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Full text of "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie [6., durchgesehene Auflage]"

SIGM FREUD 



Drei Abhandlungen 
zur oexualtneoiie 



. 



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Drei Abhandlungen zur 

Sexualtheorie 



v 



von 



Prof. Dr. Sigm. Freud 



Sechste, durchgesehene Auflage 



■ 


• . - 


Leipzig und Wien 




Franz Deuticke 




1925 




* 


• 
■ 

V 







ÜBERSETZUNGEN: 

i 
1910: Englisch von Brill 

1911: Russisch von Wjachirew und Poljakow 

1915: Ungarisch von Ferenczi 

•igs'i: Italienisch von Bianchini 

1925: Französisch von Reverchon 

l 9' 8 3. : Spanisch von Lopez-Ballesteros y de Torres 

1924: Polnisch von Jekels und Albinski 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Verlags-Nr. 2932 



Gesellschaft für graphische Industrie. Wien. III.. Rüdengasse l» 






VORWORT ZUR DRITTEN AUFLAGE 

Nachdem ich durch ein Jahrzehnt Aufnahme und Wirkung dieses 
Buches beobachtet, möchte ich dessen dritte Auflage mit einigen Vor- 
bemerkungen versehen, die gegen Mißverständnisse und unerfüllbare 
Ansprüche an dasselbe gerichtet sind. Es sei also vor allem betont, daß 
die Darstellung hierin durchweg von der alltäglichen ärztlichen Erfahrung 
ausgeht, welche durch die Ergebnisse der psychoanalytischen Untersuchung 
vertieft und wissenschaftlich- bedeutsam gemacht werden soll. Die drei 
„Abhandlungen zur Sexualtheorie" können nichts anderes enthalten, als 
was die Psychoanalyse anzunehmen nötigt oder zu bestätigen gestattet. Es 
ist darum ausgeschlossen, daß sie sich jemals zu einer „Sexualtheorie 
erweitern ließen und begreiflich, daß sie zu manchen wichtigen Problemen 
des Sexuallebens überhaupt nicht Stellung nehmen. Man wolle aber darum 
nicht glauben, daß diese übergangenen Kapitel des großen Themas dem 
Autor unbekannt geblieben sind oder von ihm als nebensächlich vernach- 
lässigt wurden. 

Die Abhängigkeit dieser Schrift von den psychoanalytischen Erfahrungen, 
die zu ihrer Abfassung angeregt haben, zeigt sich aber nicht nur in der 
Auswahl, sondern auch in der Anordnung des Stoffes. Überall wird ein 
gewisser Instanzenzug eingehalten, werden die akzidentellen Momente 
vorangestellt, die dispositionellen im Hintergrunde gelassen und wird die 
ontogenetische Entwicklung vor der phylogenetischen berücksichtigt. Das 
Akzidentelle spielt nämlich die Hauptrolle in der Analyse, es wird durch 
sie fast restlos bewältigt; das Dispositionelle kommt erst hinter ihm zum 
Vorschein als etwas, was durch das Erleben geweckt wird, dessen Würdigung 
aber weit über das Arbeitsgebiet der Psychoanalyse hinausführt. 

Ein ähnliches Verhältnis beherrscht die Relation zwischen Onto- und 
Phylogenese. Die Ontogenese kann als eine Wiederholung der Phylogenese 
angesehen werden, soweit diese nicht durch ein rezenteres Erleben abge- 
ändert wird. Die phylogenetische Anlage macht sich hinter dem onto- 



Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



genetischen Vorgang bemerkbar. Im Grunde aber ist die Disposition 
eben der Niederschlag eines früheren Erlebens der Art, zu welchem das 
neuere Erleben des Einzelwesens als Summe der akzidentellen Momente 
hinzukommt. 

Neben der durchgängigen Abhängigkeit von der psychoanalytischen 
Forschung muß ich die vorsätzliche Unabhängigkeit von der biologischen 
Forschung als Charakter dieser meiner Arbeit hervorheben. Ich habe es 
sorgfällig vermieden, wissenschaftliche Erwartungen aus der allgemeinen 
Sexualbiologie oder aus der spezieller Tierarten in das Studium einzutragen, 
welches uns an der Sexualfunktion des Menschen durch die Technik der 
Ps5'choanalyse ermöglicht wird. Mein Ziel war allerdings zu erkunden, 
wieviel zur Biologie des menschlichen Sexuallebens mit den Mitteln der 
psychologischen Erforschung zu erraten ist; ich durfte auf Anschlüsse und 
Übereinstimmungen hinweisen, die sich bei dieser Untersuchung ergaben, 
aber ich brauchte mich nicht beirren zu lassen, wenn die psycho- 
analytische Methode in manchen wichtigen Punkten zu Ansichten und 
Ergebnissen führte, die von den bloß biologisch gestützten erheblich 
abwichen. 

Ich habe in dieser dritten Auflage reichliche Einschaltungen vorge- 
nommen, aber darauf verzichtet, dieselben wie in der vorigen Auflage 
durch besondere Zeichen kenntlich zu machen. — Die wissenschaftliche 
Arbeit auf unserem Gebiete hat gegenwärtig ihre Fortschritte verlangsamt, 
doch waren gewisse Ergänzungen dieser Schrift unentbehrlich, wenn sie 
mit der neueren psychoanalytischen Literatur in Fühlung bleiben sollte. 

Wien, im Oktober 1914. 



VORWORT ZUR VIERTEN AUFLAGE 

Nachdem die Fluten der Kriegszeit sich verzogen haben, darf man mit 
Befriedigung feststellen, daß das Interesse für die psychoanalytische 
Forschung in der großen Welt ungeschädigt gebliehen ist. Doch haben 
nicht alle Teile der Lehre das gleiche Schicksal erfahren. Die rein psycho- 
logischen Aufstellungen und Ermittlungen der Psychoanalyse über das 
Unbewußte, die Verdrängung, den Konflikt, der zur Krankheit führt, den 
Krankheitsgewinn, die Mechanismen der Symptombildung u. a. erfreuen 
sich wachsender Anerkennung und finden selbst bei prinzipiellen Gegnern 
Beachtung. Das an die Biologie angrenzende Stück der Lehre, dessen 
Grundlage in dieser kleinen Schrift gegeben wird, ruft noch immer unver- 
minderten Widerspruch hervor und hat selbst Personen, die sich eine 
Zeitlang intensiv mit der Psychoanalyse beschäftigt hatten, zum Abfall 
von ihr und zu neuen Auffassungen bewogen, durch welche die Rolle 
des sexuellen Moments für das normale und krankhafte Seelenleben wieder 
eingeschränkt werden sollte. 

Ich kann mich trotzdem nicht zur Annahme entschließen, daß dieser 
Teil der psychoanalytischen Lehre sich von der zu erratenden Wirklichkeit 
viel weiter entfernen könnte als der andere. Erinnerung und immer wieder 
von neuem wiederholte Prüfung sagen mir, daß er aus ebenso sorgfältiger 
und erwartungsloser Beobachtung hervorgegangen ist und die Erklärung 
jener Dissoziation in der öffentlichen Anerkennung bereitet keine Schwieng- 
keiten. Erstens können nur solche Forscher die hier beschriebenen Anfänge 
des menschlichen Sexuallebens bestätigen, die Geduld und technisches 
Geschick genug besitzen, um die Analyse bis in die ersten Kindheitsjahre 
des Patienten vorzutragen. Es fehlt häufig auch an der Möglichkeit hiezu, 
da das ärztliche Handeln eine scheinbar raschere Erledigung des Krankheits- 
falles verlangt. Andere aber" als Ärzte, welche die Psychoanalyse üben, 
haben überhaupt keinen Zugang zu diesem Gebiet und keine Möglichkeit, 
sich ein Urteil zu bilden, das der Beeinflussung durch ihre eigenen 



Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



Abneigungen und Vorurteile entzogen wäre. Verstünden es die Menschen. 
aus der direkten Beobachtung der Kinder zu lernen, so hätten diese drei 
Abhandlungen überhaupt ungeschrieben bleiben können. 

Dann aber muß man sich daran erinnern, daß einiges vom Inhalt 
dieser Schrift, die Betonung der Bedeutung des Sexuallebens für alle 
menschlichen Leistungen und die hier versuchte Erweiterung des Begriffes 
der Sexualität, von jeher die stärksten Motive für den Widerstand gegen 
die Psychoanalyse abgegeben hat. In dem Bedürfnis nach volltönenden 
Schlagworten ist man soweit gegangen, von dem „Pansexualismus" der 
Psychoanalyse zu reden und ihr den unsinnigen Vorwurf zu machen, sie 
erkläre „alles" aus der Sexualität. Man könnte sich darüber verwundern, 
wenn man imstande wäre, an die verwirrende und vergeßlich machende 
Wirkung affektiver Momente selbst zu vergessen. Denn der Philosoph 
Arthur Schopenhauer hat bereits vor geraumer Zeit den Menschen 
vorgehalten, in welchem Maß ihr Tun und Trachten durch sexuelle 
Strebungen — im gewohnten Sinne des Wortes — bestimmt wird, und 
eine Welt von Lesern sollte doch unfähig gewesen sein, sich eine so 
packende Mahnung so völlig aus dem Sinne zu schlagen ! Was aber die 
„Ausdehnung" des Begriffes der Sexualität betrifft, die durch die Analyse 
von Kindern und von sogenannten Perversen notwendig wird, so mögen 
alle, die von ihrem höheren Standpunkt verächtlich auf die Psychoanalyse 
herabschauen, sich erinnern lassen, wie nahe die erweiterte Sexualität der 
Psychoanalyse mit dem Eros des göttlichen Plato zusammentrifft. (S. 
Nach man söhn, Freuds Libidotheorie verglichen mit der Eroslehre 
Piatos, Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse, III., 1915.) 

Wien, im Mai ig20. 



DIE SEXUELLEN ABIRRUNGEN 1 

Die Tatsache geschlechtlicher Bedürfhisse bei Mensch und Tier 
drückt man in der Biologie durch die Annahme eines „Geschlechts- 
triebes" aus. Man folgt dabei der Analogie mit dem Trieb nach 
Nahrungsaufnahme, dem Hunger. Eine dem Worte „Hunger" 
entsprechende Bezeichnung fehlt der Volkssprache 5 die Wissenschaft 
gebraucht als solche „Libido". 2 

Die populäre Meinung macht sich ganz bestimmte Vorstellungen 
von der Natur und den Eigenschaften dieses Geschlechtstriebes. 
Er soll der Kindheit fehlen, sich um die Zeit und im Zusammen- 
hang mit dem Reifungsvorgang der Pubertät einstellen, sich in 
den Erscheinungen unwiderstehlicher Anziehung äußern, die das 
eine Geschlecht auf das andere ausübt, und sein Ziel soll die 
' geschlechtliche Vereinigung sein oder wenigstens solche Handlungen, 
welche auf dem Wege zu dieser liegen. 

Wir haben aber allen Grund, in diesen Angaben ein sehr 
ungetreues Abbild der Wirklichkeit zu erblicken; faßt man sie 

7~> 



.1) Die in der' ersten Abhandlung enthaltenen Angaben sind aus den bekannten 
Publikationen von t. Kr äfft- E bin g, Moll, Moebius, Havelock Ellis. 
v. Schrenck-Notzing, Löwenfeld, Eulenburg, I. Bloch, M. Hirsch- 
feld und aus den Arbeiten in den vom letzteren herausgegebenen „Jahrbuch für 
sexuelle Zwischenstufen" geschöpft. Da an diesen Stellen auch die übrige Literatur 
des Themas aufgeführt ist, habe ich mir detaillierte Nachweise ersparen können. — 
Die durch psychoanalytische Untersuchung Invertierter gewonnenen Einsichten ruhen 
auf Mitteilungen von I. S a d g e r und auf eigener Erfahrung. 

2) Das einzig angemessene Wort der deutschen Sprache „Lust" ist leider vieldeutig 
und benennt ebensowohl die Empfindung des Bedürfnisses als die der Befriedigung. 



8 



Drei Abhandlungen zur Se:rualtheori 



le 



schärfer ins Auge, so erweisen sie sich überreich an Irrtümern, 
Ungenauigkeiten und Voreiligkeiten. 

Führen wir zwei Termini ein : heißen wir die Person, von welcher 
die geschlechtliche Anziehung ausgeht, das Sexualobjekt, die 
Handlung, nach welcher der Trieb drängt, das Sexual ziel, so 
weist uns die wissenschaftlich gesichtete Erfahrung zahlreiche 
Abweichungen in Bezug auf beide, Sexualobjekt und Sexualziel, 
nach, deren Verhältnis zur angenommenen Norm eingehende 
Untersuchung fordert. 



Verhalten der 
Invertierten 



1) Abweichungen in Bezug auf das Sexualobjekt 

Der populären Theorie des Geschlechtstriebes entspricht am 
schönsten die poetische Fabel von der Teilung des Menschen 
in zwei Hälften — Mann und Weib — , die sich in der Liebe 
wieder zu vereinigen streben. Es wirkt darum wie eine große 
Überraschung zu hören, daß es Männer gibt, für che nicht das 
' Weib, sondern der Mann, Weiber, für die nicht der Mann, 
sondern das Weib das Sexualobjekt darstellt. Man heißt solche 
Personen Konträrsexuale oder besser Invertierte, die Tatsache 
die der Inversion. Die Zahl solcher Personen ist sehr 
erheblich, wiewohl deren sichere Ermittlung Schwierigkeiten 
unterliegt. 1 

A) Die Inversion 

Die betreffenden Personen verhalten sich nach verschiedenen 
Richtungen ganz verschieden. 

a) Sie sind absolut invertiert, das heißt ihr Sexualobjekt 
kann nur gleichgeschlechtlich sein, während das gegensätzliche 
Geschlecht für sie niemals Gegenstand der geschlechtlichen Sehnsucht 



1) Vergleiche über diese Schwierigkeiten sowie über Versuche, die Verhältnis zahl 
der Invertierten zu eruieren, die Arbeit von M. H i r s c h f e 1 d im „Jahrbuch für 
sexuelle Zwischenstufen" 1904. 



Die sexuellen Abirrungen 



ist, sondern sie kühl läßt oder selbst sexuelle Abneigung bei ihnen 
hervorruft. Als Männer sind sie dann durch Abneigung unfähig, 
den normalen Geschlechtsakt auszuführen oder vermissen bei 
dessen Ausführung jeden Genuß. - 

b) Sie sind amphigen invertiert (psychosexuell-herma- 
phroditisch), das heißt ihr Sexualobjekt kann ebensowohl dem 
gleichen wie dem anderen Geschlecht angehören; der Inversion 
fehlt also der Charakter der Ausschließlichkeit. 

c) Sie sind okkasionell invertiert, das heißt unter gewissen 
äußeren Bedingungen, von denen die Unzugänglichkeit des normalen 
Sexualobjektes und die Nachahmung obenan stehen, können sie 
eine Person des gleichen Geschlechtes zum Sexualobjekt nehmen 
und im Sexualakt mit ihr Befriedigung empfinden. 

Die Invertierten zeigen ferner ein mannigfaltiges Verhalten m 
ihrem Urteil über die Besonderheit ihres Geschlechtstriebes. Die 
einen nehmen die Inversion als selbstverständlich hin wie der 
Normale die Richtung seiner Libido, und vertreten mit Schärfe 
deren Gleichberechtigung mit der normalen. Andere aber lehnen 
sich gegen die Tatsache ihrer Inversion auf und empfinden 
dieselbe als krankhaften Zwang. 1 

Weitere Variationen betreffen die zeitlichen Verhältnisse. Die 
Eigentümlichkeit der Inversion datiert bei dem Individuum 
entweder von jeher, soweit seine Erinnerung zurückreicht, oder 
dieselbe hat sich ihm erst zu einer bestimmten Zeit vor oder 
nach der Pubertät bemerkbar gemacht. 2 Der Charakter bleibt 
entweder durchs ganze Leben erhalten oder tritt zeitweise zurück 
oder stellt eine Episode auf dem Wege zur normalen Entwicklung 

1) Ein solches Sträuben gegen den Zwang zur Inversion könnte die Bedingung 
der Beeinflußbarkeit durch Suggestivbehandlung oder Psychoanalyse abgeben. 

2) Es ist von mehreren Seiten mit Recht betont worden, daß die autobiographischen 
Angaben der Invertierten über das zeitliche Auftreten der Inversionsneigung unzu- 
verlässig sind, da dieselben die Beweise für ihr heterosexuelles Empfinden aus ilirem 
Gedächtnis verdrängt haben könnten. — Die Psychoanalyse hat diesen Verdacht für die 
ihr zugänglich gewordenen Fälle von Inversion bestätigt und deren Anamnese durch 
die Ausfüllung der Kindheitsamnesie in entscheidender Weise verändert. 



10 



Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



dar; ja er kann sich erst spät im Leben nach Ablauf einer 
langen Periode normaler Sexualtätigkeit äußern. Auch ein periodisches 
Schwanken zwischen dem normalen und dem invertierten Sexual- 
objekt ist beobachtet worden. Besonders interessant sind Fälle, in 
denen sich die Libido im Sinne der Inversion ändert, nachdem 
eine peinliche Erfahrung mit dem normalen Sexualobjekt gemacht 
worden ist. 

Diese verschiedenen Reihen von Variationen bestehen im all- 
gemeinen unabhängig nebeneinander. Von der extremsten Form 
kann man etwa regelmäßig annehmen, daß die Inversion seit 
sehr früher Zeit bestanden hat, und daß die Person sich mit 
ihrer Eigentümlichkeit einig fühlt. 

Viele Autoren würden sich weigern, die hier aufgezählten Fälle 
zu einer Einheit zusammenzufassen, und ziehen es vor die 
Unterschiede anstatt der Gemeinsamen dieser Gruppen zu betonen 
was mit der von ihnen beliebten Beurteilung der . Inversion 
zusammenhängt. Allein so berechtigt Sonderungen sein mögen, 
so ist doch nicht zu verkennen, daß alle Zwischenstufen reichlich 
aufzufinden sind, so daß die Reihenbildung sich gleichsam von 
selbst aufdrängt. 
Auffassung D le er s te Würdigung der Inversion bestand in der Auffassung, 
sie sei ein angeborenes Zeichen nervöser Degeneration, und war 
im Einklänge mit der Tatsache, daß die ärztlichen Beobachter 
zuerst bei Nervenkranken oder Personen, die solchen Eindruck 
machten, auf sie gestoßen waren. In dieser Charakteristik sind 
zwei Angaben enthalten, die unabhängig voneinander beurteilt 
werden sollen: das Angeborensein und die Degeneration. 

Die Degeneration unterliegt den Einwänden, die sich gegen 
die wahllose Verwendung des Wortes überhaupt erheben. Es 
ist doch Sitte geworden, jede Art von Krankheitsäußerung, die 
nicht gerade traumatischen oder infektiösen Ursprunges ist, der 
Degeneration zuzurechnen. Die Magnansche Einteilung der 
Degenerierten hat es selbst ermöglicht, daß die vorzüglichste 



der 

Inversion 



egeucration 



Die sexuellen Abirrungen 1 1 

Allgemeingestaltung der Nervenleistung die Anwendbarkeit des 
Begriffes Degeneration nicht auszuschließen braucht. Unter 
solchen Umständen darf man fragen, welchen Nutzen und 
welchen neuen Inhalt das Urteil „Degeneration" überhaupt 
noch besitzt. Es scheint zweckmäßiger, von Degeneration nicht 
zu sprechen : 

1) wo nicht mehrere schwere Abweichungen von der Norm 
zusammentreffen ; 

2) wo nicht Leistungs- und Existenzfähigkeit im allgemeinen 
schwer geschädigt erscheinen. 1 

Daß die Invertierten nicht Degenerierte in diesem berechtigten 
Sinne sind, geht aus mehreren Tatsachen hervor : 

1) Man findet die Inversion bei Personen, die keine sonstigen 
schweren Abweichungen von der Norm zeigen: 

2) desgleichen bei Personen, deren Leistungsfähigkeit nicht 
gestört ist, ja, die sich durch besonders hohe intellektuelle Ent- 
wicklung und ethische Kultur auszeichnen. 2 

5) Wenn man von den Patienten seiner ärztlichen Erfahrung 
absieht und einen weiteren Gesichtskreis zu umfassen strebt, stößt 
man nach zwei Richtungen auf Tatsachen, welche die Inversion 
als Degenerationszeichen aufzufassen verbieten. 

a) Man muß Wert darauf legen, daß die Inversion eine häufige 
Erscheinung, fast eine mit wichtigen Funktionen betraute Institution 
bei den alten Völkern auf der Höhe ihrer Kultur war; 

&)'man findet sie ungemein verbreitet bei vielen wilden und 
primitiven Völkern, während man den Begriff der Degeneration 

1) Mit welchen Vorbehalten die Diagnose auf Degeneration zu stellen ist und 
welch geringe praktische Bedeutung ihr zukommt, kann man aus den Ausführungen 
von M o e b i u s (Über Entartung. Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens. Nr. III, 
1900) entnehmen: „Überblickt man nun das weite Gebiet der Entartung, auf das 
hier einige Schlaglichter geworfen worden sind, so sieht man olmeweiters ein. daß 
es sehr geringen Wert hat. Entartung überhaupt zu diagnostizieren." 

2) Es muß den Wortführern des ..Uranismus'- zugestanden werden, daß einige der 
hervorragendsten Männer, von denen wir überhaupt Kunde haben. Invertierte, vielleicht 
sogar absolut Invertierte waren. 



12 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



sein 






auf die hohe Zivilisation zu beschränken gewohnt ist (I. Bloch); 
selbst unter den zivilisierten Völkern Europas haben Klima und 
Rasse auf die Verbreitung und die Beurteilung der Inversion den 
mächtigsten Einfluß. 1 
angeboren- Das Angeborensein ist, wie begreiflich, nur für die erste, 
extremste Klasse der Invertierten behauptet worden, und zwar 
auf Grund der Versicherung dieser Personen, daß sich bei ihnen 
zu keiner Zeit des Lebens eine andere Richtung des Sexualtriebes 
gezeigt habe. Schon das Vorkommen der beiden anderen Klassen, 
speziell der dritten, ist schwer mit der Auffassung eines angeborenen 
Charakters zu vereinen. Daher die Neigung der Vertreter dieser 
Ansicht, die Gruppe der absolut Invertierten von allen anderen 
abzulösen, was den Verzicht auf eine allgemein gültige Auffassung 
der Inversion zur Folge hat. Die Inversion wäre demnach in einer 
Reihe von Fällen ein angeborener Charakter; in anderen könnte 
sie auf andere Art entstanden sein. 

Den Gegensatz zu dieser Auffassung bildet die andere, daß die 
Inversion ein erworbener Charakter des Geschlechtstriebes sei. 
Sie stützt sich darauf, daß 

1 ) bei vielen (auch absolut) Invertierten ein frühzeitig im Leben 
einwirkender sexueller Eindruck nachweisbar ist, als dessen fort- 
dauernde Folge sich die homosexuelle Neigung darstellt, 

2) daß bei vielen anderen sich die äußeren begünstigenden 
und hemmenden Einflüsse des Lebens aufzeigen lassen, die zu 
einer früheren oder späteren Zeit zur Fixierung der Inversion 
geführt haben (ausschließlicher Verkehr mit dem gleichen 
Geschlecht, Gemeinschaft im Kriege, Detention in Gefängnissen, 
Gefahren des heterosexuellen Verkehrs, Zölibat, geschlechtliche 
Schwäche usw.), 

1) In der- Auffassung der Inversion sind die pathologischen Gesichtspunkte von 
anthropologischen abgelöst worden. Diese Wandlung bleibt das Verdienst von I. Bloch 
.Beitrüge zur Ätiologie der Psychopathia sexualis. 2 Teile, 1902/5), welcher Autor 
auch die Tatsache der Inversion bei den alten Kulturvölkern nachdrücklich zur 
Geltung gebracht hat. 



Die sexuellen Abirrungen 13 



5) daß die Inversion durch hypnotische Suggestion aufgehoben 
werden kann, was bei einem angeborenen Charakter Wunder 

nehmen würde. 

Vom Standpunkt dieser Anschauung kann man die Sicherheit 
des Vorkommens einer angeborenen Inversion überhaupt bestreiten. 
Man kann einwenden (Havelock Rllis), daß ein genaueres 
Examen der für angeborene Inversion in Anspruch genommenen 
Fälle wahrscheinlich gleichfalls ein für die Richtung der Libido 
bestimmendes Erlebnis der frühen Kindheit zutage fördern würde, 
welches bloß im bewußten Gedächtnis der Person nicht bewahrt 
worden ist, aber durch geeignete Beeinflussung zur Erinnerung 
gebracht werden könnte. Die Inversion könnte man nach diesen 
Autoren nur als eine häufige Variation des Geschlechtstriebes 
bezeichnen, die durch eine Anzahl äußerer Lebensumstände bestimmt 

werden kann. 

Der scheinbar so gewonnenen Sicherheit macht aber die Gegen- 
bemerkung ein Ende, daß nachweisbar viele Personen die nämlichen 
sexuellen Beeinflussungen (auch in früher Jugend: Verführung, 
mutuelle Onanie) erfahren, ohne durch sie invertiert zu werden 
oder dauernd so zu bleiben. So wird man zur Vermutung 
gedrängt, daß die Alternative angeboren — erworben entweder 
unvollständig ist oder die bei der Inversion vorliegenden Verhält- 
nisse nicht deckt. 

Weder mit der Annahme, die Inversion sei angeboren, noch ™^* n der 
mit der anderen, sie werde erworben, ist das Wesen der Inversion 
erklärt. Im ersten Falle muß man sich äußern, was an ihr 
angeboren ist, wenn man sich nicht der rohesten Erklärung 
anschließt, daß eine Person die Verknüpfung des Sexualtriebes mit 
einem bestimmten Sexualobjekt angeboren mitbringt. Im anderen 
Falle fragt es sich, ob die mannigfachen akzidentellen Einflüsse hin- 
reichen, die Erwerbung zu erklären, ohne daß ihnen etwas an dem 
Individuum entgegenkommen müsse. Die Verneinung dieses letzten 
Momentes ist nach unseren früheren Ausführungen unstatthaft. 



2 4 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



era der ehUnS Zur Erklä 'ung der Möglichkeit einer sexuellen Inversion ist 
Inversion seit Frank Lydstone, Kiernan und Chevalier eine 
Gedankenreihe herangezogen worden, welche einen neuen Wider- 
spruch gegen die populäre Meinung enthält. Dieser gilt ein 
Mensch entweder als Mann oder als Weib. Die Wissenschaft 
kennt aber Fälle, in denen die Geschlechtscharaktere verwischt 
erscheinen und somit die Geschlechtsbestimmung erschwert wird; 
zunächst auf anatomischem Gebiet. Die Genitalien dieser Personen 
vereinigen männliche und weibliche Charaktere (Hermaphroditismus). 
In seltenen Fällen sind nebeneinander beiderlei Geschlechtsapparate 
ausgebildet (wahrer Hermaphroditismus); zu allermeist findet man 
beiderseitige Verkümmerung. 1 

Das Bedeutsame an diesen Abnormitäten ist aber, daß sie in 
unerwarteter Weise das Verständnis der normalen Bildung erleichtern. 
Ein gewisser Grad von anatomischem Hermaphroditismus gehört 
nämlich der Norm an; bei keinem normal gebildeten männlichen 
oder weiblichen Individuum werden die Spuren vom Apparat 
des anderen Geschlechtes vermißt, die entweder funktionslos als 
rudimentäre Organe fortbestehen oder selbst zur Übernahme 
anderer Funktionen umgebildet worden sind. 

Die Auffassung, die sich aus diesen lange bekannten ana- 
tomischen Tatsachen ergibt, ist die einer ursprünglich bisexuellen 
Veranlagung, die sich im Laufe der Entwicklung bis zur Mono- 
sexualität mit geringen Resten des verkümmerten Geschlechtes 
verändert. 

Es lag nahe, diese Auffassung aufs psychische Gebiet zu 
übertragen und die Inversion in ihren Abarten als Ausdruck eines 
psychischen Hermaphroditismus zu verstehen. Um die Frage zu 
entscheiden, bedurfte es nur noch eines regelmäßigen Zusammen- 



1) Vergleiche die letzten ausführlichen Darstellungen des somatischen Herma- 
phrodilismus: Taruffi, Hermaphroditismus und Zeugungsunfähigkeit, Deutsche 
Ausgabe von R. T e u s c he r, 1905, und die Arbeiten von Neugebauerin mehreren 
Bänden des Jahrbuches für sexuelle Zwischenstufen. 






Die sexuellen Abirrungen 1 5 

trefferis der Inversion mit den seelischen und somatischen Zeichen 
des Hermaphroditismus. 

Allein diese nächste Erwartung schlägt fehl. So nahe darf man 
sich die Beziehungen zwischen dem angenommenen psychischen 
und dem nachweisbaren anatomischen Zwitterturn nicht vorstellen. 
Was man bei den Invertierten findet, ist häufig eine Herabsetzung 
des Geschlechtstriebes überhaupt (Havelock Rllis) und leichte 
anatomische Verkümmerung der Organe. Häufig, aber keineswegs 
regelmäßig oder auch nur überwiegend. Somit muß man erkennen, 
daß Inversion und somatischer Hermaphroditismus im ganzen 
unabhängig voneinander sind. 

Man hat ferner großen Wert auf die sogenannten sekundären 
und tertiären Geschlechtscharaktere gelegt und deren gehäuftes 
Vorkommen bei den Invertierten betont (H. Ellis). Auch daran 
ist vieles zutreffend, aber man darf nicht vergessen, daß die 
sekundären und tertiären Geschlechtscharaktere überhaupt recht 
häufig beim anderen Geschlecht auftreten und so Andeutungen 
von Zwittertum herstellen, ohne daß dabei das Sexualobjekt sich 
im Sinne einer Inversion abgeändert zeigte. 

Der psychische Hermaphroditismus würde an Leibhaftigkeit 
gewinnen, wenn mit der Inversion des Sexualobjektes wenigstens 
ein Umschlag der sonstigen seelischen Eigenschaften, Triebe und 
Charakterzüge in die fürs andere Geschlecht bezeichnende 
Abänderung parallel liefe. Allein eine solche Charakterinversion 
darf man mit einiger Regelmäßigkeit nur bei den invertierten 
Frauen erwarten, bei den Männern ist die vollste seelische Männ- 
lichkeit mit der Inversion vereinbar. Hält man an der Aufstellung 
eines seelischen Hermaphroditismus fest, so muß man hinzufügen, 
daß dessen Äußerungen auf verschiedenen Gebieten eine nur 
geringe gegenseitige Bedingtheit erkennen lassen. Das gleiche 
gilt übrigens auch für das somatische Zwittertum ; nach H a 1 b a n 1 • 

1) J. Halb an, Die Entstehung der Geschlechtscharaktere. Archiv für Gynäko- 
logie. Bd. 70, 1905. Siehe dort auch die Literatur des Gegenstandes. 



i6 



Drei Abhandhingen zur .Sexualtheorie 



sind auch die einzelnen Organ Verkümmerungen und sekundären 
Geschlechtscharaktere in ihrem Auftreten ziemlich unabhängig 
voneinander. 

Die Bisexualitätslehre ist in ihrer rohesten Form von einem 
Wortführer der männlichen Invertierten ausgesprochen worden: 
weibliches Gehirn im männlichen Körper. Allein wir kennen 
die Charaktere eines „weiblichen Gehirns" nicht. Der Ersatz 
des psychologischen Problems durch das anatomische ist ebenso 
müßig wie unberechtigt. Der Erklärungsversuch v. Krafft- 
E b i n g s scheint exakter gefaßt als der Ulrichs', ist aber im 
Wesen von ihm nicht verschieden 5 v. Krafft-Ebing meint, 
daß die bisexuelle Anlage dem Individuum ebenso männliche und 
weibliche Gehirnzentren mitgibt wie somatische Geschlechtsorgane. 
Diese Zentren entwickeln sich erst zurzeit der Pubertät, zumeist 
unter dem Einflüsse der von ihnen in der Anlage unabhängigen 
Geschlechtsdrüse. Von den männlichen und weiblichen „Zentren" 
gilt aber dasselbe wie vom männlichen und weiblichen Gehirn, 
und nebenbei wissen wir nicht einmal, ob wir für die Geschlechts- 
funktionen abgegrenzte Gehirnstellen („Zentren") wie etwa für 
die Sprache annehmen dürfen. 1 

Zwei Gedanken bleiben nach diesen Erörterungen immerhin 
bestehen : daß auch für die Inversion eine bisexuelle Veranlagung 
in Betracht kommt, nur daß wir nicht wissen, worin diese 
Anlage über die anatomische Gestaltung hinaus besteht, und daß 
es sich um Störungen handelt, welche den Geschlechtstrieb in 
seiner Entwicklung betreffen. 



1) Der erste, der zur Erklärung der Inversion die Bisexualität herangezogen, soll 
(nach einem Literaturbericht im sechsten Band des Jahrbuches für sexuelle Zwischen- 
stufen) E. G 1 e y gewesen sein, der einen Aufsatz (Les aberrations de l'instinct 
sexuel) schon im Jänner 1884 in der „Revue philosophicrae" veröffentlichte. — Es ist 
übrigens bemerkenswert, daß die Mehrzahl der Autoren, welche die Inversion auf 
Bisexualität zurückführen, dieses- Moment nicht allein für die Invertierten, sondern 
für alle Normalgewordenen zur Geltung bringen und folgerichtig die Inversion als 
das Ergebnis einer Entwicklungsstörimg auffassen. So bereits Chevalier (Inversion 
sexuelle, 1893). Krafft-Ebing (Zur Erklärung der konträren Sexualempfindung, 
Jahrbücher für Psychiatrie und Neurologie, XIII. Bd.) spricht davon, daß eine Fülle 



Die sexuellen Abirrungen *7 



Die Theorie des psychischen Hermaphroditismus setzt voraus, s«wi«*jew 
daß das Sexualobjekt des Invertierten das dem normalen entgegen- invertierten 
gesetzte sei. Der invertierte Mann unterliege wie das Weib dem 
Zauber, der von den männlichen Eigenschaften des Körpers und 
der Seele ausgeht, er fühle sich selbst als Weib und suche den 

Mann. 

Aber wiewohl dies für eine ganze Reihe von Invertierten 
zutrifft, so ist es doch weit entfernt, einen allgemeinen Charakter 
der Inversion zu verraten. Es ist kein Zweifel, daß ein großer 
Teil der männlichen Invertierten den psychischen Charakter der 
Männlichkeit bewahrt hat, verhältnismäßig wenig sekundäre 
Charaktere des anderen Geschlechtes an sich trägt und in seinem 
Sexualobjekt eigentlich weibliche psychische Züge sucht. Wäre 
dies anders, so bliebe es unverständlich, wozu die männliche 
Prostitution, die sich den Invertierten anbietet, — heute wie im 
Altertum, — in allen Äußerlichkeiten der Kleidung und Haltung 
die Weiber kopiert; diese Nachahmung müßte ja sonst das Ideal 
der Invertierten beleidigen. Bei den Griechen, wo die männlichsten 
Männer unter den Invertierten erscheinen, ist es klar, daß nicht 
der männliche Charakter des Knaben, sondern seine körperliche 
Annäherung an das Weib sowie seine weiblichen seelischen 

von Beobachtungen bestehen, „aus denen sich mindestens die virtuelle Fortexistenz 
dieses zweiten Zentrums (des unterlegenen Geschlechtes) ergibt.« Ein Dr. Ar du in 
(Die Frauenfrage und die sexuellen Zwischenstufen) stellt im zweiten Band des 
Jahrbuches für sexuelle Zwischenstufen .1900 die Behauptung auf: „daß in jedem 
Menschen männliche und weibliche Elemente vorhanden sind (vgl. dieses Jahrbuch, 
Bd I, 1899: „Die objektive Diagnose der Homosexualität" von Dr. M. Hirsch- 
feld S 8— qu. f.), nur — der Geschlechtszugehörigkeit entsprechend — die einen 
unverhältnismäßig stärker entwickelt als die anderen, soweit es sich um heterosexuelle 
Personen handelt..." — Für G. H e r m a n (Genesis, das Gesetz der Zeugung, 
IX. Bd., Libido und Mania, 1905) steht es fest, „daß in jedem Weibe männliche, m 
jedem Manne weibliche Keime und Eigenschaften enthalten sind" usw. — 1906 hat 
dann W. F 1 i e ß („Der Ablauf des Lebens") einen Eigentumsanspruch auf die Idee 
der Bisexualität (im Sinne einer Zweigeschlechtigkeit) erhoben. - In 
nicht fachlichen Kreisen wird die Aufstellung der menschlichen Bisexualität als eine 
Leistung des jung verstorbenen Philosophen O. Weinin ger betrachtet, der diese 
Idee zur Grundlage eines ziemlich unbesonnenen Buches (Geschlecht und Charakter, 1905; 
genommen hat. Die oben stehenden Nachweise mögen zeigen, wie wenig begründet 
dieser Anspruch ist. 

Freud, Sexualtheorie, 6. Auflage. 



