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Full text of "Gesammelte Schriften VI. Zur Technik / Zur Einführung des Narzissmus / Jenseits des Lustprinzips / Massenpsychologie und Ich-Analyse / Das Ich und des Es / Anhang"

I 



■■' 



SIGM. FREUD 

GESAMMELTE 
SCHRIFTEN 

vi 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 






GESAMMELTE 
SCHRIFTEN 



VON 



SIGM. FREUD 



SECHSTER BAND 

ZUR TECHNIK / ZUR EINFÜHRUNG DES 
NARZISSMUS / JENSEITS DES LUST- 
PRINZIPS / MASSENPSYCHOLOGIE UND 
ICH-ANALYSE / DAS ICH UND 
DAS ES / ANHANG 



INTERNATIONALER 
PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

LEIPZIG / WIEN / ZÜRICH 



Die Herausgabe dieses Bandes besorgten 
unter Mitwirkung des Verfassers 



Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung, vorbehalten 

Copyright 1925 by „Internationaler Psychoanalytischer 
Verlag, Ges. m. b. H.«, Wien 



Gesellschaft für graphische Industrie, Wien, III., Rüdengasse 11 






Anna Freud und A. J. Storfer 






L 



ZUR TECHNIK 



Freud, VI. 



Von den Abhandlungen, die hier unter dem Titel „Zur Technik" ver- 
einigt werden, sind die ersten vier, — die in Buchform zuerst in der ersten, 
beziehungsweise dritten Folge der „Sammlung kleiner Schriften zur Neurosen- 
lehre" erschienen waren, — mit Genehmigung des Verlages Franz Deuticke, 
Leipzig und Wien, in diese Gesamtausgabe aufgenommen worden. 






DIE FREUDSCHE PSYCHOANALYTISCHE 

METHODE 

Zuerst erschienen in: Löwenfeld, Psychische 
Zwangserscheinungen, 1904 (ohne Nennung des 
Verfassers); dann in der Ersten Folge der „Sammlung 
kleiner Schriften zur Neurosenlehre". 

„Die eigentümliche Methode der Psychotherapie, die Freud 
ausübt und als Psychoanalyse bezeichnet, ist aus dem sogenannten 
kathartischen Verfahren hervorgegangen, über welches er seiner- 
zeit in den „Studien über Hysterie" 1895 in Gemeinschaft mit 
J. Breuer berichtet hat. Die kathartische Therapie war eine 
Erfindung Breuers, der mit ihrer Hilfe zuerst etwa ein Dezen- 
nium vorher eine hysterische Kranke hergestellt und dabei Ein- 
sicht in die Pathogenese ihrer Symptome gewonnen hatte. Infolge 
einer persönlichen Anregung Breuers nahm dann Freud das 
Verfahren wieder auf und erprobte es an einer größeren Anzahl 
von Kranken. 

Das kathartische Verfahren setzte voraus, daß der Patient hyp- 
notisierbar sei, und beruhte auf der Erweiterung des Bewußtseins, 
die in der Hypnose eintritt. Es setzte sich die Beseitigung der 
Krankheitssymptome zum Ziele und erreichte dies, indem es den 
Patienten sich in den psychischen Zustand zurückversetzen ließ, 
in welchem das Symptom zum erstenmal aufgetreten war. Es 
tauchten dann bei dem hypnotisierten Kranken Erinnerungen, 
Gedanken und Impulse auf, die in seinem Bewußtsein bisher 
ausgefallen waren, und wenn er diese seine seelischen Vorgänge 



Zur Technik 



unter intensiven Affektäußerungen dem Arzte mitgeteilt hatte, 
war das Symptom überwunden, die Wiederkehr desselben auf- 
gehoben. Diese regelmäßig zu wiederholende Erfahrung erläuterten 
die beiden Autoren in ihrer gemeinsamen Arbeit dahin, daß das 
Symptom an Stelle von unterdrückten und nicht zum Bewußtsein 
gelangten psychischen Vorgängen stehe, also eine Umwandlung 
(„Konversion") der letzteren darstelle. Die therapeutische Wirk- 
samkeit ihres Verfahrens erklärten sie sich aus der Abfuhr des 
bis dahin gleichsam „eingeklemmten" Affektes, der an den unter- 
drückten seelischen Aktionen gehaftet hatte („Abreagieren"). Das 
einfache Schema des therapeutischen Eingriffes komplizierte sich 
aber nahezu allemal, indem sich zeigte, daß nicht ein einzelner 
(„traumatischer") Eindruck, sondern meist eine schwer zu über- 
sehende Reihe von solchen an der Entstehung des Symptoms 
beteiligt sei. 

Der Hauptcharakter der kathartischen Methode, der sie in 
Gegensatz zu allen anderen Verfahren der Psychotherapie setzt, 
liegt also darin, daß bei ihr die therapeutische Wirksamkeit 
nicht einem suggestiven Verbot des Arztes übertragen wird. Sie 
erwartet vielmehr, daß die Symptome von selbst verschwinden 
werden, wenn es dem Eingriff, der sich auf gewisse Voraus- 
setzungen über den psychischen Mechanismus beruft, gelungen 
ist, seelische Vorgänge zu einem andern als dem bisherigen Ver- 
laufe zu bringen, der in die Symptombildung eingemündet hat. 

Die Abänderungen, welche Freud an dem kathartischen Ver- 
fahren Breuers vornahm, waren zunächst Änderungen der 
Technik ; diese brachten aber neue Ergebnisse und haben in 
weiterer Folge zu einer andersartigen, wiewohl der früheren 
nicht widersprechenden Auffassung der therapeutischen Arbeit 
genötigt. 

Hatte die kathartische Methode bereits auf die Suggestion 
verzichtet, so unternahm Freud den weiteren Schritt, auch die 
Hypnose aufzugeben. Er behandelt gegenwärtig seine Kranken, 



Die Freudsche psychoanalytische Methode 



indem er sie ohne andersartige Beeinflussung eine bequeme 
Rückenlage auf einem Ruhebett einnehmen läßt, während er 
selbst, ihrem Anblick entzogen, auf einem Stuhle hinter ihnen 
sitzt. Auch den Verschluß der Augen fordert er von ihnen nicht 
und vermeidet jede Berührung sowie jede andere Prozedur, die 
an Hypnose mahnen könnte. Eine solche Sitzung verläuft also 
wie ein Gespräch zwischen zwei gleich wachen Personen, von 
denen die eine sich jede Muskelanstrengung und jeden ablenken- 
den Sinneseindruck erspart, die sie in der Konzentration ihrer 
Aufmerksamkeit auf ihre eigene seelische Tätigkeit stören könnten. 

Da das Hypnotisiertwerden, trotz aller Geschicklichkeit des 
Arztes, bekanntlich in der Willkür des Patienten liegt, und eine 
große Anzahl neurotischer Personen durch kein Verfahren in 
Hypnose zu versetzen ist, so war durch den Verzicht auf die 
Hypnose die Anwendbarkeit des Verfahrens auf eine unein- 
geschränkte Anzahl von Kranken gesichert. Anderseits fiel die 
Erweiterung des Bewußtseins weg, welche dem Arzt gerade jenes 
psychische Material an Erinnerungen und Vorstellungen geliefert 
hatte, mit dessen Hilfe sich die Umsetzung der Symptome und 
die Befreiung der Affekte vollziehen ließ. Wenn für diesen Aus- 
fall kein Ersatz zu schaffen war, konnte auch von einer thera- 
peutischen Einwirkung keine Rede sein. 

Einen solchen völlig ausreichenden Ersatz fand nun Freud 
in den Einfällen der Kranken, das heißt in den ungewollten, 
meist als störend empfundenen und darum unter gewöhnlichen 
Verhältnissen beseitigten Gedanken, die den Zusammenhang einer 
beabsichtigten Darstellung zu durchkreuzen pflegen. Um sich 
dieser Einfälle zu bemächtigen, fordert er die Kranken auf, sich 
in ihren Mitteilungen gehen zu lassen, „wie man es etwa in 
einem Gespräche tut, bei welchem man aus dem Hundertsten in 
das Tausendste gerät.' Er schärft ihnen, ehe er sie zur detaillierten 
Erzählung ihrer Krankengeschichte auffordert, ein, alles mit zu 
sagen, was ihnen dabei durch den Kopf geht, auch wenn sie 



Zur Technik 



meinen, es sei unwichtig, oder es gehöre nicht dazu, oder es sei 
unsinnig. Mit besonderem Nachdrucke aber wird von ihnen ver- 
langt, daß sie keinen Gedanken oder Einfall darum von der Mit- 
teilung ausschließen, weil ihnen diese Mitteilung beschämend 
oder peinlich ist. Bei den Bemühungen, dieses Material an sonst 
vernachlässigten Einfällen zu sammeln, machte nun Freud die 
Beobachtungen, die für seine ganze Auffassung bestimmend 
geworden sind. Schon bei der Erzählung der Krankengeschichte 
stellen sich bei den Kranken Lücken der Erinnerung heraus, 
sei es, daß tatsächliche Vorgänge vergessen worden, sei es,- daß 
zeitliche Beziehungen verwirrt oder Kausalzusammenhänge zer- 
rissen worden sind, so daß sich unbegreifliche Effekte ergeben. 
Ohne Amnesie irgend einer Art gibt es keine neurotische Kranken- 
geschichte. Drängt man den Erzählenden, diese Lücken seines 
Gedächtnisses durch angestrengte Arbeit der Aufmerksamkeit aus- 
zufüllen, so merkt man, daß die hiezu sich einstellenden Ein- 
fälle von ihm mit allen Mitteln der Kritik zurückgedrängt 
werden, bis er endlich das direkte Unbehagen verspürt, wenn 
sich die Erinnerung wirklich eingestellt hat. Aus dieser Erfahrung 
schließt Freud, daß die Amnesien das Ergebnis eines Vorganges 
sind, den er Verdrängung heißt, und als dessen Motiv er 
Unlustgefühle erkennt. Die psychischen Kräfte, welche diese Ver- 
drängung herbeigeführt haben, meint er in dem Widerstand, 
der sich gegen die Wiederherstellung erhebt, zu verspüren. 

Das Moment des Widerstandes ist eines der Fundamente seiner 
Theorie geworden. Die sonst unter allerlei Vorwänden (wie sie 
die obige Formel aufzählt) beseitigten Einfälle betrachtet er aber 
als Abkömmlinge der verdrängten psychischen Gebilde (Gedanken 
und Regungen), als Entstellungen derselben infolge des gegen 
ihre Reproduktion bestehenden Widerstandes. 

Je größer der Widerstand, desto ausgiebiger diese Entstellung. 
In dieser Beziehung der unbeabsichtigten Einfälle zum ver- 
drängten psychischen Material ruht nun ihr Wert für die thera- 



Die Freudsche psychoanalytische Methode 



peutische Technik. Wenn man ein Verfahren besitzt, welches 
ermöglicht, von den Einfällen aus zu dem Verdrängten, von den 
Entstellungen zum Entstellten zu gelangen, so kann man auch 
ohne Hypnose das früher Unbewußte im Seelenleben dem 
Bewußtsein zugänglich machen. 

Freud hat darauf eine Deutungskunst ausgebildet, welcher 
diese Leistung zufällt, die gleichsam aus den Erzen der unbeab- 
sichtigten Einfälle den Metallgehalt an verdrängten Gedanken 
darstellen soll. Objekt dieser Deutungsarbeit sind nicht allein die 
Einfälle des Kranken, sondern auch seine Träume, die den 
direktesten Zugang zur Kenntnis des Unbewußten eröffnen, seine 
unbeabsichtigten, wie planlosen Handlungen (Symptomhandlungen) 
und die Irrungen seiner Leistungen im Alltagsleben (Versprechen, 
Vergreifen u. dgl.). Die Details dieser Deutungs- oder Über- 
setzungstechnik sind von Freud noch nicht veröffentlicht worden. 
Es sind nach seinen Andeutungen eine Reihe von empirisch 
gewonnenen Regeln, wie aus den Einfällen das unbewußte Material 
zu konstruieren ist, Anweisungen, wie man es zu verstehen habe, 
wenn die Einfälle des Patienten versagen, und Erfahrungen über 
die wichtigsten typischen Widerstände, die sich im Laufe einer 
solchen Behandlung einstellen. Ein umfangreiches Buch über 
„Traumdeutung", 1900 von Freud publiziert, ist als Vorläufer 
einer solchen Einführung in die Technik anzusehen. 

Man könnte aus diesen Andeutungen über die Technik der 
psychoanalytischen Methode schließen, daß deren Erfinder sich 
überflüssige Mühe verursacht und Unrecht getan hat, das wenig 
komplizierte hypnotische Verfahren zu verlassen. Aber einerseits 
ist die Technik der Psychoanalyse viel leichter auszuüben, wenn 
man sie einmal erlernt hat, als es bei einer Beschreibung den 
Anschein hat, anderseits führt kein anderer Weg zum Ziele, und 
darum ist der mühselige Weg noch der kürzeste. Der Hypnose 
ist vorzuwerfen, daß sie den Widerstand verdeckt und dadurch 
dem Arzt den Einblick in das Spiel der psychischen Kräfte ver- 



Zur Technik 



wehrt hat. Sie räumt aber mit dem Widerstände nicht auf 
sondern weicht ihm nur aus und ergibt darum nur unvoll- 
ständige Auskünfte und nur vorübergehende Erfolge. 

Die Aufgabe, welche die psychoanalytische Methode zu lösen 
bestrebt ist, läßt sich in verschiedenen Formeln ausdrücken, die 
aber ihrem Wesen nach äquivalent sind. Man kann sagen: Auf- 
gabe der Kur sei, die Amnesien aufzuheben. Wenn alle 
Erinnerungslücken ausgefüllt, alle rätselhaften Effekte des psy- 
chischen Lebens aufgeklärt sind, ist der Fortbestand, ja eine 
Neubildung des Leidens unmöglich gemacht. Man kann die 
Bedingung anders fassen: es seien alle Verdrängungen rückgängig 
zu machen 5 der psychische Zustand ist dann derselbe, in dem 
alle Amnesien ausgefüllt sind. Weittragender ist eine andere 
Fassung: es handle sich darum, das Unbewußte dem Bewußtsein 
zugänglich zu machen, was durch Überwindung der Widerstände 
geschieht. Man darf aber dabei nicht vergessen, daß ein solcher 
Idealzustand auch beim normalen Menschen nicht besteht, und 
daß man nur selten in die Lage kommen kann, die Behandlung 
annähernd so weit zu treiben. So wie Gesundheit und Krankheit 
nicht prinzipiell geschieden, sondern nur durch eine praktisch 
bestimmbare Summationsgrenze gesondert sind, so wird man sich 
auch nie etwas anderes zum Ziel der Behandlung setzen als die 
praktische Genesung des Kranken, die Herstellung seiner Leistungs- 
und Genußfähigkeit. Bei unvollständiger Kur oder unvoll- 
kommenem Erfolge derselben erreicht man vor allem eine 
bedeutende Hebung des psychischen Allgemeinzustandes, während 
die Symptome, aber mit geminderter Bedeutung für den Kranken, 
fortbestehen können, ohne ihn zu einem Kranken zu stempeln. 
Das therapeutische Verfahren bleibt, von geringen Modifikationen 
abgesehen, das nämliche für alle Symptombilder der vielgestaltigen 
Hysterie und ebenso für alle Ausbildungen der Zwangsneurose. 
Von einer unbeschränkten Anwendbarkeit desselben ist aber keine 
Rede. Die Natur der psychoanalytischen Methode schafft Indika- 



Die Freudsche psychoanalytische Methode 



tionen und Gegenanzeigen sowohl von Seiten der zu behandeln- 
den Personen als auch mit Rücksicht auf das Krankheitsbild. Am 
günstigsten für die Psychoanalyse sind die chronischen Fälle von 
Psych oneurosen mit wenig stürmischen oder gefahrdrohenden 
Symptomen, also zunächst alle Arten der Zwangsneurose, 
Zwangsdenken und Zwangshandeln, und Fälle von Hysterie, in 
denen Phobien und Abulien die Hauptrolle spielen, weiterhin 
aber auch alle somatischen Ausprägungen der Hysterie, insoferne 
nicht, wie bei der Anorexie, rasche Beseitigung der Symptome 
zur Hauptaufgabe des Arztes wird. Bei akuten Fällen von Hysterie 
wird man den Eintritt eines ruhigeren Stadiums abzuwarten 
haben; in allen Fällen, bei denen die nervöse Erschöpfung obenan 
steht, wird man ein Verfahren vermeiden, welches selbst Anstrengung 
erfordert, nur langsame Fortschritte zeitigt und auf die Fortdauer 
der Symptome eine Zeitlang keine Rücksicht nehmen kann. 

An die Person, die man mit Vorteil der Psychoanalyse unter- 
ziehen soll, sind mehrfache Forderungen zu stellen. Sie muß 
erstens eines psychischen Normalzustandes fähig sein; in Zeiten 
der Verworrenheit oder melancholischer Depression ist auch bei 
einer Hysterie nichts auszurichten. Man darf ferner ein gewisses 
Maß natürlicher Intelligenz und ethischer Entwicklung fordern; 
bei we rtlosen Personen läßt den Arzt bald das Interesse im 
Stiche, welches ihn zur Vertiefung in das Seelenleben deT 
Kranken befähigt. Ausgeprägte Charakterverbildungen, Züge von 
wirklich degenerativer Konstitution äußern sich bei der Kur als 
Quelle von kaum zu überwindenden Widerständen. Insoweit setzt 
überhaupt die Konstitution eine Grenze für die Heilbarkeit durch 
Psychotherapie. Auch eine Altersstufe in der Nähe des fünften 
Dezenniums schafft ungünstige Bedingungen für die Psycho- 
analyse. Die Masse des psychischen Materials ist dann nicht 
mehr zu bewältigen, die zur Herstellung erforderliche Zeit wird 
zu lang, und die Fähigkeit, psychische Vorgänge rückgängig zu 
machen, beginnt zu erlahmen. 



10 



Zur Technik 



I 



Trotz aller dieser Einschränkungen ist die Anzahl der für die 
Psychoanalyse geeigneten Personen eine außerordentlich große 
und die Erweiterung unseres therapeutischen Könnens durch 
dieses Verfahren nach den Behauptungen Freuds eine sehr 
beträchtliche. Freud beansprucht lange Zeiträume, ein halbes Jahr 
bis drei Jahre für eine wirksame Behandlung; er gibt aber die 
Auskunft, daß er bisher infolge verschiedener leicht zu erratender 
Umstände meist nur in die Lage gekommen ist, seine Behandlung 
an sehr schweren Fällen zu erproben, Personen mit vieljähriger 
Krankheitsdauer und völliger Leistungsunfähigkeit, die, durch alle 
Behandlungen getäuscht, gleichsam eine letzte Zuflucht bei seinem 
neuen und viel angezweifelten Verfahren gesucht haben. In 
Fällen leichterer Erkrankung dürfte sich die Behandlungsdauer 
sehr verkürzen und ein außerordentlicher Gewinn an Vorbeugung 
für die Zukunft erzielen lassen." 



ÜBER PSYCHOTHERAPIE 

Fortrag, gehalten im Wiener Medizinischen 
Doktorenkollegium am 12. Dezember 1904; zuerst er- 
schienen in der „Wiener Medizinischen Presse", ipoj, 
Nr. 1, dann in der Ersten Folge der „Sammlung 
kleiner Schriften zur Neurosenlehre". 

Meine Herren! Es sind ungefähr acht Jahre her, seitdem ich 
über Aufforderung Ihres betrauerten Vorsitzenden Professor von 
Red er in Ihrem Kreise über das Thema der Hysterie sprechen 
durfte. Ich hatte kurz zuvor (1895) in Gemeinschaft mit Doktor 
Josef Breuer die „Studien über Hysterie" veröffentlicht und 
den Versuch unternommen, auf Grund der neuen Erkenntnis, 
welche wir diesem Forscher verdanken, eine neuartige Behand- 
lungsweise der Neurose einzuführen. Erfreulicherweise darf ich 
sagen, haben die Bemühungen unserer „Studien" Erfolg gehabt; 
die in ihnen vertretenen Ideen von der Wirkungsweise psychischer 
Traumen durch Zurückhaltung von Affekt und die Auffassung 
der hysterischen Symptome als Erfolge einer aus dem Seelischen 
ins Körperliche versetzten Erregung, Ideen, für welche wir die 
Termini „Abreagieren" und „Konversion" geschaffen hatten, 
sind heute allgemein bekannt und verstanden. Es gibt — wenigstens 
in deutschen Landen — keine Darstellung der Hysterie, die 
ihnen nicht bis zu einem gewissen Grade Rechnung tragen 
würde, und keinen Fachgenossen, der nicht zum mindesten ein 
Stück weit mit dieser Lehre ginge. Und doch mögen diese Sätze 
und diese Termini, solange sie noch frisch waren, befremdend 
genug geklungen haben! 






12 Zur Technik 



Ich kann nicht dasselbe von dem therapeutischen Verfahren 
sagen, das gleichzeitig mit unserer Lehre den Fachgenossen vor- 
geschlagen wurde. Dasselbe kämpft noch heute um seine Aner- 
kennung. Man mag spezielle Gründe dafür anrufen. Die Technik 
des Verfahrens war damals noch unausgebildet 5 ich vermochte 
es nicht, dem ärztlichen Leser des Buches jene Anweisungen zu 
geben, welche ihn befähigt hätten, eine derartige Behandlung 
vollständig durchzuführen. Aber gewiß wirken auch Gründe allge- 
meiner Natur mit. Vielen Ärzten erscheint noch heute die Psycho- 
therapie als ein Produkt des modernen Mystizismus und im 
Vergleiche mit unseren physikalisch-chemischen Heilmitteln, 
deren Anwendung auf physiologische Einsichten gegründet ist, 
als geradezu unwissenschaftlich, des Interesses eines Natur- 
forschers unwürdig. Gestatten Sie mir nun, vor Ihnen die 
Sache der Psychotherapie zu führen und hervorzuheben, was an 
dieser Verurteilung als Unrecht oder Irrtum bezeichnet werden 
kann. 

Lassen Sie mich also fürs erste daran mahnen, daß die Psycho- 
therapie kein modernes Heilverfahren ist. Im Gegenteil, sie ist 
die älteste Therapie, deren sich die Medizin bedient hat. In dem 
lehrreichen Werke von Löwenfeld (Lehrbuch der gesamten 
Psychotherapie) können Sie nachlesen, welche die Methoden der 
primitiven und der antiken Medizin waren. Sie werden dieselben 
zum größten Teil der Psychotherapie zuordnen müssen; man ver- 
setzte die Kranken zum Zwecke der Heilung in den Zustand der 
„gläubigen Erwartung", der uns heute noch das nämliche leistet. 
Auch nachdem die Ärzte andere Heilmittel aufgefunden haben, 
sind psychotherapeutische Bestrebungen der einen oder der anderen 
Art in der Medizin niemals untergegangen. 

Fürs zweite mache ich Sie darauf aufmerksam, daß wir Ärzte 
auf die Psychotherapie schon darum nicht verzichten können, weil 
eine andere, beim Heilungsvorgang sehr in Betracht kommende 
Partei — nämlich die Kranken — nicht die Absicht hat, auf sie 






Über Psychotherapie 



15 



zu verzichten. Sie wissen, welche Aufklärungen wir hierüber 
der Schule von Nancy (Li^bault, Bern hei m) verdanken. Ein 
von der psychischen Disposition der Kranken abhängiger Faktor 
tritt, ohne daß wir es beabsichtigen, zur Wirkung eines jeden 
vom Arzte eingeleiteten Heilverfahrens hinzu, meist im begün- 
stigenden, oft auch im hemmenden Sinne. Wir haben für diese 
Tatsache das Wort „Suggestion" anzuwenden gelernt, und 
M o e b i u s hat uns gelehrt, daß die Unverläßlichkeit, die wir an 
so manchen unserer Heilmethoden beklagen, gerade auf die 
störende Einwirkung dieses übermächtigen Moments zurückzu- 
führen ist. Wir Ärzte, Sie alle, treiben also beständig Psycho- 
therapie, auch wo Sie es nicht wissen und nicht beabsichtigen 5 
nur hat es einen Nachteil, daß Sie den psychischen Faktor in 
Ihrer Einwirkung auf den Kranken so ganz dem Kranken über- 
lassen. Er wird auf diese Weise unkontrollierbar, undosierbar, der 
Steigerung unfähig. Ist es dann nicht ein berechtigtes Streben 
des Arztes, sich dieses Faktors zu bemächtigen, sich seiner mit 
Absicht zu bedienen, ihn zu lenken und zu verstärken? Nichts 
anderes als dies ist es, was die wissenschaftliche Psychotherapie 
Ihnen zumutet. 

Zu dritt, meine Herren Kollegen, will ich Sie auf die altbe- 
kannte Erfahrung verweisen, daß gewisse Leiden, und ganz 
besonders die Psychoneurosen, seelischen Einflüssen weit zugäng- 
licher sind, als jeder anderen Medikation. Es ist keine moderne 
Rede, sondern ein Ausspruch alter Ärzte, daß diese Krankheiten 
nicht das Medikament heilt, sondern der Arzt, das heißt wohl die 
Persönlichkeit des Arztes, insofern er psychischen Einfluß durch 
sie ausübt. Ich weiß wohl, meine Herren Kollegen, daß bei 
Ihnen jene Anschauung sehr beliebt ist, welcher der Ästhetiker 
Vi seh er in seiner Faustparodie (Faust, der Tragödie III. Teil) 
klassischen Ausdruck geliehen hat: 



„Ich weiß, das Physikalische 
Wirkt öfters aufs Moralische." 



1 4 Zur Technik 



Aber sollte es nicht adäquater sein und häufiger zutreffen, daß 
man aufs Moralische eines Menschen mit moralischen, das heißt 
psychischen Mitteln einwirken kann? 

Es gibt viele Arten und Wege der Psychotherapie. Alle sind 
gut, die zum Ziel der Heilung führen. Unsere gewöhnliche 
Tröstung: Es wird schon wieder gut werden! mit der wir den 
Kranken gegenüber so freigebig sind, entspricht einer der psycho- 
therapeutischen Methoden; nur sind wir bei tieferer Einsicht in 
das Wesen der Neurosen nicht genötigt gewesen, uns auf die 
Tröstung einzuschränken. Wir haben die Technik der hypnotischen 
Suggestion, der Psychotherapie durch Ablenkung, durch Übung, 
durch Hervorrufung zweckdienlicher Affekte entwickelt. Ich ver- 
achte keine derselben und würde sie alle unter geeigneten Bedin- 
gungen ausüben. Wenn ich mich in Wirklichkeit auf ein einziges 
Heilverfahren beschränkt habe, auf die von Breuer „kathar- 
tisch" genannte Methode, die ich lieber die „analytische" 
heiße, so sind bloß subjektive Motive für mich maßgebend 
gewesen. Infolge meines Anteiles an der Aufstellung dieser Therapie 
fühle ich die persönliche Verpflichtung, mich ihrer Erforschung 
und dem Ausbau ihrer Technik zu widmen. Ich . darf behaupten, 
die analytische Methode der Psychotherapie ist diejenige, welche 
am eindringlichsten wirkt, am weitesten trägt, durch welche man 
die ausgiebigste Veränderung des Kranken erzielt. Wenn ich für 
einen Moment den therapeutischen Standpunkt verlasse, kann ich 
für sie geltend machen, daß sie die interessanteste ist, uns allein 
etwas über die Entstehung und den Zusammenhang der Krank- 
heitserscheinungen lehrt. Infolge der Einsichten in den Mecha- 
nismus des seelischen Krankseins, die sie uns eröffnet, könnte sie 
allein imstande sein, über sich selbst hinauszuführen und uns den 
Weg zu noch anderen Arten therapeutischer Beeinflussung zu weisen. 
In Bezug auf diese kathartische oder analytische Methode der 
Psychotherapie gestatten Sie mir nun, einige Irrtümer zu ver- 
bessern und einige Aufklärungen zu geben. 



Über Psychotherapie ig 



a) Ich merke, daß diese Methode sehr häufig mit der hypno- 
tischen Suggestivbehandlung verwechselt wird, merke es daran 
daß verhältnismäßig häufig auch Kollegen, deren Vertrauensmann 
ich sonst nicht bin, Kranke zu mir schicken, refraktäre Kranke 
natürlich, mit dem Auftrage, ich solle sie hypnotisieren. Nun habe 
ich seit etwa acht Jahren keine Hypnose mehr zu Zwecken der 
Therapie ausgeübt (vereinzelte Versuche ausgenommen) und pflege 
solche Sendungen mit dem Rate, wer auf die Hypnose baut, 
möge sie selbst machen, zu retournieren. In Wahrheit besteht 
z wischen der suggestiven Technik und der analytischen der größt- 
mögliche Gegensatz, jener Gegensatz, den der große Leonardo 
da Vinci für die Künste in die Formeln per via di porre und 
per via di levare gefaßt hat. Die Malerei, sagt Leonardo, 
arbeitet per via di porre; sie setzt nämlich Farbenhäufchen hin, 
wo sie früher nicht waren, auf die nichtfarbige Leinwand; die 
Skulptur dagegen geht per via di levare vor, sie nimmt nämlich 
vom Stein so viel weg, als die Oberfläche der in ihm enthaltenen 
Statue noch bedeckt. Ganz ähnlich, meine Herren, sucht die 
Suggestivtechnik per via di porre zu wirken, sie kümmert sich 
nicht um Herkunft, Kraft und Bedeutung der Krankheitssymptome, 
sondern legt etwas auf, die Suggestion nämlich, wovon sie 
erwartet, daß es stark genug sein wird, die pathogene Idee an 
der Äußerung zu hindern. Die analytische Therapie dagegen will 
nicht auflegen, nichts Neues einführen, sondern wegnehmen, 
herausschaffen, und zu diesem Zwecke bekümmert sie sich um" 
die Genese der krankhaften Symptome und den psychischen 
Zusammenhang der pathogenen Idee, deren Wegschaffung ihr Ziel 
ist^ Auf diesem Wege der Forschung hat sie unserem Verständnis" 
sehr bedeutende Förderung gebracht. Ich habe die Suggestionstechnik 
und mit ihr die Hypnose so frühzeitig aufgegeben, weil ich 
daran verzweifelte, die Suggestion so stark und so haltbar zu 
machen, wie es für die dauernde Heilung notwendig wäre. In 
allen schweren Fällen sah ich die darauf gelegte Suggestion 



x g Zur Technik 



wieder abbröckeln, und dann war das Kranksein oder ein dasselbe 
Ersetzendes wieder da. Außerdem mache ich dieser Technik den 
Vorwurf, daß sie uns die Einsicht in das psychische Kräftespiel 
verhüllt, z. B. uns den Widerstand nicht erkennen läßt, mit 
dem die Kranken an ihrer Krankheit festhalten, mit dem sie sich 
also auch gegen die Genesung sträuben, und der doch allein das 
Verständnis ihres Benehmens im Leben ermöglicht. 

b) Es scheint mir der Irrtum unter den Kollegen weit ver- 
breitet zu sein, daß die Technik der Forschung nach den Krank- 
heitsanlässen und die Beseitigung der Erscheinungen durch diese 
Erforschung leicht und selbstverständlich sei. Ich schließe dies 
daraus, daß noch keiner von den vielen, die sich für meine 
Therapie interessieren und sichere Urteile über dieselbe von sich 
geben, mich je gefragt hat, wie ich es eigentlich mache. Das 
kann doch nur den einzigen Grund haben, daß sie meinen, es 
sei nichts zu fragen, es verstehe sich ganz von selbst. Auch höre 
ich mitunter mit Erstaunen, daß auf dieser oder jener Abteilung 
eines Spitals ein junger Arzt von seinem Chef den Auftrag 
erhalten hat, bei einer Hysterischen eine „Psychoanalyse' zu 
unternehmen. Ich bin überzeugt, man würde ihm nicht einen 
exstirpierten Tumor zur Untersuchung überlassen, ohne sich 
vorher versichert zu haben, daß er mit der histologischen Technik 
vertraut ist. Ebenso erreicht mich die Nachricht, dieser oder 
jener Kollege richte sich Sprechstunden mit einem Patienten 
ein, um eine psychische Kur mit ihm zu machen, während ich 
sicher bin, daß er die Technik einer solchen Kur nicht kennt. 
Er muß also erwarten, daß ihm der Kranke seine Geheimnisse 
entgegenbringen wird, oder sucht das Heil in irgendeiner Art 
von Beichte oder Anvertrauen. Es würde mich nicht wundern, 
wenn der so behandelte Kranke dabei eher zu Schaden als zum 
Vorteil käme. Das seelische Instrument ist nämlich nicht gar 
leicht zu spielen. Ich muß bei solchen Anlässen an die Rede 
eines weltberühmten Neurotikers denken, der freilich nie in der 



Über Psychotherapie 17 



Behandlung eines Arztes gestanden, der nur in der Phantasie 
eines Dichters gelebt hat. Ich meine den Prinzen Hamlet von 
Dänemark. Der König hat die beiden Höflinge Rosenkranz und 
Güldenstern über ihn geschickt, um ihn auszuforschen, ihm das 
Geheimnis seiner Verstimmung zu entreißen. Er wehrt sie ab 5 
da werden Flöten auf die Bühne gebracht. Hamlet nimmt eine 
Flöte und bittet den einen seiner Quäler, auf ihr zu spielen, es 
sei so leicht wie lügen. Der Höfling weigert sich, denn er kennt 
keinen Griff, und da er zu dem Versuch des Flötenspiels nicht 
zu bewegen ist, bricht Hamlet endlich los: „Nun seht ihr, welch 
ein nichtswürdiges Ding ihr aus mir macht? Ihr wollt auf mir 
spielen 5 ihr wollt in das Herz meines Geheimnisses dringen; ihr 
wollt mich von meiner tiefsten Note bis zum Gipfel meiner 
Stimme hinauf prüfen, und in diesem kleinen Instrument hier 
ist viel Musik, eine vortreffliche Stimme, dennoch könnt ihr es 
nicht zum Sprechen bringen. Wetter, denkt ihr, daß ich 
leichter zu spielen bin, als eine Flöte? Nennt mich 
was für ein Instrument ihr wollt, ihr könnt mich 
zwar verstimmen, aber nicht auf mir spielen." 
(111. Akt, 2.) 

c) Sie werden aus gewissen meiner Bemerkungen erraten 
haben, daß der analytischen Kur manche Eigenschaften anhaften, 
die sie von dem Ideal einer Therapie ferne halten. Tuto, cito, 
iucunde; das Forschen und Suchen deutet nicht eben auf Raschheit 
des Erfolges, und die Erwähnung des Widerstandes bereitet Sie 
auf die Erwartung von Unannehmlichkeiten vor. Gewiß, die 
psychoanalytische Behandlung stellt an den Kranken wie an den 
Arzt hohe Ansprüche; von ersterem verlangt sie das Opfer voller 
Aufrichtigkeit, gestaltet sich für ihn zeitraubend und daher auch 
kostspielig; für den Arzt ist sie gleichfalls zeitraubend und wegen 
der Technik, die er zu erlernen und auszuüben hat, ziemlich 
mühselig. Ich finde es auch selbst ganz berechtigt, daß man 
bequemere Heilmethoden in Anwendung bringt, so lange man 

Freud, VI. 2 



jg Zur Technik 



eben die Aussicht hat, mit diesen letzteren etwas zu erreichen. 
Auf diesen Punkt kommt es allein an 5 erzielt man mit dem 
mühevolleren und langwierigeren Verfahren erheblich mehr als 
mit dem kurzen und leichten, so ist das erstere trotz alledem 
gerechtfertigt. Denken Sie, meine Herren, um wieviel die 
Finsentherapie des Lupus unbequemer und kostspieliger ist als 
das früher gebräuchliche Ätzen und Schaben, und doch bedeutet 
es einen großen Fortschritt, bloß weil es mehr leistet; es heilt 
nämlich den Lupus radikal. Nun will ich den Vergleich nicht 
gerade durchsetzen; aber ein ähnliches Vorrecht darf doch die 
psychoanalytische Methode für sich in Anspruch nehmen. In 
Wirklichkeit habe ich meine therapeutische Methode nur an 
schweren und schwersten Fällen ausarbeiten und versuchen 
können; mein Material waren zuerst nur Kranke, die alles erfolglos 
versucht und durch Jahre in Anstalten geweilt hatten. Ich habe 
kaum Erfahrung genug gesammelt, um Ihnen sagen zu können, 
wie sich meine Therapie bei jenen leichteren, episodisch auf- 
tretenden Erkrankungen verhält, die wir unter den verschieden- 
artigsten Einflüssen und auch spontan abheilen sehen. Die 
psychoanalytische Therapie ist an dauernd existenzunfähigen 
Kranken und für solche geschaffen worden, und ihr Triumph 
ist es, daß sie eine befriedigende Anzahl von solchen dauernd 
existenzfähig macht. Gegen diesen Erfolg erscheint dann aller Auf- 
wand geringfügig. Wir können uns nicht verhehlen, daß wir vor 
dem Kranken zu verleugnen pflegen, daß eine schwere Neurose in 
ihrer Bedeutung für das ihr unterworfene Individuum hinter keiner 
Kachexie, keinem der gefürchteten Allgemeinleiden zurücksteht. 
d) Die Indikationen und Gegenanzeigen dieser Behandlung sind 
infolge der vielen praktischen Beschränkungen, die meine Tätigkeit 
betroffen haben, kaum endgültig anzugeben. Indes will ich ver- 
suchen, einige Punkte mit Ihnen zu erörtern: 
[ 1) Man übersehe nicht über die Krankheit den sonstigen 
I Wert einer Person und weise Kranke zurück, welche nicht einen 



Über Psychotherapie ig 



gewissen Bildungsgrad und einen einigermaßen verläßlichen 
Charakter besitzen. Man darf nicht vergessen, daß es auch Gesunde 
gibt, die nichts taugen, und daß man nur allzu leicht geneigt 
ist, bei solchen minderwertigen Personen alles, was sie existenz- 
unfähig macht, auf die Krankheit zu schieben, wenn sie irgend- 
einen Anflug von Neurose zeigen. Ich stehe auf dem Standpunkt, 
daß die Neurose ihren Träger keineswegs zum degenere stempelt, 
daß sie sich aber häufig genug mit den Erscheinungen der 
Degeneration vergesellschaftet an demselben ' Individuum findet. 
Die analytische Psychotherapie ist nun kein Verfahren zur 
Behandlung der neuropathischen Degeneration, sie findet im Gegen- 
teil an derselben ihre Schranke. Sie ist auch bei Personen nicht 
anwendbar, die sich nicht selbst durch ihre Leiden zur Therapie 
gedrängt fühlen, sondern sich einer solchen nur infolge des 
Machtgebotes ihrer Angehörigen unterziehen. Die Eigenschaft, 
auf die es für die Brauchbarkeit zur psychoanalytischen Behandlung 
ankommt, die Erziehbarkeit, werden wir noch von einem anderen 
Gesichtspunkte würdigen müssen. 

2) Wenn man sicher gehen will, beschränke man seine Aus- 
wahl auf Personen, die einen Normalzustand haben, da man sich 
im psychoanalytischen Verfahren von diesem aus des Krankhaften 
bemächtigt. Psychosen, Zustände von Verworrenheit und tief- 
greifender (ich möchte sagen: toxischer) Verstimmung sind also 
für die Psychoanalyse, wenigstens wie sie bis jetzt ausgeübt wird, 
ungeeignet. Ich halte es für durchaus nicht ausgeschlossen, daß 
man bei geeigneter Abänderung des Verfahrens sich über diese 
Gegenindikation hinaussetzen und so eine Psychotherapie der 
Psychosen in Angriff nehmen könne. 

5) Das Alter der Kranken spielt bei der Auswahl zur psycho- 
analytischen Behandlung insofern eine Rolle, als bei Personen 
nahe an oder über fünfzig Jahre einerseits die Plastizität der 
seelischen Vorgänge zu fehlen pflegt, auf welche die Therapie 
rechnet — alte Leute sind nicht mehr erziehbar — und als 

2- 






ao Zur Technik 



anderseits das Material, welches durchzuarbeiten ist, die 
Behandlungsdauer ins Unabsehbare verlängert. Die Altersgrenze 
nach unten ist nur individuell zu bestimmen ; jugendliche 
Personen noch vor der Pubertät sind oft ausgezeichnet zu 

beeinflussen. 

4) Man wird nicht zur Psychoanalyse greifen, wenn es sich 
um die rasche Beseitigung drohender Erscheinungen handelt, 
also zum Beispiel bei einer hysterischen Anorexie. 

Sie werden nun den Eindruck gewonnen haben, daß das 
Anwendungsgebiet der analytischen Psychotherapie ein sehr 
beschränktes ist, da Sie eigentlich nichts anderes als Gegen- 
anzeigen von mir gehört haben. Nichtsdestoweniger bleiben Fälle 
und Krankheitsformen genug übrig, an denen diese Therapie 
sich erproben kann, alle chronischen Formen von Hysterie mit 
Resterscheinungen, das große Gebiet der Zwangszustände und 
Abulien und dergleichen. 

Erfreulich ist es, daß man gerade den wertvollsten und sonst 
höchstentwickelten Personen auf solche Weise am ehesten Hilfe 
bringen kann. Wo aber mit der analytischen Psychotherapie nur 
wenig auszurichten war, da, darf man getrost behaupten, hätte 
irgendwelche andere Behandlung sicherlich gar nichts zustande 

gebracht. 

e) Sie werden mich gewiß fragen wollen, wie es bei 
Anwendung der Psychoanalyse mit der Möglichkeit, Schaden zu 
stiften, bestellt ist. Ich kann Ihnen darauf erwidern, wenn Sie 
nur billig urteilen wollen, diesem Verfahren dasselbe kritische 
Wohlwollen entgegenbringen, das Sie für unsere anderen thera- 
peutischen Methoden bereit haben, so werden Sie meiner Meinung 
zustimmen müssen, daß bei einer mit Verständnis geleiteten 
analytischen Kur ein Schaden für den Kranken nicht zu 
befürchten ist. Anders wird vielleicht urteilen, wer als Laie gewohnt 
ist, alles, was sich in einem Krankheitsfalle begibt, der Behandlung 
zur Last zu legen. Es ist ja nicht lange her, daß unseren 






Über Psychotherapie 21 



Wasserheilanstalten ein ähnliches Vorurteil entgegenstand. So 
mancher, dem man riet, eine solche Anstalt aufzusuchen, wurde 
bedenklich, weil er einen Bekannten gehabt hatte, der als Ner- 
vöser in die Anstalt kam und dort verrückt wurde. Es handelte 
sich, wie Sie erraten, um Fälle von beginnender allgemeiner 
Paralyse, die man im Anfangsstadium noch in einer Wasserheil- 
anstalt unterbringen konnte, und die dort ihren unaufhaltsamen 
Verlauf bis zur manifesten Geistesstörung genommen hatten; für 
die Laien war das Wasser Schuld und Urheber dieser traurigen 
Veränderung. Wo es sich um neuartige Beeinflussungen handelt, 
halten sich auch Ärzte nicht immer von solchen Urteilsfehlern 
frei. Ich erinnere mich, einmal bei einer Frau den Versuch mit 
Psychotherapie gemacht zu haben, bei der ein gutes Stück ihrer 
Existenz in der Abwechslung von Manie und Melancholie ver- 
flossen war. Ich übernahm sie zu Ende einer Melancholie; es 
schien zwei Wochen lang gut zu gehen; in der dritten standen 
wir bereits zu Beginn der neuen Manie. Es war dies sicherlich 
eine spontane Veränderung des Krankheitsbildes, denn zwei 
Wochen sind keine Zeit, in welcher die analytische Psycho- 
therapie irgend etwas zu leisten unternehmen kann, aber der 
hervorragende — jetzt schon verstorbene — Arzt, der mit mir 
die Kranke zu sehen bekam, konnte sich doch nicht der Bemerkung 
enthalten, daß an dieser „Verschlechterung" die Psychotherapie 
schuld sein dürfte. Ich bin ganz überzeugt, daß er sich unter 
anderen Bedingungen kritischer erwiesen hätte. 

f) Zum Schlüsse, meine Herren Kollegen, muß ich mir sagen, 
es geht doch nicht an, Ihre Aufmerksamkeit so lange zugunsten 
der analytischen Psychotherapie in Anspruch zu nehmen, ohne 
Ihnen zu sagen, worin diese Behandlung besteht und worauf sie 
sich gründet. Ich kann es zwar, da ich kurz sein muß, nur mit 
einer Andeutung tun. Diese Therapie ist also auf die Einsicht 
gegründet, daß unbewußte Vorstellungen — besser: die Unbe- 
wußtheit gewisser seelischer Vorgänge — die nächste Ursache 



2 3 Zur Technik 






der krankhaften Symptome ist. Eine solche Überzeugung ver- 
treten wir gemeinsam mit der französischen Schule (Janet), die 
übrigens in arger Schematisierung das hysterische Symptom auf 
die unbewußte idee fixe zurückführt. Fürchten Sie nun nicht, 
daß wir dabei zu tief in die dunkelste Philosophie hineingeraten 
werden. Unser Unbewußtes ist nicht ganz dasselbe wie das der 
Philosophen, und überdies wollen die meisten Philosophen vom 
„unbewußten Psychischen" nichts wissen. Stellen Sie sich aber 
auf unseren Standpunkt, so werden Sie einsehen, daß die Über- 
setzung dieses Unbewußten im Seelenleben der Kranken in ein 
Bewußtes den Erfolg haben muß, deren Abweichung vom Nor- 
malen zu korrigieren und den Zwang aufzuheben, unter dem ihr 
Seelenleben steht. Denn der bewußte Wille reicht so weit als 
die bewußten psychischen Vorgänge, und jeder psychische Zwang 
ist durch das Unbewußte begründet. Sie brauchen auch niemals 
zu fürchten, daß der Kranke unter der Erschütterung Schaden 
nehme, welche der Eintritt des Unbewußten in sein Bewußtsein 
mit sich bringt, denn Sie können es sich theoretisch zurecht- 
legen, daß die somatische und affektive Wirkung der bewußt 
gewordenen Regung niemals so groß werden kann wie die der 
unbewußten. Wir beherrschen alle unsere Regungen doch nur 
dadurch, daß wir unsere höchsten, mit Bewußtsein verbundenen 
Seelenleistungen auf sie wenden. 

Sie können aber auch einen anderen Gesichtspunkt für das 
Verständnis der psychoanalytischen Behandlung wählen. Die Auf- 
deckung und Übersetzung des Unbewußten geht unter beständigem 
' Widerstand von seiten der Kranken vor sich. Das Auftauchen 
dieses Unbewußten ist mit Unlust verbunden, und wegen dieser 
Unlust wird es von ihm immer wieder zurückgewiesen. In diesen' 
Konflikt im Seelenleben des Kranken greifen Sie nun ein; gelingt 
es Ihnen, den Kranken dazu zu bringen, daß er aus Motiven 
besserer Einsicht etwas akzeptiert, was er zufolge der automati- 
schen Unlustregulierung bisher zurückgewiesen (verdrängt) hat, 



Über Psychotherapie 25 



so haben Sie ein Stück Erziehungsarbeit an ihm geleistet. Es ist 
ja schon Erziehung, wenn Sie einen Menschen, der nicht gern 
früh morgens das Bett verläßt, dazu bewegen, es doch zu tun. 
Als eine solche Nach erziehung zur Überwindung 
innerer Widerstände können Sie nun die psychoanalytische 
Behandlung ganz allgemein auffassen. In keinem Punkte aber ist 
solche Nacherziehung bei den Nervösen mehr vonnöten als 
betreffs des seelischen Elements in ihrem Sexualleben. Nirgends 
haben ja Kultur und Erziehung so großen Schaden gestiftet wie 
gerade hier, und hier sind auch, wie Ihnen die Erfahrung zeigen 
wird, die beherrschbaren Ätiologien der Neurosen zu finden; das 
andere ätiologische Element, der konstitutionelle Beitrag, ist uns 
ja als etwas Unabänderliches gegeben. Hieraus erwächst aber eine 
wichtige, an den Arzt zu stellende Anforderung. Er muß nicht 
nur selbst ein integrer Charakter sein — „das Moralische ver- 
steht sich ja von selbst", wie die Hauptperson in Th. Vischers 
„Auch Einer" zu sagen pflegt; — er muß auch für seine eigene 
Person die Mischung von Lüsternheit und Prüderie überwunden 
haben, mit welcher leider so viele andere den sexuellen Pro- 
blemen entgegenzutreten gewohnt sind. 

Hier ist vielleicht der Platz für eine weitere Bemerkung. Ich 
weiß, daß meine Betonung der Rolle des Sexuellen für die Ent- 
stehung der Psychoneurosen in weiteren Kreisen bekannt geworden 
ist. Ich weiß aber auch, daß Einschränkungen und nähere 
Bestimmungen beim großen Publikum wenig nützen; die Menge 
hat für wenig Raum in ihrem Gedächtnis und behält von einer 
Behauptung doch nur den rohen Kern, schafft sich ein leicht zu 
merkendes Extrem. Es mag auch manchen Ärzten so ergangen 
sein, daß ihnen als Inhalt meiner Lehre vorschwebt, ich führe 



/ 

) 



die Neurosen in letzter Linie auf sexuelle Entbehrung zurück. 
An dieser fehlt es nicht unter den Lebensbedingungen unserer 
Gesellschaft. Wie nahe mag es nun bei solcher Voraussetzung 
liegen, den mühseligen Umweg über die psychische Kur zu ver- 



2« Zur Technik 



meiden und direkt die Heilung anzustreben, indem man die 
sexuelle Betätigung als Heilmittel empfiehlt! Ich weiß nun nicht, 
was mich bewegen könnte, diese Folgerung zu unterdrücken, 
wenn sie berechtigt wäre. Die Sache liegt aber anders. Die 
sexuelle Bedürftigkeit und Entbehrung, das ist bloß der eine 
Faktor, der beim Mechanismus der Neurose ins Spiel tritt; 
bestünde er allein, so würde nicht Krankheit, sondern Aus- 
schweifung die Folge sein. Der andere, ebenso unerläßliche Faktor, 
an den man allzu bereitwillig vergißt, ist die Sexualabneigung 
der Neurotiker, ihre Unfähigkeit zum Lieben, jener psychische 
Zug, den ich „Verdrängung" genannt habe. Erst aus dem Konflikt 
zwischen beiden Strebungen geht die neurotische Erkrankung 
hervor und darum kann der Rat der sexuellen Betätigung bei 
den Psychoneurosen eigentlich nur selten als guter Rat 
bezeichnet werden. 

Lassen Sie mich mit dieser abwehrenden Bemerkung schließen. 
Wir wollen hoffen, daß Ihr von jedem feindseligen Vorurteil 
gereinigtes Interesse für die Psychotherapie uns darin unterstützen 
wird, auch in der Behandlung der schweren Fälle von Psycho- 
neurosen Erfreuliches zu leisten. 






DIE ZUKÜNFTIGEN CHANCEN DER PSYCHO- 
ANALYTISCHEN THERAPIE 

Fortrag, gehallen auf dem zweiten privaten 
Psychoanalytischen Kongreß zu Nürnberg, JQlo; 
zuerst erschienen im „Zentralblatt für Psycho- 
analyse", I (1910), dann in der Dritten Folge der 
„Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlchrc". 

Meine Herren! Da uns heute vorwiegend praktische Ziele 
zusammengeführt haben, werde auch ich ein praktisches Thema 
zum Gegenstand meines einführenden Vortrages wählen, nicht 
Ihr wissenschaftliches, sondern Ihr ärztliches Interesse anrufen. 
Ich halte mir vor, wie Sie wohl die Erfolge unserer Therapie 
beurteilen, und nehme an, daß die meisten von Ihnen die beiden 
Phasen der Anfängerschaft bereits durchgemacht haben, die des 
Entzückens über die ungeahnte Steigerung unserer therapeutischen 
Leistung und die der Depression über die Größe der Schwierig- 
keiten, die unseren Bemühungen im Wege stehen. Aber an welcher 
Stelle dieses Entwicklungsganges sich die einzelnen von Ihnen 
auch befinden mögen, ich habe heute vor, Ihnen zu zeigen, daß 
wir mit unseren Hilfsmitteln zur Bekämpfung der Neurosen 
keineswegs zu Ende sind, und daß wir von der näheren Zukunft 
noch eine erhebliche Besserung unserer therapeutischen Chancen 
erwarten dürfen. 

Von drei Seiten her, meine ich, wird uns die Verstärkung kommen: 

1) durch inneren Fortschritt, 

q) durch Zuwachs an Autorität, 

3) durch die Allgemeinwirkung unserer Arbeit. 



26 Zur Technik 



Ad i) Unter „innerem Fortschritt" verstehe ich den 
Fortschritt a) in unserem analytischen Wissen, b) in unserer 
Technik. 

a) Zum Fortschritt unseres Wissens: Wir wissen natürlich 
lange noch nicht alles, was wir zum Verständnis des Unbewußten 
bei unseren Kranken brauchen. Nun ist es klar, daß jeder Fort- 
schritt unseres Wissens einen Machtzuwachs für unsere Therapie 
bedeutet. Solange wir nichts verstanden haben, haben wir auch 
nichts ausgerichtet; je mehr wir verstehen lernen, desto mehr 
werden wir leisten. In ihren Anfängen war die psychoanalytische 
Kur unerbittlich und erschöpfend. Der Patient mußte alles selbst 
sagen und die Tätigkeit des Arztes bestand darin, ihn unaus- 
gesetzt zu drängen. Heute sieht es freundlicher aus. Die Kur 

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besteht aus zwei Stücken, aus dem, war der Arzt errät und dem 
Kranken sagt, und aus der Verarbeitung dessen, was er gehört 
hat, von Seiten des Kranken. Der Mechanismus unserer Hilfe- 
leistung ist ja leicht zu verstehen; wir geben dem Kranken die 
bewußte Erwartungsvorstellung, nach deren Ähnlichkeit er die 
verdrängte unbewußte bei sich auffindet. Das ist die intellektuelle 
Hilfe, die ihm die Überwindung der Widerstände zwischen 
Bewußtem und Unbewußtem erleichtert. Ich bemerke Ihnen 
nebenbei, es ist nicht der einzige Mechanismus, der in der 
analytischen Kur verwendet wird; Sie kennen ja alle den weit 
kräftigeren, der in der Verwendung der „Übertragung" liegt. Ich 
werde mich bemühen, alle diese für das Verständnis der Kur 
wichtigen Verhältnisse demnächst in einer „Allgemeinen Methodik 
der Psychoanalyse" zu behandeln. Auch brauche ich bei Ihnen 
den Einwand nicht zurückzuweisen, daß in der heutigen Praxis 
der Kur die Beweiskraft für die Richtigkeit unserer Voraus- 
setzungen verdunkelt wird; Sie vergessen nicht, daß diese 
Beweise anderswo zu finden sind, und daß ein therapeutischer 
Eingriff nicht so geführt werden kann wie eine theoretische 
Untersuchung. 









Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie 27 

Lassen Sie mich nun einige Gebiete streifen, auf denen wir 
Neues zu lernen haben und wirklich täglich Neues erfahren. Da 
ist vor allem das der Symbolik im Traum und im Unbewußten. 
Ein hart bestrittenes Thema, wie Sie wissen! Es ist kein geringes 
Verdienst unseres Kollegen W. Stekel, daß er unbekümmert 
um den Einspruch all der Gegner sich in das Studium der 
Traumsymbole begeben hat. Da ist wirklich noch viel zu lernen; 
meine 1899 niedergeschriebene „Traumdeutung" erwartet vom 
Studium der Symbolik wichtige Ergänzungen. 

Über eines dieser neuerkannten Symbole möchte ich Ihnen 
einige Worte sagen: Vor einiger Zeit wurde es mir bekannt, 
daß ein uns ferner stehender Psychologe sich an einen von uns 
mit der Bemerkung gewendet, wir überschätzten doch gewiß die 
geheime sexuelle Bedeutung der Träume. Sein häufigster Traum 
sei, eine Stiege hinaufzusteigen, und da sei doch gewiß nichts 
Sexuelles dahinter. Durch diesen Einwand aufmerksam gemacht, 
haben wir dem Vorkommen von Stiegen, Treppen, Leitern im 
Traume Aufmerksamkeit geschenkt und konnten bald feststellen, 
daß die Stiege (und was ihr analog ist) ein sicheres Koitussymbol 
darstellt. Die Grundlage der Vergleichung ist nicht schwer auf- 
zufinden 5 in rhythmischen Absätzen, unter zunehmender Atem- 
not kommt man auf eine Höhe und kann dann in ein paar 
raschen Sprüngen wieder unten sein. So findet sich der Rhythmus 
des Koitus im Stiegensteigen wieder. Vergessen wir nicht den 
Sprachgebrauch heranzuziehen. Er zeigt uns, daß das „Steigen" 
ohne weiteres als Ersatzbezeichnung der sexuellen Aktion 
gebraucht wird. Man pflegt zu sagen, der Mann ist ein „Steiger", 

nachsteigen". Im Französischen heißt die Stufe der Treppe: 
la marche; „un vieux marcheur" deckt sich ganz mit unserem 

ein alter Steiger". Das Traummaterial, aus dem diese neu 
erkannten Symbole stammen, wird Ihnen seinerzeit von dem 
Komitee zur Sammelforschung über Symbolik, welches wir ein- 
setzen sollen, vorgelegt werden. Über ein anderes interessantes 



28 Zur Technik 



Symbol, das des „Rettens" und dessen Bedeutungswandel, werden 
Sie im zweiten Band unseres Jahrbuches Angaben finden. Aber 
ich muß hier abbrechen, sonst komme ich nicht zu den anderen 
Punkten. 

Jeder einzelne von Ihnen wird sich aus seiner Erfahrung über- 
zeugen, wie ganz anders er einem neuen Falle gegenübersteht, 
wenn er erst das Gefüge einiger typischer Krankheitsfälle durch- 
schaut hat. Nehmen Sie nun an, daß wir das Gesetzmäßige im 
Aufbau der verschiedenen Formen von Neurosen in ähnlicher 
Weise in knappe Formeln gebannt hätten, wie es uns bis jetzt 
für die hysterische Symptombildung gelungen ist, wie gesichert 
würde dadurch unser prognostisches Urteil. Ja, wie der Geburts- 
helfer durch die Inspektion der Placenta erfährt, ob sie vollständig 
ausgestoßen wurde, oder ob noch schädliche Reste zurückgeblieben 
sind, so würden wir unabhängig vom Erfolg und jeweiligen 
Befinden des Kranken sagen können, ob uns die Arbeit endgültig 
gelungen ist, oder ob wir auf Rückfälle und neuerliche 
Erkrankung gefaßt sein müssen. 

b) Ich eile zu den Neuerungen auf dem Gebiete der Technik, 
wo wirklich das meiste noch seiner definitiven Feststellung harrt, 
und vieles eben jetzt klar zu werden beginnt. Die psycho- 
analytische Technik setzt sich jetzt zweierlei Ziele, dem Arzt 
Mühe zu ersparen und dem Kranken den uneingeschränktesten 
Zugang zu seinem Unbewußten zu eröffnen. Sie wissen, in unserer 
Technik hat eine prinzipielle Wandlung stattgefunden. Zur Zeit 
der kathartischen Kur setzten wir uns die Aufklärung der Sym- 
ptome zum Ziel, dann wandten wir uns von den Symptomen 
ab und setzten die Aufdeckung der » Komplexe " — nach dem 
unentbehrlich gewordenen Wort von Jung — als Ziel an die 
Stelle; jetzt richten wir aber die Arbeit direkt auf die Auffindung 
und Überwindung der „Widerstände" und vertrauen mit Recht 
darauf, daß die Komplexe sich mühelos ergeben werden, sowie 
die Widerstände erkannt und beseitigt sind. Bei manchem von 



Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie 29 

Ihnen hat sich seither das Bedürfnis gezeigt, diese Widerstände 
übersehen und klassifizieren zu können. Ich bitte Sie nun, an 
Ihrem Material nachzuprüfen, ob Sie folgende Zusammenfassung 
bestätigen können: Bei männlichen Patienten scheinen die bedeut- 
samsten Kurwiderstände vom Vaterkomplex auszugehen und sich 
in Furcht vor dem Vater, Trotz gegen den Vater und Unglauben 
gegen den Vater aufzulösen. 

Andere Neuerungen der Technik betreffen die Person des 
Arztes selbst. Wir sind auf die „Gegenübertragung" aufmerksam 
geworden, die sich beim Arzt durch den Einfluß des Patienten 
auf das unbewußte Fühlen des Arztes einstellt, und sind nicht 
weit davon, die Forderung zu erheben, daß der Arzt diese Gegen- 
übertragung in sich erkennen und bewältigen müsse. Wir haben, 
seitdem eine größere Anzahl von Personen die Psychoanalyse 
üben und ihre Erfahrungen untereinander austauschen, bemerkt, 
daß jeder Psychoanalytiker nur so weit kommt, als seine eigenen 
Komplexe und inneren Widerstände es gestatten, und verlangen 
daher, daß er seine Tätigkeit mit einer Selbstanalyse beginne, und 
diese, während er seine Erfahrungen an Kranken macht, fort- 
laufend vertiefe. Wer in einer solchen Selbstanalyse nichts zustande 
bringt, mag sich die Fähigkeit, Kranke analytisch zu behandeln, 
ohne weiteres absprechen. 

Wir nähern uns jetzt auch der Einsicht, daß die analytische 
Technik je nach der Krankheitsform und je nach den beim 
Patienten vorherrschenden Trieben gewisse Modifikationen erfahren 
muß. Von der Therapie der Konversionshysterie sind wir ja aus- 
gegangen; bei der Angsthysterie (den Phobien) müssen wir unser 
Vorgehen etwas ändern. Diese Kranken können nämlich das für 
die Auflösung der Phobie entscheidende Material nicht bringen, 
solange sie sich durch die Einhaltung der phobischen Bedingung 
geschützt fühlen. Daß sie von Anfang der Kur an auf die 
Schutzvorrichtung verzichten und unter den Bedingungen der 
Angst arbeiten, erreicht man natürlich nicht. Man muß ihnen 






5° 



Zur Technik 



also so lange Hilfe durch Übersetzung ihres Unbewußten zuführen, 
bis sie sich entschließen können, auf den Schutz der Phobie zu 
verzichten und sich einer nun sehr gemäßigten Angst aussetzen. 
Haben sie das getan, so wird jetzt erst das Material zugänglich, 
dessen Beherrschung zur Lösung der Phobie führt. Andere 
Modifikationen der Technik, die mir noch nicht spruchreif 
scheinen, werden in der Behandlung der Zwangsneurosen erfor- 
derlich sein. Ganz bedeutsame, noch nicht geklärte Fragen tauchen 
in diesem Zusammenhange auf, inwieweit den bekämpften Trieben 
des Kranken ein Stück Befriedigung während der Kur zu gestatten 
ist, und welchen Unterschied es dabei macht, ob diese Triebe 
aktiver (sadistischer) oder passiver (masochistischer) Natur sind. 

Ich hoffe, Sie werden den Eindruck erhalten haben, daß, wenn 
wir all das wüßten, was uns jetzt erst ahnt, und alle Verbesserungen 
der Technik durchgeführt haben werden, zu denen uns die 
vertiefte Erfahrung an unseren Kranken führen muß, daß unser 
ärztliches Handeln dann eine Präzision und Erfolgsicherheit 
erreichen wird, die nicht auf allen ärztlichen Spezialgebieten 
vorhanden sind. 

Ad 2) Ich sagte, wir hätten viel zu erwarten durch den Zuwachs 
an Autorität, der uns im Laufe der Zeit zufallen muß. Über die 
Bedeutung der Autorität brauche ich Ihnen nicht viel zu sagen. 
Die wenigsten Kulturmenschen sind fähig, ohne Anlehnung an 
andere zu existieren oder auch nur ein selbständiges Urteil zu 
fällen. Die Autoritätssucht und innere Haltlosigkeit der Menschen 
können Sie sich nicht arg genug vorstellen. Die außerordentliche 
Vermehrung der Neurosen seit der Entkräftung der Religionen 
mag Ihnen einen Maßstab dafür geben. Die Verarmung des Ichs 
durch den großen Verdrängungsaufwand, den die Kultur von 
jedem Individuum fordert, mag eine der hauptsächlichsten Ursachen 
dieses Zustandes sein. 

Diese Autorität und die enorme von ihr ausgehende Suggestion 
war bisher gegen uns. Alle unsere therapeutischen Erfolge sind 



Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie 51 

gegen diese Suggestion erzielt worden; es ist zu verwundern, daß 
unter solchen Verhältnissen überhaupt Erfolge zu gewinnen 
waren. Ich will mich nicht so weit gehen lassen, Ihnen die 
Annehmlichkeiten jener Zeiten, da ich allein die Psychoanalyse 
vertrat, zu schildern. Ich weiß, die Kranken, denen ich die Ver- 
sicherung gab, ich wüßte ihnen dauernde Abhilfe ihrer Leiden 
zu bringen, sahen sich in meiner bescheidenen Umgebung um, 
dachten an meinen geringen Ruf und Titel und betrachteten 
mich wie etwa einen Besitzer eines unfehlbaren Gewinnsystems 
an dem Orte einer Spielbank, gegen den man einwendet, wenn 
der Mensch das kann, so muß er selbst anders aussehen. Es war 
auch wirklich nicht bequem, psychische Operationen auszuführen, 
während der Kollege, der die Pflicht der Assistenz gehabt hätte, 
sich ein besonderes Vergnügen daraus machte, ins Operationsfeld 
zu spucken, und die Angehörigen den Operateur bedrohten, sobald 
es Blut oder unruhige Bewegungen bei dem Kranken gab. Eine 
Operation darf doch Reaktionserscheinungen machen 5 in der 
Chirurgie sind wir längst daran gewöhnt. Man glaubte mir ein- 
fach nicht, wie man heute noch uns allen wenig glaubt; unter 
solchen Bedingungen mußte mancher Eingriff mißlingen. Um die 
Vermehrung unserer therapeutischen Chancen zu ermessen, wenn 
sich das allgemeine Vertrauen uns zuwendet, denken Sie an die 
Stellung des Frauenarzte s in der Türkei und im Abendlande. 
Alles, was dort der Frauenarzt tun darf, ist, an dem Arm, der 
ihm durch ein Loch in der Wand entgegengestreckt wird, den 
Puls zu fühlen. Einer solchen Unzugänglichkeit des Objektes ent- ' 
spricht auch die ärztliche Leistung; unsere Gegner im Abend- 
lande wollen uns eine ungefähr ähnliche Verfügung über das 
Seelische unserer Kranken gestatten. Seitdem aber die Suggestion 
der Gesellschaft die kranke Frau zum Gynäkologen drängt, ist 
dieser der Helfer und Retter der Frau geworden. Sagen Sie nun 
nicht, wenn uns die Autorität der Gesellschaft zu Hilfe kommt 
und unsere Erfolge so sehr steigert, so wird dies nichts für die 



3 2 



Zur Technik 



Richtigkeit unserer Voraussetzungen beweisen. Die Suggestion 
kann angeblich alles und unsere Erfolge werden dann Erfolge 
der Suggestion sein und nicht der Psychoanalyse. Die Suggestion 
der Gesellschaft kommt doch jetzt den Wasser-, Diät- und 
elektrischen Kuren bei Nervösen entgegen, ohne daß es diesen 
Maßnahmen gelingt, die Neurosen zu bezwingen. Es wird sich 
zeigen, ob die psychoanalytischen Behandlungen mehr zu leisten 
vermögen. 

Nun muß ich aber Ihre Erwartungen allerdings wieder dämpfen. 
Die Gesellschaft wird sich nicht beeilen, uns Autorität einzu- 
räumen. Sie muß sich im Widerstände gegen uns befinden, denn 
wir verhalten uns kritisch gegen sie; wir weisen ihr nach, daß 
sie an der Verursachung der Neurosen selbst einen großen Anteil 
hat. Wie wir den einzelnen durch die Aufdeckung des in ihm 
Verdrängten zu unserem Feinde machen, so kann auch die 
Gesellschaft die rücksichtslose Bloßlegung ihrer Schäden und 
Unzulänglichkeiten nicht mit sympathischem Entgegenkommen 
beantworten; weil wir Illusionen zerstören, wirft man uns vor, 
daß wir die Ideale in Gefahr bringen. So scheint es also, daß 
die Bedingung, von der ich eine so große Förderung unserer 
therapeutischen Chancen erwarte, niemals eintreten wird. Und 
doch ist die Situation nicht so trostlos, wie man jetzt meinen 
sollte. So mächtig auch die Affekte und die Interessen der 
Menschen sein mögen, das Intellektuelle ist doch auch eine 
Macht. Nicht gerade diejenige, welche sich zuerst Geltung ver- 
schafft, aber um so sicherer am Ende. Die einschneidendsten 
Wahrheiten werden endlich gehört und anerkannt, nachdem die 
durch sie verletzten Interessen und die durch sie geweckten 
Affekte sich ausgetobt haben. Es ist bisher noch immer so 
gegangen, und die unerwünschten Wahrheiten, die wir Psycho- 
analytiker der Welt zu sagen haben, werden dasselbe Schicksal 
finden. Nur wird es nicht sehr rasch geschehen; wir müssen 
warten können. 



Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie 33 

Ad 3) Endlich muß ich Ihnen erklären, was ich unter der 
„Allgemein wirkung" unserer Arbeit verstehe, und wie ich dazu 
komme, Hoffnungen auf diese zu setzen. Es liegt da eine sehr 
merkwürdige therapeutische Konstellation vor, die sich in gleicher 
Weise vielleicht nirgendwo wiederfindet, die Ihnen auch zunächst 
befremdlich erscheinen wird, bis Sie etwas längst Vertrautes in 
ihr erkennen werden. Sie wissen doch, die Psychoneurosen sind 
entstellte Ersatzbefriedigungen von Trieben, deren Existenz man 
vor sich selbst und vor den anderen verleugnen muß. Ihre 
Existenzfähigkeit ruht auf dieser Entstellung und Verkennung. 
Mit der Lösung des Rätsels, das sie bieten, und der Annahme 
dieser Lösung durch die Kranken werden diese Krankheitszustände 
existenzunfähig. Es gibt kaum etwas Ähnliches in der Medizin; 
in den Märchen hören Sie von bösen Geistern, deren Macht 
gebrochen ist, sobald man ihnen ihren geheimgehaltenen Namen 
sagen kann. 

Nun setzen Sie an die Stelle des einzelnen Kranken die ganze 
an den Neurosen krankende, aus kranken und gesunden Personen 
bestehende Gesellschaft, an Stelle der Annahme der Lösung dort 
die allgemeine Anerkennung hier, so wird Ihnen eine kurze 
Überlegung zeigen, daß diese Ersetzung am Ergebnis nichts zu 
ändern vermag. Der Erfolg, den die Therapie beim einzelnen 
haben kann, muß auch bei der Masse eintreten. Die Kranken 
können ihre verschiedenen Neurosen, ihre ängstliche Über- 
zärtlichkeit, die den Haß verbergen soll, ihre Agoraphobie, die 
von ihrem enttäuschten Ehrgeiz erzählt, ihre Zwangshandlungen, 
die Vorwürfe wegen und Sicherungen gegen böse Vorsätze dar- 
stellen, nicht bekannt werden lassen, wenn allen Angehörigen 
und Fremden, vor denen sie ihre Seelen Vorgänge verbergen 
wollen, der allgemeine Sinn der Symptome bekannt ist, und wenn 
sie selbst wissen, daß sie in den Krankheitserscheinungen nichts 
produzieren, was die anderen nicht sofort zu deuten verstehen. 
Die Wirkung wird sich aber nicht auf das — übrigens häufig 

Freud, VI. 5 



34 'Lur Technik 



undurchführbare — Verbergen der Symptome beschränken ; denn 
durch dieses Verbergenmüssen wird das Kranksein unverwendbar. 
Die Mitteilung des Geheimnisses hat die „ätiologische Gleichung", 
aus welcher die Neurosen hervorgehen, an ihrem heikelsten 
Punkte angegriffen, sie hat den Krankheitsgewinn illusorisch 
gemacht, und darum kann nichts anderes als die Einstellung der 
Krankheitsproduktion die endliche Folge der durch die Indiskretion 
des Arztes veränderten Sachlage sein. 

Erscheint Ihnen diese Hoffnung utopisch, so lassen Sie sich 
daran erinnern, daß Beseitigung neurotischer Phänomene auf 
diesem Wege wirklich bereits vorgekommen ist, wenngleich in 
ganz vereinzelten Fällen. Denken Sie daran, wie häufig in früheren 
Zeiten die Halluzination der heiligen Jungfrau bei Bauernmädchen 
war. Solange eine solche Erscheinung einen großen Zulauf von 
Gläubigen, etwa noch die Erbauung einer Kapelle am Gnadenorte 
zur Folge hatte, war der visionäre Zustand dieser Mädchen einer 
Beeinflussung unzugänglich. Heute hat selbst die Geistlichkeit 
ihre Stellung zu diesen Erscheinungen verändert; sie gestattet, 
daß der Gendarm und der Arzt die Visionärin besuchen, und 
seitdem erscheint die Jungfrau nur sehr selten. Oder gestatten 
Sie, daß ich dieselben Vorgänge, die ich vorhin in die Zukunft 
verlegt habe, an einer analogen, aber erniedrigten und darum 
leichter übersehbaren Situation mit Ihnen studiere. Nehmen 
Sie an, ein aus Herren und Damen der guten Gesellschaft 
bestehender Kreis habe einen Tagesausflug nach einem im Grünen 
gelegenen Wirtshause verabredet. Die Damen haben miteinander 
ausgemacht, wenn eine von ihnen ein natürliches Bedürfnis 
befriedigen wolle, so werde sie laut sagen: sie gehe jetzt Blumen 
pflücken; ein Boshafter sei aber hinter dieses Geheimnis gekommen 
und habe auf das gedruckte und an die Teilnehmer verschickte 
Programm setzen lassen: Wenn die Damen auf die Seite gehen 
wollen, mögen sie sagen, sie gehen Blumen pflücken. Natürlich 
wird keine der Damen mehr sich dieser Verblümung bedienen 



Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie 35 

wollen, und ebenso erschwert werden ähnliche neu verabredete 
Formeln sein. Was wird die Folge sein? Die Damen werden 
sich ohne Scheu zu ihren natürlichen Bedürfnissen bekennen und 
keiner der Herren wird daran Anstoß nehmen. Kehren wir zu 
unserem ernsthafteren Falle zurück. So und so viele Menschen 
haben sich in Lebenskonflikten, deren Lösung ihnen allzu schwierig 
wurde, in die Neurose geflüchtet und dabei einen unverkenn- 
baren, wenn auch auf die Dauer allzu kostspieligen Krankheits- 
gewinn erzielt. Was werden diese Menschen tun müssen, wenn 
ihnen die Flucht in die Krankheit durch die indiskreten Auf- 
klärungen der Psychoanalyse versperrt wird? Sie werden ehrlich 
sein müssen, sich zu den in ihnen rege gewordenen Trieben 
bekennen, im Konflikt standhalten, werden kämpfen oder ver- 
zichten, und die Toleranz der Gesellschaft, die sich im Gefolge 
der psychoanalytischen Aufklärung unabwendbar einstellt, wird 
ihnen zu Hilfe kommen. 

Erinnern wir uns aber, daß man dem Leben nicht als fana- 
tischer Hygieniker oder Therapeut entgegentreten darf. Gestehen 
wir uns ein, daß diese ideale Verhütung der neurotischen Erkrankungen 
nicht allen einzelnen zum Vorteil gereichen wird. Eine gute 
Anzahl derer, die sich heute in die Krankheit flüchten, würde 
unter den von uns angenommenen Bedingungen den Konflikt 
nicht bestehen, sondern rasch zugrunde gehen oder ein Unheil 
anstiften, welches größer ist als ihre eigene neurotische 
Erkrankung. Die Neurosen haben eben ihre biologische Funktion 
als Schutzvorrichtung und ihre soziale Berechtigung; ihr „Krankheits- 
gewinn" ist nicht immer ein rein subjektiver. Wer von Ihnen 
hat nicht schon einmal hinter die Verursachung einer Neurose 
geblickt, die er als den mildesten Ausgang unter allen Möglich- 
keiten der Situation gelten lassen mußte? Und soll man wirklich 
gerade der Ausrottung der Neurosen so schwere Opfer bringen, 
wenn doch die Welt voll ist von anderem unabwendbaren 
Elend ? 

3* 



36 



Zur Technik 



Sollen wir also unsere Bemühungen zur Aufklärung über den 
geheimen Sinn der Neurotik als im letzten Grunde gefährlich 
für den einzelnen und schädlich für den Betrieb der Gesellschaft 
aufgeben, darauf verzichten, aus einem Stück wissenschaftlicher 
Erkenntnis die praktische Folgerung zu ziehen? Nein, ich meine, 
unsere Pflicht geht doch nach der anderen Richtung. Der 
Krankheitsgewinn der Neurosen ist doch im ganzen und am 
Ende eine Schädigung für die einzelnen wie für die Gesellschaft. 
Das Unglück, das sich infolge unserer Aufklärungsarbeit ergeben 
kann, wird doch nur einzelne betreffen. Die Umkehr zu einem 
wahrheitsgemäßeren und würdigeren Zustand der Gesellschaft 
wird mit diesen Opfern nicht zu teuer erkauft sein. Vor allem 
aber: alle die Energien, die sich heute in der Produktion neuro- 
tischer Symptome im Dienste einer von der Wirklichkeit isolierten 
Phantasiewelt verzehren, werden, wenn sie schon nicht dem Leben 
zugute kommen können, doch den Schrei nach jenen Veränderungen 
in unserer Kultur verstärken helfen, in denen wir allein das Heil 
für die Nachkommenden erblicken können. 

So möchte ich Sie denn mit der Versicherung entlassen, daß 
Sie in mehr als einem Sinne ihre Pflicht tun, wenn Sie Ihre 
Kranken psychoanalytisch behandeln. Sie arbeiten nicht nur im 
Dienste der Wissenschaft, indem Sie die einzige und nie wieder- 
kehrende Gelegenheit ausnützen, die Geheimnisse der Neurosen 
zu durchschauen; Sie geben nicht nur Ihrem Kranken die wirk- 
samste Behandlung gegen seine Leiden, die uns heute zu Gebote 
steht; Sie leisten auch Ihren Beitrag zu jener Aufklärung der 
Masse, von der wir die gründlichste Prophylaxe der neurotischen 
Erkrankungen auf dem Umwege über die gesellschaftliche Autorität 
erwarten. 



ÜBER »WILDE« PSYCHOANALYSE 

Erschien zuerst im „Zentralblatt für Psycho- 
analyse' 1 , I (ipio), dann in der Dritten Folge dei 
„Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre". 

Vor einigen Tagen erschien in meiner Sprechstunde in Beglei- 
tung einer schützenden Freundin eine ältere Dame, die über 
Angstzustände klagte. Sie war in der zweiten Hälfte der Vier- 
zigerjahre, ziemlich gut erhalten, hatte offenbar mit ihrer 
Weiblichkeit noch nicht abgeschlossen. Anlaß des Ausbruches 
der Zustände war die Scheidung von ihrem letzten Manne; die 
Angst hatte aber nach ihrer Angabe eine erhebliche Steigerung 
erfahren, seitdem sie einen jungen Arzt in ihrer Vorstadt kon- 
sultiert hatte; denn dieser hatte ihr auseinandergesetzt, daß die 
Ursache ihrer Angst ihre sexuelle Bedürftigkeit sei. Sie könne 
den Verkehr mit dem Manne nicht entbehren, und darum gebe 
es für sie nur drei Wege zur Gesundheit, entweder sie kehre 
zu ihrem Manne zurück, oder sie nehme einen Liebhaber, oder 
sie befriedige sich selbst. Seitdem sei sie überzeugt, daß sie un- 
heilbar sei, denn zu ihrem Manne zurück wolle sie nicht, und 
die beiden anderen Mittel widerstreben ihrer Moral und ihrer 
Religiosität. Zu mir aber sei sie gekommen, weil der Arzt ihr 
gesagt habe, das sei eine neue Einsicht, die man mir verdanke, 
und sie solle sich nur von mir die Bestätigung holen, daß es 
so sei und nicht anders. Die Freundin, eine noch ältere, ver- 
kümmert und ungesund aussehende Frau, beschwor mich dann, 
der Patientin zu versichern, daß sich der Arzt geirrt habe. Es 



38 



Zur Technik 



könne doch nicht so sein, denn sie selbst sei seit langen Jahren 
Witwe und doch anständig geblieben, ohne an Angst zu 
leiden. 

Ich will nicht bei der schwierigen Situation verweilen, in die 
ich durch diesen Besuch versetzt wurde, sondern das Verhalten 
des Kollegen beleuchten, der diese Kranke zu mir geschickt 
hatte. Vorher will ich einer Verwahrung gedenken, die vielleicht 
— oder hoffentlich — nicht überflüssig ist. Langjährige Erfah- 
rung hat mich gelehrt — wie sie's auch jeden anderen lehren 
könnte — nicht leichthin als wahr anzunehmen, was Patienten, 
insbesondere Nervöse, von ihrem Arzt erzählen. Der Nervenarzt 
wird nicht nur bei jeder Art von Behandlung leicht das Objekt, 
nach dem mannigfache feindselige Regungen des Patienten zielen; 
er muß es sich auch manchmal gefallen lassen, durch eine Art 
von Projektion die Verantwortung für die geheimen verdrängten 
VV ünsche der Nervösen zu übernehmen. Es ist dann eine traurige, 
aber bezeichnende Tatsache, daß solche Anwürfe nirgendwo 
leichter Glauben finden als bei anderen Ärzten. 

Ich habe also das Recht zu hoffen, daß die Dame in meiner 
Sprechstunde mir einen tendenziös entstellten Bericht von den 
Äußerungen ihres Arztes gegeben hat, und daß ich ein Unrecht 
an ihm, der mir persönlich unbekannt ist, begehe, wenn ich 
meine Bemerkungen über „wilde" Psychoanalyse gerade an 
diesen Fall anknüpfe. Aber ich halte dadurch vielleicht andere 
ab, an ihren Kranken unrecht zu tun. 

Nehmen wir also an, daß der Arzt genau so gesprochen hat, 
wie mir die Patientin berichtete. 

Es wird dann jeder leicht zu seiner Kritik vorbringen, daß 
ein Arzt, wenn er es für notwendig hält, mit einer Frau über 
das Thema der Sexualität zu verhandeln, dies mit Takt und 
Schonung tun müsse. Aber diese Anforderungen fallen mit der 
Befolgung gewisser technischer Vorschriften der Psycho- 
analyse zusammen, und überdies hätte der Arzt eine Reihe von 



Über „wilde" Psychoanalyse 



39 



wissenschaftlichen Lehren der Psychoanalyse verkannt 
oder mißverstanden und dadurch gezeigt, wie wenig weit er 
zum Verständnis von deren Wesen und Absichten vorge- 
drungen ist. 

Besinnen wir mit den letzteren, den wissenschaftlichen Irr- 
tümern. Die Ratschläge des Arztes lassen klar erkennen, in 
welchem Sinne er das „Sexualleben" erfaßt. Im populären näm- 
lich wobei unter sexuellen Bedürfnissen nichts anderes ver- 
standen wird als das Bedürfnis nach dem Koitus oder analogen, 
den Orgasmus und die Entleerung der Geschlechtsstoffe bewir- 
kenden Vornahmen. Es kann aber dem Arzt nicht unbekannt 
o-eblieben sein, daß man der Psychoanalyse den Vorwurf zu 
machen pflegt, sie dehne den Begriff des Sexuellen weit über 
den gebräuchlichen Umfang aus. Die Tatsache ist richtig; ob 
sie als Vorwurf verwendet werden darf, soll hier nicht erörtert 
werden. Der Begriff des Sexuellen umfaßt in der Psychoanalyse 
weit mehr; er geht nach unten wie nach oben über den popu- 
lären Sinn hinaus. Diese Erweiterung rechtfertigt sich gene- 
tisch; wir_rechnen zum „Sexualleben" auch alle Betätigungen 
zärtlicher Gefühle, die aus der Quelle der primitiven sexuellen 
Regungen hervorgegangen sind, auch wenn diese Regungen 
eine Hemmung ihres ursprünglich sexuellen Zieles erfahren oder 
dieses Ziel gegen ein anderes, nicht mehr sexuelles, vertauscht 
haben. Wir sprechen darum auch lieber von Psychosexua- 
1 i t ä t, legen so Wert darauf, daß man den seelischen Faktor 
des Sexuallebens nicht übersehe und nicht unterschätze. Wir 
aebrauchen das Wort Sexualität in demselben umfassenden 
Sinne, wie die deutsche Sprache das Wort „lieben". Wir wissen 
auch längst, daß seelische Unbefriedigung mit allen ihren 
Folgen bestehen kann, wo es an normalem Sexualverkehr nicht 
mangelt, und halten uns als Therapeuten immer vor, daß von 
den unbefriedigten Sexualstrebungen, deren Ersatzbefriedigungen 
in der Form nervöser Symptome wir bekämpfen, oft nur ein 






4o 



Zur Technik 



geringes Maß durch den Koitus oder andere Sexualakte abzu- 
führen ist. 

Wer diese Auffassung der Psychosexualität nicht teilt, hat 
kein Recht, sich auf die Lehrsätze der Psychoanalyse zu berufen, 
in denen von der ätiologischen Bedeutung der Sexualität ge- 
handelt wird. Er hat sich durch die ausschließliche Betonung 
des somatischen Faktors am Sexuellen das Problem gewiß sehr 
vereinfacht, aber er mag für sein Vorgehen allein die Verant- 
wortung tragen. 

Aus den Ratschlägen des Arztes leuchtet noch ein zweites 
und ebenso arges Mißverständnis hervor. 

Es ist richtig, daß die Psychoanalyse angibt, sexuelle Unbe- 
fnedigung sei die Ursache der nervösen Leiden. Aber sagt sie 
nicht noch mehr? Will man als zu kompliziert beiseite lassen, 
daß sie lehrt, die nervösen Symptome entspringen aus einem 
Konflikt zwischen zwei Mächten, einer (meist übergroß gewor- 
denen) Libido und einer allzu strengen Sexualablehnung oder 
Verdrängung? Wer auf diesen zweiten Faktor, dem wirklich 
nicht der zweite Rang angewiesen wurde, nicht vergißt, wird 
nie glauben können, daß Sexualbefriedigung an sich ein allge- 
mein verläßliches Heilmittel gegen die Beschwerden der Ner- 
vösen sei. Ein guter Teil dieser Menschen ist ja der Befriedigung 
unter den gegebenen Umständen oder überhaupt nicht fähig. 
Wären sie dazu fähig, hätten sie nicht ihre inneren Wider- 
stände, so würde die Stärke des Triebes ihnen den Weg zur 
Befriedigung weisen, auch wenn der Arzt nicht dazu raten würde. 
Was soll also ein solcher Rat, wie ihn der Arzt angeblich jener 
Dame erteilt hat? 

Selbst wenn er sich wissenschaftlich rechtfertigen läßt, ist er 
unausführbar für sie. Wenn sie keine inneren Widerstände gegen 
die Onanie oder gegen ein Liebesverhältnis hätte, würde sie ja 
längst zu einem von diesen Mitteln gegriffen haben. Oder meint 
der Arzt, eine Frau von über 40 Jahren wisse nichts davon, 






Über „wilde" Psychoanalyse 



4 1 



daß man sich einen Liebhaber nehmen kann, oder überschätzt 
er seinen Einfluß so sehr, daß er meint, ohne ärztliches Gut- 
heißen würde sie sich nie zu einem solchen Schritt entschließen 

können ? 

Das scheint alles sehr klar, und doch ist zuzugeben, daß es 
ein Moment gibt, welches die Urteilsfällung oft erschwert. Manche 
der nervösen Zustände, die sogenannten Aktualneurosen 
wie die typische Neurasthenie und die reine Angstneurose, hängen 
offenbar von dem somatischen Faktor des Sexuallebens ab, 
während wir über die Rolle des psychischen Faktors und der 
Verdrängung bei ihnen noch keine gesicherte Vorstellung haben. 
In solchen Fällen ist es dem Arzte nahegelegt, eine aktuelle 
Therapie, eine Veränderung der somatischen sexuellen Betätigung, 
zunächst ins Auge zu fassen, und er tut dies mit vollem Recht, 
wenn seine Diagnose richtig war. Die Dame, die den jungen 
Arzt konsultierte, klagte vor allem über Angstzustände, und da 
nahm er wahrscheinlich an, sie leide an Angstneurose, und hielt 
sich für berechtigt, ihr eine somatische Therapie zu empfehlen. 
Wiederum ein bequemes Mißverständnis! Wer an Angst leidet, 
hat darum nicht notwendig eine Angstneurose ; diese Diagnose ist 
nicht aus dem Namen abzuleiten; man muß wissen, welche Er- 
scheinungen eine Angstneurose ausmachen, und sie von anderen, 
auch durch Angst manifestierten Krankheitszuständen unter- 
scheiden. Die in Rede stehende Dame litt nach meinem Ein- 
druck an einer Angsthysterie, und der ganze, aber auch 
voll zureichende Wert solcher nosographischer Unterscheidungen 
liegt darin, daß sie auf eine andere Ätiologie und andere Therapie 
hinweisen. Wer die Möglichkeit einer solchen Angsthysterie ins 
Auge gefaßt hätte, der wäre der Vernachlässigung der psychischen 
Faktoren, wie sie in den Alternativratschlägen des Arztes hervor- 
tritt, nicht verfallen. 

Merkwürdig genug, in dieser therapeutischen Alternative des 
angeblichen Psychoanalytikers bleibt kein Raum — für die Psycho- 



4 2 



7.ur Technik 






analyse. Diese Frau soll von ihrer Angst nur genesen können, 
wenn sie zu ihrem Manne zurückkehrt oder sich auf dem Wege 
der Onanie oder bei einem Liebhaber befriedigt. Und wo hätte 
die analytische Behandlung einzutreten, in der wir das Haupt- 
mittel bei Angstzuständen erblicken? 

Somit wären wir zu den technischen Verfehlungen gelangt, 
die wir in dem Vorgehen des Arztes im angenommenen Falle 
erkennen. Es ist eine längst überwundene, am oberflächlichen 
Anschein haftende Auffassung, daß der Kranke infolge einer Art 
von Unwissenheit leide, und wenn man diese Unwissenheit 
durch Mitteilung (über die ursächlichen Zusammenhänge seiner 
Krankheit mit seinem Leben, über seine Kindheitserlebnisse usw.) 
aufhebe, müsse er gesund werden. Nicht dies Nichtwissen an 
sich ist das pathogene Moment, sondern die Begründung des 
Nichtwissens in inneren Widerständen, welche das 
Nichtwissen zuerst hervorgerufen haben und es jetzt noch unter- 
halten. In der Bekämpfung dieser Widerstände liegt die Aufgabe 
der Therapie. Die Mitteilung dessen, was der Kranke nicht 
weiß, weil er es verdrängt hat, ist nur eine der notwendigen 
Vorbereitungen für die Therapie. Wäre das Wissen des Unbe- 
wußten für den Kranken so wichtig wie der in der Psychoanalyse 
Unerfahrene glaubt, so müßte es zur Heilung hinreichen, wenn 
der Kranke Vorlesungen anhört oder Bücher liest. Diese Maß- 
nahmen haben aber ebensoviel Einfluß auf die nervösen Leidens- 
symptome wie die Verteilung von Menukarten zur Zeit einer 
Hungersnot auf den Hunger. Der Vergleich ist sogar über seine 
erste Verwendung hinaus brauchbar, denn die Mitteilung des 
Unbewußten an den Kranken hat regelmäßig die Folge, daß der 
Konflikt in ihm verschärft wird und die Beschwerden sich steigern. 
Da die Psychoanalyse aber eine solche Mitteilung nicht 
entbehren kann, schreibt sie vor, daß sie nicht eher zu erfolgen 
habe, als bis zwei Bedingungen erfüllt sind. Erstens bis der 
Kranke durch Vorbereitung selbst in die Nähe des von ihm 






Über ^wilde" Psychoanalyse 43 



Verdrängten gekommen ist, und zweitens, bis er sich so weit an 
den Arzt attachiert hat (Übertragung), daß ihm die 
Gefühlsbeziehung zum Arzt die neuerliche Flucht unmöglich 

macht. 

Erst durch die Erfüllung dieser Bedingungen wird es möglich, 
die Widerstände, welche zur Verdrängung und zum Nichtwissen 
geführt haben, zu erkennen und ihrer Herr zu werden. Ein 
psychoanalytischer Eingriff setzt also durchaus einen längeren 
Kontakt mit dem Kranken voraus, und Versuche, den Kranken 
durch die brüske Mitteilung seiner vom Arzt erratenen Geheim- 
nisse beim ersten Besuch in der Sprechstunde zu überrumpeln, 
sind technisch verwerflich und strafen sich meist dadurch, daß 
sie dem Arzt die herzliche Feindschaft des Kranken zuziehen und 
iede weitere Beeinflussung abschneiden. 

Ganz abgesehen davon, daß man manchmal falsch rät und 
niemals imstande ist, alles zu erraten. Durch diese bestimmten 
technischen Vorschriften ersetzt die Psychoanalyse die Forderung 
des unfaßbaren „ärztlichen Taktes", in dem eine besondere 
Begabung gesucht wird. 

Es reicht also für den Arzt nicht hin, einige der Ergebnisse 
der Psychoanalyse zu kennen; man muß sich auch mit ihrer 
Technik vertraut gemacht haben, wenn man sein ärztliches 
Handeln durch die psychoanalytischen Gesichtspunkte leiten 
lassen will. Diese Technik ist heute noch nicht aus Büchern zu 
erlernen und gewiß nur mit großen Opfern an Zeit, Mühe und 
Erfolg selbst zu finden. Man erlernt sie wie andere ärztliche 
Techniken bei denen, die sie bereits beherrschen. Es ist darum 
gewiß für die Beurteilung des Falles, an den ich diese Bemer- 
kungen knüpfe, nicht gleichgültig, daß ich den Arzt, der solche 
Ratschläge gegeben haben soll, nicht kenne und seinen Namen 

nie gehört habe. 

Es ist weder mir noch meinen Freunden und Mitarbeitern 
angenehm, in solcher Weise den Anspruch auf die Ausübung 






44 



Zur Technik 



einer ärztlichen Technik zu monopolisieren. Aber angesichts der 
Gefahren, die die vorherzusehende Übung einer „wilden" Psycho- 
analyse für die Kranken und für die Sache der Psychoanalyse 
mit sich bringt, blieb uns nichts anderes übrig. Wir haben im 
Frühjahr 1910 einen internationalen psychoanalytischen Verein 
gegründet, dessen Mitglieder sich durch Namensveröffentlichung 
zu ihm bekennen, um die Verantwortung für das Tun aller 
jener ablehnen zu können, die nicht zu uns gehören und ihr 
ärztliches Vorgehen „Psychoanalyse" heißen. Denn in Wahrheit 
schaden solche wilde Analytiker doch der Sache mehr als dem 
einzelnen Kranken. Ich habe es häufig erlebt, daß ein so un- 
geschicktes Vorgehen, wenn es zuerst eine Verschlimmerung im 
Befinden des Kranken machte, ihm am Ende doch zum Heile 
gereicht hat. Nicht immer, aber doch oftmals. Nachdem er lange 
genug auf den Arzt geschimpft hat und sich weit genug von seiner 
Beeinflussung weiß, lassen dann seine Symptome nach, oder er 
entschließt sich zu einem Schritt, welcher auf dem Wege zur 
Heilung liegt. Die endliche Besserung ist dann „von selbst" 
eingetreten oder wird der höchst indifferenten Behandlung eines 
Arztes zugeschrieben, an den sich der Kranke später gewendet 
hat. Für den Fall der Dame, deren Anklage gegen den Arzt 
wir gehört haben, möchte ich meinen, der wilde Psychoanalytiker 
habe doch mehr für seine Patientin getan als irgend eine hoch- 
angesehene Autorität, die ihr erzählt hätte, daß sie an einer 
„vasomotorischen Neurose" leide. Er hat ihren Blick auf die 
wirkliche Begründung ihres Leidens oder in dessen Nähe 
gezwungen, und dieser Eingriff wird trotz alles Sträubens der 
Patientin nicht ohne günstige Folgen bleiben. Aber er hat sich 
selbst geschädigt und die Vorurteile steigern geholfen, welche 
sich infolge begreiflicher Affektwiderstände bei den Kranken 
gegen die Tätigkeit des Psychoanalytikers erheben. Und dies 
kann vermieden werden. 



DIE HANDHABUNG DER TRAUMDEUTUNG 
IN DER PSYCHOANALYSE 

Erschien zuerst im „Zentralblatt für Psycho- 
analyse", II (ipi2), dann in der Vierten Folge der 
„Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre' 1 . 

Das „Zentralblatt für Psychoanalyse" hat sich nicht nur die eine 
Aufgabe gesetzt, über die Fortschritte der Psychoanalyse zu 
orientieren und selbst kleinere Beiträge zur Veröffentlichung zu 
bringen, sondern möchte auch den anderen Aufgaben genügen, 
das bereits Erkannte in klarer Fassung dem Lernenden vorzu- 
legen und dem Anfänger in der analytischen Behandlung durch 
geeignete Anweisungen Aufwand an Zeit und Mühe zu ersparen. 
Es werden darum in dieser Zeitschrift von nun an auch Aufsätze 
didaktischer Natur und technischen Inhaltes erscheinen, an 
denen es nicht wesentlich ist, ob sie auch etwas Neues mit- 
teilen. 

Die Frage, die ich heute zu behandeln gedenke, ist nicht 
die nach der Technik der Traumdeutung. Es soll nicht erörtert 
werden, wie man Träume zu deuten und deren Deutung zu 
verwerten habe, sondern nur, welchen Gebrauch man bei der 
psychoanalytischen Behandlung von Kranken von der Kunst der 
Traumdeutung machen solle. Man kann dabei gewiß in ver- 
schiedener Weise vorgehen, aber die Antwort auf technische 
Fragen ist in der Psychoanalyse niemals selbstverständlich. Wenn 
es vielleicht mehr als nur einen guten Weg gibt, so gibt es 
doch sehr viele schlechte, und eine Vergleichung verschiedener 



4 6 



Zur Technik 



Techniken kann nur aufklärend wirken, auch wenn sie 
nicht zur Entscheidung für eine bestimmte Methode führen 
sollte. 

Wer von der Traumdeutung her zur analytischen Behandlung 
kommt, der wird sein Interesse für den Inhalt der Träume 
festhalten und darum jeden Traum, den ihm der Kranke 
erzählt, zur möglichst vollständigen Deutung bringen wollen. 
Er wird aber bald merken können, daß er sich nun unter ganz 
andersartigen Verhältnissen befindet, und daß er mit den nächsten 
Aufgaben der Therapie in Kollision gerät, wenn er seinen Vor- 
satz durchführen will. Erwies sich etwa der erste Traum des 
Patienten als vortrefflich brauchbar für die Anknüpfung der 
ersten an den Kranken zu richtenden Aufklärungen, so stellen 
sich alsbald Träume ein, die so lang und so dunkel sind, daß 
ihre Deutung in der begrenzten Arbeitsstunde eines Tages nicht 
zu Ende gebracht werden kann. Setzt der Arzt diese Deutungs- 
arbeit durch die nächsten Tage fort, so wird ihm unterdes von 
neuen Träumen berichtet, die zurückgestellt werden müssen, bis 
er den ersten Traum für erledigt halten kann. Gelegentlich ist 
die Traumproduktion so reichlich und der Fortschritt des Kranken 
im Verständnis der Träume dabei so zögernd, daß der Analytiker 
sich der Idee nicht erwehren kann, diese Art der Darreichung 
des Materials sei nur eine Äußerung des Widerstandes, welcher 
sich der Erfahrung bedient, daß die Kur den ihr so gebotenen 
Stoff nicht bewältigen kann. Unterdes ist die Kur aber ein 
ganzes Stück hinter der Gegenwart zurückgeblieben und hat den 
Kontakt mit der Aktualität eingebüßt. Einer solchen Technik muß 
man die Regel entgegenhalten, daß es für die Behandlung von 
größter Bedeutung ist, die jeweilige psychische Oberfläche des 
Kranken zu kennen, darüber orientiert zu sein, welche Kom- 
plexe und welche Widerstände derzeit bei ihm rege gemacht 
sind, und welche bewußte Reaktion dagegen sein Benehmen 
leiten wird. Dieses therapeutische Ziel darf kaum jemals zu 






Die Handhabung der Traumdeutung in der Psychoanalyse 47 

Gunsten des Interesses an der Traumdeutung hintangesetzt 
werden. 

Wie soll man es also mit der Traumdeutung in der Analyse 
halten, wenn man jener Regel eingedenk bleiben will ? Etwa 
so : Man begnüge sich jedesmal mit dem Ergebnis an Deutung, 
welches in einer Stunde zu gewinnen ist, und halte es nicht für 
einen Verlust, daß man den Inhalt des Traumes nicht voll- 
ständig erkannt hat. Am nächsten Tage setze man die Deutungs- 
arbeit nicht wie selbstverständlich fort, sondern erst dann, wenn 
man merkt, daß inzwischen nichts anderes sich beim Kranken 
in den Vordergrund gedrängt hat. Man mache also von der 
Regel, immer das zu nehmen, was dem Kranken zunächst in 
den Sinn kommt, zu Gunsten einer unterbrochenen Traum- 
deutung keine Ausnahme. Haben sich neue Träume eingestellt, 
ehe man die früheren zu Ende gebracht, so wende man sich 
diesen rezenteren Produktionen zu und mache sich aus der 
Vernachlässigung der älteren keinen Vorwurf. Sind die Träume 
gar zu umfänglich und weitschweifig geworden, so verzichte man 
bei sich von vornherein auf eine vollständige Lösung. Man hüte 
sich im allgemeinen davor, ein ganz besonderes Interesse für die 
Deutung der Träume an den Tag zu legen oder im Kranken 
die Meinung zu erwecken, daß die Arbeit stille stehen müsse, 
wenn er keine Träume bringe. Man läuft sonst Gefahr, den 
Widerstand auf die Traumproduktion zu lenken und ein Ver- 
siegen der Träume hervorzurufen. Der Analysierte muß vielmehr 
zur Überzeugung erzogen werden, daß die Analyse in jedem 
Falle Material zu ihrer Fortsetzung findet, gleichgültig ob er 
Träume beibringt oder nicht, und in welchem Ausmaße man 
sich mit ihnen beschäftigt. 

Man wird nun fragen : Verzichtet man nicht auf zuviel wert- 
volles Material zur Aufdeckung des Unbewußten, wenn man die 
Traumdeutung nur unter solchen methodischen Einschränkungen 
ausübt ? Darauf ist folgendes zu erwidern : Der Verlust ist keines- 



48 Zur Technik 



wegs so groß, wie es bei geringer Vertiefung in den Sachver- 
halt erscheinen wird. Man mache sich einerseits klar, daß irgend 
ausführliche Traumproduktionen bei schweren Fällen von Neu- 
rosen nach allen Voraussetzungen als prinzipiell nicht vollständig 
lösbar beurteilt werden müssen. Ein solcher Traum baut sich oft 
über dem gesamten pathogenen Material des Falles auf, welches 
Arzt und Patient noch nicht kennen (sogenannte Programmträume, 
biographische Träume) ; er ist gelegentlich einer Übersetzung des 
ganzen Inhalts der Neurose in die Traumsprache gleichzustellen. 
Beim Versuch einen solchen Traum zu deuten, werden alle noch 
unangetastet vorhandenen Widerstände zur Wirkung kommen 
und der Einsicht bald eine Grenze setzen. Die vollständige 
Deutung eines solchen Traumes fällt eben zusammen mit der 
Ausführung der ganzen Analyse. Hat man ihn zu Beginn der 
Analyse notiert, so kann man ihn etwa am Ende derselben, 
nach vielen Monaten, verstehen. Es ist derselbe Fall wie beim 
Verständnis eines einzelnen Symptoms (des Hauptsymptoms etwa). 
Die ganze Analyse dient der Aufklärung desselben; während der 
Behandlung muß man der Reihe nach bald dies bald jenes Stück 
der Symptombedeutung zu erfassen suchen, bis man all diese 
Stücke zusammensetzen kann. Mehr darf man also auch von 
einem zu Anfang der Analyse vorfallenden Traume nicht ver- 
langen; man muß sich zufrieden geben, wenn man aus dem 
Deutungs versuch zunächst eine einzelne pathogene Wunsch regung 
errät. 

Man verzichtet also auf nichts Erreichbares, wenn man die 
Absicht einer vollständigen Traumdeutung aufgibt. Man verliert 
aber auch in der Regel nichts, wenn man die Deutung eines 
älteren Traumes abbricht, um sich einem rezenteren zuzuwenden. 
Wir haben aus schönen Beispielen voll gedeuteter Träume 
erfahren, daß mehrere aufeinanderfolgende Szenen desselben 
Traumes den nämlichen Inhalt haben können, der sich in ihnen 
etwa mit steigender Deutlichkeit durchsetzt. Wir haben ebenso 



Die Handhabung der Traumdeutung in der Psychoanalyse 49 



gelernt, daß mehrere in derselben Nacht vorfallende Träume 
nichts anderes zu sein brauchen als Versuche, denselben Inhalt 
in verschiedener Ausdrucks weise darzustellen. Wir können ganz 
allgemein versichert sein, daß jede Wunschregung, die sich heute 
einen Traum schafft, in einem anderen Traume wiederkehren 
wird, solange sie nicht verstanden und der Herrschaft des Unbe- 
wußten entzogen ist. So wird auch oft der beste Weg, um die 
Deutung eines Traumes zu vervollständigen, darin bestehen, daß 
man ihn verläßt, um sich dem neuen Traume zu widmen, der 
das nämliche Material in vielleicht zugänglicherer Form wieder 
aufnimmt. Ich weiß, daß es nicht nur für den Analysierten, 
sondern auch für den Arzt eine starke Zumutung ist, die bewußten 
Zielvorstellungen bei der Behandlung aufzugeben und sich ganz 
einer Leitung zu überlassen, die uns doch immer wieder als 
„zufällig" erscheint. Aber ich kann versichern, es lohnt sich 
jedesmal, wenn man sich entschließt, seinen eigenen theoretischen 
Behauptungen Glauben zu schenken, und sich dazu überwindet, 
die Herstellung des Zusammenhanges der Führung des Unbe- 
wußten nicht streitig zu machen. 

Ich plädiere also dafür, daß die Traumdeutung in der analy- 
tischen Behandlung nicht als Kunst um ihrer selbst willen 
betrieben werden soll, sondern daß ihre Handhabung jenen tech- 
nischen Regeln unterworfen werde, welche die Ausführung der 
Kur überhaupt beherrschen. Natürlich kann man es gelegentlich 
auch anders machen und seinem theoretischen Interesse ein 
Stück weit nachgehen. Man muß dabei aber immer wissen, was 
man tut. Ein anderer Fall ist noch in Betracht zu ziehen, der sich 
ergeben hat, seitdem wir zu unserem Verständnis der Traum- 
symbolik größeres Zutrauen haben und uns von den Einfällen 
der Patienten unabhängiger wissen. Ein besonders geschickter 
Traumdeuter kann sich etwa in der Lage befinden, daß er jeden 
Traum des Patienten durchschaut, ohne diesen zur mühsamen 
und zeitraubenden Bearbeitung des Traumes anhalten zu müssen. 

Freud, VI. * 



5<> 



Zur Technik 



Für einen solchen Analytiker entfallen also alle Konflikte 
zwischen den Anforderungen der Traumdeutung und jenen 
der Therapie. Er wird sich auch versucht fühlen, die Traum- 
deutung jedesmal voll auszunützen und dem Patienten alles 
mitzuteilen, was er aus seinen Träumen erraten hat. Dabei 
hat er aber eine Methodik der Behandlung eingeschlagen, die 
von der regulären nicht unerheblich abweicht, wie ich in 
anderem Zusammenhange dartun werde. Dem Anfänger in der 
psychoanalytischen Behandlung ist jedenfalls zu widerraten, 
daß er sich diesen außergewöhnlichen Fall zum Vorbild 
nehme. 

Gegen die allerersten Träume, die ein Patient in der ana- 
lytischen Behandlung mitteilt, so lange er selbst noch nichts von 
der Technik der Traumübersetzung gelernt hat, verhält sich jeder 
Analytiker wie jener von uns angenommene überlegene Traum- 
deuter. Diese initialen Träume sind sozusagen naiv, sie verraten 
dem Zuhörer sehr viel, ähnlich wie die Träume sogenannt 
gesunder Menschen. Es entsteht nun die Frage, soll der Arzt 
auch sofort dem Kranken alles übersetzen, was er selbst aus dem 
Traume herausgelesen hat. Diese Frage soll aber hier nicht 
beantwortet werden, denn sie ist offenbar der umfassenderen 
Frage untergeordnet, in welchen Phasen der Behandlung und in 
welchem Tempo der Kranke in die Kenntnis des ihm seelisch 
Verhüllten vom Arzte eingeführt werden soll. Je mehr dann der 
Patient von der Übung der Traumdeutung erlernt hat, desto 
dunkler werden in der Regel seine späteren Träume. Alles 
erworbene Wissen um den Traum dient auch der Traumbildung 
als Warnung. 

In den „wissenschaftlichen" Arbeiten über den Traum, die 
trotz der Ablehnung der Traumdeutung einen neuen Impuls 
durch die Psychoanalyse empfangen haben, findet man immer 
wieder eine recht überflüssige Sorgfalt auf die getreue Erhaltung 
des Traumtextes verlegt, der angeblich vor den Entstellungen 



Die Handhabung der Traumdeutung in der Psychoanalyse 51 



und Usuren der nächsten Tagesstunden bewahrt werden muß. 
Auch manche Psychoanalytiker scheinen sich ihrer Einsicht in 
die Bedingungen der Traumbildung nicht konsequent genug zu 
bedienen, wenn sie dem Behandelten den Auftrag geben, jeden 
Traum unmittelbar nach dem Erwachen schriftlich zu fixieren. 
Diese Maßregel ist in der Therapie überflüssig; auch bedienen 
sich die Kranken der Vorschrift gern, um sich im Schlafe zu 
stören und einen großen Eifer dort anzubringen, wo er nicht 
von Nutzen sein kann. Hat man nämlich auf solche Weise müh- 
selig einen Traumtext gerettet, der sonst vom Vergessen verzehrt 
worden wäre, so kann man sich doch leicht überzeugen, daß für 
den Kranken damit nichts erreicht ist. Zu dem Text stellen sich 
die Einfälle nicht ein, und der Effekt ist der nämliche, als ob 
der Traum nicht erhalten geblieben wäre. Der Arzt hat aller- 
dings in dem einen Falle etwas erfahren, was ihm im anderen 
entgangen wäre. Aber es ist nicht dasselbe, ob der Arzt oder ob 
der Patient etwas weiß; die Bedeutung dieses Unterschiedes für 
die Technik der Psychoanalyse soll ein anderes Mal von uns 
gewürdigt werden. 

Ich will endlich noch einen besonderen Typus von Träumen 
erwähnen, die ihren Bedingungen nach nur in einer psycho- 
analytischen Kur vorkommen können, und die den Anfänger 
befremden oder irreführen mögen. Es sind dies die sogenannten 
nachhinkenden oder bestätigenden Träume, die der Deutung 
leicht zugänglich sind und als Übersetzung nichts anderes ergeben, 
als was die Kur in den letzten Tagen aus dem Material der 
Tageseinfälle erschlossen hatte. Es sieht dann so aus, als hätte 
der Patient die Liebenswürdigkeit gehabt, gerade das in Traum- 
form zu bringen, was man ihm unmittelbar vorher „suggeriert" 
hat. Der geübtere Analytiker hat allerdings Schwierigkeiten, 
seinem Patienten solche Liebenswürdigkeiten zuzumuten; er greift 
solche Träume als erwünschte Bestätigungen auf und konstatiert, 
daß sie nur unter bestimmten Bedingungen der Beeinflussung 

v 






52 



Zur Technik 



durch die Kur beobachtet werden. Die weitaus zahlreichsten 
Träume eilen ja der Kur voran, so daß sich aus ihnen nach 
Abzug von allem bereits Bekannten und Verständlichen ein mehr 
oder minder deutlicher Hinweis auf etwas, was bisher verborgen 
war, ergibt. 



ZUR DYNAMIK DER ÜBERTRAGUNG 

Erschien zuerst im „Zentralblatt für Psycho- 
analyse", II (191 2), dann in der Vierten Folge der 
„Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre". 

Das schwer zu erschöpfende Thema der „Übertragung" ist 
kürzlich in diesem Zentralblatt von W. St ekel in deskriptiver 
Weise behandelt worden.' Ich möchte nun hier einige Bemer- 
kungen anfügen, die verstehen lassen sollen, wie die Übertragung 
während einer psychoanalytischen Kur notwendig zustande kommt, 
und wie sie zu der bekannten Rolle während der Behandlung 

gelangt. 

