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Full text of "Totem und Tabu. Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker [4. durchgesehene Auflage]"

tSigm. f reud 



Totem und Tabu 

Einige Übereinstimmungen im jStilemeoen 
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TOTEM UND TABU 



EINIGE ÜBEREINSTIMMUNGEN 

IM SEELENLEBEN DER WILDEN 

UND DER NEUROTIKER 



VON 



SIGM. FREUD 



VIERTE, DURCHGESEHENE AUFLAGE 
(9.— 11. TAUSEND) 



1 9 2 5 

INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

LEIPZIG / WIEN / ZÜRICH 




ALLE RECHTE, 

INSBESONDERE DAS DER ÜBERSETZUNG, 

VORBEHALTEN 



COPYRIGHT 1925 
BY INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

GES. M.B.H., WIEN 



GEDRUCKT BEI CARL FROMME GES. M. B. Ri, WIEN V 






VORWORT 

Die nachstehenden vier Aufsätze, die unter dem Untertitel dieses Buches 
in den beiden ersten Jahrgängen der von mir herausgegebenen Zeitschrift 
„Imago erschienen sind, entsprechen einem ersten Versuch von meiner Seite. 
Gesichtspunkte und Ergebnisse der Psychoanalyse auf ungeklärte Probleme 
der Völkerpsychologie anzuwenden. Sie enthalten also einen methodischen 
Gegensatz einerseits zu dem groß angelegten Werke von W. Wundt, welches 
die Annahmen und Arbeitsweisen der nicht analytischen Psychologie der- 
selben Absicht dienstbar macht, und anderseits zu den Arbeiten der Züricher 
psychoanalytischen Schule, die umgekehrt Probleme der Individualpsychologie 
durch Heranziehung von völkerpsychologischem Material zu erledigen streben. 1 
Es sei gern zugestanden, daß von diesen beiden Seiten die nächste Anregung 
zu meinen eigenen Arbeiten ausgegangen ist. 

Die Mängel dieser letzteren sind mir wohlbekannt. Ich will diejenigen 
nicht berühren, die von dem Erstlingscharakter dieser Untersuchungen ab- 
hängen. Andere aber erfordern ein Wort der Einführung. Die vier hier 
vereinigten Aufsätze machen auf das Interesse eines größeren Kreises von 
Gebildeten Anspruch und können eigentlich doch nur von den wenigen 
verstanden und beurteilt werden, denen die Psychoanalyse nach ihrer Eigen- 
art nicht mehr fremd ist. Sie wollen zwischen Ethnologen, Sprachforschern, 
Folkloristen usw. einerseits und Psychoanalytikern anderseits vermitteln und 
können doch beiden nicht geben, was ihnen abgeht : den ersteren eine ge- 
nügende Einführung in die neue psychologische Technik, den letzteren 
eine zureichende Beherrschung des der Verarbeitung harrenden Materials. 
So werden sie sich wohl damit begnügen müssen, hier wie dort Aufmerk - 



l) Jung, Wandlungen und Symbole der Libido, Jahrbuch für psychoanalytische 
und psychopathologische Forschungen, Bd. IV, 1912; derselbe Autor, Versuch einer 
Darstellung der psychoanalytischen Theorie, ibid. Bd. V, 1913. 









Totem und Tabu 



samkeit zu erregen und die Erwartung hervorzurufen, daß ein öfteres Zu- 
sammentreffen von beiden Seiten nicht ertraglos für die Forschung bleiben 
kann. 

Die beiden Hauptthemata, welche diesem kleinen Buch den Namen 
geben, der Totem und das Tabu, werden darin nicht in gleichartiger Weise 
abgehandelt. Die Analyse des Tabu tritt als durchaus gesicherter, das Problem 
erschöpfender Lösungsversuch auf. Die Untersuchung über den Totemismus 
bescheidet sich zu erklären: Dies ist, was die psychoanalytische Betrachtung 
zur Klärung der Totemprobleme derzeit beibringen kann. Dieser Unterschied 
hängt damit zusammen, daß das Tabu eigentlich noch in unserer Mitte 
fortbesteht; obwohl negativ gefaßt und auf andere Inhalte gerichtet, ist es 
seiner psychologischen Natur nach doch nichts anderes als der „kategorische 
Imperativ" Kants, der zwangsartig wirken will und jede bewußte Motivierung 
ablehnt. Der Totemismus hingegen ist eine unserem heutigen Fühlen ent- 
fremdete, in Wirklichkeit längst aufgegebene und durch neuere Formen 
ersetzte religiös-soziale Institution, welche nur geringfügige Spuren in Reli- 
gion, Sitte und Gebrauch des Lebens der gegenwärtigen Kulturvölker hinter- 
lassen hat, und selbst bei jenen Völkern große Verwandlung erfahren mußte, 
welche ihm heute noch anhängen. Der soziale und technische Fortschritt 
der Menschheitsgeschichte hat dem Tabu weit weniger anhaben können 
als dem Totem. In diesem Buche ist der Versuch gewagt worden, den ur- 
sprünglichen Sinn des Totemismus aus seinen infantilen Spuren zu erraten, 
aus den Andeutungen, in denen er in der Entwicklung unserer eigenen 
Kinder wieder auftaucht. Die enge Verbindung zwischen Totem und Tabu 
weist die weiteren Wege zu der hier vertretenen Hypothese, und wenn diese 
am Ende recht unwahrscheinlich ausgefallen ist, so ergibt dieser Charakter 
nicht einmal einen Einwand gegen die Möglichkeit, daß sie mehr oder 
weniger nahe an die schwierig zu rekonstruierende Wirklichkeit heran- 
gerückt sein könnte. 






Rom, im September 1913. 



DIE INZESTSCHEU 

Den Menschen der Vorzeit kennen wir in den Entwicklungs- 
stadien, die er durchlaufen hat, durch die unbelebten Denkmäler 
und Geräte, die er uns hinterlassen, durch die Kunde von seiner 
Kunst, seiner Religion und Lebensanschauung, die wir entweder 
direkt oder auf dem Wege der Tradition in Sagen, Mythen und 
Märchen erhalten haben, durch die Überreste seiner Denkweisen 
in unseren eigenen Sitten und Gebräuchen. Außerdem aber ist er 
noch in gewissem Sinne unser Zeitgenosse; es leben Menschen, 
von denen wir glauben, daß sie den Primitiven noch sehr nahe 
stehen, viel näher als wir, in denen wir daher die direkten Ab- 
kömmlinge und Vertreter der früheren Menschen erblicken. Wir 
urteilen so über die sogenannten Wilden und halbwilden Völker 
deren Seelenleben ein besonderes Interesse für uns gewinnt, wenn 
wir in ihm eine gut erhaltene Vorstufe unserer eigenen Entwicklung 
erkennen dürfen. 

Wenn diese Voraussetzung zutreffend ist, so wird eine Ver- 
gleichung der „Psychologie der Naturvölker", wie die Völker- 
kunde sie lehrt, mit der Psychologie des Neurotikers, wie sie 
durch die Psychoanalyse bekannt geworden ist, zahlreiche Über- 
einstimmungen aufweisen müssen, und wird uns gestatten, bereits 
Bekanntes hier und dort in neuem Lichte zu sehen. 



Totem und Tabu 












Aus äußeren wie aus inneren Gründen wähle ich für diese 
Vergleichung jene Völkerstämme, die von den Ethnographen als 
die zurückgebliebensten, armseligsten Wilden beschrieben worden 
sind, die Ureinwohner des jüngsten Kontinents, Australien, der 
uns auch in seiner Fauna soviel Archaisches, anderswo Unter- 
gegangenes, bewahrt hat. 

Die Ureinwohner Australiens werden als eine besondere Rasse 
betrachtet, die weder physisch noch sprachlich Verwandtschaft mit 
ihren nächsten Nachbarn, den melanesischen, polynesischen und 
malaiischen Völkern erkennen läßt. Sie bauen weder Häuser noch 
feste Hütten, bearbeiten den Boden nicht, halten keine Haustiere 
bis auf den Hund, kennen nicht einmal die Kunst der Töpferei. 
Sie nähren sich ausschließlich von dem Fleische aller möglichen 
Tiere, die sie erlegen, und von Wurzeln, die sie graben. Könige 
oder Häuptlinge sind bei ihnen unbekannt, die Versammlung der 
gereiften Männer entscheidet über die gemeinsamen Angelegen- 
heiten. Es ist durchaus zweifelhaft, ob man ihnen Spuren von 
Religion in Form der Verehrung höherer Wesen zugestehen darf. 
Die Stämme im Innern des Kontinents, die infolge von Wasser- 
armut mit den härtesten Lebensbedingungen zu ringen haben, 
scheinen in allen Stücken primitiver zu sein als die der Küste 
nahewohnenden. 

Von diesen armen, nackten Kannibalen werden wir gewiß nicht 
erwarten, daß sie im Geschlechtsleben in unserem Sinne sittlich 
seien, ihren sexuellen Trieben ein hohes Maß von Beschränkung 
auferlegt haben. Und doch erfahren wir, daß sie sich mit aus- 
gesuchtester Sorgfalt und peinlichster Strenge die Verhütung 
inzestuöser Geschlechtsbeziehungen zum Ziele gesetzt haben. Ja 
ihre gesamte soziale Organisation scheint dieser Absicht zu dienen 
oder mit ihrer Erreichung in Beziehung gebracht worden zu sein. 
An Stelle aller fehlenden religiösen und sozialen Institutionen 
findet sich bei den Australiern das System des Totemismus. 
Die australischen Stämme zerfallen in kleinere Sippen oder Clans, 



Die Inzestscheu 



von denen sich jeder nach seinem Totem benennt. Was ist nun 
der Totem? In der Regel ein Tier, ein eßbares, harmloses oder 
gefährliches, gefürchtetes, seltener eine Pflanze oder eine Natur- 
kraft (Regen, Wasser), welches in einem besonderen Verhältnis zu 
der ganzen Sippe steht. Der Totem ist erstens der Stammvater 
der Sippe, dann aber auch ihr Schutzgeist und Helfer, der ihnen 
Orakel sendet, und wenn er sonst gefährlich ist, seine Kinder 
kennt und verschont. Die Totemgenossen stehen dafür unter der 
heiligen, sich selbstwirkend strafenden Verpflichtung, ihren Totem 
nicht zu töten (vernichten) und sich seines Fleisches (oder des 
Genusses, den er sonst bietet) zu enthalten. Der Totemcharakter 
haftet nicht an einem Einzeltier oder Einzelwesen, sondern an 
allen Individuen der Gattung. Von Zeit zu Zeit werden Feste 
gefeiert, bei denen die Totemgenossen in zeremoniösen Tänzen 
die Bewegungen und Eigenheiten ihres Totem darstellen oder 
nachahmen. 

Der Totem ist entweder in mütterlicher oder in väterlicher 
Linie erblich; die erstere Art ist möglicherweise überall die ur- 
sprüngliche und erst später durch die letztere abgelöst worden. 
Die Zugehörigkeit zum Totem ist die Grundlage aller sozialen 
Verpflichtungen des Australiers, setzt sich einerseits über die 
Stammesangehörigkeit hinaus und drängt anderseits die Bluts- 
verwandtschaft zurück. 1 

An Boden und Örtlichkeit ist der Totem nicht gebunden; die 
Totemgenossen wohnen voneinander getrennt und mit den An- 
hängern anderer Totem friedlich beisammen. 2 

1) Frazer, Totemism and Exogamy, Bd. I, p. 55. The totem bond is stronger than 
the bond of blood or family in tke modern sense. 

2) Dieser knappste Extrakt des totemistischen Systems kann nicht ohne Erläute- 
rungen und Einschränkungen bleiben: Der Name Totem ist in der Form Tot am 
1791 durch den Engländer J. Long von den Rothäuten Nordamerikas übernommen 
worden. Der Gegenstand selbst hat allmählich in der Wissenschaft großes Interesse 
gefunden und eine reichhaltige Literatur hervorgerufen, aus welcher ich als Haupt- 
werke das vierbändige Buch von J. G. Frazer, „Totemism and Exogamy", 1910 und 
Bücher und Schriften von Andrew Lang („The secret of the Totem", 1905) hervor- 



8 



Totem und Tabu 



Und nun müssen wir endlich jener Eigentümlichkeit des tote- 
mistischen Systems gedenken, wegen welcher auch das Interesse 
des Psychoanalytikers sich ihm zuwendet. Fast überall, wo der 
Totem gilt, besteht auch das Gesetz, daß Mitglieder desselben 
Totem nicht in geschlechtliche Beziehungen zueinander 
treten, also auch einander nicht heiraten dürfen. Das ist 
die mit dem Totem verbundene Exogamie. 

Dieses streng gehandhabte Verbot ist sehr merkwürdig. Es wird 
durch nichts vorbereitet, was wir vom Begriff oder den Eigen- 
schaften des Totem bisher erfahren haben 5 man versteht also nicht, 
wie es in das System des Totemismus hineingeraten ist. Wir ver- 
wundern uns darum nicht, wenn manche Forscher geradezu an- 



hebe. Das Verdienst, die Bedeutung- des Totemismus für die Urgeschichte der Mensch- 
heit erkannt zu haben, gebührt dem Schotten J. Ferguson Mc Lennan (1869/70). 
Totemistische Institutionen wurden oder werden heute noch nußer bei den Australiern 
bei den Indianern Nordamerikas beobachtet, ferner bei den Völkern der ozeanischen 
Inselwelt, in Ostindien und in einem großen Teil von Afrika. Manche sonst schwer 
zu deutende Spuren und Überbleibsel lassen aber erschließen, daß der Totemismus 
einst auch bei den arischen und semitischen Urvölkcrn F.uropas und Asiens bestanden 
hat, so daß viele Forscher geneigt sind, eine notwendige und überall durchschrittene 
Phase der menschlichen Entwicklung in ihm zu erkennen. 

Wie kamen die vorzeitlichen Menschen nur dazu, sich einen Totem beizulegen, 
d. h. die Abstammung von dem oder jenem Tier zur Grundlage ihrer sozialen Ver- 
pflichtungen und, wie wir hören werden, auch ihrer sexuellen Beschränkungen zu 
machen? Es gibt darüber zahlreiche Theorien, deren Übersicht der deutsche Leser 
in Wundts Völkerpsychologie (Bd. II, Mythus und Religion) finden kann, aber keine 
Einigung. Ich verspreche, das Problem des Totemismus demnächst zum Gegenstand 
einer besonderen Studie zu machen, in welcher dessen Lösung durch Anwendung 
psychoanalytischer Denkweise versucht werden soll. (Vgl. die vierte Abhandlung dieses 
Bandes.) 

Aber nicht nur, daß die Theorie des Totemismus strittig ist, auch die Tnlsnchen 
desselben sind kaum in allgemeinen Sätzen auszusprechen, wie oben versucht wurde. 
Es gibt kaum eine Behauptung, zu welcher man nicht Ausnahmen oder Widersprüche 
hinzufügen müßte. Man darf aber nicht vergessen, daß auch die primitivsten und 
konservativsten Völker in gewissem Sinne alte Völker sind und eine lange Zeit hinter 
sich haben, in welcher das Ursprüngliche bei ihnen viel Entwicklung und Entstellung 
erfahren hat. So findet man den Totemismus heute bei den Völkern, die ihn noch 
zeigen, in den mannigfaltigsten Stadien des Verfalles, der Abbröckhing, des Über- 
ganges zu anderen sozialen und religiösen Institutionen, oder aber in stationären 
Ausgestaltungen, die sich weit genug von seinem ursprünglichen Wesen entfernt 
haben mögen. Die Schwierigkeit liegt dann darin, daß es nicht ganz leicht ist zu 
entscheiden, was an den aktuellen Verhältnissen als getreues Abbild der sinnvollen 
Vergangenheit, was als sekundäre Entstellung derselben gefaßt werden darf. 



Die Inzestscheu 



nehmen, die Exogamie habe ursprünglich — im Beginne der Zeiten 
und dem Sinne nach — nichts mit dem Totemismus zu tun, 
sondern sei ihm irgend einmal, als sich Heiratsbeschränkungen not- 
wendig erwiesen, ohne tieferen Zusammenhang angefügt worden. 
Wie immer dem sein mag, die Vereinigung von Totemismus und 
Exogamie besteht und erweist sich als eine sehr feste. 

Machen wir uns die Bedeutung dieses Verbots durch weitere 
Erörterungen klar. 

a) Die Übertretung dieses Verbotes wird nicht einer sozusagen 
automatisch eintretenden Bestrafung der Schuldigen überlassen 
wie bei anderen Totemverboten (z. B. das Totemtier zu töten), 
sondern wird vom ganzen Stamme aufs energischeste geahndet, 
als gelte es eine die ganze Gemeinschaft bedrohende Gefahr oder 
eine sie bedrückende Schuld abzuwehren. Einige Sätze aus dem 
Buche von Frazer 1 mögen zeigen, wie ernst solche Verfehlungen 
von diesen, nach unserem Maßstabe sonst recht unsittlichen Wilden 
behandelt werden. 

„In Australia the regulär penälty for sexual intercourse with 
a person of a forbidden clan is death. It matters not whether the 
woman be of the same local group or has been captured in war 
from another tribe; a man of the wrong clan who uses her as 
his wife is hunted down and killed by his clansmen, and so is 
the woman $ though in some cases, if they succeed in eluding capture 
for a certain time, the offence may be condoned. In the Ta-Ta-thi 
tribe, New South Wales, in the rare cases which occur, the man 
is killed but the woman is only beaten or speared, or both, tili 
she is nearly dead; the reason given for not actually killing her 
being that she was probably coerced. Even in casual amours the 
clan prohibitions are strictly observed, any violations of these 
prohibitions ,are regarded with the utmost abhorrence and are 
punished by death' (Howitt)." 



i) Frazer, 1. c. Bd. I, p. 54,. 







10 



Totem und Tabu 



b) Da dieselbe harte Bestrafung auch gegen flüchtige Lieb- 
schaften geübt wird, die nicht zur Kindererzeugung geführt 
haben, so werden andere, z. B. praktische Motive des Verbotes 
unwahrscheinlich. 

c) Da der Totem hereditär ist und durch die Heirat nicht ver- 
ändert wird, so lassen sich die Folgen des Verbotes etwa bei mütter- 
licher Erblichkeit leicht übersehen. Gehört der Mann z. B. einem 
Clan mit dem Totem Känguruh an und heiratet eine Frau vom 
Totem Emu, so sind die Kinder, Knaben und Mädchen, alle Emu. 
Einem Sohne dieser Ehe wird also durch die Totemregel der in- 
zestuöse Verkehr mit seiner Mutter und seinen Schwestern, die 
Emu sind wie er, unmöglich gemacht. 1 

d) Es bedarf aber nur einer Mahnung, um einzusehen, daß 
die mit dem Totem verbundene Exogamie mehr leistet, also mehr 
bezweckt, als die Verhütung des Inzests mit Mutter und Schwestern. 
Sie macht dem Manne auch die sexuelle Vereinigung mit allen 
Frauen seiner eigenen Sippe unmöglich, also mit einer Anzahl 
von weiblichen Personen, die ihm nicht blutsverwandt sind, indem 
sie alle diese Frauen wie Blutsverwandte behandelt. Die psycho- 
logische Berechtigung dieser großartigen Einschränkung, die weit 
über alles hinausgeht, was sich ihr bei zivilisierten Völkern an die 
Seite stellen läßt, ist zunächst nicht ersichtlich. Man glaubt nur 
zu verstehen, daß die Rolle des Totem (Tieres) als Ahnherrn dabei 
sehr ernst genommen wird. Alles, was von dem gleichen Totem 
abstammt, ist blutsverwandt, ist eine Familie, und in dieser Familie 
werden die entferntesten Verwandtschaftsgrade als absolutes Hindernis 
der sexuellen Vereinigung anerkannt. 

1) Dem Vater, der Känguruh ist, wird aber — wenigstens durch dieses Verbot — 
der Inzest mit seinen Töchtern, die Emu sind, frei gelassen. Bei väterlicher Vererbung 
des Totem wäre der Vater Känguruh, die Kinder gleichfalls Känguruh, dem Vater 
würde dann der Inzest mit den Töchtern verboten sein, dem Sohne der Inzest mit 
der Mutter freibleiben. Diese Erfolge der Totemverbote ergeben einen Hinweis darauf, 
daß die mütterliche Vererbung älter ist als die väterliche, denn es liegt Grund vor 
anzunehmen, daß die Totemverbote vor allem gegen die inzestuösen Gelüste des 
Sohnes gerichtet sind. 









Die Inzestscheu 



1 1 



So zeigen uns denn diese Wilden einen ungewohnt hohen Grad 
von Inzestscheu oder Inzestempfindlichkeit, verbunden mit der von 
uns nicht gut verstandenen Eigentümlichkeit, daß sie die reale 
Blutsverwandtschaft durch die Totemverwandtschaft ersetzen. Wir 
dürfen indes diesen Gegensatz nicht allzusehr übertreiben und 
wollen im Gedächtnis behalten, daß die Totemverbote den realen 
Inzest als Spezialfall miteinschließen. 

Auf welche Weise es dabei zum Ersatz der wirklichen Familie 
durch die Totemsippe gekommen, bleibt ein Rätsel, dessen Lösung 
vielleicht mit der Aufklärung des Totem selbst zusammenfällt. 
Man müßte freilich daran denken, daß bei einer gewissen, über 
die Eheschranken hinausgehenden Freiheit des Sexualverkehrs die 
Blutsverwandtschaft und somit die Inzestverhütung so unsicher 
werden, daß man eine andere Fundierung des Verbotes nicht ent- 
behren kann. Es ist darum nicht überflüssig zu bemerken, daß 
die Sitten der Australier soziale Bedingungen und festliche Gelegen- 
heiten anerkennen, bei denen das ausschließliche Eheanrecht eines 
Mannes auf ein Weib durchbrochen wird. 

Der Sprachgebrauch dieser australischen Stämme 1 weist eine 
Eigentümlichkeit auf, welche unzweifelhaft in diesen Zusammenhang 
gehört. Die Verwandtschaftsbezeichnungen nämlich, deren sie sich 
bedienen, fassen nicht die Beziehung zwischen zwei Individuen, 
sondern zwischen einem Individuum und einer Gruppe ins Auge; 
sie gehören nach dem Ausdruck L. H. Morgans dem „klassifi- 
zierenden" System an. Das will heißen, ein Mann nennt „Vater" 
nicht nur seinen Erzeuger, sondern auch jeden anderen Mann, 
der nach den Stammessatzungen seine Mutter hätte heiraten und 
so sein Vater hätte werden können; er nennt „Mutter" jede an- 
dere Frau neben seiner Gebärerin, die ohne Verletzung der Stammes- 
gesetze seine Mutter hätte werden können; er heißt „Brüder", 
„Schwestern" nicht nur die Kinder seiner wirklichen Eltern, 



1) Sowie der meisten Totemvölker. 



12 



Totem und Tabu 



sondern auch die Kinder all der genannten Personen, die in der 
elterlichen Gruppenbeziehung zu ihm stehen usw. Die Verwandt- 
schaftsnamen, die zwei Australier einander geben, deuten also 
nicht notwendig auf eine Blutsverwandtschaft zwischen ihnen hin, 
wie sie es nach unserem Sprachgebrauche müßten 5 sie bezeichnen 
vielmehr soziale als physische Beziehungen. Eine Annäherung an 
dieses klassifikatorische System findet sich bei uns etwa in der 
Kinderstube, wenn das Kind veranlaßt wird, jeden Freund und 
jede Freundin der Eltern als „Onkel" und „Tante" zu begrüßen, 
oder im übertragenen Sinn, wenn wir von „Brüdern in Apoll", 
„Schwestern in Christo" sprechen. 

Die Erklärung dieses für uns so sehr befremdenden Sprach- 
gebrauches ergibt sich leicht, wenn man ihn als Rest und An- 
zeichen jener Heiratsinstitution auffaßt, die der Rev. L. Fison 
„Gruppenehe" genannt hat, deren Wesen darin besteht, daß 
eine gewisse Anzahl von Männern eheliche Rechte über eine 
gewisse Anzahl von Frauen ausübt. Die Kinder dieser Gruppenehe 
würden dann mit Recht einander als Geschwister betrachten, ob- 
wohl sie nicht alle von derselben Mutter geboren sind, und alle 
Männer der Gruppe für ihre Väter halten. 

Obwohl manche Autoren, wie z. B. Westermarck in seiner 
„Geschichte der menschlichen Ehe", 1 sich den Folgerungen wider- 
setzen, welche andere aus der Existenz der Gruppenverwandt- 
schaftsnamen gezogen haben, so stimmen doch gerade die besten 
Kenner der australischen Wilden darin überein, daß die klassifi- 
katorischen Verwandtschaftsnamen als Überrest aus Zeiten der 
Gruppenehe zu betrachten sind. Ja, nach Spencer und Gillen 2 
läßt sich eine gewisse Form der Gruppenehe bei den Stämmen 
der Urabunna und der Dieri noch als heute bestehend feststellen. 
Die Gruppenehe sei also bei diesen Völkern der individuellen Ehe 



1) 2. Aufl., 1902. 

2) The Native Tribes of Central Australia, London 189g. 



Die Inzestscheu * 3 



vorausgegangen und nicht geschwunden, ohne deutliche Spuren 
in Sprache und Sitten zurückzulassen. 

Ersetzen wir aber die individuelle Ehe durch die Gruppenehe, 
so wird uns das scheinbare Übermaß von Inzestvermeidung, welches 
wir bei denselben Völkern angetroffen haben, begreiflich. Die 
Totemexogamie, das Verbot des sexuellen Verkehrs zwischen Mit- 
gliedern desselben Clans, erscheint als das angemessene Mittel zur 
Verhütung des Gruppeninzestes, welches dann fixiert wurde und 
seine Motivierung um lange Zeiten überdauert hat. 

Glauben wir so, die Heiratsbeschränkungen der Wilden Austra- 
liens in ihrer Motivierung verstanden zu haben, so müssen wir 
noch erfahren, daß die wirklichen Verhältnisse eine weit größere, 
auf den ersten Anblick verwirrende, Kompliziertheit erkennen 
lassen. Es gibt nämlich nur wenige Stämme in Australien, die 
kein anderes Verbot als die Totemschranke zeigen. Die meisten 
sind derart organisiert, daß sie zunächst in zwei Abteilungen zer- 
fallen, die man Heiratsklassen (englisch: phrathries) genannt hat. 
Jede dieser Heiratsklassen ist exogam und schließt eine Mehrzahl 
von Totemsippen ein. Gewöhnlich teilt sich noch jede Heirats- 
klasse in zwei Unterklassen (subphrathries), der ganze Stamm also 
in vier 5 die Unterklassen stehen so zwischen den Phrathrien und 
den Totemsippen. 

Das typische, recht häufig verwirklichte Schema der Organi- 
sation eines australischen Stammes sieht also folgendermaßen aus: 

Phrathrien 





A- A A A 

ÄpY 6e^ iz3 V66 



. 



ii Totem und Tabu 



Die zwölf Totemsippen sind in vier Unterklassen und zwei 
Klassen untergebracht. Alle Abteilungen sind exogam. 1 Die Sub- 
klasse c bildet mit e, die Subklasse d mit f eine exogame Einheit. 
Der Erfolg, also die Tendenz, dieser Einrichtungen ist nicht zweifel- 
haft: es wird auf diesem Wege eine weitere Einschränkung der 
Heiratswahl und der sexuellen Freiheit herbeigeführt. Bestünden 
nur die zwölf Totemsippen, so wäre jedem Mitglied einer Sippe — 
bei Voraussetzung der gleichen Menschenanzahl in jeder Sippe — 
"/u aller Frauen des Stammes zur Auswahl zugänglich. Die Existenz 
der beiden Phrathrien beschränkt diese Anzahl auf 6 />3 = Va7 em 
Mann vom Totem a kann nur eine Frau der Sippen 1 bis 6 
heiraten. Bei Einführung der beiden Unterklassen sinkt die Aus- 
wahl auf 5 /ia = V 4 ; ein Mann vom Totem a muß seine Ehewahl 
auf die Frauen der Totem 4, 5, 6 beschränken. 

Die historischen Beziehungen der Heiratsklassen — deren bei 
einigen Stämmen bis zu acht vorkommen — zu den Totemsippen 
sind durchaus ungeklärt. Man sieht nur, daß diese Einrichtungen 
dasselbe erreichen wollen wie die Totemexogamie und auch noch 
mehr anstreben. Aber während die Totemexogamie den Eindruck 
einer heiligen Satzung macht, die entstanden ist, man weiß nicht 
wie, also einer Sitte, scheinen die komplizierten Institutionen der 
Heiratsklassen, ihrer Unterteilungen und der daran geknüpften 
Bedingungen zielbewußter Gesetzgebung zu entstammen, die viel- 
leicht die Aufgabe der Inzestverhütung neu aufnahm, weil der 
Einfluß des Totem im Nachlassen war. Und während das Totem- 
system, wie - wir wissen, die Grundlage aller anderen sozialen Ver- 
pflichtungen und sittlichen Beschränkungen des Stammes ist, er- 
schöpft sich die Bedeutung der Phrathrien im allgemeinen in der 
durch sie angestrebten Regelung der Ehewahl. 

In der weiteren Ausbildung des Heiratsklassensystems zeigt sich 
ein Bestreben, über die Verhütung des natürlichen und des Gruppen- 






i) Die Aniahl der Totem ist willkürlich gewühlt. 



inzests hinauszugehen und Ehen zwischen entfernteren Gruppen- 
verwandten zu verbieten, ähnlich wie es die katholische Kirche 
tat, indem sie die seit jeher für Geschwister geltenden Heirats- 
verbote auf die Vetternschaft ausdehnte und die geistlichen Ver- 
wandtschaftsgrade dazu erfand. 1 

Es würde unserem Interesse wenig dienen, wenn wir in die 
außerordentlich verwickelten und ungeklärten Diskussionen über 
Herkunft und Bedeutung der Heiratsklassen, sowie über deren 
Verhältnis zum Totem, tiefer eindringen wollten. Für unsere 
Zwecke genügt der Hinweis auf die große Sorgfalt, welche die 
Australier sowie andere wilde Völker zur Verhütung des Inzests 
aufwenden. 2 Wir müssen sagen, diese Wilden sind selbst inzest- 
empfindlicher als wir. Wahrscheinlich liegt ihnen die Versuchung 
näher, so daß sie eines ausgiebigeren Schutzes gegen dieselbe be- 
dürfen. 

Die Inzestscheu dieser Völker begnügt sich aber nicht / mit der 
Aufrichtung der beschriebenen Institutionen, welche uns haupt- 
sächlich gegen den Gruppeninzest gerichtet scheinen. Wir müssen 
eine Reihe von „Sitten" hinzunehmen, welche den individuellen 
Verkehr naher Verwandter in unserem Sinne behüten, die mit 
geradezu religiöser Strenge eingehalten werden, und deren Absicht 
uns kaum zweifelhaft erscheinen kann. Man kann diese Sitten 
oder Sittenverbote „Vermeidungen" (avoidances) heißen. Ihre Ver- 
breitung geht weit über die australischen Totemvölker hinaus. Ich 
werde aber auch hier die Leser bitten müssen, mit einem frag- 
mentarischen Ausschnitt aus dem reichen Material vorlieb zu nehmen. 

In Melanesien richten sich solche einschränkende Verbote gegen 
den Verkehr des Knaben mit Mutter und Schwestern. So z. B. 
verläßt auf Lepers Island, einer der Neuhebriden, der Knabe 

1) Artikel Totemism in Encyclopaedia Britannica. Elfte Auflage, 1911 (A. Lang). 

2) Auf diesen Punkt hat erst kürzlich Storfer in seiner Studie: „Zur Sonder- 
stellung des Vatermordes", Schriften zur angewandten Seelenkunde, 12. Heft, Wien 
1911, nachdrücklich aufmerksam gemacht. 



1 6 Totem und Tabu 






von einem bestimmten Alter an das mütterliche Heim und über- 
siedelt ins „Klubhaus", wo er jetzt regelmäßig schläft und seine 
Mahlzeiten einnimmt. Er darf sein Heim zwar noch besuchen, 
um dort Nahrung zu verlangen 5 wenn aber seine Schwester zu 
Hause ist, muß er fortgehen, ehe er gegessen hat; ist keine 
Schwester anwesend, so darf er sich in der Nähe der Türe zum 
Essen niedersetzen. Begegnen sich Bruder und Schwester zufällig 
im Freien, so muß sie weglaufen oder sich seitwärts verstecken. 
Wenn der Knabe gewisse Fußspuren im Sande als die seiner 
Schwester erkennt, so wird er ihnen nicht folgen, ebensowenig 
wie sie den seinigen. Ja, er wird nicht einmal ihren Namen aus- 
sprechen und wird sich hüten, ein geläufiges Wort zu gebrauchen, 
wenn es als Bestandteil in ihrem Namen enthalten ist. Diese Ver- 
meidung, die mit der Pubertätszeremonie beginnt, wird über das 
ganze Leben festgehalten. Die Zurückhaltung zwischen einer Mutter 
und ihrem Sohne nimmt mit den Jahren zu, ist übrigens über- 
wiegend auf Seite der Mutter. Wenn sie t ihm etwas zu essen 
bringt, reicht sie es ihm nicht selbst, sondern stellt es vor ihn 
hin, sie redet ihn auch nicht vertraut an, sagt ihm — nach 
unserem Sprachgebrauch — nicht „Du", sondern „Sie". Ähnliche 
Gebräuche herrschen in Neukaledonien. Wenn Bruder und 
Schwester einander begegnen, so flüchtet sie ins Gebüsch, und er 
geht vorüber, ohne den Kopf nach ihr zu wenden. 1 

Auf der Gazellen-Halbinsel in Newbritannien darf eine 
Schwester von ihrer Heirat an mit ihrem Bruder nicht mehr 
sprechen, sie spricht auch seinen Namen nicht mehr aus, sondern 
bezeichnet ihn mit einer Umschreibung. 2 

Auf Neumecklenburg werden Vetter und Base (obwohl nicht 
jeder Art) von solchen Beschränkungen getroffen, ebenso aber 

1) R. H. Codrington, „The Melanesians" bei Frazer, „Totemism and Exogamy", 
Bd. I, p. 77. 

2) Frazer, I.e. II, p. 124, nach Kleintitschen, Die Küstenbewohner der Gazellen- 
Halbinsel. 



Die Inzestscheu 



17 



Bruder und Schwester. Sie dürfen sich einander nicht nähern, ein- 
ander nicht die Hand geben, keine Geschenke machen, dürfen aber 
in der Entfernung von einigen Schritten miteinander sprechen. Die 
Strafe für den Inzest mit der Schwester ist der Tod durch Erhängen. 1 

Auf den Fiji-Inseln sind diese Vermeidungsregeln besonders 
strenge; sie betreffen dort nicht nur die blutsverwandte, sondern 
selbst die Gruppenschwester. Um so sonderbarer berührt es uns, 
wenn wir hören, daß diese Wilden heilige Orgien kennen, in 
denen eben diese verbotenen Verwandtschaftsgrade die geschlecht- 
liche Vereinigung aufsuchen, wenn wir es nicht vorziehen, diesen 
Gegensatz zur Aufklärung des Verbotes zu verwenden, anstatt uns 
über ihn zu verwundern. 2 

Unter den Battas auf Sumatra betreffen die Vermeidungs- 
gebote alle nahen Verwandtschaftsbeziehungen. Es wäre für einen 
Batta z. B. höchst anstößig, seine eigene Schwester zu einer 
Abendgesellschaft zu begleiten. Ein Battabruder wird sich in 
Gesellschaft seiner Schwester unbehaglich fühlen, selbst wenn 
noch andere Personen mit anwesend sind. Wenn der eine von 
ihnen ins Haus kommt, so zieht es der andere Teil vor, weg- 
zugehen. Ein Vater wird auch nicht allein im Hause mit seiner 
Tochter bleiben, ebensowenig wie eine Mutter mit ihrem Sohne. 
Der holländische Missionär, der über diese Sitten berichtet, fügt 
hinzu, er müsse sie leider für sehr wohlbegründet halten. Es 
wird bei diesem Volke ohneweiters angenommen, daß ein Allein- 
sein eines Mannes mit einer Frau zu ungehöriger Intimität 
führen werde, und da sie vom Verkehr naher Blutsverwandter 
alle möglichen Strafen und üblen Folgen erwarten, tun sie recht 
daran, allen Versuchungen durch solche Verbote auszuweichen. 3 

Bei den Barongos an der Delagoa-Bucht in Afrika gelten 
merkwürdigerweise die strengsten Vorsichten der Schwägerin, 

1) Frazer, 1. c. II, p. 131, nach P. G. Peckel in Anthropos, 1908. 

2) Frazer, 1. c. II, p. 147, nach Rev. L. Fison. 

3) Frazer, 1. c. II, p. 189. 

Freud, Totem. 2 






1 



18 Totem und Tabu 






der Frau des Bruders der eigenen Frau. Wenn ein Mann diese 
ihm gefährliche Person irgendwo begegnet, so weicht er ihr 
sorgsam aus. Er wagt es nicht, aus einer Schüssel mit ihr zu 
essen, er spricht sie nur zagend an, getraut sich nicht, in ihre 
Hütte einzutreten, und begrüßt sie nur mit zitternder Stimme. 1 

Bei den Akamba (oder Wakamba) in Britisch-Ostafrika herrscht 
ein Gebot der Vermeidung, welches man häufiger anzutreffen 
erwartet hätte. Ein Mädchen muß zwischen ihrer Pubertät und 
ihrer Verheiratung dem eigenen Vater sorgfaltig ausweichen. Sie 
versteckt sich, wenn sie ihn auf der Straße begegnet, sie versucht 
es niemals, sich neben ihn hinzusetzen, und benimmt sich so bis 
zum Moment ihrer Verlobung. Von der Heirat an ist ihrem Ver- 
kehr mit dem Vater kein Hindernis mehr in den Weg gelegt. 2 

Die bei weitem verbreitetste, strengste und auch für zivilisierte 
Völker interessanteste Vermeidung ist die, welche den Verkehr 
zwischen einem Manne und seiner Schwiegermutter einschränkt. 
Sie ist in Australien ganz allgemein, ist aber auch bei den mela- 
nesischen, polynesischen und den Negervölkern Afrikas in Kraft, 
soweit die Spuren des Totemismus und der Gruppenverwandt- 
schaft reichen, und wahrscheinlich noch darüber hinaus. Bei 
manchen dieser Völker bestehen ähnliche Verbote gegen den 
harmlosen Verkehr einer Frau mit ihrem Schwiegervater, doch 
sind sie lange nicht so konstant und so ernsthaft. In vereinzelten 
Fällen werden beide Schwiegereltern Gegenstand der Vermeidung. 

Da wir uns weniger für die ethnographische Verbreitung als 
für den Inhalt und die Absicht der Schwiegermuttervermeidung 
interessieren, werde ich mich auch hier auf die Wiedergabe 
weniger Beispiele beschränken. 

Auf den Banks-Inseln sind diese Gebote sehr strenge und 
peinlich genau. Ein Mann wird die Nähe seiner Schwieger- 
mutter meiden, wie sie die seinige. Wenn sie einander zufällig 

1) Frazer, 1. c. II, p. 588, nach Junod. 

2) Frazer, 1. c. II, p. 424. 






Die Inzestscheu lq 



auf einem Pfade begegnen, so tritt das Weib zur Seite und wendet 
ihm den Rücken, bis er vorüber ist, oder er tut das nämliche. 
In Vanna Lava (Port Patteson) wird ein Mann nicht 
einmal hinter seiner Schwiegermutter am Strande einhergehen, 
ehe die steigende Flut nicht die Spur ihrer Fußtritte im Sande 
weggeschwemmt hat. Doch dürfen sie aus einer gewissen Ent- 
fernung miteinander sprechen. Es ist ganz ausgeschlossen, daß 
er je den Namen seiner Schwiegermutter ausspricht oder sie den 
ihres Schwiegersohnes. 1 

Auf den Salomons-Inseln darf der Mann von seiner Heirat 
an seine Schwiegermutter weder sehen, noch mit ihr sprechen. 
Wenn er ihr begegnet, tut er nicht, als ob er sie kennen würde, 
sondern läuft, so schnell er kann, davon, um sich zu verstecken. 2 
Bei den Zulukaffern verlangt die Sitte, daß ein Mann sich 
seiner Schwiegermutter schäme, daß er alles tue, um ihrer Gesell- 
schaft auszuweichen. Er tritt nicht in die Hütte ein, in der sie 
sich befindet, und wenn sie einander begegnen, geht er oder sie 
bei Seite, etwa indem sie sich hinter einem Busch versteckt, 
während er seinen Schild vors Gesicht hält. Wenn sie einander 
nicht ausweichen können und das Weib nichts anderes hat, um 
sich zu verhüllen, so bindet sie wenigstens ein Grasbüschel um 
ihren Kopf, damit dem Zeremoniell Genüge getan sei. Der Verkehr 
zwischen ihnen muß entweder durch eine dritte Person besorgt 
werden, oder sie dürfen aus einiger Entfernung einander zuschreien 
wenn sie irgend eine Schranke, z. B. die Einfassung des Kraals, 
zwischen sich haben. Keiner von ihnen darf den Namen des andern 
in den Mund nehmen. 3 

Bei den Basoga, einem Negerstamme im Quellengebiete des 
Nils, darf ein Mann zu seiner Schwiegermutter nur sprechen, 



i) Frazer, 1. c. II, p. 76. 

a) Frazer, 1. c. II, p. 117, nach C. Ribbe, Zwei Jahre unter den Kannibalen der 
Salomons-Inseln, 1905. 

3) Frazer, 1. c. II, p. 385. 



ao 



Totem und Tabu 



wenn sie in einem anderen Räume des Hauses ist und von ihm 
nicht gesehen wird. Dieses Volk verabscheut übrigens den Inzest 
so sehr, daß es ihn selbst bei Haustieren nicht straflos läßt. 1 

Während Absicht und Bedeutung der anderen Vermeidungen 
zwischen nahen Verwandten einem Zweifel nicht unterliegen, so 
daß sie von allen Beobachtern als Schutzmaßregeln gegen den 
Inzest aufgefaßt werden, haben die Verbote, welche den Verkehr 
mit der Schwiegermutter betreffen, von manchen Seiten eine andere 
Deutung erfahren. Es erschien mit Recht unverständlich, daß alle 
diese Völker so große Angst vor der Versuchung zeigen sollten, 
die dem Manne in der Gestalt einer älteren Frau entgegentritt, 
welche seine Mutter sein könnte, ohne es wirklich zu sein. 2 

Diese Einwendung wurde auch gegen die Auffassung von Fison 
erhoben, der darauf aufmerksam machte, daß gewisse Heiratsklassen- 
systeme darin eine Lücke zeigen, daß sie die Ehe zwischen einem 
Manne und seiner Schwiegermutter nicht theoretisch unmöglich 
machen; es hätte darum einer besonderen Sicherung gegen diese 
Möglichkeit bedurft. 

Sir J. Lubbock führt in seinem Werke „Origin of civilisation" 
das Benehmen der Schwiegermutter gegen den Schwiegersohn 
auf die einstige Raubehe (marriage by capture) zurück. „Solange 
der Frauenraub wirklich bestand, wird auch die Entrüstung der 
Eltern ernsthaft genug gewesen sein. Als von dieser Form der Ehe 
nur mehr Symbole übrig waren, wurde auch die Entrüstung der 
Eltern symbolisiert, und diese Sitte hielt noch an, nachdem ihre 
Herkunft vergessen war." Es wird Crawley leicht zu zeigen, wie 
wenig dieser Erklärungsversuch die Einzelheiten der tatsächlichen 
Beobachtung deckt. 

E. B. Tylor meint, die Behandlung des Schwiegersohnes von 
seiten der Schwiegermutter sei nichts anderes als eine Form der 
„Nichtanerkennung" (cutting) von seiten der Familie der Frau. 

i) Frazer, 1. c. II, p. 461. 

2) V. Crawley, The mystic rose. London 1902, p. 405. 



Der Mann gilt als Fremder, und dies so lange, bis das erste Kind 
geboren wird. Allein abgesehen von den Fällen, in denen letztere 
Bedingung das Verbot nicht aufhebt, unterliegt diese Erklärung 
dem Einwand, daß sie die Orientierung der Sitte auf das Verhältnis 
zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter nicht aufhellt, also 
den geschlechtlichen Faktor übersieht, und daß sie dem Moment 
des geradezu heiligen Abscheus nicht Rechnung trägt, welcher in 
den Vermeidungsgeboten zum Ausdruck kommt. 1 

Eine Zulufrau, die nach der Begründung des Verbotes ge- 
fragt wurde, gab die von Zartgefühl getragene Antwort: Es ist 
nicht recht, daß er die Brüste sehen soll, die seine Frau gesäugt 
haben. 2 

Es ist bekannt, daß das Verhältnis zwischen Schwiegersohn und 
Schwiegermutter auch bei den zivilisierten Völkern zu den heikein 
Seiten der Familienorganisation gehört. Es bestehen in der Gesell- 
schaft der weißen Völker Europas und Amerikas zwar keine Ver- 
meidungsgebote mehr für die beiden, aber es würde oft viel Streit 
und Unlust vermieden, wenn solche noch als Sitte bestünden und 
nicht von den einzelnen Individuen wieder aufgerichtet werden 
müßten. Manchen Europäern mag es als ein Akt hoher Weisheit 
erscheinen, daß die wilden Völker durch ihre Vermeidungsgebote 
die Herstellung eines Einvernehmens zwischen den beiden so nahe 
verwandt gewordenen Personen von vornherein ausgeschlossen 
haben. Es ist kaum zweifelhaft, daß in der psychologischen Situation 
von Schwiegermutter und Schwiegersohn etwas enthalten ist, was 
die Feindseligkeit zwischen ihnen befördert und ihr Zusammen- 
leben erschwert. Daß der Witz der zivilisierten Völker gerade das 
Schwiegermutterthema so gern zum Objekt nimmt, scheint mir 
darauf hinzudeuten, daß die Gefühlsr.elationen zwischen den beiden 
außerdem Komponenten führen, die in scharfem Gegensatz zuein- 
ander stehen. Ich meine, daß dies Verhältnis eigentlich ein „am- 

1) Crawley, 1. c, p. 407. 

2) Crawley, 1. c, p. 401, nach Leslie. Among the Zulus and Amatongas, 1875. 



22 Totem und Tabu 



bivalentes", aus widerstreitenden, zärtlichen und feindseligen Re- 
gungen zusammengesetzt ist. 

Ein gewisser Anteil dieser Regungen liegt klar zutage: Von 
Seiten der Schwiegermutter die Abneigung, auf den Besitz der 
Tochter zu verzichten, das Mißtrauen gegen den Fremden, dem 
sie überantwortet ist, die Tendenz, eine herrschende Position zu 
behaupten, in die sie sich im eigenen Hause eingelebt hatte. Von 
Seiten des Mannes die Entschlossenheit, sich keinem fremden Willen 
mehr unterzuordnen, die Eifersucht gegen alle Personen, die vor 
ihm die Zärtlichkeit seines Weibes besaßen, und — last not least — 
die Abneigung dagegen, sich in der Illusion der Sexualüberschätzung 
stören zu lassen. Eine solche Störung geht wohl zumeist von der 
Person der Schwiegermutter aus, die ihn durch so viele gemein- 
same Züge an die Tochter mahnt und doch all der Reize der 
Jugend, Schönheit und psychischen Frische entbehrt, welche ihm 
seine Frau wertvoll machen. 

Die Kenntnis versteckter Seelenregungen, welche die psycho- 
analytische Untersuchung einzelner Menschen verleiht, gestattet 
uns, zu diesen Motiven noch andere hinzuzufügen. Wo die psycho- 
sexuellen Bedürfnisse der Frau in der Ehe und im Familienleben 
befriedigt werden sollen, da droht ihr immer die Gefahr der 
Unbefriedigung durch den frühzeitigen Ablauf der ehelichen Be- 
ziehung und die Ereignislosigkeit in ihrem Gefühlsleben. Die 
alternde Mutter schützt sich davor durch Einfühlung in ihre 
Kinder, Identifizierung mit ihnen, indem sie deren gefühlsbetonte 
Erlebnisse zu den eigenen macht. Man sagt, die Eltern bleiben 
jung mit ihren Kindern; es ist dies in der Tat einer der wert- 
vollsten seelischen Gewinste, den Eltern aus ihren Kindern 
ziehen. Im Falle der Kinderlosigkeit entfällt so eine der besten 
Möglichkeiten, die für die eigene Ehe erforderliche Resignation 
zu ertragen. Diese Einfühlung in die Tochter geht bei der 
Mutter leicht so weit, daß sie sich in den von ihr geliebten 
Mann — mitverliebt, was in grellen Fällen infolge des heftigen 



" 



Die Inzestscheu 23 



seelischen Sträubens gegen diese Gefühlsanlage zu schweren 
Formen neurotischer Erkrankung führt. Eine Tendenz zu solcher 
Verliebtheit ist bei der Schwiegermutter jedenfalls sehr häufig, 
und entweder diese selbst oder die ihr entgegenarbeitende Strebung 
schließen sich dem Gewühle der miteinander ringenden Kräfte 
in der Seele der Schwiegermutter an. Recht häufig wird gerade 
die unzärtliche, sadistische Komponente der Liebeserregung dem 
Schwiegersohne zugewendet, um die verpönte, zärtliche um so 
sicherer zu unterdrücken. 

Für den Mann kompliziert sich das Verhältnis zur Schwieger- 
mutter durch ähnliche Regungen, die aber aus anderen Quellen 
stammen. Der Weg der Objektwahl hat ihn regulärerweise über 
das Bild seiner Mutter, vielleicht noch seiner Schwester, zu seinem 
Liebesobjekt geführt; infolge der Inzestschranke glitt seine Vor- 
liebe von beiden teuren Personen seiner Kindheit ab, um bei 
einem fremden Objekt nach deren Ebenbild zu landen. An Stelle 
der eigenen Mutter und Mutter seiner Schwester sieht er nun 
die Schwiegermutter treten; es entwickelt sich eine Tendenz, in 
die vorzeitliche Wahl zurückzusinken, aber dieser widerstrebt alles 
in ihm. Seine Inzestscheu fordert, daß er an die Genealogie seiner 
Liebes wähl nicht erinnert werde; die Aktualität der Schwieger- 
mutter, die er nicht wie die Mutter von jeher gekannt hat, so 
daß ihr Bild im Unbewußten unverändert bewahrt werden konnte 
macht ihm die Ablehnung leicht. Ein besonderer Zusatz von Reiz- 
barkeit und Gehässigkeit zur Gefühlsmischung läßt uns vermuten, 
daß die Schwiegermutter tatsächlich eine Inzestversuchung für den 
Schwiegersohn darstellt, sowie es anderseits nicht selten vorkommt, 
daß sich ein Mann manifesterweise zunächst in seine spätere 
Schwiegermutter verliebt, ehe seine Neigung auf deren Tochter 
übergeht. 

Ich sehe keine Abhaltung von der Annahme, daß es gerade 
dieser, der inzestuöse Faktor des Verhältnisses ist, welcher die 
Vermeidung zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter bei 



■ 



a 4 



Totem und Tabu 



den Wilden motiviert. Wir würden also in der Aufklärung der 
so streng gehandhabten „Vermeidungen" dieser primitiven Völker 
die ursprünglich von Fison geäußerte Meinung bevorzugen, die 
in diesen Vorschriften wiederum nur einen Schutz gegen den 
möglichen Inzest erblickt. Das nämliche würde für alle anderen 
Vermeidungen zwischen Bluts- oder Heiratsverwandten gelten. Nur 
bliebe der Unterschied, daß im ersteren Falle der Inzest ein 
direkter ist, die Verhütungsabsicht eine bewußte sein könnte; im 
anderen Falle, der das Schwiegermutterverhältnis mit einschließt, 
wäre der Inzest eine Phantasieversuchung, ein durch unbewußte 
Zwischenglieder vermittelter. 

Wir haben in den vorstehenden Ausführungen wenig Gelegen- 
heit gehabt zu zeigen, daß die Tatsachen der Völkerpsychologie 
durch die Anwendung der psychoanalytischen Betrachtung in neuem 
Verständnis gesehen werden können, denn die Inzestscheu der 
Wilden ist längst als solche erkannt worden und bedarf keiner 
weiteren Deutung. Was wir zu ihrer Würdigung hinzufügen 
können, ist die Aussage, sie sei ein exquisit infantiler Zug und 
eine auffällige Übereinstimmung mit dem seelischen Leben des 
Neurotikers. Die Psychoanalyse hat uns gelehrt, daß die erste 
sexuelle Objektwahl des Knaben eine inzestuöse ist, den verpönten 
Objekten, Mutter und Schwester, gilt, und hat uns auch die Wege 
kennen gelehrt, auf denen sich der Heranwachsende von der 
Anziehung des Inzests frei macht. Der Neurotiker repräsentiert 
uns aber regelmäßig ein Stück des psychischen Infantilismus, er 
hat es entweder nicht vermocht, sich von den kindlichen Ver- 
hältnissen der Psychosexualität zu befreien, oder er ist zu ihnen 
zurückgekehrt. (Entwicklungshemmung und Regression.) In seinem 
unbewußten Seelenleben spielen darum noch immer oder wiederum 
die inzestuösen Fixierungen der Libido eine Hauptrolle. Wir sind 
dahin gekommen, das vom Inzestverlangen beherrschte Verhältnis 
zu den Eltern für den Kernkomplex der Neurose zu erklären. 
Die Aufdeckung dieser Bedeutung des Inzests für die Neurose 






Die Inzestscheu 25 



stößt natürlich auf den allgemeinsten Unglauben der Erwachsenen 
und Normalen; dieselbe Ablehnung wird z. B. auch den Arbeiten 
von Otto Rank entgegentreten, die in immer größerem Aus- 
maß dartun, wie sehr das Inzestthema im Mittelpunkte des dich- 
terischen Interesses steht und in ungezählten Variationen und 
Entstellungen der Poesie den Stoff liefert. Wir sind genötigt zu 
glauben, daß solche Ablehnung vor allem ein Produkt der tiefen 
Abneigung des Menschen gegen seine einstigen, seither der Ver- 
drängung verfallenen Inzestwünsche ist. Es ist uns darum nicht 
unwichtig, an den wilden Völkern zeigen zu können, daß sie die 
zur späteren Unbewußtheit bestimmten Inzestwünsche des Men- 
schen noch als bedrohlich empfinden und der schärfsten Abwehr- 
maßregeln für würdig halten. 



II 

DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ 

DER GEFÜHLSREGUNGEN 






Tabu ist ein polynesisches Wort, dessen Übersetzung uns 
Schwierigkeiten bereitet, weil wir den damit bezeichneten Begriff 
nicht mehr besitzen. Den alten Römern war er noch geläufig, 
ihr sacer war dasselbe wie das Tabu der Polynesier. Auch das 
äyog der Griechen, das Kodausch der Hebräer muß das nämliche 
bedeutet haben, was die Polynesier durch ihr Tabu, viele Völker 
in Amerika, Afrika (Madagaskar), Nord- und Zentral-Asien durch 
analoge Bezeichnungen ausdrücken. 

Uns geht die Bedeutung des Tabu nach zwei entgegengesetzten 
Richtungen auseinander. Es heißt uns einerseits: heilig, geweiht, 
anderseits: unheimlich, gefährlich, verboten, unrein. Der Gegensatz 
von Tabu heißt im Polynesischen noa = gewöhnlich, allgemein 
zugänglich. Somit haftet am Tabu etwas wie der Begriff einer 
Reserve, das Tabu äußert sich auch wesentlich in Verboten und 
Einschränkungen. Unsere Zusammensetzung „heilige Scheu" würde 
sich oft mit dem Sinn des Tabu decken. 

Die Tabubeschränkungen sind etwas anderes als die religiösen oder 
moralischen Verbote. Sie werden nicht auf das Gebot eines Gottes 
zurückgeführt, sondern verbieten sich eigentlich von selbst 5 von den 










Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsreg ungen 27 

Moralverboten scheidet sie das Fehlen der Einreihung in ein System, 
welches ganz allgemein Enthaltungen für notwendig erklärt und diese 
Notwendigkeit auch begründet. Die Tabuverbote entbehren jeder Be- 
gründung; sie sind unbekannter Herkunft; für uns unverständlich, er- 
scheinen sie jenen selbstverständlich, die unter ihrer Herrschaft stehen. 
Wund t 1 nennt das Tabu den ältesten ungeschriebenen Gesetzeskodex 
der Menschheit. Es wird allgemein angenommen, daß das Tabu älter 
ist als die Götter und in die Zeiten vor jeder Religion zurückreicht. 
Da wir einer unparteiischen Darstellung des Tabu bedürfen 
um dieses der psychoanalytischen Betrachtung zu unterziehen, lasse 
ich nun einen Auszug aus dem Artikel „taboo" der „Encyclopaedia 
Britannica" 2 folgen, der den Anthropologen Northcote W. Thomas 
zum Verfasser hat. 

„Streng genommen umfaßt tabu nur a) den heiligen (oder 
unreinen) Charakter von Personen oder Dingen, b) die Art der 
Beschränkung, welche sich aus diesem Charakter ergibt, und c) die 
Heiligkeit (oder Unreinheit), welche aus der Verletzung dieses 
Verbotes hervorgeht. Das Gegenteil von tabu heißt in Polynesien 
,nod, was gewöhnlich' oder ,gemein' bedeutet ..." 