*8 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



Eigenschaften, Schüchternheit, Zurückhaltung, Lern- und Hilfs- 
bedürftigkeit die Liebe des Mannes entzündeten. Sobald der Knabe 
ein Mann wurde, hörte er auf, ein Sexualobjekt für den Mann 
zu sein, und wurde etwa selbst ein Knabenliebhaber. Das Sexual- 
objekt ist also in diesem Falle, wie in vielen anderen, nicht das 
gleiche Geschlecht, sondern die Vereinigung beider Geschlechts- 
charaktere, das Kompromiß etwa zwischen einer Regung, die 
nach dem Manne, und einer, die nach dem Weibe verlangt, mit 
der festgehaltenen Bedingung der Männlichkeit des Körpers (der 
Genitalien), sozusagen die Spiegelung der eigenen bisexuellen 
Natur. 1 



1) Die Psychoanalyse hat bisher zwar keine volle Aufklärung über die Herkunft 
der Inversion gebracht, aber doch den psychischen Mechanismus ihrer Entstehung 
aufgedeckt und die in Betracht kommenden Fragestellungen wesentlich bereichert 
Wir haben bei allen untersuchten Fällen festgestellt, daß die später Invertierten in 
den ersten Jahren .hrer Kindheit eine Phase von sehr intensiver, aber kurzlebiger 
Fixierimg an das Weib (meist an die Mutter) durchmachen, nach deren Überwindung 
sie sich mit dem Weib identifizieren und sich selbst zum Sexualobjekt nehmen das 
heißt vom INarz.ßmus ausgehend jugendliche und der eigenen Person ähnliche Männer 
aufsuchen, die sie so lieben wollen, wie die Mutter sie geliebt hat. Wir haben ferner 
sehr häufig gefunden, daß angeblich Invertierte gegen den Reiz des Weibes 
keineswegs unempfindlich waren, sondern die durch das Weib hervorgerufene 
Erregung fortlaufend auf ein männliches Objekt transponierten. Sie wiederholten so 
wahrend ihres ganzen Lebens den Mechanismus, durch welchen ihre Inversion 
entstanden war. Ihr zwanghaftes Stieben nach dem Manne erwies sich als bedingt 
durch ihre ruhelose Flucht vor dem Weibe. 

Die psychoanalytische Forschung widersetzt sich mit aller Entschiedenheit dem 
Versuche, die Homosexuellen als eine besonders geartete Gruppe von den anderen 
Menschen abzutrennen. Indem sie auch andere als die manifest kundgegebenen 

SSSKraP 1 StU f "^ ^^ Sie ' daß alle Menschen der gleichgeschlechtlichen 
Objektwahl fähig sind und dieselbe auch im Unbewußten vollzogen haben. Ja die 
Bindungen libidinöser Gefühle an Personen des gleichen Geschlechtes spielen als 
Faktoren im normalen Seelenleben keine geringere, und als Motoren der Erkrankung 
eine größere Rolle als die, welche dem entgegengesetzten Geschlecht gelten. Der 
Psychoanalyse erscheint vielmehr die Unabhängigkeit der Objektwahl vom Geschlecht 
des Objektes, die gle.ch freie Verfügung über männliche und weibliche Objekte, wie 
sie im Kindesalter, in primitiven Zuständen und frühhistorischen Zeiten zu beobachten 
ist, als das Ursprüngliche, aus dem sich durch Einschränkung nach der einen oder 
der anderen Seite der normale wie der Inversionstypus entwickeln. Im Sinne der 
Psychoanalyse ist also auch das ausschließliche sexuelle Interesse des Mannes für das 
Weib ein der Aufklärung bedürftiges Problem und keine Selbstverständlichkeit, der 
"T T. G T de , chemis ^ Anziehung zu unterlegen ist. Die Entscheidung über das 
endgültige Sexualverhalten fällt erst nach der Pubertät und ist das Ergebnis einer 
noch nicht übersehbaren Reihe von Faktoren, die teils konstitutioneller, teils aber 



Die sexuellen Abirrungen 1 9 



Eindeutiger sind die Verhältnisse beim Weibe, wo die aktiv 
Invertierten besonders häufig somatische und seelische Charaktere 
des Mannes an sich tragen und das Weibliche von ihrem Sexual- 
objekt verlangen, wiewohl auch hier sich bei näherer Kenntnis 
größere Buntheit herausstellen dürfte. 

Die wichtige festzuhaltende Tatsache ist, daß das Sexualziel ■— ££■ 
bei der Inversion keineswegs einheitlich genannt werden kann. 
Bei Männern fällt Verkehr per anum durchaus nicht mit Inversion 
zusammen; Masturbation ist ebenso häufig das ausschließliche 
Ziel und Einschränkungen des Sexualzieles - bis zur bloßen 
Gefühlsergießung — sind hier sogar häufiger als bei der hetero- 

akzidenteUer Natur sind. Gewiß können einzelne dieser Faktoren so übergroß aus- 
fallen, daß sie das Resultat in ihrem Sinne beeinflussen. Im allgemeinen aber ward 
die Vielheit der bestimmenden Momente durch die Mannigfaltigkeit der Ausgange 
im manifesten Sexualverhalten der Menschen gespiegelt. Bei den Inversionstypen ist 
durchwegs das Vorherrschen archaischer Konstitutionen und primitiver psychischer 
Mechanismen zu bestätigen. Die Geltung der narzißtischen 0-bjektwab 
und die Festhaltung der erotischen Bedeutung der Analzone erscheinen als 
deren wesentlichste Charaktere. Man gewinnt aber nichts, wenn man auf Grund 
solcher konstitutioneller Eigenheiten die extremsten Inversionstypen von den anderen 
sondert Was sich bei diesen als anscheinend zureichende Begründung findet, laßt 
sich ebenso, nur in geringerer Stärke, in der Konstitution von Übergangstypen und 
bei manifest Normalen nachweisen. Die Unterschiede in den Ergebnissen mögen 
qualitativer Natur sein: die Analyse zeigt, daß die Unterschiede m den Bedingungen 
nur quantitative sind. Unter den akzidentellen Beeinflussungen der Objektwahl haben 
wir die Versagtmg (die frühzeitige Sexualeinschüchterung} bemerkenswert gefunden 
und sind auch darauf aufmerksam geworden, daß das Vorhandensem beider Litern- 
teile eine wichtige Rolle spielt. Der Wegfall eines starken Vaters in der Kmdhext 
begünstigt nicht selten die Inversion. Man darf endlich die Forderung aufstellen, daß 
die Inversion des Sexualobjektes von der Mischung der Geschlechtscharaktere im 
Subjekt begrifflich strenge zu sondern ist. Ein gewisses Maß von Unabhängigkeit ist 
auch in dieser Relation unverkennbar. 

Eine Reihe bedeutsamer Gesichtspunkte zur Frage der Inversion hat Ferei.cn 
in einem Aufsatz: Zur Nosologie der männlichen Homosexualität (Homoerotik) 
(Intern. Zeitschr. f. PsA., II, 1914) vorgebracht. Ferenczi rügt mit Recht, daß 
man unter dem Namen „Homosexualität", den er durch den besseren „Homoerotik 
ersetzen will, eine Anzahl von sehr verschiedenen, in organischer wie m psychischer 
Hinsicht ungleichwertigen, Zuständen zusammenwirft, weil sie das Symptom der 
Inversion gemeinsam haben. Er fordert scharfe Unterscheidung wenigstens zwischen 
den beiden Typen des S u b j e k th o m o e r o t i k er s, der sich als Weib fühlt und 
benimmt, und des Objekthomoerotikers, der durchaus männlich ist und nur 
das weibliche Objekt gegen ein gleichgeschlechtliches vertauscht hat. Den enteren 
anerkennt er als richtige „sexuelle Zwischenstufe" im Sinne von Magnus Hirsch- 
feld, den zweiten bezeichnet er — minder glücklich — als Zwangsneurotiker. Das 



go Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



sexuellen Liebe. Auch bei Frauen sind die Sexualziele der 
Invertierten mannigfaltig; darunter scheint die Berührung mit 
der Mundschleimhaut bevorzugt. 

fo^ng Wir sehen uns zwar außerstande, die Entstehung der Inversion 
aus dem bisher vorliegenden Material befriedigend aufzuklären, 
können aber merken, daß wir bei dieser Untersuchung zu einer 
Einsicht gelangt sind, die uns bedeutsamer werden kann als die 
Lösung der obigen Aufgabe. Wir werden aufmerksam gemacht, 
daß wir uns die Verknüpfung des Sexualtriebes mit dem Sexual- 
objekt als eine zu innige vorgestellt haben. Die Erfahrung an 
den für abnorm gehaltenen Fällen lehrt uns, daß hier zwischen 
Sexualtrieb und Sexualobjekt eine Verlötung vorliegt, die wir bei 

Sträuben gegen -die Inversionsneigung sowie die Möglichkeit psychischer Beeinflussung 
kämen nur beim Objekthomoerotiker in Betracht. Auch nach Anerkennung dieser 
beiden Typen darf man hinzufügen, daß bei vielen Personen ein Maß von Subjekt- 
homoerotik mit einem Anteil von Obj ekthomoerotik vermengt gefunden wird. 

In den letzten Jahren haben Arbeiten von Biologen, in erster Linie die von 
Eugen S t e i n a c h, ein helles Licht auf die organischen Bedingungen der Homo- 
erotik sowie der Geschlechtscharaktere überhaupt geworfen. 

Durch das experimentelle Verfahrender Kastration mit nachfolgender Einpflanzung 
von Keimdrüsen des anderen Geschlechtes gelang es, bei verschiedenen Säugetierarten 
Männchen in Weibchen zu verwandeln und umgekehrt. Die Verwandlung betraf 
mehr oder minder vollständig die somatischen Geschlechtscharaktere und das°psycho- 
sexuelle Verhalten (also Subjekt- und Objekterotik). Als Träger dieser geschlechts- 
bestimmenden Kraft wird nicht der Anteil der Keimdrüse betrachtet, welcher die 
Geschlechtszellen bildet, sondern das sogenannte interstitielle Gewebe des Or&anes 
(die „Pubertätsdrüse"). 

In einem Falle gelang die geschlechtliche Umstimmung auch bei einem Manne, 
der seine Hoden durch tuberkulöse Erkrankung eingebüßt hatte. Er hatte sich im 
Geschlechtsleben als passiver Homosexueller weiblich benommen und zeigte sehr 
deutlich ausgeprägte weibliche Geschlechtscharaktere sekundärer Art (in Behaarung, 
Bartwuchs, Fettansatz an Mammae und Hüften). Nach der Einpflanzung eines 
kryptorchen Menschenhodens begann dieser Mann sich in männlicher Weise zu 
benehmen und seine Libido in normaler Weise aufs Weib zu richten. Gleichzeitig 
schwanden die somatischen femininen Charaktere. (A. Lipschütz, Die Pubertäts- 
drüse und ihre Wirkungen, Bern, 1919.) 

Es wäre ungerechtfertigt zu behaupten, daß durch diese schönen Versuche die 
Lehre von der Inversion auf eine neue Basis gesteUt Wird und voreilig von ihnen 
geradezu einen Weg zur allgemeinen „Heilung« der Homosexualität zu erwarten. 
W. Fließ hat mit Recht betont, daß diese experimentellen Erfahrungen die Lehre 
von der allgemeinen bisexuellen Anlage der höheren Tiere nicht entwerten. Es 
erscheint mir vielmehr wahrscheinlich, daß sich aus weiteren solchen Untersuchungen 
eine direkte Bestätigung der angenommenen Bisexualität ergeben wird. 



Die sexuellen Abirrungen 21 



der Gleichförmigkeit der normalen Gestaltung, wo der Trieb das 
Objekt mitzubringen scheint, in Gefahr sind zu übersehen. Wir 
werden so angewiesen, die Verknüpfung zwischen Trieb und 
Objekt in unseren Gedanken zu lockern. Der Geschlechtstrieb ist 
wahrscheinlich zunächst unabhängig von seinem Objekt und ver- 
dankt wohl auch nicht den Reizen desselben seine Entstehung. 

B) Geschlechtsunreife und Tiere als Sexualobjekte 

Während die Personen, deren Sexualobjekte nicht dem normaler- 
weise dazu geeigneten Geschlechte angehören, die Invertierten 
also, dem Beobachter als eine gesammelte Anzahl von sonst viel- 
leicht vollwertigen Individuen entgegentreten, erscheinen die 
Fälle, in denen geschlechtsunreife Personen (Kinder) zu Sexual- 
objekten erkoren werden, von vornherein als vereinzelte Ver- 
irruno-en. Nur ausnahmsweise sind Kinder die ausschließlichen 
Sexualobjekte ; zumeist gelangen sie zu dieser Rolle, wenn ein 
feige und impotent gewordenes Individuum sich zu solchem 
Surrogat versteht oder ein impulsiver (unaufschiebbarer) Trieb sich 
zurzeit keines geeigneteren Objektes bemächtigen kann. Immer- 
hin wirft es ein Licht auf die Natur des Geschlechtstriebes, daß 
er so viel Variation und solche Herabsetzung seines Objektes 
zuläßt, was der Hunger, der sein Objekt weit energischer festhält, 
nur im äußersten Falle gestatten würde. Eine ähnliche Bemerkung 
gilt für den besonders unter dem Landvolke gar nicht seltenen 
sexuellen Verkehr mit Tieren, wobei sich etwa die Geschlechts- 
anziehung über die Artschranke hinwegsetzt. 

Aus ästhetischen Gründen möchte man gern diese wie andere 
schwere Verirrungen des Geschlechtstriebes den Geisteskranken 
zuweisen, aber dies geht nicht an. Die Erfahrung lehrt, daß man 
bei diesen letzteren keine anderen Störungen des Geschlechtstriebes 
beobachtet als bei Gesunden, ganzen Rassen und Ständen. So 
findet sich sexueller Mißbrauch von Kindern mit unheimlicher 



22 



Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



Häufigkeit bei Lehrern und Wartepersonen, bloß weil sich diesen 
die beste Gelegenheit dazu bietet. Die Geisteskranken zeigen die 
betreffende Verirrung nur etwa gesteigert oder, was besonders 
bedeutsam ist, zur Ausschließlichkeit erhoben und an Stelle der 
normalen Sexualbefriedigung gerückt. 

Dieses sehr merkwürdige Verhältnis der sexuellen Variationen 
zur Stufenleiter von der Gesundheit bis zur Geistesstörung gibt 
zu denken. Ich würde meinen, die zu erklärende Tatsache wäre 
ein Hinweis darauf, daß die Regungen des Geschlechtslebens zu 
jenen gehören, die auch normalerweise von den höheren Seelen- 
tätigkeiten am schlechtesten beherrscht werden. Wer in sonst 
irgendeiner Beziehung geistig abnorm ist, in sozialer, ethischer 
Hinsicht, der ist es nach meiner Erfahrung regelmäßig in seinem 
Sexualleben. Aber viele sind abnorm im Sexualleben, die in allen 
anderen Punkten dem Durchschnitt entsprechen, die menschliche 
Kulturentwicklung, deren schwacher Punkt die Sexualität bleibt, 
in ihrer Person mitgemacht haben. 

Als allgemeinstes Ergebnis dieser Erörterungen würden wir 
aber die Einsicht herausgreifen, daß unter einer großen Anzahl 
von Bedingungen und bei überraschend viel Individuen die Art 
und der Wert des Sexualobjektes in den Hintergrund treten. 
Etwas anderes ist am Sexualtrieb das Wesentliche und Konstante. 1 

2) Abweichungen in Bezug auf das Sexualziel 

Als normales Sexualziel gilt die Vereinigung der Genitalien 
m dem als Begattung bezeichneten Akte, der zur Lösung der 
sexuellen Spannung und zum zeitweiligen Erlöschen des Sexual- 

1) Der eingreifendste Unterschied zwischen dem Liebesleben der Alten Welt und 
dem unsrigen liegt wohl darin, daß die Antike den Akzent auf den Trieb selbst, wir 
aber auf dessen Objekt verlegen. Die Alten feierten den Trieb und waren bereit, 
auch ein minderwertiges Objekt durch ihn zu adeln, während wir die Triebbetätigimg 
an sich geringschätzen und sie nur durch die Vorzüge des Objekts entschuldigen 
lassen. 



Die sexuellen Abirrungen 23 



triebes führt (Befriedigung analog der Sättigung beim Hunger). 
Doch sind bereits am normalsten Sexualvorgang jene Ansätze 
kenntlich, deren Ausbildung zu den Abirrungen führt, die man als 
Perversionen beschrieben hat. Es werden nämlich gewisse 
intermediäre (auf dem Wege zur Begattung liegende) Beziehungen 
zum Sexualobjekt, wie das Betasten und Beschauen desselben, als 
vorläufige Sexualziele anerkannt. Diese Betätigungen sind einer- 
seits selbst mit Lust verbunden, andererseits steigern sie die 
Erregung, welche bis zur Erreichung des endgültigen Sexual- 
zieles andauern soll. Eine bestimmte dieser Berührungen, die der 
beiderseitigen Lippenschleimhaut, hat ferner als Kuß bei vielen 
Völkern (die höchstzivilisierten darunter) einen hohen sexuellen 
Wert erhalten, obwohl die dabei in Betracht kommenden Körper- 
teile nicht dem Geschlechtsapparat angehören, sondern den Ein- 
gang zum Verdauungskanal bilden. Hiemit sind also Momente 
gegeben, welche die Perversionen an das normale Sexualleben 
anknüpfen lassen und auch zur Einteilung derselben verwendbar 
sind. Die Perversionen sind entweder a) anatomische Über- 
schreitungen der für die geschlechtliche Vereinigung be- 
stimmten Körpergebiete oder b) Verweilungen bei den inter- 
mediären Relationen zum Sexualobjekt, die normalerweise auf 
dem Wege zum endgültigen Sexualziel rasch durchschritten werden 
sollen. 

a) Anatornische Überschreitungen 

Die psychische Wertschätzung, deren das Sexualobjekt als ü J^ s *^™ 8 
Wunschziel des Sexualtriebes teilhaftig wird, beschränkt sich in Objektes 
den seltensten Fällen auf dessen Genitalien, sondern greift auf den 
ganzen Körper desselben über und hat die Tendenz, alle vom 
Sexualobjekt ausgehenden Sensationen mit einzubeziehen. Die 
gleiche Überschätzung strahlt auf das psychische Gebiet aus und 
zeigt sich als logische Verblendung (Urteilsschwäche) angesichts 
der seelischen Leistungen und Vollkommenheiten des Sexual- 



2 4 Drei Abhandlungen zur Sexualtheori, 



le 



pen-Mund- 
ileimhaut 



Objektes sowie als gläubige Gefügigkeit gegen die von letzterem 
ausgehenden Urteile. Die Gläubigkeit der Liebe wird so zu einer 
wichtigen, wenn nicht zur uranfänglichen Quelle der Autorität. 1 
Diese Sexualüberschätzung ist es nun, welche sich mit der 
Einschränkung des Sexualzieles auf die Vereinigung der eigent- 
lichen Genitalien so schlecht verträgt und Vornahmen an anderen 
Körperteilen zu Sexualzielen erheben hilft. 2 

Die Bedeutung des Moments der Sexualüberschätzung läßt sich 
am ehesten beim Manne studieren, dessen Liebesleben allein der 
Erforschung zugänglich geworden ist, während das des Weibes zum 
Teil infolge der Kulturverkümmerung, zum anderen Teil durch 
die konventionelle Verschwiegenheit und Unaufrichtigkeit der 
Frauen in ein noch undurchdringliches Dunkel gehüllt ist. 3 
»"dun/dj; Die Verwendung des Mundes als Sexualorgan gilt als Perversion, 
wenn die Lippen (Zunge) der einen Person mit den Genitalien 
der anderen in. Berührung gebracht werden, nicht aber, wenn 
beider Teile Lippenschleimhäute einander berühren. In letzterer 
Ausnahme Hegt die Anknüpfung ans Normale. Wer die anderen 
wohl seit den Urzeiten der Menschheit gebräuchlichen Praktiken 
als Perversionen verabscheut, der gibt dabei einem deutlichen 
Ekelgefühl nach, welches ihn vor der Annahme eines solchen 

i) Ich kann mir nicht versagen, hiebei an die gläubige Gefügigkeit der Hypno- 
tisierten gegen ihren Hynotiseur zu erinnern, welche mich vermuten läßt, daß da. 
wesen der Hypnose in die unbewußte Fixierung der Libido auf die Person des 
Hypnotiseurs (vermittels der masochistischen Komponente des Sexualtriebes) zu ver- 
egen ist. - S. F e r e n c z i hat diesen Charakter der Suggerierbarkeit mit dem „Eltern- 
komplex verknüpft. (Jahrbuch für psychoanalyt. und psychopathol. Forschungen I, 1909.) 
2) bs ist indes zu bemerken, daß die Sexualüberschätzimg nicht bei allen 
Mechanismen der Objektwahl ausgebildet wird und daß wir späterhin eine andere 
und direktere Erklärung für die sexuelle Rolle der anderen Körperteile kennen lernen 
werden. Das Moment des „Reizhungers«, das von Ho che und I.Bloch zur 
Erklärung des Ubergreifens von sexuellem Interesse auf andere Körperteile als die 
Genitalien herangezogen wird, scheint mir diese Bedeutung nicht zu verdienen. Die 
verschiedenen Wege, auf denen die Libido wandelt, verhalten sich zueinander von 
Anfang an wie kommunizierende Röhren, und man muß dem Phänomen der 
KollateralstrÖmung Rechnung tragen. 

3) Das Weib läßt in typischen Fällen eine „Sexualüberschätzung" des Mannes 
vermissen, versäumt dieselbe aber fast niemals gegen das von ihr geborene Kind. 









Die sexuellen Abirrungen 25 



Sexualzieles schützt. Die Grenze dieses Ekels ist aber häufig rein 
konventionell; wer etwa mit Inbrunst die Lippen eines schönen 
Mädchens küßt, wird vielleicht das Zahnbürstchen desselben 
nur mit Ekel gebrauchen können, wenngleich kein Grund zur 
Annahme vorliegt, daß seine eigene Mundhöhle, vor der ihm nicht 
ekelt, reinlicher sei als die des Mädchens. Man wird hier auf 
das Moment des Ekels aufmerksam, welches der libidinösen Über- 
schätzung des Sexualobjekts in den Weg tritt, seinerseits aber 
durch die Libido überwunden werden kann. In dem Ekel möchte 
man eine der Mächte erblicken, welche die Einschränkung des 
Sexualzieles zustande gebracht haben. In der Regel machen diese 
vor den Genitalien selbst Halt. Es ist aber kein Zweifel, daß 
auch die Genitalien des anderen Geschlechts an und für sich 
Gegenstand des Ekels sein können, und daß dieses Verhalten zur 
Charakteristik aller Hysterischen (zumal der weiblichen) gehört. 
Die Stärke des Sexualtriebes liebt es, sich in der Überwindung 
dieses Ekels zu betätigen. (S. u.) 

Klarer noch als im früheren Falle erkennt man bei der Inan- sexuelle v«- 

wendung uer 

spruchnahme des Afters, daß es der Ekel ist, welcher dieses Afteraffnung 
Sexualziel zur Perversion stempelt. Man lege mir aber die 
Bemerkung nicht als Parteinahme aus, daß die Begründung dieses 
Ekels, diese Körperpartie diene der Exkretion und komme mit 
dem Ekelh'aften an sich — den Exkrementen — in Berührung, 
nicht viel stichhältiger ist als etwa die Begründung, • welche 
hysterische Mädchen für ihren Ekel vor dem männlichen Genitale 
abgeben: es diene der Harnentleerung. 

Die sexuelle Rolle der Afterschleimhaut ist keineswegs auf ■jjjgjj» 
den Verkehr zwischen Männern beschränkt, ihre Bevorzugung Körperstellen 
hat nichts für das invertierte Fühlen Charakteristisches. Es scheint 
im Gegenteil, daß die Pädikatio des Mannes ihre Rolle der Analogie 
mit dem Akt beim Weibe verdankt, während gegenseitige 
Masturbation das Sexualziel ist, welches sich beim Verkehr 
Invertierter am ehesten ergibt. 



26 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 

Das sexuelle Übergreifen auf andere Körperstellen bietet in all 
seinen Variationen nichts prinzipiell Neues, fügt nichts zur Kenntnis 
des Sexualtriebes hinzu, der hierin nur seine Absicht verkündet, 
sich des Sexualobjekts nach allen Richtungen zu bemächtigen. 
Neben der Sexualüberschätzung meldet sich aber bei den 
anatomischen Überschreitungen ein zweites, der populären Kenntnis 
fremdartiges Moment. Gewisse Körperstellen, wie die Mund- 
und Afterschleimhaut, die immer wieder in diesen Praktiken 
auftreten, erheben gleichsam den Anspruch, selbst als Genitalien 
betrachtet und behandelt zu werden. Wir werden hören, wie 
dieser Anspruch durch die Entwicklung des Sexualtriebes gerecht- 
fertigt und wie er in der Symptomatologie gewisser Krankheits- 
zustände erfüllt wird. 
ungeeigneter Einen ganz besonderen Eindruck ergeben jene Fälle, in denen 

Ersatz des D 

sexual- das normale Sexualobjekt ersetzt wird durch ein anderes, das zu 
Fetischismus inm in Beziehung steht, dabei aber völlig ungeeignet ist, dem 
normalen Sexualziel zu dienen. Wir hätten nach den Gesichts- 
punkten der Einteilung wohl besser getan, diese höchst interessante 
Gruppe von Abirrungen des Sexualtriebes schon bei den Abweichungen 
in Bezug auf das Sexualobjekt zu erwähnen, verschoben es aber, 
bis wir das Moment der Sexualüberschätzung kennen 
gelernt hatten, von welchem diese Erscheinungen abhängen, mit 
denen ein Aufgeben des Sexualzieles verbunden ist. 

Der Ersatz für das Sexualobjekt ist ein im allgemeinen für 
sexuelle Zwecke sehr wenig geeigneter Körperteil (Fuß, Haar) 
oder ein unbelebtes Objekt, welches in nachweisbarer Relation 
mit der Sexualperson, am besten mit der Sexualität derselben, 
steht. (Stücke der Kleidung, weiße Wäsche.) - Dieser Ersatz wird 
nicht mit Unrecht mit dem Fetisch verglichen, in dem der Wilde 
seinen Gott verkörpert sieht. 

Den Übergang zu den Fällen von Fetischismus mit Verzicht 
auf ein normales oder perverses Sexualziel bilden Fälle, in denen 
eine fetischistische Bedingung am Sexualobjekt erfordert wird, 






Die sexuellen Abirrungen 



wenn das Sexualziel erreicht werden soll. (Bestimmte Haarfarbe, 
Kleidung, selbst Körperfehler.) Keine andere ans Pathologische 
streifende Variation des Sexualtriebes hat so viel Anspruch auf 
unser Interesse wie diese durch die Sonderbarkeit der durch sie 
veranlaßten Erscheinungen. Eine gewisse Herabsetzung des Strebens 
nach dem normalen Sexualziel scheint für alle Fälle Voraussetzung 
- (exekutive Schwäche des Sexualapparates). 1 Die Anknüpfung ans 
Normale wird durch die psychologisch notwendige Überschätzung 
des Sexualobjektes vermittelt, welche unvermeidlich auf alles mit 
demselben assoziativ Verbundene übergreift. Ein gewisser Grad 
von solchem Fetischismus ist daher dem normalen Lieben regel- 
mäßig eigen, besonders in jenen Stadien der Verliebtheit, in 
welchen das normale Sexualziel unerreichbar oder dessen Erfüllung 
aufgehoben erscheint. 

„Schaff' mir ein Halstuch von ihrer Brust, 

Ein Strumpfband meiner Liebeslust \ u (Faust) 

Der pathologische Fall tritt erst ein, wenn sich das Streben 
nach dem Fetisch über solche Bedingung hinaus fixiert und sich 
an die Stelle des normalen Zieles setzt, ferner wenn sich der 
Fetisch von der bestimmten Person loslöst, zum alleinigen Sexual- 
objekt wird. Es sind dies die allgemeinen Bedingungen für das 
Übergehen bloßer Variationen des Geschlechtstriebes in pathologische 

Verirrungen. 

In der Auswahl des Fetisch zeigt sich, wie Bin et zuerst 
behauptet hat und dann später durch zahlreiche Belege erwiesen 
worden ist, der fortwirkende Einfluß eines zumeist in früher 
Kindheit empfangenen sexuellen Eindruckes, was man der sprich- 
wörtlichen Haftfähigkeit einer ersten Liebe beim Normalen („on 
revient toujours ä ses premiers amours") an die Seite stellen darf. 

1) Diese Schwäche entspräche der konstitutionellen Voraussetzung. Die Psycho- 
analyse hat als akzidentelle Bedingung die frühzeitige Sexualeinschüchterung nach- 
gewiesen, welche vom normalen Sexualziel abdrängt und zum Ersatz desselben anregt. 



28 Drev Abhandlungen zur Sexualtheorie 



Eine solche Ableitung ist besonders deutlich bei Fällen mit bloß 
fetischistischer Bedingtheit des Sexualobjektes. Der Bedeutung 
frühzeitiger sexueller Eindrücke werden wir noch an anderer 
Stelle begegnen. 1 

In anderen Fällen ist es eine dem Betroffenen meist nicht 
bewußte symbolische Gedankenverbindung, welche zum Ersatz 
des Objektes durch den Fetisch geführt hat. Die Wege dieser 
Verbindungen sind nicht immer mit Sicherheit nachzuweisen 
(der Fuß ist ein uraltes sexuelles Symbol, schon im Mythus, 2 
„Pelz" verdankt seine Fetischrolle wohl der Assoziation mit 
der Behaarung des Mons veneris) ; doch scheint auch solche 
Symbolik nicht immer unabhängig von sexuellen Erlebnissen der 
Kinderzeit. 5 



1) Tiefer eindringende psychoanalytische Untersuchung hat zu einer berechtigten 
Kritik der Bin et sehen Behauptung geführt. Alle hieher gehörigen Beobachtungen 
haben ein erstes Zusammentreffen mit dem Fetisch zum Inhalt, in welchem sich 
dieser bereits im Besitz des sexuellen Interesses zeigt, ohne daß man aus den 
Begleitumständen verstehen könnte, wie er zu diesem Besitz gekommen ist. Auch 
fallen alle diese „frühzeitigen" Sexualeindrücke in die Zeit nach dem fünften, sechsten 
Jahr, während die Psychoanalyse daran zweifeln läßt, ob sich pathologische Fixierungen 
so spät neubilden können. Der wirkliche Sachverhalt ist der, daß hinter der ersten 
Erinnerung an das Auftreten des Fetisch eine untergegangene und vergessene Phase 
der Sexualentwicklung liegt, die durch den Fetisch wie durch eine.„Deckeriimerung" 
vertreten wird, deren Rest und Niederschlag der Fetisch also darstellt. Die Wendung 
dieser in die ersten Kindheitsjahre fallenden Phase zum Fetischismus sowie die Aus- 
wahl des Fetisch selbst sind konstitutionell determiniert. 

2) Dementsprechend der Schuh oder Pantoffel Symbol des weiblichen Genitales. 

3) Die Psychoanalyse hat eine der noch vorhandenen Lücken im Verständnis des 
Fetischismus ausgefüllt, indem sie auf die Bedeutimg einer durch Verdrängung 
verloren gegangenen koprophilen R i e c h 1 u s t für die Auswahl des Fetisch hinwies. 
Fuß und Haar sind stark riechende Objekte, die nach dem Verzicht auf die unlustig 
gewordene Geruchsempfindung zu Fetischen erhoben werden. In der dem Fuß- 
fetischismus entsprechenden Perversion ist demgemäß nur der schmutzige und übel- 
riechende Fuß das Sexualobjekt. Ein anderer Beitrag zur Aufklärung der fetischistischen 
Bevorzugimg des Fußes ergibt sich aus den infantilen Sexualtheorien. (S. u.) Der Fuß 
ersetzt den schwer vermißten Penis des Weibes. — In manchen Fällen von Fuß- 
fetischismus ließ sich zeigen, daß der ursprünglich auf das Genitale gerichtete 
Seh au trieb, der seinem Objekt von unten her nahe kommen wollte, durch Verbot 
und Verdrängung auf dem Wege aufgehalten wurde, und darum Fuß oder Schuh 
als Fetisch festhielt. Das weibliche Genitale wurde dabei, der infantilen Erwartung 
entsprechend, als ein männliches vorgestellt. 



Die sexuellen Abirrungen 29 



b) Fixierungen von vorläufigen Sexualzielen 
Alle äußeren und inneren Bedingungen, welche das Erreichen *■««■*«« 

o o ' neuer 

des normalen Sexualzieles erschweren oder in die Ferne rücken Absichten 
(Impotenz, Kostbarkeit des Sexualobjektes, Gefahren des Sexual- 
aktes.), unterstützen wie begreiflich die Neigung, bei den vor- 
bereitenden Akten zu verweilen und neue Sexualziele aus ihnen 
zu gestalten, die an die Stelle des normalen treten können. Bei 
näherer Prüfung zeigt sich stets, daß die anscheinend fremdartigsten 
dieser neuen Absichten doch bereits beim normalen Sexualvorgang 
angedeutet sind. 

Ein gewisses Maß von Tasten ist wenigstens für den Menschen **££^? 
zur Erreichung des normalen Sexualzieles unerläßlich. Auch ist 
es allgemein bekannt, welche Lustquelle einerseits, welcher Zufluß 
neuer Erregung andererseits durch die Berührungsempfindungen 
von der Haut des Sexualobjektes gewonnen wird. Somit kann das 
Verweilen beim Betasten, falls der Sexualakt überhaupt nur weiter 
geht, kaum zu den Perversionen gezählt werden. 

Ähnlich ist es mit dem in letzter Linie vom Tasten abgeleiteten 
Sehen. Der optische Eindruck bleibt der Weg, auf dem die 
libidinöse Erregung am häufigsten geweckt wird, und auf dessen 
Gangbarkeit — wenn diese teleologische Betrachtungsweise zulässig 
ist — die Zuchtwahl rechnet, indem , sie das Sexualobjekt sich 
zur Schönheit entwickeln läßt. Die mit der Kultur fortschreitende 
Verhüllung des Körpers hält die sexuelle Neugierde wach, welche 
danach strebt, sich das Sexualobjekt durch Enthüllung der ver- 
borgenen Teile zu ergänzen, die aber ins Künstlerische abgelenkt 
(„süblimiert") werden kann, wenn man ihr Interesse von den 
Genitalien weg auf die Körperbildung im ganzen zu lenken 
vermag. 1 Ein Verweilen bei diesem intermediären Sexualziel des 



1) Es scheint mir unzweifelhaft, daß der Begriff des „Schönen" auf dem Boden 
der Sexualerregung wurzelt und ursprünglich das sexuell Reizende („die Reize") 
bedeutet. Es steht im Zusammenhange damit, daß wir die Genitalien selbst, deren Anblick 
die stärkste sexuelle Erregimg hervorruft, eigentlich niemals „schön" finden können. 



3° Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



•adismusund 
klasochismus 



sexuell betonten Schauens kommt in gewissem Grade den meisten 
Normalen zu, ja es gibt ihnen die Möglichkeit, einen gewissen 
Betrag ihrer Libido auf höhere künstlerische Ziele zu richten. Zur 
Perversion wird die Schaulust im Gegenteil, a) wenn sie sich 
ausschließlich auf die Genitalien einschränkt, b) wenn sie sich 
mit der Überwindung des Ekels verbindet (Voyeurs: Zuschauer 
bei den Exkretionsfunktionen), c) wenn sie das normale Sexualziel 
anstatt es vorzubereiten, verdrängt. Letzteres ist in ausgeprägter 
Weise bei den Exhibitionisten der Fall, die, wenn ich nach 
mehreren Analysen schließen darf, ihre Genitalien zeigen, um als 
Gegenleistung die Genitalien des anderen Teiles zu Gesicht zu 
bekommen. 1 

Bei der Perversion, deren Streben das Schauen und Beschaut- 
werden ist, tritt ein, sehr merkwürdiger Charakter hervor, der 
uns bei der nächstfolgenden Abirrung noch intensiver beschäftigen 
wird. Das Sexualziel ist hiebei nämlich in zweifacher Ausbildung 
vorhanden, in aktiver und in passiver Form. 

Die Macht, welche der Schaulust entgegensteht und even- 
tuell durch sie aufgehoben wird, ist die Scham (wie vorhin 
der Ekel). 

Die Neigung, dem Sexualobjekt Schmerz zuzufügen und ihr 
Gegenstück, diese häufigste und bedeutsamste aller Perversionen, 
ist in ihren beiden Gestaltungen, der aktiven und der passiven, 
von v. Krafft-Ebing als Sadismus und Masochismus 
(passiv) benannt worden. Andere Autoren ziehen die engere 
Bezeichnung Algolagnie vor, welche die Lust am Schmerz, die 
Grausamkeit, betont, während bei den Namen, die v. Krafft- 
Ebing gewählt hat, die Lust an jeder Art von Demütigung und 
Unterwerfung in den Vordergrund gestellt wird. 