Machen wir uns klar, daß jeder Mensch durch das Zusammen- 
wirken von mitgebrachter Anlage und von Einwirkungen auf 
ihn während seiner Kinderjahre eine bestimmte Eigenart erworben 
hat, wie er das Liebesleben ausübt, also welche Liebes- 
bedingungen er stellt, welche Triebe er dabei befriedigt, und welche 
Ziele er sich setzt. 2 Das ergibt sozusagen ein Klischee (oder auch 

1) Jahrgang II, Nr. II, S. 26. 

2) Verwahren wir uns an dieser Stelle gegen den mißverständlichen Vorwurf, als 
hätten wir die Bedeutung der angeborenen (konstitutionellen) Momente geleugnet, 
weil wir die der infantilen Eindrücke hervorgehoben haben. Ein solcher Vorwurf stammt 
aus der Enge des Kausalbedürfnisses der Menschen, welches sich im Gegensatz zur 
p-ewöhnlichen Gestaltung der Realität mit einem einzigen verursachenden Moment 
zufrieden geben will. Die Psychoanalyse hat über die akzidentellen Faktoren der 
Ätiologie viel, über die konstitutionellen wenig geäußert, aber nur darum, weil sie 

den ersteren etwas Neues beibringen konnte, über die letzteren hingegen zunächst 
nicht mehr wußte, als man sonst weiß. Wir lehnen es ab, einen prinzipiellen Gegen- 
satz zwischen beiden Reihen von ätiologischen Momenten zu statuieren; wir nehmen 
vielmehr ein regelmäßiges Zusammenwirken beider zur Hervorbringung des beob- 
nchteten Effekts an. Aai|io>v xai Tu^^J bestimmen das Schicksal eines Menschen; 






54 Zur Technik 



mehrere), welches im Laufe des Lebens regelmäßig wiederholt 
neu abgedruckt wird, insoweit die äußeren Umstände und die 
Natur der zugänglichen Liebesobjekte es gestatten, welches gewiß 
auch gegen rezente Eindrücke nicht völlig unveränderlich ist 
Unsere Erfahrungen haben nun ergeben, daß von diesen das 
Liebesleben bestimmenden Regungen nur ein Anteil die volle 
psychische Entwicklung durchgemacht hat; dieser Anteil ist der 
Realität zugewendet, steht der bewußten Persönlichkeit zur Ver- 
fügung und macht ein Stück von ihr aus. Ein anderer Teil 
dieser libidinösen Regungen ist in der Entwicklung aufgehalten 
worden, er ist von der bewußten Persönlichkeit wie von der 
Realität abgehalten, durfte sich entweder nur in der Phantasie 
ausbreiten oder ist gänzlich im Unbewußten verblieben, so daß 
er dem Bewußtsein der Persönlichkeit unbekannt ist. Wessen 
Liebesbedürftigkeit nun von der Realität nicht restlos befriedigt 
wird, der muß sich mit libidinösen Erwartungsvorstellungen 
jeder neu auftretenden Person zuwenden, und es ist durchaus 
wahrscheinlich, daß beide Portionen seiner Libido, die bewußt- 
seinsfähige wie die unbewußte an dieser Einstellung Anteil haben. 
Es ist also völlig normal und verständlich, wenn die erwartungs- 
voll bereitgehaltene Libidobesetzung des teilweise Unbefriedigten 
sich auch der Person des Arztes zuwendet. Unserer Voraussetzung 
gemäß, wird sich diese Besetzung an Vorbilder halten, an eines 
der Klischees anknüpfen, die bei der betreffenden Person vor- 
handen sind oder, wie wir auch sagen können, sie wird den 
Arzt in eine der psychischen „Reihen" einfügen, die der Leidende 
bishe r^gebildet hat. Es entspricht den realen Beziehungen zum 






. 



Zur Dynamik der Übertragung 55 



Arzte, wenn für diese Einreihung die Vater-Imago (nach Jungs 
glücklichem Ausdruck) 1 maßgebend wird. Aber die Übertragung 
ist an dieses Vorbild nicht gebunden, sie kann auch nach der 
Mutter- oder Bruder-Imago usw. erfolgen. Die Besonderheiten 
der Übertragung auf den Arzt, durch welche sie über Maß und 
Art dessen hinausgeht, was sich nüchtern und rationell recht- 
fertigen läßt, werden durch die Erwägung verständlich, daß eben 
nicht nur die bewußten Erwartungsvorstellungen, sondern auch 
die zurückgehaltenen oder unbewußten diese Übertragung 

hergestellt haben. 

Über dieses Verhalten der Übertragung wäre weiter nichts 
zu sagen oder zu grübeln, wenn nicht dabei zwei Punkte 
unerklärt blieben, die für den Psychoanalytiker von besonderem 
Interesse sind. Erstens verstehen wir nicht, daß die Übertragung 
bei neurotischen Personen in der Analyse soviel intensiver aus- 
fällt als bei anderen, nicht analysierten, und zweitens bleibt es 
rätselhaft, weshalb uns bei der Analyse die Übertragung als der 
stärksteWiderstand gegen die Behandlung entgegentritt, 
während wir sie außerhalb der Analyse als Trägerin der Heil- 
wirkung, als Bedingung des guten Erfolges anerkennen müssen. 
Es ist doch eine beliebig oft zu bestätigende Erfahrung, daß, wenn 
die freien Assoziationen eines Patienten versagen 2 , jedesmal die 
Stockung beseitigt werden kann durch die Versicherung, er stehe 
jetzt unter der Herrschaft eines Einfalles, der sich mit der 
Person des Arztes oder mit etwas zu ihm Gehörigen beschäftigt. 
Sobald man diese Aufklärung gegeben hat, ist die Stockung 
beseitigt, oder man hat die Situation des Versagens in die des 
Verschweigens der Einfälle verwandelt. 

Es scheint auf den ersten Blick ein riesiger methodischer Nach- 
teil der Psychoanalyse zu sein, daß sich in ihr die Übertragung, 



1) Symbole und Wandlungen der Libido. Jahrbuch für Psychoanalyse, III, S. 164.. 
2} Ich meine, wenn sie wirklich ausbleiben, und nicht etwa infolge eines banalen 
ünlustgefühles von ihm verschwiegen werden. 



5 6 Zur Technik 



sonst der mächtigste Hebel des Erfolgs, in das stärkste Mittel 
des Widerstandes verwandelt. Bei näherem Zusehen wird aber 
wenigstens das erste der beiden Probleme weggeräumt Es ist 
nicht richtig, daß die Übertragung während der Psychoanalyse 
intensiver und ungezügelter auftritt als außerhalb derselben. Man 
beobachtet in Anstalten, in denen Nervöse nicht analytisch behandelt 
werden, die höchsten Intensitäten und die unwürdigsten Formen 
emer bis zur Hörigkeit gehenden Übertragung, auch die unzwei- 
deut,gste erotische Färbung derselben. Eine feinsinnige Beobachterin 
wie die Gabriele Reuter hat dies zur Zeit, als es „och kaum eine 
Psychoanalyse gab, in einem merkwürdigen Buche geschildert 
welches überhaupt die besten Einsichten in das Wesen und diJ 
Entstehung der Neurosen verrät.' Diese Charaktere der Über- 
tragung sind also nicht auf Rechnung der Psychoanalyse zu setzen, 
sondern der Neurose selbst zuzuschreiben. Das zweite Problem 
bleibt vorläufig unangetastet. 

Diesem Problem, der Frage, warum die Übertragung uns in 
der Psychoanalyse als Widerstand entgegentritt, müssen wir nun 
näher rücken. Vergegenwärtigen wir uns die psychologische Situation 
der Behandlung: Eine regelmäßige und unentbehrliche Vor- 
bedingung jeder Erkrankung an einer Psychoneurose ist der 
Vorgang, den Jung treffend als Introversion der Libido 
beze.cb.net hat. 2 Das heißt: Der Anteil der bewußtseinsfähigen, 
der Realität zugewendeten Libido wird verringert, der Anteil der 
von der Realität abgewendeten, unbewußten, welche etwa noch 
die Phantasien der Person speisen darf, aber dem Unbewußten 
angehört, um so viel vermehrt. Die Libido hat sich (ganz oder 
teilweise) m die Regression begeben und die infantilen Imagines 
2^^!^^^^ analytische Kur nach, 

l) Aus guter Familie, 1895. 

anderen Neurosen ÄÄeSÄ"" Charakteristisches, was hei 

Aberd« ZZl be<IU 7T- ZU Sagen: SiC hat die Etilen „Komplexe" wieder besetzt 
Aber das «are unncht.g; e.nug 2U rechtfertigen wäre die Aussage: Die Ü 



Zur Dynamik der Übertragung 57 

welche die Libido aufsuchen, wieder dem Bewußtsein zugänglich 
und endlich der Realität dienstbar machen will. Wo die analytische 
Forschung auf die in ihre Verstecke zurückgezogene Libido stößt, 
muß ein Kampf ausbrechen; alle die Kräfte, welche die Regression 
der Libido verursacht haben, werden sich als „Widerstände" gegen 
die Arbeit erheben, um diesen neuen Zustand zu konservieren. 
Wenn nämlich die Introversion oder Regression der Libido nicht 
durch eine bestimmte Relation zur Außenwelt (im allgemeinsten: 
durch die Versagung der Befriedigung) berechtigt und selbst für 
den Augenblick zweckmäßig gewesen wäre, hätte sie überhaupt 
nicht zustande kommen können. Die Widerstände dieser Herkunft 
sind aber nicht die einzigen, nicht einmal die stärksten. Die der 
Persönlichkeit verfügbare Libido hatte immer unter der Anziehung 
der unbewußten Komplexe (richtiger der dem Unbewußten 
angehörenden Anteile dieser Komplexe) gestanden und war in die 
Regression geraten, weil die Anziehung der Realität nachgelassen 
hatte. Um sie frei zu machen, muß nun diese Anziehung des 
Unbewußten überwunden, also die seither in dem Individuum 
konstituierte Verdrängung der unbewußten Triebe und ihrer 
Produktionen aufgehoben werden. Dies ergibt den bei weitem 
großartigeren Anteil des Widerstandes, der ja so häufig die Krankheit 
fortbestehen läßt, auch wenn die Abwendung von der Realität 
die zeitweilige Begründung wieder verloren hat. Mit den Wider- 
ständen aus beiden Quellen hat die Analyse zu kämpfen. Der 
Widerstand begleitet die Behandlung auf jedem Schritt; jeder 
einzelne Einfall, jeder Akt des Behandelten muß dem Wider- 
stände Rechnung tragen, stellt sich als ein Kompromiß aus den 

Anteile dieser Komplexe. — Die außerordentliche Verschhmgenheit des in dieser 
Arbeit behandelten Themas legt die Versuchung nahe, auf eine Anzahl von anstoßenden 
Problemen einzugehen, deren Klärung eigentlich erforderlich wäre, ehe man von den 
hier zu beschreibenden psychischen Vorgängen in unzweideutigen Worten reden 
könnte. Solche Probleme sind: Die Abgrenzung der Introversion und der Regression 
gegeneinander, die Einfügung der Komplexlehre in die Libidothcorie, die Beziehungen 
des Phantasierens zum Bewußten und Unbewußten wie zur Realität u. a. Es bedarf 
keiner Entschuldigung, wenn ich an dieser Stelle diesen Versuchungen widerstanden 
habe. 



5 8 Zur Technik 



zur Genesung zielenden Kräften und den angeführten, ihr wider- 
strebenden, dar. 

Verfolgt man nun einen pathogenen Komplex von seiner (ent- 
weder als Symptom auffälligen oder auch ganz unscheinbaren) 
Vertretung im Bewußten gegen seine Wurzel im Unbewußten 
hin, so wird man bald in eine Region kommen, wo der Wider- 
stand sich so deutlich geltend macht, daß der nächste Einfall ihm 
Rechnung tragen und als Kompromiß zwischen seinen Anforderungen 
und denen der Forschungsarbeit erscheinen muß. Hier tritt nun 
nach dem Zeugnisse der Erfahrung die Übertragung ein. Wenn 
irgend etwas aus dem Komplexstoff (dem Inhalt des Komplexes) 
sich dazu eignet, auf die Person des Arztes übertragen zu werden, 
so stellt sich diese Übertragung her, ergibt den nächsten Einfall 
und kündigt sich durch die Anzeichen eines Widerstandes, etwa 
durch eine Stockung, an. Wir schließen aus dieser Erfahrung, daß 
diese Übertragungsidee darum vor allen anderen Einfallsmöglich- 
keiten zum Bewußtsein durchgedrungen ist, weil sie auch dem 
i Widerstände Genüge tut. Ein solcher Vorgang wiederholt sich 
im Verlaufe einer Analyse ungezählte Male. Immer wieder wird, 
wenn man sich einem pathogenen Komplexe annähert, zuerst der 
zur Übertragung befähigte Anteil des Komplexes ins Bewußtsein 
vorgeschoben und mit der größten Hartnäckigkeit verteidigt.' 

Nach seiner Überwindung macht die der anderen Komplex- 
bestandteile wenig Schwierigkeiten mehr. Je länger eine analytische 
Kur dauert, und je deutlicher der Kranke erkannt hat, daß Ent- 
stellungen des pathogenen Materials allein keinen Schutz gegen 
die Aufdeckung bieten, desto konsequenter bedient er sich der 
einen Art von Entstellung, die ihm offenbar die größten Vorteile 

Woraus man aber nicht allgemein auf eine besondere pathogene Bedeutsamkeit 
des zum Ubertragungswiderstand gewählten Elementes schließen darf. Wenn in einer 
Schlacht um den Beute eines gewissen Kirchleins oder eines einzelnen Gehöfts mit 
besonderer Erbitterung gestritten wird, braucht man nicht anzunehmen, daß die 
Kirche etwa ein Nationalheiligtum sei, oder daß das Haus den Armeeschatz berge. 
Der Wert der Objekte kann ein bloß taktischer sein, vielleicht nur in dieser einen 
Schlacht zur Geltung kommen. 



Zur Dynamik der Übertragung 59 

bringt, .der Entstellung durch Übertragung. Diese Verhältnisse 
nehmen die Richtung nach einer Situation, in welcher schließlich 
alle Konflikte auf dem Gebiete der Übertragung ausgefochten 

werden müssen. 

So erscheint uns die Übertragung in der analytischen Kur 
zunächst immer nur als die stärkste Waffe des Widerstandes, und 
wir dürfen den Schluß ziehen, daß die Intensität und Ausdauer 
der Übertragung eine Wirkung und ein Ausdruck des Wider- 
standes seien. Der Mechanismus der Übertragung ist zwar durch 
ihre Zurückführung auf die Bereitschaft der Libido erledigt, die 
im Besitze infantiler Imagines geblieben ist 5 die Aufklärung ihrer 
Rolle in der Kur gelingt aber nur, wenn man auf ihre Beziehungen 
zum Widerstände eingeht. 

Woher kommt es, daß sich die Übertragung so vorzüglich zum 
Mittel des Widerstandes eignet? Man sollte meinen, diese Antwort 
wäre nicht schwer zu geben. Es ist ja klar, daß das Geständnis 
einer jeden verpönten Wunschregung besonders erschwert wird, 
wenn es vor jener Person abgelegt werden soll, der die Regung 
selbst gilt. Diese Nötigung ergibt Situationen, die in der Wirklichkeit 
als kaum durchführbar erscheinen. Gerade das will nun der 
Analysierte erzielen, wenn er das Objekt seiner Gefühlsregungen 
mit dem Arzte zusammenfallen läßt. Eine nähere. Überlegung 
zeigt aber, daß dieser scheinbare Gewinn nicht die Lösung des 
Problems ergeben kann. Eine Beziehung von zärtlicher, hingebungs- 
voller Anhänglichkeit kann ja anderseits über alle Schwierig- 
keiten des Geständnisses hinweghelfen. Man pflegt ja unter 
analogen realen Verhältnissen zu sagen: Vor dir schäme ich mich 
nicht, dir kann ich alles sagen. Die Übertragung auf den Arzt 
könnte also ebensowohl zur Erleichterung des Geständnisses 
dienen, und man verstünde nicht, warum sie eine Erschwerung 
hervorruft. 

Die Antwort auf diese hier wiederholt gestellte Frage wird 
nicht durch weitere Überlegung gewonnen, sondern durch die 



6o 



Zur Technik 



Erfahrung gegeben, die man bei der Untersuchung der einzelnen 
Übertragswiderstände in der Kur macht. Man merkt endlich, daß 
man die Verwendung der Übertragung zum Widerstände nicht 
verstehen kann, solange man an „Übertragung" schlechtweg 
denkt. Man muß sich entschließen, eine „positive" Übertragung 
von einer „negativen" zu sondern, die Übertragung zärtlicher 
Gefühle von der feindseliger, und beide Arten der Übertragung 
auf den Arzt gesondert zu behandeln. Die positive Übertragung 
zerlegt sich dann noch in die solcher freundlicher oder zärtlicher 
Gefühle, welche bewußtseinsfähig sind, und in die ihrer Fortsetzungen 
ins Unbewußte. Von den letzteren weist die Analyse nach, daß 
sie regelmäßig auf erotische Quellen zurückgehen, so daß wir 
zur Einsicht gelangen müssen, alle unsere im Leben verwertbaren 
Gefühlsbeziehungen von Sympathie, Freundschaft, Zutrauen und 
dergleichen seien genetisch mit der Sexualität verknüpft und 
haben sich durch Abschwächung des Sexualzieles aus rein 
sexuellen Begehrungen entwickelt, so rein und unsinnlich sie sich 
auch unserer bewußten Selbstwahrnehmung darstellen mögen. 
Ursprünglich haben wir nur Sexualobjekte gekannt; die Psycho- 
analyse zeigt uns, daß die bloß geschätzten oder verehrten Personen 
unserer Realität für das Unbewußte in uns immer noch Sexual- 
objekte sein können. 

Die Lösung des Rätsels ist also, daß die Übertragung auf den 
Arzt sich nur insofern zum Widerstände in der Kur eignet, als 
sie negative Übertragung oder positive von verdrängten erotischen 
Regungen jst. Wenn wir durch Bewußtmachen die Übertragung 
„aufheben", so lösen wir nur diese beiden Komponenten des 
Gefühlsaktes von der Person des Arztes ab; die andere bewußtseins- 
fahige und unanstößige Komponente bleibt bestehen und ist in 
der Psychoanalyse genau ebenso die Trägerin des Erfolges wie 
be« anderen Behandlungsmethoden. Insofern gestehen wir gerne 
zu, die Resultate der Psychoanalyse beruhten auf Suggestion; 
nur muß man unter Suggestion das verstehen, was wir mit 









Zur Dynamik der Übertragung 61 

Ferenczi 1 darin finden: die Beeinflussung eines Menschen ver- 
mittels der bei ihm möglichen Übertragungsphänomene. Für die 
endliche Selbständigkeit des Kranken sorgen wir, indem wir die 
Suggestion dazu benützen, ihn eine psychische Arbeit vollziehen 
zu lassen, die eine dauernde Verbesserung seiner psychischen 
Situation zur notwendigen Folge hat. 

Es kann noch gefragt werden, warum die Widerstands- 
phänomene der Übertragung nur in der Psychoanalyse, nicht 
auch bei indifferenter Behandlung, z. B. in Anstalten zum Vor- 
schein kommen. Die Antwort lautet: sie zeigen sich auch dort, 
nur müssen sie als solche gewürdigt werden. Das Hervorbrechen 
der negativen Übertragung ist in Anstalten sogar recht häufig. 
Der Kranke verläßt eben die Anstalt ungeändert oder rückfällig, 
sobald er unter die Herrschaft der negativen Übertragung gerät. 
Die erotische Übertragung wirkt in Anstalten nicht so hemmend, 
da sie dort wie im Leben beschönigt, anstatt aufgedeckt wird; 
sie äußert sich aber ganz deutlich als Widerstand gegen die 
Genesung, zwar nicht, indem sie den Kranken aus der Anstalt 
treibt, — sie hält ihn im Gegenteil in der Anstalt zurück, — 
wohl aber dadurch, daß sie ihn vom Leben ferne hält. Für die 
Genesung ist es nämlich recht gleichgültig, ob der Kranke in der 
Anstalt diese oder jene Angst oder Hemmung überwindet; es 
kommt vielmehr darauf an, daß er auch in der Realität seines 
Lebens davon frei wird. 

Die negative Übertragung verdiente eine eingehende Würdigung, 
die ihr im Rahmen dieser Ausführungen nicht zuteil werden 
kann. Bei den heilbaren Formen von Psychoneurosen findet sie 
sich neben der zärtlichen Übertragung, oft gleichzeitig auf die 
nämliche Person gerichtet, für welchen Sachverhalt Bleuler 
den guten Ausdruck Ambivalenz geprägt hat. 2 Eine solche 

1) Ferenczi, Iiitrojektion und Übertragung, Jahrbuch für Psychoanalyse, 

Bd. I, 190g. 

2) E. Bleuler, Dementia praecox oder Gruppe der Schizophrenien in 
Asch äffe nburgs Handbuch der Psychiatrie, 1911. — Vortrag über Ambivalenz 






62 Zur Technik 



Ambivalenz der Gefühle scheint bis zu einem gewissen Maße 
normal zu sein, aber ein hoher Grad von Ambivalenz der Gefühle 
ist gewiß eine besondere Auszeichnung neurotischer Personen. 
Bei der Zwangneurose scheint eine frühzeitige „Trennung der 
Gegensatzpaare" für das Triebleben charakteristisch zu sein und 
eine ihrer konstitutionellen Bedingungen darzustellen. Die Ambi- 
valenz der Gefühlsrichtungen erklärt uns am besten die Fähigkeit 
der Neurotiker, ihre Übertragungen in den Dienst des Wider- 
standes zu stellen. Wo die Übertragungsfähigkeit im wesentlichen 
negativ geworden ist, wie bei den Paranoiden, da hört die Mög- 
lichkeit der Beeinflussung und der Heilung auf. 

Mit allen diesen Erörterungen haben wir aber bisher nur eine 
Seite des Übertragungsphänomens gewürdigt; es wird erfordert, 
unsere Aufmerksamkeit einem anderen Aspekt derselben Sache' 
zuzuwenden. Wer sich den richtigen Eindruck davon geholt hat, 
wie der Analysierte aus seinen realen Beziehungen zum Arzte 
herausgeschleudert wird, sobald er unter die Herrschaft eines 
ausgiebigen Übertragungswiderstandes gerät, wie er sich dann die 
Freiheit herausnimmt, die psychoanalytische Grundregel zu ver- 
nachlässigen, daß man ohne Kritik alles mitteilen solle, was 
einem in den Sinn kommt, wie er die Vorsätze vergißt, mit 
denen er in die Behandlung getreten war, und wie ihm logische 
Zusammenhänge und Schlüsse nun gleichgültig werden, die ihm 
kurz vorher den größten Eindruck gemacht hatten, der wird das 
Bedürfnis haben, sich diesen Eindruck noch aus anderen als den 
bisher angeführten Momenten zu erklären, und solche liegen in der 
Tat nicht ferne; sie ergeben sich wiederum aus der psychologischen 
Situation, in welche die Kur den Analysierten versetzt hat. 

In der Aufspürung der dem Bewußten abhanden gekommenen 
Libido ist man in den Bereich des Unbewußten eingedrungen. 
Die Reaktionen, die man erzielt , bringen nun manches von den 

in Bern ,g 10 , referiert in diesem Zentralblatt, I, p. 2 66. - Für die gleichen 
Phänomene hatte W. Stekel vorher die Bezeichnung „Bip olari tat« vorgihla^, 



Zur Dynamik der Übertragung 63 

Charakteren unbewußter Vorgänge mit ans Licht, wie wir sie 
durch das Studium der Träume kennen gelernt haben. Die 
unbewußten Regungen wollen nicht erinnert werden, wie die 
Kur es wünscht, sondern sie streben danach, sich zu reproduzieren, 
entsprechend der Zeitlosigkeit und der Halluzinationsfähigkeit des 
Unbewußten. Der Kranke spricht ähnlich wie im Traume den 
Ergebnissen der Erweckung seiner unbewußten Regungen Gegen- 
wärtigkeit und Realität zu; er will seine Leidenschaften agieren, 
ohne auf die reale Situation Rücksicht zu nehmen. Der Arzt 
will ihn dazu nötigen, diese Gefühlsregungen in den Zusammen- 
hang der Behandlung und in den seiner Lebensgeschichte ein- 
zureihen, sie der denkenden Betrachtung unterzuordnen und nach 
ihrem psychischen Werte zu erkennen. Dieser Kampf zwischen 
Arzt und Patienten, zwischen Intellekt und Triebleben, zwischen 
Erkennen und Agierenwollen spielt sich fast ausschließlich an 
den Übertragungsphänomenen ab. Auf diesem Felde muß der 
Sieg gewonnen werden, dessen Ausdruck die dauernde Genesung 
von der Neurose ist. Es ist unleugbar, daß die Bezwingung der 
Übertragungsphänomene dem Psychoanalytiker die größten 
Schwierigkeiten bereitet, aber man darf nicht vergessen, daß 
gerade sie uns den unschätzbaren Dienst erweisen, die verborgenen 
und vergessenen Liebesregungen der Kranken aktuell und mani- 
fest zu machen, denn schließlich kann niemand in absentia oder 
in effigie erschlagen werden. 



RATSCHLÄGE FÜR DEN ARZT BEI DER 
PSYCHOANALYTISCHEN BEHANDLUNG 

Erschien zuerst im „Zentralbhilt für Psycho- 
analyse", II (1012), dann in der Vierten Folge der 
„Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre". 

Die technischen Regeln, die ich hier in Vorschlag bringe, 
haben sich mir aus der langjährigen eigenen Erfahrung ergeben, 
nachdem ich durch eigenen Schaden von der Verfolgung anderer 
Wege zurückgekommen war. Man wird leicht bemerken, daß sie 
sich, wenigstens viele von ihnen, zu einer einzigen Vorschrift 
zusammensetzen. Ich hoffe, daß ihre Berücksichtigung den ana- 
lytisch tätigen Ärzten viel unnützen Aufwand ersparen und sie 
vor manchem Übersehen behüten wird; aber ich muß ausdrück- 
lich sagen, diese Technik hat sich als die einzig zweckmäßige 
für meine Individualität ergeben; ich wage es nicht in Abrede 
zu stellen, daß eine ganz anders konstituierte ärztliche Persön- 
lichkeit dazu gedrängt werden kann, eine andere Einstellung 
gegen den Kranken und gegen die zu lösende Aufgabe zu 
bevorzugen. 

a) Die nächste Aufgabe, vor die sich der Analytiker gestellt 
sieht, der mehr als einen Kranken im Tage so behandelt, wird 
ihm auch als die schwierigste erscheinen. Sie besteht ja darin, 
alle die unzähligen Namen, Daten, Einzelheiten der Erinnerung, 
Einfälle und Krankheitsproduktionen während der Kur, die ein 
Patient im Laufe von Monaten und Jahren vorbringt, im 
Gedächtnis zu behalten und sie nicht mit ähnlichem Material zu 



Ratschläge für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung 65 

verwechseln, das von anderen gleichzeitig oder früher analysierten 
Patienten herrührt. Ist man gar genötigt, täglich sechs, acht Kranke 
oder selbst mehr zu analysieren, so wird eine Gedächtnisleistung, 
der solches gelingt, bei Außenstehenden Unglauben, Bewunderung 
oder selbst Bedauern wecken. In jedem Falle wird man auf die 
Technik neugierig sein, welche die Bewältigung einer solchen 
Fülle gestattet, und wird erwarten, daß dieselbe sich besonderer 

Hilfsmittel bediene. 

Indes ist diese Technik eine sehr einfache. Sie lehnt alle 
Hilfsmittel wie wir hören werden, selbst das Niederschreiben ab 
und besteht einfach darin, sich nichts besonders merken zu wollen 
und allem, was man zu hören bekommt, die nämliche „gleich- 
schwebende Aufmerksamkeit", wie ich es schon einmal genannt 
habe, entgegenzubringen. Man erspart sich auf diese Weise 
eine Anstrengung der Aufmerksamkeit, die man doch nicht durch 
viele Stunden täglich festhalten könnte, und vermeidet eine 
Gefahr, die von dem absichtlichen Aufmerken unzertrennlich ist. 
Sowie man nämlich seine Aufmerksamkeit absichtlich bis zu einer 
gewissen Höhe anspannt, beginnt man auch unter dem dar- 
gebotenen Materiale auszuwählen 5 man fixiert das eine Stück 
besonders scharf, eliminiert dafür ein anderes, und folgt bei dieser 
Auswahl seinen Erwartungen oder seinen Neigungen. Gerade 
dies darf man aber nicht; folgt man bei der Auswahl seinen 
Erwartungen, so ist man in Gefahr, niemals etwas anderes zu 
finden, als was man bereits weiß; folgt man seinen Neigungen, 
so wird man sicherlich die mögliche Wahrnehmung fälschen. 
Man darf nicht darauf vergessen, daß man ja zumeist Dinge 
zu hören bekommt, deren Bedeutung erst nachträglich erkannt wird. 

Wie man sieht, ist die Vorschrift, sich alles gleichmäßig zu 
merken, das notwendige Gegenstück zu der Anforderung an den 
Analysierten, ohne Kritik und Auswahl alles zu erzählen, was 
ihm einfällt. Benimmt sich der Arzt anders, so macht er zum 
oroßen Teile den Gewinn zunichte, der aus der Befolgung der 



Freud, VI. 



66 Zur Technik 



„psychoanalytischen Grundregel" von seilen des Patienten resul- 
tiert. Die Regel für den Arzt läßt sich so aussprechen: Man 
halte alle bewußten Einwirkungen von seiner Merkfähigkeit ferne 
und überlasse sich völlig seinem „unbewußten Gedächtnisse", 
oder rein technisch ausgedrückt: Man höre zu und kümmere 
sich nicht darum, ob man sich etwas merke. 

Was man auf diese Weise bei sich erreicht, genügt allen 
Anforderungen während der Behandlung. Jene Bestandteile des 
Materials, die sich bereits zu einem Zusammenhange fügen, 
werden für den Arzt auch bewußt verfügbar; das andere, noch 
zusammenhanglose, chaotisch ungeordnete, scheint zunächst ver- 
sunken, taucht aber bereitwillig im Gedächtnisse auf, sobald der 
Analysierte etwas Neues vorbringt, womit es sich in Beziehung 
bringen und wodurch es sich fortsetzen kann. Man nimmt dann 
lächelnd das unverdiente Kompliment des Analysierten wegen 
eines „besonders guten Gedächtnisses" entgegen, wenn man nach 
Jahr und Tag eine Einzelheit reproduziert, die der bewußten 
Absicht, sie im Gedächtnisse zu fixieren, wahrscheinlich ent- 
gangen wäre. 

Irrtümer in diesem Erinnern ereignen sich nur zu Zeiten und 
an Stellen, wo man durch die Eigenbeziehung gestört wird (siehe 
unten), hinter dem Ideale des Analytikers also in arger Weise 
zurückbleibt. Verwechslungen mit dem Materiale anderer Patienten 
kommen recht selten zustande. In einem Streite mit dem Ana- 
lysierten, ob und wie er etwas einzelnes gesagt habe, bleibt der 
Arzt zumeist im Rechte. 1 

b) Ich kann es nicht empfehlen, während der Sitzungen mit 
dem Analysierten Notizen in größerem Umfange zu machen, 

i) Der Analysierte behauptet oft, eine gewisse Mitteilung bereits früher gemacht 
zu haben, wahrend man ihm mit ruhiger Überlegenheit versichern kann, sie erfolge 
jetzt zum erstenmal. Es stellt sich dann heraus, daß der Analysierte früher einmal 
die Intention zu dieser Mitteilung gehabt hat, an ihrer Ausführung aber durch einen 
noch bestehenden Widerstand gehindert wurde. Die Erinnerung an diese Intention 
ist lur ihn ununterscheidbar von der Erinnerung an deren Ausführung. 










Ratschläge für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung 67 



Protokolle anzulegen u. dgl. Abgesehen von dem ungünstigen 
Eindruck, den dies bei manchen Patienten hervorruft, gelten 
dagegen die nämlichen Gesichtspunkte, die wir beim Merken 
gewürdigt haben. Man trifft notgedrungen eine schädliche Aus- 
wahl aus dem Stoffe, während man nachschreibt oder steno- 
graphiert, und man bindet ein Stück seiner eigenen Geistes- 
tätigkeit, das in der Deutung des Angehörten eine bessere Ver- 
wendung finden soll. Man kann ohne Vorwurf Ausnahmen von 
dieser Regel zulassen für Daten, Traumtexte oder einzelne 
bemerkenswerte Ergebnisse, die sich leicht aus dem Zusammen- 
hange lösen lassen und für eine selbständige Verwendung als 
Beispiele geeignet sind. Aber ich pflege auch dies nicht zu tun. 
Beispiele schreibe ich am Abend nach Abschluß der Arbeit aus 
dem Gedächtnis nieder; Traumtexte, an denen mir gelegen ist, 
lasse ich von den Patienten nach der Erzählung des Traumes 

fixieren. 

c) Die Niederschrift während der Sitzung mit dem Patienten 
könnte durch den Vorsatz gerechtfertigt werden, den behandelten 
Fall zum Gegenstande einer wissenschaftlichen Publikation zu 
machen. Das kann man ja prinzipiell kaum versagen. Aber man 
muß doch im Auge behalten, daß genaue Protokolle in einer 
analytischen Krankengeschichte weniger leisten, als man von 
ihnen erwarten sollte. Sie gehören, streng genommen, jener 
Scheinexaktheit an, für welche uns die „moderne" Psychiatrie 
manche auffällige Beispiele zur Verfügung stellt. Sie sind in der 
Regel ermüdend für den Leser und bringen es doch nicht dazu, 
ihm die Anwesenheit bei der Analyse zu ersetzen. Wir haben 
überhaupt die Erfahrung gemacht, daß der Leser, wenn er dem 
Analytiker glauben will, ihm auch Kredit für das bißchen 
Bearbeitung einräumt, das er an seinem Material vorgenommen 
hat 5 wenn er die Analyse und den Analytiker aber nicht ernst 
nehmen will, so setzt er sich auch über getreue Behandlungs- 
protokolle hinweg. Dies scheint nicht der Weg, um dem Mangel 



68 Zur Technik 



an Evidenz abzuhelfen, der an den psychoanalytischen Dar- 
stellungen gefunden wird. 

d) Es ist zwar einer der Ruhmestitel der analytischen Arbeit, 
daß Forschung und Behandlung bei ihr zusammenfallen, aber die 
Technik, die der einen dient, widersetzt sich von einem gewissen 
Punkte an doch der anderen. Es ist nicht gut, einen Fall wissen- 
schaftlich zu bearbeiten, solange seine Behandlung noch nicht 
abgeschlossen ist, seinen Aufbau zusammenzusetzen, seinen Fort- 
gang erraten zu wollen, von Zeit zu Zeit Aufnahmen des gegen- 
wärtigen Status zu machen, wie das wissenschaftliche Interesse 
es fordern würde. Der Erfolg leidet in solchen Fällen, die man 
von vornherein der wissenschaftlichen Verwertung bestimmt und 
nach deren Bedürfnissen behandelt; dagegen gelingen jene Fälle 
am besten, bei denen man wie absichtslos verfährt, sich von jeder 
Wendung überraschen läßt, und denen man immer wieder 
unbefangen und voraussetzungslos entgegentritt. Das richtige Ver- 
halten für den Analytiker wird darin bestehen, sich aus der einen 
psychischen Einstellung nach Bedarf in die andere zu schwingen, 
nicht zu spekulieren und zu grübeln, solange er analysiert, und 
erst dann das gewonnene Material der synthetischen Denkarbeit 
zu unterziehen, nachdem die Analyse abgeschlossen ist. Die 
Unterscheidung der beiden Einstellungen würde bedeutungslos, 
wenn wir bereits im Besitze aller oder doch der wesentlichen 
Erkenntnisse über die Psychologie des Unbewußten und über 
die Struktur der Neurosen wären, die wir aus der psycho- 
analytischen Arbeit gewinnen können. Gegenwärtig sind wir von 
diesem Ziele noch weit entfernt, und dürfen uns die Wege nicht 
verschließen, um das bisher Erkannte nachzuprüfen und Neues 
dazu zu finden. 

e) Ich kann den Kollegen nicht dringend genug empfehlen, 
sich während der psychoanalytischen Behandlung den Chirurgen 
zum Vorbild zu nehmen, der alle seine Affekte und selbst sein 
menschliches Mitleid beiseite drängt und seinen geistigen Kräften 






Ratschläge für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung 6g 

ein einziges Ziel setzt: die Operation so kunstgerecht als möglich 
zu vollziehen. Für den Psychoanalytiker wird unter den heute 
waltenden Umständen eine Affektstrebung am gefahrlichsten, der 
therapeutische Ehrgeiz, mit seinem neuen und viel angefochtenen 
Mittel etwas zu leisten, was überzeugend auf andere wirken 
kann. Damit bringt er nicht nur sich selbst in eine für die 
Arbeit ungünstige Verfassung, er setzt sich auch wehrlos gewissen 
Widerständen des Patienten aus, von dessen Kräftespiel ja die 
Genesung in erster Linie abhängt. Die Rechtfertigung dieser vom 
Analytiker zu fordernden Gefühlskälte liegt darin, daß sie für 
beide Teile die vorteilhaftesten Bedingungen schafft, für den Arzt 
die wünschenswerte Schonung seines eigenen Affektlebens, für 
den Kranken das größte Ausmaß von Hilfeleistung, das uns heute 
möglich ist. Ein alter Chirurg hatte zu seinem Wahlspruch die 
Worte genommen: Je le pansai, Dieu le guerit. Mit etwas Ähn- 
lichem sollte sich der Analytiker zufrieden geben. 

f) Es ist leicht zu erraten, in welchem Ziele diese einzeln 
vorgebrachten Regeln zusammentreffen. Sie wollen alle beim Arzte 
das Gegenstück zu der für den Analysierten aufgestellten „psycho- 
analytischen Grundregel" schaffen. Wie der Analysierte alles mit- 
teilen soll, was er in seiner Selbstbeobachtung erhascht, mit Hint- 
anhaltung aller logischen und affektiven Einwendungen, die ihn 
bewegen wollen, eine Auswahl zu treffen, so soll sich der Arzt 
in den Stand setzen, alles ihm Mitgeteilte für die Zwecke der 
Deutung, der Erkennung des verborgenen Unbewußten zu ver- 
werten, ohne die vom Kranken aufgegebene Auswahl durch eine 
eigene Zensur zu ersetzen, in eine Formel gefaßt: er soll dem 
gebenden Unbewußten des Kranken sein eigenes Unbewußtes 
als empfangendes Organ zuwenden, sich auf den Analysierten 
einstellen wie der Receiver des Telephons zum Teller einge- 
stellt ist. Wie der Receiver die von Schallwellen angeregten 
elektrischen Schwankungen der Leitung wieder in Schallwellen 
verwandelt, so ist das Unbewußte des Arztes befähigt, aus den 



7° Zur Technik 



ihm mitgeteilten Abkömmlingen des Unbewußten dieses Unbewußte, 
welches die Einfälle des Kranken determiniert hat, wiederherzu- 
stellen. 

Wenn der Arzt aber imstande sein soll, sich seines Unbewußten 
in solcher Weise als Instrument bei der Analyse zu bedienen, so 
muß er selbst eine psychologische Bedingung in weitem Ausmaße 
erfüllen. Er darf in sich selbst keine Widerstände dulden, welche 
das von seinem Unbewußten Erkannte von seinem Bewußtsein 
abhalten, sonst würde er eine neue Art von Auswahl und Ent- 
stellung in die Analyse einführen, welche weit schädlicher wäre 
als die durch Anspannung seiner bewußten Aufmerksamkeit her- 
vorgerufene. Es genügt nicht hiefür, daß er selbst ein annähernd 
normaler Mensch sei, man darf vielmehr die Forderung auf- 
stellen, daß er sich einer psychoanalytischen Purifizierung unter- 
zogen und von jenen Eigenkomplexen Kenntnis genommen habe, 
die geeignet wären, ihn in der Erfassung des vom Analysierten 
Dargebotenen zu stören. An der disqualifizierenden Wirkung solcher 
eigener Defekte kann billigerweise nicht gezweifelt werden; jede 
ungelöste Verdrängung beim Arzte entspricht nach einem treffenden 
Worte von W. Stekel einem „blinden Fleck" in seiner ana- 
lytischen Wahrnehmung. 

Vor Jahren erwiderte ich auf die Frage, wie man ein Analytiker 
werden könne: Durch die Analyse seiner eigenen Träume. Gewiß 
reicht diese Vorbereitung für viele Personen aus, aber nicht für 
alle, die die Analyse erlernen möchten. Auch gelingt es nicht 
allen, die eigenen Träume ohne fremde Hilfe zu deuten. Ich 
rechne es zu den vielen Verdiensten der Züricher analytischen 
Schule, daß sie die Bedingung verschärft und in der Forderung 
niedergelegt hat, es solle sich jeder, der Analysen an anderen 
ausführen will, vorher selbst einer Analyse bei einem Sach- 
kundigen unterziehen. Wer es mit der Aufgabe ernst meint, 
sollte diesen Weg wählen, der mehr als einen Vorteil verspricht ; 
das Opfer, sich ohne Krankheitszwang einer fremden Person 









Ratschlage für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung 71 



eröffnet zu haben, wird reichlich gelohnt. Man wird nicht nur 
seine Absicht, das Verborgene der eigenen Person kennen zu 
lernen, in weit kürzerer Zeit und mit geringerem affektiven Auf- 
wand verwirklichen, sondern auch Eindrücke und Überzeugungen 
am eigenen Leibe gewinnen, die man durch das Studium von 
Büchern und Anhören von Vorträgen vergeblich anstrebt. Endlich 
ist auch der Gewinn aus der dauernden seelischen Beziehung 
nicht gering anzuschlagen, die sich zwischen dem Analysierten 
und seinem Einführenden herzustellen pflegt. 

Eine solche Analyse eines praktisch Gesunden wird begreif- 
licherweise unabgeschlossen bleiben. Wer den hohen Wert der 
durch sie erworbenen Selbsterkenntnis und Steigerung der Selbst- 
beherrschung zu würdigen weiß, wird die analytische Erforschung 
seiner eigenen Person nachher als Selbstanalyse fortsetzen und 
sich gerne damit bescheiden, daß er in sich wie außerhalb seiner 
immer Neues zu finden erwarten muß. Wer aber als Analytiker 
die Vorsicht der Eigenanalyse verschmäht hat, der wird nicht 
nur durch die Unfähigkeit bestraft, über ein gewisses Maß an 
seinen Kranken zu lernen, er unterliegt auch einer ernsthafteren Ge- 
fahr, die zur Gefahr für andere werden kann. Er wird leicht in die 
Versuchung geraten, was er in dumpfer Selbstwahrnehmung von den 
Eigentümlichkeiten seiner eigenen Person erkennt, als allgemeingültige 
Theorie in die Wissenschaft hinauszuprojizieren, er wird die psycho- 
analytische Methode in Mißkredit bringen und Unerfahrene irreleiten. 
g) Ich füge noch einige andere Regeln an, in welchen der 
Übergang gemacht wird von der Einstellung des Arztes zur 
Behandlung des Analysierten. 

Es ist gewiß verlockend für den jungen und eifrigen Psycho- 
analytiker, daß er viel von der eigenen Individualität einsetze, 
um den Patienten mit sich fortzureißen und ihn im Schwung 
über die Schranken seiner engen Persönlichkeit zu erheben. Man 
sollte meinen, es sei durchaus zulässig, ja zweckmäßig für die 
Überwindung der beim Kranken bestehenden Widerstände, wenn 



7 2 Zur Technik 



der Arzt ihm Einblick in die eigenen seelischen Defekte und 
Konflikte gestattet, ihm durch vertrauliche Mitteilungen aus 
seinem Leben die Gleichstellung ermöglicht. Ein Vertrauen ist 
doch das andere wert, und wer Intimität vom anderen fordert, 
muß ihm doch auch solche bezeugen. 

Allein im psychoanalytischen Verkehre läuft manches anders 
ab, als wir es nach den Voraussetzungen der Bewußtseinspsycho- 
logie erwarten dürfen. Die Erfahrung spricht nicht für die Vor- 
züglichkeit einer solchen affektiven Technik. Es ist auch nicht 
schwer einzusehen, daß man mit ihr den psychoanalytischen 
Boden verläßt und sich den Suggestionsbehandlungen annähert. 
Man erreicht so etwa, daß der Patient eher und leichter mit- 
teilt, was ihm selbst bekannt ist, und was er aus konventionellen 
Widerständen noch eine Weile zurückgehalten hätte. Für die 
Aufdeckung des dem Kranken Unbewußten leistet diese Technik 
nichts, sie macht ihn nur noch unfähiger, tiefere Widerstände 
zu überwinden, und sie versagt in schwereren Fällen regelmäßig 
an der rege gemachten Unersättlichkeit des Kranken, der dann 
gerne das Verhältnis umkehren möchte und die Analyse des 
Arztes interessanter findet als die eigene. Auch die Lösung der 
Übertragung, eine der Hauptaufgaben der Kur, wird durch die 
intime Einstellung des Arztes erschwert, so daß der etwaige 
Gewinn zu Anfang schließlich mehr als wettgemacht wird. Ich 
stehe darum nicht an, diese Art der Technik als eine fehlerhafte 
zu verwerfen. Der Arzt soll undurchsichtig für die Analysierten 
sein und wie eine Spiegelplatte nichts anderes zeigen, als was 
ihm gezeigt wird. Es ist allerdings praktisch nichts dagegen zu 
sagen, wenn ein Psychotherapeut ein Stück Analyse mit einer 
Portion Suggestivbeeinflussung vermengt, um in kürzerer Zeit 
sichtbare Erfolge zu erzielen, wie es zum Beispiel in Anstalten 
notwendig wird, aber man darf verlangen, daß er selbst nicht 
im Zweifel darüber sei, was er vornehme, und daß er wisse, 
seine Methode sei nicht die der richtigen Psychoanalyse. 






Ratschläge für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung 75 



h) Eine andere Versuchung ergibt sich aus der erzieherischen 
Tätigkeit, die dem Arzte bei der psychoanalytischen Behandlung 
ohne besonderen Vorsatz zufällt. Bei der Lösung von Entwicklungs- 
hemmungen macht es sich von selbst, daß der Arzt in die Lage 
kommt den freige wordenen Strebungen neue Ziele anzuweisen. 
Es ist dann nur ein begreiflicher Ehrgeiz, wenn er sich bemüht, 
die Person, auf deren. Befreiung von der Neurose er soviel 
Mühe aufgewendet hat, auch zu etwas besonders vortrefflichem 
zu machen, und ihren Wünschen hohe Ziele vorschreibt. Aber 
auch hiebei sollte der Arzt sich in der Gewalt haben und 
weniger die eigenen Wünsche als die Eignung des Analysierten 
zur Richtschnur nehmen. Nicht alle Neurotiker bringen viel 
Talent zur Sublimierung mit; von vielen unter ihnen kann 
man annehmen, daß sie überhaupt nicht erkrankt wären, wenn 
sie die Kunst, ihre Triebe zu sublimieren, besessen hätten. Drängt 
man sie übermäßig zur Sublimierung und schneidet ihnen die 
nächsten und bequemsten Triebbefriedigungen ab, so macht man 
ihnen das Leben meist noch schwieriger, als sie es ohnedies 
empfinden. Als Arzt muß man vor allem tolerant sein gegen die 
Schwäche des Kranken, muß sich bescheiden, auch einem nicht 
Vollwertigen ein Stück Leistungs- und Genußfähigkeit wieder- 
gewonnen zu haben. Der erzieherische Ehrgeiz ist so wenig 
zweckmäßig wie der therapeutische. Es kommt außerdem in 
Betracht, daß viele Personen gerade an dem Versuche erkrankt 
sind, ihre Triebe über das von ihrer Organisation gestattete Maß 
hinaus zu sublimieren, und daß sich bei den zur Sublimierung 
Befähigten dieser Prozeß von selbst zu vollziehen pflegt, sobald 
ihre Hemmungen durch die Analyse überwunden sind. Ich meine 
also, das Bestreben, die analytische Behandlung regelmäßig zur 
Triebsublimierung zu verwenden, ist zwar immer lobenswert, 
aber keineswegs in allen Fällen empfehlenswert. 

i) In welchen Grenzen soll man die intellektuelle Mitarbeit 
des Analysierten bei der Behandlung in Anspruch nehmen? Es 



74 Zur Technik 



ist schwer, hierüber etwas allgemein Gültiges auszusagen. Die 
Persönlichkeit des Patienten entscheidet in erster Linie. Aber 
Vorsicht und Zurückhaltung sind hiebei jedenfalls zu beobachten. 
Es ist unrichtig, dem Analysierten Aufgaben zu stellen, er solle 
seine Erinnerung sammeln, über eine gewisse Zeit seines Lebens 
nachdenken u. dgl. Er hat vielmehr vor allem zu lernen, was 
keinem leicht fällt anzunehmen, daß durch geistige Tätigkeit von 
der Art des Nachdenkens, daß durch Willens- und Aufmerksam- 
keitsanstrengung keines der Rätsel der Neurose gelöst wird, 
sondern nur durch die geduldige Befolgung der psychoanalytischen 
Regel, welche die Kritik gegen das Unbewußte und dessen 
Abkömmlinge auszuschalten gebietet. Besonders unerbittlich sollte 
man auf der Befolgung dieser Regel bei jenen Kranken bestehen, 
die die Kunst üben, bei der Behandlung ins Intellektuelle aus- 
zuweichen, dann viel und oft sehr weise über ihren Zustand 
reflektieren, und es sich so ersparen, etwas zu seiner Bewältigung 
zu tun. Ich nehme darum bei meinen Patienten auch die Lektüre 
analytischer Schriften nicht gerne zu Hilfe ; ich verlange, daß sie 
an der eigenen Person lernen sollen, und versichere ihnen, daß 
sie dadurch mehr und Wertvolleres erfahren werden, als ihnen 
die gesamte psychoanalytische Literatur sagen könnte. Ich sehe 
aber ein, daß es unter den Bedingungen eines Anstaltsaufenthaltes 
sehr vorteilhaft werden kann, sich der Lektüre zur Vorbereitung 
der Analysierten und zur Herstellung einer Atmosphäre von 
Beeinflussung zu bedienen. 

Am dringendsten möchte ich davor warnen, um die Zustimmung 
und Unterstützung von Eltern oder Angehörigen zu werben, 
indem man ihnen ein — einführendes oder tiefer gehendes — 
Werk unserer Literatur zu lesen gibt. Meist reicht dieser wohl- 
gemeinte Schritt hin, um die naturgemäße, irgendeinmal unver- 
meidliche Gegnerschaft der Angehörigen gegen die psycho- 
analytische Behandlung der Ihrigen vorzeitig losbrechen zu lassen, 
so daß es überhaupt nicht zum Beginne der Behandlung kommt. 









Ratschläge für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung 75 



Ich gebe der Hoffnung Ausdruck, daß die fortschreitende 
Erfahrung der Psychoanalytiker bald zu einer Einigung über die 
Fragen der Technik führen wird, wie man am zweckmäßigsten 
die Neurotiker behandeln solle. Was die Behandlung der „Ange- 
hörigen" betrifft, so gestehe ich meine völlige Ratlosigkeit ein 
und setze auf deren individuelle Behandlung überhaupt wenig 
Zutrauen. 






ÜBER FAUSSE RECONNAISSANCE (»DEJÄ 
RACONTE«) WÄHREND DER PSYCHO- 
ANALYTISCHEN ARBEIT 

Zuerst erschienen in der „Internat. Zeitschr. 
für brztl. Psychoanalyse«, Bd. II (l 9 l 4 ), dann in 
der Vierten Folge der „Sammlung kleiner Schriften 
zur Neurosenlehre". 

Es ereignet sich nicht selten während der Arbeit der Analyse, 
daß der Patient die Mitteilung eines von ihm erinnerten Faktums 
mit der Bemerkung begleitet, „das habe ich Ihnen 
aber schon erzähl t", während man selbst sicher zu sein 
glaubt, diese Erzählung von ihm noch niemals vernommen zu 
haben. Äußert man diesen Widerspruch gegen den Patienten, 
so wird er häufig energisch versichern, er wisse es ganz 
gewiß, er sei bereit, es zu beschwören, usw.; in demselben 
Maße wird aber die eigene Überzeugung von der Neuheit 
des Gehörten stärker. Es wäre nun ganz unpsychologisch, 
emen solchen Streit durch Überschreien oder Überbieten 
mit Beteuerungen entscheiden zu wollen. Ein solches Über- 
zeugungsgefühl von der Treue seines Gedächtnisses hat 
bekanntlich keinen objektiven Wert, und da einer von beiden 
sich notwendigerweise irren muß, kann es ebensowohl der 
Arzt wie der Analysierte sein, welcher der Paramnesie verfallen 
ist. Man gesteht dies dem Patienten zu, bricht den Streit 
ab und verschiebt dessen Erledigung auf eine spätere 
Gelegenheit. 



Über fausse reconnaissance („dejä raconte") 77 



In einer Minderzahl von Fällen erinnert man sich dann selbst, 
die fragliche Mitteilung bereits gehört zu haben, und findet 
o-leichzeitig das subjektive, oft weit hergeholte Motiv für deren 
zeitweilige Beseitigung. In der großen Mehrzahl aber ist es der 
Analysierte, der geirrt hat und auch dazu bewogen werden 
kann, es einzusehen. Die Erklärung für dieses häufige Vorkommnis 
scheint zu sein, daß er wirklich bereits die Absicht gehabt hat, 
diese Mitteilung zu machen, daß er eine vorbereitende Äußerung 
wirklich ein oder mehrere Male getan hat, dann aber durch den 
Widerstand abgehalten wurde, seine Absicht auszuführen, und nun 
die Erinnerung an die Intention mit der an die Ausführung der- 
selben verwechselt. 

Ich lasse nun alle die Fälle beiseite, in denen der Sachverhalt 
irgendwie zweifelhaft bleiben kann, und hebe einige andere 
hervor, die ein besonderes theoretisches Interesse haben. Es 
ereignet sich nämlich bei einzelnen Personen, und zwar wieder- 
holt, daß sie die Behauptung, sie hätten dies oder jenes schon 
erzählt, besonders hartnäckig bei Mitteilungen vertreten, wo die 
Sachlage es ganz unmöglich macht, daß sie recht haben können. 
Was sie bereits früher einmal erzählt haben wollen, und jetzt 
als etwas altes, was auch der Arzt wissen müßte, wiedererkennen, 
sind dann Erinnerungen vom höchsten Wert für die Analyse, 
Bestätigungen, auf welche man lange Zeit gewartet, Lösungen, 
die einem Teilstück der Arbeit ein Ende machen, an die der 
analysierende Arzt sicherlich eingehende Erörterungen geknüpft 
hätte. Angesichts dieser Verhältnisse gibt der Patient auch bald 
zu, daß ihn seine Erinnerung getäuscht haben muß, obwohl er 
sich die Bestimmtheit derselben nicht erklären kann. . 

Das Phänomen, welches der Analysierte in solchen Fällen 
bietet hat Anspruch darauf, eine „fausse reconnaissance" genannt 
zu werden, und ist durchaus analog den anderen Fällen, in 
denen man spontan die Empfindung hat: In dieser Situation 
war ich schon einmal, das habe ich schon einmal erlebt (das 






7« Zur Technik 



„de'jä vu"), ohne daß man je in die Lage käme, diese Über- 
zeugung durch das Wiederauffinden jenes früheren Males im 
Gedächtnisse zu bewahrheiten. Es ist bekannt, daß dies Phänomen 
eine Fülle von Erklärungsversuchen hervorgerufen hat, die sich 
im allgemeinen in zwei Gruppen bringen lassen.' In der einen 
wird der im Phänomen enthaltenen Empfindung Glauben 
geschenkt und angenommen, es handle sich wirklich darum, 
daß etwas erinnert werde; die Frage bleibt nur, was. Zu einer 
bei weitem zahlreicheren Gruppe treten jen6 Erklärungen zu- 
sammen, die vielmehr behaupten, daß hier eine Täuschung der 
Erinnerung vorliege, und die nun die Aufgabe haben, nachzu- 
spüren, wie es zu dieser paramnestischen Fehlleistung kommen 
könne. Im übrigen umfassen diese Versuche einen weiten Um- 
kreis von Motiven, beginnend mit der uralten, dem Pytha- 
goras zugeschriebenen Auffassung, daß das Phänomen des dejh 
vu einen Beweis für eine frühere individuelle Existenz enthalte, 
fortgesetzt über die auf die Anatomie gestützte Hypothese, daß 
ein zeitliches Auseinanderweichen in der Tätigkeit der beiden 
Hirnhemisphären das Phänomen begründe (Wigan 1860), bis 
auf die rein psychologischen Theorien der meisten neueren 
Autoren, welche im dejh vu eine Äußerung einer Apperzeptions- 
schwäche erblicken und Ermüdung, Erschöpfung, Zerstreutheit 
für dasselbe verantwortlich machen. 

Grass et 2 hat im Jahre 1904 eine Erklärung des dejh vu 
gegeben, welche zu den „gläubigen" gerechnet werden muß. 
Er meinte, das Phänomen weise darauf hin, daß früher einmal 
eine unbewußte Wahrnehmung gemacht worden sei, welche 
erst jetzt unter dem Einfluß eines neuen und ähnlichen 
Eindruckes das Bewußtsein erreiche. Mehrere andere Autoren 
haben sich ihm angeschlossen und die Erinnerung an vergessenes 

h ^.f- ehe «! in f, d f lemen Zusammenstellungen der betreffenden Literatur in 
H. Ellis „World of Dreams". i 91I . 

2) La Sensation du „dejä vu«. (Journal de psychologie norm, et pathol. I, 1904.) 



Über fausse reconnaissance („d6jä raconte") 7g 



Geträumtes zur Grundlage des Phänomens gemacht. In beiden 
Fällen würde es sich um die Belebung eines unbewußten Ein- 
druckes handeln. 

Ich habe im Jahre 1907, in der zweiten Auflage meiner 
„Psychopathologie des Alltagslebens", eine ganz ähnliche Erklärung 
der angeblichen Paramnesie vertreten, ohne die Arbeit von 
Grass et zu kennen oder zu erwähnen. Zu meiner Entschuldi- 
gung mag dienen, daß ich meine Theorie als Ergebnis einer 
psychoanalytischen Untersuchung gewann, die ich an einem sehr 
deutlichen, aber etwa 28 Jahre zurückliegenden Falle von deja 
vu bei einer Patientin vornehmen konnte. Ich will die kleine 
Analyse hier nicht wiederholen. Sie ergab, daß die Situation, 
in welcher das deja vu auftrat, wirklich geeignet war, die Er- 
innerung an ein früheres Erlebnis der Analysierten zu wecken. 
In der Familie, welche das damals zwölfjährige Kind besuchte, 
befand sich ein schwerkranker, dem Tode verfallener Bruder, 
und ihr eigener Bruder war einige Monate vorher in derselben 
Gefahr gewesen. An dies Gemeinsame hatte sich aber im Falle 
des ersteren Erlebnisses eine bewußtseinsunfähige Phantasie ge- 
knüpft, — der Wunsch, der Bruder solle sterben — und darum 
konnte die Analogie der beiden Fälle nicht bewußt werden. Die 
Empfindung derselben ersetzte sich durch das Phänomen des 
Schon-einmal-erlebt-habens, indem sich die Identität von dem 
Gemeinsamen auf die Lokalität verschob. 

Man weiß, daß der Name „deja vu" für eine ganze Reihe 
analoger Phänomene steht, für ein „deja entendu", ein „deja 
cprouve", ein „deja senti". Der Fall, den ich an Stelle vieler 
ähnlicher nun berichten werde, enthält ein „deja raconte", 
welches also von einem unbewußten, unausgeführt gebliebenen 
Vorsatz abzuleiten wäre. 

Ein Patient erzählt im Laufe seiner Assoziationen: „Wie ich 
damals im Alter von fünf Jahren im Garten mit einem Messer 
gespielt und mir dabei den kleinen Finger durchgeschnitten habe 



8o Zur Technik 



oh, ich habe nur geglaubt, daß er durchgeschnitten ist, — 
aber das habe ich Ihnen ja schon erzählt." 

Ich versichere, daß ich mich an nichts Ähnliches zu erinnern 
weiß. Er beteuert immer überzeugter, daß er sich darin nicht 
täuschen kann. Endlich mache ich dem Streit in der eingangs 
angegebenen Weise ein Ende und bitte ihn, die Geschichte auf 
alle Fälle zu wiederholen. Wir würden ja dann sehen. 

„Als ich fünf Jahre alt war, spielte ich im Garten neben 
meiner Kinderfrau und schnitzelte mit meinem Taschenmesser an 
der Rinde eines jener Nußbäume, die auch in meinem Traum' 
eine Rolle spielen. 2 Plötzlich bemerkte ich mit unaussprechlichem 
Schrecken, daß ich mir den kleinen Finger der (rechten oder 
linken?) Hand so durchgeschnitten hatte, daß er nur noch an der 
Haut hing. Schmerz spürte ich keinen, aber eine große Angst. Ich 
getraute mich nicht, der wenige Schritte entfernten Kinderfrau etwas 
zu sagen, sank auf die nächste Bank und blieb da sitzen, unfähig, noch 
einen Blick auf den Finger zu werfen. Endlich wurde ich ruhig, 
faßte den Finger ins Auge, und siehe da, er war ganz unverletzt. 
Wir einigten uns bald darüber, daß er mir diese Vision oder 
Halluzination doch nicht erzählt haben könne. Er verstand sehr 
wohl, daß ich einen solchen Beweis für die Existenz der 
Kastrationsangst in seinem fünften Jahre doch nicht 
unverwertet gelassen hätte. Sein Widerstand gegen die Annahme 
des Kastrationskomplexes war damit gebrochen, aber er warf die 
Frage auf: Warum habe ich so sicher geglaubt, daß ich diese 
Erinnerung schon erzählt habe? 

Dann fiel uns beiden ein, daß er wiederholt, bei verschiedenen 
Anlässen, aber jedesmal ohne Vorteil, folgende kleine Erinnerung 
vorgetragen hatte: 



1) Vgl. Märchenstoffe in Träumen [Ges. Schriften, Bd. III]. 

2) Korrektur hei späterer Erzählung : Ich glaube, ich schnitt nicht in den Baum. 
Das ist eine Verschmelzung mit einer anderen Erinnerung, die auch halluzinatorisch 
gefälscht se.n muß, daß ich in einen Baum einen Schnitt mit dem Messer machte, 
und daß dabei Blut aus dem Baume kam. 






Über fausse reconnaissance („dejä raconte") 81 

„Als der Onkel einmal verreiste, fragte er mich und die 
Schwester, was er uns mitbringen solle. Die Schwester wünschte 
sich ein Buch, ich ein Taschenmesser." Nun verstanden wir 
diesen Monate vorher aufgetauchten Einfall als Deckerinnerung 
für die verdrängte Erinnerung und als Ansatz zu der infolge des 
Widerstandes unterbliebenen Erzählung vom vermeintlichen 
Verlust des kleinen Fingers (eines unverkennbaren Penisäquivalents). 
Das Messer, welches ihm der Onkel auch wirklich mitgebracht 
hatte, war nach seiner sicheren Erinnerung das nämliche, welches 
in der lange unterdrückten Mitteilung vorkam. 

Ich glaube, es ist überflüssig, zur Deutung dieser kleinen 
Erfahrung, soweit sie auf das Phänomen der „fausse reconnaissance" 
Licht wirft, weiteres hinzuzufügen. Zum Inhalt der Vision des 
Patienten will ich bemerken, daß solche halluzinatorische Täu- 
schungen gerade im Gefüge des Kastrationskomplexes nicht 
vereinzelt sind, und daß sie ebensowohl zur Korrektur uner- 
wünschter Wahrnehmungen dienen können. 

Im Jahre 1911 stellte mir ein akademisch Gebildeter aus einer 
deutschen Universitätsstadt, den ich nicht kenne, dessen Alter mir 
unbekannt ist, folgende Mitteilung aus seiner Kindheit zur freien 
Verfügung : 

„Bei der Lektüre Ihrer ,Kindheitserinnerung des Leonardo' 
haben mich die Ausführungen auf pag. 29 bis 51 zu innerem 
Widerspruch gereizt. Ihre Bemerkung, daß das männliche Kind 
von dem Interesse für sein eigenes Genitale beherrscht ist, weckte 
in mir eine Gegenbemerkung von der Art: ,Wenn das ein all- 
gemeines Gesetz ist, so bin Ich jedenfalls eine Ausnahme.' Die 
nun folgenden Zeilen (pag. 51 bis 52 oben) las ich mit dem 
größten Staunen, jenem Staunen, von dem man bei Kenntnis- 
nahme einer ganz neuartigen Tatsache erfaßt wird. Mitten in 
meinem Staunen kommt mir eine Erinnerung, die mich — zu 
meiner eigenen Überraschung — lehrt, daß mir jene Tatsache gar 
nicht so neu sein dürfte. Ich hatte nämlich zur Zeit, da ich 

Freud, VI. 6 



82 Zur Technik 



mich mitten in der ,infantilen Sexualforschung' befand, durch 
einen glücklichen Zufall Gelegenheit, ein weibliches Genitale an 
einer kleinen Altersgenossin zu betrachten und habe h i e b e i 
ganz klar einen Penis von der Art meines 
eigenen bemerkt. Bald darauf hat mich aber der Anblick 
weiblicher Statuen und Akte in neue Verwirrung gestürzt und 
ich habe, um diesem »wissenschaftlichen' Zwiespalt zu entrinnen, 
das folgende Experiment ersonnen: Ich brachte mein Genitale 
durch Aneinanderpressen der Oberschenkel zwischen diesen zum 
Verschwinden und konstatierte mit Befriedigung, daß hiedurch 
jeder Unterschied gegen den weiblichen Akt beseitigt sei. Offen- 
bar, so dachte ich mir, war auch beim weiblichen Akt das Genitale 
auf gleiche Weise zum Verschwinden gebracht." 

„Hier nun kommt mir eine andere Erinnerung, die mir 
insofern schon von jeher von größter Wichtigkeit war, als sie 
die eine von den drei Erinnerungen ist, aus welchen meine 
Gesamterinnerung an meine früh verstorbene Mutter besteht. 
Meine Mutter steht vor dem Waschtisch und reinigt die Gläser 
und Waschbecken, während ich im selben Zimmer spiele und 
irgend einen Unfug mache. Zur Strafe wird mir die Hand 
durchgeklopft: da sehe ich zu meinem größten Entsetzen, daß 
mein kleiner Finger herabfällt, und zwar gerade in den Wasser- 
kübel fällt. Da ich meine Mutter erzürnt weiß, getraue ich 
mich nichts zu sagen und sehe mit noch gesteigertem Ent- 
setzen, wie bald darauf der Wasserkübel vom Dienstmädchen 
hinausgetragen wird. Ich war lange überzeugt, daß ich einen 
Finger verloren habe, vermutlich bis in die Zeit, wo ich das 
Zählen lernte." 

„Diese Erinnerung, die mir — wie bereits erwähnt — durch 

ihre Beziehung zu meiner Mutter immer von größter Wichtigkeit 

war, habe ich oft zu deuten versucht: keine dieser Deutungen 

hat mich aber befriedigt. Erst jetzt nach Lektüre Ihrer Schrift 

ahne ich eine einfache, befriedigende Lösung des Rätsels." 






Über fausse reconnaissance („dejä raconte") 83 

Eine andere Art der fausse reconnaissance kommt zur Befrie- 
digung des Therapeuten nicht selten beim Abschluß einer 
Behandlung vor. Nachdem es gelungen ist, das verdrängte 
Ereignis realer oder psychischer Natur gegen alle Widerstände 
zur Annahme durchzusetzen, es gewissermaßen zu rehabilitieren, 
sagt der Patient : Jetzt habe ich die Empfindung, 
ich habe es immer gewußt. Damit ist die analytische 
Aufgabe gelöst. 



6' 



ZUR EINLEITUNG DER BEHANDLUNG 

Erschien zuerst in der „Internat. Zeitschrift 
für ärztl. Psychoanalyse", Bd. I (191 j), dann in 
der Vierten Folge der „Sammlung kleiner Schriften 
zur Neurosenlehre 11 , gemeinsam mit den beiden 
folgenden arbeiten unter dem Obertitel „Weitere 
Ratschläge zur Technik der Psyclwanalyse". 

Wer das edle Schachspiel aus Büchern erlernen will, der wird 
bald erfahren, daß nur die Eröffnungen und Endspiele eine 
erschöpfende systematische Darstellung gestatten, während die 
unübersehbare Mannigfaltigkeit der nach der Eröffnung beginnenden 
Spiele sich einer solchen versagt. Eifriges Studium von Partien, 
in denen Meister miteinander gekämpft haben, kann allein die 
Lücke in der Unterweisung ausfüllen. Ähnlichen Einschränkungen 
unterliegen wohl die Regeln, die man für die Ausübung der 
psychoanalytischen Behandlung geben kann. 

Ich werde im folgenden versuchen, einige dieser Regeln für 
die Einleitung der Kur zum Gebrauche des praktischen Analytikers 
zusammenzustellen. Es sind Bestimmungen darunter, die kleinlich 
erscheinen mögen und es wohl auch sind. Zu ihrer Entschuldigung 
diene, daß es eben Spielregeln sind, die ihre Bedeutung aus dem 
Zusammenhange des Spielplanes schöpfen müssen. Ich tue aber 
gut daran, diese Regeln als „Ratschläge" auszugeben und keine 
unbedingte Verbindlichkeit für sie zu beanspruchen. Die außer- 
ordentliche Verschiedenheit der in Betracht kommenden psychi- 
schen Konstellationen, die Plastizität aller seelischen Vorgänge und 
der Reichtum an determinierenden Faktoren widersetzen sich auch 









Zur Einleitung der Behandlung 8 



O 



einer Mechanisierung der Technik und gestatten es, daß ein sonst 
berechtigtes Vorgehen gelegentlich wirkungslos bleibt und ein für 
gewöhnlich fehlerhaftes einmal zum Ziele führt. Diese Verhältnisse 
hindern indes nicht, ein durchschnittlich zweckmäßiges Verhalten 
des Arztes festzustellen. 

Die wichtigsten Indikationen für die Auswahl der Kranken 
habe ich bereits vor Jahren an anderer Stelle angegeben. 1 Ich 
wiederhole sie darum hier nicht; sie haben unterdes die Zustimmung 
anderer Psychoanalytiker gefunden. Ich füge aber hinzu, daß ich 
mich seither gewöhnt habe, Kranke, von denen ich wenig weiß, 
vorerst nur provisorisch, für die Dauer von einer bis zwei Wochen, 
anzunehmen. Bricht man innerhalb dieser Zeit ab, so erspart 
man dem Kranken den peinlichen Eindruck eines verunglückten 
Heilungsversuches. Man hat eben nur eine Sondierung vorge- 
nommen, um den Fall kennen zu lernen und um zu entscheiden, 
ob er für die Psychoanalyse geeignet ist. Eine andere Art der 
Erprobung als einen solchen Versuch hat man nicht zur Ver- 
fügung; noch so lange fortgesetzte Unterhaltungen und Aus- 
fragungen in der Sprechstunde würden keinen Ersatz bieten. 
Dieser Vorversuch aber ist bereits der Beginn der Psychoanalyse 
und soll den Regeln derselben folgen. Man kann ihn etwa dadurch 
gesondert halten, daß man hauptsächlich den Patienten reden läßt 
und ihm von Aufklärungen nicht mehr mitteilt, als zur Fort- 
führung seiner Erzählung durchaus unerläßlich ist. 

Die Einleitung der Behandlung mit einer solchen für einige 
Wochen angesetzten Probezeit hat übrigens auch eine diagnostische 
Motivierung. Oft genug, wenn man eine Neurose mit hysterischen 
oder Zwangssymptomen vor sich hat, von nicht exzessiver Aus- 
prägung und von kürzerem Bestände, also gerade solche Formen, 
die man als günstig für die Behandlung ansehen wollte, muß man 
dem Zweifel Raum geben, ob der Fall nicht einem Vorstadium, 
einer sogenannten Dementia praecox (Schizophrenie nach Bleuler, 



1) Über Psychotherapie, 1905 [S. 11 ff. dieses Bandes]. 



86 Zur Technik 



Paraphrenie nach meinem Vorschlage) entspricht und nach kürzerer 
oder längerer Zeit ein ausgesprochenes Bild dieser Affektion zeigen 
wird. Ich bestreite es, daß es immer so leicht möglich ist, die 
Unterscheidung zu treffen. Ich weiß, daß es Psychiater gibt, die 
in der Differentialdiagnose seltener schwanken, aber ich habe mich 
überzeugt, daß sie ebenso häufig irren. Der Irrtum ist nur für 
den Psychoanalytiker verhängnisvoller als für den sogenannten 
klinischen Psychiater. Denn der letztere unternimmt in dem 
einen Falle so wenig wie in dem anderen etwas Ersprießliches; 
er läuft nur die Gefahr eines theoretischen Irrtums und seine 
Diagnose hat nur akademisches Interesse. Der Psychoanalytiker 
hat aber im ungünstigen Falle einen praktischen Mißgriff begangen, 
er hat einen vergeblichen Aufwand verschuldet und sein Heil- 
verfahren diskreditiert. Er kann sein Heilungsversprechen nicht 
halten, wenn der Kranke nicht an Hysterie oder Zwangsneurose, 
sondern an Paraphrenie leidet, und hat darum besonders starke 
Motive, den diagnostischen Irrtum zu vermeiden. In einer Probe- 
behandlung von einigen Wochen wird er oft verdächtige Wahr- 
nehmungen machen, die ihn bestimmen können, den Versuch 
nicht weiter fortzusetzen. Ich kann leider nicht behaupten, daß 
ein solcher Versuch regelmäßig eine sichere Entscheidung ermöglicht; 
es ist nur eine gute Vorsicht mehr. 1 

Lange Vorbesprechungen vor Beginn der analytischen Behandlung, 
eine andersartige Therapie vorher, sowie frühere Bekanntschaft 
zwischen dem Arzte und dem zu Analysierenden haben bestimmte 
ungünstige Folgen, auf die man vorbereitet sein muß. Sie machen 
nämlich, daß der Patient dem Arzte in einer fertigen Über- 

1) Über das Thema dieser diagnostischen Unsicherheit, über die Chancen der 
Analyse bei leichten Formen von Paraphrenie und über die Begründung der Ähn- 
lichkeit beider Affektionen wäre sehr viel zu sagen, was ich in diesem Zusammen- 
hange nicht ausführen kann. Gern würde ich nach Jungs Vorgang Hysterie und 
Zwangsneurose als „Ü b er t r a g u n g s n e u r o s e n" den paruphrenisch.cn Affektionen 
als „Intro verslon sneurosen" gegenüberstellen, wenn bei diesem Gebrauch 
der Begriff der „Introversion" (der Libido) nicht seinem einzig berechtigten Sinne 
entfremdet würde. 



Zur Einleitung der Behandlung 87. 

tragungseinstellung gegen übertritt, die der Arzt erst langsam auf- 
decken muß, anstatt daß er die Gelegenheit hat, das Wachsen 
und Werden der Übertragung von Anfang an zu beobachten. Der 
Patient hat so eine Zeitlang einen Vorsprung, den man ihm in 
der Kur nur ungern gönnt. 

Gegen alle die, welche die Kur mit einem Aufschübe beginnen 
wollen, sei man mißtrauisch. Die Erfahrung zeigt, daß sie nach 
Ablauf der vereinbarten Frist nicht eintreffen, auch wenn die 
Motivierung dieses Aufschubes, also die Rationalisierung des Vor- 
satzes, dem Uneingeweihten tadellos erscheint. 

Besondere Schwierigkeiten ergeben sich, wenn zwischen dem 
Arzte und dem in die Analyse eintretenden Patienten oder deren 
Familien freundschaftliche oder gesellschaftliche Beziehungen 
bestanden haben. Der Psychoanalytiker, von dem verlangt wird, 
daß er die Ehefrau oder das Kind eines Freundes in Behandlung 
nehme, darf sich darauf vorbereiten, daß ihn das Unternehmen, 
wie immer es ausgehe, die Freundschaft kosten wird. Er muß 
doch das Opfer bringen, wenn er nicht einen vertrauenswürdigen 
Vertreter stellen kann. 

Laien wie Ärzte, welche die Psychoanalyse immer noch gern 
mit einer Suggestivbehandlung verwechseln, pflegen hohen Wert 
auf die Erwartung zu legen, welche der Patient der neuen 
Behandlung entgegenbringt. Sie meinen oft, mit dem einen Kranken 
werde man nicht viel Mühe haben, denn er habe ein großes 
Zutrauen zur Psychoanalyse und sei von ihrer Wahrheit und ihrer 
Leistungsfähigkeit voll überzeugt. Bei einem anderen werde es 
wohl schwerer gehen, denn er verhalte sich skeptisch und wolle 
nichts glauben, ehe er nicht den Erfolg an seiner eigenen Person 
gesehen habe. In Wirklichkeit hat aber diese Einstellung der 
Kranken eine recht geringe Bedeutung; sein vorläufiges Zutrauen 
oder Mißtrauen kommt gegen die inneren Widerstände, welche 
die Neurose verankern, kaum in Betracht. Die Vertrauens- 
seligkeit des Patienten macht ja den ersten Verkehr mit ihm 



88 Zur Technik 






recht angenehm 5 man dankt ihm für sie, bereitet ihn aber dar- 
auf vor, daß seine günstige Voreingenommenheit an der ersten 
in der Behandlung auftauchenden Schwierigkeit zerschellen wird. 
Dem Skeptiker sagt man, daß die Analyse kein Vertrauen 
braucht, daß er so kritisch und mißtrauisch sein dürfe, als ihm 
beliebt, daß man seine Einstellung gar nicht auf die Rechnung 
seines Urteiles setzen wolle, denn er sei ja nicht in der Lage, 
sich ein verläßliches Urteil über diese Punkte zu bilden; sein 
Mißtrauen sei eben ein Symptom wie seine anderen Sym- 
ptome, und es werde sich nicht störend erweisen, wenn er nur 
gewissenhaft befolgen wolle, was die Regel der Behandlung von 
ihm fordere. 

Wer mit dem Wesen der Neurose vertraut ist, wird nicht 
erstaunt sein zu hören, daß auch derjenige, der sehr wohl 
befähigt ist, die Psychoanalyse an anderen auszuüben, sich 
benehmen kann wie ein anderer Sterblicher und die intensivsten 
Widerstände zu produzieren imstande ist, sobald er selbst zum 
Objekte der Psychoanalyse gemacht wird. Man bekommt dann 
wieder einmal den Eindruck der psychischen Tiefendimension 
und findet nichts Überraschendes daran, daß die Neurose in 
psychischen Schichten wurzelt, bis zu denen die analytische 
Bildung nicht hinabgedrungen ist. 

Wichtige Punkte zu Beginn der analytischen Kur sind die 
Bestimmungen über Zeit und Geld. 

In betreff der Zeit befolge ich ausschließlich das Prinzip des 
Vermietens einer bestimmten Stunde. Jeder Patient erhält eine 
gewisse Stunde meines verfügbaren Arbeitstages zugewiesen ; sie 
ist die seine und er bleibt für sie haftbar, auch wenn er sie 
nicht benützt. Diese Bestimmung, die für den Musik- oder 
Sprachlehrer in unserer guten Gesellschaft als selbstverständlich 
gilt, erscheint beim Arzte vielleicht hart oder selbst standes- 
unwürdig. Man wird geneigt sein, auf die vielen Zufälligkeiten 
hinzuweisen, die den Patienten hindern mögen, jedesmal zu der- 



Zur Einleitung der Behandlung 89 

selben Stunde beim Arzte zu erscheinen, und wird verlangen, 
daß den zahlreichen interkurrenten Erkrankungen Rechnung 
getragen werde, die im Verlaufe einer längeren analytischen 
Behandlung vorfallen können. Allein meine Antwort ist: es geht 
nicht anders. Bei milderer Praxis häufen sich die „gelegentlichen" 
Absagen so sehr, daß der Arzt seine materielle Existenz gefährdet 
findet. Bei strenger Einhaltung dieser Bestimmung stellt sich 
dagegen heraus, daß hinderliche Zufälligkeiten überhaupt nicht 
vorkommen und interkurrente Erkrankungen nur sehr selten. 
Man kommt kaum je in die Lage, eine Muße zu genießen, 
deren man sich als Erwerbender zu schämen hätte; man kann die 
Arbeit ungestört fortsetzen und entgeht der peinlichen, ver- 
wirrenden Erfahrung, daß gerade dann immer eine unverschuldete 
Pause in der Arbeit eintreten muß, wenn sie besonders wichtig 
und inhaltsreich zu werden versprach. Von der Bedeutung der 
Psychogenie im täglichen Leben der Menschen, von der Häufig- 
keit der „Schulkrankheiten" und der Nichtigkeit des Zufalls 
gewinnt man erst eine ordentliche Überzeugung, wenn man einige 
Jahre hindurch Psychoanalyse betrieben hat unter strenger Befolgung 
des Prinzips der Stundenmiete. Bei unzweifelhaften organischen 
Affektionen, die durch das psychische Interesse doch nicht aus- 
geschlossen werden können, unterbreche ich die Behandlung, 
halte mich für berechtigt, die frei gewordene Stunde anders zu 
vergeben, und nehme den Patienten wieder auf, sobald er her- 
gestellt ist, und ich eine andere Stunde frei bekommen habe. 
Ich arbeite mit meinen Patienten täglich mit Ausnahme der 
Sonntage und der großen Festtage, also für gewöhnlich sechsmal 
in der Woche. Für leichte Fälle oder Fortsetzungen von weit 
gediehenen Behandlungen reichen auch drei Stunden wöchentlich 
aus. Sonst bringen Einschränkungen an Zeit weder dem Arzte 
noch dem Patienten Vorteil; für den Anfang sind sie ganz zu 
verwerfen. Schon durch kurze Unterbrechungen wird die Arbeit 
immer ein wenig verschüttet; wir pflegten scherzhaft von einer 



9° Zw Technik 



„Montagskruste" zu sprechen, wenn wir nach der Sonntagsruhe 
von neuem begannen ; bei seltener Arbeit besteht die Gefahr, daß 
man mit dem realen Erleben des Patienten nicht Schritt halten 
kann, daß die Kur den Kontakt mit der Gegenwart verliert und 
auf Seitenwege gedrängt wird. Gelegentlich trifft man auch 
auf Kranke, denen man mehr Zeit als das mittlere Maß von 
einer Stunde widmen muß, weil sie den größeren Teil einer 
Stunde verbrauchen, um aufzutauen, überhaupt mitteilsam zu 
werden. 

Eine dem Arzte unliebsame Frage, die der Kranke zu allem 
Anfange an ihn richtet, lautet: Wie lange Zeit wird die 
Behandlung dauern? Welche Zeit brauchen Sie, um mich von 
meinem Leiden zu befreien? Wenn man eine Probebehandlung 
von einigen Wochen vorgeschlagen hat, entzieht man sich der 
direkten Beantwortung dieser Frage, indem man verspricht, nach 
Ablauf der Probezeit eine zuverlässigere Aussage abgeben zu 
können. Man antwortet gleichsam wie der Ä s o p der Fabel dem 
Wanderer, der nach der Länge des Weges fragt, mit der Auf- 
forderung: Geh, und erläutert den Bescheid durch die Begründung, 
man müsse zuerst den Schritt des Wanderers kennen lernen, ehe 
man die Dauer seiner Wanderung berechnen könne. Mit dieser 
Auskunft hilft man sich über die ersten Schwierigkeiten hinweg, 
aber der Vergleich ist nicht gut, denn der Neurotiker kann 
leicht sein Tempo verändern und zu Zeiten nur sehr langsame 
Fortschritte machen. Die Frage nach der voraussichtlichen Dauer 
der Behandlung ist in Wahrheit kaum zu beantworten. 

Die Einsichtslosigkeit der Kranken und die Unaufrichtigkeit 
der Ärzte vereinigen sich zu dem Effekt, an die Analyse die 
maßlosesten Ansprüche zu stellen und ihr dabei die knappste 
Zeit einzuräumen. Ich teile zum Beispiel aus dem Briefe einer 
Dame in Rußland, der vor wenigen Tagen an mich gekommen 
ist, folgende Daten mit. Sie ist 53 Jahre alt, seit 25 Jahren 
leidend, seit zehn Jahren keiner anhaltenden Arbeit mehr fähig. 



Zur Einleitung der Behandlung gl 

„Behandlung in mehreren Nervenheilanstalten" hat es nicht 
vermocht, ihr ein „aktives Leben" zu ermöglichen. Sie hofft 
durch die Psychoanalyse, über die sie gelesen hat, ganz geheilt 
zu werden. Aber ihre Behandlung hat ihrer Familie schon so 
viel gekostet, daß sie keinen längeren Aufenthalt in Wien nehmen 
kann als sechs Wochen oder zwei Monate. Dazu kommt die 
Erschwerung, daß sie sich von Anfang an nur schriftlich „deut- 
lich machen" will, denn Antasten ihrer Komplexe würde bei 
ihr eine Explosion hervorrufen oder sie „zeitlich verstummen 
lassen". — Niemand würde sonst erwarten, daß man einen 
schweren Tisch mit zwei Fingern heben werde wie einen leichten 
Schemel, oder daß man ein großes Haus in derselben Zeit bauen 
könne wie ein Holzhüttchen, doch sowie es sich um die Neu- 
rosen handelt, die in den Zusammenhang des menschlichen 
Denkens derzeit noch nicht eingereiht scheinen, vergessen selbst 
intelligente Personen an die notwendige Proportionalität zwischen 
Zeit, Arbeit und Erfolg. Übrigens eine begreifliche Folge der 
tiefen Unwissenheit über die Ätiologie der Neurosen. Dank 
dieser Ignoranz ist ihnen die Neurose eine Art „Mädchen aus 
der Fremde". Man wußte nicht, woher sie kam, und darum 
erwartet man, daß sie eines Tages entschwunden sein wird. 

Die Ärzte unterstützen diese Vertrauensseligkeit; auch wissende 
unter ihnen schätzen häufig die Schwere der neurotischen 
Erkrankungen nicht ordentlich ein. Ein befreundeter Kollege, 
dem ich es hoch anrechne, daß er sich nach mehreren Dezennien 
wissenschaftlicher Arbeit auf anderen Voraussetzungen zur Wür- 
digung der Psychoanalyse bekehrt hat, schrieb mir einmal: W 7 as 
uns nottut, ist eine kurze, bequeme, ambulatorische Behandlung 
der Zwangsneurosen. Ich konnte damit nicht dienen, schämte 
mich und suchte mich mit der Bemerkung zu entschuldigen, 
daß wahrscheinlich auch die Internisten mit einer Therapie der 
Tuberkulose oder des Karzinoms, welche diese Vorzüge vereinte, 
sehr zufrieden sein würden. 



92 



Zur Technik 



Um es direkter zu sagen, es handelt sich bei der Psycho- 
analyse immer um lange Zeiträume, halbe oder ganze Jahre, um 
längere, als der Erwartung des Kranken entspricht. Man hat 
daher die Verpflichtung, dem Kranken diesen Sachverhalt zu 
eröffnen, ehe er sich endgültig für die Behandlung entschließt. 
Ich halte es überhaupt für würdiger, aber auch für zweck- 
mäßiger, wenn man ihn, ohne gerade auf seine Abschreckung 
hinzuarbeiten, doch von vornherein auf die Schwierigkeiten und 
Opfer der analytischen Therapie aufmerksam macht und ihm so 
jede Berechtigung nimmt, später einmal zu behaupten, man habe 
ihn in die Behandlung, deren Umfang und Bedeutung er nicht 
gekannt habe, gelockt. Wer sich durch solche Mitteilungen 
abhalten läßt, der hätte sich später doch als unbrauchbar erwiesen. 
Es ist gut, eine derartige Auslese vor dem Beginne der Behandlung 
vorzunehmen. Mit dem Fortschritte der Aufklärung unter den 
Kranken wächst doch die Zahl derjenigen, welche diese erste 
Probe bestehen. 

Ich lehne es ab, die Patienten auf eine gewisse Dauer des 
Ausharrens in der Behandlung zu verpflichten, gestatte jedem, 
die Kur abzubrechen, wann es ihm beliebt, verhehle ihm aber 
nicht, daß ein Abbruch nach kurzer Arbeit keinen Erfolg zurück- 
lassen wird, und ihn leicht wie eine unvollendete Operation in 
einen unbefriedigenden Zustand versetzen kann. In den ersten 
Jahren meiner psychoanalytischen Tätigkeit fand ich die größte 
Schwierigkeit, die Kranken zum Verbleiben zu bewegen; diese 
Schwierigkeit hat sich längst verschoben, ich muß jetzt ängstlich 
bemüht sein, sie auch zum Aufhören zu nötigen. 

Die Abkürzung der analytischen Kur bleibt ein berechtigter 
Wunsch, dessen Erfüllung, wie wir hören werden, auf ver- 
schiedenen Wegen angestrebt wird. Es steht ihr leider ein sehr 
bedeutsames Moment entgegen, die Langsamkeit, mit der sich 
tiefgreifende seelische Veränderungen vollziehen, in letzter Linie 
wohl die „Zeitlosigkeit" unserer unbewußten Vorgänge. Wenn 






Zur Einleitung der Behandlung 93 

die Kranken vor die Schwierigkeit des großen Zeitaufwandes für 
die Analyse gestellt werden, so wissen sie nicht selten ein gewisses 
Auskunftsmittel vorzuschlagen. Sie teilen ihre Beschwerden in 
solche ein, die sie als unerträglich, und andere, die sie als neben- 
sächlich beschreiben, und sagen: Wenn Sie mich nur von dem 
einen (zum Beispiel dem Kopfschmerz, der bestimmten Angst) 
befreien, mit dem anderen will ich schon selbst im Leben fertig 
werden. Sie überschätzen dabei aber die elektive Macht der 
Analyse. Gewiß vermag der analytische Arzt viel, aber er kann 
nicht genau bestimmen, was er zustande bringen wird. Er leitet 
einen Prozeß ein, den der Auflösung der bestehenden Verdrängungen, 
er kann ihn überwachen, fördern, Hindernisse aus dem Wege 
räumen, gewiß auch viel an ihm verderben. Im ganzen aber geht 
der einmal eingeleitete Prozeß seinen eigenen Weg und läßt sich 
weder seine Richtung noch die Reihenfolge der Punkte, die er 
angreift, vorschreiben. Mit der Macht des Analytikers über die 
Krankheitserscheinungen steht es also ungefähr so wie mit der 
männlichen Potenz. Der kräftigste Mann kann zwar ein ganzes 
Kind zeugen, aber nicht im weiblichen Organismus einen Kopf 
allein, einen Arm oder ein Bein entstehen lassen ; er kann nicht 
einmal über das Geschlecht des Kindes bestimmen. Er leitet eben 
auch nur einen höchst verwickelten und durch alte Geschehnisse 
determinierten Prozeß ein, der mit der Lösung des Kindes von 
der Mutter endet. Auch die Neurose eines Menschen besitzt die 
Charaktere eines Organismus, ihre Teilerscheinungen sind nicht 
unabhängig voneinander, sie bedingen einander, pflegen sich gegen- 
seitig zu stützen; man leidet immer nur an einer Neurose, nicht 
an mehreren, die zufällig in einem Individuum zusammengetroffen 
sind. Der Kranke, den man nach seinem Wunsche von dem 
einen unerträglichen Symptome befreit hat, könnte leicht die 
Erfahrung machen, daß nun ein bisher mildes Symptom sich zur 
Unerträglichkeit steigert. Wer überhaupt den Erfolg von seinen 
suggestiven (das heißt Ubertragungs-) Bedingungen möglichst 



94 



Zur Technik 



ablösen will, der tut gut daran, auch auf die Spuren elektiver 
Beeinflussung des Heilerfolges, die dem Arzte etwa zustehen, zu 
verzichten. Dem Psychoanalytiker müssen diejenigen Patienten 
am liebsten sein, welche die volle Gesundheit, soweit sie zu 
haben ist, von ihm fordern, und ihm so viel Zeit zur Verfügung 
stellen, als der Prozeß der Herstellung verbraucht. Natürlich sind 
so günstige Bedingungen nur in wenig Fällen zu erwarten. 

Der nächste Punkt, über den zu Beginn einer Kur entschieden 
werden soll, ist das Geld, das Honorar des Arztes. Der Analytiker 
stellt nicht in Abrede, daß Geld in erster Linie als Mittel zur 
Selbsterhaltung und Machtgewinnung zu betrachten ist, aber er 
behauptet, daß mächtige sexuelle Faktoren an der Schätzung des 
Geldes mitbeteiligt sind. Er kann sich dann darauf berufen, daß 
Geldangelegenheiten von den Kulturmenschen in ganz ähnlicher 
Weise behandelt werden wie sexuelle Dinge, mit derselben 
Zwiespältigkeit, Prüderie und Heuchelei. Er ist also von vorn- 
herein entschlossen, dabei nicht mitzutun, sondern Geldbeziehungen 
mit der nämlichen selbstverständlichen Aufrichtigkeit vor dem 
Patienten zu behandeln, zu der er ihn in Sachen des Sexuallebens 
erziehen will. Er beweist ihm, daß er selbst eine falsche Scham 
abgelegt hat, indem er unaufgefordert mitteilt, wie er seine Zeit 
einschätzt. Menschliche Klugheit gebietet dann, nicht große 
Summen zusammenkommen zu lassen, sondern nach kürzeren 
regelmäßigen Zeiträumen (etwa monatlich) Zahlung zu nehmen. 
(Man erhöht, wie bekannt, die Schätzung der Behandlung beim 
Patienten nicht, wenn man sie sehr wohlfeil gibt.) Das ist, wie 
man weiß, nicht die gewöhnliche Praxis des Nervenarztes oder 
des Internisten in unserer europäischen Gesellschaft. Aber der 
Psychoanalytiker darf sich in die Lage des Chirurgen versetzen, 
der aufrichtig und kostspielig ist, weil er über Behandlungen 
verfügt, welche helfen können. Ich meine, es ist doch würdiger 
und ethisch unbedenklicher, sich zu seinen wirklichen Ansprüchen 
und Bedürfnissen zu bekennen, als, wie es jetzt noch unter 



Zur Einleitung der Behandlung q« 

Ärzten gebräuchlich ist, den uneigennützigen Menschenfreund 
zu agieren, dessen Situation einem doch versagt ist, und sich 
dafür im Stillen über die Rücksichtslosigkeit und die Aus- 
beutungssucht der Patienten zu grämen oder laut darüber zu 
schimpfen. Der Analytiker wird für seinen Anspruch auf Bezahlung 
noch geltend machen, daß er bei schwerer Arbeit nie so viel 
erwerben kann wie andere medizinische Spezialisten. 

Aus denselben Gründen wird er es auch ablehnen dürfen, 
ohne Honorar zu behandeln, und auch zugunsten der Kollegen 
oder ihrer Angehörigen keine Ausnahme machen. Die letzte 
Forderung scheint gegen die ärztliche Kollegialität zu verstoßen $ 
man halte sich aber vor, daß eine Gratisbehandlung für den 
Psychoanalytiker weit mehr bedeutet als für jeden anderen, 
nämlich die Entziehung eines ansehnlichen Bruchteiles seiner für 
den Erwerb verfügbaren Arbeitszeit (eines Achtels, Siebentels u. dgl.) 
auf die Dauer von vielen Monaten. Eine gleichzeitige zweite 
Gratisbehandlung raubt ihm bereits ein Viertel oder Drittel seiner 
Erwerbsfähigkeit, was der Wirkung eines schweren traumatischen 
Unfalles gleichzusetzen wäre. 

Es fragt sich dann, ob der Vorteil für den Kranken das Opfer 
des Arztes einigermaßen aufwiegt. Ich darf mir wohl ein Urteil 
darüber zutrauen, denn ich habe durch etwa zehn Jahre täglich 
eine Stunde, zeitweise auch zwei, Gratisbehandlungen gewidmet, 
weil ich zum Zwecke der Orientierung in der Neurose möglichst 
widerstandsfrei arbeiten wollte. Ich fand dabei die Vorteile nicht, 
die ich suchte. Manc he der Widerstände des Neurotikers werden 
durch die Gratisbehandlung enorm gesteigert, so beim jungen Weibe 
die Versuchung, die in der Übertragungsbeziehung enthalten ist, 
beim jungen Manne das aus dem Vaterkomplex stammende 
Sträuben gegen die Verpflichtung der Dankbarkeit, das zu den 
widrigsten Erschwerungen der ärztlichen Hilfeleistung gehört. 
Der Wegfall der Regulierung, die doch durch die Bezahlung an 
den Arzt gegeben ist, macht sich sehr peinlich fühlbar; das ganze 



96 Zur Technik 



Verhältnis rückt aus der realen Welt heraus 5 ein gutes Motiv, 
die Beendigung der Kur anzustreben, wird dem Patienten entzogen. 
Man kann der asketischen Verdammung des Geldes ganz ferne 
stehen und darf es doch bedauern, daß die analytische Therapie 
aus äußeren wie aus inneren Gründen den Armen fast unzu- 
gänglich ist. Es ist wenig dagegen zu tun. Vielleicht hat die 
viel verbreitete Behauptung recht, daß der weniger leicht der 
Neurose verfällt, wer durch die Not des Lebens zu harter Arbeit 
gezwungen ist. Aber ganz unbestreitbar steht die andere Erfahrung 
da, daß der Arme, der einmal eine Neurose zustande gebracht 
hat, sich dieselbe nur sehr schwer entreißen läßt. Sie leistet ihm 
zu gute Dienste im Kampfe um die Selbstbehauptung; der 
sekundäre Krankheitsgewinn, den sie ihm bringt, ist allzu 
bedeutend. Das Erbarmen, das die Menschen seiner materiellen 
Not versagt haben, beansprucht er jetzt unter dem Titel seiner 
Neurose und kann sich von der Forderung, seine Armut durch 
Arbeit zu bekämpfen, selbst freisprechen. Wer die Neurose eines 
Armen mit den Mitteln der Psychotherapie angreift, macht also 
in der Regel die Erfahrung, daß in diesem Falle eigentlich eine 
Aktualtherapie ganz anderer Art von ihm gefordert wird, eine 
Therapie, wie sie nach der bei uns heimischen Sage Kaiser 
Josef II. zu üben pflegte. Natürlich findet man doch gelegentlich 
wertvolle und ohne ihre Schuld hilflose Menschen, bei denen die 
unentgeltliche Behandlung nicht auf die angeführten Hindernisse 
stößt und schöne Erfolge erzielt. 

Für den Mittelstand ist der für die Psychoanalyse benötigte 
Geldaufwand nur scheinbar ein übermäßiger. Ganz abgesehen 
davon, daß Gesundheit und Leistungsfähigkeit einerseits, ein 
mäßiger Geldaufwand anderseits überhaupt inkommensurabel 
sind: wenn man die nie aufhörenden Ausgaben für Sanatorien 
und ärztliche Behandlung zusammenrechnet und ihnen die 
Steigerung der Leistungs- und Erwerbsfähigkeit nach glücklich 
beendeter analytischer Kur gegenüberstellt, darf man sagen, daß 






J 



Zur Einleitung der Behandlung 07 

die Kranken einen guten Handel gemacht haben. Es ist nichts 
Kostspieligeres im Leben als die Krankheit und — die Dummheit. 

Ehe ich diese Bemerkungen zur Einleitung der analytischen 
Behandlung beschließe, noch ein Wort über ein gewisses Zere- 
moniell der Situation, in welcher die Kur ausgeführt wird. Ich 
halte an dem Rate fest, den Kranken auf einem Ruhebett lagern 
zu lassen, während man hinter ihm, von ihm ungesehen, Platz 
nimmt. Diese Veranstaltung hat einen historischen Sinn, sie ist 
der Rest der hypnotischen Behandlung, aus welcher sich die 
Psychoanalyse entwickelt hat. Sie verdient aber aus mehrfachen 
Gründen festgehalten zu werden. Zunächst wegen eines persön- 
lichen Motivs, das aber andere mit mir teilen mögen. Ich ver- 
trage es nicht, acht Stunden täglich (oder länger) von anderen 
angestarrt zu werden. Da ich mich während des Zuhörens selbst 
dem Ablauf meiner unbewußten Gedanken überlasse, will ich 
nicht, daß meine Mienen dem Patienten Stoff zu Deutungen 
geben oder ihn in seinen Mitteilungen beeinflussen. Der Patient 
faßt die ihm aufgezwungene Situation gewöhnlich als Entbehrung 
auf und sträubt sich gegen sie, besonders wenn der Schautrieb 
(das Voyeurtum) in seiner Neurose eine bedeutende Rolle spielt. 
Ich beharre aber auf dieser Maßregel, welche die Absicht und 
den Erfolg hat, die unmerkliche Vermengung der Übertragung 
mit den Einfällen des Patienten zu verhüten, die Übertragung 
zu isolieren und sie zur Zeit als Widerstand scharf umschrieben 
hervortreten zu lassen. Ich weiß, daß viele Analytiker es anders 
machen, aber ich weiß nicht, ob die Sucht, es anders zu machen, 
oder ob ein Vorteil, den sie dabei gefunden haben, mehr Anteil 
an ihrer Abweichung hat. 

Wenn nun die Bedingungen der Kur in solcher Weise geregelt 
sind, erhebt sich die Frage, an welchem Punkte und mit welchem 
Materiale soll man die Behandlung beginnen? 

Es ist im ganzen gleichgültig, mit welchem Stoffe man die 
Behandlung beginnt, ob mit der Lebensgeschichte, der Kranken - 

Freud, VT. 7 



98 Zur Technik 

— ; : — —. — 

geschichte oder den Kindheitserinnerungen des Patienten. Jeden- 
falls aber so, daß man den Patienten erzählen läßt und ihm die 
Wahl des Anfangspunktes freistellt. Man sagt ihm also: Ehe ich 
Ihnen etwas sagen kann, muß ich viel über Sie erfahren haben; 
bitte teilen Sie mir mit, was Sie von sich wissen. 

Nur für die Grundregel der psychoanalytischen Technik, die 
der Patient zu beobachten hat, macht man eine Ausnahme. Mit 
dieser macht man ihn von allem Anfang an bekannt: Noch 
eines, ehe Sie beginnen. Ihre Erzählung soll sich doch in einem 
Punkte von einer gewöhnlichen Konversation unterscheiden. 
Während Sie sonst mit Recht versuchen, in Ihrer Darstellung 
den Faden des Zusammenhanges festzuhalten und alle störenden 
Einfälle und Nebengedanken abweisen, um nicht, wie man sagt, 
aus dem Hundertsten ins Tausendste zu kommen, sollen Sie hier 
anders vorgehen. Sie werden beobachten, daß Ihnen während 
Ihrer Erzählung verschiedene Gedanken kommen, welche Sie mit 
gewissen kritischen Einwendungen zurückweisen möchten. Sie 
werden versucht sein, sich zu sagen: Dies oder jenes gehört 
nicht hieher, oder es ist ganz unwichtig, oder es ist unsinnig, 
man braucht es darum nicht zu sagen. Geben Sie dieser Kritik 
niemals nach und sagen Sie es trotzdem, ja gerade darum, weil 
Sie eine Abneigung dagegen verspüren. Den Grund für diese 
Vorschrift — eigentlich die einzige, die Sie befolgen sollen — 
werden Sie später erfahren und einsehen lernen. Sagen Sie also 
alles, was Ihnen durch den Sinn geht. Benehmen Sie sich so, 
wie zum Beispiel ein Reisender, der am Fensterplatze des Eisen- 
bahnwagens sitzt und dem im Inneren Untergebrachten beschreibt, 
wie sich vor seinen Blicken die Aussicht verändert. Endlich ver- 
gessen Sie nie daran, daß Sie volle Aufrichtigkeit versprochen 
haben, und gehen Sie nie über etwas hinweg, weil Ihnen dessen 
Mitteilung aus irgendeinem Grunde unangenehm ist. 1 



1) Über die Erfahrungen mit der cpot Grundregel wäre viel zu sagen. Man trifft 
gelegentlich auf Personen, die sich benehmen, als ob sie sich diese Regel selbst 



Zur Einleitung der Behandlung qq 

Patienten, die ihr Kranksein von einem bestimmten Momente 
an rechnen, stellen sich gewöhnlich auf die Krankheitsveranlassung 
ein 5 andere, die den Zusammenhang ihrer Neurose mit ihrer 
Kindheit selbst nicht verkennen, beginnen oft mit der Darstellung 
ihrer ganzen Lebensgeschichte. Eine systematische Erzählung 
erwarte man auf keinen Fall und tue nichts dazu, sie zu fördern. 
Jedes Stückchen der Geschichte wird später von Neuem erzählt 
werden müssen, und erst bei diesen Wiederholungen werden die 
Zusätze erscheinen, welche die wichtigen, dem Kranken unbekannten 
Zusammenhänge vermitteln. 

Es gibt Patienten, die sich von den ersten Stunden an sorg- 
fältig auf ihre Erzählung vorbereiten, angeblich um so die 
bessere Ausnützung der Behandlungszeit zu sichern. Was sich so 

gegeben hätten. Andere sündigen gegen sie von allem Anfang an. Ihre Mitteilung 
ist in den ersten Stadien der Behandlung unerläßlich, auch nutzbringend; später 
unter der Herrschaft der Widerstände versagt der Gehorsam gegen sie, und für jeden 
kommt irgend einmal die Zeit, sich über sie hinauszusetzen. Man muß sich aus 
seiner Selbstanalyse daran erinnern, wie unwiderstehlich die Versuchung auftritt, 
jenen kritischen Vorwänden zur Abweisung von Einfällen nachzugeben. Von der 
geringen Wirksamkeit solcher Verträge, wie man sie durch die Aufstellung der 
4>a Grundregel mit dem Patienten schließt, kann man sich regelmäßig überzeugen, 
wenn sich zum erstenmal etwas Intimes über dritte Personen zur Mitteilung ein- 
stellt. Der Patient weiß, daß er alles sagen soll, aber er macht aus der Diskretion 
gegen andere eine neue Abhaltung. „Soll ich wirklich alles sagen ? Ich habe geglaubt, 
das gilt nur für Dinge, die mich selbst betreffen." Es ist natürlich unmöglich, eine 
analytische Behandlung durchzuführen, bei der die Beziehungen des Patienten zu 
anderen Personen und seine Gedanken über sie von der Mitteilung ausgenommen 
sind. Pour faire wie omelette il faut casser des oeufs. Ein anständiger Mensch ver- 
gißt bereitwillig, was ihm von solchen Geheimnissen fremder Leute nicht wissens- 
wert erscheint. Auch auf die Mitteilung von Namen kann man nicht verzichten; die 
Erzählungen des Patienten bekommen sonst etwas Schattenhaftes wie die Szenen der 
„natürlichen Tochter" G o e th e s, was im Gedächtnis des Arztes nicht haften will; 
auch decken die zurückgehaltenen Namen den Zugang zu allerlei wichtigen 
Beziehungen. Man kann Namen etwa reservieren lassen, bis der Analysierte mit dem 
Arzt und dem Verfahren vertrauter geworden ist. Es ist sehr merkwürdig, daß die 
ganze Aufgabe unlösbar wird, sowie man die Reserve an einer einzigen Stelle 
gestattet hat. Aber man bedenke, wenn bei uns ein Asylrecht, zum Beispiel für einen 
einzigen Platz in der Stadt, bestände, wie lange es brauchen würde, bis alles Gesindel 
der Stadt auf diesem einen Platze zusammenträfe. Ich behandelte einmal einen 
hohen Funktionär, der durch seinen Diensteid genötigt war, gewisse Dinge als Staats- 
geheimnisse vor der Mitteilung zu bewahren, und scheiterte bei ihm an dieser Ein- 
schränkung. Die psychoanalytische Behandlung muß sich über alle Rücksichten 
hinaussetzen, weil die Neurose und ihre Widerstände rücksichtslos sind. 



i oo Zur Technik 



als Eifer drapiert, ist Widerstand. Man widerrate solche Vor- 
bereitung, die nur zum Schutze gegen das Auftauchen uner- 
wünschter Einfälle geübt wird.' Mag der Kranke noch so auf- 
richtig an seine löbliche Absicht glauben, der Widerstand wird 
seinen Anteil an der absichtlichen Vorbereitungsart fordern und 
es durchsetzen, daß das wertvollste Material der Mitteilung ent- 
schlüpft. Man wird bald merken, daß der Patient noch andere 
Methoden erfindet, um der Behandlung das Verlangte zu ent- 
ziehen. Er wird sich etwa täglich mit einem intimen Freunde 
über die Kur besprechen und in dieser Unterhaltung alle die 
Gedanken unterbringen, die sich ihm im Beisein des Arztes 
aufdrängen sollten. Die Kur hat dann ein Leck, durch das 
gerade das Beste verrinnt. Es wird dann bald an der Zeit sein, 
dem Patienten anzuraten, daß er seine analytische Kur als eine 
Angelegenheit zwischen seinem Arzte und ihm selbst behandle 
und alle anderen Personen, mögen sie noch so nahestehend oder 
noch so neugierig sein, von der Mitwisserschaft ausschließe. In 
späteren Stadien der Behandlung ist der Patient in der Regel 
solchen Versuchungen nicht unterworfen. 

Kranken, die ihre Behandlung geheim halten wollen, oft darum, 
weil sie auch ihre Neurose geheim gehalten haben, lege ich 
keine Schwierigkeiten in den Weg. Es kommt natürlich nicht in 
Betracht, wenn infolge dieser Reservation einige der schönsten 
Heilerfolge ihre Wirkung auf die Mitwelt verfehlen. Die Ent- 
scheidung der Patienten für das Geheimnis bringt selbstverständ- 
lich bereits einen Zug ihrer Geheimgeschichte ans Licht. 

Wenn man den Kranken einschärft, zu Beginn ihrer Behandlung 
möglichst wenig Personen zu Mitwissern zu machen, so schützt 
man sie dadurch auch einigermaßen vor den vielen feindseligen 
Einflüssen, die es versuchen werden, sie der Analyse abspenstig 
zu machen. Solche Beeinflussungen können zu Anfang der Kur 

1) Ausnahmen lasse man nur zu für Daten wie: Familientafel, Aufenthalte, 
Operationen n. dgl. 



7mi- Einleitung der Behandlung 101 



verderblich werden. Späterhin sind sie meist gleichgültig oder 
selbst nützlich, um Widerstände, die sich verbergen wollen, zum 
Vorscheine zu bringen. 

Bedarf der Patient während der analytischen Behandlung vor- | 
übergehend einer anderen, internen oder spezialistischen Therapie, 
so ist es weit zweckmäßiger, einen nicht analytischen Kollegen 
in Anspruch zu nehmen, als diese andere Hilfeleistung selbst zu 
besorgen. Kombinierte Behandlungen wegen neurotischer Leiden 
mit starker organischer Anlehnung sind meist undurchführbar. 
Die Patienten lenken ihr Interesse von der Analyse ab, sowie 
man ihnen mehr als einen Weg zeigt, der zur Heilung führen 
soll. Am besten schiebt man die organische Behandlung bis nach 
Abschluß der psychischen auf; würde man die erstere voran- 
schicken, so bliebe sie in den meisten Fällen erfolglos. 

Kehren wir zur Einleitung der Behandlung zurück. Man wird 
gelegentlich Patienten begegnen, die ihre Kur mit der ablehnenden 
Versicherung beginnen, daß ihnen nichts einfalle, was sie erzählen 
könnten, obwohl das ganze Gebiet der Lebens- und Krankheits- 
geschichte unberührt vor ihnen liegt. Auf die Bitte, ihnen doch 
anzugeben, wovon sie sprechen sollen, gehe man nicht ein, dieses 
erste Mal so wenig wie spätere Male. Man halte sich vor, womit 
man es in solchen Fällen zu tun hat. Ein starker Widerstand ist 
da in die Front gerückt, um die Neurose zu verteidigen; man 
nehme die Herausforderung sofort an und rücke ihm an den 
Leib. Die energisch wiederholte Versicherung, daß es solches 
Ausbleiben aller Einfälle zu Anfang nicht gibt, und daß es sich 
um einen Widerstand gegen die Analyse handle, nötigt den 
Patienten bald zu den vermuteten Geständnissen oder deckt ein 
erstes Stück seiner Komplexe auf. Es ist böse, wenn er gestehen 
muß, daß er sich während des Anhörens der Grundregel die 
Reservation geschaffen hat, dies oder jenes werde er doch für 
sich behalten. Minder arg, wenn er nur mitzuteilen braucht, 
welches Mißtrauen er der Analyse entgegenbringt, oder was für 



102 Zur Technik 



abschreckende Dinge er über sie gehört habe. Stellt er diese und 
ähnliche Möglichkeiten, die man ihm vorhält, in Abrede, so kann 
man ihn durch Drängen zum Eingeständnis nötigen, daß er 
doch gewisse Gedanken, die ihn beschäftigen, vernachlässigt hat. 
Er hat an die Kur selbst gedacht, aber an nichts Bestimmtes, 
oder das Bild des Zimmers, in dem er sich befindet, hat ihn 
beschäftigt, oder er muß an die Gegenstände im Behandlungs- 
raum denken, und daß er hier auf einem Divan liegt, was er 
alles durch die Auskunft „Nichts" ersetzt hat. Diese Andeutungen 
sind wohl verständlich; alles was an die gegenwärtige Situation 
anknüpft, entspricht einer Übertragung auf den Arzt, die sich zu 
einem Widerstände geeignet erweist. Man ist so genötigt, mit 
der Aufdeckung dieser Übertragung zu beginnen 5 von ihr aus 
findet sich rasch der Weg zum Eingange in das pathogene 
Material des Kranken. Frauen, die nach dem Inhalte ihrer Lebens- 
geschichte auf eine sexuelle Aggression vorbereitet sind, Männer 
mit überstarker verdrängter Homosexualität werden am ehesten 
der Analyse eine solche Verweigerung der Einfälle vorausschicken. 
Wie der erste Widerstand, so können auch die ersten Symptome 
oder Zufallshandlungen der Patienten ein besonderes Interesse 
beanspruchen und einen ihre Neurose beherrschenden Komplex 
verraten. Ein geistreicher junger Philosoph, mit exquisiten ästhe- 
tischen Einstellungen, beeilt sich, den Hosenstreif zurechtzu- 
zupfen, ehe er sich zur ersten Behandlung niederlegt; er erweist 
sich als dereinstiger Koprophile von höchstem Raffinement, wie 
es für den späteren Ästheten zu erwarten stand. Ein junges 
Mädchen zieht in der gleichen Situation hastig den Saum ihres 
Rockes über den vorschauenden Knöchel; sie hat damit das Beste 
verraten, was die spätere Analyse aufdecken wird, ihren narziß- 
tischen Stolz auf ihre Korperschönheit und ihre Exhibitionsnei- 
gungen. 