„In einem weiteren Sinne kann man verschiedene Arten von 
Tabu unterscheiden: 1. Ein natürliches oder direktes Tabu, 
welches das Ergebnis einer geheimnisvollen Kraft (Mana) ist, die 
an einer Person oder Sache haftet; 2. ein mitgeteiltes oder in- 
direktes Tabu, das auch von jener Kraft ausgeht, aber entweder 
a) erworben ist, oder b) von einem Priester, Häuptling oder sonst 
jemandem übertragen; endlich 3. ein Tabu, das zwischen den beiden 
anderen die Mitte hält, wenn nämlich beide Faktoren in Betracht 
kommen, wie z. B. bei der Aneignung eines Weibes durch einen 
Mann. Der Name Tabu wird auch auf andere rituelle Beschrän- 
kungen angewendet, aber man sollte alles, was besser religiöses 
Verbot heißen könnte, nicht zum Tabu rechnen." 

1) Völkerpsychologie, II. Bd. „Mythus und Religion«, 1906, II, p. 308. 

2) Elfte Auflage, 1911. — Daselbst auch die wichtigsten Literaturnachweise. 



28 



Totem und Tabu 



„Die Ziele des Tabu sind mannigfacher Art: Direkte Tabu 
bezwecken a) den Schutz bedeutsamer Personen wie Häuptlinge, 
Priester und Gegenstände u. dgl. gegen mögliche Schädigung; 
b) die Sicherung der Schwachen — Frauen, Kinder und gewöhn- 
licher Menschen im allgemeinen — gegen das mächtige Mana 
(die magische Kraft) der Priester und Häuptlinge; c) den Schutz 
gegen Gefahren, die mit der Berührung von Leichen, mit dem 
Genuß gewisser Speisen usw. verbunden sind; d) die Versicherung 
gegen die Störung wichtiger Lebensakte wie Geburt, Männer- 
weihe, Heirat, sexuelle Tätigkeiten; e) den Schutz menschlicher 
Wesen gegen die Macht oder den Zorn von Göttern und Dämonen; 1 
f) die Behütung Ungeborener und kleiner Kinder gegen die 
mannigfachen Gefahren, die ihnen infolge ihrer besonderen sym- 
pathetischen Abhängigkeit von ihren Eltern drohen, wenn diese 
z. B. gewisse Dinge tun oder Speisen zu sich nehmen, deren 
Genuß den Kindern besondere Eigenschaften übertragen könnte. 
Eine andere Verwendung des Tabu ist die zum Schutze des Eigen- 
tums einer Person, ihrer Werkzeuge, ihres Feldes usw. gegen 

Diebe." 

„Die Strafe für die Übertretung eines Tabu wird wohl ur- 
sprünglich einer inneren, automatisch wirkenden Einrichtung über- 
lassen. Das verletzte Tabu rächt sich selbst. Wenn Vorstellungen 
von Göttern und Dämonen hinzukommen, mit denen das Tabu 
in Beziehung tritt, so wird von der Macht der Gottheit eine 
automatische Bestrafung erwartet. In anderen Fällen, wahrschein- 
lich infolge einer weiteren Entwicklung des Begriffes, übernimmt 
die Gesellschaft die Bestrafung des Verwegenen, dessen Vorgehen 
seine Genossen in Gefahr gebracht hat. So knüpfen auch die ersten 
Strafsysteme der Menschheit an das Tabu an." 

„Wer ein Tabu übertreten hat, der ist dadurch selbst tabu 
geworden. Gewisse Gefahren, die aus der Verletzung eines Tabu 

i) Diese Verwendung des Tabu kann auch als eine nicht ursprüngliche in diesem 
Zusammenhange beiseite gelassen werden. 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 29 

entstehen, können durch Bußhandlungen und Reinigungszeremo- 
nien beschworen werden. 

„Als die Quelle des Tabu wird eine eigentümliche Zauberkraft 
angesehen, die an Personen und Geistern haftet und von ihnen 
aus durch unbelebte Gegenstände hindurch übertragen werden 
kann. Personen oder Dinge, die tabu sind, können mit elektrisch 
geladenen Gegenständen verglichen werden; sie sind der Sitz einer 
furchtbaren Kraft, welche sich durch Berührung mitteilt und mit 
unheilvollen Wirkungen entbunden wird, wenn der Organismus, 
der die Entladung hervorruft, zu schwach ist, ihr zu widerstehen. 
Der Erfolg einer Verletzung des Tabu hängt also nicht nur von 
der Intensität der magischen Kraft ab, die an dem Tabuobjekt 
haftet, sondern auch von der Stärke des Mana, die sich dieser 
Kraft bei dem Frevler entgegensetzt. So sind z. B. Könige und 
Priester Inhaber einer großartigen Kraft, und es wäre Tod für 
ihre Untertanen, in unmittelbare Berührung mit ihnen zu treten, 
aber ein Minister oder eine andere Person von mehr als gewöhn- 
lichem Mana kann ungefährdet mit ihnen verkehren, und diese 
Mittelspersonen können wiederum ihren Untergebenen ihre An- 
näherung gestatten, ohne sie in Gefahr zu bringen. Auch mit- 
geteilte Tabu hängen in ihrer Bedeutung von dem Mana der 
Person ab, von der sie ausgehen; wenn ein König oder Priester 
ein Tabu auferlegt, ist es wirksamer, als wenn es von einem 
gewöhnlichen Menschen käme." 

Die Übertragbarkeit eines Tabu ist wohl jener Charakter, der 
dazu Veranlassung gegeben hat, seine Beseitigung durch Sühne- 
zeremonien zu versuchen. 

„Es gibt permanente und zeitweilige Tabu. Priester und Häupt- 
linge sind das erstere, ebenso Tote und alles, was zu ihnen 
gehört hat. Zeitweilige Tabu schließen sich an gewisse Zustände 
an, so an die Menstruation und das Kindbett, an den Stand des 
Kriegers vor und nach der Expedition, an die Tätigkeiten des 
Fischens und Jagens u. dgl. Ein allgemeines Tabu kann auch wie 



30 



Totem und Tabu 



das kirchliche Interdikt über einen großen Bezirk verhängt werden 
und dann jahrelang anhalten." 



Wenn ich die Eindrücke meiner Leser richtig abzuschätzen 
weiß, so getraue ich mich jetzt der Behauptung, sie wüßten 
nach all diesen Mitteilungen über das Tabu erst recht nicht, 
was sie sich darunter vorzustellen haben, und wo sie es in ihrem 
Denken unterbringen können. Dies ist sicherlich die Folge der 
ungenügenden Information, die sie von mir erhalten haben, und 
des Wegfalls aller Erörterungen über die Beziehung des Tabu 
zum Aberglauben, zum Seelenglauben und zur Religion. Aber 
anderseits fürchte ich, eine eingehendere Schilderung dessen, was 
man über das Tabu weiß, hätte noch verwirrender gewirkt, und 
darf versichern, daß die Sachlage in Wirklichkeit recht undurch- 
sichtig ist. Es handelt sich also um eine Reihe von Einschrän- 
kungen, denen sich diese primitiven Völker unterwerfen ; dies 
und jenes ist verboten, sie wissen nicht warum, es fällt ihnen 
auch nicht ein, danach zu fragen, sondern sie unterwerfen sich 
ihnen wie selbstverständlich und sind überzeugt, daß eine Über- 
tretung sich von selbst auf die härteste Weise strafen wird. Es 
liegen zuverlässige Berichte vor, daß die unwissentliche Über- 
tretung eines solchen Verbotes sich tatsächlich automatisch gestraft 
hat. Der unschuldige Missetäter, der z. B. von einem ihm ver- 
botenen Tier gegessen hat, wird tief deprimiert, erwartet seinen 
Tod und stirbt dann in allem Ernst. Die Verbote betreffen meist 
Genußfähigkeit, Bewegungs- und Verkehrsfreiheit • sie scheinen in 
manchen Fällen sinnreich, sollen offenbar Enthaltungen und Ent- 
sagungen bedeuten, in anderen Fällen sind sie ihrem Inhalt nach 
ganz unverständlich, betreffen wertlose Kleinigkeiten, scheinen ganz 
von der Art eines Zeremoniells zu sein. All diesen Verboten scheint 
etwas wie eine Theorie zugrunde zu liegen, als ob die Verbote 
notwendig wären, weil gewissen Personen und Dingen eine gefähr- 






Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 



31 



liehe Kraft zu eigen ist, die sich durch Berührung mit dem so 
geladenen Objekt überträgt, fast wie eine Ansteckung. Es wird 
auch die Quantität dieser gefährlichen Eigenschaft in Betracht 
gezogen. Der eine oder das eine hat mehr davon als der andere, 
und die Gefahr richtet sich geradezu nach der Differenz der 
Ladungen. Das Sonderbarste daran ist wohl, daß wer es zustande 
gebracht hat, ein solches Verbot zu übertreten, selbst den Charakter 
des Verbotenen gewonnen, gleichsam die ganze gefährliche Ladung 
auf sich genommen hat. Diese Kraft haftet nun an allen Personen 
die etwas Besonderes sind, wie Könige, Priester, Neugeborene, an 
allen Ausnahmszuständen, wie die körperlichen der Menstruation, 
der Pubertät, der Geburt, an allem Unheimlichen, wie Krankheit 
und Tod, und was kraft der Ansteckungs- oder Ausbreitungs- 
fähigkeit damit zusammenhängt. 

„Tabu" heißt aber alles, sowohl die Personen als auch die 
Örtlichkeiten, Gegenstände und die vorübergehenden Zustände, 
welche Träger oder Quelle dieser geheimnisvollen Eigenschaft 
sind. Tabu heißt auch das Verbot, welches sich aus dieser Eigen- 
schaft herleitet, und Tabu heißt endlich seinem Wortsinn nach 
etwas, was zugleich heilig, über das Gewöhnliche erhaben, wie 
auch gefährlich, unrein, unheimlich umfaßt. 

In diesem Wort und in dem System, das es bezeichnet, drückt 
sich ein Stück Seelenleben aus, dessen Verständnis uns wirklich 
nicht nahegerückt erscheint. Vor allem sollte man meinen, daß 
man sich diesem Verständnis nicht nähern könne, ohne auf den 
für so tiefstehende Kulturen charakteristischen Glauben an Geister 
und Dämonen einzugehen. 

Warum sollen wir überhaupt unser Interesse an das Rätsel 
des Tabu wenden? Ich meine, nicht nur, weil jedes psychologische 
Problem an sich des Versuches einer Lösung wert ist, sondern 
auch noch aus anderen Gründen. Es darf uns ahnen, daß das 
Tabu der Wilden Polynesiens doch nicht so weit von uns abliegt, 
wie wir zuerst glauben wollten, daß die Sitten- und Moral- 



, a Totem und Tabu 







verböte, denen wir selbst gehorchen, in ihrem Wesen eine Ver- 
wandtschaft mit diesem primitiven Tabu haben könnten, und 
daß die Aufklärung des Tabu ein Licht auf den dunkeln Ursprung 
unseres eigenen „kategorischen Imperativs" zu werfen vermöchte. 
Wir werden also in besonders erwartungsvoller Spannung auf- 
horchen, wenn ein Forscher wie W Wundt uns seine Auffassung 
des Tabu mitteilt, zumal da er verspricht, „zu den letzten 
Wurzeln der Tabuvorstellungen zurückzugehen." 1 

Vom Begriff des Tabu sagt Wundt, daß es „alle die Bräuche 
umfaßt, in denen sich die Scheu vor bestimmten mit den kulti- 
schen Vorstellungen zusammenhängenden Objekten oder vor den 
sich auf diese beziehenden Handlungen ausdrückt." 2 

Ein andermal: „Verstehen wir darunter (unter dem Tabu), wie 
es dem allgemeinen Sinne des Wortes entspricht, jedes in Brauch 
und Sitte -oder in ausdrücklich formulierten Gesetzen niedergelegte 
Verbot, einen Gegenstand zu berühren, zu eigenem Gebrauch in 
Anspruch zu nehmen oder gewisse verpönte Worte zu gebrau- 
chen . . .," so gebe es überhaupt kein Volk und keine Kultur- 
stufe, die der Schädigung durch das Tabu entgangen wäre. 

Wundt führt dann aus, weshalb es ihm zweckmäßiger erscheint, 
die Natur des Tabu an den primitiven Verhältnissen der austra- 
lischen Wilden als in der höheren Kultur der polynesischen Völker 
zu studieren. Bei den Australiern ordnet er die Tabuverbote in 
drei Klassen, je nachdem sie Tiere, Menschen oder andere Objekte 
betreffen. Das Tabu der Tiere, das wesentlich im Verbot des 
Tötens und Verzehrens besteht, bildet den Kern des Totemismus.* 
Das Tabu der zweiten Art, das den Menschen zu seinem Objekt 
hat, ist wesentlich anderen Charakters. Es ist von vornherein auf 
Bedingungen eingeschränkt, die für den Tabuierten eine unge- 
wöhnliche Lebenslage herbeiführen. So sind Jünglinge tabu beim 

i) In der Völkerpsychologie, Band II, „Religion und Mythus«, II, p. 300 u. ff. 
5) Vgl.' darüber die erste und die letzte Abhandlung dieses Buches. 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefüh lsregungen 33 

Fest der Männerweihe, Frauen während der Menstruation und 
unmittelbar nach der Geburt, neugeborene Kinder, Kranke und 
vor allem die Toten. Auf dem fortwährend gebrauchten Eigentum 
eines Menschen liegt ein dauerndes Tabu für jeden anderen $ so 
auf seinen Kleidern, Werkzeugen und Waffen. Zum persönlichsten 
Eigentum gehört in Australien auch der neue Name, den ein 
Knabe bei seiner Männerweihe erhält, dieser ist tabu und muß 
geheim gehalten werden. Die Tabu der dritten Art, die auf Bäumen, 
Pflanzen, Häusern, Örtlichkeiten ruhen, sind veränderlicher, scheinen 
nur der Regel zu folgen, daß dem Tabu unterworfen wird, was 
aus irgend welcher Ursache Scheu erregt oder unheimlich ist. 

Die Veränderungen, die das Tabu in der reicheren Kultur der 
Polynesier und der malaiischen Inselwelt erfährt, muß Wundt 
selbst für nicht sehr tiefgehend erklären. Die stärkere soziale Dif- 
ferenzierung dieser Völker macht sich darin geltend, daß Häuptlinge, 
Könige und Priester ein besonders wirksames Tabu ausüben und 
selbst dem stärksten Zwang des Tabu ausgesetzt werden. 

Die eigentlichen Quellen des Tabu liegen aber tiefer als in den 
Interessen der privilegierten Stände 5 „sie entspringen da, wo die 
primitivsten und zugleich dauerndsten menschlichen Triebe ihren 
Ursprung nehmen, in der Furcht vor der Wirkung dämo- 
nischer Mächte." 1 „Ursprünglich nichts anderes als die objektiv 
gewordene Furcht vor der in dem tabuierten Gegenstand ver- 
borgen gedachten dämonischen Macht, verbietet das Tabu, diese 
Macht zu reizen, und es gebietet, wo es wissentlich oder un- 
wissentlich verletzt worden ist, die Rache des Dämons zu besei- 
tigen." 

Allmählich wird dann das Tabu zu einer in sich selbst begrün- 
deten Macht, die sich vom Dämonismus losgelöst hat. Es wird 
zum Zwang der Sitte und des Herkommens und schließlich des 
Gesetzes. „Das Gebot aber, das unausgesprochen hinter den nach 






1) 1. c, p. 507. 
Freud, Totem. 















34 



Totem, und Tabu 



Ort und Zeit mannigfach wechselnden Tabuverboten steht, ist 
ursprünglich das eine: Hüte dich vor dem Zorn der Dämonen." 

Wundt lehrt uns also, das Tabu sei ein Ausdruck und Ausfluß 
des Glaubens der primitiven Völker an dämonische Mächte. Später 
habe sich das Tabu von dieser Wurzel losgelöst und sei eine 
Macht geblieben, einfach weil es eine solche war, infolge einer 
Art von psychischer Beharrung ; so sei es selbst die Wurzel un- 
serer Sittengebote und unserer Gesetze geworden. So wenig nun 
der erste dieser Sätze zum Widerspruch reizen kann, so glaube 
ich doch dem Eindruck vieler Leser Worte zu leihen, wenn ich 
die Aufklärung Wundts als eine Enttäuschung anspreche. Das 
heißt wojil nicht, zu den Quellen der Tabuvorstellungen herunter- 
gehen oder ihre letzten Wurzeln aufzeigen. Weder die Angst noch 
die Dämonen können in der Psychologie als letzte Dinge gewertet 
werden, die jeder weiteren Zurückführung trotzen. Es wäre anders, 
wenn die Dämonen wirklich existierten ; aber wir wissen ja, sie 
sind selbst wie die Götter Schöpfungen der Seelenkräfte des Men- 
schen ; sie sind von etwas und aus etwas geschaffen worden. 

Über die Doppelbedeutung des Tabu äußert Wundt bedeut- 
same, aber nicht ganz klar zu fassende Ansichten. Für die primi- 
tiven Anfänge des Tabu besteht nach ihm eine Scheidung von 
heilig und unrein noch nicht. Eben darum fehlen hier jene 
Begriffe überhaupt in der Bedeutung, die sie eben erst durch den 
Gegensatz, in den sie zueinander traten, annehmen konnten. Das 
Tier, der Mensch, der Ort, auf dem ein Tabu ruht, sind dämo- 
nisch, nicht heilig und darum auch noch nicht in dem späteren 
Sinne unrein. Gerade für diese noch indifferent in der Mitte 
stehende Bedeutung des Dämonischen, das nicht berührt werden 
darf, ist der Ausdruck Tabu wohl geeignet, da er ein Merkmal 
hervorhebt, das schließlich dem Heiligen wie dem Unreinen für 
alle Zeiten gemeinsam bleibt: die Scheu vor seiner Berührung. 
In dieser bleibenden Gemeinschaft eines wichtigen Merkmals liegt 
aber zugleich ein Hinweis darauf, daß hier zwischen beiden Ge- 






Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 55 

bieten eine ursprüngliche Übereinstimmung obwaltet, die erst 
infolge weiterer Bedingungen einer Differenzierung gewichen ist, 
durch welche sich beide schließlich zu Gegensätzen entwickelt 
haben. 

Der dem ursprünglichen Tabu eigene Glaube an eine dämo- 
nische Macht, die in dem Gegenstand verborgen ist und dessen 
Berührung oder unerlaubte Verwendung durch Verzauberung des 
Täters rächt, ist eben noch ganz und ausschließlich die objekti- 
vierte Furcht. Diese hat sich noch nicht in die beiden Formen 
gesondert, die sie auf einer entwickelten Stufe annimmt: in die 
Ehrfurcht und in den Abscheu. 

Wie aber entsteht diese Sonderung? Nach Wundt durch die 
Verpflanzung der Tabugebote aus dem Gebiet der Dämonen — 
in das der Göttervorstellungen. Der Gegensatz von heilig und 
unrein fällt mit der Aufeinanderfolge zweier mythologischer Stufen 
zusammen, von denen die frühere nicht vollkommen verschwindet, 
wenn die folgende erreicht ist, sondern in der Form einer nie- 
drigeren und allmählich mit Verachtung sich paarenden Wert- 
schätzung fortbesteht. In der Mythologie gilt allgemein das Gesetz, 
daß eine vorangegangene Stufe eben deshalb, weil sie von der 
höheren überwunden und zurückgedrängt wird, nun neben dieser 
in erniedrigter Form fortbesteht, so daß die Objekte ihrer Ver- 
ehrung in solche des Abscheus sich umwandeln. 1 

Die weiteren Ausführungen Wundts beziehen sich auf das 
Verhältnis der Tabuvorstellungen zur Reinigung und zum Opfer. 



Wer von der Psychoanalyse, das heißt von der Erforschung des 
unbewußten Anteils am individuellen Seelenleben her an das 
Problem des Tabu herantritt, der wird sich nach kurzem Besinnen 
sagen, daß ihm diese Phänomene nicht fremd sind. Er kennt 

1) 1. c, p. 3x3. 



I 



36 Totem und Tabu 



Personen, die sich solche Tabuverbote individuell geschaffen haben 
und sie ebenso streng befolgen wie die Wilden die ihrem Stamme 
oder ihrer Gesellschaft gemeinsamen. Wenn er nicht gewohnt 
wäre, diese vereinzelten Personen als „Zwangskranke" zu be- 
zeichnen, würde er den Namen „Tabukrankheit" für deren Zu- 
stand angemessen finden müssen. Von dieser Zwangskrankheit hat 
er aber durch die psychoanalytische Untersuchung soviel erfahren, 
die klinische Ätiologie und das Wesentliche des psychischen 
Mechanismus, daß er es sich nicht versagen kann, das hier Gelernte 
zur Aufklärung der entsprechenden völkerpsychologischen Erschei- 
nung zu verwenden. 

Eine Warnung wird bei diesem Versuche angehört werden 
müssen. Die Ähnlichkeit des Tabu mit der Zwangskrankheit mag 
eine rein äußerliche sein, für die Erscheinungsform der beiden 
gelten und sich nicht weiter auf deren Wesen erstrecken. Die 
Natur liebt es, die nämlichen Formen in den verschiedensten 
biologischen Zusammenhängen zu verwenden, z. B. am Korallen- 
stock wie an der Pflanze, ja darüber hinaus an gewissen Kristallen 
oder bei Bildung bestimmter chemischer Niederschläge. Es wäre 
offenbar voreilig und wenig aussichtsvoll, durch diese Überein- 
stimmungen, die auf eine Gemeinsamkeit mechanischer Bedin- 
gungen zurückgehen, Schlüsse zu begründen, die sich auf innere 
Verwandtschaft beziehen. Wir werden dieser Warnung eingedenk 
bleiben, brauchen aber die beabsichtigte Vergleichung dieser Mög- 
lichkeit wegen nicht zu unterlassen. 

Die nächste und auffälligste Übereinstimmung der Zwangsver- 
bote (bei den Nervösen) mit dem Tabu besteht nun darin, daß 
diese Verbote ebenso unmotiviert und in ihrer Herkunft rätsel- 
haft sind. Sie sind irgend einmal aufgetreten und müssen nun 
infolge einer unbezwingbaren Angst gehalten werden. Eine äußere 
Strafandrohung ist überflüssig, weil eine innere Sicherheit (ein 
Gewissen) besteht, die Übertretung werde zu einem unerträglichen 
Unheil führen. Das Äußerste, was die Zwangskranken mitteilen 









. 



I 









Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 37 

können, ist die unbestimmte Ahnung, es werde eine gewisse Person 
ihrer Umgebung durch die Übertretung zu Schaden kommen. Welches 
diese Schädigung sein soll, wird nicht erkannt, auch erhält man 
diese kümmerliche Auskunft eher bei den später zu besprechenden 
Sühne- und Abwehrhandlungen als bei den Verboten selbst. 

Das Haupt- und Kernverbot der Neurose ist wie beim Tabu 
das der Berührung, daher der Name: Berührungsangst, delire de 
toucher. Das Verbot erstreckt sich nicht nur auf die direkte Be- 
rührung mit dem Körper, sondern nimmt den Umfang der über- 
tragenen Redensart: in Berührung kommen, an. Alles, was die 
Gedanken auf das Verbotene lenkt, eine Gedankenberührung her- 
vorruft, ist ebenso verboten wie der unmittelbare leibliche Kontakt ; 
dieselbe Ausdehnung findet sich beim Tabu wieder. 

Ein Teil der Verbote ist nach seiner Absicht ohneweiters verständ- 
lich, ein anderer Teil dagegen erscheint uns unbegreiflich, läppisch, 
sinnlos. Wir bezeichnen solche Gebote als „Zeremoniell" und finden, 
daß die Tabugebräuche dieselbe Verschiedenheit erkennen lassen. 

Den Zwangsverboten ist eine großartige Verschiebbarkeit zu 
eigen, sie dehnen sich auf irgend welchen Wegen des Zusammen- 
hanges von einem Objekt auf das andere aus und machen auch 
dieses neue Objekt, wie eine meiner Kranken treffend sagt, „un- 
möglich". Die Unmöglichkeit hat am Ende die ganze Welt mit 
Beschlag belegt. Die Zwangskranken benehmen sich so, als wären 
die „unmöglichen" Personen und Dinge Träger einer gefährlichen 
Ansteckung, die bereit ist, sich auf alles Benachbarte durch Kon- 
takt zu übertragen. Dieselben Charaktere der Ansteckungsfähigkeit 
und der Übertragbarkeit haben wir eingangs bei der Schilderung 
der Tabuverbote hervorgehoben. Wir wissen auch, wer ein Tabu 
übertreten hat durch die Berührung von etwas, was tabu ist, der 
wird selbst tabu und niemand darf mit ihm in Berührung treten. 

Ich stelle zwei Beispiele von Übertragung (besser Verschiebung) 
des Verbotes zusammen; das eine aus dem Leben der Maori, 
das andere aus meiner Beobachtung an einer zwangskranken Frau. 



5 8 Totem und Tabu 



\ 






„Ein Maorihäuptling wird kein Feuer mit seinem Hauch an- 
fachen, denn sein geheiligter Atem würde seine Kraft dem Feuer 
mitteilen, dieses dem Topf, der im Feuer steht, der Topf der 
Speise, die in ihm gekocht wird, die Speise der Person, die von 
ihr ißt, und so müßte die Person sterben, die gegessen von der 
Speise, die gekocht in dem Topf, der gestanden im Feuer, in das 
geblasen der Häuptling mit seinem heiligen und gefährlichen 
Hauch." 1 

Die Patientin verlangt, daß ein Gebrauchsgegenstand, den ihr 
Mann vom Einkauf nach Hause gebracht, entfernt werde, er würde 
ihr sonst den Raum, in dem sie wohnt, unmöglich machen. Denn 
sie hat gehört, daß dieser Gegenstand in einem Laden gekauft 
wurde, welcher in der, sagen wir: Hirschengasse liegt. Aber 
Hirsch ist heute der Name einer Freundin, die in einer fernen 
Stadt lebt, und die sie in ihrer Jugend unter ihrem Mädchennamen 
gekannt hat. Diese Freundin ist ihr heute „unmöglich", tabu, und 
der hier in Wien gekaufte Gegenstand ist ebenso tabu wie die 
Freundin selbst, mit der sie nicht in Berührung kommen will. 

Die Zwangsverbote bringen großartigen Verzicht und Einschrän- 
kungen des Lebens mit sich wie die Tabuverbote, aber ein Anteil 
von ihnen kann aufgehoben werden durch die Ausführung ge- 
wisser Handlungen, die nun auch geschehen müssen, die Zwan°-s- 
charakter haben, — Zwangshandlungen — und deren Natur als 
Buße, Sühne, Abwehrmaßregeln und Reinigung keinem Zweifel 
unterliegt. Die gebräuchlichste dieser Zwangshandlungen ist das 
Abwaschen mit Wasser (Waschzwang). Auch ein Teil der Tabu- 
verbote kann so ersetzt, respektive deren Übertretung durch solches 
„Zeremoniell" gutgemacht werden und die Lustration durch Wasser 
ist auch hier die bevorzugte. 

Resümieren wir nun, in welchen Punkten sich die Überein- 
stimmung der Tabugebräuche mit den Symptomen der Zwangs- 



1) Frazer, The golden bough, II, Taboo and the perils of the soul, 1911, p. 136. 






Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 59 



neurose am deutlichsten äußert: 1. In der Unmotiviertheit der 
Gebote, 2. in ihrer Befestigung durch eine innere Nötigung, 3. in 
ihrer Verschiebbarkeit und in der Ansteckungsgefahr durch das 
Verbotene, 4. in der Verursachung von zeremoniösen Handlungen, 
Geboten, die von den Verboten ausgehen. 

Die klinische Geschichte wie der psychische Mechanismus der 
Fälle von Zwangskrankheit sind uns aber durch die Psychoanalyse 
bekannt geworden. Erstere lautet für einen typischen Fall von 
Berührungsangst wie folgt: Zu allem Anfang, in ganz früher 
Kinderzeit, äußerte sich eine starke Berührungslust, deren Ziel 
weit spezialisierter war, als man geneigt wäre zu erwarten. Dieser 
Lust trat alsbald von außen ein Verbot entgegen, gerade diese 
Berührung nicht auszuführen. 1 Das Verbot wurde aufgenommen, 
denn es konnte sich auf starke innere Kräfte stützen ; 2 es erwies 
sich stärker als der Trieb, der sich in der Berührung äußern 
wollte. Aber infolge der primitiven psychischen Konstitution des 
Kindes gelang es dem Verbot nicht, den Trieb aufzuheben. Der 
Erfolg des Verbotes war nur, den Trieb — die Berührungs- 
lust — zu verdrängen und ihn ins Unbewußte zu verbannen. 
Verbot und Trieb blieben beide erhalten; der Trieb, weil er nur 
verdrängt, nicht aufgehoben war, das Verbot, weil mit seinem 
Aufhören der Trieb zum Bewußtsein und zur Ausführung durch- 
gedrungen wäre. Es war eine unerledigte Situation, eine psychische 
Fixierung geschaffen, und aus dem fortdauernden Konflikt von 
Verbot und Trieb leitet sich nun alles weitere ab. 

Der Hauptcharakter der psychologischen Konstellation, die so 
fixiert worden ist, liegt in dem, was man das ambivalente Ver- 
halten des Individuums gegen das eine Objekt, vielmehr die eine 
Handlung an ihm, heißen könnte. 3 Es will diese Handlung — die 



1) Beide, Lust und Verbot, bezogen sich auf die Berührung der eigenen Genitalien. 

2) Auf die Beziehung zu den geliebten Personen, von denen das Verbot gegeben 
wurde. 

3) Nach einem trefflichen Ausdruck von Bleuler. 



4° Totem und Tabu 






Berührung — immer wieder ausführen, es verabscheut sie auch. 
Der Gegensatz der beiden Strömungen ist auf kurzem Wege nicht 
ausgleichbar, weil sie — wir können nur sagen — im Seelenleben 
so lokalisiert sind, daß sie nicht zusammenstoßen können. Das 
Verbot wird laut bewußt, die fortdauernde Berührungslust ist 
unbewußt, die Person weiß nichts von ihr. Bestünde dieses psycho- 
logische Moment nicht, so könnte eine Ambivalenz weder sich 
so lange erhalten, noch könnte sie zu solchen Folgeerscheinungen 
führen. 

In der klinischen Geschichte des Falles haben wir das Ein- 
dringen des Verbotes in so frühem Kindesalter als das maßgebende 
hervorgehoben; für die weitere Gestaltung fällt diese Rolle dem 
Mechanismus der Verdrängung auf dieser Altersstufe zu. Infolge 
der stattgehabten Verdrängung, die mit einem Vergessen — 
Amnesie — verbunden ist, bleibt die Motivierung des bewußt 
gewordenen Verbotes unbekannt und müssen alle Versuche scheitern, 
es intellektuell zu zersetzen, da diese den Punkt nicht finden, an 
dem sie angreifen könnten. Das Verbot verdankt seine Stärke — 
seinen Zwangscharakter — gerade der Beziehung zu seinem un- 
bewußten Gegenpart, der im Verborgenen ungedämpften Lust, 
also einer inneren Notwendigkeit, in welche die bewußte Einsicht 
fehlt. Die Übertragbarkeit und Fortpflanzungsfähigkeit des Ver- 
botes spiegelt einen Vorgang wieder, der sich mit der unbewußten 
Lust zuträgt und unter den psychologischen Bedingungen des 
Unbewußten besonders erleichtert ist. Die Trieblust verschiebt sich 
beständig, um der Absperrung, in der sie sich befindet, zu ent- 
gehen, und sucht Surrogate für das Verbotene — Ersatzobjekte 
und Ersatzhandlungen — zu gewinnen. Darum wandert auch 
das Verbot und dehnt sich auf die neuen Ziele der verpönten 
Regung aus. Jeden neuen Vorstoß der verdrängten Libido beant- 
wortet das Verbot mit einer neuen Verschärfung. Die gegenseitige 
Hemmung der beiden ringenden Mächte erzeugt ein Bedürfnis 
nach Abfuhr, nach Verringerung der herrschenden Spannung, in 







Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 41 

welchem man die Motivierung der Zwangshandlungen erkennen 
darf. Diese sind bei der Neurose deutlich Kompromißaktionen, in 
der einen Ansicht Bezeugungen von Reue, Bemühungen zur 
Sühne u. dgl., in der anderen aber gleichzeitig Ersatzhandlungen, 
welche den Trieb für das Verbotene entschädigen. Es ist ein Gesetz 
der neurotischen Erkrankung, daß diese Zwangshandlungen immer 
mehr in den Dienst des Triebes treten und immer näher an die 
ursprünglich verbotene Handlung herankommen. 

Unternehmen wir jetzt den Versuch, das Tabu zu behandeln, 
als wäre es von derselben Natur wie ein Zwangsverbot unserer 
Kranken. Wir machen uns dabei von vornherein klar, daß viele 
der für uns zu beobachtenden Tabuverbote sekundärer, verscho- 
bener und entstellter Art sind, und daß wir zufrieden sein müssen, 
etwas Licht auf die ursprünglichsten und bedeutsamsten Tabu- 
verbote zu werfen. Ferner, daß die Verschiedenheiten in der 
Situation des Wilden und des Neurotikers wichtig genug sein 
dürften, um eine völlige Übereinstimmung auszuschließen, eine 
Übertragung von dem einen auf den anderen, die einer Abbildung 
in jedem Punkte gleichkäme, zu verhindern. 

Wir würden dann zunächst sagen, es habe keinen Sinn, die 
Wilden nach der wirklichen Motivierung ihrer Verbote, nach der 
Genese des Tabu zu fragen. Nach unserer Voraussetzung müssen 
sie unfähig sein, darüber etwas mitzuteilen, denn diese Motivierung 
sei ihnen „unbewußt". Wir konstruieren die Geschichte des Tabu 
aber folgendermaßen nach dem Vorbild der Zwangsverbote. Die 
Tabu seien uralte Verbote, einer Generation von primitiven Men- 
schen dereinst von außen aufgedrängt, das heißt also doch wohl 
von der früheren Generation ihr gewalttätig eingeschärft. Diese 
Verbote haben Tätigkeiten betroffen, zu denen eine starke Neigung 
bestand. Die Verbote haben sich nun von Generation zu Generation 
erhalten, vielleicht bloß infolge der Tradition durch elterliche und 
gesellschaftliche Autorität. Vielleicht aber haben sie sich in den 
späteren Organisationen bereits „organisiert" als ein Stück ererbten 






aq Totem und Tabu 



psychischen Besitzes. Ob es solche „angeborene Ideen" gibt, ob 
sie allein oder im Zusammenwirken mit der Erziehung die Fixie- 
rung der Tabu bewirkt haben, wer vermöchte es gerade für den 
in Rede stehenden Fall zu entscheiden? Aber aus der Festhaltung 
der Tabu ginge eines hervor, daß die ursprüngliche Lust, jenes 
Verbotene zu tun, auch noch bei den Tabuvölkern fortbesteht. 
Diese haben also zu ihren Tabuverboten eine ambivalente Ein- 
stellung; sie möchten im Unbewußten nichts lieber als sie über- 
treten, aber sie fürchten sich auch davor; sie fürchten sich gerade 
darum, weil sie es möchten, und die Furcht ist stärker als die 
Lust. Die Lust dazu ist aber bei jeder Einzelperson des Volkes 
unbewußt wie bei dem Neurotiker. 

Die ältesten und wichtigsten Tabuverbote sind die beiden 
Grundgesetze des Totemismus: Das Totemtier nicht zu töten 
und den sexuellen Verkehr mit den Totemgenossen des anderen 
Geschlechtes zu vermeiden. 

Das müßten also die ältesten und stärksten Gelüste der Men- 
schen sein. Wir können das nicht verstehen und können demnach 
unsere Voraussetzung nicht an diesen Beispielen prüfen, solange 
uns Sinn und Abkunft des totemistischen Systems so völlig unbe- 
kannt sind. Aber wer die Ergebnisse der psychoanalytischen Er- 
forschung des Einzelmenschen kennt, der wird selbst durch den 
Wortlaut dieser beiden Tabu und durch ihr Zusammentreffen an 
etwas ganz Bestimmtes gemahnt, was die Psychoanalytiker für den 
Knotenpunkt des infantilen Wunschlebens und dann für den Kern 
der Neurose erklären. 1 

Die sonstige Mannigfaltigkeit der Tabuerscheinungen, die zu 
den früher mitgeteilten Klassifizierungsversuchen geführt hat, wächst 
für uns auf folgende Art zu einer Einheit zusammen: Grundlage 
des Tabu ist ein verbotenes Tun, zu dem eine starke Neigung 
im Unbewußten besteht. 



1) Vgl. meine in diesen Aufsätzen bereits mehrmals angekündigte Studie über 
den Totemismus. 






Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 43 

Wir wissen, ohne es zu verstehen, wer das Verbotene tut, das 
Tabu übertritt, wird selbst tabu. Wie bringen wir aber diese 
Tatsache mit der anderen zusammen, daß das Tabu nicht nur 
an Personen haftet, die das Verbotene getan haben, sondern auch 
an Personen, die sich in besonderen Zuständen befinden, an diesen 
Zuständen selbst und an unpersönlichen Dingen? Was kann das 
für eine gefährliche Eigenschaft sein, die immer die nämliche 
bleibt unter all diesen verschiedenen Bedingungen? Nur die eine: 
die Eignung, die Ambivalenz des Menschen anzufachen und ihn 
in Versuchung zu führen, das Verbot zu übertreten. 

Der Mensch, der ein Tabu übertreten hat, wird selbst tabu, 
weil er die gefährliche Eignung hat, andere zu versuchen, daß 
sie seinem Beispiel folgen. Er erweckt Neid; warum sollte ihm 
gestattet sein, was anderen verboten ist? Er ist also wirklich an- 
steckend, insofern jedes Beispiel zur Nachahmung ansteckt, und 
darum muß er selbst gemieden werden. 

Ein Mensch braucht aber kein Tabu übertreten zu haben und 
kann doch permanent oder zeitweilig tabu sein, weil er sich in 
einem Zustand befindet, welcher die Eignung hat, die verbotenen 
Gelüste der anderen anzuregen, den Ambivalenzkonflikt in ihnen 
zu wecken. Die meisten Ausnahmsstellungen und Ausnahmszustände 
sind von solcher Art und haben diese gefährliche Kraft. Der König 
oder Häuptling erweckt den Neid auf seine Vorrechte; es möchte 
vielleicht jeder König sein. Der Tote, das Neugeborene, die Frau 
in ihren Leidenszuständen reizen durch ihre besondere Hilflosig- 
keit, das eben geschlechtsreif gewordene Individuum durch den 
neuen Genuß, den es verspricht. Darum sind alle diese Personen 
und alle diese Zustände tabu, denn der Versuchung darf nicht 
nachgegeben werden. 

Wir verstehen jetzt auch, warum die Manakräfte verschiedener 
Personen sich voneinander abziehen, einander teilweise aufheben 
können. Das Tabu eines Königs ist zu stark für seinen Untertan, 
weil die soziale Differenz zwischen ihnen zu groß ist. Aber ein 












44 



Totem und Tabu 



Minister kann etwa den unschädlichen Vermittler zwischen ihnen 
machen. Das heißt aus der Sprache des Tabu in die der Normal- 
psychologie übersetzt: Der Untertan, der die großartige Versuchung 
scheut, welche ihm die Berührung mit dem König bereitet, kann 
etwa den Umgang des Beamten vertragen, den er nicht so sehr 
zu beneiden braucht, und dessen Stellung ihm vielleicht selbst 
erreichbar scheint. Der Minister aber kann seinen Neid gegen den 
König durch die Erwägung der Macht ermäßigen, die ihm selbst 
eingeräumt ist. So sind geringere Differenzen der in Versuchung 
führenden Zauberkraft weniger zu fürchten als besonders große. 
Es ist ebenso klar, wieso die Übertretung gewisser Tabuverbote 
eine soziale Gefahr bedeutet, die von allen Mitgliedern der Gesell- 
schaft gestraft oder gesühnt werden muß, wenn sie nicht alle 
schädigen soll. Diese Gefahr besteht wirklich, wenn wir die be- 
wußten Regungen für die unbewußten Gelüste einsetzen. Sie 
besteht in der Möglichkeit der Nachahmung, in deren Folge die 
Gesellschaft bald zur Auflösung käme. Wenn die anderen die 
Übertretung nicht ahnden würden, müßten sie ja inne werden, 
daß sie dasselbe tun wollen wie der Übeltäter. 

Daß die Berührung beim Tabuverbot eine ähnliche Rolle spielt 
wie beim delire de toucher, obwohl der geheime Sinn des Ver- 
botes beim Tabu unmöglich ein so spezieller sein kann wie bei 
der Neurose, darf uns nicht wundernehmen. Die Berührung ist 
der Beginn jeder Bemächtigung, jedes Versuches, sich eine Person 
oder Sache dienstbar zu machen. 

Wir haben die ansteckende Kraft, die dem Tabu innewohnt, 
durch die Eignung, in Versuchung zu führen, zur Nachahmung 
anzuregen, übersetzt. Dazu scheint es nicht zu stimmen, daß sich 
die Ansteckungsfähigkeit des Tabu vor allem in der Übertragung 
auf Gegenstände äußert, die dadurch selbst Träger des Tabu 

werden. 

Diese Übertragbarkeit des Tabu spiegelt die bei der Neurose 
nachgewiesene Neigung des unbewußten Triebes wieder, sich auf 



\ 






Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 45 

assoziativen Wegen auf immer neue Objekte zu verschieben. Wir 
werden so aufmerksam gemacht, daß der gefährlichen Zauberkraft 
des „Mana" zweierlei realere Fähigkeiten entsprechen, die Eig- 
nung, den Menschen an seine verbotenen Wünsche zu erinnern, 
und die scheinbar bedeutsamere, ihn zur Übertretung des Verbotes 
im Dienste dieser Wünsche zu verleiten. Beide Leistungen treten 
aber wieder zu einer einzigen zusammen, wenn wir annehmen, 
es läge im Sinne eines primitiven Seelenlebens, daß mit der Er- 
weckung der Erinnerung an das verbotene Tun auch die Erweckung 
der Tendenz, es durchzusetzen, verknüpft sei. Dann fallen Erinne- 
rung und Versuchung wieder zusammen. Man muß auch zuge- 
stehen, wenn das Beispiel eines Menschen, der ein Verbot über- 
treten hat, einen anderen zur gleichen Tat verführt, so hat sich 
der Ungehorsam gegen das Verbot fortgepflanzt wie eine Ansteckung, 
wie sich das Tabu von einer Person auf einen Gegenstand und 
von diesem auf einen anderen überträgt. 

Wenn die Übertretung eines Tabu gutgemacht werden kann 
durch eine Sühne oder Buße, die ja einen Verzicht auf irgend 
ein Gut oder eine Freiheit bedeuten, so ist hiedurch der Beweis 
erbracht, daß die Befolgung der Tabuvorschrift selbst ein Verzicht 
war auf etwas, was man gern gewünscht hätte. Die Unterlassung 
des einen Verzichts wird durch einen Verzicht an anderer Stelle 
abgelöst. Für das Tabuzeremoniell würden wir hieraus den Schluß 
ziehen, daß die Buße etwas Ursprünglicheres ist als die Reinigung. 

Fassen wir nun zusammen, welches Verständnis des Tabu sich 
uns aus der Gleichstellung mit dem Zwangsverbot des Neurotikers 
ergeben hat: Das Tabu ist ein uraltes Verbot, von außen (von 
einer Autorität) aufgedrängt und gegen die stärksten Gelüste der 
Menschen gerichtet. Die Lust, es zu übertreten, besteht in deren 
Unbewußten fort; die Menschen, die dem Tabu gehorchen, haben 
eine ambivalente Einstellung gegen das vom Tabu Betroffene. Die 
dem Tabu zugeschriebene Zauberkraft führt sich auf die Fähigkeit 
zurück, die Menschen in Versuchung zu führen 5 sie benimmt 






46 Totem und Tabu 






sich wie eine Ansteckung, weil das Beispiel ansteckend ist, und 
weil sich das verbotene Gelüste im Unbewußten auf anderes 
verschiebt. Die Sühne der Übertretung des Tabu durch einen 
Verzicht erweist, daß der Befolgung des Tabu ein Verzicht zu- 
grunde liegt. 



Wir wollen nun wissen, welchen Wert unsere Gleichstellung 
des Tabu mit der Zwangsneurose und die auf Grund dieser Ver- 
gleichung gegebene Auffassung des Tabu beanspruchen kann. Ein 
solcher Wert liegt offenbar nur vor, wenn unsere Auffassung 
einen Vorteil bietet, der sonst nicht zu haben ist, wenn sie ein 
besseres Verständnis des Tabu gestattet, als uns sonst möglich 
wird. Wir sind vielleicht geneigt zu behaupten, daß wir diesen 
Nachweis der Brauchbarkeit im vorstehenden bereits erbracht 
haben 5 wir werden aber versuchen müssen, ihn zu verstärken, 
indem wir die Erklärung der Tabuverbote und Gebräuche ins 
einzelne fortsetzen. 

Es steht uns aber auch ein anderer Weg offen. Wir können 
die Untersuchung anstellen, ob nicht ein Teil der Voraussetzungen, 
die wir von der Neurose her auf das Tabu übertragen haben, 
oder der Folgerungen, zu denen wir dabei gelangt sind, an den 
Phänomenen des Tabu unmittelbar erweisbar ist. Wir müssen 
uns nur entscheiden, wonach wir suchen wollen. Die Behauptung 
über die Genese des Tabu, es stamme von einem uralten Verbote 
ab, welches dereinst von außen auferlegt worden ist, entzieht sich 
natürlich dem Beweise. Wir werden also eher die psychologischen 
Bedingungen für das Tabu zu bestätigen suchen, welche wir für die 
Zwangsneurose kennen gelernt haben. Wie gelangten wir bei der 
Neurose zur Kenntnis dieser psychologischen Momente? Durch 
das analytische Studium der Symptome, vor allem der Zwangs- 
handlungen, der Abwehrmaßregeln und Zwangsgebote. Wir fanden 
an ihnen die besten Anzeichen für ihre Abstammung von am- 









Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 47 

bivalenten Regungen oder Tendenzen, wobei sie entweder gleich- 
zeitig dem Wunsche wie dem Gegenwunsche entsprechen oder vor- 
wiegend im Dienste der einen von den beiden entgegengesetzten 
Tendenzen stehen. Wenn es uns nun gelänge, auch an den Tabuvor- 
schriften die Ambivalenz, das Walten entgegengesetzter Tendenzen, 
aufzuzeigen, oder unter ihnen einige aufzufinden, die nach der Art 
von Zwangshandlungen beiden Strömungen gleichzeitigen Ausdruck 
geben, so wäre die psychologische Übereinstimmung zwischen dem 
Tabu und der Zwangsneurose im nahezu wichtigsten Stücke gesichert. 
Die beiden fundamentalen Tabuverbote sind, wie vorhin er- 
wähnt, für unsere Analyse durch die Zugehörigkeit zum Tote- 
mismus unzugänglich 5 ein anderer Anteil der Tabusatzungen ist 
sekundärer Abkunft und für unsere Absicht nicht verwertbar. 
Das Tabu ist nämlich bei den entsprechenden Völkern die allge- 
meine Form der Gesetzgebung geworden und in den Dienst von 
sozialen Tendenzen getreten, die sicherlich jünger sind als das 
Tabu selbst, wie z. B. die Tabu, die von Häuptlingen und Priestern 
auferlegt werden, um sich Eigentum und Vorrechte zu sichern. 
Doch bleibt uns eine große Gruppe von Vorschriften übrig, an 
denen unsere Untersuchung vorgenommen werden kann 5 ich hebe 
aus dieser die Tabu heraus, die sich a) an Feinde, b) an Häupt- 
linge, c) an Tote knüpfen, und werde das zu behandelnde 
Material der ausgezeichneten Sammlung von J. G. Frazer in seinem 
großen Werke: „The golden bough" entnehmen. 1 

a) Die Behandlung der Feinde 

Wenn wir geneigt waren, den wilden und halbwilden Völkern 
ungehemmte und reuelose Grausamkeit gegen ihre Feinde zuzu- 
schreiben, so werden wir mit großem Interesse erfahren, daß auch 
bei ihnen die Tötung eines Menschen zur Befolgung einer Reihe 
von Vorschriften zwingt, welche den Tabugebräuchen zugeordnet 

1) Third edition, part II, Taboo and the perils of the soul, 1911. 






48 Totem und Tabu 



werden. Diese Vorschriften sind mit Leichtigkeit in vier Gruppen 
zu bringen; sie fordern 1. Versöhnung des getöteten Feindes, 
2. Beschränkungen und 5. Sühnehandlungen, Reinigungen des 
Mörders und 4. gewisse zeremonielle Vornahmen. Wie allgemein 
oder wie vereinzelt solche Tabugebräuche bei diesen Völkern sein 
mögen, läßt sich einerseits aus unseren unvollständigen Nachrichten 
nicht mit Sicherheit entscheiden, und ist anderseits für unser 
Interesse an diesen Vorkommnissen gleichgültig. Immerhin darf 
man annehmen, daß es sich um weitverbreitete Gebräuche und 
nicht um vereinzelte Sonderbarkeiten handelt. 

Die Versöhnungsgebräuche auf der Insel Timor, nachdem 
eine siegreiche Kriegerschar mit den abgeschnittenen Köpfen der 
besiegten Feinde zurückkehrt, sind darum besonders bedeutsam, 
weil überdies der Führer der Expedition von schweren Beschrän- 
kungen betroffen wird (s. u.). „Bei dem feierlichen Einzug der 
Sieger werden Opfer dargebracht, um die Seelen der Feinde zu 
versöhnen; sonst müßte man Unheil für die Sieger vorhersehen. 
Es wird ein Tanz aufgeführt, und dabei ein Gesang vorgetragen, 
in welchem der erschlagene Feind beklagt und seine Verzeihung er- 
beten wird: ,Zürne uns nicht, weil wir deinen Kopf hier bei uns 
haben; wäre uns das Glück nicht hold gewesen, so hingen jetzt 
vielleicht unsere Köpfe in deinem Dorf. Wir haben dir ein Opfer 
gebracht, um dich zu besänftigen. Nun darf dein Geist zufrieden 
sein und uns in Ruhe lassen. Warum bist du unser Feind ge 
wesen? Wären wir nicht besser Freunde geblieben? Dann wäre dein 
Blut nicht vergossen und dein Kopf nicht abgeschnitten worden.'" * 

Ähnliches findet sich bei den Palu in Celebes; die Gallas 
opfern den Geistern ihrer erschlagenen Feinde, ehe sie ihr Heimats- 
dorf betreten. (Nach Paulitschke: Ethnographie Nordostafrikas.) 

Andere Völker haben das Mittel gefunden, um aus ihren 
früheren Feinden nach deren Tod Freunde, Wächter und Beschützer 



1) Frazer, 1. c, p. 166 



-=1 






Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 49 

zu machen. Es besteht in der zärtlichen Behandlung der abge- 
schnittenen Köpfe, wie manche wilde Stämme Borneos sich deren 
rühmen. Wenn die See-D ayaks von Sarawak von einem Kriegszug 
einen Kopf nach Hause bringen, so wird dieser Monate hindurch 
mit der ausgesuchtesten Liebenswürdigkeit behandelt und mit den 
zärtlichsten Namen angesprochen, über die ihre Sprache verfügt. 
Die besten Bissen von ihren Mahlzeiten werden ihm in den Mund 
gesteckt, Leckerbissen und Zigarren. Er wird wiederholt gebeten, 
seine früheren Freunde zu hassen und seinen neuen Wirten seine 
Liebe zu schenken, da er jetzt einer der Ihrigen ist. Man würde 
sehr irre gehen, wenn man an dieser uns gräßlich erscheinenden 
Behandlung dem Hohn einen Anteil zuschriebe. 1 

Bei mehreren der wilden Stämme Nordamerikas ist die Trauer 
um den erschlagenen und skalpierten Feind den Beobachtern auf- 
gefallen. Wenn ein Choctaw einen Feind getötet hatte, so begann 
für ihn eine monatlange Trauer, während welcher er sich schweren 
Einschränkungen unterwarf. Ebenso trauerten die Dakota-Indianer. 
Wenn die sagen, bemerkt ein Gewährsmann, ihre eigenen Toten 
betrauert hatten, so trauerten sie dann um den Feind, als ob er 
ein Freund gewesen wäre. 2 

Noch ehe wir auf die anderen Klassen von Tabugebräuchen 
zur Behandlung der Feinde eingehen, müssen wir gegen eine 
naheliegende Einwendung Stellung nehmen. Die Motivierung dieser 
Versöhnungsvorschriften, wird man uns mit Frazer und anderen 
entgegenhalten, ist einfach genug und hat nichts mit einer „Am- 
bivalenz" zu tun. Diese Völker werden von abergläubischer Furcht 
vor den Geistern der Erschlagenen beherrscht, einer Furcht, die 
auch dem klassischen Altertum nicht fremd war, die der große 
britische Dramatiker in den Halluzinationen Macbeths und 
Richards III. auf die Bühne gebracht hat. Aus diesem Aber- 

1) Frazer, Adonis, Ättis, Osiris, p. 248, 1907. — Nach Hugh Low, Sarawak, 
London 1848. 

2) J. O. Dorsay bei Frazer, Taboo etc., p. 181. 

Freud, Totem. 4 



5° 



Totem und Tabu 



glauben leiten sich folgerichtig alle die Versöhnungsvorschriften ab, 
wie auch die später zu besprechenden Beschränkungen und Süh- 
nungen; für diese Auffassung sprechen noch die in der vierten 
Gruppe vereinigten Zeremonien, die keine andere Auslegung zu- 
lassen als von Bemühungen, die den Mördern folgenden Geister 
der Erschlagenen zu verjagen. 1 Zum Überfluß gestehen die Wilden 
ihre Angst vor den Geistern der getöteten Feinde direkt ein und 
führen die besprochenen Tabugebräuche selbst auf sie zurück. 

Diese Einwendung ist in der Tat naheliegend, und wenn sie ebenso 
ausreichend wäre, könnten wir uns die Mühe unseres Erklärungs- 
versuches gern ersparen. Wir verschieben es auf später, uns mit ihr 
auseinanderzusetzen, und stellen ihr zunächst nur die Auffassung ent- 
gegen, die sich aus den Voraussetzungen der vorigen Erörterungen 
über das Tabu ableitet. Wir schließen aus all diesen Vorschriften, daß 
im Benehmen gegen die Feinde noch andere als bloß feindselige 
Regungen zum Ausdruck kommen. Wir erblicken in ihnen Äuße- 
rungen der Reue, der Wertschätzung des Feindes, des bösen Ge- 
wissens, ihn ums Leben gebracht zu haben. Es will uns scheinen, 
als wäre auch in diesen Wilden das Gebot lebendig: Du sollst nicht 
töten, welches nicht ungestraft verletzt werden darf, lange vor 
jeder Gesetzgebung, die aus den Händen eines Gottes empfangen 
wird. 

Kehren wir nun zu den anderen Klassen von Tabuvorschriften 
zurück. Die Beschränkungen des siegreichen Mörders sind un- 
gemein häufig und meist von ernster Art. Auf Timor (vgl. die 
Versöhnungsgebräuche oben) darf der Führer der Expedition nicht 
ohneweiters in sein Haus zurückkehren. Es wird für ihn eine 
besondere Hütte errichtet, in welcher er zwei Monate mit der 
Befolgung verschiedener Reinigungsvorschriften verbringt. In dieser 
Zeit darf er sein Weib nicht sehen, auch sich nicht selbst ernähren, 

1) Frazer, Taboo, p. 169 usf., p. 174. Diese Zeremonien bestehen in Schlagen 
mit den Schildern, Schreien, Brüllen und Erzeugung von Lärm mit Hilfe von Instru- 
menten usw. 









Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 51 

eine andere Person muß ihm das Essen in den Mund schieben. 1 
— Bei einigen Dayakstämmen müssen die vom erfolgreichen 
Kriegszug Heimkehrenden einige Tage lang abgesondert bleiben 
und sich gewisser Speisen enthalten, sie dürfen auch kein Essen 
berühren und bleiben ihren Frauen fern. — In Logea, einer 
Insel nahe Neuguinea, schließen sich Männer, die Feinde getötet 
oder daran teilgenommen haben, für eine Woche in ihren Häusern 
ein. Sie vermeiden jeden Umgang mit ihren Frauen und ihren 
Freunden, rühren Nahrungsmittel nicht mit ihren Händen an 
und nähren sich nur von Pflanzenkost, die in besonderen Gefäßen 
für sie gekocht wird. Als Grund für diese letzte Beschränkung 
wird angegeben, daß sie das Blut der Erschlagenen nicht riechen 
dürfen; sie würden sonst erkranken und sterben. — Bei dem 
Toaripi- oder Motumotu-Stamm auf Neuguinea darf ein Mann, 
der einen anderen getötet hat, seinem Weib nicht nahe kommen 
und Nahrung nicht mit seinen Fingern berühren. Er wird von 
anderen Personen mit besonderer Nahrung gefüttert. Dies dauert 
bis zum nächsten Neumond. 

