aus dem Unbewußten, hat 
den Charakter der Abkömmlinge desselben und unterliegt einer 
Zensur, ehe er bewußt werden kann. Ein anderer Anteil des 
Vbw ist ohne Zensur bewußtseinsfähig. Wir gelangen hier zu 
einem Widerspruch gegen eine frühere Annahme. In der Be- 
trachtung der Verdrängung wurden wir genötigt, die für das 
Bewußtwerden entscheidende Zensur zwischen die Systeme Ubw 
und Vbw zu verlegen. Jetzt wird uns eine Zensur zwischen Vbw 
und Bw nahegelegt. Wir tun aber gut daran, in dieser Kompli- 
kation keine Schwierigkeit zu erblicken, sondern anzunehmen, 
daß jedem Übergang von einem System zum nächst höheren, 
also jedem Fortschritt zu einer höheren Stufe psychischer Organi- 
sation eine neue Zensur entspreche. Die Annahme einer fort- 









i 



Das Unbewußte 229 



laufenden Erneuerung der Niederschriften ist damit allerdings 
abgetan. 

Der Grund all dieser Schwierigkeiten ist darin zu suchen, daß 
die Bewußtheit, der einzige uns unmittelbar gegebene Charakter 
der psychischen Vorgänge, sich zur Systemunterscheidung in 
keiner Weise eignet. Abgesehen davon, daß das Bewußte nicht 
immer bewußt, sondern zeitweilig auch latent ist, hat uns die 
Beobachtung gezeigt, daß vieles, was die Eigenschaften des Systems 
Vbw teilt, nicht bewußt wird, und haben wir noch zu erfahren, 
daß das Bewußt werden durch gewisse Richtungen seiner Auf- 
merksamkeit eingeschränkt ist. Das Bewußtsein hat so weder zu 
den Systemen noch zur Verdrängung ein einfaches Verhältnis. 
Die Wahrheit ist, daß nicht nur das psychisch Verdrängte dem 
Bewußtsein fremd bleibt, sondern auch ein Teil der unser Ich 
beherrschenden Regungen, also der stärkste funktionelle Gegen- 
satz des Verdrängten. In dem Maße, als wir uns zu einer meta- 
psychologischen Betrachtung des Seelenlebens durchringen wollen, 
müssen wir lernen, uns von der Bedeutung des Symptoms 
„Bewußtheit" zu emanzipieren. 

Solange wir noch an diesem haften, sehen wir unsere Allge- 
meinheiten regelmäßig durch Ausnahmen durchbrochen. Wir 
sehen, daß Abkömmlinge des Vbw als Ersatzbildungen und als 
Symptome bewußt werden, in der Regel nach großen Entstel- 
lungen gegen das Unbewußte, aber oft mit Erhaltung vieler 
zur Verdrängung auffordernder Charaktere. Wir finden, daß viele 
vorbewußte Bildungen unbewußt bleiben, die, sollten wir meinen, 
ihrer Natur nach sehr wohl bewußt werden dürften. Wahr- 
scheinlich macht sich bei ihnen die stärkere Anziehung des Ubw 
geltend. Wir werden darauf hingewiesen, die bedeutsamere 
Differenz nicht zwischen dem Bewußten und dem Vorbewußten, 
sondern zwischen dem Vorbewußten und dem Unbewußten zu 
suchen. Das Ubw wird an der Grenze des Vbw durch die Zensur 
zurückgewiesen, Abkömmlinge desselben können diese Zensur 






230 Metapsychologie 



umgehen, sich hoch organisieren, im Vbw bis zu einer gewissen 
Intensität der Besetzung heranwachsen, werden aber dann, wenn 
sie diese überschritten haben und sich dem Bewußtsein auf- 
drängen wollen, als Abkömmlinge des Ubw erkannt und an der 
neuen Zensurgrenze zwischen Vbw und Bw neuerlich verdrängt. 
Die erstere Zensur funktioniert so gegen das Ubw selbst, die 
letztere gegen die vbw Abkömmlinge derselben. Man könnte 
meinen, die Zensur habe sich im Laufe der individuellen Ent- 
wicklung um ein Stück vorgeschoben. 

In der psychoanalytischen Kur erbringen wir den unanfecht- 
baren Beweis für die Existenz der zweiten Zensur, der zwischen 
den Systemen Vbw und Bw. Wir fordern den Kranken auf 
reichlich Abkömmlinge des Ubw zu bilden, verpflichten ihn dazu, 
die Einwendungen der Zensur gegen das Bewußtwerden dieser 
vorbewußten Bildungen zu überwinden, und bahnen uns durch 
die Besiegung dieser Zensur den Weg zur Aufhebung der Ver- 
drängung, die das Werk der früheren Zensur ist. Fügen wir 
noch die Bemerkung an, daß die Existenz der Zensur zwischen 
Vbw und Bw uns mahnt, das Bewußtwerden sei kein bloßer 
Wahrnehmungsakt, sondern wahrscheinlich auch eine Über- 
•besetzung, ein weiterer Fortschritt der psychischen Organisation. 

Wenden wir uns zum Verkehr des Ubw mit den anderen 
Systemen, weniger um Neues festzustellen, als um nicht das 
Sinnfälligste zu übergehen. An den Wurzeln der Trieb tätigkeit 
kommunizieren die Systeme aufs ausgiebigste miteinander. Ein 
Anteil der hier erregten Vorgänge geht durch das Ubw wie 
durch eine Vorbereitungsstufe durch und erreicht die höchste 
psychische Ausbildung im Bw, ein anderer wird als Ubw zurück- 
gehalten. Das Ubw wird aber auch von den aus der äußeren 
Wahrnehmung stammenden Erlebnissen getroffen. Alle Wege von 
der Wahrnehmung zum Ubw bleiben in der Norm frei; erst 
die vom Ubw weiter führenden Wege unterliegen der Sperrung 
durch die Verdrängung. 



i. 



Das Unbewußte 



2öl 



Es ist sehr bemerkenswert, daß das Ubw eines Menschen mit 
Umgehung des Bw auf das Ubw eines anderen reagieren kann. 
Die Tatsache verdient eingehendere Untersuchung, besonders 
nach der Richtung, ob sich vorbewußte Tätigkeit dabei aus- 
schließen läßt, ist aber als Beschreibung unbestreitbar. 

Der Inhalt des Systems Vbw (oder Bw) entstammt zu einem 
Teile dem Triebleben (durch Vermittlung des Ubw), zum anderen 
Teile der Wahrnehmung. Es ist zweifelhaft, inwieweit die Vor- 
gänge dieses Systems eine direkte Einwirkung auf das Ubw 
äußern können - 7 die Erforschung pathologischer Fälle zeigt oft 
eine kaum glaubliche Selbständigkeit und Unbeeinflußbarkeit des 
Ubw. Ein völliges Auseinandergehen der Strebungen, ein abso- 
luter Zerfall der beiden Systeme ist überhaupt die Charakteristik des 
- Krankseins. Allein die psychoanalytische Kur ist auf die Beeinflussung 
des Ubw vom Bw her gebaut und zeigt jedenfalls, daß solche, wie- 
wohl mühsam, nicht unmöglich ist. Die zwischen beiden Systemen 
vermittelnden Abkömmlinge des Ubw bahnen uns, wie schon er- 
wähnt, den Weg zu dieser Leistung. Wir dürfen aber wohl annehmen, 
daß die spontan erfolgende Veränderung des Ubw von Seiten des 
Bw ein schwieriger und langsam verlaufender Prozeß ist. 

Eine Kooperation zwischen einer vorbewußten und einer unbe- 
wußten, selbst intensiv verdrängten Regung kann zu stände 
kommen, wenn es die Situation ergibt, daß die unbewußte 
Regung gleichsinnig mit einer der herrschenden Strebungen 
wirken kann. Die Verdrängung wird für diesen Fall aufgehoben, 
die verdrängte Aktivität als Verstärkung der vom Ich beabsich- 
tigten zugelassen. Das Unbewußte wird für diese eine Konstel- 
lation ichgerecht, ohne daß sonst an seiner Verdrängung etwas 
abgeändert würde. Der Erfolg des Ubw ist bei dieser Kooperation 
unverkennbar; die verstärkten Strebungen benehmen sich doch 
anders als die normalen, sie befähigen zu besonders vollkommener 
Leistung und sie zeigen gegen Widersprüche eine ähnliche 
Resistenz wie etwa die Zwangssymptome. 



«232 Metapsychologie 



Den Inhalt des Ubw kann man einer psychischen Urbevölkerung 
vergleichen. Wenn es beim Menschen ererbte psychische Bil- 
dungen, etwas dem Instinkt der Tiere Analoges gibt, so macht 
dies den Kern des Ubw aus. Dazu kommt später das während 
der Kindheitsentwicklung als unbrauchbar Beseitigte hinzu, was 
seiner Natur nach von dem Ererbten nicht verschieden zu sein 
braucht. Eine scharfe und endgültige Scheidung des Inhaltes der 
beiden Systeme stellt sich in der Regel erst mit dem Zeitpunkte 
der Pubertät her. 

VII 
Die Agnoszierung des Unbewußten 

Soviel, als wir in den vorstehenden Erörterungen zusammen- 
getragen haben, läßt sich etwa über das Ubw aussagen, solange 
man nur aus der Kenntnis des Traumlebens und der Über- 
tragungsneurosen schöpft. Es ist gewiß nicht viel, macht stellen- 
weise den Eindruck des Ungeklärten und Verwirrenden und 
läßt vor allem die Möglichkeit vermissen, das Ubw an einen 
bereits bekannten Zusammenhang anzuordnen oder es in ihn 
einzureihen. Erst die Analyse einer der Affektionen, die wir 
narzißtische Psychoneurosen heißen, verspricht uns Auffassungen zu 
liefern, durch welche uns das rätselvolle Ubw näher gerückt und 
gleichsam greifbar gemacht wird. 

Seit einer Arbeit von Abraham (igo8), welche der gewissen- 
hafte Autor auf meine Anregung zurückgeführt hat, versuchen 
wir die Dementia praecox Kraepelins (Schizophrenie Bleulers) 
durch ihr Verhalten zum Gegensatz von Ich und Objekt zu 
charakterisieren. Bei den Übertragungsneurosen (Angst- und Kon- 
versionshysterie, Zwangsneurose) lag nichts vor, was diesen Gegen- 
satz in den Vordergrund gerückt hätte. Man wußte zwar, daß 
die Versagung des Objekts den Ausbruch der Neurose herbeiführt, 
und daß die Neurose den Verzicht auf das reale Objekt involviert, 
auch daß die dem realen Objekt entzogene Libido auf ein phan- 



Das Unbewußte 253 

tasiertes Objekt und von da aus auf ein verdrängtes zurückgeht 
(Introversion). Aber die Objektbesetzung überhaupt wird bei 
ihnen mit großer Energie festgehalten, und die feinere Unter- 
suchung des Verdrängungsvorganges hat uns anzunehmen ge- 
nötigt, daß die Objektbesetzung im System Ubw trotz der Ver- 
drängung — vielmehr infolge derselben — fortbesteht. Die 
Fähigkeit zur Übertragung, welche wir bei diesen Affektionen 
therapeutisch ausnützen, setzt ja die ungestörte Objektbesetzung 

voraus. 

Bei der Schizophrenie hat sich uns dagegen die Annahme auf- 
gedrängt, daß nach dem Prozesse der Verdrängung die abge- 
zogene Libido kein neues Objekt suche, sondern ins Ich zurück- 
trete, daß also hier die Objektbesetzungen aufgegeben und ein 
primitiver objektloser Zustand von Narzißmus wieder hergestellt 
werde. Die Unfähigkeit dieser Patienten zur Übertragung — so- 
weit der Krankheitsprozeß reicht, — ihre daraus folgende thera- 
peutische Unzugänglichkeit, die ihnen eigentümliche Ablehnung 
der Außenwelt, das Auftreten von Zeichen einer Überbesetzung 
des eigenen Ichs, der Ausgang in völlige Apathie, all diese 
klinischen Charaktere scheinen zu der Annahme eines Aufgebens 
der Objektbesetzungen trefflich zu stimmen. Von seiten des Ver- 
hältnisses der beiden psychischen Systeme wurde allen Beobachtern 
auffällig, daß bei der Schizophrenie vieles als bewußt geäußert 
wird, was wir bei den Übertragungsneurosen erst durch Psycho- 
analyse im Ubw nachweisen müssen. Aber es gelang zunächst 
nicht zwischen der Ich-Objektbeziehung und den Bewußtseins- 
relationen eine verständliche Verknüpfung herzustellen. 

Das Gesuchte scheint sich auf folgendem unvermuteten Wege 
zu ergeben. Bei den Schizophrenen beobachtet man, zumal in 
den so lehrreichen Anfangsstadien, eine Anzahl von Verände- 
rungen der Sprache, von denen einige es verdienen, unter einem 
bestimmten Gesichtspunkt betrachtet zu werden. Die Ausdrucks- 
weise wird oft Gegenstand einer besonderen Sorgfalt, sie wird 



234 



Metapsychologie 



„gewählt", „geziert". Die Sätze erfahren eine besondere Des- 
organisation des Aufbaues, durch welche sie uns unverständlich 
werden, so daß wir die Äußerungen der Kranken für unsinnig 
halten. Im Inhalt dieser Äußerungen wird oft eine Beziehung 
zu Körperorganen oder Körperinnervationen in den Vordergrund 
gerückt. Dem kann man anreihen, daß in solchen Symptomen 
der Schizophrenie, welche hysterischen oder zwangsneurotischen 
Ersatzbildungen gleichen, doch die Beziehung zwischen dem Er- 
satz und dem Verdrängten Eigentümlichkeiten zeigt, welche uns 
bei den beiden genannten Neurosen befremden würden. 

Herr Dr. V. Tausk (Wien) hat mir einige seiner Beobach- 
tungen -bei beginnender Schizophrenie zur Verfügung gestellt, 
die durch den Vorzug ausgezeichnet sind, daß die Kranke selbst 
noch die Aufklärung ihrer Reden geben wollte. Ich will nun an 
zweien seiner Beispiele zeigen, welche Auffassung ich zu ver- 
treten beabsichtige, zweifle übrigens nicht daran, daß es jedem 
Beobachter leicht sein würde, solches Material in Fülle vorzu- 
bringen. 