1) Der Analyse enthüllt diese Perversion — sowie die meisten anderen — eine 
unerwartete Vielfältigkeit ihrer Motive und Bedeutungen. Der Exhibitionszwang zum 
Beispiel ist auch stark anhängig vom Kastrationskomplex; er betont immer wieder 
die Integrität des eigenen (männliche^ Genitales und wiederholt die infantile Befrie- 
digung über das Fehlen des Gliedes im weiblichen. 



Die sexuellen Abirrungen 31 

Für die aktive Algolagnie, den Sadismus, sind die Wurzeln im 
Normalen leicht nachzuweisen. Die Sexualität der meisten Männer 
zeigt eine Beimengung von Aggression, von Neigung zur 
Überwältigung, deren biologische Bedeutung in der Notwendigkeit 
liegen dürfte, den Widerstand des Sexualobjektes noch anders als 
durch die Akte der Werbung zu überwinden. Der Sadismus 
entspräche dann einer selbständig gewordenen, übertriebenen, durch 
Verschiebung an die Hauptstelle gerückten aggressiven Komponente 
des Sexualtriebes. 

Der Begriff des Sadismus schwankt im Sprachgebrauch von 
einer bloß aktiven, sodann gewalttätigen, Einstellung gegen das 
Sexualobjekt bis zur ausschließlichen Bindung der Befriedigung an 
die Unterwerfung und Mißhandlung desselben. Strenge genommen 
hat nur der letztere extreme Fall Anspruch auf den Namen einer 
Perversion. 

In ähnlicher 'Weise umfaßt die Bezeichnung Masochismus alle 
passiven Einstellungen zum Sexualleben und Sexualobjekt, als 
deren äußerste die Bindung der Befriedigung an das Erleiden 
von physischem oder seelischem Schmerz von Seiten des Sexual- 
objektes erscheint. Der Masochismus als Perversion scheint sich 
vom normalen Sexualziel weiter zu entfernen als sein Gegenstück ; 
es darf zunächst bezweifelt werden, ob er jemals primär auftritt oder 
nicht vielmehr regelmäßig durch Umbildung aus dem Sadismus ent- 
steht.' Häufig läßt sich erkennen, daß der Masochismus nichts anderes 
ist als eine Fortsetzung des Sadismus in W r endung gegen die 
eigene Person, welche dabei zunächst die Stelle des Sexualobjekts 



1) Spätere Überlegungen, die sich auf bestimmte Annahmen über die Struktur 
des seelischen Apparates und über die in ihm wirksamen Triebarten stützen konnten, 
haben mein Urteil über den Masochismus weitgehend verändert. Ich wurde dazu 
geführt, einen primären — erogenen — Masochismus anzuerkennen, aus dem 
sich zwei spätere Formen, der feminine und der moralische Masochismus 
entwickeln. Durch Rückwendung des im Leben unverbrauchten Sadismus gegen die 
eigene Person entsteht ein sekundärer Masochismus, der sich zum primären 
hinzuaddiert. (S. „Das ökonomische Problem des Masochismus" Internat. Zeitschrift 
für Psychoanalyse X, 1924 [Gesamtausgabe Bd. V]). 



32 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 

vertritt. Die klinische Analyse extremer Fälle von masochistischer 
Perversion führt auf das Zusammenwirken einer großen Reihe 
von Momenten, welche die ursprüngliche passive Sexualeinstellung 
übertreiben und fixieren. (Kastrationskomplex, Schuldbewußtsein.) 

Der Schmerz, der hiebei überwunden wird, reiht sich dem 
Ekel und der Scham an, die sich der Libido als Widerstände 
entgegengestellt hatten. 

Sadismus und Masochismus nehmen unter den Perversionen 
eine besondere Stellung ein, da der ihnen zugrunde liegende 
Gegensatz von Aktivität und Passivität zu den allgemeinen 
Charakteren des Sexuallebens gehört. 

Daß Grausamkeit und Sexualtrieb innigst zusammengehören, 
lehrt die Kulturgeschichte der Menschheit über jeden Zweifel, 
aber in der Aufklärung dieses Zusammenhanges ist man über 
die Betonung des aggressiven Moments der Libido nicht hinaus- 
gekommen. Nach einigen Autoren ist diese dem Sexualtrieb 
beigemengte Aggression eigentlich ein Rest kannibalischer Gelüste, 
also eine Mitbeteiligung des Bemächtigungsapparates, welcher der 
Befriedigung des anderen, ontogenetisch älteren, großen Bedürf- 
nisses dient. 1 Es ist auch behauptet worden, daß jeder Schmerz 
an und für sich die Möglichkeit einer Lustempfindung enthalte. 
Wir wollen uns mit dem Eindruck begnügen, daß die Aufklärung 
dieser Perversion keineswegs befriedigend gegeben ist, und daß 
möglicherweise hiebei mehrere seelische Strebungen sich zu einem 
Effekt vereinigen. 2 

Die auffälligste Eigentümlichkeit dieser Perversion liegt aber 
darin, daß ihre aktive und ihre passive Form regelmäßig bei der 
nämlichen Person mitsammen angetroffen werden. Wer Lust 
daran empfindet, anderen Schmerz in sexueller Relation zu 

i) Vgl. hiezii die spätere Mitteilung über die prägenitalen Phasen der Sexual- 
entwicklung, in welcher diese Ansicht bestätigt wird. 

2) Aus der zuletzt zitierten Untersuchimg leitet sich für das Gegensatzpaar 
Sadismus — Masochismus eine auf den Triebursprung begründete Sonderstellung ab, 
durch welche es aus der Reihe -der anderen „Perversionen" herausgehoben wird. 



Die sexuellen Abirrungen 53 



erzeugen, der ist auch befähigt, den Schmerz als Lust zu 
genießen, der ihm aus sexuellen Beziehungen erwachsen kann. 
Ein Sadist ist immer auch gleichzeitig ein Masochist, wenngleich 
die aktive oder die passive Seite der Perversion bei ihm stärker 
ausgebildet sein und seine vorwiegend sexuelle Betätigung dar- 
stellen kann. 1 

Wir sehen so gewisse der Perversionsneigungen regelmäßig als 
Gegensatzpaare auftreten, was mit Hinblick auf später 
beizubringendes Material eine hohe theoretische Bedeutung 
beanspruchen darf. 2 Es ist ferner einleuchtend, daß die Existenz 
des Gegensatzpaares Sadismus — Masochismus aus der Aggressions- . 
beimengung nicht ohne weiters ableitbar ist. Dagegen wäre man 
versucht, solche gleichzeitig vorhandene Gegensätze mit dem in 
der Bisexualität vereinten Gegensatz von männlich und weiblich 
in Beziehung zu setzen, für welchen in der Psychoanalyse häufig 
der von aktiv und passiv einzusetzen ist. 

5) Allgemeines über alle Perversionen 

Die Ärzte, welche die Perversionen zuerst an ausgeprägten Variation und 
Beispielen und unter besonderen Bedingungen studiert haben, 
sind natürlich geneigt gewesen, ihnen den Charakter eines Krankheits- 
oder Degenerationszeichens zuzusprechen, ganz ähnlich wie bei 
der Inversion. Indes ist es hier leichter als dort, diese Auf- 
fassung abzulehnen. Die alltägliche Erfahrung hat gezeigt, daß 
die meisten dieser Überschreitungen, wenigstens die minder argen 
unter ihnen, einen selten fehlenden Bestandteil des Sexuallebens 
der Gesunden bilden und von ihnen wie andere Intimitäten 
auch beurteilt werden. "Wo die Verhältnisse es begünstigen, kann 

i) Anstatt vieler Belege für diese Behauptung zitiere ich nur die eine Stelle aus 
Havelock Ellis (Das Geschlechtsgefühl, 1905): „Alle bekannten Fälle von 
Sadismus und Masochismus, selbst die von v. Krafft-Ebing zitierten, zeigen 
beständig (wie schon Colin, S c tt undFere nachgewiesen! Spuren beider Gruppen 
von Erscheinungen an ein und demselben Individuum." 

2) Vgl. die spätere Erwähnung der „Ambivalenz". 

Freud, Sexualtheorie, 6. Auflage. 5 



/ 



54 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 

auch der Normale eine solche Perversion eine ganze Zeitlang 
an die Stelle des normalen Sexualzieles setzen oder ihr einen 
Platz neben diesem einräumen. Bei keinem Gesunden dürfte 
irgendein pervers zu nennender Zusatz zum normalen Sexualziel 
fehlen und diese Allgemeinheit genügt für sich allein, um die 
Unzweckmäßigkeit einer vorwurfsvollen Verwendung des Namens 
Perversion darzutun. Gerade auf dem Gebiete des Sexuallebens 
stößt man auf besondere, eigentlich derzeit unlösbare Schwierig- 
keiten, wenn man eine scharfe Grenze zwischen bloßer Variation 
innerhalb der physiologischen Breite und krankhaften Symptomen 
ziehen will. 

Bei manchen dieser Perversionen ist immerhin die Qualität 
des neuen Sexualzieles eine solche, daß sie nach besonderer 
Würdigung verlangt. Gewisse der Perversionen entfernen sich 
inhaltlich so weit vom Normalen, daß wir nicht umhin können, 
sie für „krankhaft" zu erklären, insbesondere jene, in denen der 
Sexualtrieb in der Überwindung der Widerstände (Scham, Ekel, 
Grauen, Schmerz) erstaunliche Leistungen vollführt (Kotlecken, 
Leichenmißbrauch). Doch darf man auch in diesen Fällen sich 
nicht der sicheren Erwartung hingeben, in den Tätern regelmäßig 
Personen mit andersartigen schweren Abnormitäten oder Geistes- 
kranke zu entdecken. Man kommt auch hier nicht über die 
Tatsache hinaus, daß Personen, die sich sonst normal verhalten, 
auf dem Gebiete des Sexuallebens allein, unter der Herrschaft 
des ungezügeltsten aller Triebe, sich als Kranke dokumentieren. 
Manifeste Abnormität in anderen Lebensrelationen pflegt hingegen 
jedesmal einen Hintergrund von abnormem sexuellen Verhalten 
zu zeigen. 

In der Mehrzahl der Fälle können wir den Charakter des 
Krankhaften bei der Perversion nicht im Inhalt des neuen Sexual- 
zieles, sondern in dessen Verhältnis zum Normalen finden. Wenn 
die Perversion nicht neben dem Normalen (Sexualziel und 
Objekt) auftritt, wo günstige Umstände dieselbe fördern und 



Die sexuellen Abirrungen 35 



ungünstige das Normale verhindern, sondern wenn sie das Normale 
unter allen Umständen verdrängt und ersetzt hat; — in der Aus- 
schließlichkeit und in der Fixierung also der Perversion 
sehen wir zu allermeist die Berechtigung, sie als ein krankhaftes 
Symptom zu beurteilen. 

Vielleicht gerade bei den abscheulichsten Perversionen muß D g* t ^f 1 ^ 
man die ausgiebigste psychische Beteiligung zur Umwandlung bei den 

. Ti Perversionen 

des Sexualtriebes anerkennen. Es ist hier ein Stück seelischer 
Arbeit geleistet, dem man trotz seines greulichen Erfolges den 
Wert einer Idealisierung des Triebes nicht absprechen kann. Die 
Allgewalt der Liebe zeigt sich vielleicht nirgends stärker als in 
diesen ihren Verirrungen. Das Höchste und das Niedrigste hängen 
in der Sexualität überall am innigsten aneinander („vom Himmel 
durch die Welt zur Hölle")- 

Bei dem Studium der Perversionen hat sich uns die Einsicht z * e | 

Ergebnisse 

ergeben, daß der Sexualtrieb gegen gewisse seelische Mächte als 
Widerstände anzukämpfen hat, unter denen Scham und Ekel am 
deutlichsten hervorgetreten sind. Es ist die Vermutung gestattet, 
daß diese Mächte daran beteiligt sind, den Trieb innerhalb der 
als normal geltenden Schranken zu bannen, und wenn sie sich 
im Individuum früher entwickelt haben, ehe der Sexualtrieb 
seine volle Stärke erlangte, so waren sie es wohl, die ihm die 
Richtung seiner Entwicklung angewiesen haben. 1 

Wir haben ferner die Bemerkung gemacht, daß einige der 
untersuchten Perversionen nur durch das Zusammentreten von 
mehreren Motiven verständlich werden. Wenn sie eine Analyse 
— Zersetzung — zulassen, müssen sie zusammengesetzter Natur 
sein. Hieraus können wir einen Wink entnehmen, daß vielleicht 



1) Man muß diese die Sexualentwicklung eindämmenden Mächte — Ekel, Scham 
und Moralität — andererseits auch als historische Niederschläge der äußeren 
Hemmungen ansehen, welche der Sexualtrieb in der Psychogenese der Menschheit 
erfahren hat. Man macht die Beobachtung, daß sie in der Entwicklung des Einzelnen 
zu ihrer Zeit wie spontan auf die Winke der Erziehung und Beeinflussung hin 
auftreten. 






36 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 

der Sexualtrieb selbst nichts Einfaches, sondern aus Komponenten 
zusammengesetzt ist, die sich in den Per Versionen wieder von 
ihm ablösen. Die Klinik hätte uns so auf Verschmelzungen 
aufmerksam gemacht, die in dem gleichförmigen normalen Verhalten 
ihren Ausdruck eingebüßt haben. 1 

4) Der Sexualtrieb bei den NeurotLkern 

Die Psycho- Einen wichtigen Beitrag zur Kenntnis des Sexualtriebes bei 

analyse ° ° 

Personen, die den Normalen mindestens nahe stehen, gewinnt 
man aus einer Quelle, die nur auf einem bestimmten Wege 
zugänglich ist. Es gibt nur ein Mittel, über das Geschlechtsleben 
der sogenannten Psychoneurotiker (Hysterie, Zwangsneurose, 
fälschlich sogenannte Neurasthenie, sicherlich auch Dementia 
praecox, Paranoia) gründliche und nicht irre leitende Aufschlüsse 
zu erhalten, nämlich wenn man sie der psychoanalytischen 
Erforschung unterwirft, deren sich das von J. Breuer und 
mir 1895 eingesetzte, damals „kathartisch" genannte Heilverfahren 
bedient. 

Ich muß vorausschicken, respektive aus anderen Veröffent- 
lichungen wiederholen, daß diese Psych oneurosen, soweit meine 
Erfahrungen reichen, auf sexuellen Triebkräften beruhen. Ich 
meine dies nicht etwa so, daß die Energie des Sexualtriebes 
einen Beitrag zu den Kräften liefert, welche die krankhaften 
Erscheinungen (Symptome) unterhalten, sondern ich will aus- 
drücklich behaupten, daß dieser Anteil der einzig konstante und 
die wichtigste Energiequelle der Neurose ist, so daß das Sexual- 
leben der betreffenden Personen sich entweder ausschließlich oder 

1) Ich bemerke vorgreifend über die Entstehung der Perversionen, daß man 
Grund bat anzunehmen, es sei vor der Fixierung derselben, ganz ähnlich wie beim 
Fetischismus, ein Ansatz normaler Sexualentwicklung vorhanden gewesen. Die 
analytische Untersuchung hat bisher in einzelnen Fällen zeigen können, daß auch 
die Perversion der Rückstand einer Entwicklung zum Ödipuskomplex ist, nach dessen 
Verdrängung die der Anlage nach stärkste Komponente des Sexualtriebes wieder 
hervorgetreten ist. 



Die sexuellen Abirrungen 37 



vorwiegend oder nur teilweise in diesen Symptomen äußert. Die 
Symptome sind, wie ich es an anderer Stelle ausgedrückt habe, 
die Sexualbetätigung der Kranken. Den Beweis für diese 
Behauptung hat mir eine seit fünfundzwanzig Jahren sich 
mehrende Anzahl von Psychoanalysen hysterischer und anderer 
Nervöser geliefert, über deren Ergebnisse im einzelnen ich an 
anderen Orten ausführliche Rechenschaft gegeben habe und noch 

weiter geben werde. 1 

Die Psychoanalyse beseitigt die Symptome Hysterischer unter 
der Voraussetzung, daß dieselben der Ersatz — die Transkription 
gleichsam — für eine Reihe von affektbesetzten seelischen 
Vorgängen, Wünschen und Strebungen, sind, denen durch einen 
besonderen psychischen Prozeß (die Verdrängung) der Zugang 
zur Erledigung durch bewußtseinsfähige psychische Tätigkeit 
versagt worden ist. Diese also im Zustande des Unbewußten 
zurückgehaltenen Gedankenbildungen streben nach einem ihrem 
Affektwert gemäßen Ausdruck, einer Abfuhr, und finden eine 
solche bei der Hysterie durch den Vorgang der Kon version 
in somatischen Phänomenen — eben den hysterischen Symptomen. 
Bei der kunstgerechten, mit Hilfe einer besonderen Technik 
durchgeführten Rückverwandlung der Symptome in nun bewußt 
gewordene, affektbesetzte Vorstellungen ist man also imstande, 
über die Natur und die Abkunft dieser früher unbewußten 
psychischen Bildungen das Genaueste zu erfahren. 

Es ist auf diese Weise in Erfahrung gebracht worden, daß die Jf^X 
Symptome einen Ersatz für Strebungen darstellen, die ihre Kraft «„aiyse 
der Quelle des Sexualtriebes entnehmen. Im vollen Einklänge 
damit steht, was wir über den Charakter der hier zum Muster 
für alle Psychoneurotiker genommenen Hysteriker vor ihrer 



i) Es ist nur eine Vervollständigimg und nicht eine Verringerung dieser Aussage, 
wenn ich sie dahin abändere : Die nervösen Symptome beruhen einerseits auf dem 
Anspruch der libidinösen Triebe, andererseits auf dem Einspruch des Ichs, der 
Reaktion gegen dieselben. 



- 



5 8 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



Erkrankung und über die Anlässe zur Erkrankung wissen. Der 
hysterische Charakter läßt ein Stück Sexualverdrängung 
erkennen, welches über das normale Maß hinausgeht, eine 
Steigerung der Widerstände gegen den Sexualtrieb, die uns als 
Scham, Ekel und Moral bekannt geworden sind, eine wie instinktive 
Flucht vor der intellektuellen Beschäftigung mit dem Sexual- 
problem, welche in ausgeprägten Fällen den Erfolg hat, die volle 
sexuelle Unwissenheit noch bis in die Jahre der erlangten 
Geschlechtsreife zu bewahren. 1 

Dieser für die Hysterie wesentliche Charakterzug wird für die 
grobe Beobachtung nicht selten durch das Vorhandensein des 
zweiten konstitutionellen Faktors der Hysterie, durch die über- 
mächtige Ausbildung des Sexualtriebes verdeckt, allein die 
psychologische Analyse weiß ihn jedesmal aufzudecken und die 
widerspruchsvolle Rätselhaftigkeit der Hysterie durch die Fest- 
stellung des Gegensatzpaares von übergroßem sexuellen Bedürfnis 
und zu weit getriebener Sexualablehnung zu lösen. 

Der Anlaß zur Erkrankung ergibt sich für die hysterisch 
disponierte Person, wenn infolge der fortschreitenden eigenen 
. Reifung oder äußerer Lebensverhältnisse die reale Sexualforderung 
ernsthaft an sie herantritt. Zwischen dem Drängen des Triebes 
und dem Widerstreben der Sexualablehnung stellt sich dann der 
Ausweg der Krankheit her, der den Konflikt nicht löst, sondern 
ihm durch die Verwandlung der libidinösen Strebungen in 
Symptome zu entgehen sucht. Es ist nur eine scheinbare 
Ausnahme, wenn eine hysterische Person, ein Mann etwa, an 
einer banalen Gemütsbewegung, an einem Konflikt, in dessen 
Mittelpunkt nicht das sexuelle Interesse steht, erkrankt. Die 
Psychoanalyse kann dann regelmäßig nachweisen, daß es die 
sexuelle Komponente des Konflikts ist, welche die Erkrankung 



1) Studien über Hysterie. 1895. [Bd. I der Gesamtausgabe.] J. Breuer sagt von 
seiner Patientin, an der er die kathartische Methode zuerst geübt hat: „Das sexuale 
Moment war erstaunlich unentwickelt." 



Die sexuellen Abirrungen 59 



Neurose und 



ermöglicht hat, indem sie die seelischen Vorgänge der normalen 
Erledigung entzog. 

„,-r. ,1 v \ ,,f Neurose und 

Ein guter Teil des Widerspruches gegen diese meine Auf- Perversion 
Stellungen erklärt sich wohl daraus, daß man die Sexualität, von 
welcher ich die psychon eurotischen Symptome ableite, mit dem 
normalen Sexualtrieb zusammenfallen ließ. Allein die Psycho- 
analyse lehrt noch mehr. Sie zeigt, daß die Symptome keineswegs 
allein auf Kosten des sogenannten normalen Sexualtriebes entstehen 
(wenigstens nicht ausschließlich oder vorwiegend), sondern den 
konvertierten Ausdruck von Trieben darstellen, welche man als 
perverse (im weitesten Sinne) bezeichnen würde, wenn sie 
sich ohne Ablenkung vom Bewußtsein direkt in Phantasievorsätzen 
und Taten äußern könnten. Die Symptome bilden sich also zum 
Teil auf Kosten abnormer Sexualität; die Neurose ist 
sozusagen das Negativ der Perversion. 1 

Der Sexualtrieb der Psychoneurotiker läßt alle die Abirrungen 
erkennen, die wir als Variationen des normalen und als Äußerungen 
des krankhaften Sexuallebens studiert haben. 

a) Bei allen Neurotikern (ohne Ausnahme) finden sich im 
unbewußten Seelenleben Regungen von Inversion, Fixierung von 
Libido auf Personen des gleichen Geschlechts. Ohne tief ein- 
dringende Erörterung ist es nicht möglich, die Bedeutung dieses 
Moments für die Gestaltung des Krankheitsbildes entsprechend 
zu würdigen; ich kann nur versichern, daß die unbewußte 
Inversionsneigung niemals fehlt und insbesondere zur Aufklärung 
der männlichen Hysterie die größten Dienste leistet. 2 

i) Die klar bewußten Phantasien .der Perversen, die unter günstigen Umständen 
in Veranstaltungen umgesetzt werden, die in feindlichem Sinne auf andere projizierten 
Wahnbefürchtungen der Paranoiker und die imbewußten Phantasien der Hysteriker, 
die man durch Psychoanalyse hinter ihren Symptomen aufdeckt, fallen inhaltlich bis 
in einzelne Details zusammen. 

2) Psychoneurose vergesellschaftet sich auch sehr oft mit manifester Inversion, 
wobei die heterosexuelle Strömung der vollen Unterdrückung zum Opfer gefallen 
ist. — Ich lasse nur' einer mir zuteil gewordenen Anregimg Recht widerfahren, wenn 
ich mitteile, daß erst private Äußerungen von W. Fließ in Berlin mich auf die 
notwendige Allgemeinheit der Inversionsneigung bei den Psychoneurotikern aufmerksam 



4° Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



b) Es sind bei den Psychoneurotikern alle Neigungen zu den 
anatomischen Überschreitungen im Unbewußten und als Symptom- 
bildner nachweisbar, unter ihnen mit besonderer Häufigkeit und 
Intensität diejenigen, welche für Mund- und Afterschleimhaut 
die Rolle von Genitalien in Anspruch nehmen. 

c) Eine ganz hervorragende Rolle unter den Symptombildnern 
der Psychoneurosen spielen die zumeist in Gegensatzpaaren 
auftretenden Partialtriebe, die wir als Bringer neuer Sexualziele 
kennen gelernt haben, der Trieb der Schaulust und der 
Exhibition und der aktiv und passiv ausgebildete Trieb zur 
Grausamkeit. Der Beitrag des letzteren ist zum Verständnis der 
Leidensnatur der Symptome unentbehrlich und beherrscht fast 
regelmäßig ein Stück des sozialen Verhaltens der Kranken. Vermittels 
dieser Grausamkeitsverknüpfung der Libido geht auch die 
Verwandlung von Liebe in Haß, von zärtlichen in feindselige 
Regungen vor sich, die für eine, große Reihe von neurotischen 
Fällen, ja, wie es scheint, für die Paranoia im ganzen charak- 
teristisch ist. 

Das Interesse an diesen Ergebnissen wird noch durch einige 
Besonderheiten des Tatbestandes erhöht. 

a) "Wo ein solcher Trieb im Unbewußten aufgefunden wird, 
welcher der Paarung mit einem Gegensatze fähig ist, da läßt 
sich regelmäßig auch dieser letztere als wirksam nachweisen. 
Jede „aktive" Perversion wird also hier von ihrem passiven 
Widerpart begleitet; wer im Unbewußten Exhibitionist ist, der 
ist auch gleichzeitig Voyeur, wer an den Folgen der Verdrängung 
sadistischer Regungen leidet, bei dem findet sich ein anderer 
Zuzug zu den Symptomen aus den Quellen masochistischer 
Neigung. Die volle Übereinstimmung mit dem Verhalten der 
entsprechenden „positiven" Perversionen ist gewiß sehr beachtens- 



gemacht haben, nachdem ich diese in einzelnen Fällen aufgedeckt hatte. — Diese 
nicht genug gewürdigte Tatsache müßte alle Theorien der Homosexualität entscheidend 
beeinflussen. 



Die sexuellen Abirrungen 41 



wert. Im Krankheitsbilde spielt aber die eine oder die andere der 
gegensätzlichen Neigungen die überwiegende Rolle,,. 

ö) In einem ausgeprägteren Falle von Psychoneurose findet 
man nur selten einen einzigen dieser perversen Triebe entwickelt, 
meist eine größere Anzahl derselben und in der Regel Spuren 
von allen ; der einzelne Trieb ist aber in seiner Intensität 
unabhängig von der Ausbildung der anderen. Auch dazu ergibt 
uns das Studium der positiven Perversionen das genaue Gegen- 
stück. 

5) Partialtriebe und erogene Zonen 

Halten wir zusammen, was wir aus der Untersuchung der 
positiven und der negativen Perversionen erfahren haben, so liegt 
es nahe, dieselben auf eine Reihe von „Partialtrieben" zurück- 
zuführen, die aber nichts Primäres sind, sondern eine weitere 
Zerlegung zulassen. Unter einem „Trieb" können wir zunächst 
nichts anderes verstehen als die psychische Repräsentanz einer 
kontinuierlich fließenden, innersomatischen Reizquelle, zum Unter- 
schiede vom „Reiz", der durch vereinzelte und von außen 
kommende Erregungen hergestellt wird. Trieb ist so einer der 
Begriffe der Abgrenzung des Seelischen vom Körperlichen. Die 
einfachste und nächstliegende Annahme über die Natur der 
Triebe wäre, daß sie an sich' keine Qualität besitzen, sondern 
nur als Maße von Arbeitsanforderung für das Seelenleben in 
Betracht kommen. Was die Triebe voneinander unterscheidet 
und mit spezifischen Eigenschaften ausstattet, ist deren Beziehung 
zu ihren somatischen Quellen und ihren Zielen. Die Quelle 
des Triebes ist ein erregender Vorgang in einem Organ und 
das nächste Ziel des Triebes liegt in der Aufhebung dieses 
Organreizes. 1 

1) Die Trieblehre ist das bedeutsamste, aber auch das unfertigste Stück der 
psychoanalytischen Theorie. In meinen späteren Arbeiten („Jenseits des Lustprinzips". 
1921, „Das Ich und das Es«, 1923 [Bd. VI der Gesamtausgabe]) habe ich weitere 
Beiträge zur Trieblehre entwickelt. 



4 2 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



Eine weitere vorläufige Annahme in der Trieblehre, welcher 
wir uns nicht entziehen können, besagt, daß von den Körper- 
organen Erregungen von zweierlei Art geliefert werden, die in 
Differenzen chemischer Natur begründet sind. Die eine dieser 
Arten von Erregung bezeichnen wir als die spezifisch sexuelle 
und das betreffende Organ als die „erogene Zone" des von 
ihm ausgehenden sexuellen Partialtriebes. 1 

Bei den Perversionsneigungen, die für Mundhöhle und After- 
eröffnung sexuelle Bedeutung in Anspruch nehmen, ist die Rolle 
der erogenen Zone ohneweiters ersichtlich. Dieselbe benimmt 
sich in jeder Hinsicht wie ein Stück des Geschlechtsapparates. 
Bei der Hysterie werden diese Körperstellen und die von ihnen 
ausgehenden Schleimhauttrakte in ganz ähnlicher Weise der Sitz 
von neuen Sensationen und Innervationsänderungen — ja von 
Vorgängen, die man der Erektion vergleichen kann — wie die 
eigentlichen Genitalien unter den Erregungen der normalen 
Geschlechtsvorgänge. 

Die Bedeutung der erogenen Zonen als Nebenapparate und 
Surrogate der Genitalien tritt unter den Psychoneurosen bei der 
Hysterie am deutlichsten hervor, womit aber nicht behauptet 
werden soll, daß sie für die anderen Erkrankungsformen geringer 
einzuschätzen ist. Sie ist hier nur unkenntlicher, weil sich 
bei diesen (Zwangsneurose, Paranoia) die Symptombildung in 
Regionen des seelischen Apparates vollzieht, die weiter 
ab von den einzelnen Zentralstellen für die Körperbeherr- 
schung liegen. Bei der Zwangsneurose ist die Bedeutung 
der Impulse, welche neue Sexualziele schaffen und von ero- 
genen Zonen unabhängig erscheinen, das Auffälligere. Doch 
entspricht bei der Schau- und Exhibitionslust das Auge einer 



1) Es ist nicht leicht, diese Annahmen, die aus dem Studium einer bestimmten 
Klasse von neurotischen Erkrankungen geschöpft sind, hier zu rechtfertigen. Anderer- 
seits wird es aber unmöglich, etwas Stichhältiges über die Triebe auszusagen, wenn 
man sich die Erwähnung dieser Voraussetzungen erspart. 



Die sexuellen Abirrungen 45 



erogenen Zone, bei der Schmerz- und Grausamkeitskomponente 
des Sexualtriebes ist es die Haut, welche die gleiche Rolle über- 
nimmt, die Haut, die sich an besonderen Körperstellen zu Sinnes- 
organen differenziert und zur Schleimhaut modifiziert hat, also 
die erogene Zone xax' s^o/^v. 1 

6) Erklärung des scheinbaren Überwiegens perverser 
Sexualität bei den Psychoneurosen 

Durch die vorstehenden Erörterungen ist die Sexualität der 
Psychoneurotiker in ein möglicherweise falsches Licht gerückt 
worden. Es hat den Anschein bekommen, als näherten sich die 
Psychoneurotiker in ihrem sexuellen Verhalten der Anlage nach 
sehr den Perversen und entfernten sich dafür um ebensoviel von 
den Normalen. Nun ist sehr wohl möglich, daß die konstitutionelle 
Disposition dieser Kranken außer einem übergroßen Maß von 
Sexualverdrängung und einer übermächtigen Stärke des Sexual- 
triebes eine ungewöhnliche Neigung zur Perversion im weitesten 
Sinne mitenthält, allein die Untersuchung leichterer Fälle zeigt, 
daß letztere Annahme nicht unbedingt erforderlich ist, oder daß 
zum mindesten bei der Beurteilung der krankhaften Effekte die 
Wirkung eines Faktors in Abzug gebracht werden muß. Bei den 
meisten Psychoneurotikern tritt die Erkrankung erst nach der 
Pubertätszeit auf unter der Anforderung des normalen Sexual- 
lebens. Gegen dieses richtet sich vor allem die Verdrängung. Oder 
spätere Erkrankungen stellen sich her, indem der Libido auf 
normalem Wege die Befriedigung versagt wird. In beiden Fällen 
verhält sich die Libido wie ein Strom, dessen Hauptbett verlegt 
wird; sie füllt die kollateralen Wege aus, die bisher vielleicht 



i) Man muß hier der Aufstellung von Moll gedenken, welche den Sexualtrieb 
in Kontrektations- und Detumeszenztrieb zerlegt. Kontrektation bedeutet ein Bedürfnis 
nach Hautberührung. 



44 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



leer geblieben waren. Somit kann auch die scheinbar so große 
(allerdings negative) Perversionsneigung der Psychoneuroliker eine 
kollateral bedingte, muß jedenfalls eine kollateral erhöhte sein. 
Die Tatsache ist eben, daß man die Sexualverdrängung als inneres 
Moment jenen äußeren anreihen muß, welche wie Freiheits- 
einschränkung, Unzugänglichkeit des normalen Sexualobjekts, 
Gefahren des normalen Sexualaktes usw. Perversionen bei 
Individuen entstehen lassen, welche sonst vielleicht normal 
geblieben wären. 

In den einzelnen Fällen von Neurose mag es sich hierin 
verschieden verhalten, das einemal die angeborene Höhe der 
Perversionsneigung, das anderemal die kollaterale Hebung derselben 
durch die Abdrängung der Libido vom normalen Sexualziel und 
Sexualobjekt das Maßgebendere sein. Es wäre unrecht, eine Gegen- 
sätzlichkeit zu konstruieren, wo ein Kooperationsverhältnis vorliegt. 
Ihre größten Leistungen wird die Neurose jedesmal zustande 
bringen, wenn Konstitution und Erleben in demselben Sinne 
zusammenwirken. Eine ausgesprochene Konstitution wird etwa 
der Unterstützung durch die Lebenseindrücke entbehren können, 
eine ausgiebige Erschütterung im Leben etwa die Neurose auch 
bei durchschnittlicher Konstitution zustande bringen. Diese Gesichts- 
punkte gelten übrigens in gleicher Weise für die ätiologische 
Bedeutung von Angeborenem und akzidentell Erlebtem auch auf 
anderen Gebieten. 

Bevorzugt man die Annahme, daß eine besonders ausgebildete 
Neigung zu Perversionen doch zu den Eigentümlichkeiten der 
psychoneurotischen Konstitution gehört, so eröffnet sich die 
Aussicht, je nach dem angeborenen Vorwiegen dieser oder jener 
erogenen Zone, dieses oder jenes Partialtriebes, eine Mannigfaltigkeit 
solcher Konstitutionen unterscheiden zu können. Ob der perversen 
Veranlagung eine besondere Beziehung zur Auswahl der Erkrankungs- 
form zukommt, dies ist wie so vieles auf diesem Gebiete noch 
nicht untersucht. 



Die sexuellen Abirrungen 45 



7) Verweis auf den Infantilismus der Sexualität 

Durch den Nachweis der perversen Regungen als Symptom- 
bildner bei den Psychoneurosen haben wir die Anzahl der Menschen, 
die man den Perversen zurechnen könnte, in ganz außerordent- 
licher Weise gesteigert. Nicht nur, daß die Neurotiker selbst 
eine sehr zahlreiche Menschenklasse darstellen, es ist auch in 
Betracht zu ziehen, daß die Neurosen von allen ihren Aus- 
bildungen her in lückenlosen Reihen zur Gesundheit abklingen; 
hat doch Moebius mit guter Berechtigung sagen können: wir 
sind alle ein wenig hysterisch. Somit werden wir durch die außer- 
ordentliche Verbreitung der Peryersionen zu der Annahme gedrängt, 
daß auch die Anlage zu den Perversionen keine seltene Besonder- 
heit, sondern ein Stück der für normal geltenden Konstitution 

sein müsse. 

Wir haben gehört, daß es strittig ist, ob die Perversionen auf 
angeborene Bedingungen zurückgehen oder durch zufällige Erleb- 
nisse entstehen, wie es Bin et für den Fetischismus angenommen 
hat. Nun bietet sich uns die Entscheidung, daß den Perversionen 
allerdings etwas Angeborenes zugrunde liegt, aber etwas, was 
allen Menschen angeboren ist, als Anlage in seiner 
Intensität schwanken mag und der Hervorhebung durch Lebens- 
einflüsse wartet. Es handelt sich um angeborene, in der Konstitution 
gegebene Wurzeln des Sexualtriebes, die sich in der einen Reihe 
von Fällen zu den wirklichen Trägern der Sexualtätigkeit entwickeln 
(Perverse), andere Male eine ungenügende Unterdrückung (Ver- 
drängung) erfahren, so daß sie auf einem Umweg als Krankheits- 
symptome einen beträchtlichen Teil der sexuellen Energie an sich 
ziehen können, während sie in den günstigsten Fällen zwischen 
beiden Extremen durch wirksame Einschränkung und sonstige 
Verarbeitung das sogenannte normale Sexualleben entstehen lassen. 
Wir werden uns aber ferner sagen, daß die angenommene 
Konstitution, welche die Keime zu allen Perversionen aufweist, 



4 6 



Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



nur beim Kinde aufzeigbar sein wird, wenngleich bei ihm alle 
Triebe nur in bescheidenen Intensitäten auftreten können. Ahnt 
uns so die Formel, daß die Neurotiker den infantilen Zustand 
ihrer Sexualität beibehalten haben oder auf ihn zurückversetzt 
worden sind, so wird sich unser Interesse dem Sexualleben des 
Kindes zuwenden und wir werden das Spiel der Einflüsse ver- 
folgen wollen, die den Entwicklungsprozeß der kindlichen 
Sexualität bis zum Ausgang in Perversion, Neurose oder normales 
Geschlechtsleben beherrschen. 