Ich unterlasse es, die bei Frazer mitgeteilten Fälle von Be- 
schränkungen des siegreichen Mörders vollzählig anzuführen, und 
hebe nur noch solche Beispiele hervor, in denen der Tabucharakter 
besonders auffällig ist oder die Beschränkung im Verein mit Sühne, 
Reinigung und Zeremoniell auftritt. 

Bei den Monumbos in Deutsch-Neuguinea wird jeder, der 
einen Feind im Kampfe getötet hat, „unrein", wofür dasselbe 
Wort gebraucht wird, das auf Frauen während der Menstruation 
oder des Wochenbettes Anwendung findet. Er darf durch lange 
Zeit das Klubhaus der Männer nicht verlassen, während sich die 
Mitbewohner seines Dorfes um ihn versammeln und seinen Sieg 
mit Liedern und Tänzen feiern. Er darf niemand, nicht einmal 
seine eigene Frau und seine Kinder berühren; täte er es, so würden 

1) Frazer, Taboo, p. 166, nach S. Müller, Reuen en Onderzoekingen in den 
Indischen Archipel, Amsterdam 1857. 

+* 









52 Totem und Tabu 



sie von Geschwüren befallen werden. Er wird dann rein durch 
Waschungen und anderes Zeremoniell. 

Bei den Natchez in Nordamerika waren junge Krieger, die 
den ersten Skalp erbeutet hatten, durch sechs Monate zur Befol- 
gung gewisser Entsagungen genötigt. Sie durften nicht bei ihren 
Frauen schlafen und kein Fleisch essen, erhielten nur Fisch und 
Maispudding zur Nahrung. Wenn ein Choctaw einen Feind ge- 
tötet und skalpiert hatte, begann für ihn eine Trauerzeit von 
einem Monat, während welcher er sein Haar nicht kämmen durfte. 
Wenn es ihn am Kopfe juckte, durfte er sich nicht mit der Hand 
kratzen, sondern bediente sich dazu eines kleinen Steckens. 

Wenn einPima-Indianer einen Apachen getötet hatte, so mußte 
er sich schweren Reinigungs- und Sühnezeremonien unterwerfen. 
Während einer sechzehntägigen Fastenzeit durfte er Fleisch und 
Salz nicht berühren, auf kein brennendes Feuer schauen, zu keinem 
Menschen sprechen. Er lebte allein im Walde, von einer alten 
Frau bedient, die ihm spärliche Nahrung brachte, badete oft im 
nächsten Fluß und trug — als Zeichen der Trauer — einen 
Klumpen Lehm auf seinem Haupte. Am siebzehnten Tage fand 
dann die öffentliche Zeremonie der feierlichen Reinigung des 
Mannes nnd seiner Waffen statt. Da die Pirna -Indianer das Tabu 
des Mörders viel ernster nahmen als ihre Feinde und die Sühne 
und Reinigung nicht wie diese bis nach der Beendigung des 
Feldzuges aufzuschieben pflegten, litt ihre Kriegstüchtigkeit sehr 
unter ihrer sittlichen Strenge oder Frömmigkeit, wenn man will. 
Trotz ihrer außerordentlichen Tapferkeit erwiesen sie sich den 
Amerikanern als unbefriedigende Bundesgenossen in ihren Kämpfen 
gegen die Apachen. 

So interessant die Einzelheiten und Variationen der Sühne- und 
Reinigungszeremonien nach Tötung eines Feindes für eine tiefer 
eindringende Betrachtung auch sein mögen, so breche ich deren 
Mitteilung doch ab, weil sie uns keine neuen Gesichtspunkte er- 
öffnen können. Vielleicht führe ich noch an, daß die zeitweilige 







Das Tabu un d die Ambivalenz der Gefühlsregungen 55 

oder permanente Isolierung des berufsmäßigen Henkers, die sich bis 
in unsere Neuzeit erhalten hat, in diesen Zusammenhang gehört. 
Die Stellung des „Freimannes" in der mittelalterlichen Gesellschaft 
vermittelt in der Tat eine gute Vorstellung von dem „Tabu" der 

Wilden. 1 

In der gangbaren Erklärung all dieser Versöhnungs-, Beschrän- 
kungs-, Sühne- und Reinigungsvorschriften werden zwei Prinzipien 
miteinander kombiniert. Die Fortsetzung des Tabu vom Toten her 
■ auf alles, was mit ihm in Berührung gekommen ist, und die Furcht 
vor dem Geist des Getöteten. Auf welche Weise diese beiden Mo- 
mente miteinander zur Erklärung des Zeremoniells zu kombinieren 
sind, ob sie als gleichwertig aufgefaßt werden sollen, ob das eine 
das primäre, das andere sekundär ist, und welches, das wird nicht 
gesagt und ist in der Tat nicht leicht anzugeben. Demgegenüber 
betonen wir die Einheitlichkeit unserer Auffassung, wenn wir all 
diese Vorschriften aus der Ambivalenz der Gefühlsregungen gegen 
den Feind ableiten. 

b) Das Tabu der Herrscher 

\ Das Benehmen primitiver Völker gegen ihre Häuptlinge, Könige, 
Priester wird von zwei Grundsätzen regiert, die einander eher zu 
ergänzen als zu widersprechen scheinen. Man muß sich vor ihnen 
hüten und man muß sie behüten. 2 Beides geschieht vermittels 
einer Unzahl von Tabuvorschriften. Warum man sich vor den 
Herrschern hüten muß, ist uns bereits bekannt geworden: weil sie 
die Träger jener geheimnisvollen und gefährlichen Zauberkraft sind, 
die sich wie eine elektrische Ladung durch Berührung mitteilt 
und dem selbst nicht durch eine ähnliche Ladung Geschützten 
Tod und Verderben bringt. Man vermeidet also jede mittelbare 
oder unmittelbare Berührung mit der gefährlichen Heiligkeit und 

1) Zu diesen Beispielen s. Frazer, Taboo, p. 165 bis 190, „Manslayers tabooed". 

2) Frazer, Taboo, p. 132. „He must not only be guarded, he must also be guarded 
agcnnst." 



54 Totem und Tabu 



hat, wo solche nicht zu vermeiden ist, ein Zeremoniell gefunden, 
um die gefürchteten Folgen abzuwenden. Die Nubas in Ostafrika 
glauben z. B., daß sie sterben müssen, wenn sie das Haus ihres 
Priesterkönigs betreten, daß sie aber dieser Gefahr entgehen, wenn 
sie beim Eintritt die linke Schulter entblößen und den König 
veranlassen, diese mit seiner Hand zu berühren. So trifft das 
Merkwürdige ein, daß die Berührung des Königs das Heil- und 
Schutzmittel gegen die Gefahren wird, welche aus der Berührung 
des Königs hervorgehen, aber es handelt sich dabei wohl um die 
Heilkraft der absichtlichen, vom König ausgehenden Berührung 
im Gegensatz zur Gefahr, daß man ihn berühre, um den Gegen- 
satz der Passivität und der Aktivität gegen den König. 

Wenn es sich um die Heilwirkung der königlichen Berührung 
handelt, brauchen wir die Beispiele nicht bei Wilden zu suchen. 
Die Könige von England haben in Zeiten, die noch nicht weit 
zurückliegen, diese Kraft an der Skrofulöse geübt, die darum den 
Namen: „The King's Evil" trug. Königin Elisabeth entsagte diesem 
Stück ihrer königlichen Prärogative ebensowenig wie irgend einer 
ihrer späteren Nachfolger. Charles I. soll im Jahre 1633 hundert 
Kranke auf einen Streich geheilt haben. Unter dessen zuchtlosem Sohn 
Charles II. feierten nach der Überwindung der großen englischen 
Revolution die Königsheilungen bei Skrofeln ihre höchste Blüte. 

Dieser König soll im Laufe seiner Regierung bei hunderttausend 
Skrofulöse berührt haben. Das Gedränge der Heilungssuchenden 
pflegte bei dieser Gelegenheit so groß zu sein, daß einmal sechs 
oder sieben von ihnen anstatt der Heilung den Tod durch Er- 
drücktwerden fanden. Der skeptische Oranier Wilhelm III., der nach 
der Vertreibung der Stuarts König von England wurde, weigerte 
sich des Zaubers; das einzigemal, als er sich zu einer solchen Be- 
rührung herbeiließ, tat er es mit den Worten: „Gott gebe Euch 
eine bessere Gesundheit und mehr Verstand." 1 



1) Frazer, The magic art I, p. 368. 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 55 

Von der fürchterlichen Wirkung der Berührung, in welcher 
man, ob auch unabsichtlich, gegen den König oder das, was zu 
ihm gehört, aktiv wird, mag folgender Bericht Zeugnis ablegen. 
Ein Häuptling von hohem Rang und großer Heiligkeit auf Neu- 
seeland hatte einst die Reste seiner Mahlzeit am Wege stehen 
lassen. Da kam ein Sklave daher, ein junger, kräftiger, hungriger 
Gesell, sah das Zurückgelassene und machte sich darüber, um es 
aufzuessen. Kaum war er fertig worden, da teilte ihm ein ent- 
setzter Zuschauer mit, daß es die Mahlzeit des Häuptlings gewesen 
sei, an welcher er sich vergangen habe. Er war ein starker, mutiger 
Krieger gewesen, aber sobald er diese Auskunft vernommen hatte, 
stürzte er zusammen, wurde von gräßlichen Zuckungen befallen 
und starb gegen Sonnenuntergang des nächsten Tages. 1 Eine Maori- 
frau hatte gewisse Früchte gegessen und dann erfahren, daß diese 
von einem mit Tabu belegten Orte herrührten. Sie schrie auf, 
der Geist des Häuptlings, den sie so beleidigt, werde sie gewiß 
töten. Dies geschah am Nachmittag und am nächsten Tag um 
zwölf Uhr war sie tot. 2 Das Feuerzeug eines Maori-Häuptlings 
brachte einmal mehrere Personen ums Leben. Der Häuptling hatte 
es verloren, andere fanden es und bedienten sich seiner, um ihre 
Pfeifen anzuzünden. Als sie erfuhren, wessen Eigentum das Feuer- 
zeug sei, starben sie vor Schrecken. 3 

Es ist nicht zu verwundern, wenn sich das Bedürfnis fühlbar machte, 
so gefährliche Personen wie Häuptlinge und Priester von den anderen 
zu isolieren, eine Mauer um sie aufzuführen, hinter welcher sie 
für die anderen unzugänglich waren. Es mag uns die Erkenntnis 
dämmern, daß diese ursprünglich aus Tabuvorschriften gefügte 
Mauer heute noch als höfisches Zeremoniell existiert. 

Aber der vielleicht größere Teil dieses Tabu der Herrscher läßt 
sich nicht auf das Bedürfnis des Schutzes vor ihnen zurückführen. 






1) Old New Zealand, by a Pakeha Maori (London 1884), bei Frazer,Taboo,p. 155. 

2) W.Brown, New Zealand and is Aborigines (London 1845), bei Frazer ibid. 

3) Frazer, 1. c. 






56 Totem und Tabu 



Der andere Gesichtspunkt in der Behandlung der privilegierten 
Personen, das Bedürfnis, sie selbst vor den ihnen drohenden Gefahren 
zu schützen, hat an der Schaffung der Tabu und somit an der 
Entstehung der höfischen Etikette den deutlichsten Anteil gehabt. 

Die Notwendigkeit, den König vor allen erdenklichen Gefahren 
zu schützen, ergibt sich aus seiner ungeheuren Bedeutung für das 
Wohl und Wehe seiner Untertanen. Streng genommen ist es 
seine Person, die den Lauf der Welt reguliert; sein Volk hat ihm 
nicht nur für den Regen und Sonnenschein zu danken, der die 
Früchte der Erde gedeihen läßt, sondern auch für den Wind, 
der Schiffe an ihre Küste bringt, und für den festen Boden, auf 
den sie ihre Füße setzen. 1 

Diese Könige der Wilden sind mit einer Machtfülle und einer 
Fähigkeit zu beglücken ausgestattet, die nur Göttern zu eigen ist, 
und an welche auf späteren Stufen der Zivilisation nur die servilsten 
ihrer Höflinge Glauben heucheln werden. 

Es erscheint ein offenbarer Widerspruch, daß Personen von solcher 
Machtvollkommenheit selbst der größten Sorgfalt bedürfen, um vor 
den sie bedrohenden Gefahren beschützt zu werden, aber es ist 
nicht der einzige Widerspruch, der in der Behandlung königlicher 
Personen bei den Wilden zutage tritt. Diese Völker halten es 
auch für notwendig, ihre Könige zu überwachen, daß sie ihre 
Kräfte im rechten Sinne verwenden ; sie sind ihrer guten Inten- 
tionen oder ihrer Gewissenhaftigkeit keineswegs sicher. Ein Zug 
von Mißtrauen mengt sich der Motivierung der Tabuvorschriften 
für den König bei. „Die Idee, daß urzeitliches Königstum ein Despo- 
tismus ist," sagt Frazer, 2 „demzufolge das Volk nur für seinen 
Herrscher existiert, ist auf die Monarchien, die wir hier im Auge 
haben, ganz und gar nicht anwendbar. Im Gegenteile, in diesen 
lebt der Herrscher nur für seine Untertanen; sein Leben hat einen 
Wert nur so lange, als er die Pflichten seiner Stellung erfüllt, den 



1) Frazer, Taboo. The bürden of royalty, p. 7. 

2) 1. C, p. 7. 






Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 57 

Lauf der Natur zum Besten seines Volkes regelt. Sobald er darin 
nachläßt oder versagt, wandeln sich die Sorgfalt, die Hingebung, 
die religiöse Verehrung, deren Gegenstand er bisher im ausgiebig- 
sten Maße war, in Haß und Verachtung um. Er wird schmählich 
davongejagt und mag froh sein, wenn er das nackte Leben rettet. 
Heute noch als Gott verehrt, mag es ihm passieren, morgen als 
Verbrecher erschlagen zu werden. Aber wir haben kein Recht, 
dies veränderte Benehmen seines Volkes als Unbeständigkeit oder 
Widerspruch zu verurteilen, das Volk bleibt vielmehr durchaus 
konsequent. Wenn ihr König ihr Gott ist, so denken sie, muß 
er sich auch als ihr Beschützer erweisen 5 und wenn er sie nicht 
beschützen will, soll er einem anderen, der bereitwilliger ist, den 
Platz räumen. Solange er aber ihren Erwartungen entspricht,, 
kennt ihre Sorgfalt für ihn keine Grenzen, und sie nötigen ihn 
dazu, sich selbst mit der gleichen Fürsorge zu behandeln. Ein. 
solcher König lebt wie eingemauert hinter einem System von 
Zeremoniell und Etikette, eingesponnen, in ein Netz von Gebräuchen 
und Verboten, deren Absicht keineswegs dahin geht, seine Würde 
zu erhöhen, noch weniger sein Wohlbehagen zu steigern, sondern 
die einzig und allein bezwecken, ihn vor Schritten zurückzuhalten,, 
welche die Harmonie der Natur stören und so ihn, sein Volk und 
das ganze Weltall gleichzeitig zugrunde richten könnten. Diese 
Vorschriften, weit entfernt, seinem Behagen zu dienen, mengen 
sich in jede seiner Handlungen, heben seine Freiheit auf und 
machen ihm das Leben, das sie angeblich versichern wollen, zur 
Bürde und zur Qual. 

Eines der grellsten Beispiele von solcher Fesselung und Lähmung 
eines heiligen Herrschers durch das Tabuzeremoniell scheint in 
der Lebensweise des Mikado von Japan in früheren Jahrhunderten 
erzielt worden zu sein. Eine Beschreibung, die jetzt über zwei- 
hundert Jahre alt ist, 1 erzählt: „Der Mikado glaubt, daß es seiner- 



1) Kämpfer, History of Japan bei Frazer, 1. c, p. 3. 






5 8 Totem und Tabu 



Würde und Heiligkeit nicht angemessen sei, den Boden mit den 
Füßen zu berühren; wenn er also irgendwohin gehen will, muß er 
auf den Schultern von Männern hingetragen werden. Es geht aber 
noch viel weniger an, daß er seine heilige Person der freien Luft 
aussetze, und die Sonne wird der Ehre nicht gewürdigt, auf sein 
Haupt zu scheinen. Allen Teilen seines Körpers wird eine so hohe 
Heiligkeit zugeschrieben, daß weder sein Haupthaar, noch sein 
Bart geschoren und seine Nägel nicht geschnitten werden dürfen. 
Damit er aber nicht zu sehr verwahrlose, waschen sie ihn nachts, 
wenn er schläft : sie sagen, was man in diesem Zustand von seinem 
Körper nimmt, kann nur als gestohlen aufgefaßt werden, und ein 
solcher Diebstahl tut seiner Würde und Heiligkeit keinen Eintrag. 
In noch früheren Zeiten mußte er jeden Vormittag einige Stunden 
lang mit der Kaiserkrone auf dem Haupte auf dem Throne sitzen, 
aber er mußte sitzen wie eine Statue, ohne Hände, Füße, Kopf 
oder Augen zu bewegen; nur so, meinte man, könne er Ruhe 
und Frieden im Reiche erhalten. Wenn er unseligerweise sich nach 
der einen oder der anderen Seite wenden sollte, oder eine Zeit- 
lang den Blick bloß auf einen Teil seines Reiches richtete, so 
würden Krieg, Hungersnot, Feuer, Pest oder sonst ein großes Unheil 
hereinbrechen, um das Land zu verheeren." 

Einige der Tabu, denen barbarische Könige unterworfen sind, 
mahnen lebhaft an die Beschränkungen der Mörder. In Shark 
Point bei Kap Podron in Unter-Guinea (Westafrika) lebt ein 
Priesterkönig, Kukulu, allein in einem Wald. Er darf kein Weib 
berühren, auch sein Haus nicht verlassen, ja nicht einmal von 
seinem Stuhl aufstehen, in dem er sitzend schlafen muß. Wenn 
er sich niederlegte, würde der Wind aufhören und die Schiffahrt 
gestört sein. Seine Funktion ist es, die Stürme in Schranken zu halten 
und im allgemeinen für einen gleichmäßig gesunden Zustand der 
Atmosphäre zu sorgen. 1 Je mächtiger ein König von Loango ist, sagt 

1) A. Bastian, „Die deutsche Expedition an der Loangoküste", Jena 1874,, 
bei Fr a 2 er, 1. c, p. 5. 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 5 g 

Bastian, desto mehr Tabu muß er beobachten. Auch der Thron- 
folger ist von Kindheit an an sie gebunden, aber sie häufen sich 
um ihn, während er heranwächst; im Momente der Thronbestei- 
gung ist er von ihnen erstickt. 

Unser Raum gestattet es nicht und unser Interesse erfordert es 
nicht, daß wir in die Beschreibung der an der Königs- oder 
Priesterwürde haftenden Tabu weiter eingehen. Führen wir noch 
an, daß Beschränkungen der freien Bewegung und der Diät die Haupt- 
rolle unter ihnen spielen. Wie konservierend aber auf alte Gebräuche 
der Zusammenhang mit diesen privilegierten Personen wirkt, mag 
aus zwei Beispielen von Tabuzeremoniell hervorgehen, die von zivili- 
sierten Völkern, also von weit höheren Kulturstufen, genommen 
sind. 

Der Flamen Dialis, der Oberpriester des Jupiter im alten 
Rom, hatte eine außerordentlich große Anzahl von Tabugeboten 
zu beobachten. Er durfte nicht reiten, kein Pferd, keine Be- 
waffneten sehen, keinen Ring tragen, der nicht zerbrochen war, 
keinen Knoten an seinen Gewändern haben, Weizenmehl und 
Sauerteig nicht berühren, eine Ziege, einen Hund, rohes Fleisch, 
Bohnen und Efeu nicht einmal beim Namen nennen; sein Haar 
durfte nur von einem freien Mann mit einem Bronzemesser ge- 
schnitten, seine Haare und Nägelabfalle mußten unter einem glück- 
bringenden Baum vergraben werden; er durfte keinen Toten an- 
rühren, nicht unbedeckten Hauptes unter freiem Himmel stehen u. dgl. 
Seine Frau, die Flamini ca, hatte überdies ihre eigenen Verbote: 
Sie durfte auf einer gewissen Art von Treppen nicht höher als 
drei Stufen steigen, an gewissen Festtagen ihr Haar nicht kämmen; 
das Leder ihrer Schuhe durfte von keinem Tier genommen werden, 
das eines natürlichen Todes gestorben war, sondern nur von einem 
geschlachteten oder geopferten; wenn sie Donner hörte, war sie 
unrein, bis sie ein Sühnopfer dargebracht hatte. 1 

ij Frazer, 1. c, p. 13. 



60 Totem und Tabu 



Die alten Könige von Irland waren einer Reihe von höchst 
sonderbaren Beschränkungen unterworfen, von deren Einhaltung 
aller Segen, von deren Übertretung alles Unheil für das Land 
erwartet wurde. Das vollständige Verzeichnis dieser Tabu ist in 
dem Book of Rights gegeben, dessen älteste handschriftliche 
Exemplare die Jahreszahlen 1390 und 1418 tragen. Die Verbote 
sind äußerst detailliert, betreffen gewisse Tätigkeiten an bestimmten 
Orten und zu bestimmten Zeiten 5 in dieser Stadt darf der König 
nicht an einem gewissen Wochentag weilen, jenen Fluß nicht 
um eine genannte Stunde übersetzen, nicht volle neun Tage auf 
einer gewissen Ebene lagern u. dgl. 1 

Die Härte der Tabubeschränkungen für die Priesterkönige hat 
bei vielen wilden Völkern eine Folge gehabt, die historisch be- 
deutsam und für unsere Gesichtspunkte besonders interessant ist. 
Die Priesterkönigswürde hörte auf, etwas Begehrenswertes zu 
sein; wem sie bevorstand, der wandte oft alle Mittel an, um ihr 
zu entgehen. So wird es auf Combodscha, wo es einen Feuer- 
und einen Wasserkönig gibt, oft notwendig, die Nachfolger mit 
Gewalt zur Annahme der Würde zu zwingen. Auf Nine oder 
Savage Island, einer Koralleninsel im Stillen Ozean, kam die 
Monarchie tatsächlich zu Ende, weil sich niemand mehr bereit 
finden wollte, das verantwortliche und gefährliche Amt zu über- 
nehmen. In manchen Teilen von Westafrika wird nach dem Tode 
des Königs ein geheimes Konzil abgehalten, um den Nachfolger 
zu bestimmen. Der, auf welchen die Wahl fällt, wird gepackt, 
gebunden und im Fetischhaus in Gewahrsam gehalten, bis er 
sich bereit erklärt hat, die Krone anzunehmen. Gelegentlich findet 
der präsumtive Thronfolger Mittel und Wege, um sich der ihm 
zugedachten Ehre zu entziehen; so wird von einem Häuptling 
berichtet, daß er Tag und Nacht Waffen zu tragen pflegte, um 
jedem Versuch, ihn auf den Thron zu setzen, mit Gewalt zu 

1) Frazer, 1. c, p. 11. 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 61 



widerstehen. 1 Bei den Negern von Sierra Leone ward das Wider- 
streben gegen die Annahme der Königswürde so groß, daß die 
meisten Stämme genötigt waren, Fremde zu ihren Königen zu 

machen. 

Frazer führt es auf diese Verhältnisse zurück, daß sich in der 
Entwicklung der Geschichte endlich eine Scheidung des ursprüng- 
lichen Priesterkönigtums in eine geistliche und weltliche Macht 
vollzog. Die von der Bürde ihrer Heiligkeit erdrückten Könige 
wurden unfähig, die Herrschaft in realen Dingen auszuüben, und 
mußten diese geringeren, aber tatkräftigen Personen überlassen, 
welche bereit waren, auf die Ehren der Königswürde zu verzichten. 
Aus diesen erwuchsen dann die weltlichen Herrscher, während 
die nun praktisch bedeutungslose geistliche Oberhoheit den früheren 
Tabukönigen verblieb. Es ist bekannt, wieweit diese Aufstellung 
in der Geschichte des alten Japans Bestätigung findet. 

Wenn wir nun das Bild der Beziehungen der primitiven Men- 
schen zu ihren Herrschern überblicken, so regt sich in uns die 
Erwartung, daß uns der Fortschritt von seiner Beschreibung zu 
seinem psychoanalytischen Verständnis nicht schwer fallen wird. 
Diese Beziehungen sind sehr verwickelter Natur und nicht frei 
von Widersprüchen. Man räumt den Herrschern große Vorrechte 
ein, welche sich mit den Tabuverboten der anderen geradezu 
decken. Es sind privilegierte Personen 5 sie dürfen eben das tun 
oder genießen, was den übrigen durch das Tabu vorenthalten ist. 
Im Gegensatz zu dieser Freiheit steht aber, daß sie durch andere 
Tabu beschränkt sind, welche auf die gewöhnüchen Individuen 
nicht drücken. Hier ist also ein erster Gegensatz, fast ein Wider- 
spruch, zwischen einemMehrvonFreiheitund einem Mehr an Beschrän- 
kung für dieselben Personen. Man traut ihnen außerordentliche 
Zauberkräfte zu und fürchtet sich deshalb vor der Berührung mit 
ihren Personen oder ihrem Eigentum, während man anderseits 

1) A. Bastian, „Die deutsche Expedition an der Loangoküste", bei Frazer, 1. c. 
p. 18. 



6a 



Totem und Tabu 



von diesen Berührungen die wohltätigste Wirkung erwartet. Dies 
scheint ein zweiter, besonders greller Widerspruch zu sein; allein 
wir haben bereits erfahren, daß er nur scheinbar ist. Heilend und 
schützend wirkt die Berührung, die vom König selbst in wohl- 
wollender Absicht ausgeht; gefährlich ist nur die Berührung, die 
vom gemeinen Mann am König und am Königlichen verübt wird, 
wahrscheinlich weil sie an aggressive Tendenzen mahnen kann. 
Ein anderer, nicht so leicht auflösbarer Widerspruch äußert sich 
darin, daß man dem Herrscher eine so große Gewalt über die 
Vorgänge der Natur zuschreibt und sich doch für verpflichtet hält, 
ihn mit ganz besonderer Sorgfalt gegen ihm drohende Gefahren zu 
beschützen, als ob seine eigene Macht, die so vieles kann, nicht 
auch dies vermöchte. Eine weitere Erschwerung des Verhältnisses 
stellt sich dann her, indem man dem Herrscher nicht das Zu- 
trauen entgegenbringt, er werde seine ungeheure Macht in der 
richtigen Weise zum Vorteil der Untertanen wie zu seinem eigenen 
Schutz verwenden wollen; man mißtraut ihm also und hält sich 
für berechtigt, ihn zu überwachen. Allen diesen Absichten der 
Bevormundung des Königs, seinem Schutz vor Gefahren und dem 
Schutz der Untertanen vor der Gefahr, die er ihnen bringt, dient 
gleichzeitig die Tabuetikette, der das Leben des Königs unter- 
worfen wird. 

Es liegt nahe, folgende Erklärung für das komplizierte und 
widerspruchsvolle Verhältnis der Primitiven zu ihren Herrschern 
zu geben: Aus abergläubischen und anderen Motiven kommen in 
der Behandlung der Könige mannigfache Tendenzen zum Ausdruck, 
von denen jede ohne Rücksicht auf die anderen zum Extrem ent- 
wickelt wird. Daraus entstehen dann die Widersprüche, an denen 
der Intellekt der Wilden übrigens so wenig Anstoß nimmt wie 
der der Höchstzivilisierten, wenn es sich nur um Verhältnisse der 
Religion oder der „Loyalität" handelt. 

Das wäre soweit gut, aber die psychoanalytische Technik wird 
gestatten, tiefer in den Zusammenhang einzudringen und Näheres 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 63 

über die Natur dieser mannigfaltigen Tendenzen auszusagen. Wenn 
wir den geschilderten Sachverhalt der Analyse unterziehen, gleich- 
sam als ob er sich im Symptombild einer Neurose fände, so werden 
wir zunächst an das Übermaß von ängstlicher Sorge anknüpfen, 
welches als Begründung des Tabuzeremoniells ausgegeben wird. 
Dies Vorkommen einer solchen Überzärtlichkeit ist in der Neurose, 
speziell bei der Zwangsneurose, die wir in erster Linie zum Ver- 
gleich heranziehen, sehr gewöhnlich. Ihre Herkunft ist uns sehr 
wohl verständlich geworden. Sie tritt überall dort auf, wo außer der 
vorherrschenden Zärtlichkeit eine gegensätzliche aber unbewußte 
Strömung von Feindseligkeit besteht, also der typische Fall der 
ambivalenten Gefühlseinstellung realisiert ist. Dann wird die Feind- 
seligkeit überschrieen durch eine übermäßige Steigerung der 
Zärtlichkeit, die sich als Ängstlichkeit äußert und die zwanghaft 
wird, weil sie sonst ihrer Aufgabe, die unbewußte Gegenströmung 
in der Verdrängung zu erhalten, nicht genügen würde. Jeder 
Psychoanalytiker hat es erfahren, mit welcher Sicherheit die ängst- 
liche Überzärtlichkeit unter den unwahrscheinlichsten Verhältnissen, 
z. B. zwischen Mutter und Kind oder bei zärtlichen Eheleuten, 
diese Auflösung gestattet. Auf die Behandlung der privilegierten 
Personen angewendet, ergäbe sich die Einsicht, daß der Verehrung, 
ja Vergötterung derselben im Unbewußten eine intensive feind- 
selige Strömung entgegensteht, daß also hier, wie wir es erwartet 
haben, die Situation der ambivalenten Gefühlseinstellung verwirk- 
licht ist. Das Mißtrauen, welches als Beitrag zur Motivierung der 
Königstabu unabweisbar erscheint, wäre eine andere direktere Äuße- 
rung derselben unbewußten Feindseligkeit. Ja, wir wären — in- 
folge der Mannigfaltigkeit der Endausgänge eines solchen Kon- 
flikts bei verschiedenen Völkern — nicht um Beispiele verlegen, 
in denen uns der Nachweis einer solchen Feindseligkeit noch viel 
leichter fiele. Die wilden Timmes von Sierra Leone, hören wir 
bei Frazer, 1 haben sich das Recht vorbehalten, ihren gewählten 

1) 1. c, p. 18, nach Zweifel et Monstier, Voyage aux sources du Niger, 1880. 






6 4 



Totem und Tabu 



König am Abend vor seiner Krönung durchzuprügeln, und sie be- 
dienen sich dieses konstitutionellen Vorrechtes mit solcher Gründ- 
lichkeit, daß der unglückliche Herrscher gelegentlich seine Erhe- 
bung auf den Thron um nicht lange Zeit überlebt, daher haben 
es sich die Großen des Volkes zur Regel gemacht, wenn sie einen 
Groll gegen einen bestimmten Mann haben, diesen zum König 
zu wählen. Immerhin wird auch in solchen grellen Fällen die 
Feindseligkeit sich nicht als solche bekennen, sondern sich als 
Zeremoniell gebärden. 

Ein anderes Stück im Verhalten der Primitiven gegen ihre 
Herrscher ruft die Erinnerung an einen Vorgang wach, der, in 
der Neurose allgemein verbreitet, in dem sogenannten Verfolgungs- 
wahn offen zutage tritt. Es wird hier die Bedeutung einer be- 
stimmten Person außerordentlich erhöht, ihre Machtvollkommen- 
heit ins Unwahrscheinliche gesteigert, um ihr desto eher die Ver- 
antwortlichkeit für alles Widrige, was dem Kranken widerfährt, 
aufladen zu können. Eigentlich verfahren ja die Wilden mit ihren 
Königen nicht anders, wenn sie ihnen die Macht über Regen und 
Sonnenschein, Wind und Wetter zuschreiben und sie dann absetzen 
oder töten, weil die Natur ihre Erwartungen auf eine gute Jagd 
oder eine reiche Ernte enttäuscht hat. Das Vorbild, welches der 
Paranoiker im Verfolgungswahn wiederherstellt, liegt im Verhältnis 
des Kindes zu seinem Vater. Dem Vater kommt eine derartige 
Machtfülle in der Vorstellung des Sohnes regelmäßig zu, und es 
zeigt sich, daß das Mißtrauen gegen den Vater mit seiner Hoch- 
schätzung innig verknüpft ist. Wenn der Paranoiker eine Person 
seiner Lebensbeziehungen zu seinem „Verfolger" ernennt, so hebt 
er sie damit in die Väterreihe, bringt sie unter die Bedingungen, 
die ihm gestatten, sie für alles Unglück seiner Empfindung ver- . 
antwortlich zu machen. So mag uns diese zweite Analogie zwi- 
schen dem Wilden und dem Neurotiker die Einsicht ahnen lassen, 
wie vieles im Verhältnis des Wilden zu seinem Herrscher aus 
der infantilen Einstellung des Kindes zum Vater hervorgeht. 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 65 



Den stärksten Anhaltspunkt für unsere Betrachtungsweise, welche 
die Tabuverbote mit neurotischen Symptomen vergleichen will, 
finden wir aber im Tabuzeremoniell selbst, dessen Bedeutung für 
die Stellung des Königtums vorhin erörtert wurde. Dieses Zere- 
moniell trägt seinen Doppelsinn und seine Herkunft von ambi- 
valenten Tendenzen unverkennbar zur Schau, wenn wir nur an- 
nehmen wollen, daß es die Wirkungen, die es hervorbringt, auch 
von allem Anfang an beabsichtigt hat. Es zeichnet nicht nur die 
Könige aus und erhebt sie über alle gewöhnlichen Sterblichen, es 
macht ihnen auch das Leben zur Qual und zur unerträglichen 
Bürde und zwingt sie in eine Knechtschaft, die weit ärger ist 
als die ihrer Untertanen. Es erscheint uns so als das richtige 
Gegenstück zur Zwangshandlung der Neurose, in der sich der 
unterdrückte Trieb und der ihn unterdrückende zur gleichzeitigen 
und gemeinsamen Befriedigung treffen. Die Zwangshandlung ist 
angeblich ein Schutz gegen die verbotene Handlung; wir möchten 
aber sagen, sie ist eigentlich die Wiederholung des Verbotenen. 
Das „angeblich" wendet sich hier der bewußten, das „eigentlich" 
der unbewußten Instanz des Seelenlebens zu. So ist auch das 
Tabuzeremoniell der Könige angeblich die höchste Ehrung und 
Sicherung derselben, eigentlich die Strafe für ihre Erhöhung, die 
Rache, welche die Untertanen an ihnen nehmen. Die Erfahrungen, 
die Sancho Pansa bei Cervantes als Gouverneur auf seiner 
Insel macht, haben ihn offenbar diese Auffassung des höfischen 
Zeremoniells als die einzig zutreffende erkennen lassen. Es ist sehr 
wohl möglich, daß wir weitere Zustimmungen zu hören bekämen, 
wenn wir Könige und Herrscher von heute zur Äußerung darüber 
veranlassen könnten. 

Warum die Gefühlseinstellung gegen die Herrscher einen so 
mächtigen unbewußten Beitrag von Feindseligkeit enthalten sollte, 
ist ein sehr interessantes, aber die Grenzen dieser Arbeit über- 
schreitendes Problem. Den Hinweis auf den infantilen Vaterkom- 
plex haben wir bereits gegeben ; fügen wir hinzu, daß die Ver- 
Freud, Totem. 5 



66 Totem und Tabu 



folgung der Vorgeschichte des Königtums uns die entscheidenden 
Aufklärungen bringen müßte. Nach Frazers eindrucksvollen, aber 
nach eigenem Zugeständnis nicht ganz zwingenden Erörterungen 
waren die ersten Könige Fremde, die nach kurzer Herrschaft zum 
Opfertod bei feierlichen Festen als Repräsentanten der Gottheit 
bestimmt waren. 1 Noch die Mythen des Christentums wären von 
der Nachwirkung dieser Entwicklungsgeschichte der Könige berührt. 









c) Das Tabu der Toten. 

Wir wissen, daß die Toten mächtige Herrscher sind $ wir werden 
vielleicht erstaunt sein zu erfahren, daß sie als Feinde betrachtet 
werden. 

Das Tabu der Toten erweist, wenn wir auf dem Boden des 
Vergleiches mit der Infektion bleiben dürfen, bei den meisten 
primitiven Völkern eine besondere Virulenz. Es äußert sich zunächst 
in den Folgen, welche die Berührung des Toten nach sich zieht, 
und in der Behandlung der um den Toten Trauernden. Bei den 
Maori war jeder, der eine Leiche berührt oder an ihrer Grab- 
legung teilgenommen hatte, aufs äußerste unrein und nahezu ab- 
geschnitten von allem Verkehr mit seinen Mitmenschen, sozusagen 
boykottiert. Er konnte kein Haus betreten, keiner Person oder 
Sache nahe kommen, ohne sie mit der gleichen Eigenschaft an- 
zustecken. Ja, er durfte nicht einmal Nahrung mit seinen Händen 
berühren, diese waren ihm durch ihre Unreinheit geradezu un- 
brauchbar geworden. Man stellte ihm das Essen auf den Boden 
hin, und ihm blieb nichts übrig, als sich dessen mit den Lippen 
und den Zähnen, so gut es eben ging, zu bemächtigen, während 
er seine Hände nach dem Rücken gebogen hielt. Gelegentlich 
war es erlaubt, daß eine andere Person ihn füttere, die es dann 
mit ausgestrecktem Arm tat, sorgsam, den Unseligen nicht selbst zu 

1) Frazer, „The magic art and the evolution of kings". 2. vol. 1911. (The golden 
hough.) 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 67 

berühren, aber diese Hilfsperson war dann selbst Einschränkungen 
unterworfen, die nicht viel weniger drückend waren als die eigenen. 
Es gab wohl in jedem Dorf ein ganz verkommenes, von der Ge- 
sellschaft ausgestoßenes Individuum, das in der armseligsten Weise 
von spärlichen Almosen lebte. Diesem Wesen war es allein gestattet, 
sich auf Armeslänge dem zu nähern, der die letzte Pflicht gegen 
einen Verstorbenen erfüllt hatte. War aber dann die Zeit der Ab- 
schließung vorüber, und durfte der durch die Leiche Verunreinigte 
sich wieder unter seine Genossen mengen, so wurde alles Geschirr, 
dessen er sich in der gefährlichen Zeit bedient hatte, zerschlagen, 
und alles Zeug weggeworfen, mit dem er bekleidet gewesen war. 
Die Tabugebräuche nach der körperlichen Berührung von Toten 
sind in ganz Polynesien, Melanesien und in einem Teil von Afrika 
die nämlichen 5 ihr konstantestes Stück ist das Verbot, Nahrung 
selbst zu berühren, und die sich daraus ergebende Notwendigkeit, 
von anderen gefüttert zu werden. Es ist bemerkenswert, daß in 
Polynesien oder vielleicht nur in Hawaii 1 Priesterkönige während 
der Ausübung heiliger Handlungen denselben Beschränkungen 
unterlagen. Bei den Tabu der Toten auf Tonga tritt die Ab- 
stufung und allmähliche Aufhebung der Verbote durch die eigene 
Tabukraft sehr deutlich hervor. Wer den Leichnam eines toten 
Häuptlings berührt hatte, war durch zehn Monate unrein 5 wenn 
er aber selbst ein Häuptling war, nur durch drei, vier oder fünf 
Monate je nach dem Rang des Verstorbenen ; aber wenn es sich 
um die Leiche des vergötterten Oberhäuptlings handelte, wurden 
selbst die größten Häuptlinge durch zehn Monate tabu. Die Wilden 
glauben fest daran, daß, wer solche Tabuvorschriften übertritt, 
schwer erkranken und sterben muß, so fest, daß sie nach der 
Meinung eines Beobachters noch niemals den Versuch gewagt 
haben, sich vom Gegenteil zu überzeugen. 2 

1) Frazer, Taboo, p. 138 usw. 

2) W. Mariner, „The natives of the ,Tonga Islands", 1818, bei Frazer, 1. c, 

p. 140. 

5* 



68 Totem und Tabu 



Im wesentlichen gleichartig, aber für unsere Zwecke inter- 
essanter sind die Tabubeschränkungen jener Personen, deren Be- 
rührung mit den Toten im übertragenen Sinne zu verstehen ist, 
der trauernden Angehörigen, der Witwer und Witwen. Sehen 
wir in den bisher erwähnten Vorschriften nur den typischen Aus- 
druck der Virulenz und der Ausbreitungsfähigkeit des Tabu, so 
schimmern in den nun mitzuteilenden die Motive der Tabu durch, 
und zwar sowohl die vorgeblichen als auch solche, die wir für 
die tiefliegenden, echten halten dürfen. 

Bei den Shuswap in Britisch-Kolumbia müssen Witwen 
und Witwer während ihrer Trauerzeit abgesondert leben j sie dürfen 
weder ihren eigenen Körper noch ihren Kopf mit ihren Händen 
berühren^ alles Geschirr, dessen sie sich bedienen, ist dem Gebrauche 
anderer entzogen. Kein Jäger wird sich der Hütte, in welcher 
solche Trauernde wohnen, nähern wollen, denn das brächte ihm 
Unglück; wenn der Schatten eines Trauernden auf ihn fallen 
würde, müßte er erkranken. Die Trauernden schlafen auf Dorn- 
büschen und umgeben ihr Bett mit solchen. Diese letztere Maß- 
regel ist dazu bestimmt, den Geist des Verstorbenen fernzuhalten, 
und noch deutlicher ist wohl der von anderen nordamerikanischen 
Stämmen berichtete Gebrauch der Witwe, eine Zeitlang nach dem 
Tode des Mannes ein hosenartiges Kleidungsstück aus trockenem 
Gras zu tragen, um sich unzugänglich für die Annäherung des 
Geistes zu machen. So wird uns die Vorstellung nahegelegt, daß 
die Berührung „im übertragenen Sinne" doch nur als ein körper- 
licher Kontakt verstanden wird, da der Geist des Verstorbenen 
nicht von seinen Angehörigen weicht, nicht abläßt, sie während 
der Zeit der Trauer zu „umschweben". 

Bei den Agutainos, die auf Palawan, einer der Philippinen, 
wohnen, darf eine Witwe ihre Hütte die ersten sieben oder acht 
Tage nach dem Todesfall nicht verlassen, es sei denn zur Nacht- 
zeit, wenn sie Begegnungen nicht zu erwarten hat. Wer sie erschaut 
gerät in Gefahr augenblicklich zu sterben, und darum warnt sie 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 69 






selbst vor ihrer Annäherung, indem sie bei jedem Schritt mit 
einem hölzernen Stab gegen die Bäume schlägt; diese Bäume aber 
verdorren. Worin die Gefährlichkeit einer solchen Witwe bestehen 
mag, wird uns durch eine andere Beobachtung erläutert. Im 
Mekeobezirk von Britisch -Neuguinea wird ein Witwer aller 
bürgerlichen Rechte verlustig und lebt für eine Weile wie ein 
Ausgestoßener. Er darf keinen Garten bebauen, sich nicht öffent- 
lich zeigen, das Dorf und die Straße nicht betreten. Er schleicht 
wie ein wildes Tier im hohen Gras oder im Gebüsch umher, und 
muß sich im Dickicht verstecken, wenn er jemanden, besonders aber 
ein Weib, herannahen sieht. Diese letztere Andeutung macht es uns 
leicht, die Gefährlichkeit des Witwers oder der Witwe auf die 
Gefahr der Versuchung zurückzuführen. Der Mann, der sein 
Weib verloren hat, soll dem Begehren nach einem Ersatz aus- 
weichen; die Witwe hat mit demselben Wunsch zu kämpfen und 
mag überdies als herrenlos die Begehrlichkeit anderer Männer 
erwecken. Jede solche Ersatzbefriedigung läuft gegen den Sinn der 
Trauer; sie müßte den Zorn des Geistes auflodern lassen. 1 

Eines der befremdendsten, aber auch lehrreichsten Tabugebräuche 
der Trauer bei den Primitiven ist das Verbot, den Namen des 
Verstorbenen auszusprechen. Es ist ungemein verbreitet, hat mannig- 
faltige Ausführungen erfahren und bedeutsame Konsequenzen 

gehabt. 

Außer bei den Australiern und Polynesiern, welche uns die Tabu- 
gebräuche in ihrer besten Erhaltung zu zeigen pflegen, findet sich 
dieses Verbot bei so entfernten und einander so fremden Völkern 
wie dieSamojeden in Sibirien und die Todas in Südindien, die 
Mongolen der Tartarei und die Tuaregs der Sahara, die Aino 
in Japan und die Akamba und Nandi in Zentralafrika, die Tin- 



Dieselbe Kranke, deren „Unmöglichkeiten" ich oben (S. 38) mit den Tabu 
zusammengestellt habe, bekannte, daß sie jedesmal in Entrüstung gerate, wenn sie 
einer in Trauer gekleideten Person auf der Straße begegne. Solchen Leuten sollte 
das Ausgehen verboten sein! 






r 



7 o 



Totem und Tabu 



guanen auf den Philippinen und die Einwohner der Niko- 
barischen Inseln, von Madagaskar und Borneo. 1 Bei einigen 
dieser Völker gilt das Verbot und die aus ihm sich ableitenden 
Folgen nur für die Zeit der Trauer, bei anderen bleibt es per- 
manent, doch scheint es in allen Fällen mit der Entfernung vom 
Zeitpunkte des Todesfalles abzublassen. 

Die Vermeidung des Namens des Verstorbenen wird in der 
Regel außerordentlich streng gehandhabt. So gilt es bei manchen 
südamerikanischen Stämmen als die schwerste Beleidigung der 
Überlebenden, den Namen des verstorbenen Angehörigen vor ihnen 
auszusprechen, und die darauf gesetzte Strafe ist nicht geringer 
als die für eine Mordtat selbst festgesetzte. 2 Warum die Nennung 
des Namens so verabscheut werden sollte, ist zunächst nicht leicht 
zu erraten, aber die mit ihr verbundenen Gefahren haben eine 
ganze Reihe von Auskunftsmitteln entstehen lassen, die nach ver- 
schiedenen Richtungen interessant und bedeutungsvoll sind. So 
sind die Masai in Afrika auf die Ausflucht gekommen, den Namen 
des Verstorbenen unmittelbar nach seinem Tode zu ändern 5 er 
darf nun ohne Scheu mit dem neuen Namen erwähnt werden 
während alle Verbote an den alten geknüpft bleiben. Es scheint 
dabei vorausgesetzt, daß der Geist seinen neuen Namen nicht 
kennt und nicht erfahren wird. Die australischen Stämme an der 
Adelaide und der Encounter Bay sind in ihrer Vorsicht so 
konsequent, daß nach einem Todesfall alle Personen ihre Namen 
gegen einen anderen vertauschen, welche ebenso oder sehr ähnlich 
geheißen haben wie der Verstorbene. Manchmal wird in weiterer 
Ausdehnung derselben Erwägung die Namensänderung nach einem 
Todesfall bei allen Angehörigen des Verstorbenen vorgenommen, 
ohne Rücksicht auf den Gleichklang der Namen, so bei einigen 
Stämmen in Victoria und in Nordwestamerika. Ja bei den 
Guaycurus in Paraguay pflegte der Häuptling bei so traurigem 

1) Frazer, 1. c, p. 555. 

2) Frazer, 1. c, p. 352 usw. 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 71 



Anlaß allen Mitgliedern des Stammes neue Namen zu geben, die 
sie fortan erinnerten, als ob sie sie von jeher getragen hätten. 1 

Ferner, wenn der Name des Verstorbenen sich mit der Bezeich- 
nung eines Tieres, Gegenstandes usw. gedeckt hatte, erschien es 
manchen unter den angeführten Völkern notwendig, auch diese 
Tiere und Objekte neu zu benennen, damit man beim Gebrauch 
dieser Worte nicht an den Verstorbenen erinnert werde. Daraus 
mußte sich eine nie zur Ruhe kommende Veränderung des Sprach- 
schatzes ergeben, die den Missionären Schwierigkeiten genug be- 
reitete, besonders wo die Namensverpönung eine permanente war. 
In den sieben Jahren, die der Missionär Dobrizhofer bei den 
Abiponen in Paraguay verbrachte, wurde der Name für Jaguar 
dreimal abgeändert, und die Worte für Krokodil, Dornen und 
Tierschlachten hatten ähnliche Schicksale. 2 Die Scheu, einen Namen 
auszusprechen, der einem Verstorbenen angehört hat, dehnt sich 
aber auch nach der Richtung hin aus, daß man alles zu erwähnen 
vermeidet, wobei dieser Verstorbene eine Rolle spielte, und als 
bedeutsame Folge dieses Unterdrückungsprozesses ergibt sich, daß 
diese Völker keine Tradition, keine historischen Reminiszenzen 
haben und einer Erforschung ihrer Vorgeschichte die größten 
Schwierigkeiten in den Weg legen. Bei einer Reihe dieser pri- 
mitiven Völker haben sich aber auch kompensierende Gebrauche 
eingebürgert, um die Namen der Verstorbenen nach einer langen 
Zeit von Trauer wieder zu erwecken, indem man sie an Kinder 
verleiht, die als die Wiedergeburt der Toten betrachtet werden. 
Das Befremdende dieses Namentabu ermäßigt sich, wenn wir 
daran gemahnt werden, daß für die Wilden der Name ein wesent- 
liches Stück und ein wichtiger Besitz der Persönlichkeit ist, daß 
sie dem Worte volle Dingbedeutung zuschreiben. Dasselbe tun, 
wie ich an anderen Orten ausgeführt habe, unsere Kinder, die 
sich darum niemals mit der Annah me einer bedeutungslosen Wort- 

i) Frazer, 1. c, p. 357, nach einem alten spanischen Beobachter, 1732. 
2) Frazer, 1. c, p. 360. 



7 2 



Totem und Tabu 



ähnlichkeit begnügen, sondern konsequent schließen, wenn zwei 
Dinge mit gleichklingenden Namen genannt werden, so müßte 
damit eine tiefgehende Übereinstimmung zwischen beiden bezeichnet 
sein. Auch der zivilisierte Erwachsene mag an manchen Beson- 
derheiten seines Benehmens noch erraten, daß er von dem Voll- 
und Wichtignehmen der Eigennamen nicht so weit entfernt ist, 
wie er glaubt, und daß sein Name in einer ganz besonderen Art 
mit seiner Person verwachsen ist. Es stimmt dann hiezu, wenn 
die psychoanalytische Praxis vielfachen Anlaß findet, auf die 
Bedeutung der Namen in der unbewußten Denktätigkeit hinzu- 
weisen. 1 

Die Zwangsneurotiker benehmen sich dann, wie zu erwarten 
stand, in betreff der Namen ganz wie die Wilden. Sie zeigen die 
volle „Komplexempfindlichkeit" gegen das Aussprechen und An- 
hören bestimmter Worte und Namen (ähnlich wie auch andere 
Neurotiker), und leiten aus ihrer Behandlung des eigenen Namens 
eine gute Anzahl von oft schweren Hemmungen ab. Eine solche 
Tabukranke, die ich kannte, hatte die Vermeidung angenommen, 
ihren Namen niederzuschreiben, aus Angst, er könnte in jemandes 
Hand geraten, der damit in den Besitz eines Stückes von ihrer 
Persönlichkeif gekommen wäre. In der krampfhaften Treue, durch 
die sie sich gegen die Versuchungen ihrer Phantasie schützen 
mußte, hatte sie sich das Gebot geschaffen, „nichts von ihrer 
Person herzugeben". Dazu gehörte zunächst der Name, in weiterer 
Ausdehnung die Handschrift, und darum gab sie schließlich das 
Schreiben auf. 

So finden wir es nicht mehr auffällig, wenn von den Wilden 
der Name des Toten als ein Stück seiner Person gewertet und 
zum Gegenstand des den Toten betreffenden Tabu gemacht wird. 
Auch die Namensnennung des Toten läßt sich auf die Berührung 
mit ihm zurückführen, und wir dürfen uns dem umfassenderen 



i) Stekel, Abraham. 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 75 

Problem zuwenden, weshalb diese Berührung von so strengem 
Tabu betroffen ist. 

Die naheliegendste Erklärung würde auf das natürliche Grauen 
hinweisen, welches der Leichnam und die Veränderungen, die 
alsbald an ihm bemerkt werden, erregt. Daneben müßte man der 
Trauer um den Toten einen Platz einräumen, als Motiv für alles, 
was sich auf diesen Toten bezieht. Allein das Grauen vor dem 
Leichnam deckt offenbar nicht die Einzelheiten der Tabuvor- 
schriften, und die Trauer kann uns niemals erklären, daß die 
Erwähnung des Toten ein schwerer Schimpf für dessen Hinter- 
bliebene ist. Die Trauer liebt es vielmehr, sich mit dem Verstor- 
benen zu beschäftigen, sein Andenken auszuarbeiten und für mög- 
lichst lange Zeit zu erhalten. Für die Eigentümlichkeiten der 
Tabugebräuche muß etwas anderes als die Trauer verantwortlich 
gemacht werden, etwas, das offenbar andere Absichten als diese 
verfolgt. Gerade die Tabu der Namen verraten uns dies noch 
unbekannte Motiv, und sagten es die Gebräuche nicht, so würden 
wir es aus den Angaben der trauernden Wilden selbst erfahren. 

Sie machen nämlich keinen Hehl daraus, daß sie sich vor der 
Gegenwart und der Wiederkehr des Geistes des Verstorbenen 
fürchten 5 sie üben eine Menge von Zeremonien, um ihn fern- 
zuhalten, ihn zu vertreiben. 1 Seinen Namen auszusprechen, dünkt 
ihnen eine Beschwörung, der seine Gegenwart auf dem Fuße folgen 
wird. 3 Sie tun darum folgerichtig alles, um einer solchen Beschwö- 
rung und Erweckung aus dem Wege zu gehen. Sie verkleiden 
sich damit der Geist sie nicht erkenne, 3 oder sie entstellen seinen 
oder den eigenen Namen 5 sie wüten gegen den rücksichtslosen 
Fremden, der den Geist durch Nennung seines Namens auf seine 
Hinterbliebenen hetzt. Es ist unmöglich, der Folgerung auszu- 

1) Als Beispiel eines solchen Bekenntnisses sind bei Frazer, 1. c, p. 353, die 
Tuaregs der Sahara angeführt. 

2) Vielleicht ist hiezu die Bedingung zu fügen: solange noch etwas von seinen 
körperlichen Überresten existiert. Frazer, 1. c, p. 372. 

3) Auf den Nikobaren. Frazer, 1. c, p. 382. 






74 Totem und Tabu 



weichen, daß sie, nach Wundts Ausdruck, an der Furcht „vor 
seiner zum Dämon gewordenen Seele" leiden. 1 

Mit dieser Einsicht wären wir bei der Bestätigung der Auf- 
fassung Wundts angelangt, welche das Wesen des Tabu, wie wir 
gehört haben, in der Angst vor den Dämonen findet. 

Die Voraussetzung dieser Lehre, daß das teure Familienmitglied 
mit dem Augenblicke seines Todes zum Dämon wird, von dem 
die Hinterbliebenen nur Feindseliges zu erwarten haben, und 
gegen dessen böse Gelüste sie sich mit allen Mitteln schützen 
müssen, ist so sonderbar, daß man ihr zunächst den Glauben ver- 
sagen wird. Allein so ziemlich alle maßgebenden Autoren sind 
darin einig, den Primitiven diese Auffassung zuzuschreiben. Wester- 
marck, der in seinem Werke: „Ursprung und Entwicklung der 
Moralbegriffe" dem Tabu, nach meiner Schätzung, viel zu wenig 
Beachtung schenkt, äußert in dem Abschnitt: Verhalten gegen 
Verstorbene direkt: „Überhaupt läßt mich mein Tatsachenmaterial 
den Schluß ziehen, daß die Toten häufiger als Feinde denn als 
Freunde angesehen werden 2 und daß Jevons und Grant Allen 
im Irrtum sind mit ihrer Behauptung, man habe früher geglaubt 
die Böswilligkeit der Toten richte sich in der Regel nur gegen 
Fremde, während sie für Leben und Ergehen ihrer Nachkommen 
und Clangenossen väterlich besorgt seien." 

R. Kleinpaul hat in einem eindrucksvollen Buche die Reste 
des alten Seelenglaubens bei den zivilisierten Völkern zur Dar- 
stellung des Verhältnisses zwischen den Lebendigen und den Toten 



1) Wundt, Religion und Mythus, II. Bd., p. 49. 

2) Westermarck, 1. c, II. Bd., p. 424. In der Anmerkimg und in der Fort- 
setzung des Textes die reiche Fülle von bestätigenden, oft sehr charakteristischen. 
Zeugnissen, z. B. : Die Maoris glaubten, „daß die nächsten und geliebtesten Ver- 
wandten nach dem Tode ihr Wesen ändern und selbst gegen ihre früheren Lieblinge 
übel gesinnt werden". — Die Australneger glauben, jeder Verstorbene sei lange Zeit 
bösartig; je enger die Verwandtschaft, desto großer die Furcht. Die Zentraleskimo 
werden von der Vorstellung beherrscht, daß die Toten erst spät zur Ruhe gelangen, 
anfänglich aber zu fürchten seien als unheilbrütende Geister, die das Dorf häufig 
umkreisen, um Krankheit, Tod und anderes Unheil zu verbreiten. (Boas.) 






Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 75 

verwertet. 1 Es gipfelt auch nach ihm in der Überzeugung, daß 
die Toten mord lustig die Lebendigen nach sich ziehen. Die Toten 
töten; das Skelett, als welches der Tod heute gebildet wird, stellt 
dar, daß der Tod selbst nur ein Toter ist. Nicht eher fühlte sich 
der Lebendige vor der Nachstellung des Toten sicher, als bis er 
ein trennendes Wasser zwischen sich und ihn gebracht hat. Daher 
begrub man die Toten gern auf Inseln, 'brachte sie auf die andere 
Seite eines Flusses; die Ausdrücke Diesseits und Jenseits sind hievon 
ausgegangen. Eine spätere Milderung hat die Böswilligkeit der 
Toten auf jene Kategorien beschränkt, denen man ein besonderes 
Recht zum Groll einräumen mußte, auf die Ermordeten, die ihren 
Mörder als böse Geister verfolgen, auf die in ungestillter Sehn- 
sucht Gestorbenen wie die Bräute. Aber ursprünglich, meint Klein- 
paul, waren alle Toten Vampyre, alle grollten den Lebenden und 
trachteten, ihnen zu schaden, sie des Lebens zu berauben. Der 
Leichnam hat überhaupt erst den Begriff eines bösen Geistes ge- 
liefert. 

Die Annahme, die liebsten Verstorbenen wandelten sich nach 
dem Tode zu Dämonen, läßt offenbar eine weitere Fragestellung 
zu. Was bewog die Primitiven dazu, ihren teuren Toten eine 
solche Sinnesänderung zuzuschreiben? Warum machten sie sie zu 
Dämonen? Westermarck glaubt, diese Frage leicht zu beant- 
worten. 2 „Da der Tod zumeist für das schlimmste Unglück ge- 
halten wird, das den Menschen treffen kann, glaubt man, daß die 
Abgeschiedenen mit ihrem Schicksal äußerst unzufrieden seien. 
Nach Auffassung der Naturvölker stirbt man nur durch Tötung, 
sei es gewaltsame, sei es durch Zauberei bewirkte, und schon 
deshalb sieht man die Seele als rachsüchtig und reizbar an; ver- 
meintlich beneidet sie die Lebenden und sehnt sich nach der 
Gesellschaft der alten Angehörigen — es ist daher begreiflich, daß 

1) R. Kleinpaul, Die Lebendigen und die Toten in Volksglauben, Religion und 
Sage, 1898. 

2^1 1. C., p. 426. 



76 Totem und Tabu 



sie trachtet, sie durch Krankheiten zu töten, um mit ihnen ver- 
einigt, zu werden . . . 

. . . Eine weitere Erklärung der Bösartigkeit, die man den Seelen 
zuschreibt, liegt in der instinktiven Furcht vor diesen, welche Furcht 
ihrerseits das Ergebnis der Angst vor dem Tode ist." 

Das Studium der psychoneurotischen Störungen weist uns auf 
eine umfassendere Erklärung hin, welche die Westermarcksche 
miteinschließt. 

Wenn eine Frau ihren Mann, eine Tochter ihre Mutter durch 
den Tod verloren hat, so ereignet es sich nicht selten, daß die 
Überlebende von peinigenden Bedenken, die wir „Zwangs vor würfe" 
heißen, befallen wird, ob sie nicht selbst durch eine Unvorsich- 
tigkeit oder Nachlässigkeit den Tod der geliebten Person ver- 
schuldet habe. Keine Erinnerung daran, wie sorgfältig sie den 
Kranken gepflegt, keine sachliche Zurückweisung der behaupteten 
Verschuldung vermag der Qual ein Ende zu machen, die etwa 
den pathologischen Ausdruck einer Trauer darstellt und mit der 
Zeit langsam abklingt. Die psychoanalytische Untersuchung solcher 
Fälle hat uns die geheimen Triebfedern des Leidens kennen ge- 
lehrt. Wir haben erfahren, daß diese Zwangsvorwürfe in gewissem 
Sinne berechtigt und nur darum gegen Widerlegung und Ein- 
spruch gefeit sind. Nicht als ob die Trauernde den Tod wirklich 
verschuldet oder die Vernachlässigung wirklich begangen hätte, 
wie es der Zwangsvorwurf behauptet 5 aber es war doch etwas in 
ihr vorhanden, ein ihr selbst unbewußter Wunsch, der mit dem 
Tode nicht unzufrieden war, und der ihn herbeigeführt hätte, 
wenn er im Besitze der Macht gewesen wäre. Gegen diesen un- 
bewußten Wunsch reagiert nun der Vorwurf nach dem Tode der 
geliebten Person. Solche im Unbewußten versteckte Feindseligkeit 
hinter zärtlicher Liebe gibt es nun in fast allen Fällen von in- 
tensiver Bindung des Gefühls an eine bestimmte Person, es ist 
der klassische Fall, das Vorbild, der Ambivalenz menschlicher Ge- 
fühlsregungen. Von solcher Ambivalenz ist bei einem Menschen 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 77 

bald mehr, bald weniger in der Anlage vorgesehen 5 normalerweise 
ist es nicht so viel, daß die beschriebenen Zwangsvorwürfe daraus 
entstehen können. Wo sie aber ausgiebig angelegt ist, da wird sie 
sich gerade im Verhältnis zu den allergeliebtesten Personen, da, 
wo man es am wenigsten erwarten würde, manifestieren. Die 
Disposition zur Zwangsneurose, die wir in der Tabufrage so oft 
zum Vergleich herangezogen haben, denken wir uns durch ein be- 
sonders hohes Maß solcher ursprünglicher Gefühlsambivalenz aus- 
gezeichnet. 

Wir kennen nun das Moment, welches uns das vermeintliche 
Dämonentum der frisch verstorbenen Seelen und die Notwendig- 
keit, sich durch die Tabuvorschriften gegen ihre Feindschaft zu 
schützen, erklären kann. Wenn wir annehmen, daß dem Gefühls- 
leben der Primitiven ein ähnlich hohes Maß von Ambivalenz zu- 
komme, wie wir es nach den Ergebnissen der Psychoanalyse den 
Zwangskranken zuschreiben, so wird es verständlich, daß nach dem 
schmerzlichen Verlust eine ähnliche Reaktion gegen die im Unbe- 
wußten latente Feindseligkeit notwendig wird, wie sie dort durch 
die Zwangsvorwürfe erwiesen wurde. Diese im Unbewußten als 
Befriedigung über den Todesfall peinlich verspürte Feindseligkeit 
hat aber beim Primitiven ein anderes Schicksal; sie wird abge- 
wehrt, indem sie auf das Objekt der Feindseligkeit, auf den Toten, 
verschoben wird. Wir heißen diesen im normalen wie im krank- 
haften Seelenleben häufigen Abwehrvorgang eine Projektion. Der 
Überlebende leugnet nun, daß er je feindselige Regungen gegen 
den geliebten Verstorbenen gehegt hat; aber die Seele des Ver- 
storbenen hegt sie jetzt und wird sie über die ganze Zeit der 
Trauer zu betätigen bemüht sein. Der Straf- und Reuecharakter 
dieser Gefühlsreaktion wird sich trotz der geglückten Abwehr durch 
Projektion darin äußern, daß man sich fürchtet, sich Verzicht auf- 
erlegt und sich Einschränkungen unterwirft, die man zum Teil 
als Schutzmaßregeln gegen den feindlichen Dämon verkleidet. Wir 
finden so wiederum, daß das Tabu auf dem Boden einer ambi- 



7 8 



Totem und Tabu 



valenten Gefühlseinstellung erwachsen ist. Auch das Tabu der 
Toten rührt von dem Gegensatz zwischen dem bewußten Schmerz 
und der unbewußten Befriedigung über den Todesfall her. Bei 
dieser Herkunft des Grolles der Geister ist es selbstverständlich, 
daß gerade die nächsten und früher geliebtesten Hinterbliebenen 
ihn am meisten zu fürchten haben. 

Die Tabuvorschriften benehmen sich auch hier zwiespältig wie 
die neurotischen Symptome. Sie bringen einerseits durch ihren 
Charakter als Einschränkungen die Trauer zum Ausdruck, ander- 
seits aber verraten sie sehr deutlich, was sie verbergen wollen 
die Feindseligkeit gegen den Toten, die jetzt als Notwehr moti- 
viert ist. Einen gewissen Anteil der Tabuverbote haben wir als 
Versuchungsangst verstehen gelernt. Der Tote ist wehrlos, das 
muß zur Befriedigung der, feindseligen Gelüste an ihm reizen, 
und dieser Versuchung muß das Verbot entgegengesetzt werden. 

Westermarck hat aber Recht, wenn er für die Auffassung 
der Wilden keinen Unterschied zwischen gewaltsam und natürlich 
Gestorbenen gelten lassen will. Für das unbewußte Denken ist 
auch der ein Gemordeter, der eines natürlichen Todes gestorben 
ist ; die bösen Wünsche haben ihn getötet. (Vgl. die nächste 
Abhandlung dieser Reihe: Animismus, . Magie und Allmacht der 
Gedanken.) Wer sich für Herkunft und Bedeutung der Träume 
vom Tode teurer Verwandter (der Eltern und Geschwister) inter- 
essiert, der wird beim Träumer, beim Kind und beim Wilden 
die volle Übereinstimmung im Verhalten gegen den Toten, ge- 
gründet auf die nämliche Gefühlsambivalenz, feststellen können. 

Wir haben vorhin einer Auffassung von Wim dt widersprochen, 
welche das Wesen des Tabu in der Furcht vor den Dämonen 
findet, und doch haben wir soeben der Erklärung zugestimmt, 
welche das Tabu der Toten auf die Furcht vor der zum Dämon 
gewordenen Seele des Verstorbenen zurückführt. Das schiene ein 
Widerspruch: es wird uns aber nicht schwer werden, ihn aufzu- 
lösen. Wir haben die Dämonen zwar angenommen, aber nicht als 



etwas Letztes und für die Psychologie Unauflösbares gelten lassen. 
Wir sind gleichsam hinter die Dämonen gekommen, indem wir 
sie als Projektionen der feindseligen Gefühle erkannten, welche die 
Überlebenden gegen die Toten hegen. 

Die nach unserer gut begründeten Annahme zwiespältigen — 
zärtlichen und feindseligen — Gefühle gegen die nun Verstorbenen 
wollen sich zur Zeit des Verlustes beide zur Geltung bringen, als 
Trauer und als Befriedigung. Zwischen diesen beiden Gegensätzen 
muß es zum Konflikt kommen, und da der eine Gegensatzpartner, 
die Feindseligkeit — ganz oder zum größeren Anteile, — unbewußt 
ist, kann der Ausgang des Konfliktes nicht in einer Subtraktion 
der beiden Intensitäten voneinander mit bewußter Einsetzung des 
Überschusses bestehen, etwa wie man einer geliebten Person eine 
von ihr erlittene Kränkung verzeiht. Der Prozeß erledigt sich 
vielmehr durch einen besonderen psychischen Mechanismus, den 
man in der Psychoanalyse als Projektion zu bezeichnen gewohnt 
ist. Die Feindseligkeit, von der man nichts weiß und auch weiter 
nichts wissen will, wird aus der inneren Wahrnehmung in die 
Außenwelt geworfen, dabei von der eigenen Person gelöst und 
der anderen zugeschoben. Nicht wir, die Überlebenden, freuen 
uns jetzt darüber, daß wir des Verstorbenen ledig sind; nein, wir 
trauern um ihn, aber er ist merk würdiger weise ein böser Dämon 
geworden, dem unser Unglück Befriedigung bereiten würde, der 
uns den Tod zu bringen sucht. Die Überlebenden müssen sich 
nun gegen diesen bösen Feind verteidigen ; sie sind von der inneren 
Bedrückung entlastet, haben sie aber nur gegen eine Bedrängnis 
von außen eingetauscht. 

Es ist nicht abzuweisen, daß dieser Projektionsvorgang, welcher 
die Verstorbenen zu böswilligen Feinden macht, eine Anlehnung 
an den reellen Feindseligkeiten findet, die man von letzteren er- 
innern und ihnen wirklich zum Vorwurf machen kann. Also an 
ihrer Härte, Herrschsucht, Ungerechtigkeit, und was sonst den 
Hintergrund auch der zärtlichsten Beziehungen unter den Men- 



' 



8o 



Totem und Tabu 






sehen bildet. Aber es kann nicht so einfach zugehen, daß uns 
dieses Moment für sich allein die Projektionsschöpfung der Dämonen 
begreiflich mache. Die Verschuldungen der Verstorbenen enthalten 
gewiß einen Teil der Motivierung für die Feindseligkeit der Über- 
lebenden, aber sie wären unwirksam, wenn nicht die letzteren diese 
Feindseligkeit aus eigenem entwickeln würden, und der Zeitpunkt 
ihres Todes wäre gewiß der ungeeignetste Anlaß, die Erinnerung 
an die Vorwürfe zu wecken, die man ihnen zu machen berechtigt 
war. Wir können die unbewußte Feindseligkeit als das regelmäßig 
wirkende und eigentlich treibende Motiv nicht entbehren. Diese 
feindselige Strömung gegen die nächsten und teuersten Angehörigen 
konnte zu deren Lebzeiten latent bleiben, das heißt sich dem 
Bewußtsein weder direkt noch indirekt durch irgend eine Ersatz- 
bildung verraten. Mit dem Ableben der gleichzeitig geliebten und 
gehaßten Personen war dies nicht mehr möglich, der Konflikt 
wurde akut. Die aus der gesteigerten Zärtlichkeit stammende Trauer 
wurde einerseits unduldsamer gegen die latente Feindseligkeit, 
anderseits durfte sie es nicht zulassen, daß sich aus letzterer nun 
ein Gefühl der Befriedigung ergebe. Somit kam es zur Verdrän- 
gung der unbewußten Feindseligkeit auf dem Wege der Projektion, 
zur Bildung jenes Zeremoniells, in dem die Furcht vor der Be- 
strafung durch die Dämonen Ausdruck findet, und mit dem zeit- 
lichen Ablauf der Trauer verliert auch der Konflikt an Schärfe, 
so daß das Tabu dieser Toten sich abschwächen oder in Vergessen- 
heit versinken darf. 

4 



Haben wir so den Boden geklärt, auf dem das überaus lehr- 
reiche Tabu der Toten erwachsen ist, so wollen wir nicht ver- 
säumen, einige Bemerkungen anzuknüpfen, die für das Verständnis 
des Tabu überhaupt bedeutungsvoll werden können» 

Die Projektion der unbewußten Feindseligkeit beim Tabu der 
Toten auf die Dämonen ist nur ein einzelnes Beispiel aus einer 



Das Tabu und die Ambivalenz de r Gefühlsregungen 81 

Reihe von Vorgängen, denen der größte Einfluß auf die Gestal- 
tung des primitiven Seelenlebens zugesprochen werden muß. In 
dem betrachteten Falle dient die Projektion der Erledigung eines 
Gefühlskonfliktes ; sie findet die nämliche Verwendung in einer 
großen Anzahl von psychischen Situationen, die zur Neurose führen. 
Aber die Projektion ist nicht für die Abwehr geschaffen, sie kommt 
auch zustande, wo es keine Konflikte gibt. Die Projektion innerer 
Wahrnehmungen nach außen ist ein primitiver Mechanismus, dem 
z. B. auch unsere Sinneswahrnehmungen unterliegen, der also 
an der Gestaltung unserer Außenwelt normalerweise den größten 
Anteil hat. Unter noch nicht genügend festgestellten Bedingungen 
werden innere Wahrnehmungen auch von Gefühls- und Denk- 
vorgängen wie die Sinneswahrnehmungen nach außen projiziert, 
zur Ausgestaltung der Außenwelt verwendet, während sie der 
Innenwelt verbleiben sollten. Es hängt dies vielleicht genetisch 
damit zusammen, daß die Funktion der Aufmerksamkeit ursprüng- 
lich nicht der Innenwelt, sondern den von der Außenwelt zu- 
strömenden Reizen zugewendet war, und von den endopsychi- 
schen Vorgängen nur die Nachrichten über Lust- und Unlust- 
entwicklungen empfing. Erst mit der Ausbildung einer abstrakten 
Denksprache, durch die Verknüpfung der sinnlichen Reste der 
Wortvorstellungen mit inneren Vorgängen, wurden diese selbst 
allmählich wahrnehmungsfähig. Bis dahin hatten die primitiven 
Menschen durch Projektion innerer Wahrnehmungen nach außen 
ein Bild der Außenwelt entwickelt, welches wir nun mit er- 
starkter Bewußtseinswahrnehmung in Psychologie zurückübersetzen 
müssen. 

Die Projektion der eigenen bösen Regungen in die Dämonen 
ist nur ein Stück eines Systems, welches die „Weltanschauung" 
der Primitiven geworden ist, und das wir in der nächsten Ab- 
handlung dieser Reihe als das „animistische" kennen lernen werden. 
Wir werden dann , die psychologischen Charaktere einer solchen 
Systembildung festzustellen haben und unsere Anhaltspunkte wieder- 
Freud, Totem. g 



82 



Totem und Tabu 



um in der Analyse jener Systembildungen finden, welche uns die 
Neurosen entgegenbringen. Wir wollen vorläufig nur verraten, daß 
die sogenannte „sekundäre Bearbeitung' des Trauminhalts das 
Vorbild für alle diese Systembildungen ist. Vergessen wir auch 
nicht daran, daß es vom Stadium der Systembildung an zweierlei 
Ableitungen für jeden vom Bewußtsein beurteilten Akt gibt, die 
systematische und die reale, aber unbewußte. 1 

Wundt 2 bemerkt, daß „unter den Wirkungen, die der Mythus 
allerorten den Dämonen zuschreibt, zunächst die unheilvollen 
überwiegen, so daß im Glauben der Völker sichtlich die bösen 
Dämonen älter sind als die guten". Es ist nun sehr wohl möglich, 
daß der Begriff des Dämons überhaupt aus der so bedeutsamen 
Relation zu den Toten gewonnen wurde. Die diesem Verhältnis 
innewohnende Ambivalenz hat sich dann im weiteren Verlaufe 
der Menschheitsentwicklung darin geäußert, daß sie aus der näm- 
lichen Wurzel zwei völlig entgegengesetzte psychische Bildungen 
hervorgehen ließ: Dämonen- und Gespensterfurcht einerseits, die 
Ahnenverehrung anderseits. 3 Daß die Dämonen stets als die Geister 
kürzlich Verstorbener gefaßt werden, bezeugt wie nichts anderes den 
Einfluß der Trauer auf die Entstehung des Dämonenglaubens. Die 
Trauer hat eine ganz bestimmte psychische Aufgabe zu erledigen, sie 
soll die Erinnerungen und Erwartungen der Überlebenden von den 
Toten ablösen. Ist diese Arbeit geschehen, so läßt der Schmerz nach, 
mit ihm die Reue und der Vorwurf und darum auch die Angst 
vor dem Dämon. Dieselben Geister aber, die zunächst als Dämonen 
gefürchtet wurden, gehen nun der freundlicheren Bestimmung 



1) Den Projektionsschöpfungen der Primitiven stehen die Personifikationen nahe, 
durch welche der Dichter die in ihm ringenden entgegengesetzten Triebregungen 
als gesonderte Individuen aus sich herausstellt. 

2) „Mythus und Religion", II, S. 129. 

3) In den Psychoanalysen neurotischer Personen, die an Gespensterangst leiden 
oder in ihrer Kindheit gelitten haben, fällt es oft nicht schwer, diese Gespenster als 
die Eltern zu entlarven. Vgl. hiezu auch die „Sexualgespenster" betitelte Mitteilung 
von P. Haeberlin (Sexualprobleme, Februar 1912), in welcher es sich um eine 
andere erotisch betonte Person handelt, der Vater aber verstorben war. 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 83 

entgegen, als Ahnen verehrt und zur Hilfeleistung angerufen zu 
werden. 

Überblickt man das Verhältnis der Überlebenden zu den Toten 
im Wandel der Zeiten, so ist es unverkennbar, daß dessen Am- 
bivalenz außerordentlich nachgelassen hat. Es gelingt jetzt leicht, 
die unbewußte, immer noch nachweisbare Feindseligkeit gegen 
die Toten niederzuhalten, ohne daß es eines besonderen seelischen 
Aufwandes hiefür bedürfte. Wo früher der befriedigte Haß und 
die schmerzhafte Zärtlichkeit miteinander gerungen haben, da er- 
hebt sich heute wie eine Narbenbildung die Pietät und fordert 
das: De mortuis nil nisi bene. Nur die Neurotiker trüben noch 
die Trauer um den Verlust eines ihrer Teuren durch Anfälle von 
Zwangsvorwürfen, welche in der Psychoanalyse die alte ambiva- 
lente Gefühlseinstellung als ihr Geheimnis verraten. Auf welchem 
Wege diese Änderung herbeigeführt wurde, inwieweit sich kon- 
stitutionelle Änderung und reale Besserung der familiären Be- 
ziehungen in deren Verursachung teilen, das braucht hier nicht 
erörtert zu werden. Aber man könnte durch dieses Beispiel zur 
Annahme geführt werden, es sei den Seelenregungen der 
Primitiven überhaupt ein höheres Maß von Ambivalenz 
zuzugestehen, als bei dem heute lebenden Kulturmenschen 
aufzufinden ist. Mit der Abnahme dieser Ambivalenz 
schwand auch langsam das Tabu, das Kompromißsymptom 
des Ambivalenzkonfliktes. Von den Neurotikern, welche ge- 
nötigt sind, diesen Kampf und das aus ihm hervorgehende Tabu 
zu reproduzieren, würden wir sagen, daß sie eine archaistische 
Konstitution als atavistischen Rest mit sich gebracht haben, deren 
Kompensation im Dienste der Kulturanforderung sie nun zu so 
ungeheuerlichem seelischen Aufwand zwingt. 

Wir erinnern uns an dieser Stelle der durch ihre Unklarheit 
verwirrenden Auskunft, welche uns Wundt über die Doppel- 
bedeutung des Wortes Tabu: heilig und unrein geboten hat (s. o.). 
Ursprünglich habe das Wort Tabu heilig und unrein noch nicht 



8 4 



Totem und Tabu 



bedeutet, sondern habe das Dämonische bezeichnet, das nicht be- 
rührt werden darf, und somit ein wichtiges, den beiden extremen 
Begriffen gemeinsames Merkmal hervorgehoben, doch beweise diese 
bleibende Gemeinschaft, daß zwischen den beiden Gebieten des 
Heiligen und des Unreinen eine ursprüngliche Übereinstimmung 
obwalte, die erst später einer Differenzierung gewichen sei. 

Im Gegensatze hiezu leiten wir aus unseren Erörterungen mühelos 
ab, daß dem Worte Tabu von allem Anfang an die erwähnte 
Doppelbedeutung zukommt, daß es zur Bezeichnung einer be- 
stimmten Ambivalenz dient und alles dessen, was auf dem Boden 
dieser Ambivalenz erwachsen ist. Tabu ist selbst ein ambivalentes 
Wort, und nachträglich meinen wir, man hätte aus dem festge- 
stellten Sinne dieses Wortes allein erraten können, was sich als 
Ergebnis weitläufiger Untersuchung herausgestellt hat, daß das 
Tabuverbot als das Resultat einer Gefühlsambivalenz zu verstehen 
ist. Das Studium der ältesten Sprachen hat uns belehrt, daß es 
einst viele solche Worte gab, welche Gegensätze in sich faßten, 
in gewissem — wenn auch nicht in ganz dem nämlichen Sinne — 
wie das Wort Tabu ambivalent waren. 1 Geringe lautliche Modifi- 
kationen des gegensinnigen Ur Wortes haben später dazu gedient, 
um den beiden hier vereinigten Gegensätzen einen gesonderten 
sprachlichen Ausdruck zu schaffen. 

Das Wort Tabu hat ein anderes Schicksal gehabt; mit der 
abnehmenden Wichtigkeit der von ihm bezeichneten Ambivalenz 
sit es selbst, respektive sind die ihm analogen Worte aus dem. 
Sprachschatz geschwunden. Ich hoffe, in späterem Zusammenhange 
wahrscheinlich machen zu können, daß sich hinter dem Schicksal 
dieses Begriffes eine greifbare historische Wandlung verbirgt, daß 
das Wort zuerst an ganz bestimmten menschlichen Relationen 
haftete, denen die große Gefühlsambivalenz eigen war, und daß 
es von hier aus auf andere, analoge Relationen ausgedehnt wurde. 

1) Vgl. mein Referat über Abels „Gegensinn der Urworte" im Jahrbuch für 
psychoanalyt. und psychopathol. Forschungen, Bd. II, 1910. [Ges. Schriften, Bd. X.] 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 85 

Wenn wir nicht irren, so wirft das Verständnis des Tabu auch 
ein Licht auf die Natur und Entstehung des Gewissens. Man 
kann ohne Dehnung der Begriffe von einem Tabugewissen und 
von einem Tabuschuldbewußtsein nach Übertretung des Tabu 
sprechen. Das Tabugewissen ist wahrscheinlich die älteste Form, 
in welcher uns das Phänomen des Gewissens entgegentritt. 

Denn was ist „Gewissen"? Nach dem Zeugnis der Sprache 
gehört es zu dem, was man am gewissesten weiß; in manchen 
Sprachen scheidet sich seine Bezeichnung kaum von der des Be- 
wußtseins. 

Gewissen ist die innere Wahrnehmung von der Verwerfung 
bestimmter in uns bestehender Wunschregungen 5 der Ton liegt 
aber darauf, daß diese Verwerfung sich auf nichts anderes zu be- 
rufen braucht, daß sie ihrer selbst gewiß ist. Noch deutlicher wird 
dies beim Schuldbewußtsein, der Wahrnehmung der inneren Ver- 
urteilung solcher Akte, durch die wir bestimmte Wunschregungen 
vollzogen haben. Eine Begründung erscheint hier überflüssig; jeder, 
der ein Gewissen hat, muß die Berechtigung der Verurteilung, 
den Vorwurf der vollzogenen Handlung, in sich verspüren. Diesen 
nämlichen Charakter zeigt aber das Verhalten der Wilden gegen 
das Tabu 5 das Tabu ist ein Gewissensgebot, seine Verletzung läßt 
ein entsetzliches Schuldgefühl entstehen, welches ebenso selbstver- 
ständlich wie nach seiner Herkunft unbekannt ist. 1 

Also entsteht wahrscheinlich auch das Gewissen auf dem Boden 
einer Gefühlsambivalenz aus ganz bestimmten menschlichen Rela- 
tionen, an denen diese Ambivalenz haftet, und unter den für das 
Tabu und die Zwangsneurose geltend gemachten Bedingungen, 
daß das eine Glied des Gegensatzes unbewußt sei und durch das 
zwanghaft herrschende andere verdrängt erhalten werde. Zu diesem 



1) Es ist eine interessante Parallele, daß das Schuldbewußtsein des Tabu in nichts 
gemindert wird, wenn die Übertretung unwissentlich geschah (s. Beispiel oben), und 
daß noch im griechischen Mythus die Verschuldung des Ödipus nicht aufgehoben 
wird dadurch, daß sie ohne, ja gegen sein Wissen und Wollen erworben wurde. 



86 



Totem und Tabu 



Schlüsse stimmt mehrerlei, was wir aus der Analyse der Neurose 
gelernt haben. Erstens, daß im Charakter der Zwangsneurotiker 
der Zug der peinlichen Gewissenhaftigkeit hervortritt als Reaktions- 
symptom gegen die im Unbewußten lauernde Versuchung, und 
daß bei Steigerung des Krankseins die höchsten Grade von Schuld- 
bewußtsein von ihnen entwickelt werden. Man kann in der Tat 
den Ausspruch wagen, wenn wir nicht an den Zwangskranken 
die Herkunft des Schuldbewußtseins ergründen können, so haben 
wir überhaupt keine Aussicht, dieselbe zu erfahren. Die Lösung 
dieser Aufgabe gelingt nun beim einzelnen neurotischen Indivi- 
duum $ für die Völker getrauen wir uns eine ähnliche Lösung zu 
erschließen. 

Zweitens muß es uns auffallen, daß das Schuldbewußtsein viel 
von der Natur der Angst hat; es kann ohne Bedenken als „Ge- 
wissensangst" beschrieben werden. Die Angst deutet aber auf un- 
bewußte Quellen hin; wir haben aus der Neurosenpsychologie 
gelernt, daß, wenn Wunschregungen der Verdrängung unterliegen, 
deren Libido in Angst verwandelt wird. Dazu wollen wir er- 
innern, daß auch beim Schuldbewußtsein etwas unbekannt und 
unbewußt ist, nämlich die Motivierung der Verwerfung. Diesem 
Unbekannten entspricht der Angstcharakter des Schuldbewußtseins. 

Wenn das Tabu sich vorwiegend in Verboten äußert, so ist 
eine Überlegung denkbar, die uns sagt, es sei ganz selbstverständlich 
und bedürfe keines weitläufigen Beweises aus der Analogie mit 
der Neurose, daß ihm eine positive, begehrende Strömung zugrunde 
liege. Denn, was niemand zu tun begehrt, das braucht man doch 
nicht zu verbieten, und jedenfalls muß das, was aufs nachdrück- 
lichste verboten wird, doch Gegenstand eines Begehrens sein. 
Wenden wir diesen plausiblen Satz auf unsere Primitiven an, so 
müßten wir schließen, es gehöre zu ihren stärksten Versuchungen, 
ihre Könige und Priester zu töten, Inzest zu verüben, ihre Toten zu 
mißhandeln u. dgl. Das ist nun kaum wahrscheinlich; den ent- 
schiedensten Widerspruch erwecken wir aber, wenn wir den nämlichen 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 87 



Satz an den Fällen messen, in welchen wir selbst die Stimme des 
Gewissens am deutlichsten zu vernehmen glauben. Wir würden 
dann mit einer nicht zu übertreffenden Sicherheit behaupten, daß 
wir nicht die geringste Versuchung verspüren, eines dieser Ge- 
bote zu übertreten, z. B. das Gebot: Du sollst nicht morden, und 
daß wir vor der Übertretung desselben nichts anderes verspüren als 

Abscheu. 

Mißt man dieser Aussage unseres Gewissens die Bedeutung bei, 
die sie beansprucht, so wird einerseits das Verbot überflüssig — das 
Tabu sowohl wie unser Moralverbot, — anderseits bleibt die 
Tatsache des Gewissens unerklärt und die Beziehungen zwischen 
Gewissen, Tabu und Neurose entfallen; es ist also jener Zustand 
unseres Verständnisses hergestellt, der auch gegenwärtig besteht, 
solange wir nicht psychoanalytische Gesichtspunkte auf das Problem 

anwenden. 

Wenn wir aber der durch die Psychoanalyse — an den Träu- 
men Gesunder — gefundenen Tatsache Rechnung tragen, daß die 
Versuchung, den anderen zu töten, auch bei uns stärker und 
häufiger ist als wir ahnen, und daß sie psychische Wirkungen 
äußert, auch wo sie sich unserem Bewußtsein nicht kundgibt, 
wenn wir ferner in den Zwangsvorschriften gewisser Neurotiker 
die Sicherungen und Selbstbestrafungen gegen den verstärkten 
Impuls zu morden erkannt haben, dann werden wir zu dem vorhin 
aufgestellten Satz: Wo ein Verbot vorliegt, muß ein Begehren 
dahinter sein, mit neuer Schätzung zurückkehren. Wir werden an- 
nehmen, daß dies Begehren, zu morden, tatsächlich im Unbe- 
wußten vorhanden ist, und daß das Tabu wie das Moralverbot 
psychologisch keineswegs überflüssig ist, vielmehr durch die am- 
bivalente Einstellung gegen den Mordimpuls erklärt und gerecht- 
fertigt wird. 

Der eine so häufig als fundamental hervorgehobene Charakter 
dieses Ambivalenzverhältnisses, daß die positive begehrende Strö- 
mung eine unbewußte ist, eröffnet einen Ausblick auf weitere 



88 Totem und Tabu 



Zusammenhänge und Erklärungsmöglichkeiten. Die psychischen 
Vorgänge im Unbewußten sind nicht durchwegs mit jenen iden- 
tisch, die uns aus unserem bewußten Seelenleben bekannt sind, 
sondern genießen gewisse beachtenswerte Freiheiten, die den letz- 
teren entzogen worden sind. Ein unbewußter Impuls braucht nicht 
dort entstanden zu sein, wo wir seine Äußerung finden; er kann 
von ganz anderer Stelle herstammen, sich ursprünglich auf andere 
Personen und Relationen bezogen haben und durch den Mecha- 
nismus der Verschiebung dorthin gelangt sein, wo er uns auf- 
fällt. Er kann ferner dank der Unzerstörbarkeit und Unkorrigier- 
barkeit unbewußter Vorgänge aus sehr frühen Zeiten, denen er 
angemessen war, in spätere Zeiten und Verhältnisse hinübergerettet 
werden, in denen seine Äußerungen fremdartig erscheinen müssen. 
All dies sind nur Andeutungen, aber eine sorgfältige Ausführung 
derselben würde zeigen, wie wichtig sie für das Verständnis der 
Kulturentwicklung werden können. 

Zum Schlüsse dieser Erörterungen wollen wir eine spätere Unter- 
suchungen vorbereitende Bemerkung nicht versäumen. Wenn wir 
auch an der Wesensgleichheit von Tabuverbot und Moralverbot 
festhalten, so wollen wir doch nicht bestreiten, daß eine psycho- 
logische Verschiedenheit zwischen beiden bestehen muß. Eine Ver- 
änderung in den Verhältnissen der grundlegenden Ambivalenz 
kann allein die Ursache sein, daß das Verbot nicht mehr in der 
Form des Tabu erscheint. 

Wir haben uns bisher in der analytischen Betrachtung der 
Tabuphänomene von den nachweisbaren Übereinstimmungen mit 
der Zwangsneurose leiten lassen, aber das Tabu ist doch keine 
Neurose, sondern eine soziale Bildung; somit obliegt uns die Auf- 
gabe, auch darauf hinzuweisen, worin der prinzipielle Unter- 
schied der Neurose von einer Kulturschöpfung wie das Tabu zu 
suchen ist. 

Ich will hier wiederum eine einzelne Tatsache zum Ausgangs- 
punkt nehmen. Von der Übertretung eines Tabu wird bei den 






Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 89 

Primitiven eine Strafe befürchtet, meist eine schwere Erkrankung 
oder der Tod. Diese Strafe droht nun dem, der sich die Über- 
tretung hat zuschulden kommen lassen. Bei der Zwangsneurose 
ist dies anders. Wenn der Kranke etwas ihm Verbotenes ausführen 
soll, so fürchtet er die Strafe nicht für sich, sondern für eine 
andere Person, die meist unbestimmt gelassen ist, aber durch die 
Analyse leicht als eine der ihm nächsten und von ihm gelieb- 
testen Personen erkannt wird. Der Neurotiker verhält sich also 
hiebei wie altruistisch, der Primitive wie egoistisch. Erst wenn 
die Tabuübertretung sich im Missetäter nicht spontan gerächt hat, 
dann erwacht bei den Wilden ein kollektives Gefühl, daß sie 
durch den Frevel alle bedroht wären, und sie beeilen sich, die 
ausgebliebene Bestrafung selbst zu vollstrecken. Wir haben es leicht, 
uns den Mechanismus dieser Solidarität zu erklären. Die Angst 
vor dem ansteckenden Beispiel, vor der Versuchung zur Nach- 
ahmung, also vor der Infektionsfahigkeit des Tabu ist hier im 
Spiele. Wenn einer es zustande gebracht hat, das verdrängte Be- 
gehren zu befriedigen, so muß sich in allen Gesellschaftsgenossen 
das gleiche Begehren regen; um diese Versuchung niederzuhalten, 
muß der eigentlich Beneidete um die Frucht seines Wagnisses 
gebracht werden, und die Strafe gibt den Vollstreckern nicht 
selten Gelegenheit, unter der Rechtfertigung der Sühne dieselbe 
frevle Tat auch ihrerseits zu begehen. Es ist dies ja eine der 
Grundlagen der menschlichen Strafordnung, und sie hat, wie 
gewiß richtig, die Gleichartigkeit der verbotenen Regungen 
beim Verbrecher wie bei der rächenden Gesellschaft zur Voraus- 
setzung. 

Die Psychoanalyse bestätigt hier, was die Frommen zu sagen 
pflegen, wir seien alle arge Sünder. Wie soll man nun den un- 
erwarteten Edelsinn der Neurose erklären, die nichts für sich und 
alles für eine geliebte Person fürchtet? Die analytische Unter- 
suchung zeigt, daß er nicht primär ist. Ursprünglich, das heißt 
zu Anfang der Erkrankung, galt die Strafandrohung wie bei den 



I 



9° 



Totem und Tabu 



Wilden der eigenen Person; man fürchtete in jedem Falle für 
sein eigenes Leben; erst später wurde die Todesangst auf eine andere 
geliebte Person verschoben. Der Vorgang ist einigermaßen kompliziert, 
aber wir übersehen ihn vollständig. Zugrunde der Verbotbildung 
liegt regelmäßig eine böse Regung — ein Todeswunsch — gegen 
eine geliebte Person. Diese wird durch ein Verbot verdrängt, das 
Verbot an eine gewisse Handlung geknüpft, welche etwa die feind- 
selige gegen die geliebte Person durch Verschiebung vertritt, die 
Ausführung dieser Handlung mit der Todesstrafe bedroht. Aber 
der Prozeß geht weiter, und der ursprüngliche Todeswunsch gegen 
den geliebten anderen ist dann durch die Todesangst um ihn er- 
setzt. Wenn die Neurose sich also so zärtlich altruistisch erweist, 
so kompensiert sie damit nur die ihr zugrunde liegende 
gegenteilige Einstellung eines brutalen Egoismus. Heißen wir die 
Gefühlsregungen, die durch die Rücksicht auf den anderen be- 
stimmt werden und ihn nicht selbst zum Sexualobjekt nehmen, 
soziale, so können wir das Zurücktreten dieser sozialen Faktoren 
als einen später durch Überkompensation verhüllten Grundzug der 

Neurose herausheben. 

Ohne uns bei der Entstehung dieser sozialen Regungen und 
ihrer Beziehung zu den anderen Grundtrieben des Menschen auf- 
zuhalten, wollen wir an einem anderen Beispiel den zweiten 
Hauptcharakter der Neurose zum Vorschein bringen. Das Tabu 
hat in seiner Erscheinungsform die größte Ähnlichkeit mit der 
Berührungsangst der Neurotiker, dem deLire de toucher. Nun 
handelt es sich bei dieser Neurose regelmäßig um das Verbot 
sexueller Berührung, und die Psychoanalyse hat ganz allgemein 
gezeigt, daß die Triebkräfte, welche in der Neurose abgelenkt und 
verschoben werden, sexueller Herkunft sind. Beim Tabu hat die 
verbotene Berührung offenbar nicht nur sexuelle Bedeutung, son- 
dern vielmehr die allgemeinere des Angreifens, der Bemächtigung, 
des Geltendmachens der eigenen Person. Wenn es verboten ist, 
den Häuptling oder etwas, was mit ihm in Berührung war, 



Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen 91 



selbst zu berühren, so soll damit demselben Impuls eine Hem- 
mung angelegt werden, der sich andere Male in der argwöhni- 
schen Überwachung des Häuptlings, ja in seiner körperlichen 
Mißhandlung vor der Krönung (s. o.) zum Ausdruck bringt. 
Somit ist das Überwiegen der sexuellen Triebanteile 
gegen die sozialen das für die Neurose charakteristische 
Moment. Die sozialen Triebe sind aber selbst durch Zusammen- 
treten von egoistischen und erotischen Komponenten zu beson- 
deren Einheiten entstanden. 

An dem einen Beispiele vom Vergleich des Tabu mit der Zwangs- 
neurose läßt sich bereits erraten, welches das Verhältnis der ein- 
zelnen Formen von Neurose zu den Kulturbildungen ist, und wo- 
durch das Studium der Neurosenpsychologie für das Verständnis 
der Kulturentwicklung wichtig wird. 

Die Neurosen zeigen einerseits auffällige und tiefreichende 
Übereinstimmungen mit den großen sozialen Produktionen der 
Kunst, der Religion und der Philosophie, anderseits erscheinen 
sie wie Verzerrungen derselben. Man könnte den Ausspruch 
wagen, eine Hysterie sei ein Zerrbild einer Kunstschöpfung, 
eine Zwangsneurose ein Zerrbild einer Religion, ein paranoischer 
Wahn ein Zerrbild eines philosophischen Systems. Diese Ab- 
weichung führt sich in letzter Auflösung darauf zurück, daß 
die Neurosen asoziale Bildungen sind; sie suchen mit privaten 
Mitteln zu leisten, was in der Gesellschaft durch kollektive 
Arbeit entstand. Bei der Triebanalyse der Neurosen erfährt man, 
daß in ihnen die Triebkräfte sexueller Herkunft den bestim- 
menden Einfluß ausüben, während die entsprechenden Kultur- 
bildungen auf sozialen Trieben ruhen, solchen, die aus der 
Vereinigung egoistischer und erotischer Anteile hervorgegangen 
sind. Das Sexualbedürfnis ist eben nicht imstande, die Menschen 
in ähnlicher Weise wie die Anforderungen der Selbsterhaltung 
zu einigen; die Sexualbefriedigung ist zunächst die Privatsache 
des Individuums. 



9 3 



Totem und Tabu 



Genetisch ergibt sich die asoziale Natur der Neurose aus deren 
ursprünglichster Tendenz, sich aus einer unbefriedigenden Realität 
in eine lustvollere Phantasiewelt zu flüchten. In dieser vom Neu- 
rotiker gemiedenen realen Welt herrscht die Gesellschaft der Men- 
schen und die von ihnen gemeinsam geschaffenen Institutionen 5 
die Abkehrung von der Realität ist gleichzeitig ein Austritt aus 
der menschlichen Gemeinschaft. 






in 

ANIMISMUS, MAGIE UND ALLMACHT DER 

GEDANKEN 

i 

Es ist ein notwendiger Mangel der Arbeiten, welche Gesichts- 
punkte der Psychoanalyse auf Themen der Geisteswissenschaften 
anwenden wollen, daß sie dem Leser von beiden zu wenig bieten 
müssen. Sie beschränken sich darum auf den Charakter von An- 
regungen, sie machen dem Fachmanne Vorschläge, die er bei 
seiner Arbeit in Erwägung ziehen soll. Dieser Mangel wird sich 
aufs äußerste fühlbar machen in einem Aufsatz, welcher das un- 
geheure Gebiet dessen, was man Animismus nennt, behandeln 

will. 1 

Animismus im engeren Sinne heißt die Lehre von den Seelen- 
vorstellungen, im weiteren die von geistigen Wesen überhaupt. 
Man unterscheidet noch Animatismus, die Lehre von der Be- 
lebtheit der uns unbelebt erscheinenden Natur, und reiht hier 
den Animalismus und Manismus an. Der Name Animismus, 
früher für ein bestimmtes philosophisches System verwendet, scheint 



1) Die geforderte Zusammendrängung des Stoffes bringt auch den Verzicht auf 
eingehende Literaturnachweise mit sich. An deren Stelle stehe der Hinweis auf die 
bekannten Werke von Herbert Spencer, J. G. Frazer, A. Lang, E. B. Tylor und 
W. Wundt, aus denen alle Behauptungen über Animismus und Magie entnommen 
sind. Die Selbständigkeit des Verfassers kann sich nur in der von ihm getroffenen 
Auswahl der Materien sowie der Meinungen kundgeben. 






g4 Totem und Tabu 



seine gegenwärtige Bedeutung durch E. B. Tylor erhalten zu 
haben. 1 

Was zur Aufstellung dieser Namen Anlaß gegeben hat, ist die 
Einsicht in die höchst merkwürdige Natur- und Weltauffassung 
der uns bekannten primitiven Völker, der historischen sowohl wie 
der jetzt noch lebenden. Diese bevölkern die Welt mit einer Un- 
zahl von geistigen Wesen, die ihnen wohlwollend oder übelgesinnt 
sind; sie schreiben diesen Geistern und Dämonen die Verursachung 
der Naturvorgänge zu und halten nicht nur die Tiere und Pflanzen, 
sondern auch die unbelebten Dinge der Welt für durch sie belebt. 
Ein drittes und vielleicht wichtigstes Stück dieser primitiven 
„Naturphilosophie" erscheint uns weit weniger auffällig, weil wir 
selbst noch nicht weit genug von ihm entfernt sind, während wir 
doch die Existenz der Geister sehr eingeschränkt haben und die 
Naturvorgänge heute durch die Annahme unpersönlicher physi- 
kalischer Kräfte erklären. Die Primitiven glauben nämlich an eine 
ähnliche „Beseelung" auch der menschlichen Einzelwesen. Die 
menschlichen Personen enthalten Seelen, welche ihren Wohnsitz 
verlassen und in andere Menschen einwandern können 5 diese 
Seelen sind die Träger der geistigen Tätigkeiten und bis zu einem 
gewissen Grad von den „Leibern" unabhängig. Ursprünglich 
wurden die Seelen als sehr ähnlich den Individuen vorgestellt und 
erst im Laufe einer langen Entwicklung haben sie die Charaktere 
des Materiellen bis zu einem hohen Grad von „Vergeistigung" 
abgestreift. 2 

Die Mehrzahl der Autoren neigt zu der Annahme, daß diese 
Seelenvorstellungen der ursprüngliche Kern des animistischen 
Systems sind, daß die Geister nur selbständig gewordenen Seelen 
entsprechen, und daß auch die Seelen von Tieren, Pflanzen und 
Dingen in Analogie mit den Menschenseelen gebildet wurden. 



1) E. B. Tylor, Primitive Culture. I. Bd., p. 425, 4. Aufl., 1903. — W. Wundt, 
Mythus und Religion, II. Bd., p. 173, 1906. 

2) Wundt, 1. c, IV. Kapitel „Die Seelenvorstellungen". 



Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken 95 



Wie sind die primitiven Menschen zu den eigentümlich dua- 
listischen Grundanschauungen gekommen, auf denen dieses ani- 
mistische System ruht? Man meint, durch die Beobachtung der 
Phänomene des Schlafes (mit dem Traum) und des ihm so ähn- 
lichen Todes, und durch die Bemühung, sich diese jeden Einzelnen 
so nahe angehenden Zustände zu erklären. Vor allem müßte das 
Todesproblem der Ausgangspunkt der Theoriebildung geworden 
sein. Für den Primitiven wäre die Fortdauer des Lebens — die 
Unsterblichkeit — das Selbstverständliche. Die Vorstellung des 
Todes ist etwas spät und nur zögernd Rezipiertes, sie ist ja auch 
für uns noch inhaltsleer und unvollziehbar. Über den Anteil, den 
andere Beobachtungen und Erfahrungen an der Gestaltung der 
animistischen Grundlehren gehabt haben mögen, die über Traum- 
bilder, Schatten, Spiegelbilder u. dgl., haben sehr lebhafte, zu 
keinem Abschluß gelangte Diskussionen stattgefunden. 1 

Wenn der Primitive auf die sein Nachdenken anregenden Phä- 
nomene mit der Bildung der Seelenvorstellungen reagierte und 
diese dann auf die Objekte der Außenwelt übertrug, so wird sein 
Verhalten dabei als durchaus natürlich und weiter nicht rätselhaft 
beurteilt. Wundt äußert angesichts der Tatsache, daß sich die 
nämlichen animistischen Vorstellungen bei den verschiedensten 
Völkern und zu allen Zeiten übereinstimmend gezeigt haben, die- 
selben „seien das notwendige psychologische Erzeugnis des mythen- 
bildenden Bewußtseins und der primitive Animismus dürfte als 
der geistige Ausdruck des menschlichen Naturzustandes gelten, 
insoweit dieser überhaupt für unsere Beobachtung erreichbar ist' . a 
Die Rechtfertigung der Belebung des Unbelebten hat bereits Hume 
in seiner „Natural History of Religion" gegeben, indem er schrieb: 
There is an universal tendency among mankind to conceive all 
beings like themselves and to transfer to every object those qualities 



1) Vgl. außer bei Wundt und H. Spencer die orientierenden Artikel der Ency- 
clopaedia Britannica, 1911 (Animism, Mythology usw.) 

2) 1. c, p. 154. 



9 6 



Totem und Tabu 



lüith which they are familiarly acquainted and of which they are 
intimately conscious." 1 

Der Animismus ist ein Denksystem, er gibt nicht nur die Er- 
klärung eines einzelnen Phänomens, sondern gestattet es, das Ganze 
der Welt als einen einzigen Zusammenhang, aus einem Punkte, 
zu begreifen. Die Menschheit hat, wenn wir den Autoren folgen 
wollen, drei solcher Denksysteme, drei große Weltanschauungen 
im Laufe der Zeiten hervorgebracht: Die animistische (mytho- 
logische), die religiöse und die wissenschaftliche. Unter diesen ist 
die erstgeschaffene, die des Animismus, vielleicht die folgerichtigste 
und erschöpfendste, eine, die das Wesen der Welt restlos erklärt. 
Diese erste Weltanschauung der Menschheit ist nun eine psycho- 
logische Theorie. Es geht über unsere Absicht hinaus zu zeigen, 
wieviel von ihr noch im Leben der Gegenwart nachweisbar ist, 
entweder entwertet in der Form des Aberglaubens, oder lebendig 
als Grundlage unseres Sprechens, Glaubens und Philosophierens. 

Es greift auf die Stufenfolge der drei Weltanschauungen zurück, 
wenn gesagt wird, daß der Animismus selbst noch keine Religion 
ist, aber die Vorbedingungen enthält, auf denen sich später die 
Religionen aufbauen. Es ist auch augenfällig, daß der Mythus auf 
animistischen Voraussetzungen ruht; die Einzelheiten der Beziehung 
von Mythus und Animismus erscheinen aber als in wesentlichen 
Punkten ungeklärt. 

Unsere psychoanalytische Arbeit wird an anderer Stelle ein- 
setzen. — Man darf nicht annehmen, daß die Menschen sich aus 
reiner spekulativer Wißbegierde zur Schöpfung ihres ersteh Welt- 
systems aufgeschwungen haben. Das praktische Bedürfnis, sich der 
Welt zu bemächtigen, muß seinen Anteil an dieser Bemühung 
haben. Wir sind darum nicht erstaunt zu erfahren, daß mit dem 
animistischen System etwas anderes Hand in Hand geht, eine 

1) Bei Tylor, Primitive Cultuxe, I. Bd., p. 477. 






Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken 07 

Anweisung, wie man verfahren müsse, um der Menschen, Tiere 
und Dinge, respektive ihrer Geister, Herr zu werden. Diese An- 
weisung, welche unter dem Namen „Zauberei und Magie" 
bekannt ist, will S. Reinach 1 die Strategie des Animismus heißen; 
ich würde es vorziehen, sie mit Hubert und Mauß der Technik 
zu vergleichen. 2 

Kann man Zauberei und Magie begrifflich voneinander trennen? 
Es ist möglich, wenn man sich mit einiger Eigenmächtigkeit über 
die Schwankungen des Sprachgebrauches hinwegsetzen will. Dann 
ist Zauberei im wesentlichen die Kunst, die Geister zu beeinflussen, 
indem man sie behandelt wie unter gleichen Bedingungen die 
Menschen, also indem man sie beschwichtigt, versöhnt, sich ge- 
neigt macht, sie einschüchtert, ihrer Macht beraubt, sie seinem 
Willen unterwirft, durch dieselben Mittel, die man für lebende 
Menschen' wirksam gefunden hat. Magie ist aber etwas anderes $ 
sie sieht im Grunde von den Geistern ab und sie bedient sich 
besonderer Mittel, nicht der banalen psychologischen Methodik. 
Wir werden leicht erraten, daß die Magie das ursprünglichere 
und bedeutsamere Stück der animistischen Technik ist, denn unter 
den Mitteln, mit denen Geister behandelt werden sollen, befinden 
sich auch magische, 3 und die Magie findet ihre Anwendung auch 
in Fällen, wo die Vergeistigung der Natur, wie uns scheint, nicht 
durchgeführt worden ist. 

Die Magie muß den mannigfaltigsten Absichten dienen, die 
Naturvorgänge dem Willen des Menschen unterwerfen, das Indi- 
viduum gegen Feinde und Gefahren schützen und ihm die Macht 
geben, seine Feinde zu schädigen. Die Prinzipien aber, auf deren 
Voraussetzung das magische Tun beruht — oder vielmehr das 
Prinzip der Magie — ist so auffällig, daß es von allen Autoren 

1) Cultes, Mythes et Religions, T. II, Introduction, p. XV, 1909. 

2) Armee sociologitjue, VII. Bd., 1904. 

3) Wenn man einen Geist durch Lärm und Geschrei verscheucht, so ist dies eine 
rein zauberische Handlung; wenn man ihn zwingt, indem man sich seines Namens 
bemächtigt, so hat man Magie gegen ihn gebraucht. 

Freud, Totem. 7 



g8 Totem und Tabu 



erkannt werden mußte. Man kann es am knappsten, wenn man 
von dem beigefügten Werturteil absieht, mit den Worten E. B. 
Tylors ausdrücken: „mistaking an ideal connexion for a real 
one." An zwei Gruppen von magischen Handlungen wollen wir 
diesen Charakter erläutern. 

Eine der verbreitetsten magischen Prozeduren, um einem Feind 
zu schaden, besteht darin, sich ein Ebenbild von ihm aus belie- 
bigem Material zu machen. Auf die Ähnlichkeit kommt es dabei 
wenig an. Man kann auch irgend ein Objekt zu seinem Bild 
„ernennen". Was man dann diesem Ebenbild antut, das stößt 
auch dem gehaßten Urbild zu; an welcher Körperstelle man das 
erstere verletzt, an derselben erkrankt das letztere. Man kann die- 
selbe magische Technik anstatt in den Dienst privater Feindselig- 
keit auch in den der Frömmigkeit stellen und so Göttern gegen 
böse Dämonen zu Hilfe kommen. Ich zitiere nach Frazer: 1 „Jede 
Nacht, wenn der Sonnengott Ra (im alten Ägypten) zu seinem 
Heim im glühenden Westen herabstieg, hatte er einen bitteren 
Kampf gegen eine Schar von Dämonen zu bestehen, die ihn unter 
der Führung des Erzfeindes Apepi überfielen. Er kämpfte mit ihnen 
die ganze Nacht und häufig waren die Mächte der Finsternis stark 
genug, noch des Tags dunkle Wolken an den blauen Himmel zu 
senden, die seine Kraft schwächten und sein Licht abhielten. Um 
dem Gotte beizustehen, wurde in seinem Tempel zu Theben täglich 
folgende Zeremonie aufgeführt: Es wurde aus Wachs ein Bild seines 
Feindes Apepi gemacht, in der Gestalt eines scheußlichen Krokodils 
oder einer langgeringelten Schlange und der Name des Dämons mit 
grüner Tinte darauf geschrieben. In ein Papyrusgehäuse gehüllt, auf 
dem eine ähnliche Zeichnung angebracht war, wurde dann diese 
Figur mit schwarzem Haar umwickelt, vom Priester angespuckt, 
mit einem Steinmesser bearbeitet und auf den Boden geworfen. 
Dann trat er mit seinem linken Fuß auf sie und endlich verbrannte 
er sie in einem von gewissen Pflanzen genährten Feuer. Nachdem 



1) The magic art, II, p. 67. 



Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken 99 

Apepi in solcher Weise beseitigt worden war, geschah mit allen 
Dämonen seines Gefolges das nämliche. Dieser Gottesdienst, bei 
dem gewisse Reden hergesagt werden mußten, wurde nicht nur 
morgens, mittags und abends wiederholt, sondern auch jederzeit 
dazwischen, wenn ein Sturm wütete, wenn ein heftiger Regenguß 
niederging oder schwarze Wolken die Sonnenscheibe am Himmel 
verdeckten. Die bösen Feinde verspürten die Züchtigung, die ihren 
Bildern widerfahren war, als ob sie sie selbst erlitten hätten; sie 
flohen und der Sonnengott triumphierte von neuem." 1 

Aus der unübersehbaren Fülle ähnlich begründeter magischer 
Handlungen will ich nur noch zweierlei hervorheben, die bei den 
primitiven Völkern jederzeit eine große Rolle gespielt haben und 
zum Teil im Mythus und Kultus höherer Entwicklungsstufen er- 
halten geblieben sind, nämlich die Arten des Regen- und des 
Fruchtbarkeitzaubers. Man erzeugt den Regen auf magischem Wege, 
indem man ihn imitiert, etwa auch noch die ihn erzeugenden 
Wolken oder den Sturm nachahmt. Es sieht aus, als ob man 
„regnen spielen" wollte. Die japanischen Ainos z. B. machen 
Regen in der Weise, daß ein Teil von ihnen Wasser aus großen 
Sieben ausgießt, während ein anderer eine große Schüssel mit 
Segel und Ruder ausstattet, als ob sie ein Schiff wäre, und sie so 
um Dorf und Gärten herumzieht. Die Fruchtbarkeit des Bodens 
sicherte man sich aber auf magische Weise, indem man ihm das 
Schauspiel eines menschlichen Geschlechtsverkehrs zeigte. So pflegen 
— ein Beispiel anstatt unendlich vieler — in manchen Teilen 
Javas zur Zeit des Herannahens der Reisblüte Bauer und Bäuerin 
sich nachts auf die Felder zu begeben, um durch das Beispiel, 
das sie ihm geben, den Reis zur Fruchtbarkeit anzuregen. 2 Da- 
gegen fürchtete man von verpönten inzestuösen Geschlechtsbezie- 

1) Das biblische Verbot, sich ein Bild von irgend etwas Lebendem zu machen, 
entstammte wohl keiner prinzipiellen Ablehnung der bildenden Kunst, sondern sollte 
der von der hebräischen Religion verpönten Magie ein Werkzeug entziehen. Frazer, 
1. c, p. 87, Note. 