Eine der Kranken Tausks, ein Mädchen, das nach einem 
Zwist mit ihrem Geliebten auf die Klinik gebracht wurde, klagt- 
D ie Augen sind nicht richtig, sie sind verdreht. Das 
erläutert sie selbst, indem sie in geordneter Sprache eine Reihe 
von Vorwürfen gegen den Geliebten vorbringt. „Sie kann ihn 
gar nicht verstehen, er sieht jedesmal anders aus, er ist ein 
Heuchler, ein Augenverdreher, er hat ihr die Augen verdreht, 
jetzt hat sie verdrehte Augen, es sind nicht mehr ihre Augen' 
sie sieht die Welt jetzt mit anderen Augen." 

Die Äußerungen der Kranken zu ihrer unverständlichen Rede 
haben den Wert einer Analyse, da sie deren Äquivalent in all- 
gemein verständlicher Ausdrucksweise enthalten; sie geben gleich- 
zeitig Aufschluß über Bedeutung und über Genese der schizo- 
phrenen Wortbildung. In Übereinstimmung mit Tausk hebe ich 
aus diesem Beispiel hervor, daß die Beziehung zum Organ (zum 



Das Unbewußte 



255 



Auge) sich zur Vertretung des ganzen Inhaltes aufgeworfen hat. 
Die schizophrene Rede hat hier einen hypochondrischen Zug, sie 
ist Organ spräche geworden. 

Eine zweite Mitteilung derselben Kranken: „Sie steht in der 
Kirche, plötzlich gibt es ihr einen Ruck, sie muß sich anders 
stellen, als stellte sie jemand, als würde sie gestellt." 

Dazu die Analyse durch eine neue Reihe von Vorwürfen 
gegen den Geliebten, „der ordinär ist, der sie, die vom Hause 
aus fein war, auch ordinär gemacht hat. Er hat sie sich ähnlich 
gemacht, indem er sie glauben machte, er sei ihr überlegen; 
nun sei sie so geworden, wie er ist, weil sie glaubte, sie werde 
besser sein, wenn sie ihm gleich werde. Er hat sich verstellt, 
sie ist jetzt so wie er (Identifizierung!) er hat sie verstellt." 

Die Bewegung „des sich anders Stellen", bemerkt Tausk, ist 
eine Darstellung des Wortes „verstellen" und der Identifizierung 
mit dem Geliebten. Ich hebe wiederum die Prävalenz jenes Ele- 
ments des ganzen Gedankenganges hervor, welches eine körper- 
liche Innervation (vielmehr deren Empfindung) zum Inhalt hat 
Eine Hysterika hätte übrigens im ersten Falle krampfhaft die 
Augen verdreht, im zweiten den Ruck wirklich ausgeführt, an- 
statt den Impuls dazu oder die Sensation davon zu verspüren, 
und in beiden Fällen hätte sie keinen bewußten Gedanken da- 
bei gehabt und wäre auch nachträglich nicht im stände ge- 
wesen, solche zu äußern. 

Soweit zeugen diese beiden Beobachtungen für das, was wir 
hypochondrische oder Organsprache genannt haben. Sie mahnen 
aber auch, was uns wichtiger erscheint, an einen anderen Sach- 
verhalt, der sich beliebig oft z. B. an den in Bleulers Mono- 
graphie gesammelten Beispielen nachweisen und in eine be- 
stimmte Formel fassen läßt. Bei der Schizophrenie werden die 
Worte demselben Prozeß unterworfen, der aus den latenten 
Traumgedanken die Traumbilder macht, den wir den psychi- 
schen Primärvorgang geheißen haben. Sie werden verdichtet 



256 



Metapsychologie 



und übertragen einander ihre Besetzungen restlos durch Ver- 
schiebung $ der Prozeß kann so weit gehen, daß ein einziges, 
durch mehrfache Beziehungen dazu geeignetes Wort die Ver- 
tretung einer ganzen Gedankenkette übernimmt. Die Arbeiten 
von Bleuler, Jung und ihren Schülern haben gerade für diese 
Behauptung reichliches Material ergeben. 1 

Ehe wir aus solchen Eindrücken einen Schluß ziehen, wollen 
wir noch der feinen, aber doch befremdlich wirkenden Unter- 
schiede zwischen der schizophrenen und der hysterischen und 
zwangsneurotischen Ersatzbildung gedenken. Ein Patient, den ich 
gegenwärtig beobachte, läßt sich durch den schlechten Zustand 
seiner Gesichtshaut von allen Interessen des Lebens abziehen. Er 
behauptet, Mitesser zu haben und tiefe Löcher im Gesicht, die 
ihm jedermann ansieht. Die Analyse weist nach, daß er seinen 
Kastrationskomplex an seiner Haut abspielt. Er beschäftigte sich 
zunächst reuelos mit seinen Mitessern, deren Ausdrücken ihm 
große Befriedigung bereitete, weil dabei etwas herausspritzte, wie 
er sagt. Dann begann er zu glauben, daß überall dort, wo er 
einen Comedo beseitigt hatte, eine tiefe Grube entstanden sei 
und er machte sich die heftigsten Vorwürfe, durch sein „bestän- 
diges Herumarbeiten mit der Hand" seine Haut für alle Zeiten 
verdorben zu haben. Es ist evident, daß ihm das Auspressen des 
Inhaltes der Mitesser ein Ersatz für die Onanie ist. Die Grube 
die darauf durch seine Schuld entsteht, ist das weibliche Genitale' 
d. h. die Erfüllung der durch die Onanie provozierten Kastrations- 
drohung (resp. der sie vertretenden Phantasie.) Diese Ersatzbildung 
hat trotz ihres hypochondrischen Charakters viel Ähnlichkeit mit 
einer hysterischen Konversion, und doch wird man das Gefühl 
haben, daß hier etwas anderes vorgehen müsse, daß man solche 
Ersatzbildung einer Hysterie nicht zutrauen dürfe, noch ehe man 



1) Gelegentlich behandelt die Traumarbeit die Worte wie die Dinge und schafft 
dann sehr ähnliche „schizophrene" Reden oder Wortneubildungen. 



Das Unbewußte 



257 



sagen kann, worin die Verschiedenheit begründet ist. Ein win- 
ziges Grübchen wie eine Hautpore wird ein Hysteriker kaum 
zum Symbol der Vagina nehmen, die er sonst mit allen mög- 
lichen Gegenständen vergleicht, welche einen Hohlraum um- 
schließen. Auch meinen wir, daß die Vielheit der Grübchen ihn 
abhalten wird, sie als Ersatz für das weibliche Genitale zu ver- 
wenden. Ähnliches gilt für einen jugendlichen Patienten, über 
den Tausk vor Jahren der Wiener Psychoanalytischen Gesell- 
schaft berichtet hat. Er benahm sich sonst ganz wie ein Zwangs- 
neurotiker, verbrauchte Stunden für seine Toilette u. dgl. Es 
war aber an ihm auffällig, daß er widerstandslos die Bedeutung 
seiner Hemmungen mitteilen konnte. Beim Anziehen der Strümpfe 
störte ihn z. B. die Idee, daß er die Maschen des Gewebes, 
also Löcher, auseinanderziehen müsse, und jedes Loch war ihm 
Symbol der weiblichen Geschlechtsöffnung. Auch dies ist einem 
Zwangsneurotiker nicht zuzutrauen; ein solcher, aus der Beob- 
achtung von R. Reitler, der am gleichen Verweilen beim 
Strumpfanziehen litt, fand nach Überwindung der Widerstände 
die Erklärung, daß der Fuß ein Penissymbol sei, das Überziehen 
des Strumpfes ein onanistischer Akt, und er mußte den Strumpf 
fortgesetzt an- und ausziehen, zum Teil, um das Bild der Onanie 
zu vervollkommnen, zum Teil, um sie ungeschehen zu machen. 
Fragen wir uns, was der schizophrenen Ersatzbildung und dem 
Symptom den befremdlichen Charakter verleiht, so erfassen wir 
endlich, daß es das Überwiegen der Wortbeziehung über die 
Sachbeziehung ist. Zwischen dem Ausdrücken eines Mitessers und 
einer Ejakulation aus dem Penis besteht eine recht geringe Sach- 
ähnlichkeit, eine noch geringere zwischen den unzähligen seichten 
Hautporen und der Vagina; aber im ersten Falle spritzt beide 
Male etwas heraus, und für den zweiten gilt wörtlich der zynische 
Satz: Loch ist Loch. Die Gleichheit des sprachlichen Ausdruckes, 
nicht die Ähnlichkeit der bezeichneten Dinge, hat den Ersatz 
vorgeschrieben. Wo die beiden — Wort und Ding — sich nicht 



2 3 8 Metapsychologie 



decken, weicht die schizophrene Ersatzbildung von der bei den 
Ubertragungsneurosen ab. 

Setzen wir diese Einsicht mit der Annahme- zusammen, daß 
bei der Schizophrenie die Objektbesetzungen aufgegeben werden. 
Wir müssen dann modifizieren: die Besetzung der Wortvor- 
stellungen der Objekte wird festgehalten. Was wir die bewußte 
Objektvorstellung heißen durften, zerlegt sich uns jetzt in die 
Wortvorstellung und in die Sachvorstellung, die in der Be- 
setzung, wenn nicht der direkten Sacherinnerungsbilder, doch 
entfernterer und von ihnen abgeleiteter Erinnerungsspuren be- 
steht. Mit einem Male glauben wir nun zu wissen, wodurch 
sich eine bewußte Vorstellung von einer unbewußten unter- 
scheidet. Die beiden sind nicht, wie wir gemeint haben, ver- 
schiedene Niederschriften desselben Inhaltes an verschiedenen 
psychischen Orten, auch nicht verschiedene funktionelle Be- 
setzungszustände an demselben Orte, sondern die bewußte Vor- 
stellung umfaßt die Sachvorstellung plus der zugehörigen Wort- 
vorstellung, die unbewußte ist die Sach Vorstellung allein. Das 
System Ubw enthält die Sachbesetzungen der Objekte, die ersten 
und eigentlichen Objektbesetzungen; das System Vbw entsteht, 
indem diese Sachvorstellung durch die Verknüpfung mit den ihr 
entsprechenden Wprtvorstellungen überbesetzt wird. Solche Über- 
besetzungen, können wir vermuten, sind es, welche eine höhere 
psychische Organisation herbeiführen und die Ablösung des Primär- 
vorganges durch den im Vbw herrschenden Sekundärvorgang er- 
möglichen. Wir können jetzt auch präzise ausdrücken, was die 
Verdrängung bei den Übertragungsneurosen der zurückgewiesenen 
Vorstellung verweigert: Die Übersetzung in Worte, welche mit 
dem Objekt verknüpft bleiben sollen. Die nicht in Worte gefaßte 
Vorstellung oder der nicht überbesetzte psychische Akt bleibt 
dann im Ubw als verdrängt zurück. 

Ich darf darauf aufmerksam machen, wie frühzeitig wir bereits 
die Einsicht besessen haben, die uns heute einen der auffälligsten 



Das Unbewußte 239 






Charaktere der Schizophrenie verständlich macht. Auf den letzten 
Seiten der 1900 veröffentlichten „Traumdeutung" ist ausgeführt, 
daß die Denkvorgänge, d. i. die von den Wahrnehmungen ent- 
fernteren Besetzungsakte an sich qualitätslos und unbewußt sind 
und ihre Fähigkeit, bewußt zu werden, nur durch die Ver- 
knüpfung mit den Resten der Wortwahrnehmungen erlangen. 
Die Wortvorstellungen entstammen ihrerseits der Sinneswahr- 
nehmung in gleicher Weise wie die Sachvorstellungen, so daß 
man die Frage aufwerfen könnte, warum die Objekt vor Stellungen 
nicht mittels ihrer eigenen Wahrnehmungsreste bewußt werden 
können. Aber wahrscheinlich geht das Denken in Systemen vor 
sich, die von den ursprünglichen Wahrnehmungsresten so weit 
entfernt sind, daß sie von deren Qualitäten nichts mehr er- 
halten haben und zum Bewußtwerden einer Verstärkung durch 
neue Qualitäten bedürfen. Außerdem können durch die Ver- 
knüpfung mit Worten auch solche Besetzungen mit Qualität 
versehen werden, die aus den Wahrnehmungen selbst keine 
Qualität mitbringen konnten, weil sie bloß Relationen zwischen 
den Objektvorstellungen entsprechen. Solche erst durch Worte 
faßbar gewordene Relationen sind ein Hauptbestandteil unserer 
Denkvorgänge. Wir verstehen, daß die Verknüpfung mit Wort- 
vorstellungen noch nicht mit dem Bewußtwerden zusammenfällt, 
sondern bloß die Möglichkeit dazu gibt, daß sie also kein anderes 
System als das des Vbw charakterisiert. Nun merken wir aber, 
daß wir mit diesen Erörterungen unser eigentliches Thema ver- 
lassen und mitten in die Probleme des Vorbewußten und Be- 
wußten geraten, die wir zweckmäßiger Weise einer gesonderten 
Behandlung vorbehalten. 

Bei der Schizophrenie, die wir ja hier auch nur so weit be- 
rühren, als uns zur allgemeinen Erkennung des Vbw unerläßlich 
scheint, muß uns der Zweifel auftauchen, ob der hier Ver- 
drängung genannte Vorgang überhaupt noch etwas mit der Ver- 
drängung bei den Übertragungsneurosen gemein hat. Die Formel, 



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2 4° Metapsychologie 



die Verdrängung sei ein Vorgang zwischen dem System Ubw 
und dem Vbw (oder Äu;) mit dem Erfolg der Fernhaltung vom 
Bewußtsein, bedarf jedenfalls einer Abänderung, um den Fall der 
Dementia praecox und anderer narzißtischer Affektionen mitein- 
schließen zu können. Aber der Fluchtversuch des Ichs, der siel 
in der Abziehung der bewußten Besetzung äußert, bleibt immer- 
hin als das Gemeinsame bestehen. Um wie vieles gründlicher 
und tiefgreifender dieser Fluchtversuch, diese Flucht des Ichs bei 
den narzißtischen Neurosen ins Werk gesetzt wird, lehrt die 
oberflächlichste Überlegung. 