Besonders viele Patienten sträuben sich gegen die ihnen vor- 
geschlagene Lagerung, während der Arzt ungesehen hinter ihnen 



Zur Einleitung der Behandlung 103 

sitzt, und bitten um die Erlaubnis, die Behandlung in anderer 
Position durchzumachen, zumeist, weil sie den Anblick des Arztes 
nicht entbehren wollen. Es wird ihnen regelmäßig verweigert; 
man kann sie aber nicht daran hindern, daß sie sich's einrichten, 
einige Sätze vor Beginn der „Sitzung" zu sprechen oder nach 
der angekündigten Beendigung derselben, wenn sie sich vom 
Lager erhoben haben. Sie teilen sich so die Behandlung in einen 
offiziellen Abschnitt, während dessen sie sich meist sehr gehemmt 
benehmen, und in einen „gemütlichen", in dem sie wirklich frei 
sprechen und allerlei mitteilen, was sie selbst nicht zur Behand- 
lung rechnen. Der Arzt läßt sich diese Scheidung nicht lange 
gefallen, er merkt auf das vor oder nach der Sitzung Gespro- 
chene, und indem er es bei nächster Gelegenheit verwertet, reißt 
er die Scheidewand nieder, die der Patient aufrichten wollte. 
Dieselbe wird wiederum aus dem Material eines Übertragungs- 
widerstandes gezimmert sein. 

Solange nun die Mitteilungen und Einfälle des 
Patienten ohne Stockung erfolgen, lasse man das 
Thema der Übertragung unberührt. Man warte mit 
dieser heikelsten aller Prozeduren, bis die Übertragung zum Wider- 
stände geworden ist. 

Die nächste Frage, vor die wir uns gestellt finden, ist eine 
prinzipielle. Sie lautet: Wann sollen wir mit den Mitteilungen 
an den Analysierten beginnen? Wann ist es Zeit, ihm die 
geheime Bedeutung seiner Einfälle zu enthüllen, ihn in die 
Voraussetzungen und technischen Prozeduren der Analyse einzu- 
weihen ? 

Die Antwort hierauf kann nur lauten: Nicht eher, als bis sich 
eine leistungsfähige Übertragung, ein ordentlicher Rapport, bei 
dem Patienten hergestellt hat. Das erste Ziel der Behandlung 
bleibt, ihn an die Kur und an die Person des Arztes zu atta- 
chieren. Man braucht nichts anderes dazu zu tun, als ihm Zeit zu 
lassen. Wenn man ihm ernstes Interesse bezeugt, die anfangs auf- 






io4 Zur Technik 



tauchenden Widerstände sorgfältig beseitigt und gewisse Mißgriffe 
vermeidet, stellt der Patient ein solches Attachement von selbst 
her und reiht den Arzt an eine der Imagines jener Personen an, 
von denen er Liebes zu empfangen gewohnt war. Man kann sich 
diesen ersten Erfolg allerdings verscherzen, wenn man von 
Anfang an einen anderen Standpunkt einnimmt als den der Ein- 
fühlung, etwa einen moralisierenden, oder wenn man sich als 
Vertreter oder Mandatar einer Partei gebärdet, des anderen Ehe- 
teiles etwa usw. 

Diese Antwort schließt natürlich die Verurteilung eines Ver- 
fahrens ein, welches dem Patienten die Übersetzungen seiner 
Symptome mitteilen wollte, sobald man sie selbst erraten hat, 
oder gar einen besonderen Triumph darin erblicken würde, ihm 
diese „Lösungen" in der ersten Zusammenkunft ins Gesicht zu 
schleudern. Es wird einem geübteren Analytiker nicht schwer, 
die verhaltenen Wünsche eines Kranken schon aus seinen Klagen 
und seinem Krankenberichte deutlich vernehmbar herauszuhören 5 
aber welches Maß von Selbstgefälligkeit und von Unbesonnen- 
heit gehört dazu, um einem Fremden, mit allen analytischen 
Voraussetzungen Unvertrauten, nach der kürzesten Bekanntschaft 
zu eröffnen, er hänge inzestuös an seiner Mutter, er hege Todes- 
wünsche gegen seine angeblich geliebte Frau, er trage sich mit 
der Absicht, seinen Chef zu betrügen u.'dgl.! Ich habe gehört, 
daß es Analytiker gibt, die sich mit solchen Augenblicksdiagnosen 
und Schnellbehandlungen brüsten, aber ich warne jedermann 
davor, solchen Beispielen zu folgen. Man wird dadurch sich und 
seine Sache um jeden Kredit bringen und die heftigsten Wider- 
sprüche hervorrufen, ob man nun richtig geraten hat oder nicht, 
ja eigentlich um so heftigeren Widerstand, je eher man richtig 
geraten hat. Der therapeutische Effekt wird in der Regel zunächst 
gleich Null sein, die Abschreckung von der Analyse aber eine 
endgültige. Noch in späteren Stadien der Behandlung wird man 
Vorsicht üben müssen, um eine Symptomlösung und Wunsch- 



; 









Zur Einleitung der Behandlung 105 

Übersetzung nicht eher mitzuteilen, als bis der Patient knapp 
davor steht, so daß er nur noch einen kurzen Schritt zu machen 
hat, um sich dieser Lösung selbst zu bemächtigen. In früheren 
Jahren hatte ich häufig Gelegenheit zu erfahren, daß die vor- 
zeitige Mitteilung einer Lösung der Kur ein vorzeitiges Ende 
bereitete, sowohl infolge der Widerstände, die so plötzlich geweckt 
wurden, als auch auf Grund der Erleichterung, die mit der 
Lösung gegeben war. 

Man wird hier die Einwendung machen: Ist es denn unsere 
Aufgabe, die Behandlung zu verlängern, und nicht vielmehr, sie 
so rasch wie möglich zu Ende zu führen? Leidet der Kranke 
nicht infolge seines Nichtwissens und Nichtverstehens und ist es 
nicht Pflicht, ihn so bald als möglich wissend zu machen, also 
sobald der Arzt selbst wissend geworden ist? 

Die Beantwortung dieser Frage fordert zu einem kleinen 
Exkurs auf, über die Bedeutung des Wissens und über den 
Mechanismus der Heilung in der Psychoanalyse. 

In den frühesten Zeiten der analytischen Technik haben wir 
allerdings in intellektualistischer Denkeinstellung das Wissen des 
Kranken um das von ihm Vergessene hoch eingeschätzt und 
dabei kaum zwischen unserem Wissen und dem seinigen unter- 
schieden. Wir hielten es für einen besonderen Glücksfall, wenn 
es gelang, Kunde von dem vergessenen Kindheitstrauma von 
anderer Seite her zu bekommen, zum Beispiel von Eltern, Pflege 
personen oder dem Verführer selbst, wie es in einzelnen Fällen 
möglich wurde, und beeilten uns, dem Kranken die Nachricht 
und die Beweise für ihre Richtigkeit zur Kenntnis zu bringen 
in der sicheren Erwartung, so Neurose und Behandlung zu einem 
schnellen Ende zu führen. Es war eine schwere Enttäuschung, 
als der erwartete Erfolg ausblieb. Wie konnte es nur zugehen, 
daß der Kranke, der jetzt von seinem traumatischen Erlebnis 
wußte, sich doch benahm, als wisse er nicht mehr davon als 
früher? Nicht einmal die Erinnerung an das verdrängte Trauma 



io6 Zur Technik 



wollte infolge der Mitteilung und Beschreibung desselben auf- 
tauchen. 

In einem bestimmten Falle hatte mir die Mutter eines 
hysterischen Mädchens das homosexuelle Erlebnis verraten, dem 
auf die Fixierung der Anfälle des Mädchens ein großer Einfluß 
zukam. Die Mutter hatte die Szene selbst überrascht, die Kranke 
aber dieselbe völlig vergessen, obwohl sie bereits den Jahren der 
Vorpubertät angehörte. Ich konnte nun eine lehrreiche Erfahrung 
machen. Jedesmal, wenn ich die Erzählung der Mutter vor dem 
Mädchen wiederholte, reagierte dieses mit einem hysterischen 
Anfalle und nach diesem war die Mitteilung wieder vergessen. 
Es war kein Zweifel, daß die Kranke den heftigsten Widerstand 
gegen ein ihr aufgedrängtes Wissen äußerte; sie simulierte end- 
lich Schwachsinn und vollen Gedächtnisverlust, um sich gegen 
meine Mitteilungen zu schützen. So mußte man sich denn ent- 
schließen, dem Wissen an sich die ihm vorgeschriebene Bedeutung 
zu entziehen und den Akzent auf die Widerstände zu legen, 
welche das Nichtwissen seinerzeit verursacht hatten und jetzt 
noch bereit waren, es zu verteidigen. Das bewußte Wissen aber 
war gegen diese Widerstände, auch wenn es nicht wieder aus- 
gestoßen wurde, ohnmächtig. 

Das befremdende Verhalten der Kranken, die ein bewußtes 
Wissen mit dem Nichtwissen zu vereinigen verstehen, bleibt für 
die sogenannte Normalpsychologie unerklärlich. Der Psychoana- 
lyse bereitet es auf Grund ihrer Anerkennung des Unbewußten 
keine Schwierigkeit ; das beschriebene Phänomen gehört aber zu 
den besten Stützen einer Auffassung, welche sich die seelischen 
Vorgänge topisch differenziert näher bringt. Die Kranken wissen 
nun von dem verdrängten Erlebnis in ihrem Denken, aber diesem 
fehlt die Verbindung mit jener Stelle, an welcher die verdrängte 
Erinnerung in irgend einer Art enthalten ist. Eine Veränderung 
kann erst eintreten, wenn der bewußte Denkprozeß bis zu dieser 
Stelle vorgedrungen ist und dort die Verdrängungswiderstände 



1 



Zur Einleitung der Behandlung 107 



überwunden hat. Es ist gerade so, als ob im Justizministerium 
ein Erlaß verlautbart worden wäre, daß man jugendliche Ver- 
gehen in einer gewissen milden Weise richten solle. Solange 
dieser Erlaß nicht zur Kenntnis der einzelnen Bezirksgerichte 
gelangt ist, oder für den Fall, daß die Bezirksrichter nicht die 
Absicht haben, diesen Erlaß zu befolgen, vielmehr auf eigene 
Hand judizieren, kann an der Behandlung der einzelnen jugend- 
lichen Delinquenten nichts geändert sein. Fügen wir noch zur 
Korrektur hinzu, daß die bewußte Mitteilung des Verdrängten 
an den Kranken doch nicht wirkungslos bleibt. Sie wird nicht 
die gewünschte Wirkung äußern, den Symptomen ein Ende zu 
machen, sondern andere Folgen haben. Sie wird zunächst Wider- 
stände, dann aber, wenn deren Überwindung erfolgt ist, einen 
Denkprozeß anregen, in dessen Ablauf sich endlich die erwartete 
Beeinflussung der unbewußten Erinnerung herstellt. 

Es ist jetzt an der Zeit, eine Übersicht des Kräftespieles zu 
gewinnen, welches wir durch die Behandlung in Gang bringen. 
Der nächste Motor der Therapie ist das Leiden des Patienten 
und sein daraus entspringender Heilungswunsch. Von der Größe 
dieser Triebkraft zieht sich mancherlei ab, was erst im Laufe 
der Analyse aufgedeckt wird, vor allem der sekundäre Krank- 
heitsgewinn, aber die Triebkraft selbst muß bis zum Ende der 
Behandlung erhalten bleiben; jede Besserung ruft eine Verringerung 
derselben hervor. Für sich allein ist sie aber unfähig, die Krank- 
heit zu beseitigen; es fehlt ihr zweierlei dazu: sie kennt die 
Wege nicht, die zu diesem Ende einzuschlagen sind, und sie 
bringt die notwendigen Energiebeträge gegen die Widerstände 
nicht auf. Beiden Mängeln hilft die analytische Behandlung ab 
Die zur Überwindung der Widerstände erforderten Affektgrößen 
stellt sie durch die Mobilmachung der Energien bei, welche für 
die Übertragung bereit liegen; durch die rechtzeitigen Mitteilungen 
zeigt sie dem Kranken die Wege, auf welche er diese Energien 
leiten soll. Die Übertragung kann häufig genug die Leidens- 



108 Zur Technik 



Symptome allein beseitigen, aber dann nur vorübergehend, 
solange sie eben selbst Bestand hat. Das ist dann eine Suggestiv- 
behandlung, keine Psychoanalyse. Den letzteren Namen verdient 
die Behandlung nur dann, wenn die Übertragung ihre Intensität 
zur Überwindung der Widerstände verwendet hat. Dann allein 
ist das Kranksein unmöglich geworden, auch wenn die Über- 
tragung wieder aufgelöst worden ist, wie ihre Bestimmung es 
verlangt. 

Im Laufe der Behandlung wird noch ein anderes förderndes 
Moment wachgerufen, das intellektuelle Interesse und Verständnis 
des Kranken. Allein dies kommt gegen die anderen miteinander 
ringenden Kräfte kaum in Betracht; es droht ihm beständig die 
Entwertung infolge der Urteilstrübung, welche von den Wider- 
ständen ausgeht. Somit erübrigen Übertragung und Unterweisung 
(durch Mitteilung) als die neuen Kraftquellen, welche der Kranke 
dem Analytiker verdankt. Der Unterweisung bedient er sich aber 
nur, insofern er durch die Übertragung dazu bewogen wird, und 
darum soll die erste Mitteilung abwarten, bis sich eine starke 
Übertragung hergestellt hat, und fügen wir hinzu, jede spätere, 
bis die Störung der Übertragung durch die der Reihe nach auf- 
tauchenden Übertragungswiderstände beseitigt ist. 









. 



ERINNERN, WIEDERHOLEN UND 
DURCHARBEITEN 

Erschien zuerst in der „Intern. Zeitschr. für 
ärztliche Psychoanalyse", Bd. II, (X914), dann in 
der Vierten Folge der „Sammlung kleiner Schriften 
zur Neurosenlehre", gemeinsam mit der vorher- 
gehenden und der folgenden Arbeit unter dem Oher- 
titcl „Weitere Ratschläge zur Technik der Psycho- 
analyse". 

Es scheint mir nicht überflüssig, den Lernenden immer wieder 
daran zu mahnen, welche tiefgreifenden Veränderungen die 
psychoanalytische Technik seit ihren ersten Anfängen erfahren 
hat. Zuerst, in der Phase der B reu ersehen Katharsis, die 
direkte Einstellung des Moments der Symptombildung und das 
konsequent festgehaltene Bemühen, die psychischen Vorgänge 
jener Situation reproduzieren zu lassen, um sie zu einem Ablauf 
durch bewußte Tätigkeit zu leiten. Erinnern und Abreagieren 
waren damals die mit Hilfe des hypnotischen Zustandes zu 
erreichenden Ziele. Sodann, nach dem Verzicht auf die Hypnose, 
drängte sich die Aufgabe vor, aus den freien Einfällen des Ana- 
lysierten zu erraten, was er zu erinnern versagte. Durch die 
Deutungsarbeit und die Mitteilung ihrer Ergebnisse an den 
Kranken sollte der Widerstand umgangen werden; die Einstellung 
auf die Situationen der Symptombildung und jene anderen, die 
sich hinter dem Momente der Erkrankung ergaben, blieb erhalten, 
das Abreagieren trat zurück und schien durch den Arbeitsaufwand 
ersetzt, den der Analysierte bei der ihm aufgedrängten Über- 



1 io 



Zur Technik 



Windung der Kritik gegen seine Einfälle (bei der Befolgung der 
*« Grundregel) zu leisten hatte. Endlich hat sich die konsequente 
heutige Technik herausgebildet, bei welcher der Arzt auf die 
Einstellung eines bestimmten Moments oder Problems verzichtet, 
sich damit begnügt, die jeweilige psychische Oberfläche des Ana- 
lysierten zu studieren und die Deutungskunst wesentlich dazu 
benutzt, um die an dieser hervortretenden Widerstände zu erkennen 
und dem Kranken bewußt zu machen. Es stellt sich dann eine 
neue Art von Arbeitsteilung her: der Arzt deckt die dem Kranken 
unbekannten Widerstände auf; sind diese erst bewältigt, so erzählt 
der Kranke oft ohne alle Mühe die vergessenen Situationen und 
Zusammenhänge. Das Ziel dieser Techniken ist natürlich unver- 
ändert geblieben. Deskriptiv: die Ausfüllung der Lücken der 
Erinnerung, dynamisch: die Überwindung der Verdrängungs- 
widerstände. 

Man muß der alten hypnotischen Technik dankbar dafür 
bleiben, daß sie uns einzelne psychische Vorgänge der Analyse 
in Isolierung und Schematisierung vorgeführt hat. Nur dadurch 
konnten wir den Mut gewinnen, komplizierte Situationen in 
der analytischen Kur selbst zu schaffen und durchsichtig zu 
erhalten. 

Das Erinnern gestaltete sich nun in jenen hypnotischen 
Behandlungen sehr einfach. Der Patient versetzte sich in eine 
frühere Situation, die er mit der gegenwärtigen niemals zu ver- 
wechseln schien, teilte die psychischen Vorgänge derselben mit, 
soweit sie normal geblieben waren, und fügte daran, was sich 
durch die Umsetzung der damals unbewußten Vorgänge in 
bewußte ergeben konnte. 

Ich schließe hier einige Bemerkungen an, die jeder Analytiker 
in seiner Erfahrung bestätigt gefunden hat. Das Vergessen von 
Eindrücken, Szenen, Erlebnissen reduziert sich zumeist auf eine 
„Absperrung« derselben. Wenn der Patient von diesem „Ver- 
gessenen' spricht, versäumt er selten, hinzuzufügen: das habe ich 






Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten 1 1 1 

eigentlich immer gewußt, nur nicht daran gedacht. Er äußert 
nicht selten seine Enttäuschung darüber, daß ihm nicht genug 
Dinge einfallen wollen, die er als „vergessen" anerkennen kann, 
an die er nie wieder gedacht, seitdem sie vorgefallen sind. Indes 
findet auch diese Sehnsucht, zumal bei Konversionshysterien, ihre 
Befriedigung. Das „Vergessen" erfährt eine weitere Einschränkung 
durch die Würdigung der so allgemein vorhandenen Deck- 
erinnerungen. In manchen Fällen habe ich den Eindruck emp- 
fangen, daß die bekannte, für uns theoretisch so bedeutsame 
Kindheitsamnesie durch die Deckerinnerungen vollkommen auf- 
gewogen wird. In diesen ist nicht nur einiges Wesentliche aus 
dem Kindheitsleben erhalten, sondern eigentlich alles Wesentliche. 
Man muß nur verstehen, es durch die Analyse aus ihnen 
zu entwickeln. Sie repräsentieren die vergessenen Kinderjahre 
so zureichend wie der manifeste Trauminhalt die Traum- 
gedanken. 

Die andere Gruppe von psychischen Vorgängen, die man als 
rein interne Akte den Eindrücken und Erlebnissen entgegenstellen 
kann, Phantasien, Beziehungsvorgänge, Gefühlsregungen, Zusammen- 
hänge, muß in ihrem Verhältnis zum Vergessen und Erinnern 
gesondert betrachtet werden. Hier ereignet es sich besonders 
häufig, daß etwas „erinnert" wird, was nie „vergessen" werden 
konnte, weil es zu keiner Zeit gemerkt wurde, niemals bewußt 
war, und es scheint überdies völlig gleichgültig für den 
psychischen Ablauf, ob ein solcher „Zusammenhang" bewußt war 
und dann vergessen wurde, oder ob er es niemals zum Bewußt- 
sein gebracht hat. Die Überzeugung, die der Kranke im Laufe 
der Analyse erwirbt, ist von einer solchen Erinnerung ganz 
unabhängig. 

Besonders bei den mannigfachen Formen der Zwangsneurose 
schränkt sich das Vergessene meist auf die Auflösung von 
Zusammenhängen, Verkennung von Abfolgen, Isolierung von 
Erinnerungen ein. 



112 Zur Technik 



Für eine besondere Art von überaus wichtigen Erlebnissen, die 
in sehr frühe Zeiten der Kindheit fallen und seinerzeit ohne 
Verständnis erlebt worden sind, nachträglich aber Verständnis 
und Deutung gefunden haben, läßt sich eine Erinnerung meist 
nicht erwecken. Man gelangt durch Träume zu ihrer Kenntnis 
und wird durch die zwingendsten Motive aus dem Gefüge der 
Neurose genötigt, an sie zu glauben, kann sich auch überzeugen, 
daß der Analysierte nach Überwindung seiner Widerstände das 
Ausbleiben des Erinnerungsgefühles (Bekanntschaftsempfindung) 
nicht gegen deren Annahme verwertet. Immerhin erfordert dieser 
Gegenstand soviel kritische Vorsicht und bringt soviel Neues 
und Befremdendes, daß ich ihn einer gesonderten Behandlung an 
geeignetem Materiale vorbehalte. 

Von diesem erfreulich glatten Ablauf ist nun bei Anwendung 
der neuen Technik sehr wenig, oft nichts, übrig geblieben. Es 
kommen auch hier Fälle vor, die sich ein Stück weit verhalten 
wie bei der hypnotischen Technik und erst später versagen; 
andere Fälle benehmen sich aber von vornherein anders. Halten 
wir uns zur Kennzeichnung des Unterschiedes an den letzteren 
Typus, so dürfen wir sagen, der Analysierte erinnere über- 
haupt nichts von dem Vergessenen und Verdrängten, sondern er 
agiere es. Er reproduziert es nicht als Erinnerung, sondern als 
Tat, er wiederholt es, ohne natürlich zu wissen, daß er es 
wiederholt. 

Zum Beispiel: Der Analysierte erzählt nicht, er erinnere sich, 
daß er trotzig und ungläubig gegen die Autorität der Eltern 
gewesen sei, sondern er benimmt sich in solcher Weise gegen 
den Arzt. Er erinnert nicht, daß er in seiner infantilen Sexual- 
forschung rat- und hilflos stecken geblieben ist, sondern er bringt 
einen Haufen verworrener Träume und Einfälle vor, jammert, 
daß ihm nichts gelinge, und stellt es als sein Schicksal hin, 
niemals eine Unternehmung zu Ende zu führen. Er erinnert 
nicht, daß er sich gewisser Sexual betätigungen intensiv geschämt 



Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten 



113 



und ihre Entdeckung gefürchtet hat, sondern er zeigt, daß er 
sich der Behandlung schämt, der er sich jetzt unterzogen hat 
und sucht diese vor allen geheim zu halten usw. 

Vor allem beginnt er die Kur mit einer solchen Wiederholung 
Oft, wenn man einem Patienten mit wechselvoller Lebens- 
geschichte und langer Krankheitsgeschichte die psychoanalytische 
Grundregel mitgeteilt und ihn dann aufgefordert hat, zu sagen, 
was ihm einfalle, und nun erwartet, daß sich seine Mitteilungen 
im Strom ergießen werden, erfährt man zunächst, daß er nichts 
zu sagen weiß. Er schweigt und behauptet, daß ihm nichts ein- 
fallen will. Das ist natürlich nichts anderes als die Wiederholung 
einer homosexuellen Einstellung, die sich als Widerstand gegen 
jedes Erinnern vordrängt. Solange er in Behandlung verbleibt, 
wird er von diesem Zwange zur Wiederholung nicht mehr frei: 
man versteht endlich, dies ist seine Art zu erinnern. 

Natürlich wird uns das Verhältnis dieses Wiederholungszwanges 
zur Übertragung und zum Widerstände in erster Linie inter- 
essieren. Wir merken bald, die Übertragung ist selbst nur ein 
Stück Wiederholung und die Wiederholung ist die Übertragung 
der vergessenen Vergangenheit nicht nur auf den Arzt, sondern 
auch auf alle anderen Gebiete der gegenwärtigen Situation. Wir 
müssen also darauf gefaßt sein, daß der Analysierte sich dem 
Zwange zur Wiederholung, der nun den Impuls zur Erinnerung 
ersetzt, nicht nur im persönlichen Verhältnis zum Arzte hingibt, 
sondern auch in allen anderen gleichzeitigen Tätigkeiten und 
Beziehungen seines Lebens, zum Beispiel wenn er während der 
Kur ein Liebesobjekt wählt, eine Aufgabe auf sich nimmt, eine 
Unternehmung eingeht. Auch der Anteil des Widerstandes ist 
leicht zu erkennen. Je größer der Widerstand ist, desto aus- 
giebiger wird das Erinnern durch das Agieren (Wiederholen) 
ersetzt sein. Entspricht doch das ideale Erinnern des Vergessenen 
in der Hypnose einem Zustande, in welchem der Widerstand 
völlig bei Seite geschoben ist. Beginnt die Kur unter der 



t< 



Freud, VI. 



114 Zur Technik 



Patronanz einer milden und unausgesprochenen positiven Über- 
tragung, so gestattet sie zunächst ein Vertiefen in die Erinnerung 
wie bei der Hypnose, während dessen selbst die Krankheits- 
symptome schweigen; wird aber im weiteren Verlaufe diese 
Übertragung feindselig oder überstark und darum verdrängungs- 
bedürftig, so tritt sofort das Erinnern dem Agieren den Platz ab. 
Von da an bestimmen dann die Widerstände die Reihenfolge des 
zu Wiederholenden. Der Kranke holt aus dem Arsenale der Ver- 
gangenheit die Waffen hervor, mit denen er sich der Fortsetzung 
der Kur erwehrt, und die wir ihm Stück für Stück entwinden 
müssen. 

Wir haben nun gehört, der Analysierte wiederholt anstatt zu 
erinnern, er wiederholt unter den Bedingungen des Widerstandes; 
wir dürfen jetzt fragen, was wiederholt oder agiert er eigentlich? 
Die Antwort lautet, er wiederholt alles, was sich aus den Quellen 
seines Verdrängten bereits in seinem offenkundigen Wesen durch- 
gesetzt hat, seine Hemmungen und unbrauchbaren Einstellungen, 
seine pathologischen Charakterzüge. Er wiederholt ja auch 
während der Behandlung alle seine Symptome. Und nun können 
wir merken, daß wir mit der Hervorhebung des Zwanges zur 
Wiederholung keine neue Tatsache, sondern nur eine einheitlichere 
Auffassung gewonnen haben. Wir machen uns nur klar, daß das 
Kranksein des Analysierten nicht mit dem Beginne seiner Analyse 
aufhören kann, daß wir seine Krankheit nicht als eine histo- 
rische Angelegenheit, sondern als eine aktuelle Macht zu behandeln 
haben. Stück für Stück dieses Krankseins wird nun in den 
Horizont und in den Wirkungsbereich der Kur gerückt, und 
während der Kranke es als etwas Reales und Aktuelles erlebt, 
haben wir daran die therapeutische Arbeit zu leisten, die zum 
guten Teile in der Zurückführung auf die Vergangenheit besteht. 

Das Erinnernlassen in der Hypnose mußte den Eindruck eines 
Experiments im Laboratorium machen. Das Wiederholenlassen 
während der analytischen Behandlung nach der neueren Technik 






Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten 115 



heißt ein Stück realen Lebens heraufbeschwören und kann darum 
nicht in allen Fällen harmlos und unbedenklich sein. Das ganze 
Problem der oft unausweichlichen „Verschlimmerung während 
der Kur" schließt hier an. 

Vor allem bringt es schon die Einleitung der Behandlung mit 
sich, daß der Kranke seine bewußte Einstellung zur Krankheit 
ändere. Er hat sich gewöhnlich damit begnügt, sie zu bejammern, 
sie als Unsinn zu verachten, in ihrer Bedeutung zu unterschätzen, 
hat aber sonst das verdrängende Verhalten, die Vogel-Strauß-Politik, 
die er gegen ihre Ursprünge übte, auf ihre Äußerungen fort- 
gesetzt. So kann es kommen, daß er die Bedingungen seiner 
Phobie nicht ordentlich kennt, den richtigen Wortlaut seiner 
Zwangsideen nicht anhört oder die eigentliche Absicht seines 
Zwangsimpulses nicht erfaßt. Das kann die Kur natürlich nicht 
brauchen. Er muß den Mut erwerben, seine Aufmerksamkeit mit 
den Erscheinungen seiner Krankheit zu beschäftigen. Die Krank- 
heit selbst darf ihm nichts Verächtliches mehr sein, vielmehr 
ein würdiger Gegner werden, ein Stück seines Wesens, das sich 
auf gute Motive stützt, aus dem es Wertvolles für sein späteres 
Leben zu holen gilt. Die Versöhnung mit dem Verdrängten, 
welches sich in den Symptomen äußert, wird so von Anfang an 
vorbereitet, aber es wird auch eine gewisse Toleranz fürs Krank- 
sein eingeräumt. Werden nun durch dies neue Verhältnis zur 
Krankheit Konflikte verschärft und Symptome hervorgedrängt, die 
früher noch undeutlich waren, so kann man den Patienten dar- 
über leicht durch die Bemerkung trösten, daß dies nur not- 
wendige, aber vorübergehende Verschlechterungen sind, und daß 
man keinen Feind umbringen kann, der abwesend oder nicht 
nahe genug ist. Der Widerstand kann aber die Situation für 
seine Absichten ausbeuten und die Erlaubnis, krank zu sein 
mißbrauchen wollen. Er scheint dann zu demonstrieren: Schau 
her, was dabei herauskommt, wenn ich mich wirklich auf diese 
Dinge einlasse. Hab' ich nicht recht getan, sie der Verdrängung 



1 1 6 Zur Technik 



i 



zu überlassen? Besonders jugendliche und kindliche Personen 
pflegen die in der Kur erforderliche Einlenkung auf das Krank- 
sein gern zu einem Schwelgen in den Krankheitssymptomen zu 
benützen. 

Weitere Gefahren entstehen dadurch, daß im Fortgange der 
Kur auch neue, tiefer liegende Triebregungen, die sich noch 
nicht durchgesetzt hatten, zur Wiederholung gelangen können. 
Endlich können die Aktionen des Patienten außerhalb der Über- 
tragung vorübergehende Lebensschädigungen mit sich bringen 
oder sogar so gewählt sein, daß sie die zu erreichende Gesund- 
heit dauernd entwerten. 

Die Taktik, welche der Arzt in dieser Situation einzuschlagen 
hat, ist leicht zu rechtfertigen. Für ihn bleibt das Erinnern 
nach alter Manier, das Reproduzieren auf psychischem Gebiete, 
das Ziel, an welchem er festhält, wenn er auch weiß, daß es 
bei der neuen Technik nicht zu erreichen ist. Er richtet sich 
auf einen beständigen Kampf mit dem Patienten ein, um alle 
Impulse auf psychischem Gebiete zurückzuhalten, welche dieser 
aufs Motorische lenken möchte, und feiert es als einen Triumph 
der Kur, wenn es gelingt, etwas durch die Erinnerungsarbeit zu 
erledigen, was der Patient durch eine Aktion abführen möchte. 
Wenn die Bindung durch die Übertragung eine irgend brauch- 
bare geworden ist, so bringt es die Behandlung zustande, den 
Kranken an allen bedeutungsvolleren Wiederholungsaktionen zu 
hindern und den Vorsatz dazu in statu nascendi als Material für 
die therapeutische Arbeit zu verwenden. Vor der Schädigung 
durch die Ausführung seiner Impulse behütet man den Kranken 
am besten, wenn man ihn dazu verpflichtet, während der Dauer 
der Kur keine lebenswichtigen Entscheidungen zu treffen, etwa 
keinen Beruf, kein definitives Liebesobjekt zu wählen, sondern 
für alle diese Absichten den Zeitpunkt der Genesung abzuwarten. 

Man schont dabei gern, was von der persönlichen Freiheit 
des Analysierten mit diesen Vorsichten vereinbar ist, hindert ihn 






Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten 117 

nicht an der Durchsetzung belangloser, wenn auch törichter 
Absichten, und vergißt nicht daran, daß der Mensch eigentlich 
nur durch Schaden und eigene Erfahrung klug werden kann. 
Es gibt wohl auch Fälle, die man nicht abhalten kann, sich 
während der Behandlung in irgend eine ganz unzweckmäßige 
Unternehmung einzulassen, und die erst nachher mürbe und für 
die analytische Bearbeitung zugänglich werden. Gelegentlich muß 
es auch vorkommen, daß man nicht die Zeit hat, den wilden 
Trieben den Zügel der Übertragung anzulegen, oder daß der 
Patient in einer Wiederholungsaktion das Band zerreißt, das ihn 
an die Behandlung knüpft. Ich kann als extremes Beispiel den 
Fall einer älteren Dame wählen, die wiederholt in Dämmer- 
zuständen ihr Haus und ihren Mann verlassen hatte und irgend- 
wohin geflüchtet war, ohne sich je eines Motives für dieses 
„Durchgehen" bewußt zu werden. Sie kam mit einer gut aus- 
gebildeten zärtlichen Übertragung in meine Behandlung, steigerte 
dieselbe in unheimlich rascher Weise in den ersten Tagen und 
war am Ende einer Woche auch von mir „durchgegangen", ehe 
ich noch Zeit gehabt hatte, ihr etwas zu sagen, was sie an dieser 
Wiederholung hätte hindern können. 

Das Hauptmittel aber, den Wiederholungszwang des Patienten 
zu bändigen und ihn zu einem Motiv fürs Erinnern umzu- 
schaffen, liegt in der Handhabung der Übertragung. Wir machen 
ihn unschädlich, ja vielmehr nutzbar, indem wir ihm sein Recht 
einräumen, ihn auf einem bestimmten Gebiete gewähren lassen. 
Wir eröffnen ihm die Übertragung als den Tummelplatz, auf 
dem ihm gestattet wird, sich in fast völliger Freiheit zu ent- 
falten, und auferlegt ist, uns alles vorzuführen, was sich an patho- 
genen Trieben im Seelenleben des Analysierten verborgen hat. 
Wenn der Patient nur so viel Entgegenkommen zeigt, daß er 
die Existenzbedingungen der Behandlung respektiert, gelingt es 
uns regelmäßig, allen Symptomen der Krankheit eine neue Über- 
tragungsbedeutung zu geben, seine gemeine Neurose durch 



Ji8 Zur Technik 



eine Ü bertragungsneurose zu ersetzen, von der er durch die 
therapeutische Arbeit geheilt werden kann. Die Übertragung 
schafft so ein Zwischenreich zwischen der Krankheit und dem 
Leben, durch welches sich der Übergang von der ersteren zum 
letzteren vollzieht. Der neue Zustand hat alle Charaktere der 
Krankheit übernommen, aber er stellt eine artefizielle Krankheit 
dar, die überall unseren Eingriffen zugänglich ist. Er ist gleich- 
zeitig ein Stück des realen Erlebens, aber durch besonders 
günstige Bedingungen ermöglicht und von der Natur eines 
Provisoriums. Von den Wiederholungsreaktionen, die sich in der 
Übertragung zeigen, führen dann die bekannten Wege zur 
Erweckung der Erinnerungen, die sich nach Überwindung der 
Widerstände wie mühelos einstellen. 

Ich könnte hier abbrechen, wenn nicht die Überschrift dieses 
Aufsatzes mich verpflichten würde, ein weiteres Stück der analy- 
tischen Technik in die Darstellung zu ziehen. Die Überwindung 
der Widerstände wird bekanntlich dadurch eingeleitet, daß der 
Arzt den vom Analysierten niemals erkannten Widerstand auf- 
deckt und ihn dem Patienten mitteilt. Es scheint nun, daß 
Anfänger in der Analyse geneigt sind, diese Einleitung für die 
ganze Arbeit zu halten. Ich bin oft in Fällen zu Rate gezogen 
worden, in denen der Arzt darüber klagte, er habe dem Kranken 
seinen Widerstand vorgestellt, und doch habe sich nichts geändert, 
ja der Widerstand sei erst recht erstarkt und die ganze Situation 
sei noch undurchsichtiger geworden. Die Kur scheine nicht 
weiter zu gehen. Diese trübe Erwartung erwies sich dann immer 
als irrig. Die Kur war in der Regel im besten Fortgange; der 
Arzt hatte nur vergessen, daß das Benennen des Widerstandes 
nicht das unmittelbare Aufhören desselben zur Folge haben kann. 
Man muß dem Kranken die Zeit lassen, sich in den ihm unbe- 
kannten Widerstand zu vertiefen, ihn durchzuarbeiten, ihn 
zu überwinden, indem er ihm zum Trotze die Arbeit nach der 
analytischen Grundregel fortsetzt. Erst auf der Höhe desselben 



Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten 1 1 g 

findet man dann in gemeinsamer Arbeit mit dem Analysierten 
die verdrängten Triebregungen auf, welche den Widerstand speisen 
und von deren Existenz und Mächtigkeit sich der Patient durch 
solches Erleben überzeugt. Der Arzt hat dabei nichts anderes 
zu tun, als zuzuwarten und einen Ablauf zuzulassen, der nicht 
vermieden, auch nicht immer beschleunigt werden kann. Hält er 
an dieser Einsicht fest, so wird er sich oftmals die Täuschung, 
gescheitert zu sein, ersparen, wo er doch die Behandlung längs 
der richtigen Linie fortführt. 

Dieses Durcharbeiten der Widerstände mag in der Praxis zu 
einer beschwerlichen Aufgabe für den Analysierten und zu einer 
Geduldprobe für den Arzt werden. Es ist aber jenes Stück der 
Arbeit, welches die größte verändernde Einwirkung auf den 
Patienten hat und das die analytische Behandlung von jeder 
Suggestionsbeeinflussung unterscheidet. Theoretisch kann man es 
dem „Abreagieren" der durch die Verdrängung eingeklemmten 
Affektbeträge gleichstellen, ohne welches die hypnotische Behand- 
lung einflußlos blieb. 



T 






BEMERKUNGEN ÜBER DIE 
ÜBERTRAGUNGSLIEBE 

Erschien zuerst in der „Internationalen Zeit- 
schrift für arztliche Psychoanalyse", Bd. III (igi f) 
dann in der Vierten Folge der „Sammlung kleiner 
Schriften zur Neurosenlehre", gemeinsam mit den 
beiden vorhergegangenen Arbeiten unter dem Ober- 
titel „Weitere Ratschläge zur Technik der Psycho- 
analyse". 









Jeder Anfänger in der Psychoanalyse bangt wohl zuerst vor 
den Schwierigkeiten, welche ihm die Deutung der Einfälle 
des Patienten und die Aufgabe der Reproduktion des Ver- 
drängten bereiten werden. Es steht ihm aber bevor, diese 
Schwierigkeiten bald gering einzuschätzen und dafür die 
Überzeugung einzutauschen, daß die einzigen wirklich ernst- 
haften Schwierigkeiten bei der Handhabung der Übertragung 
anzutreffen sind. 

Von den Situationen, die sich hier ergeben, will ich eine 
einzige, scharf umschriebene, herausgreifen, sowohl wegen ihrer 
Häufigkeit und realen Bedeutsamkeit als auch wegen ihres theo- 
retischen Interesses. Ich meine den Fall, daß eine weibliche 
Patientin durch unzweideutige Andeutungen erraten läßt oder es 
direkt ausspricht, daß sie sich wie ein anderes sterbliches Weib 
in den sie analysierenden Arzt verliebt hat. Diese Situation hat 
ihre peinlichen und komischen Seiten wie ihre ernsthaften j sie 
ist auch so verwickelt und vielseitig bedingt, so unvermeidlich 









Bemerkungen über die Übertragungsliebe 



121 



und so schwer lösbar, daß ihre Diskussion längst ein vitales 
Bedürfnis der analytischen Technik erfüllt hätte. Aber da wir 
selbst nicht immer frei sind, die wir über die Fehler der anderen 
spotten, haben wir uns zur Erfüllung dieser Aufgabe bisher nicht 
eben gedrängt. Immerwieder stoßen wir hier mit der Pflicht 
der ärztlichen Diskretion zusammen, die im Leben nicht zu ent- 
behren, in unserer Wissenschaft aber nicht zu brauchen ist. 
Insoferne die Literatur der Psychoanalytik auch dem realen Leben 
angehört, ergibt sich hier ein unlösbarer Widerspruch. Ich habe 
mich kürzlich an einer Stelle über die Diskretion hinausgesetzt 
und angedeutet, daß die nämliche Übertragungssituation die Ent- 
wicklung der psychoanalytischen Therapie um ihr erstes Jahr- 
zehnt verzögert hat. 1 

Für den wohlerzogenen Laien — ein solcher ist wohl der 
ideale Kulturmensch der Psychoanalyse gegenüber — sind Liebes- 
begebenheiten mit allem anderen inkommensurabel ; sie stehen 
gleichsam auf einem besonderen Blatte, das keine andere Beschrei- 
bung verträgt. Wenn sich also die Patientin in den Arzt verliebt 
hat, wird er meinen, dann kann es nur zwei Ausgänge haben, 
den selteneren, daß alle Umstände die dauernde legitime Ver- 
einigung der Beiden gestatten, und den häufigeren, daß Arzt und 
Patientin auseinandergehen und die begonnene Arbeit, welche 
der Herstellung dienen sollte, als durch ein Elementarereignis 
gestört aufgeben. Gewiß ist auch ein dritter Ausgang denkbar, 
der sich sogar mit der Fortsetzung der Kur zu vertragen scheint, 
die Anknüpfung illegitimer und nicht für die Ewigkeit bestimmter 
Liebesbeziehungen ; aber dieser ist wohl durch die bürgerliche 
Moral wie durch die ärztliche Würde unmöglich gemacht. Immer- 
hin würde der Laie bitten, durch eine möglichst deutliche Ver- 
sicherung des Analytikers über den Ausschluß dieses dritten Falles 
beruhigt zu werden. 



1) Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung (1914). TS. Gesammelte 
Schriften, Bd. IV.] 



122 Zur Technik 



Es ist evident, daß der Standpunkt des Psychoanalytikers ein 
anderer sein muß. 

Setzen wir den Fall des zweiten Ausganges der Situation, die 
wir besprechen, Arzt und Patientin gehen auseinander, nachdem 
sich die Patientin in den Arzt verliebt hat; die Kur wird auf- 
gegeben. Aber der Zustand der Patientin macht bald einen 
zweiten analytischen Versuch bei einem anderen Arzte notwendig; 
da stellt es sich denn ein, daß sich die Patientin auch in diesen 
zweiten Arzt verliebt fühlt, und ebenso, wenn sie wieder abbricht 
und von neuem anfängt, in den dritten usw. Diese mit Sicher- 
heit eintreffende Tatsache, bekanntlich eine der Grundlagen der 
psychoanalytischen Theorie, gestattet zwei Verwertungen, eine für 
den analysierenden Arzt, die andere für die der Analyse bedürf- 
tige Patientin. 

Für den Arzt bedeutet sie eine kostbare Aufklärung und eine 
gute Warnung vor einer etwa bei ihm bereitliegenden Gegen- 
übertragung. Er muß erkennen, daß das Verlieben der Patientin 
durch die analytische Situation erzwungen wird und nicht etwa 
den Vorzügen seiner Person zugeschrieben werden kann, daß er 
also gar keinen Grund hat, auf eine solche „Eroberung", wie 
man sie außerhalb der Analyse heißen würde, stolz zu sein. Und 
es ist immer gut, daran gemahnt zu werden. Für die Patientin 
ergibt sich aber eine Alternative: entweder sie muß auf eine 
psychoanalytische Behandlung verzichten oder sie muß sich die 
Verliebtheit in den Arzt als unausweichliches Schicksal gefallen 
lassen. 1 

Ich zweifle nicht daran, daß sich die Angehörigen der Patientin 
mit ebensolcher Entschiedenheit für die erste der beiden Mög- 
lichkeiten erklären werden wie der analysierende Arzt für die 
zweite. Aber ich meine, es ist dies ein Fall, in welchem der 
zärtlichen — oder vielmehr egoistisch eifersüchtigen — Sorge 

l) Daß die Übertragung sicli in anderen und minder zärtlichen Gefühlen äußern 
kann, ist bekannt und soll in diesem Aufsatze nicht behandelt werden. 






Bemerkungen über die Übertragungsliebe 125 



der Angehörigen die Entscheidung nicht überlassen werden kann. 
Nur das Interesse der Kranken sollte den Ausschlag geben. Die 
Liebe der Angehörigen kann aber keine Neurose heilen. Der 
Psychoanalytiker braucht sich nicht aufzudrängen, er darf sich 
aber als unentbehrlich für gewisse Leistungen hinstellen. Wer als 
Angehöriger die Stellung Tolstois zu diesem Probleme zu der 
seinigen macht, mag im ungestörten Besitze seiner Frau oder 
Tochter bleiben und muß es zu ertragen suchen, daß diese auch 
ihre Neurose und die mit ihr verknüpfte Störung ihrer Liebes- 
fähigkeit beibehält. Es ist schließlich ein ähnlicher Fall wie der 
der gynäkologischen Behandlung. Der eifersüchtige Vater oder 
Gatte irrt übrigens groß, wenn er meint, die Patientin werde 
der Verliebtheit in den Arzt entgehen, wenn er sie zur Bekämp- 
fung ihrer Neurose eine andere als die analytische Behandlung 
einschlagen läßt. Der Unterschied wird vielmehr nur sein, daß 
eine solche Verliebtheit, die dazu bestimmt ist, unausgesprochen 
und unanalysiert zu bleiben, niemals jenen Beitrag zur Her- 
stellung der Kranken leisten wird, den ihr die Analyse abzwingen 
würde. 

Es ist mir bekannt geworden, daß einzelne Ärzte, welche die 
Analyse ausüben, die Patienten häufig auf das Erscheinen der 
Liebesübertragung vorbereiten oder sie sogar auffordern, sich „nur 
in den Arzt zu verlieben, damit die Analyse vorwärtsgehe". Ich 
kann mir nicht leicht eine unsinnigere Technik vorstellen. Man 
raubt damit dem Phänomen den überzeugenden Charakter der 
Spontaneität und bereitet sich selbst schwer zu beseitigende Hin- 
dernisse. 

Zunächst hat es allerdings nicht den Anschein, als ob aus der 
Verliebtheit in der Übertragung etwas für die Kur Förderliches 
entstehen könnte. Die Patientin, auch die bisher fügsamste, hat 
plötzlich Verständnis und Interesse für die Behandlung verloren, 
will von nichts anderem sprechen und hören als von ihrer Liebe, 
für die sie Entgegnung fordert; sie hat ihre Symptome aufge- 



1 24 TjUr Technik 



geben oder vernachlässigt sie, ja, sie erklärt sich für gesund. 
Es gibt einen völligen Wechsel der Szene, wie wenn ein Spiel 
durch eine plötzlich hereinbrechende Wirklichkeit abgelöst würde, 
etwa wie wenn sich während einer Theatervorstellung Feuer- 
lärm erhebt. Wer dies als Arzt zum erstenmal erlebt, hat es nicht 
leicht, die analytische Situation festzuhalten und sich der 
Täuschung zu entziehen, daß die Behandlung wirklich zu 
Ende sei. 

Mit etwas Besinnung findet man sich dann zurecht. Vor allem 
gedenkt man des Verdachtes, daß alles, was die Fortsetzung der 
Kur stört, eine Widerstandsäußerung sein mag. An dem Auf- 
treten der stürmischen Liebesforderung hat der Widerstand 
unzweifelhaft einen großen Anteil. Man hatte ja die Anzeichen 
einer zärtlichen Übertragung bei der Patientin längst bemerkt und 
durfte ihre Gefügigkeit, ihr Eingehen auf die Erklärungen der 
Analyse, ihr ausgezeichnetes Verständnis und die hohe Intelligenz, 
die sie dabei erwies, gewiß auf Rechnung einer solchen Ein- 
stellung gegen den Arzt schreiben. Nun ist das alles wie weg- 
gefegt, die Kranke ist ganz einsichtslos geworden, sie scheint in 
ihrer Verliebtheit aufzugehen, und diese Wandlung ist ganz regel- 
mäßig in einem Zeitpunkte aufgetreten, da man ihr gerade 
zumuten mußte, ein besonders peinliches und schwer verdrängtes 
Stück ihrer Lebensgeschichte zuzugestehen oder zu erinnern. Die 
Verliebtheit ist also längst dagewesen, aber jetzt beginnt der 
Widerstand sich ihrer zu bedienen, um die Fortsetzung der Kur 
zu hemmen, um alles Interesse von der Arbeit abzulenken und 
um den analysierenden Arzt in eine peinliche Verlegenheit zu 
bringen. 

Sieht man näher zu, so kann man in der Situation auch den 
Einfluß komplizierender Motive erkennen, zum Teile solcher, die 
sich der Verliebtheit anschließen, zum anderen Teile aber beson- 
derer Äußerungen des Widerstandes. Von der ersteren Art ist das 
Bestreben der Patientin, sich ihrer Unwiderstehlichkeit zu ver- 



Bemerkungen über die Übertragungsliebe 125 

sichern, die Autorität des Arztes durch seine Herabsetzung zum 
Geliebten zu brechen und was sonst als Nebengewinn bei der 
Liebesbefriedigung winkt. Vom Widerstände darf man vermuten, 
daß er gelegentlich die Liebeserklärung als Mittel benützt, um 
den gestrengen Analytiker auf die Probe zu stellen, worauf er im 
Falle seiner Willfährigkeit eine Zurechtweisung zu erwarten 
hätte. Vor allem aber hat man den Eindruck, daß der Wider- 
stand als agent provocateur die Verliebtheit steigert und die 
Bereitwilligkeit zur sexuellen Hingabe übertreibt, um dann desto 
nachdrücklicher unter Berufung auf die Gefahren einer solchen 
Zuchtlosigkeit das Wirken der Verdrängung zu rechtfertigen. All 
dieses Beiwerk, das in reineren Fällen auch wegbleiben kann, 
ist von Alf. Adler bekanntlich als das Wesentliche des ganzen 
Vorganges angesehen worden. 

Wie muß sich aber der Analytiker benehmen, um nicht an 
dieser Situation zu scheitern, wenn es für ihn feststeht, daß die 
Kur trotz dieser Liebesübertragung und durch dieselbe hindurch 
fortzusetzen ist? 

Ich hätte es nun leicht, unter nachdrücklicher Betonung der 
allgemein gültigen Moral zu postulieren, daß der Analytiker nie 
und nimmer die ihm angebotene Zärtlichkeit annehmen oder 
erwidern dürfe. Er müsse vielmehr den Moment für gekommen 
erachten, um die sittliche Forderung und die Notwendigkeit des 
Verzichtes vor dem verliebten Weibe zu vertreten und es bei 
ihr zu erreichen, daß sie von ihrem Verlangen ablasse und mit 
Überwindung des animalischen Anteils an ihrem Ich die analy- 
tische Arbeit fortsetze. 

Ich werde aber diese Erwartungen nicht erfüllen, weder den 
ersten noch den zweiten Teil derselben. Den ersten nicht, weil 
ich nicht für die Klientel schreibe, sondern für Ärzte, die mit 
ernsthaften Schwierigkeiten zu ringen haben, und weil ich über- 
dies hier die Moralvorschrift auf ihren Ursprung, das heißt auf 
Zweckmäßigkeit zurückführen kann. Ich bin diesmal in der glück- 



126 Zur Technik 



liehen Lage, das moralische Oktroi ohne Veränderung des Ergeb- 
nisses durch Rücksichten der analytischen Technik zu ersetzen. 

Noch entschiedener werde ich aber dem zweiten Teile der 
angedeuteten Erwartung absagen. Zur Triebunterdrückung, zum 
Verzicht und zur Sublimierung auffordern, sobald die Patientin 
ihre Liebesübertragung eingestanden hat, hieße nicht analytisch, 
sondern sinnlos handeln. Es wäre nicht anders, als wollte man 
mit kunstvollen Beschwörungen einen Geist aus der Unterwelt 
zum Aufsteigen zwingen, um ihn dann ungefragt wieder hin- 
unter zu schicken. Man hätte ja dann das Verdrängte nur zum 
Bewußtsein gerufen, um es erschreckt von neuem zu verdrängen. 
Auch über den Erfolg eines solchen Vorgehens braucht man sich 
nicht zu täuschen. Gegen Leidenschaften richtet man mit 
sublimen Redensarten bekanntlich wenig aus. Die Patientin wird 
nur die Verschmähung empfinden und nicht versäumen, sich für 
sie zu rächen. 

Ebensowenig kann ich zu einem Mittelwege raten, der sich 
manchen als besonders klug empfehlen würde, welcher darin 
besteht, daß man die zärtlichen Gefühle der Patientin zu 
erwidern behauptet und dabei allen körperlichen Betätigungen 
dieser Zärtlichkeit ausweicht, bis man das Verhältnis in ruhigere 
Bahnen lenken und auf eine höhere Stufe heben kann. Ich habe 
gegen dieses Auskunftsmittel einzuwenden, daß die psychoanaly- 
tische Behandlung auf Wahrhaftigkeit aufgebaut ist. Darin liegt 
ein gutes Stück ihrer erziehlichen Wirkung und ihres ethischen 
Wertes. Es ist gefährlich, dieses Fundament zu verlassen. Wer 
sich in die analytische Tecknik eingelebt hat, trifft das dem Arzte 
sonst unentbehrliche Lügen und Vorspiegeln überhaupt nicht 
mehr und pflegt sich zu verraten, wenn er es in bester Absicht 
einmal versucht. Da man vom Patienten strengste Wahrhaftigkeit 
fordert, setzt man seine ganze Autorität aufs Spiel, wenn man 
sich selbst von ihm bei einer Abweichung von der Wahrheit 
ertappen läßt. Außerdem ist der Versuch, sich in zärtliche 






Bemerkungen über die Übertragungsliebe 127 



Gefühle gegen die Patientin gleiten zu lassen, nicht ganz unge- 
fährlich. Man beherrscht sich nicht so gut, daß man nicht plötzlich 
einmal weiter gekommen wäre, als man beabsichtigt hatte. Ich 
meine also, man darf die Indifferenz, die man sich durch die 
Niederhaltung der Gegenübertragung erworben hat, nicht ver- 
leugnen. 

Ich habe auch bereits erraten lassen, daß die analytische 
Technik es dem Arzte zum Gebote macht, der liebesbedürftigen 
Patientin die verlangte Befriedigung zu versagen. Die Kur muß 
in der Abstinenz durchgeführt werden; ich meine dabei nicht 
allein die körperliche Entbehrung, auch nicht die Entbehrung 
von allem, was man begehrt, denn dies würde vielleicht kein 
Kranker vertragen. Sondern ich will den Grundsatz aufstellen, 
daß man Bedürfnis und Sehnsucht als zur Arbeit und Ver- 
änderung treibende Kräfte bei der Kranken bestehen lassen und 
sich hüten muß, dieselben durch Surrogate zu beschwichtigen. 
Anderes als Surrogate könnte man ja nicht bieten, da die Kranke 
infolge ihres Zustandes, solange ihre Verdrängungen nicht behoben 
sind, einer wirklichen Befriedigung nicht fähig ist. 

Gestehen wir zu, daß der Grundsatz, die analytische Kur solle 
in der Entbehrung durchgeführt werden, weit über den hier 
betrachteten Einzelfall hinausreicht und einer eingehenden Dis- 
kussion bedarf, durch welche die Grenzen seiner Durchführbar- 
keit abgesteckt werden sollen. Wir wollen es aber vermeiden, 
dies hier zu tun, und uns möglichst enge an die Situation halten 
von der wir ausgegangen sind. Was würde geschehen, wenn der 
Arzt anders vorginge und die etwa beiderseits gegebene Freiheit 
ausnützen würde, um die Liebe der Patientin zu erwidern und 
ihr Bedürfnis nach Zärtlichkeit zu stillen? 

Wenn ihn dabei die Berechnung leiten sollte, durch solches 
Entgegenkommen würde er sich die Herrschaft über die Patientin 
sichern und sie so bewegen, die Aufgaben der Kur zu lösen 
also ihre dauernde Befreiung von der Neurose zu erwerben so 



128 Zur Technik 



müßte ihm die Erfahrung zeigen, daß er sich verrechnet hat. 
Die Patientin würde ihr Ziel erreichen, er niemals das seinige. 
Es hätte sich zwischen Arzt und Patientin nur wieder abgespielt, 
was eine lustige Geschichte vom Pastor und vom Versicherungs- 
agenten erzählt. Zu dem ungläubigen und schwerkranken Ver- 
sicherungsagenten wird auf Betreiben der Angehörigen ein 
frommer Mann gebracht, der ihn vor seinem Tode bekehren soll. 
Die Unterhaltung dauert so lange, daß die Wartenden Hoffnung 
schöpfen. Endlich öffnet sich die Tür des Krankenzimmers. Der 
Ungläubige ist nicht bekehrt worden, aber der Pastor geht ver- 
sichert weg. 

Es wäre ein großer Triumph für die Patientin, wenn ihre 
Liebeswerbung Erwiderung fände, und eine volle Niederlage für 
die Kur. Die Kranke hätte erreicht, wonach alle Kranken in der 
Analyse streben, etwas zu agieren, im Leben zu wiederholen, 
was sie nur erinnern, als psychisches Material reproduzieren und 
auf psychischem Gebiete erhalten soll. 1 Sie würde im weiteren 
Verlaufe des Liebesverhältnisses alle Hemmungen und patho- 
logischen Reaktionen ihres Liebeslebens zum Vorscheine bringen, 
ohne daß eine Korrektur derselben möglich wäre, und das pein- 
liche Erlebnis mit Reue und großer Verstärkung ihrer Ver- 
drängungsneigung abschließen. Das Liebesverhältnis macht eben 
der Beeinflußbarkeit durch die analytische Behandlung ein Ende; 
eine Vereinigung von beiden ist ein Unding. 

Die Gewährung des Liebesverlangens der Patientin ist also 
ebenso verhängnisvoll für die Analyse wie die Unterdrückung 
desselben. Der Weg des Analytikers ist ein anderer, ein solcher, 
für den das reale Leben kein Vorbild liefert. Man hütet sich, 
von der Liebesübertragung abzulenken, sie zu verscheuchen oder 
der Patientin zu verleiden; man enthält sich ebenso standhaft 
jeder Erwiderung derselben. Man hält die Liebesübertragung fest, 
behandelt sie aber als etwas Unreales, als eine Situation, die in 

1) Siehe die vorhergehende Abhandlung über „Erinnern . . ." usw. 



Bemerkungen über die Übertragungsliebe 1B q 

der Kur durchgemacht, auf ihre unbewußten Ursprünge zurück- 
geleitet werden soll und dazu verhelfen muß, das Verborgenste 
des Liebeslebens der Kranken dem Bewußtsein und damit der 
Beherrschung zuzuführen. Je mehr man den Eindruck macht 
selbst gegen jede Versuchung gefeit zu sein, desto eher 
wird man der Situation ihren analytischen Gehalt entziehen 
können. Die Patientin, deren Sexual Verdrängung doch nicht 
aufgehoben, bloß in den Hintergrund geschoben ist, wird 
sich dann sicher genug fühlen, um alle Liebesbedingungen, alle 
Phantasien ihrer Sexualsehnsucht, alle Einzelcharaktere ihrer 
Verliebtheit zum Vorscheine zu bringen, und von diesen aus 
dann selbst den Weg zu den infantilen Begründungen ihrer 
Liebe eröffnen. 

Bei einer Klasse von Frauen wird dieser Versuch, die Liebes- 
übertragung für die analytische Arbeit zu erhalten, ohne sie zu 
befriedigen, allerdings nicht gelingen. Es sind das Frauen von 
elementarer Leidenschaftlichkeit, welche keine Surrogate verträgt, 
Naturkinder, die das Psychische nicht für das Materielle nehmen 
wollen, die nach des Dichters Worten nur zugänglich sind „für 
Suppenlogik mit Knödelargumenten." Bei diesen Personen steht 
man vor der Wahl: entweder Gegenliebe zeigen oder die volle 
Feindschaft des verschmähten Weibes auf sich laden. In keinem 
von beiden Fällen kann man die Interessen der Kur wahr- 
nehmen. Man muß sich erfolglos zurückziehen und kann sich 
etwa das Problem vorhalten, wie sich die Fähigkeit zur Neurose 
mit so unbeugsamer Liebesbedürftigkeit vereinigt. 

Die Art, wie man andere, minder gewalttätige Verliebte all- 
mählich zur analytischen Auffassung nötigt, dürfte sich vielen 
Analytikern in gleicher Weise ergeben haben. Man betont vor 
allem den unverkennbaren Anteil des Widerstandes an dieser 
„Liebe". Eine wirkliche Verliebtheit würde die Patientin gefügig 
machen und ihre Bereitwilligkeit steigern, um die Probleme 
ihres Falles zu lösen, bloß darum, weil der geliebte Mann es 

Freud, VI. 



130 



Zur Technik 



fordert. Eine solche würde gern den Weg über die Vollendung 
der Kur wählen, um sich dem Arzte wertvoll zu machen 
und die Realität vorzubereiten, in welcher die Liebesneigung 
ihren Platz finden könnte. Anstatt dessen zeige sich die Patientin 
eigensinnig und ungehorsam, habe alles Interesse für die Behandlung 
von sich geworfen und offenbar auch keine Achtung vor den 
tief begründeten Überzeugungen des Arztes. Sie produziere also 
einen Widerstand in der Erscheinungsform der Verliebtheit und 
trage überdies kein Bedenken, ihn in die Situation der soge- 
nannten „Zwickmühle" zu bringen. Denn wenn er ablehne, 
wozu seine Pflicht und sein Verständnis ihn nötigen, werde sie 
die Verschmähte spielen können und sich dann aus Rachsucht 
und Erbitterung der Heilung durch ihn entziehen, wie jetzt 
infolge der angeblichen Verliebtheit. 

Als zweites Argument gegen die Echtheit dieser Liebe führt 
man die Behauptung ein, daß dieselbe nicht einen einzigen neuen, 
aus der gegenwärtigen Situation entspringenden Zug an sich trage, 
sondern sich durchwegs aus Wiederholungen und Abklatschen 
früherer, auch infantiler, Reaktionen zusammensetze. Man macht 
sich anheischig, dies durch die detaillierte Analyse des Liebes- 
verhaltens der Patientin zu erweisen. 

Wenn man zu diesen Argumenten noch das erforderliche Maß 
von Geduld hinzufügt, gelingt es zumeist, die schwierige Situation 
zu überwinden und entweder mit einer ermäßigten oder ,mit der 
„umgeworfenen" Verliebtheit die Arbeit fortzusetzen, deren Ziel 
dann die Aufdeckung der infantilen Objekt wähl und der sie 
umspinnenden Phantasien ist. Ich möchte aber die erwähnten 
Argumente kritisch beleuchten und die Frage aufwerfen, ob 
wir mit ihnen der Patientin die Wahrheit sagen oder in 
unserer Notlage zu Verhehlungen und Entstellungen Zuflucht 
genommen haben. Mit anderen Worten: ist die in der analy- 
tischen Kur manifest werdende Verliebtheit wirklich keine reale 
zu nennen? 



Bemerkungen über die Übertragungsliebe 131 



Ich meine, wir haben der Patientin die Wahrheit gesagt, aber 
doch nicht die ganze, um das Ergebnis unbekümmerte. Von 
unseren beiden Argumenten ist das erste das stärkere. Der Anteil 
des Widerstandes an der Übertragungsliebe ist unbestreitbar und 
sehr beträchtlich. Aber der Widerstand hat diese Liebe doch nicht 
geschaffen, er findet sie vor, bedient sich ihrer und übertreibt 
ihre Äußerungen. Die Echtheit des Phänomens wird auch durch 
den Widerstand nicht entkräftet. Unser zweites Argument ist 
weit schwächer; es ist wahr, daß diese Verliebtheit aus Neuauf- 
lagen alter Züge besteht und infantile Reaktionen wiederholt. 
Aber dies ist der wesentliche Charakter jeder Verliebtheit. Es 
gibt keine, die nicht infantile Vorbilder wiederholt. Gerade das, 
was ihren zwanghaften, ans Pathologische mahnenden Charakter 
ausmacht, rührt von ihrer infantilen Bedingtheit her. Die Über- 
tragungsliebe hat vielleicht einen Grad von Freiheit weniger als 
die im Leben vorkommende, normal genannte, läßt die Abhängig- 
keit von der infantilen Vorlage deutlicher erkennen, zeigt sich 
weniger schmiegsam und modifikationsfähig, aber das ist auch 
alles und nicht das Wesentliche. 

Woran soll man die Echtheit einer Liebe sonst erkennen? An 
ihrer Leistungsfähigkeit, ihrer Brauchbarkeit zur Durchsetzung 
des Liebeszieles? In diesem Punkte scheint die Übertragungsliebe 
hinter keiner anderen zurückzustehen; man hat den Eindruck, 
daß man alles von ihr erreichen könnte. 

Resümieren wir also: Man hat kein Anrecht, der in der ana- 
lytischen Behandlung zutage tretenden Verliebtheit den Charakter 
einer „echten" Liebe abzustreiten. Wenn sie so wenig normal 
erscheint, so erklärt sich dies hinreichend aus dem Umstände, 
daß auch die sonstige Verliebtheit außerhalb der analytischen 
Kur eher an die abnormen als an die normalen seelischen 
Phänomene erinnert. Immerhin ist sie durch einige Züge aus- 
gezeichnet, welche ihr eine besondere Stellung sichern. Sie ist 
1. durch die analytische Situation provoziert, 2. durch den diese 

9' 



132 Zur Technik 



I 



Situation beherrschenden Widerstand in die Höhe getrieben, und 
5., sie entbehrt in hohem Grade der Rücksicht auf die Realität, 
sie ist unkluger, unbekümmerter um ihre Konsequenzen, ver- 
blendeter in der Schätzung der geliebten Person, als wir einer 
normalen Verliebtheit gerne zugestehen wollen. Wir dürfen aber 
nicht vergessen, daß gerade diese von der Norm abweichenden 
Züge das Wesentliche einer Verliebtheit ausmachen. 

Für das Handeln des Arztes ist die erste der drei erwähnten 
Eigenheiten der Übertragungsliebe das Maßgebende. Er hat diese 
Verliebtheit durch die Einleitung der analytischen Behandlung 
zur Heilung der Neurose hervorgelockt 5 sie ist für ihn das 
unvermeidliche Ergebnis einer ärztlichen Situation, ähnlich wie 
die körperliche Entblößung eines Kranken oder wie die Mit- 
teilung eines lebenswichtigen Geheimnisses. Damit steht es für 
ihn fest, daß er keinen persönlichen Vorteil aus ihr ziehen darf. 
Die Bereitwilligkeit der Patientin ändert nichts daran, wälzt nur 
die ganze Verantwortlichkeit auf seine eigene Person. Die Kranke 
war ja, wie er wissen muß, auf keinen anderen Mechanismus 
der Heilung vorbereitet. Nach glücklicher Überwindung aller 
Schwierigkeiten gesteht sie oft die Erwartungsphantasie ein, mit 
der sie in die Kur eingetreten war: Wenn sie sich brav benehme, 
werde sie am Ende durch die Zärtlichkeit des Arztes belohnt 
werden. 

Für den Arzt vereinigen sich nun ethische Motive mit den 
technischen, um ihn von der Liebesgewährung an die Kranke 
zurückzuhalten. Er muß das Ziel im Auge behalten, daß das in 
seiner Liebesfähigkeit durch infantile Fixierungen behinderte 
Weib zur freien Verfügung über diese für sie unschätzbar wichtige 
Funktion gelange, aber sie nicht in der Kur verausgabe, sondern 
sie fürs reale Leben bereithalte, wenn dessen Forderungen nach 
der Behandlung an sie herantreten. Er darf nicht die Szene 
des Hundewettrennens mit ihr aufführen, bei dem ein Kranz von 
Würsten als Preis ausgesetzt ist, und das ein Spaßvogel verdirbt, 



; 






Bemerkungen über die Übertragungsliebe i*z 

indem er eine einzelne Wurst in die Rennbahn wirft. Über die 
fallen die Hunde her und vergessen ans Wettrennen und an den 
in der Ferne winkenden Kranz für den Sieger. Ich will nicht 
behaupten, daß es dem Arzte immer leicht wird, sich innerhalb 
der ihm von Ethik und Technik vorgeschriebenen Schranken 
zu halten. Besonders der jüngere und noch nicht fest gebundene 
Mann mag die Aufgabe als eine harte empfinden. Unzweifelhaft 
ist die geschlechtliche Liebe einer der Hauptinhalte des Lebens 
und die Vereinigung seelischer und köperlicher Befriedigung im 
Liebesgenusse geradezu einer der Höhepunkte desselben. Alle 
Menschen bis auf wenige verschrobene Fanatiker wissen das und 
richten ihr Leben danach ein; nur in der Wissenschaft ziert 
man sich, es zuzugestehen. Anderseits ist es eine peinliche Rolle 
für den Mann, den Abweisenden und Versagenden zu spielen, 
wenn das Weib um Liebe wirbt, und von einer edlen Frau, die 
sich zu ihrer Leidenschaft bekennt, geht trotz Neurose und Wider- 
stand ein unvergleichbarer Zauber aus. Nicht das grobsinnliche Ver- 
langen der Patientin stellt die Versuchung her. Dies wirkt ja eher 
abstoßend und ruft alle Toleranz auf, um es als natürliches Phänomen 
gelten zu lassen. Die feineren und zielgehemmten Wunschregungen 
des Weibes sind es vielleicht, die die Gefahr mit sich bringen, 
Technik und ärztliche Aufgabe über ein schönes Erlebnis zu 
vergessen. 

Und doch bleibt für den Analytiker das Nachgeben ausgeschlossen. 
So hoch er die Liebe schätzen mag, er muß es höher stellen, 
daß er die Gelegenheit hat, seine Patientin über eine ent- 
scheidende Stufe ihres Lebens zu heben. Sie hat von ihm die 
Überwindung des Lustprinzips zu lernen, den Verzicht auf eine 
naheliegende, aber sozial nicht eingeordnete Befriedigung zugunsten 
einer entfernteren, vielleicht überhaupt unsicheren, aber 
psychologisch wie sozial untadeligen. Zum Zwecke dieser Über- 
windung soll sie durch die Urzeiten ihrer seelischen Entwicklung 
durchgeführt werden und auf diesem Wege jenes Mehr von 






1 34 Zur Technik 



* 



seelischer Freiheit erwerben, durch welches sich die bewußte 
Seelentätigkeit — im systematischen Sinne — von der unbe- 
wußten unterscheidet. 

Der analytische Psychotherapeut hat so einen dreifachen Kampf 
zu führen, in seinem Inneren gegen die Mächte, welche ihn 
von dem analytischen Niveau herabziehen möchten, außerhalb 
der Analyse gegen die Gegner, die ihm die Bedeutung der 
sexuellen Triebkräfte bestreiten und es ihm verwehren, sich ihrer 
in seiner wissenschaftlichen Technik zu bedienen, und in der 
Analyse gegen seine Patienten, die sich anfangs wie die Gegner 
gebärden, dann aber die sie beherrschende Überschätzung des 
Sexuallebens kundgeben und den Arzt mit ihrer sozial unge- 
bändigten Leidenschaftlichkeit gefangen nehmen wollen. 

Die Laien, von deren Einstellung zur Psychoanalyse ich ein- 
gangs sprach, werden gewiß auch diese Erörterungen über die 
Übertragungsliebe zum Anlasse nehmen, um die Aufmerksamkeit 
der Welt auf die Gefährlichkeit dieser therapeutischen Methode 
zu lenken. Der Psychoanalytiker weiß, daß er mit den explo- 
sivsten Kräften arbeitet und derselben Vorsicht und Gewissen- 
haftigkeit bedarf wie der Chemiker. Aber wann ist dem Chemiker 
je die Beschäftigung mit den ob ihrer Wirkung unentbehrlichen 
Explosivstoffen wegen deren Gefährlichkeit untersagt worden? 
Es ist merkwürdig, daß sich die Psychoanalyse alle Lizenzen erst 
neu erobern muß, die anderen ärztlichen Tätigkeiten längst 
zugestanden sind. Ich bin gewiß nicht dafür, daß die harmlosen 
Behandlungsmethoden aufgegeben werden sollen. Sie reichen für 
manche Fälle aus, und schließlich kann die menschliche 
Gesellschaft den Juror sanandi ebensowenig brauchen wie irgend 
einen anderen Fanatismus. Aber es heißt die Psychoneurosen nach 
ihrer Herkunft und ihrer praktischen Bedeutung arg unterschätzen, 
wenn man glaubt, diese Affektionen müßten durch Operationen 
mit harmlosen Mittelchen zu besiegen sein. Nein, im ärztlichen 
Handeln wird neben der medicina immer ein Raum bleiben für 



i Bemerkungen über die Übertragungsliebe 135 



das ferrum und für das ignis, und so wird auch die kunst- 
gerechte, unabgeschwächte Psychoanalyse nicht zu entbehren sein, 
die sich nicht scheut, die gefährlichsten seelischen Regungen 
zu handhaben und zum Wohle des Kranken zu meistern. 



WEGE DER PSYCHOANALYTISCHEN 

THERAPIE 



. IV. xTi /) Ig/ 



Rede, gehalten auf dem V. Psyelwanalytischen 
Kongreß in Budapest, September 1918. Zuerst 
erschienen in der „Internationalen Zeitschrift für 
arztliche Psychoanalyse", Bd. V (ipia), dann in 
der Fünften Folge der „Sammlung kleiner Schriften 
zur Neurosenlehre u . 



Meine Herren Kollegen! 

Sie wissen, wir waren nie stolz auf die Vollständigkeit und 
Abgeschlossenheit unseres Wissens und Könnens ; wir sind, wie 
früher so auch jetzt, immer bereit, die Unvollkommenheiten 
unserer Erkenntnis zuzugeben, Neues dazuzulernen und an 
unserem Vorgehen abzuändern, was sich durch Besseres ersetzen 
läßt. 

Da wir nun nach langen, schwer durchlebten Jahren der 
Trennung wieder einmal zusammengetroffen sind, reizt es mich, 
den Stand unserer Therapie zu revidieren, der wir ja unsere 
Stellung in der menschlichen Gesellschaft danken, und Ausschau 
zu halten, nach welchen neuen Richtungen sie sich entwickeln 
könnte. 

Wir haben als unsere ärztliche Aufgabe formuliert, den neu- 
rotisch Kranken zur Kenntnis der in ihm bestehenden unbe- 
wußten, verdrängten Regungen zu bringen und zu diesem 
Zwecke die Widerstände aufzudecken, die sich in ihm gegen 
solche Erweiterungen seines Wissens von der eigenen Person 



- 



Wege der psychoanalytischen Therapie 137 

sträuben. Wird mit der Aufdeckung dieser Widerstände auch 
deren Überwindung gewährleistet? Gewiß nicht immer, aber wir 
hoffen, dieses Ziel zu erreichen, indem wir seine Übertragung 
auf die Person des Arztes ausnützen, um unsere Überzeugung 
von der Unzweckmäßigkeit der in der Kindheit vorgefallenen 
Verdrängungsvorgänge und von der Undurchführbarkeit eines 
Lebens nach dem Lustprinzip zu der seinigen werden zu lassen. 
Die dynamischen Verhältnisse des neuen Konflikts, durch den 
wir den Kranken führen, den wir an die Stelle des früheren 
Krankheitskonflikts bei ihm gesetzt haben, sind von mir an 
anderer Stelle klargelegt worden. Daran weiß ich derzeit nichts 
zu ändern. 

Die Arbeit, durch welche wir dem Kranken das verdrängte 
Seelische in ihm zum Bewußtsein bringen, haben wir Psycho- 
analyse genannt. Warum „Analyse", was Zerlegung, Zersetzung 
bedeutet und an eine Analogie mit der Arbeit des Chemikers an 
den Stoffen denken läßt, die er in der Natur vorfindet und in 
sein Laboratorium bringt? Weil eine solche Analogie in einem 
wichtigen Punkte wirklich besteht. Die Symptome und krank- 
haften Äußerungen des Patienten sind wie alle seine seelischen 
Tätigkeiten hochzusammengesetzter Natur; die Elemente dieser 
Zusammensetzung sind im letzten Grunde Motive, Triebregungen. 
Aber der Kranke weiß von diesen elementaren Motiven nichts 
oder nur sehr Ungenügendes. Wir lehren ihn nun die Zusammen- 
setzung dieser hochkomplizierten seelischen Bildungen verstehen, 
führen die Symptome auf die sie motivierenden Triebregungen 
zurück, weisen diese dem Kranken bisher unbekannten Trieb- 
motive in den Symptomen nach, wie der Chemiker den Grund- 
stoff, das chemische Element, aus dem Salz ausscheidet, in dem 
es in Verbindung mit anderen Elementen unkenntlich geworden 
war. Und ebenso zeigen wir dem Kranken an seinen nicht für 
krankhaft gehaltenen seelischen Äußerungen, daß ihm deren 
Motivierung nur unvollkommen bewußt war, daß andere 



138 Zur Technik 



Triebmotive bei ihnen mitgewirkt haben, die ihm unerkannt 
geblieben sind. 

Auch das Sexualstreben der Menschen haben wir erklärt, 
indem wir es in seine Komponenten zerlegten, und wenn wir 
einen Traum deuten, gehen wir so vor, daß wir den Traum als 
Ganzes vernachlässigen und die Assoziation an seine einzelnen 
Elemente anknüpfen. 

Aus diesem berechtigten Vergleich der ärztlichen psycho- 
analytischen Tätigkeit mit einer chemischen Arbeit könnte sich 
nun eine Anregung zu einer neuen Richtung unserer Therapie 
ergeben. Wir haben den Kranken analysiert, das heißt seine 
Seelentätigkeit in ihre elementaren Bestandteile zerlegt, diese 
Triebelemente einzeln und isoliert in ihm aufgezeigt; was läge 
nun näher als zu fordern, daß wir ihm auch bei einer neuen 
und besseren Zusammensetzung derselben behilflich sein müssen? 
Sie wissen, diese Forderung ist auch wirklich erhoben worden. 
Wir haben gehört: Nach der Analyse des kranken Seelenlebens 
muß die Synthese desselben folgen! Und bald hat sich daran 
auch die Besorgnis geknüpft, man könnte zu viel Analyse und 
zu wenig Synthese geben, und das Bestreben, das Hauptgewicht 
der psychotherapeutischen Einwirkung auf diese Synthese, eine 
Art Wiederherstellung des gleichsam durch die Vivisektion Zer- 
störten, zu verlegen. 

Ich kann aber nicht glauben, meine Herren, daß uns in 
dieser Psychosynthese eine neue Aufgabe zuwächst. Wollte ich 
mir gestatten, aufrichtig und unhöflich zu sein, so würde ich 
sagen, es handelt sich da um eine gedankenlose Phrase. Ich 
bescheide mich zu bemerken, daß nur eine inhaltsleere Über- 
dehnung eines Vergleiches, oder, wenn Sie wollen, eine unbe- 
rechtigte Ausbeutung einer Namengebung vorliegt. Aber ein 
Name ist nur eine Etikette, zur Unterscheidung von anderem, 
ähnlichem, angebracht, kein Programm, keine Inhaltsangabe oder 
Definition. Und ein Vergleich braucht das Verglichene nur an 






Wege der psychoanalytischen Therapie 130 



einem Punkte zu tangieren und kann sich in allen anderen weit 
von ihm entfernen. Das Psychische ist etwas so einzig Besonderes, 
daß kein vereinzelter Vergleich seine Natur wiedergeben kann. 
Die psychoanalytische Arbeit bietet Analogien mit der chemischen 
Analyse, aber ebensolche mit dem Eingreifen des Chirurgen 
oder der Einwirkung des Orthopäden oder der Beeinflussung des 
Erziehers. Der Vergleich mit der chemischen Analyse findet seine 
Begrenzung darin, daß wir es im Seelenleben mit Strebungen 
zu tun haben, die einem Zwang zur Vereinheitlichung und 
Zusammenfassung unterliegen. Ist es uns gelungen, ein Symptom 
zu zersetzen, eine Triebregung aus einem Zusammenhange zu 
befreien, so bleibt sie nicht isoliert, sondern tritt sofort in einen 
neuen ein. 1 *) 

Ja, im Gegenteil! Der neurotisch Kranke bringt uns ein zer- 
rissenes, durch Widerstände zerklüftetes Seelenleben entgegen, und 
während wir daran analysieren, die Widerstände beseitigen, wächst 
dieses Seelenleben zusammen, fügt die große Einheit, die wir 
sein Ich heißen, sich alle die Triebregungen ein, die bisher von 
ihm abgespalten und abseits gebunden waren. So vollzieht sich bei 
dem analytisch Behandelten die Psychosynthese ohne unser Ein- 
greifen, automatisch und unausweichlich. Durch die Zersetzung 
der Symptome und die Aufhebung der Widerstände haben wir 
die Bedingungen für sie geschaffen. Es ist nicht wahr, daß 
etwas in dem Kranken in seine Bestandteile zerlegt ist, was nun 
ruhig darauf wartet, bis wir es irgendwie zusammensetzen. 

Die Entwicklung unserer Therapie wird also wohl andere 
Wege einschlagen, vor allem jenen, den kürzlich Ferenczi in 
seiner Arbeit über „Technische Schwierigkeiten einer Hysterie- 
analyse" (Internat. Zschr. f. Psychoanalyse V, 1919) als die 
„Aktivität" des Analytikers gekennzeichnet hat. 

1) Ereignet sich doch während der chemischen Analyse etwas ganz Ähnliches. 
Gleichzeitig mit den Isolierungen, die der Chemiker erzwingt, vollziehen sich von 
ihm ungewollte Synthesen dank der freigewordenen Affinitäten und der Wahl- 
verwandtschaft der' Stoffe. 

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14° Zur Technik 



Einigen wir uns rasch, was unter dieser Aktivität zu ver- 
stehen ist. Wir umschrieben unsere therapeutische Aufgabe durch 
die zwei Inhalte: Bewußtmachen des Verdrängten und Aufdeckung 
der Widerstände. Dabei sind wir allerdings aktiv genug. Aber 
sollen wir es dem Kranken überlassen, allein mit den ihm auf- 
gezeigten Widerständen fertig zu werden? Können wir ihm dabei 
keine andere Hiife leisten, als er durch den Antrieb der Über- 
tragung erfährt? Liegt es nicht vielmehr sehr nahe, ihm auch 
dadurch zu helfen, daß wir ihn in jene psychische Situation 
versetzen, welche für die erwünschte Erledigung des Konflikts die 
günstigste ist? Seine Leistung ist doch auch abhängig von einer 
Anzahl von äußerlich konstellierenden Umständen. Sollen wir 
uns da bedenken, diese Konstellation durch unser Eingreifen in 
geeigneter Weise zu verändern? Ich meine, eine solche Aktivität 
des analytisch behandelnden Arztes ist einwandfrei und durchaus 
gerechtfertigt. 

Sie bemerken, daß sich hier für uns ein neues Gebiet der 
analytischen Technik eröffnet, dessen Bearbeitung eingehende 
Bemühung erfordern und ganz bestimmte Vorschriften ergeben 
wird. Ich werde heute nicht versuchen, Sie in diese noch in 
Entwicklung begriffene Technik einzuführen, sondern mich damit 
begnügen, einen Grundsatz hervorzuheben, dem wahrscheinlich 
die Herrschaft auf diesem Gebiete zufallen wird. Er lautet: 
Die analytische Kur soll, soweit es möglich ist, in 
der Entbehrung — Abstinenz — durchgeführt 
werden. 

Wie weit es möglich ist, dies festzustellen, bleibe einer detail- 
lierten Diskussion überlassen. Unter Abstinenz ist aber nicht die 
Entbehrung einer jeglichen Befriedigung zu verstehen — das 
wäre natürlich undurchführbar — auch nicht, was man im 
populären Sinne darunter versteht, die Enthaltung vom sexuellen 
Verkehr, sondern etwas anderes, was mit der Dynamik der 
Erkrankung und der Herstellung weit mehr zu tun hat. 






Wege der psychoanalytischen Therapie i*\ 

Sie erinnern sich daran, daß es eine Versagung war, die 
den Patienten krank gemacht hat, daß seine Symptome ihm 
den Dienst von Ersatzbefriedigungen leisten. Sie können während 
der Kur beobachten, daß jede Besserung seines Leidenszustandes 
das Tempo der Herstellung verzögert und die Triebkraft ver- 
ringert, die zur Heilung drängt. Auf diese Triebkraft können wir 
aber nicht verzichten; eine Verringerung derselben ist für unsere 
Heilungsabsicht gefährlich. Welche Folgerung drängt sich uns 
also unabweisbar auf? Wir müssen, so grausam es klingt, dafür 
sorgen, daß das Leiden des Kranken in irgendeinem wirksamen 
Maße kein vorzeitiges Ende finde. Wenn es durch die Zersetzung 
und Entwertung der Symptome ermäßigt worden ist, müssen wir 
es irgendwo anders als eine empfindliche Entbehrung wieder 
aufrichten, sonst laufen wir Gefahr, niemals mehr als bescheidene 
und nicht haltbare Besserungen zu erreichen. 

Die Gefahr droht, soviel ich sehe, besonders von zwei Seiten. 
Einerseits ist der Patient, dessen Kranksein durch die Analyse 
erschüttert worden ist, aufs emsigste bemüht, sich an Stelle seiner 
Symptome neue Ersatzbefriedigungen zu schaffen, denen nun der 
Leidenscharakter abgeht. Er bedient sich der großartigen Ver- 
schiebbarkeit der zum Teil freigewordenen Libido, um die mannig- 
fachsten Tätigkeiten, Vorlieben, Gewohnheiten, auch solche, die 
bereits früher bestanden haben, mit Libido zu besetzen und sie 
zu Ersatzbefriedigungen zu erheben. Er findet immer wieder 
neue solche Ablenkungen, durch welche die zum Betrieb der 
Kur erforderte Energie versickert, und weiß sie eine Zeitlang 
geheim zu halten. Man hat die Aufgabe, alle diese Abwege auf- 
zuspüren und jedesmal von ihm den Verzicht zu verlangen, so 
harmlos die zur Befriedigung führende Tätigkeit auch an sich 
erscheinen mag. Der Halbgeheilte kann aber auch minder harm- 
lose Wege einschlagen, zum Beispiel indem er, wenn ein Mann 
eine voreilige Bindung an ein Weib aufsucht. Nebenbei bemerkt, 
unglückliche Ehe und körperliches Siechtum sind die gebräuch- 



■U v 



142 Zur Technik 



lichsten Ablösungen der Neurose. Sie befriedigen insbesondere das 
Schuldbewußtsein (Strafbedürfnis), welches viele Kranke so zähe 
an ihrer Neurose festhalten läßt. Durch eine ungeschickte Ehe- 
wahl bestrafen sie sich selbst; langes organisches Kranksein nehmen 
sie als eine Strafe des Schicksals an und verzichten dann häufig 
auf eine Fortführung der Neurose. 

Die Aktivität des Arztes muß sich in all solchen Situationen 
als energisches Einschreiten gegen die voreiligen Ersatz-^ 
befriedigungen äußern. Leichter wird ihm aber die Verwahrung 
gegen die zweite, nicht zu unterschätzende Gefahr, von der die 
Triebkraft der Analyse bedroht wird. Der Kranke sucht vor 
allem die Ersatzbefriedigung in der Kur selbst im Übertragungs- 
verhältnis zum Arzt und kann sogar danach streben, sich auf 
diesem Wege für allen ihm sonst auferlegten Verzicht zu ent- 
schädigen. Einiges muß man ihm ja wohl gewähren, mehr oder 
weniger, je nach der Natur des Falles und der Eigenart des 
Kranken. Aber es ist nicht gut, wenn es zu viel wird. Wer als 
Analytiker etwa aus der Fülle seines hilfsbereiten Herzens dem 
Kranken alles spendet, was ein Mensch vom anderen erhoffen 
kann, der begeht denselben ökonomischen Fehler, dessen sich 
unsere nicht analytischen Nervenheilanstalten schuldig machen. 
Diese streben nichts anderes an, als es dem Kranken möglichst 
angenehm zu machen, damit er sich dort wohlfühle und gerne 
wieder aus den Schwierigkeiten des Lebens seine Zuflucht dorthin 
nehme. Dabei verzichten sie darauf, ihn für das Leben stärker, 
für seine eigentlichen Aufgaben leistungsfähiger zu machen. In 
der analytischen Kur muß jede solche Verwöhnung vermieden 
werden. Der Kranke soll, was sein Verhältnis zum Arzt betrifft, 
unerfüllte Wünsche reichlich übrig behalten. Es ist zweckmäßig, 
i hm gerade die Befriedigungen zu versagen, die er am inten- 
sivsten wünscht und am dringendsten äußert. 

Ich glaube nicht, daß ich den Umfang der erwünschten 
Aktivität des Arztes mit dem Satze: In der Kur sei die Ent- 



Wege der psychoanalytischen Therapie 145 



behrung aufrecht zu halten, erschöpft habe. Eine andere Richtung 
der analytischen Aktivität ist, wie Sie sich erinnern werden 
bereits einmal ein Streitpunkt zwischen uns und der Schweizer 
Schule gewesen. Wir haben es entschieden abgelehnt, den 
Patienten, der sich Hilfe suchend in unsere Hand begibt, zu 
unserem Leibgut zu machen, sein Schicksal für ihn zu formen 
ihm unsere Ideale aufzudrängen und ihn im Hochmut des 
Schöpfers zu unserem Ebenbild, an dem wir Wohlgefallen haben 
sollen, zu gestalten. Ich halte an dieser Ablehnung auch heute ** 
noch fest und meine, daß hier die Stelle für die ärztliche Dis- 
kretion ist, über die wir uns in anderen Beziehungen hinweg- 
setzen müssen, habe auch erfahren, daß eine so weit gehende 
Aktivität gegen den Patienten für die therapeutische Absicht gar 
nicht erforderlich ist. Denn ich habe Leuten helfen können, mit 
denen mich keinerlei Gemeinsamkeit der Rasse, Erziehung, 
sozialen Stellung und Weltanschauung verband, ohne sie in ihrer 
Eigenart zu stören. Ich habe damals, zur Zeit jener Streitigkeiten, 
allerdings den Eindruck empfangen, daß der Einspruch unserer 
Vertreter — ich glaube, es war in erster Linie E. Jones — 
allzu schroff und unbedingt ausgefallen ist. Wir können es nicht"' 
vermeiden, auch Patienten anzunehmen, die so haltlos und existenz- 
unfähig sind, daß man bei ihnen die analytische Beeinflussung 
mit der erzieherischen vereinigen muß, und auch bei den meisten 
anderen wird sich hie und da eine Gelegenheit ergeben, wo 
der Arzt als Erzieher und Ratgeber aufzutreten genötigt ist. 
Aber dies soll jedesmal mit großer Schonung geschehen, 
und der Kranke soll nicht zur Ähnlichkeit mit uns, sondern 
zur Befreiung und Vollendung seines eigenen Wesens erzogen 
werden. 

Unser verehrter Freund J. Putnam in dem uns jetzt 
so feindlichen Amerika muß es uns verzeihen, wenn wir 
auch seine Forderung nicht annehmen können, die Psycho- 
analyse möge sich in den Dienst einer bestimmten philosophischen 






144 



Zur Technik 






Weltanschauung stellen und diese dem Patienten zum Zwecke 
seiner Veredlung aufdrängen. Ich möchte sagen, dies ist doch 
nur Gewaltsamkeit, wenn auch durch die edelsten Absichten 
gedeckt. 

Eine letzte, ganz anders geartete Aktivität wird uns durch die 
allmählich wachsende Einsicht aufgenötigt, daß die verschiedenen 
Krankheitsformen, die wir behandeln, nicht durch die nämliche 
Technik erledigt werden können. Es wäre voreilig, hierüber aus- 
führlich zu handeln, aber an zwei Beispielen kann ich erläutern, 
inwiefern dabei eine neue Aktivität in Betracht kommt. Unsere 
Technik ist an der Behandlung der Hysterie erwachsen und noch 
immer auf diese Affektion eingerichtet. Aber schon die Phobien 
nötigen uns, über unser bisheriges Verhalten hinauszugehen. Man 
wird kaum einer Phobie Herr, wenn man abwartet, bis sich der 
Kranke durch die Analyse bewegen läßt, sie aufzugeben. Er bringt 
dann niemals jenes Material in die Analyse, das zur überzeugenden 
Lösung der Phobie unentbehrlich ist. Man muß anders vorgehen. 
Nehmen Sie das Beispiel eines Agoraphoben \ es gibt zwei Klassen 
von solchen, eine leichtere und eine schwerere. Die ersteren 
haben zwar jedesmal unter der Angst zu leiden, wenn sie allein 
auf die Straße gehen, aber sie haben darum das Alleingehen noch 
nicht aufgegeben ; die anderen schützen sich vor der Angst, indem 
sie auf das Alleingehen verzichten. Bei diesen letzteren hat man 
nur dann Erfolg, wenn man sie durch den Einfluß der Analyse 
bewegen kann, sich wieder wie Phobiker des ersten Grades zu 
benehmen, also auf die Straße zu gehen und während dieses Ver- 
suches mit der Angst zu kämpfen. Man bringt es also zunächst dahin, 
die Phobie so weit zu ermäßigen, und erst wenn dies durch die 
Forderung des Arztes erreicht ist, wird der Kranke jener Einfälle 
und Erinnerungen habhaft, welche die Lösung der Phobie 
ermöglichen. 

Noch weniger angezeigt scheint ein passives Zuwarten bei den 
schweren Fällen von Zwangshandlungen, die ja im allgemeinen 




Wege der psychoanalytischen Therapie 145 



zu einem „asymptotischen" Heilungsvorgang, zu einer unendlichen 
Behandlungsdauer neigen, deren Analyse immer in Gefahr ist, 
sehr viel zutage zu fördern und nichts zu ändern. Es scheint 
mir wenig zweifelhaft, daß die richtige Technik hier nur darin 
bestehen kann, abzuwarten, bis die Kur selbst zum Zwang ge- 
worden ist, und dann mit diesem Gegenzwang den Krankheits- 
zwang gewaltsam zu unterdrücken. Sie verstehen aber, daß ich 
Ihnen in diesen zwei Fällen nur Proben der neuen Entwicklungen 
vorgelegt habe, denen unsere Therapie entgegengeht. 

Und nun möchte ich zum Schlüsse eine Situation ins Auge 
fassen, die der Zukunft angehört, die vielen von ihnen phantastisch 
erscheinen wird, die aber doch verdient, sollte ich meinen, daß 
man sich auf sie in Gedanken vorbereitet. Sie wissen, daß unsere 
therapeutische Wirksamkeit keine sehr intensive ist. Wir sind nur 
eine Handvoll Leute, und jeder von uns kann auch bei ange- 
strengter Arbeit sich in einem Jahr nur einer kleinen Anzahl von 
Kranken widmen. Gegen das Übermaß von neurotischem Elend, 
das es in der Welt gibt und vielleicht nicht zu geben braucht, 
kommt das, was wir davon wegschaffen können, quantitativ 
kaum in Betracht. Außerdem sind wir durch die Bedingungen 
unserer Existenz auf die wohlhabenden Oberschichten der Gesell- 
schaft eingeschränkt, die ihre Ärzte selbst zu wählen pflegen 
und bei dieser Wahl durch alle Vorurteile von der Psycho- 
analyse abgelenkt werden. Für die breiten Volksschichten, die 
ungeheuer schwer unter den Neurosen leiden, können wir derzeit 
nichts tun. 

Nun lassen Sie uns annehmen, durch irgend eine Organisation 
gelänge es uns, unsere Zahl so weit zu vermehren, daß wir zur 
Behandlung von größeren Menschenmassen ausreichen. Anderseits 
läßt sich vorhersehen: Irgend einmal wird das Gewissen der 
Gesellschaft erwachen und sie mahnen, daß der Arme ein eben- 
solches Anrecht auf seelische Hilfeleistung hat wie bereits jetzt 
auf lebensrettende chirurgische. Und daß die Neurosen die Volks- 
Freud, VI. 10 






1 46 Zur Technik 



gesundheit nicht minder bedrohen als die Tuberkulose und eben- 
sowenig wie diese der ohnmächtigen Fürsorge des Einzelnen aus 
dem Volke überlassen werden können. Dann werden also Anstalten 
oder Ordinationsinstitute errichtet werden, an denen psycho- 
analytisch ausgebildete Ärzte angestellt sind, um die Männer, die 
sich sonst dem Trunk ergeben würden, die Frauen, die unter der 
Last der Entsagungen zusammenzubrechen drohen, die Kinder, 
denen nur die Wahl zwischen Verwilderung und Neurose bevor- 
steht, durch Analyse Widerstands- und leistungsfähig zu erhalten. 
Diese Behandlungen werden unentgeltliche sein. Es mag lange 
dauern, bis der Staat diese Pflichten als dringende empfindet. 
Die gegenwärtigen Verhältnisse mögen den Termin noch länger 
hinausschieben, es ist wahrscheinlich, daß private Wohltätigkeit 
mit solchen Instituten den Anfang machen wird 5 aber irgend 
einmal wird es dazu kommen müssen. 

Dann wird sich für uns die Aufgabe ergeben, unsere Technik 
den neuen Bedingungen anzupassen. Ich zweifle nicht daran, daß 
die Triftigkeit unserer psychologischen Annahmen auch auf den 
Ungebildeten Eindruck machen wird, aber wir werden den ein- 
fachsten und greifbarsten Ausdruck unserer theoretischen Lehren 
suchen müssen. Wir werden wahrscheinlich die Erfahrung machen, 
daß der Arme noch weniger zum Verzicht auf seine Neurose 
bereit ist als der Reiche, weil das schwere Leben, das auf ihn 
wartet, ihn nicht lockt, und das Kranksein ihm einen Anspruch 
mehr auf soziale Hilfe bedeutet. Möglicherweise werden wir oft 
nur dann etwas leisten können, wenn wir die seelische Hilfe- 
leistung mit materieller Unterstützung nach Art des Kaiser 
Josef vereinigen können. Wir werden auch sehr wahrscheinlich, 
genötigt sein, in der Massenanwendung unserer Therapie das 
reine Gold der Analyse reichlich mit dem Kupfer der direkten 
Suggestion zu legieren, und auch die hypnotische Beeinflussung 
könnte dort wie bei der Behandlung der Kriegsneu rotiker wieder 
eine Stelle finden. Aber wie immer sich auch diese Psycho- 









Wege der psychoanalytischen Therapie 147 

therapie fürs Volk gestalten, aus welchen Elementen sie sich 
zusammensetzen mag, ihre wirksamsten und wichtigsten Bestand- 
teile werden gewiß die bleiben, die von der strengen, der tendenz- 
losen Psychoanalyse entlehnt worden sind. 



10* 



ZUR VORGESCHICHTE DER ANALYTISCHEN 

TECHNIK 

Zuerst erschienen (ohne Nennung des Verfassers, 
nur mit F. gezeichnet) in der „Internationalen Zeit- 
schrift für Psychoanalyse«, Bd. VI (1920), dann 
in der Fünften Folge der „Sammlung kleiner 
Schriften zur Neuroscnlehre". 

In einem neuen Buche von Havelock E 1 1 i s, dem hoch- 
verdienten Sexual forsch er und vornehmen Kritiker der Psycho- 
analyse, betitelt „The Philosophy of Conflict and other essays 
in war-time, second series", London 1919, ist ein Aufsatz: 
„Psycho-Analysis in relation to sex" enthalten, der sich nach- 
zuweisen bemüht, daß das Werk des Schöpfers der Analyse 
nicht als ein Stück wissenschaftlicher Arbeit, sondern als eine 
künstlerische Leistung gewertet werden sollte. Es liegt uns 
nahe, in dieser Auffassung eine neue Wendung des Widerstandes 
und eine Ablehnung der Analyse zu sehen, wenngleich sie in 
liebenswürdiger, ja in allzu schmeichelhafter Weise verkleidet 
ist. Wir sind geneigt, ihr aufs entschiedenste zu widersprechen. 

Doch nicht solcher Widerspruch ist das Motiv unserer 
Beschäftigung mit dem Essay von Havelock E 1 1 i s, sondern 
die Tatsache, daß er durch seine große Belesenheit in die Lage 
gekommen ist, einen Autor anzuführen, der die freie Assoziation 
als Technik geübt und empfohlen hat, wenngleich zu anderen 
Zwecken, und somit ein Recht hat, in dieser Hinsicht als Vor- 






. 



Tjiir Vorgeschichte der analytischen Technik 14.0 

läufer der Psychoanalytiker genannt zu werden. „Im Jahre 1857", 
schreibt Havelock Ellis, „veröffentlichte Dr. J. J. Garth 
Wilkinson, besser bekannt als Dichter und Mystiker von 
der Richtung Swedenborgs denn als Arzt, einen Band 
mystischer Gedichte in Knüttelversen, durch eine angeblich neue 
Methode, die er ,Impression' nennt, hervorgebracht." „Man 
wählt ein Thema", sagt er, „oder schreibt es nieder^ sobald dies 
geschehen ist, darf man den ersten Einfall (irnpression upon the 
mind), der sich nach der Niederschrift des Titels ergibt, als den 
Beginn der Ausarbeitung des Themas betrachten, gleichgültig wie 
sonderbar oder nicht dazu gehörig das betreffende Wort oder der 
Satz erscheinen mag.' „Die erste Regung des Geistes, das erste 
Wort, das sich einstellt, ist der Erfolg des Bestrebens, sich in das 
gegebene Thema zu vertiefen." Man setzt das Verfahren in kon- 
sequenter Weise fort, und Garth Wilkinson sagt : „Ich 
habe immer gefunden, daß es wie infolge eines untrüglichen 
Instinkts ins Innere der Sache führt." Diese Technik entsprach 
nach W i 1 k i n s n s Ansicht einem aufs höchste gesteigerten 
Sich-gehen-lassen, einer Aufforderung an die tiefstliegenden 
unbewußten Regungen, sich zur Äußerung zu bringen. Wille 
und Überlegung mahnte er, sind beiseite zu lassen; man ver- 
traut sich der Eingebung (influx) an und kann dabei finden, 
daß sich die geistigen Fähigkeiten auf unbekannte Ziele ein- 
stellen." 

„Man darf nicht außer acht lassen, daß Wilkinson, obwohl 
er Arzt war, diese Technik zu religiösen und literarischen, nie- 
mals zu ärztlichen oder wissenschaftlichen Zwecken in Anwendung 
zog, aber es ist leicht einzusehen, daß es im wesentlichen 
die psychoanalytische Technik ist, die hier die eigene Person 
zum Objekt nimmt, ein Beweis mehr dafür, daß das Verfahren 
Freuds das eines Künstlers (artist) ist." 

Kenner der psychoanalytischen Literatur werden sich hier jener 
schönen Stelle im Briefwechsel Schillers mit Körner 



i5° Zur Technik 



f 



erinnern,' in welcher der große Dichter und Denker (1788) 
demjenigen, der produktiv sein möchte, die Beachtung des freien 
Einfalles empfiehlt. Es ist zu vermuten, daß die angeblich neue 
W i 1 k i n s o n sehe Technik bereits vielen anderen vorgeschwebt 
hat, und ihre systematische Anwendung in der Psychoanalyse 
wird uns nicht so sehr als Beweis für die künstlerische Artung 
Freuds erscheinen, wie als Konsequenz seiner nach Art 
eines Vorurteils festgehaltenen Überzeugung von der durch- 
gängigen Determinierung alles seelischen Geschehens. Die 
Zugehörigkeit des freien Einfalles zum fixierten Thema ergab 
sich dann als die nächste und wahrscheinlichste Möglichkeit, 
welche auch durch die Erfahrung in der Analyse bestätigt wird, 
insofern nicht übergroße Widerstände den vermuteten Zusammen- 
hang unkenntlich machen. 

Indes darf man es als sicher annehmen, daß weder 
Schiller noch Garth Wilkinson auf die Wahl der 
psychoanalytischen Technik Einfluß geübt haben. Mehr persön- 
liche Beziehung scheint sich von einer anderen Seite her anzudeuten. 

Vor kurzem machte Dr. Hugo D u b o w i t z in Budapest 
Dr. F e r e n c z i auf einen kleinen, nur 4'/,, Seiten umfassenden 
Aufsatz von Ludwig Börne aufmerksam, der, 1825 verfaßt, 
im ersten Band seiner Gesammelten Schriften (Ausgabe von 
1862) abgedruckt ist. Er ist betitelt: „Die Kunst, in drei Tagen 
ein Originalschriftsteller zu werden" und trägt die bekannten 
Eigentümlichkeiten des Jean Paul sehen Stils, dem Börne 
damals huldigte, an sich. Er schließt mit den Sätzen : „Und hier 
folgt die versprochene Nutzanwendung. Nehmt einige Bogen 
Papier und schreibt drei Tage hintereinander, ohne Falsch und 
Heuchelei, alles nieder, was euch durch den Kopf geht. Schreibt, 
was ihr denkt von euch selbst, von euren Weibern, von dem 
Türkenkrieg, von Goethe, von Fonks Kriminalprozeß, vom jüngsten 

1) Entdeckt von O. Rank und zitiert in der Traumdeutung, siebente Auflage, 
1922, Seite 72. [Ges. Schriften, Bd. IL] 



Zur Forgeschichte der analytischen Technik 151 



Gericht, von euren Vorgesetzten — und nach Verlauf der drei 
Tage werdet ihr vor Verwunderung, was ihr für neue unerhörte. 
Gedanken gehabt, ganz außer euch kommen. Das ist die Kunst, 
in drei Tagen ein Originalschriftsteller zu werden!" 

Als Prof. Freud veranlaßt wurde, diesen Börne sehen 
Aufsatz zu lesen, machte er eine Reihe von Angaben, die für 
die hier berührte Frage nach der Vorgeschichte der psychoana- 
lytischen Einfallsverwertung bedeutungsvoll sein können. Er 
erzählte daß er Börnes Werke im vierzehnten Jahr zum 
Geschenk bekommen habe und dieses Buch heute, fünfzig Jahre 
später noch immer als das einzige aus seiner Jugendzeit besitze. 
Dieser Schriftsteller sei der erste gewesen, in dessen Schriften er 
sich vertieft habe. An den in Rede stehenden Aufsatz könne er 
sich nicht erinnern, aber andere, in denselben Band aufgenom- 
mene, wie die Denkrede auf Jean Paul, Der Eßkünstler, Der 
Narr im weißen Schwan, seien durch lange Jahre ohne ersicht- 
lichen Grund immer wieder in seiner Erinnerung aufgetaucht. 
Er war besonders erstaunt, in der Anweisung zum Original- 
schriftsteller einige Gedanken ausgesprochen zu finden, die er 
selbst immer gehegt und vertreten habe, zum Beispiel : „Eine 
schimpfliche Feigheit zu denken, hält uns alle zurück. Drückender 
als die Zensur der Regierungen ist die Zensur, welche die öffent- 
liche Meinung über unsere Geisteswerke ausübt." (Hier findet 
sich übrigens die „Zensur" erwähnt, die in der Psychoanalyse 
als Traumzensur wiedergekommen ist . . .) „Nicht an Geist, an 
Charakter mangelt es den meisten Schriftstellern, um besser zu 
sein, als sie sind . . . Aufrichtigkeit ist die Quelle aller Genialität, 
und die Menschen wären geistreicher, wenn sie sittlicher wären ..." 
Es scheint uns also nicht ausgeschlossen, daß dieser Hinweis 
vielleicht jenes Stück Kryptomnesie aufgedeckt hat, das in so 
vielen Fällen hinter einer anscheinenden Originalität vermutet 
werden darf. 






ZUR EINFÜHRUNG DES NARZISSMUS 



„Zur Einführung des Narzißmus" erschien zuerst 1914 im „Jahrbuch 
der Psychoanalyse 11 ', VI. Band, dann in der Vierten Folge der „Samm- 
lung kleiner Schriften zur Neurosenlehre 1 ' (iyr8, zweite Auflage I<f22) t 
schließlich 1924 auch in selbständiger Broschürenform. 



Der Terminus Narzißmus entstammt der klinischen Deskription 
und ist von P. Näcke 1899 zur Bezeichnung jenes Verhaltens 
gewählt worden, bei welchem ein Individuum den eigenen Leib 
in ähnlicher Weise behandelt wie sonst den eines Sexualobjekts, 
ihn also mit sexuellem Wohlgefallen beschaut, streichelt, liebkost, 
bis es durch diese Vornahmen zur vollen Befriedigung gelangt. 
In dieser Ausbildung hat der Narzißmus die Bedeutung einer 
Perversion, welche das gesamte Sexualleben der Person aufgesogen 
hat, und unterliegt darum auch den Erwartungen, mit denen 
wir an das Studium aller Perversionen herantreten. 

Es ist dann der psychoanalytischen Beobachtung aufgefallen, 
daß einzelne Züge des narzißtischen Verhaltens bei vielen mit 
anderen Störungen behafteten Personen gefunden werden, so nach 
S a d g e r bei Homosexuellen, und endlich lag die Vermutung 
nahe, daß eine als Narzißmus zu bezeichnende Unterbringung 
der Libido in viel weiterem Umfang in Betracht kommen und 
eine Stelle in der regulären Sexualentwicklung des Menschen 
beanspruchen könnte. 1 Auf die nämliche Vermutung kam man 
von den Schwierigkeiten der psychoanalytischen Arbeit an Neu- 
rotikern her, denn es schien, als ob ein solches narzißtisches Verhalten 
derselben eine der Grenzen ihrer Beeinflußbarkeit herstellte. 
Narzißmus in diesem Sinne wäre keine Perversion, sondern die 



1) O. Rank, Ein Beitrag zum Narzißmus. Jahrbuch f. psychoanalyt. Forschungen, 
Bd. III, 1911. 



x 56 Zur Einführung des Narzißmus 



libidinöse Ergänzung zum Egoismus des Selbsterhaltungstriebes, 
von dem jedem Lebewesen mit Recht ein Stück zugeschrieben wird. 
Ein dringendes Motiv, sich mit der Vorstellung eines primären 
und normalen Narzißmus zu beschäftigen, ergab sich, als der 
Versuch unternommen wurde, das Verständnis der Dementia 
praecox (Kraepelin) oder Schizophrenie (Bleuler) unter 
die Voraussetzung der Libidotheorie zu bringen. Zwei funda- 
mentale Charakterzüge zeigen solche Kranke, die ich vorgeschlagen 
habe als Paraphreniker zu bezeichnen: den Größenwahn und die 
Abwendung ihres Interesses von der Außenwelt (Personen und 
Dingen). Infolge der letzteren Veränderung entziehen sie sich 
der Beeinflussung durch die Psychoanalyse, werden sie für unsere 
Bemühungen unheilbar. Die Abwendung des Paraphrenikers von 
der Außenwelt bedarf aber einer genaueren Kennzeichnung. 
Auch der Hysteriker und Zwangsneurotiker hat, soweit seine 
Krankheit reicht, die Beziehung zur Realität aufgegeben. Die 
Analyse zeigt aber, daß er die erotische Beziehung zu Personen 
und Dingen keineswegs aufgehoben hat. Er hält sie noch in der 
Phantasie fest, das heißt er hat einerseits die realen Objekte 
durch imaginäre seiner Erinnerung ersetzt oder sie mit ihnen 
vermengt, anderseits darauf verzichtet, die motorischen Aktionen 
zur Erreichung seiner Ziele an diesen Objekten einzuleiten. Für 
diesen Zustand der Libido sollte man allein den von Jung 
ohne Unterscheidung gebrauchten Ausdruck : Introversion 
der Libido gelten lassen. Anders der Paraphreniker. Dieser scheint 
seine Libido von den Personen und Dingen der Außenwelt 
wirklich zurückgezogen zu haben, ohne diese durch andere in 
seiner Phantasie zu ersetzen. Wo dies dann geschieht, scheint es 
sekundär zu sein und einem Heilungsversuch anzugehören, welcher 
die Libido zum Objekt zurückführen will. 1 

Vgl. für diese Aufstellungen die Diskussion des „Weltunterganges" in der 
Analyse des Senatspräsidenten Schreber. Jahrbuch, Bd. III [Ges. Schriften, Bd. VIII], 
1911. Ferner: Abraham. Die psychosexuellen Differenzen der Hysterie und der 
Demente praecox. lg o8. (Klinische Beiträge zur Psychoanalyse. S. 25 ff.) 