2) The magic art, II, p. 98. 



ioo Totem und Tabu 



hungen, daß sie Mißwuchs und Unfruchtbarkeit des Bodens er- 
zeugen würden. 1 

Auch gewisse negative Vorschriften — magische Vorsichten also - — 
sind dieser ersten Gruppe einzureihen. Wenn ein Teil der Bewohner 
eines Dayakdorfes auf Wildschwein] agd ausgezogen ist, so dürfen 
die Zurückgebliebenen unterdes weder Ol noch Wasser mit ihren 
Händen berühren, sonst würden die Jäger weiche Finger bekommen 
und die Beute aus ihren Händen schlüpfen lassen. 2 Oder, wenn 
ein Gilyak jäger im Walde dem Wilde nachstellt, so ist es seinen 
Kindern zu Hause verboten, Zeichnungen auf Holz oder im Sand 
zu machen. Die Pfade im dichten Wald könnten sonst so ver- 
schlungen werden wie die Linien der Zeichnung, so daß der Jäger 
den Weg nach Hause nicht fände. 3 

Wenn in diesen letzten wie in so vielen anderen Beispielen 
magischer Wirkung die Entfernung keine Rolle spielt, die Tele- 
pathie also als selbstverständlich hingenommen wird, so wird auch 
uns das Verständnis dieser Eigentümlichkeit der Magie keine 
Schwierigkeit bereiten. 

Es unterliegt keinem Zweifel, was an all diesen Beispielen als 
das Wirksame betrachtet wird. Es ist die Ähnlichkeit zwischen 
der vollzogenen Handlung und dem erwarteten Geschehen. Frazer 
nennt darum diese Art der Magie imitative oder homöopathi- 
sche. Wenn ich will, daß es regne, so brauche ich nur etwas zu 
tun, was wie Regen aussieht oder an Regen erinnert. In einer 
weiteren Phase der Kulturentwicklung wird man anstatt dieses 
magischen Regenzaubers Bittgänge zu einem Gotteshaus , veran- 
stalten und den dort wohnenden Heiligen um Regen anflehen. 
Endlich wird man auch diese religiöse Technik aufgeben und dafür 
versuchen, durch welche Einwirkungen auf die Atmosphäre Regen 
erzeugt werden kann. 



1) Davon ein Nachklang im. König Ödipus des Sophokles. 

2) The magic art, I, p. 120. 

3) *■ c -7 P- 122 - 




Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken 1 o 1 

In einer anderen Gruppe von magischen Handlungen kommt 
das Prinzip der Ähnlichkeit nicht mehr in Betracht, dafür ein 
anderes, welches sich aus den nachstehenden Beispielen leicht er- 
geben wird. 

Um einem Feinde zu schaden, kann man sich auch eines an- 
deren Verfahrens bedienen. Man bemächtigt sich seiner Haare, Nägel, 
Abfallstoffe oder selbst eines Teiles seiner Kleidung und stellt mit 
diesen Dingen etwas Feindseliges an. Es ist dann gerade so, als 
hätte man sich der Person selbst bemächtigt, und was man den 
von der Person herrührenden Dingen angetan hat, muß ihr selbst 
widerfahren. Zu den wesentlichen Bestandteilen einer ' Persönlich- 
keit gehört nach der Anschauung der Primitiven ihr Name 5 wenn 
man also den Namen einer Person oder eines Geistes weiß, hat 
man eine gewisse Macht über den Träger des Namens erworben. 
Daher die merkwürdigen Vorsichten und Beschränkungen im Ge- 
brauche der Namen, die in dem Aufsatz über das Tabu gestreift 
worden sind. 1 Die Ähnlichkeit wird in diesen Beispielen offenbar 
ersetzt durch Zusammengehörigkeit. 

Der Kannibalismus der Primitiven leitet seine sublimere Moti- 
vierung in ähnlicher Weise ab. Indem man Teile vom Leib .einer 
Person durch den Akt des Verzehrens in sich aufnimmt, eignet 
man sich auch die Eigenschaften an, welche dieser Person ange- 
hört haben. Daraus erfolgen dann Vorsichten und Beschränkungen 
der Diät unter besonderen Umständen. Eine Frau wird in der 
Gravidität vermeiden, das Fleisch gewisser Tiere zu genießen, weil 
deren unerwünschte Eigenschaften, z. B. die Feigheit, so auf das 
von ihr genährte Kind übergehen könnten. Es macht für die 
magische Wirkung keinen Unterschied, auch wenn der Zusammen- 
hang ein bereits aufgehobener ist, oder wenn er überhaupt nur 
in einmaliger, bedeutungsvoller Berührung bestand. So ist z. B. der 
Glaube an ein magisches Band, welches das Schicksal einer Wunde 
mit dem der Waffe verknüpft, durch welche sie hervorgerufen 

1) Vgl. S. 69 u. ff. 



102 



Totem und Tabu 



wurde, unverändert durch Jahrtausende zu verfolgen. Wenn ein 
Melanesier sich des Bogens bemächtigt hat, durch den er ver- 
wundet wurde, so wird er ihn sorgfältig an einem kühlen Ort 
verwahren, um so die Entzündung der Wunde niederzuhalten. 
Ist der Bogen aber im Besitz der Feinde geblieben, so wird er 
gewiß in nächster Nähe eines Feuers aufgehängt werden, damit 
die Wunde nur ja recht entzündet werde und brenne. Plinius 
rät in seiner Nat. Hist. XXVIII, wenn man bereut, einen anderen 
verletzt zu haben, solle man auf die Hand spucken, welche die 
Verletzung verschuldet hat; der Schmerz des Verletzten werde 
dann sofort gelindert. Francis Bacon erwähnt in seiner Natural 
History den allgemein gültigen Glauben, daß das Salben einer 
Waffe, welche eine Wunde geschlagen hat, diese Wunde selbst 
heilt. Die englischen Bauern sollen noch heute nach diesem Rezept 
handeln, und wenn sie sich mit einer Sichel geschnitten haben, 
das Instrument von da an sorgfältig rein halten, damit die Wunde nicht 
in Eiterung gerate. Im Juni des Jahres 1902, berichtete eine 
lokale englische Wochenschrift, stieß sich eine Frau namens Ma- 
tilda Henry in Nor wich zufällig einen eisernen Nagel in die 
Sohle. Ohne die Wunde untersuchen zu lassen oder auch nur den 
Strumpf auszuziehen, hieß sie ihre Tochter, den Nagel gut ein- 
ölen, in der Erwartung, daß ihr dann nichts geschehen könne. 
Sie selbst starb einige Tage später an Wundstarrkrampf 1 infolge 
dieser verschobenen Antisepsis. 

Die Beispiele der letzteren Gruppe erläutern, was Frazer als 
kontagiöse Magie von der imitativen sondert. Was in ihnen 
als wirksam gedacht wird, ist nicht mehr die Ähnlichkeit, sondern 
der Zusammenhang im Raum, die Kontiguität, wenigstens die 
vorgestellte Kontiguität, die Erinnerung an ihr Vorhandensein. Da 
aber Ähnlichkeit ;und Kontiguität die beiden wesentlichen Prin- 
zipien der Assoziations Vorgänge sind, stellt sich als Erklärung für 
all die Tollheit der magischen Vorschriften wirklich die Herrschaft 



1) Frazer, The magic art, I, p. 201 — 



205. 



Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken 105 

der Ideenassoziation heraus. Man sieht, wie zutreffend sich Tylors 
oben zitierte Charakteristik der Magie erweist: mistaking an ideal 
connexion for a real one, oder wie es fast gleichlautend Frazer 
ausgedrückt hat: men mistook the order of their ideas for the 
order of nature, and hence imagined that the control which they 
have, or seem to have, over their thoughts, permitted them to 
ezercise a corresponding control over things. 1 

Es wird dann zunächst befremdend wirken, daß diese einleuch- 
tende Erklärung der Magie von manchen Autoren als unbefrie- 
digend verworfen werden konnte. 2 Bei näherer Überlegung muß 
man aber dem Einwand Recht geben, daß die Assoziationstheorie 
der Magie bloß die Wege aufklärt, welche die Magie geht, aber 
nicht deren eigentliches Wesen, nämlich nicht das Mißverständnis, 
welches sie psychologische Gesetze an die Stelle natürlicher setzen 
heißt. Es bedarf hier offenbar eines dynamischen Moments, aber 
während die Suche nach einem solchen die Kritiker der Fr az er- 
sehen Lehre in die Irre führt, wird es leicht, eine befriedigende 
Aufklärung der Magie zu geben, wenn man nur die Assoziations- 
theorie derselben weiterführen und vertiefen will. 

Betrachten wir zunächst den einfacheren und bedeutsameren 
Fall der imitativen Magie. Nach Frazer kann diese allein geübt 
werden, während die kontagiöse Magie in der Regel die imitative 
voraussetzt. 3 Die Motive, welche zur Ausübung der Magie drängen, 
sind leicht zu erkennen, es sind die Wünsche des Menschen. Wir 
brauchen nun bloß anzunehmen, daß der primitive Mensch ein 
großartiges Zutrauen zur Macht seiner Wünsche hat. Im Grund 
muß all das, was er auf magischem Wege herstellt, doch nur 
darum geschehen, weil er es will. So ist anfänglich bloß sein 
Wunsch das Betonte. 

Für das Kind, welches sich unter analogen psychischen Bedin- 

1) The magic art, I, p. 420 ff. 

2) Vgl. den Artikel Magic (N. W. T.) in der 11. Auflage der Encyclopaedia, 
Britannica. 

3) L c > P- 54- 






104 Totem und Tabu 






gungen befindet, aber motorisch noch nicht leistungsfähig ist, 
haben wir an anderer Stelle die Annahme vertreten, daß es seine 
Wünsche zunächst halluzinatorisch befriedigt, indem es die befrie- 
digende Situation durch die zentrifugalen Erregungen seiner Sinnes- 
organe herstellen läßt. 1 Für den erwachsenen Primitiven ''ergibt 
sich ein anderer Weg. An seinem Wunsch hängt ein motorischer 
Impuls, der Wille, und dieser — der später im Dienst der Wunsch- 
befriedigung das Antlitz der, Erde verändern wird — wird jetzt 
dazu verwendet, die Befriedigung darzustellen, so daß man sie 
gleichsam durch motorische Halluzinationen erleben kann. Eine 
solche Darstellung des befriedigten Wunsches ist dem Spiele 
der Kinder völlig vergleichbar, welches bei diesen die rein sen- 
sorische Technik der Befriedigung ablöst. Wenn Spiel und imitative 
Darstellung dem Kinde und dem Primitiven genügen, so ist dies 
nicht ein Zeichen von Bescheidenheit in unserem Sinne oder von 
Resignation infolge Erkenntnis ihrer realen Ohnmacht, sondern 
die wohl verständliche Folge der überwiegenden Wertung ihres 
Wunsches, des von ihm abhängigen Willens und der von ihm 
eingeschlagenen Wege. Mit der Zeit verschiebt sich der psychische 
Akzent von den Motiven der magischen Handlung auf deren 
Mittel, auf die Handlung selbst. Vielleicht sagen wir richtiger, an 
diesen Mitteln erst wird ihm die Überschätzung seiner psychischen 
Akte evident. Nun hat es den Anschein, als wäre es nichts an- 
deres als die magische Handlung, die Kraft ihrer Ähnlichkeit mit 
dem Gewünschten dessen Geschehen erzwingt. Auf der Stufe des 
animistischen Denkens gibt es noch keine Gelegenheit, den wahren 
Sachverhalt objektiv zu erweisen, wohl aber auf späteren, wenn 
alle solche Prozeduren noch gepflegt werden, aber das psychische 
Phänomen des Zweifels als Ausdruck einer Verdrängungsneigung 
bereits möglich ist. Dann werden die Menschen zugeben, daß die 
Beschwörungen von Geistern nichts leisten, wenn nicht der Glaube 

1) Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens. Jahrb. 
f. psychoanalyt. Forschungen, III. Bd., 1912, p. 2. 









Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken 105 

an sie dabei ist, und daß auch die Zauberkraft des Gebets versagt, 
wenn keine Frömmigkeit dahinter wirkt. 1 

Die Möglichkeit einer auf der Kontiguitätsassoziation beruhenden 
kontagiösen Magie wird uns dann zeigen, daß sich die psychische 
Wertschätzung vom Wunsch und vom Willen her auf alle psychi- 
schen Akte, die dem Willen zu Gebote stehen, ausgedehnt hat. 
Es besteht also jetzt eine allgemeine Überschätzung der seelischen 
Vorgänge, das heißt eine Einstellung zur Welt, welche uns nach 
unseren Einsichten in die Beziehung von Realität und Denken 
als solche Überschätzung des letzteren erscheinen muß. Die Dinge 
treten gegen deren Vorstellungen zurück; was mit den letzteren 
vorgenommen wird, muß sich auch an den ersteren ereignen. Die 
Relationen, die zwischen den Vorstellungen bestehen, werden auch 
zwischen den Dingen vorausgesetzt. Da das Denken keine Ent- 
fernungen kennt, das räumlich Entlegenste wie das zeitlich Ver- 
schiedenste mit Leichtigkeit in einen Bewußtseinsakt zusammen- 
bringt, wird auch die magische Welt sich telepathisch über die 
räumliche Distanz hinaussetzen und ehemaligen Zusammenhang 
wie gegenwärtigen behandeln. Das Spiegelbild der Innenwelt muß 
im animistischen Zeitalter jenes andere Weltbild, das wir zu er- 
kennen glauben, unsichtbar machen. 

Heben wir übrigens hervor, daß die beiden Prinzipien der 
Assoziation — Ähnlichkeit und Kontiguität — in der höheren 
Einheit der Berührung zusammentreffen. Kontiguitätsassoziation 
ist Berührung im direkten, Ähnlichkeitsassoziation solche im über- 
tragenen Sinne. Eine von uns noch nicht erfaßte Identität im 
psychischen Vorgang wird wohl durch den Gebrauch des näm- 
lichen Wortes für beide Arten der Verknüpfung verbürgt. Es ist 
derselbe Umfang des Begriffes Berührung, der sich bei der Analyse 
des Tabu herausstellte. 2 



1) Der König in „Hamlet" (III, 4.): »M? words fiy up, my thoughts rcmain below; 
Words wiihout thoughts neuer to heaven go. u 

2) Vgl. die vorige Abhandlung dieser Reihe. 



io6 



Totem und Tabu 



Zusammenfassend können wir nun sagen: das Prinzip, welches 
die Magie, die Technik der animistischen Denkweise, regiert, ist 
das der „Allmacht der Gedanken". 






Die Bezeichnung „Allmacht der Gedanken" habe ich von einem 
hochintelligenten, an Zwangsvorstellungen leidenden Manne' ange- 
nommen, dem es nach seiner Herstellung durch psychoanalytische 
Behandlung möglich geworden ist, auch seine Tüchtigkeit und 
Verständigkeit zu erweisen.' Er hatte sich dieses Wort geprägt 
zur Begründung aller jener sonderbaren und unheimlichen Gescheh- 
nisse, die ihn wie andere mit seinem Leiden Behaftete zu ver- 
folgen schienen. Dachte er eben an eine Person, so kam sie ihm 
auch schon entgegen, als ob er sie beschworen hätte ; erkundigte 
er sich plötzlich nach dem Befinden eines lange vermißten Be- 
kannten, so mußte er hören, daß dieser eben gestorben sei, so daß 
er glauben konnte, jener habe sich ihm telepathisch bemerkbar 
gemacht; stieß er gegen einen Fremden eine nicht einmal ganz 
ernst gemeinte Verwünschung aus, so durfte er erwarten, daß 
dieser bald darauf starb und ihn mit der Verantwortlichkeit für 
sein Ableben belastete. Von den meisten dieser Fälle konnte er 
mir im Laufe der Behandlung selbst mitteilen, wie der täuschende 
Anschein entstanden war, und was er selbst an Veranstaltungen 
hinzugetan hatte, um sich in seinen abergläubischen Erwartungen 
zu bestärken. 2 Alle Zwangskranken sind in solcher Weise, meist 
gegen ihre bessere Einsicht, abergläubisch. 

Der Fortbestand der Allmacht der Gedanken tritt uns bei der 
Zwangsneurose am deutlichsten entgegen, die Ergebnisse dieser 
primitiven Denkweise sind hier dem Bewußtsein am nächsten. 
Wir müssen uns aber davor hüten, darin einen auszeichnenden 

1) Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose, 1909. [Ges. Schriften, Bd. X.] 

2) Es scheint, daß wir den Charakter des „Unheimlichen" solchen Eindrücken 
verleihen, welche die Allmacht der Gedanken und die animistische Denkweise über- 
haupt bestätigen wollen, während wir uns bereits im Urteil von ilir abgewendet haben. 






Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken 107 

Charakter dieser Neurose zu erblicken, denn die analytische Unter- 
suchung deckt das nämliche bei den anderen Neurosen auf. Bei 
ihnen allen ist nicht die Realität des Erlebens, sondern die des 
Denkens für die Symptombildung maßgebend. Die Neurotiker 
leben in einer besonderen Welt, in welcher, wie ich es an anderer 
Stelle ausgedrückt habe, nur die „neurotische Währung" gilt, das 
heißt nur das intensiv Gedachte, mit Affekt Vorgestellte ist bei 
ihnen wirksam, dessen Übereinstimmung mit der äußeren Realität 
aber nebensächlich. Der Hysteriker wiederholt in seinen Anfällen 
und fixiert durch seine Symptome Erlebnisse, die sich nur in 
seiner Phantasie so zugetragen haben, allerdings in letzter Auf- 
lösung auf wirkliche Ereignisse zurückgehen oder aus solchen auf- 
gebaut worden sind. Das Schuldbewußtsein der Neurotiker würde 
man ebenso schlecht verstehen, wenn man es auf reale Missetaten 
zurückführen wollte. Ein Zwangsneurotiker kann von einem Schuld- 
bewußtsein gedrückt sein, das einem Massenmörder wohl anstünde 5 
er wird sich dabei gegen seine Mitmenschen als der rücksichts- 
vollste und skrupulöseste Genosse benehmen und seit seiner Kind- 
heit so benommen haben. Doch ist sein Schuldgefühl begründet ; 
es fußt auf den intensiven und häufigen Todeswünschen, die sich 
in ihm unbewußt gegen seine Mitmenschen regen. Es ist be- 
gründet, insofern unbewußte Gedanken und nicht absichtliche 
Taten in Betracht kommen. So erweist sich die Allmacht der 
Gedanken, die Überschätzung der seelischen Vorgänge gegen die 
Realität, als unbeschränkt wirksam im Affektleben des Neurotikers 
und in allen von diesem ausgehenden Folgen. Unterzieht man 
ihn aber der psychoanalytischen Behandlung, welche das bei ihm 
Unbewußte bewußt macht, so wird er nicht glauben können, daß 
Gedanken frei sind, und wird sich jedesmal fürchten, böse Wünsche 
zu äußern, als ob sie infolge dieser Äußerung in Erfüllung gehen 
müßten. Durch dieses Verhalten wie durch seinen im Leben betätigten 
Aberglauben zeigt er uns aber, wie nahe er dem Wilden steht, der 
durch seine bloßen Gedanken die Außenwelt zu verändern vermeint. 



io8 Totem und Tabu 



Die primären Zwangshandlungen dieser Neurotiker sind eigent- 
lich durchaus magischer Natur. Sie sind, wenn nicht Zauber, so 
doch Gegenzauber, zur Abwehr der Unheilserwartungen bestimmt, 
mit denen die Neurose zu beginnen pflegt. So oft ich das Ge- 
heimnis zu durchdringen vermochte, zeigte es sich, daß diese 
Unheilserwartung den Tod zum Inhalt hatte. Das Todesproblem 
steht nach Schopenhauer am Eingang jeder Philosophie ; wir 
haben gehört, daß auch die Bildung der Seelen Vorstellungen und 
des Dämonenglaubens, die den Animismus kennzeichnen, auf den 
Eindruck zurückgeführt wird, den der Tod auf den Menschen 
macht. Ob diese ersten Zwangs- oder Schutzhandlungen dem 
Prinzip der Ähnlichkeit, respektive des Kontrastes folgen, ist schwer 
zu beurteilen, denn sie werden unter den Bedingungen der Neu- 
rose gewöhnlich durch die Verschiebung auf irgend ein Kleinstes, 
eine an sich höchst geringfügige Aktion entstellt. 1 Auch die Schutz- 
formeln der Zwangsneurose finden ihr Gegenstück in den Zauber- 
formeln der Magie. Die Entwicklungsgeschichte der Zwangshand- 
lungen kann man aber beschreiben, indem man hervorhebt, wie 
sie, vom Sexuellen möglichst weit entfernt, als Zauber gegen 
böse Wünsche beginnen, um als Ersatz für verbotenes sexuelles 
Tun, das sie möglichst getreu nachahmen, zu enden. 

Wenn wir die vorhin erwähnte Entwicklungsgeschichte der 
menschlichen Weltanschauungen annehmen, in welcher die ani- 
mistische Phase von der religiösen, diese von der wissen- 
schaftlichen abgelöst wird, wird es uns nicht schwer, die Schick- 
sale der „Allmacht der Gedanken" durch diese Phasen zu ver- 
folgen. Im animistischen Stadium schreibt der Mensch sich selbst 
die Allmacht zu; im religiösen hat er sie den Göttern abgetreten, 
aber nicht ernstlich auf sie verzichtet, denn er behält sich vor, 
die Götter durch mannigfache Beeinflussungen nach seinen Wün- 
schen zu lenken. In der wissenschaftlichen Weltanschauung ist 

l) Ein weiteres Motiv für diese Verschiebung auf eine kleinste Aktion wird sich 
aus den nachstehenden Erörterungen ergeben. 




Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken 10g 

kein Raum mehr für die Allmacht des Menschen, er hat sich zu 
seiner Kleinheit bekannt und sich resigniert dem Tode wie allen 
anderen Naturnotwendigkeiten unterworfen. Aber in dem Ver- 
trauen auf die Macht des Menschengeistes, welcher mit den Ge- 
setzen der Wirklichkeit rechnet, lebt ein Stück des primitiven 
Allmachtglaubens weiter. 

Bei der Rückverfolgung der Entwicklung libidinöser Strebungen 
im Einzelmenschen, von ihrer Gestaltung in der Reife bis zu den 
ersten Anfängen der Kindheit, hat sich zunächst eine wichtige 
Unterscheidung ergeben, die in den „Drei Abhandlungen zur 
Sexualtheorie 1905" niedergelegt ist. Die Äußerungen der sexu- 
ellen Triebe sind von Anfang an zu erkennen, aber sie richten 
sich zuerst noch auf kein äußeres Objekt. Die einzelnen Trieb- 
kpmponenten der Sexualität arbeiten vjede für sich auf Lustgewinn 
und finden ihre Befriedigung am eigenen Körper. Dies Stadium 
heißt das des Autoerotismus, es wird von dem der Objekt- 
wahl abgelöst. 

Es hat sich bei weiterem Studium als zweckmäßig, ja als un- 
abweisbar gezeigt, zwischen diesen beiden Stadien ein drittes ein- 
zuschieben, oder, wenn man so will, das erste Stadium des Auto- 
erotismus in zwei zu zerlegen. In diesem Zwischenstadium, dessen 
Bedeutsamkeit sich der Forschung immer mehr aufdrängt, haben 
die vorher vereinzelten Sexualtriebe sich bereits zu einer Einheit 
zusammengesetzt und auch ein Objekt gefunden 5 dies Objekt ist 
aber kein äußeres, dem Individuum fremdes, sondern es ist das 
eigene, um diese Zeit konstituierte Ich. Mit Rücksicht auf später 
zu beobachtende pathologische Fixierungen dieses Zustandes heißen 
wir das neue Stadium, das des Narzißmus. Die Person verhält 
sich so, als wäre sie in sich selbst verliebt; die Ichtriebe und die 
libidinösen Wünsche sind für unsere Analyse noch nicht vonein- 
ander zu sondern. 

Wenngleich uns eine genügend scharfe Charakteristik dieses 
narzißtischen Stadiums, in welchem die bisher dissoziierten Sexual- 






ho Totem und Tabu 



triebe zu einer Einheit zusammentreten und das Ich als Objekt 
besetzen, noch nicht möglich ist, so ahnen wir doch bereits, daß 
die narzißtische Organisation nie mehr völlig aufgegeben wird. 
Der Mensch bleibt in gewissem Maße narzißtisch, auch nachdem 
er äußere Objekte für seine Libido gefunden hat; die Objekt- 
besetzungen, die er vornimmt, sind gleichsam Emanationen der 
beim Ich verbleibenden Libido und können wieder in dieselbe 
zurückgezogen werden. Die psychologisch so merkwürdigen Zu- 
stände von Verliebtheit, die Normalvorbilder der Psychosen, ent- 
sprechen dem höchsten Stande dieser Emanationen im Vergleich 
zum Niveau der Ichliebe. 

Es liegt nun nahe, die von uns aufgefundene Hochschätzung 
der psychischen Aktionen — die wir von unserem Standpunkt 
aus eine Überschätzung heißen — bei den Primitiven und Neu- 
rotikern in Beziehung zum Narzißmus zu bringen und sie als 
wesentliches Teilstück desselben aufzufassen. Wir würden sagen, 
das Denken ist bei den Primitiven noch in hohem Maße sexua- 
lisiert, daher rührt der Glaube an die Allmacht der Gedanken, 
die unerschütterliche Zuversicht auf die Möglichkeit der Welt- 
beherrschung und die Unzugänglichkeit gegen die leicht zu machen- 
den Erfahrungen, welche den Menschen über seine wirkliche 
Stellung in der Welt belehren könnten. Bei den Neurotikern ist 
einerseits ein beträchtliches Stück dieser primitiven Einstellung 
konstitutionell verblieben, anderseits wird durch die bei ihnen 
eingetretene Sexualverdrängung eine neuerliche Sexualisierung der 
Denkvorgänge herbeigeführt. Die psychischen Folgen müssen in 
beiden Fällen dieselben sein, bei ursprünglicher wie bei regressiv 
erzielter libidinöser Überbesetzung des Denkens: intellektueller 
Narzißmus, Allmacht der Gedanken. 1 

Wenn w ir im Nachweis der Allmacht der Gedanken bei den 

l) „It is almost an axiom with writers on this subject, that a sort of Solipsism or Berklei- 
anism (as Professor Sully terms it as he finds it in the Child) operates in the savage to 
make him refuse to recognise death as a fact. u — Marett, Pre-animistic religion, Folk- 
lore, XI. Bd., 1900, p. 178. 



Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken 



111 



Primitiven ein Zeugnis für den Narzißmus erblicken dürfen, so 
können wir den Versuch wagen, die Entwicklungsstufen der 
menschlichen Weltanschauung mit den Stadien der libidinösen 
Entwicklung des Einzelnen in Vergleich zu ziehen. Eis entspricht 
dann zeitlich wie inhaltlich die animistische Phase dem Narzißmus, 
die religiöse Phase jener Stufe der Objektfindung, welche durch 
die Bindung an die Eltern charakterisiert ist, und die wissen- 
schaftliche Phase hat ihr volles Gegenstück in jenem Reifezustand 
des Individuums, welcher auf das Lustprinzip verzichtet hat und 
unter Anpassung an die Realität sein Objekt in der Außenwelt 
sucht. 1 

Nur auf einem Gebiete ist auch in unserer Kultur die „Allmacht 
der Gedanken" erhalten geblieben, auf dem der Kunst. In der 
Kunst allein kommt es noch vor, daß ein von Wünschen ver- 
zehrter Mensch etwas der Befriedigung Ähnliches macht, und daß 
dieses Spielen — dank der künstlerischen Illusion — Affektwir- 
kungen hervorruft, als wäre es etwas Reales. Mit Recht spricht 
man vom Zauber der Kunst und vergleicht den Künstler mit 
einem Zauberer. Aber dieser Vergleich ist vielleicht bedeutsamer, 
als er zu sein beansprucht. Die Kunst, die gewiß nicht als Vart 
pour Vart begonnen hat, stand ursprünglich im Dienste von Ten- 
denzen, die heute zum großen Teil erloschen sind. Unter diesen 
lassen sich mancherlei magische Absichten vermuten. 2 



1) Es soll hier nur angedeutet werden, daß der ursprüngliche Narzißmus des 
Kindes maßgebend für die Auffassung seiner Charakterentwicklung ist und die An- 
nahme eines primitiven Minderwertigkeitsgefühles bei demselben ausschließt. 

2) S. Reinach, L'art et la magie in der Sammlung Cultes, Mythes et Religions, 
I. Bd., p. 125 bis 136. — Reinach meint, die primitiven Künstler, welche uns die 
eingeritzten oder aufgemalten Tierbilder in den Hohlen Frankreichs hinterlassen 
haben, wollten nicht „Gefallen erregen", sondern „beschwören". Er erklärt es so, 
daß sich diese Zeichnungen an den dunkelsten und unzugänglichsten Stellen der 
Höhlen befinden, und daß die Darstellungen der gefürchteten Raubtiere unter ihnen 
fehlen. „Les modernes parlent souvent, par nyperbole, de la magie du pinceau ou du ciseau 
tPun grand artiste et, en giniral, de la magie de Vart. Entendu au sens propre, qui est celui 
d , une contrainte mystique exerc&e par la volonte de Vhomme sur oVautres volontes ou sur les 
choses, cette expression n'est plus admissible; mais nous avons vu qu'elle etait autrefois rigou- 
resement vraie, au moins dans Popinion des artistes" (p. 136). 






112 



Totem und Tabu 



Die erste Weltauffassung, welche den Menschen gelang, die dt 
Animismus, war also eine psychologische, sie bedurfte noch keiner 
Wissenschaft zu ihrer Begründung, denn Wissenschaft setzt erst 
ein, wenn man eingesehen hat, daß man die Welt nicht kennt 
und darum nach Wegen suchen muß, um sie kennen zu lernen. 
Der Animismus war aber dem primitiven Menschen natürlich und 
selbstgewiß- er wußte, wie die Dinge der Welt sind, nämlich so wie 
der Mensch sich selbst verspürte. Wir sind also darauf vorbereitet 
zu finden, daß der primitive Mensch Strukturverhältnisse seiner 
eigenen Psyche in die Außenwelt verlegte, 1 und dürfen anderseits 
den Versuch machen, was der Animismus von der Natur dei 
Dinge lehrt, in die menschliche Seele zurückzuversetzen. 

Die Technik des Animismus, die Magie, zeigt uns am deut- 
lichsten und unvermengtesten die Absicht, den realen Dingen die 
Gesetze des Seelenlebens aufzuzwingen, wobei Geister noch keine 
Rolle spielen müssen, während auch Geister zu Objekten magi- 
scher Behandlung genommen werden können. Die Voraussetzungen 
der Magie sind also ursprünglicher und älter als die Geisterlehre 
die den Kern des Animismus bildet. . Unsere psychoanalytische 
Betrachtung trifft hier mit einer Lehre von R. R. Marett zu- 
sammen, welcher ein präanimistisches Stadium dem Animismus 
vorhergehen läßt, dessen Charakter am besten durch den Namen 
Animatismus (Lehre von der allgemeinen Belebtheit) angedeutet 
wird. Es ist wenig mehr aus der Erfahrung über den Präanimismus 
zu sagen, da man noch kein Volk angetroffen hat, welches der 
Geistervorstellungen entbehrte. 2 

Während die Magie noch alle Allmacht den Gedanken vorbe- 
hält, hat der Animismus einen Teil dieser Allmacht den Geistern 
abgetreten und damit den Weg zur Bildung einer Religion ein- 

7 : 

1) Durch sogenannte endopsychische Wahrnehmung erkannte. 

2) R. R. Marett, Pre-animistic religion, Folklore, XL Bd., Nr. 2, London 1900. 

Vgl. Wundt, Mythus und Religion, IL Bd., p. 171 u. ff. 



Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken 113 

geschlagen. Was soll nun den Primitiven zu dieser ersten Ver- 
zichtleistung bewogen haben? Kaum die Einsicht in die Unrichtig- 
keit seiner Voraussetzungen, denn er behält ja die magische 
Technik bei. 

Die Geister und Dämonen sind, wie an anderer Stelle ange- 
deutet wurde, nichts als die Projektionen seiner Gefühlsregungen; 1 
er macht seine Affektbesetzungen zu Personen, bevölkert mit ihnen 
die Welt, und findet nun seine inneren seelichen Vorgänge außer 
seiner wieder, ganz ähnlich wie der geistreiche Paranoiker Schreber, 
der die Bindungen und Lösungen seiner Libido in den Schick- 
salen der von ihm kombinierten fi Gottesstrahlen" gespiegelt fand. 2 

Wir wollen hier wie bei einem früheren Anlasse 3 dem Problem 
ausweichen, woher die Neigung überhaupt rührt, seelische Vor- 
gänge nach außen zu projizieren. Der einen Annahme dürfen wir 
uns aber getrauen, daß diese Neigung dort eine Verstärkung er- 
fährt, wo die Projektion den Vorteil einer psychischen Erleichte- 
rung mit sich bringt. Ein solcher Vorteil ist mit Bestimmtheit 
zu erwarten, wenn die nach Allmacht strebenden Regungen fin 
Konflikt miteinander geraten sind; dann können sie offenbar nicht 
alle allmächtig werden. Der Krankheitsprozeß der Paranoia bedient 
sich tatsächlich des Mechanismus der Projektion, um solche im 
Seelenleben entstandenen Konflikte zu erledigen. Nun ist der vor- 
bildliche Fall eines solchen Konflikts der zwischen den beiden 
Gliedern eines Gegensatzpaares, der Fall der ambivalenten Ein- 
stellung, den wir in der Situation des Trauernden beim Tode 
eines teuern Angehörigen eingehend zergliedert haben. Ein solcher 
Fall wird uns besonders geeignet scheinen, die Schöpfung von 
Projektionsgebilden zu motivieren. Wir treffen hier wiederum mit 

1) Wir nehmen an, daß in diesem frühen narzißtischen Stadium Besetzungen aus 
libidinöser und anderen Erregungsquellen vielleicht noch ununterscheidbar mitein- 
ander vereinigt sind. 

2) Schreber, Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken. 1905. — Freud, Psycho- 
analytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Para- 
noia, 1911 [Ges. Schriften, Bd. VIII]. 

5) Vgl. die letztzitierte Abhandlung über Schreber, Ges. Schriften, VIII, S. 418. 

Freud, Totem. 8 



114 Totem und Tabu 



Meinungen der Autoren zusammen, welche die bösen Geister für 
die erstgeborenen unter den Geistern erklären und die Entstehung 
der Seelenvorstellungen aus dem Eindruck des Todes auf die Über- 
lebenden ableiten. Wir machen nur den einen Unterschied, daß 
wir nicht das intellektuelle Problem voranstellen, welches der Tod 
dem Lebenden aufgibt, sondern die zur Erforschung treibende 
Kraft in den Gefühlskonflikt verlegen, in welchen diese Situation 
den Überlebenden stürzt. 

Die erste theoretische Leistung des Menschen — die Schöpfung 
der Geister — würde also aus derselben Quelle entspringen wie 
die ersten sittlichen Beschränkungen, denen er sich unterwirft 
die Tabuvorschriften. Doch soll die Gleichheit des Ursprungs nichts 
für die Gleichzeitigkeit der Entstehung präjudizieren. Wenn es 
wirklich die Situation des Überlebenden gegen den Toten war 
die den primitiven Menschen zuerst nachdenklich machte, ihn 
nötigte, einen Teil seiner Allmacht an die Geister abzugeben und 
ein Stück der freien Willkür seines Handelns zu opfern, so wären 
diese Kulturschöpfungen eine erste Anerkennung der 'Avayxrj, 
die sich dem menschlichen Narzißmus widersetzt. Der Primitive 
würde sich vor der Übermacht des Todes beugen mit derselben 
Geste, durch die er diesen zu verleugnen scheint. 

Wenn wir den Mut zur weiteren Ausbeutung unserer Voraus- 
setzungen haben, können wir fragen, welches wesentliche Stück 
unserer psychologischen Struktur in der Projektionsschöpfung der 
Seelen und Geister seine Spiegelung und Wiederkehr findet. Es 
ist dann schwer zu bestreiten, daß die primitive Seelenvorstellung, 
soweit sie auch noch von der späteren völlig immateriellen Seele 
absteht, doch im wesentlichen mit dieser zusammentrifft, also 
Person oder Ding als eine Zweiheit auffaßt, auf deren beide Be- 
standteile die bekannten Eigenschaften und Veränderungen des 
Ganzen verteilt sind. Diese ursprüngliche Dualität — nach einem 
Ausdruck von H. Spencer 1 — ist bereits identisch mit jenem 

1) Im I. Band der „Prinzipien der Soziologie". 



Animismits, Magie und Allmacht der Gedanken 115 



Dualismus, der sich in der uns geläufigen Trennung von Geist 
und Körper kundgibt, und dessen unzerstörbare sprachliche Äuße- 
rungen wir z. B. in der Beschreibung des Ohnmächtigen oder 
Rasenden: er sei nicht bei sich, erkennen. 1 

Was wir so, ganz ähnlich wie der Primitive, in die äußere 
Realität projizieren, kann kaum etwas anderes sein als die Er- 
kenntnis eines Zustandes, in dem ein Ding den Sinnen und dem 
Bewußtsein gegeben, präsent ist, neben welchem ein anderer 
besteht, in dem dasselbe latent ist, aber wiedererscheinen kann, 
also die Koexistenz von Wahrnehmen und Erinnern, oder, ins 
Allgemeine ausgedehnt, die Existenz unbewußter Seelenvorgänge 
neben den bewußten. 2 Man könnte sagen, der „Geist" einer 
Person oder eines Dinges reduziere sich in letzter Analyse auf 
deren Fähigkeit erinnert und vorgestellt zu werden, wenn sie der 
Wahrnehmung entzogen sind. 

Man wird nun freilich weder von der primitiven noch von der 
heutigen Vorstellung der „Seele" erwarten dürfen, daß ihre Ab- 
grenzung vom anderen Teile die Linien einhalte, welche unsere 
heutige Wissenschaft zwischen der bewußten und der unbewußten 
Seelentätigkeit zieht. Die animistische Seele vereinigt vielmehr 
Bestimmungen von beiden Seiten in sich. Ihre Flüchtigkeit und 
Beweglichkeit, ihre Fähigkeit, den Körper zu verlassen, dauernd 
oder vorübergehend von einem anderen Leibe Besitz zu nehmen, 
dies sind Charaktere, die unverkennbar an das Wesen des Bewußt- 
seins erinnern. Aber die Art, wie sie sich hinter der persönlichen 
Erscheinung verborgen hält, mahnt an das Unbewußte; die Un- 
veränderlichkeit und Unzerstörbarkeit schreiben wir heute nicht 
mehr den bewußten, sondern den unbewußten Vorgängen zu, und 
diese betrachten wir auch als die eigentlichen Träger der seelischen 
Tätigkeit. 

1) H. Spencer, 1. c, p. 17g. 

2) Vgl. meine kleine Schrift: A note on the Unconscious in Psycho-Analysis aus 
den Proceedings of the Society for Psychical Research, Part LXVT, vol. XXVI, 
London 1912. [Ges. Schriften, Bd. V, S. 433 ff.] 

8* 



n6 



Totem und Tabu 



Wir sagten vorhin, der Animismus sei ein Denksystem, die 
erste vollständige Theorie der Welt, und wollen nun aus der 
psychoanalytischen Auffassung eines solchen Systems gewisse Fol- 
gerungen ableiten. Die Erfahrung jedes unserer Tage kann uns 
die Haupteigenschaften des „Systems" immer von neuem vor- 
führen. Wir träumen in der Nacht und haben es erlernt, am 
Tage den Traum zu deuten. Der Traum kann, ohne seine Natur 
zu verleugnen, wirr und zusammenhanglos erscheinen, er kann 
aber auch im Gegenteil die Ordnung der Eindrücke eines Erleb- 
nisses nachahmen, eine Begebenheit aus der anderen ableiten und 
ein Stück seines Inhaltes auf ein anderes beziehen. Dies scheint 
ihm besser oder schlechter gelungen zu sein, fast niemals gelingt 
es so vollkommen, daß nicht irgendwo eine Absurdität, ein Riß 
im Gefüge zum Vorschein käme. Wenn wir den Traum der Deu- 
tung unterziehen, erfahren wir, daß die inkonstante und ungleich- 
mäßige Anordnung der Traumbestandteile auch etwas für das 
Verständnis des Traumes recht Unwichtiges ist. Das Wesentliche 
am Traum sind die Traumgedanken, die allerdings sinnreich, zu- 
sammenhängend und geordnet sind. Aber deren Ordnung ist eine 
ganz andere als die von uns am manifesten Trauminhalt erinnerte. 
Der Zusammenhang der Traumgedanken ist aufgegeben worden 
und kann dann entweder überhaupt verloren bleiben oder durch 
den neuen Zusammenhang des Trauminhalts ersetzt werden. Fast 
regelmäßig hat, außer der Verdichtung der Traumelemente, eine 
Umordnung derselben stattgefunden, die von der früheren Anord- 
nung mehr oder weniger unabhängig ist. Wir sagen abschließend, 
das, was durch die Traumarbeit aus dem Material der Traum- 
gedanken geworden ist, hat eine neue Beeinflussung erfahren, die 
sogenannte „sekundäre Bearbeitung", deren Absicht offenbar 
dahingeht, die aus der Traumarbeit resultierende Zusammenhang- 
losigkeit und Unverständlichkeit zugunsten eines neuen „Sinnes" 
zu beseitigen. Dieser neue, durch die sekundäre Bearbeitung er- 
zielte Sinn ist nicht mehr der Sinn der Traumgedanken. 



Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken 117 

Die sekundäre Bearbeitung des Produkts der Traumarbeit ist 
ein vortreffliches Beispiel für das Wesen und die Ansprüche eines 
Systems. Eine intellektuelle Funktion in uns fordert Vereinheit- 
lichung, Zusammenhang und Verständlichkeit von jedem Material 
der Wahrnehmung oder des Denkens, dessen sie sich bemächtigt, 
und scheut sich nicht, einen unrichtigen Zusammenhang herzu- 
stellen, wenn sie infolge besonderer Umstände den richtigen nicht 
erfassen kann. Wir kennen solche Systembildungen nicht nur vom 
Traume, sondern auch von den Phobien, dem Zwangsdenken und 
den Formen des Wahnes. Bei den Wahnerkrankungen (der Para- 
noia) ist die Systembildung das Sinnfälligste, sie beherrscht das 
Krankheitsbild, sie darf aber auch bei den anderen Formen von 
Neuropsychosen nicht übersehen werden. In allen Fällen können 
wir dann nachweisen, daß eine Umordnung des psychischen 
Materials zu einem neuen Ziel stattgefunden hat, oft eine im 
Grunde recht gewaltsame, wenn sie nur unter dem Gesichtspunkt 
des Systems begreiflich erscheint. Es wird dann zum besten Kenn- 
zeichen der Systembildung, daß jedes der Ergebnisse desselben 
mindestens zwei Motivierungen aufdecken läßt, eine Motivierung 
aus den Voraussetzungen des Systems — also eventuell eine wahn- 
hafte — und eine versteckte, die wir aber als die eigentlich 
wirksame, reale, anerkennen müssen. 

Zur Erläuterung ein Beispiel aus der Neurose: In der Abhand- 
lung über das Tabu erwähnte ich eine Kranke, deren Zwangs- 
verbote die schönsten Übereinstimmungen mit dem Tabu der 
Maori zeigen. 1 Die Neurose dieser Frau ist auf ihren Mann ge- 
richtet; sie gipfelt in der Abwehr des unbewußten Wunsches nach 
seinem Tod. Ihre manifeste, systematische Phobie gilt aber der 
Erwähnung des Todes überhaupt, wobei ihr Mann völlig ausge- 
schaltet ist und niemals Gegenstand bewußter Sorge wird. Eines 
Tages hört sie den Mann den Auftrag erteilen, seine stumpf ge- 
wordenen Rasiermesser sollen in einen bestimmten Laden zum 

1) p- 38- 



1 1 8 Totem und Tabu 



Schleifen gebracht werden. Von einer eigentümlichen Unruhe 
getrieben, macht sie sich selbst auf den Weg nach diesem Laden 
und fordert nach ihrer Rückkehr von dieser Rekognoszierung von 
ihrem Manne, er müsse diese Messer für alle Zeiten aus dem 
Wege räumen, denn sie habe entdeckt, daß neben dem von ihm 
genannten Laden sich eine Niederlage von Särgen, Trauerwaren u. dgl. 
befindet. Die Messer seien durch seine Absicht in eine unlösbare 
Verbindung mit dem Gedanken an den Tod geraten. Dies ist nun 
die systematische Motivierung des Verbotes. Wir dürfen sicher 
sein, daß die Kranke auch ohne die Entdeckung jener Nachbar- 
schaft das Verbot der Rasiermesser nach Hause gebracht hätte. 
Denn es hätte dazu hingereicht, daß sie auf dem Wege nach dem 
Laden einem Leichenwagen, einer Person in Trauerkleidung oder 
einer Trägerin eines Leichenkranzes begegnete. Das Netz der Be- 
dingungen war weit genug ausgespannt, um die Beute in jedem 
Falle zu fangen ; es lag dann an ihr, ob sie es zuziehen wollte 
oder nicht. Man konnte mit Sicherheit feststellen, daß sie für 
andere Fälle die Bedingungen des Verbotes nicht aktivierte. Dann 
hieß es eben, es sei ein „besserer Tag" gewesen. Die wirkliche 
Ursache des Verbotes der Rasiermesser war natürlich, wie wir mit 
Leichtigkeit erraten, ihr Sträuben gegen eine Lustbetonung der 
Vorstellung, ihr Mann könne sich mit dem geschärften Rasier- 
messer den Hals abschneiden. 

In ganz ähnlicher Weise vervollständigt und detailliert sich eine 
Gehhemmung, eine Abasie oder Agoraphobie, wenn es diesem 
Symptom einmal gelungen ist, sich zur Vertretung eines unbe- 
wußten Wunsches und der Abwehr gegen denselben aufzuschwingen. 
Was sonst noch an unbewußten Phantasien und an wirksamen 
Reminiszenzen in dem Kranken vorhanden ist, drängt diesem 
einmal eröffneten Ausweg zum symptomatischen Ausdruck zu und 
bringt sich in zweckmäßiger Neuordnung im Rahmen der Geh- 
störung unter. Es wäre also ein vergebliches, eigentlich ein törichtes 
Beginnen, wenn man das symptomatische Gefüge und die Einzel- 




Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken 11g 



heiten, z. B. einer Agoraphobie aus der Grundvoraussetzung der- 
selben verstehen wollte. Alle Konsequenz und Strenge des Zu- 
sammenhanges ist doch nur scheinbar. Schärfere Beobachtung kann, 
wie bei der Fassadenbildung des Traumes, die ärgsten Inkon- 
sequenzen und Willkürlichkeiten der Symptombildung aufdecken. 
Die Einzelheiten einer solchen systematischen Phobie entnehmen 
ihre reale Motivierung versteckten Determinanten, die mit der 
Gehhemmung nichts zu tun haben müssen, und darum fallen 
auch die Gestaltungen einer solchen Phobie bei verschiedenen 
Personen so mannigfaltig und so widersprechend aus. 

Suchen wir nun den Rückweg zu dem uns beschäftigenden 
System des Animismus, so schließen wir aus unseren Einsichten 
über andere psychologische Systeme, daß die Motivierung einer 
einzelnen Sitte oder Vorschrift durch den „Aberglauben" auch bei 
den Primitiven nicht die einzige und die eigentliche Motivierung 
zu sein braucht und uns der Verpflichtung nicht überhebt, nach 
den versteckten Motiven derselben zu suchen. Unter der Herr- 
schaft eines animistischen Systems ist es nicht anders möglich, 
als daß jede Vorschrift und jede Tätigkeit eine systematische Be- 
gründung erhalte, welche wir heute eine „abergläubische" heißen. 
„Aberglaube" ist wie „Angst", wie „Traum", wie „Dämon", 
eine der psychologischen Vorläufigkeiten, die vor der psycho- 
analytischen Forschung zergangen sind. Kommt man hinter 
diese die Erkenntnis wie Wandschirme abwehrenden Konstruk- 
tionen, so ahnt man, daß dem Seelenleben und der Kulturhöhe 
der Wilden ein Stück verdienter Würdigung bisher vorenthalten 

wurde. 

Betrachtet man die Triebverdrängung als ein Maß des erreichten 
Kulturniveaus, so muß man zugestehen, daß auch unter dem ani- 
mistischen System Fortschritte und Entwicklungen vorgefallen sind, 
die man mit Unrecht ihrer abergläubischen Motivierung wegen 
gering schätzt. Wenn wir hören, daß Krieger eines wilden Volks- 
stammes sich die größte Keuschheit und Reinlichkeit auferlegen, 









120 



Totem und Tabu 



sobald sie sich auf den Kriegspfad begeben, 1 so wird uns die Er- 
klärung nahegelegt, daß sie ihren Unrat beseitigen, damit sich der 
Feind dieses Teiles ihrer Person nicht bemächtige, um ihnen auf 
magische Weise zu schaden, und für ihre Enthaltsamkeit sollen 
wir analoge abergläubische Motivierungen vermuten. Nichtsdesto- 
weniger bleibt die Tatsache des Triebverzichts bestehen, und wir 
verstehen den Fall wohl besser, wenn wir annehmen, daß der 
wilde Krieger sich solche Beschränkungen zur Ausgleichung auf- 
erlegt, weil er im Begriffe steht, sich die sonst untersagte Befrie- 
digung grausamer und feindseliger Regungen im vollen Ausmaße 
zu gestatten. Dasselbe gilt für die zahlreichen Fälle von sexueller 
Beschränkung, solange man mit schwierigen oder verantwortlichen 
Arbeiten beschäftigt ist. 2 Mag sich die Begründung dieser Verbote 
immerhin auf einen magischen Zusammenhang berufen, die fun- 
damentale Vorstellung, durch Verzicht auf Triebbefriedigung größere 
Kraft zu gewinnen, bleibt doch unverkennbar, und die hygienische 
Wurzel des Verbotes ist neben der magischen Rationalisierung 
derselben nicht zu vernachlässigen. Wenn die Männer eines wilden 
Volksstammes zur Jagd, zum Fischfang, zum Krieg, zum Ein- 
sammeln kostbarer Pflanzenstoffe ausgezogen sind, so bleiben ihre 
Frauen unterdes im Hause zahlreichen drückenden Beschränkungen 
unterworfen, denen von den Wilden selbst eine in die Ferne 
reichende, sympathetische Wirkung auf das Gelingen der Expe- 
dition zugeschrieben wird. Doch gehört wenig Scharfsinn dazu, 
um zu erraten, daß jenes in die Ferne wirkende Moment kein 
anderes als das Heimwärtsdenken, die Sehnsucht der Abwesenden, 
ist, und daß hinter diesen Einkleidungen die gute psychologische 
Einsicht steckt, die Männer werden ihr Bestes nur dann tun, 
wenn sie über den Verbleib der unbeaufsichtigten Frauen vollauf 
beruhigt sind. Andere Male wird es direkt, ohne magische Moti- 
vierung, ausgesprochen, daß die eheliche Untreue der Frau die 

1) Prazer, Taboo and tlie perils of the soul, p. 158. 

2) Frazer, 1. c, p. 200. 



Ammismus, Magie und Allmacht der Gedanken 121 

Bemühungen des in verantwortlicher Tätigkeit abwesenden Mannes 
zum Scheitern bringt. 

Die unzähligen Tabuvorschriften, denen die Frauen der Wilden 
während ihrer Menstruation unterliegen, werden durch die aber- 
gläubische Scheu vor dem Blute motiviert und haben in ihr wohl 
auch eine reale Begründung. Aber es wäre unrecht, die Möglichkeit 
zu übersehen, daß diese Blutscheu hier auch ästhetischen und 
hygienischen Absichten dient, die sich in allen Fällen mit magi- 
schen Motivierungen drapieren müßten. 

Wir täuschen uns wohl nicht darüber, daß wir uns durch 
solche Erklärungsversuche dem Vorwurfe aussetzen, daß wir den 
heutigen Wilden eine Feinheit der seelischen Tätigkeiten zumuten, 
die weit über die Wahrscheinlichkeit hinausgeht. Allein ich meine, 
es könnte uns mit der Psychologie dieser Völker, die auf der ani- 
mistischen Stufe stehen geblieben sind, leicht -so ergehen wie mit 
dem Seelenleben des Kindes, das wir Erwachsene nicht mehr ver- 
stehen, und dessen Reichhaltigkeit und Feinfühligkeit wir darum 
so sehr unterschätzt haben. 

Ich will noch einer Gruppe von bisher unerklärten Tabuvor- 
schriften gedenken, weil sie eine dem Psychoanalytiker vertraute 
Aufklärung zuläßt. Bei vielen wilden Völkern ist es unter ver- 
schiedenen Verhältnissen verboten, scharfe Waffen und schneidende 
Instrumente im Hause zu halten. 1 Frazer zitiert einen deutschen 
Aberglauben, daß man ein Messer nicht mit der Schneide nach 
oben liegen lassen dürfe. Gott und die Engel könnten sich daran 
verletzen. Soll man in diesem Tabu nicht die Ahnung gewisser 
„Symptomhandlungen" erkennen, zu denen die scharfe Waffe 
durch unbewußte böse Regungen gebraucht werden könnte? 



1) Frazer, 1. c, p. 237. 



IV 

DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES 

TOTEMISMUS 



Von der Psychoanalyse, welche zuerst die regelmäßige Über- 
determinierung psychischer Akte und Bildungen aufgedeckt hat, 
braucht man nicht zu besorgen, daß sie versucht sein werde, 
etwas so Kompliziertes wie die Religion aus einem einzigen Ur- 
sprung abzuleiten. Wenn sie in notgedrungener, eigentlich pflicht- 
gemäßer Einseitigkeit eine einzige der Quellen dieser Institution 
zur Anerkennung bringen will, so beansprucht sie zunächst für 
dieselbe die Ausschließlichkeit so wenig wie den ersten Rang 
unter den zusammenwirkenden Momenten. Erst eine Synthese 
aus verschiedenen Gebieten der Forschung kann entscheiden, 
welche relative Bedeutung dem hier zu erörternden Mechanismus 
in der Genese der Religion zuzuteilen ist 5 eine solche Arbeit 
überschreitet aber sowohl die Mittel als auch die Absicht des 
Psychoanalytikers. 

1 

In der ersten Abhandlung dieser Reihe haben wir den Begriff 
des Totemismus kennen gelernt. Wir haben gehört, daß der Tote- 
mismus ein System ist, welches bei gewissen primitiven "Völkern 
in Australien, Amerika, Afrika die Stelle einer Religion vertritt 
und die Grundlage der sozialen Organisation abgibt. Wir wissen, 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus 123 

daß der Schotte Mac Lennan 1869 das allgemeinste Interesse 
für die bis dahin nur als Kuriosa gewürdigten Phänomene des 
Totemismus in Anspruch nahm, indem er die Vermutung aus- 
sprach, eine große Anzahl von Sitten und Gebräuchen in ver- 
schiedenen alten wie modernen Gesellschaften seien als Überreste 
einer totemistischen Epoche zu verstehen. Die Wissenschaft hat 
seither diese Bedeutung des Totemismus im vollen Umfange an- 
erkannt. Als eine der letzten Äußerungen über diese Frage will 
ich eine Stelle aus den Elementen der Völkerpsychologie von 
W. Wundt (1912) zitieren: 1 „Nehmen wir alles dies zusammen, 
so ergibt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit der Schluß, daß die 
totemistische Kultur überall einmal eine Vorstufe der späteren 
Entwicklungen und eine Übergangsstufe zwischen dem Zustand 
des primitiven Menschen und dem Helden- und Götterzeitalter 

gebildet hat." 

Die Absichten der vorliegenden Abhandlungen nötigen uns zu 
einem tieferen Eingehen auf die Charaktere des Totemismus. Aus 
Gründen, welche später ersichtlich werden sollen, bevorzuge ich 
hier eine Darstellung von S. Reinach, der im Jahre 1900 nach- 
stehenden Code du totemisme in zwölf Artikeln, gleichsam einen 
Katechismus der totemistischen Religion, entworfen hat: 2 

1. Gewisse Tiere dürfen weder getötet noch gegessen werden, 
aber die Menschen ziehen Individuen dieser Tiergattungen auf 
und schenken ihnen Pflege. 

2. Ein zufällig verstorbenes Tier wird betrauert und unter den 
gleichen Ehrenbezeigungen bestattet wie ein Mitglied des Stammes. 

3. Das Speiseverbot bezieht sich gelegentlich nur auf einen 
bestimmten Körperteil des Tieres. 

4. Wenn man ein für gewöhnlich verschontes Tier unter dem 
Drange der Notwendigkeit töten muß, so entschuldigt man sich 

p- *59- 

2) Revue scientifique, Oktober 1900, abgedruckt in des Autors vierbändigem Werke 
Cultes, Mythes et Religions, 1909, T. I, p. 17 ff- 



1 24 Totem und Tabu 




bei ihm und sucht die Verletzung des Tabu, den Mord, durch 
mannigfache Kunstgriffe und Ausflüchte abzuschwächen. 