Wenn diese Flucht bei der Schizophrenie in der Einziehung, 
der Triebbesetzung von den Stellen besteht, welche die unbe- 
wußte Objektvorstellung repräsentieren, so mag es befremdlich 
erscheinen, daß der dem System Vbw angehörige Teil derselben 
Objektvorstellung — die ihr entsprechenden Wortvorstellungen 
— vielmehr eine intensivere Besetzung erfahren sollen. Man 
könnte eher erwarten, daß die Wortvorstellung als der vorbe- 
wußte Anteil den ersten Stoß der Verdrängung auszuhalten hat, 
und daß sie ganz und gar unbesetzbar wird, nachdem sich die 
Verdrängung bis zu den unbewußten Sachvorstellungen fortgesetzt 
hat. Dies ist allerdings eine Schwierigkeit des Verständnisses. Es 
ergibt sich die Auskunft, daß die Besetzung der Wortvorstellung 
nicht zum Verdrängungsakt gehört, sondern den ersten der Her- 
stellungs- oder Heilungsversuche darstellt, welche das klinische 
Bild der Schizophrenie so auffällig beherrschen. Diese Bemühungen 
wollen die verlorenen Objekte wieder gewinnen, und es mag 
wohl sein, daß sie in dieser Absicht den Weg zum Objekt über 
den Wortanteil desselben einschlagen, wobei sie sich aber dann 
mit den Worten an Stelle der Dinge begnügen müssen. Unsere 
seelische Tätigkeit bewegt sich ja ganz allgemein in zwei ent- 
gegengesetzten Verlaufsrichtungen, entweder von den Trieben 
her durch das System Ubw zur bewußten Denkarbeit, oder auf 
Anregung von außen durch das System des Bw und Vbw bis 



Das Unbewußte 241 



zu den ubw Besetzungen des Ichs und der Objekte. Dieser zweite 
Weg muß trotz der vorgefallenen Verdrängung passierbar bleiben 
und steht den Bemühungen der Neurose, ihre Objekte wieder 
zu gewinnen, ein Stück weit offen. Wenn wir abstrakt denken, 
sind wir in Gefahr, die Beziehungen der Worte zu den unbe- 
wußten Sachvorstellungen zu vernachlässigen, und es ist nicht zu 
leugnen, daß unser Philosophieren dann eine unerwünschte Ähn- 
lichkeit in Ausdruck und Inhalt mit der Arbeitsweise der Schizo- 
phrenen gewinnt. Anderseits kann man von der Denkweise der 
Schizophrenen die Charakteristik versuchen, sie behandeln konkrete 
Dinge, als ob sie abstrakte wären. 

Wenn wir wirklich das Ubw agnosziert und den Unterschied 
einer unbewußten Vorstellung von einer vorbewußten richtig 
bestimmt haben, so werden unsere Untersuchungen von vielen 
anderen Stellen her zu dieser Einsicht zurückführen müssen. 



Freud, Technik x ß 

l 






METAPSYCHOLOGISCHE ERGÄNZUNG 
ZUR TRAUMLEHRE 1 

Wir werden bei verschiedenen Anlässen die Erfahrung machen 
können, wie vorteilhaft es für unsere Forschung ist, wenn wir 
gewisse Zustände und Phänomene zur Vergleichung heranziehen, 
die man als Normalvorbilder krankhafter Affektionen aufTassen 
kann. Dahin gehören Affektzustände wie Trauer und Verliebt- 
heit, aber auch der Zustand des Schlafes und das Phänomen des 
Träumens. 

Wir sind nicht gewöhnt, viele Gedanken daran zu knüpfen, 
daß der Mensch allnächtlich die Hüllen ablegt, die er über 
seine Haut gezogen hat, und etwa noch die Ergänzungsstücke 
seiner Körperorgane, soweit es ihm gelungen ist, deren Mängel 
durch Ersatz zu decken, also die Brille, falschen Haare, Zähne 
usw. Man darf hinzufügen, daß er beim Schlafengehen eine ganz 
analoge Entkleidung seines Psychischen vornimmt, auf die meisten 
seiner psychischen Erwerbungen verzichtet und so von beiden 
Seiten her eine außerordentliche Annäherung an die Situation 
herstellt, welche der Ausgang seiner Lebensentwicklung war. 
Das Schlafen ist somatisch eine Reaktivierung des Aufenthalts 
im Mutteiieibe mit der Erfüllung der Bedingungen von Ruhe- 
lage, Wärme und Reizabhaltungj ja viele Menschen nehmen im 

1) Die beiden nachstehenden Abhandlungen schließen an die vorangehenden an und 
stammen aus einer Sammlung, die ich ursprünglich unter dem Titel „Zur Vorbereitung 
einer Metapsychologie" veröffentlichen wollte. Absicht dieser Reihe ist die Klärung 
und Vertiefung der theoretischen Annahmen, die man einem psychoanalytischen 
System zu Grunde legen könnte. [Vgl. die bibliographische Notiz auf S. 1.54.] 



Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre 245 



Schlafe die fötale Körperhaltung wieder ein. Der- psychische Zu- 
stand der Schlafenden charakterisiert sich durch nahezu völlige 
Zurückziehung aus der Welt der Umgebung und Einstellung 

alles Interesses für sie. 

Wenn man die psychoneurotischen Zustände untersucht, wird 
man veranlaßt, in jedem derselben die sogenannten zeitlichen 
Regressionen hervorzuheben, den Betrag des ihm eigentümlichen 
Rückgreifens in der Entwicklung. Man unterscheidet zwei solcher 
Regressionen, die der Ich- und die der Libidoentwicklung. Die 
letztere reicht beim Schlafzustand bis zur Herstellung des primi- 
tiven Narzißmus, die erstere bis zur Stufe der halluzina- 
torischen Wunschbefriedigung. 

Was man von den psychischen Charakteren des Schlafzustandes 
weiß, hat man natürlich durch das Studium des Traumes er- 
fahren. Zwar zeigt uns der Traum den Menschen, insofern er 
nicht schläft, aber er kann doch nicht umhin, uns dabei auch 
Charaktere des Schlafes selbst zu verraten. Wir haben aus der 
Beobachtung einige Eigentümlichkeiten des Traumes kennen ge- 
lernt, die wir zunächst nicht verstehen konnten und nun mit 
leichter Mühe einreihen können. So wissen wir, der Traum sei 
absolut egoistisch, und die Person, die in seinen Szenen die 
Hauptrolle spiele, sei immer als die eigene zu agnoszieren. Das 
leitet sich nun leicht begreiflicherweise von dem Narzißmus des 
Schlafzustandes ab. Narzißmus und Egoismus fallen ja zusammen; 
das Wort „Narzißmus" will nur betonen, daß der Egoismus 
auch ein libidinöses Phänomen sei, oder, um es anders auszu- 
drücken, der Narzißmus kann als die libidinöse Ergänzung des 
Egoismus bezeichnet werden. Ebenso verständlich wird auch die 
allgemein anerkannte und für rätselhaft gehaltene „diagnostische" 
Fähigkeit des Traumes, in welchem beginnende Körperleiden oft 
früher und deutlicher als im Wachen verspürt werden, und alle 
gerade aktuellen Körperempfmdungen ins Riesenhafte vergrößert 
auftreten. Diese Vergrößerung ist hypochondrischer Natur, sie hat 



16* 



244 Metapsychologie 



zur Voraussetzung, daß alle psychische Besetzung von der Außenwelt 
auf das eigene Ich zurückgezogen wurde, und sie ermöglicht nun 
die frühzeitige Erkennung von körperlichen Veränderungen, die im 
Wachleben noch eine Weile unbemerkt geblieben wären. 

Ein Traum zeigt uns an, daß etwas vorging, was den Schlaf 
stören wollte, und gestattet uns Einsicht in die Art, wie diese 
Störung abgewehrt werden konnte. Am Ende hat der Schlafende 
geträumt und kann seinen Schlaf fortsetzen; an Stelle des inneren 
Anspruches, der ihn beschäftigen wollte, ist ein äußeres Erlebnis 
getreten, dessen Anspruch erledigt worden ist. Ein Traum ist 
also auch eine Projektion, eine Veräußerlichung eines inneren 
Vorganges. Wir erinnern uns, daß wir die Projektion bereits an 
anderer Stelle unter den Mitteln der Abwehr begegnet haben. 
Auch der Mechanismus der hysterischen Phobie gipfelte darin, 
daß das Individuum sich durch Fluchtversuche vor einer äußeren 
Gefahr schützen durfte, welche an die Stelle eines inneren Trieb- 
anspruches getreten war. Eine gründliche Erörterung der Projek- 
tion sparen wir uns aber auf, bis wir zur Zergliederung jener 
narzißtischen Affektion gekommen sind, bei welcher dieser 
Mechanismus die auffälligste Rolle spielt. 

Auf welche Weise kann aber der Fall herbeigeführt werden 
daß die Absicht zu schlafen eine Störung erfährt? Die Störung 
kann von innerer Erregung oder von äußerem Reiz ausgehen. 
Wir wollen den minder durchsichtigen und interessanteren Fall 
der Störung von innen zuerst in Betracht ziehen; die Erfahrung 
zeigt uns als Erreger des Traumes Tagesreste, Denkbesetzungen, 
welche sich der allgemeinen Abziehung der Besetzungen nicht 
gefügt und ihr zum Trotz ein gewisses Maß von libidinösem 
oder anderem Interesse behalten haben. Der Narzißmus des 
Schlafes hat also hier von vornherein eine Ausnahme zulassen 
müssen, und mit dieser hebt die Traumbildung an. Diese Tages- 
reste lernen wir in der Analyse als latente Traumgedanken 
kennen und müssen sie nach ihrer Natur wie zufolge der ganzen 



Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre 



245 



Situation als vorbewußte Vorstellungen, als Angehörige des 
Systems Vbw gelten lassen. 

Die weitere Aufklärung der Traumbildung gelingt nicht ohne 
Überwindung gewisser Schwierigkeiten. Der Narzißmus des 
Schlafzustandes bedeutet ja die Abziehung der Besetzung von 
allen Objektvorstellungen, sowohl der unbewußten wie der vor- 
bewußten Anteile derselben. Wenn also gewisse „Tagesreste" 
besetzt geblieben sind, so hat es Bedenken anzunehmen, daß 
diese zur Nachtzeit soviel Energie erwerben, um sich die Be- 
achtung des Bewußtseins zu erzwingen; man ist eher geneigt 
anzunehmen, daß die ihnen verbliebene Besetzung um vieles 
schwächer ist, als die ihnen tagsüber eigen war. Die Analyse 
überhebt uns hier weiterer Spekulationen, indem sie uns nach- 
weist, daß diese Tagesreste eine Verstärkung aus den Quellen 
unbewußter Triebregungen bekommen müssen, wenn sie als 
Traumbildner auftreten sollen. Diese Annahme hat zunächst 
keine Schwierigkeiten, denn wir müssen glauben, daß die Zensur 
zwischen Vbw und Ubw im Schlafe sehr herabgesetzt, der Ver- 
kehr zwischen beiden Systemen also eher erleichtert ist. 

Aber ein anderes Bedenken darf nicht verschwiegen werden. 
Wenn der narzißtische Schlafzustand die Einziehung aller Be- 
setzungen der Systeme Ubw und Vbw zur Folge gehabt hat, so 
entfällt ja auch die Möglichkeit, daß die vorbewußten Tages- 
reste eine Verstärkung aus den unbewußten Triebregungen be- 
ziehen, die selbst ihre Besetzungen an das Ich abgegeben haben. 
Die Theorie der Traumbildung läuft hier in einen Widerspruch 
aus, oder sie muß durch eine Modifikation der Annahme über 
den Schlafnarzißmus gerettet werden. 

Eine solche einschränkende Annahme wird, wie sich später 
ergeben soll, auch in der Theorie der Dementia praecox unab- 
weisbar. Sie kann nur lauten, daß der verdrängte Anteil des 
Systems Ubw dem vom Ich ausgehenden Schlaf wünsche nicht 
gehorcht, seine Besetzung ganz oder teilweise behält und sich 



246 



Metapsychohgie 



überhaupt infolge der Verdrängung ein gewisses Maß von Un- 
abhängigkeit vom Ich geschaffen hat. In weiterer Entsprechung 
müßte auch ein gewisser Betrag des Verdrängungsaufwandes (der 
Gegenbesetzung) die Nacht über aufrecht erhalten werden, 
um der Triebgefahr zu begegnen, obwohl die Unzugänglichkeit 
aller Wege zur Affektentbindung und zur Motilität die Höhe 
der notwendigen Gegenbesetzung erheblich herabsetzen mag. 
Wir würden uns also die zur Traumbildung führende Situation 
folgender Art ausmalen: Der Schlaf wünsch versucht alle vom 
Ich ausgeschickten Besetzungen einzuziehen und einen absoluten 
Narzißmus herzustellen. Das kann nur teilweise gelingen, denn 
das Verdrängte des Systems Ubw folgt dem Schlafwunsche nicht. 
Es muß also auch ein Teil der Gegenbesetzungen aufrecht er- 
halten werden und die Zensur zwischen Ubw und Vbw, wenn- 
gleich nicht in voller Stärke, verbleiben. Soweit die Herrschaft 
des Ichs reicht, sind alle Systeme von Besetzungen entleert. Je 
stärker die ubw Triebbesetzungen sind, desto labiler ist der 
Schlaf. Wir kennen auch den extremen Fall, daß das Ich den 
Schlafwunsch aufgibt, weil es sich unfähig fühlt, die während 
des Schlafes frei gewordenen verdrängten Regungen zu hemmen, 
mit anderen Worten, daß es auf den Schlaf verzichtet, weil es 
sich vor seinen Träumen fürchtet. 

Wir werden später die Annahme von der Widersetzlichkeit 
der verdrängten Regungen als eine folgenschwere schätzen lernen. 
Verfolgen wir nun die Situation der Traumbildung weiter. 