I 



II 
DIE INFANTILE SEXUALITÄT 

Es ist ein Stück der populären Meinung über den Geschlechts- nachlä e s r sigung 



Infantilen 



trieb, daß er der Kindheit fehle und erst in der als Pubertät faf ^ 
bezeichneten Lebensperiode erwache. Allein dies ist nicht nur 
ein einfacher, sondern sogar ein folgenschwerer Irrtum, da er 
hauptsächlich unsere gegenwärtige Unkenntnis der grundlegenden 
Verhältnisse des Sexuallebens verschuldet. Ein gründliches Studium 
der Sexualäußerungen in der Kindheit würde uns wahrscheinlich 
die wesentlichen Züge des Geschlechtstriebes aufdecken, seine 
Entwicklung verraten und seine Zusammensetzung aus verschiedenen 
Quellen zeigen. 

Es ist bemerkenswert, daß die Autoren, welche sich mit der 
Erklärung der Eigenschaften und Reaktionen des erwachsenen 
Individuums beschäftigen, jener Vorzeit, welche durch die Lebens- 
dauer der Ahnen gegeben ist, so viel mehr Aufmerksamkeit 
geschenkt, also der Erblichkeit so viel mehr Einfluß zugesprochen 
haben, als der anderen Vorzeit, welche bereits in die individuelle 
Existenz der Person fällt, der Kindheit nämlich. Man sollte doch 
meinen, der Einfluß dieser Lebensperiode wäre leichter zu 
verstehen und hätte ein Anrecht, vor dem der Erblichkeit berück- 
sichtigt zu werden. 1 Man findet zwar in der Literatur gelegent- 
liche Notizen über frühzeitige Sexualbetätigung bei kleinen 



1) Es ist ja auch nicht möglich, den der Erblichkeit gebührenden Anteil richtig 
zu erkennen, ehe man den der Kindheit zugehörigen gewürdigt hat. 






48 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 

Kindern, über Erektionen, Masturbation und selbst koitus- 
ähnliche Vornahmen, aber immer nur als ausnahmsweise Vor- 
gänge, als Kuriosa oder als abschreckende Beispiele voreiliger 
Verderbtheit angeführt. Kein Autor hat meines Wissens die 
Gesetzmäßigkeit eines Sexualtriebes in der Kindheit klar 
erkannt und in den zahlreich gewordenen Schriften über die 
Entwicklung des Kindes wird das Kapitel „Sexuelle Entwick- 
lung" meist übergangen. 1 



1) Die hier niedergeschriebene Behauptung erschien mir selbst nachträglich als 
so gewagt, daß ich mir vorsetzte, sie durch nochmalige Durchsicht der Literatur 
zu prüfen. Das Ergebnis dieser Überprüfung war, daß ich sie unverändert stehen 
ließ. Die wissenschaftliche Bearbeitung der leiblichen wie der seelischen Phänomene 
der Sexualität im Kindesalter befinden sich in den ersten Anfängen. Ein Autor 
S. Bell (A preliminary smdy of the emotion of love between the sexes. American 
Journal of Psychology, XIII, 1902) äußert: / know of no scientist, who hos given a 
careful analysis of the emotion as it is Seen in the adolescent. — Somatische Sexual- 
äußerungen aus der Zeit vor der Pubertät haben nur im Zusammenhange mit Ent- 
artungserscheinungen und als Zeichen von Entartung Aufmerksamkeit gewonnen. — 
Ein Kapitel über das Liebesleben der Kinder fehlt in allen Darstellungen der Psycho- 
logie dieses Alters, die ich gelesen habe, so in den bekannten Werken von Preyer, 
Baldwin (Die Entwicklung des Geistes beim Kinde und bei der Rasse, 1898), 
Perez (L ? enfant de 3 — 7 ans, 1894), Strümpell (Die pädagogische Pathologie, 
1899), Karl Groos (Das Seelenleben des Kindes, 1904;, Th. Heller (Grundriß 
der Heilpädagogik, 1904), Sully (Untersuchungen über die Kindheit, 1897) und 
anderen. Den besten Eindruck von dem heutigen Stande auf diesem Gebiet holt man sich 
aus der Zeitschrift „Die Kinderfehler" (von 1896 an). — Doch gewinnt man die 
Überzeugung, daß die Existenz der Liebe im Kindesalter nicht mehr entdeckt zu 
werden braucht. Perez (1. c.) tritt für sie ein ; bei K. Groos (Die Spiele der 
Menschen, 189g) findet sich als allgemein bekannt erwähnt, „daß manche Kinder 
schon sehr früh für sexuelle Regungen zugänglich sind und dem anderen Geschlecht 
gegenüber einen Drang nach Berührungen empfinden" (S. 536) ; der früheste Fall 
von Auftreten geschlechtlicher Liebesregungen (sex-love) in der Beobachtungsreihe 
von S. Bell betraf ein Kind in der Mitte des dritten Jahres. — Vergleiche hiezu 
noch Havelock Ellis, Das Geschlechtsgefühl (übersetzt von K u r e 1 1 a), 1905. 
Appendix, IL 

Das obenstehende Urteil über die Literatur der infantilen Sexualität braucht seit 
dem Erscheinen des groß angelegten Werkes von Stanley Hall (Adolescence, its 
psychology and its relations to physiology, anthropology, sociology, sex, crime, 
religion and education. Two volumes, New York, 1908) nicht mehr aufrecht erhalten 
zu werden. — Das rezente Buch von A. Moll, Das Sexualleben des Kindes, Berlin 
1909, bietet keinen Anlaß zu einer solchen Modifikation. Siehe dagegen: Bleuler, 
Sexuelle Abnormitäten der Kinder. (Jahrbuch der schweizerischen Gesellschaft für 
Schulgesundheitspflege, IX, 1908.) — Ein Buch von Frau Dr. H. v. Hug-Hellmuth, 
Aus dem Seelenleben des Kindes, 1915, hat seither dem vernachlässigten sexuellen 
Faktor vollauf Rechnung getragen. 



Die infantile Sexualität 49 



Den Grund für diese merkwürdige Vernachlässigung suche ich 
zum Teil in den konventionellen Rücksichten, denen die Autoren 
infolge ihrer eigenen Erziehung Rechnung tragen, zum anderen 
Teil in einem psychischen Phänomen, welches sich bis jetzt selbst 
der Erklärung entzogen hat. Ich meine hiemit die eigentümliche 
Amnesie, welche den meisten Menschen (nicht allen!) die 
ersten Jahre ihrer Kindheit bis zum 6. oder 8. Lebensjahre 
verhüllt. Es ist uns bisher noch nicht eingefallen, uns über die 
Tatsache dieser Amnesie zu verwundern; aber wir hätten guten 
Grund dazu. Denn man berichtet uns, daß wir in diesen Jahren, 
von denen wir später nichts im Gedächtnis behalten haben als 
einige unverständliche Erinnerungsbrocken, lebhaft auf Eindrücke 
reagiert hätten, daß wir Schmerz und Freude in menschlicher 
Weise zu äußern verstanden, Liebe, Eifersucht und andere Leiden- 
schaften gezeigt, die uns damals heftig bewegten, ja daß wir 
Aussprüche getan, die von den Erwachsenen als gute Beweise 
für Einsicht und beginnende Urteilsfähigkeit gemerkt wurden. 
Und von alledem wissen wir als Erwachsene aus eigenem nichts. 
Warum bleibt unser Gedächtnis so sehr hinter unseren anderen 
seelischen Tätigkeiten zurück ? Wir haben doch Grund zu glauben, 
daß es zu keiner anderen Lebenszeit aufnahms- und reproduktions- 
fähiger ist als gerade in den Jahren der Kindheit. 1 

Auf der anderen Seite müssen wir annehmen oder können 
uns durch psychologische Untersuchung an anderen davon über- 
zeugen, daß die nämlichen Eindrücke, die wir vergessen haben, 
nichtsdestoweniger die tiefsten Spuren in unserem Seelenleben 
hinterlassen haben und bestimmend für unsere ganze spätere 
Entwicklung geworden sind. Es kann sich also um gar keinen 
wirklichen Untergang der Kindheitseindrücke handeln, sondern 



1) Eines der mit den frühesten Kindheitserinnerungen verknüpften Probleme habe 
ich in einem Aufsatze „Über Deckerirmerungen" (Monatsschrift für Psychiatrie und 
Neurologie, VI, 1899) zu lösen versucht. [Vgl. „Zur Psychopathologie des Alltags- 
lebens", IV. Kap. Bd. IV der Gesamtausgabe.] 

Freud, Sexualtheorie, G. Auflage. 4 

\ 



Infantile 
Amnesie 



50 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 

um eine Amnesie ähnlich jener, die wir bei den Neurotikern 
für spätere Erlebnisse beobachten, und deren Wesen in einer 
bloßen Abhaltung von Bewußtsein (Verdrängung) besteht. Aber 
welche Kräfte bringen diese Verdrängung der Kindheitseindrücke 
zustande? Wer dieses Rätsel löste, hätte wohl auch die hysterische 
Amnesie aufgeklärt. 

Immerhin wollen wir nicht versäumen hervorzuheben, daß 
die Existenz der infantilen Amnesie einen neuen Vergleichspunkt 
zwischen dem Seelenzustand des Kindes und dem des Psycho- 
neurotikers schafft. Einem anderen sind wir schon früher begegnet, 
als sich uns die Formel aufdrängte, daß die Sexualität der Psycho- 
neurotiker den kindlichen Standpunkt bewahrt hat oder auf ihn 
zurückgeführt worden ist. Wenn nicht am Ende die infantile 
Amnesie selbst wieder mit den sexuellen Regungen der Kindheit 
in Beziehung zu bringen ist! 

Es ist übrigens mehr als ein bloßes Spiel des Witzes, die 
infantile Amnesie mit der hysterischen zu verknüpfen. Die 
hysterische Amnesie, die der Verdrängung dient, wird nur durch 
den Umstand erklärlich, daß das Individuum bereits einen Schatz 
von Erinnerungsspuren besitzt, welche der bewußten Verfügung 
entzogen sind und die nun mit assoziativer Bindung das an sich 
reißen, worauf vom Bewußten her die abstoßenden Kräfte der 
Verdrängung wirken. 1 Ohne infantile Amnesie, kann man sagen, 
gäbe es keine hysterische Amnesie. 

Ich meine nun, daß die infantile Amnesie, die für jeden 
einzelnen seine Kindheit zu einer gleichsam prähistorischen 
Vorzeit macht und ihm die Anfänge seines eigenen Geschlechts- 
lebens verdeckt, die Schuld daran trägt, wenn man der kindlichen 
Lebensperiode einen Wert für die Entwicklung des Sexuallebens 
im allgemeinen nicht zutraut. Ein einzelner Beobachter kann 

i) Man kann den Mechanismus der Verdrängung nicht verstehen, wenn man nur 
einen dieser beiden zusammenwirkenden Vorgänge berücksichtigt. Zum Vergleich möge 
die Art dienen, wie der Tourist auf die Spitze der großen Pyramide von Gizeh 
befördert wird; er wird von der einen Seite gestoßen, von der anderen Seite gezogen. 



Die infantile Sexualität 51 



die so entstandene Lücke in unserem Wissen nicht ausfüllen. 
Ich habe bereits 1896 die Bedeutung der Kinder jähre für die 
Entstehung gewisser wichtiger, vom Geschlechtsleben abhängiger 
Phänomene betont und seither nicht aufgehört, das infantile 
Moment für die Sexualität in den Vordergrund zu rücken. 

Die sexuelle Latenzperiode der Kindheit 
und ihre Durchbrechungen 

Die außerordentlich häufigen Befunde von angeblich regel- 
widrigen und ausnahmsartigen sexuellen Regungen in der Kindheit 
sowie die Aufdeckung der bis dahin unbewußten Kindheits- 
erinnerungen der Neurotiker gestatten etwa folgendes Bild von 
dem sexuellen Verhalten der Kinderzeit zu entwerfen : ' 

Es scheint gewiß, daß das Neugeborene Keime von sexuellen 
Regungen mitbringt, die sich eine Zeitlang weiter entwickeln, 
dann aber einer fortschreitenden Unterdrückung unterliegen, 
welche selbst wieder durch regelrechte Vorstöße der Sexual- 
entwicklung durchbrochen und durch individuelle Eigenheiten 
aufgehalten werden kann. Über die Gesetzmäßigkeit und die 
Periodizität dieses oszillierenden Entwicklungsganges ist nichts 
Gesichertes bekannt. Es scheint aber, daß das Sexualleben der 
Kinder sich zumeist um das dritte oder vierte Lebensjahr in 
einer der Beobachtung zugänglichen Form zum Ausdruck bringt. 2 



1) Letzteres Material wird durch die berechtigte Erwartung- verwertbar, daß die 
Kinderjahre der späteren Neurotiker hierin nicht wesentlich, nur in Hinsicht der 
Intensität und Deutlichkeit, von denen später Gesunder abweichen dürften. 

2) Eine mögliche anatomische Analogie zu dem von mir behaupteten Verhalten der 
infantilen Sexualfunktion wäre durch den Fund von B ayer (Deutsches Archiv für klinische 
Medizin, Bd. 75) gegeben, daß die inneren Geschlechtsorgane (JJterus') Neugeborener 
in der Regel größer sind als die älterer Kinder. Indes ist die Auffassung dieser 
durch Halb an auch für andere Teile des Genitalapparates festgestellten Involution 
nach der Geburt nicht sichergestellt. Nach H a lb an (Zeitschrift für Geburtshilfe 
und Gynäkologie, LIII, 1904) ist dieser Rückbildnngsvorgang nach wenigen Wochen 
des Extrauterinlebens abgelaufen. — Die Autoren, welche den interstitiellen Anteil 
der Keimdrüse als das geschlechtsbestimmende Organ betrachten, sind durch 



52 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 

Die Sexual- Während dieser Periode totaler oder bloß partieller Latenz 
werden die seelischen Mächte aufgebaut, die später dem Sexual- 
trieb als Hemmnisse in den Weg treten und gleich wie Dämme 
seine Richtung beengen werden (der Ekel, das Schamgefühl, die 
ästhetischen und moralischen Idealanforderungen). Man gewinnt 
beim Kulturkinde den Eindruck, daß der Aufbau dieser Dämme 
ein Werk der Erziehung ist, und sicherlich tut die Erziehung 
viel dazu. In Wirklichkeit ist diese Entwicklung eine organisch 
bedingte, hereditär fixierte und kann sich gelegentlich ganz ohne 
Mithilfe der Erziehung herstellen. Die Erziehung verbleibt durch- 
aus in dem ihr angewiesenen Machtbereich, wenn sie sich darauf 
einschränkt, das organisch Vorgezeichnete nachzuziehen und es 
etwas sauberer und tiefer auszuprägen. 

Reakiions- Mit welchen Mitteln werden diese, für die spätere persönliche 

bildung und 

subiimierung Kultur und Normalität so bedeutsamen Konstruktionen aufgeführt? 
Wahrscheinlich auf Kosten der infantilen Sexualregungen selbst, 
deren Zufluß also auch in dieser Latenzperiode nicht aufgehört 

anatomische Untersuchungen dazu geführt worden, ihrerseits von infantiler Sexualität 
und sexueller Latenzzeit zu reden. Ich zitiere aus dem S. 20 erwähnten Buche von 
Lipschütz üher die Pubertätsdrüse: „Man wird den Tatsachen viel eher gerecht, 
wenn man sagt, daß die Ausreifung der Geschlechtsmerkmale, wie sie sich in der 
Pubertät vollzieht, nur auf einem um diese Zeit stark beschleunigten Ablauf von 
Vorgängen beruht, die schon viel früher begonnen haben — unserer Auffassung 
nach schon im embryonalen Leben." (S. 169.) — „Was man bisher als 
Pubertät schlechtweg bezeichnet hat, ist wahrscheinlich 
nur eine zweite große Phase der Pubertät, die um die Mitte 
des zweiten Jahrzehntes einsetzt... Das Kindesalter, von der Geburt 
bis zu Beginn der zweiten großen Phase gerechnet, konnte man als die inter- 
mediäre Phase der Pubertät' bezeichnen." (S. 170.) — Diese in einem 
Referat von Ferenczi (Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse VI, 1920) hervorgehobene 
Übereinstimmung anatomischer Befunde mit der psychologischen Beobachtung wird 
durch die eine Angabe gestört, daß der „erste Gipfelpunkt" der Entwicklung 
des Sexualorgans in die frühe Embryonalzeit fällt, während die kindliche Frühblüte 
des Sexuallebens in das dritte und vierte Lebensjahr zu verlegen ist. Die volle 
Gleichzeitigkeit der anatomischen Ausbildung mit der psychischen Entwicklung ist 
natürlich nicht erforderlich. Die betreffenden Untersuchungen sind an der Keimdrüse 
des Menschen gemacht worden. Da den Tieren eine Latenzzeit im psychologischen 
Sinne nicht zukommt, läge viel daran zu wissen, ob die anatomischen Befunde, auf 
deren Grund die Autoren zwei Gipfelpunkte der Sexualentwicklung annehmen, auch 
an anderen höheren Tieren nachweisbar sind. 



Die infantile Sexualität 53 



hat, deren Energie aber — ganz oder zum größten Teil — von 
der sexuellen Verwendung abgeleitet und anderen Zwecken zuge- 
führt wird. Die Kulturhistoriker scheinen einig in der Annahme, 
daß durch solche Ablenkung sexueller Triebkräfte von sexuellen 
Zielen und Hinlenkung auf neue Ziele, ein Prozeß, der den Namen 
Sublimierung verdient, mächtige Komponenten für alle kul- 
turellen Leistungen gewonnen werden. Wir würden also hinzu- 
fügen, daß der nämliche Prozeß in der Entwicklung des einzelnen 
Individuums spielt und seinen Beginn in die sexuelle Latenz- 
periode der Kindheit verlegen. 1 

Auch über den Mechanismus einer solchen Sublim ierung kann 
man eine Vermutung wagen. Die sexuellen Regungen dieser 
Kinderjahre wären einerseits unverwendbar, da die Fortpflanzungs- 
funktionen aufgeschoben sind, was den Haupt charakter der Latenz- 
periode ausmacht, andererseits wären sie an sich pervers, das heißt 
von erogenen Zonen ausgehend und von Trieben getragen, welche 
bei der Entwicklungsrichtung des Individuums nur Unlust- 
empfindungen hervorrufen könnten. Sie rufen daher seelische 
Gegenkräfte (Reaktionsregungen) wach, die zur wirksamen Unter- 
drückung solcher Unlust die erwähnten psychischen Dämme: 
Ekel, Scham und Moral, aufbauen. 2 

Ohne uns über die hypothetische Natur und die mangelhafte Du ^ üche 
Klarheit unserer Einsichten in die Vorgänge der kindlichen Latenz- Latenzzeit 
oder Aufschubsperiode zu täuschen, wollen wir zur Wirklichkeit 
zurückkehren, um anzugeben, daß solche Verwendung der infantilen 
Sexualität ein Erziehungsideal darstellt, von dem die Entwicklung 
der einzelnen meist an irgendeiner Stelle und oft in erheblichem 
Maße abweicht. Es bricht zeitweise ein Stück Sexualäußerung 



1) Die Bezeichnung „sexuelle Laterizperiode" entlehne ich ebenfalls von W. Fließ. 

2) In dem hier besprochenen Falle geht die Sublimierung sexueller Trieb- 
kräfte auf dem Wege der Reaktionsbildung vor sich. Im allgemeinen darf man 
aber Sublimierung und Reaktionsbildung als zwei verschiedene Prozesse begrifflich 
voneinander scheiden. Es kann auch Sublimierungen durch andere imd einfachere 
Mechanismen geben. 



54 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



durch, das sich der Sublimierung entzogen hat, oder es erhält 
sich eine sexuelle Betätigung durch die ganze Dauer der Latenz- 
periode bis zum verstärkten Hervorbrechen des Sexualtriebes in 
der Pubertät. Die Erzieher benehmen sich, insofern sie überhaupt 
der Kindersexualität Aufmerksamkeit schenken, genau so, als teilten 
sie unsere Ansichten über die Bildung der moralischen Abwehr- 
mächte auf Kosten der Sexualität und als wüßten sie, daß sexuelle 
Betätigung das Kind unerziehbar macht, denn sie verfolgen alle 
sexuellen Äußerungen, des Kindes als „Laster", ohne viel gegen 
sie ausrichten zu können. Wir aber haben allen Grund, diesen 
von der Erziehung gefürchteten Phänomenen Interesse zuzuwenden, 
denn wir erwarten von ihnen den Aufschluß über die Ursprung 
liehe Gestaltung des Geschlechtstriebs. 

Die Äußerungen der infantilen Sexualität 

Das Lutschen Aus später zu ersehenden Motiven wollen wir unter den 
infantilen Sexualäußerungen das Lud ein (Wonnesaugen) zum 
Muster nehmen, dem der ungarische Kinderarzt Lindner eine 
ausgezeichnete Studie gewidmet hat. 1 

Das Lud ein oder Lutschen, das schon beim Säugling auf- 
tritt und bis in die Jahre der Reife fortgesetzt werden oder sich 
durchs ganze Leben erhalten kann, besteht in einer rhythmisch 
wiederholten saugenden Berührung mit dem Munde (den Lippen), 
wobei der Zweck der Nahrungsaufnahme ausgeschlossen ist. Ein 
Teil der Lippe selbst, die Zunge, eine beliebige andere erreich- 
bare Hautstelle, — selbst die große Zehe, — werden zum Objekt 
genommen, an dem das Saugen ausgeführt wird. Ein dabei auf- 
tretender Greiftrieb äußert sich etwa durch gleichzeitiges rhyth- 
misches Zupfen am Ohrläppchen und kann sich eines Teiles einer 
anderen Person (meist ihres Ohres) zu gleichem Zwecke bemäch- 
tigen. Das Wonnesaugen ist mit voller Aufzehrung der Aufmerk- 
samkeit verbunden, führt entweder zum Einschlafen oder selbst 

l) Im Jahrbuch für Kinderheilkunde, N. F., XIV. 187g. 



Die infantile Sexualität 55 



zu einer motorischen Reaktion in einer. Art von Orgasmus. 1 Nicht 
selten kombiniert sich mit dem Wonnesaugen die reibende 
Berührung gewisser empfindlicher Körperstellen, der Brust, der 
äußeren Genitalien. Auf diesem Wege gelangen viele Kinder vom 
Ludein zur Masturbation. 

Lindner selbst hat die sexuelle Natur dieses Tuns klar erkannt 

und rückhaltlos betont. In der Kinderstube wird das Ludein 

häufig den anderen sexuellen „Unarten" des Kindes gleichgestellt. 

Von seiten zahlreicher Kinder- und Nervenärzte ist ein sehr 

energischer Einspruch gegen diese Auffassung erhoben worden, 

der zum Teil gewiß auf der Verwechslung von „sexuell" und 

„genital" beruht. Dieser Widerspruch wirft die schwierige und 

nicht abzuweisende Frage auf, an welchem allgemeinen Charakter 

wir die sexuellen Äußerungen des Kindes erkennen wollen. Ich 

meine, daß der Zusammenhang der Erscheinungen, in welchen 

wir durch die psychoanalytische Untersuchung Einsicht gewonnen 

haben, uns berechtigt, das Ludein als eine sexuelle Äußerung in 

Anspruch zu nehmen und gerade an ihm die wesentlichen Züge 

der infantilen Sexualbetätigung zu studieren. 2 

Wir haben die Verpflichtung, dieses Beispiel eingehend zu er *^' us 
würdigen. Heben wir als den auffälligsten Charakter dieser Sexual- 
betätigung hervor, daß der Trieb nicht auf andere Personen 
gerichtet ist; er b efriedigt sich am eigenen Körper, er ist auto- 

j) Hier erweist sich bereits, was fürs ganze Leben Gültigkeit bat, daß sexuelle 
Befriedigung das beste Schlafmittel ist. Die meisten Fälle von nervöser Schlaflosig- 
keit gehen auf sexuelle Unbefriedigung zurück. Es ist bekannt, daß gewissenlose 
Kinderfrauen die schreienden Kinder durch Streichen an den Genitalien einschlafern 

o) Ein Dr. Galant hat 1919 im Neurol. Zentralbl. Nr. 20 unter dem Titel 
Das Lutscherli" das Bekenntnis eines erwachsenen Mädchens veröffentlicht, welches 
diese kindüche Sexualbetätigung nicht aufgegeben hat und die Befriedung durch 
das Lutschen als völlig analog einer sexuellen Befriedigung, insbesondere durch den 
Kuß des Geliebten, schildert. „Nicht alle Küsse gleichen einem Lutscherli : nein, 
nein lange nicht alle! Man kann nicht schreiben, wie wohlig es einem durch den 
ganzen Körper beim Lutschen geht; man ist einfach weg von dieser Welt, man ist 
ganz zufrieden und wunschlos glücklich. Es ist ein wunderbares Gefühl; man ver- 
langt nichts als Ruhe, Ruhe, die gar nicht unterbrochen werden soll. Es ist einlach 
unsagbar schön: man spürt keinen Schmerz, kein Weh und ach, man ist entruckt 
in eine andere Weit." 



56 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



erotisch, um es mit einem glücklichen, von Havelock Ellis 
eingeführten Namen zu sagen. 1 

Es ist ferner deutlich, daß die Handlung des lutschenden Kindes 
durch das Suchen nach einer — bereits erlebten und nun 
erinnerten — Lust bestimmt wird. Durch das rhythmische Saugen 
an einer Haut- oder Schleimhautstelle findet es dann im einfachsten 
Falle die Befriedigung. Es ist auch leicht zu erraten, bei welchen 
Anlässen das Kind die ersten Erfahrungen dieser Lust gemacht 
hat, die es nun zu erneuern strebt. Die erste und lebenswichtigste 
Tätigkeit des Kindes, das Saugen an der Mutterbrust (oder an 
ihren Surrogaten), muß es bereits mit dieser Lust vertraut 
gemacht haben. Wir würden sagen, die Lippen des Kindes haben 
sich benommen wie eine erogene Zone, und die Reizung 
durch den warmen Milchstrom war wohl die Ursache der Lust- 
empfindung. Anfangs war wohl die Befriedigung der erogenen 
Zone mit der Befriedigung des Nahrungsbedürfnisses vergesell- 
schaftet. Die Sexualbetätigung lehnt sich zunächst an eine der zur 
Lebenserhaltung dienenden Funktionen an und macht sich erst 
später von ihr selbständig. Wer ein Kind gesättigt von der Brust 
zurücksinken sieht, mit geröteten W 7 angen und seligem Lächeln 
in Schlaf verfallen, der wird sich sagen müssen, daß dieses Bild 
auch für den Ausdruck der sexuellen Befriedigung im späteren 
Leben maßgebend bleibt. Nun wird das Bedürfnis nach Wiederholung 
der sexuellen Befriedigung von dem Bedürfnis nach Nahrungs- 
aufnahme getrennt, eine Trennung, die unvermeidlich ist, wenn 
die Zähne erscheinen und die Nahrung nicht mehr ausschließlich 
eingesogen, sondern gekaut wird. Eines fremden Objektes bedient 
sich das Kind zum Saugen nicht, sondern lieber einer eigenen 
Hautstelle, weil diese ihm bequemer ist, weil es sich so von der 



1) H. Ellis hat den Terminus „autoerotisch" allerdings etwas anders bestimmt 
im Sinne einer Erregung, die nicht von außen hervorgerufen wird, sondern im Innern 
selbst entspringt. Für die Psychoanalyse ist nicht die Genese, sondern die Beziehung 
zu einem Objekt das Wesentliche. 




Die infantile Sexualität 57 



Außenwelt unabhängig macht, die es zu beherrschen noch nicht 
vermag, und weil es sich solcherart gleichsam eine zweite, 
wenngleich minderwertige, erogene Zone schafft. Die Minder- 
wertigkeit dieser zweiten Stelle wird es später mit dazu veran- 
lassen, die gleichartigen Teile, die Lippen, einer anderen Person 
zu suchen. („Schade, daß ich mich nicht küssen kann," möchte 
man ihm unterlegen.) 

Nicht alle Kinder lutschen. Es ist anzunehmen, daß jene Kinder 
dazu gelangen, bei denen die erogene Bedeutung der Lippenzone 
konstitutionell verstärkt ist. Bleibt diese erhalten, so werden diese 
Kinder als Erwachsene Kußfeinschmecker werden, zu perversen 
Küssen neigen oder als Männer ein kräftiges Motiv zum Trinken 
und Rauchen mitbringen. Kommt aber die Verdrängung hinzu, 
so werden sie Ekel vor dem Essen empfinden und hysterisches 
Erbrechen produzieren. Kraft der Gemeinsamkeit der Lippenzone 
wird die Verdrängung auf den Nahrungstrieb übergreifen. Viele 
meiner Patientinnen mit Eßstörungen, hysterischem Globus, 
Schnüren im Hals und Erbrechen waren in den Kinderjahren 
energische Ludlerinnen gewesen. 

Am Lutschen oder Wonnesaugen haben wir bereits die drei 
wesentlichen Charaktere einer infantilen Sexualäußerung bemerken 
können. Dieselbe entsteht in Anlehnung an eine der lebens- 
wichtigen Körperfunktionen, sie kennt noch kein Sexualobjekt, 
ist äutoerotisch, und ihr Sexualziel steht unter der Herrschaft 
einer erogenen Zone. Nehmen wir vorweg, daß diese 
Charaktere auch für die meisten anderen Betätigungen der 
infantilen Sexualtriebe gelten. 

Das Sexualziel der infantilen Sexualität 
Aus dem Beispiel des Ludeins ist zur Kennzeichnung einer Charaktere 

L erogener 

erogenen Zone noch mancherlei zu entnehmen. Es ist eine Haut- Zonen 
oder Schleimhautstelle, an der Reizungen von gewisser Art eine 



58 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 

Lustempfindung von bestimmter Qualität hervorrufen. Es ist kein 
Zweifel, daß die lusterzeugenden Reize an besondere Bedingungen 
gebunden sind; wir kennen dieselben nicht. Der rhythmische 
Charakter muß unter ihnen eine Rolle spielen, die Analogie mit 
dem Kitzelreiz drängt sich auf. Minder ausgemacht scheint es, 
ob man den Charakter der durch den Reiz hervorgerufenen Lust- 
empfindung als einen „besonderen" bezeichnen darf, wo in dieser 
Besonderheit eben das sexuelle Moment enthalten wäre. In Sachen 
der Lust und Unlust tappt die Psychologie noch so sehr im 
Dunkeln, daß die vorsichtigste Annahme die empfehlenswerteste 
sein wird. Wir werden später vielleicht auf Gründe stoßen, 
welche die Besonderheitsqualität der Lustempfindung zu unter- 
stützen scheinen. 

Die erogene Eigenschaft kann einzelnen Körperstellen in aus- 
gezeichneter Weise anhaften. Es gibt prädestinierte erogene Zonen, 
wie das Beispiel des Ludeins zeigt. Dasselbe Beispiel lehrt aber 
auch, daß jede beliebige andere Haut- und Schleimhautstelle die 
Dienste einer erogenen Zone auf sich nehmen kann, also eine 
gewisse Eignung dazu mitbringen muß. Die Qualität des Reizes 
hat also mit der Erzeugung der Lustempfindung mehr zu tun 
als die Beschaffenheit der Körperstelle. Das ludernde Kind sucht 
an seinem Körper herum und wählt sich irgendeine Stelle zum 
Wonnesaugen aus, die ihm dann durch Gewöhnung die 
bevorzugte wird; wenn es zufällig dabei auf eine der prä- 
destinierten Stellen stößt (Brustwarze, Genitalien), so verbleibt freilich 
dieser der Vorzug. Die ganz analoge Verschiebbarkeit kehrt dann 
in der Symptomatologie der Hysterie wieder. Bei dieser Neurose 
betrifft die Verdrängung die eigentlichen Genitalzonen am aller- 
meisten, und diese geben ihre Reizbarkeit an die übrigen, sonst 
im reifen Leben zurückgesetzten, erogenen Zonen ab, die sich 
dann ganz wie Genitalien gebärden. Aber außerdem kann ganz 
wie beim Ludein jede beliebige andere Körperstelle mit der 
Erregbarkeit der Genitalien ausgestattet und zur erogenen Zone 



Die infantile Sexualität 59 



erhoben werden. Erogene und hysterogene Zonen zeigen die 
nämlichen Charaktere. 1 

Das Sexualziel des infantilen Triebes besteht darin, die 
Befriedigung durch die geeignete Reizung der so oder so gewählten 
erogenen Zone hervorzurufen. Diese Befriedigung muß vorher 
erlebt worden sein, um ein Bedürfnis nach ihrer Wiederholung 
zurückzulassen, und wir dürfen darauf vorbereitet sein, daß die 
Natur sichere Vorrichtungen getroffen hat, um dieses Erleben der 
Befriedigung nicht dem Zufalle zu überlassen. 2 Die Veranstaltung, 
welche diesen Zweck für die Lippenzone erfüllt, haben wir 
bereits kennen gelernt, es ist die gleichzeitige Verknüpfung dieser 
Körperstelle mit der Nahrungsaufnahme. Andere ähnliche Vor- 
richtungen werden uns noch als Quellen der Sexualität begegnen. 
Der Zustand des Bedürfnisses nach Wiederholung der Befriedigung 
verrät sich durch zweierlei: durch ein eigentümliches Spannungs- 
gefühl, welches an sich mehr den Charakter der Unlust hat, und 
durch eine zentral bedingte, in die peripherische erogene 
Zone projizierte Juck- oder Reizempfindung. Man kann das 
Sexualziel darum auch so formulieren, es käme darauf an, die 
projizierte Reizempfindung an der erogenen Zone durch denjenigen 
äußeren Reiz zu ersetzen, welcher die Reizempfindung aufhebt, 
indem er die Empfindung der Befriedigung hervorruft. Dieser 
äußere Reiz wird zumeist in einer Manipulation bestehen, die 
analog dem Saugen ist. 

Es ist nur im vollen Einklang mit unserem physiologischen 
Wissen, wenn es vorkommt, daß das Bedürfnis auch peripherisch, 
durch eine wirkliche Veränderung an der erogenen Zone geweckt 



Infantiles 
Sexualziel 



1) Weitere Überlegungen und die Verwertung anderer Beobachtungen fuhren dazu, 
die Eigenschaft der Erogeneität allen Körperstellen und inneren Organen zuzu- 
sprechen. Vgl. hiezu weiter unten über den Narzißmus. 

2) Man kann es in biologischen Erörterungen kaum vermeiden, sich der teleo- 
logischen Denkweise zu bedienen, obwohl man weiß, daß man im einzelnen Falle 
gegen den Irrtum nicht gesichert ist. 



60 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



wird. Es wirkt nur einigermaßen befremdend, da der eine Reiz 
zu seiner Aufhebung nach einem 
angebrachten, zu verlangen scheint. 



zu seiner Aufhebung nach einem zweiten, an derselben Stelle 



Die masturbatorischen Sexualäußerungen 1 

Es kann uns nur höchst erfreulich sein zu finden, daß wir 
von der Sexualbetätigung des Kindes nicht mehr viel Wichtiges 
zu lernen haben, nachdem uns der Trieb von einer einzigen 
erogenen Zone her verständlich geworden ist. Die deutlichsten 
Unterschiede beziehen sich auf die zur Befriedigung notwendige 
Vornahme, die für die Lippenzone im Saugen bestand und die 
je nach Lage und Beschaffenheit der anderen Zonen durch andere 
Muskelaktionen ersetzt werden muß. 
Betätigung Die Afterzone ist ähnlich wie die Lippenzone durch ihre Laee 

er Afterzone . rl to 

geeignet, eine Anlehnung der Sexualität an andere Körper- 
funktionen zu vermitteln. Man muß sich die erogene Bedeutung 
dieser Körperstelle als ursprünglich sehr groß vorstellen. Durch 
die Psychoanalyse erfährt man dann nicht ohne Verwunderung, 
welche Umwandlungen mit den von hier ausgehenden sexuellen 
Erregungen normalerweise vorgenommen werden, und wie häufig 
der Zone noch ein beträchtliches Stück genitaler Reizbarkeit fürs 
Leben verbleibt. 2 Die so häufigen Darmstörungen der Kinderjahre 
sorgen dafür, daß es der Zone an intensiven Erregungen nicht 
fehle. Darmkatarrhe im zartesten Alter machen „nervös", wie 
man sich ausdrückt; bei späterer neurotischer Erkrankung nehmen 
sie einen bestimmenden Einfluß auf den symptomatischen Aus- 
druck der Neurose, welcher sie die ganze Summe von Darm- 
störungen zur Verfügung stellen. Mit Hinblick auf die wenigstens 



i) Vgl. hiezu die selu-reichhaltige, aber meist in den Gesichtspunkten unorientierte 
Literatur über Onanie, z. B. Rohleder, Die Masturbation, 1899, f erner das H. Heft 
der „Diskussionen der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung", „Die Onanie", Wies- 
baden 1912. 