Zur Einführung des Narzißmus inj 

Es entsteht die Frage: Welches ist das Schicksal der den 
Objekten entzogenen Libido bei der Schizophrenie? Der Größen- 
wahn dieser Zustände weist hier den Weg. Er ist wohl auf 
Kosten der Objektlibido entstanden. Die der Außenwelt entzogene 
Libido ist dem Ich zugeführt worden, so daß ein Verhalten 
entstand, welches wir Narzißmus heißen können. Der Größen- 
wahn selbst ist aber keine Neuschöpfung, sondern, wie wir 
wissen, die Vergrößerung und Verdeutlichung eines Zustandes, 
der schon vorher bestanden hatte. Somit werden wir dazu 
geführt, den Narzißmus, der durch Einbeziehung der Objekt- 
besetzungen entsteht, als einen sekundären aufzufassen, welcher 
sich über einen primären, durch mannigfache Einflüsse ver- 
dunkelten, aufbaut. 

Ich bemerke nochmals, daß ich hier keine Klärung oder 
Vertiefung des Schizophrenieproblems geben will, sondern nur 
zusammentrage, was bereits an anderen Stellen gesagt worden ist, 
um eine Einführung des Narzißmus zu rechtfertigen. 

Ein dritter Zufluß zu dieser, wie ich meine, legitimen Weiter- 
bildung der Libidotheorie ergibt sich aus unseren Beobachtungen 
und Auffassungen des Seelenlebens von Kindern und von primi- 
tiven Völkern. Wir finden bei diesen letzteren Züge, welche, wenn 
sie vereinzelt wären, dem Größenwahn zugerechnet werden 
könnten, eine Überschätzung der Macht ihrer Wünsche und 
psychischen Akte, die „Allmacht der Gedanken", einen Glauben 
an die Zauberkraft der Worte, eine Technik gegen die Außen- 
welt, die „Magie", welche als konsequente Anwendung dieser 
größensüchtigen Voraussetzungen erscheint. 1 Wir erwarten eine 
ganz analoge Einstellung zur Außenwelt beim Kinde unserer 
Zeit, dessen Entwicklung für uns weit undurchsichtiger ist. 2 Wir 



1) Siehe die entsprechenden Abschnitte in meinem Buch „Totem und Tabu", 
1915 [Ges. Schriften, Bd. X]. 

2) S. Ferenczi, Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes. Intern. Zschr. f. 
PsA. I, 1915. 



158 Zur Einführung des Narzißmus 



bilden so die Vorstellung einer ursprünglichen Libidobesetzung 
des Ichs, von der später an die Objekte abgegeben wird, die 
aber, im Grunde genommen, verbleibt und sich zu den Objekt- 
besetzungen verhält wie der Körper eines Protoplasmatierchens 
zu den von ihm ausgeschickten Pseudopodien. Dieses Stück der 
Libidounterbringung mußte für unsere von den neurotischen 
Symptomen ausgehende Forschung zunächst verdeckt bleiben. Die 
Emanationen dieser Libido, die Objektbesetzungen, die aus- 
geschickt und wieder zurückgezogen werden können, wurden 
uns allein auffällig. Wir sehen auch im groben einen Gegensatz 
zwischen der Ichlibido und der Objektlibido. Je mehr die eine 
verbraucht, desto mehr verarmt die andere. Als die höchste 
Entwicklungsphase, zu der es die letztere bringt, erscheint uns 
der Zustand der Verliebtheit, der sich uns wie ein Aufgeben der 
eigenen Persönlichkeit gegen die Objektbesetzung darstellt und 
seinen Gegensatz in der Phantasie (oder Selbstwahrnehmung) 
der Paranoiker vom Weltuntergang findet. 1 Endlich folgern wir 
für die Unterscheidung der psychischen Energien, daß sie zunächst 
im Zustande des Narzißmus beisammen und für unsere grobe 
Analyse ununterscheidbar sind, und daß es erst mit der Objekt- 
besetzung möglich wird, eine Sexualenergie, die Libido, von einer 
Energie der Ichtriebe zu unterscheiden. 

Ehe ich weiter gehe, muß ich zwei Fragen berühren, welche 
mitten in die Schwierigkeiten des Themas leiten. Erstens: Wie 
verhält sich der Narzißmus, von dem wir jetzt handeln, zum 
Autoerotismus, den wir als einen Frühzustand der Libido 
beschrieben haben? Zweitens: Wenn wir dem Ich eine primäre 
Besetzung mit Libido zuerkennen, wozu ist es überhaupt noch 
nötig, eine sexuelle Libido von einer nicht sexuellen Energie 
der Ich triebe zu trennen? Würde die Zugrundelegung einer ein- 
heitlichen psychischen Energie nicht alle Schwierigkeiten der 

1) Es gibt zwei Mechanismen dieses Weltunterganges, wenn alle Libidobesetzung 
auf das geliebte Objekt abströmt, und wenn alle in das Ich zurückfließt. 



Zur Einführung des Narzißmus 15g 



Sonderung von Ichtriebenergie und Ichlibido, Ichlibido und Objekt- 
libido ersparen? Zur ersten Frage bemerke ich: Es ist eine not- 
wendige Annahme, daß eine dem Ich vergleichbare Einheit nicht 
von Anfang an im Individuum vorhanden ist 5 das Ich muß 
entwickelt werden. Die autoerotischen Triebe sind aber 
uranfänglich; es muß also irgend etwas zum Autoerotismus hinzu- 
kommen, eine neue psychische Aktion, um den Narzißmus zu 
gestalten. 

Die Aufforderung, die zweite Frage in entschiedener Weise zu 
beantworten, muß bei jedem Psychoanalytiker ein merkliches 
Unbehagen erwecken. Man wehrt sich gegen das Gefühl, die 
Beobachtung für sterile theoretische Streitigkeiten zu verlassen, 
darf sich dem Versuch einer Klärung aber doch nicht entziehen. 
Gewiß sind Vorstellungen, wie die einer Ichlibido, Ichtriebenergie 
und so weiter, weder besonders klar faßbar noch inhaltsreich 
genug; eine spekulative Theorie der betreffenden Beziehungen 
würde vor allem einen scharf umschriebenen Begriff zur Grund- 
lage gewinnen wollen. Allein ich meine, das ist eben der Unter- 
schied zwischen einer spekulativen Theorie und einer auf Deutung 
der Empirie gebauten Wissenschaft. Die letztere wird der Speku- 
lation das Vorrecht einer glatten, logisch unantastbaren Funda- 
mentierung nicht neiden, sondern sich mit nebelhaft verschwin- 
denden, kaum vorstellbaren Grundgedanken gerne begnügen, die 
sie im Laufe ihrer Entwicklung klarer zu erfassen hofft, eventuell 
auch gegen andere einzutauschen bereit ist. Diese Ideen sind 
nämlich nicht das Fundament der Wissenschaft, auf dem alles 
ruht; dies ist vielmehr allein die Beobachtung. Sie sind nicht 
das Unterste, sondern das Oberste des ganzen Baues und können 
ohne Schaden ersetzt und abgetragen werden. Wir erleben der- 
gleichen in unseren Tagen wiederum an der Physik, deren Grund- 
anschauungen über Materie, Kraftzentren, Anziehung und der- 
gleichen kaum weniger bedenklich sind als die entsprechenden 
der Psychoanalyse. 



i6o Zur Einführung des Narzißmus 



Der Wert der Begriffe: Ichlibido, Objektlibido liegt darin, daß 
sie aus der Verarbeitung der intimen Charaktere neurotischer 
und psychotischer Vorgänge stammen. Die Sonderung der Libido 
in eine solche, die dem Ich eigen ist, und eine, die den Objekten 
angehängt wird, ist eine unerläßliche Fortführung einer ersten 
Annahme, welche Sexualtriebe und Ichtriebe voneinander schied. 
Dazu nötigte mich wenigstens die Analyse der reinen Über- 
tragungsneurosen (Hysterie und Zwang), und ich weiß nur, daß 
alle Versuche, von diesen Phänomenen mit anderen Mitteln 
Rechenschaft zu geben, gründlich mißlungen sind. 

Bei dem völligen Mangel einer irgendwie orientierenden Trieb- 
lehre ist es gestattet oder besser geboten, zunächst irgendeine 
Annahme in konsequenter Durchführung zu erproben, bis sie 
versagt oder sich bewährt. Für die Annahme einer ursprünglichen 
Sonderung von Sexualtrieben und anderen, Ichtrieben, spricht 
nun mancherlei nebst ihrer Brauchbarkeit für die Analyse der 
Ubertragungsneurosen. Ich gebe zu, daß dieses Moment allein 
nicht unzweideutig wäre, denn es könnte sich um indifferente 
psychische Energie handeln, die erst durch den Akt der Objekt- 
besetzung zur Libido wird. Aber diese begriffliche Scheidung ent- 
spricht erstens der populär so geläufigen Trennung von Hunger 
und Liebe. Zweitens machen sich biologische Rücksichten zu 
ihren Gunsten geltend. Das Individuum führt wirklich eine 
Doppelexistenz als sein Selbstzweck und als Glied in einer Kette, 
der es gegen, jedenfalls ohne seinen Willen dienstbar ist. Es 
hält selbst die Sexualität für eine seiner Absichten, während eine 
andere Betrachtung zeigt, daß es nur ein Anhängsel an sein 
Keimplasma ist, dem es seine Kräfte gegen eine Lustprämie zur 
Verfügung stellt, der sterbliche Träger einer — vielleicht — 
unsterblichen Substanz, wie ein Majoratsherr nur der jeweilige 
Inhaber einer ihn überdauernden Institution. Die Sonderung der 
Sexualtriebe von den Ichtrieben würde nur diese doppelte 
Funktion des Individuums spiegeln. Drittens muß man sich daran 



Zur Einführung des Narzißmus 1 Q 1 



erinnern, daß all unsere psychologischen Vorläufigkeiten einmal 
auf den Boden organischer Träger gestellt werden sollen. Es 
wird dann wahrscheinlich, daß es besondere Stoffe und chemische 
Prozesse sind, welche die Wirkungen der Sexualität ausüben und 
die Fortsetzung des individuellen Lebens in das der Art ver- 
mitteln. Dieser Wahrscheinlichkeit tragen wir Rechnung, indem 
wir die besonderen chemischen Stoffe durch besondere psychische 
Kräfte substituieren. 

Gerade weil ich sonst bemüht bin, alles andersartige, auch das 
biologische Denken, von der Psychologie ferne zu halten, will 
ich an dieser Stelle ausdrücklich zugestehen, daß die Annahme 
gesonderter Ich- und Sexualtriebe, also die Libidotheorie, zum 
wenigsten auf psychologischem Grunde ruht, wesentlich biologisch 
gestützt ist. Ich werde also auch konsequent genug sein, diese 
Annahme fallen zu lassen, wenn sich aus der psychoanalytischen 
Arbeit selbst eine andere Voraussetzung über die Triebe als die 
besser verwertbare erheben würde. Dies ist bisher nicht der Fall 
gewesen. Es mag dann sein, daß die Sexualenergie, die Libido — 
im tiefsten Grund und in letzter Ferne — nur ein Differen- 
zierungsprodukt der sonst in der Psyche wirkenden Energie ist. 
Aber eine solche Behauptung ist nicht belangreich. Sie bezieht 
sich auf Dinge, die bereits so weit weg sind von den Problemen 
unserer Beobachtung und so wenig Kenntnisinhalt haben, daß es 
ebenso müßig ist, sie zu bestreiten, wie sie zu verwerten; mög- 
licherweise hat diese Uridentität mit unseren analytischen Inter- 
essen so wenig zu tun, wie die Urverwandtschaft aller Menschen- 
rassen mit dem Nachweis der von der Erbschaftsbehörde gefor- 
derten Verwandtschaft mit dem Erblasser. Wir kommen mit all 
diesen Spekulationen zu nichts; da wir nicht warten können, bis 
uns die Entscheidungen der Trieblehre von einer anderen 
Wissenschaft geschenkt werden, ist es weit zweckmäßiger, zu 
versuchen, welches Licht durch eine Synthese der psychologischen 
Phänomene auf jene biologischen Grundrätsel geworfen werden 

Freud, VI. 



1Ö2 Zur Einführung des Narzißmus 

kann. Machen wir uns mit der Möglichkeit des Irrtums vertraut, 
aber lassen wir uns nicht abhalten, die ersterwählte Annahme 
eines Gegensatzes von Ich- und Sexualtrieben, die sich uns durch 
die Analyse der Ubertragungsneurosen aufgedrängt hat, konsequent 
fortzuführen, ob sie sich widerspruchsfrei und fruchtbringend ent- 
wickeln und auch auf andere Affektionen, z. B. die Schizophrenie, 
anwenden läßt. 

Anders stünde es natürlich, wenn der Beweis erbracht wäre, 
daß die Libidotheorie an der Erklärung der letztgenannten 
Krankheit bereits gescheitert ist. C. G. J u n g hat diese Behauptung 
aufgestellt 1 und mich dadurch zu den letzten Ausführungen, die 
ich mir gern erspart hätte, genötigt. Ich hätte es vorgezogen, 
den in der Analyse des Falles Schreber betretenen Weg unter 
Stillschweigen über dessen Voraussetzungen bis zum Ende zu 
gehen. Die Behauptung von Jung ist aber zum mindesten eine 
Voreiligkeit. Seine Begründungen sind spärlich. Er beruft sich 
zunächst auf mein eigenes Zeugnis, daß ich selbst mich genötigt 
gesehen habe, angesichts der Schwierigkeiten der Schreber-Analyse 
den Begriff der Libido zu erweitern, das heißt seinen sexuellen 
Inhalt aufzugeben, Libido mit psychischem Interesse überhaupt 
zusammenfallen zu lassen. Was zur Richtigstellung dieser Fehl- 
deutung zu sagen ist, hat Ferenczi in einer gründlichen Kritik 
der Jungschen Arbeit bereits vorgebracht. 3 Ich kann dem Kritiker 
nur beipflichten und widerholen, daß ich keinen derartigen Ver- 
zicht auf die Libidotheorie ausgesprochen habe. Ein weiteres 
Argument von Jung, es sei nicht anzunehmen, daß der Verlust 
der normalen Realfunktion allein durch die Zurückziehung der 
Libido verursacht werden könne, ist kein Argument, sondern ein 
Dekret; it begs the question, es nimmt die Entscheidung vorweg 
und erspart die Diskussion, denn ob und wie das möglich ist, 

1) Wandlungen und Symbole der Libido. Jnbrbucb für psa. Forscbungen, Bd. IV, 
1912. 

2) Intern. Zschr. f. PsA., Bd. I, 1915. 



Zur Einführung des Narzißmus 165 



sollte eben untersucht werden. In seiner nächsten großen Arbeit 1 
ist Jung an der von mir längst angedeuteten Lösung knapp 
vorbeigekommen: „Dabei ist nun allerdings noch in Betracht zu ziehen 
— worauf übrigens Freud in seiner Arbeit in dem Schreberschen 
Falle Bezug nimmt — daß die Introversion der Libido sexualis 
zu einer Besetzung des „Ich" führt, wodurch möglicherweise 
jener Effekt des Realitätsverlustes herausgebracht wird. Es ist 
in der Tat eine verlockende Möglichkeit, die Psychologie des 
Realitätsverlustes in dieser Art zu erklären." Allein Jung läßt 
sich mit dieser Möglichkeit nicht viel weiter ein. Wenige Seiten 
später tut er sie mit der Bemerkung ab, daß aus dieser Bedingung 
„die Psychologie eines asketischen Anachoreten hervorgehen würde, 
nicht aber eine Dementia praecox." Wie wenig dieser ungeeignete 
Vergleich eine Entscheidung bringen kann, mag die Bemerkung 
lehren, daß ein solcher Anachoret, der „jede Spur von Sexual- 
interesse auszurotten bestrebt ist" (doch nur im populären Sinne 
des Wortes „sexual"), nicht einmal eine pathogene Unterbringung 
der Libido aufzuweisen braucht. Er mag sein sexuelles Interesse 
von den Menschen gänzlich abgewendet und kann es doch zum 
gesteigerten Interesse für Göttliches, Natürliches, Tierisches 
sublimiert haben, ohne einer Introversion seiner Libido auf seine 
Phantasien oder einer Rückkehr derselben zu seinem Ich ver- 
fallen zu sein. Es scheint, daß dieser Vergleich die mögliche 
Unterscheidung vom Interesse aus erotischen Quellen und anderen 
von vornherein vernachlässigt. Erinnern wir uns ferner daran, 
daß die Untersuchungen der Schweizer Schule trotz all ihrer 
Verdienstlichkeit doch nur über zwei Punkte im Bilde der 
Dementia praecox Aufklärung gebracht haben, über die Existenz 
der von Gesunden wie von Neurotikern bekannten Komplexe und 
über die Ähnlichkeit ihrer Phantasiebildungen mit den Völker- 



1) Versuch einer Darstellung der psychoanalytischen Theorie. Jahrbuch, Bd. V 
»9 l 5- 



^4 Zur Einführung des Narzißmus 



mythen, auf den Mechanismus der Erkrankung aber sonst kein Licht 
werfen konnten, so werden wir die Behauptung Jungs zurück- 
weisen können, daß die Libidotheorie an der Bewältigung der 
Dementia praecox gescheitert und damit auch für die anderen 
Neurosen erledigt sei. 






II 

Ein direktes Studium des Narzißmus scheint mir durch besondere 
Schwierigkeiten verwehrt zu sein. Der Hauptzugang dazu wird 
wohl die Analyse der Paraphrenien bleiben. Wie die Übertragungs- 
neurosen uns die Verfolgung der libidinösen Triebregungen 
ermöglicht haben, so werden uns die Dementia praecox und 
Paranoia die Einsicht in die Ichpsychologie gestatten. Wiederum 
werden wir das anscheinend Einfache des Normalen aus den Ver- 
zerrungen und Vergröberungen des Pathologischen erraten müssen. 
Immerhin bleiben uns einige andere Wege offen, um uns der 
Kenntnis des Narzißmus anzunähern, die ich nun der Reihe nach 
beschreiben will: Die Betrachtung der organischen Krankheit, der 
Hypochondrie und des Liebeslebens der Geschlechter. 

Mit der Würdigung des Einflusses organischer Krankheit auf 
die Libidoverteilung folge ich einer mündlichen Anregung von 
S. F e r e n c z i. Es ist allgemein bekannt und erscheint uns selbst- 
verständlich, daß der von organischem Schmerz und Mißemp- 
findungen Gepeinigte das Interesse an den Dingen der Außen- 
welt, soweit sie nicht sein Leiden betreffen, aufgibt. Genauere 
Beobachtung lehrt, daß er auch das libidinöse Interesse von seinen 
Liebesobjekten zurückzieht, aufhört zu lieben, solange er leidet. 
Die Banalität dieser Tatsache braucht uns nicht abzuhalten, ihr 
eine Übersetzung in die Ausdrucksweise der Libidotheorie zu 
geben. Wir würden dann sagen: Der Kranke zieht seine Libido- 
besetzungen auf sein Ich zurück, um sie nach der Genesung 
wieder auszusenden. „Einzig in der engen Höhle," sagt W. Busch 



'66 Zur Einführung des Narzißmus 



vom zahnschmerzkranken Dichter, „des Backenzahnes weilt die 
Seele." Libido und Ichinteresse haben dabei das gleiche Schicksal 
und sind wiederum voneinander nicht unterscheidbar. Der bekannte 
Egoismus der Kranken deckt beides. Wir finden ihn so selbst- 
verständlich, weil wir gewiß sind, uns im gleichen Falle ebenso 
zu verhalten. Das Verscheuchen noch so intensiver Liebesbereit- 
schaft durch körperliche Störungen, der plötzliche Ersatz derselben 
durch völlige Gleichgültigkeit, findet in der Komik entsprechende 
Ausnützung. 

Ähnlich wie die Krankheit bedeutet auch der Schlafzustand 
ein narzißtisches Zurückziehen der Libidopositionen auf die 
eigene Person, des Genaueren, auf den einen Wunsch zu schlafen. 
Der Egoismus der Träume fügt sich wohl in diesen Zusammen- 
hang ein. In beiden Fällen sehen wir, wenn auch nichts anderes, 
Beispiele von Veränderungen der Libidoverteilung infolge von 
Ichveränderung. 

Die Hypochondrie äußert sich wie das organische Kranksein 
in peinlichen und schmerzhaften Körperempfindungen und trifft 
auch in der Wirkung auf die Libidoverteilung mit ihm zusammen. 
Der Hypochondrische zieht Interesse wie Libido — die letztere 
besonders deutlich — von den Objekten der Außenwelt zurück 
und konzentriert beides auf das ihn beschäftigende Organ. Ein 
Unterschied zwischen Hypochondrie und organischer Krankheit 
drängt sich nun vor: im letzteren Falle sind die peinlichen Sen- 
sationen durch nachweisbare Veränderungen begründet, im 
ersteren Falle nicht. Es würde aber ganz in den Rahmen unserer 
sonstigen Auffassung der Neurosenvorgänge passen, wenn wir uns 
entschließen würden zu sagen: Die Hypochondrie muß recht 
haben, die Organveränderungen dürfen auch bei ihr nicht fehlen. 
Worin bestünden sie nun? 

Wir wollen uns hier durch die Erfahrung bestimmen lassen, 
daß Körpersensationen unlustiger Art, den hypochondrischen ver- 
gleichbar, auch bei den anderen Neurosen nicht fehlen. Ich habe 



Zur Einführung des Narzißmus 167 

schon früher einmal die Neigung ausgesprochen, die Hypo- 
chondrie als dritte Aktualneurose neben die Neurasthenie und 
die Angstneurose hinzustellen. Man geht wahrscheinlich nicht zu 
weit, wenn man es so darstellt, als wäre regelmäßig bei den 
anderen Neurosen auch ein Stückchen Hypochondrie mitausge- 
bildet. Am schönsten sieht man dies wohl bei der Angstneurose 
und der sie überbauenden Hysterie. Nun ist das uns bekannte 
Vorbild des schmerzhaft empfindlichen, irgendwie veränderten und 
doch nicht im gewöhnlichen Sinne kranken Organs das Genitale 
in seinen Erregungszuständen. Es wird dann blur.durchströmt, 
geschwellt, durchfeuchtet und der Sitz mannigfaltiger Sensationen. 
Nennen wir die Tätigkeit einer Körperstelle, sexuell erregende 
Reize ins Seelenleben zu schicken, ihre Erogeneität und denken 
daran, daß wir durch die Erwägungen der Sexualtheorie längst 
an die Auffassung gewöhnt sind, gewisse andere Körperstellen 
die erogenen Zonen — könnten die Genitalien vertreten und 
sich ihnen analog verhalten, so haben wir hier nur einen Schritt 
weiter zu wagen. Wir können uns entschließen, die Erogeneität 
als allgemeine Eigenschaft aller Organe anzusehen, und dürfen 
dann von der Steigerung oder Herabsetzung derselben an einem 
bestimmten Körperteile sprechen. Jeder solchen Veränderung der 
Erogeneität in den Organen könnte eine Veränderung der Libido- 
besetzung im Ich parallel gehen. In solchen Momenten hätten 
wir das zu suchen, was wir der Hypochondrie zugrunde legen 
und was die nämliche Einwirkung auf die Libidoverteilung 
haben kann wie die materielle Erkrankung der Organe. 

Wir merken, wenn wir diesen Gedankengang fortsetzen, stoßen 
wir auf das Problem nicht nur der Hypochondrie, sondern auch 
der anderen Aktualneurosen, der Neurasthenie und der Angst- 
neurose. Wir wollen darum an dieser Stelle halt machen; es 
liegt nicht in der Absicht einer rein psychologischen Unter- 
suchung die Grenze so weit ins Gebiet der physiologischen 
Forschuno- zu überschreiten. Es sei nur erwähnt, daß sich von 



^ Zur Einfährung des Narzißmus 






hier aus vermuten läßt, die Hypochondrie stehe in einem ähn- 
lichen Verhältnis zur Paraphrenie wie die anderen Aktualneurosen 
zur Hysterie und Zwangsneurose, hänge also von der Ichlibido 
ab, wie die anderen von der Objektlibido; die hypochondrische 
Angst sei das Gegenstück von der Ichlibido her zur neurotischen 
Angst. Ferner: Wenn wir mit der Vorstellung bereits vertraut 
sind, den Mechanismus der Erkrankung und Symptombildung bei 
den Übertragungsneurosen, den Fortschritt von der Introversion 
zur Regression, an eine Stauung der Objektlibido zu knüpfen 1 , 
so dürfen wir auch der Vorstellung einer Stauung der Ichlibido 
nähertreten und sie in Beziehung zu den Phänomenen der Hypo- 
chondrie und der Paraphrenie bringen. 

Natürlich wird unsere Wißbegierde hier die Frage aufwerfen, 
warum eine solche Libidostauung im Ich als unlustvoll empfunden 
werden muß. Ich möchte mich da mit der Antwort begnügen, 
daß Unlust überhaupt der Ausdruck der höheren Spannung ist, 
daß es also eine Quantität des materiellen Geschehens ist, die 
sich hier wie anderwärts in die psychische Qualität der Unlust 
umsetzt; für die Unlustentwicklung mag dann immerhin nicht 
die absolute Größe jenes materiellen Vorganges entscheidend sein, 
sondern eher eine gewisse Funktion dieser absoluten Größe. Von 
hier aus mag man es selbst wagen, an die Frage heranzutreten, 
woher denn überhaupt die Nötigung für das Seelenleben rührt, 
über die Grenzen des Narzißmus hinauszugehen und die Libido 
auf Objekte zu setzen. Die aus unserem Gedankengang abfolgende 
Antwort würde wiederum sagen, diese Nötigung trete ein, wenn 
die Ichbesetzung mit Libido ein gewisses Maß überschritten 
habe. Ein starker Egoismus schützt vor Erkrankung, aber endlich 
muß man beginnen zu lieben, um nicht krank zu werden, und 
muß erkranken, wenn man infolge von Versagung nicht lieben 



Vgl. „über neurotische Erkrankungstypen", ,9,5. [Ges. Schriften, Bd. V, 






Zur Einführung des Narzißmus 169 

kann. Etwa nach dem Vorbild, wie sich H. Heine die Psycho- 
genese der Weltschöpfung vorstellt: 

„Krankheit ist wohl der letzte Grund 
Des ganzen Schöpferdrangs gewesen ; 
Erschaffend konnte ich genesen. 
Erschaffend wurde ich gesund. * 

Wir haben in unserem seelischen Apparat vor allem ein Mittel 
erkannt, welchem die Bewältigung von Erregungen übertragen 
ist, die sonst peinlich empfunden oder pathogen wirksam würden. 
Die psychische Bearbeitung leistet Außerordentliches für die 
innere Ableitung von Erregungen, die einer unmittelbaren äußeren 
Abfuhr nicht fähig sind, oder für die eine solche nicht augen- 
blicklich wünschenswert wäre. Für eine solche innere Ver- 
arbeitung ist es aber zunächst gleichgültig, ob sie an realen oder 
an imaginierten Objekten geschieht. Der Unterschied zeigt sich 
erst später, wenn die Wendung der Libido auf die irrealen 
Objekte (Introversion) zu einer Libidostauung geführt hat. Eine 
ähnliche innere Verarbeitung der ins Ich zurückgekehrten Libido 
gestattet bei den Paraphrenien der Größenwahn 5 vielleicht wird 
erst nach seinem Versagen die Libidostauung im Ich pathogen und 
regt den Heilungsprozeß an, der uns als Krankheit imponiert. 

Ich versuche an dieser Stelle, einige kleine Schritte weit in 
den Mechanismus der Paraphrenie einzudringen, und stelle die 
Auffassungen zusammen, welche mir schon heute beachtenswert 
erscheinen. Den Unterschied dieser Affektionen von den Über- 
tragungsneurosen verlege ich in den Umstand, daß die durch 
Versagung frei gewordene Libido nicht bei Objekten in der 
Phantasie bleibt, sondern sich aufs Ich zurückzieht; der Größen- 
wahn entspricht dann der psychischen Bewältigung dieser Libido- 
menge, also der Introversion auf die Phantasiebildungen bei den 
Übertragungsneurosen; dem Versagen dieser psychischen Leistung 
entspringt die Hypochondrie der Paraphrenie, welche der Angst 



1 7° Zur Einführung des Narzißmus 



der Übertragungsneurosen homolog ist. Wir wissen, daß diese 
Angst durch weitere psychische Bearbeitung ablösbar ist, also 
durch Konversion, Reaktionsbildung, Schutzbildung (Phobie). Diese 
Stellung nimmt bei den Paraphrenien der Restitutionsversuch 
ein, dem wir die auffälligen Krankheitserscheinungen danken. Da 
die Paraphrenie häufig - wenn nicht zumeist — eine bloß 
partielle Ablösung der Libido von den Objekten mit sich bringt, 
so ließen sich in ihrem Bilde drei Gruppen von Erscheinungen 
sondern: i) Die der erhaltenen Normalität oder Neurose (Rest- 
erscheinungen), 2) die des Krankheitsprozesses (der Ablösung der 
Libido von den Objekten, dazu der Größenwahn, die Hypochon- 
drie, die Affektstörung, alle Regressionen), j) die der Restitution, 
welche nach Art einer Hysterie (Dementia praecox, eigentliche 
Paraphrenie) oder einer Zwangsneurose (Paranoia) die Libido 
wieder an die Objekte heftet. Diese neuerliche Libidobesetzung 
geschieht von einem anderen Niveau her, unter anderen Bedin- 
gungen als die primäre. Die Differenz der bei ihr geschaffenen 
Übertragungsneurosen von den entsprechenden Bildungen des 
normalen Ichs müßte die tiefste Einsicht in die Struktur unseres 
seelischen Apparates vermitteln können. 

* 
Einen dritten Zugang zum Studium des Narzißmus gestattet 
das Liebesleben der Menschen in seiner verschiedenartigen Diffe- 
renzierung bei Mann und Weib. Ähnlich, wie die Objektlibido 
unserer Beobachtung zuerst die Ichlibido verdeckt hat, so haben 
wir auch bei der Objektwahl des Kindes (und Heranwachsenden) 
zuerst gemerkt, daß es seine Sexualobjekte seinen 'Befriedigungs- 
erlebnissen entnimmt. Die ersten autoerotischen sexuellen Befrie- 
digungen werden im Anschluß an lebenswichtige, der Selbster- 
haltung dienende Funktionen erlebt. Die Sexualtriebe lehnen sich 
zunächst an die Befriedigung der Ichtriebe an, machen sich erst 
spater von den letzteren selbständig; die Anlehnung zeigt sich 
aber noch darin, daß die Personen, welche mit der Ernährung, 



i 



Zur Einführung des Narzißmus 171 



Pflege, dem Schutz des Kindes zu tun haben, zu den ersten 
Sexual Objekten werden, also zunächst die Mutter oder ihr Ersatz. 
Neben diesem Typus und dieser Quelle der Objektwahl, den man 
den Anlehnungstypus heißen kann, hat uns aber die analy- 
tische Forschung einen zweiten kennen gelehrt, den zu finden 
wir nicht vorbereitet waren. "Wir haben, besonders deutlich bei 
Personen, deren Libidoentwicklung eine Störung erfahren hat, wie 
bei Perversen und Homosexuellen, gefunden, daß sie ihr späteres 
Liebesobjekt nicht nach dem Vorbild der Mutter wählen, sondern 
nach dem ihrer eigenen Person. Sie suchen offenkundigerweise sich 
selbst als Liebesobjekt, zeigen den narzißtisch zu nennenden 
Typus der Objektwahl. In dieser Beobachtung ist das stärkste Motiv 
zu erkennen, welches uns zur Annahme des Narzißmus genötigt hat. 

Wir haben nun nicht geschlossen, daß die Menschen in zwei 
scharf geschiedene Gruppen zerfallen, je nachdem sie den 
Anlehnungs- oder den narzißtischen Typus der Objektwahl haben, 
sondern ziehen die Annahme vor, daß jedem Menschen beide 
Wege zur Objektwahl offen stehen, wobei der eine oder der 
andere bevorzugt werden kann. Wir sagen, der Mensch habe 
zwei ursprüngliche Sexualobjekte: sich selbst und das pflegende 
Weib, und setzen dabei den primären Narzißmus jedes Menschen 
voraus, der eventuell in seiner Objektwahl dominierend zum 
Ausdruck kommen kann. 

Die Vergleichung von Mann und Weib zeigt dann, daß sich 
in deren Verhältnis zum Typus der Objektwahl fundamentale, 
wenn auch natürlich nicht regelmäßige, Unterschiede ergeben. Die 
volle Objektliebe nach dem Anlehnungstypus ist eigentlich für 
den Mann charakteristisch. Sie zeigt die auffällige Sexualüber- 
schätzung, welche wohl dem ursprünglichen Narzißmus des Kindes 
entstammt und somit einer Übertragung desselben auf das Sexual- 
objekt entspricht. Diese Sexualüberschätzung gestattet die Ent- 
stehuno" des eigentümlichen, an neurotischen Zwang mahnenden 
Zustandes der Verliebtheit, der sich so auf eine Verarmung des 



172 



Zur Einführung des Narzißmus 



Ichs an Libido zugunsten des Objektes zurückführt. Anders S e- 

rlinsT S1Ch H di \ Entwicklu ^ bei dem häufigste., wahrscheinlfch 
reinsten und echtesten Typus des Weibes. Hier scheint mit der 
Pubertätsentwicklung durch die Ausbildung der bis dahin latenten 

Natu? S r al ° rgane eine **—»* *■ ursprünglichen 

Narzißmus aufzutreten, welche der Gestaltung einer ordentlichen, 
mit Sexualüberschätzung ausgestatteten Objektliebe ungünstig ist 
Es stellt sich besonders im Falle der Entwicklung zur Schönheit 
eine Selbstgenügsamkeit des Weibes her, welche das Weib für 
die ihm sozial verkümmerte Freiheit der Objektwahl entschädigt 
Solche Frauen lieben, streng genommen, nur sich selbst mit 
ähnlicher Intensität, wie der Mann sie liebt. Ihr Bedürfnis geht 
auch nicht dahin zu lieben, sondern geliebt zu werden, und sie 
fessen sich den Mann gefallen, welcher diese Bedingung erfüllt 
Die Bedeutung dieses Frauentypus für das Liebesleben der Menschen 
ist sehr hoch einzuschätzen. Solche Frauen üben den größten 
Reiz auf die Männer aus, nicht nur aus ästhetischen Gründen 
weil sie gewöhnlich die schönsten sind, sondern auch mfoke" 
interessanter psychologischer Konstellationen. Es erscheint nämlich 
deutlich erkennbar, daß der Narzißmus einer Person eine große 
Anziehung auf diejenigen anderen entfaltet, welche sich des vollen 
Ausmaßes ihres eigenen Narzißmus begeben haben und sich in 
der Werbung um die Objektliebe befinden, der Reiz des Kindes 
beruht zum guten Teil auf dessen Narzißmus, seiner Selbstgenügsam- 
keit und Unzugänglichkeit, ebenso der Reiz gewisser Tiere die 
sich um uns nicht zu kümmern scheinen, wie der Katzen' und 
großen Raubtiere, ja selbst der große Verbrecher und der Humorist 
zwingen in der poetischen Darstellung unser Interesse durch die 
narzißtische Konsequenz, mit welcher sie alles ihr Ich Verkleinernde 
von ihm fernzuhalten wissen. Es ist so, als beneideten wir sie 
um die Erhaltung eines seligen psychischen Zustande«, einer 
unang^fWn Libidoposition, die wir selbst seither aufgegeben 
haben. Dem großen Reiz des narzißtischen Weibes fehlt aber die 



Zur Einführung des Narzißmus 173 



Kehrseite nicht; ein guter Teil der Unbefriedigung des verliebten 
Mannes, der Zweifel an der Liebe des Weibes, der Klagen über 
die Rätsel im Wesen desselben hat in dieser Inkongruenz der 
Objektwahltypen seine Wurzel. 

Vielleicht ist es nicht überflüssig, zu versichern, daß mir bei 
dieser Schilderung des weiblichen Liebeslebens jede Tendenz zur 
Herabsetzung des Weibes fernliegt. Abgesehen davon, daß mir 
Tendenzen überhaupt fernliegen, ich weiß auch, daß diese Aus- 
bildungen nach verschiedenen Richtungen der Differenzierung von 
Funktionen in einem höchst komplizierten biologischen Zusammen- 
hang entsprechen 5 ich bin ferner bereit zuzugestehen, daß es 
unbestimmt viele Frauen gibt, die nach dem männlichen Typus 
lieben und auch die dazugehörige Sexualüberschätzung entfalten. 

Auch für die narzißtisch und gegen den Mann kühl gebliebenen 
Frauen gibt es einen Weg, der sie zur vollen Objektliebe führt. 
In dem Kinde, das sie gebären, tritt ihnen ein Teil des eigenen 
Körpers wie ein fremdes Objekt gegenüber, dem sie nun vom 
Narzißmus aus die volle Objektliebe schenken können. Noch 
andere Frauen brauchen nicht auf das Kind zu warten, um den 
Schritt in der Entwicklung vom (sekundären) Narzißmus zur 
Objektliebe zu machen. Sie haben sich selbst vor der Pubertät 
männlich gefühlt und ein Stück weit männlich entwickelt; nachdem 
diese Strebung mit dem Auftreten der weiblichen Reife abgebrochen 
wurde, bleibt ihnen die Fähigkeit, sich nach einem männlichen 
Ideal zu sehnen, welches eigentlich die Fortsetzung des knaben- 
haften Wesens ist, das sie selbst einmal waren. 

Eine kurze Übersicht der Wege zur Objekt wähl mag diese 
andeutenden Bemerkungen beschließen. Man liebt: 

1) Nach dem narzißtischen Typus: 
q) was man selbst ist (sich selbst), 

b) was man selbst war, 

c) was man selbst sein möchte, 

d) die Person, die ein Teil des eigenen Selbst war. 






174 Zur Einführung des Narzißmus 



2) Nach dem Anlehnungstypus ; 

a) die nährende Frau, 

b) den schützenden Mann 

und die in Reihen von ihnen ausgehenden Ersatzpersonen. Der 
Fall c) des ersten Typus kann erst durch später folgende Aus- 
führungen gerechtfertigt werden. 

Die Bedeutung der narzißtischen Objektwahl für die Homo- 
sexualität des Mannes bleibt in anderem Zusammenhange zu 
würdigen. 

Der von uns supponierte primäre Narzißmus des Kindes, der 
eine der Voraussetzungen unserer Libidotheorien enthält, ist 
weniger leicht durch direkte Beobachtung zu erfassen als durch 
Rückschluß von einem anderen Punkte her zu bestätigen. Wenn 
man die Einstellung zärtlicher Eltern gegen ihre Kinder ins 
Auge faßt, muß man sie als Wiederaufleben und Reproduktion 
des eigenen, längst aufgegebenen Narzißmus erkennen. Das gute 
Kennzeichen der Überschätzung, welches wir als narzißtisches 
Stigma schon bei der Objektwahl gewürdigt haben, beherrscht, 
wie allbekannt, diese Gefühlsbeziehung. So besteht ein Zwang, 
dem Kinde alle Vollkommenheiten zuzusprechen, wozu nüchterne' 
Beobachtung keinen Anlaß fände, und alle seine Mängel zu ver- 
decken und zu vergessen, womit ja die Verleugnung der kind- 
lichen Sexualität im Zusammenhange steht. Es besteht aber auch 
die Neigung, alle kulturellen Erwerbungen, deren Anerkennung 
man seinem Narzißmus abgezwungen hat, vor dem Kinde zu 
suspendieren und die Ansprüche auf längst aufgegebene Vorrechte 
bei ihm zu erneuern. Das Kind soll es besser haben als seine 
Eltern, es soll den Notwendigkeiten, die man als im Leben 
herrschend erkannt hat, nicht unterworfen sein. Krankheit, Tod, 
Verzicht auf Genuß, Einschränkung des eigenen Willens sollen 
für das Kind nicht gelten, die Gesetze der Natur wie der Gesell- 
schaft vor ihm haltmachen, es soll wirklich wieder Mittelpunkt 
und Kern der Schöpfung sein. His Majesty the Baby, wie man 






Zur Einführung des Narzißmus 



J-75 









sich einst selbst dünkte. Es soll die unausgeführten Wunsch- 
träume der Eltern erfüllen, ein großer Mann und Held werden 
an Stelle des Vaters, einen Prinzen zum Gemahl bekommen zur 
späten Entschädigung der Mutter. Der heikelste Punkt des narziß- 
tischen Systems, die von der Realität hart bedrängte Unsterblich- 
keit des Ichs, hat ihre Sicherung in der Zuflucht zum Kinde 
gewonnen. Die rührende, im Grunde so kindliche Elternliebe ist 
nichts anderes als der wiedergeborene Narzißmus der Eltern, der 
in seiner Umwandlung zur Objektliebe sein einstiges Wesen 
unverkennbar offenbart. 






III 



Welchen Störungen der ursprüngliche Narzißmus des Kindes 
ausgesetzt ist, und mit welchen Reaktionen er sich derselben 
erwehrt, auch auf welche Bahnen er dabei gedrängt wird, das 
möchte ich als einen wichtigen Arbeitsstoff, welcher noch der 
Erledigung harrt, beiseite stellen; das bedeutsamste Stück desselben 
kann man als „Kastrationskomplex" (Penisangst beim Knaben, 
Penisneid beim Mädchen) herausheben und im Zusammenhange 
mit dem Einfluß der frühzeitigen Sexualeinschüchterung behandeln. 
Die psychoanalytische Untersuchung, welche uns sonst die Schick- 
sale der libidinösen Triebe verfolgen läßt, wenn diese, von den 
Ichtrieben isoliert, sich in Opposition zu denselben befinden, 
gestattet uns auf diesem Gebiete Rückschlüsse auf eine Epoche 
und eine psychische Situation, in welcher beiderlei Triebe noch 
einhellig wirksam in untrennbarer Vermengung als narzißtische 
Interessen auftreten. A. Adler hat aus diesem Zusammenhange 
seinen „männlichen Protest" geschöpft, den er zur fast alleinigen 
Triebkraft der Charakter- wie der Neurosenbildung erhebt, während 
er ihn nicht auf eine narzißtische, also immer noch libidinöse 
Strebung, sondern auf eine soziale Wertung begründet. Vom 
Standpunkte der psychoanalytischen Forschung ist Existenz und 
Bedeutung des „männlichen Protestes" von allem Anfang an 
anerkannt, seine narzißtische Natur und Herkunft aus dem 
Kastrationskomplex aber gegen Adler vertreten worden. Er 
gehört der Charakterbildung an, in deren Genese er nebst vielen 
anderen Faktoren eingeht, und ist zur Aufklärung der Neurosen- 



Zur Einführung des Narzißmus 177 



probleme, an denen Adler nichts beachten will als die Art, wie 
sie dem Ichinteresse dienen, völlig ungeeignet. Ich finde es ganz 
unmöglich, die Genese der Neurose auf die schmale Basis des 
Kastrationskomplexes zu stellen, so mächtig dieser auch bei 
Männern unter den Widerständen gegen die Heilung der Neurose 
hervortreten mag. Ich kenne endlich auch Fälle von Neurosen, 
in denen der „männliche Protest" oder in unserem Sinne der 
Kastrationskomplex keine pathogene Rolle spielt oder überhaupt 
nicht vorkommt. 

Die Beobachtung des normalen Erwachsenen zeigt dessen ein- 
stigen Größenwahn gedämpft und die psychischen Charaktere, 
aus denen wir seinen infantilen Narzißmus erschlossen haben, ver- 
wischt. Was ist aus seiner Ichlibido geworden? Sollen wir an- 
nehmen, daß ihr ganzer Betrag in Objektbesetzungen aufgegangen 
ist? Diese Möglichkeit wiederspricht offenbar dem ganzen Zuge 
unserer Erörterungen ; wir können aber auch aus der Psychologie 
der Verdrängung einen Hinweis auf eine andere Beantwortung 

der Frage entnehmen. 

Wir haben gelernt, daß libidinöse Triebregungen dem Schicksal 
der pathogenen Verdrängung unterliegen, wenn sie in Konflikt 
mit den kulturellen und ethischen Vorstellungen des Individuums 
geraten. Unter dieser Bedingung wird niemals verstanden, daß 
die Person von der Existenz dieser Vorstellungen eine bloß 
intellektuelle Kenntnis habe, sondern stets, daß sie dieselben als 
maßgebend für sich anerkenne, sich den aus ihnen hervorgehenden 
Anforderungen unterwerfe. Die Verdrängung, haben wir gesagt, 
geht vom Ich aus; wir könnten präzisieren : von der Selbstachtung 
des Ichs. Dieselben Eindrücke, Erlebnisse, Impulse, Wunsch- 
regungen, welche der eine Mensch in sich gewähren läßt oder 
wenigstens bewußt verarbeitet, werden vom anderen in voller 
Empörung zurückgewiesen oder bereits vor ihrem Bewußtwerden 
erstickt. Der Unterschied der beiden aber, welcher die Bedingung 
der Verdrängung enthält, läßt sich leicht in Ausdrücke fassen, 

Freud, VI. 12 



178 



Zur Einführung des Narzißmus 



•f 



welche eine Bewältigung durch die Libidotheorie ermöglichen. 
Wir können sagen, der eine habe ein Ideal in sich aufgerichtet, 
an welchem er sein aktuelles Ich mißt, während dem anderen 
eine solche Idealbildung abgehe. Die Idealbildung wäre von sehen 
des Ichs die Bedingung der Verdrängung. 

Diesem Idealich gilt nun die Selbstliebe, welche in der Kindheit 
das wirkliche Ich genoß. Der Narzißmus erscheint auf dieses neue 
ideale Ich verschoben, welches sich wie das infantile im Besitz 
aller wertvollen Vollkommenheiten befindet. Der Mensch hat sich 
hier, wie jedesmal auf dem Gebiete der Libido, unfähig erwiesen, 
auf die einmal genossene Befriedigung zu verzichten. Er will die 
narzißtische Vollkommenheit seiner Kindheit nicht entbehren, und 
wenn er diese nicht festhalten konnte, durch die Mahnungen 
während seiner Entwicklungszeit gestört und in seinem Urteil 
geweckt, sucht er sie in der neuen Form des Ichideals wieder zu 
gewinnen. Was er als sein Ideal vor sich hin projiziert, ist 
der Ersatz für den verlorenen Narzißmus seiner Kindheit, in der 
er sein eigenes Ideal war. 

Es liegt nahe, die Beziehungen dieser Idealbildung zur Subli- 
mierung zu untersuchen. Die Sublimierung ist ein Prozeß an der 
Objektlibido und besteht darin, daß sich der Trieb auf ein anderes, 
von der sexuellen Befriedigung entferntes Ziel wirft; der Akzent 
ruht dabei auf der Ablenkung vom Sexuellen. Die Idealisierung 
ist ein Vorgang mit dem Objekt, durch welchen dieses ohne 
Änderung seiner Natur vergrößert und psychisch erhöht wird. Die 
Idealisierung ist sowohl auf dem Gebiete der Ichlibido wie auch 
der Objektlibido möglich. So ist zum Beispiel die Sexualüber- 
schätzung des Objektes eine Idealisierung desselben. Insofern also 
Sublimierung etwas beschreibt, was mit dem Trieb, Idealisierung 
etwas, was am Objekt vorgeht, sind die beiden begrifflich aus- 
einanderzuhalten. 

Die Ichidealbildung wird oft zum Schaden des Verständnisses 
mit der Triebsublimierung verwechselt. Wer seinen Narzißmus 






Zur Einführung des Narzißmus 17g 

gegen die Verehrung eines hohen Ichideals eingetauscht hat, dem 
braucht darum die Sublimierung seiner libidinösen Triebe nicht 
gelungen zu sein. Das Ichideal fordert zwar solche Sublimierung, 
aber es kann sie nicht erzwingen; die Sublimierung bleibt ein 
besonderer Prozeß, dessen Einleitung vom Ideal angeregt werden 
mag, dessen Durchführung durchaus unabhängig von solcher 
Anregung bleibt. Man findet gerade bei den Neurotikern die 
höchsten Spannungsdifferenzen zwischen der Ausbildung des Ich- 
ideals und dem Maß von Sublimierung ihrer primitiven libidi- 
nösen Triebe, und es fällt im allgemeinen viel schwerer, den 
Idealisten von dem unzweckmäßigen Verbleib seiner Libido zu 
überzeugen, als den simplen, in seinen Ansprüchen genügsam 
gebliebenen Menschen. Das Verhältnis von Idealbildung und 
Sublimierung zur Verursachung der Neurose ist auch ein ganz 
verschiedenes. Die Idealbildung steigert, wie wir gehört haben, 
die Anforderungen des Ichs und ist die stärkste Begünstigung 
der Verdrängung; die Sublimierung stellt den Ausweg dar, wie 
die Anforderung erfüllt werden kann, ohne die Verdrängung 
herbeizuführen. 

Es wäre nicht zu verwundern, wenn wir eine besondere psychische 
Instanz auffinden sollten, welche die Aufgabe erfüllt, über die 
Sicherung der narzißtischen Befriedigung aus dem Ichideal zu 
wachen, und in dieser Absicht das aktuelle Ich unausgesetzt 
beobachtet und am Ideal mißt. Wenn eine solche Instanz existiert, 
so kann es uns unmöglich zustoßen, sie zu entdecken; wir können 
sie nur als solche agnoszieren und dürfen uns sagen, daß das, 
was wir unser Gewissen heißen, diese Charakteristik erfüllt. Die 
Anerkennung dieser Instanz ermöglicht uns das Verständnis des 
sogenannten Beachtungs- oder richtiger Beobachtun gswahnes, 
welcher in der Symptomatologie der paranoiden Erkrankungen so 
deutlich hervortritt, vielleicht auch als isolierte Erkrankung oder 
in eine Übertragungsneurose eingesprengt vorkommen kann. Die 
Kranken klagen dann darüber, daß man alle ihre Gedanken 

12* 



Jr- 



l8 ° Z«r Einführung des Narzißmus 



kennt, ihre Handlungen beobachtet und beaufsichtigt; sie werden 
von dem Walten dieser Instanz durch Stimmen informiert, welche 
charakteristischerweise in der dritten Person zu ihnen sprechen. 
(„Jetzt denkt sie wieder daran $ jetzt geht er fort.") Diese Klage 
hat recht, sie beschreibt die Wahrheit; eine solche Macht, die alle 
unsere Absichten beobachtet, erfährt und kritisiert, besteht wirklich, 
und zwar bei uns allen im normalen Leben. Der Beobach- 
tungswahn stellt sie in regressiver Form dar, enthüllt dabei 
ihre Genese und den Grund, weshalb sich der Erkrankte gegen 
sie auflehnt. 

Die Anregung zur Bildung des Ichideals, als dessen Wächter 
das Gewissen bestellt ist, war nämlich von dem durch die 
Stimme vermittelten kritischen Einfluß der Eltern ausgegangen, 
an welche sich im Laufe der Zeiten die Erzieher, Lehrer und 
als unübersehbarer, unbestimmbarer Schwärm alle anderen Per- 
sonen des Milieus angeschlossen hatten. (Die Mitmenschen, die 
öffentliche Meinung.) 

Große Beträge von wesentlich homosexueller Libido wurden 
so zur Bildung des narzißtischen Ichideals herangezogen und 
finden in der Erhaltung desselben Ableitung und Befriedigung. 
Die Institution des Gewissens war im Grunde eine Verkörperung 
zunächst der elterlichen Kritik, in weiterer Folge der Kritik der 
Gesellschaft, ein Vorgang, wie er sich bei der Entstehung einer 
Verdrängungsneigung aus einem zuerst äußerlichen Verbot oder 
Hindernis wiederholt. Die Stimmen sowie die unbestimmt gelassene 
Menge werden nun von der Krankheit zum Vorschein gebracht, 
damit die Entwicklungsgeschichte des Gewissens regressiv repro- 
duziert. Das Sträuben gegen diese zensorische Instanz rührt 
aber daher, daß die Person, dem Grundcharakter der Krankheit 
entsprechend, sich von all diesen Einflüssen, vom elterlichen ange- 
fangen, ablösen will, die homosexuelle Libido von ihnen zurück- 
zieht. Ihr Gewissen tritt ihr dann in regressiver Darstellung als. 
Einwirkung von außen feindselig entgegen. 



Zur Einführung des Narzißmus 181 



Die Klage der Paranoia zeigt auch, daß die Selbstkritik des 
Gewissens im Grunde mit der Selbstbeobachtung, auf die sie 
gebaut ist, zusammenfällt. Dieselbe psychische Tätigkeit, welche 
die Funktion des Gewissens übernommen hat, hat sich also auch 
in den Dienst der Innenforschung gestellt, welche der Philosophie 
das Material für ihre Gedankenoperationen liefert. Das mag für 
den Antrieb zur spekulativen Systembildung, welcher die Paranoia 
auszeichnet, nicht gleichgültig sein. 1 

Es wird uns gewiß bedeutsam sein, wenn wir die Anzeichen 
von der Tätigkeit dieser kritisch beobachtenden — zum Gewissen 
und zur philosophischen Introspektion gesteigerten — Instanz 
noch auf anderen Gebieten zu erkennen vermögen. Ich ziehe hier 
heran, was H. Silber er als das „funktionelle Phänomen" 
beschrieben hat, eine der wenigen Ergänzungen zur Traumlehre, 
deren Wert unbestreitbar ist. Silberer hat bekanntlich gezeigt, 
daß man in Zuständen zwischen Schlafen und Wachen die Um- 
setzung von Gedanken in visuelle Bilder direkt beobachten kann, 
daß aber unter solchen Verhältnissen häufig nicht eine Darstellung 
des Gedankeninhalts auftritt, sondern des Zustandes (von Bereit- 
willigkeit, Ermüdung usw.), in welchem sich die mit dem Schlaf 
kämpfende Person befindet. Ebenso hat er gezeigt, daß manche 
Schlüsse von Träumen und Absätze innerhalb des Trauminhaltes 
nichts anderes bedeuten als die Selbstwahrnehmung des Schlafens 
und Erwachens. Er hat also den Anteil der Selbstbeobachtung 
— im Sinne des paranoischen Beobachtungswahnes — an der 
Traumbildung nachgewiesen. Dieser Anteil ist ein inkonstanter; 
ich habe ihn wahrscheinlich darum übersehen, weil er in meinen 
eigenen Träumen keine große Rolle spielt; bei philosophisch 
begabten, an Introspektion gewöhnten Personen mag er sehr 
deutlich werden. 



1) Nur als Vermutung füge ich an, daß die Ausbildung und Erstarkung dieser 
beobachtenden Instanz auch die späte Entstehung des (subjektiven) Gedächtnisses und 
des für unbewußte Vorgänge nicht geltenden Zeitmoments in sich fassen könnte. 



182 Zur Einführimg des Narzißmus 



Wir erinnern uns, daß wir gefunden haben, die Traumbildung 
entstehe unter der Herrschaft einer Zensur, welche die Traum- 
gedanken zur Entstellung nötigt. Unter dieser Zensur stellten wir 
uns aber keine besondere Macht vor, sondern wählten diesen 
Ausdruck für die den Traumgedanken zugewandte Seite der das 
Ich beherrschenden, verdrängenden Tendenzen. Gehen wir in die 
Struktur des Ichs weiter ein, so dürfen wir im Ichideal und den 
dynamischen Äußerungen des Gewissens auch den Traum- 
.zensor erkennen. Merkt dieser Zensor ein wenig auch während 
des Schlafes auf, so werden wir verstehen, daß die Voraus- 
setzung seiner Tätigkeit, die Selbstbeobachtung und Selbstkritik, 
mit Inhalten, wie: jetzt ist er zu schläfrig, um zu denken — 
jetzt wacht er auf, einen Beitrag zum Trauminhalt leistet. 1 

Von hier aus dürfen wir die Diskussion des Selbstgefühls 
beim Normalen und beim Neurotischen versuchen. 

Das Selbstgefühl erscheint uns zunächst als Ausdruck der 
Ichgröße, deren Zusammengesetztheit nicht weiter in Betracht 
kommt. Alles, was man besitzt oder erreicht hat, jeder durch 
die Erfahrung bestätigte Rest des primitiven Allmachtgefühls 
hilft das Selbstgefühl steigern. 

Wenn wir unsere Unterscheidung von Sexual- und Ichtrieben 
einführen, müssen wir dem Selbstgefühl eine besonders innige 
Abhängigkeit von der narzißtischen Libido zuerkennen. Wir 
lehnen uns dabei an die zwei Grundtatsachen an, daß bei den 
Paraphrenien das Selbstgefühl gesteigert, bei den Übertragungs- 
neurosen herabgesetzt ist, und daß im Liebesleben das Nicht- 
geliebtwerden das Selbstgefühl erniedrigt, das Geliebtwerden 
dasselbe erhöht. Wir haben angegeben, daß Geliebtwerden 
das Ziel und die Befriedigung bei narzißtischer Objektwahl 
darstellt. 



l) Ob die Sonderung dieser zensorischen Instanz vom anderen Ich imstande ist, 
die philosophische Scheidung eines Bewußtseins von einem Selbstbewußtsein psycho- 
logisch zu fundieren, kann ich hier nicht entscheiden. 









Zur Einführung des Narzißmus 183 

Es ist ferner leicht zu beobachten, daß die Libidobesetzung 
der Objekte das Selbstgefühl nicht erhöht. Die Abhängigkeit 
vom geliebten Objekt wirkt herabsetzend; wer verliebt ist, ist 
demütig. Wer liebt, hat sozusagen ein Stück seines Narzißmus 
eingebüßt und kann es erst durch das Geliebtwerden ersetzt 
erhalten. In all diesen Beziehungen scheint das Selbstgefühl 
in Relation mit dem narzißtischen Anteil am Liebesleben zu 

bleiben. 

Die Wahrnehmung der Impotenz, des eigenen Unvermögens 
zu lieben, infolge seelischer oder körperlicher Störungen, wirkt 
im hohen Grade herabsetzend auf das Selbstgefühl ein. Hier ist 
nach meinem Ermessen eine der Quellen für die so bereitwillig 
kundgegebenen Minderwertigkeitsgefühle der Übertragungs- 
neurotiker zu suchen. Die Hauptquelle dieser Gefühle ist aber 
die Ichverarmung, welche sich aus den außerordentlich großen, 
dem Ich entzogenen Libidobesetzungen ergibt, also die Schädigung 
des Ichs durch die der Kontrolle nicht mehr unterworfenen 
Sexualstrebungen. 

A. Adler hat mit Recht geltend gemacht, daß die Wahr- 
nehmung eigener Organminderwertigkeiten anspornend auf ein 
leistungsfähiges Seelenleben wirkt und auf dem Wege der Über- 
kompensation eine Mehrleistung hervorruft. Es wäre aber eine 
volle Übertreibung, wenn man jede gute Leistung nach seinem 
Vorgang auf diese Bedingung der ursprünglichen Organminder- 
wertigkeit zurückführen wollte. Nicht alle Maler sind mit Augen- 
fehlern behaftet, nicht alle Redner ursprünglich Stotterer gewesen. 
Es gibt auch reichlich vortreffliche Leistung auf Grund vorzüg- 
licher Organbegabung. Für die Ätiologie der Neurose spielt 
organische Minderwertigkeit und Verkümmerung eine gering- 
fügige Rolle, etwa die nämliche, wie das aktuelle Wahrnehmungs- 
material für die Traumbildung. Die Neurose bedient sich desselben 
als Vorwand wie aller anderen tauglichen Momente. Hat man 
eben einer neurotischen Patientin den Glauben geschenkt, daß 



184 



Zur Einführung des Narzißmus 



sie krank werden mußte, weil sie unschön, mißgebildet, reizlos 
sei, so daß niemand sie lieben könne, so wird man durch die 
nächste Neurotika eines Besseren belehrt, die in Neurose und 
Sexualablehnung verharrt, obwohl sie über das Durchschnittsmaß 
begehrenswert erscheint und begehrt wird. Die hysterischen 
Frauen gehören in ihrer Mehrzahl zu den anziehenden und selbst 
schönen Vertreterinnen ihres Geschlechts, und anderseits leistet 
die Häufung von Häßlichkeiten, Organverkümmerungen und 
Gebrechen bei den niederen Ständen unserer Gesellschaft 
nichts für die Frequenz neurotischer Erkrankungen in ihrer 
Mitte. 

Die Beziehungen des Selbstgefühls zur Erotik (zu den 
hbidinösen Objektbesetzungen) lassen sich formelhaft in folgender 
Weise darstellen: Man hat die beiden Fälle zu unterscheiden, ob 
die Liebesbesetzungen ichgerecht sind oder im Gegenteil eine 
Verdrängung erfahren haben. Im ersteren Falle (bei ichgerechter 
Verwendung der Libido) wird das Lieben wie jede andere 
Betätigung des Ichs gewertet. Das Lieben an sich, als Sehnen, 
Entbehren, setzt das Selbstgefühl herab, das Geliebtwerden, Gegen- 
liebe finden, Besitzen des geliebten Objekts hebt es wieder. Bei 
verdrängter Libido wird die Liebesbesetzung als arge Verringerung 
des Ichs empfunden, Liebesbefriedigung ist unmöglich, die Wieder- 
bereicherung des Ichs wird nur durch die Zurückziehung der 
Libido von den Objekten möglich. Die Rückkehr der Objekt- 
hbido zum Ich, deren Verwandlung in Narzißmus, stellt gleichsam 
wieder eine glückliche Liebe dar, und anderseits entspricht 
auch eine reale glückliche Liebe dem Urzustand, in welchem 
Objekt- und Ichlibido voneinander nicht zu unterscheiden sind. 
Die Wichtigkeit und Unübersichtlichkeit des Gegenstandes 
möge nun die Anfügung von einigen anderen Sätzen in loserer 
Anordnung rechtfertigen : 

Die Entwicklung des Ichs besteht in einer Entfernung vom 
primären Narzißmus und erzeugt ein intensives Streben, diesen 



Zur Einführung des Narzißmus 185 



wieder zu gewinnen. Diese Entfernung geschieht vermittels der 
Libidoverschiebung auf ein von außen aufgenötigtes Ichideal die 
Befriedigung durch die Erfüllung dieses Ideals. 

Gleichzeitig hat das Ich die libidinösen Objektbesetzungen 
ausgeschickt. Es ist zugunsten dieser Besetzungen wie des Ich- 
ideals verarmt und bereichert sich wieder durch die Objekt- 
befriedigungen wie durch die Idealerfüllung. 

Ein Anteil des Selbstgefühls ist primär, der Rest des kindlichen 
Narzißmus, ein anderer Teil stammt aus der durch Erfahrung 
bestätigten Allmacht (der Erfüllung des Ichideals), ein dritter aus 
der Befriedigung der Objektlibido. 

Das Ichideal hat die Libidobefriedigung an den Objekten unter 
schwierige Bedingungen gebracht, indem es einen Teil derselben 
durch seinen Zensor als unverträglich abweisen läßt. Wo sich 
ein solches Ideal nicht entwickelt hat, da tritt die betreffende 
sexuelle Strebung unverändert als Perversion in die Persönlichkeit 
ein. Wiederum ihr eigenes Ideal sein, auch in betreff der Sexual- 
strebungen, wie in der Kindheit, das wollen die Menschen als 
ihr Glück erreichen. 

Die Verliebtheit besteht in einem Überströmen der Ichlibido 
auf das Objekt. Sie hat die Kraft, Verdrängungen aufzuheben und 
Perversionen wieder herzustellen. Sie erhebt das Sexualobjekt 
zum Sexualideal. Da sie bei dem Objekt- oder Anlehnungstypus 
auf Grund der Erfüllung infantiler Liebesbedingungen erfolgt, 
kann man sagen: Was diese Liebesbedingung erfüllt, wird 
idealisiert. 

Das Sexualideal kann in eine interessante Hilfsbeziehung zum 
Ichideal treten. Wo die narzißtische Befriedigung auf reale Hinder- 
nisse stößt, kann das Sexualideal zur Ersatzbefriedigung verwendet 
werden. Man liebt dann nach dem Typus der narzißtischen 
Objektwahl das, was man war und eingebüßt hat, oder was die 
Vorzüge besitzt, die man überhaupt nicht hat (vergleiche oben 
unter c). Die der obigen parallele Formel lautet: Was den dem 



i86 



Zur Einführung des Narzißmus 



Ich zum Ideal fehlenden Vorzug besitzt, wird geliebt. Dieser Fall 
der Aushilfe hat eine besondere Bedeutung für den Neurotiker, 
der durch seine übermäßigen Objektbesetzungen im Ich verarmt 
und außerstande ist, sein Ichideal zu erfüllen. Er sucht dann 
von seiner Libidoverschwendung an die Objekte den Rückweg 
zum Narzißmus, indem er sich ein Sexualideal nach dem 
narzißtischen Typus wählt, welches die von ihm nicht zu 
erreichenden Vorzüge besitzt. Dies ist die Heilung durch Liebe, 
welche er in der Regel der analytischen vorzieht. Ja, er kann 
an einen anderen Mechanismus der Heilung nicht glauben, 
bringt meist die Erwartung desselben in die Kur mit und richtet 
sie auf die Person des ihn behandelnden Arztes. Diesem Heilungs- 
plan steht natürlich die Liebesunfähigkeit des Kranken infolge 
seiner ausgedehnten Verdrängungen im Wege. Hat man dieser 
durch die Behandlung bis zu einem gewissen Grade abgeholfen, 
so erlebt man häufig den unbeabsichtigten Erfolg, daß der 
Kranke sich nun der weiteren Behandlung entzieht, um eine 
Liebeswahl zu treffen und die weitere Herstellung dem Zusammen- 
leben mit der geliebten Person zu überlassen. Man könnte mit 
diesem Ausgang zufrieden sein, wenn er nicht alle Gefahren 
der drückenden Abhängigkeit von diesem Nothelfer mit sich 
brächte. 

Vom Ichideal aus führt ein bedeutsamer Weg zum Verständnis 
der Massenpsychologie. Dies Ideal hat außer seinem individuellen 
einen sozialen Anteil, es ist auch das gemeinsame Ideal einer 
Familie, eines Standes, einer Nation. Es hat außer der narzißtischen 
Libido einen großen Betrag der homosexuellen Libido einer Person 
gebunden, welcher auf diesem Wege ins Ich zurückgekehrt ist. 
Die Unbefriedigung durch Nichterfüllung dieses Ideals macht 
homosexuelle Libido frei, welche sich in Schuldbewußtsein (soziale 
Angst) verwandelt. Das Schuldbewußtsein war ursprünglich Angst 
vor der Strafe der Eltern, richtiger gesagt: vor dem Liebesverlust 
bei ihnen; an Stelle der Eltern ist später die unbestimmte Menge 



Zur Einführung des Narzißmus 187 



der Genossen getreten. Die häufige Verursachung der Paranoia 
durch Kränkung des Ichs, Versagung der Befriedigung im Bereiche 
des Ichideals, wird so verständlicher, auch das Zusammentreffen 
von Idealbildung und Sublimierung im Ichideal, die Rückbildung 
der Sublimierungen und eventuelle Umbildung der Ideale bei den 
paraphrenischen Erkrankungen. 



JENSEITS DES LUSTPRINZIPS 



„Jenseits des Lustprinzips" erschien IJ20 im Internationalen Psycho- 
analytischen Verlag, Leipzig, Wien, Zürich; 2. Auflage (2.-4. Tausend) 1921, 
;. Auflage ().-o. Auflage) 1924. 

Es erschienen autorisierte Übersetzungen: 

in englischer Sprache (übersetzt von C.J.M, Hubback) London I<)22; 

in holländischer Sprache {Arie Querido) unter dem Titel „Het 
Levensmysterie en de Psycho- Analyse , Amsterdam 1022; 

in spanischer Sprache (Luis Lopez- Ballesteros y de Torres) im IL Band 
der „Obras Completas" ', Madrid I')22, und 

in ungarischer Sprache (Vilma Kovdcs) unter dem Titel „A haldl- 
ösztön es az eletbsztbnöh , Budapest I')2}. 



In der psychoanalytischen Theorie nehmen wir unbedenklich I 
an, daß der Ablauf der seelischen Vorgänge automatisch durch 
das Lustprinzip 'reguliert wird, das heißt, wir glauben, daß er 
jedesmal durch eine unlustvolle Spannung angeregt wird und 
dann eine solche Richtung einschlägt, daß sein Endergebnis mit 
einer Herabsetzung dieser Spannung, also mit einer Vermeidung 
von Unlust oder Erzeugung von Lust zusammenfällt. Wenn wir 
die von uns studierten seelischen Prozesse mit Rücksicht auf 
diesen Ablauf betrachten, führen wir den ökonomischen Gesichts- 
punkt in unsere Arbeit ein. Wir meinen, eine Darstellung, die 
neben dem topischen und dem dynamischen Moment noch dies 
ökonomische zu würdigen versuche, sei die vollständigste, die 
wir uns derzeit vorstellen können, und verdiene es, durch den 
Namen einer metapsychologischen hervorgehoben zu werden. 

Es hat dabei für uns kein Interesse, zu untersuchen, inwieweit 
wir uns mit der Aufstellung des Lustprinzips einem bestimmten, 
historisch festgelegten, philosophischen System angenähert oder 
angeschlossen haben. Wir gelangen zu solchen spekulativen An- 
nahmen bei dem Bemühen, von den Tatsachen der täglichen 
Beobachtung auf unserem Gebiete Beschreibung und Rechenschaft 
zu geben. Priorität und Originalität gehören nicht zu den Zielen, 
die der psychoanalytischen Arbeit gesetzt sind, und die Eindrücke, 
welche der Aufstellung dieses Prinzips zugrunde liegen, sind so 
augenfällig, daß es kaum möglich ist, sie zu übersehen. Dagegen 
würden wir uns gerne zur Dankbarkeit gegen eine philosophische 



n ' 






ig2 Jenseits des Lustprinzips 

oder psychologische Theorie bekennen, die uns zu sagen wüßte, 
was die Bedeutungen der für uns so imperativen Lust- und 
Unlustempfindungen sind. Leider wird uns hier nichts Brauch- 
bares geboten. Es ist das dunkelste und unzugänglichste Gebiet 
des Seelenlebens, und wenn wir unmöglich vermeiden können, 
es zu berühren, so wird die lockerste Annahme darüber, meine 
ich, die beste sein. Wir haben uns entschlossen, Lust und Unlust 
mit der Quantität der im Seelenleben vorhandenen — und nicht 
irgendwie gebundenen — Erregung in Beziehung zu bringen, 
solcher Art, daß Unlust einer Steigerung, Lust einer Verringerung 
dieser Quantität entspricht. Wir denken dabei nicht an ein ein- 
faches Verhältnis zwischen der Stärke der Empfindungen und den 
Veränderungen, auf die sie bezogen werden; am wenigsten — 
nach allen Erfahrungen der Psychophysiologie — an direkte Pro- 
portionalität; wahrscheinlich ist das Maß der Verringerung oder 
Vermehrung in der Zeit das für die Empfindung entscheidende 
Moment. Das Experiment fände hier möglicherweise Zutritt, für 
uns Analytiker ist weiteres Eingehen in diese Probleme nicht 
geraten, solange nicht ganz bestimmte Beobachtungen uns leiten 
können. 

Es kann uns aber nicht gleichgültig lassen, wenn wir finden, 
daß ein so tiefblickender Forscher wie G. Th. Fechner eine 
Auffassung von Lust und Unlust vertreten hat, welche im wesent- 
lichen mit der zusammenfällt, die uns von der psychoanalytischen 
Arbeit aufgedrängt wird. Die Äußerung Fechners ist in seiner 
kleinen Schrift: Einige Ideen zur Schöpfungs- und Entwicklungs- 
geschichte der Organismen, 1873 (Abschnitt XI, Zusatz, p. 94), 
enthalten und lautet wie folgt: „Insofern bewußte Antriebe 
immer mit Lust oder Unlust in Beziehung stehen, kann auch 
Lust oder Unlust mit Stabilitäts- und Instabilitätsverhältnissen in 
psychophysischer Beziehung gedacht werden, und es läßt sich 
hierauf die anderwärts von mir näher zu entwickelnde Hypothese 
begründen, daß jede die Schwelle des Bewußtseins übersteigende 



Jenseits des Lustprinzips jqs 

psychophysische Bewegung nach Maßgabe mit Lust behaftet sei, 
als sie sich der vollen Stabilität über eine gewisse Grenze hinaus 
nähert, mit Unlust nach Maßgabe, als sie über eine gewisse 
Grenze davon abweicht, indes zwischen beiden, als qualitative 
Schwelle der Lust und Unlust zu bezeichnenden Grenzen eine 
gewisse Breite ästhetischer Indifferenz besteht ..." 

Die Tatsachen, die uns veranlaßt haben, an die Herrschaft des 
Lustprinzips im Seelenleben zu glauben, finden auch ihren Aus- 
druck in der Annahme, daß es ein Bestreben des seelischen 
Apparates sei, die in ihm vorhandene Quantität von Erregung 
möglichst niedrig oder wenigstens konstant zu erhalten. Es ist 
dasselbe, nur in andere Fassung gebracht, denn wenn die Arbeit 
des seelischen Apparates dahin geht, die Erregungsquantität 
niedrig zu halten, so muß alles, was dieselbe zu steigern geeignet 
ist, als funktionswidrig, das heißt als unlustvoll empfunden 
werden. Das Lustprinzip leitet sich aus dem Konstanzprinzip ab; 
in Wirklichkeit wurde das Konstanzprinzip aus den Tatsachen 
erschlossen, die uns die Annahme des Lustprinzips aufnötigten. 
Bei eingehenderer Diskussion werden wir auch finden, daß dies 
von uns angenommene Bestreben des seelischen Apparates sich 
als spezieller Fall dem Fe chn ersehen Prinzip der Tendenz 
zur Stabilität unterordnet, zu dem er die Lust-Unlust- 
empfindungen in Beziehung gebracht hat. 

Dann müssen wir aber sagen, es sei eigentlich unrichtig, von 
einer Herrschaft des Lustprinzips über den Ablauf der seelischen 
Prozesse zu reden. Wenn eine solche bestände, müßte die über- 
große Mehrheit unserer Seelenvorgänge von Lust begleitet sein 
oder zur Lust führen, während doch die allgemeinste Erfahrung 
dieser Folgerung energisch widerspricht. Es kann also nur so 
sein, daß eine starke Tendenz zum Lustprinzip in der Seele 
besteht, der sich aber gewisse andere Kräfte oder Verhältnisse 
widersetzen, so daß der Endausgang nicht immer der Lusttendenz 
entsprechen kann. Vergleiche die Bemerkung Fechners bei 

Freud, VI. ,- 



ig4 Jenseits des Lustprinzips 

ähnlichem Anlasse (ebenda, p. go): „Damit aber, daß die Tendenz 
zum Ziele noch nicht die Erreichung des Zieles bedeutet und 
das Ziel überhaupt nur in Approximationen erreichbar ist . . ." 
Wenn wir uns nun der Frage zuwenden, welche Umstände die 
Durchsetzung des Lustprinzips zu vereiteln vermögen, dann 
betreten wir wieder sicheren und bekannten Boden und können 
unsere analytischen Erfahrungen in reichem Ausmaße zur Beant- 
wortung heranziehen. 

Der erste Fall einer solchen Hemmung des Lustprinzips ist 
uns als ein gesetzmäßiger vertraut. Wir wissen, daß das Lust- 
prinzip einer primären Arbeitsweise des seelischen Apparates eignet, 
und daß es für die Selbstbehauptung des Organismus unter den 
Schwierigkeiten der Außenwelt so recht von Anfang an unbrauchbar, 
ja in hohem Grade gefährlich ist. Unter dem Einflüsse der Selbst- 
erhaltungstriebe des Ichs wird es vom Bealitätsprinzip 
abgelöst, welches, ohne die Absicht endlicher Lustgewinnung auf- 
zugeben, doch den Aufschub der Befriedigung, den Verzicht auf 
mancherlei Möglichkeiten einer solchen und die zeitweilige 
Duldung der Unlust auf dem langen Umwege zur Lust fordert 
und durchsetzt. Das Lustprinzip bleibt dann noch lange Zeit die 
Arbeitsweise der schwerer „erziehbaren" Sexualtriebe, und es 
kommt immer wieder vor, daß es, sei es von diesen letzteren aus, 
sei es im Ich selbst, das Realitätsprinzip zum Schaden des ganzen 
Organismus überwältigt. 

Es ist indes unzweifelhaft, daß die Ablösung des Lustprinzips 
durch das Realitätsprinzip nur für einen geringen und nicht für 
den intensivsten Teil der Unlusterfahrungen verantwortlich 
gemacht werden kann. Eine andere, nicht weniger gesetzmäßige 
Quelle der Unlustentbindung ergibt sich aus den Konflikten und 
Spaltungen im seelischen Apparat, während das Ich seine Ent- 
wicklung zu höher zusammengesetzten Organisationen durchmacht. 
Fast alle Energie, die den Apparat erfüllt, stammt aus den mit- 
gebrachten Triebregungen, aber diese werden nicht alle zu den 



Jenseits des Lustprinzips !qä 

gleichen Entwicklungsphasen zugelassen. Unterwegs geschieht es 
immer wieder, daß einzelne Triebe oder Triebanteile sich in ihren 
Zielen oder Ansprüchen als unverträglich mit den übrigen er- 
weisen, die sich zu der umfassenden Einheit des Ichs zusammen- 
schließen können. Sie werden dann von dieser Einheit durch 
den Prozeß der Verdrängung abgespalten, auf niedrigeren Stufen 
der psychischen Entwicklung zurückgehalten und zunächst von 
der Möglichkeit einer Befriedigung abgeschnitten. Gelingt es 
ihnen dann, was bei den verdrängten Sexualtrieben so leicht 
geschieht, sich auf Umwegen zu einer direkten oder Ersatz- 
befriedigung durchzuringen, so wird dieser Erfolg, der sonst 
eine Lustmöglichkeit gewesen wäre, vom Ich als Unlust empfunden. 
Infolge des alten, in die Verdrängung auslaufenden Konfliktes hat 
das Lustprinzip einen neuerlichen Durchbruch erfahren, gerade 
während gewisse Triebe am Werke waren, in Befolgung des 
Prinzips neue Lust zu gewinnen. Die Einzelheiten des Vor- 
ganges, durch welchen die Verdrängung eine Lustmöglichkeit 
in eine Unlustquelle verwandelt, sind noch nicht gut verstanden 
oder nicht klar darstellbar, aber sicherlich ist alle neurotische 
Unlust von solcher Art, ist Lust, die nicht als solche empfunden 
werden kann. 1 

Die beiden hier angezeigten Quellen der Unlust decken noch 
lange nicht die Mehrzahl unserer Unlusterlebnisse, aber vom 
Rest wird man mit einem Anschein von gutem Recht behaupten, 
daß sein Vorhandensein der Herrschaft des Lustprinzips nicht 
widerspricht. Die meiste Unlust, die wir verspüren, ist ja Wahr- 
nehmungsunlust, entweder Wahrnehmung des Drängens unbe- 
friedigter Triebe oder äußere Wahrnehmung, sei es, daß diese 
an sich peinlich ist, oder daß sie unlustvolle Erwartungen im 
seelischen Apparat erregt, von ihm als „Gefahr" erkannt wird. 
Die Reaktion auf diese Triebansprüche und Gefahrdrohungen, in 

1) Das wesentliche ist wohl, daß Lust und Unlust als bewußte Empfindungen an 
das Ich gebunden sind. 

13' 



ig6 



Jenseits des Lustprinzips 



der sich die eigentliche Tätigkeit des seelischen Apparates äußert, 
kann dann in korrekter Weise vom Lustprinzip oder dem es 
modifizierenden Realitätsprinzip geleitet werden. Somit scheint es 
nicht notwendig, eine weitergehende Einschränkung des Lust- 
prinzips anzuerkennen, und doch kann gerade die Untersuchung 
der seelischen Reaktion auf die äußerliche Gefahr neuen Stoff 
und neue Fragestellungen zu dem hier behandelten Problem 
liefern. 












II 



Nach schweren mechanischen Erschütterungen, Eisenbahn- 
zusammenstößen und anderen, mit Lebensgefahr verbundenen 
Unfällen ist seit langem ein Zustand beschrieben worden, dem 
dann der Name „traumatische Neurose" verblieben ist. Der 
schreckliche, eben jetzt abgelaufene Krieg hat eine große Anzahl 
solcher Erkrankungen entstehen lassen und wenigstens der Ver- 
suchung ein Ende gesetzt, sie auf organische Schädigung des 
Nervensystems durch Einwirkung mechanischer Gewalt zurück- 
zuführen. 1 Das Zustandsbild der traumatischen Neurose nähert 
sich der Hysterie durch seinen Reichtum an ähnlichen motorischen 
Symptomen, übertrifft diese aber in der Regel durch die stark 
ausgebildeten Anzeichen subjektiven Leidens, etwa wie bei einer 
Hypochondrie oder Melancholie, und durch die ßeweise einer 
weit umfassenderen allgemeinen Schwächung und Zerrüttung der 
seelischen Leistungen. Ein volles Verständnis ist bisher weder 
für die Kriegsneurosen noch für die traumatischen Neurosen des 
Friedens erzielt worden. Bei den Kriegsneurosen wirkte es einer- 
seits aufklärend, aber doch wiederum verwirrend, daß dasselbe 
Krankheitsbild gelegentlich ohne Mithilfe einer groben mechanischen 
Gewalt zustande kam 5 an der gemeinen traumatischen Neurose 
heben sich zwei Züge hervor, an welche die Überlegung anknüpfen 
konnte, erstens, daß das Hauptgewicht der Verursachung auf das 



1) Vgl. Zur Psychoanalyse der Kriegsnenrosen. Mit Beiträgen von Ferenczi 
A b r a h a m, S i m m e 1 und E. J o n e s. Band I der Internationalen Psychoanalytischen 
Bibliothek, 1919. 



19* Jenseits des Lustprinzips 



Moment der Überraschung, auf den Schreck, zu fallen schien, 
und zweitens, daß eine gleichzeitig erlittene Verletzung oder 
Wunde zumeist der Entstehung der Neurose entgegenwirkte. 
Schreck, Furcht, Angst werden mit Unrecht wie synonyme Aus- 
drücke gebraucht; sie lassen sich in ihrer Beziehung zur Gefahr 
gut auseinanderhalten. Angst bezeichnet einen gewissen Zustand 
wie Erwartung der Gefahr und Vorbereitung auf dieselbe, mag 
sie auch eine unbekannte sein; Furcht verlangt ein bestimmtes 
Objekt, vor dem man sich fürchtet; Schreck aber benennt den 
Zustand, in den man gerät, wenn man in Gefahr kommt, ohne 
auf sie vorbereitet zu sein, betont das Moment der Überraschung. 
Ich glaube nicht, daß die Angst eine traumatische Neurose 
erzeugen kann; an der Angst ist etwas, was gegen den Schreck 
und also auch gegen die Schreckneurose schützt. Wir werden auf 
diesen Satz später zurückkommen. 

Das Studium des Traumes dürfen wir als den zuverlässigsten 
Weg zur Erforschung der seelischen Tiefenvorgänge betrachten. 
Nun zeigt das Traumleben der traumatischen Neurose den 
Charakter, daß es den Kranken immer wieder in die Situation seines 
Unfalles zurückführt, aus der er mit neuem Schrecken erwacht. 
Darüber verwundert man sich viel zu wenig. Man meint, es sei 
eben ein Beweis für die Stärke des Eindruckes, den das trauma- 
tische Erlebnis gemacht hat, daß es sich dem Kranken sogar im 
Schlaf immer wieder aufdrängt. Der Kranke sei an das Trauma 
sozusagen psychisch fixiert. Solche Fixierungen an das Erlebnis, 
welches die Erkrankung ausgelöst hat, sind uns seit langem bei 
der Hysterie bekannt. Breuer und Freud äußerten 1895: Die 
Hysterischen leiden großenteils an Reminiszenzen. Auch bei den 
Kriegsneurosen haben Beobachter wie Ferenczi und Simmel 
manche motorische Symptome durch Fixierung an den Moment 
des Traumas erklären können. 

Allein es ist mir nicht bekannt, daß die an traumatischer 
Neurose Krankenden sich im Wachleben viel mit der Erinnerung 



Jenseits des Lustprinzips lgg 



an ihren Unfall beschäftigen. Vielleicht bemühen sie sich eher, 
nicht an ihn zu denken. Wenn man es als selbstverständlich hin- 
nimmt, daß der nächtliche Traum sie wieder in die krank- 
machende Situation versetzt, so verkennt man die Natur des 
Traumes. Dieser würde es eher entsprechen, dem Kranken Bilder 
aus der Zeit der Gesundheit oder der erhofften Genesung vor- 
zuführen. Sollen wir durch die Träume der Unfallsneurotiker 
nicht an der wunscherfüllenden Tendenz des Traumes irre 
werden, so bleibt uns etwa noch die Auskunft, bei diesem 
Zustand sei wie so vieles andere auch die Traumfunktion 
erschüttert und von ihren Absichten abgelenkt worden, oder wir 
müßten der rätselhaften masochistischen Tendenzen des Ichs 
gedenken. 

Ich mache nun den Vorschlag, das dunkle und düstere Thema 
der traumatischen Neurose zu verlassen und die Arbeitsweise des 
seelischen Apparates an einer seiner frühzeitigsten normalen 
Betätigungen zu studieren. Ich meine das Kinderspiel. 

Die verschiedenen Theorien des Kinderspieles sind erst kürzlich 
von S. Pfeifer in der „Imago" (V/4) zusammengestellt und 
analytisch gewürdigt worden; ich kann hier auf diese Arbeit 
verweisen. Diese Theorien bemühen sich, die Motive des Spielens 
der Kinder zu erraten, ohne daß dabei der ökonomische Gesichts- 
punkt, die Rücksicht auf Lustgewinn, in den Vordergrund 
gerückt würde. Ich habe, ohne das Ganze dieser Erscheinungen 
umfassen zu wollen, eine Gelegenheit ausgenützt, die sich mir 
bot, um das erste selbstgeschaffene Spiel eines Knaben im Alter 
von i a / 2 Jahren aufzuklären. Es war mehr als eine flüchtige 
Beobachtung, denn ich lebte durch einige Wochen mit dem 
Kinde und dessen Eltern unter einem Dach, und es dauerte 
ziemlich lange, bis das rätselhafte und andauernd wiederholte Tun 
mir seinen Sinn verriet. 

Das Kind war in seiner intellektuellen Entwicklung keineswegs 
voreilig, es sprach mit l l / a Jahren erst wenige verständliche 






2°o Jenseits des Lustprinzips 



Worte und verfügte außerdem über mehrere bedeutungsvolle 
Laute, die von der Umgebung verstanden wurden. Aber es war 
in gutem Rapport mit den Eltern und dem einzigen Dienst- 
mädchen und wurde wegen seines „anständigen" Charakters 
gelobt. Es störte die Eltern nicht zur Nachtzeit, befolgte gewissen- 
haft die Verbote, manche Gegenstände zu berühren und in 
gewisse Räume zu gehen, und vor allem anderen, es weinte nie, 
wenn die Mutter es für Stunden verließ, obwohl es dieser 
Mutter zärtlich anhing, die das Kind nicht nur selbst genährt, 
sondern auch ohne jede fremde Beihilfe gepflegt und betreut 
hatte. Dieses brave Kind zeigte nun die gelegentlich störende 
Gewohnheit, alle kleinen Gegenstände, deren es habhaft wurde, 
weit weg von sich in eine Zimmerecke, unter ein Bett usw. zu 
schleudern, so daß das Zusammensuchen seines Spielzeuges oft 
keine leichte Arbeit war. Dabei brachte es mit dem Aus- 
druck von Interesse und Befriedigung ein lautes, langgezogenes 
° ° — ° — ° hervor, das nach dem übereinstimmenden Urteil der 
Mutter und des Beobachters keine Interjektion war, sondern 
„Fort" bedeutete. Ich merkte endlich, daß das ein Spiel sei, 
und daß das Kind alle seine Spielsachen nur dazu benütze, mit 
ihnen „fortsein" zu spielen. Eines Tages machte ich dann die 
Beobachtung, die meine Auffassung bestätigte. Das Kind hatte 
eine Holzspule, die mit einem Bindfaden umwickelt war. Es 
fiel ihm nie ein, sie zum Beispiel am Boden hinter sich her- 
zuziehen, also Wagen mit ihr zu spielen, sondern es warf die 
am Faden gehaltene Spule mit großem Geschick über den Rand 
seines verhängten Bettchens, so daß sie darin verschwand, sagte 
dazu sein bedeutungsvolles o — o — o — o und zog dann die Spule 
am Faden wieder aus dem Bett heraus, begrüßte aber deren 
Erscheinen jetzt mit einem freudigen „Da". Das war also das 
komplette Spiel, Verschwinden und Wiederkommen, wovon 
man zumeist nur den ersten Akt zu sehen bekam, und 
dieser wurde für sich allein unermüdlich als Spiel wieder- 



Jenseits des Lustprinzips 



201 



holt, obwohl die größere Lust unzweifelhaft dem zweiten 
Akt anhing. 1 

Die Deutung des Spieles lag dann nahe. Es war im Zusammen- 
hang mit der großen kulturellen Leistung des Kindes, mit dem 
von ihm zustande gebrachten Triebverzicht (Verzicht auf Trieb- 
befriedigung), das Fortgehen der Mutter ohne Sträuben zu 
gestatten. Es entschädigte sich gleichsam dafür, indem es dasselbe 
Verschwinden und Wiederkommen mit den ihm erreichbaren 
Gegenständen selbst in Szene setzte. Für die affektive Einschätzung 
dieses Spieles ist es natürlich gleichgültig, ob das Kind es selbst 
erfunden oder sich infolge einer Anregung zu eigen gemacht 
hatte. Unser Interesse wird sich einem anderen Punkte zuwenden. 
Das Fortgehen der Mutter kann dem Kinde unmöglich angenehm 
oder auch nur gleichgültig gewesen sein. Wie stimmt es also 
zum Lustprinzip, daß es dieses ihm peinliche Erlebnis als Spiel 
wiederholt? Man wird vielleicht antworten wollen, das Fortgehen 
müßte als Vorbedingung des erfreulichen Wiedererscheinens 
gespielt werden, im letzteren sei die eigentliche Spielabsicht 
gelegen. Dem würde die Beobachtung widersprechen, daß der 
erste Akt, das Fortgehen, für sich allein als Spiel inszeniert 
wurde, und zwar ungleich häufiger als das zum lustvollen Ende 
fortgeführte Ganze. 

Die Analyse eines solchen einzelnen Falles ergibt keine sichere 
Entscheidung; bei unbefangener Betrachtung gewinnt man den 
Eindruck, daß das Kind das Erlebnis aus einem anderen Motiv 
zum Spiel gemacht hat. Es war dabei passiv, wurde vom Erlebnis 
betroffen und bringt sich nun in eine aktive Rolle, indem es 
dasselbe, trotzdem es unlustvoll war, als Spiel wiederholt. Dieses 

l) Diese Deutung wurde dann durch eine weitere Beobachtung völlig gesichert 
Als eines Tages die Mutter über viele Stunden abwesend gewesen war, wurde sie 
beim Wiederkommen mit der Mitteilung begrüßt: Bebi o—o—o—o!, die zunächst 
unverständlich blieb. Es ergab sich aber bald, daß das Kind während dieses langen 
Alleinseins ein Mittel gefunden hatte, sich selbst verschwinden zu lassen. Es hatte 
sein Bild in dem fast bis zum Boden reichenden Standspiegel entdeckt und sich dann 
niedergekauert, so daß das Spiegelbild „fort" war. 



202 Jenseits des Lustprinzips 






Bestreben könnte man einem Bemächtigungstrieb zurechnen, der 
sich davon unabhängig macht, ob die Erinnerung an sich lustvoll 
war oder nicht. Man kann aber auch eine andere Deutung 
versuchen. Das Wegwerfen des Gegenstandes, so daß er fort ist, 
könnte die Befriedigung eines im Leben unterdrückten Rache- 
impulses gegen die Mutter sein, weil sie vom Kinde fort- 
gegangen ist, und dann die trotzige Bedeutung haben: Ja, geh' 
nur fort, ich brauch' dich nicht, ich schick' dich selber weg. 
Dasselbe Kind, das ich mit l 1 /,, Jahren bei seinem ersten Spiel 
beobachtete, pflegte ein Jahr später ein Spielzeug, über das es 
sich geärgert hatte, auf den Boden zu werfen und dabei zu 
sagen: Geh' in K(r)ieg! Man hatte ihm damals erzählt, der 
abwesende Vater befinde sich im Krieg, und es vermißte den 
Vater gar nicht, sondern gab die deutlichsten Anzeichen von sich, 
daß es im Alleinbesitz der Mutter nicht gestört werden wolle. 1 
Wir wissen auch von anderen Kindern, daß sie ähnliche feind- 
selige Regungen durch das Wegschleudern von Gegenständen an 
Stelle der Personen auszudrücken vermögen. 2 Man gerät so in 
Zweifel, ob der Drang, etwas Eindrucksvolles psychisch zu ver- 
arbeiten, sich seiner voll zu bemächtigen, sich primär und 
unabhängig vom Lustprinzip äußern kann. Im hier diskutierten 
Falle könnte er einen unangenehmen Eindruck doch nur darum 
im Spiel wiederholen, weil mit dieser Wiederholung ein anders- 
artiger, aber direkter Lustgewinn verbunden ist. 

Auch die weitere Verfolgung des Kinderspieles hilft diesem 
unserem Schwanken zwischen zwei Auffassungen nicht ab. Man 
sieht, daß die Kinder alles im Spiele wiederholen, was ihnen im 
Leben großen Eindruck gemacht hat, daß sie dabei die Stärke 
des Eindruckes abreagieren und sich sozusagen zu Herren der 



1) Als das Kind fünfdreiviertel Jahre alt war, starb die Mutter. Jetzt, da sie wirklich 
„fort" (o—o—o) war, zeigte der Knabe keine Trauer um sie. Allerdings war inzwischen 
ein zweites Kind geboren worden, das seine stärkste Eifersucht erweckt hatte. 

2) Vgl. Eine Kindheitserinnerung aus „Dichtung und Wahrheit''. Imago, V, 1917. 
[Ges. Schriften, Bd. V.] 



Jenseits des Lustprinzips 20^ 



Situation machen. Aber anderseits ist es klar genug, daß all 
ihr Spielen unter dem Einflüsse des Wunsches steht, der diese 
ihre Zeit dominiert, des Wunsches: groß zu sein und so tun zu 
können wie die Großen. Man macht auch die Beobachtung, daß 
der Unlustcharakter des Erlebnisses es nicht immer für das Spiel 
unbrauchbar macht. Wenn der Doktor dem Kinde in den Hals 
geschaut oder eine kleine Operation an ihm ausgeführt hat, so 
wird dies erschreckende Erlebnis ganz gewiß zum Inhalt des 
nächsten Spieles werden, aber der Lustgewinn aus anderer Quelle 
ist dabei nicht zu übersehen. Indem das Kind aus der Passivität 
des Erlebens in die Aktivität des Spielens übergeht, fügt es einem 
Spielgefährten das Unangenehme zu, das ihm selbst widerfahren 
war, und rächt sich so an der Person dieses Stellvertreters. 

Aus diesen Erörterungen geht immerhin hervor, daß die An- 
nahme eines besonderen Nachahmungstriebes als Motiv des 
Spielens überflüssig ist. Schließen wir noch die Mahnungen an, 
daß das künstlerische Spielen und Nachahmen der Erwachsenen, 
das zum Unterschied vom Verhalten des Kindes auf die Person 
des Zuschauers zielt, diesem die schmerzlichsten Eindrücke zum 
Beispiel in der Tragödie nicht erspart und doch von ihm als 
hoher Genuß empfunden werden kann. Wir werden so davon 
überzeugt, daß es auch unter der Herrschaft des Lustprinzips 
Mittel und Wege genug gibt, um das an sich Unlustvolle zum 
Gegenstand der Erinnerung und seelischen Bearbeitung zu machen. 
Mag sich mit diesen, in endlichen Lustgewinn auslaufenden 
Fällen und Situationen eine ökonomisch gerichtete Ästhetik 
befassen 5 für unsere Absichten leisten sie nichts, denn sie setzen 
Existenz und Herrschaft des Lustprinzips voraus und zeugen nicht 
für die Wirksamkeit von Tendenzen jenseits des Lustprinzips, 
das heißt solcher, die ursprünglicher als dies und von ihm 
unabhängig wären. 



III 

Fünfundzwanzig Jahre intensiver Arbeit haben es mit sich 
gebracht, daß die nächsten Ziele der psychoanalytischen Technik 
heute ganz andere sind als zu Anfang. Zuerst konnte der ana- 
lysierende Arzt nichts anderes anstreben, als das dem Kranken 
verborgene Unbewußte zu erraten, zusammenzusetzen und zur 
rechten Zeit mitzuteilen. Die Psychoanalyse war vor allem eine 
Deutungskunst. Da die therapeutische Aufgabe dadurch nicht 
gelöst war, trat sofort die nächste Absicht auf, den Kranken zur 
Bestätigung der Konstruktion durch seine eigene Erinnerung zu 
nötigen. Bei diesem Bemühen fiel das Hauptgewicht auf die 
Widerstände des Kranken; die Kunst war jetzt, diese baldigst 
aufzudecken, dem Kranken zu zeigen und ihn durch menschliche 
Beeinflussung (hier die Stelle für die als „Übertragung" wirkende 
Suggestion) zum Aufgeben der Widerstände zu bewegen. 

Dann aber wurde es immer deutlicher, daß das gesteckte Ziel, 
die Bewußtwerdung des Unbewußten, auch auf diesem Wege 
nicht voll erreichbar ist. Der Kranke kann von dem in ihm 
Verdrängten nicht alles erinnern, vielleicht gerade das Wesentliche 
nicht, und erwirbt so keine Überzeugung von der Richtigkeit der ihm 
mitgeteilten Konstruktion. Er ist vielmehr genötigt, das Verdrängte 
a * s gegenwärtiges Erlebnis zu wiederholen, anstatt es, wie der 
Arzt es lieber sähe, als ein Stück der Vergangenheit zu erinnern. 1 
Diese mit unerwünschter Treue auftretende Reproduktion hat 






i) S. Weitere Ratschlage zur Technik der Psychoanalyse. C. Erinnern, Wieder- 
holen und Durcharbeiten. [Ges. Schriften, Bd. VI.] 



Jenseits des Lustprinzips 



205 



immer ein Stück des infantilen Sexuallebens, also des Ödipus- 
komplexes und seiner Ausläufer, zum Inhalt und spielt sich 
regelmäßig auf dem Gebiete der Übertragung, das heißt der 
Beziehung zum Arzt ab. Hat man es in der Behandlung so weit 
gebracht, so kann man sagen, die frühere Neurose sei nun durch 
eine frische Übertragungsneurose ersetzt. Der Arzt hat sich bemüht, 
den Bereich dieser Übertragungsneurose möglichst einzuschränken, 
möglichst viel in die Erinnerung zu drängen und möglichst wenig 
zur Wiederholung zuzulassen. Das Verhältnis, das sich zwischen 
Erinnerung und Reproduktion herstellt, ist für jeden Fall ein 
anderes. In der Regel kann der Arzt dem Analysierten diese 
Phase der Kur nicht ersparen; er muß ihn ein gewisses Stück 
seines vergessenen Lebens wiedererleben lassen und hat dafür zu 
sorgen, daß ein Maß von Überlegenheit erhalten bleibt, kraft 
dessen die anscheinende Realität doch immer wieder als Spiegelung 
einer vergessenen Vergangenheit erkannt wird. Gelingt dies, so 
ist die Überzeugung des Kranken und der von ihr abhängige 
therapeutische Erfolg gewonnen. 

Um diesen „Wiederholungszwang", der sich während 
der psychoanalytischen Behandlung der Neurotiker äußert, 
begreiflicher zu finden, muß man sich vor allem von dem Irr- 
tum frei machen, man habe es bei der Bekämpfung der Wider- 
stände mit dem Widerstand des „Unbewußten" zu tun. Das 
Unbewußte, das heißt das „Verdrängte", leistet den Bemühungen 
der Kur überhaupt keinen Widerstand, es strebt ja selbst nichts 
anderes an, als gegen den auf ihm lastenden Druck zum Bewußt- 
sein oder zur Abfuhr durch die reale Tat durchzudringen. Der 
Widerstand in der Kur geht von denselben höheren Schichten 
und Systemen des Seelenlebens aus, die seinerzeit die Verdrän- 
gung durchgeführt haben. Da aber die Motive der Widerstände, 
ja diese selbst erfahrungsgemäß in der Kur zunächst unbewußt 
sind, werden wir gemahnt, eine Unzweckmäßigkeit unserer Aus- 
drucksweise zu verbessern. Wir entgehen der Unklarheit, wenn 



20 6 Jenseits des Lustprinzips 



wir nicht das Bewußte und das Unbewußte, sondern das 
zusammenhängende Ich und das Verdrängte in Gegensatz 
zueinander bringen. Vieles am Ich ist sicherlich selbst unbewußt, 
gerade das, was man den Kern des Ichs nennen darf; nur einen 
geringen Teil davon decken wir mit dem Namen des Vorbe- 
wußten. Nach dieser Ersetzung einer bloß deskriptiven Aus- 
drucksweise durch eine systematische oder dynamische können 
wir sagen, der Widerstand der Analysierten gehe von ihrem Ich 
aus, und dann erfassen wir sofort, der Wiederholungszwang ist 
dem unbewußten Verdrängten zuzuschreiben. Er konnte sich 
wahrscheinlich nicht eher äußern, als bis die entgegenkommende 
Arbeit der Kur die Verdrängung gelockert hatte. 1 

Es ist kein Zweifel, daß der Widerstand des bewußten und 
vorbewußten Ichs im Dienste des Lustprinzips steht, er will ja 
die Unlust ersparen, die durch das Freiwerden des Verdrängten 
erregt würde, und unsere Bemühung geht dahin, solcher Unlust 
unter Berufung auf das Realitätsprinzip Zulassung zu erwirken. 
In welcher Beziehung zum Lustprinzip steht aber der Wieder- 
holungszwang, die Kraftäußerung des Verdrängten? Es ist klar, 
daß das meiste, was der Wiederholungszwang wiedererleben läßt, 
dem Ich Unlust bringen muß, denn er fördert ja Leistungen 
verdrängter Triebregungen zutage, aber das ist Unlust, die wir 
schon gewürdigt haben, die dem Lustprinzip nicht widerspricht, 
Unlust für das eine System und gleichzeitig Befriedigung für das 
andere. Die neue und merkwürdige Tatsache aber, die wir jetzt 
zu beschreiben haben, ist, daß der Wiederholungszwang auch 
solche Erlebnisse der Vergangenheit wiederbringt, die keine Lust- 
möglichkeit enthalten, die auch damals nicht Befriedigungen, 
selbst nicht von seither verdrängten Triebregungen, gewesen sein 
können. 



1) Ich setze an anderer Stelle auseinander, daß es die „Suggestionswirkung" der 
Kur ist, welche hier dem Wiederholungszwang zu Hilfe kommt, also die tief im 
unbewußten Elternkomplex begründete Gefügigkeit gegen den Arzt. 



Jenseits des Lustprinzips 207 



Die Frühblüte des infantilen Sexuallebens war infolge der 
Unverträglichkeit ihrer Wünsche mit der Realität und der Unzu- 
länglichkeit der kindlichen Entwicklungsstufe zum Untergang 
bestimmt. Sie ging bei den peinlichsten Anlässen unter tief 
schmerzlichen Empfindungen zugrunde. Der Liebesverlust und das 
Mißlingen hinterließen eine dauernde Beeinträchtigung des 
Selbstgefühls als narzißtische Narbe, nach meinen Erfahrungen 
wie nach den Ausführungen Marcinowskis 1 den stärksten 
Beitrag zu dem häufigen „Minderwertigkeitsgefühl" der Neu 
rotiker. Die Sexualforschung, der durch die körperliche Entwick- 
lung des Kindes Schranken gesetzt werden, brachte es zu keinem 
befriedigenden Abschluß; daher die spätere Klage: Ich kann 
nichts fertig bringen, mir kann nichts gelingen. Die zärtliche 
Bindung, meist an den gegengeschlechtlichen Elternteil, erlag der 
Enttäuschung, dem vergeblichen Warten auf Befriedigung, der 
Eifersucht bei der Geburt eines neuen Kindes, die unzweideutig 
die Untreue des oder der Geliebten erwies; der eigene mit 
tragischem Ernst unternommene Versuch, selbst ein solches Kind 
zu schaffen, mißlang in beschämender Weise; die Abnahme der 
dem Kleinen gespendeten Zärtlichkeit, der gesteigerte Anspruch 
der Erziehung, ernste Worte und eine gelegentliche Bestrafung 
hatten endlich den ganzen Umfang der ihm zugefallenen Ver- 
schmähung enthüllt. Es gibt hier einige wenige Typen, die 
regelmäßig wiederkehren, wie der typischen Liebe dieser Kinderzeit 
ein Ende gesetzt wird. 

Alle diese unerwünschten Anlässe und schmerzlichen Affekt- 
lagen werden nun vom Neurotiker in der Übertragung wieder 
holt und mit großem Geschick neu belebt. Sie streben den 
Abbruch der unvollendeten Kur an, sie wissen sich den Ein- 
druck der Verschmähung wieder zu verschaffen, den Arzt zu 
harten Worten und kühlem Benehmen gegen sie zu nötigen sie 

1) Marcinowski, Die erotischen Quellen der Minderwertigkeitsgefühle. Zeit- 
schrift für Sexualwissenschaft, IV. 1918. 



208 Jenseits des Lustprinzips 



finden die geeigneten Objekte für ihre Eifersucht, sie ersetzen 
das heiß begehrte Kind der Urzeit durch den Vorsatz oder das 
Versprechen eines großen Geschenkes, das meist ebensowenig real 
wird wie jenes. Nichts von alledem konnte damals lustbringend 
sein; man sollte meinen, es müßte heute die geringere Unlust 
bringen, wenn es als Erinnerung oder in Träumen auftauchte, 
als wenn es sich zu neuem Erlebnis gestaltete. Es handelt sich 
natürlich um die Aktion von Trieben, die zur Befriedigung 
führen sollten, allein die Erfahrung, daß sie anstatt dessen auch 
damals nur Unlust brachten, hat nichts gefruchtet. Sie wird 
trotzdem wiederholt; ein Zwang drängt dazu. 

Dasselbe, was die Psychoanalyse an den Übertragungsphäno- 
menen der Neurotiker aufzeigt, kann man auch im Leben nicht 
neurotischer Personen wiederfinden. Es macht bei diesen den 
Eindruck eines sie verfolgenden Schicksals, eines dämonischen 
Zuges in ihrem Erleben, und die Psychoanalyse hat vom Anfang 
an solches Schicksal für zum großen Teil selbstbereitet und durch 
frühinfantile Einflüsse determiniert gehalten. Der Zwang, der 
sich dabei äußert, ist vom Wiederholungszwang der Neurotiker 
nicht verschieden, wenngleich diese Personen niemals die Zeichen 
eines durch Symptombildung erledigten neurotischen Konflikts 
geboten haben. So kennt man Personen, bei denen jede mensch- 
liche Beziehung den gleichen Ausgang nimmt: Wohltäter, die 
von jedem ihrer Schützlinge nach einiger Zeit im Groll ver- 
lassen werden, so verschieden diese sonst auch sein mögen, denen 
also bestimmt scheint, alle Bitterkeit des Undankes auszukosten; 
Männer, bei denen jede Freundschaft den Ausgang nimmt, daß 
der Freund sie verrät; andere, die es unbestimmt oft in ihrem 
Leben wiederholen, eine andere Person zur großen Autorität für 
sich oder auch für die Öffentlichkeit zu erheben, und diese Auto- 
rität dann nach abgemessener Zeit selbst stürzen, um sie durch 
eine neue zu ersetzen; Liebende, bei denen jedes zärtliche Ver- 
hältnis zum Weibe dieselben Phasen durchmacht und zum 









Jenseits des Lustprinzips 209 

gleichen Ende führt usw. Wir verwundern uns über diese „ewige 
Wiederkehr des Gleichen" nur wenig, wenn es sich um ein 
aktives Verhalten des Betreffenden handelt, und wenn wir den 
sich gleichbleibenden Charakterzug seines Wesens auffinden, der 
sich in der Wiederholung der nämlichen Erlebnisse äußern muß. 
Weit stärker wirken jene Fälle auf uns, bei denen die Person 
etwas passiv zu erleben scheint, worauf ihr ein Einfluß nicht 
zusteht, während sie doch immer nur die Wiederholung desselben 
Schicksals erlebt. Man denke zum Beispiel an die Geschichte 
jener Frau, die dreimal nacheinander Männer heiratete, die nach 
kurzer Zeit erkrankten und von ihr zu Tode gepflegt werden 
mußten. 1 Die ergreifendste poetische Darstellung eines solchen 
Schicksalszuges hat Tasso im romantischen Epos „Gerusalemme 
liberata" gegeben. Held Tankred hat unwissentlich die von ihm 
geliebte Clorinda getötet, als sie in der Rüstung eines feindlichen 
Ritters mit ihm kämpfte. Nach ihrem Begräbnis dringt er in 
den unheimlichen Zauberwald ein, der das Heer der Kreuzfahrer 
schreckt. Dort zerhaut er einen hohen Baum mit seinem Schwerte, 
aber aus der Wunde des Baumes strömt Blut und die Stimme 
Clorindas, deren Seele in diesem Baum gebannt war, klagt ihn 
an, daß er wiederum die Geliebte geschädigt habe. 

Angesichts solcher Beobachtungen aus dem Verhalten in der 
Übertragung und aus dem Schicksal der Menschen werden wir 
den Mut zur Annahme finden, daß es im Seelenleben wirklich 
einen Wiederholungszwang gibt, der sich über das Lustprinzip 
hinaussetzt. Wir werden auch jetzt geneigt sein, die Träume der 
Unfallsneurotiker und den Antrieb zum Spiel des Kindes auf 
diesen Zwang zu beziehen. Allerdings müssen wir uns sagen, daß 
wir die Wirkungen des Wiederholungszwanges nur in seltenen 
Fällen rein, ohne Mithilfe anderer Motive, erfassen können. Beim 



1) Vgl. hiezu die treffenden Bemerkungen in dem Aufsatz von C. G. Jung. Die 
Bedeutung des Vaters für das Schicksal des Einzelnen. Jahrbuch für Psychoanalyse 
I. 1909. 

Freud, VI. „ 



21 o Jenseits des Lustprinzips 



Kinderspiel haben wir bereits hervorgehoben, welche andere Deu- 
tungen seine Entstehung zuläßt. Wiederholungszwang und direkte 
lustvolle Triebbefriedigung scheinen sich dabei zu intimer Gemein- 
samkeit zu verschränken. Die Phänomene der Übertragung stehen 
offenkundig im Dienste des Widerstandes von seiten des auf der 
Verdrängung beharrenden Ichs; der Wiederholungszwang, den sich 
die Kur dienstbar machen wollte, wird gleichsam vom Ich, das 
am Lustprinzip festhalten will, auf seine Seite gezogen. An dem, 
was man den Schicksalszwang nennen könnte, scheint uns vieles 
durch die rationelle Erwägung verständlich, so daß man ein 
Bedürfnis nach der Aufstellung eines neuen geheimnisvollen 
Motivs nicht verspürt. Am unverdächtigsten ist vielleicht der Fall 
der Unfallsträume, aber bei näherer Überlegung muß man doch 
zugestehen, daß auch in den anderen Beispielen der Sachverhalt 
durch die Leistung der uns bekannten Motive nicht gedeckt 
wird. Es bleibt genug übrig, was die Annahme des Wieder- 
holungszwanges rechtfertigt, und dieser erscheint uns ursprüng- 
licher, elementarer, triebhafter als das von ihm zur Seite 
geschobene Lustprinzip. Wenn es aber einen solchen Wieder- 
holungszwang im Seelischen gibt, so möchten wir gerne etwas 
darüber wissen, welcher Funktion er entspricht, unter welchen 
Bedingungen er hervortreten kann, und in welcher Beziehung 
er zum Lustprinzip steht, dem wir doch bisher die Herrschaft 
über den Ablauf der Erregungsvorgänge im Seelenleben zuge- 
traut haben. 






IV 

Was nun folgt, ist Spekulation, oft weitausholende Spekulation, 
die ein jeder nach seiner besonderen Einstellung würdigen oder 
vernachlässigen wird. Im weiteren ein Versuch zur konsequenten 
Ausbeutun g einer Idee, aus Neugierde, wohin, dies führen wird. 