Als zweiten Einbruch in den Narzißmus müssen wir die vor- 
hin erwähnte Möglichkeit würdigen, daß auch einige der vor- 
bewußten Tagesgedanken sich resistent erweisen und einen Teil 
ihrer Besetzung festhalten. Die beiden Fälle können im Grunde 
identisch sein; die Resistenz der Tagesreste mag sich auf die 
bereits im Wachleben bestehende Verknüpfung mit unbewußten 
Regungen zurückführen, oder es geht etwas weniger einfach zu, 
und die nicht ganz entleerten Tagesreste setzen sich erst im 



Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre 



247 



Schlafzustand, dank der erleichterten Kommunikation zwischen 
Vbw und Ubw, mit dem Verdrängten in Beziehung. In beiden 
Fällen erfolgt nun der nämliche entscheidende Fortschritt der 
Traumbildung: Es wird der vorbewußte Traumwunsch geformt, 
welcher der unbewußten Regung Ausdruck gibt in dem 
Material der vorbewußten Tagesreste. Diesen Traumwunsch 
sollte man von den Tagesresten scharf unterscheiden; er muß im 
Wachleben nicht bestanden haben, er kann bereits den irratio- 
nellen Charakter zeigen, den alles Unbewußte an sich trägt, 
wenn man es ins Bewußte übersetzt. Der Traumwunsch darf 
auch nicht mit den Wunschregungen verwechselt werden, die 
sich möglicherweise, aber gewiß nicht notwendigerweise, unter 
den vorbewußten (latenten) Traumgedanken befunden haben. 
Hat es aber solche vorbewußte Wünsche gegeben, so gesellt 
sich ihnen der Traumwunsch als wirksamste Verstärkung hinzu. 
Es handelt sich nun um die weiteren Schicksale dieser in 
ihrem Wesen einen unbewußten Triebanspruch vertretenden 
Wunschregung, die sich im Vbw als Traumwunsch (wunscher- 
füllende Phantasie) gebildet hat. Sie könnte ihre Erledigung auf 
drei verschiedenen Wegen finden, sagt uns die Überlegung. Ent- 
weder auf dem Wege, der im Wachleben der normale wäre, 
aus dem Vbw zum Bewußtsein drängen, oder sich mit Umgehung 
des Bw direkte motorische Abfuhr schaffen, oder den unver- 
muteten Weg nehmen, den uns die Beobachtung wirklich ver- 
folgen läßt. Im ersteren Falle würde sie zu einer Wahnidee 
m it dem Inhalt der Wunscherfüllung, aber das geschieht im 
Schlafzustande nie. (Mit den metapsychologischen Bedingungen 
der seelischen Prozesse so wenig vertraut, können wir aus dieser 
Tatsache vielleicht den Wink entnehmen, daß die völlige Ent- 
leerung eines Systems es für Anregungen wenig ansprechbar 
macht.) Der zweite Fall, die direkte motorische Abfuhr, sollte 
durch das nämliche Prinzip ausgeschlossen sein, denn der Zu- 
gang zur Motilität liegt normalerweise noch ein Stück weiter 



248 Metapsychologie 



weg von der Bewußtseinszensur, aber er kommt ausnahmsweise 
als Somnambulismus zur Beobachtung. Wir wissen nicht, welche 
Bedingungen dies ermöglichen, und warum er sich nicht häu- 
figer ereignet. Was bei der Traumbildung wirklich geschieht, ist 
eine sehr merkwürdige und ganz unvorhergesehene Entscheidung. 
Der im Vbw angesponnene und durch das Ubw verstärkte 
Vorgang nimmt einen rückläufigen Weg durch das Ubw zu 
der dem Bewußtsein sich aufdrängenden Wahrnehmung. Diese 
Regression ist die dritte Phase der Traumbildung. Wir 
wiederholen hier zur Übersicht die früheren: Verstärkung 
der vbw Tagesreste durch das Ubw — Herstellung des Traum- 
wunsches. 

Wir heißen eine solche Regression eine topische zum Unter- 
schied von der vorhin erwähnten zeitlichen oder entwicklungs- 
geschichtlichen. Die beiden müssen nicht immer zusammenfallen, 
tun es aber gerade in dem uns vorliegenden Beispiele. Die 
Rückwendung des Ablaufes der Erregung vom Vbw durch das 
Ubw zur Wahrnehmung ist gleichzeitig die Rückkehr zu der 
frühen Stufe der halluzinatorischen Wunscherfüllung. 

Es ist aus der „Traumdeutung" bekannt, in welcher Weise 
die Regression der vorbewußten Tagesreste bei der Traumbildung 

vor sich geht. Gedanken werden dabei in — vorwiegend visuelle 

Bilder umgesetzt, also Wortvorstellungen auf die ihnen ent- 
sprechenden Sachvorstellungen zurückgeführt, im ganzen so, als 
ob eine Rücksicht auf Darstellbarkeit den Prozeß beherrschen 
würde. Nach vollzogener Regression erübrigt eine Reihe von 
Besetzungen im System Ubw, Besetzungen von Sacherinnerungen, 
auf welche der psychische Primärvorgang einwirkt, bis er durch 
deren Verdichtung und Verschiebung der Besetzungen zwischen 
ihnen den manifesten Trauminhalt gestaltet hat. Nur wo die 
Wort Vorstellungen in den Tagesresten frische, aktuelle Reste von 
Wahrnehmungen sind, nicht Gedankenausdruck, werden sie wie 
Sachvorstellungen behandelt und unterliegen an sich den Ein- 



Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre 249 



Aussen der Verdichtung und Verschiebung. Daher die in der 
Traumdeutung gegebene, seither zur Evidenz bestätigte Regel, 
daß Worte und Reden im Trauminhalt nicht neugebildet, 
sondern Reden des Traumtages (oder sonstigen frischen Ein- 
drücken, auch aus Gelesenem) nachgebildet werden. Es ist sehr 
bemerkenswert, wie wenig die Traumarbeit an den Wortvor- 
stellungen festhält; sie ist jederzeit bereit, die Worte miteinander 
zu vertauschen, bis sie jenen Ausdruck findet, welcher der 
plastischen Darstellung die günstigste Handhabe bietet. 1 

In diesem Punkte zeigt sich nun der entscheidende Unterschied 
zwischen der Traumarbeit und der Schizophrenie. Bei letzterer 
werden die Worte selbst, in denen der vorbewußte Gedanke 
ausgedrückt war, Gegenstand der Bearbeitung durch den Primär- 
vorgang ; im Traume sind es nicht die Worte, sondern die Sach- 
vorstellungen, auf welche die Worte zurückgeführt wurden. Der 
Traum kennt eine topische Regression, die Schizophrenie nicht; 
beim Traume ist der Verkehr zwischen (vbw) Wortbesetzungen 
und (ubw) Sachbesetzungen frei; für die Schizophrenie bleibt 
charakteristisch, daß er abgesperrt ist. Der Eindruck dieser Ver- 
schiedenheit wird gerade durch die Traumdeutungen, die wir 
in der psychoanalytischen Praxis vornehmen, abgeschwächt. Indem 
die Traumdeutung den Verlauf der Traumarbeit aufspürt, die 



1) Der Rücksicht auf Darstellbarkeit schreibe ich auch die von Silberer be- 
tonte und vielleicht von ihm überschätzte Tatsache zu, daß manche Träume zwei 
gleichzeitig zutreffende und doch wesensverschiedene Deutungen gestatten, von denen 
Silberer die eine die analytische, die andere die anagogische heißt. Es handelt 
sich dann immer um Gedanken von sehr abstrakter Natur, die der Darstellung im 
Traume große Schwierigkeiten bereiten mußten. Man halte sich zum Vergleiche 
etwa die Aufgabe vor, den Leitartikel einer politischen Zeitung durch Illustrationen 
zu ersetzen! In solchen Fällen muß die Traumarbeit den abstrakten Gedankentext 
erst durch einen konkreteren ersetzen, welcher mit ihm irgendwie durch Vergleich, 
Symbolik, allegorische Anspielung, am besten aber genetisch verknüpft ist, und der 
nun an seiner Stelle Material der Traumarbeit wird. Die abstrakten Gedanken er- 
geben die sogenannte anagogische Deutung, die wir bei der Deutungsarbeit leichter 
erraten als die eigentlich analytische. Nach einer richtigen Bemerkung von O. Rank 
sind gewisse Kurträume von analytisch behandelten Patienten die besten Vorbilder 
für die Auffassung solcher Träume mit mehrfacher Deutung. 



25° 



Metapsychologie 



Wege verfolgt, die von den latenten Gedanken zu den Traum- 
elementen führen, die Ausbeutung der Wortzweideutigkeiten 
aufdeckt und die Wortbrücken zwischen verschiedenen Material- 
kreisen nachweist, macht sie einen bald witzigen, bald schizo- 
phrenen Eindruck und läßt uns daran vergessen, daß alle Opera- 
tionen an Worten für den Traum nur Vorbereitung zur Sach- 
regression sind. 

Die Vollendung des Traumvorganges liegt darin, daß der 
regressiv verwandelte, zu einer Wunschphantasie umgearbeitete 
Gedankeninhalt als sinnliche Wahrnehmung bewußt wird, wobei 
er die sekundäre Bearbeitung erfährt, welcher jeder Wahrneh- 
mungsinhalt unterliegt. Wir sagen, der Traumwunsch wird 
halluziniert und findet als Halluzination den Glauben an die 
Realität seiner Erfüllung. Gerade an dieses abschließende Stück 
der Traumbildung knüpfen sich die stärksten Unsicherheiten, zu 
deren Klärung wir den Traum in Vergleich mit ihm verwandten 
pathologischen Zuständen bringen wollen. 

Die Bildung der Wunschphantasie und deren Regression zur 
Halluzination sind die wesentlichsten Stücke der Traumarbeit, 
doch kommen sie ihm nicht ausschließend zu. Vielmehr finden 
sie sich ebenso bei zwei krankhaften Zuständen, bei der akuten 
halluzinatorischen Verworrenheit, der Amentia (Meynerts), und 
in der halluzinatorischen Phase der Schizophrenie. Das halluzi- 
natorische Delir der Amentia ist eine deutlich kennbare Wunsch- 
phantasie, oft völlig geordnet wie ein schöner Tagtraum. Man 
könnte ganz allgemein von einer halluzinatorischen Wunsch- 
psychose sprechen und sie dem Traume wie der Amentia in 
gleicher Weise zuerkennen. Es kommen auch Träume vor, welche 
aus nichts anderem als aus sehr reichhaltigen, unentstellten Wunsch- 
phantasien bestehen. Die halluzinatorische Phase der Schizophrenie 
ist minder gut studiert; sie scheint in der Regel zusammenge- 
setzter Natur zu sein, dürfte aber im wesentlichen einem neuen 
Restitutionsversuch entsprechen, der die libidinöse Besetzung zu 



Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre 351 



den Objektvorstellungen zurückbringen will. 1 Die anderen hallu- 
zinatorischen Zustände bei mannigfaltigen pathologischen Affek- 
tionen kann ich nicht zum Vergleich heranziehen, weil ich hier 
weder über eigene Erfahrung verfüge, noch die Anderer ver- 
werten kann. 

Machen wir uns klar, daß die halluzinatorische Wunschpsychose — 
im Traume oder anderwärts — zwei keineswegs ineinander fal- 
lende Leistungen vollzieht. Sie bringt nicht nur verborgene oder 
verdrängte Wünsche zum Bewußtsein, sondern stellt sie auch 
unter vollem Glauben als erfüllt dar. Es gilt dieses Zusammen- 
treffen zu verstehen. Man kann keineswegs behaupten, die un- 
bewußten Wünsche müßten für Realitäten gehalten werden, 
nachdem sie einmal bewußt geworden sind, denn unser Urteil 
ist bekanntermaßen sehr wohl imstande, Wirklichkeiten von 
noch so intensiven Vorstellungen und Wünschen zu unterscheiden. 
Dagegen scheint es gerechtfertigt anzunehmen, daß der Reahtäts- 
glaube an die Wahrnehmung durch die Sinne geknüpft ist. 
Wenn einmal ein Gedanke den Weg zur Regression bis zu den 
unbewußten Objekterinnerungsspuren und von da bis zur Wahr- 
nehmung gefunden hat, so anerkennen wir seine Wahrnehmung 
als real. Die Halluzination bringt also den Realitätsglauben mit 
sich. Es fragt sich nun, welches die Bedingung für das Zustande- 
kommen einer Halluzination ist. Die erste Antwort würde lauten: 
Die Regression, und somit die Frage nach der Entstehung der 
Halluzination durch die nach dem Mechanismus der Regression 
ersetzen. Die Antwort darauf brauchten wir für den Traum 
nicht lange schuldig zu bleiben. Die Regression der vbw Traum- 
gedanken zu den Sacherinnerungsbildern ist offenbar die Folge 
der Anziehung, welche diese ubw Triebrepräsentanzen — z. B. 
verdrängte Erlebniserinnerungen — auf die in Worte gefaßten 
Gedanken ausüben. Allein wir merken bald, daß wir auf falsche 

1) Als ersten solchen Versuch haben wir in der Abhandlung über das „Unbe- 
wußte" die Überbesetzung der Wortvorstellungen kennen gelernt. 



252 



Metapsychologie 



Fährte geraten sind. Wäre das Geheimnis der Halluzination kein 
anderes als das der Regression, so müßte jede genug intensive 
Regression eine Halluzination mit Realitätsglauben ergeben. Wir 
kennen aber sehr wohl die Fälle, in denen ein regressives Nach- 
denken sehr deutliche visuelle Erinnerungsbilder zum Bewußtsein 
bringt, die wir darum keinen Augenblick für reale Wahrnehmung 
halten. Wir könnten uns auch sehr wohl vorstellen, daß die 
Traumarbeit bis zu solchen Erinnerungsbildern vordringt, uns 
die bisher unbewußten bewußt macht und uns eine Wunsch- 
phantasie vorspiegelt, die wir sehnsüchtig empfinden, aber nicht 
als die reale Erfüllung des Wunsches anerkennen würden. Die 
Halluzination muß also mehr sein als die regressive Belebung 
der an sich ubw Erinnerungsbilder. 