2) Vgl. die Aufsätze „Charakter und Analerotik" und „Über Triebumsetzungen 
insbesondere der Analerotik" [Gesamtausgabe, Bd. V]. 



Die infantile Sexualität 



in Umwandlung erhalten gebliebene erogene Bedeutung der 
Darmausgangszone darf man auch die hämorrhoidalen Einflüsse 
nicht verlachen, denen die ältere Medizin für die Erklärung 
neurotischer Zustände soviel Gewicht beigelegt hat. 

Kinder, welche die erogene Reizbarkeit der Afterzone ausnützen, 
verraten sich dadurch, daß sie die Stuhlmassen zurückhalten, bis 
dieselben durch ihre Anhäufung heftige Muskelkontraktionen an- 
regen und beim Durchgang durch den After einen starken Reiz 
auf die Schleimhaut ausüben können. Dabei muß wohl neben 
der schmerzhaften die Wollustempfindung zustande kommen. Es 
ist eines der besten Vorzeichen späterer Absonderlichkeit oder 
Nervosität, wenn ein Säugling sich hartnäckig weigert, den Darm 
zu entleeren, wenn er auf den Topf gesetzt wird, also wenn es 
dem Pfleger beliebt, sondern diese Funktion seinem eigenen 
Belieben vorbehält. Es kommt ihm natürlich nicht darauf an, 
sein Lager schmutzig zu machen ; er sorgt nur, daß ihm der 
Lustnebengewinn bei der Defäkation nicht entgehe. Die Erzieher 
ahnen wiederum das Richtige, wenn sie solche Kinder, die sich 
diese Verrichtungen „aufheben", schlimm nennen. 

Der Darminhalt, der als Reizkörper für eine sexuell empfind- 
liche Schleimhautfläche sich wie der Vorläufer eines anderen 
Organs benimmt, welches erst nach der Kindheitsphase in Aktion 
treten soll, hat für den Säugling noch andere wichtige Bedeu- 
tungen. Er wird offenbar wie ein zugehöriger Körperteil behandelt, 
stellt das erste „Geschenk" dar, durch dessen Entäußerung die 
Gefügigkeit, durch dessen Verweigerung der Trotz des kleinen 
Wesens gegen seine Umgebung ausgedrückt werden kann. Vom 
„Geschenk" aus gewinnt er dann später die Bedeutung des 
„Kindes", das nach einer der infantilen Sexualtheorien durch 
Essen erworben und durch den Darm geboren wird. 

Die Zurückhaltung der Fäkalmassen, die also anfangs eine 
absichtliche ist, um sie zur gleichsam masturbatorischen Reizung 
der Afterzone zu benützen, oder in der Relation zu den Pflege- 



62 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 

personen zu verwenden, ist übrigens eine der Wurzeln der bei 
den Neuropathen so häufigen Obstipation. Die ganze Bedeutung, 
der Afterzone spiegelt sich dann in der Tatsache, daß man nur 
wenige Neurotiker findet, die nicht ihre besonderen skatologischen 
Gebräuche, Zeremonien und dergleichen hätten, die von ihnen 
sorgfältig geheim gehalten werden. 1 

Echte masturbatorische Reizung der Afterzone mit Hilfe 
des Fingers, durch zentral bedingtes oder peripherisch unter- 
haltenes Jucken hervorgerufen, ist bei älteren Kindern keines- 
wegs selten. 
Jetätigung Unter den erogenen Zonen des kindlichen Körpers befindet 
enitaizonen sich eine, die gewiß nicht die erste Rolle spielt, auch nicht die 
Trägerin der ältesten sexuellen Regungen sein kann, die aber 
zu großen Dingen in der Zukunft bestimmt ist. Sie ist beim 
männlichen wie beim weiblichen Kind in Beziehung zur Harn- 
entleerung gebracht (Eichel, Klitoris) und beim ersteren in einen 
Schleimhautsack einbezogen, so daß es ihr an Reizungen durch 
Sekrete, welche die sexuelle Erregung frühzeitig anfachen können, 
nicht fehlen kann. Die sexuellen Betätigungen dieser erogenen 
Zone, die den wirklichen Geschlechtsteilen angehört, sind ja der 
Beginn des später „normalen" Geschlechtslebens. 

Durch die anatomische Lage, die Überströmung mit Sekreten, 
durch die Waschungen und Reibungen der Körperpflege und 
durch gewisse akzidentelle Erregungen (wie die Wanderungen 
von Eingeweidewürmern bei Mädchen) wird es unvermeidlich, 

1) In einer Arbeit, welche unser Verständnis für die Bedeutung der Analerotik 
außerordentlich vertieft („Anal" und „Sexual", Imago IV, 1916), hat Lou Andreas- 
Salöme ausgeführt, daß die Geschichte des erstes Verbotes, welches an das Kind heran- 
tritt, des Verbotes aus der Analtätigkeit und ihren Produkten Lust zu gewinnen, für 
seine ganze Entwicklung maßgebend wird. Das kleine Wesen muß bei diesem Anlasse 
zxierst die seinen Triebregungen feindliche Umwelt ahnen, sein eigenes Wesen von 
diesem Fremden sondern lernen, und dann die erste „Verdrängung" an seinen Lust- 
möglichkeiten vollziehen. Das „Anale" bleibt von da an das Symbol für alles zu 
Verwerfende, vom Leben Abzuscheidende. Der. später geforderten reinlichen Scheidung 
von Anal- und Genitalvorgängen widersetzen sich die nahen anatomischen und funk- 
tionellen Analogien und Beziehungen zwischen beiden. Der Genitalapparat bleibt der 
Kloake benachbart, „ist ihr beim Weibe sogar nur abgemietet". 



Die infantile Sexualität 65 



daß die Lustempfindung, welche diese Körperstelle zu ergeben 
fähig ist, sich dem. Kinde schon im Säuglingsalter bemerkbar 
mache und ein Bedürfnis nach ihrer Wiederholung erwecke. Über- 
blickt man die Summe der vorliegenden Einrichtungen und bedenkt, 
daß die Maßregeln zur Reinhaltung kaum anders wirken können 
als die Verunreinigung, so wird man sich kaum der Auffassung 
entziehen können, daß durch die Säuglingsonanie, der kaum ein 
Individuum entgeht, das künftige Primat dieser erogenen Zone 
für die Geschlechtstätigkeit festgelegt wird. Die den Reiz beseiti- 
gende und die Befriedigung auslösende Aktion besteht in einer 
reibenden Berührung mit der Hand oder in einem gewiß reflektorisch 
vorgebildeten Druck durch die Hand oder die zusammenschließenden 
Oberschenkel. Letztere Vornahme ist die beim Mädchen weitaus 
häufigere. Beim Knaben weist die Bevorzugung der Hand bereits 
darauf hin, welchen wichtigen Beitrag zur männlichen Sexual- 
tätigkeit der Bemächtigungstrieb einst leisten wird. 1 

Es wird der Klarheit nur förderlich sein, wenn ich angebe, 
daß man drei Phasen der infantilen Masturbation zu unterscheiden 
hat. Die erste von ihnen gehört der Säuglingszeit an, die zweite 
der kurzen Blütezeit der Sexualbetätigung um das vierte Lebens- 
jahr, erst die dritte entspricht der oft ausschließlich gewürdigten 
Pubertätsonanie. 

Die Säuglingsonanie scheint nach kurzer Zeit zu schwinden, 
doch kann mit der ununterbrochenen Fortsetzung derselben bis der kindlicher 

Masturbation 

zur Pubertät bereits die erste große Abweichung von der für 
den Kulturmenschen anzustrebenden Entwicklung gegeben sein. 
Irgend einmal in den Kinderjahren nach der Säuglingszeit, 
gewöhnlich vor dem vierten Jahr, pflegt der Sexualtrieb dieser 
Genitalzone wieder zu erwachen und dann wiederum eine Zeit- 
lang bis zu einer neuen Unterdrückung anzuhalten oder sich 
ohne Unterbrechung fortzusetzen. Die möglichen Verhältnisse 

1) Ungewöhnliche Techniken bei der Ausführung der Onanie in späteren Jahren 
scheinen auf den Einfluß eines überwundenen Onanieverbotes hinzuweisen. 



Die zweite 
Phase 



64 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 

sind sehr mannigfaltig und können nur durch genauere Zer- 
gliederung einzelner Fälle erörtert werden. Aber alle Einzel- 
heiten dieser zweiten infantilen Sexualbetätigung hinterlassen 
die tiefsten (unbewußten) Eindrucksspuren im Gedächtnis der 
Person, bestimmen die Entwicklung ihres Charakters, wenn sie 
gesund bleibt, und die Symptomatik ihrer Neurose, wenn sie 
nach der Pubertät erkrankt. 1 Im letzteren Falle findet man 
diese Sexualperiode vergessen, die für sie zeugenden bewußten 
Erinnerungen verschoben 5 — ich habe schon erwähnt, daß ich 
auch die normale infantile Amnesie mit dieser infantilen Sexual- 
betätigung in Zusammenhang bringen möchte. Durch psycho- 
analytische Erforschung gelingt es, das Vergessene bewußt zu 
machen und damit einen Zwang zu beseitigen, der vom unbe- 
wußten psychischen Material ausgeht. 
Wiederkehr rjj e Sexualerregung der Säuglingszeit kehrt in den bezeichneten 

ler Säuglings- o o od 

nasturbation Kinderjahren entweder als zentral bedingter Kitzelreiz wieder, 
der zur onanistischen Befriedigung auffordert, oder als pollutions- 
artiger Vorgang, der analog der Pollution der Reifezeit die 
Befriedigung ohne Mithilfe einer Aktion erreicht. Letzterer Fall 
ist der bei Mädchen und in der zweiten Hälfte der Kindheit 
häufigere, in seiner Bedingtheit nicht ganz verständlich und 
scheint oft — nicht regelmäßig — eine Periode früherer aktiver 
Onanie zur Voraussetzung zu haben. Die Symptomatik dieser 
Sexualäußerungen ist armselig; für den noch unentwickelten 
Geschlechtsapparat gibt meist der Harnapparat, gleichsam als 
sein Vormund, Zeichen. Die meisten sogenannten Blasenleiden 
dieser Zeit sind sexuelle Störungen ; die Enuresis nocturna entspricht, 
wo sie nicht einen epileptischen Anfall darstellt, einer Pollution. 

1) Warum das Schuldbewußtsein der Neurotiker regelmäßig, wie noch kürzlich 
Bleuler anerkannt hat, an die erinnerte onanistische Betätigung, meist der 
Pubertätszeit, anknüpft, barrt noch einer erschöpfenden analytischen Aufklärung. 
Der gröbste und wichtigste Faktor dieser Bedingtheit dürfte wohl die Tatsache 
sein, daß die Onanie ja die Exekutive der ganzen infantilen Sexualität darstellt und 
darum befähigt ist, das dieser anhaftende Schuldgefühl zu übernehmen. 



Die infantile Sexualität 65 

Für das Wiederauftreten der sexuellen Tätigkeit sind innere 
TJrsachen und äußere Anlässe maßgebend, die beide in neuro- 
tischen Erkrankungsfällen aus der Gestaltung der Symjrtome zu 
erraten und durch die psychoanalytische Forschung mit Sicher- 
heit aufzudecken sind. Von den inneren Ursachen wird später 
die Rede sein; die zufälligen äußeren Anlässe gewinnen um 
diese Zeit eine große und nachhaltige Bedeutung. Voran steht 
der Einfluß der Verführung, die das Kind vorzeitig als Sexual- 
objekt behandelt und es unter eindrucksvollen Umständen die 
Befriedigung von den Genitalzonen kennen lehrt, welche sich 
onanistisch zu erneuern es dann meist gezwungen bleibt. Solche 
Beeinflussung kann von Erwachsenen oder anderen Kindern aus- 
gehen ; ich kann nicht zugestehen, daß ich in meiner Abhandlung 
1896 „Über die Ätiologie der Hysterie" die Häufigkeit oder die 
Bedeutung derselben überschätzt habe, wenngleich ich damals 
noch nicht wußte, daß normal gebliebene Individuen in ihren 
Kinderjahren die nämlichen Erlebnisse gehabt haben können, 
und darum die Verführung höher wertete als die in der sexuellen 
Konstitution und Entwicklung gegebenen Faktoren. 1 Es ist selbst- 
verständlich, daß es der Verführung nicht bedarf, um das Sexual- 
leben des Kindes zu wecken, daß solche Erweckung auch spontan 
aus inneren Ursachen vor sich gehen kann. 

Es ist lehrreich, daß das Kind unter dem Einfluß der Ver- Pol y mor P h 

perverse 

führung polymorph pervers werden, zu allen möglichen Über-' Anlage 
schreitungen verleitet werden kann. Dies zeigt, daß es die Eignung 
dazu in seiner Anlage mitbringt; die Ausführung findet darum 

1) Havelock Ellis bringt in einem Anhang zu seiner Studie über das 
„Geschlechtsgefühl" (1903) eine Anzahl autobiographischer Berichte von später 
vorwiegend normal gebliebenen Personen über ihre ersten geschlechtlichen Regungen 
in der Kindheit und die Anlässe derselben. Diese Berichte leiden natürlich an dem 
Mangel, daß sie die durcb die infantile Amnesie verdeckte, prähistorische Vorzeit des 
Geschlechtslebens nicht enthalten, welche nur durch Psychoanalyse bei einem 
neurotisch gewordenen Individuum ergänzt werden kann. Dieselben sind aber trotz- 
dem in mebr als einer Hinsicht wertvoll und Erkundigungen der gleichen Art haben 
mich zu der im Text erwähnten Modifikation meiner ätiologischen Annahmen 
bestimmt. 

F r e u d, Sexualtheorie. 6. Auflage. 5 



66 Drei Abhandinngen zur Sexualtheorie 

geringe Widerstände, weil die seelischen Dämme gegen sexuelle 
Ausschreitungen, Scham, Ekel und Moral, je nach dem Alter 
des Kindes noch nicht aufgeführt oder erst in Bildung begriffen 
sind. Das Kind verhält sich hierin nicht anders als etwa das 
unkultivierte Durchschnittsweib, bei dem die nämliche polymorph 
perverse Veranlagung erhalten bleibt. Dieses kann unter den 
gewöhnlichen Bedingungen etwa sexuell normal bleiben, unter 
der Leitung eines geschickten Verführers wird es an allen Per- 
versionen Geschmack finden und dieselben für seine Sexual- 
betätigung festhalten. Die nämliche polymorphe, also infantile, 
Anlage beutet dann die Dirne für ihre Berufstätigkeit aus, und 
bei der riesigen Anzahl der prostituierten Frauen und. solcher, 
denen man die Eignung zur Prostitution zusprechen muß, obwohl 
sie dem Berufe entgangen sind, wird es endgültig unmöglich, in 

■ 

der gleichmäßigen Anlage zu allen Perversionen nicht das 
allgemein Menschliche und Ursprüngliche zu erkennen. 
Partiaitriebe Im übrigen hilft der Einfluß der Verführung nicht dazu, 
die anfänglichen Verhältnisse des Geschlechtstriebes zu enthüllen, 
sondern verwirrt unsere Einsicht in dieselben, indem er dem 
Kinde vorzeitig das Sexualobjekt zuführt, nach dem der infantile 
Sexualtrieb zunächst kein Bedürfnis zeigt. Indes müssen wir 
zugestehen, daß auch das kindliche Sexualleben, bei allem Über- 
wiegen der Herrschaft erogener Zonen, Komponenten zeigt, für 
welche andere Personen als Sexualobjekte von Anfang an in 
Betracht kommen. Solcher Art sind die in gewisser Unabhängig- 
keit von erogenen Zonen auftretenden Triebe der Schau- und 
Zeigelust und der Grausamkeit, die in ihre innigen Beziehungen 
zum Genitalleben erst später eintreten, aber schon in den Kinder- 
jahren als zunächst von der erogenen Sexualtätigkeit gesonderte, 
selbständige Strebungen bemerkbar werden. Das kleine Kind ist 
vor allem schamlos und zeigt in gewissen frühen Jahren ein 
unzweideutiges Vergnügen an der Entblößung seines Körpers 
mit besonderer Hervorhebung der Geschlechtsteile. Das Gegen- 



Die infantile Sexualität 67 



stück dieser als pervers geltenden Neigung, die Neugierde, 
Genitalien anderer Personen zu sehen, wird wahrscheinlich erst 
in etwas späteren Kinderjahren offenkundig, wenn das Hindernis 
des Schamgefühles bereits eine gewisse Entwicklung erreicht hat. 
Unter dem Einfluß der Verführung kann die Schauperversion 
eine große Bedeutung für das Sexualleben des Kindes erreichen. 
Doch muß ich aus meinen Erforschungen der Kinder jähre 
Gesunder wie neurotisch Kranker den Schluß ziehen, daß der 
Schautrieb beim Kinde als spontane Sexualäußerung aufzutreten 
vermag. Kleine Kinder, deren Aufmerksamkeit einmal auf die 
eigenen Genitalien — meist masturbatorisch — gelenkt ist, pflegen 
den weiteren Fortschritt ohne fremdes Dazutun zu treffen und 
lebhaftes Interesse für die Genitalien ihrer Gespielen zu ent- 
wickeln. Da sich die Gelegenheit, solche Neugierde zu befriedigen, 
meist nur bei der Befriedigung der beiden exkrementellen 
Bedürfnisse ergibt, werden solche Kinder zu Voyeurs, eifrigen 
Zuschauern bei der Harn- und Kotentleerung anderer. Nach 
eingetretener Verdrängung dieser Neigungen bleibt die Neugierde, 
fremde Genitalien (des eigenen oder des anderen Geschlechtes) 
zu sehen, als quälender Drang bestehen, der bei manchen neuro- 
tischen Fällen dann die stärkste Triebkraft für die Symptom- 
bildung abgibt. 

In npch größerer Unabhängigkeit von der sonstigen, an 
erogene Zonen gebundenen Sexualbetätigung entwickelt sich beim 
Kinde die Grausamkeitskomponente des Sexualtriebes. Grausam- 
keit liegt dem kindlichen Charakter überhaupt nahe, da das 
Hemmnis, welches den Bemäch tigungstrieb vor dem Schmerz 
des anderen haltmachen läßt, die Fähigkeit zum Mitleiden, 
sich verhältnismäßig spät ausbildet. Die gründliche psycho- 
logische Analyse dieses Triebes ist bekanntlich noch nicht geglückt; 
wir dürfen annehmen, daß . die grausame Regung vom 
Bemächtigungstrieb herstammt und zu einer Zeit im Sexualleben 
auftritt, da die Genitalien noch nicht ihre spätere Rolle auf- 

5'- 



68 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 

genommen haben. Sie beherrscht dann eine Phase des Sexual- 
lebens, die wir später als prägenitale Organisation beschreiben 
werden. Kinder, die sich durch besondere Grausamkeit gegen 
Tiere und Gespielen auszeichnen, erwecken gewöhnlich mit Recht 
den Verdacht auf intensive und vorzeitige Sexualbetätigung von 
erogenen Zonen her, und bei gleichzeitiger Frühreife aller sexuellen 
Triebe scheint die erogene Sexualbetätigung doch die primäre 
zu sein. Der Wegfall der Mitleidsschranke bringt die Gefahr mit 
sich, daß diese in der Kindheit erfolgte Verknüpfung der grau- 
samen mit den erogenen Trieben sich späterhin im Leben als 
unlösbar erweise. 

Als eine erogene Wurzel des passiven Triebes zur Grausamkeit 
(des Masochismus) ist die schmerzhafte Reizung der Gesäßhaut 
allen Erziehern seit dem Selbstbekenntnis Jean Jacques Rousseaus 
bekannt. Sie haben hieraus mit Recht die Forderung abgeleitet, 
daß die körperliche Züchtigung, die zumeist diese Körperpartie 
trifft, bei all den Kindern zu unterbleiben habe, bei denen durch 
die späteren Anforderungen der Kulturerziehung die Libido auf 
die kollateralen Wege gedrängt werden mag.' 1 

1) Zu den obenstehenden Behauptungen über die infantile Sexualität war ich im 
Jahre 1905 wesentlich durch die Resultate psychoanalytischer Erforschung von 
Erwachsenen berechtigt. Die direkte Beobachtimg am Kinde konnte damals nicht 
im vollen Ausmaß benützt werden und hatte nur vereinzelte Winke und wertvolle 
Bestätigungen ergeben. Seither ist es gelungen, durch die Analyse einzelner Fälle 
von nervöser Erkrankung im zarten Kindesalter einen direkten Einblick in die 
infantile Psychosexualität zu gewinnen. Ich kann mit Befriedigung darauf verweisen, 
daß die direkte Beobachtung die Schlüsse aus der Psychoanalyse voll bekräftigt und 
somit ein gutes Zeugnis für die Verläßlichkeit dieser letzteren Förschungsmethode 
abgegeben hat. — Die „Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben" [Bd. VIII 
der Gesamtausgabe] hat überdies manches Neue gelehrt, worauf man von der 
Psychoanalyse her nicht vorbereitet war, z. B. das Hinaufreichen einer sexuellen 
Symbolik, einer Darstellung des Sexuellen durch nicht sexuelle Objekte und 
Relationen bis in diese ersten Jahre der Sprachbeherrschung. Ferner wurde ich auf 
einen Mangel der obenstehenden Darstellung aufmerksam gemacht, welche im 
Interesse der Übersichtlichkeit die begriffliche Scheidung der beiden Phasen von 
Autoerotismus und Objektliebe auch als eine zeitliche Trennung beschreibt. 
Man erfährt aber aus den zitierten Analysen (sowie aus den Mitteilungen von 
Bell s. o.), daß Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren einer sehr deutlichen, 
von starken Affekten begleiteten Objekt wähl fähig sind. 



Die infantile. Sexualität 6 g 



Die infantile Sexualforschung 

Um dieselbe Zeit, da das Sexualleben des Kindes seine erste Der wißtrieb 
Blüte erreicht, vom dritten bis zum fünften Jahr, stellen sich 
bei ihm auch die Anfänge jener Tätigkeit ein, die man dem 
Wiß- oder Forschertrieb zuschreibt. Der Wißtrieb kann weder 
zu den elementaren Triebkomponenten gerechnet noch ausschließlich 
der Sexualität untergeordnet werden. Sein Tun entspricht einer- 
seits einer sublimierten Weise der Bemächtigung, anderseits 
arbeitet er mit der Energie der Schaulust. Seine Beziehungen • 
zum Sexualleben sind aber besonders bedeutsame, denn wir 
haben aus der Psychoanalyse erfahren, daß der Wißtrieb der 
Kinder unvermutet früh und in unerwartet intensiver Weise 
von den sexuellen Problemen angezogen, ja vielleicht erst durch 
sie geweckt wird. 

Nicht theoretische, sondern praktische Interessen sind es, die Das Rätsei 
das Werk der Forschertätigkeit beim Kinde in Gang bringen. er p " 
Die Bedrohung seiner Existenzbedingungen durch die erfahrene 
oder vermutete Ankunft eines neuen Kindes, die Furcht vor 
dem mit diesem Ereignis verbundenen Verlust an Fürsorge 
und Liebe machen das Kind nachdenklich und scharfsinnig. 
Das erste Problem, mit dem es sich beschäftigt, ist entsprechend 
dieser Erweckungsgeschichte auch nicht die Frage des Geschlechts- 
unterschiedes, sondern das Rätsel: Woher kommen die Kinder? 
In einer Entstellung, die man leicht rückgängig machen kann, 
ist dies auch das Rätsel, welches die thebaische Sphinx auf- 
zugeben hat. Die Tatsache der beiden Geschlechter nimmt das 
Kind vielmehr zunächst ohne Sträuben und Bedenken hin. Es 
ist dem männlichen Kinde selbstverständlich, ein Genitale wie 
das seinige bei allen Personen, die es kennt, vorauszusetzen, und 
unmöglich, den Mangel eines solchen mit seiner Vorstellung 
dieser anderen zu vereinen. Diese Überzeugung wird vom 
Knaben energisch festgehalten, gegen die sich bald ergebenden 



7° Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



thcorien 



Widersprüche der Beobachtung hartnäckig verteidigt und erst 
kLm'kx'md nach scnweren inneren Kämpfen (Kastrationskomplex) aufgegeben. 
Die Ersatzbildungen dieses verloren gegangenen Penis des Weibes 
spielen in der Gestaltung mannigfacher Perversionen eine große 
Rolle. » 

Die Annahme des nämlichen (männlichen) Genitales bei allen 
Menschen ist die erste der merkwürdigen und folgenschweren 
infantilen Sexualtheorien. Es nützt dem Kinde wenig, wenn die 
biologische Wissenschaft seinem Vorurteile recht geben und die 
weibliche Klitoris als einen richtigen Penisersatz anerkennen muß. 
Das kleine Mädchen verfällt nicht in ähnliche Abweisungen, 
wenn es das anders gestaltete Genitale des Knaben erblickt. Es 
ist sofort bereit, es anzuerkennen, und es unterliegt dem Penis- 
neide, der in dem für die Folge wichtigen Wunsch, auch ein 
Bub zu sein, gipfelt. 

S52Ü Viele Menscnen wissen deutlich zu erinnern, wie intensiv sie 
sich in der Vorpubertätszeit für die Frage interessiert haben, 
woher die Kinder kommen. Die anatomischen Lösungen lauteten 
damals ganz verschiedenartig; sie kommen aus der Brust oder 
werden aus dem Leib geschnitten oder der Nabel öffnet sich, 
um sie durchzulassen. 3 An die entsprechende Forschung der frühen 
Kinderjahre erinnert man sich nur selten außerhalb der Analyse; 
sie ist längst der Verdrängung verfallen, aber ihre Ergebnisse 
waren durchaus einheitliche. Man bekommt die Kinder, indem 
man etwas Bestimmtes ißt (wie im Märchen), und sie werden 
durch den Darm wie ein Stuhlabgang geboren. Diese kindlichen 
Theorien mahnen an Einrichtungen im Tierreiche, speziell an 
die Kloake der Typen, die niedriger stehen als die Säugetiere. 

1) Man hat das Recht, auch von einem Kastrationskomplex bei Frauen zu sprechen. 
Männliche wie weihliche Kinder bilden die Theorie, daß auch das Weib ursprünglich 
einen Penis hatte, der durch Kastration verloren gegangen ist. Die endlich gewonnene 
Überzeugung, daß das Weib keinen Penis besitzt, hinterläßt beim männlichen 
Individuum oft eine dauernde Geringschätzung des anderen Geschlechts. 

2) Der Reichtum an Sexualtheorien ist in diesen späteren Kinder jähren ein sehr 
großer. Im Text sind hievon nur wenige Beispiele angeführt. 



Die infantile Sexualität 71 



Werden Kinder in so zartem Alter Zuschauer des sexuellen Sadistische 

Auflassung 

Verkehres zwischen Erwachsenen, wozu die Überzeugung der des Sexuai- 

verkehrs 

Großen, das kleine Kind könne noch nichts Sexuelles verstehen, 
die Anlässe schafft, so können sie nicht umhin, den Sexualakt 
als eine Art von Mißhandlung oder Überwältigung, also im 
sadistischen Sinne aufzufassen. Die Psychoanalyse läßt uns auch 
erfahren, daß ein solcher frühkindlicher Eindruck viel zur 
Disposition für eine spätere sadistische Verschiebung des Sexual- 
zieles beiträgt. Des weiteren beschäftigen sich Kinder viel mit 
dem Problem, worin der Geschlechtsverkehr oder, wie sie es 
erfassen, das Verheiratetsein bestehen mag, und suchen die 
Lösung des Geheimnisses meist in einer Gemeinschaft, die durch 
die Harn- oder Kotfunktion vermittelt wird. 

Im allfi-emeinen kann man von den kindlichen Sexualtheorien Das typische 

ö Mißlingen der 

aussagen, daß sie Abbilder der eigenen sexuellen Konstitution kindlichen 
des Kindes sind und trotz ihrer grotesken Irrtümer von mehr to ^ ng 
Verständnis für die Sexualvorgänge zeugen, als man ihren Schöpfern 
zugemutet hätte. Die Kinder nehmen auch die Schwangerschafts- 
veränderungen der Mutter wahr und wissen sie richtig zu 
deuten; die Storchfabel wird sehr oft vor Hörern erzählt, die 
ihr ein tiefes, aber meist stummes Mißtrauen entgegenbringen. 
Aber da der kindlichen Sexualforschung zwei Elemente unbe- 
kannt bleiben, die Rolle des befruchtenden Samens und die 
Existenz der weiblichen Geschlechtsöffnung, — die nämlichen 
Punkte übrigens, in denen die infantile Organisation noch rück- 
ständig ist — , bleibt das Bemühen der infantilen Forscher doch 
regelmäßig unfruchtbar und endet in einem Verzicht, der nicht 
selten eine dauernde Schädigung des Wißtriebes zurückläßt. Die 
Sexualforschung dieser frühen Kinderjahre wird immer einsam 
betrieben; sie bedeutet einen ersten Schritt zur selbständigen 
Orientierung in der Welt und setzt eine starke Entfremdung 
des Kindes von den Personen seiner Umgebung, die vorher sein 
volles Vertrauen genossen hatten. 



72 Drei Abhandlungen zur Srxual/heorie 

Entwicklungsphasen der sexuellen Organisation 

Wir haben bisher als Charaktere des infantilen Sexuallebens 
hervorgehoben, daß es wesentlich autoerotisch ist (sein Objekt am 
eigenen Leibe findet), und daß seine einzelnen Partialtriebe im 
ganzen unverknüpft und unabhängig voneinander dem Lust- 
erwerb nachstreben. Den Ausgang der Entwicklung bildet das 
sogenannte normale Sexualleben des Erwachsenen, in welchem 
der Lusterwerb in den Dienst der Fortpflanzungsfunktion getreten 
ist, und die Partialtriebe unter dem Primat einer einzigen erogenen 
Zone eine feste Organisation zur Erreichung des Sexualzieles an 
einem fremden Sexualobjekt gebildet haben. 
Prägenitale Das Studium der Hemmungen und Störungen in diesem Ent- 
satfoTen wicklungsgange mit Hilfe der Psychoanalyse gestattet uns nun 
Ansätze und Vorstufen einer solchen Organisation der Partialtriebe 
zu erkennen, die gleichfalls eine Art von sexuellem Regime 
ergeben. Diese Phasen der Sexualorganisation werden normaler- 
weise glatt durchlaufen, ohne sich durch mehr als Andeutungen 
zu verraten. Nur in pathologischen Fällen werden sie aktiviert 
und für grobe Beobachtung kenntlich. 

Organisationen des Sexuallebens, in denen die Genitalzonen noch 
nicht in ihre vorherrschende Rolle eingetreten sind, wollen wir 
prägenitale heißen. Wir haben bisher zwei derselben kennen 
gelernt, die wie Rückfälle auf frühtierische Zustände anmuten. 

Eine erste solche prägenitale Sexualorganisation ist die orale 
oder, wenn wir wollen, kannibalische. Die Sexualtätigkeit 
ist hier von der Nahrungsaufnahme noch nicht gesondert, Gegen- 
sätze innerhalb derselben nicht differenziert. Das Objekt der einen 
Tätigkeit ist auch das der anderen, das Sexualziel besteht in der 
Einverleibung des Objektes, dem Vorbild dessen, was später- 
hin als Identifizierung eine so bedeutsame psychische Rolle 
spielen wird. Als Rest dieser fiktiven, uns durch die Pathologie 
aufgenötigten Organisationsphase kann das Lutschen angesehen 






Die infantile Sexualität 75 



werden, in dem die Sexualtätigkeit, von der Ernährungstätigkeit 
abgelöst, das fremde Objekt gegen eines am eigenen Körper auf- 
gegeben hat. 1 

Eine zweite prägenitale Phase ist die der sadistisch-analen 
Organisation. Hier ist die Gegensätzlichkeit, welche das Sexual- 
leben durchzieht, bereits ausgebildet; sie kann aber noch nicht 
männlich und weiblich, sondern muß aktiv und passiv 
benannt werden. Die Aktivität wird durch den Bemächtigungs- 
trieb von Seiten der Körpermuskulatur hergestellt, als Organ mit 
passivem Sexualziel macht sich vor allem die erogene Darm- 
schleimhaut geltend; für beide Strebungen sind Objekte vorhanden, 
die aber nicht zusammenfallen. Daneben betätigen sich andere 
Partialtriebe in autoerotischer Weise. In dieser Phase sind also 
die sexuelle Polarität und das fremde Objekt bereits nachweisbar. 
Die Organisation und die Unterordnung unter die Fortpflanzungs- 
funktion stehen noch aus. 2 

Diese Form der Sexualorganisation kann sich bereits durchs Ambivaienr 
Leben erhalten und ein großes Stück der Sexualbetätigung dauernd 
an sich reißen. Die Vorherrschaft des Sadismus und die Kloaken- 
rolle der analen Zone geben ihr ein exquisit archaisches Gepräge. 
Als weiterer Charakter gehört ihr an, daß die Triebgegensatzpaare 
in annähernd gleicher Weise ausgebildet sind, welches Verhalten 
mit dem glücklichen, von Bleuler eingeführten Namen Ambi- 
valenz bezeichnet wird. 

Die Annahme der prägenitalen Organisationen des Sexuallebens 
ruht auf der Analyse der Neurosen und ist unabhängig von 



1) Vgl. über Reste dieser Phase bei erwachsenen Neurotikern die Arbeit von 
Abraham, Untersuchungen über die früheste prägenitale Entwicklungsstufe der 
Libido (Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse IV, 1916). In einer späteren Arbeit (Versuch 
einer Entwicklungsgeschichte der Libido 1924) hat Abraham sowohl diese orale als 
auch die. spätere sadistisch-anale Phase in zwei Unterabteilungen zerlegt, für welche 
das verschiedene Verhalten zum Objekt charakteristisch ist. 

a) Abraham macht (im letzterwähnten Aufsatze) darauf aufmerksam, daß der 
After aus dem Urmund der embryonalen Anlagen hervorgeht, was wie ein bio- 
logisches Vorbild der psychosexu eilen Entwicklung erscheint. 



' 



74 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 

deren. Kenntnis kaum zu würdigen. Wir dürfen erwarten, daß 
die fortgesetzte analytische Bemühung uns noch weit mehr Auf- 
schlüsse über Aufbau und Entwicklung der normalen Sexual- 
funktion vorbereitet. 

Um das Bild des infantilen Sexuallebens zu vervollständigen, 
muß man hinzunehmen, daß häufig oder regelmäßig bereits in 
den Kinderjahren eine Objektwahl vollzogen wird, wie wir sie 
als charakteristisch für die Entwicklungsphase der Pubertät hin- 
gestellt haben, in der Weise, daß sämtliche Sexualbestrebungen 
die Richtung auf eine einzige Person nehmen, an der sie ihre 
Ziele erreichen wollen. Dies ist dann die größte Annäherung an 
die definitive Gestaltung des Sexuallebens nach der Pubertät, die 
in den Kinderjahren möglich ist. Der Unterschied von letzterer 
liegt nur noch darin, daß die Zusammenfassung der Partialtriebe 
und deren Unterordnung unter das Primat der Genitalien in 
der Kindheit nicht oder nur sehr unvollkommen durch- 
gesetzt wird. Die Herstellung dieses Primats im Dienste der 
Fortpflanzung ist also die letzte Phase, welche die Sexual- 
organisation durchläuft. 1 

Man kann es als ein typisches Vorkommnis ansprechen, daß 
die Objektwahl zweizeitig, in zwei Schüben erfolgt. Der erste 
Schub nimmt in den Jahren zwischen zwei und fünf seinen 
Anfang und wird durch die Latenzzeit zum Stillstand oder zur 
Rückbildung gebracht; er ist durch die infantile Natur seiner 
Sexualziele ausgezeichnet. Der zweite setzt mit der Pubertät ein 
und bestimmt die definitive Gestaltung des Sexuallebens. 

1) Diese Darstellung habe ich später (1925) selbst dahin verändert, daß ich nach 
den beiden prägenitalen Organisationen in die Kindheitsentwicklung eine dritte Phase 
einschaltete, welche bereits den Namen einer genitalen verdient, ein Sexualobjekt und 
ein Maß von Konvergenz der Sexualstrebungen auf dies Objekt zeigt, sich aber in 
einem wesentlichen Punkt von der definitiven Organisation der Geschlechtsreife unter- 
scheidet. Sie kennt nämlich nur eine Art von Genitale, das männliche. Ich habe sie 
darum die ph allische Organisationsstufe genannt [Die infantile Genitalorganisatiou. 
Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IX, 1925; Gesamtausgabe Bd. V]. Ihr biologisches 
Vorbild ist nach Abraham die indifferente für beide Geschlechter gleichartige 
Genitalanlago des Embryos. 