5. Wenn das Tier rituell geopfert wird, wird es feierlich 
beweint. 

6. Bei gewissen feierlichen Gelegenheiten, religiösen Zeremonien 
legt man die Haut bestimmter Tiere an. Wo der Totemismus 
noch besteht, sind dies die Totemtiere. 

7. Stämme und Einzelpersonen legen sich Tiernamen bei, eben 
die der Totemtiere. 

8. Viele Stämme gebrauchen Tierbilder als Wappen und ver- 
zieren mit ihnen ihre Waffen ; Männer malen sich Tierbilder auf 
den Leib oder lassen sich solche durch Tätowierung einritzen. 

9. Wenn der Totem zu den gefürchteten und gefährlichen Tieren 
gehört, so wird angenommen, daß er die Mitglieder des nach 
ihm genannten Stammes verschont. 

10. Das Totemtier beschützt und warnt die Angehörigen des 
Stammes. 

11. Das Totemtier kündigt seinen Getreuen die Zukunft an 
und dient ihnen als Führer. 

1 2. Die Mitglieder eines Totemstammes glauben oft daran, daß 
sie mit dem Totemtier durch das Band gemeinsamer Abstammung 
verknüpft sind. 

Man kann diesen Katechismus der Totemreligion erst würdigen, 
wenn man in Betracht zieht, daß Reinach hier auch alle An- 
zeichen und Resterscheinungen eingetragen hat, aus denen man 
den einstigen Bestand des totemistischen Systems erschließen kann. 
Eine besondere Stellung dieses Autors zum Problem zeigt sich 
darin, daß er dafür die wesentlichen Züge des Totemismus einiger- 
maßen vernachlässigt. Wir werden uns überzeugen, daß er von 
den zwei Hauptsätzen des totemistischen Katechismus den einen 
in den Hintergrund gedrängt, den anderen völlig übergangen hat. 

Um von den Charakteren des Totemismus ein richtiges Bild 
zu gewinnen, wenden wir uns an einen Autor, welcher dem 






Die infantile Wiederkehr des Totemism us 125 

Thema ein vierbändiges Werk gewidmet hat, das die vollständigste 
Sammlung der hieher gehörigen Beobachtungen mit der eingehend- 
sten Diskussion der durch sie angeregten Probleme verbindet. Wir 
werden J. G. Frazer, dem Verfasser von „Totemism and Exogamy" 
(1910), für Genuß und Belehrung verpflichtet bleiben, auch wenn 
die psychoanalytische Untersuchung zu Ergebnissen führen sollte, 
welche weit von den seinigen abweichen. 1 

Ein Totem schrieb Frazer in seinem ersten Aufsatz, 2 ist ein 
materielles Objekt, welchem der Wilde einen abergläubischen 
Respekt bezeugt, weil er glaubt, daß zwischen seiner eigenen Person 
und jedem Ding dieser Gattung eine ganz besondere Beziehung be- 
steht. Die Verbindung zwischen einem Menschen und seinem Totem 
ist eine wechselseitige, der Totem beschützt den Menschen und 

1) Vielleicht tun wir aber vorher gut daran, dem Leser die Schwierigkeiten vor- 
zuführen, mit denen Feststellungen auf diesem Gebiete zu kämpfen haben: 

Zunächst: die Personen, welche die Beobachtungen sammeln, sind nicht dieselben, 
welche sie verarbeiten und diskutieren, die ersteren Reisende und Missionäre, die 
letzteren Gelehrte, welche die Objekte ihrer Forschung vielleicht niemals gesehen 
haben. — Die Verständigimg mit den Wilden ist nicht leicht. Nicht alle der Beob- 
achter waren mit den Sprachen derselben vertraut, sondern mußten sich der Hilfe 
von Dolmetschern bedienen oder in der Hilfssprache des piggin-english mit den Aus- 
gefragten verkehren. Die Wilden sind nicht mitteilsam über die intimsten Angelegen- 
heiten ihrer Kultur und eröffnen sich nur solchen Fremden, die viele Jahre in ihrer 
Mitte zugebracht haben. Sie geben aus den verschiedenartigsten Motiven (vgl. Frazer, 
The beginnings of religion and totemism among the Australian aborigines, Fort- 
nightly Review, 1905; T. and. Ex. I, p. 150) oft falsche oder mißverständliche Aus- 
künfte. — Man darf nicht daran vergessen, daß die primitiven Völker keine jungen 
Völker sind, sondern eigentlich ebenso alt wie die zivilisiertesten, und daß man kein 
Recht zur Erwartung hat, sie würden ihre ursprünglichen Ideen und Institutionen 
ohne jede Entwicklung und Entstellung für unsere Kenntnisnahme aufbewahrt haben. 
Es ist vielmehr sicher, daß sich bei den Primitiven tiefgreifende Wandlungen nach 
allen Richtungen vollzogen haben, so daß man niemals ohne Bedenken entscheiden 
kann, was an ihren gegenwärtigen Zuständen und Meinungen nach Art eines Petre- 
fakts die ursprüngliche Vergangenheit erhalten hat, und was einer Entstellung und 
Veränderung derselben entspricht. Daher die überreichlichen Streitigkeiten unter den 
Autoren, was an den Eigentümlichkeiten einer primitiven Kultur als primär und was 
als spätere sekundäre Gestaltung aufzufassen sei. Die Feststellung des ursprünglichen 
Zustandes bleibt also jedesmal eine Sache der Konstruktion — Es ist endlich nicht 
leicht, sich in die Denkungsart der Primitiven einzufühlen. Wir mißverstehen sie 
ebenso leicht wie die Kinder und sind immer geneigt, ihr Tun und Fühlen nach 
unseren eigenen psychischen Konstellationen zu deuten. 

2) Totemism, Edinburgh 1887, abgedruckt im ersten Band des großen Werkes 
T. and Ex. 



12 6 Totem und Tabu 




der Mensch beweist seine Achtung vor dem Totem auf verschie- 
dene Arten, so z. B. daß er ihn nicht tötet, wenn es ein Tier, 
und nicht abpflückt, wenn es eine Pflanze ist. Der Totem unter- 
scheidet sich vom Fetisch darin, daß er nie ein Einzelding ist wie 
dieser, sondern immer eine Gattung, in der Regel eine Tier- oder 
Pflanzenart, seltener eine Klasse von unbelebten Dingen und noch 
seltener von künstlich hergestellten Gegenständen. 

Man kann mindestens drei Arten von Totem unterscheiden: 

1. den Stammestotem, an dem ein ganzer Stamm teil hat, und 
der sich erblich von einer Generation auf die nächste überträgt; 

2. den Geschlechtstotem, der allen männlichen oder allen weib- 
lichen Mitgliedern eines Stammes mit Ausschluß des anderen 
Geschlechtes angehört, und 

3. den individuellen Totem, der einer einzelnen Person eignet 
und nicht auf deren Nachkommenschaft übergeht. Die beiden 
letzten Arten von Totem kommen an Bedeutung gegen den 
Stammestotem nicht in Betracht. Es sind, wenn nicht alles täuscht, 
späte und für das Wesen des Totem wenig bedeutsame Bildungen. 

Der Stammestotem (Clantotem) ist Gegenstand der Verehrung 
einer Gruppe von Männern und Frauen, die sich nach dem 
Totem nennen, sich für blutsverwandte Abkömmlinge eines ge- 
meinsamen Ahnen halten und durch gemeinsame Pflichten gegen- 
einander wie durch den Glauben an ihren Totem miteinander 
fest verbunden sind. 

Der Totemismus ist sowohl ein religiöses wie ein soziales 
System. Nach seiner religiösen Seite besteht er in den Beziehungen 
gegenseitiger Achtung und Schonung zwischen einem Menschen 
und seinem Totem, nach seiner sozialen Seite in den Verpflich- 
tungen der Clanmitglieder gegeneinander und gegen andere Stämme. 
In der späteren Geschichte des Totemismus zeigen dessen beide 
Seiten eine Neigung auseinander zu gehen; das soziale System 
überlebt häufig das religiöse und umgekehrt verbleiben Reste von 
Totemismus in der Religion solcher Länder, in denen das auf den 



■ ■ ' " II 



Die infantile Wiederkehr des Totemismu s 127 

Totemismus gegründete soziale System verschwunden ist. Wie 
diese beiden Seiten des Totemismus ursprünglich miteinander 
zusammenhängen, können wir bei unserer Unkenntnis über dessen 
Ursprünge nicht mit Sicherheit sagen. Doch ergibt sich im ganzen 
eine starke Wahrscheinlichkeit dafür, daß die beiden Seiten des 
Totemismus zu Anfang unzertrennlich voneinander waren. Mit 
anderen Worten, je weiter wir zurückgehen, desto deutlicher zeigt 
es sich, daß der Stammesangehörige sich zur selben Art zählt wie 
seinen Totem und sein Verhalten gegen den Totem von dem 
gegen einen Stammesgenossen nicht unterscheidet. 

In der speziellen Beschreibung des Totemismus als eines reli- 
giösen Systems stellt Frazer voran, daß die Mitglieder eines 
Stammes sich nach ihrem Totem nennen und in der Regel 
auch glauben, daß sie von ihm abstammen. Die Folge dieses 
Glaubens ist es, daß sie das Totemtier nicht jagen, nicht töten 
und nicht essen und sich jeden anderen Gebrauch des Totem 
versagen, wenn er etwas anderes als ein Tier ist. Die Verbote, 
den Totem nicht zu töten und nicht zu essen, sind nicht die 
einzigen Tabu, die ihn betreffen 5 manchmal ist es auch verboten, 
ihn zu berühren, ja, ihn anzuschauen 5 in einer Anzahl von Fällen 
darf der Totem nicht bei seinem richtigen Namen genannt werden. 
Die Übertretung dieser den Totem schützenden Tabugebote straft 
sich automatisch durch schwere Erkrankungen oder Tod. 1 

Exemplare des Totemtieres werden gelegentlich von dem Clan 
aufgezogen und in der Gefangenschaft gehegt. 2 Ein tot aufgefun- 
denes Totemtier wird betrauert und bestattet wie ein Clangenosse. 
Mußte man ein Totemtier töten, so geschah es unter einem vor- 
geschriebenen Rituale von Entschuldigungen und Sühnezeremonien. 

Von seinem Totem erwartete der Stamm Schutz und Schonung. 
Wenn er ein gefährliches Tier war (Raubtier, Giftschlange), so 

1) Vgl. die Abhandlung über das Tabu. 

2) Wie heute noch die Wölfe im Käfig an der Kapitolsstiege in Rom, die Bären 
im Zwinger von Bern. 



setzte man voraus, daß er seinen Genossen nichts zu Leide tun 
würde, und wo sich diese Voraussetzung nicht bestätigte, wurde 
der Beschädigte aus dem Stamme ausgestoßen. Eide, meint Frazer, 
waren ursprünglich Ordalien; viele Abstammungs- und Echtheits- 
proben wurden so dem Totem zur Entscheidung überlassen. Der 
Totem hilft in Krankheiten, gibt dem Stamme Vorzeichen und 
Warnungen. Die Erscheinung des Totemtieres in der Nähe eines 
Hauses wurde häufig als Ankündigung eines Todesfalles angesehen. 
Der Totem war gekommen, seinen Verwandten zu holen. 1 

Unter verschiedenen bedeutsamen Verhältnissen sucht der Clan- 
genosse seine Verwandtschaft mit dem Totem zu betonen, indem 
er sich ihm äußerlich ähnlich macht, sich in die Haut des Totem- 
tieres hüllt, sich das Bild desselben einritzt u. dgl. Bei den feierlichen 
Gelegenheiten der Geburt, der Männerweihe, des Begräbnisses wird 
diese Identifizierung mit dem Totem in Taten und Worten durch- 
geführt. Tänze, bei denen alle Genossen des Stammes sich in ihren 
Totem verkleiden und wie er gebärden, dienen mannigfaltigen 
magischen und religiösen Absichten. Endlich gibt es Zeremonien, 
bei denen das Totemtier in feierlicher Weise getötet wird. 2 

Die soziale Seite des Totemismus prägt sich vor allem in einem 
streng gehaltenen Gebot und in einer großartigen Einschränkung 
aus. Die Mitglieder eines Totemclans sind Brüder und Schwestern, 
verpflichtet einander zu helfen und zu beschützen -, im Falle der 
Tötung eines Clangenossen durch einen Fremden haftet der ganze 
Stamm des Täters für die Bluttat, und der Clan des Gemordeten 
fühlt sich solidarisch in der Forderung nach Sühne für das ver- 
gossene Blut. Die Totembande sind stärker als die Familienbande 
in unserem Sinne; sie fallen mit diesen nicht zusammen, da die 
Übertragung des Totem in der Regel durch mütterliche Ver- 
erbung geschieht und ursprünglich die väterliche Vererbung 
vielleicht überhaupt nicht in Geltung war. 

1) Also wie die weiße Frau mancher Adelsgeschlechter. 

2) 1. c,. p. 45. — Siehe unten die Erörterung über das Opfer. 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus 12g 

Die entsprechende Tabubeschränkung aber besteht in dem 
Verbot, daß Mitglieder desselben Totemclans einander nicht hei- 
raten und überhaupt nicht in Sexualverkehr miteinander treten 
dürfen. Dies ist die berühmte und rätselhafte, mit dem Totemismus 
verknüpfte Exogamie. Wir haben ihr die ganze erste Abhand- 
lung dieser Reihe gewidmet und brauchen darum hier nur an- 
zuführen, daß sie der verschärften Inzestscheu der Primitiven ent- 
springt, daß sie als Sicherung gegen Inzest bei Gruppenehe voll- 
kommen verständlich würde, und daß sie zunächst die Inzestver- 
hütung für die jüngere Generation besorgt und erst in weiterer 
Ausbildung auch der älteren Generation zum Hindernis wird. 1 

* 

An diese Darstellung des Totemismus bei Frazer, eine der 
frühesten in der Literatur des Gegenstandes, will ich nun einige 
Auszüge aus einer der letzten Zusammenfassungen anschließen. 
In den 1912 erschienenen Elementen der Völkerpsychologie sagt 
W. Wundt: 2 „Das Totemtier gilt als Ahnentier der betreffenden 
Gruppe. ,Totem' ist also einerseits Gruppen-, anderseits Abstam- 
mungsname, und in letzterer Beziehung hat dieser Name zugleich 
eine mythologische Bedeutung. Alle diese Verwendungen des Be- 
griffes spielen aber ineinander und die einzelnen dieser Bedeu- 
tungen können zurücktreten, so daß in manchen Fällen die Totems 
fast zu einer bloßen Nomenklatur der Stammesabteilungen ge- 
worden sind, während in anderen die Vorstellung der Abstammung 
oder aber auch die kultische Bedeutung des Totems im Vorder- 
grund steht . . . Der Begriff des Totem wird für die Stammes- 
gliederung und Stammesorganisation maßgebend. Mit diesen 
Normen und mit ihrer Befestigung im Glauben und Fühlen der 
Stammesgenossen hängt es zusammen, daß man das Totemtier 
ursprünglich jedenfalls nicht bloß als einen Namen für eine Gruppe 
von Stammesgliedern betrachtete, sondern daß das Tier meist als 

1) Siehe die erste Abhandlung. 

2) p. 116. 

Freud, Totem. q 



130 Totem und Tabu 



Stammvater der betreffenden Abteilung gilt . . . Damit hängt dann 
zusammen, daß diese Tierahnen einen Kult genießen . . . Dieser 
Tierkult äußert sich ursprünglich, abgesehen von bestimmten 
Zeremonien und zeremoniellen Festen, vor allem in dem "Verhalten 
gegenüber dem Totemtier: nicht nur ein einzelnes Tier, sondern 
jeder Repräsentant der gleichen Spezies ist in gewissem Grade 
ein geheiligtes Tier, es ist den Totemgenossen verboten oder nur 
unter gewissen Umständen erlaubt, das Fleisch des Totemtieres 
zu genießen. Dem entspricht die in solchem Zusammenhange be- 
deutsame Gegenerscheinung, daß unter gewissen Bedingungen 
eine Art von zeremoniellem Genuß des Totemfleisches statt- 
findet . . ." 

„ . . . Die wichtigste soziale Seite dieser totemistischen Stammes- 
gliederung besteht aber darin, daß mit ihr bestimmte Normen 
der Sitte für den Verkehr der Gruppen untereinander verbunden 
sind. Unter diesen Normen stehen in erster Linie die für den 
Eheverkehr. So hängt diese Stammesgliederung mit einer wichtigen 
Erscheinung zusammen, die zum erstenmal im totemistischen Zeit- 
alter auftritt: mit der Exogamie." 

Wenn wir durch all das hindurch, was späterer Fortbildung 
oder Abschwächung entsprechen mag, zu einer Charakteristik des 
ursprünglichen Totemismus gelangen wollen, so ergeben sich uns 
folgende wesentliche Züge: Die Totem waren ursprünglich 
nur Tiere, sie galten als die Ahnen der einzelnen Stämme. 
Der Totem vererbte sich nur in weiblicher Linie; es war 
verboten, den Totem zu töten (oder zu essen, was für pri- 
mitive Verhältnisse zusammenfällt); es war den Totemgenossen 
verboten, Sexualverkehr miteinander zu pflegen. 1 



1) Übereinstimmend mit diesem Text lautet das Fazit des Totemismus, welches 
Frazer in seiner zweiten Arbeit über den Gegenstand (The origin of Totemism, 
Fortnightly Review 1899) zieht: „Thus Totemism has commonly been treated as a primitive 
System both of religion and of Society. As a System of religion it embraces the mystic union 
of the savage with his totem; as a System of Society it comprises the relations in which men 
and women of the same totem stand to each other and to the members of other totemic 






Die infantile Wie derkehr des Totemismus izi 

Es darf uns nun auffallen, daß in dem Code du totemisme 
den Rein ach aufgestellt hat, das eine der Haupttabu, das der 
Exogamie, überhaupt nicht vorkommt, während die Voraussetzung 
des zweiten, die Abstammung vom Totemtier, nur eine beiläufige 
Erwähnung findet. Ich habe aber die Darstellung Reinachs, eines 
um den Gegenstand sehr verdienten Autors, ausgewählt, um auf 
die Meinungsverschiedenheiten unter den Autoren vorzubereiten, 
welche uns nun beschäftigen sollen. 

Je unabweisbarer die Einsicht auftrat, daß der Totemismus eine 
regelmäßige Phase aller Kulturen gebildet habe, desto dringender 
wurde das Bedürfnis, zu einem Verständnis desselben zu gelangen, 
die Rätsel seines Wesens aufzuhellen. Rätselhaft ist wohl alles am 
Totemismus; die entscheidenden Fragen sind die nach der Her- 
kunft der Totemabstammung, nach der Motivierung der Exogamie 
(respektive des durch sie vertretenen Inzesttabu) und nach der 
Beziehung zwischen den beiden, der Totemorganisation und dem 
Inzestverbot. Das Verständnis sollte in einem ein historisches und 
ein psychologisches sein, Auskunft geben, unter welchen Bedin- 
gungen sich diese eigentümliche Institution entwickelt, und welchen 
seelischen Bedürfnissen der Menschen sie Ausdruck gegeben hatte. 

Meine Leser werden nun gewiß erstaunt sein zu hören, von 
wie verschiedenen Gesichtspunkten her die Beantwortung dieser 
Fragen versucht' wurde, und wie weit die Meinungen der sach- 
kundigen Forscher hierüber auseinandergehen. Es steht so ziemlich 
alles in Frage, was man allgemein über Totemismus und Exogamie 
behaupten möchte; auch das vorangeschickte, aus einer von Frazer 

groups. And corresponding to these two sides of the System are two rough-and-ready tests or 
canons ofTotemism: first, the rule that a man may not kill or eat his totem animal or plant, and 
second the rule that he may not marry or cohabit with a ivoman of the Same totem. 11 (p. lqi.) 
Frazer fügt dann hinzu, was uns mitten in die Diskussionen über den Totemismus 
hineinführt : Whether the two sides — the religious and the social — hatte always coexisted 
or are essentially independent, is a question which has been variously answered. 

9' 



L 



132 Totem und Tabu 



1887 veröffentlichten Schrift geschöpfte Bild kann der Kritik nicht 
entgehen, eine willkürliche Vorliebe des Referenten auszudrücken, 
und würde heute von Frazer selbst, der seine Ansichten über 
den Gegenstand wiederholt geändert hat, beanständet werden. 1 

Es ist eine naheliegende Annahme, daß man das Wesen des 
Totemismus und der Exogamie am ehesten erfassen könnte, wenn 
man den Ursprüngen der beiden Institutionen näher käme. Dann 
ist aber für die Beurteilung der Sachlage die Bemerkung von 
Andrew Lang nicht zu vergessen, daß auch die primitiven Völker 
uns diese ursprünglichen Formen der Institutionen und die Be- 
dingungen für deren Entstehung nicht mehr aufbewahrt haben, 
so daß wir einzig und allein auf Hypothesen angewiesen bleiben, 
um die mangelnde Beobachtung zu ersetzen. 2 Unter den vorge- 
brachten Erklärungsversuchen erscheinen einige dem Urteil des 
Psychologen von vornherein als inadäquat. Sie sind allzu rationell 
und nehmen auf den Gefühlscharakter der zu erklärenden Dinge 
keine Rücksicht. Andere ruhen auf Voraussetzungen, denen die 
Beobachtung die Bestätigung versagt; noch andere berufen sich 
auf ein Material, welches besser einer anderen Deutung unter- 
worfen werden sollte. Die Widerlegung der verschiedenen An- 
sichten hat in der Regel wenig Schwierigkeiten; die Autoren sind 
wie gewöhnlich in der Kritik, die sie aneinander üben, stärker 
als in ihren eigenen Produktionen. Ein Non liquet ist für die 
meisten der behandelten Punkte das Endergebnis. Es ist daher 
nicht zu verwundern, wenn in der neuesten, hier meist über- 
gangenen Literatur des Gegenstandes das unverkennbare Bestreben 

1) Anläßlich einer solchen Sinnesänderung schrieb er den schonen Satz nieder: 
„That my conclusions on these difficult questions are final, I am not so foolish as to pretend. 
I have clianged my views repeatedly, and I am resolved to change them again with every 
change of the evidence, for like a chameleon, the candid enquirer sliould slüft his colours with 
the shifting colours of the ground he treads. u Vorrede zum I. Band von Totemism and 
Exogamy. 1910. 

2) „By the nature of the case, as the origin of totemism lies far beyond our powers of 
historical examination or of experiment, we must luwe recourse as regards this matter to con- 
jecture", A. Lang, Secret of the Totem, p. 27. — „Nowhere do we see absolutely pri- 
mitive man, and a totemic System in the mahing", p. 29. 






Die infantile Wiederkehr des Totemismus 155 

auftritt, eine allgemeine Lösung der totemistischen Probleme als 
undurchführbar abzuweisen. So z. B. Goldenweiser im J. of 
Am. Folk-Lore XXIII, 1910. (Referat in Britannica Year Book 1913.) 
Ich habe mir gestattet, bei der Mitteilung dieser einander wider- 
streitenden Hypothesen von deren Zeitfolge abzusehen. 

a) Die Herkunft des Totemismus 

Die Frage nach der Entstehung des Totemismus läßt sich auch 
so formulieren: Wie kamen primitive Menschen dazu, sich (ihre 
Stämme) nach Tieren, Pflanzen, leblosen Gegenständen zu be- 
nennen? 1 

Der Schotte Mac Lennan, der Totemismus und Exogamie für 
die Wissenschaft entdeckte, 2 enthielt sich, eine Ansicht über die 
Entstehung des Totemismus zu veröffentlichen. Nach einer Mit- 
teilung von A. Lang 3 war er eine Zeitlang geneigt, den Tote- 
mismus auf die Sitte des Tätowierens zurückzuführen. Die ver- 
lautbarten Theorien zur Ableitung des Totemismus möchte ich 
in drei Gruppen bringen, als Ct) nominalistische, ß) soziologische, 
y) psychologische. 

a) Die nominalistischen Theorien 

Die Mitteilungen über diese Theorien werden deren Zusammen- 
fassung unter dem von mir gebrachten Titel rechtfertigen. 

Schon Garcilaso del Vega, ein Abkömmling der peruanischen 
Inka, der im XVII. Jahrhundert die Geschichte seines Volkes 
schrieb, soll, was ihm von totemistischen Phänomenen bekannt 
war, auf das Bedürfnis der Stämme, sich durch Namen vonein- 
ander zu unterscheiden, zurückgeführt haben. 4 Derselbe Gedanke 

1) Wahrscheinlich ursprünglich nur nach Tieren. 

2) The Worship of Animals and Plants, Fortnightly Review 1869 — 1870. Primitive 
marriage 1865; beide Arbeiten abgedruckt in Studies in ancient History, 1876. 2. ed. 1886. 

3) The Secret of the Totem, 1905, p. 34. 

4) Nach A. Lang, Secret of the Totem, p. 54. 



L 



134 Totem und Tabu 



taucht Jahrhunderte später in der Ethnology von A. K. Keane 
auf: Die Totem seien aus „heraldic badges" (Wappenabzeichen) 
hervorgegangen, durch die Individuen, Familien und Stämme sich 
voneinander unterscheiden wollten. 1 

Max Müller äußerte dieselbe Ansicht über die Bedeutung der 
Totem in seinen Contributions to the Science of Mythology. 2 Ein 
Totem sei: 1. ein Clanabzeichen, 2. ein Clanname, 5. der Name 
des Ahnherrn des Clan, 4. der Name des vom Clan verehrten 
Gegenstandes. Später J. Pikler 1899: Die Menschen bedurften 
eines bleibenden, schriftlich fixierbaren Namens für Gemeinschaften 
und Individuen ... So entspringt also der Totemismus nicht aus 
dem religiösen, sondern aus dem nüchternen Alltagsbedürfnis der 
Menschheit. Der Kern des Totemismus, die Benennung, ist eine 
Folge der primitiven Schrifttechnik. Der Charakter der Totem ist 
auch der von leicht darstellbaren Schriftzeichen. Wenn die Wilden 
aber erst den Namen eines Tieres trugen, so leiteten sie daraus 
die Idee einer Verwandtschaft mit diesem Tiere ab. 3 

Herbert Spencer 4 legte gleichfalls der Namengebung die ent- 
scheidende Bedeutung für die Entstehung des Totemismus bei. 
Einzelne Individuen, führte er aus, hätten durch ihre Eigenschaften 
herausgefordert, sie nach Tieren zu benennen, und seien so zu 
Ehrennamen oder Spitznamen gekommen, welche sich auf ihre 
Nachkommen fortsetzten. Infolge der Unbestimmtheit und Unver- 
ständlichkeit der primitiven Sprachen seien diese Namen von den 
späteren Generationen so aufgefaßt worden, als seien sie ein Zeugnis 
für ihre Abstammung von diesen Tieren selbst. Der Totemismus 
hätte sich so als mißverständliche Ahnenverehrung ergeben. 



1) Ibid. 

2) Nach A. Lang. 

3) Pikler und Somlö, Der Ursprung des Totemismus. 1901. Die Autoren kenn- 
zeichnen ihren Erklärungsversuch mit Recht als „Beitrag zur materialistischen Ge- 
schichtstheorie". 

4) The origin of animal worship, Fortnightly Review 1870. Prinzipien der Sozio- 
logie, I. Bd., §§ 169 bis 176. 



. 






< Die infantile Wiederkehr des Totemismus 135 

Ganz ähnlich, obwohl ohne Hervorhebung des Mißverständnisses 
hat Lord Avebury (bekannter unter seinem früheren Namen Sir 
John Lubbock) die Entstehung des Totemismus beurteilt: Wenn 
wir die Tierverehrung erklären wollen, dürfen wir nicht daran 
vergessen, wie häufig die menschlichen Namen von den Tieren 
entlehnt werden. Die Kinder und das Gefolge eines Mannes, der 
Bär oder Löwe genannt wurde, machten daraus natürlich einen 
Stammesnamen. Daraus ergab sich, daß das Tier selbst zu einer 
gewissen Achtung und endlich Verehrung gelangte. 

Einen, wie es scheint, unwiderleglichen Einwand gegen solche 
Zurückführung der Totemnamen auf die Namen von Individuen 
hat Fison vorgebracht. 1 Er zeigt an den Verhältnissen von Austra- 
lien, daß der Totem stets das Merkzeichen einer Gruppe von 
Menschen, nie eines einzelnen ist. Wäre es aber anders und der 
Totem ursprünglich der Name eines einzelnen Menschen, so könnte 
er bei dem System der mütterlichen Vererbung nie auf dessen 
Kinder übergehen. 

Die bisher mitgeteilten Theorien sind übrigens in offenkun- 
diger Weise unzureichend. Sie erklären etwa die Tatsache der 
Tiernamen für die Stämme der Primitiven, aber niemals die Be- 
deutung, welche diese Namengebung für sie gewonnen hat, das 
totemistische System. Die beachtenswerteste Theorie dieser Gruppe 
ist die von A. Lang in seinen Büchern Social origins 1903 und 
The secret of the totem 1905 entwickelte. Sie macht immer noch 
die Namengebung zum Kern des Problems, aber sie verarbeitet 
zwei interessante psychologische Momente und beansprucht so, 
das Rätsel des Totemismus der endgültigen Lösung zugeführt zu 
haben. 

A. Lang meint, es sei zunächst gleichgültig, auf welche Weise 
die Clans zu ihren Tiernamen gekommen seien. Man wolle nur 
annehmen, sie erwachten eines Tages zum Bewußtsein, daß sie 
solche tragen, und wußten sich keine Rechenschaft zu geben, 

1) Kamilaroi and Kurmai, p. 165, 1880 (nach A. Lang, Secret etc.). 



136 Totem und Tabu 



woher. Der Ursprung dieser Namen sei vergessen. Dann 
würden sie versuchen, sich durch Spekulation Auskunft darüber 
zu schaffen, und bei ihren Überzeugungen von der Bedeutung der 
Namen müßten sie notwendigerweise zu all den Ideen kommen, 
die im totemistischen System enthalten sind. Namen sind für die 
Primitiven — wie für die heutigen Wilden und selbst für unsere 
Kinder 1 — nicht etwa etwas Gleichgültiges und Konventionelles, 
wie sie uns erscheinen, sondern etwas Bedeutungsvolles und Wesent- 
liches. Der Name eines Menschen ist ein Hauptbestandteil seiner 
Person, vielleicht ein Stück seiner Seele. Die Gleichnamigkeit 
mit dem Tiere mußte die Primitiven dazu führen, ein geheimnis- 
volles und bedeutsames Band zwischen ihren Personen und dieser 
Tiergattung anzunehmen. Welches Band konnte da anders in Be- 
tracht kommen als das der Blutsverwandtschaft? War diese aber 
infolge der Namensgleichheit einmal angenommen, so ergaben 
sich aus ihr als direkte Folgen des Bluttabu alle Totemvorschriften 
mit Einschluß der Exogamie. 

„No more than these three things — a group animal name 
of unknown origin; belief in a transcendental connection between 
all bearers, human and bestial, of the same name; and belief in 
the blood superstitions — was needed to give rise to all the 
totemic creeds and practices, including exogamy." (Secret of the 
Totem, p. 126.) 

Längs Erklärung ist sozusagen zweizeitig. Sie leitet das tote- 
mistische System mit psychologischer Notwendigkeit aus der Tat- 
sache der Totemnamen ab unter der Voraussetzung, daß die Her- 
kunft dieser Namengebung vergessen worden sei. Das andere Stück 
der Theorie sucht nun den Ursprung dieser Namen aufzuklären 5 
wir werden sehen, daß es von ganz anderem Gepräge ist. 

Dies andere Stück der Langschen Theorie entfernt sich nicht 
wesentlich von den übrigen, die ich „nominalistisch" genannt habe. 
Das praktische Bedürfnis nach Unterscheidung nötigte die ein- 



1) Vgl. oben die Abhandlung über das Tabu, S. 71. 



■Mi 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus 137 

zelnen Stämme Namen anzunehmen, und darum ließen sie sich 
die Namen gefallen, die jedem Stamm von den anderen gegeben 
wurden. Dies „naming from without" ist die Eigentümlichkeit der 
Lang sehen Konstruktion. Daß die Namen, die so zustande kamen, 
von Tieren entlehnt waren, ist nicht weiter auffällig und braucht 
von den Primitiven nicht als Schimpf oder Spott empfunden 
worden zu sein. Übrigens hat Lang die keineswegs vereinzelten 
Fälle aus späteren Epochen der Geschichte herangezogen, in denen 
von außen gegebene, ursprünglich als Spott gemeinte Namen von 
den so Bezeichneten akzeptiert und bereitwillig 'getragen wurden 
(Geusen, Whigs und Tories). Die Annahme, daß die Entstehung 
dieser Namen im Laufe der Zeit vergessen wurde, verknüpft dies 
zweite Stück der Langschen Theorie mit dem vorhin dargestellten 
ersten. 

ß) Die soziologischen Theorien 

S. Rein ach, der den Überbleibseln des totemistischen Systems 
in Kult und Sitte späterer Perioden erfolgreich nachgespürt, aber 
von Anfang an das Moment der Abstammung vom Totemtier 
gering geschätzt hat, äußert einmal ohne Bedenken, der Totemismus 
scheine ihm nichts anderes zu sein als „une hypertrophie de 
Vinstinct social". 1 

Dieselbe Auffassung scheint das neue Werk von E. Durkheim: 
Les formes elementaires de la vie religieuse. Le Systeme totemi- 
que en Australie, 1912, zu durchziehen. Der Totem ist der sicht- 
bare Repräsentant der sozialen Religion , dieser Völker. Er ver- 
körpert die Gemeinschaft, welche der eigentliche Gegenstand der 
Verehrung ist. 

Andere Autoren haben nach näherer Begründung für diese 
Beteiligung der sozialen Triebe an der Bildung der totemistischen 
Institutionen gesucht. So hat A. C. Haddon angenommen, daß 
jeder primitive Stamm ursprünglich von einer besonderen Tier- 

1) 1. c, T. T, p. 4 i. 



138 Totem und Tabu 



oder Pflanzenart lebte, vielleicht auch mit diesem Nahrungsmittel 
Handel trieb und ihn anderen Stämmen im Austausch zuführte. 
So konnte es nicht fehlen, daß der Stamm den anderen unter 
dem Namen des Tieres, welches für ihn eine so wichtige Rolle 
spielte, bekannt wurde. Gleichzeitig mußte sich bei diesem Stamm 
eine besondere Vertrautheit mit dem betreffenden Tier und eine 
Art von Interesse für dasselbe entwickeln, welches aber auf kein 
anderes psychisches Motiv als auf das elementarste und dringendste 
der menschlichen Bedürfnisse, den Hunger, gegründet war. 1 

Die Einwendungen gegen diese rationalste aller Totemtheorien 
besagen, daß ein solcher Zustand der Ernährung bei den Primi- 
tiven nirgends gefunden werde und wahrscheinlich niemals be- 
standen habe. Die Wilden seien omnivor, und zwar um so mehr, 
je niedriger sie stehen. Ferner sei es nicht zu verstehen, wie aus 
solcher ausschließlicher Diät sich ein fast religiöses Verhältnis zu 
dem Totem entwickelt haben konnte, das in der absoluten Ent- 
haltung von der Vorzugsnahrung gipfelte. 

Die erste der drei Theorien, welche Frazer über die Ent- 
stehung des Totemismus ausgesprochen, war eine psychologische 5 
sie wird an anderer Stelle berichtet werden. 

Die zweite hier zu besprechende Theorie Frazers entstand 
unter dem Eindruck der bedeutungsvollen Publikation zweier 
Forscher über die Eingeborenen von Zentralaustralien. 2 

Spencer und Gillen beschrieben bei einer Gruppe von 
Stämmen, der sogenannten Aruntanation, eine Reihe von eigen- 
tümlichen Einrichtungen, Gebräuchen und Ansichten, und Frazer 
schloß sich ihrem Urteile an, daß diese Besonderheiten als Züge 
eines primären Zustandes zu betrachten seien und über den ersten 
und eigentlichen Sinn des Totemismus Aufschluß geben können. 

1) Address to the Anthropological Section, British Association, Belfast 1902. Nach 
Frazer, 1. c, T. IV, p. 50 u. ff. 

2) The native tribes of Central Australia von Baldwin Spencer und H. J. Gillen, 
London 1891. 



Die infantile Wiederkehr des To temismus 150 

Diese Eigentümlichkeiten sind bei dem Aruntastamm selbst 
(einem Teil der Aruntanation) folgende: 

1. Sie haben die Gliederung in Totemclans, aber der Totem 
■wird nicht erblich übertragen, sondern (auf später mitzuteilende 
Weise) individuell bestimmt. 

2. Die Totemclans sind nicht exogam, die Heiratsbeschränkungen 
-werden durch eine hochentwickelte Gliederung in Heiratsklassen 
hergestellt, welche mit den Totem nichts zu tun haben. 

5. Die Funktion der Totemclans besteht in der Ausführung 
einer Zeremonie, welche auf exquisit magische Weise die Ver- 
mehrung des eßbaren Totemobjekts bezweckt (diese Zeremonie 
heißt Intichiuma). 

4. Die Arunta haben eine eigenartige Konzeptions- und Wieder- 
geburtstheorie. Sie nehmen an, daß an bestimmten Stellen ihres 
Landes die Geister der Verstorbenen desselben Totem auf ihre 
Wiedergeburt warten und in den Leib der Frauen eindringen, 
die jene Stellen passieren. Wird ein Kind geboren, so gibt die 
Mutter an, auf welcher Geisterstätte sie ihr Kind empfangen zu 
haben glaubt. Danach wird der Totem des Kindes bestimmt. Es 
■wird ferner angenommen, daß die Geister (der Verstorbenen, wie 
der Wiedergeborenen) an eigentümliche Steinamulette gebunden sind 
(Namens Churinga), welche an jenen Stätten gefunden werden. 

Zwei Momente scheinen Frazer zum Glauben bewogen zu 
haben, daß man in den Einrichtungen der Arunta die älteste 
Form des Totemismus aufgefunden habe. Erstens die Existenz 
gewisser Mythen, welche behaupteten, daß die Ahnen der Arunta 
sich regelmäßig von ihrem Totem genährt und keine anderen 
Frauen als die aus ihrem eigenen Totem geheiratet hätten. Zwei- 
tens die anscheinende Zurücksetzung des Geschlechtsaktes in ihrer 
Konzeptionstheorie. Menschen, die noch nicht erkannt hatten, daß 
die Empfängnis die Folge des Geschlechtsverkehrs sei, dürfte man 
■wohl als die zurückgebliebensten und primitivsten unter den heute 
lebenden ansehen. 



140 Totem und Tabu 



Indem Frazer sich für die Beurteilung des Totemismus an die 
Intichiumazeiremonie hielt, erschien ihm das totemistische System 
auf einmal in gänzlich verändertem Lichte als eine durchwegs 
praktische Organisation zur Bestreitung der natürlichsten Bedürf- 
nisse des Menschen (vgl. oben Haddon). 1 Das System war einfach 
ein großartiges Stück von „cooperative magic". Die Primitiven 
bildeten sozusagen einen magischen Produktions- und Konsum- 
verein. Jeder Totemclan hatte die Aufgabe übernommen, für die 
Reichlichkeit eines gewissen Nahrungsmittels zu sorgen. Wenn es 
sich um nicht eßbare Totem handelte, wie um schädliche Tiere, 
um Rsgen, Wind u. dgl., so war die Pflicht des Totemclan, dieses 
Stück Natur zu beherrschen und dessen Schädlichkeit abzuwehren. 
Die Leistungen eines jeden Clan kamen allen anderen zugute. 
Da der Clan von seinem Totem nichts oder nur sehr wenig essen 
durfte, so beschaffte er dieses wertvolle Gut für die anderen und 
wurde dafür von ihnen mit dem versorgt, was sie selbst als ihre 
soziale Totempflicht zu besorgen hatten. Im Lichte dieser durch 
die In tichiuma Zeremonie vermittelten Auffassung wollte es Frazer 
scheinen, als wäre man durch das Verbot, von seinem Totem zu 
essen, verblendet worden, die wichtigere Seite des Verhältnisses 
zu vernachlässigen, nämlich das Gebot, möglichst viel von dem 
eßbaren Totem für den Bedarf der anderen herbeizuschaffen. 

Frazer nahm die Tradition der Arunta an, daß jeder Totem- 
clan sich ursprünglich ohne Einschränkung von seinem Totem 
genährt habe. Dann bereitete es Schwierigkeiten, die folgende 
Entwicklung zu verstehen, die sich damit begnügte, den Totem 
für andere zu sichern, während man selbst auf seinen Genuß fast 
verzichtete. Er nahm dann an, diese Einschränkung sei keines- 
wegs aus einer Art von religiösem Respekt hervorgegangen, son- 
dern vielleicht aus der Beobachtung, daß kein Tier seinesgleichen 

1) „There is nothing vaguc or mystical abtritt it, nothing of that metaphysical haze which 
some writers love to conjure up over the humble beginnings of human speculation but which 
is utterly foreign to the simple, sensuous, and concrete modes of the savage u (Totemism and 
Exogamy, I, p. 117). 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus 141 

zu verzehren pflege, so daß dieser Abbruch der Identifizierung 
mit dem Totem der Macht, die man über denselben zu erlangen 
wünschte, Schaden brächte. Oder aus einem Bestreben, sich das 
Wesen geneigt zu machen, indem man es selbst verschonte. 
Frazer verhehlte sich aber die Schwierigkeiten dieser Erklärung 
nicht 1 und ebensowenig getraute er sich anzugeben, auf welchem 
Wege die von den Mythen der Arunta behauptete Gewohnheit, 
innerhalb des Totem zu heiraten, sich zur Exogamie gewandelt 
habe. 

Die auf das Intichiuma gegründete Theorie Frazers steht 
und fällt mit der Anerkennung der primitiven Natur der Arunta- 
institutionen. Es scheint aber unmöglich, diese letztere gegen die 
von Durkheim 8 und Lang 3 vorgebrachten Einwendungen zu 
halten. Die Arunta scheinen vielmehr die entwickeltsten der 
australischen Stämme zu sein, eher ein Auflösungsstadium als den 
Beginn des Totemismus zu repräsentieren. Die Mythen, welche 
auf Frazer so großen Eindruck gemacht haben, weil sie im 
Gegensatz zu den heute herrschenden Institutionen die Freiheit 
betonen, vom Totem zu essen und innerhalb des Totem zu hei- 
raten, würden sich uns leicht als Wunschphantasien erklären, 
welche in die Vergangenheit projiziert sind, ähnlich wie der 
Mythus vom goldenen Zeitalter. 

y) Die psychologischen Theorien 

Die erste psychologische Theorie Frazers, noch vor seiner Be- 
kanntschaft mit den Beobachtungen von Spencer und Gillen 
geschaffen, ruhte auf dem Glauben an die „äußerliche Seele".* 
Der Totem sollte einen sicheren Zufluchtsort für die Seele dar- 
stellen, an dem sie deponiert wird, um den Gefahren, die sie be- 

1) 1. c, p. 120. 

2) L'annee sociologique, T. I, V, VIII und an anderen Stellen. Siehe besonders 
die Abhandlung Sur le totemisme. T. V, 1901. 

3) Social Origins und Secret of the Totem. 

4) The Golden Bough II, p. 352. 



142 



Totem und Tabu 



drohen, entzogen zu bleiben. Wenn der Primitive seine Seele in 
seinem Totem untergebracht hatte, so war er selbst unverletzlich 
und natürlich hütete er sich, den Träger seiner Seele selbst zu 
beschädigen. Da er aber nicht wußte, welches Individuum der 
Tierart sein Seelenträger war, lag es ihm nahe, die ganze Art zu 
verschonen. Frazer hat diese Ableitung des Totemismus aus dem 
Seelenglauben später selbst aufgegeben. 

Als er mit den Beobachtungen von Spencer und Gillen be- 
kannt wurde, stellte er die andere soziologische Theorie des Tote- 
mismus auf, welche eben vorhin mitgeteilt wurde, aber er fand 
dann selbst, daß das Motiv, aus dem er den Totemismus abge- 
leitet, allzu „rationell" sei, und daß er dabei eine soziale Organi- 
sation vorausgesetzt habe, die allzu kompliziert sei, als daß man 
sie primitiv heißen dürfe. 1 Die magischen Kooperativgesellschaften 
erschienen ihm jetzt eher als späte Früchte denn als Keime des 
Totemismus. Er suchte ein einfacheres Moment, einen primitiven 
Aberglauben, hinter diesen Bildungen, um aus ihm die Entstehung 
des Totemismus abzuleiten. Dieses ursprüngliche Moment fand er 
dann in der merkwürdigen Konzeptionstheorie der Arunta. 

Die Arunta heben, wie bereits erwähnt, den Zusammenhang 
der Konzeption mit dem Geschlechtsakt auf. Wenn ein Weib sich 
Mutter fühlt, so ist in diesem Augenblick einer der auf Wieder- 
geburt lauernden Geister von der nächstliegenden Geisterstätte in 
ihren Leib eingedrungen und wird von ihr als Kind geboren. 
Dies Kind hat denselben Totem wie alle an der gewissen Stelle 
lauernden Geister. Diese Konzeptionstheorie kann den Totemismus 
nicht erklären, denn sie setzt den Totem voraus. Aber wenn man 
einen Schritt weiter zurückgehen und annehmen will, daß das 
Weib ursprünglich geglaubt, das Tier, die Pflanze, der Stein, das 
Objekt, welches ihre Phantasie in dem Moment beschäftigte, da 

1) It is unlikely ihat a Community of savages should deliberately parcel out the realm 
of nature into provinces, assign each province to a particular band of magicians, and bid all 
the bands to work their magic and wcave their spells for the common good. T. and Ex. IV, p. 57. 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus ■ i 45 

sie sich zuerst Mutter fühlte, sei wirklich in sie eingedrungen 
und werde dann von ihr in menschlicher Form geboren, dann 
wäre die Identität eines Menschen mit seinem Totem durch den 
Glauben der Mutter wirklich begründet, und alle weiteren Totem- 
gebote (mit Ausschluß der Exogamie) ließen sich leicht daraus 
ableiten. Der Mensch würde sich weigern, von diesem Tier, dieser 
Pflanze zu essen, weil er damit gleichsam sich selbst essen würde. 
Er würde sich aber veranlaßt finden, gelegentlich in zeremoniöser 
Weise etwas von seinem Totem zu genießen, weil er dadurch 
seine Identifizierung mit dem Totem, welche das Wesentliche am 
Totemismus ist, verstärken könnte. Beobachtungen von W. H. R. 
Rivers an den Eingeborenen der Banksinseln schienen die direkte 
Identifizierung der Menschen mit ihrem Totem auf Grund einer 
solchen Konzeptionstheorie zu erweisen. 1 

Die letzte Quelle des Totemismus wäre also die Unwissenheit 
der Wilden über den Prozeß, wie Menschen und Tiere ihr Ge- 
schlecht fortpflanzen. Des besonderen die Unkenntnis der Rolle, 
welche das Männchen bei der Befruchtung spielt. Diese Unkenntnis 
muß erleichtert werden durch das lange Intervall, welches sich 
zwischen den befruchtenden Akt und die Geburt des Kindes (oder . 
das Verspüren der ersten Kindsbewegungen) einschiebt. Der Tote- 
mismus ist daher eine Schöpfung nicht des männlichen, sondern 
des weiblichen Geistes. Die Gelüste (sick fancies) des schwan- 
geren Weibes sind die Wurzel desselben. „Anything indeed that 
Struck a woman at that mysterious moment of her Life when she 
ßrst knows herseif to be a mother might easily he identified by 
her with the child in her womb. Such maternal fancies, so natural 
and seemingly so universal, appear to be the root of totemism."* 
Der Haupteinwand gegen diese dritte Fr az er sehe Theorie ist 
derselbe, der bereits gegen die zweite, soziologische, vorgebracht 
wurde. Die Arunta scheinen sich von den Anfängen des Tote- 

i) T. and Ex. II, p. 89 und IV. p. 59. 
2) 1. c. IV, p. 63. 



144 



Totem und Tabu 



mismus weit weg entfernt zu haben. Ihre Verleugnung der Vater- 
schaft scheint nicht auf primitiver Unwissenheit zu beruhen; sie 
haben selbst in manchen Stücken väterliche Vererbung. Sie scheinen 
die Vaterschaft einer Art von Spekulation geopfert zu haben, 
welche die Ahnengeister zu Ehren bringen will. 1 Wenn sie den 
Mythus der unbefleckten Empfängnis durch den Geist zur allge- 
meinen Konzeptionstheorie erheben, darf man ihnen darum Un- 
wissenheit über die Bedingungen der Fortpflanzung ebensowenig 
zumuten, wie den alten Völkern um die Zeit der Entstehung der 
christlichen Mythen. 

Eine andere psychologische Theorie der Herkunft des Tote- 
mismus hat der Holländer G. A. Wilcken aufgestellt. Sie stellt 
eine Verknüpfung des Totemismus mit der Seelenwanderung her. 
„Dasjenige Tier, in welches die Seelen der Toten nach allge- 
meinem Glauben übergingen, wurde zum Blutsverwandten, Ahn- 
herrn und als solcher verehrt." Aber der Glauben an die Tier- 
wanderung der Seelen mag eher aus dem Totemismus abgeleitet 
sein als umgekehrt. 2 

Eine andere Theorie des Totemismus wird von ausgezeichneten 
amerikanischen Ethnologen, Fr. Boas, Hill-Tout u. a., vertreten. 
Sie geht von den Beobachtungen an totemistischen Indianerstämmen 
aus und behauptet, der Totem sei ursprünglich der Schutzgeist 
eines Ahnen, den dieser durch einen Traum erworben und auf 
seine Nachkommenschaft vererbt habe. Wir haben schon früher 
gehört, welche Schwierigkeiten die Ableitung des Totemismus aus 
der Vererbung von einem einzelnen her bietet; überdies sollen 
die australischen Beobachtungen die Zurückführung des Totem 
auf den Schutzgeist keineswegs unterstützen. 3 

Für die letzte der psychologischen Theorien, die von Wundt 
ausgesprochene, sind die beiden Tatsachen entscheidend geworden. 



1) „That belief is a philosophy far from primitive." A. Lang, Secret of the Totem, p. 192. 

2) Frazer, T. and Ex. IV, p. 45 u. ff. 
5) Frazer, 1. c, p. 48. 



" 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus X a$ 



daß erstens das ursprüngliche Totemobjekt und das dauernd ver- 
breitetste das Tier ist, und daß zweitens unter den Totemtieren 
wieder die ursprünglichsten mit Seelentieren zusammenfallen. 1 

P Seelentiere, wie Vögel, Schlange, Eidechse, Maus eignen sich durch 
ihre schnelle Beweglichkeit, ihren Flug in der Luft, durch andere 
Überraschung und Grauen erregende Eigenschaften dazu, als die 
Träger der den Körper verlassenden Seele erkannt zu werden. Das 
Totemtier ist ein Abkömmling der Tierverwandlungen der Hauch- 
seele. So mündet hier für Wundt der Totemismus unmittelbar 
in den Seelenglauben oder Animismus ein. 

b) und c) Die Herkunft der Exogamie und ihre 
Beziehung zum Totemismus 

Ich habe die Theorien des Totemismus mit einiger Ausführ- 
lichkeit vorgebracht und muß dennoch befürchten, daß ich deren 
Eindruck durch die immerhin notwendige Verkürzung geschadet 
habe. In betreff der weiteren Fragen nehme ich mir im Interesse 
der Leser die Freiheit einer noch weitergehenden Zusammendrän- 
gung. Die Diskussionen über Exogamie der Totemvölker werden 
durch die Natur des dabei verwerteten Materials besonders kom- 
pliziert und unübersehbar; man könnte sagen: verworren. Die 
Ziele dieser Abhandlung gestatten es auch, daß ich mich hier 
auf Hervorhebung einiger Richtlinien beschränke und für eine 
gründlichere Verfolgung des Gegenstandes auf die mehrmals 
zitierten eingehenden Fachschriften verweise. 

Die Stellung eines Autors zu den Problemen der Exogamie ist 
natürlich nicht unabhängig von seiner Parteinahme für diese oder 
jene Totemtheorie. Einige von diesen Erklärungen des Totemismus 
lassen jede Anknüpfung an die Exogamie vermissen, so daß die 
beiden Institutionen glatt auseinanderfallen. So stehen hier zwei 



i) Wundt, Elemente der Völkerpsychologie, p. 190. 
Freud, Totem. 



10 



146 Totem und Tabu 



Anschauungen einander gegenüber, die eine, welche den ursprüng- 
lichen Anschein festhalten will, die Exogamie sei ein wesentliches 
Stück des totemistischen Systems, und eine andere, welche einen 
solchen Zusammenhang bestreitet und an ein zufälliges Zusammen- 
treffen der beiden Züge ältester Kulturen glaubt. Frazer hat in 
seinen späteren Arbeiten diesen letzteren Standpunkt mit Ent- 
schiedenheit vertreten. 

„/ must request the reader to bear constantly in mind that the 
two institutions of totemism and exogamy are fundamentally dis- 
tinct in origin and nature though they have accidentally crossed 
and blended in many tribes." (T. and Ex., L, Vorrede XII.) 

Er warnt direkt vor der gegenteiligen Ansicht als einer Quelle 
unendlicher Schwierigkeiten und Mißverständnisse. Im Gegensatz 
hiezu haben andere Autoren den Weg gefunden, die Exogamie 
als notwendige Folge der totemistischen Grundanschauungen zu 
begreifen. Durkheim hat in seinen Arbeiten 1 ausgeführt, wie 
das an den Totem geknüpfte Tabu das Verbot mit sich bringen 
mußte, ein Weib des nämlichen Totem zum geschlechtlichen Ver- 
kehr zu gebrauchen. Der Totem ist von demselben Blut wie der 
Mensch, und darum verbietet der Blutbann (mit Rücksicht ai 
Defloration und Menstruation) den sexuellen Verkehr mit dem 
Weibe, das demselben Totem angehört. 2 A. Lang, der sich hierin 
Durkheim anschließt, meint sogar, es bedürfte nicht des Blut- 
tabu, um das Verbot der Frauen des gleichen Stammes zu be- 
wirken. 3 Das allgemeine Totemtabu, welches z. B. verbietet, im 
Schatten des Totembaumes zu sitzen, würde hiefür hingereicht 
haben. A. Lang verficht übrigens auch eine andere Ableitung 
der Exogamie (s. u.) und läßt es zweifelhaft, wie sich diese beidei 
Erklärungen zueinander verhalten. 



1) L'annee sociologique 1898 — 1904. 

2) Siehe die Kritik der Erörterungen Durkheims bei Frazer. T. and Ex. IV, 
p. 101. 

3) Secret etc., p. 125. 






I I . 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus 



147 



In betreff der zeitlichen Verhältnisse huldigt die Mehrzahl der 
Autoren der Ansicht, der Totemismus sei die ältere Institution, 
die Exogamie später hinzugekommen. 1 

Unter den Theorien, welche die Exogamie unabhängig vom 
Totemismus erklären wollen, seien nur einige hervorgehoben, 
welche die verschiedenen Einstellungen der Autoren zum Inzest- 
problem erläutern. 

Mac Lennan 2 hatte die Exogamie in geistreicher Weise aus 
den Überresten von Sitten erraten, welche auf den ehemaligen 
Frauenraub hindeuteten. Er nahm nun an, daß es in Urzeiten 
allgemein gebräuchlich gewesen sei, sich das Weib aus einem 
fremden Stamm zu holen, und die Heirat mit einem Weib aus 
dem eigenen Stamm sei allmählich unerlaubt geworden, weil sie 
ungewöhnlich war. 3 Das Motiv für diese Gewohnheit der Exogamie 
suchte er in einem Frauenmangel jener primitiven Stämme, der sich 
aus dem Gebrauch, die meisten weiblichen Kinder bei der Geburt 
zu töten, ergeben hatte. Wir haben es hier nicht mit der Nach- 
prüfung zu tun, ob die tatsächlichen Verhältnisse die Annahmen 
MacLennans bestätigen. Weit mehr interessiert uns das Argument, 
daß es unter den Voraussetzungen des Autors doch unerklärlich 
bliebe, warum sich die männlichen Mitglieder des Stammes auch 
die wenigen Frauen aus ihrem Blut unzugänglich machen sollten, und 
die Art, wie hier das Inzestproblem gänzlich beiseite gelassen wird. 4 

Im Gegensatz hiezu und offenbar mit mehr Recht haben an- 
dere Forscher die Exogamie als eine Institution zur Verhütung 
des Inzests erfaßt. 5 

Überblickt man die allmählich wachsende Komplikation der 
australischen Heiratsbeschränkungen, so kann man nicht anders 

1) Zum Beispiel Fr a z er, 1. C, IV, p. 75 : „The totemic clan is a totally different social orga- 
msm from the exogamous class, and we have good grounds for thinking that it is far older. u 

2) Primitive marriage 1865. 

5) „Improper because it was unusual." 

4) Frazer, 1. c. IV, p. 73 bis 92. 

5) Vg 1 - die ers *e Abhandlung. 