Halten wir uns noch vor, daß es von großer praktischer Be- 
deutung ist, Wahrnehmungen von noch so intensiv erinnerten 
Vorstellungen zu unterscheiden. Unser ganzes Verhältnis zur 
Außenwelt, zur Realität, hängt von dieser Fähigkeit ab Wir 
haben die Fiktion aufgestellt, daß wir diese Fähigkeit nicht 
immer besaßen, und daß wir zu Anfang unseres Seelenlebens 
wirkhch das befriedigende Objekt halluzinierten, wenn wir das 
Bedürfnis nach ihm verspürten. Aber die Befriedigung blieb in 
solchem Falle aus, und der Mißerfolg muß uns sehr bald be- 
wogen haben, eine Einrichtung zu schaffen, mit deren Hilfe 
eine solche Wunsch Wahrnehmung von einer realen Erfüllung unter- 
schieden und im weiteren vermieden werden konnte. Wir haben 
mit anderen Worten sehr frühzeitig die halluzinatorische Wunsch- 
befriedigung aufgegeben und eine Art der Realitätsprüfung 
eingerichtet. Die Frage erhebt sich nun, worin bestand diese 
Realitätsprüfung, und wie bringt es die halluzinatorische Wunsch- 
psychose des Traumes und der Amentia u. dgl. zu stände, sie aufzu- 
heben und den alten Modus der Befriedigung wieder herzusteUen. 
Die Antwort läßt sich geben, wenn wir nun daran gehen, das 
dritte unserer psychischen Systeme, das System Bio, welches wir 






Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre 253 



bisher vom Vbw nicht scharf gesondert haben, näher zu be- 
stimmen. Wir haben uns schon in der Traumdeutung ent- 
schließen müssen, die bewußte Wahrnehmung als die Leistung 
eines besonderen Systems in Anspruch zu nehmen, dem wir ge- 
wisse merkwürdige Eigenschaften zugeschrieben haben und mit 
guten Gründen noch weitere Charaktere beilegen werden. Dieses 
dort W genannte System bringen wir zur Deckung mit dem 
System Bw, an dessen Arbeit in der Regel das Bewußtwerden 
hängt. Noch immer aber deckt sich die Tatsache des Bewußt- 
werdens nicht völlig mit der Systemzugehörigkeit, denn wir haben 
ja erfahren, daß sinnliche Erinnerungsbilder bemerkt werden 
können, denen wir unmöglich einen psychischen Ort im System 
Bw oder W zugestehen können. 

Allein die Behandlung dieser Schwierigkeit darf wiederum 
aufgeschoben werden, bis wir das System Bw selbst als Mittel- 
punkt unseres Interesses einstellen können. Für unseren gegen- 
wärtigen Zusammenhang darf uns die Annahme gestattet werden, 
daß die Halluzination in einer Besetzung des Systems Bw (W) 
besteht, die aber nicht wie normal von außen, sondern von innen 
her erfolgt, und daß sie zur Bedingung hat, die Regression 
müsse so weit gehen, daß sie dies System selbst erreicht und sich 
dabei über die Realitätsprüfung hinaussetzen kann. 1 

Wir haben in einem früheren Zusammenhang („Triebe und 
Triebschicksale") für den noch hilflosen Organismus die Fähigkeit 
in Anspruch genommen, «litteis seiner Wahrnehmungen eine 
erste Orientierung in der Welt zu schaffen, indem er „außen" 
und „innen" nach der Beziehung zu einer Muskelaktion unter- 
scheidet. Eine Wahrnehmung, die durch eine Aktion zum Ver- 
schwinden gebracht wird, ist als eine äußere, als Realität er- 
kannt; wo solche Aktion . nichts ändert, kommt die Wahrnehmung 
aus dem eigenen Körperinnern, sie ist nicht real. Es ist dem 

1) Ich füge ergänzend hinzu, daß ein Erklärungsversuch der Halluzination nicht 
an der positiven, sondern vielmehr an der negativen Halluzination angreifen müßte. 






a 54 Metapsychologie 

Individuum wertvoll, daß es ein solches Kennzeichen der Realität 
besitzt, welches gleichzeitig eine Abhilfe gegen sie bedeutet, und 
es wollte gern mit ähnlicher Macht gegen seine oft unerbitt- 
lichen Triebansprüche ausgestattet sein. Darum wendet es solche 
Mühe daran, was ihm von innen her beschwerlich wird, nach 
außen zu versetzen, zu projizieren. 

Diese Leistung der Orientierung in der Welt durch Unter- 
scheidung von innen und außen müssen wir nun nach einer 
eingehenden Zergliederung des seelischen Apparates dem System 
Bw (W) allein zuschreiben. Bw muß über eine motorische Inner- 
vation verfügen, durch welche festgestellt wird, ob die Wahr- 
nehmung zum Verschwinden zu bringen ist oder sich resistent 
verhält. Nichts anderes als diese Einrichtung braucht die Reali- 
tätsprüfung zu sein. 1 Näheres darüber können wir nicht aus- 
sagen, da Natur und Arbeitsweise des Systems Bw noch zu wenig 
bekannt sind. Die Realitätsprüfung werden wir als eine der großen 
Institutionen des Ichs neben die uns bekannt gewordenen 
Zensuren zwischen den psychischen Systemen hinstellen und 
erwarten, daß uns die Analyse der narzißtischen Affektionen 
andere solcher Institutionen aufzudecken verhilft. 

Hingegen können wir schon jetzt aus der Pathologie erfahren, 
auf welche Weise die Realitätsprüfung aufgehoben oder außer 
Tätigkeit gesetzt werden kann, und zwar werden wir es in der 
Wunschpsychose, der Amentia, unzweideutiger erkennen als am 
Traum: Die Amentia ist die Reaktion auf einen Verlust, den 
die Realität behauptet, der aber vom Ich als unerträglich ver- 
leugnet werden soll. Darauf bricht das Ich die Beziehung zur 
Realität ab, es entzieht dem System der Wahrnehmungen Bw 
die Besetzung oder vielleicht besser eine Besetzung, deren be- 
sondere Natur noch Gegenstand einer Untersuchung werden kann. 
Mit dieser Abwendung von der Realität ist die ' Realitätsprüfung 

i) Über die Unterscheidung einer Aktualitäts- von einer Realitätsprüfung siehe an 
spaterer Stelle. 



Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre 255 



beseitigt, die — unverdrängten, durchaus bewußten — Wunsch- 
Phantasien können ins System vordringen und werden von dort 
aus als bessere Realität anerkannt. Eine solche Entziehung darf 
den Verdrängungsvorgängen beigeordnet werden; die Amentia 
bietet uns das interessante Schauspiel einer Entzweiung des Ichs 
mit einem seiner Organe, welches ihm vielleicht am getreuesten 
diente und am innigsten verbunden war. 1 

Was bei » der Amentia die „Verdrängung" leistet, das macht 
beim Traum der freiwillige Verzicht. Der Schlafzustand will 
nichts von der Außenwelt wissen, interessiert sich nicht für die 
Realität oder nur insoweit, als das Verlassen des Schlafzustandes, 
das Erwachen, in Betracht kommt. Er zieht also auch die Be- 
setzung vom System Bw ab, wie von den anderen Systemen, 
dem Vbw und dem Ubw, soweit die in ihnen vorhandenen 
Positionen dem Schlafwunsch gehorchen. Mit dieser Unbesetztheit 
des Systems Bw ist die Möglichkeit einer Realitätsprüfung auf- 
gegeben, und die Erregungen, welche vom Schlafzustand unab- 
hängig den Weg der Regression eingeschlagen haben, werden 
ihn frei finden bis zum System Bw, in welchem sie als un- 
bestrittene Realität gelten werden. 2 Für die halluzinatorische 
Psychose der Dementia praecox werden wir aus unseren Er- 
wägungen ableiten, daß sie nicht zu den Eingangssymptomen 
der Affektion gehören kann. Sie wird erst ermöglicht, wenn das 
Ich des Kranken soweit zerfallen ist, daß die Realitätsprüfung 
nicht mehr die Halluzination verhindert. 



1) Man kann von hier aus die Vermutung wagen, daß auch die toxischen Halluzi- 
nosen, z. B. das Alkoholdelirium, in analoger Weise zu verstehen sind. Der uner- 
trägliche Verlust, der von der Realität auferlegt wird, wäre eben der des Alkohols, 
Zuführung desselben hebt die Halluzinationen auf. 

2) Das Prinzip der Unerregbarkeit unbesetzter Systeme erscheint hier für das Bw 
(W) außer Kraft gesetzt. Aber es kann sich um nur teilweise Aufhebung der Besetzung 
handeln, und gerade für das Wahrnehmungssystem werden wir eine Anzahl von Er- 
regungsbedingungen annehmen müssen, die von denen anderer Systeme weit ab- 
weichen. — Der unsicher tastende Charakter dieser metapsychologischen Erörterungen 
soll natürlich in keiner Weise verschleiert oder beschönigt werden. Erst weitere Ver- 
tiefung kann zu einem gewissen Grade von Wahrscheinlichkeit führen. 






2 56 Metapsychologie 



Zur Psychologie der Traumvorgänge erhalten wir das Resul- 
tat, daß alle wesentlichen Charaktere des Traumes durch die* 
Bedingung des Schlafzustandes determiniert werden. Der alte 
Aristoteles behält mit seiner unscheinbaren Aussage, der Traum 
sei die seelische Tätigkeit des Schlafenden, in allen Stücken recht. 
Wir konnten ausführen: Ein Rest von seelischer Tätigkeit, da- 
durch ermöglicht, daß sich der narzißtische Schlafzustand nicht aus- 
nahmslos durchsetzen ließ. Das lautet ja nicht viel anders, als was 
Psychologen und Philosophen von jeher gesagt haben, ruht aber 
auf ganz abweichenden Ansichten über den Bau und die Leistung 
des seelischen Apparates, die den Vorzug vor den früheren haben, 
daß sie auch alle Einzelheiten des Traumes unserem Verständnis 
nahe bringen konnten. 

Werfen wir am Ende noch einen Blick auf die Bedeutung, 
welche eine Topik des Verdrängungsvorganges für unsere Ein- 
sicht in den Mechanismus der seelischen Störungen gewinnt. 
Beim Traum betrifft die Entziehung der Besetzung (Libido, 
Interesse) alle Systeme gleichmäßig, bei den Übertragungsneu- 
rosen wird die Vbw Besetzung zurückgezogen, bei der Schizo- 
phrenie die des Ubw, bei der Amentia die des Bw. 



-~a 



TRAUER UND MELANCHOLIE 

Nachdem uns der Traum als Normalvorbild der narzißtischen 
Seelenstörungen gedient hat, wollen wir den Versuch machen, 
das Wesen der Melancholie durch ihre Vergleichung mit dem 
Normalaffekt der Trauer zu erhellen. Wir müssen aber diesmal 
ein Bekenntnis vorausschicken, welches vor Überschätzung des 
Ergebnisses warnen soll. Die Melancholie, deren Begriffsbe- 
stimmung auch in der deskriptiven Psychiatrie schwankend ist, 
tritt in verschiedenartigen klinischen Formen auf,.deren Zusammen- 
fassung zur Einheit nicht gesichert scheint, von denen einige 
eher an somatische als an psychogene Affektionen mahnen. Unser 
Material beschränkt sich, abgesehen von den Eindrücken, die 
jedem Beobachter zu Gebote stehen, auf eine kleine Anzahl von 
Fällen, deren psychogene Natur keinem Zweifel unterlag. So 
werden wir den Anspruch auf allgemeine Gültigkeit unserer Er- 
gebnisse von vornherein fallen lassen und uns mit der Erwägung 
trösten, daß wir mit unseren gegenwärtigen Forschungsmitteln 
kaum etwas finden können, was nicht typisch wäre, wenn 
nicht für eine ganze Klasse von Affektionen, so doch für eine 

kleinere Gruppe. 

Die Zusammenstellung von Melancholie und Trauer erscheint 
durch das Gesamtbild der beiden Zustände gerechtfertigt. 1 Auch 
die Anlässe zu beiden aus den Lebenseinwirkungen fallen dort, 
wo sie überhaupt durchsichtig sind, zusammen. Trauer ist regel- 

i) Auch Abraham, dem wir die bedeutsamste unter den wenigen analytischen 
Studien über den Gegenstand verdanken, ist von dieser Vergleichung ausgegangen. 
(Zentralblatt für Psychoanalyse, II, 6, 1912.) 

Freud, Technik x 7 






258 Metapsychologie 



mäßig die Reaktion auf den Verlust einer geliebten Person oder 
einer an ihre Stelle gerückten Abstraktion wie Vaterland, Frei- 
heit, ein Ideal usw. Unter den nämlichen Einwirkungen zeigt 
sich bei manchen Personen, die wir darum unter den Verdacht 
einer krankhaften Disposition setzen, an Stelle der Trauer eine 
Melancholie. Es ist auch sehr bemerkenswert, daß es uns niemals 
einfällt, die Trauer als einen krankhaften Zustand zu betrachten 
und dem Arzt zur Behandlung zu übergeben, obwohl sie schwere 
Abweichungen vom normalen Lebensverhalten mit sich bringt. 
Wir vertrauen darauf, daß sie nach einem gewissen Zeitraum 
überwunden sein wird, und halten eine Störung derselben für 
unzweckmäßig, selbst für schädlich. 

Die Melancholie ist seelisch ausgezeichnet durch eine tief 
schmerzliche Verstimmung, eine Aufhebung des Interesses für 
die Außenwelt, durch den Verlust der Liebesfähigkeit, durch die 
Hemmung jeder Leistung und die Herabsetzung des Selbst- 
gefühls, die sich in Selbstvorwürfen und Selbstbeschimpfungen 
äußert und bis zur wahnhaften Erwartung von Strafe steigert. 
Dies Bild wird unserem Verständnis näher gerückt, wenn wir 
erwägen, daß die Trauer dieselben Züge aufweist, bis auf einen 
einzigen; die Störung des Selbstgefühls fällt bei ihr weg. Sonst 
aber ist es dasselbe. Die schwere Trauer, die Reaktion auf den 
Verlust einer geliebten Person, enthält die nämliche schmerz- 
liche Stimmung, den Verlust des Interesses für die Außenwelt — 
soweit sie nicht an den Verstorbenen mahnt, — den Verlust der 
Fähigkeit, irgend ein neues Liebesobjekt zu wählen — was den 
Betrauerten ersetzen hieße, — die Abwendung von jeder Leistung, 
die nicht mit dem Andenken des Verstorbenen in Beziehung steht. 
Wir fassen es leicht, daß diese Hemmung und Einschränkung 
des Ichs der Ausdruck der ausschließlichen Hingabe an die Trauer 
ist, wobei für andere Absichten und Interessen nichts übrig bleibt. 
Eigentlich erscheint uns dieses Verhalten nur darum nicht patho- 
logisch, weil wir es so gut zu erklären wissen. 