Die infantile Sexualität . 75 



Die Tatsache der zweizeitigen Objekt wähl, die sich im 
wesentlichen auf die Wirkung der Latenzzeit reduziert, wird 
aber höchst bedeutungsvoll für die Störung dieses Endzustandes. 
Die Ergebnisse der infantilen Objekt wähl ragen in die spätere 
Zeit hinein; sie sind entweder als solche erhalten geblieben oder 
sie erfahren zur Zeit der Pubertät selbst eine Auffrischung. Infolge 
der Verdrängungsentwicklung, welche zwischen beiden Phasen 
liest, erweisen sie sich aber als unverwendbar. Ihre Sexualziele 
haben eine Milderung erfahren, und sie stellen nun das dar, was 
wir als die zärtliche Strömung des Sexuallebens bezeichnen 
können. Erst die psychoanalytische Untersuchung kann nach- 
weisen, daß sich hinter dieser Zärtlichkeit, Verehrung und 
Hochachtung die alten, > jetzt unbrauchbar" gewordenen Sexual - 
strebungen der infantilen Partialtriebe verbergen. Die Objekt- 
wahl der Pubertätszeit muß auf die infantilen Objekte verzichten 
und als sinnliche Strömung von neuem beginnen. Das Nicht- 
zusammentreffen der beiden Strömungen hat oft genug die Folge, 
daß eines der Ideale des Sexuallebens, die Vereinigung aller 
Begehrungen in einem Objekt, nicht erreicht werden kann. 

Quellen der infantilen Sexualität 

In dem Bemühen, die Ursprünge des Sexualtriebes zu verfolgen, 
haben wir bisher gefunden, daß die sexuelle Erregung entsteht 
a) als Nachbildung einer im Anschluß an andere organische 
Vorgänge erlebten Befriedigung, b) durch geeignete peripherische 
Reizung erogener Zonen, c) als Ausdruck einiger uns in ihrer 
Herkunft noch nicht voll verständlicher „Triebe" wie der 
Schautrieb und der Trieb zur Grausamkeit. Die aus späterer Zeit 
auf die Kindheit zurückgreifende psychoanalytische Forschung und 
die gleichzeitige Beobachtung des Kindes wirken nun zusammen, um 
uns noch andere regelmäßig fließende Quellen für die sexuelle 
Erregung aufzuzeigen. Die Kindheitsbeobachtung hat den Nach- 
teil, daß sie leicht mißzuverstehende Objekte bearbeitet, die 



7 6 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



Psychoanalyse wird dadurch erschwert, daß sie zu ihren Objekten 
wie zu ihren Schlüssen nur auf großen Umwegen gelangen kann; 
in ihrem Zusammenwirken erzielen aber beide Methoden einen 
genügenden Grad von Sicherheit der Erkenntnis. 

Bei der Untersuchung der erogenen Zonen haben wir bereits 
gefunden, daß diese Hautstellen bloß eine besondere Steigerung 
einer Art von Reizbarkeit zeigen, welche in gewissem Grade der 
ganzen Hautoberfläche zukommt. Wir werden also nicht erstaunt 
sein zu erfahren, daß gewissen Arten allgemeiner Hautreizung 
sehr deutliche erogene Wirkungen zuzuschreiben sind. Unter 
diesen heben wir vor allem die Temperaturreize hervor; vielleicht 
wird so auch unser Verständnis für die therapeutische Wirkung 
warmer Bäder vorbereitet. 
Meehanische Ferner müssen wir hier die Erzeugung sexueller Erregung 
durch rhythmische mechanische Erschütterungen des Körpers 
anreihen, an denen wir dreierlei Reizeinwirkungen zu sondern 
haben, die auf den Sinnesapparat der Vestibularnerven, die auf 
die Haut und auf die tiefen Teile (Muskeln, Gelenkapparate). 
Wegen der dabei entstehenden Lustempfindungen — es ist der 
Hervorhebung wert, daß wir hier eine ganze Strecke weit 
„sexuelle Erregung" und „Befriedigung" unterschiedslos gebrauchen 
dürfen, und legt uns die Pflicht auf, später nach einer Erklärung 
zu suchen; — es ist also ein Beweis für die durch gewisse 
mechanische Körpererschütterungen erzeugte Lust, daß Kinder 
passive Bewegungsspiele, wie Schaukeln und Fliegenlassen, so sehr 
lieben und unaufhörlich nach Wiederholung davon verlangen.' 
Das Wiegen wird bekanntlich zur Einschläferung unruhiger 
Kinder regelmäßig angewendet. Die Erschütterungen der Wagen- 
fahrt und später der Eisenbahnfahrt üben eine so faszinierende 
Wirkung auf ältere Kinder aus, daß wenigstens alle Knaben 
irgend einmal im Leben Kondukteure und Kutscher werden 

1) Manche Personen wissen sich zu erinnern, daß sie beim Schaiikeln den Anprall 
der bewegten Luft an den Genitalien direkt als sexuelle Lust verspürt haben. 



Die infantile Sexualität 77 



wollen. Den Vorgängen auf der Eisenbahn pflegen sie ein rätsel- 
haftes Interesse von außerordentlicher Höhe zuzuwenden und 
dieselben im Alter der Phantasietätigkeit (kurz vor der Pubertät) 
zum Kern einer exquisit sexuellen Symbolik zu machen. Der 
Zwang zu solcher Verknüpfung des Eisenbahnfahrens mit der 
Sexualität geht offenbar von dem Lustcharakter der Bewegungs- 
empfindungen aus. Kommt dann die Verdrängung hinzu, die so 
vieles von den kindlichen Bevorzugungen ins Gegenteil um- 
schlagen läßt, so werden dieselben Personen als Heranwachsende 
oder Erwachsene auf Wiegen und Schaukeln mit Üblichkeit 
reagieren, durch eine Eisenbahnfahrt furchtbar erschöpft werden 
oder zu Angstanfällen auf der Fahrt neigen und sich durch 
Eisenbahnangst vor der Wiederholung der peinlichen Erfahrung 

schützen. 

Hier reiht sich dann — noch unverstanden — die Tatsache 
an, daß durch Zusammentreffen von Schreck und mechanischer 
Erschütterung die schwere hysteriforme traumatische Neurose 
erzeugt wird. Man darf wenigstens annehmen, daß diese Einflüsse, 
die in geringen Intensitäten zu Quellen sexueller Erregung werden, 
in übergroßem Maße einwirkend eine tiefe Zerrüttung des 
sexuellen Mechanismus oder Chemismus hervorrufen. 

Daß ausgiebige aktive Muskelbetätigung für das Kind ein Muskei- 
Bedürfnis ist, aus dessen Befriedigung es außerordentliche Lust 
schöpft, ist bekannt. Ob diese Lust etwas mit der Sexualität zu 
tun hat, ob sie selbst sexuelle Befriedigung einschließt oder 
Anlaß zu sexueller Erregung werden kann, das mag kritischen 
Erwägungen unterliegen, die sich ja auch wohl gegen die im 
vorigen enthaltene Aufstellung richten werden, daß die Lust 
durch die Empfindungen passiver Bewegung sexueller Art ist 
oder sexuell erregend wirkt. Tatsache ist aber, daß eine Reihe 
von Personen berichten, sie hätten die ersten Zeichen der 
Erregtheit an ihren Genitalien während des Raufens oder Ringens 
mit ihren Gespielen erlebt, in welcher Situation außer der 



7# Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



allgemeinen Muskelanstrengung noch die ausgiebige Hautberührung 
mit dem Gegner wirksam wird. Die Neigung zum Muskelstreit 
mit einer bestimmten Person, wie in späteren Jahren zum Wort- 
streit („Was sich liebt, das neckt sich"), gehört zu den guten 
Vorzeichen der auf diese Person gerichteten Objektwahl. In der 
Beförderung der sexuellen Erregung durch Muskeltätigkeit wäre 
eine der Wurzeln des sadistischen Triebes zu erkennen. Für viele 
Individuen wird die infantile Verknüpfung zwischen Raufen und 
sexueller Erregung mitbestimmend für die später bevorzugte 
Richtung ihres Geschlechtstriebes. 1 

Minderem Zweifel unterliegen die weiteren Quellen sexueller 
Erregung beim Kinde. Es ist leicht, durch gleichzeitige Beobachtung 
wie durch spätere Erforschung festzustellen, daß alle intensiveren 
Affektvorgänge, selbst die schreckhaften Erregungen auf die 
Sexualität übergreifen, was übrigens einen Beitrag zum Verständnis 
der pathogenen Wirkung solcher Gemütsbewegungen liefern kann. 
Beim Schulkinde kann die Angst, geprüft zu werden, die Spannung 
einer sich schwer lösenden Aufgabe, für den Durchbruch sexueller 
Äußerungen wie für das Verhältnis zur Schule bedeutsam werden, 
indem unter solchen Umständen häufig genug ein Reizgefühl 
auftritt, welches zur Berührung der Genitalien auffordert, oder 
ein pollutionsartiger Vorgang mit all seinen verwirrenden Folgen. 
Das Benehmen der Kinder in der Schule, welches den Lehrern 
Rätsel genug aufgibt, verdient überhaupt in Beziehung zur 
keimenden Sexualität derselben gesetzt zu werden. Die sexuell 
erregende Wirkung mancher an sich unlustiger Affekte, des 
Angstigens, Schauderns, Grausens erhält sich bei einer großen 
Anzahl Menschen auch durchs reife Leben und ist wohl die 



1) Die Analyse der Fälle von neurotischer Gehstö'rung und Raumangst hebt den 
Zweifel an der sexuellen Natur der Beweguugslust auf. Die moderne Kulturerziehung 
bedient sich bekanntlich des Sports im großen Umfang, um die Jugend von der 
Sexualbetätigung abzulenken; richtiger wäre es zu sagen, sie ersetzt ihr den Sexual- 
genuß durch die Bewegungslust und drängt die Sexualbetätigung auf eine ihrer 
autoerotischen Komponenten zurück. 



Die infantile Sexualität. 79 



Arbeit 



Erklärung dafür, daß soviel Personen der Gelegenheit zu solchen 
Sensationen nachjagen, wenn nur gewisse Nebenumstände (die 
Angehörigkeit zu einer 'Scheinwelt, Lektüre, Theater) den Ernst 
der Unlustempfindung dämpfen.- 

Ließe sich annehmen, daß auch intensiven schmerzhaften 
Empfindungen die gleiche erogene Wirkung zukommt, zumal 
wenn der Schmerz durch eine Nebenbedingung abgetönt oder 
ferner gehalten wird, so läge in diesem Verhältnis eine der 
Haupt wurzeln für den masochistisch-sadistischen Trieb, in dessen 
vielfältige Zusammengesetztheit wir so allmählich Einblick 

gewinnen. 1 

Endlich ist es unverkennbar, daß die Konzentration der intellektuell 
Aufmerksamkeit auf eine intellektuelle Leistung und geistige 
Anspannung überhaupt bei vielep jugendlichen wie reiferen 
Personen eine sexuelle Miterregung zur Folge hat, die wohl als 
die einzig berechtigte Grundlage für die sonst so zweifelhafte 
Ableitung nervöser Störungen von geistiger „Überarbeitung" zu 

gelten hat. 

Überblicken wir nun nach diesen weder vollständig noch 
vollzählig mitgeteilten Proben und Andeutungen die Quellen der 
kindlichen Sexualerregung, so lassen sich folgende Allgemein- 
heiten ahnen oder erkennen: Es scheint auf die ausgiebigste 
Weise dafür gesorgt, daß der Prozeß der Sexualerregung 
dessen Wesen uns nun freilich recht rätselhaft geworden ist — in 
Gang gebracht werde. Es sorgen dafür vor allem in mehr oder 
minder direkter Weise die Erregungen der sensiblen Ober- 
flächen — Haut und Sinnesorgane — , am unmittelbarsten die 
Reizeinwirkungen auf gewisse als erogene Zonen zu bezeichnende 
Stellen. Bei diesen Quellen der Sexualerregung ist wohl die 
Qualität der Reize das Maßgebende, wenngleich das Moment 
der Intensität (beim Schmerz) nicht völlig gleichgültig ist. Aber 
überdies sind Veranstaltungen im Organismus vorhanden, welche 

1) (Der sogenannte „erogene" Masochismus). 



80 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 

zur Folge haben, daß die Sexualerregung als Nebenwirkung bei 
einer großen Reihe innerer Vorgänge entsteht, sobald die 
Intensität dieser Vorgänge nur gewisse quantitative Grenzen 
überstiegen hat. Was wir die Partialtriebe der Sexualität genannt 
haben, leitet sich entweder direkt aus diesen inneren Quellen 
der Sexualerregung ab oder setzt sich aus Beiträgen von solchen 
Quellen und von erogenen Zonen zusammen. Es ist möglich, 
daß nichts Bedeutsameres im Organismus vorfällt, was nicht seine 
Komponente zur Erregung des Sexualtriebes abzugeben hätte. 

Es scheint mir derzeit nicht möglich, diese allgemeinen Sätze 
zu größerer Klarheit und Sicherheit zu bringen, und ich mache 
dafür zwei Momente verantwortlich, erstens die Neuheit der 
ganzen Betrachtungsweise und zweitens den Umstand, daß uns 
das Wesen der Sexualerregung völlig unbekannt ist. Doch möchte 
ich auf zwei Bemerkungen nicht verzichten, welche Ausblicke 
ins Weite zu eröffnen versprechen: 
erschiedene a ) Sowie wir vorhin einmal die Möglichkeit sahen, eine 

Sexualkon- ° 

Stationen Mannigfaltigkeit der angeborenen sexuellen Konstitutionen durch 
die verschiedenartige Ausbildung der erogenen Zonen zu begründen, 
so können wir nun das gleiche mit Einbeziehung der indirekten 
Quellen der Sexualerregung versuchen. Wir dürfen annehmen, 
daß diese Quellen zwar bei allen Individuen Zuflüsse liefern, aber 
nicht alle bei allen Personen gleich starke, und daß in der 
bevorzugten Ausbildung der einzelnen Quellen zur Sexualerregung 
ein weiterer Beitrag zur Differenzierung der verschiedenen Sexual- 
konstitutionen gelegen sein wird. 1 
"semer C Be- b) Indem wir die solange festgehaltene figürliche Ausdrucks- 
iinfiussung weise fallen lassen, in der wir von „Quellen" der Sexualerregung 

1) Als unabweisbare Folgerung aus den obigen . Ausführungen ergibt sich, daß 
jedem Individuum eine Oral-, Anal-, Harnerotik usw. zugesprochen werden muß, 
und daß die Konstatierung der diesen entsprechenden seelischen Komplexe kein 
Urteil auf Abnormität oder Neurose bedeutet. Die Unterschiede, die das Normale 
vom Abnormen trennen, können nur in der relativen Stärke der einzelnen Kom- 
ponenten des Sexualtriebes und in der Verwendung liegen, die sie im Laiife der 
Entwicklung erfahren. 



Die infantile Sexualität 81 



sprachen, können wir auf die Vermutung gelangen, daß alle die 
Verbindungswege, die von anderen Funktionen her zur Sexualität 
führen, auch in umgekehrter Richtung gangbar sein müssen. Ist 
wie zum Beispiel der beiden Funktionen gemeinsame Besitz der 
Lippenzone der Grund dafür, daß bei der Nahrungsaufnahme 
Sexualbefriedigung entsteht, so vermittelt uns dasselbe Moment 
auch das Verständnis der Störungen in der Nahrungsaufnahme, 
wenn die erogenen Funktionen der gemeinsamen Zone gestört 
sind. Wissen wir einmal, daß Konzentration der Aufmerksamkeit 
Sexualerregung hervorzurufen vermag, so wird uns die Annahme 
nahegelegt, daß durch Einwirkung auf demselben Wege, nur in 
umgekehrter Richtung, der Zustand der Sexualerregung die 
Verfügbarkeit über die lenkbare Aufmerksamkeit beeinflußt. Ein 
gutes Stück der Symptomatologie der Neurosen, die ich von 
Störungen der Sexual Vorgänge ableite, äußert sich in Störungen 
der anderen nicht sexuellen Körperfunktionen, und diese bisher 
unverständliche Einwirkung wird minder rätselhalt, wenn sie nur 
das Gegenstück zu den Beeinflussungen 1 darstellt, unter denen 
die Produktion der Sexualerregung steht. 

Die nämlichen W r ege aber, auf denen Sexualstörungen auf die 
übrigen Körperfunktionen übergreifen, müßten auch in der 
Gesundheit einer anderen wichtigen Leistung dienen. Auf ihnen 
müßte sich die Heranziehung der sexuellen Triebkräfte zu 
anderen als sexuellen Zielen, also die Sublimierung der Sexualität 
vollziehen. Wir müssen mit dem Eingeständnis schließen, daß 
über diese gewiß vorhandenen, wahrscheinlich nach beiden 
Richtungen gangbaren Wege noch sehr wenig Sicheres bekannt ist. 



Kreud, Sexuultheorie, 6. Auflage. 



III 
DIE UMGESTALTUNGEN DER PUBERTÄT 

Mit dem Eintritt der Pubertät setzen die Wandlungen ein, 
welche das infantile Sexualleben in seine endgültige normale 
Gestaltung überführen sollen. Der Sexualtrieb war bisher vor- 
wiegend autoerotisch, er findet nun das Sexualobjekt. Er betätigte 
sich bisher von einzelnen Trieben und erogenen Zonen aus, die 
unabhängig voneinander eine gewisse Lust als einziges Sexualziel 
suchten. Nun wird ein neues Sexualziel gegeben, zu dessen 
Erreichung alle Partialtriebe zusammenwirken, während \lie erogenen 
Zonen sich dem Primat der Genitalzone unterordnen. 1 Da das 
neue Sexualziel den beiden Geschlechtern sehr verschiedene 
Funktionen anweist, geht deren Sexualentwicklung nun weit 
auseinander. Die des Mannes ist die konsequentere, auch unserem 
Verständnis leichter zugängliche, während beim Weibe sogar eine 
Art Rückbildung auftritt. Die Normalität des Geschlechtslebens 
wird nur durch das exakte Zusammentreffen der beiden auf 
Sexualobjekt und Sexualziel gerichteten Strömungen, der zärt- 
lichen und der sinnlichen, gewährleistet, von denen die erstere 
in sich faßt, was von der infantilen Frühblüte der Sexualität 
erübrigt. Es ist wie der Durchschlag eines Tunnels von beiden 
Seiten her. 



1) Die im Text gegebene schematische Darstellung will die Differenzen hervor- 
heben. Inwieweit sich die infantile Sexualität durch ihre Objektwahl und die Ausbildung 
der phallischen Phase der definitiven Sexualorganisation annähert, ist vorhin S. 74 
ausgeführt worden. 






Die Umgestaltungen der Pubertät , 85 



Das neue Sexualziel besteht beim Manne in der Entladung ' 
der Geschlechtsprodukte ; es ist dem früheren, der Erreichung 
von Lust keineswegs fremd, vielmehr ist der höchste Betrag 
von Lust an diesen Endakt des Sexualvorganges geknüpft. Der 
Sexualtrieb stellt sich jetzt in den Dienst der Fortpflanzungs- 
funktion ^ er wird sozusagen altruistisch. Soll diese Umwandlung 
gelingen, so muß beim Vorgang derselben mit den ursprüng- 
lichen Anlagen und allen Eigentümlichkeiten der Triebe gerechnet 
werden. 

Wie bei jeder anderen Gelegenheit, wo im Organismus neue 
Verknüpfungen und Zusammensetzungen zu komplizierten Mecha- 
nismen stattfinden sollen, ist auch hier die Gelegenheit zu krank- 
haften Störungen durch Unterbleiben dieser Neuordnungen gegeben. 
Alle krankhaften Störungen des Geschlechtslebens sind mit gutem 
Rechte als Entwicklungshemmungen zu betrachten. 

Das Primat der Genitalzonen und die Vorlust 

Von dem beschriebenen Entwicklungsgang liegen Ausgang und 
Endziel klar vor unseren Augen. Die vermittelnden Übergänge 
sind uns noch vielfach dunkel $ wir werden an ihnen mehr als 
ein Rätsel bestehen lassen müssen. 

Man hat das Auffälligste an den Pubertätsvorgängen zum 
Wesentlichen derselben gewählt, das manifeste Wachstum der 
äußeren Genitalien, an denen sich die Latenzperiode der Kindheit 
durch relative Wachstumshemmung geäußert hatte. Gleichzeitig 
ist die Entwicklung der inneren Genitalien so weit vorgeschritten, 
daß sie Geschlechtsprodukte zu liefern, respektive zur Gestaltung 
eines neuen Lebewesens aufzunehmen vermögen. Ein höchst 
komplizierter Apparat ist so fertig geworden, der seiner Inan- 
spruchnahme harrt. 

Dieser Apparat soll durch Reize in Gang gebracht werden 
und nun läßt uns die Beobachtung erkennen, daß Reize ihn auf 
dreierlei Wegen angreifen können, von der Außenwelt her durch 

6* 



Sa, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



Spannung 



Erregung der uns schon bekannten erogenen Zonen, von dem 
organischen Innern her auf noch zu erforschenden Wegen und 
von dem Seelenleben aus, welches selbst eine Aufbewahrungs- 
stätte äußerer Eindrücke und eine Aufnahmsstelle innerer Erregungen 
darstellt. Auf allen drei Wegen wird das nämliche hervorgerufen, 
ein Zustand, der als „sexuelle Erregtheit" bezeichnet wird und 
sich durch zweierlei Zeichen kundgibt, seelische und somatische. 
Das seelische Anzeichen besteht in einem eigentümlichen 
Spannungsgefühl von höchst drängendem Charakter; unter den 
mannigfaltigen körperlichen steht an erster Stelle eine Reihe von 
Veränderungen an den Genitalien, die einen unzweifelhaften Sinn 
haben, den der Bereitschaft, der Vorbereitung zum Sexualakt. (Die 
Erektion des männliches Gliedes, das Feuchtwerden der Scheide.) 
Die sexual- An den Spannungscharakter der sexuellen Erregtheit knüpft 
ein Problem an, dessen Lösung ebenso schwierig wie für die 
Auffassung der Sexualvorgänge bedeutsam wäre. Trotz aller in 
der Psychologie darüber herrschenden Meinungsverschiedenheiten 
muß ich daran festhalten, daß ein Spannungsgefühl den Unlust- 
charakter an sich tragen muß. Für mich ist entscheidend, daß 
ein solches Gefühl den Drang nach Veränderung der psychischen 
Situation mit sich bringt, treibend wirkt, was dem Wesen der 
empfundenen Lust völlig fremd ist. Rechnet man aber die 
Spannung der sexuellen Erregtheit zu den Unlustgefühlen, so 
stößt man sich an der Tatsache, daß dieselbe unzweifelhaft 
lustvoll empfunden wird. Überall ist bei der durch die Sexual- 
vorgänge erzeugten Spannung Lust dabei; selbst bei den 
Vorbereitungsveränderungen der Genitalien ist eine Art von 
Befriedigungsgefühl deutlich. Wie hängen nun diese Unlustspannung 
und dieses Lustgefühl zusammen? 

Alles, was mit dem Lust- und Unlustproblem zusammenhängt, 
rührt an eine der wundesten Stellen der heutigen Psychologie. 
Wir wollen versuchen, möglichst aus den Bedingungen des uns 
vorliegenden Falles zu lernen und es vermeiden, dem Problem 



Die Umgestaltungen der Pubertät 85 

in seiner Gänze näher zu treten. 1 Werfen wir zunächst einen Blick 
auf die Art, wie die erogenen Zonen sich der neuen Ordnung 
einfügen. Ihnen fällt eine wichtige Rolle bei der Einleitung der 
sexuellen Erregung zu. Die dem Sexualobjekt vielleicht entlegenste, 
das Auge, kommt unter den Verhältnissen der Objektwerbung am 
häufigsten in die Lage, durch jene besondere Qualität der Erregung, 
deren Anlaß wir am Sexualobjekt als Schönheit bezeichnen, gereizt 
zu werden. Die Vorzüge des Sexualobjektes werden darum auch 
„Reize" geheißen. Mit dieser Reizung ist einerseits bereits Lust 
verbunden, andererseits ist eine Steigerung der sexuellen Erregtheit 
oder ein Hervorrufen derselben, wo sie noch fehlt, ihre Folge. 
Kommt die Erregung einer anderen erogenen Zone, zum Beispiel 
der tastenden Hand, hinzu, so ist der Effekt der gleiche, Lust- 
empfindung einerseits, die sich bald durch die Lust aus den 
Bereitschafts Veränderungen verstärkt, weitere Steigerung der Sexual- 
spannung andererseits, die bald in deutlichste Unlust übergeht, 
wenn ihr nicht gestattet wird, weitere Lust herbeizuführen. Durch- 
sichtiger ist vielleicht noch ein anderer Fall, wenn zum Beispiel 
bei einer sexuell nicht erregten Person eine erogene Zone, etwa 
die Brusthaut eines Weibes, durch Berührung gereizt wird. Diese 
Berührung ruft bereits ein Lustgefühl hervor, ist aber gleichzeitig 
wie nichts anderes geeignet, die sexuelle Erregung zu wecken, 
die nach einem Mehr von Lust verlangt. Wie es zugeht, daß die 
empfundene Lust das Bedürfnis nach größerer Lust hervorruft, 
das ist eben das Problem. 

Die Rolle aber, die dabei den erogenen Zonen zufallt, ist klar. Vorlust- 

mechanismus 

Was für eine galt, gilt für alle. Sie werden sämtlich dazu ver- 
wendet, durch ihre geeignete Reizung einen gewissen Betrag 
von Lust zu liefern, von dem die Steigerung der Spannung 
ausgeht, welche ihrerseits die nötige motorische Energie aufzubringen 

1) Vgl,. einen Versuch zur Lösung dieses Problems in den einleitenden Bemerkungen 
meines Aufsatzes „Das ökonomische Problem des Masochismus" 1924. [Intern. Zeitschr. 
f. PsA., X; Gesamtausgabe Bd. V]. 



86 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 

hat, um den Sexualakt zu Ende zu führen. Das vorletzte Stück 
desselben ist wiederum die geeignete Reizung einer erogenen 
Zone, der Genitalzone selbst an der Glans Penis, durch das dazu 
geeignetste Objekt, die Schleimhaut der Scheide, und unter der 
Lust, welche diese Erregung gewährt, wird diesmal auf reflekto- 
rischem Wege die motorische Energie gewonnen, welche die 
Herausbeförderung der Geschlechtsstoffe besorgt. Diese letzte Lust 
ist ihrer Intensität nach die höchste, in ihrem Mechanismus 
von der früheren verschieden. Sie wird ganz durch Entlastung 
hervorgerufen, ist ganz Befriedigungslust und mit ihr erlischt 
zeitweilig die Spannung der Libido. 

Es scheint mir nicht unberechtigt, diesen Unterschied in dem 
Wesen der Lust durch Erregung erogener Zonen und der anderen 
bei Entleerung der Sexualstoffe durch eine Namengebung zu 
fixieren. Die erstere kann passend als V o r 1 u s t bezeichnet werden 
im Gegensatz zur Endlust oder Befriedigungslust der Sexual- 
tätigkeit. Die Vorlust ist dann dasselbe, was bereits der infantile 
Sexualtrieb, wenngleich in verjüngtem Maße, ergeben konnte 5 
die Endlust ist neu, also wahrscheinlich an Bedingungen geknüpft, 
die erst mit der Pubertät eingetreten sind. Die Formel für die 
neue Funktion der erogenen Zonen lautete nun : Sie werden dazu 
verwendet, um mittels der von ihnen wie im infantilen Leben 
zu gewinnenden Vorlust die Herbeiführung der größeren Befrie- 
digungslust zu ermöglichen. . 

Ich habe vor kurzem ein anderes Beispiel, aus einem ganz 
verschiedenen Gebiet des seelischen Geschehens erläutern können, 
in welchem gleichfalls ein größerer Lusteffekt vermöge einer 
geringfügigeren Lustempfindung, die dabei wie eine Verlockungs- 
prämie wirkt, erzielt wird. Dort ergab sich auch die Gelegenheit, 
auf das Wesen der Lust näher einzugehen. 1 

1) Siehe meine 1905 erschienene Studie „Der Witz und seine Beziehung 
zum Unbewußte n". (Band IX der Gesamtausgabe.) Die durch die "Witztechnik 
gewonnene „Vorlust" wird dazu verwendet, eine größere Lust durch die Aufhebung 
innerer Hemmungen frei zu machen. 



Die Umgestaltungen der Pubertät. 87 

Der Zusammenhang der Vorlust aber mit dem infantilen Gefahren 
Sexualleben wird durch die pathogene Rolle, die ihr zufallen 
kann, bekräftigt. Aus dem Mechanismus, in dem die Vorlust 
aufgenommen ist, ergibt sich für die Erreichung des normalen 
Sexualzieles offenbar eine Gefahr, die dann eintritt, wenn an 
irgendeiner Stelle der vorbereitenden Sexualvorgänge die Vorlust 
zu groß, ihr Spannungsanteil zu gering ausfallen sollte. Dann 
entfällt die Triebkraft, um den Sexualvorgang weiter fortzusetzen, 
der ganze Weg verkürzt sich, die betreffende vorbereitende Aktion 
tritt an Stelle des normalen Sexualziels. Dieser schädliche Fall hat 
erfahrungsgemäß zur Bedingung, daß die betreffende erogene Zone 
oder der entsprechende Partialtrieb schon im infantilen Leben in 
ungewöhnlichem Maße zur Lustgewinnung beigetragen hatte. 
Kommen noch Momente hinzu, welche auf die Fixierung hin- 
wirken, so entsteht leicht fürs spätere Leben ein Zwang, welcher 
sich der Einordnung dieser einen Vorlust in einen neuen Zusammen- 
hang widersetzt. Solcherart ist in der Tat der Mechanismus vieler 
Perversionen, die ein Verweilen bei vorbereitenden Akten des 
Sexualvorganges darstellen. 

Das Fehlschlagen der Funktion des Sexualmechanismus durch 
die Schuld der Vorlust wird am ehesten vermieden, wenn das 
Primat der Genitalzonen gleichfalls bereits im infantilen Leben 
voreezeichnet ist. Dazu scheinen die Anstalten wirklich in der 
zweiten Hälfte der Kinderzeit (von acht Jahren bis zur Pubertät) 
getroffen zu sein. Die Genitalzonen benehmen sich in diesen 
Jahren bereits in ähnlicher Weise wie zur Zeit der Reife, sie 
werden der Sitz von Erregungssensationen und Bereitschaftsver- 
änderungen, wenn irgendwelche Lust durch Befriedigung anderer 
erogener Zonen empfunden wird, obwohl dieser Effekt noch 
zwecklos bleibt, das heißt nichts dazu beiträgt, den Sexualvorgang 
fortzusetzen. Es entsteht also bereits in den Kinder jähren neben 
der Befriedigungslust ein gewisser Betrag von Sexualspannung, 
obwohl minder konstant und weniger ausgiebig, und nun 'können 



88 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 

wir verstehen, warum wir bei der Erörterung der Quellen der 
Sexualität mit ebenso gutem Recht sagen konnten, der betreffende 
Vorgang wirke sexuell befriedigend, wie er wirke sexuell erregend. 
Wir merken, daß wir auf dem Wege zur Erkenntnis uns die 
Unterschiede des infantilen und des reifen Sexuallebens zunächst 
übertrieben groß vorgestellt haben, und tragen nun die Korrektur 
nach. Nicht nur die Abweichungen vom normalen Sexualleben, 
sondern auch die normale Gestaltung desselben wird durch die 
infantilen Äußerungen der Sexualität bestimmt. 

Das Problem der Sexualerregung 

Es ist uns durchaus unaufgeklärt geblieben, woher die Sexual- 
spannung rührt, die bei der Befriedigung erogener Zonen gleich- 
zeitig mit der Lust entsteht, und welches das Wesen derselben 
ist. 1 Die nächste Vermutung, diese Spannung ergebe sich irgendwie 
aus der Lust selbst, ist nicht nur an sich sehr unwahrscheinlich, 
sie. wird auch hinfällig, da bei der größten Lust, die an die 
Entleerung der Geschlechtsprodukte geknüpft ist, keine Spannung 
erzeugt, sondern alle Spannung aufgehoben wird. Lust und Sexual- 
spannung können also nur in indirekter Weise zusammenhängen. 
Roiie der Außer der Tatsache, daß normalerweise allein die Entlastung 

von den Sexualstoffen der Sexualerregung ein Ende macht, hat 
man noch andere Anhaltspunkte, die Sexualspannung in Beziehung 
zu den Sexualprodukten zu bringen. Bei enthaltsamem Leben pflegt 
der Geschlechtsapparat in wechselnden, aber nicht regellosen 
Perioden nächtlicherweise sich unter Lustempfindung und während 
der Traumhalluzination eines sexuellen Aktes der Sexualstoffe zu 
entledigen, und für diesen Vorgang — die nächtliche Pollution — 

1) Es ist überaus lehrreich, daß die deutsche Sprache der im Text erwähnten 
Rolle der vorbereitenden sexuellen Erregungen, welche gleichzeitig einen Anteil 
Befriedigung und einen Beitrag zur Sexualspannung liefern, im Gebrauche des Wortes 
„Lust" Rechnung trägt. „Lust" ist doppelsinnig und bezeichnet ebensowohl die 
Empfindung der Sexualspannung (Ich habe Lust = ich möchte, ich verspüre den 
Drang) als auch die der Befriedigung. 



Die Umgestaltungen der Pubertät 89 



ist die Auffassung schwer abzuweisen, daß die Sexualspannung, die 
den kurzen halluzinatorischen Weg zum Ersatz des Aktes zu finden 
weiß, eine Funktion der Samenanhäufung in den Reservoirs für 
die Geschlechtsprodukte sei. Im gleichen Sinne sprechen die 
Erfahrungen, die man über die Erschöpfbarkeit des sexuellen 
Mechanismus macht. Bei entleertem Samenvorrat ist nicht nur 
die Ausführung des Sexualaktes unmöglich, es versagt auch die 
Reizbarkeit der erogenen Zonen, deren geeignete Erregung dann 
keine Lust hervorrufen kann. Wir erfahren so nebenbei, daß ein 
gewisses Maß sexueller Spannung selbst für die Erregbarkeit der 
erogenen Zonen erforderlich ist. 

Man würde so zur Annahme gedrängt, die, wenn ich nicht 
irre, ziemlich allgemein verbreitet ist, daß die Anhäufung der 
Sexualstoffe die Sexualspannung schafft und unterhält, etwa indem 
der Druck dieser Produkte auf die Wandung ihrer Behälter als 
Reiz auf ein spinales Zentrum wirkt, dessen Zustand von höheren 
Zentren wahrgenommen wird und dann für das Bewußtsein die 
bekannte Spannungsempfindung ergibt. Wenn die Erregung 
erogener Zonen die Sexualspannung steigert, so könnte dies nur 
so zugehen, daß die erogenen Zonen in vorgebildeter anatomischer 
Verbindung mit diesen Zentren stehen, den Tonus der Erregung 
daselbst erhöhen, bei genügender Sexualspannung den sexuellen 
Akt in Gang bringen und bei ungenügender die Produktion der 
Geschlechtsstoffe anregen. 