X a8 Totem und Tabu 



als der Ansicht von Morgan, Frazer, Howitt, Baldwin Spencer 1 
beistimmen, daß diese Einrichtungen das Gepräge zielbewußter 
Absicht {„deliberate design" nach Frazer) an sich tragen, und 
daß sie das erreichen sollten, was sie tatsächlich geleistet haben. 
„In no other way does it seem possible to explain in all its de- 
tails a system at once so complex and so regulär." 2 

Es ist interessant hervorzuheben, daß die ersten der durch die 
Einführung von Heiratsklassen erzeugten Beschränkungen die 
Sexualfreiheit der jüngeren Generation, also den Inzest von Ge- 
schwistern und von Söhnen mit ihrer Mutter trafen, während der 
Inzest zwischen Vater und Tochter erst durch weitergehende Maß- 
regeln aufgehoben wurde. 

Die Zurückführung der exogamischen Sexualbeschränkungen 
auf gesetzgeberische Absicht leistet aber nichts für das Verständnis 
des Motivs, welches diese Institutionen geschaffen hat. Woher 
stammt in letzter Auflösung die Inzestscheu, welche als die Wurzel 
der Exogamie erkannt werden muß? Es ist offenbar nicht genü- 
gend, sich zur Erklärung der Inzestscheu auf eine instinktive 
Abneigung gegen sexuellen Verkehr unter Blutsverwandten, d. h. 
also auf die Tatsache der Inzestscheu zu berufen, wenn die soziale 
Erfahrung nachweist, daß der Inzest diesem Instinkt zum Trotz 
kein seltenes Vorkommnis selbst in unserer heutigen Gesellschaft 
ist, und wenn die historische Erfahrung Fälle kennen lehrt, in 
denen die inzestuöse Ehe bevorzugten Personen zur Vorschrift 
gemacht wurde. 

Westermarck 3 machte zur Erklärung der Inzestscheu geltend, 
„daß zwischen Personen, die von Kindheit an beisammen leben, 
eine angeborene Abneigung gegen den Geschlechtsverkehr herrscht, 
und daß dieses Gefühl, da diese Personen in der Regel blutsver- 



i) Morgan, Ancient Society 1877. — Frazer, T. and Ex. IV, p. 105fr. 

2) Frazer, 1. c, p. 106. 

3) Ursprung und Entwicklung der Moralbegriffe. II. Die Ehe. 1909. Dort auch 
die Verteidigung des Autors gegen ihm bekannt gewordene Einwendungen. 



I 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus 14g 

wandt sind, in Sitte und Gesetz einen natürlichen Ausdruck findet 
durch den Abscheu vor dem Geschlechtsumgang unter nahen Ver- 
wandten". Havelock Ellis bestritt zwar den triebhaften Charakter 
dieser Abneigung in seinen „Studies in the psychology of sex", 
trat aber sonst im wesentlichen derselben Erklärung bei, indem 
er äußerte: „das normale Unterbleiben des Zutagetretens des 
Paarungstriebes dort, wo es sich um Brüder und Schwestern oder 
um von Kindheit auf beisammenlebende Mädchen und Knaben 
handelt, ist eine rein negative Erscheinung, welche daher kommt, 
daß unter jenen Umständen die den Paarungstrieb erweckenden 
Vorbedingungen durchaus fehlen müssen . . . Zwischen Personen, 
die von Kindheit zusammen aufgewachsen sind, hat die Gewöh- 
nung alle sinnlichen Reize des Sehens, des Hörens und der Be- 
rührung abgestumpft, in die Bahn einer ruhigen Zuneigung ge- 
lenkt und ihrer Macht beraubt, die zur Erzeugung geschlecht- 
licher Tumeszenz erforderliche nötige erethistische Erregung her- 
vorzurufen." 

Es erscheint mir sehr merkwürdig, daß Westermarck diese 
angeborene Abneigung gegen den Geschlechtsverkehr mit Personen, 
mit denen man die Kindheit geteilt hat, gleichzeitig als psychi- 
sche Repräsentanz der biologischen Tatsache ansieht, daß Inzucht 
eine Schädigung der Gattung bedeutet. Ein derartiger biologischer 
Instinkt würde in seiner psychologischen Äußerung so weit irre- 
gehen, daß er anstatt der für die Fortpflanzung schädlichen Bluts- 
verwandten die in dieser Hinsicht ganz harmlosen Haus- und 
Herdgenossen träfe. Ich kann es mir aber auch nicht versagen, 
die ganz ausgezeichnete Kritik mitzuteilen, welche Frazer der 
Behauptung von Westermarck entgegenstellt. Frazer findet es 
unbegreiflich, daß das sexuelle Empfinden sich heute so gar nicht 
gegen den Verkehr mit Herdgenossen sträubt, während die Inzest- 
scheu, die nur ein Abkömmling von diesem Sträuben sein soll, 
gegenwärtig so übermächtig angewachsen ist. Tiefer dringen aber 
andere Bemerkungen Frazers, die ich unverkürzt hieher setze 






150 



Totem und Tabu 



weil sie im Wesen mit den in meinem Aufsatz über das Tabu 
entwickelten Argumenten zusammentreffen. 

„Es ist nicht leicht einzusehen, warum ein tief wurzelnder 
menschlicher Instinkt die Verstärkung durch ein Gesetz benötigen 
sollte. Es gibt kein Gesetz, welches den Menschen befiehlt zu 
essen und zu trinken, oder ihnen verbietet, ihre Hände ins 
Feuer zu stecken. Die Menschen essen und trinken und halten 
ihre Hände vom Feuer weg, instinktgemäß, aus Angst vor natür- 
lichen und nicht vor gesetzlichen Strafen, die sie sich durch Be- 
leidigung dieser Triebe zuziehen würden. Das Gesetz verbietet 
dem Menschen nur, was sie unter dem Drängen ihrer Triebe 
ausführen könnten. Was die Natur selbst verbietet und bestraft, 
das braucht nicht erst das Gesetz zu verbieten und zu strafen. 
Wir dürfen daher auch ruhig annehmen, daß Verbrechen, die 
durch ein Gesetz verboten werden, Verbrechen sind, die viele 
Menschen aus natürlichen Neigungen gern begehen würden. Wenn 
es keine solche Neigung gäbe, kämen keine solche Verbrechen vor 
und wenn solche Verbrechen nicht begangen würden, wozu 
brauchte man sie zu verbieten? Anstatt also aus dem gesetzlichen 
Verbot des Inzests zu schließen, daß eine natürliche Abneigung 
gegen den Inzest besteht, sollten wir eher den Schluß ziehen, daß 
ein natürlicher Instinkt zum Inzest treibt, und daß, wenn das 
Gesetz diesen Trieb wie andere natürliche Triebe unterdrückt 
dies seinen Grund in der Einsicht zivilisierter Menschen hat, daß 
die Befriedigung dieser natürlichen Triebe der Gesellschaft Schaden 
bringt." 1 

Ich kann dieser kostbaren Argumentation Frazers noch hin- 
zufügen, daß die Erfahrungen der Psychoanalyse die Annahme 
einer angeborenen Abneigung gegen den Inzestverkehr vollends 
unmöglich machen. Sie haben im Gegenteile gelehrt, daß die 
ersten sexuellen Regungen des jugendlichen Menschen regelmäßig 
inzestuöser Natur sind, und daß solche verdrängte Regungen als 

1) 1. c, P . 97 . 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus 151 

Triebkräfte der späteren Neurosen eine kaum zu überschätzende 
Rolle spielen. 

Die Auffassung der Inzestscheu als eines angeborenen Instinkts 
muß also fallen gelassen werden. Nicht besser steht es um eine 
andere Ableitung des Inzestverbots, welche sich zahlreicher An- 
hänger erfreut, um die Annahme, daß die primitiven Völker früh- 
zeitig bemerkt haben, mit welchen Gefahren die Inzucht ihr 
Geschlecht bedrohe, und daß sie darum in bewußter Absicht das 
Inzestverbot erlassen hätten. Die Einwendungen gegen diesen Er- 
klärungsversuch drängen einander. 1 Nicht nur, daß das Inzestverbot 
älter sein muß als alle Haustierwirtschaft, an welcher der Mensch 
Erfahrungen über die Wirkung der Inzucht auf die Eigenschaften 
der Rasse machen konnte, sondern die schädlichen Folgen der 
Inzucht sind auch heute noch nicht über jeden Zweifel sicher- 
gestellt und beim Menschen nur schwer nachweisbar. Ferner 
macht alles, was wir über die heutigen Wilden wissen, es sehr 
unwahrscheinlich, daß die Gedanken ihrer entferntesten Ahnen 
bereits mit der Verhütung von Schäden für ihre spätere Nach- 
kommenschaft beschäftigt waren. Es klingt fast lächerlich, wenn 
man diesen ohne jeden Vorbedacht lebenden Menschenkindern 
hygienische und eugenische Motive zumuten will, wie sie noch 
kaum in unserer heutigen Kultur Berücksichtigung gefunden 
haben. 2 

Endlich wird man auch geltend machen müssen, daß das aus 
praktisch hygienischen Motiven gegebene Verbot der Inzucht als 
eines die Rasse schwächenden Moments ganz unangemessen er- 
scheint, um den tiefen Abscheu zu erklären, welcher sich in un- 
serer Gesellschaft gegen den Inzest erhebt. Wie ich an anderer 
Stelle dargetan habe, 3 erscheint diese Inzestscheu bei den heute 



1) Vgl. Durkheim, La prohibition de l'Inceste. L'annee sociologique, I, 1896/97. 

2) Ch. Darwin meint von den Wilden: „they are not likely to refleet on distant evils 
to their progeny." 

3) Vgl. die erste Abhandlung. 



15 2 Totem und Tabu 












lebenden primitiven Völkern eher noch reger und stärker als bei 
den zivilisierten. 

Während man erwarten konnte, auch für die Ableitung der 
Inzestscheu die Wahl zu haben zwischen soziologischen, biologi- 
schen und psychologischen Erklärungsmöglichkeiten, wobei noch 
die psychologischen Motive vielleicht als Repräsentanz von bio- 
logischen Mächten zu würdigen wären, sieht man sich am Ende 
der Untersuchung genötigt, dem resignierten Ausspruch Frazers 
beizutreten: Wir kennen die Herkunft der Inzestscheu nicht und 
wissen selbst nicht, worauf wir raten sollen. Keine der bisher 
vorgebrachten Lösungen des Rätsels erscheint uns befriedigend. 1 

Ich muß noch eines Versuches erwähnen, die Entstehung der 
Inzestscheu zu erklären, welcher von ganz anderer Art ist als die 
bisher betrachteten. Man könnte ihn als eine historische Ableitung 
bezeichnen. 

Dieser Versuch knüpft an eine Hypothese von Ch. Darwin 
über den sozialen Urzustand des Menschen an. Darwin schloß 
aus den Lebensgewohnheiten der höheren Affen, daß auch der 
Mensch ursprünglich in kleineren Horden gelebt habe, innerhalb 
welcher die Eifersucht des ältesten und stärksten Männchens die 
sexuelle Promiskuität verhinderte. „Wir können in der Tat nach 
dem was wir von der Eifersucht aller Säugetiere wissen, von 
denen viele mit speziellen Waffen zum Kämpfen mit ihren Neben- 
buhlern bewaffnet sind, schließen, daß allgemeine Vermischung 
der Geschlechter im Naturzustand äußerst unwahrscheinlich ist . . . 
Wenn wir daher im Strome der Zeit weit genug zurückblicken 
und nach den sozialen Gewohnheiten des Menschen, wie er jetzt 
existiert, schließen, ist die wahrscheinlichste Ansicht die, daß der 
Mensch ursprünglich in kleinen Gesellschaften lebte, jeder Mann 
mit einer Frau oder, hatte er die Macht, mit mehreren, welche 

1) „Thus the ultimate origin of exogamy and with it the law of incest — since exogamy 
was devised to prevent incest — remains a problem nearly as dark as euer." T. and Ex. I, 
p. 165. 



er eifersüchtig gegen alle anderen Männer verteidigte. Oder er 
mag kein soziales Tier gewesen sein und doch mit mehreren 
Frauen für sich allein gelebt haben wie der Gorilla; denn alle 
Eingeborenen stimmen darin überein, daß nur ein erwachsenes 
Männchen in einer Gruppe zu sehen ist. Wächst das junge Männ- 
chen heran, so findet ein Kampf um die Herrschaft statt, und der 
Stärkste setzt sich dann, indem er die anderen getötet oder ver- 
trieben hat, als Oberhaupt der Gesellschaft fest (Dr. Sa vage in 
Boston Journal of Natur. Hist. V., 1845 bis 1847). Die jüngeren 
Männchen, welche hiedurch ausgestoßen sind und nun herum- 
wandern, werden auch, wenn sie zuletzt beim Finden einer Gattin 
erfolgreich sind, die zu enge Inzucht innerhalb der Glieder einer 
und derselben Familie verhüten." 1 

Atkinson 2 scheint zuerst erkannt zu haben, daß diese Verhält- 
nisse der Darwinschen Urhorde die Exogamie der jungen Männer 
praktisch durchsetzen mußten. Jeder dieser Vertriebenen konnte 
eine ähnliche Horde gründen, in welcher dasselbe Verbot des 
Geschlechtsverkehrs dank der Eifersucht des Oberhauptes galt, und 
im Laufe der Zeit würde sich aus diesen Zuständen die jetzt als 
Gesetz bewußte Regel ergeben haben: Kein Sexualverkehr mit 
den Herdgenossen. Nach Einsetzung des Totemismus hätte sich 
die Regel in die andere Form gewandelt: Kein Sexual verkehr 
innerhalb des Totem. 

A. Lang 3 hat sich dieser Erklärung der Exogamie angeschlossen. 
Er vertritt aber in demselben Buche die andere (Durkheimsche) 
Theorie, welche die Exogamie als Konsequenz aus den Totemgesetzen 
hervorgehen läßt. Es ist nicht ganz einfach, die beiden Auffassungen 
miteinander zu vereinigen; im ersten Falle hätte die Exogamie vor dem 
Totemismus bestanden, im zweiten wäre sie eine Folge desselben.* 

1) Abstammung des Menschen, übersetzt von V. Carus, II. Bd., Kap. 20, p. 341. 

2) Primal Law, London 1903 (mit A. Lang, Social Origins). 

3) Secret of the Totem, p. 114, 145. 

4) »V " be granted that exogamy existed in practice, on the lines of Mr. Darwins 
theory, before the totem belief s lent to the practice a sacred sanction, our task is relatively 







154 



Totem und Tabu 



Einen einzigen Lichtstrahl wirft die psychoanalytische Erfahrung 
in dieses Dunkel. 

Das Verhältnis des Kindes zum Tiere hat viel Ähnlichkeit mit 
dem des Primitiven zum Tiere. Das Kind zeigt noch keine Spur 
von jenem Hochmut, welcher dann den erwachsenen Kultur- 
menschen bewegt, seine eigene Natur durch eine scharfe Grenz- 
linie von allem anderen Animalischen abzusetzen. Es gesteht dem 
Tiere ohne Bedenken die volle Ebenbürtigkeit zu; im ungehemmten 
Bekennen zu seinen Bedürfnissen fühlt es sich wohl dem Tiere 
verwandter als dem ihm wahrscheinlich rätselhaften Erwachsenen. 

In diesem ausgezeichneten Einverständnis zwischen Kind und 
Tier tritt nicht selten eine merkwürdige Störung auf. Das Kind 
beginnt plötzlich eine bestimmte Tierart zu fürchten und sich 
vor der Berührung oder dem Anblick aller einzelnen dieser Art 
zu schützen. Es stellt sich das klinische Bild einer Tierphobie 
her, eine der häufigsten unter den psychoneurotischen Erkran- 
kungen dieses Alters und vielleicht die früheste Form solcher Er- 
krankung. Qie Phobie betrifft in der Regel Tiere, für welche das 
Kind bis dahin ein besonders lebhaftes Interesse gezeigt hatte, sie 
hat mit dem Einzeltier nichts zu tun. Die Auswahl unter den 
Tieren, welche Objekte der Phobie werden können, ist unter 
städtischen Bedingungen nicht groß. Es sind Pferde, Hunde, Katzen, 
seltener Vögel, auffällig häufig kleinste Tiere wie Käfer und 
Schmetterlinge. Manchmal werden Tiere, die dem Kind nur aus 

easf. The first practica! rule would be tkat of the jealous Sire ,No males to touch the females 
in my camp', with expulsion of adolescent sons. In efflux of time that rule, become 
habitual, would be, ,2Vo marriage within the local group\ Next let the local groups receive 
names, such as Emus, Crows, Opossums, Snipes, and the rule becomes, Jtfo Marriage within 
tlie local group of animal name; no Snipe to marry a Snipe 1 . But, if the primal groups were 
not exogamous, they would become so, as soon as tötende myths and tabus were developed out 
of the animal, vegetable, and other names of small local groups." Secret of the Totem 
p. 143. (Die Hervorhebung in der Mitte dieser Stelle ist mein Werk.) — In seiner 
letzten Äußerung über den Gegenstand (Folklore, Dezember 1911) teilt A. Lang 
übrigens mit, daß er die Ableitung der Exogamie aus dem „general totemic« Tabu 
aufgegeben habe. 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus 155 

Bilderbuch und Märchenerzählung bekannt worden sind, Objekte 
der unsinnigen und unmäßigen Angst, welche sich bei diesen 
Phobien zeigt; selten gelingt es einmal die Wege zu erfahren, 
auf denen sich eine ungewöhnliche Wahl des Angsttieres voll- 
zogen hat. So verdanke ich K. Abraham die Mitteilung eines 
Falles, in welchem ein Kind seine Angst vor Wespen selbst durch 
die Angabe aufklärte, die Farbe und Streifung des Wespenleibes 
hätte es an den Tiger denken lassen, vor dem es sich nach allem 
Gehörten fürchten durfte. 

Die Tierphobien der Kinder sind noch nicht Gegenstand auf- 
merksamer analytischer Untersuchung geworden, obwohl sie es 
im hohen Grade verdienen. Die Schwierigkeiten der Analyse mit 
Kindern in so zartem Alter sind wohl das Motiv der Unterlassung 
gewesen. Man kann daher nicht behaupten, daß man den allge- 
meinen Sinn dieser Erkrankungen kennt, und ich meine selbst, 
daß er sich nicht als einheitlich herausstellen dürfte. Aber einige 
Fälle von solchen auf größere Tiere gerichteten Phobien haben 
sich der Analyse zugänglich erwiesen und so dem Untersucher 
ihr Geheimnis verraten. Es war in jedem Falle das nämliche: die 
Angst galt im Grunde dem Vater, wenn die untersuchten Kinder 
Knaben waren, und war nur auf das Tier verschoben worden. 

Jeder in der Psychoanalyse Erfahrene hat gewiß solche Fälle 
gesehen und von ihnen den nämlichen Eindruck empfangen. Doch 
kann ich mich nur auf wenige ausführliche! Publikationen dar- 
über berufen. Es ist dies ein Zufall der Literatur, aus welchem 
nicht geschlossen werden sollte, daß wir unsere Behauptung über- 
haupt nur auf vereinzelte Beobachtungen stützen können. Ich 
erwähne z. B. einen Autor, welcher sich verständnisvoll mit den 
Neurosen des Kindesalters beschäftigt hat, M. Wulff (Odessa). Er 
erzählt im Zusammenhange der Krankengeschichte eines neun- 
jährigen Knaben, daß dieser mit vier Jahren an einer Hundephobie 
gelitten hat. „Als er auf der Straße einen Hund vorbeilaufen sah, 
weinte er und schrie: ,Lieber Hund, fasse mich nicht, ich will 



Jö 6 Totem und Tabu 



artig sein.' Unter ,artig sein' meinte er: ,nicht mehr Geige spielen' 
(onanieren)." 1 

Derselbe Autor resümiert später: „Seine Hundephobie ist eigent- 
lich die auf die Hunde verschobene Angst vor dem Vater, denn 
seine sonderbare Äußerung: ,Hund, ich will artig sein' — d. h. 
nicht masturbieren — bezieht sich doch eigentlich auf den Vater 
der die Masturbation verboten hat." In einer Anmerkung setzt 
er dann hinzu, was sich eben so völlig mit meiner Erfahrung 
deckt und gleichzeitig die Reichlichkeit solcher Erfahrungen be- 
zeugt: „Solche Phobien (Pferdephobien, Hundephobien, Katzen, 
Hühner und andere Haustiere) sind, glaube ich, im Kindesalter 
mindestens ebenso verbreitet wie der pavor nocturnus und lassen 
sich in der Analyse fast immer als eine Verschiebung der Angst 
von einem der Eltern auf die Tiere entpuppen. Ob die so ver- 
breitete Mäuse- und Rattenphobie denselben Mechanismus hat 
möchte ich nicht behaupten." 

Im ersten Band des Jahrbuches für psychoanalytische und psycho- 
pathologische Forschungen teilte ich die „Analyse der Phobie 
eines fünfjährigen Knaben" mit, welche mir der Vater des 
kleinen Patienten zur Verfügung gestellt hatte. Es war eine Angst 
vor Pferden, in deren Konsequenz der Knabe sich weigerte, auf 
die Straße zu gehen. Er äußerte die Befürchtung, das Pferd werde 
ins Zimmer kommen, werde ihn beißen. Es erwies sich, daß dies 
die Strafe für seinen Wunsch sein sollte, daß das Pferd umfallen 
(sterben) möge. Nachdem man dem Knaben durch Zusicherungen 
die Angst vor dem Vater benommen hatte, ergab es sich, daß er 
gegen Wünsche ankämpfte, die das Wegsein (Abreisen, Sterben) 
des Vaters zum Inhalt hatten. Er empfand den Vater, wie er 
überdeutlich zu erkennen gab, als Konkurrenten in der Gunst 
der Mutter, auf welche seine keimenden Sexualwünsche in dunkeln 
Ahnungen gerichtet waren. Er befand sich also in jener typischen 

i) M. Wulff, Beiträge zur infantilen Sexualität. Zentralblatt für Psychoanalyse 
1912, II, Nr. 1, p. i 5 ff. 






Einstellung des männlichen Kindes zu den Eltern, welche wir 
als den „Ödipus-Komplex" bezeichnen, und in der wir den Kern- 
komplex der Neurosen überhaupt erkennen. Was wir neu aus der 
Analyse des „kleinen Hans" erfahren, ist die für den Totemismus 
wertvolle Tatsache, daß das Kind unter solchen Bedingungen einen 
Anteil seiner Gefühle von dem Vater weg auf ein Tier verschiebt. 

Die Analyse weist die inhaltlich bedeutsamen wie die zufälligen 
Assoziationswege nach, auf welchen eine solche Verschiebung vor 
sich geht. Sie läßt auch die Motive derselben erraten. Der aus 
der Nebenbuhlerschaft bei der Mutter hervorgehende Haß kann 
sich im Seelenleben des Knaben nicht ungehemmt ausbreiten, er 
hat mit der seit jeher bestehenden Zärtlichkeit und Bewunderung 
für dieselbe Person zu kämpfen, das Kind befindet sich in doppel- 
sinniger — ambivalenter — Gefühlseinstellung gegen den Vater 
und schafft sich Erleichterung in diesem Ambivalenzkonflikt, wenn 
es seine feindseligen und ängstlichen Gefühle auf ein Vatersurrogat 
verschiebt. Die Verschiebung kann den Konflikt allerdings nicht 
in der Weise erledigen, daß sie eine glatte Scheidung der zärt- 
lichen von den feindseligen Gefühlen herstellt. Der Konflikt setzt 
sich vielmehr auf das Verschiebungsobjekt fort, die Ambivalenz 
greift auf dieses letztere über. Es ist unverkennbar, daß der kleine 
Hans den Pferden nicht nur Angst, sondern auch Respekt und 
Interesse entgegenbringt. Sowie sich seine Angst ermäßigt hat, 
identifiziert er sich selbst mit dem gefürchteten Tier, springt als 
Pferd herum und beißt nun seinerseits den Vater. 1 In einem an- 
deren Auflösungsstadium der Phobie macht es ihm nichts, die 
Eltern mit anderen großen Tieren zu identifizieren. 2 

Man darf den Eindruck aussprechen, daß in diesen Tierphobien 
der Kinder gewisse Züge des Totemismus in negativer Ausprägung 
wiederkehren. Wir verdanken aber S. Ferenczi die vereinzelt 
schöne Beobachtung eines Falles, den man nur als positiven Tote- 



i) 1. c. [Ges. Schriften, VIII, S. 169]. 
2) Die Giraffenphantasie [1. c, S. 155]. 



158 Totem und Tabu 



mismus bei einem Kinde bezeichnen kann. 1 Bei dem kleinen Arpäd, 
von dem Ferenczi berichtet, erwachen die totemistischen Inter- 
essen allerdings nicht direkt im Zusammenhang des Ödipus-Kom- 
plexes, sondern auf Grund der narzißtischen Voraussetzung des- 
selben, der Kastrationsangst. Wer aber die Geschichte des kleinen 
Hans aufmerksam durchsieht, wird auch in dieser die reichlichsten 
Zeugnisse dafür finden, daß der Vater als der Besitzer des großen 
Genitales bewundert und als der Bedroher des eigenen Genitales 
gefürchtet wird. Im Ödipus- wie im Kastrations-Komplex spielt der 
Vater die nämliche Rolle, die des gefürchteten Gegners der in- 
fantilen Sexualinteressen. Die Kastration und ihr Ersatz durch die 
Blendung ist die von ihm drohende Strafe. 8 

Als der kleine Arpad zweieinhalb Jahre alt war, versuchte er 
einmal in einem Sommeraufenthalte ins Geflügelhaus zu urinieren 
wobei ihn ein Huhn ins Glied biß oder nach seinem Glied 
schnappte. Als er ein Jahr später an denselben Ort zurückkehrte 
wurde er selbst zum Huhn, er interessierte sich nur mehr für 
das Geflügelhaus und alles, was darin vorging, und gab seine 
menschliche Sprache gegen Gackern und Krähen auf. Zur Zeit 
der Beobachtung (fünf Jahre) sprach er wieder, aber beschäftigte 
sich auch in der Rede ausschließlich nur mit Hühnern und an- 
derem Geflügel. Er spielte mit keinem anderen Spielzeug, sang 
nur Lieder, in denen etwas vom Federvieh vorkam. Sein Benehmen 
gegen sein Totemtier war exquisit ambivalent, übermäßiges Hassen 
und Lieben. Am liebsten spielte er Hühnerschlachten. „Das Schlachten 
des Federviehs ist ihm überhaupt ein Fest. Er ist imstande, stunden- 
lang um die Tierleichen erregt herumzutanzen." Aber dann küßte 
und streichelte er das geschlachtete Tier, reinigte und liebkoste 
die von ihm selbst mißhandelten Ebenbilder von Hühnern. 



1) S. Ferenczi, Ein kleiner Hahnemann. Intern. Zeitschrift für ärztliche Psycho- 
analyse, 1913, I, Nr. 5. 

2) Über den Ersatz der Kastration durch die auch im Ödipus-Mythus enthaltene 
Blendung vgl. die Mitteilungen von Reitler, Ferenczi, Rank und Eder in Inter- 
nationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse, 1913, I, Nr. 2. 



.. 



Der kleine Arpad sorgte selbst dafür, daß der Sinn seines son- 
derbaren Treibens nicht verborgen bleiben konnte. Er übersetzte 
gelegentlich seine Wünsche aus der totemistischen Ausdrucksweise 
zurück in die des Alltagslebens. „Mein Vater ist der Hahn", sagte 
er einmal. „Jetzt bin ich klein, jetzt bin ich ein Küchlein. Wenn 
ich größer werde, bin ich ein Huhn. Wenn ich noch größer 
werde, bin ich ein Hahn." Ein andermal wünscht er sich plötzlich 
eine „eingemachte Mutter" zu essen (nach der Analogie des ein- 
gemachten Huhns). Er war sehr freigebig mit deutlichen Kastra- 
tionsandrohungen gegen andere, wie er sie wegen onanistischer 
Beschäftigung mit seinem Gliede selbst erfahren hatte. 

Über die Quelle seines Interesses für das Treiben im Hühner- 
hof blieb nach Ferenczi kein Zweifel: „Der rege Sexualverkehr 
zwischen Hahn und Henne, das Eierlegen und das Herauskriechen 
der jungen Brut" befriedigten seine sexuelle Wißbegierde, die 
eigentlich dem menschlichen Familienleben galt. Nach dem Vor- 
bild des Hühnerlebens hatte er seine Objektwünsche geformt, 
wenn er einmal der Nachbarin sagte: „Ich werde Sie heiraten 
und Ihre Schwester und meine drei Cousinen und die Köchin, 
nein, statt der Köchin lieber die Mutter." 

Wir werden an späterer Stelle die Würdigung dieser Beob- 
achtung vervollständigen können; heben wir jetzt nur als wert- 
volle Übereinstimmungen mit dem Totemismus zwei Züge hervor: 
Die volle Identifizierung mit dem Totemtier 1 und die ambivalente 
Gefühlseinstellung gegen dasselbe. Wir halten uns nach diesen 
Beobachtungen für berechtigt, in die Formel des Totemismus — 
für den Mann — den Vater an Stelle des Totemtieres einzu- 
setzen. Wir merken dann, daß wir damit keinen neuen oder be- 
sonders kühnen Schritt getan haben. Die Primitiven sagen es ja 
selbst und bezeichnen, soweit noch heute das totemistische System 
in Kraft besteht, den Totem als ihren Ahnherrn und Urvater. 

1) In welcher nach Frazer das Wesentliche des Totemismus gegeben ist: 
„Totemism is an Identification of a man witk his totem." T. and Ex., IV, p. 5. 



I 



i6o 



Totem und Tabu 



Wir haben nur eine Aussage dieser Völker wörtlich genommen, mit 
welcher die Ethnologen wenig anzufangen wußten, und die sie darum 
gern in den Hintergrund gerückt haben. Die Psychoanalyse mahnt 
uns, im Gegenteile gerade diesen Punkt hervorzusuchen und an 
ihn den Erklärungsversuch des Totemismus zu knüpfen. 1 

Das erste Ergebnis unserer Ersetzung ist sehr merkwürdig. 
Wenn das Totemtier der Vater ist, dann fallen die beiden Haupt- 
gebote des Totemismus, die beiden Tabuvorschriften, die seinen 
Kern ausmachen, den Totem nicht zu töten und kein Weib, das 
dem Totem angehört, sexuell zu gebrauchen, inhaltlich zusammen 
mit den beiden Verbrechen des Ödipus, der seinen Vater tötete 
und seine Mutter zum Weibe nahm, und mit den beiden Ur- 
wünschen des Kindes, deren ungenügende Verdrängung oder deren 
Wiedererweckung den Kern vielleicht aller Psychoneurosen bildet. 
Sollte diese Gleichung mehr als ein irreleitendes Spiel des Zufalls 
sein, so müßte sie uns gestatten, ein Licht auf die Entstehung 
des Totemismus in unvordenklichen Zeiten zu werfen. Mit anderen 
Worten, es müßte uns gelingen wahrscheinlich zu machen, daß 
das totemistische System sich aus den Bedingungen des Ödipus- 
Komplexes ergeben hat wie die Tierphobie des „kleinen Hans" 
und die Geflügelperversion des „kleinen Arpäd". Um dieser Mög- 
lichkeit nachzugehen, werden wir im folgenden eine Eigentüm- 
lichkeit des totemistischen Systems oder, wie wir sagen können 
der Totemreligion studieren, welche bisher kaum Erwähnung 
finden konnte. 

4 

Der im Jahre 1894 verstorbene W. Robertson Smith, Physiker, 
Philologe, Bibelkritiker und Altertumsforscher, ein ebenso viel- 
seitiger wie scharfsichtiger und freidenkender Mann, sprach in 

1) O. Rank verdanke ich die Mitteilung eines Falles von Hundephobie bei einem 
intelligenten jungen Manne, dessen Erklärung, wie er zu seinem Leiden gekommen 
sei, merklich an die oben (S. 158) erwähnte Totemtheorie der Arunta anklingt. Er 
meinte, von seinem Vater erfahren zu haben, daß seine Mutter während der Schwanger- 
schaft mit ihm einmal vor einem Hunde erschrocken sei. 



Di£ infantile Wiederkehr des Totemismus x 6i 

seinem 1889 veröffentlichten Werke über die Religion der Semiten 1 
die Annahme aus, daß eine eigentümliche Zeremonie, die soge- 
nannte Totemmahlzeit, von allem Anfang an einen integrie- 
renden Bestandteil des totemistischen Systems gebildet habe. Zur 
Stütze dieser Vermutung stand ihm damals nur eine einzige, aus 
dem V. Jahrhundert n. Chr. überlieferte Beschreibung eines solchen 
Aktes zu Gebote, aber er verstand es, die Annahme durch die 
Analyse des Opferwesens bei den alten Semiten zu einem hohen 
Grad von Wahrscheinlichkeit zu erheben. Da das Opfer eine gött- 
liche Person voraussetzt, handelt es sich dabei um den Rück- 
schluß von einer höheren Phase des religiösen Ritus auf die nie- 
drigste des Totemismus. 

Ich will nun versuchen, aus dem ausgezeichneten Buch von 
Robertson Smith die für unser Interesse entscheidenden Sätze 
-über Ursprung und Bedeutung des Opferritus herauszuheben unter 
Weglassung aller oft so reizvollen Details und mit konsequenter 
Hintansetzung aller späteren Entwicklungen. Es ist ganz ausge- 
schlossen, in einem solchen Auszug dem Leser etwas von der 
Luzidität oder von der Beweiskraft der Darstellung im Original 
zu übermitteln. 

Robertson Smith führt aus, daß das Opfer am Altar das 
wesentliche Stück im Ritus der alten Religion gewesen ist. Es 
spielt in allen Religionen die nämliche Rolle, so daß man seine 
Entstehung auf sehr allgemeine und überall gleichartig wirkende 
Ursachen zurückführen muß. 

Das Opfer — die heilige Handlung W kloyfiv (sacrificium, 
ieQovQyla) — bedeutete aber ursprünglich etwas anderes, als was 
spätere Zeiten darunter verstanden: die Darbringung an die Gott- 
heit, um sie zu versöhnen oder sich geneigt zu machen. (Von 
dem Nebensinn der Selbstentäußerung ging dann die profane Ver- 
wendung des Wortes aus.) Das Opfer war nachweisbar zuerst 

1) W. Robertson Smith, The relig-ion of the Semites. Second Edition Lon 
don 1907. ' 

Freud, Totem. 

11 



i6ü 



Totem und Tabu 









nichts anderes als „an act of social fellowship between the deity 
and his worshippers" , ein Akt der Geselligkeit, eine Kommunion 
der Gläubigen mit ihrem Gotte. 

Als Opfer wurden dargebracht eßbare und trinkbare Dinge $ 
dasselbe, wovon der Mensch sich nährte, Fleisch, Zerealien, Früchte, 
Wein und Öl, das opferte er . auch seinem Gotte. Nur in bezug 
auf das Opferfleisch bestanden Einschränkungen und Abweichungen. 
Von den Tieropfern speist der Gott gemeinsam mit seinen An- 
betern, die vegetabilischen Opfer sind ihm allein überlassen. Es 
ist kein Zweifel, daß die Tieropfer die älteren sind und einmal 
die einzigen waren. Die vegetabilischen Opfer sind aus der Dar- 
bringung der Erstlinge aller Früchte hervorgegangen und ent- 
sprechen einem Tribut an den Herrn des Bodens und des Landes. 
Das Tieropfer ist aber älter als der Ackerbau. 

Es ist aus sprachlichen Überresten gewiß, daß der dem Gott 
bestimmte Anteil des Opfers zuerst als seine wirkliche Nahrung 
angesehen wurde. Mit der fortschreitenden Dematerialisierung des 
göttlichen Wesens wurde diese Vorstellung anstößig; man wicl 
ihr aus, indem man allein den flüssigen Anteil der Mahlzeit dei 
Gottheit zuwies. Später gestattete der Gebrauch des Feuers, welcher 
das Opferfleisch auf dem Altar in Rauch aufgehen ließ, eine Zu- 
richtung der menschlichen Nahrungsmittel, durch welche sie dei 
göttlichen Wesen angemessener wurden. Die Substanz des Trink- 
opfers war ursprünglich das Blut der Opfertiere; Wein wurde 
später der Ersatz des Blutes. Der Wein galt den Alten als d* 
„Blut der Rebe", wie ihn unsere Dichter jetzt noch heißen. 

Die älteste Form des Opfers, älter als der Gebrauch des Feuei 
und die Kenntnis des Ackerbaues, war also das Tieropfer, dessei 
Fleisch und Blut der Gott und seine Anbeter gemeinsam genossen. 
Es war wesentlich, daß jeder der Teilnehmer seinen Anteil 
der Mahlzeit erhalte. 

Ein solches Opfer war eine öffentliche Zeremonie, das Fesi 
eines ganzen Clan. Die Religion war überhaupt eine allgemeint 



Di* infantile Wiederkehr des Totemismus 1 ß^ 



Angelegenheit, die religiöse Pflicht ein Stück der sozialen Ver- 
pflichtung. Opfer und Festlichkeit fallen bei allen Völkern zu- 
sammen, jedes Opfer bringt ein Fest mit sich und kein Fest kann 
ohne Opfer gefeiert werden. Das Opferfest war eine Gelegenheit 
der freudigen Erhebung über die eigenen Interessen, der Betonung 
der Zusammengehörigkeit untereinander und mit der Gottheit. 

Die ethische Macht der öffentlichen Opfermahlzeit ruhte auf 
uralten Vorstellungen über die Bedeutung des gemeinsamen Essens 
und Trinkens. Mit einem anderen zu essen und zu trinken, war 
gleichzeitig ein Symbol und eine Bekräftigung von sozialer Ge- 
meinschaft und von Übernahme gegenseitiger Verpflichtungen 5 die 
Opfermahlzeit brachte zum direkten Ausdruck, daß der Gott und 
seine Anbeter Commensalen sind, aber damit waren alle ihre 
anderen Beziehungen gegeben. Gebräuche, die noch heute unter 
den Arabern der Wüste in Kraft sind, beweisen, daß das Bindende 
an der gemeinsamen Mahlzeit nicht ein religiöses Moment ist, 
sondern der Akt des Essens selbst. Wer den kleinsten Bissen mit 
einem solchen Beduinen geteilt oder einen Schluck von seiner 
Milch getrunken hat, der braucht ihn nicht mehr als Feind zu 
fürchten, sondern darf seines Schutzes und seiner Hilfe sicher sein. 
Allerdings nicht für ewige Zeiten; streng genommen, nur für so 
lange, als der gemeinsam genossene Stoff der Annahme nach in 
seinem Körper verbleibt. So realistisch wird das Band der Ver- 
einigung aufgefaßt 5 es bedarf der Wiederholung, um es zu ver- 
stärken und dauerhaft zu machen. 

Warum wird aber dem gemeinsamen Essen und Trinken diese 
bindende Kraft zugeschrieben? In den primitivsten Gesellschaften 
gibt es nur ein Band, welches unbedingt und ausnahmslos einigt, 
das der Stammesgemeinschaft (kinship). Die Mitglieder dieser Ge- 
meinschaft treten solidarisch für einander ein, ein Ein ist eine 
Gruppe von Personen, deren Leben solcherart zu einer physischen 
Einheit verbunden sind, daß man sie wie Stücke eines gemein- 
samen Lebens betrachten kann. Es heißt dann beim Mord eines 



n" 



164 



Totem und Tabu 



einzelnen aus dem Ein nicht: das Blut dieses oder jenes ist vergossen 
worden, sondern unser Blut ist vergossen worden. Die hebräische 
Phrase, mit welcher die Stammesverwandtschaft anerkannt wird, 
lautet: Du bist mein Bein und mein Fleisch. Kinship bedeutet 
also einen Anteil haben an einer gemeinsamen Substanz. Es ist 
dann natürlich, daß sie nicht nur auf die Tatsache gegründet 
wird, daß man ein Teil von der Substanz seiner Mutter ist, von 
der man geboren und mit deren Milch man genährt wurde, son- 
dern daß auch die Nahrung, die man späterhin genießt und durch 
die man seinen Körper erneuert, Kinship erwerben und bestärken 
kann. Teilte man die Mahlzeit mit seinem Gotte, so drückte es 
die Überzeugung aus, daß man von einem Stoff mit ihm sei, 
und wen man als Fremden erkannte, mit dem teilte man keine 
Mahlzeit. 

Die Opfermahlzeit war also ursprünglich ein Festmahl von 
Stammverwandten, dem Gesetze folgend, daß nur Stammverwandte 
miteinander essen. In unserer Gesellschaft einigt die Mahlzeit die 
Mitglieder der Familie, aber mit der Familie hat die Opfermahl- 
zeit nichts zu tun. Kinship ist älter als Familienleben; die ältesten 
uns bekannten Familien umfassen regelmäßig Personen, die ver- 
schiedenen Verwandtschaftsverbänden angehören. Die Männer hei- 
raten Frauen aus fremden Clans, die Kinder erben den Clan der 
Mutter ; es besteht keine Stammesverwandtschaft zwischen dem 
Manne und den übrigen Familienmitgliedern. In einer solchen 
Familie gibt es keine gemeinsame Mahlzeit. Die Wilden essen 
noch heute abseits und allein, und die religiösen Speiseverbote 
des Totemismus machen ihnen oft die Eßgemeinschaft mit ihren 
Frauen und Kindern unmöglich. 

Wenden wir uns nun zum Opfertier. Es gab, wie wir gehört, 
keine Stammeszusammenkunft ohne Tieropfer, aber — was nun 
bedeutsam ist — auch kein Schlachten eines Tieres außer für 
solche feierliche Gelegenheit. Man nährte sich ohne Bedenken 
von Früchten, Wild und von der Milch der Haustiere, aber reli- 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus 165 

giöse Skrupel machten es dem einzelnen unmöglich, ein Haustier 
für seinen eigenen Gebrauch zu töten. Es leidet nicht den leisesten 
Zweifel, sagt Robertson Smith, daß jedes Opfer ursprünglich 
Clanopfer war, und daß das Töten eines Schlachtopfers ur- 
sprünglich zu jenen Handlungen gehörte, die dem einzelnen 
verboten sind und nur dann gerechtfertigt werden, wenn 
der ganze Stamm die "Verantwortlichkeit mit übernimmt. 
Es gibt bei den Primitiven nur eine Klasse von Handlungen, für 
welche diese Charakteristik zutrifft, nämlich Handlungen, welche 
an die Heiligkeit des dem Stamme gemeinsamen Blutes rühren. 
Ein Leben, welches kein einzelner wegnehmen darf, und das nur 
durch die Zustimmung, unter der Teilnahme, aller Clangenossen 
geopfert werden kann, steht auf derselben Stufe wie das Leben 
der Stammesgenossen selbst. Die Regel, daß jeder Gast der Opfer- 
mahlzeit vom Fleisch des Opfertieres genießen müsse, hat den- 
selben Sinn wie die Vorschrift, daß die Exekution an einem 
schuldigen Stammesgenossen von dem ganzen Stamm zu vollziehen 
sei. Mit anderen Worten: Das Opfertier wurde behandelt wie ein 
Stammverwandter, die opfernde Gemeinde, ihr Gott und das 
Opfertier waren eines Blutes, Mitglieder eines Clan. 

Robertson Smith identifiziert auf Grund einer reichen Evi- 
denz das Opfertier mit dem alten Totemtier. Es gab im späteren 
Altertum zwei Arten von Opfern, solche von Haustieren, die auch 
für gewöhnlich gegessen wurden, und ungewöhnliche Opfer von 
Tieren, die als unrein verboten waren. Die nähere Erforschung 
zeigt dann, daß diese unreinen Tiere heilige Tiere waren, daß sie 
den Göttern als Opfer dargebracht wurden, denen sie heilig waren, daß 
diese Tiere ursprünglich identisch waren mit den Göttern selbst, 
und daß die Gläubigen in irgend einer Weise beim Opfer ihre 
Blutsverwandtschaft mit dem Tiere und dem Gotte betonten. Für 
noch frühere Zeiten entfällt aber dieser Unterschied zwischen 
gewöhnlichen und „mystischen" Opfern. Alle Tiere sind ursprüng- 
lich heilig, ihr Fleisch ist verboten und darf nur bei feierlichen 



i66 



Totem und Tabu 



Gelegenheiten unter Teilnahme des ganzen Stammes genossen 
werden. Das Schlachten des Tieres kommt dem Vergießen von 
Stammesblut gleich und muß unter den nämlichen Vorsichten 
und Sicherungen gegen Vorwurf geschehen. 

Die Zähmung von Haustieren und das Emporkommen der 
Viehzucht scheint überall dem reinen und strengen Totemismus 
der Urzeit ein Ende bereitet zu haben. 1 Aber was in der nun 
„pastoralen" Religion den Haustieren an Heiligkeit verblieb, ist 
deutlich genug, um den ursprünglichen Totemcharakter derselben 
erkennen zu lassen. Noch in späten klassischen Zeiten schrieb der 
Ritus an verschiedenen Orten dem Opferer vor, nach vollzogenem 
Opfer die Flucht zu ergreifen, wie um sich einer Ahndung zu 
entziehen. In Griechenland muß die Idee, daß die Tötung eines 
Ochsen eigentlich ein Verbrechen sei, einst allgemein geherrscht 
haben. An dem athenischen Fest der Bouphonien wurde nach 
dem Opfer ein förmlicher Prozeß eingeleitet, bei dem alle Betei- 
ligten zum Verhör kamen. Endlich einigte man sich, die Schuld 
an der Mordtat auf das Messer abzuwälzen, welches dann ins 
Meer geworfen wurde. 

Trotz der Scheu, welche das Leben des heiligen Tieres als 
eines Stammesgenossen schützt, wird es zur Notwendigkeit, ein 
solches Tier von Zeit zu Zeit in feierlicher Gemeinschaft zu töten 
und Fleisch und Blut desselben unter die Clangenossen zu ver- 
teilen. Das Motiv, welches diese Tat gebietet, gibt den tiefsten 
Sinn des Opferwesens preis. Wir haben gehört, daß in späteren 
Zeiten jedes gemeinsame Essen, die Teilnahme an der nämlichen 
Substanz, welche in ihre Körper eindringt, ein heiliges Band 
zwischen den Commensalen herstellt; in ältesten Zeiten scheint 
diese Bedeutung nur der Teilnahme an der Substanz eines hei- 
ligen Opfers zuzukommen. Das heilige Mysterium des Opfer- 



l) „The inference is that tke domestication to which totemism invariably leads (when there 
are any aniinah capable of domestication) is fatal to totemism." Jevons, An introduction 
to the history of religio«! 1911, fifth edition, p. 120. 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus \6 7 



todes rechtfertigt sich, indem nur auf diesem Wege das 
heilige Band hergestellt werden kann, welches die Teil- 
nehmer untereinander und mit ihrem Gotte einigt. 1 

Dieses Band ist nichts anderes als das Leben des Opfertieres, 
welches in seinem Fleisch und in seinem Blute wohnt und durch 
die Opfermahlzeit allen Teilnehmern mitgeteilt wird. Eine solche 
Vorstellung liegt allen Blutbündnissen zugrunde, durch die 
sich noch in späten Zeiten Menschen gegeneinander verpflichten. 
Die durchaus realistische Auffassung der Blutsgemeinschaft als 
Identität der Substanz läßt die Notwendigkeit verstehen, sie von 
Zeit zu Zeit durch den physischen Prozeß der Opfermahlzeit zu 
erneuern. 

Brechen wir hier die Mitteilung der Gedankengänge von Robert- 
son Smith ab, um ihren Kern in gedrängtester Kürze zu resü- 
mieren: Als die Idee des Privateigentums aufkam, wurde das 
Opfer als eine Gabe an die Gottheit, als eine Übertragung aus 
dem Eigentum des Menschen in das des Gottes aufgefaßt. Allein 
diese Deutung ließ alle Eigentümlichkeiten des Opferrituals un- 
aufgeklärt. In ältesten Zeiten war das Opfertier selbst heilig, sein 
Leben unverletzlich gewesen 5 es konnte nur unter der Teilnahme 
und Mitschuld des ganzen Stammes und in Gegenwart des Gottes 
genommen werden, um die heilige Substanz zu liefern, durch 
deren Genuß die Clangenossen sich ihrer stofflichen Identität 
untereinander und mit der Gottheit versicherten. Das Opfer war 
ein Sakrament, das Opfertier selbst ein Stammesgenosse. Es war 
in Wirklichkeit das alte Totemtier, der primitive Gott selbst, 
durch dessen Tötung und Verzehrung die Clangenossen ihre Gott- 
ähnlichkeit auffrischten und versicherten. 

Aus dieser Analyse des Opferwesens zog Robertson Smith 
den Schluß, daß die periodische Tötung und Aufzehrung des 
Totem in Zeiten vor der Verehrung anthropomorpher Gott- 

1) 1. c. p. 113. 



168 Totem und Tabu 



heiten ein bedeutsames Stück der Totemreligion gewesen sei. 
Das Zeremoniell einer solchen Totemmahlzeit, meinte er, sei uns 
in der Beschreibung eines Opfers aus späteren Zeiten erhalten. 
Der hl. Nilus berichtet von einer Opfersitte der Beduinen in der 
sinaitischen Wüste um das Ende des vierten Jahrhunderts nach Christi 
Geburt. Das Opfer, ein Kamel, wurde gebunden auf einen rohen 
Altar von Steinen gelegt; der Anführer des Stammes ließ die 
Teilnehmer dreimal unter Gesängen um den Altar herumgehen 
brachte dem Tiere die erste Wunde bei und trank gierig das 
hervorquellende Blut} dann stürzte sich die ganze Gemeinde auf 
das Opfer, hieb mit den Schwertern Stücke des zuckenden Flei- 
sches los und verzehrte sie roh in solcher Hast, daß in der kurzen 
Zwischenzeit zwischen dem Aufgang des Morgensterns, dem dieses 
Opfer galt, und dem Erblassen des Gestirns vor den Sonnen- 
strahlen alles vom Opfertier, Leib, Knochen, Haut, Fleisch und 
Eingeweide vertilgt war. Dieser barbarische, von höchster Alter- 
tümlichkeit zeugende Ritus war allen Beweismitteln nach kein 
vereinzelter Gebrauch, sondern die allgemeine ursprüngliche Form 
des Totemopfers, die in späterer Zeit die verschiedensten Ab- 
sehwächungen erfuhr. 

Viele Autoren haben sich geweigert, der Konzeption der Totem- 
mahlzeit Gewicht beizulegen, weil sie durch die direkte Beob- 
achtung auf der Stufe des Totemismus nicht erhärtet werden 
konnte. Robertson Smith hat noch selbst auf die Beispiele hin- 
gewiesen, in denen die sakramentale Bedeutung der Opfer gesichert 
scheint, z. B. bei den Menschenopfern der Azteken, und auf andere, 
welche an die Bedingungen der Totemmahlzeit erinnern, die 
Bärenopfer des Bärenstammes der Ouataouaks in Amerika und 
die Bärenfeste der Ainos in Japan. Frazer hat diese und ähnliche 
Fälle in den beiden letzterschienenen Abteilungen seines großen 
Werkes ausführlich mitgeteilt. 1 Ein Indianerstamm in Kalifornien, 

1) The Golden Bough, Part V, Spirits of the com and of the wild; 1912, in den 
Abschnitten: Eating the God und Killing the divine animal. 



der einen großen Raubvogel (Bussard) verehrt, tötet diesen in 
feierlicher Zeremonie einmal im Jahre, worauf er betrauert und 
seine Haut mit den Federn aufbewahrt wird. Die Zuniindianer 
in Neumexiko verfahren ebenso mit ihrer heiligen Schildkröte. 

In den Intichiumazeremonien der zentralaustralischen Stämme 
ist ein Zug beobachtet worden, welcher zu den Voraussetzungen 
von Robertson Smith vortrefflich stimmt. Jeder Stamm, der für 
die Vermehrung seines Totem, dessen Genuß ihm doch selbst 
verwehrt ist, Magie treibt, ist gehalten, bei der Zeremonie etwas 
von seinem Totem selbst zu genießen, ehe derselbe den anderen 
Stämmen zugänglich wird. Das schönste Beispiel für den sakra- 
mentalen Genuß des sonst verbotenen Totem soll sich nach Frazer 
bei den Bini in Westafrika in Verbindung mit dem Begräbnis- 
zeremoniell dieser Stämme finden. 1 

Wir aber wollen Robertson Smith in der Annahme folgen, 
daß die sakramentale Tötung Und gemeinsame Aufzehrung des 
sonst verbotenen Totemtieres ein bedeutungsvoller Zug der Totem- 
religion gewesen sei. 2 



Stellen wir uns nun die Szene einer solchen Totemmahlzeit 
vor und statten sie noch mit einigen wahrscheinlichen Zügen 
aus, die bisher nicht gewürdigt werden konnten. Der Clan, der 
sein Totemtier bei feierlichem Anlasse auf grausame Art tötet 
und es roh verzehrt, Blut, Fleisch und Knochen; dabei sind die 
Stammesgenossen in die Ähnlichkeit des Totem verkleidet, imi- 
tieren es in Lauten und Bewegungen, als ob sie seine und ihre 
Identität betonen wollten. Es ist das Bewußtsein dabei, daß man 
eine jedem einzelnen verbotene Handlung ausführt, die nur durch 

1) Frazer, T. and Ex. T. II, p. 590. 

2) Die von verschiedenen Autoren (Marillier, Hubert und Mauss u. a.) 
gegen diese Theorie des Opfers vorgebrachten Einwendungen sind mir nicht unbe- 
kannt geblieben, haben aber den Eindruck der Lehren von Robertson Smith im. 
wesentlichen nicht beeinträchtigt. 



170 



Totem und Tabu 



die Teilnahme aller gerechtfertigt werden kann 5 es darf sich auch 
keiner von der Tötung und der Mahlzeit ausschließen. Nach der 
Tat wird das hingemordete Tier beweint und beklagt. Die Toten- 
klage ist eine zwangsmäßige, durch die Furcht vor einer drohenden 
Vergeltung erzwungene, ihre Hauptabsicht geht dahin, wie Ro- 
bertson Smith bei einer analogen Gelegenheit bemerkt, die 
Verantwortlichkeit für die Tötung von sich abzuwälzen. 1 

Aber nach dieser Trauer folgt die lauteste Festfreude, die Ent- 
fesselung aller Triebe und Gestattung aller Befriedigungen. Die 
Einsicht in das Wesen des Festes fällt uns hier ohne jede 
Mühe zu. 

Ein Fest ist ein gestatteter, vielmehr ein gebotener Exzeß, ein 
feierlicher Durchbruch eines Verbotes. Nicht weil die Menschen 
infolge irgend einer Vorschrift froh gestimmt sind, begehen sie 
die Ausschreitungen, sondern der Exzeß liegt im Wesen des Festes; 
die festliche Stimmung wird durch die Freigebung des sonst Ver- 
botenen erzeugt. 

Was soll aber die Einleitung zu dieser Festesfreude, die Trauer 
über den Tod des Totemtieres? Wenn man sich über die Tötung 
des Totem, die sonst versagt ist, freut, warum trauert man auch 
über sie? 

Wir haben gehört, daß sich die Clangenossen durch den Genuß 
des Totem heiligen, in ihrer Identifizierung mit ihm und unter- 
einander bestärken. Daß sie das heilige Leben, dessen Träger die 
Substanz des Totem ist, in sich aufgenommen haben, könnte ja 
die festliche Stimmung und alles, was aus ihr folgt, erklären. 

Die Psychoanalyse hat uns verraten, daß das Totemtier wirklich der 
Ersatz des Vaters ist, und dazu stimmte wohl der Widerspruch, 
daß es sonst verboten ist, es zu töten, und daß seine Tötung zur 
Festlichkeit wird, daß man das Tier tötet und es doch betrauert. 
Die ambivalente Gefühlseinstellung, welche den Vaterkomplex 
heute noch bei unseren Kindern auszeichnet und sich oft ins 

1) Religion of the Semites, 2 Ild edition 1907, p. 412. 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus 1?l 



Leben der Erwachsenen fortsetzt, würde sich auch auf den Vater- 
ersatz des Totemtieres erstrecken. 

Allein, wenn man die von der Psychoanalyse gegebene Über- 
setzung des Totem mit der Tatsache der Totemmahlzeit und der 
Darwinschen Hypothese über den Urzustand der menschlichen 
Gesellschaft zusammenhält, ergibt sich die Möglichkeit eines 
tieferen Verständnisses, der Ausblick auf eine Hypothese, die phan- 
tastisch erscheinen mag, aber den Vorteil bietet, eine unvermutete 
Einheit zwischen bisher gesonderten Reihen von Phänomenen 
herzustellen. 

Die Darwinsche Urhorde hat natürlich keinen Raum für die 
Anfänge des Totemismus. Ein gewalttätiger, eifersüchtiger Vater, 
der alle Weibchen für sich behält und die heranwachsenden Söhne 
vertreibt, nichts weiter. Dieser Urzustand der Gesellschaft ist nir- 
gends Gegenstand der Beobachtung geworden. Was wir als primi- 
tivste Organisation finden, was noch heute bei gewissen Stämmen 
in Kraft besteht, das sind Männerverbände, die aus gleichbe- 
rechtigten Mitgliedern bestehen und den Einschränkungen des 
totemistischen Systems unterliegen, dabei mütterliche Erblichkeit. 
Kann das eine aus dem anderen hervorgegangen sein und auf 
welchem Wege war es möglich? 