Trauer und Melancholie 259 

Wir werden auch den Vergleich gutheißen, der die Stimmung 
der Trauer eine „schmerzliche" nennt. Seine Berechtigung wird 
uns wahrscheinlich einleuchten, wenn wir im stände sind, den 
Schmerz ökonomisch zu charakterisieren. 

Worin besteht nun die Arbeit, welche die Trauer leistet? Ich 
glaube, daß es nichts Gezwungenes enthalten wird, sie in folgender 
Art darzustellen: Die Realitätsprüfung hat gezeigt, daß das ge- 
liebte Objekt nicht mehr besteht, und erläßt nun die Aufforderung, 
alle Libido aus ihren Verknüpfungen mit diesem Objekt abzu- 
ziehen. Dagegen erhebt sich ein begreifliches Sträuben, — es 
ist allgemein zu beobachten, daß der Mensch eine Libidoposition 
nicht gern verläßt, selbst dann nicht, wenn ihm Ersatz bereits 
winkt. Dies Sträuben kann so intensiv sein, daß eine Abwendung 
von der Realität und ein Festhalten des Objekts durch eine 
halluzinatorische Wunschpsychose (siehe die vorige Abhandlung) 
zu stände kommt. Das Normale ist, daß der Respekt vor der 
Realität den Sieg behält. Doch kann ihr Auftrag nicht sofort er- 
füllt werden. Er wird nun im einzelnen unter großem Aufwand 
von Zeit und Besetzungsenergie durchgeführt und unterdes die 
Existenz des verlorenen Objekts psychisch fortgesetzt. Jede ein- 
zelne der Erinnerungen und Erwartungen, in denen die Libido 
an das Objekt geknüpft war, wird eingestellt, überbesetzt und an 
ihr die Lösung der Libido vollzogen. Warum diese Kompromiß- 
leistung der Einzeldurchführung des Realitätsgebotes so außer- 
ordentlich schmerzhaft ist, läßt sich in ökonomischer Begründung 
gar nicht leicht angeben. Es ist merkwürdig, daß uns diese 
Schmerzunlust selbstverständlich erscheint. Tatsächlich wird aber 
das Ich nach der Vollendung der Trauerarbeit wieder frei und 

ungehemmt. 

Wenden wir nun auf die Melancholie an, was wir von der 
Trauer erfahren haben. In einer Reihe von Fällen ist es offen- 
bar, daß auch sie Reaktion auf den Verlust eines geliebten Objekts 
sein kann 5 bei anderen Veranlassungen kann man erkennen, daß 

17* 



2 6 o Metapsychologie 



der Verlust von mehr ideeller Natur ist. Das Objekt ist nicht 
etwa real gestorben, aber es ist als Liebesobjekt verlorengegangen 
(z. B. der Fall einer verlassenen Braut.) In noch anderen Fällen 
glaubt man an der Annahme eines solchen Verlustes festhalten 
zu sollen, aber man kann nicht deutlich erkennen, was verloren 
wurde, und darf um so eher annehmen, daß auch der Kranke 
nicht bewußt erfassen kann, was er verloren hat. Ja, dieser Fall 
könnte auch dann noch vorliegen, wenn der die Melancholie 
veranlassende Verlust dem Kranken bekannt ist, indem er zwar 
weiß wen, aber nicht, was er an ihm verloren hat. So würde 
uns nahe gelegt, die Melancholie irgendwie auf einen dem Be- 
wußtsein entzogenen Objektverlust zu beziehen, zum Unterschied 
von der Trauer, bei welcher nichts an dem Verluste unbewußt ist. 
Bei der Trauer fanden wir Hemmung und Interesselosigkeit 
durch die das Ich absorbierende Trauerarbeit restlos aufgeklärt. 
Eine ähnliche innere Arbeit wird auch der unbekannte Verlust 
bei der Melancholie zur Folge haben und darum für die Hemmung 
der Melancholie verantwortlich werden. Nur daß uns die melan- 
cholische Hemmung einen rätselhaften Eindruck macht, weil wir 
nicht sehen können, was die Kranken so vollständig absorbiert. 
Der Melancholiker zeigt uns noch eines, was bei der Trauer ent- 
fällt, eine außerordentliche Herabsetzung seines Ichgefühls, eine 
großartige Ich Verarmung. Bei der Trauer ist die Welt arm und leer 
geworden, bei der Melancholie ist es das Ich selbst. Der Kranke 
schildert uns sein Ich als nichtswürdig, leistungsunfähig und mora- 
lisch verwerflich, er macht sich Vorwürfe, beschimpft sich und er- 
wartet Ausstoßung und Strafe. Er erniedrigt sich vor jedem an- 
deren, bedauert jeden der Seinigen, daß er an seine so unwür- 
dige Person gebunden sei. Er hat nicht das Urteil einer Ver- 
änderung, die an ihm vorgefallen ist, sondern streckt seine Selbst- 
kritik über die Vergangenheit aus; er behauptet, niemals besser 
gewesen zu sein. Das Bild dieses — vorwiegend moralischen — 
Kleinheitswahnes vervollständigt sich durch Schlaflosigkeit, Ab- 



Trauer und Melancholie 



261 



lehnung der Nahrung und eine psychologisch höchst merkwür- 
dige Überwindung des Triebes, der alles Lebende am Leben 
festzuhalten zwingt. 

Es wäre wissenschaftlich wie therapeutisch gleich unfruchtbar, 
dem Kranken zu widersprechen, der solche Anklagen gegen sein 
Ich vorbringt. Er muß wohl irgendwie recht haben und etwas 
schildern, was sich so verhält, wie es ihm erscheint. Einige seiner 
Angaben müssen wir ja ohne Einschränkung sofort bestätigen. 
Er ist wirklich so interesselos, so unfähig zur Liebe und zur 
Leistung, wie er sagt. Aber das ist, wie wir wissen, sekundär, 
ist die Folge der inneren, uns unbekannten, der Trauer ver- 
gleichbaren Arbeit, welche sein Ich aufzehrt. In einigen anderen 
Selbstanklagen scheint er uns gleichfalls recht zu haben und die 
Wahrheit nur schärfer zu erfassen als andere, die nicht melan- 
cholisch sind. Wenn er sich in gesteigerter Selbstkritik als klein- 
lichen, egoistischen, unaufrichtigen, unselbständigen Menschen 
schildert, der nur immer bestrebt war, die Schwächen seines 
Wesens zu verbergen, so mag er sich unseres Wissens der Selbst- 
erkenntnis ziemlich angenähert haben, und wir fragen uns nur, 
warum man erst krank werden muß, um solcher Wahrheit zu- 
gänglich zu sein. Denn es leidet keinen Zweifel, wer eine solche 
Selbsteinschätzung gefunden hat und sie vor anderen äußert — 
eine Schätzung, wie sie Prinz Hamlet für sich und alle anderen 
bereit hat, 1 — der ist krank, ob er nun die Wahrheit sagt oder 
sich mehr oder weniger Unrecht tut. Es ist auch nicht schwer 
zu bemerken, daß zwischen dem Ausmaß der Selbsterniedrigung 
und ihrer realen Berechtigung nach unserem Urteil keine Ent- 
sprechung besteht. Die früher brave, tüchtige und pflichttreue 
Frau wird in der Melancholie nicht besser von sich sprechen als 
die in Wahrheit nichtsnutzige, ja vielleicht hat die erstere mehr 
Aussicht, an Melancholie zu erkranken, als die andere, von der 
auch wir nichts Gutes zu sagen wüßten. Endlich muß uns auf- 

1) Use every men öfter his desert, and who should scape whipping. Hamlet, II, 2. 



»6 a Metapsychologie 



fallen, daß der Melancholiker sich doch nicht ganz so benimmt 
wie ein normalerweise von Reue und Selbstvorwurf Zerknirschter. 
Es fehlt das Schämen vor anderen, welches diesen letzteren Zu- 
stand vor allem charakterisieren würde, oder es tritt wenigstens 
nicht auffällig hervor. Man könnte am Melancholiker beinahe 
den gegenteiligen Zug einer aufdringlichen Mitteilsamkeit her- 
vorheben, die an der eigenen Bloßstellung eine Befriedigung 
findet. 

Es ist also nicht wesentlich, ob der Melancholiker mit seiner 
peinlichen Selbstherabsetzung insofern recht hat, als diese Kritik 
mit dem Urteil der anderen zusammentrifft. Es muß sich viel- 
mehr darum handeln, daß er seine psychologische Situation 
richtig beschreibt. Er hat seine Selbstachtung verloren urid muß 
guten Grund dazu haben. Wir stehen dann allerdings vor einem 
Widerspruch, der uns ein schwer lösbares Rätsel aufgibt. Nach 
der Analogie mit der Trauer mußten wir schließen, daß er 
einen Verlust am Objekte erlitten hat; aus seinen Aussagen geht 
ein Verlust an seinem Ich hervor. 

Ehe wir uns mit diesem Widerspruch beschäftigen, verweilen 
wir einen Moment lang bei dem Einblick, den uns die Aifektion 
des Melancholikers in die Konstitution des menschlichen Ichs 
gewährt. Wir sehen bei ihm, wie sich ein Teil des Ichs dem 
anderen gegenüberstellt, es kritisch wertet, es gleichsam zum 
Objekt nimmt. Unser Verdacht, daß die hier vom Ich abgespal- 
tene kritische Instanz auch unter anderen Verhältnissen ihre 
Selbständigkeit erweisen könne, wird durch alle weiteren Beob- 
achtungen bestätigt werden. Wir werden wirklich Grund finden, 
diese Instanz vom übrigen Ich zu sondern. Was wir hier kennen 
lernen, ist die gewöhnlich Gewissen genannte Instanz; wir 
werden sie mit der Bewußtseinszensur und der Realitätsprüfung 
zu den großen Ichinstitutionen rechnen und irgendwo auch die 
Beweise dafür finden, daß sie für sich allein erkranken kann. 
Das Krankheitsbild der Melancholie läßt das moralische Mißfallen 






Trauer und Melancholie 263 



am eigenen Ich vor anderen Ausstellungen hervortreten: körper- 
liche Gebrechen, Häßlichkeit, Schwäche, soziale Minderwertigkeit 
sind weit seltener Gegenstand der Selbsteinschätzung; nur die 
Verarmung nimmt unter den Befürchtungen oder Behauptungen 
des Kranken eine bevorzugte Stelle ein. 

Zur Aufklärung des vorhin aufgestellten Widerspruches führt 
dann eine Beobachtung, die nicht einmal schwer anzustellen ist. 
Hört man die mannigfachen Selbstanklagen des Melancholikers 
geduldig an, so kann man sich endlich des Eindruckes nicht er- 
wehren, daß die stärksten unter ihnen zur eigenen Person oft 
sehr wenig passen, aber mit geringfügigen Modifikationen einer 
anderen Person anzupassen sind, die der Kranke liebt, geliebt 
hat oder lieben sollte. So oft man den Sachverhalt untersucht, 
bestätigt er diese Vermutung. So hat man denn den Schlüssel 
des Krankheitsbildes in der Hand, indem man die Selbstvorwürfe 
als Vorwürfe gegen ein Liebesobjekt erkennt, die von diesem 
weg auf das eigene Ich gewälzt sind. 

Die Frau, die laut ihren Mann bedauert, daß er an eine so 
untüchtige Frau gebunden ist, will eigentlich die Untüchtigkeit 
des Mannes anklagen, in welchem Sinne diese auch gemeint sein 
mag. Man braucht sich nicht zu sehr zu verwundern, daß einige 
echte Selbstvorwürfe unter die rückgewendeten eingestreut sind; 
sie dürfen sich vordrängen, weil sie dazu verhelfen, die anderen 
zu verdecken und die Erkenntnis des Sachverhaltes unmöglich 
zu machen, sie stammen ja auch aus dem Für und Wider des 
Liebesstreites, der zum Liebesverlust geführt hat. Auch das Be- 
nehmen der Kranken wird jetzt um vieles verständlicher. Ihre 
Klagen sind Anklagen, gemäß dem alten Sinne des Wortes; 
sie schämen und verbergen sich nicht, weil alles Herabsetzende, 
was si£ von sich aussagen, im Grunde von einem anderen ge- 
sagt wird; und sie sind weit davon entfernt, gegen ihre Um- 
gebung die Demut und Unterwürfigkeit zu bezeugen, die allein 
so unwürdigen Personen geziemen würde, sie sind vielmehr im 



264 



Metajjsychologie 



höchsten Grade quälerisch, immer wie gekränkt und als ob ihnen 
ein großes Unrecht widerfahren wäre. Dies ist alles nur mög- 
lich, weil die Reaktionen ihres Benehmens noch von der seelischen 
Konstellation der Auflehnung ausgehen, welche dann durch einen 
gewissen Vorgang in die melancholische Zerknirschung überge- 
führt worden ist. 

Es hat dann keine Schwierigkeit, diesen Vorgang zu rekon- 
struieren. Es hatte eine Objektwahl, eine Bindung der Libido 
an eine bestimmte Person bestanden; durch den Einfluß einer 
realen Kränkung oder Enttäuschung von sehen der geliebten 
Person trat eine Erschütterung dieser Objektbeziehung ein. Der 
Erfolg war nicht der normale einer Abziehung der Libido von 
diesem Objekt und Verschiebung derselben auf ein neues, sondern 
ein anderer, der mehrere Bedingungen für sein Zustandekommen 
zu erfordern scheint. Die Objektbesetzung erwies sich als wenig 
resistent, sie wurde aufgehoben, aber die freie Libido nicht auf 
ein anderes Objekt verschoben, sondern ins Ich zurückgezogen. 
Dort fand sie aber nicht eine beliebige Verwendung, sondern 
diente dazu, eine Identifizierung des Ichs mit dem aufgege- 
benen Objekt herzustellen. Der Schatten des Objekts fiel so auf 
das Ich, welches nun von einer besonderen Instanz wie ein Ob- 
jekt, wie das verlassene Objekt, beurteilt werden konnte. Auf 
diese Weise hatte sich der Objektverlust in einen Ichverlust 
verwandelt, der Konflikt zwischen dem Ich und der geliebten 
Person in einen Zwiespalt zwischen der Ichkritik und dem durch 
Identifizierung veränderten Ich. 