Die psychoanalytische Spekulation knüpft an den bei der 
Untersuchung unbewußter Vorgänge empfangenen Eindruck an, 
daß das Bewußtsein nicht der allgemeinste Charakter der seeli- 
schen Vorgänge, sondern nur eine besondere Funktion derselben 
sein könne. In metapsychologischer Ausdrucksweise behauptet sie, 
das Bewußtsein sei die Leistung eines besonderen Systems, das 
sie Bw benennt. Da das Bewußtsein im wesentlichen Wahr- 
nehmungen von Erregungen liefert, die aus der Außenwelt 
kommen, und Empfindungen von Lust und Unlust, die nur aus 
dem Innern des seelischen Apparates stammen können, kann dem 
System W-Bw eine räumliche Stellung zugewiesen werden. Es 
muß an der Grenze von außen und innen liegen, der Außen- 
welt zugekehrt sein und die anderen psychischen Systeme 
umhüllen. Wir bemerken dann, daß wir mit diesen Annahmen 
nichts Neues gewagt, sondern uns der lokalisierenden Hirnana- 
tomie angeschlossen haben, welche den „Sitz" des Bewußtseins 
in die Hirnrinde, in die äußerste, umhüllende Schicht des Zentral- 
organs verlegt. Die Hirnanatomie braucht sich keine Gedanken 
darüber zu machen, warum — anatomisch gesprochen — das 
Bewußtsein gerade an der Oberfläche des Gehirns untergebracht 
ist, anstatt wohlverwahrt irgendwo im innersten Innern desselben 



212 



Jenseits des Lustprinzips 



zu hausen. Vielleicht bringen wir es in der Ableitung einer 
solchen Lage für unser System W-Bw weiter. 

Das Bewußtsein ist nicht die einzige Eigentümlichkeit, die wil- 
den Vorgängen in diesem System zuschreiben. Wir stützen uns 
auf die Eindrücke unserer psychoanalytischen Erfahrung, wenn 
wir annehmen, daß alle Erregungs Vorgänge in den anderen 
Systemen Dauerspuren als Grundlage des Gedächtnisses in diesen 
hinterlassen, Erinnerungsreste also, die nichts mit dem Bewußt- 
werden zu tun haben. Sie sind oft am stärksten und haltbarsten, 
wenn der sie zurücklassende Vorgang niemals zum Bewußstein 
gekommen ist. Wir finden es aber beschwerlich zu glauben, daß 
solche Dauerspuren der Erregung auch im System JV-Bw zustande 
kommen. Sie würden die Eignung des Systems zur Aufnahme 
neuer Erregungen sehr bald einschränken, 1 wenn sie immer 
bewußt blieben; im anderen Falle, wenn sie unbewußt würden, 
stellten sie uns vor die Aufgabe, die Existenz unbewußter Vor- 
gänge in einem System zu erklären, dessen Funktionieren sonst 
vom Phänomen des Bewußtseins begleitet wird. Wir hätten 
sozusagen durch unsere Annahme, welche das Bewußtwerden in 
ein besonderes System verweist, nichts verändert und nichts 
gewonnen. Wenn dies auch keine absolut verbindliche Erwägung 
sein mag, so kann sie uns doch zur Vermutung bewegen, daß 
Bewußt werden und Hinterlassung einer Gedächtnisspur für das- 
selbe System miteinander unverträglich sind. Wir würden so 
sagen können, im System Bw werde der Erregungs Vorgang 
bewußt, hinterlasse aber keine Dauerspur; alle die Spuren des- 
selben, auf welche sich die Erinnerung stützt, kämen bei der 
Fortpflanzung der Erregung auf die nächsten inneren Systeme in 
diesen zustande. In diesem Sinne ist auch das Schema entworfen, 
welches ich dem spekulativen Abschnitt meiner „Traumdeutung" 
1900 eingefügt habe. Wenn man bedenkt, wie wenig wir aus 

1) Dies durchaus nach J. Breuers Auseinandersetzung im theoretischen 
Abschnitt der „Studien über Hysterie", 1895. 






Jenseits des Lustprinzips 213 



anderen Quellen über die Entstehung des Bewußtseins wissen, 
wird man dem Satze, das Bewußtsein entstehe an Stelle 
der Erinnerungsspur, wenigstens die Bedeutung einer 
irgendwie bestimmten Behauptung einräumen müssen. 

Das System Bw wäre also durch die Besonderheit ausgezeich- 
net, daß der Erregungsvorgang in ihm nicht wie in allen anderen 
psychischen Systemen eine dauernde Veränderung seiner Elemente 
hinterläßt, sondern gleichsam im Phänomen des Bewußtwerdens 
verpufft. Eine solche Abweichung von der allgemeinen Regel 
fordert eine Erklärung durch ein Moment, welches ausschließlich 
bei diesem einen System in Betracht kommt, und dies den 
anderen Systemen abzusprechende Moment könnte leicht die 
exponierte Lage des Systems Bw sein, sein unmittelbares 
Anstoßen an die Außenwelt. 

Stellen wir uns den lebenden Organismus in seiner größt- 
möglichen Vereinfachung als undifferenziertes Bläschen reizbarer 
Substanz vor; dann ist seine der Außenwelt zugekehrte Ober- 
fläche durch ihre Lage selbst differenziert und dient als reiz- 
aufnehmendes Organ. Die Embryologie als Wiederholung der 
Entwicklungsgeschichte zeigt auch wirklich, daß das Zentral- 
nervensystem aus dem Ektoderm hervorgeht, und die graue 
Hirnrinde ist noch immer ein Abkömmling der primitiven Ober- 
fläche und könnte wesentliche Eigenschaften derselben durch 
Erbschaft übernommen haben. Es wäre dann leicht denkbar, daß 
durch unausgesetzten Anprall der äußeren Reize an die Ober- 
fläche des Bläschens dessen Substanz bis in eine gewisse Tiefe 
dauernd verändert wird, so daß ihr Erregungsvorgang anders 
abläuft als in tieferen Schichten. Es bildete sich so eine Rinde, 
die endlich durch die Reizwirkung so durchgebrannt ist, daß sie 
der Reizaufnahme die günstigsten Verhältnisse entgegenbringt 
und einer weiteren Modifikation nicht fähig ist. Auf das System Bw 
übertragen, würde dies meinen, daß dessen Elemente keine 
Dauer Veränderung beim Durchgang der Erregung mehr annehmen 



214 Jenseits des Lustprinzips 

können, weil sie bereits aufs äußerste im Sinne dieser Wirkung 
modifiziert sind. Dann sind sie aber befähigt, das Bewußtsein 
entstehen zu lassen. Worin diese Modifikation der Substanz und 
des Erregungsvorganges in ihr besteht, darüber kann man sich 
mancherlei Vorstellungen machen, die sich derzeit der Prüfung 
entziehen. Man kann annehmen, die Erregung habe bei ihrem 
Fortgang von einem Element zum anderen einen Widerstand zu 
überwinden und diese Verringerung des Widerstandes setze eben 
die Dauerspur der Erregung (Bahnung); im System Bw bestünde 
also ein solcher Übergangswiderstand von einem Element zum 
anderen nicht mehr. Man kann mit dieser Vorstellung die 
B reu ersehe Unterscheidung von ruhender (gebundener) und 
frei beweglicher Besetzungsenergie in den Elementen der psy- 
chischen Systeme zusammenbringen; 1 die Elemente des Systems Bw 
würden dann keine gebundene und nur frei abfuhrfähige Energie 
führen. Aber ich meine, vorläufig ist es besser, wenn man sich 
über diese Verhältnisse möglichst unbestimmt äußert. Immerhin 
hätten wir durch diese Spekulation die Entstehung des Bewußt- 
seins in einen gewissen Zusammenhang mit der Lage des 
Systems Bw und den ihm zuzuschreibenden Besonderheiten des 
Erregungs Vorganges verflochten. 

An dem lebenden Bläschen mit seiner reizaufnehmenden 
Rindenschichte haben wir noch anderes zu erörtern. Dieses 
Stückchen lebender Substanz schwebt inmitten einer mit den 
stärksten Energien geladenen Außenwelt und würde von den 
Reizwirkungen derselben erschlagen werden, wenn es nicht mit 
einem Reizschutz versehen wäre. Es bekommt ihn dadurch, 
daß seine äußerste Oberfläche die dem Lebenden zukommende 
Struktur aufgibt, gewissermaßen anorganisch wird und nun als 
eine besondere Hülle oder Membran reizabhaltend wirkt, das 
heißt, veranlaßt, daß die Energien der Außenwelt sich nun mit 

1) Studien über Hysterie von J. Breuer und Freud, 4. unveränderte Auflage, 
1922. [Ges. Schriften, Bd. I.] 



■Jenseits des Lustprinzips 215 



einem Bruchteil ihrer Intensität auf die nächsten lebend 
gebliebenen Schichten fortsetzen können. Diese können nun hinter 
dem Reizschutz sich der Aufnahme der durchgelassenen Reiz- 
mengen widmen. Die Außenschicht hat aber durch ihr Absterben 
alle tieferen vor dem gleichen Schicksal bewahrt, wenigstens so 
lange, bis nicht Reize von solcher Stärke herankommen, daß sie 
den Reizschutz durchbrechen. Für den lebenden Organismus ist 
der Reizschutz eine beinahe wichtigere Aufgabe als die Reiz- 
aufnahme; er ist mit einem eigenen Energievorrat ausgestattet und 
muß vor allem bestrebt sein, die besonderen Formen der Energie- 
umsetzung, die in ihm spielen, vor dem gleichmachenden, also 
zerstörenden Einfluß der übergroßen, draußen arbeitenden Energien 
zu bewahren. Die Reizaufnahme dient vor allem der Absicht, 
Richtung und Art der äußeren Reize zu erfahren und dazu muß 
es genügen, der Außenwelt kleine Proben zu entnehmen, sie in 
geringen Quantitäten zu verkosten. Bei den hochentwickelten 
Organismen hat sich die reizaufhehmende Rindenschicht des 
einstigen Bläschens längst in die Tiefe des Körperinnern zurück- 
gezogen, aber Anteile von ihr sind an der Oberfläche unmittel- 
bar unter dem allgemeinen Reizschutz zurückgelassen. Dies sind 
die Sinnesorgane, die im wesentlichen Einrichtungen zur Auf- 
nahme spezifischer Reizeinwirkungen enthalten, aber außerdem 
besondere Vorrichtungen zu neuerlichem Schutz gegen übergroße 
Reizmengen und zur Abhaltung unangemessener Reizarten. Es 
ist für sie charakteristisch, daß sie nur sehr geringe Quantitäten 
des äußeren Reizes verarbeiten, sie nehmen nur Stichproben der 
Außenwelt vor; vielleicht darf man sie Fühlern vergleichen, die 
sich an die Außenwelt herantasten und dann immer wieder von 
ihr zurückziehen. 

Ich gestatte mir an dieser Stelle ein Thema flüchtig zu 
berühren, welches die gründlichste Behandlung verdienen würde. 
Der Kant sehe Satz, daß Zeit und Raum notwendige Formen 
unseres Denkens sind, kann heute infolge gewisser psychoanaly- 



21 6 Jenseits des Lustprinzips 



tischer Erkenntnisse einer Diskussion unterzogen werden. Wir 
haben erfahren, daß die unbewußten Seelen Vorgänge an sich 
„zeitlos" sind. Das heißt zunächst, daß sie nicht zeitlich geordnet 
werden, daß die Zeit nichts von ihnen verändert, daß man die 
Zeitvorstellung nicht an sie heranbringen kann. Es sind dies 
negative Charaktere, die man sich nur durch Vergleichung mit 
den bewußten seelischen Prozessen deutlich machen kann. Unsere 
abstrakte Zeitvorstellung scheint vielmehr durchaus von der 
Arbeitsweise des Systems W-Bw hergeholt zu sein und einer 
Selbstwahrnehmung derselben zu entsprechen. Bei dieser 
Funktionsweise des Systems dürfte ein anderer Weg des Reiz- 
schutzes beschritten werden. Ich weiß, daß diese Behauptungen 
sehr dunkel klingen, muß mich aber auf solche Andeutungen 
beschränken. 

Wir haben bisher ausgeführt, daß das lebende Bläschen mit 
einem Reizschutz gegen die Außenwelt ausgestattet ist. Vorhin 
hatten wir festgelegt, daß die nächste Rindenschicht desselben als 
Organ zur Reizaufnahme von außen differenziert sein muß. Diese 
empfindliche Rindenschicht, das spätere System Bw, empfängt 
aber auch Erregungen von innen her; die Stellung des Systems 
zwischen außen und innen und die Verschiedenheit der Bedin- 
gungen für die Einwirkung von der einen und der anderen 
Seite werden maßgebend für die Leistung des Systems und des 
ganzen seelischen Apparates. Gegen außen gibt es einen Reiz- 
schutz, die ankommenden Erregungsgrößen werden nur in ver- 
kleinertem Maßstab wirken; nach innen zu ist der Reizschutz 
unmöglich, die Erregungen der tieferen Schichten setzen sich 
direkt und in unverringertem Maße auf das System fort, indem 
gewisse Charaktere ihres Ablaufes die Reihe der Lust-Unlust- 
empfindungen erzeugen. Allerdings werden die von innen 
kommenden Erregungen nach ihrer Intensität und nach anderen 
qualitativen Charakteren (eventuell nach ihrer Amplitude) der 
Arbeitsweise des Systems adaequater sein als die von der Außen- 




Jenseits des Lustprinzips 217 



weit zuströmenden Reize. Aber zweierlei ist durch diese Ver- 
hältnisse entscheidend bestimmt, erstens die Praevalenz der Lust- 
und Unlustempfindungen, die ein Index für Vorgänge im Innern 
des Apparates sind, über alle äußeren Reize, und zweitens eine 
Richtung des Verhaltens gegen solche innere Erregungen, welche 
allzu große Unlustvermehrung herbeiführen. Es wird sich die 
Neigung ergeben, sie so zu behandeln, als ob sie nicht von innen, 
sondern von außen her einwirkten, um die Abwehrmittel des 
Reizschutzes gegen sie in Anwendung bringen zu können. Dies 
ist die Herkunft der Projektion, der eine so große Rolle bei 
der Verursachung pathologischer Prozesse vorbehalten ist. 

Ich habe den Eindruck, daß wir durch die letzten Über- 
legungen die Herrschaft des Lustprinzips unserem Verständnis 
angenähert haben; eine Aufklärung jener Fälle, die sich ihm 
widersetzen, haben wir aber nicht erreicht. Gehen wir darum 
einen Schritt weiter. Solche Erregungen von außen, die stark 
genug sind, den Reizschutz zu durchbrechen, heißen wir 
traumatische. Ich glaube, daß der Begriff des Traumas eine 
solche Beziehung auf eine sonst wirksame Reizabhaltung erfordert. 
Ein Vorkommnis wie das äußere Trauma wird gewiß eine groß- 
artige Störung im Energiebetrieb des Organismus hervorrufen 
und alle Abwehrmittel in Bewegung setzen. Aber das Lust- 
prinzip ist dabei zunächst außer Kraft gesetzt. Die Über- 
schwemmung des seelischen Apparates mit großen Reizmengen 
ist nicht mehr hintanzuhalten ; es ergibt sich vielmehr eine 
andere Aufgabe, den Reiz zu bewältigen, die hereingebrochenen 
Reizmengen psychisch zu binden, um sie dann der Erledigung 
zuzuführen. 

Wahrscheinlich ist die spezifische Unlust des körperlichen 
Schmerzes der Erfolg davon, daß der Reizschutz in beschränktem 
Umfange durchbrochen wurde. Von dieser Stelle der Peripherie 
strömen dann dem seelischen Zentralapparat kontinuierliche 
Erregungen zu, wie sie sonst nur aus dem Innern des Apparates 



2l8 



Jenseits des Lustprinzips 



kommen konnten. 1 Und was können wir als die Reaktion des 
Seelenlebens auf diesen Einbruch erwarten? Von allen Seiten her 
wird die Besetzungsenergie aufgeboten, um in der Umgebung 
der Einbruchstelle entsprechend hohe Energiebesetzungen zu 
schaffen. Es wird eine großartige „Gegenbesetzung" hergestellt, 
zu deren Gunsten alle anderen psychischen Systeme verarmen 
so daß eine ausgedehnte Lähmung oder Herabsetzung der 
sonstigen psychischen Leistung erfolgt. Wir suchen aus solchen 
Beispielen zu lernen, unsere metapsychologischen Vermutungen 
an solche Vorbilder anzulehnen. Wir ziehen also aus diesem 
Verhalten den Schluß, daß ein selbst hochbesetztes System 
imstande ist, neu hinzukommende strömende Energie aufzu- 
nehmen, sie in ruhende Besetzung umzuwandeln, also sie psychisch 
zu „binden". Je höher die eigene ruhende Besetzung ist, desto 
größer wäre auch ihre bindende Kraft; umgekehrt also, je 
niedriger seine Besetzung ist, desto weniger wird das System 
für die Aufnahme zuströmender Energie befähigt sein, desto 
gewaltsamer müssen dann die Folgen eines solchen Durchbruches 
des Reizschutzes sein. Man wird gegen diese Auffassung nicht 
mit Recht einwenden, daß die Erhöhung der Besetzung um die 
Einbruchsstelle sich weit einfacher aus der direkten Fortleitung 
der ankommenden Erregungsmengen erkläre. Wenn dem so 
wäre, so würde der seelische Apparat ja nur eine Vermehrung 
seiner Energiebesetzungen erfahren, und der lähmende Charakter 
des Schmerzes, die Verarmung aller anderen Systeme bliebe 
unaufgeklärt. Auch die sehr heftigen Abfuhrwirkungen des 
Schmerzes stören unsere Erklärung nicht, denn sie gehen reflek- 
torisch vor sich, das heißt, sie erfolgen ohne Vermittlung des 
seelischen Apparats. Die Unbestimmtheit all unserer Erörterungen, 
die wir metapsychologische heißen, rührt natürlich daher, daß 
wir nichts über die Natur des Erregungsvorganges in den Ele- 
menten der psychischen Systeme wissen und uns zu keiner 

Vgl. Triebe und Triebschicksale. [Ges. Schriften, Bd. V.] 



I 






Jenseits des Lustprinzips 21 q 



Annahme darüber berechtigt fühlen. So operieren wir also stets 
mit einem großen X, welches wir in jede neue Formel mit 
hinübernehmen. Daß dieser Vorgang sich mit quantitativ ver- 
schiedenen Energien vollzieht, ist eine leicht zulässige Forderung, 
daß er auch mehr als eine Qualität (zum Beispiel in der Art 
einer Amplitude) hat, mag uns wahrscheinlich sein; als neu haben 
wir die Aufstellung Breuers in Betracht gezogen, daß es sich 
um zweierlei Formen der Energieerfüllung handelt, so daß eine 
freiströmende, nach Abfuhr drängende, und eine ruhende 
Besetzung der psychischen Systeme (oder ihrer Elemente) zu 
unterscheiden ist. Vielleicht geben wir der Vermutung Raum, 
daß die „Bindung" der in den seelischen Apparat einströmenden 
Energie in einer Überführung aus dem frei strömenden in den 
ruhenden Zustand besteht. 

Ich glaube, man darf den Versuch wagen, die gemeine 
traumatische Neurose als die Folge eines ausgiebigen Durchbruchs 
des Reizschutzes aufzufassen. Damit wäre die alte, naive Lehre 
vom Schock in ihre Rechte eingesetzt, anscheinend im Gegen- 
satz zu einer späteren und psychologisch anspruchsvolleren, welche 
nicht der mechanischen Gewalteinwirkung, sondern dem Schreck 
und der Lebensbedrohung die ätiologische Bedeutung zuspricht. 
Allein diese Gegensätze sind nicht unversöhnlich, und die psycho- 
analytische Auffassung der traumatischen Neurose ist mit der 
rohesten Form der Schocktheorie nicht identisch. Versetzt letztere 
das Wesen des Schocks in die direkte Schädigung der molekularen 
Struktur, oder selbst der histologischen Struktur der nervösen 
Elemente, so suchen wir dessen Wirkung aus der Durchbrechung 
des Reizschutzes für das Seelenorgan und aus den daraus sich 
ergebenden Aufgaben zu verstehen. Der Schreck behält seine 
Bedeutung auch für uns. Seine Bedingung ist das Fehlen der 
Angstbereitschaft, welche die Überbesetzung der den Reiz zunächst 
aufnehmenden Systeme miteinschließt. Infolge dieser niedrigeren 
Besetzung sind die Systeme dann nicht gut imstande, die 



220 Jenseits des Lustprinzips 



ankommenden Erregungsmengen zu binden, die Folgen der Durch- 
brechung des Reizschutzes stellen sich um so vieles leichter ein. 
Wir finden so, daß die Angstbereitschaft mit der Überbesetzung 
der aufnehmenden Systeme die letzte Linie des Reizschutzes 
darstellt. Für eine ganze Anzahl von Traumen mag der Unter- 
schied zwischen den unvorbereiteten und den durch Über- 
besetzung vorbereiteten Systemen das für den Ausgang entschei- 
dende Moment sein; von einer gewissen Stärke des Traumas an 
wird er wohl nicht mehr ins Gewicht fallen. Wenn die Träume 
der Unfallsneurotiker die Kranken so regelmäßig in die Situation 
des Unfalles zurückführen, so dienen sie damit allerdings nicht 
der Wunscherfüllung, deren halluzinatorische Herbeiführung ihnen 
unter der Herrschaft des Lustprinzips zur Funktion geworden 
ist. Aber wir dürfen annehmen, daß sie sich dadurch einer 
anderen Aufgabe zur Verfügung stellen, deren Lösung voran- 
gehen muß, ehe das Lustprinzip seine Herrschaft beginnen kann. 
Diese Träume suchen die Reizbewältigung unter Angstentwick- 
lung nachzuholen, deren Unterlassung die Ursache der trauma- 
tischen Neurose geworden ist. Sie geben uns so einen Ausblick 
auf eine Funktion des seelischen Apparats, welche, ohne dem 
Lustprinzip zu widersprechen, doch unabhängig von ihm ist und 
ursprünglicher scheint als die Absicht des Lustgewinns und der 
Unlustvermeidung. 

Hier wäre also die Stelle, zuerst eine Ausnahme von dem 
Satze, der Traum ist eine Wunscherfüllung, zuzugestehen. Die 
Angstträume sind keine solche Ausnahme, wie ich wiederholt 
und eingehend gezeigt habe, auch die „Strafträume" nicht, denn 
diese setzen nur an die Stelle der verpönten Wunscherfüllung 
die dafür gebührende Strafe, sind also die Wunscherfüllung des 
auf den verworfenen Trieb reagierenden Schuldbewußtseins. 
Aber die obenerwähnten Träume der Unfallsneurotiker lassen 
sich nicht mehr unter den Gesichtspunkt der Wunscherfüllung 
bringen, und ebensowenig die in den Psychoanalysen vorfallenden 



Jenseits des Lustprinzips 221 



Träume, die uns die Erinnerung der psychischen Traumen der 
Kindheit wiederbringen. Sie gehorchen vielmehr dem Wieder- 
holungszwang, der in der Analyse allerdings durch den von der 
„Suggestion" geförderten Wunsch, das Vergessene und Verdrängte 
heraufzubeschwören, unterstützt wird. So wäre also auch die 
Funktion des Traumes, Motive zur Unterbrechung des Schlafes 
durch Wunscherfüllung der störenden Regungen zu beseitigen, 
nicht seine ursprüngliche? er konnte sich ihrer erst bemächtigen, 
nachdem das gesamte Seelenleben die Herrschaft des Lustprinzips 
angenommen hatte. Gibt es ein „Jenseits des Lustprinzips", so 
ist es folgerichtig, auch für die wunscherfüllende Tendenz des 
Traumes eine Vorzeit zuzulassen. Damit wird seiner späteren 
Funktion nicht widersprochen. Nur erhebt sich, wenn diese 
Tendenz einmal durchbrochen ist, die weitere Frage: Sind 
solche Träume, welche im Interesse der psychischen Bindung 
traumatischer Eindrücke dem Wiederholungszwange folgen, nicht 
auch außerhalb der Analyse möglich? Dies ist durchaus zu 
bejahen. 

Von den „Kriegsneurosen", soweit diese Bezeichnung mehr als 
die Beziehung zur Veranlassung des Leidens bedeutet, habe ich 
an anderer Stelle ausgeführt, daß sie sehr wohl traumatische 
Neurosen sein könnten, die durch einen Ichkonflikt erleichtert 
worden sind. 1 Die auf Seite 198 erwähnte Tatsache, daß eine 
gleichzeitige grobe Verletzung durch das Trauma die Chance für 
die Entstehung einer Neurose verringert, ist nicht mehr unver- 
ständlich, wenn man zweier von der psychoanalytischen Forschung 
betonter Verhältnisse gedenkt. Erstens, daß mechanische Erschütte- 
rung als eine der Quellen der Sexualerregung anerkannt werden muß 
(vgl. die Bemerkungen über die Wirkung des Schaukeins und 
Eisenbahnfahrens in „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" 
Ges. Schriften, Bd. V), und zweitens, daß dem schmerzhaften 



1) Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen. Einleitung. Internationale Psychoana- 
,-tische Bibliothek, Nr. 1, 1919. [Ges. Schriften, Bd. IX.] 






222 Jenseits des Lustprinzips 



und fieberhaften Kranksein während seiner Dauer ein mächtiger 
Einfluß auf die Verteilung der Libido zukommt. So würde also 
die mechanische Gewalt des Traumas das Quantum Sexual- 
erregung frei machen, welches infolge der mangelnden Angst- 
vorbereitung traumatisch wirkt, die gleichzeitige Körperverletzung 
würde aber durch die Anspruchnahme einer narzißtischen Über- 
besetzung des leidenden Organs den Überschuß an Erregung 
binden (s. „Zur Einführung des Narzißmus", Ges. Schriften, 
Bd. VI). Es ist auch bekannt, aber für die Libidotheorie nicht 
genügend verwertet worden, daß so schwere Störungen in der 
Libidoverteilung wie die einer Melancholie durch eine inter- 
kurrente organische Erkrankung zeitweilig aufgehoben werden, 
ja, daß sogar der Zustand einer voll entwickelten Dementia 
praecox unter der nämlichen Bedingung einer vorübergehenden 
Rückbildung fähig ist. 



Der Mangel eines Reizschutzes für die reizaufnehmende 
Rindenschicht gegen Erregungen von innen her wird die Folge 
haben müssen, daß diese Reizübertragungen die größere ökonomische 
Bedeutung gewinnen und häufig zu ökonomischen Störungen 
Anlaß geben, die den traumatischen Neurosen gleichzustellen 
sind. Die ausgiebigsten Quellen solch innerer Erregung sind die 
sogenannten Triebe des Organismus, die Repräsentanten aller aus 
dem Körperinnern stammenden, auf den seelischen Apparat über- 
tragenen Kraftwirkungen, selbst das wichtigste wie das dunkelste 
Element der psychologischen Forschung. 

Vielleicht finden wir die Annahme nicht zu gewagt, daß die 
von den Trieben ausgehenden Regungen nicht den Typus des 
gebundenen, sondern den des frei beweglichen, nach Abfuhr 
drängenden Nervenvorganges einhalten. Das Beste, was wir über 
diese Vorgänge wissen, rührt aus dem Studium der Traumarbeit 
her. Dabei fanden wir, daß die Prozesse in den unbewußten 
Systemen von denen in den (vor-)bewußten gründlich verschieden 
sind, daß im Unbewußten Besetzungen leicht vollständig über- 
tragen, verschoben, verdichtet werden können, was nur fehler- 
hafte Resultate ergeben könnte, wenn es an vorbewußtem Material 
geschähe, und was darum auch die bekannten Sonderbarkeiten 
des manifesten Traums ergibt, nachdem die vorbewußten Tages- 
reste die Bearbeitung nach den Gesetzen des Unbewußten 
erfahren haben. Ich nannte die Art dieser Prozesse im Unbe- 
wußten den psychischen „Primärvorgang" zum Unterschied von 



224 Jenseits des Lustprinzips 

dem für unser normales Wachleben gültigen Sekundärvorgang. 
Da die Triebregungen alle an den unbewußten Systemen 
angreifen, ist es kaum eine Neuerung, zu sagen, daß sie dem 
Primärvorgang folgen, und anderseits gehört wenig dazu, um 
den psychischen Primärvorgang mit der frei beweglichen 
Besetzung, den Sekundärvorgang mit den Veränderungen an der 
gebundenen oder tonischen Besetzung Breuers zu identifizieren. 1 
Es wäre dann die Aufgabe der höheren Schichten des seelischen 
Apparates, die im Primärvorgang anlangende Erregung der Triebe 
zu binden. Das Mißglücken dieser Bindung würde eine der 
traumatischen Neurose analoge Störung hervorrufen ; erst nach 
erfolgter Bindung könnte sich die Herrschaft des Lustprinzips 
(und seiner Modifikation zum Realitätsprinzip) ungehemmt durch- 
setzen. Bis dahin aber würde die andere Aufgabe des Seelen- 
apparates, die Erregung zu bewältigen oder zu binden, 
voranstehen, zwar nicht im Gegensatz zum Lustprinzip, aber 
unabhängig von ihm und zum Teil ohne Rücksicht auf dieses. 
Die Äußerungen eines Wiederholungzwanges, die wir an den 
frühen Tätigkeiten des kindlichen Seelenlebens wie an den 
Erlebnissen der psychoanalytischen Kur beschrieben haben, zeigen 
im hohen Grade den triebhaften, und wo sie sich im Gegensatz 
zum Lustprinzip befinden, den dämonischen Charakter. Beim 
Kinderspiel glauben wir es zu begreifen, daß das Kind auch das 
unlustvolle Erlebnis darum wiederholt, weil es sich durch seine 
Aktivität eine weit gründlichere Bewältigung des starken Ein- 
druckes erwirbt, als beim bloß passiven Erleben möglich war. 
Jede neuerliche Wiederholung scheint diese angestrebte Beherr- 
schung zu verbessern, und auch bei lustvollen Erlebnissen kann 
sich das Kind an Wiederholungen nicht genug tun und wird 
unerbittlich auf der Identität des Eindruckes bestehen. Dieser 
Charakterzug ist dazu bestimmt, späterhin zu verschwinden. Ein 

1) Vgl. den Abschnitt VII, Psychologie der Traumvorgänge in meiner „Traum- 
deutung". [Ges. Schriften, Bd. IL] 



Jenseits des Lustprinzips 225 



zum zweitenmal angehörter Witz wird fast wirkungslos bleiben, 
eine Theateraufführung wird nie mehr zum zweitenmal den 
Eindruck erreichen, denn sie das erstemal hinterließ; ja, der 
Erwachsene wird schwer zu bewegen sein, ein Buch, das ihm 
sehr gefallen hat, sobald nochmals durchzulesen. Immer wird die 
Neuheit die Bedingung des Genusses sein. Das Kind aber wird 
nicht müde werden, vom Erwachsenen die Wiederholung eines 
ihm gezeigten oder mit ihm angestellten Spieles zu verlangen, 
bis dieser erschöpft es verweigert, und wenn man ihm eine 
schöne Geschichte erzählt hat, will es immer wieder die nämliche 
Geschichte, anstatt einer neuen hören, besteht unerbittlich auf 
der Identität der Wiederholung und verbessert jede Abänderung, 
die sich der Erzähler zuschulden kommen läßt, mit der er sich 
vielleicht sogar ein neues Verdienst erwerben wollte. Dem Lust- 
prinzip wird dabei nicht widersprochen 3 es ist sinnfällig, daß die 
Wiederholung, das Wiederfinden der Identität, selbst eine Lust- 
quelle bedeutet. Beim Analysierten hingegen wird es klar, daß 
der Zwang, die Begebenheiten seiner infantilen Lebensperiode in 
der Übertragung zu wiederholen, sich in jeder Weise über 
das Lustprinzip hinaussetzt. Der Kranke benimmt sich dabei 
völlig wie infantil und zeigt uns so, daß die verdrängten 
Erinnerungsspuren seiner urzeitlichen Erlebnisse nicht im gebun- 
denen Zustande in ihm vorhanden, ja gewissermaßen des 
Sekundärvorganges nicht fähig sind. Dieser Ungebundenheit ver- 
danken sie auch ihr Vermögen, durch Anheftung an die Tages- 
reste eine im Traum darzustellende Wunschphantasie zu bilden. 
Derselbe Wiederholungszwang tritt uns so oft als therapeutisches 
Hindernis entgegen, wenn wir zu Ende der Kur die völlige 
Ablösung vom Arzte durchsetzen wollen, und es ist anzunehmen, 
daß die dunkle Angst der mit der Analyse nicht Vertrauten, 
die sich scheuen irgend etwas aufzuwecken, was man nach ihrer 
Meinung besser schlafen ließe, im Grunde das Auftreten dieses 
dämonischen Zwanges fürchtet. 

Freud, VI. 15 



22 6 Jenseits des Lustprinzips 

Auf welche Art hängt aber das Triebhafte mit dem Zwano- 
zur Wiederholung zusammen? Hier muß sich uns die Idee auf- 
drängen, daß wir einem allgemeinen, bisher nicht klar erkannten 
oder wenigstens nicht ausdrücklich betonten — Charakter 
der Triebe, vielleicht alles organischen Lebens überhaupt, auf die 
Spur gekommen sind. Ein Trieb wäre also ein dem 
belebten Organischen innewohnender Drang 
zur Wiederherstellung eines früheren Zu- 
stand e s, welchen dies Belebte unter dem Einflüsse äußerer 
Störungskräfte aufgeben mußte, eine Art von organischer Elasti- 
zität, oder wenn man will, die Äußerung der Trägheit im orga- 
nischen Leben. 1 

Diese Auffassung des Triebes klingt befremdlich, denn wir 
haben uns daran gewöhnt, im Triebe das zur Veränderung und 
Entwicklung drängende Moment zu sehen, und sollen nun das 
gerade Gegenteil in ihm erkennen, den Ausdruck der konser- 
vativen Natur des Lebenden. Anderseits fallen uns sehr bald 
jene Beispiele aus dem Tierleben ein, welche die historische 
Bedingtheit der Triebe zu bestätigen scheinen. Wenn gewisse 
Fische um die Laichzeit beschwerliche Wanderungen unter- 
nehmen, um den Laich in bestimmten Gewässern, weit entfernt 
von ihren sonstigen Aufenthalten, abzulegen, so haben sie nach 
der Deutung vieler Biologen nur die früheren Wohnstätten 
ihrer Art aufgesucht, die sie im Laufe der Zeit gegen andere 
vertauscht hatten. Dasselbe soll für die Wanderflüge der Zug- 
vögel gelten, aber der Suche nach weiteren Beispielen enthebt 
uns bald die Mahnung, daß wir in den Phänomenen der Erb- 
lichkeit und in den Tatsachen der Embryologie die großartigsten 
Beweise für den organischen Wiederholungszwang haben. Wir 
sehen, der Keim eines lebenden Tieres ist genötigt, in seiner 
Entwicklung die Strukturen all der Formen, von denen das Tier 

i) Ich bezweifle nicht, daß ahnliche Vermutungen über die Natur der „Triebe" 
bereits wiederholt geäußert worden sind. 






Jenseits des Lustprinzips 227 



abstammt — wenn auch in flüchtiger Abkürzung — zu wieder- 
holen, anstatt auf dem kürzesten Wege zu seiner definitiven 
Gestaltung zu eilen, und können dies Verhalten nur zum 
geringsten Teile mechanisch erklären, dürfen die historische 
Erklärung nicht beiseite lassen. Und ebenso erstreckt sich weit 
in die Tierreihe hinauf ein Reproduktionsvermögen, welches ein 
verlorenes Organ durch die Neubildung eines ihm durchaus 
gleichen ersetzt. 

Der naheliegende Einwand, es verhalte sich wohl so, daß es 
außer den konservativen Trieben, die zur Wiederholung nötigen, 
auch andere gibt, die zur Neugestaltung und zum Fortschritt 
drängen, darf gewiß nicht unberücksichtigt bleiben; er soll 
auch späterhin in unsere Erwägungen einbezogen werden. 
Aber vorher mag es uns verlocken, die Annahme, daß 
alle Triebe Früheres wiederherstellen wollen, in ihre letzten 
Konsequenzen zu verfolgen. Mag, was dabei herauskommt, 
den Anschein des „Tiefsinnigen" erwecken oder an Mystisches 
anklingen, so wissen wir uns doch von dem Vorwurf frei, 
etwas Derartiges angestrebt zu haben. Wir suchen nüchterne 
Resultate der Forschung oder der auf sie gegründeten Über- 
legung, und unser Wunsch möchte diesen keinen anderen 
Charakter als den der Sicherheit verleihen. 1 

Wenn also alle organischen Triebe konservativ, historisch 
erworben und auf Regression, Wiederherstellung von Früherem, 
gerichtet sind, so müssen wir die Erfolge der organischen Ent- 
wicklung auf die Rechnung äußerer, störender und ablenkender 
Einflüsse setzen. Das elementare Lebewesen würde sich von 
seinem Anfang an nicht haben ändern wollen, hätte unter sich 
gleichbleibenden Verhältnissen stets nur den nämlichen Lebens- 
lauf wiederholt. Aber im letzten Grunde müßte es die Ent- 



1) Man möge nicht übersehen, daß das folgende die Entwicklung eines extremen 
Gedankenganges ist, der späterhin, wenn die Sexualtriebe in Betracht gezogen werden, 
Einschränkung und Berichtigung findet. 



15* 



228 Jenseits des Lustprinzips 



wicklungsgeschichte unserer Erde und ihres Verhältnisses zur 
Sonne sein, die uns in der Entwicklung der Organismen ihren 
Abdruck hinterlassen hat. Die konservativen organischen Triebe 
haben jede dieser aufgezwungenen Abänderungen des Lebenslaufes 
aufgenommen und zur Wiederholung aufbewahrt und müssen so 
den täuschenden Eindruck von Kräften machen, die nach Ver- 
änderung und Fortschritt streben, während sie bloß ein altes Ziel 
auf alten und neuen Wegen zu erreichen trachten. Auch dieses 
Endziel alles organischen Strebens ließe sich angeben. Der 
konservativen Natur der Triebe widerspräche es, wenn das Ziel 
des Lebens ein noch nie zuvor erreichter Zustand wäre. Es muß 
vielmehr ein alter, ein Ausgangszustand sein, den das Lebende 
einmal verlassen hat, und zu dem es über alle Umwege der 
Entwicklung zurückstrebt. Wenn wir es als ausnahmslose Erfahrung 
annehmen dürfen, daß alles Lebende aus inneren Gründen 
stirbt, ins Anorganische zurückkehrt, so können wir nur sagen: 
Das Ziel alles Lebens ist der Tod, und zurückgreifend: 
Das Leblose war früher da als das Lebende. 

Irgend einmal wurden in unbelebter Materie durch eine noch 
ganz unvorstellbare Kraftein wirkung die Eigenschaften des Lebenden 
erweckt. Vielleicht war es ein Vorgang, vorbildlich ähnlich jenem 
anderen, der in einer gewissen Schicht der lebenden Materie 
später das Bewußtsein entstehen ließ. Die damals entstandene 
Spannung in dem vorhin unbelebten Stoff trachtete darnach sich 
abzugleichen; es war der erste Trieb gegeben, der, zum Leblosen 
zurückzukehren. Die damals lebende Substanz hatte das Sterben 
noch leicht, es war wahrscheinlich nur ein kurzer Lebensweg zu 
durchlaufen, dessen Richtung durch die chemische Struktur des 
jungen Lebens bestimmt war. Eine lange Zeit hindurch mag so 
die lebende Substanz immer wieder neu geschaffen worden und 
leicht gestorben sein, bis sich maßgebende äußere Einflüsse so 
änderten, daß sie die noch überlebende Substanz zu immer 
größeren Ablenkungen vom ursprünglichen Lebensweg und zu immer 



Jenseits des Lustprinzips 229 



komplizierteren Umwegen bis zur Erreichung des Todeszieles 
nötigten. Diese Umwege zum Tode, von den konservativen Trieben 
getreulich festgehalten, böten uns heute das Bild der Lebens- 
erscheinungen. Wenn man an der ausschließlich konservativen 
Natur der Triebe festhält, kann man zu anderen Vermutungen 
über Herkunft und Ziel des Lebens nicht gelangen. 

Ebenso befremdend wie diese Folgerungen klingt dann, was 
sich für die großen Gruppen von Trieben ergibt, die wir hinter 
den Lebenserscheinungen der Organismen statuieren. Die Auf- 
stellung der Selbsterhaltungstriebe, die wir jedem lebenden Wesen 
zugestehen, steht in merkwürdigem Gegensatz zur Voraussetzung, 
daß das gesamte Triebleben der Herbeiführung des Todes dient. 
Die theoretische Bedeutung der Selbsterhaltungs-, Macht- und 
Geltungstriebe schrumpft, in diesem Licht gesehen, ein; es sind 
Partialtriebe, dazu bestimmt, den eigenen Todesweg des Organismus 
zu sichern und andere Möglichkeiten der Rückkehr zum An- 
organischen als die immanenten fernzuhalten, aber das rätselhafte, 
in keinen Zusammenhang einfügbare Bestreben des Organismus 
sich aller Welt zum Trotz zu behaupten, entfällt. Es erübrigt, 
daß der Organismus nur auf seine Weise sterben will 5 auch 
diese Lebenswächter sind ursprünglich Trabanten des Todes 
gewesen. Dabei kommt das Paradoxe zustande, daß der lebende 
Organismus sich auf das energischeste gegen Einwirkungen 
(Gefahren) sträubt, die ihm dazu verhelfen könnten, sein Lebens- 
ziel auf kurzem Wege (durch Kurzschluß sozusagen) zu erreichen, 
aber dies Verhalten charakterisiert eben ein rein triebhaftes im 
Gegensatz zu einem intelligenten Streben. 

Aber besinnen wir uns, dem kann nicht so sein! In ein ganz 
anderes Licht rücken die Sexualtriebe, für welche die Neurosen- 
lehre eine Sonderstellung in Anspruch genommen hat. Nicht 
alle Organismen sind dem äußeren Zwang unterlegen, der sie zu 
immer weiter gehender Entwicklung antrieb. Vielen ist es gelungen, 
sich auf ihrer niedrigen Stufe bis auf die Gegenwart zu bewahren 5 






250 Jenseits des Lustprinzips 



es leben ja noch heute, wenn nicht alle, so doch viele Lebewesen, 
die den Vorstufen der höheren Tiere und Pflanzen ähnlich sein 
müssen. Und ebenso machen nicht alle Elementarorganismen, 
welche den komplizierten Leib eines höheren Lebewesens zusammen- 
setzen, den ganzen Entwicklungsweg bis zum natürlichen Tode 
mit. Einige unter ihnen, die Keimzellen, bewahren wahrscheinlich 
die ursprüngliche Struktur der lebenden Substanz und lösen sich, 
mit allen ererbten und neu erworbenen Triebanlagen beladen 
nach einer gewissen Zeit vom ganzen Organismus ab. Vielleicht 
sind es gerade diese beiden Eigenschaften, die ihnen ihre 
selbständige Existenz ermöglichen. Unter günstige Bedingungen 
gebracht, beginnen sie sich zu entwickeln, das heißt, das Spiel, 
dem sie ihre Entstehung verdanken, zu wiederholen, und dies 
endet damit, daß wieder ein Anteil ihrer Substanz die Entwicklung 
bis zum Ende fortführt, während ein anderer als neuer Keimrest 
von neuem auf den Anfang der Entwicklung zurückgreift. So 
arbeiten diese Keimzellen dem Sterben der lebenden Substanz 
entgegen und wissen für sie zu erringen, was uns als potentielle 
Unsterblichkeit erscheinen muß, wenngleich es vielleicht nur eine 
Verlängerung des Todesweges bedeutet. Im höchsten Grade 
bedeutungsvoll ist uns die Tatsache, daß die Keimzelle für diese 
Leistung durch die Verschmelzung mit einer anderen, ihr ähn- 
lichen und doch von ihr verschiedenen, gekräftigt oder überhaupt 
erst befähigt wird. 

Die Triebe, welche die Schicksale dieser das Einzelwesen über- 
lebenden Elementarorganismen in acht nehmen, für ihre sichere 
Unterbringung sorgen, solange sie wehrlos gegen die Reize der 
Außenwelt sind, ihr Zusammentreffen mit den anderen Keim- 
zellen herbeiführen usw., bilden die Gruppe der Sexualtriebe. Sie 
sind in demselben Sinne konservativ wie die anderen, indem sie 
frühere Zustände der lebenden Substanz wiederbringen, aber sie 
sind es in stärkerem Maße, indem sie sich als besonders resistent 
gegen äußere Einwirkungen erweisen, und dann noch in einem 



Jenseits des Lustprinzips 



2*1 



weiteren Sinne, da sie das Leben selbst für längere Zeiten 
erhalten. 1 Sie sind die eigentlichen Lebenstriebe; dadurch, daß 
sie der Absicht der anderen Triebe, welche durch die Funktion 
zum Tode führt, entgegenwirken, deutet sich ein Gegensatz 
zwischen ihnen und den übrigen an, den die Neurosenlehre 
frühzeitig als bedeutungsvoll erkannt hat. Es ist wie ein Zauder- 
rhythmus im Leben der Organismen; die eine Triebgruppe stürmt 
nach vorwärts, um das Endziel des Lebens möglichst bald zu 
erreichen, die andere schnellt an einer gewissen Stelle dieses 
Weges zurück, um ihn von einem bestimmten Punkt an nochmals 
zu machen und so die Dauer des Weges zu verlängern. Aber 
wenn auch Sexualität und Unterschied der Geschlechter zu Beginn 
des Lebens gewiß nicht vorhanden waren, so bleibt es doch 
möglich, daß die später als sexuell zu bezeichnenden Triebe von 
allem Anfang an in Tätigkeit getreten sind und ihre Gegenarbeit 
gegen das Spiel der „Ichtriebe" nicht erst zu einem späteren 
Zeitpunkte aufgenommen haben. 2 

Greifen wir nun selbst ein erstes Mal zurück, um zu fragen, 
ob nicht alle diese Spekulationen der Begründung entbehren. 
Gibt es wirklich, abgesehen von den Sexualtrieben, 
keine anderen Triebe als solche, die einen früheren Zustand 
wiederherstellen wollen, nicht auch andere, die nach einem noch 
nie erreichten streben? Ich weiß in der organischen Welt kein 
sicheres Beispiel, das unserer vorgeschlagenen Charakteristik wider- 
spräche. Ein allgemeiner Trieb zur Höherentwicklung in der 
Tier- und Pflanzenwelt läßt sich gewiß nicht feststellen, wenn 
auch eine solche Entwicklungsrichtung tatsächlich unbestritten 
bleibt. Aber einerseits ist es vielfach nur Sache unserer Ein- 
schätzung, wenn wir eine Entwicklungsstufe für höher als eine 



i) Und doch sind sie es, die wir allein für eine innere Tendenz zum „Fortschritt" 
und zur Höherentwicklung in Anspruch nehmen können! (S. u.) 

2) Es sollte aus dem Zusammenhange verstanden werden, daß „Ichtriebe" hier 
als eine vorläufige Bezeichnung gemeint sind, welche an die erste Namengebung 
der Psychoanalyse anknüpft. 



2 3 2 Jenseits des Lustprinzips 






andere erklären, und anderseits zeigt uns die Wissenschaft des 
Lebenden, daß Höherentwicklung in einem Punkte sehr häufig 
durch Rückbildung in einem anderen erkauft oder wettgemacht 
wird. Auch gibt es Tierformen genug, deren Jugendzustände uns 
erkennen lassen, daß ihre Entwicklung vielmehr einen rück- 
schreitenden Charakter genommen hat. Höherentwicklung wie 
Rückbildung könnten beide Folgen der zur Anpassung drängenden 
äußeren Kräfte sein und die Rolle der Triebe könnte sich für 
beide Fälle darauf beschränken, die aufgezwungene Veränderung 
als innere Lustquelle festzuhalten.' 

Vielen von uns mag es auch schwer werden, auf den Glauben zu 
verzichten, daß im Menschen selbst ein Trieb zur Vervollkommnung 
wohnt, der ihn auf seine gegenwärtige Höhe geistiger Leistung und 
ethischer Sublimierung gebracht hat, und von dem man erwarten 
darf, daß er seine Entwicklung zum Übermenschen besorgen 
wird. Allein ich glaube nicht an einen solchen inneren Trieb 
und sehe keinen Weg, diese wohltuende Illusion zu schonen. Die 
bisherige Entwicklung des Menschen scheint mir keiner anderen 
Erklärung zu bedürfen als die der Tiere, und was man an einer 
Minderzahl von menschlichen Individuen als rastlosen Drang zu 
weiterer Vervollkommnung beobachtet, läßt sich ungezwungen 
als Folge der Triebverdrängung verstehen, auf welche das Wert- 
vollste an der menschlichen Kultur aufgebaut ist. Der verdrängte 
Trieb gibt es nie auf, nach seiner vollen Befriedigung zu streben, 
die in der Wiederholung eines primären Befriedigungserlebnisses 
bestünde; alle Ersatz-, Reaktionsbildungen und Sublimierungen 
sind ungenügend, um seine anhaltende Spannung aufzuheben, 
und aus der Differenz zwischen der gefundenen und der gefor- 

l) Auf anderem Wege ist Ferenczi zur Möglichkeit derselben Auffassung 
gelangt (Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes, Internationale Zeitschrift für 
Psychoanalyse, I, 1913): „Bei konsequenter Durchführung dieses Gedankenganges 
muß man sich mit der Idee einer auch das organische Leben beherrschenden 
Beharrungs-, respektive Regressionstendenz vertraut machen, während die Tendenz 
nach Portentwicklung, Anpassung usw. nur auf äußere Reize hin lebendig wird." 
(S. 137.) 



Jenseits des Lustprinzips 27 ~ 

derten Befriedigungslust ergibt sich das treibende Moment welches 
bei keiner der hergestellten Situationen zu verharren gestattet 
sondern nach des Dichters Worten „ungebändigt immer vorwärts 
dringt" (Mephisto im „Faust", I, Studierzimmer). Der Weg nach 
rückwärts, zur vollen Befriedigung, ist in der Regel durch die 
Widerstände, welche die Verdrängungen aufrecht halten, verlegt, 
und somit bleibt nichts anderes übrig, als in der anderen, noch 
freien Entwicklungsrichtung fortzuschreiten, allerdings ohne Aus- 
sicht, den Prozeß abschließen und das Ziel erreichen zu können. 
Die Vorgänge bei der Ausbildung einer neurotischen Phobie, die 
ja nichts anderes als ein Fluchtversuch vor einer Triebbefriedigung 
ist, geben uns das Vorbild für die Entstehung dieses anscheinenden 
„Vervollkommnungstriebes", den wir aber unmöglich allen 
menschlichen Individuen zuschreiben können. Die dynamischen 
Bedingungen dafür sind zwar ganz allgemein vorhanden, aber 
die ökonomischen Verhältnisse scheinen das Phänomen nur in 
seltenen Fällen zu begünstigen. 

Nur mit einem Wort sei aber auf die Wahrscheinlichkeit hin- 
gewiesen, daß das Bestreben des Eros, das Organische zu immer 
größeren Einheiten zusammenzufassen, einen Ersatz für den nicht 
anzuerkennenden „Vervollkommnungstrieb" leistet. Im Verein mit 
den Wirkungen der Verdrängung würde es die dem letzteren 
zugeschriebenen Phänomene erklären können. 






VI 

Unser bisheriges Ergebnis, welches einen scharfen Gegensatz 
zwischen den „Ichtrieben" und den Sexualtrieben aufstellt, die 
ersteren zum Tode und die letzteren zur Lebensfortsetzung drängen 
läßt, wird uns gewiß nach vielen Richtungen selbst nicht 
befriedigen. Dazu kommt, daß wir eigentlich nur für die ersteren 
den konservativen oder besser regredierenden, einem Wieder- 
holungszwang entsprechenden Charakter des Triebes in Anspruch 
nehmen konnten. Denn nach unserer Annahme rühren die Ich- 
triebe von der Belebung der unbelebten Materie her und wollen 
die Unbelebtheit wieder herstellen. Die Sexualtriebe hingegen — 
es ist augenfällig, daß sie primitive Zustände des Lebewesens 
reproduzieren, aber ihr mit allen Mitteln angestrebtes Ziel ist die 
Verschmelzung zweier in bestimmter Weise differenzierter Keim- 
zellen. Wenn diese Vereinigung nicht zustande kommt, dann 
stirbt die Keimzelle wie alle anderen Elemente des vielzelligen 
Organismus. Nur unter dieser Bedingung kann die Geschlechts- 
funktion das Leben verlängern und ihm den Schein der Unsterb- 
lichkeit verleihen. Welches wichtige Ereignis im Entwicklungs- 
gang der lebenden Substanz wird aber durch die geschlechtliche 
Fortpflanzung oder ihren Vorläufer, die Kopulation zweier Individuen 
unter den Protisten, wiederholt? Das wissen wir nicht zu sagen, 
und darum würden wir es als Erleichterung empfinden, wenn 
unser ganzer Gedankenaufbau sich als irrtümlich erkennen ließe. 
Der Gegensatz von Ich(Todes-)trieben und Sexual(Lebens-)trieben 



Jenseits des Lustprinzips 255 

würde dann entfallen, damit auch der Wiederholungszwang die 
ihm zugeschriebene Bedeutung einbüßen. 

Kehren wir darum zu einer von uns eingeflochtenen Annahme 
zurück, in der Erwartung, sie werde sich exakt widerlegen lassen. 
Wir haben auf Grund der Voraussetzung weitere Schlüsse auf- 
gebaut, daß alles Lebende aus inneren Ursachen sterben müsse. 
Wir haben diese Annahme so sorglos gemacht, weil sie uns nicht 
als solche erscheint. Wir sind gewohnt so zu denken, unsere 
Dichter bestärken uns darin. Vielleicht haben wir uns dazu 
entschlossen, weil ein Trost in diesem Glauben liegt. Wenn man 
schon selbst sterben und vorher seine Liebsten durch den Tod 
verlieren soll, so will man lieber einem unerbittlichen Natur- 
gesetz, der hehren 'Avay^j erlegen sein, als einem Zufall, der 
sich etwa noch hätte vermeiden lassen. Aber vielleicht ist dieser 
Glaube an die innere Gesetzmäßigkeit des Sterbens auch nur eine 
der Illusionen, die wir uns geschaffen haben, „um die Schwere 
des Daseins zu ertragen". Ursprünglich ist er sicherlich nicht, 
den primitiven Völkern ist die Idee eines „natürlichen Todes" 
fremd; sie führen jedes Sterben unter ihnen auf den Einfluß 
eines Feindes oder eines bösen Geistes zurück. Versäumen wir es 
darum nicht, uns zur Prüfung dieses Glaubens an die biologische 
Wissenschaft zu wenden. 

Wenn wir so tun, dürfen wir erstaunt sein, wie wenig die Biologen in 
der Frage des natürlichen Todes einig sind, ja, daß ihnen der Begriff 
des Todes überhaupt unter den Händen zerrinnt. Die Tatsache einer 
bestimmten durchschnittlichen Lebensdauer wenigstens bei höheren 
Tieren spricht natürlich für den Tod aus inneren Ursachen, aber der 
Umstand, daß einzelne große Tiere und riesenhafte Baumgewächse ein 
sehr hohes und bisher nicht abschätzbares Alter erreichen, hebt diesen 
Eindruck wieder auf. Nach der großartigen Konzeption von 
W. Fließ sind alle Lebenserscheinungen — und gewiß auch 
der Tod — der Organismen an die Erfüllung bestimmter Termine 
gebunden, in denen die Abhängigkeit zweier lebenden Substanzen, 



2 3^ Jenseits des Lustprinzips 



einer männlichen und einer weiblichen, vom Sonnenjahr zum 
Ausdruck kommt. Allein die Beobachtungen, wie leicht und bis 
zu welchem Ausmaß es dem Einflüsse äußerer Kräfte möglich 
ist, die Lebensäußerungen insbesondere der Pflanzenwelt in ihrem 
zeitlichen Auftreten zu verändern, sie zu verfrühen oder hint- 
anzuhalten, sträuben sich gegen die Starrheit der Fließschen 
Formeln und lassen zum mindesten an der Alleinherrschaft der 
von ihm aufgestellten Gesetze zweifeln. 

Das größte Interesse knüpft sich für uns an die Behandlung, 
welche das Thema von der Lebensdauer und vom Tode der 
Organismen in den Arbeiten von A. Weismann gefunden hat. 1 
Von diesem Forscher rührt die Unterscheidung der lebenden 
Substanz in eine sterbliche und unsterbliche Hälfte her; die 
sterbliche ist der Körper im engeren Sinne, das Soma, sie allein 
ist dem natürlichen Tode unterworfen, die Keimzellen aber sind 
potentia unsterblich, insofern sie imstande sind, unter gewissen 
günstigen Bedingungen sich zu einem neuen Individuum zu 
entwickeln, oder anders ausgedrückt, sich mit einem neuen Soma zu 
umgeben. 2 

Was uns hieran fesselt, ist die unerwartete Analogie mit unserer 
eigenen, auf so verschiedenem Wege entwickelten Auffassung. 
Weismann, der die lebende Substanz morphologisch betrachtet, 
erkennt in ihr einen Bestandteil, der dem Tode verfallen ist, das 
Soma, den Körper abgesehen vom Geschlechts- und Vererbungs- 
stoff, und einen unsterblichen, eben dieses Keimplasma, welches 
der Erhaltung der Art, der Fortpflanzung, dient. Wir haben nicht 
den lebenden Stoff, sondern die in ihm tätigen Kräfte eingestellt, 
und sind dazu geführt worden, zwei Arten von Trieben zu 
unterscheiden, jene, welche das Leben zum Tod führen wollen, 
die anderen, die Sexualtriebe, welche immer wieder die Erneuerung 



i) Über die Dauer des Lebens. 1882; Über Leben und Tod, 1892; Das Keim- 
plasma, 1892, u. a. 

2) Über Leben und Tod, 2. Aufl. 1892, S. 20. 



Jenseits des Lustprinzips Q * 7 

des Lebens anstreben und durchsetzen. Das klingt wie ein 
dynamisches Korollar zu Weismanns morphologischer Theorie. 

Der Anschein einer bedeutsamen Übereinstimmung verflüchtigt 
sich alsbald, wenn wir Weismanns Entscheidung über das 
Problem des Todes vernehmen. Denn Weismann läßt die 
Sonderung von sterblichem Soma und unsterblichem Keimplasma 
erst bei den vielzelligen Organismen gelten, bei den einzelligen 
Tieren sind Individuum und Fortpflanzungszelle noch ein- und 
dasselbe. 1 Die Einzelligen erklärt er also für potentiell unsterblich, 
der Tod tritt erst bei den Metazoen, den Vielzelligen, auf. Dieser 
Tod der höheren Lebewesen ist allerdings ein natürlicher, ein 
Tod aus inneren Ursachen, aber er beruht nicht auf einer 
Ureigenschaft der lebenden Substanz, 2 kann nicht als eine absolute, 
im Wesen des Lebens begründete Notwendigkeit aufgefaßt werden. 3 
Der Tod ist vielmehr eine Zweckmäßigkeitseinrichtung, eine 
Erscheinung der Anpassung an die äußeren Lebensbedingungen, 
weil von der Sonderung der Körperzellen in Soma und Keim- 
plasma an die unbegrenzte Lebensdauer des Individuums ein 
ganz unzweckmäßiger Luxus geworden wäre. Mit dem Eintritt 
dieser Differenzierung bei den Vielzelligen wurde der Tod möglich 
und zweckmäßig. Seither stirbt das Soma der höheren Lebewesen 
aus inneren Gründen zu bestimmten Zeiten ab, die Protisten 
aber sind unsterblich geblieben. Die Fortpflanzung hingegen ist 
nicht erst mit dem Tode eingeführt worden, sie ist vielmehr eine 
Ureigenschaft der lebenden Materie wie das Wachstum, aus 
welchem sie hervorging, und das Leben ist von seinem Beginn 
auf Erden an kontinuierlich geblieben. 4 

Es ist leicht einzusehen, daß das Zugeständnis eines natür- 
lichen Todes für die höheren Organismen unserer Sache wenig 
hilft. Wenn der Tod eine späte Erwerbung der Lebewesen ist, 

i) Dauer des Lebens, S. 58. 

2) Leben und Tod, 2. Aufl., S. 67. 

5) Dauer des Lebens, S. 35. 

4) Über Leben und Tod, Schluß. 






238 Jenseits des Lustprinzips 

dann kommen Todestriebe, die sich vom Beginn des Lebens auf 
Erden ableiten, weiter nicht in Betracht. Die Vielzelligen mögen 
dann immerhin aus inneren Gründen sterben, an den Mängeln 
ihrer Differenzierung oder an den Unvollkommenheiten ihres 
Stoffwechsels; es hat für die Frage, die uns beschäftigt, kein 
Interesse. Ein solche Auffassung und Ableitung des Todes liegt 
dem gewohnten Denken der Menschen auch sicherlich viel 
näher als die befremdende Annahme von „Todestrieben". 

Die Diskussion, die sich an die Aufstellungen von We'is- 
mann angeschlossen, hat nach meinem Urteil in keiner Richtung 
Entscheidendes ergeben. 1 Manche Autoren sind zum Standpunkt 
von Goette zurückgekehrt (1885), der in dem Tod die direkte 
Folge der Fortpflanzung sah. Hartmann charakterisiert den 
Tod nicht durch Auftreten einer „Leiche", eines abgestorbenen 
Anteiles der lebenden Substanz, sondern definiert ihn als den 
„Abschluß der individuellen Entwicklung". In diesem Sinne sind 
auch die Protozoen sterblich, der Tod fällt bei ihnen immer mit 
der Fortpflanzung zusammen, aber er wird durch diese gewisser- 
maßen verschleiert, indem die ganze Substanz des Elterntieres 
direkt in die jungen Kinderindividuen übergeführt werden kann 
(1. c, S. 29). 

Das Interesse der Forschung hat sich bald darauf gerichtet, 
die behauptete Unsterblichkeit der lebenden Substanz an den 
Einzelligen experimentell zu erproben. Ein Amerikaner, Wood- 
ruff, hat ein bewimpertes Infusorium, ein „Pantoffeltierchen", 
das sich durch Teilung in zwei Individuen fortpflanzt, in Zucht 
genommen und es bis zur 5oagsten Generation, wo er den 
Versuch abbrach, verfolgt, indem er jedesmal das eine der Teil- 
produkte isolierte und in frisches Wasser brachte. Dieser späte 
Abkömmling des ersten Pantoffeltierchen war ebenso frisch wie 



1) Vgl. Max Hartmann, Tod und Fortpflanzung, 1906. Alex. Lipschütz, 
Warum wir sterben, Kosmosbücher, 1914. Franz Doflein, Das Problem des Todes 
und der Unsterblichkeit bei den Pflanzen und Tieren, 190g. 



Jenseits des Lustprinzips 2*0 

der Urahn, ohne alle Zeichen des Alterns oder der Degeneration- 
somit schien, wenn solchen Zahlen bereits Beweiskraft zukommt 
die Unsterblichkeit der Protisten experimentell erweisbar. 1 

Andere Forscher sind zu anderen Resultaten gekommen. 
Maupas, Calkins und andere haben im Gegensatz zu 
Woodruff gefunden, daß auch diese Infusorien nach einer 
gewissen Anzahl von Teilungen schwächer werden, an Größe 
abnehmen, einen Teil ihrer Organisation einbüßen und endlich 
sterben, wenn sie nicht gewisse auffrischende Einflüsse erfahren. 
Demnach stürben die Protozoen nach einer Phase des Alters- 
verfalles ganz wie die höheren Tiere, so recht im Widerspruch 
zu den Behauptungen Weismanns, der den Tod als eine späte 
Erwerbung der lebenden Organismen anerkennt. 

Aus dem Zusammenhang dieser Untersuchungen heben wir 
zwei Tatsachen heraus, die uns einen festen Anhalt zu bieten 
scheinen. Erstens: Wenn die Tierchen zu einem Zeitpunkt, da 
sie noch keine Altersveränderung zeigen, miteinander zu zweit 
verschmelzen, „kopulieren" können — worauf sie nach einiger 
Zeit wieder auseinandergehen, — so bleiben sie vom Alter 
verschont, sie sind „verjüngt" worden. Diese Kopulation ist doch 
wohl der Vorläufer der geschlechtlichen Fortpflanzung höherer 
Wesen ; sie hat mit der Vermehrung noch nichts zu tun, beschränkt 
sich auf die Vermischung der Substanzen beider Individuen 
(Weismanns Amphimixis). Der auffrischende Einfluß der 
Kopulation kann aber auch ersetzt werden durch bestimmte Reiz- 
mittel, Veränderungen in der Zusammensetzung der Nähr- 
flüssigkeit, Temperatursteigerung oder Schütteln. Man erinnert 
sich an das berühmte Experiment von J. Loeb, der Seeigeleier 
durch gewisse chemische Reize zu Teilungsvorgängen zwang, die 
sonst nur nach der Befruchtung auftreten. 

Zweitens : Es ist doch wahrscheinlich, daß die Infusorien durch 
ihren eigenen Lebensprozeß zu einem natürlichen Tod geführt 

1) Für dies und das Folgende vgl. Lip schütz 1. c, S. 26 und 52 ff. 






240 Jenseits des Lustprinzips 

werden, denn der Widerspruch zwischen den Ergebnissen von 
Woodruff und von anderen rührt daher, daß Woodruff 
jede neue Generation in frische Nährflüssigkeit brachte. Unterließ 
er dies, so beobachtete er dieselben Altersveränderungen der 
Generationen wie die anderen Forscher. Er schloß, daß die Tierchen 
durch die Produkte des Stoffwechsels, die sie an die umgebende 
Flüssigkeit abgeben, geschädigt werden, und konnte dann über- 
zeugend nachweisen, daß nur die Produkte des eigenen Stoff- 
wechsels diese zum Tod der Generation führende Wirkung haben. 
Denn in einer Lösung, die mit den Abfallsprodukten einer 
entfernter verwandten Art übersättigt war, gediehen dieselben 
Tierchen ausgezeichnet, die, in ihrer eigenen Nährflüssigkeit 
angehäuft, sicher zugrunde gingen. Das Infusor stirbt also, sich 
selbst überlassen, eines natürlichen Todes an der Unvollkommenheit 
der Beseitigung seiner eigenen Stoff Wechselprodukte $ aber vielleicht 
sterben auch alle höheren Tiere im Grunde an dem gleichen 
Unvermögen. 

Es mag uns da der Zweifel anwandeln, ob es überhaupt zweck- 
dienlich war, die Entscheidung der Frage nach dem natürlichen 
Tod im Studium der Protozoen zu suchen. Die primitive Organi- 
sation dieser Lebewesen mag uns wichtige Verhältnisse verschleiern, 
die auch bei ihnen statthaben, aber erst bei höheren Tieren 
erkannt werden können, wo sie sich einen morphologischen Aus- 
druck verschafft haben. Wenn wir den morphologischen Stand- 
punkt verlassen, um den dynamischen einzunehmen, so kann es 
uns überhaupt gleichgültig sein, ob sich der natürliche Tod der 
Protozoen erweisen läßt oder nicht. Bei ihnen hat sich die später 
als unsterblich erkannte Substanz von der sterblichen noch in 
keiner Weise gesondert. Die Triebkräfte, die das Leben in den 
Tod überführen wollen, könnten auch in ihnen von Anfang an 
wirksam sein, und doch könnte ihr Effekt durch den der lebens- 
erhaltenden Kräfte so gedeckt werden, daß ihr direkter Nachweis 
sehr schwierig wird. Wir haben allerdings gehört, daß die 



Jenseits des Lustprinzips 24,1 

Beobachtungen der Biologen uns die Annahme solcher zum Tod 
führenden inneren Vorgänge auch für die Protisten gestatten. Aber 
selbst wenn die Protisten sich als unsterblich im Sinne von Weismann 
erweisen, so gilt seine Behauptung, der Tod sei eine späte Erwerbung 
nur für die manifesten Äußerungen des Todes und macht keine 
Annahme über die zum Tode drängenden Prozesse unmöglich. Unsere 
Erwartung, die Biologie werde die Anerkennung der Todestriebe 
glatt beseitigen, hat sich nicht erfüllt. Wir können uns mit ihrer 
Möglichkeit weiter beschäftigen, wenn wir sonst Gründe dafür 
haben. Die auffällige Ähnlichkeit der Weismann sehen Sonderung 
von Soma und Keimplasma mit unserer Scheidung der Todes- 
triebe von den Lebenstrieben bleibt aber bestehen und erhält 
ihren Wert wieder. 

Verweilen wir kurz bei dieser exquisit dualistischen Auffassung 
des Trieblebens. Nach der Theorie E. Herings von den Vor- 
gängen in der lebenden Substanz laufen in ihr unausgesetzt 
zweierlei Prozesse entgegengesetzter Richtung ab, die einen auf- 
bauend — assimilatorisch, die anderen abbauend — dissimila- 
torisch. Sollen wir es wagen, in diesen beiden Richtungen der 
Lebensprozesse die Betätigung unserer beiden Triebregungen, der 
Lebenstriebe und der Todestriebe, zu erkennen? Aber etwas 
anderes können wir uns nicht verhehlen: daß wir unversehens 
in den Hafen der Philosophie Schopenhauers eingelaufen 
sind, für den ja der Tod „das eigentliche Resultat" und insofern 
der Zweck des Lebens ist, 1 der Sexualtrieb aber die Verkörperung 
des Willens zum Leben. 

Versuchen wir kühn, einen Schritt weiter zu gehen. Nach 
allgemeiner Einsicht ist die Vereinigung zahlreicher Zellen zu 
einem Lebensverband, die Vielzelligkeit der Organismen, ein 
Mittel zur Verlängerung ihrer Lebensdauer geworden. Eine Zelle 
hilft dazu, das Leben der anderen zu erhalten, und der Zellen- 

1) „Über die anscheinende Absichtlichkeit im Schicksale des Einzelnen", Groß- 
herzog Wilhelm Ernst-Ausgabe, IV. Bd., S. 268. 

Freud, VI. l6 






242 Jenseits des Lustprinzips 



Staat kann weiter leben, auch wenn einzelne Zellen absterben 
müssen. Wir haben bereits gehört, daß auch die Kopulation, die 
zeitweilige Verschmelzung zweier Einzelliger, lebenserhaltend und 
verjüngend auf beide wirkt. Somit könnte man den Versuch 
machen, die in der Psychoanalyse gewonnene Libidotheorie auf 
das Verhältnis der Zellen zu einander zu übertragen und sich 
vorzustellen, daß es die in jeder Zelle tätigen Lebens- oder 
Sexualtriebe sind, welche die anderen Zellen zum Objekt nehmen, 
deren Todestriebe, das ist die von diesen angeregten Prozesse, 
teilweise neutralisieren und sie so am Leben erhalten, während 
andere Zellen dasselbe für sie besorgen und noch andere 
in der Ausübung dieser libidinösen Funktion sich selbst aufopfern. 
Die Keimzellen selbst würden sich absolut „narzißtisch" benehmen, 
wie wir es in der Neurosenlehre zu bezeichnen gewohnt sind, 
wenn ein ganzes Individuum seine Libido im Ich behält und 
nichts von ihr für Objektbesetzungen verausgabt. Die Keimzellen 
brauchen ihre Libido, die Tätigkeit ihrer Lebenstriebe, für sich 
selbst als Vorrat für ihre spätere, großartig aufbauende Tätigkeit. 
Vielleicht darf man auch die Zellen der bösartigen Neugebilde, 
die den Organismus zerstören, für narzißtisch in demselben Sinne 
erklären. Die Pathologie ist ja bereit, ihre Keime für mitgeboren 
zu halten und ihnen embryonale Eigenschaften zuzugestehen. So 
würde also die Libido unserer Sexualtriebe mit dem Eros der 
Dichter und Philosophen zusammenfallen, der alles Lebende 
zusammenhält. 

An dieser Stelle finden wir den Anlaß, die langsame Entwicklung 
unserer Libidotheorie zu überschauen. Die Analyse der Über- 
tragungsneurosen zwang uns zunächst den Gegensatz zwischen 
„Sexualtrieben", die auf das Objekt gerichtet sind, und anderen 
Trieben auf, die wir nur sehr ungenügend erkannten und vor- 
läufig als „Ichtriebe" bezeichneten. Unter ihnen mußten Triebe, 
die der Selbsterhaltung des Individuums dienen, in erster Linie 
anerkannt werden. Was für andere Unterscheidungen da zu 



Jenseits des Lustprinzips 



245 



machen waren, konnte man nicht wissen. Keine Kenntnis wäre für 
die Begründung einer richtigen Psychologie so wichtig gewesen wie 
eine ungefähre Einsicht in die gemeinsame Natur und die etwaigen 
Besonderheiten der Triebe. Aber auf keinem Gebiete der Psycho- 
logie tappte man so sehr im Dunkeln. Jedermann stellte so viele 
Triebe oder „Grundtriebe" auf, als ihm beliebte, und wirt- 
schaftete mit ihnen, wie die alten griechischen Naturphilosophen 
mit ihren vier Elementen: dem Wasser, der Erde, dem Feuer 
und der Luft. Die Psychoanalyse, die irgend einer Annahme über 
die Triebe nicht entraten konnte, hielt sich vorerst an die populäre 
Triebunterscheidung, für die das Wort von „Hunger und Liebe" 
vorbildlich ist. Es war wenigstens kein neuer Willkürakt. Damit 
reichte man in der Analyse der Psychoneurosen ein ganzes Stück 
weit aus. Der Begriff der „Sexualität" — und damit der eines 
Sexualtriebes — mußte freilich erweitert werden, bis er vieles 
einschloß, was sich nicht der Fortpflanzungsfunktion einordnete, 
und darüber gab es Lärm genug in der strengen, vornehmen 
oder bloß heuchlerischen Welt. 

Der nächste Schritt erfolgte, als sich die Psychoanalyse näher 
an das psychologische Ich herantasten konnte, das ihr zunächst 
nur als verdrängende, zensurierende und zu Schutzbauten, 
Reaktionsbildungen befähigte Instanz bekannt geworden war. Kritische 
und andere weitblickende Geister hatten zwar längst gegen die 
Einschränkung des Libidobegriffes auf die Energie der dem 
Objekt zugewendeten Sexualtriebe Einspruch erhoben. Aber sie 
versäumten es mitzuteilen, woher ihnen die bessere Einsicht 
gekommen war, und verstanden nicht, etwas für die Analyse 
Brauchbares aus ihr abzuleiten. In bedächtigerem Fortschreiten 
fiel es nun der psychoanalytischen Beobachtung auf, wie regel- 
mäßig Libido vom Objekt abgezogen und aufs Ich gerichtet wird 
(Introversion), und indem sie die Libidoentwicklung des Kindes 
in ihren frühesten Phasen studierte, kam sie zur Einsicht, daß 
das Ich das eigentliche und ursprüngliche Reservoir der Libido 

16» 



244 Jenseits des Lustprinzips 






sei, die erst von da aus auf das Objekt erstreckt werde. Das 
Ich trat unter die Sexualobjekte und wurde gleich als das 
vornehmste unter ihnen erkannt. Wenn die Libido so im Ich 
verweilte, wurde sie narzißtisch genannt. 1 Diese narzißtische 
Libido war natürlich auch die Kraftäußerung von Sexualtrieben 
im analytischen Sinne, die man mit den von Anfang an zuge- 
standenen „Selbsterhaltungstrieben" identifizieren mußte. Somit 
war der ursprüngliche Gegensatz von Ichtrieben und Sexualtrieben 
unzureichend geworden. Ein Teil der Ichtriebe war als libidinös 
erkannt 5 im Ich waren — neben anderen wahrscheinlich — 
auch Sexualtriebe wirksam, doch ist man berechtigt zu sagen, 
daß die alte Formel, die Psychoneurose beruhe auf einem Konflikt 
zwischen den Ichtrieben und den Sexualtrieben, nichts enthielt, 
was heute zu verwerfen wäre. Der Unterschied der beiden Trieb- 
arten, der ursprünglich irgendwie qualitativ gemeint war, ist 
jetzt nur anders, nämlich topisch zu bestimmen. Insbesondere 
die Übertragungsneurose, das eigentliche Studienobjekt der Psycho- 
analyse, bleibt das Ergebnis eines Konflikts zwischen dem Ich und 
der libidinösen Objektbesetzung. 

Um so mehr müssen wir den libidinösen Charakter der Selbst- 
erhaltungstriebe jetzt betonen, da wir den weiteren Schritt wagen, 
den Sexualtrieb als den alles erhaltenden Eros zu erkennen und 
die narzißtische Libido des Ichs aus den Libidobeiträgen ableiten, 
mit denen die Somazellen aneinander haften. Nun aber finden 
wir uns plötzlich folgender Frage gegenüber: Wenn auch die 
Selbsterhaltungstriebe libidinöser Natur sind, dann haben wir 
vielleicht überhaupt keine anderen Triebe als libidinöse. Es sind 
wenigstens keine anderen zu sehen. Dann muß man aber doch 
den Kritikern recht geben, die von Anfang an geahnt haben, 
die Psychoanalyse erkläre alles aus der Sexualität, oder den 



Zur Einführung des Narzißmus. Jahrbuch der Psychoanalyse, VI, 1914. [Ges. 
Schriften, Bd. VI.] 






Jenseits des Lustpri/izips 



245 



Neuerem wie Jung, die, kurz entschlossen, Libido für , Trieb- 
kraft" überhaupt gebraucht haben. Ist dem nicht so? 

In unserer Absicht läge dies Resultat allerdings nicht. Wir 
sind ja vielmehr von einer scharfen Scheidung zwischen Ichtrie- 
ben = Todestrieben und Sexualtrieben = Lebenstrieben ausgegangen. 
Wir waren ja bereit, auch die angeblichen Selbsterhaltungstriebe 
des Ichs zu den Todestrieben zu rechnen, was wir" seither 
berichtigend zurückgezogen haben. Unsere Auffassung war von 
Anfang eine dualistische und sie ist es heute schärfer denn 
zuvor, seitdem wir die Gegensätze nicht mehr Ich- und Sexual- 
triebe, sondern Lebens- und Todestriebe benennen. Jungs Libido- 
theorie ist dagegen eine monistische ; daß er seine einzige Trieb- 
kraft Libido geheißen hat, mußte Verwirrung stiften, soll uns 
aber weiter nicht beeinflussen. Wir vermuten, daß im Ich noch 
andere als die libidinösen Selbsterhaltungstriebe tätig sind 5 wir 
sollten nur imstande sein, sie aufzuzeigen. Es ist zu bedauern, 
daß die Analyse des Ichs so wenig fortgeschritten ist, daß dieser 
Nachweis uns recht schwer wird. Die libidinösen Triebe des Ichs 
mögen allerdings in besonderer Weise mit den anderen, uns noch 
fremden Ichtrieben verknüpft sein. Noch ehe wir den Narzißmus 
klar erkannt hatten, bestand bereits in der Psychoanalyse die 
Vermutung, daß die „Ichtriebe" libidinöse Komponenten an sich 
gezogen haben. Aber das sind recht unsichere Möglichkeiten, 
denen die Gegner kaum Rechnung tragen werden. Es bleibt 
mißlich, daß uns die Analyse bisher immer nur in den Stand 
gesetzt hat, libidinöse Triebe nachzuweisen. Den Schluß, daß es 
andere nicht gibt, möchten wir darum doch nicht mitmachen. 

Bei dem gegenwärtigen Dunkel der Trieblehre tun wir wohl 
nicht gut, irgend einen Einfall, der uns Aufklärung verspricht, 
zurückzuweisen. Wir sind von der großen Gegensätzlichkeit von 
Lebens- und Todestrieben ausgegangen. Die Objektliebe selbst 
zeigt uns eine zweite solche Polarität, die von Liebe (Zärtlichkeit) 
und Haß (Aggression). Wenn es uns gelänge, diese beiden Polaritäten 



246 Jenseits des Lustprinzips 



in Beziehung zu einander zu bringen, die eine auf die andere 
zurückzuführen! Wir haben von jeher eine sadistische Komponente 
des Sexualtriebes anerkannt}' sie kann sich, wie wir wissen, selb- 
ständig machen und als Perversion das gesamte Sexualstreben der 
Person beherrschen. Sie tritt auch in einer der von mir soge- 
nannten „prägenitalen Organisationen" als dominierender Partial- 
trieb hervor. Wie soll man aber den sadistischen Trieb, der auf 
die Schädigung des Objekts zielt, vom lebenserhaltenden Eros 
ableiten können? Liegt da nicht die Annahme nahe, daß dieser 
Sadismus eigentlich ein Todestrieb ist, der durch den Einfluß 
der narzißtischen Libido vom Ich abgedrängt wurde, so daß er 
erst am Objekt zum Vorschein kommt? Er tritt dann in den 
Dienst der Sexualfunktion $ im oralen Organisationsstadium der 
Libido fällt die Liebesbemächtigung noch mit der Vernichtung des 
Objekts zusammen, später trennt sich der sadistische Trieb ab 
und endlich übernimmt er auf der Stufe des Genitalprimats 
zum Zwecke der Fortpflanzung die Funktion, das Sexualobjekt 
so weit zu bewältigen, als es die Ausführung des Geschlechts- 
aktes erfordert. Ja, man könnte sagen, der aus dem Ich heraus- 
gedrängte Sadismus habe den libidinösen Komponenten des 
Sexualtriebs den Weg gezeigt; späterhin drängen diese zum 
Objekt nach. Wo der ursprüngliche Sadismus keine Ermäßigung 
und Verschmelzung erfährt, ist die bekannte Liebe-Haß- Ambivalenz 
des Liebeslebens hergestellt. 

Wenn es erlaubt ist, eine solche Annahme zu machen, so 
wäre die Forderung erfüllt, ein Beispiel eines — allerdings 
verschobenen — Todestriebes aufzuzeigen. Nur daß diese Auffassung 
von jeder Anschaulichkeit weit entfernt ist und einen geradezu 
mystischen Eindruck macht. Wir kommen in den Verdacht, um 
jeden Preis eine Auskunft aus einer großen Verlegenheit gesucht 
zu haben. Dann dürfen wir uns darauf berufen, daß eine solche 

1) „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie", von der I. Auflage, 1905, an. [Ges. 
Schriften, Bd. V.] 



Jenseits des Lustprinzips 247 



Annahme nicht neu ist, daß wir sie bereits früher einmal 
gemacht haben, als von einer Verlegenheit noch keine Rede 
war. Klinische Beobachtungen haben uns seinerzeit zur Auffassung 
genötigt, daß der dem Sadismus komplementäre Partialtrieb des 
Masochismus als eine Rückwendung des Sadismus gegen das 
eigene Ich zu verstehen sei. 1 Eine Wendung des Triebes vom 
Objekt zum Ich ist aber prinzipiell nichts anderes als die 
Wendung vom Ich zum Objekt, die hier als neu in Frage steht. 
Der Masochismus, die Wendung des Triebes gegen das eigene 
Ich, wäre dann in Wirklichkeit eine Rückkehr zu einer früheren 
Phase desselben, eine Regression. In einem Punkte bedürfte die 
damals vom Masochismus gegebene Darstellung einer Berichtigung 
als allzu ausschließlich 5 der Masochismus könnte auch, was ich 
dort bestreiten wollte, ein primärer sein. 2 

Aber kehren wir zu den lebenserhaltenden Sexualtrieben 
zurück. Schon aus der Protistenforschung haben wir erfahren, daß 
die Verschmelzung zweier Individuen ohne nachfolgende Teilung, 
die Kopulation, auf beide Individuen, die sich dann bald von 
einander lösen, stärkend und verjüngend wirkt. (S. o. Lip- 
schütz.) Sie zeigen in weiteren Generationen keine Degene- 
rationserscheinungen und scheinen befähigt, den Schädlichkeiten 
ihres eigenen Stoffwechsels länger zu widerstehen. Ich meine, daß 
diese eine Beobachtung als vorbildlich für den Effekt auch der 
geschlechtlichen Vereinigung genommen werden darf. Aber auf 
welche Weise bringt die Verschmelzung zweier wenig ver- 

1) Vgl. Sexualtheorie, 4. Aufl., 1920, und „Triebe und Triebschicksale". [Ges. 
Schriften, Bd. V.] 

2) In einer inhalts- und gedankenreichen, für mich leider nicht ganz durch- 
sichtigen Arbeit hat Sabina S p i e 1 r e i n ein ganzes Stück dieser Spekulation vor- 
weggenommen. Sie bezeichnet die sadistische Komponente des Sexualtriebs als die 
„destruktive". (Die Destruktion als Ursache des Werdens. Jahrbuch für Psycho- 
analyse, IV, 1912.) In noch anderer Weise suchte A. Stärcke (Inleiding by de 
vertaling von S. Freud, De sexuele beschavingsmoral etc., 1914) den Libidobegriff 
selbst mit dem theoretisch zu supponierenden biologischen Begriff eines An- 
triebes zum Tode zu identifizieren. (Vgl. auch Rank, Der Künstler.) Alle 
diese Bemühungen zeigen, wie die im Texte, von dem Drang nach einer noch nicht 
erreichten Klärung in der Trieblehre. 



248 Jenseits des Lustprinzips 



schiedener Zellen eine solche Erneuerung des Lebens zustande? 
Der Versuch, der die Kopulation bei den Protozoen durch die 
Einwirkung chemischer, ja selbst mechanischer Reize (1. c.) ersetzt, 
gestattet wohl eine sichere Antwort zu geben: Es geschieht 
durch die Zufuhr neuer Reizgrößen. Das stimmt nun aber gut 
zur Annahme, daß der Lebensprozeß des Individuums aus 
inneren Gründen zur Abgleichung chemischer Spannungen, das 
heißt zum Tode führt, während die Vereinigung mit einer indi- 
viduell verschiedenen lebenden Substanz diese Spannungen ver- 
größert, sozusagen neue Vitaldifferenzen einführt, die dann 
abgelebt werden müssen. Für diese Verschiedenheit muß es 
natürlich ein oder mehrere Optima geben. Daß wir als die herr- 
schende Tendenz des Seelenlebens, vielleicht des Nervenlebens 
überhaupt, das Streben nach Herabsetzung, Konstanterhaltung, 
Aufhebung der inneren Reizspannung erkannten (das Nirwana- 
prinzip nach einem Ausdruck von Barbara Low), wie es im 
Lustprinzip zum Ausdruck kommt, das ist ja eines unserer 
stärksten Motive, an die Existenz von Todestrieben zu glauben. 

Als empfindliche Störung unseres Gedankenganges verspüren 
wir es aber noch immer, daß wir gerade für den Sexualtrieb 
jenen Charakter eines Wiederholungszwanges nicht nachweisen 
können, der uns zuerst zur Aufspürung der Todestriebe führte. 
Das Gebiet der embryonalen Entwicklungsvorgänge ist zwar über- 
reich an solchen Wiederholungserscheinungen, die beiden Keim- 
zellen der geschlechtlichen Fortpflanzung und ihre Lebens- 
geschichte sind selbst nur Wiederholungen der Anfänge des 
organischen Lebens $ aber das Wesentliche an den vom Sexual- 
trieb intendierten Vorgängen ist doch die Verschmelzung zweier 
Zelleiber. Erst durch diese wird bei den höheren Lebewesen 
die Unsterblichkeit der lebenden Substanz gesichert. 

Mit anderen Worten: wir sollen Auskunft schaffen über die 
Entstehung der geschlechtlichen Fortpflanzung und die Herkunft 
der Sexualtriebe überhaupt, eine Aufgabe, vor der ein Außen- 






Jenseits des Lustprinzips 249 



stehender zurückschrecken muß, und die von den Spezialforschern 
selbst bisher noch nicht gelöst werden konnte. In knappster 
Zusammendrängung sei darum aus all den widerstreitenden 
Angaben und Meinungen hervorgehoben, was einen Anschluß an 
unseren Gedankengang zuläßt. 

Die eine Auffassung benimmt dem Problem der Fortpflanzung 
seinen geheimnisvollen Reiz, indem sie die Fortpflanzung als eine 
Teilerscheinung des Wachstums darstellt (Vermehrung durch 
Teilung, Sprossung, Knospung). Die Entstehung der Fortpflan- 
zung durch geschlechtlich differenzierte Keimzellen könnte man 
sich nach nüchterner Darwinscher Denkungsart so vorstellen, 
daß der Vorteil der Amphimixis, der sich dereinst bei der zu- 
fälligen Kopulation zweier Protisten ergab, in der ferneren Ent- 
wicklung festgehalten und weiter ausgenützt wurde. 1 Das 
„Geschlecht" wäre also nicht sehr alt, und die außerordentlich 
heftigen Triebe, welche die geschlechtliche Vereinigung herbei- 
führen wollen, wiederholten dabei etwas, was sich zufällig ein- 
mal ereignet und seither als vorteilhaft befestigt hat. 

Es ist hier wiederum wie beim Tod die Frage, ob man bei den 
Protisten nichts anderes gelten lassen soll, als was sie zeigen, und ob 
man annehmen darf, daß Kräfte und Vorgänge, die erst bei höheren 
Lebewesen sichtbar werden, auch bei diesen zuerst entstanden sind. 
Für unsere Absichten leistet die erwähnte Auffassung der Sexualität 
sehr wenig. Man wird gegen sie einwenden dürfen, daß sie die 
Existenz von Lebenstrieben, die schon im einfachsten Lebewesen 
wirken, voraussetzt, denn sonst wäre ja die Kopulation, die dem 
Lebenslauf entgegenwirkt und die Aufgabe des Ablebens erschwert, 
nicht festgehalten und ausgearbeitet, sondern vermieden worden. 
Wenn man also die Annahme von Todestrieben nicht fahren 

1) Obwohl Weismann (Das Keimplasma, 1892) auch diesen Vorteil leugnet: 
„Die' Befruchtung bedeutet keinesfalls eine Verjüngung oder Erneuerung des Lebens, 
sie wäre durchaus nicht notwendig zur Fortdauer des Lebens, sie ist nichts als eine 
Einrichtung, um die Vermischung zweier verschiedener Ver- 
erbungstendenzen möglich zu machen." Als die Wirkung einer solchen Ver- 
mischung betrachtet er aber doch eine Steigerung der Variabilität der Lebewesen. 



2 5° Jenseits des Lustprinzips 



lassen will, muß man ihnen von allem Anfang an Lebenstriebe 
zugesellen. Aber man muß es zugestehen, wir arbeiten da an 
einer Gleichung mit zwei Unbekannten. Was wir sonst in der 
Wissenschaft über die Entstehung der Geschlechtlichkeit finden, 
ist so wenig, daß man dies Problem einem Dunkel vergleichen 
kann, in welches auch nicht der Lichtstrahl einer Hypothese 
gedrungen ist. An ganz anderer Stelle begegnen wir allerdings 
einer solchen Hypothese, die aber von so phantastischer Art ist, 
— gewiß eher ein Mythus als eine wissenschaftliche Erklärung 
daß ich nicht wagen würde, sie hier anzuführen, wenn sie 
nicht gerade die eine Bedingung erfüllen würde, nach deren 
Erfüllung wir streben. Sie leitet nämlich einen Trieb ab von 
dem Bedürfnis nach Wiederherstellung eines frü- 
heren Zustand es. 

Ich meine natürlich die Theorie, die Plato im Symposion 
durch Aristophanes entwickeln läßt, und die nicht nur die 
Herkunft des Geschlechtstriebes, sondern auch seiner wichtigsten 
Variation in Bezug auf das Objekt behandelt. 1 

„Unser Leib war nämlich zuerst gar nicht ebenso gebildet wie 
jetzt j er war ganz anders. Erstens gab es drei Geschlechter, nicht 
bloß wie jetzt männlich und weiblich, sondern noch ein drittes, 
das die beiden vereinigte . . das Mann weibliche ..." Alles an 
diesen Menschen war aber doppelt, sie hatten also vier Hände 
und vier Füße, zwei Gesichter, doppelte Schamteile usw. Da ließ 
sich Zeus bewegen, jeden Menschen in zwei Teile zu teilen, 
„wie man die Quitten zum Einmachen durchschneidet ... Weil 
nun das ganze Wesen entzweigeschnitten war, trieb die Sehn- 
sucht die beiden Hälften zusammen : sie umschlangen sich mit 
den Händen, verflochten sich ineinander im Verlangen, 
zusammenzuwachsen . . ." 2 

1) Übersetzung von U. v. W i 1 am o w i t z - M o e 1 1 e n d o r f f (Piaton I. 
S. 566 f.) 

2) Prof. Heinrich G m p e r z (Wien) verdanke ich die nachstehenden Andeu- 
tungen über die Herkunft des Platonischen Mythus, die ich zum Teil in seinen 



Jenseits des Lustprinzips 251 

Sollen wir, dem Wink des Dichterphilosophen folgend, die 
Annahme wagen, daß die lebende Substanz bei ihrer Belebung in 
kleine Partikel zerrissen wurde, die seither durch die Sexual- 
triebe ihre Wiedervereinigung anstreben? Daß diese Triebe, in 
denen sich die chemische Affinität der unbelebten Materie fort- 
setzt, durch das Reich der Protisten hindurch allmählich die 
Schwierigkeiten überwinden, welche eine mit lebensgefährlichen 
Reizen geladene Umgebung diesem Streben entgegensetzt, die sie 
zur Bildung einer schützenden Rindenschicht nötigt? Daß diese 
zersprengten Teilchen lebender Substanz so die Vielzelligkeit 
erreichen und endlich den Keimzellen den Trieb zur Wiederver- 
einigung in höchster Konzentration übertragen? Ich glaube, es ist 
hier die Stelle, abzubrechen. 

Doch nicht, ohne einige Worte kritischer Besinnung anzu- 
schließen. Man könnte mich fragen, ob und inwieweit ich selbst 



Worten wiedergebe: Ich möchte darauf aufmerksam machen, daß sich wesentlich 
dieselbe Theorie auch schon in den Upanishaden findet. Denn Brihad- 
Aranyaka-Upanishad, I, 4. 5 (D e u s s e n, 60 Upanishads des Veda, S. 393), 
wo das Hervorgehen der Welt aus dem 7tman (dem Selbst oder Ich) geschildert 
wird, heißt es: .,. . . Aber er (der Ätman, das Selbst oder das Ich) hatte auch keine 
Freude; darum hat einer keine Freude, wenn er allein ist. Da begehrte er nach 
einem Zweiten. Nämlich er war so groß wie ein Weib und ein Mann, wenn sie sich 
umschlungen halten. Dieses sein Selbst zerfällte er in zwei Teile: daraus entstanden 
Gatte und Gattin. Darum ist dieser Leib an dem Selbst gleichsam eine Halbscheid, 
so nämHch bat es Y£j flava lkya erklärt. Darum wird dieser leere Raum hier 

durch das Weib ausgefüllt." , 

Die Brihad-Aranyaka-Upanishad ist die älteste aller Upanishaden und 
wird wohl von keinem urteilsfälligen Forscher später angesetzt als etwa um das 
Jahr 800 v. Chr. Die Frage, ob eine, wenn auch nur mittelbare Abhängigkeit Piatos 
von diesen indischen Gedanken möglich wäre, möchte ich im Gegensatz zur herr- 
sehenden Meinung nicht unbedingt verneinen, da eine solche Möglichkeit wohl auch 
für die Seelenwanderungslehre nicht geradezu in Abrede gestellt werden kann Eine 
solche, zunächst durch Pythagoreer vermittelte Abhängigkeit würde dem gedanklichen 
Zusammentreffen kaum etwas von seiner Bedeutsamkeit nehmen, da P 1 a t o eine der- 
artige ihm irgendwie aus orientalischer Überlieferung zugetragene Geschichte sich 
nicht zu eigen gemacht, geschweige denn ihr eine so bedeutsame Stellung ange- 
wiesen hätte, hätte sie ihm nicht selbst als wahrheitshältig eingeleuchtet. 

In einem Aufsatz von K. Z i e g 1 e r, Menschen- und Weltenwerden (Neue Jahr- 
bücher für das klassische Altertum, Bd. 51, S. 529 ff., 1913), der sich planmäßig mit 
der Erforschung des fraglichen Gedankens vor P 1 a t beschäftigt, wird dieser auf 
babylonische Vorstellungen zurückgeführt. 



2 5 2 Jenseits des Lustprinzips 



von den hier entwickelten Annahmen überzeugt bin. Meine 
Antwort würde lauten, daß ich weder selbst überzeugt bin, noch 
bei anderen um Glauben für sie werbe. Richtiger: ich weiß 
nicht, wie weit ich an sie glaube. Es scheint mir, daß das 
affektive Moment der Überzeugung hier gar nicht in Betracht 
zu kommen braucht. Man kann sich doch einem Gedankengang 
hingeben, ihn verfolgen, soweit er führt, nur aus wissenschaft- 
licher Neugierde oder, wenn man will, als advocatus diaboli, der 
sich darum doch nicht dem Teufel selbst verschreibt. Ich ver- 
kenne nicht, daß der dritte Schritt in der Trieblehre, derTich 
hier unternehme, nicht dieselbe Sicherheit beanspruchen kann wie 
die beid en, früheren, die Erweiterung des Begriffs der Sexuali- 
tät und die Aufstellung des Narzißmus. Diese Neuerungen "waren 
direkte Übersetzungen der Beobachtung in Theorie, mit nicht 
größeren Fehlerquellen behaftet, als in all solchen Fällen unver- 
meidlich ist. Die Behauptung des regressiven Charakters der 
Triebe ruht allerdings auch auf beobachtetem Material, nämlich 
auf den Tatsachen des Wiederholungszwanges. Allein vielleicht 
habe ich deren Bedeutung überschätzt. Die Durchführung dieser 
Idee ist jedenfalls nicht anders möglich, als daß man mehrmals 
nacheinander Tatsächliches mit bloß Erdachtem kombiniert und 
sich dabei weit von der Beobachtung entfernt. Man weiß, daß 
das Endergebnis um so unverläßlicher wird, je öfter man dies 
während des Aufbaues einer Theorie tut, aber der Grad der 
Unsicherheit ist nicht angebbar. Man kann dabei glücklich 
geraten haben oder schmählich in die Irre gegangen sein. Der 
sogenannten Intuition traue ich bei solchen Arbeiten wenig zu ; 
was ich von ihr gesehen habe, schien mir eher der Erfolg einer 
( gewissen Unparteilichkeit des Intellekts. Nur daß__man_ leider 
l selten unparteiisch ist, wo es sich um die letzten Dinge, die 
• großen Probleme der Wissenschaft und des Lebens handelt. Ich 
glaube, ein jeder wird da von innerlich tief begründeten Vor- 
heben beherrscht, denen er mit seiner Spekulation unwissentlich 



Jenseits des Lustprinzips 2^ 



in die Hände arbeitet. Bei so guten Gründen zum Mißtrauen bleibt 
wohl nichts anderes als ein kühles Wohlwollen für die Ergebnisse 
der eigenen Denkbemühung möglich. Ich beeile mich nur hin- 
zuzufügen, daß solche Selbstkritik durchaus nicht zu besonderer 
Toleranz gegen abweichende Meinungen verpflichtet. Man darf 
unerbittlich Theorien abweisen, denen schon die ersten Schritte 
in der Analyse der Beobachtung widersprechen, und kann dabei 
doch wissen, daß die Richtigkeit derer, die man vertritt, doch 
nur eine vorläufige ist. In der Beurteilung unserer Spekulation 
über die Lebens- und Todestriebe würde es uns wenig stören, 
daß so viel befremdende und unanschauliche Vorgänge darin vor- 
kommen, wie ein Trieb werde von anderen herausgedrängt, oder 
er wende sich vom Ich zum Objekt und dergleichen. Dies rührt 
nur daher, daß wir genötigt sind, mit den wissenschaftlichen 
Terminis, das heißt mit der eigenen Bildersprache der Psycho- 
logie (richtig: der Tiefenpsychologie) zu arbeiten. Sonst könnten 
wir die entsprechenden Vorgänge überhaupt nicht beschreiben, ja, 
würden sie gar nicht wahrgenommen haben. Die Mängel unserer 
Beschreibung würden wahrscheinlich verschwinden, wenn wir 
anstatt der psychologischen Termini schon die physiologischen 
oder chemischen einsetzen könnten. Diese gehören zwar auch 
nur einer Bildersprache an, aber einer uns seit längerer Zeit ver- 
trauten und vielleicht auch einfacheren. 

Hingegen wollen wir uns recht klar machen, daß die Unsicher- 
heit unserer Spekulation zu einem hohen Grade durch die Nöti- 
gung gesteigert wurde, Anleihen bei der biologischen "Wissen- 
schaft zu machen. Die Biologie ist wahrlich ein Reich der unbe- 
grenzten Möglichkeiten, wir haben die überraschendsten Auf- 
klärungen von ihr zu erwarten und können nicht erraten, welche 
Antworten sie auf die von uns an sie gestellten Fragen einige 
Jahrzehnte später geben würde. Vielleicht gerade solche, durch die 
unser ganzer künstlicher Bau von Hypothesen umgeblasen wird. 
Wenn dem so ist, könnte jemand fragen, wozu unternimmt man 



254 Jenseits des Lustprinzips 

also solche Arbeiten, wie die in diesem Abschnitt niedergelegte, 
und warum bringt man sie doch zur Mitteilung? Nun, ich kann 
nicht in Abrede stellen, daß einige der Analogien, Verknüpfun- 
gen und Zusammenhänge darin mir der Beachtung würdig 
erschienen sind. 1 



1) Anschließend hier einige Worte zur Klärung unserer Namengebung, die im 
Laufe dieser Erörterungen eine gewisse Entwicklung durchgemacht hat. Was „Sexual- 
triebe" sind, wußten wir aus ihrer Beziehung zu den Geschlechtem und zur Fort- 
pflanzungsfunktion. Wir behielten dann diesen Namen bei, als wir durch die Ergeb- 
nisse der Psychoanalyse genötigt waren, deren Beziehung zur Portpflanzung zu 
lockern. Mit der Aufstellung der narzißtischen Libido und der Ausdehnung des 
Libidobegriffes auf die einzelne Zelle wandelte sich uns der Sexualtrieb zum Eros, 
der die Teile der lebenden Substanz zueinanderzudrängen und zusammenzuhalten 
sucht, und die gemeinhin so genannten Sexualtriebe erschienen als der dem Objekt 
zugewandte Anteil dieses Eros. Die Spekulation läßt dann diesen Eros vom Anfang 
des Lebens an wirken und als „Lebenstrieb" im Gegensatz zum „Todestrieb" 
treten, der durch die Belebung des Anorganischen entstanden ist. Sie versucht das 
Rätsel des Lebens durch die Annahme dieser beiden von Uranfang an miteinander 
ringenden Triebe zu lösen. Unübersichtlicher ist vielleicht die Wandlung, die 
der Begriff der „Ichtriebe" erfahren hat. Ursprünglich nannten wir so alle jene von 
uns nicht näher gekannten Triebrichtungen, die sich von den auf das Objekt 
gerichteten Sexualtrieben abscheiden lassen, und brachten die Ichtriebe im Gegensatz 
zu den Sexualtrieben, deren Ausdruck die Libido ist. Späterhin näherten wir uns der 
Analyse des Ichs und erkannten, daß auch ein Teil der „Ichtriebe" libidinöser Natur 
ist, das eigene Ich zum Objekt genommen hat. Diese narzißtischen Selbsterhaltungs- 
triebe mußten also jetzt den libidinösen Sexualtrieben zugerechnet werden. Der 
Gegensatz zwischen Ich- und Sexualtrieben wandelte sich in den zwischen Ich- und 
Objekttrieben, beide libidinöser Natur. An seine Stelle trat aber ein neuer Gegensatz 
zwischen libidinösen (Ich- und Objekt-) Trieben und anderen, die im Ich zu statu- 
ieren und vielleicht in den Destruktionstrieben aufzuzeigen sind. Die Spekulation 
wandelt diesen Gegensatz in den von Lebenstrieben (Eros) und von Todestrieben 
um. 



VII 

Wenn es wirklich ein so allgemeiner Charakter der Triebe ist, 
daß sie einen früheren Zustand wiederherstellen wollen, so dürfen 
wir uns nicht darüber verwundern, daß im Seelenleben so viele 
Vorgänge sich unabhängig vom Lustprinzip vollziehen. Dieser 
Charakter würde sich jedem Partialtrieb mitteilen und sich in 
seinem Falle auf die Wiedererreichung einer bestimmten Station 
des Entwicklungsweges beziehen. Aber all dies, worüber das Lust- 
prinzip noch keine Macht bekommen hat, brauchte darum noch 
nicht im Gegensatz zu ihm zu stehen, und die Aufgabe ist noch 
ungelöst, das Verhältnis der triebhaften Wiederholungsvorgänge 
zur Herrschaft des Lustprinzips zu bestimmen. 

Wir haben es als eine der frühesten und wichtigsten Funk- 
tionen des seelischen Apparates erkannt, die anlangenden Trieb- 
regungen zu „binden", den in ihnen herrschenden Primär- 
vorgang durch den Sekundärvorgang zu ersetzen, ihre frei beweg- 
liche Besetzungsenergie in vorwiegend ruhende (tonische) 
Besetzung umzuwandeln. Während dieser Umsetzung kann auf 
die Entwicklung von Unlust nicht Rücksicht genommen werden, 
allein das Lustprinzip wird dadurch nicht aufgehoben. Die 
Umsetzung geschieht vielmehr im Dienste des Lustprinzips; die 
Bindung ist ein vorbereitender Akt, der die Herrschaft des Lust- 
prinzips einleitet und sichert. 

Trennen wir Funktion und Tendenz schärfer voneinander, als 
wir es bisher getan haben. Das Lustprinzip ist dann eine Ten- 
denz, welche im Dienste einer Funktion steht, der es zufällt, 



256 Jenseits des Lustprinzips 



den seelischen Apparat überhaupt erregungslos zu machen, oder 
den Betrag der Erregung in ihm konstant oder möglichst niedrig 
zu erhalten. Wir können uns noch für keine dieser Fassungen 
sicher entscheiden, aber wir merken, daß die so bestimmte 
Funktion Anteil hätte an dem allgemeinsten Streben alles 
Lebenden, zur Ruhe der anorganischen Welt zurückzukehren. 
Wir haben alle erfahren, daß die größte uns erreichbare Lust, 
die des Sexualaktes, mit dem momentanen Erlöschen einer hoch- 
gesteigerten Erregung verbunden ist. Die Bindung der Trieb- 
regung wäre aber eine vorbereitende Funktion, welche die Erre- 
gung für ihre endgültige Erledigung in der Abfuhrlust zurichten soll. 

Aus demselben Zusammenhang erhebt sich die Frage, ob die 
Lust- und Unlustempfindungen von den gebundenen wie von 
den ungebunden Erregungsvorgängen in gleicher Weise erzeugt 
werden können. Da erscheint es denn ganz unzweifelhaft, daß 
die ungebundenen, die Primärvorgänge, weit intensivere Empfin- 
dungen nach beiden Richtungen ergeben als die gebundenen, die 
des Sekundärvorganges. Die Primärvorgänge sind auch die zeit- 
lich früheren, zu Anfang des Seelenlebens gibt es keine anderen, 
und wir können schließen, wenn das Lustprinzip nicht schon 
bei ihnen in Wirksamkeit wäre, könnte es sich überhaupt für 
die späteren nicht herstellen. Wir kommen so zu dem im Grunde 
nicht einfachen Ergebnis, daß das Luststreben zu Anfang des 
seelischen Lebens sich weit intensiver äußert als späterhin, aber 
nicht so uneingeschränkt; es muß sich häufige Durchbrüche 
gefallen lassen. In reiferen Zeiten ist die Herrschaft des Lust- 
prinzips sehr viel mehr gesichert, aber dieses selbst ist der Bän- 
digung so wenig entgangen wie die anderen Triebe überhaupt. 
Jedenfalls muß das, was am Erregungsvorgange die Empfindungen 
von Lust und Unlust entstehen läßt, beim Sekundärvorgang 
ebenso vorhanden sein wie beim Primärvorgang. 

Hier wäre die Stelle, mit weiteren Studien einzusetzen. Unser 
Bewußtsein vermittelt uns von innen her nicht nur die Empfin- 



Jenseits des Lustprinzips 3 ,- 7 



düngen von Lust und Unlust, sondern auch von einer eigen- 
tümlichen Spannung, die selbst wieder eine lustvolle oder unlust- 
volle sein kann. Sind es nun die gebundenen und die ungebun- 
denen Energievorgänge, die wir mittels dieser Empfindungen von 
einander unterscheiden sollen, oder ist die Spannungsempfindung 
auf die absolute Größe, eventuell das Niveau der Besetzung zu 
beziehen, während die Lust-Unlustreihe auf die Änderung der 
Besetzungsgröße in der Zeiteinheit hindeutet? Es muß uns auch 
auffallen, daß die Lebenstriebe so viel mehr mit unserer inneren 
Wahrnehmung zu tun haben, da sie als Störenfriede auftreten, 
unausgesetzt Spannungen mit sich bringen, deren Erledigung als 
Lust empfunden wird, während die Todestriebe ihre Arbeit unauf- 
fällig zu leisten scheinen. Das Lustprinzip scheint geradezu im 
Dienste der Todestriebe zu stehen; es wacht allerdings auch 
über die Reize von außen, die von beiderlei Triebarten als 
Gefahren eingeschätzt werden, aber ganz besonders über die 
Reizsteigerungen von innen her, die eine Erschwerung der 
Lebensaufgabe erzielen. Hieran knüpfen sich ungezählte andere 
Fragen, deren Beantwortung jetzt nicht möglich ist. Man muß 
geduldig sein und auf weitere Mittel und Anlässe zur Forschung 
warten. Auch bereit bleiben, einen Weg wieder zu verlassen, 
den man eine Weile verfolgt hat, wenn er zu nichts Gutem zu 
führen scheint. Nur solche Gläubige, die von der Wissenschaft 
einen Ersatz für den aufgegebenen Katechismus fordern, werden 
dem Forscher die Fortbildung oder selbst die Umbildung seiner 
Ansichten verübeln. Im übrigen mag uns ein Dichter (Rückert 
in den Makamen des Hariri) über die langsamen Fortschritte 
unserer wissenschaftlichen Erkenntnis trösten: 

„Was man nicht erfliegen kann, muß man erhinken. 

Die Schrift sagt, es ist keine Sünde zu hinken." 



Freud, VI. ,, 



MASSENPSYCHOLOGIE 
UND ICH-ANALYSE 






lf 



„Massenpsychologie und Ich -Analyse" erschien 1921 im Internationalen 
Psychoanalytischen Verlag, Leipzig, Wien, Zürich; zweite Auflage (6. bis 
10. Tausend) 1924 ebendort. 

Eine autorisierte englische Übersetzung (unter dem Titel „Group 
Psychology and thc Analysis of the Ego", übersetzt von James StracheyJ 
erschien l<)22bei The International Psycho- Analytical Press, London, Vienna; 
eine autorisierte holländische Übersetzung („Het Ik in de psychologie 
der Massa", Übersetzer Dr. N. van Suchtelen) Amsterdam 1924. 

Eine französische Übersetzung ist in Vorbereitung. 



EINLEITUNG 

Der Gegensatz von Individual- und Sozial- oder Massen- 
psychologie, der uns auf den ersten Blick als sehr bedeutsam 
erscheinen mag, verliert bei eingehender Betrachtung sehr viel 
von seiner Schärfe. Die Individualpsychologie ist zwar auf den 
einzelnen Menschen eingestellt und verfolgt, auf welchen Wegen 
derselbe die Befriedigung seiner Triebregungen zu erreichen 
sucht, allein sie kommt dabei nur selten, unter bestimmten Aus- 
nahmsbedingungen, in die Lage, von den Beziehungen dieses 
Einzelnen zu anderen Individuen abzusehen. Im Seelenleben des 
Einzelnen kommt ganz regelmäßig der Andere als Vorbild, als 
Objekt, als Helfer und als Gegner in Betracht und die Individual- 
psychologie ist daher von Anfang an auch gleichzeitig Sozial- 
psychologie in diesem erweiterten, aber durchaus berechtigten 

Sinne. 

Das Verhältnis des Einzelnen zu seinen Eltern und Geschwistern, 
zu seinem Liebesobjekt, zu seinem Lehrer und zu seinem Arzt, 
also alle die Beziehungen, welche bisher vorzugsweise Gegenstand 
der psychoanalytischen Untersuchung geworden sind, können 
den Anspruch erheben, als soziale Phänomene gewürdigt zu werden, 
und stellen sich dann in Gegensatz zu gewissen anderen, von uns 
narzißtisch genannten Vorgängen, bei denen die Trieb- 
befriedigung sich dem Einfluß anderer Personen entzieht oder 
auf sie verzichtet. Der Gegensatz zwischen sozialen und narziß- 



262 Massenpsychologie und Ich- Analyse 



tischen — Bleuler würde vielleicht sagen : autistischen 
— seelischen Akten fällt also durchaus innerhalb des Bereichs 
der Individualpsychologie und eignet sich nicht dazu, sie von einer 
Sozial- oder Massenpsychologie abzutrennen. 