Die Schwäche dieser Lehre, die man z. B. in v. Kr äff t- 
Ebings Darstellung der Sexualvorgänge angenommen findet, 
liegt darin, daß sie, für die Geschlechtstätigkeit des reifen Mannes 
geschaffen, auf dreierlei Verhältnisse wenig Rücksicht nimmt, 
deren Aufklärung sie gleichfalls liefern sollte. Es sind dies die 
Verhältnisse beim Kinde, beim Weibe und beim männlichen 
Kastraten. In allen drei Fällen ist von einer Anhäufung von 
Geschlechtsprodukten im gleichen Sinne wie beim Manne nicht 
die Rede, was die glatte Anwendung des Schemas erschwert; 



9° Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



der 
Gesi 

teile 



doch ist ohneweiters zuzugeben, daß sich Auskünfte finden ließen, 
welche die Unterordnung auch dieser Fälle ermöglichen würden. 
Auf jeden Fall bleibt die Warnung bestehen, dem Faktor der 
Anhäufung der Geschlechtsprodukte nicht Leistungen aufzubürden, 
deren er unfähig scheint. 
Einschätzung: Daß die Sexualerregung in beachtenswertem Grade unabhängig: 

der inneren O t> 

Geschlechts- von der Produktion der Geschlechtsstoffe sein kann, scheinen die 
Beobachtungen an männlichen Kastraten zu ergeben, bei denen 
gelegentlich die Libido der Beeinträchtigung durch die Operation 
entgeht, wenngleich das entgegengesetzte Verhalten, das ja die 
Operation motiviert, die Regel ist. Überdies weiß man ja längst, 
daß Krankheiten, welche die Produktion der männlichen Geschlechts- 
zellen vernichtet haben, die Libido und Potenz des nun sterilen 
Individuums ungeschädigt lassen. Es ist dann keineswegs so ver- 
wunderlich, wie C. Rieger es hinstellt, daß der Verlust der 
männlichen Keimdrüsen im reiferen Alter ohne weiteren Einfluß 
auf das seelische Verhalten des Individuums bleiben kann. Die 
im zarten Alter vor der Pubertät vorgenommene Kastration nähert 
sich zwar in ihrer Wirkung dem Ziel einer Aufhebung der 
Geschlechtscharaktere, allein auch dabei könnte außer dem Verlust 
der Geschlechtsdrüsen an sich eine mit deren Wegfall verknüpfte 
Entwicklungshemmung anderer Faktoren in Betracht kommen. 
Tierversuche mit Entfernung der Keimdrüsen (Hoden und 
Ovarien) und entsprechend variierter Einpflanzung neuer solcher 
Organe bei Wirbeltieren (s. das zitierte Werk von Lipschütz, 
S. 13) haben endlich ein partielles Licht auf die Herkunft der 
Sexualerregung geworfen und dabei die Bedeutung einer etwaigen 
Anhäufung der zelligen Geschlechtsprodukte noch weiter zurück- 
gedrängt. Es ist dem Experiment möglich geworden (E. St ein ach), 
ein Männchen in ein Weibchen und umgekehrt ein Weibchen 
in ein Männchen zu verwandeln, wobei sich das psychosexuelle 
Verhalten des Tieres entsprechend den somatischen Geschlechts- 
charakteren und gleichzeitig mit ihnen änderte. Dieser geschlechts- 



Chemische 
Theorie 



Die Umgestaltungen der Pubertät 91 



bestimmende Einfluß soll aber nicht dem Anteil der Keimdrüse 
zukommen, welcher die spezifischen Geschlechtszellen (Samenfäden 
und Ei) erzeugt, sondern dem interstitiellen Gewebe derselben, 
welches darum von den Autoren als „Pubertätsdrüse" hervor- 
gehoben wird. Es ist sehr wohl möglich, daß weitere Untersuchungen 
ergeben, die Pubertätsdrüse sei normalerweise zwittrig angelegt, 
wodurch die Lehre von der Bisexualität der höheren Tiere 
anatomisch begründet würde, und es ist schon jetzt wahrscheinlich, 
daß sie nicht das einzige Organ ist, welches mit der Produktion 
der Sexualerregung und der Geschlechtscharaktere zu tun hat. 
Jedenfalls schließt dieser neue biologische Fund an das an, was 
wir schon vorher über die Rolle der Schilddrüse für die Sexualität 
erfahren haben. Wir dürfen nun glauben, daß im interstitiellen 
Anteil der Keimdrüsen besondere chemische Stoffe erzeugt werden, 
die vom Blutstrom aufgenommen die Ladung bestimmter Anteile 
des Zentralnervensystems mit sexueller Spannung zustande kommen 
lassen wie wir ja solche Umsetzung eines toxischen Reizes in 
einen besonderen Organreiz von anderen dem Körper als fremd 
eingeführten Giftstoffen kennen. Wie die Sexualerregung durch 
Reizung erogener Zonen bei vorheriger Ladung der zentralen 
Apparate entsteht, und welche Verwicklungen von rein toxischen 
und physiologischen Reizwirkungen sich bei diesen Sexualvorgängen 
ergeben, das auch nur hypothetisch zu behandeln, kann keine 
zeitgemäße Aufgabe sein. Es genüge uns als wesentlich an dieser 
Auffassung der Sexualvorgänge, die Annahme besonderer, dem 
Sexualstoffwechsel entstammender Stoffe festzuhalten. Denn diese 
anscheinend willkürliche Aufstellung wird durch eine wenig 
beachtete, aber höchst beachtenswerte Einsicht unterstützt. Die 
Neurosen, welche sich nur auf Störungen des Sexuallebens 
zurückführen lassen, zeigen die größte klinische Ähnlichkeit 
mit den Phänomenen der Intoxikation und Abstinenz, welche 
sich durch die habituelle Einführung Lust erzeugender Giftstoffe 
(Alkaloide) ergeben. 



9 2 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



Die Libidotheorie 

Mit diesen Vermutungen über die chemische Grundlage der 
Sexualerregung stehen in guter Übereinstimmung die Hilfs- 
vorstellungen, die wir uns zur Bewältigung der psychischen 
Äußerungen des Sexuallebens geschaffen haben. Wir haben uns 
den Begriff der Libido festgelegt als einer quantitativ ver- 
änderlichen Kraft, welche Vorgänge und Umsetzungen auf dem 
Gebiete der Sexualerregung messen könnte. Diese Libido sondern 
wir von der Energie, die den seelischen Prozessen allgemein 
unterzulegen ist, mit Beziehung auf ihren besonderen Ursprung 
und verleihen ihr so auch einen qualitativen Charakter. In der 
Sonderung von libidinöser und anderer psychischer Energie 
drücken wir die Voraussetzung aus, daß sich die Sexualvorgänge 
des Organismus durch einen besonderen Chemismus von den 
Ernährungsvorgängen unterscheiden. Die Analyse der Perversionen 
und Psychoneurosen hat uns zur Einsicht gebracht, daß diese 
Sexualerregung nicht von den sogenannten Geschlechtsteilen 
allein, sondern von allen Körperorganen geliefert wird. Wir bilden 
uns also die Vorstellung eines Libidoquantums, dessen psychische 
Vertretung wir die Ichlibido heißen, dessen Produktion, 
Vergrößerung oder Verminderung, Verteilung und Verschiebung 
uns die Erklärungsmöglichkeiten für die beobachteten psycho- 
sexuellen Phänomene bieten soll. 

Dem analytischen Studium bequem zugänglich wird diese Ich- 
libido aber nur, wenn sie die psychische Verwendung zur Besetzung 
von Sexualobjekten gefunden hat, also zur Objektlibido 
geworden ist. Wir sehen sie dann sich auf Objekte konzentrieren, 
an ihnen fixieren oder aber diese Objekte verlassen, von ihnen 
auf andere übergehen und von diesen Positionen aus die Sexual- 
betätigung des Individuums lenken, die zur Befriedigung, das 
heißt zum partiellen und zeitweisen Erlöschen der Libido 
führt. Die Psychoanalyse der sogenannten Übertragungsneurosen 



(Hysterie und Zwangsneurose) gestattet uns hier einen sicheren 

Einblick. 

Von den Schicksalen der Objektlibido können wir noch erkennen, 
daß sie von den Objekten abgezogen, in besonderen Spannüngs- 
zuständen schwebend erhalten und endlich ins Ich zurückgeholt 
wird, so daß sie wieder zur Ichlibido geworden ist. Die Ichlibido 
heißen wir im Gegensatz zur Objektlibido auch narzißtische 
Libido. Von der Psychoanalyse aus schauen wir wie über eine 
Grenze, deren Überschreitung uns nicht gestattet ist, in das 
Getriebe der narzißtischen Libido hinein und bilden uns eine 
Vorstellung von dem Verhältnis der beiden. 1 Die narzißtische 
oder Ichlibido erscheint uns als das große Reservoir, aus welchem 
die Objektbesetzungen ausgeschickt und in welches sie wieder 
einbezogen werden, die narzißtische Libidobesetzung des Ichs als 
der in der ersten Kindheit realisierte Urzustand, welcher durch 
die späteren Aussendungen der Libido nur verdeckt wird, im 
Grunde hinter denselben erhalten geblieben ist. 

Die Aufgabe einer Libidotheorie der neurotischen und psycho- 
tischen Störungen müßte sein, alle beobachteten Phänomene und 
erschlossenen Vorgänge in den Terminis der Libidoökonomie 
auszudrücken. Es ist leicht zu erraten, daß den Schicksalen der, 
Ichlibido dabei die größere Bedeutung zufallen wird, besonders 
wo es sich um die Erklärung der tieferen psychotischen Störungen 
handelt. Die Schwierigkeit liegt dann darin, daß das Mittel 
unserer Untersuchung, die Psychoanalyse, uns vorläufig nur über 
die Wandlungen an der Objektlibido sichere Auskunft bringt, 2 
die Ichlibido aber von den anderen im Ich wirkenden Energien 
nicht ohneweiters zu scheiden vermag. 3 Eine Fortführung der 

i) Diese Beschränkung hat nicht mehr ihre frühere Giltigkeit, seitdem auch andere 
als die „Übertragungsneurosen" der Psychoanalyse in größerem Ausmaße zugänglich 

geworden sind. 

2) Siehe obige Anmerkung. 

3) S. Zur Einführung des Narzißmus, Jahrbuch der Psychoanalyse VI, 1915. [Bd. VI 
der Gesamtausgabe.] — Der Terminus „Narzißmus" ist nicht, wie dort irrtümlich 
angegeben, von Naecke, sondern von H. Ellis geschaffen worden. 



94 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



Libidotheorie ist deshalb vorläufig nur auf dem Wege der 
Spekulation möglich. Man verzichtet aber auf allen Gewinn aus 
der bisherigen psychoanalytischen Beobachtung, wenn man nach 
dem Vorgang von C. G. Jung den Begriff der Libido selbst 
verflüchtigt, indem man sie mit der psychischen Triebkraft über- 
haupt zusammenfallen läßt. 

Die Sonderung der sexuellen Triebregungen von den anderen 
und somit die Einschränkung des Begriffes Libido auf diese 
ersteren findet eine starke Unterstützung in der vorhin erörterten 
Annahme eines besonderen Chemismus der Sexualfunktion. 

Differenzierung von Mann und Weib 

Es ist bekannt, daß erst mit der Pubertät sich die scharfe 
Sonderung des männlichen und weiblichen Charakters herstellt, 
ein Gegensatz, der dann wie kein anderer die Lebensgestaltung 
der Menschen entscheidend beeinflußt. Männliche und weibliche 
Anlage sind allerdings schon im Kindesalter gut kenntlich.; die 
Entwicklung der Sexualitätshemmungen (Scham, Ekel, Mitleid usw.) 
erfolgt beim kleinen Mädchen frühzeitiger und gegen geringeren 
Widerstand als beim Knaben; die Neigung zur Sexualverdrängung 
erscheint überhaupt größer; wo sich Partialtriebe der Sexualität 
bemerkbar machen, bevorzugen sie die passive Form. Die auto- 
erotische Betätigung der erogenen Zonen ist aber bei beiden 
Geschlechtern die nämliche und durch diese Übereinstimmung 
ist die Möglichkeit eines Geschlechtsunterschiedes, wie er sich 
nach der Pubertät herstellt, für die Kindheit aufgehoben. Mit 
Rücksicht auf die autoerotischen und masturbatorischen Sexual- 
äußerungen könnte man den Satz aufstellen, die Sexualität der 
kleinen Mädchen habe durchaus männlichen Charakter. Ja, wüßte 
man den Begriffen „männlich und weiblich" einen bestimmteren 
Inhalt zu geben, so ließe sich auch die Behauptung vertreten, 
die Libido sei regelmäßig und gesetzmäßig männlicher Natur, 
ob sie nun beim Manne oder beim Weibe vorkomme und 



Die Urngestaltungen der Pubertät 95 

abgesehen von ihrem Objekt, mag dies der Mann oder das 
Weib sein. 1 

Seitdem ich mit dem Gesichtspunkte der Bisexualität bekannt 
geworden bin, halte ich dieses Moment für das hier maßgebende 
und meine, ohne der Bisexualität Rechnung zu tragen, wird man 
kaum zum Verständnis der tatsächlich zu beobachtenden Sexual- 
äußerungen von Mann und Weib gelangen können. 

Von diesem abgesehen, kann ich nur noch folgendes hinzufügen : Leiuonen 

. „ • ., bei Mann und 

Die leitende erogene Zone ist auch beim weiblichen Kinde an Weib 
der Klitoris gelegen, der männlichen Genitalzone an der Eichel 
also homolog. Alles, was ich über Masturbation bei kleinen 
Mädchen in Erfahrung bringen konnte, betraf die Klitoris und 
nicht die für die späteren Geschlechtsfunktionen bedeutsamen 
Partien des äußeren Genitales. Ich zweifle selbst daran, daß das 
weibliche Kind unter dem Einflüsse der Verführung zu etwas 
anderem als zur Klitorismasturbation gelangen kann, es sei 
denn ganz ausnahmsweise. Die gerade bei kleinen Mädchen so 
häufigen Spontanentladungen der sexuellen Erregtheit äußern 

1) Es ist unerläßlich, sich klar zu machen, daß die Begriffe „männlich" und 
„weiblich", deren Inhalt der gewöhnlichen Meinung so unzweideutig erscheint, in 
der Wissenschaft zu den verworrensten gehören und nach mindestens drei 
Richtungen zu zerlegen sind. Man gehraucht männlich und weiblich bald im Sinne 
von Aktivität und Passivität, bald im biologischen imd dann auch im 
soziologischen Sinne. Die erste dieser drei Bedeutungen ist die wesentliche 
und die in der Psychoanalyse zumeist verwertbare. Ihr entspricht es, wenn die Libido 
oben im Text als männlich bezeichnet wird, denn der Trieb ist immer aktiv, auch 
wo er sich ein passives Ziel gesetzt hat. Die zweite, biologische Bedeutimg von 
männlich imd weiblich ist die, welche die klarste Bestimmimg zuläßt. Männlich und 
weiblich sind hier durch die Anwesenheit der Samen-, respektive Eizelle und durch 
die von ihnen ausgehenden Funktionen charakterisiert. Die Aktivität imd ihre Neben- 
äußerungen, stärkere Muskelentwicklung, Aggression, größere Intensität der Libido, 
sind in der Regel mit der biologischen Männliclikeit verlötet, aber nicht notwendiger- 
weise verknüpft, denn es gibt Tiergaltungen, bei denen diese Eigenschaften vielmehr 
dem Weibchen zugeteilt sind. Die dritte, soziologische Bedeutimg erhält ihren Inhalt 
durch die Beobachtung der wirklich existierenden männlichen und weiblichen Individuen. 
Diese ergibt für den Menschen, daß weder im psychologischen noch im biologischen 
Sinne eine reine Männlichkeit oder Weiblichkeit gefunden wird. Jede Einzelperson 
weist vielmehr eine Vermengung ihres biologischen Geschlechtscharakters mit bio- 
logischen Zügen des anderen Geschlechts und eine Vereinigung von Aktivität und 
Passivität auf, sowohl insofern diese psychischen Charakterzüge von den biologischen 
abhängen als auch insoweit sie unabhängig von ihnen sind. 



g 6 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 

sich in Zuckungen der Klitoris, und die häufigen Erektionen 
derselben ermöglichen es den Mädchen, die Sexualäußerungen 
des anderen Geschlechts auch ohne Unterweisung richtig zu 
beurteilen, indem sie einfach die Empfindungen der eigenen 
Sexualvorgänge auf die Knaben übertragen. 

Will man das Weibwerden des kleinen Mädchens verstehen, 
so muß man die weiteren Schicksale dieser Klitoriserregbarkeit 
verfolgen. Die Pubertät, welche dem Knaben jenen großen Vorstoß 
der Libido bringt, kennzeichnet sich für das Mädchen durch eine 
neuerliche Verdrängungswelle, von der gerade die Klitoris- 
sexualität betroffen wird. Es ist ein Stück männlichen Sexual- 
lebens, was dabei der Verdrängung verfällt. Die bei dieser 
Pubertätsverdrängung des Weibes geschaffene Verstärkung der 
Sexualhemmnisse ergibt dann einen Reiz für die Libido des 
Mannes und nötigt dieselbe zur Steigerung ihrer Leistungen i 
mit der Höhe der Libido steigt dann auch die Sexual Über- 
schätzung, die nur für das sich weigernde, seine Sexualität 
verleugnende Weib im vollen Maße zu haben ist. Die Klitoris 
behält dann die Rolle, wenn sie beim endlich zugelassenen 
Sexualakt selbst erregt wird, diese Erregung an die benachbarten 
weiblichen Teile weiter zu leiten, etwa wie ein Span Kienholz 
dazu benützt werden kann, das härtere Brennholz in Brand zu 
setzen. Es nimmt oft eine gewisse Zeit in Anspruch, bis sich 
diese Übertragung vollzogen hat, während welcher dann das junge 
Weib anästhetisch ist. Diese Anästhesie kann eine dauernde werden, 
wenn die Klitoriszone ihre Erregbarkeit abzugeben sich weigert, 
was gerade durch ausgiebige Betätigung im Kinderleben vor- 
bereitet wird. Es ist bekannt, daß die Anästhesie der Frauen 
häufig nur eine scheinbare, eine lokale ist. Sie sind anästhetisch 
am Scheideneingang, aber keineswegs unerregbar von der Klitoris 
oder selbst von anderen Zonen aus. Zu diesen erogenen Anlässen 
der Anästhesie gesellen sich dann noch die psychischen, gleichfalls 
durch Verdrängung bedingten. 



Die Umgestaltungen der Pubertät an 



Ist die Übertragung der erogenen Reizbarkeit von der Klitoris 
auf den Scheideneingang gelungen, so hat damit das Weib seine 
für die spätere Sexualbetätigung leitende Zone gewechselt, während 
der Mann die seinige von der Kindheit an beibehalten hat. In 
diesem Wechsel der leitenden erogenen Zone sowie in dem 
Verdrängungsschub der Pubertät, der gleichsam die infantile 
Männlichkeit beiseite schafft, liegen die Hauptbedingungen für 
die Bevorzugung des Weibes zur Neurose, insbesondere zur 
Hysterie. Diese Bedingungen hängen also mit dem Wesen der 
Weiblichkeit innigst zusammen. 

Die Objektfindung 

Während durch die Pubertätsvorgänge das Primat der Genital- 
zonen festgelegt wird und das Vordrängen des erigiert gewordenen 
Gliedes beim Manne gebieterisch auf das neue Sexualziel 
hinweist, auf das Eindringen in eine die Genitalzone erregende 
Körperhöhle, vollzieht sich von psychischer Seite her die Objekt- 
findung, für welche von der frühesten Kindheit an vorgearbeitet 
worden ist. Als die anfänglichste Sexualbefriedigung noch mit 
der Nahrungsaufnahme verbunden war, hatte der Sexualtrieb 
ein Sexualobjekt außerhalb des eigenen Körpers in der Mutter- 
brust. Er verlor es nur später, vielleicht gerade zur Zeit, als es 
dem Kinde möglich wurde, die Gesamtvorstellung der Person, 
welcher das ihm Befriedigung spendende Organ angehörte, zu 
bilden. Der Geschlechtstrieb wird dann in der Regel autoerotisch 
und erst nach Überwindung der Latenzzeit stellt sich das 
ursprüngliche Verhältnis wieder her. Nicht ohne guten Grund 
ist das Saugen des Kindes an der Brust der Mutter vorbildlich 
für jede Liebesbeziehung geworden. Die Objektfindung ist 
eigentlich eine Wiederfindung. 1 



1) Die Psychoanalyse lehrt, daß es zwei Wege der Objektfindung: gibt, erstens 
die im Text besprochene, die in Anlehnung an die frühinfantilen Vorbilder vor 
sich geht, und zweitens die narzißtische, die das eigeneich sucht und im 

Freud, Sexualtheorie, 6. Auflage. 7 



98 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 

Sexualobjekt Aber von dieser ersten und wichtigsten aller sexuellen 
ssugiingszeit Beziehungen bleibt auch nach der Abtrennung der Sexual- 
tätigkeit von der Nahrungsaufnahme ein wichtiges Stück übrig, 
welches die Objektwahl vorbereiten, das verlorene Glück also 
wiederherstellen hilft. Die ganze Latenzzeit über lernt das Kind 
andere Personen, die seiner Hilflosigkeit abhelfen und seine 
Bedürfnisse befriedigen, lieben, durchaus nach dem Muster und 
in Fortsetzung seines Säuglingsverhältnisses zur Amme. Man 
wird sich vielleicht sträuben wollen, die zärtlichen Gefühle und 
die Wertschätzung des Kindes für seine Pflegepersonen mit der 
geschlechtlichen Liebe zu identifizieren, allein ich meine, eine 
genauere psychologische Untersuchung wird diese Identität über 
jeden Zweifel hinaus feststellen können. Der Verkehr des Kindes 
mit seiner Pflegeperson ist für dasselbe eine unaufhörlich fließende 
Quelle sexueller Erregung und Befriedigung von erogenen Zonen 
aus, zumal da letztere — in der Regel doch die Mutter — das 
Kind selbst mit Gefühlen bedenkt, die aus ihrem Sexualleben 
stammen, es streichelt, küßt und wiegt und ganz deutlich zum 
Ersatz für ein vollgültiges Sexualobjekt nimmt. 1 Die Mutter 
würde wahrscheinlich erschrecken, wenn man ihr die Aufklärung 
gäbe, daß sie mit all ihren Zärtlichkeiten den Sexualtrieb ihres 
Kindes weckt und dessen spätere Intensität vorbereitet. Sie hält 
ihr Tun für asexuelle „reine" Liebe, da sie es doch sorgsam 
vermeidet, den Genitalien des Kindes mehr Erregungen zuzuführen, 
als bei der Körperpflege unumgänglich ist. Aber der Geschlechts- 
trieb wird nicht nur durch Erregung der Genitalzone geweckt, 
wie wir ja wissen; was wir Zärtlichkeit heißen, wird unfehlbar 
eines Tages seine Wirkung auch auf die Genitalzonen äußern. 

anderen wiederfindet. Diese letztere hat eine besonders große Bedeutung für 
die pathologischen Ausgänge, fügt sich aber nicht in den liier behandelten 
Zusammenhang. 

1) Wem .diese Auffassung „frevelhaft" dünkt, der lese die fast gleichsinnige 
Behandlung des Verhältnisses zwischen Mutter und Kind bei Havelock Ellis 
nach. (Das Geschlechtsgefühl, S. i6.) 



Die Umgestaltungen der Pubertät 99 



Verstünde die Mutter mehr von der hohen Bedeutung der Triebe 
für das gesamte Seelenleben, für alle ethischen und psychischen 
Leistungen, so würde sie sich übrigens auch nach der Aufklärung 
alle Selbstvorwürfe ersparen. Sie erfüllt nur ihre Aufgabe, wenn 
sie das Kind lieben lehrt ; es soll ja ein tüchtiger Mensch mit 
energischem Sexualbedürfnis werden und in seinem Leben all 
das vollbringen, wozu der Trieb den Menschen drängt. Ein Zuviel 
von elterlicher Zärtlichkeit wird freilich schädlich werden, indem 
es die sexuelle Reifung beschleunigt, auch dadurch, daß es das 
Kind „verwöhnt", es unfähig macht, im späteren Leben auf 
Liebe zeitweilig zu verzichten oder sich mit einem geringeren 
Maß davon zu begnügen. Es ist eines der besten Vorzeichen 
späterer Nervosität, wenn das Kind sich unersättlich in seinem 
Verlangen nach Zärtlichkeit der Eltern erweist, und anderseits 
werden gerade neuropathische Eltern, die ja meist zur maßlosen 
Zärtlichkeit meigen, durch ihre Liebkosungen die Disposition des 
Kindes zur neurotischen Erkrankung am ehesten erwecken. Man 
ersieht übrigens aus diesem Beispiel, daß es für neurotische Eltern 
direktere Wege als den der Vererbung gibt, ihre Störung auf 
die Kinder zu übertragen. 

Die Kinder selbst benehmen sich von frühen Jahren an, als In ^ t e 
sei ihre Anhänglichkeit an ihre Pflegepersonen von der Natur 
der sexuellen Liebe. Die Angst der Kinder ist ursprünglich nichts 
anderes als der Ausdruck dafür, daß sie die geliebte Person 
vermissen; sie kommen darum jedem Fremden mit Angst entgegen; 
sie fürchten sich in der Dunkelheit, wejJ man in dieser die 
geliebte Person nicht sieht, und lassen sich beruhigen, wenn sie 
dieselbe in der Dunkelheit bei der Hand fassen können. Man 
überschätzt die Wirkung aller Kinderschrecken und gruseligen 
Erzählungen der Kinderfrauen, wenn man diesen Schuld gibt, 
daß sie die Ängstlichkeit der Kinder erzeugen. Kinder, die zur 
Ängstlichkeit neigen, nehmen nur solche Erzählungen auf, die 
an anderen durchaus nicht haften wollen; und zur Ängstlichkeit 

-• 



• 



ioo Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 

neigen nur Kinder mit übergroßem oder vorzeitig entwickeltem 
oder durch Verzärtelung anspruchsvoll gewordenem Sexualtrieb. 
Das Kind benimmt sich hiebei wie der Erwachsene, indem es 
seine Libido in Angst verwandelt, sowie es sie nicht zur 
Befriedigung zu bringen vermag, und der Erwachsene wird sich 
dafür, wenn er durch unbefriedigte Libido neurotisch geworden 
ist, in seiner Angst wie ein Kind benehmen, sich zu fürchten 
beginnen, sowie er allein, das heißt ohne eine Person ist, deren 
Liebe er sicher zu sein glaubt, und diese seine Angst durch die 
kindischesten Maßregeln beschwichtigen wollen. 1 

Wenn die Zärtlichkeit der Eltern zum Kinde es glücklich 
vermieden hat, den Sexualtrieb desselben vorzeitig, das heißt ehe 
die körperlichen Bedingungen der Pubertät gegeben sind, in 
solcher Stärke zu wecken, daß die seelische Erregung in unver- 
kennbarer Weise zum Genitalsystem durchbricht, so kann sie ihre 
Aufgabe erfüllen, dieses Kind im Alter der Reife bei der Wahl 
des Sexualobjekts zu leiten. Gewiß läge es dem Kinde am 
nächsten, diejenigen Personen selbst zu Sexualobjekten zu wählen, 
die es mit einer sozusagen abgedämpften Libido seit seiner Kindheit 
liebt. 2 Aber durch den Aufschub der sexuellen Reifung ist die 
Zeit gewonnen worden, neben anderen Sexualhemmnissen die 
Inzestschranke aufzurichten, jene moralischen Vorschriften in sich 
aufzunehmen, welche die geliebten Personen der Kindheit als 

1) Die Aufklärung über die Herkunft der kindlichen Angst verdanke ich einem 
dreijährigen Knaben, den ich einmal aus einem dunklen Zimmer bitten hörte : 
„Tante, sprich mit mir; ich fürchte mich, weil es so dunkel ist." Die Tante rief 
ihn an: „Was hast du denn davon? Du siehst mich ja nicht." „Das macht nichts," 
antwortete das Kind, „wenn jemand spricht, wird es hell." — Er fürchtete sich also 
nicht vor der Dunkelheit, sondern weil er eine geliebte Person vermißte, und konnte 
versprechen sich zu beruhigen, sobald er einen Beweis von deren Anwesenheit 
empfangen hatte. — Daß die neurotische Angst aus der Libido entsteht, ein Um- 
wandlungsprodukt, derselben darstellt, sich also etwa so zu ihr verhält, wie der Essig 
zum .Wein, ist eines der bedeutsamsten Resultate der psychoanalytischen Forschung. 
Eine weitere Diskussion dieses Problems siehe in meinen „Vorlesungen zur Ein- 
führung in die Psychoanalyse" 1917 [Bd. VII der Gesamtausgabe], woselbst wohl 
auch nicht die endgültige Aufklärung erreicht worden ist. 

2) Vgl. hiezu das auf S. 75 über die Objektwahl des Kindes Gesagte : die 
„zärtliche Strömung". 



■ 



Die Umgestaltungen der Pubertät . 101 

Blutsverwandte ausdrücklich von der Objektwahl ausschließen. 
Die Beachtung dieser Schranke ist vor allem eine Kulturforderung 
der Gesellschaft, welche sich gegen die Aufzehrung von Interessen 
durch die Familie wehren muß, die sie für die Herstellung höherer 
sozialer Einheiten braucht, und darum mit allen Mitteln dahin wirkt, 
bei jedem einzelnen, speziell beim Jüngling, den in der Kindheit 
allein maßgebenden Zusammenhang mit seiner Familie zu lockern. 1 
Die Objektwahl wird aber zunächst in der Vorstellung voll- 
zogen und das Geschlechtsleben der eben reifenden Jugend hat 
kaum einen anderen Spielraum, als sich in Phantasien, das heißt 
in nicht zur Ausführung bestimmten Vorstellungen zu ergehen. 2 
In diesen Phantasien treten bei allen Menschen die infantilen 

1) Die Inzestschranke gehört wahrscheinlich zu den historischen Erwerbungen der 
Menschheit und dürfte wie andere Moraltabu bereits bei vielen Individuen durch 
organische Vererbung fixiert sein. [Vgl. meine Schrift: Totem und Tabu 1915, 
Bd. X der Gesamtausgabe.] Doch zeigt die psychoanalytische Untersuchung, wie 
intensiv noch der einzelne in seinen Entwicklungszeiten mit der Inzestversuchung ringt, 
und wie häufig er sie in Phantasien und selbst in der Realität übertritt. 

2) Die Phantasien der Pubertätszeit knüpfen an die in der Kindheit verlassene 
infantile Sexualforschung an, reichen wohl auch ein Stück in die Latenzzeit zurück. 
Sie können ganz oder zum großen Teil unbewußt gehalten werden, entziehen sich 
darum häufig einer genauen Datierung. Sie haben große Bedeutung für die Entstehung 
mannigfaltiger Symptome, indem sie geradezu die Vorstufen derselben abgeben, also 
die Formen herstellen, in denen die verdrängten Libidokomponenten ihre Befriedigung 
finden. Ebenso sind sie die Vorlagen der nächtlichen Phantasien, die als Träume bewußt 
werden. Traume sind häufig nichts anderes als Wiederbelebungen solcher Phantasien 
unter dem Einfluß und in Anlehnung an einen aus dem Wachleben erübrigten 
Tagesreiz („Tagesreste"). — Unter den sexuellen Phantasien der Pubertätszeit ragen 
einige hervor, welche durch allgemeinstes Vorkommen und weitgehende Unab- 
hängigkeit vom Erleben des Einzelnen ausgezeichnet sind. So die Phantasien von 
der Belauschung des elterlichen Geschlechtsverkehrs, von der "frühen Verführimg 
durch geliebte Personen, von der Kastrationsdrohimg, die Mutterleibsphantasien, 
deren Inhalt Verweilen und selbst Erlebnisse im Mutterleib sind, und der sogenannte 
„Familienroman", in welchem der Heranwachsende auf den Unterschied seiner 
Einstellung zu den Eltern jetzt und in der Kindheit reagiert. Die nahen Beziehungen 
dieser Phantasien zum Mythus hat für das letzte Beispiel O. Rank in seiner Schrift 
„Der Mythus von der Geburt des Helden" 1909 aufgezeigt. 

Man sagt mit Recht, daß der Ödipuskomplex der Kernkomplex der Neurosen ist, 
das wesentliche Stück im Inhalt der Neurose darstellt. In ihm gipfelt die infantile 
Sexualität, welche durch ihre Nachwirkungen die Sexualität des Erwachsenen 
entscheidend beeinflußt. Jedem menschlichen Neuankömmling ist die Aufgabe gestellt, 
den Ödipuskomplex zu bewältigen; wer es nicht zustande bringt, ist der Neurose 
verfallen. Der Fortschritt der psychoanalytischen Arbeit hat diese Bedeutung des 



102 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 

Neigungen, nun durch den somatischen Nachdruck verstärkt, 
wieder auf, und unter ihnen in gesetzmäßiger Häufigkeit und an 
erster Stelle die meist bereits durch die Geschlechtsanziehung 
differenzierte Sexualregung des Kindes für die Eltern, des Sohnes 
für die Mutter und der Tochter für den Vater. 1 Gleichzeitig mit 
der Überwindung und Verwerfung dieser deutlich inzestuösen 
Phantasien wird eine der bedeutsamsten, aber auch schmerz- 
haftesten, psychischen Leistungen der Pubertätszeit vollzogen, die 
Ablösung von der Autorität der Eltern, durch welche erst der 
für den Kulturfortschritt so wichtige Gegensatz der neuen 
Generation zur alten geschaffen wird. Auf jeder der Stationen 
des Entwicklungsganges, den die Individuen durchmachen sollen, 
wird eine Anzahl derselben zurückgehalten, und so gibt es auch 
Personen, welche die Autorität der Eltern nie überwunden und 
ihre Zärtlichkeit von denselben nicht oder nur sehr unvollständig 
zurückgezogen haben. Es sind zumeist Mädchen, die so zur 
Freude der Eltern weit über die Pubertät hinaus bei der vollen 
Kinderliebe verbleiben, und da wird es dann sehr lehrreich zu 
linden, daß es diesen Mädchen in ihrer späteren Ehe an dem 
Vermögen gebricht, ihren Männern das Gebührende zu schenken. 
Sie werden kühle Ehefrauen und bleiben sexuell anästhetisch. 
Man lernt daraus, daß die anscheinend nicht sexuelle Liebe zu 
den Eltern und die geschlechtliche Liebe aus denselben Quellen 
gespeist werden, das heißt, daß die erstere nur einer infantilen 
Fixierung der Libido entspricht. 

Je mehr man sich den tieferen Störungen der psychosexuellen 
Entwicklung nähert, desto unverkennbarer tritt die Bedeutung 

Ödipuskomplexes immer schärfer gezeichnet; seine Anerkennung ist das Schiboleth 
geworden, welches die Anhänger der Psychoanalyse von ihren Gegnern scheidet. 

In einer anderen Schrift (Das Trauma der Geburt, 1924) hat Rank die Mutter- 
bindung auf die embryonale Vorzeit zurückgeführt und so die biologische Grundlage 
des Ödipuskomplexes aufgezeigt. Die Inzestschranke leitet er abweichend vom Vor- 
stehenden von dem traumatischen Eindruck der Geburtsangst ab. 

1) Vergleiche die Ausführungen über das unvermeidliche Verhängnis in der 
Ödipusfabel [„Traumdeutung", 4. Auflage, S. 198, Bd. III u. IV der Gesamtausgabe]. 






Die Umgestaltungen der Pubertät 105 



der inzestuösen Objektwahl hervor. Bei den Psychoneurotikern 
verbleibt infolge von Sexualablehnung ein großes Stück oder das 
Ganze der psychosexuellen Tätigkeit zur Objektfindung im Un- 
bewußten. Für die Mädchen mit übergroßem Zärtlichkeitsbedürfhis 
und eben solchem Grausen vor den realen Anforderungen des 
Sexuallebens wird es zu einer unwiderstehlichen Versuchung, sich 
einerseits das Ideal der asexuellen Liebe im Leben zu verwirk- 
lichen und andererseits ihre Libido hinter einer Zärtlichkeit, die 
sie ohne Selbstvorwurf äußern dürfen, zu verbergen, indem sie 
die infantile, in der Pubertät aufgefrischte Neigung zu Eltern 
oder Geschwistern fürs Leben festhalten. Die Psychoanalyse kann 
solchen Personen mühelos nachweisen, daß sie in diese ihre Bluts- 
verwandten im gemeinverständlichen Sinne des Wortes verliebt 
sind, indem sie mit Hilfe der Symptome und anderen Krankheits- 
äußerungen ihre unbewußten Gedanken aufspürt und in bewußte 
übersetzt. Auch wo ein vorerst Gesunder nach einer unglück- 
lichen Liebeserfahrung erkrankt ist, kann man als den Mecha- 
nismus solcher Erkrankung die Rückwendung seiner Libido auf 
die infantil bevorzugten Personen mit Sicherheit aufdecken. 

Auch wer die inzestuöse Fixierung seiner Libido glücklich Jj^jj 
vermieden hat, ist dem Einfluß derselben nicht völlig entzogen. ObjefctmU 
Es ist ein deutlicher Nachklang dieser Entwicklungsphase, wenn 
die erste ernsthafte Verliebtheit des jungen Mannes, wie so häufig, 
einem reifen Weibe, die des Mädchens einem älteren, mit Autorität 
ausgestatteten Manne gilt, die ihnen das Bild der Mutter und 
des Vaters beleben können. 1 In freierer Anlehnung an diese Vor- 
bilder geht wohl die Objektwahl überhaupt vor sich. Vor allem 
sucht der Mann nach dem Erinnerungsbild der Mutter, wie es 
ihn seit den Anfängen der Kindheit beherrscht; im vollen Ein- 
klang steht es damit, wenn sich die noch lebende Mutter gegen 
diese ihre Erneuerung sträubt und ihr mit Feindseligkeit begegnet. 



1) Siehe meinen Aufsatz „Über einen besonderen Typus der Objektwahl beim 
Manne", 1910 [Bd. V der Gesamtausgabe]. 



10 4 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



Bei solcher Bedeutung der kindlichen Beziehungen zu den Eltern 
für die spätere Wahl des Sexualobjekts ist es leicht zu verstehen, 
daß jede Störung dieser Kindheitsbeziehungen die schwersten Folgen 
für das Sexualleben nach der Reife zeitigt 5 auch die Eifersucht 
des Liebenden ermangelt nie der infantilen Wurzel oder wenigstens 
der infantilen Verstärkung. Zwistigkeiten zwischen den Eltern 
selbst, unglückliche Ehe derselben, bedingen die schwerste 
Prädisposition für gestörte Sexualentwicklung oder neurotische 
Erkrankung der Kinder. 