Die Berufung auf die Feier der Totemmahlzeit gestattet uns 
eine Antwort zu geben: Eines Tages 1 taten sich die ausgetrie- 
benen Brüder zusammen, erschlugen und verzehrten den Vater 
und machten so der Vaterhorde ein Ende. Vereint wagten sie 
und brachten zustande, was dem einzelnen unmöglich geblieben 
wäre. (Vielleicht hatte ein Kulturfortschritt, die Handhabung einer 
neuen Waffe, ihnen das Gefühl der Überlegenheit gegeben.) Daß 
sie den Getöteten auch verzehrten, ist für den kannibalen Wilden 
selbstverständlich. Der gewalttätige Urvater war gewiß das benei- 
dete und gefürchtete Vorbild eines jeden aus der Brüderschar 

1) Zu dieser Darstellung, die sonst mißverständlich würde, bitte ich die Schluß- 
sätze der nachfolgenden Anmerkung als Korrektiv hinzuzunehmen. 



172 Totem und Tabu 



gewesen. Nun setzten sie im Akte des Verzehrens die Identifizie- 
rung mit ihm durch, eigneten sich ein jeder ein Stück seiner 
Stärke an. Die Totemmahlzeit, vielleicht das erste Fest der Mensch- 
heit, wäre die Wiederholung und die Gedenkfeier dieser denk- 
würdigen, verbrecherischen Tat, mit welcher so vieles seinen 
Anfang nahm, die sozialen Organisationen, die sittlichen Ein- 
schränkungen und die Religion. 1 

Um, von der Voraussetzung absehend, diese Folgen glaubwürdig 
zu finden, braucht man nur anzunehmen, daß die sich zusammen- 
rottende Brüderschar von denselben einander widersprechenden 
Gefühlen gegen den Vater beherrscht war, die wir als Inhalt der 
Ambivalenz des Vaterkomplexes bei jedem unserer Kinder und 

1) Die ungeheuerlich erscheinende Annahme der Überwältigung und Tötung des 
tyrannischen Vaters durch die Vereinigung der ausgetriebenen Söhne hat sich auch 
Atkinson als direkte Folgerung aus den Verhältnissen der Darwinschen Urhorde 
ergeben. „A youthful band of brothers living together in forced celibacy, or at most in 
polyandrous relation uiith some Single female captive. A horde as yet weak in tkeir impubescence 
ihey are, but ihey ivould, when strength was gained with time inevitably wrench by combined 
attacks renewed again and again and again, both wife and life from the pattmal tyrant u 
(Primal Law, pag. 220 — 221). Atkinson, der übrigens sein Leben in Neu-Caledonien 
verbrachte und ungewöhnliche Gelegenheit zum Studium der Eingeborenen hatte, 
beruft sich auch darauf, daß die von Darwin supponierten Zustände der Urhorde 
bei wilden Rinder- und Pferdeherden leicht zu beobachten sind und regelmäßig zur 
Tötung des Vatertieres führen. Er nimmt dann weiter an, daß nach der Beseitigung 
des Vaters ein Zerfall der Horde durch den erbitterten Kampf der siegreichen Söhne 
untereinander eintritt. Auf diese Weise käme eine neue Organisation der Gesellschaft 
niemals zustande: „an ever recurring violent succession to the solitary paternal tyrant by 
sons, whose parricidal hands were so soon again clenched in fratricidal strife" 
(p. 228). Atkinson, dem die Winke der Psychoanalyse nicht zu Gebote standen, und 
dem die Studien von Robertson Smith nicht bekannt waren, findet einen minder 
gewaltsamen Übergang von der Urhorde zur nächsten sozialen Stufe, auf welcher 
zahlreiche Männer in friedlicher Gemeinschaft zusammenleben. Er läßt es die Mutter- 
liebe durchsetzen, daß anfangs nur die jüngsten, später auch andere Söhne in der 
Horde verbleiben, wofür diese Geduldeten das sexuelle Vorrecht des Vaters in Form 
der von ihnen geübten Entsagung gegen Mutter und Schwestern anerkennen. 

So viel über die höchst bemerkenswerte Theorie von Atkinson, ihre Überein- 
stimmung mit der hier vorgetragenen im wesentlichen Punkte und ihre Abwei- 
chung davon, welche den Verzicht auf den Zusammenhang mit so vielem anderen 
mit sich bringt. 

Die Unbestimmtheit, die zeitliche Verkürzung und inhaltliche Zusammendrängung 
der Angaben in meinen obenstehenden Ausführungen darf ich als eine durch die 
Natur des Gegenstandes geforderte Enthaltung hinstellen- Es wäre ebenso unsinnig, 
in dieser Materie Exaktheit anzustreben, wie es unbillig wäre, Sicherheiten zu fordern. 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus 173 



unserer Neurotiker nachweisen können. Sie haßten den Vater, der 
ihrem Machtbedürfnis und ihren sexuellen Ansprüchen so mächtig 
im Wege stand, aber sie liebten und bewunderten ihn auch. 
Nachdem sie ihn beseitigt, ihren Haß befriedigt und ihren Wunsch 
nach Identifizierung mit ihm durchgesetzt hatten, mußten sich 
die dabei überwältigten zärtlichen Regungen zur Geltung bringen. 1 
Es geschah in der Form der Reue, es entstand ein Schuldbewußt- 
sein, welches hier mit der gemeinsam empfundenen Reue zu- 
sammenfällt. Der Tote wurde nun stärker, als der Lebende gewesen 
war- all dies, wie wir es noch heute an Menschenschicksalen 
sehen. Was er früher durch seine Existenz verhindert hatte, das 
verboten sie sich jetzt selbst in der psychischen Situation des uns 
aus den Psychoanalysen so wohl bekannten „nachträglichen 
Gehorsams". Sie widerriefen ihre Tat, indem sie die Tötung 
des Vaterersatzes, des Totem, für unerlaubt erklärten, und ver- 
zichteten auf deren Früchte, indem sie sich die freigewordenen 
Frauen versagten. So schufen sie aus dem Schuldbewußtsein 
des Sohnes die beiden fundamentalen Tabu des Totemismus, die 
eben darum mit den beiden verdrängten Wünschen des Ödipus- 
Komplexes übereinstimmen mußten. Wer dawiderhandelte, machte 
sich der beiden einzigen Verbrechen schuldig, welche die primi- 
tive Gesellschaft bekümmerten. 2 

Die beiden Tabu des Totemismus, mit denen die Sittlichkeit 
der Menschen beginnt, sind psychologisch nicht gleichwertig. Nur 
das eine, die Schonung des Totemtieres, ruht ganz auf Gefühls- 
motiven; der Vater war ja beseitigt, in der Realität war nichts 
mehr gutzumachen. Das andere aber, das Inzestverbot, hatte auch 

1) Dieser neuen Gefühlseinstellung mußte auch zugute kommen, daß die Tat 
keinem der Täter die volle Befriedigung bringen konnte. Sie war in gewisser Hin- 
sicht vergeblich geschehen. Keiner der Söhne konnte ja seinen ursprünglichen Wunsch 
durchsetzen, die Stelle des Vaters einzunehmen. Der Mißerfolg ist aber, wie wir 
wissen, der moralischen Reaktion weit günstiger als die Befriedigimg. 

2) „Murder and incest, or offences of a like kind against the sacred law of blood are in 
primitive Society the only crimes of which the Community as such takes cognizance . . ." Re- 
ligion of the Semites, p. 419. 



I 






174 



Totem und Tabu 















eine starke praktische Begründung. Das sexuelle Bedürfnis einigt 
die Männer nicht, sondern entzweit sie. Hatten sich die Brüder 
verbündet, um den Vater zu überwältigen, so war jeder des an- 
deren Nebenbuhler bei den Frauen. Jeder hätte sie wie der Vater 
alle für sich haben wollen, und in dem Kampfe aller gegen alle 
wäre die neue Organisation zugrunde gegangen. Es war kein 
Überstarker mehr da, der die Rolle des Vaters mit Erfolg hätte 
aufnehmen können. Somit blieb den Brüdern, wenn sie mitein- 
ander leben wollten, nichts übrig, als — vielleicht nach Über- 
windung schwerer Zwischenfälle — das Inzestverbot aufzurichten 
mit welchem sie alle zugleich auf die von ihnen begehrten Frauen 
verzichteten, um deren wegen sie doch in erster Linie den Vater 
beseitigt hatten. Sie retteten so die Organisation, welche sie stark 
gemacht hatte, und die auf homosexuellen Gefühlen und Betäti- 
gungen ruhen konnte, welche sich in der Zeit der Vertreibung 
bei ihnen eingestellt haben mochten. Vielleicht war es auch diese 
Situation, welche den Keim zu den von Bachofen erkannten 
Institutionen des Mutterrechts legte, bis dieses von der patri- 
archalischen Familienordnung abgelöst wurde. 

An das andere Tabu, welches das Leben des Totemtieres be- 
schützt, knüpft hingegen der Anspruch des Totemismus an, als 
erster Versuch einer Religion gewertet zu werden. Bot sich dem 
Empfinden der Söhne das Tier als natürlicher und nächstliegender 
Ersatz des Vaters, so fand sich in der ihnen zwanghaft gebotenen Be- 
handlung desselben doch noch mehr Ausdruck als das Bedürfnis, 
ihre Reue zur Darstellung zu bringen. Es konnte mit dem Vater- 
surrogat der Versuch gemacht werden, das brennende Schuldgefühl 
zu beschwichtigen, eine Art von Aussöhnung mit dem Vater zu 
bewerkstelligen. Das totemistische System war gleichsam ein Ver- 
trag mit dem Vater, in dem der letztere all das zusagte, was die 
kindliche Phantasie vom Vater erwarten durfte, Schutz, Fürsorge 
und Schonung, wogegen man sich verpflichtete, sein Leben zu 
ehren, das heißt die Tat an ihm nicht zu wiederholen, durch die 






—-^. 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus 1? $ 

der wirkliche Vater zugrunde gegangen war. Es lag auch ein 
Rechtfertigungsversuch im Totemismus. „Hätte der Vater uns 
behandelt wie der Totem, wir wären nie in die Versuchung ge- 
kommen, ihn zu töten." So verhalf der Totemismus dazu, die 
Verhältnisse zu beschönigen und das Ereignis vergessen zu machen 
dem er seine Entstehung verdankte. 

Es wurden hiebei Züge geschaffen, die fortan für den Charakter 
der Religion bestimmend blieben. Die Totemreligion war aus dem 
Schuldbewußtsein der Söhne hervorgegangen als Versuch, dies 
Gefühl zu beschwichtigen und den beleidigten Vater durch den 
nachträglichen Gehorsam zu versöhnen. Alle späteren Religionen 
erweisen sich als Lösungsversuche desselben Problems, variabel je 
nach dem kulturellen Zustand, in dem sie unternommen werden, 
und nach den Wegen, die sie einschlagen, aber es sind alle gleich- 
zielende Reaktionen auf dieselbe große Begebenheit, mit der die 
Kultur begonnen hat, und die seitdem die Menschheit nicht zur 
Ruhe kommen läßt. 

Auch ein anderer Charakter, den die Religion treu bewahrt 
hat, ist damals schon im Totemismus hervorgetreten. Die Ambi- 
valenzspannung war wohl zu groß, um durch irgend eine Veran- 
staltung ausgeglichen zu werden, oder die psychologischen Bedin- 
gungen sind der Erledigung dieser Gefühlsgegensätze überhaupt 
nicht günstig. Man merkt jedenfalls, daß die dem Vaterkomplex 
anhaftende Ambivalenz sich auch in den Totemismus und in die 
Religionen überhaupt fortsetzt. Die Religion des Totem umfaßt 
nicht nur die Äußerungen der Reue und die Versuche der Ver- 
söhnung, sondern dient auch der Erinnerung an den Triumph 
über den Vater. Die Befriedigung darüber läßt das Erinnerungs- 
fest der Totemmahlzeit einsetzen, bei dem die Einschränkungen 
des nachträglichen Gehorsams wegfallen, macht es zur Pflicht, das 
Verbrechen des Vatermordes in der Opferung des Totemtieres 
immer wieder von neuem zu wiederholen, so oft der festgehaltene 
Erwerb jener Tat, die Aneignung der Eigenschaften des Vaters, 



176 



Totem und Tabu 



infolge der verändernden Einflüsse des Lebens zu entschwinden 
droht. Wir werden nicht überrascht sein zu finden, daß auch der 
Anteil des Sohnestrotzes, oft in den merkwürdigsten Verkleidungen 
und Umwendungen, in späteren Religionsbildungen wieder auftaucht. 

Verfolgen wir in Religion und sittlicher Vorschrift, die im 
Totemismus noch wenig scharf gesondert sind, bisher die Folgen 
der in Reue verwandelten zärtlichen Strömung gegen den Vater, 
so wollen wir doch nicht übersehen, daß im wesentlichen die 
Tendenzen, welche zum Vatermord gedrängt haben, den Sieg be- 
halten. Die sozialen Brudergefühle, auf denen die große Um- 
wälzung ruht, bewahren von nun an über lange Zeiten den tiefst- 
gehenden Einfluß auf die Entwicklung der Gesellschaft. Sie 
schaffen sich Ausdruck in der Heiligung des gemeinsamen 
Blutes, in der Betonung der Solidarität aller Leben desselben 
Clan. Indem die Brüder sich einander so das Leben zusichern, 
sprechen sie aus, daß niemand von ihnen vom anderen behan- 
delt werden dürfe, wie der Vater von ihnen allen gemeinsam. 
Sie schließen eine Wiederholung des Vaterschicksals aus. Zum 
religiös begründeten Verbot, den Totem zu töten, kommt nun 
das sozial begründete Verbot des Brudermordes hinzu. Es wird 
dann noch lange währen, bis das Gebot die Einschränkung auf 
den Stammesgenossen abstreifen und den einfachen Wortlaut an- 
nehmen wird: Du sollst nicht morden. Zunächst ist an Stelle der 
Vaterhorde der Brüderclan getreten, welcher sich durch das 
Blutband versichert hat. Die Gesellschaft ruht jetzt auf der Mit- 
schuld an dem gemeinsam verübten Verbrechen, die Religion auf 
dem Schuldbewußtsein und der Reue darüber, die Sittlichkeit 
teils auf den Notwendigkeiten dieser Gesellschaft, zum anderen 
Teil auf den vom Schuldbewußtsein geforderten Bußen. 

Im Gegensatz zu den neueren und in Anlehnung an die älteren 
Auffassungen des totemistischen Systems heißt uns also die Psycho- 
analyse einen innigen Zusammenhang und gleichzeitigen Ursprung 
von Totemismus und Exogamie vertreten. 



Die infantile Wiederkehr des Totemism us 1?? 

6 

Ich stehe unter der Einwirkung einer großen Anzahl von 
starken Motiven, die mich vom Versuche zurückhalten werden, 
die weitere Entwicklung der Religionen von ihrem Beginn im 
Totemismus an bis zu ihrem heutigen Stande zu schildern. Ich 
will nur zwei Fäden hindurch verfolgen, wo ich sie im Gewebe 
besonders deutlich auftauchen sehe: Das Motiv des Totemopfers 
und das Verhältnis des Sohnes zum Vater. 1 

Robertson Smith hat uns belehrt, daß die alte Totemmahlzeit 
in der ursprünglichen Form des Opfers wiederkehrt. Der Sinn 
der Handlung ist derselbe: Die Heiligung durch die Teilnahme 
an der gemeinsamen Mahlzeit; auch das Schuldbewußtsein ist 
dabei geblieben, welches nur durch die Solidarität aller Teilnehmer 
beschwichtigt werden kann. Neu hinzugekommen ist die Stammes- 
gottheit, in deren gedachter Gegenwart das Opfer stattfindet, die 
an dem Mahle teilnimmt wie ein Stammesgenosse, und mit der 
man sich durch den Genuß am Opfer identifiziert. Wie kommt 
der Gott in die ihm ursprünglich fremde Situation? 

Die Antwort könnte lauten, es sei unterdes — unbekannt woher — 
die Gottesidee aufgetaucht, habe sich das ganze religiöse Leben 
unterworfen, und wie alles andere, was bestehen bleiben wollte, 
hätte auch die Totemmahlzeit den Anschluß an das neue System 
gewinnen müssen. Allein die psychoanalytische Erforschung des 
einzelnen Menschen lehrt mit einer ganz besonderen Nachdrück- 
lichkeit, daß für jeden der Gott nach dem Vater gebildet ist, daß 
sein persönliches Verhältnis zu Gott von seinem Verhältnis zum 
leiblichen Vater abhängt, mit ihm schwankt und sich verwandelt 
und daß Gott im Grunde nichts anderes ist als ein erhöhter Vater. 
Die Psychoanalyse rät auch hier wie im Falle des Totemismus 
den Gläubigen Glauben zu schenken, die Gott Vater nennen, wie 



1) Vgl. die zum Teil von abweichenden Gesichtspunkten beherrschte Arbeit von 
C. G. Jung, Wandlungen und Symbole der Libido. Jahrbuch für psychoanalytische 



Forschungen, IV, 1912. 
Freud, Totem. 



12 




178 



Totem und Tabu 



sie den Totem Ahnherrn genannt haben. Wenn die Psychoana- 
lyse irgendwelche Beachtung verdient, so muß, unbeschadet aller 
anderen Ursprünge und Bedeutungen Gottes, auf welche die Psycho- 
analyse kein Licht werfen kann, der Vateranteil an der Gottes- 
idee ein sehr gewichtiger sein. Dann wäre aber in der Situation 
des primitiven Opfers der Vater zweimal vertreten, einmal als 
Gott und dann als das Totemopfertier, und bei allem Bescheiden 
mit der geringen Mannigfaltigkeit der psychoanalytischen Lösungen 
müssen wir fragen, ob das möglich ist und welchen Sinn es haben 
kann. 

Wir wissen, daß mehrfache Beziehungen zwischen dem Gott 
und dem heiligen Tier (Totem, Opfertier) bestehen: 1. Jedem 
Gott ist gewöhnlich ein Tier heilig, nicht selten selbst mehrere 5 
2. in gewissen, besonders heiligen Opfern, den „mystischen", wurde 
dem Gotte gerade das ihm geheiligte Tier zum Opfer dargebracht; 1 
5. der Gott wurde häufig in der Gestalt eines Tieres verehrt 
oder, anders gesehen, Tiere genossen göttliche Verehrung lange 
nach dem Zeitalter des Totemismus; 4. in den Mythen verwandelt 
sich der Gott häufig in ein Tier, oft in das ihm geheiligte. So 
läge die Annahme nahe, daß der Gott selbst das Totemtier wäre 
sich auf einer späteren Stufe des religiösen Fühlens aus dem 
Totemtier entwickelt hätte. Aller weiteren Diskussion überhebt 
uns aber- die Erwägung, daß der Totem selbst nichts anderes ist 
als ein Vaterersatz. So mag er die erste Form des Vaterersatzes 
sein, der Gott aber eine spätere, in welcher der Vater seine 
menschliche Gestalt wiedergewonnen. Eine solche Neuschöpfung 
aus der Wurzel aller Religionsbildung, der Vatersehnsucht, 
konnte möglich werden, wenn sich im Laufe der Zeiten am Ver- 
hältnis zum Vater — und vielleicht auch zum Tiere — Wesent- 
liches geändert hatte. 

Solche Veränderungen lassen sich leicht erraten, auch wenn 
man von dem Beginn einer psychischen Entfremdung von dem 

1) Robertson Smith, Religion of the Semites. 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus 17g 

Tiere und von der Zersetzung des Totemismus durch die Dome- 
stikation absehen will. 1 In der durch die Beseitigung des Vaters 
hergestellten Situation lag ein Moment, welches im Laufe der 
Zeit eine außerordentliche Steigerung der Vatersehnsucht erzeugen 
mußte. Die Brüder, welche sich zur Tötung des Vaters zusammen- 
getan hatten, waren ja jeder für sich vom Wunsche beseelt ge- 
wesen, dem Vater gleich zu werden, und hatten diesem Wunsche 
durch Einverleibung von Teilen seines Ersatzes in der Totem- 
mahlzeit Ausdruck gegeben. Dieser Wunsch mußte infolge des 
Druckes, welchen die Bande des Brüderclan auf jeden Teilnehmer 
übten, unerfüllt bleiben. Es konnte und durfte niemand mehr 
die Machtvollkommenheit des Vaters erreichen, nach der sie doch 
alle gestrebt hatten. Somit konnte im Laufe langer Zeiten die 
Erbitterung gegen den Vater, die zur Tat gedrängt hatte, nach- 
lassen, die Sehnsucht nach ihm wachsen, und es konnte ein Ideal 
entstehen, welches die Machtfülle und Unbeschränktheit des einst be- 
kämpften Urvaters und die Bereitwilligkeit, sich ihm zu unterwerfen, 
zum Inhalt hatte. Die ursprüngliche demokratische Gleichstellung 
aller einzelnen Stammesgenossen war infolge einschneidender kul- 
tureller Veränderungen nicht mehr festzuhalten; somit zeigte sich 
eine Geneigtheit, in Anlehnung an die Verehrung einzelner Men- 
schen, die sich vor anderen hervorgetan hatten, das alte Vater- 
ideal in der Schöpfung von Göttern wieder zu beleben. Daß ein 
Mensch zum Gott wird und daß ein Gott stirbt, was uns heute 
als empörende Zumutung erscheint, war ja noch für das Vor- 
stellungsvermögen des klassischen Altertums keineswegs anstößig. 2 
Die Erhöhung des einst gemordeten Vaters zum Gott, von dem 
nun der Stamm seine Herkunft ableitete, war aber ein weit 

1) Siehe 0. S. 167. 

2) „To us moderns for whom the breach which divides the human and the divine has 
deepened into an impassible gulf such mimicry may appear impious, but it was otherwise with 
the ancients. To their thinking gods and men wert akin, for many f amilies traced their descent 
from a divinity, and the deißcation of a man probably seemed as little extraordinary to them 
as the canonisation of a saint seems to a modern catholic." Frazer, Golden Bough, I. The 
magic art and the evolution of kings, II, p. 177. 

12* 






i8o 



Totem und Tabu 






ernsthafterer Sühneversuch als seinerzeit der Vertrag mit dem 
Totem. 

Wo sich in dieser Entwicklung die Stelle für die großen Mutter- 
gottheiten findet, die vielleicht allgemein den Vatergöttern vor- 
hergegangen sind, weiß ich nicht anzugeben. Sicher scheint aber, 
daß die Wandlung im Verhältnis zum Vater sich nicht auf das 
religiöse Gebiet beschränkte, sondern folgerichtig auf die andere 
durch die Beseitigung des Vaters beeinflußte Seite des mensch- 
lichen Lebens, auf die soziale Organisation, übergriff. Mit der 
Einsetzung der Vatergottheiten wandelte sich die vaterlose Gesell- 
schaft allmählich in die patriarchalisch geordnete um. Die Familie 
war eine Wiederherstellung der einstigen Urhorde und gab den 
Vätern auch ein großes Stück ihrer früheren Rechte wieder. Es 
gab jetzt wieder Väter, aber die sozialen Errungenschaften des 
Brüderclan waren nicht aufgegeben worden, und der faktische 
Abstand der neuen Familienväter vom unumschränkten Urvater 
der Horde war groß genug, um die Fortdauer des religiösen Be- 
dürfnisses, die Erhaltung der ungestillten Vatersehnsucht, zu ver- 
sichern. 

In der Opferszene vor dem Stammesgott ist also der Vater 
wirklich zweimal enthalten, als Gott und als Totemopfertier. Aber 
bei dem Versuch, diese Situation zu verstehen, werden wir uns 
vor Deutungen in acht nehmen, welche sie in flächenhafter Auf- 
fassung wie eine Allegorie übersetzen wollen und dabei der histo- 
rischen Schichtung vergessen. Die zweifache Anwesenheit des 
Vaters entspricht den zwei einander zeitlich ablösenden Bedeu- 
tungen der Szene. Die ambivalente Einstellung gegen den Vater 
hat hier plastischen Ausdruck gefunden und ebenso der Sieg der 
zärtlichen Gefühlsregungen des Sohnes über seine feindseligen. 
Die Szene der Überwältigung des Vaters, seiner größten Ernie- 
drigung, ist hier zum Material für eine Darstellung seines höchsten 
Triumphes geworden. Die Bedeutung, die das Opfer ganz allge- 
mein gewonnen hat, liegt eben darin, daß es dem Vater die Ge- 



i 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus 181 

nugtuung für die an ihm verübte Schmach in derselben Hand- 
lung bietet, welche die Erinnerung an diese Untat fortsetzt. 

In weiterer Folge verliert das Tier seine Heiligkeit und das 
Opfer die Beziehung zur Totemfeier; es wird zu einer einfachen 
Darbringung an die Gottheit, zu einer Selbstentäußerung zugunsten 
des Gottes. Gott selbst ist jetzt so hoch über dem Menschen er- 
haben, daß man mit ihm nur durch die Vermittlung des Priesters 
verkehren kann. Gleichzeitig kennt die soziale Ordnung götter- 
gleiche Könige, welche das patriarchalische System auf den Staat 
übertragen. Wir müssen sagen, die Rache des gestürzten und 
wiedereingesetzten Vaters ist eine harte geworden, die Herrschaft 
der Autorität steht auf ihrer Höhe. Die unterworfenen Söhne 
haben das neue Verhältnis dazu benützt, um ihr Schuldbewußt- 
sein noch weiter zu entlasten. Das Opfer, wie es jetzt ist, fällt 
ganz aus ihrer Verantwortlichkeit heraus. Gott selbst hat es ver- 
langt und angeordnet. Zu dieser Phase gehören Mythen, in wel- 
chen der Gott selbst das Tier tötet, das ihm heilig ist, das er 
eigentlich selbst ist. Dies ist die äußerste Verleugnung der großen 
Untat, mit welcher die Gesellschaft und das Schuldbewußtsein 
begann. Eine zweite Bedeutung dieser letzteren Opferdarstellung 
ist nicht zu verkennen. Sie drückt die Befriedigung darüber aus, 
daß man den früheren Vaterersatz zugunsten der höheren Gottes- 
vorstellung verlassen hat. Die flach allegorische Übersetzung der 
Szene fällt hier ungefähr mit ihrer psychoanalytischen Deutung 
zusammen. Jene lautet: Es werde dargestellt, daß der Gott den 
tierischen Anteil seines Wesens überwindet. 1 

Es wäre indes irrig, wenn man glauben wollte, in diesen Zeiten 
der erneuerten Vaterautorität seien die feindseligen Regungen, 

1) Die Überwindung einer Göttergeneration durch eine andere in den Mythologien 
bedeutet bekanntlich den historischen Vorgang der Ersetzung eines religiösen Systems 
durch ein neues, sei es infolge von Eroberung durch ein Fremdvolk oder auf dem 
Wege psychologischer Entwicklung. Im letzteren Falle nähert sich der Mythus den 
„funktionalen Phänomenen" im Sinne von H. Silberer. Daß der das Tier tötende Gott 
ein Libidosymbol ist, wie C. G. Jung (1. c.) behauptet, setzt einen anderen Begriff der 
Libido als den bisher verwendeten voraus und erscheint mir überhaupt fragwürdig. 



182 Totem und Tabu 



welche dem Vaterkomplex zugehören, völlig verstummt. Aus den 
ersten Phasen der Herrschaft der beiden neuen Vaterersatzbildungen, 
der Götter und der Könige, kennen wir vielmehr die energi- 
schesten Äußerungen jener Ambivalenz, welche für die Religion 
charakteristisch bleibt. 

Frazer hat in seinem großen Werk „The Golden Bough" die 
Vermutung ausgesprochen, daß die ersten Könige der lateinischen 
Stämme Fremde waren, welche die Rolle einer Gottheit spielten 
und in dieser Rolle an einem bestimmten Festtage feierlich hin- 
gerichtet wurden. Die jährliche Opferung (Variante: Selbstopferung) 
eines Gottes scheint ein wesentlicher Zug der semitischen Reli- 
gionen gewesen zu sein. Das Zeremoniell der Menschenopfer .an 
den verschiedensten Stellen der bewohnten Erde läßt wenig Zweifel 
darüber, daß diese Menschen als Repräsentanten der Gottheit ihr 
Ende fanden, und in der Ersetzung des lebenden Menschen durch 
eine leblose Nachahmung (Puppe) läßt sich dieser Opfergebrauch 
noch in späte Zeiten verfolgen. Das theanthropische Gottesopfer, 
welches ich hier leider nicht mit der gleichen Vertiefung wie 
das Tieropfer behandeln kann, wirft ein helles Licht nach rück- 
wärts auf den Sinn der älteren Opferformen. Es bekennt mit 
kaum zu überbietender Aufrichtigkeit, daß das Objekt der Opfer- 
handlung immer das nämliche war, dasselbe, was nun als Gott 
verehrt wird, der Vater also. Die Frage nach dem Verhältnis von 
Tier- und Menschenopfer findet jetzt eine einfache Lösung. Das 
ursprüngliche Tieropfer war bereits ein Ersatz für ein Menschen- 
opfer, für die feierliche Tötung des Vaters, und als der Vater- 
ersatz seine menschliche Gestalt wieder erhielt, konnte sich das 
Tieropfer auch wieder in das Menschenopfer verwandeln. 

So hatte sich die Erinnerung an jene erste große Opfertat als 
unzerstörbar erwiesen, trotz aller Bemühungen, sie zu vergessen, 
und gerade als man sich von ihren Motiven am weitesten ent- 
fernen wollte, mußte in der Form des Gottesopfers ihre unent- 
stellte Wiederholung zutage treten. Welche Entwicklungen des 







Die infantile Wiederkehr des Totemismus 183 

religiösen Denkens als Rationalisierungen diese Wiederkehr er- 
möglicht haben, brauche ich an dieser Stelle nicht auszuführen. 
Robertson Smith, dem ja unsere Zurückführung des Opfers auf 
jenes große Ereignis der menschlichen Urgeschichte fern liegt, 
gibt an, daß die Zeremonien jener Feste, mit denen die alten 
Semiten den Tod einer Gottheit feierten, als „commemoration of 
a mythical tragedy" ausgelegt wurden, und daß die Klage dabei 
nicht den Charakter einer spontanen Teilnahme hatte, sondern 
etwas Zwangsmäßiges, von der Furcht vor dem göttlichen Zorn 
Gebotenes an sich trug. 1 Wir glauben zu erkennen, daß diese 
Auslegung im Rechte war, und daß die Gefühle der Feiernden 
in der zugrunde liegenden Situation ihre gute Aufklärung fanden. 

Nehmen wir es nun als Tatsache hin, daß auch in der weiteren 
Entwicklung der Religionen die beiden treibenden Faktoren, das 
Schuldbewußtsein des Sohnes und der Sohnestrotz, niemals er- 
löschen. Jeder Lösungsversuch des religiösen Problems, jede Art 
der Versöhnung der beiden widerstreitenden seelischen Mächte 
wird allmählich hinfällig, wahrscheinlich unter dem kombinierten 
Einfluß von historischen Ereignissen, kulturellen Änderungen und 
inneren psychischen Wandlungen. 

Mit immer größerer Deutlichkeit tritt das Bestreben des Sohnes 
hervor, sich an die Stelle des Vatergottes zu setzen. Mit der Ein- 
führung des Ackerbaues hebt sich die Bedeutung des Sohnes in 
der patriarchalischen Familie. Er getraut sich neuer Äußerungen 
seiner inzestuösen Libido, die in der Bearbeitung der Mutter Erde 
eine symbolische Befriedigung findet. Es entstehen die Götter- 
gestalten des Attis, Adonis, Tammuz u. a., Vegetationsgeister und 
zugleich jugendliche Gottheiten, welche die Liebesgunst mütter- 
licher Gottheiten genießen, den Mutterinzest dem Vater zum 

1) Religion of the Semites, p. 412 — 413. „The mourning is not a spontaneous ex- 
pression of sympathy with the divine tragedy but obligatory and enforced by fear of super- 
natural anger. And a chief object of the mourners is to disclaim responsibility for 
the god's death — a point which has already come before us in connecthn with thean- 
thropic sacrißces, such as the ,oxmurder at Athens 1 . 11 



V 



l8 4 Totem und Tabu 






Trotze durchsetzen. Allein das Schuldbewußtsein, welches durch 
diese Schöpfungen nicht beschwichtigt ist, drückt sich in den 
Mythen aus, die diesen jugendlichen Geliebten der Muttergöttinnen 
ein kurzes Leben und eine Bestrafung durch Entmannung oder 
durch den Zorn des Vatergottes in Tierform bescheiden. Adonis 
wird durch den Eber getötet, das heilige Tier der Aphrodite; 
Attis, der Geliebte der Kybele, stirbt an Entmannung. 1 Die Be- 
weinung und die Freude über die Auferstehung dieser Götter ist 
in das Rituale einer anderen Sohnesgottheit übergegangen, welche 
zu dauerndem Erfolge bestimmt war. 

Als das Christentum seinen Einzug in die antike Welt begann, 
traf es auf die Konkurrenz der Mithrasreligion, und es war für 
eine Weile zweifelhaft, welcher Gottheit der Sieg zufallen würde. 
Die lichtumflossene Gestalt des persischen Götterjünglings ist 
doch unserem Verständnis dunkel geblieben. Vielleicht darf man 
aus den Darstellungen der Stiertötungen durch Mithras schließen, 
daß er jenen Sohn vorstellte, der die Opferung des Vaters allein 
vollzog und somit die Brüder von der sie drückenden Mitschuld 
an der Tat erlöste. Es gab einen anderen Weg zur Beschwichti- 
gung dieses Schuldbewußtseins und diesen beschritt erst Christus. 
Er ging hin und opferte sein eigenes Leben und dadurch erlöste 
er die Brüderschar von der Erbsünde. 

Die Lehre von der Erbsünde ist orphischer Herkunft; sie 
wurde in den Mysterien erhalten und dra ng von da aus in die 

A %^J^ tM&XdUa ^ t spielt eine außerordentlich große Rolle in der Stamm«, 

SSt^ + ParaU f e " diCSem Verhalte " der Ki " d " ist meines wissS 
Sfi t T^l T dCn ; Dle ln d " U " eit Und bei Primitiven Volke» "o 

häufige Beschulung gehört dem Zeitpunkt der MännerweilJ an, wo sie £eY e ! 
deuhmg finden muß, und st erst sekundär in frühere Lehenszeiten zurückgeschoben 
worden. Es , ? überaus interessant, daß die Beschneidung hei den Primitive, , nS 
Haarabschneiden und Zahnausschlagen kombiniert oder durch sie ersetzt ist, und daß 
unsere Kinder, die von diesem Sachverhalt nichts wissen können, in ihren Anest- 
reaktionen diese beiden Operationen wirklich wie Äquivalente der Kastration behandeln. 



Die infantile Wiederkehr des Totemi smus 185 

Philosophenschulen des griechischen Altertums ein. 1 Die Menschen 
waren die Nachkommen von Titanen, welche den jungen Dionysos- 
Zagreus getötet und zerstückelt hatten; die Last dieses Verbrechens 
drückte auf sie. In einem Fragment von Anaximander wird 
gesagt, daß die Einheit der Welt durch ein urzeitliches Verbrechen 
zerstört worden sei, und daß alles, was daraus hervorgegangen, 
die Strafe dafür weiter tragen muß. 2 Erinnert die Tat der Titanen 
durch die Züge der Zusammenrottung, der Tötung und Zerreißung 
deutlich genug an das von St. Nilus beschriebene Totemopfer, 
— wie übrigens viele andere Mythen des Altertums, z. B. der 
Tod des Orpheus selbst, — so stört uns hier doch die Abwei- 
chung, daß die Mordtat an einem jugendlichen Gotte vollzogen 
wird. . . 

Im christlichen Mythus ist die Erbsünde des Menschen un- 
zweifelhaft eine Versündigung gegen Gottvater. Wenn nun Christus 
die Menschen von dem Drucke der Erbsünde erlöst, indem er 
sein eigenes Leben opfert, so zwingt er uns zu dem Schlüsse, daß 
diese Sünde eine Mordtat war. Nach dem im menschlichen Fühlen 
tiefgewurzelten Gesetz der Talion kann ein Mord nur durch die 
Opferung eines anderen Lebens gesühnt werden 5 die Selbstauf- 
opferung weist auf eine Blutschuld zurück. 3 Und wenn dies 
Opfer des eigenen Lebens die Versöhnung mit Gottvater herbei- 
führt, so kann das zu sühnende Verbrechen kein anderes als der 
Mord am Vater gewesen sein. 

So bekennt sich denn in der christlichen Lehre die Menschheit 
am unverhülltesten zu der schuldvollen Tat der Urzeit, weil sie 
nun im Opfertod des einen Sohnes die ausgiebigste Sühne für 
sie gefunden hat. Die Versöhnung mit dem Vater ist um so 
gründlicher, weil gleichzeitig mit diesem Opfer der volle Verzicht 
auf das Weib erfolgt, um dessen willen man sich gegen den Vater 

1) Reinach, Cultes, Mythes et Religions, II, p. 75 ff. 

2) „Une Sorte de piche proethnique" 1. c. p. 76. 

5) Die Selbstmordimpulse unserer Neurotiker erweisen sich regelmäßig als Selbst- 
bestrafungen für Todeswünsche, die gegen andere gerichtet sind. 



186 Totem und Tabu 



empört hatte. Aber nun fordert auch das psychologische Verhängnis 
der Ambivalenz seine Rechte. Mit der gleichen Tat, welche dem 
Vater die größtmögliche Sühne bietet, erreicht auch der Sohn 
das Ziel seiner Wünsche gegen den Vater. Er wird selbst zum 
Gott neben, eigentlich an Stelle des Vaters. Die Sohnesreligion 
löst die Vaterreligion ab. Zum Zeichen dieser Ersetzung wird die 
alte Totemmahlzeit als Kommunion wieder belebt, in welcher nun 
die Brüderschar vom Fleisch und Blut des Sohnes, nicht mehr 
des Vaters, genießt, sich durch diesen Genuß heiligt und mit ihm 
identifiziert. Unser Blick verfolgt durch die Länge der Zeiten die 
Identität der Totemmahlzeit mit dem Tieropfer, dem theanthropi- 
schen Menschenopfer und mit der christlichen Eucharistie und 
erkennt in all diesen Feierlichkeiten die Nachwirkung jenes Ver- 
brechens, welches die Menschen so sehr bedrückte, und auf das 
sie doch so stolz sein mußten. Die christliche Kommunion ist 
aber im Grunde eine neuerliche Beseitigung des Vaters, eine 
Wiederholung der zu sühnenden Tat. Wir merken, wie berechtigt 
der Satz von Frazer ist, daß „the Christian communion has ab- 
sorbed within itself a sacrament which is doubtless far older than 
Christianity." l 

7 

Ein Vorgang wie die Beseitigung des Urvaters durch die Brüder- 
schar mußte unvertilgbare Spuren in der Geschichte der Mensch- 
heit hinterlassen und sich in desto zahlreicheren Ersatzbildungen 
zum Ausdruck bringen, je weniger er selbst erinnert werden 
sollte. 2 Ich gehe der Versuchung aus dem Wege, diese Spuren in 

1) Eating the God, p. 51. ... Niemand, der mit der Literatur des Gegenstandes 
vertraut ist, wird annehmen, daß die Zurückführung der christlichen Kommunion 
auf die Totemmahlzeit eine Idee des Schreibers dieses Aufsatzes sei. 



2) Ariel im „Sturm": 



Füll fatkom five thy father lies: 
Of kis bones are coral matte} 
Those are pearls that were his e/es; 
Nothing of him that doth fade 



Die infantile Wiederkehr des Totemismus 187 

der Mythologie, wo sie nicht schwer zu finden sind, nachzu- 
weisen und wende mich einem anderen Gebiete zu, indem ich 
einem Fingerzeig von S. Reinach in einer inhaltsreichen Ab- 
handlung über den Tod des Orpheus folge. 1 

In der Geschichte der griechischen Kunst gibt es eine Situation, 
welche auffällige Ähnlichkeiten und nicht minder tiefgehende 
Verschiedenheiten mit der von Robertson Smith erkannten Szene 
der Totemmahlzeit zeigt. Es ist die Situation der ältesten griechi- 
schen Tragödie. Eine Schar von Personen, alle gleich benannt und 
gleich gekleidet, umsteht einen einzigen, von dessen Reden und 
Handeln sie alle abhängig sind: es ist der Chor und der ursprüng- 
lich einzige Heldendarsteller. Spätere Entwicklungen brachten einen 
zweiten und dritten Schauspieler, um Gegenspieler und Abspal- 
tungen des Helden darzustellen, aber der Charakter des Helden 
wie sein Verhältnis zum Chor blieben unverändert. Der Held der 
Tragödie mußte leiden; dies ist noch heute der wesentliche In- 
halt einer Tragödie. Er hatte die sogenannte „tragische Schuld" 
auf sich geladen, die nicht immer leicht zu begründen ist; sie 
ist oft keine Schuld im Sinne des bürgerlichen Lebens. Zumeist 
bestand sie in der Auflehnung gegen eine göttliche oder mensch- 
liche Autorität, und der Chor begleitete den Helden mit seinen 
sympathischen Gefühlen, suchte ihn zurückzuhalten, zu warnen, 
zu mäßigen und beklagte ihn, nachdem er für sein kühnes Unter- 
nehmen die als verdient hingestellte Bestrafung gefunden hatte. 

But doth suffer a sea-change 
Into something rieh and Strange. 

In der schönen Übersetzung von Schlegel: 

Fünf Faden tief liegt Vater dein. 
Sein Gebein wird zu Korallen, 
Perlen sind die Augen sein. 
Nichts an ihm, das soll verfallen, 
Das nicht wandelt Meeres-Hut 
In ein reich und seltnes Gut. 

1) La Mort d'Orphee in dem hier oft zitierten Buche: Cultes, Mythes et Religions. 
T. II, p. 100 ff. 












188 Totem und Tabu 



Warum muß aber der Held der Tragödie leiden und was be- 
deutet seine „tragische" Schuld? Wir wollen die Diskussion durch 
rasche Beantwortung abschneiden. Er muß leiden, weil er der 
Urvater, der Held jener großen urzeitlichen Tragödie ist, die hier 
eine tendenziöse Wiederholung findet, und die tragische Schuld 
ist jene, die er auf sich nehmen muß, um den Chor von seiner 
Schuld zu entlasten. Die Szene auf der Bühne ist durch zweck- 
mäßige Entstellung, man könnte sagen: im Dienste raffinierter 
Heuchelei, aus der historischen Szene hervorgegangen. In jener 
alten Wirklichkeit waren es gerade die Chorgenossen, die das 
Leiden des Helden verursachten ; hier aber erschöpfen sie sich in 
Teilnahme und Bedauern, und der Held ist selbst an seinem 
Leiden schuld. Das auf ihn gewälzte Verbrechen, die Überhebung 
und Auflehnung gegen eine große Autorität, ist genau dasselbe, 
was in Wirklichkeit die Genossen des Chors, die Brüderschar 
bedrückt. So wird der tragische Held — noch wider seinen 
Willen — zum Erlöser des Chors gemacht. 

Waren speziell in der griechischen Tragödie die Leiden des 
göttlichen Bockes Dionysos und die Klage des mit ihm sich identifi- 
zierenden Gefolges von Böcken der Inhalt der Aufführung, so 
wird es leicht verständlich, daß das bereits erloschene Drama sich 
im Mittelalter an der Passion Christi neu entzündete. 

So möchte ich denn zum Schlüsse dieser mit äußerster Ver- 
kürzung geführten Untersuchung das Ergebnis aussprechen, daß 
im Ödipus-Komplex die Anfänge von Religion, Sittlichkeit, Gesell- 
schaft und Kunst zusammentreffen, in voller Übereinstimmung 
mit der Feststellung der Psychoanalyse, daß dieser Komplex den 
Kern aller Neurosen bildet, so weit sie bis jetzt unserem Ver- 
ständnis nachgegeben haben. Es erscheint mir als eine große Über- 
raschung, daß auch diese Probleme des Völkerseelenlebens eine 
Auflösung von einem einzigen konkreten Punkte her, wie es das 
Verhältnis zum Vater ist, gestatten sollten. Vielleicht ist selbst ein 
anderes psychologisches Problem in diesen Zusammenhang einzu- 



. — =_ 



Die infantile Wiederkehr des Totemismu s i8q 

beziehen. Wir haben so oft Gelegenheit gehabt, die Gefühlsambi- 
valenz im eigentlichen Sinne, also das Zusammentreffen von Liebe 
und Haß gegen dasselbe Objekt, an der Wurzel wichtiger Kultur- 
bildungen aufzuzeigen. Wir wissen nichts über die Herkunft dieser 
Ambivalenz. Man kann die Annahme machen, daß sie ein funda- 
mentales Phänomen unseres Gefühlslebens sei. Aber auch die an- 
dere Möglichkeit scheint mir wohl beachtenswert, daß sie, dem 
Gefühlsleben ursprünglich fremd, von der Menschheit an dem 
Vaterkomplex 1 erworben wurde, wo die psychoanalytische Erfor- 
schung des Einzelmenschen heute noch ihre stärkste Ausprägung 
nachweist. 3 

Bevor ich nun abschließe, muß ich der Bemerkung Raum geben, 
daß der hohe Grad von Konvergenz zu einem umfassenden Zu- 
sammenhange, den wir in diesen Ausführungen erreicht haben, 
uns nicht gegen die Unsicherheiten unserer Voraussetzungen und 
die Schwierigkeiten unserer Resultate verblenden kann. Von den 
letzteren will ich nur noch zwei behandeln, die sich manchem 
Leser aufgedrängt haben dürften. 

Es kann zunächst niemandem entgangen sein, daß wir überall 
die Annahme einer Massenpsyche zugrunde legen, in welcher 
sich die seelischen Vorgänge vollziehen wie im Seelenleben eines 
einzelnen. Wir lassen vor allem das Schuldbewußtsein wegen einer 
Tat über viele Jahrtausende fortleben und in Generationen wirksam 
bleiben, welche von dieser Tat nichts wissen konnten. Wir lassen 



1) Respektive Elternkomplex. 

2) Der Mißverständnisse gewöhnt, halte ich es nicht für überflüssig;, ausdrücklich 
hervorzuheben, daß die hier gegebenen Zurückführungen an die komplexe Natur der 
abzuleitenden Phänomene keineswegs vergessen haben, und daß sie nur den Anspruch 
erheben, zu den bereits bekannten oder noch unerkannten Ursprüngen der Religion, 
Sittlichkeit und der Gesellschaft ein neues Moment hinzufügen, welches sich aus 
der Berücksichtigung der psychoanalytischen Anforderungen ergibt. Die Synthese zu 
einem Ganzen der Erklärung muß ich anderen überlassen. Es geht aber diesmal aus 
der Natur dieses neuen Beitrages hervor, daß er in einer solchen Synthese keine 
andere als die zentrale Rolle spielen könnte, wenngleich die Überwindung von großen 
affektiven Widerständen erfordert werden dürfte, ehe man ihm eine solche Bedeutung 
zugesteht. 






igo Totem und Tabu 



einen Gefühlsprozeß, wie er bei Generationen von Söhnen ent- 
stehen konnte, die von ihrem Vater mißhandelt wurden, sich auf 
neue Generationen fortsetzen, welche einer solchen Behandlung 
gerade durch die Beseitigung des Vaters entzogen worden waren. 
Dies scheinen allerdings schwerwiegende Bedenken, und jede an- 
dere Erklärung scheint den Vorzug zu verdienen, welche solche 
Voraussetzungen vermeiden kann. 

Allein eine weitere Erwägung zeigt, daß wir die Verantwort- 
lichkeit für solche Kühnheit nicht allein zu tragen haben. Ohne 
die Annahme einer Massenpsyche, einer Kontinuität im Ge- 
fühlsleben der Menschen, welche gestattet, sich über die Unter- 
brechungen der seelischen Akte durch das Vergehen der Individuen 
hinwegzusetzen, kann die Völkerpsychologie überhaupt nicht be- 
stehen. Setzen sich die psychischen Prozesse der einen Generation 
nicht auf die nächste fort, müßte jede ihre Einstellung zum Leben 
neu erwerben, so gäbe es auf diesem Gebiet keinen Fortschritt 
und so gut wie keine Entwicklung. Es erheben sich nun zwei 
neue Fragen, wieviel man der psychischen Kontinuität innerhalb 
der Generationsreihen zutrauen kann, und welcher Mittel und 
Wege sich die eine Generation bedient, um ihre psychischen Zu- 
stände auf die nächste zu übertragen. Ich werde nicht behaupten, 
daß diese Probleme weit genug geklärt sind, oder daß die direkte 
Mitteilung und Tradition, an die man zunächst denkt, für das Er- 
fordernis hinreichen. Im allgemeinen kümmert sich die Völkerpsycho- 
logie wenig darum, auf welche Weise die verlangte Kontinuität im 
Seelenleben der einander ablösenden Generationen hergestellt wird. 
Ein Teil der Aufgabe scheint durch die Vererbung psychischer Dis- 
positionen besorgt zu werden, welche aber doch gewisser Anstöße 
im individuellen Leben bedürfen, um zur Wirksamkeit zu erwachen. 
Es mag dies der Sinn des Dichterwortes sein: Was du ererbt von 
deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen. Das Problem 
erschiene noch schwieriger, wenn wir zugestehen könnten, daß es 
seelische Regungen gibt, welche so spurlos unterdrückt werden 






; 




können, daß sie keine Resterscheinungen zurücklassen. Allein solche 
gibt es nicht. Die stärkste Unterdrückung muß Raum lassen für 
entstellte Ersatzregungen und aus ihnen folgende Reaktionen. Dann 
dürfen wir aber annehmen, daß keine Generation imstande ist, be- 
deutsamere seelische Vorgänge vor der nächsten zu verbergen. Die 
Psychoanalyse hat uns nämlich gelehrt, daß jeder Mensch in seiner 
unbewußten Geistestätigkeit einen Apparat besitzt, der ihm gestattet, 
die Reaktionen anderer Menschen zu deuten, das heißt die Ent- 
stellungen wieder rückgängig zu machen, welche der andere an dem 
Ausdruck seiner Gefühlsregungen vorgenommen hat. Auf diesem 
Wege des unbewußten Verständnisses all der Sitten, Zeremonien und 
Satzungen, welche das ursprüngliche Verhältnis zum Urvater zurück- 
gelassen hatte, mag auch den späteren Generationen die Übernahme 
jener Gefühlserbschaft gelungen sein. 

Ein anderes Bedenken dürfte gerade von Seiten der analytischen. 
Denkweise erhoben werden. 

Wir haben die ersten Moralvorschriften und sittlichen Beschrän- 
kungen der primitiven Gesellschaft als Reaktion auf eine Tat auf- 
gefaßt, welche ihren Urhebern den Begriff des Verbrechens gab. 
Sie bereuten diese Tat und beschlossen, daß sie nicht mehr wieder- 
holt werden solle, und daß ihre Ausführung keinen Gewinn ge- 
bracht haben dürfe. Dies schöpferische Schuldbewußtsein ist nun 
unter uns nicht erloschen. Wir finden es bei den Neurotikern 
in asozialer Weise wirkend, um neue Moralvorschriften, fortgesetzte 
Einschränkungen zu produzieren, als Sühne für die begangenen 
und als Vorsicht gegen neu zu begehende Untaten. 1 Wenn wir 
aber bei diesen Neurotikern nach den Taten forschen, welche 
solche Reaktionen wachgerufen haben, so werden wir enttäuscht. 
Wir finden nicht Taten, sondern nur Impulse, Gefühlsregungen, 
welche nach dem Bösen verlangen, aber von der Ausführung ab- 
gehalten worden sind. Dem Schuldbewußtsein der Neurotiker 

]) Vgl. den zweiten Aufsatz dieser Reihe über das Tabu. 



192 Totem und Tabu 



liegen nur psychische Realitäten zugrunde, nicht faktische. Die 
Neurose ist dadurch charakterisiert, daß sie die psychische Realität 
über die faktische setzt, auf Gedanken ebenso ernsthaft reagiert 
wie die Normalen nur auf Wirklichkeiten. 

Kann es sich bei den Primitiven nicht ähnlich verhalten haben? 
Wir sind berechtigt, ihnen eine außerordentliche Überschätzung 
ihrer psychischen Akte als Teilerscheinung ihrer narzißtischen 
Organisation zuzuschreiben. 1 Demnach könnten die bloßen Impulse 
von Feindseligkeit gegen den Vater, die Existenz der Wunsch- 
phantasie, ihn zu töten und zu verzehren, hingereicht haben, um 
jene moralische Reaktion zu erzeugen, die Totemismus und Tabu 
geschaffen hat. Man würde so der Notwendigkeit entgehen, den 
Beginn unseres kulturellen Besitzes, auf den wir mit Recht so 
stolz sind, auf ein gräßliches, alle unsere Gefühle beleidigendes 
Verbrechen zurückzuführen. Die kausale, von jenem Anfang bis 
in unsere Gegenwart reichende Verknüpfung litte dabei keinen 
Schaden, denn die psychische Realität wäre bedeutsam genug, um 
alle diese Folgen zu tragen. Man wird dagegen einwenden, daß 
ja eine Veränderung der Gesellschaft von der Form der Vater- 
horde zu der des Brüderclan wirklich vorgefallen ist. Dies ist ein 
starkes Argument, aber doch nicht entscheidend. Die Veränderung 
könnte auf minder gewaltsame Weise erreicht worden sein und 
doch die Bedingung für das Hervortreten der moralischen Re- 
aktion enthalten haben. Solange der Druck des Urvaters sich 
fühlbar machte, waren die feindseligen Gefühle gegen ihn be- 
rechtigt, und die Reue über sie mußte einen anderen Zeitpunkt 
abwarten. Ebensowenig ist der zweite Einwand stichhaltig, daß 
alles, was sich aus der ambivalenten Relation zum Vater ableitet, 
Tabu und Opfervorschrift, den Charakter des höchsten Ernstes 
und der vollsten Realität an sich trägt. Auch das Zeremoniell und 
die Hemmungen der Zwangsneurotiker zeigen diesen Charakter 



1) Siehe den Aufsatz über Animismus, Magie und Allmacht der Gedank 



en. 










und gehen doch nur auf psychische Realität, auf Vorsatz und 
nicht auf Ausführungen zurück. Wir müssen uns hüten, aus 
unserer nüchternen Welt, die voll ist von materiellen Werten, 
die Geringschätzung des bloß Gedachten und Gewünschten in 
die nur innerlich reiche Welt des Primitiven und des Neurotikers 
einzutragen. 

Wir stehen hier vor einer Entscheidung, die uns wirklich nicht 
leicht gemacht ist. Beginnen wir aber mit dem Bekenntnis, daß 
der Unterschied, der anderen fundamental erscheinen kann, für 
unser Urteil nicht das Wesentliche des Gegenstandes trifft. Wenn 
für den Primitiven Wünsche und Impulse den vollen Wert von 
Tatsachen haben, so ist es an uns, solcher Auffassung verständnis- 
voll zu folgen, anstatt sie nach unserem Maßstab zu korrigieren. 
Dann aber wollen wir das Vorbild der Neurose, das uns in diesen 
Zweifel gebracht hat, selbst schärfer ins Auge fassen. Es ist nicht 
richtig, daß die Zwangsneurotiker, welche heute unter dem Drucke 
einer Ubermoral stehen, sich nur gegen die psychische Realität 
von Versuchungen verteidigen und wegen bloß verspürter Impulse 
bestrafen. Es ist auch ein Stück historischer Realität dabei; in 
ihrer Kindheit hatten diese Menschen nichts anderes als die bösen 
Impulse, und insoweit sie in der Ohnmacht des Kindes es konnten, 
haben sie diese Impulse auch in Handlungen umgesetzt. Jeder 
von diesen Überguten hatte in der Kindheit seine böse Zeit, eine 
perverse Phase als Vorläufer und Voraussetzung der späteren über- 
moralischen. Die Analogie der Primitiven mit den Neurotikern 
wird also viel gründlicher hergestellt, wenn wir annehmen, daß 
auch bei den ersteren die psychische Realität, an deren Gestaltung 
kein Zweifel ist, anfänglich mit der faktischen Realität zusammen- 
fiel, daß die Primitiven das wirklich getan haben, was sie nach 
allen Zeugnissen zu tun beabsichtigten. 

Allzuweit dürfen wir unser Urteil über die Primitiven auch 
nicht durch die Analogie mit den Neurotikern beeinflussen lassen. 
Es sind auch die Unterschiede in Rechnung zu ziehen. Gewiß 

Freud, Totem. ,, 



*94 



Totem und Tabu 



sind bei beiden, Wilden wie Neurotikern, die scharfen Scheidungen 
zwischen Denken und Tun, wie wir sie ziehen, nicht vorhanden. 
Allein der Neurotiker ist vor allem im Handeln gehemmt, bei 
ihm ist der Gedanke der volle Ersatz für die Tat. Der Primitive 
ist ungehemmt, der Gedanke setzt sich ohneweiters in Tat um, 
die Tat ist ihm sozusagen eher ein Ersatz des Gedankens, und 
darum meine ich, ohne selbst für die letzte Sicherheit der Ent- 
scheidung einzutreten, man darf in dem Falle, den wir diskutieren, 
wohl annehmen: Im Anfang war die Tat. 



INHALTSVERZEICHNIS 

Seite 

I. Die Inzestscheu ' 5 

II. Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen .... 26 

III. Animismus, Magie und Allmacht, der Gedanken «95 

IV". Die infantile Wiederkehr des Totemismus 122 



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