In den erwähnten Verhältnissen zu Eltern und Geschwistern, 
zur Geliebten, zum Freund, Lehrer und zum Arzt erfährt der Ein- 
zelne immer nur den Einfluß einer einzigen oder einer sehr geringen 
Anzahl von Personen, von denen eine jede eine großartige 
Bedeutung für ihn erworben hat. Man hat sich nun gewöhnt, 
wenn man von Sozial- oder Massenpsychologie spricht, von diesen 
Beziehungen abzusehen und die gleichzeitige Beeinflussung des 
Einzelnen durch eine große Anzahl von Personen, mit denen er 
durch irgend etwas verbunden ist, während sie ihm sonst 
in vielen Hinsichten fremd sein mögen, als Gegenstand der 
Untersuchung abzusondern. Die Massenpsychologie behandelt 
also den einzelnen Menschen als Mitglied eines Stammes, eines 
Volkes, einer Kaste, eines Standes, einer Institution oder als 
Bestandteil eines Menschenhaufens, der sich zu einer gewissen 
Zeit für einen bestimmten Zweck zur Masse organisiert. Nach 
dieser Zerreißung eines natürlichen Zusammenhanges lag es dann 
nahe, die Erscheinungen, die sich unter diesen besonderen Bedin- 
gungen zeigen, als Äußerungen eines besonderen, weiter nicht 
zurückführbaren Triebes anzusehen, des sozialen Triebes — 
herd instinct, group mind — der in anderen Situationen nicht 
zum Ausdruck kommt. Wir dürfen aber wohl den Einwand 
erheben, es falle uns schwer, dem Moment der Zahl eine so 
große Bedeutung einzuräumen, daß es ihm allein möglich sein 
sollte, im menschlichen Seelenleben einen neuen und sonst nicht 
betätigten Trieb zu wecken. Unsere Erwartung wird somit auf 
zwei andere Möglichkeiten hingelenkt : daß der soziale Trieb kein 
ursprünglicher und unzerlegbarer sein mag, und daß die Anfänge 
seiner Bildung in einem engeren Kreis, wie etwa in dem der 
Familie, gefunden werden können. 



Einleitung 265 

Die Massenpsychologie, obwohl erst in ihren Anfängen befind- 
lich, umfaßt eine noch unübersehbare Fülle von Einzelproblemen 
und stellt dem Untersucher ungezählte, derzeit noch nicht ein- 
mal gut gesonderte Aufgaben. Die bloße Gruppierung der ver- 
schiedenen Formen von Massenbildung und die Beschreibung der 
von ihnen geäußerten psychischen Phänomene erfordern einen 
großen Aufwand von Beobachtung und Darstellung und haben 
bereits eine reichhaltige Literatur entstehen lassen. Wer dies 
schmale Büchlein an dem Umfang der Massenpsychologie mißt, 
wird ohneweiters vermuten dürfen, daß hier nur wenige Punkte 
des ganzen Stoffes behandelt werden sollen. Es werden wirklich 
auch nur einige Fragen sein, an denen die Tiefenforschung der 
Psychoanalyse ein besonderes Interesse nimmt. 






?lrw *~ *~^. A~;.<ul ^ & ^ <L 



II 
LE BON'S SCHILDERUNG DER MASSENSEELE 

Zweckmäßiger als eine Definition voranzustellen scheint es 
mit einem Hinweis auf das Erscheinungsgebiet zu beginnen und 
aus diesem einige besonders auffällige und charakteristische Tat- 
sachen herauszugreifen, an welche die Untersuchung anknüpfen 
kann. Wir erreichen beides durch einen Auszug aus dem mit 
Recht berühmt gewordenen Buch von Le Bon, Psycho- 
logie der Massen. 1 

Machen wir uns den Sachverhalt nochmals klar: Wenn die 
Psychologie, welche die Anlagen, Triebregungen, Motive, Absichten 
eines einzelnen Menschen bis zu seinen Handlungen und in die 
Beziehungen zu seinen Nächsten verfolgt, ihre Aufgabe restlos 
gelöst und alle diese Zusammenhänge durchsichtig gemacht hätte, 
dann fände sie sich plötzlich vor einer neuen Aufgabe, die sich 
ungelöst vor ihr erhebt. Sie müßte die überraschende Tatsache 
erklären, daß dies ihr verständlich gewordene Individuum unter 
einer bestimmten Bedingung ganz anders fühlt, denkt und 
handelt, als von ihm zu erwarten stand, und diese Bedingung 
ist die Einreihung in eine Menschenmenge, welche die Eigen- 
schaft einer „psychologischen Masse" erworben hat. Was ist nun 
eine „Masse", wodurch erwirbt sie die Fähigkeit, das Seelenleben 
des Einzelnen so entscheidend zu beeinflussen, und worin besteht 
die seelische Veränderung, die sie dem Einzelnen aufnötigt? 

Übersetzt von Dr. Rudolf E i s 1 e r, zweite Auflage 1912. 



Le Boris Schilderung der Massenseele - 265 

Diese drei Fragen zu beantworten, ist die Aufgabe einer theo- 
retischen Massenpsychologie. Man greift sie offenbar am besten 
an, wenn man von der dritten ausgeht. Es ist die Beobachtung 
der veränderten Reaktion des Einzelnen, welche der Massen- 
psychologie den Stoff liefert; jedem Erklärungsversuch muß ja 
die Beschreibung des zu Erklärenden vorausgehen. 

Ich lasse nun L e Bon zu Worte kommen. Er sagt (S. 1 3) : 
„An einer psychologischen Masse ist das Sonderbarste dies: 
welcher Art auch die sie zusammensetzenden Individuen sein 
mögen, wie ähnlich oder unähnlich ihre Lebensweise, Beschäfti- 
gung, ihr Charakter oder ihre Intelligenz ist, durch den bloßen 
Umstand ihrer Umformung zur Masse besitzen sie eine Kollektiv- 
seele, vermöge deren sie in ganz anderer Weise fühlen, denken und 
handeln, als jedes von ihnen für sich fühlen, denken und handeln 
würde. Es gibt Ideen und Gefühle, die nur bei den zu Massen 
verbundenen Individuen auftreten oder sich in Handlungen um- 
setzen. Die psychologische Masse ist ein provisorisches Wesen, 
das aus heterogenen Elementen besteht, die für einen Augenblick 
sich miteinander verbunden haben, genau so wie die Zellen 
des Organismus durch ihre Vereinigung ein neues Wesen mit 
ganz anderen Eigenschaften als denen der einzelnen Zellen bilden." 

Indem wir uns die Freiheit nehmen, die Darstellung Le 
Bons durch unsere Glossen zu unterbrechen, geben wir hier 
der Bemerkung Raum: Wenn die Individuen in der Masse zu 
einer Einheit verbunden sind, so muß es wohl etwas geben, was 
sie aneinander bindet, und dies Bindemittel könnte gerade das 
sein, was für die Masse charakteristisch ist. Allein L e Bon 
beantwortet diese Frage nicht, er geht auf die Veränderung des 
Individuums in der Masse ein und beschreibt sie in Ausdrücken, 
welche mit den Grundvoraussetzungen unserer Tiefenpsychologie 
in guter Übereinstimmung stehen. 

(S. 14.) „Leicht ist die Feststellung des Maßes von Verschieden- 
heit des einer Masse angehörenden vom isolierten Individuum, 



266 Massenpsychologie und Ich- Analyse 









weniger leicht ist aber die Entdeckung der Ursachen dieser 
Verschiedenheit. 

Um diese Ursachen wenigstens einigermaßen zu linden, muß 
man sich zunächst der von der modernen Psychologie gemachten 
Feststellung erinnern, daß nicht bloß im organischen Leben, 
sondern auch in den intellektuellen Funktionen die unbewußten 
Phänomene eine überwiegende Rolle spielen. Das bewußte 
Geistesleben stellt nur einen recht geringen Teil ne ben dem 
unbewußten Seelenleben dar. Die feinste Analyse, die schärfste 
Beobachtung gelangt nur zu einer kleinen Anzahl bewußter 
Motive des Seelenlebens. Unsere bewußten Akte leiten sich aus 
einem, besonders durch Vererbungseinflüsse geschaffenen, unbe- 
wußten Substrat her. Dieses enthält die zahllosen Ahnenspuren, 
aus denen sich die Rassenseele konstituiert. Hinter den eingestan- 
denen Motiven unserer Handlungen gibt es zweifellos die geheimen 
Gründe, die wir nicht eingestehen, hinter diesen liegen aber 
noch geheimere, die wir nicht einmal kennen. Die Mehrzahl 
unserer alltäglichen Handlungen ist nur die Wirkung verborgener, 
uns entgehender Motive." 

In der Masse, meint Le Bon, verwischen sich die individuellen 
Erwerbungen der Einzelnen, und damit verschwindet deren 
Eigenart. Das rassenmäßige Unbewußte tritt hervor, das Heterogene 
versinkt im Homogenen. Wir würden sagen, der psychische 
Oberbau, der sich bei den Einzelnen so verschiedenartig entwickelt 
hat, wird abgetragen, entkräftet und das bei allen gleichartige 
unbewußte Fundament wird bloßgelegt (wirksam gemacht). 

Auf diese Weise käme ein durchschnittlicher Charakter der 
Massenindividuen zustande. Allein Le Bon findet, sie zeigen auch 
neue Eigenschaften, die sie vorher nicht besessen haben, und 
sucht den Grund dafür in drei verschiedenen Momenten. 

(S. ig.) „Die erste dieser Ursachen besteht darin, daß das 
Individuum in der Masse schon durch die Tatsache der Menge 
ein Gefühl unüberwindlicher Macht erlangt, welches ihm gestattet, 



Le Bon's Schilderung der Massenseele 267 

Trieben zu fröhnen, die es allein notwendig gezügelt hätte. 
Es wird dies nun um so weniger Anlaß haben, als bei der 
Anonymität und demnach auch Unverantwortlichkeit der Masse 
das Verantwortlichkeitsgefühl, welches die Individuen stets zurück- 
hält, völlig schwindet." 

Wir brauchten von unserem Standpunkt weniger Wert auf 
das Auftauchen neuer Eigenschaften zu legen. Es genügte uns 
zu sagen, das Individuum komme in der Masse unter Bedingungen, 
die ihm gestatten, die Verdrängungen seiner unbewußten Trieb- 
regungen abzuwerfen. Die anscheinend neuen Eigenschaften, die 
es dann zeigt, sind eben die Äußerungen dieses Unbewußten, in 
dem ja alles Böse der Menschenseele in der Anlage enthalten 
ist 5 das Schwinden des Gewissens oder Verantwortlichkeitsgefühls 
unter diesen Umständen macht unserem Verständnis keine 
Schwierigkeit. Wir hatten längst behauptet, der Kern des sogenannten 
Gewissens sei „soziale Angst". 1 

(S. 16.) „Eine zweite Ursache, die Ansteckung, trägt ebenso 
dazu bei, bei den Massen die Äußerung spezieller Merkmale und 
zugleich deren Richtung zu bewerkstelligen. Die Ansteckung ist 
ein leicht zu konstatierendes, aber unerklärliches Phänomen, das 
man den von uns sogleich zu studierenden Phänomenen hypno- 
tischer Art zurechnen muß. In der Menge ist jedes Gefühl, jede 
Handlung ansteckend, und zwar in so hohem Grade, daß das 
Individuum sehr leicht sein persönliches Interesse dem Gesamt- 
interesse opfert. Es ist dies eine seiner Natur durchaus entgegen- 
gesetzte Fähigkeit, deren der Mensch nur als Massenbestandteil 
fähige ist." 

1) Eine gewisse Differenz zwischen der Anschauung L e Bons und der unseligen 
stellt sich dadurch her, daß sein Begriff des Unbewußten nicht ganz mit dem von 
der Psychoanalyse angenommenen zusammenfällt. Das Unbewußte Le Bons enthält 
vor allem die tiefsten Merkmale der Rassenseele, welche für die individuelle Psycho- 
analyse eigentlich außer Betracht kommt. Wir verkennen zwar nicht, daß der Kern 
des Ichs (das Es, wie ich es später genannt habe), dem die „archaische Erbschaft" 
der Menschenseele angehört, unbewußt ist, aber wir sondern außerdem das „unbewußte 
Verdrängte" ab, welches aus einem Anteil dieser Erbschaft hervorgegangen ist. Dieser 
Begriff des Verdrängten fehlt bei L e B o n. 



268 Massenpsychologie und Ich-Analyse 

Wir werden auf diesem letzten Satz später eine wichtige 
Vermutung begründen. 

(S. 16.) „Eine dritte, und zwar die wichtigste Ursache bedingt 
in den zur Masse vereinigten Individuen besondere Eigenschaften 
welche denen des isolierten Individuums völlig entgegengesetzt 
sind. Ich rede hier von der Suggestibilität, von der die erwähnte 
Ansteckung übrigens nur eine Wirkung ist. 

Zum Verständnis dieser Erscheinung gehört die Vergegen- 
wärtigung gewisser neuer Entdeckungen der Physiologie. Wir 
wissen jetzt, daß ein Mensch mittels mannigfacher Prozeduren 
in einen solchen Zustand versetzt werden kann, daß er nach 
Verlust seiner ganzen bewußten Persönlichkeit allen Suggestionen 
desjenigen gehorcht, der ihn seines Persönlichkeitsbewußtseins 
beraubt hat, und daß er die zu seinem Charakter und seinen 
Gewohnheiten in schärfstem Gegensatz stehenden Handlungen 
begeht. Nun scheinen sehr sorgfältige Beobachtungen darzutun, 
daß ein, eine Zeitlang im Schöße einer tätigen Masse eingebettetes 
Individuum in Bälde — durch Ausströmungen, die von ihr aus- 
gehen oder sonst eine unbekannte Ursache — sich in einem 
Sonderzustand befindet, der sich sehr der Faszination nähert, die 
den Hypnotisierten unter dem Einfluß des Hypnotisators befällt . . . 
Die bewußte Persönlichkeit ist völlig geschwunden, Wille und 
Unterscheidungsvermögen fehlen, alle Gefühle und Gedanken 
sind nach der durch den Hypnotisator hergestellten Richtung 
orientiert. 

So ungefähr verhält sich auch der Zustand des einer psycho- 
logischen Masse angehörenden Individuums. Es ist sich seiner 
Handlungen nicht mehr bewußt. Wie beim Hypnotisierten können 
bei ihm, während zugleich gewisse Fähigkeiten aufgehoben sind, 
andere auf einen Grad höchster Stärke gebracht werden. Unter 
dem Einflüsse einer Suggestion wird es sich mit einem unwider- 
stehlichen Triebe an die Ausführung bestimmter Handlungen 
machen. Und dieses Ungestüm ist bei den Massen noch unwider- 






Le Bon's Schilderung der Massenseele 269 

stehlicher als beim Hypnotisierten, weil die für alle Individuen 
gleiche Suggestion durch Gegenseitigkeit anwächst." 

(S. 17.) Die Hauptmerkmale des in der Masse befindlichen 
Individuums sind demnach: Schwund der bewußten Persönlichkeit, 
Vorherrschaft der unbewußten Persönlichkeit, Orientierung der 
Gedanken und Gefühle in derselben Richtung durch Suggestion 
und Ansteckung, Tendenz zur unverzüglichen Verwirklichung der 
suggerierten Ideen. Das Individuum ist nicht mehr es selbst, es 
ist ein_willenloser Automat geworden." 

Ich habe dieses Zitat so ausführlich wiedergegeben, um zu 
bekräftigen, daß Le Bon den Zustand des Individuums in der 
Masse wirklich für einen hypnotischen erklärt, nicht etwa ihn 
bloß mit einem solchen vergleicht. Wir beabsichtigen hier keinen 
Widerspruch, wollen nur hervorheben, daß die beiden letzten 
Ursachen der Veränderung des Einzelnen in der Masse, die 
Ansteckung und die höhere Suggerierbarkeit, offenbar nicht gleich- 
artig sind, da ja die Ansteckung auch eine Äußerung der Suggerier- 
barkeit sein soll. Auch die Wirkungen der beiden Momente scheinen 
uns im Text Le Bons nicht scharf geschieden. Vielleicht deuten wir 
seine Äußerung am besten aus, wenn wir die Ansteckung auf die 
Wirkung der einzelnen Mitglieder der Masse aufeinander beziehen, 
während die mit den Phänomenen der hypnotischen Beeinflussung 
gleichgestellten Suggestionserscheinungen in der Masse auf eine 
andere Quelle hinweisen. Auf welche aber? Es muß uns als eine 
empfindliche Un Vollständigkeit berühren, daß eines der Haupt- 
stücke dieser Angleichung, nämlich die Person, welche für die 
Masse den Hypnotiseur ersetzt, in der Darstellung L e Bons 
nicht erwähnt wird. Immerhin unterscheidet er von diesem im 
Dunkeln gelassenen faszinierenden Einfluß die ansteckende Wirkung, 
die die Einzelnen aufeinander ausüben, durch welche die ursprüng- 
liche Suggestion verstärkt wird. 

Noch ein wichtiger Gesichtspunkt für die Beurteilung des 
Massenindividuums: (S. 17.) „Ferner steigt durch die bloße 



2 7° Massenpsychologie und Ich- Analyse 



Zugehörigkeit zu einer organisierten Masse der Mensch mehrere 
Stufen auf der Leiter der Zivilisation herab. In seiner Vereinzelung 
war er vielleicht ein gebildetes Individuum, in der Masse ist er 
ein Barbar, das heißt ein Triebwesen. Er besitzt die Spontaneität 
die Heftigkeit, die Wildheit und auch den Enthusiasmus und 
Heroismus primitiver Wesen." Er verweilt dann noch besonders 
bei der Herabsetzung der intellektuellen Leistung, die der Einzelne 
durch sein Aufgehen in der Masse erfährt. 1 

Verlassen wir nun den Einzelnen und wenden wir uns zur 
Beschreibung der Massenseele, wie L e Bon sie entwirft. Es ist 
kein Zug darin, dessen Ableitung und Unterbringung dem Psycho- 
analytiker Schwierigkeiten bereiten würde. Le Bon weist uns 
selbst den Weg, indem er auf die Übereinstimmung mit dem 
Seelenleben der Primitiven und der Kinder hinweist. (S. 19.) 

Die Masse ist impulsiv, wandelbar und reizbar. Sie wird fast 
ausschließlich vom Unbewußten geleitet. 2 Die Impulse, denen die 
Masse gehorcht, können je nach Umständen edel oder grausam, 
heroisch oder feige sein, jedenfalls aber sind sie so gebieterisch, 
daß nicht das persönliche, nicht einmal das Interesse der Selbst- 
erhaltung zur Geltung kommt. (S. 20.) Nichts ist bei ihr vor- 
bedacht. Wenn sie auch die Dinge leidenschaftlich begehrt, so 
doch nie für lange, sie ist unfähig zu einem Dauerwillen. Sie 
verträgt keinen Aufschub zwischen ihrem Begehren und der 
Verwirklichung des Begehrten. Sie hat das Gefühl der Allmacht, 
für das Individuum in der Masse schwindet der Begriffenes 
Unmöglichen. 3 

Die Masse ist außerordentlich beeinflußbar und leichtgläubig, 
sie ist kritiklos, das Unwahrscheinliche existiert für sie nicht. Sie 

1) Vergleiche das Schiller sehe Distichon : 

Jeder, sieht man ihn einzeln, ist leidlich klug und verständig; 
Sind sie in corpore, gleich wird euch ein Dummkopf daraus. 

2) Unbewußt wird von L e B o n richtig im Sinne der Deskription gebraucht, wo 
es nicht allein das „Verdrängte" bedeutet. 

5) Vergleiche Totem und Tabu III., Animismus, Magie und Allmacht der 
Gedanken. [Ges. Schriften, Bd. X.] 



Le Bons Schilderung der Massenseele 271 

denkt in Bildern, die einander assoziativ hervorrufen, wie sie 
sich beim Einzelnen in Zuständen des freien Phantasierens ein- 
stellen, und die von keiner verständigen Instanz an der Überein- 
stimmung mit der Wirklichkeit gemessen werden. Die Gefühle 
der Masse sind stets sehr einfach und sehr überschwenglich. Die 
Masse kennt also weder Zweifel noch Ungewißheit/ 

Sie geht sofort zum Äußersten, der ausgesprochene Verdacht 
wandelt sich bei ihr sogleich in unumstößliche Gewißheit, ein 
Keim von Antipathie wird zum wilden Haß. (S. 52.) a 

Selbst zu allen Extremen geneigt, wird die Masse auch nur 
durch übermäßige Reize erregt. Wer auf sie wirken will, bedarf 
keiner logischen Abmessung seiner Argumente, er muß in den 
kräftigsten Bildern malen, übertreiben und immer das Gleiche 
wiederholen. 

Da die Masse betreffs des Wahren oder Falschen nicht im 
Zweifel ist und dabei das Bewußtsein ihrer großen Kraft hat, ist 
sie ebenso intolerant wie autoritätsgläubig. Sie respektiert die 
Kraft und läßt sich von der Güte, die für sie nur eine Art von 
Schwäche bedeutet, nur mäßig beeinflussen. Was sie von ihren 
Helden verlangt, ist Stärke, selbst Gewalttätigkeit. Sie will 

1) In der Deutung der Träume, denen wir ja unsere beste Kenntnis vom unbe- 
wußten Seelenleben verdanken, befolgen wir die technische Regel, daß von Zweifel 
und Unsicherheit in der Traumerzählung abgesehen und jedes Element des manifesten 
Traumes als gleich gesichert behandelt wird. Wir leiten Zweifel und Unsicherheit 
von der Einwirkung der Zensur ab, welcher die Traumarbeit unterliegt, und nehmen 
an, daß die primären Traumgedanken Zweifel und Unsicherheit als kritische Leistung 
nicht kennen. Als Inhalte mögen sie natürlich, wie alles andere, in den zum Traum 
führenden Tagesresten vorkommen. (S. Traumdeutung, 7. Aufl. 1922, S. 586.) 

2) Die nämliche Steigerung aller Gefühlsregungen zum Extremen und Maßlosen 
gehört auch der Affektivität des Kindes an und findet sich im Traumleben wieder, 
wo dank der im Unbewußten vorherrschenden Isolierung der einzelnen Gefühls- 
regungen ein leiser Arger vom Tage sich als Todeswunsch gegen die schuldige 
Person zum Ausdruck bringt oder ein Anflug irgend einer Versuchung zum Anstoß 
einer im Traum dargestellten verbrecherischen Handlung wird. Zu dieser Tatsache 
hat Dr. Hanns Sachs die hübsche Bemerkung gemacht : „Was der Traum uns an 
Beziehungen zur Gegenwart (Realität) kundgetan hat, wollen wir dann auch im 
Bewußtsein aufsuchen und dürfen uns nicht wundern, wenn wir das Ungeheuer, das 
wir unter dem Vergrößerungsglas der Analyse gesehen haben, als Infusionstierchen 
wiederfinden." (Traumdeutung, S. 457.) 



272 Massenpsychologie und Ich-Analyse 



beherrscht und unterdrückt werden und ihren Herrn fürchten. 
Im Grunde durchaus konservativ, hat sie tiefen Abscheu vor 
allen Neuerungen und Fortschritten und unbegrenzte Ehrfurcht 
vor der Tradition. (S. 57.) 

Um die Sittlichkeit der Massen richtig zu beurteilen, muß 
man in Betracht ziehen, daß im Beisammensein der Massen- 
individuen alle individuellen Hemmungen entfallen und alle 
grausamen, brutalen, destruktiven Instinkte, die als Überbleibsel 
d er Urzeit im Einz elnen schlummern, zur freien Triebbefriedi gung 
geweckt werden. Aber die Massen sind auch unter dem Einfluß 
der Suggestion hoher Leistungen von Entsagung, Uneigen- 
nützigkeit, Hingebung an ein Ideal fähig. Während der persön- 
liche Vorteil beim isolierten Individuum so ziemlich die einzige 
Triebfeder ist, ist er bei den Massen sehr selten vorherrschend. 
Man kann von einer Versittlichung des Einzelnen durch die Masse 
sprechen (S. 59). Während die intellektuelle Leistung der Masse 
immer tief unter der des Einzelnen steht, kann ihr ethisches 
Verhalten dies Niveau ebenso hoch überragen, wie tief darunter 
herabgehen. 

Ein helles Licht auf die Berechtigung, die Massenseele mit 
der Seele der Primitiven zu identifizieren, werfen einige andere 
Züge der L e Bon sehen Charakteristik. Bei den Massen können 
die entgegengesetztesten Ideen nebeneinander bestehen und sich 
miteinander vertragen, ohne daß sich aus deren logischem Wider- 
spruch ein Konflikt ergäbe. Dasselbe ist aber im unbewußten 
Seelenleben der Einzelnen, der Kinder und der Neurotiker der 
Fall, wie die Psychoanalyse längst nachgewiesen hat. 1 

1) Beim kleinen Kinde bestehen zum Beispiel ambivalente Gefühlseinstellungen 
gegen die ihm nächsten Personen lange Zeit nebeneinander, ohne daß die eine die 
ihr entgegengesetzte in ihrem Ausdruck stört. Kommt es dann endlich zum Konflikt 
zwischen den beiden, so wird er oft dadurch erledigt, daß das Kind das Objekt 
wechselt, die eine der ambivalenten Regungen auf ein Ersatzobjekt verschiebt. Auch 
aus der Entwicklungsgeschichte einer Neurose beim Erwachsenen kann man erfahren, 
daß eine unterdrückte Regimg sich häufig lange Zeit in unbewußten oder selbst 
bewußten Phantasien fortsetzt, deren Inhalt natürlich einer herrschenden Strebung 
direkt zuwiderläuft, ohne daß sich aus diesem Gegensatz ein Einschreiten des Ichs 



Le Bon's Schilderung der Massenseele 



273 



Ferner unterliegt die Masse der wahrhaft magischen Macht 
von Worten, die in der Massenseele die furchtbarsten Stürme 
hervorrufen und sie auch besänftigen können (S. 74). „Mit 
Vernunft und Argumenten kann man gegen gewisse Worte und 
Formeln nicht ankämpfen. Man spricht sie mit Andacht vor den 
Massen aus, und sogleich werden die Mienen respektvoll und 
die Köpfe neigen sich. Von vielen werden sie als Naturkräfte 
oder als übernatürliche Mächte betrachtet." (S. 75.) Man braucht 
sich dabei nur an die Tabu der Namen bei den Primitiven, an 
die magischen Kräfte, die sich ihnen an Namen und Worte 1 
knüpfen, zu erinnern. 1 

Und endlich: Die Massen haben nie den Wahr heitsdurst gekannt . 
Sie fordern Illusionen, auf die sie nicht verzichten können. Das 
Irreale hat bei ihnen stets den Vorrang vor dem Realen, das 
Unwirkliche beeinflußt sie fast ebenso stark wie das Wirkliche. 
Sie haben die sichtliche Tendenz, zwischen beiden keinen Unter- 
schied zu machen (S. 47). 

Diese Vorherrschaft des Phantasielebens und der vom unerfüllten 
Wunsch getragenen Illusion haben wir als bestimmend für die 
Psychologie der Neurosen aufgezeigt. Wir fanden, für die Neurotiker 
gelte nicht die gemeine objektive, sondern die psychische Realität. 
Ein hysterisches Symptom gründe sich auf Phantasie, anstatt auf ! 

gegen das von ihm Verworfene ergäbe. Die Phantasie wird eine ganze Weile über 
toleriert, bis sich plötzlich einmal, gewöhnlich infolge einer Steigerung der affektiven 
Besetzung derselben, der Konflikt zwischen ihr und dem Ich mit allen seinen Folgen 
herstellt. 

Im Fortschritt der Entwicklung vom Kinde zum reifen Erwachsenen kommt es 
überhaupt zu einer immer weiter greifenden Integration der Persönlichkeit, zu 
einer Zusammenfassung der einzelnen, unabhängig voneinander in ihr gewachsenen 
Triebregungen und Zielstrebungen. Der analoge Vorgang auf dem Gebiet des 
Sexuallebens ist uns als Zusammenfassung aller Sexualtriebe zur definitiven Genital- 
organisation lange bekannt. (Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, 1905. Ges. Schriften, 
Bd. V.) Daß die Vereinheitlichung des Ichs übrigens dieselben Störungen erfahren 
kann wie die der Libido, zeigen vielfache, sehr bekannte Beispiele, wie das 
der Naturforscher, die bibelgläubig geblieben sind und andere. Die verschiedenen 
Möglichkeiten eines späteren Zerfalls des Ichs bilden ein besonderes Kapitel der 
Pychopathologie. 

1) Siehe „Totem und Tabu". 



Freud, VI. 



18 






274 



Massenpsychologie unil Tch-Analyse 



t 






die Wiederholung wirklichen Erlebens, ein zwangsneurotisches 
Schuldbewußtsein auf die Tatsache eines bösen Vorsatzes, der nie 
zur Ausführung gekommen. Ja, wie im Traum und in der 
Hypnose, tritt in der Seelentätigkeit der Masse die Realitäts- 
prüfung zurück gegen die Stärke der affektiv besetzten Wunsch- 
regungen. 

Was Le Bon über die Führer der Massen sagt, ist weniger 
erschöpfend und läßt das Gesetzmäßige nicht so deutlich durch- 
schimmern. Er meint, sobald lebende Wesen in einer gewissen 
Anzahl vereinigt sind, einerlei, ob eine Herde Tiere oder eine 
Menschenmenge, stellen sie sich instinktiv unter die Autorität 
eines Oberhauptes (S. 86). Die Masse ist eine folgsame Herde, 
die nie ohne Herrn zu leben vermag. Sie hat einen solchen 
Durst zu gehorchen, daß sie sich jedem, der sich zu ihrem Herrn 
ernennt, instinktiv unterordnet. 

Kommt so das Bedürfnis der Masse dem Führer entgegen, so 
muß er ihm doch durch persönliche Eigenschaften entsprechen. 
Er muß selbst durch einen starken Glauben (an eine Idee) 
fasziniert sein, um Glauben in der Masse zu erwecken, er muß 
einen starken, imponierenden Willen besitzen, den die willenlose 
Masse von ihm annimmt. Le Bon bespricht dann die verschiedenen 
Arten von Führern und die Mittel, durch welche sie auf die 
Masse wirken. Im ganzen läßt er die Führer durch die Ideen zur 
Bedeutung kommen, für die sie selbst fanatisiert sind. 

Diesen Ideen wie den Führern schreibt er überdies eine 
geheimnisvolle, unwiderstehliche Macht zu, die er „Prestige" 
benennt. Das Prestige ist eine Art Herrschaft, die ein Individuum, 
ein Werk oder eine Idee über uns übt. Sie lähmt all unsere 
Fähigkeit zur Kritik und erfüllt uns mit Staunen und Achtung. 
Sie dürfte ein Gefühl hervorrufen, ähnlich wie das der Faszination 
der Hypnose (S. 96). 

Er unterscheidet erworbenes oder künstliches und persönliches 
Prestige. Das erstere wird bei Personen durch Name, Reichtum, 






Le Bon's Schilderung der Massenseele 275 

Ansehen verliehen, bei Anschauungen, Kunstwerken und dergleichen 
durch Tradition. Da es in allen Fällen auf die Vergangenheit 
zurückgreift, wird es für das Verständnis dieses rätselhaften Ein- 
flusses wenig leisten. Das persönliche Prestige haftet an wenigen 
Personen, die durch dasselbe zu Führern werden, und macht, 
daß ihnen alles wie unter der Wirkung eines magnetischen Zaubers 
gehorcht. Doch ist jedes Prestige auch vom Erfolg abhängig und 
geht durch Mißerfolge verloren (S. 105). 

Man gewinnt nicht den Eindruck, daß bei L e Bon die Rolle 
der Führer und die Betonung des Prestiges in richtigen Einklang 
mit der so glänzend vorgetragenen Schilderung der Massenseele 
gebracht worden ist. 






18" 






III 

ANDERE WÜRDIGUNGEN DES KOLLEKTIVEN 
SEELENLEBENS 

Wir haben uns der Darstellung von Le Bon als Einführung 
bedient, weil sie in der Betonung des unbewußten Seelenlebens 
so sehr mit unserer eigenen Psychologie zusammentrifft. Nun 
müssen wir aber hinzufügen, daß eigentlich keine der Behaup- 
tungen dieses Autors etwas Neues bringt. Alles, was er Abträg- 
liches und Herabsetzendes über die Äußerungen der Massenseele 
sagt, ist schon vor ihm ebenso bestimmt und ebenso feindselig 
von anderen gesagt worden, wird seit den ältesten Zeiten der 
Literatur von Denkern, Staatsmännern und Dichtern gleichlautend 
so wiederholt. 1 Die beiden Sätze, welche die wichtigsten Ansichten 
LeJBons enthalten, der von der kollektiven Hemmung "der 
intellektuellen Leistung und der von der Steigerung der Affektivität 
in_der Masse waren kurz vorher von Sighele formuliert 
worden. 2 Im Grunde erübrigen als Le Bon eigentümlich nur 
die beiden Gesichtspunkte des Unbewußten und des Vergleiches 
mit dem Seelenleben der Primitiven, auch diese natürlich oftmals 
vor ihm berührt. 



l) Vergleiche den Text und das Literaturverzeichnis in B. K r a ä k o vi c jun 
U.e Psychologie der Kollektivitäten. Aus dem Kroatischen übersetzt von Siegmund 
von Posavec. Vukovar 1915. 

3) Siehe Walter Moe de. Die Massen- und Sozialpsychologie im kritischen Über- 
micfe. Zeitschrift für pädagogische Psychologie und experimentelle Pädagogik von 
Meumann und Scheibner, XVI, 19.5. b g 









Andere Würdigungen des kollektiven Seelenlebens 277 

Aber noch mehr, die Beschreibung und Würdigung der Massen- 
seele, wie Le Bon und die anderen sie geben, ist auch keines- 
wegs unangefochten geblieben. Kein Zweifel, daß alle die vorhin 
beschriebenen Phänomene der Massenseele richtig beobachtet 
worden sind, aber es lassen sich auch andere, geradezu entgegen- 
gesetzt wirkende Äußerungen der Massenbildung erkennen, aus 
denen man dann eine weit höhere Einschätzung der Massenseele 
ableiten muß. 

Auch Le Bon war bereit, zuzugestehen, daß die Sittlichkeit 
der Masse unter Umständen höher sein kann als die der sie 
zusammensetzenden Einzelnen, und daß nur die Gesamtheiten 
hoher Uneigennützigkeit und Hingebung fähig sind. 

(S. 58.) „Während der persönliche Vorteil beim isolierten 
Individuum so ziemlich die einzige Triebfeder ist, ist er bei den 
Massen sehr selten vorherrschend." 

Andere machen geltend, daß es überhaupt erst die Gesellschaft ist, 
welche dem Einzelnen die Normen der Sittlichkeit vorschreibt, 
während der Einzelne in der Regel irgendwie hinter diesen hohen 
Ansprüchen zurückbleibt. Oder daß in Ausnahmszuständen in einer 
Kollektivität das Phänomen der Begeisterung zustande kommt, 
welches die großartigsten Massenleistungen ermöglicht hat. 

In Betreff der intellektuellen Leistung bleibt zwar bestehen, 
daß die großen Entscheidungen der Denkarbeit, die folgenschweren 
Entdeckungen und Problemlösungen nur dem Einzelnen, der in 
der Einsamkeit arbeitet, möglich sind. Aber auch die Massenseele 
ist genialer geistiger Schöpfungen fähig, wie vor allem die 
Sprache selbst beweist, sodann das Volkslied, Folklore und anderes. 
Und überdies bleibt es dahingestellt, wieviel der einzelne Denker 
oder Dichter den Anregungen der Masse, in welcher er lebt, 
verdankt, ob er mehr als der Vollender einer seelischen Arbeit 
ist, an der gleichzeitig die anderen mitgetan haben. 

Angesichts dieser vollkommenen Widersprüche scheint es ja, 
daß die Arbeit der Massenpsychologie ergebnislos verlaufen müsse. 



278 Massenpsychologie und Ich-Analyse 

Allein es ist leicht, einen hoffnungsvolleren Ausweg zu finden. 
Man hat wahrscheinlich als „Massen" sehr verschiedene Bildungen 
zusammengefaßt, die einer Sonderung bedürfen. Die Angaben von 
Sighele, Le Bon und anderen beziehen sich auf Massen kurz- 
lebiger Art, die rasch durch ein vorübergehendes Interesse aus 
verschiedenartigen Individuen zusammengeballt werden. Es ist 
unverkennbar, daß die Charaktere der revolutionären Massen, 
besonders der großen französischen Revolution, ihre Schilderungen 
beeinflußt haben. Die gegensätzlichen Behauptungen stammen aus 
der Würdigung jener stabilen Massen oder Vergesellschaftungen, 
in denen die Menschen ihr Leben zubringen, die sich in den 
Institutionen der Gesellschaft verkörpern. Die Massen der ersten 
Art sind den letzteren gleichsam aufgesetzt, wie die kurzen, aber 
hohen Wellen den langen Dünungen der See. 

McDougall, der in seinem Buch The Group Mind 1 von 
dem nämlichen, oben erwähnten Widerspruch ausgeht, findet die 
Lösung desselben im Moment der Organisation. Im einfachsten 
Falle, sagt er, besitzt die Masse (group) überhaupt keine Organi- 
sation oder eine kaum nennenswerte. Er bezeichnet eine solche 
Masse als einen Haufen (crowd). Doch gesteht er zu, daß ein 
Haufen Menschen nicht leicht zusammenkommt, ohne daß sich 
in ihm wenigstens die ersten Anfänge einer Organisation bildeten, 
und daß gerade an diesen einfachen Massen manche Grundtat- 
sachen der Kollektivpsychologie besonders leicht zu erkennen 
sind (S. 22). Damit sich aus den zufällig zusammengewehten 
Mitgliedern eines Menschenhaufens etwas wie eine Masse im 
psychologischen Sinne bilde, wird als Bedingung erfordert, daß 
diese Einzelnen etwas miteinander gemein haben, ein gemein- 
sames Interesse an einem Objekt, eine gleichartige Gefühlsrichtung 
in einer gewissen Situation und (ich würde einsetzen: infolge- 
dessen) ein gewisses Maß von Fähigkeit, sich untereinander zu 
beeinflussen. (Some degree of reciprocal influenae between the 

1) Cambridge, 1920. 









Andere Würdigungen des kollektiven Seelenlebens 27g 

members of the group.) (S. 23.) Je stärker diese Gemeinsamkeiten 
(this mental homogeneity) sind, desto leichter bildet sich aus den 
Einzelnen eine psychologische Masse und desto auffälliger äußern 
sich die Kundgebungen einer „Massenseele". 

Das merkwürdigste und zugleich wichtigste Phänomen der 
Massenbildung ist nun die bei jedem Einzelnen hervorgerufene 
Steigerung der Affektivität (exaltation or intensification of emotion) 
(S. 24). Man kann sagen, meint Mc Dougall, daß die Affekte 
der Menschen kaum unter anderen Bedingungen zu solcher Höhe 
anwachsen, wie es in einer Masse geschehen kann, und zwar ist 
es eine genußreiche Empfindung für die Beteiligten, sich so 
schrankenlos ihren Leidenschaften hinzugeben und dabei in der 
Masse aufzugehen, das Gefühl ihrer individuellen Abgrenzung zu 
verlieren. Dies Mitfortgerissenwerden der Individuen erklärt 
Mc Dougall aus dem von ihm so genannten „principle of direct 
induction of emotion by way of the primitive sympathetic response" 
(S. 25), das heißt durch die uns bereits bekannte Gefühls- 
ansteckung. DieJTatsache ist die, daß die wahrgenommenen 
Zeichen eines Affektzustandes geeignet sind, bei dem Wahr- 
nehmenden automatisch denselben Affekt hervorzurufen. Dieser 
automatische Zwang wird um so stärker, an je mehr Pe rsonen 
gleichzeitig derselbe Affekt bemerkbar ist. Dann schweigt die 
Kritik des Einzelnen und er läßt sich in denselben Affekt gleiten. 
Dabei erhöht er aber die Erregung der anderen, die auf ihn 
gewirkt hatten, und so steigert sich die Affektladung der Einzelnen 
durch gegenseitige Induktion. Es ist unverkennbar etwas wie 
ein Zwang dabei wirksam, es den anderen gleichzutun, im Ein- 
klang mit den Vielen zu bleiben. Die gröberen und einfacheren 
Gefühlsregungen haben die größere Aussicht, sich auf solche Weise 
in einer Masse zu verbreiten (S. 59). 

Dieser Mechanismus der Affektsteigerung wird noch durch 
einige andere, von der Masse ausgehende Einflüsse begünstigt. 
Die Masse macht dem Einzelnen den Eindruck einer unbeschränkten 



28o Massenpsychologie und Ich-Analyse 



Macht und einer unbesiegbaren Gefahr. Sie hat sich für den 
Augenblick an die Stelle der gesamten menschlichen Gesellschaft 
gesetzt, welche die Trägerin der Autorität ist, deren Strafen man 
gefürchtet, der zuliebe man sich so viele Hemmungen auferlegt 
hat. Es ist offenbar gefährlich, sich in Widerspruch mit ihr zu 
setzen, und man ist sicher, wenn man dem ringsumher sich 
zeigenden Beispiel folgt, also eventuell sogar „mit den Wölfen 
heult". Im Gehorsam gegen die neue Autorität darf man sein 
früheres „Gewissen" außer Tätigkeit setzen und dabei der Lockung 
des Lustgewinnes nachgeben, den man sicherlich durch die Auf- 
hebung seiner Hemmungen erzielt. Es ist also im ganzen nicht 
so merkwürdig, wenn wir den Einzelnen in der Masse Dinge 
tun oder gutheißen sehen, von denen er sich unter seinen 
gewohnten Lebensbedingungen abgewendet hätte, und wir können 
selbst die Hoffnung fassen, auf diese Weise ein Stück der Dunkelheit 
zu lichten, die man mit dem Rätselwort der „Suggestion" zu 
decken pflegt. 

Dem Satz von der kollektiven Intelligenzhemmung in der Masse 
widerspricht auch Mc Dougall nicht (S. 41). Er sagt, die 
geringeren Intelligenzen ziehen die größeren auf ihr Niveau 
herab. Die letzteren werden in ihrer Betätigung gehemmt, weil 
die Steigerung der Affektivität überhaupt ungünstige Bedingungen 
für korrekte geistige Arbeit schafft, ferner weil die Einzelnen 
durch die Masse eingeschüchtert sind und ihre Denkarbeit nicht 
frei ist, und weil bei jedem Einzelnen das Bewußtsein der Ver- 
antwortlichkeit für seine Leistung herabgesetzt wird. 

Das Gesamturteil über die psychische Leistung einer einfachen, 
„unorganisierten" Masse lautet bei Mc Dougall nicht fr eund - 
lich er als bei Le Bon. Eine solche Masse ist (S. 45): überaus 
erregbar, impulsiv, leidenschaftlich, wankelmütig, inkonsequent, 
unentschlossen und dabei zum Äußersten bereit in ihren Hand- 
lungen, zugänglich nur für die gröberen Leidenschaften und ein- 
facheren Gefühle, außerordentlich suggestibel, leichtsinnig in ihren 






Andere Würdigungen des kollektiven Seelenlebens 281 



Überlegungen, heftig in ihren Urteilen, aufnahmsfähig nur für 
die einfachsten und unvollkommensten Schlüsse und Argumente, 
leicht zu lenken und zu erschüttern, ohne Selbstbewußtsein, Selbst- 
achtung und Verantwortlichkeitsgefühl, aber bereit, sich von ihrem 
Kraftbewußtsein zu allen Untaten fortreißen zu lassen, die wir 
nur von einer absoluten und unverantwortlichen Macht erwarten 
können. Sie benimmt sich also eher wie ein ungezogenes Kind 
oder wie ein leidenschaftlicher, nicht beaufsichtigter Wilder in 
einer ihm fremden Situation; in den schlimmsten Fällen ist ihr 
Benehmen eher das eines Rudels von wilden Tieren als von 
menschlichen Wesen. 

Da Mc Dougall das Verhalten der hoch organisierten Massen 
in Gegensatz zu dem hier Geschilderten bringt, werden wir 
besonders gespannt sein zu erfahren, worin diese Organisation 
besteht und durch welche Momente sie hergestellt wird. Der 
Autor zählt fünf dieser „principal conditions" für die Hebung des 
seelischen Lebens der Masse auf ein höheres Niveau auf. 

Die erste grundlegende Bedingung ist ein gewisses Maß von 
Kontinu ität im Bestand der Masse. Diese kann eine materielle 
oder eine formale sein, das erstere, wenn dieselben Personen längere 
Zeit in der Masse verbleiben, das andere, wenn innerhalb der 
Masse bestimmte Stellungen entwickelt sind, die den einander 
ablösenden Personen angewiesen werden. 

Die zweite, daß sich in dem Einzelnen der Masse eine 
bestimmte Vorstellung von der Natur, der Funktion, den Leistungen 
und Ansprüchen der Masse gebildet hat, so daß sich daraus für 
ihn ein Gefühlsverhältnis zum Ganzen der Masse ergeben kann. 

Die dritte, daß die Masse in Beziehung zu anderen, ihr ähn- 
lichen, aber doch von ihr in vielen Punkten abweichenden 
Massenbildungen gebracht wird, etwa daß sie mit diesen rivalisiert. 

Die vierte, daß die Masse Traditionen, Gebräuche und Einrich- 
tungen besitzt, besonders solche, die sich auf das Verhältnis ihrer 
Mitglieder zueinander beziehen. 






282 Massenpsychologie und Ich- Analyse 






Die fünfte, daß es in der Masse eine Gliederung gibt, die sich 
in der Spezialisierung und Differenzierung der dem Einzelnen 
zufallenden Leistung ausdrückt. 

Durch die Erfüllung dieser Bedingungen werden nach McDougall 
die psychischen Nachteile der Massenbildung aufgehoben. Gegen 
die kollektive Herabsetzung der Intelligenzleistung schützt man sich 
dadurch, daß man die Lösung der intellektuellen Aufgaben der 
Masse entzieht und sie Einzelnen in ihr vorbehält. 

Es scheint uns, daß man die Bedingung, die Mc Dougall 
als „Organisation" der Masse bezeichnet hat, mit mehr Berechtigung 
anders beschreiben kann. Die Aufgabe besteht darin, der Masse 
gerade jene Eigenschaften zu verschaffen, die für das Individuum 
charakteristisch waren und die bei ihm durch die Massenbildung 
ausgelöscht wurden. Denn das Individuum hatte — außerhalb 
der primitiven Masse — seine Kontinuität, sein Selbstbewußtsein 
seine Traditionen und Gewohnheiten, seine besondere Arbeits- 
leistung und Einreihung und hielt sich von anderen gesondert, 
mit denen es rivalisierte. Diese Eigenart hatte es durch seinen 
Eintritt in die nicht „organisierte" Masse für eine Zeit verloren. 
Erkennt man so als Ziel, die Masse mit den Attributen des Indi- 
viduums auszustatten, so wird man an eine gehaltreiche Bemerkung 
von W. Trotter 1 gemahnt, der in der Neigung zur Massen- 
bildung eine biologische Fortführung der Vielzelligkeit aller höheren 
Organismen erblickt. 2 



1) Tnstincts of the Herd in Peace and War. London 1916. 

2) Ich kann im Gegensatz zu einer sonst verständnisvollen und scharfsinnigen 
Kritik von Hans K eisen (Imago VIII/2, 1922) nicht zugeben, daß eine solche Aus- 
stattung der „Massenseele" mit Organisation eine Hypostasierung derselben, das heißt 
die Zuerkennung einer Unabhängigkeit von den seelischen Vorgängen im Individuum 
bedeute. 












IV 
SUGGESTION UND LIBIDO 

Wir sind von der Grundtatsache ausgegangen, daß ein Einzelner 
innerhalb einer Masse durch den Einfluß derselben eine oft tief- 
greifende Veränderung seiner seelischen Tätigkeit erfährt. Seine 
Affektivität wird außerordentlich gesteigert, seine intellektuelle 
Leistung merklich eingeschränkt, beide Vorgänge offenbar in der 
Richtung einer Angleichung an die anderen Massenindividuen 5 
ein Erfolg, der nur durch die Aufhebung der jedem Einzelnen 
eigentümlichen Triebhemmungen und durch den Verzicht auf die 
ihm besonderen Ausgestaltungen seiner Neigungen erreicht 
werden kann. Wir haben gehört, daß diese oft unerwünschten 
Wirkungen durch eine höhere „Organisation" der Massen wenigstens 
teilweise hintangehalten werden, aber der Grundtatsache der 
Massenpsychologie, den beiden Sätzen von der Affektsteigerung 
und der Denkhemmung in der primitiven Masse ist dadurch 
nicht widersprochen worden. Unser Interesse geht nun dahin, für 
diese seelische Wandlung des Einzelnen in der Masse die psycho- 
logische Erklärung zu finden. 

Rationelle Momente, wie die vorhin erwähnte Einschüchterung 
des Einzelnen, also die Aktion seines Selbsterhaltungstriebes, decken 
offenbar die zu beobachtenden Phänomene nicht. Was uns sonst 
als Erklärung von den Autoren über Soziologie und Massen- 
psychologie geboten wird, ist immer das nämliche, wenn auch 
unter wechselnden Namen : das Zauberwort der Suggestion. 



g8 4 M'issenpsychologie und Ich- Analyse 



Bei Tarde hieß sie Nachahmung, aber wir müssen einem 
Autor recht geben, der uns vorhält, die Nachahmung falle unter 
den Begriff der Suggestion, sei eben eine Folge derselben. 1 Bei 
Le Bon wurde alles Befremdende der sozialen Erscheinungen 
auf zwei Faktoren zurückgeführt, auf die gegenseitige Suggestion 
der Einzelnen und das Prestige der Führer. Aber das Prestige 
äußert sich wiederum nur in der Wirkung, Suggestion hervor- 
zurufen. Bei McDougall konnten wir einen Moment lang den 
Eindruck empfangen, daß sein Prinzip der „primären Affekt- 
induktion" die Annahme der Suggestion entbehrlich mache. Aber 
bei weiterer Überlegung müssen wir doch einsehen, daß dies 
Prinzip nichts anderes aussagt als die bekannten Behauptungen 
der „Nachahmung" oder „Ansteckung", nur unter entschiedener 
Betonung des affektiven Moments. Daß eine derartige Tendenz 
in uns besteht, wenn wir ein Zeichen eines Affektzustandes bei 
einem anderen gewahren, in denselben Affekt zu verfallen, ist 
unzweifelhaft, aber wie oft widerstehen wir ihr erfolgreich, 
weisen den Affekt ab, reagieren oft in ganz gegensätzlicher Weise? 
Warum also geben wir dieser Ansteckung in der Masse regel- 
mäßig nach? Man wird wiederum sagen müssen, es sei der 
suggestive Einfluß der Masse, der uns nötigt, dieser Nachahmungs- 
tendenz zu gehorchen, der den Affekt in uns induziert. Übrigens 
kommen wir auch sonst bei Mc Dougall nicht um die Suggestion 
herum 5 wir hören von ihm wie von anderen: die Massen 
zeichnen sich durch besondere Suggestibilität aus. 

Man wird so für die Aussage vorbereitet, die Suggestion 
(richtiger die Suggerierbarkeit) sei eben ein weiter nicht reduzier- 
bares Urphänomen, eine Grundtatsache des menschlichen Seelen- 
lebens. So hielt es auch Bern heim, von dessen erstaunlichen 
Künsten ich im Jahre 1889 Zeuge war. Ich weiß mich aber auch 
damals an eine dumpfe Gegnerschaft gegen diese Tyrannei der 

1) B rüg ei 11 es, L'cssence du ph6nomene social: La sue-gestion. Revue Dhilo- 
sophique XXV. 1913. r 




Suggestion und Libido 2 8« 






Suggestion zu erinnern. Wenn ein Kranker, der sich nicht gefügig 
zeigte, angeschrieen wurde: Was tun Sie denn? Vous vous contre- 
suggestionnez! so sagte ich mir, das sei offenbares Unrecht und 
Gewalttat. Der Mann habe zu Gegensuggestionen gewiß ein 
Recht, wenn man ihn mit Suggestionen zu unterwerfen versuche. 
Mein Widerstand nahm dann später die Richtung einer Auf- 
lehnung dagegen, daß die Suggestion, die alles erklärte, selbst 
der Erklärung entzogen sein sollte. Ich wiederholte mit Bezug auf 
sie die alte Scherzfrage: 1 

Christoph trug Christum, 
Christus trug die ganze Welt, 
Sag', wo hat Christoph 
Damals hin den Fuß gestellt? 

Christophorus Christum, sed Christus sustulit orbem: 
Constiterit pedibus die ubi Christophorus? 

Wenn ich nun nach etwa dreißigjähriger Fernhaltung wieder 
an das Rätsel der Suggestion herantrete, finde ich, daß sich nichts 
daran geändert hat. Von einer einzigen Ausnahme, die eben den 
Einfluß der Psychoanalyse bezeugt, darf ich ja bei dieser Behauptung 
absehen. Ich sehe, daß man sich besonders darum bemüht, den 
Begriff der Suggestion korrekt zu formulieren, also den Gebrauch 
des Namens konventionell festzulegen, 2 und dies ist nicht über- 
flüssig, denn das Wort geht einer immer weiteren Verwendung 
mit aufgelockerter Bedeutung entgegen und wird bald jede beliebige 
Beeinflussung bezeichnen wie im Englischen, wo „to suggest, 
Suggestion" unserem „Nahelegen", unserer „Anregung" entspricht. 
Aber über das Wesen der Suggestion, das heißt über die 
Bedingungen, unter denen sich Beeinflussungen ohne zureichende 
logische Begründung herstellen, hat sich eine Aufklärung nicht 



i) Konrad Richter, Der deutsche St. Christoph. Berlin 1896. Acta Germanica V, 1. 
2) So Mc Dougall im „Journal of Neurology and Psychopathology", Vol. 1, 
No. 1, May 1920: A note on Suggestion. 



286 Massenpsychologie und Ich-Analyse 

ergeben. Ich würde mich der Aufgabe nicht entziehen, diese 
Behauptung durch die Analyse der Literatur dieser letzten dreißig 
Jahre zu erhärten, allein ich unterlasse es, weil mir bekannt ist, 
daß in meiner Nähe eine ausführliche Untersuchung vorbereitet 
wird, welche sich eben diese Aufgabe gestellt hat. 1 

Anstatt dessen werde ich den Versuch machen, zur Aufklärung 
der Massenpsychologie den Begriff der Libido zu verwenden, 
der uns im Studium der Psychoneurosen so gute Dienste ge- 
leistet hat. 

Libido ist ein Ausdruck aus der Affektivitätslehre. Wir heißen 
so die als quantitative Größe betrachtete — wenn auch derzeit 
nicht meßbare — Energie solcher Triebe, welche mit all dem zu 
tun haben, was man als Liebe zusammenfassen kann. Den Kern 
des von uns Liebe Geheißenen bildet natürlich, was man gemeinhin 
Liebe nennt und was die Dichter besingen, die Geschlechtsliebe 
mit dem Ziel der geschlechtlichen Vereinigung. Aber wir trennen 
davon nicht ab, was auch sonst an dem Namen Liebe Anteil 
hat, einerseits die Selbstliebe, anderseits die Eltern- und Kindes- 
liebe, die Freundschaft und die allgemeine Menschenliebe, auch 
nicht die Hingebung an konkrete Gegenstände und an abstrakte 
Ideen. Unsere Rechtfertigung liegt darin, daß die psychoanalytische 
Untersuchung uns gelehrt hat, alle diese Strebungen seien der 
Ausdruck der nämlichen Triebregungen, die zwischen den 
Geschlechtern zur geschlechtlichen Vereinigung hindrängen, in 
anderen Verhältnissen zwar von diesem sexuellen Ziel abgedrängt 
oder in der Erreichung desselben aufgehalten werden, dabei aber 
doch immer genug von ihrem ursprünglichen Wesen bewahren, 
um ihre Identität kenntlich zu erhalten (Selbstaufopferung, Streben 
nach Annäherung). 

Wir meinen also, daß die Sprache mit dem Wort „Liebe" in 
seinen vielfältigen Anwendungen eine durchaus berechtigte 
Zusammenfassung geschaffen hat, und daß wir nichts Besseres 

1) [Zusatz 1924]: Diese Arbeit ist dann leider nicht zustande gekommen. 



Suggestion und Libido 287 



tun können, als dieselbe auch unseren wissenschaftlichen Erörte- 
rungen und Darstellungen zugrunde zu legen. Durch diesen 
Entschluß hat die Psychoanalyse einen Sturm von Entrüstung 
entfesselt, als ob sie sich einer frevelhaften Neuerung schuldig 
gemacht hätte. Und doch hat die Psychoanalyse mit dieser 
„erweiterten" Auffassung der Liebe nichts Originelles geschaffen. 
Der „Eros" des Philosophen Plato zeigt in seiner Herkunft, 
Leistung und Beziehung zur Geschlechtsliebe eine vollkommene 
Deckung mit der Liebeskraft, der Libido der Psychoanalyse, wie 
Nachmansohn und Pf ist er im Einzelnen dargelegt haben, 1 
und wenn der Apostel Paulus in dem berühmten Brief an die 
Korinther die Liebe über alles andere preist, hat er sie gewiß 
im nämlichen „erweiterten" Sinn verstanden, 2 woraus nur zu 
lernen ist, daß die Menschen ihre großen Denker nicht immer 
. ernst nehmen, auch wenn sie sie angeblich sehr bewundern. 

Diese Liebestriebe werden nun in der Psychoanalyse a potiori 
und von ihrer Herkunft her Sexualtriebe geheißen. Die Mehr- 
zahl der „Gebildeten" hat diese Namengebung als Beleidigung 
empfunden und sich für sie gerächt, indem sie der Psychoanalyse 
den Vorwurf des „Pansexualismus" entgegenschleuderte. Wer 
die Sexualität für etwas die menschliche Natur Beschämendes 
und Erniedrigendes hält, dem steht es ja frei, sich der vor- 
nehmeren Ausdrücke Eros und Erotik zu bedienen. Ich hätte es 
auch selbst von Anfang an so tun können und hätte mir dadurch 
viel Widerspruch erspart. Aber ich mochte es nicht, denn ich 
vermeide gern Konzessionen an die Schwachmütigkeit. Man kann 
nicht wissen, wohin man auf diesem Wege gerät; man gibt 
zuerst in Worten nach und dann allmählich auch in der Sache. 
Ich kann nicht finden, daß irgend ein Verdienst daran ist, sich 
der Sexualität zu schämen; das griechische Wort Eros, das den 

1) Nachmansohn, Freuds Libidotheorie verglichen mit der Eroslehre Piatos. 
Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse, III, 1915; Pf ister, ebd. VII, 1921. 

2) „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe 
nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle," u. ff. 



288 Massenpsychologie und Ich- Analyse 

Schimpf lindern soll, ist doch schließlich nichts anderes als die 
Übersetzung unseres deutschen Wortes Liebe, und endlich, wer 
warten kann, braucht keine Konzessionen zu machen. 

Wir werden es also mit der Voraussetzung versuchen, daß 
Liebesbeziehungen (indifferent ausgedrückt: Gefühlsbindungen) 
auch das Wesen der Massenseele ausmachen. Erinnern wir uns 
daran, daß von solchen bei den Autoren nicht die Rede ist. Was 
ihnen entsprechen würde, ist offenbar hinter dem Schirm, der 
spanischen Wand, der Suggestion verborgen. Auf zwei flüchtige 
Gedanken stützen wir zunächst unsere Erwartung. Erstens, daß 
die Masse offenbar durch irgend eine Macht zusammengehalten 
wird. Welcher Macht könnte man aber diese Leistung eher 
zuschreiben als dem Eros, der alles in der Welt zusammenhält? 
Zweitens, daß man den Eindruck empfängt, wenn der Einzelne 
in der Masse seine Eigenart aufgibt und sich von den Anderen 
suggerieren läßt, er tue es, weil ein Bedürfnis bei ihm besteht, 
eher im Einvernehmen mit ihnen als im Gegensatz zu ihnen zu 
sein, also vielleicht doch „ihnen zuliebe". 



V 

ZWEI KÜNSTLICHE MASSEN: KIRCHE UND HEER 

Aus der Morphologie der Massen rufen wir uns ins Gedächtnis, 
daß man sehr verschiedene Arten von Massen und gegensätzliche 
Richtungen in ihrer Ausbildung unterscheiden kann. Es gibt 
sehr flüchtige Massen und höchst dauerhafte; homogene, die aus 
gleichartigen Individuen bestehen, und nicht homogene; natür- 
liche Massen und künstliche, die zu ihrem Zusammenhalt auch 
einen äußeren Zwang erfordern; primitive Massen und gegliederte, 
hoch organisierte. Aus Gründen aber, in welche die Einsicht 
noch verhüllt ist, möchten wir auf eine Unterscheidung beson- 
deren Wert legen, die bei den Autoren eher zu wenig beachtet 
wird; ich meine die von führerlosen Massen und von solchen 
mit Führern. Und recht im Gegensatz zur gewohnten Übung 
soll unsere Untersuchung nicht eine relativ einfache Massen- 
bildung zum Ausgangspunkt wählen, sondern an hoch organi- 
sierten, dauerhaften, künstlichen Massen beginnen. Die inter- 
essantesten Beispiele solcher Gebilde sind die Kirche, die Gemeinschaft 
der Gläubigen, und die Armee, das Heer. _ 

Kirche und Heer sind künstliche Massen, das heißt es wird 
ein gewisser äußerer Zwang aufgewendet, um sie vor der 
Auflösung zu bewahren 1 und Veränderungen in ihrer Struktur 
hintanzuhalten. Man wird in der Regel nicht befragt oder es wird einem 

i) Die Eigenschaften „stabil" und „künstlich" scheinen hei den Massen zusammen- 
zufallen oder wenigstens intim zusammenzuhängen. 

Freud, VI. ,_ 






2 go Massenpsychologie und Ich- Analyse 



nicht freigestellt, ob man in eine solche Masseeintreten will; der Versuch 
des Austrittes wird gewöhnlich verfolgt oder strenge bestraft oder ist an 
ganz bestimmte Bedingungen geknüpft. Warum diese Vergesellschaf- 
tungen so besonderer Sicherungen bedürfen, liegt unserem Interesse 
gegenwärtig ganz ferne. Uns zieht nur der eine Umstand an, 
daß man an diesen hochorganisierten, in solcher Weise vor dem 
Zerfall geschützten Massen mit großer Deutlichkeit gewisse 
Verhältnisse erkennt, die anderswo weit mehr verdeckt sind. 

In der Kirche — wir können mit Vorteil die katholische 
Kirche zum Muster nehmen — gilt wie im Heer, so verschieden 
beide sonst sein mögen, die nämliche Vorspiegelung (Illusion), 
daß ein Oberhaupt da ist — in der katholischen Kirche Christus, 
in der Armee der Feldherr, — das alle Einzelnen der Masse 
mit der gleichen Liebe liebt. An dieser Illusion hängt alles; ließe 
man sie fallen, so zerfielen sofort, soweit der äußere Zwang es 
gestattete, Kirche wie Heer. Von Christus wird diese gleiche 
Liebe ausdrücklich ausgesagt: Was ihr getan habt einem unter 
diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. Er 
steht zu den Einzelnen der gläubigen Masse im Verhältnis eines 
gütigen älteren Bruders, ist ihnen ein Vaterersatz. Alle Anforde- 
rungen an die Einzelnen leiten sich von dieser Liebe Christi ab. 
Ein demokratischer Zug geht durch die Kirche, eben weil vor 
Christus alle gleich sind, alle den gleichen Anteil an seiner Liebe 
haben. Nicht ohne tiefen Grund wird die Gleichartigkeit der 
christlichen Gemeinde mit einer Familie heraufbeschworen und 
nennen sich die Gläubigen Brüder in Christo, das heißt Brüder 
durch die Liebe, die Christus für sie hat. Es ist nicht zu 
bezweifeln, daß die Bindung jedes Einzelnen an Christus auch 
die Ursache ihrer Bindung untereinander ist. Ähnliches gilt für 
das Heer; der Feldherr ist der Vater, der alle seine Soldaten gleich 
liebt, und darum sind sie Kameraden untereinander. Das Heer 
unterscheidet sich strukturell von der Kirche darin, daß es aus 
einem Stufenbau von solchen Massen besteht. Jeder Hauptmann 






Zwei künstliche Massen: Kirche und Heer 

^ ^ -' t) 1 



ist gleichsam der Feldherr und Vater seiner Abteilung, jeder 
Unteroffizier der seines Zuges. Eine ähnliche Hierarchie ist zwar 
auch in der Kirche ausgebildet, spielt aber in ihr nicht dieselbe 
ökonomische Rolle, da man Christus mehr Wissen und 
Bekümmern um die Einzelnen zuschreiben darf als dem mensch- 
lichen Feldherrn. 

Gegen diese Auffassung der libidinösen Struktur einer Armee 
wird man mit Recht einwenden, daß die Ideen des Vaterlandes 
des nationalen Ruhmes und andere, die für den Zusammenhalt 
der Armee so bedeutsam sind, hier keine Stelle gefunden haben. 
Die Antwort darauf lautet, dies sei ein anderer, nicht mehr so 
einfacher Fall von Massen bin düng, und wie die Beispiele großer 
Heerführer, Caesar, Wallenstein, Napoleon, zeigen, sind solche 
Ideen für den Bestand einer Armee nicht unentbehrlich. Von 
dem möglichen Ersatz des Führers durch eine führende Idee 
und den Beziehungen zwischen beiden wird später kurz die Rede 
sein. Die Vernachlässigung dieses libidinösen Faktors in der Armee, 
auch dann, wenn er nicht der einzig wirksame ist, scheint nicht 
nur ein theoretischer Mangel, sondern auch eine praktische 
Gefahr. Der preußische Militarismus, der ebenso unpsychologisch 
war wie die deutsche Wissenschaft, hat dies vielleicht im großen 
Weltkrieg erfahren müssen. Die Kriegsneu rosen, welche die 
deutsche Armee zersetzten, sind ja großenteils als Protest des 
Einzelnen gegen die ihm in der Armee zugemutete Rolle erkannt 
worden, und nach den Mitteilungen von E. Simmel 1 darf man 
behaupten, daß die lieblose Behandlung des gemeinen Mannes 
durch seine Vorgesetzten obenan unter den Motiven der Erkrankung 
stand. Bei besserer Würdigung dieses Libidoanspruches hätten 
wahrscheinlich die phantastischen Versprechungen der 14 Punkte 
des amerikanischen Präsidenten nicht so leicht Glauben gefunden 
und das großartige Instrument wäre den deutschen Kriegskünstlern 
nicht in der Hand zerbrochen. 

1) Kriegsneurosen und „Psychisches Trauma", München 1918. 

i9" 



»92 



Massenpsychologie und Ich- Analyse 



Merken wir an, daß in diesen beiden künstlichen Massen jeder 
Einzelne einerseits an den Führer (Christus, Feldherrn), ander- 
seits an die anderen Massenindividuen libidinös gebunden ist. 
Wie sich diese beiden Bindungen zueinander verhalten, ob sie 
gleichartig und gleichwertig sind und wie sie psychologisch zu 
beschreiben wären, das müssen wir einer späteren Untersuchung 
vorbehalten. Wir getrauen uns aber jetzt schon eines leisen Vor- 
wurfes gegen die Autoren, daß sie die Bedeutung des Führers 
für die Psychologie der Masse nicht genügend gewürdigt haben, 
während uns die Wahl des ersten Untersuchungsobjekts in eine 
günstigere Lage gebracht hat. Es will uns scheinen, als befänden 
wir uns auf dem richtigen Weg, der die Haupterscheinung der 
Massenpsychologie, die Unfreiheit des Einzelnen in der Masse, 
aufklären kann. Wenn für jeden Einzelnen eine so ausgiebige 
Gefühlsbindung nach zwei Richtungen besteht, so wird es uns 
nicht schwer werden, aus diesem Verhältnis die beobachtete 
Veränderung und Einschränkung seiner Persönlichkeit abzuleiten. 

Einen Wink ebendahin, das Wesen einer Masse bestehe in 
den in ihr vorhandenen libidinösen Bindungen, erhalten wir auch 
in dem Phänomen der Panik, welches am besten an militärischen 
Massen zu studieren ist. Eine Panik entsteht, wenn eine solche 
Masse sich zersetzt. Ihr Charakter ist, daß kein Befehl des Vor- 
gesetzten mehr angehört wird, und daß jeder für sich selbst 
sorgt ohne Rücksicht auf die anderen. Die gegenseitigen Bindungen 
haben aufgehört und eine riesengroße, sinnlose Angst wird frei. 
Natürlich wird auch hier wieder der Einwand naheliegen, es sei 
vielmehr umgekehrt, indem die Angst so groß gewachsen sei, 
daß sie sich über alle Rücksichten und Bindungen hinaussetzen 
konnte. Mc Dougall hat sogar (S. 24) den Fall der Panik 
(allerdings der nicht militärischen) als Musterbeispiel für die von 
ihm betonte Affektsteigerung durch Ansteckung (primary induction) 
verwertet. Allein diese rationelle Erklär ungs weise geht hier doch 
ganz fehl. Es steht eben zur Erklärung, warum die Angst so 



Zwei künstliche Massen: Kirche und Heer 2q* 

riesengroß geworden ist. Die Größe der Gefahr kann nicht 
beschuldigt werden, denn dieselbe Armee, die jetzt der Panik 
verfällt, kann ähnlich große und größere Gefahren tadellos 
bestanden haben, und es gehört geradezu zum Wesen der Panik, 
daß sie nicht im Verhältnis zur drohenden Gefahr steht, oft bei 
den nichtigsten Anlässen ausbricht. Wenn der Einzelne in panischer 
Angst für sich selbst zu sorgen unternimmt, so bezeugt er damit 
die Einsicht, daß die affektiven Bindungen aufgehört haben, die 
bis dahin die Gefahr für ihn herabsetzten. Nun, da er der Gefahr 
allein entgegensteht, darf er sie allerdings höher einschätzen. Es 
verhält sich also so, daß die panische Angst die Lockerung in 
der libidinösen Struktur der Masse voraussetzt und in berech- 
tigter Weise auf sie reagiert, nicht umgekehrt, daß die Libido- 
bindungen der Masse an der Angst vor der Gefahr zugrunde 
gegangen wären. 

Mit diesen Bemerkungen wird der Behauptung, daß die Angst 
in der Masse durch Induktion (Ansteckung) ins Ungeheure wachse, 
keineswegs widersprochen. Die Mc Dougal Ische Auffassung ist 
durchaus zutreffend für den Fall, daß die Gefahr eine real große 
ist und daß in der Masse keine starken Gefühlsbindungen bestehen, 
Bedingungen, die verwirklicht werden, wenn zum Beispiel in 
einem Theater oder Vergnügungslokal Feuer ausbricht. Der lehr- 
reiche und für unsere Zwecke verwertete Fall ist der oben 
erwähnte, daß ein Heereskörper in Panik gerät, wenn die Gefahr 
nicht über das gewohnte und oftmals gut vertragene Maß hinaus 
gesteigert ist. Man wird nicht erwarten dürfen, daß der Gebrauch 
des Wortes „Panik" scharf und eindeutig bestimmt sei. Manchmal 
bezeichnet man so jede Massenangst, andere Male auch die Angst 
eines Einzelnen, wenn sie über jedes Maß hinausgeht, häufig 
scheint der Name für den Fall reserviert, daß der Angstausbruch 
durch den Anlaß nicht gerechtfertigt wird. Nehmen wir das 
Wort „Panik" im Sinne der Massenangst, so können wir eine 
weitgehende Analogie behaupten. Die Angst des Individuums 



294 Massenpsychologie und Ich-Analyse 

wird hervorgerufen entweder durch die Größe der Gefahr oder 
durch das Auflassen von Gefühlsbindungen (Libidobesetzungen); 
der letztere Fall ist der der neurotischen Angst. 1 Ebenso entsteht 
die Panik durch die Steigerung der alle betreffenden Gefahr 
oder durch das Aufhören der die Masse zusammenhaltenden 
Gefühlsbindungen, und dieser letzte Fall ist der neurotischen 
Angst analog. (Vgl. hiezu den gedankenreichen, etwas phantastischen 
Aufsatz von Be'la v. Felszeghy: Panik und Pankomplex, 
„Imago", VI, 1920.) 

Wenn man die Panik wie Mc Dougall (1. c.) als eine der 
deutlichsten Leistungen der „group mind" beschreibt, gelangt 
man zum Paradoxon, daß sich diese Massenseele in einer ihrer 
auffälligsten Äußerungen selbst aufhebt. Es ist kein Zweifel möglich, 
daß die Panik die Zersetzung der Masse bedeutet, sie hat das 
Aufhören aller Rücksichten zur Folge, welche sonst die Einzelnen 
der Masse für einander zeigen. 

Der typische Anlaß für den Ausbruch einer Panik ist so ähnlich, 
wie er in der N e s t r o y sehen Parodie des Hebbel sehen Dramas 
von Judith und Holofernes dargestellt wird. Da schreit ein 
Krieger: „Der Feldherr hat den Kopf verloren", und darauf 
ergreifen alle Assyrer die Flucht. Der Verlust des Führers in 
irgendeinem Sinne, das Irrewerden an ihm, bringt die Panik bei 
gleichbleibender Gefahr zum Ausbruch; mit der Bindung an den 
Führer schwinden — in der Regel — auch die gegenseitigen 
Bindungen der Massenindividuen. Die Masse zerstiebt wie ein 
Bologneser Fläschchen, dem man die Sjjitze abgebrochen hat. 

Die Zersetzung einer religiösen Masse ist nicht so leicht zu 
beobachten. Vor kurzem geriet mir ein von katholischer Seite 
stammender, vom Bischof von London empfohlener englischer 
Roman in die Hand mit dem Titel: „When it was dark", der 
eine solche Möglichkeit und ihre Folgen in geschickter und, wie 
ich meine, zutreffender Weise ausmalte. Der Roman erzählt wie 

1) S. Vorlesungen XXV. [Ges. Schriften, VII. 4,07 ff.] 






Zwei künstliche Massen: Kirche und Heer 295 

aus der Gegenwart, daß es einer Verschwörung von Feinden der 
Person Christi und des christlichen Glaubens gelingt, eine Grab- 
kammer in Jerusalem auffinden zu lassen, in deren Inschrift Josef 
von Arimathäa bekennt, daß er aus Gründen der Pietät den 
Leichnam Christi am dritten Tag nach seiner Beisetzung heimlich 
aus seinem Grabe entfernt und hier bestattet habe. Damit ist 
die Auferstehung Christi und seine göttliche Natur abgetan und 
die Folge dieser archäologischen Entdeckung ist eine Erschütterung 
der europäischen Kultur und eine außerordentliche Zunahme aller 
Gewalttaten und Verbrechen, die erst schwindet, nachdem das 
Komplott der Fälscher enthüllt werden kann. 

Was bei der hier angenommenen Zersetzung der religiösen 
Masse zum Vorschein kommt, ist nicht Angst, für welche der 
Anlaß fehlt, sondern rücksichtslose und feindselige Impulse gegen 
andere Personen, die sich bis dahin dank der gleichen Liebe 
Christi nicht äußern konnten. 1 Außerhalb dieser Bindung stehen 
aber auch während des Reiches Christi jene Individuen, die nicht 
zur Glaubensgemeinschaft gehören, die ihn nicht lieben und die 
er nicht liebt; darum muß eine Religion, auch wenn sie sich 
die Religion der Liebe heißt, hart und lieblos gegen diejenigen 
sein, die ihr nicht angehören. Im Grunde ist ja jede Religion 
eine solche Religion der Liebe für alle, die sie umfaßt, und 
jeder liegt Grausamkeit und Intoleranz gegen die nicht dazu- 
gehörigen nahe. Man darf, so schwer es einem auch persönlich 
fällt, den Gläubigen daraus keinen zu argen Vorwurf machen; 
Ungläubige und Indifferente haben es in diesem Punkte psycho- 
logisch um so viel leichter. Wenn diese Intoleranz sich heute 
nicht mehr so gewalttätig und grausam kundgibt wie in früheren 
Jahrhunderten, so wird man daraus kaum anf eine Milderung in 
den Sitten der Menschen schließen dürfen. Weit eher ist die 
Ursache davon in der unleugbaren Abschwächung der religiösen 



1) Vergleiche hiezu die Erklärung ähnlicher Phänomene nach dem Wegfall der 
landesväterlichen Autorität bei P. Federn, Die vaterlose Gesellschaft, Wien, 191g. 



ag6 



Massenpsychologie und Ich- Analyse 



Gefühle und der von ihnen abhängigen libidinösen Bindungen zu 
suchen. Wenn eine andere Massenbindung an die Stelle der 
religiösen tritt, wie es jetzt der sozialistischen zu gelingen scheint, 
so wird sich dieselbe Intoleranz gegen die Außenstehenden ergeben 
wie im Zeitalter der Religionskämpfe, und wenn die Differenzen 
wissenschaftlicher Anschauungen je eine ähnliche Bedeutung für 
die Massen gewinnen könnten, würde sich dasselbe Resultat auch 
für diese Motivierung wiederholen. 






VI 
WEITERE AUFGABEN UND ARBEITSRICHTUNGEN 

Wir haben bisher zwei artifizielle Massen untersucht und 
gefunden, daß sie von zweierlei Gefühlsbindungen beherrscht 
werden, von denen die eine an den Führer — wenigstens für sie 
— bestimmender zu sein scheint als die andere, die der Massen- 
individuen aneinander. 

Nun gäbe es in der Morphologie der Massen noch viel zu 
untersuchen und zu beschreiben. Man hätte von der Feststellung 
auszugehen, daß eine bloße Menschenmenge noch keine Masse 
ist, so lange sich jene Bindungen in ihr nicht hergestellt haben, 
hätte aber das Zugeständnis zu machen, daß in einer beliebigen 
Menschenmenge sehr leicht die Tendenz zur Bildung einer 
psychologischen Masse hervortritt. Man müßte den verschieden- 
artigen, mehr oder minder beständigen Massen, die spontan 
zustande kommen, Aufmerksamkeit schenken, die Bedingungen 
ihrer Entstehung und ihres Zerfalls studieren. Vor allem würde 
uns der Unterschied zwischen Massen, die einen Führer haben 
und führerlosen Massen beschäftigen. Ob nicht die Massen mit 
Führer die ursprünglicheren und vollständigeren sind, ob in den 
anderen der Führer nicht durch eine Idee, ein Abstraktum ersetzt 
sein kann, wozu ja schon die religiösen Massen mit ihrem unauf- 
zeigbaren Oberhaupt die Überleitung bilden, ob nicht eine gemein- 
same Tendenz, ein Wunsch, an dem eine Vielheit Anteil nehmen 
kann, den nämlichen Ersatz leistet. Dieses Abstrakte könnte sich 
wiederum mehr oder weniger vollkommen in der Person eines 



29 8 Massenpsychologie und Ich- Analyse 



gleichsam sekundären Führers verkörpern, und aus der Beziehung 
zwischen Idee und Führer ergäben sich interessante Mannig- 
faltigkeiten. Der Führer oder die führende Idee könnten auch 
sozusagen negativ werden 5 der Haß gegen eine bestimmte Person 
oder Institution könnte ebenso einigend wirken und ähnliche 
Gefühlsbindungen hervorrufen wie die positive Anhänglichkeit. 
Es fragt sich dann auch, ob der Führer für das Wesen der 
Masse wirklich unerläßlich ist und anderes mehr. 

Aber all diese Fragen, die zum Teil auch in der Literatur der 
Massenpsychologie behandelt sein mögen, werden nicht imstande 
sein, unser Interesse von den psychologischen Grundproblemen 
abzulenken, die uns in der Struktur einer Masse geboten werden. 
Wir werden zunächst von einer Überlegung gefesselt, die uns 
auf dem kürzesten Weg den Nachweis verspricht, daß es Libido- 
bindungen sind, welche eine Masse charakterisieren. 

Wir halten uns vor, wie sich die Menschen im allgemeinen 
affektiv zueinander verhalten. Nach dem berühmten Schopen- 
hauerschen Gleichnis von den frierenden Stachelschweinen ver- 
trägt keiner eine allzu intime Annäherung des anderen. 1 

Nach dem Zeugnis der Psychoanalyse enthält fast jedes intime 
Gefühlsverhältnis zwischen zwei Personen von längerer Dauer 
— Ehebeziehung, Freundschaft, Eltern- und Kindschaft 3 — einen 
Bodensatz von ablehnenden, feindseligen Gefühlen, der nur infolge 
von Verdrängung der Wahrnehmung entgeht. Unverhüllter ist es, 
wenn jeder Kompagnon mit seinem Gesellschafter hadert, jeder 

1) Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an einem kalten Wintertage 
recht nahe zusammen, um durch die gegenseitige Wärme sich vor dem Erfrieren zu 
schützen. Jedoch bald empfunden sie die gegenseitigen Stacheln, welches sie dann 
wieder voneinander entfernte. Wenn nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder 
näher zusammenbrachte, wiederholte sich jenes zweite Übel, so daß sie zwischen 
beiden Leiden hin- und hergeworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung heraus- 
gefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten." (Parerga und Paraü- 
pomena, II. Teil, XXXL, Gleichnisse und Parabeln.) 

2) Vielleicht mit einziger Ausnahme der Beziehung der Mutter zum Sohn, die, 
auf Narzißmus gegründet, durch spätere Rivalität nicht gestört und durch einen 
Ansatz zur sexuellen Objektwahl verstärkt wird. 



Weitere Aufgaben und Arbeitsrichtungen 299 



Untergebene gegen seinen Vorgesetzten murrt. Dasselbe geschieht 
dann, wenn die Menschen zu größeren Einheiten zusammen- 
treten. Jedesmal, wenn sich zwei Familien durch eine Ehe- 
schließung verbinden, hält sich jede von ihnen für die bessere 
oder vornehmere auf Kosten der anderen. Von zwei benachbarten 
Städten wird jede zur mißgünstigen Konkurrentin der anderen; 
jedes Kantönli sieht geringschätzig auf das aridere herab. Nächst 
verwandte Völkerstämme stoßen einander ab, der Süddeutsche 
mag den Norddeutschen nicht leiden, der Engländer sagt dem 
Schotten alles Böse nach, der Spanier verachtet den Portugiesen. 
Daß bei größeren Differenzen sich eine schwer zu überwindende 
Abneigung ergibt, des Galliers gegen den Germanen, des Ariers 
gegen den Semiten, des Weißen gegen den Farbigen, hat auf- 
gehört, uns zu verwundern. 

Wenn sich die Feindseligkeit gegen sonst geliebte Personen 
richtet, bezeichnen wir es als Gefühlambivalenz und erklären uns 
diesen Fall in sicherlich allzu rationeller Weise durch die viel- 
fachen Anlässe zu Interessenkonflikten, die sich gerade in so 
intimen Beziehungen ergeben. In den unverhüllt hervortretenden 
Abneigungen und Abstoßungen gegen nahestehende Fremde 
können wir den Ausdruck einer Selbstliebe, eines Narzißmus, 
erkennen, der seine Selbstbehauptung anstrebt und sich so benimmt, 
als ob das Vorkommen einer Abweichung von seinen individuellen 
Ausbildungen eine Kritik derselben und eine Aufforderung, sie 
umzugestalten, mit sich brächte. Warum sich eine so große 
Empfindlichkeit gerade auf diese Einzelheiten der Differenzierung 
geworfen haben sollte, wissen wir nicht; es ist aber unverkenn- 
bar, daß sich in diesem Verhalten der Menschen eine Haß- 
bereitschaft, eine Aggressivität kundgibt, deren Herkunft unbe- 
kannt ist, und der man einen elementaren Charakter zusprechen 
möchte. 1 

1) In einer kürzlich (1920) veröffentlichten Schrift „Jenseits des Lustprinzips" 
habe ich versucht, die Polarität vom Lieben und Hassen mit einem angenommenen 



joo Massenpsychologie und Ich-Analyse 






Aber all diese Intoleranz schwindet, zeitweilig oder dauernd, 
durch die Massenbildung und in der Masse. Solange die Massen- 
bildung anhält oder soweit sie reicht, benehmen sich die Individuen, 
als wären sie gleichförmig, dulden sie die Eigenart des anderen, 
stellen sich ihm gleich und verspüren kein Gefühl der Abstoßung 
gegen ihn. Eine solche Einschränkung des Narzißmus kann nach 
unseren theoretischen Anschauungen nur durch ein Moment 
erzeugt werden, durch libidinöse Bindung an andere Personen. 
Die Selbstliebe findet nur an der Fremdliebe, Liebe zu Objekten, 
eine Schranke. 1 Man wird sofort die Frage aufwerfen, ob nicht 
die Interessengemeinschaft an und für sich und ohne jeden 
libidinösen Beitrag zur Duldung des anderen und zur Rücksicht- 
nahme auf ihn führen muß. Man wird diesem Einwand mit 
dem Bescheid begegnen, daß auf solche Weise eine bleibende 
Einschränkung des Narzißmus doch nicht zustande kommt, da 
diese Toleranz nicht länger anhält als der unmittelbare Vorteil, 
den man aus der Mitarbeit des anderen zieht. Allein der prak- 
tische Wert dieser Streitfrage ist geringer, als man meinen sollte, 
denn die Erfahrung hat gezeigt, daß sich im Falle der Mit- 
arbeiterschaft regelmäßig libidinöse Bindungen zwischen den 
Kameraden herstellen, welche die Beziehung zwischen ihnen über 
das Vorteilhafte hinaus verlängern und fixieren. Es geschieht in 
den sozialen Beziehungen der Menschen dasselbe, was der psycho- 
analytischen Forschung in dem Entwicklungsgang der individuellen 
Libido bekannt geworden ist. Die Libido lehnt sich an die 
Befriedigung der großen Lebensbedürfnisse an und wählt die 
daran beteiligten Personen zu ihren ersten Objekten. Und wie 
beim Einzelnen, so hat auch in der Entwicklung der ganzen 
Menschheit nur die Liebe als Kulturfaktor im Sinne einer 
Wendung vom Egoismus zum Altruismus gewirkt. Und zwar 

Gegensatz von Lebens- und Todestrieben zu verknüpfen und die Sexualtriebe als die 
reinsten Vertreter der ersteren, der Lebenstriebe, hinzustellen. 

1) S. Zur Einführung des Narzißmus 1914. [Ges. Schriften VI]. 



Weitere Aufgaben und Arbeitsrichtungen 301 



sowohl die geschlechtliche Liebe zum Weibe mit all den aus 
ihr fließenden Nötigungen, das zu verschonen, was dem Weibe 
lieb war, als auch die desexualisierte, sublimiert homosexuelle 
Liebe zum anderen Manne, die sich an die gemeinsame Arbeit 
knüpfte. 

Wenn also in der Masse Einschränkungen der narzißtischen 
Eigenliebe auftreten, die außerhalb derselben nicht wirken, so 
ist dies ein zwingender Hinweis darauf, daß das Wesen der 
Massenbildung in neuartigen libidinösen Bindungen der Massen- 
mitglieder aneinander besteht. 

Nun wird aber unser Interesse dringend fragen, welcher Art 
diese Bindungen in der Masse sind. In der psychoanalytischen 
Neurosenlehre haben wir uns bisher fast ausschließlich mit der 
Bindung solcher Liebestriebe an ihre Objekte beschäftigt, die 
noch direkte Sexualziele verfolgen. Um solche Sexualziele kann 
es sich in der Masse offenbar nicht handeln. Wir haben es hier 
mit Liebestrieben zu tun, die, ohne darum minder energisch zu 
wirken, doch von ihren ursprünglichen Zielen abgelenkt sind. 
Nun haben wir bereits im Rahmen der gewöhnlichen sexuellen 
Objektbesetzung Erscheinungen bemerkt, die einer Ablenkung des 
Triebes von seinem Sexualziel entsprechen. Wir haben sie als 
Grade von Verliebtheit beschrieben und erkannt, daß sie eine 
gewisse Beeinträchtigung des Ichs mit sich bringen. Diesen 
Erscheinungen der Verliebtheit werden wir jetzt eingehendere 
Aufmerksamkeit zuwenden, in der begründeten Erwartung, an 
ihnen Verhältnisse zu finden, die sich auf die Bindungen in den 
Massen übertragen lassen. Außerdem möchten wir aber wissen, 
ob diese Art der Objektbesetzung, wie wir sie aus dem Geschlechts- 
leben kennen, die einzige Weise der Gefühlsbindung an eine 
andere Person darstellt, oder ob wir noch andere solche 
Mechanismen in Betracht zu ziehen haben. Wir erfahren tat- 
sächlich aus der Psychoanalyse, daß es noch andere Mechanismen 
der Gefühlsbindung gibt, die sogenannten Identifizierungen, 






502 Massenpsychologie und Ich- Analyse 






ungenügend bekannte, schwer darzustellende Vorgänge, deren 
Untersuchung uns nun eine gute Weile vom Thema der Massen- 
psychologie fernhalten wird. 









VII 

DIE IDENTIFIZIERUNG 

Die Identifizierung ist der Psychoanalyse als früheste Äußerung 
einer Gefühlsbindung an eine andere Person bekannt. Sie spielt 
in der Vorgeschichte des Ödipuskomplexes eine Rolle. Der kleine 
Knabe legt ein besonderes Interesse für seinen Vater an den Tag, 
er möchte so werden und so sein wie er, in allen Stücken an 
seine Stelle treten. Sagen wir ruhig: er nimmt den Vater zu 
seinem Ideal. Dies Verhalten hat nichts mit einer passiven oder 
femininen Einstellung zum Vater (und zum Manne überhaupt) 
zu tun, es ist vielmehr exquisit männlich. Es verträgt sich sehr 
wohl mit dem Ödipuskomplex, den es vorbereiten hilft. 

Gleichzeitig mit dieser Identifizierung mit dem Vater, vielleicht 
sogar vorher, hat der Knabe begonnen, eine richtige Objekt- 
besetzung der Mutter nach dem Anlehnungstypus vorzunehmen. 
Er zeigt also dann zwei psychologisch verschiedene Bindungen, 
zur Mutter eine glatt sexuelle Objektbesetzung, zum Vater eine 
vorbildliche Identifizierung. Die beiden bestehen eine Weile neben- 
einander, ohne gegenseitige Beeinflussung oder Störung. Infolge 
der unaufhaltsam fortschreitenden Vereinheitlichung des Seelen- 
lebens treffen sie sich endlich und durch dies Zusammenströmen 
entsteht der normale Ödipuskomplex. Der Kleine merkt, daß 
ihm der Vater bei der Mutter im Wege steht; seine Identifizierung 
mit dem Vater nimmt jetzt eine feindselige Tönung an und 
wird mit dem Wunsch identisch, den Vater auch bei der Mutter 



304 Massenpsychologie und Ich- Analyse 



zu ersetzen. Die Identifizierung ist eben von Anfang an ambivalent, 
sie kann sich ebenso zum Ausdruck der Zärtlichkeit wie zum 
Wunsch der Beseitigung wenden. Sie benimmt sich wie ein 
Abkömmling der ersten oralen Phase der Libidoorganisation, in 
welcher man sich das begehrte und geschätzte Objekt durch 
Essen einverleibte und es dabei als solches vernichtete. Der 
Kannibale bleibt bekanntlich auf diesem Standpunkt stehen; er 
hat seine Feinde zum Fressen lieb, und er frißt die nicht, die 
er nicht irgendwie lieb haben kann. 

Das Schicksal dieser Vateridentifizierung verliert man später leicht 
aus den Augen. Es kann dann geschehen, daß der Ödipuskomplex 
eine Umkehrung erfährt, daß der Vater in femininer Einstellung zum 
Objekte genommen wird, von dem die direkten Sexualtriebe ihre 
Befriedigung erwarten, und dann ist die Vateridentifizierung zum 
Vorläufer der Objektbindung an den Vater geworden. Dasselbe 
gilt mit den entsprechenden Ersetzungen auch für die kleine 

Tochter. 

Es ist leicht, den Unterschied einer solchen Vateridentifizierung 
von einer Vaterobjektwahl in einer Formel auszusprechen. Im 
ersten Falle ist der Vater das, was man sein, im zweiten das, 
was man haben möchte. Es ist also der Unterschied, ob die 
Bindung am Subjekt oder am Objekt des Icbs angreift. Die erstere 
ist darum bereits vor jeder sexuellen Objektwahl möglich. Es ist 
weit schwieriger, diese Verschiedenheit metapsychologisch an- 
schaulich darzustellen. Man erkennt nur, die Identifizierung strebt 
danach, das eigene Ich ähnlich zu gestalten wie das andere zum 
„Vorbild" genommene. 

Aus einem verwickeiteren Zusammenhange lösen wir die 
Identifizierung bei einer neurotischen Symptombildung. Das kleine 
Mädchen, an das wir uns jetzt halten wollen, bekomme dasselbe 

1) S. „Drei Abhandlungen zur Scxualthcorie" und Abraham: „Untersuchungen 
über die früheste prägenitale Entwicklungsstufe der Libido." Intern. Zeitschr. f. Psycho- 
analyse, IV, 1916, auch in dessen „Klinische Beiträge SUX Psychoanalyse«. Intern. 
Psychoanalyt. Bibliothek, Bd. 10, 1921. 



Die Identifizierung , - 



Leidenssymptom wie seine Mutter, zum Beispiel denselben quälenden 
Husten. Das kann nun auf verschiedenen Wegen zugehen. 
Entweder ist die Identifizierung dieselbe aus dem Ödipuskomplex, 
die ein feindseliges Ersetzen wollen der Mutter bedeutet, und das 
Symptom drückt die Objektliebe zum Vater aus; es realisiert die 
Ersetzung der Mutter unter dem Einfluß des Schuldbewußtseins: 
Du hast die Mutter sein wollen, jetzt bist du's wenigstens im 
Leiden. Das ist dann der komplette Mechanismus der hysterischen 
Symptombildung. Oder aber das Symptom ist dasselbe wie das 
der geliebten Person (so wie zum Beispiel Dora im „Bruchstück 
einer Hysterieanalyse" den Husten des Vaters imitiert); dann 
können wir den Sachverhalt nur so beschreiben, die Identi- 
fizierung sei an Stelle der Objektwahl getreten, 
die Objektwahl sei zur Identifizierung regrediert. 
Wir haben gehört, daß die Identifizierung die früheste und 
ursprünglichste Form der Gefühlsbindung ist; unter den Verhält- 
nissen der Symptombildung, also der Verdrängung, und der 
Herrschaft der Mechanismen des Unbewußten kommt es oft vor, 
daß die Objektwahl wieder zur Identifizierung wird, also das Ich 
die Eigenschaften des Objektes an sich nimmt. Bemerkenswert 
ist es, daß das Ich bei diesen Identifizierungen das eine Mal die 
ungeliebte, das andere Mal aber die geliebte Person kopiert. Es 
muß uns auch auffallen, daß beide Male die Identifizierung eine 
partielle, höchst beschränkte ist, nur einen einzigen Zug von der 
Objektperson entlehnt.; 

Es ist ein dritter, besonders häufiger und bedeutsamer Fall 
der Symptombildung, daß die Identifizierung vom Objektverhältnis 
zur kopierten Person ganz absieht. Wenn zum Beispiel eines der 
Mädchen im Pensionat einen Brief vom geheim Geliebten 
bekommen hat, der ihre Eifersucht erregt, und auf den sie mit 
einem hysterischen Anfall reagiert, so werden einige ihrer Freun- 
dinnen, die darum wissen, diesen Anfall übernehmen, wie wir 
sagen, auf dem Wege der psychischen Infektion. Der Mechanismus 

Freud, VI. 






306 Massenpsychologie und Ich-Analyse 

ist der der Identifizierung auf Grund des sich in dieselbe Lage 
Versetzenkönnens oder Versetzen wollens. Die anderen möchten 
auch ein geheimes Liebesverhältnis haben und akzeptieren unter 
dem Einfluß des Schuldbewußtseins auch das damit verbundene 
Leid. Es wäre unrichtig zu behaupten, sie eignen sich das 
Symptom aus Mitgefühl an. Im Gegenteil, das Mitgefühl entsteht 
erst aus der Identifizierung, und der Beweis hiefür ist, daß sich 
solche Infektion oder Imitation auch unter Umständen herstellt, 
wo noch geringere vorgängige Sympathie zwischen beiden 
anzunehmen ist, als unter Pensionsfreundinnen zu bestehen pflegt. 
Das eine Ich hat am anderen eine bedeutsame Analogie in einem 
Punkte wahrgenommen, in unserem Beispiel in der gleichen 
Gefühlsbereitschaft, es bildet sich daraufhin eine Identifizierung 
in diesem Punkte, und unter dem Einfluß der pathogenen 
Situation verschiebt sich diese Identifizierung zum Symptom, 
welches das eine Ich produziert hat. Die Identifizierung durch 
das Symptom wird so zum Anzeichen für eine Deckungsstelle 
der beiden Ich, die verdrängt gehalten werden soll. 

Das aus diesen drei Quellen Gelernte können wir dahin 
zusammenfassen, daß erstens die Identifizierung die ursprünglichste 
Form der Gefühlsbindung an ein Objekt ist, zweitens daß sie auf 
regressivem Wege zum Ersatz für eine libidinöse Objektbindung 
wird, gleichsam durch Introjektion des Objekts ins Ich, und daß 
sie drittens bei jeder neu wahrgenommenen Gemeinsamkeit mit 
einer Person, die nicht Objekt der Sexualtriebe ist, entstehen 
kann. Je bedeutsamer diese Gemeinsamkeit ist, desto erfolgreicher 
muß diese partielle Identifizierung werden können und so dem 
Anfang einer neuen Bindung entsprechen. 

Wir ahnen bereits, daß die gegenseitige Bindung der Massen- 
individuen von der Natur einer solchen Identifizierung durch 
eine wichtige affektive Gemeinsamkeit ist, und können ver- 
muten, diese Gemeinsamkeit liege in der Art der Bindung an 
den Führer. Eine andere Ahnung kann uns sagen, daß wir weit 



Die Identifizierung , 07 



davon entfernt sind, das Problem der Identifizierung erschöpft zu 
haben, daß wir vor dem Vorgang stehen, den die Psychologie 
„Einfühlung" heißt, und der den größten Anteil an unserem 
Verständnis für das Ichfremde anderer Personen hat. Aber wir 
wollen uns hier auf die nächsten affektiven Wirkungen der 
Identifizierung beschränken und auch ihre Bedeutung für unser 
intellektuelles Leben beiseite lassen. 

Die psychoanalytische Forschung, die gelegentlich auch schon 
die schwierigeren Probleme der Psychosen in Angriff genommen 
hat, konnte uns auch die Identifizierung in einigen anderen Fällen auf- 
zeigen, die unserem Verständnis nicht ohne weiteres zugänglich 
sind. Ich werde zwei dieser Fälle als Stoff für unsere weiteren 
Überlegungen ausführlich behandeln. 

Die Genese der männlichen Homosexualität ist in einer großen 
Reihe von Fällen die folgende: Der junge Mann ist ungewöhn- 
lich lange und intensiv im Sinne des Ödipuskomplexes an seine 
Mutter fixiert gewesen. Endlich kommt doch nach vollendeter 
Pubertät die Zeit, die Mutter gegen ein anderes Sexualobjekt zu 
vertauschen. Da geschieht eine plötzliche Wendung; der Jüngling 
verläßt nicht seine Mutter, sondern identifiziert sich mit ihr, er 
wandelt sich in sie um und sucht jetzt nach Objekten, die ihm 
sein Ich ersetzen können, die er so lieben und pflegen kann, wie 
er es von der Mutter erfahren hatte. Dies ist ein häufiger Vor- 
gang, der beliebig oft bestätigt werden kann und natürlich ganz 
unabhängig von jeder Annahme ist, die man über die organische 
Triebkraft und die Motive jener plötzlichen Wandlung macht. 
Auffällig an dieser Identifizierung ist ihre Ausgiebigkeit, sie wandelt 
das Ich in einem höchst wichtigen Stück, im Sexualcharakter, 
nach dem Vorbild des bisherigen Objekts um. Dabei wird das 
Objekt selbst aufgegeben; ob durchaus oder nur in dem Sinne, 
daß es im Unbewußten erhalten bleibt, steht hier außer "Dis- 
kussion. Die Identifizierung mit dem aufgegebenen oder verlorenen 
Objekt zum Ersatz desselben, die Introjektion dieses Objekts ins 



20' 



508 Massenpsychologie und Ich- Analyse 

Ich, ist für uns allerdings keine Neuheit mehr. Ein solcher Vor- 
gang läßt sich gelegentlich am kleinen Kind unmittelbar 
beobachten. Kürzlich wurde in der Internationalen Zeitschrift für 
Psychoanalyse eine solche Beobachtung veröffentlicht, daß ein Kind, 
das unglücklich über den Verlust eines Kätzchens war, frischweg 
erklärte, es sei jetzt selbst das Kätzchen, dementsprechend auf 
allen Vieren kroch, nicht am Tische essen wollte usw.' 

Ein anderes Beispiel von solcher Introjektion des Objekts hat 
uns die Analyse der Melancholie gegeben, welche Affektion ja 
den realen oder affektiven Verlust des geliebten Objekts unter 
ihre auffälligsten Veranlassungen zählt. Ein Hauptcharakter dieser 
Fälle ist die grausame Selbstherabsetzung des Ichs in Verbindung 
mit schonungsloser Selbstkritik und bitteren Selbstvorwürfen. 
Analysen haben ergeben, daß diese Einschätzung und diese Vor- 
würfe im Grunde dem Objekt gelten und die Rache des Ichs an 
diesem darstellen. Der Schatten des Objekts ist auf das Ich 
gefallen, sagte ich an anderer Stelle. 2 Die Introjektion des Objekts 
ist hier von unverkennbarer Deutlichkeit. 

Diese Melancholien zeigen uns aber noch etwas anderes, was 
für unsere späteren Betrachtungen wichtig werden kann. Sie 
zeigen uns das Ich geteilt, in zwei Stücke zerfällt, von denen 
das eine gegen das andere wütet. Dies andere Stück ist das durch 
Introjektion veränderte, das das verlorene Objekt einschließt. Aber 
auch das Stück, das sich so grausam betätigt, ist uns nicht unbe- 
kannt. Es schließt das Gewissen ein, eine kritische Instanz im 
Ich, die sich auch in normalen Zeiten dem Ich kritisch gegen- 
übergestellt hat, nur niemals so unerbittlich und so ungerecht. 
Wir haben schon bei früheren Anlässen die Annahme machen 
müssen (Narzißmus, Trauer und Melancholie), daß sich in unserem 
Ich eine solche Instanz entwickelt, welche sich vom anderen Ich 



1) Markuszewicz, Beitrag zum autistischen Denken bei Kindern. Inter- 
nationale Zeitschrift für Psychoanalyse, VI., 1920. 

2) Trauer und Melancholie. Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. 
IV. Folge, 1918. [Ges. Schriften Bd. V.] 



Die Identifizierung 



509 



absondern und in Konflikte mit ihm geraten kann. Wir nannten 
sie das „Ichideal" und schrieben ihr an Funktionen die Selbst- 
beobachtung, das moralische Gewissen, die Traumzensur und den 
Haupteinfluß bei der Verdrängung zu. Wir sagten, sie sei der 
Erbe des ursprünglichen Narzißmus, in dem das kindliche Ich 
sich selbst genügte. Allmählich nehme sie aus den Einflüssen der 
Umgebung die Anforderungen auf, die diese an das Ich stelle, 
denen das Ich nicht immer nachkommen könne, so daß der 
Mensch, wo er mit seinem Ich selbst nicht zufrieden sein kann, 
doch seine Befriedigung in dem aus dem Ich differenzierten Ich- 
ideal finden dürfe. Im Beobachtungswahn, stellten wir ferner fest, 
werde der Zerfall dieser Instanz offenkundig und dabei ihre Her- 
kunft aus den Einflüssen der Autoritäten, voran der Eltern, auf- 
gedeckt. 1 Wir haben aber nicht vergessen anzuführen, daß das Maß 
der Entfernung dieses Ichideals vom aktuellen Ich für das einzelne 
Individuum sehr variabel ist, und daß bei vielen diese Differen- 
zierung innerhalb des Ichs nicht weiter reicht als beim Kinde. 
Ehe wir aber diesen Stoff zum Verständnis der libidinösen 
Organisation einer Masse verwenden können, müssen wir einige 
andere Wechselbeziehungen zwischen Objekt und Ich in Betracht 
ziehen. 2 



1) Zur Einführung des Narzißmus, 1. c. 
^ 2) Wir wissen sehr gut, daß wir mit diesen der Pathologie entnommenen Bei- 
spielen das Wesen der Identifizierung nicht erschöpft haben und somit am Rätsel 
der Massenbildung ein Stück unangerührt lassen. Hier müßte eine viel gründlichere 
und mehr umfassende psychologische Analyse eingreifen. Von der Identifizierung 
führt ein Weg über die Nachahmung zur Einfühlung, das heißt zum Verständnis des 
Mechanismus, durch den uns überhaupt eine Stellungnahme zu einem anderen Seelen- 
leben ermöglicht wird. Auch an den Äußerungen einer bestehenden Identifizierung 
ist noch vieles aufzuklären. Sie hat unter anderem die Folge, daß man die Aggres- 
sion gegen die Person, mit der man sich identifiziert hat, einschränkt, sie verschont 
und ihr Hilfe leistet. Das Studium solcher Identifizierungen, wie sie zum Beispiel 
der Clangemeinschaft zugrunde liegen, ergab Robertson Smith das über- 
raschende Resultat, daß sie auf der Anerkennung einer gemeinsamen Substanz 
beruhen (Kinship and Marriage, 1885), daher auch durch eine gemeinsam genommene 
Mahlzeit geschaffen werden können. Dieser Zug gestattet es, eine solche Identifi- 
zierung mit der von mir in „Totem und Tabu" konstruierten Urgeschichte der 
menschlichen Familie zu verknüpfen. 



VIII 
VERLIEBTHEIT UND HYPNOSE 

Der Sprachgebrauch bleibt selbst in seinen Launen irgend 
einer Wirklichkeit treu. So nennt er zwar sehr mannigfaltige 
Gefühlsbeziehungen „Liebe", die auch wir theoretisch als Liebe 
zusammenfassen, zweifelt aber dann wieder, ob diese Liebe die 
eigentliche, richtige, wahre sei, und deutet so auf eine ganze 
Stufenleiter von Möglichkeiten innerhalb der Liebesphänomene 
hin. Es wird uns auch nicht schwer, dieselbe in der Beobach- 
tung aufzufinden. 

In einer Reihe von Fällen ist die Verliebtheit nichts anderes 
als Objektbesetzung von seiten der Sexualtriebe zum Zwecke der 
direkten Sexualbefriedigung, die auch mit der Erreichung dieses 
Zieles erlischt; das ist das, was man die gemeine, sinnliche 
Liebe heißt. Aber wie bekannt, bleibt die libidinöse Situation 
selten so einfach. Die Sicherheit, mit der man auf das Wieder- 
erwachen des eben erloschenen Bedürfnisses rechnen konnte, muß 
wohl das nächste Motiv gewesen sein, dem Sexualobjekt eine 
dauernde Besetzung zuzuwenden, es auch in den begierdefreien 
Zwischenzeiten zu „lieben". 

Aus der sehr merkwürdigen Entwicklungsgeschichte des mensch- 
lichen Liebeslebens kommt ein zweites Moment hinzu. Das Kind 
hatte in der ersten, mit fünf Jahren meist schon abgeschlossenen 
Phase in einem Elternteil ein erstes Liebesobjekt gefunden, auf 
welches sich alle seine Befriedigung heischenden Sexualtriebe 
vereinigt hatten. Die dann eintretende Verdrängung erzwang den 



Verliebtheit und Hypnose ^n 



Verzicht auf die meisten dieser kindlichen Sexualziele und hinter- 
ließ eine tiefgreifende Modifikation des Verhältnisses zu den 
Eltern. Das Kind blieb fernerhin an die Eltern gebunden aber 
mit Trieben, die man „zielgehemmte" nennen muß. Die Gefühle 
die es von nun an für diese geliebten Personen empfindet, werden 
als „zärtliche" bezeichnet. Es ist bekannt, daß im Unbewußten 
die früheren „sinnlichen" Strebungen mehr oder minder stark 
erhalten bleiben, so daß die ursprüngliche Vollströmung in 
gewissem Sinne weiterbesteht. 1 

Mit der Pubertät setzen bekanntlich neue, sehr intensive 
Strebungen nach den direkten Sexualzielen ein. In ungünstigen 
Fällen bleiben sie als sinnliche Strömung von den fortdauernden 
„zärtlichen" Gefühlsrichtungen geschieden. Man hat dann das 
Bild vor sich, dessen beide Ansichten von gewissen Richtungen 
der Literatur so gerne idealisiert werden. Der Mann zeigt 
schwärmerische Neigungen zu hochgeachteten Frauen, die ihn 
aber zum Liebesverkehr nicht reizen, und ist nur potent gegen 
andere Frauen, die er nicht „liebt", geringschätzt oder selbst 
verachtet. 2 Häufiger indes gelingt dem Heranwachsenden ein 
gewisses Maß von Synthese der unsinnlichen, himmlischen und 
der sinnlichen, irdischen Liebe, und ist sein Verhältnis zum 
Sexualobjekt durch das Zusammenwirken von ungehemmten mit 
zielgehemmten Trieben gekennzeichnet. Nach dem Beitrag der 
zielgehemmten Zärtlichkeitstriebe kann man die Höhe der 
Verliebtheit im Gegensatz zum bloß sinnlichen Begehren 
bemessen. 

Im Rahmen dieser Verliebtheit ist uns von Anfang an das 
Phänomen der Sexualüberschätzung aufgefallen, die Tatsache, daß 
das geliebte Objekt eine gewisse Freiheit von der Kritik genießt, 
daß alle seine Eigenschaften höher eingeschätzt werden als die 

1) S. Sexualtheorie 1. c. 

2) Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens. Sammlung, 4. Folge, 
1918. [Ges. Schriften, Bd. V.] 









312 Massenpsychologie und Ich- Analyse 

ungeliebter Personen oder als zu einer Zeit, da es nicht geliebt 
wurde. Bei einigermaßen wirksamer Verdrängung oder Zurück- 
setzung der sinnlichen Strebungen kommt die Täuschung zustande, 
daß das Objekt seiner seelischen Vorzüge wegen auch sinnlich 
geliebt wird, während umgekehrt erst das sinnliche Wohlgefallen 
ihm diese Vorzüge verliehen haben mag. 

Das Bestreben, welches hier das Urteil fälscht, ist das der 
Idealisierung. Damit ist uns aber die Orientierung erleichtert ; 
wir erkennen, daß das Objekt so behandelt wird wie das eigene 
Ich, daß also in der Verliebtheit ein größeres Maß narzißtischer 
Libido auf das Objekt überfließt. Bei manchen Formen der 
Liebeswahl wird es selbst augenfällig, daß das Objekt dazu dient, 
ein eigenes, nicht erreichtes Ichideal zu ersetzen. Man liebt es 
wegen der Vollkommenheiten, die man fürs eigene Ich angestrebt 
hat und die man sich nun auf diesem Umweg zur Befriedigung 
seines Narzißmus verschaffen möchte. 

Nehmen Sexualüberschätzung und Verliebtheit noch weiter zu, 
so wird die Deutung des Bildes immer unverkennbarer. Die auf 
direkte Sexualbefriedigung drängenden Strebungen können nun 
ganz zurückgedrängt werden, wie es zum Beispiel regelmäßig 
bei der schwärmerischen Liebe des Jünglings geschieht; das Ich 
wird immer anspruchsloser, bescheidener, das Objekt immer groß- 
artiger, wertvoller; es gelangt schließlich in den Besitz der 
gesamten Selbstliebe des Ichs, so daß dessen Selbstaufopferung zur 
natürlichen Konsequenz wird. Das Objekt hat das Ich sozusagen 
aufgezehrt. Züge von Demut, Einschränkung des Narzißmus, 
Selbstschädigung sind in jedem Falle von Verliebtheit vorhanden; 
im extremen Falle werden sie nur gesteigert und durch das 
Zurücktreten der sinnlichen Ansprüche bleiben sie allein 
herrschend. 

Dies ist besonders leicht bei unglücklicher, unerfüllbarer Liebe 
der Fall, da bei jeder sexuellen Befriedigung doch die Sexual- 
überschätzung immer wieder eine Herabsetzung erfährt. Gleich- 






Verliebtheit und Hypnose 



zeitig mit dieser „Hingabe" des Ichs an das Objekt, die sich von 
der sublimierten Hingabe an eine abstrakte Idee schon nicht 
mehr unterscheidet, versagen die dem Ichideal zugeteilten Funk- 
tionen gänzlich. Es schweigt die Kritik, die von dieser Instanz 
ausgeübt wird; alles, was das Objekt tut und fordert, ist recht 
und untadelhaft. Das Gewissen findet keine Anwendung auf alles 
was zugunsten des Objektes geschieht; in der Liebes Verblendung 
wird man reuelos zum Verbrecher. Die ganze Situation läßt sich 
restlos in eine Formel zusammenfassen : Das Objekt hat sich 
an die Stelle des Ichideals gesetzt. 