Die infantile Neigung zu den Eltern ist wohl die wichtigste, 
aber nicht die einzige der Spuren, die, in der Pubertät aufge- 
frischt, dann der Objektwahl den Weg weisen. Andere Ansätze 
derselben Herkunft gestatten dem Manne noch immer in Anlehnung 
an seine Kindheit mehr als eine einzige Sexualreihe zu 
entwickeln, ganz verschiedene Bedingungen für die Objektwahl 
auszubilden. 1 

T tSi" Eine bei der 0b J ektwahl si ch ergebende Aufgabe liegt darin, 
das entgegengesetzte Geschlecht nicht zu verfehlen. Sie wird, wie 
bekannt, nicht ohne einiges Tasten gelöst. Die ersten Regungen 
nach der Pubertät gehen häufig genug - ohne dauernden 
Schaden — irre. Dessoir hat mit Recht darauf aufmerksam 
gemacht, welche Gesetzmäßigkeit sich in den schwärmerischen 
Freundschaften von Jünglingen und Mädchen für ihresgleichen 
verrät. Die größte Macht, welche eine dauernde Inversion des 
Sexualobjektes abwehrt, ist gewiß die Anziehung, welche die 
entgegengesetzten Geschlechtscharaktere für einander äußern ; zur 
Erklärung derselben kann im Zusammenhange dieser Erörterungen 
nichts gegeben werd en. 2 Aber dieser Faktor reicht für sich allein 

1) Ungezälüte Eigentümlichkeiten des menschlichen Lieheslebens sowie das Zwang- 
hafte der Verliebtheit selbst sind überhaupt mit durch die Rückbeziehung auf die 
Kindheit und als Wirkungsreste derselben zu verstehen. 

i) Es ist hier der Ort, auf eine gewiß phantastische, aber überaus geistreiche 
Schrift von Ferenczi (Versuch einer Genitaltheorie, 1924) hinzuweisen, in der 
das Geschlechtsleben der höheren Tiere aus ihrer biologischen Entwicklungsgeschichte 
abgeleitet wird. 






1 



Die Umgestaltungen der Pubertät 105 

nicht hin, die Inversion auszuschließen; es kommen wohl allerlei 
unterstützende Momente hinzu. Vor allem die Autoritätshemmung 
der Gesellschaft; wo die Inversion nicht als Verbrechen betrachtet 
wird, da kann man die Erfahrung machen, daß sie den sexuellen 
Neigungen nicht weniger Individuen voll entspricht. Ferner darf 
man für den Mann annehmen, daß die Kindererinnerung an 
die Zärtlichkeit der Mutter und anderer weiblicher Personen, 
denen er als Kind überantwortet war, energisch mithilft, seine 
Wahl auf das Weib zu lenken, während die von Seiten des Vaters 
erfahrene frühzeitige Sexualeinschüchterung und die Konkurrenz- 
einstellung zu ihm vom gleichen Geschlechte ablenkt. Beide 
Momente gelten aber auch für das Mädchen, dessen Sexual- 
betätigung unter der besonderen Obhut der Mutter steht. Es 
ergibt sich so eine feindliche Beziehung zum eigenen Geschlecht, 
welche die Objektwahl entscheidend in dem für normal geltenden 
Sinn beeinflußt. Die Erziehung der Knaben durch männliche 
Personen (Sklaven in der antiken Welt) scheint die Homosexualität 
zu begünstigen; beim heutigen Adel wird die Häufigkeit der 
Inversion wohl durch die Verwendung männlicher Dienerschaft 
wie durch die geringere persönliche Fürsorge der Mütter für 
ihre Kinder um etwas verständlicher. Bei manchen Hysterischen 
ergibt sich, daß der frühzeitige Wegfall einer Person des Eltern- 
paares (durch Tod, Ehescheidung, Entfremdung), worauf dann 
die übrigbleibende die ganze Liebe des Kindes an sich gezogen 
hatte, die Bedingung für das Geschlecht der später zum Sexual- 
objekt gewählten Person festgestellt und damit auch die dauernde 
Inversion ermöglicht hat. 



ad 



ZUSAMMENFASSUNG 

Es ist an der Zeit, eine Zusammenfassung zu versuchen. Wir 
sind von den Abirrungen des Geschlechtstriebes in Bezug auf 
sein Objekt und sein Ziel ausgegangen, haben die Fragestellung 
vorgefunden, ob diese aus angeborener Anlage entspringen oder 
infolge der Einflüsse des Lebens erworben werden. Die Beant- 
wortung dieser Frage ergab sich uns aus der Einsicht in die 
Verhältnisse des Geschlechtstriebes bei den Psychoneurotikern, 
einer zahlreichen und den Gesunden nicht ferne stehenden 
Menschengruppe, welche Einsicht wir durch psychoanalytische 
Untersuchung gewonnen hatten. Wir fanden so, daß bei diesen 
Personen die Neigungen zu allen Perversionen als unbewußte 
Mächte nachweisbar sind und sich als Symptombildner verraten, 
und konnten sagen, die Neurose sei gleichsam ein Negativ der 
Perversion. Angesichts der nun erkannten großen Verbreitung der 
Perversionsneigungen drängte sich uns der Gesichtspunkt auf, daß 
die Anlage zu den Perversionen die ursprüngliche allgemeine 
Anlage des menschlichen Geschlechtstriebes sei, aus welcher das 
normale Sexualverhalten infolge organischer Veränderungen und 
psychischer Hemmungen im Laufe der Reifung entwickelt werde. 
Die ursprüngliche Anlage hofften wir im Kindesalter aufzeigen 
zu können- unter den die Richtung des Sexualtriebes einschrän- 
kenden Mächten hoben wir Scham, Ekel, Mitleid und die 
sozialen Konstruktionen der Moral und Autorität hervor. So mußten 
wir in jeder fixierten Abirrung vom normalen Geschlechtsleben 
ein Stück Entwicklungshemmung und Infantilismus erblicken. 



Zusammenfassung i.0 7 



Die Bedeutung der Variationen der ursprünglichen Anlage mußten 
wir in den Vordergrund stellen, zwischen ihnen und den Ein- 
flüssen des Lebens aber ein Verhältnis von Kooperation und nicht 
von Gegensätzlichkeit annehmen. Anderseits erschien uns, da 
die ursprüngliche Anlage eine komplexe sein mußte, der 
Geschlechtstrieb selbst als etwas aus vielen Faktoren Zusammen- 
gesetztes, das in den Perversionen gleichsam in seine Komponenten 
zerfällt. Somit erwiesen sich die Perversionen einerseits als 
Hemmungen, andererseits als Dissoziationen der normalen Ent- 
wicklung. Beide Auffassungen vereinigten sich in der Annahme, 
daß der Geschlechtstrieb des Erwachsenen durch die Zusammen- 
fassung vielfacher Regungen des Kinderlebens zu einer Einheit, 
einer Strebung mit einem einzigen Ziel entstehe. 

Wir fügten noch die Aufklärung für das Überwiegen der 
perversen Neigungen bei den Psychoneurotikern bei, indem wir 
dieses als kollaterale Füllung von Nebenbahnen bei Verlegung 
des Hauptstrombettes durch die „Verdrängung" erkannten, und 
wandten uns dann der Betrachtung des Sexuallebens im Kindes- 
alter zu. 1 Wir fanden es bedauerlich, daß man dem Kindesalter 
den Sexualtrieb abgesprochen und die nicht selten zu beobachtenden 
Sexualäußerungen des Kindes als regelwidrige Vorkommnisse 
beschrieben hat. Es schien uns vielmehr, daß das Kind Keime 
von Sexualtätigkeit mit zur Welt bringt und schon bei der 
Nahrungsaufnahme sexuelle Befriedigung mitgenießt, die es sich 
dann in der gut gekannten Tätigkeit des „Ludeins" immer wieder 
zu verschaffen sucht. Die Sexualbetätigung des Kindes entwickle 
sich aber nicht im gleichen Schritt wie seine sonstigen Funktionen, 
sondern trete nach einer kurzen Blüteperiode vom zweiten bis 
zum fünften Jahre in die sogenannte Latenzp eriode ein. In der- 

1) Dies gilt nicht nur für die in der Neurose „negativ" auftretenden Perversions- 
neigungen, sondern ebenso für die positiven, eigentlich so benannten Perversionen. 
Diese letzteren sind also nicht bloß auf die Fixierung der infantilen Neigungen 
zurückzuführen, sondern auch auf die Regression zu denselben infolge der Verlegung 
anderer Bahnen der Sexualströmung. Darum sind auch die positiven Perversionen der 
psychoanalytischen Therapie zugänglich. 






io8 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



selben würde die Produktion sexueller Erregung keinesweo-s 
eingestellt, sondern halte an und liefere einen Vorrat von Energie, 
der großenteils zu anderen als sexuellen Zwecken verwendet 
werde, nämlich einerseits zur Abgabe der sexuellen Komponenten 
für soziale Gefühle, anderseits (vermittels Verdrängung und 
Reaktionsbildung) zum Aufbau der späteren Sexualschranken. 
Demnach würden die Mächte, die dazu bestimmt sind, den 
Sexualtrieb in gewissen Bahnen zu erhalten, im Kindesalter auf 
Kosten der großenteils perversen Sexualregungen und unter 
Mithilfe der Erziehung aufgebaut. Ein anderer Teil der infantilen 
Sexualregungen entgehe diesen Verwendungen und könne sich 
als Sexualbetätigung äußern. Man könne dann erfahren, daß die 
Sexualerregung des Kindes aus vielerlei Quellen fließe. Vor allem 
entstehe Befriedigung durch die geeignete sensible Erregung- 
sogenannter erogener Zonen, als welche wahrscheinlich jede 
Hautstelle und jedes Sinnesorgan, wahrscheinlich jedes Organ, 
fungieren könne, während gewisse ausgezeichnete erogene Zonen 
existieren, deren Erregung durch gewisse organische Vorrichtungen 
von Anfang an gesichert sei. Ferner entstehe sexuelle Erregung 
gleichsam als Nebenprodukt bei einer großen Reihe von Vor- 
gängen im Organismus, sobald dieselben nur eine gewisse Intensität 
erreichen, ganz besonders bei allen stärkeren Gemütsbewegungen, 
seien sie auch peinlicher Natur. Die Erregungen aus all diesen 
Quellen setzten sich noch nicht zusammen, sondern verfolgten 
jede vereinzelt ihr Ziel, welches bloß der Gewinn einer gewissen 
Lust ist. Der Geschlechtstrieb sei also im Kindesalter nicht 
zentriert und zunächst objektlos, au to erotisch. 

Noch während der Kinderjahre beginne die erogene Zone der 
Genitalien sich bemerkbar zu machen, entweder in der Art, daß 
sie wie jede andere erogene Zone auf geeignete sensible Reizung 
Befriedigung ergebe, oder indem auf nicht ganz verständliche 
Weise mit der Befriedigung von anderen Quellen her gleich- 
zeitig eine Sexualerregung erzeugt werde, die zu- der Genitalzone 






'Zusammen fassung 109 



eine besondere Beziehung erhake. Wir haben es bedauern müssen, 
daß eine genügende Aufklärung des Verhältnisses zwischen Sexual- 
befriedigung und Sexualerregung sowie zwischen der Tätigkeit 
der Genitalzone und der übrigen Quellen der Sexualität nicht zu 
erreichen war. 

Durch das Studium der neurotischen Störungen haben wir 
gemerkt, daß sich im kindlichen Sexualleben von allem Anfang 
an Ansätze zu einer Organisation der sexuellen Triebkomponenten 
erkennen lassen. In einer ersten, sehr frühen Phase steht die 
Oralerotik im Vordergründe^ eine zweite dieser „prä- 
genitalen" Organisationen wird durch die Vorherrschaft des 
Sadismus und der Analerotik charakterisiert, erst in einer 
dritten Phase (die sich beim Kind nur bis zum Primat des 
Phallus entwickelt) wird das Sexualleben durch den Anteil der 
eigentlichen Genitalzonen mitbestimmt. 

Wir haben dann als eine der überraschendsten Ermittlungen 
feststellen müssen, daß diese Frühblüte des infantilen Sexuallebens 
(zwei bis fünf Jahre) auch eine Objektwahl mit all den reichen, 
seelischen Leistungen zeitigt, so daß die daran geknüpfte, ihr 
entsprechende Phase trotz, der mangelnden Zusammenfassung der 
einzelnen Triebkomponenten und der Unsicherheit des Sexual- 
zieles als bedeutsamer Vorläufer der späteren endgültigen Sexual- 
ore;anisation einzuschätzen ist. 

Die Tatsache des zweizeitigen Ansatzes der Sexual- 
entwicklung beim Menschen, also die Unterbrechung dieser Ent- 
wicklung durch die Latenzzeit, erschien uns besonderer Beachtung- 
würdig. Sie scheint eine der Bedingungen für die Eignung des 
Menschen zur Entwicklung einer höheren Kultur, aber auch für 
seine Neigung zur Neurose zu enthalten. Bei der tierischen 
Verwandtschaft des Menschen ist unseres Wissens etwas Analoges 
nicht nachweisbar. Die Ableitung der Herkunft dieser mensch- 
lichen Eigenschaft müßte man in der Urgeschichte der Menschenart 
suchen. 



1 1 o Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 

Welches Maß von sexuellen Betätigungen im Kindesalter noch 
als normal, der weiteren Entwicklung nicht abträglich, bezeichnet 
werden darf, konnten wir nicht sagen. Der Charakter der Sexual- 
äußerungen erwies sich als vorwiegend masturbatorisch. Wir 
stellten ferner durch Erfahrungen fest, daß die äußeren Einflüsse 
der Verführung vorzeitige Durchbrüche der Latenzzeit bis zur 
Aufhebung derselben hervorrufen können, und daß sich dabei 
der Geschlechtstrieb des Kindes in der Tat als polymorph pervers 
bewährt ; ferner, daß jede solche frühzeitige Sexualtätigkeit die 
Erziehbarkeit des Kindes beeinträchtigt. 

Trotz der Lückenhaftigkeit unserer Einsichten in das infantile 
Sexualleben mußten wir dann den Versuch machen, die durch 
das Auftreten der Pubertät gesetzten Veränderungen desselben zu 
studieren. Wir griffen zwei derselben als die maßgebenden heraus, 
die Unterordnung aller sonstigen Ursprünge der Sexualerregung 
unter das Primat der Genitalzonen und den Prozeß der Objekt- 
findung. Beide sind im Kinderleben bereits vorgebildet. Die 
erstere vollzieht sich durch den Mechanismus der Ausnützung 
der Vorlust, wobei die sonst selbständigen sexuellen Akte, die 
mit Lust und Erregung verbunden sind, zu vorbereitenden 
Akten für das neue Sexualziel, die Entleerung der Geschlechts- 
produkte werden, dessen Erreichung unter riesiger Lust der Sexual- 
erregung ein Ende macht. Wir hatten dabei die Differenzierung 
des geschlechtlichen Wesens zu Mann und Weib zu berücksichtigen 
und fanden, daß zum Weibwerden eine neuerliche Verdrängung 
erforderlich ist, welche ein Stück infantiler Männlichkeit aufhebt 
und das Weib für den Wechsel der leitenden Genitalzone vor- 
bereitet. Die Objektwahl endlich fanden wir geleitet durch die 
infantilen, zur Pubertät aufgefrischten Andeutungen sexueller 
Neigung des Kindes zu seinen Eltern und Pflegepersonen und 
durch die mittlerweile aufgerichtete Inzestschranke von diesen 
Personen weg auf ihnen ähnliche gelenkt. Fügen wir endlich 
noch hinzu, daß während der Übergangszeit der Pubertät die 



Zusammenfassung 



11 i 



somatischen und die psychischen Entwicklungsvorgänge eine Weile 
unverknüpft nebeneinander hergehen, bis mit dem Durchbruch 
einer intensiven seelischen Liebesregung zur Innervation der 
Genitalien die normalerweise erforderte Einheit der Liebesfunktion 

hergestellt wird. 

Jeder Schritt auf diesem langen Entwicklungswege kann zur Entwickiungs- 

störende 

Fixierungsstelle, jede Fuge dieser verwickelten Zusammensetzung Momente 
zum Anlaß der Dissoziation des Geschlechtstriebes werden, wie 
wir bereits an verschiedenen Beispielen erörtert haben. Es erübrigt 
uns noch, eine Übersicht der verschiedenen, die Entwicklung 
störenden, inneren und äußeren Momente zu geben und beizufügen, 
an welcher Stelle des Mechanismus die von ihnen ausgehende 
Störung angreift. Was wir da in einer Reihe anführen, kann 
freilich unter sich nicht gleichwertig sein, und wir müssen auf 
Schwierigkeiten rechnen, den einzelnen Momenten die ihnen 
gebührende Abschätzung zuzuteilen. 

An erster Stelle ist hier die angeborene Verschiedenheit Konstitution 

° und Heredität 

der sexuellen Konstitution zu nennen, auf die wahr- 
scheinlich das Hauptgewicht entfällt, die aber, wie begreiflich, nur 
aus ihren späteren Äußerungen und dann nicht immer mit 
großer Sicherheit zu erschließen ist. Wir stellen uns unter ihr 
ein Überwiegen dieser oder jener der mannigfachen Quellen der 
Sexualerregung vor und glauben, daß solche Verschiedenheit der 
Anlagen in dem Endergebnis jedenfalls zum Ausdruck kommen 
muß auch wenn dies sich innerhalb der Grenzen des Normalen 
zu halten vermag. Gewiß sind auch solche Variationen der 
ursprünglichen Anlage denkbar, welche notwendigerweise und 
ohne weitere Mithilfe zur Ausbildung eines abnormen Sexual- 
lebens führen müssen. Man kann dieselben dann „degenerative" 
heißen und als Ausdruck ererbter Verschlechterung betrachten. 
Ich habe in diesem Zusammenhange eine merkwürdige Tatsache 
zu berichten. Bei mehr als der Hälfte meiner psychotherapeutisch 
behandelten schweren Fälle von Hysterie, Zwangsneurose usw. 



112 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



ist mir der Nachweis der vor der Ehe überstandenen Syphilis 
der Väter sicher gelungen, sei es, daß diese an Tabes oder 
progressiver Paralyse gelitten hatten, sei es, daß deren luetische 
Erkrankung sich anderswie anamnestisch feststellen ließ. Ich 
bemerke ausdrücklich, daß die später neurotischen Kinder keine 
körperlichen Zeichen von hereditärer Lues an sich trugen, so 
daß eben die abnorme sexuelle Konstitution als der letzte Aus- 
läufer der luetischen Erbschaft zu betrachten war. So fern es 
mir nun liegt, die Abkunft von syphilitischen Eltern als 
regelmäßige oder unentbehrliche ätiologische Bedingung der 
neuropathischen Konstitution hinzustellen, so halte ich doch das 
von mir beobachtete Zusammentreffen für nicht zufällig und 
nicht bedeutungslos. 

Die hereditären Verhältnisse der positiv Perversen sind minder 
gut bekannt, weil dieselben sich der Erkundung zu entziehen 
wissen. Doch hat man Grund anzunehmen, daß bei den 
Perversionen ähnliches wie bei den Neurosen gilt. Nicht selten 
findet man nämlich Perversion und Psychoneurose in denselben 
Familien auf die verschiedenen Geschlechter so verteilt, daß 
die männlichen Mitglieder oder eines derselben positiv pervers, 
die weiblichen aber der Verdrängungsneigung ihres Geschlechts 
entsprechend negativ pervers, hysterisch sind, ein guter Beleg 
für die von uns gefundenen Wesensbeziehungen zwischen den 
beiden Störungen, 
weitere Man kann indes den Standpunkt nicht vertreten, als ob mit 

Verarbeitung , 

dem Ansatz der verschiedenen Komponenten in der sexuellen 
Konstitution die Entscheidung über die Gestaltung des Sexual- 
lebens eindeutig bestimmt wäre.. Die Bedingtheit setzt sich viel- 
mehr fort und weitere Möglichkeiten ergeben sich je nach dem 
Schicksal, welches die aus den einzelnen Quellen stammenden 
Sexualitätszuflüsse erfahren. Diese weitere Verarbeitung 
ist offenbar das endgültig Entscheidende, während die der 
Beschreibung nach gleiche Konstitution zu drei verschiedenen 



I 



Zusammenfassung 113 



Endausgängen führen kann. Wenn sich alle die Anlagen in 
ihrem, als abnorm angenommenen, relativen Verhältnis erhalten 
und mit der Reifung verstärken, so kann nur ein perverses 
Sexualleben das Endergebnis sein. Die Analyse solcher abnormer 
konstitutioneller Anlagen ist noch nicht ordentlich in Angriff 
genommen worden, doch kennen wir bereits Fälle, die in solchen 
Annahmen mit Leichtigkeit ihre Erklärung finden. Die Autoren 
meinen zum Beispiel von einer ganzen Reihe von Fixations- 
perversionen, dieselben hätten eine angeborene Schwäche des 
Sexualtriebes zur notwendigen Voraussetzung. In dieser Form 
scheint mir die Aufstellung unhaltbar; sie wird aber sinnreich, 
wenn eine konstitutionelle Schwäche des einen Faktors des 
Sexualtriebes, der genitalen Zone, gemeint ist, welche Zone 
späterhin die Zusammenfassung der einzelnen Sexualbetätigungen 
zum Ziel der Fortpflanzung als Funktion übernimmt. Diese in der 
Pubertät geforderte Zusammenfassung muß dann mißlingen und 
die stärkste der anderen Sexualitätskomponenten wird, ihre Betätigung 
als Perversion durchsetzen. 1 

Ein anderer Ausgang ergibt sich, wenn im Laufe der Entwicklung Verdrängung 
einzelne der überstark angelegten Komponenten den Prozeß der 
Verdrängung erfahren, von dem man festhalten muß, daß 
er einer Aufhebung nicht gleichkommt. Die betreffenden Erregungen 
werden dabei wie sonst erzeugt, aber durch psychische Verhinderung 
von der Erreichung ihres Zieles abgehalten und auf mannigfache 
andere Wege gedrängt, bis sie sich als Symptome zum Ausdruck 
gebracht haben. Das Ergebnis kann ein annähernd normales 
Sexualleben sein, — meist ein eingeschränktes, — aber ergänzt 
durch psychoneurotische Krankheit. Gerade diese Fälle sind uns ' 
durch die psychoanalytische Erforschung Neurotischer gut bekannt 
geworden. Das Sexualleben solcher Personen hat wie das der 

1) Man sieht dabei häufig, daß in der Pubertätszeit zunächst eine normale Sexual- 
'strömung einsetzt, welche aber infolge ihrer inneren Schwäche vor den ersten äußeren 
Hindernissen zusammenbricht und dann von der Regressipn auf die perverse Fixierung 
abgelöst wird. 

Freud, Sexualtheorie, G. Auflage. $ 



1 1 4 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 



Perversen begonnen, ein ganzes Stück ihrer Kindheit ist mit 
perverser Sexualtätigkeit ausgefüllt, die sich gelegentlich weit 
über die Reifezeit erstreckt; dann erfolgt aus inneren Ursachen 
— meist noch vor der Pubertät, aber hie und da sogar spät 
nachher — ein Verdrängungsumschlag, und von nun an tritt, 
ohne daß die alten Regungen erlöschen, Neurose an die Stelle 
der Perversion. Man wird an das Sprichwort „Junge Hure, alte 
Betschwester" erinnert, nur daß die Jugend hier allzu kurz 
■ausgefallen ist. Diese Ablösung der Perversion durch die Neurose 
im Leben derselben Person muß man ebenso wie die vorhin 
angeführte Verteilung von Perversion und Neurose auf verschiedene 
Personen derselben Familie mit der Einsicht, daß die Neurose das 
Negativ der Perversion ist, zusammenhalten, 
subitmiemng Der dritte Ausgang bei abnormer konstitutioneller Anlage 
wird durch den Prozeß der „Sublimierung" ermöglicht, bei 
welchem den überstarken Erregungen aus einzelnen Sexualitäts- 
quellen Abfluß und Verwendung auf andere Gebiete eröffnet 
wird, so daß eine nicht unerhebliche Steigerung der psychischen 
Leistungsfähigkeit aus der an sich gefährlichen Veranlagung 
resultiert. Eine der Quellen der Kunstbetätigung ist hier zu 
finden und, je nachdem solche Sublimierung eine vollständige 
oder unvollständige ist, wird die Charakteranalyse hochbegabter, 
insbesondere künstlerisch veranlagter Personen jedes Mengungs- 
verhältnis zwischen . Leistungsfähigkeit, Perversion und Neurose 
ergeben. Eine Unterart der Sublimierung ist wohl die Unter- 
drückung durch Reaktionsbildung, die, wie wir gefunden 
haben, bereits in der Latenzzeit des Kindes beginnt, um sich im 
günstigen Falle durchs ganze Leben fortzusetzen. Was wir den 
„Charakter" eines Menschen heißen, ist zum guten Teil mit 
dem Material sexueller Erregungen aufgebaut und setzt sich aus 
seit der Kindheit fixierten Trieben, aus durch Sublimierung 
gewonnenen und aus solchen Konstruktionen zusammen, die zur 
wirksamen Niederhaltung perverser, als unverwendbar erkannter 



"Zusammenfassung 115 



Regungen bestimmt sind. 1 Somit kann die allgemein perverse 
Sexualanlage der Kindheit als die Quelle einer Reihe unserer 
Tugenden geschätzt werden, insofern sie durch Reaktionsbildung 
zur Schaffung derselben Anstoß gibt. 2 

Gegenüber den Sexualentbindungen, Verdrängungsschüben und Akzidentell 
Sublimierungen, letztere beide Vorgänge, deren innere Bedingungen 
uns völlig unbekannt sind, treten alle anderen Einflüsse weit an 
Bedeutung zurück. Wer Verdrängungen und Sublimierungen mit 
zur konstitutionellen Anlage rechnet, als die Lebensäußerungen 
derselben betrachtet, der hat allerdings das Recht zu behaupten, 
daß die Endgestaltung des Sexuallebens vor allem das Ergebnis 
der angeborenen Konstitution ist. Indes wird kein Einsichtiger 
bestreiten, daß in solchem Zusammenwirken von Faktoren auch 
Raum für die modifizierenden Einflüsse des akzidentell in der 
Kindheit und späterhin Erlebten bleibt. Es ist nicht leicht, die 
Wirksamkeit der konstitutionellen und der akzidentellen Faktoren 
in ihrem Verhältnis zueinander abzuschätzen. In der Theorie neigt 
man immer zur Überschätzung der ersteren ; die therapeutische 
Praxis hebt die Bedeutsamkeit der letzteren hervor. Man sollte 
auf keinen Fall vergessen, daß zwischen den beiden ein Verhältnis 
von Kooperation und nicht von Ausschließung besteht. Das 
konstitutionelle Moment muß auf Erlebnisse warten, die es zur 
Geltung bringen, das akzidentelle bedarf einer Anlehnung an 
die Konstitution, um zur Wirkung zu kommen. Man kann sich 
für die Mehrzahl der Fälle eine sogenannte „Ergänzungsreihe" 
vorstellen, in welcher die fallenden Intensitäten des einen Faktors 

1) Bei einigen Charakterzügen ist selbst ein Zusammenhang mit bestimmten 
erogenen Komponenten erkannt worden. So leiten sich Trotz, Sparsamkeit und 
Ordentlichkeit aus der Verwendung der Analerotik ab. Der Ehrgeiz wird durch eine 
starke urethralero tische Anlage bestimmt. 

2) Ein Menschenkenner wie E. Zola schildert in „La Joie de vivre" ein 
Mädchen, das in heiterer Selbstentänßerung alles, was es besitzt imd beanspruchen 
könnte, sein Vermögen und seine Lebenswünsche geliebten Personen ohne Entlohnung 
zum Opfer bringt. Die Kindheit dieses Mädchens ist von einem unersättlichen Zärt- 
lichkeitsbedürfnis beherrscht, das sie bei einer Gelegenheit von Zurücksetzung gegen 
eine andere in Grausamkeit verfallen läßt. 



1 1 6 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 

durch die steigenden des anderen ausgeglichen werden, hat aber 
keinen Grund, die Existenz extremer Fälle an den Enden der 
Reihe zu leugnen. 

Der psychoanalytischen Forschung entspricht es noch besser, 
wenn man den Erlebnissen der frühen Kindheit unter den 
akzidentellen Momenten eine Vorzugsstellung einräumt. Die 
eine ätiologische Reihe zerlegt sich dann in zwei, die man die 
dispositionelle und die definitive heißen kann. In der 
ersteren wirken Konstitution und akzidentelle Kindheitserlebnisse 
ebenso zusammen, wie in der zweiten Disposition und spätere 
traumatische Erlebnisse. Alle die Sexualentwicklung schädigenden 
Momente äußern ihre Wirkung in der Weise, daß sie eine 
Regression, eine Rückkehr zu einer früheren Entwicklungs- 
phase hervorrufen. 

Wir setzen hier unsere Aufgabe fort, die uns als einflußreich 
für die Sexualentwicklung bekannt gewordenen Momente aufzu- 
zählen, sei es, daß diese wirksame Mächte oder bloß Äußerungen 
solcher darstellen. 
Frühreife Ein solches Moment ist die spontane sexuelle Frühreife, 

die wenigstens in der Ätiologie der Neurosen mit Sicherheit 
nachweisbar ist, wenngleich sie so wenig wie andere Momente 
für sich allein zur Verursachung hinreicht. Sie äußert sich in 
Durchbrechung, Verkürzung oder Aufhebung der infantilen 
Latenzzeit und wird zur Ursache von Störungen, indem sie 
Sexualäußerungen veranlaßt, die einerseits wegen des unfertigen 
Zustandes der Sexualhemmungen, andererseits infolge des unent- 
wickelten Genitalsystems nur den Charakter von Perversionen 
an sich tragen können. Diese Perversionsneigungen mögen sich 
nun als solche erhalten oder nach eingetretenen Verdrängungen 
zu Triebkräften neurotischer Symptome werden; auf alle Fälle 
erschwert die sexuelle Frühreife die wünschenswerte spätere 
Beherrschung des Sexualtriebes durch die höheren seelischen 
Instanzen und steigert den zwangartigen Charakter, den die 



Zusammenfassung fcl 7 



psychischen Vertretungen des Triebes ohnedies in Anspruch 
nehmen. Die sexuelle Frühreife geht häufig vorzeitiger intel- 
lektueller Entwicklung parallel; als solche findet sie sich in der 
Kindheitsgeschichte der bedeutendsten und leistungsfähigsten 
Individuen; sie scheint dann nicht ebenso pathogen zu wirken, 
wie wenn sie isoliert auftritt. 

Ebenso wie die Frühreife fordern andere Momente Berück- J eiU *** 

Momente 

sichtigung, die man als „zeitliche" mit dör Frühreife zusammen- 
fassen kann. Es scheint phylogenetisch festgelegt, in welcher 
Reihenfolge die einzelnen Triebregungen aktiviert werden, und 
wie lange sie sich äußern können, bis sie dem Einfluß einer 
neu auftretenden Triebregung oder einer typischen Verdrängung 
unterliegen. Allein sowohl in dieser zeitlichen Aufeinanderfolge 
wie in der Zeitdauer derselben scheinen Variationen vorzukommen, 
die auf das Endergebnis einen bestimmenden Einfluß üben 
müssen. Es kann nicht gleichgültig sein, ob eine gewisse Strömung 
früher oder später auftritt als ihre Gegenströmung, denn die 
Wirkung einer Verdrängung ist nicht rückgängig zu machen: 
eine zeitliche Abweichung in der Zusammensetzung der Kompo- 
nenten ergibt regelmäßig eine Änderung des Resultats. Andererseits 
nehmen besonders intensiv auftretende Triebregungen oft einen 
überraschend schnellen Ablauf, z. B. die heterosexuelle Bindung 
der später manifest Homosexuellen. Die am heftigsten einsetzenden 
Strebungen der Kinderjahre rechtfertigen nicht die Befürchtung, 
daß sie den Charakter des Erwachsenen dauernd beherrschen 
werden; man darf ebensowohl erwarten, daß sie verschwinden 
werden, um ihrem Gegenteil Platz zu machen. (Gestrenge 
Herren regieren nicht lange.) Worauf solche zeitliche Verwirrungen 
der Entwicklungsvorgänge rückführbar sind, vermögen wir auch 
nicht in Andeutungen anzugeben. Es eröffnet sich hier ein 
Ausblick auf eine tiefere Phalanx von biologischen, vielleicht auch 
historischen Problemen, denen wir uns noch nicht auf Kampfes- 
weite angenähert haben. 



Haftbarkeit 



Die Bedeutung aller frühzeitigen Sexualäußerungen wird durch 
einen psychischen Faktor unbekannter Herkunft gesteigert, den 
man derzeit freilich nur als eine psychologische Vorläufigkeit 
hinstellen kann. Ich meine die erhöhte Haftbarkeit oder 
Fixier barkeit dieser Eindrücke des Sexuallebens, die man bei 
späteren Neurotikern wie bei Perversen zur Ergänzung des Tat- 
bestandes hinzunehmen muß, da die gleichen vorzeitigen Sexual- 
äußerungen bei anderen Personen sich nicht so tief einprägen 
können, daß sie zwangartig auf Wiederholung hinwirken und dem 
Sexualtrieb für alle Lebenszeit seine Wege vorzuschreiben ver- 
mögen. Vielleicht liegt ein Stück der Aufklärung für diese 
Haftbarkeit in einem anderen psychischen Moment, welches wir 
in der Verursachung der Neurosen nicht missen können, nämlich 
in dem Übergewicht, welches im Seelenleben den Erinnerungs- 
spuren im Vergleich mit den rezenten Eindrücken zufällt. Dieses 
Moment ist offenbar von der intellektuellen Ausbildung abhängig 
und wächst mit der Höhe der persönlichen Kultur. Im Gegensatz 
hiezu ist der Wilde als das „unglückselige Kind des Augenblickes" 
charakterisiert worden. 1 Wegen der gegensätzlichen Beziehung 
zwischen Kultur und freier Sexualitätsentwicklung, deren Folgen 
weit in die Gestaltung unseres Lebens verfolgt werden können, 
ist es auf niedriger Kultur- oder Gesellschaftsstufe so wenig, auf 
höherer so sehr fürs spätere Leben bedeutsam, wie das sexuelle 
Leben des Kindes verlaufen ist. 
Fixierung Die Begünstigung durch die eben erwähnten psychischen 
Momente kommt nun den akzidentell erlebten Anregungen der 
kindlichen Sexualität zugute. Die letzteren (Verführung durch 
andere Kinder oder Erwachsene in erster Linie) bringen das Material 
bei, welches mit Hilfe der ersteren zur dauernden Störung fixiert 
werden kann. Ein guter Teil der später beobachteten Abweichungen 

vom normalen Sexualleben ist so bei Neurotikern wie bei 

1 , 

1) Möglicherweise ist die Erhöhung der Haftbarkeit auch der Erfolg einer 
besonders intensiven somatischen Sexualäußerung früherer Jahre, 



Zusammenfassung 



1J 9 



Perversen durch die Eindrücke der angeblich sexualfreien Kindheits- 
periode von Anfang an festgelegt. In die Verursachung teilen sich 
das Entgegenkommen der Konstitution, die Frühreife, die Eigenschaft 
der erhöhten Haftbarkeit und die zufällige Anregung des Sexual- 
triebes durch fremden Einfluß. 

Der unbefriedigende Schluß aber, der sich aus diesen Unter- 
suchungen über die Störungen des Sexuallebens ergibt, geht dahin, 
daß wir von den biologischen Vorgängen, in denen das Wesen 
der Sexualität besteht, lange nicht genug wissen, um aus unseren 
vereinzelten Einsichten eine zum Verständnis des Normalen wie 
des Pathologischen genügende Theorie zu gestalten. 



INHALTSVERZEICHNIS 

Seite 

Vorwort zur dritten Auflage - 

Vorwort zur vierten Auflage c 

I. Die sexuellen Abirrungen 7 

1) Abweichungen in Bezug auf das Sexualobjekt . 8 

• a) Die Inversion 8 

b) Geschlechtsunreil'e und Tiere als Sexiialobjekte . . . . . 21 

2) Abweichungen in Bezug auf das Sexualziel 22 

a) Anatomische Überschreitungen 23 

b) Fixierungen von vorläufigen Sexualzielen . , 2Q 

3) Allgemeines über alle Perversionen -~ 

4) Der Sexualtrieb bei den Neurotikern 56 

5) Partialtriebe und erogene Zonen ........... 41 

6) Erklärung des scheinbaren Überwiegens perverser Sexualität bei 

den Psychoneurosen 4- 

7) Verweis auf den Infantilismus der Sexualität . . . ... . 45 

IL Die infantile Sexualität ........... 47 

Die sexuelle Latenzperiode der Kindheit und ihre Durchbrechungen 5 1 

Die Äuf3erungen der infantilen Sexualität 5 j, 

Das Sexualziel der infantilen Sexualität c-r 

Die masturbatorischen Sexualäußerungen 60 

Die infantile Sexualforschung .- . . . 60 

Entwicklungsphasen der sexuellen Organisation 7 2 

Quellen der infantilen Sexualität ~- 

III. Die Umgestaltungen der Pubertät ... . . ..82 

Das Primat der Genitalzonen und die Vorlust 8- 

Das Problem der Sexualerregung , 88 

Die Libidotheorie .02 

Differenzierung von Mann und Weib • 04 

Die Objektfindung q- 

Zusammenfassung . 106 



1 



1 



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Drei Abkandltjngen 
Oexualtheorie 



zur 



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