Von den Voraussetzungen und Ergebnissen eines solchen Vor- 
ganges läßt sich einiges unmittelbar erraten. Es muß einerseits 
eine starke Fixierung an das Liebesobjekt vorhanden sein, ander- 
seits aber im Widerspruch dazu eine geringe Resistenz der Ob- 
jektbesetzung. Dieser Widerspruch scheint nach einer treffenden 
Bemerkung von 0. Rank zu fordern, daß die Objektwahl auf 
narzißtischer Grundlage erfolgt sei, so daß die Objektbesetzung, 



Trauer und Melancholie 265 



wenn sich Schwierigkeiten gegen sie erheben, auf den Narzißmus 
regredieren kann. Die narzißtische Identifizierung mit dem Objekt 
wird dann zum Ersatz der Liebesbesetzung, was den Erfolg hat, 
daß die Liebesbeziehung trotz des Konflikts mit der geliebten 
Person nicht aufgegeben werden muß. Ein solcher Ersatz der 
Objektliebe durch Identifizierung ist ein für die narzißtischen 
Affektionen bedeutsamer Mechanismus ; K. Landauer hat ihn 
kürzlich in dem Heilungsvorgang einer Schizophrenie aufdecken 
können. 1 Er entspricht natürlich der Regression von einem 
Typus der Objektwahl auf den ursprünglichen Narzißmus. Wir 
haben an anderer Stelle ausgeführt, daß die Identifizierung die 
Vorstufe der Ojektwahl ist und die erste, in ihrem Ausdruck 
ambivalente, Art, wie das Ich ein Objekt auszeichnet. Es möchte 
sich dieses Objekt einverleiben, und zwar der oralen oder kanni- 
balischen Phase der Libidoentwicklung entsprechend auf dem 
Wege des Fressens. Auf diesen Zusammenhang führt Abraham 
wohl mit Recht die Ablehnung der Nahrungsaufnahme zurück, 
welche sich bei schwerer Ausbildung des melancholischen Zu- 

standes kundgibt. 

Der von der Theorie geforderte Schluß, welcher die Disposition 
zur melancholischen Erkrankung oder eines Stückes von ihr in 
die Vorherrschaft des narzißtischen Typus der Objektwahl ver- 
legt, entbehrt leider noch der Bestätigung durch die Untersuchung. 
Ich 'habe in den einleitenden Sätzen dieser Abhandlung bekannt, 
daß das empirische Material, auf welches diese Studie gebaut ist, 
für unsere Ansprüche nicht zureicht. Dürfen wir eine Überein- 
stimmung der Beobachtung mit unseren Ableitungen annehmen, 
so würden wir nicht zögern, dte Regression von der Objektbe- 
setzung auf die noch dem Narzißmus angehörige orale Libido- 
phase in die Charakteristik der Melancholie aufzunehmen. Iden- 
tifizierungen mit dem Objekt sind auch bei den Übertragungs- 
neurosen keineswegs selten, vielme hr ein bekannter Mechanismus 

1) Intern. Zeitschr. für ärztl. Psychoanalyse, II, 1914. 



a66 



Metapsychologie 



der Symptombildung, zumal bei der Hysterie. Wir dürfen aber 
den Unterschied der narzißtischen Identifizierung von der hyste- 
rischen darin erblicken, daß bei ersterer die Objektbesetzung auf- 
gelassen wird, während sie bei letzterer bestehen bleibt und eine 
Wirkung äußert, die sich gewöhnlich auf gewisse einzelne Aktionen 
und Innervationen beschränkt. Immerhin ist die Identifizierung 
auch bei den Übertragungsneurosen der Ausdruck einer Gemein- 
schaft, welche Liebe bedeuten kann. Die narzißtische Identifi- 
zierung ist die ursprünglichere und eröffnet uns den Zugang 
zum Verständnis der weniger gut studierten hysterischen. 

Die Melancholie entlehnt also einen Teil ihrer Charaktere der 
Trauer, den anderen Teil dem Vorgang der Regression von der 
narzißtischen Objektwahl zum Narzißmus. Sie ist einerseits wie 
die Trauer Reaktion auf den realen Verlust des Liebesobjekts 
aber sie ist überdies mit einer Bedingung behaftet, welche der 
normalen Trauer abgeht oder dieselbe, wo sie hinzutritt, in eine 
pathologische verwandelt. Der Verlust des Liebesobjekts ist ein 
ausgezeichneter Anlaß, um die Ambivalenz der Liebesbeziehungen 
zur Geltung und zum Vorschein zu bringen. Wo die Disposition 
zur Zwangsneurose vorhanden ist, verleiht darum der Ambivalenz- 
konflikt der Trauer eine pathologische Gestaltung und zwingt 
sie, sich m der Form von Selbstvorwürfen, daß man den Verlust 
des Liebesobjekts selbst verschuldet, d. h. gewollt habe, zu äußern. 
In solchen zwangsneurotischen Depressionen nach dem Tode ge- 
liebter Personen wird uns vorgeführt, was der Ambivalenzkon- 
flikt für sich allein leistet, wenn die regressive Einziehung der 
Libido nicht mit dabei ist. Die Anlässe der Melancholie gehen 
meist über den klaren Fall des Verlustes durch den Tod hinaus 
und umfassen alle die Situationen von Kränkung, Zurücksetzung 
und Enttäuschung, durch welche ein Gegensatz von Lieben und 
Hassen in die Beziehung eingetragen oder eine vorhandene 
Ambivalenz verstärkt werden kann. Dieser Ambivalenzkonflikt, 
bald mehr realer, bald mehr konstitutiver Herkunft, ist unter 



Trauer und Melancholie 267 









den Voraussetzungen der Melancholie nicht zu vernachlässigen. 
Hat sich die Liebe zum Objekt, die nicht aufgegeben werden 
kann, während das Objekt selbst aufgegeben wird, in die narziß- 
tische Identifizierung geflüchtet, so betätigt sich an diesem Er- 
satzobjekt der Haß, indem er es beschimpft, erniedrigt, leiden 
macht und an diesem Leiden eine sadistische Befriedigung ge- 
winnt. Die unzweifelhaft genußreiche Selbstquälerei der Melan- 
cholie bedeutet ganz wie das entsprechende Phänomen der Zwangs- 
neurose die Befriedigung von sadistischen und Haßtendenzen, 1 
die einem Objekt gelten und auf diesem Wege eine Wendung 
gegen die eigene Person erfahren haben. Bei beiden Affektionen 
pflegt es den Kranken noch zu gelingen, auf dem Umwege über 
die Selbstbestrafung Rache an den ursprünglichen Objekten zu 
nehmen und ihre Lieben durch Vermittlung des Krankseins zu 
quälen, nachdem sie sich in die Krankheit begeben haben, um 
ihnen ihre Feindseligkeit nicht direkt zeigen zu müssen. Die 
Person welche die Gefühlsstörung des Kranken hervorgerufen, 
nach welcher sein Kranksein orientiert ist, ist doch gewöhnlich 
in der nächsten Umgebung des Kranken zu finden. So hat die 
Liebesbesetzung des Melancholischen für sein Objekt ein zwei- 
faches Schicksal erfahren 5 sie ist zum Teil auf die Identifizierung 
regrediert, zum anderen Teil aber unter dem Einfluß des Ambi- 
valenzkonflikts auf die ihm nähere Stufe des Sadismus zurück- 
versetzt worden. 

Erst dieser Sadismus löst uns das Rätsel der Selbstmordneigung, 
durch welche die Melancholie so interessant und so — gefähr- 
lich wird. Wir haben als den Urzustand, von dem das Trieb- 
leben ausgeht, eine so großartige Selbstliebe des Ichs erkannt, 
wir sehen in der Angst, die bei Lebensbedrohung auftritt, einen 
so riesigen Betrag der narzißtischen Libido frei werden, daß wir 
es nicht erfassen, wie dies Ich seiner Selbstzerstörung zustimmen 
könne. Wir wußten zwar längst, daß kein Neurotiker Selbst- 

1) Über deren Unterscheidung siehe den Aufsatz über „Triebe und Triebschicksale." 



268 Metafsychologie 






mordabsichten verspürt, der solche nicht von einem Mordimpuls 
gegen andere auf sich zurückwendet, aber es blieb unverständ- 
lich, durch welches Kräftespiel eine solche Absicht sich zur Tat 
durchsetzen kann. Nun lehrt uns die Analyse der Melancholie 
daß das Ich sich nur dann töten kann, wenn es durch die' 
Rückkehr der Objektbesetzung sich selbst wie ein Objekt be- 
handeln kann, wenn es die Feindseligkeit gegen sich richten 
darf, die einem Objekt gilt, und die die ursprüngliche Reaktion 
des Ichs gegen Objekte der Außenwelt vertritt. (Siehe Triebe 
und Triebschicksale".) So ist bei der Regression von der "narziß- 
tischen Objektwahl das Objekt zwar aufgehoben worden, aber es 
hat sich doch mächtiger erwiesen als das Ich selbst. In den zwei 
entgegengesetzten Situationen der äußersten Verliebtheit und des 
Selbstmordes wird das Ich, wenn auch auf gänzlich verschiedenen 
Wegen, vom Objekt überwältigt. 

1 a ES JT ^ nn n ° Ch nah6 ' fÜr den einen au ^%en Charakter 

der Melancholie, das Hervortreten der Verarmungsangst, die Ab- 
leitung der aus ihren Verbindungen gerissenen und regressiv 
verwandelten Analerotik zuzulassen. 
: Die Melancholie stellt uns noch vor andere Fragen, deren 

{ Beantwortung uns zum Teil entgeht. Daß sie nach einem ge- 

wissen Zeitraum abgelaufen ist, ohne nachweisbare grobe Ver- 
änderungen zu hinterlassen, diesen Charakter teilt sie mit der 
Trauer. Dort fanden wir die Auskunft, die Zeit werde für die 
Detaildurchführung des Gebotes der Realitätsprüfung benötig 
nach welcher Arbeit das Ich seine Libido vom verlorenen Objekt 
frei bekommen habe. Mit einer analogen Arbeit können wir das 
Ich während der Melancholie beschäftigt denken, das ökonomische 
Verständnis des Herganges bleibt hier wie dort aus. Die Schlaf- 
losigkeit der Melancholie bezeugt wohl die Starrheit des Zustandes 
die Unmöglichkeit, die für den Schlaf erforderliche allgemeine' 
Einziehung der Besetzungen durchzuführen. Der melancholische 
Komplex verhält sich wie eine offene Wunde, zieht von allen 



Trauer und Melancholie 269 



Seiten Besetzungsenergien an sich (die wir bei den Übertragungs- 
neurosen „Gegenbesetzungen" geheißen haben) und entleert das 
Ich bis zur völligen Verarmung; er kann sich leicht resistent 
gegen den Schlafwunsch des Ichs erweisen. — Ein wahrschein- 
lich somatisches, psychogen nicht aufzuklärendes Moment kommt 
in der regelmäßigen Linderung des Zustandes zur Abendzeit 
zum Vorschein. An diese Erörterungen schließt die Frage an, ob 
nicht Ichverlust ohne Rücksicht auf das Objekt (rein narzißtische 
Ichkränkung) hinreicht, das Bild der Melancholie zu erzeugen, 
und ob nicht direkt toxische Verarmung an Ichlibido gewisse 
Formen der Affektion ergeben kann. 

Die merkwürdigste und aufklärungsbedürftigste Eigentümlich- 
keit der Melancholie ist durch ihre Neigung gegeben, in den 
symptomatisch gegensätzlichen Zustand der Manie umzuschlagen. 
Bekanntlich hat nicht jede Melancholie dieses Schicksal. Manche 
Fälle verlaufen in periodischen Rezidiven, deren Intervalle ent- 
weder keine oder eine nur sehr geringfügige Tönung von 
Manie erkennen lassen. Andere zeigen jene regelmäßige Ab- 
wechslung von melancholischen und manischen Phasen, die in 
der Aufstellung des zyklischen Irreseins Ausdruck gefunden hat. 
Man wäre versucht, diese Fälle von der psychogenen Auffassung 
auszuschließen, wenn nicht die psychoanalytische Arbeit gerade 
für mehrere dieser Erkrankungen Auflösung wie therapeutische 
Beeinflussung zu stände gebracht hätte. Es ist also nicht nur 
gestattet, sondern sogar geboten, eine analytische Aufklärung der 
Melancholie auch auf die Manie auszudehnen. 

Ich kann nicht versprechen, daß dieser Versuch voll befrie- 
digend ausfallen wird. Er reicht vielmehr nicht weit über die 
Möglichkeit einer ersten Orientierung hinaus. Es stehen uns hier 
zwei Anhaltspunkte zu Gebote, der erste ein psychoanalytischer 
Eindruck, der andere eine, man darf wohl sagen, allgemeine 
ökonomische Erfahrung. Der Eindruck, dem bereits mehrere 
psychoanalytische Forscher Worte geliehen haben, geht dahin, 



270 



Metapsychologie 



daß die Manie keinen anderen Inhalt hat als die Melancholie, daß 
beide Affektionen mit demselben „Komplex" ringen, dem das 
Ich wahrscheinlich in der Melancholie erlegen ist, während es 
ihn in der Manie bewältigt oder beiseite geschoben hat. Den 
anderen Anhalt gibt die Erfahrung, daß alle Zustände von Freude 
Jubel, Triumph, die uns das Normalvorbild der Manie zeigen' 
die nämliche ökonomische Bedingtheit erkennen lassen. Es handelt 
s,ch bei ihnen nm eine Einwirkung, durch welche ein großer 
lange unterhaltener, oder gewohnheitsmäßig hergestellter psychischer 
Aufwand endlich überflüssig wird, so daß er für mannigfache 
Verwendungen und Abfuhrmöglichkeiten bereit steht. Also zum 
Beispiel: Wenn ein armer Teufel durch einen großen Geldge- 
winn plötzlich der chronischen Sorge um das tägliche Brot ent- 
hoben wird, wenn ein langes und mühseliges Ringen sich am 
Ende durch den Erfolg gekrönt sieht, wenn man in die Lage 
kommt, ein«, drückenden Zwang, eine lange fortgesetzte Ver- 
stellung mit einem Schlage aufzugeben u. dgl. Alle solche 
Situationen zeichnen sich durch die gehobene Stimmung, die 
Abfuhrzeichen des freudigen Affekts, und durch die gesteuerte 
Bereitwilligkeit zu allerlei Aktionen aus, ganz wie die Manie^d 
im vollen Gegensatz zur Depression und Hemmung der Melan- 
cholie. Man kann wagen es auszusprechen, daß die Manie nichts 
anderes ist als ein solcher Triumph, nur daß es wiederum dem 
Ich verdeckt bleibt, was es überwunden hat und worüber es 

mum phlert De . Re . he yon zuständen 

Alhoholrausch wird man -S insofern er ein heiterer ist - 
ebenso zurechtlegen dürfen; es handelt sich bei ihm wahrschein- 
lich um die toxisch erzielte Aufhebung von Verdrängungsauf- 
wanden. Die Laienmeinung nimmt gern an, daß man in solcher 
maniakahscher Verfassung darum so bewegungs- und unterneh- 
mungslustig ist, weil man so „gut aufgelegt" ist. Diese falsche 
Verknüpfung wird man natürlich auflösen müssen. Es ist jene 
erwähnte ökonomische Bedingung im Seelenleben erfüllt worden, 



/ 



Trauer und Melancholie 271 



und darum ist man einerseits in so heiterer Stimmung und 
anderseits so ungehemmt im Tun. 