Der Unterschied der Identifizierung von der Verliebtheit in 
ihren höchsten Ausbildungen, die man Faszination, verliebte 
Hörigkeit heißt, ist nun leicht zu beschreiben. Im ersteren Falle 
hat sich das Ich um die Eigenschaften des Objektes bereichert, 
sich dasselbe nach Ferenczis Ausdruck „introjiziert"; im zweiten 
Fall ist es verarmt, hat sich dem Objekt hingegeben, dasselbe 
an die Stelle seines wichtigsten Bestandteiles gesetzt. Indes merkt 
man bei näherer Erwägung bald, daß eine solche Darstellung 
Gegensätze vorspiegelt, die nicht bestehen. Es handelt sich 
ökonomisch nicht um Verarmung oder Bereicherung, man kann 
auch die extreme Verliebtheit so beschreiben, daß das Ich sich 
das Objekt introjiziert habe. Vielleicht trifft eine andere Unter- 
scheidung eher das Wesentliche. Im Falle der Identifizierung ist 
das Objekt verloren gegangen oder aufgegeben worden; es wird 
dann im Ich wieder aufgerichtet, das Ich verändert sich partiell 
nach dem Vorbild des verlorenen Objektes. Im anderen Falle ist 
das Objekt erhalten geblieben und wird als solches von seiten 
und auf Kosten des Ichs überbesetzt. Aber auch hiegegen erhebt 
sich ein Bedenken. Steht es denn fest, daß die Identifizierung 
das Aufgeben der Objektbesetzung voraussetzt, kann es nicht 
Identifizierung bei erhaltenem Objekt geben? Und ehe wir uns 
in die Diskussion dieser heiklen Frage einlassen, kann uns bereits 
die Einsicht aufdämmern, daß eine andere Alternative das Wesen 



5 14 Massenpsychologie und Ich- Analyse 






dieses Sachverhaltes in sich faßt, nämlich ob das Objekt 
an die Stelle des Ichs oder deslchideals gesetzt 
wird. 

Von der Verliebtheit ist offenbar kein weiter Schritt zur 
Hypnose. Die Übereinstimmungen beider sind augenfällig. Dieselbe 
demütige Unterwerfung, Gefügigkeit, Kritiklosigkeit gegen den 
Hypnotiseur wie gegen das geliebte Objekt. Dieselbe Aufsaugung 
der eigenen Initiative ; kein Zweifel, der Hypnotiseur ist an die 
Stelle des Ichideals getreten. Alle Verhältnisse sind in der Hypnose 
nur noch deutlicher und gesteigerter, so daß es zweckmäßiger 
wäre, die Verliebtheit durch die Hypnose zu erläutern als um- 
gekehrt. Der Hypnotiseur ist das einzige Objekt, kein anderes 
wird neben ihm beachtet. Daß das Ich traumhaft erlebt, was er 
fordert und behauptet, mahnt uns daran, daß wir verabsäumt 
haben, unter den Funktionen des Ichideals auch die Ausübung 
der Realitätsprüfung zu erwähnen. 1 Kein Wunder, daß das Ich 
eine Wahrnehmung für real hält, wenn die sonst mit der 
Aufgabe der Realitätsprüfung betraute psychische Instanz sich für 
diese Realität einsetzt. Die völlige Abwesenheit von Strebungen 
mit ungehemmten Sexualzielen trägt zur extremen Reinheit der 
Erscheinungen weiteres bei. Die hypnotische Beziehung ist eine 
uneingeschränkte verliebte Hingabe bei Ausschluß sexueller 
Befriedigung, während eine solche bei der Verliebtheit doch nur 
zeitweilig zurückgeschoben ist und als spätere Zielmöglichkeit im 
Hintergrunde verbleibt. 

Anderseits können wir aber auch sagen, die hypnotische Beziehung 
sei — wenn dieser Ausdruck gestattet ist — eine Massenbildung 
zu zweien. Die Hypnose ist kein gutes Vergleichsobjekt mit der 
Massenbildung, weil sie vielmehr mit dieser identisch ist. Sie 
isoliert uns aus dem komplizierten Gefüge der Masse ein Element, 

i) S. Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre, Sammlung kleiner Schriften 
zur Neurosenlehre, Vierte Folge, 1918. [Ges. Schriften, Bd. V.] Indes scheint ein 
Zweifel an der Berechtigung dieser Zuteilung, der eingehende Diskussion erfordert, 
zulässig. 



Verliebtheit und Hypnose yf 



das Verhalten des Massenindividuums zum Führer. Durch diese 
Einschränkung der Zahl scheidet sich die Hypnose von der 
Massenbildung, wie durch den Wegfall der direkt sexuellen 
Strebungen von der Verliebtheit. Sie hält insoferne die Mitte 
zwischen beiden. 

Es ist interessant zu sehen, daß gerade die zielgehemmten 
Sexualstrebungen so dauerhafte Bindungen der Menschen aneinander 
erzielen. Dies versteht sich aber leicht aus der Tatsache, daß sie 
einer vollen Befriedigung nicht fähig sind, während ungehemmte 
Sexualstrebungen durch die Abfuhr bei der Erreichung des jedes- 
maligen Sexualzieles eine außerordentliche Herabsetzung erfahren. 
Die sinnliche Liebe ist dazu bestimmt, in der Befriedigung zu 
erlöschen; um andauern zu können, muß sie mit rein zärtlichen, 
das heißt zielgehemmten Komponenten von Anfang an versetzt 
sein oder eine solche Umsetzung erfahren. 

Die Hypnose würde uns das Rätsel der libidinösen Konstitution 
einer Masse glatt lösen, wenn sie selbst nicht noch Züge enthielte, 
die sich der bisherigen rationellen Aufklärung — als Verliebtheit 
bei Ausschluß direkt sexueller Strebungen — entziehen. Es ist 
noch vieles an ihr als unverstanden, als mystisch anzuerkennen. 
Sie enthält einen Zusatz von Lähmung aus dem Verhältnis eines 
Übermächtigen zu einem Ohnmächtigen, Hilflosen, was etwa zur 
Schreckhypnose der Tiere überleitet. Die Art, wie sie erzeugt 
wird, ihre Beziehung zum Schlaf, sind nicht durchsichtig, und 
die rätselhafte Auswahl von Personen, die sich für sie eignen, 
während andere sie gänzlich ablehnen, weist auf ein noch 
unbekanntes Moment hin, welches in ihr verwirklicht wird, und 
das vielleicht erst die Reinheit der Libidoeinstellungen in ihr 
ermöglicht. Beachtenswert ist auch, daß häufig das moralische 
Gewissen der hypnotisierten Person sich selbst bei sonst voller 
suggestiver Gefügigkeit resistent zeigen kann. Aber das mag daher 
kommen, daß bei der Hypnose, wie sie zumeist geübt wird, ein 
Wissen erhalten geblieben sein kann, es handle sich nur um ein 



,i6 



Massenpsychologie und Ich- Analyse 



Spiel, eine unwahre Reproduktion einer anderen, weit lebens- 
wichtigeren Situation. 

Durch die bisherigen Erörterungen sind wir aber voll darauf 
vorbereitet, die Formel für die libidinöse Konstitution einer Masse 
anzugeben. Wenigstens einer solchen Masse, wie wir sie bisher 
betrachtet haben, die also einen Führer hat und nicht durch 
allzuviel „Organisation" sekundär die Eigenschaften eines Indivi- 
duums erwerben konnte. Eine solche primäre Masse ist 
eine Anzahl von Individuen, die ein und dasselbe 
Objekt an die Stelle ihres Ichideals gesetzt und 
sich infolgedessen in i h r e m I c h m i t e i n a n d e r 
identifiziert haben. Dies Verhältnis läßt eine graphische 
Darstellung zu: 



Fchideal 



Objekt 



äußeres 
Objekt 




IX 
DER HERDENTRIEB 

Wir werden uns nur kurze Zeit der Illusion freuen, durch 
diese Formel das Rätsel der Masse gelöst zu haben. Alsbald muß 
uns die Mahnung beunruhigen, daß wir ja im wesentlichen die 
Verweisung auf das Rätsel der Hypnose angenommen haben, an 
dem so vieles noch unerledigt ist. Und nun zeigt uns ein anderer 
Einwand den weiteren Weg. 

Wir dürfen uns sagen, die ausgiebigen affektiven Bindungen, 
die wir in der Masse erkennen, reichen voll aus, um einen ihrer 
Charaktere zu erklären, den Mangel an Selbständigkeit und 
Initiative beim Einzelnen, die Gleichartigkeit seiner Reaktion mit 
der aller anderen, sein Herabsinken zum Massenindividuum sozu- 
sagen. Aber die Masse zeigt, wenn wir sie als Ganzes ins Auge 
fassen, mehr ; die Züge von Schwächung der intellektuellen Leistung, 
von Ungehemmtheit der Affektivität, die Unfähigkeit zur Mäßigung 
und zum Aufschub, die Neigung zur Überschreitung aller 
Schranken in der Gefühlsäußerung und zur vollen Abfuhr derselben 
in Handlung, dies und alles Ahnliche, was wir bei Le Bon so 
eindrucksvoll geschildert finden, ergibt ein unverkennbares Bild 
von Regression der seelischen Tätigkeit auf eine frühere Stufe, 
wie wir sie bei Wilden oder bei Kindern zu finden nicht erstaunt 
sind. Eine solche Regression gehört insbesondere zum Wesen 
der gemeinen Massen, während sie, wie wir gehört haben, bei 
hoch organisierten, künstlichen, weitgehend hintangehalten werden 
kann. 



3i 8 Massenpsychologie und Ich- Analyse 

Wir erhalten so den Eindruck eines Zustandes, in dem die 
vereinzelte Gefühlsregung und der persönliche intellektuelle Akt 
des Individuums zu schwach sind, um sich allein zur Geltung 
zu bringen, und durchaus auf Bekräftigung durch gleichartige 
Wiederholung von selten der anderen warten müssen. Wir werden 
daran erinnert, wieviel von diesen Phänomenen der Abhängigkeit 
zur normalen Konstitution der menschlichen Gesellschaft gehört, 
wie wenig Originalität und persönlicher Mut sich in ihr findet, 
wie sehr jeder Einzelne durch die Einstellungen einer Massenseele 
beherrscht wird, die sich als Rasseneigentümlichkeiten, Standes- 
vorurteile, öffentliche Meinung und dergleichen kundgeben. Das 
Rätsel des suggestiven Einflusses vergrößert sich für uns, wenn 
wir zugeben, daß ein solcher nicht allein vom Führer, sondern 
auch von jedem Einzelnen auf jeden Einzelnen geübt wird, und 
wir machen uns den Vorwurf, daß wir die Beziehung zum 
Führer einseitig herausgehoben, den anderen Faktor der gegen- 
seitigen Suggestion aber ungebührend zurückgedrängt haben. 

Auf solche Weise zur Bescheidenheit gewiesen, werden wir 
geneigt sein, auf eine andere Stimme zu horchen, welche uns 
Erklärung auf einfacheren Grundlagen verspricht. Ich entnehme 
eine solche dem klugen Buch von W. Trott er über den 
Herdentrieb, an dem ich nur bedauere, daß es sich den durch 
den letzten großen Krieg entfesselten Antipathien nicht ganz 
entzogen hat. 1 

Trott er leitet die an der Masse beschriebenen seelischen 
Phänomene von einem Herdeninstinkt (grcgariousness) ab, der 
dem Menschen wie anderen Tierarten angeboren zukommt. Diese 
Herdenhaftigkeit ist biologisch eine Analogie und gleichsam eine 
Fortführung der Vielzelligkeit, im Sinne der Libidotheorie eine 
weitere Äußerung der von der Libido ausgehenden Neigung aller 
gleichartigen Lebewesen, sich zu immer umfassenderen Einheiten 

1) W. Trotter, Instincts of the Herd in Peace and War. London 1916. Zweite 
Auflage. 



Der Herdentrieb _ , . 






zu vereinigen. 1 Der Einzelne fühlt sich unvollständig (incomplete), 
wenn er allein ist. Schon die Angst des kleinen Kindes sei eine 
Äußerung dieses Herdeninstinkts. Widerspruch gegen die Herde 
ist soviel wie Trennung von ihr und wird darum angstvoll 
vermieden. Die Herde lehnt aber alles Neue, Ungewohnte ab. 
Der Herdeninstinkt sei etwas Primäres, nicht weiter Zerlegbares 
(which cannot be split up). 

Trott er gibt als die Reihe der von ihm als primär ange- 
nommenen Triebe (oder Instinkte): den Selbstbehauptungs-, 
Ernährungs-, Geschlechts- und Herdentrieb. Der letztere gerate 
oft in die Lage, sich den anderen gegenüberzustellen. Schuld- 
bewußtsein und Pflichtgefühl seien die charakteristischen Besitz- 
tümer eines gregarious animal. Vom Herdeninstinkt läßt Trotter 
auch die verdrängenden Kräfte ausgehen, welche die Psycho- 
analyse im Ich aufgezeigt hat, und folgerichtig gleicherweise die 
Widerstände, auf welche der Arzt bei der psychoanalytischen 
Behandlung stößt. Die Sprache verdanke ihre Bedeutung ihrer 
Eignung zur gegenseitigen Verständigung in der Herde, auf 
ihr beruhe zum großen Teil die Identifizierung der Einzelnen 
miteinander. 

Wie Le Bon vorwiegend die charakteristischen flüchtigen 
Massenbildungen und Mc Dougall die stabilen Vergesellschaf- 
tungen, so hat Trotter die allgemeinsten Verbände, in denen 
der Mensch, dies Cüov tzoXitixov lebt, in den Mittelpunkt seines 
Interesses gerückt und deren psychologische Begründung angegeben. 
Für T r o 1 1 e r bedarf es aber keiner Ableitung des Herdentriebes, 
da er ihn als primär und nicht weiter auflösbar bezeichnet. 
Seine Bemerkung, Boris Sidis leite den Herdentrieb von der 
Suggestibilität ab, ist zum Glück für ihn überflüssig; es ist 
eine Erklärung nach bekanntem, unbefriedigendem Muster, und 
die Umkehr dieses Satzes, also daß die Suggestibilität ein 



1) Siehe meinen Aufsatz : Jenseits des Lustprinzips, 1920 [Ges. Schriften Bd. VII. 



j20 Massenpsychologie und Ich Analyse 

Abkömmling des Herdeninstinkts sei, erschiene mir bei weitem 
einleuchtender. 

Aber gegen Trotters Darstellung läßt sich mit noch besserem 
Recht als gegen die anderen einwenden, daß sie auf die Rolle 
des Führers in der Masse zu wenig Rücksicht nimmt, während 
wir doch eher zum gegenteiligen Urteil neigen, daß das Wesen 
der Masse bei Vernachlässigung des Führers nicht zu begreifen 
sei. Der Herdeninstinkt läßt überhaupt für den Führer keinen 
Raum, dieser kommt nur so zufällig zur Herde hinzu, und im 
Zusammenhange damit steht, daß von diesem Trieb aus auch 
kein Weg zu einem Gottesbedürfnis führt; es fehlt der Hirt zur 
Herde. Außerdem aber kann man Trotters Darstellung psycho- 
logisch untergraben, das heißt man kann es zum mindesten 
wahrscheinlich machen, daß der Herdentrieb nicht unzerlegbar, 
nicht in dem Sinne primär ist wie der Selbsterhaltungstrieb und 
der Geschlechtstrieb. 

Es ist natürlich nicht leicht, die Ontogenese des Herdentriebes 
zu verfolgen. Die Angst des kleinen Kindes, wenn es allein 
gelassen wird, die Trotter bereits als Äußerung des Triebes in 
Anspruch nehmen will, legt doch eine andere Deutung näher. 
Sie gilt der Mutter, später anderen vertrauten Personen, und ist 
der Ausdruck einer unerfüllten Sehnsucht, mit der das Kind 
noch nichts anderes anzufangen weiß, als sie in Angst zu 
verwandeln. 1 Die Angst des einsamen kleinen Kindes wird auch 
nicht durch den Anblick eines beliebigen anderen „aus der Herde" 
beschwichtigt, sondern im Gegenteil durch das Hinzukommen 
eines solchen „Fremden" erst hervorgerufen. Dann merkt man 
beim Kinde lange nichts von einem Herdeninstinkt oder Massen- 
gefühl. Ein solches bildet sich zuerst in der mehrzähligen Kinder- 
stube aus dem Verhältnis der Kinder zu den Eltern, und zwar 
als Reaktion auf den anfänglichen Neid, mit dem das ältere Kind 

1) Siehe „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse", Vorlesung XXV 
über die Angst [Ges. Schriften Bd. VII, S. 4,07 ff.]. 



Der Herdentrieb 21 



das jüngere aufnimmt. Das ältere Kind möchte gewiß das nach- 
kommende eifersüchtig verdrängen, von den Eltern fernhalten 
und es aller Anrechte berauben, aber angesichts der Tatsache 
daß auch dieses Kind — wie alle späteren — in gleicher Weise 
von den Eltern geliebt wird, und infolge der Unmöglichkeit, 
seine feindselige Einstellung ohne eigenen Schaden festzuhalten 
wird es zur Identifizierung mit den anderen Kindern gezwungen, 
und es bildet sich in der Kinderschar ein Massen- oder Gemein- 
schaftsgefühl, welches dann in der Schule seine weitere Entwicklung 
erfährt. Die erste Forderung dieser Reaktionsbildung ist die nach 
Gerechtigkeit, gleicher Behandlung für alle. Es ist bekannt, wie 
laut und unbestechlich sich dieser Anspruch in der Schule 
äußert. Wenn man schon selbst nicht der Bevorzugte sein kann, 
so soll doch wenigstens keiner von allen bevorzugt werden. Man 
könnte diese Umwandlung und Ersetzung der Eifersucht durch 
ein Massengefühl in Kinderstube und Schulzimmer für unwahr- 
scheinlich halten, wenn man nicht den gleichen Vorgang später 
unter anderen Verhältnissen neuerlich beobachten würde. Man 
denke an die Schar von schwärmerisch verliebten Frauen und 
Mädchen, die den Sänger oder Pianisten nach seiner Produktion 
umdrängen. Gewiß läge es jeder von ihnen nahe, auf die andere 
eifersüchtig zu sein, allein angesichts ihrer Anzahl und der damit 
verbundenen Unmöglichkeit, das Ziel ihrer Verliebtheit zu erreichen, 
verzichten sie darauf, und anstatt sich gegenseitig die Haare aus- 
zuraufen, handeln sie wie eine einheitliche Masse, huldigen dem 
Gefeierten in gemeinsamen Aktionen und wären etwa froh, sich 
in seinen Lockenschmuck zu teilen. Sie haben sich, ursprünglich 
Rivalinnen, durch die gleiche Liebe zu dem nämlichen Objekt 
miteinander identifizieren können. Wenn eine Triebsituation, wie 
ja gewöhnlich, verschiedener Ausgänge fähig ist, so werden wir 
uns nicht verwundern, daß jener Ausgang zustande kommt, mit 
dem die Möglichkeit einer gewissen Befriedigung verbunden ist 
während ein anderer, selbst ein näher liegender, unterbleibt 

Freud, VI. 






3 22 Massenpsychologie und Ich- Analyse 



weil die realen Verhältnisse ihm die Erreichung dieses Zieles 
versagen. 

Was man dann später in der Gesellschaft als Gemeingeist, 
esprit de Corps usw. wirksam findet, verleugnet nicht seine 
Abkunft vom ursprünglichen Neid. Keiner soll sich hervortun 
wollen, jeder das gleiche sein und haben. Soziale Gerechtigkeit 
will bedeuten, daß man sich selbst vieles versagt, damit auch 
die anderen darauf verzichten müssen, oder was dasselbe ist, es 
nicht fordern können. Diese Gleichheitsforderung ist die Wurzel 
des sozialen Gewissens und des Pflichtgefühls. In unerwarteter 
Weise enthüllt sie sich in der Infektionsangst der Syphilitiker, 
die wir durch die Psychoanalyse verstehen gelernt haben. Die 
Angst dieser Armen entspricht ihrem heftigen Sträuben gegen 
den unbewußten Wunsch, ihre Infektion auf die anderen aus- 
zubreiten, denn warum sollten sie allein infiziert und von so 
vielem ausgeschlossen sein und die anderen nicht? Auch die 
schöne Anekdote vom Urteil Salomonis hat denselben Kern. Wenn 
der einen Frau das Kind gestorben ist, soll auch die andere kein 
lebendes haben. An diesem Wunsch wird die Verlustträgerin 

erkannt. 

Das soziale Gefühl ruht also auf der Umwendung eines erst 
feindseligen Gefühls in eine positiv betonte Bindung von der 
Natur einer Identifizierung. Soweit wir den Hergang bis jetzt 
durchschauen können, scheint sich diese Umwendung unter dem 
Einfluß einer gemeinsamen zärtlichen Bindung an eine außer 
der Masse stehende Person zu vollziehen. Unsere Analyse der 
Identifizierung erscheint uns selbst nicht als erschöpfend, aber 
unserer gegenwärtigen Absicht genügt es, wenn wir auf den 
einen Zug, daß die konsequente Durchführung der Gleichstellung 
gefordert wird, zurückkommen. Wir haben bereits bei der 
Erörterung der beiden künstlichen Massen, Kirche und Armee, 
gehört, ihre Voraussetzung sei, daß alle von einem, dem Führer, 
in gleicher Weise geliebt werden. Nun vergessen wir aber nicht, 



Der Herdentrieb , 2 _ 



daß die Gleichheitsforderung der Masse nur für die Einzelnen 
derselben, nicht für den Führer gilt. Alle Einzelnen sollen 
einander gleich sein, aber alle wollen sie von einem beherrscht 
werden. Viele Gleiche, die sich miteinander identifizieren können 
und ein einziger, ihnen allen Überlegener, das ist die Situation, 
die wir in der lebensfähigen Masse verwirklicht finden. Getrauen 
wir uns also, die Aussage Trotters, der Mensch sei ein 
Herdentier, dahin zu korrigieren, er sei vielmehr ein 
Hordentier, ein Einzelwesen einer von einem Oberhaupt 
angeführten Horde. 



21* 



X 

DIE MASSE UND DIE URHORDE 

Im Jahre 1912 habe ich die Vermutung von C h. Darwin 
aufgenommen, daß die Urform der menschlichen Gesellschaft die 
von einem starken Männchen unumschränkt beherrschte Horde 
war. Ich habe darzulegen versucht, daß die Schicksale dieser 
Horde unzerstörbare Spuren in der menschlichen Erbgeschichte 
hinterlassen haben, speziell, daß die Entwicklung des Totemismus, 
der die Anfänge von Religion, Sittlichkeit und sozialer Gliederung 
in sich faßt, mit der gewaltsamen Tötung des Oberhauptes und 
der Umwandlung der Vaterhorde in eine Brüdergemeinde zusammen- 
hängt. 1 Es ist dies zwar nur eine Hypothese wie so viele andere, 
mit denen die Prähistoriker das Dunkel der Urzeit aufzuhellen 
versuchen — eine „just so story" nannte sie witzig ein nicht 
unliebenswürdiger englischer Kritiker — aber ich meine, es ist 
ehrenvoll für eine solche Hypothese, wenn sie sich geeignet zeigt, 
Zusammenhang und Verständnis auf immer neuen Gebieten zu 

schaffen. 

Die menschlichen Massen zeigen uns wiederum das vertraute 
Bild des überstarken Einzelnen inmitten einer Schar von gleichen 
Genossen, das auch in unserer Vorstellung von der Urhorde 
enthalten ist. Die Psychologie dieser Masse, wie wir sie aus den 
oft erwähnten Beschreibungen kennen, — der Schwund der 



1) Totem und Tabu, 1912/1913 >» »I»"ago" ("Einige Übereinstimmungen im 
Seelenleben der Wilden und der Neurotikcr"), in Buchform 1915. 4. Auflage 1925. 
[Ges. Schriften, Bd. X.] 



Die Masse und die Urhorde , 2 ,- 



bewußten Einzelpersönlichkeit, die Orientierung von Gedanken 
und Gefühlen nach gleichen Richtungen, die Vorherrschaft der 
Affektivität und des unbewußten Seelischen, die Tendenz zur 
unverzüglichen Ausführung auftauchender Absichten, — das 
alles entspricht einem Zustand von Regression zu einer primi- 
tiven Seelentätigkeit, wie man sie gerade der Urhorde zuschreiben 
möchte. 1 

Die Masse erscheint uns so als ein Wiederaufleben der 
Urhorde. So wie der Urmensch in jedem Einzelnen virtuell 
erhalten ist, so kann sich aus einem beliebigen Menschenhaufen 
die Urhorde wieder herstellen; soweit die Massenbildung die 
Menschen habituell beherrscht, erkennen wir den Fortbestand 
der Urhorde in ihr. Wir müssen schließen, die Psychologie der 
Masse sei die älteste Menschenpsychologie; was wir unter Vernach- 
lässigung aller Massenreste als Individualpsychologie isoliert haben, 
hat sich erst später, allmählich und sozusagen immer noch nur 
partiell aus der alten Massenpsychologie herausgehoben. Wir 
werden noch den Versuch wagen, den Ausgangspunkt dieser 
Entwicklung anzugeben. 

Eine nächste Überlegung zeigt uns, in welchem Punkt diese 
Behauptung einer Berichtigung bedarf. Die Individualpsychologie 
muß vielmehr ebenso alt sein wie die Massenpsychologie, denn 
von Anfang an gab es zweierlei Psychologien, die der Massen- 

1) Für die Urhorde muß insbesondere gelten, was wir vorhin in der allgemeinen 
Charakteristik der Menschen beschrieben haben. Der Wille des Einzelnen war zu 
schwach, er getraute sich nicht der Tat. Es kamen gar keine anderen Impulse 
zustande als kollektive, es gab nur einen Gemeinwillen, keinen singulären. Die Vor- 
stellung wagte es nicht, sich in Willen umzusetzen, wenn sie sich nicht durch die 
Wahrnehmung ihrer allgemeinen Verbreitung gestärkt fand. Diese Schwäche der 
Vorstellung findet ihre Erklärung in der Stärke der allen gemeinsamen Gefühls- 
bindung, aber die Gleichartigkeit der Lebensumstände und das Fehlen eines 
privaten Eigentums kommen hinzu, um die Gleichförmigkeit der seelischen Akte 
bei den Einzelnen zu bestimmen. — Auch die exkrementeilen Bedürfnisse schließen, 
wie man an Kindern und Soldaten merken kann, die Gemeinsamkeit nicht aus. Die 
einzige mächtige Ausnahme macht der sexuelle Akt, bei dem der Dritte zumindest 
überflüssig, im äußersten Fall zu einem peinlichen Abwarten verurteilt ist. Über die 
Reaktion des Sexualbedürfnisses (der Genitalbefriedigung) gegen das Herdenhafte 
siehe unten. 



326 Massenpsychologie und Ic h Analyse 

individuen und die des Vaters, Oberhauptes, Führers. Die Einzelnen 
der Masse waren so gebunden, wie wir sie heute finden, aber 
der Vater der Urhorde war frei. Seine intellektuellen Akte waren 
auch in der Vereinzelung stark und unabhängig, sein Wille bedurfte 
nicht der Bekräftigung durch den anderer. Wir nehmen konsequenter- 
weise an, daß sein Ich wenig libidinös gebunden war, er liebte 
niemand außer sich, und die anderen nur, insoweit sie seinen 
Bedürfnissen dienten. Sein Ich gab nichts Überschüssiges an die 
Objekte ab. 

Zu Eingang der Menschheitsgeschichte war er der Über- 
mensch, den Nietzsche erst von der Zukunft erwartete. 
Noch heute bedürfen die Massenindividuen der Vorspiegelung, 
daß sie in gleicher und gerechter Weise vom Führer geliebt 
werden, aber der Führer selbst braucht niemand anderen zu lieben, 
er darf von Herrennatur sein, absolut narzißtisch, aber selbst- 
sicher und selbständig. Wir wissen, daß die Liebe den Narziß- 
mus eindämmt, und könnten nachweisen, wie sie durch diese 
Wirkung Kulturfaktor geworden ist. 

Der Urvater der Horde war noch nicht unsterblich, wie er es 
später durch Vergottung wurde. Wenn er starb, mußte er ersetzt 
werden; an seine Stelle trat wahrscheinlich ein jüngster Sohn, der 
bis dahin Massenindividuum gewesen war wie ein anderer. Es 
muß also eine Möglichkeit geben, die Psychologie der Masse in 
Individualpsychologie umzuwandeln, es muß eine Bedingung 
gefunden werden, unter der sich solche Umwandlung leicht voll- 
zieht, ähnlich wie es den Bienen möglich ist, aus einer Larve im 
Bedarfsfalle eine Königin anstatt einer Arbeiterin zu ziehen. Man 
kann sich da nur dies eine vorstellen: Der Urvater hatte seine 
Söhne an der Befriedigung ihrer direkten sexuellen Strebungen 
verhindert; er zwang sie zur Abstinenz und infolgedessen zu den 
Gefühlsbindungen an ihn und aneinander, die aus den Strebungen 
mit gehemmtem Sexualziel hervorgehen konnten. Er zwang sie 
sozusagen in die Massenpsychologie. Seine sexuelle Eifersucht und 



.. 



Die Masse und die Urhorde =27 

Intoleranz sind in letzter Linie die Ursache der Massenpsycho- 
logie geworden. 1 

Für den, der sein Nachfolger wurde, war auch die Möglich- 
keit der sexuellen Befriedigung gegeben und damit der Austritt 
aus den Bedingungen der Massenpsychologie eröffnet. Die Fixie- 
rung der Libido an das Weib, die Möglichkeit der Befriedigung 
ohne Aufschub und Aufspeicherung machte der Bedeutung ziel- 
gehemmter Sexualstrebungen ein Ende und ließ den Narzißmus 
immer zur gleichen Höhe ansteigen. Auf diese Beziehung der 
Liebe zur Charakterbildung werden wir in einem Nachtrag 
zurückkommen. 

Heben wir noch als besonders lehrreich hervor, in welcher 
Beziehung zur Konstitution der Urhorde die Veranstaltung steht, 
mittels derer — abgesehen von Zwangsmitteln — eine künst- 
liche Masse zusammengehalten wird. Bei Heer und Kirche haben 
wir gesehen, es ist die Vorspiegelung, daß der Führer alle Ein- 
zelnen in gleicher und gerechter Weise liebt. Dies ist aber 
geradezu die idealistische Umarbeitung der Verhältnisse der 
Urhorde, in der sich alle Söhne in gleicher Weise vom Urvater 
verfolgt wußten und ihn in gleicher Weise fürchteten. Schon die 
nächste Form der menschlichen Sozietät, der totemistische Clan, 
hat diese Umformung, auf die alle sozialen Pflichten aufgebaut 
sind, zur Voraussetzung. Die unverwüstliche Stärke der Familie 
als einer natürlichen Massenbildung beruht darauf, daß diese not- 
wendige Voraussetzung der gleichen Liebe des Vaters für sie 
wirklich zutreffen kann. 

Aber wir erwarten noch mehr von der Zurückführung der 
Masse auf die Urhorde. Sie soll uns auch das noch Unverstan- 
dene, Geheimnisvolle an der Massenbildung näher bringen, das 
sich hinter den Rätselworten Hypnose und Suggestion verbirgt. 

1) Es läßt sich etwa auch annehmen, daß die vertriebenen Söhne, vom Vater 
getrennt, den Fortschritt von der Identifizierung miteinander zur homosexuellen 
Objektliebe machten und so die Freiheit gewannen, den Vater zu töten. 



528 Massenpsychologie und Ich-Analyse 

Und ich meine, sie kann es auch leisten. Erinnern wir uns daran, 
daß die Hypnose etwas direkt Unheimliches an sich hat; der 
Charakter des Unheimlichen deutet aber auf etwas der Verdrän- 
gung verfallenes Altes und Wohlvertrautes hin. 1 Denken wir 
daran, wie die Hypnose eingeleitet wird. Der Hypnotiseur behauptet 
im Besitz einer geheimnisvollen Macht zu sein, die dem 
Subjekt den eigenen Willen raubt, oder, was dasselbe ist, das 
Subjekt glaubt es von ihm. Diese geheimnisvolle Macht — populär 
noch oft als tierischer Magnetismus bezeichnet — muß dieselbe 
sein, welche den Primitiven als Quelle des Tabu gilt, dieselbe, 
die von Königen und Häuptlingen ausgeht und die es gefährlich 
macht, sich ihnen zu nähern (Mana). Im Besitz dieser Macht 
will nun der Hypnotiseur sein und wie bringt er sie zur Erschei- 
nung? Indem er die Person auffordert, ihm in die Augen zu 
sehen ; er hypnotisiert in typischer Weise durch seinen Blick. 
Gerade der Anblick des Häuptlings ist aber für den Primitiven 
gefährlich und unerträglich, wie später der der Gottheit für den 
Sterblichen. Noch Moses muß den Mittelsmann zwischen seinem 
Volke und Jehova machen, da das Volk den Anblick Gottes nicht 
ertrüge, und wenn er von der Gegenwart Gottes zurückkehrt, 
strahlt sein Antlitz, ein Teil des „Mana" hat sich wie beim 
Mittler 3 der Primitiven auf ihn übertragen. 

Man kann die Hypnose allerdings auch auf anderen Wegen 
hervorrufen, was irreführend ist und zu unzulänglichen physio- 
logischen Theorien Anlaß gegeben hat, zum Beispiel durch das 
Fixieren eines glänzenden Gegenstandes oder durch das Horchen 
auf ein monotones Geräusch. In Wirklichkeit dienen diese Ver- 
fahren nur der Ablenkung und Fesselung der bewußten Auf- 
merksamkeit. Die Situation ist die nämliche, als ob der Hypno- 
tiseur der Person gesagt hätte: Nun beschäftigen Sie sich aus- 
schließlich mit meiner Person, die übrige Welt ist ganz uninter- 

1) Das Unheimliche. Imago, V (1919). [Ges. Schriften, Bd. X.] 
2") S. „Totem und Tabu" und die dort zitierten Quellen. 



Die Masse und die (Jrhorde 529 



essant. Gewiß wäre es technisch unzweckmäßig, wenn der Hyp- 
notiseur eine solche Rede hielte; das Subjekt würde durch sie 
aus seiner unbewußten Einstellung gerissen und zum bewußten 
Widerspruch aufgereizt werden. Aber während der Hypnotiseur 
es vermeidet, das bewußte Denken des Subjekts auf seine 
Absichten zu richten, und die Versuchsperson sich in eine 
Tätigkeit versenkt, bei der ihr die Welt uninteressant vorkommen 
muß, geschieht es, daß sie unbewußt wirklich ihre ganze Auf- 
merksamkeit auf den Hypnotiseur konzentriert, sich in die Ein- 
stellung des Rapportes, der Übertragung, zum Hypnotiseur begibt. 
Die indirekten Methoden des Hypnotisierens haben also, ähnlich 
wie manche Techniken des Witzes, den Erfolg, gewisse Ver- 
teilungen der seelischen Energie, welche den Ablauf des unbe- 
wußten Vorganges stören würden, hintanzuhalten, und sie führen 
schließlich zum gleichen Ziel wie die direkten Beeinflussungen 
durch Anstarren oder Streichen. 1 

Ferenczi hat richtig herausgefunden, daß sich der Hypno- 
tiseur mit dem Schlafgebot, welches oft zur Einleitung der Hyp- 
nose gegeben wird, an die Stelle der Eltern setzt. Er meinte zwei 
Arten der Hypnose unterscheiden zu sollen, eine schmeichlerisch 
begütigende, die er dem Muttervorbild, und eine drohende, die 
er dem Vater zuschrieb. 2 Nun bedeutet das Gebot zu schlafen in 



1) Die Situation, daß die Person unbewußt auf den Hypnotiseur eingestellt ist, 
während sie sich bewußt mit gleichbleibenden, uninteressanten Wahrnehmungen 
beschäftigt, findet ein Gegenstück in den Vorkommnissen der psychoanalytischen 
Behandlung, das hier erwähnt zu werden verdient. In jeder Analyse ereignet es sich 
mindestens einmal, daß der Patient hartnäckig behauptet, jetzt fiele ihm aber ganz 
bestimmt nichts ein. Seine freien Assoziationen stocken und die gewöhnlichen 
Antriebe, sie in Gang zu bringen, schlagen fehl. Durch Drängen erreicht man end- 
lich das Eingeständnis, der Patient denke an die Aussicht aus dem Fenster des 
Behandlungsraumes, an die Tapete der Wand, die er vor sich sieht, oder an die Gas- 
lampe, die von der Zimmerdecke herabhängt. Man weiß dann sofort, daß er sich in 
die Übertragung begeben hat, von noch unbewußten Gedanken in Anspruch genommen 
wird, die sich auf den Arzt beziehen, und sieht die Stockung in den Einfällen des 
Patienten schwinden, sobald man ihm diese Aufklärimg gegeben hat. 

2) Ferenczi, Introjektion und Übertragung. Jahrbuch f. psychoanalytische u. 
psychopathol. Forschungen, I, 190g. 






330 Massenpsychologie und Ich-Analyse 

der Hypnose auch nichts anderes, als die Aufforderung, alles 
Interesse von der Welt abzuziehen und auf die Person des Hyp- 
notiseurs zu konzentrieren; es wird auch vom Subjekt so ver- 
standen, denn in dieser Abziehung des Interesses von der Außen- 
welt liegt die psychologische Charakteristik des Schlafes und auf 
ihr beruht die Verwandtschaft des Schlafes mit dem hypnotischen 
Zustand. 

Durch seine Maßnahmen weckt also der Hypnotiseur beim 
Subjekt ein Stück von dessen archaischer Erbschaft, die auch den 
Eltern entgegenkam und im Verhältnis zum Vater eine indivi- 
duelle Wiederbelebung erfuhr, die Vorstellung von einer über- 
mächtigen und gefährlichen Persönlichkeit, gegen die man sich 
nur passiv-masochistisch einstellen konnte, an die man seinen 
Willen verlieren mußte, und mit der allein zu sein, „ihr unter 
die Augen zu treten" ein bedenkliches Wagnis schien. Nur so 
etwa können wir uns das Verhältnis eines Einzelnen der Urhorde 
zum Urvater vorstellen. Wie wir aus anderen Reaktionen wissen, 
hat der Einzelne ein variables Maß von persönlicher Eignung 
zur Wiederbelebung solch alter Situationen bewahrt. Ein Wissen, 
daß die Hypnose doch nur ein Spiel, eine lügenhafte Erneuerung 
jener alten Eindrücke ist, kann aber erhalten bleiben und für 
den Widerstand gegen allzu ernsthafte Konsequenzen der hypno- 
tischen Willensaufhebung sorgen. 

Der unheimliche, zwanghafte Charakter der Massenbildung, 
der sich in ihren Suggestionserscheinungen zeigt, kann also wohl 
mit Recht auf ihre Abkunft von der Urhorde zurückgeführt 
werden. Der Führer der Masse ist noch immer der gefürchtete 
Urvater, die Masse will immer noch von unbeschränkter Gewalt 
beherrscht werden, sie ist im höchsten Grade autoritätssüchtig, 
hat nach Le Bons Ausdruck den Durst nach Unterwerfung. 
Der Urvater ist das Massenideal, das an Stelle des Ichideals 
das Ich beherrscht. Die Hypnose hat ein gutes Anrecht auf 
die Bezeichnung: eine Masse zu zweit; für die Suggestion 



Die Masse und die Urhorde 531 

erübrigt die Definition einer Überzeugung, die nicht auf Wahr- 
nehmung und Denkarbeit, sondern auf erotische Bindung 
gegründet ist. 1 






1) Es erscheint mir der Hervorhebung wert, daß wir durch die Erörterungen 
dieses Abschnittes veranlaßt werden, von der B e r n h e i m sehen Auffassung der Hyp- 
nose auf die naive ältere derselben zurückzugreifen. Nach Bernheim sind alle 
hypnotischen Phänomene von dem weiter nicht aufzuklärenden Moment der Sug- 
gestion abzuleiten. Wir schließen, daß die Suggestion eine Teilerscheinung des hypno- 
tischen Zustandes ist, der in einer unbewußt erhaltenen Disposition aus der Urge- 
schichte der menschlichen Familie seine gute Begründung hat. 



. 



XL 
EINE STUFE IM ICH 

Wenn man, eingedenk der einander ergänzenden Beschreibungen 
der Autoren über Massenpsychologie, das Leben der heutigen 
Einzelmenschen überblickt, mag man vor den Komplikationen, die 
sich hier zeigen, den Mut zu einer zusammenfassenden Dar- 
stellung verlieren. Jeder Einzelne ist ein Bestandteil von vielen 
Massen, durch Identifizierung vielseitig gebunden, und hat sein 
Ichideal nach den verschiedensten Vorbildern aufgebaut. Jeder 
Einzelne hat so Anteil an vielen Massenseelen, an der seiner 
Rasse, des Standes, der Glaubensgemeinschaft, der Staatlichkeit usw. 
und kann sich darüber hinaus zu einem Stückchen Selb- 
ständigkeit und Originalität erheben. Diese ständigen und dauer- 
haften Massenbildungen fallen in ihren gleichmäßig anhaltenden 
Wirkungen der Beobachtung weniger auf als die rasch gebildeten, 
vergänglichen Massen, nach denen Le Bon die glänzende psy- 
chologische Charakteristik der Massenseele entworfen hat, und 
in diesen lärmenden, ephemeren, den anderen gleichsam super- 
ponierten Massen begibt sich eben das Wunder, daß dasjenige, 
was wir eben als die individuelle Ausbildung anerkannt haben, 
spurlos, wenn auch nur zeitweilig, untergeht. 

Wir haben dies Wunder so verstanden, daß der Einzelne sein 
Ichideal aufgibt und es gegen das im Führer verkörperte Massen- 
ideal vertauscht. Das Wunder, dürfen wir berichtigend hinzu- 
fügen, ist nicht in allen Fällen gleich groß. Die Sonderung von 
Ich und Ichideal ist bei vielen Individuen nicht weit vor- 






Eine Stufe im Ich 353 



geschritten, die beiden fallen noch leicht zusammen, das Ich hat 
sich oft die frühere narzißtische Selbstgefälligkeit bewahrt. Die 
Wahl des Führers wird durch dies Verhältnis sehr erleichtert. 
Er braucht oft nur die typischen Eigenschaften dieser Individuen 
in besonders scharfer und reiner Ausprägung zu besitzen und den 
Eindruck größerer Kraft und libidinöser Freiheit zu machen, so 
kommt ihm das Bedürfnis nach einem starken Oberhaupt entgegen 
und bekleidet ihn mit der Übermacht, auf die er sonst vielleicht 
keinen Anspruch hätte. Die anderen, deren Ichideal sich in seiner 
Person sonst nicht ohne Korrektur verkörpert hätte, werden 
dann „suggestiv", das heißt durch Identifizierung mitgerissen. 

Wir erkennen, was wir zur Aufklärung der libidinösen Struktur 
einer Masse beitragen konnten, führt sich auf die Unterscheidung 
des Ichs vom Ichideal und auf die dadurch ermöglichte doppelte 
Art der Bindung — Identifizierung und Einsetzung des Objekts 
an die Stelle des Ichideals — zurück. Die Annahme einer solchen 
Stufe im Ich als erster Schritt einer Ichanalyse muß ihre Recht- 
fertigung allmählich auf den verschiedensten Gebieten der 
Psychologie erweisen. In meiner Schrift „Zur Einführung des 
Narzißmus" 1 habe ich zusammengetragen, was sich zunächst von 
pathologischem Material zur Stütze dieser Sonderung verwerten 
ließ. Aber man darf erwarten, daß sich ihre Bedeutung bei 
weiterer Vertiefung in die Psychologie der Psychosen als eine 
viel größere enthüllen wird. Denken wir daran, daß das Ich nun 
in die Beziehung eines Objekts zu dem aus ihm entwickelten 
Ichideal tritt, und daß möglicherweise alle Wechselwirkungen, 
die wir zwischen äußerem Objekt und Gesamt-Ich in der Neurosen- 
lehre kennen gelernt haben, auf diesem neuen Schauplatz inner- 
halb des Ichs zur Wiederholung kommen. 

Ich will hier nur einer der von diesem Standpunkt aus möglichen 
Folgerungen nachgehen und damit die Erörterung eines Problems 



1) Jahrbuch für Psychoanalyse, VI, 1914. Sammlung kleiner Schriften zur Neurosen- 
lehre, 4. Folge. [Ges. Schriften, Bd. VI.] 



334 Massenpsychologie und Ich- Analyse 

fortsetzen, das ich an anderer Stelle ungelöst verlassen mußte. 1 
Jede der seelischen Differenzierungen, die uns bekannt geworden 
sind, stellt eine neue Erschwerung der seelischen Funktion dar, 
steigert deren Labilität und kann der Ausgangspunkt eines 
Versagens der Funktion, einer Erkrankung werden. So haben wir 
mit dem Geborenwerden den Schritt vom absolut selbstgenüg- 
samen Narzißmus zur Wahrnehmung einer veränderlichen Außen- 
welt und zum Beginn der Objektfindung gemacht, und damit ist 
verknüpft, daß wir den neuen Zustand nicht dauernd ertragen, 
daß wir ihn periodisch rückgängig machen und im Schlaf zum 
früheren Zustand der Reizlosigkeit und Objektvermeidung zurück- 
kehren. Wir folgen dabei allerdings einem Wink der Außenwelt, 
die uns durch den periodischen Wechsel von Tag und Nacht 
zeitweilig den größten Anteil der auf uns wirkenden Reize 
entzieht. Keiner ähnlichen Einschränkung ist das zweite, für die 
Pathologie bedeutsamere Beispiel unterworfen. Im Laufe unserer 
Entwicklung haben wir eine Sonderung unseres seelischen Bestandes 
in ein kohärentes Ich und ein außerhalb dessen gelassenes, 
unbewußtes Verdrängtes vorgenommen, und wir wissen, daß die 
Stabilität dieser Neuerwerbung beständigen Erschütterungen aus- 
gesetzt ist. Im Traum und in der Neurose pocht dieses Aus- 
geschlossene um Einlaß an den von Widerständen bewachten 
Pforten, und in wacher Gesundheit bedienen wir uns besonderer 
Kunstgriffe, um das Verdrängte mit Umgehung der Widerstände 
und unter Lustgewinn zeitweilig in unser Ich aufzunehmen. 
Witz und Humor, zum Teil auch das Komische überhaupt, 
dürfen in diesem Licht betrachtet werden. Jedem Kenner der 
Neurosenpsychologie werden ähnliche Beispiele von geringerer 
Tragweite einfallen, aber ich eile zu der beabsichtigten An- 
wendung. 



i) Trauer und Melancholie. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, IV, 
1916/18. Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, 4. Folge. [Ges. Schriften, 
Bd. V.] 



Eine Stufe im Ich i*« 



Es wäre gut denkbar, daß auch die Scheidung des Ichideals 
vom Ich nicht dauernd vertragen wird und sich zeitweilig 
zurückbilden muß. Bei allen Verzichten und Einschränkungen, 
die dem Ich auferlegt werden, ist der periodische Durchbruch 
der Verbote Regel, wie ja die Institution der Feste zeigt, die 
ursprünglich nichts anderes sind als vom Gesetz gebotene Exzesse 
und dieser Befreiung auch ihren heiteren Charakter verdanken. 1 
Die Saturnalien der Römer und unser heutiger Karneval treffen 
in diesem wesentlichen Zug mit den Festen der Primitiven 
zusammen, die in Ausschweifungen jeder Art mit Übertretung 
der sonst heiligsten Gebote auszugehen pflegen. Das Ichideal 
umfaßt aber die Summe aller Einschränkungen, denen das Ich 
sich fügen soll, und darum müßte die Einziehung des Ideals ein 
großartiges Fest für das Ich sein, das dann wieder einmal mit 
sich selbst zufrieden sein dürfte. 2 

Es kommt immer zu einer Empfindung von Triumph, wenn 
etwas im Ich mit dem Ichideal zusammenfällt. Als Ausdruck 
der Spannung zwischen Ich und Ideal kann auch das Schuld- 
gefühl (und Minderwertigkeitsgefühl) verstanden werden. 

Es gibt bekanntlich Menschen, bei denen das Allgemeingefühl 
der Stimmung in periodischer Weise schwankt, von einer über- 
mäßigen Gedrücktheit durch einen gewissen Mittelzustand zu 
einem erhöhten Wohlbefinden, und zwar treten diese Schwan- 
kungen in sehr verschieden großen Amplituden auf, vom eben 
Merklichen bis zu jenen Extremen, die als Melancholie und 
Manie höchst qualvoll oder störend in das Leben der Betroffenen 
eingreifen. In typischen Fällen dieser zyklischen Verstimmung 
scheinen äußere Veranlassungen keine entscheidende Rolle zu 
spielen; von inneren Motiven findet man bei diesen Kranken 

1) Totem und Tabu. 

2) Trotter läßt die Verdrängung vom Herdentrieb ausgehen. Es ist eher eine 
Übersetzung in eine andere Ausdrucksweise als ein Widerspruch, wenn ich in der 
„Einführung des Narzißmus" gesagt habe: die Idealbildung wäre von Seiten des Ichs 
die Bedingung der Verdrängung. 



A 



336 Massenpsychologie und Ich- Analyse 

nicht mehr oder nichts anderes als bei allen anderen. Man hat sich 
deshalb gewöhnt, diese Fälle als nicht psychogene zu beurteilen. 
Von anderen, ganz ähnlichen Fällen zyklischer Verstimmung, die 
sich aber leicht auf seelische Traumen zurückführen, soll später 
die Rede sein. 

Die Begründung dieser spontanen Stimmungsschwankungen 
ist also unbekannt; in den Mechanismus der Ablösung einer 
Melancholie durch eine Manie fehlt uns die Einsicht. Somit 
wären dies die Kranken, für welche unsere Vermutung Geltung 
haben könnte, daß ihr Ichideal zeitweilig ins Ich aufgelöst wird, 
nachdem es vorher besonders strenge regiert hat. 

Halten wir zur Vermeidung von Unklarheiten fest : Auf dem 
Boden unserer Ichanalyse ist es nicht zweifelhaft, daß beim 
Manischen Ich und Ichideal zusammengeflossen sind, so daß die 
Person sich in einer durch keine Selbstkritik gestörten Stimmung 
von Triumph und Selbstbeglücktheit des Wegfalles von Hem- 
mungen, Rücksichten und Selbstvorwürfen erfreuen kann. Es ist 
minder evident, aber doch recht wahrscheinlich, daß das Elend 
des Melancholikers der Ausdruck eines scharfen Zwiespalts 
zwischen beiden Instanzen des Ichs ist, in dem das übermäßig- 
empfindliche Ideal seine Verurteilung des Ichs im Kleinheitswahn 
und in der Selbsterniedrigung schonungslos zum Vorschein bringt. 
In Frage steht nur, ob man die Ursache dieser veränderten 
Beziehungen zwischen Ich und Ichideal in den oben postulierten 
periodischen Auflehnungen gegen die neue Institution suchen, 
oder andere Verhältnisse dafür verantwortlich machen soll. 

Der Umschlag in Manie ist kein notwendiger Zug im Krank- 
heitsbild der melancholischen Depression. Es gibt einfache, 
einmalige und auch periodisch wiederholte Melancholien, welche 
niemals dieses Schicksal haben. Anderseits gibt es Melancholien, 
bei denen die Veranlassung offenbar eine ätiologische Rolle spielt. 
Es sind die nach dem Verlust eines geliebten Objekts, sei es 
durch den Tod desselben oder infolge von Umständen, die zum 



Eine Stufe im Ick ,~ 7 



Rückzug der Libido vom Objekt genötigt haben. Eine solche 
psychogene Melancholie kann ebensowohl in Manie ausgehen und 
dieser Zyklus mehrmals wiederholt werden wie bei einer 
anscheinend spontanen. Die Verhältnisse sind also ziemlich 
undurchsichtig, zumal da bisher nur wenige Formen und Fälle 
von Melancholie der psychoanalytischen Untersuchung unterzogen 
worden sind. 1 Wir verstehen bis jetzt nur jene Fälle, in denen 
das Objekt aufgegeben wurde, weil es sich der Liebe unwürdig 
gezeigt hatte. Es wird dann durch Identifizierung im Ich wieder 
aufgerichtet und vom Ichideal streng gerichtet. Die Vorwürfe 
und Agressionen gegen das Objekt kommen als melancholische 
Selbstvorwürfe zum Vorschein. 2 

Auch an eine solche Melancholie kann sich der Umschlag in 
Manie anschließen, so daß diese Möglichkeit einen von den 
übrigen Charakteren des Krankheitsbildes unabhängigen Zug 
darstellt. 

Ich sehe indes keine Schwierigkeit, das Moment der periodischen 
Auflehnung des Ichs gegen das Ichideal für beide Arten der 
Melancholien, die psychogenen wie die spontanen, in Betracht 
kommen zu lassen. Bei den spontanen kann man annehmen, daß 
das Ichideal zur Entfaltung einer besonderen Strenge neigt, die 
dann automatisch seine zeitweilige Aufhebung zur Folge hat. Bei 
den psychogenen würde das Ich zur Auflehnung gereizt durch 
die Mißhandlung von seiten seines Ideals, die es im Fall der 
Identifizierung mit einem verworfenen Objekt erfährt. 



i) Vgl. Abraham, Ansätze zur psychoanalytischen Erforschung und Behandlung 
des manisch-depressiven Irreseins usw., 1912, in „Klinische Beitrage zur Psycho- 
analyse" 1921. 

2) Genauer gesagt: sie verbergen sich hinter den Vorwürfen gegen das eigene 
Ich, verleihen ihnen die Festigkeit, Zähigkeit und Unabweisbarkeit, durch welche 
sich die Selbstvorivürfe der Melancholiker auszeichnen. 

Freud, VI. M 

/ 









XII 
I 

NACHTRÄGE 



- 



Im Laufe der Untersuchung, die jetzt zu einem vorläufigen 
Abschluß gekommen ist, haben sich uns verschiedene Nebenwege 
eröffnet, die wir zuerst vermieden haben, auf denen uns aber 
manche nahe Einsicht winkte. Einiges von dem so Zurückgestellten 
wollen wir nun nachholen. 

A) Die Unterscheidung von Jchidentifizierung und Ichideal- 
ersetzung durch das Objekt findet eine interessante Erläuterung 
an den zwei großen künstlichen Massen, die wir eingangs studiert 
haben, dem Heer und der christlichen Kirche. 

Es ist evident, daß der Soldat seinen Vorgesetzten, also eigentlich 
den Armeeführer, zum Ideal nimmt, während er sich mit seines- 
gleichen identifiziert und aus dieser Ichgemeinsamkeit die Ver- 
pflichtungen der Kameradschaft zur gegenseitigen Hilfeleistung 
und Güterteilung ableitet. Aber er wird lächerlich, wenn er sich 
mit dem Feldherrn identifizieren will. Der Jäger in Wallensteins 
Lager verspottet darob den Wachtmeister: 

Wie er räuspert und wie er spuckt, 

Das habt ihr ihm glücklich abgeguckt I . . . 

Anders in der katholischen Kirche. Jeder Christ liebt Christus 
als sein Ideal und fühlt sich den anderen Christen durch Identi- 
fizierung verbunden. Aber die Kirche fordert von ihm mehr. Er 
soll überdies sich mit Christus identifizieren und die anderen 



Nachträge 55 g 



Christen lieben, wie Christus sie geliebt hat. Die Kirche fordert 
also an beiden Stellen die Ergänzung der durch die Massen- 
bildung gegebenen Libidoposition. Die Identifizierung soll dort 
hinzukommen, wo die Objektwahl stattgefunden hat, und die 
Objektliebe dort, wo die Identifizierung besteht. Dieses Mehr 
geht offenbar über die Konstitution der Masse hinaus. Man kann 
ein guter Christ sein und doch könnte einem die Idee, sich an 
Christi Stelle zu setzen, wie er alle Menschen liebend zu umfassen, 
ferne liegen. Man braucht sich ja nicht als schwacher Mensch 
die Seelengröße und Liebesstärke des Heilandes zuzutrauen. Aber 
diese Weiterentwicklung der Libidoverteilung in der Masse ist 
wahrscheinlich das Moment, auf welches das Christentum den 
Anspruch gründet, eine höhere Sittlichkeit gewonnen zu haben. 

-ß) Wir sagten, es wäre möglich, die Stelle in der seelischen 
Entwicklung der Menschheit anzugeben, an der sich auch für 
den Einzelnen der Fortschritt von der Massen- zur Individual- 
psychologie vollzog. ' 

Dazu müssen wir wieder kurz auf den wissenschaftlichen 
Mythus vom Vater der Urhorde zurückgreifen. Er wurde später 
zum Weltschöpfer erhöht, mit Recht, denn er hatte alle die 
Söhne erzeugt, welche die erste Masse zusammensetzten. Er war 
das Ideal jedes einzelnen, von ihnen, gleichzeitig gefürchtet und 
verehrt, was für später den Begriff des Tabu ergab. Diese Mehr- 
heit faßte sich einmal zusammen, tötete und zerstückelte ihn. 
Keiner der Massensieger konnte sich an seine Stelle setzen, oder 
wenn es einer tat, erneuerten sich die Kämpfe, bis sie einsahen, 
daß sie alle auf die Erbschaft des Vaters verzichten mußten. Sie 
bildeten dann die totemistische Brüdergemeinschaft, alle mit 
gleichem Rechte und durch die Totemverbote gebunden, die das 



1) Das hier Folgende steht unter dem Einflüsse eines Gedankenaustausches mit 
Otto Rank. (Siehe „Die Don Juan-Gestalt", Imago, VIII, 1922); seither auch in 
Buchform, 1924. 

42» 



. 



540 Massenpsychologie und Ich -Analyse 

Andenken der Mordtat erhalten und sühnen sollten. Aber die 
Unzufriedenheit mit dem Erreichten blieb und wurde die Quelle 
neuer Entwicklungen. Allmählich näherten sich die zur Bruder- 
masse Verbundenen einer Herstellung des alten Zustandes auf 
neuem Niveau, der Mann wurde wiederum Oberhaupt einer 
Familie und brach die Vorrechte der Frauenherrschaft, die sich 
in der vaterlosen Zeit festgesetzt hatte. Zur Entschädigung mag 
er damals die Muttergottheiten anerkannt haben, deren Priester 
kastriert wurden zur Sicherung der Mutter nach dem Beispiel, 
das der Vater der Urhorde gegeben hatte; doch war die neue 
Familie nur ein Schatten der alten, der Väter waren viele und 
jeder durch die Rechte des anderen beschränkt. 

Damals mag die sehnsüchtige Entbehrung einen Einzelnen 
bewogen haben, sich von der Masse loszulösen und sich in die 
Rolle des Vaters zu versetzen. Wer dies tat, war der erste 
epische Dichter, der Fortschritt wurde in seiner Phantasie voll- 
zogen. Der Dichter log die Wirklichkeit um im Sinne seiner 
Sehnsucht. Er erfand den heroischen Mythus. Heros war, wer 
allein den Vater erschlagen hatte, der im Mythus noch als tote- 
mistisches Ungeheuer erschien. Wie der Vater das erste Ideal 
des Knabens gewesen war, so schuf jetzt der Dichter im Heros, 
der den Vater ersetzen will, das erste Ichideal. Die Anknüpfung 
an den Heros bot wahrscheinlich der jüngste Sohn, der Liebling 
der Mutter, den sie vor der väterlichen Eifersucht beschützt 
hatte, und der in Urhordenzeiten der Nachfolger des Vaters 
geworden war. In der lügenhaften Umdichtung der Urzeit wurde 
das Weib, das der Kampfpreis und die Verlockung des Mordes 
gewesen war, wahrscheinlich zur Verführerin und Anstifterin der 
Untat. 

Der Heros will die Tat allein vollbracht haben, deren sich 
gewiß nur die Horde als Ganzes getraut hatte. Doch hat nach 
einer Bemerkung von Rank das Märchen deutliche Spuren des 
verleugneten Sachverhaltes bewahrt. Denn dort kommt es häufig 












Nachträge 341 



vor, daß der Held, der eine schwierige Aufgabe zu lösen hat — 
meist ein jüngster Sohn, nicht selten einer, der sich vor dem 
Vatersurrogat dumm, das heißt ungefährlich gestellt hat — diese 
Aufgabe doch nur mit Hilfe einer Schar von kleinen Tieren 
(Bienen, Ameisen) lösen kann. Dies wären die Brüder der 
Urhorde, wie ja auch in der Traumsymbolik Insekten, Unge- 
ziefer die Geschwister (verächtlich: als kleine Kinder) bedeuten. 
Jede der Aufgaben in Mythus und Märchen ist überdies leicht 
als Ersatz der heroischen Tat zu erkennen. 

Der Mythus ist also der Schritt, mit dem der Einzelne aus 
der Massenpsychologie austritt. Der erste Mythus war sicherlich 
der psychologische, der Heroenmythus 5 der erklärende Natur- 
mythus muß weit später aufgekommen sein. Der Dichter, der 
diesen Schritt getan und sich so in der Phantasie von der Masse 
gelöst hatte, weiß nach einer weiteren Bemerkung von Rank 
doch in der Wirklichkeit die Rückkehr zu ihr zu finden. Denn 
er geht hin und erzählt dieser Masse die Taten seines Helden, 
die er erfunden. Dieser Held ist im Grunde kein anderer als er 
selbst. Er senkt sich somit zur Realität herab und hebt seine 
Hörer zur Phantasie empor. Die Hörer aber verstehen den Dichter, 
sie können sich auf Grund der nämlichen sehnsüchtigen Bezie- 
hung zum Urvater mit dem Heros identifizieren. 1 

Die Lüge des heroischen Mythus gipfelt in der Vergottung 
des Heros. Vielleicht war der vergottete Heros früher als der 
Vatergott, der Vorläufer der Wiederkehr des Urvaters als Gott- 
heit. Die Götterreihe liefe dann chronologisch so: Muttergöttin — 
Heros — Vatergott. Aber erst mit der Erhöhung des nie ver- 
gessenen Urvaters erhielt die Gottheit die Züge, die wir noch 
heute an ihr kennen. 2 

1) Vgl. Hanns Sachs, Gemeinsame Tagträume, Autoreferat eines Vortrages auf 
dem VI. Psychoanalytischen Kongreß im Haag, 1920. Internationale Zeitschrift für 
Psychoanalyse, VI, (1920); seither auch in Buchform erschienen (Imago-Bücher, Bd. 5). 

2) In dieser abgekürzten Darstellung ist auf alles Material aus Sage, Mythus, 
Märchen, Sittengeschichte usw. zur Stütze der Konstruktion verzichtet worden. 



542 Massenpsychologie und Ich Analyse 



C) Wir haben in dieser Abhandlung viel von direkten und 
von zielgehemmten Sexualtrieben gesprochen und dürfen hoffen, 
daß diese Unterscheidung nicht auf großen Widerstand stoßen 
wird. Doch wird eine eingehende Erörterung darüber nicht unwill- 
kommen sein, selbst wenn sie nur wiederholt, was zum großen 
Teil bereits an früheren Stellen gesagt worden ist. 

Das erste, aber auch beste Beispiel zielgehemmter Sexual- 
triebe hat uns die Libidoentwicklung des Kindes kennen gelehrt. 
Alle die Gefühle, welche das Kind für seine Eltern und Pflege- 
personen empfindet, setzen sich ohne Schranke in die Wünsche 
fort, welche dem Sexualstreben des Kindes Ausdruck geben. Das 
Kind verlangt von diesen geliebten Personen alle Zärtlichkeiten, 
die ihm bekannt sind, will sie küssen, berühren, beschauen, ist 
neugierig, ihre Genitalien zu sehen und bei ihren intimen Exkre- 
tionsverrichtungen anwesend zu sein, es verspricht, die Mutter 
oder Pflegerin zu heiraten, was immer es sich darunter vor- 
stellen mag, setzt sich vor, dem Vater ein Kind zu gebären usw. 
Direkte Beobachtung sowie die nachträgliche analytische Durch- 
leuchtung der Kindheitsreste lassen über das unmittelbare 
Zusammenfließen zärtlicher und eifersüchtiger Gefühle und 
sexueller Absichten keinen Zweifel und legen uns dar, in wie 
gründlicher Weise das Kind die geliebte Person zum Objekt 
aller seiner noch nicht richtig zentrierten Sexualbestrebungen 
macht. (Vgl. Sexualtheorie.) 

Diese erste Liebesgestaltung des Kindes, die typisch dem 
Ödipuskomplex zugeordnet ist, erliegt dann, wie bekannt, vom 
Beginn der Latenzzeit an einem Verdrängungsschub. Was von ihr 
erübrigt, zeigt sich uns als rein zärtliche Gefühlsbindung, die den- 
selben Personen gilt, aber nicht mehr als „sexuell" bezeichnet 
werden soll. Die Psychoanalyse, welche die Tiefen des Seelen- 
lebens durchleuchtet, hat es nicht schwer, aufzuweisen, daß auch 
die sexuellen Bindungen der ersten Kinderjahre noch fortbestehen, 
aber verdrängt und unbewußt. Sie gibt uns den Mut zu behaupten, 















Nachträge 543 



daß überall, wo wir ein zärtliches Gefühl begegnen, dies der 
Nachfolger einer voll „sinnlichen" Objektbindung an die betreffende 
Person oder ihr Vorbild (ihre Imago) ist. Sie kann uns freilich 
nicht ohne besondere Untersuchung verraten, ob diese vorgängige 
sexuelle Vollströmung in einem gegebenen Fall noch als ver- 
drängt besteht oder ob sie bereits aufgezehrt ist. Um es noch 
schärfer zu fassen: es steht fest, daß sie als Form und Möglichkeit 
noch vorhanden ist und jederzeit wieder durch Regression besetzt, 
aktiviert werden kann; es fragt sich nur und ist nicht immer zu 
entscheiden, welche Besetzung und Wirksamkeit sie gegenwärtig 
noch hat. Man muß sich hiebei gleichmäßig vor zwei Fehler- 
quellen in acht nehmen, vor der Scylla der Unterschätzung des 
verdrängten Unbewußten, wie vor der Cbarybdis der Neigung, 
das Normale durchaus mit dem Maß des Pathologischen zu 
messen. 

Der Psychologie, welche die Tiefe des Verdrängten nicht durch- 
dringen will oder kann, stellen sich die zärtlichen Gefühls- 
bindungen jedenfalls als Ausdruck von Strebungen dar, die nicht 
nach dem Sexuellen zielen, wenngleich sie aus solchen, die danach 
gestrebt haben, hervorgegangen sind. 1 

Wir sind berechtigt zu sagen, sie sind von diesen sexuellen 
Zielen abgelenkt worden, wenngleich es seine Schwierigkeiten 
hat, in der Darstellung einer solchen Zielablenkung den Anfor- 
derungen der Metapsychologie zu entsprechen. Übrigens halten 
diese zielgehemmten Triebe immer noch einige der ursprüng- 
lichen Sexualziele fest; auch der zärtlich Anhängliche, auch der 
Freund, der Verehrer sucht die körperliche Nähe und den 
Anblick der nur mehr im „paulinischen" Sinne geliebten Person. 
Wenn wir es wollen, können wir in dieser Zielablenkung einen 
Beginn von Sublimierung der Sexualtriebe anerkennen oder 
aber die Grenze für letztere noch ferner stecken. Die ziel- 
gehemmten Sexualtriebe haben vor den ungehemmten einen 

1) Die feindseligen Gefühle sind gewiß um ein Stück komplizierter aufgebaut 






344 Massenpsychologw und Ich- Analyse 

großen funktionellen Vorteil. Da sie einer eigentlich vollen Befrie- 
digung nicht fähig sind, eignen sie sich besonders dazu, dauernde 
Bindungen zu schaffen, während die direkt sexuellen jedesmal 
durch die Befriedigung ihrer Energie verlustig werden und auf 
Erneuerung durch Wiederanhäufung der sexuellen Libido warten 
müssen, wobei inzwischen das Objekt gewechselt werden kann. 
Die gehemmten Triebe sind jedes Maßes von Vermengung mit 
den ungehemmten fähig, können sich in sie rückverwandeln, wie 
sie aus ihnen hervorgegangen sind. Es ist bekannt, wie leicht 
sich aus Gefühlsbeziehungen freundschaftlicher Art, auf Aner- 
kennung und Bewunderung gegründet, erotische Wünsche ent- 
wickeln (das Molieresche: Embrassez-moi pour Vamour du 
Grec), zwischen Meister und Schülerin, Künstler und entzückter 
Zuhörerin, zumal bei Frauen. Ja, die Entstehung solcher zuerst 
absichtsloser Gefühlsbindungen gibt direkt einen viel begangenen 
Weg zur sexuellen Objektwahl. In der „Frömmigkeit des Grafen 
von Zinzendorf" hat Pfister ein überdeutliches, gewiß nicht 
vereinzeltes Beispiel dafür aufgezeigt, wie nahe es liegt, daß 
auch intensive religiöse Bindung in brünstige sexuelle Erregung 
zurückschlägt. Anderseits ist auch die Umwandlung direkter, an 
sich kurzlebiger, sexueller Strebungen in dauernde, bloß zärtliche 
Bindung etwas sehr Gewöhnliches und die Konsolidierung einer 
aus verliebter Leidenschaft geschlossenen Ehe beruht zu einem 
großen Teil auf diesem Vorgang. 

Es wird uns natürlich nicht verwundern zu hören, daß die 
zielgehemmten Sexualstrebungen sich aus den direkt sexuellen 
dann ergeben, wenn sich der Erreichung der Sexualziele innere 
oder äußere Hindernisse entgegenstellen. Die Verdrängung der 
Latenzzeit ist ein solches inneres — oder besser: innerlich 
gewordenes — Hindernis. Vom Vater der Urhorde haben wir 
angenommen, daß er durch seine sexuelle Intoleranz alle Söhne 
zur Abstinenz nötigt und sie so in zielgehemmte Bindungen 
drängt, während er sich selbst freien Sexualgenuß vorbehält und 






Nachträge 545 



somit ungebunden bleibt. Alle Bindungen, auf denen die Masse 
beruht, sind von der Art der zielgehemmten Triebe. Damit aber 
haben wir uns der Erörterung eines neuen Themas genähert, 
welches die Beziehung der direkten Sexualtriebe zur Massen- 
bildung behandelt. 

D) Wir sind bereits durch die beiden letzten Bemerkungen 
darauf vorbereitet zu finden, daß die direkten Sexualstrebungen 
der Massenbildung ungünstig sind. Es hat zwar auch in der 
Entwicklungsgeschichte der Familie Massenbeziehungen der sexuellen 
Liebe gegeben (die Gruppenehe), aber je bedeutungsvoller die 
Geschlechtsliebe für das Ich wurde, je mehr Verliebtheit sie 
entwickelte, desto eindringlicher forderte sie die Einschränkung 
auf zwei Personen — una cum uno, — die durch die Natur 
des Genitalzieles vorgezeichnet ist. Die polygamen Neigungen 
wurden darauf angewiesen, sich im Nacheinander des Objekt- 
wechsels zu befriedigen. 

Die beiden zum Zweck der Sexualbefriedigung aufeinander 
angewiesenen Personen demonstrieren gegen den Herdentrieb, das 
Massengefühl, indem sie die Einsamkeit aufsuchen. Je verliebter 
sie sind, desto vollkommener genügen sie einander. Die Ablehnung 
des Einflusses der Masse äußert sich als Schamgefühl. Die äußerst 
heftigen Gefühlsregungen der Eifersucht werden aufgeboten, um 
die sexuelle Objektwahl gegen die Beeinträchtigung durch eine 
Massenbindung zu schützen. Nur wenn der zärtliche, also persönliche 
Faktor der Liebesbeziehung völlig hinter dem sinnlichen zurück- 
tritt, wird der Liebesverkehr eines Paares in Gegenwart anderer 
oder gleichzeitige Sexualakte innerhalb einer Gruppe wie bei der 
Orgie möglich. Damit ist aber eine Regression zu einem frühen 
Zustand der Geschlechtsbeziehungen gegeben, in dem die Verliebtheit 
noch keine Rolle spielte, die Sexualobjekte einander gleichwertig 
erachtet wurden, etwa im Sinne von dem bösen Wort Bernard 
Shaw's: Verliebtsein heiße, den Unterschied zwischen einem 
Weib und einem anderen ungebührlich überschätzen. 






346 Massenpsychologie und Ich-Analyse 



Es sind reichlich Anzeichen dafür vorhanden, daß die 
Verliebtheit erst spät in die Sexualbeziehungen zwischen Mann 
und Weib Eingang fand, so daß auch die Gegnerschaft zwischen 
Geschlechtsliebe und Massenbindung eine spät entwickelte ist. 
Nun kann es den Anschein haben, als ob diese Annahme unver- 
träglich mit unserem Mythus von der Urfamilie wäre. Die 
Brüderschar soll doch durch die Liebe zu den Müttern und 
Schwestern zum Vatermord getrieben worden sein, und es ist 
schwer, sich diese Liebe anders denn als eine ungebrochene, 
primitive, das heißt als innige Vereinigung von zärtlicher und 
sinnlicher vorzustellen. Allein bei weiterer Überlegung löst sich 
dieser Einwand in eine Bestätigung auf. Eine der Reaktionen 
auf den Vatermord war doch die Einrichtung der totem istischen 
Exogamie, das Verbot jeder sexuellen Beziehung mit den von 
der Kindheit an zärtlich geliebten Frauen der Familie. Damit 
war der Keil zwischen die zärtlichen und sinnlichen Regungen 
des Mannes eingetrieben, der heute noch in seinem Liebesleben fest- 
sitzt. 1 Infolge dieser Exogamie mußten sich die sinnlichen Bedürf- 
nisse der Männer mit fremden und ungeliebten Frauen begnügen. 

In den großen, künstlichen Massen, Kirche und Heer, ist für 
das Weib als Sexualobjekt kein Platz. Die Liebesbeziehung zwischen 
Mann und Weib bleibt außerhalb dieser Organisationen. Auch 
wo sich Massen bilden, die aus Männern und Weibern gemischt 
sind, spielt der Geschlechtsunterschied keine Rolle. Es hat kaum 
einen Sinn zu fragen, ob die Libido, welche die Massen zusammen- 
hält, homosexueller oder heterosexueller Natur ist, denn sie ist 
nicht nach den Geschlechtern differenziert und sieht insbesondere 
von den Zielen der Genitalorganisation der Libido völlig ab. 

Die direkten Sexualstrebungen erhalten auch für das sonst in 
der Masse aufgehende Einzelwesen ein Stück individueller 
Betätigung. Wo sie überstark werden, zersetzen sie jede Massen- 

1) S. Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens. 1912. [Ges. Schriften, 
Bd. V.] 



Nachträge 347 



bildung. Die katholische Kirche hatte die besten Motive, ihren 
Gläubigen die Ehelosigkeit zu empfehlen und ihren Priestern 
das Zölibat aufzuerlegen, aber die Verliebtheit hat oft auch 
Geistliche zum Austritt aus der Kirche getrieben. In gleicher 
Weise durchbricht die Liebe zum Weibe die Massenbindungen 
der Rasse, der nationalen Absonderung und der sozialen Klassen- 
ordnung und vollbringt damit kulturell wichtige Leistungen. Es 
scheint gesichert, daß sich die homosexuelle Liebe mit den 
Massenbindungen weit besser verträgt, auch wo sie als ungehemmte 
Sexualstrebung auftritt; eine merkwürdige Tatsache, deren Auf- 
klärung weit führen dürfte. 

Die psychoanalytische Untersuchung der Psychoneurosen hat 
uns gelehrt, daß deren Symptome von verdrängten, aber aktiv 
gebliebenen direkten Sexualstrebungen abzuleiten sind. Man kann 
diese Formel vervollständigen, wenn man hinzufügt: oder von 
solchen zielgehemmten, bei denen die Hemmung nicht durch- 
gehends gelungen ist oder einer Rückkehr zum verdrängten 
Sexualziel den Platz geräumt hat. Diesem Verhältnis entspricht, daß die 
Neurose asozial macht, den von ihr Betroffenen aus den habituellen 
Massen bildungen heraushebt. Man kann sagen, die Neurose wirkt 
in ähnlicher Weise zersetzend auf die Masse wie die Verliebtheit. 
Dafür kann man sehen, daß dort, wo ein kräftiger Anstoß zur 
Massenbildung erfolgt ist, die Neurosen zurücktreten und 
wenigstens für eine Zeitlang schwinden können. Man hat auch 
mit Recht versucht, diesen Widerstreit von Neurose und Massen- 
bildung therapeutisch zu verwerten. Auch wer das Schwinden 
der religiösen Illusionen in der heutigen Kulturwelt nicht 
bedauert, wird zugestehen, daß sie den durch sie Gebundenen 
den stärksten Schutz gegen die Gefahr der Neurose boten, so 
lange sie selbst noch in Kraft waren. Es ist auch nicht schwer, 
in all den Bindungen an mystisch-religiöse oder philosophisch- 
mystische Sekten und Gemeinschaften den Ausdruck von Schief- 
heilungen mannigfaltiger Neurosen zu erkennen. Das alles hängt 



548 Massenpsychologie und Ich -Analyse 

mit dem Gegensatz der direkten und zielgehemmten Sexual- 
strebungen zusammen. 

Sich selbst überlassen, ist der Neurotiker genötigt, sich die 
großen Massenbildungen, von denen er ausgeschlossen ist, durch 
seine Symptombildungen zu ersetzen. Er schafft sich seine eigene 
Phantasiewelt, seine Religion, sein Wahnsystem und wiederholt 
so die Institutionen der Menschheit in einer Verzerrung, welche 
deutlich den übermächtigen Beitrag der direkten Sexualstrebungen 
bezeugt. 1 

E) Fügen wir zum Schluß eine vergleichende Würdigung der 
Zustände, die uns beschäftigt haben, vom Standpunkt der Libido- 
theorie an, der Verliebtheit, Hypnose, Massenbildung und der 
Neurose. 

Die Verliebtheit beruht auf dem gleichzeitigen Vorhanden- 
sein von direkten und von zielgehemmten Sexualstrebungen, 
wobei das Objekt einen Teil der narzißtischen Ichlibido auf sich 
zieht. Sie hat nur Raum für das Ich und das Objekt. 

Die Hypnose teilt mit der Verliebtheit die Einschränkung 
auf diese beiden Personen, aber sie beruht durchaus auf ziel- 
gehemmten Sexualstrebungen und setzt das Objekt an die Stelle 
des Ichideals. 

Die Masse vervielfältigt diesen Vorgang, sie stimmt mit der 
Hypnose in der Natur der sie zusammenhaltenden Triebe und 
in der Ersetzung des Ichideals durch das Objekt überein, aber 
sie fügt die Identifizierung mit anderen Individuen hinzu, die 
vielleicht ursprünglich durch die gleiche Beziehung zum Objekt 
ermöglicht wurde. 

Beide Zustände, Hypnose wie Massenbildung, sind Erbnieder- 
schläge aus der Phylogenese der menschlichen Libido, die Hypnose 
als Disposition, die Masse überdies als direktes Überbleibsel. Die 
Ersetzung der direkten Sexualstrebungen durch die zielgehemmten 

1) S. Totem und Tabu, iu Ende des Abschnittes II: Das Tabu und die Ambivalenz. 
[Ges. Schriften, Bd. X.] 



Nachträge 



549 



befördert bei beiden die Sonderung von Ich und Ichideal, zu der 
bei der Verliebtheit schon ein Anfang gemacht ist. 

Die Neurose tritt aus dieser Reihe heraus. Auch sie beruht 
auf einer Eigentümlichkeit der menschlichen Libidoentwicklung, 
auf dem durch die Latenzzeit unterbrochenen, doppelten Ansatz 
der direkten Sexualfunktion. 1 Insoferne teilt sie mit Hypnose und 
Massenbildung den Charakter einer Regression, welcher der 
Verliebtheit abgeht. Sie tritt überall dort auf, wo der Fortschritt 
von direkten zu zielgehemmten Sexualtrieben nicht voll geglückt 
ist, und entspricht einem Konflikt zwischen den ins Ich auf- 
genommenen Trieben, welche eine solche Entwicklung durch- 
gemacht haben, und den Anteilen derselben Triebe, welche 
vom verdrängten Unbewußten her — ebenso wie andere völlig 
verdrängte Triebregungen — nach ihrer direkten Befriedigung 
streben. Sie ist inhaltlich ungemein reichhaltig, da sie alle 
möglichen Beziehungen zwischen Ich und Objekt umfaßt, sowohl 
die, in denen das Objekt beibehalten, als auch andere, in denen 
es aufgegeben oder im Ich selbst aufgerichtet ist, aber ebenso 
die Konfliktbeziehungen zwischen dem Ich und seinem Ichideal. 



1) S. Sexualtheorie, 5. Auflage, 1922, S. 96'. [Ges. Schriften, Bd. V., S. 109.] 



DAS ICH UND DAS ES 



,Das Ich und das Es" erschien 1<J2) (i.—S. Tausend), im Internationalen 
Psychoanalytischen Verlag, Leipzig, Wien, Zürich. 






Nachstehende Erörterungen setzen Gedankengänge fort, die in 
meiner Schrift „Jenseits des Lustprinzips" 1920 1 begonnen wurden, 
denen ich persönlich, wie dort erwähnt ist, mit einer gewissen 
wohlwollenden Neugierde gegenüber stand. Sie nehmen diese 
Gedanken auf, verknüpfen sie mit verschiedenen Tatsachen der 
analytischen Beobachtung, suchen aus dieser Vereinigung neue 
Schlüsse abzuleiten, machen aber keine neuen Anleihen bei der 
Biologie und stehen darum der Psychoanalyse näher als das 
„Jenseits". Sie tragen eher den Charakter einer Synthese als 
einer Spekulation und scheinen sich ein hohes Ziel gesetzt zu 
haben. Ich weiß aber, daß sie beim Gröbsten Halt machen, und 
bin mit dieser Beschränkung recht einverstanden. 

Dabei rühren sie an Dinge, die bisher noch nicht Gegenstand 
der psychoanalytischen Bearbeitung gewesen sind, und können 
es nicht vermeiden, manche Theorien zu streifen, die von 
Nicht- Analytikern oder ehemaligen Analytikern auf ihrem Rück- 
zug von der Analyse aufgestellt wurden. Ich bin sonst immer 
bereit gewesen, meine Verbindlichkeiten gegen andere Arbeiter 
anzuerkennen, fühle mich aber in diesem Falle durch keine 
solche Dankesschuld belastet. Wenn die Psychoanalyse gewisse 
Dinge bisher nicht gewürdigt hat, so geschah es nie darum, weil 
sie deren Leistung übersehen hatte oder deren Bedeutung ver- 
leugnen wollte, sondern weil sie einen bestimmten Weg verfolgt, 

1) Ges. Schriften, Bd. VI. 
Freud, VI. 



354 



Das Ich und das Es 



der noch nicht so weit geführt hatte. Und endlich, wenn sie 
dahin gekommen ist, erscheinen ihr auch die Dinge anders als 
den anderen. 



I 

BEWUSSTSEIN UND UNBEWUSSTES 

In diesem einleitenden Abschnitt ist nichts Neues zu sagen und 
die Wiederholung von früher oft Gesagtem nicht zu vermeiden. 

Die Unterscheidung des Psychischen in Bewußtes und Unbe- 
wußtes ist die Grundvoraussetzung der Psychoanalyse und gibt 
ihr allein die Möglichkeit, die ebenso häufigen als wichtigen 
pathologischen Vorgänge im Seelenleben zu verstehen, der Wissen- 
schaft einzuordnen. Nochmals und anders gesagt: die Psychoana- 
lyse kann das Wesen des Psychischen nicht ins Bewußtsein ver- 
legen, sondern muß das Bewußtsein als eine Qualität des Psy- 
chischen ansehen, die zu anderen Qualitäten hinzukommen oder 
wegbleiben mag. 

Wenn ich mir vorstellen könnte, daß alle an der Psychologie 
Interessierten diese Schrift lesen werden, so wäre ich auch darauf 
vorbereitet, daß schon an dieser Stelle ein Teil der Leser Halt 
macht und nicht weiter mitgeht, denn hier ist das erste Schib- 
boleth der Psychoanalyse. Den meisten philosophisch Gebildeten 
ist die Idee eines Psychischen, das nicht auch bewußt ist, so 
unfaßbar, daß sie ihnen absurd und durch bloße Logik abweis- 
bar erscheint. Ich glaube, dies kommt nur daher, daß sie die 
betreffenden Phänomene der Hypnose und des Traumes, welche 
— vom Pathologischen ganz abgesehen — zu solcher Auffassung 
zwingen, nie studiert haben. Ihre Bewußtseinspsychologie ist aber 
auch unfähig, die Probleme des Traumes und der Hypnose zu 
lösen. 



356 Das Ich und das Es 



Bewußt sein ist zunächst ein rein deskriptiver Terminus, der 
sich auf die unmittelbarste und sicherste Wahrnehmung- beruft. 
Die Erfahrung zeigt uns dann, daß ein psychisches Element, zum 
Beispiel eine Vorstellung, gewöhnlich nicht dauernd bewußt ist. 
Es ist vielmehr charakteristisch, daß der Zustand des Bewußt- 
seins rasch vorübergeht; die jetzt bewußte Vorstellung ist es im 
nächsten Moment nicht mehr, allein sie kann es unter gewissen 
leicht hergestellten Bedingungen wieder werden. Inzwischen war 
sie, wir wissen nicht was; wir können sagen, sie sei latent 
gewesen, und meinen dabei, daß sie jederzeit bewußtseins- 
fähig war. Auch wenn wir sagen, sie sei u n b e w u ß t gewesen, 
haben wir eine korrekte Beschreibung gegeben. Dieses Unbewußt 
fällt dann mit latent-bewußtseinsfähig zusammen. Die Philosophen 
würden uns zwar einwerfen: Nein, der Terminus unbewußt hat 
hier keine Anwendung, solange die Vorstellung im Zustand der 
Latenz war, war sie überhaupt nichts Psychisches. Würden wir 
ihnen schon an dieser Stelle widersprechen, so gerieten wir in 
einen Wortstreit, aus dem sich nichts gewinnen ließe. 

Wir sind aber zum Terminus oder Begriff des Unbewußten 
auf einem anderen Weg gekommen, durch Verarbeitung von 
Erfahrungen, in denen die seelische Dy na mik eine Rolle spielt. 
Wir haben erfahren, das heißt annehmen müssen, daß es sehr 
starke seelische Vorgänge oder Vorstellungen gibt, — hier kommt 
zuerst ein quantitatives, also ökonomisches Moment in Betracht — 
die alle Folgen für das Seelenleben haben können wie sonstige 
Vorstellungen, auch solche Folgen, die wiederum als Vorstellungen 
bewußt werden können, nur werden sie selbst nicht bewußt. Es 
ist nicht nötig, hier ausführlich zu wiederholen, was schon so 
oft dargestellt worden ist. Genug, an dieser Stelle setzt die 
psychoanalytische Theorie ein und behauptet, daß solche Vor- 
stellungen nicht bewußt sein können, weil eine gewisse Kraft 
sich dem widersetzt, daß sie sonst bewußt werden könnten und 
daß man dann sehen würde, wie wenig sie sich von anderen 



Bewußtsein und Unbewußtes 357 



anerkannten psychischen Elementen unterscheiden. Diese Theorie 
wird dadurch unwiderleglich, daß sich in der psychoanalytischen 
Technik Mittel gefunden haben, mit deren Hilfe man die wider- 
strebende Kraft aufheben und die betreffenden Vorstellungen 
bewußt machen kann. Den Zustand, in dem diese sich vor der 
Bewußtmachung befanden, heißen wir Verdrängu ng, und die 
Kraft, welche die Verdrängung herbeigeführt und aufrecht 
gehalten hat, behaupten wir während der analytischen Arbeit als 
Widerstand zu verspüren. 

Unseren Begriff des Unbewußten gewinnen wir also aus der 
Lehre von der Verdrängung. Das Verdrängte ist uns das Vor- 
bild des Unbewußten. Wir sehen aber, daß wir zweierlei Unbe- 
wußtes haben, das latente, doch bewußtseinsfähige, und das Ver- 
drängte, an sich und ohne weiteres nicht bewußtseinsfähige. 
Unser Einblick in die psychische Dynamik kann nicht ohne 
Einfluß auf Nomenklatur und Beschreibung bleiben. Wir heißen 
das Latente, das nur deskriptiv unbewußt ist, nicht im dyna- 
mischen Sinne, vorbewußt; den Namen unbewußt beschränken 
wir auf das dynamisch unbewußte Verdrängte, so daß wir jetzt 
drei Termini haben, bewußt (bw), vorbewußt (vbw) und unbe- 
wußt (ubw), deren Sinn nicht mehr rein deskriptiv ist. Das Vbw, 
nehmen wir an, steht dem Bw viel näher als das Ubw, und da 
wir das Ubw psychisch geheißen haben, werden wir es beim 
latenten Vbw um so unbedenklicher tun. Warum wollen wir aber 
nicht lieber im Einvernehmen mit den Philosophen bleiben und 
das Vbw wie das Ubw konsequenterweise vom bewußten Psy- 
chischen trennen? Die Philosophen würden uns dann vorschlagen, 
das Vbw wie das Ubw als zwei Arten oder Stufen des Psy- 
choiden zu beschreiben, und die Einigkeit wäre hergestellt. 
Aber unendliche Schwierigkeiten in der Darstellung wären die 
Folge davon und die einzig wichtige Tatsache, daß diese Psy- 
choide fast in allen anderen Punkten mit dem anerkannt Psy- 
chischen übereinstimmen, wäre zugunsten eines Vorurteils in 



358 Das Ich und das Es 



den Hintergrund gedrängt, eines Vorurteils, das aus der Zeit 
stammt, da man diese Psychoide oder das Bedeutsamste von 
ihnen noch nicht kannte. 

Nun können wir mit unseren drei Terminis, bw, vbw und ubw, 
bequem wirtschaften, wenn wir nur nicht vergessen, daß es im 
deskriptiven Sinne zweierlei Unbewußtes gibt, im dynamischen 
aber nur eines. Für manche Zwecke der Darstellung kann man 
diese Unterscheidung vernachlässigen, für andere ist sie natürlich 
unentbehrlich. Wir haben uns immerhin an diese Zweideutigkeit 
des Unbewußten ziemlich gewöhnt und sind gut mit ihr aus- 
gekommen. Vermeiden läßt sie sich, soweit ich sehen kann, nicht; 
die Unterscheidung zwischen Bewußtem und Unbewußtem ist 
schließlich eine Frage der Wahrnehmung, die mit Ja oder Nein 
zu beantworten ist, und der Akt der Wahrnehmung selbst gibt keine 
Auskunft darüber, aus welchem Grund etwas wahrgenommen 
wird oder nicht wahrgenommen wird. Man darf sich nicht 
darüber beklagen, daß das Dynamische in der Erscheinung nur 
einen zweideutigen Ausdruck findet. 1 



1) Soweit vgl.: Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten. [Ges. Schriften, 
Bd. V.] Eine neuerliche Wendung in der Kritik des Unbewußten verdient an dieser 
Stelle gewürdigt zu werden. Manche Forscher, die sich der Anerkennung der psycho- 
analytischen Tatsachen nicht verschließen, das Unbewußte aber nicht annehmen 
wollen, schaffen sich eine Auskunft mit Hilfe der unbestrittenen Tatsache, daß auch 
das Bewußtsein — als Phänomen — eine große Reihe von Abstufungen der Inten- 
sität oder Deutlichkeit erkennen laßt. So wie es Vorgänge gibt, die sehr lebhaft, 
grell, greifbar bewußt sind, so erleben wir auch andere, die nur schwach, kaum 
eben merklich bewußt sind, und die am schwächsten bewußten seien eben die, für 
welche die Psychoanalyse das unpassende Wort unbewußt gebrauchen wolle. Sie seien 
aber doch auch bewußt oder „im Bewußtsein" und lassen sich voll und stark bewußt 
machen, wenn man ihnen genug Aufmerksamkeit schenkte. 

Soweit die Entscheidung in einer solchen entweder von der Konvention oder 
von Gefühlsmomenten abhängigen Frage durch Argumente beeinflußt werden kann, 
läßt sich hiezu folgendes bemerken: Der Hinweis axif eine Deutlichkeitsskala der 
Bewußtheit hat nichts Verbindliches und nicht mehr Beweiskraft als etwa die analogen 
Sätze: es gibt so viel Abstufungen der Beleuchtung vom grellsten, blendenden Licht 
bis zum matten Lichtschimmer, folglich gibt es überhaupt keine Dunkelheit. Oder: 
es gibt verschiedene Grade von Vitalität, folglich gibt es keinen Tod. Diese Sätze 
mögen ja in einer gewissen Weise sinnreich sein, aber sie sind praktisch verwerflich, 
wie sich herausstellt, wenn man bestimmte Folgerungen von ihnen ableiten will, 
zum Beispiel: also braucht man kein Licht anzustecken, oder: also sind alle Organis- 



Bewußtsein und Unbewußtes 359 

Im weiteren Verlauf der psychoanalytischen Arbeit stellt sich 
aber heraus, daß auch diese Unterscheidungen unzulänglich, 
praktisch insuffizient sind. Unter den Situationen, die das zeigen, 
sei folgende als die entscheidende hervorgehoben. Wir haben uns 
die Vorstellung von einer zusammenhängenden Organisation der 
seelischen Vorgänge in einer Person gebildet und heißen diese 
das Ich derselben. An diesem Ich hängt das Bewußtsein, es 
beherrscht die Zugänge zur Motilität, das ist: zur Abfuhr der 
Erregungen in die Außenwelt; es ist diejenige seelische Instanz, 
welche eine Kontrolle über all ihre Partialvorgänge ausübt, welche 
zur Nachtzeit schlafen geht und dann immer noch die Traum- 
zensur handhabt. Von diesem Ich gehen auch die Verdrängungen 
aus, durch welche gewisse seelische Strebungen nicht nur vom 
Bewußtsein, sondern auch von den anderen Arten der Geltung 
und Betätigung ausgeschlossen werden sollen. Dies durch die 
Verdrängung Beseitigte stellt sich in der Analyse dem Ich 
gegenüber, und es wird der Analyse die Aufgabe gestellt, die 
Widerstände aufzuheben, die das Ich gegen die Beschäftigung mit 
dem Verdrängten äußert. Nun machen wir während der Analyse 
die Beobachtung, daß der Kranke in Schwierigkeiten gerät, wenn 
wir ihm gewisse Aufgaben stellen; seine Assoziationen versagen, 
wenn sie sich dem Verdrängten annähern sollen. Wir sagen ihm 
dann, er stehe unter der Herrschaft eines Widerstandes, aber er 

men unsterblich. Ferner erreicht man durch die Subsumierung des Unmerklichen 
unter das Bewußte nichts anderes, als daß man sich die einzige unmittelbare Sicher- 
heit verdirbt, die es im Psychischen überhaupt gibt. Ein Bewußtsein, von dem man 
nichts weiß, scheint mir doch um vieles absurder als ein unbewußtes Seelisches. 
Endlich ist solche Angleichung des Unbemerkten an das Unbewußte offenbar ohne 
Rücksicht auf die dynamischen Verhältnisse versucht worden, welche für die psycho- 
analytische Auffassung maßgebend waren. Denn zwei Tatsachen werden dabei ver- 
nachlässigt; erstens, daß es sehr schwierig ist, großer Anstrengung bedarf, um einem 
solchen Unbemerkten genug Aufmerksamkeit zuzuführen, und zweitens, daß, wenn 
dies gelungen ist, das vordem Unbemerkte jetzt nicht vom Bewußtsein erkannt wird, 
sondern oft genug ihm völlig fremd, gegensätzlich erscheint und von ihm schroff 
abgelehnt wird. Der Rekurs vom Unbewußten auf das wenig Bemerkte und nicht 
Bemerkte ist also doch nur ein Abkömmling des Vorurteils, dem die Identität des 
Psychischen mit dem Bewußten ein für allemal feststeht. 



3 6 ° Das Ich und das Es 

weiß nichts davon und selbst, wenn er aus seinen Unlustgefühlen 
erraten sollte, daß jetzt ein Widerstand in ihm wirkt, so weiß 
er ihn nicht zu benennen und anzugeben. Da aber dieser 
Widerstand sicherlich von seinem Ich ausgeht und diesem angehört, 
so stehen wir vor einer unvorhergesehenen Situation. Wir haben 
im Ich selbst etwas gefunden, was auch unbewußt ist, sich 
gerade so benimmt wie das Verdrängte, das heißt starke 
Wirkungen äußert, ohne selbst bewußt zu werden, und zu dessen 
Bewußtmachung es einer besonderen Arbeit bedarf. Die Folge 
dieser Erfahrung für die analytische Praxis ist, daß wir in 
unendlich viele Undeutlichkeiten und Schwierigkeiten geraten, 
wenn wir an unserer gewohnten Ausdrucksweise festhalten und 
zum Beispiel die Neurose auf einen Konflikt zwischen dem 
Bewußten und dem Unbewußten zurückführen wollen. Wir 
müssen für diesen Gegensatz aus unserer Einsicht in die struk- 
turellen Verhältnisse des Seelenlebens einen anderen einsetzen: 
den zwischen dem zusammenhängenden Ich und dem von ihm 
abgespaltenen Verdrängten.' 

Die Folgen für unsere Auffassung des Unbewußten sind aber 
noch bedeutsamer. Die dynamische Betrachtung hatte uns die 
erste Korrektur gebracht, die strukturelle Einsicht bringt uns 
die zweite. Wir erkennen, daß das Ubw nicht mit dem Ver- 
drängten zusammenfällt; es bleibt richtig, daß alles Verdrängte 
ubw ist, aber nicht alles Ubw ist auch verdrängt. Auch ein Teil 
des Ichs, ein Gott weiß wie wichtiger Teil des Ichs, kann ubw 
sein, ist sicherlich ubw. Und dies Ubw des Ichs ist nicht latent 
im Sinne des Vbw, sonst dürfte es nicht aktiviert werden, ohne 
bw zu werden, und seine Bewußtmachung dürfte nicht so große 
Schwierigkeiten bereiten. Wenn wir uns so vor der Nötigung 
sehen, ein drittes, nicht verdrängtes Ubw aufzustellen, so müssen 
wür zugestehen, daß der Charakter des Unbewußtseins für uns 



1) Vgl. Jenseits des Lustprinzips. 



Bewußtsein und Unbewußtes 



!s6l 



an Bedeutung verliert. Er wird zu einer vieldeutigen Qualität, 
die nicht die weitgehenden und ausschließenden Folgerungen 
gestattet, für welche wir ihn gerne verwertet hätten. Doch müssen 
wir uns hüten, ihn zu vernachlässigen, denn schließlich ist die 
Eigenschaft bewußt oder nicht die einzige Leuchte im Dunkel 
der Tiefenpsychologie. 



II 

DAS ICH UND DAS ES 

Die pathologische Forschung hat unser Interesse allzu aus- 
schließlich auf das Verdrängte gerichtet. Wir möchten mehr vom 
Ich erfahren, seitdem wir wissen, daß auch das Ich unbewußt 
im eigentlichen Sinne sein kann. Unser einziger Anhalt während 
unserer Untersuchungen war bisher das Kennzeichen des Bewußt- 
oder Unbewußtseins; zuletzt haben wir gesehen, wie vieldeutig 
dies sein kann. 

Nun ist all unser Wissen immer an das Bewußtsein gebunden. 
Auch das Ubw können wir nur dadurch kennen lernen, daß wir 
es bewußt machen. Aber halt, wie ist das möglich? Was heißt: 
etwas bewußt machen? Wie kann das vor sich gehen? 

Wir wissen schon, wo wir hiefür anzuknüpfen haben. Wir haben 
gesagt, das Bewußtsein ist die Oberfläche des seelischen Apparates, 
das heißt wir haben es einem System als Funktion zugeschrieben, 
welches räumlich das erste von der Außenwelt her ist. Räumlich 
übrigens nicht nur im Sinne der Funktion, sondern diesmal auch 
im Sinne der anatomischen Zergliederung.' Auch unser Forschen 
muß diese wahrnehmende Oberfläche zum Ausgang nehmen. 

Von vornherein bw sind alle Wahrnehmungen, die von außen 
herankommen (Sinneswahrnehmungen), und von innen her, was 
wir Empfindungen und Gefühle heißen. Wie aber ist es mit jenen 
inneren Vorgängen, die wir etwa — roh und ungenau — als 

1) S. Jenseits des Lustprinzips. 






Das Ich und das Es 



365 



Denkvorgänge zusammenfassen können? Kommen sie, die sich 
irgendwo im Innern des Apparates als Verschiebungen seelischer 
Energie auf dem Wege zur Handlung vollziehen, an die Ober- 
fläche, die das Bewußtsein entstehen läßt, heran? Oder kommt 
das Bewußtsein zu ihnen? Wir merken, das ist eine von den 
Schwierigkeiten, die sich ergeben, wenn man mit der räumlichen, 
topischen Vorstellung des seelischen Geschehens Ernst machen 
will. Beide Möglichkeiten sind gleich unausdenkbar, es müßte 
etwas drittes der Fall sein. 

An einer anderen Stelle 1 habe ich schon die Annahme gemacht, 
daß der wirkliche Unterschied einer ubw von einer vbw Vorstellung 
(einem Gedanken) darin besteht, daß die erstere sich an irgend- 
welchem Material, das unerkannt bleibt, vollzieht, während bei 
der letzteren (der vbw) die Verbindung mit Wort vor Stel- 
lungen hinzukommt. Hier ist zuerst der Versuch gemacht, für 
die beiden Systeme Vbw und Ubw Kennzeichen anzugeben, die 
anders sind als die Beziehung zum Bewußtsein. Die Frage: Wie 
wird etwas bewußt? lautet also zweckmäßiger: Wie wird etwas 
vorbewußt? Und die Antwort wäre: durch Verbindung mit den 
entsprechenden Wortvorstellungen. 

Diese Wortvorstellungen sind Erinnerungsreste, sie waren 
einmal Wahrnehmungen und können wie alle Erinnerungsreste 
wieder bewußt werden. Ehe wir noch weiter von ihrer Natur 
handeln, dämmert uns wie eine neue Einsicht auf: bewußt 
werden kann nur das, was schon einmal bw Wahrnehmung war, 
und was außer Gefühlen von innen her bewußt werden will, 
muß versuchen, sich in äußere Wahrnehmungen umzusetzen. Dies 
wird mittels der Erinnerungsspuren möglich. 

Die Erinnerungsreste denken wir uns in Systemen enthalten, 
welche unmittelbar an das System W-Bw anstoßen, so daß ihre 
Besetzungen sich leicht auf die Elemente dieses Systems von innen 



1) Das Unbewußte. Internat. Zschr. f. PsA., III. 1915- [Ges. Schriften, Bd. V.] 



3^4 Das Ich und das Es 



her fortsetzen können. Man denkt hier sofort an die Halluzination 
und an die Tatsache, daß die lebhafteste Erinnerung immer 
noch von der Halluzination wie von der äußeren Wahrnehmung 
unterschieden wird, allein ebenso rasch stellt sich die Auskunft 
ein, daß bei der Wiederbelebung einer Erinnerung die Besetzung 
im Erinnerungssystem erhalten bleibt, während die von der 
Wahrnehmung nicht unterscheid bare Halluzination entstehen 
mag, wenn die Besetzung nicht nur von der Erinnerungs- 
spur auf das /^Element übergreift, sondern völlig auf dasselbe 
übergeht. 

Die Wortreste stammen wesentlich von akustischen Wahr- 
nehmungen ab, so daß hiedurch gleichsam ein besonderer Sinnes- 
ursprung für das System Vbw gegeben ist. Die visuellen Bestand- 
teile der Wortvorstellung kann man als sekundär, durch Lesen 
erworben, zunächst vernachlässigen und ebenso die Bewegungs- 
bilder des Wortes, die außer bei Taubstummen die Rolle von 
unterstützenden Zeichen spielen. Das Wort ist doch eigentlich 
der Erinnerungsrest des gehörten Wortes. 

Es darf uns nicht beifallen, etwa der Vereinfachung zuliebe, 
die Bedeutung der optischen Erinnerungsreste — von den 
Dingen — zu vergessen, oder zu verleugnen, daß ein Bewußt- 
werden der Denkvorgänge durch Rückkehr zu den visuellen 
Resten möglich ist und bei vielen Personen bevorzugt scheint. 
Von der Eigenart dieses visuellen Denkens kann uns das Studium 
der Träume und der vorbewußten Phantasien nach den Beob- 
achtungen J. Varendoncks eine Vorstellung geben. Man 
erfährt, daß dabei meist nur das konkrete Material des Gedankens 
bewußt wird, für die Relationen aber, die den Gedanken besonders 
kennzeichnen, ein visueller Ausdruck nicht gegeben werden kann. 
Das Denken in Bildern ist also ein nur sehr unvollständiges 
Bewußtwerden. Es steht auch irgendwie den unbewußten Vor- 
gängen näher als das Denken in Worten und ist unzweifelhaft 
onto- wie phylogenetisch älter als dieses. 



Das Ich und das Es 565 



Wenn also, um zu unserem Argument zurückzukehren, dies 
der Weg ist, wie etwas an sich Unbewußtes vorbewußt wird, so 
ist die Frage, wie machen wir etwas Verdrängtes (vor)bewußt, 
zu beantworten: indem wir solche vbw Mittelglieder durch die 
analytische Arbeit herstellen. Das Bewußtsein verbleibt also 
an seiner Stelle, aber auch das Ubw ist nicht etwa zum Bw 

aufgestiegen. 

Während die Beziehung der äußeren Wahrnehmung zum Ich 
ganz offenkundig ist, fordert die der inneren Wahrnehmung 
zum Ich eine besondere Untersuchung heraus. Sie läßt noch 
einmal den Zweifel auftauchen, ob man wirklich Recht daran 
tut, alles Bewußtsein auf das eine oberflächliche System W-Bw 

zu beziehen. 

Die innere Wahrnehmung ergibt Empfindungen von Vorgängen 
aus den verschiedensten, gewiß auch tiefsten Schichten des 
seelischen Apparates. Sie sind schlecht gekannt, als ihr bestes 
Muster können noch die der Lust-Unlustreihe gelten. Sie sind 
ursprünglicher, elementarer als die von außen stammenden, können 
noch in Zuständen getrübten Bewußtseins zustande kommen. Über 
ihre größere ökonomische Bedeutung und deren metapsychologische 
Begründung habe ich mich an anderer Stelle geäußert. Diese 
Empfindungen sind multilokular wie die äußeren Wahrnehmungen, 
können gleichzeitig von verschiedenen Stellen kommen und dabei 
verschiedene, auch entgegengesetzte Qualitäten haben. 

Die Empfindungen mit Lustcharakter haben nichts Drängendes 
an sich, dagegen im höchsten Grad die Unlustempfindungen. 
Diese drängen auf Veränderung, auf Abfuhr und darum deuten 
-wir die Unlust auf eine Erhöhung, die Lust auf eine Erniedrigung 
der Energiebesetzung. Nennen wir das, was als Lust und Unlust 
bewußt wird, ein quantitativ-qualitativ Anderes im seelischen 
Ablauf, so ist die Frage, ob ein solches Anderes an Ort und 
Stelle bewußt werden kann oder bis zum System W fortgeleitet 
werden muß. 



J 



366 Das Ich und das Es 






Die klinische Erfahrung entscheidet für das letztere. Sie zeigt, 
daß dies Andere sich verhält wie eine verdrängte Regung. Es kann 
treibende Kräfte entfalten, ohne daß das Ich den Zwang bemerkt. 
Erst Widerstand gegen den Zwang, Aufhalten der Abfuhrreaktion 
macht dieses Andere sofort als Unlust bewußt. Ebenso wie 
Bedürfnisspannungen, kann auch der Schmerz unbewußt bleiben, 
dies Mittelding zwischen äußerer und innerer Wahrnehmung, 
der sich wie eine innere Wahrnehmung verhält, auch wo er 
aus der Außenwelt stammt. Es bleibt also richtig, daß auch 
Empfindungen und Gefühle nur durch Anlangen an das System 
TV bewußt werden; ist die Fortleitung gesperrt, so kommen sie 
nicht als Empfindungen zustande, obwohl das ihnen entsprechende 
Andere im Erregungsablauf dasselbe ist. Abgekürzter, nicht ganz 
korrekter Weise sprechen wir dann von unbewußten 
Empfindungen, halten die Analogie mit unbewußten Vor- 
stellungen fest, die nicht ganz gerechtfertigt ist. Der Unterschied 
ist nämlich, daß für die ubw Vorstellung erst Verbindungsglieder 
geschaffen werden müssen, um sie zum Bw zu bringen, während 
dies für die Empfindungen, die sich direkt fortleiten, entfällt. 
Mit anderen Worten: die Unterscheidung von Bw und Vbw hat 
für die Empfindungen keinen Sinn, das Vbw fällt hier aus, 
Empfindungen sind entweder bewußt oder unbewußt. Auch wenn 
sie an Wortvorstellungen gebunden werden, danken sie nicht 
diesen ihr Bewußtwerden, sondern sie werden es direkt. 

Die Rolle der Wortvorstellungen wird nun vollends klar. 
Durch ihre Vermittlung werden die inneren Denkvorgänge zu 
Wahrnehmungen gemacht. Es ist, als sollte der Satz erwiesen 
werden: alles Wissen stammt aus der äußeren Wahrnehmung. 
Bei einer Überbesetzung des Denkens werden die Gedanken 
wirklich — wie von außen — wahrgenommen und darum für 
wahr gehalten. 

Nach dieser Klärung der Beziehungen zwischen äußerer und 
innerer Wahrnehmung und dem Oberflächensystem W-Bw können 



Das Ich und das Es 367 



wir darangehen, unsere Vorstellung vom Ich auszubauen. Wir 
sehen es vom System W als seinem Kern ausgehen und zunächst 
das Vbw, das sich an die Erinnerungsreste anlehnt, umfassen. 
Das Ich ist aber auch, wie wir erfahren haben, unbewußt. 

Nun meine ich, wir werden großen Vorteil davon haben, 
wenn wir der Anregung eines Autors folgen, der vergebens aus 
persönlichen Motiven beteuert, er habe mit der gestrengen, hohen 
Wissenschaft nichts zu tun. Ich meine G. G roddeck, der 
immer wieder betont, daß das, was wir unser Ich heißen, sich 
im Leben wesentlich passiv verhält, daß wir nach seinem Aus- 
druck „gelebt" werden von unbekannten, unbeherrschbaren 
Mächten. 1 Wir haben alle dieselben Eindrücke empfangen, wenn- 
gleich sie uns nicht bis zum Ausschluß aller anderen überwältigt 
haben, und verzagen nicht daran, der Einsicht Groddecks ihre 
Stelle in dem Gefüge der Wissenschaft anzuweisen. Ich schlage 
vor, ihr Rechnung zu tragen, indem wir das vom System TV 
ausgehende Wesen, das zunächst vbw ist, das Ich heißen, 
das andere Psychische aber, in welches es sich fortsetzt, und das 
sich wie ubw verhält, nach Groddecks Gebrauch das Es. 2 

Wir werden bald sehen, ob wir aus dieser Auffassung Nutzen 
für Beschreibung und Verständnis ziehen können. Ein Individuum 
ist nun für uns ein psychisches Es, unerkannt und unbewußt, 
diesem sitzt das Ich oberflächlich auf, aus dem /^System als 
Kern entwickelt. Streben wir nach graphischer Darstellung, so 
werden wir hinzufügen, das Ich umhüllt das Es nicht ganz, 
sondern nur insoweit das System TV dessen Oberfläche bildet, 
also etwa so wie die Keimscheibe dem Ei aufsitzt. Das Ich ist 
vom Es nicht scharf getrennt, es fließt nach unten hin mit ihm 
zusammen. 



1) G. Groddeck, Das Buch vom Es. Internationaler Psychoanalytischer 

Verlag 1923. 

2) Groddeck selbst ist wohl dem Beispiel Nietzsches gefolgt, bei dem 
dieser grammatikalische Ausdruck für das Unpersönliche und sozusagen Natur- 
notwendige in unserem Wesen durchaus gebräuchlich ist. 



568 



Das Ich und das Es 



Aber auch das Verdrängte fließt mit dem Es zusammen, ist 
nur ein Teil von ihm. Das Verdrängte ist nur vom Ich durch 
die Verdrängungs widerstände scharf geschieden, durch das Es kann 
es mit ihm kommunizieren. Wir erkennen sofort, fast alle 
Sonderungen, die wir auf die Anregung der Pathologie hin 
beschrieben haben, beziehen sich nur auf die — uns allein 
bekannten — oberflächlichen Schichten des seelischen Apparates. 
Wir könnten von diesen Verhältnissen eine Zeichnung entwerfen, 



W-Bi 




deren Konturen allerdings nur der Darstellung dienen, keine 
besondere Deutung beanspruchen sollen. Etwa fügen wir hinzu, 
daß das Ich eine „Hörkappe" trägt, nach dem Zeugnis der 
Gehirnanatomie nur auf einer Seite. Sie sitzt ihm sozusagen 
schief auf. 

Es ist leicht einzusehen, das Ich ist der durch den direkten 
Einfluß der Außenwelt unter Vermittlung von W-Bw veränderte 
Teil des Es, gewissermaßen eine Fortsetzung der Oberflächen- 
differenzierung. Es bemüht sich auch, den Einfluß der Außen- 
welt auf das Es und seine Absichten zur Geltung zu bringen, 
ist bestrebt, das Realitätsprinzip an die Stelle des Lustprinzips zu 
setzen, welches im Es uneingeschränkt regiert. Die Wahrnehmung 



Das Ich und das Es 569 



spielt für das Ich die Rolle, welche im Es dem Trieb zufällt. 
Das Ich repräsentiert, was man Vernunft und Besonnenheit nennen 
kann, im Gegensatz zum Es, welches die Leidenschaften enthält. 
Dies alles deckt sich mit allbekannten populären Unterscheidungen, 
ist aber auch nur als durchschnittlich oder ideell richtig zu 
verstehen. 

Die funktionelle Wichtigkeit des Ichs kommt darin zum 
Ausdruck, daß ihm normaler Weise die Herrschaft über die 
Zugänge zur Motilität eingeräumt ist. Es gleicht so im Verhältnis 
zum Es dem Reiter, der die überlegene Kraft des Pferdes zügeln 
soll, mit dem Unterschied, daß der Reiter dies mit eigenen 
Kräften versucht, das Ich mit geborgten. Dieses Gleichnis trägt 
ein Stück weiter. Wie dem Reiter, will er sich nicht vom Pferd 
trennen, oft nichts anderes übrig bleibt, als es dahin zu führen, 
wohin es gehen will, so pflegt auch das Ich den Willen des Es 
in Handlung umzusetzen, als ob es der eigene wäre. 

Auf die Entstehung des Ichs und seine Absonderung vom Es 
scheint noch ein anderes Moment als der Einfluß des Systems W 
hingewirkt zu haben. Der eigene Körper und vor allem die 
Oberfläche desselben ist ein Ort, von dem gleichzeitig äußere 
und innere Wahrnehmungen ausgehen können. Er wird wie ein 
anderes Objekt gesehen, ergibt aber dem Getast zweierlei 
Empfindungen, von denen die eine einer inneren Wahrnehmung 
gleichkommen kann. Es ist in der Psych ophysiologie hinreichend 
erörtert worden, auf welche Weise sich der eigene Körper aus 
der Wahrnehmungswelt heraushebt. Auch der Schmerz scheint 
dabei eine Rolle zu spielen und die Art, wie man bei schmerz- 
haften Erkrankungen eine neue Kenntnis seiner Organe erwirbt, 
ist vielleicht vorbildlich für die Art, wie man überhaupt zur 
Vorstellung seines eigenen Körpers kommt. 

Das Ich ist vor allem ein körperliches, es ist nicht nur ein 
Oberflächen wesen, sondern selbst die Projektion einer Oberfläche. 
Wenn man eine anatomische Analogie für dasselbe sucht, kann 

Freud, VI. a+ 



370 Das Ich und das Es 



man es am ehesten mit dem „Gehirnmännchen" der Anatomen 
identifizieren, das in der Hirnrinde auf dem Kopf steht, die Fersen 
nach oben streckt, nach hinten schaut und wie bekannt, links 
die Sprachzone trägt. 

Das Verhältnis des Ichs zum Bewußtsein ist wiederholt 
gewürdigt worden, doch sind hier einige wichtige Tatsachen neu 
zu beschreiben. Gewöhnt, den Gesichtspunkt einer sozialen oder 
ethischen Wertung überallhin mitzunehmen, sind wir nicht über- 
rascht zu hören, daß das Treiben der niedrigen Leidenschaften 
im Unbewußten vor sich geht, erwarten aber, daß die seelischen 
Funktionen um so leichter sicheren Zugang zum Bewußtsein 
finden, je höher sie in dieser Wertung angesetzt sind. Hier 
enttäuscht uns aber die psychoanalytische Erfahrung. Wir haben 
einerseits Belege dafür, daß selbst feine und schwierige intellek- 
tuelle Arbeit, die sonst angestrengtes Nachdenken erfordert, auch 
vorbewußt geleistet werden kann, ohne zum Bewußtsein zu 
kommen. Diese Fälle sind ganz unzweifelhaft, sie ereignen sich 
zum Beispiel im Schlafzustand und äußern sich darin, daß eine 
Person unmittelbar nach dem Erwachen die Lösung eines 
schwierigen mathematischen oder anderen Problems weiß, um das 
sie sich am Tage vorher vergeblich bemüht hatte. 1 

Weit befremdender ist aber eine andere Erfahrung. Wir lernen 
in unseren Analysen, daß es Personen gibt, bei denen die Selbstkritik 
und das Gewissen, also überaus hochgewertete seelische Leistungen, 
unbewußt sind und als unbewußt die wichtigsten Wirkungen äußern; 
das Unbewußtbleiben des Widerstandes in der Analyse ist also keines- 
wegs die einzige Situation dieser Art. Die neue Erfahrung aber, 
die uns nötigt, trotz unserer besseren kritischen Einsicht, von 
einem unbewußten Schuldgefühl zu reden, verwirrt uns 
weit mehr und gibt uns neue Rätsel auf, besonders wenn wir 
allmählich erraten, daß ein solches unbewußtes Schuldgefühl bei 

Ein solcher Fall ist mir erst kürzlich, und zwar als Einwand gegen meine 
Beschreibung der „Traumarbeit", mitgeteilt worden. 



Das Ich und das Es 



371 



einer großen Anzahl von Neurosen eine ökonomisch entscheidende 
Rolle spielt und der Heilung die stärksten Hindernisse in den 
Weg legt. Wollen wir zu unserer Wertskala zurückkehren, so 
müssen wir sagen: Nicht nur das Tiefste, auch das Höchste am 
Ich kann unbewußt sein. Es ist, als würde uns auf diese Weise 
demonstriert, was wir vorhin vom bewußten Ich ausgesagt haben, 
es sei vor allem ein Körper-Ich. 






H* 



III 

DAS ICH UND DAS ÜBER-1CH (ICHIDEAL) 

Wäre das Ich nur der durch den Einfluß des Wahrnehmungs- 
systems modifizierte Anteil des Es, der Vertreter der realen 
Außenwelt im Seelischen, so hätten wir es mit einem einfachen 
Sachverhalt zu tun. Allein es kommt etwas anderes hinzu. 

Die Motive, die uns bewogen haben, eine Stufe im Ich 
anzunehmen, eine Differenzierung innerhalb des Ichs, die Ich- 
Ideal oder Über-Ich zu nennen ist, sind an anderen Orten 
auseinandergesetzt worden. 1 Sie bestehen zu Recht. 2 Daß dieses 
Stück des Ichs eine weniger feste Beziehung zum Bewußtsein hat, 
ist die Neuheit, die nach Erklärung verlangt. 

Wir müssen hier etwas weiter ausgreifen. Es war uns gelungen, 
das schmerzhafte Leiden der Melancholie durch die Annahme 
aufzuklären, daß ein verlorenes Objekt im Ich wieder aufgerichtet, 
also eine Objektbesetzung durch eine Identifizierung abgelöst 
wird. 3 Damals erkannten wir aber noch nicht die ganze Bedeutung 
dieses Vorganges und wußten nicht, wie häufig und typisch er 
ist. Wir haben seither verstanden, daß solche Ersetzung einen 
großen Anteil an der Gestaltung des Ichs hat und wesentlich 

i) Zur Einführung des Narzißmus, Massenpsychologio und Ich-Analyse. 

2) Nur daO ich die Punktion der Realitätsprüfuiig diesem Üher-Ich zugewiesen 
habe, erscheint irrig und der Korrektur bedürftig. Es würde durchaus den Be- 
ziehungen des Ichs zur "Wahrnchmungswelt entsprechen, wenn die Realitätsprüfung 
seine eigene Aufgabe bliebe. — Auch frühere, ziemlich unbestimmt gehaltene Äuße- 
rungen über einen Kern des Ichs sollen jetzt dahin richtiggestellt werden, daß 
nur das System W-Bw als Kern des Ichs anzuerkennen ist. 

5) Trauer und Melancholie. 



Das Ich und das Über-Ich (Ichideal) 375 

dazu beiträgt, das herzustellen, was man seinen Charakter 
heißt. 

Uranfanglich in der primitiven oralen Phase des Individuums 
sind Objektbesetzung und Identifizierung wohl nicht von einander 
zu unterscheiden. Späterhin kann man nur annehmen, daß die 
Objektbesetzungen vom Es ausgehen, welches die erotischen 
Strebungen als Bedürfnisse empfindet. Das anfangs noch schwäch- 
liche Ich erhält von den Objektbesetzungen Kenntnis, läßt sie 
sich gefallen oder sucht sie durch den Prozeß der Verdrängung 

abzuwehren. 1 

Soll oder muß ein solches Sexualobjekt aufgegeben werden, so 
tritt dafür nicht selten die Ichveränderung auf, die man als 
Aufrichtung des Objekts im Ich wie bei der Melancholie 
beschreiben muß; die näheren Verhältnisse dieser Ersetzung sind 
uns noch nicht bekannt. Vielleicht erleichtert oder ermöglicht 
das Ich durch diese Introjektion, die eine Art von Regression 
zum Mechanismus der oralen Phase ist, das Aufgeben des Objekts. 
Vielleicht ist diese Identifizierung überhaupt die Bedingung, 
unter der das Es seine Objekte aufgibt. Jedenfalls ist der Vorgang 
zumal in frühen Entwicklungsphasen ein sehr häufiger und kann 
die Auffassung ermöglichen, daß der Charakter des Ichs ein 
Niederschlag der aufgegebenen Objektbesetzungen ist, die Geschichte 
dieser Objektwahlen enthält. Es ist natürlich von vorne herein 
eine Skala der Resistenzfähigkeit zuzugeben, inwieweit der Charakter 
einer Person diese Einflüsse aus der Geschichte der erotischen 
Objektwahlen abwehrt oder annimmt. Bei Frauen, di« viel 
Liebeserfahrungen gehabt haben, glaubt man, die Rückstände 
ihrer Objektbesetzungen in ihren Charakterzügen leicht nach- 

1) Eine interessante Parallele zur Ersetzung der Objektwahl durch Identifizierung 
enthält der Glaube der Primitiven, daß die Eigenschaften des als Nahrung ein- 
verleibten Tieres dem,' der es ißt, als Charakter verbleiben werden,, und die darauf 
gegründeten Verbole. Dieser Glaube geht bekanntlich auch in die Begründung des 
Kannibalismus ein und wirkt in der Reihe der Gebräuche derTotemmahlzeit bis zur 
heiligen Kommunion fort. Die Folgen, die hier der oralen Objektbemächtigung zu- 
geschrieben werden, treffen für die spätere sexuelle Objektwahl wirklich zu. 



374 Das Ich und das Es 



weisen zu können. Auch eine Gleichzeitigkeit von Objektbesetzung 
und Identifizierung, also eine Charakterveränderung, ehe das 
Objekt aufgegeben worden ist, kommt in Betracht. In diesem 
Fall könnte die Charakterveränderung die Objektbeziehung über- 
leben und sie in gewissem Sinne konservieren. 

Ein anderer Gesichtspunkt, besagt, daß diese Umsetzung einer 
erotischen Objektwahl in eine Ichveränderung auch ein Weg ist, 
wie das Ich das Es bemeistern und seine Beziehungen zu ihm 
vertiefen kann, allerdings auf Kosten einer weitgehenden 
Gefügigkeit gegen dessen Erlebnisse. Wenn das Ich die Züge des 
Objektes annimmt, drängt es sich sozusagen selbst dem Es als 
Liebesobjekt auf, sucht ihm seinen Verlust zu ersetzen, indem 
es sagt: „Sieh', du kannst auch mich lieben, ich bin dem Objekt 
so ähnlich." 

Die Umsetzung von Objektlibido in narzißtische Libido, die 
hier vor sich geht, bringt offenbar ein Aufgeben der Sexualziele, 
eine Desexualisierung mit sich, also eine Art von Sublimierung. 
Ja, es entsteht die eingehender Behandlung würdige Frage, ob 
dies nicht der allgemeine Weg zur Sublimierung ist, ob nicht 
alle Sublimierung durch die Vermittlung des Ichs vor sich geht, 
welches zunächst die sexuelle Objektlibido in narzißtische ver- 
wandelt, um ihr dann vielleicht ein anderes Ziel zu setzen.' Ob 
diese Verwandlung nicht auch andere Triebschicksale zur Folge 
haben kann, zum Beispiel eine Entmischung der verschiedenen 
mit einander verschmolzenen Triebe herbeizuführen, wird uns 
noch später beschäftigen. 

Es ist eine Abschweifung von unserem Ziel und doch nicht 
zu vermeiden, daß wir unsere Aufmerksamkeit für einen Moment 
bei den Objektidentifizierungen des Ichs verweilen lassen. Nehmen 
diese überhand, werden allzu zahlreich, und überstark und mit- 

1) Als das große Reservoir der Libido, im Sinne der Einführung des Narzißmus, 
müssen wir jetzt nach der Scheidung von Ich und Es das Es anerkennen. Die Libido, 
welche dem Ich durch die beschriebenen Identifizierungen zufließt, stellt dessen 
„sekundären Narzißmus" her. 






Das Ich und das Über- Ich (Ichideal) 375 

einander unverträglich, so liegt ein pathologisches Ergebnis nahe. 
Es kann zu einer Aufsplitterung des Ichs kommen, indem sich 
die einzelnen Identifizierungen durch Widerstände gegeneinander 
abschließen, und vielleicht ist es das Geheimnis der Fälle von 
sogenannter multipler Persönlichkeit, daß die einzelnen 
Identifizierungen alternierend das Bewußtsein an sich reißen. Auch 
wenn es nicht so weit kommt, ergibt sich das Thema der Konflikte 
zwischen den verschiedenen Identifizierungen, in die das Ich aus- 
einanderfährt, Konflikte, die endlich nicht durchwegs als patho- 
logische bezeichnet werden können. 

Wie immer sich aber die spätere Resistenz des Charakters 
gegen die Einflüsse aufgegebener Objektbesetzungen gestalten 
mag, die Wirkungen der ersten, im frühesten Alter erfolgten 
Identifizierungen werden allgemeine und nachhaltige sein. Dies 
führt uns zur Entstehung des Ichideals zurück, denn hinter ihm 
verbirgt sich die erste und bedeutsamste Identifizierung des 
Individuums, die mit dem Vater der persönlichen Vorzeit. 1 Diese 
scheint zunächst nicht Erfolg oder Ausgang einer Objektbesetzung 
zu sein, sie ist eine direkte und unmittelbare und frühzeitiger 
als jede Objektbesetzung. Aber die Objektwahlen, die der ersten 
Sexualperiode angehören und Vater und Mutter betreffen, 
scheinen beim normalen Ablauf den Ausgang in solche Iden- 
tifizierung zu nehmen und somit die primäre Identifizierung zu 
verstärken. 

Immerhin sind diese Beziehungen so kompliziert, daß es not- 
wendig wird, sie eingehender zu beschreiben. Es sind zwei 
Momente, welche diese Komplikation verschulden, die dreieckige 

1) Vielleicht wäre es vorsichtiger zu sagen, mit den Eltern, denn Vater und 
Mutter werden vor der sicheren Kenntnis des Geschlechtsunterschiedes, des Penis- 
mangels, nicht verschieden gewertet. In der Geschichte einer jungen Frau hatte ich 
kürzlich Gelegenheit, zu erfahren, daß sie, seitdem sie ihren eigenen Penismangel 
bemerkt, den Besitz dieses Organs nicht allen Frauen, sondern bloß den für minder- 
wertig gehaltenen aberkannt hatte. Die Mutter hatte ihn in ihrer Meinung behalten. 
Der einfacheren Darstellung wegen werde ich nur die Identifizierung mit dem Vater 
behandeln. 






57 6 Das Ich und das Es 



Anlage des Ödipusverhältnisses und die konstitutionelle Bisexualität 
des Individuums. 

Der vereinfachte Fall gestaltet sich für das männliche Kind in 
folgender Weise: Ganz frühzeitig entwickelt es für die Mutter 
eine Objektbesetzung, die von der Mutterbrust ihren Ausgang 
nimmt und das vorbildliche Beispiel einer Objektwahl nach dem 
Anlehnungstypus zeigt; des Vaters bemächtigt sich der Knabe 
durch Identifizierung. Die beiden Beziehungen gehen eine Weile 
nebeneinander her, bis durch die Verstärkung der sexuellen 
Wünsche nach der Mutter und die Wahrnehmung, daß der 
Vater diesen Wünschen ein Hindernis ist, der Ödipuskomplex 
entsteht. 1 Die Vateridentifizierung nimmt nun eine feindselige 
Tönung an, sie wendet sich zum Wunsch, den Vater zu beseitigen, 
um ihn bei der Mutter zu ersetzen. Von da an ist das Verhältnis 
zum Vater ambivalent; es scheint, als ob die in der Identifizierung 
von Anfang an enthaltene Ambivalenz manifest geworden wäre. 
Die ambivalente Einstellung zum Vater und die nur zärtliche 
Objektstrebung nach der Mutter beschreiben für den Knaben den 
Inhalt des einfachen, positiven Ödipuskomplexes. 

Bei der Zertrümmerung des Ödipuskomplexes muß die Objekt- 
besetzung der Mutter aufgegeben werden. An ihre Stelle kann 
zweierlei treten, entweder eine Identifizierung mit der Mutter 
oder eine Verstärkung der Vateridentifizierung. Den letzteren 
Ausgang pflegen wir als den normaleren anzusehen, er gestattet 
es, die zärtliche Beziehung zur Mutter in gewissem Maße fest- 
zuhalten. Durch den Untergang des Ödipuskomplexes hätte so 
die Männlichkeit im Charakter des Knaben eine Festigung 
erfahren. In ganz analoger Weise kann die Ödipuseinstellung des 
kleinen Mädchens in eine Verstärkung ihrer Mutteridentifizierung 
(oder in die Herstellung einer solchen) auslaufen, die den weiblichen 
Charakter des Kindes festlegt. 



i) Vgl. Massenpsychologie und Ich-Analyse, VII. 






Das Ich und das Über- Ich (Ichideal) 377 

Diese Identifizierungen entsprechen nicht unserer Erwartung, 
denn sie führen nicht das aufgegebene Objekt ins Ich ein, aber 
auch dieser Ausgang kommt vor und ist bei Mädchen leichter 
zu beobachten als bei Knaben. Man erfährt sehr häufig aus der 
Analyse, daß das kleine Mädchen, nachdem es auf den Vater 
als Liebesobjekt verzichten mußte, nun seine Männlichkeit her- 
vorholt und sich anstatt mit der Mutter, mit dem Vater, also 
mit dem verlorenen Objekt, identifiziert. Es kommt dabei offen- 
bar darauf an, ob ihre männlichen Anlagen stark genug sind 
— worin immer diese bestehen mögen. 

Der Ausgang der Ödipussituation in Vater- oder in Mutter- 
identifizierung scheint also bei beiden Geschlechtern von der 
relativen Stärke der beiden Geschlechtsanlagen abzuhängen. Dies 
ist die eine Art, wie sich die Bisexualität in die Schicksale des 
Ödipuskomplexes einmengt. Die andere ist noch bedeutsamer. 
Man gewinnt nämlich den Eindruck, daß der einfache Ödipus- 
komplex überhaupt nicht das häufigste ist, sondern einer Verein- 
fachung oder Schematisierung entspricht, die allerdings oft genug 
praktisch gerechtfertigt bleibt. Eingehendere Untersuchung deckt 
zumeist den vollständigeren Ödipuskomplex auf, der ein 
zweifacher ist, ein positiver und ein negativer, abhängig von der 
ursprünglichen Bisexualität des Kindes, d. h. der Knabe hat 
nicht nur eine ambivalente Einstellung zum Vater und eine 
zärtliche Objektwahl für die Mutter, sondern er benimmt sich 
auch gleichzeitig wie ein Mädchen, er zeigt die zärtliche femi- 
nine Einstellung zum Vater und die ihr entsprechende eifer- 
süchtig-feindselige gegen die Mutter. Dieses Eingreifen der 
Bisexualität macht es so schwer, die Verhältnisse der primitiven 
Objektwahlen und Identifizierungen zu durchschauen und noch 
schwieriger, sie faßlich zu beschreiben. Es könnte auch sein, daß die im 
Eltern Verhältnis konstatierte Ambivalenz durchaus auf die Bisexualität 
zu beziehen wäre und nicht, wie ich es vorhin dargestellt, durch 
die Rivalitätseinstellung aus der Identifizierung entwickelt würde. 



378 Das Ich und. das Es 



Ich meine, man tut gut daran, im allgemeinen und ganz 
besonders bei Neurotikern die Existenz des vollständigen Ödipus- 
komplexes anzunehmen. Die analytische Erfahrung zeigt dann, 
daß bei einer Anzahl von Fällen der eine oder der andere 
Bestandteil desselben bis auf kaum merkliche Spuren schwindet, 
so daß sich eine Reihe ergibt, an deren einem Ende der nor- 
male, positive, an deren anderem Ende der umgekehrte, negative 
Ödipuskomplex steht, während die Mittelglieder die vollständige 
Form mit ungleicher Beteiligung der beiden Komponenten auf- 
zeigen. Beim Untergang des Ödipuskomplexes werden die vier 
in ihm enthaltenen Strebungen sich derart zusammenlegen, daß 
aus ihnen eine Vater- und eine Mutteridentifizierung hervorgeht, 
die Vateridentifizierung wird das Mutterobjekt des positiven 
Komplexes festhalten und gleichzeitig das Vaterobjekt des umge- 
kehrten Komplexes ersetzen ; Analoges wird für die Mutteridenti- 
fizierung gelten. In der verschieden starken Ausprägung der 
beiden Identifizierungen wird sich die Ungleichheit der beiden 
geschlechtlichen Anlagen spiegeln. 

So kann man als allgemeinstes Ergebnis der vom 
Ödipuskomplex beherrschten Sexualphase einen 
Niederschlag im Ich annehmen, welcher in der 
Herstellung dieser beiden, irgendwie miteinander 
vereinbarten Identifizierungen besteht. Diese Ich- 
veränderung behält ihre Sonderstellung, sie tritt 
dem anderen Inhalt des Ichs alslchideal oderÜber- 

Ich entgegen. 

Das Über-Ich ist aber nicht einfach ein Residuum der ersten 
Objektwahlen des Es, sondern es hat auch die Bedeutung einer 
energischen Reaktionsbildung gegen dieselben. Seine Beziehung 
zum Ich erschöpft sich nicht in der Mahnung: So (wie der 
Vater) sollst du sein, sie umfaßt auch das Verbot: So (wie der 
Vater) darfst du nicht sein, das heißt nicht alles tun, was er 
tut; manches bleibt ihm vorbehalten. Dies Doppelangesicht des 



Das Ich und das Über- Ich (Ichideal) 37g 

Ichideals leitet sich aus der Tatsache ab, daß das Ichideal zur 
Verdrängung des Ödipuskomplexes bemüht wurde, ja, diesem 
Umschwung erst seine Entstehung dankt. Die Verdrängung des 
Ödipuskomplexes ist offenbar keine leichte Aufgabe gewesen. Da 
die Eltern, besonders der Vater, als das Hindernis gegen die 
Verwirklichung der Ödipuswünsche erkannt werden, stärkte sich 
das infantile Ich für diese Verdrängungsleistung, indem es dies 
selbe Hindernis in sich aufrichtete. Es lieh sich gewissermaßen 
die Kraft dazu vom Vater aus und diese Anleihe ist ein außer- 
ordentlich folgenschwerer Akt. Das Über-Ich wird den Charakter 
des Vaters bewahren und je stärker der Ödipuskomplex war, je 
beschleunigter (unter dem Einfluß von Autorität, Religionslehre, 
Unterricht, Lektüre) seine Verdrängung erfolgte, desto strenger 
wird später das Über-Ich als Gewissen, vielleicht als unbewußtes 
Schuldgefühl über das Ich herrschen. — Woher es die Kraft 
zu dieser Herrschaft bezieht, den zwangsartigen Charakter, der 
sich als kategorischer Imperativ äußert, darüber werde ich später 
eine Vermutung vorbringen. 

Fassen wir die beschriebene Entstehung des Über-Ichs noch- 
mals ins Auge, so erkennen wir es als das Ergebnis zweier 
höchst bedeutsamer biologischer Faktoren, der langen kindlichen 
Hilflosigkeit und Abhängigkeit des Menschen und der Tatsache 
seines Ödipuskomplexes, den wir ja auf die Unterbrechung der 
Libidoentwicklung durch die Latenzzeit, somit auf den zwei- 
zeitigen Ansatz seines Sexuallebens zurückgeführt haben. 
Letztere, wie es scheint, spezifisch menschliche Eigentümlichkeit 
hat eine psychoanalytische Hypothese als Erbteil der durch die 
Eiszeit erzwungenen Entwicklung zur Kultur hingestellt. Somit 
ist die Sonderung des Über-Ichs vom Ich nichts Zufälliges, sie 
vertritt die bedeutsamsten Züge der individuellen und der Art- 
entwicklung, ja, indem sie dem Elterneinfluß einen dauernden 
Ausdruck schafft, verewigt sie die Existenz der Momente, denen 
sie ihren Ursprung verdankt. 



580 Das Ich und das Es 



Es ist der Psychoanalyse unzählige Male zum Vorwurf gemacht 
worden, daß sie sich um das Höhere, Moralische, Überpersön- 
liche im Menschen nicht kümmere. Der Vorwurf war doppelt 
ungerecht, historisch wie methodisch. Ersteres, da von Anbeginn 
an den moralischen und ästhetischen Tendenzen im Ich der 
Antrieb zur Verdrängung zugeteilt wurde, letzteres, da man nicht 
einsehen wollte, daß die psychoanalytische Forschung nicht wie 
ein philosophisches System mit einem vollständigen und fertigen 
Lehrgebäude auftreten konnte, sondern sich den Weg zum Ver- 
ständnis der seelischen Komplikationen schrittweise durch die 
analytische Zergliederung normaler wie abnormer Phänomene 
bahnen mußte. Wir brauchten die zitternde Besorgnis um den 
Verbleib des Höheren im Menschen nicht zu teilen, solange wir 
uns mit dem Studium des Verdrängten im Seelenleben zu 
beschäftigen hatten. Nun, da wir uns an die Analyse des Ichs 
heranwagen, können wir all denen, welche, in ihrem sittlichen 
Bewußtsein erschüttert, geklagt haben, es muß doch ein höheres 
Wesen im Menschen geben, antworten : Gewiß, und dies ist das 
höhere Wesen, das Ichideal oder Über-Ich, die Repräsentanz unserer 
Elternbeziehung. Als kleine Kinder haben wir diese höheren Wesen 
gekannt, bewundert, gefürchtet, später sie in uns selbst aufgenommen. 

Das Ichideal ist also der Erbe des Ödipuskomplexes und somit 
Ausdruck der mächtigsten Regungen und wichtigsten Libido- 
schicksale des Es. Durch seine Aufrichtung hat sich das Ich des 
Ödipuskomplexes bemächtigt und gleichzeitig sich selbst dem Es 
unterworfen. Während das Ich wesentlich Repräsentant der 
Außenwelt, der Realität ist, tritt ihm das Über-Ich als Anwalt 
der Innenwelt, des Es, gegenüber. Konflikte zwischen Ich und 
Ideal werden, darauf sind wir nun vorbereitet, in letzter Linie 
den Gegensatz von Real und Psychisch, Außenwelt und Innen- 
welt, widerspiegeln. 

Was die Biologie und die Schicksale der Menschenart im Es 
geschaffen und hinterlassen haben, das wird durch die Ideal- 



Das Ich und das Über- Ich (Ichideal) 381 

bildung vom Ich übernommen und an ihm individuell wieder 
erlebt. Das Ichideal hat infolge seiner Bildungsgeschichte die aus- 
giebigste Verknüpfung mit dem phylogenetischen Erwerb, der 
archaischen Erbschaft, des Einzelnen. Was im einzelnen Seelen- 
leben dem Tiefsten angehört hat, wird durch die Idealbildung 
zum Höchsten der Menschenseele im Sinne unserer Wertungen. 
Es wäre aber ein vergebliches Bemühen, das Ichideal auch nur 
in ähnlicher Weise wie das Ich zu lokalisieren oder es in 
eines der Gleichnisse einzupassen, durch welche wir die Beziehung 
von Ich und Es nachzubilden versuchten. 

Es ist leicht zu zeigen, daß das Ichideal allen Ansprüchen 
genügt, die an das höhere Wesen im Menschen gestellt werden. 
Als Ersatzbildung für die Vatersehnsucht enthält es den Keim, 
aus dem sich alle Religionen gebildet haben. Das Urteil der 
eigenen Unzulänglichkeit im Vergleich des Ichs mit seinem Ideal 
ergibt das demütige religiöse Empfinden, auf das sich der sehn- 
süchtig Gläubige beruft. Im weiteren Verlauf der Entwicklung 
haben Lehrer und Autoritäten die Vaterrolle fortgeführt 5 deren 
Gebote und Verbote sind im Ideal-Ich mächtig geblieben und 
üben jetzt als Gewissen die moralische Zensur aus. Die 
Spannung zwischen den Ansprüchen des Gewissens und den 
Leistungen des Ichs wird als Schuldgefühl empfunden. Die 
sozialen Gefühle ruhen auf Identifizierungen mit anderen auf 
Grund des gleichen Ichideals. 

Religion, Moral und soziales Empfinden — diese Hauptinhalte 
des Höheren im Menschen' — sind ursprünglich eins gewesen. 
Nach der Hypothese von „Totem und Tabu" wurden sie 
phylogenetisch am Vaterkomplex erworben, Religion und sittliche 
Beschränkung durch die Bewältigung des eigentlichen Ödipus- 
komplexes, die sozialen Gefühle durch die Nötigung zur Über- 
windung der erübrigenden Rivalität unter den Mitgliedern der 



1) Wissenschaft und Kunst sind hier bei Seite gelassen. 



^82 Das Ich und das Es 



jungen Generation. In all diesen sittlichen Erwerbungen scheint 
das Geschlecht der Männer vorangegangen zu sein, gekreuzte 
Vererbung hat den Besitz auch den Frauen zugeführt. Die sozialen 
Gefühle entstehen noch heute beim Einzelnen als Überbau über 
die eifersüchtigen Rivalitätsregungen gegen die Geschwister. Da 
die Feindseligkeit nicht zu befriedigen ist, stellt sich eine Identi- 
fizierung mit dem anfänglichen Rivalen her. Beobachtungen an 
milden Homosexuellen stützen die Vermutung, daß auch diese 
Identifizierung Ersatz einer zärtlichen Objektwahl ist, welche die 
aggressiv-feindselige Einstellung abgelöst hat. 1 

Mit der Erwähnung der Phylogenese tauchen aber neue 
Probleme auf, vor deren Beantwortung man zaghaft zurück- 
weichen möchte. Aber es hilft wohl nichts, man muß den 
Versuch wagen, auch wenn man fürchtet, daß er die Unzuläng- 
lichkeit unserer ganzen Bemühung bloßstellen wird. Die Frage 
lautet: Wer hat seinerzeit Religion und Sittlichkeit am Vater- 
komplex erworben, das Ich des Primitiven oder sein Es? Wenn 
es das Ich war, warum sprechen wir nicht einfach von einer 
Vererbung im Ich? Wenn das Es, wie stimmt das zum Charakter 
des Es? Oder darf man die Differenzierung in Ich, Über-Ich und 
Es nicht in so frühe Zeiten tragen ? Oder soll man nicht ehrlich 
eingestehen, daß die ganze Auffassung der Ich Vorgänge nichts 
fürs Verständnis der Phylogenese leistet und auf sie nicht 
anwendbar ist? 

Beantworten wir zuerst, was sich am leichtesten beantworten 
läßt. Die Differenzierung von Ich und Es müssen wir nicht nur 
den primitiven Menschen, sondern noch viel einfacheren Lebe- 
wesen zuerkennen, da sie der notwendige Ausdruck des Einflusses 
der Außenwelt ist. Das Über-Ich ließen wir gerade aus jenen 
Erlebnissen, die zum Totemismus führten, entstehen. Die Frage, 

l) Vgl. Massenpsychologie und Ich-Analyse [Ges. Schriften, Bd. VI]. — Über einige 
neurotische Mechanismen bei Eifersucht, Paranoia und Homosexualität [Ges. Schriften, 
Bd. V]. 



Das Ich und das Über- Ich (Ichideal) 383 

ob das Ich oder das Es jene Erfahrungen und Erwerbungen 
gemacht haben, fällt bald in sich zusammen. Die nächste Erwägung 
sagt uns, daß das Es kein äußeres Schicksal erleben oder erfahren 
kann außer durch das Ich, welches die Außenwelt bei ihm 
vertritt. Von einer direkten Vererbung im Ich kann man aber 
doch nicht reden. Hier tut sich die Kluft auf zwischen dem 
realen Individuum und dem Begriff der Art. Auch darf man den 
Unterschied von Ich und Es nicht zu starr nehmen, nicht 
vergessen, daß das Ich ein besonders differenzierter Anteil des Es 
ist. Die Erlebnisse des Ichs scheinen zunächst für die Erbschaft 
verloren zu gehen, wenn sie sich aber häufig und stark genug 
bei vielen generationsweise aufeinanderfolgenden Individuen wieder- 
holen, setzen sie sich sozusagen in Erlebnisse des Es um, deren 
Eindrücke durch Vererbung festgehalten werden. Somit beherbergt 
das erbliche Es in sich die Reste ungezählt vieler Ich-Existenzen, 
und wenn das Ich sein Über-Ich aus dem Es schöpft, bringt es 
vielleicht nur ältere Ichgestaltungen wieder zum Vorschein, schafft 
ihnen eine Auferstehung. 

Die Entstehungsgeschichte des Über-Ichs macht es verständlich, 
daß frühe Konflikte des Ichs mit den Objektbesetzungen des Es 
sich in Konflikte mit deren Erben, dem Über-Ich, fortsetzen 
können. Wenn dem Ich die Bewältigung des Ödipuskomplexes 
schlecht gelungen ist, wird dessen dem Es entstammende Energie- 
besetzung in der Reaktionsbildung des Ichideals wieder zur 
Wirkung kommen. Die ausgiebige Kommunikation dieses Ideals 
mit diesen ubw Triebregungen wird das Rätsel lösen, daß das 
Ideal selbst zum großen Teil unbewußt, dem Ich unzugänglich 
bleiben kann. Der Kampf, der in tieferen Schichten getobt hatte, 
durch rasche Sublimierung und Identifizierung nicht zum 
Abschluß gekommen war, setzt sich nun wie auf dem Kaul- 
bach sehen Gemälde der Hunnenschlacht in einer höheren 
Region fort. 






IV 
DIE BEIDEN TRIEBARTEN 

Wir sagten bereits, wenn unsere Gliederung des seelischen 
Wesens in ein Es, ein Ich und ein Über-Ich einen Fortschritt in 
unserer Einsicht bedeutet, so muß sie sich auch als Mittel zum 
tieferen Verständnis und zur besseren Beschreibung der dynamischen 
Beziehungen im Seelenleben erweisen. Wir haben uns auch 
bereits klar gemacht, daß das Ich unter dem besonderen Einfluß 
der Wahrnehmung steht und daß man im Rohen sagen kann, 
die Wahrnehmungen haben für das Ich dieselbe Bedeutung wie 
die Triebe für das Es. Dabei unterliegt aber auch das Ich der 
Einwirkung der Triebe wie das Es, von dem es ja nur ein 
besonders modifizierter Anteil ist. 

Über die Triebe habe ich kürzlich (Jenseits des Lustprinzips) eine 
Anschauung entwickelt, die ich hier festhalten und den weiteren 
Erörterungen zugrunde legen werde. Daß man zwei Triebarten zu 
unterscheiden hat, von denen die eine, Sexualtriebe oder Eros, 
die bei weitem auffälligere und der Kenntnis zugänglichere ist. Sie 
umfaßt nicht nur den eigentlichen ungehemmten Sexualtrieb und 
die von ihm abgeleiteten zielgehemmten und sublimierten Trieb- 
regungen, sondern auch den Selbsterhaltungstrieb, den wir dem Ich 
zuschreiben müssen und den wir zu Anfang der analytischen Arbeit 
mit guten Gründen den sexuellen Objekttrieben gegenübergestellt 
hatten. Die zweite Triebart aufzuzeigen, bereitete uns Schwierig- 
keiten; endlich kamen wir darauf, den Sadismus als Repräsen- 
tanten derselben anzusehen. Auf Grund theoretischer, durch die 



Die beiden Triebarten 585 



Biologie gestützter Überlegungen supponierten wir einen Todes- 
trieb, dem die Aufgabe gestellt ist, das organische Lebende in 
den leblosen Zustand zurückzuführen, während der Eros das Ziel 
verfolgt, das Leben durch immer weitergreifende Zusammen- 
fassung der in Partikel zersprengten lebenden Substanz zu kompli- 
zieren, natürlich es dabei zu erhalten. Beide Triebe benehmen 
sich dabei im strengsten Sinne konservativ, indem sie die Wieder- 
herstellung eines durch die Entstehung des Lebens gestörten 
Zustandes anstreben. Die Entstehung des Lebens wäre also die 
Ursache des Weiterlebens und gleichzeitig auch des Strebens nach 
dem Tode, das Leben selbst ein Kampf und Kompromiß zwischen 
diesen beiden Strebungen. Die Frage nach der Herkunft des 
Lebens bliebe eine kosmologische, die nach Zweck und Absicht 
des Lebens wäre dualistisch beantwortet. 

Jeder dieser beiden Triebarten wäre ein besonderer physio- 
logischer Prozeß (Aufbau und Zerfall) zugeordnet, in jedem Stück 
lebender Substanz wären beiderlei Triebe tätig, aber doch in 
ungleicher Mischung, so daß eine Substanz die Hauptvertretung 
des Eros übernehmen könnte. 

In welcher Weise sich Triebe der beiden Arten miteinander 
verbinden, vermischen, legieren, wäre noch ganz unvorstellbar; 
daß dies aber regelmäßig und in großem Ausmaß geschieht, ist 
eine in unserem Zusammenhang unabweisbare Annahme. Infolge 
der Verbindung der einzelligen Elementarorganismen zu mehr- 
zelligen Lebewesen wäre es gelungen, den Todestrieb der Einzel- 
zelle zu neutralisieren und die destruktiven Regungen durch 
Vermittlung eines besonderen Organs auf die Außenwelt abzuleiten. 
Dies Organ wäre die Muskulatur und der Todestrieb würde sich 
nun — wahrscheinlich doch nur teilweise — als Destruktions- 
trieb gegen die Außenwelt und andere Lebewesen äußern. 

Haben wir einmal die Vorstellung von einer Mischung der 
beiden Triebarten angenommen, so drängt sich uns auch die 
Möglichkeit einer — mehr oder minder vollständigen — Ent- 
Freud, vi. 25 



386 Das Ich und das Es 



m i s c h u n g derselben auf. In der sadistischen Komponente des 
Sexualtriebes hätten wir ein klassisches Beispiel einer zweck- 
dienlichen Triebmischung vor uns, im selbständig gewordenen 
Sadismus als Perversion das Vorbild einer, allerdings nicht 
bis zum äußersten getriebenen Entmischung. Es eröffnet sich uns 
dann ein Einblick in ein großes Gebiet von Tatsachen, welches 
noch nicht in diesem Licht betrachtet worden ist. Wir erkennen, 
daß der Destruktionstrieb regelmäßig zu Zwecken der 
Abfuhr in den Dienst des Eros gestellt ist, ahnen, daß der 
epileptische Anfall Produkt und Anzeichen einer Triebentmischung 
ist, und lernen verstehen, daß unter den Erfolgen mancher 
schweren Neurosen, zum Beispiel der Zwangsneurosen, die Trieb- 
entmischung und das Hervortreten des Todestriebes eine beson- 
dere Würdigung verdient. In rascher Verallgemeinerung möchten 
wir vermuten, daß das Wesen einer Libidoregression, zum Bei- 
spiel von der genitalen zur sadistisch-analen Phase, auf einer 
Triebentmischung beruht, wie umgekehrt der Fortschritt von 
der früheren zur definitiven Genitalphase einen Zuschuß von 
erotischen Komponenten zur Bedingung hat. Es erhebt sich auch 
die Frage, ob nicht die reguläre Ambivalenz, die wir in der 
konstitutionellen Anlage zur Neurose so oft verstärkt finden, als 
Ergebnis einer Entmischung aufgefaßt werden darf; allein diese 
ist so ursprünglich, daß sie vielmehr als nicht vollzogene Trieb- 
mischung gelten muß. 

Unser Interesse wird sich natürlich den Fragen zuwenden, ob 
sich nicht aufschlußreiche Beziehungen zwischen den angenommenen 
Bildungen des Ichs, Über-Ichs und des Es einerseits, den beiden 
Triebarten anderseits auffinden lassen, ferner, ob wir dem die 
seelischen Vorgänge beherrschenden Lustprinzip eine feste Stellung 
zu den beiden Triebarten und den seelischen Differenzierungen 
zuweisen können. Ehe wir aber in diese Diskussion eintreten, 
haben wir einen Zweifel zu erledigen, der sich gegen die 
Problemstellung selbst richtet. Am Lustprinzip ist zwar kein 



Die beiden Triebarten ,3,, 



Zweifel, die Gliederung des Ichs ruht auf klinischer Recht- 
fertigung, aber die Unterscheidung der beiden Triebarten scheint 
nicht genug gesichert und möglicherweise heben Tatsachen der 
klinischen Analyse ihren Anspruch auf. 

Eine solche Tatsache scheint es zu geben. Für den Gegensatz 
der beiden Triebarten dürfen wir die Polarität von Liebe und 
Haß einsetzen. Um eine Repräsentanz des Eros sind wir ja nicht 
verlegen, dagegen sehr zufrieden, daß wir für den schwer zu 
fassenden Todestrieb im Destruktionstrieb, dem der Haß den 
Weg zeigt, einen Vertreter aufzeigen können. Nun lehrt uns die 
klinische Beobachtung, daß der Haß nicht nur der unerwartet 
regelmäßige Begleiter der Liebe ist (Ambivalenz), nicht nur 
häufig ihr Vorläufer in menschlichen Beziehungen, sondern auch, 
daß Haß sich unter mancherlei Verhältnissen in Liebe und 
Liebe in Haß verwandelt. Wenn diese Verwandlung mehr ist 
als bloß zeitliche Sukzession, also Ablösung, dann ist offenbar 
einer so grundlegenden Unterscheidung wie zwischen erotischen 
und Todestrieben, die entgegengesetzt laufende physiologische 
Vorgänge voraussetzt, der Boden entzogen. 

Nun der Fall, daß man dieselbe Person zuerst liebt und dann 
haßt, oder umgekehrt, wenn sie einem die Anlässe dazu gegeben 
hat, gehört offenbar nicht zu unserem Problem. Auch nicht der 
andere, daß eine noch nicht manifeste Verliebtheit sich zuerst 
durch Feindseligkeit und Aggressionsneigung äußert, denn die 
destruktive Komponente könnte da bei der Objektbesetzung voran- 
geeilt sein, bis die erotische sich zu ihr gesellt. Aber wir 
kennen mehrere Fälle aus der Psychologie der Neurosen, in denen 
die Annahme einer Verwandlung näher liegt. Bei der Paranoia 
persecutoria erwehrt sich der Kranke einer überstarken homo- 
sexuellen Bindung an eine bestimmte Person auf eine gewisse 
Weise, und das Ergebnis ist, daß diese geliebteste Person zum 
Verfolger wird, gegen den sich die oft gefährliche Aggression 
des Kranken richtet. Wir haben das Recht, einzuschalten, daß 



, 



588 Das Ich und das Es 



eine Phase vorher die Liebe in Haß umgewandelt hatte. Bei 
der Entstehung der Homosexualität, aber auch der desexualisierten 
sozialen Gefühle, lehrte uns die analytische Untersuchung erst 
neuerdings die Existenz von heftigen, zu Aggressionsneigung 
führenden Gefühlen der Rivalität kennen, nach deren Über- 
windung erst das früher gehaßte Objekt zum geliebten oder zum 
Gegenstand einer Identifizierung wird. Die Frage erhebt sich, 
ob für diese Fälle eine direkte Umsetzung von Haß in Liebe 
anzunehmen ist. Hier handelt es sich ja um rein innerliche 
Änderungen, an denen ein geändertes Benehmen des Objekts 
keinen Anteil hat. 

Die analytische Untersuchung des Vorganges bei der paranoischen 
Umwandlung macht uns aber mit der Möglichkeit eines anderen 
Mechanismus vertraut. Es ist von Anfang an eine ambivalente 
Einstellung vorhanden und die Verwandlung geschieht durch 
eine reaktive Besetzungsverschiebung, indem der erotischen 
Regung Energie entzogen und der feindseligen Energie zugeführt 

wird. 

Nicht das nämliche, aber ähnliches geschieht bei der Über- 
windung der feindseligen Rivalität, die zur Homosexualität führt. 
Die feindselige Einstellung hat keine Aussicht auf Befriedigung, 
daher — aus ökonomischen Motiven also — wird sie von der 
Liebeseinstellung abgelöst, welche mehr Aussicht auf Befriedigung, 
das ist Abfuhrmöglichkeit, bietet. Somit brauchen wir für keinen 
dieser Fälle eine direkte Verwandlung von Haß in Liebe, die 
mit der qualitativen Verschiedenheit der beiden Triebarten unver- 
träglich wäre, anzunehmen. 

Wir bemerken aber, daß wir bei der Inanspruchnahme dieses 
anderen Mechanismus der Umwandlung von Liebe in Haß still- 
schweigend eine andere Annahme gemacht haben, die laut zu 
werden verdient. Wir haben so geschaltet, als gäbe es im Seelen- 
leben — unentschieden, ob im Ich oder im Es — eine ver- 
schiebbare Energie, die, an sich indifferent, zu einer qualitativ 



Die beiden Triebarten 380 

differenzierten erotischen oder destruktiven Regung hinzutreten 
und deren Gesamtbesetzung erhöhen kann. Ohne die Annahme 
einer solchen verschiebbaren Energie kommen wir überhaupt 
nicht aus. Es fragt sich nur, woher sie stammt, wem sie zugehört 
und was sie bedeutet. 

Das Problem der Qualität der Triebregungen und deren 
Erhaltung bei den verschiedenen Triebschicksalen ist noch sehr 
dunkel und derzeit kaum in Angriff genommen. An den sexuellen 
Partialtrieben, die der Beobachtung besonders gut zugänglich sind, 
kann man einige Vorgänge, die in denselben Rahmen gehören, 
feststellen, zum Beispiel daß die Partialtriebe gewissermaßen 
miteinander kommunizieren, daß ein Trieb aus einer besonderen 
erogenen Quelle seine Intensität zur Verstärkung eines Partial- 
triebes aus anderer Quelle abgeben kann, daß die Befriedigung 
des einen Triebes einem anderen die Befriedigung ersetzt und 
dergleichen mehr, was einem Mut machen muß, Annahmen 
gewisser Art zu wagen. 

Ich habe auch in der vorliegenden Diskussion nur eine Annahme, 
nicht einen Beweis zu bieten. Es erscheint plausibel, daß diese 
wohl im Ich und im Es tätige, verschiebbare und indifferente 
Energie dem narzißtischen Libidovorrat entstammt, also desexuali- 
sierter Eros ist. Die erotischen Triebe erscheinen uns ja über- 
haupt plastischer, ablenkbarer und verschiebbarer als die Destruktions- 
triebe. Dann kann man ohne Zwang fortsetzen, daß diese ver- 
schiebbare Libido im Dienst des Lustprinzips arbeitet, um 
Stauungen zu vermeiden und Abfuhren zu erleichtern. Dabei ist 
eine gewisse Gleichgültigkeit, auf welchem Wege die Abfuhr 
geschieht, wenn sie nur überhaupt geschieht, unverkennbar. Wir 
kennen diesen Zug als charakteristisch für die Besetzungsvorgänge 
im Es. Er findet sich bei den erotischen Besetzungen, wobei 
eine besondere Gleichgültigkeit in Bezug auf das Objekt ent- 
wickelt wird, ganz besonders bei den Übertragungen in der 
Analyse, die vollzogen werden müssen, gleichgültig auf welche 



59° Das Ich und das Es 



Personen. Rank hat kürzlich schöne Beispiele dafür gebracht, 
daß neurotische Racheaktionen gegen die unrichtigen Personen 
gerichtet werden. Man muß bei diesem Verhalten des Unbewußten 
an die komisch verwertete Anekdote denken, daß einer der drei 
Dorfschneider gehängt werden soll, weil der einzige Dorfschmied 
ein todwürdiges Verbrechen begangen hat. Strafe muß eben sein, 
auch wenn sie nicht den Schuldigen trifft. Die nämliche Locker- 
heit haben wir zuerst an den Verschiebungen des Primär- 
vorganges in der Traumarbeit bemerkt. Wie hier die Objekte, 
so wären es in dem uns beschäftigenden Falle die Wege der 
Abfuhraktion, die erst in zweiter Linie in Betracht kommen. 
Dem Ich würde es ähnlich sehen, auf größerer Exaktheit in der 
Auswahl des Objekts, wie des Weges der Abfuhr zu bestehen. 

Wenn diese Verschiebungsenergie desexualisierte Libido ist, so 
darf sie auch sublimiert heißen, denn sie würde noch immer 
an der Hauptabsicht des Eros, zu vereinigen und zu binden, 
festhalten, indem sie zur Herstellung jener Einheitlichkeit dient, 
durch die — oder durch das Streben nach welcher — das Ich 
sich auszeichnet. Schließen wir die Denkvorgänge im weiteren 
Sinne unter diese Verschiebungen ein, so wird eben auch die 
Denkarbeit durch Sublimierung erotischer Triebkraft bestritten. 

Hier stehen wir wieder vor der früher berührten Möglichkeit, 
daß die Sublimierung regelmäßig durch die Vermittlung des 
Ichs vor sich geht. Wir erinnern den anderen Fall, daß dies Ich 
die ersten und gewiß auch spätere Objektbesetzungen des Es 
dadurch erledigt, daß es deren Libido ins Ich aufnimmt und an 
die durch Identifizierung hergestellte Ichveränderung bindet. Mit 
dieser Umsetzung in Ichlibido ist natürlich ein Aufgeben der 
Sexualziele, eine Desexualisierung, verbunden. Jedenfalls erhalten 
wir so Einsicht in eine wichtige Leistung des Ichs in seinem 
Verhältnis zum Eros. Indem es sich in solcher Weise der Libido 
der Objektbesetzungen bemächtigt, sich zum alleinigen Liebes- 
objekt aufwirft, die Libido des Es desexualisiert oder sublimiert, 



Die beiden Triebarten ggi 



arbeitet es den Absichten des Eros entgegen, stellt sich in den 
Dienst der gegnerischen Triebregungen. Einen anderen Anteil 
der Es-Objektbesetzungen muß es sich gefallen lassen, sozusagen 
mitmachen. Auf eine andere mögliche Folge dieser Ichtätigkeit 
werden wir später zu sprechen kommen. 

An der Lehre vom Narzißmus wäre nun eine wichtige Aus- 
gestaltung vorzunehmen. Zu Uranfang ist alle Libido im Es 
angehäuft, während das Ich noch in der Bildung begriffen oder 
schwächlich ist. Das Es sendet einen Teil dieser Libido auf 
erotische Objektbesetzungen aus, worauf das erstarkte Ich sich 
dieser Objektlibido zu bemächtigen und sich dem Es als Liebes- 
objekt aufzudrängen sucht. Der Narzißmus des Ichs ist so ein 
sekundärer, den Objekten entzogener. 

Immer wieder machen wir die Erfahrung, daß die Trieb- 
regungen, die wir verfolgen können, sich als Abkömmlinge des 
Eros enthüllen. Wären nicht die im „Jenseits des Lustprinzips" 
angestellten Erwägungen und endlich die sadistischen Beiträge 
zum Eros, so hätten wir es schwer, an der dualistischen Grund- 
anschauung festzuhalten. Da wir aber dazu genötigt sind, müssen 
wir den Eindruck gewinnen, daß die Todestriebe im wesentlichen 
stumm sind und der Lärm des Lebens meist vom Eros ausgeht. 1 

Und vom Kampf gegen den Eros! Es ist die Anschauung 
nicht abzuweisen, daß das Lustprinzip dem Es als ein Kompaß 
im Kampf gegen die Libido dient, die Störungen in den Lebens- 
ablauf einführt. Wenn das Konstanz- Prinzip im Sinne Fechners 
das Leben beherrscht, welches also dann ein Gleiten in den Tod 
sein sollte, so sind es die Ansprüche des Eros, der Sexualtriebe, 
welche als Triebbedürfnisse das Herabsinken des Niveaus auf- 
halten und neue Spannungen einführen. Das Es erwehrt sich 
ihrer, vom Lustprinzip, das heißt der Unlustwahrnehmung 
geleitet, auf verschiedenen Wegen. Zunächst durch möglichst 

i) Nach unserer Auffassung sind ja die nacli außen gerichteten Destruktions- 
triebe durch Vermittlung des Eros vom eigenen Selbst abgelenkt worden. 



3g2 Das Ich und das Es 



beschleunigte Nachgiebigkeit gegen die Forderungen der nicht 
desexualisierten Libido, also durch Ringen nach Befriedigung der 
direkt sexuellen Strebungen. In weit ausgiebigerer Weise, indem 
es sich bei einer dieser Befriedigungen, in der alle Teilansprüche 
zusammentreffen, der sexuellen Substanzen entledigt, welche 
sozusagen gesättigte Träger der erotischen Spannungen sind. Die 
Abstoßung der Sexualstoffe im Sexualakt entspricht gewisser- 
maßen der Trennung von Soma und Keimplasma. Daher die 
Ähnlichkeit des Zustandes nach der vollen Sexualbefriedigung 
mit dem Sterben, bei niederen Tieren das Zusammenfallen des 
Todes mit dem Zeugungsakt. Diese Wesen sterben an der Fort- 
pflanzung, insoferne nach der Ausschaltung des Eros durch die 
Befriedigung der Todestrieb freie Hand bekommt, seine Absichten 
durchzusetzen. Endlich erleichtert, wie wir gehört haben, das 
Ich dem Es die Bewälügungsarbeit, indem es Anteile der Libido 
für sich und seine Zwecke sublimiert. 






V 
DIE ABHÄNGIGKEITEN DES ICHS 

Die Verschlungenheit des Stoffes mag entschuldigen, daß sich 
keine der Überschriften ganz mit dem Inhalt der Kapitel deckt, 
und daß wir immer wieder auf bereits Erledigtes zurückgreifen, 
wenn wir neue Beziehungen studieren wollen. 

So haben wir wiederholt gesagt, daß das Ich sich zum guten 
Teil aus Identifizierungen bildet, welche aufgelassene Besetzungen 
des Es ablösen, daß die ersten dieser Identifizierungen sich regel- 
mäßig als besondere Instanz im Ich gebärden, sich als Über-Ich 
dem Ich entgegenstellen, während das erstarkte Ich sich später- 
hin gegen solche Identifizierungseinflüsse resistenter verhalten 
mag. Das Über-Ich verdankt seine besondere Stellung im Ich 
oder zum Ich einem Moment, das von zwei Seiten her ein- 
geschätzt werden soll, erstens, daß es die erste Identifizierung ist, 
die vorfiel, solange das Ich noch schwach war, und zweitens, daß 
es der Erbe des Ödipuskomplexes ist, also die großartigsten 
Objekte ins Ich einführte. Es verhält sich gewissermaßen zu den 
späteren Ichveränderungen wie die primäre Sexualphase der Kind- 
heit zum späteren Sexualleben nach der Pubertät. Obwohl allen 
späteren Einflüssen zugänglich, behält es doch zeitlebens den 
Charakter, der ihm durch seinen Ursprung aus dem Vater- 
komplex verliehen ist, nämlich die Fähigkeit, sich dem Ich ent- 
gegenzustellen und es zu meistern. Es ist das Denkmal der 
einstigen Schwäche und Abhängigkeit des Ichs und setzt seine 
Herrschaft auch über das reife Ich fort. Wie das Kind unter 



394 



Das Ich und das Es 






^ 






dem Zwange stand, seinen Eltern zu gehorchen, so unterwirft 
sich das Ich dem kategorischen Imperativ seines Über-Ichs. 

Die Abkunft von den ersten Objektbesetzungen des Es, also 
vom Ödipuskomplex, bedeutet aber für das Über-lch noch mehr. 
Sie bringt es, wie wir bereits ausgeführt haben, in Beziehung zu 
den phylogenetischen Erwerbungen des Es und macht es zur 
Reinkarnation früherer Ichbildungen, die ihre Niederschläge im 
Es hinterlassen haben. Somit steht das Über-lch dem Es dauernd 
nahe und kann dem Ich gegenüber dessen Vertretung führen. 
Es taucht tief ins Es ein, ist dafür entfernter vom Bewußtsein 
als das Ich. 1 

Diese Beziehungen würdigen wir am besten, wenn wir uns 
gewissen klinischen Tatsachen zuwenden, die längst keine Neuheit 
sind, aber ihrer theoretischen Verarbeitung noch warten. 

Es gibt Personen, die sich in der analytischen Arbeit ganz 
sonderbar benehmen. "Wenn man ihnen Hoffnung gibt und 
ihnen Zufriedenheit mit dem Stand der Behandlung zeigt, scheinen 
sie unbefriedigt und verschlechtern regelmäßig ihr Befinden. Man 
hält das anfangs für Trotz und Bemühen, dem Arzt ihre Über- 
legenheit zu bezeugen. Später kommt man zu einer tieferen und 
gerechteren Auffassung. Man überzeugt sich nicht nur, daß diese 
Personen kein Lob und keine Anerkennung vertragen, sondern, 
daß sie auf die Fortschritte der Kur in verkehrter Weise 
reagieren. Jede Partiallösung, die eine Besserung oder zeitweiliges 
Aussetzen der Symptome zur Folge haben sollte und bei anderen 
auch hat, ruft bei ihnen eine momentane Verstärkung ihres 
Leidens hervor, sie verschlimmern sich während der Behandlung, 
anstatt sich zu bessern. Sie zeigen die sogenannte negative 
therapeutische Reaktion. 

Kein Zweifel, daß sich bei ihnen etwas der Genesung wider- 
setzt, daß deren Annäherung wie eine Gefahr gefürchtet wird. 

i) Man kann sagen: Auch das psychoanalytische oder metapsychologische Ich 
steht auf dem Kopf wie das anatomische, das Gehirnmäniiclien. 



Die Abhängigkeiten des Ichs ?gs 






Man sagt, bei diesen Personen hat nicht der Genesungswille, 
sondern das Krankheitsbedürfnis die Oberhand. Analysiert man 
diesen Widerstand in gewohnter Weise, zieht die Trotzeinstellung 
gegen den Arzt, die Fixierung an die Formen des Krankheits- 
gewinnes von ihm ab, so bleibt doch das meiste noch bestehen 
und dies erweist sich als das stärkste Hindernis der Wieder- 
herstellung, stärker als die uns bereits bekannten der narzißtischen 
Unzugänglichkeit, der negativen Einstellung gegen den Arzt und 
des Haftens am Krankheitsgewinne. 

Man kommt endlich zur Einsicht, daß es sich um einen I 
sozusagen „moralischen" Faktor handelt, um ein Schuldgefühl, 
welches im Kranksein seine Befriedigung findet und auf die 
Strafe des Leidens nicht verzichten will. An dieser wenig tröst- < [\ H > v 
liehen Aufklärung darf man endgültig festhalten. ^ Aber dies ^ 
Schuldgefühl ist für den Kranken stumm, es sagt ihm nicht, daß 
er schuldig ist, er fühlt sich nicht schuldig, sondern krank. (Dies 
Schuldgefühl äußert sich nur als schwer reduzierbarer Widerstand . 
gegen die Herstellung. Es ist auch besonders schwierig, den Kranken 
von diesem Motiv seines Krankbleibens zu überzeugen, er wird sich 
an die näher liegende Erklärung halten, daß die analytische Kur 
nicht das richtige Mittel ist, ihm zu helfen. 1 

Der Kampf gegen das Hindernis des unbewußten Schuldgefühls wird dem 
Analytiker nicht leicht gemacht. Man kann direkt nichts dagegen tun, indirekt nichts 
anderes, als daß man langsam seine unbewußt verdrängten Begründungen aufdeckt, 
wobei es sich allmählich in bewußtes Schuldgefühl verwandelt. Eine besondere 
Chance der Beeinflussung gewinnt man, wenn dies ubw Schuldgefühl ein entlehntes 
ist, das heißt das Ergebnis der Identifizierung mit einer anderen Person, die einmal 
Objekt einer erotischen Besetzung war. Eine solche Übernahme des Schuldgefühls ist 
oft der einzige, schwer kenntliche Rest der aufgegebenen Liebesbeziehung. Die 
Ähnlichkeit mit dem Vorgang bei Melancholie ist dabei unverkennbar. Kann man 
diese einstige Objektbesetzung hinter dem ubw Schuldgefühl aufdecken, so ist die 
therapeutische Aufgabe oft glänzend gelost, sonst ist der Ausgang der therapeutischen 
Bemühung keineswegs gesichert. Er hängt in erster Linie von der Intensität des 
Schuldgefühls ab, welcher die Therapie oft keine Gegenkraft von gleicher Größen- 
ordnung entgegenstellen kann. Vielleicht auch davon, ob die Person des Analytikers 
es zuläßt, daß sie vom Kranken an die Stelle seines Ichideals gesetzt werde, womit 
die Versuchung verbunden ist, gegen den Kranken die Rolle des Propheten, Seelen- 
retters, Heilands zu spielen. Da die Regeln der Analyse einer solchen Verwendung 



3J)6 Das Ich und das Es 



Was hier beschrieben wurde, entspricht den extremsten Vor- 
kommnissen, dürfte aber in geringerem Ausmaß für sehr viele, 
vielleicht für alle schwereren Fälle von Neurose in Betracht 
kommen. Ja, noch mehr, vielleicht ist es gerade dieser Faktor, 
das Verhalten des Ichideals, der die Schwere einer neurotischen 
Erkrankung maßgebend bestimmt. Wir wollen darum einigen 
weiteren Bemerkungen über die Äußerung des Schuldgefühls 
unter verschiedenen Bedingungen nicht aus dem Wege gehen. 

Das normale, bewußte Schuldgefühl (Gewissen) bietet der 
Deutung keine Schwierigkeiten, es beruht auf der Spannung 
zwischen dem Ich und dem Ichideal, ist der Ausdruck einer 
Verurteilung des Ichs durch seine kritische Instanz. Die bekannten 
Minderwertigkeitsgefühle der Neurotiker dürften nicht weit davon 
abliegen. In zwei uns wohlvertrauten Affektionen ist das Schuld- 
gefühl überstark bewußt; das Ichideal zeigt dann eine besondere 
Strenge und wütet gegen das Ich oft in grausamer Weise. Neben 
dieser Übereinstimmung ergeben sich bei den beiden Zuständen, 
Zwangsneurose und Melancholie, Verschiedenheiten im Verhalten 
des Ichideals, die nicht minder bedeutungsvoll sind. 

Bei der Zwangsneurose (gewissen Formen derselben) ist das 
Schuldgefühl überlaut, kann sich aber vor dem Ich nicht recht- 
fertigen. Das Ich des Kranken sträubt sich daher gegen die Zu- 
mutung, schuldig zu sein, und verlangt vom Arzt, in seiner 
Ablehnung dieser Schuldgefühle bestärkt zu werden. Es wäre 
töricht, ihm nachzugeben, denn es bliebe erfolglos. Die Analyse 
zeigt dann, daß das Über-Ich durch Vorgänge beeinflußt wird, 
welche dem Ich unbekannt geblieben sind. Es lassen sich wirklich 
die verdrängten Impulse auffinden, welche das Schuldgefühl 
begründen. Das Über-Ich hat hier mehr vom unbewußten Es 
gewußt als das Ich. 

der ärztlichen Persönlichkeit entschieden widerstreben, ist ehrlich zuzugeben, daß 
hier eine neue Schranke für die Wirkung der Analyse gegeben ist, die ja die krank- 
haften Reaktionen nicht unmöglich muchen, sondern dorn Ich des Kranken die 
Freiheit schaffen soll, sich so oder anders zu entscheiden. 



Die Abhängigkeiten des Ichs 307 



Noch stärker ist der Eindruck, daß das Über- Ich das Bewußtsein 
an sich gerissen hat, bei der Melancholie. Aber hier wagt das 
Ich keinen Einspruch, es bekennt sich schuldig und unterwirft 
sich den Strafen. Wir verstehen diesen Unterschied. Bei der 
Zwangsneurose handelte es sich um anstößige Regungen, die 
außerhalb des Ichs geblieben sind; bei der Melancholie aber ist 
das Objekt, dem der Zorn des Über-Ichs gilt, durch Identifizierung 
ins Ich aufgenommen Avorden. 

Es ist gewiß nicht selbstverständlich, daß bei diesen beiden 
neurotischen Affektionen das Schuldgefühl eine so außerordent- 
liche Stärke erreicht, aber das Hauptproblem der Situation liegt 
doch an anderer Stelle. Wir schieben seine Erörterung auf, bis 
wir die anderen Fälle behandelt haben, in denen das Schuldgefühl 
unbewußt bleibt. 

Dies ist doch wesentlich bei Hysterie und Zuständen vom 
hysterischen Typus zu finden. Der Mechanismus des Unbewußt- 
bleibens ist hier leicht zu erraten. Das hysterische Ich erwehrt 
sich der peinlichen Wahrnehmung, die ihm von Seiten der 
Kritik seines Über-Ichs droht, in derselben Weise, wie es sich 
sonst einer unerträglichen Objektbesetzung zu erwehren pflegt, 
durch einen Akt der Verdrängung. Es liegt also am Ich, wenn 
das Schuldgefühl unbewußt bleibt. Wir wissen, daß sonst das Ich 
die Verdrängungen im Dienst und Auftrag seines Über-Ichs 
vornimmt; hier ist aber ein Fall, wo es sich derselben Waffe 
gegen seinen gestrengen Herrn bedient. Bei der Zwangsneurose 
überwiegen bekanntlich die Phänomene der Reaktionsbildung; 
hier gelingt dem Ich nur die Fernhaltung des Materials, auf 
welches sich das Schuldgefühl bezieht. 

Man kann weiter gehen und die Voraussetzung wagen, daß 
ein großes Stück des Schuldgefühls normalerweise unbewußt 
sein müsse, weil die Entstehung des Gewissens innig an den 
Ödipuskomplex geknüpft ist, welcher dem Unbewußten angehört. 
Würde jemand den paradoxen Satz vertreten wollen, daß der 



598 Das Ich und das Es 



normale Mensch nicht nur viel unmoralischer ist, als er glaubt, 
sondern auch viel moralischer, als er weiß, so hätte die Psycho- 
analyse, auf deren Befunden die erste Hälfte der Behauptung ruht, 
auch gegen die zweite Hälfte nichts einzuwenden. 1 

Es war eine Überraschung, zu finden, daß eine Steigerung 
dieses ubw Schuldgefühls den Menschen zum Verbrecher machen 
kann. Aber es ist unzweifelhaft so. Es läßt sich bei vielen, 
besonders jugendlichen Verbrechern, ein mächtiges Schuldgefühl 
nachweisen, welches vor der Tat bestand, also nicht deren Folge, 
sondern deren Motiv ist, als ob es als Erleichterung empfunden 
würde, dies unbewußte Schuldgefühl an etwas Reales und Aktuelles 
knüpfen zu können. 

In all diesen Verhältnissen erweist das Über- Ich seine Unab- 
hängigkeit vom bewußten Ich und seine innigen Beziehungen 
zum unbewußten Es. Nun erhebt sich mit Rücksicht auf die 
Bedeutung, die wir den vorbewußten Wortresten im Ich 
zugeschrieben haben, die Frage, ob das Über-Ich, wenn es ubw 
ist, nicht aus solchen Wortvorstellungen, oder aus was sonst es 
besteht. Die bescheidene Antwort wird lauten, daß das Über-Ich 
auch seine Herkunft aus Gehörtem unmöglich verleugnen kann, 
es ist ja ein Teil des Ichs und bleibt von diesen Wortvorstellungen 
(Begriffen, Abstraktionen) her dem Bewußtsein zugänglich, aber 
die Besetzungsenergie wird diesen Inhalten des Über-Ichs nicht 
von der Hörwahrnehmung, dem Unterricht, der Lektüre, sondern 
von den Quellen im Es zugeführt. 

Die Frage, deren Beantwortung wir zurückgestellt hatten, 
lautet: wie geht es zu, daß das Über-Ich sich wesentlich als 
Schuldgefühl (besser: als Kritik; Schuldgefühl ist die dieser 
Kritik entsprechende Wahrnehmung im Ich) äußert und dabei 
eine so außerordentliche Härte und Strenge gegen das Ich entfaltet. 

i) Dieser Satz ist nur scheinbar ein Paradoxon; er besagt einfach, daß die Natur 
des Menschen im Guten wie im Bösen weit über das hinausgeht, was er von sich 
glaubt, das heißt was seinem Ich durch Bcwußtscinswahrnchimmg bekannt ist. 



Die Abhängigkeiten des Ichs -qq 

Wenden wir uns zunächst zur Melancholie, so finden wir, daß 
das überstarke Über-Ich, welches das Bewußtsein an sich gerissen 
hat, gegen das Ich mit schonungsloser Heftigkeit wütet, als ob 
es sich des ganzen im Individuum verfügbaren Sadismus bemächtigt 
hätte. Nach unserer Auffassung des Sadismus würden wir sagen, 
die destruktive Komponente habe sich im Über-Ich abgelagert 
und £QgQ^ das Ich gewendet. Was nun im Über-Ich herrscht, 
ist wie eine Reinkultur des Todestriebes, und wirklich gelingt 
es diesem oft genug, das Ich in den Tod zu treiben, wenn das 
Ich sich nicht vorher durch den Umschlag in Manie seines 
Tyrannen erwehrt. 

Ähnlich peinlich und quälerisch sind die Gewissensvorwürfe 
bei bestimmten Formen der Zwangsneurose, aber die Situation 
ist hier weniger durchsichtig. Es ist im Gegensatz zur Melancholie 
bemerkenswert, daß der Zwangskranke eigentlich niemals den 
Schritt der Selbsttötung macht, er ist wie immun gegen die 
Selbstmordgefahr, weit besser dagegen geschützt als der Hysteriker. 
Wir verstehen, es ist die Erhaltung des Objekts, die die Sicher- 
heit des Ichs verbürgt. Bei der Zwangsneurose ist es durch eine 
Regression zur prägenitalen Organisation möglich geworden, daß 
die Liebesimpulse sich in Aggressionsimpulse gegen das Objekt 
umsetzen. Wiederum ist der Destruktionstrieb frei geworden und 
will das Objekt vernichten, oder es hat wenigstens den Anschein, 
als bestünde solche Absicht. Das Ich hat diese Tendenzen nicht 
aufgenommen, es sträubt sich gegen sie mit Reaktionsbildungen 
und Vorsichtsmaßregeln; sie verbleiben im Es. Das Über-Ich aber 
benimmt sich, als wäre das Ich für sie verantwortlich, und zeigt 
uns gleichzeitig durch den Ernst, mit dem es diese Vernichtungs- 
absichten verfolgt, daß es sich nicht um einen durch die 
Regression hervorgerufenen Anschein, sondern um wirklichen 
Ersatz von Liebe durch Haß handelt. Nach beiden Seiten hilflos, 
wehrt sich das Ich vergeblich gegen die Zumutungen des 
mörderischen Es wie gegen die Vorwürfe des strafenden Gewissens. 



4.00 Das Ich und das Es 



Es gelingt ihm, gerade die gröbsten Aktionen beider zu hemmen, 
das Ergebnis ist zunächst eine endlose Selbstqual und in der 
weiteren Entwicklung eine systematische Quälerei des Objekts, 
wo dies zugänglich ist. 

Die gefährlichen Todestriebe werden im Individuum auf ver- 
schiedene Weise behandelt, teils durch Mischung mit erotischen 
Komponenten unschädlich gemacht, teils als Aggression nach 
außen abgelenkt, zum großen Teil setzen sie gewiß unbehindert 
ihre innere Arbeit fort. Wie kommt es nun, daß bei der 
Melancholie das Über-Ich zu einer Art Sammelstätte der Todes- 
triebe werden kann? 

Vom Standpunkt der Triebeinschränkung, der Moralität, kann 
man sagen: Das Es ist ganz amoralisch, das Ich ist bemüht, 
moralisch zu sein, das Über-Ich kann hypermoralisch und dann 
so grausam werden wie nur das Es. Es ist merkwürdig, daß der 
Mensch, je mehr er seine Aggression nach außen einschränkt, 
desto strenger, also aggressiver in seinem Ichideal wird. 
Der gewöhnlichen Betrachtung erscheint dies umgekehrt, sie 
sieht in der Forderung des Ichideals das Motiv für die 
Unterdrückung der Aggression. Die Tatsache bleibt aber, wie 
wir sie ausgesprochen haben: Je mehr ein Mensch seine Aggression 
meistert, desto mehr steigert sich die Aggressionsneigung seines 
Ideals gegen sein Ich. Es ist wie eine Verschiebung, eine 
Wendung gegen das eigene Ich. Schon die gemeine, normale 
Moral hat den Charakter des hart Einschränkenden, grausam 
Verbietenden. Daher stammt ja die Konzeption des unerbittlich 
strafenden höheren Wesens. 

Ich kann nun diese Verhältnisse nicht weiter erläutern, ohne 
eine neue Annahme einzuführen. Das Über-Ich ist ja durch eine 
Identifizierung mit dem Vatervorbild entstanden. Jede solche 
Identifizierung hat den Charakter einer Desexualisierung oder 
selbst Sublimierung. Es scheint nun, daß bei einer solchen Um- 
setzung auch eine Triebentmischung stattfindet. Die erotische 









Die Abhängigkeiten des Ichs 401 

Komponente hat nach der Sublimierung nicht mehr die Kraft 
die ganze hinzugesetzte Destruktion zu binden, und diese wird 
als Aggressions- und Destruktionsneigung frei. Aus dieser Ent- 
mischung würde das Ideal überhaupt den harten, grausamen Zug 
des gebieterischen Sollens beziehen. 

Noch ein kurzes Verweilen bei der Zwangsneurose. Hier liegen 
die Verhältnisse anders. Die Entmischung der Liebe zur Aggression 
ist nicht durch eine Leistung des Ichs zustande gekommen, 
sondern die Folge einer Regression, die sich im Es vollzogen 
hat. Aber dieser Vorgang hat vom Es auf das Über-Ich über- 
gegriffen, welches nun seine Strenge gegen das unschuldige Ich 
verschärft. In beiden Fällen würde aber das Ich, welches die 
Libido durch Identifizierung bewältigt hat, dafür die Strafe durch 
die der Libido beigemengte Aggression vom Über-Ich her erleiden. 

Unsere Vorstellungen vom Ich beginnen sich zu klären, seine 
verschiedenen Beziehungen an Deutlichkeit zu gewinnen. Wir 
sehen das Ich jetzt in seiner Stärke und in seinen Schwächen. 
Es ist mit wichtigen Funktionen betraut, kraft seiner Beziehung 
zum Wahrnehmungssystem stellt es die zeitliche Anordnung der 
seelischen Vorgänge her und unterzieht dieselben der Realitäts- 
prüfung. Durch die Einschaltung der Denkvorgänge erzielt es 
einen Aufschub der motorischen Entladungen und beherrscht die 
Zugänge zur Motilität. Letztere Herrschaft ist allerdings mehr 
formal als faktisch, das Ich hat in der Beziehung zur Handlung 
etwa die Stellung eines konstitutionellen Monarchen, ohne dessen 
Sanktion nichts Gesetz werden kann, der es sich aber sehr über- 
legt, ehe er gegen einen Vorschlag des Parlaments sein Veto 
einlegt. Das Ich bereichert sich bei allen Lebenserfahrungen von 
außen j das Es aber ist seine andere Außenwelt, die es sich zu 
unterwerfen strebt. Es entzieht dem Es Libido, bildet die Objekt- 
besetzungen des Es zu Ichgestaltungen um. Mit Hilfe des Über- 
Ichs schöpft es in einer für uns noch dunklen Weise aus den im 
Es angehäuften Erfahrungen der Vorzeit. 

Freud, VI. 26 



402 Das Ich und das Es 



Es gibt zwei Wege, auf denen der Inhalt des Es ins Ich 
eindringen kann. Der eine ist der direkte, der andere führt über 
das Ichideal, und es mag für manche seelische Tätigkeiten 
entscheidend sein, auf welchem der beiden Wege sie erfolgen. 
Das Ich entwickelt sich von der Triebwahrnehmung zur Trieb- 
beherrschung, vom Triebgehorsam zur Triebhemmung. An dieser 
Leistung hat das Ichideal, das ja zum Teil eine Reaktionsbildung 
gegen die Triebvorgänge des Es ist, seinen starken Anteil. Die 
Psychoanalyse ist ein Werkzeug, welches dem Ich die fortschreitende 
Eroberung des Es ermöglichen soll. 

Aber anderseits sehen wir dasselbe Ich als armes Ding, 
welches unter dreierlei Dienstbarkeiten steht und demzufolge 
unter den Drohungen von dreierlei Gefahren leidet, von der 
Außenwelt her, von der Libido des Es und von der Strenge 
des Über-Ichs. Dreierlei Arten von Angst entsprechen diesen drei 
Gefahren, denn Angst ist der Ausdruck eines Rückzuges vor der 
Gefahr. Als Grenzwesen will das Ich zwischen der Welt und 
dem Es vermitteln, das Es der Welt gefügig machen und die 
Welt mittels seiner Muskelaktionen dem Es-Wunsch gerecht 
machen. Es benimmt sich eigentlich wie der Arzt in einer ana- 
lytischen Kur, indem es sich selbst mit seiner Rücksichtnahme 
auf die reale Welt dem Es als Libidoobjekt empfiehlt und dessen 
Libido auf sich lenken will. Es ist nicht nur der Helfer des Es, 
auch sein unterwürfiger Knecht, der um die Liebe seines Herrn 
wirbt. Es sucht, wo möglich, im Einvernehmen mit dem Es zu 
bleiben, überzieht dessen ubw Gebote mit seinen vbw Rationali- 
sierungen, spiegelt den Gehorsam des Es gegen die Mahnungen 
der Realität vor, auch wo das Es starr und unnachgiebig 
geblieben ist, vertuscht die Konflikte des Es mit der Realität 
und wo möglich auch die mit dem Über-Ich. In seiner Mittel- 
stellung zwischen Es und Realität unterliegt es nur zu oft 
der Versuchung, liebedienerisch, opportunistisch und lügnerisch 
zu werden, etwa wie ein Staatsmann, der bei guter Ein- 



Die Abhängigkeiten des Ichs 403 

sieht sich doch in der Gunst der öffentlichen Meinung be- 
haupten will. 

Zwischen beiden Triebarten hält es sich nicht unparteiisch. 
Durch seine Identifizierungs- und Sublimierungsarbeit leistet es 
den Todestrieben im Es Beistand zur Bewältigung der Libido 
gerät aber dabei in Gefahr, zum Objekt der Todestriebe zu 
werden und selbst umzukommen. Es hat sich zu Zwecken der 
Hilfeleistung selbst mit Libido erfüllen müssen, wird dadurch 
selbst Vertreter des Eros und will nun leben und geliebt 
werden. 

Da aber seine Sublimierungsarbeit eine Triebentmischung und 
Freiwerden der Aggressionstriebe im Über-Ich zur Folge hat, 
liefert es sich durch seinen Kampf gegen die Libido der Gefahr 
der Mißhandlung und des Todes aus. Wenn das Ich unter der 
Aggression des Über-Ichs leidet oder selbst erliegt, so ist sein 
Schicksal ein Gegenstück zu dem der Protisten, die an den 
Zersetzungsprodukten zugrunde gehen, die sie selbst geschaffen 
haben. Als solches Zersetzungsprodukt im ökonomischen Sinne 
erscheint uns die im Über-Ich wirkende Moral. 

Unter den Abhängigkeiten des Ichs ist wohl die vom Über- 
Ich die interessanteste. 

Das Ich ist ja die eigentliche Angststätte. Von den dreierlei 
Gefahren bedroht, entwickelt das Ich den Fluchtreflex, indem 
es seine eigene Besetzung von der bedrohlichen Wahrnehmung 
oder dem ebenso eingeschätzten Vorgang im Es zurückzieht und 
als Angst ausgibt. Diese primitive Reaktion wird später durch 
Aufführung von Schutzbesetzungen abgelöst (Mechanismus der 
Phobien). Was das Ich von der äußeren und von der Libidogefahr 
im Es befürchtet, läßt sich nicht angeben; wir wissen, es ist 
Überwältigung oder Vernichtung, aber es ist analytisch nicht zu 
fassen. Das Ich folgt einfach der Warnung des Lustprinzips. Hin- 
gegen läßt sich sagen, was sich hinter der Angst des Ichs vor 
dem Über-Ich, der Gewissensangst, verbirgt. Vom höheren Wesen 



26* 












404 Das Ich und das Es 



welches zum Ichideal wurde, drohte einst die Kastration und 
diese Kastrationsangst ist wahrscheinlich der Kern, um den sich 
die spätere Gewissensangst ablagert, sie ist es, die sich als 
Gewissensangst fortsetzt. 

Der volltönende Satz: jede Angst sei eigentlich Todesangst, 
schließt kaum einen Sinn ein, ist jedenfalls nicht zu rechtfertigen. 
Eis scheint mir vielmehr durchaus richtig, die Todesangst von 
der Objekt-(Real-)Angst und von der neurotischen Libidoangst 
zu sondern. Sie gibt der Psychoanalyse ein schweres Problem 
auf, denn Tod ist ein abstrakter Begriff von negativem Inhalt, 
für den eine unbewußte Entsprechung nicht zu finden ist. Der 
Mechanismus der Todesangst könnte nur sein, daß das Ich seine 
narzißtische Libidobesetzung in reichlichem Ausmaß entläßt, also 
sich selbst aufgibt, wie sonst im Angstfalle ein anderes Objekt. 
Ich meine, daß die Todesangst sich zwischen Ich und Über-lch 

abspielt. 

Wir kennen das Auftreten von Todesangst unter zwei Bedin- 
gungen, die übrigens denen der sonstigen Angstentwicklung 
durchaus analog sind, als Reaktion auf eine äußere Gefahr und 
als inneren Vorgang, zum Beispiel bei Melancholie. Der 
neurotische Fall mag uns wieder einmal zum Verständnis des 
realen verhelfen. 

Die Todesangst der Melancholie läßt nur die eine Erklärung 
zu, daß das Ich sich aufgibt, weil es sich vom Über-lch gehaßt 
und verfolgt anstatt geliebt fühlt. Leben ist also für das Ich 
gleichbedeutend mit Geliebtwerden, vom Über-lch geliebt werden, 
das auch hier als Vertreter des Es auftritt. Das Über-lch vertritt 
dieselbe schützende und rettende Funktion wie früher der Vater, 
später die Vorsehung oder das Schicksal. Denselben Schluß muß 
das Ich aber auch ziehen, wenn es sich in einer übergroßen 
realen Gefahr befindet, die es aus eigenen Kräften nicht glaubt 
überwinden zu können. Es sieht sich von allen schützenden 
Mächten verlassen und läßt sich sterben. Es ist übrigens immer 






Die Abhängigkeiten des Ichs 



4°5 



noch dieselbe Situation, die dem ersten großen Angstzustand der 
Geburt und der infantilen Sehnsucht-Angst zugrunde lag, die der 
Trennung von der schützenden Mutter. 

Auf Grund dieser Darlegungen kann also die Todesangst wie 
die Gewissensangst als Verarbeitung der Kastrationsangst aufgefaßt 
werden. Bei der großen Bedeutung des Schuldgefühls für die 
Neurosen ist es auch nicht von der Hand zu weisen, daß die 
gemeine neurotische Angst in schweren Fällen eine Verstärkung 
durch die Angstentwicklung zwischen Ich und Über- Ich (Kastrations-, 
Gewissens-, Todesangst) erfährt. 

Das Es, zu dem wir am Ende zurückführen, hat keine Mittel, 
dem Ich Liebe oder Haß zu bezeugen. Es kann nicht sagen, was 
es will 5 es hat keinen einheitlichen Willen zustande gebracht. 
Eros und Todestrieb kämpfen in ihm $ wir haben gehört, mit 
welchen Mitteln sich die einen Triebe gegen die anderen zur 
Wehre setzen. Wir könnten es so darstellen, als ob das Es unter 
der Herrschaft der stummen, aber mächtigen Todestriebe stünde, 
die Ruhe haben und den Störenfried Eros nach den Winken 
des Lustprinzips zur Ruhe bringen wollen, aber wir besorgen, 
doch dabei die Rolle des Eros zu unterschätzen. 



ANHANG 



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Als „Anhang zu dem vorliegenden Bande sind hier zwei Arbeiten unter- 
gebracht, die — erst während der Drucklegung dieses Bandes geschrieben — 
an den ihnen sachlich gebührenden Stellen dieser Gesamtausgabe nicht mehr 
eingereiht werden konnten. Die erste dieser beiden Arbeiten erscheint gleich- 
zeitig auch in der „Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse" , Bd. X 
(1924), Heß 4, die zweite erscfieint in Heft I von Bd. XI derselben Zeitschrift. 






DER REALITÄTSVERLUST BEI NEUROSE 

UND PSYCHOSE 

Ich habe kürzlich 1 einen der unterscheidenden Züge zwischen 
Neurose und Psychose dahin bestimmt, daß bei ersterer das Ich 
in Abhängigkeit von der Realität ein Stück des Es (Trieblebens) 
unterdrückt, während sich dasselbe Ich bei der Psychose im Dienste 
des Es von einem Stück der Realität zurückzieht. Für die Neu- 
rose wäre also die Übermacht des Realeinflusses, für die Psychose 
die des Es maßgebend. Der Realitätsverlust wäre für die Psychose 
von vorneherein gegeben; für die Neurose, sollte man meinen, 
wäre er vermieden. 

Das stimmt nun aber gar nicht zur Erfahrung, die wir alle 
machen können, daß jede Neurose das Verhältnis des Kranken zur 
Realität irgendwie stört, daß sie ihm ein Mittel ist, sich von ihr 
zurückzuziehen und in ihren schweren Ausbildungen direkt eine 
Flucht aus dem realen Leben bedeutet. Dieser Widerspruch erscheint 
bedenklich, allein er ist leicht zu beseitigen und seine Aufklärung 
wird unser Verständnis der Neurose nur gefördert haben. 

Der Widerspruch besteht nämlich nur so lange, als wir die 
Eingangssituation der Neurose ins Auge fassen, in welcher das 
Ich im Dienst der Realität die Verdrängung einer Triebregung 
vornimmt. Das ist aber noch nicht die Neurose selbst. Diese 
besteht vielmehr in den Vorgängen, welche dem geschädigten 



1) Neurose und Psychose. Internat. Zschr. f. PsA. X (1924), Heft 1. [Ges. 
Schriften, Bd. V, S. 418 ff]. 



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410 Anhang 

Anteil des Es eine Entschädigung bringen, also in der Reaktion 
gegen die Verdrängung und im Mißglücken derselben. Die 
Lockerung des Verhältnisses zur Realität ist dann die Folge dieses 
zweiten Schrittes in der Neurosenbildung und es sollte uns nicht 
verwundern, wenn die Detailuntersuchung zeigte, daß der Reali- 
tätsverlust gerade jenes Stück der Realität betrifft, über dessen 
Anforderung die Triebverdrängung erfolgte. 

Die Charakteristik der Neurose als Erfolg einer mißglückten 
Verdrängung ist nichts Neues. Wir haben es immer so gesagt 
und nur infolge des neuen Zusammenhanges war es notwendig, 

es zu wiederholen. 

Das nämliche Bedenken wird übrigens in besonders eindrucks- 
voller Weise wiederauftreten, wenn es sich um einen Fall von 
Neurose handelt, dessen Veranlassung („die traumatische Szene") 
bekannt ist und an dem man sehen kann, wie sich die Person von 
einem solchen Erlebnis abwendet und es der Amnesie überantwortet. 
Ich will zum Beispiel auf einen vor langen Jahren analysierten Fall 
zurückgreifen, 1 in dem das in ihren Schwager verliebte Mädchen 
am Totenbett der Schwester durch die Idee erschüttert wird: 
Nun ist er frei und kann dich heiraten. Diese Szene wird sofort 
vergessen und damit der Regressionsvorgang eingeleitet, der zu 
den hysterischen Schmerzen führt. Es ist aber gerade hier lehr- 
reich, zu sehen, auf welchem Wege die Neurose den Konflikt zu 
erledigen versucht. Sie entwertet die reale Veränderung, indem 
sie den in Betracht kommenden Triebanspruch, also die Liebe 
zum Schwager, verdrängt. Die psychotische Reaktion wäre gewesen, 
die Tatsache des Todes der Schwester zu verleugnen. 

Man könnte nun erwarten, daß sich bei der Entstehung der 
Psychose etwas dem Vorgang bei der Neurose Analoges ereignet, 
natürlich zwischen anderen Instanzen. Also daß auch bei der 
Psychose zwei Schritte deutlich werden, von denen der erste das 
Ich diesmal von der Realität losreißt, de r zweite aber den Schaden 

1) In den „Studien über Hysterie", 1895. [Ges. Schriften, Bd. I.] 






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Der Realitätsverlust bei Neurose und Psychose 411 

wieder gutmachen will und nun die Beziehung zur Realität auf 
Kosten des Es wiederherstellt. Wirklich ist auch etwas Analoges 
an der Psychose zu beeobachten; es gibt auch hier zwei Schritte, 
von denen der zweite den Charakter der Reparation an sich trägt, 
aber dann weicht die Analogie einer viel weiter gehenden Gleich- 
sinnigkeit der Vorgänge. Der zweite Schritt der Psychose will 
auch den Realitätsverlust ausgleichen, aber nicht auf Kosten einer 
Einschränkung des Es, wie bei Neurose auf Kosten der Real- 
beziehung, sondern auf einem anderen, mehr selbstherrlichen Weg 
durch Schöpfung einer neuen Realität, welche nicht mehr den 
nämlichen Anstoß bietet wie die verlassene. Der zweite Schritt 
wird also bei der Neurose wie bei der Psychose von denselben 
Tendenzen getragen, er dient in beiden Fällen dem Macht- 
bestreben des Es, das sich von der Realität nicht zwingen läßt. 
Neurose wie Psychose sind also beide Ausdruck der Rebellion des 
Es gegen die Außenwelt, seiner Unlust oder wenn man will, 
seiner Unfähigkeit, sich der realen Not, der 'Avayx7j, anzupassen. 
Neurose und Psychose unterscheiden sich weit mehr von einander \ 
in der ersten einleitenden Reaktion als in dem auf sie folgenden 
Reparationsversuch. 

Der anfängliche Unterschied kommt dann im Endergebnis in 
der Art zum Ausdruck, daß bei der Neurose ein Stück der 
Realität fluchtartig vermieden, bei der Psychose aber umgebaut 
wird. Oder: bei der Psychose folgt auf die anfängliche Flucht eine 
aktive Phase des Umbaues, bei der Neurose auf den anfänglichen 
Gehorsam ein nachträglicher Fluchtversuch. Oder noch anders 
ausgedrückt: Die Neurose verleugnet die Realität nicht, sie will 
nur nichts von ihr wissen 5 die Psychose verleugnet sie und sucht 
sie zu ersetzen. Normal oder „gesund" heißen wir ein Verhalten, 
welches bestimmte Züge beider Reaktionen vereinigt, die Realität 
so wenig verleugnet wie die Neurose, sich aber dann wie die 
Psychose um ihre Abänderung bemüht. Dies zweckmäßige, 
normale Verhalten führt natürlich zu einer äußeren Arbeitsleistung 






412 Anhang 

an der Außenwelt und begnügt sich nicht wie bei der Psychose 
mit der Herstellung innerer Veränderungen; es ist nicht mehr 
autoplastisch, sondern alloplastisch. 

Die Umarbeitung der Realität geschieht bei der Psychose an 
den psychischen Niederschlägen der bisherigen Beziehungen zu 
ihr, also an den Erinnerungsspuren, Vorstellungen und Urteilen, 
die man bisher von ihr gewonnen hatte und durch welche sie 
im Seelenleben vertreten war. Aber diese Beziehung war nie 
eine abgeschlossene, sie wurde fortlaufend durch neue Wahr- 
nehmungen bereichert und abgeändert. Somit stellt sich auch 
für die Psychose die Aufgabe her, sich solche Wahrnehmungen 
zu verschaffen, wie sie der neuen Realität entsprechen würden, 
was in gründlichster Weise auf dem Wege der Halluzination 
erreicht wird. Wenn die Erinnerungstäuschungen, Wahnbildungen 
und Halluzinationen bei so vielen Formen und Fällen von Psychose 
den peinlichsten Charakter zeigen und mit Angstentwicklung 
verbunden sind, so ist das wohl ein Anzeichen dafür, daß sich 
der ganze Umbildungsprozeß gegen heftig widerstrebende Kräfte 
vollzieht. Man darf sich den Vorgang nach dem uns besser 
bekannten Vorbild der Neurose konstruieren. Hier sehen wir, daß 
jedesmal mit Angst reagiert wird, so oft der verdrängte Trieb 
einen Vorstoß macht, und daß das Ergebnis des Konflikts doch 
nur ein Kompromiß und als Befriedigung unvollkommen ist. 
Wahrscheinlich drängt sich bei der Psychose das abgewiesene 
Stück der Realität immer wieder dem Seelenleben auf, wie bei 
der Neurose der verdrängte Trieb, und darum sind auch die Folgen 
in beiden Fällen die gleichen. Die Erörterung der verschiedenen 
Mechanismen, welche bei den Psychosen die Abwendung von der 
Realität und den Wiederaufbau einer solchen bewerkstelligen sollen, 
so wie des Ausmaßes von Erfolg, das sie erzielen können, ist eine 
noch nicht in Angriff genommene Aufgabe der speziellen Psychiatrie. 
Es ist also eine weitere Analogie zwischen Neurose und 
Psychose, daß bei beiden die Aufgabe, die im zweiten Schritt in 



Der Realitätsverlust bei Neurose und Psychose 415 

Angriff genommen wird, teilweise mißlingt, indem sich der 
verdrängte Trieb keinen vollen Ersatz schaffen kann (Neurose) 
und die Realitätsvertretung sich nicht in die befriedigenden Formen 
umgießen läßt. (Wenigstens nicht bei allen Formen der psychischen 
Erkrankungen.) Aber die Akzente sind in den zwei Fällen anders 
verteilt. Bei der Psychose ruht der Akzent ganz auf dem ersten 
Schritt, der an sich krankhaft ist und nur zu Kranksein führen 
kann, bei der Neurose hingegen auf dem zweiten, dem Mißlingen 
der Verdrängung, während der erste Schritt gelingen kann und 
auch im Rahmen der Gesundheit ungezählte Male gelungen ist, 
wenn auch nicht ganz ohne Kosten zu machen und Anzeichen 
des erforderten psychischen Aufwandes zu hinterlassen. Diese 
Differenzen und vielleicht noch viele andere sind die Folge der 
topischen Verschiedenheit in der Ausgangssituation des pathogenen 
Konflikts, ob das Ich darin seiner Anhänglichkeit an die reale 
Welt oder seiner Abhängigkeit vom Es nachgegeben hat. 

Die Neurose begnügt sich in der Regel damit, das betreffende 
Stück der Realität zu vermeiden und sich gegen das Zusammen- 
treffen mit ihm zu schützen. Der scharfe Unterschied zwischen 
Neurose und Psychose wird aber dadurch abgeschwächt, daß es 
auch bei der Neurose an Versuchen nicht fehlt, die unerwünschte 
Realität durch eine wunschgerechtere zu ersetzen. Die Möglichkeit 
hiezu gibt die Existenz einer Phantasiewelt, eines Gebietes, 
das seinerzeit bei der Einsetzung des Realitätsprinzips von der 
realen Außenwelt abgesondert wurde, seither nach Art einer 
„Schonung" von den Anforderungen der Lebensnotwendigkeit 
frei gehalten wird und das dem Ich nicht unzugänglich ist, aber 
ihm nur lose anhängt. Aus dieser Phantasiewelt entnimmt die 
Neurose das Material für ihre Wunschneubildungen und findet 
es dort gewöhnlich auf dem Wege der Regression in eine befriedi- 
gendere reale Vorzeit. 

Es ist kaum zweifelhaft, daß die Phantasie weit bei der Psychose 
die nämliche Rolle spielt, daß sie auch hier die Vorratskammer 






4M- 



Anhang 



darstellt, aus der der Stoff oder die Muster für den Aufbau der 
neuen Realität geholt werden. Aber die neue phantastische Außen- 
welt der Psychose will sich an die Stelle der äußeren Realität setzen, 
die der Neurose hingegen lehnt sich wie das Kinderspiel gern 
an ein Stück der Realität an — ein anderes als das, wogegen sie sich 
wehren mußte, — verleiht ihm eine besondere Bedeutung und 
einen geheimen Sinn, den wir nicht immer ganz zutreffend 
einen symbolischen heißen. So kommt für beide, Neurose 
wie Psychose, nicht nur die Frage des Realitätsverlustes, 
sondern auch die eines Realitätsersatzes in Betracht. 



NOTIZ ÜBER DEN »WUNDERBLOCK 



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Wenn ich meinem Gedächtnis mißtraue, — der Neurotiker 
tut dies bekanntlich in auffälligem Ausmaße, aber auch der 
Normale hat allen Grund dazu — so kann ich dessen Funktion 
ergänzen und versichern, indem ich mir eine schriftliche Auf- 
zeichnung mache. Die Fläche, welche diese Aufzeichnung bewahrt, 
die Schreibtafel oder das Blatt Papier, ist dann gleichsam ein 
materialisiertes Stück des Erinnerungsapparates, den ich sonst 
unsichtbar in mir trage. Wenn ich mir nur den Ort merke, an 
dem die so fixierte „Erinnerung" untergebracht ist, so kann ich 
sie jederzeit nach Belieben „reproduzieren" und bin sicher, daß 
sie unverändert geblieben, also den Entstellungen entgangen ist, 
die sie vielleicht in meinem Gedächtnis erfahren hätte. 

Wenn ich mich dieser Technik zur Verbesserung meiner 
Gedächtnisfunktion in ausgiebiger Weise bedienen will, bemerke 
ich, daß mir zwei verschiedene Verfahren zu Gebote stehen. Ich 
kann erstens eine Schreibfläche wählen, welche die ihr anvertraute 
Notiz unbestimmt lange unversehrt bewahrt, also ein Blatt Papier, 
das ich mit Tinte beschreibe. Ich erhalte dann eine „dauerhafte 
Erinnerungsspur". Der Nachteil dieses Verfahrens besteht darin, 
daß die Aufnahmsfähigkeit der Schreibfläche sich bald erschöpft. 
Das Blatt ist vollgeschrieben, hat keinen Raum für neue Auf- 
zeichnungen und ich sehe mich genötigt, ein anderes noch 
unbeschriebenes Blatt in Verwendung zu nehmen. Auch kann 
der Vorzug dieses Verfahrens, das eine „Dauerspur" liefert, seinen 
Wert für mich verlieren, nämlich wenn mein Interesse an der 



4*6 Anhang 

Notiz nach einiger Zeit erloschen ist und ich sie nicht mehr 
„im Gedächtnis behalten" will. Das andere Verfahren ist von 
beiden Mängeln frei. Wenn ich zum Beispiel mit Kreide auf 
eine Schiefertafel schreibe, so habe ich eine Aufnahmsfläche, die 
unbegrenzt lange aufnahmsfähig bleibt und deren Aufzeichnungen 
ich zerstören kann, sobald sie mich nicht mehr interessieren, 
ohne die Schreibfläche selbst verwerfen zu müssen. Der Nachteil 
ist hier, daß ich eine Dauerspur nicht erhalten kann. Will 
ich neue Notizen auf die Tafel bringen, so muß ich die, mit 
denen sie bereits bedeckt ist, wegwischen. Unbegrenzte Aufnahms- 
fähigkeit und Erhaltung von Dauerspuren scheinen sich also für 
die Vorrichtungen, mit denen wir unser Gedächtnis substituieren, 
auszuschließen, es muß entweder die aufnehmende Fläche erneut 
oder die Aufzeichnung vernichtet werden. 

Die Hilfsapparate, welche wir zur Verbesserung oder Verstärkung 
unserer Sinnesfunktionen erfunden haben, sind alle so gebaut wie 
das Sinnesorgan selbst oder Teile desselben (Brille, photographische 
Kamera, Höhrrohr usw.). An diesem Maß gemessen, scheinen 
die Hilfsvorrichtungen für unser Gedächtnis besonders mangelhaft 
zu sein, denn unser seelischer Apparat leistet gerade das, was 
diese nicht können ; er ist in unbegrenzter Weise aufnahmsfähig 
für immer neue Wahrnehmungen und schafft doch dauer- 
hafte — wenn auch nicht unveränderliche — Erinnerungsspuren 
von ihnen. Ich habe schon in der „Traumdeutung" 1900 die 
Vermutung ausgesprochen, daß diese ungewöhnliche Fähigkeit 
auf die Leistung zweier verschiedener^ Systeme (Organe des 
seelischen Apparates) aufzuteilen sei. Wir besäßen ein System 
W-Bw, welches die Wahrnehmungen aufnimmt, aber keine 
Dauerspur von ihnen bewahrt, so daß es sich gegen jede neue 
Wahrnehmung wie ein unbeschriebenes Blatt verhalten kann. Die 
Dauerspuren der aufgenommenen Erregungen kämen in dahinter 
gelegenen „Erinnerungssystemen" zustande. Später („Jenseits des 
Lustprinzips") habe ich die Bemerkung hinzugefügt, das unerklär- 



Notiz über den „Wunderblock'' 417 



liehe Phänomen des Bewußtseins entstehe im Wahrnehmungs- 
system an Stelle der Dauerspuren. 

Vor einiger Zeit ist nun unter dem Namen Wunderblock 
ein kleines Gerät in den Handel gekommen, das mehr zu leisten 
verspricht als das Blatt Papier oder die Schiefertafel. Es will nicht 
mehr sein als eine Schreibtafel, von der man die Aufzeichnungen 
mit einer bequemen Hantierung entfernen kann. Untersucht man 
es aber näher, so findet man in seiner Konstruktion eine 
bemerkenswerte Übereinstimmung mit dem von mir supponierten 
Bau unseres Wahrnehmungsapparats und überzeugt sich, daß es 
wirklich beides liefern kann, eine immer bereite Aufnahmsfläche 
und Dauerspuren der aufgenommenen Aufzeichnungen. 

Der Wunderblock ist eine in einen Papierrand gefaßte Tafel 
aus dunkelbräunlicher Harz- oder Wachsmasse, über welche ein 
dünnes, durchscheinendes Blatt gelegt ist, am oberen Ende an 
der Wachstafel fest haftend, am unteren ihr frei anliegend. Dieses 
Blatt ist der interessantere Anteil des kleinen Apparats. Es besteht 
selbst aus zwei Schichten, die außer an den beiden queren Rändern 
von einander abgehoben werden können. Die obere Schicht ist 
eine durchsichtige Zelluloidplatte, die untere ein dünnes, also 
durchscheinendes Wachspapier. Wenn der Apparat nicht gebraucht 
wird, klebt die untere Fläche des Wachspapiers der oberen Fläche 
der Wachstafel leicht an. 

Man gebraucht diesen Wunderblock, indem man die Auf- 
schreibung auf der Zelluloidplatte des die Wachstafel deckenden 
Blattes ausführt. Dazu bedarf es keines Bleistifts oder einer 
Kreide, denn das Schreiben beruht nicht darauf, daß Material an 
die aufnehmende Fläche abgegeben wird. Es ist eine Rückkehr 
zur Art, wie die Alten auf Ton- und Wachstäfelchen schrieben. 
Ein spitzer Stilus ritzt die Oberfläche, deren Vertiefungen die 
„Schrift" ergeben. Beim Wunderblock geschieht dieses Ritzen 
nicht direkt, sondern unter Vermittlung des darüber liegenden 
Deckblattes. Der Stilus drückt an den von ihm berührten Stellen 

Freud, VI. " 7 



4 1 8 yinhang 

die Unterfläche des Wachspapiers an die Wachstafel an und 
diese Furchen werden an der sonst glatten weißlichgrauen Ober- 
fläche des Zelluloids als dunkle Schrift sichtbar. Will man die 
Aufschreibung zerstören, so genügt es, das zusammengesetzte 
Deckblatt von seinem freien unteren Rand her mit leichtem Griff 
von der Wachstafel abzuheben. Der innige Kontakt zwischen 
Wachspapier und Wachstafel an den geritzten Stellen, auf dem 
das Sichtbarwerden der Schrift beruhte, wird damit gelöst und 
stellt sich auch nicht her, wenn die beiden einander wieder 
berühren. Der Wunderblock ist nun schriftfrei und bereit, neue 
Aufzeichnungen aufzunehmen. 

Die kleinen Unvollkommenheiten des Geräts haben für uns 
natürlich kein Interesse, da wir nur dessen Annäherung an 
die Struktur des seelischen Wahrnehmungsapparats verfolgen 

wollen. 

Wenn man, während der Wunderblock beschrieben ist, die 
Zelluloidplatte vorsichtig vom Wachspapier abhebt, so sieht man 
die Schrift ebenso deutlich auf der Oberfläche des letzteren und 
kann die Frage stellen, wozu die Zelluloidplatte des Deckblattes 
überhaupt notwendig ist. Der Versuch zeigt dann, daß das dünne 
Papier sehr leicht in Falten gezogen oder zerrissen werden würde, 
wenn man es direkt mit dem Stilus beschriebe. Das Zelluloid- 
blatt ist also eine schützende Hülle für das Wachspapier, die 
schädigende Einwirkungen von außen abhalten soll. Das Zelluloid 
ist ein „Reizschutz" ; die eigentlich reizaufnehmende Schicht ist 
das Papier. Ich darf nun darauf hinweisen, daß ich im „Jenseits 
des Lustprinzips" ausgeführt habe, unser seelischer Wahrnehmungs- 
apparat bestehe aus zwei Schichten, einem äußeren Reizschutz, 
der die Größe der ankommenden Erregungen herabsetzen soll, und 
aus der reizaufnehmenden Oberfläche dahinter, dem System W-Bw. 

Die Analogie hätte nicht viel Wert, wenn sie sich nicht weiter 
verfolgen ließe. Hebt man das ganze Deckblatt — Zelluloid und 
Wachspapier — von der Wachstafel ab, so verschwindet die 



Notiz über den „PFunderblock" 41g 

Schrift und stellt sich, wie erwähnt, auch später nicht wieder 
her. Die Oberfläche des Wunderblocks ist schriftfrei und von 
neuem aufnahmsfähig. Es ist aber leicht festzustellen, daß die 
Dauerspur des Geschriebenen auf der Wachstafel selbst erhalten 
bleibt und bei geeigneter Belichtung lesbar ist. Der Block liefert 
also nicht nur eine immer von neuem verwendbare Aufnahms- 
fläche wie die Schiefertafel, sondern auch Dauerspuren der Auf- 
schreibung wie der gewöhnliche Papierblock; er löst das Problem, 
die beiden Leistungen zu vereinigen, indem er sie auf zwei 
gesonderte, mit einander verbundene Bestandteile 
— Systeme — verteilt. Das ist aber ganz die gleiche Art, 
wie nach meiner oben erwähnten Annahme unser seelischer 
Apparat die Wahrnehmungsfunktion erledigt. Die reizaufneh- 
mende Schicht — das System W-Bw — bildet keine Dauer- 
spuren, die Grundlagen der Erinnerung kommen in anderen, 
anstoßenden Systemen zustande. 

Es braucht uns dabei nicht zu stören, daß die Dauerspuren 
der empfangenen Aufzeichnungen beim Wunderblock nicht ver- 
wertet werden; es genügt, daß sie vorhanden sind. Irgendwo 
muß ja die Analogie eines solchen Hilfsapparats mit dem vor- 
bildlichen Organ ein Ende finden. Der Wunderblock kann ja 
auch nicht die einmal verlöschte Schrift von innen her wieder 
„reproduzieren"; er wäre wirklich ein Wunderblock, wenn er das 
wie unser Gedächtnis vollbringen könnte. Immerhin erscheint es 
mir jetzt nicht allzu gewagt, das aus Zelluloid und Wachspapier 
bestehende Deckblatt mit dem System W-Bw und seinem Reiz- 
schutz, die Wachstafel mit dem Unbewußten dahinter, das Sichtbar- 
werden der Schrift und ihr Verschwinden mit dem Aufleuchten 
und Vergehen des Bewußtseins bei der Wahrnehmung gleichzu- 
stellen. Ich gestehe aber, daß ich geneigt bin, die Vergleichung 
noch weiter zu treiben. 

Beim Wunderblock verschwindet die Schrift jedesmal, wenn 
der innige Kontakt zwischen dem den Reiz empfangenden Papier 

27* 



420 Anhang 

und der den Eindruck bewahrenden Wachstafel aufgehoben wird. 
Das trifft mit einer Vorstellung zusammen, die ich mir längst 
über die Funktionsweise des seelischen Wahrnehmungsapparats 
gemacht, aber bisher für mich behalten habe. Ich habe angenommen, 
daß Besetzungsinnervationen in raschen periodischen Stößen aus 
dem Inneren in das völlig durchlässige System W-Bw geschickt 
und wieder zurückgezogen werden. Solange das System in solcher 
Weise besetzt ist, empfängt es die von Bewußtsein begleiteten 
Wahrnehmungen und leitet die Erregung weiter in die unbe- 
wußten Erinnerungssysteme ; sobald die Besetzung zurückgezogen 
wird, erlischt das Bewußtsein und die Leistung des Systems ist 
sistiert. Es wäre so, als ob das Unbewußte mittels des Systems 
W-Bw der Außenwelt Fühler entgegenstrecken würde, die rasch 
zurückgezogen werden, nachdem sie deren Erregungen verkostet 
haben. Ich ließ also die Unterbrechungen, die beim Wunderblock 
von außen her geschehen, durch die Diskontinuität der Inner- 
vationsströmung zustande kommen, und an Stelle einer wirk- 
lichen Kontaktaufhebung stand in meiner Annahme die periodisch 
eintretende Unerregbarkeit des Wahrnehmungssystems. Ich ver- 
mutete ferner, daß diese diskontinuierliche Arbeitsweise des 
Systems W-Bw der Entstehung der Zeitvorstellung zugrunde liegt. 
Denkt man sich, daß während eine Hand die Oberfläche des 
Wunderblocks beschreibt, eine andere periodisch das Deckblatt 
desselben von der Wachstafel abhebt, so wäre das eine Versinn- 
lichung der Art, wie ich mir die Funktion unseres seelischen 
Wahrnehmungsapparats vorstellen wollte. 



INHALT DES SECHSTEN BANDES 



Zur Technik x 

Die Freudsche psychoanalytische Methode * ^.L^.-'Jl 

Über Psychotherapie 1 1 2'?- £-a -JS 

Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie , . 25 2-1 f-2-,33. 

Über „wilde" Psychoanalyse ^7 

Die Handhabung der Traumdeutung in der Psychoanalyse . . 45 

Zur Dynamik der Übertragung „ 

Ratschläge für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung 64 
Über fausse reconnaissance („dejä raconte") während der psycho- 
analytischen Arbeit P-*kp-. ^T-* . 7 Q 

Zur Einleitung der Behandlung 8 4 

Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten IO g 

Bemerkungen über die Übertragungsliebe , 20 

^ Wege der psychoanalytischen Therapie 13 6 

Zur Einführung; des Narzißmus x*& tfi.^.n 






2 59 



Jenseits des Lustprinzips l8q 

Massenpsychologie und Ich-Analyse 

I. Einleitung .261 

H. Le Bon's Schilderung der Massenseele 264 

III. Andere Würdigungen des kollektiven Seelenlebens . . . 276 

IV. Suggestion und Libido 283 

V. Zwei künstliche Massen: Kirche und Heer 289 

VI. Weitere Aufgaben und Arbeitsrichtungen 297 

Vll. Die Identifizierung :z , 

VIII. Verliebtheit und Hypnose 2 10 

IX. Der Herdentrieb 2 17 

X. Die Masse und die Urhorde ,24 

XI. Eine Stufe im Ich -,~ 2 

XII. Nachträge o 



*>/- 



3$. 






Seite 

Das Ich und das Es 551 

I. Bewußtsein und UnbewuRtps 355 

II. Das Ich und das Es 362 

III. Das Ich und das Über-Ich (Ichideal) 372 

IV. Die beiden Triebarten 384 

V. Die Abhängigkeiten des Ichs 393 

Anhang 4°7 

Realitätsverlust bei Neurose und Psychose 409 

Notiz über den Wunderblock 415 









. 






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k/üt^A^A 



FREUD 
GESAMMEL' 
SCHRIFTE] 
VI 




ZUR TECHNIK 



ICH- 

YCHOLOGI