Setzen wir die beiden Andeutungen zusammen, so ergibt sich: 
In der Manie muß das Ich den Verlust des Objekts (oder die 
Trauer über den Verlust oder vielleicht das Objekt selbst) über- 
wunden haben, und nun ist der ganze Betrag von Gegenbe- 
setzung, den das schmerzhafte Leiden der Melancholie aus dem 
Ich an sich gezogen und gebunden hatte, verfügbar geworden. 
Der Manische demonstriert uns auch unverkennbar seine Be- 
freiung von dem Objekt, an dem er gelitten hatte, indem er 
wie ein Heißhungriger auf neue Objektbesetzungen ausgeht. 

Diese Aufklärung klingt ja plausibel, aber sie ist erstens noch 
zu wenig bestimmt und läßt zweitens mehr neue Fragen und 
Zweifel auftauchen, als wir beantworten können. Wir wollen uns 
der Diskussion derselben nicht entziehen, wenn wir auch nicht 
erwarten können, durch sie hindurch den Weg der Klarheit zu 

finden. 

Zunächst: Die normale Trauer überwindet ja auch den Ver- 
lust des Objekts und absorbiert gleichfalls während ihres Be- 
standes alle Energien des Ichs. Warum stellt sich bei ihr die 
ökonomische Bedingung für eine Phase des Triumphes nach 
ihrem Ablaufe auch nicht andeutungsweise her? Ich finde es 
unmöglich, auf diesen Einwand kurzerhand zu antworten. Er 
macht uns auch darauf aufmerksam, daß wir nicht einmal sagen 
können, durch welche ökonomischen Mittel die Trauer ihre 
Aufgabe löst; aber vielleicht kann hier eine Vermutung aus- 
helfen. An jede einzelne der Erinnerungen und Erwartungs- 
situationen, welche die Libido an das verlorene Objekt geknüpft 
zeigen, bringt die Realität ihr Verdikt heran, daß das Objekt 
nicht mehr existiere, und das Ich, gleichsam vor die Frage ge- 
stellt, ob es dieses Schicksal teilen will, läßt sich durch die 
Summe der narzißtischen Befriedigungen, am Leben zu sein, be- 
stimmen, seine Bindung an das vernichtete Objekt zu lösen. 



272 Metapsychologie 



Man kann sich etwa vorstellen, diese Lösung gehe so langsam' 
und schrittweise vor sich, daß mit der Beendigung der Arbeit 
auch der für sie erforderliche Aufwand zerstreut ist. 1 

Es ist verlockend, von der Mutmaßung über die Arbeit der 
Trauer den Weg zu einer Darstellung der melancholischen 
Arbeit zu suchen. Da kommt uns zuerst eine Unsicherheit in 
den Weg. Wir haben bisher den topischen Gesichtspunkt bei der 
Melancholie noch kaum berücksichtigt und die Frage nicht auf- 
geworfen, in und zwischen welchen psychischen Systemen die 
Arbeit der Melancholie vor sich geht. Was von den psychischen 
Vorgängen der Affektion spielt sich noch an den aufgelassenen 
unbewußten Objektbesetzungen, was an deren Identifizierungser- 
satz im Ich ab? 

Es spricht sich nun rasch aus und schreibt sich leicht nieder 
daß die „unbewußte (Ding-) Vorstellung des Objekts von der 
Libido verlassen wird". Aber in Wirklichkeit ist diese Vorstellung 
durch ungezählte Eiazeleindrücke (unbewußte Spuren derselben) 
vertreten, und die Durchführung dieser Libidoabziehung kann 
nicht ein momentaner Vorgang sein, sondern gewiß wie bei der 
Trauer ein langwieriger, allmählich fortschreitender Prozeß. Ob 
er an vielen Stellen gleichzeitig beginnt oder eine irgendwie 
bestimmte Reihenfolge enthält, läßt sich ja nicht leicht unter- 
scheiden ; in den Analysen kann man oft feststellen, daß bald 
diese, bald jene Erinnerung aktiviert ist, und daß die gleich- 
lautenden, durch ihre Monotonie ermüdenden Klagen doch jedes- 
mal von einer anderen unbewußten Begründung herrühren. 
Wenn das Objekt keine so große, durch tausendfältige Ver- 
knüpfung verstärkte Bedeutung für das Ich hat, so ist sein Ver- 
lust auch nicht geeignet, eine Trauer oder eine Melancholie zu 



1) Der ökonomische Gesichtspunkt ist hisher in psychoanalytischen Arbeiten wenig- 
berücksichtigt worden. Als Ausnahme sei der Aufsatz von V. Tausk, Entwertung 
des Verdrängungsmotives durch Rekompense (Intern. Zeitschr. für ärztl. Psychoana- 
lyse, I, 1913) hervorgehoben. 



Trauer und Melancholie 273 



verursachen. Der Charakter der Einzeldurchführung der Libido- 
ablösung ist also der Melancholie wie der Trauer in gleicher 
Weise zuzuschreiben, stützt sich wahrscheinlich auf die gleichen 
ökonomischen Verhältnisse und dient denselben Tendenzen. 

Die Melancholie hat aber, wie wir gehört haben, etwas mehr 
zum Inhalt als die normale Trauer. Das Verhältnis zum Objekt 
ist bei ihr kein einfaches, es wird durch den Ambivalenzkonflikt 
kompliziert. Die Ambivalenz ist entweder konstitutionell, d. h. 
sie hängt jeder Liebesbeziehung dieses Ichs an, oder sie geht 
gerade aus den Erlebnissen hervor, welche die Drohung des 
Objektverlustes mit sich bringen. Die Melancholie kann darum 
in ihren Veranlassungen weit über die Trauer hinausgehen, welche 
in der Regel nur durch den Realverlust, den Tod des Objekts 
ausgelöst wird. Es spinnt sich also bei der Melancholie eine Un- 
zahl von Einzelkämpfen um das Objekt an, in denen Haß und 
Liebe miteinander ringen, die eine um die Libido vom Objekt 
zu lösen, die andre, um diese Libidoposition gegen den Ansturm 
z u behaupten. Diese Einzelkämpfe können wir in kein anderes 
System vorlegen, als in das Ubw, in das Reich der sachlichen 
Erinnerungsspuren (im Gegensatz zu den Wortbesetzungen). 
Ebendort spielen sich auch die Lösungsversuche bei der Trauer 
ab, aber bei dieser letzteren besteht kein Hindernis dagegen, daß 
sich diese Vorgänge auf dem normalen Wege durch das Vbw 
zum Bewußtsein fortsetzen. Dieser Weg ist für die melancholische 
Arbeit gesperrt, vielleicht infolge einer Mehrzahl von Ursachen 
oder des Zusammenwirkens derselben. Die konstitutive Ambiva- 
lenz gehört an und für sich dem Verdrängten an, die trauma- 
tischen Erlebnisse mit dem Objekt mögen anderes Verdrängte 
aktiviert haben. So bleibt alles an diesen Ambivalenzkämpfen 
dem Bewußtsein entzogen, bis nicht der für die Melancholie 
charakteristische Ausgang eingetreten ist. Er besteht, wie wir 
wissen, darin, daß die bedrohte Libidobesetzung endlich das Objekt 
verläßt, aber nur, um sich auf die Stelle des Ichs, von der sie 

Freud, Technik l8 






a 74 Metapsychologie 




ausgegangen war, zurückzuziehen. Die Liebe hat sich so durch 
ihre Flucht ins Ich der Aufhebung entzogen. Nach dieser Regression 
der Libido kann der Vorgang bewußt werden und repräsentiert 
sich dem Bewußtsein als ein Konflikt zwischen einem Teil des 
Ichs und der kritischen Instanz. 

Was das Bewußtsein von der melancholischen Arbeit erfährt, 
ist also nicht das wesentliche Stück derselben, auch nicht jenes 
dem wir einen Einfluß auf die Lösung des Leidens zutrauen 
können. Wir sehen, daß das Ich sich herabwürdigt und gegen 
sich wütet, und verstehen so wenig wie der Kranke, wozu das 
führen und wie sich das ändern kann. Dem unbewußten Stück 
der Arbeit können wir eine solche Leistung eher zuschreiben, 
weil es nicht schwer fällt, eine wesentliche Analogie zwischen 
der Arbeit der Melancholie und jener der Trauer herauszufinden. 
Wie die Trauer das Ich dazu bewegt, auf das Objekt zu ver- 
zichten, indem es das Objekt für tot erklärt und dem Ich die 
Prämie des am Leben Bleibens bietet, so lockert auch jeder einzelne 
Ambivalenzkampf die Fixierung der Libido an das Objekt, indem 
er dieses entwertet, herabsetzt, gleichsam auch erschlägt. Es ist 
die Möglichkeit gegeben, daß der Prozeß im Ubw zu Ende 
komme, sei es nachdem die Wut sich ausgetobt hat, sei es 
nachdem das Objekt als werüos aufgegen wurde. Es fehlt uns 
der Einblick, welche dieser beiden Möglichkeiten regelmäßig oder 
vorwiegend häufig der Melancholie ein Ende bereitet, und wie 
diese Beendigung den weiteren Verlauf des Falles beeinflußt. 
Das Ich mag dabei die Befriedigung genießen, daß es sich als 
das Bessere, als dem Objekt überlegen anerkennen darf. 

Mögen wir diese Auffassung der melancholischen Arbeit auch 
annehmen, sie kann uns doch das eine nicht leisten, auf dessen 
Erklärung wir ausgegangen sind. Unsere Erwartung, die ökono- 
mische Bedingung für das Zustandekommen der Manie nach ab- 
gelaufener Melancholie aus der Ambivalenz abzuleiten, welche 
diese Affektion beherrscht, könnte sich auf Analogien aus ver- 



Trauer und Melancholie 275 



schiederien anderen Gebieten stützen; aber es gibt eine Tatsache, 
vor welcher sie sich beugen muß. Von den drei Voraussetzungen 
der Melancholie: Verlust des Objekts, Ambivalenz und Regression 
der Libido ins Ich, finden wir die beiden ersten bei den Zwangs- 
vorwürfen nach Todesfällen wieder. Dort ist es die Ambivalenz, 
die unzweifelhaft die Triebfeder des Konflikts darstellt, und die 
Beobachtung zeigt, daß nach Ablauf desselben nichts von einem 
Triumph einer manischen Verfassung erübrigt. Wir werden so 
auf das dritte Moment als das einzig wirksame hingewiesen. 
Jene Anhäufung von zunächst gebundener Besetzung, welche 
nach Beendigung der melancholischen Arbeit frei wird und die 
Manie ermöglicht, muß mit der Regression der Libido auf den 
Narzißmus zusammenhängen. Der Konflikt im Ich, den die 
Melancholie für den Kampf um das Objekt eintauscht, muß 
ähnlich wie eine schmerzhafte Wunde wirken, die eine außer- 
ordentlich hohe Gegenbesetzung in Anspruch nimmt. Aber hier 
wird es wiederum zweckmäßig sein, Halt zu machen und die 
weitere Aufklärung der Manie zu verschieben, bis wir Einsicht 
in die ökonomische Natur zunächst des körperlichen und dann 
des ihm analogen seelischen Schmerzes gewonnen haben. Wir 
wissen es ja schon, daß der Zusammenhang der verwickelten 
seelischen Probleme uns nötigt, jede Untersuchung unvollendet 
abzubrecheu, bis ihr die Ergebnisse einer anderen zu Hilfe 
kommen können. 1 



1) Siehe die weitere Fortsetzung des Problems der Manie in „Massenpsychologie 
und Ich- Analyse" [Ges. Schriften, Band VT]. 

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INHALT: 



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ZUR TECHNIK Sei,e 

Die Freudsche psychoanalytische Methode 5 

Über Psychotherapie 12 

Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie 25 

Über „wilde" Psychoanalyse 37 

Die Handhabung der Traumdeutung in der Psychoanalyse 45 

Zur Dynamik der Übertragung 55 

Ratschläge für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung ... 64 
Über fausse reconnaissance („dejä raconte") während der psychoanaly- 
tischen Arbeit 76 

Zur Einleitung der Behandlung 84 

Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten 109 

Bemerkungen über die Übertragungsliebe 120 

Wege der psychoanalytischen Therapie 136 

Zur Vorgeschichte der analytischen Technik 148 

METAPSYCHOLOGIE 

Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten in der Psycho- 
analyse 155 

Triebe und Triebschicksale 16g 

Die Verdrängung 188 

Das Unbewußte 202 

I. Die Rechtfertigung des Unbewußten 202 

II. Die Vieldeutigkeit des Unbewußten und der topische Gesichtspunkt 208 

III. Unbewußte Gefühle 215 

IV. Topik und Dynamik der Verdrängung 217 

V. Die besonderen Eigenschaften des Systems Ubw 223 

VI. Der Verkehr der beiden Systeme 226 

VII. Die Agnoszierung des Unbewußten 232 

Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre 242 

Trauer und Melancholie 257 






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und zur 

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